Jean Jaques Rousseau Emil oder Ueber die Erziehung. – Zweiter Band Frei aus dem Französischen übersetzt von H. Denhardt. Viertes Buch. Wie schnell verstreicht doch unsere Pilgerzeit in diesem Erdenleben! Das erste Viertel des Lebens ist verflossen, noch ehe man es anzuwenden versteht, und das letzte Viertel vergeht, nachdem man bereits aufgehört hat, es zu genießen. Anfangs verstehen wir noch nicht zu leben, bald sind wir es nicht mehr im Stande, und in dem Zwischenraume, welcher diese beiden nutzlosen Endpunkte von einander trennt, werden drei Viertel der Zeit, die uns noch bleibt, mit Schlaf, Arbeit, Schmerz, Zwang und Mühen aller Art hingebracht. Das Leben ist kurz, weniger in Folge der kurzen Zeitdauer, als vielmehr, weil uns von derselben fast keine zu ihrem Genusse übrig bleibt. Mag der Augenblick des Todes von dem der Geburt auch noch so fern sein, so ist und bleibt das Leben doch immer viel zu kurz, wenn dieser Zwischenraum schlecht ausgefüllt wird. Gewissermaßen werden wir zweimal geboren, das eine Mal zum Dasein, das andere Mal zum Leben; das eine Mal für die Gattung, das andere Mal für das Geschlecht. Obwol diejenigen, welche das Weib für einen unvollkommenen Menschen halten, ohne Zweifel Unrecht haben, so können sie sich doch auf die äußere Analogie berufen. Bis zu dem Alter der Mannbarkeit unterscheiden sich die Kinder beiderlei Geschlechts in keiner auffallenden Weise von einander. Dieselbe Gesichtsbildung, dieselbe Gestalt, dieselbe Hautfarbe, dieselbe Stimme, kurz Alles ist gleich. Die Mädchen sind Kinder, die Knaben sind Kinder; der nämliche Namen reicht zur Bezeichnung so ähnlicher Wesen aus. Männliche Personen, deren völlige geschlechtliche Entwickelung verhindert wurde, behalten diese übereinstimmenden Merkmale ihr ganzes Leben lang. Sie bleiben stets große Kinder, und Frauen scheinen, da sie die nämlichen Merkmale nie verlieren, in vieler Hinsicht nie etwas Anderes zu sein. Doch im Allgemeinen ist der Mann nicht dazu geschaffen, um für immer auf der Stufe der Kindheit stehen zu bleiben. In einer von der Natur vorgeschriebenen Zeit tritt er aus derselben heraus. So kurz nun dieser entscheidende Moment auch sein möge, so übt er doch auf lange Zeit einen hervorragenden Einfluß aus. Wie das Brausen des Meeres dem Sturme schon lange vorangeht, so meldet sich auch dieser unter Stürmen vor sich gehende Umschwung schon zeitig durch die immer stärker werdende Stimme der erwachenden Leidenschaften an. Eine dumpfe Gährung kündigt die Annäherung der Gefahr an. Ein fortwährender Wechsel der Gemüthsstimmung, häufige Aufwallungen, eine unaufhörliche geistige Aufgeregtheit versetzen das Kind in einen fast unlenkbaren Zustand. Es wird taub gegen die Stimme, auf die es sonst willig gelauscht hatte; es gleicht einem fieberhaft erregten Löwen. Es will seinen Führer nicht mehr kennen, will sich keiner Leitung mehr unterwerfen. Zu den moralischen Anzeichen einer sich verschlimmernden Gemüthsstimmung treten noch sichtliche Veränderungen in seiner körperlichen Beschaffenheit hinzu. Seine Physiognomie nimmt festere Züge an und es prägt sich auf ihr allmählich ein bestimmter Charakter aus. Dunkler und dichter wird der spärliche und weiche Flaum, der auf dem unteren Theile seiner Wangen hervorsproßt; seine Stimme wechselt oder es verliert dieselbe vielmehr. Es ist weder Kind noch Mann, und ist weder im Stande den Ton des Einen noch den des Anderen anzunehmen. Seine Augen, diese Organe der Seele, die bisher nichtssagend waren, erhalten Sprache und Ausdruck. Ein plötzlich aufflammendes Feuer belebt sie; ihre jetzt lebhafteren Blicke reden zwar noch die Sprache einer heiligen Unschuld, verrathen aber nicht mehr ihre anfängliche Einfalt. Das Kind trägt schon das Gefühl in sich, daß sie zu viel sagen können, und beginnt sie niederzuschlagen und zu erröthen. Es wird gefühlvoll, bevor es sich noch bewußt wird, was es eigentlich fühlt. Es wird unruhig, ohne daß es Grund dazu hat. Alle diese Erscheinungen können sich langsam einstellen und euch noch hinreichende Zeit gewähren. Wenn aber seine Lebhaftigkeit Ungeduld verräth, wenn sein Aufbrausen einen leidenschaftlichen Charakter annimmt, wenn es in einem Augenblicke zornig auffährt und sich seiner im nächsten Augenblicke eine weiche Stimmung bemächtigt, wenn es ohne Ursache Thränen vergießt; wenn ihm in der Nähe derer, die ihm jetzt gefährlich zu werden beginnen, sein Puls schneller schlägt und sein Auge sich entstammt, wenn es zusammenschaudert, sobald sich die Hand einer Frau auf die seinige legt; wenn es in der Nähe eines weiblichen Wesens unruhig oder schüchtern wird: dann Ulysses, weiser Ulysses, sei auf deiner Hut! Die Schläuche, welche du mit so großer Sorgfalt verschlossen hieltest, sind bereits geöffnet; die Winde sind schon entfesselt; verlasse nun keinen Augenblick mehr das Steuerruder, oder Alles ist verloren. Jetzt findet diese zweite Geburt statt, von welcher ich geredet habe; jetzt wird der Mensch erst wirklich zum Leben geboren, und nichts Menschliches ist ihm mehr fremd. War unsere Sorgfalt bisher nur ein Kinderspiel gewesen, so wird sie jetzt von äußerster Wichtigkeit. Diese Epoche, in welcher für gewöhnlich die Erziehung ein Ende zu nehmen pflegt, ist gerade diejenige, in welcher die unserige erst recht ihren Anfang nehmen soll. Um diesen neuen Plan jedoch anschaulich entwickeln zu können, müssen wir uns aus einen höheren Standpunkt versetzen und einen Augenblick bei dem verweilen, was damit in Beziehung steht. Unsere Leidenschaften dienen als die Hauptwerkzeuge unserer Erhaltung; der Versuch, sie auszurotten, ist folglich ein eben so vergebliches als lächerliches Unterfangen. Das hieße die Natur meistern und an das Werk Gottes die bessernde Hand legen. Wenn Gott in der That von dem Menschen die Ertödtung der Leidenschaften, die er ihm erst selbst verliehen, verlangte, so würde er wollen und auch nicht wollen; er würde mit sich selbst in Widerspruch treten. Niemals hat er aber diesen unvernünftigen Befehl ertheilt, nichts dem Aehnliches ist dem Menschen in das Herz geschrieben. Was der Mensch nach dem Willen Gottes thun soll, läßt er ihm nicht durch einen andern Menschen sagen, er sagt es ihm selbst, er schreibt es ihm tief in das Herz hinein. Wer das Erwachen der Leidenschaften verhüten wollte, würde mir fast eben so thöricht vorkommen, wie derjenige der sie ertödten wollte; und wer die Ansicht hegen sollte, daß dies bisher meine Absicht gewesen sei, würde mich sicherlich ganz falsch verstanden haben. Würde es indeß nun wol eine richtige Folgerung sein, wenn man aus dem Umstande, daß Leidenschaften eine Mitgift der Natur sind, schließen wollte, daß alle Leidenschaften, welche wir in uns fühlen und an Anderen bemerken, deshalb auch natürlich seien? Die einzige Wahrheit liegt darin, daß ihre Quelle natürlich ist, aber tausend fremde Zuflüsse haben sie angeschwellt. Sie bilden einen mächtigen Strom, der unaufhörlich wächst, und in dem man kaum noch einige Tropfen seines ursprünglichen Wassers wiederfinden würde. Unsere natürlichen Leidenschaften sind sehr beschränkt; sie dienen als Werkzeuge unserer Freiheit und haben die Aufgabe, für unsere Erhaltung zu sorgen. Allein alle diejenigen, welche uns beherrschen und verzehren, haben ihre Quelle außer uns. Die Natur gibt sie uns nicht, sondern wir eignen sie uns zum Nachtheile derselben an. Die Quelle unserer Leidenschaften, der Anfang und die Grundursache aller übrigen, die einzige, die mit dem Menschen geboren wird und ihn nie verläßt, so lange er lebt, ist die Selbstliebe, diese primitive, angeborene, jeder anderen vorausgehende Leidenschaft, von welcher alle übrigen in gewissem Sinne nur Modificationen sind. In diesem Sinne sind freilich alle, wenn man will, natürlich. Aber der größte Theil dieser Modificationen hat fremde Ursachen, ohne welche sie sich niemals zeigen würden, und eben diese Modificationen sind so weit davon entfernt; uns zum Nutzen zu gereichen, daß sie uns vielmehr geradezu Schaden zufügen; sie verändern ihren ursprünglichen Zweck und treten mit ihrem eigenen Ursprünge in Widerstreit. Dann verläßt der Mensch die Bahn der Natur und geräth mit sich selbst in Widerspruch. Die Selbstliebe ist immer gut, immer der Ordnung gemäß. Da Jedem ganz besonders die Pflicht der Selbsterhaltung auferlegt ist, so ist und muß es auch eines Jeden erste und wichtigste Sorge sein, unaufhörlich über dieselbe zu wachen. Wie würde er es aber wol über sich gewinnen, in dieser Weise darüber zu wachen, wenn er nicht das größte Interesse daran hätte? Zu unserer Erhaltung bedürfen wir deshalb der Selbstliebe, ja, wir müssen uns mehr als alles Andere lieben, und in unmittelbarer Folge dieses Gefühls lieben wir auch Alles, was zu unserer Erhaltung nöthig ist. Jedes Kind hängt an seiner Amme, Romulus mußte an der Wölfin hängen, die ihn gesäugt hatte. Beim Beginn tritt diese Anhänglichkeit rein mechanisch auf. Was auf das Wohlsein eines Individuums günstig einwirkt, zieht dasselbe an; was ihm schädlich ist, stößt es ab. Darin spricht sich nur ein blinder Instinct aus. Erst die augenscheinliche Absicht, uns zu schaden oder zu nützen, verwandelt diesen Instinct in Empfindung, die Anhänglichkeit in Liebe, die Abneigung in Haß. Wir fühlen uns nicht zu unempfindlichen Wesen hingezogen, die nur dem Impulse folgen, welchen wir ihnen geben; diejenigen aber, von denen wir nach ihrer inneren Neigung, nach ihrer Willensrichtung Gutes oder Böses erwarten, diejenigen, die wir aus freiem Entschlüsse für oder wider uns handeln sehen, flößen uns dieselben Gefühle ein, die sie gegen uns zeigen. Wer uns nützlich ist, den suchen wir auf, wer uns aber nützen will, den lieben wir. Wir fliehen den, welcher uns schädlich ist, hassen aber den, welcher uns schaden will. Selbstliebe ist das erste Gefühl eines Kindes; das zweite, welches diesem entspringt, ist die Liebe zu denen, welche seine Umgebung bilden, denn in dem Zustande der Schwäche, in welchem sich dasselbe befindet, lernt es einen Jeden nur durch den Beistand und die Sorgfalt, die ihm zu Theil wird, kennen. Anfänglich ist die Anhänglichkeit, die es an seine Amme und seine Wärterin hat, nichts Anderes als Gewohnheit. Es trägt nach ihnen Verlangen, weil es ihrer bedarf und sich bei ihnen wohl befindet. Man kann hier eher von einer Bekanntschaft mit ihnen, als von einer wirklich erwachten Zuneigung zu ihnen reden. Es wird noch lange Zeit darüber hingehen, bis es zu der Einsicht gelangt, daß sie ihm nicht nur nützlich sind, sondern auch sein wollen, und erst dann beginnt es sie zu lieben. Ein Kind ist also von Natur zur Anhänglichkeit geneigt, weil es bemerkt, daß Jeder, der sich ihm naht, darauf bedacht ist, ihm Beistand zu leisten, und weil sich in Folge dieser Beobachtung die Gewohnheit in ihm bildet, auch seinerseits gegen seinesgleichen eine freundliche Gesinnung zu zeigen. Aber in dem Maße, wie sich seine Beziehungen, seine Bedürfnisse, seine active und passive Abhängigkeit erweitern, erwacht in ihm auch das Gefühl von den Verhältnissen, in welchen es zu Anderen steht, und ruft zugleich das Bewußtsein seiner Pflichten und der ihm zustehenden Rechte hervor. In Folge dessen wird das Kind befehlshaberisch, eifersüchtig, betrügerisch, rachgierig. Verlangt man von ihm Gehorsam, obwol es den Nutzen dessen, was man ihm befiehlt, nicht einzusehen vermag, so schreibt es die ihm ertheilten Befehle der Laune, der Absicht, es zu quälen zu und wird sich nur widerspenstig fügen. Zeigt man sich jedoch ihm gegenüber stets nachgiebig, so wird es, sobald ihm etwas widersteht, darin eine offene Auflehnung, eine Absicht, ihm Widerstand zu leisten, erblicken; es wird den Stuhl oder Tisch schlagen, weil sie ihm nicht gehorcht haben. Der Selbstliebe, deren Object ausschließlich wir selbst bilden, geschieht durch Befriedigung unserer wahren Bedürfnisse volles Genüge; die Eigenliebe dagegen, welche Vergleichungen macht, ist nie zufrieden gestellt und kann es nie sein, weil dies Gefühl, welches uns in unseren eigenen Augen den Vorrang vor allen Anderen sichert, den Anspruch erhebt, daß auch diese uns den Vorrang vor sich einräumen, was unmöglich ist. Die sanften und guten Leidenschaften haben ihre Quelle in der Selbstliebe, die dem Hasse und Zorne dienenden dagegen in der Eigenliebe. Folglich macht der Besitz weniger Bedürfnisse und die Enthaltung aller Vergleiche der eigenen Verhältnisse mit denen Anderer den Menschen wesentlich gut, während der Besitz vieler Bedürfnisse und die unaufhörliche Rücksichtnahme auf fremde Meinungen ihn wesentlich schlecht macht. Nach diesem Grundsatze ist leicht ersichtlich, wie man alle Leidenschaften der Kinder wie der Erwachsenen zum Guten oder zum Bösen zu lenken vermag. Es ist leider wahr, daß sie, da sie nicht immer für sich allein leben können, auch schwerlich immer gut leben werden; ja diese Schwierigkeit muß sich sogar mit der Zunahme ihrer Verbindungen noch steigern, und gerade aus diesem Grunde machen die Gefahren der Gesellschaft Kunst und Sorgfalt nur um so unerläßlicher, um der Verderbniß des menschlichen Herzens, die in seinen neuen Bedürfnissen ihre Wurzel hat, vorzubeugen. Das Studium, welches dem Menschen am meisten entspricht, ist das seiner Beziehungen. So lange er sich nur seinem physischen Wesen nach kennt, muß er danach trachten, sich in Bezug auf seine Beziehungen zu den Dingen kennen zu lernen. Diese Aufgabe fällt ihm in seiner Kindheit zu. Sobald er sich dagegen seines moralischen Wesens bewußt zu werden beginnt, muß es sein Bestreben sein, sich in Bezug auf seine Beziehungen zu den Menschen kennen zu lernen, und dies ist, von dem Zeitpunkte an gerechnet, bis zu welchem wir nun gelangt sind, die Aufgabe seines ganzen Lebens. Sobald in dem Manne das Bedürfniß nach einer Gefährtin erwacht, ist er kein alleinstehendes Wesen mehr, gehört ihm sein Herz nicht mehr allein. Alle Beziehungen zu seiner Gattung, alle Gefühle seiner Seele entstehen gleichzeitig mit diesem. Seine erste Leidenschaft bringt bald alle übrigen in Gährung. Die blos instinctive Neigung ist unbestimmt. Ein Geschlecht fühlt sich zu dem anderen hingezogen; darin spricht sich der Trieb der Natur aus. Eine bestimmte Wahl, eine besondere Bevorzugung, eine persönliche Zuneigung sind das Werk der Einsichten, der Vorurtheile, der Gewohnheit. Wir brauchen Zeit und Kenntnisse, um für die Liebe empfänglich zu werden. Ein festes Urtheil geht der Liebe, eine angestellte Vergleichung einer eingeräumten Bevorzugung vorauf, solche Urtheile bilden sich unbewußt, aber sie sind deshalb nicht weniger wirklich. Die wahre Liebe wird, man sage, was man wolle, von den Menschen stets in Ehren gehalten werden, denn wiewol uns ihr ungestümes Auftreten auf Irrwege zu führen vermag, wiewol sie nicht im Stande ist, von dem Herzen, das sie fühlt, alle hassenswerthen Eigenschaften fern zu halten, ja sogar dergleichen hervorrufen kann, so setzt sie demungeachtet immer höchst schätzenswerthe Eigenschaften voraus, ohne welche man überhaupt unfähig wäre, Liebe zu fühlen. Die Wahl, welche mit der Vernunft scheinbar im Widerspruche steht, ist gleichwol das Resultat derselben. Gerade deswegen, weil die Liebe, schärfere Augen hat als wir, und Beziehungen auffindet, die wir nicht zu entdecken im Stande sind, hat man ihr das Attribut der Blindheit gegeben. Demjenigen, welcher keinen Begriff von Werth oder Schönheit hätte, würden alle Frauen gleich gut erscheinen, und die erste, mit welcher er in Berührung träte, würde ihm auch stets die liebenswürdigste sein. Weit entfernt, daß die Liebe ihre Quelle in der Natur findet, ist sie vielmehr die Richtschnur und der Zügel der natürlichen Neigungen. In ihr liegt die Ursache, daß mit Ausnahme des geliebten Gegenstandes ein Geschlecht für das andere seine Bedeutung verliert. Der Vorzug, welchen wir einräumen, wird nun aber auch von uns in Anspruch genommen. Die Liebe muß gegenseitig sein. Um Liebe zu gewinnen, muß man sich liebenswürdig machen; um den Vorzug zu erlangen, muß man sich liebenswürdiger als ein Anderer, liebenswürdiger als jeder Andere machen, wenigstens in den Augen des geliebten Gegenstandes. Darin liegt die Ursache, daß wir uns nach unseres Gleichen umzusehen und mit denselben zu vergleichen beginnen, darin liegt die Ursache des Wetteifers, der Nebenbuhlerschaft und der Eifersucht. Ein Herz voll überfließender Liebe wünscht sich mitzutheilen. Das Bedürfniß nach einer Geliebten ruft bald das nach einem Freunde hervor. Wer da fühlt, wie süß es ist, sich geliebt zu sehen, möchte von aller Welt geliebt sein; wenn aber Alle einen Vorzug beanspruchen, kann es nicht ausbleiben, daß sich bei Vielen Unzufriedenheit zeigt. Mit der Liebe und Freundschaft stellen sich gleichzeitig Zwistigkeiten, Feindschaft und Haß ein. Ich sehe, wie sich aus dem Schooße so vieler verschiedener Leidenschaften das Vorurtheil einen unerschütterlichen Thron errichtet, und wie die Sterblichen, die sich seiner Herrschaft unterwerfen, in ihrem Stumpfsinne ihre eigene Existenz nur auf fremdes Urtheil gründen. Führt diese Ideen weiter aus und ihr werdet sehen, was unserer Eigenliebe die Form verliehen hat, welche wir für ihre natürliche halten, und wie die Selbstliebe dadurch, daß sie aufhört ein absolutes Gefühl zu sein, bei großen Seelen in Stolz, bei kleinen in Eitelkeit ausartet, bei Allen sich aber stets auf Kosten des Nächsten nährt. Da Leidenschaften dieser Art ihren Keim nicht in dem Herzen der Kinder haben, so können sie in demselben auch nicht von selbst entstehen. Wir allein verpflanzen sie in dasselbe, und nur durch unsere Schuld schlagen sie darin Wurzel. Aber mit dem Herzen eines jungen Mannes verhält es sich nicht mehr in gleicher Weise; in diesem werden sie aller unserer Gegenbemühungen ungeachtet sich entwickeln. Es ist folglich Zeit, eine Aenderung in der Methode eintreten zu lassen. Wir wollen mit einigen wichtigen Betrachtungen über den kritischen Zustand, um den es sich hier handelt, beginnen. Der Uebergang von der Kindheit zur Pubertät ist von der Natur nicht so genau bestimmt, daß sich nicht bei den Einzelnen in Folge der Verschiedenheit ihrer Temperamente und wieder bei ganzen Völkern in Folge der besonderen Klimate Abweichungen zeigten. Jedermann kennt die Verschiedenheiten, welche man in Bezug auf diesen Punkt zwischen den heißen und kalten Ländern beobachtet hat, und Jeder kann sich davon überzeugen, daß bei feurigen Temperamenten eine frühzeitigere Entwickelung stattfindet als bei anderen. Allein hinsichtlich der Ursachen kann man sich Täuschungen hingeben und dem Physischen oft das zuschreiben, wofür das Moralische die Verantwortung tragen muß. In diesen Irrthum verfällt gerade sehr häufig die Philosophie unseres Jahrhunderts. Der Unterricht, welchen die Natur ertheilt, nimmt erst spät seinen Anfang und schreitet nur langsam fort, derjenige aber, welchen wir den Menschen verdanken, ist fast regelmäßig verfrüht. Im ersterm Falle erwecken die Sinne die Einbildungskraft, im letzteren erweckt dagegen die Einbildungskraft die Sinne; sie versetzt dieselben vor der richtigen Zeit in Thätigkeit, ein Umstand, der notwendigerweise zunächst die einzelnen Individuen, dann aber auch die Gattung selbst dauernd entnerven und schwächen muß. Eine noch allgemeinere und zuverlässigere Beobachtung als die hinsichtlich des Einflusses der Klimate lehrt uns, daß die Pubertät und die geschlechtliche Reife bei gebildeten und civilisirten Völkern stets früher eintritt, als bei ungebildeten und rohen Völkern. In den Städten und bei wohlhabenden Familien erreichen nach Buffon's Behauptung die Kinder, weil sie an reichliche und kräftige Kost gewöhnt sind, diesen Zustand eher, während sie auf dem Lande und bei armen Leuten in Folge der schlechten und unzureichenden Nahrung erst später dazu gelangen. Ihre Entwickelung nimmt nach seiner Berechnung zwei oder drei Jahre länger in Anspruch. ( Hist. nat. IV. pag. 238.) Ich will zwar die Richtigkeit der Beobachtung, aber keineswegs die der Erklärung zugeben, weil in Ländern, wo sich der Landmann sehr gut nährt und viel zu sich nimmt, wie in Wallis und selbst in gewissen Gebirgsgegenden Italiens, z. B. in Friaul, gleichfalls bei beiden Geschlechtern das Alter der Pubertät später eintritt, als in den Städten, wo man sich oft, um die Mittel zur Befriedigung der Eitelkeit übrig zu behalten, bei dem Essen der größten Sparsamkeit befleißigt, und wo die Meisten, wie das Sprichwort sagt, Alles auf, aber nichts im Leibe haben. Man muß erstaunen, erblickt man in diesen Gebirgen große Burschen, die stark wie Männer sind, aber trotzdem noch eine Knabenstimme und ein bartloses Kinn haben, oder große, in allem Uebrigen völlig ausgebildete Mädchen, ohne irgend ein periodisches Zeichen ihres Geschlechts. Dieser Unterschied scheint mir lediglich daher zu kommen, daß bei der Einfachheit ihrer Sitten ihre Einbildungskraft, welche länger in stiller Ruhe verharrt, ihr Blut erst später in Gährung bringt und ihr Temperament nicht so frühzeitig wachruft. Die Kinder haben einen ganz merkwürdigen Scharfsinn, unter der angenommenen Maske der Wohlanständigkeit die Sittenlosigkeit zu erkennen, die sich unter derselben zu verstecken sucht. Die äußerlich feine Sprache, zu der man sie anhält, die Anstandslehren, die man ihnen gibt, der Schleier des Geheimnisses, welchen man in recht auffallender Weise vor ihre Augen zu ziehen sucht, sind eben so viele Anreizungen zur Neugier. Nach der Art und Weise, wie man sich dabei benimmt, liegt es auf der Hand, daß man geradezu darauf ausgeht, sie das zu lehren, was man ihnen angeblich zu verbergen sucht. Von keinem Unterrichte, den man ihnen ertheilt, behalten sie so viel als von diesem. Zieht die Erfahrung zu Rathe, und ihr werdet einsehen, bis zu welchem Grade dieses unverständige Verfahren das Werk der Natur beschleunigt und den Körper zu Grunde richtet. Hierin liegt eine der hauptsächlichsten Ursachen zu der Entartung der Familien in den Städten. Die jungen Leute bleiben in Folge frühzeitiger Erschöpfung klein und schwach, sehen verlebt aus und altern statt zu wachsen, wie der Weinstock, welchen man zwingt, im Frühjahr Trauben zu tragen, noch vor dem Herbste welkt und abstirbt. Man muß unter ungebildeten und einfachen Völkern gelebt haben, um sich davon zu überzeugen, bis zu welchem Alter unter ihnen eine glückliche Unwissenheit die Unschuld der Kindheit zu verlängern vermag. Es ist ein zugleich rührendes wie Lächeln hervorrufendes Schauspiel, daselbst zu sehen, wie die beiden Geschlechter, der Sorglosigkeit ihrer Herzen überlassen, unbefangen die Spiele der Kindheit bis zur Blüte des Alters und der Schönheit fortsetzen und wie sie selbst durch ihren vertraulichen Umgang die Reinheit ihrer Belustigungen an den Tag legen. Wenn sich diese liebenswürdige Jugend dann endlich verehelicht, so werden sich die beiden Gatten, da sie sich gegenseitig mit den Erstlingen ihrer Person beschenken, nur um so theurer werden. Eine Schaar gesunder und kräftiger Kinder wird das Pfand einer Vereinigung, die nichts zu trüben im Stande ist, und der Lohn ihrer Keuschheit in ihren früheren Jahren. Wenn das Alter, in welchem in dem Menschen das Bewußtsein seines Geschlechtes erwacht, sowol in Folge des Einflusses der Erziehung als auch der Einwirkung der Natur, so vielen Abweichungen unterworfen ist, so folgt hieraus, daß man diesen Zeitpunkt durch die Art der Erziehung beschleunigen oder verzögern kann; und wenn nun der Körper, je nachdem man diesen Eintritt der geschlechtlichen Reife verzögert oder beschleunigt, an Festigkeit gewinnt oder verliert, so ist die weitere Folge, daß ein junger Mann, je mehr man darauf bedacht ist, jenen zu verzögern, auch desto mehr Kraft und Stärke erlangt. Ich rede hier nur von den rein physischen Wirkungen; man wird sich jedoch bald überzeugen, daß es bei ihnen nicht sein Bewenden hat. Diese Betrachtungen geben mir Anleitung zur Beantwortung der so oft ventilirten Frage, ob es sich empfiehlt, die Kinder frühzeitig über die Gegenstände ihrer Neugier aufzuklären, oder ob es besser sei, sie durch unschuldige Täuschungen davon abzulenken. Meiner Ansicht nach darf man weder das Eine noch das Andere thun. Erstlich wird in den Kindern, sobald man ihnen nicht Veranlassung dazu darbietet, diese Neugier gar nicht rege. Man muß sich deshalb hüten, sie in ihnen erst wach zu rufen. Zweitens legen uns Fragen, zu deren Beantwortung wir nicht gezwungen sind, auch nicht die Notwendigkeit auf, das Kind, welches sie an uns richtet, zu täuschen. Es ist besser, ihm Stillschweigen aufzuerlegen, als ihm eine unwahre Antwort zu ertheilen. Ein solches Gebot wird es keineswegs überraschen, wenn es sich demselben schon früher bei ganz gleichgiltigen Dingen hat unterwerfen müssen. Endlich lasse man nicht außer Acht, daß die Antwort, wenn man sich einmal zu derselben entschließt, mit der größten Einfachheit, ohne Geheimnißkrämerei, ohne Verlegenheit, ohne Lächeln geschehen muß. In der Befriedigung der kindlichen Neugier liegt eine geringere Gefahr als in der Erregung derselben. Euere Antworten müssen stets ernst, kurz und entschieden sein; es darf nie den Anschein gewinnen, als ob ihr zögertet, sie zu ertheilen. Es bedarf wol nicht erst der besonderen Erwähnung, daß sie auf Wahrheit beruhen müssen. Man kann die Kinder nicht auf das Gefährliche, Erwachsene zu belügen, aufmerksam machen, ohne von dem Gefühle überschlichen zu werden, eine wie viel größere Gefahr darin liegt, daß Erwachsene Kinder belügen. Eine einzige Lüge, die der Lehrer nachweislich dem Kinde gegenüber ausgesprochen hat, würde alle Früchte seiner Erziehung auf immer vernichten. Eine vollkommene Unwissenheit über gewisse Dinge würde für die Kinder vielleicht das Ersprießlichste sein; allein das, was man ihnen doch nicht auf die Dauer zu verhehlen vermag, müssen sie frühzeitig lernen. Entweder muß man das Erwachen ihrer Neugier zu verhindern suchen, oder dieselbe muß vor dem Alter Befriedigung erhalten, in welchem es nicht mehr ohne Gefahr geschehen könnte. In diesem Punkte hängt das Verhalten, welches ihr eurem Zöglinge gegenüber zu beobachten habt, wesentlich von seiner besonderen Lage, von der Gesellschaft, in der er sich bewegt, von den Verhältnissen, in denen er aller Voraussicht nach einst leben wird u. s. w. ab. Es kommt viel darauf an, hierbei nichts dem Zufalle zu überlassen, und habt ihr nicht die völlige Gewißheit, daß ihr ihn bis zu seinem sechszehnten Jahre über den Unterschied der Geschlechter in Unwissenheit zu erhalten vermögt, so sorgt dafür, daß er ihn vor dem zehnten Jahre erfahre. Ich bin kein Freund davon, daß man, um darüber hinfort zu kommen, die Dinge bei ihrem rechten Namen zu nennen, den Kindern gegenüber eine gar zu feine Sprache führt oder erst lange Umschweife macht, die sie doch durchschauen. Edele Sitten sind bei diesen Dingen von einer gewissen Einfalt untrennbar, während eine durch das Laster befleckte Einbildungskraft das Ohr empfindlich macht und uns nöthigt, unsere Ausdrücke unaufhörlich zu verfeinern. Derbe Ausdrücke sind ungefährlich, aber vor schlüpfrigen Ideen muß man auf der Hut sein. Obgleich die Schamhaftigkeit dem menschlichen Geschlechte natürlich ist, so besitzen sie die Kinder doch noch nicht als eine Mitgabe der Natur. Die Scham entsteht erst mit der Erkenntniß des Bösen, und wie sollten nun die Kinder, die diese Erkenntniß weder haben noch haben sollen, mit einem Gefühle vertraut sein, welches erst die Wirkung derselben ist? Ihnen einen Begriff von Schamhaftigkeit und Ehrbarkeit beibringen, heißt sie lehren, daß es schamlose und unehrbare Dinge gibt, heißt ihnen ein geheimes Verlangen einflößen, diese Dinge kennen zu lernen. Früher oder später werden sie dieses Gelüst befriedigen, und der erste Funke, welcher ihre Einbildungskraft trifft, beschleunigt unzweifelhaft die Entzündung der Sinne. Wer erröthet, fühlt sich bereits schuldig; der wahren Unschuld ist die Scham fremd. Die Kinder haben nicht dieselben Gelüste wie die Erwachsenen; da sie indeß eben so wie Letztere gewissen unsauberen Bedürfnissen, welche die Sinne verletzen, unterworfen sind, so lassen sich schon an dieses Naturgesetz Lehren über das Schickliche anknüpfen. Man folge dem Geiste der Natur, welche uns dadurch, daß sie den Organen der geheimen Vergnügungen und denen der Ekel erregenden Bedürfnisse denselben Ort angewiesen hat, in den verschiedenen Lebensaltern bald durch die eine, bald durch die andere Vorstellung zu der gleichen Schonung auffordert, den Mann durch die Ehrbarkeit, das Kind durch die Reinlichkeit. Ich kenne nur ein einziges Erfolg versprechendes Mittel, den Kindern ihre Unschuld zu bewahren, und dies besteht darin, daß ihre ganze Umgebung die nöthige Rücksicht auf sie nimmt und sie liebt. Ohne dies wird alle Zurückhaltung, welche man sich ihnen gegenüber zu beobachten bemüht, früher oder später fehlschlagen. Ein Lächeln, ein Blick, eine unwillkürlich entschlüpfte Geberde sagen ihnen Alles, was man ihnen zu verheimlichen sucht. In dem bloßen Umstände, daß man es ihnen hat verhehlen wollen, liegt schon für sie eine genügende Aufklärung. Die Zartheit in den Wendungen und Ausdrücken, deren sich die Gebildeten unter einander zu bedienen pflegen, ist, da sie Kenntnisse voraussetzt, welche die Kinder noch gar nicht haben können, diesen gegenüber völlig übel angebracht. Achtet man indeß wirklich ihre Einfalt, so überträgt man dieselbe bei einem Gespräche mit den Kindern auch unwillkürlich auf die Ausdrücke, die man nur so wählt, daß sie ihnen angemessen und verständlich sind. Es gibt eine gewisse Naivetät der Sprache, welche angenehm berührt und auch der Unschuld gefällt. Das ist der wahre Ton, welcher ein Kind von gefährlicher Neugier ablenkt. Dadurch, daß man mit ihm Alles in aller Einfalt bespricht, beugt man dem Argwohne vor, daß noch etwas übrig sei, was man ihm nicht gesagt habe. Verbindet man mit derben Worten Vorstellungen, die ihm zwar verständlich sind, aber gleichzeitig seinen Widerwillen erregen, so erstickt man damit das erste Feuer seiner Einbildungskraft. Ohne daß man ihm verbietet, solche Worte auszusprechen und solche Vorstellungen zu haben, flößt man ihm, ohne daß es sich dessen bewußt wird, eine Abneigung gegen deren Wiederholung ein. Und wie viel Verlegenheit wird diese in aller Unbefangenheit gegebene Erlaubniß nicht denen ersparen, die schon ihr eigenes Herz zur Offenheit auffordert und deshalb stets sagen, was zu sagen nöthig ist, und es immer so heraussagen, wie es ihnen um das Herz ist. »Wo kommen die Kinder her?« Das ist in der That eine Frage, die ganz geeignet ist, in Verlegenheit zu setzen, auf welche die Kinder indeß ganz natürlich verfallen, und deren unverständige oder kluge Beantwortung bisweilen für ihre Sitten und ihre Gesundheit das ganze Leben hindurch entscheidend ist. Die kürzeste Art und Weise, auf welche eine Mutter meint sich aus der Verlegenheit ziehen zu können, ohne ihren Sohn zu täuschen, besteht darin, daß sie ihm Stillschweigen auferlegt. Das würde ganz gut sein, wenn sie ihn schon seit lange auch bei gleichgiltigen Fragen daran gewöhnt hätte und er nun nicht bei diesem neu angeschlagenen Tone gerade erst recht ein Geheimniß argwöhnte. Aber auch nur in seltenen Fällen wird die Mutter dabei stehen bleiben. »Das ist ein Geheimniß der verheirateten Leute,« wird sie vielleicht zu ihm sagen, »kleine Knaben müssen nicht so neugierig sein.« Das ist freilich ein ganz gutes Mittel, um die Mutter aus der augenblicklichen Verlegenheit zu reißen, aber sie kann sich auch überzeugt halten, daß nun dieser kleine Knabe, welchem in dieser zurückweisenden Antwort eine gewisse Verachtung zu liegen scheint, nicht eher ruhen wird, bis er hinter das Geheimniß der verheirateten Leute gekommen ist, und daß es sicherlich nicht lange dauern wird, bis er seinen Zweck erreicht hat. Ich bitte um Erlaubniß, hier eine davon sehr abweichende Antwort anführen zu dürfen, die ich auf dieselbe Frage habe geben hören, und welche mir um so auffallender war, als sie von einer Frau herrührte, welche sich sowol in ihren Reden als in ihrem Betragen durch die höchste Züchtigkeit auszeichnete, aber um des Wohles und der Tugend ihres Sohnes willen nicht Anstand nahm, sich über die falsche Furcht vor Tadel und über die hohlen Witzeleien Spottsüchtiger hinwegzusetzen. Das Kind hatte gerade nicht lange vorher beim Uriniren einen kleinen Stein mit ausgeworfen, der ihm die Harnröhre verletzt hatte; aber das Leiden war gehoben und vergessen. »Mama,« fragte der kleine Naseweis, »wo kommen die Kinder her?« Ohne im Geringsten zu stocken, erwiderte die Mutter sofort: »Mein Sohn, die Frauen uriniren sie unter großen Schmerzen, die ihnen bisweilen das Leben kosten, hervor.« Mögen die Narren lachen und die Thoren Aergerniß daran nehmen, aber die Weisen mögen untersuchen, ob sie je eine vernünftigere und zweckentsprechendere Antwort finden werden. Die Vorstellung eines natürlichen und dem Kinde bekannten Bedürfnisses läßt erstlich in demselben, und das ist das Treffende bei dieser Antwort, die Idee eines geheimnißvollen Vorganges nicht aufkommen. Außerdem breiten die sich daran knüpfenden Vorstellungen von Schmerz und Tod einen Schleier der Trauer über diesen Gedanken, welcher die Einbildungskraft dämpft und die Neugier zurückdrängt. Alles lenkt den Geist auf die Folgen der Geburt, nicht aber auf ihre Ursachen. Nur zu den Schwächen der menschlichen Natur, zu lauter widerlichen Dingen, zu Bildern des Leidens leiten die Aufschlüsse, die in dieser Antwort liegen, wenn überhaupt der Widerwille, den sie einflößt, es zuläßt, daß das Kind solche Aufschlüsse begehrt. Was wäre wol bei einer Unterhaltung, die in solcher Weise geleitet wird, im Stande, die schlummernden Lüste zu erregen? Trotzdem ist es leicht ersichtlich, daß die Wahrheit in keiner Weise beeinträchtigt wurde und daß es nicht nöthig gewesen ist, das Kind zu täuschen, anstatt es zu unterrichten. Euere Kinder lesen; sie schöpfen aus ihrer Lectüre Kenntnisse, welche sie nicht gewonnen haben würden, wenn sie nicht gelesen hätten. Beim Studiren erhitzt und schärft sich in der Stille des Arbeitszimmers ihre Einbildungskraft. Leben sie in der Welt, so vernehmen sie zweideutige und befremdende Reden und sind Zeugen von Dingen, die sie eigentümlich berühren. Nach dem Benehmen, welches man ihnen gegenüber beobachtet, hat sich in ihnen die Ueberzeugung, sie seien selbst schon Erwachsene, in so hohem Grade festgesetzt, daß sie bei Allem, was die Erwachsenen in ihrer Gegenwart thun, sofort versuchen, wie es sich bei ihnen ausnehmen möchte. Kann man sich darüber wundern? Gelten ihnen einmal die Urtheile Anderer als Gesetz, so müssen ihnen auch die Handlungen Anderer als Vorbilder dienen. Die Diener, welche man leider von ihnen abhängig gemacht hat, und in deren Interesse es folglich liegt, ihnen zu gefallen, bewerben sich zum Nachtheil ihrer Sittlichkeit um ihre Gunst. Vierjährigen Kindern gegenüber sprechen die Wärterinnen mit lächelndem Munde Dinge aus, die selbst die schamloseste von ihnen sich nicht erdreisten würde vor fünfzehnjährigen auszusprechen. Sie selbst vergessen ihre Aeußerungen zwar bald, die Kinder dagegen vergessen nie, was sie haben anhören müssen. Schlüpfrige Gespräche öffnen ausschweifenden Sitten Thor und Thür. Ein schurkischer Diener verführt das Kind, und ein gleiches Interesse legt Beiden Stillschweigen auf. Das seinem Alter angemessen erzogene Kind sieht sich auf sich allem angewiesen. Die einzige Zuneigung, die es kennt, beruht auf Gewohnheit. Es liebt seine Schwester wie seine Uhr und seinen Freund wie seinen Hund. Es fühlt sich noch nicht als Glied eines besonderen Geschlechtes, einer besonderen Gattung: Mann und Weib sind ihm gleich fremd. Was sie auch thun oder reden, es bezieht nichts von Allem auf sich; es sieht und hört nichts davon oder beachtet es wenigstens nicht. Ihre Gespräche interessiren es eben so wenig als ihre Handlungen; alles dies ist für dasselbe so gut wie gar nicht da. Bei dieser Methode geht man nicht darauf aus, ihm irrthümliche Anschauungen beizubringen, sondern sucht es vielmehr nur in seiner natürlichen Unwissenheit zu erhalten. Es kommt die Zeit schon, wo die Natur selbst dafür Sorge trägt, ihren Zögling aufzuklären, und dieser Augenblick tritt erst dann ein, wenn sie ihn so weit vorbereitet hat, ohne Nachtheil aus den Lehren, die sie ihm ertheilt, Nutzen ziehen zu können. Dies ist in kurzen Umrissen das Princip. Die Entwickelung der einzelnen Regeln gehört nicht zu der Aufgabe, die ich mir gestellt habe, jedoch dienen die Mittel, die ich hinsichtlich anderer Gegenstände vorschlage, gleichzeitig auch als Beispiele für diesen. Wollt ihr in die erwachenden Leidenschaften Ordnung und Regel bringen, so verlängert den Zeitraum ihrer Entwickelung, damit sie die nöthige Zeit gewinnen, nach Maßgabe ihrer Entstehung in das richtige gegenseitige Verhältniß zu treten. Dann geht die Ordnung nicht von dem Menschen, sondern von der Natur selbst aus; eure einzige Aufgabe besteht darin, die Natur ungestört walten zu lassen. Wäre euer Zögling völlig für sich allein, so würdet ihr gar Nichts zu thun haben, so aber entflammt Alles, was ihn umgibt, seine Einbildungskraft. Der Strom der Vorurtheile reißt ihn fort. Um ihn zurückzuhalten, müßt ihr ihn in entgegengesetzter Richtung fortdrängen. Das Gefühl muß der Einbildungskraft Fesseln anlegen, und die Vernunft muß die Meinung der Menschen zum Schweigen bringen. In der überaus großen Empfänglichkeit für alle Eindrücke liegt die Quelle aller Leidenschaften, während die Einbildungskraft ihre Richtung bestimmt. Jedes Wesen, welches sich seiner Beziehungen bewußt ist, muß durch eine Verschlechterung derselben und durch die wirkliche oder auch nur eingebildete Auffindung solcher Beziehungen, die seiner Natur angemessener sind, unbedingt afficirt werden. Durch diese Fehler der Einbildungskraft werden die Leidenschaften aller endlichen Wesen, selbst der Engel, wenn es solche gibt, Wenn es solche gibt. So lautet in der That die Lesart in dem Manuscripte. Es läßt sich annehmen, daß sich der Verfasser durch äußere Einflüsse bestimmen ließ, dafür in den ersten Ausgaben die Worte »wenn sie solche haben« zu substituiren. Da sich letztere Lesart jedoch auch in der Genfer Ausgabe vorfindet, so hat er sich wahrscheinlich für Beibehaltung derselben im Texte entschieden. Anmerk. des Herrn Petitain. in Laster verwandelt, denn sie müßten die Natur aller Wesen kennen, um sich eine Ueberzeugung davon zu verschaffen, welche Beziehungen sich für ihre Natur am besten eignen. Die Summe aller menschlichen Weisheit hinsichtlich der Behandlung der Leidenschaften läßt sich demnach in Folgendem kurz zusammenfassen: 1) Man muß die wahren Verhältnisse des Menschen kennen, sowol was die Gattung im Allgemeinen als auch das einzelne Individuum betrifft, 2) muß man nach diesen Verhältnissen alle Gemüthsbewegungen regeln. Hat es der Mensch denn aber in seiner Gewalt, seine Gemüthsbewegungen nach diesen oder jenen Verhältnissen zu regeln? Unzweifelhaft, sobald er nur im Stande ist, seiner Einbildungskraft die Richtung auf diesen oder jenen Gegenstand zu geben oder ihr diese oder jene Gewohnheit beizubringen. Uebrigens handelt es sich hier ja weniger um das, was ein Mensch über sich selbst vermag, als vielmehr um das, was wir durch die Wahl der Verhältnisse, in die wir unsern Zögling versetzen, über denselben vermögen. In der Darlegung der Mittel, welche dazu geeignet sind, ihn in der Ordnung der Natur zu erhalten, liegt gleichzeitig eine genügende Auseinandersetzung der Wege, auf welchen er aus derselben herauszutreten vermag. So lange sein Empfindungsvermögen nur auf seine eigene Person beschränkt bleibt, fehlt seinen Handlungen der sittliche Charakter; erst wenn sich dasselbe über ihn selbst hinaus zu erstrecken beginnt, gewinnt er zunächst unbestimmte Vorstellungen und späterhin die klaren Begriffe des Guten und Bösen, die ihn in Wahrheit zum Menschen und zu einem integrirenden Theile seiner Gattung machen. Auf diesen ersten Punkt müssen wir deshalb zunächst unsere Aufmerksamkeit lenken. Dies ist freilich mit mancherlei Schwierigkeiten verbunden, weil wir, wenn wir zum Ziele gelangen wollen, die Beispiele, welche wir unmittelbar vor Augen haben, zurückweisen und uns nach solchen umsehen müssen, bei welchen die stufenweise Entwickelung der Ordnung der Natur gemäß stattfindet. Ein nach der herkömmlichen Schablone zugestutztes, dressirtes und äußerlich wohl abgerichtetes Kind, welches nur auf die Fähigkeit wartet, die vorzeitigen Lehren, die es empfangen hat, in Ausübung bringen zu können, täuscht sich nie über den Augenblick, in dem sich diese Fähigkeit einstellt. Weit davon entfernt, ihn in Ruhe abzuwarten, beschleunigt es ihn vielmehr. Es versetzt sein Blut schon vorzeitig in Gährung; schon lange bevor sich die Lüste in ihm regen, kennt es den Gegenstand, auf welchen sich dieselben richten müssen. Nicht die Natur reizt es an, sondern es thut selbst der Natur Gewalt an. Wenn sie es zum Manne macht, bleibt ihr keine Lehre mehr ihm zu ertheilen übrig. In Gedanken war es lange vorher Mann, ehe es in Wirklichkeit dazu herangereift war. Bei dem wirklichen Gange der Natur geht diese Entwickelung viel stufenweiser und langsamer vor sich. Ganz allmählich erhitzt sich das Blut, erwachen die Lebensgeister und zeigt sich die Sinnlichkeit. Der weise Meister, welcher das Werk leitet, hat seine Sorge darauf gerichtet, erst allen seinen Werkzeugen, bevor er sie in Thätigkeit setzt, die höchste Vollkommenheit zu verleihen; eine lange Unruhe geht den ersten Begierden voraus, eine lange Unwissenheit erhält sie in beständiger Täuschung; man ist lüstern, ohne zu wissen worauf. Das Blut beginnt zu gähren und zu wallen; eine überschäumende Lebenskraft sucht eine Ableitung nach Außen. Das Auge belebt sich und mustert die übrigen Wesen; man fängt an Interesse für die Personen seiner Umgebung zu gewinnen, fängt an zu empfinden, daß der Mensch nicht die Bestimmung erhalten hat, für sich allein zu leben, und auf diese Weise öffnet sich das Herz endlich menschlichen Gemütsbewegungen und wird der Zuneigung fähig. Das erste Gefühl, für welches ein sorgfältig erzogener junger Mensch empfänglich wird, ist nicht die Liebe, sondern die Freundschaft. Der ersten Regung seiner erwachenden Einbildungskraft verdankt er die Erkenntniß, daß es noch Andere seines Gleichen gibt. Seine Neigung wendet sich früher der Gattung als dem Geschlechte zu. Darin beruht noch ein weiterer Vortheil der verlängerten Unschuld; vermittelst der sich bildenden Gefühle ist man im Stande, die ersten Keime der Menschlichkeit in das Herz des Jünglings zu pflanzen, ein Vortheil, der um so höher angeschlagen werden muß, als dies die einzige Zeit im Leben ist, wo dergleichen Bemühungen einen wirklichen Erfolg herbeizuführen vermögen. Ich habe stets die Erfahrung gemacht, daß junge, frühzeitig verdorbene Leute, die den Frauen und Ausschweifungen ergeben waren, auch einen unmenschlichen und grausamen Charakter hatten. Das Feuer des Temperaments machte sie ungeduldig, rachgierig, wüthend. Ihre nur von einem einzigen Gegenstande erfüllte Einbildungskraft war unfähig, sich noch mit irgend etwas Anderem zu beschäftigen. Sie kannten weder Mitleid noch Erbarmen. Dem geringsten Vergnügen zu Liebe hätten sie Vater und Mutter, ja die ganze Welt geopfert. Ein in glücklicher Einfachheit erzogener Jüngling wird dagegen schon durch die ersten Regungen der Natur zu zarten und liebevollen Gefühlen angetrieben. Rührung bemächtigt sich seines Herzens bei den Leiden seiner Mitmenschen. Er zittert vor Freude, wenn er seinen Spielgefährten wiedersieht; unwillkürlich öffnen sich seine Arme zu innigen Umarmungen, treten in seine Augen Thränen der Rührung. Das Mißfallen, welches er bei Anderen erregt, ruft bei ihm aufrichtiges Bedauern hervor und von ernstlicher Reue wird er ergriffen, wenn er Jemanden gekränkt hat. Läßt er sich durch die Hitze seines sich entzündenden Blutes zum Ungestüm, zum Aufbrausen und zum Zorne fortreißen, so zeigt sich schon im nächsten Augenblicke seine ganze Herzensgüte in dem Ergüsse seiner Reue. Er weint, er seufzt über die Wunde, die er geschlagen hat. Mit seinem eigenen Blute möchte er jeden Blutstropfen, den er vergossen hat, wieder erkaufen. Vor der Erkenntniß seines Fehlers erlischt all sein Zorn, demüthigt sich all sein Stolz. Fühlt er sich selbst beleidigt, so vermag eine einzige Entschuldigung, ein einziges Wort auch seinen heftigsten Grimm zu entwaffnen. Er verzeiht das ihm zugefügte Unrecht mit demselben Edelmuth, mit welchem er das von ihm ausgegangene wieder gut zu machen sucht. Das Jünglingsalter nährt weder Rache noch Haß, sondern nur Mitleid, Theilnahme und Edelmuth. Ohne befürchten zu brauchen, durch die Erfahrung widerlegt zu werden, wage ich die Behauptung aufzustellen, daß ein Kind, welches nicht schon böse Anlagen mit auf die Welt gebracht und welches seine Unschuld bis zum zwanzigsten Jahre bewahrt hat, in diesem Alter der edelmüthigste, beste, liebevollste und liebenswürdigste Mensch sein wird. Dergleichen habt ihr freilich, wie ich mir leicht vorstellen kann, noch nie zu hören bekommen; euere in der ganzen Verderbniß der Collegienwirthschaft erzogenen Philosophen sind auch gar nicht im Stande, es zu wissen. Die Schwäche des Menschen macht ihn gesellig; die Leiden, die uns allen gemeinsam sind, ziehen uns zum Menschengeschlechte hin. Wir würden demselben nichts schulden, wenn wir nicht Menschen wären. Jede Anhänglichkeit ist ein Zeichen der eigenen Unzulänglichkeit. Bedürfte Niemand der Anderen, so würde auch Niemand daran denken, sich ihnen anzuschließen. Omnis in imbecillitate est gratia et caritas. Cic., de nat. Decr., I. 44. Deshalb haben wir nur unserer Schwachheit unser zerbrechliches Glück zu verdanken. Ein wahrhaft glückliches Wesen kann man sich nur als ein einsames vorstellen; Gott allein genießt eines absoluten Glückes; aber wer von uns vermöchte sich von Letzterem einen klaren Begriff zu machen? Wenn irgend ein unvollkommenes Wesen sich selbst genügen könnte, woran könnte es dann wol nach unseren Begriffen einen Genuß finden? Es wäre allein und müßte deshalb elend sein. Ich vermag nicht zu fassen, wie Jemand, dem jedes Bedürfniß nach irgend einem Gute fehlt, etwas lieben kann; ich vermag aber auch nicht zu fassen, wie Jemand, der nichts liebt, glücklich sein kann. Hieraus folgt, daß wir uns an unsere Mitmenschen weniger um deswillen anschließen, daß wir an ihren Freuden Antheil nehmen, als vielmehr um deswillen, daß ihre Leiden unser Mitgefühl erregen, denn in letzteren tritt uns die Identität unserer Natur und die Bürgschaft für ihre Anhänglichkeit an uns weit sichtlicher entgegen. Bildet bei unseren gemeinsamen Bedürfnissen das gleiche Interesse das Band der Vereinigung, so wird bei unserem gemeinsamen Elend wieder die Liebe das Bindemittel. Der Anblick eines glücklichen Menschen flößt den Anderen weniger Liebe als Neid ein; man hätte Lust ihm den Vorwurf zu machen, daß er dadurch, daß er sich ein ausschließliches Glück bereitet, sich ein Recht anmaße, welches ihm nicht gebühre, und selbst die Eigenliebe leidet darunter, indem sie es uns recht fühlbar macht, daß dieser Mensch unser nicht bedürfe. Wer aber bedauert nicht den Unglücklichen, den er leiden sieht? Wer würde ihn, wenn es ihm nicht mehr als einen Wunsch kostete, nicht gern von seinen Uebeln befreien wollen? Unsere Einbildungskraft versetzt uns weit eher an die Stelle eines Unglücklichen, als an die eines Elenden. Unser Gefühl sagt uns, daß uns der eine dieser Zustände weit näher berühre als der andere. Das Mitleid ist süß, weil man, während man sich an die Stelle des Leidenden versetzt, trotzdem gleichzeitig das Vergnügen empfindet, nicht einem gleichen Leiden unterworfen zu sein. Der Neid dagegen ist bitter, denn anstatt den Neidischen beim Anblicke eines Glücklichen an die Stelle desselben zu versetzen, erfüllt er ihn nur mit Bedauern, daß er dieselbe nicht einnimmt. Der Leidende scheint uns von den Uebeln, welche er duldet, zu befreien, der Glückliche uns hinwieder der Güter zu berauben, deren er genießt. Wollt ihr deshalb in dem Herzen eines jungen Menschen die ersten Regungen der erwachenden Empfindungen anfachen und nähren und seinem Charakter die Richtung zur Wohlthätigkeit und Güte geben, so laßt nie in ihm durch das trügerische Bild des menschlichen Glückes Stolz, Eitelkeit oder Neid aufkeimen; stellet ihm nicht gleich zuerst den Prunk der Höfe, die Pracht der Paläste, den fesselnden Reiz der Theater vor Augen; führt ihn nicht in gesellschaftliche Kreise und glänzende Versammlungen ein; zeigt ihm die Außenseite der großen Gesellschaft nicht eher, als bis ihr ihn befähigt habt, sie nach ihrem wahren Werthe zu schätzen. Ihm die Welt zeigen, bevor er die Menschen kennt, heißt nicht ihn bilden, sondern ihn verderben; heißt nicht ihn unterrichten, sondern ihn täuschen. Von Natur sind die Menschen weder Könige, noch Große, noch Hofschranzen, noch Reiche. Alle werden nackend und arm geboren, Alle sind den kleinlichen Sorgen des Lebens, den Verdrießlichkeiten, den Uebeln, den Bedürfnissen und Schmerzen aller Art unterworfen, und Alle werden schließlich eine Beute des Todes. Das ist das wahre Spiegelbild des Menschen; kein Sterblicher ist von diesem Loose ausgenommen. Macht bei eurem Studium der menschlichen Natur deshalb mit dem den Anfang, was von derselben unzertrennlich ist, kurz mit Allem, worin sich das Wesen der Menschheit am deutlichsten darstellt. Mit sechszehn Jahren weiß der Jüngling, was leiden heißt, denn er hat schon selbst gelitten; aber er weiß kaum, daß andere Wesen ebenfalls mit Leiden zu kämpfen haben. Mit dem Anblick von Leiden vertraut sein, ohne sie zu empfinden, heißt noch nicht, sie kennen, und da, wie ich bereits hundertmal erklärt habe, sich das Kind nicht die Empfindungen Anderer vorzustellen vermag, so kennt es keine anderen Uebel als seine eigenen. Sobald jedoch die erste Entwickelung, der Sinnlichkeit das Feuer der Einbildungskraft in ihm anfacht, so beginnt es die Empfindungen seiner Mitmenschen zu theilen, von ihren Klagen gerührt zu werden und ihnen ihre Schmerzen nachzufühlen. In diesem Momente muß das dunkle Gemälde der leidenden Menschheit in seinem Herzen die erste Rührung hervorrufen, die es je empfunden hat. Wen wollt ihr nun dafür verantwortlich machen, wenn bei euren Kindern dieser Augenblick nicht deutlich in die Augen fällt? Ihr lehret sie so frühzeitig mit dem Gefühl spielen, macht sie mit der Sprache desselben so zeitig vertraut, daß sie dadurch, daß sie beständig in demselben Tone reden, eure Lehren gegen euch selbst kehren, und euch kein Mittel übrig lassen, zu unterscheiden, wann sie zu lügen aufhören und das wirklich zu fühlen beginnen, was sie sagen. Betrachtet dagegen meinen Emil! Bis zu dem Alter, zu welchem ich ihn jetzt geführt habe, hat er weder die in Rede stehenden Gefühle gehabt, noch eine Lüge über seine Zunge gebracht. Bevor er wußte, was lieben heißt, hat er zu Niemandem gesagt: »Ich liebe dich von Herzen.« Man hat ihm nicht vorgeschrieben, welches Benehmen er in dem Zimmer seines Vaters, seiner Mutter oder seines kranken Hofmeisters beobachten solle; man hat ihn nie in der Kunst unterwiesen, sich traurig zu stellen, wenn er nicht wirklich betrübt war. Er hat nie den Schein angenommen, als weine er über Jemandes Tod, da er noch gar nicht weiß, was sterben ist. Dieselbe Empfindungslosigkeit, die er in seinem Herzen hat, spricht sich auch in seinem ganzen Wesen aus. Gleichgültig gegen Alles, mit Ausnahme seiner eigenen Person, faßt er, wie alle andere Kinder, für Niemanden Interesse. Der einzige Unterschied zwischen ihm und diesen beruht lediglich darin, daß er auch nicht einmal den Schein erregen will, als hege er ein Interesse, und daß er nicht falsch ist wie sie. Da Emil noch wenig über fühlende Wesen nachgedacht hat, so wird er auch erst spät kennen lernen, was leiden und sterben heißt. Von nun an werden Klagen und Schmerzensschreie beginnen sein Mitgefühl zu erregen; von dem Anblick strömenden Blutes wird er seine Augen abwenden; die Zuckungen eines sterbenden Thieres werden ihn mit wahrer Herzensangst erfüllen, noch ehe er sich über die Entstehung dieser Bewegungen in ihm Rechenschaft ablegen kann. Wäre er stumpfsinnig und roh geblieben, so würden sie sich in ihm gar nicht bilden; wäre er unterrichteter, so würde er ihre Quelle kennen. Er hat schon zu viele Vergleichungen zwischen einzelnen Vorstellungen angestellt, um gar nichts zu empfinden, aber trotzdem noch nicht genug, um sich bewußt zu werden, was er empfindet. Auf die Weise entsteht das Mitleid, das erste sich auf Andere beziehende Gefühl, welches nach der Ordnung der Natur das menschliche Herz bewegt. Um fühlend und mitleidig zu werden, muß das Kind wissen, daß es Wesen seines Gleichen gibt, welche leiden, was es selbst gelitten, und Schmerzen empfinden, die es selbst empfunden hat, ja die sogar noch von anderen Schmerzen gepeinigt werden, von denen es sich wenigstens den Begriff machen muß, daß es dieselben möglicherweise gleichfalls wird aushalten müssen. Und fürwahr, wodurch sollten wir uns sonst wol zum Mitleid bewegen lassen, wenn nicht dadurch, daß wir gleichsam aus uns heraustreten, uns mit dem leidenden Geschöpfe identificiren und unser eigenes Sein mit dem seinigen vertauschen? Wir leiden nur so viel, als es nach unserem Dafürhalten leidet, und leiden nicht in uns, sondern in ihm. Vor dem Erwachen der Einbildungskraft, die den Menschen aus sich heraus zu versetzen beginnt, wird sich also auch bei Niemandem das Mitgefühl regen. Was haben wir nun, um dieses erwachende Mitgefühl anzufachen und zu nähren, um es zu leiten und ihm in der ihm von der Natur gegebenen Richtung zu folgen, anders zu thun, als dem jungen Menschen einerseits solche Gegenstände darzubieten, auf welche die zunehmende Kraft seines Herzens zu wirken vermag, die es erweitern, es auch mit anderen Wesen zu theilen bereit sind, und es dahin bringen, daß er sich auch außer sich selbst überall wiederfinde, und andererseits sorgfältig alle solche von ihm fern zu halten, welche das Herz verengern, in sich selbst verschließen und den Egoismus groß zu ziehen geeignet sind? Mit anderen Worten, was haben wir anders zu thun, als Güte, Menschlichkeit, Mitgefühl, Wohlthätigkeit, kurz alle einnehmenden und sanften Gefühle, die den Menschen von Natur so wohlgefallen, in ihm zu erwecken, und dagegen das Hervortreten des Neides, der Habsucht, des Hasses so wie aller übrigen abstoßenden und grausamen Leidenschaften zu verhüten, die gleichsam das Gefühl nicht nur auf Null herabdrücken, sondern es sogar noch in eine negative Größe verwandeln, und demjenigen, welcher von ihnen beseelt ist, nichts als Qual bereiten. Alle meine bisherigen Betrachtungen glaube ich in zwei oder drei bestimmte, klare und leicht faßliche Grundsätze kurz zusammenfassen zu können. Erster Grundsatz Es gehört nicht zu den Eigenschaften des menschlichen Herzens, sich an die Stelle derer zu versetzen, welche glücklicher sind als wir, sondern es versetzt sich lediglich an die Stelle derer, welche mehr zu beklagen sind als wir. Etwaige Ausnahmen von dieser Regel sind es mehr dem Scheine nach als in Wirklichkeit. So versetzt man sich z. B. nicht an die Stelle des Reichen oder des Großen, zu dem man Zuneigung gefaßt hat. Selbst wenn man ihm aufrichtig zugethan ist, eignet man sich immer nur einen Theil seines Wohlseins an. Bisweilen liebt man ihn auch noch im Unglücke; so lange es ihm aber gut geht, hat er keinen wahren Freund als denjenigen, der sich vom Scheine nicht täuschen läßt und ihn bei all seinem Glücke mehr beklagt als beneidet. Man wird von dem Glücke gewisser Stände, z. B. dem der Landleute und der Hirten, gerührt. Die Freude, diese guten Leute glücklich zu sehen, wird durch keinen neidischen Gedanken vergiftet; man nimmt in Wahrheit einen aufrichtigen Antheil an ihnen. Weshalb dies? Deshalb, weil wir uns bewußt sind, daß es jeden Augenblick in unserer Macht liegt, zu diesem Stande des Friedens und der Unschuld herabzusteigen und desselben Glückes theilhaftig zu werden. Das bleibt immer noch unsere letzte Zuflucht, eine Zuflucht, die uns nur mit angenehmen Ideen erfüllt, da unser bloßer Wille genügt, uns in den Besitz dieses Genusses zu setzen. Es bereitet stets Vergnügen, seine Hilfsmittel zu überschauen und sein eigenes Gut zu betrachten, selbst für den Fall, daß man keinen Gebrauch davon machen will. Um einen jungen Mann mit Menschenliebe zu erfüllen, muß man ihn also, wie sich aus obiger Betrachtung ergibt, nicht das glänzende Loos Anderer bewundern lassen, sondern man muß ihm dasselbe vielmehr von seiner Kehrseite zeigen, ja ihm sogar eine förmliche Furcht vor einem solchen Loose einjagen. Dann wird er sich consequenterweise einen neuen, noch von Niemandem betretenen Weg zum Glücke bahnen müssen. Zweiter Grundsatz Nur diejenigen Uebel Anderer erregen unser Bedauern, vor denen man sich selbst nicht sicher hält. Non ignara mali, miseris succurrere disco. Aen. I. 630. Ich kenne nichts so Schönes, so Tiefes, so Ergreifendes und Wahres wie die Worte dieses Verses. Weshalb fühlen die Könige kein Mitleid mit ihren Unterthanen? Deshalb, weil sie sich in ihren eigenen Augen nicht wie gewöhnliche Menschen vorkommen. Weshalb sind die Reichen so hart gegen die Armen? Weil sie nicht befürchten, ebenfalls in Armuth zu gerathen. Weshalb blickt der Adel mit so großer Verachtung auf das Volk? Weil er niemals in den bürgerlichen Stand hinabsinken kann. Weshalb sind die Türken im Allgemeinen menschlicher und gastfreundlicher als wir? Weil bei ihrer mit völliger Willkür verfahrenden Regierung die Größe und das Glück der Einzelnen beständig unsicher und schwankend ist, und sie deshalb Niedrigkeit und Elend nicht als Uebel betrachten, die nie an sie herantreten könnten. Hierin scheint gegenwärtig eine geringe Aenderung einzutreten. Die Stände scheinen sich mehr zu befestigen, und die Menschen werden weniger teilnahmsvoll. Jeder kann morgen in derselben Lage sein, in welcher sich der heute von ihm Unterstützte befindet. Diese Wahrnehmung, die in den morgenländischen Romanen überall zu Tage tritt, ist die Ursache, daß sie für uns etwas ungemein Rührendes haben, wie es das ganze Aufgebot unserer trockenen Moral nicht hervorzubringen vermag. Gewöhnt deshalb euren Zögling nicht, von der Höhe seiner hervorragenden Stellung auf die Kümmernisse der Unglücklichen und die Mühen der Elenden herabzublicken, und hofft nicht, daß ihr ihn mit Theilnahme erfüllen könnt, so lange er sie als Uebel betrachtet, die ihm völlig unnahbar seien. Macht ihm vielmehr recht begreiflich, daß das Schicksal dieser Unglücklichen auch ihm vorbehalten sein kann, daß alle ihre Uebel binnen Kurzem auch über ihn hereinbrechen können, daß tausend unvorhergesehene und unvermeidliche Ereignisse ihn jeden Augenblick in ihren Leidensgenossen zu verwandeln vermögen. Haltet ihn an, sich weder auf Geburt, noch auf Gesundheit, noch auf Reichthum zu verlassen; haltet ihm eindringlich die häufigen Wechselfälle des Schicksals vor. Macht ihn mit den nur allzu oft vorkommenden Beispielen bekannt, wo Menschen, die noch eine weit höhere Stellung als er einnahmen, noch tief unter jene Unglücklichen hinabgesunken sind, ob durch eigene oder fremde Schuld, kommt hierbei nicht in Frage; hat er denn überhaupt schon eine richtige Vorstellung davon, was Schuld ist? Erlaubt euch nie einen Eingriff in die Ordnung seiner Kenntnisse und gebt ihm nur über Dinge, die seiner Fassungskraft entsprechen, die nöthige Aufklärung. Er bedarf keines hohen Grades von Gelehrsamkeit, um zu begreifen, daß ihm alle menschliche Weisheit nicht dafür einzustehen vermag, ob er in der nächsten Stunde noch leben oder todt sein werde; ob er sich nicht, noch ehe die Nacht einbricht, zähneknirschend unter den heftigsten Nierenschmerzen werde winden müssen, ob er in einem Monate reich oder arm sein werde, oder ob ihm nicht das Loos bestimmt sei, im nächsten Jahre unter Knutenhieben auf den Galeeren in Algier zu rudern. Vor Allem aber sagt es ihm nicht so kalt, als handele es sich um einen Paragraphen seines Katechismus; er muß das menschliche Elend vor Augen haben und es mit empfinden. Erschüttert, erschreckt seine Einbildungskraft mit den Gefahren, von denen jeder Mensch unaufhörlich umringt ist; er muß es förmlich mit Augen sehen, wie ihm diese Abgründe auf allen Seiten entgegengähnen, und sich bei der Schilderung ihrer Schrecken ängstlich an euch drängen, aus Furcht, in sie hinabzustürzen. »Dadurch werden wir ihn ja furchtsam und feige machen,« werdet ihr mir einwenden. Das wird sich in der Folge herausstellen; für jetzt liegt es uns am nächsten, ihn menschlich zu machen. Dritter Grundsatz Das Mitleid, welches uns bei dem Leiden Anderer erfüllt, bemessen wir nicht nach der Größe dieses Leidens, sondern nach der Empfindung, welche wir denjenigen, die es erdulden, zuschreiben. Man bedauert einen Unglücklichen nur in so weit, als man glaubt, daß er sich selbst für bedauernswerth halte. Die physische Empfindung unserer Leiden ist beschränkter, als es den Anschein hat. Die Erinnerung allein, die sie uns als fortbestehend empfinden läßt, und die Einbildungskraft, die uns durch den Gedanken an die Fortdauer dieser Qualen selbst die Zukunft verbittert, tragen die Schuld, daß wir uns wahrhaft bedauernswerth vorkommen. Hierin liegt meines Bedünkens auch eine der Ursachen, weshalb wir bei den Leiden der Thiere weniger Theilnahme verrathen als bei denen der Menschen, obgleich das bei Beiden gleich starke Empfindungsvermögen uns mit ihnen genau in derselben Weise identificiren sollte. Steht der Karrengaul in seinem Stalle, so bedauern wir ihn nicht leicht, weil wir annehmen, daß er, wenn er sein Heu verzehrt, weder der empfangenen Peitschenhiebe noch der Anstrengungen gedenke, die seiner warten. Eben so wenig fühlen wir mit einem Hammel, den wir auf der Weide erblicken, Mitleid, obwol wir uns dessen bewußt sind, daß er binnen Kurzem geschlachtet werden wird, weil wir uns zu der Annahme berechtigt halten, daß er sein Loos nicht voraussehe. In Folge einer unwillkürlichen Ausdehnung dieser Voraussetzung nehmen wir dann auch bald an dem Loose der Menschen weniger Antheil. So beruhigen sich die Reichen über das Unrecht, welches sie den Armen zufügen, dadurch, daß sie sich vorreden, diese seien zu stumpf, um etwas davon zu empfinden. Im Allgemeinen hängt nach meinem Dafürhalten der Werth, den Jeder auf das Glück seiner Nebenmenschen setzt, von dem Grade der Achtung ab, die er denselben zu zollen scheint. Es liegt in der Natur, daß man das Glück derer, die man verachtet, für ziemlich werthlos hält. Man braucht sich deshalb nicht mehr zu wundern, wenn die Staatsmänner mit so großer Geringschätzung vom Volke reden, noch wenn die meisten Philosophen sich so geflissentlich bestreben, die Menschen nur von ihrer schlechten Seite zu zeigen. Das Volk bildet das menschliche Geschlecht. Der Bruchtheil, welcher nicht zum eigentlichen Volke gehört, ist so geringfügig, daß es nicht der Mühe verlohnt, ihn mit in Anschlag zu bringen. Der Mensch bleibt sich in allen Ständen gleich. Verhält es sich aber so, dann verdienen gerade die an Seelenzahl hervorragendsten Stände die meiste Achtung. Alle Standesunterschiede verschwinden in den Augen des Denkenden, denn er bemerkt bei der dienenden Classe die nämlichen Leidenschaften und Gefühle wie bei den Trägern der erlauchtesten Namen; nur in der Sprache, in der mehr oder weniger übertünchten Außenseite nimmt er einen Unterschied wahr; und tritt sonst ein wesentlicher Unterschied zwischen ihnen hervor, so fällt er stets zum Nachtheil dessen aus, der die größte Verstellungsgabe besitzt. Das Volk zeigt sich, wie es ist, und es ist nicht liebenswürdig; aber du Weltleute haben alle Ursache, sich zu verstellen; zeigten sie sich, wie sie sind, so würden sie wahrlich Grauen und Abscheu erregen. Wie unsere Weisen weiter behaupten, gibt es in jedem Stande das nämliche Maß von Glück und Leid. Das ist eine eben so unheilvolle wie durchaus unerwiesene Behauptung. Denn sind wir einmal Alle gleich glücklich, weshalb soll mir dann wol das Loos irgend Jemandes nahe gehen? Bleibe Jeder in den Verhältnissen, in denen er sich befindet: der Sklave lasse sich mißhandeln, der Schwache dulde, der Bettler gehe zu Grunde, eine Aenderung ihrer Lage vermag ihnen ja keinen Gewinn zu bringen. Man zählt die Sorgen der Reichen auf und weist die Nichtigkeit ihrer eitlen Freuden nach. Welche plumpen Trugschlüsse! Die Sorgen des Reichen sind nicht die notwendigen Folgen seiner Lebensstellung, sondern fallen einem Mißbrauche derselben zur Last. Wäre er sogar noch unglücklicher als der Arme, so wäre er trotzdem nicht zu bedauern, weil er allein die Schuld an seinen Leiden trägt, und weil es nur auf ihn ankommt, glücklich zu sein. Die Sorgen des Armen sind dagegen die Folgen seiner Verhältnisse, der Härte seines Schicksals, welches schwer auf ihm lastet. Auch die längste Gewohnheit ist nicht im Stande, das physische Gefühl der Ermüdung, der Erschöpfung und des Hungers von ihm zu nehmen. Weder hohe Geistesgaben noch Weisheit vermögen ihn von den Leiden seines Standes zu befreien. Welcher Gewinn erwächst dem Epictet daraus, daß er voraussieht, sein Herr werde ihm noch das Bein zerschmettern? Läuft er etwa deshalb weniger Gefahr, daß es ihm derselbe zerschlagen werde? Die Voraussicht tritt nur als ein neues Uebel zu der Zahl seiner alten Uebel hinzu. Besäße das Volk eben so viel überlegende Klugheit, als wir ihm geistige Unfähigkeit beimessen, was würde es anders sein können, als was es jetzt ist? Was würde es anders thun können, als was es jetzt thut? Lernet nur die Leute dieser Classe besser kennen und ihr werdet euch überzeugen, daß sie, wenn sie auch eine andere Sprache führen, dem ungeachtet eben so viel Geist und sogar ein weit richtigeres Urtheil besitzen als ihr. Achtet deshalb euer Geschlecht; bedenkt, daß es wesentlich aus der Volksmasse gebildet wird, daß die Lücke, welche durch die Beseitigung aller Könige und Philosophen entstände, kaum bemerkbar sein würde und der Weltlauf sicherlich nicht darunter zu leiden hätte. Mit einem Worte, lehrt euren Zögling alle Menschen lieben, selbst diejenigen, welche mit Verachtung auf ihre Mitmenschen herabblicken. Erzieht ihn so, daß er sich nicht als Glied einer besonderen Classe betrachte, sondern sich in allen wiederfinde. Sprecht von dem menschlichen Geschlechte in seiner Gegenwart mit aufrichtiger Theilnahme, selbst mit Mitleid, aber niemals mit Verachtung. Mensch, entehre den Menschen nicht! Dieser und ähnlicher Wege, die den bisher eingeschlagenen allerdings ganz entgegengesetzt sind, muß man sich bedienen, um in das Herz des Jünglings einzudringen, damit in demselben die ersten Regungen der Natur wach werden, es sich mehr und mehr entfalte und für die Mitmenschen zu schlagen beginne. Ich kann jedoch nicht unterlassen, dem noch die Bemerkung hinzuzufügen, daß es dabei von äußerster Wichtigkeit ist, diese Regungen so viel als möglich von allem persönlichen Interesse frei zu erhalten. Fern bleibe vor Allem jede Eitelkeit, jeder Wetteifer, jede Ruhmsucht, jedes Gefühl, welches uns antreibt, uns mit Anderen zu vergleichen. Denn solche Vergleichungen lassen sich nicht anstellen, ohne daß sich in uns ein gewisses Gefühl des Hasses gegen diejenigen festsetzt, welche uns den Vorrang streitig machen, und wäre es auch nur nach unserer eigenen einseitigen Schätzung. Dann bleibt Einem nur die Wahl, sich blind zu stellen oder sich zu erzürnen, schlecht zu sein oder albern. Geben wir uns Mühe, dieser Alternative aus dem Wege zu gehen. Freilich kann man mir den Einwurf machen, daß diese so gefährlichen Leidenschaften aller unserer Gegenbemühungen ungeachtet doch früher oder später zum Vorschein kommen werden. Ich läugne es nicht. Jedes Ding hat seine Zeit und seinen Ort; ich stelle nur den Satz auf, daß man zu ihrer Entstehung nicht hilfreiche Hand leisten dürfe. Darin spricht sich der Geist der Methode aus, deren Beobachtung man sich zur Pflicht machen sollte. Beispiele und Einzelheiten sind hierbei überflüssig, weil hier die Charaktere nach den verschiedensten Richtungen auseinander zu gehen beginnen, und weil jedes Beispiel, welches ich anführen könnte, vielleicht nicht auf Einen unter Hunderttausenden passen würde. In diesem Alter ist es deshalb auch, wo für den geschickten Lehrer die eigentliche Aufgabe des Beobachters und Philosophen anfängt, der die Kunst versteht, die Herzen zu erforschen, indem er an ihrer Bildung arbeitet. So lange der junge Mann noch nicht daran denkt, sich zu verstellen, und es noch nicht gelernt hat, kann man bei jedem Gegenstande, den man ihm zeigt, an seinen Mienen, seinen Blicken, seinen Geberden sofort den Eindruck erkennen, welchen derselbe auf ihn ausübt. Man vermag auf seinem Antlitze alle Regungen seiner Seele zu lesen. Durch aufmerksame Beobachtung derselben bringt man es dahin, sie vorauszusehen, und endlich, sie zu leiten. Man wird fast überall wahrnehmen, daß Blut, Wunden, Klagegeschrei, Seufzer, Vorbereitungen zu schmerzhaften Operationen, und überhaupt Alles, was uns unsere Sinne als Gegenstände des Leidens erkennen lassen, alle Menschen am schnellsten und am allgemeinsten ergreift. Die Idee der Vernichtung erschüttert uns, da sie zusammengesetzter ist, nicht in gleich hohem Grade. Das Bild des Todes macht erst später Eindruck auf uns und berührt uns schwächer, weil noch Niemand die Schrecken des Todes an sich selbst erfahren hat. Man muß Leichname gesehen haben, um die Angst mit dem Tode Ringender nachempfinden zu können. Hat sich dies Bild jedoch erst einmal in unserem Geiste festgesetzt, dann gibt es auch für unsere Augen kein gräßlicheres Schauspiel, sei es nun wegen der Idee völliger Vernichtung, die sich uns durch die Vermittelung unserer Sinne überwältigend aufdrängt, oder weil wir uns bewußt sind, daß dieser Augenblick für alle Menschen unvermeidlich ist, und wir uns von einem Zustande, von dem es feststeht, daß wir ihm nicht entgehen können, lebhafter ergriffen fühlen. Diese verschiedenen Grade haben ihre Modificationen und Abstufungen, welche von dem besonderen Charakter und den früheren Gewohnheiten jedes Einzelnen abhängen. Aber sie finden sich allgemein und Niemand ist von ihnen völlig frei. Es kommen freilich auch erst später auftretende und weniger allgemein verbreitete vor, welche mehr den gefühlvollen Seelen eigen sind. Sie haben ihre Quelle in moralischen Leiden, in innerem Schmerze, in Kummer, Gram und Trauer. Es gibt Menschen, auf die nur lautes Klagegeschrei und Thränen Eindruck hervorbringen. Niemals hat ihnen ein fortwährendes geheimes Seufzen eines von Kummer überwältigten Herzens ebenfalls einen Seufzer zu entlocken vermocht, niemals hat der Anblick einer gebeugten Haltung, eines abgehärmten und bleichen Gesichts, eines erloschenen Auges, in welchem die Thränen längst versiecht sind, ihre Augen mit Thränen gefüllt. Für sie bedeuten Seelenleiden nichts. Ueber diese haben sie sich ein für allemal ein Urtheil gebildet, wie es sich von Solchen erwarten läßt, deren Seele völlig gefühllos ist. Rechnet bei ihnen nur auf unbeugsame Strenge, Härte und Grausamkeit. Sie können wol unbescholten und gerecht sein, nie aber gütig, edelmüthig und mitleidig. Ich sage, sie können möglicherweise gerecht sein, wenn ein erbarmungsloser Mensch es überhaupt zu sein vermag. Hütet euch jedoch, euch durch diese Regel zu einem übereilten Urtheile über junge Leute, namentlich über solche hinreißen zu lassen, die in Folge einer richtigen Erziehung, bei welcher man alle moralische Leiden von ihnen fern gehalten hat, keinen Begriff von denselben haben; denn, noch einmal, sie können nur über die Leiden, welche sie kennen, Bedauern empfinden, und diese scheinbare Gefühllosigkeit, welche ihren Grund nur in ihrer Unwissenheit hat, verwandelt sich bald in Rührung, sobald sie zu fühlen anfangen, daß es im menschlichen Leben tausenderlei Schmerzen gibt, die sie nicht kennen. Was meinen Emil anlangt, so halte ich mich für überzeugt, daß es ihm, wenn er als Kind Einfalt und ein richtiges Urtheil besaß, als Jüngling nicht an Seele und Gefühl fehlen wird, denn die Wahrheit der Gefühle beruht im hohen Grade auf der Richtigkeit der Begriffe. Aber weshalb hier erst noch daran erinnern? Ohne Zweifel wird mir mehr als ein Leser den Vorwurf machen, ich wäre meiner früheren Absichten und des beständigen Glückes, welches ich meinem Zöglinge verheißen hatte, nicht eingedenk geblieben. Unglückliche, im Sterben Liegende, Bilder des Schmerzes und des Elends, welch ein Glück, welch ein Genuß für ein junges Herz, das eben erst zum Leben erwacht! Sein Alles nur von der trüben Seite anschauender Erzieher läßt ihn, obgleich er ihm eine so angenehme Erziehung in Aussicht stellte, nur zum Leiden aufwachsen. Dergleichen Urtheile wird man sicherlich fällen. Das soll mich jedoch wenig kümmern. Ich habe verheißen, ihn glücklich zu machen, nicht aber es mir zur Aufgabe gestellt, ihn nur zu einem scheinbaren Glücke zu bringen. Liegt die Schuld etwa an mir, wenn ihr euch stets vom Scheine betrügen laßt und denselben für Wirklichkeit haltet? Denken wir uns zwei Jünglinge, die nach Beendigung ihrer ersten Erziehung durch zwei gerade entgegengesetzte Thore in die Welt eintreten. Der Eine steigt plötzlich zum Olymp empor und bewegt sich in der glänzendsten Gesellschaft. Man führt ihn bei Hofe, bei den Großen, bei den Reichen, bei schönen Frauen ein. Ich setze voraus, daß er überall eine gute Aufnahme findet, und untersuche zunächst nicht die Wirkung derselben auf seine Vernunft; ich nehme an, daß sie ihr Widerstand leistet. Von einem Vergnügen stiegt er zu dem andern, jeder Tag bietet ihm neue Freuden dar. Jeder Lust gibt er sich mit einem Interesse hin, das euch irre leitet. Ihr nehmt wahr, wie aufmerksam, eifrig und lüstern nach immer neuen Lustbarkeiten er ist. Seine anfängliche Verwunderung fällt euch auf; ihr haltet ihn für zufrieden. Aber werfet nur einen Blick in seinen Seelenzustand! Ihr glaubt, daß er Genuß hat, ich dagegen bin der Ansicht, daß er leidet. Was nimmt er zunächst wahr, sobald ihm die Augen aufgehen? Eine Menge vermeintlicher Güter, die er zuvor nicht kannte, und von denen die meisten, da sie sich seinen Blicken nur auf einen Augenblick darbieten, sich ihm nur zu zeigen scheinen, um ihm nachher den Schmerz über ihren Verlust desto fühlbarer zu machen. Durchwandelt er einen Palast, so verräth euch seine unruhige Neugier, daß er sich im Stillen die Frage vorlegt, weshalb sein väterliches Haus nicht die gleiche Pracht aufzuweisen habe. Alle seine Fragen lassen durchblicken, daß er sich unablässig mit dem Herrn dieses Hauses vergleicht, und Alles, was er Demüthigendes für sich bei dieser Parallele entdeckt, erhöht seine Eitelkeit durch die ihr zugefügte Kränkung. Begegnet er einem jungen Manne, der besser gekleidet ist als er, so kann ich sehen, wie er im Geheimen über den Geiz seiner Eltern murrt. Ist er dagegen kostbarer gekleidet als ein Anderer, so erfüllt es ihn mit Schmerz, zu sehen, wie dieser ihn entweder durch Geburt oder Geist verdunkelt, und wie all seine Vergoldung von einem einfachen Tuchgewande in Schatten gestellt wird. Glänzt er allein in einer Gesellschaft, erhebt er sich auf der Fußspitze, um besser gesehen zu werden, wer fühlte sich da wol nicht von einer geheimen Lust beseelt, dem jungen Laffen für sein stolzes und selbstgefälliges Wesen die gebührende Züchtigung angedeihen zu lassen? Wie auf Verabredung vereinigt sich alsbald Alles gegen ihn. Unablässig verfolgen ihn die beunruhigenden Blicke eines ernsten Mannes, rings um sich her vernimmt er die beißenden Bemerkungen eines Spötters, und ruht auch nur die Verachtung eines Einzigen auf ihm, so vergiftet ihm die verächtliche Behandlung dieses Einzigen die Beifallsbezeugungen aller Uebrigen. Wir wollen ihn mit allen Vorzügen ausstatten, mit verschwenderischer Hand soll ihm die Natur alle Reize der Anmuth, alle Schätze des Geistes verliehen haben; er soll wohlgebildet, geistreich und liebenswürdig sein. Dann wird es nicht ausbleiben, daß sich die Frauen um ihn bemühen. Buhlen sie jedoch um seine Gunst, ehe er sie liebt, so werden sie weit eher einen Narren als einen Liebhaber aus ihm machen. Er wird bei ihnen Glück haben, aber die zum Genusse unentbehrliche stürmische Leidenschaft wird ihm fehlen. Da man seinen Wünschen beständig zuvorkommt und ihnen niemals Zeit läßt, inmitten von all den Vergnügungen sich von selbst zu bilden, so wird er über den ihm auferlegten Zwang nur Verdruß empfinden. Das Geschlecht, welches zur Beglückung des seinigen bestimmt ist, erfüllt ihn mit Ekel und Uebersättigung, noch bevor er es kennt. Wenn er trotzdem den Umgang mit demselben nicht aufgibt, so geschieht es nur aus Eitelkeit; und wenn er auch eine wirkliche Neigung zu ihm faßte, so wird er doch nicht ausschließlich Anspruch auf Jugend, Glanz und Liebenswürdigkeit machen können, und deshalb in seinen Geliebten nicht immer Wunder der Treue finden. Ich will gar nicht von den Neckereien, Verräthereien, Abscheulichkeiten, von der immer von Neuem erwachenden Reue reden, die von einem solchen Leben unzertrennlich sind. Die Erfahrungen, die wir im Verkehre mit der Welt machen, verleiden sie uns; das ist eine anerkannte Thatsache. Ich rede hier nur von dem Kummer, der mit der ersten Täuschung verbunden ist. Welch ein Contrast erwartet denjenigen, welcher bisher auf den Kreis seiner Familie und seiner Freunde eingeschränkt gewesen ist und sich als den einzigen Gegenstand aller ihrer Zuvorkommenheit erblickt hat, wenn er nun plötzlich in eine Ordnung der Dinge eintritt, in der er eine so geringe Beachtung findet, wenn er sich in einer ihm fremden Sphäre wie verloren vorkommt, der so lange den Mittelpunkt der seinigen bildete! Welche Kränkungen, welche Demüthigungen wird er nicht erdulden müssen, bevor sich in der ihm fremden Welt das Vorurtheil von seiner Wichtigkeit wieder verliert, welches im Kreise der Seinigen in ihm erweckt und genährt wurde. So lange er Kind war, fügte sich Alles seinem Willen, bemühte sich Alles um ihn. Jetzt, wo er ein Jüngling ist, muß er sich in eines Jeden Willen schicken. Vergißt er sich jedoch und behält er sein altes Wesen bei, welche harte Lehren werden ihn dann zwingen, in sich zu gehen! Daran gewöhnt, alle Gegenstände seiner Wünsche leicht zu erhalten, hat er seinen Wünschen einen stets größeren Umfang gegeben und bleibt in Folge dessen fortwährend das Gefühl in ihm wach, wie viel er noch entbehren muß; Alles, was ihm Freude macht, lockt ihn an; Alles, was Andere haben, möchte er auch haben: er trägt nach Allem Gelüste, beneidet Alle und möchte überall den Herrn spielen. Die Eitelkeit verzehrt ihn, die Glut zügelloser Begierden entflammt sein junges Herz. Mit ihnen erwachen Eifersucht und Haß; alle verzehrenden Leidenschaften lodern auf einmal in ihm empor. Mitten im Geräusch der Welt verläßt ihn ihre Aufregung nicht, und jeden Abend bringt er sie wieder heim. Mit sich und aller Welt unzufrieden, tritt er wieder über seine Schwelle. Voll von tausend eitlen Plänen, beunruhigt von tausend sorgenvollen Gedanken, schläft er endlich ein, und noch in seinen Träumen malt ihm sein Stolz die eingebildeten Güter aus, deren Erlangung er so schmerzlich ersehnt und die er doch nie in seinem Leben besitzen wird. Erkennet in diesen Zügen eueren Zögling. Jetzt laßt uns den meinigen betrachten. Wenn der erste Anblick, der sich ihm darbietet, ein trauriger ist, so ist gleichwol die erste Wirkung desselben auf ihn ein freudiges Gefühl. Indem er sich bewußt wird, von wie vielen Nebeln er frei ist, fühlt er sich glücklicher als er zu sein meinte. Er nimmt an den Leiden seiner Mitmenschen Antheil, allein diese Theilnahme ist freiwillig und süß. Er hat einen doppelten Genuß: mit dem angenehmen Gefühl, Mitleid mit den Leiden Anderer zu empfinden, verbindet er gleichzeitig die Freude, sich von denselben frei zu wissen. Er fühlt sich auf jenem Höhepunkte der Kraft, wo sich dieselbe nicht an ihrem Wirkungskreise in uns genügen läßt, sondern uns anspornt, die Thätigkeit, welche nicht von unserm eigenen Wohlsein in Anspruch genommen wird, nach Außen hin zu richten. Um fremdes Leid bedauern zu können, muß man es allerdings kennen, braucht es jedoch nicht zu fühlen. Hat man gelitten oder hegt man Besorgniß leiden zu müssen, so bedauert man diejenigen, welche leiden; so lange man indeß selbst leidet, bedauert man nur sich. Da wir nun Alle den Leiden des Lebens unterworfen sind und Jeder den Anderen nur so viel Theilnahme schenkt, als er für sich selbst gerade nicht bedarf, so ergibt sich daraus, daß das Mitleid ein außerordentlich süßes Gefühl sein muß, da es in beredter Weise unserer Ueberzeugung, daß wir uns in einer günstigeren Lage befinden, Ausdruck verleiht, und daß dagegen ein harter Mensch stets unglücklich sein wird, weil sein Herz so vollauf mit sich selbst beschäftigt ist, daß ihm kein Überschuß von Theilnahme übrig bleibt, welchen er den Leiden Anderer widmen könnte. Wir lassen uns in unserem Urtheile über das Glück leider in zu hohem Grade von dem äußeren Scheine leiten. Wir verlegen es in unserem Geiste dorthin, wo es am wenigsten zu finden ist, wir suchen es, wo es nimmer eine Stätte finden kann; Fröhlichkeit ist nur ein höchst zweideutiges Zeichen derselben. Häufig verbirgt sich unter einer heiteren Außenseite nur ein Unglücklicher, der Andere zu täuschen und sich selbst zu betäuben sucht. Solche Leute, die in Gesellschaft so lustig, so zugänglich, so heiter sind, zeigen daheim fast Alle ein finsteres und mürrisches Wesen und an ihren Dienstleuten lassen sie ihren Aerger über die Mühe aus, welche ihnen das ihren Gesellschaften bereitete Vergnügen gekostet hat. Die wahre Zufriedenheit ist weder lustig noch ausgelassen; eifersüchtig auf ein so süßes Gefühl, sucht man es recht zu genießen und bleibt sich desselben auch beim Genüsse stets bewußt; man ist besorgt, es könnte entfliehen. Ein wahrhaft glücklicher Mensch spricht und lacht wenig; er verschließt sein Glück gleichsam in seinem Herzen. Rauschende Spiele, ausgelassene Freude bergen Ekel und Ueberdruß in sich. Melancholie dagegen ist die Freundin einer reinen Freude. Rührung und Thränen begleiten die süßesten Genüsse und selbst der höchste Grad des Entzückens entlockt uns eher Thränen als Lachen. Wenn es auch Anfangs den Anschein hat, als ob die Menge und Mannigfaltigkeit der Lustbarkeiten zum Glücke beitrüge, die Einförmigkeit eines geregelten und gleichmäßigen Lebens dagegen Langeweile hervorrufen müßte, so findet man gleichwol bei näherer Betrachtung, daß der süßeste Seelenzustand auf einem Maßhalten im Genusse beruht, welches weder Begierde noch Ueberdruß entstehen läßt. Die Unruhe der Begierden stachelt zu immer neuen Genüssen an, ruft Unbeständigkeit hervor, die Leere rauschender Vergnügungen erzeugt Langeweile. Wir werden unsern Zustand jedoch niemals langweilig finden, so lange wir keinen angenehmeren kennen. Von allen Menschen in der ganzen Welt tragen die Wilden am wenigsten Verlangen nach neuen Genüssen und fühlen sich am wenigsten gelangweilt. Alles ist ihnen gleichgiltig. Sie suchen ihren Genuß nicht in den Dingen, sondern in sich selbst. Sie verbringen ihr Leben mit Nichtsthun und langweilen sich dabei nie. Der Weltmann erscheint immer in fremder Maske. Da sich seine Gedanken fast nie mit ihm selbst beschäftigen, so ist er sich stets fremd und fühlt sich unangenehm berührt, sobald er zur Einkehr in sich gezwungen ist. Was er ist, bedeutet in seinen Augen nichts, der Schein gilt ihm Alles. Es ist mir nicht möglich, mir jenen jungen Mann, von dem ich oben sprach, anders als mit einem gewissen frechen, süßlichen und affectirten Zuge im Gesichte vorzustellen, welcher Mißfallen erregen und schlichte Leute abstoßen muß. Mein Zögling dagegen zeichnet sich nach meiner Vorstellung durch ein interessantes und einfaches Antlitz aus, auf welchem sich innere Zufriedenheit und wahre Heiterkeit der Seele abspiegelt, welches Achtung und Vertrauen einflößt und nur auf den Erguß der Freundschaft zu warten scheint, um denen, die ihm nahe treten, die seinige zu schenken. Man wähnt, daß die Gesichtsbildung nichts als die Entwickelung der von der Natur schon von Anbeginn an vorgezeichneten Züge sei. Ich dagegen bin der Ansicht, daß außer dieser Entwickelung die Gesichtszüge eines Menschen sich noch durch die wiederholentliche und gewohnheitsmäßige Einwirkung gewisser Seelenzustände unmerklich herausbilden und dadurch erst eine bestimmte Physiognomie annehmen. Nichts ist gewisser, als daß sich diese Seelenzustände auf dem Gesichte abspiegeln, und sobald sie zur Gewohnheit geworden sind, bleibende Eindrücke auf demselben zurücklassen müssen. Hierin liegt die Berechtigung für meine Behauptung, daß die Physiognomie den Charakter zu erkennen gibt und daß man bisweilen von dem Einen auf das Andere schließen kann, ohne erst geheimnißvolle Erklärungen zu Hilfe zu nehmen, welche Kenntnisse voraussetzen, die wir nicht besitzen. Ein Kind hat nur zwei deutlich ausgeprägte Seelenzustände: Freude und Schmerz; es lacht oder weint; die dazwischen liegenden Abstufungen kennt es nicht. Unaufhörlich geht es von einer dieser Erregungen zur andern über. Dieser beständige Wechsel tritt der Bildung eines bleibenden Eindrucks auf seinem Gesichte und dadurch der Ausprägung einer bestimmten Physiognomie hinderlich entgegen. In dem Alter dagegen, wo es für Eindrücke empfänglicher geworden ist und lebhafter und dauernder erregt wird, lassen die tieferen Eindrücke auch schwerer zu verwischende Spuren zurück, und seinem gewohnten Seelenzustande verdanken seine Gesichtszüge einen Charakter, welchen die Zeit unauslöschbar macht. Man kann indeß gar nicht selten die Beobachtung machen, daß Menschen auf verschiedenen Altersstufen ihren Gesichtsausdruck ändern. Ich selbst habe mehrfach diese Erfahrung gemacht, und mich, wenigstens bei denjenigen, die ich genau beobachten und verfolgen konnte, stets überzeugt, daß dann auch in ihren gewohnten Neigungen ein Wechsel eingetreten war. Schon diese Beobachtung allein scheint mir, wenn sie hinreichende Bestätigung findet, entscheidend und in einer Abhandlung über Erziehung, wo es darauf ankommt, sich ein richtiges Urtheil über die Vorgänge in der Seele nach den äußeren Kennzeichen zu bilden, nicht am unrechten Orte zu sein. Ich weiß nicht, ob der von mir erzogene junge Mann deshalb weniger liebenswürdig sein wird, weil er die Kunst nicht erlernt hat, herkömmliche Manieren nachzuahmen und Gefühle zu heucheln, die er nicht hat. Aber darum handelt es sich hier auch gar nicht. Ich weiß nur, daß er liebreicher sein wird, und es kommt mir schwer an, zu glauben, daß derjenige, der nur sich liebt, sich in so hohem Grade sollte verstellen können, daß er einen eben so angenehmen Eindruck hervorbrächte wie derjenige, welcher in seiner Liebe zu Anderen nur eine Steigerung des Gefühls seines Glückes findet. Was aber dies Gefühl selbst anlangt, so denke ich mich darüber hinreichend ausgesprochen zu haben, um die Aufmerksamkeit eines verständigen Lesers auf diesen Punkt zu richten und den Beweis zu liefern, daß ich mir nicht widersprochen habe. Ich komme also auf meine Methode zurück und sage: Wenn das kritische Alter herannaht, so lasset die jungen Leute nur solche Dinge sehen, die geeignet sind, sie zurückzuhalten, nicht aber solche, die aufregend auf sie wirken. Gebt ihrer Einbildungskraft keine Nahrung und beschäftigt sie deshalb nur mit Dingen, die die Sinnlichkeit nicht entflammen, sondern die Thätigkeit derselben zurückhalten. Entfernt sie aus den großen Städten, wo der Putz und die unzüchtige Aufdringlichkeit der Frauen die Unterweisungen der Natur beschleunigt und ihnen zuvorkommt, wo Alles ihren Augen Vergnügungen ausmalt, die sie nicht eher kennen lernen sollen, als bis sie im Stande sind, eine richtige Auswahl unter ihnen zu treffen. Bringt sie in ihre früheste Heimat zurück, wo die ländliche Einfachheit eine weniger schnelle Entwicklung der Leidenschaften ihres Alters zuläßt. Sollte sie jedoch ihre Liebe zu den Künsten auch ferner an die Stadt fesseln, so wendet diese Liebe als Mittel an, sie von einem gefährlichen Müßiggange fern zu halten. Verwendet die größte Sorgfalt auf die Wahl ihres Gesellschaftskreises, ihrer Beschäftigungen und Vergnügungen. Laßt sie nur den Anblick rührender, aber züchtiger Bilder genießen, welche sie ergreifen, ohne sie zu verführen, welche ihr Gefühl anfachen, ohne ihre Sinnlichkeit aufzuregen. Bedenket übrigens, daß überall Uebertreibungen zu befürchten sind, und daß maßlose Gemüthserregungen stets mehr Unheil stiften, als man dadurch zu verhüten vermag. Es handelt sich nicht darum, aus eurem Zögling einen Krankenwärter, einen barmherzigen Bruder zu machen, seine Augen durch den fortwährenden Anblick von Leiden und Schmerzen zu verletzen, ihn von Krankenbett zu Krankenbett, von Hospital zu Hospital, vom Richtplatz in die Gefängnisse zu schleppen. Der Anblick des menschlichen Elends soll einen wohlthätigen Einfluß auf ihn ausüben, ihn aber nicht verhärten. Tritt uns lange Zeit immer nur derselbe Anblick entgegen, so werden wir endlich gegen die Eindrücke desselben unempfindlich. Mit der Zeit gewöhnt man sich an Alles. Ein zu häufig wiederkehrender Anblick beschäftigt unsere Einbildungskraft nicht mehr, und doch ist diese es allein, welche uns fremdes Leid mitfühlen läßt. In Folge ihrer öfteren Anwesenheit bei dem Todeskampfe und den Leiden Anderer verlieren Geistliche und Aerzte allmählich alles Mitgefühl. Euer Zögling lerne deshalb das menschliche Loos und das Elend seiner Mitmenschen kennen, aber er darf nicht allzu oft Zeuge desselben sein. Ein einziger Gegenstand wird, wenn er gut gewählt ist und ihm in dem rechten Augenblicke gezeigt wird, ihn einen Monat lang aufregen und zu ernsten Betrachtungen veranlassen. Nicht sowol der gehabte Anblick selbst, als vielmehr die Rückerinnerung an das, was er gesehen hat, liegt dem Urtheile zu Grunde, welches er darüber fällt, und den bleibenden Eindruck, den er von einem Gegenstände empfängt, verdankt er weniger dem Gegenstande selbst, als dem Gesichtspunkte, unter welchem er Veranlassung, findet, sich desselben zu erinnern. So werdet ihr, wenn ihr euch auf wenige Beispiele, Lehren und Bilder beschränkt, den Stachel der Sinnlichkeit auf lange Zeit abstumpfen, und dadurch, daß ihr der von der Natur selbst eingeschlagenen Richtung folgt, sie von allen Irrwegen ablenken. Nach Maßgabe der Einsichten, welche sich euer Zögling erworben hat, wählt nun auch solche Begriffe aus, welche sich auf dieselben beziehen, und in dem Maße, als sich seine Begierden entzünden, wählt Bilder, die geeignet sind, sie niederzuhalten. Ein alter Soldat, der sich in gleich hohem Grade durch die Reinheit seines Wandels wie durch seinen Muth auszeichnete, erzählte mir einst, wie sein Vater, ein sehr verständiger, aber auch sehr frommer Mann, als er die Wahrnehmung gemacht habe, daß ihn, den Sohn, schon frühzeitig seine Neigung zu den Frauen hinziehe, nichts unversucht gelassen habe, um dieselbe zu unterdrücken. Als sich jedoch der Vater nicht mehr habe verhehlen können, daß der Sohn aller aufgebotenen Sorgfalt ungeachtet Miene mache, sich der väterlichen Überwachung gänzlich zu entziehen, sei er auf den Einfall gerathen, ihn in ein Hospital für Syphilitische zu führen. Ohne ihn vorher davon in Kenntniß zu setzen, habe er ihn in einen Saal eintreten lassen, in welchem eine große Anzahl dieser Unglücklichen unter einer mit furchtbaren Schmerzen verbundenen Kur für den ausschweifenden Lebenswandel, der sie hierher geführt, habe büßen müssen. Bei diesem gräßlichen Anblicke, der alle Sinne zu gleicher Zeit aufgeregt, sei der junge Mensch beinahe unwohl geworden. »Geh, elender Wüstling,« habe ihm darauf der Vater in heftigem Tone zugerufen, »folge der verächtlichen Neigung, die dich fortreißt; bald wirst du dich nur allzu glücklich fühlen, in diesem Saale Aufnahme zu finden, wo du, ein Opfer der schimpflichsten Schmerzen, deinen Vater zwingen wirst, Gott für deinen Tod zu danken.« Diese wenigen Worte im Vereine mit dem ergreifenden Gemälde, welches sich vor den Augen des jungen Mannes entrollte, machten einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn. Durch seinen Stand dazu verurtheilt, seine Jugend in Garnisonstädten zu verleben, ertrug er lieber alle Spöttereien seiner Kameraden, als daß er sich dazu verstanden hätte, ihre Ausschweifungen nachzuahmen. »Ich bin auch ein Mensch gewesen,« sagte er zu mir, »und habe meine Schwächen gehabt, aber bis in mein jetziges Alter habe ich nie eine öffentliche Dirne ohne Grausen anzusehen vermocht.« Lehrer, wenige Worte, lerne aber Ort, Zeit und Personen wählen; und ferner gehe bei all deinem Unterrichte von Beispielen aus, dann kannst du des Erfolges sicher sein. Auf die Anwendung des Kindesalters kommt nicht viel an. Fehler, die sich während desselben einschleichen, lassen sich noch heilen, und das Gute, zu dem vielleicht der Keim gelegt wird, kann auch später nachgeholt werden. Anders verhält es sich aber mit der ersten Periode des Jünglingsalters, in der der Mensch erst eigentlich zu leben beginnt. Mit Rücksicht auf die Anwendung, die man von diesem Alter machen soll, darf man wol behaupten, daß es nie lange genug dauere, und daß seine Wichtigkeit eine ununterbrochene Aufmerksamkeit erheische. Deshalb lege ich ein ganz besonderes Gewicht auf die Kunst, es zu verlängern. Eine der besten Vorschriften in Bezug auf die richtige Anwendung desselben ist, Alles so viel als möglich zu verzögern. Richtet es so ein, daß alle Fortschritte langsam und sicher seien. Verhindert, daß der Jüngling in dem Augenblicke Mann werde, wo ihm seinerseits nichts mehr zu thun übrig bleibt, um es zu werden. So lange der Körper noch im Wachsthume begriffen ist, werden auch die Lebensgeister, welche die Bestimmung haben, dem Blute Balsam und den Fibern Kraft zu verleihen, gebildet und bereitet. Wenn ihr sie aber veranlaßt, eine andere Richtung zu nehmen, wenn das, was zur völligen Ausbildung eines Individuums bestimmt ist, zur Bildung eines anderen dienen muß, dann werden alle Beide dem Zustande der Schwäche verfallen, und das Werk der Natur bleibt unvollkommen. Auch die Geistesthätigkeiten leiden unter dieser Vergeudung der Lebenssäfte, und die Seele, welche die Kraftlosigkeit des Körpers theilt, zeigt sich in ihren Verrichtungen schwach und matt. Große und kräftige Glieder bringen eben freilich weder Muth noch Genie; ich begreife recht wohl, daß die Seelenstärke nicht die Begleiterin der Körperkraft sein kann, wenn die Organe, auf denen die Vereinigung der Seele und des Leibes beruht, im Uebrigen von schlechter Beschaffenheit sind. Wie gut sie indeß auch immer beschaffen sein mögen, so werden sie doch stets nur eine schwache Thätigkeit auszuüben vermögen, wenn sie ihre Kraft nur aus einem erschöpften, verarmten Blute ergänzen können, dem gerade jene Substanz fehlt, welche allen Federn der Maschine Kraft und Bewegung verleiht. Im Allgemeinen bemerkt man bei Männern, die in ihren Jünglingsjahren vor einer frühzeitigen Verderbniß behütet worden sind, mehr Seelenstärke als bei solchen, bei welchen ein ausschweifendes Leben schon in dem Augenblicke begann, wo sie sich befähigt fanden, sich demselben zu überlassen. Hierin liegt auch ohne Zweifel einer der Gründe, weshalb die Völker, welche sich durch Reinheit der Sitten auszeichnen, gewöhnlich solche, welche lockere Sitten haben, an gesunder Vernunft und an Muth übertreffen. Letztere glänzen einzig und allein durch gewisse kleinliche, den Charakter der Verschmitztheit an sich tragende Eigenschaften, die sie Witz, Scharfsinn, Feinheit nennen; aber jene großen und edelen Erweisungen der Weisheit und Vernunft, die den Menschen durch schöne Handlungen, durch Tugenden und durch wahrhaft nützliche Bestrebungen auszeichnen und ehren, finden sich sicherlich nur bei den Ersteren. Die Lehrer pflegen die Klage zu erheben, daß das diesem Alter eigene Feuer die Jugend unlenksam mache, und ich habe mich durch den Augenschein davon überführt. Aber liegt die Schuld nicht in ihnen selbst? Sollten sie nicht wissen, daß man diesem Feuer, sobald es einmal die Sinnlichkeit in Flammen gesetzt hat, niemals eine andere Richtung zu geben vermag? Werden etwa die langen und frostigen Predigten eines Pedanten in dem Geiste seines Zöglings das Bild der Freuden, die er genossen hat, wieder verwischen? Werden sie aus seinem Herzen die Lüste verbannen, die es quälen? Werden sie die Glut einer Sinnlichkeit ersticken, deren Anwendung ihm schon bekannt ist? Wird sich nicht sein ganzer Zorn gegen die Hindernisse kehren, welche sich dem einzigen Glücke, von dem er eine Vorstellung hat, entgegenstellen? Und was wird er in dem harten Gesetze, welches man ihm vorschreibt, ohne es ihm gleichzeitig zum Verständniß bringen zu können, anders erblicken, als die Laune und den Haß eines Mannes, der darauf ausgeht, ihn zu peinigen? Ist es so seltsam, daß er sich dagegen auflehnt und ihn nun von ganzem Herzen haßt? Ich sehe sehr wohl ein, daß man sich durch Nachsicht weniger widerwärtig machen und eine scheinbare Autorität bewahren kann. Aber mir fehlt völlig das Verständniß, welchen Nutzen eine Autorität schafft, welche man über seinen Zögling nur dadurch zu bewahren vermag, daß man die Laster, die sie unterdrücken sollte, groß zieht? Das ist genau dasselbe, als wenn ein Reiter ein unbändiges Roß, um es zu bändigen, in einen Abgrund springen ließe. Weit davon entfernt, daß dieses jugendliche Feuer ein Hinderniß der Erziehung sei, trägt es vielmehr zur Vollendung und Beendigung derselben bei; es verleiht euch Gewalt über das Herz eines Jünglings, sobald er aufhört weniger stark zu sein als ihr. Die ersten Aeußerungen seiner Leidenschaft bilden die Zügel, an denen ihr alle seine Regungen zu lenken vermögt; er war frei, jetzt aber sehe ich ihn unterworfen. So lange er noch nichts liebte, hing er nur von sich selbst und seinen Bedürfnissen ab; sobald er jedoch liebt, ist er von den Gegenständen seiner Liebe abhängig. Auf diese Weise bilden sich die ersten Bande, die ihn an das menschliche Geschlecht fesseln. Gebet euch indeß, wenn ihr euch bemüht, seine erwachende Liebe auf dasselbe zu lenken, nicht dem Wahne hin, als ob sie sofort alle Menschen umfassen und der Ausdruck »Menschengeschlecht« irgend eine Bedeutung für ihn haben werde. Nein, diese Liebe wird sich anfänglich auf seines Gleichen beschränken, und als seines Gleichen wird er nicht Unbekannte, sondern nur Solche anerkennen, mit denen er in freundschaftlichen Verhältnissen steht, Solche, welche ihm Gewohnheit lieb oder nothwendig gemacht hat, Solche, an denen er augenscheinlich bemerkt, daß sie seine ganze Anschauungs- und Empfindungsweise theilen, Solche, die er denselben Leiden ausgesetzt sieht, die er selbst erduldet, und die für dieselben Freuden empfänglich sind, an denen er seine Lust gehabt hat, mit einem Worte Solche, deren völlige Uebereinstimmung mit seiner Natur ihn mit der größten Zuneigung zu ihnen erfüllt. Erst nach allseitiger Ausbildung seines Naturells, nach vielfältigen Reflexionen über seine eigenen und an Anderen beobachteten Empfindungen, wird er sich so weit emporschwingen, seine individuellen Vorstellungen zu dem abstracten Begriffe der Menschheit zu verallgemeinern und seinen persönlichen Neigungen noch diejenigen anzureihen, die ihn mit seiner Gattung in jeder Beziehung in Uebereinstimmung zu setzen vermögen. Von dem Augenblicke an, wo er der eigenen Zuneigung fähig wird, wird er auch für die ihm entgegenkommende Liebe Anderer empfänglich Die Zuneigung kann der Erwiderung entbehren, nie aber die Freundschaft. Letztere ist ein gegenseitiger Austausch, ein Vertrag wie jeder andere, aber der heiligste von allen. Für das Wort Freund gibt es kein anderes Correlativ. Ein jeder Mensch, der nicht der Freund seines Freundes ist, ist sicherlich ein Schurke, da man Freundschaft nur durch Erweisung oder Erheuchelung von Freundschaft erlangen kann. und in Folge dessen auf die Zeichen derselben aufmerksam. Begreift ihr, welche neue Herrschaft ihr dadurch über ihn erlangen werdet? Mit welchen Fesseln habt ihr sein Herz umschlungen, ehe er es gewahr wurde! Welche Gefühle werden sich seiner nicht bemächtigen, wenn ihm erst die Augen über sich selbst aufzugehen beginnen und er nun mit einem Male sehen wird, was ihr für ihn gethan habt; wenn er erst im Stande sein wird, sich mit anderen jungen Leuten seines Alters und euch mit anderen Erziehern zu vergleichen! Ich sage ausdrücklich: Wenn er es sehen wird! Hütet euch aber wohl, ihn darauf aufmerksam zu machen; wenn ihr es ihm sagt, wird er es nicht mehr wahrnehmen. Verlangt ihr von ihm als eine Art Vergeltung für die Mühe, die ihr euch mit ihm gegeben habt, Gehorsam, so wird er sich einbilden, ihr wolltet denselben durch List von ihm erzwingen; er wird sich einreden, ihr hättet euch nur gestellt, ihm ohne allen Anspruch auf Dank einen Dienst zu leisten, in Wahrheit hättet ihr jedoch die Absicht gehabt, ihn mit einer Schuld zu beladen und durch einen Vertrag zu binden, zu welchem er in keiner Weise seine Zustimmung gegeben habe. Umsonst werdet ihr hinzufügen, daß ja das, was ihr von ihm verlangt, nur zu seinem Besten diene; ihr verlangt einmal, und verlangt kraft dessen, was ihr ohne seine Zustimmung gethan habt. Wenn ein Unglücklicher das Geld annimmt, mit dem man ihm ein Geschenk zu machen vorgibt, und dadurch wider seinen Willen angeworben wird, so schreit ihr über Ungerechtigkeit; seid ihr aber nicht noch viel ungerechter, wenn ihr von eurem Zöglinge den Lohn für eine Sorgfalt fordert, die er gar nicht von euch verlangt hat? Die Undankbarkeit würde viel seltener sein, wenn die Wohlthaten auf Wucher nicht so allgemein wären. Es ist ein so natürliches Gefühl, daß man den liebt, welcher uns Gutes erweist. Die Undankbarkeit findet sich nicht im menschlichen Herzen, wohl aber der Eigennutz. Es gibt weniger Undankbare, die eine Ursache zum Danke haben, als eigennützige Wohlthäter. Multos experimur ingratos, plures facimus, quia graves exprobratores exactoresque sumus ... Ita gratiam omnem corrumpimus, non tantum postquam dedimus beneficia, sed dum damus. Seneca, de benef. lib. I, cap. I. Sagt ihr offen, daß ihr mir eure Liebesgaben verkauft, so werde ich um den Preis feilschen. Stellt ihr euch aber, als machtet ihr ein wirkliches Geschenk, um nachher trotzdem einen euch beliebigen Preis darauf zu setzen, so übt ihr Betrug. Nur das Geschenk, bei dem man keinen Anspruch auf Dank erhebt, ist unschätzbar. Das Herz nimmt nur die Gesetze an, die aus ihm selber fließen. Will man ihm Fesseln anlegen, so gibt man ihm dadurch erst recht die Freiheit nur wenn man es frei läßt, vermag man es zu fesseln. Wenn der Fischer den Köder auswirft, so kommt der Fisch herbei und schwimmt ohne Mißtrauen um denselben herum. Wenn er aber von dem unter der Lockspeise angebrachten Angelhaken erfaßt wird und fühlt, daß die Schnur zurückgezogen wird, bestrebt er sich, zu fliehen. Ist der Fischer nun etwa der Wohlthäter, der Fisch der Undankbare? Macht man je die Erfahrung, daß ein von seinem Wohlthäter vergessener Mensch diesen auch seinerseits vergißt? Im Gegentheil, es macht ihm Freude, beständig von demselben zu sprechen, und nie gedenkt er seiner ohne Rührung. Findet sich Gelegenheit, wo er ihm durch einen unerwarteten Dienst beweisen kann, daß er der empfangenen Wohlthaten noch immer eingedenk sei, mit welcher inneren Befriedigung erfüllt er dann die Pflicht der Dankbarkeit! Mit welcher süßen Freude gibt er sich ihm zu erkennen! Mit welchem Entzücken sagt er zu ihm: »Jetzt ist die Reihe an mir!« – Wahrlich, darin spricht sich die Stimme der Natur aus. Sicherlich hat eine wahre Wohlthat noch nie einen Undankbaren gemacht. Wenn also die Dankbarkeit ein natürliches Gefühl ist, und ihr die Aeußerung derselben nicht durch eigene Schuld verhindert, so könnt ihr euch versichert halten, daß euer Zögling, sobald er erst den Werth eurer Sorgfalt einzusehen beginnt, dieselbe zu würdigen wissen wird, vorausgesetzt, daß ihr ihren Preis nicht selbst festgesetzt habt, und könnt auch glauben, daß sie euch in seinem Herzen eine durch nichts zu erschütternde Autorität verschaffen wird. Bevor ihr jedoch dieses Vortheils völlig sicher seid, müßt ihr sehr auf eurer Hut sein, desselben nicht dadurch verlustig zu gehen, daß ihr euch bei ihm ein besonderes Ansehen geben wollt. Eure Dienste in seiner Gegenwart herausstreichen, heißt sie ihm unerträglich machen, sie vergessen, heißt sie ihm ins Gedächtniß rufen. Bis zu dem Zeitpunkte, wo eine männliche Behandlung ihm gegenüber nöthig wird, darf nie die Rede davon sein, was er euch, sondern nur davon, was er sich selbst zu verdanken hat. Um ihn folgsam zu machen, lasset ihm volle Freiheit; entzieht euch ihm, damit er euch aufsuche; erhebt seine Seele zu dem edelen Gefühle der Dankbarkeit, indem ihr lediglich von seinem eigenen Interesse zu ihm redet. Ich habe gewünscht, daß man ihm nicht eher sage, daß Alles, was man für ihn gethan habe, zu seinem eigenen Besten sei, als bis er im Stande wäre, es zu verstehen. Er würde aus einer solchen Erklärung nur eure Abhängigkeit herausgefühlt und euch als seinen Diener betrachtet haben. Jetzt jedoch, wo er zu fühlen beginnt, was lieben heißt, sagt ihm auch sein Gefühl, welch süßes Band einen Menschen mit dem, welchen er liebt, vereinigen könne; und in dem Eifer, mit dem ihr euch unaufhörlich um ihn beschäftigt, erblickt er nicht mehr die bloße Ergebenheit eines Sklaven, sondern die Liebe eines Freundes. Aber nichts hat einen größeren Einfluß auf das Menschenherz, als die Stimme offen bekannter Freundschaft, denn man weiß, daß sie sich stets nur in unserem Interesse erhebt. Man kann zwar annehmen, daß ein Freund sich selbst täuscht, nicht aber, daß er darauf ausgehe, uns zu täuschen. Bisweilen fühlt man sich mit seinen Rathschlägen nicht einverstanden, nie aber verachtet man sie. Jetzt endlich sind wir bei der moralischen Ordnung angelangt. Wir haben soeben einen zweiten Mannesschritt gethan. Wenn hier der Ort dazu wäre, so würde ich nachzuweisen versuchen, wie sich schon bei den ersten Regungen des Herzens sofort die Stimme des Gewissens vernehmen läßt, und wie schon die ersten Gefühle der Liebe und des Hasses auch die ersten Begriffe von gut und böse in ihrem Gefolge haben. Ich würde anschaulich machen, daß Gerechtigkeit und Güte nicht bloße abstracte Worte, nicht bloße moralische Gebilde der Vernunft sind, sondern wirkliche Gefühle der durch die Vernunft erleuchteten Seele, welche nur eine von der Natur gebotene Fortbildung unseres ursprünglichen Seelenzustandes bilden; daß man durch die Vernunft allein und unabhängig vom Gewissen kein natürliches Gesetz aufzustellen vermag, und daß das ganze sogenannte Naturrecht Nichts als ein Hirngespinnst ist, wenn es sich nicht auf ein dem Menschenherzen natürliches Bedürfniß gründet. Sogar das Gebot, gegen Andere so zu handeln, wie wir wünschen, daß man gegen uns handele, findet seinen wahren Grund nur in dem Gewissen und in dem Gefühle; denn welcher unanfechtbare Grund könnte mich wol bestimmen, daß ich, obwol ich eben ich bin, so handeln soll, als ob ich ein Anderer wäre, vor allen Dingen wenn ich moralisch überzeugt bin, daß ich mich niemals in dem nämlichen Falle befinden werde? Und wer will mir dafür Bürgschaft ablegen, daß selbst bei der treuesten Befolgung dieses Grundsatzes meinerseits ihn auch Andere mir gegenüber zur Geltung bringen werden? Der Böse zieht aus der Rechtschaffenheit des Gerechten so wie aus seiner eigenen Unredlichkeit Vortheil. Er würde damit ganz zufrieden sein, wenn alle Welt, mit Ausnahme von ihm, rechtschaffen wäre. Was man auch immer darüber sagen möge, so steht doch so viel fest, daß dieser Vertrag für die Guten nicht eben sehr vortheilhaft ist. Wenn jedoch die Kraft meiner sich mittheilenden Seele mich mit meinem Nebenmenschen identificirt und ich mich gleichsam in ihm fühle, so will ich von ihm alles Leid fern wissen, um eben nicht selbst zu leiden. Ich nehme aus Liebe zu mir Antheil an ihm, und der Grund des Gebots liegt in der Natur selbst, die mir den Wunsch nach Wohlbefinden einflößt, welches an keinen bestimmten Ort gebunden sein darf. Hieraus ziehe ich den Schluß, daß es nicht wahr ist, daß die Vorschriften des Naturgesetzes allein auf die Vernunft gegründet seien. Sie haben einen festeren und sicherern Grund. Die aus der Selbstliebe stammende Menschenliebe ist das Princip der menschlichen Gerechtigkeit. Die Summe aller Moral ist im Evangelium gegeben. Allein ich habe mir nicht die Aufgabe gestellt, hier metaphysische und moralische Abhandlungen oder Lehrgänge irgend welcher Art zu schreiben; es genügt mir, die Reihenfolge und den Fortschritt unserer Gefühle und unserer Kenntnisse im Verhältnisse zu unserer sonstigen Lage anzudeuten. Andere werden vielleicht das, was ich hier nur flüchtig skizzire, ausführlicher auseinandersetzen. Da bisher mein Emil nur auf sich selbst geachtet hat, so treibt ihn der erste Blick, welchen er auf seine Nebenmenschen wirft, zur Vergleichung mit denselben an, und das erste Gefühl, welches diese in ihm hervorruft, ist der Wunsch, die erste Stelle einzunehmen. Das ist nun der Punkt, wo sich die Selbstliebe in Eigenliebe verwandelt, und wo sich alle Eigenschaften, die Letztere stets in ihrem Gefolge mit sich führt, zu bilden beginnen. Um indeß zu entscheiden, ob diejenigen dieser Leidenschaften, welche in seinem Charakter zur Herrschaft gelangen werden, menschlich und sanft, oder grausam und bösartig, ob es Leidenschaften des Wohlwollens und des Erbarmens oder des Neides und der Begehrlichkeit sein werden, muß er sich darüber klar werden, welche Stellung er von nun an unter den Menschen einzunehmen gedenkt und welche Art von Hindernissen sich ihm aller Voraussetzung nach entgegenstellen werden, um diejenige in der That zu erlangen, die er sich zu erwerben wünscht. Um ihn bei dieser Untersuchung zu leiten, muß man ihm die Menschen, nachdem man sie ihn zuvor nur nach den der ganzen Gattung gemeinsamen Eigenschaften kennen gelehrt hat, auch nach ihren Verschiedenheiten zeigen. Hier lenkt sich nun der Blick auf die Größe der natürlichen wie der bürgerlichen Ungleichheit unter den Menschen und auf das Gemälde der ganzen socialen Ordnung. Man muß die Gesellschaft durch die Menschen und die Menschen durch die Gesellschaft studiren. Diejenigen, welche die Politik und die Moral gesondert von einander behandeln wollen, werden nie dazu gelangen, auch nur eine derselben richtig zu verstehen. Richten wir unsere Aufmerksamkeit zunächst nur auf die ursprünglichen Verhältnisse, so erkennen wir schon, einen wie hohen Einfluß sie auf die Menschen gewinnen und welche Leidenschaften sie wachrufen müssen. Ferner bemerken wir, wie mit dem Fortschreiten der Leidenschaften die Vermehrung so wie die Beschränkung dieser Verhältnisse gleichen Schritt hält. Die Unabhängigkeit und Freiheit der Menschen beruht weniger auf der Kraft der Arme als vielmehr auf der Mäßigung der Herzen. Wer wenig begehrt, hängt von Wenigen ab. Weil wir jedoch unsere eitlen Wünsche beständig mit unseren physischen Bedürfnissen verwechseln, so haben diejenigen, welche in letzteren die Grundlage der menschlichen Gesellschaft gefunden zu haben glauben, die Wirkungen regelmäßig für die Ursachen gehalten, und haben deshalb mit allen ihren Schlußfolgerungen niemals zu einem richtigen Resultate kommen können. Im Naturzustande gibt es in der That eine wirkliche und unzerstörbare Gleichheit, weil der alleinige Unterschied zwischen Mensch und Mensch in diesem Zustande unmöglich groß genug sein kann, um den Einen in die Abhängigkeit des Andern zu bringen. Im bürgerlichen Zustande gibt es dafür eine Rechtsgleichheit, die aber nur in der Einbildung besteht, weil die zu ihrer Erhaltung bestimmten Mittel selbst an ihrer Zerstörung arbeiten und die öffentliche Gewalt, deren sich der Stärkere nur zur Unterdrückung des Schwächeren bedient, die Gleichheit vernichtet, welche die Natur zwischen ihnen hergestellt hatte. Der allgemeine Geist der Gesetze aller Länder hat sich unverkennbar die Aufgabe gestellt, stets den Starken gegen den Schwachen und den Besitzenden gegen den Nichtbesitzenden zu begünstigen. Dieser Uebelstand ist unvermeidlich und ohne Ausnahme. Aus diesem ersten Widerspruche leiten sich alle übrigen her, die in der bürgerlichen Ordnung zwischen Schein und Wirklichkeit hervortreten. Stets wird die Menge der Minorität und das öffentliche Interesse dem Sonderinteresse geopfert werden. Immer werden die Namen Gerechtigkeit und Unterordnung, denen ja eine gewisse Berechtigung zur Seite steht, der Gewalt als Werkzeuge und der Ungerechtigkeit als Waffen dienen. Hieraus ergibt sich, daß die bevorzugten Classen, welche den anderen Ständen Nutzen zu bringen behaupten, in Wahrheit nur auf Kosten der übrigen ihrem eigenen Nutzen nachjagen. Darnach läßt sich beurtheilen, welches Ansehen ihnen nach Recht und Vernunft gebührt. Um darüber ins Klare zu kommen, wie Jeder von uns sein eigenes Schicksal beurtheilen müsse, bleibt uns noch zu erwägen, ob der Rang, den sie sich beigelegt haben, auch wirklich zum Glücke derer, die ihn einnehmen, ausschlägt. Diese Untersuchung ist für uns jetzt von größter Wichtigkeit; um sie aber mit Erfolg anstellen zu können, müssen wir zunächst das menschliche Herz kennen zu lernen suchen. Wenn es sich nur darum handelte, den jungen Leuten den Menschen in seiner Maske zu zeigen, so könnte man von diesem Beginnen dreist abstehen, weil er sich ihren Blicken nur allzu häufig ganz von selbst darbieten würde. Da indeß die Maske nicht der Mensch selbst ist, und sein äußerer Firniß sie nicht irre führen darf, so malt ihnen die Menschen, wenn ihr euch einmal diese Aufgabe gestellt habt, so wie sie in Wirklichkeit beschaffen sind, nicht um ihnen Haß gegen dieselben, sondern Mitleid mit ihnen und den Wunsch einzuflößen, ihnen nicht ähnlich werden zu wollen. Das ist meines Erachtens das richtigste Gefühl, von welchem der Mensch in Bezug auf seine Gattung erfüllt sein kann. Von diesem Gesichtspunkte aus wird sich unschwer die Nothwendigkeit nachweisen lassen, von jetzt an einen dem bisher verfolgten ganz entgegengesetzten Weg einzuschlagen und den jungen Mann vielmehr durch die Erfahrung, welche er Andere machen sieht, als durch seine eigene zu unterrichten. Wird er von den Menschen getäuscht, so wird er sie hassen; nimmt er dagegen wahr, daß sie sich, während sie es an Achtung gegen ihn nicht fehlen lassen, gegenseitig täuschen, so wird er sie bemitleiden. Das Schauspiel der Welt, sagt Pythagoras, gleicht dem der olympischen Spiele; Etliche schlagen Buden auf und haben nur ihren Gewinn im Auge; Andere setzen, um Ruhm zu gewinnen, ihr Leben ein, und wieder Andere begnügen sich, den Spielen zuzuschauen, und das sind nicht die Schlechtesten. Mein Wunsch wäre, man wählte die Gesellschaft eines jungen Mannes derart, daß er sich von denen, die mit ihm leben, nur eine gute Meinung bilden könnte, während man ihm gleichzeitig eine so genaue Weltkenntniß beibrächte, daß er von Allem, was sich in der Welt zuträgt, eine schlechte Meinung faßte. Er lerne, daß der Mensch von Natur gut ist, er fühle die Wahrheit lebendig in sich selbst und schließe von sich auf seinen Nächsten. Aber es darf seinen Blicken auch nicht entgehen, daß die Gesellschaft die Menschen verdirbt und verschlechtert; in ihren Vorurtheilen finde er die Quelle aller ihrer Fehler. Bei aller Achtung des Einzelnen verachte er die Menge. Er überzeuge sich davon, daß alle Menschen fast die gleiche Maske tragen, aber er erfahre auch, daß es Gesichter gibt, die schöner sind als die Maske, welche sie bedeckt. Diese Methode hat unläugbar ihre Schattenseiten und bietet in der Praxis große Schwierigkeiten dar, denn wird der junge Mann zu früh Beobachter, haltet ihr ihn an, den Handlungen Anderer eine allzu große Aufmerksamkeit zu schenken, so tragt ihr selbst die Schuld, wenn sich in ihm ein Hang zum Spott und zur Satire herausbildet, wenn er sich ein absprechendes und vorschnelles Wesen aneignet. Er wird eine häßliche Freude darin finden, Alles auf das Uebelste auszulegen und selbst das wirklich Gute mit sehenden Augen nicht zu sehen. Wenigstens wird er sich an den Anblick des Lasters gewöhnen, und es dahin bringen, die Schlechten ohne Abscheu anzublicken, genau in derselben Weise, wie man sich daran gewöhnt, die Unglücklichen ohne Mitleid zu betrachten. Binnen Kurzem wird ihm die allgemeine Verderbniß weniger zur Lehre als zur Entschuldigung dienen. Er wird sich ganz einfach sagen, wenn der Mensch einmal so beschaffen sei, so wäre auch keine Ursache vorhanden, anders sein zu wollen. Hegt ihr dagegen die Absicht, ihn nach Grundsätzen zu unterrichten und ihn nicht nur mit der Natur des menschlichen Herzens, sondern auch mit der Einwirkung der äußeren Ursachen bekannt zu machen, welche unsere Neigungen in Laster verwandeln, so wendet ihr, indem ihr seine Aufmerksamkeit plötzlich von sinnlichen Gegenständen auf intellectuelle hinlenkt, eine Metaphysik an, die er nicht zu begreifen im Stande ist; ihr verfallt in den Uebelstand, den ihr bisher so sorgfältig vermieden habt, ihm nicht durch die Anschauung gewonnene, sondern rein abstracte Lehren zu geben und in seinem Geiste an Stelle seiner eigenen Erfahrung und der Fortschritte seiner sich stetig entwickelnden Vernunft die Erfahrung und Autorität des Lehrers zu setzen. Zur gleichzeitigen Beseitigung beider Hindernisse und um seiner Fassungskraft die Kenntniß des menschlichen Herzens zu erleichtern, ohne daß ich Gefahr zu laufen brauche, das seinige zu verderben, beabsichtige ich ihm die Menschen von ferne zu zeigen, sie ihm aus anderen Zeiten oder an anderen Orten und zwar dergestalt zu zeigen, daß er den Schauplatz zu überblicken vermag, ohne in die Möglichkeit versetzt zu sein, handelnd auf demselben aufzutreten. Damit ist der richtige Augenblick für den Beginn des Geschichtsunterrichts gegeben. Durch seine Vermittelung wird er ohne die Lehren der Philosophie in den Herzen lesen lernen, durch seine Beihilfe wird er die Menschen in der Eigenschaft eines einfachen Zuschauers, ohne Interesse und Leidenschaft, als ihr Richter, nicht aber als ihr Mitschuldiger und ihr Ankläger betrachten. Will man die Menschen kennen lernen, muß man sie handeln sehen. In der Welt hört man sie nur sprechen; in ihren Reden treten sie zwar öffentlich hervor, aber ihre Handlungen verbergen sie. In der Geschichte stehen sie jedoch entschleiert vor uns, und man beurtheilt sie nach ihren Thaten. Selbst ihre Reden sind uns zu ihrer richtigen Beurtheilung behilflich, denn durch Vergleich ihrer Thaten und ihrer Worte erkennt man zugleich, was sie sind und welchen Schein sie sich geben wollen; je mehr sie sich verstellen, desto besser erkennt man sie. Unglücklicherweise ist dieses Studium mit Gefahren und Uebelständen vielfacher Art verbunden. Es bietet Schwierigkeiten dar, sich auf einen Standpunkt zu stellen, von dem aus man seine Mitmenschen mit Billigkeit zu beurtheilen im Stande ist. Eine große Schattenseite der Geschichte liegt in dem Umstande, daß sie die Menschen weit mehr nach ihren schlimmen als nach ihren guten Seiten darstellt. Da sie unser Interesse nur durch Revolutionen und Katastrophen zu fesseln weiß, so bleibt sie stumm, so lange ein Volk in der Stille einer friedlichen Regierung zunimmt und in glücklichen Verhältnissen lebt; sie fängt erst dann wieder von demselben zu berichten an, wenn es, außer Stande sich selbst zu genügen, sich in die Angelegenheiten seiner Nachbarn mischt oder sich Letztere in die seinigen mischen läßt; erst dann stellt sie ein Volk in das glänzendste Licht, wenn es seinem Untergange bereits nahe ist. Alle unsere Geschichtswerke beginnen da, wo sie schließen sollten. Es fehlt uns nicht an eingehenden Werken über die geschichtliche Entwicklung derjenigen Völker, die zerfallen und zu Grunde gehen, um so mehr aber an Schilderungen solcher Völker, die sich einer ruhigen und gleichmäßigen Zunahme zu erfreuen haben. Sie sind so glücklich und so weise, daß die Geschichte nichts von ihnen zu berichten weiß. Und in der That können wir uns selbst in unsern Tagen davon überzeugen, daß man von den besten Regierungen am wenigsten spricht. Es ist uns also nur das Schlechte bekannt, das Gute vermag kaum Aufmerksamkeit zu erregen. Nur die Bösen gelangen zur Berühmtheit, die Guten gerathen in Vergessenheit oder werden Gegenstände des Gelächters, und so verleumdet die Geschichte eben so wie die Philosophie unaufhörlich das menschliche Geschlecht. Dazu tritt ferner noch der Uebelstand, daß uns die Darstellungen der Geschichte keineswegs ein treues Abbild der wirklichen Thatsachen geben; sie ändern im Kopfe des Geschichtsschreibers ihre Form, gestalten sich nach seinen Interessen und erhalten durch seine Vorurtheile ihre besondere Färbung. Wer versteht wol die Kunst, seinen Leser genau an den Ort des Schauspiels zu versetzen, daß er einen Vorgang gerade so zu sehen im Stande ist, wie er sich ereignet hat? Unwissenheit oder Parteilichkeit tragen die Schuld, daß alle Thatsachen entstellt werden. Ein wie verschiedenes Gepräge kann man einem historischen Zuge ohne eigentliche Fälschung schon durch die bloße Erweiterung oder Verengerung der damit im Zusammenhange stehenden Nebenumstände geben! Laßt ihr den nämlichen Gegenstand von verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachten, so wird er noch kaum als derselbe erscheinen, und trotzdem hat außer dem Auge des Beschauers nichts eine Aenderung erlitten. Genügt, um der Wahrheit die Ehre zu geben, die Erzählung einer an sich wahren Thatsache, wenn man sie mir ganz anders zeigt, als sie sich in Wirklichkeit ereignet hat? Wie oft hat ein Baum mehr oder weniger, ein Felsen zur Rechten oder zur Linken, ein vom Winde plötzlich aufgejagter Staubwirbel, die Entscheidung einer Schlacht herbeigeführt, ohne daß Jemand diesen Umstand beachtet hätte! Hält dies aber etwa den Geschichtsschreiber ab, euch die Ursache der Niederlage oder des Sieges mit einer Sicherheit zu erklären, als ob er überall persönlich zugegen gewesen wäre? Was kann mir aber an der bloßen Aufzählung von Thatsachen gelegen sein, wenn mir die Ursachen derselben unbekannt bleiben? Und welche Lehren kann ich einem Ereignisse entnehmen, dessen wahre Ursache ich nicht kenne? Der Geschichtsschreiber gibt mir zwar eine an, aber leider nur eine von ihm selbst ersonnene; und sogar die Kritik, von der man so viel Wesen macht, hat es lediglich mit Conjecturen zu thun, ist nichts Anderes als die Kunst, unter mehreren Lügen diejenige auszuwählen, welche der Wahrheit am ähnlichsten sieht. Habt ihr schon Kleopatra oder Cassandra oder andere Bücher dieser Gattung gelesen? Der Verfasser sucht sich irgend eine bekannte Begebenheit aus, paßt sie seinem Zwecke an, schmückt sie mit Einzelheiten eigener Erfindung aus, führt in dieselbe Persönlichkeiten ein, die nie existirt haben, fügt einige Schilderungen hinzu, die nur Ergüsse seiner lebhaften Einbildungskraft sind, und häuft so Erdichtung auf Erdichtung, um die Lectüre seines Werkes angenehm zu machen. Ich nehme zwischen dergleichen Romanen und euren Geschichtswerken wenig Unterschied wahr; höchstens könnte als ein solcher der Umstand gelten, daß der Romanschreiber mehr seiner eigenen Einbildungskraft die Zügel schießen läßt, während sich der Geschichtsschreiber mehr durch die Phantasie Anderer leiten läßt. Dem möchte ich übrigens, wenn man will, noch die Bemerkung hinzufügen, daß der Erstere einen moralischen Zweck verfolgt, mag derselbe edel oder unedel sein, wonach der Letztere wenig fragt. Man wird mir den Einwurf machen, daß weniger die geschichtliche Treue als vielmehr die Wahrheit der Sitten- und Charakterschilderungen von Wichtigkeit sei; wenn sich nur die Darstellung des menschlichen Herzens als richtig erweise, so komme wenig darauf an, ob auch die Erzählung der Begebenheiten in allen Punkten treu sei; denn, fügt man hinzu, was hat das bei Begebenheiten zu sagen, die sich bereits vor zweitausend Jahren ereignet haben? Man hat Recht, wenn die Gemälde nach der Natur gezeichnet sind; wenn jedoch das Modell zu den meisten nur in der Phantasie des Geschichtsschreibers liegt, heißt es dann nicht in denselben Uebelstand zurückfallen, den man vermeiden wollte, und der Autorität des Schriftstellers das einräumen, was man sich der des Lehrers zu entziehen bestrebt? Soll einmal mein Zögling nur Phantasiegemälde zu sehen bekommen, so will ich lieber, daß sie ihm von mir als von einem Anderen gezeichnet werden; wenigstens werden sie dann mit seinem sonstigen Wissen besser in Einklang stehen. Die schädlichsten Geschichtsschreiber für einen jungen Mann sind diejenigen, welche stets ihr eigenes Urtheil hinzufügen. Thatsachen, nichts als Thatsachen! Das Urtheil bleibe dem Leser selbst überlassen; dadurch eignet er sich Menschenkenntniß an. Läßt er sich unaufhörlich durch das Urtheil des Verfassers leiten, so sieht er nur durch das Auge eines Anderen, und wenn ihm dies Auge fehlt, so sieht er gar nichts mehr. Die Geschichte unserer Zeit lasse ich ganz bei Seite, nicht allein um deswillen, weil sie heutigen Tages keinen ausgeprägten Charakter mehr hat und die Menschen sich alle gleichen, sondern auch weil unsere Geschichtsschreiber, einzig und allein darauf bedacht zu glänzen, ihr Augenmerk nur darauf richten, bei ihren Charakteristiken die Farben so stark wie möglich aufzutragen und gerade dadurch die Darstellung im hohen Grade beeinträchtigen. Dies kann man recht augenscheinlich bei Davila, Guicciardin, Strada, Salis, Machiavel und hier und da sogar bei de Thou wahrnehmen. Bertot ist fast der Einzige, welcher zu malen verstand, ohne Portraits zu liefern. Im Allgemeinen geben die Alten weniger scharfe Charakteristiken, und ihre Urtheile zeichnen sich weniger durch Witz und Geist als durch gesunde Vernunft aus. Trotzdem muß man auch unter ihnen eine sorgfältige Auswahl treffen und Anfangs nicht die scharfsinnigsten, sondern die einfachsten zur Lectüre bestimmen. Ich möchte einem jungen Menschen weder den Polybius noch den Sallust in die Hand geben; Tacitus ist ein Buch für Greise, Jünglingen gebricht es an Verständniß für denselben. Bevor man die Tiefen des Menschenherzens zu erforschen vermag, muß man lernen, in den menschlichen Handlungen die ersten Züge desselben aufzufinden; bevor man in den Grundsätzen zu lesen versteht, muß man in den Thaten zu lesen wissen. Zur philosophischen Behandlung der Grundsätze gehört Erfahrung. Die Jugend darf nichts generalisiren; ihr ganzer Unterricht muß aus einzelnen Vorschriften bestehen. Thukydides halte ich für das ächte Muster eines Geschichtsschreibers. Er berichtet einfach die Thatsachen, ohne sein eigenes Urtheil über dieselben hinzuzufügen, aber er übergeht keinen Umstand, der dazu beitragen kann, daß wir uns ein eigenes Urtheil zu bilden vermögen. Alles, was er erzählt, geht unmittelbar unter den Augen des Lesers vor sich; statt sich vermittelnd zwischen die Begebenheiten und den Leser zu stellen, tritt seine Person völlig zurück; man glaubt nicht zu lesen, man glaubt zu sehen. Leider spricht er nur immer vom Kriege, und man begegnet in seinen Erzählungen fast nur Dingen, denen wir nur sehr wenige Lehren entnehmen können, nämlich Kriegsgeschichten. Der Rückzug der Zehntausend und die Commentarien des Cäsar zeichnen sich fast durch eine gleich maßvolle Darstellung, aber auch durch denselben Fehler aus. Der gute Herodot, der wenig Charakteristiken und Sentenzen bringt, aber fließend und naiv erzählt und eine Menge der interessantesten und anziehendsten Anekdoten enthält, würde vielleicht der beste Historiker sein, wenn eben diese Anekdoten nicht oft in wahrhaft kindische Einfalt ausarteten, die eher dazu angethan ist, den Geschmack der Jugend zu verderben als zu bilden. Zu seiner Lectüre muß man schon einen hohen Grad von Urtheilskraft besitzen. Ich will mich hier bei Titus Livius nicht aufhalten, da ich später auf ihn zurückkommen werde; aber er ist Politiker und Redner, kurz, er ist Alles, was für dieses Alter nicht paßt. Die Geschichte ist überhaupt in so fern mangelhaft, als sie nur sinnliche und sichtlich hervortretende Thatsachen, die man durch Namen, Oerter und Jahreszahlen leicht zu behalten vermag, dem Gedächtniß überliefert, während die sich langsam entwickelnden und nur sehr allmählich eine Wirkung hervorrufenden Ursachen dieser Thatsachen, welche sich nicht auf gleiche Weise bestimmen lassen, immer unbekannt bleiben. Oft glaubt man in einer gewonnenen oder verlorenen Schlacht die Ursache einer Revolution zu finden, welche selbst schon vor dieser Schlacht unvermeidlich geworden war. Der Krieg führt in der Regel nur solche Ereignisse herbei, welche durch moralische Ursachen schon längst vorbereitet waren, durch Ursachen, die die Geschichtsforscher freilich selten aufzufinden vermögen. Der philosophische Geist hat zwar das Nachdenken mehrerer Schriftsteller dieses Jahrhunderts nach dieser Richtung gelenkt, indeß bezweifle ich, daß die Wahrheit von ihrer Arbeit großen Vortheil habe. Sie sind Alle von der Wuth befallen, ein besonderes System aufzustellen; Keiner bemüht sich, die Dinge so anzuschauen, wie sie wirklich sind, sondern wie sie in sein System hineinpassen. Zu allen diesen Mängeln tritt noch der Umstand hinzu, daß uns die Geschichte weit mehr mit den Handlungen als mit den Menschen bekannt macht, weil sie dieselben nur in gewissen hervorragenden Momenten, gleichsam in ihren Paradekleidern, fixirt. Sie führt uns nur den sich in der Oeffentlichkeit bewegenden Menschen vor, der sich darauf eingerichtet hat, gesehen zu werden. Sie begleitet ihn nicht in sein Haus, in sein Arbeitszimmer, in seine Familie, in den Kreis seiner Freunde; sie malt ihn uns nur, wenn er seine öffentliche Rolle spielt; ihr Bild zeigt uns mehr sein Kleid als die Person. Das Studium des menschlichen Herzens würde ich am liebsten mit der Lectüre einzelner Lebensbeschreibungen beginnen; denn hier versucht sich der Mensch vergeblich zu verbergen, der Geschichtsschreiber folgt ihm überall hin, er läßt ihm keinen Augenblick Ruhe, läßt ihm keinen Schlupfwinkel übrig, in welchem er dem forschenden Blicke des Beobachters zu entgehen vermöchte; gerade wenn er sich einbildet, sich am besten verborgen zu haben, ist Jener am besten im Stande, ihn uns so zu zeichnen, daß wir ihn durchschauen können. »Die Verfasser von Biographien,« sagt Montaigne, »gewähren mir den größten Genuß, da sie ihr Augenmerk mehr auf die Entschließungen, als auf die Ereignisse richten, sich mehr mit den inneren Antrieben, als mit den äußeren Vorgängen beschäftigen. Deshalb ist auch Plutarch in jeder Beziehung mein Mann.« Buch II, Kapitel I Wahr ist es, daß der Charakter einer größeren Menschenzahl oder ganzer Völker von dem eines einzelnen Menschen sehr verschieden ist und daß wir uns nur eine sehr unvollkommene Kenntniß des menschlichen Herzens verschaffen würden, wenn wir nicht auch die Schläge desselben in einer größeren Volksmasse untersuchen wollten; aber es ist auch nicht weniger wahr, daß man, um sich ein richtiges Urtheil über die Menschen zu bilden, mit dem Studium des einzelnen Menschen den Anfang machen muß, und daß derjenige, welcher mit den Neigungen eines jeden Einzelnen vertraut wäre, auch im Stande sein würde, ihre Gesammtwirkung in dem Volkskörper vorauszusehen. Aus den oben bereits angegebenen Gründen muß ich hier noch einmal auf die Alten zurückkommen. Aber mich veranlaßt dazu auch noch ein anderer Beweggrund. Da aus unserer modernen Darstellungsweise alle aus dem häuslichem Leben gegriffene und geringfügige, dafür aber wahre und charakteristische Züge verbannt sind, so werden die Menschen von unseren Schriftstellern in ihrem Privatleben eben so herausgeputzt, wie auf dem Schauplatze der Welt. Der äußere Anstand, der nicht nur für die Handlungen, sondern auch für die Schriften als Richtschnur aufgestellt wird, gestattet nicht, öffentlich mehr auszusprechen, als er öffentlich zu thun gestattet, und da man also die Menschen nicht anders als in ihrem öffentlichen Auftreten darstellen kann, so lernt man sie aus unseren Büchern eben so wenig kennen, als in unseren Theatern. Vergeblich wird man deshalb das Leben der Könige beschreiben und wieder beschreiben, wir werden trotzdem keinen neuen Sueton bekommen. Ein einziger unter unsern Historikern, welcher den Tacitus in großen Zügen nachgeahmt hat, nämlich Duclos, Verfasser der Biographie Ludwigs XI., hat sich auch Sueton nachzuahmen und bisweilen in kleineren Zügen Comines zu copiren bemüht. Aber gerade das, was den Werth seines Werkes wesentlich erhöht, hat ihm die Ungunst unserer heutigen Kritik zugezogen. Plutarch zeichnet sich gerade durch Anführung solcher Einzelheiten aus, die wir gar nicht mehr zu erwähnen wagen. Er entwickelt eine unnachahmliche Anmuth in der Schilderung großer Männer in kleinen Dingen, und er ist in der Wahl seiner Züge so glücklich, daß oft ein Wort, ein Lächeln, eine Geberde zur Charakterisirung seines Helden genügt. Mit einem Scherzworte ermuthigt Hannibal sein von panischem Schrecken ergriffenes Heer wieder, daß es ihm unter Lachen in die Schlacht folgt, die Italien in seine Hände gibt. Wenn uns Agesilaus auf einem Steckenpferde reitend vorgestellt wird, fühlen wir uns erst recht zu diesem Besieger des großen Königs hingezogen. Als Cäsar ein ärmliches Dorf passirt und mit seinen Freunden plaudert, verräth er uns, ohne es zu ahnen, den in ihm wohnenden Schelm, der ihn zu dem Geständnisse trieb, daß er sich kein höheres Ziel gestellt habe, als sich zu einer gleichen Stellung emporzuschwingen, wie sie Pompejus einnehme. Alexander trinkt, ohne ein einziges Wort zu sagen, eine Arznei aus; dies ist der schönste Augenblick seines Lebens. Aristides schreibt seinen eigenen Namen auf einen Scherben und rechtfertigt dadurch seinen Beinamen. Philopömen beschäftigt sich, nachdem er seinen Mantel abgelegt hat, in der Küche seines Gastfreundes mit Holzspalten. In solcher Darstellung spricht sich die wahre Kunst zu malen aus. Die Physiognomie tritt nicht in großen Zügen, noch der Charakter in großen Thaten hervor; gerade in Kleinigkeiten enthüllt sich das natürliche Wesen. Die in der Öffentlichkeit vor sich gehenden Handlungen erheben sich entweder nicht über das Gewöhnliche oder sind zu sorgfältig vorbereitet, aber die schriftstellerische Würde gestattet es leider unsern Historikern heutigen Tages, fast ausschließlich nur bei ihrer Schilderung zu verweilen. Zu den größten Männern des letzten Jahrhunderts gehört unstreitig der Vicomte von Turenne. Man hat in der That den Muth gehabt, seine Biographie durch solche anekdotenartige Züge interessant zu machen, die ihn uns nicht nur kennen lehren, sondern uns auch Zuneigung zu ihm einflößen. Aber wie viele derselben, die uns sein Inneres noch mehr erschlossen und unsere Liebe zu ihm noch gesteigert hätten, hat man sich zu unterdrücken genöthigt gesehen! Ich will hier nur einen derselben mittheilen, den ich einer zuverlässigen Quelle verdanke, und den Plutarch gewiß nicht übergangen hätte, vor dessen Erzählung sich aber Ramsai, wenn er ihm zu Ohren gekommen wäre, sicherlich gehütet haben würde. An einem drückend heißen Sommertage sah der Vicomte von Turenne, in einer kurzen weißen Weste und einer Mütze auf dem Kopfe, aus einem Fenster seines Vorzimmers. Plötzlich tritt einer seiner Diener herein und hält ihn, indem er sich durch die ähnliche Kleidung täuschen läßt, für einen Küchengehilfen, mit dem er eng befreundet war. Er schleicht sich hinterrücks an ihn heran und versetzt ihm mit einer durchaus nicht leichten Hand einen wuchtigen Schlag auf das Gesäß. Sofort wendet sich der Geschlagene um und entsetzt und zitternd schaut der Diener seinem Herrn ins Gesicht. Ganz außer sich wirft er sich ihm zu Füßen. »Gnädiger Herr, ich glaubte, es wäre Georg!« – »Und wenn es auch Georg gewesen wäre,« versetzte Turenne, während er sich den Hintern rieb, »so hättest du doch nicht so derb zuschlagen sollen.« Dergleichen wagt ihr armen bedauernswerthen Menschen also nicht zu berichten! Nun so verläugnet denn für immer die Natur und bleibt allzeit herzlos! Laßt eure eisernen Herzen in eurem erbärmlichen Anstandsgefühl noch mehr verhärten, macht euch durch eure angenommene Würde erst recht verächtlich! Du aber, lieber Jüngling, der du diesen Zug liesest, und dich von der Seelengüte, welche Turenne selbst in der ersten Aufregung an den Tag legt, ergriffen fühlst, mache dich auch mit den Schwächen dieses großen Mannes bekannt, sobald es sich um seine Geburt und seinen Namen handelte. Erwäge, daß dies der nämliche Turenne ist, der seinen Stolz darin setzte, seinem Neffen überall den Vortritt zu lassen, damit man gar nicht übersehe, daß dies Kind das Haupt eines regierenden Hauses sei. Vergleiche diese Widersprüche, liebe die Natur, verachte die öffentliche Meinung und lerne den Menschen kennen. Nur Wenige sind im Stande, die Wirkungen zu begreifen, welche eine in dieser Weise geleitete Lectüre auf das noch ganz unerfahrene Gemüth eines jungen Mannes auszuüben vermag. Von Kindheit an zur Lectüre aushalten und dadurch förmlich abgestumpft, an ein gedankenloses Lesen gewöhnt, berührt uns Alles, was wir lesen, um so weniger, als wir von denselben Leidenschaften und Vorurtheilen, von denen uns die Geschichte und die Biographien großer Männer berichten, beseelt sind. Weil wir selbst das Natürliche abgestreift haben und alle Andere nach uns beurtheilen, erscheint uns auch Alles, was Jene thun, natürlich. Man denke sich dagegen einen jungen Mann, der nach meinen Grundsätzen erzogen ist; man stelle sich meinen Emil vor, bei dessen Erziehung achtzehn Jahre lang alle mögliche Sorge nur darauf verwandt wurde, ihm ein unbestechliches Urtheil und ein gesundes Herz zu bewahren; man stelle sich ihn vor, wie er beim Aufziehen des Vorhanges zum ersten Male seine Blicke auf die Weltbühne wirft, oder vielmehr, wie er vom Hintergrunde des Theaters aus Zeuge ist, wie die Rolleninhaber ihre zum Stücke gehörenden Kleider an- und ablegen, und die Seile und Winden zählt, deren plumpes Blendwerk die Augen der Zuschauer täuscht. Bald werden an Stelle des ersten Erstaunens Aufwallungen der Scham und der Verachtung seines Geschlechtes treten. Tiefster Unwille wird sich seiner über die Beobachtung bemeistern, daß sich das ganze menschliche Geschlecht, sich in völliger Täuschung über sich selbst befindend, zu solchen Kinderspielen erniedrigen kann. Aufrichtige Betrübniß wird ihn befallen, wenn er wahrnehmen muß, wie sich seine Brüder um eitler Träume willen gegenseitig zerfleischen und sich in Bestien verwandeln, weil sie nicht verstehen, sich mit ihrer Menschenwürde zu begnügen. Fehlt es dem Zöglinge nicht an natürlichen Anlagen, weiß der Lehrer die Lectüre mit einer gewissen Klugheit auszuwählen und versteht er ihm eine Anleitung zu den sich daran knüpfenden Betrachtungen zu geben, so wird diese Uebung für ihn sicherlich ein Cursus praktischer Philosophie werden, der jedenfalls besser und verständlicher ist, als alle die leeren Speculationen, durch welche man den Geist der jungen Leute in unseren Schulen verwirrt. Nachdem Cyneas den romanhaften Projecten des Pyrrhus aufmerksamen Ohres gefolgt ist, fragt er ihn, welches wirkliche Gut, dessen er nicht schon gegenwärtig ohne große Anstrengung genießen könne, er sich denn durch die Eroberung der Welt zu verschaffen hoffe. Wir erblicken darin einen glücklichen Gedanken, den man sich gefallen läßt. Mein Emil wird indeß darin eine sehr weise Reflexion finden, die auch er sofort gemacht hätte, und die sich niemals in seinem Geiste verwischen wird, weil sie darin keinem damit in Gegensatz stehenden Vorurtheile begegnet, welches ihren Eindruck zu verhindern vermöchte. Wenn er ferner bei der Lectüre der Biographie dieses Wahnsinnigen erfahren wird, daß alle diese großartigen Entwürfe doch kein anderes Resultat herbeiführten, als daß er den Tod durch die Hand eines Weibes erlitt, wird er dann wol noch diesem vermeintlichen Heldenmuthe seine Bewunderung zollen? Wird er nicht gerade umgekehrt in all den Heldenthaten dieses so großen Heerführers, in all den Intriguen dieses so großen Politikers nur Schritte erkennen, jenen unglückseligen Dachziegel aufzusuchen, der dazu bestimmt war, seinem Leben und seinen hoch hinausstrebenden Plänen durch einen ruhmlosen Tod ein Ende zu machen? Allerdings sind nicht alle Eroberer getödtet worden; nicht alle Usurpatoren haben bei ihren Unternehmungen Schiffbruch gelitten; Manchen, die sich von den gängen und gäben Vorurtheilen haben anstecken lassen, erscheinen sie sogar glücklich; wer dagegen, vom äußeren Scheine ungeblendet, das Glück der Menschen nach ihrem Herzenszustande beurtheilt, wird auch durch ihren scheinbaren Erfolg ihr Elend hindurchleuchten sehen. Es wird sich ihm die Beobachtung aufdrängen, daß sich mit ihrem Glücke auch ihre Wünsche und ihre sie aufreibenden Sorgen erweitern und vergrößern; er wird bemerken, wie sie im übereilten Vorwärtsschreiten außer Athem kommen, ohne je zum Ziele zu gelangen; sie werden in seinen Augen jenen unerfahrenen Reisenden gleichen, die zum ersten Male eine Alpenreise machen und mit jedem Berge die Alpen zu überschreiten glauben, indeß sobald sie den Gipfel erklommen haben, zu ihrer großen Entmuthigung noch weit höhere Berge vor sich erblicken. Nachdem Augustus seine Mitbürger unterjocht und seine Rivalen vernichtet hatte, regierte er noch vierzig Jahre lang das größte Reich, welches je existirt hat. Konnte indeß diese unermeßliche Macht es verhindern, daß er im Schmerze über den Verlust seiner Legionen unter Varus Führung mit dem Kopfe gegen die Wand rannte und seinen weiten Palast mit seinem Klagegeschrei erfüllte? Hätte er aber auch alle seine Feinde besiegt, welchen Vortheil würden ihm seine eitlen Triumphe gewährt haben, so lange Uebel aller Art stets von Neuem um ihn emporschossen, so lange seine liebsten Freunde Anschläge auf sein Leben machten und ihm die Schande oder der Tod aller seiner Verwandten die bittersten Thränen erpreßten? Der Unglückselige wollte die Welt beherrschen und verstand nicht einmal die Herrschaft in seinem eigenen Hause auszuüben! Und welche Folgen entstanden aus dieser Fahrlässigkeit? Er sah seinen Neffen, seinen Adoptivsohn, seinen Schwiegersohn in der Blüte ihrer Jahre dahinsterben; sein Enkel wurde dazu getrieben, die Wollhaare seines Bettes zu essen, um nur sein elendes Leben noch um einige Stunden zu verlängern. Seine Tochter und seine Enkelin starben, nachdem sie ihn mit ihrer Schande bedeckt hatten, die Eine auf einer wüsten Insel im tiefsten Elend an Hunger, die Andere im Gefängniß durch die Hand eines Henkerknechts. Er selbst endlich, der seine ganze unglückliche Familie allein überlebte, ließ sich durch sein eigenes Weib dazu bestimmen, ein Ungeheuer als seinen Nachfolger einzusetzen. So gestaltete sich das Schicksal dieses Weltherrschers, der um seines Ruhmes und seines Glückes willen so hoch gefeiert wurde. Ist es denkbar, daß es auch nur ein Einziger von denen, die seinen Ruhm und sein Glück bewundern, um einen solchen Preis erkaufen möge? Ich habe den Ehrgeiz als Beispiel hingestellt. Wer sich indeß mit dem Studium der Geschichte beschäftigt, um sich selbst kennen zu lernen und sich auf Kosten der Todten Weisheit zu erwerben, dem bietet das Spiel aller menschlichen Leidenschaften ähnliche Lehren dar. Die Zeit rückt jetzt heran, wo der junge Mann aus dem Leben des Antonius einen weit näher liegenden Unterricht schöpfen wird als aus dem des Augustus. Emil wird bei diesen ihm völlig unbekannten Gegenständen, die seinen Augen bei diesem Studium entgegentreten, kaum zur Besinnung kommen; aber trotzdem wird er, noch bevor die Leidenschaften in ihm erwachen, sich vor ihren Illusionen zu hüten wissen. Indem er die Einsicht gewinnt, daß dieselben zu allen Zeiten die Menschen verblendet haben, erkennt er darin eine Warnung, sich ihnen nicht hinzugeben und sich nicht ebenfalls von ihnen blenden zu lassen. Regelmäßig ist es das Vorurtheil, welches die Heftigkeit der Leidenschaften in unseren Herzen unterhält. Wer nur das sieht, was wirklich ist, und nur das schätzt, was er genau kennt, wird nicht leicht leidenschaftlich werden. Die Irrthümer in unseren Urtheilen fachen die Glut unserer Begierden an. Diese Lehren sind, wie ich mir recht wohl bewußt bin, für meinen Zögling wenig geeignet; vielleicht kommen sie für sein Bedürfnis zu spät oder sind unzulänglich; indeß bitte ich eingedenk sein zu wollen, daß es auch gar nicht in meiner Absicht lag, sie aus diesem Studium zu gewinnen. Beim Beginn desselben hatte ich mir ein anderes Ziel gestellt, und ist dasselbe nicht völlig erreicht, so wird die Schuld sicherlich am Lehrer liegen. Erwäget, daß, sobald die Eigenliebe einmal angefacht ist, das relative Ich sich unaufhörlich in das Spiel mischt, und daß der junge Mann niemals Andere beobachtet, ohne auf sich selbst zurückzukommen und sich mit ihnen zu vergleichen. Es handelt sich nun darum, zu erfahren, welchen Rang er sich unter seinen Mitmenschen zuerkennen wird, nachdem er sie geprüft hat. Ich habe die Beobachtung gemacht, daß man bei der Art und Weise, in welcher man die jungen Leute Geschichte treiben läßt, sie gleichsam in alle die Persönlichkeiten, mit denen man sie bekannt macht, verwandelt, daß man sich Mühe gibt, sie bald Cicero, bald Trajan, bald Alexander sein zu lassen, wodurch man ihnen die Einkehr in sich selbst verleidet und einem Jeden das Bedauern einflößt, daß er nur er selbst ist. Diese Methode mag immerhin, wie ich gar nicht bestreiten will, gewisse Vortheile haben, wenn es aber bei diesen Vergleichen nur ein einziges Mal vorkommen sollte, daß mein Emil ein Anderer als er selbst zu sein wünschte, und wäre dieser Andere auch Sokrates oder Cato, so wäre Alles mißlungen. Wer erst beginnt, sich selbst fremd zu werden, wird sich auch bald ganz vergessen. Es sind keineswegs die Philosophen, welche die meiste Menschenkenntniß besitzen; im Gegentheile, sie betrachten die Menschen nur durch die Vorurtheile der Philosophie, und ich wüßte keine andere Wissenschaft, die so voller Vorurtheile wäre. Ein Wilder fällt ein weit richtigeres Urtheil über uns als ein Philosoph. Letzterer fühlt seine Fehler, wird mit Unwillen über die unserigen erfüllt und spricht bei sich selbst: »Wir sind Alle schlecht.« Ersterer dagegen betrachtet uns ohne sich zu regen und sagt: »Ihr seid Narren.« Er hat Recht, denn Niemand thut das Schlechte um des Schlechten willen. Ein solcher Wilder ist nun mein Zögling, freilich mit dem Unterschiede, daß Emil, weil er mehr nachgedacht, mehr Ideen verglichen und unsere Fehler aus größerer Nähe angeschaut hat, sich mehr vor sich selbst in Acht nimmt und nur über das ihm Bekannte urtheilt. Die Schuld, daß wir gegen die Leidenschaften Anderer aufgebracht sind, liegt in unseren eigenen. Unser Interesse flößt uns Haß gegen die Bösen ein; fügten sie uns keinen Schaden zu, so würden wir uns mehr zum Mitleid mit ihnen als zum Hasse gegen sie veranlaßt fühlen. Das Böse, welches schlechte Menschen uns zufügen, läßt uns dasjenige vergessen, was sie sich selber bereiten. Wir würden ihnen ihre Laster leichter verzeihen, wenn wir zu erkennen vermöchten, eine wie hohe Strafe sie für dieselben in ihrem eigenen Herzen finden. Die Schuld nehmen wir wahr, aber die Strafe entzieht sich unseren Blicken; die Vortheile sind nach Außen hin sichtbar, aber die Strafe vollzieht sich im Innern. Wer sich in der Hoffnung wiegt, die Frucht seiner Laster genießen zu können, fühlt sich gerade eben so beängstigt, als wenn er nicht zum Ziele gelangt wäre. Hat sich auch das Object geändert, so ist doch die Unruhe dieselbe geblieben. Mögen die Bösen immerhin mit ihrem Glücke prahlen und ihr Herz verhüllen, ihr Betragen verräth es ihnen zum Trotz, wie es in ihrem Innern aussieht. Aber um es wahrzunehmen, darf man freilich nicht ein gleiches Herz haben. Die Leidenschaften, die wir mit Anderen theilen, üben einen eigenen Zauber auf uns aus; diejenigen dagegen, die unser Mißfallen erregen, verletzen uns, und in Folge einer aus ihnen entspringenden Inconsequenz tadeln wir an Anderen, was wir doch gern nachahmen möchten. Widerwille und Illusionen sind unvermeidlich, wenn man sich gezwungen sieht, von Anderen das Böse zu dulden, welches man keinen Anstand nehmen würde selbst zu thun, wenn man sich an ihrer Stelle befände. Was gehört also zu einer sorgfältigen Beobachtung der Menschen? Ein großes Interesse, sie kennen zu lernen, eine vollkommene Unparteilichkeit in ihrer Beurtheilung, und ein Herz, das Empfänglichkeit genug besitzt, um alle menschlichen Leidenschaften begreifen zu können, und auch schon die genügende Ruhe erlangt hat, um sich nicht selbst von ihnen hinreißen zu lassen. Gibt es im Leben überhaupt einen Zeitpunkt, der diesem Studium besonders günstig ist, so ist es gerade der, welchen ich für Emil gewählt habe; in einer früheren Periode wären ihm die Menschen fremd gewesen, in einer späteren hätte er ihnen selbst geähnelt. Die öffentliche Meinung, deren Spiel er vor Augen hat, ist noch nicht im Stande gewesen, sich die Herrschaft über ihn anzueignen; die Leidenschaften, deren Wirkung er wahrnimmt, haben sein Herz noch nicht in Aufregung versetzt. Er ist Mensch, er nimmt an seinen Brüdern Antheil, er ist billig denkend, er urtheilt über seines Gleichen. Beurtheilt er sie aber richtig, so wird er sicherlich keine Sehnsucht empfinden, sich an die Stelle irgend eines derselben zu versetzen, denn da sich das Ziel aller Plagen, die sie sich selbst auferlegen, nur auf Vorurtheile gründet, die er nicht theilt, so erblickt er in demselben nur ein eitles Luftgespinnst. Sein Streben ist dagegen immer nur auf Erreichbares gerichtet. Von wem sollte er wol abhängen, da er sich selbst genügt und frei von Vorurtheilen ist? Er hat Arme, erfreut sich der Gesundheit Ich glaube die Gesundheit und die gute Körperconstitution dreist in die Zahl der durch seine Erziehung erworbenen Vortheile oder vielmehr in die Zahl der Naturgaben rechnen zu dürfen, welche ihm seine Erziehung bewahrt hat. weiß Maß zu halten, hat wenig Bedürfnisse und besitzt die Mittel, dieselben zu befriedigen. In der unumschränktesten Freiheit aufgewachsen, vermag er sich kein größeres Uebel vorzustellen, als die Knechtschaft. Er beklagt diese bemitleidenswerthen Könige, welche nichts weiter als die Sklaven derer sind, die ihnen gehorchen; er bedauert die Armen, die sich fälschlich für Weise halten, trotzdem sie unaufhörlich die Kette ihres eitlen Ruhmes hinter sich herschleppen; er bemitleidet diese reichen Thoren, welche die Märtyrer ihrer Prunksucht sind, und diese geckenhaften Lüstlinge, welche, um den Schein zu verbreiten, daß sie Freude und Zerstreuung hätten, ihr ganzes Leben in Langeweile zubringen. Er würde sogar den Feind, der ihm Böses zufügte, bemitleiden, denn in seinen Schlechtigkeiten würde er eben sein Elend erblicken. Er würde sich sagen: «Dadurch, daß es diesem Menschen zum Bedürfnis geworden ist, mir Nachtheil zu bereiten, hat er sein Schicksal von dem meinigen abhängig gemacht.» Nur noch einen einzigen Schritt und wir haben das Ziel erreicht. Die Eigenliebe ist ein nützliches aber auch gefährliches Werkzeug. Häufig verletzt sie die Hand, die sich ihrer bedient, und selten ruft sie Gutes hervor, ohne daß es Schlimmes in seinem Gefolge hätte. Sobald Emil sich seines Ranges in der menschlichen Gesellschaft bewußt wird und die glücklichen Verhältnisse, in denen er sich befindet, erkennt, so wird die Versuchung an ihn herantreten, seiner Vernunft für die Werke eures Geistes die Ehre zu geben und seine glückliche Lage seinem eigenen Verdienste beizumessen. Er wird sich sagen: »Ich bin weise und die Menschen sind Narren.« Während er sie bedauert, wird er sie zugleich verachten, während er sich beglückwünscht, wird er sich überschätzen, und da er einsieht, daß er glücklicher ist als sie, so wird er sich dieses Glückes auch für würdiger halten. Dieser Fehler ist aber am meisten zu fürchten, weil er am schwierigsten zu vertreiben ist. Verharrte er in diesem Irrthume, so würden ihm alle unsere Bemühungen wenig geholfen haben, und wenn mir die Wahl frei stünde, wüßte ich in der That nicht, ob ich nicht den Illusionen der Vorurtheile den Vorzug vor denen des Stolzes geben sollte. Wirklich große Männer täuschen sich über ihre Ueberlegenheit nicht; sie sehen sie ein, sind sich ihrer bewußt und sind deshalb nicht weniger anspruchslos. Mit je größeren geistigen Gaben sie ausgestattet sind, desto mehr erkennen sie, wie viel ihnen noch fehlt. Das Gefühl ihres geistigen Übergewichts über uns macht sie weniger eitel, als sie vielmehr der Gedanke an ihre Mängel mit Demuth erfüllt, und in Bezug auf die besonderen Güter, die sie besitzen, sind sie viel zu verständig, als daß sie sich durch eine Gabe, die sie sich nicht selbst verliehen haben, zur Eitelkeit sollten verführen lassen. Ein redlicher Mann kann auf seine Tugend stolz sein, weil sie in ihm allein ihren Ursprung findet; aber worauf hat der Mann von Geist Ursache stolz zu sein? Was hat Racine dabei gethan, daß er nicht Pradon, was Boileau, daß er nicht Cotin ist? Hierbei kommt jedoch noch eine ganz andere Angelegenheit in Frage. Laßt uns nur immer bei der gewöhnlichen Ordnung der Dinge bleiben. Ich habe mir von vornherein in meinem Zöglinge weder ein außerordentliches Genie noch einen Idioten vorgestellt. Ich habe ihn mir unter den gewöhnlichen Geisteskindern ausgewählt, um den Nachweis zu liefern, welchen Einfluß die Erziehung auf den Menschen auszuüben vermag. Alle seltenen Fälle sind als Ausnahmen von der Regel zu betrachten. Wenn demnach in Folge meiner Sorgfalt Emil seiner Art und Weise zu sein, zu sehen, zu fühlen vor derjenigen anderer Menschen den Vorzug einräumt, so ist er in seinem Rechte; wenn er sich indeß um deswillen für ein Wesen höherer Art und mit reicheren Gaben von der Natur als sie ausgestattet hält, so hat er Unrecht, er täuscht sich und man muß ihn enttäuschen, oder vielmehr dem Irrthume vorbeugen, aus gerechter Furcht, daß man später nicht mehr Zeit haben möchte, ihn auszurotten. Mit Ausnahme der Eitelkeit gibt es keine Thorheit, von der man einen Menschen, der nicht ein vollkommener Narr ist, nicht zu heilen vermöchte. Was jene anlangt, so läßt sie sich nur durch die Erfahrung bessern, wenn überhaupt irgend etwas sie zu bessern im Stande ist; bei ihrer Entstehung läßt sich jedoch wenigstens ihr Umsichgreifen verhüten. Ergeht euch deshalb nicht erst in langen Declamationen, um dem Jünglinge zu beweisen, daß er Mensch wie alle Andern und denselben Schwachheiten unterworfen ist. Macht es ihm fühlbar, anders wird er es niemals erkennen. Hier befinde ich mich wiederum in dem Falle, wo ich genöthigt bin, eine Ausnahme von meinen Regeln zu machen; es liegt eine genügende Veranlassung vor, meinen Zögling absichtlich allen Zufällen auszusetzen, welche ihm den Beweis zu liefern im Stande sind, daß er nicht weiser ist als wir. Das Abenteuer mit dem Taschenspieler würde sich auf tausenderlei Weise wiederholen lassen; ich würde den Schmeichlern gestatten, ihm gegenüber alle ihre Kunst zu entfalten; ließe er sich durch junge Brauseköpfe zu irgend einem unüberlegten Schritte verleiten, so würde ich ihn der Gefahr nicht entziehen; verlockten ihn Gauner zum Spiele, so würde ich ihn ihnen überlassen, damit sie ihn prellen könnten. Uebrigens wird sich unser Zögling, der sich von so vielfachen Zerstreuungen umgeben sieht und sich bisher noch nie in seinem Leben gelangweilt hat, ja der kaum weiß, wozu das Geld dient, nicht leicht in die Schlinge fallen. Macht aber Eigennutz und Eitelkeit zu den einzigen Triebfedern, die man zur Leitung der Kinder in Anwendung bringt, so werden sich späterhin auch die Buhlerinnen und Gauner, um sie in ihre Gewalt zu bringen, dieser nämlichen beiden Triebfedern bedienen. Wenn ihr die Habgier der Kinder durch Preise und Belohnungen anfachen seht, wenn ihr Zeuge seid, wie man sie bei öffentlichen Schulacten schon in ihrem zehnten Lebensjahre mit Lob überhäuft, so verkündigt euch dieser Anblick schon im Voraus, wie man ihnen im zwanzigsten Jahre im Spielhause ihre Börse und in liederlichen Häusern ihre Gesundheit rauben wird. Man kann stets eine Wette darauf eingehen, daß der gelehrteste Schüler seiner Classe dereinst auch der größte Spieler und größte Wüstling werden wird. Freilich läßt sich mit Mitteln, von denen man in der Kindheit keinen Gebrauch machte, auch im Jünglingsalter nicht in demselben Umfange Mißbrauch treiben. Indeß man muß eingedenk bleiben, daß es bei dergleichen Angelegenheiten mein beständiger Grundsatz ist, überall den schlimmsten Fall anzunehmen. Zunächst bemühe ich mich dem Laster vorzubeugen, und dann setze ich es als vorhanden voraus, um gegen dasselbe einschreiten zu können. Sie dürften ihm Weihrauch streuen, ihn rupfen und ausplündern, und hätten sie ihn ganz ausgezogen und lachten ihn dann noch schließlich aus, so würde ich mich in seiner Gegenwart bei ihnen für die Lehren bedanken, die sie die gute Absicht gehabt hätten ihm zu ertheilen. Nur vor den Schlingen der Buhlerinnen würde ich ihn sorgfältig bewahren. Nur die schonende Rücksicht würde ich ihm gegenüber beobachten, daß ich alle Gefahren, denen ich ihn aussetze, und alle Schande, mit der ich ihn sich bedecken ließe, mit ihm theilen würde. Stillschweigend, ohne Klage, ohne Vorwurf, ohne ihm auch nur ein Wort darüber zu sagen, würde ich Alles ertragen, und ihr könnt euch versichert halten, daß bei dieser sich stets gleich bleibenden Rücksicht Alles, was er mich um seinetwillen leiden sieht, mehr Eindruck auf sein Herz machen wird, als alle seine eigenen Leiden. Ich kann nicht umhin, bei dieser Gelegenheit auf die falsche Art von Würde jener Erzieher aufmerksam zu machen, welche, um einfältiger Weise die Gelehrten zu spielen, ihre Zöglinge stets herabsetzen und ihre Lust darin suchen, sie beständig als Kinder zu behandeln und in Allem, was sie ihnen zu thun gestatten, den zwischen sich und ihnen bestehenden Unterschied recht auffällig zu machen. Anstatt ihren jugendlichen Muth auf diese Weise niederzubeugen, dürft ihr nichts unterlassen, um ihre Seele zu erheben. Behandelt sie wie eures Gleichen, damit sie es wirklich werden, und wenn sie sich noch nicht zu euch zu erheben vermögen, so laßt euch ohne Scham, ohne Bedenken zu ihnen herab. Vergeßt nicht, daß eure Ehre nicht mehr in euch, sondern in eurem Zöglinge liegt. Theilt seine Fehler, um sie ihm abzugewöhnen; nehmt seine Schande auf euch, um sie vergessen zu machen; ahmet jenem muthigen Römer nach, der, als er sein Heer fliehen sah und nicht im Stande war, es wieder zu sammeln, mit dem Rufe: »Sie fliehen nicht, sie folgen ihrem Führer,« an der Spitze seiner Soldaten selbst zu fliehen begann. Entehrte ihn dies etwa? Weit gefehlt! Er vermehrte gerade dadurch seinen Ruhm, daß er ihn auf diese Weise aufopferte. Die Macht der Pflicht, die Schönheit der Tugend reißen uns wider Willen zum Beifall hin und vernichten unsere unverständigen Vorurtheile. Wenn ich bei Erfüllung der Pflichten, die mir Emils Erziehung auferlegt, thätlich beleidigt würde, so würde ich, weit davon entfernt, mich dafür zu rächen, mich umgekehrt dessen überall rühmen, und ich bezweifle, daß es in der Welt einen Menschen von so niedriger Gesinnung Ich befand mich im Irrthum; ich habe doch einen entdeckt, den Herrn Formey. gäbe, daß er mir fortan nicht noch in höherem Grade seine Achtung zollte. Das soll aber nicht etwa heißen, daß der Zögling die Einsichten seines Lehrers für eben so beschränkt als seine eigenen halten solle und sich einbilden dürfe, derselbe sei der Verführung eben so leicht zugänglich als er. Eine solche Ansicht kann man sich wol bei einem Kinde gefallen lassen, welches, da es noch nicht zu beobachten und zu vergleichen versteht, einen Jeden auf gleiche Linie mit sich stellt, und nur denen, die sich in der That mit ihm auf gleiche Stufe zu stellen wissen, sein Vertrauen schenkt. Indeß ein junger Mann in Emils Alter und von seinem Verstande ist nicht mehr so thöricht, sich solchen Täuschungen hinzugeben, und es würde nicht gut sein, wenn er in dieselben verfiele. Das Vertrauen, welches er in seinen Erzieher setzen muß, ist von anderer Art; es muß sich auf die Autorität der Vernunft, auf die Ueberlegenheit der Einsichten und auf jene Vorzüge gründen, welche der junge Mann zu erkennen im Stande ist, und deren für ihn sich daraus ergebenden Nutzen er herausfühlt. Eine lange Erfahrung hat ihn von der Liebe seines Führers überzeugt, hat ihm die Gewißheit gegeben, daß dieser Führer ein kluger, aufgeklärter Mann ist, der nicht nur sein Glück will, sondern auch die Mittel kennt, es ihm zu bereiten. Er muß es einsehen, daß es zu seinem eigenen Heile dient, den Rathschlägen desselben zu folgen. Wenn sich nun der Lehrer in demselben Grade wie sein Schüler hintergehen ließe, so würde er dadurch das Recht verlieren, von diesem eine auf Achtung gegründete Willfährigkeit zu verlangen und ihm Lehren zu ertheilen. Noch weniger darf sich aber in dem Zöglinge die Vorstellung festsetzen, als ob ihn der Lehrer absichtlich in Schlingen fallen lasse oder seiner Einfalt wol gar selbst Fallstricke lege. Was läßt sich denn nun aber thun, um diese beiden Uebelstände gleichzeitig zu vermeiden? Das Allerbeste und Natürlichste: einfach und wahr sein wie er selbst; ihn über die Gefahren, denen er sich aussetzt, aufklären, sie ihm deutlich und handgreiflich zum Bewußtsein bringen, aber ohne Aufregung, ohne verdrießliche Vorstellungen, ohne pedantische Uebertreibung und vor Allem, ohne eure Rathschläge in die Form von Befehlen zu kleiden, bis sie zu solchen übergehen müssen und sich der befehlshaberische Ton als eine absolute Nochwendigkeit herausstellt. Besteht er trotzdem hartnäckig auf seinem Willen, wie es wol häufig vorkommen wird, so verschwendet an ihn kein Wort mehr, laßt ihm vollkommene Freiheit, folgt ihm, ahmt ihm nach, und zwar mit allem Frohsinn und aller Offenheit; laßt euch vollkommen gehen und belustigt euch, wenn es möglich ist, eben so wie er. Treten die Folgen zu sichtlich hervor, so seid ihr ja immer da, sie aufzuhalten, und in wie hohem Grade muß nicht der junge Mann, der sich inzwischen von eurer Voraussicht wie von euren gefälligen Bemühungen hat überzeugen können, von jener betroffen und zugleich von diesen gerührt werden! Seine Fehler bilden eben so viele Bänder, die er euch selbst in die Hand gibt, um ihn daran im Nothfalle zurückzuhalten. Die Hauptkunst des Lehrers besteht hierbei nun darin, die Gelegenheiten so herbeizuführen und die Ermahnungen in der Weise zu geben, daß er im Voraus weiß, wann der junge Mann nachgeben und wann er bei seinem Eigensinne beharren werde, damit ihm überall die Erfahrung eine Lehre ertheilen muß, ohne daß ihm der Lehrer doch allzu großen Gefahren Preis gibt. Macht ihn auf seine Fehler aufmerksam, bevor er in dieselben verfällt; hat er dieselben aber einmal begangen, so enthaltet euch aller Vorwürfe; dadurch würdet ihr nur seine Eigenliebe entzünden und anfachen. Eine Belehrung, die verletzt, gewährt keinen Vortheil. Ich kenne nichts Thörichteres als den Vorwurf: »Ich hatte es dir ja gesagt!« Das beste Mittel das ihm Vorausgesagte wieder in seiner Erinnerung wach zu rufen ist, daß man sich den Anschein gibt, als habe man es vergessen. Im Gegentheile müßt ihr, sobald ihr bemerkt, daß er sich darüber beschämt fühlt, euch nicht Glauben geschenkt zu haben, euch Mühe geben, diese Demüthigung mit freundlichen Worten behutsam zu verwischen. Er wird euch sicherlich seine ganze Liebe zuwenden, wenn er bemerkt, daß ihr euch um seinetwillen vergeßt und daß ihr ihn, anstatt ihn durch euer Uebergewicht vollends zu verdunkeln, sogar tröstet. Fügt ihr aber seinem Verdruß über sein Benehmen noch Vorwürfe hinzu, so wird er seinen Haß auf euch werfen und es sich zum Gesetze machen, ferner nicht mehr auf euch zu hören, als ob er euch dadurch den Beweis liefern wollte, daß er eure Ansicht über die Wichtigkeit eurer Warnungen nicht theile. Auch die Form, in der ihr ihm euren Trost aussprecht, kann für ihn zu einer nützlichen Belehrung werden, die eine um so größere Wirkung hervorbringen wird, je weniger Mißtrauen er hegt. Sagt ihr zu ihm: »Ich glaube annehmen zu können, daß tausend Andere den gleichen Fehltritt begehen,« so macht ihr ihm einen großen Strich durch seine Rechnung. Unter dem Anscheine, ihn zu bedauern, bessert ihr ihn. Denn für Jemanden, der sich für besser als andere Menschen hält, muß die Aufforderung, in dem Beispiele Anderer Trost zu suchen, eine höchst kränkende Entschuldigung sein. Darin liegt das Zugeständniß, daß er höchstens behaupten könne, sie seien nicht besser als er. Die Zeit der Fehler ist die Zeit der Fabeln. Dadurch, daß man den Schuldigen unter einer fremden Maske tadelt, nimmt man der Belehrung alles Verletzende, und ihre Wahrheit, die sich ihm bei der Nutzanwendung auf sich selbst aufdrängt, überzeugt ihn alsdann, daß die Fabel keine Lüge ist. Einem Kinde, welches man noch nie durch Lobsprüche getäuscht hat, fehlt für jene Fabel, welche ich oben weitläufig besprochen habe, jedes Verständniß; aber ein unbesonnenes Kind, welches sich schon einmal von einem Schmeichler hat hinter das Licht führen lassen, sieht ganz vortrefflich ein, daß der Rabe nur ein Einfaltspinsel war. Auf diese Weise folgert es aus einer Thatsache einen Grundsatz, und die Erfahrung, welche es sonst bald vergessen hätte, prägt sich vermittelst der Fabel seinem Gedächtnisse ein. Es gibt keine moralische Erkenntniß, welche man sich nicht durch fremde oder eigene Erfahrung anzueignen vermag. In solchen Fällen, wo die persönliche Einsammlung der Erfahrung mit Gefahr verknüpft ist, verdient es den Vorzug, dieselbe aus der Geschichte zu schöpfen. Wenn aber die eigene Einsammlung keine nachtheilige Folgen nach sich zieht, so ist es gut, den jungen Mann anzuhalten, sich die Erfahrung persönlich zu erwerben; darauf bringt man die besonderen Fälle, die ihm bisher noch unbekannt sind, unter Anwendung der Fabel auf Grundsätze zurück. Darunter verstehe ich jedoch keineswegs, daß diese Grundsätze gleich entwickelt oder auch nur in Worte gekleidet sein sollen. Nichts ist unnützer und unverständiger als die den meisten Fabeln angehängte Moral, als ob sich diese Moral nicht durch die ganze Fabel dergestalt hindurchzöge oder doch wenigstens hindurchziehen sollte, daß sie der Leser deutlich herausfühlen muß. Weshalb also durch die dem Schlusse beigefügte Moral den Leser um das Vergnügen bringen, sie aus eigenem Nachdenken zu finden? Das rechte Lehrgeschick zeigt sich darin, daß man dem Schüler Gefallen am Unterrichte einzuflößen versteht. Um dies Gefallen aber in ihm hervorzurufen, darf sein Geist bei euren Vorträgen nicht in solcher Passivität erhalten werden, daß ihm durchaus nichts zu thun bleibt, um euch zu verstehen. Es ist eine unbedingte Notwendigkeit, daß die Eigenliebe des Lehrers auch stets der des Schülers einen gewissen Spielraum gestatte. Derselbe muß sich sagen können: »Ich begreife es; ich ergründe es; ich strenge mich an; ich belehre mich.« Eine der Ursachen, welche uns den Hanswurst in der italienischen Oper so langweilig erscheinen läßt, ist die stete Mühe, welche er sich gibt, dem Parterre die nur allzu verständlichen Plattheiten zu erklären. Ich wünsche nicht, daß ein Lehrer, noch weniger aber, daß ein Schriftsteller die Rolle des Hanswurstes spiele. Man muß sich freilich immer verständlich machen, allein man muß nicht immer Alles sagen. Wer sich völlig ausspricht, sagt wenig, denn schließlich hört man gar nicht mehr auf ihn hin. Was bedeuten diese vier Verse, welche Lafontaine der Fabel von dem sich aufblähenden Frosche hinzufügt? Hegt er etwa Furcht, daß man ihn nicht verstanden habe? Hat dieser große Maler erst nöthig, die Namen unter die Gegenstände zu schreiben, die er malt? Anstatt seine Moral dadurch zu verallgemeinern, bindet er sie an ganz bestimmte Fälle, beschränkt sie halb und halb auf die angeführten Beispiele und verhindert, daß man sie auf andere anwendet. Ehe man jungen Leuten die Fabeln dieses unnachahmlichen Schriftstellers in die Hände gibt, möchte ich sie von diesen Schlußversen befreit wissen, in welchen er sich die unfruchtbare Mühe gibt, das noch einmal zu erklären, was er bereits eben so klar als anmuthig gesagt hat. Versteht euer Zögling die Fabel nur mit Hilfe dieser Erklärung, so könnt ihr euch versichert halten, daß er sie auch nicht einmal durch dieses Hilfsmittel verstehen wird. Ferner würde es von Wichtigkeit sein, diesen Fabeln eine mehr didaktische und mit den wachsenden Einsichten und Gefühlen des Jünglings mehr in Einklang stehende Ordnung zu geben. Kann man sich wol etwas Widersinnigeres denken, als genau die numerische Ordnung des Buches, ohne Rücksicht auf Bedürfniß oder Gelegenheit, inne zu halten? Erst die Grille, dann der Rabe, darauf der Frosch, nun die beiden Maulthiere u.s.w. Bei diesen beiden Maulthieren fällt mir ein Kind ein, das ich einst kennen lernte. Man hatte es für das Finanzwesen bestimmt und ihm die wunderbarsten Vorstellungen von der Herrlichkeit seines künftigen Amtes in den Kopf gesetzt. Es las die erwähnte Fabel, lernte sie auswendig, sagte sie auf und declamirte sie hundert- und hundertmal, ohne derselben auch nur je den geringsten Einwand gegen den Beruf zu entnehmen, für welchen es erzogen wurde. Nicht nur bin ich niemals Zeuge gewesen, daß Kinder eine wirkliche Anwendung von den auswendig gelernten Fabeln gemacht hätten, sondern habe auch nie bemerkt, daß sich Jemand bemüht hätte, ihnen zu einer solchen Anwendung Anleitung zu geben. Die moralische Unterweisung muß den Vorwand für dieses Auswendiglernen abgeben. Mutter und Kind haben jedoch keinen andern Zweck im Auge, als die Aufmerksamkeit einer ganzen Gesellschaft auf Letzteres zu lenken, während es seine Fabeln hersagt. Auch vergißt es sie sämmtlich, wenn es größer wird, also gerade dann, wenn es sich nicht mehr um den Vortrag derselben, sondern um den aus ihnen zu ziehenden Gewinn handelt. Deshalb noch einmal: nur Erwachsene vermögen in den Fabeln Belehrung zu finden; und jetzt ist für Emil die Zeit herangekommen, damit den Anfang zu machen. Da es nicht in meiner Absicht liegt, alle Einzelheiten anzuführen, deute ich nur von ferne die Wege an, die von dem allein richtigen abführen, damit man sie vermeiden lerne. Ich meine, wenn euer Zögling dem von mir vorgezeichneten Wege folgt, so wird er sich die Kenntniß der Menschen und seiner selbst zu dem möglichst billigen Preise erwerben, und ihr werdet ihn in die Lage versetzen, beim Anblick der Spiele des Glückes neidlos das Geschick der Günstlinge desselben mit anzusehen und mit sich zufrieden zu sein, ohne sich für weiser als Andere zu halten. Anfangs habt ihr ihn handelnd auftreten lassen, um ihn zu einem urtheilsfähigen Zuschauer heranzubilden; jetzt handelt es sich um die Vollendung eures Werkes, denn während man vom Parterre aus die Gegenstände sieht, wie sie scheinen, erblickt man sie auf der Bühne selbst, wie sie wirklich sind. Um das Ganze zu überschauen, muß man sich auf den rechten Gesichtspunkt stellen, um jedoch die Einzelheiten zu unterscheiden, muß man nahe herantreten. Aber mit welchem Rechte kann sich ein junger Mann in die Händel der Welt mischen? Was gibt ihm die Berechtigung, in diese düstren Geheimnisse eingeweiht zu werden? Nur Lustbarkeiten nehmen das Interesse seines Alters in Anspruch; bis jetzt steht ihm nur die Verfügung über sich selbst zu, und das ist so gut, als ob er über nichts zu verfügen hätte. Der Mensch ist die wertloseste von allen Waaren, und unter unseren wichtigen Eigenthumsrechten ist das der Person beständig das geringste von allen. Wenn ich wahrnehme, wie man die jungen Leute gerade in dem Alter des größten Thätigkeitstriebes auf rein speculative Studien beschränkt, und wie sie darauf, ohne die geringste Erfahrung zu besitzen, urplötzlich in die Welt und in die Geschäfte hinausgestoßen werden, so finde ich, daß dies nicht minder der Vernunft als der Natur zuwiderläuft, und es überrascht mich nicht mehr, daß sich so wenige Leute zu benehmen wissen. Welche seltsame Geistesrichtung trägt die Schuld, daß man uns so viele unnütze Dinge lernen läßt, während die Kunst zu handeln für nichts geachtet wird? Man gibt vor, uns für die Gesellschaft zu bilden, und man unterrichtet uns in einer Weise, als ob Jeder von uns sein Leben als einsamer Denker in seiner Zelle zubringen oder mit Gleichgiltigen gelehrte Unterhaltungen über ganz nichtige Dinge führen sollte. Ihr glaubt euren Kindern die richtige Lebensart beizubringen, wenn ihr sie in gewissen Körperverdrehungen und gewissen hohlen Redensarten ohne Sinn und Verstand unterrichtet. Auch ich habe meinen Emil in der Kunst zu leben unterwiesen, denn ich habe ihn gelehrt, im Umgange mit sich selbst zu leben, ja noch mehr, ich habe ihm zu der Geschicklichkeit verholfen, sich selbst sein Brod verdienen zu können. Das genügt indeß noch nicht. Um in der Welt zu leben, muß man die Menschen zu behandeln wissen, muß man mit den Mitteln vertraut sein, durch welche man die Blößen, die sie sich geben, zu seinem Vortheile benutzen kann; man muß die Wirkung und Gegenwirkung der besonderen Interessen in der bürgerlichen Gesellschaft berechnen und das Ergebniß so richtig voraussehen, daß man sich in seinen Unternehmungen selten täuschen läßt oder sich wenigstens stets der besten Mittel zur Erreichung seines Zieles bedient. Die Gesetze gestatten es Jünglingen nicht, ihre Geschäfte selbst zu betreiben und selbstständig ihr Vermögen zu verwalten; allein welchen Vortheil würden denselben diese Vorsichtsmaßregeln bringen, wenn sie sich bis zu dem festgesetzten Alter keine Erfahrung zu erwerben vermöchten? Das Warten würde ihnen zu keinem Gewinne gereicht haben, und sie würden im fünfundzwanzigsten Jahre noch eben so unerfahren sein wie im fünfzehnten. Ohne Zweifel ist es die Pflicht, zu verhüten, daß sich ein junger Mensch, der entweder durch seine Unwissenheit verblendet oder durch, seine Leidenschaften getäuscht ist, selbst Schaden zufügt; aber in jedem Alter darf man wohlthätig sein, in jedem Alter kann man sich, unter Leitung eines verständigen Mannes, der Unglücklichen annehmen, die des Beistandes bedürfen. Die Ammen und Mütter gewinnen in Folge der Pflege, die sie ihren Kindern widmen, eine herzliche Zuneigung zu denselben; die Ausübung der sozialen Tugenden läßt auf dem Grunde des Herzens die Liebe zur Menschheit emporkeimen. Dadurch, daß man das Gute thut, wird man gut; mir ist keine sichrere Methode bekannt. Beschäftigt euren Zögling mit allen guten Handlungen, die für ihn ausführbar sind; laßt stets das Interesse der Dürftigen sein eigenes sein; er leiste ihnen nicht nur mit seiner Börse Beistand, sondern komme ihnen auch freundlich und hilfsbereit entgegen; er diene ihnen; er gewähre ihnen Schutz; er opfere ihnen seine Person und seine Zeit, er trete überall für sie ein; gewiß wird er in seinem ganzen Leben keine ehrenvollere Beschäftigung finden. Wie viele Unterdrückte, denen man sonst nie Gehör geschenkt hätte, werden Gerechtigkeit erlangen, wenn er dieselbe für sie mit jener unerschrockenen Festigkeit, welche man der Ausübung der Tugend verdankt, fordert, wenn sich ihm die Thüren der Großen und Reichen öffnen müssen, wenn er sich nötigenfalls bis zu den Stufen des Thrones Bahn brechen wird, um vor ihm den Unglücklichen Gehör zu verschaffen, welchen in Folge ihres Elends alle Zugänge verschlossen bleiben, und welche sich durch die Furcht, für das Böse, welches man ihnen zufügt, noch obendrein bestraft zu werden, abhalten lassen, sich darüber zu beschweren. Sollen wir denn aber aus Emil einen fahrenden Ritter, einen Rächer der Bedrängten, einen Abenteurer machen? Soll er sich in die öffentlichen Angelegenheiten mischen? Soll er vor den Großen, vor den Obrigkeiten und vor dem Regenten die Rolle des Weisen und des Vertheidigers der Gesetze spielen? Soll er vor den Richtern als Anwalt und vor den Gerichtshöfen als Sachwalter auftreten? Von dem Allen ist mir nichts bekannt. Scherzhafte und verunglimpfende Namen ändern an der Natur der Sache nichts. Er wird einfach Alles thun, was nach seinem Dafürhalten nützlich und gut ist. Mehr wird er nicht thun, und er weiß, daß für ihn nichts nützlich und gut ist, was außerhalb der Sphäre seines Alters liegt. Er weiß, daß seine erste Pflicht verlangt, die Pflichten gegen sich selbst zu erfüllen, daß junge Leute sich selbst nicht trauen dürfen, daß sie in ihrem Benehmen vorsichtig, in Gegenwart älterer Leute ehrerbietig, in ihren Aeußerungen, wenn sie nicht gefragt werden, zurückhaltend und maßvoll, bei gleichgiltigen Dingen bescheiden, aber im Gutesthun beherzt und im Bekenntniß der Wahrheit muthig sein müssen. So handelten jene berühmten Römer, welche, bevor ihnen der Zutritt zu den öffentlichen Aemtern gestattet wurde, ihre Jugend unter Verfolgung der Verbrechen und Verteidigung der Unschuld verlebten, ohne dabei irgend ein anderes Interesse zu verfolgen, als sich zu unterrichten, während sie der Gerechtigkeit dienten und den guten Sitten förderlich waren. Emil liebt weder Lärm noch Streit, und zwar nicht nur nicht unter Menschen, Wie wird er sich jedoch selbst benehmen, wenn man mit ihm absichtlich Händel sucht? Ich erwidere darauf, daß er niemals Händel haben und sich nie in solche verwickeln lassen wird. Indeß, werdet ihr ferner einwenden, wer kann denn am Ende vor einer thätlichen oder wörtlichen Beleidigung völlig sicher sein, wenn ein brutaler Mensch, ein Trunkenbold oder ein Raufer darauf ausgeht, uns zuerst zu beschimpfen, um nachher noch das Vergnügen zu haben, uns zu tödten? Das ist eine andere Sache; keineswegs darf die Ehre oder das Leben eines Bürgers der Willkür eines rohen Burschen, eines Trunkenbolds oder Raufers preisgegeben sein, und trotzdem vermag man sich gegen ein solches unangenehmes Vorkommnis nicht mehr, als gegen das Herabfallen eines Dachziegels, zu sichern. Erlittene, thätliche oder wörtliche Beleidigungen bringen im bürgerlichen Leben Folgen hervor, welchen keine Weisheit vorbeugen und für welche kein Gerichtshof dem Beleidigten volle Genugthuung gewähren kann. Die Unzulänglichkeit der Gesetze gibt ihm folglich in diesem Punkte seine Unabhängigkeit zurück; er ist von nun an alleiniger Schiedsmann, alleiniger Richter zwischen dem Beleidiger und sich, er ist der alleinige Ausleger und Vollzieher des Naturgesetzes. Er ist sich Gerechtigkeit schuldig und kann sie sich allein widerfahren lassen, und es findet sich sicherlich keine Regierung auf Erden, die so unverständig wäre, ihn dafür zu bestrafen, daß er sie sich in einem solchen Falle selbst verschafft hat. Damit verlange ich nicht, daß er sich schlagen soll; eine solche Handlungsweise ist Narrheit; ich sage nur, daß er sich Gerechtigkeit schuldig ist und daß es nur von ihm allein abhängt, sie sich zu verschaffen. Wäre ich Monarch, so bürge ich dafür, daß in meinen Staaten, ohne daß ich dieser Menge vergeblicher Gesetze gegen die Duelle nöthig hätte, keine Beleidigungen vorkommen sollten, und zwar durch ein höchst einfaches Mittel, bei dem alle Einmischung der Gerichte vermieden wäre. Wie dem jedoch auch immer sei, Emil weiß in einem solchen Falle, welche Gerechtigkeit er sich selbst schuldig ist, und welches Beispiel er zur Sicherstellung aller Leute von Ehre aufstellen muß. Selbst der entschlossenste Mann hat es nicht in seiner Gewalt, jede Beleidigung von sich fern zu halten, so viel vermag er aber zu verhindern, daß man sich lange rühme, ihn beschimpft zu haben. (Diese Anmerkung hat eine gewisse Berühmtheit erlangt. Sie hat der Kritik einen Stoff gegeben, von dem sich Bosheit und Falschheit eifrig bemüht haben, Vortheil zu ziehen. Die Idee, welche Rousseau nur ahnen läßt, und über welche sich offener zu erklären, er scheint vermeiden zu wollen, ist übrigens in einem seiner Briefe an den Abbé M..., datirt den 14. März 1770, deutlich ausgesprochen und sogar entwickelt. Er fügt daselbst die Erzählung einer sehr auffallenden Anekdote bei, welche die Veranlassung war, daß sich jene Idee in seinem Geiste bildete.) Anmerk. des Herrn Petitain sogar selbst nicht unter Thieren. Nie hetzte er zwei Hunde zusammen, nie hetzte er einen Hund auf eine Katze. Diesen friedlichen Sinn verdankt er seiner Erziehung, welche dadurch, daß sie niemals der Eigenliebe und der hohen Meinung von ihm selbst Nahrung gegeben, ihn davon abgehalten hat, im Ausüben der Herrschaft und im fremden Unglücke seine Unterhaltung zu suchen. Er leidet, sobald er leiden sieht; das ist ein natürliches Gefühl. Was die Schuld trägt, daß ein junger Mann hartherzig wird und an dem Anblicke der Leiden eines empfindenden Wesens Gefallen findet, ist lediglich das Wiederauftauchen der Eitelkeit, die ihm den Wahn einimpft, als ob ihm dergleichen Leiden in Folge seiner Weisheit oder seiner Ueberlegenheit nie nahen könnten. Derjenige, welchen man vor dieser Verirrung des Geistes geschützt hat, kann auch nicht in den Fehler verfallen, welcher aus derselben entspringt. Emil liebt also den Frieden; das Bild des Glückes macht einen angenehmen Eindruck auf ihn, und wenn er dazu beizutragen vermag, dasselbe um sich her zu verbreiten, so erblickt er darin ein Mittel mehr, selbst daran theilzunehmen. Nichts berechtigt mich zu der Annahme, daß er beim Anblicke Unglücklicher ihnen nur dieses fruchtlose und grausame Mitleid schenken sollte, welches sich damit begnügt, die Leiden zu bedauern, obgleich es ihnen abhelfen kann. Die werkthätige Hilfe, die er spendet, verschafft ihm Einsichten, die er sich bei einem härteren Herzen gar nicht oder wenigstens erst viel später erworben hätte. Sieht er Unfrieden zwischen seinen Kameraden herrschen, so sucht er sie zu versöhnen; erblickt er Betrübte, so erkundigt er sich nach der Ursache ihres Grames; bemerkt er, wie sich zwei Menschen gegenseitig mit Haß verfolgen, so will er den Grund ihrer Feindschaft kennen lernen; sieht er einen Unterdrückten unter den kleinlichen Verfolgungen eines Mächtigen und Reichen seufzen, so sucht er die Kunstgriffe zu entdecken, unter welchen sich jene Verfolgungen verstecken; und bei dem Interesse, welches er für alle Unglückliche empfindet, sind ihm die Mittel zur Abhilfe ihrer Leiden niemals gleichgiltig. Was haben wir nun zu thun, um aus diesem Triebe auf eine mit seinem Alter in Einklang stehende Weise Nutzen zu ziehen? Nichts als seine Bestrebungen und Kenntnisse zu regeln und seinen Eifer zur Vermehrung Beider anzuwenden. Ich werde nicht müde, es beständig zu wiederholen: Gebet den jungen Leuten alle Belehrungen nicht sowol in Worten, als vielmehr in Handlungen. Was sie aus der Erfahrung lernen können, dürfen sie nicht aus Büchern lernen. Was für ein ungereimtes Unternehmen, sie im Reden zu üben, so lange ihnen ein Gegenstand fehlt, über den sie etwas zu sagen wissen, zu glauben, man könne sie, so lange sie noch auf der Schulbank sitzen, dahin bringen, die Kraft der Sprache der Leidenschaften und die ganze Gewalt der Überredungskunst zu empfinden, ohne daß sie ein wirkliches Interesse haben, Jemanden zu überreden! Alle Regeln der Rhetorik kommen demjenigen, der sie nicht zu seinem Vortheile zu verwenden weiß, wie reines Geschwätz vor. Was kümmert es einen Schüler, zu wissen, wie Hannibal es angestellt hat, um seine Soldaten zur Überschreitung der Alpen zu bewegen? Wenn ihr ihm, anstatt ihn auf diese effectvollen Reden hinzuweisen, Anleitung gäbet, wie er es anfangen müsse, daß er seinen Schulmonarchen dahin bringen könne, ihm einen Urlaub zu bewilligen, so könnt ihr versichert sein, daß er euren Regeln eine größere Aufmerksamkeit schenken würde. Hätte ich mir die Aufgabe gestellt, einen jungen Mann, dessen Leidenschaften schon sämmtlich entwickelt wären, in der Rhetorik zu unterrichten, so würde ich ihm unablässig nur solche Gegenstände vorführen, die seinen Leidenschaften angenehm wären, und ich würde mit ihm untersuchen, welche Sprache er Anderen gegenüber führen müsse, um sie zu vermögen, auf seine Wünsche einzugehen. Mein Emil befindet sich jedoch keineswegs in einer Lage, die der Redekunst sehr förderlich ist. Fast ausschließlich auf physische Bedürfnisse beschränkt, bedarf er weniger Anderer, als diese seiner; und da er von ihnen nichts für seine eigene Person zu erbitten hat, so berührt ihn das, wozu er sie überreden will, nicht in so hohem Grade, um ihn außerordentlich zu erregen. Daraus folgt, daß er sich für gewöhnlich einer einfachen und wenig bildlichen Sprache bedienen wird. Im Allgemeinen muß jedes seiner Worte im eigentlichen Sinne verstanden werden, und er redet ja auch nur, um sich verständlich zu machen. Er ist wenig sentenzenreich, weil ihm eine Verallgemeinerung seiner Ideen noch fremd ist. In seiner Rede kommen wenige Bilder vor, weil er sich selten in leidenschaftlicher Aufregung befindet. Dessenungeachtet ist er aber nicht völlig phlegmatisch und kalt, dies gibt weder sein Alter, noch seine Gewohnheiten, noch seine Geschmacksrichtung zu. Bei seinem jugendlichen Feuer versetzen die in seinem Blute zurückgehaltenen und zu wiederholten Malen destillirten Lebensgeister sein junges Herz in eine Wärme, die aus seinen Blicken hervorstrahlt, die man aus seinen Reden herausfühlt, die sich in seinen Handlungen kundgibt. In seiner Sprache macht sich eine gewisse Accentuation und bisweilen auch ein eigentümliches Feuer bemerkbar. Das edle Gefühl, welches ihn beseelt, verleiht ihr Kraft und Schwung. Von aufrichtiger Liebe zur Menschheit durchdrungen, spiegeln sich die Bewegungen seiner Seele in seinen Worten ab. Sein kühner Freimuth übt einen eigentümlichen Zauber aus, der ungleich wirkungsvoller ist, als die verschmitzte Beredsamkeit Anderer; oder vielmehr ist er allein wahrhaft beredt, da er nur zu zeigen braucht, was er fühlt, um in seinen Hörern dasselbe Gefühl wachzurufen. Je mehr ich darüber nachsinne, desto mehr überzeuge ich mich davon, daß es wenig nützliche Kenntnisse gibt, die man nicht in dem Geiste eines Jünglings dadurch zu entwickeln vermöchte, daß man seinem Wohlthätigkeitssinne ein Feld der Thätigkeit einräumte und ihn dazu anhielte, aus den guten oder schlechten Folgen unserer Handlungen Rückschlüsse auf die zu Grunde liegenden Ursachen zu machen, und daß er neben dem wirklichen Wissen, das man in öffentlichen Anstalten einsammeln kann, sich außerdem noch eine weit wichtigere Wissenschaft erwirbt, nämlich die, von seinen Kenntnissen im Leben auch Gebrauch zu machen. Gewiß muß er bei seinem lebhaften Interesse für seine Nebenmenschen schon frühzeitig ihre Handlungen, ihre Neigungen, ihre Vergnügungen prüfen und würdigen lernen und das, was zum menschlichen Glücke beitragen oder dasselbe schädigen kann, weit richtiger nach seinem wahren Werthe auffassen, als diejenigen, welche bei ihrer völligen Theilnahmlosigkeit an dem Schicksale irgend Jemandes auch nie etwas für Andere thun. Diejenigen, welche sich immer nur mit ihren eigenen Angelegenheiten befassen, befinden sich in viel zu leidenschaftlicher Erregung, um die Dinge richtig beurtheilen zu können. Da sie Alles auf sich allein beziehen und die Begriffe von gut und böse nach ihrem alleinigen Interesse bestimmen, so setzen sie sich tausend lächerliche Vorurtheile in den Kopf, und erblicken in Allem, was ihren Vortheil nur im Geringsten schädigt, sofort den Zusammensturz des ganzen Weltalls. Laßt uns unserer Eigenliebe eine Erweiterung auch auf andere Wesen geben. Wir werden sie dadurch in Tugend verwandeln, und es gibt kein Menschenherz, in welchem diese Tugend nicht wurzelt. Je weniger der Gegenstand unserer Sorgen in unmittelbarem Zusammenhange mit uns selbst steht, desto weniger steht eine Täuschung unseres Sonderinteresses zu befürchten; je mehr man dieses Interesse verallgemeinert, desto mehr wird es zu einer billigen Beurtheilung veranlassen; und unsere Liebe zur Menschheit fällt mit der Liebe zur Gerechtigkeit zusammen. Wollen wir also, daß Emil die Wahrheit liebe, wollen wir, daß er sie erkenne, so dürfen sich seine Geschäfte nicht um seine eigene Person drehen. Je mehr seine Sorgen dem Glücke Anderer gewidmet sind, desto richtiger und weiser werden sie sein und desto weniger Täuschungen wird er sich über das, was gut oder böse ist, hingeben. Allein niemals laßt uns bei ihm eine blinde Bevorzugung dulden, die sich einzig und allein auf das Wohlgefallen an der Person oder auf ungerechte Vorliebe gründet. Und weshalb sollte er auch dem Einen schaden, um dem Andern zu nützen. Ihm verschlägt es wenig, wem ein größerer Glücksantheil zufällt, wofern er nur zum größtmöglichsten Glücke Aller mitwirkt. Dies ist nächst seinem eigenen Interesse das Hauptinteresse des Weisen, denn Jeder ist ein Theil seiner Gattung, und nicht eines anderen Individuums. Um die Ausartung des Mitleids in Schwäche zu verhindern, muß man es folglich verallgemeinern und ihm eine Ausdehnung über das ganze Menschengeschlecht geben. Dann gibt man sich demselben nur insoweit hin, als es mit der Gerechtigkeit Hand in Hand geht, weil unter allen Tugenden die Gerechtigkeit gerade diejenige ist, welche zum allgemeinen Menschenwohl am meisten beiträgt. Aus Gründen der Vernunft, aus Liebe zu uns selbst, müssen wir mit unserer Gattung noch mehr Mitleid haben als mit unserem Nächsten, und das Mitleid mit den Bösen ist geradezu eine sehr große Grausamkeit gegen die Menschheit in ihrer Gesammtheit. Uebrigens wolle man eingedenk bleiben, daß alle diese Mittel, durch welche ich meinen Zögling auf diese Weise gleichsam aus sich heraus versetze, trotzdem stets eine directe Beziehung auf ihn haben, weil ihm daraus nicht allein ein innerer Genuß erwächst, sondern weil ich auch, während ich seine Wohlthätigkeit zum Besten Anderer anrege, seine eigene Belehrung befördere. Habe ich zuerst die Mittel angeführt, so will ich nun ihre Wirkungen auseinandersetzen. Von wie hohen Gesichtspunkten läßt er sich allmählich leiten! Welche erhabenen Empfindungen ersticken in seinem Herzen den Keim aller kleinlichen Leidenschaften! Welch klare Urtheilskraft, welch sicheres Denkvermögen sehe ich sich in ihm ausbilden durch seine auf alles Gute gerichteten Triebe und durch die Erfahrung, welche die Wünsche einer großen Seele in die engen Grenzen des Erreichbaren zusammendrängt und die Ursache ist, daß ein den Anderen überlegener Mensch sich auf ihren Standpunkt herabzulassen versteht, weil er außer Stande ist, sie zu sich emporzuheben. Die wahren Principien der Gerechtigkeit, die wahren Muster des Schönen, alle moralischen Beziehungen der Wesen, alle Ideen der Ordnung prägen sich seinem Verstande ein. Er kennt den Platz, den jedes Ding einnehmen muß, und die Ursache, die es von demselben entfernt; er kennt die Quellen des Guten, so wie die Hindernisse, die sich dem Guten entgegenstellen. Ohne die menschlichen Leidenschaften empfunden zu haben, sind ihm doch ihre Illusionen und ihr Spiel bekannt. Unvermögend, der Gewalt der Gegenstände zu widerstehen, gehe ich weiter, ohne mich jedoch über das Urtheil der Leser auch nur im Geringsten im Unklaren zu befinden. Schon längst erblicken sie mich im Lande der Hirngespinnste, während ich sie nur im Lande der Vorurtheile sehe. Wenn ich mich auch in so hohem Grade von den gewöhnlichen Ansichten entferne, so sind dieselben meinem Geiste doch fortwährend gegenwärtig; ich untersuche sie und stelle Betrachtungen über sie an, nicht um sie mir als Richtschnur zu nehmen oder ihnen ängstlich aus dem Wege zu gehen, sondern um sie auf der Wage der Vernunft abzuwägen. So oft mich Letztere auch nöthigt, von ihnen abzuweichen, so gilt es für mich, da ich durch die Erfahrung belehrt bin, als eine abgemachte Sache, daß Niemand meinem Beispiele folgen werde. Ich weiß, daß sie, da sie sich durchaus nur das als möglich vorstellen können, was sie mit Augen wahrnehmen, den jungen Mann, welchen ich ihnen darstelle, für ein Wesen der Einbildung und Phantasie halten werden, weil er sich von denen, mit welchen sie ihn vergleichen, so wesentlich unterscheidet. Sie berücksichtigen nicht, daß er sich ja nothwendig von ihnen unterscheiden muß, weil er eine ganz andere Erziehung erhalten hat, von ganz anderen Gefühlen beseelt und ganz anders unterrichtet ist als sie. Es würde vielmehr weit überraschender sein, wenn er ihnen ähnelte, anstatt so zu sein, wie ich ihn voraussetze. Er ist nicht ein Mensch, wie ihn der Mensch, sondern wie ihn die Natur bildet. Sicherlich muß er deshalb ihren Augen sehr befremdend vorkommen. Beim Beginne dieses Werkes stellte ich nichts auf, was nicht Jedermann eben so gut beobachten könnte als ich, weil es ja ein und derselbe Punkt ist, nämlich die Geburt des Menschen, von dem wir Alle gleichmäßig ausgehen; je weiter wir jedoch fortschreiten, ich, um die Natur zu unterstützen, und ihr, um sie niederzuhalten und zu verderben, desto mehr entfernen wir uns von einander. In seinem sechsten Jahre unterschied sich mein Zögling wenig von den eurigen, da es euch noch an ausreichender Zeit zu ihrer Verbildung gefehlt hatte. Jetzt ist alle Aehnlichkeit zwischen ihnen verschwunden, und das Mannesalter, dem sich Emil nun nähert, muß ihn uns unter einer völlig abweichenden Gestalt zeigen, wenn ich nicht alle meine Mühe umsonst angewandt habe. Die Menge der Kenntnisse ist auf beiden Seiten vielleicht gleich; aber die Gegenstände, auf welche sich die Kenntnisse erstrecken, sind sehr verschieden. Es setzt euch in Erstaunen, bei dem Einen erhabene Gefühle wahrzunehmen, von denen sich bei den Anderen auch nicht die geringste Spur vorfindet, aber berücksichtigt auch, daß Letztere bereits sämmtlich Philosophen und Theologen sind, bevor Emil nur weiß, was Philosophie ist, ja bevor er noch von Gott hat reden hören. Machte man mir etwa den Einwand: »Nichts von dem, was du annimmst, existirt in Wirklichkeit; die jungen Leute sind keineswegs so beschaffen, sie haben diese oder jene Leidenschaft; sie thun dies oder das,« so liefe dies auf dasselbe hinaus, als wenn man bestreiten wollte, daß deshalb, weil man in unseren Gärten nur Zwergbäume zu sehen bekommt, nun auch je ein Birnbaum ein großer Baum sein könnte. Ich bitte diese Richter, die stets bei der Hand sind, ein absprechendes Urtheil zu fällen, doch in Betracht zu ziehen, daß ich das, was sie da sagen, ganz eben so gut weiß als sie, daß ich wahrscheinlich länger darüber nachgedacht habe, und daß ich, da mir jedes Interesse fehlt, sie hinter das Licht zu führen, zu der Forderung berechtigt bin, daß sie sich wenigstens so viel Zeit nehmen; zu untersuchen, worin ich mich irre. Mögen sie die Beschaffenheit des Menschen einer sorgfältigen Untersuchung unterwerfen, mögen sie die Anfänge der Entwickelung des menschlichen Herzens bei dieser oder jener Gelegenheit verfolgen, um zu erkennen, einen wie großen Unterschied die Erziehung zwischen zwei Individuen hervorrufen kann; mögen sie darauf die meinige mit der Wirkung vergleichen, die ich mir davon verspreche, und mir dann auseinandersetzen, in welcher Hinsicht ich mir einen Trugschluß habe zu Schulden kommen lassen; erst dann werde ich nichts zu entgegnen haben. Was mich in meiner Ansicht noch mehr bestärkt und mir, meines Erachtens, zur Entschuldigung dienen muß, daß ich ihr huldige, ist die Thatsache, daß ich, weit davon entfernt, der Sucht zu systematisiren nachzugeben, der blos logischen Beweisführung einen so geringen Spielraum wie möglich gewähre und mich nur auf die Beobachtung verlasse. Ich stütze mich nicht auf das Resultat meiner Einbildung, sondern auf das meiner Wahrnehmung. Es ist wahr, daß ich mich bei der Einsammlung meiner Erfahrung nicht blos auf das Weichbild einer Stadt, noch auf eine einzige Menschenrasse beschränkt habe; aber nach Vergleichung so vieler Stände und Völker, deren Bekanntschaft ich in meinem nur der Beobachtung gewidmeten Leben habe machen können, habe ich als erkünstelt alles dasjenige ausgeschieden, was sich als ausschließliche Eigentümlichkeit eines einzigen Volkes oder Standes herausstellte, und zu dem menschlichen Wesen nur das als unbestreitbar zugehörig betrachtet, was Allen, ohne Unterschied des Alters, des Ranges und der Nation, gemeinsam war. Verfolgt ihr nun nach dieser Methode die Entwickelung eines jungen Mannes, dem es noch an einer bestimmt ausgeprägten Form fehlt und der von der Autorität und Meinung Anderer so wenig wie möglich abhängt, von seiner frühesten Kindheit an, wem wird er wol nach eurem Bedünken am meisten ähneln, meinem Zöglinge oder den Eurigen? Dies ist, wie mir scheint, die Frage, die man beantworten muß, um erkennen zu können, ob ich mich geirrt habe. Der Mensch beginnt nicht so leicht zu denken; sobald er aber erst einmal den Anfang damit gemacht hat, hört er nicht mehr auf. Wer gedacht hat, wird immer denken, und der Verstand vermag, wenn er einmal im Nachdenken geübt ist, nie wieder in Unthätigkeit zu verharren. Man könnte deshalb auf die Vermuthung kommen, daß ich bei meiner Methode zu viel oder zu wenig thäte, daß die Thätigkeit des menschlichen Geistes von Natur nicht so schnell sichtbar würde, und daß ich denselben, nachdem ich ihm Gaben beigemessen hätte, die er gar nicht besäße, trotzdem in einem Ideenkreise eingeengt hielte, den er längst durchbrochen haben sollte. Erstens ist jedoch zu berücksichtige», daß es sich bei dem Wunsche, einen Naturmenschen heranzubilden, noch nicht darum handelt, einen Wilden aus ihm zu machen und ihn in die Tiefe der Wälder zu verweisen; sondern es genügt, daß er sich im gesellschaftlichen Strudel weder durch die Leidenschaften noch durch die Vorurtheile der Menge mit fortreißen läßt, daß er mit eigenen Augen sieht, mit eigenem Herzen fühlt, daß er sich unter die Herrschaft keiner Autorität als unter die seiner Vernunft beugt. Es ist einleuchtend, daß die Menge der Gegenstände, deren Einwirkungen er in dieser Lage ausgesetzt ist, die stets neuen Gefühle, die ihn erfüllen, die verschiedenen Mittel, seinen wirklichen Bedürfnissen abzuhelfen, ihn mit vielen Begriffen bekannt machen müssen, die er sonst niemals oder doch nur auf einem viel langsameren Wege erlangen würde. Der dem Geiste natürliche Fortschritt wird beschleunigt, aber nicht aufgehoben. Der nämliche Mensch, der in den Wäldern dumm bleiben muß, muß in den Städten, wenn er auch nur einfacher Zuschauer ist, vernünftig und verständig werden. Nichts ist geeigneter, uns weise zu machen, als der Anblick von Thorheiten, an denen wir uns nicht betheiligen; und sogar der Teilnehmer belehrt sich noch, vorausgesetzt, daß er von ihnen nicht geblendet wird und demselben Irrthum unterliegt, wie diejenigen, welche sie begehen. Weiter wolle man bedenken, daß wir, durch unsere Anlagen auf sinnliche Gegenstände beschränkt, für die Auffassung abstrakter Begriffe der Philosophie und rein geistiger Ideen fast gar keine Fähigkeit besitzen. Um uns dieselben anzueignen, müssen wir uns entweder von diesem Körper, an den wir mit so starken Banden gefesselt sind, frei machen, oder von Gegenstand zu Gegenstand stufenweise und langsam fortschreiten, oder wir müssen die Kluft endlich rasch und gleichsam mit einem Riesenschritte überspringen, dessen die Kindheit unfähig ist und zu welchem sogar der Mann eine für ihn besonders angefertigte Stufenleiter nöthig hat. Die erste abstracte Idee bildet die erste Sprosse derselben; aber ich vermag nur schwer einzusehen, wie man sie sich herzurichten denkt. Das unerforschliche, allumfassende Wesen, welches der Welt die Bewegung verleiht, und welchem die ganze Reihe der Wesen ihren Ursprung verdankt, ist weder unseren Augen sichtbar, noch unseren Händen greifbar. Es entzieht sich allen unseren Sinnen. Das Werk tritt uns sichtbar entgegen, aber der Meister verbirgt sich. Es ist keine Kleinigkeit, seine Existenz endlich zu erkennen. Und ist es uns gelungen, fragen wir uns: »Was ist er? Wo ist er?« so verwirrt und verirrt sich unser Geist und die Gedanken stehen uns still. Locke verlangt, man solle sich zuerst mit dem Studium der Geister beschäftigen und erst dann zu dem der Körper übergehen. Das ist die Methode des Aberglaubens, der Vorurtheile, des Irrthums, aber nicht die der Vernunft, ja nicht einmal die der wohlgeordneten Natur. Es heißt sich die Augen verbinden, um sehen zu lernen. Es bedarf eines langen Studiums der Körper, ehe man im Stande ist, sich von den Geistern eine richtige Vorstellung zu machen und sich zur Ahnung ihrer Existenz hindurchzuarbeiten. Die umgekehrte Reihenfolge führt zum Materialismus. Da unsere Sinne die ersten Werkzeuge zur Erlangung unserer Kenntnisse sind, so sind auch die körperlichen und sinnlich wahrnehmbaren Dinge die einzigen, von denen wir unmittelbar eine Vorstellung erhalten. Wer nicht mit den philosophischen Anschauungen vertraut ist, vermag mit dem Worte »Geist« keinen Sinn zu verbinden. Die große Masse des Volkes und die Kinder stellen sich einen Geist stets körperlich vor. Glauben sie nicht an Geister, welche schreien, reden, schlagen und Lärm machen? Nun wird man mir aber zugestehen müssen, daß Geister, welche Arme und Sprache haben, den Körpern täuschend ähnlich sind. Dies ist die Ursache, weshalb sich sämmtliche Völker, die Juden nicht ausgenommen, körperliche Götter gebildet haben. Mit unseren Ausdrücken Geist, Dreieinigkeit, Personen Gottes sind wir selbst zum größten Theile Anthropomorphisten. Ich gebe zu, daß man uns nachsagen lehrt, Gott sei überall; allein wir glauben eben so gut, daß die Luft überall sei, wenigstens innerhalb unserer Atmosphäre, und das Wort Geist bedeutet ja selbst eigentlich nichts anders als Hauch, Odem und Wind. Gewöhnt man die Leute einmal daran, Worte nachzusprechen, ohne sie zu verstehen, dann kann man sie auch mit Leichtigkeit dazu bringen, Alles zu sagen, was man will. Das Gefühl unserer Einwirkung auf andere Körper hat uns zunächst in den Glauben versetzen müssen, daß demzufolge auch jede Einwirkung Letzterer auf uns der von uns auf sie ausgeübten gleich sei. Auf diese Weise begann der Mensch sich alle Dinge, deren Einwirkung auf sich er empfand, belebt vorzustellen. Da er sich weniger stark fühlte als die meisten derselben, weil ihm die Kenntniß der Grenzen ihrer Macht fehlte, so kamen sie ihm unbegrenzt vor, und er machte von dem Augenblicke an, wo er sie sich als Körper dachte, Götter aus ihnen. Während der ersten Zeitalter haben die Menschen, die sich noch durch Alles in Schrecken setzen ließen, nichts Todtes in der Natur gesehen. Der Begriff Materie hat sich in ihnen nicht weniger langsam gebildet, als der Begriff Geist, da dieser erstere Begriff ja ebenfalls eine Abstraction ist. Auf diese Weise haben sie das Weltall mit sinnlich wahrnehmbaren Göttern erfüllt. Die Gestirne, die Winde, die Berge, die Flüsse, die Bäume, die Städte, sogar die Häuser, kurz Alles hatte seine Seele, seinen Gott, sein Leben. Die Bildnisse Labans, die Manitous der Rothhäute, die Fetische der Neger, alle Werke der Natur und des Menschen sind die ersten Gottheiten der Sterblichen gewesen; Polytheismus war ihre erste Religion und Götzendienst ihr erster Cultus. Zur Erkenntniß eines einzigen Gottes konnten sie sich erst erheben, als sie in Folge der allmählichen Verallgemeinerung ihrer Begriffe im Stande waren, auf die erste Ursache zurückzugehen, die ganze Kette der Wesen unter einen einzigen Begriff zusammenzufassen und mit dem Worte Substanz, das im Grunde genommen die größte aller Abstractionen ist, einen bestimmten Sinn zu verbinden. Jedes Kind, welches an Gott glaubt, ist folglich notwendigerweise ein Götzendiener oder doch wenigstens ein Anthropomorphist, und hat sich erst die Einbildungskraft einmal ein Bild Gottes ausgemalt, so kommt es sehr selten vor, daß ihn dann noch der Verstand begreift. Und das ist gerade der Fehler, in welchen wir bei Beobachtung des von Locke empfohlenen Ganges verfallen. Da ich einmal, ich weiß selbst nicht wie, auf den abstracten Begriff Substanz gekommen bin, so wird man, wenn wir einen Augenblick dabei stehen bleiben, einsehen, daß man bei Annahme einer einzigen Substanz derselben Eigenschaften zuschreiben müßte, die sich wegen ihrer völligen Unvereinbarkeit gegenseitig ausschließen, wie das Denken und der Umfang, von denen die eine ihrem Wesen nach theilbar ist, die andere dagegen jede Theilbarkeit ausschließt. Man begreift übrigens, daß das Denken, oder wenn man will, die Empfindung, eine ursprüngliche und von der Substanz, zu der sie gehört, untrennbare Eigenschaft ist, und daß das nämliche Verhältniß zwischen dem Umfange und seiner Substanz stattfindet. Daraus ist man zu dem Schlusse berechtigt, daß die Wesen, welche eine dieser Eigenschaften verlieren, gleichzeitig auch die Substanz, zu der sie gehört, verlieren, daß demnach der Tod lediglich eine Trennung der Substanzen ist, und daß die Wesen, in denen sich jene beiden Eigenschaften vereinigt vorfinden, aus zwei Substanzen zusammengesetzt sind, zu denen diese beiden Eigenschaften gehören. Jetzt überlege man aber, welch ein Unterschied noch bleibt zwischen dem Begriffe der beiden Substanzen und dem der göttlichen Natur, zwischen der unbegreiflichen Vorstellung der Einwirkung unserer Seele auf unseren Körper und der Vorstellung der Einwirkung Gottes auf alle Wesen! Wie sollen sich die Begriffe Schöpfung, Vernichtung, Allgegenwart, Ewigkeit, Allmacht, ferner die Begriffe der übrigen göttlichen Eigenschaften, alle diese Begriffe, deren Verworrenheit und Dunkelheit nur Wenige in ihrer ganzen Wirklichkeit zu erkennen vermögen, und welche für das Volk nur deshalb nichts Dunkles haben, weil ihm alles Verständniß für dieselben abgeht, wie, frage ich, sollen sie sich jungen Seelen, die noch von den ersten Sinnesäußerungen in Anspruch genommen werden und nur das zu begreifen im Stande sind, was sie mit Händen greifen können, in ihrer ganzen Stärke, d. h. in ihrer ganzen Dunkelheit darstellen? Umsonst öffnen sich die Abgründe der Unendlichkeit rings um uns her; ein Kind läßt sich dadurch nicht in Schrecken setzen; seine schwachen Augen vermögen ihre Tiefen nicht zu ergründen. Den Kindern gegenüber ist Alles unendlich, sie verstehen keiner Sache Grenzen zu setzen, nicht etwa weil sie einen zu großen Maßstab anlegen, sondern wegen der Unzulänglichkeit ihres Verstandes. Ich habe sogar die Beobachtung gemacht, daß sie das Unendliche weniger jenseits als diesseits des ihnen bekannten Raumes verlegen. Sie werden sich bei der Abschätzung eines unbegrenzten Raumes weit mehr auf ihre Füße als auf ihre Augen verlassen; er wird sich für sie nicht über die Grenzen ihrer Sehkraft, sondern nur über die Grenzen des Weges, den sie zurücklegen können, hinaus erstrecken. Erzählt man ihnen von der Allmacht Gottes, so werden sie ihn für beinahe eben so stark als ihren Vater halten. Da ihnen in allen Dingen das, was sie kennen, den Maßstab des Möglichen abgeben muß, so halten sie das, was man ihnen sagt, stets für geringer als das, was sie aus Erfahrung wissen. So lauten regelmäßig die Urtheile, welche Unwissenheit und Geistesschwache fällen. Ajax würde sich gefürchtet haben, sich mit dem Achill zu messen, fordert aber den Jupiter zum Kampfe heraus, weil er den Achill kennt, jedoch nicht den Jupiter. Ein schweizer Bauer, welcher sich für den reichsten Mann hielt, und dem man die Bedeutung eines Königs klar zu machen suchte, fragte mit stolzer Miene, ob ein König wol im Stande wäre, hundert Kühe auf den Bergen zu halten. Ich sehe voraus, wie viele meiner Leser die Wahrnehmung in Erstaunen setzen wird, daß ich das ganze erste Lebensalter meines Zöglings habe vorübergehen lassen, ohne mit ihm über Religion zu sprechen. Im Alter von fünfzehn Jahren wußte er noch nicht, daß er überhaupt eine Seele hat, und vielleicht braucht er es noch nicht einmal im achtzehnten Jahre zu lernen, denn wenn er es vor dem unumgänglich nöthigen Zeitpunkte lernt, läuft er Gefahr, es niemals zu erfahren. Wenn mir die Aufgabe gestellt wäre, die Dummheit in ihrer abstoßendsten Form zur Darstellung zu bringen, so würde ich einen pedantischen Schulfuchs malen, wie er Kindern Katechismusunterricht ertheilt; wenn ich ein Kind ganz närrisch machen wollte, würde ich es nöthigen, mir deutlich auseinander zu setzen, was es beim Hersagen des Katechismus eigentlich sage. Man wird mir den Einwurf machen, daß ja der größte Theil der christlichen Dogmen Geheimnisse seien und daß deshalb warten wollen, bis der menschliche Geist die Fähigkeit erlangt habe, sie zu begreifen, nicht warten heiße, bis aus dem Kinde ein Mann geworden sei, sondern bis der Mensch aufgehört habe zu existieren. Hierauf entgegne ich erstlich, daß es Geheimnisse gibt, die es dem Menschen nicht nur unmöglich fällt zu begreifen, sondern auch zu glauben. Ich sehe in der That nicht ein, was man dadurch, daß man die Kinder mit denselben bekannt macht, anders erzielt, als daß man sie schon früh zum Lügen anhält. Weiter bin ich der Ansicht, daß man, will man Geheimnisse gelten lassen, wenigstens begreifen muß, daß sie unbegreiflich sind, Kinder sind aber nicht einmal dieses Gedankens fähig. Für das Alter, in welchem Alles Geheimniß ist, gibt es gar keine Geheimnisse im eigentlichen Sinne. Man muß glauben, um selig zu werden. Die falsche Auffassung dieses Dogmas ist die Quelle der blutgierigsten Intoleranz und die Ursache aller dieser nutzlosen Lehren, welche der menschlichen Vernunft den Todesstreich versetzen, indem dieselbe dadurch gewöhnt wird, sich mit Worten abspeisen zu lassen. Ohne Zweifel ist kein Augenblick zu verlieren, um der ewigen Seligkeit gewiß zu werden; ist aber zu ihrer Erlangung das Nachplappern gewisser Worte hinreichend, so sehe ich nicht ein, was uns abhält, den Himmel eben so gut mit Staarmätzen und Elstern als mit Kindern zu bevölkern. Die Pflicht zu glauben setzt die Möglichkeit dazu voraus. Der Philosoph, welcher nicht glaubt, begeht Unrecht, weil er von der Vernunft, die er ausgebildet hat, einen schlechten Gebrauch macht, und weil er im Stande ist, die Wahrheiten zu verstehen, die er verwirft. Was aber glaubt ein Kind, welches sich zu der christlichen Religion bekennt? Das, was es versteht; allein es versteht das, was man es nachsprechen läßt, in so geringem Grade, daß es, falls ihr ihm plötzlich das Gegentheil vorsprecht, dies eben so willig annehmen wird. Der Glaube der Kinder so wie der vieler Erwachsener ist lediglich eine Sache der Geographie. Soll ihnen etwa dafür ein Lohn zu Theil werden, daß sie in Rom und nicht in Mekka geboren sind? Dem Einen redet man vor, daß Mahomed der Prophet Gottes ist, und es sagt nun natürlich auch: »Mahomed ist der Prophet Gottes!« Dem Andern sagt man, Mahomed sei ein Betrüger, und es behauptet deshalb gleichfalls: »Mahomed ist ein Betrüger!« Jeder von diesen Beiden hätte das behauptet, was der Andere behauptet, wenn ihre Geburtsstätten vertauscht wären. Können nun wol diese angeborenen Anlagen, die sich bei Beiden so ähnlich zeigen, eine so verschiedene Wirkung ausüben, daß das Eine in das Paradies versetzt, das Andere aber der Hölle überantwortet wird? Variante: Dem Einen redet man vor, man müsse Mahomed verehren, und es versichert nun auch, es verehre Mahomed. Dem Andern sagt man, man müsse die Jungfrau verehren, und es behauptet, es verehre die Jungfrau. Jedes von Beiden würde das gethan haben, was das Andere gethan hat, wenn sie sich in umgekehrter Lage befunden hätten. Können nun wol diese Ansichten, die sich bei Beiden u. s. w. Legt ein Kind das Bekenntniß ab, daß es an Gott glaube, so ist es eigentlich nicht Gott, an den es glaubt, sondern der Peter oder der Jacob, welche ihm sagen, es gebe etwas, was man Gott nenne; und es glaubt dies in der Weise des Euripides, der öffentlich bekennt: O Jupiter, von dem ich nichts Als nur den Namen kenne! Plutarch's Abhandlung über die Liebe. Mit diesen Worten begann zuerst die Tragödie Menalippus; aber das Geschrei des Volkes von Athen nöthigte Euripides, diesen Anfang abzuändern. Wir glauben, daß kein vor dem Alter der Vernunft gestorbenes Kind von der ewigen Seligkeit ausgeschlossen werde; die Katholiken glauben dasselbe von allen getauften Kindern, wenn sie auch noch nie von Gott haben reden hören. Folglich gibt es Fälle, wo man, ohne an Gott zu glauben, selig werden kann, und solche Fälle kommen theils in der Kindheit, theils beim Wahnsinne vor, wo dem menschlichen Geiste diejenige Fähigkeit genommen ist, die zu der Erkenntniß der Gottheit nothwendig ist. Der ganze Unterschied, den ich zwischen euch und mir finde, besteht darin, daß ihr die Behauptung aufstellt, die Kinder besäßen diese Fähigkeit schon in einem Alter von sieben Jahren, während ich sie ihnen noch im fünfzehnten Jahre abspreche. Ob ich nun Recht oder Unrecht habe, so handelt es sich hier keineswegs um einen Glaubensartikel, sondern um eine einfache naturhistorische Beobachtung. Nach demselben Grundsatze ist es auch einleuchtend, daß selbst ein Mensch, der ohne an Gott zu glauben das Greisenalter erreicht hat, um deswillen noch nicht des zukünftigen Lebens verlustig gehen wird, wenn er nicht absichtlich in seiner Verblendung verharrte, und ich bekenne offen, daß meiner Ansicht nach dies nicht immer der Fall sein wird. Ihr theilt meine Ansicht, wenn es sich um Wahnsinnige handelt, die eine Krankheit zwar ihrer geistigen Fähigkeiten, damit aber noch nicht ihrer Eigenschaft als Menschen und also auch nicht ihres Anrechtes auf die Wohlthaten ihres Schöpfers beraubt hat. Weshalb mir also eure Beistimmung in Bezug auf solche Personen versagen, welche, von ihrer Kindheit an der menschlichen Gesellschaft fern stehend, ein völlig wildes Leben geführt haben, und denen deshalb alle jene Einsichten fehlen, die man sich nur im Umgange mit Menschen anzueignen vermag. Man lese über den Naturzustand des menschlichen Geistes und über die Langsamkeit seiner Fortschritte den ersten Theil der Abhandlung über die Ungleichheit nach. Denn es ist eine erwiesene Unmöglichkeit, daß ein solcher Wilder je im Stande sein sollte, sich durch eigene Ueberlegung zur Erkenntniß des wahren Gottes zu erheben. Die Vernunft sagt uns, daß ein Mensch nur für die aus freiem Antriebe begangenen Fehler straffällig sei und daß eine Unwissenheit, die sich zu belehren nie Gelegenheit hatte, ihm nie als Verbrechen angerechnet werden könne. Hieraus ergibt sich, daß jeder Mensch, welcher glauben würde, wenn er die nöthigen Einsichten hätte, vor der ewigen Gerechtigkeit für gläubig angesehen wird, und daß die Strafe des Unglaubens nur diejenigen treffen wird, deren Herz sich der Wahrheit verschließt. Nehmen wir uns in Acht, denen die Wahrheit zu verkündigen, die sie nicht zu verstehen im Stande sind, denn dadurch würden wir der Wahrheit gerade den Irrthum substituiren. Es wäre besser, von der Gottheit gar keine Vorstellung zu haben, als sich von derselben eine niedrige, phantastische, sie herabwürdigende und ihrer unwürdige zu bilden. Es ist ein geringeres Uebel, von der Gottheit keine Kenntniß zu besitzen, als sie zu beleidigen. »Ich würde es vorziehen,« sagt der ehrenwerthe Plutarch, Abhandlung über den Aberglauben, §. 27. »daß man glaubte, es gäbe gar keinen Plutarch in der Welt, als daß man sagte: Plutarch ist ungerecht, neidisch, eifersüchtig und so tyrannischen Geistes, daß er mehr verlangt, als zu erfüllen möglich ist.« Der große Uebelstand eines falschen Bildes der Gottheit, welches man dem Geiste der Kinder einprägt, besteht darin, daß dasselbe ihr ganzes Leben hindurch in ihnen haften bleibt, und daß sie, auch wenn sie erwachsen sind, sich von den Anschauungen ihrer Kindheit nicht loszureißen vermögen. Ich habe in der Schweiz eine brave und fromme Hausmutter gekannt, die von der unumstößlichen Richtigkeit dieses Satzes so vollkommen überzeugt war, daß sie ihren Sohn in seiner frühesten Jugend unter keinen Umständen in der Religion unterrichten wollte, weil sie von der Besorgniß erfüllt war, er könnte sich durch eine so unvollkommene Belehrung befriedigt fühlen und im Alter der Vernunft einer eingehenderen sein Ohr nicht mehr schenken. Dieses Kind hörte immer nur mit Andacht und Ehrfurcht von Gott reden, und sobald es selbst von ihm reden wollte, legte man ihm darüber, als über einen Gegenstand, der für dasselbe viel zu erhaben und groß wäre, sofort Stillschweigen auf. Diese Zurückhaltung fachte seine Neugier an, und in seiner Eigenliebe wünschte es sehnlichst den Augenblick herbei, wo es dieses Geheimniß kennen lernen sollte, welches man ihm mit so großer Sorgfalt verbarg. Je weniger man mit ihm von Gott redete, je weniger man ihm gestattete, selbst von ihm zu sprechen, desto mehr beschäftigte es sich mit ihm; dieses Kind sah Gott schließlich überall. Bei diesem Anscheine von Geheimnißkrämerei würde ich, wenn sie gar zu unvorsichtig zur Schau träte, freilich die Befürchtung hegen, daß sie durch die allzu große Erhitzung der Einbildungskraft des jungen Mannes ihm ganz den Kopf verdrehte und daß man am Ende einen Schwärmer aus ihm machte, anstatt ihn auf den Weg des Glaubens zu bringen. Dergleichen ist indeß für meinen Emil, der sich niemals dazu bewegen läßt, einem Gegenstande, welcher außer den Grenzen seiner Fassungskraft liegt, Aufmerksamkeit zu schenken, und deshalb solche Dinge, die er nicht versteht, mit der gründlichsten Gleichgültigkeit anhört, durchaus nicht zu befürchten. Es gibt so Vielerlei, von dem er zu sagen gewohnt ist: »Das gehört nicht zum Kreise meiner Kenntnisse,« daß er durch einen Gegenstand mehr nicht leicht in Verlegenheit gesetzt wird, und sobald er beginnt, über diese großen Fragen in Unruhe zu gerathen, so geschieht es nicht deshalb, weil sie in seiner Gegenwart aufgestellt sind, sondern weil der natürliche Fortschritt seiner Einsichten seine Forschungen nach dieser Richtung hinlenkt. Wir haben bereits gesehen, auf welchem Wege sich der herangereifte menschliche Geist diesen Geheimnissen nähert, und ich will gern einräumen, daß er, wenn er nur der Natur folgte, selbst im Schooße der Gesellschaft, erst in einem vorgeschrittenen Lebensalter dahin gelangen würde. Weil sich jedoch in dieser nämlichen Gesellschaft unvermeidliche Ursachen vorfinden, welche den Fortschritt der Leidenschaften beschleunigen, so würde man, wenn man nicht den Fortschritt der Einsichten, welche zur Zügelung unserer Leidenschaften dienen, in gleichem Verhältnisse beschleunigte, in Wirklichkeit von der Ordnung der Natur abweichen, und das Gleichgewicht würde aufgehoben werden. Wenn man eine allzu schnell fortschreitende Entwickelung nicht zu mäßigen vermag, so muß man Alles, was damit naturgemäß in Verbindung steht, in gleicher Geschwindigkeit weiter zu führen suchen, so daß nirgends die Ordnung gestört, das, was die Bestimmung hat, gleichmäßig fortzuschreiten, nicht von einander geschieden werde und der Mensch, der in allen Lebensmomenten nur ein einziges Ganzes bildet, hinsichtlich der Entwickelung seiner einzelnen Fähigkeiten nicht einen verschiedenen Standpunkt einnehme. Ich sehe schon im Geiste, welche Schwierigkeiten sich hier erheben, Schwierigkeiten, die um so größer sind, als sie weniger in den Dingen, als vielmehr auf dem Kleinmuthe derer beruhen, die sie nicht zu heben wagen. Unternehmen wir zunächst das Wagestück, sie uns wenigstens klar zu machen. Ein Kind soll in der Religion seines Vaters erzogen werden. Man liefert ihm stets den vollkommenen Beweis, daß diese Religion, was für eine es auch immer sei, die einzig wahre ist, alle andern dagegen voller Überspanntheiten und Ungereimtheiten sind. Was diesen Punkt anlangt, so hängt die Stärke der Beweisgründe durchaus von dem Lande ab, in welchem man sie vorbringt. Ein Türke, welchem in Constantinopel das Christenthum so lächerlich erscheint, möge nur einmal nach Paris gehen und mit anhören, was man dort vom Muhamedanismus hält! Hauptsächlich auf religiösem Gebiete feiern die Vorurtheile ihre Triumphe. Allein wir, die wir stolz versichern, wir schüttelten ihr Joch in jeder Beziehung ab, wir, die wir der Autorität kein Vorrecht zugestehen, wir, die wir unsern Emil in nichts unterrichten wollen, was er nicht in jedem Lande von selbst lernen könnte, in welcher Religion sollen wir ihn erziehen? In welche Sekte sollen wir diesen Naturmenschen aufnehmen lassen? Die Antwort ist, wie mir scheint, sehr einfach. Wir bestimmen ihn weder für diese noch für jene, setzen ihn aber in den Stand, sich selbst diejenige zu wählen, welcher ihn der beste Gebrauch seiner Vernunft zuführen muß. Incedo per ignes Suppositos cineri doloso . ... Durch Gluten schreit' ich, Welche mit trüglicher Asch' umhüllt sind. (Horat II. Od. I, V. 7-8.) Sei es trotzdem gewagt! Eifer und Aufrichtigkeit haben mir bisher die Klugheit ersetzt. Ich gebe mich der Hoffnung hin, daß mich diese Bürgen im Nothfalle nicht verlassen werden. Leser, fürchtet von mir keine Vorsichtsmaßregeln, die eines Wahrheitsfreundes unwürdig wären. Ich werde meines Wahlspruchs stets eingedenk bleiben, aber man muß mir vergönnen, in mein eigenes Urtheil Mißtrauen zu setzen. Anstatt euch meine eigenen Gedanken darüber zu entschleiern, will ich euch erzählen, was ein Mann dachte, der mich um Vieles übertraf. Ich stehe für die Wahrheit der Thatsachen ein, die ich hier mittheilen will; sie sind dem Verfasser der schriftlichen Aufzeichnung, die ich abzuschreiben gedenke, wirklich zugestoßen. Eure Sache ist es nun, zu sehen, ob sich daraus nützliche Betrachtungen über den Gegenstand, um den es sich hier handelt, ziehen lassen. Weder eines Anderen noch meine eigene Ansicht stelle ich euch als maßgebende Richtschnur auf; ich wünsche sie euch lediglich zur Prüfung vorzulegen. »Es sind dreißig Jahre her, daß ein junger Mann, der fern von seinem Vaterlande lebte, in einer Stadt Italiens in das äußerste Elend gerieth. Er war im Schooße des Calvinismus geboren, wechselte indeß, da er in Folge einer Unbesonnenheit hatte die Flucht ergreifen müssen und sich nun in einem fremden Lande ohne alle Hilfsmittel sah, seine Religion, um sich dadurch seinen Unterhalt zu verschaffen. Es befand sich in dieser Stadt ein Hospiz für Proselyten, und in dieses wurde er aufgenommen. Während man ihn über die Unterscheidungslehren unterrichtete, rief man Zweifel in ihm wach, die er vorher nicht gehabt hatte, und lehrte ihn das Böse kennen, das ihm bis dahin fremd gewesen war. Er hörte neue Dogmen, sah aber gleichzeitig Sitten, die ihm noch neuer waren. Er sah sie und wäre beinahe ihr Opfer geworden. Er wollte fliehen, aber man sperrte ihn ein; er beschwerte sich, man bestrafte ihn für seine Beschwerden. Der Willkür seiner Tyrannen Preis gegeben, sah er sich als Verbrecher behandelt, weil er nicht hatte in die Sünde willigen wollen. Wer da weiß, in wie hohem Grade die erste Gewalttätigkeit und Ungerechtigkeit, die einem jungen, unerfahrenen Herzen zugefügt wird, dasselbe aufzuregen vermag, kann sich eine Vorstellung von dem Zustande machen, in welchen das seinige versetzt wurde. Thränen der Wuth stürzten ihm aus den Augen, der Unwille drohte ihn zu ersticken; Himmel und Erde bestürmte er mit seinen Bitten; er vertraute sich Jedermann an und doch fand er bei Niemandem Gehör. Seine Augen vermochten Niemand zu entdecken als feile Diener, die völlig von jenem Niederträchtigen, der ihn so schimpflich behandelte, abhängig waren, oder Thäter der ihm zugemutheten Sünde, die sich über seinen Widerstand lustig machten und ihn aufforderten, ihnen nachzuahmen. Ohne einen redlichen Geistlichen, der wegen irgend einer Angelegenheit das Hospiz besuchte, und den er Mittel fand im Geheimen um Rath zu fragen, wäre er verloren gewesen. Der Geistliche war arm und bedurfte selbst aller Welt Hilfe; aber der Unterdrückte hatte seiner in noch höherem Grade nöthig, und er trug keinen Augenblick Bedenken, seine Flucht zu befördern, selbst auf die Gefahr hin, sich dadurch einen gefährlichen Feind zuzuziehen.« »Dem Laster war er nun zwar entronnen, aber nur um von Neuem in Mangel zu gerathen. Vergeblich kämpfte der junge Mann gegen sein Schicksal an. Einen Augenblick glaubte er freilich schon desselben Herr geworden zu sein. Bei dem ersten Aufleuchten des Glückes waren sofort seine Leiden und sein Beschützer vergessen. Diese Undankbarkeit sollte aber bald ihre Strafe erhalten; alle seine Hoffnungen scheiterten. Kam ihm auch seine Jugend zu Statten, so verdarben doch seine romanhaften Ideen Alles wieder. Obwol es ihm an den hinreichenden Talenten und dem nöthigen Geschick gebrach, um sich einen leichten Lebensweg zu bahnen, und er weder gemäßigt noch schlecht zu sein verstand, so machte er doch auf so Vielerlei Anspruch, daß er schließlich keines seiner Ziele zu erreichen vermochte. Zurückgesunken in sein früheres Elend, ohne Brod, ohne Obdach, dem Hungertode nahe, erinnerte er sich mit einem Male wieder seines Wohlthäters.« »Er kehrt zu ihm zurück, findet ihn und hat sich einer freundlichen Aufnahme zu erfreuen. Sein Anblick ruft in dem Geistlichen wieder das Andenken an eine gute Handlung, welche er vollbracht hatte, wach. Eine solche Erinnerung kann für die Seele stets nur erfreulich sein. Dieser Mann war von Natur menschenfreundlich und mitleidig; seine eigenen Leiden erfüllten ihn mit Mitgefühl für fremdes Leid, und Wohlstand hatte sein Herz nicht verhärtet; außerdem hatten die Lehren der Weisheit und eine fleckenlose Tugend seinem guten Naturell noch größeren Halt gegeben. Er nimmt den jungen Mann auf, verschafft ihm ein Nachtlager, empfiehlt ihn und theilt mit ihm sein geringes Einkommen, das für Zwei kaum ausreichend ist. Er thut sogar noch mehr, er unterrichtet ihn, tröstet ihn und lehrt ihn vor Allem die schwierige Kunst, jedes Mißgeschick mit Geduld zu ertragen. Hättet ihr, mit Vorurtheilen erfüllte Menschen, dies wol von einem Geistlichen, hättet ihr es wol in Italien vermuthet?« »Dieser redliche Geistliche war ein armer savoyischer Vikar, der wegen eines Jugendabenteuers bei seinem Bischofe in Ungnade gefallen war und deshalb jenseits der Berge ein Unterkommen aufgesucht hatte, welches ihm in seinem Vaterlande versagt war. Es fehlte ihm weder an Geist noch an wissenschaftlicher Bildung. Diese Gaben so wie eine einnehmende Figur hatten ihm Gönner verschafft, welche ihn bei einem Minister unterbrachten, um die Erziehung seines Sohnes zu übernehmen. Allein er zog die Dürftigkeit der Abhängigkeit vor, und es fehlte ihm auch an dem richtigen Tacte im Umgange mit den Großen. Daher blieb er nicht lange in diesem Wirkungskreise, verlor jedoch, als er aus demselben schied, keineswegs die Achtung des Ministers, und da er einen unanstößigen Lebenswandel führte und sich bei Jedermann beliebt machte, so schmeichelte er sich mit der Hoffnung, doch noch die Gunst des Bischofs wieder zu gewinnen und irgend eine kleine Pfarrei im Gebirge von demselben zu erhalten, wo er seine übrigen Tage verleben könnte. Ein höheres Ziel kannte sein Ehrgeiz nicht.« »Eine natürliche Neigung zog ihn zu dem jungen Flüchtlinge hin und trieb ihn an, denselben genau zu beobachten. Er nahm wahr, daß das Unglück sein Herz bereits gebrochen, daß Schmach und Verachtung seinen Muth gebeugt hatte, und daß seinem Stolze, der schon in tiefste Bitterkeit übergegangen war, die Ungerechtigkeit und Härte der Menschen nur als ein Gebrechen ihrer Natur und jede Tugend als eitler Wahn erschien. Derselbe hatte zu sehen geglaubt, daß die Religion nur die Maske des Eigennutzes abgibt und der religiöse Cultus die Heuchelei groß zieht; es war ihm vorgekommen, als ob bei allem Aufgebote des Scharfsinnes in den gelehrten Streitigkeiten Himmel und Hölle immer nur als Preis für ein Spielen mit Worten gelten, in seinen Augen war die erhabene und ursprüngliche Idee der Gottheit durch die phantastischen Einbildungen der Menschen entstellt, und da es ihm schien, daß man, um an Gott zu glauben, auf den Verstand verzichten müßte, den man von ihm erhalten hat, so zollte er sowol diesen ihm lächerlich dünkenden Träumereien der Menschen als auch dem Gegenstande derselben die nämliche Verachtung. Ohne die geringste Kenntniß von dem, was ist, ohne eine richtige Vorstellung von der Entstehung der Dinge, verharrte er mit tiefer Verachtung aller derer, die davon mehr als er zu wissen meinten, in seiner krassen Unwissenheit.« »Die Verwerfung aller Religion führt zur Verabsäumung der Pflichten des Menschen. Unser Freigeist hatte in seinem Herzen schon mehr als die Hälfte dieses Weges zurückgelegt. Trotzdem war er nicht etwa mit besonders bösen Anlagen geboren, sondern der Unglaube und das Elend, welche seine Natur allmählich erstickten trieben ihn nur mit furchtbarer Schnelligkeit seinem Verderben entgegen und hatten ihn fast schon so weit gebracht, daß er in den Sitten zu einem Bettler herabsank, und in ihm den Grund zu der Moral eines Atheisten gelegt.« »Obgleich das Uebel fast unvermeidlich einen traurigen Ausgang nehmen zu müssen schien, so hatte es doch bis jetzt seinen Höhepunkt noch nicht erreicht. Der junge Mann besaß Kenntnisse, und seine Erziehung war nicht vernachlässigt worden. Er stand in jenem glücklichen Alter, in welchem das gährende Blut die Seele zu erwärmen beginnt, ohne sie den Leidenschaften der Sinne zu unterwerfen. Die seinige hatte noch ihre ganze Spannkraft. Eine angeborne Schamhaftigkeit und eine gewisse Schüchternheit des Charakters vertraten bei ihm den Zwang und verlängerten für ihn jene Lebensperiode, in welcher ihr euren Zögling euch so sorgfältig zu erhalten bemüht. Das hassenswerthe Beispiel einer thierischen Entartung und eines reizlosen Lasters war so weit davon entfernt gewesen, seine Einbildungskraft anzufachen, daß es dieselbe vielmehr ertödtet hatte. Durch Widerwille und Ekel, die ihm lange Zeit die Tugend ersetzten, vermochte er seine Unschuld zu bewahren; sie sollte nur süßeren Verführungen unterliegen.« »Der Geistliche erkannte nicht nur die Gefahr, sondern auch die Mittel zur Abwehr. Die Schwierigkeiten schreckten ihn durchaus nicht zurück; er fand Gefallen an seinem Werke und beschloß es zu vollenden und das Opfer, welches er der Versunkenheit und Schande entrissen hatte, in den Schooß der Tugend zurückzuführen. Nur mit größter Behutsamkeit ging er bei Ausführung seines Planes zu Werke. Der gute Zweck belebte seinen Muth und gab ihm Mittel ein, die seines edlen Strebens würdig waren. Welchen Erfolg er auch erzielen mochte, er war sicher, seine Zeit nicht verloren zu haben. Wer nur Gutes bezweckt, muß seine Bemühungen stets mit Erfolg gekrönt sehen.« »Sein Erstes war, sich das Vertrauen des Proselyten dadurch zu gewinnen, daß er auf seine Wohlthaten keinen Preis setzte, daß er ihm nicht lästig fiel, ihm keine langen Predigten hielt, nie über die Grenzen seiner Fassungskraft hinausging und sich nicht scheute sich zu erniedrigen, um sich ihm so viel als möglich gleichzustellen. Es mußte meinem Bedünken nach in der That ein ergreifendes Schauspiel darbieten, mit anzusehen, wie sich ein ernster Mann zum Kumpane eines tief gesunkenen Menschen hergab und die Tugend den Ton ungebundener Zügellosigkeit annahm, um desto sicherer zum Ziele zu gelangen. Als der leichtsinnige Mensch endlich Vertrauen zu ihm faßte und ihm sein Herz ausschüttete, hörte ihn der Priester an und suchte ihm durch freundliches Entgegenkommen sein Geständniß zu erleichtern. Ohne das dabei vorkommende Böse zu billigen, legte er doch ein lebhaftes Interesse für Alles an den Tag. Niemals hemmte er durch unbesonnenen Tadel sein Geplauder oder machte ihm das Herz schwer. Das Vergnügen, mit welchem derselbe seine Worte aufgenommen glaubte, erhöhte noch die Freude, von der er bei diesen Herzensergießungen beseelt war. So beichtete er Alles, was er auf dem Herzen hatte, ohne sich doch seiner Beichte bewußt zu werden.« »Nachdem der Priester über seine Gesinnungen und seinen Charakter ins Klare gekommen war, erkannte er deutlich, daß derselbe, obwol man ihn für sein Alter nicht unwissend nennen konnte, doch alles das vergessen hatte, was für ihn zu wissen von größter Wichtigkeit war, und daß die Schmach, in welche er durch die Schuld des Schicksals versunken war, in ihm jedes wahre Gefühl für Gut und Böse erstickt hatte. Es gibt einen Grad von Verkommenheit, welcher der Seele alles Leben entzieht. Die innere Stimme vermag sich dem nicht vernehmbar zu machen, der nur an die Sorge für seine Ernährung zu denken hat. Um den jungen Unglücklichen vor diesem moralischen Tode, dem er so nahe war, zu bewahren, suchte der Priester zunächst wieder Selbstliebe und Selbstachtung in ihm anzufachen; er malte ihm aus, eine wie glückliche Zukunft er sich durch eine geschickte Anwendung seiner Talente bereiten könnte, und verstand es durch die Erzählung guter Handlungen, welche Andere ausgeübt hatten, sein Herz wieder für alles Edele zu erwärmen; indem er ihn mit Bewunderung für die Personen erfüllte, welche so edel gehandelt hatten, rief er in ihm zugleich den Wunsch hervor, ähnliche Thaten zu vollbringen. Um ihn nach und nach von seinem müßigen und unstäten Leben loszureißen, verwandte er ihn zur Anfertigung von Auszügen aus auserlesenen Büchern, und indem er sich stellte, als bedürfe er dieser Auszüge, gab er dem edelen Gefühle der Dankbarkeit in ihm Nahrung. Er belehrte ihn mittelbar durch diese Bücher und flößte ihm wieder eine gute Meinung von sich selbst ein, damit er sich nicht für ein zu allem Guten unfähiges Wesen halten und sich des Gedankens entschlagen sollte, sich in seinen eigenen Augen verächtlich zu machen.« »Die Mittheilung eines an und für sich unbedeutenden Vorfalles wird ausreichend sein, damit sich der Leser ein richtiges Urtheil über die große Kunst bilden könne, welche dieser wohlthätige Mann anwandte, um das Herz seines Schülers unmerklich aus der Erniedrigung zu erheben, ohne daß es den Anschein erweckte, er ginge darauf aus, ihm eine Belehrung zu ertheilen. Der Geistliche war von so anerkannter Rechtschaffenheit und von so unzweifelhafter Menschenkenntniß, daß sich mehrere Personen behufs Vertheilung ihrer Almosen lieber an ihn als an die reichen Stadtpfarrer wandten. Als man ihm eines Tages wieder einiges Geld zu diesem Zwecke übergeben hatte, war der junge Mensch unwürdig genug, ihn um einen Theil desselben anzusprechen, da er ja auch zu den Armen gehörte. »Nein«, versetzte dieser jedoch, »wir sind Brüder, Sie gehören mir an, und ich darf, wo es sich um meinen persönlichen Vortheil handelt, nichts von dem mir anvertrauten Gute anrühren.« Darauf schenkte er ihm aus seinen eigenen Mitteln so viel Geld, als er verlangt hatte. Lehren solcher Art verfehlen auf das Herz junger Leute, welche noch nicht völlig verdorben sind, selten ihre Wirkung.« »Ich bin es aber müde, immer in der dritten Person zu reden, und es ist dies auch eine völlig überflüssige Mühe, denn ihr werdet wol schon vermuthen, liebe Mitbürger, daß ich selbst dieser unglückliche Flüchtling bin. Ich denke, die Verirrungen meiner Jugend liegen mir jetzt fern genug, daß ich es wagen darf, sie einzugestehen; und die Hand, die mich ihnen entriß, verdient es gewiß, daß ich ihren Wohlthaten, selbst auf die Gefahr hin, mich einer geringen Beschämung auszusetzen, wenigstens einige Ehre erweise.« »Am auffallendsten war mir jedoch, daß ich in dem Privatleben meines würdigen Lehrers eine Tugend ohne Heuchelei, eine Menschlichkeit ohne Schwäche entdeckte, daß seine Reden immer aufrichtig und einfach waren und daß seine Handlungen stets seinen Worten entsprachen. Nie habe ich die Wahrnehmung gemacht, daß er sich darum bekümmert hätte, ob diejenigen, welchen er Handreichung leistete, auch zur Vesper gingen, ob sie fleißig beichteten, an den vorgeschriebenen Tagen fasteten oder sich der Fleischspeisen enthielten, noch daß er ihnen andere dergleichen Bedingungen auferlegt hätte, ohne welche man bei Frömmlern, und sollte man auch im Elende zu Grunde gehen, auf keine Hilfe rechnen kann.« »Durch diese Beobachtungen ermuthigt und weit davon entfernt, vor seinen Augen mit dem erkünstelten Eifer eines Neubekehrten zu prunken, verhehlte ich ihm meine Denkweise keineswegs und fand nicht, daß ich dadurch Anstoß bei ihm erregte. Bisweilen hätte ich allerdings in Versuchung gerathen können, zu mir zu sagen: Er hält mir meine Gleichgiltigkeit gegen den Cultus, zu dem ich übergetreten bin, um deswillen zu Gute, weil er mich auch von derselben Gleichgiltigkeit gegen denjenigen erfüllt sieht, in dem ich geboren bin. Er begreift, daß meine Geringachtung nicht aus Parteilichkeit entsteht. Was für Gedanken mußten aber in mir aufsteigen, wenn ich ihn bisweilen Dogmen billigen hörte, welche denen der römisch-katholischen Kirche völlig widersprachen, und er sich den Anschein gab, als ob alle Ceremonien derselben in seinen Augen nur einen geringen Werth hätten? Hätte ich ihn nicht in der Beobachtung derselben Gebräuche, denen er so wenig Wichtigkeit beizulegen schien, so gewissenhaft gesehen, so würde ich ihn für einen heimlichen Protestanten gehalten haben; da ich mir aber die Ueberzeugung verschafft hatte, daß er seine priesterlichen Pflichten ohne Zeugen mit der nämlichen Pünktlichkeit erfüllte, mit denen er sie öffentlich beobachtete, so wußte ich nicht mehr, welches Urtheil ich mir über diese Widersprüche bilden sollte. Abgesehen von dem einen Fehler, welcher die Ursache seines Unglücks war und unter dessen Folgen er noch immer zu leiden hatte, war sein Leben exemplarisch, zeigte er sich in seinem Wandel untadelhaft, bekundeten seine Reden Rechtschaffenheit und Scharfsinn. Da ich mit ihm in größter Vertraulichkeit lebte, lernte ich ihn täglich höher achten, und die große Güte, die er gegen mich an den Tag gelegt, hatte ihm mein ganzes Herz gewonnen. Mit einer gewissen neugierigen Unruhe wartete ich auf den Augenblick, wo ich erfahren sollte, auf welchen Grundsatz er die Gleichmäßigkeit eines so eigentümlichen und ausgezeichneten Lebens gründete.« »Dieser Augenblick erschien indeß nicht so bald. Bevor er sich seinem Schüler ganz enthüllte, bemühte er sich, den Samen der Vernunft und Güte, welchen er in seine Seele gestreut hatte, emporkeimen zu lassen. Was sich in mir am schwierigsten wollte ausrotten lassen, war ein stolzer Menschenhaß, eine gewisse Bitterkeit gegen die Reichen und Glücklichen in dieser Welt, als ob sie sich nur auf meine Kosten dazu hätten emporschwingen können und als ob durch ihr vermeintliches Glück das meinige geschmälert würde. Die thörichte Eitelkeit der Jugend, welche gegen jede Demüthigung ankämpft, erhöhte diese gehässige Stimmung nur in allzu hohem Grade, und da die Eigenliebe, die mein Mentor sich wieder rege in mir zu machen bemühte, mir ein Gefühl des Stolzes einflößte, so machte mir dieselbe die Menschen in meinen Augen noch verächtlicher und wurde die Ursache, daß zu meinem Hasse gegen sie noch die Verachtung hinzutrat.« »Ohne diesem Stolze direct entgegenzutreten, trug er doch dafür Sorge, daß derselbe nicht in Verhärtung des Gemüths ausarten konnte, und ohne mir die Selbstachtung zu rauben, nahm er ihr doch einen Theil der Verachtung meines Nächsten, der sich sonst mit derselben gepaart hatte. Dadurch, daß er regelmäßig den leeren Schein entfernte und mir die eigentlichen Uebel nachwies, welche sich unter jenem verbergen, lehrte er mich die Fehler meiner Mitmenschen bedauern, an ihren Leiden Antheil nehmen und sie mehr beklagen als beneiden. Da er in Folge des tiefen Gefühls seiner eigenen Schwächen von innigem Mitleid mit den menschlichen Schwächen bewegt war, so betrachtete er die Menschen in jeder Beziehung als Opfer ihrer eigenen oder fremder Fehler; er erkannte, wie die Armen unter dem Joche der Reichen, die Reichen dagegen unter dem Joche ihrer Vorurtheile seufzten. Glauben Sie mir, sagte er, unsere Illusionen sind so weit davon entfernt, uns unsere Uebel zu verhüllen, daß sie dieselben vielmehr vermehren, indem sie an sich werthlosen Dingen einen hohen Werth beilegen und die falsche Vorstellung in uns erregen, daß wir tausenderlei Dinge entbehren müßten, deren Mangel wir sonst gar nicht fühlen würden. Der Friede der Seele besteht in der Verachtung alles dessen, was ihn zu stören im Stande ist. Der Mensch, welcher das Leben am höchsten schätzt, versteht es am wenigsten zu genießen, und wer dem Glücke am gierigsten nachjagt, wird sich stets am unglücklichsten fühlen.« »O, was für traurige Bilder! rief ich mit Bitterkeit aus. Wozu frommt es, geboren zu werden, wenn wir uns Alles versagen müssen? Und wer vermag glücklich zu sein, wenn wir das Glück selbst verachten müssen? Ich! erwiderte eines Tages der Geistliche in einem Tone, der einen tiefen Eindruck auf mich machte. Wie? Sie glücklich? Sie, der sich in einer so wenig günstigen Lage befindet, der mit Armuth zu kämpfen hat, der in der Verbannung lebt und sich Verfolgungen ausgesetzt sieht, Sie sind glücklich? Und auf welchem Wege sind Sie dazu gelangt? – Das, mein Sohn, entgegnete er, will ich Ihnen gern mittheilen.« »Darauf sagte er, nachdem ich mit meinen Bekenntnissen ihm gegenüber nicht zurückgehalten hätte, wollte er mir auch die seinigen ablegen. Ich werde Ihnen, sagte er, indem er mich umarmte, mein ganzes Herz ausschütten. Sie sollen mich, wenn auch nicht so wie ich bin, doch wenigstens so, wie ich mich selbst erblicke, kennen lernen. Sobald Sie mein Glaubensbekenntniß völlig angehört und meinen Seelenzustand genau erfahren haben werden, so werden Sie auch begreifen, weshalb ich mich glücklich schätze, und einsehen, was Sie selbst zu thun haben, um es zu werden, wenn Sie meinen Ansichten huldigen. Diese Geständnisse lassen sich jedoch nicht in einem Augenblicke ablegen. Es gehört Zeit dazu, Ihnen Alles, was ich über das Menschenloos und über den wahren Werth des Lebens denke, auseinander zu setzen. Lassen Sie uns eine Stunde und einen Ort bestimmen, die sich am besten für uns eignen, um in ungestörter Ruhe diese Unterhaltung führen zu können.« »Ich sprach ihm mein lebhaftes Verlangen aus, ihn zu hören. Die Zusammenkunft wurde deshalb auch nur bis zum folgenden Morgen hinausgeschoben. Wir befanden uns gerade im Sommer; schon bei Tagesanbruche erhoben wir uns. Er führte mich zur Stadt hinaus auf einen hohen Hügel, dessen Fuß vom Po bespült wurde, den man zwischen fruchtbaren Ufern majestätisch dahinströmen sah. In weiter Ferne wurde die Landschaft von der unermeßlichen Alpenkette umrahmt. Hier und da glitten schon einige Strahlen der aufgehenden Sonne über die Ebenen, und indem die Bäume, Hügel und Häuser ihre langen Schatten auf die Fluren warfen, wurde das vollendetste Gemälde, welches das menschliche Auge zu fesseln vermag, durch den tausendfachen Wechsel von Licht und Schatten noch mehr gehoben. Man hätte glauben können, die Natur wolle vor unseren Augen ihre ganze Pracht entfalten, um uns dadurch gleichsam den Text für unser Gespräch zu liefern. Nachdem wir das liebliche Bild einige Zeit stillschweigend betrachtet hatten, hob der Mann des Friedens folgendermaßen zu erzählen an: Glaubensbekenntniß des savoyischen Vicars. Mein Kind, erwarten Sie von mir weder gelehrte Abhandlungen, noch tief eingehende Erörterungen. Ich bin kein großer Philosoph und mache mir auch nichts daraus, daß ich es nicht bin. Indeß kann ich mich bisweilen auf mein gesundes Urtheil verlassen und liebe unter allen Umständen die Wahrheit. Ich beabsichtige nicht mit Ihnen zu disputiren, ja ich will nicht einmal versuchen, Sie zu meiner Ansicht herüberzuziehen. Es genügt mir, Ihnen das darzulegen, was ich in aller Einfalt meines Herzens denke. Befragen Sie während meiner Mittheilungen ihr eigenes Herz, das ist Alles, was ich verlange. Irre ich mich, so geschieht es wenigstens in gutem Glauben, und das ist ausreichend, daß mir mein Irrthum nicht zum Verbrechen angerechnet werden kann. Würden Sie sich in ähnlicher Weise täuschen, so würde dies durchaus nicht schlimm sein. Stellen sich meine Gedanken jedoch als richtig heraus, so sind wir ja Beide mit Vernunft begabt und haben das nämliche Interesse, auf sie zu hören. Weshalb sollten Sie nicht eben so denken können wie ich? Ich bin in Armuth und in einer Bauernhütte geboren; mein Stand bestimmte mich offenbar dazu, das Land zu bebauen; aber man hielt es für zweckmäßiger, daß ich mir mein Brod im geistlichen Stande verdienen lernte, und fand Mittel, mich studiren zu lassen. Sicherlich dachten weder meine Eltern noch ich daran, daß ich es mir in dieser Stellung zur Aufgabe machen müßte, zu erforschen, was gut, wahr und nützlich ist, sondern unser Augenmerk drehte sich ausschließlich um den Wissensgrad, den ich mir aneignen müßte, um die Weihe erhalten zu können. Ich lernte, was man von mir verlangte, redete, wie man es haben wollte, legte das Gelübde ab, wie man es mir vorsprach, und endlich war der Priester fertig. Aber bald genug merkte ich, daß ich, als ich das Gelübde abgelegt hatte, nicht als Mann zu leben, mehr versprochen hatte, als ich halten konnte. Man sucht uns einzureden, daß das Gewissen das Ergebniß der Vorurtheile sei; jedoch weiß ich aus eigener Erfahrung, daß dasselbe allen Menschengesetzen gegenüber durchaus die strenge Befolgung der Naturordnung verlangt. Ob man uns dies oder jenes verbietet, stets wird uns das Gewissen für Alles, was uns die wohlgeordnete Natur gestattet oder wol gar vorschreibt, nur äußerst geringe Vorwürfe machen. O lieber junger Mann, zu Ihren Sinnen hat sie noch nicht gesprochen, leben Sie noch recht lange in dem glücklichen Zustande, wo Ihre Stimme die Stimme der Unschuld ist. Seien Sie dessen stets eingedenk, daß man sich noch mehr an ihr versündigt, wenn man ihr zuvorkommt, als wenn man sie bekämpft; erst muß man ihr widerstehen lernen, damit man daraus die Kenntniß schöpfe, wenn man ihr ohne Sünde nachgeben darf. Von Jugend auf habe ich die Ehe als die vorzüglichste und heilsamste Institution der Natur hochgeachtet. Nachdem ich freiwillig auf das Recht verzichtet hatte, eine Ehe einzugehen, beschloß ich, sie nun auch in keiner Weise zu entweihen, denn trotz meiner Schulbildung und meiner Studien hatte ich meinem Geiste, da ich beständig ein gleichmäßiges und einfaches Leben geführt hatte, doch die ganze Klarheit seiner ursprünglichen Einsichten bewahrt. Die Grundsätze der Welt hatten sie in keiner Hinsicht verdunkelt, und meine Armuth hielt die Versuchungen von mir fern, die uns zu den Sophismen des Lasters führen. Aber gerade dieser Entschluß gereichte mir zum Verderben. Meine Achtung vor fremdem Ehebette mußte meine Fehltritte bald offenbar werden lassen. Das Aergerniß verlangte Sühne; gefänglich eingezogen, abgesetzt, verbannt, war ich mehr das Opfer meiner Gewissenhaftigkeit, als meiner Unkeuschheit, und aus den Vorwürfen, mit denen mein Vorgesetzter die Ungnade, welche er mir erklärte, begleitete, konnte ich sehr wohl abnehmen, daß man, um sich der Strafe zu entziehen, oft nur den Fehler zu verschlimmern braucht. Wenige Erfahrungen dieser Art genügen, einen Geist, der an Nachdenken gewöhnt ist, großer Gefahr auszusetzen. Da ich in Folge meiner traurigen Beobachtungen die Vorstellungen, die ich mir von Gerechtigkeit, Redlichkeit und allen menschlichen Pflichten gebildet hatte, umgestoßen sah, so verlor ich täglich irgend eine der Ansichten, die ich angenommen hatte. Diejenigen, welche mir noch blieben, waren unzulänglich, ein einheitliches Ganze zu bilden, das sich durch sich selbst hätte erhalten können. Ich fühlte, wie sich in meinem Geiste allmählich die Klarheit der Grundsätze verdunkelte, und da ich schließlich nicht mehr wußte, was ich denken sollte, so gelangte ich auf denselben Punkt, auf dem Sie sich jetzt befinden, lediglich mit dem Unterschiede, daß sich mein Unglaube, die spät gezeitigte Frucht eines reiferen Alters, unter ungleich größeren Leiden entwickelt hatte und schwieriger auszurotten sein mußte. Ich befand mich in jener Stimmung von Ungewißheit und Zweifel, welche Cartesius als eine Voraussetzung zur Erforschung der Wahrheit betrachtet. Ein solcher Zustand ist zu einer längeren Dauer nicht geeignet und ist eben so beunruhigend wie peinlich. Nur das Interesse an dem Laster oder die Trägheit des Geistes kann uns in demselben zurückhalten. Noch war mein Herz nicht verdorben genug, um darin Gefallen zu finden, und nichts erhält die Gewohnheit, nachzudenken, besser, als wenn man mit sich zufriedener als mit seinem Schicksale ist. Ich stellte also Betrachtungen über das traurige Loos der Sterblichen an, welche ohne einen anderen Führer, als einen unerfahrenen Steuermann, der die Fahrstraße nicht kennt und nicht weiß, von wannen er kommt, noch wohin er segelt, auf dem Meere der menschlichen Meinungen ohne Steuerruder, ohne Kompaß und ihren stürmischen Leidenschaften überlassen, dahintreiben. Ich sagte mir: Ich liebe die Wahrheit und suche sie, vermag sie aber nicht zu erkennen. Man zeige sie mir und ich werde ihr stets treu bleiben. Weshalb muß sie sich gerade dem eifrigen Entgegenkommen eines Herzens entziehen, welches dazu geschaffen ist, sie zu verehren? Obgleich ich oft noch größere Leiden erduldet habe, so habe ich doch nie ein so anhaltend unangenehmes Leben geführt, wie in dieser Zeit der Aufregung und peinlicher Unruhe, wo ich, unaufhörlich von einem Zweifel in den andern verfallend, als Frucht meines langen Nachdenkens nur Ungewißheit, Dunkelheit und Widersprüche über den Urgrund meines Daseins und über den Inhalt meiner Pflichten davontrug. Wie kann man nur systematisch und mit voller Aufrichtigkeit ein Zweifler sein? Mir ist es unbegreiflich. Solche Philosophen existiren entweder gar nicht oder müssen die unglücklichsten Menschen sein. Zweifel in Bezug auf Dinge, deren Kenntniß für uns durchaus wichtig ist, ruft einen für den menschlichen Geist allzu aufreibenden Zustand hervor. Er ist nicht im Stande, ihn lange auszuhalten. Wider Willen entscheidet er sich nach dieser oder jener Seite hin und will sich lieber täuschen als gar nichts glauben. Daß ich durch Geburt einer Kirche angehörte, welche Alles selbst entscheidet und keinen Zweifel duldet, trug wesentlich zur Vermehrung meiner Verlegenheit bei, weil ich durch Verwerfung eines einzigen Dogmas genöthigt wurde, auch alle übrigen zu verwerfen. Dazu kam, daß die Unmöglichkeit, eine so große Menge absurder Entscheidungen als richtig anzuerkennen, mir auch diejenigen verleidete, welche es nicht waren. Indem man von mir verlangte, Alles zu glauben, hielt man mich davon zurück, überhaupt etwas zu glauben, und ich wußte nicht mehr, wobei ich stehen bleiben sollte. Nun suchte ich bei den Philosophen Rath, durchblätterte ihre Werke, prüfte ihre verschiedenen Ansichten. Sämmtliche fand ich stolz, absprechend und selbst bei all ihrem vermeintlichen Skepticismus dogmatisch. Es ging ihnen alles Wissen ab, sie vermochten nichts zu beweisen und verspotteten sich gegenseitig, und dieser Punkt, der ihnen Allen gemeinsam war, schien mir auch der einzige zu sein, in Bezug auf welchen sie Alle Recht hatten. Siegestrunken beim Angriff, fehlt es ihnen bei der Verteidigung an aller Energie. Prüft ihr ihre Gründe, so zeigt es sich bald, daß sie nur solche anzuführen wissen, die zum Niederreißen dienen. Zählt ihr die Stimmen, so seid ihr durch die Entdeckung überrascht, daß nicht Zwei übereinstimmen. Sie gehen nur scheinbar einen Vergleich ein, um desto besser disputiren zu können. Auf sie zu hören, war für mich nicht das Mittel, von meiner Ungewißheit befreit zu werden. Ich sah ein, daß der erste Grund zu dieser erstaunlichen Meinungsverschiedenheit in der Unzulänglichkeit des menschlichen Geistes, und der zweite in dem Hochmuthe liegt. Uns fehlt der Maßstab für diese unermeßliche Maschine, wir vermögen ihre Verhältnisse nicht zu berechnen und kennen weder ihre Grundgesetze noch ihren Endzweck. Ja, wir kennen uns nicht einmal selbst, kennen weder unsere Natur noch das in uns wirkende Princip. Kaum wissen wir, ob der Mensch ein einfaches oder zusammengesetztes Wesen ist; undurchdringliche Geheimnisse umringen uns von allen Seiten. Aber sie verbergen sich in Regionen, wohin unsere sinnlichen Wahrnehmungen nicht mehr dringen. Wir bilden uns ein, die Einsicht zu besitzen, um sie ergründen zu können, und haben doch nur Phantasie. Jeder bahnt sich durch diese eingebildete Welt einen Weg, der ihm der allein richtige zu sein scheint; aber Keiner vermag zu wissen, ob der seinige wirklich zum Ziele führt. Trotzdem wollen wir Alles erforschen, Alles erkennen. Das Einzige, was wir gar nicht begreifen können, ist, das, was wir nicht zu wissen im Stande sind, deshalb auch gar nicht, wissen zu wollen. Lieber entscheiden wir uns aufs Gerathewohl und glauben was nicht ist, als daß wir uns zu dem Zugeständniß bequemen, daß Keiner von uns das, was ist, zu erkennen vermöge. Obgleich wir nur der geringfügige Theil eines großen Ganzen sind, dessen Grenzen sich unseren Sinnen entziehen, und das sein Urheber unseren närrischen Zänkereien ruhig überläßt, so sind wir doch eitel genug, uns die Entscheidung darüber anmaßen zu wollen, was dieses Ganze an sich ist und was wir unsererseits in Bezug auf dasselbe sind. Wären die Philosophen im Stande, die Wahrheit zu entdecken, wer unter ihnen würde sich dann noch für dieselbe interessiren? Jeder weiß vollkommen, daß sein System nicht besser begründet ist als die anderen; aber er hält es trotzdem aufrecht, weil es eben von ihm herrührt. Nicht Einen gibt es unter ihnen, der, wenn er sich wirklich bis zur Erkenntniß des Wahren und Falschen emporgeschwungen hat, nicht die Lüge, die er gefunden hat, der Wahrheit vorziehen sollte, welche von einem Andern entdeckt ist. Wo ist der Philosoph, der um seines Ruhmes willen nicht gern das menschliche Geschlecht täuschen würde? Wo ist derjenige, der, wenn er es sich auch selbst nicht einzugestehen wagt, einem anderen Ziele nachjagt, als dem sich auszuzeichnen? Gelingt es ihm nur, sich über den großen Haufen zu erheben, den Glanz seiner Nebenbuhler in Schatten zu stellen, was verlangt er dann noch mehr? Die Hauptsache ist, anders zu denken als Andere. Unter den Gläubigen spielt er die Rolle des Atheisten, unter den Atheisten würde er dagegen ein Gläubiger sein. Die erste Frucht, die ich aus diesen Erwägungen zog, bestand darin, daß ich meine Forschungen auf das, was für mich von unmittelbarem Interesse war, beschränken lernte, daß ich in Bezug auf alles Uebrige nicht aus meiner tiefen Unwissenheit herauszutreten suchte und mich nur über Dinge, deren Kenntniß für mich von unbestrittener Wichtigkeit war, bis zum Zweifel beunruhigte. Ferner wurde es mir klar, daß mich die Philosophen nicht nur nicht von meinen vergeblichen Zweifeln befreien, sondern im Gegentheile nur noch dazu beitragen würden, die, welche mich quälten, zu vermehren, während sie mir auch keinen einzigen lösen konnten. Deshalb sah ich mich nach einem andern Führer um und sagte zu mir: Ich will mir bei dem inneren Lichte Raths erholen; es wird mich weniger auf Irrthümer leiten als jene, oder mein Irrthum wird wenigstens mein eigener sein, und ich werde weniger tief sinken, wenn ich meinen eigenen Irrthümern folge, als wenn ich mich den Lügen jener überlasse. Während ich mir nun die verschiedenen Meinungen, die mich seit meiner Geburt abwechselnd mit fortgerissen hatten, ins Gedächtniß zurückrief, sah ich ein, daß sie, ungeachtet keine einzige von ihnen eine so unbestrittene Wahrheit enthielt, um unmittelbar zur Ueberzeugung zu verhelfen, doch verschiedene Stufen von Wahrscheinlichkeit hatten, und daß ich ihnen in sehr verschiedenem Maße meine Zustimmung gab oder versagte. Als ich nun im Anschluß an diese erste Beobachtung alle diese verschiedenen Ideen unter einander verglich, wobei ich den Vorurtheilen Schweigen gebot, machte ich die Wahrnehmung, daß die erste und allgemeinste auch die einfachste und vernünftigste war, und daß man ihr sicherlich beistimmen würde, wenn sie die zuletzt vorgetragene wäre. Stellt euch alle eure alten wie neueren Philosophen vor, wie sie ihre wunderlichen Systeme von vorn herein mit Kräften, Wahrscheinlichkeiten, Verhängniß, Notwendigkeit, Weltseele, belebter Materie, Materialismus aller Art verschwenderisch ausgestattet haben, und nach ihnen allen den berühmten Clarke, wie er die Welt erleuchtet und wie er schließlich das Wesen aller Wesen und den Urquell aller Dinge verkündigt. Mit welch allgemeiner Bewunderung, mit welch einmüthigem Beifall würde nicht dieses neue System begrüßt worden sein, das so groß, so tröstend, so erhaben, so geeignet ist, die Seele zu erheben und der Tugend eine sichere Basis zu geben, und gleichzeitig wieder so treffend, so klar, so einfach ist und das meines Erachtens dem menschlichen Geiste weniger Unbegreifliches zumuthet, als man in jedem anderen Systeme Widersinniges findet! Ich sagte mir: Unauflösbare Räthsel kommen in allen vor, weil eben der menschliche Geist zu beschränkt ist, um sie zu lösen; sie können deshalb gegen keines vorzugsweise als Beweis dienen. Aber welch ein Unterschied zwischen den directen Beweisen! Verdient nicht dasjenige allein den Vorzug, welches Alles erklärt, zumal wenn es nicht mehr Schwierigkeiten darbietet als die übrigen? Da ich nun statt aller Philosophie Liebe zur Wahrheit und statt aller Methoden eine leichte und einfache Regel besitze, die mich der nichtigen Spitzfindigkeit der Beweise überhebt, so nehme ich nach dieser Regel noch einmal eine Prüfung der Kenntnisse vor, die für mich in Betracht kommen, entschlossen, alle diejenigen als erwiesen gelten zu lassen, denen ich in der Aufrichtigkeit meines Herzens meine Zustimmung nicht versagen kann, für wahr alle diejenigen zu halten, die mir mit diesen ersten in einem nothwendigen Zusammenhange zu stehen scheinen und alle übrige unentschieden zu lassen, ohne sie zu verwerfen oder sie anzunehmen, und ohne mich in Betreff ihrer Aufklärung abzuquälen, wenn sie nicht ein praktisches Resultat versprechen. Allein wer bin ich? Was berechtigt mich dazu, über die Dinge zu urtheilen? Und was bestimmt meine Urtheile? Beruhen sie lediglich auf den augenblicklichen Eindrücken, die ich empfange, so gebe ich mir mit diesen Forschungen vergebliche Mühe. Sie finden entweder gar nicht statt, oder geschehen von selbst, ohne daß ich erst darauf auszugehen brauche, ihnen ihre Richtung vorzuschreiben. Es ist deshalb nöthig, daß ich meine Blicke zuerst auf mich selbst lenke, um das Werkzeug, dessen ich mich bedienen will, kennen zu lernen und mir darüber Gewißheit zu verschaffen, bis zu welchem Punkte ich mich bei seiner Anwendung auf dasselbe werde verlassen können. Ich bin und besitze Sinne, vermittelst welcher ich Eindrücke erhalte. Das ist die erste Wahrheit, gegen die ich mich nicht verschließen kann und die ich mir gefallen lassen muß. Habe ich ein eigenes Gefühl meiner Existenz, oder werde ich mir derselben nur durch meine Sinneswahrnehmungen bewußt? Das ist mein erster Zweifel, dessen Lösung mir für jetzt unmöglich ist. Denn wie kann ich, da ich fortwährend, entweder unmittelbar oder durch das Gedächtniß Eindrücke erleide, wol wissen, ob diese Empfindung meiner selbst etwas mit diesen nämlichen Eindrücken nicht Zusammenfallendes ist, und ob sie von ihnen unabhängig zu sein vermag? Meine Empfindungen gehen in mir vor, da sie in mir eine Empfindung meines Dasein hervorrufen; ihre Ursache ist mir jedoch unbekannt, denn sie afficiren mich ohne mein Zuthun, und es hängt von mir weder ab sie hervorzurufen, noch sie von mir fern zu halten. Ich sehe also deutlich ein, daß meine Empfindung, die in mir ist, und ihre Ursache oder ihr Object, das außer mir liegt, nicht ein und dasselbe ist. Folglich existire nicht nur ich, sondern es existiren auch noch andere Wesen, nämlich die Objecte meiner Empfindungen, und wären diese Objecte auch nur Vorstellungen, so bleibt es deshalb doch immer wahr, daß diese Vorstellungen nicht ich sind. Alles nun, was ich außer mir wahrnehme und was auf meine Sinne wirkt, nenne ich Materie, alle Theile der Materie dagegen, die ich in Einzelwesen vereinigt sehe, nenne ich Körper. Deshalb sind alle Zänkereien der Idealisten und Materialisten für mich bedeutungslos; ihre Unterscheidungen in Bezug auf Schein und Wirklichkeit der Körper sind reine Einbildungen. Jetzt bin ich also vom Dasein des Weltalls schon ganz eben so fest überzeugt, wie von meinem eigenen. Hierauf denke ich über die Objecte meiner Empfindungen nach, und da ich mich mit der Fähigkeit ausgestattet finde, Vergleichungen unter ihnen anzustellen, so fühle ich mich mit einer activen Kraft begabt, deren Besitz mir vorher unbekannt war. Wahrnehmen heißt empfinden; vergleichen heißt urtheilen. Urtheilen und empfinden sind nicht identische Begriffe. Bei der Empfindung stellen sich mir die Gegenstände gesondert und einzeln dar, kurz so, wie sie wirklich in der Natur sind; bei der Vergleichung bewege und versetze ich sie gleichsam, lege ich sie auf einander, um über ihre Verschiedenheit oder Aehnlichkeit und überhaupt über alle ihre Verhältnisse meine Ansicht äußern zu können. Meiner Meinung nach zeigt sich das Unterscheidungsvermögen eines thätigen oder intelligenten Wesens darin, daß es im Stande ist, mit dem Worte »ist« einen Sinn zu verbinden. Bei einem rein sensitiven Wesen suche ich vergeblich diese geistige Kraft, welche erst vergleicht, ehe sie ihr Urtheil fällt; ich vermag nicht sie in der Natur desselben zu entdecken. Ein solch passives Wesen wird jeden Gegenstand einzeln empfinden, es wird sogar den Totaleindruck eines Objects empfinden, das aus zwei Gegenständen zusammengesetzt ist, da es jedoch nicht die Fähigkeit besitzt, die einzelnen Bestandteile zusammenzustellen, so wird es sie nie vergleichen, sie nie beurtheilen. Zwei Gegenstände gleichzeitig sehen, heißt nicht auch sofort ihre gegenseitigen Beziehungen erkennen und sich ein Urtheil über ihre Verschiedenheiten bilden; verschiedene Gegenstände, einen hinter dem andern wahrnehmen, heißt noch nicht sie zählen. Ich vermag in demselben Augenblicke die Vorstellung von einem großen und von einem kleinen Stocke zu haben, ohne sie dabei zu vergleichen, ohne zu urtheilen, daß der eine kleiner als der andere ist, wie ich auf einmal meine ganze Hand sehen kann, ohne dabei die Finger zählen zu müssen. Die Berichte des Herrn de la Condamine machen uns mit einem Volke bekannt, das nur bis drei zählen konnte. Trotzdem hatten die Menschen, aus welchen dieses Volk bestand, da ihnen ja die Hände nicht fehlten, oft ihre Finger erblicken müssen, ohne deshalb die Kunst zu lernen, bis fünf zu zählen. Die vergleichenden Begriffe »größer«, »kleiner«, eben so wie die Zahlbegriffe »eins«, »zwei« u. s. w. gehören doch sicherlich nicht zu den Sinneswahrnehmungen, obgleich mein Geist sie nur gelegentlich meiner Sinneswahrnehmungen wachruft. Man sagt uns, daß ein empfindungsfähiges Wesen die Empfindungen durch die Unterschiede, welche sie unter einander haben, von einander unterscheide. Das erheischt wenigstens eine Erklärung. Sind die Empfindungen verschieden, so unterscheidet sie freilich das empfindungsfähige Wesen nach ihren Unterschieden, sind sie jedoch ähnlich, so unterscheidet es sie dadurch, daß es sie getrennt von einander wahrnimmt. Wie würde es wol sonst bei einer gleichzeitigen Empfindung zwei gleiche Gegenstände von einander zu unterscheiden vermögen? Es würde sie nothwendig unter einander verwechseln und eines für das andere halten, namentlich in einem Systeme, welches die Behauptung aufstellt, daß die die Ausdehnung vertretende Empfindung der Ausdehnung ermangele. Sobald die beiden zu vergleichenden Empfindungen wahrgenommen sind, so ist ihr Eindruck vollzogen; jeder Gegenstand ist für sich allein und beide sind gemeinschaftlich empfunden worden; aber damit ist ihr gegenseitiges Verhältnis noch nicht empfunden. Wenn das Urtheil über dies Verhältniß nur eine Empfindung wäre und dieselbe lediglich von dem Gegenstande in mir hervorgerufen würde, so würden mich auch meine Urtheile niemals täuschen können, da es ja niemals falsch ist, daß ich das empfinde, was ich empfinde. Weshalb täusche ich mich denn nun über das Verhältniß dieser beiden Stöcke, vorzüglich wenn sie nicht parallel sind? Weshalb behaupte ich z. B., daß die Länge des kleinen Stockes ein Drittel von der des großen ausmache, während sie doch in der That nur den vierten Theil der Länge desselben erreicht? Weshalb entspricht das Bild in mir, nämlich die Empfindung, nicht seinem Modell, dem Gegenstande selbst? Deshalb, weil ich bei meinem Urtheile activ bin, weil die Operation, welche ich beim Vergleichen vornehme, mangelhaft ist, und weil mein Verstand, welcher die gegenseitigen Verhältnisse beurtheilt, seine Irrthümer der Wahrheit der Empfindungen beimischt, welche nur die Gegenstände an sich zeigen. Füget hierzu noch eine Bemerkung, die euch, wie ich euch versichern kann, habt ihr sie erst wohl durchdacht, nicht wenig befremden wird, nämlich folgende: Würden wir beim Gebrauch unserer Sinne rein passiv bleiben, so würde zwischen ihnen gar keine Communication stattfinden. Es würde uns unmöglich sein, zu erkennen, ob der Körper, welchen wir berühren, und der Gegenstand, welchen wir erblicken, identisch sind. Entweder vermöchten wir nie etwas außer uns wahrzunehmen, oder es gäbe für uns fünf empfindungsfähige Substanzen, von deren Identität wir kein Mittel uns zu überzeugen hätten. Gebe man nun dieser Kraft meines Geistes, welche meine Sinneseindrücke neben einander hält und vergleicht, diesen oder jenen Namen; nenne man sie Aufmerksamkeit, Nachdenken, Reflexion, oder wie man will, immer ist doch so viel wahr, daß sie ihre Stätte in mir und nicht in den Dingen hat, daß ich allein es bin, der diese Operation vornimmt, wiewol ich sie nur bei Gelegenheit des Eindrucks anzustellen vermag, den die Gegenstände auf mich ausüben. Hängt es auch nicht von mir ab, zu empfinden oder nicht zu empfinden, so steht es doch in meiner Gewalt, das, was ich empfinde, mehr oder weniger einer Untersuchung zu unterwerfen. Ich bin also nicht lediglich ein sinnliches und passives, sondern auch ein thätiges und intelligentes Wesen, und was auch die Philosophie dazu sagen möge, werde ich doch so dreist sein, auf die Ehre, zu denken, Anspruch zu machen. Bis jetzt weiß ich nur, daß die Wahrheit in den Dingen und nicht in meinem Geiste liegt, der ein Urtheil über dieselben abgibt, und daß ich, je weniger ich mich bei den Urtheilen, die ich zu fällen habe, von meinem Eigenen beeinflussen lasse, desto sicherer bin, der Wahrheit nahe zu kommen. Meine Regel, mich mehr der Empfindung als der Vernunft zu überlassen, wird also von der Vernunft selbst bekräftigt. Nachdem ich mich nun erst gleichsam meiner selbst versichert habe, beginne ich außer mir selbst Umschau zu halten, und mit einer Art Schauder sehe ich mich in das unermeßliche Weltall hinausgeschleudert und in demselben wie verloren, sehe mich in dem unerschöpflichen Strome der Wesen wie ertränkt, ohne zu wissen, was sie an sich sind, noch in welcher Beziehung sie zu einander oder zu mir stehen. Ich studire und beobachte sie, und der erste Gegenstand, der sich mir zu einer Vergleichung mit ihnen darbietet, bin ich selbst. Alles, was ich mit den Sinnen wahrnehme, ist Materie, und ich leite alle wesentliche Eigenthümlichkeiten der Materie von jenen sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften her, durch welche sie sich mir bemerkbar macht, und welche untrennbar zu derselben gehören. Bald erblicke ich sie in Bewegung, bald in Ruhe, Diese Ruhe ist, wenn man will, allerdings nur relativ; da wir aber bei der Bewegung ein Mehr oder Weniger beobachten, so können wir uns von einem ihrer beiden äußersten Endpunkte, nämlich der Ruhe, eine völlig klare Idee machen, und zwar begreifen wir dieselbe so vollkommen, daß wir sogar geneigt sind, die Ruhe, welche nur relativ ist, für absolut zu halten. Es ist deshalb durchaus nicht wahr, daß Bewegung eine wesentliche Eigenschaft der Materie sei, wenn sie sich im Zustande der Ruhe denken läßt. woraus ich schließe, daß weder Bewegung noch Ruhe als wesentliche Eigenschaften derselben zu betrachten sind, daß Bewegung, da sie sich als Thätigkeit äußert, nothwendig die Wirkung einer Ursache sein muß, deren Entfernung eben Ruhe ist. Sobald also auf die Materie keine Einwirkung ausgeübt wird, bewegt sie sich auch nicht, und gerade aus diesem Gründe, weil sie sich sowol gegen Ruhe als auch gegen Bewegung gleichgiltig verhält, muß man in der Ruhe ihren natürlichen Zustand erblicken. Ich bemerke bei den Körpern zwei Arten von Bewegung, nämlich eine mitgetheilte und eine selbsttätige oder freiwillige. Bei der ersteren geht die bewegende Ursache nicht von dem bewegten Körper aus, bei der zweiten liegt sie in ihm selbst. Ich werde daraus indeß noch keineswegs schließen, daß z. B. die Bewegung einer Uhr eine freiwillige sei: denn wenn nicht etwas außerhalb der Feder Liegendes auf dieselbe einwirkte, so würde sie jenen unruhigen Trieb, sich wieder auszudehnen, nicht verrathen und also auch nicht an der Kette ziehen. Aus dem nämlichen Grunde werde ich den Flüssigkeiten, ja selbst dem Feuer, welches ihren flüssigen Zustand hervorbringt, eben so wenig eine ihnen innewohnende eigene Selbstthätigkeit zugestehen. Die Chemiker glauben, daß das Phlogiston oder der Feuerstoff sich in den Mischungen, von denen es einen Theil bildet, so lange zerstreut, unbeweglich und latent befinde, bis davon völlig unabhängige Ursachen es freimachen, vereinigen, in Bewegung setzen und in Feuer verwandeln. Ihr werdet mich fragen, ob die Bewegungen der Thiere freiwillig sind; ich muß euch gestehen, daß ich es nicht weiß, daß aber die Analogie allerdings dafür spricht. Weiter werdet ihr mich fragen, woher ich denn wisse, daß es überhaupt freiwillige Bewegungen gebe. Darauf kann ich nur erwidern, daß ich es weiß, weil es mir mein Gefühl sagt. Ich will meinen Arm bewegen, und ich bewege ihn, ohne daß diese Bewegung von einer andern unmittelbaren Ursache als von meinem Willen ausgeht. Umsonst würde man den Versuch machen, dies Gefühl in mir durch Vernunftgründe zu ertödten; es ist stärker als die überzeugendsten Gründe. Es würde eben so leicht sein, mich davon zu überführen, daß ich gar nicht existire. Gäbe es gar keine Freiwilligkeit, weder in den Handlungen der Menschen noch in irgend etwas, was auf Erden geschieht, so würde sich dadurch die Verlegenheit, die erste Ursache aller Bewegung aufzufinden, nur noch steigern. Was mich betrifft, so fühle ich mich wenigstens so vollkommen davon überzeugt, daß Ruhe der natürliche Zustand der Materie ist und daß sie durch sich selbst keine Fähigkeit, thätig zu sein, besitzt, daß ich beim Anblick eines sich in Bewegung befindenden Körpers sofort den Schluß ziehe, der Körper müsse entweder belebt, oder die Bewegung ihm mitgetheilt sein. Mein Geist sträubt sich gegen die Idee einer nicht organisirten, sich durch sich selbst bewegenden oder irgend eine Thätigkeit hervorrufenden Materie. Dieses sichtbare Weltall ist nun Materie, zerstreute und todte Materie, Ich habe mich aufrichtig bemüht, mir ein lebendiges Molecül vorzustellen, ohne daß es mir doch gelungen wäre. Die Idee einer empfindenden und doch der Sinne entbehrenden Materie scheint mir unfaßlich und sich selbst widersprechend. Um diese Idee anzunehmen oder zu verwerfen, wäre es doch zuerst nöthig, daß man sie wenigstens verstände, und ich muß offen bekennen, daß ich nicht so glücklich bin. der es in ihrer Totalität an Einheit, Organisation und gemeinsamer Empfindung der Theile eines belebten Körpers fehlt, da es gewiß ist, daß wir, die wir doch auch Theile sind, uns keineswegs im Ganzen fühlen. Dieses nämliche Weltall ist nun in Bewegung, und in seinen regelmäßigen, gleichförmigen, unwandelbaren Gesetzen unterworfenen Bewegungen zeigt sich nichts von jener Freiheit, die sich in den freiwilligen Bewegungen der Menschen und Thiere zu erkennen gibt. Die Welt ist folglich nicht ein großes Thier, das sich von selbst bewegt; ihren Bewegungen liegt mithin irgend eine außer ihr zu suchende Ursache zu Grunde, die ich nicht wahrnehme. Trotzdem macht mir meine innere Ueberzeugung diese Ursache so begreiflich, daß ich nicht sehen kann, wie die Sonne ihre Bahn am Himmel beschreibt, ohne mir eine treibende Kraft vorzustellen, daß es mir bei der Umdrehung der Erde vorkommt, als fühlte ich eine Hand, die sie umdrehte. Was für einen Vortheil würde es mir bringen, wenn ich mich genöthigt sähe, allgemeine Gesetze anzunehmen, deren Hauptbeziehungen zu der Materie ich nicht kenne? Diese Gesetze haben, da sie keine wirkliche Wesen, keine Substanzen sind, folglich einen andern Grund, der mir unbekannt ist. Erfahrung und Beobachtung haben uns mit den Gesetzen der Bewegung bekannt gemacht. Diese Gesetze zeigen uns die Wirkungen, ohne uns die Ursachen zu erklären; sie genügen nicht, uns das Weltsystem und den Lauf des Weltalls klar zu machen. Cartesius bildete Himmel und Erde aus Würfeln; er war indeß nicht im Stande, diesen Würfeln den ersten Anstoß zu gehen noch seine Centrifugalkraft anders als vermittelst einer Rotationsbewegung in Gang zu bringen. Newton fand das Gesetz der Anziehungskraft; aber die Anziehungskraft allein würde die Welt bald in eine unbewegliche Masse verwandeln; um die himmlischen Körper sich in Curven bewegen zu lassen, mußte er jenem Gesetze deshalb noch eine abstoßende Kraft hinzufügen. Möge uns Cartesius jedoch nur erklären, auf welchem physischen Gesetze seine Wirbelbewegung beruht; möge Newton uns die Hand zeigen, welche die Planeten auf die Tangenten ihrer Bahnen schleuderte. Die ersten Ursachen der Bewegung sind nicht in der Materie selbst vorhanden; dieselbe erhält die Bewegung und theilt sie mit, aber sie ist nicht der Urquell derselben. Je mehr ich Wirkung und Gegenwirkung der auf einander wirkenden Naturkräfte beobachte, desto mehr überzeuge ich mich, daß man regelmäßig von Wirkung zu Wirkung bis zu einem Willen als erster Ursache zurückgehen muß; denn eine fortlaufende Kette von Ursachen bis ins Unendliche voraussetzen, heißt im Grunde genommen gar keine voraussetzen. Mit einem Worte, jede Bewegung, welche nicht von einer andern hervorgebracht wird, kann nur von einem Acte freien Willens ausgehen. Bei den leblosen Körpern zeigt sich Thätigkeit nur durch die ihnen mitgeteilte Bewegung, wie es denn überhaupt ohne Willen keine eigentliche Thätigkeit gibt. Das ist mein erster Grundsatz. Ich glaube also, daß ein Wille das Weltall bewegt und die Natur beseelt. Dies ist mein erstes Dogma oder mein erster Glaubensartikel. Wie bringt nun ein Wille eine physische und körperliche Bewegung hervor? Darüber ist mir nichts bekannt, aber ich erfahre es an mir selbst, daß er sie erzeugt. Ich will handeln, und ich handle; ich will meinen Körper bewegen, und mein Körper bewegt sich; daß aber ein lebloser und in Ruhe befindlicher Körper von selbst in Bewegung gerathe oder die Bewegung hervorrufe, das ist unbegreiflich und beispiellos. Der Wille ist mir nur seinen Aeußerungen, nicht seiner Natur nach bekannt. Ich kenne diesen Willen als Quelle der Bewegung; dagegen die Materie als Ursache der Bewegung begreifen, heißt augenscheinlich eine Wirkung ohne Ursache, heißt absolut nichts begreifen. So wenig ich zu begreifen vermag, wie mein Wille meinen Körper bewegt, eben so wenig kann ich mir erklären, wie meine Sinneseindrücke meine Seele bewegen. Ich kann nicht einmal einen Grund dafür finden, weshalb man das eine dieser Geheimnisse für erklärlicher gehalten hat als das andere. Ich meinerseits muß gestehen, daß mir, ob ich mich nun passiv verhalte oder in Thätigkeit befinde, die Möglichkeit der Verbindung beider Substanzen durchaus unbegreiflich erscheint. Es ist äußerst befremdend, daß man gerade von dieser Unbegreiflichkeit selbst ausgeht, um die beiden Substanzen zu verschmelzen, als ob Operationen so verschiedenartiger Naturen sich besser an einem, als an zwei Subjecten erklären ließen. Das Dogma, welches ich so eben entwickelt habe, ist, wie ich gern zugebe, dunkel, hat aber am Ende doch immer einen Sinn und behauptet nichts, was der Vernunft und der Erfahrung widerspricht. Läßt sich vom Materialismus dasselbe sagen? Ist es nicht klar, daß die Bewegung, wenn sie in der That eine wesentliche Eigenschaft der Materie ausmachte, von derselben untrennbar sein würde, daß sie stets in gleicher Stärke auftreten, in jedem Theile der Materie die nämliche sein müßte, daß sie sich nicht anderen Körpern mittheilen, sich weder vermehren noch vermindern könnte, und daß es sogar unmöglich sein würde, sich die Materie in Ruhe zu denken? Wenn man mir einreden will, die Bewegung bilde zwar keine wesentliche Eigenschaft der Materie, sei ihr indeß nothwendig, so geht man darauf aus, mich mit Redensarten abzuspeisen, deren Widerlegung leichter sein würde, wenn sie nur ein wenig mehr Sinn hätten. Denn entweder findet die Bewegung der Materie in letzterer selbst ihre Ursache, und dann ist sie ihr wesentlich, oder sie wird durch eine außer derselben liegende Ursache bewirkt, und alsdann ist sie ihr nur in so fern nothwendig, als die bewegende Ursache auf sie wirkt, und damit erhebt sich die erste Schwierigkeit von Neuem. Die allgemeinen und abstracten Ideen sind die Quelle der größten menschlichen Irrthümer; noch nie haben wir der dunklen Sprache der Metaphysik die Entdeckung auch nur einer einzigen Wahrheit zu verdanken gehabt, dagegen hat sie die Philosophie mit Absurditäten erfüllt, deren man sich schämt, sobald man sie ihrer schwülstigen Worte entkleidet. Sage mir, mein Freund, ob man deinen Geist in der That mit einer wirklichen Idee befruchtet, wenn man dir von einer blinden Kraft erzählt, welche sich über die ganze Natur verbreitet? Man bildet sich ein mit den vagen Worten »allgemeine Kraft«, »notwendige Bewegung« etwas zu sagen, und sagt doch durchaus nichts. Die Idee der Bewegung ist mit der Idee der Versetzung von einem Orte an den andern identisch. Es gibt keine Bewegung ohne irgend eine Richtung; denn ein individuelles Wesen kann sich nicht nach allen Richtungen gleichzeitig bewegen. Nach welcher Richtung muß sich nun die Materie notwendigerweise bewegen? Hat die ganze Materie in ihrer Gesammtheit eine gleichmäßige Bewegung, oder hat jedes Atom seine eigene? Nach der ersten Vorstellung müßte das ganze Weltall eine feste und untheilhare Masse bilden, nach der zweiten könnte man es sich nur als ein zerstreutes und so zusammenhangloses Fluidum denken, daß sich niemals zwei Atome vereinigen könnten. Nach welcher Richtung hin wird diese der ganzen Materie gemeinsame Bewegung vor sich gehen? In gerader Linie oder kreisförmig, nach oben oder nach unten, nach rechts oder nach links? Wenn dagegen jedes Molecül der Materie seine besondere Richtung hat, wo wird man die Ursachen aller dieser Richtungen und aller dieser Unterschiede zu suchen haben? Drehte sich jedes Atom oder Molecül der Materie nur um seinen eigenen Mittelpunkt, so würde keines seinen Platz verlassen, und eine gemeinsame Bewegung fände demnach nicht statt, und selbst dann müßte diese kreisförmige Bewegung doch immer eine bestimmte Richtung verfolgen. Der Materie eine Bewegung durch Abstraction zuschreiben, heißt Phrasen ohne Sinn sprechen, und ihr eine bestimmte Richtung beilegen, heißt auch eine bestimmende Ursache annehmen. Bei jeder Vervielfältigung der besonderen Kräfte habe ich immer wieder neue Ursachen zu erklären, ohne daß ich doch je ein gemeinschaftliches, sie alle leitendes Agens entdecke. Während ich weit davon entfernt bin, mir irgend eine Ordnung in diesem zufälligen Zusammentreffen der Urelemente vorstellen zu können, vermag ich sie mir auch nicht einmal im gegenseitigen Kampfe zu denken, und so ist mir das Chaos des Weltalls noch unbegreiflicher als seine Harmonie. Ich finde es ganz begreiflich, daß Plan und Einrichtung der Welt dem Menschengeiste unverständlich sein kann, sobald sich aber ein Mensch unterfängt, sie uns zu erklären, muß er sich auch einer allgemein verständlichen Sprache bedienen. Weist die bewegte Materie einen Willen nach, so deutet die nach bestimmten Gesetzen bewegte Materie auf einen Verstand hin. Dies ist mein zweiter Glaubensartikel. Handeln, vergleichen, wählen sind Operationen eines thätigen und denkenden Wesens. Jene zeigen sich überall, folglich existirt dieses Wesen. Woran nimmst du seine Existenz wahr? werdet ihr mich fragen. Nicht nur an den rollenden Himmelskörpern, an dem Gestirn, das uns das Tageslicht sendet; nicht nur an mir selbst, sondern auch an dem weidenden Schafe, dem fliegenden Vogel, dem fallenden Steine, dem welken Blatte, dem Spiele der Winde. Ich fälle über die Ordnung der Welt ein Urtheil, obgleich mir ihr Endzweck unbekannt ist, weil es zur Beurtheilung dieser Ordnung für mich hinreicht, die einzelnen Theile unter einander zu vergleichen, ihr Zusammenwirken und ihre Beziehungen zu studiren und sich von ihrer Harmonie zu überzeugen. Ich weiß nicht, weshalb das Weltall da ist, aber ich werde nicht müde, die Veränderungen zu beobachten, welche in ihm vorgehen, werde nicht müde, mich an dem Anblick der innigen Beziehungen zu erfreuen, welche die Wesen dieser Welt antreibt, sich gegenseitig Hilfe zu leisten. Ich komme mir wie ein Mensch vor, der zum ersten Male eine geöffnete Uhr sieht und nicht aufhören kann, das Werk zu bewundern, obgleich ihm der Gebrauch des Kunstwerks unbekannt ist und er das Zifferblatt noch nicht gesehen hat. Ich weiß freilich nicht, wird er sagen, welchen Nutzen es bringt; allein ich sehe, daß alle Theile vollkommen zu einander passen; ich vermag dem Künstler für die vollendete Ausführung aller einzelnen Theile meine Bewunderung nicht zu versagen und halte mich völlig überzeugt, daß der gleichmäßige Gang aller dieser Räder nur einem gemeinschaftlichen Zwecke dient, welchen zu erkennen mir unmöglich ist. Laßt uns die besonderen Zwecke, die Mittel, die geregelten Verhältnisse jeder Art vergleichen und dann der Stimme des inneren Gefühls Gehör geben. Welcher gesunde Geist wird nicht gern auf ihr Zeugniß achten? Welchem unbefangenen Blicke verkündigt nicht die augenscheinliche Ordnung des Weltalls eine höchste geistige Kraft? Und welcher Aufwand von Sophismen ist nicht nöthig, um die Harmonie der Wesen und das meisterhafte Zusammenwirken jedes einzelnen Theiles zur Erhaltung der übrigen zu verkennen! Rede man mir von Combinationen und Wechselfällen so viel man will vor, welchen Nutzen könnt ihr euch davon versprechen, mich zum Schweigen zu bringen, wenn ihr mich nicht zu überzeugen im Stande seid? Und wie wollt ihr das unwillkürliche Gefühl in mir zurückdrängen, welches euch wider meinen Willen Lügen straft? Wenn die organischen Körper wirklich auf tausenderlei Weise durch bloßen Zufall eine Verbindung mit einander eingegangen sind, wenn sich Anfangs Magen ohne Mund, Füße ohne Kopf, Hände ohne Arme, kurz allerlei unvollkommenen Gliedmaßen gebildet haben, die, unvermögend sich zu erhalten, wieder zu Grunde gegangen sind, weshalb begegnet denn keiner dieser mißglückten Versuche jetzt mehr unseren Blicken? Weshalb hat sich endlich die Natur Gesetze auferlegt, welchen sie von Anfang an nicht unterworfen war? Es darf mich zwar nicht überraschen, daß etwas an sich Mögliches geschieht, wenn die Schwierigkeit der Ausführung durch die Menge der Versuche aufgewogen ist; das unterschreibe ich gern. Wenn man mir jedoch vorreden wollte, daß zufällig zusammengeworfene Buchdruckerlettern die Aeneide in der Vollendung, in welcher sie vorliegt, gebildet hätten, so würde ich sicherlich auch nicht einen einzigen Schritt thun, um erst zu untersuchen, ob ich es mit einer Lüge zu thun hätte. Man darf mir nicht entgegen halten, daß ich die Menge der Versuche vergesse. Wie viel solcher Versuche müßte ich wol annehmen, um an die Wahrscheinlichkeit der Combination glauben zu können! Ich meinestheils, der ich nur einen einzigen anerkenne, kann dreist das Unendliche gegen Eins wetten, daß sie nicht das Ergebniß eines Zufalls ist. Haltet damit den Umstand zusammen, daß Combinationen und Zufälligkeiten stets nur solche Erzeugnisse hervorzubringen vermögen, welche die Natur der vereinigten Elemente theilen, daß Organisation und Leben niemals aus einer zufälligen Verbindung von Atomen hervorgehen kann und daß ein Chemiker in seinem Schmelztiegel durch keine Mischung empfindende und denkende Wesen erzeugen wird. Sollte man es wol für möglich halten, wenn man nicht Beweise dafür hätte, daß sich die menschliche Narrheit je so weit verirren könnte? Amatus Lusitanus betheuerte, einen Homunculus von der Länge eines Zolls, der in einem Glase eingesperrt war, gesehen zu haben. Nach seiner Angabe hätte ihn Julius Camillus wie ein zweiter Prometheus mit Hilfe der alchymistischen Kunst hervorgebracht. Paracelsus lehrt in der Abhandlung » de natura rerum « das Verfahren, solche kleine Menschen auf künstlichem Wege zu erzeugen und stellt die Behauptung auf, daß die Pygmäen, die Faunen, die Satyren und die Nymphen Erzeugnisse der Chemie wären. Ich sehe in der That nicht ein, was nunmehr noch zu thun übrig bleibt, falls man die Möglichkeit solcher chemischen Producte feststellen will, als die Behauptung hinzufügen, daß die organische Materie der Hitze des Feuers widersteht und daß sich ihre Molecüle auch in einem Flammofen erhalten ließen. Mit Erstaunen und fast mit Verdruß habe ich Nieuwentit gelesen. Wie hat sich dieser Mann an die Abfassung eines Buches über die Wunder der Natur, welche von der Weisheit des Schöpfers Zeugniß ablegen, heranwagen können? Und wetteiferte sein Werk an Größe mit der Welt, so wäre er doch nicht im Stande, seinen Gegenstand zu erschöpfen. Sobald man sich hierbei auf Einzelheiten einlassen will, entzieht sich der Beobachtung das größte Wunder, die Harmonie und der Einklang des Ganzen. Die Erzeugung der lebendigen und organischen Wesen bildet schon allein einen Abgrund für den menschlichen Geist. Die unübersteigliche Schranke, welche die Natur zwischen den verschiedenen Arten errichtet hat, damit sie sich nicht vermischen, beweist uns ihre Absichten mit völliger Klarheit. Sie hat sich nicht darauf beschränkt, die Ordnung festzustellen, sondern auch bestimmte Maßregeln getroffen, um diese Ordnung vor jeder Störung zu bewahren. Es gibt in dem ganzen Weltall kein Wesen, welches man nicht in gewisser Beziehung als den gemeinsamen Mittelpunkt aller übrigen betrachten könnte, um welchen sie alle dergestalt geordnet sind, daß sie sich sämmtlich gegenseitig wie Zweck und Mittel verhalten. In der Unendlichkeit dieser Beziehungen, von denen sich auch keine einzige in der Menge verliert oder Veranlassung zu Verwechslungen gibt, verwirrt und verliert sich der Geist. Welch eine Thorheit, anzunehmen, daß man all diese Harmonie von dem blinden Mechanismus der zufällig bewegten Materie herzuleiten vermöge! Vergeblich werden diejenigen, welche die Absicht des Planes läugnen, der sich in den Verhältnissen aller Theile dieses großen Ganzen offenbart, ihr sinnloses Geschwätz durch Abstractionen, Coordinationen, allgemeine Grundsätze, sinnbildliche Ausdrücke zu verhüllen suchen; was sie auch immer aufstellen mögen, so wird es mir doch stets unmöglich sein, mir ein System so fest geordneter Wesen ohne eine geistige Kraft zu denken, von welcher die Ordnung ausgeht. Es hängt nicht von mir ab, zu glauben, daß die passive und todte Materie im Stande gewesen sei, lebende und fühlende Wesen hervorzubringen, daß ein blinder Zufall intelligente Wesen habe erzeugen können, daß das, was nicht denkt, vermocht habe Schöpfer denkender Wesen zu sein. Ich glaube demnach, daß die Welt von einem mächtigen und weisen Willen regiert wird; ich sehe es, oder empfinde es vielmehr, und dieses Wissen ist für mich von Wichtigkeit. Ist nun aber eben diese Welt von Ewigkeit her oder ist sie erschaffen? Gibt es einen einzigen Urquell aller Dinge? Gibt es deren zwei oder mehrere, und welches ist ihre Natur? Ich weiß es nicht, und was verschlägt es auch? Je nach der Zunahme meines Interesses für diese Kenntnisse werde ich mich auch bestreben sie zu erwerben. Bis dahin enthalte ich mich aber aller müßigen Fragen, die meine Eigenliebe beunruhigen können, für meinen Wandel dagegen nutzlos und für meine Vernunft zu hoch sind. Bleiben Sie stets eingedenk, daß ich meine Ansicht durchaus nicht lehren, sondern nur auseinandersetzen will. Sei die Materie ewig oder erschaffen, habe sie einen passiven Urgrund oder gar keinen, immer steht so viel fest, daß das Ganze eine Einheit bildet und ein einziges geistiges Wesen offenbart, denn ich gewahre nichts, was nicht in diesem Systeme seinen Platz einnähme und nicht demselben Zwecke, nämlich der Erhaltung des Ganzen in der bestehenden Ordnung, dienen müßte. Dieses Wesen nun, welches Willen und Macht hat, dieses selbsttätige Wesen, dieses Wesen endlich, was es auch immer sei, welches das Weltall bewegt und alle Dinge ordnet, nenne ich Gott. Ich verbinde mit diesem Namen die Ideen von Intelligenz, Macht und Willen, die ich mir, in Folge meiner Beobachtungen, von demselben gebildet habe, so wie die Idee der Güte, welche eine nothwendige Folge ersterer ist. Trotzdem ist mir das Wesen, welchem ich diesen Namen beigelegt habe, noch eben so unbegreiflich wie vorher. Es entzieht sich meinem Verstande nicht weniger als meinen Sinnen. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr gerathe ich in Verwirrung. Ich weiß mit völliger Gewißheit, daß dieses Wesen existirt und zwar durch sich selbst existirt, weiß auch, daß meine Existenz der seinigen untergeordnet ist und daß sich alle mir bekannten Dinge ihm gegenüber durchaus in derselben Lage befinden. Ich erkenne Gott überall in seinen Werken, ich fühle ihn in mir, erblicke ihn um mich. Sobald ich ihn jedoch seinem inneren Wesen nach schauen will, sobald ich untersuchen will, wo und was er ist, was sein eigentliches Wesen ausmacht, dann entschlüpft er mir, und mein in Verwirrung gerathender Geist vermag nichts mehr zu erkennen. Durchdrungen von dem Gefühle meiner Unzulänglichkeit, werde ich über die Natur Gottes niemals Untersuchungen anstellen, wenn ich mich nicht durch das Gefühl seiner Beziehungen zu mir dazu genöthigt sehe. Solche Untersuchungen sind stets vermessen. Nur mit Zittern und Zagen und in der festen Ueberzeugung, daß wir nicht geschaffen sind, das Wesen Gottes zu ergründen, sollte ein weiser Mensch dieselben vornehmen. Denn jedenfalls liegt für die Gottheit eine größere Beleidigung darin, daß man sich eine unrichtige Vorstellung von ihr macht, als daß man gar nicht an sie denkt. Nachdem ich diejenigen Eigenschaften der Gottheit aufgefunden habe, aus denen ich ihr Dasein zu begreifen vermag, kehre ich zu mir selbst zurück und untersuche, welchen Rang ich in der Ordnung der Dinge, die sie regiert und die ich einer Prüfung zu unterziehen im Stande bin, einnehme. Meiner Gattung nach gebührt mir unstreitig die oberste Stelle. Denn durch meinen Willen und durch die Werkzeuge, über welche ich zur Ausführung desselben verfügen kann, besitze ich eine größere Fähigkeit, auf alle Körper meiner Umgebung einzuwirken, oder mich umgekehrt ihrer Einwirkung beliebig darzubieten oder zu entziehen, als irgend einem von ihnen innewohnt, wider meinen Willen durch einen blos physischen Impuls auf mich einzuwirken, und ich bin das einzige Wesen, dem sein Verstand eine Uebersicht über das Ganze gestattet. Welches Wesen hienieden außer dem Menschen hat die Gabe alle übrigen zu beobachten, ihre Bewegungen und Wirkungen zu messen, zu berechnen und vorherzusehen und das Gefühl des gemeinsamen Daseins gleichsam mit dem seines individuellen Daseins zu verbinden? Was kann man also wol an dem Gedanken, daß Alles für mich geschaffen ist, lächerlich finden, wenn ich nun doch einmal das einzige Wesen bin, das Alles auf sich zu beziehen vermag? Es ist folglich wahr, daß der Mensch der König der Erde ist, welche er bewohnt; Variante ... König der Natur, wenigstens auf der Erde, ist... nicht nur bändigt er alle Thiere, nicht nur hat er sich durch seine Geschicklichkeit zum Herrn der Elemente gemacht, sondern ihm steht auch allein auf Erden diese Macht zu Gebote; ja selbst die Gestirne, denen er sich nicht zu nähern vermag, können sich in Folge seiner unausgesetzten Beobachtungen seiner Machtsphäre nicht entziehen. Man zeige mir auf Erden ein anderes Geschöpf, welches das Feuer zu benutzen und die Sonne zu bewundern versteht! Wie? Ich vermag die Wesen und ihre gegenseitigen Beziehungen zu beobachten und zu erkennen, ich vermag zu empfinden, was Ordnung, Schönheit und Tugend ist; ich vermag das Weltall zu betrachten und mich bis zu der Hand zu erheben, die es lenkt, ich vermag das Gute zu lieben und zu üben, und sollte mich mit den Thieren auf eine Stufe stellen? Niedrige Seele, deine traurige Philosophie macht dich ihnen ähnlich, oder du gibst dir vielmehr vergeblich Mühe, dich zu erniedrigen; deine natürliche Befähigung legt Zeugniß wider deine Grundsätze ab, dein wohlwollendes Herz straft deine Lehre Lügen, und selbst der Mißbrauch deiner Fähigkeiten bestätigt dir zum Trotz ihre Vortrefflichkeit. Ich meinestheils, der ich für kein System eine Lanze zu brechen brauche, ich, ein einfacher und wahrer Mann, welcher sich von keiner Parteileidenschaft fortreißen läßt und nicht nach der Ehre trachtet, das Haupt einer Secte zu sein, ich, der ich mit dem Platze, an den mich Gott gestellt hat, zufrieden bin, ich kenne nächst ihm nichts Besseres als meine Gattung, und wenn ich mir meine Stellung in der Ordnung der Wesen selbst zu wählen hätte, für was Besseres könnte ich mich entscheiden, als dafür, Mensch zu sein? Statt mich stolz zu machen, rührt mich diese Betrachtung vielmehr, denn diese Stellung ist nicht ein Act meiner freien Wahl und kann nicht dem Verdienste eines Wesens angerechnet werden, welches noch gar nicht existirte. Kann ich mich aber wol in solcher Weise ausgezeichnet sehen, ohne mir zugleich Glück zu wünschen, diese ehrenvolle Stelle einnehmen zu dürfen, und ohne die Hand zu segnen, welche sie mir angewiesen hat? Bei meiner ersten Einkehr in mich selbst erwacht in meinem Herzen ein Gefühl der Dankbarkeit und Segnung gegen den Schöpfer meines Geschlechts, und dieses Gefühl treibt mich zu meiner ersten Huldigung der wohlthätigen Gottheit. Ich bete die höchste Macht an und fühle mich von ihren Wohlthaten gerührt. Zu diesem Cultus bedarf ich keiner Anleitung, er ist mir von der Natur selbst eingegeben. Ist es nicht eine natürliche Folge der Liebe zu uns selbst, daß wir den ehren, der uns beschützt, und den lieben, der uns wohl will? Wenn ich nun aber, um jetzt auch meine individuelle Stellung innerhalb meiner Gattung kennen zu lernen, unter den verschiedenen Rangstufen und den Menschen, welche dieselben einnehmen, Umschau halte, was wird dann aus mir? Welch ein Schauspiel! Wo ist die Ordnung, die ich vorher beobachtet hatte? Das Bild der Natur zeigte mir nur Harmonie und Ebenmaß, das des menschlichen Geschlechts stellt sich mir nur als Verwirrung und Unordnung dar! Unter den Elementen herrscht Einklang, und die Menschen leben im Chaos! Die Thiere sind glücklich, ihr König allein ist elend! O Weisheit, wo sind deine Gesetze? O Vorsehung, regierst du so die Welt? Gnadenvolles Wesen, was ist aus deiner Macht geworden? Auf Erden sehe ich Schmerz und Leiden. Sollten Sie wol glauben, junger Freund, daß sich gerade aus diesen traurigen Betrachtungen und diesen scheinbaren Widersprüchen in meinem Geiste die erhabenen Vorstellungen von der Seele entwickelten, auf welche mich meine Untersuchungen bis dahin noch nicht geführt hatten? Indem ich über die menschliche Natur nachdachte, glaubte ich in ihr zwei völlig verschiedene Principien zu entdecken, deren eine ihn zur Erforschung der ewigen Wahrheiten, zur Liebe der Gerechtigkeit und des moralisch Schönen, bis zu den Regionen der intellectuellen Welt erhob, deren Betrachtung die Wonne des Weisen bildet, während das andere ihn sich nicht über sein eigenes Ich erheben ließ, ihn der Herrschaft der Sinne und ihrer Dienerinnen, der Leidenschaften, unterwarf und durch sie alle dem hinderlich entgegentrat, was ihm das Gefühl des ersteren einflößte. Als ich mich von diesen beiden entgegengesetzten Antrieben fortgerissen fühlte und den steten Kampf in meinem Herzen wahrnahm, sagte ich zu mir selbst: Nein, der Mensch ist keine Einheit; ich will und will auch nicht, ich fühle mich zugleich frei und unfrei, ich erkenne und liebe das Gute und thue trotzdem das Böse; ich zeige mich thätig, wenn ich auf die Vernunft höre, aber passiv, wenn ich mich von meinen Leidenschaften fortreißen lasse, und unterliege ich, so besteht meine größte Qual in dem Gefühle, daß ich hätte Widerstand leisten können. Hören Sie mich mit Vertrauen an, junger Mann, ich werde stets aufrichtig sein. Wenn das Gewissen das Resultat der Vorurtheile ist, so habe ich unzweifelhaft Unrecht, und es gibt keine nachweisbare Moral. Wenn es nun aber ein dem Menschen natürlicher Hang ist, sich Allem vorzuziehen, und wenn dessenungeachtet dem menschlichen Herzen ein ursprüngliches Gerechtigkeitsgefühl angeboren ist, dann überlasse ich demjenigen, welcher den Menschen zu einem einfachen Wesen macht, die Lösung dieser Widersprüche und dann will auch ich zugeben, daß er nur aus einer einzigen Substanz bestehe. Sie werden bemerken, daß ich mit dem Worte Substanz im Allgemeinen ein Wesen bezeichne, welches mit irgend einer ursprünglichen Eigenschaft ausgestattet ist, wobei ich von allen besonderen oder secundären Modificationen absehe. Lassen sich nun alle ursprünglichen Eigenschaften, die uns bekannt sind, in einem und demselben Wesen vereinigen, so darf man auch nur eine Substanz annehmen. Kommen jedoch solche vor, die sich gegenseitig ausschließen, so muß es auch eben so viele verschiedene Substanzen geben, als man dergleichen Ausschließungen vornehmen kann. Sie werden darüber nachdenken; ich aber brauche, was Locke auch immer darüber sagen möge, nur die Ausdehnung und Theilbarkeit der Materie zu kennen, um dessen sicher zu sein, daß sie nicht denken kann; und wenn ein Philosoph auf den Einfall käme, mir gegenüber zu behaupten, daß die Bäume fühlten und die Felsen dächten, Es kommt mir so vor, als habe die neuere Philosophie, weit davon entfernt zu behaupten, daß die Felsen denken, im Gegentheile die Entdeckung gemacht, daß die Menschen nicht denken. Sie erkennt nur noch empfindende Wesen in der Natur, und der ganze Unterschied, den sie zwischen einem Menschen und einem Steine aufzufinden vermag, besteht darin, daß der Mensch ein empfindendes Wesen mit Bewußtsein, der Stein dagegen ein empfindendes Wesen ohne Bewußtsein ist. Wenn es nun aber eine Wahrheit ist, daß die ganze Materie empfindet, wo werde ich dann die empfindende Einheit oder das individuelle Ich zu suchen haben? Wird es sich in jedem Molecül der Materie oder in den zusammengesetzten Körpern vorfinden? Muß ich dieser Einheit eben so in den flüssigen wie in festen, in zusammengesetzten wie in einfachen Körpern eine Stelle einräumen? Es gibt, wie man sagt, in der Natur nur Individuen. Aber welches sind diese Individuen? Ist dieser Stein ein Individuum oder ein Aggregat von Individuen? Ist er ein einziges empfindendes Wesen, oder ist jedes Sandkörnchen, welches er enthält, ein solches? Ist jedes elementare Atom ein empfindendes Wesen, wie soll ich dann die innige Verbindung verstehen, in welcher sich das Eine in dem Andern dergestalt empfindet, daß ihre beiden Ich in ein einziges zusammenfließen? Die Anziehungskraft mag ein Naturgesetz sein, dessen Geheimniß wir noch nicht durchschaut haben; aber wir begreifen wenigstens, daß in ihr, da sie nach Verhältniß der Massen wirkt, nichts liegt, was mit der Ausdehnung und Theilbarkeit im Widerspruch stände. Läßt es sich aber wol denken, daß dasselbe Verhältniß bei der Empfindung stattfindet? Die empfindenden Theile besitzen eine Ausdehnung, während das empfindende Wesen eine untheilbare Einheit bildet. Es ist untrennbar, es ist entweder ein Ganzes oder nichts. Das empfindende Wesen ist folglich kein Körper. Ich weiß nicht, was unsere Materialisten dazu sagen, mir aber kommt es so vor, als ob dieselben Schwierigkeiten, die sie bewogen haben, das Denken zu verwerfen, sie dazu bewegen müßten, das Empfinden ebenfalls abzuläugnen. Ich sehe nicht ein, weshalb sie nicht, nachdem sie einmal den ersten Schritt gethan haben, nun auch den zweiten thun sollten. Weshalb sollte er ihnen sauer werden? Da sie sich völlig überzeugt halten, daß sie nicht denken, wie dürfen sie zu behaupten wagen, daß sie empfinden? so könnte ich in ihm, wenn es ihm auch gelänge, mich mit seinen spitzfindigen Schlußfolgerungen in Verlegenheit zu setzen, doch nur einen Sophisten erblicken, der keinen Glauben verdient, und den Steinen lieber Empfindung zuschreiben, als dem Menschen eine Seele zugestehen möchte. Stellen wir uns einen Tauben vor, welcher läugnet, daß es Töne gibt, weil sie sein Ohr noch nie hat erklingen hören. Ich zeige ihm ein Saiteninstrument, dem ich durch Anschlagen eines anderen, verborgen gehaltenen und gleich gestimmten Instruments Töne entlocke. Der Taube gewahrt die schwingenden Bewegungen der Saite und ich sage zu ihm: »Der Ton bringt diese Wirkung hervor.« »Keineswegs,« erwidert er, »die Ursache der schwingenden Bewegungen der Saite liegt in ihr selbst. Es ist eine allen Körpern gemeinsame Eigenschaft, in solche Schwingungen zu gerathen.« »Zeige mir dann auch,« entgegne ich, »dieses Schwingen in den andern Körpern oder wenigstens die Ursache desselben in dieser Saite.« »Das,« erwidert der Taube, »bin ich freilich nicht im Stande; weshalb soll ich aber, weil ich nicht zu begreifen vermag, wie diese Saite in Schwingungen geräth, es mir gerade durch eure Töne erklären, von denen ich nicht den geringsten Begriff habe? Das hieße ja, eine dunkle Thatsache durch eine noch dunklere Ursache erklären wollen. Sorgt entweder dafür, daß ich eure Töne vernehmen kann, oder ich behaupte, daß es gar keine gibt.« Je mehr ich über das Denken und die Natur des menschlichen Geistes nachdenke, desto mehr überzeuge ich mich davon, daß die Schlußfolgerungen der Materialisten denen dieses Tauben gleichen. Sie sind wahrlich taub gegen die innere Stimme, welche ihnen in einem Tone, er sich nur schwer mißverstehen läßt, zuruft: Eine Maschine denkt nicht; Ueberlegung kann weder durch Bewegung noch durch eine Gestalt hervorgebracht werden. Es lebt in dir ein Etwas, welches die Bande, die es zurückhalten, zu zerreißen sucht. Dein Maßstab kann der Raum nicht sein, das ganze Weltall ist nicht groß genug für dich. Deine Empfindungen, deine Wünsche, deine Unruhe, dein Stolz sogar haben einen anderen Urgrund als dieser beschränkte Körper, an welchen du dich gefesselt fühlst. Kein materielles Wesen ist durch sich selbst thätig, ich aber bin es. Vergeblich wird man mir dies zu bestreiten suchen, ich fühle es, und dies Gefühl, welches zu mir spricht, ist stärker als die Vernunft, welche es bekämpft. Ich besitze einen Körper, auf welchen die andern eben so einwirken, wie er auf sie. Diese wechselseitige Einwirkung auf einander ist unzweifelhaft; aber mein Wille ist von meinen Sinnen unabhängig; ich stimme bei oder widerstehe, ich unterliege oder bleibe Sieger, immer sagt mir eine innere Stimme, ob ich gethan habe, was ich habe thun wollen, oder ob ich nur meinen Leidenschaften nachgegeben habe. Zwar habe ich stets die Macht zu wollen, aber nicht immer die Macht zur Ausführung des Gewollten. Wenn ich mich den Versuchungen ergebe, so lasse ich mich bei meinem Handeln durch den Antrieb äußerer Objecte bestimmen. Wenn ich mir dagegen wegen meiner Schwäche Vorwürfe mache, so schenke ich nur meinem Willen Gehör. Ich bin durch meine Laster Sklave und frei durch meine Gewissensbisse. Das Gefühl meiner Freiheit verliert sich in mir nur dann, wenn ich sittlich so tief sinke, daß ich die Stimme der Seele verhindere, sich gegen das Gesetz des Körpers zu erheben. Ich kenne den Willen nur, in so weit ich mir des meinigen bewußt werde, und der Verstand ist mir nicht besser bekannt. Wenn man mich nach der Ursache fragt, welche meinen Willen bestimmt, so frage ich meinerseits nach der Ursache, welche mein Urtheil bestimmt; denn es ist klar, daß diese beiden Ursachen eigentlich nur eine einzige ausmachen; und wenn man genau begreift, daß der Mensch beim Fällen seiner Urtheile eine Tätigkeit ausübt, daß sein Verstand in nichts Anderem als in der Fähigkeit zu vergleichen und zu urtheilen besteht, dann wird man auch begreiflich finden, daß seine Freiheit nur eine ähnliche oder von jener abgeleitete Fähigkeit ist. Erwählt das Gute nach dem, was seinem Urtheile zufolge das Wahre ist; hat er ein falsches Urtheil gefällt, so wird auch seine Wahl schlecht sein. Welches ist also die Ursache, die seinen Willen bestimmt? Es ist sein Urtheil. Und welches ist nun wieder die Ursache, die sein Urtheil bestimmt? Es ist seine geistige Fähigkeit, sein Vermögen zu urtheilen. Die bestimmende Ursache liegt in ihm selbst. Hier ist die Grenze, über welche hinaus ich nichts mehr verstehe. Ohne Zweifel reicht meine Freiheit nicht so weit, mein eigenes Wohl nicht zu wollen; ich habe nicht die Freiheit, mein Unglück zu wollen. Meine Freiheit besteht eben darin, daß ich nur das zu wollen im Stande bin, was mir heilsam ist, oder was ich wenigstens dafür halte, ohne daß etwas mir Fremdes mich bestimmt. Folgt schon aus dem Umstände, daß es nicht in meiner Gewalt steht, ein Anderer zu sein, als ich bin, daß ich nun auch nicht mein eigener Herr bin? Die Quelle einer jeden Handlung liegt in dem Willen eines freien Wesens; einen noch tiefer liegenden Grund vermögen wir nicht nachzuweisen. Nicht das Wort Freiheit ist nichtssagend, sondern das Wort Nothwendigkeit. Irgend eine Handlung, irgend eine Wirkung annehmen, die nicht von einem thätigen Princip ausgeht, heißt doch fürwahr Wirkungen ohne Ursachen annehmen, heißt in einen Kreis unrichtiger Schlüsse verfallen. Entweder gibt es überhaupt keinen ersten Anstoß, oder jeder erste Anstoß entbehrt einer andern vorhergehenden Ursache, und es gibt dann keinen wahren Willen ohne Freiheit. Der Mensch ist demnach in seinen Handlungen frei und als solch freies Wesen von einer immateriellen Substanz beseelt. So lautet mein dritter Glaubensartikel. Aus diesen drei ersten werden Sie sich leicht alle übrige herleiten können, ohne daß ich sie noch weiter aufzuzählen brauche. Ist der Mensch nun selbstthätig und frei, so handelt er auch aus eigenem Antriebe. Alle seine freien Handlungen sind von dem von der Vorsehung geordneten Systeme unabhängig und können ihr nicht angerechnet werden. Sie will das Böse nicht, das der Mensch thut, indem er die Freiheit, die sie ihm gewährt, mißbraucht. Aber sie hält ihn nicht von der Ausführung desselben zurück, sei es nun, daß das Uebel, welches von einem so schwachen Geschöpfe ausgeht, in ihren Augen völlig bedeutungslos ist, sei es, weil sie ihn nicht daran behindern kann, ohne daß zugleich seine Freiheit darunter leidet und durch Herabwürdigung seiner Natur ein noch größeres Uebel hervorgerufen wird. Sie hat ihn frei geschaffen, damit er sich aus eigener Wahl nicht für das Böse, sondern für das Gute entscheide. Sie hat ihn auch in den Stand gesetzt, diese Wahl unter richtiger Benutzung der ihm von ihr verliehenen Gaben zu treffen. Aber sie hat seine Kräfte in dem Grade beschränkt, daß der Mißbrauch der Freiheit, die sie ihm gestattet, die allgemeine Ordnung nicht zu stören vermag. Das Böse, was der Mensch thut, fällt auf ihn allein zurück, ohne daß dadurch die geringste Aenderung im Weltsysteme einträte, ohne zu verhindern, daß sich das Menschengeschlecht, selbst wider seinen Willen, noch immer erhalte. Darüber murren, daß Gott der Ausübung des Bösen nicht hindernd entgegentritt, heißt darüber murren, daß er dem Menschengeschlechte so hohe Gaben verliehen hat, daß er mit den Handlungen der Menschen eine Moralität verbunden hat, die sie veredelt, daß er ihnen ein Anrecht auf die Tugend verlieh. Der höchste Genuß liegt in der Zufriedenheit mit sich selbst. Gerade um uns diese Zufriedenheit zu verdienen, wird uns diese Erde angewiesen, werden wir mit Freiheit begabt, von unsern Leidenschaften versucht, von unserm Gewissen zurückgehalten. Was konnte selbst die göttliche Allmacht wol mehr zu unserm Besten thun? Konnte sie Widerspruch in unsere Natur legen und dem, der unfähig war, Böses zu thun, noch eine besondere Belohnung dafür gewähren, daß er Gutes gethan hat? Wie, um den Menschen an der Ausübung des Bösen zu behindern, hätte sie ihn auf den Instinct beschränken und auf den Standpunkt eines Thieres herabdrücken sollen? Nein, Gott meiner Seele, nie werde ich mich unterfangen, dich zu tadeln, daß du mich nach deinem Bilde geschaffen hast, damit ich frei, gut und glücklich sein könne wie du. Nur der Mißbrauch unserer Anlagen macht uns unglücklich und böse. An unserm Kummer, unseren Sorgen, unseren Leiden sind wir selbst Schuld. Das moralische Uebel ist unstreitig unser eigenes Werk, und das physische Uebel würde ohne unsere Fehler, die es uns erst fühlbar gemacht haben, nichts sein. Läßt uns die Natur nicht um unserer Erhaltung willen unsere Bedürfnisse empfinden? Gibt uns der körperliche Schmerz nicht ein Zeichen, daß in der Maschine etwas in Unordnung gerathen ist, und eine Mahnung, derselben schleunigst abzuhelfen? Und nun der Tod?... Vergiften die Bösen nicht ihr und unser Leben? Wer möchte wol immer zu leben wünschen? Der Tod ist das Mittel gegen die Uebel, welche wir uns selbst zufügen. Die Natur hat gewollt, daß wir nicht ewig leiden sollen. Wie wenigen Uebeln ist doch der Mensch unterworfen, der in seiner ursprünglichen Einfachheit fortlebt! Fast ohne Krankheiten wie auch ohne Leidenschaften verbringt er seine Tage; den Tod sieht er weder voraus noch fühlt er ihn; sollte er ihn jedoch fühlen, so machen ihm seine Leiden denselben auch wünschenswerth, und sofort hört er dann auf, ein Uebel für ihn zu sein. Begnügten wir uns damit, das zu sein, was wir einmal sind, so würden wir unser Schicksal nicht zu beklagen haben, aber dadurch, daß wir einem eingebildeten Glücke nachjagen, öffnen wir tausenderlei wirklichen Uebeln den Weg zu uns. Wer nicht ein kleines Leid zu ertragen versteht, muß sich darauf gefaßt machen, viele über sich ergehen zu lassen. Wenn man seine Gesundheit durch einen zügellosen Lebenswandel untergraben hat, so bemüht man sich, sie durch Arzneimittel wieder herzustellen, und fügt auf diese Weise zu dem Uebel, welches man fühlt, noch dasjenige hinzu, welches man fürchtet. Die Voraussicht des Todes vermehrt seine Schrecken und beschleunigt seine Annäherung. Je mehr man sich bemüht, ihm zu entfliehen, desto mehr fühlt man seine Nähe, und in Folge der Angst verwandelt sich das ganze Leben in ein langsames Dahinsterben, indem man gegen die Natur um der Uebel willen murrt, die man sich doch nur durch eigene Schuld zugezogen hat, als man die Gesetze derselben verletzte. Mensch, forsche nicht länger nach dem Urheber des Uebels. Du selbst bist dieser Urheber. Es ist kein anderes Uebel vorhanden als dasjenige, welches du begehst oder leidest, und beides geht von dir selber aus. Das allgemeine Uebel könnte nur in der Unordnung bestehen, und ich erblicke in dem Weltsysteme eine Ordnung, die sich stets gleich bleibt. Das besondere Leiden macht sich nur in der Empfindung des leidenden Wesens fühlbar, und diese Empfindung hat der Mensch nicht von der Natur erhalten, sondern selbst in sich erweckt. Wer wenig Betrachtungen angestellt hat und deshalb auch weder Erinnerung noch Voraussicht besitzt, wird dem Schmerze nur in geringem Grade ausgesetzt sein. Beseitigt unsere unglückseligen Fortschritte, beseitigt unsere Irrthümer und Laster, beseitigt das Menschenwerk, und Alles ist gut. Wo Alles gut ist, gibt es nichts Ungerechtes. Gerechtigkeit ist von der Güte untrennbar; die Güte ist die nothwendige Wirkung einer grenzenlosen Macht und der Selbstliebe, die als eine wesentliche Eigenschaft eines jeden sich fühlenden Wesens betrachtet werden muß. Derjenige, welcher Alles kann, gibt seinem Dasein gleichsam vermittelst dem aller anderer Wesen eine größere Ausdehnung. Im Hervorbringen und Erhalten äußert sich deshalb die unaufhörliche Thätigkeit der Macht. Gott ist nicht ein Gott der Todten; er würde nicht im Stande sein zu zerstören und Uebles zuzufügen, ohne sich selbst zu schaden. Wem alle Macht zu Gebote steht, der kann nur wollen, was gut ist. Wenn die Alten den höchsten ihrer Götter optimus maximus nannten, so drückten sie sich vollkommen richtig aus; wenn sie aber maximus optimus gesagt hätten, so wäre der Ausdruck noch glücklicher gewesen; da seine Güte seiner Macht entspringt, so ist er gütig, weil er groß ist. Deshalb muß auch das allgütige Wesen, weil es allmächtig ist, zugleich auch das allergerechteste sein; sonst würde es mit sich selbst in Widerspruch treten, denn der Act der Liebe zur Ordnung, welcher die Ordnung erzeugt, wird Güte, jener dagegen, welcher die Ordnung erhält, Gerechtigkeit genannt. Gott, sagt man, ist seinen Geschöpfen nichts schuldig. Ich hingegen glaube, daß er ihnen Alles schuldig ist, was er ihnen dadurch versprach, daß er sie ins Dasein rief. In der Vorstellung eines Gutes, die er ihnen gab und in dem Bedürfnisse nach demselben, das er sie empfinden ließ, liegt das Versprechen eingeschlossen, ihnen dies Gut zu gewähren. Je mehr ich in mich einkehre, je mehr ich überlege, desto klarer lese ich in meiner Seele die Worte geschrieben: »Sei gerecht, und du wirst glücklich sein.« Trotzdem hat sich dies bei dem gegenwärtigen Zustande der Dinge noch nicht erfüllt; dem Bösen geht es wohl, und der Gerechte bleibt unterdrückt. Man lasse aber auch nicht außer Acht, wie empört wir uns fühlen, wenn sich diese Erwartung getäuscht sieht. Das Gewissen erhebt sich und murrt gegen seinen Schöpfer, seufzend ruft es ihm zu: »Du hast mich getäuscht.« Vermessener, ich habe dich getäuscht! Wer hat dir das gesagt? Ist deine Seele vernichtet? Hast du aufgehört zu sein? O Brutus, o mein Sohn! Schände dein edles Leben nicht, indem du ihm freiwillig ein Ende machst! Laß nicht mit deinem Körper zugleich deine Hoffnung und deinen Ruhm auf den Feldern von Philippi zurück! Weshalb sagst du: »Die Tugend ist nichts,« während du schon im Begriffe stehst, den Lohn für die deinige zu empfangen? Du werdest sterben, denkst du? Nein, nun erst beginnt dein wahres Leben, und ich werde Alles halten, was ich dir versprochen habe. Dem Murren der ungeduldigen Sterblichen nach sollte man glauben, Gott sei ihnen den Lohn schuldig, ehe sie ihn verdient haben, und er habe die Verpflichtung, ihnen ihre Tugend im Voraus zu zahlen. O, laßt uns nur erst gut sein, dann werden wir auch glücklich sein! Laßt uns den Preis nicht vor dem Siege, noch den Lohn vor der Arbeit fordern! »Nicht in den Schranken,« sagt Plutarch, »werden die Sieger in unseren heiligen Spielen gekrönt, sondern erst nachdem sie die Rennbahn durchlaufen haben.« Wenn die Seele immateriell ist, so vermag sie auch den Körper zu überleben; und wenn sie ihn überlebt, so steht die Vorsehung gerechtfertigt da. Hätte ich auch keinen andern Beweis für die Immaterialität der Seele als den Triumph des Bösen und die Unterdrückung des Gerechten in dieser Welt, so würde mich schon dies allein von jedem Zweifel zurückhalten. Eine so schreiende Dissonanz in der allgemeinen Harmonie würde mich antreiben, ihre Lösung zu suchen. Ich würde mir sagen: Mit dem Leben endet nicht Alles für uns, Alles kehrt mit dem Tode in die ursprüngliche Ordnung zurück. Die Frage: Wo ist der Mensch, wenn alles Sinnliche an ihm zerstört ist? würde mich freilich in einige Verlegenheit setzen. Doch auch diese Frage verliert alle Schwierigkeit für mich, sobald ich zwei Substanzen angenommen habe. Da ich während meines leiblichen Lebens nur durch meine Sinne wahrzunehmen vermag, so ist es sehr einleuchtend, daß mir das, was ihnen nicht unterworfen ist, entgehen muß. Es läßt sich nun ganz wohl begreifen, daß sich nach Aufhebung der Vereinigung des Körpers und der Seele ersterer sich auflösen und letztere fortbestehen kann. Weshalb sollte auch die Vernichtung des Körpers die Vernichtung der Seele nach sich ziehen? Im Gegentheile befanden sie sich bei der großen Verschiedenheit ihrer Natur in Folge ihrer Vereinigung in einem gewaltsamen Zustande und kehren nun beide, sobald diese aufhört, in ihren natürlichen Zustand zurück. Die thätige und lebende Substanz gewinnt alle Kraft wieder, die sie aufwandte, um die passive und todte Substanz in Bewegung zu setzen. Ach, meine Fehler machen es mir nur allzu fühlbar, daß der Mensch während seines Lebens eigentlich nur halb lebt, und das Leben der Seele erst mit dem Tode des Körpers beginnt. Was für ein Leben ist dies nun aber? Und ist die Seele ihrer Natur nach unsterblich? Ich weiß es nicht. Mein begrenzter Verstand begreift nichts Schrankenloses. Alles, was man unendlich nennt, ist mir unbegreiflich. Was kann ich wol verneinen oder bejahen? Vermag ich ein Urtheil über Ideen zu fällen, die mir ganz fremd sind? Ich glaube, daß die Seele den Körper so lange überlebt, als es die Aufrechterhaltung der Ordnung erheischt; wer weiß, ob dies ihre ewige Fortdauer bedingt? So viel erkenne ich, daß sich der Körper in Folge der Trennung von der Seele zerstört und auflöst, aber ich vermag mir nicht eine ähnliche Zerstörung des denkenden Wesens vorzustellen, und da ich nicht im Stande bin, mir zu denken, wie es sterben kann, so nehme ich an, daß es nicht stirbt. Da mir diese Annahme Trost gewährt und nichts Unvernünftiges hat, weshalb sollte ich Anstand nehmen, mich derselben hinzugeben? Ich bin mir meiner Seele bewußt, ich erkenne sie durch die Empfindung und das Denken; ich weiß, daß sie ist, wenn ich auch nicht weiß, worin ihr Wesen besteht. Ueber Ideen, die ich nicht habe, kann ich nicht aburtheilen. Nur so viel weiß ich mit Gewißheit, daß sich das Bewußtsein (die Identität) des Ich nur durch das Gedächtniß verlängert, und daß ich, um in Wirklichkeit ein und derselbe zu sein, mich erinnern muß, daß ich schon vorher gewesen bin. Nun würde ich mich aber nach meinem Tode nicht dessen erinnern können, was ich während meines Lebens gewesen bin, wenn ich mich nicht zugleich auch dessen erinnerte, was ich gefühlt, und folglich auch dessen, was ich gethan habe. Ich hege nicht den geringsten Zweifel, daß gerade in dieser Erinnerung dereinst das Glück der Guten und die Qual der Bösen bestehen wird. Hienieden beschäftigen tausend glühende Leidenschaften das innere Gefühl und schläfern das Gewissen ein. Die Demütigungen und Widerwärtigkeiten, welche die Ausübung der Tugend in ihrem Gefolge hat, verhindern uns, alle Reize derselben zu empfinden. Wenn wir aber, von den Täuschungen befreit, die der Körper und die Sinne in uns hervorrufen, das höchste Wesen schauen und die ewigen Wahrheiten, deren Urquell es ist, erkennen werden, wenn die Schönheit der Weltordnung alle unsere Seelenkräfte erheben wird, und wenn wir ausschließlich damit beschäftigt sein werden, das, was wir gethan haben, mit dem zu vergleichen, was wir hätten thun sollen: dann wird die Stimme des Gewissens ihre Kraft und Herrschaft wieder erlangen, dann wird sich in der reinen Freude, die aus der Zufriedenheit mit sich selbst entsteht, und in der bittern Reue darüber, so tief gesunken zu sein, durch unerschöpfliche Empfindungen deutlich das Schicksal zu erkennen geben, welches sich ein Jeder bereitet hat. Fragen Sie mich nicht, mein geliebter Freund, ob es auch noch andere Quellen des Glücks und der Qual gibt; ich weiß es nicht. Allein schon diejenige, welche ich mir vorstelle, reicht hin, um mir in diesem Leben Trost zu geben und mich ein anderes hoffen zu lassen. Ich behaupte durchaus nicht, daß die Guten werden belohnt werden, denn welch anderes Gut kann wol ein so reich begabtes Wesen erwarten, als seiner Natur gemäß fortzuleben? Indeß behaupte ich, daß sie glücklich sein werden, weil ihr Schöpfer, der Ausfluß aller Gerechtigkeit, der ihnen Empfindung gegeben, sie nicht zum Leiden geschaffen hat, und weil sie außerdem, da sie mit ihrer Freiheit auf Erden keinen Mißbrauch getrieben haben, ihre Bestimmung nicht durch eigene Schuld verscherzt haben. Sie haben jedoch in diesem Leben gelitten und werden nun dafür in einem andern entschädigt werden. Diese Ansicht gründet sich weniger auf das menschliche Verdienst, als vielmehr auf die Vorstellung der Güte, die mir vom göttlichen Wesen untrennbar zu sein scheint. Ich setze dabei nur voraus, daß die Gesetze der Weltordnung beobachtet werden und Gott unveränderlich ist. Nicht uns, Herr, nicht uns, sondern deinem Namen gib Ehre, um deine Gnade und Wahrheit. Psalm 115, V. 1. Fragen Sie mich auch nicht, ob die Qualen der Bösen ewig dauern werden, und ob es ein Beweis der Güte ihres Schöpfers ist, sie zu ewigen Qualen zu verdammen. Auch dieses ist mir unbekannt, und ich bin von der eitlen Neugier frei, über solche nutzlose Fragen Licht zu verbreiten. Was geht mich das Loos der Bösen an? Ich nehme wenig Antheil an ihrem Schicksale. Dessenungeachtet kann ich mich nicht mit dem Gedanken befreunden, daß sie zu endlosen Qualen verdammt sein sollten. Wenn die höchste Gerechtigkeit Rache ausübt, so nimmt sie schon in diesem Leben ihren Anfang. Ihr selbst, ihr Völker, seid mit euren Irrthümern ihre Vollstrecker. Die Uebel, die ihr euch zufügt, bilden die Strafe für die Verbrechen, durch welche jene hervorgerufen sind. In euren unersättlichen, von Neid, Habsucht und Ehrgeiz verzehrten Herzen strafen die vergeltenden Leidenschaften eure Frevel inmitten eures scheinbaren Glücks. Weshalb sollen wir die Hölle erst in einem andern Leben suchen? Schon in diesem Leben ist sie im Herzen der Bösen zu finden. Wo unsere vergänglichen Bedürfnisse endigen, wo unsere unsinnigen Lüste aufhören, müssen auch unsere Leidenschaften schweigen und unsere Verbrechen ein Ende nehmen. Welcher Verderbtheit könnten Geister, die ihres Körpers entkleidet sind, noch fähig sein? Weshalb sollten sie böse sein, da sie keine Bedürfnisse mehr fühlen? Wenn sie, von unserer groben Sinnlichkeit befreit, all ihr Glück einzig und allein im Anschauen der Wesen finden, so sind sie nur im Stande das Gute zu wollen, und ist es wol möglich, daß derjenige, welcher nicht mehr in das Böse willigt, für immer elend sein sollte? Diese Ansicht sagt mir am meisten zu, ohne daß ich mir jedoch die Mühe nehme, ein endgiltiges Urtheil darüber abgeben zu wollen. O gnädiges und gütiges Wesen! Was auch immer deine Ratschlüsse sein mögen, ich verehre sie. Wenn du die Bösen ewig strafst, so erkennt meine schwache Vernunft in Demuth deine Gerechtigkeit an. Wenn jedoch die Gewissensbisse dieser Unglücklichen im Laufe der Zeit schwächer werden, und ihre Leiden ein Ende nehmen sollten, wenn uns dereinst Alle ohne Unterschied der gleiche Friede erwartete, so will ich dich dafür preisen. Muß ich nicht auch im Bösen meinen Bruder erblicken? Wie oft hat nur wenig daran gefehlt, daß ich ihm ähnlich wurde! Möchte er, vom Elend befreit, auch die Bosheit verlieren, diese Begleiterin des Elends! Möchte er eben so glücklich werden, wie ich bin; weit davon entfernt, daß sein Glück meine Eifersucht erregte, würde es vielmehr das meinige nur erhöhen. Nachdem ich Gott auf diese Weise in seinen Werken betrachtet und an ihnen diejenigen seiner Eigenschaften studirt habe, deren Kenntniß für mich von Wichtigkeit war, ist es mir gelungen, die Anfangs unvollkommene und beschränkte Idee, welche ich mir von diesem unendlichen Wesen gebildet hatte, stufenweise zu erweitern und zu vervollkommnen. Wenn diese Idee nun auch edler und erhabener geworden ist, so hat sie dafür aber der menschlichen Vernunft gegenüber viel von ihrer Verständlichkeit eingebüßt. Je mehr ich mich im Geiste dem ewigen Lichte nähere, desto mehr blendet und verwirrt mich sein Glanz, und ich sehe mich genöthigt, alle irdische Begriffe fahren zu lassen, die es mir bisher erst möglich gemacht hatten, mir eine Vorstellung von ihm zu bilden. Nun verliert Gott für mich alles Körperliche und Sinnliche; die höchste Vernunft, welche die Welt regiert, ist nicht mehr die Welt selbst; vergeblich erhebe ich bis zur Ermattung meinen Geist zu ihr, um ihr unfaßbares Wesen zu erfassen. Wenn ich erwäge, daß sie es ist, die der lebenden und thätigen Substanz, welche die beseelten Körper regiert, erst Leben und Thätigkeit verleiht, und wenn ich dann behaupten höre, daß meine Seele geistiger Natur und Gott ebenfalls ein Geist sei, so erfüllt mich diese Herabwürdigung des göttlichen Wesens mit gerechtem Unwillen. Als ob Gott und meine Seele von gleicher Natur sein könnten! Als ob Gott nicht das einzige absolute, das einzige wirklich durch sich selbst thätige, fühlende, denkende, wollende Wesen wäre, von welchem wir unser Denken wie Fühlen, unsere Thätigkeit wie unseren Willen, unsere Freiheit wie unser Wesen erhalten haben. Wir sind nur deshalb frei, weil er will, daß wir es sein sollen, und seine unerforschliche Substanz ist für unsere Seelen dasselbe, was unsere Seelen für unsern Körper sind. Ob er die Materie, die Körper, die Geister, die Welt erschaffen hat, ist mir unbekannt. Die Idee der Schöpfung verwirrt mich und übersteigt meine Fassungskraft. Ich glaube sie, so viel mir daran begreiflich ist. Indeß weiß ich, daß er das Weltall und alles Existirende gebildet, daß er Alles geschaffen, Alles geordnet hat. Gott ist unzweifelhaft ewig. Ist aber mein Geist im Stande, die Idee der Ewigkeit zu begreifen? Weshalb soll ich mich mit Worten abspeisen lassen, mit denen ich keinen Begriff verbinden kann? So viel begreife ich jedoch, daß er existirte, ehe noch die Dinge waren, daß er sein wird, so lange sie fortdauern werden, und daß er selbst dann noch sein würde, wenn dereinst Alles aufhören sollte. Daß ein Wesen, welches ich nicht zu begreifen vermag, andere Wesen ins Dasein ruft, ist nur dunkel und unbegreiflich; daß dagegen Sein und Nichtsein von selbst in einander übergehen sollten, ist ein handgreiflicher Widerspruch, ist eine augenscheinliche Absurdität. Gott ist intelligent. Wie ist er es jedoch? Der Mensch ist intelligent, wenn er sich ein richtiges Urtheil bildet. Nun hat es aber die höchste Intelligenz nicht erst nöthig, sich Urtheile zu bilden; für sie gibt es weder Prämissen noch Schlußfolgerungen. Sie ist die absolute Anschauung; wie sie Alles überblickt, was ist, so sieht sie auch in gleicher Weise Alles, was sein kann; wie alle Wahrheiten für sie nur eine einzige Idee ausmachen, so auch alle Orte nur einen einzigen Punkt und alle Zeiten einen einzigen Augenblick. Die menschliche Macht wirkt durch Mittel, die göttliche Macht wirkt durch sich selbst. Gott kann, weil er will; seine Macht ist der Ausfluß seines Willens. Gott ist gütig, nichts tritt deutlicher zu Tage; aber die Güte des Menschen zeigt sich in der Liebe zu seinen Mitmenschen, während sich die Güte Gottes in seiner Liebe zur Ordnung offenbart, denn durch die Ordnung erhält er alles Bestehende und verbindet er jeden Theil mit dem Ganzen. Gott ist gerecht, ich bin davon überzeugt; die Gerechtigkeit ist die Folge seiner Güte; an der Ungerechtigkeit der Menschen sind sie selbst Schuld, nicht er. Der sich in der moralischen Welt kundgebende Zwiespalt, welcher in den Augen der Philosophen gegen die Vorsehung zeugt, gilt in den meinigen gerade als ein Beweis für dieselbe. Während aber die Gerechtigkeit des Menschen Jedem gibt, was ihm gebührt, fordert die Gerechtigkeit Gottes von Jedem Rechenschaft über das, was er ihm gegeben hat. Wenn ich so stufenweise zur Entdeckung dieser Eigenschaften gelange, von welchen ich keine absolute Vorstellung habe, so geschieht es doch nur durch künstliche Schlußfolgerungen, durch die richtige Anwendung meiner Vernunft; aber trotzdem nehme ich sie an, wenn ich sie auch nicht zu fassen vermag, und das heißt doch eigentlich nichts annehmen. Vergeblich sage ich zu mir: So ist Gott, ich fühle es, ich trage den Beweis in mir, trotzdem begreife ich doch nicht besser, wie Gott so sein kann. Kurz, je mehr ich mich bemühe, mich zum Anschauen seines unendlichen Wesens zu erheben, desto weniger vermag ich es zu begreifen. Aber es ist, das ist für mich genügend; je weniger ich es begreife, desto mehr bete ich es an. In Demuth spreche ich zu ihm: Wesen aller Wesen, ich bin, weil du bist. Wenn meine Gedanken unaufhörlich bei dir weilen, erhebe ich mich zur Quelle meines Daseins. Ich mache den würdigsten Gebrauch von meiner Vernunft, wenn ich sie vor dir schweigen lasse. Es ist Wonne für meinen Geist, ein zauberhafter Reiz für meine Schwachheit, mich von deiner Größe überwältigt zu fühlen. Nachdem ich nun auf diese Weise die Hauptwahrheiten, deren Kenntniß für mich von Wichtigkeit ist, aus dem Eindrucke der sinnlich wahrnehmbaren Gegenstände und aus dem inneren Gefühle, welches mich antreibt, mich bei der Beurtheilung der Ursachen von meinen natürlichen Einsichten leiten zu lassen, gefolgert habe, so bleibt mir noch zu untersuchen übrig, welche Grundsätze ich daraus für meinen Wandel herzuleiten habe und welche Regeln ich mir vorschreiben muß, um meine Bestimmung hienieden nach den Absichten dessen zu erfüllen, der mir meinen Platz auf Erden angewiesen hat. Treu meiner bisherigen Methode, entnehme ich diese Regeln durchaus nicht den Principien einer erhabenen Philosophie, sondern ich finde sie im Grunde meines Herzens von der Natur mit unauslöschlichen Zügen eingegraben. Ich habe über das, was ich thun will, nur mich selbst zu befragen; Alles, von dem mir mein Gefühl sagt, daß es gut ist, ist auch wirklich gut; Alles, was mein Gefühl schlecht nennt, ist schlecht. Der beste aller Gewissensräthe ist das Gewissen, und erst dann, wenn man mit ihm feilschen will, muß man zu Spitzfindigkeiten seine Zuflucht nehmen. Die erste aller Sorgen, die den Menschen beschäftigt, ist die Sorge für sich selbst. Wie oft raunt uns indeß eine Stimme zu, daß wir Unrecht handeln, wenn wir unser Wohl auf Kosten Anderer zu gründen suchen! Wir wähnen dem Antriebe der Natur zu folgen und setzen ihr im Gegentheile Widerstand entgegen; indem wir nur auf das hören, was sie unseren Sinnen sagt, setzen wir das hintan, was sie unserem Herzen sagt. Das active Sein gehorcht, das passive Sein befiehlt. Das Gewissen ist die Stimme der Seele, die Leidenschaften sind die Stimme des Körpers. Kann es uns überraschen, daß diese beiden Stimmen sich oft im Widerstreit befinden? Und auf welche von ihnen soll man alsdann hören? Nur zu oft täuscht uns die Vernunft, und wir haben deshalb das unveräußerliche Recht, uns ihren Nachschlagen nicht zu fügen; das Gewissen täuscht uns dagegen niemals; es ist der wahre Führer des Menschen; was der Instinct für den Körper, ist das Gewissen für die Seele. Die moderne Philosophie, welche nur das annimmt, was sie zu erklären vermag, nimmt keinen Anstand, jene unerklärliche, Instinct genannte Fähigkeit anzuerkennen, welche die Thiere, ohne daß sie sich auch nur die geringste Kenntniß erworben hätten, zu einem bestimmten Ziele zu treiben scheint. Der Instinct ist nach der Definition eines unserer gelehrtesten Philosophen lediglich eine der Reflexion beraubte, aber erst durch Reflexion gewonnene Gewohnheit; und aus der Art und Weise, wie er diesen Fortschritt erklärt, sieht man sich zu dem Schlusse gezwungen, daß die Kinder mehr reflectiren, als die Erwachsenen, ein in so hohem Grade seltsames Paradoxon, daß es sich schon der Mühe verlohnt, dasselbe einer näheren Prüfung zu unterziehen. Ohne weiter auf diese Erörterung einzugehen, erlaube ich mir nur die Frage aufzuwerfen, mit welchem Namen ich den Eifer bezeichnen soll, mit dem mein Hund die Maulwürfe bekriegt, die er nicht einmal frißt, die Geduld, mit welcher er ihnen bisweilen Stunden lang auflauert, und die Geschicklichkeit, mit welcher er sie packt, sie in dem Augenblicke ihres Aufstoßens aus der Erde wirft und dann tödtet, um sie liegen zu lassen, ohne daß ihn Jemand zu dieser Jagd dressirt und ihm beigebracht hätte, daß es hier Maulwürfe gibt. Weiter frage ich, und das ist noch von ungleich höherer Wichtigkeit, weshalb sich der nämliche Hund, als ich ihm zum ersten Male drohte, mit dem Rücken auf die Erde warf und sich mit zusammengezogenen Pfötchen in eine so bittende Stellung legte, daß sie ganz geeignet war, mich zu rühren. Sicherlich hätte er sich gehütet, in dieser Stellung zu bleiben, wenn ich, ohne mich erweichen zu lassen, ihn in diesem Zustande geschlagen hätte. Wie! Hatte mein noch ganz kleiner und kaum erst geborner Hund etwa schon moralische Begriffe erworben? Wußte er etwa schon, was Gnade und Großmuth war? Vermöge welcher gewonnenen Einsichten gab er sich der Hoffnung hin, mich dadurch zu besänftigen, daß er sich mir ganz auf Gnade oder Ungnade ergab? Alle Hunde der Welt handeln in demselben Falle fast genau eben so, und ich behaupte hier nichts, wovon sich nicht ein Jeder selbst überzeugen könnte. Hätten doch die Philosophen, die den Instinct in so verächtlicher Weise verwerfen, die Güte, diese Thatsache durch das alleinige Spiel der Sinneseindrücke und der durch sie erworbenen Kenntnisse zu erklären, und zwar so zu erklären, daß es auch einem jedem vernünftigen Menschen verständlich wäre. Dann würde ich nichts mehr zu erwidern haben und nie wieder vom Instinct reden. Wer sich von ihm leiten läßt, gehorcht der Natur und braucht nicht zu befürchten, sich zu verirren. Dieser Punkt, fuhr mein Wohlthäter fort, als er bemerkte, daß ich im Begriff stand, ihn zu unterbrechen, ist von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit. Erlauben Sie, daß ich bei der Erläuterung desselben noch etwas länger stehen bleibe. Die ganze Moralität unserer Handlungen beruht auf dem Urtheile, welches wir uns selbst über dieselben bilden. Wenn es wahr ist, daß das Gute gut ist, so muß es dies im Grunde unserer Herzen eben so wie in unseren Werken sein, und der erste Lohn der Gerechtigkeit liegt in dem Gefühle, daß man sie geübt hat. Wenn die moralische Güte mit unserer Natur in Einklang steht, so kann der Mensch nur in so weit geistig gesund und kräftig sein, als er gut ist. Ist dies jedoch nicht der Fall, ist vielmehr der Mensch böse, so vermag er, ohne sich zu verderben, auch nicht aufhören, es zu sein, und die Güte schlägt bei ihm dann zu einem Verbrechen gegen die Natur um. Geschaffen seinen Mitmenschen Schaden zuzufügen, wie der Wolf, seine Beute zu erwürgen, würde ein unter solchen Umständen Menschlichkeit verratender Mensch ein eben so entartetes Geschöpf sein, wie ein Erbarmen übender Wolf, und nichts als die Tugend würde Gewissensbisse in uns wachrufen. Halten wir in uns selbst Einkehr, mein junger Freund, prüfen wir einmal, mit Beiseitesetzung alles persönlichen Interesses, wozu uns unsere Neigungen treiben. Was für ein Anblick ruft angenehmere Gefühle in uns hervor, der der Qualen oder des Glückes Anderer? Welche Handlungen bereiten uns die größte Freude und lassen den wohlthuendsten Eindruck in uns zurück, ein Act der Wohlthätigkeit oder ein Act der Bosheit? An wem nehmen wir auf unseren Theatern den regsten Antheil? Erfüllen uns die Frevelthaten mit Vergnügen? Fließen unsere Thränen für die bestraften Missethäter? Alles, behauptet man, sei uns gleichgültig, unsern eigenen Vortheil ausgenommen; und gerade im Gegentheile tröstet uns in unseren Leiden die Süßigkeit der Freundschaft und der Nächstenliebe, und sogar mitten in unseren Vergnügungen würde uns das Gefühl einer nur allzu großen Vereinsamung und des Elends beschleichen, wenn wir Niemanden hätten, mit dem wir sie zu theilen vermöchten. Wenn im Menschenherzen nichts von Moral vorhanden ist, was ist dann die Ursache jener hohen Bewunderung heldenmüthiger Thaten und jener begeisterten Liebe zu großen Seelen? Welche Beziehung kann zwischen diesem Enthusiasmus für die Tugend und unserem Sonderinteresse stattfinden? Weshalb möchte ich lieber Cato sein, der seine Eingeweide zerreißt, als der triumphirende Cäsar? Nehmt aus unseren Herzen diese Liebe zum Schönen, und ihr nehmt damit zugleich dem Leben allen Reiz. Derjenige, in dessen beschränkter Seele verächtliche Leidenschaften diese köstlichen Gefühle erstickt haben, derjenige, welcher es in seinem Streben, sich nur auf sich selbst zu beschränken, endlich so weit gebracht hat, nur noch sich allein zu lieben, geht freudenleer durch das Leben. Nie schlägt sein kaltes Herz mehr vor Wonne, nie feuchten Thränen süßer Rührung mehr sein Auge, nie hat er sich eines wahren Genusses mehr zu erfreuen. Der Unglückliche fühlt nicht mehr, lebt nicht mehr; er ist bereits todt. Wie groß indeß auch immer die Zahl der Bösen auf Erden sein mag, so gibt es trotzdem nur wenige solcher völlig gefühllosen Herzen, welche, mit Ausnahme ihres eigenen Interesses, für Alles, was gerecht und gut ist, unempfindlich geworden sind. Die Ungerechtigkeit ist uns nur in dem Falle angenehm, daß wir Vortheil aus ihr ziehen; in jedem anderen hegt man den Wunsch, daß der Unschuldige in Schutz genommen werde. Gewahren wir in einer Straße oder sonst auf einem Wege einen Act der Gewalt oder Ungerechtigkeit, so steigt augenblicklich eine Regung des Zornes und des Unwillens in uns empor und treibt uns an, die Partei des Unterdrückten zu ergreifen; allein eine mächtigere Pflicht hält uns zurück, denn die Gesetze entziehen uns das Recht, die Unschuld zu beschützen. Sind wir dagegen Zeugen eines Actes der Güte oder des Edelmuthes, welche Bewunderung, welche Liebe flößt er uns ein! Wer würde nicht zu sich selber sagen: So möchte ich auch gehandelt haben! Es kann uns sicherlich höchst wenig kümmern, ob ein Mensch vor zweitausend Jahren schlecht oder gerecht gewesen ist, und nichts desto weniger fesselt uns die alte Geschichte in dem nämlichen Grade, als ob sich alle Ereignisse derselben in unseren Tagen zugetragen hätten. Was habe ich mit dem Verbrechen des Catilina zu schaffen? Kann ich etwa Besorgniß hegen, sein Opfer zu werden? Warum habe ich also vor ihm denselben Abscheu, der mich vor ihm erfüllen würde, wenn er mein Zeitgenosse wäre? Wir hassen die Bösen nicht allein um deswillen, daß sie uns Schaden zufügen, sondern weil sie böse sind. Wir wünschen nicht allein selbst glücklich zu sein, sondern wünschen auch das Glück Anderer, und sobald dieses Glück das unserige nicht beeinträchtigt, so trägt es zur Erhöhung unseres eigenen bei. Kurz man hat, mag man wollen oder nicht, Mitleid mit den Unglücklichen; man leidet mit, wenn man Zeuge ihrer Leiden ist. Selbst die Gesunkensten können sich von diesem Triebe nicht völlig frei machen; oft setzt er sie mit sich selbst in Widerspruch. Der Räuber, welcher die Vorüberziehenden ausplündert, deckt trotzdem die Blöße der Armen, und der wildeste Räuber versagt einem Ohnmächtigen seine Hilfe nicht. Man spricht von der Stimme des Gewissens, welche im Geheimen verborgene Verbrechen straft und oftmals Verrätherin an ihnen wird. Ach, wer unter uns hätte diese nicht zu beschwichtigende Stimme noch nie vernommen? Man spricht aus Erfahrung und möchte gern dieses tyrannische Gefühl, das uns so große Pein verursacht, zum Schweigen bringen. Gehorchen wir der Natur; dann werden wir wahrnehmen, eine wie milde Herrschaft sie ausübt, und welch ein Zauber darin liegt, sich ein günstiges Zeugniß ausstellen zu können, nachdem man nur auf ihre Rathschläge gehört hat. Der Böse hat vor sich selbst Furcht und sucht sich selbst zu entfliehen; er wird erst heiter, wenn er aus sich selbst heraustritt. Unruhig irren seine Blicke umher und suchen nach einem Gegenstande, der ihn belustigen könne. Ohne bittere Satyre, ohne verletzenden Spott würde er sich einer steten Trauer hingeben; im Hohngelächter besteht sein einziges Vergnügen. Die Heiterkeit des Gerechten ist dagegen eine innere; sein Lachen verräth nicht Bosheit, sondern eine Freude, deren Quelle in ihm selber liegt. Ob er für sich allein ist oder sich mitten in einer Gesellschaft befindet, stets wird ihn ein gleichmäßiger Frohsinn erfüllen. Er schöpft seine Freude nicht etwa aus denen, mit welchen er in Berührung kommt, sondern theilt ihnen vielmehr die seinige mit. Lassen Sie alle Völker der Erde vor ihren Blicken vorüberziehen, erforschen Sie alle Gebiete der Geschichte: unter so vielen unmenschlichen und wunderlichen Arten der Gottesverehrung, unter dieser außerordentlichen Verschiedenheit der Sitten und Charaktere werden Sie trotzdem überall die nämlichen Ideen von Gerechtigkeit und Redlichkeit, überall die nämlichen Grundsätze der Moral, überall die nämlichen Begriffe von Gut und Böse vorfinden. Das alte Heidenthum brachte wahrhaft abscheuliche Gottheiten hervor, die man hienieden als Schurken zur Strafe gezogen hätte, und die uns die Verübung von Frevelthaten und die rückhaltlose Befriedigung der Leidenschaften als ein Bild des höchsten Glückes vorhielten. Gleichwol stieg das durch himmlische Autorität geheiligte Laster vergebens aus seiner ewigen Wohnung herab; der moralische Instinct ließ ihm keine Stätte in dem Menschenherzen. Während man Jupiters Ausschweifungen pries, bewunderte man die Enthaltsamkeit des Xenokrates; die keusche Lucretia verehrte die unzüchtige Venus; der heldenmüthige Römer brachte der Gottheit der Furcht Opfer dar; er rief den Gott an, der seinen Vater verstümmelte, und starb ohne Murren von der Hand seines eigenen. Den verächtlichsten Gottheiten huldigten gerade die größten Männer. Die heilige Stimme der Natur, stärker als die der Götter, wußte sich auf Erden zu Ehren zu bringen und schien die Schuld mit den Schuldigen in den Himmel zu verweisen. Es liegt folglich in der Tiefe der Seele ein angeborenes Princip der Gerechtigkeit und Tugend, nach dem wir, wie auch unsere eigenen Grundsätze sein mögen, nicht nur unsere Handlungen, sondern auch die Handlungen Anderer als gut oder böse anerkennen, und dieses Princip nenne ich Gewissen. Bei diesem Worte höre ich aber schon von allen Seiten das Geschrei der sogenannten Weisen. »Irrthümer der Kindheit, Vorurtheile der Erziehung,« tönt es in seltener Einstimmigkeit um mich her. »Im Menschengeiste ist nur das vorhanden, was er der Erfahrung entnommen hat, und unserm Urtheile über die Dinge liegen nur die Ideen, welche wir uns angeeignet haben, zu Grunde.« Ja, sie bleiben hierbei noch nicht einmal stehen, sie wagen es sogar, die klare und allgemeine Uebereinstimmung aller Völker zu verwerfen, und suchen gegen die eclatante Gleichheit des Urtheils der Menschen im Dunkeln nach irgend einem obscuren, ihnen allein bekannten Beispiele, als ob alle uns von der Natur eingepflanzten Triebe durch die Entartung eines Volkes vernichtet würden, und mit dem Vorkommen einzelner Mißgeburten das ganze Geschlecht ausgerottet wäre. Was nützen indeß dem skeptischen Montaigne seine sorgenvollen Bemühungen, in irgend einem Winkel der Welt einen den Begriffen der Gerechtigkeit zuwider laufenden Gebrauch zu entdecken? Was nützt es ihm, den verdächtigsten Reisenden eine Autorität beizulegen, die er den berühmtesten Schriftstellern versagt? Sollten wirklich einige nicht einmal völlig feststehende und seltsame Gebräuche, die aus örtlichen, uns unbekannten Gründen hervorgegangen sind, die allgemeine aus der Übereinstimmung aller Völker abgeleitete Folgerung umstoßen können? Mögen auch die Völker in allem Uebrigen verschieden sein, so herrscht doch in diesem Punkte eine vollkommene Einstimmigkeit. O Montaigne, der du dich immer mit solchem Stolze deines Freimuths und deiner Wahrheitsliebe rühmst, sei aufrichtig und wahr, wenn es einem Philosophen überhaupt möglich ist, und sage mir, ob es irgend ein Land auf Erden gibt, wo es Einem zum Verbrechen angerechnet wird, sein Wort zu halten, gütig, wohlthätig und edelmüthig zu sein, wo der Ehrliche verachtet und der Treulose geehrt wird? Jeder, behauptet man, trägt aus eigenem Interesse zum allgemeinen Besten bei. Woher kommt es denn aber, daß der Gerechte zu seinem eigenen Schaden dazu beiträgt? Was soll das heißen, aus eigenem Interesse in den Tod gehen? Allerdings bezweckt Jeder bei seinen Handlungen nur sein eigenes Beste. Wenn es indeß nicht auch ein moralisches Beste gibt, welches hierbei ebenfalls berücksichtigt werden muß, so wird man aus dem eigenen Interesse immer nur die Handlungen der Bösen erklären können; es ist sogar glaubhaft, daß man gar nicht erst den Versuch machen wird, darüber hinauszugehen. Traurig wäre es aber um eine Philosophie bestellt, welche durch tugendhafte Handlungen in Verlegenheit geriethe, die sich nur dadurch aus derselben zu ziehen vermöchte, daß sie ihnen niedrige Gesinnungen und unlautere Beweggründe andichtete, und nach deren Grundsätzen man sich genöthigt sähe, Sokrates herabzuwürdigen und Regulus zu verleumden. Wenn unter uns je ähnliche Lehren Eingang fänden, so würde sich die Stimme der Natur wie die Stimme der Vernunft augenblicklich gegen sie erheben und niemals gestatten, daß sich auch nur ein einziger ihrer Anhänger damit entschuldigen dürfte, er hätte es aufrichtig gemeint. Es liegt nicht in meiner Absicht, hier auf metaphysische Untersuchungen einzugehen, die meine Fassungskraft nicht weniger als die Ihrige übersteigen und im Grunde genommen zu nichts führen. Ich habe Sie bereits darauf aufmerksam gemacht, daß ich mit Ihnen nicht philosophiren, sondern Ihnen nur Anleitung geben will, Ihr eigenes Herz zu berathen. Wenn alle Philosophen der Welt Ihnen den Beweis lieferten, daß ich Unrecht hätte, Ihr Gefühl Ihnen aber sagte, ich hätte Recht, so würde ich nicht mehr begehren. Zu diesem Zwecke ist nichts weiter nöthig, als daß Sie lernen, unsere erworbenen Ideen von unseren natürlichen Empfindungen zu unterscheiden, denn unserer Erkenntniß geht nothwendigerweise unsere Empfindung vorher, und wie wir nicht erst zu lernen brauchen, unser eigenes Beste zu wollen und das, was uns Schaden zufügt, zu fliehen, sondern diesen Trieb der Natur verdanken, so ist uns auch die Liebe zum Guten und der Haß gegen das Böse eben so natürlich wie die Liebe zu uns selbst. Die Thätigkeit des Gewissens äußert sich nicht in Urtheilen, sondern in Empfindungen. Obgleich uns alle unsere Vorstellungen von Außen zugeführt werden, so liegen doch die Empfindungen, die ihnen erst ihren eigentlichen Werth beilegen, in uns selbst, und nur durch sie erkennen wir die Uebereinstimmung oder Nichtübereinstimmung, die zwischen uns und den Dingen, welche wir suchen oder fliehen müssen, stattfindet. Ein Dasein haben, heißt empfinden. Unsere Empfindung geht unstreitig unserer Intelligenz vorauf, und wir haben Empfindungen vor den Ideen gehabt. In gewisser Beziehung sind die Ideen Empfindungen und die Empfindungen Ideen. Beide Namen passen für jede Wahrnehmung, die uns sowol mit ihrem Gegenstande als auch mit uns selbst, die wir davon afficirt werden, beschäftigt. Nur die Reihenfolge dieser Affectionen entscheidet darüber, welches der passende Name für sie ist. Wenn wir zuerst mit dem Gegenstande beschäftigt sind und nur in Folge einer Reflexion an uns denken, so heißt die Wahrnehmung Idee; wenn dagegen unsere Aufmerksamkeit zuerst durch den empfangenen Eindruck erregt wird, und wir nur in Folge der Reflexion an den Gegenstand denken, welcher ihn verursacht, so heißt sie Empfindung. Welches auch immer die Ursache unseres Daseins sein möge, so hat sie dadurch für unsere Erhaltung Sorge getragen, daß sie uns Empfindungen gab, die mit unserer Natur im Einklang stehen, und man wird nicht läugnen können, daß wenigstens diese angeboren sind. Diese Empfindungen sind, so weit sie das Individuum selbst anlangen, die Liebe zu sich selbst, die Furcht vor dem Schmerze, das Grausen vor dem Tode, das Verlangen nach Wohlbefinden. Wenn aber, was unzweifelhaft feststeht, der Mensch seiner Natur nach gesellig ist, oder es wenigstens seiner Bestimmung nach werden soll, so können ihm auch andere angeborene Empfindungen nicht fehlen, die sich auf sein Geschlecht beziehen; denn schenkt man nur dem physischen Bedürfnisse Beachtung, so muß man zugeben, daß dieses sicherlich eher geeignet ist, die Menschen von einander zu führen, als eine Annäherung unter ihnen zu Wege zu bringen. Folglich hat der Impuls des Gewissens seine Quelle in dem moralischen Systeme, welches durch die doppelte Beziehung des Menschen zu sich selbst und zu seinen Nebenmenschen gebildet wird. Das Gute erkennen, heißt noch nicht es lieben; der Mensch hat davon keine angeborene Kenntniß; sobald er es indeß mit Hilfe seiner Vernunft erkennt, so treibt ihn sein Gewissen an, es zu lieben, und dies Gefühl gehört zu den uns angeborenen. Ich bin deshalb der Ansicht, junger Freund, daß es nicht unmöglich ist, das unmittelbare Princip des Gewissens, selbst unabhängig von der Vernunft, nur aus unserer Natur zu erklären. Würde dies sich als unmöglich herausstellen, so würde es auch gar nicht einmal nothwendig sein; denn da diejenigen, welche dies von dem ganzen Menschengeschlecht angenommene und anerkannte Princip in Abrede stellen, sich auf keinen Beweis einlassen, daß es nicht existirt, sondern sich mit der vagen Behauptung begnügen, so können wir mit ganz demselben Rechte behaupten, daß es existirt, und uns noch außerdem auf das innere Zeugniß und die Stimme des Gewissens berufen, welches für sich selbst zeugt. Wenn der erste Schimmer des Urtheils uns blendet, so daß sich die Gegenstände unseren Blicken Anfangs nur in verschwommenen Umrissen zeigen, so wollen wir warten, bis sich unsere schwachen Augen wieder öffnen und erst kräftiger werden, und bald werden wir die nämlichen Gegenstände im Lichte der Vernunft wieder so erblicken, wie sie uns die Natur von Anfang an zeigte. Oder wir wollen vielmehr einfacher und weniger eitel sein, wollen uns auf die ursprünglichen Empfindungen, die wir in uns finden, beschränken, weil sie es sind, auf welche uns unsere Ueberlegung stets wieder zurückführt, wenn sie uns nicht etwa auf Irrthümer geleitet hat. Gewissen, Gewissen! O du göttlicher Instinct, ewige und himmlische Stimme, du zuverlässiger Führer eines zwar unwissenden und beschränkten, aber intelligenten und freien Wesens, du unfehlbarer Richter über Gut und Böse, der du dem Menschen Gottähnlichkeit verleihst, dir hat er die Vollkommenheit seiner Natur und die Sittlichkeit seiner Handlungen zu verdanken. Ohne dich empfinde ich nichts in mir, was mich über die Thiere erhebt, als das traurige Vorrecht, in Folge eines regellosen Verstandes und einer grundsatzlosen Vernunft von Irrthum zu Irrthum zu taumeln. Gott sei Dank, haben wir mit all diesem Schrecken erregenden Apparate der Philosophie nichts zu schaffen; wir können Menschen sein, ohne Gelehrte zu sein. Da es uns erspart ist, unser Leben mit dem Studium der Moral hinzubringen, können wir mit ungleich geringerem Aufwande einen weit sichereren Führer durch dieses unermeßliche Gewirr der menschlichen Meinungen erhalten. Indessen genügt es nicht, daß dieser Führer vorhanden ist, man muß ihn auch als solchen anerkennen und ihm zu folgen verstehen. Wie kommt es, wenn er zu allen Herzen redet, daß es doch so Wenige gibt, die auf ihn hören? Nur deshalb, weil er die Sprache der Natur zu uns redet, welche wir nicht mehr verstehen, da Alles dazu beigetragen hat, sie uns vergessen zu lassen. Das Gewissen ist schüchtern; es liebt die Zurückgezogenheit und den Frieden; die Welt und ihr Geräusch schüchtern es ein. Die Vorurtheile, in deren Begleitung es erwacht, sind seine grausamsten Feinde. Es flieht oder verstummt vor ihnen. Ihre lärmende Stimme übertönt die seinige und hindert sie, sich vernehmbar zu machen. Der Fanatismus unterfängt sich, dem Gewissen nachzuäffen und im Namen desselben zum Verbrechen aufzufordern. Werden seine Mahnungen zu häufig unbeachtet gelassen, so verliert es endlich den Muth; es spricht nicht mehr zu uns und antwortet uns nicht mehr, und nachdem es sich so lange eine verächtliche Behandlung hat gefallen lassen müssen, gehört nicht weniger Mühe dazu, es wieder zum Reden zu bringen, als es gekostet hat, ihm Schweigen aufzuerlegen. Wie oft wurde ich nicht bei meinen Untersuchungen von der Kälte, die ich in mir fühlte., auf das Unangenehmste berührt! Wie oft spritzten nicht Traurigkeit und Ueberdruß ihr Gift in meine wichtigsten Betrachtungen und machten sie mir dadurch unerträglich! Mein vertrocknetes Herz schenkte der Liebe zur Wahrheit nur einen matten und lauen Eifer. Ich sprach zu mir: Weshalb soll ich mich abquälen, nach etwas zu forschen, was gar nicht vorhanden ist? Das moralisch Gute beruht nur in der Einbildung, es gibt nichts Gutes als den Sinnengenuß. O, wie schwer ist es doch, wieder Geschmack an den Freuden der Seele zu gewinnen, wenn man ihn erst einmal verloren hat! Mit wie viel größerer Schwierigkeit ist es aber noch verbunden, ihn sich anzueignen, wenn man ihn noch nie gehabt hat! Gäbe es einen Menschen, der bis zu der Stufe der Verkommenheit hinabgesunken wäre, daß er in seinem ganzen Leben nichts gethan hätte, dessen Erinnerung ihn mit sich selbst zufrieden machen könnte und ihm einen frohen Rückblick auf sein vergangenes Leben gestattete, so würde einem solchen Menschen die Fähigkeit mangeln, sich je selbst zu erkennen, und da er nicht fühlte, wie sehr die Güte zu seiner Natur gehört, so würde er nothwendigerweise böse bleiben und ewig unglücklich sein. Aber wähnen Sie etwa, daß es auf dem ganzen Erdenrund auch nur einen einzigen Menschen gibt, der so verdorben wäre, daß sich sein Herz nie versucht gefühlt hätte, Gutes zu thun? Eine solche Versuchung ist so natürlich und so süß, daß es unmöglich ist, ihr auf immer zu widerstehen, und die Erinnerung an die Freude, die sie uns einmal bereitet hat, reicht hin, um sie unablässig von Neuem wachzurufen. Unglücklicherweise läßt sie sich Anfangs nur mit Beschwerden befriedigen; man hat tausenderlei Vorwände, der Neigung seines Herzens kein Gehör zu schenken. Die falsche Klugheit hält es in den engen Schranken des menschlichen Ichs zusammen, und es sind tausend muthige Anstrengungen nöthig, bis es sie zu durchbrechen wagt. Freude am Gutesthun ist der Lohn für die vollbrachte gute That, und dieser Lohn wird nur dem zu Theil, der ihn sich wirklich verdient hat. Nichts ist liebenswürdiger als die Tugend, aber ihre Ausübung muß uns Genuß gewähren, wenn wir sie so finden sollen. Wenn man sich ihr ganz zu eigen geben will, so nimmt sie, wie Proteus in der Sage, Anfangs tausend abschreckende Gestalten an und zeigt sich endlich nur denen in ihrer wirklichen Gestalt, die sie sich auch nicht einen Augenblick haben entschlüpfen lassen. Im unaufhörlichen Kampfe mit meinen natürlichen Empfindungen, welche für das allgemeine Beste sprachen, und mit meiner Vernunft, die Alles auf mich bezog, wäre ich mein ganzes Leben hindurch beständigen Schwankungen unterworfen gewesen, hätte das Böse gethan und das Gute geliebt, kurz hätte in fortwährendem Widerspruche mit mir selbst gelebt, wenn nicht ein neues Licht mein Herz erleuchtet, wenn nicht die Wahrheit, die meinen Ansichten eine feste Richtung gab, meinem Wandel eine sichere Bahn vorgezeichnet und mich wieder mit mir selbst in Einklang gebracht hätte. Vergeblich ist es, die Tugend auf die Vernunft allein gründen zu wollen; welche sichere Grundlage könnte man ihr damit wol geben? Die Tugend, sagt man, ist die Liebe zur Ordnung. Aber kann und darf denn diese Liebe in mir den Sieg über die Liebe zu meinem Wohlsein davontragen? Gebe man mir doch einen klaren und ausreichenden Grund an, weshalb ich jener den Vorzug einräumen soll. Im Grunde genommen beruht ihr angebliches Princip nur auf einem bloßen Spiele mit Worten, denn ich kann mit demselben Rechte behaupten, das Laster sei die Liebe zur Ordnung, allerdings in einem ganz andern Sinne. Ueberall, wo sich Empfindung und Verstand findet, gibt es eine gewisse moralische Ordnung. Dabei darf nun freilich der Unterschied nicht übersehen werden, daß der Gute sich dem Ganzen, der Böse dagegen das Ganze sich unterordnet. Letzterer macht sich zum Mittelpunkte aller Dinge, Ersterer mißt seinen Radius und hält sich in der Peripherie. Damit ist er zu Gott, dem gemeinsamen Mittelpunkte, und zu allen concentrischen Kreisen, welche von den Geschöpfen gebildet werden, in das richtige Verhältniß getreten. Gibt es keine Gottheit, so kann man nur dem Bösen Vernunft zugestehen; der Gute handelt dann aber wie ein Unvernünftiger. O mein Kind, könnten Sie dereinst empfinden, welche Last Einem abgenommen ist, wenn man endlich, nachdem man die Nichtigkeit der menschlichen Meinungen und die Bitterkeit der Leidenschaften gekostet hat, in seiner nächsten Nähe den Weg zur Weisheit, den Lohn für die Mühen dieses Lebens und die Quelle des Glückes findet, woran man schon verzweifelt hatte. Alle Pflichten des Naturgesetzes, welche die Ungerechtigkeit der Menschen fast schon aus meinem Herzen verwischt hatte, prägen sich demselben wieder ein im Namen der ewigen Gerechtigkeit, die sie mir auferlegt und zuschaut, wie ich sie erfülle. Jetzt erblicke ich in mir nur noch das Werk und das Werkzeug des erhabenen Wesens, welches das Gute will und thut und auch mein wahres Glück herbeiführen wird, wenn mein Wille mit dem seinigen in Einklang steht und ich von meiner Freiheit einen weisen Gebrauch mache. Ich füge mich in die Ordnung, die es hergestellt hat, überzeugt, daß ich dereinst selbst einen vollen Antheil an dieser Ordnung haben und darin meine Glückseligkeit finden werde, denn was kann uns wol mit einer höheren Glückseligkeit erfüllen, als das Gefühl, einem Systeme anzugehören, in welchem Alles gut ist? Foltern mich Schmerzen, so trage ich sie in Geduld und tröste mich mit dem Gedanken, daß sie vorübergehend sind und von einem Körper ausgehen, der doch nicht für immer mein eigen ist. Verrichte ich ohne Zeugen eine gute Handlung, so weiß ich, daß sie doch gesehen wird, und glaube, daß mein Wandel in diesem Leben von Einfluß auf das künftige Leben sein wird. Muß ich Unrecht leiden, so sage ich mir: Das gerechte Wesen, welches Alles lenkt und regiert, wird mich wol zu entschädigen wissen. Die Bedürfnisse meines Körpers, die Leiden meines Lebens machen mir den Gedanken an den Tod erträglicher. Wenn ich einmal von Allem scheiden muß, werde ich desto weniger Bande zu zerreißen brauchen. Warum ist meine Seele meinen Sinnen unterworfen und an diesen Körper gekettet, der sie unterjocht und behindert? Ich weiß es nicht. Bin ich in die Rathschlüsse Gottes eingedrungen? Aber, ohne daß man mich der Vermessenheit zeihen könnte, darf ich wenigstens einfache Vermuthungen aufstellen. Ich sage mir: Was für ein Verdienst würde wol für den menschlichen Geist, wenn er frei und rein geblieben wäre, darin liegen, die Ordnung, die er festgestellt sähe und die zu stören es ihm an allem Interesse fehlte, zu lieben und zu befolgen? Wol ist es wahr, daß er glücklich sein würde, aber es würde seinem Glücke doch der höchste Grad mangeln, nämlich der Ruhm der Tugend und das gute Zeugniß seiner selbst. Er würde nur wie die Engel sein, während ein tugendhafter Mensch unzweifelhaft einst mehr sein wird als sie. Vereint mit einem sterblichen Körper durch eben so mächtige wie unbegreifliche Bande, wird die Seele durch die Sorge für die Erhaltung dieses Körpers angetrieben, Alles auf ihn zu beziehen, und wendet ihm deshalb ein Interesse zu, welches der allgemeinen Ordnung, die sie nichts desto weniger zu erkennen und zu lieben fähig ist, zuwider läuft. Unter diesen Verhältnissen wird dann der rechte Gebrauch ihrer Freiheit zugleich Verdienst und Belohnung, und sie bereitet sich durch Bekämpfung ihrer irdischen Leidenschaften und Aufrechterhaltung ihres ursprünglichen Willens ein unwandelbares Glück. Wenn nun sogar in dem Zustande der Erniedrigung, in dem wir uns dies Leben hindurch befinden, alle unsere ursprünglichen Triebe gesetzmäßig sind, wenn alle unsere Laster ihre Quelle nur in uns selber finden, weshalb beklagen wir uns dann, daß wir von ihnen beherrscht werden? Weshalb machen wir mit unseren Vorwürfen den Urheber der Dinge für die Uebel, die wir uns selbst zufügen, und für die Feinde verantwortlich, die wir gegen uns selbst waffnen? Ach, laßt uns nur den Menschen nicht verderben, dann wird er beständig gut sein ohne Leiden und beständig glücklich ohne Gewissensbisse. Die Schuldigen, welche vorgeben, zum Verbrechen gezwungen zu sein, sind eben so lügnerisch als schlecht. Wie können sie sich gegen die Einsicht verschließen, daß die Schwäche, über welche sie sich beklagen, ihr eigenes Werk ist; daß ihre erste Verderbniß ihrem eigenen Willen entspringt, daß sie nur um deswillen, weil sie Anfangs ihren Versuchungen nachgeben wollten, ihnen endlich auch wider ihren Willen nachgeben müssen und dieselben unwiderstehlich machen? Unzweifelhaft hängt es jetzt nicht mehr von ihnen ab, nicht böse und schwach zu sein, aber es hing von ihnen ab, es nicht zu werden. O, mit welcher Leichtigkeit würden wir sogar während dieses Lebens Meister über uns und unsere Leidenschaften bleiben, wenn wir zu der Zeit, in welcher sich noch keine bestimmte Gewohnheiten in uns festgesetzt haben, in welcher unser Geist sich erst zu entfalten beginnt, diesen mit Gegenständen zu beschäftigen verständen, welche er kennen muß, um diejenigen, die ihm noch unbekannt sind, würdigen zu können; wenn wir den aufrichtigen Wunsch hegten, uns aufzuklären, nicht um in den Augen Anderer zu glänzen, sondern um unserer Natur gemäß gut und verständig zu sein, um unser Glück in der Erfüllung unsrer Pflichten zu finden! Dieses Studium erscheint uns freilich langweilig und mühselig, weil wir erst dann daran denken, wenn wir durch das Laster schon verderbt sind, wenn wir uns unseren Leidenschaften schon überlassen haben. Bevor wir noch das Gute und Böse kennen, bilden wir uns schon ein festes Urtheil und legen den Dingen einen bestimmten Werth bei, und da wir dann an Alles diesen falschen Maßstab legen, so fassen wir nichts nach seinem wirklichen Werthe auf. Es gibt ein Alter, wo das noch freie, aber warmblütige, unruhige und nach einem unbekannten Glücke heftig verlangende Herz demselben mit einer gewissen neugierigen Unruhe nachjagt und sich endlich, durch die Sinne getäuscht, an dem trügerischen Bilde desselben anklammert und es da zu finden glaubt, wo es nicht vorhanden ist. Diese Täuschungen haben für mich nur allzu lange angehalten. Ach, nur zu spät habe ich sie als solche erkannt und sie nie völlig in mir auszurotten vermocht! Sie werden so lange dauern wie dieser sterbliche Leib, in welchem sie ihre Quelle finden. Mögen sie mir immerhin in ihrer verführerischen Gestalt entgegentreten, täuschen werden sie mich gewiß nicht mehr. Ich erkenne sie jetzt als das, was sie sind. Obwol ich ihnen folge, verachte ich sie doch. Weit davon entfernt, in ihnen eine Quelle meines Glückes zu erblicken, sehe ich in ihnen vielmehr ein Hinderniß desselben. Ich sehne mich nach dem Augenblicke, wo ich, erlöst von den Fesseln des Leibes, ohne Widerspruch und ungetheilt, ganz ich sein und nur meiner selbst bedürfen werde, um glücklich zu sein. Mittlerweile bin ich es schon in diesem Leben, weil mir alle Uebel desselben gering erscheinen, weil ich es fast als etwas meinem Wesen Fremdartiges betrachte und weil alles wahrhaft Gute, was ich aus demselben zu gewinnen vermag, völlig in meiner Gewalt steht. Um mich schon im Voraus, so weit es möglich ist, zu diesem Zustande des Glückes, der Kraft und der Freiheit zu erheben, stelle ich fortwährend erhabene Betrachtungen an. Ich denke über die Weltordnung nach, nicht um sie mir durch eitle Systeme zu erklären, sondern um sie unausgesetzt zu bewundern und den weisen Schöpfer anzubeten, der sich in ihr offenbart. Ich rede mit ihm und lasse all meine Fähigkeiten von seinem göttlichen Wesen durchdringen; seine Wohlthaten rühren mich, für seine Gaben preise ich ihn, aber ich richte an ihn keine Bitte. Was in aller Welt sollte ich auch von ihm erbitten? Etwa, daß er um meinetwillen den Lauf der Dinge ändere und mir zu Gunsten Wunder thue? Könnte ich, der ich die von seiner Weisheit aufgerichtete und durch seine Vorsehung aufrecht erhaltene Ordnung über Alles lieben muß, wol den Wunsch hegen, daß diese Ordnung um meinetwillen gestört würde? Nein, dieser vermessene Wunsch verdiente weit eher Strafe als Erhörung. Eben so wenig stehe ich an, mir die Kraft zu verleihen, Gutes zu thun. Weshalb ihn noch um etwas bitten, was er mir schon gegeben hat? Empfing ich nicht von ihm das Gewissen, das Gute zu lieben, die Vernunft, es zu erkennen, die Freiheit, es zu erwählen? Thue ich das Böse, so kann mir nichts zur Entschuldigung dienen; ich thue es, weil ich es will. Bitten, er möge meinen Willen ändern, hieße von ihm das begehren, was er von mir selbst verlangt, hieße das Ansinnen an ihn stellen, er solle mein Werk verrichten und mir dann den Lohn dafür ertheilen. Mit meinem Zustande nicht zufrieden sein, heißt nicht mehr Mensch sein wollen, heißt etwas Anderes wollen, als was ist, heißt die Unordnung und das Uebel wollen. O, du Quelle der Gerechtigkeit und Wahrheit, gnädiger und gütiger Gott, in meinem Vertrauen zu dir ist der höchste Wunsch meines Herzens, daß dein Wille geschehe. Erst wenn ich meinen Willen mit dem deinigen vereinige, thue ich, was du thust; ich füge mich deinem gütigen Willen; schon im Voraus meine ich Theil an der höchsten Glückseligkeit zu haben, welche der Lohn dafür ist. Bei dem gerechten Mißtrauen, das ich gegen mich selbst hege, ist das Einzige, was ich von Gott erbitte, oder was ich vielmehr von seiner Gerechtigkeit erwarte, daß er, wenn ich in einen mir gefährlichen Irrthum versinke, mich wieder auf den rechten Weg bringen wolle. Um aufrichtig zu sein, bekenne ich, daß ich mich nicht für unfehlbar halte. Vielleicht enthalten meine Ansichten, welche mir für ausgemachte Wahrheiten gelten, eben so viele Unrichtigkeiten; denn welcher Mensch gibt die seinigen wol gern auf? Und wie viele Menschen stimmen in allen Punkten überein? Mag die Täuschung, in der ich befangen bin, immerhin in mir selbst ihre Quelle finden, so vermag Gott doch allein, mir die Augen über sie zu öffnen. Ich habe, um zur Wahrheit zu gelangen, Alles gethan, was in meinen Kräften stand, aber ihre Quelle liegt in zu steiler Höhe. Wenn mir die Kräfte fehlen, noch weiter zu ihr vorzudringen, worin kann man mich dann einer Schuld zeihen? Ihre Aufgabe ist es, sich mir zu nahen. Der wackere Geistliche hatte mit Leidenschaft gesprochen; er war bewegt, und ich war es gleichfalls. Mir war es, als hörte ich den göttlichen Orpheus seine ersten Hymnen singen und die Menschen in der Verehrung der Götter unterrichten. Trotzdem erkannte ich sehr wohl, wie viele Einwände sich gegen ihn erheben ließen. Ich machte jedoch keinen einzigen, weil sie weniger geeignet waren zu überzeugen als in Verlegenheit zu setzen, und meine innerste Ueberzeugung auf seiner Seite stand. Je mehr ich empfand, daß er sich bei seiner Mittheilung nur von seinem Gewissen hatte leiten lassen, desto mehr schien mir auch mein Gewissen alle seine Worte zu bestätigen. Die Ansichten, die Sie mir so eben entwickelt haben, begann ich endlich, erscheinen mir neuer in Bezug auf das, was Sie nicht zu wissen gestehen, als hinsichtlich dessen, was Sie zu glauben behaupten. Ich erkenne darin so ziemlich die Grundsätze des Theismus oder der natürlichen Religion, welche die Christen merkwürdigerweise gern mit dem Atheismus oder der Irreligion verwechseln, obwol diese den schroffsten Gegensatz zu dem Atheismus bildet. Bei meinem augenblicklichen Glaubenszustande muß ich indeß, um Ihre Ansichten annehmen zu können, mehr hinauf- als herabsteigen, und ich halte es für schwierig, gerade auf dem Punkte stehen zu bleiben, welchen Sie erreicht haben, sofern man nicht eben so weise ist als Sie. Allein um wenigstens eben so aufrichtig zu sein, will ich mit mir zu Rathe gehen. Auch mich soll nach Ihrem Beispiele das innere Gefühl dabei leiten, und Sie haben mich ja selbst gelehrt, daß es, nachdem man ihm einmal ein so langes Stillschweigen auferlegt hat, nicht das Werk eines Augenblicks sein kann, es wieder wachzurufen. Ich werde den Inhalt Ihrer Mittheilungen in meinem Herzen bewahren; ich muß über denselben nachdenken. Wenn ich nach reiflicher Ueberlegung von der Wahrheit Ihrer Ansichten eben so überzeugt bin wie Sie, dann sollen Sie mein letzter Apostel sein und ich werde Ihr Proselyt bis zum Tode bleiben. Fahren Sie inzwischen fort, mich zu unterrichten. Von dem, was mir zu wissen nöthig ist, haben Sie mir erst die Hälfte gesagt. Reden Sie mit mir noch über die Offenbarung, über die heilige Schrift, über jene dunklen Glaubenssätze, über welche ich mich seit meiner Kindheit im Unklaren befinde, ohne sie begreifen oder glauben zu können, und ohne zu wissen, wie weit ich sie annehmen oder verwerfen soll. Ja, mein Sohn, erwiderte er, indem er mich umarmte; ich werde Ihnen keinen meiner Gedanken verheimlichen. Ich will Ihnen mein Herz nicht nur halb öffnen; allein der Wunsch, den Sie mir eben zu erkennen gaben, war nothwendig, um mir das Recht einzuräumen, jede Zurückhaltung Ihnen gegenüber schwinden zu lassen. Ich habe Ihnen bisher nichts mitgetheilt, wovon ich nicht glaubte, daß es Ihnen zum Nutzen gereichen könnte, und wovon ich nicht im Innersten überzeugt wäre. Mit der Untersuchung, die mir nun noch anzustellen übrig bleibt, verhält es sich freilich ganz anders. Ich sehe bei derselben nur Hindernisse, Geheimniß und Dunkelheit; nur mit Unsicherheit und Mißtrauen gehe ich an die mir gestellte Aufgabe. Mit Zittern entschließe ich mich nur dazu und werde Ihnen eher meine Zweifel als meine eigene Meinung aussprechen. Hätten Sie schon festere Ansichten, so würde ich Anstand nehmen, Sie mit den meinigen bekannt zu machen; allein in dem Zustande, in welchem Sie sich gegenwärtig befinden, wird es für Sie vorteilhaft sein, wenn Sie meine Denkweise annehmen. Das, glaube ich, könnte der wackere Vicar auch heute noch dem Publikum sagen. Räumen Sie übrigens meinen Erörterungen nur so viel Ansehen ein, als Ihre Vernunft denselben zugesteht. Ich weiß ja nicht, ob ich mich irre. Bei Auseinandersetzungen ist es schwer, einen absprechenden Ton immer zu vermeiden. Seien Sie jedoch eingedenk, daß hier alle meine Behauptungen nur Gründe zum Zweifeln sind. Suchen Sie die Wahrheit selbst, ich für mein Theil verspreche Ihnen nur volle Aufrichtigkeit. Sie finden in meiner Darstellung nur die natürliche Religion. Es erscheint äußerst befremdend, daß wir noch einer andern bedürfen sollen. Woraus soll ich diese Nothwendigkeit erkennen? In wie fern kann ich mich schuldig machen, wenn ich Gott nach den Einsichten, mit welchen er meinen Geist ausstattet, und nach den Gefühlen, mit welchen er mein Herz beseelt, diene? Welche Reinheit der Moral, welches dem Menschen nützliche und für seinen Schöpfer ehrenvolle Dogma kann ich aus einer positiven Lehre schöpfen, welches ich nicht auch ohne dieselbe durch die richtige Anwendung meiner Anlagen mir selbst zu entwickeln im Stande wäre? Weisen Sie mir nach, was sich zur Ehre Gottes, zum Heile der Gesellschaft und zu meinem eigenen Besten noch zu den Pflichten des Naturgesetzes hinzufügen ließe, und welche Tugend wol Ihrer Ansicht nach ein neuer Cultus hervorbringen könnte, die man nicht auch mit logischer Notwendigkeit aus dem meinigen zu folgern im Stande wäre? Die erhabensten Ideen von der Gottheit verdanken wir allein der Vernunft. Betrachten Sie das Schauspiel der Natur, hören Sie auf die innere Stimme. Hat Gott nicht unseren Augen, unserem Gewissen, unserer Urtheilskraft Alles offenbart? Was vermögen uns die Menschen mehr zu sagen? Ihre Offenbarungen können nur darauf auslaufen, Gott herabzuwürdigen, indem sie ihm menschliche Leidenschaften beilegen. Statt unsere Begriffe von dem höchsten Wesen aufzuklären, verwirren, wie ich bemerke, die einzelnen Dogmen dieselben nur; statt sie zu veredeln, machen sie sie verächtlich. Ich nehme wahr, daß sie zu den unbegreiflichen Geheimnissen, welche dasselbe umgeben, noch sinnlose Widersprüche hinzufügen und den Menschen stolz, unduldsam und grausam machen, daß sie endlich, statt Frieden auf Erden herzustellen, Feuer und Schwert bringen. Ich frage mich, wozu das Alles nütze, ohne eine Antwort darauf zu finden. Ich nehme hienieden nichts als die Verbrechen der Menschen und das Elend des menschlichen Geschlechts wahr. Man wendet mir ein, eine Offenbarung sei nöthig gewesen, um die Menschen über die Art und Weise zu belehren, in welcher Gott verehrt sein wolle; als Beweis dafür führt man die Verschiedenartigkeit der höchst seltsamen Gottesverehrungen an, welche von den Menschen eingeführt worden sind, und will nicht begreifen, daß gerade diese Mannigfaltigkeit schon eine Folge der Einbildung ist, es gebe Offenbarungen. Seitdem sich die Menschen herausgenommen haben, Gott eine Sprache zu verleihen, hat ihn Jeder auf seine Weise sprechen und sich von ihm sagen lassen, was er gewollt hat. Wenn man nur auf das gelauscht hätte, was Gott zum Herzen des Menschen redet, so würde es nur eine einzige Religion auf Erden gegeben haben. Man bedurfte eines gleichmäßigen Gottesdienstes. Ich will es nicht bestreiten. Aber war denn dieser Umstand von solcher Wichtigkeit, daß man zu seiner Erreichung den ganzen Apparat der göttlichen Macht in Bewegung setzen mußte? Man wolle nur die äußere Form der Religion nicht mit der Religion selbst verwechseln. Gott verlangt den Dienst des Herzens, und ist dieser nur aufrichtig, so ist er stets gleichförmig. Es verräth eine sehr thörichte Eitelkeit, wenn man sich dem Wahne hingibt, Gott nehme an der Form der Kleidung des Priesters, an der Reihenfolge der von ihm vorgetragenen Worte, an den Geberden, welche er am Altar macht und an seinen Kniebeugungen ein so großes Interesse. O, mein Freund, halte dich fern von solchem Wahne! Wie hoch du dich in deiner Einbildung auch erheben mögest, du wirst doch der Erde immer nahe genug bleiben. Gott will im Geiste und in der Wahrheit angebetet werden; das ist die Pflicht aller Religionen, aller Länder, aller Menschen. Soll aber etwa um der guten Ordnung willen das Aeußere des Cultus gleichförmig sein, so ist dies lediglich eine Sache der Polizei; dazu bedarf es keiner Offenbarung. Dies waren freilich nicht die ersten Betrachtungen, die ich anstellte. Fortgerissen von den Vorurtheilen der Erziehung und dieser gefährlichen Eigenliebe, die stets darauf ausgeht, den Menschen über seine Sphäre hinaus zu versetzen, bemühte ich mich, da sich meine schwachen Begriffe nicht bis zu dem höchsten Wesen zu erheben vermochten, es zu mir herabzuziehen. Ich suchte die unendlich entfernten Beziehungen, die es zwischen seiner und meiner Natur hergestellt hat, einander näher zu bringen. Ich wünschte unmittelbarere Mittheilungen, einen eingehenderen, mir allein ertheilten Unterricht, und nicht zufrieden damit, Gott dem Menschen ähnlich zu machen, lüstete mich, um auch unter meinen Mitmenschen einen Vorzug zu haben, nach übernatürlichen Aufschlüssen. Ich begehrte einen besonderen Gottesdienst für mich, begehrte, daß Gott mir offenbare, was er Andern nicht offenbart habe, oder für was Andere nicht dasselbe Verständniß zeigen würden, wie ich. Da ich den Punkt, bis zu welchem ich gelangt war, für den gemeinsamen Punkt hielt, von welchem alle Gläubigen ausgingen, um zu einem geläuterten Gottesdienste hindurchzudringen, so fand ich in den Dogmen der Naturreligion nur die Elemente aller Religion. Ich erwog die große Verschiedenheit unter den auf Erden herrschenden Sekten, die sich sämmtlich gegenseitig der Lüge und des Irrthums zeihen; ich fragte: In welcher ist der wahre Glaube zu finden? Jeder antwortete mir: »In der meinigen«; Jeder erklärte: »Ich und meine Glaubensgenossen denken allein recht; alle Andern befinden sich im Irrthum.« Und woher weißt du, daß deine Sekte die rechte ist? »Weil, Gott es gesagt hat.« »Alle,« sagt ein ehrlicher und gelehrter Priester, »behaupten, daß sie ihre Lehre nicht von Menschen noch von irgend einem anderen Geschöpfe, sondern von Gott erhalten haben und deshalb glauben (und Alle bedienen sich derselben Ausdrucksweise). Aber um die Wahrheit zu sagen und ohne Schmeichelei und Heuchelei, so verhält es sich damit nicht also. Man hat die Glaubenslehren, was man auch immer sagen möge, durch menschliche Hände und Mittel erhalten. Der Beweis liegt erstlich in der Art und Weise, in welcher die Religionen in der Welt angenommen worden sind und noch täglich von einzelnen Menschen angenommen werden. Die Nation, das Land, der Ort bestimmt die Religion. Man bekennt sich zu der des Ortes, an welchem man geboren und erzogen wird. Wir werden beschnitten, getauft, sind Juden, Muhamedaner oder Christen, noch bevor wir wissen, daß wir Menschen sind. Die Religion hängt demnach nicht von unserer Wahl oder Prüfung ab. Ein fernerer Beweis liegt darin, daß das Leben und die Sitten so wenig mit der Religion übereinstimmen, und endlich spricht auch das noch dafür, daß man bei menschlichen und ganz geringfügigen Angelegenheiten gegen den Geist seiner Religion handelt.« Charron, über die Weisheit, Buch II, Kapit. 5, p. 257, herausgegeben in Bordeaux, 1601. Dem Anscheine nach würde das aufrichtige Glaubensbekenntniß des tugendhaften Stiftlehrers von Condom von dem des savoyischen Vicars nicht sehr abweichend gewesen sein. Und von wem weißt du, daß Gott es gesagt hat? »Von meinem Pfarrer, welcher es sicher weiß. Mein Pfarrer befiehlt mir, ich solle dies glauben, und folglich glaube ich es. Er gibt mir die Versicherung, daß Alle, welche anders sprechen als er, lügen, und deshalb höre ich nicht auf sie.« Wie, dachte ich, ist nicht die Wahrheit eine einige? Und kann das, was bei mir wahr ist, sich bei euch als Unwahrheit herausstellen? Wenn der, welcher den rechten Weg einschlägt und der, welcher in der Irre umhergeht, dieselbe Methode verfolgen, wie kann ich dann dem Einen ein größeres Verdienst oder ein größeres Unrecht beimessen als dem Anderen? Ihre Wahl ist ein Spiel des Zufalls; sie ihnen anrechnen, würde ein Act der Unbilligkeit sein; es hieße sie dafür belohnen oder bestrafen, daß sie in diesem oder jenem Lande geboren sind. Wer sich unterfängt, die Behauptung aufzustellen, daß Gott uns einst in dieser Weise richten werde, beleidigt seine Gerechtigkeit. Entweder sind alle Religionen gut und Gott wohlgefällig, oder, wenn er den Menschen eine besondere vorschreibt und die, welche sie nicht anerkennen, bestraft; so hat er dieselbe auch an sicheren und untrüglichen Merkmalen kenntlich gemacht, an welchen sie unterschieden und als die einzig wahre erkannt werden kann. Diese Kennzeichen finden sich zu allen Zeiten und allen Orten und sind allen Menschen, großen und kleinen, gelehrten und ungelehrten, Europäern, Indiern, Afrikanern und Wilden gleich verständlich. Gäbe es eine Religion auf Erden, die Alle, welche nicht ihre Anhänger wären, der ewigen Verdammniß überantwortete, und lebte an irgend einem Orte der Welt ein einziger Sterblicher, der aufrichtig nach Wahrheit strebte und sich trotzdem von der Richtigkeit dieser Religion nicht hätte überzeugen können, so wäre der Gott, den dieselbe lehrte, der ungerechteste und grausamste der Tyrannen. Laßt uns deshalb aufrichtig nach der Wahrheit streben; laßt uns nichts auf das Recht der Geburt, nichts auf die Autorität der Väter und der Geistlichen geben, sondern laßt uns Alles, was sie uns von Jugend auf gelehrt haben, unserm Gewissen und unserer Vernunft zur Prüfung vorlegen. Vergeblich werden sie mir zurufen: »Gib deine Vernunft gefangen!« Ein Gleiches kann auch der von mir verlangen, welcher mich täuscht. Ich bedarf der Vernunftgründe, um meine Vernunft gefangen zu geben. Alle Gotteserkenntniß, die ich mir durch Betrachtung des Weltalls und durch eine richtige Anwendung meiner Seelenkräfte selbst zu erwerben vermag, beschränkt sich auf das, was ich Ihnen so eben auseinandergesetzt habe. Wer nach höherem Wissen verlangt, muß zu außerordentlichen Mitteln seine Zuflucht nehmen. Als ein solches Mittel kann aber menschliche Autorität nicht gelten; denn da kein Mensch einer anderen Gattung als ich selbst angehört, so vermag ich Alles, was ein Mensch auf natürlichem Wege zu erkennen im Stande ist, gleichfalls zu erkennen, und ein anderer Mensch ist eben so gut Irrthümern unterworfen als ich. Glaube ich, was derselbe sagt, so geschieht es nicht seiner Behauptung, sondern seines Beweises wegen. Folglich ist im Grunde genommen das Zeugniß der Menschen nur das meiner eigenen Vernunft und gibt mir nicht mehr Aufschlüsse als die natürlichen Mittel, welche mir Gott zur Erkenntniß der Wahrheit gegeben hat. Was vermagst du, Apostel der Wahrheit, mir deshalb zu sagen, worüber ich nicht Richter bliebe? »Gott selbst hat gesprochen, vernimm seine Offenbarung!« Das ist etwas Anderes. Gott hat also geredet! Das ist freilich ein großes Wort. Und zu wem hat er denn geredet? »Zu den Menschen.« Wie kommt es aber, daß ich davon nichts vernommen habe? »Er hat anderen Menschen den Auftrag ertheilt, dir sein Wort zu verkündigen.« Ich verstehe: es sind Menschen, die mir mittheilen wollen, was Gott gesagt hat. Lieber hätte ich Gott doch selbst gehört; es wäre ihm dies nicht schwerer gewesen und ich hätte keine Täuschung zu fürchten brauchen. »Vor Täuschung sichert er dich, indem er die Sendung seiner Boten beglaubigt.« Und wodurch thut er dies? »Durch Wunder.« Und wo sind diese Wunder zu finden? »In Büchern.« Und wer hat diese Bücher geschrieben? »Menschen.« Wer aber hat diese Wunder gesehen? »Menschen, die sie bezeugen.« Wie, immer nur menschliche Zeugnisse! Immer nur Menschen, die mir berichten, was andere Menschen ihnen berichtet haben! Wie viele Menschen stehen zwischen Gott und mir! Laßt uns trotzdem sehen, prüfen, vergleichen, berichtigen. O, würde ich wol Gott, wenn es ihm gefallen hätte, mich mit all dieser anstrengenden Arbeit zu verschonen, weniger aufrichtig gedient haben? Erwägen Sie, junger Freund, auf welche mühselige Untersuchung ich mich hiermit eingelassen habe, eine wie vielseitige Gelehrsamkeit dazu gehört, bis in das graueste Alterthum zurückzugehen, ferner die Weissagungen, die Offenbarungen, die Thatsachen, all die Denkmäler des Glaubens zu untersuchen, abzuwägen und gegen einander zu halten, und endlich Zeit, Ort, Urheber und begleitende Umstände zu bestimmen! Ein wie richtiges kritisches Urtheil ist mir nöthig, um Verbürgtes von Unverbürgtem zu unterscheiden, um die Einwürfe mit den Entgegnungen, die Übersetzungen mit den Originalen zu vergleichen; um mir über die Unparteilichkeit, die gesunde Vernunft und die Einsicht der Zeugen ein festes Urtheil zu bilden; um mich zu überzeugen, ob dieselben nichts unterdrückt, nichts hinzugefügt, nichts an eine unrichtige Stelle gesetzt, geändert oder gefälscht haben; um die noch bleibenden Widersprüche zu lösen; um zu beurtheilen, welches Gewicht das Schweigen der Gegner bei den gegen sie vorgebrachten Thatsachen verdient, ob ihnen die angeführten Gründe bekannt geworden sind, ob sie es der Mühe werth erachtet haben, dieselben einer Antwort zu würdigen; ob die Bücher eine so allgemeine Verbreitung gefunden hatten, daß sich annehmen läßt, die bis auf unsere Zeit erhaltenen seien auch zu ihnen gelangt; ob wir ehrlich genug gewesen sind, der Verbreitung der ihrigen unter uns kein Hinderniß entgegen zu stellen und ihre erheblichsten Bedenken so zu lassen, wie sie dieselben ausgesprochen haben. Sobald nun die unbestreitbare Glaubwürdigkeit aller dieser schriftlichen Zeugnisse anerkannt ist, so muß ferner noch der Beweis für die Mission ihrer Urheber geliefert werden. Man muß die Gesetze der Schicksale, muß die Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten genau kennen, um zu beurtheilen, welche Weissagungen nicht ohne Wunder in Erfüllung gehen können, muß den Geist der Ursprachen erfaßt haben, um zu unterscheiden, was in diesen Sprachen wirkliche Weissagung oder nur rethorische Figur ist; muß wissen, welche Thatsachen mit der Ordnung der Natur in Einklang stehen und welche gegen dieselbe verstoßen, um zu erklären, bis zu welchem Punkte ein geschickter Mensch die Augen der Einfältigen zu blenden und sogar Aufgeklärte in Erstaunen zu setzen vermag. Man muß untersuchen, welcher Art ein Wunder sein und welche Glaubwürdigkeit es haben muß, wenn es nicht allein Glauben verdienen, sondern sogar jeder Zweifel daran als strafwürdig erscheinen soll. Man muß die Beweise für die wahren und die falschen Wunder mit einander vergleichen und sichere Regeln für ihre Unterscheidung aufstellen, muß endlich den Nachweis führen, weshalb Gott zur Bekräftigung seines Wortes Mittel gewählt hat, welche selbst in so hohem Grade der Bekräftigung bedürfen, als ob er die Leichtgläubigkeit der Menschen verspotten wolle und die wahren Mittel, sie zu überzeugen, absichtlich vermiede. Angenommen, es gefiele der göttlichen Majestät, sich so weit herabzulassen, einen Menschen zum Organe seines heiligen Willens zu machen. Ist es aber wol vernünftig, ist es gerecht, zu verlangen, daß die ganze Menschheit der Stimme dieses Dieners gehorche, ohne daß er derselben in dieser Eigenschaft unzweideutig bekannt gemacht ist? Liegt Billigkeit darin, ihn zu seiner Beglaubigung nur mit einigen besonderen Wundern auszurüsten, die vor wenigen unbekannten Leuten verrichtet wurden, während alle übrige Menschen nur durch Hörensagen davon Kenntniß erhalten? Wenn man in allen Ländern alle Wunder für wahr hielte, welche das Volk und die Schwachköpfe nach ihrer Behauptung gesehen haben, so würde jede Sekte die rechte sein; es würde mehr Wunder als Naturereignisse geben, und das größte aller Wunder würde darin bestehen, daß da, wo die Fanatiker Verfolgung erleiden, gar keine Wunder vorkämen. Gerade die unwandelbare Ordnung der Natur läßt am besten die weise Hand erkennen, welche sie regiert. Kämen viele Ausnahmen vor, so würde ich nicht mehr wissen, was ich davon denken sollte; und ich für mein Theil habe einen zu festen Glauben an Gott, um an die große Menge voll Wundern, die seiner so wenig würdig sind, glauben zu können. Angenommen, es erschiene ein Mensch und spräche zu uns: »Sterbliche, ich verkündige euch den Willen des Allerhöchsten; erkennet in meinen Worten den Auftrag dessen, der mich gesandt hat, ich befehle der Sonne, ihre Bahn zu ändern, den Sternen, sich anders zu gruppiren, den Bergen, sich zu ebenen, den Fluten, sich zu erheben, der Erde, eine andere Stellung unter den Planeten einzunehmen«, wer würde in diesen Wundern nicht sofort den Herrn der Natur erkennen? Betrügern leistet sie keinen Gehorsam; deren Wunder finden an den Gassenecken, in Wüsten und Zimmern statt, und hier, einer kleinen Zahl von Zuschauern gegenüber, die von vorn herein geneigt sind, Alles zu glauben, fällt es ihnen nicht schwer, ihre Betrügereien auszuüben. Wer möchte sich wol unterfangen, mir zu sagen, wie viel Augenzeugen nöthig sind, um ein Wunder glaubwürdig zu machen? Wenn die Wunder, welche ihr zum Beweise eurer Lehre verrichtet habt, erst selbst wieder der Beweise bedürfen, wozu nützen sie dann? Dann hättet ihr sie eben so gut unterlassen können. Schließlich bleibt uns noch die wichtigste Untersuchung hinsichtlich der in Frage stehenden Lehre übrig; denn da diejenigen, welche behaupten, Gott thue hienieden Wunder, gleichermaßen versichern, daß der Teufel dieselben bisweilen nachahme, so sind wir selbst bei den bestbeglaubigten Wundern noch um nichts weiter gekommen, und da sich Pharaos Zauberer sogar in Moses Gegenwart herausnahmen, die nämlichen Zeichen zu thun, welche er aus Gottes ausdrücklichen Befehl that, warum hätten sie dann nicht in seiner Abwesenheit mit demselben Rechte die gleiche Autorität beanspruchen können? Folglich muß, nachdem die Lehre erst durch das Wunder bewiesen worden ist, das Wunder wieder durch die Lehre bewiesen werden, Das ist aus tausend Stellen der heiligen Schrift, und unter anderen aus 5. Buch Mosis XIII. ersichtlich, wo es heißt, wenn ein Prophet, der fremde Götter verkündige, seine Rede durch Wunder bestätige, so solle man ihm selbst für den Fall, daß seine Weissagungen in Erfüllung gingen, nicht nur nicht gehorchen, sondern ihn sogar mit dem Tode bestrafen. Wenn nun die Heiden die Apostel, welche ihnen einen fremden Gott verkündigten, tödteten, trotzdem sie ihre Sendung durch Weissagungen und Wunderthaten erhärteten, so begreife ich nicht, welchen gegründeten Vorwurf man ihnen zu machen vermöchte, den sie uns nicht augenblicklich zurückgeben könnten. Was hat man nun wol in einem solchen Falle zu thun? Nur eins: zum Ueberlegen zurückzukehren und von den Wundern ganz abzusehen. Am besten wäre es freilich gewesen, man hätte niemals seine Zuflucht zu ihnen genommen. Das lehrt der einfachste gesunde Menschenverstand, den man nur durch die allerspitzfindigsten Distinctionen verdunkeln kann. Spitzfindigkeiten im Christenthume? So hat Jesus Christus also wol Unrecht gehabt, den Einfältigen das Himmelreich zu verheißen, wol Unrecht gehabt, die schönste seiner Reden mit der Seligpreisung der geistlich Armen zu beginnen, wenn so viel Geist dazu gehört, seine Lehre zu verstehen und an ihn glauben zu lernen? Sobald ihr mir den Beweis geliefert haben werdet, daß ich mich unterwerfen muß, werde ich mich natürlich fügen; um mir jedoch diesen Beweis zu liefern, lasset euch zu meiner Fassungskraft herab; leget bei eurer Beweisführung den Maßstab eines geistlich Armen zu Grunde, oder ich erkenne euch nicht mehr für die wahren Jünger eures Meisters, und eure Verkündigung ist nicht seine Lehre. aus Besorgniß, daß sonst am Ende Teufelswerk für Gotteswerk angesehen werde. Was denken Sie aber von einem solchen Zirkelschluß? Da diese Lehre von Gott stammt, so muß sie auch die heilige Eigenart der Gottheit an sich tragen. Nicht allein muß sie die verworrenen Begrifft läutern, welche sich in Folge unseres Nachdenkens über sie in unserem Geiste festgesetzt haben, sondern sie muß uns auch einen Cultus, eine Moral und Grundsätze darbieten, welche mit den Eigenschaften, durch welche wir allein ihr Wesen zu begreifen vermögen, in Einklang stehen. Wenn sie uns also nur ungereimte und der Vernunft widersprechende Dinge lehrte, wenn sie uns nur mit Gefühlen der Abneigung gegen unsere Nebenmenschen und der Angst vor uns selbst erfüllte, wenn sie uns Gott nur als einen zornigen, eifersüchtigen, Rache schnaubenden, parteiischen, von Menschenhaß beseelten Gott ausmalte, als einen Gott des Krieges und der Schlachten, der stets darauf ausgeht, zu zerstören und mit seinen Blitzen zu zerschmettern, stets von Qualen und Aengsten redet und sich sogar rühmt, die Unschuldigen zu bestrafen, so würde sich mein Herz wahrlich nicht zu diesem schrecklichen Gotte hingezogen fühlen, und ich würde Bedenken tragen, die Naturreligion mit einer solchen zu vertauschen, denn Sie werden begreifen, daß man hier nothwendigerweise zu einer Wahl schreiten müßte. Euer Gott, würde ich den Anhängern dieser Lehre erklären, ist nicht der unsrige. Der Gott, welcher sich von Anfang an ein einziges Volk auserwählt und das ganze übrige Menschengeschlecht von sich stößt, ist nicht der gemeinsame Vater der Menschen; der Gott, welcher die größte Zahl seiner Geschöpfe zur ewigen Qual bestimmt, ist nicht der gnädige und gütige Gott, den mich meine Vernunft erkennen läßt. Bezüglich der Dogmen sagt mir meine Vernunft, daß sie klar, lichtvoll und von unbestreitbarer Wahrheit sein müssen. Wenn die natürliche Religion unzulänglich ist, so ist sie es in Folge des Dunkels, in welchem sie die erhabenen Wahrheiten läßt, mit denen sie uns bekannt macht. Die Aufgabe der Offenbarung besteht darin, uns diese Wahrheiten auf eine dem Verständnisse des menschlichen Geistes angemessene Weise zu lehren, sie für seine Fassungskraft geeignet und so begreiflich zu machen, daß er sie glauben kann. Durch das Verständniß wird der Glaube sicherer und befestigt sich. Die klarste aller Religionen ist unfehlbar die beste; diejenige dagegen, welche den Cultus, den sie mir predigt, mit Geheimnissen und Widersprüchen belastet, bewegt mich gerade dadurch, Mißtrauen in sie zu setzen. Der Gott, den ich anbete, ist nicht ein Gott der Finsterniß; er hat mir den Verstand nicht gegeben, um mir den Gebrauch desselben zu untersagen. Von mir verlangen, meine Vernunft gefangen zu geben, heißt ihren Schöpfer beleidigen. Der Diener der Wahrheit wirft sich nicht zum Herrn meiner Vernunft auf, sondern erleuchtet sie vielmehr. Wir haben von aller menschlicher Autorität abstrahirt, und ich könnte auch nicht begreifen, wie ein Mensch ohne sie einen anderen, dem er eine vernunftwidrige Lehre predigt, überzeugen könnte. Wir wollen zwei solche Menschen einmal einander gegenüberstellen und hören, was sie sich wol in der scharfen Sprache, die beiden Parteien eigenthümlich zu sein pflegt, werden sagen können. Der Inspirirte . Die Vernunft lehrt dich, daß das Ganze größer ist als ein Theil desselben; ich aber erkläre dir im Namen Gottes, daß der Theil größer ist als das Ganze. Der Vernünftler . Und wer bist du, daß du dir herausnimmst, mir zu sagen, Gott widerspreche sich? Und in wen soll ich mehr Vertrauen setzen, in ihn, der mich vermittelst meiner Vernunft die ewigen Wahrheiten lehrt, oder in dich, der mir in seinem Namen etwas Widersinniges verkündigt? Der Inspirirte . In mich, denn der mir ertheilte Auftrag ist zuverlässiger. Ich werde dir unwiderleglich beweisen, daß er mich sendet. Der Vernünftler . Wie? Du willst mir beweisen, daß Gott dich gesandt habe, um wider ihn selbst zu zeugen? Und welcher Art werden deine Beweise sein, um mir die Ueberzeugung abzugewinnen, es lasse sich mit größerer Sicherheit erwarten, daß Gott durch deinen Mund als durch den Verstand, den er selbst mir verliehen hat, zu mir rede? Der Inspirirte . Der Verstand, den er dir selbst verliehen hat! O du elendes, nichtiges Menschenkind! Als ob du der erste Gottlose wärest, der sich durch seine, von der Sünde verderbte Vernunft irre leiten ließe! Der Vernünftler . Mann Gottes, du würdest eben so wenig der erste Betrüger sein, der in seiner Anmaßung einen Beweis seiner Sendung fände. Der Inspirirte . Wie! Die Philosophen ergehen sich auch in Beleidigungen. Der Vernünftler . Mitunter, wenn ihnen die Heiligen darin ein Beispiel geben. Der Inspirirte . O, ich habe das Recht, eine solche Sprache zu führen; ich spreche im Namen Gottes. Der Vernünftler . Du thätest gut, erst deine Vollmacht aufzuweisen, bevor du von deinen Privilegien Gebrauch machst. Der Inspirirte . Meine Berechtigung steht vollkommen fest; Erde und Himmel werden für mich zeugen. Folge nur aufmerksam meinen Schlüssen; ich bitte dich. Der Vernünftler . Deinen Schlüssen! Schlüsse ziehen ist dir völlig fremd. Mich lehren, daß meine Vernunft mich täusche, heißt das nicht gleichzeitig auch Alles zurückweisen, was mir dieselbe zu deinen Gunsten gesagt haben würde? Wer die Vernunft verwerfen will, muß zu überzeugen verstehen, ohne sich ihrer zu bedienen. Denn angenommen, du hättest mich durch deine Gründe in der That überzeugt, wie könnte ich mir Gewißheit verschaffen, ob nicht etwa nur meine durch die Sünde verderbte Vernunft die Schuld daran trägt, daß ich auf das, was du mir sagtest, eingehe? Außerdem, welchen Beweis, welche überführenden Gründe würdest du anwenden können, die überzeugender wären als das Axiom, dessen Irrthümlichkeit sie nachweisen sollen? Daß ein richtiger Vernunftschluß eine Lüge sei, ist gerade eben so glaublich, als daß der Theil größer sei als das Ganze. DerInspirirte . Welch ein Unterschied! Gegen meine Beweise läßt sich nichts Stichhaltiges einwenden; sie sind übernatürlicher Art. Der Vernünftler . Übernatürlich? Was bedeutet dies Wort? Ich verstehe es nicht. Der Inspirirte . Aenderungen des Naturlaufs, Weissagungen, Wunder und Zeichen jeglicher Art. Der Vernünftler . Zeichen! Wunder! Noch nie habe ich von alledem etwas gesehen. Der Inspirirte . Andere haben sie dafür statt deiner gesehen. Wolken von Zeugen .... das Zeugniß ganzer Völker. Der Vernünftler . Ist das Zeugniß ganzer Völker übernatürlicher Art? Der Inspirirte . Nein, sobald es jedoch einstimmig ist, dann ist es unanfechtbar. Der Vernünftler . Es gibt nichts Unanfechtbareres als die Grundsätze der Vernunft, und Menschenzeugniß vermag keine Ungereimtheit zu beglaubigen. Noch einmal: laß mich selbst übernatürliche Beweise sehen, denn das Zeugniß des Menschengeschlechtes kann ich nicht als einen solchen anerkennen. Der Inspirirte . O du verhärtetes Herz! Die Gnade spricht noch nicht zu dir. Der Vernünftler . Die Schuld liegt nicht an mir; denn deiner Lehre zufolge muß man die Gnade schon empfangen haben, um sie erbitten zu können. Rede du deshalb an ihrer Statt zuerst zu mir. Der Inspirirte . Ach, das ist es ja, was ich thue, aber du willst auf mich nicht hören. Allein was denkst du über Weissagungen? Der Vernünftler . Ich sage erstens, daß ich eben so wenig Weissagungen gehört, als Wunder gesehen habe, und ferner sage ich dir, daß ich keiner Weissagung eine Autorität beizulegen vermag. Der Inspirirte . Diener des Teufels! Und weshalb willst du die Weissagungen nicht als Autorität gelten lassen? Der Vernünftler . Weil dreierlei dazu nöthig wäre, das gleichzeitig unmöglich eintreten kann, nämlich: daß ich Zeuge der Weissagung gewesen wäre und eben so als Zeuge der Erfüllung derselben beiwohnte, und daß mir der Beweis geliefert würde, diese Erfüllung habe nicht das Ergebniß des Zufalls sein können; denn wäre die Weissagung auch bestimmter, klarer und lichtvoller als ein mathematischer Grundsatz, so würde streng genommen die etwa eintretende Erfüllung noch nichts für den beweisen, von dem die Weissagung ausgegangen ist, weil die Klarheit einer aufs Gerathewohl gemachten Vorhersagung ihre Erfüllung nicht unmöglich macht. Siehe also, worauf deine angeblichen übernatürlichen Beweise, deine Wunder und deine Weissagungen hinauslaufen, lediglich darauf, dies Alles auf fremdes Zeugniß hin glauben zu müssen und die Autorität Gottes, der durch meine Vernunft zu mir redet, der Autorität der Menschen zu unterwerfen. Wenn die ewigen Wahrheiten, welche mein Geist begreift, irgend wie erschüttert werden könnten, so würde für mich keine Art von Gewißheit mehr existiren, und statt mich der sicheren Ueberzeugung hinzugeben, daß du im Namen Gottes zu mir redest, würde ich nicht einmal mehr die volle Gewißheit haben, ob es überhaupt ein göttliches Wesen gibt. Da häufen sich also viele Schwierigkeiten auf, mein Sohn, und doch ist damit noch nicht Alles abgemacht. Unter der großen Menge von verschiedenen Religionen, die sich gegenseitig verfolgen und gegen einander abschließen, kann doch nur eine einzige die richtige sein, wenn es überhaupt eine solche gibt. Um diese herauszuerkennen, genügt es nicht, eine von ihnen zu prüfen, sondern man muß sie alle einer sorgfältigen Untersuchung unterziehen, und nach keiner Richtung hin darf man sich ein absprechendes Urtheil über die Gegenpartei erlauben, ehe man sie angehört hat. Plutarch berichtet, die Stoiker hätten unter anderen sonderbaren Paradoxien auch behauptet, es wäre bei einem contradictorischen Rechtsverfahren unnütz, beide Parteien zu vernehmen; denn, meinten sie, entweder hat die erste ihre Aussage bewiesen, oder sie hat sie nicht bewiesen. Wenn sie dieselbe bewiesen hat, so ist damit Alles gesagt, und die Gegenpartei muß verurtheilt werden. Hat sie dagegen nicht den Beweis geliefert, so hat sie Unrecht und muß zurückgewiesen werden. Es kommt mir so vor, als ob die Methode aller derjenigen, welche eine Offenbarung annehmen, die alle Uebrige ausschließt, der stoischen ausfallend ähnlich ist. Sobald einmal Jeder behauptet, er allein habe Recht, so muß man, um unter so vielen Parteien zu wählen, alle anhören, oder man ist ungerecht. Man muß die Einwürfe mit den Beweisen vergleichen, muß wissen, was Jeder den Anderen gegenüber für Einwendungen zu machen hat und was er ihnen antwortet. Je erwiesener uns eine Ansicht erscheint, desto gründlicher müssen wir zu erforschen suchen, worauf sich die große Anzahl der Gegner bei ihrer Verwerfung derselben stützt. Man müßte in der That sehr einfältig sein, wenn man sich dem Wahne hingeben wollte, es genügte, die Lehrer seiner eigenen Partei zu hören, um sich über die Gründe der Gegenpartei zu unterrichten. Wo sind die Theologen, die ihre Ehre in der ungeschminktesten Aufrichtigkeit suchen? Wo sind diejenigen, die nicht erst die Gründe ihrer Gegner abzuschwächen suchen, um sie desto leichter widerlegen zu können? Jeder glänzt in seiner Partei; aber wie einfältig würde sich Mancher, der sich in der Mitte seiner Anhänger mit seinen Beweisgründen bläht, mit den nämlichen Beweisen unter den Mitgliedern einer anderen Partei ausnehmen. Wollen Sie sich indeß aus Büchern unterrichten, welche Gelehrsamkeit müssen Sie sich dann erwerben! Wie viele Sprachen erlernen! Wie viele Bibliotheken durchblättern! Wie viel Zeit auf die Lectüre verwenden! Wer soll uns ferner bei der Auswahl leiten? Schwerlich wird man in einem Lande die besten Bücher der Gegenpartei vorfinden, geschweige denn die aller Parteien, und träfe man sie auch an, so würden sie doch bald Widerlegung gefunden haben. Der Abwesende hat stets Unrecht, und schlechte, aber mit Sicherheit vorgetragene Gründe vernichten leicht die Wirkung guter, die in verächtlichem Tone mitgetheilt werden. Uebrigens geben gerade die Bücher nur zu häufig Veranlassung zu irrthümlichen Anschauungen, und nichts spiegelt die Meinung ihrer Verfasser weniger treu ab. Wenn Sie sich etwa nach dem Buche von Bossuet Das erwähnte Buch Bossuets ist die »Darlegung der katholischen Glaubenslehre«; es erlebte mehr als zwanzig Auflagen und wurde in alle europäische Sprachen übersetzt. Die beste Ausgabe ist die des Abbé Lequeux mit Anmerkungen und der lateinischen Übersetzung des Abbé Fleury (1761). Anmerk. des Herrn Petitain ein Urtheil über die katholische Religion haben bilden wollen, so werden Sie sich, nachdem Sie unter uns gelebt, davon überzeugt haben, daß Sie dadurch nicht zum Zwecke geführt wurden. Sie haben wahrgenommen, daß die Lehre, mit welcher man auf die Einwände der Protestanten antwortet, von derjenigen, in welcher man das Volk unterrichtet, abweicht, und daß Bossuet's Werk keineswegs mit den von der Kanzel erschallenden Lehren Übereinstimmt. Um sich ein richtiges Urtheil über eine Religion zu bilden, muß man sie nicht aus den Büchern ihrer Bekenner studiren, sondern sie aus dem Verkehre mit denselben lernen. Dadurch erhält man einen sehr verschiedenen Eindruck. Jeder hat seine Traditionen, seine Ansichten, seine Gebräuche und Vorurtheile, in denen sich der eigentliche Charakter seines Glaubens ausspricht, und die es uns erst in ihrer Gesammtheit ermöglichen, diesen Glauben zu beurtheilen. Wie viele große Völker drucken übrigens gar keine Bücher und lesen auch die unserigen nicht! Wie können sie im Stande sein, über unsere Ansichten zu urtheilen, und umgekehrt wieder wir über die ihrigen? Wir machen uns über sie lustig, sie aber schauen mit Verachtung auf uns herab, »Herab«. Variante: sie kennen unsere Gründe und wir die ihrigen nicht, und ... und wenn unsere Reisenden sie lächerlich machen, so fehlt es ihnen, um uns Gleiches mit Gleichem zu vergelten, nur an Reisenden unter uns. In welchem Lande gäbe es nicht vernünftige, aufrichtige, rechtschaffene, wahrheitsliebende Leute, die nur nach der Wahrheit suchen, um sich zu ihr zu bekennen? Jeder erblickt sie indeß in seinem Cultus und findet den Cultus der übrigen Nationen albern. Folglich können diese fremden Culte entweder nicht so wunderlich sein, als sie uns vorkommen, oder das Vernünftige, das wir in dem unserigen finden, kann noch nicht als Beweis gelten. Wir haben in Europa drei Hauptreligionen. Die eine erkennt nur eine einzige Offenbarung an, die andere zwei, die dritte drei. Jede verabscheut, ja verflucht die beiden anderen und zeiht sie der Blindheit, der Verhärtung, der Halsstarrigkeit, der Lüge. Welcher unparteiische Mann wird sich auf das Wagniß einlassen, zwischen ihnen eine Entscheidung zu treffen, wenn er nicht vorher ihre Beweise genau erwogen, ihre Gründe sorgfältig angehört hat? Diejenige, welche nur eine Offenbarung gelten läßt, ist die älteste und scheint die sicherste zu sein; die, welche drei annimmt, ist die neueste und hat den Schein der größten Consequenz für sich; die endlich, welche nur zwei anerkennt und die dritte verwirft, kann füglich die beste sein, hat aber sicherlich alle Vorurtheile gegen sich; ihre Inconsequenz springt in die Augen. Bei allen drei Offenbarungen sind die heiligen Urkunden in Sprachen geschrieben, die den Völkern, welche an sie glauben, unbekannt sind. Die Juden verstehen das Hebräische nicht mehr, die Christen verstehen weder Hebräisch noch Griechisch, die Türken und Perser verstehen kein Arabisch, und selbst die heutigen Araber reden die Sprache Muhameds nicht mehr. Ist es nicht eine höchst eigentümliche Art und Weise, die Menschen zu unterrichten, wenn man sich dabei stets einer Sprache bedient, die sie gar nicht verstehen? »Man übersetzt ja aber diese Schriften,« wird man mir einwenden. Schöne Antwort! Wer will die Bürgschaft dafür übernehmen, daß sie auch treu übersetzt sind, ja, daß eine treue Übersetzung überhaupt nur möglich ist? Und weshalb bedarf Gott, wenn er doch schon einmal so viel thut, daß er zu den Menschen redet, noch eines Dolmetschers? Ich werde nie ein Verständniß dafür haben, daß das, was jeder Mensch zu wissen verpflichtet ist, in Büchern eingeschlossen sein soll, und daß derjenige, welcher weder über diese Bücher, noch über Leute, die sie verstehen, zu verfügen hat, um dieser unfreiwilligen Unwissenheit willen bestraft werden soll. Immer nur Bücher! Was für eine Sucht! Weil Europa voller Bücher ist, so betrachten die Europäer sie als unbedingt nothwendig, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, daß man auf drei Viertheilen des Erdbodens noch nie dergleichen gesehen hat. Sind nicht alle Bücher von Menschen geschrieben worden? In wie fern sollte der Mensch nun ihrer erst bedürfen, um seine Pflichten kennen zu lernen? Und durch welche Mittel lernte er sie vor Abfassung jener Bücher kennen? Entweder schöpft er die Kenntniß seiner Pflichten aus sich selbst, oder ist von der Kenntniß derselben entbunden. Unsere Katholiken betonen vor Allem die Autorität der Kirche. Was gewinnen sie indeß damit, wenn sie zur Feststellung dieser Autorität eines eben so großen Aufwandes von Beweisen bedürfen, als die anderen Confessionen zur unmittelbaren Begründung ihrer Lehre nöthig haben? Die Kirche entscheidet, daß der Kirche das Entscheidungsrecht zusteht. Ist das nicht eine außerordentlich fein erwiesene Autorität? Bleiben Sie dabei nicht stehen, sondern kehren Sie zu unseren Erörterungen zurück. Kennen Sie viele Christen, welche sich die Mühe gegeben haben, das, was das Judenthum gegen sie vorbringt, einer sorgfältigen Prüfung zu unterziehen? Wenn Einigen davon etwas bekannt geworden ist, so haben sie es in den Büchern der Christen gelesen. Eine herrliche Art und Weise, sich über die Gründe ihrer Gegner zu unterrichten! Allein was läßt sich da anfangen? Wollte irgend Jemand das Wagestück unternehmen, unter uns Schriften zu veröffentlichen, in denen das Judenthum offene Begünstigung fände, »Begünstigung fände«. Variante: in denen man behauptete und sich zu beweisen bemühte, daß Jesus Christus nicht der Messias sei. so würden wir Verfasser, Herausgeber und Buchdrucker zur Strafe ziehen. Dieses polizeiliche Verfahren ist bequem und sicher, um stets Recht zu haben. Es muß in der That ein Vergnügen sein, Leute zu widerlegen, die nicht zu sprechen wagen. Von tausend bekannten Thatsachen hier nur eine, die keines Commentars weiter bedarf. Als im sechszehnten Jahrhunderte die katholischen Theologen alle Bücher der Juden ohne Unterschied zum Feuer verurtheilt hatten, zog sich der berühmte und gelehrte Reuchlin, den man in dieser Angelegenheit zu Rathe gezogen hatte, lediglich um seiner Ansicht willen, man könnte diejenigen dieser Bücher erhalten, welche frei von Angriffen gegen das Christenthum wären und nur solche Stoffe behandelten, die die Religion nicht berührten, heftige Verfolgungen zu, die ihn beinahe zu Grunde gerichtet hätten. Denjenigen unter uns, welchen Gelegenheit gegeben ist, mit Juden Umgang zu pflegen, ist damit nicht viel mehr geholfen. Die Unglücklichen trafen nur zu sehr das Gefühl in sich, daß sie in vollständiger Abhängigkeit von uns leben. Die Tyrannei, welche man gegen sie ausübt, macht sie furchtsam; sie wissen, wie schnell die christliche Liebe zu Mitteln der Ungerechtigkeit und Grausamkeit ihre Zuflucht nimmt. Was können sie sich wol zu sagen unterfangen, ohne sich der Gefahr auszusetzen, von uns der Gotteslästerung geziehen zu werden? Die Habgier stachelt unsern Eifer an, und sie sind viel zu reich, um nicht Unrecht zu bekommen. Die Gelehrtesten und Aufgeklärtesten zeigen auch stets die größte Vorsicht. Es wird vielleicht gelingen, irgend einen Elenden zu bekehren, der sich dafür bezahlen läßt, seine Glaubensgenossen zu verleumden; man wird vielleicht mit einigen feilen Trödlern ein Gespräch anknüpfen können, die aus Schmeichelei den Nachgiebigen spielen werden; man wird über ihre Unwissenheit oder ihre Gemeinheit einen Triumph feiern, während ihre gelehrten Glaubensgenossen im Stillen diese Thorheit belächeln werden. Läßt sich aber deshalb annehmen, daß sie an Orten, wo sie sich in Sicherheit fühlten, ihren Gegnern eben so leichtes Spiel einräumen würden? In der Sorbonne ist es so klar wie der Tag, daß sich die messianischen Weissagungen auf Jesum Christum beziehen. Bei den Rabbinern in Amsterdam gilt es für ganz eben so klar, daß sie nicht den geringsten Bezug auf ihn haben. Ich werde mir nie eine vollständige Kenntniß der Gründe der Juden zutrauen, so lange sie nicht einen freien Staat, nicht Schulen und Universitäten haben, in denen sie ohne Gefahr reden und disputiren können. Dann erst sind wir zu erfahren im Stande, was sie zu sagen haben. In Constantinopel sprechen sich die Türken über ihre Gründe aus, während wir die unserigen nicht vorzubringen wagen. Dort müssen wir uns demüthigen. Haben nun die Türken Unrecht, wenn sie von uns verlangen, wir sollen Muhamed, an den wir nicht glauben, dieselbe Ehrfurcht erweisen, die wir von den Juden Christo gegenüber begehren, an den sie eben so wenig glauben? Oder ist das Recht auf unserer Seite? Nach welchem Grundsatze der Gerechtigkeit müssen wir diese Frage entscheiden? Zwei Drittheile der Menschheit gehören weder zu den Juden, noch zu den Muhamedanern, noch zu den Christen, und wie viele Millionen Menschen haben von Moses, Jesus Christus oder Muhamed nie etwas gehört! Allerdings stellt man dies in Abrede; man stellt die Behauptung auf, daß unsere Missionäre überall hinkämen. Das ist bald gesagt! Haben sie aber wirklich schon das bisher noch ganz unbekannte Innere Afrikas durchwandert, in welches bis jetzt noch nie ein Europäer gedrungen ist? Gelangen sie bis in die innere Tartarei, und begleiten sie zu Pferde die umherschweifenden Horden, denen sich nie ein Fremder zu nahen wagt, und die kaum den Groß-Lama kennen, geschweige denn, daß sie je etwas vom Papste gehört hätten? Durchziehen sie die unermeßlichen Binnenländer Amerikas, wo ganze Stämme noch nicht einmal wissen, daß Völker aus einem fremden Welttheile den Fuß in den ihrigen gesetzt haben? Betreten sie Japan, aus welchem ihre Ränke sie für immer verbannt haben, und wo ihre Vorgänger den folgenden Geschlechtern nur als schlaue Ränkeschmiede bekannt sind, die sich mit scheinheiligem Eifer eingenistet hatten, um sich unvermerkt der Herrschaft zu bemächtigen? Können sie sich die Harems der asiatischen Fürsten erschließen, um Tausenden von armen Sklaven das Evangelium zu verkündigen? Was haben die Frauen in jenem Welttheile begangen, daß kein Missionär im Stande ist, ihnen den Glauben zu predigen? Werden sie deshalb Alle in die Hölle hinabgestoßen werden, weil sie hier hinter Schloß und Riegel gehalten worden sind? Und wenn es selbst wahr wäre, daß das Evangelium auf der ganzen Erde verkündigt würde, was würde man damit gewinnen? Den Tag vor der Ankunft des ersten Missionärs in einem Lande ist sicherlich irgend Jemand gestorben, der seine Predigt nicht mehr zu hören vermochte. Was in aller Welt sollen wir nun mit diesem Einen anfangen? Ja, fände sich auf der ganzen Erde nur ein einziger Mensch, welchem man nie Jesum Christum gepredigt hätte, so würde doch der Einwurf hinsichtlich dieses Einen nicht weniger zutreffend sein, als wenn es sich um ein Viertel der ganzen Menschheit handelte. Was haben die Diener des Evangeliums, wenn sie unter fremden Völkern ihr Lehramt begannen, denselben gesagt, das man vernünftigerweise auf ihr bloßes Wort hin annehmen könnte und das nicht erst die genaueste Untersuchung verlangte? Ihr verkündet mir einen Gott, der vor zweitausend Jahren am andern Ende der Welt in irgend einer kleinen Stadt geboren und gestorben ist, und behauptet, daß Alle, die nicht an dieses Geheimniß glauben, verdammt werden würden. Das klingt doch allzu wunderlich, um auf die bloße Autorität eines mir unbekannten Menschen hin Glauben zu verdienen. Weshalb hat euer Gott die Ereignisse, zu deren Kenntniß er mich verpflichten will, auf einem so weit entlegenen Schauplatze eintreten lassen? Kann es als Verbrechen angerechnet werden, das nicht zu wissen, was bei den Antipoden vor sich geht? Kann ich errathen, daß es auf der anderen Halbkugel ein hebräisches Volk und eine Stadt Jerusalem gegeben hat? Mit demselben Fug und Recht könnte man mir die Verpflichtung auferlegen, zu wissen, was sich auf dem Monde zuträgt. Ihr kommt, wie ihr vorgebt, mich darüber zu belehren; allein weshalb seid ihr nicht gekommen, meinem Vater schon diese Kunde zu bringen? Oder weshalb verdammt ihr diesen rechtschaffenen Greis um deswillen, daß er nichts davon erfahren hat? Soll er eurer Trägheit zu Liebe ewig bestraft werden, er, der so gut, so wohlthätig war und nur die Wahrheit suchte? Seid aufrichtig und setzt euch einmal an meine Stelle! Saget selbst, ob man von mir wol verlangen kann, auf euer alleiniges Zeugniß hin alle die unglaublichen Dinge, die ihr mir berichtet, zu glauben, und ob eine so große Reihe von Ungerechtigkeiten mit dem gerechten Gotte, den ihr mir verkündet, vereinbar ist? Laßt mich doch erst, wenn ich bitten darf, jenes weit entlegene Land »Jenes weit entlegene Land«. Variante: »Das wunderbare Land, wo die Jungfrauen gebären, die Götter geboren werden, essen, leiden und sterben.« Diese wie die zuletzt angegebene Variante findet sich in der That in Rousseau's eigenhändigem Manuscripte, ist aber von dem Verfasser selbst ausgestrichen und durch obige Fassung ersetzt, die in alle Ausgaben bis zum Jahre 1801 aufgenommen worden ist. Anmerk. des Herrn Petitai n. besuchen, wo sich so viele in meinem Vaterlande unerhörte Wunderdinge ereignen. Ich möchte doch in Erfahrung bringen, weshalb die Einwohner jenes Jerusalems Gott wie einen Missethäter behandelt haben. Sie haben ihn, wendet ihr mir ein, eben nicht als Gott erkannt. Was soll denn ich nun aber thun, ich, der ich, außer von euch, niemals etwas von ihm vernommen habe? Ihr füget freilich hinzu, sie seien dafür bestraft, zerstreut, unterdrückt, unterjocht worden; keiner von ihnen nahe sich mehr dieser Stadt. Unläugbar haben sie das Alles wohl verdient; was sagen indeß die heutigen Bewohner zu dem Gottesmorde ihrer Vorfahren? Auch sie läugnen seine Gottheit, sie erkennen Gott eben so wenig als Gott an. Wäre es dann nicht eben so gut gewesen, die Nachkommen der ersten Bewohner dort zu lassen? Wie, in der nämlichen Stadt, in welcher Gott gestorben ist, haben ihn weder die alten noch die gegenwärtigen Einwohner anerkannt, und trotzdem verlangt ihr, daß ich, der ich zweitausend Jahre später und zweitausend Meilen davon entfernt geboren bin, ihn anerkennen soll? Könnt ihr denn nicht begreifen, daß ich, ehe ich der Schrift, welche ihr die heilige nennt, und deren Inhalt mir unverständlich ist, Glauben zu schenken vermag, erst noch von Anderen als euch erfahren muß, wann und von wem sie verfaßt, wie sie erhalten und zu euch gelangt ist, und durch was für Gründe sich die Bewohner dieses Landes selbst zur Verwerfung derselben haben bestimmen lassen, obwol sie Alles, was ihr mich lehrt, eben so gut wissen als ihr? Euer eigenes Gefühl wird euch sagen, daß ich nothwendigerweise nach Europa, nach Asien, nach Palästina gehen müßte, um Alles selbst zu prüfen; ich müßte ein offenbarer Narr sein, wollte ich euch vorher Gehör schenken. Diese Erklärung erscheint mir nicht nur sehr vernünftig, sondern ich behaupte auch geradezu, daß jeder vernünftige Mensch in ähnlichem Falle eben so sprechen und den Missionär, der sich vor Bestätigung seiner Beweisquellen zu lehren und zu taufen beeilte, kurz abweisen müßte. Nun behaupte ich aber, daß es keine Offenbarung gibt, gegen welche sich nicht diese oder ähnliche Einwürfe Zu den Worten »ähnliche Einwürfe« macht Herr Petitain die Anmerkung, daß sich dieselben weder in Rousseau's eigenhändigem Manuscripte, noch in irgend einer, vor der in Genf erschienenen Ausgabe finden. von eben so viel oder noch von größerer Kraft als gegen das Christentum erheben ließen. Daraus folgt, daß man, wenn es nur eine wahre Religion gäbe, und jeder Mensch sich bei Strafe der Verdammniß zu ihr bekennen müßte, sich genöthigt sähe, sein ganzes Leben nur damit hinzubringen, sie alle zu studiren, sich in alle zu vertiefen, sie unter einander zu vergleichen und die Länder zu durchreisen, in denen sie ausgeübt werden. Niemand ist von dieser ersten Menschenpflicht entbunden, Niemand hat die Berechtigung, sich auf fremdes Urtheil zu verlassen. Der Handwerker, der nur vom Ertrage seiner Arbeit lebt, der Landmann, der nicht lesen kann, das zarte und schüchterne junge Mädchen, der Sieche, der sich nur mit Mühe von seinem Bette zu erheben vermag, sie Alle ohne Ausnahme müßten studiren, nachdenken, disputiren, reisen, die Welt durchpilgern. Es würde kein fest ansässiges Volk mehr geben. Die ganze Erde würde mit Pilgern bedeckt sein, die unter großen Kosten und langwierigen Mühseligkeiten die Welt durchirrten, um selbst die verschiedenen Religionen, zu denen man sich bekennt, zu untersuchen, zu vergleichen und zu prüfen. Dann gute Nacht, ihr Handwerke, Künste, menschliche Wissenschaften und alle bürgerliche Beschäftigungen! Dann könnte es kein anderes Studium mehr als das der Religion geben. Mit genauer Noth würde derjenige, welcher sich der festesten Gesundheit zu erfreuen gehabt, seine Zeit am besten ausgekauft, von seiner Vernunft den besten Gebrauch gemacht und am längsten gelebt hätte, in seinem Greisenalter wissen, woran er sich zu halten hätte; und es würde schon sehr viel sein, wenn er noch vor seinem Tode lernte, in welcher Religion er hätte leben sollen. Wollen Sie diese Methode mildern und der menschlichen Autorität auch nur den geringsten Spielraum lassen, so räumen Sie ihr damit augenblicklich Alles ein. Wenn der Sohn eines Christen wohl daran thut, sich ohne vorhergehende tiefe und unparteiische Prüfung zu der Religion seines Vaters zu halten, weshalb sollte dann der Sohn eines Türken dadurch ein Unrecht begehen, daß er sich ebenfalls zu der Religion seines Vaters »Der Religion seines Vaters«. Variante: ... seines Vaters. Wie viele Menschen sind in Rom sehr gute Katholiken, die aus demselben Grunde, wenn sie in Mekka geboren wären, sehr gute Muselmänner sein würden, und wiederum, wie viele brave Leute sind in Asien sehr gute Türken, welche in unserer Mitte sehr gute Christen sein würden. bekennt? Ich fordere alle Intoleranten auf, mir darauf irgend eine Antwort zu ertheilen, die im Stande ist, einen vernünftigen Menschen zu befriedigen. Durch diese Gründe in die Enge getrieben, wollen Einige Gott lieber ungerecht erscheinen und ihn die Unschuldigen um der Sünden ihrer Väter willen bestrafen lassen, als daß sie ihr barbarisches Dogma aufgeben. Andere suchen sich dadurch aus der Verlegenheit zu ziehen, daß sie zuvorkommenderweise einen Engel senden, um Jeden zu unterrichten, der trotz seiner unüberwindbaren Unwissenheit doch einen sittlich guten Lebenswandel geführt hätte. Eine herrliche Erfindung, dieser Engel! Nicht zufrieden damit, uns ihren Maschinerien zu unterwerfen, versetzen sie sogar Gott in die Nothwendigkeit, dergleichen in Anwendung zu bringen. Erkennen Sie daran, mein Sohn, bis zu welcher Ungereimtheit Stolz und Intoleranz führen, wenn Jeder auf seinem Kopfe bestehen will und der ganzen übrigen Menschheit gegenüber allein Recht zu haben glaubt. Ich nehme den Gott des Friedens, welchen ich anbete und Ihnen verkündige, zum Zeugen, daß alle meine Forschungen aufrichtig gewesen sind; als ich mich jedoch davon überzeugte, daß sie erfolglos waren und stets bleiben würden, und daß ich mich gleichsam auf ein uferloses Meer hinausgewagt hatte, so bin ich wieder umgekehrt und habe meinen Glauben auf meine ursprünglichen Ideen beschränkt. Ich habe mich niemals dem Glauben hingeben können, daß mir Gott wirklich unter Androhung der Höllenstrafe beföhle, so gelehrt zu sein. Aus dem Grunde habe ich denn alle Bücher zugeschlagen; ein einziges liegt offen vor Aller Augen dar: das der Natur. Aus diesem großen und erhabenen Buche lerne ich dem Schöpfer dienen und ihn anbeten. Niemand ist zu entschuldigen, welcher in demselben nicht liest, weil es zu allen Menschen in einer jedem geistigen Wesen verständlichen Sprache redet. Und wäre ich auf einer wüsten Insel geboren, hätte ich außer mir nie einen Menschen gesehen, hätte ich nie erfahren, was sich vor Zeiten in einem Winkel der Erde ereignet hat, so würde ich doch, wenn ich nur meine Vernunft übte und sie sorgfältig ausbildete, wenn ich nur die mir von Gott verliehenen unmittelbaren Fähigkeiten richtig gebrauchte, von mir selbst ihn erkennen und lieben lernen, ja würde seine Werke lieben, das Gute, was er will, wollen, um sein Wohlgefallen zu erringen, alle meine Pflichten auf Erden erfüllen lernen. Und was könnte mich wol alles menschliche Wissen mehr lehren? Was die Offenbarung betrifft, so würde ich vielleicht, wenn ich ein schärferer Denker und besser geschult wäre, ihre Wahrheit und ihren Nutzen für diejenigen begreifen, welche das Glück haben, sie zu erkennen; allein wenn mir auch zu ihren Gunsten Beweise, die ich nicht zu bestreiten vermag, nicht entgehen, so verhehle ich mir doch auch nicht, daß sich Einwürfe gegen sie geltend machen, die ich nicht zu widerlegen vermag. Es gibt so viele triftige Gründe für und wider, daß ich, da ich nicht weiß, nach welcher Seite hin ich mich entscheiden soll, sie weder anerkenne noch verwerfe. Nur die Verpflichtung zu ihrer Anerkennung verwerfe ich entschieden, weil diese vermeintliche Verpflichtung mit der Gerechtigkeit Gottes unvereinbar ist, da er, weit davon entfernt, die Hindernisse des Heils dadurch zu beseitigen, sie vielmehr vervielfältigt und für den größten Theil der Menschheit unübersteiglich gemacht hätte. Dies ausgenommen verharre ich hinsichtlich dieses Punktes in einem ehrfurchtsvollen Zweifel. Ich bin nicht so vermessen, mich für unfehlbar zu halten. Andere Menschen sind im Stande gewesen, über das, was mir unentschieden und zweifelhaft scheint, zu entscheiden; ich denke für mich und nicht für sie. Wie ich sie nicht tadele, will ich ihnen auch nicht nachahmen. Vielleicht ist ihr Urtheil richtiger als das meinige; aber ich trage nicht die Schuld, wenn es das meinige nicht ist. Ich lege Ihnen gern das Geständniß ab, daß mich die Majestät der heiligen Schriften in Erstaunen setzt und mir die Heiligkeit des Evangeliums zu Herzen spricht. »Zu Herzen spricht«. Variante: Ich lege Ihnen gern das Geständniß ab, daß die Heiligkeit des Evangeliums ein Beweisgrund ist, der mir zu Herzen spricht, und daß ich es sogar bedauern würde, eine unbestreitbare Widerlegung desselben zu finden. Sehen Sie sich die Bücher ... Sehen Sie sich die Bücher der Philosophen mit all ihrer hochtrabenden Sprache an; wie unbedeutend nehmen sie sich doch neben demselben aus. Ist es möglich, daß ein so erhabenes und doch zugleich so einfaches Buch von Menschen herrührt? Ist es möglich, daß derjenige, dessen Geschichte es erzählt, selbst nur ein Mensch ist? Ist das wol der Ton, den ein Enthusiast oder ein ehrgeiziger Sectirer anschlägt? Welche Sanftmuth! Welche Sittenreinheit! Welche rührende Anmuth in seinen Unterweisungen! Welche Erhabenheit in seinen Grundsätzen! Welche tiefe Weisheit in seinen Reden! Welche Geistesgegenwart! Welche Feinheit und welches Schlagende in seinen Antworten! Welche Herrschaft über seine Leidenschaften! Wo ist der Mann, wo der Weise, der ohne Schwäche und Ostentation so zu handeln, zu leiden und zu sterben versteht? Wenn Plato sein Ideal eines Gerechten malt, De republ. lib. I. der mit aller Schmach des Verbrechens überhäuft, aber doch jedes Lohnes der Tugend würdig durch das Leben geht, so zeichnet er Jesum Christum Zug für Zug. Die Aehnlichkeit ist so treffend, daß sie allen Kirchenvätern auffiel und daß man sich unmöglich darüber täuschen kann. Diese Aehnlichkeit ergibt sich aus den beiden ersten Büchern oder Gesprächen der Abhandlung Plato's, welche den Titel »Der Staat« führt. Die in Bezug auf den in Frage stehenden Gegenstand bemerkenswertheste Stelle enthält Aeußerungen, die er seinem Gegner in den Mund legt. Was die Kirchenväter anlangt, von denen hier die Rede ist, so vergleiche man unter Anderen Just. (Apol. prima) und Clem. v. Alex. (Stromata. lib. IV). Anmerk. des Herrn Petitain. Welche Vorurtheile müssen einen Menschen erfüllen, welche Verblendung ... Variante: Welche Verblendung oder welch böser Wille muß... muß sich seiner bemächtigt haben, wenn er es wagt, den Sohn des Sophroniskus mit Maria's Sohne zu vergleichen! Was für ein Abstand zwischen Beiden! Sokrates, der ohne Schmerzen, ohne Schmach starb, führte seine Rolle mühelos bis zum Ende durch; und hätte dieser leichte Tod seinem Leben nicht zur Ehre gereicht, so könnte man gerechten Zweifel hegen, ob Sokrates mit all seinem Geiste etwas Anderes als ein Sophist gewesen sei. Er erfand, wie man sagt, die Moral; Andere hatten sie jedoch schon vor ihm ausgeübt. Er sprach nur aus, was sie gethan hatten, und zog aus ihren Beispielen nur die Lehren. Aristides war gerecht gewesen, ehe Sokrates den Begriff der Gerechtigkeit definirt hatte; Leonidas war für sein Vaterland gestorben, ehe Sokrates die Vaterlandsliebe zur Pflicht gemacht hatte; Sparta war nüchtern, ehe Sokrates die Nüchternheit gepriesen hatte, und ehe er den Begriff der Tugend festgestellt, besaß Griechenland einen Ueberfluß an tugendhaften Menschen. Aber woher hatte Jesus unter den Seinigen diese erhabene und reine Moral genommen, zu der er allein sie durch Lehre und Vorbild anzuhalten suchte? Man vergegenwärtige sich den Vergleich in der Bergpredigt, den er selbst zwischen der Moral des Moses und der seinigen anstellt. Matth. 5, 21 ff. Aus dem Schooße des gewaltigsten Fanatismus heraus ließ sich die höchste Weisheit vernehmen, und die Einfachheit der heldenmütigsten Tugenden ehrte das verächtlichste aller Völker. Der Tod des Sokrates, welcher eintrat, während er ruhig mit seinen Freunden philosophirte, ist der süßeste, den man sich nur wünschen kann. Der Tod Jesu dagegen, der unter Martern, geschmäht, verspottet und von seinem ganzen Volke verflucht, seinen Geist aufgab, ist der entsetzlichste, den man fürchten kann. Sokrates segnet, während er den Giftbecher ergreift, den Gefangenwärter, welcher ihm denselben unter Thränen darreicht. Jesus betet unter den furchtbarsten Todesqualen für seine entmenschten Henker. Ja, wenn des Sokrates Leben und Tod eines Weisen würdig sind, so erkennen wir bei Christo das Leben und den Tod eines Gottes. Sollen wir nun etwa die evangelische Geschichte für eine willkürliche Erdichtung ausgeben? Mein Freund, so vermag man nicht zu dichten; und die Züge aus dem Leben des Sokrates, die Niemand bezweifelt, sind weniger beglaubigt als die Thaten Jesu Christi. Im Grunde genommen hieße dies auch nur die Augen vor den Schwierigkeiten verschließen, anstatt sie völlig aus dem Wege zu räumen. Daß mehrere Menschen »Daß mehrere Menschen«. Variante: Daß vier Menschen u.s.w. Diesen Worten ist noch folgende Anmerkung zugefügt: Ich will deren nicht mehr zählen, weil ihre vier Evangelien die einzigen Lebensbeschreibungen Jesu Christi sind, welche sich von der großen Zahl der überhaupt verfaßten erhalten haben. mit einander dies Buch in freier Dichtung und unter gegenseitiger Übereinstimmung verfaßt haben sollten, würde noch viel unbegreiflicher sein, als daß ein einziger Mensch den Stoff dazu geliefert hat. Nie wären jüdische Schriftsteller im Stande gewesen, diesen Ton anzuschlagen oder diese Moral aufzustellen, und das Evangelium enthält so große, so auffallende, so völlig unnachahmliche Kennzeichen der Wahrheit, daß der Verfasser einer solchen Dichtung in noch weit höherem Grade unsere Bewunderung verdienen würde, als der Held selbst. Trotz alledem ist dies Evangelium auch voll unglaublicher Dinge, voll solcher Dinge, die der Vernunft widerstreiten und die ein vernünftiger Mensch unmöglich zu begreifen und anzunehmen vermag. Was nun thun inmitten aller dieser Widersprüche? Stets bescheiden und bedachtsam sein, mein Sohn; schweigend in Ehren halten, was man weder verwerfen noch begreifen kann, und sich in Demuth vor dem großen Wesen beugen, welches allein die Wahrheit kennt. Das ist der unfreiwillige Skepticismus, auf welchem ich stehen geblieben bin; indeß berührt mich dieser Skepticismus keineswegs peinlich, weil er sich nicht auf solche Punkte erstreckt, die auf das Handeln bestimmend einwirken, und weil ich über die Principien aller meiner Pflichten durchaus entschieden bin. Ich diene Gott in der Einfalt meines Herzens. Ich suche nur das zu erfahren, was mir in Bezug auf meinen Wandel von Wichtigkeit ist. Was nun aber jene Dogmen anlangt, die weder auf mein Handeln noch auf die Sittlichkeit Einfluß ausüben, und um deren willen sich so viele Menschen Sorgen machen, so fühle ich mich ihretwegen nicht im Geringsten beunruhigt. Ich erblicke in allen einzelnen Religionen eben so viele Heilsanstalten, welche in jedem Lande eine gleichförmige Art öffentlicher Gottesverehrung vorschreiben, und welche alle im Klima, in der Regierungsform, im Volksgeist oder in sonst einer localen Ursache wurzeln können, so daß der Vorzug, welchen eine vor den anderen hat, lediglich nach Zeit und Ort zu bemessen ist. Ich halte sie, falls man Gott in ihnen nur in angemessener Weise dient, alle für gut. Das Wesen des Gottesdienstes beruht auf dem Dienste des Herzens. Gott verwirft keine Huldigung, wenn sie aufrichtig ist, unter welcher Form sie ihm auch dargebracht wird. In der Religion, zu welcher ich mich bekenne, zum Dienste der Kirche berufen, erfülle ich die mir auferlegten Obliegenheiten mit größtmöglicher Pünktlichkeit, und mein Gewissen würde mir Vorwürfe machen, wenn ich mir wissentlich in irgend einem Punkte eine Pflichtvergessenheit zu Schulden kommen ließe. Es ist Ihnen bekannt, daß ich nach längerem Kirchenbann durch Vermittelung des Herrn von Mellarede endlich die Erlaubniß erhielt, meine amtlichen Functionen wieder aufzunehmen, um mein Leben fristen zu können. Früher las ich die Messe mit jener Gleichgültigkeit, in die man mit der Zeit auch bei den ernstesten Handlungen verfällt, sobald man sie zu oft verrichtet. Seit Annahme meiner jetzigen Grundsätze halte ich das Hochamt mit weit höherer Ehrfurcht ab; ich fühle mich durchdrungen von der Majestät des höchsten Wesens, von seiner Gegenwart und von der Unzulänglichkeit des menschlichen Verstandes, der nur in so geringem Grade zu begreifen vermag, was sich auf seinen Schöpfer bezieht. Indem ich mir dessen bewußt bin, daß ich ihm unter einer vorgeschriebenen Form die Gelübde des Volkes darbringe, halte ich alle Gebräuche auf das Strengste inne; ich lese mit Aufmerksamkeit, ich lasse es mir angelegen sein, nie auch nur das geringste Wort oder die geringste Ceremonie zu übersehen. Wenn ich mich dem Augenblicke der Consecration nähere, so sammle ich mich erst, um sie in der andächtigen Stimmung vornehmen zu können, welche die Kirche und die Heiligkeit des Sacramentes erheischen. Ich bemühe mich, meine Vernunft vor der höchsten Vernunft zum Schweigen zu bringen; ich sage mir: Wer bist du, daß du dich unterfangen könntest, die unendliche Macht zu ermessen? Mit Ehrfurcht spreche ich die Einsetzungsworte und lege ihrer Wirkung all den Glauben bei, der in meinem Herzen wohnt. So viel Unbegreifliches auch immer an diesem Geheimnisse sein mag, so hege ich gleichwol keine Besorgniß, am Tage des Gerichts dafür bestraft zu werden, daß ich es je in meinem Herzen entweiht habe. Beehrt mit diesem heiligen Amte, wenn auch nur auf der untersten Rangstufe, werde ich nie etwas thun oder sagen, was mich unwürdig machen könnte, die erhabenen Pflichten desselben zu erfüllen. Ich werde den Menschen beständig die Tugend predigen, ich werde sie beständig ermahnen, Gutes zu thun, und ihnen, so weit es in meinen Kräften steht, mit einem guten Beispiele vorangehen. Es wird nicht an mir liegen, wenn ich ihnen nicht Liebe zur Religion einflöße, nicht an mir liegen, wenn ihr Glaube an die Dogmen, die wahrhaft nützlich sind und die jeder Mensch zu glauben verpflichtet ist, nicht befestigt wird: aber da sei Gott vor, daß ich ihnen je das grausame Gesetz der Intoleranz predige, daß ich sie je antreibe, ihren Nächsten zu verabscheuen und zu anderen Menschen zu sagen: »Ihr werdet verdammt werden«, zu sagen: »Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil!« Die Pflicht, sich zur Landesreligion zu bekennen und sie zu lieben, erstreckt sich nicht bis auf die Dogmen, welche mit einer gesunden Moral in Widerspruch stehen, also auch nicht auf das der Intoleranz. Dieses abscheuliche Dogma waffnet einen Menschen gegen den andern und macht sie alle zu Feinden des menschlichen Geschlechts. Die Unterscheidung zwischen bürgerlicher und kirchlicher Toleranz ist kindisch und eitel. Diese beiden Arten von Toleranz sind durchaus untrennbar, und beide werden stets gleichzeitig in Wirksamkeit sein. Selbst Engel würden mit den Menschen nicht in Frieden leben, wenn sie dieselben als Feinde Gottes betrachteten. Wäre ich mit einem höheren Range bekleidet, so könnte mir diese Zurückhaltung allerdings Verdrießlichkeiten bereiten, so aber bin ich zu unbedeutend, um viel befürchten zu müssen, und ich kann nicht leicht zu einer noch tieferen Stufe herabsinken, als ich einnehme. Was aber auch immer geschehen möge, so werde ich mich doch in meinen Reden nie gegen die göttliche Gerechtigkeit vergehen und nie wider den heiligen Geist lügen. Ich habe lange sehnlich gewünscht, Pfarrer zu werden; ich wünsche es noch immer, hoffe aber nicht mehr darauf. Mein lieber Freund, ich kann mir nichts Schöneres als den Beruf eines Pfarrers denken. Ein guter Pfarrer ist ein Diener der Güte, wie eine gute Obrigkeit eine Dienerin der Gerechtigkeit ist. Ein Pfarrer hat nie etwas Böses zu thun; vermag er das Gute auch nicht immer selbst zu thun, so wird er doch keine Gelegenheit vorübergehen lassen, dazu aufzufordern, und versteht er sich Achtung zu verschaffen, so setzt er es auch oft durch. Ach, wie glücklich würde ich sein, wenn mir je die Verwesung einer armen Pfarrei bei guten Leuten in unserem Gebirge übertragen würde, denn ich glaube, es würde zum Glücke meiner Pfarrkinder ausfallen. Reichthum würde ich ihnen zwar nicht verleihen können, aber ihre Armuth würde ich mit ihnen theilen; ich würde dieselbe von der ihr anklebenden Schande und Verachtung frei machen, die noch unerträglicher sind als der Mangel selbst. Ich würde sie Eintracht und Gleichheit lieben lehren, die das Elend oft verscheuchen und es wenigstens immer erträglich machen. Wenn sie bemerken würden, daß ich in nichts besser daran wäre als sie und trotzdem zufrieden lebte, so würden sie sich in ihr Schicksal finden und in gleicher Zufriedenheit wie ich leben lernen. Bei meinen Belehrungen würde ich mich weniger an den Geist der Kirche als an den Geist des Evangeliums halten, dessen dogmatischer Gehalt einfach, dessen Moral erhaben ist und dessen Inhalt uns nur mit wenigen religiösen Gebräuchen, aber dafür mit desto mehr Werken der Liebe bekannt macht. Ehe ich sie lehrte, was man thun müsse, würde ich mich bemühen, es ihnen an meinem Beispiele zu zeigen, damit sie zur Einsicht gelangten, daß meine Werke mit meinen Worten in Einklang ständen. Lebten in meiner Nachbarschaft oder in meiner Parochie Protestanten, so würde ich bei allen Werken der christlichen Barmherzigkeit zwischen ihnen und meinen wirklichen Pfarrkindern keinen Unterschied machen. Ich würde sie Alle ohne Unterschied anhalten, sich unter einander zu lieben, sich als Brüder zu betrachten, alle Religionen zu achten und Jeder in der seinigen in Frieden zu leben. In Jemanden dringen, die Religion, in der er geboren ist, zu verlassen, heißt meinem Bedünken nach ihn auffordern, ein Unrecht zu begehen, und folglich selbst Unrecht thun. Bis wir indeß höherer Einsichten theilhaftig werden, wollen wir die öffentliche Ordnung bewahren, in allen Ländern die Gesetze achten, die Gottesverehrung, die sie uns vorschreiben, nicht stören und die Bürger nicht zum Ungehorsam verleiten; denn wir wissen keineswegs mit Sicherheit, ob es für sie ein Glück wäre, sich von ihren Ansichten loszusagen, um andere gegen sie einzutauschen; nur das wissen wir mit aller Sicherheit, daß es ein Unrecht ist, den Gesetzen nicht zu gehorchen. Ich habe Ihnen hiermit, mein junger Freund, mein Glaubensbekenntnis mündlich so abgelegt, wie es Gott in meinem Herzen liest. Sie sind der Erste, den ich habe in mein Herz blicken lassen und werden vielleicht auch der Einzige bleiben. So lange es noch einen festen Glauben unter den Menschen gibt, darf man friedliche Seelen nicht beunruhigen, noch den Glauben der Einfältigen durch Schwierigkeiten erschüttern, die sie nicht aus dem Wege zu räumen vermögen, und die sie beunruhigen, ohne ihnen Aufklärung zu geben. Wenn aber erst einmal Alles schwankend geworden ist, muß man den Stamm auf Kosten der Zweige erhalten. Aufgeregte, unsichere, fast eingeschlummerte Gewissen, und solche, die sich in einem ähnlichen Zustande wie das Ihrige befinden, bedürfen der Stärkung und Erweckung; und um sie wieder auf den Grund der ewigen Wahrheit zu stellen, muß man die wankenden Pfeiler, an denen sie noch eine Stütze zu haben glauben, vollends einreißen. Sie stehen jetzt in dem entscheidenden Alter, in welchem sich der Geist öffnet, um endlich Gewißheit zu erlangen, in welchem das Herz seine Form und seinen Charakter erhält, und man sich für das ganze Leben, sei es zum Guten oder zum Bösen, entscheidet. Später ist unser Wesen bereits härter geworden, und neue Eindrücke lassen keine Spuren mehr zurück. Junger Mann, lassen Sie Ihrer jetzt noch geschmeidigen Seele das Gepräge der Wahrheit aufdrücken! Wenn ich meiner selbst sicherer wäre, würde ich Ihnen gegenüber einen dogmatischen und keinen Widerspruch zulassenden Ton angeschlagen haben. Aber ich bin ein Mensch, bin unwissend und dem Irrthume unterworfen. Was konnte ich also thun? Ich habe Ihnen mein Herz rückhaltlos geöffnet; was ich für gewiß halte, habe ich Ihnen so dargestellt; meine Zweifel habe ich Ihnen als Zweifel, meine Ansichten als Ansichten zu erkennen gegeben. Ich habe Ihnen weder die Gründe meines Zweifelns noch meines Glaubens verhehlt. Jetzt tritt an Sie die Aufgabe zu urtheilen heran. Sie haben sich Zeit genommen; diese Vorsicht ist weise und flößt mir eine gute Meinung von Ihnen ein. Lassen Sie es Ihr Erstes sein, Ihr Gewissen in den Zustand zu versetzen, in dem es sich nach Aufklärung sehnt. Seien Sie aufrichtig gegen sich selbst. Eignen Sie sich von meinen Ansichten dasjenige an, wovon Sie sich überzeugt halten; das Uebrige aber verwerfen Sie. Bis jetzt sind Sie durch das Laster noch nicht in so hohem Grade verderbt, daß Sie Gefahr liefen, eine schlechte Wahl zu treffen. Ich würde Ihnen den Vorschlag machen, daß wir uns darüber mit einander beriethen, wenn man sich nicht beim Disputiren sofort erhitzte. Eitelkeit und Eigensinn mischen sich ein, und mit der Aufrichtigkeit ist es dann vorbei. Mein Freund, disputiren Sie niemals, denn durch bloßes Disputiren klärt man weder sich selbst noch Andere auf. Ich für meinen Theil habe erst nach jahrelangem Nachdenken meine Ueberzeugung gewonnen. An ihr halte ich nun fest; mein Gewissen ist ruhig, mein Herz zufrieden. Wenn ich eine neue Prüfung meiner Ansichten vornehmen wollte, so würde ich nicht mit einer reineren Liebe zur Wahrheit an dieselbe herantreten, und mein jetzt schon weniger thätiger Geist würde auch weniger im Stande sein, sie zu erkennen. Ich werde bleiben, wie ich bin, aus gerechter Furcht, es könnte die Neigung, mich Betrachtungen hinzugeben, allmählich in eine müßige Leidenschaft ausarten, mich in der Ausübung meiner Pflichten erkalten und in meine frühere Zweifelsucht zurücksinken lassen, ohne daß ich Kraft fände, dieselbe siegreich zu bekämpfen. Mehr als die Hälfte meines Lebens ist abgelaufen; ich habe nur noch gerade so viel Zeit, als ich gebrauche, um aus den Lehren der Vergangenheit Nutzen zu ziehen und meine Irrthümer durch meine Tugenden wieder gut zu machen. Irre ich, so geschieht es wider Willen. Derjenige, welcher im Innersten meines Herzens liest, weiß gar wohl, daß ich meine Blindheit nicht liebe. Außer Stande, mich durch eigene Einsichten aus ihr emporzuarbeiten, bleibt mir als einziges Mittel, Befreiung von ihr zu finden, ein fleckenloses Leben, und wenn Gott dem Abraham selbst aus Steinen Kinder zu erwecken vermag, so ist jeder Mensch zu der Hoffnung berechtigt, er werde erleuchtet werden, wenn er sich dessen würdig macht. Wenn meine Betrachtungen Sie dazu bewegen, so zu denken wie ich, so daß Sie sich meine Ansichten aneignen und wir in unserm Glaubensbekenntnisse völlig übereinstimmen, dann gebe ich Ihnen folgenden Rath: Setzen Sie Ihr Leben nicht mehr den Versuchungen des Elends und der Verzweiflung aus. Führen Sie nicht länger ein schimpfliches Leben in Abhängigkeit von Anderen, stehen Sie davon ab, es durch armseliges Bettelbrod zu fristen. Kehren Sie in Ihr Vaterland zurück, nehmen Sie die Religion Ihrer Väter wieder an, befolgen Sie die Vorschriften derselben mit aller Aufrichtigkeit Ihres Herzens und sagen Sie sich nie wieder von ihr los. Sie ist sehr einfach und sehr heilig. Unter allen Religionen der Erde halte ich sie für diejenige, deren Moral die reinste ist, und welche die Vernunft am besten zu befriedigen vermag. Was die Reisekosten anlangt, so seien Sie deshalb unbesorgt; dieselben werden aufgebracht werden. Eben so wenig überlassen Sie sich einer falschen Scham, als ob Ihre Rückkehr demüthigend für Sie wäre; das Begehen eines Fehlers, nicht aber die Verbesserung desselben muß uns die Schamröthe auf die Wangen treiben. Sie stehen noch in dem Alter, in dem man für Alles Verzeihung erhält, in dem man jedoch nicht mehr ungestraft sündigen darf. Wenn Sie nur der Stimme Ihres Gewissens Gehör schenken wollen, so werden vor derselben tausend eitle Hindernisse verschwinden. Sie werden begreiflich finden, daß es bei der Ungewißheit, in welcher wir schweben, eine nicht zu entschuldigende Vermessenheit ist, sich zu einer anderen Religion zu bekennen, als zu der, in welcher man geboren ist, und daß es eine Falschheit ist, die, zu der man sich einmal bekennt, nicht mit aller Aufrichtigkeit auszuüben. Lebt man im Irrthum, so beraubt man sich dadurch eines nicht zu unterschätzenden Entschuldigungsgrundes vor dem Richterstuhle des höchsten Richters. Sollte er den Irrthum, in welchem man auferzogen ist, nicht eher verzeihen, als den, in welchen man nach eigener Wahl gefallen ist? Mein Sohn, erhalten Sie Ihre Seele beständig in dem Zustande, daß sie das Dasein eines Gottes wünscht, und es wird dann nie ein Zweifel an seinem Dasein in Ihrer Seele aufsteigen. Seien Sie übrigens, für welche Confession Sie sich auch entscheiden mögen, eingedenk, daß die wahren Pflichten der Religion von den Einrichtungen der Menschen unabhängig sind, daß ein rechtschaffenes Herz der wahre Tempel Gottes ist, daß es in jedem Lande und in jeder Religion als die Summe des Gesetzes gilt, Gott über Alles und seinen Nächsten als sich selbst zu lieben, daß es keine Religion gibt, die von den Pflichten der Sittenlehre entbindet, daß diese das eigentliche Wesen der Religion ausmachen, daß der innere Gottesdienst die erste dieser Pflichten ist und daß es ohne den Glauben keine wahrhafte Tugend gibt. Fliehen Sie diejenigen, die unter dem Vorwande, die Natur erklären zu wollen, trostlose Lehren in die Menschenherzen ausstreuen, und deren durchscheinender Skepticismus hundertmal absprechender und entschiedener ist, als der bestimmte Ton ihrer Gegner. Unter dem anmaßungsvollen Vorgeben, sie allein seien erleuchtet, wahr und aufrichtig, unterwerfen sie uns herrisch ihren absprechenden Entscheidungen, und geben sich das Ansehen, als ob sie uns in den unverständlichen Systemen, die sie in ihrer Phantasie aufgebaut haben, den wahren Grund der Dinge enthüllten. Da sie übrigens Alles, was die Menschen hoch und heilig halten, umstoßen, vernichten und mit Füßen treten, so rauben sie den Bekümmerten den letzten Trost in ihren Leiden, während sie den Mächtigen und Reichen den einzigen Zügel ihrer Leidenschaften abnehmen. Sie lassen beim Verbrechen die Gewissensbisse im Grunde des Herzens nicht aufkommen, nehmen der Tugend die Hoffnung und rühmen sich obendrein, Wohlthäter des Menschengeschlechts zu sein. Niemals ist ihrer Behauptung nach die Wahrheit den Menschen schädlich. Ich glaube es eben so fest wie sie, und gerade dies ist meiner Meinung ein sprechender Beweis dafür, daß das, was sie lehren, nicht Wahrheit ist. Beide Parteien bekämpfen sich gegenseitig mit so vielen Sophismen, daß es fürwahr ein ungeheures und tollkühnes Unternehmen sein würde, sie alle verzeichnen zu wollen. Es ist schon viel, einige derselben, wie sie sich gerade darbieten, hervorzuheben. Eine bei den Scheinphilosophen am häufigsten wiederkehrende Spitzfindigkeit besteht darin, ein nur in der Einbildung bestehendes Volk guter Philosophen einem Volke schlechter Christen gegenüberzustellen, als ob sich ein Volk leichter zu wahren Philosophen als zu wahren Christen heranbilden ließe. Ich weiß nicht, welcher von Beiden, ein guter Philosoph oder ein guter Christ, unter den Individuen leichter zu finden ist, aber so viel ist mir sehr wohl bewußt, daß man sich, sobald es sich um Völker handelt, solche vorstellen muß, welche aus Mangel an Religion die Philosophie mißbrauchen werden, wie die Völker der Gegenwart aus Mangel an Philosophie die Religion mißbrauchen; und dies scheint mir den Stand der Frage wesentlich zu ändern. Bayle hat in sehr scharfsinniger Weise den Beweis geliefert, daß der Fanatismus verderblicher ist als der Atheismus, und das ist ja unanfechtbar; dagegen hat er unterlassen, auf einen Umstand aufmerksam zu machen, der nicht weniger wahr ist, daß nämlich der Fanatismus, obgleich blutgierig und grausam, nichts desto weniger eine große und starke Leidenschaft ist, welche das Herz des Menschen erhebt, ihm Todesverachtung einflößt, ihm eine wunderbare Thatkraft verleiht und nur einer besseren Leitung bedarf, um zur Quelle der erhabensten Tugenden zu werden; während Mangel an Religiosität, sowie überhaupt der sich nur auf seine Vernunft stützende und philosophische Geist an das Leben fesselt, verweichlicht, die Seele erniedrigt, alle Leidenschaften auf den kleinlichen Standpunkt des Sonderinteresses und auf die Gemeinheit des menschlichen Ichs zusammendrängt und so geräuschlos die wahren Fundamente der ganzen Gesellschaft untergräbt. Denn das den Sonderinteressen Gemeinsame ist so geringfügig, daß es dem, was sie trennt und in einen Gegensatz zu einander bringt, nie das Gleichgewicht zu halten vermag. Wenn nun der Atheismus nicht zum Blutvergießen antreibt, so liegt die Ursache dazu weniger in seiner Friedensliebe als in seiner Gleichgiltigkeit gegen das Gute. Bleibt er nur in seinem Cabinete in ungestörter Ruhe, so kümmert es den sogenannten Weisen gar wenig, welches Schicksal das Ganze hat. Seine Grundsätze reizen nicht zum Morde an, aber sie treten der Fortpflanzung des Menschen hinderlich in den Weg, indem sie die Sitten zerstören, welche auf seine Vermehrung hinwirken, indem sie ihn gleichsam von seiner Gattung losreißen, indem sie alle seine Neigungen auf einen geheimen, der Volksmenge wie der Tugend in gleicher Weise nachtheiligen Egoismus zurückführen. Der philosophische Indifferentismus ähnelt der Ruhe eines unter dem Despotismus seufzenden Staates; es ist die Ruhe des Todes und sie ist zerstörender als der Krieg selbst. Obgleich sonach der Fanatismus in seinen unmittelbaren Wirkungen unheilvoller als das ist, was man heutigen Tages den philosophischen Geist nennt, so ist er es doch ungleich weniger in seinen Folgen. Uebrigens ist es leicht genug, in Büchern mit schönen Grundsätzen Prunk zu treiben; es ist aber doch sehr die Frage, ob sie mit dem Systeme übereinstimmen, ob sie sich mit Notwendigkeit aus demselben ergeben, und das ist es gerade, worüber man bis jetzt noch nicht hat ins Klare kommen können. Man muß folglich erst feststellen, ob die Philosophie, wenn sie ihre Ziele zwanglos verfolgen kann und sich zur Herrschaft emporgeschwungen hat, auch die Ruhmsucht, den Eigennutz, den Ehrgeiz, kurz die kleinlichen Leidenschaften des Menschen beherrschen und jene milde Menschlichkeit ausüben würde, die sie uns mit der Feder so schön auszumalen versteht. Durch ihre Grundsätze vermag die Philosophie kein Gutes hervorzubringen, was die Religion nicht noch besser hervorbringen kann, während die Religion noch gar viel Gutes stiftet, was die Philosophie nicht zu bewirken im Stande wäre. In der Praxis verhält es sich anders; indeß auch hier bedarf es einer sorgfältigen Prüfung. Wahr ist es, daß kein Mensch seiner Religion, wenn er eine solche hat, in jedem Punkte folgt, und eben so wahr ist es, daß die meisten Menschen nur wenig Religion besitzen und derjenigen, zu welcher sie sich bekennen, gar nicht folgen. Allein Manche haben doch auch wieder Religion und befolgen ihre Vorschriften wenigstens theilweise, und es ist unzweifelhaft, daß religiöse Motive sie oftmals abhalten, Böses zu thun und sie zu Tugenden und löblichen Handlungen bewegen, deren Ausführung sie ohne diese Motive unterlassen hätten. Angenommen, ein Mönch läugne ein ihm anvertrautes Gut ab. Was folgt hieraus anders, als daß der, welcher es ihm anvertraut hatte, ein Thor war? Hätte Pascal ein solches abgeläugnet, so würde dies nur den Beweis liefern, daß auch Pascal ein Heuchler gewesen wäre, weiter aber nichts. Allein ein Mönch! ... Sind denn etwa die Leute, welche aus der Religion ein Geschäft machen, auch immer diejenigen, welche wirklich Religion besitzen? Alle Verbrechen, welche in den Kreisen der Geistlichkeit eben so wie in anderen Classen der Bevölkerung begangen werden, beweisen durchaus nicht die Nutzlosigkeit der Religion, sondern nur, daß überhaupt sehr wenig Menschen Religion besitzen. Unsere heutigen Regierungen verdanken ihre gesichertere Autorität so wie die größere Seltenheit revolutionärer Bewegungen unstreitig dem Christenthume. Es hat ihnen selbst einen weniger blutgierigen Geist eingehaucht. Dies läßt sich durch eine einfache Vergleichung mit den Regierungen des Alterthums thatsächlich nachweisen. Die bessere Religionserkenntniß hat den christlichen Sitten unter gleichzeitiger Beseitigung des Fanatismus eine größere Milde verliehen. Diese Veränderung kann keineswegs als das Werk der Wissenschaften gelten, denn nirgends hat da, wo sie geglänzt haben, die Menschlichkeit deshalb in höherem Ansehen gestanden. Die Grausamkeiten der Athener, der Aegypter, der römischen Kaiser, der Chinesen liefern davon den besten Beweis. Wie viele Werke der Barmherzigkeit hat dagegen das Evangelium hervorgerufen! Wie viele Wiedererstattungen, wie vielen Schadenersatz hat nicht bei den Katholiken die Beichte bewirkt! Wie viele Versöhnungen und Almosenvertheilungen führt bei uns nicht die Annäherung der Communionszeit herbei! Wie wesentlich trug bei den Hebräern nicht das Jubeljahr dazu bei, die Habsucht der unrechtmäßigen Besitzer zu mäßigen! Wie vielem Elende beugte es nicht vor! Eine vom Gesetze selbst angebahnte Brüderlichkeit vereinigte das ganze Volk; man erblickte keinen Bettler bei ihnen. Eben so wenig sieht man einen solchen bei den Türken, unter denen es zahllose fromme Stiftungen gibt. Nach den Grundsätzen ihrer Religion sind sie sogar gegen die Feinde ihres Glaubens gastfrei. Die Muhamedaner behaupten nach Chardin, daß nach dem Gerichte, welches auf die allgemeine Auferstehung folgt, alle wieder mit einem Körper bekleidete Auferstandenen über eine Brücke, Pul-Serrho genannt, welche über das ewige Feuer geschlagen ist, gehen müssen. Diese Brücke kann man, wie sie sagen, die dritte und letzte Untersuchung oder das eigentliche jüngste Gericht nennen, weil sich auf ihr die Scheidung der Guten von den Bösen vollziehen werde ... u.s.w. »Die Perser,« fährt Chardin fort, »können von dieser Brücke nicht genug erzählen, und sobald Jemandem eine Beleidigung zugefügt wird, für welche derselbe auf keine Weise und zu keiner Zeit Genugthuung erhalten kann, so tröstet er sich schließlich damit, daß er zu dem Beleidiger sagt: ›Nun, beim lebendigen Gotte, du wirst es am jüngsten Tage zwiefach büßen; du wirst die Brücke Pul-Serrho sicherlich nicht eher überschreiten, als bis du mir Genugthuung geleistet hast. Ich werde mich an den Saum deines Kleides hängen und mich dir vor die Füße werfen.‹ Ich habe viele vortreffliche Leute aus allen Berufsclassen kennen gelernt, die aus Besorgniß, es könnte ihnen bei dem Uebergange über diese Brücke ein solches Halt zugerufen werden, diejenigen, welche sich über sie beklagten, um Verzeihung baten. Mir selbst ist es wol hundertmal begegnet. Leute von Stande, die mich durch ihre Zudringlichkeit zu Schritten hingerissen hatten, die ich sonst unterlassen hätte, suchten mich nach einiger Zeit, wenn sie meinten, mein Unwille darüber hätte sich gelegt, wieder auf und sagten: ›Ich bitte dich, hatal becon antchisra , d.h. richte es so ein, daß diese Angelegenheit für mich zu einer erlaubten und gerechten werde.‹ Einige haben mir sogar Geschenke gemacht und Dienste erwiesen, damit ich ihnen verziehe und die ausdrückliche Erklärung hinzufügte, daß ich es von Herzen thäte. Die Ursache beruht in nichts Anderem, als in dem Glauben, daß man die Höllenbrücke nicht eher werde überschreiten können, als bis man denen, welchen man Unrecht zugefügt, auch den letzten Heller zurückgegeben habe.« Bd. 7, S. 50 in der Duodez-Ausg. Läßt sich nicht recht wohl annehmen, daß die Vorstellung von dieser Brücke, die so viele Ungerechtigkeiten wieder gut macht, auch manchem Unrechte vorbeugt? Nähme man den Persern diese Vorstellung, indem man sie überzeugte, daß es weder eine Pul-Serrho noch irgend etwas Aehnliches gibt, wo die Unterdrückten an ihren Tyrannen nach dem Tode derselben gerächt werden, ist es dann nicht klar, daß dies Jene völlig beruhigen und sie von der Sorge befreien würde, diese Unglücklichen zu beschwichtigen? Es ist folglich falsch, daß diese Lehre nichts Schädliches enthielte; sie würde also auch nicht die Wahrheit sein. Philosophie, deine moralischen Gesetze sind sehr schön; zeige mir indeß, wenn ich bitten darf, die Beglaubigung ihrer Ausführbarkeit. Höre einen Augenblick mit deinen Phantastereien auf und sage mir rund heraus, was du an die Stelle der Pul-Serrho setzest. Guter Jüngling, seien Sie aufrichtig und wahr ohne Stolz. Lernen Sie die Kunst, auch einmal etwas nicht zu wissen; dann werden Sie weder sich noch Andere täuschen. Wenn Ihre Fähigkeiten bei weiterer Ausbildung Sie jemals in den Stand setzen, als öffentlicher Redner aufzutreten, so folgen Sie stets nur der Stimme Ihres Gewissens, ohne sich darum zu kümmern, ob man Ihnen Beifall zollt oder nicht. Der Mißbrauch des Wissens erzeugt den Unglauben. Jeder Gelehrte sieht mit Verachtung auf die Meinung der Volksmenge herab; Jeder will seine Meinung für sich allein haben. Die hochmüthige Philosophie führt zur Freigeisterei, wie blinde Frömmigkeit zum Fanatismus. Halten Sie sich von beiden Extremen gleich weit entfernt; entfernen Sie sich nie von dem Wege der Wahrheit oder von dem, was Ihnen in der Einfalt Ihres Herzens als Wahrheit erscheinen wird, weder aus Eitelkeit noch aus Schwäche. Bekennen Sie dreist auch vor den Philosophen Ihren Gott; predigen Sie den Unduldsamen rücksichtslos Humanität. Sie werden vielleicht allein für Ihre Meinung eintreten müssen, aber Sie werden in sich selbst ein Zeugniß tragen, das Ihnen das der Menschen ersetzen wird. Mögen dieselben Sie lieben oder hassen, mögen sie Ihre Schriften lesen oder verachten, das hat nichts auf sich. Sagen Sie, was wahr ist, thuen Sie, was gut ist. Darauf kommt es an, daß der Mensch hienieden seine Pflichten erfüllt; am besten arbeitet man für sich, wenn man sich selbst vergißt. Mein Sohn, das Sonderinteresse verleitet uns zu Täuschungen; nur die Hoffnung des Gerechten täuscht nimmer. Ich habe dies Bekenntniß hier eingeschoben, nicht als eine Richtschnur für die Gedanken, an die man sich in Sachen der Religion zu halten hat, sondern als ein Beispiel der Art und Weise, wie man dies Thema in vernünftiger Weise behandeln kann, damit man sich nicht von der Methode, die ich aufzustellen gesucht habe, zu entfernen braucht. So lange man sich nicht von der Autorität der Menschen oder von den Vorurteilen des Landes, in welchem man geboren ist, beeinflussen läßt, können uns die bloßen Einsichten der Vernunft in die Einrichtung der Natur nicht weiter als bis zur natürlichen Religion führen, und auf sie beschränke ich mich bei meinem Emil. Wenn er noch eine andere haben soll, so steht mir nicht mehr das Recht zu, ihm hierbei als Führer zu dienen. Es ist allein seine Sache, sie zu wählen. Wir arbeiten im Einklänge mit der Natur; während sie den physischen Menschen bildet, bemühen wir uns, den moralischen Menschen auszubilden. Allein wir vermögen nicht mit ihr gleichen Schritt zu halten. Der Körper ist bereits kräftig und stark, während die Seele noch kraftlos und schwach ist, und was Menschenkunst auch aufbieten möge, so eilt die körperliche Entwickelung der Vernunft doch stets voraus. Die zu frühzeitige körperliche Reife zurückzuhalten und die Vernunft anzuregen, haben wir bisher unsere Hauptsorge sein lassen, damit der Mensch immer so viel als möglich ein in sich einiger sei. Dadurch, daß wir sein Naturell entwickelten, haben wir seine erwachende Sinnlichkeit abgelenkt. Die geistigen Objecte mäßigten den Eindruck der sinnlichen Objecte. Indem wir mit ihm bis auf den Urgrund aller Dinge zurückgingen, haben wir die Sinne nicht die Herrschaft über ihn gewinnen lassen. Es war natürlich, daß wir uns von dem Studium der Natur zur Aufsuchung ihres Schöpfers erhoben. In wie vieler Beziehung haben wir uns wieder einen neuen Einfluß über unseren Zögling verschafft, wenn wir erst bis dahin gelangt sind! Wie viel neue Mittel, zu seinem Herzen zu reden, sind uns dadurch an die Hand gegeben! Nun erst findet er sein wahres Interesse daran, gut zu sein, das Gute zu thun, auch ungesehen von der Menschen Augen und ohne Zwang der Gesetze, gerecht zu sein im Widerstreite des göttlichen Willens mit seinem eigenen, seine Pflicht zu erfüllen selbst mit Daransetzung seines Lebens, und die Tugend in seinem Herzen zu bewahren, nicht allein aus Liebe zur Ordnung, welcher Jeder stets die Liebe zu sich selbst vorzieht, sondern aus Liebe zum Urheber seines Daseins, einer Liebe, welche mit jener Selbstliebe zusammenschmilzt, um sich endlich der dauernden Glückseligkeit erfreuen zu können, welche ihm die Ruhe eines guten Gewissens und die Betrachtung des höchsten Wesens in einem anderen Leben verheißen, nachdem er das irdische gut angewendet hat. Schwindet dieser Glaube, dann erblicke ich unter den Menschen nur noch Ungerechtigkeit, Heuchelei und Lüge. Das Sonderinteresse, welches bei einem Conflicte verschiedener Interessen nothwendig das Uebergewicht erhält, lehrt Jeden, das Laster mit der Maske der Tugend zu schmücken. Alle andere Menschen sollen mein Bestes auf Kosten des ihrigen herbeiführen. Alles soll sich nur um mich drehen; mag das ganze Menschengeschlecht in Noth und Elend dahinsterben, wenn es nur so möglich ist, mir einen Augenblick des Schmerzes und Hungers zu ersparen. So klingt die innere Sprache eines jeden Ungläubigen, der sich nur auf seine Vernunft verläßt. Ja ich werde, so lange ich lebe, behaupten: Wer in seinem Herzen spricht: »Es ist kein Gott,« und trotzdem eine andere Sprache führt, der ist entweder ein Lügner oder ein Unsinniger. Doch, lieber Leser, ich fühle nur zu wohl, daß du trotz aller meiner Mühe meinen Emil in einem ganz anderen Lichte erblicken wirst als ich. Du wirst ihn dir stets euren jungen Leuten ähnlich vorstellen, beständig leichtsinnig, ausgelassen, flatterhaft, von Lustbarkeit zu Lustbarkeit, von Vergnügen zu Vergnügen eilend, ohne sich je von irgend etwas fesseln zu lassen. Es wird dein Lachen erregen, wenn du siehst, wie ich aus einem feurigen, lebhaften, leidenschaftlichen, aufbrausenden jungen Manne einen beschaulichen Charakter, einen Philosophen, einen förmlichen Theologen bilde. Du wirst sagen: Dieser Träumer macht stets auf Hirngespinnste Jagd; indem er uns einen Zögling seines eigenen Machwerks vorhält, bildet er ihn nicht blos, nein, er erschafft ihn, läßt ihn fertig aus seinem Gehirne hervorgehen, und während er sich immer einbildet, der Natur zu folgen, entfernt er sich doch jeden Augenblick weiter von ihr. Wenn ich nun meinerseits meinen Zögling mit den eurigen vergleiche, so entdecke ich kaum etwas, was sie mit einander gemein haben könnten. Bei einer so verschiedenen Erziehung müßte es ja auch fast als ein Wunder erscheinen, wenn er ihnen in irgend einer Beziehung ähnlich wäre. Da er seine Kindheit in all der Freiheit, die jene sich im Jünglingsalter nehmen, zugebracht hat, so beginnt er sich in seinem Jünglingsalter selbst in das Gesetz zu fügen, dem man sie schon als Kinder unterwarf. Dieses Gesetz wird jenen zur Geißel, unter welche sie sich nur mit Schauder beugen; sie erblicken darin die unausgesetzte Tyrannei ihrer Lehrer und kommen endlich zu dem Wahne, daß sie nur dadurch aus der Kindheit herauszutreten vermögen, daß sie jede Art von Joch abschütteln; Niemand blickt mit so großer Verachtung auf die Kindheit, als diejenigen, welche eben aus ihr heraustreten, eben so wie die Rangunterschiede nirgends mit größerer Aengstlichkeit beachtet werden, als in dem Lande, in welchem die Ungleichheit nicht groß ist und Jeder deshalb befürchtet, mit einem unter ihm Stehenden verwechselt zu werden. dann suchen sie sich für den langen Zwang, in dem man sie gehalten hat, schadlos zu halten, wie ein Gefangener, wenn er endlich seiner Fesseln entledigt ist, seine Glieder streckt, dehnt und schüttelt. Emil dagegen setzt seine Ehre darin, ein Mann zu werden und sich freiwillig dem Joche der sich regenden Vernunft zu unterwerfen. Da sein Körper bereits völlig ausgebildet ist, so bedarf er der gewohnten Bewegung nicht länger, und beginnt nun sich von selbst ruhig zu verhalten, während sein erst halb entwickelter Geist seine Schwingen regt. So ist das Alter der Vernunft für jene das Alter der Ungebundenheit, für diesen das Alter der zunehmenden Urtheilskraft. Wollt ihr aber wissen, wer von ihnen, sie oder er, hierin der Ordnung der Natur am nächsten kommt, so betrachtet den Abstand zwischen denjenigen, welche ihr mehr oder weniger fern stehen; betrachtet die jungen Leute auf dem Lande, und seht, ob sie sich derselben Ausgelassenheit hingeben, wie die eurigen. »In ihrer Kindheit,« sagt Herr le Beau, »sieht man die Wilden beständig thätig und unaufhörlich mit allerlei Spielen beschäftigt, die den Körper in steter Bewegung erhalten. Kaum sind sie aber in das Jünglingsalter getreten, so werden sie gesetzt und in sich gekehrt und betheiligen sich höchstens noch an ernsten und mit Gefahren verknüpften Spielen.« Abenteuer des Herrn C. le Beau, Parlamentsadvocaten; Bd. II. S. 70. Da Emil in aller Freiheit junger Bauern und Wilden aufgewachsen ist, so muß auch bei ihm, wenn er heranwächst, eine gleiche Veränderung und ein gleicher Stillstand wie bei jenen eintreten. Der ganze Unterschied besteht darin, daß seine Thätigkeit nicht nur Spiel und Ernährung zum Zwecke hat, sondern daß er unter seinen Arbeiten und Spielen auch denken lernte. Hat er nun auf diesem Wege jenes Ziel erreicht, so ist auch schon die Neigung in ihm vorhanden, die Bahn zu wandeln, welche ich ihn jetzt führen will. Die Gegenstände des Nachdenkens, die ich ihm darbiete, reizen seine Wißbegierde, weil sie an sich schön und für ihn völlig neu sind, und weil er im Stande ist, sie zu begreifen. Wie sollten sich dagegen eure jungen Leute, die sich durch eure faden Lectionen, durch eure langathmigen Moralpredigten und euer ewiges Katechismuslernen gelangweilt und ermattet fühlen, nicht gegen eine Geistesbildung sträuben, die man ihnen so abstoßend gemacht, sich nicht gegen die lästigen Vorschriften auflehnen, mit denen man sie unaufhörlich überschüttet hat, sich nicht gegen die Betrachtungen über den Schöpfer ihres Daseins verschließen, den man ihnen stets als Feind ihrer Freuden dargestellt hat? Alles dies hat ihnen nur Widerwillen, Abneigung und Ekel eingeflößt. Der Zwang hat sie davon zurückgeschreckt. Welches Mittel sollte nun, wo sie anfangen über sich selbst zu bestimmen, sie wol dazu bewegen können, daß sie sich auch ferner damit beschäftigen? Was ihr Wohlgefallen erregen soll, muß neu sein; mit dem, worüber man mit Kindern spricht, muß man sie verschonen. Mit meinem Zöglinge verhält es sich eben so. Sobald er ein Mann wird, rede ich mit ihm wie mit einem Manne und sage ihm nur solche Dinge, die ihm neu sind. Gerade, weil Andere sie langweilig finden, müssen sie seinem Geschmacke zusagen. Indem ich auf diese Weise den Fortschritt der Natur zu Gunsten der Vernunft zurückhalte, lasse ich Emil doppelt Zeit gewinnen. Habe ich denn diesen Fortschritt aber in der That aufgehalten? Nein, ich habe nur die Einbildungskraft verhindert, ihn zu beschleunigen; ich habe durch Lehren anderer Art den unzeitigen Lehren, welche der Jüngling von anderer Seite her erhält, das Gleichgewicht gehalten. Wenn wir ihn, sobald ihn der Strom unserer erziehlichen Mittel mit fortreißt, durch andere Erziehungsmittel in eine entgegengesetzte Richtung hineindrängen, so heißt dies nicht, ihn von seinem rechtmäßigen Platze entfernen, sondern auf demselben erhalten. Endlich erscheint nun aber auch der richtige Zeitpunkt der Natur; er muß kommen. Da der Mensch sterben muß, so muß er sich auch fortpflanzen, damit die Gattung fortdauere und die Weltordnung erhalten werde. Sobald euch nun die Zeichen, welche ich oben besprochen habe, zu erkennen geben, daß der kritische Augenblick sich naht, so gebet ihm gegenüber sofort den bisherigen Ton und zwar für immer auf. Er steht zwar noch unter eurer Obhut, ist aber nicht mehr euer Zögling. Er ist ein Mann, behandelt ihn deshalb auch von nun an als solchen. Wie! Ich soll auf meine Autorität verzichten, wenn ich sie gerade am nöthigsten gebrauche? Ich soll den so eben erst in das mannbare Alter eingetretenen Jüngling in dem Augenblicke sich selbst überlassen, wo er sich am wenigsten selbst zu leiten versteht und am meisten zu Ausschweifungen geneigt ist? Ich soll mich meiner Rechte begeben, wenn es für ihn von der größten Bedeutung ist, daß ich dieselben in Anwendung bringe? Deiner Rechte? Wer redet denn von Verzichtleistung auf dieselben? Jetzt erst beginnen sie für denselben. Was ihr bis jetzt von ihm erlangtet, habt ihr nur auf dem Wege der Gewalt oder der List erreicht. Autorität und Gebote der Pflicht waren ihm unbekannt. Nur durch Anwendung von Zwang oder Täuschung konnte man ihn zum Gehorsam bringen. Nun überschauet aber die vielen neuen Bande, mit denen ihr sein Herz umgeben habt! Vernunft, Freundschaft, Dankbarkeit, tausendfache Regungen der Zärtlichkeit sprechen in einem Tone zu ihm, den er nicht mißverstehen kann. Das Laster hat ihn gegen ihre Stimme noch nicht taub gemacht. Bis jetzt ist er nur für die natürlichen Leidenschaften empfänglich. Die Hauptleidenschaft, die Liebe zu sich selbst, liefert ihn euch in die Hände, eben so die Gewohnheit. Entreißt ihn euch auch die Aufwallung eines Augenblicks, so führt ihn doch die Reue sofort wieder zu euch zurück. Das Gefühl, das ihn an euch fesselt, ist allein von Dauer; alle übrige sind flüchtig und verwischen sich gegenseitig. Laßt ihn nur nicht verderben, so wird er sich stets folgsam zeigen. Erst wenn er schon verdorben ist, beginnt er widersetzlich zu werden. Ich räume ein, daß er, wenn ihr den in ihm aufsteigenden Begierden offen entgegenträtet und die neuen Bedürfnisse, die sich in ihm fühlbar machen, unklugerweise als Verbrechen behandeltet, euch nicht lange Gehör schenken würde; solltet ihr indeß von meiner Methode abgehen, so bürge ich euch für nichts mehr. Seid stets eingedenk, daß ihr nur Diener der Natur seid, dann werdet ihr nie als Feinde derselben auftreten. Wofür soll man sich nun aber entscheiden? Man geht hierbei gewöhnlich von der Voraussetzung aus, daß es nur eine Alternative gebe, entweder seine Neigungen zu begünstigen oder zu bekämpfen, sein Tyrann zu werden oder seinen Leidenschaften Vorschub zu leisten. Mit Beidem sind jedoch so gefährliche Folgen verknüpft, daß man bei der Wahl nicht vorsichtig genug zu Werke gehen kann. Das erste Mittel, welches sich darbietet, um dieser Schwierigkeit aus dem Wege zu gehen, besteht darin, ihn so früh wie möglich zu verheirathen. Es ist unstreitig der sicherste und naturgemäßeste Ausweg; trotzdem hege ich gerechten Zweifel, ob es auch der beste und vorteilhafteste ist. Ich werde weiter unten meine Gründe dafür anführen. Vorläufig will ich indeß zugeben, daß man junge Leute im mannbaren Alter verheirathen muß. Aber dieses Alter erscheint für sie vor der Zeit; wir selbst haben dazu beigetragen, daß es zu früh eintritt; man muß es also bis zur völligen Reife hinauszuschieben suchen. Brauchte man nur auf die Neigungen zu hören und ihren Anzeichen nachzugehen, so ließe sich das bald erreichen. Allein es gibt so viel Widersprüche zwischen den Rechten der Natur und unseren sozialen Gesetzen, daß man zu einer Ausgleichung derselben fortwährend zu Ausflüchten und Winkelzügen seine Zuflucht nehmen muß. Es gehört ein großer Aufwand von Kunst dazu, um den socialen Menschen vor einer völligen Verkünstelung zu bewahren. Aus den oben auseinandergesetzten Gründen bin ich der Ansicht, daß man durch die von mir angegebenen sowie andere ähnliche Mittel die Unkenntniß der Begierden und die Reinheit der Sinne wenigstens bis zum zwanzigsten Jahre zu erhalten vermag. Dies ist so wahr, daß bei den germanischen Völkern ein junger Mann, welcher vor diesem Alter die Keuschheit verletzte, auf immer für ehrlos galt, und mit Recht suchen die Geschichtsschreiber den Grund zu der Körperkraft derselben und zu der Menge ihrer Kinder in der Enthaltsamkeit während der Jugend. Dieser Zeitpunkt läßt sich sogar noch viel weiter hinausschieben, und noch vor wenig Jahrhunderten war selbst in Frankreich nichts gewöhnlicher. Unter anderen bekannten Beispielen verdient der Vater des Montaigne, ein nicht weniger gewissenhafter und wahrheitsliebender als kräftiger und kerngesunder Mann der Erwähnung, der sich nach seiner eigenen eidlichen Versicherung in seinem dreiunddreißigsten Lebensjahre, nach längerer Dienstzeit in den italienischen Kriegen, als reiner Junggesell verheirathet hat, und man kann aus den Schriften seines Sohnes ersehen, welche Lebenskraft und Heiterkeit sich sein Vater bis über sein sechzigstes Jahr hinaus bewahrt hat. Sicherlich stützt sich die entgegengesetzte Anschauung mehr auf unsere Sitten und Vorurtheile, als auf die Kenntniß des Menschengeschlechts im Allgemeinen. Ich brauche deshalb nicht erst auf das Beispiel unserer Jugend einzugehen. Es liefert keinen Beweis gegen den, welcher nicht so erzogen ist wie sie. In Erwägung dessen, daß die Natur in dieser Beziehung keinen bestimmten Zeitpunkt hat, dessen Eintritt sich nicht beschleunigen oder verzögern ließe, glaube ich, ohne ihr Gesetz zu verletzen, annehmen zu können, daß sich Emil bis jetzt durch meine Sorgfalt seine ursprüngliche Unschuld bewahrt hat, sehe aber auch, daß sich dieser glückliche Lebensabschnitt seinem Ende nähert. Von beständig wachsenden Gefahren umringt, wird er mir, was ich auch immer thun möge, bei der ersten Gelegenheit entschlüpfen, und diese Gelegenheit wird nicht lange ausbleiben. Er wird dem blinden Triebe seiner Sinne folgen, und man kann tausend gegen eins wetten, daß er auf bestem Wege ist, sich ins Verderben zu stürzen. Ich habe zu viele Betrachtungen über die Sitten der Menschen angestellt, um nicht den unüberwindlichen Einfluß dieses ersten Augenblicks auf die ganze übrige Lebenszeit zu erkennen. Verstelle ich mich und nehme ich den Anschein an, als ob ich nichts bemerkte, so macht er sich meine Schwäche zu Nutze. Während er mich hinter das Licht zu führen glaubt, verachtet er mich, und ich bin mit an seinem Verderben Schuld. Mache ich dagegen den Versuch, ihn auf den rechten Weg zurückzubringen, so ist es nicht mehr Zeit, und er hört nicht mehr auf mich. Ich werde ihm unbequem, verhaßt und unerträglich. Er wird nicht säumen, sich meiner zu entledigen. Unter diesen Umständen bleibt mir vernünftigerweise nur noch ein Mittel übrig, das nämlich, ihn selbst für seine Handlungen verantwortlich zu machen, ihn wenigstens vor den Täuschungen des Irrthums zu bewahren und ihm offen die Gefahren darzulegen, von denen er umgeben ist. Hatte ich ihn bisher durch seine Unwissenheit zurückgehalten, so müssen mir jetzt seine Einsichten zu gleichem Zwecke dienen. Diese neuen Belehrungen sind von Wichtigkeit, und es erscheint angemessen, die Dinge von einem höheren Standpunkte aus zu betrachten. Das ist der rechte Augenblick, ihm gleichsam Rechenschaft abzulegen; ihm den Nachweis über die Verwendung seiner und meiner Zeit zu führen; ihm zu erklären, was er ist, und was ich bin, was ich gethan habe, und was er gethan hat, was wir uns gegenseitig schuldig sind; ihm alle seine moralischen Verhältnisse, alle seine Verpflichtungen zu erklären, die er eingegangen ist und auf welche Andere ihm gegenüber eingegangen sind; ihm darzulegen, welchen Höhepunkt er in der Entwickelung seiner Fähigkeiten erreicht, welchen Weg er noch zurückzulegen hat, welche Schwierigkeiten ihm auf demselben begegnen werden und durch welche Mittel sich dieselben überwinden lassen, worin ich ihm noch ferner Beistand leisten kann, worin er sich in Zukunft nur allein zu helfen vermag, kurz, ihm den kritischen Punkt zu zeigen, auf welchem er sich befindet, ihm die neuen Gefahren, welche ihn umringen, und alle jene stichhaltigen Gründe vorzuführen, welche ihn dazu bestimmen müssen, mit aller Aufmerksamkeit über sich zu wachen, bevor er den in ihm aufsteigenden Gelüsten nachgibt. Lasset nicht außer Acht, daß man bei der Leitung eines Erwachsenen gerade das Gegentheil von dem thun muß, was ihr bei der Leitung eines Kindes gethan habt. Heget kein Bedenken, ihn in jenen gefährlichen Geheimnissen zu unterrichten, welche ihr ihm so lange mit aller Sorgfalt verborgen habt. Da er sie am Ende doch einmal erfahren muß, so kommt viel darauf an, daß er sie weder von einem Anderen, noch von sich selbst, sondern nur von euch kennen lerne. Da er von nun an doch gezwungen sein wird, gegen dieselben anzukämpfen, so muß er, um nicht der Gefahr der Ueberraschung ausgesetzt zu sein, seinen Feind doch kennen. Nie sind junge Leute, die man in Bezug auf diese Gegenstände aufgeklärt findet, ohne zu wissen, wie sie zu dieser Kenntniß gelangt sind, es ungestraft geworden. Da sich diese unbedachtsame Unterweisung um keinen ehrbaren Gegenstand drehen kann, so befleckt sie wenigstens die Einbildungskraft derer, die sie empfangen, und flößt ihnen Neigung zu den Lastern derer ein, die sie ertheilen. Dies ist jedoch noch nicht einmal Alles. Das ist die Handhabe, deren sich die Dienstleute bedienen, um sich in den Geist des Kindes einzuschleichen. Dadurch gewinnen sie das Vertrauen desselben, malen ihm seinen Erzieher als eine mürrische und lästige Persönlichkeit aus, und einen Lieblingsgegenstand ihrer geheimen Unterredungen bilden die Klatschereien über denselben. Ist es mit dem Zöglinge erst so weit gekommen, dann kann der Erzieher sein Amt nur getrost aufgeben; Gutes vermag er nicht mehr zu wirken. Weshalb wählt sich nun aber das Kind solche seltsame Vertraute? Regelmäßig wegen der Tyrannei derer, welche seine Erziehung leiten. Weshalb sollte es gegen dieselben Zurückhaltung beobachten, wenn es nicht dazu gezwungen würde? Weshalb sollte es sich über sie beklagen, wenn es keinen Grund zur Klage hätte? Sie sind naturgemäß die ersten Vertrauten desselben; an dem Eifer, mit dem es kommt, ihnen alle seine Gedanken mitzutheilen, kann man wahrnehmen, daß es sie nur zur Hälfte gedacht zu haben meint, so lange es ihnen dieselben nicht bekannt hat. Ihr könnt mit Sicherheit darauf rechnen, daß das Kind, sobald es von eurer Seite weder Strafpredigt noch Rüge zu befürchten hat, euch stets Alles sagen wird, und daß man sich nicht unterfangen wird, ihm etwas anzuvertrauen, was es euch verschweigen muß, wenn man sich überzeugt halten kann, daß es euch nie etwas verschweigt. Was mir die Richtigkeit meiner Methode am augenscheinlichsten macht, ist der Umstand, daß ich, wenn ich mir über ihre Erfolge so genau wie möglich Rechenschaft ablege, doch nie im Leben meines Zöglings auch nur eine einzige Lage finde, die mir nicht irgend ein freundliches Bild von ihm hinterließe. Selbst in dem Momente, in welchem ihn die Leidenschaftlichkeit seines Temperamentes hinreißt, und in welchem er, voller Empörung gegen die Hand, die ihn zurückhält, sich sträubt und mir zu entschlüpfen beginnt, erkenne ich in der Unruhe seines Gemüths, in seinem Aufbrausen noch immer seine ursprüngliche Einfalt wieder. Sein Herz, das noch so rein wie sein Körper ist, kennt eben so wenig Verstellung wie Laster. Noch haben Vorwürfe und verächtliche Behandlung sein Ehrgefühl nicht abgestumpft; nie hat elende Furcht ihm den Gedanken, sich zu verstellen, eingeflößt. Noch besitzt er die ganze Unbedachtsamkeit der Unschuld, ohne Bedenken überläßt er sich seiner Naivetät, er weiß noch nicht, welchen Nutzen eine Täuschung verschaffen könnte. Keine Bewegung geht in seinem Innern vor, die sein Mund oder seine Augen nicht errathen ließen, und oft sind mir die Gedanken, welche ihn erfüllen, früher bekannt, als ihm selbst. So lange er fortfährt, mir in solcher Offenherzigkeit seine Seele zu enthüllen und mir Alles, was er fühlt, mit Freuden zu offenbaren, habe ich nichts zu befürchten; die Gefahr ist noch nicht nahe. Sobald er jedoch schüchterner und zurückhaltender wird, sobald mir in seinen Unterhaltungen die erste Verlegenheit der Scham auffällt, dann regt der Trieb sich in ihm schon, ja, dann beginnt sich bereits die Vorstellung des Bösen mit demselben zu verbinden. Jetzt gilt es, keinen Augenblick mehr zu verlieren, und wenn ich mich nicht beeile ihn selbst zu unterrichten, so wird er bald auch wider meinen Willen unterrichtet sein. Mehr als einer meiner Leser wird, selbst wenn er auf meine Ideen eingeht, die Ansicht hegen, daß es sich hierbei nur um eine gelegentlich herbeigeführte Unterredung mit dem jungen Manne handele, und daß nun damit Alles abgemacht sei. Ach, daß sich das menschliche Herz leider nicht auf diese Weise lenken läßt! Worte sind bedeutungslos, wenn man nicht den Augenblick der Unterredung vorbereitet hat. Bevor man den Samen ausstreut, muß man das Erdreich bestellen. Der Same der Tugend geht schwer auf. Es bedarf langwieriger Zubereitungen, ehe er Wurzel zu schlagen vermag. Eine der Ursachen, in Folge deren die Predigten so äußerst wenig Nutzen stiften, liegt darin, daß man sie ohne Unterschied und Wahl an alle Welt richtet. Wie kann man sich nur einbilden, daß ein und dieselbe Predigt sich für so viele Zuhörer eignen könne, die sich in so verschiedener Stimmung befinden und an Geist, Temperament, Alter, Geschlecht, Lebensstellung und Ansichten einander so unähnlich sind? Es gibt vielleicht nicht Zwei, auf welche das, was an Alle gerichtet ist, vollkommen paßt, und alle unsere Seelenzustände haben so wenig Beständigkeit, daß es im Leben eines jeden Menschen vielleicht wieder nicht zwei Augenblicke gibt, in denen dieselbe Rede den gleichen Eindruck auf ihn hervorbringt. Beurtheilt nun selbst, ob dann, wenn die entbrannte Sinnlichkeit den Verstand zum Schweigen bringt und den Willen beherrscht, wol die rechte Zeit ist, auf die ernsten Lehren der Weisheit zu lauschen. Redet deshalb mit jungen Leuten nie von Vernunft, nicht einmal wenn sie schon das Alter der Vernunft erreicht haben, bevor ihr sie nicht in den Stand versetzt habt, euch zu verstehen. An der Wirkungslosigkeit der meisten Reden tragen weit mehr die Lehrer als die Schüler die Schuld. Der Pedant und der wahre Erzieher sagen ungefähr dasselbe, allein ersterer sagt es bei jeder Gelegenheit, während letzterer es nur dann in Worte kleidet, wenn er des Erfolges sicher ist. Wie ein Nachtwandler, der im Schlafe umherirrt, mit zugemachten Augen am Rande eines Abgrundes dahinschreitet, in den er beim plötzlichen Erwachen hinabstürzen würde, so entgeht auch mein Emil im Schlafe der Unwissenheit Gefahren, die er bis jetzt noch gar nicht bemerkt; erwecke ich ihn plötzlich, so ist er verloren. Unser Bemühen muß deshalb zunächst darauf gerichtet sein, ihn vom Abgrunde zu entfernen; erst dann werden wir ihn wecken können, um ihm denselben aus der Ferne zu zeigen. Lesen, Einsamkeit, Müßiggang, weichliche und sitzende Lebensweise, Umgang mit Frauen und jungen Leuten, das sind die gefährlichen Abwege, auf die er in seinem Alter gar leicht geräth und die ihn unaufhörlich dicht neben der Gefahr erhalten. Durch andere sinnliche Gegenstände suche ich seine Sinnlichkeit von ihnen abzulenken. Dadurch, daß ich seinen Lebensgeistern eine andere Richtung vorzeichne, leite ich sie von derjenigen ab, die sie schon einzuschlagen anfingen. Durch stete Uebung seines Körpers in allerlei anstrengenden Arbeiten hemme ich die Lebhaftigkeit seiner Einbildungskraft, die ihn fortzureißen droht. Wenn die Arme unablässig arbeiten, so ruht die Einbildungskraft; wenn der Körper völlig ermüdet ist, fängt das Herz nicht Feuer. Die kürzeste und leichteste Vorsichtsmaßregel besteht darin, ihn der örtlichen Gefahr zu entrücken. Zunächst darf er seinen Wohnsitz nicht länger in Städten haben, auch trenne ich ihn von den Gegenständen, die ihn möglicherweise zu versuchen vermöchten. Das ist indeß noch nicht genügend; in welcher Wüste, in welcher Wildniß könnte er wol den ihn verfolgenden Bildern seiner Einbildungskraft entrinnen? Ihn nur von den gefährlichen Gegenständen trennen, ist ganz erfolglos, wenn ich nicht gleichzeitig dafür sorge, daß auch die Erinnerung an dieselben in ihm erblaßt. Wenn ich nicht die Kunst entdecke, ihn von Allem loszulösen, wenn ich ihn nicht von sich selbst ablenke, dann hätte ich ihn eben so gut lassen können, wo er war. Emil versteht ein Handwerk, aber hierbei nehmen wir nicht zu demselben unsere Zuflucht. Er liebt und versteht die Landwirthschaft, indeß die Landwirthschaft genügt uns hierbei nicht. Die ihm schon bekannten Beschäftigungen werden ihm zu einer rein äußerlichen Fertigkeit. Wenn er sich mit ihnen befaßt, so ist dies eben so gut, als thäte er nichts. Er denkt dabei an etwas ganz Anderes. Kopf und Arme sind auf ganz verschiedene Weise thätig. Für ihn ist jetzt eine ganz neue Beschäftigung nöthig, die ihm durch ihre Neuheit Interesse einflößt, ihn in Athem erhält, ihm gefällt, die ihm Mühe macht und mit körperlicher Uebung verbunden ist, kurz eine Beschäftigung, die ihn leidenschaftlich erregt und in der er fortan lebt und webt. Die einzige, welche mir alle diese Bedingungen in sich zu vereinen scheint, ist die Jagd. Wenn die Jagd je ein unschuldiges Vergnügen ist, wenn sie je für den Menschen paßt, so muß man jetzt seine Zuflucht zu ihr nehmen. Emil besitzt alle Eigenschaften eines tüchtigen Jägers; er ist kräftig, gewandt, geduldig, unermüdlich. Unfehlbar wird er Gefallen an dieser Uebung finden. Er wird sie mit dem ganzen Feuer seines Alters betreiben und dabei, wenigstens auf einige Zeit, die gefährlichen Neigungen verlieren, welche die Verweichlichung zur Folge hat. Die Jagd härtet Leib und Seele gleichermaßen ab. Sie gewöhnt an Blut, an Grausamkeit. Diana gilt als Feindin der Liebe, und diese Allegorie ist durchaus richtig. Das Schmachten der Liebe keimt nur im Schooße süßer Ruhe; heftige körperliche Bewegung erstickt die zärtlichen Empfindungen. In den Wäldern und in ländlichen Gegenden werden Liebende und Jäger von so verschiedenartigen Gefühlen beseelt, daß sie an die nämlichen Gegenstände ganz verschiedene Vorstellungen knüpfen. In den kühlen Schatten, den Hainen, den süßen Plätzen verschwiegener Liebe, die die Ersteren erblicken, sehen Letztere nur Weideplätze des Wildes, Schonungen und Wildlager; wo jene nur Schalmeien, Nachtigallen und Vogelgesang vernehmen, hören diese nur den Klang der Jagdhörner und Rüdengebell heraus. Dem Einen spiegelt ihre Phantasie Dryaden und Nymphen vor, den Anderen Jäger, Jagdhunde und Pferde. Macht mit diesen beiden Arten von Menschen einen Ausflug auf das Land hinaus, und ihr werdet an der Verschiedenheit ihrer Ausdrucksweise bald erkennen, daß ihnen die Erde nicht in demselben Lichte erscheint, und daß ihr Ideengang eben so verschieden ist, wie die Wahl ihrer Vergnügungen. Ich begreife, wie sich diese verschiedenen Geschmacksrichtungen auch wieder vereinigen können, und wie man schließlich Zeit für Alles findet. Indeß lassen sich die Leidenschaften der Jugend noch nicht auf solche Weise theilen. Gebt ihr eine einzige Beschäftigung, die ihr zusagt, und bald wird alles Uebrige vergessen sein. Die Mannigfaltigkeit der Wünsche hat die Mannigfaltigkeit der Kenntnisse zur Quelle, und die Vergnügungen, die man zuerst kennen gelernt hat, sind lange Zeit die einzigen, die man sucht. Es ist durchaus nicht mein Wunsch, daß Emil seine ganze Jugend ausschließlich damit zubringen soll, Wild zu erlegen, und ich bin nicht einmal Willens, diese wilde Leidenschaft in allen Stücken zu rechtfertigen. Für mich genügt schon, daß sie dazu dient, eine noch gefährlichere Leidenschaft zurückzuhalten, so daß er mich, wenn ich davon rede, kaltblütig anzuhören vermag, und mir Zeit zu lassen, sie ihm zu schildern, ohne daß sie dadurch in ihm wachgerufen wird. Es gibt Epochen im Menschenleben, welche dazu bestimmt sind, nie wieder aus dem Gedächtnisse zu entschwinden. Eine solche ist für Emil die Zeit der Unterweisung, von der ich eben rede. Sie soll einen bleibenden Einfluß auf sein ganzes übriges Leben ausüben. Verwenden wir deshalb allen Fleiß darauf, sie seinem Gedächtnisse dergestalt einzugraben, daß sie unauslöschlich in demselben haftet. Es gehört zu den Irrthümern unserer Zeit, die Vernunft gern in allzu nackter Form in Anwendung zu bringen, als ob die Menschen nur geistige Wesen wären. Dadurch, daß man die Zeichensprache vernachlässigt, welche so beredt zur Einbildungskraft spricht, entbehrt man die allerüberzeugendste Sprache. Der Eindruck des Wortes ist stets nur schwach, und man spricht zum Herzen ungleich besser durch die Augen als durch die Ohren. Weil wir uns in Allem nur auf die logische Beweisführung verlassen wollen, haben wir uns bei unseren Vorschriften auf Worte beschränkt und sie nicht gleichzeitig in Handlungen verlegt. Die bloße Vernunft ist nicht wirksam, sie hält zwar zuweilen von etwas zurück, aber selten gibt sie einen starken Anreiz, und noch nie hat sie etwas Großes hervorgerufen. Fortwährendes Klügeln ist die Sucht kleiner Geister. Starke Seelen reden eine ganz andere Sprache; durch diese Sprache überzeugt man und gibt den Impuls zu Thaten. Ich habe die Bemerkung gemacht, daß in neuerer Zeit die Menschen nur durch Ausübung von Gewalt oder durch Erregung des Interesses einander beeinflussen, während die Alten vielmehr durch Ueberredung und Gemüthsbewegungen eine Einwirkung auf einander ausübten, weil sie die Zeichensprache nicht vernachlässigten. Um den Verträgen einen unverbrüchlicheren Charakter zu verleihen, fand ihr Abschluß unter großer Feierlichkeit statt. Ehe die Gewalt zur Geltung kam, waren die Götter die Obrigkeit des menschlichen Geschlechts. Vor ihnen schlossen die einzelnen Persönlichkeiten ihre Verträge und Bündnisse und gaben ihre festen Zusagen. Die Oberfläche der Erde bildete das Buch, in welchem sie ihre Urkunden aufbewahrten. Felsen, Bäume, Steinhaufen, die durch solche Acte geheiligt und den rohen Menschen ehrwürdig gemacht waren, dienten als Blätter dieses vor Aller Augen beständig offen daliegenden Buches. Der Brunnen des Eides, der Brunnen des Lebendigen und Sehenden, die alte Eiche zu Mamre, der Steinhaufe des Zeugnisses, das waren die zwar rohen, aber hehren Denkmale der Heiligkeit der Verträge. Niemand hätte gewagt, sich mit ruchloser Hand an diesen Denkmalen zu vergreifen, und die Treue der Menschen war durch die Bürgschaft dieser stummen Zeugen gesicherter als heut zu Tage durch alle nichtige Strenge der Gesetze. Hinsichtlich der Staatsregierung flößte der majestätische Prunk königlicher Macht den Völkern Achtung ein. Zeichen der Würde, ein Thron, ein Scepter, ein Purpurgewand, eine Krone, eine Stirnbinde galten ihnen als geheiligte Dinge. Diese in Ehren gehaltenen Zeichen machten ihnen auch den Mann ehrwürdig, den sie damit geschmückt sahen. Ohne Soldaten, ohne Drohungen wurde ihm auf das Wort gehorcht. Gegenwärtig gefällt man sich darin, diese Zeichen abzuschaffen; Der römische Clerus hat dieselben klüglich beibehalten, und nach seinem Beispiele auch einige Republiken, unter anderen Venedig. Deshalb genießt die venetianische Regierung, trotz des Verfalls des Staates, unter dem Gepränge ihrer alten Majestät auch jetzt noch immer die ganze Liebe, die ganze Ehrerbietung des Volks, und nächst dem mit seiner Tiara geschmückten Papste gibt es vielleicht keinen König, keinen Monarchen, keinen Menschen in der Welt, dem man so viel Ehrerbietung erwiese, als dem Dogen von Venedig, welcher zwar keine Macht, kein Ansehen besitzt, dem aber sein Gepränge und der Schmuck einer Frauenfrisur unter seinem Herzogshute einen Schein der Heiligkeit verleiht. Die bekannte Feierlichkeit auf dem Bucentaur, die das Gelächter der Thoren erregt, würde doch die ganze Bevölkerung von Venedig dazu hinreißen, ihr Blut für die Aufrechterhaltung ihrer tyrannischen Regierung zu vergießen. was ist aber die Folge dieser Mißachtung? Daß die königliche Majestät in Aller Herzen mehr und mehr in Vergessenheit geräth, daß sich der den Königen schuldige Gehorsam nur noch durch Truppenmacht erzwingen läßt und daß die Ehrfurcht der Unterthanen nur in der Furcht vor der Strafe besteht. Die Könige sind zwar der Mühe überhoben, ihr Diadem zu tragen, und die Großen brauchen die Abzeichen ihrer Würde nicht mehr stets mit sich zu führen, aber sie müssen dafür beständig hunderttausend Arme zur Verfügung haben, um über die Ausführung ihrer Befehle zu wachen. Obgleich ihnen dies vielleicht angenehmer erscheint, so läßt sich doch leicht einsehen, daß auf die Länge dieser Tausch nicht zu ihrem Vortheile ausfallen kann. Die Erfolge, welche die Alten durch die Beredtsamkeit erzielt haben, sind geradezu wunderbar. Diese Beredtsamkeit bestand indeß nicht allein in schönen und wohlgesetzten Worten; vielmehr konnte sie nie auf eine größere Wirkung rechnen, als wenn der Redner am wenigsten sprach. Was den lebhaftesten Eindruck hervorbrachte, drückte man nicht durch Worte, sondern durch Zeichen aus; man sagte es nicht, man zeigte es. Der Gegenstand, den man den Blicken darbietet, ergreift die Einbildungskraft, erregt die Neugier, versetzt den Geist in Spannung auf das, was man sagen will, und oft liegt in seinem Anblicke schon Alles ausgedrückt. Lag in der Handlungsweise des Thrasybulus und Tarquinius, als sie Mohnköpfe abschlugen, des Alexander, als er seinem Lieblinge sein Siegel auf den Mund drückte, des Diogenes, als er vor dem Zeno hin und her ging, nicht mehr ausgesprochen, als wenn sie lange Reden gehalten hätten? Wie wäre man wol bei aller Weitschweifigkeit im Stande gewesen, dieselben Ideen mit Worten eben so gut auszudrücken? Als Darius mit seinem Heere in Scythien eingedrungen ist, empfängt er vom Könige des Landes einen Vogel, einen Frosch, eine Maus und fünf Pfeile. Der Gesandte übergibt sein Geschenk und kehrt, ohne ein einziges Wort zu sagen, zurück. Heutigen Tages würde dieser Mann freilich für einen Narren gegolten haben, allein damals wurde diese furchtbare Sprache verstanden, und Darius hatte nichts Eiligeres zu thun, als so schnell er nur konnte, wieder in sein Land zurückzukehren. Ersetzet diese Zeichen durch einen Brief; je drohender er wäre, desto weniger würde er Furcht einzujagen vermögen; er hätte wie Prahlerei geklungen, die Darius nur verlacht hätte. Wie viel Aufmerksamkeit wandten die Römer dieser Zeichensprache zu! Die nach Alter und Lebensstellung verschiedenartige Kleidung, die Toga, das Sagum, die Prätexta, die Bulla, das Laticlarium, die Sella curulis, die Lictoren, die Fasces, die Beile, die Kränze von Gold, Gräsern und Blättern, die Ovationen, die Triumphzüge: Alles war bei ihnen Pomp, Repräsentation, Ceremonie, und Alles machte auf die Herzen der Bürger Eindruck. Der Staat legte Gewicht darauf, ob sich das Volk lieber an diesem oder an jenem Orte versammelte, ob es seine Augen auf das Capitol richtete oder nicht, ob es sich dem Senate zuwandte oder von ihm abwandte, ob es für seine Berathungen diesem oder jenem Tage den Vorzug gab. Die Angeklagten wechselten ihre Kleidung, und dieselbe Sitte beobachteten diejenigen, welche sich um ein Amt bewarben; die Krieger rühmten sich nicht ihrer Heldenthaten, sondern zeigten ihre Wunden. Stelle ich mir vor, daß bei dem Tode Cäsars einer unserer Redner das Volk erregen wollte, wie verschwenderisch würde er mit allen Gemeinplätzen der Kunst um sich werfen, um eine recht rührende Schilderung von den Wunden, dem Blute und dem Leichname desselben zu entwerfen. Antonins sagt, so beredt er auch ist, von alledem kein Wort; er läßt den Leichnam herbeibringen. Was für eine Rhetorik! Diese Abschweifung führt mich indeß unvermerkt von meinem Gegenstande ab. Wenn nun auch viele Andere denselben Fehler begehen, so kehren doch meine Abschweifungen allzu häufig wieder, als daß man sie bei ihrer Länge erträglich finden könnte. Ich komme also wieder zur Sache. Laßt euch der Jugend gegenüber nie auf trockene Erörterungen ein. Wollt ihr die Vernunft derselben faßbar machen, so umkleidet sie auch mit einem faßbaren Körper. Laßt die Sprache des Geistes ihren Weg durch das Herz nehmen, damit sie verständlich werde. Noch einmal sei es gesagt: frostige Vernunftschlüsse sind wol im Stande unsere Ansichten, nicht aber unsere Handlungen zu bestimmen; sie sind die Quelle des Glaubens, aber nicht des Handelns. Man beweist, was man denken, aber nicht, was man thun muß. Wenn diese Wahrheit schon in Bezug auf alle Menschen gilt, mit wie viel mehr Grund gilt sie dann in Bezug auf junge Leute, die sich von den Banden der Sinnenwelt noch nicht frei gemacht haben und nur das zu denken vermögen, was sie sich sinnlich vorstellen können. Selbst nach den Vorbereitungen, von denen ich bereits gesprochen habe, werde ich mich deshalb wol hüten, Emil plötzlich auf seinem Zimmer aufzusuchen und ihm über den Gegenstand, über welchen ich ihn belehren will, ungeschickterweise eine lange Rede zu halten. Ich werde zunächst seine Einbildungskraft anzuregen suchen und Ort, Zeit und Umstände so wählen, wie ich sie für den Eindruck, den ich hervorzurufen beabsichtige, am günstigsten halte. Ich werde gleichsam die ganze Natur zur Zeugin unserer Unterredung herbeirufen, werde das ewige Wesen, dessen Werk sie ist, zum Zeugen der Wahrheit meiner Rede anrufen und es als Richter zwischen Emil und mir aufstellen; werde auf den Platz, an dem wir weilen, auf die Felsen, Haine und Berge, die uns umgeben, als auf Denkmale seiner und meiner Versprechungen hinweisen; werde in meine Blicke, in meinen Ton, in meine Geberden die Begeisterung und das Feuer hineinlegen, mit welchen ich ihn zu erfüllen wünsche. Dann erst werde ich zu ihm sprechen, und er wird auf mich hören; Rührung wird sich meiner bemächtigen, und auch er wird sich bewegt fühlen. Dadurch, daß ich selbst von der Heiligkeit meiner Pflichten durchdrungen bin, werde ich ihm die seinigen um so achtbarer erscheinen lassen. Die Stärke der Beweisgründe werde ich durch Bilder und bildliche Ausdrücke beleben; ich werde mich nicht lang und weitschweifig in kalten Grundsätzen ergehen, sondern mein übervolles Herz wird von Gefühlen überströmen. Meine Vernunft wird mir ernste und sentenzenreiche Worte in den Mund legen, aber mein Herz wird nie genug gesagt haben. Wenn ich vor seiner Seele dann Alles vorüberziehen lasse, was ich für ihn gethan habe, werde ich es ihm so schildern, als ob ich es um meinetwillen gethan hätte. Er wird dann den Grund aller meiner Sorgfalt in meiner zärtlichen Zuneigung erblicken. Wie überrascht, wie bewegt wird er sich fühlen, wenn ich in dieser Weise plötzlich die Sprache ändere! Anstatt ihm die Seele niederzudrücken, indem ich beständig nur von seinem Interesse rede, werde ich von nun an nur von meinem eigenen reden und seine Rührung dadurch nur noch erhöhen. In seinem jungen Herzen werde ich alle jene Gefühle der Freundschaft, des Edelmuths und der Dankbarkeit, die ich schon vorher wachgerufen habe, und deren Pflege so süß ist, mehr und mehr anfachen. Unter Thränen der Rührung werde ich ihn in meine Arme schließen und zu ihm sagen: »Du bist mein Reichthum, mein Kind, bist mein Werk; von deinem Glücke erwarte ich das meine; wenn du meine Hoffnungen täuschest, raubst du mir zwanzig Jahre meines Lebens und machst mich noch in meinen alten Tagen unglücklich.« So muß man es anfangen, um sich bei einem jungen Manne Gehör zu verschaffen und ihm die Erinnerung an das, was man ihm sagt, tief in das Herz zu graben. Bisher habe ich mich bemüht, an Beispielen nachzuweisen, wie ein Erzieher bei der Unterweisung seines Zöglings in schwierigen Fällen verfahren muß. Auch in Bezug auf den letztangeregten Fall habe ich versucht, ein solches Beispiel zu geben. Aber nach diesen vielfachen Versuchen stehe ich endlich davon ab, da ich mich nicht gegen die Ueberzeugung verschließen kann, daß die französische Sprache viel zu gekünstelt ist, um je in einem Buche die Naivetät der ersten Unterweisungen hinsichtlich gewisser Punkte ertragen zu können. Die französische Sprache soll, wie behauptet wird, die keuscheste aller Sprachen sein; ich für meinen Theil halte sie indeß für die allerunzüchtigste, denn die Keuschheit einer Sprache besteht meinem Bedünken nach nicht sowol in dem Vermögen, unanständige Wendungen vermeiden zu können, als vielmehr in dem völligen Mangel an denselben. In der That muß man ja, um sie vermeiden zu können, an sie denken, und es gibt keine Sprache, in welcher es schwieriger wäre, rein zu sprechen, welchen Sinn man auch mit diesem Worte verbinden möge, als die französische. Da der Leser stets eine größere Geschicklichkeit besitzt, einen unkeuschen Sinn herauszufinden, als der Schriftsteller, ihn von seinen Werken fern zu halten, so nimmt derselbe an Allem Anstoß und Aergerniß. Wie sollte das, was durch unreine Ohren hindurchgeht, von ihrer Unreinigkeit nicht etwas annehmen? Ein Volk von guten Sitten hat dagegen für alle Dinge einen bezeichnenden Namen, und diese Bezeichnungen sind stets anständig, weil sie nie anders als in anständiger Weise angewendet werden. Es ist unmöglich, sich eine züchtigere Sprache als die der Bibel zu denken, eben deswegen, weil in derselben Alles mit völliger Unbefangenheit herausgesagt wird. Um die nämlichen Dinge unzüchtig erscheinen zu lassen, ist es ausreichend, sie in das Französische zu übersetzen. Was ich meinem Emil zu sagen habe, wird für sein Ohr nur keusch und ehrbar sein; damit es aber diesen Charakter beim Lesen nicht verliert, muß man ein eben so reines Herz haben wie er. Ich bin sogar der Ansicht, daß solchen Betrachtungen über die wahre Reinheit der Rede und über die falsche Zartheit des Lasters eine nützliche Stelle in den moralischen Unterhaltungen, auf welche dieses Thema uns führt, eingeräumt werden könnte; denn indem mein Zögling die Sprache der Ehrbarkeit lernt, muß er auch die des äußeren Anstands lernen, und er muß notwendigerweise erfahren, weshalb diese beiden Sprachen in so hohem Grade von einander abweichen. Wie dem nun aber auch immer sein mag, so stelle ich doch die Behauptung auf: wenn man, anstatt der Jugend vor der Zeit immer und immer wieder leere Vorschriften zu predigen, über welche sich dieselbe in dem Alter, in welchem sie angebracht wären, doch nur lustig macht, den Augenblick, wo man sich verständlich machen kann, ruhig abwartet und vorbereitet; wenn man ihr alsdann die Gesetze der Natur in ihrer ganzen Wahrheit darlegt; wenn man ihr dadurch, daß man sie auf die physischen und moralischen Uebel aufmerksam macht, welche die Uebertretung dieser Gesetze nach sich zieht, die Richtigkeit derselben nachweist; wenn man, sobald man mit ihr von dem unbegreiflichen Geheimnisse der Zeugung spricht, mit der Idee des Reizes, den der Schöpfer der Natur an diesen Act geknüpft hat, noch die Idee einer ausschließlichen Zuneigung, die ihn gerade erst so entzückend macht, so wie die von den Pflichten der Treue und Schamhaftigkeit verbindet, welche ihn umhüllen und seinen Zauber durch die Befriedigung seines Gegenstandes verdoppeln; wenn man ihr die Ehe nicht nur als die süßeste aller Vereinigungen, sondern auch als den unverletzlichsten und heiligsten aller Verträge darstellt, und ihr mit größtem Nachdruck alle Gründe auseinandersetzt, aus welchen ein so heiliges Band allen Menschen ehrwürdig ist, und weshalb derjenige, welcher die Reinheit desselben zu beflecken wagt, vor aller Welt mit Haß und Fluch bedeckt dasteht; wenn man vor ihr ein treffendes und treues Gemälde von den Gräueln der Ausschweifung, von der stumpfsinnigen Verthierung, von der unmerklichen Steigerung des Triebes entrollt, in Folge dessen der erste Fehltritt zu immer neuen Ausschweifungen fortreißt und denjenigen, der sich ihnen hingibt, rettungslos ins Verderben stürzt; wenn man ihr, sage ich, den Nachweis liefert, daß sich nur mit einem keuschen Sinne Gesundheit, Kraft und Tugend paaren, ja daß sogar von ihm die Liebe und alle wahre Güter des Menschen abhängen: dann, behaupte ich, wird man ihr die Keuschheit wünschenswerth und theuer erscheinen lassen und ihren Geist für die Mittel, die man ihr zur Bewahrung derselben empfiehlt, empfänglich finden. Denn so lange man sie bewahrt, hält man sie auch in Ehren; man verachtet sie erst, nachdem man sie verloren hat. Es ist durchaus nicht wahr, daß die Neigung zum Bösen unbezähmbar sei und daß man sie nicht zu überwinden vermöge, bevor es zur Gewohnheit geworden sei, ihr zu unterliegen. Aurelius Victor berichtet, daß mehrere Männer, von glühender Liebe zur Kleopatra erfüllt, gern eine mit derselben zugebrachte Nacht mit ihrem Leben erkauft hätten, Aur. Vict., de vir. ill. cap. 86. und im Rausche der Leidenschaft ist dies Opfer allerdings nicht unmöglich. Wir wollen aber einmal annehmen, ein Mann, der von leidenschaftlicher Liebe ergriffen wäre und seine Sinnlichkeit nicht mehr zu beherrschen vermöchte, sähe die Vorbereitungen zu seiner Hinrichtung und wäre sicher, eine Viertelstunde später sein Leben unter qualvollen Martern zu enden: so würde dieser Mensch nicht allein seine Versuchungen sofort besiegen, sondern es würde ihm sogar nur wenig Mühe kosten, ihnen zu widerstehen. Das entsetzliche Bild, das in ihrer Begleitung erschiene, würde ihn bald von denselben ablenken, und beständig zurückgewiesen, würden sie endlich gar nicht mehr in ihm auftauchen. Nur aus der Schlaffheit unseres Willens entsteht alle unsere Schwäche; um das zu thun, was man mit aller Kraft will, besitzt man stets die Kraft. Volenti nihil difficile! (Dem, der da will, ist nichts schwer.) Ach, wenn wir das Laster eben so verabscheuten, wie wir das Leben lieben, so würden wir auch vor einem lockenden Verbrechen eben so zurückschaudern wie vor einem tödtlichen Gifte in einem leckeren Gerichte. Wie vermag man sich nur gegen die Einsicht zu verschließen, daß, wenn alle Belehrungen, die man einem Jünglinge über diesen Punkt ertheilt, dennoch erfolglos bleiben, die Ursache darin zu suchen ist, daß sie ihm auf seiner Altersstufe unverständlich sind, und daß es für jedes Lebensalter von Wichtigkeit ist, auch das an sich Vernünftige stets in solche Formen einzukleiden, die im Stande sind, für den Gegenstand Interesse zu erwecken? Redet mit Ernst zu ihm, wenn es sich nöthig macht; aber das, was ihr ihm sagt, muß jedesmal so fesselnd sein, daß er sich angetrieben fühlt, euch Gehör zu schenken. Bekämpfet seine Begierden nicht durch lieblose Schroffheit; erstickt seine Phantasie nicht, sondern leitet dieselbe vielmehr, aus Besorgniß, daß sie durch ihre traurigen Ausgeburten seine Sinnlichkeit noch mehr erhitzen könnte. Redet mit ihm von Liebe, von Frauen und Lustbarkeiten; tragt Sorge, daß er in euren Unterhaltungen einen Reiz findet, der sein junges Herz angenehm berührt. Unterlaßt nichts, was euch zu seinem Vertrauten machen kann; nur in dieser Stellung werdet ihr in Wahrheit Gewalt über ihn besitzen. Dann braucht ihr keine Furcht mehr zu hegen, daß ihm eure Unterhaltungen Langeweile bereiten werden. Er wird euch mehr Veranlassung zum Sprechen geben, als euch vielleicht angenehm ist. Ich zweifle keinen Augenblick, daß Emil, wenn ich es verstanden habe, unter Befolgung dieser Grundsätze alle nöthige Vorsichtsmaßregeln zu treffen und ihm gegenüber eine Sprache zu führen, die die Umstände so wie sein Fortschreiten im Alter mit Recht erfordern, von selbst dahin gelangen wird, wohin ich ihn bringen möchte, daß er sich nämlich gern unter meine Obhut stellt, und, betroffen von den Gefahren, von welchen er sich umringt sieht, mit der ganzen Wärme seines Alters zu mir sagt: »O mein Freund, mein Beschützer, mein Lehrer, behalten Sie nach wie vor die Autorität, auf welche Sie gerade in dem Zeitpunkte verzichten wollen, wo es mein eigener Vortheil am meisten erheischt, daß dieselbe in Ihren Händen bleibe. Bisher besaßen Sie dieselbe nur in Folge meiner Schwäche, von nun an sollen Sie sie mit meinem eigenen Willen ausüben, und sie wird mir deshalb nur um so heiliger sein. Vertheidigen Sie mich gegen alle Feinde, die mich umlagern, hauptsächlich aber gegen diejenigen, die ich in mir trage und die mich verrathen. Wachen Sie über Ihr Werk, damit es Ihrer würdig bleibe. Ich will Ihren Gesetzen gehorchen, ich will es immer; es ist mein unerschütterlicher Wille. Sollte ich Ihnen je ungehorsam sein, so würde es unabsichtlich geschehen. Machen Sie mich frei, indem Sie mich gegen meine Leidenschaften schützen, deren ich mich nicht selbst erwehren kann. Halten Sie mich davon zurück, ihr Sklave zu werden, zwingen Sie mich, meiner selbst in so weit Herr zu sein, daß ich nicht meinen Sinnen, sondern meiner Vernunft gehorche.« Habt ihr nun aber euren Zögling bis zu diesem Punkte gebracht (und die Schuld wird lediglich an euch liegen, wenn er nicht dahin gelangt), dann hütet euch ja, ihn allzu schnell beim Worte zu nehmen, denn ihr liefet sonst Gefahr, daß er sich, sobald ihm je eure Herrschaft doch gar zu streng erschiene, für berechtigt hielte, sich ihr zu entziehen, indem er euch beschuldigte, ihr hättet sein Versprechen erschlichen. In einem solchen Augenblicke ist Zurückhaltung und Würde am Platze, und dieser Ton wird ihm um so mehr Ehrerbietung abnöthigen, als es das erste Mal sein wird, daß er ihn euch annehmen sieht. Ihr müßt deshalb zu ihm sagen: »Junger Mann, du übernimmst mit großer Leichtfertigkeit schwere Verbindlichkeiten; ehe du das Recht hattest, sie freiwillig zu übernehmen, hättest du sie genau kennen lernen sollen. Du weißt nicht, mit welchem leidenschaftlichen Eifer die Sinne junge Leute deines Alters unter den Lockungen des Vergnügens in den Abgrund des Lasters reißen. Du hast, wie ich wol weiß, kein verworfenes Gemüth. Dein einmal gegebenes Wort wirst du nie brechen, aber wie oft wirst du vielleicht bedauern, es gegeben zu haben! Wie oft wirst du den verwünschen, der dich lieb hat, wenn er, um dich den Nebeln, die dich bedrohen, zu entreißen, sich gezwungen sehen wird, deinem Herzen wehe zu thun! Wie Ulysses, beim Gesange der Sirenen von glühender Leidenschaft ergriffen, seine Begleiter aufforderte, seine Fesseln zu lösen, so wirst auch du, durch den Reiz des Vergnügens verführt, die Bande zerreißen wollen, die dich beengen, wirst mich mit deinen Klagen verfolgen, wirst mir gerade dann Tyrannei vorwerfen, wenn ich am zärtlichsten mit dir beschäftigt sein werde. Während ich nur darauf sinne, dich glücklich zu machen, werde ich mir deinen Haß zuziehen. O mein Emil, ich werde den Schmerz, mich von dir gehaßt zu wissen, niemals ertragen; um diesen Preis ist mir selbst dein Glück zu theuer. Guter Jüngling, begreifst du nicht, daß du durch die übernommene Verpflichtung, mir Gehorsam zu leisten, auch mich gleichzeitig verpflichtest, dich zu führen, mich zu vergessen, um mich ganz dir widmen zu können, weder auf dein Klagen noch auf dein Murren zu hören und unaufhörlich gegen deine und meine Wünsche anzukämpfen? Du legst mir ein Joch auf, das härter als das deinige ist. Bevor wir uns Beide diese Last aufbürden, laß uns erst unsere Kräfte prüfen. Nimm dir Bedenkzeit und laß sie auch mir und wisse, daß, wer sich am längsten besinnt, ein Versprechen abzulegen, es auch stets am treuesten halten wird.« Laßt es euch aber auch selbst gesagt sein: je bedenklicher ihr bei der Uebernahme einer Verpflichtung zu Werke geht, desto mehr erleichtert ihr deren Ausführung. Es ist von großer Bedeutung, daß der junge Mensch es selbst fühlt, wie viel er verspricht, und daß ihr trotzdem noch mehr versprecht. Ist aber der Augenblick einmal gekommen und hat er den Contract gleichsam unterzeichnet, dann führet eine andere Sprache und laßt durch eure Herrschaft so viel Milde hindurchleuchten, als ihr vorher Strenge angekündigt habt. Saget zu ihm: »Mein junger Freund, es mangelt dir zwar an Erfahrung, indeß habe ich dafür Sorge getragen, daß es dir nicht an Vernunft mangelt. Du bist im Stande überall klar einzusehen, welche Beweggründe mich bei meinem Verfahren geleitet haben. Hierzu ist nur nöthig, daß du wartest, bis du bei kaltem Blute bist. Zuerst gehorche mir jederzeit, ehe du von mir Auskunft über meine Anordnungen verlangst. Ich werde immer bereit sein, dir jeden Aufschluß zu geben, sobald du im Stande sein wirst, mich ruhig anzuhören, und ich werde nie Bedenken tragen, dich zum Richter zwischen dir und mir zu machen. Du versprichst, mir gehorsam zu sein, und ich meinerseits verspreche dir, diesen Gehorsam nur dazu zu benutzen, daß ich dein wahres Glück begründe. Als Bürgschaft meines Versprechens kann dir das glückliche Loos dienen, das dir bis jetzt zu Theil geworden ist. Findest du einen Altersgenossen, dessen Leben eben so glücklich verflossen ist wie das deinige, dann höre ich auf, dir etwas zu versprechen.« Nachdem ich meine Autorität auf solche Weise fest begründet habe, wird es meine Hauptsorge sein, der Nothwendigkeit, sie in Anwendung zu bringen, vorzubeugen. Ich werde nichts unversucht lassen, um mich mehr und mehr in seinem Vertrauen zu befestigen, mich zum Vertrauten seines Herzens und zum Herrn seiner Vergnügungen zu machen. Weit davon entfernt, die Neigungen seines Alters zu bekämpfen, werde ich mir vielmehr aus ihnen selber die Mittel zu verschaffen suchen, die sie meiner Herrschaft unterwerfen können. Ich werde auf seine Ansichten eingehen, damit ich sie zu lenken im Stande bin und werde für ihn keineswegs auf Kosten seines gegenwärtigen Glückes einem entfernten nachjagen. Es ist nicht meine Absicht, daß er dereinst, sondern daß er wo möglich immer glücklich sei. Diejenigen, welche die Jugend durch verständige Leitung vor den Schlingen der Sinnlichkeit zu bewahren wünschen, pflegen sie mit Abscheu vor der Liebe zu erfüllen und möchten es ihr gern als ein Verbrechen anrechnen, in ihrem Alter auch nur einen Gedanken daran zu hegen, als ob die Liebe nur für Greise bestimmt wäre. Allen diesen auf Täuschung ausgehenden Lehren, deren Unwahrheit das Herz doch nachweist, wohnt keine überzeugende Kraft bei. Der junge Mann, welcher von einem sichreren Instinct geleitet wird, lacht im Geheimen über diese langweiligen Grundsätze, stellt sich auch, als ob er ihre Richtigkeit einsähe, wartet aber in der That nur auf den Augenblick, wo er den Beweis ihrer Nutzlosigkeit liefern kann. Alles dies ist wider die Natur. Auf dem entgegengesetzten Wege werde ich dasselbe Ziel mit größerer Sicherheit erreichen. Ich werde kein Bedenken tragen, das süße Gefühl in ihm, auf das all sein Sehnen gerichtet ist, zu nähren; ich werde es ihm als das höchste Glück des Lebens ausmalen, weil es dies ja wirklich ist, und es ist mein Wunsch, daß er sich demselben bei meiner Schilderung hingebe. Indem ich ihm zum Bewußtsein bringe, mit welchem Reize die Vereinigung der Herzen den Sinnengenuß erhöht, flöße ich ihm Ekel vor der Ausschweifung ein und mache ihn weise, während ich sein Herz mit Liebe erfülle. Es gehört ein hoher Grad von Beschränktheit dazu, die erwachenden Begierden eines jungen Mannes lediglich als ein den Lehren der Vernunft sich entgegenstellendes Hinderniß aufzufassen. Ich meinerseits erblicke in ihnen gerade das wahre Mittel, ihn für die Lehren derselben recht empfänglich zu machen. Nur durch Leidenschaften läßt sich auf Leidenschaften wirken; durch ihre eigene Macht muß man ihre Tyrannei bekämpfen, und stets muß man der Natur selbst die Mittel entlehnen, welche sich zu ihrer Regelung eignen. Emil ist nicht bestimmt, beständig ein einsames Leben zu führen. Als Glied der Gesellschaft hat er Pflichten gegen dieselbe zu erfüllen. Bestimmt mit Menschen zu leben, muß er sie auch kennen. Den Menschen im Allgemeinen kennt er zwar schon, nun bleibt ihm aber noch übrig, die Menschen im Einzelnen kennen zu lernen. Er weiß, was man in der Welt thut; nun muß er auch noch sehen, wie man in ihr lebt. Es ist nun an der Zeit, ihm auch die Außenseite der großen Schaubühne zu zeigen, deren Spiel er schon kennt, wenngleich es ihm bisher verhüllt war. Er wird ihr nicht mehr das thörichte Anstaunen eines jungen Laffen zuwenden, sondern mit der Urteilskraft eines gesunden und scharfen Verstandes vor sie treten. Seine Leidenschaften werden ihn auf Abwege führen können, das ist ja keinem Zweifel unterworfen; wann täuschten sie denn diejenigen nicht, welche sich ihnen überlassen? Aber er wird sich wenigstens nicht durch die Leidenschaften Anderer betrügen lassen. Wenn er sie bemerkt, wird er sie mit dem Auge eines Weisen betrachten, ohne durch ihr Beispiel hingerissen oder durch ihre Vorurtheile verführt zu werden. Wie es ein Alter gibt, welches sich besonders zum Studium der Wissenschaften eignet, so gibt es wiederum eins, welches am meisten zur Erwerbung der Weltkenntniß geeignet ist. Wer sich dieselbe zu früh aneignet, läßt sich von ihr sein ganzes Leben hindurch leiten, ohne Wahl, ohne Ueberlegung und ohne bei all seinem Eigendünkel recht zu wissen, was er thut. Wer sie aber erwirbt, während er sich gleichzeitig über ihre Gründe Rechenschaft abzulegen vermag, folgt ihr mit mehr Einsicht und folglich auch mit mehr Sicherheit und tactvollerem Auftreten. Gebt mir ein Kind von zwölf Jahren, welches noch völlig unwissend ist, und ich will es euch im fünfzehnten mit eben so reichem Wissen ausgestattet zurückgeben, als dasjenige ist, welches ihr von seiner frühsten Jugend an unterrichtet habt, und noch dazu mit dem Unterschiede, daß sich das meinige sein Wissen mit dem Verstande angeeignet hat, während es bei dem eurigen nichts als Gedächtnißwerk ist. Eben so wird es sich verhalten, wenn man einen jungen Mann in seinem zwanzigsten Jahre in die Welt einführt; unter richtiger Leitung wird er in einem Jahre liebenswürdiger sein und einen vernünftigeren Anstand besitzen als derjenige, den man von Kindheit an in derselben erzogen hat; denn da der Erstere fähig ist, die Gründe zu dem in Rücksicht auf Alter, Stand und Geschlecht abgemessenen feinen Benehmen, das eben die Weltkenntniß ausmacht, einzusehen, so vermag er es auch auf feste Principien zurückzuführen und auf nicht vorhergesehene Fälle anzuwenden, während der Andere, der sich nur auf seine Routine verlassen kann, in Verlegenheit geräth, sobald ihm etwas davon Abweichendes entgegentritt. Die jungen Mädchen werden in Frankreich ausnahmslos bis zu ihrer Verheirathung in Klöstern erzogen. Nimmt man aber wol wahr, daß es ihnen viele Mühe kostete, sich dann noch jenes feine gesellschaftliche Benehmen anzueignen, welches ihnen doch so neu ist? Kann man wol den Pariser Frauen ein linkisches und unbeholfenes Betragen zum Vorwurf machen und sie beschuldigen, daß ihnen die Umgangssitten fremd wären, weil sie sich nicht von Kindheit an in der großen Welt bewegt haben? Dieses Vorurtheil geht von den Weltmenschen selbst aus, welche, da sie nichts Wichtigeres als diese nichtige Wissenschaft kennen, sich fälschlich einbilden, man könne nicht früh genug mit der Erwerbung derselben anfangen. Wahr ist indeß, daß man nicht allzu lange damit warten darf. Wer seine ganze Jugend fern von der großen Welt verlebt hat, behält zeitlebens ein verlegenes und gezwungenes Wesen, ergreift stets zur Unzeit das Wort und gewöhnt sich schwerfällige und unbeholfene Manieren an, die er nie abzulegen vermag und welche gerade durch das Bestreben, sich von ihnen loszumachen, nur neue Veranlassung zum Lachen geben. Jede Art von Belehrung hat ihre besonders geeignete Zeit, die man kennen, und ihre Gefahren, die man vermeiden muß. Letztere zeigen sich nun am zahlreichsten gerade bei der Belehrung, die wir jetzt unserem Zöglinge ertheilen müssen, doch setze ich den meinigen denselben nicht aus, ohne zu seinem Schutze die nöthigen Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen. Wenn sich meine Methode auch nur an einem einzigen Gegenstande in jeder Beziehung bewährt, wenn sie einem Uebelstande vorbeugt, indem sie einen andern abwendet, dann ist sie nach meinem Urtheile gut und ich habe das Richtige getroffen. Das scheint mir das Auskunftsmittel zu beweisen, welches sie mir in diesem Falle an die Hand gibt. Wenn ich meinem Schüler gegenüber streng und kalt auftreten will, so werde ich sein Vertrauen verlieren und bald wird er sich vor mir verbergen. Will ich dagegen gefällig und nachsichtig sein oder gar die Augen zudrücken, welchen Nutzen hat er dann davon, daß er sich unter meiner Obhut befindet? Alsdann billige ich förmlich seine Ausschweifung und erleichtere nur sein Gewissen auf Kosten des meinigen. Führe ich ihn in die Welt lediglich in der Absicht ein, ihn zu unterrichten, so wird er sich mehr unterrichten, als mir wünschenswerth ist. Halte ich ihn aber von derselben bis zum letzten Augenblicke fern, was wird er dann von mir gelernt haben? Alles vielleicht, nur nicht die Kunst, die der Mensch und Bürger am nöthigsten gebraucht, die Kunst, mit seinen Nebenmenschen leben zu können. Verfolge ich einen zu fernen Nutzen, so wird er demselben nicht den geringsten Werth beimessen, nur das Gegenwärtige hat für ihn Werth. Fühle ich mich damit zufrieden gestellt, daß ich ihm Zerstreuungen verschaffe, welchen Gewinn hat er dann davon? Statt sich zu unterrichten, verweichlicht er sich. Nichts von alledem. Mein Auskunftsmittel beseitigt alle diese Uebelstände. »Dein Herz,« sage ich zu dem Jünglinge, »bedarf einer Gefährtin; laß uns eine suchen, die für dich paßt. Vielleicht ist sie nicht so leicht aufzufinden, denn das wahre Verdienst ist stets selten. Indeß wollen wir uns weder übereilen noch uns abschrecken lassen. Unzweifelhaft gibt es eine, und wir werden sie, oder wenigstens doch eine andere, welche ihr so weit als möglich nahe kommt, schließlich schon noch finden.« Mit dieser für ihn so schmeichelhaften Absicht führe ich ihn in die Welt ein. Was brauche ich wol noch weiter darüber zu sagen? Seht ihr nicht ein, daß ich damit Alles gethan habe? Ihr könnt euch selbst vorstellen, ob es mir gelingen wird, mir bei Schilderung seiner Geliebten Gehör zu verschaffen, ob ich ihm die Eigenschaften, die er lieben soll, werde lieb und angenehm machen können, und ob ich im Stande sein werde, alle seine Gefühle dem zuzuwenden, was er suchen oder fliehen soll. Ich müßte der Ungeschickteste der Menschen sein, wenn ich ihm nicht schon im Voraus eine Neigung einzuflößen verstände, ohne daß er wüßte, zu wem. Es verschlägt nichts, daß der Gegenstand, den ich ihm schildere, nur in meiner Phantasie existirt; es genügt, daß er ihn mit Widerwillen gegen die erfüllt, welche ihm sonst verführerisch erscheinen könnten, und daß sich ihm überall Vergleichungspunkte darbieten, die seinem Ideale vor den wirklichen Gegenständen, die auf ihn Eindruck machen, den Vorzug sichern. Und was ist die wahre Liebe denn überhaupt anders als Trugbild, Lüge und Täuschung? Man liebt ungleich mehr das Bild, das man sich selbst ausmalt, als den Gegenstand, auf welchen man es überträgt. Sähe man den geliebten Gegenstand genau so, wie er wirklich ist, so würde es keine Liebe mehr auf Erden geben. Wenn man zu lieben aufhört, so bleibt die Person, welche man liebte, dieselbe, die sie zuvor war, aber man blickt sie nicht mehr mit denselben Augen an. Der blendende Schleier fällt und die Liebe schwindet. Dadurch aber, daß ich ein Bild meiner eigenen Phantasie entwerfe, bin ich der Vergleichungspunkte Herr und verhindere leicht die Illusion, mit der uns wirkliche Gegenstände oft erfüllen. Gleichwol wünsche ich nicht, daß man einen jungen Mann täusche und ihm ein Muster von Vollkommenheit entwerfe, das gar nicht existiren kann; indeß werde ich die Mängel seiner Geliebten so auswählen, daß sie ihm gefallen, nicht unangenehm sind und dazu dienen, die seinigen zu verbessern. Eben so wenig wünsche ich, daß man ihn durch die fälschliche Versicherung belüge, der geschilderte Gegenstand sei in Wirklichkeit vorhanden. Findet er an dem Bilde jedoch Gefallen, so wird er sich bald nach einem ihm gleichenden Originale sehnen. Vom Wunsche zur Voraussetzung findet ein leichter Uebergang statt; es sind dazu nur einige geschickte Beschreibungen nöthig, welche durch etliche mehr in die Augen fallende Züge diesem Wesen der Phantasie den Charakter größerer Wahrheit verleihen. Ich würde selbst so weit gehen, demselben einen Namen beizulegen. Lächelnd würde ich zu ihm sagen: »Wir wollen deine künftige Geliebte Sophie nennen. Sophie ist ein Name von guter Vorbedeutung. Sollte diejenige, auf welche einst deine Wahl fallen wird, ihn auch nicht führen, so wird sie seiner doch wenigstens würdig sein; wir können ihr diese Ehre deshalb schon im Voraus erweisen.« Nach all diesen Einzelheiten werden sich seine Vermuthungen, wenn man sich anders seinem Forschen, ohne ja oder nein zu sagen, geschickt zu entziehen weiß, in Gewißheit verwandeln; er wird wähnen, man mache ihm aus der Gattin, die man für ihn bestimmt hat, nur ein Geheimniß, und er werde sie schon sehen, sobald es an der Zeit sein werde. Ist es mit ihm erst so weit gekommen, und hat man die Züge, die man ihm vor Augen führen muß, gut gewählt, so ist alles Uebrige leicht; man kann ihn fast ohne Gefahr in die Welt einführen; ihr braucht ihn nur vor seiner Sinnlichkeit zu schützen, sein Herz ist in Sicherheit. Möge er sich nun das Musterbild, das ich ihm liebenswürdig zu machen verstanden habe, unter dem Bilde einer bestimmten Person vorstellen oder nicht, so wird es ihn doch, ist es nur gut gezeichnet, nicht weniger zu Allem hinziehen, was ihm ähnlich ist, und ihn nicht weniger mit Widerwillen gegen alles das erfüllen, was ihm unähnlich ist, als wenn es das Bild einer geliebten Person darstellte. In welche vortheilhafte Lage bin ich dadurch versetzt, sein Herz vor den Gefahren zu schützen, denen seine Person nothwendig ausgesetzt ist, seine Sinnlichkeit durch seine Phantasie im Zaume zu halten, und vor allen Dingen ihn den Händen jener Frauen zu entreißen, die es sich angelegen sein lassen, junge Männer zu erziehen, sich ihre Mühe aber gar theuer bezahlen lassen und die Ausbildung ihres Zöglings im äußern Austande nur dadurch zu Wege bringen, daß sie ihm gleichzeitig alle Ehrbarkeit rauben! Sophie ist so sittsam! Mit welchen Blicken wird er deshalb das herausfordernde Wesen jener betrachten? Sophie zeichnet sich durch so große Einfachheit aus! Wie könnte ihm das Betragen jener gefallen? Zwischen seinem Ideale und seinen Beobachtungen zeigt sich ein zu großer Abstand, als daß ihm jene Frauen je gefährlich werden könnten. Alle diejenigen, welche über Kindererziehung sprechen, lassen sich von den nämlichen Vorurteilen und den nämlichen Grundsätzen leiten, weil sie eine schlechte Beobachtungsgabe und ein noch schlechteres Reflexionsvermögen besitzen. Die Verirrungen der Jugend haben weder in dem Temperamente noch in der Sinnlichkeit, sondern in den vorgefaßten Meinungen ihre Wurzel. Handelte es sich hier um Knaben, welche in Instituten, und um Mädchen, die in Klöstern ihre Erziehung erhalten, so würde ich den Nachweis führen, daß dies selbst im Hinblick auf diese vollkommen wahr ist; denn die ersten Unterweisungen, welche sie beiderseits erhalten, und die einzigen, welche auf fruchtbaren Boden fallen, sind die Unterweisungen im Laster; nicht die Natur, sondern das Beispiel verdirbt sie. Ueberlassen wir jedoch die Kostschüler der Institute und Klöster ihren schlechten Sitten. Für sie werden sich nie Heilmittel auffinden lassen. Ich rede hier nur von der häuslichen Erziehung. Nehmt einen im väterlichen Hause verständig erzogenen jungen Mann aus der Provinz und unterwerft ihn in dem Augenblicke, wo er in Paris ankommt oder in die Welt tritt, einer Prüfung. Ihr werdet euch davon überzeugen, daß er über alles Ehrbare richtige Gedanken hat, und daß sein Wille eben so gesund ist als seine Vernunft. Ihr werdet finden, daß er von Verachtung des Lasters und von Abscheu vor Ausschweifungen erfüllt ist. Schon bei dem bloßen Namen einer Prostituirten werdet ihr in seinen Augen das Aergerniß aufleuchten sehen, welches die Unschuld nimmt. Ich behaupte, daß es auch nicht einen gibt, der sich entschließen könnte, allein die traurigen Wohnungen dieser Unglücklichen zu betreten, selbst wenn er ihren Zweck kennen und das Bedürfnis darnach fühlen sollte. Sechs Monate später betrachtet nun aber denselben jungen Mann wieder; ihr werdet ihn nicht wiedererkennen. Nach seinen freien Worten, seinen Grundsätzen des weltmännischen Tons, seinem lockeren, Wandel würdet ihr ihn für einen ganz anderen Menschen halten, wenn nicht seine Witzeleien über seine frühere Einfalt und seine Scham, wenn man ihn an dieselbe erinnert, bewiesen, daß er derselbe ist, und daß er über sie erreichet. O, wie hat er sich in so kurzer Zeit entwickelt! Woher kommt ein so großer und plötzlicher Umschlag? Etwa von der naturgemäßen Entwicklung seines Temperaments? Würde sich sein Temperament im väterlichen Hause nicht ebenfalls entwickelt haben? Und gleichwol hätte er in demselben diesen Ton und diese Grundsätze sicherlich nicht angenommen. Oder von den ersten sinnlichen Genüssen? Im Gegentheil. Wenn man sich denselben zu überlassen beginnt, ist man furchtsam, unruhig, flieht das helle Tageslicht, scheut jedes Geräusch. Die ersten Sinnengenüsse hüllen sich immer in Geheimniß; die Scham würzt und verbirgt sie. Die erste Geliebte macht uns nicht frech, sondern schüchtern. In einen ihm so neuen Zustand ganz versunken, geht der junge Mann völlig in dem Bestreben auf, ihn zu genießen, und lebt in beständiger Angst, ihn zu verlieren. Wenn er es an die große Glocke hängt, ist er weder wollüstig noch zärtlich; so lange er damit prahlt, hat er noch nicht genossen. Eine andere Denkungsart hat diesen Umschlag allein hervorgerufen. Sein Herz ist noch dasselbe, aber in seinen Ansichten hat sich eine Wandlung vollzogen. Seine Gefühle, bei denen ein Wechsel langsamer eintritt, werden sich in Folge dessen endlich auch ändern, und erst dann wird er wirklich verdorben sein. Kaum ist er in die Welt eingetreten, so erhält er eine zweite, der ersten ganz entgegengesetzte Erziehung, die ihm gegen das, was er sonst hochschätzte, Verachtung und Achtung vor dem, was er sonst verachtete, einflößt. Man ruht nicht eher, als bis er die Lehren seiner Eltern und Lehrer als pedantisches Geschwätz und die Pflichten, welche sie ihm eingeprägt haben, als eine kindische Moral betrachtet, denen man als Erwachsener seine Verachtung zollen müsse. Er wähnt, die Ehre gebiete ihm, daß er seinen Wandel ändere; er wird, ohne daß ihn die Begierden dazu treiben, den Frauen gegenüber unternehmend und geckenhaft aus falscher Scham. Ehe er noch an den schlechten Sitten Geschmack gefunden hat, treibt er mit den guten Sitten seinen Spott, und sucht etwas darin, einen ausschweifenden Lebenswandel zu führen, ohne daß er ausschweifend zu sein versteht. Nie werde ich das Geständniß eines jungen Officiers der Schweizergarde vergessen, der zwar die lärmenden Vergnügungen seiner Kameraden höchst langweilig fand, aber trotzdem nicht wagte, sich von denselben fern zu halten, aus Furcht, deshalb von ihnen verspottet zu werden. »Trotz meiner Abneigung,« sagte er, »übe ich mich darin, wie im Schnupfen. Mit der Gewohnheit wird auch der Geschmack schon kommen; man kann doch nicht immer ein Kind bleiben.« Ein junger Mann muß folglich bei seinem Eintritte in die Welt weniger vor der Sinnlichkeit, als vielmehr vor der Eitelkeit bewahrt werden. Er gibt mehr den Neigungen Anderer als seinen eigenen nach, und die Eigenliebe macht mehr Wüstlinge als die Liebe. Dies angenommen, so frage ich, ob es wol auf der ganzen Erde Jemand gibt, der besser als mein Zögling gegen Alles gewaffnet ist, was seine Sitten, seine Gefühle, seine Grundsätze gefährden könnte, und ob wol Jemand mehr im Stande ist, der Strömung zu widerstehen. Denn gegen welche Versuchung besitzt er nicht Verteidigungswaffen? Wenn ihn seine Begierden zum anderen Geschlechte hinziehen, so findet er bei demselben nicht, was er sucht, und sein vorher eingenommenes Herz hält ihn zurück. Wenn ihn seine Sinnlichkeit in Wallung bringt und anstachelt, wo wird er Befriedigung derselben finden können? Der Abscheu vor Ehebruch und Ausschweifung hält ihn sowol von Freudenmädchen wie von verheiratheten Frauen fern, und von einer dieser beiden Classen gehen die Ausschweifungen der Jugend stets aus. Ein Mädchen, das sich zu verehelichen gedenkt, kann gefallsüchtig, nie aber frech sein; es wird sich einem jungen Manne, der es vielleicht heirathen könnte, wenn er es für sittsam hält, nie an den Hals werfen. Uebrigens wird stets irgend Jemand mit seiner Überwachung betraut sein. Emil wird sich seinerseits ebenfalls nicht völlig selbst überlassen bleiben; wenigstens werden Beiden Schüchternheit und Schamgefühl, welche von den ersten Begierden unzertrennlich sind, schützend zur Seite stehen. Sie werden nicht sofort zu der äußersten Stufe der Vertraulichkeit übergehen und keine Zeit haben, ohne Hindernisse nach und nach zu ihr zu gelangen. Sollte er dabei ein anderes Benehmen zeigen, so müßten ihm seine Kameraden schon Anleitung gegeben, so müßte er von ihnen schon gelernt haben, über seine Zurückhaltung zu spotten, und nach ihrem Beispiele mit frecher Stirne einherzugehen. Welcher Mensch auf Erden hat aber weniger Nachahmungstrieb als Emil? Welcher Mensch läßt sich weniger durch einen Alles in das Scherzhafte hinabziehenden Ton leiten, als derjenige, der von allen eigenen Vorurtheilen frei ist, und nichts auf diejenigen gibt, welche Andere hegen? Zwanzig Jahre habe ich daran gearbeitet, ihn gegen die Spötter zu waffnen; sie werden sich länger als vierundzwanzig Stunden abmühen müssen, ehe es ihnen gelingt, ihn hinter das Licht zu führen, denn das Lächerliche gilt in seinen Augen nur für die Thoren als Beweisgrund, und nichts macht gegen Spöttereien unempfindlicher, als über die allgemeine Meinung erhaben zu sein. Anstatt der Spöttereien bedarf es bei ihm der Gründe, und hat er sich erst einmal bis zu dieser Höhe emporgeschwungen, dann hege ich keine Furcht, daß ihn mir junge Thoren entführen werden; ich habe das Gewissen und die Wahrheit für mich. Sollte sich aber das Vorurtheil gleichwol einmischen, so muß eine zwanzigjährige Zuneigung doch auch in Anschlag gebracht werden; man wird ihm niemals die Ueberzeugung aufdrängen können, daß ich ihn mit nichtigen Lehren gelangweilt habe, und in einem redlichen und fühlenden Herzen wird die Stimme eines treuen und wahren Freundes das Geschrei von zwanzig Verführern leicht verstummen lassen. Da es sich alsdann nur darum handelt, ihm den Nachweis zu führen, daß sie ihn betrügen, und daß sie ihn, während sie sich den Anschein geben, als behandelten sie ihn als Mann, in Wahrheit doch nur als Kind behandeln, so werde ich mich bestreben, bei der Darlegung meiner Gründe stets einfach, aber ernst und klar zu sein, damit er herausfühlt, daß umgekehrt ich es gerade bin, der ihn als Mann behandelt. Ich werde zu ihm sagen: »Du begreifst, daß dein Interesse allein, welches mit dem meinigen zusammenfällt, mich antreibt, mit dir zu reden; ich kann mich dabei von keinem anderen Interesse leiten lassen. Weshalb gehen aber jene jungen Leute darauf aus, dich zu überreden? Deshalb, weil sie dich verführen wollen. Sie lieben dich nicht, noch nehmen sie Antheil an dir. Sie lassen sich von keinem anderen Beweggrunde bestimmen, als von einem geheimen Aerger darüber, daß du, wie ihnen nicht entgeht, besser bist, als sie. Sie wollen dich erniedrigen, bis du mit ihnen auf gleicher Stufe stehst, und machen dir nur deshalb den Vorwurf, du lassest dich leiten, damit sie dich selbst beherrschen möchten. Kannst du dich wol dem Wahne hingeben, daß du bei dem Tausche gewinnen wirst? Zeichnen sie sich denn durch eine so hervorragende Weisheit aus, und ist ihre nur nach Stunden zählende Zuneigung denn stärker als die meinige? Um ihrem Gespött irgend ein Gewicht beizumessen, müßte man doch auf ihre Autorität etwas geben können. Auf welche Erfahrung können sie sich aber wol stützen, um ihren Grundsätzen den Vorrang vor den unserigen anzuweisen? Wie sie immer nur andere Leichtsinnige nachgeahmt haben, so verlangen sie jetzt ihrerseits nachgeahmt zu werden. Um sich über die angeblichen Vorurteile ihrer Väter zu erheben, unterwerfen sie sich denen ihrer Kameraden. Was sie dabei gewinnen, vermag ich nicht einzusehen. Sicherlich aber verlieren sie, so viel ist mir klar, zwei große Vortheile: die väterliche Liebe, deren Rathschläge so wohlmeinend und aufrichtig sind, und die Erfahrung, welche den Menschen in den Stand setzt, über das zu urtheilen, was er kennt; denn die Väter sind Kinder gewesen, nicht aber die Kinder Väter.« »Hältst du sie bei ihren thörichten Grundsätzen aber wenigstens für aufrichtig? Auch das nicht einmal, mein lieber Emil. Sie täuschen sich selbst, um dich zu täuschen; es fehlt ihnen an der inneren Übereinstimmung. Ihr Herz straft sie unaufhörlich Lügen, und häufig widerspricht ihnen ihr eigener Mund. Hier macht Einer von ihnen Alles, was ehrbar ist, zum Gespött, und würde doch in Verzweiflung gerathen, wenn seine Gattin seine Gesinnung theilte. Dort dehnt ein Anderer die Gleichgültigkeit gegen die guten Sitten bis auf die Sittlichkeit der Frau aus, die er noch gar nicht hat, oder, um der Schamlosigkeit die Krone aufzusetzen, auf die Sittsamkeit der Frau, die er wirklich besitzt. Gehe aber noch einen Schritt weiter. Rede mit ihm von seiner Mutter und sieh, ob es ihm angenehm ist, für ein im Ehebruche erzeugtes Kind, für den Sohn eines anrüchigen Weibes, für einen Menschen zu gelten, der sich den Namen einer Familie widerrechtlich anmaßt, der den rechtmäßigen Erben um sein Erbtheil bringt, kurz, ob er sich geduldig als Bastard behandeln lassen wird. Wer unter ihnen wird wünschen, daß man seiner Tochter die Ehre raube, wie er sie den Töchtern Anderer geraubt hat? Nicht einen Einzigen gibt es unter ihnen, der nicht dein Leben bedrohen würde, wenn du dich im Verkehre mit ihm nach all den Grundsätzen, die er sich dir einzuimpfen bemüht, richten wolltest. So verrathen sie schließlich ihre Inconsequenz, und man überzeugt sich, daß keiner von ihnen glaubt, was er sagt. Damit habe ich dir meine Gründe erklärt, lieber Emil; erwäge nun auch die ihrigen, wenn sie solche für sich anführen können, und vergleiche. Wollte ich mich wie sie der Verachtung und des Spottes als Waffen bedienen, so würdest du sehen, daß sie der Spottsucht eine eben so große, ja vielleicht noch größere Zielscheibe darbieten würden als ich. Allein ich scheue eine ernstliche Prüfung nicht. Der Triumph der Spötter ist von kurzer Dauer. Die Wahrheit hat Bestand, aber jener unverständiges Gelächter verstummt.« Es ist euch unerklärlich, wie folgsam Emil noch in seinem zwanzigsten Jahre sein kann. Wie verschiedene Gedanken wir doch in Bezug darauf haben! Ich meinerseits kann nicht begreifen, wie er es in seinem zehnten Jahre hat sein können; denn was für eine Handhabe bot er mir wol in diesem Alter dar? Fünfzehn Jahre lang habe ich die größte Sorgfalt aufwenden müssen, um es dahin zu bringen. Damals erzog ich ihn noch nicht, sondern bereitete ihn erst vor, daß er erzogen werden konnte. Jetzt ist er es hinreichend, um lenksam zu sein; er erkennt die Stimme der Freundschaft und weiß der Vernunft zu gehorchen. Ich lasse ihm allerdings den Schein der Freiheit, allein nie war er mir in Wahrheit mehr unterworfen, denn er ist es, weil er es sein will. So lange ich mich nicht habe zum Herrn seines Willens machen können, bin ich Herr seiner Person geblieben; ich verließ ihn keinen Schritt. Jetzt überlasse ich ihn mitunter sich selbst, weil ich beständig die Herrschaft über ihn ausübe. Beim Abschiede umarme ich ihn und sage mit zuversichtlichem Tone zu ihm: »Emil, ich vertraue dich meinem Freunde an; ich übergebe dich seinem ehrlichen Herzen; er wird mir gegenüber die Verantwortlichkeit für dich tragen.« Es ist nicht das Werk einen Augenblicks, feste Gewohnheiten, die noch keine vorausgehende Trübung erlitten haben, zu verderben und Grundsätze, welche unmittelbar aus den ursprünglichen Einsichten der Vernunft abgeleitet sind, in Vergessenheit zu bringen. Wenn während meiner Abwesenheit irgend eine Wandlung vor sich gehen sollte, so würde sie doch nie von so langer Dauer sein und er vermöchte nie sie so vollkommen vor mir zu verbergen, daß ich die Gefahr nicht noch vor Eintritt des Nebels bemerken und nicht Zeit haben sollte, Heilmittel anzuwenden. Wie man nicht mit einem Male schlecht wird, so lernt man sich auch nicht plötzlich verstellen, und wenn sich je ein Mensch in dieser Kunst ungeschickt benimmt, so ist es Emil, der in seinem ganzen Leben nicht eine einzige Gelegenheit gehabt hat, sie anzuwenden. Durch diese so wie ähnliche Beweise meiner Sorgfalt halte ich ihn vor fremden Zwecken und gemeinen Grundsätzen so gut bewahrt, daß ich ihn lieber inmitten der schlechtesten Gesellschaft von Paris sehen möchte, als allein in seinem Zimmer oder in einem Parke, der ganzen Unruhe seines Alters überlassen. Was man auch immer thun möge, so wird doch von allen Feinden, welche einen jungen Mann bedrohen können, der gefährlichste und der einzige, den man nicht fern halten kann, stets er selbst sein. Dieser Feind ist indeß nur durch unsere eigene Schuld gefährlich; denn wie ich schon tausendmal gesagt habe, wird die Sinnlichkeit lediglich durch die Einbildungskraft wachgerufen. Ihr Bedürfniß ist im eigentlichen Sinne gar kein physisches Bedürfniß; es beruht durchaus nicht auf Wahrheit, daß es ein wirkliches Bedürfniß ist. Hätte sich nie ein unzüchtiger Gegenstand unseren Blicken dargeboten, nie ein unreiner Gedanke in unseren Geist Eingang gefunden: so hätte sich uns dies angebliche Bedürfniß vielleicht nie fühlbar gemacht, und wir wären dann ohne Versuchungen, ohne Anstrengungen und ohne Verdienst keusch geblieben. Man macht sich keine Vorstellung davon, welche geheime Gährung gewisse Situationen und gewisse Bilder im Blute der Jugend erregen, ohne daß sie sich selbst über die Ursache dieser ersten Unruhe, die sich nicht leicht stillen läßt und nicht wiederzukehren säumt, Rechenschaft abzulegen vermag. Je mehr ich nun aber über diese wichtige Krisis so wie über ihre näheren oder entfernteren Ursachen nachdenke, desto mehr bildet sich in mir die Ueberzeugung aus, daß ein Mensch, der einsam in einer Wüste, ohne Bücher, ohne Unterricht und ohne Weiber erzogen wäre, daselbst in jungfräulicher Reinheit sterben würde, ein wie hohes Alter er auch erreichen möge. Allein hier handelt es sich nicht um einen Wilden dieser Art. Wenn man einen Menschen im Kreise seiner Mitmenschen und für die Gesellschaft erzieht, so ist es unmöglich, ja nicht einmal empfehlenswerth, ihn beständig in dieser heilsamen Unwissenheit zu erhalten. Nichts ist für die Bewahrung der Keuschheit schlimmer als ein halbes Wissen. Die Erinnerung an die Gegenstände, die unsere Blicke auf sich gezogen, die Ideen, welche wir erworben haben, begleiten uns in die Einsamkeit, bevölkern sie wider unfern Willen mit Bildern, die weit verführerischer sind als die Gegenstände selbst, und machen die Einsamkeit für denjenigen, welcher jene mit dahin nimmt, eben so unheilvoll, wie sie demjenigen, welcher sich stets allein in ihr aufhält, Nutzen bringt. Wachet deshalb mit aller Sorgfalt über den jungen Mann; vor allem Uebrigen wird er sich schon zu schützen wissen, euch aber liegt es ob, ihn vor sich selbst zu schützen. Lasset ihn weder bei Tage noch bei Nacht allein; schlafet wenigstens in einem Zimmer mit ihm; nur vom Schlafe übermannt, lege er sich zu Bett, und verlasse es unmittelbar nach dem Erwachen. Mißtrauet dem Instincte, sobald ihr euch nicht mehr auf ihn beschränkt. Obwol er gut ist, so lange er allein wirkt, so wird er doch verdächtig, sobald er sich mit menschlichen Einrichtungen verbindet. Man darf ihn nicht vernichten, sondern muß ihn regeln, und letzteres macht vielleicht größere Schwierigkeiten als seine völlige Vernichtung. Es wäre sehr gefährlich, wenn er eurem Zöglinge Anleitung gäbe, seine Sinnlichkeit zu täuschen und für die Gelegenheit zu ihrer Befriedigung Ersatz zu gewähren. Kennt er erst einmal diesen gefährlichen Ersatz, so ist er verloren. Von da ab wird sein Körper und Geist für immer entnervt sein; bis zum Grabe wird er mit den traurigen Folgen dieser Gewohnheit, der unheilvollsten, welcher ein junger Mann unterworfen sein kann, behaftet bleiben. Ohne Zweifel würde es noch besser sein ... Wenn die Glut eines feurigen Temperamentes unbezähmbar wird, dann, mein lieber Emil, beklage ich dich; aber nicht einen Augenblick werde ich schwanken, unter keinen Umständen werde ich dulden, daß der Zweck der Natur umgangen werde. Wenn du dich einmal der Herrschaft eines Tyrannen fügen mußt, so will ich dich doch lieber dem überliefern, von welchem ich dich wieder zu befreien im Stande bin. Was sich auch immer ereignen möge, so werde ich dich doch leichter den Frauen als dir selbst entreißen können. Bis zum zwanzigsten Jahre wächst der Körper und hat dazu alle ihm zugeführten Nahrungsstoffe nöthig. Bis dahin wird die Enthaltsamkeit von der Ordnung der Natur verlangt, und nur auf Kosten seiner Constitution versündigt man sich gegen dieselbe. Vom zwanzigsten Jahre an ist die Enthaltsamkeit dagegen eine sittliche Pflicht. Sie hat darum eine so hohe Bedeutung, weil sie uns lehrt, uns selbst zu beherrschen und unsere Begierden zu zügeln. Indeß haben die sittlichen Pflichten ihre Modificationen, ihre Ausnahmen und Regeln. Sobald die menschliche Schwachheit eine Alternative unvermeidlich macht, verdient das kleinste von zwei Uebeln den Vorzug. In jedem Falle ist es besser, einen Fehler zu begehen, als sich an ein Laster zu gewöhnen. Seid eingedenk, daß ich hier nicht mehr von meinem Zöglinge rede, sondern von dem eurigen. Seine Leidenschaften, die durch eure Zulassung in Gährung gerathen sind, unterjochen euch. Füget euch also offen in sie, und zwar ohne ihm seinen Sieg zu verhehlen. Wenn ihr es versteht, ihm denselben in seinem wahren Lichte zu zeigen, so wird er sich darüber weniger stolz als vielmehr beschämt fühlen, und ihr werdet euer Recht aufrecht erhalten, ihn auch während seiner Verirrung zu leiten, um ihn wenigstens nicht in den Abgrund versinken zu lassen. Es ist von Wichtigkeit, daß der Schüler ohne Wissen und Willen des Lehrers nichts, nicht einmal wenn es böse ist, thue, und es ist hundertmal besser, daß der Lehrer einen Fehler billigt, wenn er sich dabei auch einer Täuschung hingibt, als daß er von seinem Zöglinge getäuscht und der Fehltritt ohne sein Wissen begangen würde. Wer sich einredet, die Augen bei irgend etwas zudrücken zu müssen, wird sich bald genöthigt sehen, sie bei Allem zuzudrücken. Der erste geduldete Mißbrauch führt in seinem Gefolge einen andern mit sich, und diese Kette endet erst mit dem Umsturz jeglicher Ordnung und mit der Verachtung jeder gesetzlichen Vorschrift. Ein anderer Fehler, gegen den ich schon angekämpft habe und der Leuten von geringen Gaben stets eigen sein wird, besteht darin, daß man sich beständig mit einer gewissen schulmeisterlichen Würde umhüllt und darauf ausgeht, in den Augen seines Schülers für einen vollkommenen Mann zu gelten. Diese Methode ist widersinnig. Vermögen Erzieher dieser Art denn nicht einzusehen, daß sie ihr Ansehen gerade durch das vernichten, wodurch sie es befestigen wollen; daß man sich, um seinen Worten Gehör zu verschaffen, an deren Stelle versetzen muß, an welche sie gerichtet sind, und daß man Mensch sein muß, um zum menschlichen Herzen reden zu können? Alle diese vollkommenen Leute sind außer Stande, zu rühren oder zu überzeugen; man sagt sich beständig, es sei für sie sehr leicht, Leidenschaften, die sie nicht fühlen, zu bekämpfen. Zeigt eurem Zöglinge eure Schwächen, wenn ihr anders darauf Anspruch macht, ihn von den seinigen zu heilen. Möge er bei euch dieselben Kämpfe wahrnehmen, die er zu bestehen hat; möge er an eurem Beispiele sich besiegen lernen und nicht wie die Anderen sagen: »Diese Greise sind voller Verdruß darüber, daß sie nicht mehr jung sind, und wollen deshalb die Jünglinge wie Greise behandeln, und weil ihre eigenen Begierden sämmtlich erloschen sind, rechnen sie uns die unserigen zum Verbrechen an.« Montaigne berichtet, er habe den Herrn von Langey eines Tages gefragt, wie oft er sich als Gesandter in Deutschland im Dienste des Königs habe betrinken müssen. Ich möchte wol den Hofmeister eines gewissen jungen Herrn fragen, wie oft er zum Heile seines Zöglings ein verrufenes Haus betreten habe. Wie oft? Ich irre mich. Wenn nicht schon das erste Mal dem jungen Wüstlinge die Lust austreibt, je wieder seinen Fuß über jene Schwelle zu setzen, wenn nicht Scham und Reue seine Begleiterinnen auf dem Rückwege sind, wenn er nicht Ströme von Thränen an eurer Brust vergießt, dann gebt ihn sofort auf, dann ist er nur ein Unmensch oder ihr seid nur Schwachköpfe. Ihr werdet nicht mehr zu seinem Nutzen wirken können. Doch lassen wir diese alleräußersten Auswege bei Seite, die eben so traurig als gefährlich sind und mit unserer Erziehungsweise nichts zu schaffen haben. Wie viele Vorsichtsmaßregeln müssen getroffen werden, bevor man einen jungen Mann von guter Herkunft den Anstoß erregenden Sitten der heutigen Zeit aussetzen darf! Diese Vorsichtsmaßregeln sind zwar lästig, aber sie sind unerläßlich. Gerade die Nachlässigkeit in diesem Punkte ist es, welche die ganze Jugend dem Verderben entgegenführt. In Folge der Ausschweifungen in frühen Jahren entarten die Menschen und sinken zu der Stufe hinab, auf der wir sie heut zu Tage erblicken. Selbst in ihren Lastern verächtlich und feig, haben sie nur gemeine Seelen, weil ihre abgelebten Körper schon frühzeitig zu Grunde gerichtet sind. Kaum ist ihnen noch so viel Lebenskraft übrig geblieben, daß sie sich rühren können. Ihre umherirrenden, haltlosen Gedanken verrathen Geister ohne Stoff; für etwas Großes und Edles fehlt ihnen alles Gefühl. Sie besitzen weder Natürlichkeit noch Kraft. In jeder Beziehung verworfen und boshaft bis zur Niederträchtigkeit zeichnen sie sich nur durch Eitelkeit, betrügerischen Sinn und Falschheit aus. Sie haben nicht einmal Muth genug, hervorragende Verbrecher zu werden. So sind die verächtlichen Menschen beschaffen, welche das in Völlerei und Ausschweifung zugebrachte Leben der Jugend erzeugt. Fände sich unter derselben ein Einziger, der ein mäßiges und nüchternes Leben zu führen verstände, der in ihrer Mitte sein Herz, sein Blut, seine Sitten vor der Ansteckung ihres Beispiels zu bewahren wüßte, so würde er in seinem dreißigsten Jahre im Stande sein, dieses ganze Geschmeiß zu zertreten, und würde sich zum Herrn über dasselbe mit weniger Mühe emporschwingen können, als er anwenden mußte, seiner selbst Herr zu bleiben. Hätten Geburt und Glück meinem Emil nur einigermaßen helfend zur Seite gestanden, so würde er, falls er wollte, dieser Mann sein; aber er würde sie in zu hohem Grade verachten, als daß er sich herabließe, sich zu ihrem Herrn aufzuwerfen. Beobachten wir jetzt, wie er in die von ihnen angefüllte Welt eintritt, nicht um darin eine dominirende Stellung einzunehmen, sondern um sie kennen zu lernen und in ihr eine Gefährtin zu finden, die seiner würdig ist. Welcher Rang ihm auch durch seine Geburt beschieden sein und in welchen Gesellschaftskreis er sich auch zuerst einführen möge, sein erstes Auftreten wird einfach und anspruchslos sein. Gott wolle ihn davor bewahren, daß er so unglücklich sei, darin zu glänzen! Mit jenen Eigenschaften, welche gleich auf den ersten Blick bestechen, ist er nicht ausgestattet; er besitzt sie nicht und will sie gar nicht besitzen. Er legt zu wenig Werth auf die Urtheile der Menschen, als daß er ihren Vorurteilen einen solchen zugestehen sollte, und hat gar kein Verlangen danach, daß man ihn achte, bevor man ihn kennt. Die Art und Weise seines Auftretens ist eben so frei von übertriebener Zurückhaltung wie von einem eitlen Hervordrängen; sie ist natürlich und wahr. Er kennt weder Zwang noch Verstellung, und ist inmitten einer Gesellschaft der nämliche, der er allein und ohne Zeugen ist. Wird er nun deshalb etwa gegen irgend Jemand grob, zurückstoßend oder unaufmerksam sein? Ganz im Gegentheile. Hegt er, schon wenn er allein ist, keine nichtachtenden Gedanken gegen seine Mitmenschen, weshalb sollte er sie dann wol, wenn er unter ihnen lebt, mit Nichtachtung behandeln? Aeußerlich räumt er ihnen allerdings keinen Vorzug vor sich ein, weil er sie in seinem Herzen sich nicht vorzieht, aber er trägt auch eben so wenig Gleichgiltigkeit zur Schau, die seinem Wesen völlig fremd ist. Ist er auch nicht mit den Höflichkeitsphrasen vertraut, so erzeigt er doch die Aufmerksamkeiten, welche in der allgemeinen Menschenliebe ihre Wurzel haben. Er sieht nicht gern Jemanden leiden; aus Ziererei wird er zwar einem Andern seinen Platz nicht anbieten, aus Gutmütigkeit wird er ihm dagegen denselben gern abtreten, sobald er wahrnimmt, daß derselbe zurückgesetzt wird, und glaubt, daß ihn diese Vernachlässigung kränke; denn es wird meinem jungen Manne weniger sauer werden, freiwillig stehen zu bleiben, als mit anzusehen, daß ein Anderer gezwungenerweise stehen bleibe. Obgleich Emil im Allgemeinen keine hohe Achtung vor den Menschen hat, so wird er ihnen doch auch keineswegs Verachtung bezeigen, weil er sie beklagt und von Mitleid mit ihnen erfüllt ist. Da er ihnen keinen Geschmack an den wirklichen Gütern einzuflößen vermag, so läßt er ihnen die eingebildeten Güter, an denen sie ihr Genüge finden, weil er sich der Besorgniß nicht entschlagen kann, daß er sie nur noch unglücklicher machen würde, als sie schon sind, wenn er sie ihnen raubte, ohne ihnen einen Ersatz für dieselben bieten zu können. Er leidet daher weder an Streitsucht noch an Rechthaberei, und spricht den Leuten eben so wenig nach dem Munde wie er ihnen schmeichelt. Er spricht seine Ansicht aus, ohne die eines Anderen zu bekämpfen, weil er die Freiheit über Alles liebt und ihm die Freimütigkeit als eines der beneidenswertesten Rechte erscheint. Er spricht wenig, weil er nichts danach fragt, ob man sich mit ihm beschäftige. Aus demselben Grunde redet er nur von nützlichen Dingen. Was sollte ihn auch wol sonst zum Sprechen bewegen? Emil ist zu unterrichtet, um sich je zum Schwätzer herabzuwürdigen. Die Schwatzhaftigkeit kann nur eine doppelte Quelle haben; entweder entspringt sie der krankhaften Einbildung, man besitze Geist, wovon weiter unten die Rede sein soll, oder dem hohen Werthe, welchen man auf Kleinigkeiten legt, und dem damit verbundenen Wahne, daß Andere sie mit denselben Augen betrachten wie wir. Wer genug Einsicht besitzt, um jedem Dinge seinen wahren Werth beizulegen, spricht niemals zu viel; denn er vermag ja auch schon vorauszusehen, welche Aufmerksamkeit man ihm schenken kann und welches Interesse sein Gespräch zu erwecken im Stande ist. Im Allgemeinen sprechen die Leute, welche wenig wissen, viel, während die Leute, welche viel wissen, wenig reden. Es hängt sehr einfach zusammen, daß ein unwissender Mensch Alles, was er weiß, für höchst wichtig hält und es vor aller Welt ausposaunt. Allein ein unterrichteter Mann öffnet nicht leicht die Fundgrube seines Wissens; er hätte zu viel zu sagen und weiß nur zu wohl, daß auch nach ihm noch weit mehr zu sagen wäre. So schweigt er denn. Weit davon entfernt, an den Sitten Anderer Anstoß zu nehmen, findet er sich vielmehr in dieselben und richtet sich willig nach ihnen, nicht etwa um den Anschein zu gewinnen, als ob er mit den Gebräuchen vertraut sei, noch um sich den Anstrich eines Weltmannes zu geben, sondern im Gegentheil aus Besorgniß, er könnte sich sonst von den Andern unterscheiden und Aufsehen erregen; und nie fühlt er sich wohler, als wenn er gar keine Beachtung findet. Obgleich ihm bei seinem Eintritte in die Welt die Gebräuche derselben völlig fremd sind, ist er doch deswegen weder schüchtern noch furchtsam. Wenn er sich trotzdem im Hintergrunde hält, so geschieht es durchaus nicht aus Verlegenheit, sondern weil der, welcher gut beobachten will, nicht gesehen werden darf; denn was man von ihm denkt, beunruhigt ihn wenig, und der Gedanke, sich vielleicht dem Gelächter auszusetzen, flößt ihm nicht die geringste Furcht ein. Das ist die Ursache, daß er stets Ruhe und kaltes Blut bewahrt und sich durch falsche Scham nicht beirren läßt. Mag man ihn bemerken oder nicht, so thut er doch Alles, was er vornimmt, stets so gut er kann, und da seine Gedanken beständig gesammelt sind, um Andere richtig beobachten zu können, so eignet er sich ihre Sitten mit einer Leichtigkeit an, welche die Sklaven der Vorurtheile nicht haben können. Man kann behaupten, daß er den feinen Ton gerade deshalb um so leichter annehme, weil er so wenig Werth auf ihn legt. Täuscht euch gleichwol nicht über seine Haltung und vergleicht sie nicht mit der eurer jungen Herren, die so vortrefflich den Angenehmen zu spielen wissen. Er ist fest, aber nicht voller Selbstgefälligkeit; sein Benehmen ist frei, aber nicht wegwerfend. Ein unverschämtes Wesen ist nur ein Kennzeichen der Sklaverei; mit der Unabhängigkeit paart sich nichts Affectirtes. Noch nie habe ich gesehen, daß ein Mann, in dessen Herz ein edler Stolz wohnte, denselben auch in seiner Haltung verrathen hätte. Diese Sucht ist vielmehr niedrigen und eitlen Seelen eigen, die sich nur dadurch Geltung verschaffen können. Ich habe in einem Buche De l'Esprit, Disc. II, ohap. V. gelesen, daß der berühmte Marcell, als sich ihm eines Tages ein Fremder in seinem Salon vorstellte, denselben gefragt habe, aus welchem Lande er sei. »Ich bin ein Engländer,« erwiderte der Fremde. »Sie, ein Engländer?« versetzte der Tänzer, »Sie sollten aus dieser Insel stammen, wo die Bürger Antheil an der Staatsverwaltung haben und einen Theil der höchsten Gewalt ausmachen? Als ob es Bürger gäbe, die keine Glieder der Bürgerschaft ( cité ) wären und als solche keinen Antheil an der höchsten Gewalt hätten! Aber dadurch, daß die Franzosen es für gut befunden haben, den achtbaren Namen Bürger, welcher ehemals nur den Gliedern der gallischen Städte zukam, zu usurpiren, haben sie den Begriff dieses Wortes so verkehrt, daß sich gar kein Sinn mehr mit demselben verbinden läßt. Ein Mann, welcher unlängst viele Albernheiten gegen die »Neue Heloise« geschrieben, hat seine Unterschrift mit dem Titel »Bürger von Paimboeuf« geziert und dadurch einen köstlichen Scherz mit mir zu machen geglaubt. Nein, mein Herr, diese gesenkte Stirn, dieser furchtsame Blick, dieses unsichere Auftreten lassen mich in Ihnen nur den betitelten Sklaven eines Kurfürsten erkennen.« Ich weiß nicht, ob dieses Urtheil eine große Kenntniß des wahren Verhältnisses, welches zwischen dem Charakter eines Menschen und seinem Aeußeren stattfindet, bekundet. Ich meinerseits, der ich nicht auf die Ehre Anspruch machen kann, Tanzmeister zu sein, würde das gerade Gegentheil gedacht haben. Ich hätte gesagt: »Dieser Engländer ist kein Hofmann. Nie habe ich vernommen, daß Hofschranzen eine gesenkte Stirn und ein unsicheres Auftreten hätten; ein Mann, der sich einem Tanzmeister gegenüber schüchtern benimmt, braucht deshalb noch nicht im Hause der Gemeinen verlegen aufzutreten.« Sicherlich muß dieser Herr Marcel seine Landsleute für lauter alte Römer halten. Wenn man liebt, will man geliebt werden. Emil liebt die Menschen; er will ihnen deshalb gefallen. Um so mehr will er den Frauen gefallen; sein Alter, seine Sitten, sein Plan, Alles trägt dazu bei, diesen Wunsch in ihm zu nähren. Ich sage seine Sitten, denn diese haben hierbei einen großen Einfluß. Die Männer, welche sich durch Sittlichkeit auszeichnen, sind die wahren Verehrer der Frauen. Es ist ihnen zwar jene eigentümliche artige Sprache der Galanterie fremd, aber sie treten den Frauen mit einer weit wahreren, zärtlicheren und von Herzen kommenden Freundlichkeit und Aufmerksamkeit entgegen. Unter hunderttausend Wüstlingen, die eine junge Frau umflattern, würde ich einen gesitteten und seine Natur beherrschenden Mann auf der Stelle herauserkennen. Urtheilt nun selbst, wie Emil bei seiner eben erst erwachten Sinnlichkeit und bei so vielen Gründen, derselben nicht nachzugeben, sich benehmen wird. Ich glaube wohl, daß er im Verkehre mit Frauen bisweilen schüchtern und verlegen sein wird, aber sicherlich wird ihnen diese Verlegenheit nicht mißfallen, und selbst diejenigen, welche am wenigsten zur Schelmerei geneigt sind, werden nur zu oft alle Kunst aufbieten, um sich an ihr zu weiden und sie zu erhöhen. Uebrigens wird sich seine zuvorkommende Aufmerksamkeit nach den Umständen merklich ändern. Gegen verheirathete Frauen wird er bescheidener und ehrfurchtsvoller, gegen Jungfrauen lebhafter und zärtlicher sein. Er verliert den Gegenstand seines Suchens nie aus den Augen, und stets beweist er der Jungfrau, welche ihn an sein Ideal erinnert, die größte Aufmerksamkeit. Niemand wird pünktlicher in der Beobachtung alles dessen sein, was sich auf die Ordnung der Natur und selbst auf die gute gesellschaftliche Ordnung gründet; indeß wird er die erstere beständig der letzteren vorziehen, und wird deshalb einem Privatmanne, der älter ist als er, mit größerer Ehrerbietung nahen, als einer obrigkeitlichen Person, die mit ihm in gleichem Alter steht. Da er nun für gewöhnlich einer der jüngsten Herren in jeder Gesellschaft sein wird, so wird er auch stets zu den Bescheidensten gehören, nicht etwa aus Eitelkeit, um demüthig zu erscheinen, sondern aus einem natürlichen und auf die Vernunft gegründeten Gefühle. Er wird nicht das ungezogene Benehmen eines jungen Gecken nachahmen, der, um die Gesellschaft zu erheitern, lauter spricht als die Weisen und den Aelteren das Wort abschneidet. Er wird für seine Person nicht zu der Antwort berechtigen, die ein alter Edelmann Ludwig XV. auf die Frage gab, ob er dem gegenwärtigen oder dem verflossenen Jahrhunderte den Vorzug gäbe: »Sire, in meiner Jugend habe ich dem Alter Ehrfurcht erwiesen, und jetzt, in meinem Alter, muß ich der Jugend mit Ehrfurcht entgegenkommen.« Da Emil ein weiches und gefühlvolles Herz hat, sich aber dabei von der hergebrachten Meinung nicht beeinflussen läßt, so wird er, obgleich es ihm Freude macht, Anderen zu gefallen, doch wenig danach fragen, ob er bei ihnen in hoher Achtung steht. Daraus folgt, daß er mehr herzlich als höflich, weder hochmüthig noch prunkvoll sein wird, und daß ihn eine Liebkosung mehr zu rühren vermag als tausend Lobsprüche. Aus denselben Gründen wird er weder seine Manieren noch seine Haltung vernachlässigen, er wird sogar auf seine Kleidung alle Sorgfalt verwenden können, nicht um als ein Mann von Geschmack zu erscheinen, sondern um ein gefälligeres Aeußere zu gewinnen. Aber nie wird er von Gold starrend einhergehen, nie wird ein Zeichen des Reichthums seine Kleidung verunzieren. Man begreift, daß dies Alles von meiner Seite keine jahrelange Einprägung von Vorschriften erfordert, sondern daß es nur die Wirkung von Emils erster Erziehung ist. Die Erlangung der Weltkenntniß wird uns gewöhnlich als ein schwer zu enthüllendes Geheimniß dargestellt, als ob ihre Erwerbung in dem Alter, in welchem man sich dieselbe aneignet, nicht etwas ganz Natürliches wäre, und als ob ihre Hauptgesetze nicht in einem ehrbaren Herzen zu finden wären! Die wahre Höflichkeit besteht darin, daß man einander mit Wohlwollen entgegenkommt. Sobald es uns an diesem nicht gebricht, tritt sie ohne Mühe hervor. Nur für diejenigen, welchen es eine unbekannte Tugend ist, hat man die Kunst erfinden müssen, sich wohlwollend zu stellen. »Die unheilvollste Wirkung der gewohnheitsmäßigen Höflichkeit zeigt sich darin, daß sie die Kunst lehrt, sich von den Tugenden frei zu halten, die sie nachahmt. Flöße man uns durch die Erziehung nur Menschenliebe und Wohlthätigkeitssinn ein, so wird es uns auch an Höflichkeit nicht fehlen, oder wir werden derselben vielmehr gar nicht erst bedürfen.« »Besitzen wir auch nicht die Höflichkeit, die ihren Ausdruck in einem artigen Benehmen findet, so werden wir uns doch derjenigen zu erfreuen haben, welche den Ehrenmann und den Bürger erkennen läßt; wir werden unsere Zuflucht nicht zur Falschheit zu nehmen brauchen.« »Statt durch Verstellung zu gefallen, wird es genügen, gut zu sein; statt falsch zu sein, um den Schwächen Anderer zu schmeicheln, wird es ausreichen, Nachsicht zu üben.« »Leute, denen gegenüber man ein so freundliches Benehmen beobachtet, werden dadurch weder stolz gemacht, noch verderbt werden; sie werden es nur dankbar aufnehmen und dadurch gebessert werden.« Considérations sur les mœurs de ce siècle, par M. Duclos. Es scheint mir, daß, wenn irgend eine Erziehung die Art von Höflichkeit hervorrufen muß, welche Herr Duclos hier verlangt, es diejenige ist, welche ich bisher in ihren Grundzügen entworfen habe. Ich räume indeß ein, daß Emil bei so abweichenden Grundsätzen nicht aller Welt gleichen wird, und Gott behüte ihn davor, daß er ihr je ähnlich werde! Gleichwol wird in dem, worin er sich von allen Uebrigen unterscheidet, nichts Anstößiges oder Lächerliches liegen. Die Verschiedenheit wird sich bemerkbar machen, ohne Mißfallen zu erregen. Emil wird, wenn man will, wie ein liebenswürdiger Fremdling erscheinen. Zuerst wird man ihm seine Sonderbarkeiten verzeihen und sagen: »Er wird sich schon noch bilden.« In der Folge wird man sich an seine Manieren gewöhnen, und wenn man sich überzeugt, daß er sie doch nicht ändert, wird man ihm schließlich auch vergeben und sagen: »Er ist nun einmal so.« Er wird nicht als ein liebenswürdiger Mensch gefeiert werden, aber gleichwol wird man ihn lieben, ohne eigentlich zu wissen, weshalb. Niemand wird seinen Geist rühmen, aber man wird ihn mit Vorliebe zum Schiedsrichter unter Männern von Geist wählen. Sein Geist wird klar sein und sich in festen Grenzen halten; er wird einen geraden Sinn und ein gesundes Urtheil haben. Da er nie nach neuen Ideen hascht, so wird er auch nie darauf ausgehen, mit seinem Witze zu glänzen. Ich habe ihm den Nachweis geführt, daß alle heilsamen und den Menschen wahrhaft nützlichen Ideen am frühesten bekannt gewesen sind, daß sie zu jeder Zeit einzig und allein die wahren Bande der Gesellschaft ausmachen, und daß Männern von hoher Begabung, die sich auszuzeichnen wünschen, nichts übrig bleibt, als durch verderbliche und dem Menschengeschlechte unheilvolle Ideen die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Diese Art, Bewunderung zu erregen, hat für ihn nichts Verlockendes. Er weiß, wo sein Lebensglück zu finden ist, und wodurch er zum Glücke Anderer beizutragen vermag. Der Bereich seiner Kenntnisse dehnt sich nicht weiter als auf das aus, was nützlich ist. Sein Weg ist schmal und genau abgesteckt. Nie in der Versuchung, von ihm abzuweichen, verliert er sich unter denen, die mit ihm die nämliche Straße ziehen; er will sich weder verirren, noch hervorragen. Emil ist ein Mensch von gesundem Verstande und will nichts Anderes sein. Vergeblich wird man ihn mit diesem Titel zu beleidigen suchen, da er sich durch denselben stets geehrt fühlen wird. Obgleich ihn der Wunsch zu gefallen nicht mehr völlig gleichgültig gegen fremdes Urtheil sein läßt, so wird er von diesem Urtheile doch nur das annehmen, was sich unmittelbar auf seine Person bezieht, ohne sich um die willkürlichen Werthbestimmungen zu kümmern, bei deren Festsetzung nur die Mode oder die Vorurtheile als Gesetz gelten. Er wird seinen Stolz darein setzen, Alles, was er thut, gut, ja sogar noch besser machen zu wollen, als ein Anderer. Beim Laufen wird er sich durch Schnelligkeit, im Ringkampfe durch Stärke, bei der Arbeit durch Geschicklichkeit, beim Spiel durch Gewandtheit auszeichnen; dagegen wird er sich wenig angelegen sein lassen, sich eine Ueberlegenheit in solchen Dingen zu erwerben, bei denen sich nicht ein klar erkennbarer Vortheil erzielen läßt, sondern wo derselbe von fremdem Urtheile abhängt, z.B. einen schärferen Witz, eine größere Rednergabe, eine umfassendere Gelehrsamkeit als ein Anderer zu haben, u.s.w. Noch weniger Werth wird er auf solche Vortheile legen, die in keiner Weise etwas mit der Person zu schaffen haben, wie z.B. aus einer vornehmeren Familie abzustammen, für reicher gehalten zu werden, angesehener zu sein, durch größeren Aufwand zu blenden. Obgleich er die Menschen im Allgemeinen liebt, weil sie seines Gleichen sind, so wird er doch vorzüglich denen seine Liebe schenken, die ihm an Herzensgüte am ähnlichsten sind; und da er diese Ähnlichkeit nach der Uebereinstimmung, des Geschmacks in moralischen Dingen beurtheilt, so wird es ihm Freude bereiten, wenn er bei Allem, was in einem guten Charakter seine Quelle hat, Anerkennung findet. Er wird sich zwar nicht geradezu sagen: »Ich freue mich, daß mir die Welt ihre Anerkennung nicht versagt,« aber wohl: »Ich freue mich, daß man das, was ich Gutes gethan habe, billigt; ich freue mich, weil die Leute, welche mir Ehre erweisen, sich damit nur selbst ehren. So lange sie ein so gesundes Urtheil fällen; wird es schön sein, ihre Achtung zu besitzen.« Während er so die Menschen nach ihren Sitten im Treiben der Welt studirt, wie er sie zuvor nach ihren Leidenschaften in der Geschichte studirte, wird sich ihm oft Gelegenheit darbieten, über das nachzudenken, was das menschliche Herz angenehm oder unangenehm berührt. So beginnt er denn nun über die Principien des Geschmacks zu philosophiren und sich damit einem Studium hinzugeben, welches für ihn in diesem Lebensabschnitte am angemessensten ist. Je weiter man die Begriffsbestimmungen des Geschmacks herholen will, desto mehr verirrt man sich; der Geschmack besteht in nichts Anderem als in der Fähigkeit, sich über das, was der großen Mehrzahl gefällt oder mißfällt, ein richtiges Urtheil zu bilden. Sobald man weiter schweift, weiß man nicht mehr, was Geschmack ist. Daraus folgt noch nicht, daß die Zahl derer, welchen man Geschmack nachsagen kann, größer sei, als die jener Leute, welchen er fehlt; denn obgleich die Mehrzahl über jeden Gegenstand richtig urtheilt, so gibt es gleichwol wenig Menschen, die über Alles dasselbe Urtheil fällen wie sie; und obgleich die Gesammtsumme des Gemeinsamen der verschiedenen Geschmacksrichtungen den guten Geschmack bildet, so gibt es doch nur wenig Leute von Geschmack, eben so wie es nur wenig schöne Personen gibt, obgleich die Schönheit durch die Vereinigung der am häufigsten vorkommenden Gesichtszüge gebildet wird. Man darf indeß nicht außer Acht lassen, daß es sich hierbei nicht um das handelt, was man liebt, weil es uns nützlich ist, noch um das, was man haßt, weil es uns Schaden bringt. Der Geschmack macht sich nur bei gleichgültigen Dingen geltend, oder höchstens bei solchen, die durch das von ihnen gehoffte Vergnügen unser Interesse in Anspruch nehmen, nie aber bei solchen, die zur Befriedigung unserer Bedürfnisse dienen. Zur Beurtheilung solcher Gegenstände bedarf es nicht des Geschmacks, dazu genügt schon der bloße sinnliche Trieb. Das ist es, was die reinen Entscheidungen des Geschmacks so schwierig und, dem Anscheine nach, so willkürlich macht. Denn außer dem Instincte, der bestimmend auf den Geschmack einwirkt, läßt sich weiter kein Grund für seine Entscheidungen auffinden. Ferner muß man unterscheiden, nach welchen Gesetzen er in moralischen und nach welchen er in physischen Dingen verfährt. In letzteren erscheinen die Grundsätze des Geschmacks völlig unerklärbar. »Völlig unerklärbar.« Variante: ... unerklärbar; denn wer sagt uns z. B., weshalb dieser Gesang geschmackvoll ist und ein anderer nicht? Wer macht uns mit den Grundsätzen über die Zusammenstellung der Farben bekannt? Wem verdanken wir die Lehre, daß bei einem Rasenplätze die ovale Form besser gefällt als die runde, bei dem Bassin eines Springbrunnens dagegen die runde besser als die ovale? Es ist eine Beobachtung von großer Bedeutung, daß bei Allem, wobei es auf Nachahmung ankommt, die Moral mit betheiligt ist. Dies ist in einer Abhandlung über den Ursprung der Sprachen bewiesen, welche man in der Ausgabe meiner sämmtlichen Werke finden wird. Auf diese Weise erklärt man Schönheiten, welche in das Gebiet des Physischen zu gehören scheinen während es in Wirklichkeit gar nicht der Fall ist. Ich will noch hinzufügen, daß sich der Geschmack auch nach localen Gesetzen richtet, welche ihn in tausenderlei Dingen von dem gleichen Klima, den Sitten, der Regierungsform und anderen gesellschaftlichen Einrichtungen abhängig machen. Dazu treten endlich noch andere Gesetze, die sich in Rücksicht auf Alter, Geschlecht und Charakter gebildet haben, und in diesem Sinne ist es völlig wahr, daß über den Geschmack nicht zu streiten ist. Alle Menschen haben Geschmack als eine Mitgabe der Natur erhalten; aber nicht Alle besitzen ihn in gleichem Maße, er entwickelt sich nicht bei Allen bis zu demselben Grade, und bei Allen ist er aus verschiedenen Ursachen Wandlungen unterworfen. Das Maß des Geschmacks, das man besitzen kann, hängt von der Empfänglichkeit ab, mit der man ausgestattet ist. Die Ausbildung und Ausdrucksweise desselben hängen von den gesellschaftlichen Kreisen ab, in denen man sich bewegt hat. Erstens muß man zahlreiche gesellschaftliche Kreise aufsuchen, um viele Vergleiche anstellen zu können; zweitens müssen es Gesellschaften des Vergnügens und der Muße sein, denn in Vereinen, die zu geschäftlichen Zwecken zusammentreten, will man nicht Vergnügen, sondern Vortheil finden. Drittens müssen es Gesellschaften sein, in denen die Ungleichheit nicht allzu groß ist, die Tyrannei der hergebrachten Meinung nicht allzu schroff hervortritt, und in denen man mehr dem Genusse als der Eitelkeit fröhnt, denn im entgegengesetzten Falle erstickt die Mode den Geschmack und man trachtet nicht mehr nach dem, was gefällt, sondern nach dem, was auszeichnet. In letzterem Falle kann man den guten Geschmack in Wahrheit nicht mehr den Geschmack der Mehrzahl nennen. Weshalb denn nicht? Weil sich das Object ändert. Alsdann hat die Menge kein eigenes Urtheil mehr, sie läßt sich von dem Urtheile derjenigen bestimmen, die sie für erleuchteter hält als sich selbst; sie zollt nicht dem Anerkennung, was gut ist, sondern dem, was Andere als gut anerkannt haben. Traget deshalb allezeit dafür Sorge, daß sich ein jeder Mensch sein eigenes Urtheil bildet, dann wird auch sicherlich das, was das Angenehmste an sich ist, stets die meisten Stimmen für sich haben. Nur durch Nachahmung vermögen die Menschen in ihren Werken Schönes hervorzubringen. Alle wahren Vorbilder des Geschmacks werden der Natur entnommen. Je mehr wir uns von dieser Meisterin entfernen, desto entstellter werden unsere Nachbildungen. Dann müssen uns die Gegenstände, die wir lieb haben, als Muster dienen; aber das Schöne aus dem Reiche der Phantasie ist, weil es sich der Laune und der Autorität unterworfen sieht, nichts weiter als das, was denen gefällt, unter deren Leitung wir stehen. Diejenigen nun, deren Leitung wir folgen, sind Künstler, Große und Reiche, welche sich wieder ihrerseits durch ihr Interesse oder ihre Eitelkeit leiten lassen. Eifrig sieht man sie neue Mittel des Aufwands aufsuchen, die Einen, um mit ihrem Reichthume zu prunken, die Andern, um daraus Vortheil zu ziehen. Dadurch legt der große Luxus den Grund zu seiner Herrschaft und flößt uns Liebe für das ein, was schwer zu erlangen und kostbar ist. Alsdann ist das, was für schön ausgegeben wird, weit von der Nachahmung der Natur entfernt, und wird nur deshalb so genannt, weil es mit der Natur nicht in Übereinstimmung steht. Das ist die Ursache, weshalb Luxus und schlechter Geschmack Hand in Hand gehen. Ueberall, wo die Befriedigung des Geschmacks mit großen Kosten verbunden ist, ist er falsch. Besonders im Umgange beider Geschlechter gewinnt der Geschmack, sei er gut oder schlecht, eine bestimmte Form; seine Ausbildung ist eine notwendige Folge dieses geselligen Verkehrs. Läßt jedoch die Leichtigkeit, mit welcher man sich den Genuß verschaffen kann, das Verlangen zu gefallen erkalten, so muß der Geschmack ausarten, und hierin liegt, wie mir scheint, einer der augenscheinlichsten Gründe, weshalb der gute Geschmack auf den guten Sitten beruht. In physischen wie in solchen Angelegenheiten, die ein Urtheil der Sinne zulassen, ziehet den Geschmack der Frauen zu Rathe, den der Männer jedoch in moralischen und allen übrigen Angelegenheiten, zu deren Beurtheilung ein größerer Verstand nöthig ist. Sind die Frauen, was sie sein sollen, so werden sie sich auf Dinge beschränken, für welche sie ein Verständniß haben, und werden stets richtig urtheilen. Seitdem sie sich jedoch auch über die Literatur die Herrschaft angemaßt, seitdem sie sich unterfangen haben, Bücher zu kritisiren und sogar mit aller Gewalt selbst zu schreiben, seitdem verstehen sie sich auf nichts mehr. Schriftsteller, welche sich über ihre Werke bei gelehrten Frauen Raths erholen, können stets versichert sein, schlechte Rathschläge zu erhalten. Stutzer, welche ihren Anzug nach dem Rathe der Frauen wählen, sind stets lächerlich gekleidet. Es wird sich mir bald Gelegenheit darbieten, von den wirklichen Talenten dieses Geschlechtes, von der Art und Weise ihrer Ausbildung, so wie von denjenigen Dingen zu sprechen, in welchen man auf die Entscheidungen desselben hören muß. Das sind die einfachen Betrachtungen, die ich als Grundsätze ausstellen werde, wenn ich mit meinem Emil einen Stoff bespreche, der ihm in der Lage, in welcher er sich befindet, und bei den Nachforschungen, mit welchen er beschäftigt ist, nichts weniger als gleichgiltig sein kann. Und wem könnte er auch wol gleichgiltig sein? Die Kenntniß dessen, was den Menschen angenehm oder unangenehm sein kann, ist nicht allein für denjenigen nothwendig, welcher ihrer bedarf, sondern auch für den, welcher ihnen nützen will. Selbst wenn man ihnen dienen will, kommt viel darauf an, daß man ihnen gefalle, und die Kunst zu schildern ist nichts weniger als ein müßiges Studium, wenn man sich ihrer dazu bedient, der Wahrheit Gehör zu verschaffen. Wenn mir zur Ausbildung des Geschmacks meines Zöglings die Wahl zwischen solchen Ländern, in denen die Geschmacksbildung erst im Entstehen begriffen ist, und anderen, in welchen sich bereits eine Entartung derselben bemerkbar machte, frei stünde, so würde ich die umgekehrte Reihenfolge inne halten; ich würde ihn zunächst die letzteren und zuletzt die ersteren besuchen lassen. Der Grund, der mich bei dieser Wahl leitet, besteht darin, daß der Geschmack bei einer zu übertriebenen Verfeinerung, die die Aufmerksamkeit auf Dinge lenkt, welche die meisten Menschen gar nicht gewahren, allmählich entartet. Diese Verfeinerung erfüllt uns mit Streitsucht. Denn je scharfsinniger man über die Gegenstände nachsinnt, desto mehr vervielfältigen sie sich; der dabei aufgebotene Scharfsinn macht das Gefühl zwar feiner, aber auch weniger übereinstimmend. Es bildet sich dann ein so vielfacher Geschmack, als es Köpfe gibt. In den Erörterungen darüber, wem der Vorzug eingeräumt werden muß, erweitern sich die Einsichten so wie die philosophischen Anschauungen, und auf diese Weise lernt man denken. Feine Beobachtungen können kaum von anderen als solchen Leuten angestellt werden, denen eine reiche Weltkenntniß zur Seite steht, weil sie sich erst nach Vorangang vieler anderer dem Beobachter aufdrängen, und weil die Aufmerksamkeit solcher Leute, welche sich wenig in zahlreichen Gesellschaften bewegt haben, schon durch die gewöhnlichen und sofort in die Augen fallenden Vorkommnisse völlig in Anspruch genommen wird. Es gibt gegenwärtig auf Erden vielleicht keinen civilisirten Ort, wo der Geschmack im Allgemeinen schlechter wäre als in Paris. Trotzdem wird gerade in dieser Hauptstadt der gute Geschmack ausgebildet, und es erscheinen wenige Bücher von europäischem Rufe, deren Verfasser nicht in Paris ihre Bildung empfangen hätten. Wer jedoch wähnt, es genüge schon, die Bücher, welche dort geschrieben werden, zu lesen, der befindet sich im Irrthume; man lernt aus dem Umgange mit den Schriftstellern mehr als aus ihren Büchern. Und selbst die Schriftsteller sind es nicht einmal, von denen man am meisten lernt. Nein, der Geist der Gesellschaft ist es, der einen denkenden Kopf weiter fördert und seinen Gesichtskreis mehr und mehr erweitert. Besitzet ihr auch nur einen Funken von Genie, so bringet ein Jahr in Paris zu; bald werdet ihr dann Alles sein, was ihr überhaupt zu sein vermögt, oder ihr werdet es nie zu etwas bringen. Man ist im Stande auch an Orten, wo ein schlechter Geschmack herrscht, denken zu lernen; aber man darf freilich nicht wie diejenigen denken, welche diesen schlechten Geschmack theilen, und es ist in der That sehr schwierig, sich bei längerem Verkehre mit ihnen, davor zu hüten. Durch ihre Beihilfe muß man gleichsam das Instrument, vermittelst dessen wir unsere Urtheile bilden, vervollkommnen, dabei aber vermeiden, es in gleicher Weise wie sie anzuwenden. Ich werde mich hüten, Emils Urtheilsvermögen bis zu dem Grade auszubilden, daß es eine bleibende Schwächung davonträgt, und wenn sein Gefühl fein genug sein wird, um die Verschiedenheiten im Geschmacke der Menschen zu erkennen und zu vergleichen, so werde ich ihn zur Befestigung seines eigenen Geschmacks auf einfachere Gegenstände zurückführen. Ich werde mich sogar, um ihm einen reinen und gesunden Geschmack zu bewahren, noch nach entfernteren Mitteln umsehen. In dem Geräusche der Zerstreuungen werde ich es trotzdem nicht an Unterhaltungen über nützliche Gegenstände fehlen lassen, und indem ich sie stets auf solche lenken werde, die ihm zu gefallen geeignet sind, werde ich sie ihm eben so angenehm als lehrreich zu machen suchen. Das ist nun die Zeit, in welcher ich ihm unterhaltende Bücher zur Lectüre vorlegen werde, die Zeit, ihn eine Rede analysiren zu lehren und für die Schönheiten der Beredtsamkeit und des Ausdrucks empfänglich zu machen. Die Erlernung der Sprachen um ihrer selbst willen hat wenig Werth; ihr Nutzen ist nicht so bedeutend, wie man gewöhnlich anzunehmen pflegt; aber das Studium der Sprache leitet auf das Studium der allgemeinen Sprachgesetze. Man muß lateinisch lernen, um gut französisch zu verstehen; beide Sprachen muß man studiren und vergleichen, um die Regeln der Redekunst zu begreifen. Es gibt überdies eine gewisse Einfachheit des Geschmacks, welche zu Herzen geht und sich nur in den Schriften der Alten vorfindet. In der Beredsamkeit, in der Poesie, in jedem Literaturzweige wird Emil die Alten so wiederfinden, wie sie ihm die Geschichte gezeichnet hat: reich an hervorragenden Erscheinungen und nüchtern im Urtheile. Unsere Schriftsteller sagen dagegen wenig, so viel Worte sie auch machen. Uns unaufhörlich ihr eigenes Urtheil als Gesetz vorschreiben, ist nicht das Mittel, das unserige zu bilden. Die Verschiedenheit unseres Geschmacks von dem der Alten kann man an allen Denkmälern, sogar an den Grabmälern erkennen. Die unsrigen sind mit Lobeserhebungen bedeckt; auf denen der Alten las man nur Thaten. Sta viator, heroem calcas . »Verweile, Wanderer, du stehst auf einem Helden.« So lautet die Grabschrift des in der Schlacht bei Nördlingen am 3. August 1645 gefallenen österreichischen Generals Mercy; cf. Voltaire, siècle de Louiss XIV., chap. 3. Selbst wenn ich diese Grabschrift auf einem antiken Monumente gefunden hätte, würde ich doch sofort errathen haben, daß sie unserer Zeit angehört; denn nichts ist unter uns so gewöhnlich als Helden, während sie bei den Alten gar selten waren. Anstatt zu sagen, daß ein Mann ein Held gewesen sei, würden sie die Thaten angegeben haben, die ihn dieses Namens würdig machten. Vergleicht nun mit der Grabschrift dieses Helden die des weibischen Sardanapal: An einem Tage ließ ich Tarsus und Anchialus bauen und nun bin ich todt. Welche sagt wol eurem Bedünken nach mehr? Unser schwülstiger Lapidarstil ist zu nichts nütze, als Zwerge aufzublasen. Die Alten stellten uns die Menschen mit natürlichen Farben dar, und man sah, daß es Menschen waren. Um das Andenken einiger auf dem Rückzugs der Zehntausend verrätherischerweise erschlagener Krieger zu ehren, sagt Xenophon: »Sie starben, unsträflich als Krieger und als Freunde!« Das ist Alles. Bedenkt indeß, von welchen Gedanken das Herz dieses Mannes erfüllt sein mußte, als er dieses so kurze und so einfache Lob niederschrieb. Beklagenswerth derjenige, der es nicht hinreißend findet! Auf einem Marmorsteine bei Thermopylä las man die Worte eingegraben: Wanderer, verkündige es in Sparta, daß wir hier, seinen heiligen Gesetzen getreu, gestorben sind. Man fühlt es sofort heraus, daß die Akademie der Inschriften diese hier nicht verfaßt hat. Der erwähnte Ausspruch Xenophons findet sich gegen Ende des 2. Buches der Anabasts, und die Grabschrift der bei Thermopylä gefallenen Spartaner berichtet Herodot, Buch VII, S. 228: Was das Epitaph des Sardanapal betrifft, so wird uns dasselbe von Strabo mitgetheilt, ist aber bei diesem Autor weit ausführlicher und trägt einen ganz anderen Charakter, als den ihm von Rousseau untergeschobenen. Es lautet: »Sardanapal, Sohn des Anacyndaraxes, ließ an einem einzigen Tage die Städte Anchialus und Sardes bauen. Wanderer, trink, iß und ergötze dich, denn alles Uebrige ist nicht einmal einen Nasenstüber werth.« Anmerk. des Herrn Petitain Ich würde mich in einer großen Täuschung befinden, wenn meinem Zöglinge, der so wenig Werth auf Worte legt, dieser Unterschied nicht sofort auffallen und einen Einfluß auf die Wahl seiner Lectüre ausüben sollte. Hingerissen von der männlichen Beredsamkeit des Demosthenes, wird er sagen: »Das ist ein Redner«, während er bei der Lectüre des Cicero sagen wird: »Das ist ein Advocat«. Im Allgemeinen werden die Schriften der Alten Emils Geschmacke mehr zusagen als die unsrigen, schon ans dem alleinigen Grunde, weil die Alten, als die der Zeit nach früheren, der Natur am nächsten kommen, und weil ihr Genie mehr ihnen selbst angehört. Was la Motte und der Abbé Terrasson auch immer gesagt haben mögen, es gibt doch bei dem Menschengeschlechte keinen wahren Fortschritt der Vernunft, weil Alles, was auf der einen Seite als Gewinn angesehen werden kann, durch Verluste auf der andern Seite wieder aufgewogen wird. Alle Geister müssen stets von demselben Punkte ausgehen, und weil nun die Zeit, welche man zur Erlernung dessen, was Andere gedacht haben, aufwendet, naturgemäß für die Ausbildung des Selbstdenkens verloren geht, so hat man zwar mehr Einsichten gewonnen, besitzt aber dafür weniger Geisteskraft. Wie unsere Arme darin geübt sind, Alles nur mit Hilfe von Werkzeugen und nichts durch sich selbst zu verrichten, so verhält es sich auch mit dem Geiste. Fontenell äußerte, der ganze Streit über die Alten und Neueren lasse sich in die Frage zusammenfassen, ob die Bäume ehedem, ein größere Höhe erreicht hätten als heutigen Tages. Wäre im Landbau eine Umgestaltung eingetreten, so würde es gar nicht so ungehörig sein, diese Frage aufzuwerfen. Nachdem ich Emil nun bis zu den Quellen der reinen Literatur habe zurückgehen lassen, zeige ich ihm gleichfalls die Canäle, durch welche sich dieselben in die Behälter der modernen Compilatoren ergossen haben, mache ihn mit Journalen, Uebersetzungen und Wörterbüchern bekannt. Er wirft auf dies Alles einen einzigen Blick, um dann nie wieder darauf zurückzukommen. Zu seiner Erheiterung lasse ich ihn auch das Geschwätz der Akademien anhören. Ich mache ihn darauf aufmerksam, daß jedes Mitglied derselben, sobald es für sich allein ist, stets höhere Geltung hat, als innerhalb der Körperschaft; daraus wird er sich dann schon selbst ein Urtheil über den Nutzen dieser prächtigen Anstalten bilden. Auch ins Theater führe ich ihn, nicht etwa um die Sitten, wol aber um den Geschmack zu studiren; denn denjenigen, welche an Nachdenken gewöhnt sind, zeigt er sich dort ganz besonders. »Laß die moralischen Vorschriften bei Seite,« würde ich zu ihm sagen. »Hier ist nicht die Stätte, wo wir uns über sie belehren sollen. Das Theater hat nicht die Bestimmung, der Wahrheit zu dienen; seine Aufgabe ist, die Menschen angenehm zu unterhalten, ihnen Vergnügen zu bereiten; in keiner Schule läßt sich die Kunst, ihnen zu gefallen und das Menschenherz zu fesseln, so vollkommen wie dort erlernen.« Das Studium des Theaters führt zu dem der Poesie; beide verfolgen genau dasselbe Ziel. Mit welcher Freude wird er, wenn er auch nur einen Funken von Geschmack für Letztere hat, dann die Sprachen der Dichter, Griechisch, Lateinisch, Italienisch erlernen! Ein je zwangloseres Vergnügen ihm diese Studien bereiten werden, desto größeren Gewinn wird er von ihnen haben; mit köstlicher Freude werden sie sein Herz gerade in einem Alter und unter Umständen erfüllen, wo es einer jeden Art Schönheit, die dazu angethan ist, das Herz zu rühren, mit solcher Wärme entgegenklopft. Man stelle sich vor, wie einerseits mein Emil, andrerseits ein Schüler einer öffentlichen Anstalt das vierte Buch der Aeneide oder den Tibull oder das Symposion des Plato liest. Welch ein Unterschied! Wie tief fühlt sich das Herz des Einen von dem bewegt, was den Anderen ganz ungerührt läßt! O, lieber Jüngling, halte ein, unterbrich deine Lectüre, ich sehe dich in zu hohem Grade erschüttert. Es ist zwar mein Wunsch, daß du an der Sprache der Liebe Gefallen findest, aber nicht, daß sie dich irre leite! Sei ein für Liebe empfänglicher Mensch, aber auch ein verständiger Mensch! Bist du nur eins von Beiden, so bist du nichts. – Ob übrigens mein Zögling in den todten Sprachen, in den schönen Wissenschaften und in der Poesie große Fortschritte mache oder nicht, darauf kommt wenig an. Er wird darum nichts an Werth verlieren, wenn er auch von alledem nichts weiß; um alle diese nichtigen Tändeleien handelt es sich bei seiner Erziehung durchaus nicht. Der Hauptzweck, den ich bei dem Bestreben, ihn das Schöne nach jeder Richtung hin empfinden und lieben zu lehren, verfolge, ist darauf gerichtet, seine Neigungen und seinen Geschmack für immer demselben zuzuwenden, die Entartung seiner natürlichen Triebe zu verhindern und vorzubeugen, daß er nicht eines Tages die Mittel, glücklich zu sein, die er weit näher finden soll, in seinem Reichthume suche. Ich habe mich bereits an einem andern Orte In einem Briefe an d'Alembert. darüber ausgesprochen, daß der Geschmack nur in der Kunst bestände, sich auf Kleinigkeiten zu verstehen, und dies ist vollkommen die Wahrheit. Da nun aber einmal die Annehmlichkeit des Lebens von einem Gewebe von Kleinigkeiten abhängig ist, so ist die Sorge für dieselben nichts weniger als gleichgiltig. Durch ihre Beihilfe lernen wir das Leben mit Gütern erfüllen, welche in der ganzen Wirklichkeit, die sie für uns zu haben im Stande sind, völlig in unserem Bereiche liegen. Ich verstehe hierunter nicht etwa die moralischen Güter, die von der Seelenreinheit abhängen, sondern das allein, was, die Vorurtheile und die allgemeine Meinung bei Seite gesetzt, in das Gebiet der Sinnlichkeit, der wirklichen Sinnenlust gehört. Man wolle mir gestatten, daß ich zur besseren Klarlegung meiner Idee von meinem Emil, dessen reines und gesundes Herz Niemandem als Regel zu dienen vermag, einen Augenblick absehe und mich selbst als ein deutlicheres und den Sitten des Lehrers näher liegendes Beispiel hinstelle. Es gibt Stände, welche die Natur zu verändern und die Glieder derselben, sei es zum Bessern, sei es zum Schlechtern, umzuwandeln scheinen. Ein Feiger wird tapfer, sobald er in das Regiment Navarra eintritt. Indeß nimmt man nicht allein im Soldatenstande einen gewissen Corpsgeist an, und nicht nur nach der guten Seite hin lassen sich seine Wirkungen wahrnehmen. Wol hundertmal habe ich mit Schrecken daran gedacht, daß, wenn ich das Unglück hätte, heute in einem gewissen Lande ein Amt, wie ich es im Sinne habe, zu bekleiden, ich morgen fast unvermeidlich ein Tyrann, ein Leuteschinder, ein Mann, der die Volks- wie Fürstenrechte zu schädigen suchte, kurz, schon in Folge meiner amtlichen Stellung ein Feind aller Menschlichkeit, aller Billigkeit und jeglicher Tugend sein würde. Eben so würde ich, besäße ich Reichthümer, Alles gethan haben, was man zur Erlangung derselben thun muß. Ich würde mich also übermüthig und gemein benehmen, gegen mich allein rücksichtsvoll und zärtlich sein, gegen alle Uebrige aber schonungslos und hart auftreten und auf das Elend des Lumpengesindels mit Verachtung herabblicken, denn den Dürftigen würde ich keinen andern Namen geben, um dadurch in Vergessenheit zu bringen, daß ich einst selbst ihrer Classe angehörte. Endlich würde ich mein Vermögen nur als Mittel benutzen, mir Vergnügungen zu verschaffen, in denen ich ausschließlich leben und weben würde; und damit wäre ich auf die Stufe aller Anderen herabgesunken. In einem Punkte würde ich mich jedoch, wie ich glaube, wesentlich von ihnen unterscheiden, darin nämlich, daß ich eher sinnlich und wollüstig als stolz und eitel sein, und daß ich mich in weit höherem Grade dem Luxus der Weichlichkeit als dem der Prunksucht überlassen würde. Es würde mich sogar ein gewisses Schamgefühl zurückhalten, meinen Reichthum allzu sehr zur Schau zu stellen, und ich würde immer glauben, einen Neidischen mir vor Augen schweben zu sehen, der, da ich ihn durch meinen Prunk in Schatten stellen würde, seinem Nachbar ins Ohr raunte: »Sieh einmal diesen Schuft! Welche entsetzliche Angst quält ihn doch, als Solcher erkannt zu werden.« Aus der unermeßlichen Fülle von Gütern, welche die Erde bedecken, würde ich mir das aussuchen, was mir am angenehmsten wäre und was ich am besten in meinen Besitz zu bringen vermöchte. Aus dem Grunde würde die erste Anwendung meines Reichthums darin bestehen, daß ich mir Muße und Freiheit erkaufte. Diesen Gütern würde ich dann noch Gesundheit hinzufügen, wenn sich dieselbe erkaufen ließe. Da sie indeß nur für Mäßigkeit käuflich ist und es außerdem ohne Gesundheit keine wahre Lebensfreude gibt, so würde ich aus Sinnlichkeit mäßig sein. Stets würde ich der Natur so nahe als möglich bleiben, um den Sinnen, die ich aus ihrer Hand empfangen habe, zu schmeicheln, da ich mich nicht gegen die Ueberzeugung zu verschließen vermag, daß ich desto wahreren Genuß finden würde, je mehr ich ihn aus der Natur schöpfte. Bei der Wahl zur Nachbildung bestimmter Gegenstände würde ich sie beständig zum Muster nehmen; bei der Befriedigung meiner Begierden würde ich ihr stets den Vorzug einräumen; in Sachen des Geschmacks würde ich sie stets zu Rathe ziehen; von den Speisen würden mir stets diejenigen am besten gefallen, zu deren Zubereitung sie selbst das Meiste beigetragen hat, und die durch die wenigsten Hände zu gehen brauchen, ehe sie auf unsern Tisch gelangen. Den Fälschungen, mit denen man uns zu täuschen sucht, würde ich vorbeugen; dem Vergnügen würde ich entgegenkommen. Meine thörichte und rohe Eßlust würde keinen Haushofmeister bereichern. Er sollte mir nicht für schweres Gold wie Gift wirkende Leckerbissen verkaufen. Unübersetzbares Wortspiel: Il ne me vendrait point au poids de l'or du poison pour du poisson. Meine Tafel sollte gewiß nicht mit dem Prunk kostbaren Schmutzes und aus weiter Ferne herbeigeschafften Aases besetzt werden. Ich würde mich zur Befriedigung meiner Sinnlichkeit keine Mühe verdrießen lassen, weil diese Mühe schon an und für sich ein Vergnügen ist und das erwartete dadurch erhöht. Wäre ich auf ein Gericht vom äußersten Ende der Welt her lüstern, so würde ich lieber, wie Apicius, mich aufmachen, um es an Ort und Stelle zu genießen, als es mir kommen zu lassen; denn auch den ausgesuchtesten Speisen fehlt es stets an einer Würze, die man nicht gleichzeitig mit ihnen versenden kann und die kein Koch zu ersetzen vermag: die Luft des Klimas, welches sie hervorgebracht hat. Aus demselben Grunde würde ich mir auch nicht an denen ein Beispiel nehmen, welche sich immer nur da wohl zu befinden glauben, wo sie nicht sind, und deshalb die Jahreszeiten unter einander und die Klimate mit den Jahreszeiten in Widerspruch setzen; welche, da sie im Winter den Sommer und im Sommer den Winter suchen, der Kälte wegen Italien und der Wärme wegen den Norden besuchen, ohne zu bedenken, daß sie die Strenge der Jahreszeiten, welcher sie zu entrinnen wähnen, gerade in den Gegenden antreffen müssen, wo man noch nicht gelernt hat, sich vor ihr zu schützen. Ich für meinen Theil würde entweder ruhig an meinem Wohnorte ausharren, oder gerade das umgekehrte Verfahren einschlagen; ich würde einer Jahreszeit Alles, was sie an Annehmlichkeiten darbietet, und einem Klima alles Besondere, was ihm eigenthümlich ist, abzugewinnen suchen. Ich würde eine Mannigfaltigkeit von Vergnügungen und Gewohnheiten in mir vereinen, die sich zwar unter einander nicht ähneln würden, aber stets mit der Natur im Einklange ständen. Den Sommer würde ich in Neapel, den Winter in Petersburg zubringen, bald hingelagert in einer kühlen Grotte Tarents, den sanften Zephir athmend, bald im hellerleuchteten Eispalaste, außer Athem und von den Vergnügungen des Balles ermattet. Bei meinem Tafelgeräthe und der Ausschmückung meines Zimmers würde ich durch sehr einfache Verzierungen den Wechsel der Jahreszeiten bildlich darstellen, und mich an den Annehmlichkeiten einer jeden erfreuen, ohne mich um den Genuß der nachfolgenden zu bringen. Es verursacht Mühe, gewährt aber keinen Genuß, die Ordnung der Natur in dieser Weise zu stören, ihr unfreiwillige Gaben abzudringen, die sie nur ungern und unter Verwünschungen gegen den Empfänger gibt, und die, da es ihnen an Güte und Geschmack fehlt, weder den Magen ernähren noch den Gaumen kitzeln können. Nichts ist unschmackhafter als Treibhausfrüchte. Nur unter großen Kosten bringt es der Reiche in Paris mit Hilfe seiner Oefen und Glashäuser dahin, daß es ihm das ganze Jahr hindurch nicht an schlechten Gemüsen und schlechtem Obste auf seiner Tafel fehlt. Hätte ich auch Kirschen, wenn es friert, und duftende Melonen mitten im Winter, welchen Genuß könnte ich davon haben, da mein Gaumen keiner Erquickung oder Erfrischung bedarf? Würde mir wol in der Hitze der Hundstage die saftlose Marone Labung gewähren? Würde ich sie wol, wenn sie so eben aus der Pfanne kommt, der Johannisbeere, der Erdbeere und all den Durst löschenden Früchten vorziehen, die sich mir mühelos überall auf Erden darbieten? Mitten im Monat Januar seinen Kamin mit einer der Natur nur gewaltsam abgerungenen Vegetation, mit bleichen, geruchlosen Blumen bedecken, heißt weniger den Winter schmücken, als den Frühling seines Schmuckes berauben, heißt, sich selber um das Vergnügen bringen, im Walde das erste Veilchen zu suchen, die erste Knospe zu entdecken und voller Wonne auszurufen: »Sterbliche, ihr seid nicht verlassen, die Natur lebt noch!« Um gut bedient zu werden, würde ich mich mit weniger Dienerschaft umgeben. Das ist zwar schon einmal gesagt worden, aber es schadet nicht, es zu wiederholen. Ein Bürger wird von seinem einzigen Diener in Wirklichkeit besser bedient, als ein Herzog von den zehn Herren, die ihn dienstfertig umringen. Ich habe schon hundertmal bei mir überlegt, daß ich bei Tische, mit meinem Glase neben mir, trinken kann, so oft es mir gefällt, während am einer großen Tafel erst zwanzig Stimmen meinen Befehl weiter befördern müßten, bevor ich meinen Durst zu stillen vermöchte. Alles, was man durch Andere ausrichten läßt, wird mangelhaft ausgeführt, möge man es anstellen, wie man will. Ich würde nicht zu den Kaufleuten schicken, sondern selbst zu ihnen gehen. Ich würde diesen Schritt thun, damit meine Leute nicht vor mir mit ihnen ein Abkommen treffen könnten, damit mir möglich wäre, eine bessere Auswahl zu treffen und billiger einzukaufen. Ich würde selbst gehen, um mir eine angenehme Bewegung zu machen, um ein wenig Umschau zu halten und zu sehen, was außerhalb meiner vier Pfähle vorgeht. Dies dient zur Erholung und kann auch bisweilen belehrend sein. Endlich würde ich gehen, um zu gehen, und das ist doch auch immer etwas. Bei einem allzu eingezogenen Leben beginnt sich die Langeweile zu regen; macht man sich dagegen viel Bewegung, so empfindet man wenig Langeweile. Thürsteher und Lakaien sind schlechte Dolmetscher. Ich wünschte wahrlich nicht, daß diese Leute die stete Vermittlung zwischen mir und der übrigen Welt bildeten. Eben so wenig möchte ich immer in rasselnder Kutsche einherfahren, als ob ich befürchtete, angeredet zu werden. Die Pferde eines Menschen, der sich seiner eigenen Beine bedient, sind stets bereit. Sind sie ermüdet oder krank, so weiß er es eher als jeder Andere, und braucht nicht zu besorgen, daß er unter diesem Vorwande das Haus hüten muß, wenn es seinem Kutscher einmal einfällt, sich einen guten Tag zu machen. Unterwegs stellen sich ihm nicht tausenderlei Hindernisse entgegen, daß er vor Ungeduld vergehen möchte, und nöthigen ihn nicht, in dem Augenblick, wo er sich Flügel wünschte, still zu halten. Kurz, wenn uns Niemand so gut bedient als wir selbst, so sollten wir uns auch, und wären wir mächtiger als Alexander und reicher als Crösus, von Anderen nur solche Dienste erweisen lassen, die wir selbst nicht verrichten können. Ich möchte als Wohnung keinen Palast haben, denn in diesem Palaste würde ich doch nur ein einziges Zimmer bewohnen. Jedes gemeinschaftliche Gemach gehört Niemandem, und das Zimmer eines Jeden meiner Leute würde mir gerade eben so fremd sein wie das meines Nachbars. Trotz ihrer großen Ueppigkeit haben die Orientalen doch nur höchst einfache Wohnungen und Hausgeräthe. Sie betrachten das Leben als eine Reise und ihr Haus als eine Herberge. Dieser Grund findet bei uns abendländischen Reichen, die wir uns einrichten, als sollten wir ewig leben, wenig Anklang. Für mich würde jedoch ein ganz anderer Grund den Ausschlag geben, um dieselbe Wirkung hervorzubringen. Ließe ich mich an einem Orte nieder und richtete mich daselbst mit so großem Aufwande ein, so würde es mir vorkommen, als verbannte ich mich dadurch von allen anderen und lebte in meinem Palaste gleichsam hinter verschlossenen Thüren. Einen wie schönen Palast bildet doch die Welt! Gehört dem Reichen eigentlich nicht Alles, wenn er es nur genießen will? Ubi bene, ibi patria (wo es mir wohl geht, da ist mein Vaterland); das ist sein Wahlspruch. Dort schlägt er seinen Herd auf, wo sein Geld Alles vermag; seine Heimat reicht so weit, wie seine Geldkiste gelangen kann, gleich wie Philipp jede Festung schon für erobert hielt, in welche ein mit Geldsäcken beladenes Maulthier eindringen konnte. Ein durch seine prächtige Kleidung Aufsehen erregender Fremder antwortete, als man ihn in Athen fragte, aus welchem Lande er wäre: »Ich bin reich!« Ich halte diese Antwort für sehr treffend. Weshalb sich also zwischen Mauern und Thüren einschließen, als ob man sich in der Welt nie wieder bücken lassen wollte? Verjagt mich eine ansteckende Krankheit, ein Krieg oder ein Aufruhr von einem Orte, so begebe ich mich nach einem andern und finde mein Haus schon vor mir daselbst angekommen. Weshalb soll ich mich erst der Mühe unterziehen, mir selbst eins zu bauen, da sich über den ganzen Erdboden hin die Bautätigkeit für mich regt? Weshalb sollte ich mir, da uns Eile Noth thut zu leben, schon so lange im Voraus Genüsse vorbereiten, die ich schon heute zu befriedigen vermag? Vergeblich ist jedes Bemühen, sich ein angenehmes Loos zu bereiten, wenn man sich unaufhörlichen Widerspruch mit sich selbst setzt. Deshalb tadelte Empedokles die Argentiner, daß sie sich von einem Vergnügen in das andere stürzten, und bauten, als ob sie niemals sterben würden. Montaigne, livre II, chap. I. Welchen Nutzen würde mir übrigens eine so weitläufige Wohnung gewähren, da ich mich nur mit so wenigen Leuten, mit denen ich sie beleben könnte, zu umgeben gedenke, und noch weniger Sachen zu ihrer Ausstattung anschaffen würde. Mein Hausgeräth würde einfach sein, wie mein Geschmack; ich würde mir weder eine Gemäldesammlung noch eine Bibliothek anlegen, zumal wenn ich die Lectüre liebte und Verständniß für die Malerei besäße. Ich würde dann die Einsicht haben, daß dergleichen Sammlungen nie Anspruch auf Vollständigkeit machen können, und daß wir über den Mangel dessen, was uns fehlt, mehr Verdruß empfinden, als darüber, daß wir gar nichts besitzen. Auf diesem Gebiete ruft gerade der Ueberfluß Elend hervor. Es möchte sich schwerlich ein Sammler finden, der dies nicht erfahren hätte. Wer ein wirklicher Kenner ist, darf sich keine Sammlung anlegen. Man wird nicht leicht eine Sammlung haben, um sie Anderen zu zeigen, wenn man sie für sich selbst zu benutzen versteht. Für einen reichen Mann ist das Spiel durchaus kein Zeitvertreib; nur ein Tagedieb greift nach diesem Unterhaltungsmittel. Meine Lustbarkeiten würden mir viel zu viel Beschäftigung geben, um mir viel Zeit zu lassen, für die es keine bessere Verwendung gäbe. In der Verlassenheit und Armuth, in der ich lebe, spiele ich gar nicht, außer hin und wieder eine Partie Schach, und das ist schon zu viel. Wäre ich indeß reich, so würde ich noch weniger spielen, und zwar nur zu einem ganz niedrigen Einsatze, damit ich weder anzusehen brauchte, daß irgend Jemand mißmüthig wäre, noch ich selbst es würde. Da die Gewinnsucht für einen Reichen unmöglich einen Antrieb zum Spiele bilden kann, so kann das Interesse am Spiel auch nur bei einer schon tief gesunkenen Seele bis zur Leidenschaft ausarten. Der Gewinn, welchen ein Reicher beim Spiele machen kann, übt stets weniger Eindruck auf ihn aus, als der Verlust, und da bei der Art der mäßig hohen Spiele, bei welchen der etwaige Gewinn auf die Länge der Zeit doch wieder zugesetzt wird, der Verlust den Gewinn im Allgemeinen übertrifft, so kann man sich bei richtiger Ueberlegung nicht allzu sehr zu einem Zeitvertreibe hingezogen fühlen, bei dem das Risico nicht unbedeutend ist. Wem es zur Befriedigung seiner Eitelkeit dient, daß ihm das Glück günstig ist, der kann eine gleiche Gunst des Glückes bei weit reizenderen Gegenständen suchen; auch tritt diese Gunst in dem niedrigsten Spiele eben so wie im höchsten hervor. Geschmack am Spiele, der lediglich die Frucht des Geizes und der Langenweile ist, kann nur in einem leeren Geiste und leeren Herzen Wurzel fassen, und ich denke doch Gefühl und Kenntnisse genug zu besitzen, um eine solche Beihilfe nicht nöthig zu haben. Man wird selten bemerken, daß Denker großes Gefallen am Spiele finden, da es die Eigenschaft hat, die Gewohnheit des Denkens zu unterbrechen, oder zu unfruchtbaren Berechnungen zu führen. Hierin zeigt sich auch eine der guten Folgen, die der Geschmack an den Wissenschaften hervorgebracht hat, und vielleicht die einzige, daß er nämlich diese schmutzige Leidenschaft einigermaßen dämpft; man wird sich lieber damit beschäftigen, den Beweis für den Nutzen des Spieles zu führen, als sich ihm selbst zu überlassen. Ich für meinen Theil würde mitten unter den Spielern wider das Spiel ankämpfen und mehr Vergnügen daran finden, sie auszulachen, wenn ich sie ihr Geld verlieren sähe, als es ihnen selbst abzugewinnen. In meinem Privatleben wie im Umgange mit der Welt würde ich mir stets gleich bleiben. Nach meinem Wunsche müßte mein Vermögen überall Behaglichkeit verbreiten und nie ein Gefühl der Ungleichheit aufkommen lassen. In tausendfacher Hinsicht ist der Flitter des Putzes mit Unbequemlichkeit verbunden. Um mir unter den Menschen alle nur mögliche Freiheit zu bewahren, würde ich mich so kleiden, daß ich in jedem Stande an meinem Platze zu sein schiene, und man mich in keinem als nicht zu ihm gehörend betrachten könnte, daß ich ohne Ziererei und ohne eine Aenderung an meiner Kleidung vorzunehmen, in der Schenke für einen Mann aus dem Volke und im Palais-Royal als zur guten Gesellschaft gehörig gelten müßte. Da ich hierdurch mehr Herr über mein Benehmen wäre, würde ich mir die Vergnügungen aller Stände zugänglich machen. Es soll Frauen geben, die vor gestickten Manschetten ihre Thür verschließen und nur Personen in Spitzenmanschetten empfangen; deshalb würde ich meine Zeit anderswo verbringen. Wären diese Frauen indeß jung und hübsch, so könnte ich wol auch hin und wieder Spitzen anlegen, um allenfalls eine Nacht mit ihnen zu verleben. Das einzige Band, welches meine Gesellschaften zusammenhielte, würde gegenseitige Zuneigung, Uebereinstimmung im Geschmack und Gleichheit der Charaktere sein. Ich würde als Mensch und nicht als Reicher in ihnen leben. Nie würde ich zugeben, daß ihr Reiz durch Eigennutz vergiftet würde. Wenn mein Reichthum noch einen Rest von Menschlichkeit in mir zurückgelassen hätte, so würde ich meinen Diensten und Wohlthaten eine sehr weite Ausdehnung geben. Allein ich wünschte eben nur eine Gesellschaft und nicht einen Hof, wünschte Freunde und keine Schützlinge um mich zu sehen; deshalb würde ich nicht der Gönner, sondern nur der Wirth meiner Gäste sein. Die Unabhängigkeit und Gleichheit würde meinen freundschaftlichen Verhältnissen die ganze Reinheit des Wohlwollens lassen; und da, wo Verpflichtung und Eigennutz schweigen, gilt Vergnügen und Freundschaft als das einzige Gesetz. Weder Freundschaft noch Liebe läßt sich erkaufen. Frauen kann man zwar leicht für Geld bekommen, aber auf diesem Wege wird man nie wahre Liebe finden. Liebe ist für Geld nicht käuflich, sondern wird von demselben vielmehr unfehlbar ertödtet. Wer Liebe bezahlt, wird, und wäre er der allerliebenswürdigste Mensch, schon aus dem einzigen Grunde, weil er bezahlt, nicht lange geliebt werden. Bald wird er für einen Anderen bezahlen, oder dieser Andere wird vielmehr mit seinem eigenen Gelde bezahlt werden, und bei dieser doppelten, aus Eigennutz, aus Wollust, ohne Liebe, ohne Ehre, ohne wahres Vergnügen angeknüpften Verbindung verscherzt das habgierige, untreue und elende Weib, das von dem Schändlichen, welcher von ihr Bezahlung annimmt, eben so behandelt wird, wie es den Thoren behandelt, welcher sie bezahlt, Beider wahre Zuneigung. Es würde süß sein, gegen den Gegenstand seiner Liebe den Freigebigen zu spielen, wenn sich nur nicht eine Art Kaufverhältniß daraus entwickelte! Mir ist nur ein Mittel bekannt, dieser Neigung gegen seine Geliebte nachzukommen, ohne die Liebe gleichzeitig zu vergiften. Es bleibt kein anderer Rath übrig, als ihr Alles zu geben und sich von nun an von ihr ernähren zu lassen. Ich möchte aber wol wissen, wo die Frau wäre, der gegenüber eine solche Handlungsweise nicht als ein sehr thörichtes Wagniß erscheinen müßte? Jener Mann, welcher sich rühmte: »Ich besitze die Lais, ohne daß sie mich besitzt,« sprach ein Wort ohne Sinn. Der Besitz, welcher nicht auf Gegenseitigkeit beruht, ist so gut wie gar keiner; es ist höchstens der Besitz des Geschlechts, aber nicht der Person. Wo die Liebe nicht die Sittlichkeit zur Grundlage hat, ist an dem Uebrigen nicht viel gelegen. Nichts läßt sich so leicht finden als das. In diesem Punkte steht ein Maultiertreiber dem Glücke näher als ein Millionär. O, wenn man im Stande wäre, die Inconsequenzen des Lasters genügend nachzuweisen, wie oft würde man sich da überzeugen können, daß sich der, welcher demselben fröhnte, trotz Erlangung des Begehrten, sehr verrechnet hat! Wo schreibt sich diese rohe Begierde her, die Unschuld zu verführen, eine junge Person, der man schützend hätte zur Seite stehen sollen, sich als Schlachtopfer auszusuchen, und sie mit diesem ersten Schritte unvermeidlich in einen Abgrund des Elends zu stürzen, aus der ihr nur der Tod Rettung bringen kann? Von viehischer Lust, Eitelkeit, Unverschämtheit, Verirrung und von nichts weiter. Sogar dieses Vergnügen ist nichts Natürliches, es beruht auf einem Vorurtheile und zwar auf einem Vorurtheile der verächtlichsten Art, weil es von der Selbstverachtung unzertrennlich ist. Wem sein Gefühl sagt, daß er der erbärmlichste unter den Menschen ist, der fürchtet den Vergleich mit jedem anderen, obgleich er als der beste gelten möchte, um weniger Verachtung einzuflößen. Ueberzeuget euch doch selbst, ob diejenigen, welche nach diesem eingebildeten Genusse am lüsternsten sind, je zu den liebenswürdigen jungen Männern gehören, ob sie wol werth sind, Gefallen zu erregen, und mehr Entschuldigung verdienen, wenn sie deshalb schwer zu befriedigen sind! Nein, bei einem gefälligen Aeußeren, bei wirklichem Werth und Gefühl fürchtet man die Erfahrung seiner Geliebten nur wenig. Voll gerechter Zuversicht sagt man zu ihr: »Du bist mit den Freuden zwar schon bekannt, gleich viel, mein Herz verheißt dir Genüsse, die du noch nie kennen gelernt hast.« Allein ein alter, in Folge seiner Ausschweifungen abgelebter Satyr, ohne jegliche Anmuth, ohne Zurückhaltung, ohne Rücksicht, ohne irgend eine Spur von Ehrbarkeit, unfähig und unwürdig, irgend einem Weibe, welches mit liebenswürdigen Leuten Umgang gehabt hat, Gefallen einzuflößen, glaubt bei einer jungen Unschuld dies Alles dadurch ersetzen zu können, daß er sich ihre Unerfahrenheit zu Nutze macht und ihre noch schlummernde Sinnlichkeit wachruft. Ihm bleibt nur noch die eine Hoffnung übrig, durch die Neuheit zu gefallen. Unstreitig ist dies der geheime Beweggrund dieser seltsamen Neigung. Trotzdem täuscht er sich. Der Abscheu, den er erregt, ist nicht weniger natürlich als die Gelüste, die er erregen möchte. Auch in seiner thörichten Erwartung sieht er sich getäuscht; dieselbe Natur trägt auch dafür Sorge, ihre Rechte wieder zurückzufordern. Jedes Mädchen, welches sich verkauft, hat sich schon zuvor hingegeben, und da es dabei seiner eigenen Wahl gefolgt ist, so ist es doch im Stande, die Vergleichung, welche jener fürchtet, anzustellen. Er erkauft sich folglich nur ein eingebildetes Vergnügen und wird darum nicht weniger verabscheut. Würden in mir, wenn ich zu Reichthum gelangte, auch noch so viele Veränderungen vorgehen, in einem Punkte würde ich mich sicherlich nie verändern. Vermöchte ich mir auch weder Sitte noch Tugend zu bewahren, so würde mir doch wenigstens einiger Geschmack, einige Vernunft, einiges Zartgefühl bleiben, und dies würde mich dagegen schützen, mein Vermögen wie ein Narr dazu anzuwenden, daß ich Hirngespinsten nachjagte und meine Börse und mein Leben erschöpfte, um mich dem Verrathe und dem Gespötte von Kindern auszusetzen. So lange ich jung wäre, würde ich die Vergnügungen der Jugend suchen, und da ich sie in ihrer ganzen Wollust genießen möchte, würde ich sie nicht in der Rolle eines reichen Mannes suchen. Bliebe ich, wie ich bin, so würde es freilich etwas Anderes sein. Ich würde mich kluger Weise auf die Vergnügungen meines Alters beschränken, würde nur an dem Gefallen finden, wovon ich wirklichen Genuß haben könnte, und alle Neigungen ersticken, die mir nur zur Qual wären. Ich würde meinen grauen Bart nicht dem höhnischen Gespötte junger Mädchen aussetzen, würde es nicht ertragen, wahrzunehmen, daß meine widerwärtigen Liebkosungen sie mit Ekel erfüllten und ihnen auf meine Kosten den Stoff zu den lächerlichsten Erzählungen lieferten, würde die Vorstellung nicht ertragen können, wie sie die abscheuliche Wollust des alten Affen schilderten, um Rache dafür an ihm zu üben, daß sie dieselbe hatten ertragen müssen. Hätten schlecht unterdrückte Gewohnheiten meine alten Lüste in Bedürfnisse verwandelt, so würde ich sie vielleicht befriedigen, aber mit Scham, mit Erröthen vor mir selbst. Ich wurde mich dem Bedürfnisse nicht mit Leidenschaft hingeben, zur Befriedigung desselben meine Wahl auf eine möglichst geeignete Persönlichkeit lenken, und dabei würde es sein Bewenden haben; indeß würde ich aus meiner Schwäche keine Beschäftigung mehr machen, und vor Allem würde ich wünschen, daß es nur einen Zeugen derselben gäbe. Das menschliche Leben bietet andere Freuden dar, wenn ihm jene fehlen. Dadurch, daß man vergeblich nach den fliehenden hascht, beraubt man sich auch noch derer, welche uns geblieben sind. Laßt uns unsere Neigungen mit den Jahren ändern und die Lebensalter eben so wenig wie die Jahreszeiten verrücken; Jeder muß zu allen Zeiten er selbst sein und nicht wider die Natur ankämpfen. Die vergeblichen Anstrengungen sind für das Leben aufreibend und hindern uns, dasselbe recht anzuwenden. Das Volk langweilt sich nicht, es bringt sein Leben in Thätigkeit hin; sind seine Vergnügungen auch nicht sehr abwechselnd, so sind sie dafür selten. Nach vielen Tagen mühevoller Arbeit bereiten ihm seine wenigen Feiertage desto größere Genüsse. Die Abwechselung langer Arbeit mit kurzer Muße verleiht den Vergnügungen dieses Standes eine eigene Würze. Für die Reichen bildet die Langeweile eine furchtbare Plage; im Schooße so vieler mit großen Kosten erkaufter Vergnügungen, inmitten so vieler Leute, die nur darauf ausgehen, ihnen zu gefallen, verzehrt und tödtet sie die Langeweile. Ihr ganzes Leben hindurch fliehen sie vor ihr und fallen ihr wieder zur Beute. Sie vermögen ihre unerträgliche Last nicht abzuschütteln; namentlich werden die Frauen, die sich nicht mehr zu beschäftigen noch die Zeit zu vertreiben wissen, von ihr unter dem Namen »Vapeurs« aufgerieben. Sie nimmt ihnen gegenüber die Gestalt eines entsetzlichen Uebels an, das ihnen bisweilen den Verstand und am Ende wol gar das Leben raubt. Ich meinerseits kenne kein traurigeres Loos als das einer hübschen Pariserin, ausgenommen das ihres Anbeters, der in ihren Fesseln schmachtet und sich, da er wie sie die Rolle eines müßigen Frauenzimmers spielen muß, auf diese Weise in doppelter Beziehung von seinem Stande entfernt, und dem nur die Eitelkeit, die Gunst seiner Dame erlangt zu haben, die Länge der trübseligsten Tage, die je eine menschliche Creatur ausgestanden hat, erträglich macht. Die Regeln der Schicklichkeit, die Moden, die Gebräuche, welche der Luxus und die vornehme Lebensweise herbeigeführt haben, zwängen das ganze Leben in die Schranken der widerwärtigsten Einförmigkeit ein. Jede Freude, die man in den Äugen Anderer genießen will, ist für Alle verloren: weder erkennen Andere sie als solche an, noch empfindet man sie selbst. Um sich den Anschein zu geben, als führten sie ein sehr genußreiches Leben, haben es sich zwei Weltdamen zum Gesetze gemacht, sich nie vor fünf Uhr Morgens schlafen zu legen. Mitten im strengsten Winter müssen ihre Leute die Nacht auf der Straße zubringen, um sie zu erwarten; während sie sich oft kaum vor dem Erfrieren zu schützen vermögen. Eines Abends, oder richtiger eines Morgens, kommt man zufällig in das Zimmer, in welchem die beiden Frauen, die einen so lustigen Lebenswandel führten, die Stunden ungezählt verrinnen ließen, und findet sie ganz allein, jede in ihrem Lehnstuhle schlafend. Die Lächerlichkeit, welche die allgemeine Meinung mehr als Alles fürchtet, geht ihr fortwährend zur Seite, um sie zu tyrannisiren und zu strafen. Man macht sich nie so lächerlich als gerade durch einmal feststehende Formen. Wer bei den Verhältnissen, in denen er sich bewegt, und bei seinen Vergnügungen eine gewisse Abwechselung zu beobachten versteht, verwischt heute den Eindruck, den er gestern hervorgebracht hat. Er verliert in den Augen der Menschen alle Bedeutung, aber er hat einen wirklichen Genuß, denn er ist zu jeder Stunde und bei allen Dingen mit ganzer Seele. Meine einzige feste Form würde die sein, daß ich mich in jeder Situation nie mit einer andern beschäftigen und jeden Tag für sich selbst genießen würde, unabhängig vom vorhergehenden und vom folgenden. Wie ich mich unter den niederen Ständen als ein Glied derselben betrachten würde, so würde ich mich auf dem Lande zu den Bauern zählen, und wenn ich vom Ackerbau spräche, sollte der Landmann keine Gelegenheit haben, sich über mich lustig zu machen. Auf dem Lande würde ich mir keine Stadt erbauen, noch mitten in der Provinz Tuilerien vor meinem Zimmer aufführen. Am Abhange eines freundlichen schattenreichen Hügels würde ich mir ein Häuschen nach ländlicher Weise einrichten; weithin müßte es durch seine weiße Farbe und seine grünen Fensterläden sichtbar sein; und obgleich ein Strohdach für jede Jahreszeit das beste ist, so würde ich gleichwol, um meiner Wohnung ein freundlicheres Aeußere zu verleihen, zwar nicht dem düstern Schiefer, wol aber einem Ziegeldache den Vorzug geben, weil dasselbe ein saubereres und gefälligeres Ansehen hat als Stroh. Da man sich nun auch in meiner Heimat keines anderen Deckungsmittels bedient, so würde es mich hin und wieder an die glückliche Zeit meiner Jugend erinnern. Mein Hof würde sich in einen Hühnerhof, mein Pferdestall in einen Kuhstall verwandeln, damit es mir nicht an Milch fehlte, die ich sehr liebe. Mein einziger Garten würde ein Gemüsegarten sein, und als Park würde ich einen hübschen Obstgarten benutzen, dem ähnlich, von welchem sogleich die Rede sein wird. Das Obst, dessen Genuß den Spaziergängern unbenommen bliebe, ließe ich von meinem Gärtner weder zählen noch pflücken. Meine in mancher Beziehung doch nur karge Prachtliebe würde den Blicken nicht herrliche Spaliere, die man kaum zu berühren wagt, zur Schau stellen. Diese geringe Verschwendung würde gleichwol nur mit geringen Kosten verbunden sein, da ich meinen Wohnsitz in irgend einer entfernten Provinz aufschlagen würde, wo wenig Geld, aber viele Lebensmittel zu finden sind, und wo Ueberfluß und Armuth herrschen. Dort würde ich eine mehr gewählte als zahlreiche Gesellschaft um mich versammeln, einen Kreis von Freunden, die das Vergnügen liebten und sich darauf verstünden, von Frauen, die fähig wären, sich von ihren Lehnstühlen zu erheben und in ländliche Spiele zu mischen, und die, statt immer zu dem Weberschiffchen und zu den Karten ihre Zuflucht zu nehmen, mitunter auch nach der Angel, der Leimruthe, dem Heurechen und dem Korbe der Winzerinnen langten. Dort, wo aller Stadtton vergessen werden würde und wo wir uns auf dem Lande nur als Landleute fühlten, würden wir uns einer Menge verschiedenartiger Vergnügungen hingeben können, die uns jeden Abend nur in die Verlegenheit setzen würden, für den folgenden Tag eine Auswahl zu treffen. Die Bewegung und das thätige Leben würden unsern Magen verjüngen und uns einen neuen Geschmack geben. All unsere Mahlzeiten würden sich in Festessen verwandeln, bei denen uns mehr die Fülle als die Leckerhaftigkeit Behagen einflößen würde. Frohsinn, ländliche Arbeiten und muntere Spiele sind die besten Köche der Welt, und feine Ragouts können Leuten, welche von Sonnenaufgang in Athem sind, nur höchst lächerlich vorkommen. In der Zurüstung der Tafel dürfte sich eben so wenig künstliche Ordnung als Eleganz aussprechen. Ueberall ließe sich der Speisesaal herstellen, im Garten, in einem Boote, unter einem Baume; hin und wieder in größerer Entfernung, in der Nähe einer rieselnden Quelle, auf grünem, frischem Rasenplatze, unter Erlen- und Haselgebüsche. Ein langer Zug fröhlicher Gäste müßte unter Gesang Alles, was das Fest erforderte, herbeitragen. Der Rasen müßte die Stelle der Tafel und der Stühle vertreten, die Einfassung einer Quelle den Schenktisch ersetzen, und den Nachtisch müßten die Bäume darbieten. Obgleich die Speisen ohne bestimmte Ordnung würden aufgetragen werden, würde der Appetit alle Complimente unnöthig machen. Jeder würde zuerst ungenirt für sich selber sorgen und es ganz recht finden, wenn jeder Andere eben so handelte. Aus dieser herzlichen und nicht in Ueberschwänglichkeit ausartenden Vertraulichkeit, die sich von Grobheit, Falschheit und Zwang fern zu halten wüßte, würde sich ein scherzhafter Wetteifer entwickeln, der hundertmal reizender wäre als die herkömmliche Höflichkeit, und sich auch weit mehr dazu eignen würde, die Herzen zu vereinigen. Kein lästiger Diener dürfte auf unsere Gespräche horchen, unser Benehmen in gemeiner Weise bekriteln, uns mit neidischem Auge die Bissen in den Mund zählen, sich damit belustigen, uns auf das Trinken warten zu lassen, oder darüber murren, daß sich die Mahlzeit zu lange hinzöge. Wir würden, um unsere eigenen Herren zu sein, selbst unsere Diener spielen; Jeder würde auf die Dienste Aller zählen können; die Zeit würde verrinnen, ohne daß Jemand daran dächte, die Stunden zu zählen; die Mahlzeit würde uns als Ruhezeit dienen und so lange wie die Tageshitze währen. Ginge nicht weit von uns ein Landmann vorüber, der sich, mit seinen Werkzeugen auf der Schulter, wieder an die Arbeit begäbe, so würde ich durch einige freundliche Worte, durch ein paar Schluck guten Weines sein Herz erfreuen, so daß er freudiger sein Elend ertrüge. Auch für mich würde es eine Freude sein, zu fühlen, daß mein Inneres bewegt ist, und im Stillen zu mir sagen: »Ich bin doch noch immer ein Mensch!« Versammelte irgend ein ländliches Fest die Bewohner des Ortes, so würde ich mit dem Kreise meiner Freunde zu den Ersten gehören, die dazu einträfen. Würden in meiner Nachbarschaft Hochzeiten, die hier vom Himmel gesegneter als in der Stadt sind, gefeiert, so würde man wissen, daß ich die Freude liebe und mich dazu einladen. Ich würde diesen guten Leuten einige Geschenke mitbringen, die mit ihrer eigenen Einfachheit in Einklang ständen und geeignet wären, zur Erhöhung der Festlichkeit beizutragen, und dafür würde mir ein Lohn von unschätzbarem Werthe zu Theil werden, Güter würden mein Lohn sein, welche meinen Standesgenossen so wenig bekannt sind, nämlich Offenherzigkeit und wirkliches Vergnügen. Heiter würde ich am Ende ihres langen Tisches mit ihnen essen, mit dem Chor in die Schlußverse eines alten Volksliedes einfallen und auf ihrer Tenne mit größerem Frohsinn tanzen als auf einem Balle im Opernhaus. So weit ist ja Alles ganz herrlich, wird man sagen; aber wie steht es denn mit der Jagd? Kann man auf dem Lande wol weilen, ohne zu jagen? Ja, ja, ich begreife; ich wünschte mir nur eine Meierei und darin hatte ich Unrecht. Ich habe ja angenommen, daß ich reich bin, und da habe ich ganz besondere Vergnügungen nöthig, Vergnügungen, bei denen Alles auf das Vernichten ausgeht. Das ist natürlich etwas ganz Anderes. Ich bedarf Ländereien, Waldungen, Waldhüter, Grundzinsen, herrschaftliche Ehren, vor Allem aber Weihrauch und Weihwasser. Sehr gut. Dieses Landgut wird indeß Nachbarn haben, die nicht allein auf ihre Rechte eifersüchtig, sondern auch von dem Wunsche beseelt sind, die Rechte Anderer an sich zu reißen. Unsere Waldhüter werden in Streitigkeiten gerathen, und vielleicht sogar die Herren. Daraus entwickeln sich denn Hader, Zwistigkeiten, Haß, und wenigstens Processe; das gehört schon nicht zu den Annehmlichkeiten. Meine Lehnsleute werden es auch gerade nicht mit Vergnügen anblicken, wenn meine Hasen auf ihrem Getreide äsen und meine Wildschweine ihre Bohnen verwüsten. Obgleich Keiner wagen wird, den Feind, der seine Arbeit vergeblich macht, zu tödten, so wird ihn doch Jeder von seinem Feld verjagen wollen. Nachdem sie den Tag über ihre Aecker bestellt hätten, würden sie dieselben des Nachts beschützen müssen. Sie werden sich dazu ihrer großen Hunde bedienen, werden sich Trommeln, Hörner und Schellen anschaffen und mich durch all diesen Höllenlärm aus meinem Schlafe aufschrecken. Ich mag wollen oder nicht, so werde ich an das Elend dieser armen Leute denken müssen und nicht umhin können, mir darüber im Stillen Vorwürfe zu machen. Hätte ich die Ehre, ein Fürst zu sein, so würde dies Alles auf mich freilich keinen Eindruck machen; aber ich, ein junger Emporkömmling, der ich vor Kurzem erst in den Besitz meines Reichthums gelangt bin, habe mein bürgerliches Herz noch nicht so schnell verwandeln können. Das ist noch nicht einmal Alles. Der Ueberfluß an Wild wird die Jäger in Versuchung führen. Es wird nicht lange dauern, so werde ich Wilddiebe zu bestrafen haben; ich werde der Gefängnisse, der Kerkermeister, Häscher und Galeeren bedürfen. Dies Alles kommt mir in hohem Grade grausam vor. Die Frauen dieser Unglücklichen werden meine Thüre belagern und mir mit ihrem Geschrei beschwerlich fallen; man wird sie entweder forttreiben oder mißhandeln müssen. Die armen Leute, welche sich nicht so weit vergessen haben, zu wilddieben, deren Ernte aber mein Wild zerstört hat, werden erscheinen, um ihrerseits Klage zu führen. Die Einen werden dafür gestraft werden, daß sie das Wild getödtet haben, die Anderen werden zu Grunde gehen, weil sie es geschont haben. Was für eine traurige Alternative! Auf allen Seiten werde ich nur Gegenstände des Elends wahrnehmen, nur Seufzer vernehmen. Das muß doch, wie mich bedünken will, das Vergnügen, ganze Ketten von Rebhühnern und Schaaren von Hasen in aller Bequemlichkeit fast unmittelbar unter seinen Füßen erlegen zu können, gewaltig stören. Wollt ihr eure Vergnügungen von den ihnen anhaftenden Unannehmlichkeiten frei machen, so nehmet ihnen den ausschließlichen Charakter. Je mehr ihr darauf bedacht sein werdet, auch alle Uebrige an denselben Theil nehmen zu lassen, einen desto reineren Genuß werden sie euch gewähren. Deshalb werde ich von alledem, was ich eben aufgeführt habe, nichts thun; ohne meine Neigungen zu ändern, werde ich mich indeß von derjenigen leiten lassen, deren Befriedigung, meiner Ansicht nach, den wenigsten Kostenaufwand verlangt. Ich werde meinen ländlichen Aufenthalt nach einem Landestheile verlegen, wo Jedermann zur Ausübung der Jagd berechtigt ist, und wo ich mich diesem Vergnügen, ohne Verdrießlichkeiten befürchten zu müssen, hingeben kann. Das Wild wird allerdings seltener sein, dafür wird es aber auch eine desto größere Geschicklichkeit erfordern, es aufzusuchen, und mehr Vergnügen bereiten, es zu erlegen. Ich werde stets des Herzklopfens eingedenk bleiben, von welchem mein Vater beim ersten Auffliegen eines Rebhuhnes befallen wurde, und des Entzückens, welches sich seiner bemächtigte, als er den Hasen fand, den er den ganzen Tag gesucht hatte. Ja, ich behaupte, daß er, allein mit seinem Hunde, die Flinte über der Schulter, Jagdtasche und Pulverhorn an der Seite, des Abends mit seiner geringen Beute, trotz aller Ermüdung und aller davongetragenen Dornenrisse, weit zufriedener mit seinem Tagewerke heimkam, als alle euere weibischen Jäger, welche, auf schnellem Rosse, zwanzig geladene Gewehre hinter sich, nichts zu thun haben, als stets ein frisch geladenes zu nehmen, abzufeuern und Alles um sich her ohne Kunst, ohne Ruhm und fast ohne Anstrengung zu tödten. Das Vergnügen ist deshalb also nicht geringer, während die Uebelstände gleichzeitig fern gehalten werden, wenn man weder sein Jagdterrain zu bewachen, noch Wilddiebe zu bestrafen, noch Unglückliche zu quälen hat. Darin liegt doch wol ein triftiger Grund, meiner Art, mir Vergnügungen zu verschaffen, den Vorzug zu geben. Wie dem nun auch immer sein mag, man quält die Menschen nicht unaufhörlich, ohne sich nicht selbst dadurch das Leben recht unbehaglich zu machen; die anhaltenden Verwünschungen des Volkes müssen den Genuß des Wildes doch früher oder später verbittern. Noch einmal sei es gesagt: die Vergnügungen, welche man für sich allein beansprucht, sind der Tod des Vergnügens. Zu den wahren Vergnügungen können nur die gerechnet werden, welche man mit dem Volke theilt; diejenigen, welchen man sich allein hingeben will, verlieren den Charakter des Vergnügens. Wenn die Mauern, welche ich um meinen Park aufführen lasse, demselben einen düstern, klösterlichen Anstrich geben, so habe ich mich mit großen Kosten nur um das Vergnügen gebracht, ihn als Spaziergang benutzen zu können, weshalb ich mich genöthigt sehe, ihn in der Ferne zu suchen. Der Dämon des Besitzes verpestet Alles, was er berührt. Ein Reicher will überall den Herrn spielen und befindet sich nirgends wohl, wo er es nicht ist. So ist er genöthigt, stets vor sich selber auf der Flucht zu sein. Was mich jedoch anlangt, so werde ich in meinem Reichthume genau dasselbe Verfahren beobachten, wie in meiner Armuth. Schon jetzt durch fremdes Gut reicher, als ich es je durch mein eigenes Gut sein werde, bemächtige ich mich alles dessen, was mir in meiner Nachbarschaft zusagt. Kein Eroberer wird entschlossener auftreten als ich. Selbst fürstliches Gut eigne ich mir zu. Ohne Unterschied nehme ich jede offene Landschaft, die meinen Beifall findet, in Besitz, lege ihr einen Namen bei, erkläre die eine zu meinem Park, die andere zu meiner Terrasse, und bin so der Herr derselben. Von nun an lustwandle ich darin ungescheut; oft kehre ich dahin zurück, um meinen Besitz zu behaupten; so oft es mir behagt, benutze ich den Grund und Boden, indem ich mich auf ihm ergehe, und man wird nie im Stande sein, mich davon zu überzeugen, daß der Titularherr des Grundstücks, das ich mir aneigne, aus dem Gelde, welches er daraus erzielt, einen größeren Nutzen ziehe, als mir seine Ländereien gewähren. Sollte man mir durch Gräben und Hecken Hindernisse in den Weg legen, so macht mir das wenig Kummer. Ich nehme meinen Park auf meine Schultern und weise ihm einen anderen Platz an. An tauglichen Stellen fehlt es in der Umgegend nicht, und es wird mir lange Zeit möglich sein, meine Nachbarn zu plündern, ehe es mir an einem Zufluchtsorte fehlen wird. Obiges kann als ein geringer Versuch über den wahren Geschmack in der Wahl der wirklich angenehmen Zeitvertreibe gelten; es erhellt daraus, in welchem Geiste man genießen muß; alles Uebrige ist nur Illusion, Hirngespinnst, thörichte Eitelkeit. Wer sich nicht an diese Regeln hält, wird sein Gold, er sei so reich als er wolle, für einen Kehrichthaufen wegwerfen und nie den Werth des Lebens kennen lernen. Man wird mir ohne Zweifel den Einwurf machen, daß dergleichen Vergnügungen allen Menschen zugänglich sind, und daß man, um sich ihren Genuß zu verschaffen, nicht reich zu sein brauche. Das ist es gerade, worauf ich kommen wollte. Man hat Vergnügen, sobald man es haben will; lediglich die herkömmliche Meinung ist es, die uns Alles so schwer macht und das Glück von uns scheucht. Es ist hundertmal leichter, glücklich zu sein, als es zu scheinen. Ein Mann, der Geschmack besitzt und der Sinnlichkeit in richtiger Weise ergeben ist, kann den Reichthum entbehren; für ihn genügt es, frei und sein eigener Herr zu sein. Wer sich der Gesundheit zu erfreuen hat und keinen Mangel an den nöthigen Lebensbedürfnissen leidet, ist reich genug, wenn er sich in seinem Herzen von den eingebildeten Gütern loszureißen vermag. Dies ist die aurea mediocritas (die goldene Mittelstraße) des Horaz. Sucht deshalb, ihr Leute mit vollen Kisten und Kasten, eine andere Verwendung für euren Reichthum, denn euch Vergnügen zu verschaffen ist er unvermögend. Obwol Emil das Alles nicht besser wissen wird als ich, so hat er doch ein reineres und gesunderes Herz und wird es deshalb noch besser empfinden. Auch werden ihn alle Beobachtungen in der Welt hierin nur noch bestärken. Während wir in der angegebenen Weise die Zeit verleben, suchen wir beständig Sophien, ohne sie jedoch zu finden. Es war von wesentlicher Wichtigkeit, daß sie sich nicht zu schnell finden ließ, und wir haben sie deshalb auch da gesucht, wo ich mit Sicherheit annehmen konnte, daß sie nicht sein würde. Mulierem fortem quis invenient? Procul et de ultimis finibus pretium eius. (Wem ein tugendsam Weib bescheret ist, die ist viel edler, denn die köstlichsten Perlen. Spr. Sal. 31, 10.) Endlich aber ist der Augenblick erschienen, wo Eile nöthig ist. Es ist jetzt an der Zeit, sie ernstlich zu suchen, weil sonst Besorgniß ist, er könnte sich selbst eine schaffen, welche er für die wahre hielte, und zu spät zur Erkenntniß seines Irrthums kommen. Lebe wohl denn, Paris, du berühmte Stadt, du geräuschvolle Stadt voller Rauch und Schmutz, in der die Frauen nicht mehr an Ehre, noch die Männer an Tugend glauben! Lebe wohl, Paris, wir suchen die Liebe, das Glück, die Unschuld; nie werden wir uns weit genug vor dir flüchten können! Fünftes Buch. Wir sind jetzt beim letzten Acte der Jugend angelangt, noch aber stehen wir vor der Lösung des Knotens. Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei. Emil ist Mensch; wir haben ihm eine Gefährtin verheißen und müssen sie ihm nun auch geben. Diese Gefährtin ist Sophie. Wo wird sie weilen? Wo werden wir sie auffinden? Ehe wir sie finden können, müssen wir sie kennen. Laßt uns deshalb zunächst erfahren, was sie ist, dann werden wir uns ein sichereres Urtheil über ihren Aufenthaltsort bilden können. Und wenn wir sie nun auch endlich aufgefunden haben, so wird damit noch nicht Alles gethan sein. Da unser Junker, sagt Locke, im Begriffe steht, sich zu vermählen, so ist es Zeit, ihn von dem Umgange mit seiner Geliebten nicht zurückzuhalten. Und damit schließt er sein Werk. Ich meinerseits, der ich nicht die Ehre habe, einen Junker zu erziehen, werde mich wol hüten, hierin Locke's Beispiele zu folgen. Sophie oder das Weib Sophie soll ein Weib sein, wie Emil Mann ist. Sie soll nämlich Alles besitzen, was zur Beschaffenheit ihrer Gattung und ihres Geschlechtes gehört, damit sie in physischer wie moralischer Beziehung die ihr angewiesene Stellung ausfüllen kann. Es wird deshalb nothwendig sein, zunächst das Uebereinstimmende und die Verschiedenheiten ihres und unseres Geschlechtes näher zu untersuchen. In Allem, was nicht das Geschlecht berührt, gleicht das Weib dem Manne. Es ist mit denselben Organen, denselben Bedürfnissen und Fähigkeiten ausgestattet. Der Körper ist auf dieselbe Weise gebaut, die Glieder sind dieselben, auch deren Gebrauch ist derselbe. Die Figur ist ähnlich, kurz: unter welchen Beziehungen man Beide auch betrachten möge, sie unterscheiden sich nur durch ein Mehr oder Weniger. In Allem dagegen, was sich auf das Geschlecht bezieht, finden wir bei Mann und Weib neben den Aehnlichkeiten auch überall Verschiedenheiten. Ihre Vergleichung ist jedoch schwierig, weil sich schwer bestimmen läßt, was in der Beschaffenheit eines Jeden das Geschlecht angeht und was nicht. Durch die vergleichende Anatomie und selbst durch eine bloße oberflächliche Besichtigung stößt man auf allgemeine Unterschiede, die vom Geschlechte nicht abzuhängen scheinen, trotzdem aber findet eine solche Abhängigkeit statt, und zwar in Folge von Verbindungen, die wir wahrzunehmen außer Stande sind. Wir wissen eben nicht, wie weit sich diese Verbindungen erstrecken können. Das Einzige, was wir bestimmt wissen, ist, daß sich alles Gemeinsame auf die Gattung, alles Verschiedene auf das Geschlecht bezieht. Unter diesem doppelten Gesichtspunkte betrachtet, stoßen uns zwischen ihnen so viele Aehnlichkeiten und so viele Gegensätze auf, daß es zu den größten Wundern der Natur gerechnet werden muß, wie sie zwei so ähnliche und doch zu gleicher Zeit so verschiedene Wesen hat bilden können. Diese Übereinstimmungen und Unterschiede müssen nothwendig auch auf das Sittliche von Einfluß sein. Die Folgerung ist klar und stimmt mit der Erfahrung überein. Sie zeigt zugleich, wie thöricht es ist, sich über den Vorzug des einen Geschlechtes vor dem andern oder über ihre Gleichheit zu streiten. Wird doch ein jedes von beiden dadurch vollkommener, daß es seiner besonderen Bestimmung gemäß die Endzwecke der Natur zu erreichen strebt, als daß es dem anderen zu gleichen strebt. In dem, was sie Gemeinsames haben, gleichen sie sich; in dem aber, worin sie sich unterscheiden, kann auch keine Vergleichung stattfinden. Ein vollkommenes Weib und ein vollkommener Mann sollen sich eben so wenig in Bezug auf ihre geistigen Gaben als im Gesichte ähneln; und bei der Vollkommenheit kann ja von einem Mehr oder Weniger nicht die Rede sein. In der Vereinigung beider Geschlechter ist jedes für den gemeinsamen Zweck gleich thätig, aber freilich nicht in derselben Weise. Aus dieser Verschiedenheit ergibt sich der erste bestimmbare Unterschied beider Geschlechter in moralischer Beziehung. Das eine soll thätig und stark sein, das andere empfangend und schwach; bei dem einen muß nothwendig Wille und Kraft herrschen, bei dem andern zarte Nachgiebigkeit. Wenn man diesen Grundsatz anerkennt, so muß man auch weiter daraus folgern, daß das Weib besonders dazu geschaffen ist, dem Manne zu gefallen. Daß nun auch der Mann seinerseits dem Weibe gefallen müsse, ist jedoch nicht so unmittelbar nothwendig. Sein Verdienst beruht auf seiner Macht, er gefällt allein durch seine Kraft. Freilich gibt sich hierin noch nicht das Gesetz der Liebe zu erkennen, wol aber das Gesetz der Natur, das älter ist als die Liebe selbst. Wenn die Frau die Bestimmung hat, dem Manne zu gefallen und sich ihm zu unterwerfen, so muß sie sich ihm angenehm machen, anstatt sich ihm feindlich gegenüber zu stellen. In ihren Reizen besitzt sie eine eigenthümliche Gewalt über ihn; durch sie soll sie den Mann zwingen, seiner Macht eingedenk zu sein und sie auszuüben. Das sicherste Mittel nun, diese Macht anzufeuern, besteht darin, sie durch Widerstand herauszufordern. Alsdann vereinigt sich mit der Begierde die Eigenliebe, und letztere triumphirt über den Sieg, den erstere für sie davongetragen hat. Daraus gehen Angriff und Vertheidigung, Kühnheit des einen und Schüchternheit des anderen Geschlechts, endlich auch Sittsamkeit und Scham hervor, welche die Natur den Schwachen als Waffen verlieh, um den Starken durch sie zu unterwerfen. Wer sollte wol den Wahn hegen, daß die Natur beiden Geschlechtern gleicherweise dieselbe Art der Annäherung vorgeschrieben habe, und daß dasjenige Geschlecht auch zuerst das Verlangen äußere, bei dem es sich zuerst geregt hat? Das würde ein seltsamer Schluß sein. Das Unternehmen hat für beide Geschlechter gar verschiedene Folgen. Wäre es deshalb wol naturgemäß, daß sich ihm beide mit gleicher Kühnheit hingeben sollten? Man darf eben nicht übersehen, daß bei der so großen Verschiedenheit des gemeinschaftlichen Einsatzes der Untergang beider erfolgen würde, wenn nicht die Zurückhaltung dem einen die Mäßigkeit auferlegte, welche die Natur dem andern auferlegt. Das Menschengeschlecht würde dann durch dieselben Mittel zu Grunde gerichtet werden, die zu seiner Erhaltung bestimmt sind. Außerdem wird es den Frauen leicht, die Sinnlichkeit der Männer zu reizen und in deren Herzen sogar den Funken eines fast erloschenen Gefühles anzufachen. Wenn es nun auf Erden irgend wo ein unglückliches Land gäbe, wo jene Zurückhaltung nicht gefunden würde, zumal in den heißen Ländern, in denen mehr Frauen als Männer geboren werden, so würden diese von den Frauen tyrannisirt werden, würden ihnen zum Opfer fallen und sich ohne Rettung frühzeitig der Lebenskraft beraubt sehen. Den Weibchen der Thiere ist jene Schamhaftigkeit nicht eigen. Sie haben aber auch nicht wie die Frauen ein schrankenloses Verlangen, welchem jene Scham als Zügel dient. Das Verlangen tritt bei ihnen nur mit dem Bedürfnisse hervor. Mit Befriedigung desselben hört das Verlangen auf. Sie weisen das Männchen nicht aus Verstellung, sondern im vollem Ernste ab. Ich habe bereits darauf aufmerksam gemacht, daß Weigerung aus Ziererei und Coquetterie fast bei allen Weibchen, selbst unter den Thieren vorkommt, sogar dann, wenn sich in ihnen die größte Neigung regt, sich zu ergeben. Unmöglich kann derjenige, welcher dies in Abrede stellt, ihr Benehmen beobachtet haben. Ihre Handlungsweise ist der der Tochter des Augustus gerade entgegengesetzt: Wenn das Schifflein seine Ladung hat, nehme sie keine Reisenden mehr auf. Selbst in der Freiheit ist die Zeit ihrer Willfährigkeit nur von kurzer Dauer und geht schnell vorüber. Der Instinct treibt sie und hält sie zurück. Worin wäre wol für die Frauen ein Ersatz dieses negativen Instinctes zu finden, wenn man ihnen das Schamgefühl rauben würde? Wollte man warten, bis sie sich nichts mehr aus den Männern machen, so hieße das warten, bis ihnen dieselben nichts mehr nützen können. Das höchste Wesen hat das Menschengeschlecht in jeder Weise bevorzugen wollen. Indem es dem Manne Neigungen ohne Maß einpflanzt, stellt es ihn zugleich unter das Gesetz, welches sie regelt, damit er frei sei und sich selbst beherrsche. Mit den maßlosen Leidenschaften verband es wiederum die Vernunft, um sie zu leiten. Den grenzenlosen Begierden, die es in dem Weibe anfachte, stellte es die Scham zur Seite, um sie in Schranken zu halten. Zum Ueberfluß hat es der guten Anwendung der verliehenen Fähigkeiten noch eine Belohnung zuerkannt, das Wohlgefallen nämlich, das man am Sittlichen empfindet, sobald man es zur Richtschnur seiner Handlungen gemacht hat. Dies Alles kann man wol mit Recht dem Instincte der Thiere gleichstellen. Ob nun das Weib das Verlangen des Mannes theilen möge oder nicht, es zu befriedigen Lust habe oder nicht, so weist es ihn doch beständig zurück und sucht sich zu vertheidigen, freilich nicht immer mit derselben Energie und deshalb auch nicht immer mit dem gleichen Erfolge. Soll der Angreifende den Sieg davontragen, so muß die Angegriffene es gestatten oder ihm wol gar Vorschub leisten, denn wie viele geschickte Mittel stehen nicht zu ihrer Verfügung, den Angreifenden zur Entfaltung aller seiner Kraft zu zwingen. Die freieste und süßeste aller Handlungen duldet keine wirkliche Gewaltthätigkeit; Natur und Vernunft widersetzen sich derselben. Erstere hat den schwächeren Theil mit so viel Kraft ausgestattet, als er gebraucht, um Widerstand zu leisten, wenn es ihm gefällt, und letztere bezeichnet eine wirkliche Gewaltthätigkeit nicht nur als die roheste aller Handlungen, sondern auch als eine solche, die ihrem Endzwecke völlig widerstrebt. Erklärt doch der Mann in diesem Falle seiner Gefährtin den Krieg und berechtigt sie, ihre Person und ihre Freiheit, selbst auf Lebensgefahr des Angreifers hin, zu vertheidigen. Ferner steht doch auch wol der Frau allein das Recht zu, über den Zustand zu urtheilen, in welchem sie sich befindet. Kein Kind würde einen Vater haben, wenn sich jeder Mann dessen Rechte anmaßen könnte. Eine dritte Folge der Beschaffenheit der beiden Geschlechter ist die eigenthümliche Erscheinung, daß der Stärkere nur scheinbar der Herr ist, während er in der That von dem schwächern Theile abhängt, und zwar nicht etwa in Folge eitler Schmeichelei oder der stolzen Großmuth des Beschützers, sondern in Folge eines unveränderlichen Naturgesetzes, welches es dem Weibe leichter machte, Verlangen anzufachen, als dem Manne, es zu befriedigen. Dieses Naturgesetz hat also den Mann, er mag wollen oder nicht, von der Geneigtheit des Weibes abhängig gemacht und ihn gezwungen, auch seinerseits bemüht zu sein, demselben zu gefallen, so daß es folglich in den Willen des Weibes gesetzt ist, ihn als den Stärkeren gelten zu lassen oder nicht. Die Ungewißheit nun, in welcher der Mann schwebt, ob die Schwachheit der Stärke gewichen sei, oder ob sie sich mit Absicht ergab, ist eben für ihn das Süßeste bei seinem Siege. Darin besteht auch eine gewöhnliche List des Weibes, daß es diese Ungewißheit beständig zu erhalten weiß. Diese Schlauheit der Frauen steht auch vollkommen mit ihrer Körperbeschaffenheit im Einklang. Weit davon entfernt, über ihre Schwäche zu erröthen, rühmen sie sich derselben vielmehr. Ihre zarten Muskeln sind ohne Widerstandskraft; sie thun, als vermöchten sie nicht die leichteste Last zu heben, ja sie schämen sich förmlich, als stark zu gelten. Und weshalb das? Nicht blos, um sich den Anstrich der Zartheit zu geben, nein, sie benutzen es in ihrer Verschmitztheit als eine Vorsichtsmaßregel, sie wollen sich im Voraus entschuldigen und sich sogar das Recht vorbehalten, im Nothfalle schwach zu sein. Der Fortschritt der durch unsere Laster erworbenen Einsichten hat die über diesen Punkt unter uns herrschenden alten Ansichten wesentlich geändert. Man redet kaum noch von Nothzucht, seitdem sie so wenig nöthig ist und die Männer nicht mehr daran glauben, Es kann freilich unter Umständen eine solche Ungleichheit des Alters und der Kraft stattfinden, daß eine wirkliche Nothzucht vorkommt. Da ich aber hier von dem in der Ordnung der Natur begründeten Zustande beider Geschlechter rede, so betrachte ich sie beide in dem gewöhnlichen Verhältnisse, welches diesem Zustande zu Grunde liegt. während sie in den ältesten Zeiten bei Griechen und Juden zu den gewöhnlichsten Verbrechen gerechnet wurde. Damals herrschte noch in den Ansichten eine natürliche Einfachheit, die uns durch unser zügelloses Leben verloren gegangen ist. Wenn in unseren Tagen wenige Fälle der Nothzucht vorkommen, so hat dies seinen Grund nicht etwa darin, daß die Männer enthaltsamer geworden sind, sondern es erklärt sich dieser Umstand dadurch, daß die Menschen heut zu Tage weniger leichtgläubig sind, so daß eine derartige Klage, die ehemals bei den einfachen Völkern Glauben gefunden hätte, nur spöttisches Gelächter erregen würde – es ist vorteilhafter, zu schweigen. Im 5. Buche Mosis (Kap. 22, V. 23-27) steht ein Gesetz, nach welchem ein geschändetes Mädchen mit dem Verführer bestraft werden sollte, sobald das Verbrechen innerhalb der Stadt geschehen wäre. Für den Fall aber, daß es auf freiem Felde oder an abgelegenen Orten begangen wäre, sollte der Mann allein bestraft werden, »denn,« sagt das Gesetz, »er fand sie auf dem Felde, und die vertraute Dirne schrie, und war Niemand, der ihr half.« Diese nachsichtige Deutung lehrte die Mädchen, sich nicht an besuchten Orten überraschen zu lassen. Diese Verschiedenheit der Ansichten ist nicht ohne Einfluß auf die Sitten geblieben. Eine Folge derselben ist die heutige Galanterie. Da sich nämlich die Männer überzeugten, daß ihre Freuden doch mehr, als sie wähnten, von dem freien Willen des schönen Geschlechts abhingen, so haben sie dieselben durch gefälliges Entgegenkommen sich geneigt zu machen gesucht und sind reichlich dafür entschädigt worden. Es wird eurer Aufmerksamkeit nicht entgehen, wie uns das Physische unmerklich auf das Moralische führt, und wie sich aus der rein äußerlichen Vereinigung der Geschlechter nach und nach die süßesten Gesetze der Liebe bilden. Nicht weil die Männer es gewollt haben, sind die Frauen zur Herrschaft gelangt, sondern weil es der Wille der Natur ist. Sie gehörte ihnen schon, noch bevor sie dieselbe auszuüben schienen. Derselbe Herkules, der sich einbildete, den fünfzig Töchtern des Thespius Gewalt anzuthun, ließ sich dennoch zwingen, bei der Omphale zu spinnen; und der starke Simson besaß nicht die Stärke der Delila. Die Herrschaft liegt einmal in den Händen der Frauen und kann ihnen nicht entzogen werden, selbst wenn sie Mißbrauch mit derselben treiben. Sie können sie auch nie verlieren, sonst hätten sie sie längst eingebüßt. In Bezug auf die Folgen der geschlechtlichen Verhältnisse gibt es zwischen beiden Geschlechtern keine Gleichstellung. Der Mann zeigt seine Mannheit nur in gewissen Augenblicken, die Frau dagegen bleibt Frau ihr ganzes Leben oder wenigstens ihre ganze Jugend hindurch. Unaufhörlich wird sie an ihr Geschlecht gemahnt, und um ihre Pflichten genau erfüllen zu können, bedarf sie einer den Anforderungen derselben entsprechenden Körperbeschaffenheit. Ihre Schwangerschaft macht ihr Schonung zur Pflicht; im Kindbett hat sie Ruhe nöthig; so lange sie ihre Kinder stillt, muß sie sich einer bequemen, sitzenden Lebensweise befleißigen, und zur Pflege der Erziehung derselben gehört viel Geduld und Sanftmuth, viel Eifer und herzliche Liebe, die sich durch nichts zurückschrecken läßt. Sie ist das Band zwischen dem Vater und den Kindern, erfüllt ihn mit Liebe zu denselben und beseelt ihn mit dem Vertrauen, sie wirklich die Seinen nennen zu dürfen. Wie großer Zärtlichkeit und Sorgfalt bedarf nicht die Frau, um die Eintracht in der Familie aufrecht zu erhalten! Und nicht etwa die Tugend soll sie zu dem Allen antreiben, sondern Neigung und angeborene Lust, ohne welche das Menschengeschlecht längst ausgestorben wäre. Die Strenge der gegenseitigen Pflichten beider Geschlechter ist und kann nicht dieselbe sein. Wenn sich die Frau über diese Ungleichheit zwischen sich und dem Manne beklagt, als ob ihr dadurch eine Ungerechtigkeit zugefügt würde, so begeht sie ein Unrecht. Diese Ungleichheit rührt durchaus nicht von einer menschlichen Einrichtung her, wenigstens ist sie keineswegs das Ergebniß eines Vorurtheils. Sie hat ihren Grund einfach darin, daß dasjenige Geschlecht, dem die Kinder von der Natur als ein theures Gut anvertraut sind, auch dem anderen für dieselben bürgen muß. Unzweifelhaft ist es Niemand erlaubt, die Treue zu brechen, und jeder ungetreue Mann, welcher seiner Gattin den einzigen Lohn für die schweren Pflichten ihres Geschlechtes entzieht, handelt ungerecht und grausam. Aber die ungetreue Frau begeht ein noch größeres Unrecht, sie löst geradezu die Familie auf und trennt alle süße Bande der Natur. Wenn sie dem Manne Kinder gibt, die nicht die seinigen sind, so betrügt sie Beide und fügt zur Untreue noch den Meineid. Man kann sich kaum denken, welche Unordnungen und Verbrechen sich hieraus entwickeln müssen. Gibt es wol einen unglückseligeren Menschen in der Welt als einen Vater, der, des Vertrauens zu seinem Weibe beraubt, nicht wagt, sich den süßesten Regungen seines Herzens hinzugeben? Wenn er sein Kind umarmt, muß er nicht fürchten, daß er das Kind eines Anderen umarmt, das Pfand seiner Entehrung, den Räuber des Guts seiner eigenen Kinder? Die Familie ist dann nur eine Vereinigung geheimer Feinde, welche die schuldbeladene Frau gegen einander aufreizt, indem sie dieselben zwingt, einander Liebe zu heucheln. Es kommt demnach viel darauf an, daß die Frau nicht nur wirklich treu sei, sondern daß sie auch von ihrem Gatten, von ihren Verwandten, von Jedermann dafür gehalten werde. Sie muß sittsam und zurückhaltend sein und eben so in den Augen der Anderen als in ihrem eigenen Gewissen das Zeugniß ihrer Tugend bestätigt finden. Wenn ein Vater seine Kinder lieben soll, so muß er vor allen Dingen Achtung vor ihrer Mutter hegen. Aus diesem Grunde muß man selbst den Schein der Tugend zu den Pflichten des Weibes rechnen, so daß ihr Ehre und guter Name eben so unverbrüchlich heilig sind, wie die Keuschheit selbst. So folgt also aus diesen Grundsätzen so wie aus dem moralischen Unterschiede der Geschlechter für die Frauen die besondere Pflicht, in Bezug auf ihre Führung, ihr Benehmen und ihre Haltung die peinlichste Aufmerksamkeit zu beobachten. Wollte man eben leichthin behaupten, daß beide Geschlechter gleich und ihre Verpflichtungen dieselben seien, so würde man sich nur in leeren Reden ergehen, man würde nichts sagen, so lange man auf das Obige nicht geantwortet hat. Es ist in der That eine leichte Art des Urtheils, wenn man auf so allgemeine und wohlbegründete Gesetze mit Ausnahmen antwortet. Die Frauen, wendet man ein, bekommen ja nicht immer Kinder. Nein, aber trotzdem ist es doch ihre eigentliche Bestimmung, Kinder zu gebären. Wie? Weil es auf dem ganzen weiten Erdenrunde vielleicht hundert große Städte gibt, in denen die Frauen in Folge ihres lockeren Lebenswandels nur wenig mit Kindern gesegnet sind, deshalb wollt ihr behaupten, daß dies die Bestimmung der Frauen sei? Was würde wol aus euren Städten werden, wenn nicht das flache Land, wo die Frauen in größerer Einfachheit und Keuschheit leben, die Unfruchtbarkeit jener Damen ausgliche? In wie viel Provinzen sind doch die Frauen, welche sich nur von vier bis fünf Kindern umringt sehen, für wenig fruchtbar verschrieen! Sonst würde das Menschengeschlecht auch aussterben. Soll es sich erhalten, so muß jede Frau durchschnittlich ungefähr vier Kinder haben. Von den Kindern, die geboren werden, stirbt nämlich ziemlich die Hälfte, bevor sie selbst wieder Kinder haben können, und zwei müssen doch nothwendig übrig bleiben, um Vater und Mutter zu ersetzen. Es ist fraglich, ob die Städte eine solche Bevölkerung liefern. Und was kann es endlich auf die allgemeine Sache für Einfluß haben, wenn diese oder jene Frau wenig Kinder hat? Es ist deshalb nicht weniger die Bestimmung der Frau, Mutter zu werden, und nicht nur die allgemeinen Naturgesetze, sondern auch die Sitten müßten dieser Anschauung günstig sein. Gesetzt, die Zwischenräume zwischen den Schwangerschaften wären wirklich immer so groß, als man anzunehmen pflegt, würde trotzdem eine Frau ohne alle Gefahr ihrer Lebensweise so schnell eine gerade ins Gegentheil umschlagende Aenderung geben können? Wird sie im Stande sein, heute als Amme und morgen als Kriegerin aufzutreten? Wird sie Temperament und Neigungen wie das Chamäleon die Farben wechseln können? Ist es ihr möglich, aus ihrer stillen Zurückgezogenheit und Häuslichkeit herauszutreten und sich dann sofort der rauhen Witterung, den Anstrengungen, Mühen und Gefahren des Krieges auszusetzen? Vermag sie bald furchtsam Die Furchtsamkeit der Frauen ist noch ein weiterer Beweis ihres natürlichen Instinctes gegen die doppelte Gefahr, die sie während ihrer Schwangerschaft bedroht. und bald tapfer, bald zart und bald kräftig zu sein? Wenn es den in Paris aufgewachsenen jungen Männern Mühe macht, die Beschwerden des Kriegshandwerks auszuhalten, wie sollen es dann wol Frauen, die nie der Sonnenglut getrotzt und kaum marschiren gelernt haben, nach fünfzig Jahren eines bequemen Lebens zu ertragen im Stande sein? Sollen sie dieses rauhe Handwerk etwa in einem Alter zu betreiben beginnen, in dem die Männer es bereits aufgeben? Allerdings gibt es Länder, in denen die Frauen fast schmerzlos gebären und ihre Kinder beinahe ohne alle Mühe groß ziehen. Das räume ich gern ein. Aber in diesen Ländern gehen auch die Männer bei jedem Wetter halb nackend, bekämpfen muthig die wilden Thiere, tragen ein Boot wie einen Ranzen, dehnen ihre Jagdzüge oft sieben- bis achthundert Meilen aus, schlafen unter freiem Himmel auf bloßer Erde, ertragen unglaubliche Mühseligkeiten und können tagelang ohne Nahrung aushalten. Wenn die Frauen kräftig werden, ist dasselbe bei den Männern in noch höherem Maße der Fall. Verweichlichen sich jedoch die Männer, so nimmt die Verweichlichung bei den Frauen erst recht überhand. Wenn sich demnach beide Geschlechter immer auf gleiche Weise verändern, so bleibt der Unterschied stets der nämliche. Plato läßt in seiner Republik die Frauen dieselben Uebungen wie die Männer betreiben. Das mußte er auch, denn da in seinem Staate keine einzelnen Familien bestehen sollten, und er nun nicht mehr wußte, was mit den Frauen anzufangen wäre, so blieb ihm nichts Anderes übrig, als Männer aus ihnen zu machen. Dieser treffliche Kopf, Alles vorhersehend und berechnend, kam dadurch einem Einwurfe zuvor, an den vielleicht sonst Niemand gedacht hätte. Der Einwand aber, den man wirklich gegen ihn erhoben hat, fand seinerseits eine schlechte Widerlegung. Ich rede hier keineswegs von dem vermeintlichen gemeinsamen Besitze der Frauen. Es ist dies ein Vorwurf, der, so oft man ihn auch gegen Plato wiederholt haben mag, nur den Beweis liefert, daß diejenigen, die ihn machten, Plato nie gelesen haben. Ich spreche vielmehr von jener gesellschaftlichen Vermischung, die in jeder Beziehung die beiden Geschlechter, sogar in ihren Beschäftigungen und Arbeiten zusammenwirft und sicherlich nicht verfehlen kann, die unerträglichsten Mißbräuche hervorzurufen. Ich spreche von dieser Zerstörung der süßesten natürlichen Empfindungen, die einem erkünstelten Gefühle geopfert werden, welches ohne sie gar nicht einmal bestehen könnte. Als ob nicht ein natürliches Mittel nöthig wäre, um die Bande inniger Gemeinschaft zu knüpfen! Als ob die Liebe, die man zu den Seinen hegt, nicht die Quelle der dem Staate schuldigen Liebe wäre! Als ob nicht gerade erst durch das kleine Vaterland, welches gleichsam die Familie bildet, das Herz an das große gefesselt würde! Als ob nicht gerade der gute Sohn, der gute Gatte, der gute Vater auch den guten Bürger abgeben! Steht nun so viel fest, daß Mann und Frau in Bezug auf Charakter und Temperament weder gleich beschaffen sind, noch gleich beschaffen sein dürfen, so folgt daraus auch, daß sie keine gleichmäßige Erziehung erhalten können. Sie sollen zwar in Beobachtung der von der Natur angedeuteten Richtungen in Übereinstimmung handeln, sollen aber deshalb nicht dasselbe thun. Der Zweck ihrer Arbeiten ist ein gemeinsamer, aber die Arbeiten selbst sind verschieden, und demnach auch die Neigungen, von denen sie sich leiten lassen. Haben wir uns vorher bemüht, einen Mann naturgemäß zu erziehen, so bleibt uns, damit wir unser Werk nicht unvollkommen lassen, noch zu zeigen übrig, wie die Frau zu erziehen ist, die das Gegenstück zu diesem Manne bildet. Wer stets gut geleitet sein will, der folge beständig den Weisungen der Natur. Alles, was dem Geschlechte eigenthümlich ist, muß als deren Werk angesehen und deshalb in Ehren gehalten werden. Ihr werdet nicht müde, zu sagen: »Die Frauen haben den und den Fehler.« Allein euer Stolz täuscht euch. Eigenschaften, welche bei euch als Mängel erscheinen würden, zeigen sich bei ihnen als Tugenden. Besäßen sie dieselben nicht, so würde es in mancher Beziehung schlechter mit uns bestellt sein. Man verhindere nur, daß diese vermeintlichen Fehler ausarten, rotte sie aber nicht aus. Die Frauen ihrerseits hören nicht auf zu klagen, daß wir sie zur Eitelkeit und Gefallsucht erziehen und daß wir sie beständig nur mit lauter Kindereien zu unterhalten suchen, um desto leichter die Herren spielen zu können. Sie wollen die Fehler, die wir ihnen vorwerfen, uns aufbürden. Das ist thöricht! Seit wann lassen sich denn die Männer auf Mädchenerziehung ein? Wer hindert die Mütter, ihre Töchter völlig so zu erziehen, wie es ihnen beliebt? Sie haben keine hohe Schulen! Das ist wirklich ein großes Unglück! Aber wollte Gott, wir hätten auch keine für die Knaben! Sie würden dann sicherlich vernunftgemäßer und sittsamer erzogen werden. Wer zwingt denn die Mädchen, ihre Zeit mit Tändeleien zu vertreiben und selbst gegen ihren Willen ihr halbes Leben am Putztische zuzubringen? Wer anders als die Mütter durch ihr Beispiel selbst! Man verhindert ja die Mütter nicht, sie nach eigenem Belieben zu erziehen oder erziehen zu lassen. Es ist doch nicht unsere Schuld, daß sie uns durch ihre Schönheit gefallen und durch ihr Liebäugeln verführen, daß die Künste, die sie von den Müttern erlernten, uns anziehen und angenehm berühren, daß wir sie gern geschmackvoll gekleidet sehen und sie ruhig die Mittel gebrauchen lassen, durch welche sie uns zu fesseln suchen! Nun wohl, man möge sie einmal als Männer erziehen; Letztere werden von Herzen ihre Beistimmung geben. Je mehr sie darauf ausgehen werden, ihnen zu gleichen, desto weniger werden sie die Herrschaft über dieselben gewinnen, und erst dann werden sie in Wahrheit die Herren sein. Die beiden Geschlechtern gemeinsamen Fähigkeiten sind nicht gleichmäßig vertheilt, aber im Ganzen genommen findet eine Ausgleichung statt. Das Weib hat einen höheren Werth als Weib, einen geringeren, wenn es den Mann spielen will. Es ist überall im Vortheile, wo es seine Rechte geltend macht, im Nachtheil aber, wo es sich die unserigen anmaßen will. Diese allgemeine Wahrheit kann man nur durch Ausnahmen zu bestreiten suchen, wie es die galanten Vertheidiger des schönen Geschlechts beständig zu thun pflegen. Wollte man bei den Frauen nur die männlichen Eigenschaften ausbilden, ihre eigenen dagegen verabsäumen, so würde man denselben offenbar nur Schaden zufügen. Das sehen die Listigen unter ihnen auch nur zu gut ein, als daß sie sich sollten hinter das Licht führen lassen. Sie suchen sich unsere Vorzüge anzueignen, geben aber darum ihre eigenen keineswegs auf. Eine Vereinigung der Vorzüge beider Geschlechter ist indeß nicht möglich, und daher kommt es, daß die Frauen weder die einen noch die anderen recht zu verwerthen wissen. Indem sie weder ihre eigenen allseitig ausbilden, noch sich zu unserem Standpunkte vollständig erheben können, verlieren sie die Hälfte ihres Werths. Glaube mir, verständige Mutter, und suche deine Tochter nicht in einen ehrbaren Mann zu verwandeln, als wolltest du die Natur Lügen strafen; bilde vielmehr ein ehrbares Weib aus ihr, und halte dich versichert, daß es für beide Theile besser sein wird. Hieraus folgt aber durchaus noch nicht, daß die Frauen in Unwissenheit erzogen und lediglich auf ihre Thätigkeit in der Wirthschaft beschränkt werden sollen. Welcher Mann wird seine Frau zur Magd erniedrigen wollen? Würde er sich dann nicht an ihrer Seite des größten gesellschaftlichen Reizes berauben? Er kann doch unmöglich, nur um sie besser beherrschen zu können, sie zu verhindern suchen, ihr Gemüth und ihren Verstand auszubilden! Er wird doch sicherlich kein willenloses Geschöpf aus ihr machen wollen! Im Gegentheil, da die Natur der Frau einen so anziehenden und gewandten Geist verliehen hat, so soll sie selbstständig denken, urtheilen, lieben, sich Kenntnisse erwerben und ihren Geist eben so gut pflegen wie ihren Körper. Diese Waffen hat ihr die Natur als Ersatz für die ihr fehlende Stärke verliehen, um so die unserige nach ihrem Willen lenken zu können. Sie soll viel lernen, allein nur das, was ihr zu wissen dienlich ist. Ob ich nun mein Augenmerk auf die besondere Bestimmung des schönen Geschlechts lenke, oder ob ich seine Neigungen berücksichtige, oder ob ich mir seine Pflichten vorhalte, so trägt doch Alles gleichmäßig dazu bei, mich auf die für dasselbe geeignete Erziehung hinzuweisen. Frau und Mann sind für einander bestimmt, aber ihre gegenseitige Abhängigkeit ist keineswegs gleich. Der Mann hängt von der Frau in Folge seiner Begierden ab, die Frau aber vom Manne nicht allein hierin, sondern auch in ihren Bedürfnissen. Wir könnten weit eher ohne die Frauen, als sie ohne uns bestehen. Ihre Lebensbedürfnisse und Lebensstellung verdanken sie uns allein. Wir müssen sie ihnen gewähren, müssen sie ihnen gewähren wollen, müssen sie derselben würdig erachten. Sie sind aber auch von unserem Urtheile abhängig, von unserer Schätzung ihres Werthes, ihrer Reize und ihrer Tugenden. Ja sogar nach dem Gesetze der Natur hängen sie sowol für sich als für ihre Kinder von dem Urtheile der Männer ab. Es genügt nicht, daß sie achtungswürdig sind, sie müssen auch geachtet werden; es genügt für sie nicht, schön zu sein, sie müssen auch Gefallen erregen; es genügt für sie nicht, weise zu sein, sie müssen dafür auch gelten. Ihre Ehre ist nicht allein an ihr Betragen, sondern hauptsächlich an ihren Ruf geknüpft, und es ist nicht möglich, daß eine Frau, die sich gefallen ließe, für ehrlos gehalten zu werden, auch wirklich ein rechtschaffenes Weib sein kann. Ein Mann, der recht handelt, hängt nur von sich selbst ab und kann dem öffentlichen Urtheile trotzen. Eine Frau jedoch hat, auch wenn sie Recht thut, der ihr gestellten Aufgabe dann erst zur Hälfte Genüge gethan. An dem, was man von ihr denkt, darf ihr nicht weniger gelegen sein, als an dem, was sie in Wahrheit ist. Ihre Erziehung darf also in dieser Beziehung mit der unserigen durchaus nicht übereinstimmen. Die Meinung ist bei dem Manne das Grab der Tugend, bei der Frau deren Thron. Von der guten Constitution der Mütter hängt zunächst die der Kinder, sowie von der Sorgfalt der Frauen die erste Erziehung der Männer ab. Dann aber hängen weiter noch auch die Sitten, Leidenschaften, Neigungen und Freuden, ja sogar das Glück derselben von ihnen ab. Deshalb soll sich die ganze Erziehung der Frauen um die Männer drehen. Ihnen Gefallen einzuflößen und zu nützen, sich bei ihnen beliebt zu machen und in Ehren zu stehen, sie in der Jugend zu erziehen, und wenn sie herangewachsen sind, für sie zu sorgen, ihnen mit Trost und Rath beizustehen, das Leben zu verschönern und zu versüßen: das sind die Pflichten der Frauen zu allen Zeiten, auf die man sie von Kindheit an aufmerksam machen soll. So lange man nicht diesen Grundsatz befolgt, entfernt man sich vom Ziele, und alle Vorschriften, welche man ihnen ertheilt, werden weder zu ihrem noch zu unserem Glücke dienen. Obgleich nun jede Frau von dem Wunsche beseelt ist, den Männern zu gefallen, und auch davon beseelt sein soll, so ist es doch ein großer Unterschied, ob sie darauf ausgeht, einem verdienstvollen, wahrhaft liebenswürdigen Manne, oder jenen weibischen Männern zu gefallen, die eben so wenig ihrem eigenen Geschlechte, als dem, welches sie nachzuahmen suchen, zur Zierde gereichen. Es ist weder in der Natur noch in der Vernunft begründet, daß die Frau an den Männern das Weibische liebe, und eben so wenig darf sie männliche Sitten annehmen, um sich bei den Männern beliebt zu machen. Sobald nun eine Frau den sittsamen und züchtigen Ton ihres Geschlechts ablegt und in das Wesen jener thörichten Männer verfällt, entsagt sie ihrem Berufe, statt ihm zu folgen, und begibt sich sogar selbst der Rechte, die sie sich anzueignen gedachte. »Aber,« so sagen manche Frauen, »wir würden den Männern ja gar nicht gefallen, wenn wir es nicht so machten!« Darin irren sie sich vollständig. Nur eine Närrin vermag einen Narren zu lieben. Der Wunsch, solche Leute zu fesseln, gibt den Geschmack derjenigen zu erkennen, welche sich ihnen hingeben. Gäbe es noch keine frivole Männer, so würden sie nicht ruhen und rasten, bis sie deren herangebildet hätten, denn unsere Leichtfertigkeit ist in weit höherem Maße das Werk der Frauen als umgekehrt. Die Frau, welche wahre Männer liebt und ihnen zu gefallen strebt, wählt zu ihrem Zwecke die passendsten Mittel. An und für sich ist sie ja gefallsüchtig, aber ihre Coquetterie ändert Form und Gegenstand mit ihren Anschauungen. Wenn man nun letztere mit den Absichten der Natur in Übereinstimmung zu bringen versteht, dann wird die Frau die ihrem Wesen entsprechende Erziehung erhalten. Die kleinen Mädchen lieben fast von ihrer Geburt an den Putz. Nicht zufrieden damit, daß sie hübsch sind, wollen sie dafür auch gelten. Man sieht es an ihrem ganzen Gebahren, daß diese Sorge sie schon früh beschäftigt, und kaum sind sie im Stande, zu verstehen, was man zu ihnen sagt, so vermag man sie dadurch zu leiten, daß man sie darauf aufmerksam macht, was die Welt von ihnen denken werde. Wollte man, wie man unüberlegterweise wirklich vorgeschlagen hat, dieses Erziehungsmittel auch auf Knaben anwenden, so würde dasselbe sicherlich bedeutend weniger Gewalt über sie gewinnen. Wenn sie nur ihren freien Willen und ihren Zeitvertreib haben, so bekümmern sie sich wenig darum, was die Leute von ihnen denken. Es gehört viel Zeit und Mühe dazu, um sie unter dasselbe Gesetz zu beugen. Von welcher Seite her die Mädchen auch diese erste Lehre empfangen mögen, so ist sie doch stets gut, denn da der Körper so zu sagen vor der Seele geboren wird, so muß die erste Pflege sich auf den Körper erstrecken. Zwar gilt dies für beide Geschlechter, aber der Gegenstand der Erziehung ist doch ein verschiedener. Bei dem einen Geschlechte soll die Kraft, bei dem andern die Anmuth entwickelt werden; allein nicht etwa so, daß diese Eigenschaften ausschließliches Eigenthum eines der beiden Geschlechter werden, sie sollen nur in umgekehrter Ordnung auftreten. Die Frau muß so viel Kraft besitzen, um Alles mit Anmuth ausführen zu können; der Mann bedarf hinwiederum der Geschicklichkeit, um Alles mit Leichtigkeit zu verrichten. Mit einem Uebermaße der Verweichlichung der Frauen nimmt auch die Verweichlichung der Männer ihren Anfang. Wenn die Frauen auch nicht so stark wie dieselben zu sein brauchen, so müssen sie doch so kräftig sein, um tüchtigen Knaben das Leben geben zu können. In dieser Beziehung sind die Klöster, in denen die Zöglinge zwar eine grobe Kost erhalten, aber viel freie Bewegung haben, viel in der freien Luft und in den Gärten umherlaufen und spielen, mancher häuslichen Erziehung vorzuziehen. Gibt es ja doch leider viele Familien, in denen die Tochter nur an leckere Kost, an Schmeichel- oder Scheltworte gewöhnt wird und in denen sie beständig unter den Augen der Mutter im verschlossenen Zimmer sitzen muß. Was ist aber die Folge einer solchen Erziehung? Daß das arme Kind nicht frei aufzustehen, nicht zu gehen, nicht zu sprechen, ja kaum Athem zu holen wagt, und nie einen freien Augenblick hat, nach Herzenslust zu spielen, zu springen, zu laufen, zu schreien und sich dem natürlichen Muthwillen seines Alters zu überlassen. Beides, beständige Nachsicht und übelangebrachte Strenge, ist verderblich und entspricht keineswegs der Vernunft. Durch einseitige Behandlung verdirbt man nur Körper und Seele der Jugend. Die spartanischen Mädchen wurden wie die Knaben in kriegerischen Spielen ausgebildet, nicht etwa um persönlich in den Krieg zu ziehen, sondern um dereinst Mütter von Knaben werden zu können, die fähig wären, die Beschwerden des Krieges zu ertragen. Ich kann mich damit zwar nicht völlig einverstanden erklären, denn es ist durchaus nicht nothwendig, daß die Mutter, um dem Staate Soldaten zu geben, die Flinte getragen und das preußische Exercitium durchgemacht habe, allein im Allgemeinen finde ich die griechische Erziehung in diesem Punkte sehr verständig. Die jungen Mädchen erschienen oft öffentlich, freilich nicht mit den Knaben gemeinschaftlich, sondern von ihnen getrennt. Es gab fast kein Fest, keine feierliche Opferhandlung, an denen nicht Schaaren von Mädchen der vornehmsten Bürger, mit Blumen bekränzt, Theil nahmen. Sie trugen Körbe, Vasen und Opfergaben, sangen Hymnen, führten gemeinschaftliche Tänze auf und boten so den verfeinerten Sinnen der Griechen ein reizendes Schauspiel dar, das geeignet war, der üblen Wirkung ihrer gerade nicht sehr anständigen Gymnastik die Wage zu halten. Abgesehen von dem Eindrucke, welchen dieser Brauch auf das Herz der Männer ausüben mußte, so war er doch immer in der Beziehung vortrefflich, daß er durch angenehme, mäßige und heilsame Uebungen die weibliche Jugend körperlich gut entwickelte und ihr außerdem durch das beständige Bestreben zu gefallen den Geschmack schärfte und bildete, ohne je ihre Sittlichkeit ernstlich zu gefährden. Sobald diese jungen Mädchen in den Ehestand traten, ließen sie sich öffentlich nicht mehr sehen. In ihre Wohnungen zurückgezogen, widmeten sie alle ihre Sorgfalt lediglich dem Hauswesen und der Familie. Das ist eben die Lebensweise, welche Natur und Vernunft dem weiblichen Geschlechte vorschreiben. Von solchen Müttern wurden denn auch die gesundesten, kräftigsten und wohlgebildetsten Kinder geboren, und daher kam es, daß, ungeachtet des üblen Rufes einiger Inseln, unter allen Völkern der Erde, selbst die Römer nicht ausgenommen, die Frauen der Griechen als die weisesten und liebenswürdigsten galten, bei denen sich Sittlichkeit und Schönheit harmonisch paarten. Es ist bekannt, daß die bequeme, den Körper nicht einengende Kleidung viel dazu beitrug, demselben bei beiden Geschlechtern jene schönen Verhältnisse zu bewahren, welche man an ihren Statuen bewundert, und die heutigen Tages noch als Vorbilder der Kunst dienen, da die verunzierte Natur solche Gestalten unter uns nicht mehr hervorbringt. Von all den gothischen Fesseln und der Menge von Bändern, welche unsern Körper von allen Seiten einschnüren, wußten sie nichts. Ihre Frauen kannten auch die Schnürleiber nicht, durch welche die unserigen ihre Figur mehr verunstalten, als ihre wahre Beschaffenheit zeigen. Nach meiner Ansicht muß ein solcher Mißbrauch, der in England z. B. zu einer unbegreiflichen Höhe getrieben ist, endlich zur Entartung des Geschlechts führen, und sicherlich zeigt das Wohlgefallen, das man daran hat, von keinem guten Geschmacke. Es ist doch durchaus nicht angenehm, eine Frau wie eine Wespe in zwei Stücke getheilt zu sehen; es beleidigt das Auge und verletzt die Einbildungskraft. Die Schönheit der Figur beruht wie alles Uebrige auf bestimmten Verhältnissen und Maßen; über dieselben hinauszugehen, ist sicherlich ein Fehler. Schon beim nackten Körper würde dieser Fehler ins Auge fallen; wie sollte er sich nun unter der Kleidung in Schönheit verwandeln? Ich will nicht nach den Gründen forschen, weshalb die Frauen so hartnäckig darauf bestehen, sich zu panzern. Ein schlaffer Busen, ein aufgetriebener Leib u. s. w. sind, wie ich nicht läugnen kann, bei einem Mädchen von zwanzig Jahren nichts Schönes. In einem Alter von dreißig Jahren fällt dies indeß nicht mehr so auf. Da wir nun in jedem Alter, wir mögen wollen oder nicht, doch stets von der Natur abhängig sind, und sich überdies das Auge des Mannes hierin auch gar nicht täuschen läßt, so sind jene Mängel, das Alter sei, welches es wolle, nicht so unangenehm, als die alberne Ziererei einer Kleinen von – – vierzig Jahren. Alles, was die Natur hemmt und einzwängt, ist das Ergebniß eines schlechten Geschmacks. Das hat sowol bei dem Schmucke des Körpers als bei der Ausbildung des Geistes seine Giltigkeit. Leben, Gesundheit, Vernunft, Wohlbefinden müssen über alles Andere gehen. Es gibt keine Anmuth ohne Ungezwungenheit; Zartheit ist nicht schmachtendes Wesen, und um Gefallen zu erregen, braucht man nicht krank zu sein. Leiden erregt Mitleid, aber Freude und Verlangen suchen die Frische der Gesundheit. Den Kindern beiderlei Geschlechts fehlt es nicht an vielen gemeinsamen Vergnügungen, und so soll es auch sein. Haben sie dieselben denn nicht ebenfalls, wenn sie erwachsen sind? Aber es zeigen sich doch bald die eigenthümlichen Neigungen, welche sie unterscheiden. Die Knaben verlangen Bewegung und Lärm: Trommeln, Kreisel, kleine Wagen; die Mädchen haben ihre Freude mehr an dem, was das Auge besticht und zum Schmucke dient: an Spiegeln, Geschmeide, Flitterstaat, besonders aber an Puppen. Die Puppe ist das besondere Spielzeug dieses Geschlechtes, und hiermit bekundet das Mädchen ganz unzweideutig seinen Geschmack an seiner natürlichen Bestimmung. Von der Kunst zu gefallen kann es vorläufig nur das Aeußerliche, das Sinnliche, pflegen; dies besteht eben im Putz. Man sehe und beobachte nur, wie ein kleines Mädchen den ganzen Tag mit seiner Puppe beschäftigt ist. Unaufhörlich verändert es deren Anzug, kleidet sie wol hundertmal an und aus und sucht immer neue Zierrathen, mögen sie nun passen oder nicht, darauf kommt es nicht an. Den Fingern gebricht es noch an der gehörigen Geschicklichkeit, der Geschmack hat sich noch nicht entwickelt, indeß zeigt sich doch schon die Anlage zur Entwickelungsfähigkeit. Bei dieser beständigen Beschäftigung verfließt dem Mädchen unbemerkt die Zeit, die Stunden vergehen, es weiß nicht wie; sogar das Essen wird vergessen, es hat mehr Verlangen nach Putz als nach Nahrung. Aber, so könnte man einwenden, es putzt ja seine Puppe und nicht sich selbst! Darin liegt allerdings eine gewisse Wahrheit. Vorläufig wendet es noch der Puppe seine ganze Aufmerksamkeit zu; für sich selber vermag es, da es seine volle Entwickelung noch nicht erreicht hat, nichts zu thun; es hat bis jetzt dazu weder die nöthigen Talente noch die Kraft. Deshalb lebt und webt es nur in seiner Puppe und erschöpft seine ganze Gefallsucht an derselben. Aber es wird sich nicht immer darauf beschränken, es wartet nur auf den Augenblick, selber seine Puppe zu werden. So zeigt sich also in diesem Spiele eine ganz entschiedene Neigung. Es kommt jetzt nur darauf an, derselben nachzugehen und sie auszubilden. Sicherlich würde die Kleine ihre Puppe herzlich gern ganz allein ausputzen, sich selber die Schleifchen, kleinen Tücher, Falbeln und Spitzen verfertigen. Sie fühlt sich in dieser Beziehung in so drückender Weise von der Gefälligkeit Anderer abhängig, daß ihr nichts angenehmer wäre, als sich durch eigene Kunstfertigkeit helfen zu können. Hieraus folgt, worin der erste Unterricht bestehen soll, den man kleinen Mädchen ertheilt. Man schreibt ihnen damit keine Arbeiten vor, sondern man erweist ihnen sogar einen Gefallen. Und in der That lernen sie fast Alle lieber mit der Nadel arbeiten als lesen und schreiben. Sie denken schon mit Vergnügen daran, daß ihnen diese Geschicklichkeit, wenn sie einst groß sein werden, dazu dienen kann, sich zu putzen. Ist dieser Weg erst gebahnt, so ist alles Uebrige leicht. Das Nähen, Sticken, Klöppeln kommen wie von selbst. Teppichstickerei sagt ihnen dagegen weniger zu. Die Möbel liegen ihnen noch zu fern; außerdem haben sie nichts mit ihrer Person zu schaffen und sind mehr dem Urtheile Anderer unterworfen. Dergleichen Arbeiten bilden mehr eine Unterhaltung für Frauen; junge Mädchen werden nie daran großes Vergnügen finden. Mit diesen freiwilligen Arbeiten läßt sich nun leicht das Zeichnen verbinden, denn diese Kunst ist für Jeden, der sich geschmackvoll zu kleiden wünscht, durchaus nicht gleichgiltig. Ich würde aber freilich wünschen, daß man sie nicht Landschaften, noch weniger aber Figuren zeichnen ließe. Blätter, Früchte, Blumen, Faltenwurf, kurz Alles, was zur äußeren Zier der Kleidung dienen kann, so wie die Fähigkeit, sich selbst ein Stickmuster zu entwerfen, wenn man kein passendes aufzutreiben vermag, das ist für sie völlig genügend. Wenn sich die Männer schon im Allgemeinen auf das Studium nützlicher Kenntnisse beschränken sollen, so gilt dies für die Frauen in noch höherem Maße. Denn wenn ihr Leben auch weniger mühevoll ist, so soll sich ihre Thätigkeit doch auf mancherlei Sorgen erstrecken und soll stets unermüdlich sein, so daß sie sich zum Nachtheile ihrer Pflichten nie einer Lieblingsbeschäftigung vorherrschend widmen dürfen. Was man dagegen auch sagen mag: der gesunde Menschenverstand ist beiden Geschlechtern gleich eigen. Die Mädchen sind im Allgemeinen gelehriger als die Knaben, und man bedarf bei ihnen sogar größere Autorität. Freilich darf man von ihnen nicht etwas fordern, dessen Nützlichkeit sie nicht einsehen. Die Kunst der Mutter besteht eben darin, ihnen von Allem, was sie anordnet, den Nutzen zu zeigen, und dies ist um so leichter, da sich bei den Mädchen das Verständniß frühzeitiger entwickelt als bei den Knaben. Deshalb belästige man Knaben sowol wie Mädchen nicht mit einem müßigen Studium, das zu nichts Nützlichem führt und sogar Solche, die es betreiben, bei Anderen nicht einmal angenehm macht. Aber auch ein solches Studium ist nicht zu empfehlen, dessen Nutzen in diesem Alter noch nicht einleuchtet, da das Kind noch nicht befähigt ist, sich auf einen späteren Standpunkt zu stellen. Wenn ich nicht wünsche, daß man einen Knaben ängstlich anhalte, lesen zu lernen, so wünsche ich noch viel weniger, daß man ein junges Mädchen dazu zwinge, bevor es den Nutzen des Lesens hat einsehen lernen. Freilich, bei der Art, wie man ihm diesen Nutzen begreiflich machen will, folgt man mehr seinen eigenen Begriffen als der kindlichen Anschauungsweise. Aber worin liegt denn die Nothwendigkeit, daß ein Mädchen so früh lesen und schreiben lernt? Soll es denn in kurzer Zeit eine Wirtschaft führen? Es gibt nur sehr wenige, welche keinen Mißbrauch mit dieser bedenklichen Kunst treiben. Man sollte sie nicht zwingen; sie werden dieselbe schon lernen, sobald sich Zeit und Gelegenheit findet; dafür sind sie insgesammt viel zu neugierig. Vielleicht sollten sie zunächst rechnen lernen, denn nichts ist in allen Lebenslagen nützlicher, aber auch zugleich schwieriger und so dem Irrthume unterworfen als das Rechnen. Wenn die Kleine ihre Kirschen zum Vesperbrode erst dann bekäme, wenn sie ein Rechenexempel gelöst, so glaube ich sicher, daß sie bald würde rechnen lernen. Ich kenne ein junges Mädchen, welches eher schreiben als lesen lernte und mit der Nadel zu schreiben anfing, bevor sie die Feder zu führen vermochte. Von allen Schriftlichen wollte es zuerst nur das O nachmalen. Es schrieb beständig große und kleine O, schrieb sie von allen möglichen Größen, zwängte ein O in das andere hinein und schrieb dabei regelmäßig von rechts nach links. Unglücklicherweise sah es sich eines Tages, während es sich dieser nützlichen Beschäftigung hingab, im Spiegel; da machte die Kleine die Entdeckung, daß ihr die gekrümmte Haltung ein schlechtes Aussehen gab. Wie eine Minerva warf sie die Feder weg und wollte keine O mehr schreiben. Auch ihr Bruder fand kein Wohlgefallen am Schreiben. Ihn hielt jedoch weniger das ungeschickte Aussehen davon ab als der damit verbundene Zwang. Man brachte nun das Mädchen wieder auf folgende Weise zum Schreiben. Es war sehr eigen und wollte durchaus nicht leiden, daß sich auch die Schwestern seiner Wäsche bedienten. Bisher hatte man ihnen dieselbe gezeichnet, nun unterließ man es. So mußte die Kleine dies also von jetzt ab selbst lernen. Das Uebrige ergab sich nun von selbst. Deshalb rechtfertige man stets die Dienstleistungen, die man von jungen Mädchen fordert, aber man beschäftige sie auch stets. Müßiggang und Eigensinn sind für sie die beiden schlimmsten Fehler, die man am allerschwersten auszurotten vermag, sobald man sie erst hat einwurzeln lassen. Mädchen müssen sorgsam und arbeitsam sein. Das ist indeß noch nicht Alles, sie müssen sich auch zeitig fügen lernen. Ein gewisser Zwang ist von ihrem Geschlechte unzertrennlich, und wenn sie sich demselben entziehen wollen, so werden sie es einst bitter bereuen. So sind sie z.B. ihr ganzes Leben einem beständigen und sehr strengen Zwange unterworfen, nämlich dem der Wohlanständigkeit. Sie müssen deshalb schon früh an diesen Zwang gewöhnt werden, damit sie sich leicht in denselben finden lernen: man muß sie bei Zeiten anhalten, ihre Launen zu beherrschen, um sie dem Willen Anderer unterwerfen zu können. Hätten sie Lust, fortwährend zu arbeiten, so müßte man sie zwingen, sich Erholung zu gönnen. Zerstreutheit, Leichtfertigkeit und Unbeständigkeit sind Fehler, die sich leicht daraus entwickeln, daß man seine Lieblingsneigungen eine verkehrte Richtung einschlagen und sich beständig von ihnen leiten läßt. Will man dieser Verirrung vorbeugen, so gewöhne man sie vor Allem daran, sich selbst zu beherrschen. Deshalb ist das Leben einer ehrbaren Frau bei den vielen verkehrten Einrichtungen unserer Zeit fast ein beständiger Kampf mit sich selbst. Doch ist es nur billig, daß dies Geschlecht auch seinen Antheil an den Leiden trage, die es uns bereitet hat. Man verhindere, daß sich die Mädchen bei ihren Beschäftigungen langweilen und ihren Vergnügungen mit zu großer Leidenschaft hingeben, wie dies bei der gewöhnlichen Erziehung fast regelmäßig zu geschehen pflegt. Hier trägt, wie Fénélon sagt, der eine Theil alle Langeweile, der andere alles Vergnügen. Die genaue Beobachtung der obigen Regeln vorausgesetzt, wird der erste dieser beiden Uebelstände nur dann hervortreten, wenn die Personen, von denen das Kind umgeben ist, ihm mißfallen. Ein kleines Mädchen, das seine Mutter oder seine Erzieherin liebt, wird den ganzen Tag an ihrer Seite arbeiten, ohne Langeweile zu empfinden; schon das bloße Plaudern entschädigt es für allen Zwang. Wenn es Jene indeß nicht leiden kann, wird es Alles mit Unlust thun, wozu es unter deren Augen angehalten wird. Es ist sehr schwer, daß die Mädchen gut gerathen, denen die Mutter nicht über Alles geht. Freilich, um ihre wahren Gefühle richtig beurtheilen zu können, muß man sie genauer beobachten und sich nicht allein auf das verlassen, was sie sagen, denn sie sind Schmeichelkätzchen, listig und lieben schon frühzeitig die Verstellung. Auch darf man ihnen nicht vorschreiben, ihre Mutter zu lieben: die Liebe läßt sich nicht gebieten, und hier hilft kein Zwang. Anhänglichkeit, Sorgfalt und schon die süße Gewohnheit werden in der Tochter Liebe zur Mutter erwecken, falls sich dieselbe nicht durch irgend eine Handlung ihren Haß zuzieht. Selbst der verständige Zwang, in welchem die Tochter nothwendig gehalten werden muß, wird diese Zuneigung nicht schwächen, sondern nur erhöhen, denn Abhängigkeit ist ein den Frauen natürlicher Zustand, und schon die Mädchen fühlen, daß sie zum Gehorchen geboren sind. Die Frauen haben also oder sollen wenigstens nur einen geringen Grad von Freiheit haben. Aus demselben Grunde geben sie sich aber den Freiheiten, welche man ihnen läßt, bis zum Uebermaße hin. Geneigt, Alles zu übertreiben, entwickeln die Mädchen bei ihren Spielen einen weit ungestümeren Eifer als selbst die Knaben. Das ist der zweite der angedeuteten Uebelstände. Dieses Ungestüm muß durchaus niedergehalten werden, denn in ihm wurzeln mehrere Fehler, die den Frauen eigenthümlich sind, wie z.B. der Eigensinn und die Eingenommenheit von sich selbst. So kann sich eine Frau heute für etwas begeistern, was sie morgen kaum beachtet. Eine solche Unbeständigkeit in ihren Neigungen ist eben so schädlich wie eine zu große Leidenschaftlichkeit in denselben, und beide entstehen aus derselben Quelle. Wir wollen ihnen durchaus nicht ihren Frohsinn, ihr Lachen, ihre Lebhaftigkeit und ihre ausgelassenen Spiele mißgönnen, nur muß man zu verhüten suchen, daß sie sich nicht an einer Sache übersättigen und dann voller Unbeständigkeit bald das Eine, bald das Andere ergreifen. Stets müssen sie fühlen, daß jedes Beginnen nur bis zu einer gewissen Grenze ausgedehnt werden darf; man gewöhne sie, sich mitten im Spiele ohne Murren unterbrechen zu lassen und etwas Anderes vorzunehmen. Schon die Gewöhnung thut hierin viel, da sie ja in dieser Beziehung nur eine Unterstützung der natürlichen Neigung ist. Ist der Zwang zur Gewohnheit geworden, so entsteht daraus eine Fügsamkeit des Geistes, welche den Frauen ihr ganzes Leben hindurch von großem Nutzen ist. Beständig sind sie ja entweder einem Manne oder dem Urtheile der Männer unterworfen, und nie dürfen sie sich über diese Urtheile hinwegsetzen. Die vornehmste und wichtigste Eigenschaft einer Frau ist die Sanftmuth. Dazu bestimmt, einem Wesen zu gehorche», das in jeder Beziehung so unvollkommen ist und, wenn auch nicht immer geradezu Laster, so doch stets viele Fehler besitzt, muß die Frau schon früh, ohne sich zu beklagen, Ungerechtigkeit erdulden und die Härte eines Gatten ertragen lernen. Sie muß weniger seinetwegen als um ihrer selbst willen sanft sein. Verstimmung und Halsstarrigkeit der Frauen tragen nur dazu bei, ihre Leiden zu vergrößern und das Verhältniß zu dem Manne zu verschlimmern. Nicht mit diesen Waffen sollen sie über die Männerwelt zu siegen suchen. Der Himmel hat ihnen nicht deshalb jenes einschmeichelnde und bestrickende Wesen verliehen, um zänkisch zu werden, hat ihnen ihre Schwäche nicht gegeben, um sie als Mittel zur Erlangung der Herrschaft zu benutzen, hat sie mit ihrer sanften Stimme nicht zum Schmähen und Schelten und mit ihrem zarten Gesichtsausdruck nicht dazu ausgestattet, um ihn durch Ausbrüche des Zornes zu entstellen. Wenn sie sich ärgern, vergessen sie sich. Oft haben sie wol Recht, sich zu beschweren, sobald sie aber schmälen, ist das Unrecht stets auf ihrer Seite. Jedes muß den Ton seines Geschlechtes beibehalten. Zeigt der Mann zu viel Sanftmuth, so kann sich die Frau dadurch leicht zur Ungezogenheit verleiten lassen; sofern aber der Mann nicht völlig verkommen ist, wird ihn die Sanftmuth der Frau stets wieder auf den rechten Weg zurückbringen und früher oder später doch stets den Sieg davontragen. Die Töchter sollen also immer gehorsam, die Mütter jedoch auch nicht immer unerbittlich sein. Um ein junges Mädchen an Folgsamkeit zu gewöhnen, braucht man es nicht unglücklich zu machen; um es zur Sittsamkeit anzuhalten, braucht man nicht jedes Gefühl in ihm zu ertödten. Ich würde es im Gegentheile einem jungen Mädchen nicht verargen, wenn es hin und wieder eine kleine List anwendete, zwar nicht, um der Strafe für seinen Ungehorsam zu entgehen, sondern um der Notwendigkeit, gehorchen zu müssen, auf eine feine Art aus dem Wege zu gehen. Die Abhängigkeit braucht nicht gerade lästig und beschwerlich zu werden, es ist schon hinreichend, wenn man sich ihrer bewußt ist. Da nun die List eine natürliche Anlage des weiblichen Geschlechts ist und nach meiner Ansicht alle Naturanlagen an und für sich gut und berechtigt sind, so glaube ich, daß man auch diese Anlage wie alle andern pflegen muß, nur soll man die Ausartung derselben verhüten. In Bezug auf die Richtigkeit dieser Bemerkung möchte ich mich auf das Urtheil eines jeden gewissenhaften Beobachters berufen. Von den Frauen müssen wir in diesem Punkte freilich absehen; sie haben vielleicht schon in Folge unserer zwangsvollen gesellschaftlichen Einrichtungen Gelegenheit und Anregung genug gehabt, ihren Geist zu schärfen. Wir wollen hier nur von den kleinen Mädchen reden, die gleichsam erst zu leben beginnen. Vergleicht man sie mit Knaben von gleichem Alter, so werden diese sicherlich gegen jene schwerfällig, unbeholfen und linkisch erscheinen. Ich will nur ein Beispiel anführen, um das verschiedene Benehmen beider Geschlechter in ihrer kindlichen Einfalt zu zeigen. Man pflegt den Kindern zu verbieten, bei Tische etwas zu fordern. Ich halte dies allerdings nicht für richtig, denn man soll die Kinder nicht mit unnützen Vorschriften überladen. Es ist ja leicht, ihnen einen Bissen von diesem oder jenem Gerichte zu gewähren oder zu verweigern. Ein Kind wird ungestüm bitten, wenn es dadurch zum Ziele gelangt. Nie wird es jedoch zweimal dasselbe verlangen, wenn die erste Antwort regelmäßig unwiderruflich ist. Man martert dann wenigstens das arme Kind nicht mit seiner durch die Hoffnung gesteigerten Lüsternheit fast zu Tode. Bekannt ist nun die List eines kleinen Knaben, dem dies Gesetz ebenfalls auferlegt war, und der sich, als man ihn bei Tische vergessen hatte, ein Herz faßte und um ein wenig Salz bat. Man hätte ihn freilich deswegen doch schelten können, weil er direct zwar nur Salz, indirect aber damit gleichzeitig Fleisch gefordert hatte. Doch will ich dagegen nichts einwenden, denn in jenem Uebersehen lag etwas so Grausames, daß ich mir die Möglichkeit seiner Bestrafung selbst in dem Falle nicht denken kann, wenn er das Gebot geradezu übertreten und ohne Umschweife gesagt hätte, daß ihn hungere. Ich will hier nur die List mittheilen, welche ein kleines Mädchen von sechs Jahren in meiner Gegenwart in einem ungleich schwierigeren Falle anwendete; denn nicht allein war auch diesem auf das Strengste untersagt worden, weder mittelbar noch unmittelbar irgend etwas zu fordern, sondern sein Ungehorsam wäre hier auch in so fern unverzeihlich gewesen, als das Kind, mit Ausnahme eines einzigen Gerichtes, bereits von allen übrigen gegessen hatte. Von diesem hatte man ihm vorzulegen vergessen, aber gerade nach ihm trug es besonderes Verlangen. Um nun auf diesen Act der Vergeßlichkeit aufmerksam zu machen, ohne gerade ungehorsam zu erscheinen, ließ es mit erhobenem Finger seine Blicke über alle Gerichte schweifen und sagte, indem es auf jedes einzelne hinwies, dabei ganz laut: »Hiervon habe ich gegessen, hiervon habe ich gegessen!« Als es aber an das Gericht gelangte, von dem man ihm vorzulegen vergessen hatte, überschlug es dasselbe mit so auffälligem Stillschweigen, daß es Jemand bemerkte und fragte: »Hast du denn von diesem Gerichte nicht auch gegessen?« »Ach nein,« versetzte leise das kleine Leckermäulchen mit niedergeschlagenen Augen. Ich brauche wol nichts weiter hinzuzufügen. Man vergleiche nur die List des Mädchens mit der des Knaben. Alles, was ist, ist gut, und kein allgemeines Gesetz ist schlecht. Die dem Weibe verliehene eigenthümliche List ist nur ein völlig billiger Ersatz für seine geringere Stärke. Ohne sie würde die Frau nicht als Gefährtin des Mannes auftreten können, sondern zu seiner Sklavin herabsinken. Durch diese Ueberlegenheit des Talentes erhält sie ihre Ebenbürtigkeit aufrecht und beherrscht den Mann, trotzdem sie ihm gehorcht. Die Frau hat Alles gegen sich: unsere Fehler, ihre Schüchternheit und ihre Schwäche; die Waffen, welche sie für sich ins Feld führen kann, sind allein ihre List und ihre Schönheit. Ist es deshalb nicht billig, daß sie beide ausbildet? Allein die Schönheit ist nicht jeder Frau verliehen, auch leidet sie unter tausend Zufälligkeiten, verwelkt mit den Jahren, und selbst die Gewohnheit verringert ihren Reiz. Im Geist allein liegt die Hauptstärke des schönen Geschlechts, freilich nicht in jenem oberflächlichen Geiste, auf den die Welt so großen Werth legt und der zur Begründung eines wahren Lebensglücks doch völlig werthlos ist, sondern in der den Frauen eigentümlichen geistigen Befähigung, sich unsern Geist dienstbar zu machen und somit aus unseren eigenen Vorzügen Vortheil zu ziehen. Man glaubt kaum, wie nützlich diese Kunst uns selbst ist, in wie hohem Grade sie den Reiz des persönlichen Umgangs beider Geschlechter unter einander erhöht, wie ersprießlich sie ist, den Muthwillen der Kinder zurückzuhalten und rauhe Ehemänner zu besänftigen, und wie viel sie zum Gedeihen der Haushaltung beiträgt, welche sonst durch Zwietracht so leicht gestört werden würde. Ränkevolle und böse Weiber machen zwar, wie mir recht wohl bewußt ist, einen schlechten Gebrauch davon, aber womit triebe das Laster nicht Mißbrauch? Man darf die Mittel zur Glückseligkeit nicht zerstören, weil sich einige Böse derselben hin und wieder zu unserem Nachtheile bedienen. Man kann durch Putz glänzen, gefallen kann man aber nur durch seine Person. Der Anzug ist nicht der Mensch selbst; oft entstellt er den, welcher zu große Sorgfalt auf ihn verwendet, und wer ihn recht bemerkbar machen will, findet oft selbst am wenigsten Beachtung. Die Erziehung der jungen Mädchen befindet sich in diesem Punkte auf einem schlimmen Abwege. Man verspricht ihnen Putz als Belohnung und impft ihnen auf diese Weise Gefallen an einem auffallenden Putze ein. »Wie schön sie ist!« ruft man wol aus, wenn sie recht aufgeputzt einhergehen. Man sollte den Mädchen im Gegentheile die Ueberzeugung beibringen, daß so viel Putz nur Fehler bedecken solle, und daß die Schönheit ihren Haupttriumph darin suche, nur durch sich selbst zu glänzen. Die Modesucht ist ein Zeichen schlechten Geschmacks. Da sich das Gesicht nicht mit der Mode ändert und die Figur stets dieselbe bleibt, so wird ihr das, was ihr einmal gut stand, auch immer gut stehen. Ich würde ein junges Mädchen, das zu großen Werth auf seine Kleidung legt, auf folgende Weise von seinem Irrthume zu heilen suchen. Zunächst würde ich mich stellen, als ob ich wegen der so verdeckten Gestalt besorgt wäre und mich über das, was man darüber sagen könnte, beunruhigt fühlte. Dann würde ich sagen: »Alle diese Zierrathen putzen leider zu sehr! Glaubst du wol, daß deine Figur auch einfachere vertragen könnte? Besitzt sie genug Schönheit, um dieses oder jenes entbehren zu können?« Vielleicht wird dann die Kleine die Erste sein, welche uns ersucht, ihr irgend einen Schmuck abzunehmen, und uns dann selbst ein Urtheil darüber zu bilden. In diesem Falle müßte man, wenn es möglich wäre, mit dem Lobe nicht zurückhalten. Ich würde ihr stets am meisten Lob spenden, wenn sie am einfachsten gekleidet ginge. Sobald sie den Putz nur als eine Ergänzung der Anmuth ihrer Person und gleichsam als ein stillschweigendes Eingeständniß betrachtet, daß sie eines solchen Hilfsmittels bedürfe, um Gefallen zu erregen, so wird sie sicherlich nicht mehr stolz auf ihren Putz sein. Sie wird vielmehr demüthig werden, und wenn sie sich ja einmal mehr putzt als gewöhnlich und dann den Ausruf vernimmt: »Wie schön sie ist!« so wird sie vor Verdruß darüber erröthen. Uebrigens finden sich allerdings Figuren, welche einen gewissen Putz nöthig haben, aber keine, welche einen überreichen Schmuck erfordern. Ein Putz, welcher im Stande ist, zu Grunde zu richten, beruht auf einer durch die Rangstufe genährten Eitelkeit, wird aber nicht durch die Eitelkeit der Person hervorgerufen. Er ist einzig und allein auf Vorurtheile zurückzuführen. Die wirkliche Gefallsucht hat wol hin und wieder eine Vorliebe für das Gesuchte, aber nie für das Prunkvolle. Juno kleidete sich weit prachtvoller als Venus. »Da du es nicht vermochtest, Helena in ihrer vollen Schönheit darzustellen, hast du sie mit Reichthümern ausgestattet,« sagte Apelles zu einem schlechten Maler, welcher die Helena auf seinem Gemälde mit Putz überladen hatte. Clemens v. Alex., Paedag. lib. II. cap. 12. Mir ist ebenfalls die Bemerkung nicht entgangen, daß die prächtigsten Kleider gewöhnlich häßliche Frauen vermuthen lassen; man kann sich keine weniger angebrachte Eitelkeit denken. Gebet einem jungen Mädchen, das Geschmack besitzt und nichts nach der Mode trägt, Bänder, Flor, Mousselin und Blumen, und es wird sich, ohne daß es der Zuthaten von Diamanten, Zierrathen und Spitzen Frauen, deren Haut weiß genug ist, um der Spitzen entbehren zu können, würden ihren Mitschwestern, wenn sie keine tragen wollten, großen Verdruß bereiten. Fast immer werden die Moden von den Häßlichen erfunden, denen sich die Schönen thörichterweise unterwerfen. bedarf, einen Anzug herstellen, der ihm hundertmal reizender steht, als der glänzendste Flitterstaat des ersten Modehändlers. Da das Gute seinen Werth stets behält und man immer so gut wie möglich sein muß, so treffen auch die Frauen, welche sich auf den Anzug verstehen, stets eine gute Wahl und werden dem Ausgesuchten nicht so leicht untreu. Sie wechseln nicht alle Tage und sind deshalb weniger beschäftigt als diejenigen, deren unausgebildeter Geschmack niemals befriedigt ist. Ein wahrhaft sorgfältig gewählter Anzug braucht den Putztisch wenig zu Rathe zu ziehen. Der Putztisch junger Mädchen ist gewöhnlich nicht sehr reich ausgestattet. Arbeit und Unterricht nehmen sie den ganzen Tag über in Anspruch. Trotzdem sind sie gewöhnlich, wenn man von der Schminke absieht, mit eben so großer Sorgfalt, ja sogar nicht selten mit weit feinerem Geschmacke gekleidet als die Damen. Ueber die Uebertreibung der Toilettenkünste hegt man oft ganz irrthümliche Anschauungen; sie hat ihre Quelle weit häufiger in der Langenweile als in der Eitelkeit. Eine Frau, die sechs Stunden vor ihrem Spiegel zubringt, ist sich recht wohl bewußt, daß sie deshalb durchaus nicht besser gekleidet ist, als diejenige, welche auf ihren Anzug nur eine halbe Stunde verwendet. Aber man hat doch glücklich eben so viel von der tödtlich langweiligen Zeit überstanden, und es ist doch immer noch besser, sich die Zeit mit sich selbst zu vertreiben, als sich von allem Anderen langweilen zu lassen. Was in aller Welt sollte man nur mit seinem Leben von Mittag bis neun Uhr Abends angeben, wenn der Putztisch fehlte? Im Kreise seiner Kammerfrauen kann man sich belustigen, sie in Harnisch bringen, und das ist doch immer etwas. Man vermeidet ein vertrauliches Zusammensein mit seinem Gatten, dem nur in diesen Stunden der Zutritt gestattet ist, und das ist noch von ungleich höherem Werthe. Und nun erscheinen die Kaufleute, die Kunsthändler, die Anbeter, die Dichterseelen, nun dreht sich das Geplauder um Verse, um Lieder und Flugschriften. Ohne den Putztisch ließe sich das unmöglich so schön mit einander in Einklang bringen. Der einzige wirkliche Gewinn, der dabei abfällt, besteht darin, daß man seinen Körper ein wenig mehr zur Schau stellen kann, als wenn ihn das neidische Gewand verhüllt. Indeß ist dieser Gewinn vielleicht doch nicht so groß, als man sich einbildet, und die Frauen stellen sich vor ihrem Putztische nicht in ein so vortheilhaftes Licht, als sie sich selber vorschwatzen. Ertheilet den Weibern ohne Bedenken eine weibliche Erziehung. Traget Sorge, daß sie an den Geschäften ihres Geschlechtes Gefallen finden, sich durch Sittsamkeit auszeichnen, ihrem Haushalte gut vorstehen und sich häuslich zu beschäftigen wissen. Die übertriebene Toilette wird dann von selbst fortfallen und die Frauen werden gleichwol stets nach dem besten Geschmack gekleidet sein. Das Erste, was die jungen Mädchen beim Heranwachsen bemerken, ist, daß alle diese erborgten Reize nicht ausreichend sind, wenn sie nicht eigene besitzen. Schönheit kann man sich nie selber geben, und ein einnehmendes Wesen vermag man sich nicht so bald anzueignen. Aber man kann sich wenigstens bemühen, sich ein gefälliges Aeußere zu geben, seiner Stimme einen angenehmen Klang zu verleihen, sich in seiner Haltung zusammenzunehmen, einen schwebenden Gang zu erhalten, sich an anmuthige Stellungen zu gewöhnen und sich überall in seinem vorteilhaftesten Lichte zu zeigen. Die Stimme nimmt an Fülle zu, wird fest und klangvoll; die Arme runden sich, der Gang wird sicher, und man macht die Entdeckung, daß es eine Kunst gibt, sich, wie man auch immer gekleidet sein möge, bemerkbar zu machen. Von dem Augenblicke an handelt es sich nicht mehr blos um Nadel und Kunstfertigkeit; neue Talente kommen zum Vorschein und lassen ihren Nutzen schon in die Augen fallen. Ich weiß, daß strenge Lehrer die Anforderung stellen, man solle die jungen Mädchen weder im Singen, noch im Tanzen oder in anderen gefälligen Künsten unterrichten. Dies Verlangen kommt mir lächerlich vor. Wen soll man denn ihrer Ansicht nach darin unterweisen? Etwa die Knaben? Für wen ist es wol am passendsten, sich diese Geschicklichkeiten zu erwerben, für die Männer oder für die Frauen? »Für Niemanden!« werden sie mir erwidern. »Jeder Gesang eines weltlichen Liedes ist ein Verbrechen. Der Tanz ist eine Erfindung des Teufels. Ein junges Mädchen darf nur an der Arbeit und am Gebet seine Freude finden.« Das sind allerdings merkwürdige Unterhaltungen für ein Kind von zehn Jahren! In mir steigt wenigstens die Befürchtung auf, daß alle diese kleinen Heiligen, welche, dem Zwange nachgebend, ihre Kindheit unter Gebet verleben, ihre reifere Jugend dafür ganz anderen Dingen widmen und sich nach ihrer Verheirathung alle Mühe geben werden, die Zeit, welche sie als Mädchen verloren zu haben glauben, aufs Beste wieder einzubringen. Ich huldige der Ansicht, man müsse auf Beides Rücksicht nehmen, auf das, was mit dem Alter, so wie auf das, was mit dem Geschlechte in Einklang steht; daß ein junges Mädchen nicht das Leben seiner Großmutter führen darf; daß es lebendig, heiter und muthwillig sein, nach Herzenslust singen und tanzen, und alle unschuldige Vergnügungen seines Alters genießen soll. Nur zu früh wird die Zeit da sein, wo es ein gesetztes Wesen und eine ernstere Haltung annehmen muß. Beruht denn aber dieser Wechsel auf einer wirklichen Nothwendigkeit? Ist er nicht vielleicht auch schon eine bloße Folge unserer Vorurtheile? Dadurch, daß man den sittsamen Frauen nur solche ernste und alle Freude verscheuchende Pflichten auferlegte, hat man aus der Ehe Alles verbannt, was sie den Männern in einem freundlichen Lichte erscheinen lassen konnte. Kann es deshalb befremden, wenn die erkältende Stille, die sie in ihrem Hause herrschen sehen, sie von dannen treibt, oder wenn sie sich wenig versucht fühlen, sich eine so unbefriedigende Häuslichkeit zu schaffen? Dadurch, daß das Christenthum alle Pflichten zu hoch spannt, macht es sie selbst unausführbar und nutzlos. Durch Verbot des Gesanges, Tanzes und aller weltlichen Lustbarkeiten hat es den Frauen einen unfreundlichen und zänkischen Charakter eingeimpft, der sie in ihren Häusern unerträglich macht. Es gibt keine Religion, in welcher die Ehe mit so strengen Pflichten verbunden wäre, und keine, in welcher eine so heilige Verbindung in solcher Verachtung stände. Man hat es sich so angelegen sein lassen, den Frauen alle Liebenswürdigkeit zu rauben, daß es endlich gelungen ist, die Ehemänner mit völliger Gleichgültigkeit gegen sie zu erfüllen. »Das sollen sie durchaus nicht,« höre ich versichern. Ich aber behaupte dem gegenüber, daß sie es absolut werden müssen, da am Ende die Christen doch auch nur Menschen sind. Ich für meinen Theil stelle die Forderung, daß eine junge Engländerin ihre fesselnden Gaben mit der gleichen Sorgfalt ausbilde, um ihrem künftigen Gatten zu gefallen, wie sie eine junge Albaneserin für den Harem zu Ispahan ausbildet. Die Ehemänner, wird man mir entgegenhalten, fragen nichts nach dergleichen Gaben und Eigenschaften. Gegen diese Wahrheit will ich mich nicht verschließen, wenn nämlich diese Talente leider nicht dazu angewendet werden, den Männern zu gefallen, sondern nur als Köder dienen, um junge Lüstlinge anzulocken, die nur darauf ausgehen, sie zu entehren. Allein meint ihr nicht auch, daß eine liebenswürdige und verständige Frau, welche sich dergleichen Talente zu erfreuen hätte und sie nur zur Unterhaltung ihres Mannes zur Geltung brächte, zum Glücke seines Lebens beitragen und ihn abhalten würde, seine Erholung auswärts zu suchen, wenn er nach anstrengender Kopfarbeit sein Zimmer verläßt? Sind euch denn keine Familien bekannt, in denen alle Glieder in so glücklichem Vereine neben einander leben und sich jedes bestrebt, seinen Antheil an der gemeinschaftlichen Unterhaltung zu tragen? Wer will wol auftreten und behaupten, daß in dem Vertrauen und in der mit demselben verbundenen Vertraulichkeit, in der Unschuld und in der Süßigkeit der Freuden, die sie uns gewähren, kein voller Ersatz für das geräuschvolle Treiben der öffentlichen Vergnügungen liegt? Man hat die gefälligen Talente in zu hohem Grade in Künste verwandelt, hat sie zu sehr zum Gemeingute zu machen gesucht, sie in Grundsätze und Regeln gekleidet und dadurch den jungen Mädchen das, was für sie nur Unterhaltung und heiteres Spiel sein soll, äußerst langweilig gemacht. Ich kann mir keinen lächerlicheren Anblick vorstellen, als den eines Tanzmeisters oder Gesanglehrers, wenn er jungen Mädchen, die so schon Alles lächerlich finden, mit sauertöpfischer Miene entgegentritt und nun beim Unterrichte in seiner nichtigen Kunst einen so pedantischen und schulmeisterlichen Ton anschlägt, als handelte es sich um eine Katechismuslehre. Ist zum Beispiel die Gesangeskunst etwa von der geschriebenen Musik abhängig? Sollte man nicht im Stande sein, die Stimme biegsam und klangvoll zu machen, geschmackvoll einen Gesang vortragen, ja selbst begleiten zu lernen, ohne auch nur eine einzige Note zu kennen? Eignet sich die gleiche Sangesweise für jede Stimme und die nämliche Methode für jede Auffassung? Man wird mich nie zu der Ueberzeugung bringen, daß dieselben Stellungen, dieselben Schritte, dieselben Bewegungen, dieselben Geberden, dieselben Tänze sich bei einer kleinen lebhaften und anziehenden Brünette und einer schlanken schönen Blondine mit schmachtenden Augen gleich anmuthig ausnehmen. Gewahre ich einen Lehrer, der alle Beide trotzdem genau in derselben Weise unterrichtet, so werde ich deshalb sagen: Dieser Mensch betreibt sein Geschäft mechanisch und handwerksmäßig, von einer Kunst ist jedoch bei ihm nicht die Rede. Man hat die Frage aufgestellt, ob die Erziehung der Mädchen von Lehrern oder Lehrerinnen geleitet werden müsse. Ich weiß es nicht. Mein Wunsch wäre, daß sie mit den Einen wie mit den Andern verschont blieben, daß sie zwanglos das lernten, wozu ihre Neigung sie hintriebe, und daß man in unseren Städten nicht unablässig so viele theatralisch aufgeputzte Ballettänzer umherhüpfen sähe. Ich halte mich überzeugt, daß den jungen Mädchen der Verkehr mit solchen Leuten eben so schädlich wie ihr Unterricht unnütz ist, und daß sich ihre Schülerinnen gerade zuerst durch die Ausdrucksweise, den Ton und das Benehmen derselben verleiten lassen, Geschmack an diesen Armseligkeiten zu finden, auf welche jene einen so hohen Werth legen, und welche sie nach dem Beispiele dieser ihrer Vorbilder nicht zögern werden, von nun an zu ihrer ausschließlichen Beschäftigung zu machen. In den Künsten, welche nur das gesellige Vergnügen bezwecken, kann Alles bei den jungen Mädchen Lehrerstelle vertreten: Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Freundinnen, Gouvernanten, der Spiegel, vor Allem aber der eigene Geschmack. Man darf sich freilich nicht selbst anbieten, ihnen Unterricht zu ertheilen, man muß es ihnen überlassen, darum zu bitten. Man darf aus dem, was als eine Belohnung gelten soll, nicht eine regelmäßige Aufgabe machen. Bei diesem eigenthümlichen Unterrichte liegt der erste Erfolg schon darin, daß man auf Erfolg ausgeht. Wenn übrigens schlechterdings ein regelrechter Unterricht stattfinden soll, so will ich über das Geschlecht derer, denen er anzuvertrauen ist, durchaus keine bestimmte Entscheidung treffen. Ich weiß nicht, ob es die Nothwendigkeit dringend erfordert, daß gerade ein Tanzlehrer eine junge Schülerin an der zarten weißen Hand faßt, ihr befiehlt, den Rock zierlich aufzunehmen, die Augen aufzuschlagen und Gefühle in ihr erregt, daß ihr wallender Busen höher wogt. So viel aber weiß ich, daß ich um Alles in der Welt nicht jener Tanzlehrer sein möchte. Durch Fleiß und Fähigkeiten bildet sich der Geschmack; durch den Geschmack öffnet sich der Geist nach und nach den Ideen des Schönen auf jedem Gebiete und zuletzt auch noch den sittlichen Begriffen, welche mit ihnen im Zusammenhange stehen. Hierin hat man vielleicht einen der Gründe zu erkennen, weshalb bei den Mädchen das Gefühl für Schicklichkeit und Sittsamkeit eher erwacht, als bei den Knaben; denn wollte man sich etwa dem Wahne hingeben, daß das frühzeitige Erwachen dieses Gefühles das Werk der Erzieherinnen wäre, so verriethe man dadurch doch eine gar zu geringe Kenntniß von dem Wesen ihres Unterrichtes und von dem Entwickelungsgange des menschlichen Geistes. Die Gabe zu reden behauptet in der Kunst zu gefallen den ersten Rang. Durch sie allein lassen sich zu den Reizen, an welche sich die Sinne schon gewöhnt haben, neue gesellen und sie noch erhöhen. Dem Geiste verdanken wir nicht allein die Belebung, sondern gewissermaßen auch die Erneuerung des Körpers. Durch die sich rastlos an einander reihende Kette von Gefühlen und Ideen bringt er Leben und Abwechselung in die Züge; und durch die Rede, zu welcher er die Gedanken eingibt, fesselt er unausgesetzt die Aufmerksamkeit und erhält lange Zeit das gleiche Interesse für den nämlichen Gegenstand wach. Aus all diesen Gründen eignen sich meiner Ansicht nach junge Mädchen so schnell das anmuthige Geplauder an, betonen ahnungsvoll ihre Worte, bevor sie selbst ihre ganze Tragweite verstehen, und hören Männer ihnen so gern zu, und zwar schon zu einer Zeit, in welcher die Mädchen noch nicht die Gründe verstehen. Die Männer warten auf den ersten Moment, wo jenen dieses Verständniß aufgeht, um so den ersten Moment benutzen zu können, wo ihr Gefühl erwacht. Die Frauen haben eine gewandte Zunge; sie sprechen zeitiger, leichter und angenehmer als die Männer. Man macht ihnen auch den Vorwurf, mehr zu sprechen. Das soll indeß so sein, und ich möchte ihnen diesen Vorwurf gern als ein Lob anrechnen. Mund und Augen sind bei ihnen stets gleichzeitig in Thätigkeit, und zwar aus demselben Grunde. Während der Mann das sagt, was er weiß, spricht die Frau das, was gefällt. Ersterer bedarf zum Reden Kenntnisse, Letztere Geschmack. Bei dem Manne soll das Nützliche, bei der Frau das Angenehme den Lieblingsgegenstand bilden. Das einzige Gemeinsame in ihren Reden muß in der Wahrheit bestehen. Deshalb darf man das Geplauder der Mädchen nicht wie das der Knaben durch die schroffe Frage »wozu nützt das?« in Schranken halten. Bei ihnen muß man eine andere stellen, deren Beantwortung freilich auch nicht leichter fällt, nämlich die Frage: »Welchen Eindruck wird das hervorbringen?« In dem zarten Alter, in welchen sie sich, da sie Gutes und Böses noch nicht zu unterscheiden vermögen, über Niemanden zum Richter aufwerfen dürfen, muß es ihnen als heiliges Gesetz gelten, denen, mit welchen sie reden, nur Angenehmes zu sagen. Der Umstand jedoch, daß diese Regel stets der Hauptregel, nie eine Unwahrheit zu sagen, untergeordnet bleibt, macht ihre Ausübung schwerer, als man denken sollte. Ich erblicke zwar noch viele andere Schwierigkeiten, aber sie machen sich erst in einem vorgerückteren Alter geltend. In dem Alter, in welchem die jungen Mädchen jetzt noch stehen, werden sie immer wahr sein, wenn sie sich von Unhöflichkeit frei zu halten wissen; und da ihnen dieselbe von Natur widerwärtig ist, so lernen sie durch die Erziehung leicht sie vermeiden. Bei der Beobachtung des Verkehrs in der Welt habe ich im Allgemeinen die Wahrnehmung gemacht, daß die Höflichkeit der Männer mehr dienstfertiger, die der Frauen mehr einschmeichelnder Natur ist. Dieser Unterschied ist keine Folge der Erziehung, sondern liegt in der Natur begründet. Der Mann scheint mehr darauf auszugehen, euch zu dienen, die Frau, euch zu gefallen. Daraus ergibt sich, daß, wie der Charakter der Frauen auch im Uebrigen beschaffen sein möge, ihre Höflichkeit weniger auf Falschheit beruht als die unserige, da sie dabei nur ihrem ursprünglichen Instincte Folge leisten. Wenn sich jedoch ein Mann den Anschein gibt, als ob er meinem Interesse den Vorzug vor dem seinigen einräume, so weiß ich mit Bestimmtheit, daß er sich einer Lüge schuldig macht, möge er sie auch verhüllen, wie er wolle. Es wird den Frauen deshalb nicht sehr sauer, höflich zu sein, und folglich auch den Mädchen nicht, es zu werden. Die erste Lehrmeisterin ist die Natur, die Aufgabe der Kunst besteht nur darin, ihrer Methode zu folgen, und im Anschluß an unsere Sitten zu entscheiden, in welcher Form sie sich zeigen soll. Was nun freilich die Höflichkeit anlangt, die sie im gegenseitigen Verkehre unter einander beobachten, so verhält es sich damit völlig anders. Sie nehmen unter sich ein so gezwungenes Wesen und eine so kalte Höflichkeit an, daß sie sich keine große Mühe geben, zu verbergen, welchen Zwang sie sich anthun müssen, um sich auch nur mit der allergewöhnlichsten Höflichkeit entgegen zu treten. Ihre Lüge erhält einen Anstrich von Offenherzigkeit, da sie dieselbe gar nicht zu verdecken suchen. Trotzdem entstehen unter jungen Mädchen hin und wieder im vollen Ernste die aufrichtigsten Freundschaften. In ihrem Alter ersetzt noch der Frohsinn das gute Herz. Zufrieden mit sich selbst, sind sie mit aller Welt zufrieden. Auch kann es als eine ausgemachte Thatsache gelten, daß sie sich vor den Augen der Männer herzlicher küssen und anmuthiger liebkosen, als wenn sie unter sich allein sind, da es sie mit einem gewissen Stolzgefühl erfüllt, die Lüsternheit jener durch den Austausch von Liebkosungen, um welche sie sich beneidet wissen, ungestraft reizen zu können. Darf man schon Knaben nicht gestatten, vorwitzige Fragen zu stellen, so hat man noch weit triftigere Gründe dazu, sie jungen Mädchen zu untersagen, deren befriedigte oder in falscher Weise getäuschte Neugier sehr wohl im Stande ist, eine ganz andere Folge nach sich zu ziehen, da ihr Scharfsinn die Geheimnisse ahnt, welche man ihnen verhehlt, und ihre listige Feinheit sie auch wirklich entdeckt. Ohne ihre Fragen zu dulden, wünschte ich indeß, daß man ihnen selbst allerlei Fragen vorlegte, daß man es ihnen am Stoff zum Plaudern nicht fehlen ließe, daß man sie dazu aufmunterte, um sie in einer gewandten Ausdrucksweise zu üben, sie schlagfertig zu machen, ihnen eine gewisse geistige Freiheit zu verleihen und ihre Zunge zu lösen, so lange es noch auf ungefährliche Weise geschehen kann. Solche Gespräche, die immer einen heiteren Charakter an sich tragen, aber nur mit aller Vorsicht herbeigeführt und geschickt geleitet werden müßten, würden diesem Alter eine angenehme Unterhaltung gewähren und könnten in den unschuldigen Herzen der jungen Mädchen die ersten und vielleicht nützlichsten Lehren der Moral, die ihnen überhaupt das Leben geben kann, Wurzel schlagen lassen. Dies würde stets der Fall sein, wenn man sie unter dem Genusse eines Vergnügens und der Befriedigung ihrer Eitelkeit auf die Eigenschaften aufmerksam machte, welchen die Männer in Wahrheit ihre Achtung schenken, und ihnen zeigte, worin die Ehre und das Glück einer sittsamen Frau besteht. Man wird es begreiflich finden, daß, wenn schon die Knaben außer Stande sind, sich einen richtigen Begriff von der Religion zu bilden, sich dieser Begriff in noch weit höherem Maße der Fassungskraft der Mädchen entziehen muß. Aber gerade aus diesem Grunde wünschte ich mit ihnen schon früher von der Religion zu reden. Wollte man etwa warten, bis sie diese tiefen Fragen methodisch zu behandeln vermöchten, so liefe man Gefahr, nie dahin zu gelangen. Die Vernunft der Frauen ist eine praktische Vernunft, welche sie zwar die Mittel, welche zur Erreichung eines bekannten Zieles gehören, sehr geschickt finden läßt, nie aber das Ziel selbst. Die gesellschaftliche Stellung beider Geschlechter zu einander ist bewundernswerth. Aus diesem geselligen Verkehr entwickelt sich ein moralisches Wesen, dessen Auge die Frau, dessen Arm aber der Mann bildet. Beide stehen indeß in einem so abhängigen Verhältnisse zu einander, daß die Frau erst von dem Manne lernen muß, was sie sehen, und der Mann umgekehrt von der Frau, was er thun soll. Vermöchte die Frau eben so gut wie der Mann bis zu den Principien zurückzugehen, und wäre der Geist des Mannes eben so befähigt wie der der Frau, das Einzelne in sich aufzunehmen, so würden sie, da sie sich von einander völlig unabhängig fühlen müßten, in einem ewigen Zwiespalte leben, und ein geselliger Verkehr könnte zwischen ihnen überhaupt nicht bestehen. Aber in der Harmonie, welche nun zwischen ihnen herrscht, hat Jedes von ihnen das gemeinschaftliche Ziel im Auge; man weiß nicht, wer von ihnen am meisten dazu beiträgt; Jedes folgt dem Impulse des Anderen, Jedes gehorcht, und alle Beide sind Herren. Schon deshalb, weil das Betragen der Frau der öffentlichen Meinung unterworfen ist, muß sich auch ihr Glaube der Autorität unterwerfen. Jede Tochter muß sich zu der Religion ihrer Mutter, jede Frau zu der ihres Mannes bekennen. Sollte sich diese Religion als eine falsche herausstellen, so wird die Folgsamkeit, mit welcher sich Mutter wie Tochter der Ordnung der Natur unterwerfen, vor Gott sicherlich die Sünde des Irrthums sühnen. Außer Stande, sich hierüber selber ein richtiges Urtheil zu bilden, müssen sie die Entscheidung der Väter und Ehemänner annehmen, als ginge sie von der Kirche selbst aus. Da die Frauen unvermögend sind, ihre Glaubensregeln aus sich selbst zu schaffen, so ist es ihnen auch unmöglich, sie innerhalb der Grenzen des Gewissen und Vernünftigen zu halten. Tausenderlei fremdartigen Antrieben gehorchend, erreichen sie entweder das Wahre nicht, oder gehen weit über dasselbe hinaus. Sich immer in Extremen bewegend, sind sie entweder Freidenkerinnen oder Betschwestern, nie findet man, daß sich Klugheit und Frömmigkeit in ihnen paaren. Die Quelle dieses Uebels hat man nicht allein in dem überspannten Charakter ihres Geschlechts zu suchen, sondern eben so sehr in der schlecht geregelten Autorität des unsrigen. Die Lockerheit der Sitten muß unsere Autorität verächtlich, die von der Reue in uns gewirkte Angst sie tyrannisch machen. Darin liegt es, daß wir stets zu viel oder zu wenig thun. Da sich die Religion der Frauen also auf die Autorität stützen muß, so handelt es sich nicht sowol darum, ihnen die Gründe für das, was man zu glauben hat, zu entwickeln, als vielmehr darum, ihnen den Inhalt des Glaubens klar und deutlich auseinanderzusetzen. Klarheit ist und bleibt die Hauptsache, denn der Glaube an dunkle Vorstellungen ist die erste Quelle des Fanatismus, während der Glaube, den man auf völlig Absurdes lenkt, zum Wahnsinn oder zum Unglauben treibt. Ich weiß nicht, ob unsere Katechismen mehr zur Gottlosigkeit oder zum Fanatismus beitragen, so viel weiß ich aber mit Gewißheit, daß sie nothwendigerweise zur einen oder zum andern führen müssen. Wollt ihr junge Mädchen in der Religion unterrichten, so laßt es euch zur ersten Regel dienen, sie ihnen nie in einem trübseligen Lichte erscheinen zu lassen oder ihnen einen Zwang aufzuerlegen; eben so macht nie aus ihr eine Aufgabe oder eine Pflicht. Laßt sie aus diesem Grunde nie etwas auswendig lernen, was das religiöse Gebiet berührt, nicht einmal Gebete. Begnügt euch damit, euer Gebet regelmäßig in ihrer Gegenwart zu sprechen, ohne sie jedoch zur Theilnahme zu zwingen. Wählet kurze Gebete, wie Jesus selbst verlangt. Verrichtet sie mit der gebührenden Andacht und Ehrfurcht; bedenket, daß, wenn wir vom höchsten Wesen verlangen, es solle uns aufmerksam anhören, dasselbe mit ungleich höherem Rechte von uns verlangen kann, wir sollen dem, was wir ihm sagen, unsere volle Aufmerksamkeit zuwenden. Es ist von geringerer Wichtigkeit, daß junge Mädchen ihre Religion früh kennen lernen, als daß sie dieselbe richtig und gründlich kennen lernen, und daß sie sie vor Allem lieben. Wird sie ihnen durch eure Schuld zur Last, malt ihr ihnen Gott stets als ein über sie zorniges Wesen aus, legt ihr ihnen in seinem Namen tausenderlei beschwerliche Verpflichtungen auf, in deren Erfüllung sie euch selbst lässig sehen: welch anderer Gedanke kann dann in ihrer Seele aufsteigen, als daß Katechismuslernen und Gebetsprechen nur Pflichten junger Mädchen seien, welch anderen Wunsch können sie dann hegen, als erst erwachsen zu sein, um sich wie ihr dieses Zwanges überhoben zu sehen? Geht ihnen mit gutem Beispiele voran! Ohne das eigene Beispiel vermag man bei Kindern nichts auszurichten. Bei der Erklärung der Glaubensartikel bedient euch der Form des directen Unterrichtes, laßt euch auf Fragen und Antworten nicht ein. In ihren Antworten sollen sie ja stets nur das sagen, was sie denken, und nicht, was man ihnen eingegeben hat. Alle Antworten des Katechismus widersprechen der gesunden Vernunft, denn in ihnen ist es der Schüler, welcher den Lehrer unterrichtet. Ja, im Munde der Kinder sind es geradezu Lügen, da sie erklären, was ihnen durchaus unverständlich ist, und versichern, was sie zu glauben außer Stande sind. Man suche mir unter den intelligentesten Männern diejenigen aus, welche sich beim Hersagen ihres Katechismus keiner Lüge schuldig machen. Die erste Frage in unserm Katechismus lautet: »Wer hat dich geschaffen und auf die Welt gesetzt?« Darauf antwortet nun das kleine Mädchen ohne zu stocken »Gott«, obgleich es völlig überzeugt ist, daß es seine Mutter gewesen. Das Einzige, was der Kleinen hierbei deutlich wird, ist, daß sie auf eine Frage, für welche ihr alles Verständniß abgeht, eine Antwort ertheilt, welche sie erst recht nicht versteht. Ich wünschte, daß ein mit dem Entwicklungsgange des kindlichen Geistes vertrauter Mann es übernähme, einen für Kinder geeigneten Katechismus zu schreiben. Es würde vielleicht das nützlichste Buch sein, das je aus der Feder eines Schriftstellers hervorgegangen ist, und dies würde meines Erachtens nicht eben die geringste Ehre sein, die es seinem Verfasser brächte. Mit Sicherheit läßt sich aber voraussagen, daß dieses Buch, wenn es gut wäre, unseren Katechismen nicht in vielen Punkten gleichen würde. Ein solcher Katechismus könnte nur dann Anspruch auf Brauchbarkeit machen, wenn das Kind auf die einzelnen Fragen selbstständige, nicht auswendig gelernte Antworten geben müßte, und wohl verstanden, wenn ihm hin und wieder selbst Gelegenheit gegeben würde, seinerseits einige Fragen zu stellen. Um meine Meinung verständlich zu machen, bedürfte es einer Art Musterkatechese. Obgleich ich mir sehr wohl bewußt bin, was mir fehlt, um einer solchen Arbeit gewachsen zu sein, so will ich doch wenigstens den Versuch machen, eine annähernde Idee davon zu geben. Ich stelle mir also vor, daß der Verfasser, um zur ersten Frage unseres Katechismus zu kommen, ungefähr folgendermaßen beginnen müßte: Erzieherin. Erinnerst du dich noch der Zeit, als deine Mutter ein Mädchen war? Die Kleine. Nein, meine Liebe. Erzieherin. Wie kommt das, da du doch sonst ein so gutes Gedächtniß hast? Die Kleine. Ich lebte ja damals noch gar nicht. Erzieherin. Du hast also nicht immer gelebt? Die Kleine. Nein. Erzieherin. Wirst du immer leben? Die Kleine. Ja. Erzieherin. Bist du jung oder alt? Die Kleine. Ich bin jung. Erzieherin. Ist deine Großmutter jung oder alt? Die Kleine. Sie ist alt. Erzieherin. Ist sie jung gewesen? Die Kleine. Ja. Erzieherin . Weshalb ist sie es jetzt nicht mehr? Die Kleine . Weil sie gealtert hat. Erzieherin. Wirst du ebenfalls altern? Die Kleine. Ich weiß nicht. Wenn die Kleine überall da, wo ich schreibe: »Ich weiß nicht,« eine andere Antwort geben sollte, so ist derselben nicht zu trauen, und man muß sie dieselbe sorgfältig erklären lassen. Erzieherin. Wo sind deine vorjährigen Kleider? Die Kleine. Man hat sie zertrennt. Erzieherin. Und weshalb hat man sie zertrennt? Die Kleine. Weil sie mir zu klein geworden waren. Erzieherin. Und weshalb waren sie dir zu klein geworden? Die Kleine. Weil ich gewachsen bin. Erzieherin. Wirst du noch größer werden? Die Kleine. O gewiß! Erzieherin. Und was werden die großen Mädchen? Die Kleine. Sie werden Frauen. Erzieherin. Und was werden die Frauen? Die Kleine. Sie werden Mütter. Erzieherin. Und die Mütter, was werden sie? Die Kleine. Sie werden alt. Erzieherin. Wirst du denn auch alt werden? Die Kleine. Wenn ich Mutter werde. Erzieherin. Und was werden die alten Leute? Die Kleine. Ich weiß nicht. Erzieherin. Was ist aus deinem Großpapa geworden? Die Kleine. Er ist gestorben. Die Kleine wird dies sagen, weil sie es hat erzählen hören. Allein man muß sich davon überzeugen, ob sie auch eine richtige Vorstellung vom Tode hat, denn diese Vorstellung ist weder so einfach, noch der kindlichen Fassungskraft so leicht erklärlich, als man anzunehmen pflegt. An dem kleinen Gedichte »Abel« kann man ein Beispiel von der Art und Weise sehen, wie man den Kindern diese Vorstellung beibringen muß. Dieses reizende Gedicht athmet eine köstliche Einfalt, der man sich bei der Unterhaltung mit Kindern nicht genug befleißigen kann. Erzieherin. Und weshalb ist er gestorben? Die Kleine. Weil er alt war. Erzieherin. Was wird also aus den alten Leuten? Die Kleine. Sie sterben. Erzieherin. Wenn du nun also alt wirst, was ... Die Kleine (sie unterbrechend). O, meine Liebe, ich will nicht sterben. Erzieherin. Liebes Kind, Niemand will sterben und doch muß Jeder sterben. Die Kleine. Wie? Wird denn meine Mama auch sterben? Erzieherin. Wie alle Menschen. Die Frauen altern eben so gut wie die Männer, und das Alter führt zum Tode. Die Kleine. Was muß man thun, um erst recht spät alt zu werden? Erzieherin. In seiner Jugend vernünftig leben. Die Kleine. Dann werde ich beständig vernünftig leben. Erzieherin. Um so besser für dich. Glaubst du dann aber wirklich ewig leben zu können? Die Kleine. Wenn ich recht, recht alt werde... Erzieherin. Nun, dann? Die Kleine. Ach, wenn man so alt ist, muß man, wie Sie sagen, sterben. Erzieherin. So wirst du also auch einmal sterben? Die Kleine. Leider! Ja. Erzieherin. Wer lebte aber vor dir? Die Kleine. Mein Vater und meine Mutter. Erzieherin. Und wer lebte wieder vor ihnen? Die Kleine. Ihr Vater und ihre Mutter. Erzieherin. Wer wird nach dir leben? Die Kleine. Meine Kinder. Erzieherin. Und wer wird wieder nach diesen leben? Die Kleine. Ihre Kinder. u. s. w. u. s. w. Wenn man diesen Weg innehält, so findet man durch überzeugende Schlüsse, wie bei allen Dingen, so auch bei dem menschlichen Geschlechte einen Anfang und ein Ende, d. h. einen Vater und eine Mutter, welche weder Vater noch Mutter gehabt haben, und Kinder, welche keine Kinder haben werden. Der Begriff der Ewigkeit kann unter Zustimmung der Vernunft nicht auf das Menschengeschlecht angewendet werden. Jede zur Wirklichkeit gewordene numerische Aufeinanderfolge ist mit dieser Idee unvereinbar. Erst nach einer langen Reihe ähnlicher Fragen ist die erste Frage des Katechismus hinreichend vorbereitet; nun erst kann man sie stellen und das Kind sie verstehen. Welch ein ungeheurer Sprung ist nun aber von da ab bis zur zweiten Frage, welche gleichsam eine Definition des göttlichen Wesens gibt! Wann wird diese Kluft ausgefüllt werden? Gott Ist ein Geist! Was ist denn nun ein Geist? Soll ich den kindlichen Geist sich etwa in das dunkle Gebiet der Metaphysik hinauswagen lassen, aus dem sich selbst die Männer nur mit äußerster Mühe wieder herauszufinden vermögen? Es ist nicht die Aufgabe eines kleinen Mädchens, diese Fragen zu lösen, ihr kommt es höchstens zu, sie zu stellen. In diesem Falle würde ich der Kleinen ganz einfach erwidern: »Du fragst mich, was Gott ist. Das ist nicht leicht zu erklären. Man kann ihn nicht hören, nicht sehen und nicht fühlen; nur an seinen Werken kann man ihn erkennen. Um dir eine richtige Vorstellung von dem machen zu können, was er ist, mußt du zuvor lernen, was er gethan hat.« Können unsere Glaubenssätze auch alle auf die gleiche Wahrheit Anspruch machen, so sind sie deshalb noch nicht von gleicher Wichtigkeit. Für die Ehre Gottes ist es höchst gleichgültig, ob wir sie an allen Dingen zu erkennen fähig sind. Dagegen ist es für die menschliche Gesellschaft so wie für jedes ihrer Glieder wichtig, daß jeder Mensch die Pflichten, deren Beobachtung ihm das Gesetz Gottes gegen seinen Nächsten und sich selbst auferlegt, kenne und erfülle. Das ist es, was wir einander unaufhörlich vorhalten müssen; das ist es vor Allem auch, worüber Väter und Mütter ihre Kinder zu belehren verpflichtet sind. Ob eine Jungfrau die Mutter ihres Schöpfers ist, ob sie Gott oder nur einen Menschen geboren hat, mit welchem Gott sich erst vereinigt, ob Vater und Sohn gleichen oder nur ähnlichen Wesens sind, ob der heilige Geist von einem dieser Beiden, die einander gleich sind, oder von Beiden gemeinschaftlich ausgeht: das sind Fragen, die dem Anscheine nach allerdings wesentlich sind, deren Entscheidung aber meiner Ansicht nach für das menschliche Geschlecht nicht wichtiger ist, als zu wissen, an welchem Datum man Ostern feiern muß, ob man den Rosenkranz beten, fasten, sich des Fleisches enthalten, im Gotteshause sich der lateinischen oder der Muttersprache bedienen, ob man Heilige verehren, die Messe lesen oder hören soll, und ob man als Geistlicher heirathen darf. Möge ein Jeder darüber denken, wie ihm beliebt; ich begreife nicht, wie dies Andere interessiren kann; ich für meinen Theil habe nicht das geringste Interesse daran. Was aber für mich wie für alle meine Mitmenschen von höchster Wichtigkeit sein muß, ist, daß Jedermann wisse, es gibt einen Lenker der menschlichen Geschicke, dessen Kinder wir allesammt sind, welcher uns Allen befiehlt, gerecht zu sein, uns unter einander zu lieben, wohlthätig und barmherzig zu sein, unseren Verpflichtungen gegen Jedermann, selbst gegen unsere und seine Feinde, nachzukommen; daß das scheinbare Glück dieses Lebens nichtig ist; daß es nach diesem irdischen Leben ein anderes gibt, in welchem das höchste Wesen die Guten belohnen und die Bösen bestrafen wird. Es hängt viel davon ab, daß die Jugend in diesen und ähnlichen Dogmen unterrichtet und alle Bürger von ihrer Wahrheit überzeugt werden. Wer sie bekämpft, verdient unzweifelhaft Strafe; er ist unstreitig ein Störer der Ordnung und ein Feind der Gesellschaft. Wer über sie hinausgeht und uns seinen eigenen Anschauungen unterwerfen will, gelangt, wenn auch auf entgegengesetztem Wege, schließlich doch zu dem nämlichen Resultate. Um eine Ordnung, wie sie ihm zusagt, einzuführen, stört er die Ordnung. In seinem vermessenen Stolze wirft er sich zum Dolmetscher der Gottheit auf, verlangt im eigenen Namen die Huldigungen und Ehrfurchtsbezeigungen der Menschen und macht sich, so weit es ihm in seiner Stellung möglich ist, selbst zum Gotte. Man müßte ihn als Gotteslästerer bestrafen, wenn man ihn nicht schon um seiner Unduldsamkeit willen strafen wollte. Uebergehet deshalb alle solche geheimnißvollen Glaubenssätze, die für uns nur Worte ohne klare Begriffe sind, alle diese seltsamen Lehren, deren nichtiges Studium bei denen, welche sich ihnen überlassen, die Tugend ersetzt und eher dazu dient, sie zu Narren zu machen als zu guten Menschen. Haltet eure Kinder immer innerhalb des engen Kreises derjenigen Glaubenssätze, welche es mit der Moral zu thun haben. Bringt ihnen die feste Ueberzeugung bei, daß uns kein anderes Wissen Nutzen bringt als das, was uns lehrt, rechtschaffen zu handeln. Hütet euch davor, aus euren Töchtern Theologen und Philosophen zu machen. Wählet zu ihrem Unterrichte aus dem Gebiete der himmlischen Dinge nur diejenigen, welche der menschlichen Weisheit von Nutzen sind. Gewöhnt sie daran, sich beständig unter den Augen Gottes zu wissen, in ihm den Zeugen ihrer Handlungen, ihrer Gedanken, ihrer Tugend und ihrer Vergnügungen zu sehen; das Gute ohne Aufsehen, nur weil er es liebt, zu thun; Leiden ohne Murren zu tragen, weil er uns dafür entschädigen wird; kurz, alle Tage ihres Lebens das zu sein, was sie an dem Tage, wo sie vor seinem Richterstuhle erscheinen müssen, wünschen werden, gewesen zu sein. Das ist die wahre Religion, das ist die einzige, in deren Schooße weder Mißbräuche, noch Gottlosigkeit, noch Fanatismus aufwachsen können. Möge man erhabnere predigen, so viel man wolle, ich werde mich trotzdem zu keiner anderen bekennen. Uebrigens möchte ich noch besonders darauf aufmerksam machen, daß bis zu dem Alter, in welchem die Vernunft an Klarheit gewonnen hat und das erwachende Gefühl dem Gewissen Sprache verleiht, den jungen Leuten das als gut oder böse gelten muß, was ihre Umgebung dafür anerkennt. Was man ihnen befiehlt, ist gut, was man ihnen verbietet, ist schlecht. Mehr brauchen sie darüber gar nicht zu erfahren. Hieraus ist zugleich ersichtlich, wie für die Mädchen die richtige Wahl der Personen, welche sie umgeben und eine gewisse Autorität über sie ausüben sollen, noch von ungleich größerer Wichtigkeit ist als für die Knaben. Endlich erscheint der Augenblick, wo sie sich selber über die Dinge ein Urtheil zu bilden beginnen, und nun ist es an der Zeit, in dem Plane ihrer Erziehung einen Wechsel eintreten zu lassen. Vielleicht habe ich darüber bis jetzt schon zu viel gesagt. Wohin würden wir die Frauen wol bringen, wenn wir ihnen nur die allgemeinen Vorurtheile als Gesetz vorhielten! Bis zu dem Grade wollen wir aber das Geschlecht, welches uns regiert und uns zur Ehre gereicht, so bald wir es nicht selbst erniedrigt haben, doch nicht herabsetzen. Es besteht für das ganze menschliche Geschlecht ein Gesetz, welches eher dagewesen ist als eine allgemeine Meinung. Auf die unwandelbare Leitung dieses Gesetzes müssen sich alle übrige beziehen. Es wirft sich sogar zum Richter des Vorurtheils auf, und nur in so weit die Achtung der Menschen mit demselben im Einklange ist, darf diese Achtung uns als Autorität gelten. Dieses Gesetz ist das innere Gefühl. Ich will das bereits früher darüber Gesagte hier nicht noch einmal wiederholen. Ich beschränke mich auf die Bemerkung, daß, wenn bei der weiblichen Erziehung diese beiden Gesetze mit einander nicht Hand in Hand gehen, dieselbe stets mangelhaft ausfallen wird. Das Gefühl ohne die Meinung kann den Frauen nicht jene Zartheit der Seele geben, welche den guten Sitten die Ehre der Welt einbringt, während wiederum die Meinung ohne das Gefühl die Frauen falsch und unsittlich machen wird und den Schein an die Stelle der Tugend setzt. Es ist deshalb von wesentlicher Bedeutung für sie, ein Seelenvermögen auszubilden, welches als Schiedsrichter zwischen diesen beiden Führern dient, das Gewissen vor Täuschungen bewahrt und die Irrthümer des Vorurtheils berichtigt. Dieses Seelenvermögen ist die Vernunft. Allein welche Fragen erheben sich bei diesem Worte! Sind die Frauen richtiger Vernunftschlüsse fähig? Ist es wichtig, daß sie die Urtheilskraft ausbilden? Können sie dieselbe mit Erfolg ausbilden? Ist diese Ausbildung für die besonderen Aufgaben, welche ihnen gestellt sind, von Nutzen? Läßt sie sich überhaupt mit der Einfalt, welche ihnen ziemt, vereinbaren. Je nach dem verschiedenen Standpunkte, von welchem aus man diese Fragen betrachtet und zu lösen sucht, gelangt man zu einem ganz entgegengesetzten Resultate. Die Einen beschränken sich darauf, die Frauen im engen Kreise ihrer Häuslichkeit in Gemeinschaft ihrer Mägde nähen und spinnen zu lassen, und verwandeln sie dadurch selbst nur zur ersten Magd ihres Gebieters. Nicht zufrieden damit, ihnen ihre eigenen Rechte zu sichern, wollen die Anderen dagegen, daß sie uns noch obendrein unsere Rechte streitig machen sollen. Denn wenn man sie in den ihrem Geschlechte eigenthümlichen Eigenschaften über uns stellt und in allem Uebrigen uns ebenbürtig macht, was heißt das wol anders, als daß man den Vorrang, welchen die Natur dem Manne verleiht, auf das Weib überträgt? Zu der Vernunft, welche den Mann zur Erkenntniß seiner Pflichten leitet, gehören nicht viele Stücke. Die Vernunft jedoch, welche die Frau zur Erkenntniß der ihrigen führt, ist noch viel einfacher. Der Gehorsam und die Treue, welche sie ihrem Gatten, die Zärtlichkeit und die Pflege, welche sie ihren Kindern schuldet, sind so natürliche und so augenscheinliche Folgen ihrer Stellung, daß sie dem inneren Gefühle, welches sie leitet, ohne unaufrichtig zu sein, ihre Zustimmung unmöglich versagen noch ihre Pflicht verkennen kann, so lange ihre Neigung unverdorben ist. Ich möchte es nicht unterschiedslos tadeln, daß eine Frau lediglich auf die Arbeiten ihres Geschlechts beschränkt würde und daß man sie in allem Uebrigen in tiefster Unwissenheit ließe, aber dann müßten sich freilich die öffentlichen Sitten durch große Einfachheit und Reinheit auszeichnen, oder man müßte in größter Zurückgezogenheit leben. Innerhalb großer Städte oder im Umgange mit verdorbenen Männern würde eine solche Frau nur zu leicht zu verführen sein. Häufig genug würde ihre Tugend nur eine Sache des Zufalls sein. In diesem philosophischen Jahrhunderte hat sie indeß eine Tugend nöthig, welche die Probe zu bestehen weiß. Sie muß im Voraus wissen, was man ihr wol sagen kann, und was sie davon zu denken hat. Da sie sich außerdem vor dem Urtheile der Männer zu beugen hat, so muß sie sich deren Achtung verdienen, vor Allem sich aber die ihres Gatten bewahren. Sie muß nicht allein dafür Sorge tragen, daß ihm ihre Person gefalle, sondern daß er auch ihr Betragen billige. Sie muß die Wahl, die er getroffen hat, vor der Öffentlichkeit rechtfertigen und ihm die Ehre, welche man ihr, als seiner Gattin, erweist, zur Ehre gereichen lassen. Wie soll ihr dies Alles jedoch gelingen, wenn sie unsere Einrichtungen nicht kennt, von unseren Sitten und Schicklichkeitsregeln nichts weiß, wenn sie weder mit der Quelle der menschlichen Urtheile, noch mit den Leidenschaften, welche sie bestimmen, bekannt ist? Gerade deshalb, weil sie zugleich von ihrem eigenen Gewissen und von fremder Meinung abhängig ist, muß sie lernen beide, die ihr in gleicher Weise als Richtschnur dienen, mit einander vergleichen, sie vereinigen und dem ersteren nur in dem Falle den Vorzug einräumen, wenn sie mit einander in Widerspruch getreten sind. Sie wird dadurch zur Richterin ihrer Richter und fällt die Entscheidung, wann sie sich ihnen zu fügen und wann sie ihre Urtheile abzulehnen hat. Vor Verwerfung oder Anerkennung ihrer Vorurtheile wägt sie dieselben. Sie lernt bis zu ihrer Quelle zurückgehen, ihnen vorbeugen und ihnen eine ihr günstige Wendung geben. Sie trägt Sorge, sich niemals dem Tadel auszusetzen, wenn ihre Pflicht ihr erlaubt, ihm aus dem Wege zu gehen. Von alledem kann ohne Ausbildung ihres Geistes und ihrer Vernunft füglich nichts geschehen. Ich komme stets wieder auf mein Princip zurück und es gibt mir regelmäßig die Lösung aller Schwierigkeiten an die Hand. Ich studire das, was ist, forsche nach der Ursache und finde schließlich immer, daß Alles, was ist, auch gut ist. Ich trete in ein gastfreies Haus, dessen Herr und Herrin mit einander die Wirthe machen. Alle Beide haben eine gleich gute Erziehung genossen, alle Beide zeichnen sich durch gleiche Höflichkeit aus, alle Beide besitzen in gleich hohem Grade Geschmack und Geist, alle Beide beseelt der gleiche Wunsch, ihre Gäste freundlich aufzunehmen und zufrieden scheiden zu sehen. Der Mann läßt nichts außer Acht, um sich in jedem Punkte als aufmerksamer Wirth zu beweisen. Er geht, kommt, macht die Runde und ist unaufhörlich bemüht. Er möchte ganz Aufmerksamkeit sein. Die Frau verläßt ihren Platz nicht. Ein kleiner Kreis versammelt sich um sie und scheint ihr den Ueberblick über die übrige Gesellschaft zu entziehen. Trotzdem ereignet sich nichts, was sie nicht wahrnimmt, Niemand entfernt sich, mit dem sie nicht gesprochen hat. Sie hat nichts vergessen, was für Jeden von Interesse sein könnte. Sie hat Jedem nur etwas Angenehmes gesagt, und ohne gegen die gesellschaftliche Ordnung zu verstoßen, hat sie den Geringsten in der Gesellschaft eben so wenig vergessen als den Ersten. Es ist aufgetragen und man nimmt bei Tische Platz. Der Mann setzt die Gäste nach seiner Kenntniß so, wie sie zu einander passen. Selbst wenn der Frau diese Kenntniß abgehen sollte, wird sie sich doch niemals irren; sie hat schon aus den Blicken und dem Benehmen der Einzelnen Alles herausgelesen, was sie mit einander übereinstimmend haben, und Jeder hat einen Platz erhalten, der seinem eigenen Wunsche entspricht. Ich hebe es gar nicht erst hervor, daß bei der Aufwartung Niemand übersehen wird. Da der Herr ja selbst die Runde macht, ist es ihm unmöglich gewesen, Jemanden zu übersehen. Allein die Frau erräth schon, wonach Jeder besonderes Verlangen trägt, und bietet es ihm an. Obwol sie mit ihrem Nachbar spricht, überschaut sie unaufhörlich die ganze Tafel. Sie unterscheidet sofort, wer nicht ißt, weil sein Hunger befriedigt ist, und wer sich nicht selber vorzulegen oder etwas zu verlangen wagt, weil er unbeholfen oder schüchtern ist. Bei Aufhebung der Tafel ist Jeder überzeugt, daß sie nur an ihn gedacht habe. Alle hegen den Gedanken, sie könne keine Zeit gehabt haben, auch nur einen einzigen Bissen zu sich zu nehmen; allein in Wahrheit hat sie mehr als irgend ein Anderer gegessen. Nach Aufbruch der Gäste unterhalten sich die Wirthe noch von den einzelnen Vorfällen des Tages. Der Mann erzählt, was man ihm mitgetheilt hat, was diejenigen, mit denen er sich unterhalten, gesagt und gethan haben. Wenn die Frau auch gerade hierüber nicht immer die genaueste Kunde hat, so ist ihr dafür nicht entgangen, was man am andern Ende des Saales ganz leise geflüstert hat. Sie hat errathen, was Dieser oder Jener gedacht hat, worauf diese oder jene Aeußerungen, diese oder jene Geberden hinzielen. Kaum eine ausdrucksvolle Bewegung ist gemacht worden, die sie nicht sofort so zu deuten wüßte, daß sie die Wahrheit fast immer trifft. Dieselbe Geistesgewandtheit, durch welche sich eine Weltdame in der Kunst, ein Haus zu machen, auszeichnet, macht es einer Buhlerin möglich, sich in der Kunst, gleichzeitig mehrere Anbeter zu unterhalten, hervorzuthun. Die List, zu der die Coquetterie ihre Zuflucht nehmen muß, verlangt sogar eine noch feinere Unterscheidungskunst als das Benehmen der Höflichkeit, denn hat sich eine höfliche Frau nur gegen Jedermann artig betragen, so hat sie damit allen Anforderungen stets Genüge geleistet, während die Buhlerin durch diese ungeschickte Einförmigkeit bald ihre Herrschaft einbüßen würde. Gerade dadurch, daß sie sich all ihren Liebhabern gefällig erweisen wollte, würde sie dieselben sämmtlich zurückstoßen. In den gesellschaftlichen Kreisen erregt das Betragen, welches man Allen gegenüber beobachtet, allerdings eines Jeden Gefallen; erfährt man nur eine freundliche Aufnahme, so nimmt man es mit etwaigen Bevorzugungen nicht so genau. In der Liebe gilt jedoch eine Gunst, welche keine ausschließliche ist, für eine Beleidigung. Einem Manne, der etwas auf sich hält, wird es hundertmal lieber sein, wenn er für sich allein eine unwürdige Behandlung zu erdulden hat, als wenn ihm dieselben Liebkosungen wie allen Uebrigen zu Theil werden. Das Schlimmste, was ihm widerfahren kann, ist, sich nicht ausgezeichnet zu sehen. Für eine Frau, welche sich mehrere Liebhaber erhalten will, kommt es also darauf an, Jedem von ihnen die Ueberzeugung zu verschaffen, daß sie ihn allein bevorzuge und ihm diese Ueberzeugung noch dazu unter den Augen aller Uebrigen beizubringen, während sie diese wiederum in seiner Gegenwart mit derselben Ueberzeugung erfüllen muß. Wollt ihr den Anblick einer Persönlichkeit haben, die vor Verlegenheit nicht weiß, was sie beginnen soll, so stellt einen Mann zwischen zwei Frauen, mit deren jeder er ein geheimes Verhältniß angeknüpft hat, und beobachtet nun, welche traurige Figur er spielen wird. Stellt dagegen eine Frau in der nämlichen Lage zwischen zwei Männer, etwas, was sich gewiß nicht seltner ereignen könnte, und ihr werdet in Verwunderung über die Geschicklichkeit gerathen, mit der sie Beide hinter das Licht führt und zu Wege bringt, daß Jeder den Andern zum Gegenstande seines Spottes macht. Wie hätten sie sich nun wol auch nur einen Augenblick täuschen lassen, wenn diese Frau ihnen ein gleiches Vertrauen bewiesen hätte und ihnen mit der nämlichen Vertraulichkeit entgegengetreten wäre? O, wie viel besser weiß sie es doch anzustellen! Weit davon entfernt, das gleiche Benehmen gegen sie zu beobachten, trägt sie vielmehr recht auffällig ein ungleiches Betragen gegen sie zur Schau. Sie fängt ihre Sache so geschickt an, daß derjenige, welchem sie zu gefallen sucht, meint, ihr Benehmen sei ein Ausfluß ihrer Zärtlichkeit, während derjenige, welchen sie zurückstoßend behandelt, darin ein Zeichen gekränkter Liebe erblickt. Mit seinem ihm zugefallenen Theile zufrieden, glaubt deshalb Jeder, daß sie sich ausschließlich mit ihm beschäftige, während sie sich in Wahrheit nur mit sich selbst beschäftigt. Bei dem allgemeinen Wunsche zu gefallen gibt die Coquetterie noch andere ähnliche Mittel an die Hand. Launen könnten nur abstoßend wirken, wenn man sich ihrer nicht geschickt zu bedienen verstände. Aber gerade dadurch, daß die Coquetterie sie mit Kunst anwendet, weiß sie ihre Sklaven am stärksten zu fesseln. Usa ogn' arte la donna, onde sia colto Nella sua rete alcun novello amante; Nè con tutti, nè sempre un stesso volto Serba; mà cangia a tempo atto a sembiante . Tasso, Befr. Jerus. 4. Ges. Str. 87; nach der Übersetzung von Gries lautet die Stelle: Sie (Armida) lockt, anwendend jede Kunst der Frauen, Stets neue Buhler in ihr Netz herbei. Und läßt Geberd' und Blick oft wechselnd schauen. Bleibt Allen nicht, noch allezeit einerlei. ] Worauf anders beruht diese ganze Kunst, als auf feinen und unaufhörlichen Beobachtungen, welche der Frau in jedem Augenblicke alle Regungen in den Herzen der Männer erkennen lassen, und sie befähigen, bei jeder geheimen Bewegung, die sie bemerkt, alle Kraft zur Zurückhaltung oder Beschleunigung derselben aufzubieten. Läßt sich diese Kunst nun erlernen? Nein, sie ist den Frauen angeboren. Alle besitzen sie, und nie vermögen die Männer sie sich in demselben Maße anzueignen. Sie gehört zu den charakteristischen Eigentümlichkeiten des schönen Geschlechts. Geistesgegenwart, Scharfblick, feine Beobachtungsgabe machen das Wissen des Weibes aus; in der Geschicklichkeit, diese Gaben zur Geltung zu bringen, bekundet sich ihr Talent. So ist es, und wir haben eingesehen, weshalb es so sein muß. Man will uns einreden, daß die Frauen falsch seien. Nein, sie werden es erst. Gewandtheit und nicht Falschheit ist die ihnen eigenthümliche Gabe. In den wahren Neigungen ihres Geschlechts sind sie selbst dann, wenn sie lügen, nicht falsch. Weshalb befragt ihr ihren Mund, wenn doch dieser nicht die Antwort geben soll? Befragt ihre Augen, ihre Gesichtsfarbe, ihre Athemzüge, ihr schüchternes Wesen, ihren schwachen Widerstand. Das ist die Sprache, die ihnen die Natur verliehen hat, um euch die Antwort zu ertheilen. Der Mund sagt stets nein, und muß es sagen; aber der Ton, in dem sie dies Wörtchen sprechen, ist nicht immer der nämliche, und dieser Ton versteht sich nicht aufs Lügen. Theilt nicht die Frau die Bedürfnisse des Mannes, ohne doch dasselbe Recht zu besitzen, sie zu äußern? Ihr Loos würde zu grausam sein, wenn ihr nicht einmal bei ihren berechtigten Wünschen eine Sprache zu Gebote stände, die es an Verständlichkeit mit der, welche sie nicht zu führen wagt, aufzunehmen vermag. Muß sie ihre Schamhaftigkeit denn unglücklich machen? Bedarf sie nicht einer Kunst, ihre Neigungen mitzutheilen, ohne sie geradezu selbst zu enthüllen? Welche Gewandtheit muß sie nicht entfalten, um es dahin zu bringen, daß man ihr raube, was sie zuzugestehen auf das Sehnlichste wünscht! Von wie großer Wichtigkeit ist es nicht für sie, sich mit der Kunst vertraut zu machen, das Herz des Mannes zu rühren, ohne den Schein zu erwecken, daß sie an ihn denke! Wie reizend ist nicht die Erzählung von dem Apfel der Galathea und ihrer ungeschickten Flucht! Was sollte sie wol noch hinzufügen? Soll sie dem Hirten, der ihr bis unter die Weiden nachfolgt, auch noch sagen, daß sie nur in der Absicht die Flucht ergriffen habe, ihn nachzulocken? Das würde eigentlich eine Lüge in sich schließen, denn alsdann würde sie ferner nichts Anlockendes mehr für ihn haben. Je größere Zurückhaltung eine Frau beobachtet, desto mehr Kunst muß sie aufbieten, selbst ihrem Manne gegenüber. Ja, ich behaupte, daß man dadurch, daß man die Coquetterie in ihren Schranken hält, derselben den Charakter des Sittsamen und Wahren verleiht, daß man ein Gesetz der Ehrbarkeit aus ihr macht. »Die Tugend bildet eine untheilbare Einheit,« behauptete mit vollem Rechte einer meiner Gegner; man kann sie nicht zerlegen, um einen Theil anzunehmen und einen anderen zu verwerfen. Wenn man liebt, so liebt man mit seinem ganzen ungetheilten Wesen. Gefühlen, welche man nicht hegen darf, verschließt man sein Herz, wenn man vermag, seinen Mund aber immer. Das sittlich Wahre ist nicht das, was ist, sondern das, was gut ist. Das Böse sollte gar nicht vorhanden sein und darf nicht eingestanden werden, vorzüglich wenn es durch dieses Eingeständniß eine Wirkung erhält, welche es sonst nicht gehabt hätte. Hätte sich die Versuchung zu stehlen in mir geregt und hätte ich nun durch Mittheilung meiner Absicht einen Anderen in die Versuchung geführt, mein Mitschuldiger zu werden, würde dann nicht die Entdeckung meiner Versuchung eben so viel sein, als wenn ich ihr unterlegen wäre? Weshalb behauptet ihr, daß die Schamhaftigkeit die Frauen falsch mache? Können etwa diejenigen, welche sie am meisten verloren haben, mehr Anspruch auf Wahrheit machen als die anderen? Weit gefehlt! Sie sind tausendmal falscher. Man sinkt bis zu diesem Grade der Verdorbenheit nur durch Laster herab, welche man sämmtlich behält, und die nur vermittelst der Intrigue und der Lüge herrschen. Es ist mir sehr wohl bekannt, daß die Frauen, welche in Bezug aus einen gewissen Punkt offen gefehlt haben, gerade wegen dieser Offenheit eine gewisse Geltung beanspruchen und schwören, daß, jenes abgerechnet, sie in allen anderen Beziehungen höchst achtungswerth daständen. Aber ich weiß eben so gut, daß sich nur Thoren davon haben überzeugen lassen. Haben sie sich einmal des stärksten Zügels ihres Geschlechts entledigt, was bleibt dann noch übrig, um sie zurückzuhalten? Und auf welche Ehre werden sie dann noch Werth legen, wenn sie selbst auf diejenige verzichtet haben, welche der schönste Schmuck ihres Geschlechtes ist? Wenn sie einmal ihren Leidenschaften die Zügel haben schießen lassen, so haben sie länger kein Interesse, ihnen Widerstand zu leisten. Nec femina, amissa pudicitia, alia abnuerit (Tac. ann. IV, 3). Hat wol je ein Schriftsteller das menschliche Herz bei beiden Geschlechtern besser gekannt als der, welcher diesen Ausspruch gethan hat? Im Gegentheile sind diejenigen, welche noch Schamgefühl besitzen, welche ihre Fehler nicht mit Stolz zur Schau tragen, welche ihre Wünsche selbst denen, die sie ihnen einflößten, zu verhehlen wissen und sich ihre Geständnisse nur mit Mühe entreißen lassen, auch sonst in allen ihren Verbindungen die wahrsten, die aufrichtigsten und beständigsten, und diejenigen, auf deren Treue man sich im Allgemeinen mit größter Sicherheit verlassen kann. Als einzige Ausnahme zu diesen Bemerkungen hat man meines Wissens Fräulein von Lenclos anführen können; dafür hat Fräulein von Lenclos aber auch für ein Wunder gegolten. Bei ihrer Geringschätzung der Tugenden ihres eigenen Geschlechtes soll sie, wie man sich erzählt, die unseres Geschlechtes beobachtet haben. Man rühmt ihren Freimuth, ihre Redlichkeit, ihre Sicherheit in den Umgangsformen, ihre Treue in der Freundschaft, kurz, um ihr Ruhmesbild mit einem einzigen Pinselstriche zu vollenden, man sagt, sie hätte sich förmlich in einen Mann verwandelt. Meinetwegen! Allein trotz seines hochtönenden Rufes hätte ich diesen Mann weder zu meinem Freunde noch zu meiner Geliebten haben mögen. Alles, was ich so eben erwähnt habe, liegt unserem Thema nicht so fern, als es vielleicht den Anschein hat. Mir ist klar, worauf die Grundsätze der neueren Philosophie, welche die Schamhaftigkeit und vermeintliche Falschheit des weiblichen Geschlechts zu einem Gegenstande des Gespöttes machen, abzielen. Mir ist aber auch eben so klar, daß die sicherste Wirkung dieser Philosophie die sein wird, den Frauen unseres Jahrhunderts auch noch das Wenige von Ehrbarkeit und Sittsamkeit zu rauben, welches ihnen noch geblieben ist. Nach diesen Betrachtungen lassen sich, wie ich glaube, schon im Allgemeinen Bestimmungen treffen, welche Art von Bildung für den Geist der Frauen am passendsten ist, und auf welche Gegenstände man ihr Nachdenken von Jugend auf lenken muß. Ich habe bereits darauf aufmerksam gemacht, daß sich die Pflichten ihres Geschlechtes leichter erkennen als erfüllen lassen. Das Erste, was die Frauen lernen müssen, ist, ihre Pflichten dadurch, daß sie sich die Vortheile vorhalten, welche ihnen dieselben bringen, lieb zu gewinnen. Hierin liegt das einzige Mittel für sie, sich dieselben leicht zu machen. Jeder Stand und jedes Lebensalter hat seine Pflichten. Man erkennt die seinigen sehr bald, wofern man sie nur liebt. Ehret euern Frauenstand, dann werdet ihr, welche Stellung euch der Himmel auch sonst angewiesen haben möge, stets treue Eheweiber sein. Das Wesentlichste ist, daß wir das sind, wozu uns die Natur gemacht hat. Man ist leider nur immer zu sehr das, wozu die Menschen uns stempeln wollen. Die Erforschung der abstracten und spekulativen Wahrheiten, der Principien, der Axiome in den Wissenschaften, kurz alles dessen, was auf die Verallgemeinerung der Ideen ausgeht, gehört nicht in das Gebiet der Frauen. Ihre Studien müssen sich alle auf das Praktische erstrecken. Ihnen kommt es zu, die Grundsätze, welche der Mann aufgefunden hat, zur Anwendung zu bringen, kommt es zu, die Beobachtungen anzustellen, welche den Mann zur Aufstellung der Grundsätze führen. Alle Betrachtungen der Frauen in Bezug auf solche Dinge, die nicht unmittelbar mit ihren Pflichten im Zusammenhange stehen, sollen auf das Studium der Männer oder auf solche angenehme Kenntnisse gerichtet sein, welche es nur mit dem Geschmacke zu thun haben. Die Werke des Genies übersteigen ihre Fassungskraft, und außerdem fehlt es ihnen an der genügenden Genauigkeit und Aufmerksamkeit, um die exacten Wissenschaften mit Erfolg betreiben zu können. Die Naturwissenschaften eignen sich für dasjenige der beiden Geschlechter, welches die meiste Thätigkeit entfaltet, am meisten auf den Aufenthalt im Freien angewiesen ist und deshalb auch die meisten Gegenstände zu sehen bekommt. Demjenigen Geschlecht, welches im Besitze der größten Kraft ist und sie am meisten ausübt, kommt es auch zu, über die Verhältnisse der sinnlich wahrnehmbaren Wesen und über die Naturgesetze zu urtheilen. Das Weib, welches sich seiner Schwäche bewußt ist und von der Außenwelt wenig sieht, schätzt und beurtheilt nur die bewegenden Kräfte, welche es anzuwenden vermag, um für seine Schwäche Ersatz zu finden, und diese bewegenden Kräfte sind die Leidenschaften des Mannes. Das Triebwerk, dessen es sich hierbei bedient, ist stärker als das unserige; alle seine Hebel arbeiten unablässig daran, das menschliche Herz in Schwanken zu versetzen. Zu Allem, was sein Geschlecht nicht selbst zu verrichten im Stande ist, was ihm aber nothwendig oder angenehm ist, bedarf es der Kunst, um uns den Impuls zur Ausführung zu geben. Es muß zu dem Zwecke den Mann bis in die Tiefe seiner Seele studiren, nicht durch Abstraction die Seele des Mannes im Allgemeinen, sondern die Seele der Männer, welche es umgeben, die Seele der Männer, welchen es, sei es durch das Gesetz oder durch die Meinung, unterworfen ist. Es muß aus ihren Reden, Handlungen, Blicken und Geberden ihre Gefühle errathen lernen. Durch seine eigenen Reden, Handlungen, Blicke und Geberden muß es sie mit den Gefühlen zu erfüllen verstehen, welche ihm angenehm sind, ohne daß es auch nur den Anschein hat, als dächte es daran. Die Männer werden besser als das Weib über das menschliche Herz Philosophiren, dieses aber wird dafür besser als sie im Menschenherzen zu lesen verstehen. Die Aufgabe der Frauen ist es – wenn ich mich so ausdrücken darf – die Experimental-Moral zu erfinden, unsere Aufgabe ist es dagegen, die auf diesem Wege gewonnene Moral in ein System zu bringen. Die Frau hat mehr Geist, der Mann mehr Genie; die Frau beobachtet, der Mann zieht Schlüsse. Aus Beider Zusammenwirken entsteht die klarste Einsicht und das vollkommenste Wissen, welche der menschliche Geist aus sich selber zu schöpfen vermag, mit einem Worte die sicherste Kenntniß seiner selbst und Anderer, soweit sich dieselbe menschliche Fähigkeit anzueignen vermag. Da sehen wir an einem Beispiele, wie die Kunst zur Vervollkommnung des uns von der Natur gegebenen Werkzeugs unaufhörlich beizutragen im Stande ist. Die Welt ist das Buch der Frauen. Wenn sie es schlecht zu lesen verstehen, so liegt die Schuld an ihnen, oder an irgend einer Leidenschaft, die sie verblendet. Weit davon entfernt, eine Weltdame zu sein, lebt die wahre Hausfrau indeß nicht weniger abgeschlossen in ihrer Häuslichkeit, als die Nonne in ihrem Kloster. Man sollte deshalb bei den jungen Mädchen, welche man zu verheirathen beabsichtigt, dasselbe Verfahren in Anwendung bringen, welches man bei denjenigen beobachtet oder doch beobachten sollte, welche man für das Kloster bestimmt; man sollte ihnen die Vergnügungen, deren sie sich später enthalten sollen, zeigen, ehe man sie denselben zu entsagen zwingt, damit das falsche Bild, welches sie sich von den ihnen unbekannten Unterhaltungen entwerfen, nicht ihre Herzen dereinst irre zu führen und das Glück ihrer Zurückgezogenheit zu stören vermöge. In Frankreich leben die Frauen in ihrer Jugend in den Klöstern, nach ihrer Verheirathung lassen sie sich aber überall in der Oeffentlichkeit sehen. Bei den Alten fand das umgekehrte Verhältniß statt. Die Mädchen nahmen, wie bereits gesagt, an vielen Spielen und öffentlichen Festen Theil, die Frauen lebten dagegen zurückgezogen. Dieses Herkommen war ein vernünftigeres und besseres Mittel zur Aufrechterhaltung der Sitten. Eine gewisse Coquetterie ist heiratsfähigen Mädchen erlaubt; Vergnügungen sind für sie bis jetzt noch die Hauptsache. Die Frauen werden von anderen Sorgen in Anspruch genommen, denn sie haben keinen Mann mehr zu suchen. Aber mit dieser Reform würden sie ihre Rechnung nicht finden, und unglückseligerweise geben sie den Ton an. Ihr Mütter, macht euch wenigstens zu Gefährtinnen eurer Töchter! Gebt ihnen einen gesunden Sinn und ein reines Herz, und dann haltet ihnen nichts verborgen, was ein keusches Auge erblicken darf. Bälle, Gastereien, Spiele, selbst das Theater, kurz Alles, was bei unzulänglicher Kenntniß auf die unerfahrene Jugend einen so bestrickenden Reiz ausüben kann, darf unschuldigen Augen ohne Gefahr vorgeführt werden. Je vollständiger sie dergleichen rauschende Vergnügungen kennen lernen, desto eher werden ihnen dieselben langweilig erscheinen. Ich vernehme im Geiste schon das Geschrei, welches gegen mich erhoben werden wird. »Welch Mädchen vermöchte wol solchen gefährlichen Beispielen zu widerstehen? Kaum haben sie etwas von der Welt kennen gelernt, so schwindelt ihnen Allen der Kopf. Nicht ein einziges möchte ihr entsagen!« Das ist wol möglich. Habt ihr ihnen indeß auch, bevor ihr ihnen dieses trügerische Bild vorhieltet, eine gründliche Vorbereitung gegeben, damit sie es ohne Aufregung anzusehen vermochten? Habt ihr sie auf die Gegenstände, welche ihnen auf demselben entgegentreten, gehörig aufmerksam gemacht? Habt ihr sie ihnen in ihrer vollen Wirklichkeit dargestellt? Habt ihr sie gegen die Täuschungen der Eitelkeit hinreichend gewaffnet? Habt ihr ihren jungen Herzen den Geschmack an den wahren Freuden eingeimpft, welche man in dem Geräusche dieser Welt nie zu fühlen vermag? Welche Vorsichtsmaßregeln habt ihr getroffen, welche Schritte gethan, um sie vor dem falschen Geschmacke zu bewahren, der sie doch nur irre leiten kann? Aber statt in ihrem Geiste die Herrschaft der allgemeinen Vorurtheile zu brechen, habt ihr denselben nur Nahrung gegeben. Schon im Voraus habt ihr ihnen an all den frivolen Belustigungen, die sich ihnen darbieten werden, Gefallen eingeflößt. Noch während sie sich denselben schon überlassen, erhöht ihr ihr Wohlgefallen an denselben. Junge Mädchen, die in die Welt eintreten, haben nur ihre Mütter zu Führerinnen, die oft noch weit seltsamere Anschauungen hegen als die Töchter und ihnen die Dinge unter keinem anderen Gesichtspunkte zu zeigen vermögen, als unter dem sie diese selbst erblicken. Das Beispiel, welches ihnen dieselben geben und das auf sie eine größere Gewalt als die Vernunft selbst ausübt, rechtfertigt sie in ihren eigenen Augen, denn die Autorität der Mutter dient der Tochter als unwiderlegliche Entschuldigung. Wenn trotzdem auch ich den Wunsch hege, daß die Mutter ihre Tochter in die Welt einführe, so geschieht dies selbstverständlich in der Voraussetzung, daß sie ihr diese so zeigt, wie sie in Wirklichkeit beschaffen ist. Das Uebel hebt sogar noch früher an. Die Klöster sind die eigentlichen Schulen der Coquetterie, nicht etwa jener unschuldigen Gefallsucht, deren ich bereits Erwähnung gethan, sondern derjenigen Coquetterie, in welcher alle Verkehrtheiten der Frauen ihre Wurzel haben und die die Schuld an den Verschrobenheiten unserer heutigen eleganten Damenwelt trägt. Scheiden die jungen Mädchen aus dem Kloster, um aus ihm unmittelbar in das geräuschvolle Gesellschaftsleben einzutreten, so fühlen sie sich von Anfang an ganz an ihrem Platze. Sie sind für ein Leben in der Welt erzogen worden. Darf es uns also Wunder nehmen, wenn sie sich in ihr wohl fühlen? Ich will das, was ich sogleich sagen werde, zwar nicht mit apodiktischer Gewißheit behaupten, wenn ich auch nicht die Befürchtung hege, ein eingesogenes Vorurtheil für eine Beobachtung zu halten, allein es macht den Eindruck auf mich, als ob es in den protestantischen Ländern im Allgemeinen eine größere Anhänglichkeit an die Familie, würdigere Gattinnen und zärtlichere Mütter gebe als in den katholischen; und wenn es sich so verhält, so kann es keinem Zweifel unterliegen; daß diesen Unterschied zum Theil die klösterliche Erziehung zu verantworten hat. Um den stillen Frieden eines häuslichen Lebens lieb zu gewinnen, muß man es kennen, muß man die Süßigkeit desselben von Kindheit an empfunden haben. Nur im väterlichen Hause lernt man an seinem eigenen Gefallen finden; nur einer Frau, welche von ihrer eigenen Mutter erzogen ist, wird es eine Freude sein, die Erziehung ihrer Kinder selbst zu leiten. Leider gibt es in den großen Städten keine häusliche Erziehung mehr. Die Gesellschaft besteht hier aus so verschiedenen Elementen und ist so gemischt, daß man sich nicht einmal ein verstecktes Plätzchen für sich selbst zu sichern vermag und im eigenen Hause wie in der Öffentlichkeit lebt. Da man sich gezwungen sieht, mit aller Welt zu leben, so hat man keine Familie mehr; kaum kennt man noch die Glieder derselben. Man sieht sie nur als Fremde, und die Einfalt der häuslichen Sitten erlischt mit der süßen Vertraulichkeit, die ihren Hauptreiz bildet. So saugt man schon mit der Muttermilch den Geschmack an den Vergnügungen des Jahrhunderts und an den Grundsätzen ein, welche in ihm zur Herrschaft gelangt sind. Man unterwirft die Mädchen einem scheinbaren Zwange, um solcher Thoren habhaft zu werden, welche sie ihres äußeren Anstandes wegen heirathen. Allein studirt nur einen Augenblick diese jungen Damen. Unter dem Scheine äußerlicher Ruhe verhüllen sie nur schlecht die Lüsternheit, welche sie verzehrt. Schon leuchtet aus ihren Augen das glühende Verlangen hervor, das Beispiel ihrer Mütter zu befolgen. Der Gegenstand ihrer Begehrlichkeit ist nicht ein Gatte, sondern die Ungebundenheit, der sie sich in der Ehe meinen hingeben zu können. Bedarf man etwa eines Gatten, wenn Einem so viele Hilfsmittel zu Gebote stehen, die denselben völlig entbehrlich machen? Man bedarf desselben nur, um eben diese Hilfsmittel verdecken zu können. Der Weg des Mannes in seiner Jugend gehörte zu den vier Stücken, welche der weise Salomo nicht begreifen konnte; das fünfte war die Schamlosigkeit der Ehebrecherin. »Also ist auch der Weg der Ehebrecherin; die verschlinget und wischet ihr Maul und sagt: Ich habe kein Uebels gethan«. Spr. XXX, 20. Sittsamkeit steht auf ihrem Antlitze geschrieben, aber Zügellosigkeit wohnt in der Tiefe ihres Herzens. Ein Anzeichen der Letzteren tritt schon in diesem angenommenen Scheine der Sittsamkeit hervor; sie nehmen ihn nur an, um sich desto eher von ihr frei machen zu können. Verzeiht mir, ihr Frauen von Paris und London, ich bitte dringend darum, kein Ort schließt Wunder aus, nur habe ich meinerseits noch keines kennen gelernt; und wenn auch nur eine Einzige unter euch ein wahrhaft sittsames Herz besitzt, dann verstehe ich mich auf unsere Einrichtungen nicht. Alle diese verschiedenen Erziehungsarten tragen in gleicher Weise daran Schuld, daß die jungen Mädchen an den Vergnügungen der großen Welt Gefallen finden und sich den Leidenschaften überlassen, welche sich in Folge dessen bei ihnen einstellen. In den großen Städten beginnt die Verdorbenheit mit dem Eintritt in das Leben, in den kleinen mit dem Eintritt in das Alter der Vernunft. Die jungen Mädchen aus der Provinz, die man mit Geringschätzung gegen die glückliche Einfachheit ihrer Sitten erfüllt hat, eilen nach Paris, um an der Verderbtheit der unsrigen Theil zu nehmen. Die Aneignung des Lasters, welches man mit dem schönen Namen Talent schmückt, bildet den einzigen Zweck ihrer Reise. Voller Scham, bei ihrer Ankunft noch so wenig von den lockeren Sitten der eleganten Frauenwelt an sich zu haben, säumen sie nicht, sich so bald wie möglich in vollendete Großstädterinnen zu verwandeln. Wo beginnt nun eurer Ansicht nach das Uebel, dort, wo man den Plan dazu faßt, oder wo es zur Ausführung gelangt? Ich halte es nicht für gut, daß eine vernünftige Mutter aus der Provinz ihre Tochter nach Paris führt, um ihr diese für Andere so verderblichen Bilder zu zeigen. Sollte es indeß doch vorkommen, so behaupte ich, daß die Tochter dann entweder eine schlechte Erziehung erhalten hat, oder daß ihr diese Bilder wenig Gefahr bereiten werden. Besitzt man Geschmack, Verstand und Liebe für das Sittsame, so findet man dieselben nicht so verlockend, wie sie es für diejenigen sind, welche sich von ihnen bestricken lassen. Man kann ja in Paris freilich genug dergleichen unverständiger Mädchen antreffen, welche so schnell wie möglich den größstädtischen Ton anzunehmen suchen und auch wirklich sechs Monate lang als Modedamen Bewunderung erregen, um dann für ihre ganze übrige Lebenszeit der Welt als Zielscheibe zu dienen; wer aber bemerkt diejenigen, welche, angewidert von all diesem lärmenden Treiben, in ihre Provinz zurückkehren und sich mit ihrem Loose zufrieden fühlen, nachdem sie Gelegenheit gehabt hatten, es mit dem so vielfach beneideten der großen Welt zu vergleichen? Wie viele junge Frauen habe ich kennen gelernt, die von ihren Männern in der Absicht, ihnen eine Freude zu bereiten, nach der Hauptstadt geführt waren, da ihnen ihre Mittel den Aufenthalt daselbst gestatteten, und wie oft bin ich Zeuge gewesen, daß sie ihre Männer selbst davon zurückbrachten, mit größerer Freude abreisten, als sie gekommen waren, und den Tag vor ihrer Abreise gerührt sagten: »Ach, laß uns in unsere Strohhütte zurückkehren, man lebt glücklicher in ihr, als hier in Palästen!« Wer will wissen, wie viel edle Frauen es noch sonst gibt, die ihre Kniee nicht vor dem Götzenbilde gebeugt haben und seinen unsinnigen Cultus mit Verachtung strafen! Nur die Närrinnen machen viel Aufhebens von sich, verständige Frauen erregen kein Aufsehen. Wenn sich trotz der allgemeinen Verderbniß, trotz der Vorurtheile, die sich überall eingeschlichen haben, trotz der schlechten Erziehung gleichwol nicht wenige Mädchen ein bewährtes Urtheil bewahren, bis zu einem wie hohen Grade würde sich dieses Urtheil erst entwickelt haben, wenn es durch geeignete Belehrungen genährt oder, um mich richtiger auszudrücken, nicht durch fehlerhafte Belehrungen getrübt worden wäre? Denn schließlich kommt doch Alles darauf an, das natürliche Gefühl zu bewahren oder wiederherzustellen. Dazu ist es aber durchaus nicht nöthig, daß ihr junge Mädchen mit langen Predigten langweilt und mit trocknen Sermonen überschüttet. Das Moralisiren ist bei beiden Geschlechtern der Tod aller guten Erziehung. Dergleichen trübselige Lehren führen nur dazu, sowol den, welcher sie ertheilt, als auch das, was sie enthalten, verhaßt zu machen. Wenn man es mit jungen Mädchen zu thun hat, darf man sie nicht mit Angst vor ihren Pflichten erfüllen, noch dadurch das Joch erschweren, welches ihnen die Natur auferlegt hat. Bei Darlegung dieser Pflichten befleißigt euch der Kürze und Deutlichkeit. Bringt ihnen nicht den Wahn bei, daß die Erfüllung derselben etwas Verdrießliches sei. Weg mit allem grämlichen Wesen, weg mit aller schulmeisterlichen Würde! Was zu Herzen gehen soll, muß von Herzen kommen. Ihr Katechismus der Moral muß sich durch gleiche Kürze und gleiche Deutlichkeit wie ihr Katechismus der Religion auszeichnen, darf aber nicht eben so ernst sein. Erläutert ihnen, wie in ihren Pflichten sowol die Quelle ihrer Freuden als auch der Grund ihrer Rechte liege. Ist es denn etwas so Lästiges, Liebe zu empfinden, um Liebe einzuflößen, sich liebenswürdig zu machen, um glücklich zu sein, sich Ansehen zu verschaffen, um Gehorsam zu finden, Anderen Ehre zu erweisen, um sich selbst geehrt zu sehen? Wie schön sind diese Rechte! Wie achtungswerth sind sie! Wie theuer werden sie dem Herzen des Mannes sein, wenn sich die Frau derselben zu bedienen versteht! Sie braucht nicht erst die Jahre und das Alter abzuwarten, um in ihren Genuß zu treten. Die Herrschaft der Frau beginnt mit ihren Tugenden. Kaum entfalten sich ihre Reize, so herrscht sie schon durch die Sanftmuth ihres Charakters und nöthigt uns durch ihre Sittsamkeit Achtung ab. Welcher sonst, gefühllose und rohe Mann sänftigt nicht sein ungestümes Wesen und zeigt sich entgegenkommender und nachgibiger im Verkehre mit einem liebenswürdigen und verständigen Mädchen von sechszehn Jahren, welches wenig spricht, aufmerksam zuhört, sich durch Sittsamkeit im Benehmen, durch Züchtigkeit in den Worten auszeichnet, das auch im Bewußtsein seiner Schönheit nicht einen Augenblick sein Geschlecht oder seine Jugend vergißt, ja das sogar durch seine Schüchternheit zu fesseln und sich die Achtung zu erwerben weiß, die es selbst Jedermann erweist? Obgleich diese Merkmale rein äußerlich sind, so fehlt es ihnen doch gleichwol nicht an Werth. Sie beruhen keineswegs auf bloßem Sinnesreize. Sie ergeben sich aus der inneren Ueberzeugung des Mannes, daß alle Frauen die natürlichen Richterinnen des Verdienstes der Männer sind. Wer wünschte wol, sich von den Frauen mißachtet zu sehen? Niemand in der ganzen Welt, nicht einmal derjenige, der sich vorgenommen hat, sie nicht mehr zu lieben! Und meint ihr etwa, daß mir, der ich ihnen doch so herbe Wahrheiten sage, ihr Urtheil in der That gleichgiltig ist? Im Gegentheile! Ihre Zustimmung ist mir werthvoller als die eurige, meine Leser, die ihr oft weit mehr Weiber seid als sie. Obgleich ich vor ihren Sitten keine Achtung hege, will ich ihre Gerechtigkeit doch in Ehren halten. An ihrem Hasse ist mir wenig gelegen, wenn ich sie nur zwinge mich zu achten. Wie viel Großes ließe sich mit diesen Mitteln erzielen, wenn man sich ihrer richtig zu bedienen verstände. Wehe dem Zeitalter, in welchem die Frauen ihren Einfluß verlieren und die Männer ihre Urtheile unbeachtet lassen! Es ist die tiefste Stufe der Versunkenheit. Alle gesittete Völker haben die Frauen geachtet. Seht Sparta, seht Deutschland, seht Rom an, Rom, diese Stätte des Ruhms und der Tugend, wenn sie überhaupt je auf Erden eine Heimat gehabt haben! In Rom war es, wo die Frauen die Thaten der großen Feldherren ehrten, wo sie die Väter des Vaterlandes öffentlich beweinten, wo ihre Huldigungen oder ihre Klagen in dem heiligen Ansehen des feierlichsten Urtheils der Republik standen. Alle große Staatsumwälzungen gingen hier von den Frauen aus: durch eine Frau errang Rom seine Freiheit, durch eine Frau erlangten die Plebejer das Consulat, durch eine Frau wurde der Gewaltherrschaft der Decemviren ein Ende gemacht, durch Frauen wurde Rom aus den Händen eines Verbannten gerettet. Ihr feinen Franzosen, was würdet ihr wol beim Anblicke dieses in euern Spötteraugen so lächerlichen Aufzuges gesagt haben? Mit Hohngelächter hättet ihr ihn begleitet. Mit wie verschiedenen Augen betrachten wir doch die nämlichen Dinge! Und vielleicht haben wir Alle Recht. Bildet ihr diesen Aufzug aus hübschen Französinnen, so kann ich mir keinen abstoßenderen Anblick vorstellen; laßt ihn aber aus Römerinnen bestehen, und ihr werdet Alle die Augen des Volsker und das Herz des Coriolan haben. Ich bleibe hierbei noch nicht einmal stehen, sondern behaupte sogar, daß die Tugend der Liebe eben so günstig ist wie all den übrigen Rechten der Natur, und daß die Geliebte dadurch in gleich hohem Grade an Ansehen gewinnt, als die Gattin und Mutter. Es gibt keine wahre Liebe ohne Begeisterung und keine Begeisterung ohne einen Gegenstand von wirklicher oder eingebildeter Vollkommenheit, die aber in der Phantasie stets vorhanden sein wird. Für was sollen die Liebenden glühen, welche an diese Vollkommenheit nicht mehr glauben und in ihren Geliebten nur Gegenstände ihrer Sinnenlust erblicken? Nein, nicht auf diese Weise erwärmt sich das Herz und gibt es sich dem Wonnerausche hin, welcher die beseligende Raserei der Liebenden und den Reiz ihrer Leidenschaft ausmacht. In der Liebe beruht freilich Alles, wie ich nicht läugnen kann, nur auf Illusion; aber in Wirklichkeit sind doch die Gefühle vorhanden, mit denen sie uns für das wahrhaft Schöne beseelt und dadurch bewirkt, daß wir dasselbe lieb gewinnen. Dies Schöne liegt nun allerdings gar nicht in dem Gegenstande, welchen man liebt, es ist vielmehr ein Ausfluß unserer Irrthümer. Mag es sein! Allein was hat das zu sagen? Bringt man deshalb weniger alle seine niederen Gefühle diesem geträumten Vorbilde zum Opfer? Wird unser Herz deshalb weniger von den Vorzügen erfüllt, mit welchen wir den Gegenstand unserer Liebe ausschmücken? Legen wir deshalb weniger alle Gemeinheit des menschlichen Ichs ab? Wo ist ein wahrer Liebender, der nicht bereit wäre, sein Leben für seine Geliebte zu opfern? Und wie kann von sinnlicher und grober Leidenschaft bei einem Menschen die Rede sein, welcher sterben will? Wir machen uns über die fahrenden Ritter lustig. Die Ursache liegt darin, daß sie die Liebe kannten, während wir nur die Ausschweifung kennen. Als ihre ritterlichen Grundsätze zu einem Gegenstande des Gespöttes wurden, war dieser Wechsel nicht sowol das Werk der Vernunft als vielmehr das Ergebniß der schlechten Sitten. Welches Jahrhundert wir auch betrachten mögen, die natürlichen Verhältnisse unterliegen niemals einem Wechsel, das Angemessene oder Unangemessene, was sich aus denselben ergibt, bleibt sich stets gleich, die Vorurtheile vermögen unter dem angemaßten Namen der Vernunft nur den äußeren Schein zu ändern. Selbstbeherrschung wird immer groß und schön sein, übte man sich in ihr auch nur, um eingebildeten Ansichten zu gehorchen; und die wahren Beweggründe der Ehre werden stets einer jeden urtheilsvollen Frau, welche das Glück ihres Lebens in ihrer Stellung zu suchen weiß, zu Herzen sprechen. Keuschheit muß vor Allem die köstlichste Tugend einer schönen Frau sein, welche nur einige Seelengröße besitzt. Während sie die ganze Welt zu ihren Füßen erblickt, feiert sie über Alle und über sich selbst Triumphe. In ihrem eigenen Herzen errichtet sie sich einen Thron, dem Alle huldigend nahen. Die zärtlichen und eifersüchtigen, indeß stets ehrfurchtsvollen Gefühle beider Geschlechter, die allgemeine wie die eigene Achtung vergelten ihr die Kämpfe weniger Augenblicke mit stets neuem Ruhme. Ihre Entbehrungen sind nur vorübergehend, allein ihr Lohn ist ein bleibender. Welch eine Freude für eine edle Seele, wenn sich der Stolz der Tugend mit der Schönheit paart! Allen Romanheldinnen zum Trotze wird eine solche Frau köstlichere Freuden genießen als alle Lais und Kleopatra; und selbst wenn ihre Schönheit einst verschwunden sein wird, so werden doch ihre Freuden und ihr Ruhm noch bleiben. Nur einer solchen Frau kann die Vergangenheit Freude bereiten. Variante: ... Freude bereiten. Wenn der von mir vorgezeichnete Weg angenehm ist, desto besser, er führt dann um so sicherer zum Ziele, denn er beruht auf der Ordnung der Natur; und nur auf ihm werdet ihr das Ziel erreichen können. Je größer und lästiger die Pflichten sind, desto klarer und stärker müssen die Motive sein, die ihnen zu Grunde liegen. Es gibt eine gewisse fromme Sprache, deren man sich unaufhörlich, selbst bei den ernstesten Angelegenheiten, jungen Mädchen gegenüber bedient, ohne sie darum überzeugen zu können. Diese Sprache, welche mit ihren Anschauungen so wenig im Einklange steht, und der geringe Werth, den sie im Geheimen auf dieselbe legen, tragen wesentlich dazu bei, sich in ihnen jene Leichtigkeit entwickeln zu lassen, mit der sie sich ihren Neigungen hingeben, da es ihnen an Gründen zur Bekämpfung derselben fehlt, die sie aus der Sache selbst geschöpft hätten. Ein verständig und fromm erzogenes Mädchen besitzt unzweifelhaft starke Waffen gegen die Versuchungen; allein dasjenige, dessen Herz oder vielmehr dessen Ohren man ausschließlich mit solchem frommen Kauderwelsch erfüllt, wird unfehlbar die Beute des ersten geschickten Verführers, der es darauf anlegt. Nie wird ein junges und schönes Mädchen mit Geringschätzung auf seinen Körper blicken, nie wird es sich aufrichtig über die großen Sünden betrüben, zu welchen seine Schönheit verleitet hat, nie wird es aufrichtig vor Gott beweinen, daß es ein Opfer der Lüsternheit wurde, nie wird es sich davon überzeugen können, daß das süßeste Gefühl des Herzens eine Erfindung des Satans ist. Gebt ihm andere innere Gründe, für die es ein Verständniß hat, denn diese werden bei ihm keinen Eingang finden. Noch schlimmer wird es aber, wenn man, wie es nicht selten vorkommt, seine Ideen mit einander in Widerspruch setzt, und nachdem man es dadurch gedemüthigt hat, daß man ihm seinen Körper und seine Reize wie vom Sündenschmutz befleckt schildert, von ihm gleich darauf verlangt, diesen nämlichen Körper als einen Tempel Jesu Christi heilig zu halten. Allzu hohe und allzu niedrige Ideen sind gleich unzulänglich und sind nicht im Stande, sich zu vereinigen. Es bedarf eines Grundes, der dem Geschlechte wie dem Alter angemessen ist. Die Achtung, die man der Pflicht schuldet, hat nur in so weit Kraft, als man ihr Beweggründe zugesellt, die uns zu ihrer Erfüllung antreiben. Quae quia non liceat non facit, illa facit . Ovid. Amor. III, 4. (Die nur des Verbotes wegen etwas unterläßt, thut es endlich doch.) Man kann es sich kaum vorstellen, daß es gerade Ovid ist, welcher ein so strenges Urtheil fällt. Wollt ihr deshalb junge Mädchen mit Liebe zur Sittlichkeit erfüllen, so flößet ihnen, ohne ihnen beständig zuzurufen: »Seid sittsam«, das Verlangen ein, es zu werden. Macht ihnen den Werth der Sittsamkeit bewußt, und sie werden sie lieb gewinnen. Es ist nicht ausreichend, dies Verlangen erst für eine ferne Zukunft zu erwecken. Ueberzeugt sie im Hinblick auf die Gegenwart, auf die Verhältnisse ihres Alters, auf den Charakter ihrer Liebhaber, von wie großem Interesse es für sie ist, sittsam zu sein. Schildert ihnen den rechtschaffenen Mann, den Mann von Verdienst. Lehrt sie denselben kennen lernen und lieben und zwar um ihretwillen lieben. Beweist es ihnen, daß ein solcher Mann allein im Stande ist, sie glücklich zu machen, sei es nun in der Eigenschaft seiner Freundin, Gattin oder Geliebten. Rücket ihnen die Tugend auf dem Wege der Vernunft näher. Macht sie besonders darauf aufmerksam, daß die Herrschaft ihres Geschlechts und alle Vortheile desselben nicht allein von ihrer eigenen guten Aufführung, von ihrer eigenen Sittlichkeit, sondern ebenfalls von der der Männer abhängen; daß die Frauenwelt auf feile und niedrige Seelen nur einen geringen Einfluß auszuüben vermag, und daß der Mann nur dann seiner Geliebten wahrhaft huldigen kann, wenn er der Tugend huldigt. Wenn ihr ihnen dann eine getreue Schilderung der heutigen Sitten gebt, so könnt ihr euch versichert halten, daß ihr sie mit einem aufrichtigen Widerwillen gegen dieselben erfüllen werdet. Das einfache Bild unserer Modemenschen wird ihnen dieselben verächtlich machen. Sobald ihr ihnen nur Abneigung gegen ihre Grundsätze, Abscheu vor ihren Gefühlen und Verachtung gegen ihre leeren Galanterien einflößt, so werdet ihr dadurch in ihnen einen edleren Ehrgeiz wachrufen, den, über große und starke Herzen zu herrschen, jenen Ehrgeiz der spartanischen Frauen, die nur Männer beherrschen wollten. Eine herausfordernde, sittenlose, intriguante Frau, die ihre Liebhaber nur durch Künste der Coquetterie anzulocken und durch Gunstbeweise zu erhalten weiß, legt ihnen wie Dienern allein niedrige und gemeine Dienste auf, bei allen wichtigen und ernsten Dingen fehlt es ihr dagegen an Autorität über dieselben. Allein eine eben so ehrbare wie liebenswürdige und verständige Frau, die den Ihrigen Achtung abnöthigt, sich durch ein zurückhaltendes und sittsames Wesen auszeichnet, mit einem Worte eine Frau, welche sich die Liebe durch die Achtung bewahrt, schickt ihre Liebhaber durch einen bloßen Wink bis ans Ende der Welt, in den Kampf, in den Ruhm, in den Tod, wohin es ihr gefällt. Brantome berichtet, daß zur Zeit Franz I. ein junges Mädchen ihrem Geliebten, der sehr geschwätzig war, ein unbedingtes und unbegrenztes Stillschweigen auferlegte, welches er auch zwei volle Jahre so gewissenhaft beobachtete, daß man allgemein annahm, er wäre in Folge einer Krankheit stumm geworden. Eines Tages rühmte sich seine Geliebte, die jedoch zu jener Zeit, in welcher sie ihre Liebe noch geheim hielten, als solche nicht bekannt war, in zahlreicher Gesellschaft, daß sie ihn sofort wieder herzustellen vermöchte, und that es mit dem einzigen Worte: »Sprich!« Liegt in dieser Liebe nicht etwas Großes und Heroisches? Was hätte wol die Philosophie des Pythagoras mit all ihrem großartigen Aufwande Größeres vollbringen können? Welche Frau würde in der Gegenwart auf eine ähnliche Schweigsamkeit auch nur einen Tag lang rechnen dürfen, und wollte sie dieselbe auch mit dem höchsten Preise erkaufen, den sie darauf setzen könnte? Variante: Anstatt des letzten Satzes: »Welche Frau würde ...« heißt es im Manuscripte: Sollte man nicht meinen, man hätte es mit einer Gottheit zu thun, welche einem Sterblichen mit einem einzigen Worte das Organ der Sprache verleiht? Man wird mich nie zu dem Glauben bringen, daß Schönheit ohne Tugend je ein ähnliches Wunder verrichten könnte. Alle Pariser Schönheiten würden mit all ihren Künsten heutigen Tages nicht im Stande sein, ein solches zu wirken. Eine solche Herrschaft ist, wie mir scheint, doch schön, und es verlohnt sich der Mühe, sie zu erkaufen. Darin spricht sich der Geist aus, in welchem Sophie erzogen ist, mit größerer Sorgfalt als mit Mühe und mehr dadurch, daß man ihrer Neigung nachgab, als daß man sie bekämpfte. Fügen wir jetzt noch ein Wort über ihre Person nach dem Bilde hinzu, welches ich Emil von ihr entworfen habe. Es stimmt mit der Vorstellung überein, die er sich selbst von der Frau gebildet hat, welche ihn glücklich zu machen im Stande ist. Ich muß immer von Neuem daran erinnern, daß ich alle Wunder bei Seite lasse. Emil ist keines, und Sophie ist es eben so wenig. Emil ist Mann und Sophie Weib: darin besteht ihr ganzer Ruhm. Bei der Vermischung der Geschlechter, die unter uns herrscht, gilt es freilich beinahe für ein Wunder, dem seinigen vollkommen anzugehören. Sophie besitzt gute Anlagen und einen guten Charakter. Sie hat ein leicht erregbares Herz, und diese ungemeine Erregbarkeit verleiht ihr zuweilen eine Lebendigkeit der Phantasie, die sich nur schwer mäßigen läßt. Ihr Verstand ist weniger scharf als durchdringend, sie ist heiterer, aber sich nicht immer gleich bleibender Laune, von gewöhnlicher, aber einnehmender Figur, und von einer Gesichtsbildung, die Seele verheißt und hierin nicht täuscht. Man kann sich ihr mit Gleichgültigkeit nahen, aber nicht von ihr scheiden, ohne einen tiefen Eindruck von ihr erhalten zu haben. Andere zeichnen sich durch gute Eigenschaften aus, die ihr fehlen; wieder Andere besitzen die ihrigen in weit höherem Maße, aber bei Keiner sind alle Eigenschaften besser zusammengestellt, um einen glücklichen Charakter zu bilden. Sie versteht sogar aus ihren Fehlern Vortheil zu ziehen, und wenn sie vollkommner wäre, würde sie weit weniger gefallen. Sophie ist nicht schön; aber neben ihr vergessen die Männer die schönen Frauen, und die schönen Frauen sind mit sich selbst unzufrieden. Auf den ersten Blick kann man sie kaum hübsch nennen, aber je länger man sie betrachtet, desto schöner erscheint sie. Sie gewinnt, wo so viele Andere verlieren, und was sie gewinnt, verliert sie nicht wieder. Man kann wol schönere Augen, einen schöneren Mund, eine imponirendere Figur finden, aber einen anmuthigeren Wuchs, eine schönere Hautfarbe, eine weißere Hand, einen niedlicheren Fuß, einen sanfteren Blick, freundlichere Züge sucht man vergeblich. Ohne zu blenden, fesselt sie. Sie ist reizend, ohne daß man sagen könnte, worin ihre Anziehungskraft besteht. Sophie putzt sich gern und versteht sich darauf; ihre Mutter hat keine andere Zofe als sie. Sie hat viel Geschmack und weiß sich deshalb vorteilhaft zu kleiden. Allein sie haßt alle reiche Putzsachen. In ihrem Anzuge vereinigt sich Einfachheit mit Eleganz. Sie liebt nicht das Glänzende, sondern das Kleidsame. Wenn sie auch die Modefarben nicht kennt, so weiß sie doch vortrefflich, welche Farben ihr gut stehen. Es gibt kein junges Mädchen, welches weniger Sorgfalt auf seinen Anzug verwendet zu haben scheint, und doch kleidet sich keines gewählter als Sophie. Obgleich sie kein Stück ihres Anzugs ohne volle Ueberlegung angelegt hat, so verräth sich doch bei keinem die aufgebotene Kunst. Ihr Putz ist dem Ansehen nach sehr bescheiden, in Wirklichkeit aber sehr gefällig und geschmackvoll. Sie stellt ihre Reize nicht zur Schau, sondern verhüllt sie, verbirgt sie aber so, daß man sie unter der Hülle zu ahnen vermag. Bei ihrem ersten Anblicke sagt man: »Was für ein sittsames und verständiges Mädchen!« Weilt man aber erst länger in ihrer Nähe, dann schweifen die Augen, welche nur zu deutlich verkündigen, was im Herzen vorgeht, fortwährend über ihre ganze Person und sind nicht im Stande, sich wieder von ihr loszureißen. Man hätte zu behaupten Lust, dieser ganze so einfache Anzug sei nur angelegt, um in der Phantasie Stück für Stück wieder weggenommen zu werden. Sophie besitzt natürliche Talente. Sie ist sich derselben bewußt und hat sie nicht vernachlässigt. Da sie sich indeß nicht in der Lage befand, viel Kunst auf die Ausbildung derselben zu verwenden, so hat sie sich damit begnügt, ihr hübsches Stimmchen in richtigem und geschmackvollem Gesange, ihre kleinen Füßchen in leichtem, schwebendem und anmuthigem Gange zu üben und alle Begrüßungsformen zwanglos und sicher auszuführen. Uebrigens hat sie zum Gesanglehrer nur ihren Vater, zur Tanzlehrerin nur ihre Mutter gehabt, und ein Organist aus der Nachbarschaft hat ihr einige Lectionen ertheilt, um sich zu ihrem Gesange auf dem Claviere selbst begleiten zu können, worin sie sich seitdem allein weiter fortgebildet hat. Anfangs hatte sie nur im Sinne, ihre weiße Hand auf den schwarzen Tasten mit Vortheil zu zeigen, Es ist deshalb sehr zu bedauern, daß die Instrumentenmacher gerade von dem Augenblicke an, wo das Pianoforte in unseren Salons das Clavier verdrängte, mit den Farben gewechselt haben, indem sie zu den Untertasten Elfenbein und zu den Obertasten Ebenholz verwenden. Anmerk. des Herrn Petitain. dann entdeckte sie, daß der scharfe und schrille Ton des Claviers den Ton ihrer Stimme sanfter klingen ließ, allmählich wurde sie für die Harmonie empfänglich, und als sie heranwuchs, fing sie endlich an, die Reize des Ausdrucks herauszufühlen und die Musik um ihrer selbst willen zu lieben. Aber dies ist eigentlich mehr eine Neigung als ein Talent, denn die Noten sind ihr völlig unbekannt. Was Sophie indeß am allerbesten versteht und worin man sie am sorgfältigsten unterrichtet hat, das sind die weiblichen Handarbeiten, selbst diejenigen, welchen man gewöhnlich weniger Aufmerksamkeit zuwendet, wie die Kunst, sich ihre Kleider selbst zuzuschneiden und zu nähen. Es gibt keine Nadelarbeit, die ihr unbekannt wäre und deren Anfertigung ihr nicht Vergnügen machte. Ihre Lieblingsbeschäftigung ist jedoch das Spitzenklöppeln, weil andere Arbeit zu einer so anmuthigen Körperhaltung nöthigt und die Finger in so zierlicher und leichter Bewegung erhält. In gleicher Weise hat sie sich alle Einzelheiten der Hauswirthschaft angelegen sein lassen. Küche und Speisekammer stehen unter ihrer Leitung. Sie kennt die Preise der Lebensmittel und versteht sich auf ihre Güte, ist mit der Buchführung vertraut und dient ihrer Mutter als Haushofmeister. Bestimmt, selbst einst Hausfrau zu werden, lernt sie in der Leitung des väterlichen Hauswesens ihrem eigenen wohl vorstehen. Sie kann den Dienern bei ihren Geschäften helfend zur Seite stehen und thut es stets gern. Nur zu dem, was man selbst auszuführen versteht, kann man die richtigen Anordnungen treffen. Aus diesem Grunde erhält ihre Mutter sie in ununterbrochener Geschäftigkeit. Sophiens Gedanken sind allerdings noch nicht so weit in die Ferne gerichtet. Ihr einziges Sinnen geht darauf aus, ihrer Mutter zu dienen und ihr einen Theil ihrer Sorgen abzunehmen. Freilich läßt sich nicht läugnen, daß sie nicht alle mit dem gleichen Vergnügen verrichtet. So hat sie z.B., eine so große Feinschmeckerin sie auch ist, an dem Küchenwesen wenig Gefallen. Die dabei vorkommenden groben Arbeiten haben für sie etwas Widriges. Es geht ihr in der Küche nie sauber genug zu. Sie ist in diesem Punkte von einer übertriebenen Zartheit, und diese bis zum Aeußersten getriebene Zartheit hat förmlich den Charakter eines Fehlers angenommen. Eher ließe sie das ganze Mittagsessen in das Feuer laufen, als daß sie ihre Manschette beschmutzte. Aus demselben Grunde hat sie sich stets gegen die Oberaufsicht über den Garten gesträubt. Die Erde erscheint ihr unreinlich; sobald sie nur einen Düngerhaufen sieht, bildet sie sich schon ein, seinen unangenehmen Geruch wahrzunehmen. An diesem Fehler trägt der Unterricht der Mutter die Schuld. Nach der Ansicht der Letzteren gehört die Reinlichkeit zu den ersten Pflichten des Weibes, ist sie eine besondere, unabweisbare und von der Natur ihm selbst auferlegte Pflicht. Es gibt nichts Widerwärtigeres in der Welt als ein unreinliches Weib, und der Mann, der sich mit Ekel von ihm abwendet, hat nie Unrecht. Sie hat ihrer Tochter diese Pflicht von Kindheit auf so unermüdlich vorgepredigt, hat von ihr so streng Reinlichkeit in Bezug auf ihre eigene Person, wie auf ihre Kleider, ihr Zimmer, ihre Arbeit, ihre Toilette gefordert, daß die zur Beobachtung dieser Pflicht ununterbrochen nöthige Aufmerksamkeit, welche bereits zur Gewohnheit geworden ist, einen ziemlich großen Theil ihrer Zeit allein für sich in Anspruch nimmt und auch in dem übrigen stets die erste Rolle spielt. Daher läßt sie die gute Ausführung dessen, was sie unternimmt, erst ihre zweite Sorge sein; ihre erste Sorge geht stets darauf aus, es reinlich zu machen. Indeß trägt dies Alles nicht den Charakter der Ziererei an sich und ist nicht in Schwäche ausgeartet. Die übertriebene Verfeinerung des Luxus hat in ihren Augen keinen Werth. Nie kommt anderes als einfaches Wasser in ihr Zimmer. Sie kennt keinen anderen Wohlgeruch als den der Blumen, und nie wird ihr Gatte etwas Süßeres athmen als ihren Odem. Endlich läßt die Aufmerksamkeit, welche sie auf das Aeußere verwendet, sie nicht vergessen, daß sie ihr Leben und ihre Zeit in den Dienst edlerer Sorgen zu stellen hat. Jene alles Maß übersteigende körperliche Reinlichkeit, welche die Seele besudelt, kennt sie nicht oder verachtet sie. Sophie ist mehr als nur reinlich, sie ist rein. Wie ich bereits erwähnt habe, war Sophie Feinschmeckerin. Sie war es von Natur; aber in Folge der Gewöhnung ist sie frugal geworden, und jetzt ist sie es aus Sittsamkeit. Es verhält sich in dieser Hinsicht mit den Mädchen nicht wie mit den Knaben, daß man sie durch Feinschmeckerei bis zu einem gewissen Grade leiten könnte. Diese Neigung bleibt für das weibliche Geschlecht nicht ohne Folgen; es ist mit großer Gefahr verbunden, sie ihm zu lassen. Wenn in ihrer Kindheit die kleine Sophie allein in das Cabinet ihrer Mutter kam, so kehrte sie aus demselben nie mit leeren Händen zurück, und in Betreff auf Confect und Bonbons ließ ihre Gewissenhaftigkeit Manches zu wünschen übrig. Ihre Mutter ertappte sie, schalt sie aus, bestrafte sie, ließ sie fasten. Endlich gelangte sie dadurch zum Ziele, daß sie ihrem Töchterchen einredete, die Bonbons verdürben die Zähne und das viele Essen triebe den Leib auf. Dies fruchtete und Sophie besserte sich. Als sie heranwuchs, traten bei ihr andere Neigungen hervor und brachten sie von dieser niedrigen Sinnlichkeit zurück. Mit einem Schlage verliert das Laster der Feinschmeckerei seine Herrschaft über Männer wie Frauen, sobald das Herz sich zu regen beginnt. Sophie hat sich den ihrem Geschlechte eigenen Geschmack bewahrt. Sie liebt Milchspeisen und Süßigkeiten, Gebackenes und Zwischenspeisen, findet aber am Fleische wenig Behagen. Nie hat sie Wein oder geistige Getränke über die Lippen gebracht. Uebrigens ißt sie von Allem nur sehr mäßig. Da ihr Geschlecht weniger mühselige Arbeiten zu verrichten hat als das unserige, so braucht es für die verlorenen Kräfte auch einen geringeren Ersatz. In Allem liebt sie das Gute und weiß es zu würdigen; doch weiß sie auch, ohne daß ihr eine solche Entbehrung schwer fällt, mit dem vorlieb zu nehmen, was nicht so gut ist. Sophie hat einen fesselnden Geist, ohne daß er blendend wäre; er ist gediegen, ohne tief zu sein; kurz, sie hat einen Geist, von dem sich nichts sagen läßt, weil Jeder an ihm nur dieselben Eigenschaften entdeckt, die er auch an seinem eigenen Geiste wahrnimmt. So gefällt denn ihr Geist stets denen, mit welchen sie sich unterredet, obgleich er nicht die reiche Bildung verräth, welche nach unserer Vorstellung die richtige Geistespflege den Frauen verleihen muß. Denn ihr Geist verdankt seine Bildung nicht der Lectüre, sondern einzig und allein den Gesprächen mit Vater und Mutter, den eigenen Betrachtungen und Beobachtungen, die sie in dem kleinen Kreise der Welt angestellt hat, welchen zu sehen ihr bisher Gelegenheit geboten war. Sophie ist von Natur heiter, ja in ihrer Kindheit war sie sogar ausgelassen. Aber ihre Mutter hat sich bemüht, ihr leichtsinniges Wesen nach und nach zu dämpfen, damit nicht bald ein vielleicht zu plötzlich eintretender Wechsel sie über den Augenblick belehren möchte, welcher es zu gebieterischer Nothwendigkeit gemacht hätte. Sie ist seitdem sehr sittsam und sogar noch vor der Zeit zurückhaltend geworden; und jetzt, wo dieser Zeitpunkt gekommen ist, fällt es ihr nun weit leichter, den bereits angenommenen Ton beizubehalten, als es ihr geworden wäre, ihn erst anzunehmen, ohne die Ursache dieses Wechsels durchblicken zu lassen. Es bietet einen anmuthigen Anblick dar, wenn mitunter die alten Gewohnheiten in ihr wieder wach werden und sie sich der vollen Lebhaftigkeit ihrer Kindheit überläßt, dann sich plötzlich wieder besinnt, verstummt, die Augen niederschlägt und erröthet. Es ist doch wol in der Ordnung, daß die Grenzscheide zwischen beiden Lebensaltern ein wenig Antheil an jedem von beiden hat. Sophie ist zu empfänglich für alle Eindrücke, nm eine stets gleichmäßige Laune bewahren zu können, aber sie besitzt zu viel Herzensgüte, um Andere darunter leiden zu lassen; ihr allein bereitet es manch trübe Stunde. Ein einziges verletzendes Wort reicht hin, ihr das Herz schwer zu machen, wenn sie ihre gedrückte Stimmung auch nicht zu erkennen gibt; sie wird suchen, sich der Gesellschaft zu entziehen, nur sich ausweinen zu können. Der Vater oder die Mutter braucht sie aber unter ihrem Thränenstrome nur zu rufen und ein einziges Wort zu sagen, so wird sie augenblicklich wieder erscheinen, um zu spielen und zu lachen, während sie geschickt die Augen trocknet und ihr Schluchzen zu unterdrücken sucht. Nicht einmal von Eigensinn ist sie völlig frei. Wenn sie ihre Laune ein wenig auf die Spitze treibt, so artet dieselbe leicht in Trotz aus, und sie pflegt sich in solchen Augenblicken zu vergessen. Laßt ihr indeß nur Zeit, sich zu besinnen, und ihr werdet euch überzeugen, daß die Art und Weise, ihr Unrecht wieder gut zu machen, ihr fast als ein Vorzug angerechnet werden muß. Erhält sie Strafe, so ist sie fügsam und unterwürfig, und man erkennt, daß sie sich weniger über die Strafe als über ihren Fehler schämt. Sagt man ihr nichts, so wird sie trotzdem niemals verabsäumen, ihr Versehen selbst zu verbessern, und noch dazu mit solcher Offenheit und so großer Anmuth, daß es nicht möglich ist, ihr noch länger böse zu sein. In Gegenwart des niedrigsten Dieners würde sie den Boden küssen, ohne daß ihr diese Erniedrigung schwer würde. und sobald sie Verzeihung erhalten hat, legen ihre Freude und ihre Liebkosungen an den Tag, von welcher Last sich ihr gutes Herz befreit fühlt. Mit einem Worte, sie erträgt mit Geduld das ihr zugefügte Unrecht und macht ihre eigenen Versehen mit Freuden wieder gut. In solcher Weise äußert sich der liebenswürdige Charakter ihres Geschlechts, bevor wir ihn verdorben haben. Das Weib hat die Bestimmung, gegen den Mann nachgiebig zu sein und sogar seine Ungerechtigkeit zu ertragen. Dahin werdet ihr nie einen Knaben bringen; sein inneres Gefühl erhebt und empört sich gegen die Ungerechtigkeit. Die Natur hat ihn nicht dazu bestimmt, es zu ertragen: Gravem Pelidae stomachum cedere nescii. Hor. lib. I, Od. 6. Sophie besitzt Religion, aber eine vernünftige und einfache Religion, die sich in wenige Glaubenssätze zusammenfassen läßt und noch weniger Andachtsübungen verlangt; oder sie widmet vielmehr, da ihr die Pflege der Moral als die hauptsächlichste Uebung erscheint, ihr ganzes Leben dem Dienste Gottes, indem sie sich nur Gutes zu thun bemüht. Aller Unterricht, den ihr ihre Eltern über diesen Punkt ertheilten, zielte darauf hin, sie an eine achtungsvolle Unterwerfung zu gewöhnen, indem sie ihr beständig wiederholten: »Meine Tochter, diese Kenntnisse eignen sich nicht für dein Alter; dein Mann wird dich darüber belehren, sobald es an der Zeit sein wird.« Anstatt ihr übrigens lange Reden über die Frömmigkeit zu halten, lassen sie es dabei bewenden, sie ihr durch ihr eigenes Beispiel zu predigen, und dieses Beispiel ist ihr tief ins Herz gegraben. Sophie liebt die Tugend; diese Liebe ist förmlich zur herrschenden Leidenschaft geworden. Sie liebt sie, weil es für sie nichts Schöneres als die Tugend gibt. Sie liebt sie, weil in der Tugend der Ruhm des Weibes besteht, und weil ihr eine tugendhafte Frau fast den Engeln gleich erscheint. Sie liebt sie als den einzigen Weg zum wahren Glücke, und weil ihr das Leben eines sittenlosen Weibes nur wie eine ununterbrochene Kette von Elend, Hilflosigkeit, Unglück, Schmach und Schande vorkommt. Sie liebt sie endlich noch um deswillen, weil dieselbe ihrem von ihr so hochgeachteten Vater und ihrer so zärtlichen und würdigen Mutter theuer ist. Nicht zufrieden damit, durch ihre eigene Tugend glücklich zu sein, wünschen die Eltern, es auch durch die ihrer Tochter zu werden, und das Hauptglück Letzterer wurzelt wieder in der Hoffnung, zu dem Glücke der Eltern beitragen zu können. Alle diese Gefühle erfüllen sie mit einer Begeisterung, die ihre Seele erhebt, und alle ihre kleinen Neigungen einer so edelen Leidenschaft unterordnet. Bis zu ihrem letzten Athemzuge wird Sophie keusch und züchtig sein; sie hat es sich im Grunde ihres Herzens zugeschworen, und hat es in einer Zeit geschworen, wo sie schon ein Bewußtsein davon hatte, wie schwierig es ist, einen solchen Schwur zu halten; sie hat es sich zugeschworen, als sie sich gerade von einer solchen Verbindlichkeit hätte lossagen müssen, wäre ihre Sinnlichkeit danach angethan gewesen, die Herrschaft über sie zu gewinnen. Sophie hat nicht das Glück, eine liebenswürdige Französin zu sein, die, kalt von Temperament und coquett aus Eitelkeit, mehr darauf ausgeht zu glänzen als zu gefallen, und mehr nach Zeitvertreib hascht als wahre Freude sucht. Nur das Bedürfniß zu lieben verzehrt sie; es drängt sich ihr auf und beunruhigt ihr Herz inmitten der Festlichkeiten. Ihr früherer Frohsinn ist von ihr gewichen; sie findet kein Vergnügen mehr an den ausgelassenen Spielen; statt von der Einsamkeit Langeweile zu befürchten, sucht sie dieselbe auf. Ihre Gedanken weilen hier bei dem, der sie ihr dereinst versüßen soll. Alle, die ihr gleichgiltig sind, belästigen sie. Sie sehnt sich nicht nach Anbetern, wol aber nach einem Geliebten. Sie möchte lieber einem einzigen braven Manne gefallen und ihm immer gefallen, als in den Ruf einer Modedame kommen, die doch nur einen Tag glänzt, um schon am nächsten Tage dem Hohngelächter Preis gegeben zu werden. Das Urtheil der Frauen entwickelt sich weit früher als das der Männer. Da sie sich fast von Kindesbeinen an beständig im Vertheidigungszustande verhalten müssen, und ihnen ein so schwer zu bewahrendes Gut anvertraut ist, so muß ihnen das Gute und Böse notwendigerweise früher bekannt sein. Da sich Sophie in Folge ihrer glücklichen Anlagen in jeder Beziehung zeitiger entwickelt hat, so hat sich auch ihr Urtheil früher als bei anderen Mädchen ihres Alters ausgebildet. Hierin liegt durchaus nichts Außerordentliches; die Reife tritt nicht überall in derselben Zeit ein. Sophie ist über die Pflichten und Rechte ihres wie unseres Geschlechtes belehrt. Sie kennt die Fehler der Männer und die Laster der Frauen; aber sie kennt auch eben so gut die entgegengesetzten Eigenschaften und Tugenden und hat sie ihrem Herzen tief eingeprägt. Man kann unmöglich eine höhere Idee von einer sittsamen Frau haben, als die ist, welche sie sich gebildet hat, allein diese Idee vermag ihr keine Furcht einzujagen. Natürlich weilen ihre Gedanken mit größerem Wohlgefallen bei einem Ehrenmanne, einem Manne von Verdienst. Sie ist es sich bewußt, daß sie für einen solchen Mann geschaffen und seiner würdig ist, ist es sich bewußt, daß sie ihm dasselbe Glück zu bereiten im Stande ist, welches sie ihm verdanken wird. Sie fühlt es, daß sie ihn recht gut herausfinden wird, und daß es jetzt nur darauf ankommt, daß er sich zeige. Die Frauen sind die natürlichen Richter über das Verdienst der Männer, wie Letztere es wieder umgekehrt über das der Frauen sind. Das beruht auf einem gegenseitigen Rechte, und beide Theile kennen es sehr wohl. Sophie ist mit diesem Rechte bekannt und macht von demselben Gebrauch, allein mit einer Bescheidenheit, wie sie ihrer Jugend, ihrer Unerfahrenheit und ihrer Stellung zukommt. Sie urtheilt nur über solche Dinge, die ihre Fassungskraft nicht übersteigen, und auch dann nur, wenn es zur Entwickelung irgend eines nützlichen Grundsatzes dienen kann. Von Abwesenden, namentlich wenn es Frauen sind, spricht sie nur mit äußerster Behutsamkeit. Sie hält sich überzeugt, daß es Frauen zur Schmäh- und Spottsucht führt, wenn sie über ihr eigenes Geschlecht sprechen. So lange sie sich darauf beschränken, das unserige zu ihrem Gesprächsthema zu wählen, werden sie stets billig denkend sein. Sophie bleibt deshalb in diesen Schranken. Spricht sie jedoch einmal über Frauen, so geschieht es nur, um alles Gute zu sagen, was sie von ihnen weiß. Sie glaubt ihrem Geschlechte diese Ehre schuldig zu sein. Weiß sie jedoch nichts Gutes zu sagen, so beobachtet sie über solche Frauen ein vollkommenes Stillschweigen, und das ist verständlich genug. Sophie besitzt wenig Weltkenntniß; allein sie ist höflich und aufmerksam und entfaltet bei Allem, was sie thut, eine große Anmuth. Ihr glückliches Naturell kommt ihr besser zu Statten als alle Kunst. Sie hat eine gewisse Feinheit an sich, die sich nicht aus Regeln herleiten läßt, noch der Mode unterworfen ist, die mit der letzteren keinen Wechsel erleidet, noch Alles dem leidigen Herkommen zu Liebe thut, sondern ihre Quelle in dem wahren Verlangen zu gefallen hat, und deshalb auch wirklich gefällt. Alle triviale Höflichkeitsbezeigungen sind ihr fremd, und sie hat eben so wenig das Bestreben, gewähltere zu erfinden. Sie führt nie Redensarten im Munde, wie: »Ich bin Ihnen sehr verbunden«, »Sie erzeigen mir viel Ehre«, »Bemühen Sie sich nicht« u. s. w. Eine Aufmerksamkeit, eine ihr erwiesene Höflichkeit erwidert sie mit einer Verneigung oder mit einem einfachen: »Ich danke Ihnen«. Allein dies Wort, von einem solchen Munde gesprochen, wiegt wol ein anderes auf. Für einen wirklichen Dienst läßt sie ihr Herz sprechen, und dieses ergeht sich nicht in Complimenten. Nie hat sie sich durch das französische Herkommen verleiten lassen, das gezierte Wesen nachzuahmen, wie beim Gehen aus einem Zimmer in das andere ihre Hand auf den Arm eines Sechzigjährigen zu legen, dem sie am liebsten selbst als Stütze dienen möchte. Wenn ein süßlicher Geck so ungezogen ist, ihr diesen Dienst anzubieten, so läßt sie den dienstfertigen Herrn auf der Treppe, und schwingt sich mit zwei Sätzen ins Zimmer, indem sie ihm zuruft, daß sie gottlob nicht hinke. Obgleich sie nicht groß ist, hat sie ihre Schuhe nie mit hohen Absätzen versehen lassen; ihre Füßchen sind in der That auch niedlich genug, daß sie sich ohne dieselben behelfen kann. Nicht nur Frauen, sondern auch verheirateten oder älteren Männern gegenüber beobachtet sie Schweigen und Ehrerbietung. Nur aus Gehorsam wird sie einen Platz über denselben einnehmen und sich, sobald es thunlich ist, wieder unter sie setzen, denn sie weiß, daß die Rechte des Alters vor denen ihres Geschlechts den Vortritt behaupten, daß das Alter die Weisheit, welche vor Allem Ehre verdient, für sich geltend machen kann. Bei jungen Leuten ihres Alters ist es freilich etwas Anderes; ihnen gegenüber muß sie einen andern Ton anschlagen, um ihnen Achtung abzugewinnen, und sie weiß ihn zu treffen, ohne das bescheidene Wesen aufzugeben, welches ihr im Verkehre mit denselben ziemt. Benehmen auch sie sich bescheiden und zurückhaltend, so wird sie ihnen gegenüber gern die liebenswürdige Vertraulichkeit der Jugend bewahren. Ihre unschuldsvollen Unterhaltungen werden sich bei allem Muthwillen stets in den Schranken des Anstands halten. Wenn sie einen ernsten Charakter annehmen, so verlangt sie, daß sie auch nützlich seien. Arten sie jedoch in fades Geschwätz aus, so wird sie dieselben bald abbrechen; denn sie verachtet namentlich die seichten Redensarten der Galanterie, die sie als tiefe Beleidigungen ihres Geschlechts betrachtet. Sie ist sich dessen sehr wohl bewußt, daß sich der Mann, den sie sucht, solcher Redensarten nicht bedient, und nie wird sie leicht von einem Anderen dulden, was mit dem Charakter desjenigen, dessen Bild sich ihrem Herzen tief eingeprägt hat, nicht in Einklang steht. Die hohe Meinung, die sie von den Rechten ihres Geschlechts hat, die Seelenhoheit, welche ihr die Reinheit ihrer Gesinnungen verleiht, die Thatkraft der Tugend, welche sich in ihr regt und sie mit der Gewißheit erfüllt, daß sie Achtung verdient, bewirken, daß sie nur mit Unwillen die süßlichen Reden anhört, mit denen man sie zu unterhalten bemüht ist. Sie nimmt sie nicht etwa mit anscheinendem Zorne auf, sondern mit jenem ironischen Beifall, der die Redner verwirrt, oder mit einem kalten Tone, auf den man am allerwenigsten gefaßt ist. Sollte ein schöner Phöbus seine Artigkeiten an ihr verschwenden, sollte er geistreicher Weise ihren Geist, ihre Schönheit, ihre Anmuth, das unschätzbare Glück, ihr zu gefallen, herausstreichen, so ist sie ganz das Mädchen dazu, ihn zu unterbrechen und höflich zu ihm zu sagen: »Mein Herr, das sind Dinge, die mir besser bekannt sind als Ihnen. Wenn wir einander nichts Merkwürdigeres mitzutheilen haben, so glaube ich, daß wir hiermit unsere Unterhaltung schließen können.« Diese Worte mit einer tiefen Verneigung begleiten und sich sofort zwanzig Schritte entfernt befinden, ist für sie nur das Werk eines Augenblicks. Fraget nur eure galanten Herren, ob es eine so leichte Sache ist, längere Zeit mit seinem Geschwätze vor einem solchen Widerspruchsgeiste zu prunken. Das heißt aber noch gar nicht, daß sie sich etwa aus fremdem Lobe nichts mache, wenn dasselbe nur aufrichtig gemeint ist, und sie annehmen kann, daß man wirklich so gut von ihr denkt, als man ihr sagt. Wer es durchblicken lassen will, daß ihre Vorzüge Eindruck auf ihn gemacht haben, muß erst selbst Vorzüge aufweisen können. Eine auf Achtung gegründete Huldigung vermag ihrem stolzen Herzen zu schmeicheln, aber jede nur artige Spöttelei wirkt abstoßend auf sie. Sophie ist nicht dazu geschaffen, sich zum Uebungsstoff für die kleinen Talente eines Tropfes herzugeben. Bei einer so großen Reife des Urtheils und bei einer Entwickelung, wie man sie in jeder Hinsicht nur bei einem zwanzigjährigen Mädchen erwarten kann, wird sie schon in einem Alter von fünfzehn Jahren von ihren Eltern nicht mehr als Kind behandelt werden. Kaum bemerken sie aus den ersten Zeichen, daß sich bei ihr jene Unruhe der Jugend eingestellt hat, so werden sie sich beeilen, dieselbe, ehe sie noch weiter um sich zu greifen im Stande ist, aufzuheben. Sie werden liebevolle und verständige Gespräche mit ihr anknüpfen. Solche liebevolle und verständige Gespräche sind gerade für ihr Alter und ihren Charakter recht geeignet. Ist ihr Charakter so, wie ich ihn mir eben vorstelle, weshalb sollte dann nicht ihr Vater ungefähr folgendermaßen zu ihr sagen dürfen: »Sophie, du bist jetzt ein erwachsenes Mädchen; man wird es aber nicht, um immer ein Mädchen zu bleiben. Wir wünschen, daß du glücklich wirst, wünschen es um unsertwillen, da unser Glück auf dem deinigen beruht. Das Glück eines rechtschaffenen Mädchens besteht darin, das Glück eines rechtschaffenen Mannes zu begründen. Wir müssen deshalb daran denken, dich zu vermählen; wir müssen frühzeitig daran denken, denn von der Ehe hängt das Lebensschicksal ab, und man hat nie zu viel Zeit, daran zu denken.« »Nichts ist schwieriger als die Wahl eines guten Gatten, wenn es nicht etwa die einer guten Gattin ist. Du, Sophie, wirst ein solches seltenes Weib sein, du wirst den Ruhm unseres Lebens und das Glück unserer alten Tage ausmachen. Aber mit welchen Vorzügen du auch ausgestattet sein magst, so wird es auf Erden trotzdem nicht an Männern fehlen, die noch mehr Vorzüge als du besitzen. Es gibt keinen, der sich durch deinen Besitz nicht geehrt fühlen würde, es gibt aber viele, deren Hand dir noch zu größerer Ehre gereichen würde. Nun kommt es darauf an, aus dieser Zahl einen herauszufinden, der dir gefällt, ihn kennen zu lernen und dich wiederum mit ihm bekannt zu machen.« »Das höchste eheliche Glück hängt von so vielen Rücksichten und Verhältnissen ab, daß es eine Thorheit wäre, sie alle vereint sehen zu wollen. Es ist nun zunächst nöthig, sich der wichtigsten zu vergewissern; finden sich dann noch die anderen dazu, so zieht man den größtmöglichen Nutzen aus ihnen, sind sie jedoch nicht vorhanden, nun, so setzt man sich darüber hinweg. Auf Erden gibt es einmal kein vollkommenes Glück. Allein das größte Unglück und zugleich dasjenige, dem man immer aus dem Wege gehen kann, ist, sich durch eigene Schuld unglücklich machen.« »Es gibt Verhältnisse, die von der Natur bestimmt sind, dann solche, die auf menschlichen Einrichtungen beruhen, und endlich solche, die sich allein auf die allgemeine Meinung zurückführen lassen. Ueber die beiden letzteren Gattungen steht den Eltern, über die erste den Kindern die Entscheidung zu. Bei den Ehen, die nach dem Willen der Väter geschlossen werden, richtet man sein Augenmerk nur auf die von den menschlichen Einrichtungen und Meinungen ausgehenden Verhältnisse. Den Hauptgegenstand bei der Ehe bildet dann nicht die Person, sondern die Verhältnisse und das Vermögen derselben. Doch in beiden kann eine Veränderung eintreten; nur die Personen bleiben immer; überall tragen sie sich mit hin. Dem Vermögen zum Trotz beruht das Glück oder Unglück einer Ehe nur auf den persönlichen Eigenschaften.« »Deine Mutter war von vornehmem Stande, ich war reich. Dies waren die einzigen Rücksichten, von welchen sich unsere Eltern bei unserer Vereinigung leiten ließen. Ich habe mein Vermögen verloren, sie hat ihren Namen aufgeben müssen. Was hilft es ihr heute, wo sie von ihrer Familie vergessen ist, als Edelfräulein geboren zu sein? Die Vereinigung unserer Herzen hat uns jedoch in unserem Unglück über Alles getröstet. Die Übereinstimmung unserer Neigungen hat uns diese Abgeschiedenheit wählen lassen. Hier leben wir in unserer Armuth glücklich; wir finden in einander für Alles Ersatz. Du, Sophie, bist unser gemeinsamer Schatz; wir preisen den Himmel, daß er uns in dir einen Schatz gegeben und uns alles Uebrige genommen hat. Sieh, mein Kind, wohin die Vorsehung uns geleitet: die Verhältnisse, welche die Veranlassung zum Abschluß unserer Ehe gaben, sind verschwunden; unser Glück ist nur durch die begründet worden, welche man gar nicht in Anschlag brachte.« »Es ist die Aufgabe derer, welche in den Ehestand treten wollen, sich einen passenden Lebensgefährten zu wählen. Gegenseitige Neigung muß das erste Band sein, welches sie verknüpft. Ihrer Augen, ihrer Herzen müssen sie sich als ihrer ersten Führer bedienen; denn da, sobald sie sich vereinigt haben, ihre höchste Pflicht darin besteht, einander zu lieben, und da es nicht von unserer Willkür abhängt, uns zu lieben oder nicht zu lieben, so zieht diese Pflicht nothwendig die andere nach sich, daß man sich schon vor der Vereinigung liebt. Das ist ein unumstößliches Naturrecht. Diejenigen, welche es durch so viele bürgerliche Gesetze eingeschränkt haben, richteten ihr Augenmerk mehr auf eine scheinbare Ordnung als auf das Eheglück und die Sittlichkeit der Bürger. Du siehst, Sophie, daß wir dir keine schwer zu erfüllende Moral predigen. Sie zielt nur darauf ab, dich zur Herrin deiner selbst zu machen, und es uns zu ermöglichen, die Wahl deines Gatten allein in deine Hand zu legen.« »Nachdem ich dir nun unsere Gründe auseinandergesetzt habe, weshalb wir dir volle Freiheit lassen wollen, ist es auch in der Ordnung, daß ich dich auf diejenigen aufmerksam mache, von denen du dich leiten lassen mußt, um von dieser Freiheit einen weisen Gebrauch zu machen. Du bist, liebe Tochter, gut und vernünftig, zeichnest dich durch Redlichkeit und Frömmigkeit aus, besitzest die Talente, welche sittsamen Frauen geziemen, und es fehlt dir nicht an Anmuth. Allein du bist arm. Obwol du die schätzenswerthesten Güter dein eigen nennen kannst, gehen dir doch gerade diejenigen ab, welche man am höchsten schätzt. Strebe deshalb nur nach dem Erreichbaren und richte die Ziele deines Ehrgeizes nicht etwa nach deinen oder unseren Urtheilen, sondern nach der Meinung der Menschen. Wenn es sich hierbei nur um eine Gleichheit der Vorzüge handelte, so wüßte ich nicht, wozu ich deinen Hoffnungen Schranken setzen sollte. Erhebe sie indeß nicht über deine Vermögensverhältnisse und vergiß nicht, daß dich diese auf die unterste Stufe verweisen. Sollte ein Mann, der deiner würdig ist, diese Ungleichheit nicht als ein Hinderniß betrachten, so mußt du alsdann thun, was er nicht thun wird. Dann mußt du, Sophie, dem Beispiele deiner Mutter folgen und nur in eine Familie hineinheirathen, welche sich dadurch geehrt fühlt. Du bist niemals Zeuge unseres Reichthums gewesen, da du erst während unserer Armuth geboren bist. Du versüßest sie uns und theilst sie ohne Kummer. Schenke meinen Worten Glauben, Sophie, hasche nicht nach Gütern, für deren Verlust wir den Himmel, der sie uns genommen hat, aufrichtig preisen; erst nachdem wir unsern Reichthum verloren hatten, ist das Glück bei uns eingekehrt.« »Du bist zu liebenswürdig, um Niemandem zu gefallen, und deine Dürftigkeit ist nicht derart, daß sie einem Ehrenmanne Hindernisse in den Weg legen könnte. Du wirst gesucht werden und vielleicht von Leuten, die deiner nicht werth sind. Würden sie sich dir so zeigen, wie sie in Wirklichkeit sind, so würdest du sie nach ihrem Werthe schätzen; all ihr äußerer Prunk würde dich nicht lange täuschen. Obgleich du indeß ein richtiges Urtheil hast und dich auf wahres Verdienst verstehst, so fehlt es dir doch an Erfahrung und du weißt nicht, in wie hohem Grade sich die Menschen zu verstellen vermögen. Ein gewandter Schurke kann, um dich zu bezaubern, deine Neigungen studiren und in deiner Gegenwart Tugenden heucheln, die er durchaus nicht besitzt. Ehe du dich dessen versähest, würde er dich verderben, Sophie, und du würdest deinen Irrthum nur erkennen, um ihn zu beweinen. Der gefährlichste aller Fallstricke und der einzige, dem die Vernunft nicht zu entgehen vermag, ist der der Sinnlichkeit. Solltest du je das Unglück haben, eine Beute derselben zu werden, so würdest du dich nur von Illusionen und Täuschungen umringt sehen, dein Auge würde geblendet, dein Urtheil getrübt, dein Wille irre geleitet werden, ja sogar dein Irrthum würde dir theuer sein, und wenn du endlich im Stande wärest, ihn einzusehen, würdest du nicht mehr umkehren wollen. Meine Tochter, ich überlasse dich deiner Vernunft, aber nicht dem Triebe deines Herzens. So lange dein Blut noch nicht in Wallung gerathen ist, bleibe dein eigener Richter; sobald sich aber die Liebe in dir regt, laß deine Mutter die Sorge für dich übernehmen.« »Ich schlage dir eine Übereinkunft vor, die dir unsere Achtung beweisen und die natürliche Ordnung unter uns wieder herstellen soll. Es ist bei uns üblich, daß die Eltern den Gatten für ihre Tochter wählen und Letztere nur zum Scheine fragen. Wir wollen unter uns das umgekehrte Verfahren beobachten; du sollst wählen und uns nachher fragen. Benutze also dein Recht, Sophie, benutze es ungehindert und verständig. Der Gatte, der dir gefallen soll, muß von dir und nicht von uns gewählt werden. Uns kommt jedoch das Urtheil zu, ob du dich nicht über die Verhältnisse täuschest, und ob du nicht unwissentlich etwas Anderes thust, als du beabsichtigst. Geburt, Vermögen, Rang, öffentliche Meinung sollen auf unser Urtheil keinen Einfluß ausüben. Nimm dir einen rechtschaffenen Mann, dessen Persönlichkeit dir gefällt und dessen Charakter mit dem deinigen übereinstimmt; wer er im Uebrigen auch sein mag, wir werden ihn als unseren Schwiegersohn anerkennen. Hat er gesunde Arme, reine Sitten und Liebe zu seiner Familie, so wird sein Vermögen stets ausreichend sein. Adelt er seinen Stand durch Tugend, so wird es demselben in unseren Augen nicht an Glanz fehlen. Und wenn die ganze Welt uns tadeln sollte, was kann uns daran gelegen sein? Wir jagen nicht nach dem öffentlichen Beifall, uns genügt dein Glück.« Leser, ich weiß nicht, welche Wirkung eine solche Ansprache auf die nach eurer Weise erzogenen Mädchen ausüben würde. Was Sophie anlangt, so wird sie in Worten keine Erwiderung darauf finden können; Scham und Rührung würden es ihr nicht so leicht gestatten, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Allein ich bin vollkommen überzeugt, daß diese Worte ihr ganzes Leben lang in ihrem Herzen haften werden, und daß, wenn man sich auf einen menschlichen Vorsatz verlassen kann, es ihr Entschluß ist, sich der Achtung ihrer Eltern würdig zu machen. Selbst den schlimmsten Fall angenommen, daß sie ein feuriges Temperament besitzt, welches ihr ein langes Harren peinlich macht, so behaupte ich trotzdem, daß ihr Urtheil, ihre Kenntnisse, ihr Geschmack, ihr Zartgefühl und namentlich die Gefühle, mit denen ihr Herz seit ihrer Kindheit genährt ist, ein Gegengewicht gegen das Ungestüm ihrer Sinnlichkeit bilden werden, welches ausreichende Kraft besitzt, sie zu besiegen oder ihr doch wenigstens lange Zeit zu widerstehen. Sie würde lieber als Märtyrerin ihres Zustandes sterben, als ihre Eltern durch ihre Vermählung mit einem Manne ohne Verdienst zu betrüben und sich dem Unglücke einer unpassenden Ehe auszusetzen. Sogar die ihr eingeräumte Freiheit verleiht ihr einen höheren Seelenadel und macht sie bei der Bestimmung ihres künftigen Gebieters wählerischer. Neben dem Feuer einer Italienerin und der Empfindsamkeit einer Engländerin besitzt sie, um Herz und Sinne zu bezähmen, den Stolz einer Spanierin, die selbst bei der Umschau nach einem Geliebten nicht leicht den findet, welchen sie ihrer für würdig hält. Freilich vermag nicht Jeder zu fühlen, welche Spannkraft die Liebe zum Sittsamen der Seele zu geben im Stande ist, und welche Stärke man in sich finden kann, wenn man aufrichtig tugendhaft sein will. Es gibt Leute, welchen alles Große wie ein Traumbild vorkommt, und welche mit ihrem niedern und gemeinen Verstande nie einsehen können, was selbst eine bis zur Überspanntheit getriebene Tugend noch über die menschlichen Leidenschaften vermag. Solchen Leuten gegenüber darf man nur in Beispielen reden. Desto schlimmer für sie, wenn sie eigensinnigerweise auch diese in Abrede stellen wollen. Wenn ich ihnen sagte, daß Sophie keineswegs ein Wesen meiner Einbildung ist, daß nur ihr Name auf meiner Erfindung beruht, daß dagegen ihre Erziehung, ihre Sitten, ihr Charakter, ja selbst ihre Gestalt in vollem Ernste existirt haben, und daß ihr Gedächtniß noch heutigen Tages einer rechtschaffenen Familie Thränen kostet, so würden sie mir ohne Zweifel keinen Glauben schenken. Welche Gefahr kann ich aber schließlich dabei laufen, wenn ich offen und ehrlich die Geschichte eines Mädchens zu Ende erzähle, welches Sophien so ähnlich sah, daß seine Geschichte eben so gut die Sophiens sein könnte, ohne daß uns dies Wunder nehmen dürfte? Möge man sie für wahr halten oder nicht, das thut wenig zur Sache. Ich werde dann, wenn man einmal so will, Erdichtungen berichtet, aber dabei zugleich meine Methode erklärt haben und gerade auf mein Ziel losgegangen sein. Das junge Mädchen besaß außer dem Temperamente, welches ich Sophien so eben beilegte, auch im Uebrigen alle die nämlichen Eigenschaften, welche es dieses Namens würdig erscheinen lassen konnten, weshalb ich ihm denselben auch geben werde. Nach der berichteten Unterredung schickten die Eltern in der richtigen Erwägung, daß sich in dem Dörfchen, in welchem sie ihren Wohnsitz aufgeschlagen hatten, keine passende Partie darbieten würde, Sophie nach der Stadt, um einen Winter bei einer Tante zuzubringen, welche man heimlich über den Zweck dieser Reise in Kenntniß setzte, denn die hochherzige Sophie trug im Grunde ihres Herzens den edlen Stolz, sich selbst zu bezwingen, und wie sehr sie sich auch nach einem Gatten sehnte, so würde sie doch lieber als Jungfrau gestorben sein, als daß sie sich entschlossen hätte, sich selbst nach einem umzusehen. Um den Absichten ihrer Eltern zu entsprechen, stellte ihre Tante sie in bekannten Familien vor, führte sie in die Gesellschaft ein, nahm mit ihr an Festlichkeiten Theil, zeigte ihr die Welt oder zeigte vielmehr sie der Welt, denn Sophie kümmerte sich um all dieses geräuschvolle Treiben äußerst wenig. Jedoch konnte man wahrnehmen, daß sie junge Männer von gefälligem Aeußern, deren Benehmen zugleich Anstand und Sittsamkeit verrieth, nicht floh. Gerade in ihrem zurückhaltenden Wesen lag eine gewisse Kunst, dieselben an sich zu ziehen, die fast einen Anstrich von Coquetterie hatte. Nachdem sie sich jedoch zwei- oder dreimal mit ihnen unterhalten, bewies sie ihnen gegenüber eine Art Abneigung. Bald vertauschte sie dieses anspruchsvolle Wesen, welches die Huldigungen gleichsam herauszufordern scheint, mit einem demüthigeren Benehmen und mit einer mehr zurückweisenden Höflichkeit. Fortwährend auf sich selbst aufmerksam, gab sie ihnen keine Gelegenheit mehr, ihr auch nur den geringsten Dienst zu erweisen. Darin lag deutlich genug für sie ausgedrückt, daß sie nicht Lust hätte, ihre Geliebte zu sein. Nie haben gefühlvolle Herzen an lärmenden Vergnügungen Gefallen gefunden, an diesem eitlen und unfruchtbaren Glücke solcher Menschen, denen es an Gefühl fehlt und welche sich einbilden, sein Leben betäuben heiße es genießen. Als Sophie nicht fand, was sie suchte, und daran verzweifelte, es auf diesem Wege zu finden, langweilte sie sich in der Stadt. Sie liebte ihre Eltern zärtlich, und da sie nichts für die Trennung von ihnen zu entschädigen vermochte, da nichts im Stande war, ihr Bild aus ihrer Erinnerung auszulöschen, so kehrte sie lange vor dem zu ihrer Rückkehr bestimmten Zeitpunkte zu ihnen zurück. Kaum hatte sie ihre Obliegenheiten im väterlichen Hause wieder aufgenommen, als man bemerkte, daß sich, obwol sie noch immer dasselbe Benehmen beobachtete, ihre Laune geändert hatte. Bald zeigte sie sich zerstreut und ungeduldig, bald war sie traurig und träumerisch, ja, sie verbarg sich auch wol, um zu weinen. Man gab sich Anfangs dem Glauben hin, sie liebe und schäme sich dessen. Als man jedoch mit ihr darüber sprach, stellte sie es vollständig in Abrede. Sie betheuerte, Niemanden gesehen zu haben, der im Stande gewesen wäre, Eindruck auf ihr Herz zu machen, und Sophie war keiner Lüge fähig. Inzwischen nahm ihre Mattigkeit unaufhörlich zu, so daß ihre Gesundheit darunter zu leiden begann. Ihre Mutter, über diese Veränderung beunruhigt, entschloß sich endlich, nach der Ursache zu forschen. Sie sprach mit ihr unter vier Augen und schlug ihr gegenüber jenen gewinnenden Ton an, behandelte sie mit jener unwiderstehlichen Zärtlichkeit, welche nur Mutterliebe einzugeben vermag. »Liebe Tochter, du, die du unter meinem Herzen geruht hast und mir unablässig am Herzen liegst, schütte das Geheimniß des deinigen in den Busen deiner Mutter aus. Was wären das für Geheimnisse, die eine Mutter nicht wissen dürfte? Wer wird deinen Kummer beweinen, wer wird ihn mit dir theilen, wer wird ihn dir tragen helfen, wenn nicht Vater und Mutter? Ach, mein Kind, willst du, daß mich dein Kummer in die Grube bringt, ohne daß ich ihn erfahre?« Weit davon entfernt, ihrer Mutter ihren Kummer verhehlen zu wollen, kannte sie vielmehr keinen höheren Wunsch, als in ihr eine Trösterin und Vertraute zu finden. Indeß hielt die Scham sie vom Reden ab, und ihr Zartgefühl fand keine Worte, um einen ihrer so wenig würdigen Zustand, wie die Aufregung, welche ihre Sinne ihr zum Trotz beunruhigte, zu beschreiben. Kurz, ihre Scham selbst diente der Mutter als Anzeichen, und so gelang es derselben denn, ihr jenes demüthigende Geständniß zu entreißen. Statt sie durch ungerechte Vorwürfe zu tränken, tröstete sie Sophie, beklagte sie und weinte mit ihr. Sie war zu verständig, ihr ein Uebel, welches doch nur in Folge ihrer Tugend so schmerzlich auftrat, als Verbrechen anzurechnen. Weshalb aber unnöthigerweise ein Uebel tragen, für welches es ein so leichtes und erlaubtes Heilmittel gibt? Weshalb machte sie keinen Gebrauch von der Freiheit, welche man ihr eingeräumt hatte? Weshalb nahm sie keinen Bewerber als Gatten an? Weshalb wählte sie keinen? War es ihr denn nicht bekannt, daß ihr Schicksal nur von ihr allein abhing, und daß ihre Wahl, wie sie auch immer ausfallen mochte, genehmigt worden wäre, da sie nur eine passende treffen konnte? In der Stadt, nach welcher man sie geschickt, hatte sie nicht bleiben wollen. Mehrere Partien hatten sich ihr dargeboten, aber sie hatte sie alle ausgeschlagen. Worauf wartete sie also? Was wollte sie eigentlich? Welch unlösbarer Widerspruch! Die Antwort war einfach. Hatte es sich nur um einen Nothhelfer für die Jugend gehandelt, so wäre die Wahl bald getroffen worden; aber es ist gar nicht so leicht, sich einen Herrn für das ganze Leben zu wählen, und da sich diese beiden Wahlen nun einmal nicht von einander trennen lassen, so muß man wol warten und oft seine Jugend verlieren, ehe man den Mann findet, an dessen Seite man seine Lebenstage zubringen will. In dieser Lage befand sich Sophie. Sie bedurfte eines Geliebten, aber dieser Geliebte sollte gleichzeitig ihr Gatte sein, und in Hinblick aus das Herz, welches das ihrige allein zu befriedigen vermochte, war der Eine fast eben so schwer zu finden als der Andere. Alle jene so blühenden Jünglinge hatten nur das für sie passende Alter, alle übrige Eigenschaften aber, welche sie hätten als eine passende Partie erscheinen lassen können, fehlten ihnen. Ihr oberflächlicher Geist, ihre Eitelkeit, ihre Ausdrucksweise, ihre lockeren Sitten, ihre leichtfertigen Nachäffereien flößten ihr Widerwillen gegen dieselben ein. Sie suchte einen Mann und fand nur Affen; sie suchte ein Herz und fand keins. »Wie unglücklich bin ich!« sagte sie zu ihrer Mutter; »es ist für mich ein Bedürfniß, zu lieben, und ich sehe nichts, was mir gefällt. Mein Herz stößt mich von Allen zurück, zu welchen mich meine Sinne hinziehen. Ich sehe nicht Einen, der nicht mein sinnliches Verlangen erregt, und nicht Einen, der es nicht bald wieder unterdrückt. Eine Neigung, die sich nicht auf Achtung gründet, kann keinen Bestand haben. Ach, unter ihnen befindet sich nicht der Mann, den deine Sophie braucht! Sein reizendes Bild schwebt mir schon lange vor der Seele. Nur ihn kann ich lieben, nur ihn kann ich glücklich machen, nur mit ihm allein kann ich glücklich werden. Lieber will ich mich im unaufhörlichen Kampfe verzehren, lieber will ich unglücklich und unvermählt sterben, als voller Verzweiflung an der Seite eines Mannes, welchen ich nicht zu lieben vermöchte und nur unglücklich machen würde. Besser ist es, nicht mehr zu leben, als nur zu leben, um zu leiden.« Ueber diese eigentümlichen Anschauungen betroffen, fand sie ihre Mutter zu sonderbar, um nicht dahinter ein Geheimniß zu vermuthen. Sophie war weder geziert noch lächerlich. Wie ließ sich nun dieses überspannte Zartgefühl bei ihr erklären, bei ihr, die man von Kindheit an zu nichts so sehr angehalten hatte als dazu, sich in die Leute zu schicken, mit welchen sie zu leben hatte, und aus der Noth eine Tugend zu machen? Dies Musterbild eines liebenswürdigen Mannes, von welchem sie so bezaubert war, und welches in allen ihren Unterhaltungen immer wieder auftauchte, brachte ihre Mutter auf die Vermuthung, daß diese Laune irgend einen anderen ihr unbekannten Grund haben mußte, und daß Sophiens Bekenntniß nicht vollständig gewesen war. Die Aermste, ihrem geheimen Kummer fast unterliegend, trachtete nur danach, ihr Herz auszuschütten. Als die Mutter in sie dringt, zaudert sie zwar Anfangs, aber endlich ergibt sie sich, geht, ohne ein Wort zu sagen, hinaus und kehrt einen Augenblick später mit einem Buche in der Hand zurück. »Beklage deine unglückliche Tochter; ihr Schmerz ist unheilbar, ihre Thränen können nicht versiegen. Du verlangst die Ursache zu erfahren. Nun wohl, da ist sie!« Mit diesen Worten wirft sie ein Buch auf den Tisch. Die Mutter nimmt es und schlägt es auf: es waren Telemachs Abenteuer. Anfangs vermochte sie dieses Räthsel nicht zu lösen. Aus einigen Fragen und sehr dunkel gehaltenen Antworten merkt sie endlich zu ihrem leicht begreiflichen Erstaunen, daß ihre Tochter die Nebenbuhlerin der Eucharis ist. Sophie liebte Telemach und liebte ihn noch dazu mit unheilbarer Leidenschaft. Als ihr Vater und ihre Mutter ihre wunderliche Neigung erfuhren, lachten sie darüber und glaubten sie wieder zur Vernunft bringen zu können. Sie irrten sich jedoch. Das Recht stand nicht ganz auf ihrer Seite; Sophie hatte ebenfalls Recht und verstand das ihrige zur Geltung zu bringen. Wie oft vermochten ihr die Eltern nichts zu erwidern, wenn sie sich auf deren eigene Gründe berief und ihnen bewies, daß sie selber die Schuld an all diesem Unheil trügen, weil sie sie nicht für einen Mann ihres Jahrhunderts erzogen hätten; wenn sie ihnen den Nachweis führte, daß sie nothwendig die Denkweise ihres Gatten annehmen oder ihn zu der ihrigen würde bekehren müssen, daß ihr die Eltern Ersteres durch die Art ihrer Erziehung unmöglich gemacht hätten, Letzteres aber genau das wäre, wonach sie strebte. »Gebt mir,« sagte sie, »einen Mann, welcher von meinen Grundsätzen durchdrungen ist, oder den ich für dieselben erwärmen kann, und ich werde ihn heirathen. Weshalb wollt ihr mir aber bis dahin böse sein? Bedauert mich. Obgleich ich unglücklich bin, so bin ich deswegen doch noch keine Närrin. Hängt das Herz vom Willen ab? Hast du, lieber Vater, dies nicht selbst geläugnet? Ist es meine Schuld, wenn ich etwas liebe, was nicht vorhanden ist? Ich bin keine Phantastin; ich will keinen Fürsten, suche keinen Telemach. Ich weiß, daß er nur ein Gebild der Dichtung ist. Allein ich suche Jemand, der ihm gleicht. Und weshalb sollte es einen solchen Mann nicht geben, da ich doch im Dasein bin, ich, die ich es deutlich fühle, daß mein Herz dem seinigen so ähnlich ist? Nein, laßt uns die Menschheit nicht in so hohem Grade entehren, laßt uns nicht dem Wahne huldigen, daß ein liebenswürdiger und tugendhafter Mann nur der Traumwelt angehöre! Er existirt, er lebt, er sucht mich vielleicht, sucht eine Seele, die er lieben kann. Aber wer ist er? Wo ist er? Ich weiß es nicht. In dem Kreise derer, welche ich gesehen habe, ist er nicht zu finden; ohne Zweifel wird er auch unter denen nicht sein, die mir noch vor Augen kommen werden. O, meine Mutter, weshalb hast du mich mit solcher Liebe zur Tugend erfüllt? Wenn ich nur sie zu lieben vermag, dann ist mein Unrecht geringer als das eurige.« Soll ich etwa diese traurige Erzählung bis zur Katastrophe fortführen? Soll ich die langen Zwistigkeiten mittheilen, welche ihr vorausgingen? Soll ich schildern, wie die Mutter die Geduld verliert und sich ihre frühere freundliche Begegnung der Tochter in Strenge verkehrt? Soll ich beschreiben, wie der Vater allmählich in Zorn geräth, seine früheren Versprechen vergißt und die tugendhafteste aller Töchter wie eine Ueberspannte behandelt? Soll ich euch endlich eine Schilderung der Unglücklichen selbst entwerfen, die sich um der Verfolgung willen, welcher sie sich ihres Traumbildes wegen ausgesetzt sieht, nur um so inniger der Liebe zu demselben überläßt, während sie langsamen Schrittes dem Tode entgegengeht und in dem Augenblicke in das Grab sinkt, in welchem man sie vor den Altar zu schleppen beabsichtigt? Nein, ich will dieses traurige Bild nicht weiter ausmalen. Ich brauche nicht so weit zu gehen, um an einem, meinem Dafürhalten nach, hinreichend schlagenden Beispiele nachzuweisen, daß trotz der Vorurtheile, welche ein Ausfluß der Sitten unseres Jahrhunderts sind, die Frauen von der Begeisterung für das Sittliche und Schöne nicht weniger ergriffen werden als die Männer, und daß es nichts gibt, was man unter der Leitung der Natur von ihnen nicht eben so gut erlangen könne als von uns Männern. Man wird mich hier vielleicht unterbrechen, um mir die Frage vorzulegen, ob es denn die Natur ist, welche uns befiehlt, so viele Mühe anzuwenden, um ein übermäßiges sinnliches Verlangen zu unterdrücken. Ich sage hieraus: Nein, behaupte aber zugleich, daß es eben so wenig die Natur ist, welche uns ein so übermäßiges Verlangen einpflanzt. Alles, was nicht in ihr wurzelt, läuft ihr zuwider; ich habe dies tausendmal erfahren. Laßt uns nun zu unseres Emils Sophie zurückkehren. Beschäftigen wir uns von Neuem mit diesem liebenswürdigen Mädchen, um zu sehen, daß sie eine weniger lebhafte Einbildungskraft besitzt, und daß ein glücklicheres Loos ihrer wartet. Ich beabsichtigte eine gewöhnliche Frau zu schildern, aber indem ich ihrer Seele einen größeren Adel verlieh, habe ich ihre Vernunft verwirrt. Ich selbst habe einen Irrthum begangen. Laßt uns wieder einlenken. Sophie hat nur ein gutes Gemüth in einer gewöhnlichen Seele. Alles, was sie vor anderen Frauen voraus hat, ist das Ergebniß ihrer Erziehung. Ich habe mir die Aufgabe gestellt, in diesem Buche Alles zu sagen, was überhaupt ausführbar ist, indem ich es dem freien Ermessen eines Jeden überlasse, unter dem dargebotenen Guten sich das herauszuwählen, was sich für ihn am meisten eignet. Schon von Anfang an hatte ich mein Augenmerk darauf gerichtet, frühzeitig Emils Gefährtin heranzubilden und sie für einander und mit einander zu erziehen. Allein nach reiflicherer Ueberlegung bin ich zu der Einsicht gelangt, daß alle dergleichen allzu frühzeitigen Maßregeln unzweckmäßig sind, und daß es thöricht ist, zwei Kinder zur Vereinigung mit einander zu bestimmen, bevor sich erkennen läßt, ob diese Vereinigung mit der Ordnung der Natur in Einklang steht, und ob ihre gegenseitigen Verhältnisse der Schließung eines solchen Bundes günstig sind. Man darf nicht verwechseln, was im wilden Zustande natürlich ist, und was im Zustande unserer bürgerlichen Gesellschaft. Im ersteren Zustande paßt jede Frau für jeden Mann, weil sich beide Theile noch das ursprüngliche gemeinsame Wesen erhalten haben. Im zweiten jedoch, wo die Entwickelung jedes Charakters unter der Einwirkung der socialen Einrichtungen vor sich geht, und jeder Geist nicht nur in Folge der Erziehung, sondern auch vermittelst eines gut oder schlecht geleiteten Zusammentreffens der natürlichen Begabung mit der Erziehung seine eigenthümliche und bestimmte Form erhalten hat, kann man erst dann daran denken, sie zu vereinigen, wenn man sie mit einander bekannt gemacht hat, um sich zu überzeugen, ob sie auch in jeder Hinsicht für einander passen, ober um wenigstens diejenige Wahl treffen zu können, welche in den meisten Punkten passend erscheint. Ein Uebelstand ist es nun, daß der gesellschaftliche Zustand bei der Entwickelung der Charaktere auf die Rangunterschiede Rücksicht nimmt, und daß man, da jene beiden Zustände einander so unähnlich sind, auf die Charaktere um so verderblicher einwirkt, je größere Unterschiede man in die Verhältnisse hineinträgt. Davon schreiben sich die unpassenden Ehen und die daraus hervorgehende Sittenlosigkeit her. Hieraus kann man die klare Folgerung ziehen, daß sich die natürlichen Gefühle um so mehr abstumpfen, je mehr man sich von der Gleichheit entfernt. Je mehr sich die Kluft zwischen Hohen und Niedrigen erweitert, desto mehr lockert sich das eheliche Band. Je mehr Reiche und Arme es gibt, desto weniger Väter und Gatten gibt es. Weder Herr noch Sklave haben eine Familie mehr, Jeder von Beiden hat nur seinen eigenen Stand im Auge. Wollt ihr diesem Uebelstande abhelfen und dazu beitragen, daß die Ehen glücklich werden, so erstickt die Vorurtheile, vergeßt die menschlichen Einrichtungen und fragt die Natur um Rath. Vereinigt nicht Leute, die nur in Bezug auf Rang und Stellung zu einander passen, die aber in keiner Hinsicht mehr zu einander passen, sobald ihre gesellschaftliche Stellung eine Aenderung erleidet. Verbindet vielmehr solche Personen mit einander, die sich in jeglicher Lebenslage, in jedem Lande, in welchem sie ihren Wohnsitz aufschlagen mögen, in jeder gesellschaftlichen Stellung, in die sie eintreten mögen, in gegenseitiger Liebe zu einander hingezogen fühlen. Ich behaupte keineswegs, daß die conventionellen Verhältnisse für die Ehe gleichgiltig sind, aber so viel behaupte ich, daß der Einfluß der natürlichen Verhältnisse sie in so hohem Grade überwiegt, daß er allein über das Geschick des Lebens entscheidet, und daß es eine Übereinstimmung der Neigungen, Temperamente, Gefühle und Charaktere gibt, welche einen verständigen Vater, und möge er Prinz oder Monarch sein, bestimmen müßte, seinem Sohne ohne Schwanken das Mädchen zu geben, mit welchem er in allen diesen Punkten harmonirte, und wenn der Vater desselben auch eine unehrliche Hantierung betriebe, wenn er selbst der Henker wäre. Ja, ich behaupte, daß zwei Gatten, deren Bereinigung nach diesen Gesichtspunkten stattfand, selbst dann, wenn sie allem erdenkbaren Unglück ausgesetzt wären, in ihrer gemeinsamen Trauer ein wahrhafteres Glück genießen würden, als wenn sie sich im Besitze aller Güter der Erde befänden, während ihre Herzen dabei durch Zwietracht vergiftet wären. Statt also für meinen Emil schon von Kindheit an eine Gattin zu bestimmen, habe ich so lange gewartet, bis ich die kennen lernte, welche sich für ihn eignet. Diese Bestimmung geht also nicht von mir, sondern von der Natur aus. Meine Aufgabe besteht nur darin, die Wahl zu finden, die sie getroffen hat. Meine Aufgabe, wiederhole ich noch einmal, nicht die des Vaters; denn als er mir seinen Sohn anvertraute, hat er mich in seine Stelle, in seine Rechte treten lassen. Ich bin im wahren Sinne Emils Vater, da ich ihn erst zum Menschen gemacht habe. Ich würde es abgelehnt haben, seine Erziehung zu übernehmen, wenn man mir nicht das Recht eingeräumt hätte, ihn nach seiner eigenen, d. h. nach meiner Wahl, verheirathen zu können. Nur die Freude, das Glück eines Menschen zu begründen, vermag uns für die Mühe zu entschädigen, die wir haben anwenden müssen, um ihn in den Stand zu setzen, es zu werden. Glaubt aber eben so wenig, daß ich etwa so lange gezögert habe, eine Gemahlin für Emil zu finden, bis ich ihn aufforderte, sie zu suchen. Dies vorgebliche Suchen dient nur als Vorwand, um ihm Gelegenheit zu verschaffen, die Frauen kennen zu lernen, damit er den Werth derjenigen, die sich für ihn eignet, empfinden kann. Sophie ist längst gefunden; vielleicht hat Emil sie bereits gesehen, aber er wird sie erst wiedererkennen, wenn es an der Zeit ist. Obwol die Gleichheit des Standes für die Ehe nicht unumgänglich erforderlich ist, so verleiht sie doch, wenn die übrigen Verhältnisse angemessen sind, diesen einen neuen Werth. Während sie hinter allen übrigen zurückstehen muß, neigt sie doch die Wageschale zu ihrem eigenen Gunsten, sobald alles Uebrige gleich ist. Ein Mann kann, wofern er nicht Monarch ist, sich seine Gattin nicht aus jedem Stande wählen; denn die Vorurtheile, von denen er sich frei zu halten gewußt hat, wird er doch bei den Anderen vorfinden. So wäre es leicht möglich, daß manches Mädchen für ihn passen würde, welches er deshalb doch nicht erhielte. Es gibt also Grundsätze der Klugheit, welche einem vernünftigen Vater bei seiner Wahl die richtigen Schranken bezeichnen müssen. Er darf nicht darauf ausgehen, sein Kind über seinen Stand zu verheirathen, denn das steht nicht in seinem Belieben. Und wenn es ihm möglich wäre, so sollte er es nicht einmal wollen; denn was kümmert sich ein junger Mann, wenigstens der meinige, wol um den Rang? Und wenn er sich trotzdem über seinen Stand erhebt, so sieht er sich tausend wirklichen Uebeln ausgesetzt, welche sich ihm zeitlebens fühlbar machen werden. Ich sage sogar, daß er nicht einmal die Absicht hegen darf, Güter verschiedener Natur, wie Adel und Geld, als Ausgleichungsmittel zu benutzen, weil jedes von beiden den Werth des andern weit weniger erhöht, als es von ihm Einbuße erleidet. Ich behaupte ferner, daß man bei einer gemeinsamen Schätzung nie einig werden wird, und endlich, daß der höhere Werth, den Jeder dem Gute, das er einsetzt, beilegt, Unfrieden zwischen zwei Familien und oft sogar zwischen zwei Eheleuten stiftet. In Bezug auf die ehelichen Verhältnisse macht es einen großen Unterschied aus, ob der Mann über oder unter seinen Stand heirathet. Der erste Fall widerstreitet durchaus der Vernunft, der zweite läßt sich eher mit ihr in Einklang bringen. Da die Familie nur durch ihr Haupt eine Stelle in der Gesellschaft behauptet, so richtet sich die Stellung der ganzen Familie nach der des Familienhauptes. Nimmt der Mann sich ein Weib aus niederem Stande, so steigt er damit nicht herab, sondern hebt seine Gattin zu dem seinigen empor. Wählt er sich dagegen seine Lebensgefährtin aus einem höheren Stande, so zieht er sie herab, ohne sich zu erhöhen. Demnach wird ihm im ersteren Falle ein Vortheil zu Theil, ohne daß er gleichzeitig einen Nachtheil erleidet, während ihm der zweite Fall nur Nachtheil ohne einen denselben wieder aufwiegenden Vortheil bringt. Ferner liegt es in der Ordnung der Natur, daß die Frau dem Manne gehorche. Heirathet er also in einen niedrigeren Stand hinein, so sind die natürliche und bürgerliche Ordnung in voller Übereinstimmung, und Alles geht gut. Dagegen stehen sie im offenen Widerspruche zu einander, wenn er eine Frau aus höherem Stande heimführt und sich dadurch in die Alternative versetzt sieht, entweder sein Recht zu beeinträchtigen oder gegen die Dankbarkeit zu verstoßen, sich undankbar oder verächtlich zu zeigen. Die Frau, welche dann Autorität beansprucht, wirft sich zum Tyrannen ihres Gebieters auf, und der zum Sklaven erniedrigte Herr muß sich für das lächerlichste und elendeste aller Geschöpfe halten. So geht es den unglücklichen Günstlingen, welche die asiatischen Könige mit ihrer Verbindung beehren und peinigen, und die, wie das Gerücht geht, wenn sie bei ihren Frauen schlafen wollen, nur am Fußende das Bett besteigen dürfen. Ich bin darauf gefaßt, daß viele Leser, die sich noch lebhaft erinnern, daß ich dem Weibe ein natürliches Talent, den Mann zu beherrschen, beigemessen habe, mich hier des Widerspruchs beschuldigen werden. Indeß befinden sie sich im Irrthume. Es liegt doch wol ein großer Unterschied zwischen der unbefugten Anmaßung der Herrschaft und der Leitung dessen, der befiehlt. Die Herrschaft der Frau ist eine Herrschaft der Sanftmuth, der Gewandtheit und Gefälligkeit. Ihre Befehle bestehen in ihren Liebkosungen, ihre Drohungen in ihren Thränen. Sie soll im Hause, wie ein Minister im Staate herrschen, indem sie sich das auftragen läßt, was sie zu thun gedenkt. In diesem Sinne kann es als eine ausgemachte Thatsache gelten, daß die besten Haushaltungen diejenigen sind, in welchen die Frau am meisten Autorität besitzt. Allein wenn sie die Stimme ihres Herrn nicht kennen will, wenn sie darauf ausgeht, sich seine Rechte gewaltsam anzueignen, und selbst zu befehlen gedenkt, so ist die Folge dieser Verkehrung der natürlichen Ordnung nur Elend, Aergerniß und Schande. So bleibt denn einem Manne nur die Wahl zwischen seines Gleichen und den unter ihm Stehenden übrig, wiewol ich glaube, daß hinsichtlich der Letzteren noch eine gewisse Einschränkung gemacht werden muß, denn es ist schwierig, aus der Hefe des Volkes eine Gattin zu finden, die geeignet ist, das Glück eines rechtschaffenen Mannes zu begründen; nicht etwa deshalb, weil man in den niedrigeren Ständen einen lasterhafteren Lebenswandel als in den höheren führte, sondern weil in ihnen die Idee des Schönen und Sittsamen nicht so ausgebildet ist, und weil die Ungerechtigkeit der höheren Stände sogar ihre Laster den niedrigeren im Lichte des Rechten zeigt. Von Natur ist der Mensch nicht zum Denken geneigt. Denken ist eine Kunst, die er wie alle übrige Künste, ja sogar noch schwieriger als diese erlernt. Ich kenne in Ansehung beider Geschlechter nur zwei wirklich von einander abweichende Classen, eine denkende und eine nicht denkende, und dieser Unterschied rührt fast einzig und allein von der Erziehung her. Ein Mann, der der ersten dieser beiden Classen angehört, darf unter keinen Umständen in die zweite hineinheirathen, denn der größte Reiz des geselligen Verkehrs fehlt ihm im Umgange mit seiner Frau, wenn seine Wahl so ausgefallen ist, daß er sich genöthigt sieht, allein zu denken. Leute, welche ihr ganzes Leben hindurch vollauf mit der Arbeit für das tägliche Brod beschäftigt sind, haben keinen anderen Gedanken als den an ihre Arbeit und ihren Vortheil, und ihr ganzer Geist scheint in ihren Armen aufgegangen zu sein. Die Unwissenheit schadet weder ihrer Rechtschaffenheit noch ihrer Sittlichkeit, sondern ist ihnen häufig sogar förderlich. Oft findet man sich durch Nachdenken über seine Pflichten mit denselben ab und setzt am Ende Redensarten an Stelle der Sache selbst. Das Gewissen ist der helldenkendste aller Philosophen. Man braucht nicht erst Cicero's Abhandlung über die Pflichten zu kennen, um ein rechtschaffener Mensch zu sein, und die sittsamste Frau von der Welt weiß vielleicht am wenigsten, was Sittsamkeit ist. Indeß beruht es deshalb nicht weniger auf Wahrheit, daß allein ein gebildeter Geist den Umgang angenehm macht; und es läßt sich für einen Familienvater, der sich in seiner Häuslichkeit am wohlsten fühlt, nichts Betrübenderes denken, als wenn er sich daheim auf sich selbst beschränkt sieht und sich Niemandem verständlich machen kann. Wie soll außerdem eine Frau, die nicht an Denken gewöhnt ist, im Stande sein ihre Kinder zu erziehen? Wie soll sie erkennen, was ihnen frommt? Wie soll sie ihnen Liebe zu Tugenden einflößen, die sie selbst nicht kennt, Liebe zu Vorzügen, von denen sie keine Vorstellung hat? Sie wird keine andere Erziehungsmittel als Liebkosungen oder Drohungen anwenden können, wird sie entweder unverschämt oder furchtsam machen. Sie wird sie zu Zieraffen oder wilden Rangen, nie aber zu verständigen und liebenswürdigen Kindern erziehen. Es taugt deshalb für einen gebildeten Mann nicht, sich ein ungebildetes Weib zu nehmen und folglich auch nicht, in einen Stand hineinzuheirathen, in dem man keine Bildung haben kann. Allein hundertmal lieber würde ich ein Mädchen von einfacher und gewöhnlicher Erziehung nehmen, als eine Gelehrte und einen Schöngeist, die in meinem Hause einen literarischen Gerichtshof errichten und sich zur Präsidentin desselben aufwerfen würde. Ein weiblicher Schöngeist ist die Geißel ihres Gatten, ihrer Kinder, ihrer Freunde, ihrer Diener, ja aller Welt. Bei dem hohen Fluge, zu dem sich ihr genialer Geist erhebt, erscheinen ihr die Pflichten, die sie als Weib zu verrichten hat, verächtlich, und sie läßt es deshalb ihr Erstes sein, nach Art des Fräuleins von Lenclos den Mann zu spielen. Außerhalb ihres Hauses benimmt sie sich stets lächerlich und wird deshalb mit vollem Rechte hart beurtheilt, weil Beides nicht ausbleiben kann, wenn man aus seinem Stande heraustritt und für den, welchen man einzunehmen sucht, nicht geschaffen ist. Alle diese Frauen von hohen Talenten können nur für Thoren ein Gegenstand der Bewunderung sein. Man kennt stets den Künstler oder Freund, der bei ihren Arbeiten die Feder oder den Pinsel führt, kennt den verschwiegenen Gelehrten, der ihnen ihre Orakelsprüche im Geheimen dictirt. All dieses charlatanartige Wesen ist einer rechtschaffenen Frau unwürdig. Schon die Geltendmachung wirklicher Talente würde erniedrigend für sie sein. Ihre Würde besteht darin, daß ihr Name nicht im Munde der Leute ist, ihr Ruhm liegt in der Achtung ihres Gatten, ihre Freuden haben im Glücke ihrer Familie ihre Quelle. Leser, ich berufe mich auf dich selbst; sei aufrichtig. Was flößt dir beim Eintritt in das Zimmer einer Frau eine bessere Meinung von ihr ein, was veranlaßt dich, ihr mit höherer Achtung zu nahen: wenn du sie mit den Arbeiten ihres Geschlechts, mit allerlei Wirthschaftssorgen beschäftigt und von den Kleidungsstücken ihrer Kinder umringt siehst, oder wenn du sie Verse drechselnd an ihrem Putztische antriffst, umgeben von allerlei Flugschriften und Blättchen, die mit allen möglichen Farben bemalt sind? Jedes überstudirte Mädchen erhält, wenn es einmal nur vernünftige Männer auf Erden geben wird, nie einen Mann. Quaeris, cur nolim te ducere, Galla? Diserta es. (Du fragst, Galla, weshalb ich dich nicht heirathen mag? Du bist gelehrt.) Nach diesen Erwägungen verdient zunächst die äußere Gestalt Berücksichtigung. Sie ist das Erste, was das Auge auf sich lenkt, und das Letzte, was Beachtung verdient, obgleich sie immerhin in Anschlag zu bringen ist. Große Schönheit ist in der Ehe meiner Ansicht nach eher ein Uebelstand als wünschenswerth. Sie verliert in Folge des Besitzes gar schnell an Werth; nach Verlauf von sechs Wochen hat sie in den Augen des Besitzers keinen Reiz mehr, aber ihre Gefahren dauern, so lange sie besteht. Ist eine schöne Frau nicht zugleich ein Engel, so ist ihr Gatte der unglücklichste der Männer; und wäre sie wirklich ein Engel, wie wollte sie es verhindern, daß er nicht unaufhörlich von Feinden umlagert wäre? Wenn ein Uebermaß von Häßlichkeit nicht Widerwillen erregte, so würde ich sie einem Uebermaß von Schönheit vorziehen, denn in kurzer Zeit existirt weder die eine noch die andere für den Ehemann, da sich für ihn die Schönheit in eine Unannehmlichkeit, die Häßlichkeit aber in einen Vortheil verwandelt. Aber freilich ist eine Häßlichkeit, die abstoßend wirkt, ein großes Unglück; statt daß sich das Gefühl des Widerwillens, welches sie einflößt, vermindern sollte, steigert es sich fortwährend und geht endlich in Haß über. Eine solche Ehe wird zur Hölle; lieber todt als so verheiratet sein! Strebet in Allem, selbst die Schönheit nicht ausgenommen, nach der Mittelstraße! Eine gefällige und einnehmende Gestalt, welche nicht Liebe, wol aber Zuneigung einflößt, verdient unstreitig den Vorzug. Sie ist ohne Nachtheil für den Mann, und der Vortheil kommt beiden Gatten zu Gute. Die Anmuth verliert nicht so schnell ihren Werth wie die Schönheit, sie besitzt Lebenskraft, sie erneuert sich unaufhörlich, und nach einer dreißigjährigen Ehe gefällt eine rechtschaffene Frau voller Anmuth ihrem Manne noch eben so wie am ersten Tage. Das sind die Erwägungen, welche mich für die Wahl Sophiens bestimmt haben. Gleich Emil ein ächtes Kind der Natur, ist sie für ihn mehr als jede Andere geschaffen. Sie wird die wahre Frau eines wahren Mannes sein. Nach Geburt und Verdienst ist sie ihm ebenbürtig, nach dem Vermögen aber steht sie unter ihm. Sie bezaubert nicht auf den ersten Blick, gefällt aber von Tage zu Tage mehr. Ihr größter Reiz wirkt erst nach und nach; er entfaltet sich nur in der Vertraulichkeit des Umgangs, und ihr Gatte wird ihn mehr als irgend ein Anderer empfinden. Ihre Erziehung ist weder glänzend noch vernachlässigt. Sophie hat Geschmack ohne große Gelehrsamkeit, Talente ohne künstlerische Ausbildung derselben, Urtheil ohne Kenntnisse. Ihr Geist besitzt nicht hohes Wissen, vermag aber alles Wissenswerte in sich aufzunehmen. Er ist ein gut zubereitetes Erdreich, welches nur des Samenkornes harrt, um reiche Frucht zu bringen. Außer dem Rechenbuche von Barrème und dem Telemach, welcher ihr zufällig in die Hände fiel, hat sie nie ein Buch gelesen. Allein kann sie wol als ein Mädchen, das im Stande war, sich für Telemach zu begeistern, ein Herz ohne Empfindung und einen Geist ohne Zartgefühl haben? O, liebenswürdige Unwissende, glücklich, wem das Loos zu Theil wird, dich zu unterrichten! Sie wird nicht die Lehrerin ihres Mannes, sondern seine Schülerin sein. Weit davon entfernt, ihn ihren Neigungen unterwerfen zu wollen, wird sie vielmehr die seinigen annehmen. Dadurch wird sie sich ihm theurer machen, als wenn sie Gelehrsamkeit besäße. Er wird die Freude haben, sie in Allem zu unterrichten. Es ist nun endlich an der Zeit, daß sie einander kennen lernen; wir wollen deshalb Sorge tragen, sie einander zu nähern. Traurig und träumerisch scheiden wir von Paris. Diese Stätte des ewigen Geschwätzes vermag uns nicht zu fesseln. Verächtlich blickt Emil auf die große Stadt zurück und sagt unwillig: »Wie viele Tage in vergeblichem Suchen verloren! Ach, hier ist es nicht, wo die Frau nach meinem Herzen weilt! Sie wissen es gar wohl, theurer Freund, doch ist Ihnen an meiner Zeit nichts gelegen, und an meinen Leiden nehmen Sie wenig Antheil.« Ich sehe ihn scharf an und sage zu ihm, ohne Aufregung zu verrathen: »Emil, glaubst du wirklich, was du da sagst?« Sofort fällt er mir voller Verwirrung um den Hals und drückt mich lautlos in seine Arme. Das ist stets seine Antwort, wenn er Unrecht hat. So ziehen wir denn als ächte fahrende Ritter durchs Land; nicht etwa insofern, daß wir wie jene auf Abenteuer ausgehen, vor denen wir vielmehr durch unsere Abreise von Paris die Flucht ergreifen, sondern in der Weise, daß wir ihre Irrfahrten nachahmen, uns an keine Regel bindend, bald mit verhängten Zügeln dahinsprengend, bald langsam einherschlendernd. Wer die Art und Weise, die ich einzuschlagen pflege, beobachtet hat, wird den Geist meiner Methode wol endlich begriffen haben, und ich setze außerdem voraus, daß keiner meiner Leser in so hohem Grade von der jetzigen Sitte eingenommen sein wird, um uns zutrauen zu können, daß wir Beide im bequemen und festverschlossenen Postwagen schnarchend auf der staubigen Landstraße daherrollen werden, ohne uns umzusehen und zu beobachten, indem wir den Zwischenraum vom Orte unserer Abreise bis zu dem der Ankunft gleichsam überspringen und trotz der Geschwindigkeit unserer Fahrt doch nur Zeit verlieren, während wir uns einbilden, Zeit zu ersparen. Man hört fortwährend die Behauptung, das Leben sei kurz, und dem gegenüber mache ich die auffallende Bemerkung, daß sich die Menschen geradezu anstrengen, es erst recht kurz zu machen. Da sie die Zeit nicht auszukaufen verstehen, beklagen sie sich über den eiligen Flug derselben und trotzdem sehe ich, daß sie ihrer Ansicht nach zu langsam dahinfließt. Ausschließlich mit dem Ziele beschäftigt, nach welchem sie streben, schauen sie mit Bedauern auf den Zwischenraum, der sie von demselben trennt. Der Eine wünscht, es möchte erst morgen sein, ein Anderer, es möchte ein Monat, wieder ein Anderer, es möchten zehn Jahre verflossen sein. Niemand will für heute leben, Niemand ist mit der Minute, in der er lebt, zufrieden, Allen scheint sie zu langsam dahinzuschleichen. Wenn sie sich beklagen, daß die Zeit zu schnell dahineile, so sprechen sie eine Lüge. Sie möchten gern Alles dahingeben, wenn sie dafür die Fähigkeit erlangen könnten, den Lauf der Zeit zu beschleunigen. Sie würden gern ihr Vermögen daran setzen, wenn sie ihr ganzes Leben in dieser Weise sprungweise verzehren könnten, und es würde vielleicht keinen Einzigen geben, der seine Lebensjahre nicht auf wenige Stunden abgekürzt hätte, wenn er die Macht besessen, diejenigen zu entfernen, welche ihm Langeweile erregten oder ihn bei seiner Ungeduld auch nur von dem ersehnten Augenblicke trennten. So vergeudet Mancher fast die Hälfte seines Lebens nur damit, daß er unaufhörlich von Paris nach Versailles, von Versailles nach Paris, von der Stadt auf das Land, vom Lande in die Stadt und von einem Viertel in das andere zieht, welcher wegen seiner Zeit sehr in Verlegenheit gerathen würde, wenn er nicht das Geheimniß kännte, sie in der geschilderten Weise zu verlieren, und der sich nur deshalb von seinen Geschäften entfernt, um sich damit beschäftigen zu können, sie zu suchen. Er glaubt die Zeit, welche er jetzt mehr darauf verwendet, und mit der er sonst doch nichts anzufangen wüßte, als Gewinn betrachten zu können; oder er eilt wol gar auch nur, um zu eilen, und kommt plötzlich mit der Post in keiner anderen Absicht angefahren, als um gleich wieder mit ihr zurückzukehren. Sterbliche, werdet ihr denn nie aufhören, die Natur zu lästern? Weshalb wollt ihr euch beklagen, daß das Leben so kurz ist, da es eurer Ansicht nach noch nicht kurz genug ist? Wenn ein Einziger unter euch ist, welcher seine Begierden in dem Grade zu mäßigen versteht, daß er nie den Wunsch hegt, die Zeit möge verfließen, dann wird sie ihm auch nie zu kurz vorkommen. Leben und genießen werden für ihn identische Begriffe sein, und selbst, wenn er im frühen Alter stürbe, wird er mit Befriedigung über den Verlauf seiner Lebenstage seine Augen schließen. Qui nullum non tempus in usus suos confert ... nec optat crastinum nec timet. Quantulacumque itaque abundo sufficiet, et ideo quandocumque ultimus dies venerit, non cunctabitur sapiens ire ad mortem. Seneca, de brev. vit. cap. 7 et 11. Wenn mir meine Methode auch nur diesen einen Vortheil bringen würde, so müßte ich sie schon deshalb einer jeden anderen vorziehen. Ich habe meinen Emil nicht zum Wünschen und Erwarten, sondern zum Genießen erzogen. Auch da, wo seine Wünsche über die Gegenwart hinausschweifen, geschieht es doch nicht mit einer so leidenschaftlichen Hitze, daß ihm der scheinbar so träge Verlauf der Zeit unerträglich würde. Er wird nicht allein die Freude genießen, Wünsche zu hegen, sondern wird auch zugleich einen Genuß darin finden, der Erfüllung derselben entgegenzugehen. Außerdem sind seine Leidenschaften so gemäßigt, daß er mit seinen Gedanken stets mehr da weilen wird, wo er ist, als wo er künftig sein wird. Wir reisen also nicht mit Extrapost, sondern wie einfache Wanderer. Wir denken nicht allein an die beiden Endpunkte unserer Reise, sondern auch an den Weg, der zwischen ihnen liegt. Die Reise selbst gewährt uns Genuß; sitzen wir doch nicht mißgestimmt und wie eingepfercht in einem kleinen festverschlossenen Käfige, noch reisen wir mit der Weichlichkeit und Ruhe der Frauen. Wir sperren uns nicht gegen die freie Luft ab, noch berauben wir uns des Anblicks der uns umringenden Gegenstände, noch lassen wir uns um die Gelegenheit bringen, sie nach Herzenslust und so oft es uns gefällt in Augenschein zu nehmen. Emil wird seinen Fuß nie in einen Postwagen setzen, nie mit der Post fahren, wenn nicht die größte Eile nöthig ist. Aber was könnte Emil wol je zur Eile bestimmen? Nur ein Einziges, der Lebensgenuß. Soll ich etwa noch hinzufügen Gutes zu thun, wenn sich ihm die Möglichkeit darbietet? Nein, denn darin liegt ja eben der Lebensgenuß. Le voyager me semble un exercice profitable ... S'il fait laid à droite, je prends à gauche. Ai-je laissé quelque chose derrière moi, j'y retourne; c'est toujours mon chemin ... La pluspart ne prennent l'aller que pour le venir; ils voyagent, couverts et resserés d'une prudence taciturne et incommunicable, se deffendants de la contagion d'un air incogneu. – Montaigne, liv. III, ch. 9. Ich kann mir nur eine Art zu reisen vorstellen, die noch angenehmer als das Reisen zu Pferde ist, nämlich das Reisen zu Fuß. Man bricht nach Belieben auf, rastet, wenn es einem behagt und macht größere oder kleinere Tagesreisen, je nach Lust und Laune. Man betrachtet die ganze Gegend; wendet sich bald zur Rechten, bald zur Linken; untersucht Alles, was einen ergötzt, und macht an allen Aussichtspunkten Halt. Fällt mir ein Fluß auf, so wandere ich sein Ufer entlang; bemerke ich einen Laubwald, so suche ich seinen Schatten; gewahre ich eine Grotte, so lenke ich meine Schritte nach ihr; stoße ich auf einen Steinbruch, so untersuche ich sein Gestein. Ueberall, wo es mir gefällt, weile ich. In demselben Augenblicke, wo ich mich zu langweilen beginne, setze ich meinen Wanderstab weiter. Ich bin weder von den Pferden, noch vom Postillon abhängig. Ich brauche mich deshalb nicht an die fahrbaren Straßen und bequemen Wege zu binden. Ich komme überall hin, wohin sich ein Mensch den Weg zu bahnen vermag, ich sehe Alles, was ein Mensch sehen kann, und da ich lediglich von mir abhängig bin, so genieße ich alle Freiheit, die irgend ein Mensch nur genießen kann. Hält mich schlechtes Wetter auf und bemächtigt sich meiner Langeweile, so nehme ich Pferde. Uebernimmt mich Müdigkeit... Aber Emil ermüdet nicht so leicht, er ist kräftig; und weshalb sollte er auch ermüden, da er es nie so eilig hat? Wenn er unterwegs Halt macht, wie könnte er dann Langeweile empfinden? Die Gegenstände seiner Unterhaltung trägt er beständig bei sich. Er sucht einen Meister auf und arbeitet; er setzt seine Arme in Bewegung, um seinen Füßen Ruhe zu gewähren. Zu Fuß reisen heißt reisen wie Thales, Plato und Pythagoras. Es ist mir schwer faßlich, wie sich ein Philosoph entschließen kann, anders zu reisen und sich selbst um die Gelegenheit zu bringen, die Reichthümer zu erforschen, über welche sein Fuß dahinschreitet und welche die Natur in verschwenderischer Fülle vor seinen Blicken ausbreitet. Wer, der nur ein wenig Gefallen am Landbau findet, hätte nicht Lust, die Erzeugnisse, welche dem Klima der durchwanderten Gegenden eigenthümlich sind, so wie die Art ihrer Cultur kennen zu lernen? Wer kann, wenn er auch nur im geringen Grade ein Freund der Naturgeschichte ist, sich wol entschließen, über ein Erdreich hinzuschreiten, ohne es einer Untersuchung zu unterziehen, einen Felsen zu erklettern, ohne ein Stück davon abzuschlagen, Gebirge zu durchwandern, ohne Pflanzen zu sammeln, mit dem Fuß an Kiesel zu stoßen, ohne nach Fossilien zu suchen? Eure Philosophen, welche sich vor den Damen mit ihren naturwissenschaftlichen Kenntnissen brüsten, haben dieselben in Naturaliencabinetten eingesammelt; sie wissen allerlei Firlefanzereien, sind mit den Namen bekannt, haben aber keinen Begriff von der Natur. Emils Cabinet ist dagegen weit reicher ausgestattet als die umfangreichsten königlichen Sammlungen, denn sein Cabinet umfaßt die ganze Erde. Jedes Ding befindet sich hier an seinem rechten Platze. Der Naturkenner, der diesem Cabinet seine Sorge widmet, hat Alles in die schönste Ordnung gebracht. Daubenton Daubenton war des berühmten Buffons Mitarbeiter. würde es nicht besser machen können. Wie mannigfaltige Vergnügen vereint man doch bei dieser angenehmen Art zu reisen, ganz abgesehen davon, daß die Gesundheit dadurch gekräftigt und die Laune heiterer wird. Ich habe stets die Beobachtung gemacht, daß die Reisenden, welche sich bequemer weicher Wagen bedienen, träumerisch, übelgelaunt, mürrisch oder leidend aussehen, während die Fußgänger beständig heiter, guter Dinge und mit Allem zufrieden sind. Wie lacht das Herz, wenn man sich der Nachtherberge naht! Wie schmackhaft erscheint das einfachste Mahl! Mit welchem Behagen gönnt man seinen Gliedern bei Tische die verdiente Ruhe! Wie sanft schläft es sich auch in schlechtem Bette! Wer nur darauf ausgeht, sein Ziel zu erreichen, mag immerhin mit der Post fahren, wer aber reisen will, der muß zu Fuß gehen. Wenn Sophie nicht, noch ehe wir fünfzig Stunden weit auf diese Weise gewandert sind, vergessen ist, so fehlt es mir entweder an Geschicklichkeit, oder Emil besitzt nur äußerst geringe Wißbegierde, denn bei seinen vielen Elementarkenntnissen müßte es eigenthümlich zugehen, wenn er sich nicht versucht fühlen sollte, sich deren noch mehr zu erwerben. Man ist nur in dem Maße wißbegierig, als man Kenntnisse besitzt, und er weiß gerade genug, um Lust zum Lernen zu haben. So werden wir denn rastlos von Diesem zu Jenem geführt, und gelangen mittlerweile immer weiter. Ich habe uns für unsern ersten Ausflug ein weites Ziel gesteckt. Der Vorwand dazu liegt auf der Hand. Da wir Paris verlassen, müssen wir ein Weib in der Ferne suchen. Eines Tages sind wir mehr als gewöhnlich in den Thälern und auf den Bergen, wo kein Pfad mehr zu entdecken war, umhergeirrt und können den Rückweg nicht wiederfinden. Das hat indeß wenig zu sagen, denn auch jeder andere Weg ist uns recht, wenn er nur zum Ziele führt. Wenn sich aber der Hunger meldet, muß man irgend wo unterzukommen suchen. Glücklicherweise treffen wir einen Bauer, der uns in seine Hütte führt. Mit großem Appetit greifen wir zu dem dürftigen Mahle zu. Als er gewahrt, daß wir so ermattet und hungrig sind, sagt er zu uns: »Wenn der liebe Gott Ihre Schritte nach der andern Seite des Hügels gelenkt hätte, würden Sie eine bessere Aufnahme gefunden haben. Sie würden in ein Haus des Friedens getreten sein, würden so menschenfreundliche ... so liebe Leute kennen gelernt haben... Sie haben zwar kein besseres Herz als ich, sind aber reicher, obgleich verlautet, daß sie früher in noch weit größerem Wohlstande gelebt haben ... Nun, sie haben, Gott sei Dank, nicht mit Entbehrungen zu kämpfen, und lassen die ganze Gegend an dem, was ihnen geblieben ist, Theil nehmen.« Bei dieser Erzählung von den guten Leuten wird Emils Herz freudig erregt. »Mein Freund,« beginnt er, indem er mich anblickt, »lassen Sie uns das Haus aussuchen, dessen Besitzer von der Nachbarschaft gesegnet werden. Ich würde mich sehr freuen, sie kennen zu lernen; vielleicht wird es ihnen ebenfalls Freude bereiten, unsere Bekanntschaft zu machen. Ich halte mich überzeugt, daß sie uns freundlich aufnehmen werden. Gehören sie zu den Unserigen, so werden wir auch die Ihrigen sein.« Nachdem uns die Lage des Hauses beschrieben war, machen wir uns auf den Weg und irren im Walde umher. Unterwegs überrascht uns ein heftiger Regenguß. Er hält uns zwar auf, vermag uns aber von unserm Vorhaben nicht zurückzubringen. Endlich finden wir uns wieder zurecht und gelangen, als schon der Abend einbricht, bei dem beschriebenen Hause an. Unter den Gebäuden des Dörfchens, in welchem es liegt, ist es das einzige, das sich bei aller Einfachheit durch ein gewisses stattliches Aeußere auszeichnet. Wir nennen unsere Namen und bitten um gastfreundliche Aufnahme. Man führt uns zum Hausherrn. Er fragt uns aus, aber in höflichster Form. Ohne ihm den Zweck unserer Reise zu verrathen, theilen wir ihm doch die Ursache unseres Umwegs mit. Aus der Zeit seines früheren Wohlstandes hat er sich die Sicherheit des Blicks bewahrt, aus dem Benehmen der Menschen ihren Stand zu erkennen. Wer einmal in der großen Welt gelebt hat, täuscht sich hierin selten. Unser Aeußeres muß ihm wol empfehlenswerth erscheinen, und so wird uns denn der Eintritt gestattet. Man weist uns ein zwar sehr kleines, aber äußerst sauberes und günstig gelegenes Zimmer an; es wird eingeheizt, wir finden Leinenzeug und frische Wäsche, kurz Alles, was uns Noth thut. »Wie,« sagt Emil ganz erstaunt, »sollte man nicht glauben, daß wir erwartet wären? O, wie recht hatte jener Bauer! Welche Zuvorkommenheit, welche Güte, welche Fürsorge! Und noch dazu für Unbekannte. Mir ist's, als wäre ich in die Zeiten Homers versetzt.« – »Erkenne es dankbar an,« erwidere ich ihm, »wundere dich aber deshalb nicht. Ueberall sind Fremde willkommen, wo sie eine seltene Erscheinung sind. Je weniger Gelegenheit sich darbietet, Gastfreundschaft zu üben, desto gastfreier wird man. Der Zulauf der Gäste zerstört die Gastfreundschaft. Zu den Zeiten Homers reiste man nicht viel, und die Reisenden fanden deshalb überall eine freundliche Aufnahme. Wir sind vielleicht die einzigen Fremden, die sich seit Jahr und Tag hier haben blicken lassen.« – »Das thut nichts zur Sache,« versetzte er, »es ist sogar ein Lob, die Gäste entbehren zu können, und sie trotzdem stets freundlich aufzunehmen.« Nachdem wir unsere Kleider getrocknet und einigermaßen in Ordnung gebracht haben, begeben wir uns wieder zu dem Herrn des Hauses. Er stellt uns seiner Gattin vor; sie empfängt uns nicht allein mit Höflichkeit, sondern auch mit Güte. Emil hat die Ehre, ihre Blicke vorzugsweise auf sich zu lenken. Eine Mutter in ihrer Lage sieht einen Mann seines Alters selten ohne Unruhe oder wenigstens ohne Neugier in ihr Haus treten. Uns zu Liebe läßt man das Abendbrod früher auftragen. Beim Eintritt in den Speisesaal bemerken wir fünf Gedecke. Als wir Platz nehmen, bleibt ein Stuhl leer. Plötzlich tritt ein junges Mädchen ein, verneigt sich tief und setzt sich bescheiden, ohne ein Wort zu äußern. Emil, mit Befriedigung seines Hungers und mit Antworten beschäftigt, grüßt sie, plaudert und ißt weiter. Der eigentliche Zweck seiner Reise liegt seinen Gedanken so fern, daß er sich noch weit vom Ziele glaubt. Die Unterhaltung dreht sich um uns Wanderer und um unser Mißgeschick, uns verirrt zu haben. »Mein Herr,« sagt unser freundlicher Wirth zu Emil, »Sie scheinen mir ein liebenswürdiger und verständiger junger Mann zu sein, und das erinnert mich daran, daß Sie und Ihr Begleiter bei uns fast in ähnlicher Lage, nämlich müde und durchnäßt, angelangt sind, wie einst Telemach und sein Mentor auf der Insel der Kalypso.« – »In Wahrheit können wir wenigstens sagen,« erwidert Emil, »daß uns die Gastfreundschaft der Kalypso zu Theil wird,« und sein Mentor fügt noch hinzu: »Zugleich finden wir auch die Reize der Eucharis.« Obwol nun Emil die Odyssee kennt, hat er doch den Telemach nicht gelesen. Er weiß deshalb nicht, wer Eucharis ist. Dagegen bemerke ich, daß das junge Mädchen wie mit Blut übergossen ist, starr ans ihren Teller blickt und kaum zu athmen wagt. Die Mutter, welcher die Verlegenheit ihrer Tochter nicht entgeht, macht dem Vater ein Zeichen, und dieser gibt dem Gespräch eine andere Richtung. Während er von seiner Zurückgezogenheit redet, öffnet er uns allmählich sein Herz immer mehr und erzählt von den Begebenheiten, um deren willen er dieselbe aufgesucht, von den Unglücksfällen seines Lebens, von der Standhaftigkeit seiner Gemahlin, von dem Troste, welchen sie in ihrer Verbindung gefunden, von dem friedlichen und ruhigen Leben, welches sie in ihrer Einsamkeit führen, ohne dabei auch nur mit einem Worte des jungen Mädchens zu erwähnen. Seine Erzählung, welche man nicht ohne Interesse anzuhören vermag, macht einen angenehmen und zugleich rührenden Eindruck. Emil hört, bewegt und gerührt, zu essen auf, um desto gespannter zuhören zu können. Und als sich nun am Schlüsse der redlichste der Männer mit strahlender Freude über die aufrichtige Zuneigung der ehrenwerthesten aller Frauen ergeht, ergreift der junge Reisende leidenschaftlich die Hand des Gatten und drückt sie, während er mit der andern die Hand der Wirthin nimmt, sich begeistert über sie neigt und mit seinen Thränen netzt. Die kindliche Lebhaftigkeit des jungen Mannes erfüllt alle Zeugen mit Entzücken. Die Tochter des Hauses jedoch, für dieses Zeichen seines guten Herzens empfänglicher als irgend ein Anderer, glaubt Telemach in ihm zu sehen, wie er von den Leiden des Philoktet ergriffen ist. Verstohlen schaut sie zu ihm herüber, um seine Gestalt zu prüfen, und findet nichts, was diesen Vergleich Lügen straft. Sein ungezwungenes Wesen verräth Freimüthigkeit ohne Anmaßung; in seinem Benehmen spricht sich eine große Lebhaftigkeit aus, ohne daß dieselbe jedoch auf Leichtsinn schließen läßt. Seine natürliche Güte verleiht seinem Blicke etwas Sanftes, gibt seinen Zügen etwas Rührendes. Als ihn das junge Mädchen Thränen vergießen sieht, vermag es kaum seine eigenen zurückzuhalten. Aber eine geheime Scham gibt ihm selbst bei diesem so schönen Vorwande die Kraft, sich zu beherrschen. Schon macht es sich Vorwürfe über die Thränen, die es nur mit Mühe zurückdrängen kann, als ob es ein Unrecht wäre, Thränen für seine Familie zu vergießen. Die Mutter, welche ihre Tochter seit Beginn des Mahles nicht aus den Augen gelassen hat, bemerkt den Zwang, den sie sich anthun muß, und befreit sie aus ihrer Verlegenheit, indem sie sie mit einem Auftrage fortschickt. Schon in der nächsten Minute kehrt das junge Mädchen zurück, aber so außer aller Fassung, daß seine Verwirrung Aller Augen sichtbar ist. Sanft redet die Mutter es deshalb an und sagt: »Sophie, fasse dich; wirst du denn nie aufhören das Unglück deiner Eltern zu beweinen? Du, die du ihnen ein Trost in demselben bist, darfst dich dem Kummer nicht mehr hingeben als sie selbst.« Bei dem Namen Sophie hättet ihr sehen können, wie Emil erbebte. Von dem Klange eines ihm schon so theuren Namens betroffen, fährt er plötzlich wie aus einem tiefen Schlafe auf und wirft der, welche ihn sich zu führen unterfängt, einen aufmerksamen Blick zu. Sophie, o Sophie! Bist du es, die mein Herz sucht? Bist du es, die mein Herz liebt? Er betrachtet und beobachtet sie mit einer Art Furcht und Mißtrauen. Er sieht vor sich nicht genau das Bild, welches er sich von ihr entworfen hat; er kann sich nicht klar darüber werden, ob die, auf der seine Blicke ruhen, das Bild seiner Phantasie übertrifft oder nicht erreicht. Er studirt jeden ihrer Züge, belauscht jede Bewegung, jede Geberde und findet für Alles tausend verwirrende Auslegungen. Die Hälfte seines Lebens würde er darum geben, wenn sie nur ein einziges Wort reden wollte. Unruhig und aufgeregt blickt er mich an. In seinen Augen lese ich hundert Fragen, aber auch hundert Vorwürfe. Er scheint mir mit jedem Blicke sagen zu wollen: »Leite mich, so lange es noch Zeit ist; wenn mein Herz sich erst ergibt und sich nachher getäuscht findet, werde ich diesen Schlag zeitlebens nicht überwinden können.« Emil ist wol in der ganzen Welt der Mensch, welcher sich am wenigsten zu verstellen versteht. Wie sollte er wol in der größten Verwirrung seines Lebens dazu im Stande sein, umgeben von vier Zuschauern, deren Blicke prüfend auf ihm ruhen und unter denen gerade der scheinbar zerstreuteste in Wirklichkeit der aufmerksamste ist? Sophiens scharfem Auge entgeht seine Verwirrung nicht, und seine Blicke lassen sie errathen, daß sie die Ursache derselben ist. Sie bemerkt zwar, daß seine Unruhe noch nicht die Folge seiner erwachenden Liebe ist, allein was hat das zu sagen? Er beschäftigt sich doch schon mit ihr, und das ist ihr vor der Hand genügend. Sie würde sich sehr unglücklich fühlen, wenn er sich ungestraft mit ihr beschäftigen könnte. Die Mütter haben eben so scharfe Augen wie ihre Töchter, und außerdem steht ihnen die Erfahrung zur Seite. Sophiens Mutter lächelt über den Erfolg unserer Pläne. Sie liest in den Herzen der beiden jungen Leute, begreift, daß es jetzt an der Zeit ist, das des neuen Telemach für immer zu gewinnen, und veranlaßt ihre Tochter deshalb zum Reden. Dieselbe antwortet mit ihrer natürlichen Sanftmuth in schüchternem Tone, was den Eindruck, welchen sie auf Emil ausübt, nur noch zu erhöhen vermag. Beim ersten Tone dieser Stimme fühlt er sich für immer gefesselt. Ja, das ist seine Sophie, er kann nicht länger daran zweifeln. Wäre es nicht der Fall, so würde es nun zu spät sein, er könnte nicht mehr zurück. Unwiderstehlich umstricken jetzt die Reize des bezaubernden Mädchens sein Herz, und in langen Zügen beginnt er das Gift einzusaugen, mit dem sie ihn berauscht. Er redet nicht mehr, er antwortet nicht mehr. Er sieht nur Sophie, er hört nur Sophie. Spricht sie ein Wort, so öffnet er unwillkürlich den Mund; senkt sie die Augen, so senkt er sie ebenfalls. Hört er sie seufzen, so seufzet er mit. Es ist Sophiens Seele, die ihn zu beseelen scheint. Welche Aenderung ist in der seinigen in wenigen Augenblicken vor sich gegangen! Jetzt hat Sophie nicht mehr zu zittern nöthig, die Reihe ist nun an ihn gekommen. Lebe wohl Freiheit, Unbefangenheit, Offenheit! Verwirrt, verlegen, schüchtern, wagt er nicht mehr um sich zu schauen, weil er zu sehen fürchtet, daß er der Gegenstand der allgemeinen Beobachtung ist. Voller Scham, sein Geheimniß zu verrathen, wünscht er sich unsichtbar machen zu können, nur damit er im Stande wäre, sich unbemerkt an ihr satt zu sehen. Sophie dagegen kommt immer mehr von ihrer Furcht vor Emil zurück. Sie erkennt ihren Sieg und freut sich seiner. No 'l mostra già, ben che in suo cor ne rida. Tasso, Gerusalemme liberata, c. IV, 33. – Nach der Uebersetzung von J. D. Gries: Doch zeigt sie's nicht, obwol bei jedem Schritte Ihr lächelnd Herz vor Siegeshoffnung wallt. Ihre Haltung ist unverändert dieselbe geblieben, allein trotz ihrer sittsamen Miene und ihrer gesenkten Augen klopft ihr zärtliches Herz vor Freude und sagt ihr, daß Telemach gefunden ist. Wenn ich hier auf die vielleicht zu natürliche und zu einfache Geschichte ihrer unschuldigen Liebe eingehe, so wird man möglicherweise geneigt sein, solche Einzelheiten als ein nichtiges Spiel zu betrachten. Indeß hat man Unrecht. Man berücksichtigt den Einfluß nicht genug, welchen der Beginn einer Liebschaft zwischen einem Manne und einer Frau auf Beider ganzes Leben ausüben muß. Man übersieht, daß ein erster Eindruck, der so lebhaft wie der der Liebe oder der anfänglich noch ihre Stelle vertretenden Zuneigung ist, bleibende Folgen hat, deren Verkettung man im Verlaufe der Jahre allerdings nicht wahrnimmt, die aber trotzdem bis zum Tode in unaufhörlicher Wirksamkeit sind. Zu den Abhandlungen über Erziehung gibt man uns viel unnützen und pedantischen Wortkram über rein eingebildete Pflichten der Kinder, aber man übergeht stillschweigend den wichtigsten und schwierigsten Theil der ganzen Erziehung, die Krisis nämlich, welche bei dem Uebergange aus der Kindheit in das Mannesalter stattfindet. Wenn ich vorliegende Abhandlung durch irgend eine Stelle habe nützlich machen können, so wird der Grund dazu vor Allem darin liegen, daß ich mich über diesen wesentlichen Theil, der leider von allen Andern übergangen zu werden pflegt, ausführlich ausgesprochen habe, und daß ich mich von diesem Unternehmen durch kein falsches Zartgefühl habe abhalten, noch durch die Schwierigkeiten der Ausdrucksweise zurückschrecken lassen. Wenn ich gesagt habe, was man thun muß, so habe ich gesagt, was zu sagen meine Pflicht ist. Ich kümmere mich sehr wenig darum, ob ich deshalb einen Roman geschrieben habe. Ein Roman, der die menschliche Natur zu seinem Gegenstande hat, muß gewiß zu den guten gerechnet werden. Wenn man aus dieser Schrift nicht mehr herausfindet, liegt dann etwa die Schuld an mir? Sie sollte die Geschichte meines Geschlechts sein. Ihr, die ihr sie verderbt, macht freilich einen Roman aus meinem Buche. Eine andere Erwägung, welche die erste noch verstärkt, ist, daß es sich ja hier nicht um einen jungen Mann handelt, den man von Kindheit an zum Spielball der Furcht, der Lüsternheit, des Neides, des Stolzes und all der Leidenschaften, deren man sich bei der gewöhnlichen Erziehung als Werkzeuge bedient, gemacht hat, daß es sich im Gegentheile um einen jungen Mann handelt, dessen Herz hier nicht allein zum ersten Male in Liebe erglüht, sondern der überhaupt zum ersten Male die Gewalt einer Leidenschaft kennen lernt; daß endlich von dieser Leidenschaft, der einzigen vielleicht, welche er in seinem ganzen Leben in ihrer vollen Tiefe empfindet, die letzte Gestalt abhängt, welche sein Charakter annehmen darf. Seine Denkart, seine Gefühle, seine Neigungen, welche eine dauernde Leidenschaft in eine bestimmte Richtung gedrängt hat, sollen jetzt eine Festigkeit gewinnen, die nichts mehr zu erschüttern vermag. Begreiflicherweise verbrachten Emil und ich die auf einen solchen Abend folgende Nacht nicht völlig mit Schlafen. Weshalb denn nicht? Kann die bloße Übereinstimmung des Namens auf einen vernünftigen Mann eine so große Macht ausüben? Gibt es etwa nur eine Sophie in der Welt? Gleichen sich Alle wie dem Namen so auch der Seele nach? Ist eine Jede, die ihm unter die Augen treten wird, seine Sophie? Ist er ein Narr, daß er für eine Unbekannte, mit welcher er noch kein Wort gewechselt hat, eine so leidenschaftliche Liebe faßt? Warte, junger Mann, prüfe, beobachte! Du weißt ja noch nicht einmal, in wessen Hause du dich befindest, und wenn man auf dich hören wollte, so sollte man glauben, du wärest schon in deinem eigenen. Jetzt ist es nicht mehr an der Zeit, Belehrungen zu ertheilen, und sie sind auch nicht dazu angethan, Gehör zu finden. Sie sind nur Veranlassung, dem jungen Manne ein neues Interesse für Sophie einzuflößen, da sie das Verlangen in ihm rege machen, seine Neigung zu rechtfertigen. Diese Gleichheit der Namen, diese scheinbar zufällige Begegnung, selbst meine Zurückhaltung reizen nur seine Leidenschaft. Schon erscheint ihm Sophie zu achtungswerth, als daß er sich nicht für überzeugt hielte, es würde ihm gelingen, sie mir in einem solchen Lichte zu zeigen, daß auch ich sie lieb gewinnen müßte. Allem Vermuthen nach wird sich Emil am nächsten Morgen bemühen, auf seinen schlichten Reiseanzug eine mehr als gewöhnliche Sorgfalt zu verwenden. Es kann gar nicht ausbleiben. Namentlich nöthigt mir die Geschäftigkeit, mit welcher er von der dem Hause gehörenden Wäsche Gebrauch macht, ein Lächeln ab. Ich durchschaue seine Gedanken. Indem er Maßregeln ergreift, die eine Rückerstattung, einen Umtausch nöthig machen, sucht er bereits, wie ich mit Freuden sehe, eine Ursache zum Briefwechsel herbeizuführen, der ihm die Berechtigung gibt, hierher zurückzuschicken oder wol gar selbst zurückzukehren. Ich hatte mit Sicherheit erwartet, auch Sophie ihrerseits in gewählterer Kleidung erscheinen zu sehen. Indeß hatte ich mich getäuscht. Diese gewöhnliche Art der Coquetterie ist ein Nothbehelf für diejenigen, welche nur gefallen wollen. Die Coquetterie der wahren Liebe ist geläuterter und erhebt ganz andere Ansprüche. Sophie ist noch einfacher, ja selbst nachlässiger als den Abend vorher gekleidet, wenn auch mit der ausgesuchtesten Sauberkeit. In einer solchen Nachlässigkeit vermag ich nur Coquetterie zu erblicken, weil ich darin etwas Gesuchtes sehe. Sophie begreift recht wohl, daß in einer gewählteren Kleidung eine Art Erklärung liegen würde, ahnt indeß nicht, daß eine nachlässigere Kleidung ebenfalls eine Erklärung ist, in welcher sich deutlich zu erkennen gibt, daß man sich nicht damit begnügt, durch den Anzug zu gefallen, sondern daß man auch durch seine Person Gefallen erregen will. Was fragt der Liebende auch nach der Kleidung, wenn er nur wahrnimmt, daß man sich mit ihm beschäftigt? Ihrer Herrschaft schon sicher, geht Sophie nicht mehr darauf aus, Emils Aufmerksamkeit durch ihre Reize zu erregen, wenn er nicht selber ein Auge für sie hat. Sie findet ihr Genüge nicht mehr daran, sie ihm sichtbar zu machen, sie verlangt schon, daß er sie voraussetzen soll. Hat er nicht schon genug erblickt, um sich gezwungen zu sehen, die übrigen zu ahnen? Es läßt sich annehmen, daß sich während unserer nächtlichen Unterhaltung Sophie und ihre Mutter gleichfalls nicht stumm verhalten haben, gab es doch Geständnisse zu entlocken und gute Rathschläge zu ertheilen. Am folgenden Morgen versammelt man sich deshalb wohl vorbereitet. Noch keine zwölf Stunden sind verstrichen, seit sich unsere jungen Leute zum ersten Male gesehen haben; noch kein einziges Wort haben sie mit einander gewechselt, und schon kann man bemerken, daß sie einander verstehen. Ihr Entgegenkommen deutet auf keine Vertraulichkeit hin, es verräth Verlegenheit und Schüchternheit; sie reden einander nicht an, ihre niedergeschlagenen Augen scheinen einander zu vermeiden, allein gerade das ist ein Zeichen ihres Einverständnisses. Sie gehen sich aus dem Wege, aber wie verabredetermaßen; sie fühlen schon das Bedürfniß, sich in den Schleier des Geheimnisses zu hüllen, ehe es noch etwas zu verheimlichen gibt. Als wir uns verabschieden, bitten wir um die Erlaubnis, das Geliehene persönlich zurückbringen zu dürfen. Emils Mund erbittet diese Erlaubniß vom Vater und von der Mutter, während sich seine unruhigen Augen auf die Tochter heften und sie noch weit inständiger darum bitten. Sophie sagt nichts, gibt kein Zeichen, scheint nichts zu sehen noch zu hören, allein sie erröthet, und dieses Erröthen ist eine noch klarere Antwort als die ihrer Eltern. Man gestattet uns wiederzukommen, ohne uns jedoch zum Bleiben einzuladen. Dies Verhalten ist ganz schicklich; man gibt wol Reisenden, die um ein Nachtlager verlegen sind, Herberge, allein es paßt sich nicht, daß ein Liebender im Hause seiner Geliebten schläft. Kaum haben wir das uns so lieb gewordene Haus im Rücken, so schmiedet Emil schon Pläne, in der Umgegend seinen Wohnsitz aufzuschlagen. Die nächste Strohhütte scheint ihm schon zu entfernt zu liegen; er hätte Lust, sich ein Nachtlager im Schloßgraben zu suchen. »Unbesonnener Jüngling,« sage ich zu ihm im Tone des Mitleids, »wie, hast du dich von der Leidenschaft schon verblenden lassen? Schon setzest du dich über Schicklichkeit und Vernunft hinweg! Unglücklicher! Du glaubst zu lieben, und gehst selber darauf aus, die Ehre deiner Geliebten zu beflecken! Was wird man von ihr sagen, wenn man in Erfahrung bringt, daß ein junger Mann, der so eben erst ihr Haus verlassen hat, in der Umgebung desselben schläft? Du liebst sie, wie du behauptest. Kannst du es dir also wol zur Aufgabe stellen, ihren Ruf zu zerstören? Vergiltst du so die Gastfreundschaft, die ihre Eltern dir erwiesen haben? Willst du derjenigen, von der du dem Glück erwartest, Schande bereiten?« – »Ach,« versetzte er lebhaft, »was frage ich nach dem leeren Gerede der Menschen und ihrem ungerechten Urtheile! Haben Sie selbst mich nicht gelehrt, keinen Werth darauf zu legen? Wer kann besser als ich wissen, wie sehr ich Sophie ehre und wie ich nur darauf sinne, ihr meine Achtung zu erweisen? Meine Liebe soll ihr nicht zum Schimpfe, sondern zur Ehre gereichen, sie soll ihrer würdig sein. Wenn mein Herz und meine Aufmerksamkeiten ihr überall die verdiente Huldigung darbringen, wie kann darin ein Schimpf für sie liegen?« – »Lieber Emil,« erwidere ich, ihn umarmend, »du stellst dich bei deinem Urtheile nur auf deinen Standpunkt; lerne aber auch dich auf ihren zu versetzen. Vergleiche die Ehre des einen Geschlechts nicht mit der des andern; bei beiden gelten ganz verschiedene Grundsätze. Diese Grundsätze sind gleich berechtigt und vernünftig, weil sie in gleicher Weise aus der Natur abgeleitet werden, und weil die nämliche Tugend, die dich für deine eigene Person das Gerede der Menschen verachten läßt, dir die Pflicht auferlegt, es in Bezug auf deine Geliebte zu achten. Deine Ehre beruht in dir allein, die ihrige dagegen ist an das Urtheil Anderer geknüpft. Ihre Ehre nicht fleckenlos erhalten, hieße deine eigene verletzen, und du würdest nicht handeln, wie du es dir selbst schuldig bist, wenn du die Schuld trügest, daß man nicht so gegen sie handelt, wie man es ihr schuldig ist.« Indem ich ihm darauf die Gründe dieses Unterschieds erkläre, bringe ich es ihm zum Bewußtsein, welche Ungerechtigkeit darin liegen würde, ihnen keinen Werth beizumessen. Wer hat ihm denn schon die Versicherung gegeben, daß er Sophie, deren Gesinnungen gegen ihn er durchaus noch nicht kennt, deren Herz oder deren Eltern vielleicht schon früher über ihre Hand verfügt haben, wirklich als Gemahlin heimführen wird, sie, welche er kaum kennt und die vielleicht in keinem der Stücke, die allein eine Ehe glücklich machen können, mit ihm harmonirt? Weiß er nicht, daß jedes Aergerniß für ein Mädchen ein unauslöschlicher Flecken ist, welchen nicht einmal seine Vermählung mit dem, welcher ihn verschuldet hat, auszuwischen vermag? Welcher von Liebe beseelte Mann wünscht wol die, welche er liebt, zu verderben? Welcher redliche Mann kann ein Gefallen darin finden, daß eine Unglückliche zeitlebens den Unstern, ihm gefallen zu haben, beweinen muß? Erschreckt über die Folgen, die ich ihm vorhalte, glaubt schon der junge Mann, der sich immer gern in Extremen bewegt, nie fern genug von Sophiens Wohnsitze sein zu können. Er verdoppelt seine Schritte, um schneller zu entfliehen; er sieht sich um, ob uns auch Niemand gehört hat. Er würde sein Glück tausendmal für die Ehre seiner Geliebten zum Opfer bringen. Lieber wollte er sie in seinem Leben nicht wiedersehen, als daß er ihr auch nur ein einziges Mal Veranlassung zum Kummer gäbe. – Es ist die erste Frucht der Mühe, die ich seit seiner Jugend darauf verwandt, habe, sein Herz zu bilden, daß es zu lieben fähig ist. Es handelt sich also darum, einen weder zu nah noch zu fern gelegenen Aufenthaltsort aufzufinden. Wir gehen selbst auf Entdeckungen aus, ziehen Erkundigungen ein und erfahren, daß zwei starke Stunden von hier eine Stadt liegt. Wir machen uns auf den Weg, um uns lieber dort, als in den näher gelegenen Dörfern, wo unser Aufenthalt Verdacht erregen könnte, nach einer Wohnung umzusehen. Voller Liebe, Hoffnung, Freude und vor Allem voller edler Gesinnungen, langt endlich Sophiens Verehrer daselbst an. Jetzt lasse ich es mein Bemühen sein, seine entstehende Leidenschaft allmählich auf das Gute und Ehrenwerthe zu lenken und allen seinen Neigungen den Antrieb zu geben, dieselbe Richtung einzuschlagen. Ich nähere mich dem Ziele der mir gestellten Aufgabe. Ich sehe es schon in der Ferne vor mir. Alle Hauptschwierigkeiten sind überwunden, alle Haupthindernisse aus dem Wege geräumt. Die einzige Schwierigkeit, die mir noch übrig bleibt, besteht darin, daß ich nicht etwa durch das übereilte Bestreben, mein Werk zu vollenden, dasselbe verderbe. Laßt uns bei der Unsicherheit des menschlichen Lebens namentlich die falsche Klugheit vermeiden, die Gegenwart der Zukunft zu opfern. Häufig heißt das nichts Anderes als das, was ist, dem opfern, was nie sein wird. Laßt uns den Menschen in allen Lebensaltern glücklich machen, damit er nicht etwa nach vielen Sorgen dem Tode zur Beute fällt, ohne es je geworden zu sein. Und gibt es eine zum Lebensgenuß geeignete Zeit, so ist es sicherlich das Ende der Jünglingsjahre, wo sich die leiblichen wie die geistigen Fähigkeiten zu ihrer größten Kraft entfaltet haben, und wo der Mensch inmitten seiner Lebensbahn von Ferne die beiden Endpunkte wahrnimmt, die ihm die Kürze derselben zum Bewußtsein bringen. Wenn die unerfahrene Jugend sich täuscht, so liegt ihr Irrthum nicht dann, daß sie überhaupt auf Genuß ausgeht, sondern darin, daß sie ihn da sucht, wo er nicht zu finden ist, und daß sie sich nicht nur eine elende Zukunft bereitet, sondern auch nicht einmal die Gegenwart zu benutzen versteht. Betrachtet meinen Emil in seinem zurückgelegten zwanzigsten Jahre. Er ist von schönem Wuchs, gesundem Leib und Seele, stark, behend, geschickt, kräftig, voller Gefühl, Verstand, Güte und Menschenfreundlichkeit. Er zeichnet sich durch gute Sitten und Geschmack aus, liebt das Schöne, thut das Gute. Er ist frei von der Herrschaft grausamer Leidenschaften, unabhängig von dem Joche der allgemeinen Meinung, aber dem Gesetze der Weisheit unterworfen. Er ist nachgibig gegen die Stimme der Freundschaft, besitzt alle nützliche und außerdem mehrere gefällige Talente. Nach Reichthum fragt er nicht viel, da er seine Hilfsquellen in seinen Armen trägt und sich nicht der Furcht hinzugeben braucht, es könne ihm je an Brod fehlen, was sich auch ereignen möge. Jetzt zeigt er sich uns freilich im Rausche einer erwachenden Leidenschaft. Sein Herz öffnet sich der ersten Liebesglut. Seine süßen Illusionen zaubern ihm eine neue Welt von Freuden und Genüssen vor. Er liebt ein liebenswürdiges Mädchen, liebenswürdiger noch seinem Charakter als seiner Person nach. Er hofft, er rechnet auf Gegenliebe, die man ihm seinem Gefühle nach schuldig ist. Aus der Übereinstimmung der Herzen, aus dem Zusammentreffen edler Gesinnungen ist ihre erste Neigung aufgekeimt. Diese Neigung soll Bestand haben. Mit Vertrauen, mit einer Art Genugthuung überläßt er sich diesem reizendsten Wahne, ohne Furcht, ohne Bedauern, ohne Gewissensbisse, ohne eine andere Unruhe als diejenige, welche sich dem Gefühle des Glückes unzertrennlich beigesellt. Was kann seinem Glücke wol fehlen! Beobachtet, überlegt, denket nach über das, was ihm noch nöthig ist, und was man ihm zu dem, was er schon besitzt, noch hinzufügen könnte. Alle Güter, die sich gleichzeitig erlangen lassen, sind sein eigen. Nur auf Kosten eines anderen könnte man sie um ein neues vermehren. Er ist so glücklich, wie ein Mensch es nur sein kann. Soll ich einem so süßen Glücke sofort wieder ein Ende machen? Soll ich ein so reizendes Vergnügen stören? Ach, der ganze Werth seines Lebens beruht auf dem Glücke, das er jetzt empfindet. Womit wäre ich im Stande ihm das zu ersetzen, was ich ihm raubte? Selbst wenn ich seinem Glücke die Krone aufsetzte, würde ich den größten Reiz desselben zerstören. Dieses höchste Glück ist in der Erwartung hundertmal süßer als im Genuß. O, lieber Emil, liebe und laß dich lieben! Gib dich einem langen Genusse hin, bevor du in den Besitz trittst! Erfreue dich zugleich der Liebe und der Unschuld! Schaffe dir auf Erden ein Paradies, so lange du noch auf das andere hoffst! Ich werde diese glückliche Zeit deines Lebens nicht verkürzen; ich werde im Gegentheil einen Zauberschleier über dieselbe decken und sie, so viel in meiner Macht steht, verlängern. Leider muß sie ein Ende haben und muß sogar in kurzer Zeit ein Ende nehmen. Allein ich werde wenigstens Alles aufbieten, daß sie dir nie aus dem Gedächtniß entschwindet, und du nie bereuest, ihr Glück genossen zu haben. Emil vergißt nicht, was wir zurückzubringen haben. Sobald die geliehene Wäsche wieder in Stand gesetzt ist, miethen wir Pferde und reiten in vollem Trabe ab. Diesmal wünschte er schon beim Abreiten das Ziel erreicht zu haben. Sobald sich das Herz den Leidenschaften öffnet, öffnet es sich auch gleichzeitig der Langenweile des Lebens. Habe ich meine Zeit nicht verloren, so wird er jedoch sein ganzes Leben nicht in diesem Zustande zubringen. Unglücklicherweise ist der Weg beschwerlich und die Gegend zum Reiten wenig geeignet. Wir verirren uns und er gewahrt es zuerst. Ohne die Geduld zu verlieren, ohne in Klagen auszubrechen, verwendet er seine ganze Aufmerksamkeit darauf, wieder auf den rechten Weg zu kommen. Lange irrt er umher, bis er sich zurechtfindet, aber immer mit der gleichen Kaltblütigkeit. In euren Augen wird das nicht als etwas Besonderes gelten, in meinen aber gilt es als ein hoher Beweis seiner Selbstbeherrschung, da ich sein hitziges Temperament kenne. Ich erblicke darin die Frucht der Sorgfalt, mit der ich es mir seit seiner Kindheit habe angelegen sein lassen, ihn gegen die Schläge des Unvermeidlichen abzuhärten. Endlich langen wir an. Die Aufnahme, welche uns zu Theil wird, ist noch einfacher und verbindlicher als das erste Mal. Wir gehören ja jetzt schon zu den alten Bekanntschaften. Emil und Sophie begrüßen sich mit einer gewissen Verlegenheit und reden nur wenig mit einander. Was hätten sie sich auch wol in unserer Gegenwart sagen können? Die Unterhaltung, nach der sie sich sehnten, bedarf keiner Zeugen. Wir machen im Garten einen Spaziergang. Diesem Garten dienen als Lustplatz sehr umfangreiche Gemüsebeete, als Park ein aus großen und schönen Obstbäumen jeglicher Art bestehender Obstgarten, nach verschiedenen Richtungen hin von hübschen Bächen und Rabatten mit blühenden Blumen bedeckt. »Ein herrlicher Ort,« ruft Emil aus, der seinen Homer stets im Kopfe hat und beständig in Begeisterung schwebt, »ich glaube den Garten des Alkinous zu sehen.« Die Tochter des Hauses wünscht zu wissen, wer Alkinous ist, und die Mutter stellt dieselbe Frage. »Alkinous,« sage ich zu ihnen, »war ein König von Korkyra, dessen Garten, den Homer beschrieben hat, in den Augen von Leuten, die auf Geschmack Anspruch machen, für zu einfach und zu schmucklos gilt. Außer dem Hofe liegt ein Garten, nahe der Pforte, Eine Huf' ins Gevierte, mit ringsumzogener Mauer. Allda streben die Bäume mit laubichtem Wipfel gen Himmel. Voll balsamischer Birnen, Granaten und grüner Oliven, Oder voll süßer Feigen und röthlich gesprenkelter Aepfel. Diese tragen beständig und mangeln des lieblichen Obstes Weder im Sommer noch Winter; vom linden Weste gefächelt, Blühen die Knospen dort, hier zeitigen schwellende Früchte: Birnen reifen auf Birnen, auf Aepfel röthen sich Aepfel, Trauben auf Trauben erdunkeln, und Feigen schrumpfen auf Feigen. Allda prangt auch ein Feld, von edlen Reben beschattet. Einige Trauben dorren auf weiter Ebne des Gartens, An der Sonne verbreitet, und andere schneidet der Winzer, Andere keltert man schon. Hier stehen die Herling' in Reihen, Dort entblühen sie erst, dort bräunen sich leise die Beeren. An dem Ende des Gartens sind immerduftende Beete, Voll balsamischer Kräuter und tausendfarbiger Blumen. Auch zwo Quellen sind dort: die eine durchschlängelt den Garten; Und die andere gießt sich unter die Schwelle des Hofes An den hohen Palast, allwo die Bürger sie schöpfen. So lautet die Beschreibung des königlichen Gartens des Alkinous im siebenten Buche der Odyssee, eines Gartens, in welchem man zur Schande dieses alten Träumers Homer und der Fürsten seiner Zeit weder Gitterwerk, noch Bildsäulen, noch Wasserfälle, noch Rasenplätze sah. – Obige Stelle, die sich im 7. Buche der Odyssee, V. 112-131 findet, habe ich nach der Übersetzung von Joh. Heinr. Voß angeführt. Dieser Alkinous besaß eine liebenswürdige Tochter, welcher den Tag vor der gastfreien Aufnahme eines Fremden im Hause ihres Vaters träumte, daß sie sich bald vermählen würde.« Sophie geräth in Verwirrung, erröthet, schlägt die Augen nieder, beißt sich auf die Zunge; die Verlegenheit, die sich ihrer bemächtigt, läßt sich nicht beschreiben. Der Vater, der ein Gefallen daran zu finden scheint, sie noch zu vermehren, ergreift das Wort und erzählt, daß die junge Prinzessin selbst die Wäsche im Flusse gewaschen habe. »Kannst du wol glauben,« fährt er fort, »daß sie es sogar nicht unter ihrer Würde gehalten hat, die schmutzigen Servietten zu berühren, obwol sie einen unangenehmen Speisegeruch verbreiteten?« Sophie, auf welche dieser Hieb gemünzt ist, vergißt plötzlich ihre natürliche Schüchternheit, und entschuldigt sich mit größter Lebhaftigkeit. Der Papa wisse recht wohl, daß sie die ganze kleine Wäsche, wenn man ihr den Willen gelassen hätte, Ich gestehe, daß ich Sophiens Mutter wirklich Dank dafür weiß, daß sie so zarte Hände, die Emil noch so oft wird küssen müssen, nicht durch die Seife hat verderben lassen. allein übernommen, ja mit Freuden noch mehr gethan haben würde, wenn man ihr den Auftrag dazu ertheilt. Bei diesen Worten sieht sie mich verstohlen und mit einer gewissen Unruhe an. Ich kann mich eines Lächelns nicht erwehren, da ich in ihrem arglosen Herzen den Aufruhr erkenne, der ihr diese Worte eingegeben hat. Ihr Vater ist grausam genug, diese Unbesonnenheit erst recht auffallend zu machen, indem er sie mit spöttischem Tone fragt, aus welchem Grunde sie eigentlich das Gespräch auf sich selber lenke, und was sie denn mit der Tochter des Alkinous gemein habe? Verlegen und zitternd wagt sie kaum noch zu athmen oder den Blick zu Jemand zu erheben. Reizendes Mädchen, jetzt ist es zu spät, dich zu verstellen; unbewußt hast du dich bereits erklärt. Zu Sophiens Glück ist diese kleine Scene indeß bald vergessen oder scheint es wenigstens zu sein. Emil allein hat von dem ganzen Vorgange nichts begriffen. Der Spaziergang wird fortgesetzt, und unseren jungen Leuten, die uns Anfangs zur Seite geblieben waren, wird es schwer, sich nach unseren langsamen Schritten zu richten. Nach und nach gewinnen sie einen Vorsprung, nähern sich, knüpfen ein Gespräch an, und endlich sehen wir sie ziemlich weit vor uns. Sophie scheint aufmerksam und gesetzt; Emil redet und macht außerordentlich feurige Gesticulationen. Die Unterhaltung scheint Beiden keine Langeweile zu bereiten. Nach Verlauf einer guten Stunde treten wir den Rückweg an; auf unsern Ruf kommen sie, wenn auch ziemlich langsam, zurück, und es entgeht uns nicht, daß sie die Zeit noch auf das Beste benutzen. Bevor sie jedoch in Hörweite gelangt sind, stockt endlich plötzlich ihre Unterhaltung, und sie verdoppeln ihre Schritte, um wieder mit uns zusammenzutreffen. Emil redet uns offen und freundlich an; seine Augen strahlen vor Freude, indeß richtet er sie mit einiger Unruhe auf Sophiens Mutter, um zu sehen, wie sie dieselbe empfangen wird. Sophie weiß nicht ein eben so ungezwungenes Benehmen zu beobachten. Der Gedanke, sich mit einem jungen Manne allein in einem traulichen Zusammensein befunden zu haben, scheint sie bei ihrer Ankunft noch immer verlegen zu machen, sie, die schon so oft mit anderen jungen Herren allein gewesen ist, ohne darüber in Verlegenheit zu gerathen, und ohne daß man darin etwas Unrechtes erblickt hätte. Sie eilt, ein wenig athemlos, auf ihre Mutter zu, und äußert einige nichtssagende Worte, damit es so aussehen sollte, als wäre sie schon lange wieder da. An der Heiterkeit, welche sich auf dem Antlitze dieser liebenswürdigen Kinder ausprägt, läßt sich errathen, daß diese Unterhaltung ihre jungen Herzen von einer großen Last befreit hat. Sie zeigen zwar nicht weniger Zurückhaltung gegen einander, allein in derselben spricht sich nicht mehr eine so große Verlegenheit aus wie vorher. Sie wurzelt nur noch in Emils Ehrfurcht, in Sophiens Bescheidenheit und Beider Sittsamkeit. Emil wagt einige Worte an sie zu richten, und sogar sie wagt bisweilen zu antworten, aber nie öffnet sie den Mund, ohne ihre Mutter dabei unverwandt anzublicken. Am unverkennbarsten tritt der Wechsel ihrer Gesinnung gegen mich zu Tage. Sie bezeigt mir eine zuvorkommendere Aufmerksamkeit, betrachtet mich mit Theilnahme, redet in wahrhaft herzlicher Weise mit mir und sucht Alles hervor, was mir gefallen kann. Ich erkenne daraus, daß ich mir ihre Achtung errungen habe, und daß es ihr angelegen ist, sich die meinige zu verdienen. Es ist klar, daß Emil mit ihr über mich gesprochen hat; ja man könnte fast auf den Gedanken kommen, daß sie bereits ein Complot geschmiedet, mich zu gewinnen. Trotzdem ist dies nicht der Fall, denn auch Sophie läßt sich nicht so leicht gewinnen. Es wird für ihn vielleicht besser sein, daß ich bei ihr in Gunst stehe, als daß sie sich mein Wohlwollen erworben hat. Reizendes Paar! ... Wenn ich erwäge, daß mein junger Freund trotz seines erregbaren Herzens selbst bei der ersten Unterredung mit seiner Geliebten meiner in so freundlicher Weise gedacht hat, so ernte ich den Lohn für meine Mühe. Seine Freundschaft hat mir Alles vergolten. Die Besuche werden wiederholt. Die Unterhaltungen zwischen unseren jungen Leuten werden häufiger. Emil glaubt in seinem Liebesrausche seines Glückes schon sicher zu sein. Gleichwol gelingt es ihm nicht, Sophie zu einem ausdrücklichen Geständniß zu bewegen. Sie hört ihn wol an, erwidert aber nichts. Emil kennt den hohen Grad ihrer Sittsamkeit; diese große Zurückhaltung wundert ihn deshalb wenig. Er ist sich bewußt, bei ihr nicht schlecht angeschrieben zu stehen, und weiß überdies, daß die Väter ihre Kinder verheirathen. Er setzt voraus, Sophie warte erst auf einen Befehl ihrer Eltern, bittet um die Erlaubniß, um sie anhalten zu dürfen, und sie erhebt dagegen keinen Einwand. Er nimmt mit mir darüber Rücksprache, und in seinem Namen, ja in seiner Gegenwart bringe ich den Antrag vor. Welche Überraschung für ihn, als er vernimmt, daß die Entscheidung in Sophiens eigene Hand gelegt ist, und daß es lediglich in ihrem Willen liegt, ihn glücklich zu machen! Ihr Benehmen beginnt ihm räthselhaft zu werden. Seine Zuversicht nimmt ab. Er wird unruhig, gelangt zur Einsicht, daß er seines Erfolges noch nicht so sicher sei, als er gedacht, und nun ergeht sich die zärtlichste Liebe in der rührendsten Sprache, um sie zu erweichen. Emil ist nicht dazu angethan, zu errathen, was ihm schadet. Wenn man ihn nicht darauf aufmerksam macht, wird er es in seinem ganzen Leben nicht erfahren, und Sophie ist zu stolz, um es ihm zu sagen. Die Schwierigkeit, welche sie zurückhält, würde für Andere ein Sporn sein, ihm entgegenzukommen. Sie hat die Lehren ihrer Eltern nicht vergessen. Sie ist arm, während Emil, wie sie weiß, reich ist. Wie viel gehört deshalb dazu, daß er ihr Achtung abnöthigt! Welche Vorzüge muß er besitzen, um diese Ungleichheit zu verwischen! Wie könnte es ihm aber einfallen, in seinem Reichthume ein Hinderniß zu erblicken? Weiß Emil überhaupt nur, daß er reich ist? Kommt es ihm auch nur in den Sinn, sich danach zu erkundigen? Er hat, dem Himmel sei Dank, der Reichthümer nicht nöthig, weil er auch ohne dieselben Wohlthaten um sich zu verbreiten versteht. Zu dem Guten, was er thut, bedarf er nicht der Börse, sondern eines guten Herzens. Er widmet den Unglücklichen seine Zeit, seine Sorgfalt, seine Zuneigung, seine Person. Das Geld, welches er an die Dürftigen austheilt, wagt er kaum in Anschlag zu bringen. Da er nicht weiß, welchem Umstande er ihre Ungunst zuschreiben soll, mißt er sich selbst die Schuld bei; denn wer würde sich wol erkühnen, den Gegenstand seiner Verehrung einer Laune für fähig zu halten? Die Demüthigung der Eigenliebe erhöht die Betrübniß über die unerwiderte Liebe. Er naht sich Sophien nicht mehr mit jener liebenswürdigen Zuversicht eines Herzens, das sich des ihrigen würdig fühlt. Er ist in ihrer Gegenwart schüchtern und ängstlich. Da er die Hoffnung aufgegeben hat, sie durch Zärtlichkeit zu rühren, sucht er sie durch Erregung ihres Mitleids zu erweichen. Mitunter ermüdet seine Geduld und droht dem Verdrusse weichen zu wollen. Sophie scheint dann das heraufziehende Ungewitter zu ahnen und blickt ihn an. Dieser einzige Blick reicht hin, ihn zu entwaffnen und einzuschüchtern; er ist demüthiger als zuvor. Durch diesen beharrlichen Widerstand und dieses unüberwindliche Schweigen beunruhigt, schüttet er sein Herz endlich in das seines Freundes aus. Hier legt er die Schmerzen seines von Kummer zerrissenen Herzens nieder. Er fleht um Beistand und Rath. »Welch undurchdringliches Geheimniß! Sie nimmt, wie sich nicht bezweifeln läßt, Antheil an meinem Geschick. Weit davon entfernt, mich zu meiden, ist sie vielmehr gern mit mir zusammen. Bei meiner Ankunft verräth sie Freude, bei meinem Scheiden Kummer. Meine Aufmerksamkeiten nimmt sie gütig auf; meine kleinen Dienste scheinen ihr zu gefallen; sie läßt sich herab, mir ihre Ansichten auseinanderzusetzen, ja mir bisweilen sogar ihre Befehle zu ertheilen. Trotzdem weist sie all mein Bitten und Flehen zurück. Wenn ich mich von einer Vereinigung zu reden unterfange, legt sie mir gebieterisch Schweigen auf, und wenn ich nur noch ein einziges Wort hinzufüge, verläßt sie mich augenblicklich. Welch befremdender Grund kann ihr den Wunsch eingeben, daß ich ihr angehöre, ohne daß sie von meinem Wunsche, sie die Meine nennen zu dürfen, etwas wissen will? Reden Sie mit ihr, Sie, den sie ehrt und liebt und dem sie kein Schweigen aufzuerlegen wagt; bewegen Sie sie dazu, endlich ihr Schweigen zu brechen. Erweisen Sie mir, Ihrem Freunde, diesen Dienst und krönen Sie damit Ihr Werk. Lassen Sie Ihre Sorgfalt nicht zum Unheile für Ihren Zögling ausschlagen! Ach, was er Ihnen zu verdanken hat, wird gerade die Quelle seines Elendes werden, wenn Sie nicht sein Glück vollenden.« In Folge dessen habe ich mit Sophie eine Unterredung und entreiße ihr ohne viel Mühe ein Geheimniß, welches mir, noch ehe sie es mir enthüllt hatte, schon bekannt war. Schwieriger erlange ich die Erlaubniß, Emil davon Mittheilung machen zu dürfen. Schließlich erlange ich sie doch und mache von ihr Gebrauch. Ueber diese Erklärung geräth er in ein Erstaunen, von dem er sich gar nicht zu erholen vermag. Ein solches Zartgefühl ist ihm unverständlich. Er kann sich nicht vorstellen, wie einige Thaler mehr oder weniger auf Charakter und Verdienst von Einfluß sein sollen. Als ich ihm begreiflich zu machen suche, welchen Werth die Vorurtheile darauf legen, bricht er in Gelächter aus. Freudetrunken will er sich sofort auf den Weg machen, Alles zerreißen, Alles wegwerfen, auf Alles verzichten, nur um die Ehre zu haben, mit Sophie an Armuth wetteifern zu können und dadurch bei seiner Rückkehr würdig zu sein, ihr Gemahl zu werden. »Wie!« sage ich, ihn zurückhaltend und nun ebenfalls über sein Ungestüm lachend, »wird denn dieser jugendliche Kopf nie zur Reife kommen? Wirst du nie ein richtiges Urtheil gewinnen, nachdem du dein ganzes Leben lang philosophirt hast? Wie, begreifst du nicht, daß du deine Lage nur verschlimmern und Sophie nur noch halsstarriger machen würdest, wenn du dein unverständiges Vorhaben zur Ausführung brächtest? Daß du einige Güter mehr besitzest als sie, räumt dir freilich einen kleinen Vorzug vor ihr ein; wolltest du ihr aber dieselben alle zum Opfer bringen, so würdest du einen sehr großen Vorzug vor ihr voraus haben. Wenn sich nun ihr Stolz schon nicht dazu verstehen kann, dir für die ersteren Dank schuldig zu sein, wie sollte er es wol über sich gewinnen, dir die letzteren zu verdanken zu haben? Wenn sie es nicht zu ertragen vermag, daß ihr je ihr Gatte den Vorwurf machen könnte, sie reich gemacht zu haben, wird sie dann wol ertragen können, je von ihm den Vorwurf zu vernehmen, daß er sich um ihretwillen in Armuth gestürzt habe? O, Unglücklicher, möge nie der Verdacht in ihr aufsteigen, daß du dich mit diesem Plane getragen hast! Werde im Gegentheile aus Liebe zu ihr haushälterisch und sorgsam, damit sie dich nicht beschuldigen kann, du wollest sie durch List gewinnen und ihr das, was du doch durch deine eigene Fahrlässigkeit verlieren würdest, als ein freies Opfer darstellen.« »Glaubst du denn wirklich, daß ihr große Reichthümer Furcht einjagen, und daß ihr Widerstand gerade durch deinen Reichthum hervorgerufen wird? Nein, lieber Emil, die tiefere und mehr in das Gewicht fallende Ursache desselben liegt in der Wirkung, welche diese Reichthümer auf das Gemüth des Besitzers hervorbringen. Sie weiß, daß den Glücksgütern von ihren Besitzern der Vorzug vor allem Uebrigen gegeben wird. Allen Reichen gilt das Gold höher als das Verdienst. Bei dem gemeinsamen Einsatze von Geld und Dienstleistungen leben sie immer in dem Wahne, daß letztere unter dem Werthe der Bezahlung bleiben, und sind überzeugt, daß man ihnen, wenn man auch sein ganzes Leben in ihrem Dienste verbracht, noch mehr als zu viel schulde, weil man ihr Brod gegessen habe. Was wirst du demnach zu thun haben, Emil, um sie von dieser Furcht zu befreien? Enthülle ihr dein ganzes Herz! Das ist allerdings nicht das Werk eines einzigen Tages. Zeige ihr in deiner edlen Seele die Schätze, welche sie über diejenigen zu trösten vermögen, die dir unglücklicherweise so reichlich zugefallen sind. Ueberwinde ihren Widerstand durch Beharrlichkeit und Zeit; zwinge sie durch erhabene und hochherzige Gesinnung, deine Reichthümer zu vergessen. Liebe sie, diene ihr, diene ihren ehrwürdigen Eltern. Beweise ihr, daß deine Aufmerksamkeiten nicht das Ergebniß einer thörichten und vorübergehenden Leidenschaft, sondern der Ausfluß der Grundsätze sind, die mit unauslöschlicher Schrift in der Tiefe deines Herzens eingegraben stehen. Bringe dein von der Glücksgöttin verletztes Verdienst in würdiger Weise zu Ehren, das ist das einzige Mittel, diese mit dem Verdienst zu versöhnen, welches sie auf diese Weise erst recht ins Licht stellen muß.« Man kann sich vorstellen, in welches Entzücken diese Unterredung den jungen Mann versetzt, mit welcher Zuversicht und Hoffnung sie ihn erfüllt, wie sehr sein ehrliches Herz sich glücklich schätzt, daß er, um Sophie zu gefallen, nur das zu thun braucht, was er von selbst thun würde, wenn es auch gar keine Sophie gäbe oder er sie nicht so innig liebte. Wer könnte sich, wenn er auch nur eine geringe Kenntniß von Emils Charakter hat, sein Benehmen bei dieser Gelegenheit nicht vorstellen? So bin ich denn der Vertraute meiner beiden jungen Leute und der Vermittler ihrer Liebe. Eine schöne Aufgabe für einen Erzieher! So schön in der That, daß ich in meinem ganzen Leben nichts verrichtet habe, was mich in meinen eigenen Augen so erhoben und mir eine so große Zufriedenheit mit mir selbst verliehen hätte. Uebrigens ist diese Beschäftigung mit mancherlei Annehmlichkeiten verknüpft. Ich bin im Hause nicht unwillkommen. Bei der Sorge, die es macht, die Liebenden in Ordnung zu halten, verläßt man sich ganz auf mich. Emil, der in ewiger Furcht schwebt, mir zu mißfallen, war nie so lenksam wie jetzt. Das junge Mädchen erdrückt mich förmlich mit ihren Freundschaftsbezeigungen, durch die ich mich jedoch nicht täuschen lasse, sondern von denen ich nur so viel als meiner Person geltend betrachte, als mir gefällt. Auf diese Weise entschädigt sie sich mittelbar für die Ehrfurcht, in welcher sie Emil erhält. In meiner Person überhäuft sie ihn mit tausenderlei zärtlichen Liebkosungen, die sie ihm nimmer erweisen würde, und wenn es ihr Leben gälte. Emil dagegen, der da weiß, daß ich nicht die Absicht habe, seinen Interessen zu schaden, ist entzückt darüber, daß ich in einem so guten Einvernehmen mit ihr lebe. Er tröstet sich, wenn sie auf einem Spaziergange seinen Arm ablehnt, sobald es nur geschieht, um aus Rücksicht für ihn den meinigen vorzuziehen. Er entfernt sich ohne Murren, nachdem er mir die Hand gedrückt und mit Mund und Augen ganz leise gesagt hat: »Freund, sprechen Sie für mich.« Aufmerksam folgt er uns mit den Augen. Er bemüht sich, unsere Gefühle auf unseren Gesichtern zu lesen und sich den Gang unseres Gesprächs aus unseren Geberden zu erklären. Er weiß, daß Alles, was wir reden, nur ihn betrifft. Gute Sophie, welche Freude gewährt es deinem aufrichtigen Herzen, wenn du dich, ohne von Telemach gehört zu werden, mit seinem Mentor unterhalten kannst! Mit welch liebenswürdiger Offenherzigkeit lässest du ihn Alles lesen, was dein zärtliches Herz bewegt! Mit welcher Freude zeigst du ihm deine ganze Achtung vor seinem Zöglinge! Mit welch rührender Unbefangenheit enthüllst du ihm noch weit süßere Gefühle! Mit welch erheucheltem Zorne verabschiedest du den aufdringlichen Verehrer wieder, wenn er sich von seiner Ungeduld hinreißen läßt, dich zu unterbrechen! Mit welch reizendem Unwillen wirfst du ihm seine Rücksichtslosigkeit vor, wenn er dich verhindern will, etwas Gutes von ihm zu sagen oder zu hören, und in meinen Antworten stets einen neuen Grund zu finden, ihn zu lieben! Nachdem Emil es endlich so weit gebracht hat, daß er als erklärter Liebhaber geduldet wird, nimmt er auch alle Rechte eines solchen in Anspruch. Er plaudert, ist empfindlich, fleht, wird lästig. Wie streng man auch mit ihm reden, wie sehr man ihn auch quälen mag, er fragt wenig danach, wenn es ihm nur gelingt, sich Gehör zu verschaffen. Endlich setzt er es, wenn auch mit vieler Mühe, durch, daß Sophie sich ihrerseits geneigt zeigt, offen die Herrschaft einer Geliebten über ihn auszuüben, daß sie ihm vorschreibt, was er thun soll, daß sie befiehlt, anstatt zu bitten, daß sie genehmigt, anstatt zu danken, daß sie Zahl und Zeit der Besuche festsetzt, daß sie ihm verbietet, vor dem bestimmten Tage zu kommen und seinen Besuch über die bestimmte Stunde auszudehnen. Und das Alles faßt sie nicht etwa scherzhaft auf, sondern es ist ihr voller Ernst. Verstand sie sich Anfangs nur mit Mühe dazu, diese Rechte anzunehmen, so beweist sie dagegen bei Ausübung derselben eine Strenge, die den armen Emil oft mit Bedauern erfüllt, sie ihr eingeräumt zu haben. Was sie aber auch immer anordnen mag, so erhebt er niemals Widerspruch dagegen, und oft blickt er mich, wenn er fortgeht, um zu gehorchen, mit freudestrahlenden Augen an, welche mir sagen sollen: »Du kannst dich jetzt selbst überzeugen, daß sie mich als ihr Eigenthum betrachtet.« Indessen wirft ihm die Hochmüthige einen verstohlenen Blick zu und lächelt im Geheimen über den Stolz ihres Sklaven. Albano und Raphael, leihet mir den Pinsel der reinsten Wonne! Göttlicher Milton, lehre meine ungeübte Feder die Freuden der Liebe und der Unschuld schildern! Aber nein, verberget vielmehr eure gleißnerische Kunst vor der heiligen Wahrheit der Natur. Wenn ihr nur fühlende Herzen und züchtige Seelen habt, dann könnt ihr eure Phantasie frei und unbesorgt über die Wonne der beiden jungen Liebenden umherschweifen lassen, welche sich unter den Augen ihrer Eltern und Führer ungescheut der süßen und doch so trügerischen Illusion überlassen, in dem Freudenräusche ihres Sehnens sich langsam dem Ziele nähern und aus Kränzen und Blumengewinden das Band schlingen, welches sie bis zum Grabe vereinigen soll. So viel bezaubernde Bilder müssen mich endlich selbst in eine Art Rausch versetzen; ohne Ordnung und bestimmte Reihenfolge bieten sich mir stets neue dar. Wer, der ein Herz hat, sollte sich nicht das köstliche Gemälde der verschiedenen Lagen des Vaters, der Mutter, der Tochter, des Erziehers, des Zöglings und Aller Zusammenwirken zur Vereinigung des reizendsten Paares, dessen Glück Liebe und Tugend begründen können, zu entwerfen vermögen? Jetzt, wo Emil Alles hervorsucht, um zu gefallen, beginnt er zu fühlen, wie werthvoll die zur Erheiterung beitragenden Künste sind, welche er sich angeeignet hat. Sophie findet Freude am Gesang, und deshalb singt er mit ihr. Ja, er läßt es dabei nicht bewenden, er gibt ihr auch Unterricht in der Musik. Sie ist lebhaft und anmuthig, hüpft gern umher, und folglich tanzt er mit ihr. Er verwandelt ihre kunstlosen Sprünge in zierlichen Tanz und bildet sie in dieser Kunst vollkommen aus. Diese Unterrichtsstunden sind reizend, ausgelassene Heiterkeit belebt sie und versüßt die schüchterne Zurückhaltung der Liebe. Einem Liebenden ist es schon gestattet, solchen Unterricht mit Wonne zu geben; es ist ihm gestattet, als Herr seiner Herrin aufzutreten. Man hat ein altes, völlig unbrauchbares Clavier. Emil bringt es wieder leidlich in Ordnung und stimmt es. Er versteht sich auf die Anfertigung musikalischer Instrumente eben so gut wie auf die Tischlerei. Hat er doch stets den Grundsatz befolgt, in Allem, was er selbst verrichten kann, auf fremde Hilfe zu verzichten. Das Haus hat eine malerische Lage; er nimmt verschiedene Ansichten desselben auf, bei welchem ihm auch Sophie mitunter hilfreiche Hand leistet, und mit denen sie dann das Arbeitszimmer ihres Vaters schmückt. Die Rahmen sind freilich nicht vergoldet, aber es bedarf solcher auch gar nicht. Dadurch, daß Sophie Emil beim Zeichnen zuschaut und seine Arbeiten nachzeichnet, vervollkommnet sie sich mehr und mehr auch in dieser Kunst, denn auch in ihr nimmt sie ihn sich zum Muster. Sie pflegt alle ihre Talente, und ihre Anmuth verschönert sie alle. Ihre Eltern erinnern sich wieder der Zeiten ihres früheren Reichthums, da sie von Neuem die schönen Künste, die ihnen denselben allein werth machten, rings um sich glänzen sehen. Die Liebe hat ihr ganzes Haus geschmückt; sie allein ist der Zauberstab, unter dem darin wieder ohne Kosten und Mühe dieselben Freuden erblühen, welche sonst nur mit großem Geldaufwands und mit vielen Verdrießlichkeiten erkauft werden konnten. Wie der Götzendiener den Gegenstand seiner Verehrung mit den Schätzen, die für ihn den höchsten Werth haben, bereichert und auf seinem Altare den Gott schmückt, den er anbetet, so will der Liebende die Reize seiner Geliebten, so vollkommen sie auch in seinen Augen ist, mit immer neuem Schmucke noch erhöhen. Sie bedarf desselben freilich nicht, um ihm zu gefallen, aber für ihn ist es ein Bedürfnis, sie zu schmücken. Er glaubt ihr damit eine neue Huldigung zu erweisen; seine Freude, sie zu betrachten, erhält dadurch einen neuen Reiz. Es kommt ihm so vor, als nehme nichts Schönes seine richtige Stelle ein, wenn es nicht zum Schmuck der höchsten Schönheit dient. Es ist ein eben so rührender wie lächerlicher Anblick, zu sehen, mit welchem Eifer Emil Sophien in Allem unterrichtet, was er weiß, ohne erst zu fragen, ob sie auch zu dem, was er ihr beibringen will, Lust hat, oder ob es sich überhaupt für sie eignet. Er spricht mit ihr von Allem und erklärt ihr Alles mit wahrhaft kindischem Eifer. Er bildet sich ein, sobald er es ihr nur sage, werde sie ihn augenblicklich verstehen. Er stellt sich schon im Voraus vor, eine wie große Freude es ihm bereiten werde, mit ihr zu denken und zu philosophiren. Der Theil seiner Kenntnisse, den er vor ihren Augen nicht entfalten kann, erscheint ihm völlig unnütz. Es treibt ihm fast die Schamröthe in die Wangen, wenn er etwas weiß, was sie nicht weiß. Er ertheilt ihr also Unterricht in der Philosophie, in der Naturkunde, in der Mathematik, in der Geschichte, kurz in Allem. Sophie geht mit Freuden auf sein eifriges Bemühen ein und sucht daraus Nutzen zu ziehen. Wenn er es durchzusetzen vermag, daß er ihr den Unterricht vor ihr auf den Knieen liegend ertheilen darf, von welcher Glückseligkeit ist er dann erfüllt! Er glaubt den Himmel offen zu sehen. Gleichwol ist diese Lage, welche für die Schülerin noch peinlicher als für den Lehrer ist, für den Unterricht durchaus nicht die vorteilhafteste. Man weiß dann nicht, wohin man die Augen richten soll, um die ihnen folgenden zu vermeiden; begegnen sie sich aber, so geht es mit dem Unterrichte deshalb nicht besser. Die Kunst zu denken ist den Frauen zwar nicht fremd, auf eine eingehendere Beschäftigung mit der Lehre vom Denken dürfen sie sich indeß nicht einlassen. Obgleich Sophie Alles begreift, bleibt doch nicht viel in ihr haften. Ihre größten Fortschritte macht sie in der Moral so wie in allen Dingen, bei welchen der Geschmack den Ausschlag gibt. In der Naturkunde behält sie nur einige allgemeine Gesetze und gewinnt daneben eine unklare Vorstellung vom Weltgebäude. Betrachten sie auf ihren Spaziergängen die Wunder der Natur, so wagen ihre unschuldigen und reinen Herzen sich bisweilen bis zum Schöpfer derselben zu erheben. Sie fürchten seine Gegenwart nicht, sie schütten mit einander ihr Herz vor ihm aus. Wie! Zwei Liebende in der Blüte ihres Lebens unterhalten sich bei ihrem vertraulichen Zusammensein von religiösen Dingen? Sie bringen ihre Zeit damit zu, ihren Katechismus aufzusagen! Wozu soll es dienen, das Erhabene in den Staub herabzuziehen? Ja, unstreitig thun sie es in der Illusion, die sie bezaubert hält: Jeder erblickt in dem Andern ein vollkommenes Wesen, sie lieben sich, sie unterhalten sich mit Begeisterung von dem, was der Tugend erst Werth verleiht. Gerade die Opfer, die sie derselben bringen, machen sie ihnen theuer. Bei den Ausbrüchen ihrer Leidenschaft, die sie besiegen müssen, weinen sie mitunter gemeinschaftlich Thränen, reiner als der Thau des Himmels, und diese süßen Thränen gießen über ihr ganzes Leben einen eigenen Zauber. Sie leben in dem süßesten Wahne, der sich je menschlicher Seelen bemächtigen kann. Selbst die Entbehrungen, die sie sich dadurch auferlegen, daß sie ihrer Leidenschaft widerstehen, erhöhen ihr Glück und gereichen ihnen in ihren eigenen Augen zur Ehre. Ihr sinnlichen Menschen, ihr Körper ohne Seele, dereinst werden sie auch eure Freuden kennen lernen und lebenslänglich jene glückliche Zeit zurückwünschen, wo sie sich ihnen nicht hingegeben haben! Ungeachtet dieses innigen Einverständnisses kommen doch bisweilen Meinungsverschiedenheiten, ja sogar kleine Zänkereien vor. Der Geliebten fehlt es nicht an Eigensinn, und der Geliebte braust leicht auf. Allein dergleichen kleine Stürme pflegen schnell vorüberzugehen und tragen nur dazu bei, die Eintracht zu befestigen. Die Erfahrung lehrt Emil, sich vor ihnen nicht allzu sehr zu fürchten. Die Versöhnungsscenen führen für ihn stets mehr Vortheil, als die Zwistigkeiten Nachtheil herbei. Die Frucht der ersten berechtigt ihn zu der Hoffnung, daß auch die folgenden beständig denselben Ausgang nehmen werden. Hierin täuscht er sich allerdings, allem wenn er am Ende auch nicht stets einen gleich augenscheinlichen Vortheil daraus zieht, so hat er doch immer den Gewinn, daß er dabei wahrnehmen kann, wie sich Sophiens aufrichtiges Interesse, welches sie an seinem Herzen nimmt, mehr und mehr befestigt. Man wünscht in Erfahrung zu bringen, worin denn dieser Gewinn besteht. Ich gehe auf Erfüllung dieses Wunsches um so lieber ein, als mir dieses Beispiel Veranlassung gibt, einen sehr nützlichen Grundsatz aufzustellen und einen höchst unheilvollen zu bekämpfen. Emil liebt, folglich ist er nicht verwegen. Noch besser wird man begreifen, daß die gebieterische Sophie nicht das Mädchen ist, ihm Freiheiten zu gestatten. Da indeß die Klugheit in allen Dingen ihre Grenze hat, so kann man Letztere weit eher einer zu großen Härte als einer zu großen Nachsicht zeihen, und selbst ihr Vater hegt mitunter die Besorgniß, daß ihr übertriebener Stolz noch in Hochmuth ausarten könne. Selbst in ihren geheimsten Zwiegesprächen würde sich Emil nicht erdreisten, sie auch nur um die geringste Gunstbezeigung zu bitten, ja er nimmt nicht einmal den Anschein an, als ob er sich danach sehne. Wenn sie auf den Spaziergängen auch gern Arm in Arm mit ihm geht, ein Liebesbeweis, der aber nie den Charakter eines Rechts annehmen darf, so wagt er doch kaum bisweilen seufzend ihren Arm an seine Brust zu drücken. Nach langem Schwanken erkühnt er sich wol einmal verstohlenerweise einen Kuß auf ihr Kleid zu drücken, und hin und wieder ist er so glücklich, daß sie sich stellt, als ob sie es nicht bemerke. Als er sich jedoch eines Tages dieselbe Freiheit etwas offener herausnehmen will, kommt es ihr in den Sinn, sein Betragen höchst unartig zu finden. Er beharrt bei seinem Vorsatze und sie wird ärgerlich. Im Unwillen entschlüpfen ihr einige harte Worte, welche Emil nicht unerwidert läßt. Der Rest des Tages vergeht unter Schmollen und man scheidet sehr mißvergnügt. Sophie ist übler Laune. Ihre Mutter ist ihre Vertraute; wie sollte sie dieser ihren Kummer verhehlen? Es ist ihre erste Uneinigkeit, und eine einstündige Uneinigkeit ist eine gar wichtige Angelegenheit! Sie bereut ihren Fehler; die Mutter gibt ihr Erlaubnis, ihn wieder gut zu machen, und der Vater befiehlt es ihr. Voller Unruhe erscheint Emil am folgenden Tage etwas früher als gewöhnlich. Sophie hilft ihrer Mutter bei ihrem Anzuge, und der Vater befindet sich ebenfalls im Zimmer. Emil tritt ehrfurchtsvoll, aber mit trauriger Miene ein. Kaum haben ihn Vater und Mutter begrüßt, so dreht sich Sophie um und fragt ihn, während sie ihm die Hand reicht, mit zärtlichem Tone, wie er sich befinde. Es ist augenscheinlich, daß ihm dieses reizende Händchen so nur zum Kusse hingehalten wird. Er ergreift es zwar, küßt es aber nicht. Ein wenig beschämt zieht Sophie die Hand so anmuthig wie möglich zurück. Emil, der sich auf das Benehmen der Frauen nicht versteht und nicht begreift, wozu der Eigensinn nützt, vergißt nicht so leicht und beruhigt sich nicht so schnell. Als der Vater Sophiens Verlegenheit bemerkt, bringt er sie durch seine Scherzworte noch vollends in Verwirrung. Beschämt und gedemüthigt weiß die arme Sophie kaum noch, was sie thut, und würde die ganze Welt darum geben, wenn sie weinen dürfte. Je mehr sie sich zu beherrschen sucht, desto mehr schwillt ihr das Herz. Endlich entrinnt wider ihren Willen ihren Augen eine Thräne. Emil sieht diese Thräne, wirft sich vor Sophie auf die Kniee, ergreift ihre Hand und küßt sie zu wiederholten Malen leidenschaftlich. »Wahrhaftig,« sagt der Vater unter lautem Lachen, »Sie behandeln sie viel zu gütig; ich würde alle diese Tollheiten weniger nachsichtig aufnehmen und den Mund bestrafen, der mich beleidigt hätte.« Durch diese Rede ermuthigt, schaut Emil die Mutter bittend an, und da er ein Zeichen der Einwilligung wahrzunehmen glaubt, nähert er sich zitternd Sophiens Gesicht, die jedoch, um den Mund zu retten, den Kopf wendet und ihm ihre rosige Wange hinhält. Jetzt wird er jedoch zudringlich, will sich damit nicht zufrieden geben und findet auch nur schwachen Widerstand. Welch ein Kuß, wenn er nicht unter den Augen einer Mutter geraubt wäre! Strenge Sophie, sei auf deiner Hut! Er wird dich oft um Erlaubniß bitten, dein Kleid küssen zu dürfen, in der Hoffnung, daß du ihm mitunter seine Bitte abschlägst. Nach dieser exemplarischen Bestrafung verläßt der Vater eines Geschäftes wegen das Zimmer. Die Mutter schickt Sophie unter einem Vorwande hinaus, wendet sich darauf an Emil und sagt in gar ernstem Tone zu ihm: »Mein Herr, ich glaube, daß ein junger Mann von so guter Herkunft, der eine so vortreffliche Erziehung erhalten hat und sich sonst durch eine so edele Gesinnung und ein so sittlich reines Verhalten auszeichnet wie Sie, nicht darauf ausgeht, die Freundschaft, welche ihm eine Familie erweist, durch Entehrung derselben zu lohnen. Ich verlange weder übertriebene Zurückhaltung noch ein sprödes Wesen. Ich weiß, was man der lebhaften Jugend nachsehen muß. Der Vorgang, den ich unter meinen Äugen geduldet habe, beweist es Ihnen zur Genüge. Befragen Sie Ihren Freund über Ihre Pflichten. Er wird Ihnen erklären, welch ein Unterschied zwischen den Tändeleien, welche die Gegenwart eines Vaters und einer Mutter gutheißt, und den Freiheiten besteht, die man sich in ihrer Abwesenheit herausnimmt, indem man ihr Vertrauen mißbraucht und dieselben Gunstbeweisungen, die unter ihren Augen völlig unschuldig sind, in Fallstricke verwandelt. Er wird Ihnen erklären, mein Herr, daß sich meine Tochter Ihnen gegenüber kein anderes Unrecht vorzuwerfen hat, als daß sie nicht gleich beim ersten Male erkannte, was sie nie hätte dulden sollen. Er wird Ihnen erklären, daß Alles, was man als eine Gunst aufnimmt, auch wirklich eine solche wird, und daß es eines Mannes von Ehre unwürdig ist, mit der Einfalt eines jungen Mädchens Mißbrauch zu treiben, um sich unter dem Schleier des Geheimnisses dieselben Freiheiten anzumaßen, die sie vor aller Welt Augen dulden darf. Denn weiß man auch, was der Anstand öffentlich zu thun gestattet, so weiß man doch nie, wobei derjenige, welcher sich zum alleinigen Richter seiner Einfälle aufwirft, unter dem Schatten des Geheimnisses stehen bleibt.« Nach diesem durchaus gerechten Verweise, der im Grunde genommen mehr gegen mich als gegen meinen Zögling gerichtet war, geht die Mutter aus dem Zimmer und läßt mich in Bewunderung der seltenen Klugheit einer Frau, welche in einem Kusse auf den Mund ihrer Tochter, sobald sie zugegen ist, nichts findet, während sie darüber erschrickt, daß man sich im Geheimen das Kleid derselben zu küssen erlaubt. Bei dem Gedanken an die Thorheit unserer Grundsätze, welche stets die wahre Sittsamkeit dem äußern Anstande aufopfern, sehe ich erst den Grund ein, weshalb die Sprache um so keuscher ist, je verderbter die Herzen sind, und weshalb die Menschen den Anstand desto strenger beobachten, je unreineren Herzens sie sind. Indem ich Emil bei dieser Gelegenheit die Pflichten einpräge, mit denen ich ihn schon früher hätte bekannt machen sollen, drängt sich mir eine neue Bemerkung auf, die Sophie vielleicht zur höchsten Ehre gereicht, die ich mich aber trotzdem hüten werde, ihrem Liebhaber mitzutheilen: die Bemerkung nämlich, daß ihr dieser vermeintliche Stolz, den man ihr zum Vorwurfe macht, augenscheinlich nur als eine sehr weise Vorsichtsmaßregel dient, um sich vor sich selbst zu bewahren. Da sie fühlt, daß ihr Temperament leider sehr leicht entzündlich ist, so fürchtet sie den ersten Funken und sucht ihn mit aller Macht fern zu halten. Also nicht Stolz, sondern gerade Demuth treibt sie zu dieser Strenge. Die Demuth übt über Emil die Herrschaft aus, die sie über Sophie nicht zu haben fürchtet; sie bedient sich seiner, um Letztere zu bekämpfen. Besäße Sophie mehr Zutrauen zu sich selbst, so würde sie weniger stolz sein. Welches Mädchen in der Welt ist wol, von diesem einzigen Punkte abgesehen, gefälliger und sanfter als sie? Wer erträgt geduldiger eine Beleidigung? Wer ist mehr auf seiner Hut, irgend Jemand zu kränken? Wer macht geringere Ansprüche auf irgend etwas, außer auf die Tugend? Und gleichwol ist sie auf ihre Tugend nicht stolz; sie verschanzt sich nur hinter einem angenommenen Stolze, um ihre Tugend zu bewahren. Kann sie sich ohne Gefahr der Neigung ihres Herzens überlassen, so überhäuft sie sogar ihren Geliebten mit Liebkosungen. Aber ihre verständige Mutter theilt alle diese Einzelheiten nicht einmal dem Vater mit: die Männer brauchen doch nicht Alles zu wissen. Weit davon entfernt, auf ihre Eroberung stolz zu scheinen, ist Sophie vielmehr noch freundlicher und weit anspruchsloser gegen Jedermann geworden, den Einzigen vielleicht ausgenommen, der gerade die Ursache dieses Wechsels ist. Das Gefühl der Unabhängigkeit schwellt nicht mehr ihr edles Herz. In bescheidenster Weise rühmt sie sich eines Sieges, welcher ihr die eigene Freiheit kostet. Sie hat ein weniger ungezwungenes Benehmen, und ihre Sprache ist schüchterner geworden, seitdem sie das Wort »Geliebter« nicht mehr ohne zu erröthen anzuhören vermag. Aber durch diese Verlegenheit blickt doch eine gewisse Befriedigung hindurch und selbst in ihrer Scham liegt kein unangenehmes Gefühl. Namentlich tritt ein auffallender Unterschied in ihrem Benehmen hervor, wenn unvermuthet jugendliche Gäste erscheinen. Seitdem sie dieselben nicht mehr fürchtet, hat die übertriebene Zurückhaltung, die sie ihnen gegenüber beobachtete, bedeutend nachgelassen. Jetzt, wo ihre Wahl entschieden ist, zeigt sie sich im Umgange mit ihr gleichgültigen Herren artig und höflich. Da sie weniger hohe Anforderungen an sie stellt, seitdem sie kein Interesse mehr für sie fühlt, findet sie dieselben als Leute, die ihr nie etwas sein werden, liebenswürdig genug. Wenn mit wahrer Liebe Coquetterie vereinbar wäre, so würde ich sogar einige schwache Spuren derselben in der Art und Weise zu bemerken glauben, wie sich Sophie in Gegenwart ihres Geliebten ihnen gegenüber benimmt. Man sollte fast meinen, daß sie, nicht zufrieden mit der glühenden Leidenschaft, die sie durch eine köstliche Mischung von Zurückhaltung und Zärtlichkeit in ihm entzündet hat, auch eine ganz besondere Lust dann findet, diese Leidenschaft durch ein wenig Unruhe noch immer mehr anzustacheln. Man sollte meinen, sie gehe absichtlich darauf aus, ihre jungen Gäste zu erheitern, nur um Emil durch den Anblick einer Fröhlichkeit, die ihr so gut steht und die sie doch nie ihm gegenüber zu zeigen wagt, Qualen zu bereiten. Indest ist Sophie zu aufmerksam, zu gut und zu verständig, um ihn wirklich zu quälen. Um dieses gefährliche Reizmittel zu mildern, vertreten bei ihr Liebe und Sittsamkeit die Stelle der Klugheit. Sie versteht ihn in Unruhe zu versetzen, aber im rechten Augenblicke auch wieder zu besänftigen, und wenn sie ihn auch bisweilen beunruhigt, so betrübt sie ihn doch niemals. Um der Besorgniß willen, die sie hegt, sie könne ihren Geliebten nie fest genug an sich fesseln, wollen wir ihr die Sorge verzeihen, die sie ihm bisweilen bereitet. Welche Wirkung werden nun aber diese kleinen Künste auf Emil ausüben? Wird er eifersüchtig werden, oder wird er es nicht werden? Das wäre jetzt zu untersuchen, denn dergleichen Abschweifungen gehören ebenfalls zu dem Gegenstande dieser Abhandlung und entfernen mich nur wenig von der Sache selbst. Ich habe schon vorher den Nachweis geführt, daß diese Leidenschaft bei den Dingen, die lediglich auf der Meinung beruhen, in den Herzen der Menschen erwacht. Bei der Liebe verhält es sich jedoch anders. Hier scheint die Eifersucht so nahe an Natur zu streifen, daß sich kaum annehmen läßt, sie habe ihre Quelle nicht in derselben. Selbst das Beispiel der Thiere, unter denen sich bei verschiedenen die Eifersucht bis zur Wuth steigert, scheint dies unwiderleglich zu beweisen. Bringt etwa die Meinung der Menschen die Hähne dazu, sich zu zerfleischen, und die Stiere, sich bis auf den Tod zu bekämpfen? Der Widerwille gegen Alles, was unsere Freuden stört und trübt, ist, wie sich nicht bestreiten läßt, eine natürliche Regung. Bis zu einem gewissen Punkte verhält es sich mit dem Verlangen, den Gegenstand, der unser Gefallen erregt, ausschließlich zu besitzen, freilich eben so. Wenn sich jedoch dieses zur Leidenschaft gewordene Verlangen in Wuth oder in eine mißtrauische und verletzende Laune, unter dem Namen Eifersucht, verwandelt, dann ist es etwas Anderes. Diese Leidenschaft kann allerdings ihre Quelle in der Natur haben, aber es ist nicht immer der Fall; es ist nothwendig, hierbei einen Unterschied zu machen. Das der Thierwelt entnommene Beispiel habe ich bereits früher in meiner Abhandlung über die Ungleichheit ( discours sur l'inégalité ) weitläufig erörtert, und jetzt, wo ich von Neuem darüber nachdenke, scheint mir die damals angestellte Untersuchung erschöpfend und überzeugend genug, um es wagen zu dürfen, meine Leser auf sie zu verweisen. Zu den Unterscheidungen, die ich in jener Schrift gemacht habe, will ich nur die Bemerkung hinzufügen, daß die Eifersucht, welche aus der Natur stammt, hauptsächlich von der geschlechtlichen Fähigkeit bedingt wird, so daß sie da, wo diese Fähigkeit unbegrenzt ist oder zu sein scheint, ihren Gipfelpunkt erreicht, denn dann betrachtet das Männchen, welches seine Rechte nach seinen Bedürfnissen abmißt, jedes andere Männchen nur als einen nicht zu duldenden Nebenbuhler. Da sich in diesen Thiergattungen die Weibchen den zuerst Kommenden ergeben, so gehören sie den Männchen auch nur nach dem Rechte der Eroberung und verursachen deswegen ewige Kämpfe unter ihnen. In den Gattungen dagegen, wo sich das Männchen nur ein Weibchen zugesellt, wo die Paarung folglich eine Art moralisches Band, eine Art Ehe hervorruft, setzt das Weibchen, da es dem Männchen seiner Wahl, dem es sich ergeben hat, angehört, gewöhnlich jedem anderen Widerstand entgegen. Da nun dem Männchen für die Treue des Weibchens der Umstand bürgt, daß es ihm ja nur aus Liebe den Vorzug geschenkt hat, so beunruhigt es sich auch weniger bei dem Anblicke anderer Männchen und lebt mit ihnen friedlicher. In diesen Gattungen theilt das Männchen die Sorge für die Jungen, und nach einem jener Naturgesetze, welche man nicht ohne Rührung wahrnehmen kann, scheint das Weibchen dem Vater die Zuneigung, die er für seine Kinder hegt, vergelten zu wollen. Lenken wir nun unsere Blicke auf das Menschengeschlecht in seiner ursprünglichen Einfachheit, so läßt sich an dem beschränkten Vermögen des Mannes so wie an der Mäßigkeit seines geschlechtlichen Verlangens leicht erkennen, daß ihn die Natur dazu bestimmt hat, sich mit einer einzigen Frau zu begnügen. Eine Bestätigung findet diese Annahme in der numerischen Gleichheit der Individuen beider Geschlechter, wenigstens in unserem Klima, eine Gleichheit, die bei den Thiergattungen nicht vorhanden ist, in denen die größere Fähigkeit der Männchen mehrere Weibchen um ein einziges schaart. Obgleich der Mann nicht wie der Tauber brütet und eben so wenig Brüste hat, um zu säugen, weswegen er eigentlich in die Classe der Vierfüßler gehört, so ist die Frau doch auch auf seine Hilfe angewiesen, denn die Kinder sind so lange schwach und ungeschickt, daß sie wie die Mutter nicht leicht der Liebe des Vaters und seiner um ihretwillen gern gebrachten Opfer entbehren könnten. Alle diese übereinstimmenden Beobachtungen liefern demnach den Beweis, daß sich aus der leidenschaftlichen Eifersucht der Männchen in manchen Thierclassen noch kein Schluß auf den Menschen ziehen läßt. Sogar in der Ausnahme der wärmeren Himmelsstriche, in denen fast überall die Vielweiberei zur Herrschaft gelangt ist, findet dies Princip nur eine noch größere Bestätigung, weil die größere Anzahl der Frauen die Männer zu tyrannischen Vorsichtsmaßregeln geführt und das Gefühl der eigenen Schwäche sie zur Anwendung eines Zwanges getrieben hat, um die Naturgesetze zu umgehen. Unter uns, wo die gleichen Gesetze in diesem Punkte zwar weniger, dafür aber in einem entgegengesetzten und noch weit verabscheuungswertheren Sinne um so häufiger umgangen werden, hat die Eifersucht ihre Veranlassung mehr in den in der Gesellschaft herrschenden Leidenschaften als in dem ursprünglichen Naturtriebe. Bei den meisten galanten Verhältnissen übersteigt der Haß, den der Liebende gegen seine Nebenbuhler hegt, um Vieles seine Liebe zur Geliebten. Wenn er befürchtet, nicht der Einzige zu sein, der Erhörung gefunden hat, so ist dies die Wirkung jener Eigenliebe, deren Ursprung ich bereits nachgewiesen habe, und es leidet darunter mehr die Eitelkeit als die Liebe. Außerdem haben unsere ungeschickten Einrichtungen die Frauen zu einer solchen Verstellung Die Art der Verstellung, welche ich hier im Auge habe, ist derjenigen, welche den Frauen ziemt und zu der die Natur sie anleitet, gerade entgegengesetzt. Letztere besteht darin, die Gefühle, welche sie hegen, zu verhehlen, erstere dagegen darin, Gefühle zu erheucheln, welche sie nicht haben. Alle Weltdamen brüsten sich ihr Lebelang mit ihrem sogenannten liebevollen Herzen und lieben trotzdem nur sich selbst. getrieben und ihre Gelüste in so hohem Grade entflammt, daß man sich kaum auf ihre erprobteste Zuneigung verlassen kann, und daß sie außer Stande sind, einen Vorzug zu erkennen zu geben, welcher über die Furcht vor Nebenbuhlern zu beruhigen vermöchte. Mit der wahren Liebe verhält es sich anders. In der schon erwähnten Schrift habe ich darauf aufmerksam gemacht, daß dies Gefühl nicht so natürlich ist, als man wol denkt. Es ist ein bedeutender Unterschied zwischen der süßen Gewohnheit, welche den Mann mit Zuneigung zu seiner Gefährtin erfüllt, und jener zügellosen Leidenschaft, welche sich an den eingebildeten Reizen eines Gegenstandes berauscht, der sich ihr ganz anders darstellt, als er in Wirklichkeit ist. Diese Leidenschaft, die den ausschließlichen Vorzug für sich in Anspruch nimmt, unterscheidet sich nur in so fern von der Eitelkeit, als diese Alles verlangt und nichts gewährt, weshalb sie stets unbillig auftreten wird, während die Liebe, die eben so viel gewährt als sie verlangt, schon an sich ein von Billigkeit erfülltes Gefühl ist. Je mehr sie übrigens verlangt, desto mehr ist sie zur Leichtgläubigkeit geneigt. Dieselbe Illusion, welche sie hervorruft, bewirkt, daß sie sich leicht überreden läßt. Ist die Liebe voller Unruhe, so ist die Achtung dagegen voller Vertrauen, und nie bestand Liebe ohne Achtung in einem ehrbaren Herzen, weil Jeder in dem Gegenstaude seiner Liebe nur Eigenschaften liebt, auf die er den höchsten Werth legt. Befindet man sich darüber im Klaren, so kann man mit Sicherheit voraussagen, welcherlei Art von Eifersucht Emil fähig sein wird; denn da diese Leidenschaft kaum einen Keim in dem menschlichen Herzen hat, so wird die Gestalt, in der sie auftritt, einzig und allein von der Erziehung bestimmt. Liebt Emil und bemächtigt sich seiner die Eifersucht, so wird er nicht etwa zornig, aufgebracht und mißtrauisch, sondern zart, gefühlvoll und schüchtern sein. Er wird sich mehr beunruhigt als gereizt zeigen. Er wird es sich mehr angelegen sein lassen, seine Geliebte zu gewinnen, als seinen Nebenbuhler zu bedrohen. Er wird ihn als ein Hinderniß auf die Seite zu schieben suchen, wenn es ihm möglich ist, ihn aber nicht als einen Feind hassen. Sollte er ihn indeß doch hassen, so liegt die Ursache nicht in der Kühnheit, ihm ein Herz, auf welches er Anspruch erhebt, streitig machen zu wollen, sondern in der wirklichen Gefahr, der er sich ausgesetzt sieht, es zu verlieren. Kein ungerechter Stolz wird sich in ihm thörichterweise um deswillen gekränkt fühlen, daß man sich unterfängt, zu demselben Wesen wie er seine Blicke zu erheben. In der richtigen Einsicht, daß sich das Recht auf Bevorzugung einzig und allein auf das Verdienst gründet, und daß die Ehre in dem glücklichen Erfolge liegt, wird er sich doppelte Mühe geben, sich liebenswürdig zu machen, und wahrscheinlich wird er zum Ziele gelangen. Wenn die edle Sophie ihn in Unruhe versetzt und dadurch seine Liebe reizt, so wird sie auch dafür Sorge tragen, daß dieselbe nicht einen zu hohen Grad erreicht, und ihn zu entschädigen wissen. Die Nebenbuhler, welche nur geduldet wurden, ihn auf die Probe zu stellen, werden bald verabschiedet sein. Aber wohin bin ich unmerklich gerathen? O Emil, was ist aus dir geworden? Kann ich in dir meinen Zögling wieder erkennen? Wie tief gesunken zeigst du dich mir! Wo ist dieser so streng erzogene Jüngling, welcher den Einflüssen der Jahreszeiten trotzte, seinen Körper durch die beschwerlichsten Arbeiten stählte und seine Seele allein unter die Gesetze der Weisheit stellte? Wo ist er, der, den Vorurtheilen wie den Leidenschaften unzugänglich, nur die Wahrheit liebte, nur der Vernunft folgte und sich nur um sich selbst kümmerte? Jetzt, wo ihn ein müßiges Leben verweichlicht hat, läßt er sich von Frauen leiten! Ihre Belustigungen bilden seine Beschäftigung, ihr Wille gilt ihm als Gesetz! Ein junges Mädchen gebietet über sein Schicksal. Vor ihm liegt er im Staube und demüthigt er sich! Der ernste Emil ist der Spielball eines Kindes! So wechseln im Leben die Scenen. Jedes Alter wird von seinen besonderen Triebfedern in Bewegung gesetzt. Der Mensch aber bleibt stets derselbe. Im zehnten Jahre läßt er sich durch Kuchen lenken, im zwanzigsten durch eine Geliebte, im dreißigsten durch Vergnügungen, im vierzigsten durch Ehrgeiz, im fünfzigsten durch Habsucht. Wann aber jagt er nur der Weisheit nach? Glücklich, wer wider seinen Willen ihr entgegengeführt wird! Was liegt an dem Führer, dessen man sich dabei bedient, wenn er uns nur zum Ziele bringt? Helden, ja sogar Weise haben der menschlichen Schwäche diesen Tribut bezahlt, und Mancher, dessen Finger erst haben die Spindel drehen müssen, ist nichts desto weniger ein großer Mann geworden. Wollt ihr die Wirkung einer vorteilhaften Erziehung auf das ganze Leben ausdehnen, so sorget dafür, daß die guten Gewöhnungen der Kindheit bis ins Jünglingsalter beibehalten werden, und ist euer Zögling, was er sein soll, so bemüht euch, daß er zu allen Zeiten derselbe ist. Das ist die letzte Vollendung, die euch eurem Werke noch zu geben übrig bleibt. Namentlich aus diesem Grunde ist es von Wichtigkeit, den jungen Leuten noch einen Führer zu lassen, denn sonst braucht man wol kaum zu befürchten, daß sie ohne seine Anleitung keinen Gegenstand für ihre Liebe finden würden. Die Erzieher, und besonders auch die Väter, huldigen oft der irrtümlichen Anschauung, daß die eine Lebensweise die andere ausschließe, und daß man, sobald man erwachsen ist, sich von Allem lossagen müsse, was man als Kind gethan habe. Verhielte es sich in der That so, wozu würde dann wol die der Kindheit gewidmete Sorgfalt nützen, da die gute oder schlechte Anwendung, welche man von ihr machen könnte, mit ihr aufhören würde, und da man mit einer völlig verschiedenen Lebensweise auch nothwendig eine andere Denkart annehmen müßte? Wie nur schwere Krankheiten im Stande sind, die Gedächtnißkraft zu schwächen, so vermögen auch nur große Leidenschaften eine Lockerung der Sitten zu bewirken. Obgleich unser Geschmack und unsere Neigungen einem Wechsel unterworfen sind, so wird uns derselbe, der mitunter sehr schnell eintritt, doch durch die Art des Uebergangs weniger fühlbar gemacht. Die Aufeinanderfolge unserer Neigungen muß in derselben Weise stattfinden, in welcher ein geschickter Maler bei der Abstufung der Farben verfährt, indem er unmerkliche Uebergänge hervorzubringen weiß, die Tinten mischt und vertheilt, und damit keine derselben zu grell absticht, mehrere über sein ganzes Gemälde verbreitet. Diese Regel findet in der Erfahrung ihre Bestätigung. Unmäßige Leute ändern täglich ihre Neigungen, ihren Geschmack, ihre Gesinnung und zeigen nur in der Gewohnheit des Wechselns Beständigkeit. Der maßvolle Mann dagegen kommt regelmäßig auf seine alten Gewohnheiten zurück und verliert selbst im Alter nicht den Geschmack an Freuden, die er als Kind liebte. Könnt ihr es dahin bringen, daß die jungen Leute beim Uebergange in ein neues Lebensalter auf das zurückgelegte nicht mit Verachtung blicken, daß sie trotz der Annahme neuer Gewohnheiten den alten nicht entsagen und ihre Freude darin finden, stets das zu thun, was gut ist, ohne Rücksicht auf die Zeit, in welcher sie es begonnen haben: dann allein werdet ihr euer Werk als gesichert betrachten und bis ans Ende ihrer Tage derselben versichert sein können, denn der am meisten zu fürchtende Umschwung vollzieht sich gerade in dem Alter, über welches ihr jetzt zu wachen habt. Wie man sich fortwährend nach ihm zurücksehnt, so verliert man in der Folge auch nur schwer die Neigungen, welche man in ihm gewonnen hat, während man sich ihnen, wenn eine Unterbrechung in ihnen eintrat, zeitlebens nicht wieder hingibt. Die meisten Gewohnheiten, zu deren Annahme ihr eurer Ansicht nach die Kinder und jungen Leute bestimmt habt, sind gar keine wirkliche Gewohnheiten, weil sie dieselben nur gezwungenerweise angenommen haben und sie unlustig beobachten und weil sie deshalb nur auf die Gelegenheit warten, sie wieder ablegen zu können. Aus dem Umstande, daß man sich gezwungen sieht, sich im Gefängnisse aufzuhalten, gewinnt man den Aufenthalt in demselben noch nicht lieb. Statt den Widerwillen zu vermindern, erhöht ihn dann eine solche Gewohnheit nur noch. Ganz anders verhält es sich mit Emil. Da er schon in seiner Kindheit Alles, was er that, nur aus freiem Antriebe und mit Freuden that, so wird er, wenn er jetzt als Mann die frühere Thätigkeit beibehält, mit der Herrschaft der Gewohnheit die Süßigkeit der Freiheit verbinden. Das thätige Leben, die Arbeit der Arme, Leibesübung und Bewegung sind ihm in so hohem Grade zur Notwendigkeit geworden, daß er ihnen, ohne darunter zu leiden, nicht würde entsagen können. Ihn mit einem Male zu einer weichlichen und sitzenden Lebensweise zu zwingen, hieße ihn einschließen, in Fesseln schlagen, in einem gewaltsamen und unnatürlichen Zustande halten. Ich hege nicht den geringsten Zweifel, daß seine Laune wie seine Gesundheit in gleicher Weise darunter leiden würden. Kaum vermag er in einem wohlverschlossenen Zimmer frei zu athmen. Ihm ist freie Luft, Bewegung und Anstrengung ein Bedürfniß. Selbst wenn er vor Sophie auf den Knieen liegt, kann er sich nicht enthalten, hin und wieder einen verstohlenen Blick in das Freie zu werfen und zu wünschen, die Fluren mit ihr durchstreifen zu können. Trotzdem bleibt er, weil er einmal bleiben muß. Aber er ist unruhig, erregt und scheint mit sich selbst im Kampfe zu liegen; er bleibt, weil er gefesselt ist. Ihr werdet freilich den Einwand erheben, daß das doch gewiß Bedürfnisse seien, die durch meine Schuld eine Herrschaft über ihn ausübten, Beschränkungen, die ich ihm auferlegt hätte. Das ist allerdings wahr: ich habe ihn angehalten, sich dem Zustande des Menschen zu unterwerfen. Emil liebt Sophie. Aber welche Reize haben ihn hauptsächlich angezogen? Ihre natürliche Güte, ihre Tugend, ihre Liebe zum Sittlichen. Sollte es wol für ihn als ein Verlust gelten können, wenn er diese Liebe an seiner Geliebten schätzt? Und um welchen Preis hat Sophie ihrerseits seine Liebe angenommen? Um den Preis aller Gefühle, welche dem Herzen ihres Geliebten natürlich sind: die Wertschätzung aller wahren Güter, Mäßigkeit, Einfachheit, edle Uneigennützigkeit, Verachtung alles Prunks und der Reichthümer. Emil besaß diese Tugenden bereits, noch ehe ihn die Liebe zu ihrer Uebung hätte bestimmen können. Worin hätte er sich also wirklich geändert? Es sind für ihn nur neue Gründe hinzugetreten, so zu sein, wie er ist. Das ist aber auch der einzige Punkt, in welchem er von dem; was er war, jetzt verschieden sein mag. Ich kann mir nicht vorstellen, daß irgend Jemand, welcher mein Buch mit einiger Aufmerksamkeit gelesen hat, wähnen könnte, alle Verhältnisse in der Lage Emils seien ein bloßes Ergebniß des Zufalls. Ist es wol ein Spiel des Zufalls, daß bei der großen Schaar liebenswürdiger Mädchen in den Städten gerade die, welche ihm gefällt, fern in tiefster Zurückgezogenheit weilt? Ist es Zufall, daß er sie trifft, Zufall, daß sie für einander passen, Zufall, daß sie nicht am nämlichen Orte wohnen können? Treibt auch dabei der Zufall sein Spiel, daß er erst in weiterer Entfernung von ihr eine Wohnung findet? Kann es Zufall sein, daß er sie so selten sieht und das Vergnügen, hin und wieder ihren Anblick genießen zu können, mit so vielen Mühseligkeiten erkaufen muß? Nach eurer Behauptung verweichlicht er sich, aber er härtet sich im Gegentheile ab. Er muß so kräftig sein, wie er es meiner Erziehung zu verdanken hat, um all den Beschwerden, welche er um Sophie willen ertragen muß, gewachsen zu sein. Er wohnt zwei starke Stunden von ihr. Diese Entfernung dient ihm in ähnlicher Weise wie der Blasebalg der Schmiede. Durch sie härte ich die Pfeile der Liebe. Wohnten sie Thüre an Thüre, oder brauchte er sich zu ihrem Besuche nur auf die weichen Polster eines herrschaftlichen Wagens zu setzen, so würde ihm seine Liebe freilich keine Unbequemlichkeit verursachen, so würde er nach Pariser Art lieben. Hätte Leander aber wol für Hero sterben wollen, wenn ihn das Meer nicht von ihr geschieden hätte? Leser, erspart mir alle weitere Worte! Fehlt es euch nicht an Verständniß für meine Lehren, so werdet ihr meine Regeln bis ins Einzelne zur Genüge befolgen. Bei den ersten Besuchen, die wir Sophie abstatteten, mietheten wir uns Pferde, um unser Ziel schneller zu erreichen. Wir finden diese Art zu reisen bequem und bedienen uns deshalb der Pferde öfter. Beim fünften Male hatte man uns erwartet. Ueber eine halbe Stunde vom Hause gewahren wir Leute vor uns auf dem Wege. Emil schaut aufmerksam nach ihnen hin, und das Herz beginnt ihm zu klopfen. Er reitet näher, erkennt Sophie, springt eilig vom Pferde, läuft, fliegt und liegt in wenigen Augenblicken der liebenswürdigen Familie zu Füßen. Emil liebt schöne Pferde; das seinige ist etwas wild; es fühlt sich frei und sprengt quer über das Feld fort. Ich reite hinterher, hole es mit Mühe ein und bringe es zurück. Da sich Sophie unglücklicherweise vor den Pferden fürchtet, wage ich nicht, mich ihr zu nähern. Emil sieht nichts, allein Sophie flüstert ihm ins Ohr, welche Mühe sich sein Freund um seinetwillen habe geben müssen. Ganz beschämt eilt Emil herbei, ergreift die Pferde und bleibt zurück. Es ist ganz in der Ordnung, daß die Reihe einen Jeden trifft. Er reitet voraus, um unsere Thiere den Dienstleuten zu übergeben. Da er sich gezwungen sieht, Sophie zurückzulassen, so kommt ihm das Reiten nicht mehr so angenehm vor. Außer Athem kehrt er zurück und begegnet uns auf halbem Wege. Bei unserem nächsten Besuche will Emil von Pferden nichts mehr wissen. »Weshalb denn?« frage ich ihn; »wir brauchen ja nur einen Diener mitzunehmen, dem wir ihre Wartung übertragen können.« – »Ach,« versetzte er, »warum sollen wir der achtbaren Familie solche Ueberlast bereiten? Sie wissen ja, daß sie für unser Aller, der Pferde wie Männer, Unterhalt sorgen will.« – »Es ist wahr,« erwidere ich, »sie besitzen die edle Gastfreundschaft der Dürftigkeit. Während die Reichen, die bei all ihrem äußeren Prunke doch habsüchtig sind, nur ihre Freunde bei sich aufnehmen, gewähren die Armen sogar den Pferden ihrer Freunde Unterkunft.« – »So lassen Sie uns denn zu Fuß gehen,« entgegnete er. »Sollten Sie sich das nicht zutrauen, Sie, die Sie stets so bereitwillig die ermüdenden Vergnügungen Ihres Kindes theilen?« – »Herzlich gern,« erwidere ich sofort, »auch muß man nach meinem Bedünken bei seinen Liebesgängen nicht mit so großem Geräusch auftreten!« Als wir näher kommen, bemerken wir, daß uns Mutter und Tochter noch weiter als das erste Mal entgegengekommen sind. Wie im Fluge sind wir bei ihnen. Emil ist wie aus dem Wasser gezogen. Eine theure Hand trocknet ihm mit dem Taschentuche freundlich die Wangen. Und wäre die ganze Welt voller Pferde, so würden wir uns von nun an nie wieder versucht fühlen, uns derselben zu bedienen. Indeß empfinden wir es ziemlich hart, daß wir nie den Abend mit einander verleben können. Der Sommer neigt sich seinem Ende entgegen und die Tage beginnen abzunehmen. Was wir auch immer sagen mögen, so gestattet man uns doch nie, erst bei Nacht unsern Heimweg anzutreten, und wenn wir uns nicht gleich des Morgens einstellen wollen, so müssen wir fast gleich nach unserer Ankunft wieder scheiden. Da man uns allseitig bedauert und sich unsertwegen beunruhigt fühlt, geräth die Mutter endlich auf den Gedanken, daß vielleicht, da ihnen die Schicklichkeit einmal verbiete, uns in ihrem eigenen Hause Unterkunft zu geben, im Dorfe eine passende Nachtherberge ermittelt werden könnte, wo wir uns nicht zu scheuen brauchten, bisweilen zu übernachten. Bei diesen Worten klatscht Emil in die Hände und hüpft vor Freuden, während Sophie, ohne daran zu denken, ihre Mutter an dem Tage, wo ihr dies Auskunftsmittel eingefallen ist, häufiger als sonst küßt. Nach und nach beginnt die Süßigkeit der Freundschaft und die Vertraulichkeit der Unschuld sich unter uns zu bilden und zu befestigen. An den von Sophie und ihrer Mutter festgesetzten Tagen komme ich meistens mit meinem Freunde, doch lasse ich ihn bisweilen auch allein gehen. Vertrauen erhebt das Bewußtsein, und man darf einen Mann nicht mehr wie ein Kind behandeln. Was würde ich auch erzielt haben, wenn mein Zögling meine Achtung nicht verdiente? Es kommt auch wol vor, daß ich ohne ihn hingehe. So traurig er dann auch ist, so murrt er gleichwol nicht. Was würde sein Murren ihm auch helfen? Und außerdem weiß er ja sehr wohl, daß ich nicht darauf ausgehe, seinen Interessen zu schaden. Ob wir übrigens zusammen oder Jeder für sich allein hingehen, so versteht es sich von selbst, daß wir uns nie von der Witterung zurückhalten lassen, und wir sind sogar ganz stolz darauf, wenn wir uns bei unserer Ankunft in einem Zustande befinden, der Bedauern erweckt. Leider will Sophie von diesem falschen Ehrgefühl nichts wissen und verbietet uns, bei schlechtem Wetter zu kommen. Dies ist das einzige Mal, daß ich sie gegen die Vorschriften widerspenstig finde, die ich ihr, ohne daß sie es selber merkt, eingebe. Eines Tages sehe ich Emil, der allein gegangen ist und dessen Rückkehr ich erst am nächsten Morgen erwarte, schon den nämlichen Abend zurückkommen und sage deshalb, während ich ihn umarme, zu ihm: »Wie, lieber Emil, du kommst zu deinem Freunde zurück?« Statt jedoch meine Liebkosung zu erwidern, sagt er ein wenig übellaunig: »Denken Sie nicht, daß ich aus eigenem Antriebe so bald zurückkehre; es geschieht ganz gegen meinen Willen. Sie hat es gewollt, und deshalb komme ich auf Sophiens Wunsch, nicht aber Ihretwillen.« Von dieser Offenheit angenehm berührt, umarme ich ihn von Neuem und sage: »Offene Seele, aufrichtiger Freund, suche mir nicht zu entziehen, was mir doch gehört. Kommst du ihretwegen, so sagst du es doch meinetwegen. Deine Rückkehr ist ihr Werk, aber deine Offenheit ist das meinige. Bewahre dir für immer diese edle Aufrichtigkeit schöner Seelen. Man kann Leute, die uns gleichgiltig sind, denken lassen, was sie wollen; duldet man aber, daß uns ein Freund etwas als Verdienst anrechnet, was wir doch nicht um seinetwillen gethan haben, so ist dies ein Verbrechen.« Ich hüte mich wohl, diesem Geständniß in seinen Augen dadurch etwas von seinem Werthe zu nehmen, daß ich ihn darauf aufmerksam mache, es liege in demselben mehr Liebe als Edelmuth, und es komme ihm weniger darauf an, sich das Verdienst dieser Rückkehr abzusprechen, als es vielmehr Sophie beizulegen. Die Art seiner Rückkunft entschleiert mir aber, ohne daß er es ahnt, sein ganzes Herz. Kommt er nämlich gemächlich und langsamen Schrittes, das Herz voller Liebesträume, so ist er in dem Augenblicke nur der Geliebte Sophiens; langt er dagegen mit stürmischen Schritten und erhitzt, wenn auch etwas verdrießlich, an, so erscheint er als der Freund seines Mentors. Diese Einrichtungen lassen erkennen, daß mein junger Mann weit davon entfernt ist, sein Leben stets an Sophiens Seite zuzubringen und sie so oft zu besuchen, als er gern möchte. Die Erlaubniß, welche er erhalten hat, beschränkt sich auf einen oder zwei Besuche wöchentlich. Gewöhnlich nehmen sie nur einen halben Tag in Anspruch und selten dehnen sie sich bis zum nächsten Morgen aus. Die Hoffnung auf den nächsten Besuch, oder die Erinnerung an die glücklichen Stunden des letzten, nimmt einen ungleich größeren Zeitraum ein als der wirkliche Besuch. Und kommt nun endlich der Besuchstag, so verbringt er den größten Theil der Zeit mit dem Hin- und Rückwege und nur wenige Stunden sind ihm an ihrer Seite zu verleben vergönnt. So wahr, rein und köstlich diese Freuden sind, so genießt er sie doch mehr in der Phantasie als in der Wirklichkeit. Sie steigern seine Liebe, ohne sein Herz zu verweichlichen. An den Tagen, an welchen er sie nicht sieht, lebt er nicht etwa müßig und eingezogen. An solchen Tagen ist er noch immer der alte Emil. Er hat sich in keiner Beziehung geändert. Am häufigsten durchstreift er die Felder der Umgegend und nimmt seine naturgeschichtlichen Studien wieder auf. Er stellt Beobachtungen an, untersucht den Boden, seine Erzeugnisse, die Art seines Anbaues. Er vergleicht die Feldarbeiten, welche er sieht, mit den ihm bekannten Methoden. Er sucht sich die Gründe der Abweichungen klar zu machen. Hält er sich überzeugt, daß andere Methoden vor den ortsüblichen den Vorzug verdienen, so macht er die Landwirthe mit denselben bekannt. Schlägt er ihnen eine bessere Form des Pfluges vor, so läßt er einen solchen nach seinen Zeichnungen anfertigen. Zufällig trifft er einen Mergelbruch und nimmt davon Veranlassung, sie auf die hier zu Lande noch unbekannte Anwendung des Mergels aufmerksam zu machen. Oft legt er selbst Hand ans Werk. Sie gerathen in Erstaunen, wenn sie sehen, wie er mit ihren Werkzeugen geschickter umzugehen weiß wie sie selbst, wie er tiefere und geradere Furchen zieht, gleichmäßiger säet und die Frühbeete mit größerem Geschick anzulegen weiß als sie. Es fällt ihnen nicht ein, sich über ihn lustig zu machen, wie sie es über die zu thun pflegen, die über den Ackerbau nur schön zu schwatzen verstehen; sie sehen, daß er ihn wirklich kennt. Daß ich es kurz sage, er dehnt seinen Eifer und seine Fürsorge auf Alles aus, was einen wesentlichen und allgemeinen Nutzen gewährt. Doch nicht einmal hiermit setzt er seiner Thätigkeit Grenzen. Er besucht die Landleute in ihren Häusern, erkundigt sich nach ihren Verhältnissen, nach ihren Familien, nach der Zahl ihrer Kinder, nach dem Umfange ihrer Ländereien, nach der Beschaffenheit des Ertrages derselben und nach den besten Absatzwegen, fragt nach ihrem Vermögen, nach den auf den Grundstücken ruhenden Lasten, nach ihren Schulden u. s. w. Geldhilfe gewährt er selten, da ihm nur zu wohl bekannt ist, daß sie gewöhnlich schlecht angewandt wird. Dafür zeigt er ihnen, wie sie selbst den besten Gebrauch von ihrem Gelde machen können, und wird so die Ursache, daß es ihnen trotz ihrer geringen Einsicht in Geldangelegenheiten dennoch Nutzen bringt. Er verschafft ihnen Arbeiter und bezahlt ihnen oft für die Arbeiten, deren sie bedürfen, ihren eigenen Tagelohn. Dem Einen läßt er seine halbverfallene Hütte wieder herstellen oder decken; dem Andern läßt er sein Feld bestellen, das aus Mangel an den nöthigen Mitteln hatte brach liegen müssen; wieder einem Andern schenkt er eine Kuh, ein Pferd, kurz irgend ein Stück Vieh zum Ersatze dessen, welches ihm gefallen ist. Zwei Nachbarn stehen im Begriff, einen Proceß gegen einander anzustrengen; er spricht ihnen gütlich zu und versöhnt sie. Ein Bauer erkrankt; er läßt ihn ärztlich behandeln oder behandelt ihn vielmehr selbst. Zur Heilung eines kranken Bauern braucht man ihm nicht Purganzen und Arzneien zu geben, noch ihn den Händen eines Wundarztes zu überliefern. Von alledem haben diese armen Leute, wenn sie krank sind, nichts nöthig; sie bedürfen einer besseren und reichlicheren Kost. Möget ihr Andern fasten, wenn euch das Fieber plaget, leidet aber ein Bauer daran, so gebt ihm Fleisch und Wein. Fast alle ihre Krankheiten sind die Folge ihres Elends und ihrer Entkräftung. Ihr bester Arzneitrank ist in euerm Keller, ihr einziger Apotheker muß euer Schlächter sein. Ein Anderer sieht sich den Bedrückungen eines mächtigen Nachbars ausgesetzt; er nimmt ihn in Schutz und tritt als Fürsprecher für ihn auf. Armen Verlobten macht er es möglich, sich zu verheirathen. Eine gute Frau, die ihr geliebtes Kind verloren hat, besucht er. Lange weilt er bei ihr, während er sich bemüht, sie zu trösten. Er verachtet die Armen nicht, noch verräth er Eile, sich von den Unglücklichen wieder loszumachen. Oft theilt er das Mahl der Landleute, die er unterstützt, setzt sich aber auch mit denen zu Tische, die seiner nicht bedürfen. Während er der Wohlthäter der Einen und der Freund der Andern wird, hört er nicht auf, sich als ihres Gleichen zu betrachten. Kurz, er stiftet durch seine Persönlichkeit stets eben so viel Gutes wie durch sein Geld. Hin und wieder lenkt er seine Ausflüge nach der Seite jenes glücklichen Landhauses. Es ist ja Hoffnung vorhanden, daß er Sophie heimlich entdecken, daß er sie, ohne selbst bemerkt zu werden, auf einem Spaziergange erblicken könnte. Aber Emil ist in seinem ganzen Auftreten stets offen und ehrlich, er kann und will nicht zu Umwegen seine Zuflucht nehmen. Er besitzt jenes liebenswürdige Zartgefühl, welches der Eigenliebe in Folge des guten Selbstzeugnisses so wohl thut und sie erhöht. Streng richtet er sich nach dem ihm ertheilten Verbote und kommt nie so nahe, daß er dem Zufall das verdanken könnte, was er Sophie allein verdanken will. Dafür irrt er voller Freuden in der Umgebung umher, um die Spuren der Schritte seiner Geliebten aufzusuchen. Mit tiefer Bewegung sieht er die Mühe, welche sie sich gegeben, und die Gänge, die sie ihm zu Liebe unternommen hat. Am Abend vor dem Tage, an welchem er sie besuchen darf, begibt er sich nach irgend einer benachbarten Meierei, um für den nächsten Morgen ein Frühstück zu bestellen. Der Spaziergang wird, scheinbar ohne Absicht, nach jener Richtung hin eingeschlagen. Wie zufällig tritt man ein und findet Obst, Kuchen und Sahne. Die etwas leckerhafte Sophie ist für diese Aufmerksamkeit durchaus nicht unempfindlich und erweist unserer Fürsorge alle Ehre, denn so oft sie etwas Verbindliches äußert, bekomme ich stets meinen Antheil davon ab, und hätte ich auch zu dem Dienste, welchem sie ihr Lob spendet, nicht das Geringste beigetragen. Die Kleine nimmt zu dieser Kriegslist ihre Zuflucht, um bei der Abstattung ihres Dankes weniger in Verlegenheit zu gerathen. Der Vater und ich essen Kuchen und trinken Wein, Emil aber theilt den Geschmack der Frauen und ist beständig auf der Lauer, ob er sich nicht einen Teller mit Sahne aneignen kann, in welchen Sophie ihren Kuchen getaucht hat. Als der Kuchen herumgereicht wird, erinnere ich Emil an seine früheren Wettläufe. Man will wissen, auf was ich anspiele. Ich gebe den begehrten Aufschluß und man lacht darüber. Man fragt ihn, ob er noch laufen könne. »Besser als je,« erwidert er, »es würde mir nicht lieb sein, wenn ich es verlernt hätte.« Jemand aus der Gesellschaft hätte große Lust, ihn laufen zu sehen, wagt es jedoch nichts den Wunsch auszusprechen, weshalb es ein Anderer übernimmt, einen darauf hinzielenden Vorschlag zu machen. Er geht darauf ein. Man treibt einige junge Männer aus der Umgegend auf, setzt einen Preis fest, und um die alten Spiele möglichst getreu nachzuahmen, wird ein Kuchen als Preis ausgesetzt. Jeder stellt sich in Bereitschaft; der Vater gibt das Zeichen, indem er in die Hände klatscht. Der leichtfüßige Emil fliegt förmlich dahin und hat die Rennbahn durchmessen, noch ehe die drei plumpen Gesellen recht in Gang gekommen sind. Emil empfängt den Preis aus Sophiens Händen und nicht weniger großmüthig als Aeneas theilt er unter den Besiegten Geschenke aus. Inmitten der allgemeinen Bewunderung und des Triumphes unterfängt sich Sophie den Besieger herauszufordern und rühmt sich, es mit ihm im Laufen aufnehmen zu können. Er lehnt es nicht ab, mit ihr in die Schranken zu treten. Während sie sich am Anfange der Rennbahn in Bereitschaft setzt, ihr Kleid auf beiden Seiten aufschürzt und, mehr in der Absicht Emils Blicken ihren kleinen Fuß zu zeigen als wirklich im Wettlaufe zu siegen, nachsieht, ob ihre Röcke kurz genug sind, flüstert er der Mutter etwas ins Ohr. Sie lächelt und gibt durch ein Zeichen ihre Zustimmung zu erkennen. Nun nimmt er den Platz an der Seite seiner Mitbewerberin ein, und kaum ist das Zeichen gegeben, als man sie vom Male ablaufen und wie einen Vogel dahinfliegen sieht. Die Frauen sind nicht zum Laufen geschaffen. Ergreifen sie die Flucht, so geschieht es, um sich einholen zu lassen. Freilich ist das Laufen nicht das Einzige, bei dem sie sich ungeschickt anstellen, aber es ist das Einzige, bei dem sie keine Anmuth entfalten. Ihre nach rückwärts gestreckten und eng an den Leib gepreßten Ellenbogen verleihen ihnen ein lächerliches Ansehen, und die hohen Absätze, auf welchen sie einherschreiten, machen sie Heuschrecken ähnlich, welche sich von ihrem Flecke bewegen möchten, ohne zu hüpfen. Da Emil sich nicht denken kann, daß Sophie schneller als andere Mädchen zu laufen im Stande sei, so bleibt er ruhig auf seinem Platze stehen und blickt ihr mit spöttischem Lächeln nach. Sophie indeß ist leichtfüßig und trägt, da sie keines Kunstgriffes bedarf, um ihren Fuß klein und zierlich erscheinen zu lassen, niedrige Absätze. In größter Geschwindigkeit gewinnt sie einen so bedeutenden Vorsprung, daß Emil keine Zeit versäumen darf, wenn er diese neue Atalante, die er schon so weit vor sich erblickt, einholen will. Wie ein Adler, der sich auf seine Beute stürzt, fliegt er deshalb hinter ihr her. Er verfolgt sie, ist ihr bald hart auf den Fersen, holt endlich die völlig Athemlose ein, schlingt sanft den linken Arm um sie, hebt sie federleicht in die Höhe und beendet, die süße Last fest an sein Herz gedrückt, den Lauf, läßt sie aber das Ziel zuerst berühren, während er zugleich ruft: »Sophie hat gesiegt!« Darauf beugt er ein Knie vor ihr und erkennt sich als besiegt. An diese mannigfaltigen Beschäftigungen schließt sich auch die Ausübung des Handwerks, welches wir erlernt haben. Wenigstens an einem Tage wöchentlich so wie außerdem an allen denen, an welchen uns die Witterung von Ausflügen ins Freie zurückhält, gehen wir, Emil und ich, zu einem Meister ans Arbeit. Wir arbeiten bei ihm durchaus nicht blos zum Scheine, mit der Miene von Leuten, die sich über den Handwerkerstand weit erhaben fühlen, sondern in vollem Ernste und als wirkliche Handwerker. Bei einem Besuche, den uns Sophiens Vater abstatten will, überrascht er uns einmal bei der Arbeit und unterläßt nicht, seiner Frau und seiner Tochter mit Verwunderung zu berichten, was er gesehen hat. »Ueberzeugt euch selbst,« fügt er hinzu, »und sucht diesen jungen Mann in seiner Werkstatt auf, dann werdet ihr sehen, ob er auf den Stand des Armen mit Verachtung blickt.« Man kann sich einen Begriff von der Freude machen, mit welcher Sophie diese Worte hört. Wiederholentlich wird der Wunsch zu erkennen gegeben, ihn bei der Arbeit zu überraschen. Man fragt mich unter dem Scheine der größten Unbefangenheit aus, und nachdem man einen unserer Arbeitstage in Erfahrung gebracht hat, nehmen Mutter und Tochter einen Wagen und kommen an diesem Tage nach der Stadt. Als sie in die Werkstatt eintreten, bemerkt Sophie am entgegengesetzten Ende einen jungen Mann in Hemdsärmeln, mit nachlässig aufgebundenem Haar, und so von seiner Arbeit in Anspruch genommen, daß er keinen Blick von derselben abwendet. Sie bleibt stehen und gibt ihrer Mutter einen Wink. Emil, den Meißel in der einen und den Schlägel in der andern Hand, hat so eben ein Zapfenloch vollendet; nun zersägt er eine Bohle und schraubt ein Stück derselben in den bei den Tischlern üblichen Klemmhaken, um es zu glätten. Weit davon entfernt, daß dieser Anblick Sophie lächerlich erscheinen sollte, rührt er sie vielmehr, erregt er ihre ganze Achtung. Weib, ehre dein Oberhaupt. Für dich arbeitet der Mann, dir verdient er das Brod, dich ernährt er: ehre den Mann! Während sie ihm aufmerksam zuschauen, werde ich ihrer plötzlich gewahr und zupfe Emil am Aermel. Er wendet sich um, erblickt sie, wirft sein Werkzeug bei Seite und eilt mit einem Freudenschrei auf sie zu. Nachdem er sich dem ersten Freudenrausche überlassen hat, bittet er sie Platz zu nehmen und macht sich von Neuem an die Arbeit. Allein Sophie vermag nicht sitzen zu bleiben. Sie erhebt sich lebhaft, geht in der Werkstätte umher, besichtigt die Werkzeuge, streicht mit der Hand über die Politur der Breter, hebt einige Hobelspäne vom Boden auf, sieht uns auf die Hände und meint dann, dies Handwerk könne ihr wegen seiner Reinlichkeit gefallen. Mit schelmischer Miene versucht sie sogar ihrem jungen Freunde seine Künste nachzumachen. Mit ihrer weißen und schwachen Hand stößt sie einen Hobel über das Bret hin. Ohne in das Holz zu greifen, gleitet er aber leicht über dasselbe fort. Mir ist's, als sähe ich Amor in der Luft lachen und mit den Flügeln schlagen, als hörte ich ihn den Jubelruf ausstoßen: »Herkules ist gerächt!« Mittlerweile fragt die Mutter den Meister: »Mein Herr, wie viel zahlen sie jenen Gesellen?« – »Gnädige Frau,« erwidert er, »Jeder von ihnen erhält täglich zwanzig Sous nebst freier Kost. Wenn dieser junge Mann dort indeß Lust hätte, so könnte er noch einen größeren Verdienst haben, denn er ist der geschickteste Arbeiter in der ganzen Gegend.« – »Zwanzig Sous täglich und freie Kost!« versetzt die Mutter, während sie uns zärtlich anblickt. »So ist es, gnädige Frau,« entgegnet der Meister. Bei diesen Worten eilt sie auf Emil zu, umarmt ihn und drückt ihn unter Thränen an das Herz, ohne andere Worte zu finden als den mehrmals wiederholten Ausruf: »Mein Sohn, o mein Sohn!« Nachdem sie noch einige Zeit, ohne uns jedoch von unserer Arbeit abzuhalten, mit uns geplaudert haben, sagt die Mutter zur Tochter: »Laß uns jetzt aufbrechen, denn es wird spät und wir dürfen nicht auf uns warten lassen.« Hierauf tritt sie an Emil heran, klopft ihm sanft auf die Wange und sagt: »Wie ist es, lieber Geselle, wollen Sie uns nicht nach Hause begleiten?« Mit betrübtem Tone erwidert er jedoch: »Ich habe einen festen Vertrag abgeschlossen, fragen Sie deshalb den Meister.« Man fragt den Meister, ob er unserer Hilfe entbehren könne. Er entgegnet, daß es ihm unmöglich sei. »Ich bin,« sagt er, »mit dringender Arbeit überhäuft, die ich bis übermorgen unter allen Umständen abliefern muß. Da ich mich auf diese Herren verlassen habe, so habe ich andere Arbeiter, die sich mir selbst angeboten, abgewiesen. Wenn mir nun diese Herren ihre Hilfe verweigern, so wäre ich in der That in Verlegenheit, wo ich in der Geschwindigkeit andere Arbeiter hernehmen sollte, und wäre außer Stande, den verabredeten Termin innezuhalten.« Die Mutter entgegnet nichts in der Erwartung, daß Emil das Wort ergreifen werde. Emil aber läßt den Kopf hängen und bleibt stumm. »Mein Herr,« sagt sie endlich, über dieses Schweigen ein wenig aus der Fassung gebracht, »haben Sie darauf nichts zu erwidern?« Emil blickt die Tochter zärtlich an und sagt kleinlaut: »Sie sehen wol, daß ich bleiben muß.« Hierauf brechen die Damen auf und verlassen uns. Emil gibt ihnen bis an die Thür das Geleite, folgt ihnen, so weit er kann, mit den Augen, seufzt und geht, ohne weiter ein Wort zu verlieren, wieder an die Arbeit. Unterwegs spricht sich die Mutter, die sich in der That gekränkt fühlt, über die Sonderbarkeit dieser Handlungsweise ihrer Tochter gegenüber ziemlich hart aus. »Wie!« sagt sie, »sollte es wirklich so schwierig gewesen sein, den Meister zufrieden zu stellen, ohne sich dem Zwange zu fügen, da zu bleiben? Hat dieser junge Mann, der sonst so verschwenderisch ist und mit dem Gelde unnöthig erweise um sich wirft, dann, wenn es einmal angewandt wäre, keins mehr übrig?« – »O Mutter,« erwidert Sophie, »da sei Gott vor, daß sich Emil in Überschätzung des Geldes je desselben bediene, um eine persönliche Verpflichtung rückgängig zu machen, ungestraft sein Wort zu brechen und die Schuld zu tragen, daß es auch ein Anderer breche! Ich weiß, daß es ihm nicht schwer fallen würde, den Meister für den geringen Verlust, den ihm seine Abwesenheit verursachen könnte, zu entschädigen, aber dann würde er seine Seele von dem Reichthume knechten lassen, dann würde er sich daran gewöhnen, bei jeder Pflichtverletzung mit demselben einzutreten und sich dem Wahne hinzugeben, man könne sich Alles erlauben, wenn man nur zahle. Emil huldigt andern Anschauungen, und ich hoffe nicht die unschuldige Veranlassung zu sein, daß er sie ändert. Denkst du nicht, daß es ihm schwer genug gefallen ist, zu bleiben? Irre dich nicht, Mama, gerade um meinetwillen bleibt er, das habe ich deutlich in seinen Augen gelesen.« Das beweist noch nicht, daß sich Sophie hinsichtlich der wahren Aufmerksamkeiten der Liebe einer großen Nachsicht rühmen könne. Im Gegentheile ist sie gebieterisch und anspruchsvoll. Lieber möchte sie gar nicht, als nur mäßig geliebt werden. Sie besitzt den edlen Stolz des Verdienstes, welches seinen Werth kennt, sich selbst achtet und verlangt, daß man es ehre, wie es sich selber ehrt. Sie würde ein Herz verschmähen, welches den vollen Werth des ihrigen nicht zu schätzen verstände und sie um ihrer Tugenden willen nicht eben so sehr, ja noch mehr lieben würde, als um ihrer Reize willen, ein Herz, welches seine Pflicht nicht höher als sie und sie wieder höher als jedes andere Gut stellte. Ihr Begehren ist gar nicht auf einen Geliebten gerichtet gewesen, dem kein anderes Gesetz als ihr Wille gilt. Der Mann, über den sie herrschen will, hat sich nicht vorher durch sie seiner männlichen Würde dürfen berauben lassen. So verschmäht Circe die Gefährten des Ulysses, die sie herabgewürdigt hat, und ergibt sich ihm allein, den sie nicht zu verwandeln vermochte. Sehen wir von diesem unverletzlichen und heiligen Rechte ab, so ist Sophie auf alle ihr gebührenden Rechte über alle Maßen eifersüchtig und wacht aufmerksam darüber, wie streng es Emil mit seinen Ehrfurchtsbezeigungen gegen sie nimmt, wie eifrig er ihren Wünschen nachzukommen sucht, mit welcher Freude er sich bemüht, sie ihr an den Augen abzulesen, mit welcher Pünktlichkeit er in dem vorgeschriebenen Augenblicke eintrifft. Sie verlangt, daß er weder zu früh noch zu spät erscheine, sondern fordert Pünktlichkeit von ihm. Zu früh kommen hieße seinen Willen über den ihrigen stellen, zu spät kommen hieße dagegen sie vernachlässigen. Sophie vernachlässigen! Das würde nicht zweimal vorkommen. Ihr ungerechter Verdacht hätte einst beinahe Alles verdorben, allein Sophie ist billigdenkend und weiß ihr Unrecht wieder gut zu machen. Eines Abends erwartet man uns. Emil ist bestellt worden. Man geht uns entgegen, aber wir kommen nicht. »Was in aller Welt ist aus ihnen geworden? Welches Unglück ist ihnen zugestoßen? Kein Bote bringt Nachricht!« Der Abend verrinnt, wahrend man uns noch immer erwartet. Die arme Sophie befürchtet schon, daß wir gestorben sind. Sie ist untröstlich, ängstigt sich und weint die ganze Nacht. Noch am Abend hat man einen Boten ausgesendet, um Erkundigungen über uns einzuziehen und am nächsten Morgen Nachricht von uns zu bringen. Der Bote kehrt in Begleitung eines anderen von uns abgeschickten zurück, welcher uns mündlich entschuldigt und erzählt, daß wir uns vollkommen wohl befinden. Einen Augenblick später erscheinen wir selbst. Nun ändert sich mit einem Schlage die Scene. Sophie trocknet sich die Thränen ab, oder wenn sie noch solche vergießt, sind es Thränen der Wuth. Für ihr stolzes Herz ist es kein Gewinn, daß es über unser Leben beruhigt sein kann: Emil lebt und hat vergeblich auf sich warten lassen. Bei unserer Ankunft will sie sich einschließen. Man verlangt, daß sie bleibt, und so muß sie denn bleiben. Sofort faßt sie jedoch ihren Entschluß und nimmt eine ruhige und zufriedene Miene an, welche auf Andere ihres Eindrucks nicht verfehlt haben würde. Der Vater kommt uns entgegen und sagt: »Sie haben Ihre Freunde in Sorge versetzt; es fehlt hier nicht an Personen, welche Ihnen nicht so leicht verzeihen werden.« – »Wer denn, Papachen?« fragt Sophie mit dem liebreizendsten Lächeln, das sie zu erzwingen vermag. »Was geht das dich an,« versetzt der Vater, »wenn du es nur nicht bist.« Sophie erwidert kein Wort und schlägt die Augen auf ihre Arbeit nieder. Die Mutter empfängt uns kalt und gezwungen. Emil geräth in Verlegenheit und wagt nicht Sophie anzureden. Da knüpft sie ein Gespräch mit ihm an, fragt nach seinem Befinden, ladet ihn ein, Platz zu nehmen und weiß sich so gut zu verstellen, daß sich der arme junge Mann, der sich noch nicht auf die Sprache heftiger Leidenschaft versteht, durch diese Kaltblütigkeit täuschen läßt und fast selbst empfindlich geworden wäre. Um ihn aus seinem Irrthume zu reißen, will ich Sophiens Hand ergreifen und sie, wie ich mitunter thue, an meine Lippen führen. Sie zieht sie jedoch heftig und mit einem so scharf betonten »Mein Herr« zurück, daß diese unfreiwillige Bewegung Emil die Augen öffnet. Da Sophie einsieht, daß sie sich verrathen hat, thut sie sich von nun an weniger Zwang an. Ihre angenommene Kaltblütigkeit verwandelt sich in ironische Verachtung. Auf Alles, was man zu ihr spricht, antwortet sie nur einsilbig und mit schleppender, unsicherer Stimme, als hege sie Furcht, den Ton der Entrüstung allzu scharf durchklingen zu lassen. Emil, halb todt vor Schrecken, blickt sie bekümmert an und sucht sie zu veranlassen, ihre Augen auf ihn zu richten, damit er in denselben ihre wahren Gefühle besser lesen könne. Durch sein Vertrauen nur noch mehr aufgebracht, wirft ihm Sophie einen Blick zu, der ihm die Lust benimmt, sie zu einem zweiten herauszufordern. Bestürzt und zitternd wagt Emil zu seinem großen Glücke nicht mehr zu sprechen oder sie auch nur anzusehen, denn wäre er auch nicht schuldig gewesen, hätte aber ihren Zorn geduldig ertragen können, so würde sie ihm nie verziehen haben. Da es mir scheint, als ob jetzt der richtige Augenblick für mich gekommen ist, persönlich einzugreifen und die nöthigen Aufschlüsse zu geben, so wende ich mich wieder an Sophie. Ich nehme abermals ihre Hand, die sie mir jetzt nicht mehr entzieht, weil sie im Begriffe steht, ohnmächtig zu werden. Sanft sage ich zu ihr: »Liebe Sophie, uns hat gestern ein Unglück getroffen. Allein Sie sind zu verständig und gerecht, um uns ungehört zu verurtheilen. Hören Sie uns an.« Sie erwidert darauf nichts, und so beginne ich denn zu erzählen: »Gestern um vier Uhr machten wir uns auf den Weg, da wir vorgeschriebenermaßen um sieben Uhr hier eintreffen sollten. Wir nehmen uns stets etwas mehr Zeit, als unbedingt nothwendig ist, um uns vor unserer Ankunft noch etwas ausruhen zu können. Drei Viertel des Weges hatten wir bereits zurückgelegt, als wir plötzlich ein klägliches Jammergeschrei vernahmen. Es drang aus einer Bergschlucht in einiger Entfernung von uns hervor. Wir folgen dem Geschrei und finden einen unglücklichen Bauer, der bei seiner Heimkehr aus der Stadt in etwas angetrunkenem Zustande so gefährlich von dem Pferde gestürzt war, daß er das Bein gebrochen hatte. Wir schreien, wir rufen um Hilfe, aber Alles vergebens; Niemand antwortet. Wir versuchen den Verwundeten auf das Pferd zu heben, kommen aber damit nicht zu Stande. Bei der geringsten Bewegung hat der Unglückliche furchtbare Schmerzen auszustehen. So bleibt uns denn schließlich nichts Anderes übrig, als das Pferd in einem abgelegenen Dickicht anzubinden, aus unseren Armen eine Tragbahre zu machen, den Verwundeten darauf zu legen und ihn so sanft als möglich fortzutragen. Wir schlagen den Weg ein, der seiner Behauptung zufolge nach seiner Wohnung führen mußte. Es war eine so weite Strecke, daß wir genöthigt waren, uns wiederholentlich auszuruhen. Völlig erschöpft erreichen wir endlich unser Ziel. Zu unserm schmerzlichen Erstaunen bemerken wir, daß uns das Haus bereits bekannt ist, und daß der Unglückliche, den wir mit so großer Muhe hierher getragen haben, derselbe Mann ist, der uns an dem Tage, an welchem wir diese Gegend zum ersten Male betraten, mit solcher Herzlichkeit aufgenommen hatte. In der Aufregung, in der wir uns sämmtlich befanden, hatten wir uns bis zu diesem Augenblicke nicht wieder erkannt.« »Er hatte nur zwei kleine Kinder. Seine Frau, die neuen Mutterfreuden entgegenging, wurde, als sie ihn in diesem Zustande eintreffen sah, von solchem Schrecken ergriffen, daß sie heftige Wehen bekam und wenige Stunden darauf entbunden wurde. Was sollten wir nun wol unter solchen Verhältnissen in einer so entlegenen Hütte thun, wo auf Beistand nicht zu rechnen war? Emil war schnell entschlossen, holte das im Walde zurückgelassene Pferd, ritt mit verhängtem Zügel nach der Stadt und sah sich nach einem Wundarzte um. Diesem überließ er das Pferd, und da er nicht schnell genug eine Wärterin aufzutreiben vermochte, kam er in Begleitung eines Dieners zu Fuß zurück, nachdem er einen anderen zuvor an Sie abgeschickt hatte. Mittlerweile bemühte ich mich, da ich mich, wie Sie sich leicht vorstellen können, zwischen einem Manne, der das Bein gebrochen hatte, und einer Frau in Kindesnöthen in höchster Verlegenheit befand, nach besten Kräften Alles im Hause vorzubereiten, was meiner Ansicht nach für Beider Hilfe nothwendig sein konnte.« »Lassen Sie mich die weiteren Einzelheiten übergehen, da es sich ja um sie nicht handelt. Es war bereits zwei Uhr nach Mitternacht, ehe sich Einer von uns einen Augenblick Erholung gönnen konnte. Erst kurz vor Tagesanbruch sind wir in unserem hiesigen Absteigequartier angelangt, in welchem wir nur die Stunde Ihres Erwachens abgewartet haben, um Ihnen über unser Mißgeschick Rechenschaft abzulegen.« Ich schweige, ohne noch irgend etwas hinzuzufügen. Allein noch ehe Jemand das Wort ergriffen, tritt Emil an seine Geliebte heran und sagt mit erhobener Stimme und größerer Festigkeit, als ich ihm zugetraut hätte: »In Ihren Händen ruht, wie Sie wohl wissen, mein Schicksal. Sie können mich vor Schmerz sterben lassen; meinen Sie jedoch nicht, daß ich um Ihretwillen die Pflichten der Menschlichkeit vergessen könnte. Sie sind mir noch heiliger als die, welche ich gegen Sie zu erfüllen habe. Selbst um Ihretwillen werde ich sie nie verläugnen.« Statt aller Antwort erhebt sich Sophie bei diesen Worten, schlingt einen Arm um seinen Hals und küßt ihn auf die Wange. Während sie ihm darauf mit unnachahmlicher Anmuth die Hand reicht, sagt sie zu ihm: »Emil, nimm diese Hand, sie ist dein! Sei, sobald du willst, mein Gemahl und mein Herr; ich werde mir Mühe geben, diese Ehre zu verdienen.« Kaum hat sie ihn umarmt, so klatscht der Vater freudig in die Hände und ruft: »Noch einmal, noch einmal!« Und sofort gibt ihm Sophie, ohne sich erst lange bitten zu lassen, noch zwei Küsse auf die andere Wange, erschrickt aber fast in demselben Augenblicke über Alles, was sie so eben gethan hat, sucht in den Armen ihrer Mutter Schutz und verbirgt ihr vor Scham erglühendes Antlitz an der mütterlichen Brust. Ich brauche wol die allgemeine Freude nicht erst zu schildern. Jeder muß sie nachempfinden können. Nach dem Mittagsessen fragt Sophie, ob die Entfernung wol einen Besuch dieser armen Kranken gestatte. Sophie wünscht es und es ist ein gutes Werk. Man geht deshalb zu ihnen und findet sie in zwei besonderen Betten. Auf Emils Veranstaltung war das eine derselben hingebracht worden. Auch trifft man Leute zu ihrer Pflege bei ihnen. Wiederum hatte Emil dieselben angenommen. Für alles Uebrige ist aber bis jetzt so wenig Fürsorge getroffen, daß sie nicht weniger unter dem überall hervortretenden Mangel als unter ihren Krankheiten leiden. Sophie läßt sich von der guten Frau eine Schürze reichen und gibt ihr dann in ihrem Bette die möglichst bequeme Lage. Darauf leistet sie dem Manne denselben Dienst. Ihre sanfte und weiche Hand weiß Alles aufzufinden, was den Kranken Schmerz verursachen könnte, und bettet ihre leidenden Glieder so weich als möglich. Sobald sich ihnen Sophie nur naht, fühlen sie sich schon erleichtert. Man sollte meinen, daß sie Alles erräth, was im Stande ist, ihnen wehe zu thun. Das sonst so empfindliche und zum Ekel geneigte Mädchen läßt sich weder von der Unreinlichkeit noch von dem üblen Geruche zurückschrecken und weiß beides zu entfernen, ohne Jemandes Beistand zu bedürfen und ohne die Kranken zu belästigen. Sie, die sich stets durch einen so hohen Grad von Sittsamkeit auszeichnet, ja bisweilen einen gewissen Grad von Stolz zur Schau trägt, sie, die um Alles in der Welt auch nicht mit einer Fingerspitze das Bett eines Mannes berührt haben würde, wendet den Verwundeten ohne alles Bedenken hin und her und bringt ihn in eine bequemere Lage, um darin länger aushalten zu können. Der Eifer der Barmherzigkeit hat eben so hohen Werth als die Sittsamkeit. Was sie thut, vollbringt sie zugleich mit solcher Leichtigkeit und Gewandtheit, daß sich der Kranke, fast ohne eine Berührung empfunden zu haben, erleichtert fühlt. Weib und Mann segnen Beide das liebenswürdige Mädchen, das sie bedient, sie beklagt und tröstet. Sophie ist ihnen ein Engel des Himmels, den ihnen Gott sendet; sie besitzt eines Engels Gestalt und Liebreiz, eines Engels Milde und Güte. Gerührt und mit Bewunderung betrachtet Emil sie im Stillen. Mann, liebe deine Genossin! Gott gibt sie dir als Trösterin in deinen Sorgen, als Gehilfin in deinen Leiden: Siehe, das ist das Weib! Man läßt den jungen Weltbürger taufen. Die beiden Liebenden übernehmen Pathenstelle und haben keinen glühenderen Wunsch, als bald Anderen Gelegenheit zu demselben Liebesdienste geben zu können. Sie wünschen den ersehnten Augenblick herbei, sie glauben schon unmittelbar vor demselben zu stehen. Alle Bedenken Sophiens sind gehoben. Allein die meinigen erwachen erst. Noch sind die beiden Liebenden nicht da, wo sie zu sein glauben. Es muß Alles nach der Reihe gehen. Nachdem sie sich zwei Tage lang nicht gesehen haben, trete ich eines Morgens mit einem Briefe in der Hand in Emils Zimmer und sage, während ich ihn fest anblicke, zu ihm: »Was würdest du thun, wenn man dir mittheilte, daß Sophie gestorben ist?« Er stößt einen gellenden Schrei aus, erhebt sich händeringend und schaut mich lautlos und mit verstörten Blicken an. »Antworte doch!« fahre ich mit gleicher Ruhe fort. Nun aber tritt er, durch meine Kaltblütigkeit gereizt, mit zornfunkelnden Augen auf mich zu, und indem er in einer fast drohenden Haltung vor mir stehen bleibt, ruft er: »Was ich thun würde? ... Noch weiß ich es nicht. So viel aber weiß ich, daß ich den, welcher mir diese Nachricht brächte, nie in meinem Leben wiedersehen würde.« – »Beruhige dich nur,« erwidere ich lächelnd, »sie lebt, befindet sich wohl und denkt an dich. Heute Abend werden wir erwartet. Jetzt aber laß uns einen Spaziergang machen und ein wenig mit einander plaudern.« Die Leidenschaft, die ihn beherrscht, gestattet ihm nicht mehr, sich wie sonst rein auf Ausbildung des Verstandes abzielenden Unterhaltungen hinzugeben. Jetzt muß ich diese Leidenschaft selbst als Mittel benutzen, damit er meinen Belehrungen von Neuem ein offenes Ohr schenkt. Das wollte ich durch jene schreckliche Einleitung bewirken. Jetzt bin ich dessen sicher, daß er mich anhören wird. »Wir sollen glücklich sein, lieber Emil; das ist der Zweck eines jeden empfindenden Wesens. Dies ist der Hauptwunsch, den uns die Natur einflößte, und überhaupt der einzige Wunsch, der uns nie verläßt. Wo aber ist das Glück zu finden? Wer kennt es? Jeder sucht nach demselben, aber Niemand findet es. Man reibt sein Leben damit auf, daß man dem Glücke rastlos nachjagt, und man stirbt, ohne es erreicht zu haben. Als ich dich, mein junger Freund, bei deiner Geburt in meine Arme nahm und das höchste Wesen zum Zeugen der Verpflichtung anrief, die ich zu übernehmen den Muth hatte; als ich gelobte, meine Lebenstage dem Glücke der deinigen zu weihen, wußte ich da wol selbst, wozu ich mich verpflichtete? Nein, ich wußte lediglich, daß ich mein Glück nur sichern würde, wenn ich das deinige begründete. Mein Bemühen war darauf gerichtet, den Grundstein zu einem Glücke zu legen, an welchem wir Beide Theil nehmen konnten.« »So lange wir nicht wissen, was wir thun sollen, besteht unsere ganze Weisheit darin, in Unthätigkeit zu verharren. Von allen Grundsätzen ist dies derjenige, an welchen sich der Mensch vorzugsweise halten muß und den er zugleich am wenigsten zu befolgen versteht. Sucht man das Glück, ohne zu wissen wo es ist, so läuft man Gefahr, sich von ihm immer weiter zu entfernen, setzt man es bei jedem Irrwege stets von Neuem auf das Spiel. Aber es versteht nicht Jedermann, sich ruhig zu verhalten. Bei der Unruhe, mit welcher uns die Sucht nach Wohlbefinden erfüllt, laufen wir in dem Haschen nach demselben lieber in der Irre umher, als daß wir, um es zu suchen, in Unthätigkeit bleiben; und haben wir uns einmal von der Stelle entfernt, von der aus wir es zu erkennen vermöchten, so wissen wir uns nie wieder auf dieselbe zurückzufinden.« »Obgleich ich mich in der nämlichen Unwissenheit befand, suchte ich doch diesen Fehler zu vermeiden. Als ich die Sorge für dich übernahm, war ich entschlossen, nicht einen einzigen unnützen Schritt zu thun, und auch dich davon abzuhalten. Ich hielt mich auf dem Wege der Natur, in der Voraussetzung, daß sie mir auch den zum Glücke weisen würde. Es hat sich herausgestellt, daß beide zusammenfielen, und daß ich, ohne es zu wissen, schon auf dem Wege zum Glücke war.« »Sei du selbst mein Zeuge, sei mein Richter, nie werde ich dich als solchen ablehnen. Deine ersten Lebensjahre sind den späteren nicht zum Opfer gebracht worden. Alle Güter, mit welchen dich die Natur ausgestattet, hast du reichlich genossen. Von den Uebeln, welchen sie dich unterwarf und gegen die ich dich nicht habe schützen können, hast du doch nur diejenigen empfunden, welche dich gegen die übrigen abzuhärten vermochten. Nur um ein größeres Leiden zu vermeiden, hast du ein kleineres erdulden müssen. Weder Haß noch Sklaverei hast du kennen gelernt. Frei und zufrieden, bist du gerecht und gut geblieben, denn Leiden und Laster sind unzertrennlich mit einander verbunden, und erst dann wird der Mensch schlecht, wenn er unglücklich wird. Mögest du dir die Erinnerung an deine Kindheit bis in die spätesten Tage deines Lebens bewahren! Ich fürchte bei deinem guten Herzen nicht, daß du sie dir je ins Gedächtniß zurückrufen wirst, ohne die Hand zu segnen, die sie leitete.« »Als du in das Alter der Vernunft tratest, habe ich dich vor den Vorurtheilen der Menschen bewahrt; als dein Herz lebhafter zu klopfen begann, habe ich dich vor der Herrschaft der Leidenschaften behütet. Wäre ich im Stande gewesen, dir diese innere Ruhe bis an dein Lebensende zu erhalten, so würde ich mein Werk in Sicherheit gebracht haben und du würdest beständig so glücklich sein, wie es ein Mensch nur zu sein vermag. Aber umsonst habe ich deine Seele, lieber Emil, in den Styx getaucht, es ist mir nicht gelungen, sie überall unverwundbar zu machen. Ein neuer Feind steht wider dich auf, den du noch nicht zu besiegen gelernt hast, und vor dem ich dich nicht habe schützen können. Dieser Feind bist du selbst. Natur und Schicksal hatten dich frei gelassen. Mißgeschick vermochtest du zu ertragen, Schmerzen des Körpers konntest du aushalten, die der Seele waren dir noch unbekannt. Du warst nur in so weit abhängig, wie es die menschliche Lage mit sich bringt. Jetzt dagegen hängst du von all den Neigungen ab, die du selbst in dir groß gezogen hast. Dadurch, daß du wünschen lerntest, hast du dich zum Sklaven deiner Wünsche gemacht. Von welchen Schmerzen kann deine Seele ergriffen werden, ohne daß du dich im Geringsten änderst, ohne daß dich irgend etwas kränkt, ohne daß irgend etwas dein Wesen berührt! Welche Leiden kannst du empfinden, ohne krank zu sein! Wie oft kannst du den Tod erleiden, ohne zu sterben! Eine Lüge, ein Irrthum, ein Zweifel kann dich in Verzweiflung stürzen.« »Du sahst auf dem Theater, wie Helden, die sich dem Uebermaße ihres Schmerzes überließen, die Scene mit wahnsinnigem Geschrei erfüllten, einen weibischen Kummer bezeigten, wie Kinder weinten und sich so den öffentlichen Beifall erwarben. Erinnerst du dich, wie du dich über dieses Jammern, dieses Geschrei und Wehklagen von Männern ärgertest, bei denen man nur Beweise von Standhaftigkeit und Festigkeit hätte erwarten dürfen? Wie, sagtest du voller Entrüstung, sind das die Beispiele, die man uns zur Nachachtung, und die Muster, die man uns zur Nachahmung aufstellt? Ist man etwa besorgt, daß der Mensch nicht klein, nicht unglücklich, nicht schwach genug sei, wenn man seiner Schwäche nicht unter dem Trugbilde der Tugend noch Weihrauch streut? Mein junger Freund, sei dergleichen Auftritten gegenüber in Zukunft nachsichtiger, denn du bist auch schon einer ihrer Helden geworden.« »Du kannst leiden und sterben. Bei physischen Leiden weißt du dich dem Gesetze der Notwendigkeit zu fügen, aber der Leidenschaft deines Herzens hast du noch kein Gesetz auferlegt, und doch liegt die Ursache zu der Störung unseres Lebens weit mehr in unseren Neigungen als in unsern Bedürfnissen. Unsere Wünsche sind sehr viel umfassend, während unsere Kraft völlig unzureichend ist. Des Menschen Wünsche hängen an tausenderlei Dingen, an und für sich hängt der Mensch dagegen an nichts, nicht einmal am Leben. Mit der Vermehrung seiner Neigungen nehmen auch seine Leiden zu. Alles ist nur geschaffen, um ein vergängliches Leben auf Erden zu führen. Früher oder später wird uns Alles entschlüpfen, was wir lieb haben, und trotzdem hangen wir daran, als ob es ewig dauern sollte. Welcher Schrecken überfiel dich bei dem bloßen Gedanken, Sophie könnte gestorben sein! Hast du denn wirklich erwartet, daß sie ewig leben könnte? Stirbt Niemand ihres Alters? Sie muß sterben, mein Kind, und vielleicht noch vor dir. Wer will wissen, ob sie in diesem Augenblicke noch lebt? Die Natur hatte dich nur einem einzigen Tode unterworfen; du selbst unterwirfst dich noch einem zweiten, und befindest dich nun in der Lage zweimal zu sterben.« »Da du deinen regellosen Leidenschaften dergestalt unterworfen bist, wirst du bald aufrichtig zu bedauern sein. Stets Entbehrungen, stets Verluste, stets Unruhe! Nicht einmal an dem, was dir geblieben ist, wirst du einen rechten Genuß haben. Die Furcht, Alles zu verlieren, wird bewirken, daß du nie deines Besitzes froh wirst. Dafür, daß du nur deinen Leidenschaften hast nachgeben wollen, wird es dir nie möglich werden, sie zu befriedigen. Während du unablässig Ruhe suchst, wird sie beständig vor dir fliehen. Du wirst dich elend fühlen und schlecht werden. Und wie sollte es nicht dahin kommen, da du deine zügellosen Begierden als alleiniges Gesetz anerkennst? Wenn du unfreiwillige Entbehrungen nicht zu erdulden vermagst, wie willst du dann im Stande sein, dir freiwillig solche aufzuerlegen? Wie würdest du deine Neigung der Pflicht zum Opfer bringen und deinem Herzen widerstehen können, um deiner Vernunft Gehör zu geben? Du, der du schon den Ueberbringer der Todesnachricht deiner Geliebten nicht wiedersehen willst, wie würdest du den Anblick dessen zu erdulden vermögen, der sie dir lebend rauben wollte und sich dir zu sagen erkühnte: ›Sie ist todt für dich, die Tugend scheidet dich von ihr.‹ Wenn du einmal durchaus unter allen Umständen mit ihr leben mußt, gleich viel ob Sophie verheirathet ist oder nicht, ob du frei bist oder nicht, ob sie dich liebt oder haßt, ob man dir ihre Hand gewährt oder verweigert: so hat dies für dich Alles nichts auf sich, du willst sie einmal und mußt sie deshalb um jeden Preis besitzen. Sage selbst, vor welchem Verbrechen wird der wol zurückbeben, der nur die Wünsche seines Herzens als Gesetze anerkennt und sich nichts zu versagen weiß, was dasselbe begehrt?« »Mein Kind, es gibt kein Glück ohne Muth, keine Tugend ohne Kampf. Das Wort Tugend wird von taugen abgeleitet, welches so viel wie tüchtig sein bedeutet. Die Tüchtigkeit, die innere Kraft, ist das Fundament aller Tugend. Die Tugend findet sich nur bei Wesen, die bei all ihrer natürlichen Schwäche doch Willenskraft besitzen. In letzterer allein besteht das Verdienst des rechtschaffenen Mannes. Obgleich wir Gott Güte zuschreiben, so verbinden wir mit seinem Wesen doch nicht den Begriff der Tugend, weil er keiner Anstrengung bedarf, um das Gute zu thun. Mit der Erklärung dieses so häufig gemißbrauchten Wortes habe ich so lange Anstand genommen, bis du im Stande warst, mich zu verstehen. Man vergleiche Montaigne, liv. II, chap. XI. So lange die Uebung der Tugend keine Anstrengung kostet, braucht man sie noch nicht zu kennen. Die Nothwendigkeit stellt sich erst in dem Augenblicke heraus, wo die Leidenschaften erwachen: für dich ist derselbe jetzt gekommen.« »Indem ich dich in aller Einfachheit der Natur erzog, habe ich dich, statt dir beschwerliche Pflichten zu predigen, vor Lastern bewahrt, welche diese Pflichten eben erst beschwerlich erscheinen lassen. Ich habe dir die Lüge weniger verhaßt als unnütz gemacht. Ich habe dir weniger eingeprägt, einem Jeden das Seine zu geben, als dich vielmehr dazu angehalten, dich nur um das Deine zu kümmern. Ich habe dich mehr zu einem guten als zu einem tugendhaften Menschen erzogen. Wer indeß blos gut ist, bleibt es nur so lange, als er Gefallen daran findet. Im Sturme der menschlichen Leidenschaften scheitert die Güte und geht zu Grunde. Der Mensch, der blos gut ist, zeigt diese Güte nur gegen sich.« »Wer ist demnach ein tugendhafter Mensch? Derjenige, der seine Neigungen zu bezähmen versteht. Denn alsdann dient ihm seine Vernunft, sein Gewissen zur Richtschnur; er thut seine Pflicht, bleibt auf dem für richtig erkannten Wege und nichts vermag ihn von demselben zu entfernen. Bis jetzt warst du nur scheinbar frei, du besaßest nur die unsichere Freiheit eines Sklaven, der noch keinen Befehl erhalten hat. Von nun an sei in Wirklichkeit frei! Lerne dein eigener Herr werden! Gebiete deinem Herzen, Emil, und du wirst tugendhaft sein.« »Wiederum hast du also eine neue Lehrzeit durchzumachen, und diese Lehrzeit ist mühseliger als die erste, denn die Natur befreit uns zwar von den Leiden, die sie selbst uns auferlegt, oder lehrt sie uns wenigstens ertragen, aber sie gibt uns kein Mittel gegen diejenigen an die Hand, welche ihre Quelle in uns selbst haben; in Bezug auf diese überläßt sie uns ganz uns selbst. Sie gibt zu, daß wir als Opfer unserer Leidenschaften unseren grundlosen Schmerzen unterliegen und uns sogar noch der Thränen rühmen, über die wir weit eher erröthen sollten.« »Zum ersten Male ist jetzt deine Leidenschaft erwacht. Es ist vielleicht die einzige, welche deiner würdig ist. Verstehst du es, sie als Mann zu beherrschen, so wird sie auch die letzte sein. Alle übrige wirst du bezwingen und nur dem Ansporn der Tugend gehorchen.« »In dieser Leidenschaft liegt, wie ich sehr wohl weiß, nichts Verbrecherisches. Sie ist eben so rein wie die Seelen, die sie empfinden. Die Einsamkeit bildete sie und die Unschuld gab ihr Nahrung. Glückliche Liebende! In euch gesellen sich die Reize der Tugend zu denen der Liebe, und das süße Band, das eurer wartet, ist nicht weniger der Lohn eurer Sittsamkeit als der eurer Zuneigung. Aber sage mir, du aufrichtiger Mensch, hat dich diese an sich so reine Leidenschaft deshalb weniger unterjocht? Bist du weniger ihr Sklave geworden? Und würdest du, wenn sie morgen aufhörte, unschuldig zu sein, sie von morgen an ersticken? Schon jetzt, in diesem Augenblicke, gilt es deine Kräfte zu versuchen; es ist zu spät dazu, wenn es darauf ankommt, sie anzuwenden. Es ist nothwendig, daß diese gefährlichen Versuche fern von der Gefahr angestellt werden. Man übt sich nicht erst dem Feinde gegenüber im Kampfe. Noch vor dem Kriege rüstet man sich zu demselben. Nach vollendeter Rüstung tritt man dem Feinde erst entgegen.« »Es ist eine irrthümliche Anschauung, wenn man zwischen erlaubten und verbotenen Leidenschaften unterscheidet, um sich den ersteren hinzugeben und die letzteren zu bekämpfen. Alle sind gut, sobald man ihrer Herr bleibt, alle sind dagegen auch wieder schlecht, sobald man sich ihrer Herrschaft unterwirft. Die Natur verbietet uns nun, unsere Neigungen über das Maß unserer Kräfte auszudehnen, die Vernunft verbietet das zu wollen, was wir nicht erreichen können, während das Gewissen zwar nicht verbietet, daß die Versuchung an uns herantritt, wol aber, daß wir uns von derselben besiegen lassen. Es steht nicht in unserm eigenen Belieben, Leidenschaften zu haben oder nicht zu haben, aber es hängt von uns ab, über sie zu herrschen. Alle Empfindungen, welche wir beherrschen, sind berechtigt, alle aber, die uns beherrschen, sind sündhaft. In der Liebe eines Mannes zu dem Weibe eines andern liegt nichts Strafbares, wenn er sich durch diese unglückliche Leidenschaft nicht verleiten läßt, das Gesetz der Pflicht zu verletzen; er macht sich aber durch die Liebe zu seiner eigenen Frau strafbar, wenn er der Liebe Alles opfert.« »Erwarte von mir keine weitschweifige moralische Lehren; ich habe dir nur eine einzige zu geben, welche alle übrige in sich schließt. Sei ein Mensch, laß dein Herz die Schranken deiner menschlichen Stellung nicht überschreiten. Erforsche und erkenne diese Schranken. Wie eng sie auch sein mögen, so ist man doch nie unglücklich, so lange man innerhalb derselben bleibt. Erst dann wird man es, wenn man sie überschreiten will, erst dann, wenn man in seinen unsinnigen Begierden das Unmögliche für möglich betrachtet, seine menschliche Stellung vergißt, um in einer Traumwelt zu leben, aus der man doch immer wieder in das Reich der Wirklichkeit zurücksinkt. Die einzigen Güter, deren Entbehrung uns schmerzlich ist, sind diejenigen, auf welche wir ein Anrecht zu besitzen glauben. Die augenscheinliche Unmöglichkeit, in ihren Besitz zu gelangen, lenkt unsere Gedanken von ihnen ab. Hoffnungslose Wünsche vermögen uns nicht zu martern. Einen Bettler ficht der Wunsch, König zu sein, wenig an. Ein König wird nur danach streben, Gott zu sein, wenn er nicht mehr Mensch zu sein glaubt.« »Die Illusionen des Stolzes sind die Quelle unserer größten Uebel. Die Betrachtung des menschlichen Elends macht den Weisen dagegen stets maßvoll. Er verharrt auf der ihm angewiesenen Stelle und bereitet sich keine Unruhe mit dem fruchtlosen Wunsche, aus ihr herauszutreten. Er vergeudet seine Kräfte nicht mit dem vergeblichen Streben, sich den Genuß dessen zu verschaffen, was er sich doch nicht erhalten kann, und indem er sie sämmtlich darauf verwendet, seines wirklichen Besitzes froh zu werden, wächst seine Macht und sein Reichthum in Wahrheit um so viel, als er weniger denn wir erstrebt. Kann ich sterbliches und vergängliches Wesen wol auf dieser Erde, wo Alles wechselt und vergeht, und von der ich morgen wieder verschwinden werde, ewige Bande knüpfen? O Emil, o mein Sohn, was würde mir noch bleiben, wenn ich dich verlöre? Und dennoch muß ich mich mit dem Gedanken an deinen Verlust vertraut machen, denn wer weiß, wie bald du mir entrissen wirst.« »Willst du folglich glücklich und weise leben, so hänge dein Herz nur an die Schönheit, welche nie vergeht. Richte deine Wünsche nach deinen Verhältnissen, ordne deine Neigungen deinen Pflichten unter, unterwirf auch das Moralische dem Gesetze der Nothwendigkeit. Lerne verlieren, was dir entrissen werden kann, lerne auf Alles verzichten, wenn es die Tugend erheischt, dich über die Ereignisse hinwegsetzen, dein Herz von ihnen lösen, ohne daß sie es zerreißen, lerne muthig sein unter Widerwärtigkeiten, damit du nie elend werdest, und fest in deiner Pflicht, damit du dich nie strafbar machst. Dann wirst du dem Schicksal zum Trotz glücklich und den Leidenschaften zum Trotz weise sein; dann wirst du sogar im Besitze vergänglicher Güter eine Freude empfinden, die nichts zu stören vermag. Du wirst sie besitzen, ohne daß sie dich besitzen, und du wirst fühlen, daß der Mensch, dem doch Alles entgleitet, nur das recht genießt, was er zu verlieren weiß. Es ist freilich wahr, daß dir die Illusionen eingebildeter Freuden verloren gehen, dafür wirst du aber auch von den Schmerzen verschont bleiben, die ihre Frucht sind. Du wirst bei diesem Tausche viel gewinnen, denn während jene Freuden selten und nichtig sind, sind diese Schmerzen häufig und wirklich. Nachdem du so viele trügerische Meinungen zurückgewiesen hast, wirst du auch derjenigen siegreich widerstehen, welche dem Leben einen zu hohen Werth beilegt. Du wirst das deinige ohne Unruhe zurücklegen und es ohne Schrecken beenden. Du wirst dich von ihm eben so wie von allem Uebrigen losreißen. Mögen Andere, von Schrecken ergriffen, dem Wahne huldigen, daß sie mit dem Austritt aus dem Leben zu sein aufhören, du wirst vielmehr, da du dich von der Nichtigkeit desselben überzeugt hast, fest glauben, daß das wahre Leben jetzt erst beginnt. Der Tod bildet für den Bösen des Lebens Ende, für den Gerechten den eigentlichen Anfang.« Emil hört mich mit einer von Unruhe gemischten Aufmerksamkeit an. Er besorgt einen traurigen Schluß dieser Einleitung. Ihm ahnt, daß ich ihm die Notwendigkeit, die Seelenkraft zu üben, nur vorhalte, um ihn darauf vorzubereiten, daß ich ihn dieser harten Uebung unterwerfen will. Wie ein Verwundeter zittert, sobald er den Wundarzt nahen sieht, so glaubt er auf seiner Wunde schon die schmerzende, wenn auch heilsame Hand zu fühlen, die ihn von dem Verderben zurückhält. Ungewiß, beunruhigt und ungeduldig zu erfahren, was ich eigentlich im Schilde führe, fragt er mich, anstatt zu antworten, obwol mit einiger Bangigkeit. »Was muß ich thun?« beginnt er fast zitternd, und ohne zu wagen, die Augen zu mir zu erheben. »Was du thun mußt?« erwidere ich festen Tones, »du mußt Sophie verlassen.« – »Was sagen Sie?« ruft er leidenschaftlich aus, »Sophie verlassen! Sie verlassen, sie hintergehen, ein Verräther an ihr werden, ein Schurke, ein Meineidiger!« – »Wie?« versetze ich, ihn unterbrechend, »mir kannst du zutrauen, daß ich dich anhalten werde, dir solche Namen zu verdienen?« – »Nein,« entgegnet er mit derselben Leidenschaftlichkeit, »weder Sie noch ein Anderer könnte mich dazu zwingen. Selbst wider Ihren Willen werde ich Ihr Werk aufrecht zu erhalten wissen; nie werde ich diese Namen verdienen.« Auf diesen ersten Wuthausbruch hatte ich mich gefaßt gemacht. Ich ließ ihn, ohne in Aufregung zu gerathen, vorübergehen. Besäße ich nicht selbst die Mäßigung, die ich ihm predige, so würde es mir übel anstehen, sie ihm zu predigen! Emil kennt mich zu genau, um mir zuzutrauen, daß ich je etwas Schlechtes von ihm verlangen könnte, und er weiß sehr wohl, daß er eine schlechte Handlung begehen würde, wollte er Sophie in dem Sinne verlassen, welchen er diesem Worte beilegt. Er erwartet also doch schließlich, daß ich mich endlich erkläre. Und so fahre ich in meiner Rede denn weiter fort: »Kannst du dir vorstellen, lieber Emil, daß ein Mann, in welcher Lage er sich auch befinde, glücklicher sein könnte, als du es seit drei Monaten bist? Wenn du es glaubst, so erkenne deinen Irrthum. Sinnengenuß ist vorübergehend, der gewohnte Herzenszustand verliert stets dabei. Du hast in Hoffnung schon einen größeren Genuß gehabt, als dir je in Wirklichkeit zu Theil werden wird. Die Phantasie, welche den Gegenstand unseres Sehnens verschönt, ist bei dem Besitze in Unthätigkeit. Mit Ausnahme des einzigen Wesens, welches durch sich selbst existirt, ist nur das schön, was nicht ist. Wenn dein gegenwärtiger glücklicher Zustand hätte dauernden Bestand haben können, so würdest du das höchste Glück gefunden haben. Aber alles Menschliche ist hinfällig, Alles ist endlich, Alles im Menschenleben ist vorübergehend. Selbst wenn der Zustand, welcher uns glücklich macht, immer dauern würde, so müßte doch die Gewohnheit des Genusses denselben wesentlich abschwächen. Wenn auch äußerlich keine Aenderung eintritt, so ist doch das Herz einem Wechsel unterworfen. Das Glück verläßt uns oder wir verlassen das Glück.« »Während deines Liebesglückes ist die Zeit, welche du zu messen vergaßest, verflossen. Der Sommer ist vergangen, der Winter steht vor der Thür. Könnten wir auch unsere Ausflüge während einer so rauhen Jahreszeit fortsetzen, so würde man es doch nie dulden. So ungern wir uns auch dazu bequemen, so müssen wir dennoch unsere Lebensweise ändern; unsere jetzige darf nicht länger so fortdauern. Deine ungeduldigen Blicke geben mir zu verstehen, daß du glaubst, diese Schwierigkeit leicht heben zu können. Sophiens Geständniß so wie dein eigenes Sehnen geben dir ein leichtes Mittel an die Hand, den Schnee zu vermeiden und der Wanderung zu ihrem Besuche überhoben zu sein. Dieses Hilfsmittel ist unstreitig bequem. Ist aber der Frühling gekommen, so schmilzt zwar der Schnee, doch die Ehe bleibt. Allein man muß sein Sinnen auf alle Jahreszeiten richten.« »Du willst Sophie heirathen, obwol du sie noch nicht fünf volle Monate kennst. Du willst sie nicht deshalb heirathen, weil sie für dich paßt, sondern weil sie dir gefällt. Als ob sich die Liebe noch nie über die Angemessenheit getäuscht hätte, und als ob anfängliche Liebe noch nie in Haß umgeschlagen wäre! Sie ist tugendhaft, ich weiß es. Ist das aber schon ausreichend? Genügt Einsamkeit allein, um in der Ehe die Herzen auf das innigste zu verbinden? Nicht ihre Tugend ziehe ich in Zweifel, aber ihr Charakter flößt mir Bedenken ein. Läßt sich der Charakter einer Frau etwa in einem Tage erkennen? Weißt du, in wie viel Lagen man sie gesehen haben muß, um ihr Gemüth völlig zu durchschauen? Gibt eine viermonatliche Zuneigung eine Bürgschaft für das ganze Leben? Vielleicht hat sie dich schon nach einer Abwesenheit von zwei Monaten wieder vergessen. Vielleicht wartet schon ein Anderer nur auf deine Entfernung, um dich aus ihrem Herzen zu verdrängen. Vielleicht wirst du sie bei deiner Rückkehr eben so gleichgiltig finden, als du sie bis jetzt für deine Liebe empfänglich fandest. Die Gefühle haben mit den Grundsätzen nichts zu schaffen. Sophie kann sehr sittsam bleiben und trotzdem dich zu lieben aufhören. Ich glaube freilich annehmen zu können, daß sie in ihrer Liebe unwandelbar und treu sein wird. Wer aber bürgt dir für sie und wer bürgt ihr für dich, so lange ihr euch noch keiner gegenseitigen Probe unterworfen habt? Wollt ihr mit dieser Probe warten, bis sie euch überflüssig ist? Wollt ihr, um euch kennen zu lernen, warten, bis ihr euch nicht mehr zu trennen vermögt?« »Sophie zählt kaum achtzehn Jahre, während du kaum das zweiundzwanzigste zurückgelegt hast. Das ist das Alter für die Liebe, aber nicht für die Ehe. Was für einen Hausvater und eine Hausmutter würdet ihr abgeben! Um Kinder erziehen zu können, wartet wenigstens so lange, bis ihr selbst die Kinderschuhe ausgezogen habt. Weißt du, wie vielen jungen Frauen die Beschwerden einer zu früh eingetretenen Schwangerschaft den Körper geschwächt, die Gesundheit untergraben und das Leben verkürzt haben? Weißt du, wie viel Kinder kraftlos und schwach geblieben sind, weil sie in einem noch nicht völlig ausgebildeten Körper ihre erste Nahrung fanden? Wenn noch die Mutter eben so wie ihr Kind wachsen muß und sich deshalb der zum Wachsthum nothwendige Nahrungsstoff unter Zwei vertheilt, wenn also keines von ihnen das erhält, was ihnen nach der Bestimmung der Natur nöthig ist, wie ist es dann anders möglich, als daß Beide darunter zu leiden haben? Ich müßte dich sehr schlecht kennen, Emil, wenn ich dir nicht zutrauen sollte, daß du lieber später eine gesunde Frau und kräftige Kinder haben, als deine Ungeduld auf Kosten deiner Gattin und ihrer Gesundheit befriedigen möchtest.« »Ich will nur noch einige Bemerkungen in Bezug auf dich selbst anknüpfen. Hast du wol, da du dich nach dem Gatten- und Vaterstande sehnst, schon über die damit verknüpften Pflichten nachgedacht? Dadurch, daß du ein Familienhaupt wirst, trittst du auch zugleich in die Reihen der vollberechtigten Glieder des Staats ein. Was heißt das, ein Staatsglied sein? Weißt du es? Die Pflichten, die dir als Menschen obliegen, hast du studirt; kennst du aber auch deine bürgerlichen Pflichten? Weißt du, was Regierung, Gesetz, Vaterland zu bedeuten hat? Weißt du, um welchen Preis es dir zu leben gestattet ist, und für wen du sterben mußt? Du bildest dir ein, Alles gelernt zu haben und weißt eigentlich doch noch nichts. Bevor du eine Stellung in der bürgerlichen Ordnung einnimmst, lerne letztere erst kennen und mache dich damit vertraut, welcher Rang dir in derselben gebührt.« »Emil, du mußt Sophie verlassen. Ich will damit nicht sagen, daß du sie aufgeben sollst. Wärest du dessen fähig, so würde sie sich nur glücklich preisen können, wenn sie sich nie mit dir vermählte. Du mußt sie verlassen, um ihrer würdig zurückzukehren. Gib dich nicht dem eitlen Wahne hin, du habest sie jetzt schon verdient. O, wie viel bleibt dir noch zu thun! Eile, diese edle Aufgabe zu erfüllen; lerne eine Trennung von ihr auszuhalten; gewinne den Lohn der Treue, damit du sie dir bei deiner Rückkehr vor ihr als Ehre anrechnen und ihre Hand nicht als eine Gnade, sondern als eine Belohnung begehren kannst.« Noch ungeübt gegen sich selbst anzukämpfen, noch ungewohnt, das Eine zu ersehnen und das Andere zu wollen, ergibt sich der junge Mann nicht sogleich. Er leistet Widerstand, er führt Gegengründe an. Weshalb sollte er dem Glücke entsagen, welches seiner wartet? Läge nicht in der Zögerung, die ihm dargebotene Hand anzunehmen, eine Verschmähung derselben? Wäre es denn wirklich eine absolute Notwendigkeit, sich von ihr zu trennen, um sich das anzueignen, was ihm noch zu wissen nöthig wäre? Und selbst dies zugestanden, weshalb sollte er ihr nicht in unlöslichen Banden das sichere Unterpfand seiner Rückkehr lassen? Sobald er erst ihr Gatte wäre, würde er sofort bereit sein, mir zu folgen. Nach ihrer Vereinigung könnte er sie ohne Furcht verlassen .... »Euch zum Zwecke eurer Trennung vereinigen, lieber Emil? Was für ein Widerspruch! Es ist schön, wenn ein Geliebter ohne seine Geliebte zu leben vermag, aber ein Gatte darf sein Weib nie ohne Noth verlassen. Sollen deine Bedenklichkeiten beseitigt werden, so muß der Aufschub deiner Ehe, wie ich mich jetzt überzeuge, nicht von dir ausgehen. Du mußt deiner Sophie sagen können, daß du sie nur gezwungen verläßt. Nun gut, gib dich zufrieden! Da du der Vernunft nicht gehorchen willst, so erkenne nun einen anderen Herrn an. Du hast gewiß nicht die Verpflichtung vergessen, die du mir gegenüber eingegangen bist. Emil, du mußt Sophie verlassen. Ich will es.« Bei diesem Worte senkt er den Kopf, bleibt stumm, hängt einen Augenblick seinen Gedanken nach und sagt darauf, indem er mich vertrauensvoll anblickt: »Wann reisen wir ab?« – »In acht Tagen,« entgegne ich, »denn wir müssen Sophie erst auf unsere Abreise vorbereiten. Die Frauen sind schwächer, weshalb man ihnen schonende Rücksicht schuldig ist, und da die Pflicht nicht von ihr wie von dir diese Trennung erfordert, so darf sie dieselbe weniger muthig ertragen.« Ich kann kaum der Versuchung widerstehen, das Tagebuch der Liebe dieser beiden jungen Leute bis zu ihrer Trennung fortzusetzen. Da ich indeß die Nachsicht der Leser schon lange genug mißbrauche, so will ich, um dieser Episode einmal ein Ende zu machen, mich kurz fassen. Wird Emil es wagen, zu den Füßen seiner Geliebten dieselbe Sicherheit zur Schau zu tragen, die er so eben seinem Freunde gegenüber bewiesen hat? Ich für meinen Theil halte mich davon überzeugt. Die Aufrichtigkeit seiner Liebe selbst muß ihm diese Sicherheit verleihen. Wäre diese Trennung von ihr ein weniger schweres Opfer für ihn, so würde er verlegener sein. Er würde sich beim Abschiede schuldbewußt fühlen, und dies Gefühl versetzt ein redliches Herz stets in Verlegenheit. Je größer aber das Opfer ist, welches er bringt, desto mehr gereicht es ihm in den Augen derjenigen zur Ehre, die es ihm so schwer macht. Er hegt keine Besorgniß, daß sie sich über den Beweggrund, von dem er sich leiten läßt, einer Täuschung hingibt. Er scheint ihr mit jedem Blicke zu sagen: »O Sophie, lies in meinem Herzen und bleibe mir treu; dein Geliebter ist nicht gewissenlos.« Die muthige Sophie ihrerseits sucht den Schlag, der sie so unversehens trifft, mit Würde zu tragen. Sie strengt sich an, gegen denselben unempfindlich zu erscheinen. Da ihr aber nicht, wie Emil, neben der Ehre des Kampfes auch noch die des Sieges zu Theil wird, so vermag sie ihre Festigkeit nicht lange zu bewahren. Wie sehr sie sich auch zusammen nimmt, bricht sie doch in Thränen und Seufzen aus, und die Angst, daß Emil sie vergessen könnte, verschärft den Schmerz der Trennung. Zwar weint sie nicht in Gegenwart ihres Geliebten, zeigt sie an seiner Seite nicht ihre Angst; nein, eher würde sie ersticken, als daß sie sich in seiner Gesellschaft auch nur einen einzigen Seufzer entschlüpfen ließe. Aber mir schüttet sie ihre Klagen aus, ich darf ihre Thränen fließen sehen, ich bin es, den sie sich dem Anscheine nach zum Vertrauten wählt. Die Frauen sind gewandt und wissen sich zu verstellen. Je heftiger sie im Geheimen über meine Tyrannei murrt, mit desto größerer Aufmerksamkeit kommt sie mir entgegen. Sie ist sich dessen bewußt, daß ihr Schicksal in meinen Händen liegt. Ich tröste sie, spreche ihr Muth ein und bürge ihr für ihren Geliebten oder vielmehr für ihren Gemahl, denn ich schwöre es ihr zu, daß er dies in zwei Jahren sein wird, wenn sie nur mit eben solcher Treue an ihm hange, wie er an ihr. Sie hegt eine viel zu hohe Achtung vor mir, um glauben zu können, daß ich darauf ausgehe, sie zu täuschen. Ich verbürge mich bei Jedem von Beiden für den Andern. Ihre Herzen, ihre Tugend, meine Rechtschaffenheit, das Vertrauen ihrer Eltern, Alles beruhigt sie wieder allmählich. Aber wie wenig vermag die Vernunft wider die Schwäche! Sie scheiden von einander, als wäre es eine Trennung auf Nimmerwiedersehen. Nun fällt Sophie der Kummer der Eucharis ein und sie träumt sich lebhaft an ihre Stelle. Verhüten wir jedoch, daß während unserer Abwesenheit jene phantastische Liebe wieder erwache. »Sophie,« sage ich deshalb eines Tages zu ihr, »tauschen Sie und Emil ihre Lieblingsbücher aus. Geben Sie ihm Ihren Telemach, damit er ihm ähnlich zu werden lerne, Sie aber mögen sich von ihm seinen Beobachter Die bekannte von Addison und Steele unter dem Namen Spectator in England herausgegebene Zeitschrift. geben lassen, in welchem Sie so gern lesen. Machen Sie sich aus demselben mit den Pflichten eines ehrbaren Weibes vertraut und seien Sie dessen eingedenk, daß diese Pflichten in zwei Jahren die Ihrigen sein werden.« Dieser Tausch findet Beider Beifall und erfüllt sie mit Vertrauen. Endlich erscheint der traurige Tag des Scheidens. Sophiens würdiger Vater, mit dem ich Alles ausführlich besprochen habe, umarmt mich, als ich von ihm Abschied nehme. Darauf nimmt er mich bei Seite und sagt in ernstem und nachdrucksvollem Tone: »Ich bin in allen Stücken Ihrem Wunsche nachgekommen, denn ich wußte, daß ich es mit einem Ehrenmanne zu thun hatte. Jetzt brauche ich Ihnen nur noch ein Wort zu sagen: Vergessen Sie nicht, daß Ihr Zögling seinen Ehecontract auf dem Munde meiner Tochter besiegelt hat.« Wie abweichend ist das Benehmen der beiden Liebenden! Emil, der heftig, feurig, aufgeregt und außer sich ist, schreit laut auf, benetzt die Hände des Vaters, der Mutter, der Tochter mit Strömen von Thränen, umarmt schluchzend alle Hausgenossen und wiederholt mit einer Verwirrung, die bei jeder andern Gelegenheit ein unwillkürliches Lächeln hervorrufen würde, tausendmal dasselbe; während Sophie, niedergeschlagen, bleich, mit traurigem Auge und trübem Blicke ruhig bleibt, kein Wort spricht, keine Thräne vergießt und Niemanden, nicht einmal Emil, anblickt. Obwol er ihre Hände ergreift und sie an sein Herz drückt, bleibt sie unbeweglich, unempfindlich für seine Thränen, unempfindlich auch für seine Liebkosungen und für Alles, was er thut. Für sie ist er schon geschieden. Wie viel rührender ist der sich darin aussprechende tiefe Kummer als das ungestüme Klagegeschrei und der lärmende Schmerz ihres Geliebten. Er sieht und fühlt es, es zerreißt ihm das Herz. Nur mit Mühe vermag ich ihn von ihr loszureißen. Zögere ich nur noch einen Augenblick, so fehlt es ihm an Kraft zu scheiden. Ich bin aufrichtig erfreut, daß er den Eindruck dieses traurigen Bildes mit sich nimmt. Sollte er sich je versucht fühlen zu vergessen, was er Sophie schuldig ist, so brauche ich ihn nur an ihr Bild im Augenblicke des Abschiedes zu erinnern: und sein Herz müßte schon ganz entartet sein, wenn es mir nicht gelingen sollte, ihn wieder zu ihr zurückzuführen. Reisen. Man wirft die Frage auf, ob es für junge Leute gut sei zu reisen und streitet viel darüber. Würde man die Frage etwas anders stellen, etwa so, ob es gut sei, daß Männer gereist sind, so würde man vielleicht nicht so viel streiten. Der Mißbrauch, den man mit den Büchern treibt, ertödtet die Wissenschaft. Da man sich das, was man gelesen hat, zu wissen einbildet, so glaubt man der Anstrengung, es erst zu lernen, überhoben zu sein. Eine zu große Belesenheit erzeugt nur zu oft dünkelhafte Unwissenheit. Unter allen Jahrhunderten, in welchen man literarische Bildung pflegte, hat es kein einziges gegeben, in welchem man so viel las wie in dem gegenwärtigen, und kein einziges, in welchem man weniger Anspruch auf Gelehrsamkeit machen kann. Cf. Montaigne, liv. I, chap. XXV. In keinem Lande Europas werden so viel Geschichtswerke und Reisebeschreibungen gedruckt wie in Frankreich, und trotzdem kennt man in keinem den Geist und die Sitten anderer Völker weniger als hier. Ueber dieser Menge von Büchern vernachlässigen wir das Buch der Welt, oder lesen wir noch darin, so hält sich Jeder an sein besonderes Blatt. Wenn mir die sprichwörtliche Redensart: »Kann man ein Perser sein« auch unbekannt wäre, so würde ich doch beim bloßen Anhören derselben sofort errathen, daß sie aus dem Lande stammt, in welchem sich die nationalen Vorurtheile am meisten der Herrschaft bemächtigt haben, und von dem Geschlechte, welches zu ihrer Verbreitung am meisten beiträgt. Ein Pariser wähnt die Menschen zu kennen, während er doch nur die Franzosen kennt. Obgleich seine Stadt fortwährend von Fremden wimmelt, betrachtet er doch jeden derselben als eine ganz ungewöhnliche Erscheinung, der in der ganzen Welt nichts Gleiches an die Seite gestellt werden kann. Man muß die Bürger dieser großen Stadt aus der Nähe gesehen, muß in ihrer Mitte gelebt haben, um es begreiflich zu finden, daß man bei so vielem Geiste einen so hohen Grad von Dummheit besitzen kann. Es ist dies um so auffallender, als Jeder von ihnen vielleicht schon zehnmal die Beschreibung des Landes gelesen hat, dessen Bewohner ihm hier ein so großartiges Erstaunen abnöthigen. Cf. Montaigne, liv. III, chap. IX. Es heißt zu viel von uns verlangt, wenn wir, um die Wahrheit aufzufinden, uns zugleich über die Vorurtheile der Schriftsteller wie über unsere eigenen klar werden sollen. Ich habe viel Reisebeschreibungen in meinem Leben gelesen, habe aber noch nicht zwei gefunden, welche in mir dieselbe Idee von dem nämlichen Volke erweckt hätten. Als ich das Wenige, welches mir selbst zu beobachten möglich war, mit dem verglich, was ich gelesen hatte, hörte ich schließlich auf, mich ferner um Reisebeschreibungen zu bekümmern, und bedauerte aufrichtig die Zeit, die ich zu meiner Belehrung auf ihre Lectüre verwandt hatte, da ich der festen Ueberzeugung war, daß, will man Beobachtungen irgend welcher Art machen, man nicht lesen, sondern sehen muß. Selbst wenn alle Reisende aufrichtig wären, wenn sie nichts berichteten, als was sie mit eigenen Augen gesehen oder was sie für vollkommen wahr halten, und wenn sie die Wahrheit nur in den falschen Farben wiedergäben, welche dieselbe in ihren Augen annimmt, selbst dann schon hätte meine obige Behauptung ihren vollen Grund; um wie viel mehr aber erst, wenn man die Wahrheit noch aus ihren Lügen und absichtlichen Verdrehungen herausfinden muß. Wir wollen deshalb die Bücher, welche man uns als ein so vortreffliches Hilfsmittel anpreist, denen überlassen, deren geistige Fähigkeit in ihnen Befriedigung findet. Dieses Hilfsmittel dient, wie die Kunst des Raymond Lullus, Raymond Lullus, geboren auf Mallorca im Jahre 1234, hatte den Beinamen »der Erleuchtete« erhalten und stand in seinem Zeitalter im Rufe eines Universalgenies. Er hat über alle mögliche Wissenschaften Abhandlungen geschrieben, deren Styl und Ideengang des Zeitalters, in dem er lebte, würdig sind. Anmerk. des Herrn Petitain . nur dazu, über Dinge, von denen man nichts versteht, schwatzen zu lernen, dient zur Abrichtung fünfzehnjähriger Platos, dient sie in den Stand zu setzen, in Vereinen philosophische Vorträge zu halten und eine Gesellschaft auf Grund der Berichte eines Paul Lucas oder eines Tavernier Beide waren im 17. Jahrhundert angesehene französische Reisende. über die Sitten der Aegypter und Inder zu unterrichten. Für mich gilt es als eine ausgemachte Wahrheit, daß derjenige, welcher nur mit einem einzigen Volke bekannt ist, nicht die Menschen im Allgemeinen, sondern nur die Leute kennt, unter denen er gelebt hat. Danach könnte die Frage in Bezug auf den Nutzen des Reisens auch noch eine andere Fassung erhalten, nämlich: Ist es für einen Mann von guter Erziehung ausreichend, nur seine Landsleute zu kennen, oder ist es für ihn von Wichtigkeit, sich allgemeine Menschenkenntniß zu erwerben? Darüber kann kein Streit noch Zweifel herrschen. Hieraus läßt sich erkennen, wie viel bei der Lösung einer schwierigen Frage von der Fassung derselben abhängt. Muß man nun aber, um die Menschen zu studiren, die ganze Erde durchstreifen? Muß man, um die Europäer zu beobachten, nach Japan gehen? Muß man sämmtliche Individuen kennen, um das Geschlecht kennen zu lernen? Sicherlich nicht. Es gibt Menschen, die sich so ähnlich sehen, daß es nicht der Mühe werth ist, sie einzeln zu studiren. Wer zehn Franzosen gesehen hat, der hat Alle gesehen. Kann man nun auch dies von den Engländern und einigen andern Völkern nicht mit eben solcher Bestimmtheit behaupten, so steht doch so viel fest, daß jede Nation ihren besonderen und eigentümlichen Charakter hat, der nicht durch die Beobachtung eines einzelnen, wol aber durch die mehrerer ihrer Glieder durch einfache Schlußfolgerung gefunden werden kann. Wer zehn Völker mit einander verglichen hat, kennt die Völker, wie der, welcher mit zehn Franzosen Umgang gehabt hat, die Franzosen kennt. Ein oberflächliches Durchstreifen der Länder reicht nun aber zur Belehrung noch nicht hin; man muß zu reisen verstehen. Zum Beobachten muß man Augen haben und sie auf den Gegenstand richten, welchen man kennen zu lernen wünscht. Viele Leute lernen auf ihren Reisen noch weniger als aus ihren Büchern, weil ihnen die Kunst zu denken fremd ist, und weil bei der Lectüre ihr Geist wenigstens der Leitung des Schriftstellers folgt, während es ihnen auf ihren Reisen an der Fähigkeit fehlt, selbst Beobachtungen anzustellen. Andere unterrichten sich einfach deshalb nicht, weil sie nicht Lust haben, sich zu unterrichten. Ihr Zweck ist ein so verschiedener, daß sich jener ihrem Gesichtskreise völlig entzieht. Es ist ein großer Zufall, wenn man das, dessen Anblick Einem gleichgültig ist, genau sieht. Von allen Völkern der Erde reisen die Franzosen am meisten, aber durchdrungen von der Vortrefflichkeit ihrer eigenen Sitten, verwechseln sie Alles, was diesen nicht gleicht. In allen Winkeln der Erde finden sich Franzosen. Kein Land kann mehr Leute aufweisen, die Reisen unternommen haben, als Frankreich. Und trotzdem kennt unter allen Völkern Europas gerade dasjenige, welches die übrigen am häufigsten besucht hat, sie am allerwenigsten. Auch die Engländer reisen, aber auf andere Weise. Diese beiden Völker müssen in jeder Beziehung einen Gegensatz bilden. Bei den Engländern reist der Adel, bei den Franzosen reist er nicht. In Bezug auf das Volk findet das umgekehrte Verhältniß statt. Dieser Unterschied scheint mir für die Engländer ehrenvoll. Die Franzosen lassen sich bei ihren Reisen fast immer von einem bestimmten Interesse leiten, während die Engländer ihr Glück nie bei andern Nationen suchen, es geschehe denn auf dem Wege des Handels oder vermittelst voller Hände. Der Zweck ihres Reisens ist ihr Geld auszugeben, nicht ihren Unterhalt zu suchen. Sie sind zu stolz, um in der Fremde in Niedrigkeit zu leben. Hierin liegt auch der Grund, daß sie in fremden Ländern mehr lernen als die Franzosen, welche sich mit ganz andern Plänen tragen. Gleichwol haben die Engländer ebenfalls ihre nationalen Vorurtheile, ja sie haben deren sogar mehr als irgend ein anderes Volk, allein diese Vorurtheile beruhen weniger auf Unwissenheit, als auf einer gewissen Manie. Die Vorurtheile des Engländers stammen aus seinem Stolze, die des Franzosen aus seiner Eitelkeit. Wie die Völker, welche auf einer weniger hohen Culturstufe stehen, im Allgemeinen die vernünftigsten sind, so pflegen auch diejenigen, unter welchen am seltensten Reisen vorkommen, dafür am besten zu reisen. Da sie in unsern nichtigen Forschungen geringere Fortschritte gemacht und sich von den Gegenständen unserer eitlen Wißbegierde weniger haben einnehmen lassen, so wenden sie dem, was in Wahrheit nützlich ist, ihre ganze Aufmerksamkeit zu. Ich kenne nur die Spanier, welche auf diese Weise reisen. Während ein Franzose von einem Künstler des Landes zum andern läuft, ein Engländer Antiken abzeichnen läßt und ein Deutscher allen Gelehrten sein Album vorlegt, studirt der Spanier im Stillen die Regierungsart, die Sitten, die Staatsverwaltung und ist unter den Vieren der Einzige, welcher bei seiner Heimkunft von dem, was er gesehen hat, irgend eine Beobachtung, die seinem Vaterlande nützlich werden kann, mitbringt. Die Alten reisten wenig, lasen wenig, schrieben wenig Bücher, und trotzdem ist man an dem, was uns von ihnen übrig ist, noch zu erkennen im Stande, daß sie einander besser beobachteten, als wir unsere Zeitgenossen beobachten. Ohne bis auf Homer, den einzigen Dichter, der uns völlig in das Land versetzt, von dem er uns eine Beschreibung liefert, zurückzugehen, so muß man doch dem Herodot die Ehre zuerkennen, daß er uns in seiner Geschichte, obgleich sie mehr Erzählungen als Reflexionen enthält, die Sitten besser als alle unsere Geschichtsschreiber geschildert hat, die ihre Werke mit Beschreibungen, Charakteristiken förmlich überladen. Tacitus hat die Deutschen seiner Zeit besser gezeichnet, als irgend ein Schriftsteller die heutigen Deutschen gezeichnet hat. Unstreitig kennen diejenigen, welche in der alten Geschichte bewandert sind, die Griechen, Karthager, Römer, Gallier und Perser besser, als irgend ein Volk in der Gegenwart seine Nachbarn kennt. Hierbei muß man nun freilich einräumen, daß sich der ursprüngliche Charakter der Völker von Tage zu Tage mehr verwischt und sich aus diesem Grunde auch schwerer verstehen läßt. In dem Maße, in welchem die Volksstämme sich vermischen und die Völker mit einander verschmelzen, sieht man die Volksunterschiede, welche sonst beim ersten Blicke auffielen, nach und nach verschwinden. Ehemals blieb jede Nation mehr in sich selbst abgeschlossen. Der Verkehr war weniger ausgebildet, es fanden nicht so viele Reisen statt, man hatte weniger gemeinsame oder entgegengesetzte Interessen, die politischen und gesellschaftlichen Verbindungen zwischen Volk und Volk waren nicht so zahlreich und man wußte nichts von jenen königlichen Aufhetzereien, Unterhandlungen genannt, so wie von ordentlichen Gesandten oder Ministerresidenten. Weite Seefahrten kamen selten vor; es gab wenig Handel nach fernen Gegenden, und der unbedeutende Handel, den es überhaupt gab, wurde entweder von dem Fürsten selber getrieben, der sich dazu Fremder bediente, oder von verachteten Persönlichkeiten, die völlig einflußlos waren und zu der gegenseitigen Annäherung der Völker nichts beizutragen vermochten. Heut zu Tage ist der Verkehr zwischen Europa und Asien hundertmal stärker als er ehedem zwischen Gallien und Spanien war. Europa allein war unter sich unzusammenhängender als in unseren Tagen die ganze Erde. Dazu wolle man noch ferner berücksichtigen, daß sich die alten Völker meistens als Ureinwohner oder aus ihrem eigenen Lande herstammend betrachteten, da sie es lange genug in Besitz hatten, um das Andenken an die längst verflossenen Jahrhunderte, in welchen sich ihre Vorfahren in demselben niederließen, vergessen zu können und dem Klima die nöthige Zeit zu gewähren, bleibende Spuren an ihnen zurückzulassen; während unter uns erst die Einfälle der Römer und darauf die noch im frischen Andenken stehenden Einwanderungen der Barbaren Alles untermischt, alles Ursprüngliche vernichtet haben. Die heutigen Franzosen sind nicht mehr von so großem Körperbau und so blond und flachshaarig wie ihre Väter. Die Griechen sind nicht mehr jene schönen Menschen, geschaffen, der Kunst als Vorbilder zu dienen. Sogar die Gestalt der Römer hat eben so wie ihre Natur ihren Charakter geändert. Die Perser, die eigentlichen Ureinwohner der Tartarei, verlieren in Folge ihrer Vermischung mit tscherkessischem Blute mit jedem Tage von ihrer ursprünglichen Häßlichkeit. Die Europäer sind keine Gallier, Germanen, Iberier, Allobroger mehr. Sie sind sämmtlich, was ihre Gestalt und noch mehr was ihre Sitten anlangt, nur verschieden ausgeartete Skythen. Deshalb ließen auch die alten Rassenunterschiede, die Beschaffenheit der Luft und des Bodens ehemals das Temperament, die Gestalt, die Sitten und Charaktere der einzelnen Völker ungleich schärfer hervortreten, als dies in unseren Tagen der Fall ist, in welchen die europäische Unbeständigkeit keiner natürlichen Ursache Zeit läßt, eine Einwirkung auszuüben, und in welchen die Abholzung der Wälder, die Austrocknung der Sümpfe so wie die gleichmäßigere, obgleich schlechtere Bewirthschaftung des Bodens selbst in physischer Beziehung keine bemerkbare Verschiedenheit des Bodens und der Länder übrig lassen. Dergleichen Erwägungen sollten wol Ursache genug sein, daß man sich nicht so sehr beeilte, einen Herodot, Ktesias und Plinius deshalb lächerlich zu finden, weil sie die Bewohner verschiedener Länder mit Originalzügen und mit stark ausgeprägten Unterschieden darstellen, die wir an ihnen nicht mehr entdecken können. Um in ihnen dieselben Gestalten wiederzuerkennen, müßte man auch dieselben Menschen wiederfinden; damit sie sich aber immer gleich geblieben wären, hätte auch nichts sie verändern dürfen. Könnten wir alle Menschen, die je gelebt haben, auf einmal überschauen, würde es dann wol einem Zweifel unterliegen, daß wir an ihnen von einem Jahrhundert zum andern größere Unterschiede finden würden, als wir heut zu Tage zwischen den einzelnen Völkern wahrnehmen? Je schwieriger nun die Beobachtungen werden, desto nachlässiger und unzulänglicher werden sie angestellt; hierin liegt ein weiterer Grund zu dem geringem Erfolge unserer Forschungen in der Naturgeschichte des Menschengeschlechts. Die Belehrung, welche Reisen gewähren, wird von dem Reisezwecke bedingt. Ist dieser Zweck auf ein philosophisches System gerichtet, so sieht der Reisende nie etwas Anderes als das, was er sehen will. Handelt es sich dagegen um einen äußeren Gewinn, so nimmt er die Aufmerksamkeit derer, die nach ihm jagen, völlig in Anspruch. Der Handel und die Künste, welche die Völker in die innigste Berührung bringen und mit einander verschmelzen, hindern sie indeß auch, sich gegenseitig zu studiren. Kennen sie einmal den Vortheil, welchen ihnen ihr Verkehr abwirft, was brauchen sie dann noch mehr zu wissen? Es gereicht dem Menschen zum wesentlichen Nutzen, alle die Gegenden kennen zu lernen, in denen man leben kann, um im Stande zu sein, sich später diejenige auszuwählen, in der es sich am angenehmsten leben läßt. Wäre sich Jeder selbst genug, so wäre es ausreichend, wenn er den Umfang des Landes kennt, welches ihn zu ernähren vermag. Der Wilde, der Niemandes bedarf und nach nichts in der ganzen Welt Begehren trägt, kennt kein anderes Land als das seinige und sucht auch kein anderes kennen zu lernen. Sieht er sich um seiner Existenz willen genöthigt, sein Besitzthum zu erweitern, so flieht er die von Menschen bewohnten Gegenden; sein Verlangen ist nur auf Thiere gerichtet, weil er ihrer allein zu seinem Unterhalte bedarf. Was uns dagegen anlangt, denen das gesellschaftliche Leben zur Nothwendigkeit geworden ist und die wir eine Lust darin finden, uns gegenseitig verbluten zu lassen, so erheischt es das Interesse eines Jeden von uns, diejenigen Länder zu besuchen, in denen die meisten Menschen dicht bei einander wohnen. Deshalb strömt Alles nach Rom, Paris und London. In den Hauptstädten verkauft sich Menschenblut stets am billigsten. Auf diese Weise lernt man nur die großen Völker kennen, und die großen Völker gleichen sich alle unter einander. »Allein,« wendet man ein, »wir haben doch Gelehrte, die zu ihrer Belehrung Reisen unternehmen.« Das ist ein Irrthum. Die Gelehrten reisen wie alle Uebrige des Interesses wegen. Die Plato und Pythagoras sind ausgestorben, oder wenn es Solche gibt, halten sie sich weit von uns entfernt auf. Unsere Gelehrte reisen nur auf Befehl des Hofes. Man sendet sie aus, übernimmt die Kosten und gewährt ihnen außerdem ein reichliches Honorar, um diesen oder jenen Gegenstand in Augenschein zu nehmen, der ganz gewiß kein moralischer ist. Ihre ganze Zeit wird ausschließlich von diesem einzigen Gegenstande in Anspruch genommen, da sie viel zu rechtschaffene Leute sind, um ihr Geld zu stehlen. Wenn aber je in irgend einem Lande Wißbegierige auf eigene Kosten reisen, so geschieht dies doch nie in der Absicht, die Menschen zu studiren, sondern vielmehr sie zu belehren. Nicht um eine Vermehrung ihrer eigenen Gelehrsamkeit ist es ihnen zu thun, sondern um ein prahlerisches Auskramen derselben. Wie sollten sie also auf ihren Reisen das Joch der Meinung abschütteln lernen? Sie reisen ja nur, um ihr zu fröhnen. Es ist ein großer Unterschied, ob man reist, um Länder zu sehen, oder um Völker kennen zu lernen. Den ersten Zweck verfolgen stets die Neugierigen, von denen der andere als Nebensache betrachtet wird. Der Philosoph muß den umgekehrten Weg einschlagen. Ehe das Kind im Stande ist, die Menschen zu beobachten, beobachtet es die Dinge. Der Mann muß dagegen zuerst seine Mitmenschen beobachten; bleibt ihm dann noch Zeit übrig, mag er auch für die Dinge ein Auge haben. Daraus aber, daß wir gewöhnlich ohne Vortheil reisen, nun schließen wollen, daß die Reisen überhaupt unnütz seien, hieße einen Trugschluß machen. Folgt aber schon daraus, daß der Nutzen des Reisens zugestanden werden muß, daß es Jedem anzurathen ist? Weit gefehlt; es werden im Gegentheil nur sehr wenige Menschen daraus Nutzen ziehen. Es ist nur denen vorteilhaft, welche in sich selbst Festigkeit genug besitzen, die Lehren des Irrthums anzuhören, ohne von ihnen verführt zu werden, und das Beispiel des Lasters anzuschauen, ohne sich von demselben fortreißen zu lassen. Die Reisen bieten einen Anstoß, seinen Neigungen nachzugeben, und vollenden den Menschen im Guten wie im Bösen. Bei der Heimkehr von seinen Reisen ist Jeder so, wie er sein ganzes Leben hindurch bleiben wird. Es kehren nun weit mehr Schlechte als Gute zurück, weil bei der Abreise weit mehr zum Schlechten als zum Guten geneigt sind. Junge Männer, die eine schlechte Erziehung genossen haben und unter einer schlechten Leitung stehen, nehmen auf ihren Reisen alle Laster der Völker an, welche sie besuchen, aber keine einzige der Tugenden, die sich neben diesen Lastern bei ihnen finden, während diejenigen, welche mit glücklichen Naturanlagen ausgestattet sind, diejenigen, deren guter Charakter sorgfältig entwickelt ist, und die in der That mit der aufrichtigen Absicht reisen, sich zu belehren, sämmtlich besser und weiser zurückkehren, als sie bei ihrer Abreise waren. So wird mein Emil reisen. So war auch jener eines besseren Jahrhunderts würdige junge Mann gereist, dessen Verdienste das erstaunte Europa bewunderte, der in der Blüte seiner Jahre für sein Vaterland starb, der aber fortzuleben verdiente und dessen nur mit feinen Tugenden geschmücktem Grabe die Ehre zu Theil werden sollte, daß eine fremde Hand es mit Blumen bestreute. Nach Petitain soll dieser junge Mann der hochbegabte Graf von Gisors gewesen sein, der in Folge einer in der Schlacht bei Crefeld im Jahre 1758 erhaltenen Wunde in seinem siebenundzwanzigsten Lebensjahre nach kurzem Krankenlager allgemein betrauert starb. Alles, was aus bestimmten Beweggründen geschieht, muß seine Regeln haben. Wenn die Reisen als ein Theil der Erziehung gelten sollen, müssen sie ebenfalls an besondere Regeln geknüpft sein. Reisen, nur um zu reisen, heißt umherschweifen, heißt sich umhertreiben. Mit dem Ausdrucke »Reisen zum Zwecke der Belehrung« läßt sich auch nur ein unbestimmter Begriff verbinden. Der Unterricht, der nicht einen bestimmten Zweck hat, ist werthlos. Ich wünschte in dem jungen Manne ein fühlbares Interesse zu erregen, sich zu unterrichten, und dieses richtig gewählte Interesse würde auch noch auf die Natur des Unterrichts bestimmend einwirken. Das ist beständig die Folge der Methode, die ich mich in Ausführung zu bringen bemühe. Nachdem sich Emil nach seinen physischen Beziehungen zu den andern Wesen so wie nach seinen moralischen Beziehungen zu seinen Mitmenschen kennen gelernt hat, bleibt ihm nur noch übrig, sich auch über seine socialen Beziehungen zu seinen Mitbürgern zu belehren. Zu diesem Zwecke muß er zuerst das Wesen der Regierung im Allgemeinen, ferner die verschiedenen Regierungsformen und endlich die besondere Regierung, unter welcher er geboren ist, studiren, um zu erkennen, ob sie so angemessen für ihn ist, daß er auch weiter unter ihr leben kann. Denn nach einem unumstößlichen Rechte darf Jeder, sobald er mündig und sein eigener Herr geworden ist, sich von dem Vertrage, der ihn zu einem Gliede des Staates macht, lossagen, indem er das Land verläßt, welches jener in Besitz hat. Nur aus dem Aufenthalte, welchen er nach seinem Eintritt in das Alter der Vernunft in demselben nimmt, läßt sich der Schluß ziehen, daß er stillschweigend auf die Verpflichtung eingegangen ist, welche seine Vorfahren übernommen haben. Er erlangt das Recht, eben so wol seinem Vaterlande wie dem Erbe seines Vaters zu entsagen; ja, da der Geburtsort eine Gabe der Natur ist, so verzichtet er dadurch auch gleichzeitig auf das Erbe dieser. Nach dem strengen Rechte bleibt jeder Mensch, wo er auch immer geboren sein möge, auf seine eigene Gefahr frei, falls er sich nicht freiwillig den Gesetzen unterwirft, um sich dadurch das Anrecht auf ihren Schutz zu sichern. Ich würde also zum Beispiel zu ihm sagen: »Bis jetzt hast du unter meiner Leitung gelebt, da du außer Stande warst, dich selbst zu regieren. Allein du näherst dich nun dem Alter, in welchem dich die Gesetze dadurch, daß sie dir die Verfügung über dein Vermögen gestatten, zum Herrn deiner Person machen. Bald wirst du dich in der Gesellschaft allein fühlen, abhängig von Allem, sogar von deinem Erbe. Du trägst dich mit der Absicht, dir eine Lebensgefährtin zu nehmen, und diese Absicht ist lobenswerth; ihre Durchführung gehört zu den Pflichten des Mannes. Ehe du dich aber verheirathest, mußt du darüber ins Klare gekommen sein, was für ein Mann du sein willst, womit du dein Leben zuzubringen gedenkst, was für Maßregeln du ergreifen willst, um dir und deiner Familie Brod zu sichern; denn darf diese Sorge auch nicht zur Hauptsache gemacht werden, so muß man gleichwol einmal daran denken. Willst du dich in die Abhängigkeit von Menschen begeben, die du verachtest? Willst du die Befestigung deines Glückes und die Sicherung deiner ganzen Lage in gesellschaftlichen Verhältnissen suchen, die dich unaufhörlich dem Belieben Anderer Preis geben und dich nöthigen, um nur den Schelmen zu entgehen, selbst ein Schelm zu werden?« Darauf werde ich ihm alle mögliche Mittel angeben, sein Vermögen vorteilhaft anzulegen, sei es, daß er sich dem Handel oder dem Staatsdienste widmet, sei es, daß er sich an financiellen Unternehmungen betheiligt. Ich werde ihm den Nachweis führen, daß es nicht ein einziges gibt, welches nicht mit Gefahren für ihn verknüpft ist, nicht ein einziges, welches ihn nicht in eine unsichere und abhängige Lage versetzt und ihn nicht zwingt, seine Sitten, seine Gefühle, sein Benehmen dem Beispiele und den Vorurtheilen Anderer anzubequemen. »Es gibt,« werde ich zu ihm sagen, »freilich noch ein anderes Mittel, seine Zeit und seine Person zu verwenden, nämlich in Kriegsdienste zu treten, d. h. sich für einen geringen Lohn anwerben zu lassen, um Leute zu tödten, die Einem nie etwas zu Leide gethan haben. Dieses Handwerk steht unter den Menschen in großem Ansehen und man schätzt diejenigen außerordentlich hoch, welche nur dazu gut sind. Außerdem bist du dadurch nicht etwa anderer Hilfsmittel überhoben, sondern erst recht auf dieselben angewiesen, denn die Ehre dieses Standes erfordert es, diejenigen zu Grunde zu richten, welche sich ihm widmen. Allerdings gehen nicht Alle unter. Es scheint sogar unmerklich Mode zu werden, daß man sich in diesem Stande eben so wie in den übrigen bereichert. Wenn ich dir jedoch erklären wollte, wie sie es anstellen, um dieses Ziel zu erreichen, so bezweifle ich, daß du dadurch Lust erhieltest, ihrem Beispiele zu folgen.« »Du wirst dich außerdem überzeugen, daß es bei diesem Handwerke nicht einmal auf Muth oder persönlichen Werth ankömmt, wenn nicht etwa den Frauen gegenüber, sondern daß im Gegentheile der Kriechendste, Gemeinste und Knechtischste stets der Geehrteste ist. Ließest du dir in den Sinn kommen, deinem Dienste in allem Ernste obzuliegen, so würdest du verachtet, gehaßt, vielleicht fortgejagt oder wenigstens zurückgesetzt und von deinen Kameraden überflügelt werden, und nur deshalb, weil du deinen Dienst in den Laufgräben versehen hast, während sie den ihrigen vor dem Putztische verrichteten.« Man kann sich wol vorstellen, daß alle diese verschiedenen Beschäftigungen dem Geschmacke Emils nicht sehr zusagen. »Wie,« wird er mir erwidern, »habe ich denn die Spiele meiner Kindheit verlernt? Bin ich meiner Arme verlustig gegangen? Ist meine Kraft erschöpft? Vermag ich nicht mehr zu arbeiten? Was gehen mich alle eure schönen Beschäftigungen und alle thörichten Meinungen der Menschen an? Ich geize nach keinem andern Ruhme als wohlthätig und gerecht zu sein. Ich kenne kein anderes Glück, als mit dem, was man liebt, in Unabhängigkeit zu leben, während man sich täglich durch seine Arbeit Appetit und Gesundheit verschafft. Alle jene Schwierigkeiten, auf welche Sie mich aufmerksam gemacht haben, können mich kaum berühren. Ich begehre als ganzes Besitzthum nur eine kleine Meierei in irgend einem Winkel der Erde. Ich werde nur danach geizen, mit ihren Erträgen mich zu begnügen, und so werde ich ohne Unruhe leben. Sophie und mein Feld, und ich werde reich sein.« »Ja, mein Freund, zu dem Glücke eines Weisen sind ein Weib und ein Feld hinreichend. So bescheiden diese Schätze aber auch sind, so sind sie gleichwol nicht so allgemein, wie du wol meinst. Der seltenste ist allerdings für dich gefunden, laß uns deshalb von dem andern reden.« »Nach einem Felde also steht dein Wunsch, Emil! In welcher Gegend denkst du dir es auszuwählen? In welchem Erdwinkel wirst du sagen können: ›Hier bin ich mein eigener Herr und der unumschränkte Gebieter des Bodens, der mir gehört.‹ Man kennt wol die Orte, an welchen man sich leicht Reichthümer zu erwerben vermag, wer aber kennt die Stätten, wo man ihrer entbehren kann? Wer weiß, wo man unabhängig und frei leben kann, ohne daß man irgend Jemandem ein Leid zuzufügen oder von Anderen zu befürchten braucht? Wähnst du, daß das Land, welches uns gestattet beständig ein rechtschaffenes Leben zu führen, so leicht zu finden sei? Wenn es ein rechtmäßiges und sicheres Mittel gibt, sich ohne Ränke, ohne Streitigkeiten, ohne Abhängigkeit durch die Welt zu schlagen, so besteht es, wie ich gern zugeben will, darin, daß man unter der Bewirtschaftung seines eigenen Grund und Bodens von seiner Hände Arbeit lebt. Wo aber ist der Staat, in welchem man sich sagen kann: der Boden, auf dem ich wandle, ist mein? Bevor du dieses glückliche Land erwählst, versichere dich wohl, daß du den Frieden, den du suchst, in der That in ihm findest. Sei auf deiner Hut, daß dort nicht eine gewaltthätige Regierung, eine verfolgungssüchtige Religion oder verderbte Sitten dein Glück stören. Stelle dich sicher vor unerschwinglichen Steuern, welche die Frucht deiner Arbeit verschlingen würden, vor endlosen Processen, welche dein Vermögen verzehren könnten. Triff Vorkehrungen, daß du bei einem ordentlichen Lebenswandel nicht nöthig hast Beamten und ihren Stellvertretern, Richtern, Priestern, mächtigen Nachbarn und Schurken jeglicher Art den Hof zu machen, die bei irgend einer Vernachlässigung stets bereit sein werden, dich zu quälen.« »Vor allen Dingen sichere dich vor den Plackereien der Großen und Reichen. Bedenke, daß ihre Ländereien überall an Naboths Weinberg grenzen können. Will es das Unglück, daß ein höherer Staatsbeamte in der Nähe deiner Hütte ein Haus kauft oder baut, wer vermag dir dann dafür zu bürgen, daß er nicht ein Mittel ausfindig macht, zur Erweiterung seines Eigenthums dein Erbe unter irgend einem Vorwande an sich zu reißen, oder daß du nicht vielleicht schon morgen mit ansehen mußt, wie dein ganzes Besitzthum zur Anlage einer breiten Landstraße in Anspruch genommen wird? Wenn du dir nun auch so viel Einfluß bewahrst, um alle diese Unannehmlichkeiten von dir fern zu halten, dann gilt es nun auch noch, deinen Reichthum selbst zu bewahren, was mit nicht weniger Mühe für dich verbunden ist. Reichthum und Einfluß stützen sich gegenseitig; der eine hat ohne den andern nur kurzen Bestand.« »Ich besitze eine größere Erfahrung als du, lieber Emil; ich durchschaue besser die Schwierigkeit deines Planes. Trotzdem handelt es sich um ein schönes und ehrenhaftes Vorhaben, welches bei seiner Ausführung in der That dein Glück begründen würde. Wir wollen deshalb Alles aufbieten, es ins Werk zu setzen. Ich habe dir einen Vorschlag zu machen: Laß uns die zwei Jahre, vor deren Ablauf du nicht heimzukehren gedenkst, zur Aufsuchung eines Zufluchtsortes in Europa benutzen, in welchem du mit deiner Familie glücklich und in Sicherheit vor all den erwähnten Gefahren leben kannst. Würde unser Suchen von Erfolg begleitet sein, so würdest du das wahre Glück gefunden haben, nach welchem so viele Andere vergebens jagen, und deine Zeit brauchte dich nicht zu gereuen. Hätte unser Unternehmen dagegen keinen glücklichen Erfolg, so würdest du doch aus deinem Traume erwacht sein; du würdest dich über ein unvermeidliches Unglück trösten und dich dem Gesetze der Notwendigkeit unterwerfen.« Ich weiß nicht, ob alle meine Leser merken werden, wie weit uns diese in solcher Weise vorgeschlagene Nachforschung führen kann. So viel weiß ich aber bestimmt, daß, wenn Emil bei der Rückkehr von seinen unter einem solchen Gesichtspunkte begonnenen und fortgesetzten Reisen nicht mit Allem vertraut wäre, was zur Kenntniß der Regierung, der öffentlichen Sitten und der Staatsgrundsätze jeglicher Art gehört, es uns Beiden, ihm sowol wie mir, an Verstand und Urtheil fehlen müßte. Ein festes Staatsrecht muß erst gebildet werden, aber aller Wahrscheinlichkeit nach wird es sich nie bilden. Grotius, der Lehrer aller unserer Gelehrten auf diesem Gebiete ist nur ein Kind, und was noch schlimmer ist, ein völlig unglaubwürdiges Kind. Wenn ich mit anhöre, wie man Grotius bis in die Wolken erhebt und Hobbes mit Verwünschungen überschüttet, so kann ich daraus den Schluß ziehen, wie viel verständige Menschen eigentlich diese beiden Schriftsteller lesen oder verstehen. In Wahrheit stimmen sie in ihren Grundsätzen genau überein; nur in Bezug auf die Terminologie findet ein Unterschied statt. Auch weichen sie in der Methode von einander ab. Hobbes stützt sich auf Sophismen, Grotius auf Dichter. Alles Uebrige haben sie mit einander gemein. Der Einzige in neuerer Zeit, der im Stande gewesen wäre, diese große und unnütze Wissenschaft ins Leben zu rufen, wäre der berühmte Montesquieu gewesen. Aber er hat sich in Acht genommen, die Grundsätze des Staatsrechtes zu behandeln. Er begnügte sich damit, das positive Recht der bestehenden Staaten in den Kreis seiner Besprechung zu ziehen, und zwischen diesen beiden Studien ist ein gewaltiger Unterschied. Wer also die Regierungsformen, so wie sie bestehen, richtig beurtheilen will, ist genöthigt, diese beiden Studien mit einander zu vereinigen. Um das, was ist, richtig beurtheilen zu können, muß er wissen, was sein soll. Die Hauptschwierigkeit, die sich der Aufklärung dieses wichtigen Gegenstandes entgegenstellt, besteht darin, einen Privatmann für die Erörterung desselben und für die Beantwortung der beiden Fragen: Was geht es mich an? und: Was kann ich dazu thun? zu interessiren. Ich habe unsern Emil in den Stand gesetzt, sich alle beide beantworten zu können. Die zweite Schwierigkeit liegt in den Vorurtheilen der Kindheit, in den Grundsätzen, in welchen man auferzogen ist, hauptsächlich aber in der Parteilichkeit der Schriftsteller, welche, trotzdem sie immer von der Wahrheit reden, sich doch nicht im Geringsten um dieselbe kümmern, dafür aber um so mehr an ihren eigenen Vortheil denken, von dem sie niemals reden. Da die Verleihung von Lehrstühlen, Pensionen und akademischen Stellen nicht vom Volke ausgeht, so kann man sich ein Urtheil darüber bilden, wie seine Rechte von jenen Leuten begründet und erläutert werden. Ich habe dafür Sorge getragen, daß Emil auch unter dieser Schwierigkeit nicht zu leiden hat. Kaum weiß er bis jetzt, was Regierung ist. Für ihn handelt es sich einzig und allein darum, die beste ausfindig zu machen. Er trägt sich durchaus nicht mit schriftstellerischen Plänen, und sollte er je ein Buch schreiben, so geschieht es sicherlich nicht in der Absicht, den Mächtigen den Hof zu machen, sondern um die Rechte der Menschheit zur Anerkennung zu bringen. Es bleibt noch eine dritte, mehr scheinbare als wirkliche Schwierigkeit übrig, deren Erwähnung und Lösung ich aus diesem Grunde für unnöthig halte. Es genügt mir, daß sie meinen Eifer nicht zurückzuschrecken vermag, da ich dessen sicher bin, daß zu dergleichen Untersuchungen nicht sowol große Talente nothwendig sind, als vielmehr eine aufrichtige Liebe zur Gerechtigkeit und eine wahre Achtung vor der Wahrheit. Wenn sich also überhaupt alle die Regierung berührenden Fragen einigermaßen mit Gerechtigkeitssinn behandeln lassen, so ist meiner Ansicht nach hier oder nirgends die Gelegenheit dazu da. Bevor man Beobachtungen anstellt, muß man sich bestimmte Regeln für dieselben bilden. Man muß sich einen Maßstab verschaffen, auf welchen man alle Messungen, die man vornimmt, zurückführen kann. Unsere Grundsätze des politischen Rechts bieten uns einen solchen Maßstab dar. Die Objecte unserer Messungen sind die politischen Gesetze eines jeden Landes. Unsere Elemente werden klar, einfach und unmittelbar aus der Natur der Dinge geschöpft sein. Es werden Fragen zu gegenseitigen Erörterungen aufgeworfen werden, die wir nicht eher werden als Grundsätze gelten lassen, als bis sie eine genügende Lösung gefunden haben. So werden wir z. B., indem wir zunächst bis zum Naturzustande zurückgehen, untersuchen, ob die Menschen in Knechtschaft oder Freiheit, ob sie durch die Vereinigung mit Andern in Abhängigkeit oder Unabhängigkeit geboren werden; ob sie sich freiwillig oder aus Zwang vereinigen; ob die Gewalt, welche sie vereinigt, je ein bleibendes Recht bilden kann, durch welche diese vorhergehende Gewalt eine feste Verbindlichkeit auferlegt, sogar dann noch, wenn sie selbst von einer andern überwältigt wird, dergestalt, daß seit König Nimrods Herrschaft, der zuerst fremde Völker unter seine Botmäßigkeit gebracht haben soll, jede andere Herrschaft, welche diese vernichtet hat, für eine unrechtmäßige, für eine Usurpation gelten müsse, und daß es eigentlich nur so viele legitime Könige gebe, als sich Nachkommen Nimrods oder ihre Rechtsnachfolger finden, oder ob nach Erlöschen dieser ursprünglichen Gewalt diejenige, welche in ihre Stelle tritt, nun ihrerseits neue Verbindlichkeiten auferlegt und die alten aufhebt, so daß man nur so lange Gehorsam zu leisten verpflichtet sei, als die Macht währt, welche dazu nöthigt, und daß man also denselben nicht mehr zu leisten brauche, sobald man sich im Stande fühle, das Joch abzuschütteln: ein Recht, welches, wie mir scheint, der Gewalt nicht gerade ein höheres Ansehen verleihen und nur in einem Spiele mit Worten bestehen würde. Wir werden untersuchen, ob sich nicht behaupten läßt, daß jede Krankheit von Gott kommt, und ob es folglich nicht ein Verbrechen ist, sich an den Arzt zu wenden. Wir werden ferner untersuchen, ob man in seinem Gewissen verpflichtet ist, einem Räuber, der uns auf der Landstraße die Börse abfordert, dieselbe auch dann zu geben, wenn es möglich gewesen wäre, sie ihm zu verbergen; denn die Pistole muß doch immerhin auch als eine Macht betrachtet werden. Wir werden untersuchen, ob das Wort Macht bei dieser Gelegenheit etwas Anderes bezeichnen will als eine legitime Macht, und ob diese Macht folglich denselben Gesetzen unterworfen ist, durch welche jene ins Dasein gerufen ist. Angenommen, daß man das Recht der Vernunft verwirft und das Recht der Natur oder die väterliche Autorität als Princip der Gesellschaft gelten läßt, so werden wir das Maß dieser Autorität prüfen, werden untersuchen, inwiefern sie in der Natur begründet ist und ob sie einen anderen Grund hat als den Nutzen des Kindes, seine Schwäche und die natürliche Liebe, welche der Vater für dasselbe fühlt; ob demnach nicht das Kind, sobald seine Schwäche gewichen ist und sein Verstand die gehörige Reife erlangt hat, allein der natürliche Beurtheiler dessen ist, was zu seiner Erhaltung dient, mithin sein eigener Herr und von jedem andern Menschen, sogar von seinem Vater, unabhängig wird; denn jedenfalls ist es sicherer, daß der Sohn sich selbst, als daß der Vater den Sohn liebt. Ob die Kinder nach dem Tode des Vaters die Verpflichtung haben, dem Aeltesten aus ihrer Mitte oder irgend einem Anderen zu gehorchen, der nicht die natürliche Liebe eines Vaters für sie empfindet; und ob es von Geschlecht zu Geschlecht stets ein einziges Oberhaupt geben soll, welchem die ganze Familie zu gehorchen verbunden ist. In letzterem Falle müßte man festzustellen suchen, wie diese Autorität je getheilt werden konnte, und mit welchem Rechte es auf der ganzen Erde mehr als ein Oberhaupt gibt, da doch nur einem einzigen die Herrschaft über das Menschengeschlecht gebührte. Bei der Voraussetzung, daß sich die Bildung der Völker nach freier Wahl vollziehe, werden wir das Recht von der Thatsache trennen müssen; und da sich dann die Menschen ihren Brüdern, Oheimen oder Verwandten nicht in Folge einer Pflicht, sondern aus eigenem Antriebe unterwerfen, so werden wir die Frage aufwerfen müssen, ob sich diese Art von Genossenschaft nicht regelmäßig in eine freie und freiwillige Genossenschaft verwandelt. Indem wir nun zu dem Rechte der Sklaverei übergehen, werden wir untersuchen, ob sich ein Mensch an einen andern rechtmäßig veräußern darf, ohne Einschränkung, ohne Vorbehalt, ohne irgend eine gewisse Bedingung; das heißt, ob er auf seine Person, sein Leben, seine Vernunft, sein Ich, auf den sittlichen Werth seiner Handlungen verzichten und mit einem Worte schon vor seinem Tode seine Existenz aufgeben darf, der Natur zum Trotze, die ihm seine eigene Erhaltung als seine unmittelbare Pflicht auferlegt hat, und seinem Gewissen und seiner Vernunft zum Trotze, welche ihm sein Thun und Lassen vorschreiben. Findet sich dagegen in dem Abkommen, durch welches sich der Mensch in das Joch der Sklaverei begibt, irgend ein Vorbehalt, irgend eine Einschränkung, so haben wir zu erörtern, ob dieses Abkommen dadurch nicht den Charakter eines wirklichen Vertrages annimmt, in welchem die beiden Contrahenten, da sie als solche keinen gemeinsamen Oberen Hätten sie einen gemeinsamen Oberen, so würde derselbe nichts Anderes als ihr Souverain sein, und dann würde sich das Recht der Sklaverei auf das Recht der Oberherrlichkeit gründen, nicht aber das Princip derselben bilden. haben, hinsichtlich der Bedingungen des Vertrages ihre eigenen Richter bleiben, haben folglich zu erörtern, ob nicht Jeder seinerseits frei und befugt ist, denselben zu lösen, sobald er sich für geschädigt hält. Wenn sich nun ein Sklave nicht ohne Vorbehalt an seinen Herrn veräußern darf, wie darf sich dann ein Volk ohne Vorbehalt an seinen Oberherrn veräußern? Und wenn dem Sklaven das Richteramt darüber zusteht, ob sein Herr den Vertrag innehält, wie sollte es dann einem Volke nicht zustehen zu entscheiden, ob sein Oberhaupt den Vertrag beobachtet? Auf diese Weise gezwungen, zu unserm Ausgangspunkte zurückzukehren, wird uns, da wir auch den Sinn des Collectivnamens »Volk« betrachten müssen, noch zu untersuchen bleiben, ob die Gründung eines solchen einen Vertrag, wenigstens einen stillschweigenden erheischt, der demjenigen, welchen wir voraussetzen, vorangeht. Da das Volk schon vor der Wahl eines Königs ein Volk ist, was anders hat es dann wol zu einem solchen machen können als der sociale Vertrag? Der sociale Vertrag ist folglich die Grundlage aller bürgerlichen Gesellschaft, und in dem Wesen dieses Actes hat man das Wesen der Gesellschaft zu suchen, von welcher er ausgeht. Wir werden untersuchen, welchen Inhalt dieser Vertrag hat, und ob er sich nicht ungefähr folgendermaßen ausdrücken ließe: »Wir stellen sämmtlich unsere Güter, unsere Personen, unser Leben und unsere ganze Macht unter die Oberleitung des allgemeinen Willens und wir betrachten Alle insgesammt jedes einzelne Glied als einen vom Ganzen untrennbaren Theil.« Dies vorausgesetzt, wollen wir zur Definition der Ausdrücke, welche wir bedürfen, bemerken, daß dieser Act der Vereinigung an Stelle der besonderen Person jedes einzelnen Contrahenten einen moralischen und collectiven Körper setzt, der aus eben so vielen Gliedern gebildet wird, als die Vereinigung Stimmen zählt. Dieses Gemeinwesen führt im Allgemeinen den Namen politischer Körper, wird aber von seinen Gliedern Staat genannt, wenn er passiv, Souverain, wenn er activ ist, und Macht im Vergleiche mit andern politischen Körpern. Was die Glieder selbst anlangt, so nehmen dieselben in ihrer Gesammtheit den Namen Volk an, während sie sich im Besonderen als Glieder des Gemeinwesens oder als Theilhaber der höchsten Gewalt Bürger, dagegen als dieser Gewalt unterworfen Unterthanen nennen. Wir werden die Wahrnehmung machen, daß dieser Act der Vereinigung eine gegenseitige Verpflichtung zwischen dem Staate und den Einzelnen in sich faßt, und daß sich also jedes Individuum, indem es gleichsam mit sich selbst einen Vertrag abschließt, in doppelter Beziehung verbindlich macht, nämlich als Glied der höchsten Gewalt den Einzelnen gegenüber, und als Glied des Staates der souverainen Gewalt gegenüber. Wir werden ferner bemerken, daß, da Niemand an Verpflichtungen gebunden ist, welche er nur mit sich selbst eingegangen, gerade wegen dieser beiden verschiedenen Beziehungen, unter welchen Jeder von ihnen betrachtet werden muß, ein öffentlicher Beschluß, welcher im Stande ist alle Unterthanen gegen ihren Souverain zu verpflichten, nie den Staat gegen sich selbst verbindlich machen kann. Hieraus ist ersichtlich, daß es kein anderes Grundgesetz im eigentlichen Sinne des Wortes gibt noch geben kann als den socialen Vertrag. Das soll jedoch nicht etwa heißen, daß sich der politische Körper nicht in gewisser Hinsicht gegen Andere verpflichten könne, denn in Beziehung auf Fremdes wird er alsdann ein einfaches Wesen, ein Individuum. Da es den beiden den Vertrag schließenden Theilen, nämlich jedem Einzelnen und dem Staatskörper, an einem gemeinsamen Oberen fehlt, der über ihre Zwistigkeiten zu entscheiden vermöchte, so werden wir zu untersuchen haben, ob es Jedem von Beiden zusteht, den Vertrag zu brechen, sobald es ihm beliebt, d. h. sich für seinen Theil von demselben loszusagen, wenn er sich für beeinträchtigt hält. Um in diese Frage Licht zu bringen, werden wir nicht außer Acht lassen, daß die Handlungen des Souverain:, da derselbe dem socialen Vertrage zufolge nur nach dem gemeinsamen und allgemeinen Willen handeln kann, gleichfalls nur allgemeine und gemeinsame Zwecke haben dürfen, woraus sich ergibt, daß ein Einzelner von dem Souverain nicht unmittelbar beeinträchtigt werden kann, so lange es nicht Alle werden. Hierin liegt aber eine Unmöglichkeit, da dies hieße, sich selbst ein Uebel zufügen wollen. Deshalb bedarf der sociale Vertrag keiner anderen Bürgschaft als der allgemeinen Macht, weil die Verletzung immer nur von Einzelnen ausgehen kann; und dann sind sie um deswillen nicht etwa ihrer Verpflichtung los und ledig, sondern werden vielmehr bestraft, weil sie gegen dieselbe verstoßen haben. Um uns über alle ähnliche Fragen ein richtiges Urtheil zu bilden, werden wir stets eingedenk bleiben, daß der sociale Vertrag von besonderer, nur ihm eigenthümlicher Natur ist, insofern als das Volk nur mit sich selbst einen Vertrag abschließt, d. h. das Volk in seiner Gesammtheit als Souverain mit den Einzelnen als Unterthanen, ein Verhältnis, welches das ganze künstliche Spiel der politischen Maschine hervorruft und allein im Stande ist Verpflichtungen rechtmäßig, vernünftig und gefahrlos zu machen, welche sonst ungereimt, tyrannisch und den grenzenlosesten Mißbräuchen ausgesetzt sein würden. Da die Einzelnen sich nur dem Souverain unterworfen haben, und die souveraine Autorität lediglich in dem allgemeinen Willen besteht, so werden wir sehen, wie jeder Mensch, indem er dem Souverain gehorcht, nur sich selbst gehorcht, und wie man sich unter dem socialen Vertrage freier befindet als im Naturzustande. Nachdem wir einen Vergleich zwischen der natürlichen Freiheit und der bürgerlichen Freiheit hinsichtlich der Personen angestellt haben, werden wir in Bezug auf den Besitz das Recht des Eigenthums mit dem Rechte der Souverainität und das Privateigentum mit dem Staatseigenthume vergleichen. Ist die souveraine Autorität auf das Recht des Eigenthums gegründet, so muß sie gerade dieses Recht am höchsten achten. Es ist für sie, so lange es ein besonderes und individuelles Recht bleibt, unverletzlich und heilig. Wird es jedoch als allen Bürgern gemeinschaftlich angesehen, so ist es dem allgemeinen Willen unterworfen, und dieser Wille kann es aufheben. So steht dem Souverain nicht das Recht zu, sich an dem Besitze eines Einzelnen oder Mehrerer zu vergreifen, wol aber kann er sich völlig gesetzmäßig des Besitzes Aller bemächtigen, wie dies in Sparta zur Zeit des Lykurgus geschah, während der von Solon angeordnete Schuldenerlaß eine ungesetzliche Handlung war. Da nur der allgemeine Wille für die Unterthanen verbindlich ist, so werden wir untersuchen, wie sich dieser Wille zu erkennen gibt, an welchen Zeichen man sich mit Sicherheit von demselben überzeugen kann, was ein Gesetz ist und worin die eigentlichen Merkmale des Gesetzes bestehen. Hier handelt es sich um einen ganz neuen Gegenstand, denn eine Definition des Gesetzes gibt es noch nicht. Sobald das Volk auf eines oder mehrere seiner Glieder besondere Rücksicht nimmt, wird es uneins. Es bildet sich zwischen dem Ganzen und seinem Theile ein Verhältniß, welches aus ihnen zwei getrennte Wesen macht, von denen der Theil das eine und das um diesen Theil verminderte Ganze das andere bildet. Aber dies um einen Theil verkleinerte Ganze ist nun nicht mehr das Ganze. So lange dies Verhältnis besteht, gibt es folglich kein Ganzes mehr, sondern nur zwei ungleiche Theile. Wenn dagegen das ganze Volk über das ganze Volk Beschlüsse faßt, so nimmt es nur auf sich selbst Rücksicht. Bildet sich nun ein Verhältniß, so ist es das des Ganzen unter einem Gesichtspunkte zum Ganzen unter einem andern Gesichtspunkte, ohne irgend eine Spaltung des Ganzen. Dann ist der Gegenstand, über welchen man Beschlüsse faßt, ein allgemeiner, und der Wille, welcher beschließt, ebenfalls ein allgemeiner. Wir werden untersuchen, ob es noch irgend eine andere Art der Beschlußfassung gibt, welche auf den Namen Gesetz Anspruch machen darf. Wenn der Souverain nur durch Gesetze sprechen darf, und wenn das Gesetz immer nur einen allgemeinen Inhalt haben kann, der sich auf alle Staatsglieder gleichmäßig bezieht, so folgt hieraus, daß der Souverain niemals die Berechtigung hat, über einen besonderen Gegenstand zu beschließen. Da es zur Erhaltung des Staates indeß von Wichtigkeit ist, daß auch über besondere Angelegenheiten entschieden werde, so werden wir untersuchen, in welcher Weise sich dies ausführen läßt. Die Acte des Souverains können nur Acte des allgemeinen Willens, der Gesetze sein; nun sind aber sodann auch noch entscheidende Acte nöthig, Acte der ausübenden Gewalt oder der Regierung zur Ausführung eben dieser Gesetze, und diese haben es stets mit besonderen Angelegenheiten zu thun. So ist der Act, nach welchem der Souverain die Wahl eines Oberhaupts anordnet, ein Gesetz, während der Act der Wahl dieses Oberhauptes in Ausführung des Gesetzes nur ein Regierungsact ist. Hier zeigt sich uns also noch eine dritte Beziehung, unter welcher das gesammte Volk betrachtet werden kann, nämlich als Obrigkeit oder Vollstrecker des Gesetzes, welches es als Souverain erlassen hat. Diese Fragen und Sätze sind größtentheils Auszüge aus der Abhandlung über den Gesellschaftsvertrag, die wiederum nur ein Auszug aus einem größeren Werke ist, welches ich, ohne meine Kräfte zu erwägen, unternommen, allein schon vor längerer Zeit habe liegen lassen. Die kurze Abhandlung, die ich demselben entnommen habe und deren summarische Uebersicht ich in Obigem gegeben habe, wird besonders erscheinen. Wir werden untersuchen, ob es möglich ist, daß sich das Volk seines Souverainitätsrechtes begibt, um eine oder mehrere Persönlichkeiten mit demselben zu bekleiden, denn da der Wahlact kein Gesetz und das Volk bei diesem Acte nicht selbst Souverain ist, so läßt sich nicht einsehen, wie es dann ein Recht, welches es gar nicht besitzt, zu übertragen vermag. Da das Wesen der Souverainität in dem allgemeinen Willen besteht, so ist noch weniger ersichtlich, wie man sich die Gewißheit verschaffen kann, daß sich ein Einzelwille stets mit diesem allgemeinen Willen in Übereinstimmung befindet. Man hat weit mehr Berechtigung zu der Annahme, daß er demselben im Gegentheile gar oft entgegen sein wird, da das Privatinteresse stets nach Bevorzugung strebt, während das Gesammtinteresse auf Gleichheit ausgeht. Wäre diese Übereinstimmung aber auch möglich, so würde doch schon der Umstand, daß sie nicht nothwendig und unzerstörbar wäre, hinreichen, die Bildung des souverainen Rechts zu verhindern. Wir werden untersuchen, ob ohne Verletzung des socialen Vertrages die Oberhäupter des Volks, unter welchem Namen sie auch immer erwählt sein mögen, je etwas Anderes als Beamte des Volkes sein können, die dasselbe mit der Vollstreckung der Gesetze betraut hat, ob ihm diese Oberhäupter nicht Rechenschaft über ihre Verwaltung schuldig sind und nicht selbst unter den Gesetzen stehen, deren Geltendmachung ihnen übertragen ist. Wenn das Volk nie auf sein Hoheitsrecht völlig verzichten kann, darf es dasselbe dann nicht wenigstens auf einige Zeit auf Andere übertragen? Wenn es sich keinen Herrn geben kann, ist es dann berechtigt, sich Stellvertreter zu erwählen? Diese Frage ist unstreitig wichtig und verdient eine eingehende Untersuchung. Kann das Volk weder Souverain noch Stellvertreter haben, so werden wir untersuchen, wie es im Stande ist, selbst seine Gesetze zu ertheilen; ferner, ob es vieler Gesetze bedarf; ob es dieselben oft abändern muß; ob es vortheilhaft ist, wenn ein großes Volk sein eigener Gesetzgeber ist; ob das römische Volk nicht ein großes Volk war; ob es gut ist, daß es große Völker gibt. Aus den vorhergehenden Betrachtungen ergibt sich, daß es im Staate zwischen den Unterthanen und dem Souveraine einen Zwischenkörper gibt; und dieser aus einem oder mehreren Gliedern gebildete Zwischenkörper ist mit der öffentlichen Verwaltung, der Vollstreckung der Gesetze und der Aufrechterhaltung der bürgerlichen und der politischen Freiheit betraut. Die Glieder dieses Körpers heißen Obrigkeiten oder Könige, d. h. Regierende. Im Hinblick auf die Person, welche diesen Körper bildet, wird er Fürst genannt, und im Hinblick auf seine Thätigkeit Regierung. Wenn wir die Handlung des ganzen Körpers in seiner Wirkung auf sich selbst, d. h. die Beziehung des Ganzen auf das Ganze oder des Souverains auf den Staat betrachten, so können wir diese Beziehung mit den äußeren Gliedern einer stetigen Proportion vergleichen, deren mittleres Glied dann die Regierung bildet. Die Obrigkeit erhält von dem Souveräne die Befehle, die sie dem Volke übermittelt, und Alles richtig gegen einander abgewogen, so beläuft sich ihr Product oder ihre Potenz eben so hoch wie das Product oder die Potenz der Bürger, welche auf der einen Seite Unterthanen und auf der anderen Souveraine sind. Man kann den Werth keines dieser drei Glieder verändern, ohne die Proportion augenblicklich aufzuheben. Wenn der Souverain regieren will, oder wenn der Fürst sich für berechtigt hält, Gesetze zu ertheilen, oder wenn der Unterthan den Gehorsam verweigert, so folgt der Ordnung Unordnung und der sich auflösende Staat wird eine Beute des Despotismus oder der Anarchie. Wir wollen einmal annehmen, der Staat bestehe aus zehntausend Bürgern. Der Souverain läßt sich nur collectiv und in der Gesammtheit denken; in der Eigenschaft eines Unterthanen hat jedoch jeder Einzelne ein individuelles und unabhängiges Dasein. Deshalb verhält sich der Souverain zum Unterthanen wie zehntausend gegen eins, d. h. jedes Glied des Staates hat nur auf den zehntausendsten Theil der souverainen Autorität Anspruch, während es ihr völlig unterworfen ist. Wird der Staat aus hunderttausend Menschen gebildet, so ändert sich in der Stellung der Unterthanen dadurch nichts, und Jeder hat sich fortwährend der ganzen Herrschaft der Gesetze zu fügen, während seine Stimme, die jetzt auf das Hunderttausendstel reducirt ist, auf ihre Abfassung einen zehnmal geringeren Einfluß ausübt. Während so der Unterthan beständig eins bleibt, nimmt das Verhältniß zu Gunsten des Souverains in gleichem Maße mit der Zahl der Bürger zu, woraus folgt, daß sich die Freiheit mit der Vergrößerung des Staates vermindert. Je weniger der Wille der Einzelnen mit dem allgemeinen Willen, d. h. je weniger die Sitten mit den Gesetzen in Übereinstimmung stehen, desto mehr muß die hemmende Gewalt zunehmen. Je mehr auf der anderen Seite die Inhaber der Staatsgewalt bei der Größe des Staats Versuchungen ausgesetzt sind und Mittel, ihr Amt zu mißbrauchen, besitzen, und eine je größere Gewalt die Regierung zur Zügelung des Volkes in Händen hat, über desto mehr Gewalt muß seinerseits der Souverain verfügen können, um die Regierung in Schranken zu halten. Aus dieser doppelten Beziehung ergibt sich, daß die stetige Proportion zwischen Souverain, Fürst und Volk durchaus nicht auf einer willkürlichen Idee, sondern auf einer nothwendigen Folge der Natur des Staates beruht. Es ergibt sich ferner daraus, daß, da das eine der äußeren Glieder, nämlich das Volk, einen unveränderlichen Werth hat, sich bei jeder Vergrößerung oder Verringerung des doppelten Verhältnisses auch seinerseits das einfache Verhältniß vergrößert oder verringert, was nicht geschehen kann, ohne daß sich das mittlere Glied eben so oft ändert. Hieraus können wir den Schluß ziehen, daß es nicht etwa eine einzige und unbedingte Regierungsform gibt, sondern daß es vielmehr eben so viele, ihrer Natur nach verschiedene Regierungsformen geben muß, als sich ihrer Größe nach verschiedene Staaten vorfinden. Wenn die Sitten eines Volkes um so weniger mit seinen Gesetzen in Einklang stehen, je zahlreicher es ist, so bleibt uns zu untersuchen, ob man nicht auch nach einer ziemlich klaren Analogie behaupten kann, daß die Regierung um so schwächer ist, je zahlreicher die Obrigkeiten sind. Um uns über diesen Grundsatz klar zu werden, müssen wir in der Person jeder Obrigkeit dreierlei wesentlich von einander verschiedene Willensmeinungen unterscheiden: erstens den eigenen Willen des Individuums, der nur auf den besonderen Vortheil desselben ausgeht; zweitens den gemeinsamen Willen der Obrigkeiten, der einzig und allein den Vortheil des Fürsten im Auge hat, ein Wille, den man füglich Corpswille nennen kann, und der in Beziehung auf die Regierung ein allgemeiner und in Beziehung auf den Staat, von dem die Regierung einen Theil bildet, ein besonderer ist; in dritter Stelle der Wille des Volks oder der souveraine Wille, welcher sowol in Bezug auf den Staat, als Ganzes betrachtet, als auch in Bezug auf die Regierung, als Theil des Ganzen betrachtet, ein allgemeiner ist. In einer vollkommenen Gesetzgebung muß der besondere und individuelle Wille völlig zurücktreten, der der Regierung eigene Corpswille ganz untergeordnet sein, und folglich der allgemeine und souveraine Wille den beiden anderen als Richtschnur dienen. Nach der natürlichen Ordnung dagegen wird die Wirksamkeit dieser verschiedenen Willensmeinungen von dem Grade ihrer Concentrirung bedingt. Der allgemeine Wille ist stets der schwächste, der Corpswille nimmt den zweiten Rang ein, und dem besonderen Willen wird der Vorzug vor jedem anderen eingeräumt, dergestalt, daß Jeder zuerst er selbst, dann Obrigkeit und erst zuletzt Bürger ist, ein Stufengang, welcher dem von der socialen Ordnung verlangten diametral entgegengesetzt ist. Dies vorausgesetzt, wollen wir einmal annehmen, die Regierung ruhe in den Händen eines einzigen Mannes. Dann ist der besondere Wille und der Corpswille vollkommen vereinigt, und dieser besitzt folglich den höchsten Grad von Kraftentfaltung, den er je erlangen kann. Da nun aber von diesem Grade der Gebrauch der Gewalt abhängt, und die absolute Gewalt der Regierung, die doch stets mit der des Volkes zusammenfällt, keinem Wechsel unterworfen ist, so ergibt sich daraus, daß unter allen Regierungen die eines Einzigen am wirksamsten ist. Verlegen wir dagegen umgekehrt die höchste Autorität in die Regierung, machen wir den Fürsten zum Souverain und die Bürger zu eben so vielen obrigkeitlichen Personen, so wird der Corpswille, der dann vollkommen in dem allgemeinen Willen aufgeht, nicht mehr Wirksamkeit als dieser haben und die Gewalt des besonderen Willens nicht zu schwächen vermögen. Daher wird dann die Regierung, trotzdem sie immer noch mit der gleichen absoluten Gewalt ausgerüstet ist, den geringsten Grad von Wirksamkeit entfalten. Diese Grundsätze sind unbestreitbar und auch noch andere Betrachtungen dienen zu ihrer Bestätigung. So kann man die Beobachtung machen, daß die obrigkeitlichen Personen in ihrer Körperschaft eine weit größere Thätigkeit entwickeln als die Bürger in der ihrigen, und daß demgemäß der besondere Wille einen weit größeren Einfluß in letzterer ausübt. Denn jede obrigkeitliche Person ist fast regelmäßig mit irgend einer besonderen Funktion der Regierung beauftragt, während kein Bürger für sich mit einer Function der Souverainität betraut ist. Mit der Ausdehnung des Staates nimmt übrigens seine wirkliche Gewalt zu, wenn sie auch nicht nach Verhältniß seiner Ausdehnung wächst. Wenn aber der Staat derselbe bleibt, so wird die Regierung auch durch die Vermehrung der obrigkeitlichen Personen keine größere wirkliche Gewalt erhalten, weil sie die Inhaberin der Staatsgewalt ist, die, wie wir ja voraussetzen, stets gleichmäßig ist. Deshalb nimmt die Wirksamkeit der Regierung in Folge dieser großen Zahl ab, ohne daß sich ihre Gewalt vergrößern kann. Nachdem wir uns nun davon überzeugt haben, daß die Regierung in dem Maße schwächer wird, in welchem die Zahl der obrigkeitlichen Personen zunimmt, und daß sich die zügelnde Gewalt der Regierung um so mehr erhöhen muß, je mehr die Volkszahl wächst, so werden wir den Schluß ziehen, daß das Verhältniß der obrigkeitlichen Personen zur Regierung das umgekehrte von dem der Unterthanen zum Souverain sein müsse, d. h. daß sich die Regierung, je mehr sich der Staat vergrößert, um so mehr concentriren muß, so daß sich die Zahl der Oberhäupter nach Maßgabe der Volkszunahme vermindert. Um nun diese Verschiedenheit der Formen unter festen Benennungen genauer zu bestimmen, wollen wir zunächst bemerken, daß der Souverain die Regierung dem ganzen Volke oder doch dem größten Theile desselben dergestalt übertragen kann, daß es mehr mit obrigkeitlicher Macht bekleidete Bürger als einfache Privatleute gibt. Dieser Regierungsform gibt man den Namen Demokratie. Aber eben so gut kann er die Regierung in die Hände einer kleineren Anzahl legen, so daß es also mehr einfache Bürger als obrigkeitliche Personen gibt; und diese Form führt den Namen Aristokratie. Endlich kann er die ganze Regierung in den Händen einer einzigen Person concentriren. Diese dritte Form ist die gewöhnlichste und heißt Monarchie oder königliche Regierung. Wir werden die Wahrnehmung machen, daß alle diese Formen, oder doch wenigstens die beiden ersten, eine größere oder geringere Ausdehnung annehmen können und sogar einen ziemlich weiten Spielraum gestatten. Denn die Demokratie kann das ganze Volk umfassen oder sich bis auf die Hälfte beschränken. Die Aristokratie ihrerseits kann, von der Hälfte des Volkes an, in unbegrenzter Weise immer engere Kreise ziehen und sich auch mit der kleinsten Zahl begnügen. Selbst das Königthum läßt bisweilen eine Theilung zu, sei es zwischen Vater und Sohn, sei es zwischen zwei Brüdern oder auch sonst in einer andern Weise. In Sparta regierten stets zwei Könige, und im römischen Reiche hat man gleichzeitig acht Kaiser sehen können, ohne daß von einer Theilung des Reiches die Rede gewesen wäre. Es gibt einen gewissen Punkt, wo jede Regierungsform in die folgende übergeht. Unter den angeführten drei spezifischen Namen ist die Regierung in Wirklichkeit eben so vieler Formen fähig, als der Staat Bürger zählt. Ja noch mehr: da sich in gewisser Beziehung jede dieser Regierungen in verschiedene kleinere Unterabtheilungen zerlegen läßt, von denen die eine auf diese und die andere auf jene Weise verwaltet wird, so kann sich aus der Combination dieser drei Formen eine beträchtliche Zahl gemischter Formen bilden, deren jede mit Hilfe all der einfachen Formen wieder vervielfältigt werden kann. Zu allen Zeiten hat man über die beste Regierungsform viel gestritten, ohne daran zu denken, daß in gewissen Fällen jede die beste und in anderen wieder die schlechteste ist. Wenn nun, wie wir gesehen haben, in den verschiedenen Staaten die Anzahl der obrigkeitlichen Personen Man möge nicht vergessen, daß ich hier nur von den höchsten obrigkeitlichen Personen oder den Häuptern der Nation sprechen will, da die übrigen blos in diesem oder jenem Theile ihre Vertreter sind. im umgekehrten Verhältnisse zu der der Bürger stehen muß, so werden wir unsererseits den Schluß daraus ziehen, daß im Allgemeinen die demokratische Regierung für die kleinen Staaten, die aristokratische für die mittelgroßen, die monarchische für die großen Staaten am geeignetsten ist. An dem Faden dieser Untersuchungen werden wir zu der Kenntniß gelangen, worin die Pflichten und Rechte der Bürger bestehen, und ob sich die einen von den andern trennen lassen, werden lernen, was Vaterland ist, was eigentlich das Wesen desselben ausmacht, und woran ein Jeder erkennen kann, ob er ein Vaterland hat oder nicht. Nachdem wir auf diese Weise jede Art der bürgerlichen Gesellschaft an sich betrachtet haben, werden wir sie zur Wahrnehmung ihrer verschiedenen Beziehungen zu einander vergleichen, die Größe und Stärke der Einen mit der Kleinheit und Schwäche der Andern, werden unsere Aufmerksamkeit auf ihre Angriffsweise, auf ihre Sucht, einander zu verletzen, so wie auf ihre gegenseitige Zerstörungswuth richten und uns davon überzeugen, daß sie bei dieser beständigen Wirkung und Gegenwirkung mehr Menschen elend machen und dem Tode entgegenführen, als wenn sie alle ihre ursprüngliche Freiheit bewahrt hätten. Wir werden untersuchen, ob man nicht in der socialen Einrichtung zu viel oder zu wenig gethan hat; ob nicht, während die Genossenschaften unter einander die Unabhängigkeit der Natur bewahren, die den Gesetzen und den Menschen unterworfenen Individuen den Uebeln beider Stände preisgegeben bleiben, ohne sich zugleich deren Vortheile aneignen zu können, und ob es nicht ungleich besser wäre, wenn überhaupt gar keine bürgerliche Gesellschaft in der Welt existirte, als daß es deren mehrere gibt. Ist es nicht gerade dieser gemischte Zustand, welcher an allen beiden Theil hat und eben deshalb keinem von ihnen Sicherheit gewährt, per quem neutrum licet, nec tanquam in bello paratum esse, nec tanquam in pace securum ? Senec., de tranqu. animi, cap. 1. Ist es nicht gerade jene partielle und unvollkommene Vereinigung, welche die Tyrannei und den Krieg in ihrem Gefolge hat? Und sind nicht Tyrannei und Krieg die größten Geißeln der Menschheit? Endlich werden wir noch die Art von Mitteln untersuchen, welche man zur Abhilfe dieser Uebelstände in Bündnissen und Staatsverträgen aufgefunden haben will, welche jeden Staat, trotzdem sie ihm in innern Angelegenheiten freie Hand lassen, nach Außen gegen jeden ungerechten Angriff waffnen. Wir werden untersuchen, wie man ein gutes Bündniß abschließen kann, was im Stande ist, demselben Dauer zu gewähren, und bis zu welchem Punkte man das Recht des Bundesstaates auszudehnen vermag, ohne das Recht der Souverainität zu verletzen. Der Abbé von Saint-Pierre hatte ein Bündniß aller Staaten Europas vorgeschlagen, um einen ewigen Frieden unter ihnen aufrecht zu erhalten. Wäre ein solches Bundesverhältniß wol ausführbar? Ließe sich, falls es bereits in das Leben gerufen wäre, wol annehmen, daß es Bestand haben könnte? Seitdem ich dieses niedergeschrieben habe, sind die Gründe dafür in dem Auszuge jenes Planes ausführlich erörtert worden; die Gründe dagegen aber, wenigstens diejenigen, welche mir stichhaltig zu sein schienen, werden sich in der Sammlung meiner Schriften und zwar im Anhange jenes Auszuges finden. Diese Untersuchungen führen uns unmittelbar auf alle Fragen des gemeinen Rechts, welche dazu beitragen können, über die des Staatsrechtes Licht zu verbreiten. Endlich werden wir die wahren Grundsätze des Kriegsrechtes aufstellen und uns darüber klar zu werden suchen, weshalb Grotius und Andere nur falsche angegeben haben. Es würde mich nicht in Erstaunen setzen, wenn mich Emil, dem es nicht an richtigem Urtheile fehlt, inmitten dieser Untersuchungen unterbrechen und sagen würde: »Man sollte meinen, wir errichteten unser Gebäude von Holz und nicht von Menschen, so genau richten wir jedes Stück nach der Schnur!« – »Wol wahr, mein Freund, indeß bedenke, daß sich das Recht nicht in die Leidenschaften der Menschen fügt, und daß es uns darum zu thun war, zunächst die wahren Grundsätze des Staatsrechtes aufzustellen. Nachdem jetzt der Grund gelegt ist, wollen wir prüfen, was die Menschen auf demselben aufgeführt haben, und du wirst schöne Dinge zu sehen bekommen.« Nun lasse ich ihn den Telemach lesen und denselben auf seiner Reise im Geiste begleiten. Wir suchen das glückliche Salentum und den guten Idomeneus auf, welcher in seinem Unglück die Quelle der Weisheit fand. Unsern Weg verfolgend, treffen wir mit vielen Protesilaus, aber mit keinem Philokles zusammen. Adrast, der König der Daunier, ließe sich auch wol noch entdecken. Ich überlasse es jedoch den Lesern, sich unsere Reise selber auszumalen, oder sie mit einem Telemach an der Hand selbst zu machen. Ich habe nicht Lust, Veranlassung zu verletzenden Auslegungen zu geben, von welchen sich der Verfasser selbst fern hält oder die er wenigstens gegen seinen Willen macht. Da Emil übrigens kein König ist und ich eben so wenig ein Gott bin, so fühlen wir uns nicht beunruhigt darüber, daß wir mit Telemach und Mentor in dem Guten, welches sie den Menschen erwiesen, nicht wetteifern können. Niemand versteht besser als wir, in der ihm angewiesenen Stellung zu verharren, Niemand hegt weniger Verlangen, aus ihr herauszutreten. Wir wissen, daß Allen dieselbe Aufgabe gestellt ist, wissen, daß Jeder, der das Gute von ganzem Herzen liebt und es nach bestem Vermögen thut, sie erfüllt. Wir wissen, daß Telemach und Mentor Gebilde der Phantasie sind. Emil reist nicht wie ein Müßiggänger und thut mehr Gutes als wenn er ein Fürst wäre. Selbst in der Stellung von Königen könnten wir nicht wohlthätiger sein. Wenn wir Könige und wohlthätig wären, würden wir für eine einzige scheinbar gute Handlung, die wir zu thun glaubten, unwissentlich tausend wirkliche Schlechtigkeiten ausführen. Wären wir Könige und Weise, so würde das erste Gute, das wir uns selbst und Anderen erweisen könnten, darin bestehen, die Krone freiwillig niederzulegen und wieder das zu werden, was wir jetzt sind. Ich habe die Gründe angegeben, aus welchen das Reisen im Allgemeinen so unfruchtbar bleibt. Was es jedoch für die Jugend noch unfruchtbarer macht, ist die Art und Weise, in der man sie ihre Reisen zur Ausführung bringen läßt. Die Erzieher, welche sich mehr ihr eigenes Vergnügen als die Belehrung ihres Zöglings angelegen sein lassen, führen ihn rastlos von Stadt zu Stadt, von Palast zu Palast, von Gesellschaft zu Gesellschaft, oder lassen ihn, wenn sie dem Stande der Gelehrten und Schriftsteller angehören, seine Zeit damit hinbringen, Bibliotheken zu durchlaufen, Alterthumsforscher zu besuchen, alte Denkmäler auszugraben und alte Inschriften abzuschreiben. In jedem Lande beschäftigen sie sich mit einem andern Jahrhunderte, was eben so viel sagen will, als beschäftigten sie sich mit einem andern Lande. Die Folge davon ist, daß sie, nachdem sie Europa mit großen Kosten durchstreift haben und dabei entweder eine Beute des Leichtsinns oder der Langenweile geworden sind, zurückkehren, ohne etwas gesehen zu haben, was ihr Interesse hätte in Anspruch nehmen können, oder etwas gelernt zu haben, was ihnen nützlich gewesen wäre. Alle Hauptstädte gleichen einander. In ihnen sind alle Völker vertreten und herrschen alle Sitten. Sie bilden nicht den Schauplatz für das Studium der Völker. Paris und London sind in meinen Augen die nämliche Stadt. Ihre Einwohner haben wol einige verschiedene Vorurtheile, allein die Einen sind von nicht weniger als die Anderen erfüllt, und alle ihre praktischen Grundsätze sind dieselben. Man weiß, welche Menschenclassen sich an den Höfen versammeln müssen. Man weiß, welche Sitten eine zu dichte Menschenmasse und die Ungleichheit des Vermögens herbeiführen muß. Sobald man mir von einer Stadt spricht, die zweimalhunderttausend Seelen zählt, so weiß ich im Voraus, wie man dort lebt. Was mir sonst die einzelnen Orte Besonderes darbieten könnten, ist wahrlich keine Besuchsreise werth. Den Geist und die Sitten eines Volkes muß man in den entlegenen Provinzen studiren, in denen Verkehr und Handel weniger entwickelt sind, die von Fremden seltener besucht werden, deren Bewohner seltener ihren Wohnsitz ändern und in Bezug auf ihre Vermögensverhältnisse und gesellschaftlichen Zustände etwaigen Wechselfällen weniger unterworfen sind. Seht euch die Hauptstadt auf der Durchreise an, stellet aber eure Beobachtungen erst in größerer Entfernung von ihr an. Die Franzosen sind nicht in Paris, sondern in der Touraine zu finden; die Engländer sind mehr Engländer in Mercia als in London, und die Spanier mehr Spanier in Galizien als in Madrid. Nur in solchen entlegenen Landestheilen tritt der Charakter eines Volkes hervor und zeigt es sich in seiner Eigenart. In ihnen machen sich die guten wie die schlechten Wirkungen der Regierung am besten fühlbar, in derselben Weise wie sich am Ende eines größeren Radius der Bogen genauer messen laßt. Die unvermeidlichen Beziehungen zwischen den Sitten und der Regierung sind in dem bekannten Buche »der Geist der Gesetze« so klar dargelegt worden, daß man nichts Besseres thun kann, als diese Beziehungen nach Anleitung jenes Werkes zu studiren. Im Allgemeinen kann man sich über die relative Güte der Regierungen nach zwei leicht erkennbaren und einfachen Anzeichen ein Urtheil bilden. Das eine ist die Bevölkerung. In jedem Volke, in welchem dieselbe abnimmt, geht der Staat seinem Untergange entgegen, während das Land, dessen Bevölkerung im stetigen Wachsthum begriffen ist, unfehlbar, und wäre es auch sonst das allerärmste, unter der besten Regierung steht. Ich kenne nur eine einzige Ausnahme von der Regel: nämlich China. Dies gilt freilich nur für den Fall, daß diese Bevölkerung eine natürliche Folge der Regierung und der Sitten ist. Denn wäre sie das Ergebniß einer durchgeführten Colonisation oder anderer zufälliger und vorübergehender Mittel, so würde gerade in den Heilmitteln der Beweis für das Vorhandensein des Uebels liegen. Wenn Augustus Gesetze gegen die Ehelosigkeit erließ, so bekundeten diese Gesetze schon den Verfall des römischen Reiches. Die Güte der Regierung muß für die Bürger der Antrieb zur Verehelichung sein, und nicht der Zwang der Gesetze. Nicht auf das muß die Untersuchung gerichtet sein, was die Gewalt zu Wege zu bringen vermag, denn ein Gesetz, welches die bestehenden Verhältnisse bekämpft, läßt sich umgehen und wird schließlich vergeblich, sondern auf das, was sich unter dem Einfluß der Sitten und dem natürlichen Antriebe der Regierung zu entwickeln im Stande ist, denn diese Mittel allein haben eine bleibende Wirkung. Es war die Politik des guten Abbé von Saint-Pierre, für jedes besondere Uebel beständig irgend ein kleines Heilmittel ausfindig zu machen, anstatt bis zur ihrer gemeinsamen Quelle zurückzugehen und zu sehen, ob es nicht möglich sei, sie alle auf einmal zu heilen. Es kann nicht die Aufgabe sein, jedes Geschwür, das sich am Körper des Kranken zeigt, für sich allein zu behandeln, sondern die Blutmasse, welche sie alle erzeugt, zu reinigen. In England soll man zur Hebung der Landwirtschaft Preise aussetzen. Mehr bedarf es nicht, um mir den Beweis zu liefern, daß sich England nicht mehr lange durch dieselbe auszeichnen wird. Das zweite Anzeichen der relativen Güte der Regierung und der Gesetze bietet gleichfalls die Bevölkerung dar, wenn auch auf andere Weise, nämlich durch ihre Vertheilung, nicht durch ihre Menge. Zwei der Größe und der Einwohnerzahl nach gleiche Staaten können an Macht trotzdem sehr ungleich sein, und der mächtigste von beiden ist immer derjenige, dessen Einwohner am gleichmäßigsten über das ganze Gebiet vertheilt sind. Derjenige, welcher keine so großen Städte hat und folglich weniger Glanz verbreitet, wird regelmäßig den andern im Kampfe besiegen. Gerade die großen Städte sind die Ursache der Erschöpfung und Schwäche eines Staates. Der Reichthum, welchen sie hervorbringen, ist nur scheinbar und trügerisch, zwar viel Geld, aber wenig wirkliches Vermögen. Man behauptet, daß die Stadt Paris für den König von Frankreich den Werth einer ganzen Provinz habe, ich dagegen bin überzeugt, daß sie ihm mehrere kostet, daß sie sich in mehr als einer Beziehung von den Provinzen muß ernähren lassen, und daß der größte Theil ihrer Einkünfte in diese Stadt strömt und in ihr verbleibt, ohne je zum Volke oder zum Könige zurückzukehren. Es ist unbegreiflich, daß in diesem Jahrhundert, in welchem die Rechenkunst in so hoher Blüte steht, Niemand einzusehen vermag, daß Frankreich nach Vernichtung von Paris viel an Macht gewinnen würde. Eine schlechte Vertheilung der Bevölkerung gewährt dem Staate nicht nur keinen Vortheil, sondern ist ihm sogar nachteiliger als die Entvölkerung, in so fern die Entvölkerung als Resultat nur Null gibt, während durch eine schlecht verstandene Anhäufung ein negatives Product hervorgebracht wird. Wenn ich Zeuge bin, wie ein Franzose und ein Engländer, voller Stolz auf die Größe ihrer Hauptstädte, darüber streiten, ob Paris oder London mehr Einwohner zähle, so ist es für mich dasselbe, als ob sie darüber stritten, welches von beiden Völkern die Ehre habe, am schlechtesten regiert zu werden. Studiret ein Volk außerhalb seiner Städte, denn nur auf diese Weise werdet ihr es wirklich kennen lernen. Die bloße Beobachtung der Allen in die Augen fallenden Form einer Regierung, wie sie sich unter der Hülle des äußeren Prunkes der Verwaltung und nach dem Geschwätze der Regierungsorgane darstellt, ist völlig werthlos, wenn man nicht gleichzeitig nach den Wirkungen, die sie auf das Volk ausübt, ihr wahres Wesen und zwar auf allen Stufen der Verwaltung studirt. Da sich das Abweichende in der Form im Grunde genommen auf alle diese Stufen vertheilt, so kann man es auch nur dann kennen lernen, wenn man sich mit ihnen allen eingehend beschäftigt. In dem einen Lande verräth sich der Geist der Regierung durch das Verfahren der Unterbeamten; in einem andern Lande muß man der Wahl der Parlamentsmitglieder beigewohnt haben, um beurtheilen zu können, ob die Nation frei ist. Was für ein Land es aber auch immer sein möge, so ist es unmöglich, die Regierung kennen zu lernen, wenn man nur die Städte gesehen hat, weil sich der Geist derselben auf Stadt und Land nie in gleicher Weise äußert. Wie das eigentliche Land das Staatsgebiet ausmacht, so bildet auch die Landbevölkerung die Nation. Dieses Studium der verschiedenen Völker in ihren entlegenen Provinzen und in der Einfachheit ihres ursprünglichen Geistes läßt uns eine allgemeine Wahrnehmung machen, die für mein Motto im höchsten Grade günstig und für das menschliche Herz sehr tröstend ist, nämlich die, daß alle Nationen bei einer solchen Beobachtung einen viel höheren Werth zu haben scheinen. Je mehr sie sich der Natur nähern, desto vorherrschender ist die Güte in ihrem Charakter. Nur dadurch, daß sie sich in Städte einschließen, daß die Cultur eine Wandelung in ihnen hervorbringt, werden sie schlechter und geben einigen, nicht sowol aus Bosheit als aus ihrer niederen Bildung hervorgegangenen Mängeln den Anstrich angenehmer, aber verderblicher Laster. Diese Wahrnehmung lehrt, daß mit der Art zu reisen, welche ich vorschlage, ein neuer Vortheil verbunden ist. Da sich die jungen Leute nur kurze Zeit in den großen Städten, diesen Brutstätten einer entsetzlichen Sittenverderbniß, aufhalten, so sind sie weniger der Gefahr ausgesetzt, von derselben ergriffen zu werden, und bewahren sich unter einfacheren Menschen und in weniger zahlreichen Gesellschaften ein sichreres Urtheil, einen reineren Geschmack und züchtigere Sitten. Für meinen Emil ist übrigens eine solche Ansteckung nicht leicht zu fürchten, da er alle Eigenschaften besitzt, die vor ihr zu schützen im Stande sind. Unter all den Vorsichtsmaßregeln, die ich zu diesem Zwecke ergriffen habe, verdient nach meiner Ansicht die Liebe, die er im Herzen trägt, die erste Stelle. Man scheint gar nicht mehr zu wissen, was wahre Liebe über die Neigungen junger Leute vermag, weil die, welchen ihre Erziehung anvertraut ist, sie eben so wenig kennen und ihre Zöglinge deshalb von derselben abzulenken suchen. Gleichwol aber muß ein junger Mann, wenn er nicht einen ausschweifenden Lebenswandel führen soll, wahrhaft lieben. Man kann sich durch den Schein leicht täuschen lassen. Man wird mir freilich tausend junge Leute anführen, die in dem Rufe stehen, auch ohne Liebe im höchsten Grade keusch zu leben. Aber man nenne mir auch nur einen einzigen älteren Mann, einen wirklichen Mann, der zu behaupten vermag, daß er seine Jugend in der That so verlebt habe, und dem man wirklich Glauben schenken darf. Bei allen Tugenden und allen Pflichten sucht man immer nur den Schein zu wahren. Ich aber, der ich nicht auf den Schein, sondern auf die Wirklichkeit ausgehe, müßte in großer Täuschung befangen sein, wenn es zu ihrer Erlangung noch andere als die von mir angegebenen Mittel geben sollte. Der Gedanke, in Emils Herzen noch vor Antritt seiner Reise eine ernste Liebe anzufachen, beruht nicht etwa auf meiner Erfindung. Folgender Umstand hat mir denselben eingegeben. Ich stattete in Venedig dem Erzieher eines jungen Engländers einen Besuch ab. Es war Winter, und wir saßen um den Kamin. Während dessen erhält der Erzieher seine Briefe von der Post. Er überfliegt sie und liest darauf einen derselben seinem Zöglinge laut vor. Da er in englischer Sprache abgefaßt war, verstand ich nichts davon, indeß entging es mir nicht, daß der junge Mann während des Vorlesens die sehr schönen Spitzenmaschetten, welche er trug, zerriß und sie eine nach der andern in das Feuer warf, was er so still als möglich that, offenbar, damit man es nicht bemerke. Ueber diesen sonderbaren Einfall verwundert, blicke ich ihm ins Gesicht und glaube wahrzunehmen, daß dasselbe eine Art Rührung verräth. Obgleich nun die äußern Kennzeichen der Leidenschaften bei allen Menschen ziemlich ähnlich sind, so haben dieselben gleichwol nationale Verschiedenheiten, über welche man sich leicht täuschen kann. Die Sprache des Gesichts ist bei den Völkern eben so verschieden wie die ihres Mundes. Ich warte, bis der Brief völlig vorgelesen ist, und frage den Erzieher, indem ich auf die bloßen Handgelenke seines Zöglings hinweise: »Darf man wissen, was dies bedeutet?« Als der Erzieher wahrnahm, was vorgegangen war, fing er zu lachen an, umarmte seinen Zögling mit offenbarer Befriedigung und gab mir, nachdem ihm Letzterer seine Zustimmung ausgedrückt hatte, die erbetene Aufklärung. »Die Manschetten,« erzählte er, »welche Herr John so eben zerrissen hat, sind ihm von einer hiesigen Dame vor Kurzem geschenkt worden. Nun müssen Sie aber wissen, daß Herr John in seiner Heimat mit einem jungen Fräulein verlobt ist, die er innig liebt und welche in der That die höchste Liebe verdient. Jener Brief ist von der Mutter seiner Braut, und ich will Ihnen aus demselben die Stelle übersetzen, welche die Zerstörung, deren Zeuge Sie gewesen sind, verursacht hat.« »Lucia läßt die Manschetten für Lord John nie aus der Hand. Miß Betty Roldham brachte den gestrigen Nachmittag bei ihr zu und wollte ihr durchaus bei ihrer Arbeit helfen. Da ich erfuhr, daß Lucia heute früher als gewöhnlich aufgestanden war, wünschte ich zu sehen, was sie eigentlich vorhatte, und fand sie damit beschäftigt, Alles, was Miß Betty gestern gearbeitet hatte, wieder aufzutrennen. Sie will nicht, daß an ihrer Gabe auch nur ein einziger Stich von einer anderen Hand als der ihrigen sei.« Als Herr John bald darauf das Zimmer verließ, um andere Manschetten anzulegen, sagte ich zu seinem Erzieher: »Sie haben einen Zögling von vortrefflichem Gemüthe. Indeß, sagen Sie die Wahrheit, ist dieser Brief von Miß Bettys Mutter nicht auf Ihren Antrieb geschrieben? Ist er nicht eine Kriegslist, die Sie selbst gegen diese Dame mit den Manschetten ersonnen haben?« – »Nein,« entgegnete er, »es liegt hier wirklich keine gut gemeinte Täuschung vor; ich habe bei der Lösung meiner Aufgabe keine solche Kunstgriffe nöthig gehabt. Einfachheit und Eifer wußte ich bei meiner Arbeit zu verbinden, und Gott hat sie gesegnet.« Der erwähnte Charakterzug dieses jungen Mannes ist nie meinem Gedächtnisse entfallen. Es war nicht anders möglich, als daß er auf einen Träumer, wie ich es bin, einen bleibenden Eindruck ausüben mußte. Doch es ist Zeit, zu Ende zu kommen. Laßt uns Lord John zu Miß Lucia, d. h. Emil zu Sophie zurückführen. Mit einem Herzen, das seit seinem Scheiden an Zartheit nichts verloren hat, bringt er ihr einen erleuchteteren Geist zurück, seinem Vaterlande aber gereicht es zum Vortheil, daß er die Regierungen nach all ihren Lastern und die Völker nach all ihren Tugenden kennen gelernt hat. Ich selbst habe es zu veranstalten gewußt, daß er sich in jedem Volke mit irgend einem verdienstvollen Manne durch einen Vertrag der Gastfreundschaft nach Art der Alten verbunden hat, und werde nicht verdrossen darüber sein, wenn er diese Bekanntschaften durch einen regen brieflichen Verkehr zu unterhalten sucht. Ganz abgesehen davon, daß ein solcher Verkehr mit weit entlegenen Ländern nützlich sein kann und stets Annehmlichkeiten gewährt, so ist er jedenfalls ein vortrefflicher Schutz gegen die Herrschaft nationaler Vorurtheile, welche, da wir unser ganzes Leben lang mit ihnen zu kämpfen haben, früher oder später Gewalt über uns bekommen. Nichts ist geeigneter, ihnen diese Gewalt zu nehmen, als der unbefangene Verkehr mit verständigen und achtungswerthen Leuten, welche uns, da ihnen diese Vorurtheile fremd sind und sie dieselben durch ihre eigenen bekämpfen, so die Mittel an die Hand geben, sie einander unaufhörlich gegenüber zu stellen und uns vor allen zu hüten. Zwischen dem Verkehre mit Fremden, so lange sie sich in unserm Lande aufhalten, und dem Verkehre mit ihnen nach ihrer Rückkehr in die Heimat ist ein wesentlicher Unterschied. Im ersteren Falle beweisen sie stets gegen das Land, in welchem sie leben, eine gewisse Schonung, welche sie ihre wahren Gedanken über dasselbe verhehlen läßt oder sie während der Dauer ihres dortigen Aufenthalts mit günstigen Gedanken erfüllt. Nach ihrer Heimkehr tritt jedoch ein Umschlag ein, was zur Folge hat, daß sie bei ihren Urtheilen nur gerecht sind. Ich würde mich freuen, wenn ein Fremder, mit dem ich Rücksprache nähme, mein Vaterland besucht hätte, aber nach seiner Ansicht über dasselbe möchte ich ihn nur in seinem eigenen fragen. Nachdem wir fast zwei volle Jahre darauf verwandt haben, einige der größeren und eine noch weit größere Anzahl der kleineren Staaten Europas zu durchstreifen, nachdem wir zwei oder drei Hauptsprachen erlernt, nachdem wir das wirklich Merkwürdige gesehen haben, sei es auf dem Gebiete der Natur oder dem der Künste, handle es sich um Regierungen oder Unterthanen: macht mich Emil, den die Ungeduld verzehrt, darauf aufmerksam, daß die zur Reise bestimmte Zeit abgelaufen sei. Darauf erwidere ich ihm: »Nun wohl, mein Freund, du wirst dich des Hauptzweckes unserer Reise erinnern. Du hast gesehen und beobachtet. Was ist nun das Endresultat deiner Beobachtungen? Was für einen Entschluß hast du gefaßt?« Ist nun meine Methode richtig, so wird er mir ungefähr folgende Antwort ertheilen müssen: »Welchen Entschluß ich gefaßt habe? Das zu bleiben, wozu Sie mich erzogen haben, und zu den Fesseln, welche mir die Natur und die Gesetze angelegt, freiwillig nicht noch andere hinzuzufügen. Je mehr ich das Werk der Menschen in ihren Einrichtungen prüfe, desto mehr bricht sich in mir die Ueberzeugung Bahn, daß sie sich gerade durch ihr Jagen nach Unabhängigkeit selbst in Sklaverei stürzen, und daß sie sogar ihre Freiheit in vergeblichen Anstrengungen vergeuden, sich dieselbe zu sichern. Um nicht dem Strome der Dinge nachgeben zu müssen, lassen sie sich von Tausenderlei fesseln; wollen sie dann einen Schritt thun, so können sie nicht, und sind erstaunt, sich überall festgehalten zu sehen. Wie mir scheint, hat man, um sich frei zu machen, gar nichts zu thun. Es ist vollkommen ausreichend, daß man nicht aufhören will, es zu sein. Du allein, lieber Lehrer, hast mich frei gemacht, indem du mich lehrtest, mich der Nothwendigkeit zu unterwerfen. Sie möge an mich herantreten, wann es ihr beliebt, ich lasse mich ohne Zwang von ihr mit fortziehen; und da ich nicht Lust habe gegen sie anzukämpfen, so fasse ich für nichts, das mich zurückhalten könnte, Zuneigung. Auf unserer Reise habe ich mich nach irgend einem Erdwinkel umgesehen, wo ich gänzlich mein eigener Herr sein könnte; aber an welchem Orte wäre man wol unter den Menschen nicht mehr von ihren Leidenschaften abhängig? Alles wohl erwogen, habe ich gefunden, daß schon mein Wunsch einen Widerspruch in sich schließt. Denn sollte ich mein Herz auch sonst an nichts hängen, so würde ich mich doch immer von der Scholle fesseln lassen, auf der ich mich niedergelassen habe. Mein Leben würde mit dieser Scholle verknüpft sein, wie das der Dryaden mit ihren Bäumen. Ich habe mich davon überzeugt, daß ich, da Herrschaft und Freiheit einmal zwei unvereinbare Worte sind, nicht Herr einer Hütte sein könnte, ohne aufzuhören, meiner selbst Herr zu sein.« Hoc erat in votis, modus agri non ita magnus. Horat. Sat. II, 6. »Das war immer mein Wunsch: ein Aeckerchen, nicht zu geräumig.« »Ich erinnere mich, daß mein Vermögen die Ursache unserer Nachforschungen war. Sie bewiesen mir auf das Überzeugendste, daß ich mir Reichthum und Freiheit nicht gleichzeitig bewahren könnte. Wenn Sie jedoch wollten, daß ich frei und zugleich bedürfnißlos wäre, so verlangten Sie zwei Dinge, die sich nicht mit einander vereinen lassen, denn ich würde mich der Abhängigkeit von den Menschen nur dann entziehen können, wenn ich mich in die Abhängigkeit von der Natur begeben wollte. Was werde ich also mit dem Vermögen anfangen, das mir meine Eltern hinterlassen haben? Das Erste wird sein, daß ich mich von demselben unabhängig erhalte. Ich werde alle Bande lösen, die mich an dasselbe fesseln. Läßt man es mir, so wird es mir bleiben, raubt man es mir, so wird man mir dadurch noch nicht den Untergang bereiten. Ich werde mich nicht abquälen, es zu behalten, sondern fest an meinem Platze ausharren. Reich oder arm, ich werde frei sein. Ich werde es nicht allein in dem oder jenem Lande, in dieser oder jener Gegend, nein, ich werde es überall auf Erden sein. Für mich sind alle Fesseln des Vorurtheils zerrissen, ich kenne keine andere als die der Nothwendigkeit. Von Geburt an habe ich sie tragen lernen und werde sie bis an mein Ende tragen, denn ich bin ein Mensch. Und weshalb sollte ich sie nicht tragen dürfen, wenn ich frei bin, da ich sie als Sklave ja auch tragen müßte, und zum Ueberfluß noch die der Sklaverei.« »Was kümmert mich meine Lage auf Erden? Was kümmert mich, wo ich bin? Ueberall, wo es Menschen gibt, bin ich bei meinen Brüdern; überall, wo es keine gibt, bin ich bei mir selbst. So lange ich im Stande sein werde, unabhängig und reich zu bleiben, habe ich Vermögen, um davon zu leben, und ich werde leben. Will mich dasselbe jedoch unterjochen, so werde ich es ohne Kummer fahren lassen. Ich besitze Arme zur Arbeit, und ich werde leben. Sollten mir aber die Arme fehlen, nun, so werde ich leben, wenn man mich ernährt, und sterben, wenn man mich im Stich läßt, muß ich ja doch eben so gut sterben, wenn man mich auch nicht im Stich läßt, denn der Tod ist nicht ein Leiden der Armuth, sondern ein Gesetz der Natur. Wann auch immer der Tod an mich herantreten möge, ich werde ihm stets trotzen; nie soll er mich überraschen, wenn ich mit Vorbereitungen zum Leben beschäftigt bin; nie soll er mich hindern, gelebt zu haben.« »Das, mein Vater, ist der Entschluß, welchen ich gefaßt habe. Wäre ich ohne Leidenschaften, so würde ich in meiner Lage als Mensch unabhängig wie Gott selber sein, weil ich, da ich nur das wollte, was ist, nie gegen das Schicksal würde anzukämpfen brauchen. Wenigstens fesselt mich nur eine Kette; es ist die einzige, die ich je tragen werde, und ihrer darf ich mich rühmen. So kommen Sie denn, geben Sie mir Sophie, und ich bin frei.« »Lieber Emil, ich bin sehr froh, aus deinem Munde solche männliche Worte zu vernehmen und aus ihnen die Gefühle deines Herzens zu erkennen. In deinem Alter kann mir diese übertriebene Uneigennützigkeit nicht mißfallen. Sie wird überdies nachlassen, wenn du erst Kinder hast, und du wirst dann genau das sein, was ein guter Familienvater und ein weiser Mann sein soll. Schon vor Antritt deiner Reise wußte ich, welche Wirkung sie in dir hervorbringen würde. Ich wußte, du würdest, wenn du dir unsere Einrichtungen einmal aus der Nähe ansähest, weit davon entfernt sein, ein Vertrauen in sie zu setzen, welches sie keineswegs verdienen. Unter dem Schutze der Gesetze strebt man vergebens nach Freiheit. Der Gesetze! Wo gibt es denn solche? Und wo finden sie Achtung? Unter diesem Namen hast du überall nur das Sonderinteresse und die Leidenschaften der Menschen herrschen sehen. Aber die ewigen Gesetze der Natur und der Ordnung bestehen. Dem Weisen vertreten sie die Stelle des positiven Rechts. Durch das Gewissen und die Vernunft stehen sie im Grunde seines Herzens geschrieben. Sie sind es, denen er sich, um frei zu sein, unterwerfen muß. Nur wer Böses thut, ist ein Sklave, denn er thut es stets gegen seinen Willen. Die Freiheit ist nicht das Ergebniß irgend einer bestimmten Regierungsform, sie wohnt vielmehr in dem Herzen des freien Mannes, der sie überall bei sich trägt, während der niedrig gesinnte Mensch überall die Knechtschaft in sich hegt. Der Eine würde in Genf ein Sklave, der Andere in Paris ein Freier sein.« »Wollte ich von den Pflichten des Bürgers mit dir reden, so würdest du mich vielleicht fragen, wo denn das Vaterland ist, und glauben, mich dadurch in Verlegenheit gesetzt zu haben. Trotzdem würdest du dich irren, lieber Emil, denn wer kein Vaterland hat, hat doch wenigstens ein Land. Es gibt immer eine Regierung und Scheinbilder von Gesetzen, unter denen er in Frieden gelebt hat. Daß der sociale Vertrag nicht beobachtet worden ist, was thut das wol zur Sache, wenn ihn das Sonderinteresse eben so geschützt hat, wie es der allgemeine Wille gethan haben würde, wenn ihn die öffentliche Gewalt vor der Privatgewalt behütet hat, wenn ihn das Böse, das unter seinen Augen stattfand, mit Liebe zum Guten erfüllt hat und ihm unsere Einrichtungen selbst die Augen geöffnet haben, daß er ihre eigene Ungerechtigkeit erkennen und hassen mußte? O Emil, wo ist der rechtschaffene Mann, der seinem Lande nichts zu verdanken hätte? Wer er auch immer sein möge, er schuldet ihm, was für den Menschen das Herrlichste ist: die Sittlichkeit seiner Handlungen und die Liebe zur Tugend. Allerdings hätte er, wäre er mitten im Walde geboren, glücklicher und freier gelebt; da er indeß nichts zu bekämpfen gehabt hätte, um seinen Neigungen nachzukommen, so wäre er gut gewesen, ohne daß es ihm hätte zum Verdienst angerechnet werden können, so hätte er keinen Anspruch auf Tugend gehabt, während er ihn jetzt trotz seiner Leidenschaften erheben darf. Der bloße Schein der Ordnung führt ihn schon dazu, sie zu erkennen und zu lieben. Das allgemeine Wohl, welches Anderen nur als Vorwand dient, ist für ihn allein ein wirklicher Beweggrund. Er lernt sich bekämpfen, sich besiegen, sein Interesse dem allgemeinen Interesse zum Opfer zu bringen. Es ist eine Unwahrheit, daß ihm die Gesetze keinen Vortheil brächten; sie geben ihm den Muth, gerecht zu sein, selbst im Kreise schlechter Menschen. Es ist eine Unwahrheit, daß sie ihn nicht frei gemacht haben, jedenfalls haben sie ihn gelehrt, sich selbst zu beherrschen.« »Sage demnach nicht: Was kümmert es mich, wo ich mich befinde. Es muß dich im Gegentheile gar viel kümmern, daß du gerade da bist, wo du alle deine Pflichten zu erfüllen vermagst, und eine dieser Pflichten ist die Anhänglichkeit an den Ort deiner Geburt. Deine Mitbürger beschützten dich als Kind, weshalb du sie jetzt, wo du erwachsen bist, lieben mußt. Du sollst in ihrer Mitte oder wenigstens an einem Orte leben, von dem aus du ihnen nützlich sein kannst, so weit es dir deine Kräfte gestatten, und an dem sie dich, sobald sie deiner bedürfen, zu finden wissen. Es sind Verhältnisse denkbar, wo ein Mann seinen Mitbürgern nützlicher sein kann, wenn er außerhalb der Grenzen seines Vaterlandes weilt, als wenn er im Schooße desselben lebt. Alsdann muß er sich nur von seinem Eifer leiten lassen und sein Exil ohne Murren tragen; selbst dies Exil gehört zu seinen Pflichten. Du aber, guter Emil, welchem nichts diese schmerzlichen Opfer auferlegt, du, der du dir nicht die traurige Aufgabe gestellt hast, den Menschen die Wahrheit zu sagen, lebe inmitten deiner Mitbürger, pflege ihre Freundschaft in ruhigem Verkehre, sei ihr Wohlthäter, ihr Vorbild. Dein Beispiel wird ihnen mehr als all unsere Bücher nützen, und das Gute, welches sie dich verrichten sehen, wird sie mehr rühren, als all unsere hohlen Redensarten.« »Ich fordere dich zu diesem Zwecke nicht etwa auf, in den großen Städten zu leben. Im Gegentheile besteht eines der Beispiele, welches die Guten den Andern geben sollen, in dem patriarchalischen und ländlichen Leben, dem ursprünglichen Leben des Menschen, dem friedlichsten, natürlichsten und angenehmsten Leben für Jeden, dessen Herz noch unverdorben ist. Glücklich, mein junger Freund, das Land, wo man den Frieden nicht erst in einer Einöde zu suchen braucht. Allein wo ist dieses Land? Ein wohlthätiger Mensch kann seine Neigung inmitten der Städte, in denen er seinen Wohlthätigkeitssinn fast nur an Intriganten oder an Schelmen auszuüben vermag, schlecht befriedigen. Die Aufnahme, welche Tagediebe, die hier ihr Glück zu machen gedenken, in ihnen finden, trägt nur dazu bei, das Land vollends zu veröden, welches man gerade umgekehrt auf Kosten der Städte neu bevölkern sollte. Alle Menschen, welche sich aus der großen Gesellschaft zurückziehen, stiften eben dadurch Nutzen, daß sie sich aus ihr zurückziehen, da alle Laster der Menschen ihre Quelle in der zu dichten Bevölkerung finden. Sie stiften ferner dadurch Nutzen, daß sie in die einsamen Gegenden Leben, Gesittung und Liebe zu dem menschlichen Urzustände zurückbringen können. Ich werde gerührt bei dem Gedanken, wie viel Wohlthaten Emil und Sophie aus ihrer einfachen Zurückgezogenheit um sich her zu verbreiten im Stande sind, wie viel sie zur Belebung des Landes und zur Wiedererweckung des erloschenen Eifers der unglücklichen Landleute beitragen können. Ich sehe schon im Geiste, wie das Volk sich vervielfältigt, die Fruchtbarkeit der Felder zunimmt, das Land einen neuen Schmuck gewinnt, ich sehe, wie die Volksmenge und der Ueberfluß die Arbeiten in Feste verwandeln, höre, wie sich die Freudenrufe und Segnungen aus dem Kreise der ländlichen Spiele um das liebenswürdige Paar erheben, dem sie ihre neue Lebensfreudigkeit verdanken. Man betrachtet das goldene Zeitalter als ein Traumbild, und freilich wird es für Jeden, dessen Herz und Geschmack verdorben sind, ein solches bleiben. Es ist nicht einmal wahr, daß man es zurücksehnt, da dieses Sehnen stets eitel ist. Was müßte man also thun, um es wieder erstehen zu lassen? Nur Eins, aber leider etwas Unmögliches: man müßte es lieben.« »Schon scheint es um Sophiens Wohnung wieder aufzublühen; ihr braucht nur mit einander zu vollenden, was ihre würdigen Eltern begonnen haben. Sei jedoch auf deiner Hut, lieber Emil, daß dir dieses süße Leben nicht die mühevollen Pflichten verleide, wenn dir je solche auferlegt werden sollten! Sei eingedenk, daß die Römer vom Pfluge zum Consulat gelangten. Beruft dich der Fürst oder der Staat in den Dienst des Vaterlandes, dann verlasse Alles, um auf dem dir angewiesenen Posten die ehrenvolle Thätigkeit eines Bürgers auszuüben. Sollte dir diese Thätigkeit jedoch beschwerlich fallen, so gibt es ein ehrenvolles und sicheres Mittel, sie wieder von dir abzuschütteln: übe sie mit solcher strengen Rechtlichkeit, daß man sie dir nicht lange läßt. Uebrigens braucht dich der Gedanke an die Last eines solchen Amtes nicht sehr zu beunruhigen, denn so lange die Männer dieses Jahrhunderts nicht ausgestorben sind, wird man dich schwerlich in den Staatsdienst berufen.« Leider ist es mir nicht gestattet, Emils Rückkehr zu Sophie und das Ende ihrer Liebe, oder vielmehr den Anfang der ehelichen Liebe zu schildern, die sie für immer vereinigt, einer Liebe, die auf lebenslängliche Achtung, auf Tugenden, die nicht mit der Schönheit vergehen, und auf eine Übereinstimmung der Charaktere gegründet ist, welche den Umgang so freundlich gestaltet und den Zauber der ersten Vereinigung bis ins Alter hinein verlängert. Aber wenn alle diese Einzelheiten auch Gefallen erregen würden, so könnten sie doch keinen Nutzen stiften; und bisher habe ich mir nur solche Einzelheiten mitzutheilen erlaubt, die nicht allein zu interessiren vermochten, sondern deren Nutzen ich auch einzusehen glaubte. Sollte ich noch am Schlüsse meiner Aufgabe von dieser Regel abgehen? Nein, auch fühle ich nur zu wohl, daß meine Feder ermüdet ist. Zu schwach für ein so umfangreiches Werk, würde ich dasselbe gänzlich liegen lassen, wenn es nicht bereits so weit vorgeschritten wäre. Um es nicht unvollendet zu lassen, ist es Zeit, es zu beenden. Endlich sehe ich den entzückendsten Tag für Emil und den glücklichsten für mich anbrechen. Meine Mühe sehe ich gekrönt und beginne mich ihrer Frucht zu erfreuen. Das einander würdige Paar wird durch ein unauflösliches Band vereint, ihr Mund spricht und ihr Herz bestätigt die Schwüre, die ihnen stets heilig sein werden: sie sind Gatten. Bei der Rückkehr aus dem Gotteshause lassen sie sich führen; sie wissen weder wo sie sind, noch wohin sie gehen, noch was um sie her geschieht. Sie hören nicht und antworten nur verwirrte Worte, ihre vor Aufregung blitzenden Augen sehen nichts mehr. O süßer Wahn! O menschliche Schwäche! Das Gefühl des Glücks vernichtet den Menschen; er ist nicht stark genug, es zu ertragen. Nur wenig Leute verstehen am Hochzeitstage den Neuvermählten gegenüber den richtigen Ton zu treffen. Der ernste Anstand der Einen erscheint mir eben so unpassend wie das leichtsinnige Geschwätz der Andern. Wenn es nach mir ginge, ließe man diese jungen Herzen lieber Einkehr in sich selber halten und sich einer Erregung hingeben, die nicht ohne Reiz ist, anstatt sie so grausam davon abzulenken, um sie durch ein falsches Schicklichkeitsgefühl trübe zu stimmen oder durch übel gewählte Scherze in Verlegenheit zu setzen, durch Scherze, die, wenn sie auch zu jeder anderen Zeit gefallen sollten, an einem solchen Tage sicherlich nicht zu rechtfertigen sind. Es entgeht mir nicht, daß meine beiden jungen Leute in der süßen Sehnsucht, die sich ihrer bemächtigt hat, auch nicht ein Wort von dem vernehmen, was man zu ihnen spricht. Darf ich, der so lebhaft wünscht, daß man jeden Tag seines Lebens genießen soll, sie wol einen so köstlichen verlieren lassen? Nein, ich will, daß sie ihn genießen, völlig genießen und er ihnen reiche Wonnestunden bringe. Ich entführe sie der Menge, die sich schwatzend und plaudernd um sie drängt, und bringe sie, indem ich abgelegene Spaziergänge mit ihnen aufsuche und das Gespräch auf sie selbst lenke, wieder zu sich selbst zurück. Aber nicht nur zu ihren Ohren, sondern vor allen Dingen zu ihren Herzen will ich reden, und ich bin mir des einzigen Gegenstandes, der sie an diesem Tage zu beschäftigen vermag, sehr wohl bewußt. »Meine Kinder,« sage ich zu ihnen, indem ich Beider Hand ergreife, »es sind nun schon drei Jahre her, seit ich diese heftige und reine Flamme, welche euch heute glücklich gemacht hat, auflodern sah. Sie hat stets mehr um sich gegriffen. Ich lese in euren Augen, daß sie jetzt zu der höchsten Glut angefacht ist. Von nun an kann sie nur abnehmen.« – Leser, seht ihr nicht Emils leidenschaftliches Aufbrausen, sein heftiges Emporfahren, vernehmt ihr nicht seine Betheuerungen? Seht ihr nicht, mit welch verächtlicher Miene Sophie ihre Hand der meinigen entzieht? Bemerkt ihr nicht die zärtlichen Verheißungen, welche sich ihre Augen gegenseitig zublinken, einander anzubeten bis zum letzten Athemzuge? Ich lasse sie gewähren und fahre darauf fort. »Ich habe oftmals gedacht, daß man sich die Erde in ein Paradies verwandeln würde, wenn man das erste Liebesglück bis zu den letzten Tagen der Ehe verlängern könnte. Allein bis jetzt ist dieser Fall noch nicht vorgekommen. Sollte es aber nicht eine völlige Unmöglichkeit sein, so seid ihr Beide dessen im höchsten Grade würdig, ein Beispiel zu geben, zu welchem euch Niemand als Vorbild diente und welches auch nur wenige Gatten nachahmen werden. Wollt ihr, meine Kinder, daß ich euch ein Mittel angebe, welches ich dazu für geeignet und zugleich für das einzige mögliche halte?« Lächelnd blicken sie einander an und scheinen sich über meine Einfalt lustig zu machen. Emil will von meinem Mittel gar nichts wissen und meint, Sophie besitze ein noch weit besseres, was ihm für seine Person auch völlig genüge. Sophie ist derselben Ansicht und scheint eben so zuversichtlich. Trotzdem kommt es mir so vor, als ob ihre spöttische Miene auch eine gewisse Neugier wiederspiegle. Ich schaue Emil prüfend an; seine glühenden Augen verschlingen die Reize seiner Gattin. Auf sie allein ist seine Begierde gerichtet, und alle meine Worte vermögen nicht seine Aufmerksamkeit zu fesseln. Jetzt lächle ich meinerseits, indem ich zu mir selbst sage: Ich werde deine Aufmerksamkeit bald wecken. Der fast unmerkliche Unterschied dieser geheimen Bewegungen deutet eine sehr charakteristische Verschiedenheit der beiden Geschlechter an, welche den gäng und gäben Vorurtheilen völlig widerspricht. Sie zeigt sich darin, daß die Männer im Allgemeinen weniger beständig sind als die Frauen und früher als diese einer glücklichen Liebe überdrüssig werden. Die Frau ahnt schon von Weitem die Unbeständigkeit des Mannes und fühlt sich dadurch beunruhigt, In Frankreich geht die Trennung von den Frauen aus; und das ist nicht zu verwundern, da sie wenig Temperament besitzen und nur Huldigungen verlangen. Werden ihnen dieselben von dem Gatten nicht mehr zu Theil, so kümmern sie sich wenig um seine Person. In andern Ländern geht die Trennung dagegen von dem Manne aus, und auch das kann nicht auffallen, weil die Frauen zwar treu, aber auch zudringlich sind, und folglich, weil sie mit ihrem geschlechtlichen Verlangen beschwerlich fallen, schließlich ermüden und Unlust erwecken. So viele Ausnahmen diese Wahrheiten auch erleiden mögen, so glaube ich doch, daß es allgemeine Wahrheiten sind. worin auch die Ursache ihrer größeren Eifersucht liegt. Wird er lau und sieht sie sich gezwungen, um ihn nicht völlig zu verlieren, ihm alle die Aufmerksamkeiten zu erweisen, mit denen sie ihm sonst entgegenkam, um ihm zu gefallen, so weint sie und demüthigt sich nun, aber selten mit dem früheren Erfolge. Zuneigung und Aufmerksamkeiten gewinnen zwar die Herzen, erlangen sie aber nicht wieder. Ich komme auf mein erstes Mittel gegen das Erkalten der Liebe in der Ehe zurück. »Es ist einfach und leicht,« beginne ich von Neuem, »man muß, wenn man Gatte ist, nach wie vor Liebhaber bleiben.« – »Fürwahr,« sagt Emil, verstohlen lachend, »das wird uns nicht sehr sauer werden.« »Sauerer für dich, der du dies behauptest, als du vielleicht denkst. Laßt mir, wenn ich bitten darf, Zeit, mich weiter darüber auszusprechen.« »Das Band, welches man zu straff spannen will, zerreißt. So verhält es sich auch mit dem Bande der Ehe, wenn man ihm mehr Stärke verleihen will, als es besitzen darf. Die Treue, welche sie beiden Gatten auferlegt, ist das heiligste aller Rechte; allein die Gewalt, welche sie Jedem von Beiden über den Andern einräumt, ist zu groß. Zwang und Liebe können nicht neben einander bestehen, und Liebesfreude kann nicht erzwungen werden. Erröthe nicht, Sophie, und denke nicht daran die Flucht zu ergreifen. Da sei Gott vor, daß ich dein keusches Ohr beleidigen wollte! Aber es handelt sich um euer Lebensschicksal. Um eines so großen Zweckes willen verschließet euer Ohr nicht einem Gespräche, welches zwischen Eheleuten und einem Vater stattfindet und welches ihr sonst nicht leiden würdet.« »Nicht sowol aus dem Besitze als vielmehr aus dem Zwange entsteht die Übersättigung, und man bewahrt deshalb einem unterhaltenen Mädchen weit länger seine Zuneigung als seiner eigenen Frau. Wie hat man nur aus den zärtlichsten Liebkosungen eine Pflicht und aus den süßesten Bezeugungen der Liebe ein Recht machen können? Nur das gegenseitige Verlangen gibt ein Recht, die Natur kennt kein anderes. Das Gesetz vermag dieses Recht wol einzuschränken, würde ihm aber keine größere Ausdehnung geben können. Die Sinnenlust ist an sich selbst gar süß; soll sie etwa aus dem traurigen Zwange eine Stärke gewinnen, die ihr ihre eigenen Reize nicht zu gewähren vermöchten? Nein, meine Kinder, in der Ehe sind die Herzen verbunden, allein die Körper sind einander nicht unterworfen. Ihr seid euch Treue, aber keine Willfährigkeit schuldig. Ihr gehört einander an, aber Jeder nur so weit es ihm selbst beliebt.« »Ist es also wahr, lieber Emil, daß du der Liebhaber deiner Gattin bleiben willst, daß sie stets deine Geliebte und Herrin ihrer selbst sein soll, dann sei ein glücklicher, aber ehrerbietiger Liebhaber. Erhalte Alles von der Liebe, ohne irgend etwas als Pflicht zu verlangen; in der geringsten Gunstbezeugung erkenne nie ein Recht, sondern eine Gefälligkeit. Ich weiß, daß die Schamhaftigkeit klar ausgesprochene Geständnisse scheut und besiegt sein will. Kann sich aber wol der Liebende, wenn er Zartgefühl und wahre Liebe besitzt, über den geheimen Willen täuschen? Wird er sich dessen nicht klar, wenn ihm Herz und Augen zugestehen, was der Mund scheinbar versagt? Möge stets Jedes von euch Beiden Herr seiner Person und seiner Liebkosungen sein und das Recht haben, sie nur nach eigenem Willen dem Andern zu gewähren. Bleibt beständig eingedenk, daß selbst in der Ehe der Genuß nur dann ein rechtmäßiger ist, wenn beide Theile ein gleiches Verlangen danach tragen. Ihr braucht nicht zu befürchten, meine Kinder, daß dies Gesetz euch von einander fern halten werde; es wird euch im Gegentheile aufmerksamer darauf machen, daß ihr beflissen sein müßt, euch gegenseitig zu gefallen, und wird die Uebersättigung verhüten. Ausschließlich auf einander beschränkt, wird die Natur und die Liebe euch hinlänglich einander näher bringen.« Bei diesen und ähnlichen Andeutungen und Vorschlägen wird Emil unwillig und erhebt dagegen laut Widerspruch. Sophie hält sich verschämt den Fächer vor die Äugen und erwidert kein Wort. Der Unzufriedenste von Beiden ist jedoch vielleicht nicht derjenige, der sich am meisten beklagt. Ich lasse mich aber durch nichts irre machen und bleibe unerbittlich. Ich treibe Emil über seinen Mangel an Zartgefühl die Schamröthe ins Gesicht und leiste Bürgschaft dafür, daß Sophie ihrerseits den Vertrag annehmen wird. Ich fordere sie auf, sich darüber auszusprechen, und man wird sich wol denken können, daß sie mich nicht Lügen zu strafen wagt. Unruhig befragt Emil die Augen seiner jungen Gattin. Trotz ihrer Verlegenheit liest er in ihnen Sehnsucht und Verlangen, was ihn über die Gefahr, die ihm von ihrem Selbstvertrauen drohen könnte, wieder beruhigt. Er wirft sich ihr zu Füßen, küßt leidenschaftlich die Hand, welche sie ihm reicht, und schwört, daß er mit Ausnahme der ihm zugelobten Treue auf jedes andere Recht verzichtet. »Sei du, theure Gattin,« sagt er, »die Herrin meiner Freuden, wie du die Herrin meines Lebens und meines Schicksals bist. Selbst auf die Gefahr hin, daß mir deine Grausamkeit das Leben kosten könnte, gebe ich dir meine theuersten Rechte zurück. Ich will nichts deiner bloßen Willfährigkeit, sondern Alles deinem Herzen zu verdanken haben.« Guter Emil, beruhige dich. Sophie ist selbst viel zu edelmüthig, als daß sie dich als Opfer deines Edelmuths sterben lassen könnte. Als ich am Abend im Begriff stehe, von ihnen Abschied zu nehmen, sage ich im ernstesten Tone, den ich anzunehmen vermag, zu ihnen: »Erinnert euch Beide, daß ihr frei seid, und daß bei euch von ehelichen Pflichten die Rede nicht sein kann. Glaubt mir, und laßt euch nicht durch falsche Rücksichten beirren. Emil, willst du mit mir kommen? Sophie erlaubt es.« Emil hätte in seiner Wuth Lust, sich thätlich an mir zu vergreifen. »Und du, Sophie, was sagst du dazu? Soll ich ihn mitnehmen?« Die Lügnerin wird erröthend »ja« sagen. Reizende und süße Lüge, die einen höheren Werth als die Wahrheit hat! Am nächsten Tage .... Das Bild des Glücks gewährt den Menschen keine Freude mehr; unter den verderblichen Folgen des Lasters hat ihr Geschmack nicht weniger gelitten als ihr Herz. Es fehlt ihnen an Empfindung für das Rührende und an Augen für das Liebliche. Ihr, die ihr, um die höchste Seligkeit zu malen, eure Vorstellung immer nur bei glücklichen Liebenden weilen laßt, die in den größten Sinnengenüssen schwelgen, wie unvollkommen ist doch euer Gemälde! Es zeigt nur, was die Sinne zu berauschen vermag, aber die süßesten Reize der Freude sind auf demselben nicht zu finden. O, wer von euch hätte noch nie zwei Neuvermählte, die sich unter den glücklichsten Verhältnissen die Hand zum Bunde reichten, aus der Brautkammer hervortreten sehen, hätte noch nie gesehen, wie aus ihren schmachtenden und keuschen Blicken der Rausch der eben genossenen Freuden und zugleich die liebliche Sicherheit der Unschuld so wie die so entzückende Gewißheit hervorleuchteten, nun ihre übrigen Lebenstage mit einander verleben zu können! Es ist der bezauberndste Anblick, der dem Menschen dargeboten werden kann; es ist das wahre Gemälde der Freude. Ihr habt es hundertmal gesehen, ohne es zu erkennen; euere verhärteten Herzen sind nicht mehr fähig, es zu lieben. Glücklich und ruhig bringt Sophie den Tag in den Armen ihrer zärtlichen Mutter zu; in ihnen läßt sich süß ruhen, wenn man die Nacht in den Armen eines Gatten geruht hat. An dem darauf folgenden Tage nehme ich bereits einen Wechsel der Scene wahr. Es macht den Eindruck, als ob Emil ein wenig mißvergnügt ausschaue. Aber durch dieses angenommene Wesen hindurch bemerke ich eine so zärtliche Dienstfertigkeit und sogar einen so hohen Grad von Unterwürfigkeit, daß ich nicht annehmen kann, es sei etwas sehr Verdrießliches vorgefallen. Was Sophie anlangt, so ist sie heiterer als am vorhergehenden Abend, und ich sehe aus ihren Augen einen Blick der Befriedigung leuchten. Gegen Emil ist sie bezaubernd. Sie scheint ihn fast anlocken zu wollen, was seinen Verdruß offenbar nur steigert. So wenig sich dieser Wechsel auch bemerkbar macht, so ist er meiner Aufmerksamkeit doch nicht entgangen. Ich werde einigermaßen besorgt und frage Emil im Geheimen nach der Ursache. Da erfahre ich denn, daß er in der vergangenen Nacht zu seinem großen Leidwesen und aller seiner stehenden Bitten ungeachtet habe allein schlafen müssen. Die junge Gebieterin hat Eile gehabt, von ihrem Rechte Gebrauch zu machen. Eine Erklärung findet unter ihnen statt. Emil beklagt sich bitterlich, während Sophie in der besten Laune ist. Als sie sich aber endlich überzeugt, daß er ernstlich böse werden will, wirft sie ihm einen Blick voller Liebe und Freundlichkeit zu und sagt, während sie mir die Hand drückt, nur das einzige Wort »der Undankbare«, aber mit einem Tone, der zu Herzen dringen muß. Emil ist so thöricht, daß er den Sinn dieses Wortes nicht zu fassen vermag. Ich aber verstehe ihn, lasse Emil zurücktreten und rede nun mit Sophie unter vier Augen. »Ich durchschaue,« sage ich zu ihr, »die Ursache dieses Einfalls. Man könnte nicht mehr Zartgefühl besitzen, vermöchte es aber auch nicht in ungeeigneterer Weise zum Ausdruck zu bringen. Beruhige dich, liebe Sophie. Ich habe dir einen Mann gegeben, scheue dich also auch nicht, ihn als einen solchen zu behandeln. Er hat dir eine unentweihte Jugend gebracht, hat sie an Niemanden vergeudet und wird sie dir lange bewahren.« »Ich muß dir, liebes Kind, die Ansichten, welche ich in unserem vorgestrigen Gespräche entwickelte, weitläufiger auseinandersetzen. Vielleicht hast du in ihnen nur den Rath erblickt, in eueren Genüssen um deswillen Maß zu halten, um sie dauernder zu machen. Nein, Sophie, ich verfolgte dabei einen andern Zweck, der meiner Sorgfalt würdiger ist. Emil ist nicht nur dein Gatte, sondern dadurch zugleich dein Herr geworden. Dir kommt das Gehorchen zu, denn so hat es die Natur gewollt. Gleicht aber ein Weib Sophie, so ist es trotzdem gut, daß der Mann von ihr geleitet wird. Auch dies ist ein Gesetz der Natur. Um dir so viel Macht über sein Herz zu gewähren, wie ihm sein Geschlecht über deine Person einräumt, habe ich dich zur Herrin seiner Genüsse gemacht. Es wird dir schmerzliche Entbehrungen kosten; aber du wirst ihn beherrschen, falls du dich selber zu beherrschen verstehst. Was bereits vorgefallen ist, liefert mir den Beweis, daß diese schwierige Kunst deinen Muth nicht übersteigt. Deine auf Liebe gegründete Herrschaft wird lange dauern, wenn du deine Liebesbezeugungen selten und kostbar machst und ihn lehrst, ihren Werth zu würdigen. Willst du deinen Mann fortwährend zu deinen Füßen sehen, so halte ihn immer in einiger Entfernung von deiner Person. Paare aber deine Strenge mit Bescheidenheit und laß sie nicht etwa launisch erscheinen. Zeige dich ihm zurückhaltend, aber nicht eigensinnig. Hüte dich, daß in ihm Zweifel an deiner Liebe aufsteigen, weil du dich seiner Liebe zu selten hingibst. Flöße ihm durch deine Liebesbezeigungen Liebe zu dir ein und Achtung durch deine Weigerungen. Bringe es dahin, daß er die Keuschheit seiner Frau ehren muß, ohne Ursache zu haben, sich über ihre Kälte zu beklagen.« »Auf diese Weise, mein Kind, wird er dir sein volles Vertrauen schenken, deinen Rath beachten, dich bei seinen Angelegenheiten zu Rathe ziehen und nichts beschließen, ohne es vorher mit dir überlegt zu haben. Auf diese Weise kannst du ihn wieder zur Vernunft zurückrufen, wenn er auf Abwege geräth, kannst du ihn durch sanfte Ueberredung auf den rechten Weg zurückleiten, kannst du dich liebenswürdig zeigen, um ihm nützlich zu werden, kannst du die Coquetterie zum Besten der Tugend und die Liebe zum Vortheil der Vernunft anwenden.« »Gib dich aber trotz alledem nicht dem Wahne hin, als ob du dich auf diese Kunst stets verlassen könntest. Wie vorsichtig man auch immer sein möge, der Genuß stumpft das Vergnügen ab, und vor Allem die Liebesfreude. Allein wenn die Liebe lange gewährt hat, so füllt eine süße Gewohnheit die Leere wieder aus, und der Reiz der Vertraulichkeit folgt auf den Wonnerausch der Leidenschaft. Die Kinder bilden zwischen denen, welchen sie das Dasein verdanken, ein nicht weniger süßes und oft noch stärkeres Band als die Liebe selbst. Sobald du aufhören wirst, Emils Geliebte zu sein, wirst du statt dessen seine Frau und seine Freundin, wirst du die Mutter seiner Kinder sein. Dann laß deine Zurückhaltung schwinden und die höchste Vertraulichkeit zwischen euch herrschen; dann fort mit dem besonderen Bette, fort mit den Weigerungen und Launen. Werde so vollkommen seine Hälfte, daß er deiner nicht mehr entbehren kann, und daß er, sobald er dich verläßt, sich fern von sich selbst fühlt. Nachdem du den Reizen des häuslichen Lebens die Herrschaft im väterlichen Hause gesichert hast, laß sie jetzt auch in deinem eigenen Hause herrschen. Jeder Mann, welcher sich in seinem Hause gefällt, liebt seine Frau. Sei eingedenk, daß du nur dann eine glückliche Frau sein wirst, wenn dein Gatte in seiner Häuslichkeit sich glücklich fühlt.« »Was nun die Gegenwart anlangt, so sei gegen deinen Geliebten auch nicht zu streng; er hat mehr Hingebung verdient und würde deine Besorgniß übel nehmen. Schone seine Gesundheit nicht so sehr auf Kosten seines Glückes, und genieße dein eigenes. Man darf weder Uebersättigung eintreten lassen noch das Verlangen zurückweisen, nicht versagen, nur um zu versagen, sondern um dem, was man gewährt, einen höheren Reiz zu verleihen.« Nachdem ich die Einigkeit unter ihnen wieder hergestellt habe, sage ich in Sophiens Gegenwart zu ihrem jungen Gemahle: »Das Joch, das man sich einmal aufgelegt hat, muß man ertragen. Verdiene, daß es dir leicht gemacht werde. Opfere vor Allem den Grazien und wähne nicht, dich durch Schmollen liebenswürdiger zu machen. Der Friede ist nicht schwer zu stiften, und Jedes wird sich leicht selbst sagen können, auf welche Bedingungen hin er geschlossen werden kann.« Nachdem der Vertrag durch einen Kuß besiegelt ist, wende ich mich an meinen Zögling und sage: »Lieber Emil, der Mensch bedarf sein ganzes Leben hindurch des Rathes und der Leitung. Ich habe diese Pflicht gegen dich bis zu diesem Augenblicke, so gut ich vermochte, erfüllt. Hier endet meine langwierige Aufgabe, und die eines Andern beginnt. Indem ich heute meine Autorität feierlich niederlege; vertraue ich sie für die Zukunft deinem neuen Führer an.« Allmählich läßt der erste Wonnerausch nach, so daß sie die Reize ihres neuen Standes in Frieden genießen können. Glückliche Liebende, würdige Gatten! Um ihren Tugenden die ihnen gebührende Ehre zu erweisen, um ihr Glück zu schildern, müßte man ihre ganze Lebensgeschichte erzählen. Wie oft fühle ich mich, wenn ich das Werk betrachte, das ich an ihnen verrichtet habe, von einem Entzücken ergriffen, welches mein Herz höher schlagen läßt. Wie oft ergreife ich ihre verschlungenen Hände und segne die Vorsehung unter freudigen Seufzern; wie oft bedecke ich diese Hände, die so treu einander drücken, mit meinen Küssen; wie oft müssen sie fühlen, daß meine Freudenthränen dieselben benetzen! Auch sie ergreift dann innige Rührung, indem sie meine Freude theilen. Ihre ehrwürdigen Eltern durchleben ihre Jugend noch einmal in der ihrer Kinder, sie fangen gleichsam aufs Neue zu leben an oder sie erkennen vielmehr zum ersten Male den Werth des Lebens. Sie verwünschen ihren früheren Reichthum, der ihnen in dem nämlichen Alter zum Hinderniß gedient hat, ein so entzückendes Loos zu genießen. Wenn überhaupt das Glück auf Erden zu finden ist, dann weilt es in der Heimstätte, die wir bewohnen. Nach Verlauf einiger Monate tritt Emil eines Morgens in mein Zimmer und sagt, mich herzlich umarmend: »Mein Lehrer, wünschen Sie Ihrem Kinde Glück; ich hoffe bald Vaterfreuden zu erleben. O welche Sorgen werden dadurch unserm Eifer auferlegt werden, und in wie hohem Grade werden wir Ihrer bedürfen! Da sei Gott vor, daß ich Sie noch den Sohn erziehen lasse, nachdem Sie den Vater erzogen haben! Da sei Gott vor, daß eine so heilige und süße Pflicht je von einem Andern als von mir erfüllt werde, sollte meine Wahl auch eben so vortrefflich ausfallen, als sie für mich ausgefallen ist! Bleiben Sie aber nach wie vor der Führer der jungen Führer. Stehen Sie uns mit Rath und Anleitung helfend zur Seite; Sie werden uns folgsam finden. So lange ich lebe, werde ich Ihrer bedürfen. Gerade jetzt, wo meine Pflichten als Hausvater erst beginnen, bedarf ich Ihrer mehr als je. Sie haben die Ihrigen erfüllt. Leiten Sie mich, damit es mir gelingt, Ihrem Beispiele zu folgen! Ruhen Sie sich aber aus, es ist Zeit!« Ende.