Willibald Alexis Geschichten aus dem Neuen Pitaval Interessante Kriminalfälle aller Länder aus älterer und neuerer Zeit Ausgewählt und überarbeitet von Karl Martin Schiller Inhalt Der Bayrische Hiesel Die Nonne von Monza Geständnis des Räubers Karl Friedrich Masch Rosenfeld   Der neue Messias in Berlin Eisenbahn- und Posträuber in Nordamerika Die Rede des Mörders Eusebius Pieydagnelle vor dem Schwurgericht Der Wunderdoktor Frosch Das Geständnis des schlesischen Frauenmörders Johann Nepomuk Wünscher Drei Weiber als Mörderinnen Die weiße Katze und das weiße Mädchen Der Bayrische Hiesel Selten hat es einen Verbrecher gegeben, dessen Taten zu ihrer Zeit so großes Aufsehen erregten wie die des Bayrischen Hiesel. Sein Ruf war aber nicht nur während seines Lebens durch ganz Deutschland verbreitet, sondern lebte noch lange nach seinem Tode im Volke fort und wurde durch eine ganze Reihe von Lebensgeschichten, Gedichten und Novellen lebendig erhalten. Aber nicht nur die Berühmtheit des Verbrechers macht ihn interessant, sondern er unterscheidet sich in der Tat in bemerkenswerter Weise von fast allen uns bekannten Missetätern durch sein langjähriges Festhalten an dem Wahne, daß sein gesetzwidriges Tun lobenswürdig sei. Dazu kommt, daß das Hauptmotiv, das ihn zu seinem unheilvollen Treiben veranlaßte, die Eitelkeit nämlich, bei anderen meist erst in zweiter Linie mitwirkte. Endlich kann man bei ihm ein so stetiges Fortschreiten auf der Bahn des Verbrechens beobachten wie nicht leicht bei jemand anders. Wer diese Punkte im Auge behält, wird die folgende Biographie nicht ohne Anteilnahme lesen. Matthias Klostermaier, nachmals der Bayrische Hiesel, auch der Brentanhiesel und von seinen Feinden der Waldteufel genannt, wurde am 3. September 1736 zu Kissing, einem Dorfe im bayrischen Landgerichtsbezirke Friedberg, nicht weit von Augsburg, geboren. Sein Vater, Michael Klostermaier, wohnte dort im Häuschen zum Brentan, das nach einem früheren Besitzer so genannt war, als Hirt und Tagelöhner; zugleich wurde er, da er ein guter Schütze war, oft von seinem Freunde, dem Jäger Wörsching zu Kissing, mit auf die Jagd genommen, die er aber nie in unerlaubter Weise ausübte. Von ihm erbte der älteste Sohn Matthias – außer ihm waren noch ein Sohn und drei Töchter im Hause – sowohl das Talent zum Schießen als auch die Liebe zur Jagd. Eifrig horchte der Knabe auf die Erzählungen von Jagdabenteuern, mit denen der Vater nicht selten abends die Familie unterhielt, und mit großem Fleiß übte er sich schon früh im Schießen, besonders unter Anleitung jenes Jägers Wörsching, dem das anstellige Wesen des kleinen Matthias gefiel. Auch in der Schule machte er gute Fortschritte, und zu Hause wurde er streng zum Spinnen und anderen Arbeiten angehalten. Schon im zwölften Lebensjahre verdingte er sich als Schweinehirt in dem eine halbe Stunde von seinem Heimatsorte entfernt liegenden Mergenthau, einem Landgute der Jesuiten, später half er einige Jahre hindurch seinem Vater bei dessen Arbeiten, während ihn daneben sein Freund Wörsching bei der Jagd beschäftigte, namentlich bei dem zu jener Zeit sehr einträglichen Fang von Krammetsvögeln und Leichen auf dem Lechfelde. Hierdurch und bei Scheibenschießen verdiente er sich für sein Alter ziemlich viel Geld, das er zum größten Teil auf seine Kleidung verwendete, die der eines Weidmanns möglichst ähnlich sein sollte. Auch kaufte er sich den schon in der Gegend berühmten Stutzen eines alten verstorbenen Schützen, den er bis an sein Ende fühlte. Aus dieser Periode von Hiesels Leben ist nur ein Fall von Wilddiebstahl bekannt. Als er eines Morgens auf dem Lechfelde mit Vogelfang beschäftigt war, erblickte er einen herrlichen Hirsch. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen und schoß ihn nieder. Aber nun wußte er nicht, was er mit ihm anfangen sollte, denn für den fünfzehnjährigen Knaben war das Tier zu schwer. Nachdem er ihn abgehäutet hatte, verkaufte er Haut und Geweih und bedeckte das Fleisch mit Reisig. Aber als er nach Hause zurückkehrte, bemerkte seine Mutter bald an seinem Benehmen, daß er etwas Unerlaubtes verübt hatte, brachte ihn zum Geständnis und machte dem Vater Mitteilung von der Sache. Dieser züchtigte seinen Sohn gehörig, ließ ihn Besserung geloben, zerhieb den Hirsch in kleine Stücke und warf sie in den Lech. Bald darauf wurde ihm Gelegenheit geboten, seine Jagdlust in gesetzlicher Weise vollständig zu befriedigen. Da nämlich der alte Jäger Wörsching unfähig wurde, sein Amt gehörig zu verwalten, ordnete ihm das Patrimonialgericht der Jesuiten zu Kissing unseren Hiesel bei. Im August 1753 ward er zu Mergenthau stationiert. Bald erwarb er sich das Wohlwollen der Patres, die in der Ferienzeit auf ihr Landgut kamen und dort eifrig der Jagd oblagen. Man verdoppelte seinen Gehalt und gab dem munteren, anstelligen Burschen reiche Trinkgelder. Aber sein eigener Leichtsinn brachte ihn nach zweieinhalb Jahren um die Stelle. Es war unter seinen Gönnern ein alter Pater, der die Jagd sehr liebte, obwohl er ein schlechter Schütze war. Einst hatten sich bei einer Treibjagd die Jäger zum gemeinschaftlichen Mahle gelagert, als plötzlich der ehrwürdige Herr sich von der Gesellschaft trennte und langsam und gebückt einem nahen Acker zuschlich. Endlich erhob er sich, schoß und rief jubelnd: »Ein Hase, ein Hase!« Hiesel eilte hin, um die Beute zu holen, aber wie groß war das Gelächter der Jäger und die Beschämung des glücklichen Schützen, als Hiesel statt des vermeintlichen Hasen eine graue Katze brachte. Nun war es damals Sitte in Kissing, zur Fastnachtszeit einen dreitägigen Maskenaufzug zu halten. Bei diesem Umzug erschien Hiesel, in Kleidung und Gebärden ein treues Abbild jenes alten Jesuiten, mit der Katze, die er ausgestopft hatte, und stellte die ganze Begebenheit höchst komisch dar. Die Folge war, daß er sofort seines Dienstes enthoben wurde. Traurig kehrte er von Mergenthau nach Kissing zurück und vermietete sich als Knecht bei dem Bauer Joseph Baumüller, dem er bis zum 24. April 1761 arbeitsam und treu diente. Dabei ging er jedoch nun auf eigene Hand der Jagd nach, jedoch so heimlich wie möglich, weil er hoffte, der Zorn der Jesuiten würde sich mit der Zeit legen und er könne dann seinen früheren Dienst wiedererhalten. Den Ermahnungen seines alten Vaters, den Wilddiebstahl gänzlich zu unterlassen, setzte er entgegen, er habe von den Jesuiten selbst öfters gehört, daß es vor den Augen Gottes kein Verbrechen sei. Übrigens kleidete sich Klostermaier nach wie vor so gut, wie es nur seine Verhältnisse gestatteten, und besuchte an den Feiertagen die Wirtshäuser, wo er Proben seiner Geschicklichkeit im Schießen ablegte, Karten spielte und leidenschaftlich tanzte. Erst im Jahre 1858 starb in Mehring eine Frau im Alter von einhundertundvier Jahren, die einst mit ihm getanzt hatte. Er war dabei durchaus nicht ausschweifend, sondern zeigte sich als guter Sohn und fleißiger Arbeiter und gewann die Liebe der Tochter seines Dienstherrn, der Monika Baumüller, die ihm trotz mancher vorteilhaften Heiratsanträge stets treu blieb, während von ihm nicht dasselbe gesagt werden kann. Da es natürlich trotz aller Vorsicht Hiesels bekannt wurde, daß er dem Wilddiebstahl oblag, wenn man ihn auch nicht überführen konnte, so suchte ihn der kurfürstlich bayrische Pfleger zu Friedberg, ein großer Jagdfreund, auf andere Weise unschädlich zu machen. Er bewirkte, daß Klostermaier am 24. April 1761 im Wirtshause zu Kissing von Werbern aufgehoben und nach Friedberg geführt wurde. Hiesel stellte sich, als ob ihm die Sache ganz erwünscht komme, erzählte unterwegs, daß er sich zu seinem Ärger schon mehrmals freigelost und oft darüber nachgedacht hätte, ob er sich nicht freiwillig dem Soldatenstande widmen solle. Am Bestimmungsorte angelangt, zeigte er große Heiterkeit und verwandte fast alles Geld, das er bei sich trug, zur Bewirtung der Soldaten. Diese wurden vollständig getäuscht, zechten munter drauf los und ließen in ihrer Wachsamkeit nach. Plötzlich bemerkte man, daß Hiesel fehlte; am Tore erfuhren die Nachsetzenden, daß er dem Lech zugeeilt sei. In der Tat hatte er sich am Ufer dieses Stromes niedergestreckt, um neue Kräfte zu sammeln, da er sich nach Eintritt der Dunkelheit für vollkommen sicher hielt. Als er plötzlich die verfolgenden Husaren bemerkte, stürzte er sich ohne Bedenken in den kalten, von Schneewasser angeschwollenen Fluß und erreichte glücklich das jenseitige Ufer und nach gewaltiger Anstrengung das schwäbische Dorf Ottmarshausen, während die Verfolger glaubten, daß er sein Grab in den Wellen gefunden habe. Ein mitleidiger Bauer nahm den von Fieberfrost Zitternden auf und pflegte ihn drei Wochen lang bis zu seiner Genesung. Aber derselbe Bauer wurde auch unmittelbar die Ursache, daß Hiesel nun offen die Laufbahn eines Verbrechers betrat. Als der Bauer nämlich eines Tages im Wirtshause einen berüchtigten Wilddieb namens Xaver Bobinger mit seinen Gesellen traf, erzählte er ihnen Klostermaiers Mißgeschick und seinen Aufenthaltsort. Freudig vernahm Bobinger, der von Hiesels Geschicklichkeit im Schießen schon viel gehört hatte, die Kunde, ließ sich zu ihm führen, stellte ihm vor, wie ihn auf der einen Seite ein freies sorgenloses Leben in den Wäldern, auf der anderen die Verfolgung und die Rache der Werber erwarte, und beredete ihn, sich seiner Bande anzuschließen. Hiesel schlich sich nach Kissing, wo man den Totgeglaubten freudig empfing, holte seinen Stutzen und jagte mit Bobinger gemeinschaftlich. Aber diese Vereinigung dauerte nicht lange, da Hiesel es weder ehrenvoll noch einträglich fand, daß er als Neueingetretener den übrigen Mitgliedern der Bande nachstehen mußte, obwohl er der beste Schütze war. Daher trennte er sich von den bisherigen Genossen und sammelte selbst Wildschützen um sich. Vobinger wurde nicht lange darauf auch von seinen übrigen Anhängern verlassen, beging Diebstähle und Räubereien und fand am 14. September 1770 zu Günzburg seinen Tod auf dem Schafott. Mit seinem Eintritt in die Bande der Wilderer war Klostermaier aus der geordneten menschlichen Gesellschaft ausgetreten, aber er wollte deshalb nicht als ein Verbrecher angesehen werden. Die Gegenden, in denen er in den nächsten zehn Jahren umherzog, nämlich der östliche Teil des schwäbischen und der westliche Teil des bayrischen Kreises an den Flüssen Iller und Lech, waren damals äußerst reich an Wild, das den Saaten der Landleute unermeßlichen Schaden zufügte, und deshalb wurde jeder, der dazu beitrug, den Wildbestand zu vermindern, als Freund des Volkes angesehen. Dazu lebte im Volke die Überzeugung, daß es nach natürlichem Rechte jedem freistehen müsse, wilde Tiere zu erlegen. Diese Meinung benutzte Hiesel dazu, sich den Schein zu geben, als ob er nur aus Liebe zu den geplagten Bauern die mühevolle Arbeit übernommen habe, die übergroße Zahl des Wildes zu verringern. Natürlich fand er Freunde im Landvolke, und jeder beeiferte sich, ihm bei Verfolgungen mit Rat und Tat beizustehen. Sehr bezeichnend ist, daß einst zwei Bauern als Abgesandte bei ihm erschienen, ihm fünfzehn in ihrem Dorfe gesammelte Taler überreichten und ihn baten, dafür in ihrer Feldmark das Wild wegzuschießen. Dazu verschmähte er es auch nicht, sich mit dem Nimbus des Wunderbaren zu umkleiden, indem er behauptete, daß ihn ein Schutzgeist, der in seinem Hute wohne, stets rechtzeitig vor Gefahren warne. Ebenso versicherte er, kugelfest zu sein, und er zeigte auch öfters Kugeln vor, die er mit der Hand aufgefangen haben wollte. Dem abergläubischen Landvolke diesen Glauben beizubringen, war nicht schwer, und noch bis auf den heutigen Tag glauben in Hiesels Heimat alte Leute an solche Dinge. Seinen Gesellen verbot er jeden Diebstahl und jede Räuberei auf das strengste und enthielt sich zunächst im ganzen aller Gewalttätigkeit gegen Forstbeamte, deren Bemühungen, ihn zu fangen, er nur List entgegensetzte. Durch seine Schlauheit und durch den Beistand der Landleute entging er mehrere Jahre lang den häufigen Streifen, obwohl er sich in der Hauptsache nur auf einem verhältnismäßig kleinen Gebiet in der Nähe seiner Heimat umhertrieb und sich nicht selten offen in den Dörfern zeigte. Freilich gehörte das Land verschiedenen Herren, deren Behörden sich bei Verfolgungen keineswegs in die Hände arbeiteten. Wenn er dazu Gelegenheit fand, so spielte Hiesel gern seinen Verfolgern einen Possen. Eines Morgens lagerte er mit vier anderen Schützen in einem kleinen Gebüsch auf freiem Felde, als eine große Zahl Jäger und Gerichtsdiener dem Walde zueilten, den die Wilderer vor kurzem verlassen hatten. Da fiel es Hiesel ein, dem Hause eines nahe wohnenden Försters während dessen Abwesenheit einen Besuch abzustatten. Die Försterin hatte eben Kuchen gebacken, mit dem sie die Jäger, wenn sie von ihrer Streife heimkehrten, zu bewirten gedachte. Sie hielt die eintretenden Wilddiebe für Forstbeamte, die sich dem Zuge anschließen wollten, und ermahnte sie, sich zu sputen; aber auf ihre Bitte setzte sie ihnen doch noch ein Frühstück von Kuchen und Kirschwasser vor. Erst beim Abschiede gab sich Hiesel zu erkennen, nachdem er der freundlichen Frau einen Kuß gegeben und für die Bewirtung gedankt hatte. Ein andermal fiel ein Jäger in seine Hände, der sich, obwohl er ein lang aufgeschossener, schmächtiger und schwächlicher Jüngling war, sehr viel auf seine Körperstärke einbildete und gedroht hatte, den Bayrischen Hiesel bei den Füßen aufzuhängen. Als ihn nun Klostermaier in seine Gewalt bekam, ließ er ihn eine kurze Weile am Zopfe an einer Birke hängen und dann laufen. Vier Jahre lang entging Hiesel glücklich allen Verfolgern, bis er endlich im Mai 1765 im oberen Lechfeld durch den Verrat eines früheren Genossen, den er aus der Bande ausgestoßen hatte, gefangengenommen wurde. Da er seinen Stutzen nicht bei sich trug und nur von einem Kameraden begleitet war, so ergab er sich ohne Gegenwehr. Er wurde nach Landsberg geführt und nach kurzem Prozesse zu einem Dreivierteljahr Zuchthaus verurteilt, die er in München absaß. Das geringe Maß der Strafe erklärt sich daraus, daß er sich bis dahin fast jedes offenen Widerstandes gegen die Beamten enthalten hatte. Als er im Frühling des Jahres 1766 aus dem Zuchthaus entlassen wurde, suchten ihn sowohl sein Vater wie auch der Pfarrvikar seines Heimatortes durch dringende Vorstellungen zu einem besseren Lebenswandel zu bewegen. Dazu kam, daß er während des Aufenthaltes im Zuchthause durch seine Geliebte Monika Vater eines Sohnes geworden war und so darauf hingewiesen wurde, sich als ruhiger Bürger eine Nahrungsquelle zu suchen. Endlich schämte er sich, wohl weniger über die erlittene Bestrafung als darüber, daß er sich hatte überlisten und gefangennehmen lassen, so daß er sich mehrere Wochen lang nicht öffentlich sehen ließ. Aber seine früheren Genossen hatten schon mit Ungeduld auf seine Rückkehr gewartet und baten ihn dringend, sie wieder anzuführen, und auch die Landleute stellten ihm vor, wie unrecht er handeln würde, wenn er aufhörte, sie vor den Verheerungen des Wildes zu schützen. Als ihm eines Tages sein Freund Peter eine für ihn gesammelte Summe Geldes und seinen Stutzen überbrachte, widerstand er der Versuchung nicht länger. Drei Tage darauf erschienen fünfundzwanzig Wildschützen in Kissing und führten ihn mit großem Jubel als ihren Hauptmann zum Orte hinaus. Bald darauf schlossen sich an die stets wachsende Bande der sogenannte Sattler, ein verworfener, grausamer Mensch, und der Bube an, der eigentlich Andreas Maier hieß und, obgleich er erst fünfzehn Jahre alt war, doch schon wegen häufiger Jagdfrevel hatte ins Gefängnis gesteckt werden sollen, ehe er zu Hiesel kam. Seine Fertigkeit im Schießen, seine Entschlossenheit und seine Tapferkeit, aber auch seine Bosheit und Grausamkeit gingen weit über seine Jahre hinaus. Er zeigte große Anhänglichkeit an seinen Hauptmann, die von diesem erwidert wurde. 1767 wurde er gefangen und mit neun Monaten Zuchthaus bestraft, kam aber dann wieder zu der Bande. Um diese Zeit holte sich Hiesel auch seinen berühmten Hund Tiras, der ihn von da an stets begleitete. Diesen großen bräunlichen Fanghund hatte der Besitzer der zwei Stunden von Kissing entfernt gelegenen Putzmühle aufgezogen, konnte aber das gewaltige Tier kaum selbst noch bändigen. Er war sehr stolz auf den Hund und äußerte öfters in der Trunkenheit, das Tier solle den Hiesel, auf dessen Ergreifung verschiedene hohe Preise ausgesetzt waren, fangen und ihn so zum reichen Manne machen. Als der Wildschütz von den verwegenen Reden des Müllers hörte, nahm er sich vor, ihn dafür zu bestrafen. Außerdem war er neugierig, den Hund zu sehen, zumal da er schon als ganz junger Mensch oft Vergnügen daran gefunden hatte, sowohl mit jungen Stieren als auch mit großen Hunden zu kämpfen und sie durch seine Kraft und Gewandtheit zu besiegen. Er umstellte also die Mühle mit seinen Wildschützen und trat allein zu dem sorglos in der Stube sitzenden Müller. »Ich bin der Bayrische Hiesel,« sprach er, »den du fangen willst, und bin zu dir gekommen, um dir die Sache leichter zu machen.« Der erschrockene Mann wollte sich entschuldigen, aber jener befahl ihm, seinen Hund herbeizuführen. Der Müller verstand sich nur ungern dazu, da er bei der Wildheit des Tieres nicht für die Folgen einstehen könne; erst als der Wildschütz mit Erschießen drohte, führte er seinen Hieselfänger her und ließ ihn los. Als nun das wilde Tier auf den Wilddieb losstürzte, entfloh der zitternde Besitzer, Klostermaier aber bändigte den Hund nach langem Kampfe, legte ihm einen Maulkorb an und führte ihn fort. Dem bisherigen Herrn gab er später auf seine Bitte hin als Ersatz eine Hirschdecke. Beim Abschied sagte er: »So, Müller, jetzt hast du den Bayrischen Hiesel das erstemal, deinen Hund aber wahrscheinlich das letztemal gesehen«, und die Wildschützen riefen: »Müller, erzähle nur in Merching und Mering, daß nicht dein Tiras den Bayrischen Hiesel, sondern daß der Bayrische Hiesel deinen Tiras gefangen hat.« Der Hund war ungewöhnlich stark, außerordentlich wachsam und so anhänglich an seinen Herrn, daß er dessen Feinde zu kennen schien und manche Leute ernstlich glaubten, er sei vom Teufel besessen. Hiesel bediente sich seiner besonders zu den Gewalttätigkeiten gegen die Jäger, die er in dieser Zeit begann. Der erste in dieser Hinsicht bekannte Frevel wurde an dem Sohne des Jägers Bauer zu Tuffenhausen verübt. Der Hund riß den Fliehenden zu Boden und hielt ihn fest, bis die Wilddiebe herankamen. Sie mißhandelten ihn fast eine Stunde lang, beraubten ihn seines Gewehrs und bedrohten ihn mit dem Tode, falls er sich noch einmal an einer Streife gegen sie beteiligte. Natürlich gaben sich die Jäger nun um so größere Mühe, Hiesel zu fangen. Im März 1767 überraschten sie ihn mit fünf Gefährten im Waldberger Gehölz, bekamen aber nur einen Wilddieb, den sogenannten Lissabonerbäck, in ihre Gewalt. Da Klostermaier glaubte, daß ihn bei dieser Gelegenheit der Mesner Laid von Steinenkirch seinen Feinden verraten habe, so zog er schon am anderen Tage vor dessen Behausung. Glücklicherweise war der Mesner nicht anwesend, und so ließ denn der Wildschütz seine Wut an den Kindern und an der Frau aus, der er das freilich ungeladene Gewehr auf die Brust setzte. Doch muß man zu seiner Ehre sagen, daß er sich später dieser Tat, obwohl er die Frau und die Kinder nur ängstigte und nicht verletzte, immer geschämt hat. Zu dieser Zeit, um Ostern 1767, wurde der letzte Versuch gemacht, Klostermaier auf gütlichem Wege von seiner verbrecherischen Laufbahn abzubringen. Er hatte in München einen Vetter, dessen Vater in Kissing Bader gewesen war, namens Dominicus Geyer. Dieser Vetter war zu der angesehenen Stellung eines kurfürstlichen Medizinalrats und Leibarztes emporgestiegen und wünschte die zweifelhafte Berühmtheit seines Vetters Hiesel von seiner Familie abzuwenden, indem er ihm eine passende Stellung verschaffte. Wie zwei Briefe, der eine an den Pfarrvikar Wolf, der andere an Geyers Schwager, den Bader Maier zu Kissing, gerichtet, zeigen, hatte er beim Kurfürsten für Klostermaier Gnade und Anstellung im Forstfach unter der Bedingung erwirkt, daß der Verbrecher nach München komme und sich seinem Landesherrn zu Füßen werfe. Hiesel hielt den Vorschlag anfänglich für eine Falle, schien jedoch endlich nach langem Zureden geneigt, auf ihn einzugehen, als sein Mißtrauen durch eine gerade zu dieser Zeit stattfindende Streife gegen ihn wieder so sehr bestärkt wurde, daß er die Sache von der Hand wies. Indessen ließen der Pfarrer und Hiesels Vater und Schwestern nicht ab, in ihn zu dringen, und erreichten endlich im Juni 1767 so viel, daß er versprach, freilich nicht nach München zu gehen, wo ihn nach seiner Meinung unfehlbar das Zuchthaus erwartete, aber doch sein Gewerbe, obwohl er von dessen Sträflichkeit nicht zu überzeugen war, aufzugeben und nach der Schweiz auszuwandern. Das sagte er fest zu, wollte jedoch vorher noch von seinen Kameraden Abschied nehmen. Den über seinen Entschluß weinenden Buben tröstete er mit der Versicherung, daß er ihn mitnehmen würde. Fast unbegreiflich erscheint der Umstand, daß ihn nun auch der von den Jesuiten angestellte Patrimonialrichter von Kissing zu sich entbot und in seinem Entschlüsse zu bestärken suchte, wie denn überhaupt dieser Beamte, und zwar, wie es scheint, auf Befehl seiner Obern, nie einen Versuch machte, Hiesei zu fangen, so daß er trotz seiner fortwährenden Besuche in seinem Heimatorte im Laufe von zehn Jahren dort nur dreimal von anderen Ämtern aus gesucht wurde. Wie es scheint, glaubten die Behörden in der Nähe, daß bei der Untätigkeit des Kissinger Beamten und der Freundschaft des ganzen Ortes für Hiesel ein Versuch, ihn zu ergreifen, hier am ehesten fehlschlagen müsse. Hiesel ließ nun am 4. Juli 1767 seine bisherigen Genossen in einem Wald bei Augsburg zusammenrufen. Er hatte diesen Tag gewählt, weil es der Tag des heiligen Ulrich war, an dem alljährlich viele Tausende der alten Reichsstadt zuströmen. Es erschienen über vierzig Wildschützen, denen ihr Hauptmann in längerer Rede entwickelte, wie er bei den verschiedentlich auf sein Haupt gesetzten großen Preisen und bei den fortwährend sich mehrenden Streifen auf einige Jahre wenigstens die Heimat verlassen müsse. Er bat die Anwesenden, ihr Gewerbe aufzugeben, und bemerkte, daß er sie nur habe zusammenkommen lassen, um von ihnen Abschied zu nehmen. Seine Rede fand durchaus keinen Beifall. Der Sattler, eines der wildesten Mitglieder der Bande, rief aus: »Kameraden, nicht unser Hauptmann, sondern ein altes Weib steht heute unter uns! Dieser Feigling will uns verlassen, weil er plötzlich allen Mut verloren hat und fürchtet, er könne noch einmal Pulver riechen müssen. Aber Schande und Schmach wird ihn treffen, wenn er seinen dummen Vorsatz zur Ausführung bringt! Und was werden wohl die Landleute sagen, wenn sie hören, daß der bisher für so tapfer gehaltene Bayrische Hiesel Fersengeld gegeben hat wie ein Hasenfuß?« Auch die übrigen drangen in Hiesel, dazubleiben, und namentlich suchte ihm einer, der Tiroler, begreiflich zu machen, daß ihn in der Schweiz, die ja nicht einmal ihre eigenen Einwohner ernähren könne, nur die größte Not erwarte. Endlich, als Hiesel schon schwankend wurde, nahm der Sattler noch einmal das Wort, erinnerte ihn an den Glanz seines Namens, an die Liebe des Volkes und an die Freiheit seines bisherigen Lebens, und zuletzt fragte er, ob der Hauptmann, den man als einen großen Helden preise, zuerst den Mut verlieren wolle, während alle anderen noch nicht verzagten. Solchen Reden und den vereinigten Bitten aller widerstand Hiesel nicht. Freilich äußerte er: »Hätte ich das gewußt, ich wäre nicht hierher gekommen. Was wird man in Kissing sagen, wenn man dort hört, daß ich meinem Versprechen untreu geworden bin!« Er sagte ihnen noch, daß er geglaubt habe, sie alle würden seinem Rat und seinem Beispiel folgen, und es ist klar, daß er die ganze Versammlung überhaupt nur anberaumt hat, um mit einem großartigen Akt seine Laufbahn als Wildschütz zu beschließen. Da nun seine Eitelkeit in dieser Weise keine Befriedigung fand, so übernahm er seine bisherige Stelle als Hauptmann wieder. In derselben Versammlung wurde der Bande eine festere Organisation gegeben, indem alle dem Hauptmann eidlich Gehorsam gelobten. Er selbst wollte die gemeinsame Kasse führen und aus ihr die Bedürfnisse jedes einzelnen bestreiten, wozu er sich gleichfalls durch einen Eid verpflichtete. Auf Feigheit wurde Todesstrafe gesetzt. Den Jägern gegenüber wollte man ein Schreckenssystem anwenden, dessen Art sich aus den nachstehenden Erzählungen ergeben wird. Den Antrag, alle Jäger, die einen Wilderer angriffen, niederzuschießen, damit es keiner mehr wage, ihnen entgegenzutreten, wies Hiesel zurück. Die Versammlung bekam dadurch einen komischen Schluß, daß ein betrunkener Bauer erschien und an Hiesel die Ermahnung richtete, die Felder ferner zu schützen und alle Jäger totzuschießen. »Sooft du einen solchen Tropf kalt machst,« sprach er, »schicke ich dir immer einen Taler.« Dann sang er das Volkslied: »Ich bin der Bayrische Hiesel«, wobei er sich im Kreise drehte. So ging die Versammlung in fröhlichster Stimmung auseinander. Von dieser Zeit an war eine Umkehr für Hiesel unmöglich. Dafür gefiel ihm seine Stellung überdies viel zu gut. Er war jetzt feierlich anerkannt als unumschränkter Gebieter einer zahlreichen Bande. Nur einige ihrer Mitglieder waren gleich ihm geachtet und heimatlos, die meisten schlossen sich ihm nur dann an, wenn er gerade in der Nähe ihres Wohnortes jagte. Er liebte es aber, sich in so zahlreicher Begleitung wie nur möglich zu zeigen. So erschien er einst zur Hochzeit seines Schwagers in Kissing mit zwanzig Mann, die er beim Einzuge in die Kirche Spalier bilden und dann mit geschultertem Gewehr in Reih' und Glied um den Hochaltar marschieren ließ. Wenn er Jäger in seine Gewalt bekam, so nahm er als Hauptmann nicht immer teil an deren Mißhandlungen, sondern ließ sie von seinen Untergebenen vollziehen. Von den Verbrechen, die Hiesel von nun an beging, erwähnen wir nur die schwersten, da eine vollständige Aufzählung zu weit führen würde. Im Sommer 1768 saß er einst im Wirtshause zu Schwarzofen in Schwaben, als er seinen eifrigsten Verfolger, den Jäger Leonhard Schenk von Wald, vorübergehen sah. Sofort ließ er ihn ersuchen, einzutreten. Als der Jäger sich weigerte, wurde er von zwei Schützen mit gespannten Gewehren hereingeholt. In der Wirtsstube bedrohte man den Unglücklichen zwei Stunden lang mit Verstümmelungen und mit dem Tode und entließ ihn erst nach vielen Mißhandlungen. Als am 2. Dezember 1768 ein Mitglied der Bande durch den Pachter Joseph Lahner zu Tannhausen sein Leben verloren hatte, zog Hiesel mit fünfzehn Kameraden nach dessen Gehöft, wo man Lahner auf der Tenne fand. Durch Kolbenschläge und Stöße wurde er so zugerichtet, daß er besinnungslos liegen blieb. Seine Kur kostete ihn über hundert Gulden, und er blieb zeitlebens ein Krüppel. Nicht lange darauf wurde Hiesel mit drei Genossen in einem Meierhofe von gräflich Fuggerschen Jägern überrascht. Während der Nacht wurden alle Ausgänge besetzt, und bei Tagesanbruch forderte man die Eingeschlossenen auf, sich zu ergeben. Der Hauptmann öffnete ein Fenster, erklärte sich für überwunden und bat nur, ihm eine kurze Frist zu gönnen, damit er sich ankleiden könne. Plötzlich aber machte er mit zwei Kameraden einen Ausfall aus der Hintertür, bei dem ein Wildschütz und zwei der Jäger ihr Leben verloren. Hiesel, der den einen Jäger erschossen hatte, rettete sich mit seinem Begleiter in den nahen Wald. Auch der vierte Wilderer, der sich im Keller versteckt hatte, fand noch Gelegenheit zur Flucht. Hiesel wurde bei dieser Gelegenheit selbst verwundet, zog aber bald nachher auf Kaufbeuren und Kempten zu. Da man Nachricht von seiner Annäherung erhalten hatte, so trat man ihm an der Grenze des Kemptenschen Gebiets entgegen. Hiesel zog sich scheinbar zurück und versuchte am 27. Dezember 1768 über die Wertachbrücke bei Schlingen, unweit des Marktfleckens Irrsee, einzudringen. Auch diesen Punkt fand er von vielen Soldaten und Bauern besetzt, er ging deshalb mit nur acht Leuten auf den weit überlegenen Feind los, der bei den ersten absichtlich zu hoch abgefeuerten Schüssen die Flucht ergriff. Bis Irrsee verfolgte Hiesel die Fliehenden, drohte den ganzen Ort anzuzünden, wenn die Einwohner es noch einmal wagen sollten, ihn zu befehden, und steckte die Wachthütte der Soldaten in Brand. Im April 1769 stieß er bei Frankenhofen auf den Forstmeister Hasel und dessen Gehilfen Unsorg. Er ließ sie durch seine Begleiter ergreifen, ihnen die Waffen wegnehmen und befahl Hasel, sich zum Tode vorzubereiten. Der Unglückliche bat inbrünstig um Schonung. Trotzdem gab der Hauptmann den Befehl, ihn zu martern. Die rohen Gesellen fielen über ihn und Unsorg her, rissen sie an den Haaren, schlugen und stießen sie mit den Hirschfängern und Kolben und traten sie endlich, als sie ohnmächtig niedersanken, mit Füßen. Nachdem man sie so zugerichtet hatte, ließ man sie liegen. Im Juni desselben Jahres traf Hiesel im Wirtshause zu Ettenbeuren, das er mit sechs Genossen betreten hatte, den Jäger Möpele, einen rohen Menschen, der schon mehrere Wildschützen erschossen hatte. Hiesel stellte sich anfangs freundlich und reichte ihm seinen Krug; aber der Jäger wollte nicht aus ihm trinken. Nun wurden zunächst die übrigen Gäste aus dem Zimmer entfernt, dann versetzte Klostermaier dem Jäger drei Hiebe über den Kopf und vier in den Arm, ließ ihn darauf durch seinen Hund so übel zurichten, daß der Unglückliche auf Lebenszeit fast völlig gelähmt blieb, und überlieferte ihn den Mißhandlungen seiner Untergebenen. Erst die Dazwischenkunft eines herbeigerufenen Geistlichen setzte der Roheit ein Ziel. Bei solchen Gelegenheiten pflegte Hiesel denjenigen, die er seiner Meinung nach mit Recht bestrafte, auseinanderzusetzen, wie unrecht sie daran täten, Leute, die nur Gutes stifteten und das Wohl des Volkes förderten, zu verfolgen. In seinem Wahne mußte ihn der Beistand, der ihm von dem größten Teil des Landvolkes zuteil wurde, bestärken, und nur einmal wurde sein Glaube an die Anhänglichkeit des Volkes schwer erschüttert. Dies geschah im August 1769, als Klostermaier mit neun Gesellen zu Deidenhausen im Wirtshaus einkehrte. Da dort eben Tanzmusik war, so fing die Gesellschaft an lustig mitzutanzen, mit Ausnahme des Sattlers, der vor dem Hause Wache halten mußte. Dieser bemerkte nun, daß mehrere Leute, und darunter ein Amtsdiener, geschäftig von Haus zu Haus eilten und sich auch ein zweiter Amtsdiener hinter dem Hause mit einigen Burschen vertraulich unterhielt. Er eilte ins Haus, um seine Beobachtungen mitzuteilen, wurde aber daran zunächst durch einen Streit verhindert, der sich zwischen den Wilderern und einigen Burschen entsponnen hatte. Als dieser Streit durch den Wirt und Hiesel beigelegt worden war, ertönte plötzlich die Sturmglocke. Eilig griffen die Schützen zu den Waffen und stürzten hinaus. Aber fast die ganze Bevölkerung des Ortes stand mit Sensen, Beilen, Mistgabeln und ähnlichen Dingen bewaffnet vor dem Hause, und aus ihm fiel den Schützen eine Schar in derselben Weise gerüsteter Burschen in den Rücken. Hiesel verlor jedoch die Fassung nicht. Er nahm die beste Stellung ein, die ihm die Lage gestattete, und befahl, jeden, der vorrücke, niederzuschießen. Das war aber nicht nötig. Denn als der Sattler eine Kugel über die Köpfe der Angreifer hinfliegen ließ, stob der ganze Haufen auseinander. Klostermaier zog nun ab, aber mit der Drohung, er werde den Ort so züchtigen, daß man nach hundert Jahren noch davon reden solle. Hierdurch ward Deidenhausen derart in Angst versetzt, daß man am nächsten Morgen den Wirt und einige andere Männer, die sich an den Feindseligkeiten nicht beteiligt hatten, mit einer Geldsumme zu dem erzürnten Hiesel abschickte. Den Gesandten gelang es auch, den Rachedürstenden zu überzeugen, daß nicht die Einwohner des Ortes, sondern nur den Obervogt die Schuld des Vorfalls treffe, der von Amts wegen die Bauern zum Angriff gezwungen habe. Nun richtete sich die Rache des Hauptmanns auf den Vogt. Mit vierzehn Mann rückte er vor das Amtshaus, das er freilich nicht einzunehmen vermochte. Er mußte sich damit begnügen, alle Fenster mit Steinen und Knütteln einwerfen zu lassen. Einige Tage darauf wäre er ums Haar seinen Gegnern in die Hände gefallen. Er saß ganz allein im Wirtshause zu Tannhausen, als man ihm meldete, daß eine Menge Jäger heranrücke. Da verbargen ihn die Bauern in einem Fuder Stroh und fuhren ihn so zum Orte hinaus. Hiesel wurde jetzt immer verwegener. Am 14. September 1769 schlug er im Dorfe Breitenthal mit drei Kameraden eine weit größere Zahl Soldaten in die Flucht, verfolgte sie und nahm einen Korporal gefangen, den er tüchtig durchprügelte und leicht verwundete, um zu beweisen, daß der Mann nicht unverwundbar sei, wie er behauptet hatte. Am folgenden Morgen zog er nach Roggenburg, von wo die Soldaten gegen ihn ausmarschiert waren, zwang die Schildwache am Tore, sich zurückzuziehen, und blieb den ganzen Tag im Orte. Dem Reichsprälaten drohte er mit dem Tode, falls er ihn angreifen ließe. Nachdem er im Januar 1770 in Buchloe mitten im Orte aus einer Schar gegen ihn anrückender Soldaten zwei erschossen und in das Zuchthaus und einige andere Häuser Schüsse abgefeuert hatte, kehrte er am 7. Februar mit dreizehn Gefährten noch einmal nach der Stadt zurück und beschoß das Amtshaus, ohne jedoch großen Schaden anzurichten. Nicht lange nachher rückte er ins Augsburger Gebiet ein und leistete auch hier unfern der Stadt den ausgeschickten Soldaten, von denen einer das Leben verlor, Widerstand. Um dieselbe Zeit besuchte er die Nachkirchweih zu Kellmünz, einem Flecken in Schwaben, wo er lustig tanzte und zechte. Als er den Leuten seine Verdienste um ihre Fluren auseinandergesetzt hatte und man eben Geld für ihn sammelte, meldete die ausgestellte Wache das Herannahen einer Streife. Sie bestand zum größten Teil aus kurbayrischen Soldaten; aber Hiescl dachte nicht an Flucht, obwohl nur fünf Schützen und der Bube bei ihm waren. Mit einer Flinte, die der Wachtposten einem vereinzelten Streifposten, der sich zu weit vorgewagt hatte, abgenommen hatte, streckte er einen Soldaten nieder, sobald die Feinde in Schußweite gekommen waren, und einen zweiten verwundete der Bube tödlich. Nun entspann sich ein hitziges Gefecht, in dem freilich viele Soldaten verwundet, aber auch von den Wildschützen, die endlich der Übermacht weichen mußten, zwei gefangen wurden. Von den vielen kleineren Gewalttätigkeiten Hiesels aus diesem Jahre wollen wir nur die Unverschämtheit anführen, daß er eines Tages im Hause des Jägers Werz zu Sankt-Johann erschien und die Auslieferung eines von ihm angeschossenen Hirschkalbes verlangte, das Werz gefunden haben sollte. Glücklicherweise war der Jäger nicht anwesend. Da die Frau den Besitz des Tieres abstritt, so entschädigte sich der Hauptmann dadurch, daß er alle Gewehre und einen Schweißhund mitnahm. Um dieselbe Zeit bestrafte er einen Bauer, der den Plan ersonnen hatte, Hiesel mit irgendeinem Hause, in dem er herbergen würde, in die Luft zu sprengen, durch Einschlagen der Fenster, stand aber auf Bitten des Mannes und anderer Personen von weiterer Rache ab, zumal da der Bauer es an Geschenken nicht fehlen ließ. Von jetzt an mehrten sich sowohl auf der einen Seite die Verfolgungen Hiesels, als auch auf der anderen Seite dessen Grausamkeiten gegen Jäger und andere Leute, die er für seine Feinde hielt. So ließ er drei Augsburger Soldaten, die er mit anderen Leuten auf dem Felde bei der Arbeit traf, so übel zurichten, daß der eine acht gefährliche Wunden erhielt. Am 16. November 1770 waren von dem schwäbischen Amte Täfertingen drei Leute wegen falschen Spiels mit Gefängnisstrafe belegt worden. Zwei von ihnen entsprangen am anderen Tage und kamen zu Hiesel mit der Klage, daß ihnen unrecht geschehen sei. Hiesel nahm sie auf ihre Bitte als Ehrenmitglieder in seine Bande auf und versprach, die Herren vom Gericht zu bestrafen. Er rückte am 14. Dezember mit achtzehn Mann vor das Rathaus. Die Bande raubte alles Geld aus den Kassen und selbst aus den Taschen der Beamten, verwundete den Obervogt, suchte den versteckten Schreiber unter Todesdrohungen und zog endlich mit einer Beute von über zweitausend Gulden wieder ab. Dem Obervogt erklärte Hiesel, er habe ihm nur das Blutgeld abgenommen, das er armen Leuten auf die ungerechteste Weise abgeschunden habe, und fügte noch Todesdrohungen für den Fall hinzu, daß über das Geschehene Lärm geschlagen würde. Dagegen hatte er seine Leute von einer Plünderung im Hause des Untervogts mit der Bemerkung zurückgehalten, daß der arme Teufel ja selbst nichts habe. Zwei Tage später fiel der Gerichtsdiener Schleißheimer von Agawang in die Hände der Schützen und wurde durch viele Stöße und Stiche so verwundet, daß er besinnungslos niedersank. Der Pfarrer eilte ihm mit mehreren Leuten zu Hilfe, erbitterte aber durch seine nicht verhehlte Entrüstung Klostermaier dermaßen, daß dieser die Hilfeleistenden durch ein blindes Feuer zerstreuen und die Fenster des Pfarrhauses einschießen ließ. Am 28. Dezember 1770 saß unser Held abends zu Oberelchingen im Ulmer Gebiete mit elf Schützen sehr gemütlich beim Würfelspiel und hatte sogar seine Schuhe zum Schuster geschickt. Plötzlich fielen vor dem Hause zwei Schüsse, und in der Tür erschien ein Soldat mit dem Rufe: »Ergebt euch!« Ruhig strich der Hauptmann sein Geld ein, ergriff den Stutzen und erschoß den Soldaten. Dessen Gefährten feuerten nun von außen in die Stube, alle Gäste verkrochen sich unter Tische und Bänke, und Klostermaier ließ die Lichter auslöschen. Ein zweiter Angriff auf die Tür wurde abgeschlagen, wobei die Soldaten einen Feldwebel verloren, und bei einem dritten Angriffe stürzten sogar fünf von ihnen tödlich verwundet nieder. Auch der Hund riß einen zu Boden, machte es dann aber in seiner Wut mit einem Wildschützen ebenso. Den Angreifern sank nun der Mut, und sie zogen sich unter beständigem Feuern zurück. Während ein Teil der Wildschützen ihnen Kugeln nachsandte, mußte ein anderer inzwischen das Haus durchsuchen. Als man es leer fand, befahl Hiesel einem Schützen, vorsichtig die Hintertür zu öffnen. Dieser tat es und sprang schleunigst zur Seite. Seine Vorsicht war nicht unnütz gewesen, denn sogleich feuerte ein Teil der Mannschaft, der sich dort aufgestellt hatte, zur Tür hinein, zog sich jedoch auch bald zurück. Die Wildschützen hatten keinen Verlust zu beklagen als den des Hundes, der nirgends aufzufinden war und auch nie wieder zum Vorschein gekommen ist. Sein Verschwinden gab zu der Meinung Anlaß, daß ihn der Teufel geholt habe. Der Wilderer, den er niedergeworfen hatte, war so übel zugerichtet, daß man ein Pferd für ihn requirieren mußte. Hiesel zeigte nach diesem Kampfe mehrere Kugeln vor, die er mit der Hand aufgefangen zu haben behauptete. Zwei Tage nachher überfiel er den Jäger Reuter zu Holzschwang im Ulmer Gebiete, plünderte das Haus und ließ Mann und Frau durch Todesdrohungen ängstigen. Ebenso wurde am 6. Januar 1771 die Wohnung des Jägers Bonison zu Gessertshausen ausgeplündert, während die Bewohner abwesend waren. Der Schaden wurde auf fünfhundertsechzehn Gulden geschätzt. Nicht anders verfuhr die Bande eine Woche später in Frankenried, wo die Vorstellungen des Ortsgeistlichen nur die Rückgabe dreier Flinten erwirken konnten. Dafür mußte aber der Pfarrer die beträchtliche Zeche der Wilderer im Wirtshause bezahlen. Auf einer Versammlung in Augsburg hatten inzwischen die Stände des Schwäbischen Kreises beschlossen, mit vereinten Kräften die Gefangennahme des gefürchteten Hauptmanns zu versuchen. Bisher hatte jeder der zahlreichen kleinen Staaten dieses Kreises für sich nach ihm gefahndet, und es war keiner Streife erlaubt gewesen, die Wildschützen auf fremdes Gebiet zu verfolgen. An die Spitze der Expedition stellte man den Premierleutnant Schedel, einen alten erfahrenen Soldaten, und wies alle Behörden an, ihn zu unterstützen. Mit fast dreihundert Mann zog Schedel am 12. Januar 1771 in die Nähe von Mindelheim, wo sich Hiesel damals umhertrieb. Seine Truppe bestand aus Soldaten, Jägern und Polizeidienern, auch Fanghunde fehlten nicht. Am Abend des 13. Januar erhielt man die Nachricht, daß die Bande nach Kaufbeuren zu marschiert sei, und schlug in tiefem Schnee sofort diese Richtung ein. Noch auf dem Marsche erfuhr Schedel von den Ausschreitungen in Frankenried, wo die Schützen fast den ganzen Tag auf Kosten des Pastors gezecht hatten. Aber als er um drei Uhr morgens in Frankenried eintraf, fand er, daß Klostermaier schon am Nachmittag des vorhergehenden Tages den Ort verlassen hatte. Es stellte sich als notwendig heraus, den Soldaten einige Ruhe zu gönnen. Während dieser Zeit ließ aber der Leutnant den Ort mit Wachen umgeben, damit niemand die Wilderer warnen könne. Hiesel übernachtete inzwischen ruhig mit neun Kameraden in dem zwei Stunden entfernten Osterzell. Die ausgestellten Wachen zog er mit Tagesanbruch ein, weil sie bei dem sehr starken Nebel doch nichts sehen konnten, und fing an Karten zu spielen. Es war gerade sieben Uhr morgens, als Schedel in Osterzell einrückte und sogleich erfuhr, daß sich die Bande in dem Orte aufhielt. Ein Teil der Jäger mußte einen nahen Wald besetzen, ein Teil der Soldaten wurde in ein der Wirtsküche gegenüberliegendes Haus gelegt, während die zum Angriff bestimmte Mannschaft sich unter den Fenstern des Gasthofes heranschlich. Dennoch gelang es nicht, die Wildschützen vollständig zu überraschen. Der Bube bemerkte die Soldaten, und schleunigst sprangen alle in die Küche, wo die Gewehre waren. Einer legte sogleich auf den Leutnant an, aber glücklicherweise versagte die Büchse. Die Aufforderung, sich zu ergeben, wurde mit Schüssen erwidert. Nun entspann sich ein merkwürdiger Kampf, zwei Stunden lang feuerten die Soldaten fortwährend in die Küche hinein – und die Wilderer aus ihr hinaus. Mehrere der ersteren fielen. Hiesel begleitete seine Schüsse mit Flüchen und Drohungen: »Wie den Ulmer Hunden muß es euch heute ergehen! – In die Hölle müßt ihr hinabtanzen! – Dem Teufel sollt ihr in den Rachen fahren!« Um neun Uhr verfiel Schedel auf den glücklichen Plan, eine Abteilung Soldaten in die Kammer über der Küche zu schicken und dort eine Öffnung in den Boden hauen zu lassen. Freilich mußte jeder von ihnen an der einen Tür der Küche vorbei, aber alle sprangen glücklich vorüber bis auf einen Jäger, der vorwitzig genug war, einen Augenblick hineinzusehen. Er bezahlte seine Tollkühnheit mit dem Leben. Die übrigen rissen den Boden der Kammer auf und warfen mit Stroh umwickelte Patronen in die Küche hinab, die bald ganz mit Rauch angefüllt war. Außerdem verwundete man von oben zwei Wilderer tödlich. Endlich war Hiesel gezwungen, sich in die Speisekammer neben der Küche zurückzuziehen, doch gab er den Kampf noch nicht auf. Inzwischen fing die Küche an zu brennen, und vielleicht wäre sogar das ganze Wirtshaus in Flammen aufgegangen, wenn nicht die Soldaten von oben einen Sud Bier, der dort zur Kühlung stand, hinabgeschüttet und so das Feuer gelöscht hätten. Auf diese Weise wurde das Haus gerettet, aber die beiden unter der Öffnung liegenden schwer verwundeten Wildschützen verbrannten jämmerlich. In diesen schrecklichen Augenblicken kam mit einemmal eine panische Furcht über Hiesels Genossen. Der Bube verkroch sich ins Ofenloch, der Sattler in den Schornstein, jeder suchte ein Versteck. Als nun das Feuer aufhörte, kroch der Wirt, der sich beim Beginn des Kampfes in den Backofen geflüchtet hatte, wieder aus ihm hervor und bat die Soldaten um Barmherzigkeit. Nicht ohne Mühe zog man den wohlbeleibten Mann mit Stricken durch die Öffnung in das obere Zimmer. Unten stand jetzt nach vierstündigem Kampfe Hiesel ganz allein. Er blutete aus drei Wunden. Als man ihn nochmals zur Ergebung aufforderte, gab er keine Antwort, worauf das Feuern der Angreifer wieder begann. Hiesel rief nach seinen Leuten, und da niemand antwortete, schrie er: »Um Gottes willen! Um des Bluts Christi willen! Ist denn gar kein Pardon mehr zu hoffen?« Nun stellte man die Feindseligkeiten ein, und Schedel versprach den Eingeschlossenen das Leben, wenn sie unbewaffnet hervorkämen. Einer der Wildschützen verließ sein Versteck, und diesen stieß Hiesel zuerst zur Tür hinaus, um zu sehen, wie es ihm ergehen würde. Als er sah, daß man ihn band und in den Schnee warf, zauderte er noch eine Weile, dann aber trat er ebenfalls aus der Küche. Eine Menge Bajonette wurden ihm entgegengestreckt, er rief: »Schenkt mir doch das Leben!«, stürzte auf den Leutnant zu und klammerte sich an ihn. Der Leutnant hatte Mühe, ihn vor der Wut seiner Leute zu retten, die ihn niedermachen wollten. Nachdem er fest gebunden und in den Schnee gelegt worden war, mußte er die Zahl seiner Kameraden angeben, die man dann aus ihren Schlupfwinkeln hervorholte. Nur der Bube war unverletzt, die übrigen fand man mehr oder weniger gefährlich verwundet. Die Angreifer hatten dreiundzwanzig Verwundete. Nachdem die Verbrecher ärztliche Hilfe erhalten hatten, schnürte man sie auf einen großen Kälberschlitten fest und fühlte sie ins Zuchthaus zu Buchloe. Die Waffen der Wilderer bestanden aus zehn Flinten, drei Kugelbüchsen und vier Hirschfängern. Geld führte den Satzungen der Gesellschaft gemäß nur der Hauptmann mit sich, bei dem man gegen fünfundzwanzig Gulden fand. Die Munition war fast ganz verschossen. Als man am 14. Januar in Augsburg die Kunde von Hiesels Gefangennahme erhielt, befahl man sogleich, ihn nach Dillingen zu führen. Tausende strömten auf dem Wege herzu, um ihn zu sehen und zu beschenken. In Dillingen wurde Klostermaier, abgesehen von den schweren Fesseln, die man ihm anlegte, gut gehalten. Viele Leute, namentlich aus den höheren Ständen, besuchten ihn. Er war fortwährend heiter und in den Verhören aufrichtig, soweit er durch seine Aussagen niemand zu belasten fürchtete. Er verriet keinen, der von ihm Wild gekauft hatte, und ebenso handelten seine Genossen. Seine und seiner Gefährten Taten, die doch bekannt waren, erzählte er der Wahrheit gemäß und war um so redseliger, je mehr die Richter seine Schlauheit und seine Tapferkeit lobten. Dabei verteidigte ei fortwährend die Rechtmäßigkeit seines Tuns. Der Prozeß war im ganzen sehr einfach, forderte aber wegen der Menge der Zeugen eine ziemlich lange Zeit. Während dieser Zeit fanden der Bube, der Sattler und drei andere Mitglieder der Bande Gelegenheit, aus dem Gefängnis zu entkommen. Mit Ausnahme des Buben, über dessen Flucht sich Hiesel sehr freute, retteten sie sich nach der Schweiz, wo sie ihr Leben beschlossen. Über das Schicksal des Buben ist nichts ermittelt. Der Hauptmann und die beiden anderen Gefangenen wurden zum Tode verurteilt. Am 3. September 1771 vernahm Hiesel sein Urteil mit Ruhe, dankte dem Herkommen gemäß seinen Richtern für die gnädige Strafe und setzte hinzu: »Dem Menschen ist gesetzt, einmal zu sterben; dem Tode sind wir alle unterworfen, und auch von denen, die mich verurteilt haben, wird in fünfzig Jahren gewiß keiner mehr am Leben sein.« Während der dreitägigen Frist bis zur Hinrichtung betete er fleißig mit vier Priestern, aber die Überzeugung, recht gehandelt zu haben, war ihm nicht zu nehmen. Zu seiner auf den 6. September anberaumten Hinrichtung trafen viele Tausende ein, darunter auch vierzehn Kissinger, die ihm den letzten Gruß seines Vaters brachten. Seine Schwester Regina, die ihn noch einmal sehen wollte, mußte am 5. September drei Stunden von der Stadt entfernt zurückbleiben, weil sie der Schmerz überwältigte. Erst am anderen Morgen während der Hinrichtung kam sie nach Dillingen, wo sie auf der Treppe vor einem Hause weinend und betend und aus einer Ohnmacht in die andere fallend dasaß, bis die Menge von der Exekution zurückkehrte. Das Volk beschenkte sie reichlich; ein Priester suchte sie zu trösten. Nachdem sie wieder einige Kraft gewonnen hatte, betete sie auf der Richtstätte für das Seelenheil ihres Bruders und wurde dann von Freunden fortgeleitet. Ehe Hiesel den Tod erlitt, wurden seine beiden Genossen, von denen der eine erst zwanzig, der andere fünfundzwanzig Jahre alt war, durch das Schwert hingerichtet. Er selbst wurde um acht Uhr morgens nach dem Rathause geführt, wo man das Urteil öffentlich verlas. Es war sehr lang, da es fünfzig Verbrechen aufführte. Der bis dahin standhafte Delinquent wurde allmählich sehr niedergeschlagen, vor allem, als er die Schleife erblickte, auf der er fortgeschafft werden sollte. Nachdem der Stab gebrochen war, legte man ihn in eine frische Kuhhaut gewickelt auf die Schleife. Nur der Kopf und die Hände, die ein Kruzifix hielten, blieben sichtbar. Die vier Geistlichen gingen tröstend nebenher. Am Schafott beichtete er nochmals, trank ein Glas Wein und stieg gefaßt die Treppe hinauf. Oben betrachtete er mit gesenktem Haupte lange die Zulüftungen zu seinem Tode, bis ihn die Henkersknechte auf das Kreuz warfen und daran festbanden. Nachdem man ihn erdrosselt hatte, wurden die Glieder mit dem Rade gebrochen und dann der Körper unter dem mit Brettern verschlagenen Schafott gevierteilt. Die Eingeweide begrub man unter dem Galgen, den Kopf steckte man auf ihn, und ein Viertel des Körpers wurde an einem besonderen danebenstehenden Galgen aufgehangen, während man die drei übrigen Viertel zum abschreckenden Beispiel in drei anderen Ortschaften in derselben Weise ausstellte, das eine sogar in Füssen, einer schwäbischen Stadt an der Grenze von Tirol. Die Landleute bezeigten bei der Hinrichtung lebhaftes Bedauern, die Jäger dagegen, die sich zahlreich eingefunden hatten, lauten Jubel. Klostermaiers Vater starb erst fünf Jahre nach dessen Hinrichtung im größten Elend. Er hatte sich blind geweint. Hiesels Schwester Regina und sein Bruder Willibald überlebten ihn nicht lange. Eine andere Schwester Maria erreichte ein hohes Alter. Seine Geliebte Monika Baumüller starb 1794 geisteskrank. Ihr und sein Sohn, Korbinian Klostermaier, wurde ein sehr rechtschaffener Mansch. Er wurde aber nur einunddreißig Jahre alt und hinterließ eine Tochter. Hiesel war wohlgebaut und fast sechs Fuß groß. Seine Miene war stets freundlich, seine Augen lebhaft. Seine Gesichtszüge waren weniger schön als ausdrucksvoll. Um Hiesel zu beurteilen, muß man die Verhältnisse seiner Zeit und seiner Heimat ins Auge fassen. Die Meinung, die noch heute bei einem großen Teil des Volkes herrscht, daß das Wild, da es von niemand gewartet und ernährt werde, auch persönliches Eigentum jedes Einzelnen sei, war damals noch viel verbreiteter als jetzt. Der Wildbestand war so übermäßig groß, und Ersatz für Wildschaden war so schwer zu schaffen, daß das Landvolk sehr unter der Wildplage litt. Es war natürlich, daß der Bauer denjenigen hochachtete, der ihn von dieser Plage befreite; sollen doch selbst Geistliche sich über Hiesels Treiben mehrfach nicht gerade mißbilligend ausgesprochen haben. Dazu kam, daß die Forstbeamten und Gerichtsdiener im Volke außerordentlich verhaßt waren. Diese Leute waren damals weder so gebildet noch so durch gesetzliche Bestimmungen beschränkt wie heutzutage, sondern oft über alle Begriffe roh und anmaßend. Das Volk sah sie als Unterdrücker an, gegen die man sich alles erlauben dürfe, wie sie sich ebenfalls alles erlaubten. Die Strafen, mit denen sie oft den unbedeutendsten Wilddiebstahl ahndeten, waren oft geradezu barbarisch. So begruben die Jäger einmal einen Wildschützen lebendig, ein andermal erschossen sie einen Bauer, als er abends mit seinen Kindern am Tische saß, durchs Fenster, weil er einen Schuß auf Hirsche getan hatte, die seine Felder verwüsteten. Mit den gegenseitigen Kränkungen und Mißhandlungen wuchs dann auf beiden Seiten die Erbitterung. Endlich kam dazu die althergebrachte Vertrautheit des bayrischen und schwäbischen Landvolks mit den Waffen. Es war natürlich, daß geübte Schützen begierig waren, ihre Geschicklichkeit nicht nur im Scheibenschießen, sondern auch auf der Jagd zu zeigen. Nun denke man sich Hiesel unter einem solchen Volke und in solchen Anschauungen aufgewachsen. Er fühlte sich als der beste Schütze weit und breit und schoß auch, wenn man die mangelhaftere Konstruktion seines Stutzens gegenüber den jetzigen Gewehren bedenkt, in der Tat ausgezeichnet. Jedem Sperling auf dem Dache schoß er den Kopf ab, in einer Eichelkarte traf er auf zwanzig Schritt Entfernung jede bezeichnete Eichel. Seine Hand war so fest, daß ein mit Wasser gefülltes Glas auf dem Stutzen stehen konnte, ohne daß sich die Flüssigkeit beim Abfeuern auch im geringsten bewegte. Mehrmals hielt ihm sein Bube auf fünfzig Schritt Entfernung ein Kartenblatt vor, das er genau in der Mitte durchbohrte. An der Kirche zu Kissing ist noch der infolge einer Wette in die Mitte des D der Jahreszahl getane Schuß zu sehen. Einem Jäger, der sich mit der Pfeife zum Fenster hinauslehnte, schoß er das Rohr ab; einem anderen, der abends in seiner Stube Vogelschlingen verfertigte, löschte er mit der Kugel das Licht aus, so daß der erstaunte Mann plötzlich im Finstern saß. Ja einmal soll er sogar dem Hahn auf einem Kirchturm ein Loch in den Kopf geschossen haben, nachdem er zum Prediger gesagt hatte: »Ich will Ihnen heute ein Andenken hinterlassen; Sie haben da oben einen blinden Gockel, dem muß ich nun ein Auge machen.« Da ihm durch seine Unbesonnenheit die Aussicht auf eine Anstellung als Jäger genommen war, so wurde er bei seiner leidenschaftlichen Liebe zur Jagd fast mit Naturnotwendigkeit ein Wildschütz. Aber eben der Umstand, daß er zuerst nach einer solchen Stellung strebte, beweist, daß die Meinung, er sei zum Schutze des Landvolks berufen, erst allmählich in ihm entstand. Die Wildschützen, denen seine Klugheit und Geschicklichkeit, die Bauern, denen die Verminderung des Wildes Vorteil brachte, weckten und nährten diese seine Ansicht. Außerdem mochte wohl sein eigenes Bewußtsein nach einer Entschuldigung für sein gesetzwidriges Verhalten suchen. Mit der Zeit wurde er immer fester in seinem Glauben, zumal da dieser Glaube seiner Eitelkeit nicht wenig schmeichelte. Was für eine höhere Stellung konnte er bei seinem beschränkten Gesichtskreise erstreben als die eines anerkannten Hauptmanns aller Wildschützen in einem ganzen Kreise, eines Wohltäters des Volkes, eines Mannes, den Jäger und Behörden fürchteten und den auch vornehme Leute zu sehen wünschten? Daß ihn die Eitelkeit von Jugend auf beherrschte, läßt sich in seinem ganzen Leben nachweisen. Schon als Knabe suchte er durch gefahrvolle Streiche die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen; stets strebte er darnach, sich gut zu kleiden und durch feinere Manieren vor seinen Standesgenossen auszuzeichnen; gern zeigte er seine Stärke und Gewandtheit und konnte eine Niederlage in dieser Hinsicht nicht ertragen. So traf er im Jahre 1770 den Amtsdiener Teifler, ließ ihn durch seine Gefährten durchbleuen und hetzte den Hund auf ihn. Da dieser den starken Mann nicht niederreißen konnte, packte ihn Hiesel selbst, aber der andere wehrte sich und warf den Angreifer zu Boden. Nun stürzten alle Wilderer über Teifler her und brachten ihm mehrere schwere Wunden bei, bis sie endlich durch Teiflers Vater mit Hilfe anderer Leute vertrieben wurden. Diese Niederlage konnte Hiesel lange nicht vergessen. Mehrmals ließ er dem Amtsdiener sagen, daß er ihn erschießen würde, falls er sich seines Sieges rühmen würde. Selbst wenn sein Hund eine Niederlage erlitt, fühlte er sich dadurch gekränkt. Einst traf er im Gasthause zu Ingenried den etwas angetrunkenen Krämer Franz Löffler, der die Stärke seines nicht eben großen Hundes sehr rühmte. Hiesel ließ seinen Tiras auf den andern Hund los, mußte aber zu seinem großen Ärger sehen, daß der Krämerhund ihn gänzlich besiegte. Da es der Krämer an Spott nicht fehlen ließ, so befahl Hiesel, ihn durchzuprügeln. Daß seine Eitelkeit ihn auch dazu verführte, den Bauern vorzuspiegeln, er habe einen Schutzgeist und sei unverwundbar, ist schon erwähnt. Wie es mit seiner Unverwundbarkeit stand, kann man daraus ersehen, daß man an seinem Körper vierzehn Narben von Schußwunden fand. Klostermaier fühlte sich sehr geschmeichelt, als ihm der Maler Lander im Jahre 1769 eine Geldsumme für die Erlaubnis, ihn zu zeichnen, gab. Das Bild selbst entstand in einem Walde bei Göggingen. Da der Maler das des Buben schon besaß, so stellte er diesen und Hiesel mit dem Hunde auf einem Gemälde zusammen. Der nach diesem Gemälde verfertigte Kupferstich fand viele Käufer, so daß der bayrische Hofpoet Ettenhuber mit Recht sagen konnte: Kein Haus war auf dem Land, kein Haus fast in der Stadt, Wo nicht der Hiesel stund auf einem Kupferblatt. Der Schützenhauptmann fand sich dadurch nicht wenig geehrt und schlich sich sogar eines Tages nach Augsburg, nur um sein Bild in einem Schaufenster ausgestellt zu sehen. Wie seine Richter seine Eitelkeit benutzten, ist schon erwähnt. Es fehlte Hiesel sonst nicht an trefflichen Eigenschaften. Er bewies viel Tapferkeit, Geistesgegenwart und Umsicht. Von Natur war er gutmütig, liebte zum Beispiel Kinder und spielte gern mit ihnen. Seinen alten Vater unterstützte er stets nach Kräften. Seine Grausamkeiten waren nicht Folgen einer natürlichen Bosheit, sondern wurden von ihm gleichsam aus politischen Gründen zur Abschreckung der Gegner verübt. Mehrere Beispiele sind bekannt, daß er seine Leute von Roheiten abhielt, und oft klagte er darüber, daß es ihm nicht möglich sei, ihre Wildheit so, wie er wünschte, zu zügeln. Nach und nach scheint sich freilich sein Gefühl abgestumpft zu haben, während sich seiner gleichzeitig ein gewisser Ingrimm darüber bemächtigte, daß sein volksbeglückendes Treiben so viel Widerstand fand. Unter dem Landvolke seiner Gegend wurde ihm noch lange ein freundliches Andenken bewahrt, und es war eine ganze Zeitlang nach seinem Tode nicht besonders ratsam, in seiner Heimat mißbilligend von ihm zu reden. Noch heute aber ist sein Andenken nicht vergessen, und ab und zu hört man sogar noch ein Volkslied, das schon bei seinen Lebzeiten auf ihn gedichtet wurde und folgendermaßen lautet: Ich bin der Bayrisch Hiesel, Kei Kugel geht mir ein, Drum fürcht ich auch kein Jäger, Sollt's gleich der Teufel sein. Im Wald drauß ist mei Heimat, Im Wald drauß ist's a Leb'n, Da schieß ich Reh und Hirsche Und Wildschwein auch daneb'n. Was soll ich mich auch fürchten, Mei Kugel trifft ja gut, Und wenn auch d' Streifen kommen, Dies sagt mir z'erst mei Hut. Und wenn s' mich auch umringen, Die dummen Eselsköpf, Sehn s' mich, den Hund, den Buben, So laufen s' gleich, die Tröpf! Und tun mich d' Feind verfolgen, Und lassen s' mir kei Ruh, Krieg i halt ein'n in d' Klauen, So muß er's büßen gnu. Was d' Jäger tut verdrieß'n, Das g'schieht mit größter Freud'; Nächst haben's mir beten müss'n Und machen mir Reu' und Leid. Ein himmellanger Jäger Hat droht, er häng mich auf, Derweil ist's umkehrt gangen, Wie oft im Lebenslauf. Im Wald sind wir z'samm kommen, Dies hatt' kein Mensch nicht denkt; Beim Schopf hab ich ihn g'nommen Und schnell am Baum aufg'hängt. Ich bin der Fürst der Wälder, Und keiner ist mir gleich; So weit der Himmel blau ist, So weit geht auch mein Reich. Das Wild auf weiter Erde Ist freies Eigentum; Drum laß ich mich nicht hindern, Denn wer's nicht schießt, wär' dumm. Es gibt kein schöners Leben, Wie ich führ auf der Welt; Die Bauern geb'n mir z'essen Und, wenn ich's brauch, noch Geld. Drum tu ich d' Felder schützen Mit meine tapfern Leut', Und wo ich auch nur hinkomm, O Gott, da ist's a Freud'. Und kommt die letzte Stunde, Und schließ ich d' Augen zu; Soldaten, Scherg'n und Jäger, Erst dann habt ihr a Ruh. Da wird sich's Wild vermehren Und springen kreuzwohlauf, Und d' Bauern werd'n oft rufen: »Geh, Hies'l, steh noch auf!« Die Nonne von Monza Das Kloster, in dem unsere Geschichte sich abspielt, ist das Kloster di Santa Margherita zu Monza in dem besonderen Quartier di Agrate. Es gehörte dem Orden der Humiliatinnen. Dieser Orden war im Jahre 1134 gestiftet worden und zunächst nur für Männer von italienischer Abkunft und von Adel bestimmt gewesen, die Kaiser Lothar II. nach Deutschland geschickt und, nachdem sie ihren Gehorsam und ihre Demut bewiesen, wieder entlassen hatte mit den Worten: »Denique humiliati estis«. Sie nannten sich mit Bezug hierauf Humiliati, stellten sich 1151 unter die Regel des heiligen Benedikt und wurden im Jahre 1200 vom Papste Innozenz III. förmlich bestätigt. Im Laufe der Zeit erwarb der Orden große Reichtümer, insbesondere auch Grundbesitz von bedeutendem Wert. Die Folge davon war, daß die Humiliaten trotz ihres Namens sehr übermütig wurden und sich einem üppigen, schwelgerischen Leben ergaben. Der Erzbischof Carlo Borromeo von Mailand, jener gelehrte und fromme Kirchenfürst, der nachmals heilig gesprochen wurde, griff energisch ein und setzte beim päpstlichen Stuhle die Reform des entarteten Ordens durch. Die Chorherren gerieten darüber so in Zorn, daß einer von ihnen namens Farina am 26. Oktober 1569 in einer Kapelle des Doms zu Mailand während des Gottesdienstes einen Schuß auf den Erzbischof abfeuerte und ihn, zum Glück nur leicht, verwundete. Der Papst Paul V. hob deshalb den Orden im Jahre 1576 gänzlich auf. Schon früher waren auch Klöster der Humiliatinnen entstanden, die einer ähnlichen Regel folgten wie die der Humiliaten. Sie wurden durch das päpstliche Dekret, das wir eben erwähnt haben, nicht berührt und bestanden fort, auch nachdem die Klöster der Männer eingegangen waren. Das diesem Orden gehörige Kloster in Monza ist, wie schon erwähnt, der Schauplatz unseres Prozesses, dessen Beginn in das Jahr 1607 fällt. Um diese Zeit herrschte die spanische Linie des Hauses Habsburg über das Herzogtum Mailand. König Philipp III. (1598 – 1621) hatte als Statthalter Don Pietro Enriquez de Acevedo di Fuentes eingesetzt. Er sah es nicht ungern, daß spanische Granden in größerer Zahl sich nach Mailand begaben und dort niederließen. Auch die navarresische Familie de Leyva war dorthin gezogen und mit dem Bezirk, in dem das Kloster di Santa Margherita lag, beliehen worden. Noch jetzt ist eine Urkunde vom 26. Dezember 1596 vorhanden, laut welcher die Schwester Virgina Maria Leyva, auch Principessa del Borgo e del monastero genannt, in Vertretung ihres Vaters, des Don Martino de Leyva, das Recht verleiht, im Flusse Lambro bei Monza zu fischen. Dieser ebengenannte Don Martino de Leyva war ein stolzer Herr, der den Prunk liebte und alles aufbot, um die Würde und den Glanz seines Hauses zu erhalten und zu mehren. Damit das große Vermögen in einer Hand bleiben sollte, hatte er seine einzige Tochter Virginia gezwungen, den Schleier zu nehmen. Sie war in das Kloster der Humiliatinnen zu Monza eingetreten und hatte, einundzwanzig Jahre alt, den Profeß abgelegt. Ausgezeichnet durch vornehme Geburt, durch ungewöhnliche wohnliche Schönheit und durch reiche Geistesgaben, gewann sie sehr schnell die Herzen der anderen Nonnen. In kurzem hatte sie sich eine Stellung erobert, wie sie vor ihr keiner Bewohnerin des Klosters jemals eingeräumt worden war; selbst die Äbtissin fügte sich ihren Wünschen, und ungestraft durfte sie die Hausordnung und die strengen Ordensregeln übertreten. Aber diese Freiheit wurde ihr Verderben. Die keusche Nonne knüpfte Bekanntschaft an mit einem jungen Manne, der in der Nähe des Klosters wohnte; sie vermittelte, daß er heimlich Zutritt im Kloster erhielt, nahm ihn endlich sogar mit in ihre Zelle und fing ein Liebesverhältnis mit ihm an, das mehrere Jahre von ihr unterhalten wurde und nicht ohne Früchte blieb. Ihr Fehltritt ließ sich nicht verbergen, obschon ihr Geliebter kein Mittel scheute und sogar zum Mörder wurde, um die Zeuginnen ihres verbrecherischen Wandels für immer stumm zu machen. Der Prozeß, der auf Befehl des Kardinals Federigo Borromeo, eines Vetters von Carlo Borromeo, der damals Erzbischof von Mailand war und die Gerichtsbarkeit über das Kloster besaß, eingeleitet wurde, brachte es an den Tag, daß die Humiliatinnen von Monza gleich liederlichen Dirnen gelebt und in schamloser Weise Unzucht getrieben hatten, daß das Kloster nicht eine Stätte demütiger Entsagung und frommer Empfindungen gewesen war, sondern ein Ort, wo Lüge und List, Buhlerei und Brutalität geherrscht hatten. Am 27. November pochte der apostolische Protonotar und Kriminalvikar der erzbischöflichen Kurie zu Mailand, Girolamo Saraceno, an die Pforte des Klosters und begehrte sofortigen Einlaß. Er war versehen mit einem Schreiben des Erzbischofs Borromeo, das ihn ermächtigte, in Begleitung eines Notars sich in das Kloster zu verfügen, dessen Tür der Regel gemäß für gewöhnlich jedem Manne verschlossen blieb, und dort Verhöre vorzunehmen. Im inneren Sprechzimmer erschien vor ihm zunächst die Priorin Angela Margherita, in der Welt Angela Sacchi genannt, um als Informationszeugin ihre Aussage zu erstatten. Sie leistete einen feierlichen Eid auf das Evangelienbuch und wurde hierauf in italienischer Sprache, in der überhaupt die Protokolle, die Urteile und alle zu den Akten gekommenen Schriftstücke abgefaßt sind, vernommen. Sie sagte auf die einzelnen Fragen des Protonotars hin folgendes aus: »Der Signor Giampaolo Osio, um den es sich handelt, ist ein Glied der angesehenen adeligen Familie degli Osii, die ihre Wohnung nahe bei dem Kloster hat. Daß er öfters im Kloster war, weiß ich. Einige Nonnen wollen ihn gesehen haben, andere hatten schon vor längerer Zeit Verdacht deswegen geschöpft, weil seit dem letzten Allerheiligenfeste die Speisen bald früher, bald später als gewöhnlich in die Zellen der Schwestern Ottavia Ricci, Silvia Casati und Benedetta Homati getragen wurden. Diese drei Schwestern sind Freundinnen der Schwester Virginia Maria de Leyva und wohnen mit ihr zusammen. Die Speisen waren nicht die gewöhnlichen, mußten vielmehr bereitet sein für eine Person, die mit der üblichen Kost der Nonnen nicht fürlieb nahm. Sie wurden heimlich aus der Küche geholt und heimlich in die Zellen getragen. Dies aber würde nicht geschehen sein, wenn sie für die Nonnen bestimmt gewesen wären. Zwischen Osio und Virginia besteht schon seit etwa sieben Jahren eine innige Freundschaft. Sie haben sich miteinander unterhalten und sich gegenseitig Geschenke gemacht. Er hat ihr Geflügel, Fische, Früchte und anderes geschickt, sie hat ihm Nonnenbackwerk, weiße Halskrausen und ähnliches zukommen lassen. In früherer Zeit bewohnte Schwester Virginia ein Zimmer, dessen Fenster nach dem an das Kloster grenzenden Garten Osios hinausging, so daß, wenn er im Garten war, beide sich unbeobachtet sehen und sprechen konnten. Auf Anordnung von Monsignore Bacca, gelegentlich einer Visitation, die vor zwei Jahren stattfand, ist Virginia in eine andere Zelle versetzt und jenes Fenster zugemauert worden. Ich weiß auch, daß Osio im Verdacht steht, den Apotheker Reineri Roncini in Monza ermordet zu haben, und daß er das wahrscheinlich deswegen getan habe, weil Reineri sich über die Freundschaft zwischen Osio und Virginia geäußert und dadurch den Zorn des ersteren erregt haben solle. Zur Zeit des letzten Karnevals hörte ich sagen, Osio sei in Pavia wegen seines Verkehrs mit der Schwester Virginia eingesperrt worden, und zwar sei dies geschehen auf Veranlassung des Fürsten Ascoli, eines Vetters der Virginia, der bei dem Gouverneur Grafen di Fuentes einen Haftbefehl ausgewirkt habe. Öfters ist auch ein Kind von zwei Jahren, ein kleines Mädchen namens Francesca, in das Kloster gekommen, das Schwester Virginia sehr zärtlich behandelte. Man erzählte, diese Francesca sei die Tochter des Osio und der Virginia. Ich glaube, das Kind hält sich im Hause des Giampaolo OsIo auf und ist als sein Kind anerkannt worden. Über die Schwester Catterina Cassini von Meda, die aus dem Kloster verschwunden ist, weiß ich folgendes zu sagen. Eine Schwester dieses Namens, die aber noch nicht als Nonne eingekleidet war, ist allerdings im Kloster gewesen und hat die Schwester Virginia bedient. Vor etwa einem Jahre wurde sie auf Anordnung der letzteren in einen verschlossenen Raum neben der Waschküche, etwas entfernt von den Zellen der Nonnen, eingesperrt. Drei bis vier Tage blieb sie in ihrem Arrest, dann aber war sie verschwunden. Sie hatte in die Mauer, die sich an der Hauptstraße entlangzieht, eine Öffnung gebrochen und durch sie die Flucht ergriffen. Das war gerade an dem Tage, an dem Monsignore Bacca in das Kloster kam, um eine Visitation zu halten. Diese Flucht schien uns um so merkwürdiger, als Catterina, die etwas beschränkt war, den Monsignore hatte um Rat fragen wollen, ob sie das Kloster wieder verlassen solle, ohne Profeß zu tun. Ich glaube, Schwester Catterina ist von mehreren Nonnen in Arrest gebracht worden, weil sie ihnen nicht gehorsam gewesen war. Die damalige Priorin Bianca Homati und die Vikarin Virginia müssen dies besser wissen. Es ging das Gerücht um, daß Catterina von allem gewußt habe, was zwischen Osio und Virginia vorgegangen ist. Sie soll nicht reinen Mund gehalten, sondern geplaudert haben und deshalb von Osio entfernt und unschädlich gemacht worden sein.« Nach dem Verhör wurde die Prioiin entlassen und ihr bei Strafe der Exkommunikation aufgegeben, über alles, was der erzbischöfliche Protonotar sie gefragt hatte, das tiefste Stillschweigen zu beobachten. Am folgenden Tage, den 28. November 1607, erschien die Vikarin Francesca Imbersaga vor der Gerichtskommission. Sie gab sehr wichtige Aufschlüsse über die Vorgänge im Kloster Santa Margherita und über die von Osio verübten Verbrechen. Die Vikarin erklärte: »Ich kann mir nicht anders denken, als daß ich wegen der Unordnung vernommen werden soll, die durch Schwester Virginia in diesem Kloster entstanden ist, und werde alles mitteilen, was ich weiß. Vor etwa acht Jahren, als ich noch Priorin war, wurde ich von Personen außerhalb unseres Klosters davon in Kenntnis gesetzt, daß Osio ein Liebesverhältnis mit mehreren Nonnen unterhalte. Es wurde mir gesagt, Osio pflege von einem seiner an das Kloster stoßenden Gärten aus mit den Nonnen, die an einem Fenster mit der Aussicht auf diesen Garten ständen, zu sprechen und sich über Stelldicheins zu verständigen. Zuerst knüpfte Osio mit einer Klosterschülerin Isabelle degli Ortensii aus Monza an. Sie ging öfters in den Hühnerhof, dort traf sie mit Osio zusammen, der von einem Baume seines Gartens, dessen Äste in den Hof ragten, zu ihr herunterstieg. Später fing er eine Liebschaft an mit Schwester Virginia, Sie sah ihn und er sah sie an einem in den Garten gehenden Fensterchen in der Zelle der Schwester Candida. Als mir das hinterbracht wurde, begab ich mich sofort zu dieser Zelle, aber sie war verschlossen. Virginia und Candida hatten sich eingeriegelt, Ich stieg deshalb auf den Fruchtspeicher, von dem aus man den Garten des Osio überschauen konnte. Hier sah ich, daß Osio im Garten stand und unverwandt nach dem Klosterfensterchen in der Zelle der Schwester Candida heraufblickte. Ob Virginia und Candida an diesem Fensterchen standen, konnte ich nicht bemerken. Ich verbot den beiden Nonnen, an dieses Fensterchen zu treten, weil dadurch die Ehre des Klosters leiden möchte. Sie leugneten, jemals von dort aus mit Osio geliebäugelt zu haben. Bald darauf ließ ich das Fenster zumauern. Nach vier oder fünf Monaten erfuhr ich, daß Virginia öfters an einem Fenster des Klosterbäckers zu treffen sei, von dem aus man in einen anderen Garten des Osio sehen konnte, und daß sie von dort aus mit ihm Blicke wechselte. Ich stellte sie deshalb zur Rede, sie aber leugnete alles ab. Ich vermutete, daß sie auch schriftlichen Verkehr mit Osio unterhielt und sich des Giuseppe Peseno als Boten bediente. Ich untersagte diesem daher den Zutritt ins Kloster. Das brachte die Schwester Virginia in hohem Grade auf, sie schleuderte mir die schwersten Beleidigungen ins Gesicht, und zwar geschah das in Gegenwart mehrerer anderer Nonnen. Diese hielten es mit Virginia, die von allen ihres Einflusses wegen gefürchtet wurde, und ließen mich im Stiche. Kurze Zeit darauf wurde Virginia krank; sie legte sich zu Bett und behauptete, ich hätte ihr Gift eingegeben. Sie setzte es mit Hilfe ihrer mächtigen Verwandten durch, daß ich von allen meinen Ämtern entfernt und an meiner Stelle die mit ihr eng befreundete Schwester Beatrice zur Priorin, sie selbst aber zur Vikarin ernannt wurde. Nun konnte sie tun und lassen, was sie wollte. Zwei Jahre später starb Beatrice, und ich wurde Pförtnerin. Während ich dieses Amt zu verwalten hatte, bemerkte ich wiederholt, daß das Schloß an der großen Tür der Kirche zur Nachtzeit geöffnet war. Ich kam auf den Gedanken, daß Osio auf diesem Wege in das Kloster gelange. Eines Nachts hörte Schwester Vittoria, daß in den anderen Klöstern bereits zu dem Matutinum (dem ersten Gebet) geläutet wurde. Sie stand eilig auf und lief ohne Schuhe nach der Kirche, um ebenfalls zu läuten. Auf der Treppe sah sie die Lampe, die soeben noch gebrannt hatte, plötzlich verlöschen. Eine mit Virginia befreundete Schwester stand vor ihrer Zelle und sagte zu der Schwester Vittoria, sie solle die Lampe wieder anzünden. Wahrscheinlich hatten Oslo und Virginia ein Stelldichein in der Kirche, und jene Schwester war beauftragt, Wache zu stehen und die Lampe auszulöschen, sobald ein Unberufener sich nahte. Ein andermal mußte die Schwester Paol' Antonia Aliprandi des Nachts ihre Zelle verlassen. Sie sah im Korridor drei Nonnen von der Pforte herkommen und rief 4 sie an. Eine der Nonnen, die ein Tuch um den Kopf geschlungen hatte, so daß ihr Antlitz verdeckt war, zog sich hierauf in eine Ecke nahe der Pforte zurück. Antonia war neugierig und wollte gern wissen, wer diese Nonne sei, sie wurde aber von Schwester Benedetta – einer der drei Nonnen – am Arme gefaßt und mit dem Bemerken zurückgeschoben, es sei die Schwester Giovanna. Das war eine Lüge, denn Giovanna befand sich in der Kirche. Wahrscheinlich hatte Osio sich in das Gewand einer Nonne gekleidet, um desto ungestörter bei Virginia sein zu können. In der Nacht der Vigilien am letztvergangenen Allerheiligenfeste war Schwester Dorothea krank. Viele Nonnen befanden sich in ihrer Zelle, unter ihnen auch die Freundinnen und Helferinnen der Virginia, die Schwestern Candida, Benedetta und Ottavia. Die letztere ging dreimal aus der Zelle und sprach, wenn sie wiederkam, stets heimlich mit Candida und Benedetta. Ich schloß daraus, daß Osio in dieser Nacht in das Kloster gekommen und bei Virginia sei, die unter dem Vorwand des Unwohlseins dem Gottesdienste nicht beigewohnt hatte. Virginia hatte in der Zelle der Schwester Ottavia geschlafen, diese, Candida, Benedetta und Silvia waren geschäftig aus- und eingegangen, hatten aber regelmäßig die Tür der Zelle verschlossen. Damit war die Schuld der Schwester Virginia so gut wie bewiesen. Am folgenden Tage wurde Virginia aus dem Kloster Santa Margherita weggebracht und in das Kloster del Borchetto zu Mailand übergeführt. Vermutlich befürchtete man, daß manche von den Nonnen nicht mit der Sprache herausgehen würden, solange Virginia im Kloster wäre und die Mittel besäße, ihren Einfluß geltend zu machen. Am 30. November 1607, bevor noch weiter in der Untersuchung vorgegangen worden war, ließ sich der Erzpriester Settala bei dem Kriminaloikar der erzbischöflichen Kurie von Mailand melden und überreichte ihm einen ihm soeben im Beichtstuhle eingehändigten Zettel, in dem der Guardian des Klosters Maria delle Grazie anzeigte, daß eine Nonne aus dem Kloster Santa Margherita mit zahlreichen Wunden bedeckt im Kloster Maria belle Grazie angekommen sei. Der Kriminalvikar Saraceno und der Erzpriester Settala begaben sich ohne Verzug in das außerhalb der Stadt gelegene Kloster Maria delle Grazie, der Notar aber, den Saraceno zu seiner Unterstützung, mitgebracht hatte, verfügte sich in das Kloster Santa Margherita, um Erkundigung einzuziehen über die Vorfälle, die sich dort in der vergangenen Nacht etwa zugetragen hätten. Er ließ durch die Priorin feststellen, welche Nonnen fehlten, und siehe da, die Schwestern Ottavia Ricci und Benedetta Homati, die zwei vertrauten Freundinnen der Schwester Virginia, waren während der Nacht vom 29. zum 3o. November aus dem Kloster verschwunden. Der Kriminalvikar Saraceno fand im Kloster Maria delle Grazie eine Nonne, deren Kleider beschmutzt, zerrissen und durchnäßt waren. Sie blutete stark und war augenscheinlich sehr schwach. Sie gab an, sie sei Schwester Ottavia Ricci und sei zusammen mit der Schwester Benedetta Homati aus ihrem Kloster entflohen. Giampaolo Osio habe sie beide zur Flucht überredet und ihnen den Weg gebahnt. Was aus ihrer Gefährtin geworden sei, das wisse sie nicht. Sie war so entkräftet, daß zunächst darauf verzichtet werden mußte, ein genaues Verhör mit ihr anzustellen. Sie wurde im Wagen aus dem Mönchskloster Maria delle Grazie in das Nonnenkloster di Santa Oisola in Monza geschafft, dort entkleidet, zu Bett gebracht und verbunden. Sie hatte nicht weniger als zwölf Wunden, die meisten am Kopfe, und war augenscheinlich sehr schwer verletzt. Als sie wieder so weit genesen war, daß sie ausführlich vernommen werden konnte, machte sie folgende Angaben: »Mein Vater heißt Agrippa, und ich bin in Mailand geboren. Bis gestern bin ich im Kloster Santa Margherita gewesen. Ich war sehr befreundet mit Schwester Virginia und kannte ihr Verhältnis zu Osio. Als sie gestern plötzlich aus dem Kloster weggebracht wurde, erschrak ich und fürchtete, daß nun auch ich, weil ich ihre Liebschaft mit Osio unterstützt und ihr Dienste geleistet hatte, zur Rechenschaft gezogen werden würde. Ich konnte es vor innerer Unruhe nicht mehr in meiner Zelle aushalten und begab mich zur Schwester Candida, um nicht allein schlafen zu müssen. Ich kleidete mich eben aus und wollte zu Bett gehen, als mir Schwester Benedetta ein Zeichen gab. Ich ging vor die Zelle und besprach mich dort mit ihr. Sie sagte mir, sie fühle sich nicht mehr sicher, fürchte sich vor der Kriminaluntersuchung, die der Kriminalvikar bereits eingeleitet habe, und sei deshalb unter allen Umständen entschlossen, aus dem Kloster zu fliehen. Sie habe Osio davon in Kenntnis gesetzt und ihn gebeten, ihr behilflich zu sein. Auf meine Bemerkung, das sei ja Wahnwitz, sie solle nicht so törichte Pläne verfolgen, entgegnete sie mir, wenn ich im Kloster bliebe und nicht ebenfalls die Flucht ergriffe, würde niemand anders als ich wahnsinnig sein. Hierauf ging sie die Treppe, die zur Kirche führte, hinunter, und ich lief ihr nach, um sie zurückzuhalten. Auf meine Frage, wo Osio sei, erwiderte sie: ›Komm mit, du wirst ihn schon sehen. Er ist eben damit beschäftigt, die Mauer zu durchbrechen.‹ Sie führte mich an die Gartenmauer in die Nähe des großen Tores und rief dem jenseits der Mauer stehenden Oslo zu: ›Wißt Ihr schon, daß Ottavia nicht mitkommen will?‹ Er antwortete: ›Meinetwegen! Aber nach allem, was ich erfahren habe, steht der Kopf auf dem Spiele.‹ Während Asio von außen eine Öffnung in die Mauer brach, half Benedetta von innen nach. Beide wurden nicht müde, mir vorzureden, welche fürchterlichen Strafen meiner warteten, wenn man durch die Untersuchung dahinterkäme, daß ich dem fleischlichen Umgange einer Nonne mit einem Manne Vorschub geleistet hätte. Sie malten mir solche schreckliche Bilder vor, daß ich mich endlich bereit erklärte, aus dem Kloster zu entweichen, wenn Osio mir versprechen wollte, mich in ein Nonnenkloster nach Bergamo zu bringen. Er versprach mir das, ich kleidete mich darauf wieder an und gelangte zusammen mit Benedetta durch die Öffnung der Mauer ins Freie, Osio geleitete uns an der Stadtmauer entlang, die wir an einer Stelle, wo sie eingestürzt war, überstiegen. Nachdem wir den Fluß Lambro eine kleine Strecke weit verfolgt hatten, kamen wir an die Kirche der Madonna delle Grazie. Ich schlug den andern vor, hier niederzuknieen und die Madonna anzurufen, daß sie uns auf unserem Wege in Gnaden schützen möchte. Mein Vorschlag wurde angenommen; unter der großen Tür der Kirche knieten wir nieder und beteten siebenmal das Salve Regina. Dann setzten wir unsere Wanderung fort und erreichten wiederum den Fluß Lambro. Ich glitt aus und fiel in das Wasser. Es war indes nicht tief, und ich fand bald Grund. Als ich mich an das Ufer arbeitete, zog Osio plötzlich ein Feuerrohr unter seinem Mantel hervor und schlug auf mich ein. Ich rief die heilige Maria von Loretto um Hilfe an, aber er hatte kein Erbarmen, sondern fuhr fort, mich auf den Kopf zu schlagen, ich weiß nicht wie oft. Als er gar den Hahn des Gewehres aufzog, fürchtete ich, daß er mich erschießen würde. Er feuerte jedoch nicht, sondern zerschlug mir die rechte Hand, mit der ich mich aufstützte, um das Ufer zu ersteigen. Schwester Benedetta stand etwas entfernt und bat den Osio, er möchte von mir ablassen. Ich verhielt mich nach den Schlägen auf die Hand ganz still, und Osio mochte deshalb glauben, daß ich tot wäre, und ging mit Benedetta weiter. Ich hatte nicht mehr die Kraft, an das Land zu kommen, das Wasser riß mich fort, aber mit Hilfe der heiligen Jungfrau, die ich bat, sie möchte mich nicht in meinen Sünden umkommen lassen, sondern mir Zeit zum Beichten gönnen, kam ich an eine seichte Stelle, an der man mich später gefunden hat. Ich hatte wohl schon drei Stunden dort gelegen, als endlich der Tag anbrach und ich einen Landmann entdeckte, der vorüberging. Ich rief ihn an und bat ihn, mich in sein Haus aufzunehmen und wenigstens eine Nacht bei sich zu behalten. Er schlug es mir jedoch ab und reichte mir nur einen Stock als Stütze, mit dessen Hilfe ich mich zum Kloster Maria delle Grazie schleppte.« An der von der verwundeten Schwester Ottavia bezeichneten Stelle wurde tatsächlich der blutige Schaft eines Feuerrohrs gefunden und dadurch die Erzählung der Nonne bestätigt. Sie wurde am 17. Dezember 1607 gefragt, ob sie bereit sei, ihre Angaben unter der Folter zu wiederholen. Sie bejahte es, setzte aber hinzu, unrichtig sei das eine, daß sie gesagt habe, sie sei in den Fluß Lambro gefallen. Sie sei nicht hineingefallen, sondern Osio habe sie hineingeworfen. Am 26. Dezember 1607 starb sie an ihren Wunden. Schon vorher, am 2. Dezember, hatte der Erzpriester Settala dem Kriminalvikar durch einen Eilboten anzeigen lassen, Schwester Benedetta sei in einem Brunnen bei Velate aufgefunden worden, ob tot oder lebendig, habe er nicht in Erfahrung bringen können. Augenblicklich eilten der Kriminalvikar und sein Notar in einer Karosse, begleitet von mehreren berittenen Dienern, an Ort und Stelle. Im Hause des Alberico de Albericis fanden sie eine Frauensperson in einem Bett liegend, deren Haupt mit Tüchern, wie sie Nonnen zu tragen pflegen, umhüllt war. Sie litt offenbar große Schmerzen und brach oft in laute Klagen aus. Auf Befragen sagte sie, daß sie Schwester Benedetta Homati aus dem Kloster Santa Margherita sei. Alberico sagte darüber, wie die Schwester in sein Haus gekommen sei, aus: »Als wir alle in der Kirche versammelt waren, hörten wir eine Stimme rufen: ›Helft mir, ich bin in diesem Brunnen!‹ Wir liefen nun an den einige Dutzend Schritte von der Kirche entfernten Brunnen und sahen, daß unten in der Tiefe ein Weib lag. Es stieg einer hinein und nahm ein Seil mit, mit dem sie herausgebracht wurde. Sie sagte, daß sie schon den vorigen Tag und die ganze Nacht im Brunnen gesteckt habe.« Der Vikar befahl ihr alsbald, aufzustehen und sich anzukleiden, damit sie nach Monza geschafft werden könne. Das geschah; sie wurde in das Kloster di Santa Orsola übergeführt, in dem, wie wir wissen, auch Schwester Ottavia ein Unterkommen erhalten hatte. Am 3. Dezember 1607 konnte Benedetta selbst im Kloster di Santa Arsola verhört werden, und zwar wurde sie als Hauptperson und als Zeugin eidlich abgehört. Ihre Aussage lautete: »Ich habe gewußt, daß Osio vertrauten Umgang mit Schwester Virginia unterhielt, und bin ihnen bei ihren Zusammenkünften behilflich gewesen. Am 29. November fragte Osio brieflich bei mir an, ob es wahr sei, daß Virginia infolge der Krimmaluntersuchung, die über das Kloster verhängt worden, bereits in ein anderes Kloster übergeführt sei. Ich antwortete ihm, das sei richtig, Virginia sei nach Milano gebracht worden, und ich müßte befürchten, ebenfalls in die Untersuchung verwickelt zu werden. Ich wollte deshalb lieber das Kloster heimlich verlassen und mich in ein anderes Kloster begeben, er solle mir dazu Beistand leisten und zu einer Stunde, die ich ihm bestimmte, an der Gartenmauer sein. Osio kam. Ottavia und ich flüchteten uns durch eine Öffnung, die Osio in die Mauer brach; wir verließen alle drei die Stadt Monza und schlugen den Weg nach Bergamo ein. Bald darauf warf Osio die Schwester Ottavia – vermutlich weil er sich einer Mitwisserin seines strafbaren Verhältnisses mit Virginia entledigen wollte – in den Lambro. Ich wollte ihr die Hand reichen und ihr heraushelfen, aber Osio versetzte ihr mit einem Feuerrohr mehrere Schläge auf den Kopf, und wir glaubten beide, daß sie tot sei. Mich zwang er, mit ihm weiterzuwandern. Etwa fünf bis sechs Miglien von Monza entfernt brachte er mich in ein verlassenes einsames Haus und ließ mich dort den Rest der Nacht und am folgenden Tage allein. Er setzte mir Käse und Wein vor, ich traute mich aber nicht, etwas zu genießen, weil ich mich fürchtete und dachte, er würde mich vergiften. In der nächstfolgenden Nacht kehrte Osio zurück und eröffnete mir, wir müßten weitermarschieren. Als wir etwa drei Miglien zurückgelegt hatten, kamen wir in ein Gebüsch, in dem sich ein Brunnen befand. Osio gab mir einen Stoß, daß ich hineinstürzen sollte. Ich fiel jedoch nur auf die Erde, nahm alle meine Kraft zusammen, stand gleich wieder auf und entfloh. Osio folgte mir auf dem Fuße, holte mich ein, schleppte mich mit Gewalt zurück und warf mich kopfüber in den Brunnen. Ich schlug im Fallen gegen mehrere hervorragende Steine und verletzte mich an der linken Seite. Als ich unten lag, warf Osio große Steine hinunter, die mir das rechte Schienbein zerschmetterten, mich aber nicht töteten, weil ich den Kopf dadurch deckte, daß ich mich unter einige Steine duckte, die eine Art von Dach bildeten. Der Brunnen war sehr tief, hatte aber kein Wasser. Es waren Steine drin und Knochen, ein schwarzer Klumpen, der darin lag, hatte das Ansehen eines menschlichen Kopfes. Ich habe eine entsetzliche Nacht und einen ganzen langen Tag in dem Brunnen zugebracht, bis endlich gestern früh mein Hilferuf gehört und ich erlöst wurde. Als ich in das Haus des Alberico getragen wurde, redete mir eine ältere Donna, die mir nach ihrer schwarzen Kleidung eine Witwe zu sein schien, zu, ich sollte doch angeben, daß ich mich selbst in den Brunnen gestürzt hätte. Ich entgegnete ihr aber, ich würde die Wahrheit sagen. Ich habe übrigens nur am Tage um Hilfe gerufen, nicht in der Nacht, weil ich fürchtete, Osio möchte in der Nähe sein, mich hören und mich vollends durch Steinwürfe töten.« Als man sie fragte, seit wie langer Zeit und auf welche Weise Osio in das Kloster Santa Margherita gekommen sei, antwortete sie: »Soviel ich weiß, ist Osio seit etwa vier bis fünf Jahren öfters, und zwar immer des Nachts, in das Kloster gekommen. Anfänglich kam er durch die Kirche, deren Tür ihm bald von mir, bald von Schwester Ottavia, bald von Schwester Virginia selbst geöffnet wurde. Später, als der Schlüssel von der Kirchtür abgezogen worden war, führten wir ihn mit Hilfe von Nachschlüsseln in das Kloster, und zwar in die Zelle der Virginia, aus der er sich regelmäßig, ehe der Tag anbrach, wieder entfernte. Aus dem Garten des Osio führte ein unterirdischer Gang in die Zelle der Schwester Ottavia. Diesen benutzte Osio verschiedene Male, um seine Geliebte, die dann in der Zelle der Schwester Ottavia schlief, zu besuchen. Am letzten Allerheiligenfeste gelangte Osio in das Kloster, indem er über die Mauer stieg. Er blieb damals vierzehn Tage im Kloster, teils in der Kammer der Ottavia, teils in der meinigen, die an die der Schwester Virginia stieß. Sogar an dem Abend des Tages, an dem Virginia das Kloster verließ, befand sich Osio in meiner Zelle und verbarg sich hinter den Bettvorhängen.« Schwester Benedetta war die erste, die erwähnte, daß auch ein Priester Paolo Arrigone eine Rolle in dem Verkehr zwischen Osio und Virginia gespielt hatte. Anfangs habe, so erzählte sie, Paolo Arrigone für Osio die Korrespondenz mit Schwester Virginia geführt, später aber sei er frech genug gewesen, für sich selbst ihre Gunst zu begehren, sei jedoch mit Verachtung von ihr zurückgewiesen worden. In der Tat befindet sich bei den Akten eine Zuschrift von Virginia an Arrigone, in der sie ihm in den stärksten Ausdrücken vorwirft, daß er es gewagt habe, eine Braut Christi in Versuchung zu führen. Benedetta gibt weiter an, Virginia habe oftmals Reue empfunden und den sündlichen Umgang mit Osio nicht fortsetzen wollen. Sie habe die Schlüssel zu ihrer Zelle und zur Klosterpforte in den Brunnen geworfen, darauf seien die Schlösser verändert worden, Osios Schlüssel hätten nicht mehr gepaßt, und folglich habe er nicht mehr in das Kloster gelangen können. Aber Arrigone habe dem Osio die neuen Schlüssel verschafft, dieser habe sich sofort Nachschlüssel machen lassen, sei mit Hilfe dieser Nachschlüssel wiederum zu Virginia gekommen, und nun sei sie von neuem in Sunde gefallen. Wohl fünfzigmal habe Schwester Virginia die Schlüssel weggeworfen, aber ebensooft habe Osio durch Vermittelung des Priesters Arrigone die neuen Schlüssel erhalten und nachmachen lassen. Aus Benedettas Aussage geht hervor, daß Osio ein auffallend schöner Mann gewesen ist und durch seine Schönheit auf Virginia großen Eindruck gemacht hat. Als sie ihn vom Fenster der Schwester Candida aus zum ersten Male erblickt habe, berichtete Benedetta, habe sie ausgerufen: »Si potrebbe mai vedere la più bella cosa!« (»Es kann nichts Schöneres in der Welt geben als ihn!«) Einige Tage, nachdem Schwester Benedetta aus jenem Brunnen herausgeholt worden war, am 9. Dezember 1607, sandte der königliche Fiskal Tormiani dem Kriminalvikar einen bereits stark in Verwesung übergegangenen menschlichen Kopf zu mit dem Bemerken, daß der Kopf in demselben Brunnen gelegen habe. Der Kopf war mit einem leinenen Tuche umhüllt und reichlich mit Haaren bedeckt, die aber nicht in Zöpfen herabhingen, sondern kurz geschnitten waren. Das Gesicht mußte, wie man aus der Bildung des Kopfes schließen konnte, rund gewesen sein. Dr. Antonio Monti wurde beauftragt, den Kopf zu untersuchen, und gab sein Gutachten dahin ab, daß es schwer sei, zu entscheiden, ob der Kopf einem Manne oder einem Weibe angehört habe; er neige aber mehr zu der Ansicht, daß es der Kopf eines Weibes sei. Es entstand die Vermutung, daß man den Kopf der Schwester Catterina vor sich habe, die von Osio ermordet und deren Kopf von ihm in den erwähnten Brunnen geworfen worden sein mußte. Die angestellten Verhöre erhoben diese Vermutung zur Gewißheit. Schwester Ottavia sagte noch vor ihrem Tode aus: »Schwester Catterina, die kurze Haare trug und ein rundes volles Gesicht hatte, geriet eines Tages in Zwist mit Schwester Degnamerita. Virginia, die mit der letzteren sehr befreundet war, ließ deshalb die Catterina in einen Raum neben der Waschküche einsperren. Catterina fing darauf an, von Virginia, Benedetta und mir übel zu reden, sie drohte, den Umgang zwischen Virginia und Osio anzuzeigen und sie an ihrer Stelle ins Gefängnis zu bringen. Als Osio dies erfuhr und zugleich hörte, daß Monsignore Bacca im Kloster angekommen sei, um Visitation zu halten, fürchtete er, Catterina würde ihre Drohung ausführen. Er beschloß deshalb, sie zu ermorden. Eines Nachts, als Osio im Kloster bei seiner Geliebten war, begaben wir uns in das Gefängnis der Schwester Catterina. Schwester Benedetta ging zuerst hinein und sprach mit ihr, dann folgte Virginia, dann ich, dann Osio. Er hatte aus der Waschküche den eisernen Fuß einer Haspel (un piede di bicocca) geholt und versetzte ihr damit, als sie sich von ihrem Strohlager erhob, etliche Schläge auf den Kopf. Die Schläge waren tödlich, sie starb nach wenigen Augenblicken in unserem Beisein, und wir trugen die Leiche in den Hühnerstall. Benedetta und ich zogen die Tote an den Füßen in eine Ecke und legten Holz auf sie, so daß sie nicht gesehen werden konnte. Hierauf brach Osio mit Hilfe seines Degens eine Öffnung in die Gartenmauer und entfernte sich. In der folgenden Nacht kam Osio wieder und trug zusammen mit Schwester Benedetta die Leiche in seine Wohnung. Dort zerstückelte er den Körper, zerstreute die einzelnen Teile und warf den Kopf, wie er uns später mitteilte, in einen von Monza ziemlich weit entfernten Brunnen.« Benedetta bestätigte diese Angaben im wesentlichen, fügte aber noch hinzu, daß auch die Schwestern Silvia und Candida bei dem Morde zugegen gewesen wären. Beide räumten es bei ihren Verhören ein, und im Hause Osios fand man, als genau nachgesucht wurde, in einem versteckten Räume mehrere Knochen, die Sachverständige für Menschenknochen erklärten. Osio, der also in ein Nonnenkloster eingedrungen, die Schwester Virginia verführt, mit ihr jahrelang Unzucht getrieben, sodann die Schwestern Ottavia und Benedetta aus dem Kloster weggebracht, die erstere sowie schon vorher die Schwester Catterina ermordet und die Schwester Benedetta zu ermorden versucht haben sollte, Osio, dem ferner der Tod des Apothekers Reineri und eines Agenten Molteno vorgeworfen wurde, war schon vor dem Eintreffen des Kriminalvikars aus Monza verschwunden. Die Justiz bot alles auf, um seiner habhaft zu werden, aber vergeblich. Osio war ein gewandter Mann, er hatte viele gute Freunde, und die Grenze war bald erreicht. Am 12. Dezember 1607 reichte er beim Erzbischof Federigo Borromeo eine Verteidigungsschrift ein, in der er keck behauptete, die arme Virginia und er seien durch schlechte Menschen in eine Falle gelockt worden. Die Hauptschuld träfe die Schwestern Ottavia und Benedetta; diese hätten ihn dazu verleitet, sie aus dem Kloster wegzuführen. Unterwegs seien beide in heftigen Streit geraten, Benedetta habe zuletzt in voller Wut die Ottavia in den Lambro gestoßen und dann sich selbst aus Verzweiflung darüber in den Brunnen gestürzt. Der Priester Paolo Arrigone und nicht er habe die Liebesbriefe an Virginia geschrieben. Er bat den Erzbischof um die Gnade, ihm die Aufnahme in das Kastell zu Pavia zu gestatten, damit er der lästigen Verfolgungen durch die Justiz- und Polizeibehörden endlich überhoben werde. Es braucht kaum bemerkt zu werden, daß dieses Gesuch nicht berücksichtigt wurde. Am 22. Dezember 1607 fand im Kloster del Borchetto zu Mailand das erste Verhör der damals zweiunddreißig Jahre alten, noch immer liebreizenden und liebenswürdigen Schwester Virginia statt. Sie wurde in doppelter Eigenschaft vernommen: als Angeschuldigte und als Zeugin. Man ließ sie einen feierlichen Eid leisten, daß sie die Wahrheit angeben werde, und begann auch hier wie bei den übrigen Verhören mit der Frage, ob sie wisse oder vermute, weshalb sie sich in diesem Kloster und nicht mehr im Kloster Santa Margherita in Monza befinde, und weshalb gegen sie die Kriminaluntersuchung eingeleitet worden sei. Sie antwortete: »Ich weiß es nicht anders, als daß das Gerede in bezug auf Giampaolo Osio die Ursache ist. Deshalb bin ich auch hierher versetzt worden; übrigens habe ich meine Versetzung selbst gewünscht.« Nun fragte man, was an dem Gerede Wahres sei. Daraufhin erklärte sie: »Meine Oberen, insbesondere auch Monsignore Bacca, warfen mir vor, ich hätte mit Osio, dessen Haus sich dicht neben dem Kloster befindet, in dem ich in Monza gelebt habe, in einem Liebesverhältnis gestanden. Dieser Vorwurf war auch begründet. Es ist aber von meiner Seite eine erzwungene Liebe gewesen, denn freiwillig würde ich nicht einmal dem Könige von Spanien eine Vertraulichkeit gestattet haben. Es sind jetzt sechs Jahre verflossen, seit mein Agent Joseph Molteno von Giampaolo Osio getötet wurde. Der Mörder hatte sich, um den Händen der Justiz zu entgehen, geflüchtet und in seiner Gartenwohnung dicht an der Klostermauer versteckt. Eines Tages war ich zufällig in der Zelle der Schwester Candida Brancolina und stand an dem nach dem Garten hinausgehenden Fenster. Osio sah mich dort und grüßte mich ehrerbietig. Als ich bald darauf wieder an jenem Fenster stand, grüßte er mich nochmals und gab mir durch ein Zeichen zu verstehen, daß er mir einen Brief zusenden wollte. Ich war aufgebracht darüber und zürnte ihm wegen der Tötung meines Agenten. Ich setzte deshalb den Richter von Monza, Carlo Pirovano, von dem Versteck Osios in Kenntnis und hoffte, er würde ihn festnehmen und in das Gefängnis setzen lassen. Da wandte sich die Mutter Osios an die Priorin und bat sie, bei mir ein gutes Wort einzulegen, daß ich meine Klage zurücknehmen und den Richter wissen lassen möchte, ihr Sohn habe meine Verzeihung erhalten. Die Priorin sagte mir das und verlangte von mir, ich sollte den jungen Mann nicht ins Unglück stürzen und nicht darauf bestehen, daß er bestraft würde. Hierauf schrieb ich dem Richter, daß er die Sache auf sich beruhen lassen sollte. Er antwortete mir, es hätten sich schon viele Kavaliere bemüht, den Lauf der Gerechtigkeit in diesem Falle zu hemmen, er habe ihnen indes niemals Gehör geschenkt. Nachdem ich nun aber selbst auf die Verfolgung verzichtet hätte, wollte er kein weiteres Verfahren einleiten. Ich benachrichtigte Osio hiervon, und er dankte mir vom Garten aus, indem er mir zugleich versicherte, er würde mir ebenso gern und ebenso eifrig dienen, wie Molteno es getan habe. Zugleich bat er um die Erlaubnis, mir einen Brief schreiben zu dürfen. Einige Tage später war er wieder im Garten und zeigte mir einen Brief, den er in der Hand hielt. Ich willigte ein, ihn anzunehmen, er warf ihn über die Mauer in den Hühnerhof des Klosters, Schwester Ottavia holte und überbrachte ihn mir. Der Brief war zwar in respektvollen, aber doch auch in zärtlichen Ausdrücken geschrieben. Mir kam er zu frei vor, denn Osio trug mir darin, wenn auch in verblümter Weise, seine Liebe an und gab mir zu erkennen, daß er hoffte, ich würde ihm ein Stelldichein bewilligen. Ich schrieb zurück und verwies ihm seine Zudringlichkeit. Ich fragte ihn, wie er es wagen könne, mir seine Huldigung darzubringen, und deutete ihm an, daß er es bereuen würde, wenn er fortführe, mich zu belästigen. Osio beratschlagte sich mit seinem vertrauten Freunde, dem Priester Arrigone, wie er sich bei mir entschuldigen und insinuieren könne. Arrigone riet ihm, mich durch einen Brief voll Reue und Demut zu täuschen. Osio schrieb in diesem Sinne und bat mich um Vergebung wegen seiner Kühnheit. Dieser Brief wurde an einen Faden befestigt, den ich vom Fenster hinabließ, und dann von mir heraufgezogen. Ich freute mich, daß er seinen Fehler eingesehen hatte und so zerknirscht an mich schrieb. Seine Mutter schickte mir seidene Blumen von Bologna, Moschuskugeln und andere Dinge als Geschenke. Ich wußte aber recht gut, daß eigentlich Osio der Geber war. Den Priester Arrigone sah und sprach ich öfters; anfänglich erzählte er mir viel von Osio, dann aber sagte er mir, daß er selbst ihm die Briefe an mich diktiert habe und daß er von Liebe zu mir entbrannt sei. Ich verbat mir diese Sprache und wandte ihm den Rücken. Dagegen gewährte ich das von Osio an mich gestellte Ansuchen, ihm im Sprechzimmer eine Zusammenkunft zu gewähren. Schwester Ottavia warf auf mein Geheiß die Schlüssel über die Mauer in seinen Garten, und mit ihrer Hilfe kam er eines Nachts in das genannte Zimmer. Ich war durch ein doppeltes Gitter von ihm geschieden und hörte ihn nur an. Er bat mich um Verzeihung wegen der Tötung des Molteno und zeigte die größte Bescheidenheit in allem, was er sprach. Ich sah ihn dann noch ein zweites Mal im Sprechzimmer, und es kam mir vor, als fühlte ich mich durch Zauberei zu ihm hingezogen. Von da an mußte ich immer an jenes Fenster in Schwester Candidas Zelle treten, um ihn zu sehen. Es trieb mich dazu eine diabolische Kraft, auch wenn ich mir fest vornahm, es nicht wieder zu tun. Ich erinnere mich, daß ich mir einmal, als Schwester Ottavia mir meldete, Osio sei im Garten und schaue herauf zu dem Klosterfenster, Gewalt antat und nicht an das Fenster hinanging, aber ich mußte wenigstens auf einen Kasten steigen, um ihn von da aus zu erblicken, während er mich nicht sehen konnte. Ich war sehr unwillig über mich selbst und flehte Gott um Beistand an in dieser Versuchung. Es half mir aber nichts, sein Bild stand mir Tag und Nacht vor den Augen, ich konnte nicht von ihm lassen. Ich raufte mir die Haare aus und trug mich sogar mit Selbstmordgedanken, aber immer von neuem und immer mächtiger trat der Versucher an mich heran. Ich bin überzeugt, daß Zauberei gegen mich angewendet worden ist und teuflische Kunst mich berückt hat. Im Sprechzimmer reichte mir Osio einen Gegenstand durch das Gitter und ließ mich ihn mit der Zunge berühren, indem er vorgab, es sei eine heilige Reliquie. Es war aber, wie er mir nachher gestanden hat, ein Magnet und ist vielleicht das Zaubermittel gewesen, das er benutzt hat, um mich zu verführen. Als ich noch gegen die in mir aufkeimende Leidenschaft kämpfte, fing der Priester Arrigone von neuem an, mir Liebesanträge zu machen und Liebesbriefe zu schreiben. Ich zerriß die letzteren vor seinen Augen und sagte ihm sehr deutlich, daß er nicht die mindeste Hoffnung hätte, jemals von mir erhört zu werden. Darauf begann er um die Liebe der Schwester Candida zu werben, er brachte sie wirklich dahin, daß sie ihm im Sprechzimmer wiederholt des Nachts ein Stelldichein gab und seine Geliebte wurde. Unser Faktor Domenico besorgte den Briefwechsel zwischen beiden, mich aber empörte diese Falschheit, ich setzte durch, daß Domenico aus dem Kloster entlassen wurde, und deshalb warf Arrigone einen tödlichen Haß auf mich. Bis dahin war zwischen Osio und mir noch kein anderes Unrecht vorgekommen, als daß ich mit ihm heimlich zusammengekommen 5 war und mit ihm gesprochen hatte. Einmal bat er mich, ich sollte ihm in der Nacht hinter der kleinen Klosterpforte ein Stelldichein geben. Unter dem Einfluß der Zauberei gestand ich es zu, machte aber die Bedingung, daß dies die letzte Zusammenkunft sein sollte. Schwester Ottavia hob die eiserne Stange, die die Pforte verschloß, in die Höhe, öffnete und führte Osio zu mir. Wir plauderten miteinander, während Ottavia in der Nähe blieb. Osio betrug sich sehr anständig und nahm sich auch in allem, was er sprach, sehr zusammen. Als er sich entfernte, fragte er, ob er in den nächsten Tagen wiederkommen dürfte. Ich erlaubte es. Es verging aber eine längere Zeit, er wurde sehr ungeduldig und bestürmte mich, ihn nicht so lange warten zu lassen. So kamen wir wiederum in der Nacht hinter der Klosterpforte zusammen und unterhielten uns über Verschiedenes. Beim Fortgehen wurde Osio zudringlich und tat mir eine Beleidigung an. Ich eilte davon und ließ ihn flehen. Ich betete fleißig und geißelte mich bis auf das Blut, um der Versuchung zu widerstehen und von dem Menschen loszukommen. Ich beschloß, ihn nie wiederzusehen und jede Gelegenheit dazu zu meiden. Aber der Teufel zog mich doch von neuem zu ihm hin und folterte mich in meinem Gemüte so, daß ich bei meinem Entschlusse nicht beharren konnte und wieder hin zu ihm mußte. Ich kehrte zurück zur Klosterpforte, Osio wartete auf mich, er schloß mich in seine Arme, und ich verfiel der Sünde. Darüber wurde ich ganz schwermütig und krank, so daß ich drei Monate lang zu Bett liegen mußte. Osio hörte unterdessen nicht auf, mir Briefe zu schreiben und mich zu bitten, ich möchte ihm den Eintritt in das Kloster und in meine Zelle gestatten. Als ich ihm erwiderte, daß ich mich der Strafe der Exkommunikation aussetzte, wenn ich dies täte, schickte er mir ein Buch, das von Gewissenssachen handelte. Darin stand, daß es nicht mit dem Kirchenbanne bestraft werde, wenn ein Mann in ein Nonnenkloster hineingehe, wohl aber, wenn eine Nonne aus ihm herausgehe. Das Buch hatte Osio vom Priester Arrigone geliehen erhalten. Nachdem ich es gelesen hatte, willigte ich ein, daß Osio mich im Kloster besuchte. Er kam nun oft und blieb Tag und Nacht in meiner Zelle. Nach einiger Zeit fühlte ich, daß ich schwanger war. Ich wurde von einem toten Knäblein entbunden. Ich erkrankte, bekam ein Fieber, das mich drei Jahre lang nicht verließ, und hatte große Gewissensunruhe. Um endlich von diesem sträflichen Umgange loszukommen, verkaufte ich mein Silberzeug und ließ der Madonna di Loretto eine Votivtafel anfertigen, auf der eine Nonne dargestellt war, die, ein Knäblein im Arme, auf ihren Knieen lag und weinte. Ich gelobte späterhin der Madonna noch zweimal Opfergaben, wenn sie mich von dieser sündhaften Leidenschaft befreien wollte. Es half aber nichts, die Zauberei war zu mächtig, ich setzte den Verkehr mit Osio fort und gebar eine Tochter.« Virginia versicherte weiter, daß sie keinen Teil habe an den Verbrechen, die von Osio gegen die Schwestern Catterina, Ottavia und Benedetta verübt worden seien. Schwester Catterina sei allerdings auf ihr Geheiß eingesperrt worden und habe gedroht, ihr Verhältnis zu Osio zur Anzeige zu bringen. Sie, Virginia, sei mit den anderen Schwestern in ihr Gefängnis gegangen, um ihr gut zuzureden, diese Drohung nicht auszuführen. Catterina aber habe hochmütig geantwortet, sie werde Virginia und ihren Geliebten doch ins Verderben stürzen. Nun sei der mitanwesende Osio in Zorn geraten und habe sie erschlagen. »Ich würde«, beteuerte sie, »niemals, und wenn es der Kaiser verlangt hätte, meine Zustimmung dazu gegeben haben, daß jemand ein Übel zugefügt würde.« Am 19. Februar 1608 wurde Virginia gefoltert und unter Anlegung eines den Daumenschrauben ähnlichen Instruments (sibili) aufgefordert, anzugeben, ob sie in ihren früheren Verhören die lautere Wahrheit gesagt habe. Sie rief: «Ich bestätige alles, es ist die reine Wahrheit. Bindet mich los, ihr tut mir sehr weh, ich kann nicht mehr!« Sie wurde losgebunden und unterschrieb das über die Verhandlung aufgenommene Protokoll. Hiermit schließen die Akten der Voruntersuchung, und es folgen die Urteile, zuerst das vom 18. Oktober 1608 gegen Virginia allein. Mannerio Lancilotto, apostolischer Protonotar und Kriminalvikar der erzbischöflichen Kurie zu Mailand, verkündigte in Gegenwart des Notars Gerolamo Bolino, sowie des Pietro Barca, Doktors der Theologie und Kanonikus an dem Kollegiatstift di Santo Ambrogio, und des Priesters Antonio Mazinelle, Pflegers des Hospitals di Santo Ambrogio zu Mailand, das Urteil, welches folgendermaßen lautete: »Nach wiederholter Anrufung des Namens Christi und Gott vor Augen erkennen wir nach Anhörung des Rates Sachverständiger und unter deren Zustimmung die Schwester Virginia für überführt, nicht allein durch viele Zeugen, sondern auch durch ihr eigenes Geständnis, daß sie viele schwere und abscheuliche Verbrechen begangen hat, und verurteilen sie, indem wir sie mit Rücksicht auf die heiligen Kanones und päpstlichen Konstitutionen mild behandeln, zur Strafe der lebenslänglichen Einkerkerung in dem Kloster di Santa Valeria zu Mailand in der Weise, daß sie dort in einem kleinen Gefängnis eingemauert werde, so daß nur eine kleine Öffnung in der Wand bleibt, durch die ihr das Erforderliche gereicht werden könne, daß sie nicht Hungers sterbe, und ein kleines Fensterchen, damit sie Licht und Luft habe. Sodann soll sie während eines Zeitraums von fünf Jahren wöchentlich an jedem sechsten Tage zu ihrem Seelenheil und zu ihrer Erinnerung an das Leiden Christi fasten und womöglich nur Wasser und Brot erhalten. Auch soll sie gehalten sein, die kanonischen Stunden aufmerksam und fromm innezuhalten. Ihre Einkünfte und Renten, sowie die Früchte ihrer Brautgabe sollen, solange sie lebt, dem genannten Kloster zugewiesen werden, nach ihrem Tode aber mit ihrer Brautgabe an das Kloster di Santa Margherita zurückfallen. Aller Würden und Privilegien, sowie des aktiven und passiven Wahlrechts wird sie verlustig erklärt.« Das zweite Urteil wurde am 24. Januar 1609 gegen den Priester Arrigone publiziert, nachdem zuvor ein Fiskal, der Advokat Sebastiano Ricci an der erzbischöflichen Kurie, aufgetreten war. Die einzelnen Verbrechen wurden aufgezählt und Arrigone der Beihilfe an den Verbrechen des Osio, der versuchten Verführung an Virginia und der vollendeten Verführung an der Schwester Candida Colomba für schuldig erklärt. Er wurde nach vorgängiger Beratung mit dem Erzbischofe zu einer zweijährigen Galeerenstrafe und zu ewigem Exil, fünfzehn Meilen von Monza entfernt, verurteilt. Arrigone ergriff das Rechtsmittel der Berufung an den Papst und focht das Urteil als ungerecht an, weil er die Verbrechen, deren er für schuldig erachtet worden sei, nicht begangen habe, vielmehr seine Feinde alles, was gegen ihn vorgebracht worden sei, erdichtet hatten. Aus den Akten ist indes nicht zu ersehen, ob die Berufung irgendeinen Erfolg gehabt hat. Am 16. Juli 1609 erteilte der Erzbischof von Mailand dem Vikar Lancilotto die Ermächtigung, das Kloster Santa Margherita mit einem Notar zu betreten und gegen die Nonnen Benedetta – die in das Kloster zurückgebracht worden war –, Silvia und Candida die Untersuchung einzuleiten, gegen die ersteren, weil sie das sträfliche Verhältnis zwischen Osio und Virginia unterstützt, gegen die letztere, weil sie dasselbe getan und sich auch selbst mit dem Priester Arrigone vergangen habe. Der Vikar erhielt die Befugnis, diese Nonnen, wenn er es zur Ermittelung der Wahrheit für nötig hielte, auf die Folter spannen zu lassen. Sie gestanden, was ihnen zur Last gelegt wurde, und schon am 26. Juli 1609 konnte das Urteil gefällt werden. Es lautete dahin, daß alle drei Nonnen eingemauert werden sollten. Eine Berufung nach Rom, die ihre Verwandten einlegten, scheint vergeblich gewesen zu sein. Während über die unglücklichen Nonnen eine so fürchterliche Strafe längst ausgesprochen worden war, lebte der Hauptverbrecher Giampaolo Osio noch immer auf freiem Fuße. Der Senat von Mailand verfolgte ihn zwar durch seine Delegierten, den Senator und Doktor der Rechte Giovanni di Salamanca und den Generalfiskal Francesco, auf das eifrigste, und nicht bloß ihn allein, sondern auch seine Diener Camillo, genannt Rosso, Nicolao Perrina und Luigi Panzuglio. Die Diener sollten ihrem Herrn bei der Ermordung des Drogisten Reineri Roncini, der im Oktober 1607 in Monza in seinem Laden erschossen worden war, geholfen und dann sich mit Osio verabredet haben, den Priester Arrigone als Mörder anzugeben. Es gelang jedoch nicht, die Missetäter zu ergreifen, deshalb wurden durch ein Kontumazialurteil vom 25. Februar 1608 Giampaolo Oslo wegen Mordes zum Tode am Galgen und seine Diener zum Tode durch das Schwert verurteilt und ihr gesamtes Vermögen eingezogen. Der Statthalter Graf di Fuentes erließ am 5.April 1608 eine öffentliche Bekanntmachung, laut welcher er demjenigen, der den zum Tode verurteilten Osio lebendig in die Hände der Gerichte liefere, eine Belohnung von tausend Scudi zusicherte und ihm ferner versprach, daß ihm für den Osio vier Verbrecher freigegeben werden sollten. Dem, der den Osio tot liefere, wurden fünfhundert Scudi und die Freigabe von zwei Verbrechern verheißen. Gleichzeitig, wurde das dem Osio gehörige Haus in Monza niedergerissen, dem Boden gleichgemacht und dann auf jener Stelle eine Schandsäule errichtet. Allein Osio hatte auch in Monza Freunde; nach wenigen Tagen fand man die Schandsäule umgestürzt auf der Erde liegen. Es kam nicht heraus, von wem dieser Frevel begangen worden war, obwohl für die Entdeckung des Täters ein Preis von hundert Scudi ausgesetzt wurde. Auch die tausend Scudi für die Ergreifung Osios verdiente sich niemand, und dennoch wurde die Strafe an ihm vollzogen. Das trug sich so zu. Osio irrte unstet und flüchtig lange Zeit umher, seine Einnahmequellen versiegten, weil sein Vermögen in Beschlag genommen worden war, er litt oft bittere Not und war nirgends willkommen, wo er anklopfte. Zuletzt kehrte er heimlich nach Mailand zurück und wurde von einem seiner früheren Freunde, der dort in großem Ansehen stand, aufgenommen. Mehrere Tage blieb er in dessen Hause verborgen, eines Morgens aber sah man auf dem Schafott, das auf einem freien Platze stand, das Haupt des Verbrechers aufgepflanzt. Sein Gastfreund hatte ihn köpfen und das vom Rumpfe getrennte Haupt auf das Schafott stecken lassen. Ob er ihn töten ließ, um sich von dem Verdachte zu reinigen, daß er dem Mörder Herberge gewährt habe, oder weil er dadurch die Gunst des Statthalters zu erlangen hoffte, oder um anderer unbekannter Ursachen willen – wir wissen es nicht. Aber es wird berichtet, daß bei der Hinrichtung auch eine gewisse feierliche Form beobachtet worden sei. Der nichts Schlimmes ahnende Osio soll mitten in der Nacht geweckt, in ein unterirdisches Gemach gebracht, dort in Fesseln gelegt und, nachdem er einem daselbst anwesenden Priester gebeichtet habe, enthauptet worden sein. Die Nonnen Virginia, Benedetta, Silvia und Candida wurden lebendig eingemauert, sie büßten in ihrem furchtbaren Gefängnis den Bruch ihres Klostergelübdes. Virginia lebte noch lange Jahre in ihrer Einsamkeit, sie erreichte ein Alter von mehr als sechzig Jahren und wurde als ein Muster tiefer Reue und wahrer Gottesfurcht allgemein verehrt. Der berühmte mailändische Maler Daniele Crespi (1592-1630) erhielt vom Erzbischof die Erlaubnis, sie zu malen. Das merkwürdige Bild soll noch jetzt in Mailand vorhanden sein. Der Kardinal-Erzbischof Federigo Borromeo erwähnt die so hart gestrafte Nonne in einem Briefe vom 21. Juni 1627 nach Madrid, wo man sich für das tragische Geschick dieses edelgeborenen Mädchens lebhaft interessierte. Der Erzbischof sagte von ihr, sie könne ein Spiegel ernster Reue genannt werden. Das deutet darauf hin, daß er Mitleid für sie fühlte; indes enthalten unsere Quellen nichts darüber, ob ihr Los etwa später gemildert worden wäre. So endete dieser berühmte Prozeß. Er läßt uns einen Blick tun in die Roheit und Gewalttätigkeit des italienischen Adels in der Zeit des siebzehnten Jahrhunderts und nicht minder in die Verwilderung des Priesterstandes und die Sittenlosigkeit, die in den Klöstern damals zu Hause war. Geständnis des Räubers Karl Friedrich Masch Ich bin der jüngste Sohn des Handarbeiters Martin Masch und wurde am 28. April 1824 im Forsthaus Brunken bei Berlinchen geboren. Meine Eltern zogen bald nach meiner Geburt nach Hohenziethen, wo ich in die Schule gegangen und konfirmiert worden bin. Mein Vater trank, war aber fleißig und kam selten den Tag über nach Hause. Die Sorge für die Erziehung der Kinder überließ er der Mutter. In die Schule ging ich ungern, das Lernen wurde mir zwar leicht, aber ich hatte keine Freude an den Büchern und sprang lieber in Feld und Wald umher. Ich fing Tauben ein und verkaufte sie, stellte Sprenkel, nahm Vogelnester aus und plünderte mit meinen Kameraden die Obstgärten der wohlhabenden Bauern. Die Mutter strafte mich zwar mitunter, aber ihre Züchtigungen waren mir meistens sehr gleichgültig; wenn sie ja einmal derb zuschlug, lief ich davon und hielt mich tagelang verborgen, damit sie sich recht ängstigen sollte. Der Vater kränkelte viel und starb, nachdem ich eingesegnet war. Im Jahre 1838 trat ich auf dem Rittergute Hohenziethen in Dienst; anfangs mußte ich die Ochsen hüten, als meine Körperkräfte zunahmen, wurde ich zu den gewöhnlichen Arbeiten der Knechte herangezogen. Es verdroß mich, daß mein Herr nicht zufrieden mit mir war, am liebsten wäre ich bei dem ersten unfreundlichen Wort weggelaufen, denn Tadel vertrug ich nun einmal nicht. Vier Jahre hielt ich aus, dann wurde ich weggeschickt, weil ich mich betrunken und im betrunkenen Zustande unbesonnene Streiche gemacht hatte. Bei einem Bauer in Beyersdorf fand ich ein Unterkommen. Mein Bruder Johann Gottlieb diente in demselben Orte und richtete sich damals durch seine Leidenschaft, die er nicht beherrschen konnte, zugrunde. Er hatte mit der Tochter seines Dienstherrn eine Liebschaft angeknüpft und überwachte das Benehmen seiner Geliebten mit eifersüchtigen Augen. Es fiel ihm auf, daß sie auch gegen andere Burschen freundlich war, er bildete sich ein, daß er von ihr betrogen werde, und schwor ihr Rache. Als er sie eines Tages bei der Arbeit allein traf, stieß er ihr ein Messer in die Brust und sprang darauf in den nahen Brunnen, um sich den Tod zu geben. Allein das Wasser wollte ihn nicht haben, immer wieder trieb es ihn an die Oberfläche, und nachdem er viermal untergetaucht war und viermal wieder in die Höhe gehoben worden war, wurde er ergriffen. Das Mädchen starb infolge des Messerstichs, mein Bruder wurde als ihr Mörder zum Tode durch das Rad verurteilt, aber zu lebenslänglichem Zuchthause begnadigt. Ich war ebensosehr zum Jähzorn geneigt wie Johann und wundere mich jetzt noch darüber, daß mir sein Geschick nicht zur Warnung gedient hat. Ich kann indes nicht anders sagen, als daß der Eindruck der ganzen Sache auf mich nicht tief ging, ich schlug mir das Unglück des Bruders aus dem Sinn, und am wenigsten fiel es mir ein, daß mir mein heißes Blut je einen ähnlichen Streich spielen könnte. Im Dienste behagte es mir gar nicht, ich überwarf mich mit meinem Herrn und wollte mich dafür rächen, daß er mich schalt. Am Abend war die Rede davon, es sollte am nächsten Morgen Getreide in der Scheune ausgedroschen werden; dabei stieg in mir der Gedanke auf, daß ich dem Bauer alle Unbill vergelten könnte, wenn ich die gefüllte Scheune in Asche legte. Der Gedanke wurde mir immer süßer und reifte allmählich zum festen Entschluß. Mit dem Grauen des Tages machte ich das mir anvertraute Gespann zur Abfahrt nach dem Felde zurecht, ehe ich den Hof verließ, nahm ich noch ein Stück glimmenden Schwamm, umwickelte es mit einer tüchtigen Menge Flachs und steckte das Bündel unter das Strohdach. Ich rechnete darauf, daß der Flachs erst allmählich in Brand geraten und das Feuer erst in einigen Minuten aufgehen würde. Ich hatte mich nicht geirrt, denn ich war schon auf dem Felde, als die Lohe emporstieg. Schnell eilte ich mit den Pferden nach Hause und half retten. Kein Mensch hatte Verdacht auf mich, und doch schwebte ich in einer entsetzlichen Angst. Der Bauer dauerte mich, denn der Schaden war größer geworden, als ich gewollt hatte; in jedem Augenblick dachte ich, man würde kommen und mich festnehmen. Als das Gericht zur Feststellung des Tatbestandes eintraf, war meine Unruhe so stark, daß ich glaubte, man müßte mir das böse Gewissen ansehen; mehreremal nahm ich einen Anlauf, freiwillig alles zu gestehen, die Furcht vor der Strafe hielt mich indes ab. Nach einigen Tagen war ich bereits sicher geworden und machte mir nun Vorwürfe über meine Dummheit, daß ich mich selbst hatte anzeigen wollen. Ich wußte jetzt aus Erfahrung, daß nicht alles Unrecht an den Tag kommt, und schritt deshalb auf dem einmal betretenen Wege mutiger vorwärts. Zunächst entwendete ich einem meiner Mitknechte etliche Groschen aus der Lade, dann wechselte ich den Dienst und zog nach Neuendorf; auch hier blieb ich nur kurze Zeit, ich wurde fortgeschickt und wurde auf dem Rittergute Hohenziethen, wo ich schon früher gedient hatte, wieder aufgenommen. Von dort schlich ich mich eines Nachts nach Neuendorf in das Gehöft meines früheren Brotherrn. Ich schnitt den Pferden die Schwänze ab, nahm die Messer von der Häckselschneidebank mit und warf sie ins Wasser. Ich war hocherfreut darüber, daß ich mich auf diese Weise an dem Bauer hatte rächen können. Auf dem Rittergute war meines Bleibens nicht lange, der Herr jagte mich vom Hofe, weil er nicht zufrieden mit meiner Arbeit und mit meiner Führung war; ich befand mich in Not, verschaffte mir aber Geld, indem ich eine Gans stahl und sie in Pyritz verkaufte. Inzwischen kam die Zeit heran, wo ich Soldat werden mußte. Ich wurde im Jahre 1844 bei dem damals in Soldin garnisonierenden zweiten Bataillon des l4. Infanterieregiments eingestellt und hatte eine zweijährige Dienstzeit zu bestehen. Ich war klug genug, einzusehen, daß es für mich vorteilhafter war, wenn ich mich der strengen Disziplin ohne Murren fügte. Ich fühlte den eisernen Zwang, zu gehorchen, und war daher auch gehorsam. Geldmittel besaß ich außer der Löhnung nicht, folglich mußte ich auf die Teilnahme an öffentlichen Vergnügungen verzichten; ich blieb meist in meinem Quartier und vertrieb mir die Zeit durch Lesen. Schon in Hohenziethen hatte ich mit einem dort dienenden Mädchen ein Verhältnis angeknüpft. Meine Geliebte kehrte zu ihren Eltern nach Soldin zurück, und wir setzten hier den Umgang fort. Meine Vorgesetzten waren mit mir zufrieden, ich wurde als Soldat nur ein einziges Mal wegen Nachlässigkeit im Dienst mit Arrest bestraft. Vom Militär entlassen, trat ich wiederum auf dem Rittergute in Hohenziethen in Dienst; ich wurde zum drittenmal angenommen, weil man glaubte, daß ich nun gefügiger geworden wäre. Ich blieb indes nicht lange, sondern vermietete mich bald darauf als Knecht in der Brennerei zu Dertzow, später bei einem Fleischer in Soldin und zuletzt auf dem Gutshofe in Naulin, wo ich einem anderen Knechte aus der Lade etliche Taler entwendete. Im März 1848 wurde mobilgemacht, ich trat als Reservist in das 9. Infanterieregiment ein und marschierte mit nach Berlin. Der Aufstand war bei unserem Eintreffen schon vorüber, es kam nicht zum Gefecht, wir blieben in der Hauptstadt, und mir gefiel es da sehr gut. Im Herbst wurde ich ausgekleidet und fand in meiner Heimat, in der Brennerei zu Mellenthin, Beschäftigung. Nach wenigen Monaten als Landwehrmann einberufen, zog ich mit dem 8. Landwehrregiment nach Schlesien und von da nach Dresden. Auch in dieser Stadt war der Kampf bei unserer Ankunft vorüber, das Regiment verweilte nur kurze Zeit dort und trat den Marsch nach Baden an. In Erfurt wurde ich in das Lazarett geschickt, um von einem Flechtenübel geheilt zu werden. Nach etlichen Wochen bekam ich den Abschied, das Leiden war indes nicht völlig behoben und ist bis jetzt immer wieder einmal aufgetreten. Die militärische Disziplin hatte mich genötigt, meinen Willen unterzuordnen und ohne Widerspruch zu tun, was mir befohlen wurde: nun war ich wieder ein freier Mann und suchte mich schadlos zu halten für alles, was ich entbehrt hatte. Ich wollte zwar Bediensteter sein, aber mir nichts gefallen lassen, so kam es, daß ich mich mit dem Oberinspektor auf dem Gute in Dertzow, wo ich eine Stelle erhielt, sehr bald überwarf und abziehen mußte. Ich überlegte mir nun, daß das Dienen auf dem Lande doch eine harte Plage sei. Das Leben in den großen Städten, von dem ich einen Begriff bekommen hatte, schien mir weit verlockender zu sein, namentlich reizte es mich, daß man da so leicht und frei mit dem weiblichen Geschlecht verkehren konnte. Ich machte mich auf den Weg nach Berlin und wurde dort von einem Gärtner angenommen, für den ich Gemüse feilhalten mußte. Diese Beschäftigung war mir gerade recht, denn ich konnte stundenlang an den Straßen sitzen, mich mit den Käufern unterhalten und brauchte mich nicht im geringsten anzustrengen. Zufällig wurde ich mit einem Restaurateur bekannt, der öfters von mir Gartenfrüchte bezog. Meine Persönlichkeit gefiel ihm, und er bot mir die Stelle eines Hausdieners an. Ich griff mit Freuden zu, siedelte in die Restauration über und trat zu meinem Herrn nach und nach in ein sehr intimes Verhältnis. Wir verschafften uns durch uns selbst sinnliche Genüsse, wie sie auf natürlichem Wege nur bei Verschiedenheit der Geschlechter möglich sind. Er konnte nicht ohne mich leben und behandelte mich mehr als Freund denn als Diener. In der Folge gab er die Gastwirtschaft auf und übernahm die Stelle eines Siedemeisters in einer Zuckersiederei bei Magdeburg, mich aber brachte er dort zuerst als Arbeiter, später als Aufseher unter, weil er sich nicht von mir trennen wollte. Da er mit dem Besitzer der Siederei uneinig wurde, löste sich das Verhältnis bald; wir gingen nach Berlin zurück und von hier nach Potsdam, wo wir kurze Zeit in einer Destillation arbeiteten. Ich begleitete meinen Herrn unter dem Namen seines Bedienten überallhin, sogar nach Hamburg, wo er sein Glück versuchen wollte. Bei der Rückkehr in die Residenz traf ich mit meiner alten Geliebten zusammen, die mir nachgereist war. Das bestimmte mich, meinen Dienst, der mir ohnehin nicht mehr zusagte, zu quittieren. Ich wanderte mit meiner Verlobten nach Soldin und beabsichtigte, sie zu heiraten und mich dort häuslich niederzulassen. Wir zogen in eine und dieselbe Wohnung, ich arbeitete als Tagelöhner, sie besorgte den Haushalt, und wir waren im Begriff, uns trauen zu lassen, da kam mir plötzlich ein von fremder Hand an sie adressierter Brief zu Gesicht. Die Aufschrift ließ mich vermuten, daß ein Nebenbuhler ihn geschrieben habe; ich geriet darüber in heftigen Zorn und verließ das Mädchen, weil ich fest daran glaubte, daß sie mir untreu geworden sei. Später sah ich freilich ein, wie grundlos meine Eifersucht gewesen war, allein das Band zwischen uns hatte ich einmal gelöst, und es gelang mir nicht, es von neuem zu knüpfen. Wenn ich die Geliebte geheiratet und mit ihr den eigenen Hausstand gegründet hätte, so wäre ich vielleicht ein braver, tüchtiger Mensch geworden. Da ich mich also von ihr betrogen wähnte, trieb es mich fort aus der Gegend von Soldin, ich ging nach Berlin, von da nach Potsdam, wo ich bei einem Kaufmann, und dann nach Buckow, wo ich bei einem Bauer diente. Hier wurde ich krank, man duldete mich nicht länger, ich mußte mich, vom Fieber geschüttelt, in meine Heimat betteln und nahm in Dertzow die Hilfe meines Bruders Martin in Anspruch. Er hatte zwar Frau und Kinder und die Mutter zu erhalten, aber dennoch wies er mich nicht ab, der schmale Bissen wurde bereitwillig mit mir geteilt, ich fand bei ihm ein gastliches Obdach. Nachdem ich genesen war, gab mir meine Schwägerin zu verstehen, daß es nun wohl an der Zeit sei, ihr Haus zu verlassen und ihnen nicht länger lästig zu fallen. Sie sprach ihre Meinung eines Tages ganz unverhohlen aus, und das brachte mein Blut so in Wallung, daß ich ein Tischmesser ergriff und in voller Wut auf sie losstürzte. Ich hätte sie unfehlbar erstochen, wäre nicht meine Mutter schützend dazwischengetreten. Sie warf sich dem gezückten Messer entgegen und trug eine leichte Verwundung davon, ich aber mußte mir nach dieser Szene ein anderes Unterkommen suchen. Der Dienst als Knecht war mir im höchsten Grade zuwider, ich hielt nirgends aus und fing an, im Lande herumzustreichen und zu betteln. Den Sommer über arbeitete ich bei Wriezen an der Oder, mit dem Winter hörte jedoch die Arbeit auf, und es blieb mir nichts übrig, als mich abermals nach Dertzow zu wenden und die Meinigen um Verzeihung zu bitten. Sie nahmen mich auf, und nun war ich wieder auf einige Zeit versorgt. Freilich sah ich ein, daß ich nicht monatelang auf Kosten meines Bruders leben konnte, doch ich hatte auch keine Lust, schwere Arbeit zu verrichten, ich wollte eben ein bequemes Leben führen wie ehemals in Berlin. Da hörte ich zufällig von dem Kriege, den England und Frankreich gegen Rußland führten, und daß englische Fremdenlegionen gebildet würden. Mir war im Vaterlande kein Glück beschieden, ich hoffte es in der Ferne auf den Schlachtfeldern zu finden, Mut besaß ich, das Leben war mir nicht mehr so teuer, daß ich es nicht hätte riskieren sollen, und nach überstandenen Gefahren stand reicher Lohn in Aussicht. Ich beschloß, mich anwerben zu lassen. Ohne Geld und in dürftiger Kleidung trat ich bei rauhem Wetter die Wanderung nach Hamburg an. Die notwendige Nahrung erbettelte ich vor den Türen, die Nächte verbrachte ich meist im Freien, im glücklichsten Falle schlief ich in einer Scheune oder auf einem Boden. Ich hatte unsägliche Anstrengungen zu überstehen. Das kalte nasse Wetter und der Mangel an kräftigen Speisen erschütterten meine Gesundheit, ich kam auf das äußerste erschöpft in Hamburg an. Die Werber überwiesen mich den Depots auf Helgoland, und voll freudiger Hoffnung bestieg ich das Schiff, das mich dem Ziele meiner Wünsche zuführen sollte. Nachdem ich in Helgoland gelandet war, mußte ich mich einer ärztlichen Untersuchung unterwerfen und wurde – man denke sich meinen furchtbaren Schrecken! – als untauglich abgewiesen. Diese Stunde war die schwerste meines Lebens, ich fühlte, daß ich mit jedem Schritte rückwärts meinem Verderben näher kam, und doch mußte ich zurück auf den deutschen Boden, von dem ich schon für ewig Abschied genommen hatte. Zum Glück war ausgemacht worden, daß jeder, der in die Fremdenlegion eingestellt würde, zum Besten der Zurückgewiesenen einen Taler bezahlen sollte. Mit Hilfe dieser Unterstützung erreichte ich Hamburg und gelangte auf dieselbe elende und klägliche Weise wie auf der Hinreise wieder nach Dertzow. Das war im Januar des Jahres 1856. Mein Bruder Martin wies mich auch diesmal nicht von seiner Tür, und ich lebte von neuem mit ihm und seiner Familie zusammen. Um mir ein Anrecht auf den Platz im Hause und am Tische zu erwerben, sann ich auf Gelegenheit zum Stehlen. Martin, den ich von meinen Plänen unterrichtete, war damit einverstanden, ich brach in den Getreideboden des Gutshofes ein, entwendete Getreide und gab es meinem Bruder als Zahlung für Kost und Wohnung. Ich geriet in Verdacht und wurde verhaftet, aber das Gefängnis war nicht fest genug verwahrt, ich kroch mit Leichtigkeit durch das Eisengitter. Ursprünglich hatte ich gar nicht die Absicht zu fliehen, ich wollte mir nur ein Brot holen, weil ich von der Gefangenenkost nicht satt wurde. Im Freien besann ich mich jedoch anders, ich nahm aus den Ställen des Gutshofes eine Partie Brot und Kleider und flüchtete in den Wald. Hier kam ich zu einer Köhlerhütte, der Köhler schlief, neben ihm stand ein mit Eßwaren gefüllter Kober. Ich ergriff den Kober und schlich mich davon. In der folgenden Nacht brach ich auf dem Rittergut in Hohenziethen in die Speisekammer ein und holte mir Fleischvorräte. Ich befürchtete, daß man mich verfolgen, festnehmen und zu langer Freiheitsstrafe verurteilen würde, deshalb beschloß ich, mich ins Ausland zu begeben, vorher aber die Kasse des Oberinspektors in Dertzow zu plündern. Ich zerschlug eine Fensterscheibe, stieg ein und holte vom Feuerherd eine glühende Kohle, die ich im Kopf meiner Pfeife verbarg. Darauf entfernte ich mich wieder aus dem Hause und stieg auf einen Zaun, von dem aus ich das Strohdach erreichen konnte. Ich steckte die Kohle hinein und erwartete nun, daß das Feuer aufgehen und der Inspektor sein Zimmer verlassen würde. Ich lehnte ein Pfluggestell an sein Fenster, um jeden Augenblick bequem hineinkommen zu können, und hoffte, daß ich in der durch den Brand entstehenden Verwirrung das Geld ohne große Schwierigkeit rauben könnte. Nach wenigen Minuten schlugen die Flammen empor, der Nachtwächter aber machte einen Strich durch meine Rechnung, denn er gab das Feuerzeichen erst, als das Dach lichterloh brannte und die Umgebung des Hauses so erhellt war, daß ich nicht länger auf meinem Platze bleiben durfte. Ehe noch der Inspektor durch den Feuerlärm geweckt war, mußte ich um meiner Sicherheit willen die Flucht ergreifen. Ich lebte etliche Wochen im Walde, verlor aber den Mut und stellte mich freiwillig dem Gericht. Wider mein Erwarten wurde ich nach Lippehne zurückgebracht und auch wegen der Brandstiftung in Untersuchung genommen. Das machte mich doch bedenklich, ich brach zum zweitenmal aus und verließ nun ohne Zaudern die dortige Gegend. Ich stahl an verschiedenen Orten, verkaufte das gestohlene Gut und schlug mich nach Hamburg durch. Hier ging ich von einem Schiff zum andern und bat, mir Arbeit zu geben, aber meine Bemühungen waren umsonst, ich hatte keine Legitimationspapiere und sah heruntergekommen aus, deshalb wiesen mich die Kapitäne, bei denen ich mich meldete, ab. Nun stahl und bettelte ich mich durch nach Glückstadt, auch hier nahm man mich nicht an. Ich war in einer verzweifelten Lage. In meiner Heimat wagte ich mich nicht zu zeigen, in der Fremde war ich keinen Tag sicher vor der Polizei, denn ich besaß weder Geld noch einen Paß. Ich wünschte mir den Tod und machte einen Versuch, mich mit Gift umzubringen. Ich kochte eine gehörige Menge Schwefelhölzer in Wasser und genoß den stark nach Phosphor schmeckenden Trank. Mir wurde darnach übel, ich bekam Leibschmerzen, aber nach einigen Tagen war ich wieder völlig gesund, und die Lust zum Leben erwachte von neuem. Ich dachte an die Wälder, in denen ich als Knabe umhergestreift war, und beschloß endlich, mich dort zu verbergen, mein Leben auf jede mögliche Art zu fristen und es jedenfalls so teuer als möglich zu verkaufen, wenn man mich verfolgen sollte. Hätte ich früher den Mut gehabt, die verdiente Strafe zu leiden und einige Jahre Gefängnis zu überstehen, so wäre ich nicht zum Brandstifter, hätte ich mich nachher nicht vor dem Zuchthause gefürchtet, so wäre ich nicht zum Mörder geworden. Zunächst wanderte ich fechtend und stehlend durch Mecklenburg nach Pommern. In den Wäldern, die sich von Stettin bis über Pyritz hinaus erstrecken, verbrachte ich den Sommer. Um mich vor dem Unwetter zu schützen, wühlte ich an einsamen Stellen im Dickicht Löcher in die Erde und schlug dort mein Lager auf. Des Nachts machte ich Streifzüge in die benachbarten Dörfer. Allmählich gewöhnte ich mich daran, im Freien zu schlafen, nur bei anhaltendem Regen lag ich so gut wie im Wasser. Dieser Übelstand brachte mich auf den Gedanken, mir eine ordentliche Höhle zu bauen. Ich stahl mir nach und nach alle dazu nötigen Werkzeuge und Bretter zusammen und begann nun den Bau. Ich legte Bretter über ein etwa zwei Fuß tiefes Erdloch und deckte sie mit Erde, die ich sorgfältig einebnete, zu. Die Oberfläche konnte man von dem übrigen Boden nicht unterscheiden, so vorsichtig war ich zu Werke gegangen. Nachdem ich nun eine Decke für die Höhle hatte, die ich darunter ausgraben wollte, fing ich an zu wühlen und die Erde unter der Bretterlage hervorzuholen. Diese Arbeit erforderte geraume Zeit, denn ich konnte in einer Nacht immer nur einen geringen Teil Erde ausgraben und durfte in der Nahe keine Spur davon zurücklassen. Wenn ich eine bestimmte Masse Erde vor mir liegen sah, füllte ich sie in ein Gefäß, ging abwechselnd nach verschiedenen Richtungen weit fort und verstreute sie in kleinen Brocken. Nach nicht geringer Anstrengung war ich so weit, daß ich Seitenpfosten einsetzen konnte, die als Stützen für die Decke dienten. Ich grub und minierte fort, bis der Raum groß genug war, dann ging ich an die innere Einrichtung. Schon vor dem Eintritt des Winters hatte ich einen Feuerherd und den Rauchfang fertig, den Rauch leitete ich durch eine blecherne Röhre, die an der Erdoberfläche mündete, ins Freie und sorgte dafür, daß sich weder außen an der Mündung noch im Rohre Ruß ansetzen konnte. Ich lebte nun ungleich behaglicher als vorher, ein Dorf um das andere wurde geplündert, meist machte ich wertvolle Beute und kehrte schwer beladen in meine unterirdische Wohnung zurück. Wenn die Windrichtung günstig war und ich mich überzeugt hatte, daß sich kein Mensch in der Nähe befand, brannte ich Feuer an und kochte mir Speisen auf Vorrat. Heizung brauchte ich nicht, denn es war ziemlich warm in der Höhle, und sooft heftige Kälte eintrat, deckte ich mich mit Kleidungsstücken zu, die ich in großer Menge besaß. Bei allen Diebstählen nahm ich Bedacht darauf, mir Licht und Öl zu verschaffen; war ich so glücklich gewesen, das zu finden, dann erleuchtete ich meine Behausung, oft freilich mußte ich im Finstern sitzen. Der Aufenthalt wurde wegen der Stickluft unangenehm, wenn Schnee fiel und ich mich tage-, ja wochenlang nicht hinauswagte. In solchen Zeiten wurde auch die Kost knapp, und mein Lager an Wein und Branntwein ging auf die Neige; dann schaute ich sehnsüchtig ins Freie und war sehr erfreut, sobald ich nur Wildfährten in meiner Nähe erblickte. Ich folgte mit den Fußspitzen der Fährte und gab so genau acht, daß auch der geübteste Jäger den Fuß eines Menschen nicht zu erkennen vermochte. Mit der Zeit wurde ich dreister, meine Höhle hatte ich mit jungen Buchen bepflanzt und sie so gut versteckt, daß zu wiederholten Malen Leute in die Nähe gekommen und darüber weggegangen waren, ohne etwas Auffälliges zu bemerken. Bei dem Anbruche des Frühlings atmete ich erleichtert auf, nun konnte ich Abstecher in die Ferne machen, mich dort verproviantieren, an einer beliebigen einsamen Stelle des Waldes übernachten und brauchte nicht immer an demselben Tage in die Höhle zurückzukommen. Ich hatte mich nach und nach an diese Lebensweise gewöhnt und entbehrte eigentlich nur das eine schmerzlich, daß ich niemals Gelegenheit fand, mich dem weiblichen Geschlecht zu nähern. Ich sann oft darüber nach, ob es kein Mittel gäbe, diesen meinen heißesten Wunsch zu befriedigen. So lag ich eines Tages im Frühsommer 1857 im Walde zwischen Soldin und Bahn unfern der Landstraße, als ich ein junges blühendes Mädchen erblickte. Es war die siebzehnjährige Tochter des Försters Frank, die in Neuendorf diente. Ich rief ihr zu, sie möge doch ein wenig warten, gesellte mich zu ihr und begleitete sie eine Strecke durch den Wildenbrucher Wald. Anfänglich sprachen wir über gleichgültige Dinge, bald aber wurde ich zudringlicher und trug ihr meine Liebe an. Sie wies mich mit kurzen entschiedenen Worten ab, ich aber, von rasender Leidenschaft ergriffen, stürzte mich auf sie, schnürte ihr mit der einen Hand den Hals zu, umfaßte sie mit der andern und trug sie seitwärts unter die Bäume. Ich legte sie auf die Erde und holte dann den Korb, der auf der Straße stehengeblieben war. Das Mädchen hatte die Besinnung verloren, sie kam aber wieder zu sich, als ich, den Korb in der Hand, an ihre Seite trat. Ich war nicht dreist genug, die Gewalttat zu erneuern, und da ich überdies einen Wagen rollen hörte, zog ich mich in den Wald zurück und überließ meine Gefährtin ihrem Schicksal. Den Winter von 1857 auf 58 überstand ich in der Höhle bei Pyritz, im März 1858 wurde sie durch einen Zufall entdeckt, und ich sah mich nun gezwungen, mir einen andern Wirkungskreis zu suchen. Ich ging in die Gegend von Friedeberg in der Neumark und grub in dem Tankow- Wildenower Forst ein Loch in die Erde, ohne es jedoch zu einer förmlichen Wohnung auszubauen. Den Tag über hielt ich mich teils im Walde, teils in einem beliebigen Heuschober oder einer Scheune auf, die Nacht verwendete ich zum Stehlen. Im Monat April hatte ich ein prächtiges Heulager in einem Schafstalle bei Wormsfelde und konnte da ungestört den Tag über schlafen. Als ich eines Nachts das Dorf umkreiste, um eine Gelegenheit zu einem Diebstahl zu erspähen, kam ich in die Nähe eines verlassenen Backofens. Ich trat hinein, um die Mitternachtsstunde abzuwarten und dann meine Arbeit zu beginnen, allein ich fand den Platz schon besetzt. Zuerst erschrak ich, bald aber verwandelte sich mein Schrecken in Freude, denn ich befand mich in weiblicher Gesellschaft. Die Frau war eine Bettlerin, sie nannte sich Wall aus Altenfließ und erzählte mir, im Kruge habe man sie nicht beherbergt, deshalb sei sie hierher gegangen. Wir kamen dahin überein, daß wir den warmen Platz im Backofen für diese Nacht teilen wollten, und legten uns nieder. Nach einiger Zeit machte ich der Witwe Wall Anträge, von denen ich hoffte, daß sie bereitwillig auf sie eingehen würde, wurde aber schnöde abgewiesen; ich faßte sie liebkosend an, um sie mir geneigter zu machen, sie sträubte sich aber desto hartnäckiger. Nun übermannte mich der Zorn, ich war entschlossen, da mich Güte nicht zum Ziele führte, Gewalt zu brauchen, packte sie an der Kehle und würgte sie zu Tode. Sie leistete nur geringen Widerstand und stöhnte: »Mann! Mann!« Dann ergab sie sich. Den entseelten Körper lud ich auf meine Schultern und warf ihn in den See. Unruhe habe ich nach dem vollbrachten Morde nicht empfunden, der einzige Gedanke, der mich beherrschte, war der, daß es allgemein heißen würde, das unnütze, liederliche Weibsbild habe sich ertränkt und sehr recht daran getan. Die ganze Sache kam mir wie ein unvorhergesehener interessanter Zwischenfall vor, ich schlug sie mir schnell aus dem Sinn, führte noch in derselben Nacht den beabsichtigten Diebstahl in Wormsfelde aus und begab mich dann aus der Nähe des Dorfes eiligst hinweg. Gewissensbisse hatte ich auch in der Folge nicht, vielmehr faßte ich, durch das glückliche Gelingen meiner Tat kühn gemacht, den Plan, in Zukunft auch das Leben nicht zu schonen, wenn mir bei meinen Raubzügen jemand in den Weg träte. Nach einigen Monaten, es war im August 1858, kundschaftete ich das herrschaftliche Wohnhaus in Albertinenburg aus. Ein Fenster war erleuchtet, und in der Stube sah ich ein junges Mädchen, das ich für die Wirtschafterin hielt. Ich vermutete, daß die Person im Besitz von Geld sein würde, und überlegte mir, daß es für mich ein leichtes sei, einzusteigen, sie zu töten und zu berauben. Nachdem ich mich über die Lage der Zimmer und die örtlichkeit genau unterrichtet hatte, wartete ich die Nacht ab. Das Licht erlosch, ich stieg durch ein offenes Fenster und fand durch mehrere unverschlossene Zimmer den Weg in jene Stube. Hier schlich ich auf den Zehen zu dem schlafenden Mädchen und lastete leise an ihrem Körper herauf bis zum Halse, dann setzte ich beide Daumen an und drückte zu. Mit einem langgedehnten »Hu!« und dem Rufe »Herr Gott!« hauchte sie ihr Leben aus. Ich durchsuchte alles, fand aber nur anderthalben Silbergroschen in einer Kleidertasche; darauf büßte ich an dem noch nicht erkalteten Körper meine sinnliche Lust und verließ dann das Haus. Mein Gewissen regte sich auch nach diesem Verbrechen nicht, ich zog gleichmütig meine Straße weiter. Bei einem meiner nächsten Diebstähle erbeutete ich ein Gewehr, mit dem versehen machte ich einen Ausflug über Bärwalde und Wrietzen nach Berlinchen. Der Heidekruger Forst bot einen versteckten Lagerplatz dar, von dem aus ich einzelne Streifen in die Umgegend unternehmen konnte. Aus einer dieser Streifen kam ich nach Berlin und verübte dort einen Einbruch im Keller eines Hauses in Moabit, in dem mein früherer Herr wohnte. Die Örtlichkeit war mir bekannt, und ich kehrte, reich mit Lebensmitteln, namentlich mit Würsten beladen, in den Wald zurück. Von meinem damaligen Quartier aus konnte ich die Landstraße nach Berlin ohne Mühe erreichen; ich lauerte da den Fuhrleuten auf, die Getreide nach der Hauptstadt fuhren und gewöhnlich mit vollen Beuteln heimkehrten. Einen tätlichen Angriff habe ich nur gegen einen einzigen Fuhrmann, einen gewissen Wattrow, gewagt, und dieser mißglückte, weil die Pferde, durch den Schuß erschreckt, in vollem Lauf davonjagten und der Wagen meinem Gesichtskreis entschwand. In dieser Zeit versuchte ich noch einen zweiten Raubanfall in dem Dorfe Hasselberg bei Wrietzen, der jedoch ebenfalls fehlschlug. Am Ende des Dorfes wohnte ein jüdischer Handelsmann, ich wußte, daß er stets bares Geld liegen hatte, und machte ihm deshalb eines Nachts einen Besuch. Zunächst zerbrach ich eine Fensterscheibe, dann griff ich durch die Öffnung, hob das Fenster aus und stieg ein. In dem Zimmer, in dem ich mich nun befand, lagen ein Mann, eine Frau und mehrere Kinder in den Betten und schliefen. Ich öffnete, um mir den Rückzug zu sichern, die Stubentür und die Haustür, trat an das Bett des Mannes und erhob das Beil, das ich bei mir trug, zum Schlage: da hörte ich im Nebenzimmer husten. Schnell ließ ich den Arm sinken und entfernte mich. Wie ich erst nachträglich erfahren habe, bin ich gar nicht am Lager des Handelsmannes, sondern in der Schlafstube des Tischlermeisters Jauersdorff und seiner Familie, die mit dem Juden zusammenwohnen, gewesen, und das Husten des nebenan schlafenden Juden hat mich vertrieben. Dann kehrte ich in ein Gebiet zurück, das meiner Heimat näher lag. Im Oktober 1858 wanderte ich eines Abends durch Bernstein und weiter auf der nach Dölitz führenden Chaussee. Als ich an einem Chausseehaus vorüberging, sah ich durch das erleuchtete Fenster in das Zimmer: der Chausseegeldeinnehmer lag im Bett und schlummerte. Rasch entschlossen machte ich mir einen Schießstand zurecht, indem ich mehrere lose Bretter über den Chausseegraben legte und eine Karre darüberstürzte, Nun stand ich hoch genug, um den Mann auf das Korn nehmen zu können, ich ergriff mein mit Rehposten und Schrot geladenes Gewehr und feuerte es ab. Ehe ich mich von der Wirkung des Schusses überzeugen konnte, vernahm ich Schritte auf der Chaussee und hielt es nun doch für geratener, querfeldein das Weite zu suchen. Meine Absicht, den Chausseegelderheber zu erschießen und mir die Chausseekasse anzueignen, war also vereitelt. Ich irrte zwar noch immer unstet und flüchtig umher und hatte nach der Zerstörung meiner Höhle bei Pyritz noch keine neue Wohnung gefunden, aber der Zufall ließ mich doch wenigstens einen Schlupfwinkel entdecken, der mir als Speicher für meine Beute und als Hauptquartier für meine Unternehmungen diente. Es war ein nicht mehr benutzter Ziegelbrennofen bei Trampe. Eine Öffnung in dem alten Gemäuer war von innen mit morschen Hölzern zugesetzt. Ich schob sie beiseite, stieg ein und rückte das Holz dann wieder so zurecht, daß kein Mensch von meinem verborgenen Eingang etwas merken konnte. Der Brennofen war vom Eigentümer offenbar vergessen worden, und ich fühlte mich darin allmählich ganz wohnlich und sicher. Feuer anzünden und kochen durfte ich freilich nicht, das würde mich verraten haben. Ich tat es an einer einsamen Stelle des Tangow-Wildenower Waldes. Im November l858 traf mich ein Förster dort und nahm mich fest, ich entsprang ihm zwar, aber meine Lage war nun doch sehr bedenklich, denn in den Forst wagte ich mich nun nicht mehr, und zu meinem Bruder erst recht nicht. Als ich noch die Pyritzer Höhle bewohnt hatte, hatte ich ihn mitunter besucht, ich hatte ihm auch von meiner Vertreibung Nachricht gegeben und eine Zusammenkunft mit ihm auf dem Markte in Bernstein verabredet. Seitdem hatte ich ihn nicht wiedergesehen, Ich dachte wohl daran, ihn um ein Obdach anzusprechen, jedoch überwog die Besorgnis, daß ich ihn und mich dadurch ins Unglück stürzen würde. Meine Hoffnung, durch einen glücklichen Fang eine hübsche Summe Geld zu erwerben und noch vor dem Winter über das Meer nach Amerika zu kommen, war bisher immer enttäuscht worden. Ich kam nun auf den Einfall, einmal in eine Kirche einzubrechen und zu sehen, ob ich darin einen Schatz heben könnte. In Großlatzkow ging ich ans Werk, öffnete gewaltsam die Tür zum Turm und gelangte von da in das Innere der Kirche. Es war totenstill, höchstens eine Eule oder eine Fledermaus sah mir aus der Mauernische zu, ich nahm mir daher mehr Zeit als gewöhnlich, alles recht gründlich zu durchstöbern. Auf dem Altar stand nichts Wertvolles, wohl aber entdeckte ich hinler ihm einen Kasten, der gut verschlossen war. Bei dem Gedanken, daß er voll klingender Münze sein könnte, durchzuckte mich ein wonniges Gefühl, ich war förmlich aufgeregt und stieß das Stemmeisen mit kräftiger Hand in den Deckel, daß er aufsprang. Aber nur der Altarkelch und das übrige Abendmahlsgerät blinkten mir entgegen. Was konnte mir das Silberzeug nützen? Ich hatte ja doch keine Gelegenheit, es zu verkaufen. So ließ ich es ruhig an seinem Drt und nahm mir fest vor, meine kostbare Zeit niemals wieder mit dem Besuch einer Kirche zu verschwenden. Der Winter brach herein, und ich hatte kein Geld zur Reise, keinen Zufluchtsort gegen die Kälte. Erst dem harten Froste verdankte ich einen Unterschlupf in dem Kanal, der bei Neumellenthin zur Entwässerung des Bermlingsees angelegt ist. Der Kanal geht durch einen aus Feldsteinen gebauten Tunnel, der Eingang ist durch enge Eisenstäbe verschlossen. Da ich ja daran gewöhnt war, mich nach Art der Katzen zu recken und schmal zu machen, kroch ich hindurch und machte mir auf dem festgefrorenen Eise ein Lager zurecht. Bevor Schneefall eintrat, versah ich mich mit Eßwaren, Wein, Branntwein, Kleidungsstücken und Bettzeug, dann mußte ich mehrere Wochen in meinem Versteck bleiben, um mich nicht durch die Fußspuren im Schnee zu verraten. Der Aufenthalt war fürchterlich; da der Kanal nicht so hoch ist, daß man darin aufrecht stehen kann, war ich genötigt, mich kriechend und rutschend fortzuschieben. Die Kniee hatte ich nun zwar durch Lederstücke geschützt, die ich um die Beine wickelte, doch die Glieder wurden durch diese ungewohnte Bewegung stark angegriffen. Das Stillsitzen auf dem Eise war fast noch unangenehmer, die wagerechte Lage der Beine auf die Dauer beim Sitzen geradezu unerträglich, Ich hackte mir nun ein Loch in den gefrorenen Schlamm und schob die Beine hinein, allein das Blut erstarrte in den rings vom Eise eingeschlossenen Gliedern, ich hätte sie bestimmt erfroren, wenn ich sie nicht bald wieder herausgezogen und gehörig umhüllt auf dem Eise ausgestreckt hätte. Dazu kam noch, daß ich mich nirgends mit dem Rücken anlehnen konnte als an die eiskalte Steinmasse des Tunnels, und daß die Luft, die ich atmete, dick und dunstig war. Sooft die Fluren schneefrei wurden, entrann ich meinem schrecklichen Gefängnis und erholte mich im Freien, leider mußte ich um meiner Sicherheit willen immer wieder hinein. Und doch wäre ich einmal beinahe entdeckt worden. Der Besitzer des nahe bei dem Tunnel gelegenen Gutes und sein Sohn gingen eines Tages mit ihren Hunden vorüber. Die letzteren sprangen nach dem Eingange des Kanals und schnupperten dort umher. Ihre Herren wurden dadurch aufmerksam und schickten sie in den Tunnel hinein. Ich kauzte, das geladene Gewehr in der Hand, darin und lugte durch die Eisenstäbe. Wäre einer von den Hunden mir nahe gekommen, so hätte ich losgedrückt; glücklicherweise weigerten sich die Tiere, vorwärts zu gehen, vermutlich hatten sie wegen des starken Dunstes die Spur verloren. Sie entfernten sich, und ich blieb in meiner Kellerwohnung unbelästigt bis zum Frühling, Als das Eis schmolz und der Schlamm weich wurde, räumte ich mein Winterquartier. Ich hatte so unsäglich viel ausgestanden, daß ich mich unverzüglich daran machte, eine neue Höhle zu bauen, die mir im Vergleich mit dem Kanal wie ein Paradies vorkam. Zunächst suchte ich mir in einer zum Gute Warsin gehörigen Waldung einen passenden Platz aus, dann stahl ich mir alles zusammen, was ich zum Bau und zur Einrichtung brauchte. Ich verfuhr wieder ebenso wie bei der Pyritzer Höhle und beobachtete dieselben Vorsichtsmaßregeln, die sich damals bewährt hatten. Ich verwendete, wenn ich nicht gerade gezwungen war, Nahrungsmittel zu stehlen, jede Nacht auf die Arbeit, im Herbste stand das im Frühjahr begonnene Werk ziemlich vollendet da; es fehlte mir indes noch manches an dem Komfort, den ich mir wünschte, ich legte mich daher wieder eifriger auf den Diebstahl und schleppte eine große Menge von brauchbaren Sachen in meine Behausung. Leider hatte ich mir keinen Wasserbehälter verschaffen können und sah mich deshalb genötigt, die kalten Monate meist in dem luftigeren Brennofen bei Trampe zuzubringen, in dessen Nähe ich Wasser fand. Den Ofen bewahrte ich möglichst vor den Einflüssen der Witterung und saß jedenfalls diesen Winter ungleich wärmer als das Jahr zuvor in dem Eisloche bei Neumellenthin. Kaum war die ungünstige Jahreszeit vorüber, so glückte mir der Diebstahl eines großen Fasses mit eisernen Reifen. Ich transportierte es mit Aufbietung aller Kräfte in meine weit davon abgelegene Höhle und hatte nun ein Wasserreservoir, wie ich es mir nicht besser wünschen konnte. Ich wohnte abwechselnd bald im Brennofen, bald in der Höhle, mußte mich aber nach kurzer Zeit auf die Höhle beschränken, denn ich brachte in Erfahrung, daß der Ofen abgebrochen werden sollte. In aller Eile schaffte ich in den folgenden Nächten die in dem Brennofen aufgespeicherten Sachen in die Höhle, dann häufte ich Holz und andere brennbare Stoffe um den Ofen herum auf und zündete sie an. Die Flammen ergriffen die Holzteile des Gebäudes und äscherten es ein. Mein Hauptzweck bei dieser Brandstiftung war, daß niemand den Rest meiner im Brennofen zurückgelassenen Beute finden und mir auf die Spur kommen sollte. Schon zwei Jahre früher hatte ich eine zum Gute Eichwerder gehörige Ziegelscheune in Brand gesteckt, um die Leute herauszulocken und dann im Gute zu stehlen. Es entstand auch großer Lärm, und alles eilte nach der Brandstätte, aber der Gutsherr ließ im Wohnhause einen Wächter mit einem Hunde als Wache zurück. Ich sah den Mann auf seinen Posten ziehen und stand deshalb von meinem Vorhaben ab. Bald darauf zündete ich in Hohenziethen einen Bauernhof an, damit das Nachbarhaus von den Flammen ergriffen und verzehrt werden sollte. In diesem Hause wohnte die Frau des Tagelöhners Becker; ihr hatte ich Rache zugeschworen, weil sie durch ihr Gerede daran schuld gewesen war, daß man den Verdacht des Diebstahls, wegen dessen ich in Dertzow festgenommen worden war, auf mich geworfen hatte. Frau Becker war damals krank, sie konnte sich und ihre Kinder mit genauer Not retten, das Wohnhaus, eine Scheune, mehrere Ställe und sieben Stück Rindvieh verbrannten: meine Rache war gesättigt. Meine erste Brandstiftung in Beyersdorf bei meinem Dienstherrn und die zweite in Dertzow, wo ich die Kasse des Oberinspektors stehlen wollte, habe ich bereits gestanden, zum letztenmal legte ich Feuer in Lebbehne im Kreise Pyritz an. Mein Plan war auch hier der, die Leute mit Löschen zu beschäftigen und in der Verwirrung zu stehlen. Das Feuer verbreitete indes einen so hellen Schein, daß ich wieder nicht zu meinem Ziele gelangte. Von der Warsiner Höhle aus machte ich im Jahre 1860 Streifzüge nach allen Richtungen. Schon früher war ich in die Gegend von Bärwalde gekommen und hatte auch die Krugwirtschaft in Stölpchen besucht. Es kannte mich dort niemand von Person, deshalb wagte ich mich hinein. Als ich in den Krug trat, fand ich es sehr unruhig. Gerichtsbeamte waren anwesend, es gingen Leute ab und zu, ich hörte, daß der Pächter gestorben sei und ein Verzeichnis seines Nachlasses aufgenommen werden sollte. Da alle hin und her liefen, machte ich auch einen Gang durch das Haus und sah mir die Lage und den Zusammenhang der Stuben und Kammern genau an. Einige Zeit nachher wollte ich meine Bekanntschaft in dem Kruge verwerten. Ich schlich um das Gebäude herum, bis das Licht erloschen war, dann öffnete ich mittels eines Bohrers und eines Stemmeisens die nach dem Felde zu führende Tür zur Häckselkammer und begab mich von da in die Wohnstube, Ich war im Begriff, das Spind zu öffnen, es entstand aber dadurch ein Geräusch, die in der anstoßenden Kammer schlafenden Menschen regten sich, und ich ergriff die Flucht. Als ich ein Jahr später, im September 1860, wieder dorthin kam, dachte ich an das fehlgeschlagene Unternehmen und beschloß, es noch einmal zu wagen. Ich trug einen doppelläufigen Gewehrstutzen, ein Taschenmesser, ein Stemmeisen und eine zum Dolch umgearbeitete Feile bei mir und dachte schon daran, daß ich die Krügersleute erst ermorden müßte, ehe ich sie berauben könnte. Eines Abends legte ich mich auf die Lauer, wurde aber durch den Hund des Wirtes verscheucht; am folgenden Tage jagte mich der Hund eines Feldwächters weg; am dritten Abend endlich war ich ungestört. Ich sah, wie Brandt und seine Frau zu Bett gingen, und wartete noch etliche Stunden, bis ich annehmen durfte, daß sie fest schliefen. Nun erbrach ich mit Hilfe des Stemmeisens das Fenster zur Häckselkammer und stieg ein. Die Tür zum Hausflur war aber verschlossen, ich mußte mir daher einen anderen Eingang bahnen und versuchte es, von der Längsseite des Hauses aus durch die Küchenkammer einzudringen. Ich zerbrach einen vor dem Fenster angebrachten Holzstab, öffnete beide Fensterflügel und schwang mich hinein. Die Tür zum Flur war von außen verriegelt, ich mußte deshalb zum zweitenmal den Rückzug antreten. Ich stellte nun im Löwing eine Schneidebank unter das Fenster der Polterkammer, hob es heraus und sprang in die Kammer. Die von hier nach dem Hausflur gehende Tür war unverschlossen, ich machte vor allen Dingen auch die Haustür von innen auf, damit ich jeden Augenblick den Rücken frei hatte, dann schlich ich leise nach der Küche, zündete da meine Pfeife an und erblickte beim Scheine des Schwefelhölzchens ein Beil, das ich an mich nahm. Durch die Gaststube kam ich in die Schlafkammer. Hier brannte ich wieder ein Schwefelholz an, erhob das Beil und zerschmetterte erst dem Mann und dann der Frau den Kopf. Brandt rief: »Spitz, komm her!« In diesem Augenblick fuhr ein Hund auf mich los, ich versetzte dem Krüger einen zweiten Schlag und scheuchte den Spitz unter das Bett zurück. Hierauf hing ich die Fenster zu, zündete ein Stearinlicht an, das ich mitgebracht hatte, schnitt dem Mann und der Frau mit einem Messer die Kehle ab und durchsuchte die Kleider, die Wäsche und die Schränke. Der Pächter mußte Michaelis seinen Pachtschilling von sechzig Talern bezahlen, und ich hoffte, daß er diese Summe vorrätig haben würde; diese Hoffnung wurde indes enttäuscht; ich fand nur etwas über sechs Taler. Das Geld, eine Flasche mit Branntwein, eine Pistole und etliche Zigarren nahm ich zu mir. Ich gestehe, daß ich die Leichen aus den Betten gezogen, das Bettstroh durchwühlt und den Körper der Frau geschändet habe. Wenn eine Taschenuhr in jener Nacht abhanden gekommen ist, so vermag ich es nicht zu erklären, ich habe keine entwendet. Ich versichere, daß ich allein und ohne die Hilfe eines Gefährten den Mord verübt habe, insbesondere ist der Bruder der Frau Brandt, Karl Liebig, nicht dabei gewesen. Ich war viel zu sehr darauf bedacht, das Geheimnis über mein Tun und Treiben zu bewahren, als daß ich irgend jemand in meine Pläne eingeweiht hätte. Auch würde ich in Gegenwart eines Zeugen meiner Sinnenlust an der weiblichen Leiche nicht haben frönen können. Nach vollführter Tat eilte ich zurück in meine Höhle; ich brach so zeitig auf, daß ich den Wald bereits erreicht hatte, ehe noch der Morgen graute. Im Oktober 186o richtete ich mein Augenmerk auf das zwischen Soldin und Lippehne liegende Dorf Adamsdorf. Den Tag über verbarg ich mich im Glasower Busche, am Abend wagte ich mich heraus und begegnete auf der Chaussee einer Frauensperson, die einen Korb trug, an dessen Henkel ein Paar Stiefel hingen. Ich knüpfte ein Gespräch an und gab ihr zu verstehen, daß ich Wohlgefallen an ihr fände und mich ihre Reize entflammt hätten. Da sie mir nicht gutwillig ihre Gunst gewähren wollte, packte ich sie an, drückte ihr mit beiden Händen den Hals 7 zusammen, schleppte sie eine Strecke seitwärts und erdrosselte sie mit einem Strick, den ich in der Tasche hatte. Die Tote mußte mir gestatten, was mir von der Lebenden verweigert worden war. In ihrem Korbe fand ich einige Pflaumen, die verzehrte ich mit dem größten Appetit und schritt dann unverweilt dazu, den Diebstahl, den ich mir für diese Nacht vorgenommen hatte, auszuführen. Im nächsten Winter wohnte ich in meiner Höhle, die ich mir immer bequemer einrichtete, ganz erträglich; sie war gemütlicher als die erste und die Luft darin weit besser, weil ich durch zahlreiche Löcher, die außen unter Wurzeln und Bäumen mündeten, eine genügende Ventilation hergestellt hatte. Meine Vorräte schützten mich vor Hunger und Durst, gegen den Frost deckte ich mich durch wärmere Kleidungsstücke, an die Einsamkeit und an das freie unstete Räuberleben war ich gewöhnt und wünschte kaum eine Änderung dieses Lebens herbei. Nur eins fehlte mir: weibliche Gesellschaft. Es war mein sehnlichstes Verlangen, daß ich einmal einem weiblichen Wesen begegnen möchte, das ich mir geneigt machen, in mein Geheimnis einweihen und mit in meine Höhle nehmen könnte. Ich baute mir oft Luftschlösser und malte mir mit den schönsten Farben aus, wie glücklich ich an der Seite einer Frau in meiner unterirdischen Residenz sein würde. Ich fand aber niemals Gelegenheit, meinen schönen Traum zu verwirklichen, er blieb ein leeres Phantasiegebilde. Dennoch empfing ich in meiner Häuslichkeit einige Male weiblichen Besuch. Meine Schwägerin, mit der ich längst wieder ausgesöhnt war, kam mit Vorwissen ihres Mannes von Zeit zu Zeit zu mir. Wenn sie in der Nähe der Höhle angelangt war, gab sie das zwischen Martin und mir verabredete Zeichen, ich stieg dann auf der Leiter, die mir als Treppe diente, empor, hob den Deckel ab, der die Eingangspforte verschloß, und geleitete meinen Gast hinab in meine dunkle Behausung. Sie brachte mir stets etwas mit, namentlich versah sie mich mit gekochten Speisen; nachdem sie etliche Stunden mit mir geplaudert hatte, beschenkte ich sie mit Geld und anderen Dingen und führte sie auf dem Wege, den sie gekommen war, zurück. Mit meinem Bruder zusammen ist sie niemals bei mir gewesen. An Schönow, wohin Martin gezogen war, stattete ich gelegentlich meine Gegenbesuche ab. Ich ging immer nur des Nachts, nachdem ich genau ausgekundschaftet hatte, und mit geladenem Gewehr dorthin. Außer meinen Verwandten hat niemand etwas von der Höhle gewußt. Als der Winter vorüber war und der März des Jahres 1861 herankam, machte ich einen Angriff auf das Haus eines jüdischen Kaufmanns in Dobberphul, das ich mir bei früheren Patrouillen angesehen hatte. Ich war darauf gefaßt, daß ich, um zu dem Gelde des Mannes zu kommen, einen oder mehrere Menschen ermorden müßte, und versah mich deshalb mit Beil und Gewehr, als ich ausrückte. In Dobberphul angelangt, holte ich aus der Nachbarschaft eine Leiter, lehnte sie an der Giebelseite des Hauses an ein Fenster, stieg ein und suchte nun vor allen Dingen die Haustür aus und öffnete sie, um mir den Rückzug zu sichern. In der einen Hand trug ich das Beil, die andere legte ich schon an den Griff der Stubentür, da vernahm ich ein Geräusch. Ich hatte mir zum Grundsatz gemacht, mich nie mutwillig in Gefahr zu begeben und stets die Flucht zu ergreifen, wenn ich mich nicht ganz sicher wußte. So tat ich auch hier und wandte mich zurück in den Wald. Um jene Zeit hatte ich außer meiner Höhle noch ein zweites Absteigequartier: das unbewohnte Försterhaus zwischen Deetz und Trampe. Die Fenster waren herausgenommen und das Gebäude etwas verfallen. Wenn mir der Weg bis Warsin zu weit war, suchte ich das Forsthaus auf und logierte den Tag über auf dem Boden. Anfang Mai blieb ich fast immer dort, um näher an Chursdorf zu sein, auf das ich es jetzt abgesehen hatte. Am 5. Mai, einem Sonntag, ging ich am hellichten Tage frank und frei durch Chursdorf und auf dem Wege weiter bis zum Gehöft des Müllers Baumgart. Da ich seit fünf Jahren unter der Erde gelebt hatte, so glaubte ich, auch einmal im Sonnenschein einen Gang riskieren zu können, und überdies lag mir daran, recht gründlich zu beobachten und mich genau zu orientieren. An den nächsten Abenden schlich ich unausgesetzt um das Mühlengehöft herum und prägte mir die Örtlichkeiten fest ein. Ich sah immer nur den Müller, seine Frau und die Magd. Ein Kind bemerkte ich nicht, und ich war der Meinung, daß jene drei Personen das Haus allein bewohnten. Baumgart sollte ein reicher Mann sein, mich lockte seine gefüllte Kasse, und ich beschloß, die Mühle zu überfallen, die Müllersleute und das Dienstmädchen zu erschlagen und dann Kisten und Kasten zu plündern. Den 10. Mai bestimmte ich zur Ausführung der Tat. Im Försterhause bei Trampe hatte ich eine kleine Niederlage von Wein und Kognak, ich trank davon eine tüchtige Portion, steckte Messer, Zange, Bohrer und Stemmeisen in die Tasche, nahm meinen doppelläufigen Stutzen zur Hand, an dessen Ende ich meinen Dolch als Bajonett befestigte, und steckte das Beil in einen als Gürtel um den Leib gebundenen Strick. Die Fenster der Mühle waren bei meiner Ankunft noch erleuchtet, ich wartete deshalb einige Zeit und begab mich nach dem nahen Tagelöhnerhause, um dort Ausschau zu halten. Als die Mitternachtsstunde da war, zog ich meine Stiefel aus und stieg an der hinteren Seite des Hofes auf einen Zaun. Eine Hundehütte lag vor mir, und der Hund schlug an, eilig sprang ich herab, steckte ein Anzahl kleiner Steine in meine Tasche und kletterte über den Torweg, den ich von innen öffnete, um die etwa nötig werdende Flucht zu decken. Einer der Hunde knurrte, ich brachte ihn indes durch Steinwürfe zum Schweigen und wurde dann nicht weiter gestört. Vom Hofe aus suchte ich zunächst in den Hausflur zu kommen, weil die meisten Zimmer durch Türen mit ihm verbunden zu sein pflegen und man gewöhnlich von da aus jeden beliebigen Ort im Innern ohne Schwierigkeit erreichen kann. Die Haustür zu erbrechen hütete ich mich, sie war von festem Holze und mit starkem Verschluß versehen. Ich bahnte mir daher den Weg in den Hausflur, wie ich das schon früher oft getan hatte, durch den Keller. Die Kellerluken waren mit eisernen Stäben verwahrt; ich holte von einem Holzstoße einen Hebebaum, mit dem ich die Eisenstäbe auseinanderbiegen wollte. Bei der einen Luke glückte es, ich steckte mein Gewehr unter den Gürtel zu dem Beile, schob die Füße in die Öffnung und zog den Körper langsam nach. Es war sehr eng, aber ich brachte mich doch durch, indem ich die Brust zusammendrückte. Vom Keller tappte ich leise die Treppe hinauf, riegelte die Tür auf und stand im Flur. Nachdem ich die hintere Haustür aufgemacht hatte, tastete ich mich in die Küche; vor mir war eine Tür, ich legte die Hand an den Drücker, die Tür ging auf, und ich stand vor den Betten des Müllers und seiner Frau. Schleunigst zog ich mich in die Küche zurück, brannte an dem glimmenden Tabak meiner Pfeife ein Schwefel-Hölzchen und an diesem ein in der Küche stehendes Licht an. Ich nahm das Beil in die rechte Hand und trat in die Schlafkammer. Mit zwei schnell hintereinander geführten Schlägen schlug ich dem schlafenden Manne den Schädel ein, dann brachte ich mit mehreren Streichen die aus dem Schlafe aufgeschreckte, laut schreiende Müllerin zum Schweigen. In diesem Augenblick öffnete sich die Tür nach dem Wohnzimmer, ein Kind schritt über die Schwelle. Ich war nicht wenig betreten, denn ich hatte keine Ahnung davon, daß Kinder im Hause waren; aber ich durfte mich nicht lange besinnen, jede Minute des Zauderns konnte mich verderben. Mit einem Satze war ich bei der Kleinen, das hocherhobene Beil fiel auf ihr Haupt, sie brach zusammen und tat keinen Atemzug mehr. Jetzt erst hörte ich, daß Baumgart noch röchelte, schnell ergriff ich mein Messer und schnitt ihm den Hals durch. Um ganz sicher zu sein, erhob ich auch noch das Gewehr und stach ihn mit dem Bajonett noch zweimal in die Brust. Mehr als zweimal habe ich meiner Erinnerung nach nicht gestochen. Ich verließ nun die Kammer und ging in die Stube, fest entschlossen, jedes lebendige Wesen darin umzubringen, damit ich nicht verraten würde. Ich fand ein Bett und darin einen Knaben von etwa fünf bis sechs Jahren, der sich unter die Decke verkrochen hatte. Als ich das Deckbett aufhob, schlug das Kind die Augen auf und sah mich freundlich lächelnd an. Rührung erfaßte mich, es tat mir weh, daß diese hellen lieblichen Augen brechen sollten, eine Sekunde lang war ich zu Milde und Barmherzigkeit geneigt. Gleich darauf rief ich mir ins Gedächtnis zurück, daß ich keinen Zeugen verschonen dürfte, ich tötete das Kind also mit mehreren Beilhieben und stürmte fort nach der Kammer der Magd. Bei meinem Eintreten schrie sie laut auf, ich gab ihr mehrere Schläge und würgte sie mit ihrem Nachthalstuche vollends tot. Die Blutarbeit war indes noch immer nicht zu Ende, es stand noch ein Bett in der Kammer, und in dem schlief noch ein Kind. Ich beförderte es mit einigen Streichen in die Ewigkeit und hatte nun das Feld frei. Ich kann nicht sagen, daß ich mich über das Blutbad entsetzt oder daß mich inmitten der Leichen Grausen ergriffen hätte, ich durstete nach dem Gelde des Müllers und hoffte auf eine reiche Ernte. Ohne Zeit zu verlieren, durchsuchte ich den Kasten mit Wäsche, der in der Magdkammer stand, dann das Schlafzimmer Baumgarts und die Wohnstube; in einer Kommode, die ich erbrach, fand ich zwei Beutel mit Geld, diese und einen Kalender steckte ich zu mir, die Kleider und Wäschestücke ließ ich liegen, wie ich sie herausgezogen und durcheinandergeworfen hatte. Den Rückweg nahm ich durch die Hoftür und um das Haus herum nach der Straße. Hier überlegte ich mir, daß ich gewiß nicht gründlich genug gesucht hatte und am Ende noch mehr Geld finden würde. Ich kehrte nochmals um und entdeckte wirklich in jener Kommode noch einen dritten Beutel voll Geld. Vor dem Hoftor zog ich meine Stiefel wieder an und eilte, da der Morgen schon zu dämmern anfing, mit möglichster Schnelligkeit nach dem Försterhause, wo ich den geraubten Schatz hervorholte und mich an dem Anblick des Geldes erfreute. Ich hatte übrigens nicht mehr als dreißig Taler erbeutet. Ergänzend muß ich noch bemerken, daß ich mich auch in Chursdorf an den Leichen der Müllerin und der Dienstmagd vergangen habe. Ich ließ mir diesen Lohn niemals entgehen, wenn ich ein Weib ermordet hatte. Mein Bruder Martin hat mir in keiner Weise Beihilfe geleistet, er ist nicht mit in der Mühle gewesen und weiß von der ganzen Sache nichts, vielmehr habe ich allein den Plan erdacht und allein den Überfall ausgeführt. Einige Tage vorher besuchte ich meinen Bruder zwar in Schönow, sagte ihm aber nichts von meinem Vorhaben; in der Nacht nachher ging ich wieder zu ihm und schenkte ihm sechzehn Taler und eine Flasche Rum. Von Schönow begab ich mich in meine Höhle. Das Beil, das mir als Mordwerkzeug gedient hat, ist später dort in Beschlag genommen worden. Wenn man mir vorhält, daß an dreien meiner Beile Blutflecke und Menschenhaare entdeckt und auch an einem Beile meines Bruders Blutspuren und Fasern wie von der Nachthaube und dem Kopfkissen der Frau Baumgart gefunden worden sein sollen, so kann ich das nicht aufklären. Ich wiederhole, daß ich keinen Mitschuldigen und nur ein einziges Beil benutzt habe. Am Freitag nach dem Morde, am 17. Mai, mußte ich meine mit so unendlicher Mühe angelegte Wohnung verlassen, weil mich zwei Bauern, deren Herankommen ich überhört hatte, aus der Höhle emportauchen sahen. Das war der härteste Schlag, der mich treffen konnte, ich flüchtete mit meinem unter den Rock geknöpften Gewehr in den Wald und teilte in der folgenden Nacht meinem Bruder mit, was mir passiert war. Wir nahmen auf unbestimmte Zeit Abschied voneinander, denn so viel war uns beiden klar, daß ich nicht in der Nähe bleiben durfte. Ich ging zunächst nach dem Dammschen Forst und nach einem Rasttage weiter bis Stettin. Ich kehrte in der Vorstadt jenseits der Oder in mehreren Schenklokalen ein und lebte lustig und guter Dinge. Unter anderem beteiligte ich mich auch an einem öffentlichen Tanzvergnügen, bei dem ich viel Geld draufgehen ließ und mich tüchtig betrank. In nicht geringe Verlegenheit geriet ich, als mir die Füße den Dienst versagten und etliche der Anwesenden, die mich nach Hause bringen wollten, nach meinem Namen und nach meiner Wohnung fragten. Ich bat, man sollte mich nur ruhig im Saale liegen lassen, schlief ein und wendete der Stadt Stettin am anderen Morgen schleunigst den Rücken. Da ich kein Geld mehr besaß, war ich genötigt, mich von neuem aufs Stehlen zu legen. Ich baute mir in der Nähe von Kolbatz im Walde eine Laubhütte und unternahm von da aus Raubzüge in die nächsten Dörfer. Freilich sagte ich mir, daß ich hier nicht lange unentdeckt hausen würde, indes konnte sich kein Mensch nähern, ohne daß ich ihn sah, auf jeden Fall war also meine Flucht gesichert. Wirklich wurde ich bald von einem Manne, der Gras in der Heide schnitt, vertrieben und gelangte spät abends am 22. Juli nach Neuendorf. In einem Zimmer des Gutsgebäudes war Licht, am Tische saß ein schlafendes Mädchen, das mir die Wirtschafterin zu sein schien. Rasch entschlossen zu Mord und Raub, trat ich durch die offenen Türen in den Hausflur und in das Zimmer, schlug die Frauensperson mit einem Hammer auf den Kopf und schnürte ihr den Hals zu. Sie leistete jedoch heftigen Widerstand und erhob ein durchdringendes Geschrei, ich erschrak und zog unverrichteter Sache ab. Nun wanderte ich über Neustadt-Eberswalde in die Lauenburger Waldung. Ich nahm mir vor, den von Berlin heimkehrenden Fuhrleuten aufzulauern, wie ich es schon in früheren Jahren getan hatte. In der Nacht vom 21. zum 22. August lag ich mit geladenem Gewehr an der Chaussee zwischen Tiefensee und Heckelberg, als ein Planwagen, nur mit einem Pferde bespannt, dahergerollt kam. Ich ließ ihn vorüber, schlich dann leise nach, hob vorsichtig von hinten die Plane auf und sah, daß der Fuhrmann allein darin saß. Ich legte meinen Stutzen auf den Wagenkorb auf, zielte nach dem Kopfe und drückte ab. Die Kugel war tödlich; schleunigst fiel ich dem Pferde in die Zügel und lenkte den Wagen seitwärts in den Wald. Der Fuhrmann regte sich nicht mehr, ich schnallte ihm die Geldkatze ab, in der ich zweiundvierzig Taler fand, nahm die silberne Taschenuhr mit, vergrub die leere Geldkatze und entfernte mich. Ich wollte nun nach Frankfurt an der Oder und von dort mit der Eisenbahn weiter reisen. Wohin, hatte ich mir noch nicht überlegt, das sollte von den Umstanden abhängen. In Müncheberg traf ich lustige Gesellschaft; ich gesellte mich dazu und verlebte den ganzen Tag vor meiner Verhaftung in Herrlichkeit und Freuden, Ich war schon oft daran gewesen, meine Freiheit einzubüßen, und doch immer glücklich davongekommen. Mehreremal waren Leute an meinem Lager im Walde vorübergegangen, ohne es zu entdecken; wenn die Polizei und die aufgebotenen Gemeinden Jagd auf mich machten, lag ich bisweilen unter Strauchwerk versteckt und sah meine Verfolger an mir vorüberziehen, ja, einmal war ich im Hause eines befreundeten Tagelöhners sogar erkannt worden und wurde doch nicht ergriffen. In dem Hausflur stand eine Tonne von ziemlicher Größe, in der eine Henne brütete. Da man das Haus umstellt hatte, stieg ich in die Tonne, ließ Stroh über mich decken und die Henne mit ihren Eiern in ihrem alten Neste daraufsetzen. Das zahme, um seine Brut besorgte Tier brütete ruhig weiter; alle Winkel wurden ausgeforscht, aber es kam niemand darauf, daß ich unter den Flügeln jener Henne verborgen sein könnte. Durch mein Glück war ich dreist geworden, ich glaubte, es würde mich niemals verlassen. In Frankfurt wich es indes von mir: in trunkenem Zustande bekam ich Händel mit der Polizei und wurde festgenommen. Ich habe nichts Erhebliches verschwiegen und sehe dem Tode getrost entgegen, ausgesöhnt mit mir werde ich den letzten Gang gehen. Ich versichere, den Frieden gefunden zu haben; ich besaß ihn nicht, als mein Gewissen noch belastet war. Wenn ich mordete, so tat ich es nicht aus Blutdurst und weil das Morden mir Freude machte, sondern teils aus Sinnenlust, teils um mir meinen Lebensunterhalt zu erwerben. Ich wollte meine Freiheit nicht aufgeben, und deshalb mußte ich zum Mörder werden. Rosenfeld Der neue Messias in Berlin Zu Anfang der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts sah man in der Uckermark, in der Priegnitz und auch im benachbarten Mecklenburgischen einen Mann herumstreifen, dessen Kleidung und dessen Wesen nicht viel von denen eines Bettlers verschieden waren. Er bat aber nie um eine Gabe, sondern höchstens um einen Trunk Wassers, und zuweilen wohl auch um ein Nachtquartier, wenn man ihm nicht mit einer Einladung dazu zuvorkam. Ihm schien es nur darum zu tun, mit denen, die er besuchte, ins Gespräch zu kommen, und zu dem Zwecke machte er sich meistens an Schäferknechte hinan, die er auf dem Felde traf, ging jedoch auch in einsam gelegene Häuser, wo Tagelöhner, Weber oder sonst arme Handwerker wohnten. Zunächst trug der Mann einen grünen Jägerrock; dann aber, als dieser Rock verschossen und zerrissen war, näherte sich seine Erscheinung immer mehr der eines Bettlers und hatte beinahe etwas Unheimliches, ja man konnte sie geradezu schreckenerregend nennen. Sein Gesicht war blaß und erdfarben, die Augen lagen tief im Kopfe, und der Körper hatte eine schlaffe Haltung. Man brauchte jedoch keine Furcht wie vor einem gewöhnlichen Abenteurer zu hegen, der abends als müder Wanderer um eine Herberge bittet und morgens als Dieb verschwunden ist. Man kannte seinen Namen, er hieß Rosenfeld, und der grüne Jägerrock war ein letzter Überrest aus seinem früheren Jägerdienst beim Markgrafen von Schwedt. Zwar führte er kein Geld in der Tasche, aber am Kinn trug er einen langen Bart, der nicht den Räuber, sondern den Propheten verkündete. Manchmal trat er an einen Hirten mit einem biblischen Gruß hinan, schlug dann aber, wenn der Hirt geantwortet hatte, plötzlich die Augen gen Himmel auf und wandte dem Angeredeten mit einem Seufzer den Rücken: so schnell ging er immer von denen fort, die seinen Gruß nicht so erwiderten, wie er es wünschte. Wo er aber empfänglichen Grund für den Samen fand, den er ausstreuen wollte, ließ er sich in längere religiöse Gespräche ein. Einmal glaubte er im Dorfe Stendal bei Schwedt eine andächtige Versammlung gefunden zu haben, die gern auf seine Predigten hörte und seinen Lehren zugänglich wäre; als er aber, erwärmt von ihrer Aufmerksamkeit, die Arme erhob und zu prophezeien anfing, sagten sie, er sei nicht gescheit, worauf er sich enttäuscht hinwegbegab. Rosenfeld erscheint schon jetzt, wie auch während seiner ganzen späteren sieggekrönten Laufbahn, nicht als Fanatiker, der mit eiserner Stirn Mauern einrennen und mit der Fackel der Begeisterung die Welt in Brand stecken will. Sein Feuer war eines, das still brannte; er wartete auf Zeit und Gelegenheit und verstand die Kunst der Berechnung. Er schwieg, wenn er bei den Leuten im Dorfe keinen Glauben sah, blieb aber, wenn sie ihn einluden, eine Zeitlang in der Gemeinde und ließ sich die gute Aufnahme gefallen. Später ergab sich, daß die Tochter eines Hauses, in dem er gastlich gepflegt worden war, von ihm schwanger geworden war. Er hatte jedoch, um sie sich gefügig zu machen, ausnahmsweise keine Prophezeiungen und keine frommen Sprüche angewandt: der Religionseifer hatte gerade während dieser Zeit in ihm geruht, um sich in der Stille zu neuen Offenbarungen zu stärken. Nach den Akten taucht er erst wieder um 1765 in der Gegend von Prenzlau auf. Seine Erscheinung war hier schon viel armseliger und sein Blick irrer geworden. Er war der Prophet, der in langer Beschaulichkeit zu der Gabe gelangt war, nach der seine Seele dürstete. Einmal trat er zu Dedelow in das Haus eines Schäfers, bat um einen Trunk Wasser und sprach dann, indem er die Schale aufhob, mit bedeutungsvollem Tone zu Mann und Frau: »Kinder, so ihr nur wüßtet, wer ich bin!« Als sie ihn fragten, wer er denn sei, fuhr er fort: »Ich bin der Bote Gottes, ausgegangen, seine Schafe zu suchen. Von mir ist im Propheten Micha IV, 8 geweissagt: Du Turm Eder, eine Feste der Tochter Zion, es wird deine goldene Rose kommen, die vorige Herrschaft, das Königreich der Tochter Jerusalem!« Da er gläubige Zuhörer fand, führte er noch ein langes biblisches Gespräch mit ihnen, wie die Umkehr gerade in dieser Zeit not tue; es werde bald die Zeit kommen, daß die Gerechten das Land beherrschen würden, das verheißene Reich – das Hauptthema seiner Verkündigungen, über das sich seine Vorstellungen freilich erst später vollständiger ausbildeten. In diesem Hause hatten die Funken gezündet. Mann und Frau baten den gottseligen Mann dringend, daß er länger bei ihnen verweile; er blieb also mehrere Tage bei ihnen und kam dann noch oft wieder. Diese Anhänger in Dedelow blieben ihm auch nach seinem Sturze treu; sie hielten ihn auch dann noch für einen Mann Gottes, als seine große Prophezeiung nicht eingetroffen war. Zu beiden hatte er nämlich gesagt, sie möchten auf das Jahr 1770 achtgeben, es werde da eine große Wandlung geschehen. Sie achteten also auf alles, was in diesem Jahre geschah, die Frau aber mußte später vor Gericht eingestehen, es sei doch gar nichts Merkwürdiges in dem Jahre vorgekommen, der heilige Mann müsse sich wohl im Jahre verrechnet haben. Bald war nun Rosenfeld nicht mehr der umherirrende Vagabund, den man hier auslachte, dort aus Mitleid und Neugier aufnahm. Sein Name war auf dem flachen Lande weit verbreitet, er kannte alle seine Anhänger in jedem Orte, und bald bildete sich eine stille Gemeinde um ihn her. Wo er anklopfte, wurde er freudig empfangen, man drang in ihn zu bleiben, jeder schätzte es für ein Glück, wenn der Mann Gottes bei ihm Einkehr hielt. Nach und nach bildete sich nun auch die Methode heraus, mit der er den einfachen Leuten vom Lande am besten beikommen konnte. Gewöhnlich fing er damit an, in vielen Bibelstunden, von der jetzigen Verderbtheit des Menschengeschlechts und der bösen Welt, in der Recht und Gerechtigkeit verdreht seien, zu reden. Das war ja das ewige Thema, das die Leute von den Zeloten aller Kanzeln immerfort zu hören gewohnt waren. Die Verderbtheit der Welt legt sich jeder aus, wie er Lust hat. Jeder hat über Unrecht, das ihm widerfahren ist, zu klagen, und die uckermärkischen Landleute hatten besondere Ursache dazu; denn der Siebenjährige Krieg war kaum vorüber, und schwere Abgaben, wie die harte Akzise, drückten sie neben anderen allgemeinen Nöten. Wenn der Prediger auf diese Weise leichten Eingang bei ihnen gefunden hatte, folgten zuerst allerlei allgemeine Besprechungen von einem Erretter aus diesen Trübsalen, einem Wiederherstellet des gekränkten Rechts, einem Heiland und Erlöser. Zwar war ein solcher Heiland schon dagewesen. Er sprach sich über diesen wichtigen Punkt zuerst ungewiß aus und hielt sich in verschwommenen Ausdrücken eine Tür offen, um später, wenn er seine Zuhörer dafür reifer fände, noch mit anderen Offenbarungen darüber hervorzutreten. Inzwischen zitierte er Bibelstellen, die von einem zweiten, künftigen Heiland redeten, wie Matth. III, 11: »Und er hat seine Worfschaufel in seiner Hand; er wird seine Tenne fegen und den Weizen in seine Scheunen sammeln, aber die Spreu wird er verbrennen mit ewigem Feuer«, oder Röm. XI, 26: »Es wird kommen aus Zion, der da erlöse, und abwende das gottlose Wesen von Jakob.« Dazu kamen dann noch andere, in denen davon die Rede war, daß Christus zum zweitenmal auf die Welt kommen werde, um die Menschen zu richten. Daneben sprach er auch schon aus, der Jesus, der auf Erden gelebt habe, sei nur ein prophetisches Luftbild, eine Art Fata Morgana des Jesus gewesen, der noch kommen müsse und werde. Ja, wenn er Zuhörer vor sich hatte, deren Glauben ihn zu erwärmen schien, überkam es ihn wie ein heiliges Feuer der Erkenntnis, und er rief aus, Christus sei ein falscher Messias gewesen; der richtige sollte doch gekommen sein, um die Welt vor Sünde, Tod und des Teufels Gewalt zu erretten, und diese drei Dinge seien nach wie vor noch in der Welt; das sei kein rechter Christus gewesen, der gen Himmel gefahren wäre und seine Jünger im Stich gelassen hätte. Endlich ging er noch weiter und erklärte die ganze Heilsgeschichte für unwahr; das Neue Testament sei als Erdichtung zu verwerfen. Nachdem er so weit gegangen war, ergab sich die praktische Folge von selbst. Er schalt auf die Prediger als Propheten der Unwahrheit, er eiferte gegen das Kirchengehen, gegen die Taufe, gegen den Genuß des Abendmahls, gegen alle geistlichen Bücher mit Ausnahme des Alten Testaments. Endlich zog er auch gegen alle weltlichen Obrigkeiten vom Dorfschulzen an bis zum Könige in den härtesten Ausdrücken zu Felde. Es spricht für den wunderbaren Einfluß, den er schon auf die Gemüter dieser Einfältigen erlangt haben mußte, daß wir von keinerlei Art Widerspruch hören. Das Landvolk in jenen Gegenden betrachtete die Obrigkeiten als von Gott eingesetzt. Wer mußte der Mann sein, der sich sogar gegen einen König wie Friedrich den Großen solche Angriffe erlauben durfte? Und was mehr war als gegen den König und seine Diener, auch gegen die geistlichen Bücher, die sich in jenen Bauernfamilen als Heiligtümer von Kind zu Kindeskind vererben, und selbst gegen den Hauptteil der Bibel, gegen das Neue Testament? Das Volk gegen die Prediger aufzubringen, war an und für sich nicht schwer. In jenen Gegenden, in denen religiöse Schwärmerei immer eine Heimstatt gehabt hat, finden sich unter den Landleuten die allerstrengsten Kritiker nicht nur des Lebenswandels, sondern auch der Dogmen ihrer Geistlichen, und die geringste Abweichung von den alt überkommenen Vorstellungen macht sie zu den strengsten Richtern, Gegnern und Anklägern ihrer Pfarrer. Diesmal, vermutlich nach langer Dürre, schlug der Gewitterregen einer religiösen Begeisterung so tief in den durstenden Boden, daß er mit den Predigern auch die Postillen, Gesangbücher und sogar das Neue Testament fortschwemmte. Einer der neu Bekehrten, der Schlosser Zimmermann aus Berlin, warf nach einer Versammlung, in der Rosenfeld seinen ganzen Haß gegen die falschen geistlichen Bücher entladen hatte, seinen ganzen Vorrat davon ins Feuer. Bei der späteren gerichtlichen Vernehmung seiner Jünger kamen zwar die verschiedensten Zeugnisse, je nach den verschiedenen Auffassungsgaben der einzelnen, zutage, in mehreren Punkten aber stimmten sie vollkommen überein; ja für einige Lesesätze bedienten sie sich sogar derselben Worte, die natürlich die des »Meisters« selbst waren. So hieß es, der auf Golgatha gekreuzigte Messias sei nur die Verheißung des künftigen; Christus sei verflucht, weil er am Holze gehangen habe, und wer an ihn glaube, sei verdammt – ein Punkt, in dem man eine Annäherung an die Grundsähe der Gnostiker zu entdecken glaubte –; die ganze Lehre von seiner Kreuzigung sei eine heidnische Fabel; der Christus, der zu Jerusalem seinen Einzug gehalten habe, sei ein Hurensohn, ein Dieb, ein Zuhälter. Durch das Abendmahl genössen die Menschen den Teufel; es sei ein Götzenopfer, vom Drachen gesetzt. Nach der Meinung der Christen heiße das ja nichts anderes, als Gott verschlingen. In der Taufe würden die Kinder dem Könige verkauft, der der Teufel wäre. Durch diese Taufe solle der unreine Geist ausgetrieben werden; demnach also müsse Gott den Menschen einen unreinen Geist eingegeben haben. Die Taufe sei nach Röm. VI, 3: »Wisset ihr nicht, daß alle, die wir in Jesum Christum getauft sind, die sind in seinen Tod getauft?« und 1. Kor. XV, 29: »Was machen sonst, die sich taufen lassen über den Toten, so allerdings die Toten nicht auferstehen? Was lassen sie sich taufen über den Toten?« ein Bund mit dem Tode. Die Obrigkeiten seien krumme Schlangen und der König ihr Oberster, nämlich der Beelzebub, der den Mammon mehr liebe als Gott. Der König sei der ägyptische Pharao, der rote Meerdrache, der große Drache. Das wurde von Rosenfeld nicht allgemein figürlich oder etwa von den Königen im allgemeinen, sondern von dem damals regierenden König von Preußen, von Friedrich dem Zweiten, ganz speziell gesagt. Über den Markgrafen von Schwedt führte er den staunenden Landleuten als bestimmte Tatsache folgendes an. Als ihn der Markgraf von Schwedt auf der Jagd einmal vertraulich gefragt habe, wer er, der Markgraf, nach Rosenfelds Meinung eigentlich sei, habe er ihm geantwortet: »Der Drache!« Der verstorbene Markgraf sei darauf nicht zornig geworden, sondern habe geantwortet: »Du hast recht, der bin ich auch.« Von Rosenfeld scheint man nichts Schriftliches über seine Lehre zu besitzen. Entweder hütete er sich aus weltkluger Vorsicht davor, etwas niederzulegen, oder er ahmte größere Vorbilder damit nach. Von zweien seiner eifrigsten Anhänger und Apostel hat man dagegen einen Hirtenbrief, der in Abschrift dem Prediger Fehland zu Biesenthal, einer Domäne unfern Berlin, zugeschickt wurde. In diesem Briefe heißt es ganz im Stil der Apostelbriefe unter anderem auch über die Prediger: »Im Alten Testament hat Gott zwar Priester verordnet, im Neuen Testament aber wieder aufgehoben. Jeremias XXXI, 33, 34, sagt: ›Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben; und wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: Erkenne den Herrn!, sondern sie werden mich alle kennen, beide, klein und groß, spricht der Herr.‹ Die Priester sollten auch keine Platten tragen und den Bart nicht abscheren und ohne Fehl sein, welches ich bei den jetzigen Priestern nicht finde; sondern sie sind gestaffiert, so wie Baruch die Götzenbilder beschreibt. Und Pharao hatte auch Priester, und Pharao war doch der Drache; also waren die Priester im Lohn. Die jetzigen Priester treiben Kaufmannschaft, tun nichts um Christi willen, sondern um Geld, weil sie's um Geld empfangen haben. Welches ich ihm auf göttlichen Befehl zuschreibe, und ihm also verkündige, daß seine Uhr ausgelaufen ist, und seine Verführung wird ein Ende haben.« Diese letzte Drohung galt dem schon genannten Prediger Fehland in Biesenthal, und der Verfasser des Briefes gestand auch, daß er ihn in der Absicht geschrieben habe, Fehland zur Verteidigung zu veranlassen; die letzte Stelle aber bedeute, daß über solche Irrlehrer das Gericht Gottes hereinbrechen werde. Der Verfasser dieses Briefes, Richter, einer der eifrigsten Rosenfeldianer, gestand auch, auf das Vorderblatt eines Gesangbuches geschrieben zu haben: »Fehland ist ein Hurenmeister; denn er verführt ja die Leute zur geistlichen Hurerei. Die Bilder in der lutherischen Kirche sind Bilderdienst und Abgötterei, also geistliche Hurerei. Das Gesangbuch ist ein Zauberbuch, denn es ist von menschlichen Händen gemacht, und Salomo sagt: Viel Predigen macht den Geist müde, und des Büchermachens ist kein Ende. Die Kirche ist in vielen Stellen der Bibel ein Hurenhaus genannt. Man braucht nicht in die Kirche zu gehen, wo noch dazu so viel Gotteslästerliches gepredigt wird; sondern man braucht nur fromm und in Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit zu wandeln.« Die Gemüter seiner Anhänger schienen Rosenfeld mit diesen Lehren endlich so weit vorbereitet zu sein, daß er wagen konnte, mit dem großen Satze hervorzutreten, den freilich auch jetzt noch nur die Eingeweihtesten unter den Eingeweihten klar und deutlich zu hören bekamen: Der Heiland Jesus war nicht der wahre Heiland, also muß der wahre Heiland noch erscheinen, und dieser zweite Heiland bin ich selbst, von Gott zur Erlösung der Welt gesandt. Rosenfeld nahm nur einen nach dem andern in die Weihe dieser letzten Erkenntnis auf. Auf die Frage hin, weshalb er diese Vorsicht beobachtet habe, antwortete er: »Es wäre ja töricht gewesen, gleich einem jeden zu sagen, daß ich der bin.« Denen aber, denen er sich zu erkennen gab, versprach er, wenn sie ihm treu nachfolgten, ewiges Leben schon hier auf der Erde. Er sprach diese Versicherung so unbedingt aus und half sich nicht durch eine zweideutige, dunkle Verheißung, daß er im Gegenteil gegen die Prediger vorzugsweise um deswillen zu Felde zog, weil sie den Tod verkündeten. Wenn jemand von seinem Anhang starb, sagte er zu den Zweiflern, der Gestorbene hätte es noch nicht treu genug gemeint. Selbst vor Gericht wiederholte er diese Antwort: nur in diesem Punkte blieb er sich selbst bis zuletzt treu. Über diese seltsamste und, wie es uns scheint, für ihn gefährlichste Lehre hatte er sich eine eigene Beweistheorie gebildet. Gott hatte die Menschen zunächst zum ewigen Leben geschaffen. Als aber der Mensch Gottes Gebot übertrat, fiel Gottes Zorn auf ihn und übergab ihn dem Tode. So herrschte der Tod von Adam bis auf Moses (Röm. V, 14). Moses führte die Kinder Israel aus Ägypten, legte ihnen Leben und Tod vor und gab ihnen die Wahl. Das bewies er aus 5. Mos. XXX, 15–19: »Siehe, ich habe dir heute vorgelegt das Leben und das Gute, den Tod und das Böse. – Ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt, daß du das Leben erwähltest und du und dein Same leben mögest.« Das ewige Leben war nämlich die Verheißung, die Gott Abraham gegeben hatte. Aber alle waren ungehorsam. Da kam statt der Verheißung das Gesetz. Die Gnade kann nicht durch das Gesetz erworben werden. So kam der Zorn Gottes über uns, und wir müssen sterben, bis der Zorn Gottes ein Ende haben wird, das ist, bis Christus kommt, der der verheißene Same und des Gesetzes Ende ist. Der wird den Tod verschlingen und den Bund mit dem Tode lösen. Dann sollen wir wieder im Lande wohnen, das Gott Abraham, Isaak und Jakob zugesichert hat. Gott will nicht das Leben wegnehmen. Auferstehen ist ablassen von Sünde, und Gott sagt: »Ich will ihnen heraushelfen von allen Arten, da sie Unrecht getan haben.« Es versteht sich, daß jeder dieser Sätze, ja auch jedes Wort in ihnen durch Bibelstellen belegt war, die hier natürlich nicht aufgeführt werden können. Es bewährte sich jenes alte Wort, daß aus den Buchstaben der Bibel sich alles beweisen läßt, und noch besser aus denen ihrer Übersetzung. Rosenfeld war sicherer geworden und sein Anhang größer. Er trat nunmehr vor allem mit der Erklärung hervor, daß er der wahre Messias sei, Gott der Sohn, der wahre, einzige allmächtige Gott, der Herr aller Herren und König aller Könige. Seine Gemeinde glaubte alles. Solche Dinge hatte noch kein Religionsstifter seinen Anhängern verheißen. Wie sollten die, die an ihn glaubten, nicht alles für ihn opfern! Willig brachten ihm die armen Leute, was sie nur erschwingen konnten. Aber er selbst forderte nie etwas und äußerte nie seine Unzufriedenheit, wenn ihm das Geschenk etwa zu gering schien, wenigstens niemals in Gegenwart des Gebers. Er nahm alle Geschenke mit den Worten an, was sie ihrem Heiland Gutes täten, das täten sie sich selbst zugut. Später übte der neue Heiland eine andere Taktik, er nahm fast gar nichts mehr von seiner Gemeinde an und gab selbst von dem, was er schon erhalten hatte, einen ganzen Teil zurück. Es braucht kaum angedeutet zu werden, wie dadurch der Glaube seiner Anhänger wiederum neue Nahrung gewann. Sein Lebensunterhalt war durch die Spenden, die ihm in reichem Maße zuflossen, gesichert. Der Heiland war aber auch ein Mensch mit einem von Jugend auf sehr starken Geschlechtstrieb. Plötzlich vertraute er seinen Anhängern an, daß er den Schlüssel zum verschlossenen Paradiese und das Buch des Lebens besitze, das, nach der Beschreibung in der Offenbarung Johannis, mit sieben Siegeln versiegelt sei. Um das Erlösungswerk zu vollenden, müsse er die Siegel öffnen, und dazu müsse er sieben Jungfrauen haben. Mit dieser merkwürdigen Forderung trat er schon während seines Aufenthaltes in Prenzlau hervor. Der Glaube seiner Anhänger war so blind, daß die im bürgerlichen Sinne höchst ehrbaren Leute vor der Forderung nicht erschraken; sie würden ihrem Heiland gern zu Dienst gewesen sein, aber sieben Jungfrauen waren in der Prenzlauer Gemeinde damals nicht aufzutreiben, und die Erfüllung seines Begehrens blieb bis auf eine spätere Zeit ausgesetzt. Es entsteht die Frage, woher Rosenfeld solche Anhänger nahm, eine Frage, deren Beantwortung Gebiete berührt, die über unsere kriminalistische Sphäre weit hinausgehen. Daß in Pommern, den Marken und Niederschlesien unter dem Volke eine große Neigung zur religiösen Sektiererei besteht, dafür liegen aus allen Zeiten Beweise vor. Vor allem unter Webern, Schneidern und Schäfern, die zu sitzender oder untätiger Lebensart verurteilt sind, wirkte gerade hier der beschauliche Sinn so mächtig auf die Phantasie ein, die aus der Armut der Umgebung keine Nahrung zu schöpfen fand, daß in ihnen das Verlangen nach einer unmittelbaren Offenbarung aus der übersinnlichen Welt rege wurde. Da ihre protestantischen Kirchen und die damaligen rationalistischen Prediger diesen Durst in keiner Weise stillen konnten, waren diese Armen darauf angewiesen, ihn aus anderen Quellen zu befriedigen, und dabei gelangten sie wohl auch oft zu trüben Brunnen. Das ist freilich noch lange keine erschöpfende Erklärung für Erscheinungen dieser Art, die sich freilich überhaupt nicht völlig erklären lassen; aber es ist eine tatsächliche Wahrnehmung, daß solche Verirrungen in Gegenden, in denen eine reichere Natur die Phantasie des Müßigen anregt – bei den eigentlich Tätigen treten sie überhaupt weit seltener auf – lange nicht so oft vorkommen. Über die Schwärmer, Pietisten und Stillen im Lande während des philosophischen Jahrhunderts in den damals ruhigen Straßen Berlins, dem Halleschen Tore zu, aus denen sie freilich jetzt Lokomotivenlärm und Wagengerassel längst verscheucht haben, besitzen wir in Nicolais Schriften (»Sebaldus Nothanker«) Mitteilungen, die allerdings für die Geschichte interessanter sind als für die Philosophie. Unter seinen Anhängern erscheint als einer der bedeutendsten der Schäfer Gumto, gebürtig aus dem Mecklenburg-Schwerinischen, der seine Bekanntschaft gemacht hatte, als er um das Jahr 1765 in Prenzlau in Diensten stand. Der Ruf des Wundermannes war aus den umliegenden Dörfern schon zu ihm gedrungen, als Rosenfeld eines Abends an seine Tür klopfte und um ein Nachtlager bat. Beide waren bald in einem eifrigen Gespräch, das sich zum größten Teil aus Bibelsprüchen zusammensetzte. Als beim Abendtischgebet der Name Jesus genannt wurde, sagte Rosenfeld: »Jesus mag wohl schon bei euch am Tische sitzen, ihr kennt ihn nur nicht.« Ehe er von der Familie Abschied nahm, schrieb er verschiedene Sprüche auf und empfahl Gumto, über sie nachzudenken. Als er dann wiederkam, besprach er diese Bibelstellen mit ihm. Nach mehreren Besuchen entdeckte sich Rosenfeld dem erstaunten Gumto und seinem Weibe als den Heiland der Welt, durch den alle erlöst und gerettet werden würden. Zwar sei schon einer vor ihm gewesen, der sich dafür ausgegeben habe, aber der sei nicht der rechte gewesen. Er sei der erste Held, der die Menschen, ohne daß sie stürben, ins Himmelreich bringen könne. Die Prediger, die vom Tode redeten, seien Lügner. Er habe die Schlüssel des Paradieses und das Buch des Lebens. Das Buch des Lebens sei aber mit sieben Siegeln verschlossen, und um es zu öffnen, brauche er sieben Jungfrauen. Diese wären schon von Anbeginn der Welt an dazu ausersehen, und unter ihnen befänden sich auch die drei Töchter des Gumto, die er ihm übergeben müsse. Täte er es nicht, so würden alle Seelen über ihn Ach schreien. Wenn er selbst aber nicht der rechte Heiland sei, so sollten alle Strafgerichte und Flüche, die sonst auf Gumto fallen würden, ihn selber treffen. Gumto war ein äußerst ehrlicher Charakter, dessen Frömmigkeit aber schon an Einfalt grenzte. Er war bereits so von Rosenfeld eingenommen, daß er alles glaubte, was dieser vorbrachte. Er erschrak über den Gedanken, daß alle Seelen verloren gehen und über ihn Ach schreien sollten. Aus wahrhafter Gewissensangst, durch seine Weigerung seine Mitmenschen ins Verderben zu stoßen, willigte Gumto in alles. Seine Töchter waren aber damals noch zu jung; die Eröffnung der sieben Siegel des Buches des Lebens wurde also aus diesem Grunde nochmals verschoben. Gumto sollte übrigens der erste Märtyrer seiner Sekte werden. Nachdem er sich als Schäfer nach Lichen verdungen halte, wurde seine Verbindung mit Rosenfeld ruchbar. Man wollte hier keine Sektierer zu irdischen Schäfern haben und entließ ihn. Er ging nach Berlin und nährte sich hier als Tagelöhner, bis er aufs neue mit Rosenfeld in nähere Verbindung trat, alles, was er besaß, zur Glorie des neuen Heilands und zur Errettung des Menschengeschlechts opferte, endlich aber in vollem, ehrlichem Glauben an ihn wider Willen zum Verräter an ihm wurde und sein Ende herbeiführte. Eine Hauptstation in Rosenfelds Wirksamkeit wurde bald darauf das Städtchen Biesenthal, das vier Meilen von Berlin entfernt liegt und damals von allen Hauptstraßen abgelegen war, während man es jetzt auf der Stettiner Eisenbahn in einer halben Stunde von Berlin aus erreichen kann. Diese isolierte Lage hat dort auch zu anderen Zeiten Impulse eigentümlichen Lebens hervorgerufen, und auch der neue Heiland fand hier außerordentlichen Zulauf. Sein Anhang wurde so zahlreich und trat zugleich so laut auf, daß man jetzt von seiner Person und seinem Treiben auch in Berlin hörte. Ein erstes offizielles Dokument über ihn ist der Bericht des Amtes Biesenthal an die Regierung vom 19. August 1768, in dem es heißt, daß das ganze Städtchen voll Unruhe sei; ein gewisser Rosenfeld gebe sich für den Messias aus und lebe davon. Sein Anhang bestehe schon aus fünfundzwanzig Personen, mit denen Polizei und Justiz nicht mehr auskommen könnten. Die ganze Stadt sei erregt und in zwei sich heftig bekämpfende Lager geteilt: Gläubige und Ungläubige. Die Rosenfeldianer nämlich suchten die anderen zu bekehren, und in ihrem Eifer gegen die Unbekehrten störten sie oft den Frieden zwischen den Eheleuten und wiegelten die Kinder gegen ihre Eltern auf. Niemand sei in dieser Hinsicht eifriger als der Garnweber Glanz, der den neuen Messias in seinem Hause aufgenommen habe. Die aber, die sich nicht von ihm bekehren lassen wollten, seien nun andrerseits ebenso ergrimmt über seinen Bekehrungseifer und hätten ihm die Fenster eingeworfen. Ja sie hätten sogar gedroht, sein Haus in einen Steinhaufen zu verwandeln, wenn er nicht von Rosenfeld abließe, ihn fortjage und die sektiererischen Versammlungen einstelle. Glanz aber sei so vernarrt in den neuen Heiland, daß er sich aus alledem nichts mache, und so sei das Äußerste zu befürchten. Dazu kam es jedoch nicht. Rosenfeld wurde mitten in einer Gläubigenversammlung aufgehoben und verhaftet. Der Weber Glanz, sein Wirt, wollte durchaus zum Märtyrer für ihn werden und bat, ihn mitzuverhaften. Das wurde ihm diesmal aber noch nicht gewährt. Dagegen trat unerwartet ein anderer seiner Anhänger als sein Ankläger auf, Richter. Dieser Mann, der ihm bis dahin treu ergeben war und uns schon als der Verfasser oder Mitverfasser des angeführten Hirtenbriefes bekannt ist – auch der Beweis für das ewige Leben auf Erden soll von ihm herrühren –, also jedenfalls einer der bedeutendsten und tätigsten Anhänger seiner Sekte, gab zu Protokoll, er halte sich für verpflichtet, die Irrlehren des Bösewichts Rosenfeld dem Gericht anzuzeigen. Rosenfeld behaupte nämlich, der Heiden Zeit sei um; er sei als Jesus und Gott gekommen; wenn er nur erst die vierundzwanzig Ältesten zusammengebracht habe, würde er den königlichen Stuhl umstoßen, dem Könige das Schwert abfordern und mit seinen vierundzwanzig Königen den ganzen Erdkreis richten. Seine Anhänger brauchten nicht mehr zu arbeiten. Er, Rosenfeld, werde jetzt gefangen gesetzt werden: zum sechsten und zum letzten Male – er war wirklich schon fünfmal, wahrscheinlich aber nur wegen Vagabundierens arretiert gewesen –; wenn er dann wieder entlassen werde, gehe sein königlicher Stand an. Übrigens treibe Rosenfeld mit den Töchtern seiner Anhänger Unzucht. Derselbe Richter, der seinen Meister hier so hart anklagte, erscheint aber bald darauf wieder als sein getreuester Anhänger, ein neuer Beweis für die ungeheure Macht, die Rosenfeld innewohnen mußte. Richter schlug freilich später noch einmal um, da seine gesunde Vernunft zuletzt doch noch die Oberhand behielt. Unerschüttert ging dagegen der Weber Glanz am anderen Tage aufs Amt, um seinen gefangenen Meister zu besuchen. Dabei erklärte er laut, Rosenfeld sei der Gesalbte des Herrn, er wisse von keinem anderen und lasse nicht von ihm. Er tobte so lange, bis man es für geraten fand, auch ihn festzunehmen. Dem einundfünfzigjahrigen Manne, der als ein höchst fleißiger und ordentlicher Arbeiter bekannt, aber bei seinem beschränkten Verstand und seiner tiefsinnigen Gemütsart enthusiastischer war als irgendein anderer Anhänger der Sekte, ja als deren Meister selbst, konnte nichts willkommener sein, und er drängte sich ordentlich zu dem Verhör, um seinem Bekenntnis, das ihn bedrückte, Luft zu machen. Zur Beichte war er seit zwei Jahren nicht gegangen, aber nur, weil er den Beichtgroschen nicht hatte erschwingen können. Dagegen antwortete er auf die Frage, ob er nicht wisse, daß Zusammenkünfte, wie sie in seinem Hause gehalten würden, verboten wären, man käme ja auch ganze Nächte zusammen, um Karten zu spielen. Feierlich und fest erklärte er, daß er Rosenfeld für den Messias halte, denn die Schrift lehre es ihn, wobei er sich wieder auf den Spruch Micha IV, 8: »Du Turm Eder, eine Tochter der Feste Zion« usw. berief. Außerdem sage es ihm der Geist Gottes, denn er bitte Gott täglich mit Seufzen, ihm den rechten Weg zu Gott zu zeigen, und im Gewissen sei er fest davon überzeugt, daß Rosenfeld selbst Gott sei. Rosenfeld verspräche ihnen das Gnadenreich, das auch der alte Gott ihnen versprochen habe. Es werde schon hier auf der Erde aufgerichtet werden, wo ja auch das Paradies gewesen sei, und in der Heiligen Schrift stände ganz deutlich, die Gerechten sollten das Erdreich besitzen ewiglich. Auf die Frage hin, ob Rosenfeld nicht gesagt habe, daß nach seiner Gefangenschaft seine königliche Herrschaft beginnen würde, erklärte er, davon wisse er nichts; nur das sei ihm bekannt, daß in der Schrift stehe: »Aus sechs Trübsalen will ich dich erretten, und in der siebenten soll dir kein Leid widerfahren.« Daß Rosenfeld mit seinen Töchtern Unzucht verübt habe, sei ihm nicht bekannt; als man ihn aber ganz allgemein fragte, ob er das für etwas Unrechtes halte, rief er aus: »Nein, Rosenfeld hat einen göttlichen Geist, er ist ein Gesalbter des Herrn. Bei anderen wäre es freilich eine Sünde.« Noch entschiedener und fanatischer äußerten sich einige andere in Biesenthal verhaftete Sektierer, ein gewisser Beck und seine Frau und ein gewisser Seifart uno seine Frau. Auch diese vier erklärten, daß Rosenfeld der wahre göttliche Messias sei, und protestierten heftig gegen Jesus und seine Göttlichkeit. Ihr Vertrauen ging noch weiter als das des Webers Glanz. Sie erklären einstimmig, wenn ihr Herr und Meister Rosenfeld nur erst stark genug wäre, würde er die königliche Majestät selbst vom Throne stürzen und nötigen, ihm die Schuhe nachzutragen. Ein Rosenfeldianer könne mit der Frau und der Tochter eines jeden Glaubensgenossen verkehren, nur nicht mit Christen, das wäre ebenso, als wenn er es mit Vieh täte. Wenn das Jahr 1770 herankomme, würde man alles das über Christus erfahren, was sie jetzt nicht sagen dürften. Die Untersuchung zog sich sehr in die Länge, da man von Gerichts wegen nach allen Orten schrieb, in denen eine Voruntersuchung gegen Rosenfeld stattgefunden hatte. Inzwischen wurde im Dezember 1769 ein Urteil gefällt, dessen wesentlicher Inhalt der war, daß Rosenfeld im Berliner Irrenhause bis zur Probe seiner Besserung eingesperrt werden, jeder seiner Anhänger aber zur Strafe ein Jahr lang in Spandau sitzen solle. Dadurch ward das Übel aber nur noch ärger. In Biesenthal wuchs die Gemeinde, die so viele Märtyrer aufzuweisen hatte, von Tag zu Tag. Besonders tätig waren die zurückgebliebenen Glieder der Glanzschen Familie, Sie wollten sich ihres Familienhauptes würdig zeigen. Dem Verbot und der Strafe zum Trotz versammelten sie sich wieder in demselben Hause, nur in noch größerer Zahl, und verkündeten laut jedem, der es hören wollte, der neue Messias werde wiederkommen mit Feuer und Schwert, und der Prediger Fehland würde das erste Schlachtopfer sein. Es entstand ein förmlicher Tumult. Einige drangen zum Prediger Fehland selbst ins Haus und betrugen sich gegen ihn auf die unanständigste Weise. Es schien, als ob sie noch Schlimmeres gegen ihn im Schilde führten. Man warf zerrissene Blätter eines Gesangbuches aus dem Fenster und rief den Kindern zu, sie sollten damit Karten spielen. Besonders tätig war dabei jener abtrünnige Gläubige, der kurz vorher eine Art Judasrolle Rosenfeld gegenüber gespielt hatte. Die Strafen, zu denen der Meister und seine Bekenner verurteilt worden waren, hatten eine andere als die erwartete Wirkung in ihm hervorgebracht. Er empfand sein ganzes Unrecht, einen solchen Mann verlassen zu haben, der nun im hellen Glorienschein des Märtyrertums strahlte. Derselbe Richter, der seinen Meister bei den Gerichten als Bösewicht angegeben hatte, bekannte sich in raschem Umschlag wieder zu seiner Lehre und versäumte nichts, um seine Reue und seinen wiedergewonnenen Glauben vor den Leuten leuchten zu lassen. Jetzt schrieb er den oben angeführten Hirtenbrief an die Gemeinde und die anklagenden Stellen vorn in das Gesangbuch, und er schrie seinen Glauben so laut und ungestüm durch die Straßen aus, daß man genötigt war, jetzt auch ihn zu verhaften und auf ein Jahr nach Spandau zu schicken. Auf die Frage hin, wie er zu seinen früheren Angaben komme und wie er jetzt sein Urteil darüber so schnell habe ändern können, erklärte Richter, seinen Aussagen habe das Gerede der Leute von der Unzucht, die Rosenfeld getrieben habe, und der Schwängerung des Mädchens in Stendal zugrunde gelegen; das Gerücht von dem unzüchtigen Verkehr aber beruhe auf Unwahrheit, und was die letztere beträfe, so wisse Rosenfeld jedenfalls, warum er es getan habe, da er nie etwas Unrechtes machen könne. Im übrigen müsse er den Rosenfeldschen Lehren beipflichten, weil er sie in der Heiligen Schrift begründet finde. Den Prediger Fehland aber könne er nur für den Teufel halten, denn er predige vom Tode, und nur durch des Teufels Neid sei der Tod in die Welt gekommen. Rosenfeld befand sich wahrend dieser Zeit bei nicht zu strenger Haft in Berlin. Das Irrenhaus trug nur dazu bei, seine Glorie in den Augen seiner Anhänger zu vermehren. Sein treuer Gumto und dessen Familie beschlossen, alles zu tun, was in ihren Kräften stehe, um den Heiland, der für sie litt, für seine Leiden zu entschädigen, und Rosenfeld nahm diese Untertanentreue gnädig hin. Er forderte von ihnen jetzt etwas, was wirklich der Autorität der Akten bedarf, um geglaubt werden zu können. Gumtos Frau mußte auf ihres Mannes Befehl ihre nunmehr fünfzehnjährige Tochter, die sich bei Verwandten in der Nähe von Templin aufhielt, nach Hause holen. Auf dem Wege nach Berlin sagte sie ihr, sie solle Rosenfeld vorgestellt werden und dabei nur ja genau acht haben auf dessen Worte und Vermahnungen und ihnen Folge leisten. Was Rosenfeld sage, sei recht, ihr bisheriger Glaube sei irrig, und sie wäre ewig verflucht, wenn sie Rosenfelds Lehre nicht annehme. Unterwegs nahm man noch einen Mann und eine Frau aus der Biesenthaler Gemeinde mit, um der Pilgerfahrt die rechte Weihe zu geben, und kurz vor Berlin wurde der jungen Dirne mitgeteilt, daß sie eine der sieben Jungfrauen werden solle, zu der sie schon durch die Geburt bestimmt sei, und müsse deswegen alles tun, was Rosenfeld ihr sagen und von ihr verlangen würde. Die vier Personen kamen gegen Abend im Irrenhause an und wurden vom Türhüter in eine besondere Stube gewiesen. Rosenfeld, den man von ihrer Ankunft benachrichtigt hatte, erschien. Er fragte das Mädchen, ob sie eine Braut Christi werden wolle. Sie antwortete: »Ja!« Er fuhr fort, dann müsse sie auch alles tun, was er von ihr verlange; ob sie das aufrichtig wolle? Als das Kind auch hierauf mit Ja antwortete, legte er es auf ein dastehendes Bett und vollzog im Angesicht der eigenen Mutter, ihres nachmaligen Schwagers Lünemann und einer Frau Naumann den Beischlaf mit dem Mädchen. Dann sprach er: »Dies ist die Versiegelung, durch die wir beide aufs festeste miteinander verknüpft sind. Durch sie mußte ich mich überzeugen, daß du vorher noch mit keiner Mannesperson zu tun gehabt hattest. Mache dir fortan auch mit keiner zu schaffen, wenn du nicht ewig verloren gehen willst.« Zugleich aber ermahnte er die Umstehenden, seinem Beispiel hierin nicht nachzufolgen. Denn was er getan habe, stehe nur ihm frei, da er ja der Christ sei, von dem geschrieben stehe, daß er kommen solle. Dann blieben die fünf Personen noch etwa eine Stunde beisammen, das Mädchen aber wurde zu ihren Verwandten zurückgebracht, bei denen sie gegen vier Jahre blieb. Im März 1771 berichteten die Inspektoren des Berliner Irrenhauses, Rosenfeld sei ein wahrhaftes Muster von Liebe und Mitleid; den Elenden in der Anstalt sei er aus eigenem Antriebe unverdrossen und gern zur Hand gegangen, habe die Kranken fleißig abgewartet und sich als ein treuer Gehilfe der Wärter gezeigt. Sie möchten ihn deshalb nur ungern missen, aber er bitte doch allzu dringend um seine Entlassung. Da auch der Arzt des Hauses berichtete, daß Rosenfeld sich ordentlich und ruhig aufgeführt habe und sein Geist nichts weniger als zerrüttet sei, wurde seine Entlassung verfügt, jedoch unter der Bedingung, daß sich Rosenfeld bei einem bekannten guten Bürger einmiete, der für den Fall, daß sich abermals schwärmerische Religionsideen bei ihm einstellen sollten, angehalten werden solle, darüber sofort dem Magistrat zu berichten. Dieser bekannte gute Bürger fand sich auch sogleich in der Person des Schlossermeisters Zimmermann in Berlin, der ihn willig aufnahm und sich für ihn verbürgte, weil – er einer seiner eifrigsten Anhänger war, ohne daß die Behörden davon Kenntnis hatten. Zimmermann, sonst ein rechtlicher, fleißiger Mann, hatte sich im Zorn an dem Präfekten des Werderschen Singechors vergriffen und mußte deshalb auf kurze Zeit in Spandau sitzen. Hier hatte er die Rosenfeldianer kennengelernt und wurde, noch ehe er Rosenfeld selbst gesehen hatte, eines der eifrigsten Glieder ihrer Gemeinde. Nachdem er aus der Haft entlassen worden war, wurde der redliche Bürger und fleißige Handwerker einer der fanatisiertesten Schwärmer für den neuen Heiland. Er vernachlässigte seinen Beruf, behandelte seine vernünftige und gute Frau, die sich von ihm nicht wollte bekehren lassen, in brutalster Weise und lag nur im Irrenhause, um Rosenfelds Lehren anzuhören. Er war so ganz von seinen Lehren beseligt, daß er es für das größte Glück hielt, als Rosenfeld ihm im Mai 1771 ins Haus gegeben wurde. Die Bedingung, daß Rosenfeld Berlin nicht verlassen sollte, wurde schlecht erfüllt. Zimmermann starb bald darauf, und niemand kümmerte sich um den neuen Messias. Er zog zu einem anderen Wirt und versuchte auch in Charlottenburg seine Gemeinde zu vergrößern, wo aber schon eine andere religiöse Sekte, die Musefeldsche, grassierte und infolgedessen sein Anhang gering blieb. Im Jahre 1775 schlug er seinen dauernden Wohnsitz in Berlin auf, und mit einer Frechheit, wie sie nur ihm zuzutrauen war, schrieb er an seine Anhänger Befehle aus, ihm nunmehr die sieben Jungfrauen zuzuführen, damit er mit ihnen an das große Erlösungswerk gehen könne. Niemand machte Einwendungen. Der Schäfer Gumto lieferte drei Töchter, der Weber Glanz aus Biesenthal zwei, und zwei ein anderer Anhänger mit Namen Meyer. Alle beteuerten später, als reine Jungfrauen zu Rosenfeld gekommen zu sein, und nach ihren naiven Aussagen in den Protokollen darf man ihrer Versicherung vollen Glauben beimessen. Es gibt einen Kupferstich von Chodowiecki, der den Sultan Rosenfeld in seinem Serail vorstellt. Er zeigte sich den armen, ihm in dummem Vertrauen zugeführten Geschöpfen gegenüber wirklich als kaltherziger, grausamer Wollüstling orientalischer Art. Nur eine von ihnen liebte er, wenn dieses Wort hier überhaupt paßt; sie war seine Favoritin, seine nächtliche Bettgenossin, und er zeugte auch drei Kinder mit ihr, von denen jedoch nur eines am Leben blieb. Die anderen waren seine Sklavinnen, Sklavinnen seiner Lust, die er zu sich rief und wieder fortschickte, wie es ihm paßte, aber auch Sklavinnen im buchstäblichen Sinne, die für ihn arbeiten und vom Morgen bis in die späte Nacht hinein Wolle für ihn spinnen mußten: sechs arme Mädchen, einige davon kaum über das Kindesalter hinaus, mußten den in seiner Wollust und seiner Faulheit bequem dahinlebenden Mann allein ernähren. Um diese Zeit war es, daß Rosenfeld die Geschenke und Opfergaben seiner Anhänger abwies; er lebte vom Erlös der Arbeiten der armen geplagten Geschöpfe. Ihr Leben war wirklich jammervoll: er prügelte sie und ließ sie hungern. Denn ein ausgesprochener Grundsatz war, sie dürften sich nicht satt essen, sondern müßten nüchtern bleiben, um das Himmelreich zu schauen und das Werk zu vollenden; alles weltliche Fleisch müsse heruntergefastet werden. So tyrannisch und, wie sich dabei von selbst versteht, auch mißtrauisch war sein Regiment, daß er den armen Geschöpfen nicht einmal erlaubte, mit ihren Eltern zu reden, ja, er verhinderte, daß sie sich auch nur untereinander besprachen. Die Favoritin war die eine Tochter seines enthusiastischen Anhängers Glanz. Je mehr er sie auszeichnete, um so schnöder behandelte er ihre Schwester, die das Unglück hatte, von der Favoritin trotz der nahen Verwandtschaft aufs tödlichste gehaßt zu werden. Die Arme konnte es nicht mehr aushalten und entlief einmal, von Hunger und Kummer überwältigt, zu ihrer Mutter. Aber Rosenfeld erschien vor der Tür und drohte, wenn sie nicht wiederkäme, gehörte sie nicht zu den sieben glücklichen Jungfrauen, sondern sei ewig verdammt und verloren. In unglaublicher Befangenheit und Verblendung zwang die Mutter ihre Tochter, zu dem furchtbaren Manne zurückzukehren. Das Mädchen klagte einer ihrer Leidensschwestern, einer Gumtoschen Tochter, gegenüber: »Meine Schwester und Rosenfeld haben mir schon das Mark aus den Knochen gesogen; jetzt geht's aufs Herz los, das werden sie auch bald abfressen.« Sie hatte richtig prophezeit. Die Unglückliche starb bald darauf. Sie war nicht die einzige, die die harte Behandlung nicht aushalten konnte. Eine andere seiner Beischläferinnen namens Meyer ging von ihm fort und war kaum zu ihren Eltern zurück, als der Tod sie ereilte. Auch die Töchter des frommen und gläubigen Gumto entliefen. Alle diese Vorgänge empörten weder die Eltern, noch öffneten sie den Anhängern Rosenfelds die Augen. Keine Beschwerde und keine Klage wurde laut, ja, zwei von Rosenfelds ältesten und eifrigsten Anhängern in Berlin heirateten sogar zwei von den Gumtoschen Töchtern. Es schien also, als hätten sie dem Meister tatsächlich das Recht der ersten Nacht bei ihren Bräuten zugestanden, und als fühlten sie sich geehrt, ihre so geweihten Frauen aus seiner Hand zu empfangen. Es ist übrigens in den Akten bemerkt, daß der Wollüstling bei seinen Frauen so zu Werke ging, daß er nach dem Gange der Natur nur von seiner Favoritin Vater werden konnte. Diese Andeutung darüber, auf welche Weise er die anderen armen Geschöpfe seiner Lust dienstbar machte, muß hier genügen; er zeigt sich hierin so kalt und grausam berechnend und so geübt in der Selbstenthaltung, daß die Vorstellung eines von seinen eigenen Wahngebilden umdüsterten Schwärmers damit vollständig ausgeschaltet wird. Die beiden Anhänger, die sich mit seinen Beischläferinnen verheiratet hatten, hielten nun noch viel fester zu ihm. Sie gerieten dann beide, der eine, Richter, im Jahre 1778, der andere, Lüdemann, im Jahre 1779, mit den Predigern ihres Kirchspiels in Streit, weil sie ihre neugeborenen Kinder nicht taufen lassen wollten. Des einen Kind starb bald, das des andern blieb wirklich ungetauft. Bei den Verhandlungen, die aus diesem Anlaß stattfanden, erklärte Lüdemann neben anderem auch allen Ernstes, daß er nicht zu sterben hoffe. Aber 1781 äußerte er, doch etwas zweifelnd, er wisse jetzt noch nicht, ob Rosenfeld recht habe oder nicht. Zwar sei ihm sein fleischlicher Umgang mit den sieben Mädchen bedenklich; aber er könne darüber doch noch nichts sagen: es werde jedoch nicht mehr lange dauern, dann müsse sich alles herausstellen. Erst im Jahre 1780 kam die ärgerliche Sache wieder zur öffentlichen Kenntnis, und zwar durch die Denunziation eines der eifrigsten Anhänger der Sekte. Der alte, ehrliche Schäfer Gumto reichte beim Könige Friedrich II. Klage gegen Rosenfeld ein, aber nicht zu dem Zwecke, daß die Untersuchung gegen ihn eröffnet und er bestraft werden möchte, sondern darüber, daß er nicht erfüllt habe, was er versprochen habe. In rührender Einfalt klagte der Schäfer seinem Könige die Undankbarkeit des neuen Messias, dem er doch fünfzehn Jahre lang treu gewesen sei und alle seine drei Töchter gegeben hätte, weshalb er jetzt in Armut, Spott und Verachtung geraten sei. Er wisse nun nicht mehr aus und ein, was er mit Rosenfelds Lehre anfangen solle; und so bäte er den König, den Rosenfeld zu prüfen, ob etwa seine Lehre nicht die rechte sei und er selbst nicht der rechte Messias sei, was er jedoch nicht glauben könne. Wenn es aber so wäre, dann möchte der König ihn bestrafen. Aber in derselben Eingabe erklärte der ehrliche Mann, als gereue ihn schon, einen solchen Mann angeklagt zu haben: was an ihm sei, so halte er sich nach der Schrift und nach der Vernunft für völlig überzeugt, daß Rosenfeld wirklich der sei, für den er sich ausgegeben habe, nämlich – der gerechte und lebendige Gott. Das war in der ganzen Weltgeschichte wahrscheinlich noch nicht vorgekommen. Der Anhänger einer neuen Lehre, noch im Glauben, daß sein Meister sein Gott sei; verklagt diesen seinen Gott bei der weltlichen Obrigkeit, bei demselben Könige von Preußen, der nach dieser Lehre der große Drache ist, und bittet diesen, daß er ihm seinem Gott gegenüber zu seinem Rechte verhelfe. Das spricht deutlicher als irgend etwas von Gumtos Begriffsvermögen, dem das der meisten Anhänger Rosenfelds höchstwahrscheinlich durchaus glich. Es verrät aber zugleich den loyalen Geist – oder Instinkt – dieser rechtschaffenen preußischen Bürger, die auch in religiösen Dingen den letzten Schutz und den letzten Quell der Erkenntnis bei ihrem Könige suchten. Durch diese Klagen wurde die Sache mit den sieben Siegeln und den sieben Jungfrauen zum erstenmal bekannt. Friedrich der Große duldete vieles, was unsere Sittlichkeitspolizei nicht duldet; aber das durfte er nicht dulden, und die gerichtliche Untersuchung und der Kriminalprozeß gegen Rosenfeld wurden eingeleitet. Aus den Aktenauszügen dieses Prozesses erfahren wir weniger den äußeren Gang der Verhandlungen, als die Lehrsätze und die innere Geschichte der Sekte. Der Prozeß selbst mag einfach genug gewesen sein, da Rosenfeld sich im allgemeinen nicht aufs Leugnen legte, sondern da, wo es sich um Tatsachen handelte, ein freies, unumwundenes Geständnis ablegte. Über die zarte Grenze, wo er als Betrüger und wo er als selbstbetrogener Schwärmer und Fanatiker erscheint, werden auch die Akten schwerlich Aufschluß geben. Es muß daher jedem überlassen bleiben, aus den folgenden Mitteilungen sich selbst eine Meinung zu bilden. Rosenfeld, mit Vornamen Johann Paul Philipp, war 1731 im Eisenachschen geboren. Er war von gesunder, fester Leibesbeschaffenheit und erinnerte sich nicht, jemals krank gewesen zu sein. Aber der Hang zum weiblichen Geschlecht war nach seinem eigenen Geständnis schon von früh an in ihm mächtig. Nach dem Gutachten der Ärzte fand sich bei ihm keine Spur von geistiger Minderwertigkeit oder Gemütskrankheit; vielmehr bewies er in allen Gesprächen viel Geistesgegenwart und einen scharfen Verstand, aber legte dabei immer ein scheinheiliges, kriechendes Wesen an den Tag. Rosenfeld stammte aus einer guten Familie. Sein Vater war Kriegs- und Kammerrat in Weimar gewesen und als Landrat in Stuttgart gestorben. Die Schwägerin seines Vaters, dessen Bruder Kammergerichtsrat in Berlin gewesen war, lebte dort noch während seiner sektiererischen Umtriebe. Rosenfeld hatte eine einigermaßen gelehrte Erziehung genossen, aber keine sittlichen Vorbilder in seinem elterlichen Hause gesehen. Der Vater lebte mit der Mutter fortwährend in Streit, und der Sohn stand bei diesen Zwistigkeiten auf seiten des Vaters, der mehrere Mätressen unterhielt. Später wurde Rosenfeld zu einem Landprediger in Pension gegeben, auf den er aber übel zu sprechen war. Einst sagte er vor Gericht: »Wenn ich auf die Prediger schimpfe, so meine ich solche, die wirklich falsche Lehren vorbringen, die so sind wie der Magister Schenk. Wenn ich mit seinem Paten Christian spielen mußte, und der gewann, so sagte er: »Ach, der Christian behält doch die Oberhand über den Johann.« Der Christian ist nachher Apotheker geworden und der Magister Schenk ohne Erben gestorben.« Er hielt es für das entsetzlichste Schicksal, aus der Welt zu gehen, ohne Kinder zu hinterlassen. Als er erwachsen war, wurde er Jäger, weil ihm dieser Beruf bei seiner unsteten Art am besten zusagte. Er schickte sich aber schlecht zum Dienen und hatte in fünfzehn Monaten drei Herrschaften. Endlich gelang es ihm doch, eine Unterförsterstelle beim Markgrafen von Schwedt zu erlangen, bei dem er längere Zeit aushielt; er verheiratete sich in dieser Zeit und zeugte vier Kinder. Aber auch hier hielt er es auf die Dauer nicht aus. Er klagte bitter über das ihm durch die Oberförster widerfahrene Unrecht. Gewiß ist, daß er wegen einer falschen Holzassignation zur Untersuchung gezogen, aber freigesprochen wurde. Das habe, wie einige Zeugen versicherten, seinen Verstand zerrüttet. Dazu machte seine Mutter ein Testament, durch das sie ihn zum Besten seiner Kinder enterbte. Mit seiner Frau lebte er in dauerndem Unfrieden; er warf ihr und ihrer Mutter vor, es mit seinen Feinden gehalten und ihn verraten zu haben, wozu sie durch einen Prediger verleitet worden seien. Genug, er verließ den Dienst, tief ergrimmt über die Prediger, die Weiber und die ganze Gerechtigkeit in dieser Welt. Von seiner Frau betrachtete er sich als gänzlich geschieden. Überall, wohin er kam, sprach er davon, daß jetzt die Weiber das Regiment über die Welt führten. Er erklärte den Leuten, er fühle sich berufen, dieses Übel abzustellen und das Mannerrecht, wie er es nannte, wieder einzuführen. Während er nun von Ort zu Ort umherirrte, bildete sich in dem zerstörten Gemüte des Mannes ein fixer Gedanke aus, der sich zu einem System erweiterte, an das er zum Teil selbst geglaubt haben mag, aus dem er aber auch mit voller Berechnung die Vorteile für sich zog, sobald er die Wirkung auf andere gesehen hatte. Im Müßiggang, zu dem er von früh an Neigung gehabt hatte, brütete er über einen Lebensplan, der seinen Leidenschaften, vor allem seiner Wollust, volle Nahrung versprach und zugleich sein Rachegefühl gegen die Obrigkeit und die Weiber, die ihm unrecht getan hatten, befriedigen konnte. Vom Jahre 1762 an zog er dann im Lande umher, um seine Lehre zu predigen. Da er ohne Paß und ohne Geld war und jämmerlich zerlumpt aussah, griff man ihn mehrmals auf und steckte ihn ein, zweimal in Schwedt selbst, dann auch in Frankfurt an der Oder, in Magdeburg und in Bedra zwischen Leipzig und Naumburg, immer über nur auf kurze Zeit und nur als Bettler und Vagabunden. Für einen neuen Religionsstifter fehlte der Polizei zu Ende des Siebenjährigen Krieges die Rubrik. Als man ihn nach seiner ersten Verhaftung wegen Religionsunfugs in Biesenthal vor Gericht gestellt hatte, trat er kühn auf und legte sein Glaubensbekenntnis, anscheinend in vollem Bewußtsein seiner göttlichen Sendung, ab. Es lautete im wesentlichen dahin: Er gehe nicht in die Kirche; denn er fände in der Schrift keinen anderen Glauben als den, den Abraham, Isaak und Jakob auch gehabt haben, die ja auch fromme Männer gewesen seien. Gottes Tempel sei einzig und allein unser Herz; Gott wolle nicht steinerne Tempel haben. In der Kirche geschähen gotteslästerliche Sachen, weil man da sage, die Heilstatsache sei schon abgeschlossen, während doch in der Bibel, besonders in der Offenbarung Johannis, stehe, daß erst noch alles geschehen solle. Er glaube an das tausendjährige Reich, das in diesen Tagen schon angegangen sei. Er selbst habe es herbeigeführt, denn er habe Gottes Stimme gehört, Hebr. IV. Er gehe täglich zum Abendmahl; denn er genieße ja Brot und Wein, das Gott gegeben habe; wer beides unrecht gebrauche, sei schuldig am Blute des Herrn. Christus hätte es selbst nur so gemeint: zusammenzukommen, ordentlich zu essen und dabei an Gott zu denken. Die Taufe verwarf er nicht; doch käme es aufs Wassertaufen nicht an; Gott sage ja selbst, wir könnten auch mit Feuer getauft werden. Er glaube nur an einen Gott, der aber drei Eigenschaften besitze. Er habe sich noch nicht so schlechtweg für den Messias ausgegeben, sondern nur gesagt, wer nach Gottes Gesetzen und Rechten einhergehe, der ist mit dem heiligen Geist gesalbt; Obadj. 21 stände, es würden Heilande heraufkommen, die würden die Welt richten; es werde also zugegeben, daß Christus nicht der einzige gewesen sei, und solche werden Könige und Priester sein. Seinen Anhängern habe er Königreiche versprochen nur in dem Sinne, indem uns die Schrift Gesalbte und Könige nennt. Er habe keine Soldaten, könne infolgedessen auch den König nicht absetzen. König sei ein jeder, wenn er nach Gottes Gerichten über sich selbst herrsche. Der König sei der große Drache; weil, wie der Drache alles verschlinge, so der König ein Schwert habe, uns alle zu töten, wenn wir sündigen. Die Leute brauchten nicht mehr zu arbeiten, wie auch bei Zacharias stehe, wenn die Zeit komme, dürfe man nicht mehr arbeiten; gemeint sei damit nur: auf so eine sklavische Weise. Er glaube, er sei in der Wahrheit und im Rechte. Was seinen sittlichen Lebenswandel betreffe, so habe er sich mit der Richter in Stendal nur abgegeben, weil seine Frau ihn verlassen habe, und das halte er weder für Unrecht noch für Hurerei; sondern er habe seinen Namen und sein Geschlecht nicht wollen untergehen lassen, und das könne Gott und dem Könige nicht zuwider sein. Schon aus diesem ersten Geständnis sieht man, daß er sich über den Punkt Obrigkeit sehr vorsichtig und diplomatisch aussprach. Er wiederholte auch später noch oft, daß er der Obrigkeit ganz und gar Untertan wäre und nichts gegen ihren Willen tun wolle und könne. Seine Anhänger dagegen behaupteten, er habe zu ihnen gesagt, sie müßten wenigstens jetzt noch gehorchen, solange die Drachen die Gewalt hätten. Weniger kühn und entschieden benahm er sich bei der zweiten Untersuchung im Jahre 1781, da ja nun viel mehr Tatsächliches gegen ihn vorlag. Seine Sprache war verwirrter; vielleicht war das eine Folge der Angst, vielleicht aber lag auch die Absicht vor, seine Richter zu täuschen und für geistesgestört angesehen zu werden. In einem der ersten Verhöre erklärte er wie in aufgeregter Stimmung, man gehe darauf aus, das Weiberrecht an die Stelle des Männerrechts zu setzen, und das erstere aufrecht zu erhalten, das sei seine Absicht von jeher gewesen. Das Weib habe die Übertretung angefangen und eingeführt, und er habe nichts anderes getan, als das menschliche Geschlecht erhalten wollen. Er bejahte dann alle Fragen, und auch auf die, ob er sich nicht für Christus und Gott selbst ausgegeben habe, erwiderte er ohne Bedenken, ja, das habe er getan, und unterstützte seine Aussagen nach seiner Art mit einer Menge schnell herzitierter Bibelstellen, gleichviel, ob sie nun zu der Frage paßten oder nicht. Nur das leugnete er, daß er mit den anderen sechs seiner Beischläferinnen den fleischlichen Umgang so gepflogen habe, daß sie nicht hatten schwanger werden können. Das, erklärte er, sei nur die Folge davon gewesen, Laß die sechs allzusehr mit Sünden behaftet und ihm nicht gehorsam genug gewesen wären. Daß Christus nicht der rechte Messias sei, habe er allerdings gelehrt, denn das stände schon Offenbarung I, 8 geschrieben: »Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende, spricht der Herr, der da ist, der da war und der da kommt, der Allmächtige!« Nur nach Schriftstellen habe er behauptet, daß noch ein zweiter Christus kommen müsse. Er habe sich dafür ausgegeben, jedoch nur nach dem Glauben. Denn es sei eines jeden Sache, sich davon zu überzeugen, und er hätte es auch dem Glauben eines jeden überlassen. Der Glaube sei von Gott und lasse sich nicht erzwingen. Auch habe er sich den einzigen wahren Gott genannt; es stände aber nicht bei jedem, zu glauben, was er wolle. Es sei nicht so, daß er sich in der Welt habe groß machen wollen, sondern er habe stets das geistliche Reich im Auge gehabt. Auf die Frage, ob er wisse, wer Gott sei, antwortete er: »Ein Geist, allwissend, allmächtig, allgegenwärtig, allgütig.« Als man ihn nun fragte, wie er sich denn für Gott habe ausgeben können, da er doch keine dieser Eigenschaften besitze, hatte er keine andere Antwort als die: »Ich will den Herrn nicht versuchen, er ist von Zion weggewichen.« Man stellte ihm vor, was er gelehrt habe, sei doch Gotteslästerung gewesen. Er erwiderte, nein; denn es stände geschrieben: »Er hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein.« Er habe es übrigens nicht um seines Wohllebens willen getan und gelehrt, denn er habe ja elend und jämmerlich genug leben müssen, sondern nur zu dem Zwecke, daß das Vaterrecht wiederhergestellt werde; denn wer an kein Vaterrecht glaube, der glaube auch an keinen Gott. Die Mädchen habe er nicht der Wollust wegen gehalten, sondern bloß, damit sein Geschlecht nicht ausgerottet werde; und nur weil der Mann herrschen müsse, habe er auch das Geld, das die Mädchen verdient hätten, an sich genommen. Außerdem hätten sich die Mädchen auch selber prüfen sollen, ob sie zu dem großen Werke tüchtig wären, und auf die Jungfrauschaft käme es dabei gar nicht an, sondern nur auf die Gesinnung des Herzens: der Gehorsam und das Vertrauen müßten wiederhergestellt werden. Aber die Mädchen wären voll List und voll Tücke gewesen und hätten hinter seinem Rücken gefressen und üppig gelebt. Er habe es ihnen oft klargemacht, daß alles in der Welt morsch und faul sei. Das liege vor allem an dem Verhältnis zwischen Mann und Weib. Wenn es anders werden solle, müsse zwischen Mann und Weib Versöhnung geschlossen und das Ehebett wieder reingehalten werden. Sieben hatte er haben müssen, weil er nicht habe wissen können, welche die rechte sei, die ihm treu bleiben würde. Nur die eine Glanz habe sich darnach aufgeführt und den Mann nicht zu verderben noch zu verschlingen gesucht. Darum hätte er es auch besonders mit ihr gehalten, wolle beständig bei ihr bleiben und wünsche mit ihr ordentlich getraut zu werden – ein Wunsch, der natürlich nicht in Erfüllung gehen konnte. Seine Bibelkenntnis war außerordentlich groß. Er fand für jeden Satz, den er selbst sagte, einen Beleg in der Schrift, was freilich allen Schwärmern und Sektierern gelungen ist, und worin zu allen Zeiten ihre Macht bestand, gegen die mit Mitteln der Vernunft nicht anzukommen ist. Noch weniger sind gegen sie die Waffen zu gebrauchen, die die Philologie an die Hand gibt. Nach den Büchern, die man in seiner Bibliothek fand, zu schließen, hatte sich Rosenfeld selbst wenigstens in der letzten Zeit auch mit Studien aus diesem Gebiet beschäftigt. Man fand verschiedene Grammatiken und Wörterbücher des Hebräischen, Griechischen, Lateinischen, Französischen, Englischen und Italienischen, einige Elementarbücher dieser Sprachen, ein deutsches Kompendium der Geschichte, dazu noch geographische Werke, Kalender und politische Broschüren bei ihm. Vergebens suchte man nach Schriften von älteren Schwärmern und Sektierern. Außer der Bibel fand sich bis auf einige Predigten von der christlichen Kinderliebe eigentlich kein religiöses Buch vor, dagegen der Koran, eine Schrift gegen die Juden und eine höchst mühsam und genau hergestellte Abschrift der bei der lutherischen Bibelübersetzung nicht befindlichen apokryphischen Bücher. Seine Hirtenbriefe an seine Gemeinde enthielten meistens Stellen aus diesen Büchern, aus der Offenbarung Johannis und aus dem Hebräerbrief. Auf den äußeren Schein hat Rosenfeld wenig gegeben. Er verlangte von seinen Anhängern auch nicht einen Schatten von göttlicher Verehrung. Auch während seines Berliner Sultanlebens bewahrte er das dürftige Äußere, das er als wandernder Prophet zur Schau getragen hatte. Dagegen war er streng und scharf in der Aufsicht über die Erfüllung der Sittengesetze durch seine Gemeinde. Er forderte seine Anhänger mit aller Strenge auf, fromm und rechtschaffen zu wandeln, niemand zu betrügen, sondern gegen jeden gerecht zu sein. Doch führte er bei diesen Sittengeboten seltsamerweise weder in seinen Reden noch in seinen Aufsätzen die moralischen Stellen der Bibel an, die auf sie Bezug hatten. An den Geschenken seiner Anhänger hatte er sich nicht bereichert, sondern stets nur so viel angenommen, daß er sein müßiges Leben fortsetzen konnte. Auch der Erlös, den die Arbeiten der Mädchen einbrachten, diente nur diesem Zwecke. Habsucht und Geiz waren ihm also in seinem Prophetengeschäft nicht hinderlich. Das erklärten selbst seine Ankläger. Wie fest das Vertrauen dieser Leute noch nach allen Enttäuschungen, ja selbst nach allen Mißhandlungen war, geht aus vielen Zügen hervor. So versicherte die eine Gumtosche Tochter, die so viel von ihm hatte erdulden müssen, noch vor Gericht, sie glaube auch jetzt noch, daß Rosenfeld der große Erlöser sei. Darum habe sie auch immer gebetet, Gott möge ihn doch das große Werk vollenden lassen, zu dem er ihn gesandt habe. Aus einzelnen Andeutungen geht hervor, daß Rosenfeld vor dem Inquisitionsrichter später die Maske des heiligen Selbstbewußtseins dann und wann fallen ließ. Es ist zu bedauern, daß die Aktenauszüge diese Wendepunkte nur sparsam und nur gelegentlich berühren. Wie schon erwähnt worden ist, hatten zwei Anhänger Rosenfelds, Richter und Lüdemann, später zwei Gumtosche Töchter geheiratet, die von dem Propheten als Beischläferinnen benutzt worden waren. Das eine von diesen armen Mädchen war dasselbe, an dem Rosenfeld im Berliner Irrenhause in Gegenwart der Verwandten Unzucht verübt hatte. Damals hatte er vor allen Anwesenden erklärt, er habe sie als reine Jungfrau gefunden. Vor dem Richter gestand er, er habe das wohl sagen müssen; denn wenn man unter solchen Leuten sei, müsse man wohl so sprechen; in Wirklichkeit habe sie ihm nachher selbst eingestanden, daß sie sich schon damals mit Richter abgegeben hatte. Aus den Akten aber ergab sich freilich mit großer Zuverlässigkeit, daß dieses Vorgeben falsch war, und Rosenfeld scheint diese Angabe nur aus Haß gegen die sechs Mädchen erdichtet zu haben. Hier liegt also eine eingestandene Verstellung vor; sie wird nicht die einzige gewesen sein und hilft das Urteil rechtfertigen, das für einen Schwärmer zu hart, für einen Betrüger seiner Art aber durchaus gerecht erscheint. Der Kriminalsenat des Kammergerichts verurteilte Rosenfeld nach abgeschlossener Untersuchung zu Stäupung und lebenslänglicher Festungsstrafe. Das oberste Kriminaldepartement änderte das Urteil auf Zuchthausstrafe ab und drohte ihm nachdrückliche Züchtigung an für den Fall, daß er sich wieder mit Frauenspersonen würde abgeben wollen. Nach zwei Jahren sei von seiner Aufführung zu berichten. Dieses letzte Urteil war ihm am 5. Dezember 1781 eröffnet worden. Er legte Berufung dagegen ein. Inzwischen hatte sich der König die Sache selbst vortragen lassen und verordnete durch eine Kabinettsorder vom 12. Januar 1782, daß es bei der Entscheidung des Kriminalsenats verbleiben solle. Rosenfelds weitere Verteidigung wurde zwar zugelassen, indessen verblieb es bei der letzten, königlichen, Verordnung. Am 8. November erlitt Johann Paul Philipp Rosenfeld, der neue Messias, in Berlin öffentlich den Staupenschlag, ohne daß ein Wunder geschah. Nachdem er ihn überstanden hatte, bestieg er den bereitstehenden Wagen. Er rief dem versammelten Volke zu: »Ist jemand da, der mich beschuldigen kann, daß ich ihm ein Leid zugefügt, ihn betrogen oder bestohlen habe, der rede, hier bin ich!« Es antwortete niemand, und der Wagen rollte nach Spandau ab. Vor der letzten Entscheidung seines Prozesses hatte Rosenfeld um die Vergünstigung gebeten, daß seine damals sechseinhalbjährige Tochter christlich getauft werde. Es geschah in seiner Gegenwart und der mehrerer seiner Anhänger. Eisenbahn- und Posträuber in Nordamerika Am 25. Oktober 1886 dampfte in später Abendstunde der fahrplanmäßige Eilzug der Saint Louis und San Francisco verbindenden Eisenbahn von Saint Louis nach dem Westen ab. Zum erstenmal wurde an der Station Pazifik-Kreuzung, sechsunddreißig englische Meilen, also etwa achtundfünfzig Kilometer von Saint Louis entfernt, gehalten. Die Stationsbeamten bemerkten, daß die Tür des Postwagens, der der Adams-Erpreß-Company gehörte, offenstand. Sie begaben sich hinein in den Wagen und fanden darin die eisernen Kassenschränke geöffnet und ihres kostbaren Inhalts beraubt. Die Wertpapiere, eine Anzahl von Diamanten und zweiundachtzigtausend Dollar in barem Gelde waren verschwunden. Der diensttuende Postbeamte David S. Fotheringham lag in einer Ecke des Wagens am Boden, an Händen und Fußen gebunden und einen Knebel im Munde, so daß er sich nicht rühren und keinen Laut von sich geben konnte. Als man die Stricke zerschnitten und ihn befreit hatte, erzählte er, unmittelbar vor der Abfahrt des Zuges von Saint Louis habe sich ein ihm völlig unbekannter Mensch eingefunden und ihm eine schriftliche Weisung seines unmittelbaren Vorgesetzten, des Streckenaufsehers Mr. Barnett, übergeben, die dahin lautete, der Überbringer sei ein neuer Beamter der Adams-Expreß-Company, der lU den Manipulationsdienst lernen solle, und Mr. Fotheringham habe ihm den Zutritt in den Postwagen zu gestatten und ihn mit den dienstlichen Einrichtungen und den geschäftlichen Verrichtungen bekannt zu machen. Das plötzliche Erscheinen eines neuen Kollegen sei ihm allerdings merkwürdig vorgekommen, aber er habe sich für verpflichtet gehalten, dem ganz bestimmten schriftlichen Befehle nachzukommen, und er habe dem Unbekannten sogar noch beim Einsteigen geholfen. Der Mann habe dann, bald nachdem der Zug die Bahnhofshalle in Saint Louis verlassen hätte, einen Revolver gezogen und ihn mit dem Tode bedroht. Er sei in höchstem Grade erschrocken gewesen, von dem sehr kräftigen Manne zu Boden geworfen, gebunden und geknebelt worden. Der Räuber habe dann seine Taschen durchsucht, Sie Schlüssel herausgenommen und die Kassenschränke geöffnet und beraubt. Als der Lokomotivführer dann gebremst habe und der Zug langsam gefahren sei, sei der Mensch noch vor der Einfahrt in die Station abgesprungen und vermutlich sehr rasch in der Dunkelheit verschwunden. Der mit so großer Unverschämtheit und Verwegenheit verübte Raubanfall erregte selbst unter der an derartige Verbrechen ziemlich gewöhnten Bevölkerung von Saint Louis allgemeines Aufsehen. Die Adams-Expreß-Company, die in den Vereinigten Staaten von Nordamerika den postalischen Verkehr von Wertsendungen vermittelte, war den Absendern gegenüber verantwortlich für den entstandenen Schaden und leistete vollen Ersatz. Sie hatte wegen des großen Verlustes, den sie erlitt, ein starkes Interesse daran, den oder die Verbrecher zu entdecken und ihnen womöglich die Beute wieder abzunehmen, und beschloß deshalb, auf ihre Kosten eine Untersuchung einleiten zu lassen. Verschiedene Detektivgesellschaften bewarben sich um die Ehre, mit der Entdeckung und Verhaftung der Räuber beauftragt zu werden. Die Wahl fiel auf die Pinkerton -National-Detektiv-Agentur in Chikago. Diese vorzüglich organisierte Agentur sollte das in sie gesetzte Vertrauen vollkommen rechtfertigen. In der Zeit von ungefähr zwei Monaten hatte sie die fünf Teilnehmer an dem Eisenbahnraub ermittelt, die zu ihrer Überführung erforderlichen Beweise gesammelt, sie alle miteinander festgenommen und sogar den größten Teil des Raubes wieder herbeigeschafft. Der erste Verdacht hatte sich gegen den Postbeamten Fotheringham selbst gerichtet, dessen Bericht über den Vorgang mit begreiflichem Mißtrauen aufgenommen worden war. Man hatte ihn des Einverständnisses mit dem Räuber bezichtigt, und er war unmittelbar nach der Tat verhaftet worden. Nun setzte die Aufgabe der Detektivs ein. Sie begannen ihre Tätigkeit damit, daß sie alle Eisenbahnlinien, die in die Pazifik-Kreuzung einmünden, begingen und Nachfrage hielten, ob ein Mensch gesehen worden wäre, der nach der übrigens sehr unbestimmten Personalbeschreibung, die Fotheringham gegeben hatte, mit dem Räuber identisch sein könnte. Diese Nachforschungen führten zu keinem Resultat, es mußte ein anderer Weg eingeschlagen werden, um zum Ziel zu gelangen. Nach der Art und Weise, wie der Raub ausgeführt worden war, mußte man annehmen, daß der oder die Räuber genaue Kenntnis von dem Postdienst auf dieser Eisenbahnstiecke hatten. Die Detektivs fragten daher zunächst bei der Expreß-Company an, ob einer von den Postbeamten in der letzten Zeit aus dem Dienst entlassen worden sei. Sie erfuhren, daß die Company den Vorgänger Fotheringhams auf der betreffenden Strecke, einen gewissen William Haight, neun Monate vor dem räuberischen Überfall wegen des Verdachtes einer Veruntreuung Knall und Fall weggeschickt habe. Fotheringham und Haight waren persönlich miteinander bekannt gewesen, hatten aber nicht in einem näheren oder gar freundschaftlichen Verhältnis zueinander gestanden. Man schloß daraus, daß William Haight vielleicht den Raub geplant, aber, weil Fotheringham ihn sofort hätte erkennen müssen, nicht selbst ausgeführt habe. Niemand wußte, was aus William Haight geworden war und wohin er sich gewendet hatte. Aber die Detektivs fanden seine Spur und brachten heraus, daß er in Chikago wohne. Haight diente dort als Kutscher bei einem Landsmann mit Namen Friedrich Witrock, der wie er aus Leavenworth in Kansas stammte und in Chikago einen Kohlenhandel betrieb. Dann wurde festgestellt, daß William Haight zur Zeit des Raubanfalles in Chikago gewesen war. Damit war also erwiesen, daß er selbst das Verbrechen nicht verübt haben konnte. Während dieses Beweismaterial mit großer Mühe zusammengebracht wurde, trat ein Zwischenfall ein, der Zeugnis ablegte von der höhnischen Dreistigkeit des Räubers. Die Zeitungen brachten täglich Berichte über den Raubanfall und die mutmaßlichen Räuber, für deren Entdeckung sich jedermann interessierte. Da fand sich auch einer von den Verbrechern selbst, der literarische Neigungen besaß, veranlaßt, in den Tagesblättern als Mitarbeiter aufzutreten. An mehrere hervorragende Journale von Saint Louis gelangten in kurzen Zwischenräumen mehr oder minder ausführliche mit »Jim-Cummings« unterzeichnete Briefe, in denen versichert wurde, daß der Postbeamte Fotheringham ganz unschuldig und der wirkliche Dieb an einem sicheren Orte geborgen sei, wo er die Früchte seines Raubes ungestört genieße. »Jim-Cummings« war der typisch gewordene Name eines Freibeuters, der durch seine Verbrechen etliche Jahre vorher eine bekannte volkstümliche Persönlichkeit gewesen war, sich aber später gebessert und zur Ruhe gesetzt hatte. Diese literarische Tätigkeit wurde für den Räuber verhängnisvoll. Es gelang den Detektivs, den ungenannten Schriftsteller zu entlarven. Am 31. Oktober, sechs Tage nach dem Raube, gelangte der erste »Jim-Cummings-Brief« an den »Gllobe Democrat« in Saint Louis. Der Brief trug den Poststempel von Saint Joseph, einer kleinen Stadt an der westlichen Grenze des Staates Missouri, unweit Kansas-City. Der Brief versicherte, Fotheringham sei nicht beteiligt an dem Verbrechen, der Briefschreiber sei der Dieb und rühme sich der Tat nicht etwa bloß aus Großmannssucht. Zu seiner Legitimation führte er an, er habe im Wartesaal der Station der Union-Eisenbahngesellschaft in Saint Louis ein Paket mit Effekten zurückgelassen, das man in einem genau angegebenen Verstecke finden werde. Das Paket lag wirklich an dem bezeichneten Orte, es enthielt Hemden und andere Wäschestücke, einige Lieder im Manuskript, aber von anderer Hand geschrieben als der Brief, und eine gedruckte Ballade. Auf der Rückseite der Ballade waren in der Ecke mit Bleistift geschriebene Schriftzüge bemerkbar, die jedoch mit freiem Auge nicht entziffert werden konnten. Mit Hilfe eines starken Vergrößerungsglases ergab sich indessen die Adresse des Hauses Nr. 2108 in der Kastanienallee zu Saint Louis. Die Schrift schien von der Hand des Schreibers des »Jim-Cumming-Briefes« herzurühren. Unverzüglich begaben sich einige Detektivs in das betreffende Haus. Eine ältere Frau mit scharfgeschnittenen Zügen und klugen Augen öffnete die Tür und redete die Polizeibeamten, ohne ihre Fragen abzuwarten, mit den Worten an: »Ach, ich kann mir schon denken, was Sie wollen. Sie kommen, um sich nach zwei Männern zu erkundigen, die hier gewohnt haben. Mir waren sie gleich verdächtig.« Die Detektivs erwiderten, ihre Vermutung sei ganz richtig, und baten um eine genaue Personalbeschreibung. Mrs. Berry, die Hauswirtin, entsprach dieser Aufforderung sofort und erzählte: »Am 18. Oktober mieteten sich zwei Männer ein, am 22. Oktober reiste der eine ab mit der von Saint Louis nach San Francisco gehenden Eisenbahn, angeblich nach Kansas-City. Der andere, der sich Williams nannte, blieb noch da. Er sagte, er erwarte noch wichtige Briefe. In der Tat kam auch ein Brief, Williams las ihn und teilte mir mit, daß er sofort nach Kansas-City abfahren müsse. Am 25. Oktober – dem in Frage kommenden Tage – verließ er abends das Haus. Er führte einen Reisesack bei sich.« Nun wurde das Zimmer, in dem die beiden Männer gewohnt hatten, genau durchsucht. Es war leer, aber man fand eine leere Medizinflasche mit der Firma eines benachbarten Apothekers und die Visitenkarte eines bekannten Arztes in Saint Louis darin. Der Apotheker und der Arzt konnten sich des Mannes, dem die Arznei verschrieben worden war, noch genau erinnern, ihre Angaben über Größe, Kleidung und Aussehen des Fremden stimmten mit denen der Frau Berry überein. Ein Lokomotivführer der Saint-Louis- und San-Francisco -Eisenbahngesellschaft, Johnson, dessen Lokomotive am Abend des 25. Oktober vor der Abfahrt des Eilzuges in der Halle des Stationsgebäudes von Saint Louis gegenüber dem unter der Obhut Fotheringhams stehenden Postwagen auf einem Nebengleise gehalten hatte, meldete sich freiwillig zu einer Aussage. Er gab an: »Unmittelbar vor der Abfahrt des Eilzuges kam von der Seite her, auf der die Fahrgäste nicht einstiegen, ein Mann in größter Eile herbeigelaufen, warf einen Reisesack in den Postwagen der Erpreß-Company und schwang sich mit Hilfe des Postbeamten noch hinein, als der Zug sich schon in Bewegung gesetzt hatte. Ich hatte der Sache anfänglich keine weitere Bedeutung beigelegt und dachte erst dann wieder daran, als ich den Jim-Cummings-Brief in der Zeitung las. Ich hielt mich für verpflichtet, meine Wahrnehmung mitzuteilen, weil aus ihr hervorgeht, daß der Postbeamte bei der Abfahrt des Zuges nicht allein in seinem Wagen gewesen ist.« Johnson beschrieb den Reisesack des Fremden, und es ergab sich daraus, daß es der Reisesack gewesen war, den der Bewohner des Hauses Nr. 2108 bei sich getragen hatte, als er sich zur Eisenbahn begeben hatte. Die Detektivs nahmen nochmals eine gründliche Untersuchung des Zimmers vor, in dem Williams und sein Genosse gewohnt hatten. Als der Stubenteppich aufgehoben wurde, fand man unter ihm den abgerissenen Fetzen einer Begleitadresse für ein Eilfrachtstück, auf dem ein kleines Siegel auf grünem Lack aufgedrückt war, und dieses Siegel glich auf ein Haar dem Siegel, das den »Jim-Cummings-Brief« an den »Globe Democrat« verschlossen hatte. Eine sorgfältige Besichtigung des Adressenfragmentes bewies, daß es von einer Eilfrachtsendung herrührte, die wenige Tage vorher von Saint-Charles am Missouri über die Pazifik- Kreuzung nach Saint Louis abgegangen war. Die Bücher und Register der Expreß-Company wurden aufmerksam durchgesehen; sie bewiesen, daß die Begleitadresse an zwei Reisesäcken befestigt gewesen war, die offenbar von den in dem Hause der Kastanienallee zu Saint Louis wohnenden beiden Männern aufgegeben worden waren. Die Detektivs zogen aus diesen Tatsachen den Schluß, daß der eine von den beiden verdächtigen unbekannten Männern, der am 22. Oktober das Haus verlassen hatte, den Eilzug nach San Francisco nur ein StÜck habe begleiten wollen, um das Terrain zu sondieren, und seinen Genossen dann brieflich von seinen Beobachtungen und der Lage der Dinge in Kenntnis gesetzt habe, worauf dieser am 25. Oktober abgereist sei und den Überfall ausgeführt habe. Andere Detektivs hatten inzwischen das Tun und Treiben des entlassenen Postbeamten Haight unablässig überwacht und ausgekundschaftet, daß es ihm recht schlecht gegangen war und er in den dürftigsten Verhältnissen gelebt hatte. Erst einen oder zwei Tage nach dem Raube hatte sich plötzlich seine Lage geändert. Er hatte einige dringende kleine Schulden bezahlt, war am 27. Oktober von Chikago nach dem Süden zu, wie er sagte, nach Florida, abgereist, und auch seine Frau hatte bald darauf die Stadt verlassen. Friedrich Witrock, der Kohlenhändler, befand sich während der Zeit, als diese Nachforschungen im Gange waren, nicht in der Stadt. Er war am 12. Oktober von Chikago abgereist und zugleich mit ihm sein Nachbar, der Wäscher Thomas Neaver, mit dem er befreundet war. Jeder von beiden hatte einen Reisesack und eine Jagdflinte mitgenommen, um, wie sie sagten, in Arkansas zu jagen. Weaver kehrte am 23. Oktober nach Chikago allein zurück. Man erkundigte sich nun nach Witrock. Sein Signalement machte es wahrscheinlich, daß er mit dem Mieter Williams in Saint Louis identisch sein könne. Die Detektivs verschafften sich Proben von Witrocks Handschrift, und die Redaktion des »Globe Democrat« stellte ihnen die ihr zugegangenen »Jim-Cummings-Briefe« zur Verfügung, und dieses Material wurde vereidigten Sachverständigen übergeben, die beauftragt wurden, eine Vergleichung der Handschriften vorzunehmen. In dem letzten jener Briefe, dessen Zweck wiederum war, Fotheringhams Unschuld nachzuweisen, prahlte der Schreiber damit, daß er über alle näheren Umstände des Raubes genau Bescheid wisse. Es hieß dann weiter, in dem im Wartesaal des Stationsgebäudes von Saint Louis versteckt gewesenen Paket befinde sich ein unbeschriebener Briefbogen mit der vorgedruckten Firma der Adams-Expreß-Company. Dieser Briefbogen müsse doch der Polizei die Augen öffnen, denn auf einen gleichen Bogen sei die gefälschte Ordre geschrieben gewesen, die der Räuber dem Postbeamten vorgezeigt habe, um Autritt zu dem Postwagen zu erhalten. Der Räuber habe sich nach vollbrachter Tat von der Pazifik-Kreuzung an die Ufer des Missouri begeben und sei in der Nähe von Saint-Charles in einem bereitgehaltenen Kahn stromaufwärts gerudert. Um die Richtigkeit dieser Angaben zu prüfen, verfügten sich die Detektivs nach Saint-Charles, und es gelang ihnen, folgende Tatsachen festzustellen: Am 14. Oktober waren in der genannten Stadt zwei unbekannte Männer eingetroffen, deren Signalement auf Witrock und Weaver paßte; sie hatten einen Nachen und einen Vorrat von Lebensmitteln für mehrere Tage eingekauft und waren sodann stromaufwärts wieder weggefahren. Bei der Ankunft in Saint-Charles hatten sie zwei Reisesäcke mit sich geführt, die sie nicht mit in den Kahn genommen, sondern durch die Bahn über die Pazifik- Kreuzung nach Saint Louis gesandt hatten. Der Nachen war etliche Wochen nach dem Raube, halb vergraben im Sande, in einem Abflußloch des Missouri wiedergefunden worden. Um diese verschiedenen Fäden zu verknüpfen und Klarheit zu gewinnen, wurden Thomas Weaver und die Kohlenniederlage Witrocks, die während seiner Abwesenheit sein Schwager Eduard Kinney verwaltete, von Detektivs beobachtet. Andere Detektivs begaben sich nach Leavenworth, um in der Heimat von William Haight und Friedrich Witrock Nachforschungen anzustellen. Die Mutter und die Schwester Witrocks lebten schon seit langer Zeit dort und erfreuten sich des besten Rufs. Vor kurzem hatte sich die Frau des Haight mit ihrem Kinde ebenfalls dort niedergelassen. Sie stand mit ihrem Manne in Briefwechsel. Man erfuhr dadurch seinen Aufenthalt und seine Adresse. Er lebte in Nashville im Staate Tennessee und betrieb dort das Gewerbe eines Dachdeckers. Auch Haight wurde nun unter die Aufsicht von Detektivs gestellt. Frau Berry in der Kastanienallee von Saint Louis, bei der die zwei Männer, vermutlich Witrock und Weaver, vom 18. bis 25. Oktober zur Miete gewohnt hatten, hatte einen Sohn und eine Tochter. Diese reisten in Begleitung von Detektiven nach Chikago und erhielten Gelegenheit, den Wäscher Thomas Weaver zu sehen. Sie erklärten beide mit völliger Bestimmtheit, daß er der eine von jenen beiden Männern wäre, und zwar derjenige, der zuerst, nämlich am 22. Oktober, mit dem nach San Francisco gehenden Zuge abgereist sei. Das war ein entscheidendes Zeugnis. Das Einverständnis zwischen Haight, Witrock, Weaoer und vielleicht auch Kinney und ihre Beteiligung an dem Verbrechen schien so ziemlich bewiesen zu sein. Dagegen waren sich die Detektivs nicht klar darüber, ob Fotheringham die Hand mit im Spiele gehabt hatte. Er war noch immer in Untersuchungshaft, Haight, Weaver und Kinney standen unter der polizeilichen Aufsicht der Detektivs, und der Prozeß vor Gericht hätte jeden Augenblick beginnen können, aber der Hauptschuldige Witrock war noch immer von Chikago abwesend, und man kannte seinen Aufenthaltsort nicht, auch von dem gestohlenen Gut hatte man noch nichts entdeckt, deshalb wurde beschlossen, die Rückkehr Witrocks abzuwarten. Er sollte von selbst ins Garn laufen, dann erst wollte man die Falle schließen und gerichtlich einschreiten. Inzwischen arbeiteten die Polizeibeamten weiter, um Witrocks Spur aufzufinden. Er hatte, wie man erfuhr, einen vertrauten Jugendfreund namens Oskar Cook, der ebenfalls aus Leavenworth stammte, jetzt in Kansas-City wohnte und dort das Gewerbe eines Küfers betrieb. Cook lebte in ziemlich bescheidenen Verhältnissen, schien aber plötzlich zu Gelde gekommen zu sein. Es verbreitete sich das Gerücht, daß er in der Lotterie gewonnen habe. Die Detektivs schöpften Verdacht und beobachteten sein Tun und Treiben. Dabei fiel ihnen auf, daß er oft kleine Reisen unternahm und immer, wenn er sich von Kansas entfernt hatte, ein »Jim-Cumming-Brief« bei einer Zeitung in Saint Louis einging. Von ihm selbst rührten die Briefe, wie eine Vergleichung der Handschrift ergab, nicht her. Aber vielleicht stand er in persönlicher Verbindung mit Witrock und besorgte die Briefe, die dieser geschrieben hatte. Ein Detektiv suchte und machte seine Bekanntschaft, er schloß sogar Freundschaft mit Cook und brachte gelegentlich auch das Gespräch auf Witrock. Aber Cook verriet nichts; der Versuch, durch ihn von Witrock Näheres zu erfahren, mißlang also. Eine Unvorsichtigkeit kam da den Detektiven zu Hilfe. Eduard Kinney, der Schwager und geschäftliche Repräsentant Witrocks, machte eine kurze Geschäftsreise von Chikago nach Ouincy in Illinois. Ein Detektiv folgte ihm dahin. In Quincy erhielt er ein Telegramm, das ihn in eine gewisse Aufregung versetzte. Der Detektiv ging sofort in das Telegraphenamt und verlangte, nachdem er sich als Polizeibeamter ausgewiesen hatte, die Mitteilung des Telegramms. Es war in Chikago aufgegeben und lautete: »Komme gleich. Friedrich zurück. Rosa .« Kinneys Schwester, Rosa Witrock, rief ihn also nach Chikago, weil ihr Mann nach Chikago zurückgekehrt war, Witrocks Haus war unablässig überwacht worden, und man hatte gesehen, daß eines Abends im Halbdunkel ein hochgewachsener Mann hineingegangen und im Hause geblieben war. Kinney fuhr eilig heim. Detektivs bemerkten, daß er und Weaver sich vorsichtig in Witrocks Haus schlichen. Dichte Vorhänge, die fortwährend zugezogen waren, machten es den Beobachtern unmöglich, von außen die Personen und die Vorgänge innerhalb der bewohnten Räume zu beobachten. Aber abends, wenn Licht angebrannt war, bewegten sich Schatten von Menschen hinter den Vorhängen. Am Weihnachtsabend endlich, als die Straße völlig menschenleer war, traten drei Männer, es waren Witrock, Weaver und Kinney, mißtrauisch um sich spähend aus dem Hause und begaben sich in eine nahe gelegene Weinstube. Jetzt war die Frucht reif. Die Polizei wurde verständigt. Sie besetzte die Ausgänge, ein Polizeioffizier trat in Begleitung mehrerer Beamter ein und kündigte den drei Männern an, daß sie verhaftet seien. Sie setzten sich zur Wehr. Revolver wurden gezogen, Schüsse krachten, aber es ging ohne schwere Verletzungen ab. Die Bande wurde überwältigt und festgenommen. Man unterwarf alle drei einer genauen körperlichen Untersuchung. Witrock trug nur hundertundzehn Dollar, Weaver eine ganz geringe Barschaft bei sich. Kinney hatte in seiner Brusttasche tausend Dollar und in einer Geldtasche um den Leib geschnallt viertausend Dollar in Gold. Das Haus Witrocks wurde durchsucht, aber es war zunächst nichts Verdächtiges zu entdecken. Auch Frau Witrock mußte sich trotz ihres Einspruchs untersuchen lassen. Man fand in ihren Unterrock eingenäht zweitausend Dollar, in ihrem Korsett vierhundertundfünfzig Dollar und in dem Kissen, das sie als Turnüre trug, die aus dem Postwagen geraubten kostbaren Diamanten. In der Waschküche, die zu Weavers Haus gehörten, waren in ausgeleerten Marmeladentöpfen dreitausend Dollar in Gold versteckt. Auf telegraphische Ordre hin wurden nun auch Haight in Nashville und Cook in Kansas-City verhaftet. Die Räuber waren dingfest gemacht. Die Vernehmung der Angeschuldigten bestätigte die Vermutungen der Detektivs in allen Teilen. William Haight, der als früherer Postbeamter auf jener Strecke mit dem Dienste genau bekannt war, hatte den verbrecherischen Plan entworfen. Der Hergang war folgender gewesen. Zunächst hatte Haight nach einem Wege gesucht, die Unterschrift des Mr. John B. Barnett, des Oberbeamten der Adams-Expreß-Company, zu erhalten. Er hatte deshalb an ihn geschrieben und ihm den Ankauf einer Erfindung angetragen, die er gemacht haben wollte. Mr. Barnett hatte höflich abgelehnt und die Antwort, die auf einen Briefbogen mit der vorgedruckten Firma Adams- Expreß-Company geschrieben war, eigenhändig unterzeichnet. Haight hatte diese Bogen als Muster benutzt und in Chikago gleichartiges Briefpapier, das ebenfalls mit dem Vordruck der Firma versehen war, anfertigen lassen. Der Lithograph, der diesen Auftrag ausgeführt hatte, erkannte in William Haight den Mann, der die Bestellung gemacht hatte, bestimmt wieder. Auf einen solchen Briefbogen nun hatte Haight die angebliche Ordre geschrieben, durch die sich der Räuber den Zutritt zum Postwagen verschaffen sollte, und hatte die Unterschrift des Mr. Barnett, die das Schreiben enthalten mußte, gefälscht. Da er das Verbrechen nicht selbst vollbringen konnte, weil er dem Postbeamtenpersonal bekannt war, hatte er den Kohlenhändler Witrock ins Vertrauen gezogen, und dieser war der eigentliche Täter. Witrock war mit seinem Nachbar und Freunde Weaver nach Saint Louis abgereist, beide hatten sich dort bei Frau Berry eingemietet, und Weaver hatte von dort aus die Strecke von Saint Louis bis Pazifik-Kreuzung allein befahren, um zu kontrollieren, ob die Angaben Haights zuverlässig seien und der Raub wirklich ausgeführt werden könne. Er hatte dann seinen Komplizen Witrock brieflich davon benachrichtigt, daß Haights Mitteilungen sich in allen Stücken bestätigt hätten, und nun war Witrock ans Werk gegangen. Mit Hilfe der falschen Ordre hatte er sich in den Postwagen eingeschmuggelt und dort, nachdem er den Postbeamten überfallen und geknebelt hatte, den Raub verübt. Bei der Station Pazifik-Kreuzung war Witrock abgesprungen und nach Kansas-City zu seinem Freunde Cook geeilt, der ihn eine Zeitlang in seinem Hause verborgen hatte. Später hatte er sich nach dem Süden gewandt. Nach Verlauf von zwei Monaten hatte er sich für sicher gehalten und war nach Chikago zurückgekehrt. Witrock hatte von Kansas- City aus die »Jim-Cummings-Briefe« geschrieben; ob ihn dazu lediglich die Langeweile oder der Übermut getrieben hatten, wissen wir nicht. Er hatte diese Briefe dann durch seinen Jugendfreund Cook zur Post befördern lassen. Sein Schwager Kinney hatte ebenso wie Cook an dem Verbrechen nicht unmittelbar teilgenommen, sondern nur den Verkehr zwischen Haight, Witrock und Weaver vermittelt. Wie die Beute geteilt wurde, ist nicht genau ermittelt worden. Was feststeht, ist folgendes: Haight, der geistige Urheber des Verbrechens, hatte eine sehr ansehnliche Summe des geraubten Geldes empfangen, er weigerte sich indes hartnäckig, darüber irgend etwas auszusagen. Es ist auch nicht gelungen, das Geld wieder herbeizuschaffen. Bei Witrock und seiner Frau wurden, wie wir wissen, über zweitausendfünfhundert Dollar und die entwendeten Diamanten gefunden. Später gestand Witrock ein, im Hause seiner Mutter in Leavenworth noch zweitausend Dollar in Gold versteckt zu haben. Sie waren in einem Kistchen im Gewächshaus des Gartens an einem bestimmten Art, den er genau bezeichnete, vergraben. Seine Mutter, eine brave Frau, war außer sich, als sie von der Verhaftung ihres Sohnes Kenntnis erhielt, und teilte der Adams-Expreß-Company brieflich folgendes mit: »Ende Oktober 1886 kam Oskar Cook zu mir und erzählte, mein Sohn habe sich in Chikago in eine Getreidespekulation eingelassen und dabei eine Menge Geld verdient, sei aber leider mit einem betrügerischen Agenten in Streit gekommen und habe diesen dabei durch einen Schuß getötet. Er sei flüchtig geworden und lasse mich bitten, ihm eine größere Geldsumme einstweilen aufzuheben. Cook übergab mir das Geld, und einige Zeit herauf erschien mein Sohn selbst einmal bei Nacht und Nebel in meinem Hause, bestätigte, was mir Cook mitgeteilt hatte, und händigte mir wiederum Geld ein, das ich auch wieder in Verwahrung nehmen sollte. Da ich nun weiß, woher das Geld rührt, beeile ich mich, die gesamte Summe von neunzehntausend Dollar, die mir von Cook und meinem Sohne zugestellt worden ist, der Adams-Expreß-Company zurückzusenden.« Ob Fotheringham wirklich durch diese gefälschte Ordre Witrocks getäuscht und von diesem überfallen, oder ob der Raub mit seiner Zustimmung verübt und er nachher nur zum Schein niedergeworfen und gebunden worden war, blieb zweifelhaft. Als die Verurteilten nach der Verhandlung in das Gefängnis zurückgeführt wurden, ereignete sich ein Zwischenfall, der für amerikanischen Verbrecherhumor charakteristisch ist. Im Gange, den sie passieren mußten, kamen sie an einem schlanken jungen Mann vorbei, der in eifriger Unterhaltung mit zwei jungen Damen begriffen war. Haight stieß Witrock an und flüsterte ihm zu: »Hier steht Fotheringham.« Witrock fixierte den Genannten einige Augenblicke, schritt dann auf ihn zu, reichte ihm die Hand und sagte: »Fotheringham, alter Junge, ich freue mich, Sie zu treffen. Ich habe Ihnen vor über zwei Monaten einen bösen Streich gespielt, aber ich will hoffen, daß Sie es mir nicht nachtragen werden.« »Gewiß nicht,« lautete die Erwiderung Fotheringhams, »wenn Sie mich auch gehörig überrumpelt haben, als wir uns das erstemal trafen.« Die beiden Leute hielten ein eingehendes Gespräch über die Untersuchung, während die Gefängniswärter ruhig dabeistanden und nur gespannten Ohres lauschten, ob sie etwas erfahren würden, was zu einer weiteren Verhandlung führen könnte. »Sie schieden als gute Freunde«, schließt der amerikanische Berichterstatter, dem wir diese Mitteilung verdanken, seine Darstellung. Die Detektivs, die unter der persönlichen Leitung des Herrn Robert A. Pinkerton gearbeitet hatten, hatten ein Meisterstück geliefert. Es war ihnen gelungen, die einzelnen zerstreuten Fäden zu verbinden und einen Strick aus ihnen zu drehen, mit dem sie schließlich die ganze Bande gefangen hatten. Von den geraubten siebenundfünfzigtausend Dollar waren einundfünfzigtausend und die Diamanten wieder in den Besitz der Adams-Expreß- Company gekommen. Es ist nur fraglich, was größere Anerkennung verdient: ihr Scharfsinn oder ihre Geduld. Die Kosten der Untersuchung durch die Detektivs hatten gegen sechseinhalbtausend Dollar betragen. Der gerichtliche Prozeß verlief sehr einfach, denn Witrock namentlich hatte ein sehr umfassendes Geständnis abgelegt. Am 4. Januar 1887 wurden die Angeklagten vor das Gericht in Saint Louis gestellt. Der Staatsanwalt Glover begründete die Anklage, Friedrich Witrock, William Haight und Thomas Weaver erklärten sich für schuldig, die beiden ersten wurden zu sieben Jahren Zuchthaus, das höchste gesetzliche Strafmaß, Weaver aber zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Cook, Kinney, Frau Witrock und Frau Haight leugneten, von dem Raubanfall überhaupt etwas gewußt zu haben. Sie behaupteten zugleich, keine Ahnung davon gehabt zu haben, daß Geld und Diamanten gestohlenes Gut gewesen seien. Eine Anklage ist weder gegen sie noch den Postbeamten Fotheringham erhoben worden. Die Rede des Mörders Eusebius Pieydagnelle vor dem Schwurgericht Im Jahre 1870 oder 1871 wurde in einer Provinzstadt Frankreichs vor dem Schwurgericht eine Anklage wegen Mordes gegen Eusebius Pieydagnelle verhandelt. Der Angeklagte hatte den Fleischer Cristoval aus Vieuville erstochen und sich selbst des Mordes bezichtigt, indem er zugleich die Leiche an das Gericht abgeliefert hatte. Der Fall verursachte ein ungeheures Aufsehen. Viele erklärten den Angeschuldigten für wahnsinnig, für behaftet mit der Monomanie des Mordes. Ebenso viele schworen, daß er vollkommen zurechnungsfähig, aber ein blutdürstiges Scheusal sei, wie es noch niemals eins gegeben habe. Die Beweiserhebung war beendigt, der Staatsanwalt hatte gesprochen, und auch der Verteidiger hatte zugunsten seines Pflegebefohlenen plädiert. Der Präsident fragte den letzteren, ob er selbst das Wort ergreifen wolle, und Pieydagnelle erhob sich und richtete folgende Rede an den Gerichtshof und die Geschworenen, die so merkwürdig, ja so einzig in ihrer Art ist, daß wir sie fast wortgetreu mitteilen wollen. »Gott schütze mich davor, Herr Präsident, etwas erwidern zu wollen, was auf Ihr Urteil Einfluß haben könnte! Ich danke meinem Anwalt, daß er so dummes Zeug geschwatzt hat. Ich wußte es zwar im voraus, als ich mich ihm anvertraute und ihn zu meinem Verteidiger erwählte, aber er hat meine kühnsten Erwartungen übertroffen. Wenn ich die geringste Spur von Mitleid in Ihren Augen lesen könnte, so würde ich neue Schuldbeweise gegen mich erfinden. Doch ich bin Gott sei Dank beruhigt darüber, daß ich schuldig gesprochen werden muß, und brauche mir deshalb nicht noch besondere Mühe zu geben. Was verlangt man denn von Ihnen, meine Herren Richter? Sie sollen ein feierliches, unanfechtbares, gerechtes Urteil sprechen, das von den Zeitungen mit tönenden Phrasen verkündet wird und weder Ihre Seelenruhe noch Ihren Schlaf stören soll. Ich will sterben. Sie sehen also, wir werden uns leicht verständigen. Es ist doch seltsam, daß man, beseelt von dem Wunsche, aus diesem Leben abzuscheiden, und vertraut mit der Handhabung des Messers, seine Rechnung dennoch nicht selbst abschließen kann. Oftmals habe ich daran gedacht, ein Ende zu machen, oftmals habe ich die Tat ausführen wollen, aber immer verlor ich den Mut, denn ich fürchtete mich. Die Gedanken, die man mir in der Jugend über den Selbstmord einpflanzte, mögen mich zurückgehalten haben. Sehen Sie, ich glaube an ein Jenseits. Sie werden sagen, ich spreche Unsinn, aber stände ich denn hier, wenn ich nicht unsinnig wäre? Weil alles in meinem Herzen sich widerspricht, ebendeshalb bin ich ja der Elende, den Sie verurteilen werden. Gott wird mich ebenfalls richten, und ohne Sie beleidigen zu wollen, darf ich wohl erklären: ich fürchte den Richterspruch Gottes mehr als den Ihrigen, denn die Vorsehung sieht sich die Sache zweimal an, ehe sie die Entscheidung fällt. Der Herr Generalprokurator hat mich in der Voruntersuchung als Phänomen der Monomanie, als pathologische Merkwürdigkeit, und was weiß ich, als was sonst noch, ausgegeben. In Wirklichkeit bin ich ein berüchtigter Mörder, und die Köpfe solcher Leute müssen mit einem gewaltigen Ruck des Fallbeils vom Körper getrennt werden. Ich bin vielleicht unzart oder gar roh in meinen Äußerungen, und dennoch darf ich Ihnen versichern, ich bin von jeher ein Verehrer der Dichter und ihrer Werke gewesen.« Hier unterbricht der Präsident den Angeklagten und sagt ihm, diese Dinge gehörten nicht hierher, es läge in seinem eigenen Interesse, schneller zur Sache selbst zu kommen. »Nun wohlan,« fährt er fort, »ich habe ebenfalls Eile, zu Ende zu kommen. Ich bin gebürtig aus Vieuville, einem achtbaren und schön gelegenen Ort, der auf mich nicht stolz sein wird. Seit meiner Geburt sind dreiundvierzig lange, unendlich lange Jahre verflossen; ich fühle mich so alt, so müde wie ein Greis, der hundert Jahre gelebt hat, dennoch erinnere ich mich aller Ereignisse und Erlebnisse meiner Jugend, als hätten sie erst gestern stattgefunden. Mein Vater, ein wohlhabender Bürger, wohnte in der Straße Bas-Préan neben dem Bürgermeisteramt in einem zweistöckigen, sauberen und bequemen Hause, einem wahren Nest für tugendhafte Herzen. Mein Vater und meine Mutter standen allgemein in hoher Achtung, man verehrte sie fast wie Heilige. Ich habe es lediglich ihrer Tugend zu verdanken, daß ich dreiundzwanzig Jahre unbescholten blieb. Unserem Hause gegenüber lag die Metzgerei und Fleischbank des Herrn Cristoval, ein netter, sorgfältig gepflegter, koketter Laden, der stets mit Rosen von roter Leinwand und mit Papierarabesken verziert war. Herr Cristoval betrieb sein Geschäft nicht wie ein Handwerker, sondern wie ein Künstler. Es machte mir ein besonderes Vergnügen, die auf der Bank ausgelegten Fleischstücke zu betrachten, sie waren so geschmackvoll geordnet, daß sie bald wie flammende Blumen, bald wie blutige Herzen, bald wie das Profil Napoleons I. aussahen. Zweimal in der Woche wurden Tiere in das Schlachthaus geführt. Ich fühlte wenig Mitleid mit ihnen, obgleich ich wußte, daß sie dem Tode entgegengingen; sie interessierten mich in viel höherem Grade, wenn sie zerstückelt und schön geschmückt zum Verkauf dalagen, als wenn sie mit Kot und mit Schmutz bedeckt ankamen. Der Schreck, den ich anfänglich bei dem Anblick der blutigen Hände, der rotgefärbten Holzschuhe, der langen Messer mit den daranhängenden Faschinen empfand, verwandelte sich allmählich in die größte Bewunderung. Der Apothekerladen des Herrn Lubin mit seinen jeden Abend rotleuchtenden Lichtern, das Bürgermeisteramt mit seinem herrlich gemalten Saale, das Museum, das Gerichtsgebäude, die Kirche mit ihren strahlenden Wachskerzen, ihrem Weihrauch und ihrer brausenden Orgel – nichts schien mir den Vergleich auszuhalten mit der Feischbank Cristovals. Der Geruch des frischen Blutes, das appetitliche Fleisch, der Glanz des alltäglich blank geputzten Kupferrandes, das immer mit neuen Blumengirlanden umgeben war, die weiße Marmorauslage, die blutigen ausgeschnittenen Figuren, das alles erregte mein Entzücken, und ich fing an, den Metzgerknecht zu beneiden, der mit aufgestreiften Ärmeln und blutgetränkten Händen bei der Schlachtbank beschäftigt war. Damals war ich noch nicht der kräftige, braungebrannte, unverwüstliche Bursche, den Sie jetzt vor sich sehen, sondern ein siebenjähriges Kind, furchtsam, schwächlich und zart, dessen Anblick jedermanns Mitleid herausforderte. Das war auch die Veranlassung, weshalb Herr Cristoval eines Morgens, als er seine Auslage aufputzte und ich vor Kälte zitternd dabeistand, zu meinem Vater sagte: »Vertrauen Sie Ihren Sohn mir auf einige Zeit an, Nachbar! Sie sollen ihn zurückempfangen so stark wie einen Ochsen und so heiter wie eine Leiche. Wer mit Blut zu tun hat, der wird kräftig; wenn es ihm keinen Abscheu einflößt, den Tag über bei uns zu sein, so wird es ihm gut tun. Das Latein gehört für die Pfarrer. Sie können es ihm später einbleuen lassen, wenn Sie es durchaus wollen, aber vorerst muß der Junge Muskeln bekommen. Ich schätze Sie und Ihre Frau hoch und will Ihnen mit meinem Anerbieten einen Gefallen erweisen.« Meine Mutter hatte andere Pläne mit mir, und es war nicht nach ihrem Geschmack, daß ich in eine Metzgerei eintreten sollte; mein Vater aber machte ihr begreiflich, ich sei ja nur ein paar Schritte von ihnen entfernt und würde dadurch gesünder werden, ein gesunder Körper aber sei die notwendige Bedingung für eine gesunde geistige Entwicklung. Ich selbst sprach aus, wie glücklich ich mich fühlen würde, wenn ich so stark und so kräftig wäre wie meine Kameraden, und so gab die gute Frau ihre Einwilligung: ich kam zu unserem Nachbar. Allmächtiger Gott, warum hast du dies zugelassen? Diese und manche andere Frage will ich an Gott richten, sobald ich, meinen Kopf unter dem Arme, vor ihn hintreten werde. Cristovals Gehilfe wurde mein bester Freund und Kamerad. Er hieß Antoine Bricogne und war ein gutes Tier, das ohne Gewissensbisse einen Ochsen niederschlug, aber vor jedem Hunde den Hut gezogen haben würde, wenn er ihm aus Versehen auf die Pfote getreten hätte. Er lehrte mich die geschlachteten Tiere abziehen, zerteilen, das Fleisch herrichten. Wirklich befestigte sich meine Gesundheit zusehends. Kehrte ich zur Essenszeit zu meinen Eltern zurück, dann küßte mich meine Mutter zärtlich und sagte wohl: »Wie gut er jetzt aussieht, der liebe Kleine, er ist ja wie neugeboren und wird ein ganzer Mann werden.« Mahnte der Vater an die Wiederaufnahme der Studien, so erwiderte sie: »Ach das hat noch Zeit, laß ihn jetzt.« Erfreut darüber, daß die Kur so gut anschlug, fing ich an Blut zu trinken, ja, wenn ich sicher war, daß niemand es bemerkte, verwundete ich die Tiere und sog das hervorströmende Blut ein. Ich wuchs, wurde breitschultrig, und mein Körper entwickelte sich, wie man es nur wünschen konnte; aber meine Seele wurde hart. Die blutige Arbeit im Schlachthause und die übermäßige Zärtlichkeit meiner Mutter machten aus mir ein Gemisch von kalter Grausamkeit und eifriger Bigotterie. In freien Stunden lehrte mich Bricogne Papierschiffe anfertigen, die wir auf den Blutlachen herumschwimmen ließen; er übte mich mit den Messern ein, so daß ich auf fünfundzwanzig Schritt eine Oblate treffen konnte. Alle, die mit Messern umgegangen sind, wissen, daß man den Arm nicht herabhängen lassen darf, daß es überhaupt eine große Kunst ist, ein Messer richtig zu führen. Das Süßeste aber ist, wenn man fühlt, wie das Tier unter dem Messer zittert. Das fliehende Leben schlängelt sich der Klinge entlang in die Hand hinein, die das tödliche Werkzeug hält. Endlich bestand mein Vater darauf, mich von Cristoval wegzunehmen und in ein Kollegium zu schicken; aber es war zu spat, ich war bereits ein blutdürstiges Ungeheuer geworden. Unfähig, meine Verzweiflung darüber, daß ich die Metzgerei verlassen sollte, zu verbergen, heuchelte ich und stellte mich, als schmerzte mich die Trennung von Vater und Mutter: in Wirklichkeit hatte ich Heimweh nach dem Blute. Zuerst leistete ich im Kollegium gar nichts; allein aus Langeweile entschloß ich mich endlich zu arbeiten, und siehe da, ich bekam zu meinem nicht geringen Erstaunen bei der Prüfung den ersten Preis. Mein Vater war höchst erfreut und wollte mich sogar die Zentralschule besuchen lassen, um etwas Rechtes aus mir zu machen. Aber meine Mutter, die mich gern bei sich haben wollte, bat so lange, bis er mich wieder nach Neuville zurücknahm. Das war eine teuflische Laune des Zufalls. Ich sehe, Sie blicken nach der Uhr, meine Herren. Es ist wohl schon spät, aber Sie müssen, ehe Sie mich abtun und zum Speisen gehen, noch eine Menge Dinge erfahren. Ich war also wieder im Vaterhause. Cristovals Fleischerladen befand sich noch immer gegenüber, aber ich durfte nicht mehr daran denken, wie früher dort zu verkehren. Ich war ein junger Herr geworden, und man hätte es weder begriffen noch verziehen, wenn ich, wie andere etwa die Musik oder die Malerei, das Metzgerhandwerk aus Liebhaberei hätte betreiben wollen. Bricogne hatte die Stadt verlassen, ich war allein, die Zeit verging mir langsam und traurig. Mein Vater brachte mich zu dem Notar Pelucheur, bei dem ich allerhand Verträge kopieren mußte. Soldat wurde ich nicht, weil meine Mutier einen Ersatzmann für mich kaufte. Vielleicht hätte mich der Soldatenstand gerettet. Mein Zimmer lag dem Tore des Schlachthauses gegenüber, und ich stand jeden Morgen am Fenster, um das Schlachten mit anzusehen. Der mächtige Anprall des wuchtig mit dem Schlägel geführten Kopfschlages, unter dem der Ochse zusammenbrach, klang in meinen Ohren wie Sphärenmusik. Wäre der Apothekerladen uns gegenüber gewesen, vielleicht wäre alles anders gekommen, aber man muß die Dinge nehmen, wie sie sind. Was geschehen ist, ist vorbei, und der Rest geht Sie an. Am 15. Juni 1860 kam die Post von La Garigue eine Stunde später an als gewöhnlich und hielt vor dem Gasthofe. Der Kondukteur warf die Zügel herunter und öffnete die Wagentüren. Da die Post sich sonst nicht zu verspäten pflegte, so erregte das Ereignis Aufsehen, und mehrere Menschen drängten sich an den Wagen, um den Grund zu erfahren. ›Ei du Schlafmütze,‹ rief der Stallbursche dem Postillon zu, der sich anschickte, die Pferde auszuspannen, ›du bist schön langsam gefahren. Der Branntwein schmeckte wohl gut?‹ ›Behalte deinen Witz für dich,‹ erwiderte der Postillon. ›Wir fanden auf der Station Pré-aux-Bois die Tochter des Wirtes vom Coq Bleu mit einem Messer an den Küchentisch angeheftet, die Spitze steckte im Holze, der Griff stand beim Haarknoten heraus. Das war es, und das kann einen schon eine Stunde aufhalten.‹ Einen Schauder durchlief die Menge. Als der Wirt des Coq Bleu traurig und gebeugt aus dem Wagen stieg, umringte ihn das Volk und begleitete ihn bis zu dem Gericht, vor dem er seine Aussage zu Protokoll gab. Der Mord war nicht zu leugnen, es wurde auch alles aufgeboten, um den Mörder zu entdecken, und viel Papier verschmiert. Aber es war vergebliche Mühe. Arme Lurotte! Glauben Sie mir, ich habe sie hundertmal beweint. Sie war ein braves, zuvorkommendes, liebes Mädchen. Ich kam in der Nacht vom 14. zum 15. Juni nach La Garigue, wohin mich Herr Pelucheux in Geschäften geschickt hatte. Es war bereits elf Uhr vorüber, als ich an dem Coq Bleu anlangte, und stockfinster. Ich wunderte mich, durch die Ritzen der geschlossenen Fensterläden Licht schimmern zu sehen, denn gewöhnlich schlief um diese Zeit alles im Coq Bleu. Ich dachte an Lurotte, das ist wahr, aber nur in freundlicher Abficht. Sie ist vielleicht noch auf, um einen verspäteten Reisenden zu erwarten, sagte ich mir. Ein Glas Bier ist rasch getrunken, ein Kuß ist rasch genommen und gegeben. Die Tür stand halb offen, und ich trat ein. Soll ich Ihnen die Lokalität beschreiben? Aber Sie haben ja die Photographie des Hauses gesehen, und die Photographie ist eine schöne Erfindung; die Küche und das Gastzimmer gehen auf die Straße hinaus, die übrigen Zimmer liegen auf der anderen Seite. Das Erdgeschoß nach der Straße zu bildet das zweite Stock von der Gartenseite aus, weil der Boden dort abschüssig ist, das wissen Sie. Lurotte schlief neben dem großen Herde. Sie war über den langen Tisch in der Mitte der Küche gebeugt, ihre Stirn lag auf ihren wie zum Gebet gefalteten Händen. Ihre weißen Arme hoben sich von dem roten Tischtuche ab. Ihr Hals war entblößt, und ihr schwerer hochgesteckter Haarknoten ließ den üppigen anderen Haaren Raum, die lose auf den breiten Nacken herabwallten. Neben dem Tische stand ein bis zum Dachfirste gehender Pfeiler, an dem eine trübe, rauchende Lampe hing. Das flackernde Licht beleuchtete die üppigen Formen der schönen Schläferin. Auf dem Herde glomm das Feuer, und hier und da züngelte eine Flamme empor, die phantastische Schatten auf dem Plafond abzeichnete. Lurotte war allein. Ich näherte mich ihr, alles war still, ich hörte nur ihre gleichmäßigen Atemzüge und das Ticken der Uhr, die in der Ecke stand und aussah wie eine Eule ohne Augen. Was sich nun meiner Sinne bemächtigte, ist so seltsam, daß ich nicht weiß, wie ich es in Worte kleiden soll. Sie können es nicht begreifen, wie mir zumute war, sie müßten denn zuvor verrückt werden, so wie ich es auch war in jener Nacht. Als ich das schöne, junge Wesen ansah, dachte ich zuerst daran, sie zu küssen. Ich beugte mich nieder, um meine Lippen auf ihren weißen Hals zu drücken. Aber ich hielt inne: ein geraubter Kuß hat keinen Wert, ich wollte sie lieber aufwecken. Und doch konnte ich mich dazu nicht entschließen. Ich schaute den prächtigen Nacken an, mein Pulse fingen an zu schlagen, meine Phantasie fing an zu arbeiten. Ich wähnte, am Halse von Lurotte zwei lächelnde Lippen zu sehen, die mir verlockende Küsse zusandten. Ich beugte mich tiefer, und siehe, die Lippen öffneten sich immer weiter, aber hinter ihnen sah ich nicht weiße Zähne, sondern perlendes, schäumendes Blut quoll hervor. Zwei dünne Blutströme ergossen sich aus den zwei Ecken der Wunde und bildeten auf dem Tischtuche eine scharlachrote Lache, von der die weiße Silhouette Lurettes grell abstach. Das alles sah ich, und der Schweiß trat mir auf die Stirn. Neben dem Mädchen lag ein langes, scharfes Küchenmesser. Bei meinem Eintreten hatte ich es nicht gesehen, aber jetzt fiel ein Lichtstrahl auf die Klinge, und sie blinkte mir lockend entgegen. Ich wollte fliehen, aber ich konnte nicht, ich schloß die Augen, aber ich sah es jetzt noch genau so deutlich, es zog mich mit magnetischer Gewalt hin zu dem Messer. Ich ergriff es, aber Gott weiß, ich wollte der Schläferin nichts tun. Und dennoch erhob ich den Arm und stieß. Ich sah einen leuchtenden Punkt und hörte einen entsetzlichen Schrei des zu Tode getroffenen Opfers, der mich noch jetzt in der Nacht aufweckt. Ich sah, daß Lurotte ihre Hände ausstreckte, ich fürchtete, sie würde aufstehen, und stemmte mich mit aller Kraft auf das Messer. Hätte sie sich erhoben, ich wäre vor Furcht gestorben. Aber sie zuckte nur noch krampfhaft und rührte sich dann nicht mehr. Nun wollte ich fort, ich konnte jedoch die Tür nicht finden. Das Blut schoß mir so gewaltsam nach dem Kopfe und hämmerte so an die Schläfen, daß ich wankte und mich festhalten mußte, um nicht niederzustürzen. Endlich ergriff ich die Klinke der Tür; das kalte Eisen erschreckte mich, es war mir, als wenn es durch die Hand hindurchfühle und mir den Körper zerrisse. Ich eilte fort in die freie Luft. Da wurde mir wieder wohl, ich stürmte nach Hause. Ich kam in mein Zimmer, schloß es zu, warf mich auf mein Bett und schlief ein. Am anderen Morgen sah ich dem Schlachten bei meinem Nachbar nicht zu. Am 19. Oktober i860 begegnete ich etwa hundert Schritt von der Pommier-Mühle entfernt einem Kolporteur. Es war ein schöner, junger Mann, etwa neunzehn Jahre alt, der ein sehr heiteres Gemüt besaß. Er saß gerade am Abhange der Straße und frühstückte etliche Früchte, die er am Wege gefunden hatte, und ein Stück Brot, in das er mit seinen weißen Zähnen wacker hineinbiß. Ich setzte mich neben ihn und forderte ihn auf, mir sein Nomadenleben zu schildern. Er erzählte mir, er habe weder Vater noch Mutter, wohl aber zwei Schwestern, die eine zehn, die andere sieben Jahre alt. Er war ihr Ernährer, denn sie lebten von dem, was er mit seinem Geschäft erwarb, in einem von einem Pfarrer beaufsichtigten Institut. Jeden Monat kam er in das Dorf, wo sie sich aufhielten. Er verweilte einen Tag bei ihnen, herzte und küßte sie, ließ sich von ihnen sagen, wie es ihnen erging, und begab sich dann wieder auf die Wanderschaft. Als er sein Brot verzehrt hatte, nahm er aus der Tasche ein Messer, um einen Apfel zu zerschneiden. ›Jetzt ist der Augenblick für das Dessert gekommen.‹ sagte er, ›ich werde es mit vollem Behagen verzehren und den Apfel kunstgerecht schälen. Sie sehen, ich pflege mich.‹ Es war ein herrlicher Tag, alles duftete und glänzte, die Gegend lag da gleich einem Paradiese. Man hätte denken sollen, bei so hellem Sonnenschein könnte kein Werk der Nacht vollbracht werden. Unglücklicherweise traf ein Strahl das Messer des Burschen und ließ es hell leuchten. Von diesem Augenblick an wandte ich keinen Blick mehr ab von dem Stahl. Alles tanzte und funkelte um die Klinge herum, ein roter Nebel umfing meine Augen. ›Wollen Sie einen Apfel, Herr? Es liegen noch mehrere hier auf dem Rasen, und das Fallobst gehört Ihnen so gut wie mir‹, sagte er. ›Während ich mein Paket schnüre, leihe ich Ihnen mein Messer, aber Sie müssen sich beeilen, denn ich muß mich rasch wieder auf den Weg machen. Ich habe noch fünf Meilen bis nach Hause zurückzulegen, und wenn ich heute abend nicht zu meinen Kleinen komme, so geht die Welt unter. Überdies habe ich es auch versprochen.‹ Er gab mir das Messer und bückte sich über seinen Reisesack, um ihn zuzuschnallen. O du armer Kerl, du armer Engel! Was hattest du Gott zuleide getan? O Schicksal, warum hast du ihn auf meinen Weg geführt? Der arme Junge ist nun tot, und ich habe nicht den Mut, Ihnen zu erzählen, wie ich ihn ermordet habe. Sie sehen, ich bin eine Tötungsmaschine. Ich tötete niemals aus Haß, sondern ich mußte töten. Das eben macht mich furchtbar und gebietet Ihnen, mich zu vernichten. Die Behörden waren nicht glücklicher in ihren Nachforschungen als das erstemal. Man verstärkte zwar die Gendarmerie, setzte Belohnungen aus, um dem Mörder auf die Spur zu kommen, der Pfarrer sprach von der Kanzel über die Schlechtigkeit der Welt, der Bürgermeister versicherte, daß sich eine noch stärkere und gefährlichere Bande als die von Cartouche im Lande festgesetzt habe. Und der Erfolg war: am 6. März 1861 wurde der Polizeikommissar in einem Busche liegend aufgefunden, er war erstochen wie vorher Lurotte und der Kolporteur, am 7. November 1861 kam der Pfarrer von Pommerelles an die Reihe und am 12. März 1863 der Wagner Martin von La Chappe. In Neuville überstieg das Entsetzen jedes Maß. Man verwahrte die Häuser mit doppelten Riegeln, man änderte die Schlösser an den Türen und ließ die Fenster im Erdgeschoß vergittern. Es war fast lustig, alle die Geschichten zu hören, die abends am Herde erzählt wurden. Da war beinahe niemand, der nicht einer großen Gefahr entronnen wäre. Mit dem Anbruch der Nacht schlossen sich auch beherzte Männer in ihre Wohnungen ein, und wer durchaus noch ausgehen mußte, ließ sich begleiten. Eines Abends war der Pfarrer von Saint-Eustache zu uns zum Spiel gekommen, mein Vater wollte ihn nicht allein in das Pfarrhaus zurückkehren lassen und befahl mir, ihn nach Hause zu bringen. Meine Mutter wurde totenblaß und sagte halblaut: ›Maxime, wo denkst du hin? Der Junge müßte ja allein zurückkehren. Heilige Maria, wenn man ihn unterwegs ermordete.‹ ›DaS wäre immer noch besser,‹ antwortete mein Vater, ›als wenn der Gast getötet würde und es hinterdrein hieße, es wäre nicht geschehen, wenn Pieydagnelle mitgegangen wäre. Ich werde den Abbé begleiten.‹ ›Wir wollen alle zusammen mit, das wird den Banditen Respekt einflößen‹, erwiderte die Mutter. ›Nun, Marianne,‹ lachte der Vater, ›du wärest die Rechte, um jemand Furcht einzujagen. Nein, meine liebe Alte, bleibe du hübsch beim Feuer sitzen, der Knabe soll mitgehen, und ich begleite ihn. Das genügt vollständig, denn man greift ja nur einzelne Menschen an, wie wir alle wissen.‹ Wir gingen mit dem Abbé, und auf dem Heimwege zitterte mein Herz aus Besorgnis für meinen Vater. Ich liebte den guten Mann so zärtlich. Ich vergaß ganz, daß ich selbst der Mörder war, und wünschte fast, es möchte jemand einen Angriff auf meinen Vater wagen. O wie hätte ich ihn verteidigen wollen! Es muß ja eine Wonne sein, wenn man einen guten Grund hat, Blut zu vergießen! Wäre ich zu Felde gezogen, es wäre ein Held aus mir geworden, wenn man mir nicht etwa vorher den Garaus gemacht hätte. Übrigens müßte mir meine Vaterstadt dankbar sein, denn nur aus Angst vor mir ist Gasbeleuchtung eingeführt worden. Ich verlor Vater und Mutter durch den Tod, und am 7. Oktober 1864 verließ ich Neuville. Ich bin kein undankbarer Mensch, sondern ich danke dem Himmel, daß er meine Eltern weggenommen hat, ehe sie mein böses Herz erkannt haben. Ich hoffe, durch meinen Tod wird alles hier und in einer anderen Welt gesühnt werden. Da ich keine Lust empfand, irgendein Geschäft zu treiben, so entschloß ich mich, im freien Walde als Einsiedler zu leben. Ich habe es sechs Jahre lang durchgeführt, jeden Umgang mit Menschen gemieden, keine andere Zerstreuung gehabt als die Jagd, und ich habe, um nicht in Versuchung zu geraten, niemals ein Messer angerührt. Ist es nicht sonderbar, daß ich um keinen Preis einen Menschen mit einem Gewehr töten könnte, und daß der Anblick eines Messers einen wahnsinnigen Blutdurst in mir wachruft? Und wissen Sie, was die Leute in meiner Vaterstadt von mir sagten? ›Der arme Eusebius,‹ so hieß es allgemein, ›der Tod seiner Eltern hat ihn verrückt gemacht, und er ist auf und davon gegangen. Ein so ruhiger, kalter Mensch! Wer hätte je gedacht, daß er so zum Äußersten getrieben werden würde!‹ So falsch urteilen die Menschen über andere! Diese Äußerung gilt aber nicht Ihnen, meine Herren. Denn mit Ihnen spiele ich offenes Spiel und feilsche nicht um meinen Kopf, der es übrigens auch gar nicht wert ist. Ich komme nun zu dem entsetzlichen Ereignis, das die Veranlassung geworden ist, daß ich vor Ihnen stehe. Ich lebte also, wie ich schon erwähnte, im Walde. Eines Nachts, es war am 3. August 1870, und der Mond schien hell, hörte ich an die Tür meiner Höhle klopfen. Das war schon öfters geschehen, etwa zweimal in jedem Jahre, aber ich hatte die Gäste nie freundlich empfangen, so daß sich die Leute zuletzt vor mir fürchteten und mich in Ruhe ließen. Mir war es sehr gleichgültig, ich befand mich sogar viel wohler, seit ich nicht mehr belästigt wurde. Auch diesmal kümmerte ich mich nicht um das Klopfen, sondern blieb auf meinem Lager von dürren Blättern liegen und dachte, der Mensch würde sich schon wieder entfernen. Allein da öffnete sich die Tür, die nicht verschlossen war, ich sah in der Öffnung eine Gestalt stehen und hörte eine mir bekannte Stimme: ›Holla! Ist denn niemand hier, der mir den 12 Weg zeigen könnte?‹ Ich erschrak, mein Herz fing an zu klopfen, der Schweiß drang mir aus allen Poren. Es war der Metzger Crisloval, der vor mir stand. Ich wollte mich verbergen, aber unwillkürlich rief ich: ›Cristoval, sind Sie es wirklich?‹ ›Wer zum Teufel kennt mich hier? Wenn ich Ihnen antworten soll, dann zeigen Sie sich‹, rief er zurück. In mir kämpften die widersprechendsten Gefühle, Ich empfand Freude darüber, den Mann wiederzusehen, dem ich die einzigen Genüsse verdankte, die ich jemals gehabt hatte, aber es befiel mich zugleich ein Grauen bei seinem Anblick, denn er hatte die mörderische Lust in mir wieder angefacht. Ich sagte mir, er sei doch unschuldig daran, daß ich ein Mörder geworden war, und dennoch konnte ich mich des Hasses und des Ingrimms gegen ihn nicht erwehren. Ich hatte während meiner Verbannung aus der menschlichen Gesellschaft zu oft den Einfluß verflucht, den er auf mich und mein Leben ausgeübt hatte. Ich überwand mich aber, reichte ihm die Hand und sagte: ›Herr Crisloval, ich will Ihnen sogleich sagen, wer ich bin. Sie würden mich nicht erkennen, wenn es auch Heller Mittag wäre, so sehr habe ich mich verändert. Erlauben Sie mir, Sie zu umarmen. Ich bin Eusebius Pieydagnelle, Ihr alter Lehrbursche.‹ ›Also ist es doch wahr,‹ erwiderte er, ›was man mir erzählt hat! Komm her, Bursche!‹ Dabei gab er mir die Hand und zog mich an seine Brust. Ich preßte ihn lange und innig an mich. Die Berührung des Mannes, den ich seit dem Tode meiner Eltern nicht mehr gesehen hatte, rief mir das Andenken an Vater und Mutter zurück. Die glückliche Jugend trat mir vor die Seele, ich fühlte mein Herz froh werden. Es entspann sich nun folgendes Gespräch zwischen uns: ›Wie freut es mich, mein Junge, dich wiederzusehen! Das ist gewiß nicht bloß ein blinder Zufall, der mich hierher geführt hat.‹ ›Wie kommt es denn, Herr Cristoval, daß Sie in diesem Walde, zwei Tagereisen von der Heimat entfernt, so allein umherirren?‹ ›Ich habe heute morgen die Fahrpost versäumt, mein Sohn. Müde von der Hitze und in der Meinung, sehr viel Zeit übrig zu haben, ließ ich mich durch den kühlen Schatten verleiten, legte mich in einem Gehölz an der Straße nieder und schlief ein. Die Glocken der Post, auf die ich wartete, klangen wahrscheinlich weniger laut als gewöhnlich, und ich wachte nicht auf, als sie vorbeikam. Nun entschloß ich mich, zu Fuß weiterzugehen, und hoffte La Garigue noch rechtzeitig vor Abgang des Zuges zu erreichen. Dicht neben der Straße zog sich der Wald hin, der Schatten lockte mich wieder, ich ging in den Wald, verirrte mich aber und bin nun bereits zwei Stunden ohne Weg und Steg umhergelaufen. Ich beklage mich aber nun, da ich dich gefunden habe, nicht mehr darüber und werde die Nacht bei dir bleiben.‹ ›Oh! Das geht nicht, Herr Cristoval, das ist ganz unmöglich!‹ ›Weshalb denn nicht?‹ ›Ich will nicht, daß Sie hier übernachten. Ich führe Sie einen Waldweg entlang, auf dem Sie in zwei Stunden nach La Garigue kommen, und unterwegs können wir uns erzählen.‹ ›Nun, du bist recht freundlich, das muß ich sagen. So empfängst du einen alten Freund wie mich? Ich werde aber dennoch bei dir bleiben und sogar auf deinen Glasscherben gut schlafen, so müde bin ich. Vorher über wollen wir ein Stück Fleisch miteinander verzehren, das ich zu mir gesteckt habe.‹ ›Wir können es ebensogut auf dem Wege tun, Herr Cristoval. Ich kann nicht dulden, daß Sie bei mir schlafen.‹ ›Gut! Da es dir gefällt, deinen ehemaligen Lehrherrn so zu empfangen, mich, dem du das Mark in den Knochen und das Blut in den Adern zu verdanken hast, so werde ich dich nicht lange belästigen. Du nimmst dir wahrscheinlich die Wölfe zum Vorbild, die auch keinen Menschen beherbergen.‹ ›Herr Christoval, es geschieht nur zu ihrem Besten. Urteilen Sie nicht nach dem äußeren Scheine, Sie werden sonst unter zehnmal neunmal irren. Ich sage Ihnen dies aus reiner Freundschaft und Zuneigung.‹ ›Nun, ich sehe, es ist wahr, was man von dir sagt: du bist ganz verrückt. Ich hätte hier auf den dürren Blättern so gut geschlafen, aber wenn du es nicht willst, so wollen wir uns auf den Weg machen.‹ Während wir miteinander durch den Wald gingen, erzählte mir Cristoval tausend Dinge, die zwar an sich wenig Bedeutung hatten, mich aber lebhaft interessierten, denn sie bezogen sich auf Ereignisse in Vieuville. Er selbst hatte die Metzgerei an Bricogne verkauft und wollte sich nach Soissons zurückziehen. Die Fräulein Pidoux, die ich kannte, hatten geheiratet, die jüngere hatte vier, die ältere drei Kinder. Die Apotheke war durch Feuer zerstört worden. Aber die größte Neuigkeit war die Gefangennahme des Mörders, der Lurotte, den Kolporteur, den Polizeikommissar, den Pfarrer von Pommerelles und den Wagner Martin von La Chappe umgebracht hatte. Als ich dies vernahm, befiel mich ein Schwindel, mir war, als müßte ich umsinken, das Blut stieg mir in den Kopf, ein seltsamer Geschmack trat mir auf die Zunge, der Mond schien mir rot gefärbt zu sein, ich sah rings um mich Blut, nichts als Nut. ›Nun, was hast du denn‹, sagte der Fleischer und wollte mich halten. ›Rühren Sie mich nicht an‹, rief ich. ›Mir fehlt nichts, gehen Sie nur Ihres Weges fort!‹ ›Wahrhaftig,‹ erwiderte er, ›du bist nicht recht gescheit und tust wohl daran, in deiner Höhle wie ein wildes Tier zu leben. Zu Menschen paßt du nicht.‹ ›Wer ist der arme Kerl, den man festgenommen hat?‹ ›Du kennst ihn, er war einer von deinen Freunden: Anthime Lebegue, der erste Schreiber bei Pelucheux.‹ ›Anthime ein Mörder! Die das gesagt haben, haben gelogen! Es gibt keinen ehrlicheren Mann als ihn in ganz Neuville! Ach, ihr seid böse Menschen da unten! Anthime Lurottes Mörder! Armer Kerl! Was ist mit ihm geschehen?‹ ›Was mit allen solchen Elenden geschieht. Zuerst hat man ihn hinter Schloß und Riegel gesetzt, dann hat man die Sache untersucht und ihn endlich abgeurteilt. War das ein Durcheinander! Etliche sprachen für ihn, andere gegen ihn; aber angesichts der Beweise –‹ ›Welcher Beweise?‹ ›Erstens fand man in Lurottes Tasche einen Brief von ihm, in dem er ihr schreibt, sie solle ihn zwischen elf und zwölf Uhr erwarten.‹ ›Und was beweist das?‹ ›Daß der Schurke zu der Zeit, da der Mord verübt wurde, bei ihr war. Auch gestand Anthime, daß er im Coq Bleu gewesen sei, nur behauptete er, er habe die Tür verschlossen gefunden, an die Läden geklopft, aber niemand habe ihm geöffnet, obwohl noch Licht in der Küche gewesen sei. Aus Furcht, das Mädchen bloßzustellen, habe er nicht Lärm geschlagen, sondern sich entfernt. Das hat er natürlich erfunden.‹ ›Weshalb soll es denn nicht wahr sein?‹ ›Weil der Schlüssel auf der Straße gelegen hat. Die Tür war nicht von innen versperrt, sondern von außen zugeschlossen.‹ ›Ein anderer konnte sie ja nach vollbrachter Tat zugeschlossen haben.‹ ›Man entdeckte an seinem Schuhwerk Blutspuren.‹ ›Wieder ein schöner Beweis! Lurotte hat stark geblutet. Das Blut floß ja wie ein Strom, es wird durch die Hausflur zur Tür hinausgeflossen sein, und Anthime hat hineingetreten.‹ ›Was weißt du denn davon?‹ ›Ich? Nichts! Nur was die andern auch wissen. Aber es ist ja klar, daß Anlhime nicht den Mord begangen hat. Er und mit einem Messer hantieren!‹ ›Woher weißt du denn, daß Lurottes Blut in Strömen geflossen ist? Du bist ja ganz erhitzt. Du sprichst, als wenn du mehr wüßtest, als du sagen willst. Wenn du dem Gericht nähere Aufklärungen geben kannst, und du unterläßt es, so bist du ein Schurke. In acht Tagen wird Anthime hingerichtet, daraus siehst du, daß es sich der Mühe verlohnt.‹ ›Ich, ich weiß nichts, nicht mehr, als die andern seinerzeit auch wußten.‹ ›Sieh mir ins Gesicht! Du hast es, seit wir zusammengetroffen sind, vermieden, mich anzusehen.‹ ›Ich sehe Sie an. Was weiter?‹ ›Du warst befreundet mit Anthime.‹ ›Ich war sein einziger Freund.‹ ›Weshalb hast du dich in den Wald zurückgezogen wie ein wildes Tier?‹ ›Das ist meine Sache. Ich brauche darüber keine Auskunft zu geben.‹ ›Es ist aber unnatürlich, so im Walde zu leben.‹ ›Wenn es nun mein Geschmack ist?‹ ›Höre, soll ich dir etwas sagen? Es würde mich nicht wundern, wenn du Anthimes Mitschuldiger wärest.‹ ›Ich bedanke mich, Herr Cristoval. Sie haben eine Manier zu scherzen, die Ihnen übel bekommen könnte, wenn ich der Mensch wäre, für den Sie mich halten.‹ ›Ich fürchte mich nicht, wie du weißt. Ich habe eine feste Faust und in der Tasche ein Instrument, mit dem ich dir schon etwas Tüchtiges auswischen könnte, wenn du mir zu nahe kämest. Du kennst mich ja.‹ ›Um uns solche Dinge zu sagen, brauchen wir wahrhaftig nicht um die Mitternachtsstunde zusammen durch den Wald zu gehen. Hier ist Ihr Weg, Herr Cristoval. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht.‹ ›Nein, so will ich nicht scheiden von einem Menschen, dessen Vater ich gewissermaßen bin. Ich gestehe, ich habe mich übereilt. Du kannst kein Mörder sein. Gib mir die Hand.‹ ›Werden Sie dann gehen?‹ ›Nein. Du mußt mich noch weiter begleiten. Ich müßte sonst denken, du wärest böse auf mich, weil ich dich so schwer beschuldigt habe.‹ Ich versuchte immer wieder, ihn loszuwerden, aber er schwor, er würde mit mir umkehren, wenn ich nicht noch ein Stück mit ihm ginge. Nichts kann den Menschen retten, dem das Schicksal einmal den Tod bestimmt hat. Niemals gab es eine schönere Nacht, als diese war. Der Himmel zeigte sich in all seiner Pracht. Ich habe es nie begriffen, daß die Dichter die Elemente fast immer mit den Ereignissen harmonieren lassen. Bei meinen schwärzesten Taten war stets schönes Wetter. Wir setzten die Wanderung fort. Der Fleischer ging rasch und immer voran, das war sein Unglück. Ich konnte kein Auge von seinem Nacken abwenden. Mein Blick war festgebannt auf jene Stelle, in die ich schon fünfmal mit einem Messer den tödlichen Stich geführt hatte. ›So gehen Sie doch nicht immer vor mir her, Herr Cristoval‹, rief ich ihm in barschem Tone zu. In dem Glauben, ich sei ein Narr, erwiderte er nichts, sondern drehte sich um und bot mir eine Zigarre an. ›Du wirst ohnehin selten rauchen, denn Tabakläden gibt es ja dort, wo du wohnst, nicht.‹ Ich nahm die Zigarre, und er reichte mir ein langes Reisemesser, damit ich die Spitze abschneiden könnte. Was zum Teufel focht ihn an, mir die Klinge zu geben und in sein Verderben zu rennen? Ich sah das Messer an, der Mond beleuchtete es mit silbernem Glanze. Cristoval ging wieder vor mir her. Die Versuchung war zu stark, das werden Sie selbst einsehen. Ich hätte den Charakter eines Scipio haben müssen, um Widerstand zu leisten. Schon wollte ich ausholen, da traten wir in einen von dichtem Laubwerk bedeckten Gang. Kein Strahl des Mondes drang hinein, ich konnte nicht berechnen, wohin ich stach. Als wir in die nächste Lichtung kamen, sagte Cristobal: ›Gib mir das Messer! Ich sehe da einen Ast, der mir gefällt. Ich will mir einen Stock abschneiden.‹ ›Ach, warum wollen Sie sich die Mühe machen, das kann ich ebensogut besorgen.‹ Ich lief hin und fing an zu schneiden. Weshalb brach die Klinge nicht ab? Dann wäre der Fleischer gerettet gewesen! Aber das Geschick wollte es nicht, er sollte sterben. Ich gab ihm den abgeschnittenen Ast, und er sagte: ›Ich danke dir, aber jetzt darfst du nicht weiter mit mir gehen. Ich sehe den Weg, den ich einschlagen muß. Leb wohl!‹ ›So lassen Sie mich doch! Ein Wolf wird von zwei Stunden Weges nicht müde. Sie könnten sich noch einmal verirren. Ich verlasse Sie erst, wenn Sie den Weg nicht mehr fehlen können, und jetzt will ich Ihnen erst den Stock zurechtschneiden, er wird Ihnen eine Erinnerung an mich sein.‹ Arglos wandte er mir den Rücken, um seinen Weg fortzusetzen. Wenige Sekunden später stand er vor Gottes Thron. Welche Freude durchfuhr mich, als er von meinem Messerstiche durchbohrt niederstürzte und am Boden lag! Ich hatte das Gefühl, mich an ihm gerächt zu haben. Weshalb hatte er mich auch in sein Haus aufgenommen und meine Hände in Blut getaucht? Weshalb hatte er mich nicht schwächlich bleiben und in zartem Knabenalter sterben lassen? Weshalb hatte er die Pläne Gottes durchkreuzt, nach denen mir nur ein kurzes Leben bestimmt war? Ich war der Meinung, daß ich ihn als ein Werkzeug der Vorsehung für sein eigenmächtiges Eingreifen gestraft hätte, und fühlte mich glücklich in diesem Gedanken. Diese Wonne dauerte indes nur einen kurzen Augenblick. Ein Schrei des Sterbenden drang mir durch Mark und Bein. Ich werde ihn hören, bis Sie mich köpfen lassen. Der Stich war nicht sofort tödlich. Der arme Mann wälzte sich in furchtbaren Schmerzen auf der Erde. Er riß das Gras heraus und biß in die Baumwurzeln. Zuletzt erhob er sich und klammerte sich an einen Baum an. Mir war, als riefe er mich, obwohl seine mit schäumendem Blute bedeckten Lippen unbeweglich blieben. Ich schlich an ihn hinan und lag zu seinen Füßen. Als er mich sah, faßte ihn ein Grausen, er fiel zu Boden. Ich bat ihn um Vergebung, ich nahm mein Taschentuch und wischte ihm den Mund ab. Er klammerte sich an mich und wollte zu mir sprechen, allein er vermochte es nicht. Ich hielt mein Ohr an seinen Mund, aber ich vernahm nur die Stimme meines Gewissens. Sie rief: ›Liefere dich der menschlichen Gerechtigkeit aus. Wenn du es nicht tust, so fürchte Gottes Gericht!‹ Ich lispelte einige Gebete, lud den Körper, als er kalt war, auf meine Achseln und trug ihn fort. Neben mir ging mein Vater, der den Toten auf der rechten Seite stützte, und links von ihm schritt meine Mutter einher. Beide begleiteten mich bis zur Stadt, in der ich mit dem ersten Hahnenschrei ankam. Ich sehe, Sie wundern sich, daß ich Ihnen davon erzähle, daß mich meine Eltern begleitet haben. Denken Sie davon, was Sie wollen, überlegen Sie sich aber: wie wäre es denn ohne diese Hilfe möglich gewesen, daß ich den bluttriefenden Körper eine Strecke von drei Stunden bis in die Stadt hätte schleppen können? Ich schritt durch die Straßen, in denen noch alles schlief, bis zu Ihrer Wohnung, Herr Präsident. Ich legte meine Last an Ihrer Schwelle nieder und klopfte an Ihre Tür. Ich mußte lange klopfen, denn Ihre Leute schliefen fest. Endlich öffneten Sie selbst ein Fenster und fragten, mit verschlafenen Augen herausschauend: ›Wer ist der Dummkopf, der so heftig klopft zu einer Stunde, da anständige Leute im Schlummer liegen?‹ Ich antwortete: ›Es ist kein Dummkopf, Herr Präsident! Es ist ein Mörder, der Ihnen sein Opfer bringt, weil es ihm so von einer inneren Stimme befohlen wurde. Nehmen Sie sich Zeit zum Ankleiden! Wenn man kommt, um sich köpfen zu lassen, so kann man warten.‹ Sie schrieen auf und schlossen das Fenster. Ich hörte Schritte im Treppenhause und dachte. Sie wollten mich festnehmen. Ich küßte die Leiche des armen Cristoval noch einmal und machte mich bereit, ins Gefängnis zu gehen. Aber Sie kamen nur herunter, um noch einen Nachtriegel vor die Tür zu schieben und den Schlüssel ein zweites Mal herumzudrehen. Zum Glück sammelten sich auf der Straße Leute, sie umringten mich, nahmen mich fest und führten mich ins Gefängnis. Das ist meine Geschichte. Und nun, meine Herren, verurteilen Sie mich zum Tode!« Der Angeklagte setzte sich nieder. Die Geschworenen zogen sich zurück, traten aber schon nach zehn Minuten wieder in den Saal und verkündigten das Nichtschuldig, Sie hatten Unzurechnungsfähigkeit angenommen. Als Eusebius Pieydagnelle dieses Urteil hörte, wich jeder Blutstropfen aus seinem, Antlitz, er fing an zu zittern, redete verworrenes Zeug und verfiel zuletzt in Tobsucht, so daß man ihm die Zwangsjacke anlegen mußte. Als Monomane in eine Irrenanstalt übergeführt, starb er bald darauf an einem Gehirnschlag. Der Wunderdoktor Frosch Wer in den letzten Tagen des Monats Juni 1846 zu Kirchheim unter Teck, einem am Fuße der Schwäbischen Alb an der Straße von Ulm nach Stuttgart freundlich gelegenen Städtchen, anwesend war, der konnte gegen Mittag einen äußerst eleganten, mit vier Pferden bespannten Reisewagen am Gasthofe zur Post unter dem Zulaufe einer großen Menschenmenge halten sehen. Ein Mann in seiner modischer Kleidung mit dem Aussehen und der Haltung eines Landbewohners stieg aus dem Wagen. »Der Wunderdoktor!« ging es von Mund zu Mund, und jedermann war begierig, den Mann zu sehen, der in gewissen Kreisen für den reichsten der bekannten Welt gehalten wurde. Wenige Wochen vergingen, und dieser gefeierte Mann, dessen Ruf sowohl seines Reichtums als seiner Wunderkuren wegen weit über Deutschlands Grenzen hinausgedrungen war, wurde durch zwei Gendarmen aus seiner prachtvoll eingerichteten Wohnung zu Heiningen heraus verhaftet. Er war angeklagt, eine Reihe von Betrügereien verübt zu haben, die ebensowohl durch die beispiellose Frechheit auf der einen wie durch die unglaubliche Leichtgläubigkeit auf der anderen Seite allgemeines Aufsehen erregten. Durch die Strafprozeßordnung vom 23. Juni 1843 war in Württemberg eine Art von Öffentlichkeit und Mündlichkeit des Kriminalverfahrens eingeführt worden. Wenn die Untersuchung vollständig geführt war, wenn alle Zeugen und Sachverständigen vernommen waren und infolgedessen nichts mehr vorgebracht werden konnte, was nicht schon bei den Akten lag, dann wurde von dem erkennenden Kreisgericht Tagfahrt zur öffentlich-mündlichen Verhandlung anberaumt. Die Öffentlichkeit bestand darin, daß nur ehrbaren Männern der Zutritt gestattet war, die Mündlichkeit war auf einige Fragen des Gerichtspräsidenten an den Angeklagten über seine persönlichen Verhältnisse beschränkt. Hierauf las der Staatsanwalt die Anklageakte wörtlich vom Blatte ab, der Verteidiger trug in gleicher Weise die Verteidigung vor, und dann hatte jeder von beiden noch ein Wort der mündlichen Erwiderung. Es war nun während der stürmisch bewegten Tage im März 1848, als der Gerichtssaal des Deutschen Hauses zu Ulm seine Tore öffnete, um die harrende Menge, die aus allen Teilen des Landes herbeigeströmt war, um den Prozeß des berühmten Wunderdoktors zu hören, in sich aufzunehmen. Nachdem das aus sieben Mitgliedern bestehende Gericht eingetreten war, wurde der Angeklagte hereingeführt. Lautlose Stille herrschte. Jedermann sah nach dem Wunderdoktor. Sein Äußeres hatte viel Einnehmendes, und seine Gesichtszüge ließen erkennen, daß er mehr als ein gewöhnlicher Mensch war. Die dunklen Haare seines regelmäßig geformten Kopfes waren kurzgeschnitten. Seine Kleidung bestand aus einem hübschen Paletot und Beinkleidern von Tuch. Er hielt einen runden Hut mit breiter Krempe in der Hand und folgte mit Aufmerksamkeit den Vorträgen. Der Inhalt der von dem Staatsanwalt vorgetragenen Anklage war im wesentlichen folgender. Der Angeklagte ist der frühere Schäfer Johann Georg Frosch aus Heiningen im Oberamt Göppingen. Er ist der Sohn des verstorbenen Schäfers gleichen Namens und wurde am 2. Januar 1817 zu Heiningen geboren. Er wuchs in seinem elterlichen Hause auf und genoß in seiner Jugend den gewöhnlichen Unterricht in der Schule seines Geburtsortes, wo er auch im Frühjahr 1830 in der evangelischen Kirche konfirmiert wurde. Sein früherer Lehrer äußert sich über die Fähigkeit, die Frosch in der Schule entwickelt habe, dahin, daß er zwar gut mittelmäßige Anlagen gezeigt habe, die jedoch nicht gehörig hätten ausgebildet werden können, weil Frosch nicht bloß oft die Schule versäumt, sondern sich auch sonst träge im Lernen bewiesen habe. Hinsichtlich seines Betragens aber wirft ihm dieser Lehrer ganz besonders vor, daß er sich während seiner Schuljahre häufig kleine Diebstähle an Obst, Papier, Federn und dergleichen habe zuschulden kommen lassen, und daß er bei den folgenden Untersuchungen eine solche Meisterschaft im Leugnen, Lügen und Verstellen an den Tag gelegt habe, wie sie der Lehrer während seiner ganzen vierundvierzigjährigen Amtsführung nie bei einem anderen Schüler wahrgenommen habe. Dieses Zeugnis will auch der Ortsgeistliche, der übrigens Frosch als Knaben nicht gekannt hatte, im wesentlichen durch Privatmitteilungen bestätigt gefunden haben. Frosch selbst dagegen bestreitet die Beschuldigungen seines ehemaligen Lehrers als unwahr und wirft ihm vor, daß er ihm nur deshalb ein so schlechtes Zeugnis ausstelle, »weil er vor dem ehrsüchtigen Schulmeister nie die Kappe gelupft habe«. Im übrigen gibt er zwar zu, daß er in der Schule nicht viel gelernt habe, weil er oft für seinen Vater habe Schafe hüten und deshalb den Unterricht habe versäumen müssen, fügt aber hinzu, »so ganz ungelernt« sei er nicht gewesen, denn sonst hätte man ihn ja nicht ein Jahr früher als gewöhnlich konfirmiert. Bis zur Konfirmation war Frosch zu Hause bei seinen Eltern. Dann verlor er bald seinen Vater, der außer ihm noch sechs Kinder hatte, und darauf verließ er selbst die Heimat und trat auswärts in verschiedenen Orten zuerst als Hirtenknabe, später als Schafknecht in Dienste. Hier führte er sich einige Jahre untadelig auf, im Jahre 1836 aber, als er zu Heuchstetten im Oberamt Heidenheim diente, kam er wegen Veruntreuungen an seinem Dienstherrn, dem er mehrere Schafe unterschlagen hatte, in Untersuchung und wurde auch durch Erkenntnis des Kriminalsenats des königlichen Gerichtshofs für den Jaxtkreis vom 26. Januar 1837 unter Einrechnung eines Teils der abgebüßten Untersuchungshaft zu einer dreimonatigen Polizeihausstrafe verurteilt. Nach Abbüßung dieser Strafe trat Frosch wieder als Schafknecht in Dienste, zuerst in Gutenberg, dann auf dem Friedrichshof bei Weiler im Oberamt Weinsberg. Hier lernte er seine jetzige Ehefrau, die Elisabeth geb. Ebner von Stetten im Oberamt Cannstadt, kennen, mit der er sich am 5. Februar 1839 trauen ließ. Aus dieser Ehe sind drei Kinder, zwei Mädchen und ein Knabe, hervorgegangen. Das Vermögen, das die beiden Eheleute zusammenbrachten, war sehr gering; es betrug im ganzen nur fünfhunderteinunddreißig Gulden und vierundfünfzig Kreuzer. Deshalb war Frosch genötigt, auch nach seiner Verheiratung noch mehrere Jahre hindurch sein Brot durch Dienste als Schafsknecht zu verdienen, bis er sich endlich im Herbst des Jahres 1843 in seiner Heimat häuslich niederließ. An den meisten Orten, an denen er sich jetzt aufhielt, führte sich Frosch ohne Tadel auf; von seinem letzten Dienstherrn aber, dem Schafhalter Holzwarth von Neckensberg, wurde, nachdem er sich bereits in Heiningen niedergelassen hatte, wieder eine Unterschlagung angezeigt, die er begangen haben sollte, und bei der Untersuchung dieser Angelegenheit kam dann auch zur Sprache, daß er sich der Behandlung von Krankheiten unterziehe. Das letztere gab Frosch nach anfänglichem Leugnen selbst zu; er bekannte, daß er nicht bloß einer kranken Frau, die übrigens bald darauf gestorben war, etwas zum Umhängen eingehändigt, sondern sich auch schon vorher mit mehreren solchen Kuren, mit Segensprechen und dergleichen abgegeben und dafür freiwillige Gaben angenommen habe. Die Unterschlagungen dagegen zog Frosch beharrlich in Abrede; allein in einem der angezeigten Fälle wurde er für schuldig befunden und durch Erkenntnis des Kriminalsenats des königlichen Gerichtshofs für den Donaukreis vom 24. und 25. September 1844 wegen Unterschlagung und Verfehlung gegen gesundheitspolizeiliche Vorschriften zu einer Kreisgefängnisstrafe von acht Wochen und zum Verluste der bürgerlichen Ehren und der Dienstrechte verurteilt. Durch diese Strafe ließ er sich nicht nur nicht abhalten, sobald er wieder frei wurde, weitere Kuren zu übernehmen, sondern er setzte diese Kuren noch in größerem Umfange fort und erwarb sich hierdurch auch über die Grenzen Württembergs hinaus einen solchen Ruf, daß sich viele hundert Menschen teils persönlich, teils schriftlich an den berühmten Wunderdoktor von Heiningen wandten, um durch ihn Heilung bei Krankheiten von Menschen und Tieren zu erhalten oder sich in sonstigen Verhältnissen, wie in der Enthüllung von Geheimnissen und namentlich im bayrischen Lottospiel, seine Hilfe zu erbitten. Es ging die Sage, Frosch könne auch da helfen; denn er besaß einen Wunderspiegel. Frosch selbst leugnet das nicht, er gesteht vielmehr ausdrücklich, daß er sich seit seiner Niederlassung in Heiningen bis zu seiner Verhaftung mit Kuren abgegeben habe, und erzählt über die Art und Weise, wie er zu dieser Beschäftigung gekommen sei und sie ausgeübt habe, folgendes. Im Herbst 1837, nachdem er in Gutenberg seinen Dienst als Schafknecht verlassen habe, sei er mehrere Wochen lang im Preußischen, acht bis zehn Stunden von Dresden entfernt, bei einem katholischen Geistlichen als Knecht gewesen und da öfters mit einem Zigeuner, der in der Nähe gewohnt habe, zusammengekommen. Diesem habe er nun ein Buch sowie ein »Planetenzeichen« abgekauft; in dem letzteren habe man, wenn das Jahr und der Tag der Geburt eines Menschen oder Tieres bekannt gewesen seien, weiter finden können, unter welchem Planeten sie geboren seien, und in dem Buche habe weiter gestanden, wie man alle möglichen Krankheiten durch verschiedene Segenssprüche – je nachdem, unter welchem Planeten der Kranke geboren sei – heilen könne. Hiernach habe er, wie er in die Heimat zurückgekehrt sei, zuerst einen Stier und eine Kuh kuriert. Das sei schnell bekannt geworden, und darauf hätten sich immer mehr Menschen an ihn gewandt, um sich kurieren zu lassen oder bisweilen auch sonst »dummes Zeug« zu fragen. Die letzteren, setzte er hinzu, habe er teils abgewiesen, teils aber auch angelogen. Von den ersteren dagegen, behauptet er, habe er vielen mit Hilfe seines Buches und seines Planetenzeichens – die er beide am Kirchheimer Wollmarkt einem Jesuiten, von dem später die Rede sein wird, gegeben haben will – namentlich in Beziehung auf Brüche oder Fallsucht an die Hand gehen und sie von ihren Leiden befreien können. Denn es sei ja bekannt, daß man durch Sympathie viel zu heilen vermöge. Bei manchen sei ihm dies freilich nicht möglich gewesen, aber denen habe er es immer vorher gesagt. Durch seine Kuren will sich Frosch allmählich viel verdient haben. Die Leute hätten ihm das Geld, obgleich er nie etwas verlangt habe, immer freiwillig gegeben. Gewiß ist, daß Frosch, der bei seiner Niederlassung in Heiningen so arm war, daß ihm kein Mitbürger ein Laib Brot borgte und man auf Schuldklagen gegen ihn aus Mangel an einem Exekutionsobjekt keine Verfügung treffen konnte, allmählich einen großen Aufwand entwickelte, sich schon im Jahre 1844 ein großes Haus mit einer Scheune bauen ließ und nach und nach eine Anzahl von Grundstücken erwarb. Noch mehr aber steigerte sich das Aufsehen, als er endlich sogar über die reiche Herrschaft Roth einen Kauf abschloß. Diese Herrschaft bildete, seitdem sie der Gutsbesitzer J. D. Retter aus Stuttgart durch Verträge vom 10. Dezember 1844 und 1. Januar 1845 von dem Grafen von Erbach erworben hatte, das Tagesgespräch, teils wegen der Größe des Kaufobjektes, teils weil bald weiter bekannt wurde, daß Retter zur Abtragung der auf der Herrschaft ruhenden Passiven bedeutende Anleihen, vor allem von der Privatleihkasse zu Hüttisheim, aufgenommen hatte. Das Staunen wurde aber noch größer, als vor Abschluß dieses Kaufes der Schäfer Frosch, dem die bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt waren, und der nicht einmal imstande war, seine eigene Korrespondenz zu führen (die zum größten Teile durch seine Frau erledigt wurde), in Gesellschaft des Bierbrauers Ludwig Krämer in Klosterbeuren und des Kassierers der Hüttisheimer Kasse Johann Georg Ott am 26. Februar 1846 mit Retter einen Vertrag abschloß, nach dem die beiden ersteren unter Bürgschaft des letzteren die Herrschaft angeblich im Namen eines Dritten gegen den den ersten Kaufpreis fast um eine Million übersteigenden Kaufschilling von zwei Millionen sechshundertzehntausend Gulden und unter den weiteren Bedingungen kauften, daß die Herrschaft am Tage des gerichtlichen Erkenntnisses dem wahren Käufer, der sich da erst nennen werde, frei von den auf ihr ruhenden Schulden übergeben und der Kaufschilling sofort bar an die Leihkasse von Hüttisheim bezahlt werden solle. Nach diesem Verkauf, nach dessen Abschluß bald die verschiedensten Gerüchte über die Person des wahren Käufers auftauchten, trieb Frosch den Luxus aufs äußerste, und es verbreitete sich nun die Sage, er sei im Besitze eines ungeheuren Vermögens. Allein zu einer Vollziehung jenes Kaufes kam es, auch nachdem endlich am 27. Mai 1846 über den ersten Kauf von seiten Retters gerichtlich erkannt worden war, nicht, da der Zivilsenat des königlichen Gerichtshofs in Ulm vor allem darauf bestand, daß der wahre Käufer genannt werde. Infolgedessen drangen Retter und sein Anwalt wiederholt darauf, daß Frosch seine Vollmachtgeber nennen solle. Am 13. Juni gab Frosch nun vor dem königlichen Oberamtsgericht Göppingen die Erklärung ab, er selbst sei der Käufer von Roth und werde nach den Bestimmungen des Vertrages den Kaufpreis bezahlen. Dabei ließ sich jedoch Frosch auf weitere Erklärungen über den Vertrag nicht ein. Ehe etwas weiteres in der Sache geschah, lief aber am 14. Juli 1846 bei dem Oberamtsgericht Göppingen die Anzeige von einem bedeutenden Betrug ein, den Frosch an dem Kassierer Ott begangen habe. Infolgedessen wurde Frosch noch am gleichen Tage verhaftet und sofort in seiner Wohnung Haussuchung vorgenommen. Bei dieser Haussuchung fanden sich an barem Gelde neben der unbedeutenden Summe von einem Gulden und einundfünfzig Kreuzern in kleinen Münzsorten nur vierhundertsiebenundneunzig Fünffrankentaler im Betrage von elfhundertneunundfünfzig Gulden und vierzig Kreuzern vor. Es entstand daher gegen den Käufer Verdacht, daß er insolvent sei. Die eingeleiteten Verhandlungen stellten das unzweifelhaft heraus. Alles in allem betrug die Aktivmasse, die hauptsächlich aus dem Erlöse der Liegenschaften bestand, nur einundvierzigtausendsechshundertsechsundfünfzig Gulden und siebenundfünfzig Kreuzer, während die Forderungen mit Einschluß der Absonderungsansprüche und Konkurskosten sowie einiger bedeutender bestrittener Forderungen (ungerechnet einen Anspruch von einer halben Million Gulden, den Retter als Entschädigung für die Nichterfüllung des Kaufes über die Herrschaft Roth geltend machte) sich auf dreiundsechzigtausendneunhundertundzehn Gulden vierzig Kreuzer beliefen. Die gerichtliche Untersuchung selbst aber, während der bald noch weitere Betrügereien gegen Frosch zur Anzeige kamen, lieferte ein solches Ergebnis, daß Frosch durch Beschlüsse des Untersuchungsgerichtes vom 7. Januar und 7. April 1847 wegen Verdachts mehrerer gewerbsmäßig verübter und zum Teil auch sonst noch erschwerter Betrügereien in den Anklagestand versetzt wurde. Die Betrügereien, die diesen Gerichtsbeschluß hervorriefen, beginnen mit einem Betruge der gröblichsten Art, den er an der Witwe und den Kindern des am 23. Februar 1844 gestorbenen Bauern Andreas Kauderer, genannt Bubaner, von Heiningen verübt hatte. Nach ihrer eidlichen Angabe glaubte die Witwe Margaretha Kauderer am zweiten Abend sowie die beiden folgenden Nächte nach der Beerdigung ihres Mannes von der Wohnstube aus in der Nebenkammer, wo der Verstorbene bis zu seiner Bestattung gelegen hatte, ein Gepolter und ein Geräusch zu vernehmen, wie wenn jemand darin umhergehe oder mit den Fingern auf den Fußboden klopfe. Die Frau kam auf den Gedanken, ihr Mann, von dem sie früher einmal gehört hatte, er solle bei seinen Lebzeiten Marksteine versetzt haben, finde infolge dieses Verbrechens nach seinem Tode keine Ruhe. Obgleich keins von ihren Kindern das Geräusch vernahm, wurde sie in ihrem Glauben bestärkt, als sie auch in der dritten Nacht, die sie aus Angst in einer Kammer zubrachte, ein Krachen und Poltern, als ob Kästen und Truhen aufgebrochen würden, zu hören meinte. Sie beschloß deshalb auf den Rat ihrer Kinder, den Schäfer Frosch, der ihren Mann auch während der Krankheit behandelt hatte, darüber zu Rate zu ziehen, und bat ihn unter dem Versprechen reichlicher Belohnung fußfällig, er möchte doch den Geist erlösen, damit ihr Mann und seine Hinterbliebenen Ruhe fänden. Frosch tröstete die bekümmerte Witwe durch die Erwiderung, da könne er schon helfen, er habe bereits viele Geister erlöst; er wolle einmal den Geist ihres Mannes zitieren, um ihn zu fragen, warum er umgehe. Später erklärte er, wie die Witwe Kauderer im wesentlichen in Übereinstimmung mit ihren drei Kindern erzählte, der Verstorbene habe gar viele Sünden auf sich geladen, er habe nämlich Grenzsteine verrückt. In der Regel müßten solche Verbrecher siebzig Jahre als Geister laufen, bis sie Ruhe fänden; allein er könne und werde helfen: er wolle ihn erlösen. Wenn der Geist an einem bestimmten Abende wieder erscheine, dann solle sie nur recht beten und es ihm sofort sagen lassen, er werde sodann in das Haus kommen und den Geist bannen. Zu diesem Zweck solle sie inzwischen einen guten Sack machen, der kein Loch habe, damit der Geist nicht hinausschlüpfen könne; in dem werde er den Geist aus dem Hause tragen. Der Auftrag wurde von der Tochter Anna Katharina, die mit ihren Brüdern den Aberglauben der Mutter teilte, ausgeführt, und der Sack war bereits fertig, als Ende März oder Anfang April 1844 an einem von Frosch vorausbezeichneten Freitagabend, während die Witwe mit den Kindern in ihrer Wohnstube saß, plötzlich im Hausöhr ein Lärmen und Poltern, als ob die Türen auf- und zugeschlagen würden, begann. Die Leute glaubten, daß jetzt der Verstorbene umginge, und fingen daher dem Befehle Froschs gemäß sogleich zu beten an. Weil jedoch der Lärm nur im Hausöhr war, stahlen sie sich, nachdem sie sich ein wenig von ihrem Schreck erholt hatten, zur Stube hinaus, um näher nach dem Geiste oder der sonstigen Ursache des Geräusches zu forschen. Michael Kauderer, der mit der Laterne voranging, sah, daß eine weiße Gestalt schnell die Treppe hinab- und zur Haustüre hinaushuschte. Diese Erscheinung, von der übrigens die anderen, die hinter Michael herkamen, nichts mehr sahen, bestärkte die Leute in ihrer Meinung, der Verstorbene ginge wieder um. Seine Flucht brachten sie auf Rechnung ihres Betens. Sie gingen daher alle vier zu Frosch, um ihn von dem Vorfall zu benachrichtigen. Er erklärte, er wolle auf der Stelle hinüberkommen, sie sollten ihm nur den guten Sack geben. Dabei forderte er sie sogar auf, selbst mitzugehen und es mit anzusehen. Aber dazu hatte niemand den Mut, und auch Michael, der den Geisterbanner begleitete, um ihm den Sack zu geben, kehrte, sobald er das getan hatte, zu den Seinigen zurück, die in der Wohnung des Frosch auf das Ergebnis der Expedition des Wunderdoktors warteten. Er ließ sie nicht lange im Ungewissen, Schon nach einer halben Stunde erschien er wieder mit der Erklärung, er habe jetzt den Geist erlöst. Obgleich er viele Umstände gemacht und sich nicht habe vertreiben lassen wollen, habe er ihn doch aus dem Hause geschafft; er halte ihn jetzt unten im Stalle gefangen und werde ihn sofort nachts zwölf Uhr auf ihre sogenannte Baumwiese und ihren Acker tragen. Dort, wo der Mann gesündigt und Marksteine versetzt habe, müsse er nunmehr umgehen; ins Haus komme er aber nicht wieder. Die Kauderersche Familie ging beruhigt nach Hause und wurde auch wirklich nicht mehr beunruhigt. Alle waren nun fest davon überzeugt, daß Frosch den Geist des alten Bubaner erlöst habe, und aus Dankbarkeit ließen sie ihrem vermeintlichen Befreier nicht bloß eine Schuld für Heu im Betrage von siebzig Gulden sowie eine solche für vier Eichen in Höhe von einundsiebzig bis fünfundsiebzig Gulden nach, sondern die Witwe Kauderer schenkte ihm auch noch mit Einwilligung ihrer Kinder ihre sogenannte Baumwiese, die etwas über zwei Morgen groß war und von dem Gemeinderate später auf einhundert bis einhundertundfünfzig Gulden veranschlagt wurde. Nach ihrer Behauptung verlangte übrigens Frosch diese Wiese nicht ausdrücklich, sondern er sprach, wie die Witwe sagte, nur so »darum herum«, aber so, daß sie wohl merkte, daß sie ihm gefiele. Anfangs gab sie ihm auch nur die Hälfte der Wiese; weil aber Frosch auch noch den Acker, den sie nicht gern hergab, nötigenfalls gegen Bezahlung haben wollte und gelegentlich bemerkte, der Geist werde noch auf den Sohn Michael wirken, weil der ihn gesehen habe, so entschlossen sie sich, um ihn ganz zufriedenzustellen und ihrerseits Ruhe zu finden, ihm auch noch die andere Hälfte der Wiese zu schenken. Damit es jedoch nicht bekannt werde, warum Frosch das Grundstück erhalten habe, verabredeten die Kauderer mit dem Angeschuldeten, man wolle sagen, Frosch habe die Wiese für fünfhundert Gulden gekauft – und so wurde denn auch die Sache dem Pfleger der Kaudererschen Kinder sowie dem Gemeinderat in Heiningen dargestellt und gerichtlich eingetragen. Das waren im wesentlichen die eidlichen Angaben der Witwe Kauderer und ihrer Kinder. Der Angeklagte erzählte die Geschichte so. Einige Zeit nach dem Tode Kauderers sei dessen Witwe, die sich schon während der Krankheit ihres Mannes an ihn gewendet habe, zu ihm gekommen und habe gesagt, ihr Mann laufe als Geist herum, er möchte doch helfen. Er, Frosch, glaube nun zwar nicht, daß Geister umgehen und daß man sie erlösen könne, allein das habe er in seinem Buche gelesen, daß man, wenn es in einem Hause rumore, dadurch helfen könne, daß man an drei Freitagen mittags um zwölf Uhr Gebete verrichte, und das glaube er auch, denn er sei der Meinung, daß der Teufel überall die Hand im Spiele habe, und daß man durch das Gebet etwas dagegen machen könne. So habe er denn, um der Margaretha Kauderer, wie er versprochen hatte, zu helfen, an drei Freitagen mittags um die zwölfte Stunde ein Gebet verrichtet, und daraufhin sei es, wie ihm die Kauderer später gesagt habe, auch wirklich sofort im Hause ruhig geworden. Hierfür, setzte Frosch hinzu, habe ihm die Kauderer gleich von Anfang an einen Acker versprochen; aber als er den Acker dann verlangt habe, habe die Kauderer erwidert, sie könne ihm demselben nicht geben, und sie habe ihm dafür eine Schuld von siebzig Gulden für Heu und eine andere von dreißig bis dreiunddreißig Gulden für eine Eiche nachgelassen. Das, behauptet Frosch, sei alles, was er getan und was er dafür erhalten habe; alles übrige aber, was die Kauderer über das Geistererlösen vorbringe, sei dummes Geschwätz und ebenso unwahr wie die weitere Behauptung der Frau, es sei ihm auch noch eine andere Schuld für Eichen nachgelassen und die Baumwiese geschenkt worden. Die weitere Schuld für die Eichen im Betrage von einundvierzig Gulden habe er vielmehr an den Sohn Michael bezahlt, und das sei auch mit der Baumwiese der Fall gewesen. Diese Wiese habe ihm die Witwe Kauderer gleich einige Tage nach dem Tode ihres Mannes und noch ehe sie sich wegen des Geistes an ihn gewandt habe, zum Kauf angeboten, um mit dem Erlös einige Schulden bezahlen zu können, und er habe sie dann für fünfhundert Gulden gekauft und den Kaufschilling alsbald nach dem gerichtlichen Erkenntnis über den Kauf bezahlt. Zum Beweise dessen berief er sich neben dem Eintrage ins Kaufbuch, wo es allerdings heißt, daß der Kaufpreis am Tage des gerichtlichen Erkenntnisses bar zu bezahlen sei, besonders noch darauf, daß die Witwe Kauderer nicht nur einen Kaufbrief unterschrieben, sondern ihm auch über die Entrichtung des Kaufschillings eine Quittung gegeben habe. Es fand sich auch wirklich außer einem Kaufbriefe, der dem Gemeinderate vorgelegt worden war, in der Wohnung des Angeschuldigten eine Urkunde vor, in der unter der Bescheinigung über die am 28. April 1844 für die Wiese entrichteten fünfhundert Gulden der Name der Margaretha Kauderer stand. Frosch erklärte, der Schein sei von der Kauderer unterzeichnet worden, als er das Geld nach dem gerichtlichen Erkenntnis in seiner Wohnstube bezahlt habe. Allein die Klauberer, die von Anfang an in Übereinstimmung mit ihren Kindern versichert hatte, sie habe nichts weiter als einen Kaufbrief unterschrieben, bestritt, als ihr die Quittung vorgelegt wurde, sofort, daß die Unterschrift echt sei. Sie führte an, sie könne den Namen Kauderer gar nicht so schreiben, wie er unter der Quittung stehe, und dasselbe versicherten auch ihre Kinder; außerdem bekundeten zwei Sachverständige aufs bestimmteste, die Unterschrift auf jener Urkunde sei ganz verschieden von den Schriftzügen, die sich im Untersuchungsprotokoll von der Hand der Witwe Kauderer fänden. Trotzdem blieb der Angeschuldigte selbst bei der Gegenüberstellung dabei, daß die Witwe die fragliche Urkunde, die, wie sich später ergab, von dem Tuchmacher Jörg in Göppingen auf Ansuchen Froschs aufgesetzt worden war, unterschrieben habe, wie er auch im übrigen bei allen seinen Aussagen blieb. Weitere Zeugen, die über den Fall Kauderer hätten Nachricht geben können, waren nicht vorhanden. In der anonymen Eingabe, durch die dieser Betrug bei dem Oberamtsgericht angezeigt wurde, waren zwar mehrere Personen genannt, die über die Sache würden Auskunft geben können; aber diese Leute wußten bei ihrer Vernehmung nichts weiter, als daß das Gerücht gegangen sei, Frosch habe den alten Bubaner in einem Sack aus dem Hause getragen und dafür die Baumwiese erhalten. Auch die weitere Angabe einiger Leute, nach der zwei Verwandte des Angeschuldigten als seine Helfershelfer tätig gewesen seien, führte zu keinem Ergebnis, da die beiden Benannten ihre Teilnahme bestimmt in Abrede stellten. Ebensowenig wurde die Sache durch die Vernehmung der Ehefrau Frosch gefördert. Diese behauptete wiederholt, sie wisse von dem Geistererlösen nichts, obgleich ein Zeuge eidlich versichert hatte, sie habe ihm einmal, als er nach ihrem Mann gefragt habe, erwidert, der sei gerade bei Kauderer, um zu untersuchen, ob der alte Kauderer wirklich umgehe. Von allen weiteren Aussagen der Zeugen ist nur noch die des Schreiners Friedrich Frosch, eines Verwandten des Angeschuldigten, näher anzuführen. Es sei ihm aufgefallen, sagte er, daß nach dem Tode des alten Kauderer dessen Kinder öfters zu Frosch gegangen seien; er habe daher den Angeschuldigten einmal darüber befragt und darauf die Antwort erhalten, bei denen sehe es schlimm aus, der alte Kauderer laufe als Geist umher, das mache jedoch nichts, er könne Geister erlösen, Frosch habe ihm sogar gesagt, er könne sich das ja mit ansehen; er, der Zeuge, habe es jedoch nicht getan, weil ihm seine Ehefrau abgeraten habe. Der Angeschuldigte selbst leugnete nicht, daß er einmal mit dem Zeugen über Kauderer gesprochen habe, behauptete aber, das ganze Gespräch habe bloß darin bestanden, daß er die Frage des Schreiners, ob es wahr sei, daß er den alten Kauderer im Sacke fortgetragen habe, im Spaße bejaht habe. Er habe den Zeugen dann ausgeschimpft, daß er so dummes Zeug glaube. Das ist das wesentliche, was vor Gericht über den Betrug an der Familie Kauderer niedergelegt wurde. Die Witwe Kauderer und ihre Kinder, die sich in günstigen Vermögensverhältnissen befanden, verlangten keinen Ersatz von Frosch, da die Witwe noch jetzt der Meinung war, er habe ihr wirklich geholfen; der Pfleger der Kinder dagegen, der die Geschichte erst durch die Untersuchung erfuhr, erklärte ausdrücklich, er verlange, daß Frosch bestraft und aufgefordert werde, die Wiese herauszugeben und seinen Verpflichtungen der Witwe gegenüber nachzukommen. Schwerer fielen die Betrügereien ins Gewicht, die von Frosch an dem Kassierer der Hüttisheimer Leihkasse, Johann Georg Ott, einem von seinem Gemeinderat als zuverlässig und wahrheitsliebend geschilderten und damals noch sehr wohlhabenden Manne, begangen worden waren und die unmittelbare Veranlassung zur Einleitung der Untersuchung gegen Frosch bildeten. Mit Ott war Frosch dadurch bekannt geworden, daß jener sich im April i845 an letzteren gewandt hatte, um von ihm über einen Diebstahl Auskunft zu erhalten. Es waren nämlich im März 1845 bei einem Einbruch aus der Kasse der Hüttisheimer Leihbank etwa einhundertfünfzig Gulden entwendet worden, und man hatte einen Mann in Verdacht, der damals gerade in Hüttisheim baute. Dieser Verdacht beruhte jedoch nur auf ganz unbestimmten Indizien, und so beschloß Ott auf den Rat anderer, den Wunderdoktor Frosch, von dem man ihm erzählt hatte, daß er alles wisse und namentlich Gestohlenes wieder herbeischaffen könne, darüber um nähere Auskunft zu bitten. Er reiste also im April 1845 zu dem Wundermann nach Heiningen und befragte ihn, nachdem er ihm den Diebstahl erzählt und ihm seinen Verdacht mitgeteilt hatte, ohne jedoch den Verdächtigen zu nennen, wer wohl das Geld gestohlen habe. Frosch will ihm darauf erwidert haben, das könne er nicht wissen; Ott dagegen behauptet, Frosch habe sofort in eine Schachtel oder in ein Kistchen, das auf dem Tisch gestanden habe, geblickt und ihm den Bescheid erteilt, er bekomme das Geld nicht wieder, es sei bereits verbaut; in vierzehn Tagen solle er jedoch noch einmal wiederkommen, da wolle er ihm Näheres sagen. Ott kam wieder, und Frosch gab ihm von dem, der das Geld gestohlen haben sollte, ein Beschreibung, die genau auf den paßte, auf den Ott von Anfang an Verdacht gehabt hatte, so daß sich Ott, nachdem er dem Frosch für seinen Bescheid ein Zwanzigmarkstück geschenkt hatte, mit dem festen Glauben wieder entfernte, der Angeschuldigte besitze wirklich die Wundergabe, die ihm die Volkssage beilege. Beide Personen kamen dann erst zufällig wieder beim Roßmarkte in Ulm am 17. Juni 1845 zusammen. Hier erzählte Frosch dem Ott, er habe ein Pferd gekauft, es fehle ihm aber, da er sein eigenes Pferd nicht habe verkaufen können, im Augenblick an Geld, es zu bezahlen, Ott ließ sich bestimmen, ihm zweihundert Gulden in Banknoten zu leihen, ohne darüber einen Schein von dem Wunderdoktor zu verlangen. Frosch versprach, dieses Darlehen, hinsichtlich dessen er in seinen Angaben von Ott nur darin abwich, daß er behauptete, er habe es nicht verlangt, sondern es sei ihm angeboten worden, bald zurückzuzahlen. Das geschah nach der Versicherung Otts jedoch nicht, und selbst die wiederholten Mahnungen des letzteren hatten nur verschiedene Gesuche des Schuldners um Verlängerung der Frist und endlich am 22. November 1845 eine Einladung zu einer weiteren Besprechung zur Folge. Ott ließ Frosch deshalb im Dezember i1845 nach Göppingen holen, wo er gerade geschäftlich zu tun hatte. Frosch erschien und lud ihn ein, mit ihm nach Heiningen zu fahren. Auch in Heiningen, wohin er ihm wirklich folgte, erhielt Ott, wie er wiederholt eidlich versicherte, sein Darlehen nicht zurück, vielmehr trat der Angeschuldigte bald mit weiteren Darlehensgesuchen an ihn heran. Schon im Hinausfahren von Göppingen nach Heiningen wie auch spater in seinem Hause vertraute Frosch dem Ott an, er sei der reichste und doch zugleich der ärmste Mann. Es gäbe Leute, die Wunderkräfte besäßen, die Geister und Seelen erlösen könnten, und denen nichts verborgen bliebe. Zu diesen Leuten gehöre auch er; er habe diese Künste in Bayern bei einem geistlichen Herrn aus dem sechsten Buch Moses gelernt, in dem das alles stehe, und er habe mit Hilfe seiner geheimen Wissenschaft schon viele Seelen in Bayern und im Sibyllenloch bei Kirchheim unter Teck erlöst. Hierfür habe er sehr viel Geld, dreiundzwanzig Simri Gold, zehn bis dreizehn Millionen, erhalten; die lägen auch schon in seinem Hause, aber er dürfe sie jetzt noch nicht angreifen, sondern erst in dreißig bis dreiunddreißig Monaten, also im Mai 1847, sonst werde er dem Teufel zur Beute fallen. Außerdem erfuhr sein staunender Begleiter während der Fahrt nach Heiningen noch, daß Frosch Mitglied einer geheimen Gesellschaft in Stuttgart sei, die aus zwölf der vornehmsten Herren bestehe, von denen er die Fürsten von Thurn und Taris, von Waldburg-Wolfegg und Waldburg -Zeil, die Grafen von Rechenberg und Maldeghem als Mitglieder, den Grafen von Neipperg aber als Vorsitzenden nannte. Zum Beweise endlich, daß er in der Tat Geld genug besitze, zeigte Frosch, nachdem sie in seiner Wohnung angekommen waren, dem Kassierer Ott nicht bloß in einem Kasten, der im Zimmer stand, ein etwa ein halbes Simri enthaltendes volles Säckchen mit der Versicherung, daß lauter Gold darin sei, das übrige aber liege noch im Keller, sondern er holte auch wirklich aus jenem Säckchen vier Dukaten heraus. Der Anblick dieser Goldstücke bestärkte den Kassierer, wie er selbst sagte, so in seinem Glauben an die Wunderkräfte des Schäfers, daß er nicht einmal den Mut hatte, näher nachzuforschen, ob sich in dem Sacke in der Tat lauter Gold befinde. Ja, als Frosch sich mit der Bitte an ihn wandte, er möchte ihm, da er in Not sei und Schulden bezahlen müsse, einstweilen, bis er sein Geld angreifen dürfe, eine gewisse Summe vorstrecken, schenkte er diesem Gesuche, mit dem das Versprechen verbunden war, er werde ihn dafür später bestimmt ganz glücklich machen, leichtmütig Gehör. Der Wunderdoktor erhielt schon nach einigen Tagen zwölfhundert Gulden in Banknoten durch die Post. Frosch brauchte aber immer mehr, und Ott sandte immer neue Darlehen, meist sehr bedeutende Summen, und bestritt außerdem für Frosch viele Ausgaben. Zu diesen immer neuen Auslagen, die Ott bald nicht mehr aus seinen eigenen, sondern aus den Mitteln der Hüttisheimer Kasse bestritt, ließ er sich nach seinen Angaben nicht bloß durch das, was er von Frosch selbst erfahren hatte, bewegen, auch nicht nur durch den weiteren Umstand, daß einer seiner Vettern, der schlecht hören konnte, gerade zu der von dem Wunderdoktor vorausbezeichneten Zeit wieder besser zu hören anfing: es kam bald noch ein anderer Umstand hinzu, der die Veranlassung dazu war, daß Ott seine Bekanntschaft mit Frosch für eine Schickung Gottes hielt und er an den Wunderdoktor »wie an Gott Vater« zu glauben begann. Dieser Umstand ist der Kauf der Standesherrschaft Roth durch Frosch, in Verbindung mit dem Benehmen, das Frosch dabei an den Tag legte, und den weiteren Sagen, die sofort über ihn auftauchten. Über diese Herrschaft hatte Frosch mit Ott schon im Dezember 1845 gesprochen, als beide von Göppingen nach Heiningen gefahren waren, und Ott hatte Frosch damals eine Beschreibung von Roth zur Einsicht überlassen, die er, da die Hüttisheimer Kasse an dieser Herrschaft beteiligt war, in Händen hatte. Dabei war übrigens nach der Angabe Otts nicht weiter davon die Rede gewesen, daß Frosch die Herrschaft kaufen wolle, sondern Frosch hatte damals nur geäußert, er wolle sie einmal sehen, und Ott selbst, der damals noch gar nicht daran gedacht hatte, daß das, was er später für ein so großes Glück hielt, geschehen könne, hatte erst nach einiger Zeit, während welcher Frosch sich ihm gegenüber als am Kaufe des Schlosses Laupheim interessiert ausgegeben hatte, durch einen Bekannten, den Bierbrauer Kramer von Klosterbeuren, die erste Andeutung erhalten, daß Frosch die Herrschaft Roth kaufen wolle. Diese Andeutung erhielt Ott von Kramer infolge von Äußerungen und Aufträgen, mit denen Frosch Krämer gegenüber aufgetreten war. Frosch fragte nämlich, so erzählte Kramer – dessen Bekanntschaft er machte, als dieser sich, nach der Angabe des Kramer, wegen der Krankheit seiner Frau oder, nach der Angabe des Angeschuldigten, wegen des Lottospiels an ihn wandte – den Kramer, als dieser im Oktober 1845 zu ihm kam, ob er für ihn kein Gut wisse, das er kaufen könne, und als ihm einmal Kramer erwiderte, er kenne im Augenblick nur das Gut Mattsies in Bayern, das werde aber zu teuer sein, da es immerhin gegen hundertundfünfundzwanzigtausend Gulden koste, erklärte der Angeschuldigte nach der Behauptung Kramers nicht bloß, das käme schon in Frage, so viel Geld habe er schon, sondern er suchte Krämer auch durch das gleiche Manöver wie seinerzeit den Kassierer Ott von seinem Reichtum zu überzeugen. Das machte auf Kramer einen ebensolchen Eindruck, so daß auch er, wie Ott, den Inhalt des Sackes nicht näher untersuchte, sondern dem Angeschuldigten Glauben schenkte und ohne weitere Bedenken dem Vorschlage Froschs freudig folgte, mit ihm nach Mattsies zu reisen, um das Gut anzusehen, er werde ihm dann, wenn etwas aus dem Handel werde, für seine Mühe dreitausend Gulden bezahlen. In Mattsies erklärte Frosch, so lautete die weitere Angabe Kramers, das Gut gefalle ihm, Kramer solle sich nach den näheren Verhältnissen erkundigen, er wolle in vierzehn Tagen einstweilen sechzigtausend Gulden als Angeld schicken. Sofort machte sich Kramer daran, wegen des Ankaufes des erwähnten Gutes alles nötige einzuleiten. Aber Frosch schickte nicht nur kein Geld, sondern ließ überhaupt nichts mehr von sich hören, so daß sich Krämer endlich nach langem vergeblichen Warten auf die Ankunft der Geldkiste im Dezember 1845 entschloß, selbst nach Heiningen zu reisen, um sich persönlich nach dem Stand der Sache zu erkundigen. Als er zu Frosch kam, hatte dieser gerade die Beschreibung von Roth in der Hand und erklärte sofort, Mattsies sei ihm zu klein, das wolle er nicht, er kaufe Roth. Kramer entgegnete, das werde einige Millionen kosten; Frosch jedoch beseitigte auch diesmal seine Bedenken, indem er ihm wieder Geld zeigte und weitere Mitteilungen über seine Schätze, deren Erwerb und seine Verbindung mit hohen Herren machte. Frosch führte nämlich seinen Gast wieder an den oft erwähnten Kasten und zeigte ihm hier nicht bloß den schon erwähnten Geldsack, sondern machte ihn auch auf ein ziemlich offenes Kistchen daneben aufmerksam, das mit Rollen von blauem Papier in der Größe von Fünfundsiebzig-Gulden-Rollen gefüllt war, und sagte, darin sei lauter Gold. Zum Beweise brach Frosch auf Kramers Verlangen sofort eine dieser Rollen in der Mitte durch, und es fielen wirklich drei bis vier Goldmünzen in der Größe eines Guldenstückes zur Erde. Kramer, in seiner Meinung von dem großen Reichtum des Frosch bestärkt, wagte nun aus Furcht, ihn zu beleidigen, nicht, den übrigen Inhalt der Rollen zu untersuchen. Frosch sagte ihm nun, er habe Geld genug, um drei solche Herrschaften wie Roth zu kaufen, besitze bereits in der Schweiz, wo er unter die Jesuiten aufgenommen worden sei, ein Schloß und sei auch in Stuttgart Mitglied einer geheimen Gesellschaft, die aus den zwölf der vornehmsten Herren bestehe. Auf Kramers Frage, woher er denn das viele Geld habe, antwortete er, er habe es drüben vom Sybillenloch her; wenn er welches brauche, so müsse er dort nur ein Gebet verrichten, dann komme die Sybille und gebe ihm, soviel er wolle. Das erschien nun freilich dem Fragesteller anfangs selbst etwas zu abenteuerlich, als daß er es sofort hätte glauben können, aber er ließ sich dadurch andererseits doch nicht in seiner Meinung erschüttern, daß Frosch wenigstens sehr reich sein müsse, und so gab er denn dem Angeschuldigten willig Gehör, als dieser ihn beauftragte, sich unter Rücksprache mit Ott nach der Herrschaft Roth näher zu erkundigen und sofort die weiteren Verkaufsverhandlungen einzuleiten; er werde ihm dann, da aus dem Handel mit Mattsies nichts geworden sei, bei dem Kaufe von Roth dadurch hinlänglich entschädigen, daß er ihm für seine Mühe statt dreitausend Gulden sofort dreizehntausend zahle. Kramer setzte sich nun mit Ott ins Einvernehmen, und letzterer betrieb aufs eifrigste die Sache. Beide reisten mit Frosch nach Roth, um die Herrschaft näher zu besichtigen, und hier erklärte der Schäfer, wie beide Zeugen weiter angaben, das Gut gefalle ihm, er wolle es kaufen und, um es wohlfeiler zu bekommen, gleich bar bezahlen; damit es jedoch nicht auffalle, dürfe man nicht sagen, daß er der Käufer sei, sondern sie sollten vorgeben, er kaufe die Herrschaft für einen Unbekannten, dessen Name erst am Tage des gerichtlichen Erkenntnisses genannt werden solle. Das Versprechen, den Kaufpreis sogleich bar zu bezahlen, fiel den beiden Begleitern allerdings deswegen auf, weil er ihnen ja wiederholt anvertraut hatte, er dürfe sein Geld erst in einer Reihe von Monaten angreifen, sonst wäre seine eigene Seele verloren. Allein Frosch wußte auch dieses Bedenken durch die Versicherung zu beseitigen, bis er selbst sein Geld angreifen dürfe, schieße ihm die geheime vornehme Gesellschaft, von der er ihnen schon früher erzählt habe, den Kaufschilling vor. Damit war aller Zweifel bei den beiden beseitigt, und Ott kündigte dem Gutsbesitzer Retter an, er wisse einen Käufer für die Herrschaft Roth. Retter hielt nach seiner Angabe anfangs nicht viel von der Sache, da Ott, die ihm von Frosch erteilte Weisung getreulich befolgend, den Käufer nicht nannte; allein Ott versicherte Retter aufs bestimmteste, er kenne den Käufer und wisse genau, daß er im Besitze der erforderlichen Zahlungsmittel sei. Ott war ein achtbarer Mann. So ließ sich denn Retter im Vertrauen auf Otts Erklärungen in Verkaufsunterhandlungen ein, die, wie erwähnt, am 26. Februar 1846 zu einem Vertrage führten, nach dem Frosch und Kramer als angebliche Bevollmächtigte eines Dritten unter Bürgschaft des Ott die Herrschaft Roth für die Summe von zwei Millionen sechshundertsiebzigtausend Gulden unter der Bedingung von Retter kauften, daß sie dem wahren Käufer, dessen Name erst am Tage des gerichtlichen Erkenntnisses zu nennen wäre, gegen die Bezahlung des Kaufschillings frei von den auf dem Grundstück lastenden Schulden übergeben werden solle. Kramer stellte sich hierbei auf Froschs besonderes Begehren als Mitkäufer oder vielmehr als Mitbevollmächtigter vor, Ott aber übernahm auf das ausdrückliche Verlangen Retters die Bürgschaft, weil dieser nur unter dieser Bedingung einen Kauf abschließen wollte. Beide Genannten ließen sich zu dieser Beteiligung bei dem Handel in dem festen Glauben herbei, daß Frosch, wie er ihnen wiederholt versichert hatte, selbst der Käufer sei und wirklich die Mittel zu dem Kaufe besitze. Kramer war dadurch noch besonders gereizt worden, daß Frosch ihm für seine Mühe statt dreizehntausend Gulden eine Summe von fünfzigtausend versprochen hatte, während Ott sich damals, wie es scheint, neben der Aussicht auf Belohnung, die bestimmt auch ihm vorgeschwebt hat, hauptsächlich durch die Rücksicht auf seine Kasse, für die er den Kauf für vorteilhaft hielt, hat bestimmen lassen. Als nun der Kaufvertrag, der seinerzeit viel von sich reden machte, abgeschlossen war, herrschte große Freude im Lager der vielen dabei Beteiligten, namentlich aber bei Ott und Kramer, während Frosch selbst sich sofort als Käufer von Roth aufspielte und einen ungeheueren Aufwand zu treiben begann. Herr und Madame Frosch legten jetzt ihre frühere mehr bäuerliche Tracht ab und besuchten in modernem Paletot, Hut und Schal mehrmals die Herrschaft, auf der der neue Besitzer alsbald verschiedene Anordnungen traf. Dabei schaffte sich Frosch glänzende Chaisen und teuere Pferde mit silberplattierten Geschirren an und unternahm mit ihnen Reisen, bei denen er viel Geld ausgehen ließ. Seine unermüdlichen Geschäftsführer und steten Begleiter hierbei waren Kramer und Ott. Letzterer namentlich schwelgte in Entzücken, denn Frosch hatte ihm das Schlößchen Laupheim zu kaufen versprochen. Er bestritt Auslagen über Auslagen für Frosch und streckte ihm noch weitere sehr bedeutende Summen in der Hoffnung vor, von dem »Herrn von Roth«, sobald dieser seine durch die Geister erworbenen Millionen angreifen würde, hinlänglich dafür entschädigt zu werden. Freilich ging eine geraume Zeit hin, ohne daß es zur Realisierung des Kaufes kam, aber das erschütterte weder Otts noch Kramers festen Glauben. In diesem Glauben wurden sie dadurch bestärkt, daß Frosch während der Kaufunterhandlungen sich einmal unter dem Vorgeben entfernte, er müsse Erkundigungen einziehen, und ein andermal bald nach dem Kaufabschlüsse Ott in das Palais des Grafen von Neipperg, den er als Vorstand der geheimen Gesellschaft bezeichnet hatte, mit dem Auftrage schickte, er solle fragen, ob der Herr Graf zu Hause und zu sprechen sei. Freilich erhielt Ott den Bescheid, der Herr Graf sei schon seit einiger Zeit verreist, wie sollte das aber ihren Glauben erschüttern? Ein drittesmal, als Frosch wieder ein ähnliches Manöver ausführte, gelang ihm das allerdings nicht so gut, denn als er sich da von seinen Begleitern unter dem Vorwand, er müsse zu Neipperg gehen, entfernte, ging ihm Kramer unbemerkt nach und sah, daß der Wundermann bloß vor seinem Hause stehenblieb, ohne hineinzugehen, und trotzdem versicherte Frosch, als er zurückkam, er habe mit dem Grafen gesprochen. Kramer hielt ihm seine Beobachtungen vor, ließ sich aber durch die Erwiderung beruhigen, er habe unterwegs erfahren, daß der Graf nicht zu Hause sei. Die Verzögerung der Realisierung des Kaufes beunruhigte also anfänglich beide wenig, weil sich ja auch das gerichtliche Erkenntnis über den Kauf von seiten Retters wegen verschiedener Schwierigkeiten immer wieder hinauszog. Sie sahen hierin den einzigen Grund, weshalb Frosch seinerseits den Vertrag noch nicht erfüllte und erfüllen konnte; ja Ott fand sogar in dieser Verzögerung einen weiteren Beweis für die übernatürlichen Kenntnisse des Wunderdoktors, da dieser ihm auf seine Aufforderung, er solle schnell den Kauf ins reine bringen, schon am 26. Februar vorausgesagt hatte, das eile nicht so, Ott solle an ihn denken, vor siebzig Tagen werde Roth nicht auf Retter eingeschrieben werden. Außerdem hatten beide in Übereinstimmung mit den übrigen bei dem Handel Beteiligten die Hoffnung, es werde wenigstens dann, wenn einmal die Retter entgegenstehenden Hindernisse beseitigt seien, die Realisierung des Froschschen Kaufes keine Verzögerung mehr erleiden. Sie glaubten, daß Frosch, wie das bei gewöhnlichen Kaufabschlüssen in der Regel geschieht, am Tage der gerichtlichen Eintragung den Kaufpreis bar entrichten werde und von dem Erlös die auf Roth ruhenden Lasten sofort bezahlt und der Rest dann dem Retter eingehändigt werden würde. Überdies versicherte ja Frosch, als Ott immer mehr in ihn drang, er solle doch machen, daß der Kauf realisiert werde, er werde am 17. April 1846 nach Ulm kommen und das Geld dorthin bringen, damit eingeschrieben werden könne. So warteten sie denn wirklich mit anderen Freunden am 17. April 1846 den ganzen Tag bis nachts zwei Uhr in Ulm auf Frosch; wer aber nicht kam, war der Schäfer Frosch. Auch das erschütterte ihren Glauben nicht; denn als Ott und Kramer am folgenden Tage nach Heiningen reisten, um sich näher zu erkundigen, warum er sein Versprechen nicht gehalten habe, versicherte der Angeschuldigte, wie beide Zeugen und der ihnen noch nachgeschickte Blumenscheinwirt Franz Wilhelm von Ulm angaben, nicht bloß wiederholt, es sei ihm von der vornehmen Gesellschaft bereits der ganze Kaufschilling, ja noch mehr, als dieser betrage, nämlich die Summe von drei Millionen vierhunderttausend Gulden zugeschickt worden, sondern er erklärte auch sein Ausbleiben am vorhergehenden Tage damit, daß ihm Graf Neipperg, der Vorstand jener Gesellschaft, geschrieben habe, es gehe in Stuttgart das Gerücht um, daß es mit Retter nicht gut stehe; er, Frosch, solle daher noch abwarten, bis die Herrschaft unter den Hammer komme und ja nicht früher etwas bezahlen, als bis Roth schuldenfrei auf ihn eingeschrieben sei. Frosch zeigte seinen Besuchern sogar den Brief des Grafen Reipperg, der mit »Albert« oder »Alfred« unterzeichnet war, und in dem der Schreiber des Briefes seinem »Hochgeborenen Freunde und Duzbruder Frosch« mitteilte, er wolle ihm zwar, seinem Versprechen gemäß, bis zum 17. April das Geld selbst nach Heiningen bringen; er beschwöre ihn aber bei Gott, dem Allmächtigen, es auf jeden Fall zurückzuhalten, bis Roth protokolliert sei. Kramer und Ott verließen Heiningen mit erneutem Vertrauen auf den Wunderdoktor, nachdem Ott mit Erlaubnis Froschs von dem Briefe, der übrigens nicht einmal ein Datum hatte, was Frosch damit erklärte, daß er ihn in einem Umschlag erhalten habe, eine Abschrift genommen hatte, um diese Abschrift den mit banger Sehnsucht auf die endliche Realisierung des Kaufes wartenden Mitgliedern der Hüttisheimer Kasse zur Beruhigung vorzulegen. Freilich sahen sich Ott und Kramer jetzt insofern getäuscht, als Frosch bei diesem Besuche erklärte, er zahle erst, wenn Roth auf ihn eingeschrieben werde, wie sich denn auch wirklich in dem Kaufbriefe fand, daß Roth gegen Bezahlung des Kaufpreises schuldenfrei übertragen werden müsse; während man bis dahin der Meinung war, Frosch werde am Tage des gerichtlichen Erkenntnisses über den Kauf Retters den Kaufpreis entrichten und dann, nachdem davon die Schulden bezahlt worden seien, die Herrschaft auf ihn eingeschrieben werden. Allein auch diese Entdeckung machte Froschs Freunde nicht wankend. Ja, als der israelitische Heinrich Steiner von Laupheim im Gasthof zum Kronprinzen in Ulm in Gegenwart der wegen des gerichtlichen Erkenntnisses über den Retterschen Kauf versammelten Herren sich etwas scharf gegen Frosch ausließ und erklärte, daß auf diese Weise der Kauf nie ratifiziert werden könne und alles nichts sei, machten ihm sämtliche Anwesende, statt die Richtigkeit seiner Bemerkung einzusehen, ernsthafte Vorwürfe darüber, wie er »Herrn Frosch« so beleidigen könne. So gewann Frosch wieder Zeit und Mittel, die Realisierung des Kaufes hinauszuschieben, und Ott und Kramer ließen sich, ohne von der Sache eine andere Ansicht zu bekommen, durch seine Erklärung, sie sollten nur veranlassen, daß Roth auf ihn eingeschrieben werde, dann werde er gleich bezahlen, er habe ja das Geld zu Hause, noch längere Zeit hinhalten. Fanden sie doch in dem Umstande, daß der Angeschuldigte dem Rechtsfreunde Otts, der auch den Kaufvertrag aufgesetzt hatte, eine Summe von fünfzigtausend Gulden versprach, wenn er es durchsetzte, daß Roth bald auf ihn eingeschrieben werde, einen weiteren bestimmten Beweis dafür, daß es dem Schäfer Frosch sehr ernst mit der Realisierung des Kaufes sei, hörten sie ja doch auch noch immer von anderen bestätigen, daß Frosch große Reichtümer besitze, und diese Erzählungen, die ihren Wünschen so sehr entsprachen, fanden bei ihnen mehr Gehör als die Warnungen verständiger Männer, an denen es allerdings auch nicht fehlte. Zudem wußte sich Frosch bei Ott noch besonders dadurch einzuschmeicheln, daß er ihm für seine Kasse, die durch die Verzögerung immer mehr in Bedrängnis kam, eine außerordentliche Entschädigung von hunderttausend Gulden versprach. Es vergingen wieder mehrere Wochen, bis endlich dem Kassierer Ott die Augen geöffnet wurden, und zwar nicht so sehr durch die überraschende Erklärung Froschs, das Geld sei von der vornehmen Gesellschaft wieder abgeholt worden, weil es in ihr Händel gegeben habe – denn Frosch versicherte gleichzeitig, das sei gleich, er habe ja noch sein eigenes Geld – als vielmehr durch das Benehmen, das Frosch, als Ott mit ihm abrechnen wollte, an den Tag legte. Ott reiste nämlich Anfang Juli 1846 zu Frosch, um mit ihm abzurechnen. Vor allem sollte er ihm eine Empfangsbescheinigung über die erhaltenen Summen ausstellen, die er den Kassenmitgliedern vorlegen könne. Hierzu nahm Ott die wenigen Beweisurkunden mit, die er für sein Guthaben besaß, da er sich ja nie eine Quittung hatte geben lassen; diese Urkunden bestanden aus einigen Postscheinen und einem Briefe Froschs, in dem ihn dieser um Geld gebeten hatte. Frosch ließ sich jedoch zu keiner Abrechnung herbei, sondern schob sie auf später hinaus, und so entfernte sich Ott bald wieder, ohne seinen Zweck erreicht zu haben. In seiner durch das unbegrenzte Vertrauen auf den Wundermann herbeigeführten Sorglosigkeit vergaß nun aber Ott jene Papiere, die er bei Frosch auf den Tisch gelegt hatte, wieder mitzunehmen, und als er nach einigen Tagen wieder nach Heiningen kam, waren nicht bloß die Postscheine und der Brief verschwunden, sondern jetzt trat der trotzige Schäfer geradeheraus mit der Drohung auf, wenn Ott sage, daß er ihm so viel Geld vorgeschossen habe, so leugne er es ihm geradezu ab, denn schriftliche Beweise lägen ja nicht vor. Das öffnete dem überguten Mann endlich die Augen. Er selbst und die Hüttisheimer Leihkasse machten Anzeige, und infolgedessen wurde Frosch sofort verhaftet. Damit war die Laufbahn des Wunderdoktors zu Ende. Er hatte jahrelang eine lange Reihe von Leichtgläubigen an der Nase herumgeführt und Gewinnsucht und Aberglauben in unglaublicher Weise für sich zunutze gemacht. Nun aber kamen alle seine Praktiken ans Licht. Seine Betrügereien überschritten jedes Maß und werden nur verständlich, wenn man die geradezu stupende Vertrauensseligkeit auf der anderen Seite in Rechnung setzt. Ott hatte dem Betrüger eine Summe von vierundzwanzigtausendzweihundertundeinundzwanzig Gulden dargeliehen, zu denen nach Otts Versicherung noch mindestens vierhundert Gulden kamen, die der verblendete Mann dem Angeklagten auf Reisen nach Roth, Stuttgart und München in kleineren Posten vorgeschossen haben wollte. Weiter hatte er dem Frosch für Anschaffungen fast dreitausend Gulden ausgelegt, und außerdem hatte er durch den Kauf des Schloßgutes Laupheim, zu dem ihn falsche Vorspiegelungen des Frosch veranlaßt hatten, zwölftausend Gulden verloren, die er als Reugeld zahlen mußte, als er den Vertrag nicht innehalten konnte. Außer Ott hatte aber auch dessen Freund Ludwig Kramer von Klosterbeuren im Glauben an den Reichtum und die sonstigen Vorspiegelungen des Frosch diesem Geld vorgeschossen und Auslagen bestritten, ohne seine Hoffnung, dafür entschädigt zu werden, in Erfüllung gehen zu sehen. Die einzelnen Posten machten zusammen einen Betrag von ziemlich zwölftausend Gulden aus. Als dritter Geschädigter bei dem Rother Handel stand der Blumenscheinwirt Franz Wilhelm von Ulm da, der Frosch für den Kauf zweier Pferde gegen tausend Gulden vorgestreckt hatte. Den größten Teil aller dieser Forderungen stritt Frosch rundweg ab; von einem anderen Teile behauptete er, daß er die Gelder ordnungsgemäß zurückgezahlt habe, und darüber hinaus habe er sogar seinerseits dem Ott zu verschiedenen Malen größere Summen vorgestreckt. Ebenso leugnete der Angeschuldigte, daß er dem Ott die Papiere weggenommen habe, daß er überhaupt dessen Leichtgläubigkeit dazu benutzt habe, um von ihm Geld zu erhalten, daß er ihm und dem Kramer vorgespiegelt habe, er habe Geister erlöst und dadurch große Reichtümer erworben, daß er den beiden vorgemacht habe, er sei Mitglied einer vornehmen Gesellschaft, daß er den Glauben erweckt habe, er kaufe Roth für sich, sowie endlich, daß er versprochen habe, er wolle dem Kramer dreizehntausend oder gar fünfzigtausend Gulden geben und dem Ott das Schloß von Laupheim bezahlen. Er behauptete, er habe wirklich von einem Dritten den Auftrag gehabt, die Herrschaft Roth zu kaufen, und da seien dann allerdings, weil er niemand gesagt habe, wer dieser Dritte sei und woher er das Geld für Roth erhalten habe, die Leute auf verschiedene dumme Gedanken gekommen; allein er habe nie so etwas ausgesprengt, sondern er habe die Leute eben nur, wenn sie ihn dummes Zeug über die Herkunft seines Reichtums gefragt hätten, bei diesem Glauben gelassen, da er nicht nötig gehabt habe, zu sagen, woher er sein Geld habe. Über den ganzen Rother Handel aber und über den geheimnisvollen Dritten im besonderen sagte Frosch später Genaueres aus. Im Sommer des Jahres 1845 sei ein Jesuit aus der Schweiz zu ihm gekommen und habe ihm hunderttausend Gulden versprochen, wenn er dessen dreiundzwanzigjährigen Sohn von der Fallsucht befreie. Da er nun die Gabe besitze, durch Sympathie namentlich dieses Leiden zu heilen, so habe er den Sohn in Behandlung genommen und auch sofort glücklich geheilt. Hierfür habe ihm der Jesuit aus Dankbarkeit vierzigtausend Gulden in holländischen Zehnguldenstücken mit dem Versprechen gebracht, er werde den Rest bezahlen, sobald Frosch es wünsche, und von diesem Gelde, das er einige Zeit, ohne daß es jemand gesehen habe, im Kasten aufbewahrt habe, habe er dem Ott die dreiundzwanzigtausend Gulden zurückbezahlt, und ungefähr sechzehntausend Gulden habe er später in Stuttgart, wo er im Gasthof zum Kronprinzen gewohnt habe, auf drei- oder zweimal bei verschiedenen Bankiers wechseln lassen. Außerdem habe er, behauptete Frosch weiter, von einer Witwe in Altbayern, deren Wohnort und Namen er nicht näher anzugeben wüßte, dafür, daß er deren Sohn von einem Leibschaden geheilt habe, einige Wochen nach dem Karfreitag (10. April) 1846 die Summe von dreitausend Gulden in Krontalern erhalten und davon zweitausendsiebenhundert Gulden genommen, um sie dem Ott vorzustrecken. Auch von diesem Gelde sah, wie der Angeschuldigte selbst zugestehen mußte, niemand im Hause etwas, und ebensowenig fand die Behauptung über das Auswechseln der sechzehntausend Gulden in Stuttgart durch die dort eingeleiteten Vernehmungen irgendeine Bestätigung; trotzdem aber blieb Frosch auch hier bei seiner Angabe. Diesen Jesuiten nun, von dem er die vierzigtausend Gulden erhalten haben wollte, schob Frosch auch bei dem Kaufe von Roth vor. Frosch erzählte darüber, der Schweizer Jesuit habe ihm, nachdem sie miteinander infolge der obenerwähnten Kur bekannt geworden seien, unter der Bemerkung, er werde als Jesuit in der Schweiz sehr schlecht behandelt und wolle sich deshalb in einer anderen Gegend ankaufen, den Auftrag gegeben, er solle für ihn in Bayern oder Württemberg ein schönes Gut kaufen, es käme ihm dabei auf zwei oder drei Millionen nicht an. Diesem Auftrag zufolge, dem der Jesuit die weitere Vorschrift hinzugefügt habe, er dürfe nicht sagen, wer der Käufer sei, habe er dann zunächst mit Kramer Verbindung angeknüpft und sei sofort mit letzterem, dem er hierbei dreitausend Gulden für seine Bemühungen versprochen habe, nach Mattsies gereist. Aber das dortige Gut habe dem Schweizer Jesuiten nicht gefallen, weil es ihm zu klein gewesen sei. Deshalb habe er seinem Auftraggeber später den Plan vorgelegt, die Herrschaft Roth zu erwerben. Daraufhin habe er von jenem den Auftrag erhalten, Roth zu kaufen. Dabei habe der Jesuit unter Wiederholung seines früheren Befehls, ihn nicht zu nennen, weiter bemerkt, er werde den Kaufschilling, damit die Herrschaft wohlfeiler zu stehen komme, gleich bar bezahlen, aber nur unter der Bedingung, daß ihm das Anwesen schuldenfrei übergeben werde, und wirklich sei der Käufer dann auch, bald nachdem er, Frosch, mit Kramer und Ott die Herrschaft besichtigt und sich als Kaufliebhaber zu erkennen gegeben habe, wieder zu ihm nach Heiningen gekommen und habe ihm in einer Kiste siebenhunderttausend Gulden teils in Gold, teils in Papieren gebracht und hinzugefügt, er wolle sich mit dem Kauf nicht erst große Umstände machen und deshalb den Kaufschilling gleich in bar bezahlen, hier seien einstweilen siebenhunderttausend Gulden, sobald der Kauf zustande gekommen sei, wolle er wiederkommen, um den Rest des Kaufpreises zu entrichten. Infolge dieser Aufträge sei nun auch bald, so erzählte der Angeschuldigte weiter, unter Mitwirkung von Kramer und Ott, die beide ihn wiederholt dazu gedrängt und dabei, obgleich er ihnen nichts versprochen habe, etwas herauszuschlagen gehofft hätten, der Kauf zustandegekommen. Hinsichtlich des gerichtlichen Erkenntnisses über den Kauf habe es jedoch bald Hindernisse gegeben, aber Ott, der ja ebenso wie Kramer aus dem Kaufbriefe habe ersehen müssen, daß er, Frosch, für einen Dritten kaufe, habe immer mehr, zuletzt sogar fußfällig in ihn gedrungen, er möchte doch einstweilen wenigstens einen Teil des Kaufschillings bezahlen, da durch diese Verzögerung die Hüttisheimer Kasse täglich mehr in Verlegenheit komme. Der Jesuit, den er hierüber befragt habe, habe das erlaubt, und er, Frosch, habe denn auch versprochen, am 17. April nach Ulm zu kommen und dort einen Teil des Kaufpreises zu entrichten. Aber bevor er abgereist sei, habe er von seinem Vollmachtgeber einen Brief erhalten, in dem der letztere geschrieben habe, er habe in Stuttgart erfahren, daß es mit Retter ganz schlecht stehe, und Frosch dürfe deshalb, bevor Roth auf ihn eingeschrieben sei, nicht einen Gulden auszahlen. Dies habe er dann am folgenden Tage Ott und dem Kramer, die, weil er natürlich auf jene Nachricht hin nicht nach Ulm gegangen sei, zu ihm nach Heiningen gekommen seien, unter Vorzeigung des Briefs, der mit Albert, dem Vornamen des Jesuiten, unterzeichnet gewesen sei, angekündigt, und dabei könne er allerdings als den Verfasser des Briefs, weil er ja den Jesuiten nicht habe nennen dürfen, einen anderen, etwa Neipperg, vorgegeben haben. Was sonst über den Inhalt des Briefs vorgebracht worden sei, sei nicht wahr, und er selbst habe auch damals nichts weiter gesagt. Hierauf seien die das Erkenntnis über den Kauf verhindernden Umstände, obgleich er selbst das Einschreiben betrieben und aus Auftrag des Jesuiten dem Rechtsfreunde, der den Vertrag verfaßt habe, fünfzigtausend Gulden für die Erfüllung seines Wunsches versprochen habe, immer größer geworden. Er habe diese Umstände durch die von ihm verlangte Auskunft nicht beseitigen können, da er den bestimmten Auftrag gehabt habe, bei dem Inhalte der Vertragsurkunde stehen zu bleiben. So habe denn der Jesuit, des ewigen Wartens müde, am Tage des großen Hagelwetters (10. Juli 1846), während seine Leute gerade nach den Feldern gesehen hätten, siebenhunderttausend Gulden mit der Erklärung wieder abgeholt, er wolle das Geld, das bei Frosch ja doch keine Zinsen bringe, einstweilen wieder mitnehmen und dann erst zahlen, wenn einmal das Gut eingeschrieben und dem Vertrage gemäß übergeben werde. So erzählte Frosch die Geschichte des Kaufes der Standesherrschaft Roth. Über die näheren Verhältnisse jenes Jesuiten befragt, gab er anfangs an, er wisse nicht mehr, wie er heiße, er habe seinen Namen, den er nur einmal gehört habe, wieder vergessen und wisse jetzt nur noch so viel, daß er auf einer Einöde in der Nähe von Zürich wohne und von der Tochter eines Jägers einen unehelichen Sohn mit Namen Augustin habe, Mehr, setzte er hinzu, habe er auch von dem Manne nicht zu wissen brauchen, denn wenn er zu ihm gekommen sei, habe er ihm immer im voraus genau den Ort und die Zeit bestimmt, wo und wann er ihn wieder sprechen könne. Später dagegen behauptete Frosch einmal, er habe den Namen des Jesuiten nie gehört, da er nicht den Mut gehabt habe, den Mann, der ihm so viel Gutes erwiesen habe, zu fragen, und gegen Ende der Untersuchung erklärte er sogar, nachdem er während einer Krankheit das Abendmahl genommen hatte, selbst diese Angabe für unwahr, indem er äußerte, er wisse doch, wie der Jesuit heiße und wo er wohne, allein er dürfe es nicht sagen, denn er habe in Maria Einsiedeln schwören müssen, daß er den Namen nie nennen und ebensowenig sagen werde, daß er einen Sohn habe. Diesen Eid, setzte er hinzu, werde er nie brechen, und infolgedessen könne er auch jetzt nicht einmal mehr den Namen des Sohnes, der am Tage des gerichtlichen Erkenntnisses als Käufer hatte angegeben werden sollen, nennen, da man, wenn er das täte, nach dem, was er bei der Untersuchung habe aussagen müssen, möglicherweise auch den Vater herausbekommen könne. Das Fabelhafte seiner Angabe über sein Verhältnis zu dem Jesuiten und über die Art und Weise, wie er zu dem Kaufabschlüsse über Roth gekommen sein will, wurde dem Angeschuldigten im einzelnen und unter Hinweis auf die Aussagen vieler Zeugen, nach denen von einer Existenz des Jesuiten selbstverständlich keine Rede sein konnte, wiederholt eindringlich vorgehalten: allein er blieb dabei und fiel bis zuletzt nicht aus der Rolle. Da er ja wußte, daß der Vertrag über Roth so, wie er abgeschlossen war, nie erfüllt werden könne, erklärte er noch während der Untersuchung wiederholt mit der unverschämten Frechheit eines solchen Betrügers: und wenn Roth heute noch unter den Bedingungen, unter denen er gekauft habe, auf ihn eingeschrieben werde, so werde er gewiß in drei Tagen zahlen; man dürfe ihn gleich an den Galgen hängen, wenn er dies nicht ausführe; er habe, so führte er bei einer anderen Gelegenheit an, schon noch so viele gute Freunde, die ihm das Geld vorschießen würden. Auch davon, daß er die Summe, die er von dem Jesuiten als Kaufpreis für Roth erhalten haben wollte, wirklich in den Händen gehabt habe, versuchte er das Gericht zu überzeugen. Er führte selbst einige Zeugen an, die wüßten, daß er in dem Besitz des Geldes gewesen sei. In der Tat sagten auch zwei, Otts Ehefrau und der Blumenscheinwirt Wilhelm, aus, daß sie sich davon überzeugt hätten. Es stellte sich aber heraus, daß beide einer Täuschung zum Opfer gefallen waren. Bei Auszahlungen, die er vielfach in Gold leistete, holte Frosch nämlich in der Regel noch eine Handvoll Goldstücke mehr aus einem anscheinend vollen Sack heraus, die er dann gleichgültig wieder in den Sack zurückrollen ließ. Während diese beiden Zeugen also diesen Trick nicht durchschaut hatten, fanden sich eine Reihe anderer, die hinter die Schliche des Betrügers gekommen waren und alles für Spiegelfechtereien erkannten. Auch das, was Frosch über seine heimlichen Künste und seine hohen Verbindungen erzählt hatte, stellte sich als betrügerische Prahlereien heraus, während ihm nachgewiesen wurde, daß er sich einer ganzen Reihe von Zeugen gegenüber wirklich als den Käufer von Roth bezeichnet hatte. So brach das Lügengebäude, daß der Schäfer errichtet hatte, zuletzt völlig zusammen. Trotzdem aber blieb der Angeklagte bis zuletzt bei allen seinen Behauptungen, er bestritt alle Zeugenaussagen, soweit sie erheblich waren, und warf einigen der Zeugen vor, daß sie früher bei ihm die Schmarotzer gemacht hätten und nun gegen ihn sprächen; ja er fiel sogar vor dem Untersuchungsrichter auf die Kniee und beteuerte unter Tränen, alles, was er ausgesagt habe, sei die reinste Wahrheit – unbeschadet dessen, daß er selbst im Laufe der Untersuchung manches wieder geändert hatte. Der Untersuchungsrichter, der Gerichtsaktuar Weckerlin, ließ sich jedoch durch dieses Benehmen nicht rühren, und Frosch nahm nun eine trotzige Haltung an, indem er seine eigenen vor Gericht gemachten unbedeutenden Geständnisse mit frecher Stirn wieder leugnete. Auf eine Vorhaltung darüber entgegnete er: »Ich sehe wohl, man will mich vor Gericht hineinlegen; ich gebe gar keine Antwort mehr; wenn Sie« – zu dem Richter gewandt – »es eingefädelt haben, so machen Sie es nur vollends aus.« Der Staatsanwalt beantragte auf Grund des Vorgetragenen eine Zuchthausstrafe von dreizehn Jahren. Der Verteidiger, der darzutun bemüht war, daß der Beweis für die einzelnen dem Frosch zur Last gelegten Handlungen nicht genügend erbracht sei, beantragte Freisprechung. Am Schlusse der Verhandlungen wurde der Angeklagte befragt, ob er noch etwas zu seiner Verteidigung vorzubringen habe. Er richtete die folgenden Worte an den Richter: »Ich sehe, daß der Staatsanwalt mir gänzlich unrecht tut. Sprechen Sie in meiner Sache nach Recht und Gerechtigkeit. Ich bin gänzlich unschuldig und stelle es dem anheim, der da recht richtet. Ich brauchte kein Geld von Ott zu entlehnen, wenn Sie in mein Herz sehen könnten, würden sie meine Unschuld begreifen. Doch gestern ist gestern. Heute ist heute. Wer weiß, was morgen ist! Meine Feinde haben feurige Kohlen auf mein Haupt gesammelt, sie mögen aber zusehen, daß sie sich nicht selbst versengen. Durch meine Kunst, die ich von einem guten Freunde erlernt habe, hätte ich mir viel mehr Geld erwerben können, wenn ich geldgierig gewesen wäre. Die Schlingel, meine Feinde, haben mich ausgesaugt und dann angeklagt. Mein guter, treuer und lieber Richter! Die Gerichtsbeisitzer stimmen dem ungerechten Untersuchungsrichter bei. Hier« – mit einer Wendung gegen das Publikum, das den Vortrag des Angeklagten häufig durch Zeichen des Staunens und der Heiterkeit unterbrochen hatte – «hier stimmt mir freilich niemand bei. Doch wenn einer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf mich. Lieber wollte ich wieder meinen Hirtenstab haben,« so schloß er mit wehmütig sinkender Stimme, »als die Kunst besitzen, die mich mein Freund gelehrt hat.« Das Gericht zog sich hierauf zur Beratung zurück und verkündigte am folgenden Tage in öffentlicher Sitzung das Urteil, nach dem der Angeklagte zu einer Zuchthausstrafe von sechs Jahren verurteilt worden war. Der Angeklagte legte Berufung vor dem königlichen Obertribunal in Stuttgart ein. Diese höchste Gerichtsstelle sprach am 20. Juni 1848 ein verschärfendes Urteil aus, indem sie auf eine zwölfjährige Zuchthausstrafe erkannte. Das Geständnis des schlesischen Frauenmörders Johann Nepomuk Wünscher Am 7. März, einem Mittwoch, ging ich noch vor Sonnenuntergang, nachdem ich meiner Mutter gesagt hatte, daß ich zu meinem jüngeren Bruder nach Heidau gehen wolle, in dieser Absicht von Hause weg. Ich änderte jedoch unterwegs, warum, weiß ich nicht, meinen Entschluß, schlug die gerade entgegengesetzte Richtung nach Oberecke ein, nahm aber, ohne den Ort zu berühren, meinen Weg auf Jäschkittel zu. Ich ging jedoch auch nicht nach Jäschkittel hinein, sondern entschloß mich jetzt ernstlich, wie ich schon früher hatte tun wollen, nach Heidau zu meinem Bruder zu gehen. Ich schlug den Weg von Jäschkittel nach Heidau ein, verließ jedoch diesen Weg bald wieder und ging noch einmal zurück bis auf die Wiesen im Grunde, wo ich mit einem Messer eine Birke abschnitt und mir aus ihr einen gehörigen Stock machte. Hierauf ging ich, da ich in meinem Sinn schon sehr verwirrt war und in meinem Innern etwas vorging, was ich mir nicht erklären konnte, und was vielleicht schon eine Vorahnung dessen gewesen ist, was an diesem Tage mit mir erfolgte, denselben Fußweg wieder zurück bis an die Straße. Hier begegnete mir im Brandhau ein Mädchen, das die Tochter des hiesigen Dreschgärtners Henschel sein soll, das ich jedoch früher gar nicht gekannt und jenen Tag zum erstenmal gesehen habe. Da ich schon so irre war und nicht mehr Herr meiner selbst werden konnte, entstand in mir der unglückselige Gedanke, dieses Mädchen, das auf mich zukam, mir zu Willen zu bringen. Ob ich das Mädchen angeredet oder gleich mit mir fortgerissen habe, weiß ich nicht mehr, da meine Leidenschaft schon zu hoch gestiegen war. Ich schleppte die Person auf einen ungefähr sechzig bis siebzig Schritt von der Straße entfernt gelegenen Platz, dort bezwang ich sie und schlug sie nachher mit der Faust, aber nicht mit dem Birkenstock, den ich bei mir hatte, auf die rechte Seite des Gesichts. Nachdem ich die Henschel durch diesen Schlag wahrscheinlich getötet hatte, band ich sie mit dem einen Ende ihres Halstuchs an eine Birke und zog mit dem andern Ende des Tuches den Hals zu. Durch die Tat noch mehr in Verwirrung gesetzt, lief ich voll Unruhe und von Angst und Gewissensbissen gequält im Brandhau hin und her. Da fiel mir der unglückliche Gedanke ein, bei dem Dreschgärtner Retter, den ich sonst gar nicht kenne, einen Diebstahl zu begehen. Die verehelichte Jäger hatte mir nämlich gesagt, daß Retter über vierhundert Taler bares Geld habe, das in einem in der Stubenkammer befindlichen Kasten aufbewahrt werde. Sie hatte mir zugeredet, dieses Geld zu entwenden, sowie sie mir gleichfalls anvertraut hatte, daß auch der Gerichtsschulze Nitzsche bares Geld habe. Ich ging daher, um welche Zeit weiß ich nicht, da ich meiner Sinne ganz beraubt war, in das mir von der Jäger früher schon beschriebene Haus des Dreschgärtners Retter. Bei meinem Eintritt in das Haus kam mir eine Frau entgegen und fragte mich, was ich wollte. Ich erwiderte: »Ich will Geld haben!« Sie sagte: »Ich bin dir keines schuldig,« stieß mich mit der Hand von sich, und hierauf schlug ich sie mit dem birkenen Stock, den ich mir im Brandhau abgeschnitten hatte, zweimal tüchtig auf den Kopf. Sie fiel davon zu Boden, und es kam eine ältere Frau aus der links zu ebener Erde gelegenen Wohnstube dazu, die mich gleich, nachdem sie mir die Mütze vom Kopfe geworfen hatte, bei meinen starken Haaren faßte und mich in Gemeinschaft mit der jüngeren Frau, die sich wieder erhob und der älteren zu Hilfe kam, beinahe zu Boden gestreckt hätte. Ich ermannte mich jedoch, schlug die ältere gleich bei der Tür durch einige kräftige Schläge mit meinem birkenen Knüttel nieder, daß sie nicht mehr aufstehen konnte, rang mit der jüngeren und versetzte ihr endlich noch einen oder einige tüchtige Schläge, so daß sie im Hause bei der Treppe gleichfalls hinfiel und nicht mehr aufstehen konnte. Mit dem Grabscheit, wie man mir hat nachweisen wollen, habe ich sie nicht geschlagen; das, welches man gefunden hat, ist zwar auf der einen Seite ganz mit Blut bedeckt, indessen mag dies wohl daher rühren, daß es in dem Hause gelegen hat und das Blut, das an jenem Tage vergossen wurde, zufällig daraufgekommen ist. Ich habe die beiden Frauen nur mit dem Birkenstock, der auch jetzt noch mit Blut bespritzt ist, erschlagen. Da ich nun glaubte, daß die beiden Weiber nicht mehr aufstehen würden, ging ich an mein Werk, nämlich an die Durchsicht der links zur ebenen Erde gelegenen Wohnstube, fand da hinter dem Ofen eine Axt, mit der ich den in der Kammer befindlichen Kasten öffnete, worauf ich mir das in ihm aufbewahrte, in einem ledernen Beutel befindliche Geld nahm, das mir bei meiner Ergreifung nebst dem Beutel abgenommen worden ist. Nachdem ich auf diese Weise den Diebstahl ausgeführt hatte, machte ich mich eilig davon. Ich sah im Hausflur, daß die beiden Frauenzimmer noch nicht ganz tot waren und sich die jüngere, die an der Treppe lag, noch wand, hielt mich jedoch nicht auf und lief zunächst durch das Dorf in den besagten Brandhau. Ich hatte hier keine Ruhe, lief auf Krein zu, von da aber gegen Marienau und endlich über Kochendorf, wo ich auch nicht eingetreten bin, nach Heidau zu, gerade in den Kretscham. Dort ließ ich mir ein Glas Bier einschenken und beschied durch einen Jungen, der zufällig anwesend war, meinen jüngeren Bruder vom Hofe zu mir, der auch gleich kam; er war jedoch nicht ganz eine Viertelstunde bei mir gewesen, als ein Gendarm von Strehlen eintrat, mich ergriff, da er mich schon kennen mochte, und nach Strehlen einbrachte. Ich habe die gedachten drei Morde ganz allein verübt und nicht in Gemeinschaft mit anderen, daher kann ich auch niemand einer Teilnahme beschuldigen. Es war nicht mein Wille, das Mädchen, das ich in dem Busche angetroffen habe, ums Leben zu bringen, es wandelte mich nur bei ihrem Anblick eine tierische Lust an, die mich verleitete, mich an ihr zu vergreifen. Ob sie dabei oder erst später und nachdem ich sie mit der Faust auf die rechte Seite des Gesichts tüchtig geschlagen habe, verschieden ist, weiß ich nicht mehr, jedoch war das Mädchen schon tot, als ich es an die bezeichnete Birke band. Ebensowenig habe ich die beiden Frauenzimmer in dem Hause des Retter töten wollen, und ich habe die jüngere erst dann angegriffen, als sie mich von sich gestoßen hatte, und die ältere, nachdem sie mich bei den Haaren gefaßt hatte und ich ihrer Meister werden wollte. Ich habe beiden jedoch unglücklicherweise so starke Schläge auf die Köpfe versetzt, daß sie wohl hiervon verschieden sein können, obgleich sie noch, als ich die Flucht ergriff, zu leben schienen. So weit in der Hauptsache das Bekenntnis des Mörders. Man könnte vielleicht glauben, daß sein früherer Lebenswandel einige Aufklärung darüber geben würde, wie er zu diesen schrecklichen Taten gelangt sei. Allein diese Erwartung bestätigt sich nicht. Sein Lebenslauf ist sehr einfach: es ist der ganz gewöhnliche der Leute seines Standes. Sohn eines Tagearbeiters, späteren Holzknechtes, trat er im dreizehnten Jahre in Dienste auf verschiedenen Herren- und Bauernhöfen. Wegen eines Bruchschadens kam er vom Militärdienst frei; derselbe Grund war es – seiner Angabe nach – auch, weswegen er häufig den Dienst einstellte: er hoffte von einem Ort zum andern leichtere, ihm minder beschwerliche Arbeit zu bekommen. Zur Zeit der Begehung der Tat war er seit einigen Wochen wieder dienstlos. Er stand damals im fünfundzwanzigsten Lebensjahre. Seine Moralität war allerdings schon durch mehrere Vergehen befleckt, aber das waren nur Eigentumsvergehen, keine Verletzungen der Person: ein Getreidediebstahl, ein Kleiderdiebstahl und noch ein dritter Diebstahl hatten ihm zwei bis drei Jahre vorher mehrmals kurze Gefängnisstrafen zugezogen; von da bis kurz vor Begehung der geschilderten Mordtaten war nichts vorgekommen; nur wenige Wochen vor diesem letzteren Zeitpunkt war er wegen eines mit einem Maurergesellen verübten nächtlichen Diebstahls mit acht Tagen Arrest und einigen Peitschenhieben bestraft worden. Der frühere Lebenswandel dieses Menschen gewährt uns demnach kein genügendes Motiv zur Erklärung einer so furchtbaren plötzlichen Häufung der schwersten Verbrechen. Daß er selbst in seinem Bekenntnis sagt, er sei wie von Sinnen gewesen, kann man gewiß nicht auf eine Geistesstörung beziehen, selbst wenn man dieser Versicherung unbedingt Glauben beimessen wollte. Die Seelenstimmung kurz vor, bei und nach Begehung solcher entsetzlichen Taten ist natürlich eine ganz andere als die gewöhnliche, und dieser Gegensatz tritt dem Verbrecher selbst, wenn er nachher wieder, wie hier bei Ablegung des Bekenntnisses, in eine ruhigere Stimmung zurückkommt, um so schärfer vor sein geistiges Auge, je weniger er schon früher in einer gleichen Lage gewesen zu sein sich bewußt ist. Daher finden wir, daß viele schwerer Verbrechen Geständige behaupten, sie seien bei Verübung ihrer Verbrechen in einem wirren Seelenzustande gewesen. Man würde irren, wenn man diese Aussagen stets und ohne weiteres als ein unwahres Vorgeben ansehen wollte, das sie zur Entschuldigung sich ersonnen hätten. Man würde aber ebenso irren, wenn man deshalb andererseits auch jedesmal an ein wirkliches Irrsein glauben wollte, wo ein furchtbares Verbrechen plötzlich den gewöhnten Gang eines wenn nicht ganz makellosen, aber doch weit von solchen Verirrungen entfernten Lebens eines Menschen unterbricht. Es gehört zu den vielen noch unerklärten Erscheinungen der geistigen Natur des Menschen, wie ein solcher Gegensatz so plötzlich entstehen und – wie das vorliegende Geständnis zeigt – auch wieder vergehen kann. Das aber steht fest, daß in sehr vielen dieser Fälle nicht die geringsten Gründe vorliegen, eine wirkliche, die Zurechnungsfähigkeit aufhebende Geistesstörung anzunehmen. Um dies auf den vorliegenden Fall anzuwenden, so konnte Wünscher zwar wohl niedergedrückt sein von dem für ihn sich wiederholenden Mißgeschick der Dienstlosigkeit, von der Besorgnis, durch seinen Leibesschaden mehr und mehr an dem redlichen Erwerbe seines Brotes durch Arbeit behindert zu werden; ja es ist möglich, daß ihn augenblickliche Nahrungssorgen quälten. Aber Leute dieses Standes und Alters, die sich, wie er, nicht scheuen, im Falle der Not zu fremdem Eigentum zu greifen, werden von einem Mißmut, der aus dieser Quelle stammt, nicht leicht in dem Grade plötzlich ergriffen, daß sich daraus eine so furchtbare Störung ihres Geistes entwickeln sollte, wie hier bei der Furchtbarkeit der Missetaten anzunehmen wäre, und noch dazu eine Störung, die sich zunächst nach einer so ganz anderen Richtung hin offenbarte. Und es wäre kaum weniger befremdlich, wenn diese Geistesstörung nur wie ein Traum alsbald wieder verronnen sein sollte und der Verbrecher schon wenige Tage nachher zu einem so klaren Bewußtsein von seinem Wahnsinn gekommen wäre. Wir haben es daher hier gewiß nicht mit einem Irren, sondern mit einem ganz gewöhnlichen, geistesgesunden, aber freilich moralisch schon nicht mehr makellosen Menschen zu tun, in dessen übrigens ziemlich roher Seele plötzlich jene furchtbare Willenserscheinung aufgeht und zur dreifachen Untat wird, die wir hier berichteten, und die ihrem innersten Grunde nach, gleich ähnlichen psychologischen Erscheinungen, sich nicht vollständig erklären läßt. Glücklicherweise sind solche Fälle ebenso selten, als sie unerklärlich sind. Drei Weiber als Mörderinnen Am frühen Morgen des 9. Mai 1854 wurde Henriette Thom, damals dreißig Jahre alt und im siebenten Monat mit einem zweiten unehelichen Kinde schwanger, von der verehelichten Kath, der verehelichten Ulrich und der unverehelichten Karoline Janke, sämtlich aus Bärwalde, unweit des Vorwerks Schwartow durch Ertränken in der Persante ermordet. Will man diese Mordtat nach ihrer Veranlassung und der Art der Ausführung richtig verstehen, so muß man sich die in jeder Hinsicht armseligen Verhältnisse des Lebenskreises, denen die drei Mörderinnen und ihr Opfer angehörten, vergegenwärtigen. Der Mensch steht nun einmal unter dem wesentlichen Einfluß der Welt, die ihn von seiner Jugend an umgibt, und man darf ihn nicht aus ihr herauslösen, wenn man ihn in seinem innersten Wesen erkennen will. Allerdings stoßen wir beim Eindringen in die Sphäre, die den untersten Grad des menschlichen Daseins darstellt, häufig auf Dinge, die in geordneten höheren Lebenskreisen gänzlich unbekannt sind. Das kann uns aber nicht abhalten, uns mit ihnen bekannt zu machen, weil sie notwendig zur Ökonomie dieses besonderen Teiles der Menschengesellschaft gehören und das Ganze ohne sie schlechthin nicht zu begreifen wäre. Wie der Naturforscher auch das Widrigste und Ungestaltetste, was die Natur auf den unteren Entwicklungsstufen des organischen Lebens in das Dasein gerufen hat, seiner aufmerksamen Betrachtung unterwerfen muß, um die Geheimnisse der Schöpfung zu entschleiern, so muß der Psycholog die Sitten und die Gewohnheiten der Kreise, in denen sich ein Verbrecher bewegt, genau kennen, wenn er ein richtiges Urteil über seine Tat fällen will. Zwei von den Mörderinnen, die verehelichte Tagelöhnerin Kath und die Ehefrau des Schmiedegesellen Ulrich, lebten zur Zeit des Verbrechens allein, ihre Ehemänner verbüßten eine mehrjährige Zuchthausstrafe, die ihnen wegen Diebstahls zuerkannt worden war; die dritte aber, die unverehelichte Janke, wohnte mit einem Zuhälter zusammen, mit dem sie eine bereits erwachsene Tochter gezeugt hatte. Sowohl diese drei Frauen als auch die von ihnen ermordete Henriette Thom, genannt Hanne, die unverheiratet, aber ebenfalls Mutter eines unehelichen Kindes und zur Zeit der Ermordung von neuem schwanger war, lebten in der bittersten Armut und können als wahrhaft klassische Vertreter des Proletariats der kleinen hinterpommerschen Landstadt Bärwalde betrachtet werden. Sie nährten sich auf das dürftigste durch ihrer Hände Arbeit, bettelten in den benachbarten Ortschaften, stahlen fast täglich Holz aus den nahe gelegenen Waldungen, fanden sich regelmäßig als gefürchtete Weißkäuferinnen auf den Jahrmärkten ein und gaben sich, sooft sie Gelegenheit fanden, um Lohn fremden Männern preis. Die Kath hatte früher schon zwei Jahre, die Janke sechs Monate wegen Diebstahls im Zuchthaus gesessen. Das Betteln, ihr einträglichstes Gewerbe, betrieben sie teils selbst, teils mit Hilfe ihrer ehelichen und unehelichen Kinder auf dem platten Lande förmlich systematisch. Die Dörfer, Mühlen, Vorwerke und Güter in einem Umkreise von mehreren Meilen wurden von ihnen und ihren zahlreichen Genossen als ihre Domänen angesehen, die Ausbeutung ihres Bezirkes erfolgte nach gewissen, durch Gewohnheit und augenblickliches Bedürfnis bestimmten Regeln. Die Leute dieser Art wohnen in kleinen Mietswohnungen auf das engste zusammengedrängt, oft nimmt eine solche Familie andere einzelne Personen und sogar andere Familien als Untermieter in das von ihr selbst benutzte eine Zimmer auf. Von diesen Wohnungen aus, die meistens nahe beisammenliegen und natürlich von der dicksten physischen und moralischen Stickluft erfüllt sind, begeben sich Frauen, Kinder und alte Männer truppweise in die Umgegend der Stadt, um bald diesen, bald jenen Teil das Landes heimzusuchen. Sie treffen untereinander genaue Verabredungen, wie viele Personen sich zusammentun und wohin sie ihren Weg nehmen sollen, um die Streifzüge, die sie von der Stadt als Operationsbasis aus nach den verschiedensten Himmelsgegenden hin unternehmen, möglichst erfolgreich zu gestalten. Die Abmachungen werden dann auch aufs gewissenhafteste gehalten, und die einzelnen Trupps sorgen vor allen Dingen dafür, daß sie nicht in zu dichten Haufen erscheinen und daß die gleichen Personen nicht allzu häufig an ein und demselben Ort auftauchen. Der Gendarm, der ihnen oft wenig rücksichtsvoll das Handwerk legt, ist ihr schlimmster Feind. Sie weichen ihm aus, so gut sie nur können, und bieten eine mitunter bewunderungswerte Schlauheit auf, ihn zu überlisten; weil er jedoch dessenungeachtet häufig ganz plötzlich unter sie fährt wie der Blitz und außerdem einen blitzenden Helm auf dem Kopfe trägt, nennen sie ihn in ihrer eigentümlichen Sprache den »Blitzkopf«. Sein Erscheinen ist für die Bettlergesellschaft das Zeichen zum Verschwinden, und derjenige, der das am geschicktesten zu tun versteht, genießt in seiner Zunft das größte Ansehen. Das einzige Gerät, dessen sie sich in ihrem Gewerbe bedienen, ist der Bettelsack. Keinem, der ein rechter Bettler ist, darf er fehlen, er ist daher unter ihnen auch Gegenstand der ernstesten Geschäfte, des Kaufes, des Tausches, der gegenseitigen Aushilfe, und sie halten ihn in Ehren wie in älteren Zeiten der Ritter sein Schwert und seine Lanze. Dem Blitzkopf gegenüber wird er auch wohl als Nebelkappe, als ein Mittel, sich unsichtbar zu machen oder wenigstens unerkannt zu bleiben, gebraucht. Die Ermordete war nicht in Bärwalde ortsgehörig, sondern in Flackenheide; sie hatte sich aber, nachdem sie einige Jahre vorher in der Stadt Bärwalde einmal als Amme in Dienst gestanden hatte, auch später noch oft dort aufgehalten und war durch diese längeren Aufenthalte in Bärwalde zu einem Bestandteil des Bärwalder Proletariats geworden. Was ihre geistige Befähigung betrifft, so stand sie ihren Mörderinnen bei weitem nach und wurde daher von diesen drei Weibern in der zwischen ihnen bestehenden Bettelei- und Diebstahlgenossenschaft dazu benutzt, für sie die Kastanien aus dem Feuer zu holen, ohne dafür den erwarteten Lohn zu erhalten. Den drei Mörderinnen fehlte es nicht an der elementaren Schul- und religiösen Bildung, wie sie in allen pommerschen Städten, selbst den kleinsten, auch den Kindern der ärmsten Klassen zuteil wurde. Freilich besaß aber diese Art von Kultur nicht die Kraft, bis in die Tiefe zu dringen und dort die niedrigen Neigungen und Leidenschaften im Zaume zu halten. Am 9. Mai 1854 vormittags gegen zehn Uhr wurde der entseelte Körper der Henriette Thom in der Persante in der Nähe des auf der rechten Uferseite gelegenen Vorwerks Schwartow von einem zufällig dort des Weges daherkommenden Landmann aufgefunden. Die Stelle, wo der Körper, mit dem Gesicht dem Grunde zugekehrt, beide Hände vor dem Gesicht, lag, war zweihundert Schritt von der Einmündung des in der Richtung von Osten nach Westen fließenden Gramenzer Rieselbaches in die Persante und noch vierzig Schritt weiter von einem oberhalb der erwähnten Mündung über die Persante gelegten hölzernen Steg entfernt, auf dem die von Wusterhause und Zulkenhagen nach Schwartow auf dem Fußsteig gehenden Personen von dem linken nach dem rechten Ufer des Flusses gelangten. Sofort wurde der Gerichtskommission in Bärwalde von dem Funde Anzeige gemacht, aber zunächst dachte niemand an ein Verbrechen. Das Gericht begab sich in Begleitung des Kreiswundarztes an Ort und Stelle, und es wurden Wiederbelebungsversuche angestellt, die aber ohne Erfolg blieben. Da die Thom sich sichtbar in einem sehr vorgeschrittenen Zustand der Schwangerschaft befand, vollzog der Arzt an ihr den für solche Fälle vorgeschriebenen Kaiserschnitt. Er fand einen sieben Monate alten Fötus, der wie der Körper der Mutter bereits von der Totenstarre ergriffen und völlig leblos war. Verletzungen wurden bei der freilich erst nach hereingebrochener Dunkelheit vorgenommenen Besichtigung nicht aufgefunden, und deshalb wurde die Leiche zur Beerdigung freigegeben. Aber noch am gleichen Tage machte ein Jude im angehenden Mannesalter, Nathan Lefeber oder, wie er von denen, die ihn für einen Nachkommen des bekannten französischen Marschalls dieses Namens hielten, geschrieben wurde, Lefevre, der sich von seiner Hände Arbeit nährte, aber die engste Fühlung mit dem Bärwalder Proletariat hatte und mit den Leuten aus dieser Volksklasse täglich verkehrte, der Polizei eine wichtige Anzeige. Er teilte mit, die Thom sei am 9. Mai in der ersten Morgenfrühe mit den drei später des Mordes angeklagten Personen nach Wusterhause und Zuchen gegangen und habe mit ihnen den Schwartower Steg passiert, am Nachmittage seien ihre drei Begleiterinnen aber über Flackenheide und Valm allein zurückgekehrt, und es erscheine deswegen nicht unwahrscheinlich, daß sie etwas über den Tod der Thom wüßten oder vielleicht gar selbst die Mörderinnen wären. Für diese letztere Möglichkeit spräche der Umstand, daß bei dem Kreisgericht in Neustettin eine Untersuchung wegen eines in Tempelburg verübten Marktdiebstahls anhängig sei, bei dem die Thom und ihre drei Genossinnen beteiligt gewesen seien, was die Thom vor Gericht verraten habe. In wenigen Tagen habe die Aburteilung der Sache erfolgen sollen, und die Angeklagten seien auf den 12. Mai zur Verhandlung vorgeladen gewesen. Diese Anzeige machte eine schleunige Wiederausgrabung und Öffnung der Leiche sowie Maßregeln gegen die der Tötung der Thom verdächtigen Frauen notwendig. Freilich hätte es dazu eigentlich der Lefeberschen Mitteilung gar nicht bedurft, wenn der Richter, der die Leichenschau gehalten hatte, und der Arzt, der die Leiche untersucht hatte, mit dem scharfen Blick begabt gewesen wären, der das Verbrechen schon aus der weitesten Ferne erkennt, wenn es sich ihm auch nur als ein kleiner, kaum sichtbarer Punkt darstellt; denn äußere Verletzungen, die Zeuginnen einer der Toten im Leben angetanen Gewalttätigkeit waren, fanden sich in einer ganzen Anzahl kleiner Blutunterlaufungen und Hautabschürfungen bei der späteren Leichenöffnung wirklich vor. Außerdem mußte es aber im höchsten Grade auffallen, daß die Leiche bloß mit einer ärmlichen bunten Nesseljacke, einem schwarzbraunen wollenen Halstuche und einem geflickten, leinenen Hemde bekleidet war, das fremde Namenszeichen enthielt und höchstwahrscheinlich gestohlen war, während ein Rock, ohne den eine schwangere Frauensperson doch auf keinen Fall den weiten Weg von der Stadt Bärwalde her zurückgelegt haben würde, vollständig fehlte. Dadurch hätte eigentlich der Gedanke an ein Unglück so gut wie ausgeschlossen erscheinen müssen, und hätte sich dem Richter diese Überlegung dargeboten, so wäre er von selbst darauf gekommen, daß nur ein Verbrechen vorliegen konnte. Damit aber, daß das nicht geschah, wird der vorliegende Fall zu einem offenbaren Beweis dafür, daß selbst ein Richter durch den äußeren Schein eines in seinen Gesichtskreis kommenden Gegenstandes von dessen wahrer Beschaffenheit abgeführt werden kann, besonders wenn das Auge noch von der dem menschlichen Charakter eigenen Neigung unterstützt wird, an ein Verbrechen erst zu allerletzt zu glauben. Als infolge der Lefeberschen Anzeige die Leiche der Thom wieder ausgegraben und von den Gerichtsärzten geöffnet wurde, wurde zunächst festgestellt, daß der Tod wirklich durch Ertrinken eingetreten war. Es fanden sich aber die deutlichsten Anzeichen dafür, daß die Verstorbene den Tod im Wasser nicht freiwillig gesucht habe, und endlich fehlte es auch nicht an Zeichen dafür, daß die Thom eine geraume Zeit noch lebend im Wasser zugebracht und also einen langen Todeskampf zu kämpfen gehabt hatte. Das ließ sich vor allem aus den mehrfachen Verletzungen entnehmen, die sich an dem Körper als Spuren im Leben erlittener Gewalttat zeigten. Sie bestanden in der Hauptsache aus einer großen Menge kleiner Hautabschürfungen und Blutunterlaufungen an den Beinen, namentlich unweit der linken Kniekehle, auf dem Rücken der rechten Hand, an dem linken Ellbogen und an der linken Brustdrüse, die meisten nicht größer als ein Nadelkopf, einige aber auch so groß wie eine Erbse und ein Silbergroschen, ja, an einer Stelle wie ein Zweigroschenstück und an einer anderen wie eine Walnuß. Außerdem aber deckte die Leichenöffnung kleine, etwa groschengroße, äußerlich aber nicht sichtbar gewordene Blutergüsse in das Zellgewebe am oberen Rande des linken Schläfenbeins, an der linken Seite des Hinterhauptbeins und über und hinter dem rechten Ohre auf. Das mit Erde gemischte Wasser, durch das der Tod der Thom herbeigeführt worden war, hatte Zeit gehabt, den weiten Weg bis zum Leer- und Dünndarm hinab zu machen, und weil das nur während des Lebens der Thom geschehen sein konnte, kamen die Gerichtsärzte zu der Überzeugung, daß die Frau noch lange unter Wasser gelebt haben müsse. Als auf diese Weise mit der höchsten Wahrscheinlichkeit ermittelt worden war, daß die Thom ihren Tod durch Ertränken in der Persante gefunden habe, handelte es sich darum, die in Verdacht stehenden drei Weiber der Täterschaft zu überführen und ihnen zunächst nachzuweisen, daß sie zusammen mit der Thom nach der Persante bei Schwartow und über den Steg, der über den Fluß führte, gegangen waren. Dieser Beweis wurde sehr bald erbracht. Die Thom war wegen des in Tempelburg am 19. Dezember 1850 verübten Marktdiebstahls, den sie in Gemeinschaft mit der Kath, der Ulrich und der Janke begangen hatte, bei der Gerichtskommission in Tempelburg in Untersuchungshaft gewesen, aus der sie jedoch ihrer vorgerückten Schwangerschaft wegen am 22. April entlassen worden war, worauf sie sich nach Bärwalde begeben hatte. Dort wurde sie nach mehrtägigem Aufenthalt in der Stadt und ihrer Umgegend am Tage vor ihrer Ermordung, am 9. Mai, einem Montage, nach Flackenheide, wo eine verheiratete Schwester von ihr wohnte, ausgewiesen und war zu diesem Zwecke mit einer Zwangsreiseroute versehen worden. Sie hatte aber nicht Lust, der polizeilichen Weisung zu folgen, und war so der Kath in die Hände geraten, die ihr in dem hinter ihrer Wohnung gelegenen Stall des Tagelöhners Wietzke einen Unterschlupf gewährt hatte, in der die Thom auch die Nacht vom 8. zum 9. Mai zugebracht und von der Kath Essen und etwas Branntwein erhalten hatte. Aus diesem Versteck wurde die Thom am 9. Mai morgens, noch vor sechs Uhr, durch den dreizehnjährigen Sohn der Kath, Albert Kath, herausgelassen. Er sah sie dort, als er nach einem Beutel suchte, mit dem er auf den Bettel gehen wollte, und öffnete auf die Bitten der Thom hin den von seiner Mutter verschlossenen Stall. Sie verließ die Stadt und begab sich auf den Weg nach Zülkenhagen. Kaum hatte die Kath das erfahren, so eilte sie ihr nach. Sie hatte sie nach kurzer Zeit eingeholt und schlug dann mit ihr den Weg nach Wusterhause ein. Dort waren beide von dem Nathan Lefeber und von der dreizehnjährigen Tagelöhnerstochter Auguste Junghans gesehen worden. Hier half also kein Leugnen mehr. Nicht lange vorher hatten aber auch der erwähnte Albert Kath und die Sattlersfrau Keske die Ulrich und die Janke dem Weg nach Wusterhause zugehen sehen, so daß man annehmen mußte, die vier Personen hätten sich verabredet, gemeinsam wegzugehen, zumal da auch der Albert Koch bekundete, daß die Janke schon morgens früh um fünf Uhr zu seiner Mutter gekommen sei und sie nach dem Weg gefragt habe, den sie heute bei ihrem Bettelgange nehmen werde. Zwar hatten auch die Kath, die Ulrich und die Janke bei ihrer Rückkehr vom Bettelgang am Nachmittag des 9. Mai überall gesagt, sie hätten die Thom in ziemlicher Entfernung von Bärwalde zufällig getroffen, die Thom habe sich aber wieder von ihnen getrennt und sei, ohne das Dorf Wusterhause zu berühren, linker Hand nach Zülkenhagen und Balfanz zu gegangen, sie wüßten daher über ihr weiteres Verbleiben nichts anzugeben. Aber es war dem in Balfanz stationierten Gendarmen gelungen, in dem Dorfe Wusterhause zwei Zeugen zu ermitteln, die verehelichte Lenz und die Witwe Venzke, die die Kath, die Ulrich und die Janke und noch eine andere vierte Frauensperson zu zwei und zwei in einer Entfernung von achthundert bis tausend Schritt voneinander morgens zwischen sieben und acht Uhr durch Wusterhause nach dem Dorfe Zuchen zu hatten wandern sehen, und die eine der Frauen hatte sich auch an dem letzten Hause von Wusterhause nach dem Wege nach Zuchen erkundigt. Außerdem fanden sich Zeugen, die etwa eine Stunde später die Kath, die Ulrich und die Janke ohne die Thom auf dem Weg nach Zuchen jenseits der Persante, die sie also schon überschritten hatten, hatten gehen sehen. Außerdem wußte man in Zuchen auf dem herrschaftlichen Hofe von der Anwesenheit der drei Frauen, die sich in der Zeit von zehn Uhr vormittags bis zwölf Uhr mittags bettelnd dort aufgehalten hatten und beim Kartoffelschälen behilflich gewesen waren. Die drei Frauen überzeugten sich allmählich davon, daß ihr Zusammensein mit der Thom an dem Persantesteg bei Schwartow bewiesen war, und daß sie demnach auch bekennen mußten, von dem Tode ihrer Gefährtin etwas zu wissen. Bald darauf kam ein weiteres wichtiges Zeugnis hinzu. Die Frau des Tagelöhners Kleist in Bärwalde sagte aus, die Kath, die Ulrich und die Janke seien darüber aufs höchste aufgebracht gewesen, daß die Thom sie in der Tempelburger Marktdiebstahlssache verraten hatte, und die Thom hatte der Kleist gegenüber geäußert, sie habe große Angst vor jenen drei Weibern, die ihr einmal den Tod geschworen hätten und sie gewiß noch ermorden würden. Dabei hatte die Thom der Kleist einen Vorfall mitgeteilt, der sich am 1. Mai, einem Sonntage, auf dem Boden des Tagelöhner Zumachschen Hauses zwischen ihr, der Janke und deren unehelichem Zuhälter, dem Tagelöhner Jeske, zugetragen habe. Die Thom war nämlich von der Janke unter dem Vorwande auf den Boden des Zumachschen Hauses gelockt worden, sie solle sich dort die Anklageschrift in der Tempelburger Marktdiebstahlssache, die eingegangen sei, durch den Jeske vorlesen lassen oder auch einem Herrn, der oben wäre, ihre Gunst erweisen; es war dabei aber, wie die Thom bald herausbekam, auf eine Mißhandlung oder etwas Ähnliches abgesehen gewesen. Der Zufall wollte jedoch, daß Zumach von der Anwesenheit mehrerer Personen auf seinem Boden unterrichtet wurde und sie verjagte. Die Thom bedankte sich einige Tage nachher bei ihm dafür, daß er sie vor einem großen Unglück bewahrt habe; denn, sagte sie, wäre er nicht gekommen, so würden die Janke und ihr Geliebter sie vielleicht vom Boden heruntergestürzt haben, so daß sie den Hals gebrochen hätte, oder man würde ihr die Glieder so zerschlagen haben, daß sie die Knochen hätte im Sacke vom Boden heruntertragen können. Auch der Zuhälter der Janke hat später in Hinsicht auf diesen Vorfall zugeben müssen, daß auf dem Boden ein schweres Unglück hätte geschehen können, wenn der Zunach nicht dazugekommen wäre. Die Beteiligung der Thom an dem Tempelburger Diebstahl bestand übrigens nach deren Mitteilung an die Kleist und nach den Ermittelungen aus den Akten der Diebstahlsuntersuchung darin. Die Thom war mit der Tagelöhnersfrau Jeske aus Alt-Liepenfier, einer berüchtigten und mehrfach bestraften Marktdiebin, nach Tempelburg zu dem am 19. Dezember 1853 dort stattfindenden Jahrmarkt gegangen, um zu stehlen. Unterwegs hatten sich ihnen zum gleichen Zwecke die Kath, die Ulrich und die Janke angeschlossen. In Tempelburg wurde die Thom von der Janke betrunkem gemacht, dann ging die Thom mit der Janke, der Kath und der Ulrich zusammen zu einer Marktbude, nachdem sie die Jeske bei einer Frau Stibbe, bei der später die gestohlenen Sachen aufbewahrt werden sollten, zurückgelassen hatte. Die Thom trug hierbei den Mantel der Janke, den ihr die Janke selbst umgegeben und sorgfältig oben zugemacht hatte. An der Marktbude drängten sich die Kath, die Ulrich und die Janke um den Tisch des Verkäufers, eine von ihnen ergriff unbemerkt ein ungefähr fünfzig Ellen langes Stück Nessel, die Janke schob es der Thom unter den Mantel, und diese entkam mit der Beute glücklich in die Stibbesche Wohnung. Der Diebstahl wurde zwar bald entdeckt, und die Kath und die Ulrich wurden als verdächtig durchsucht, aber natürlich ohne Erfolg. Auch eine bei der Stibbe angestellte Haussuchung blieb resultatlos, weil es gelungen war, das Stück Zeug so gut hinter einem Bett zu verstecken, daß es dem Auge der Polizeibeamten verborgen blieb, auch als sie das Bett genau durchsuchten. Die Diebe wären ohne Zweifel unentdeckt geblieben, wenn nicht die Kath ihren Genossen den ihnen gebührenden Diebesanteil unter allerlei Ausreden vorenthalten hätte. Das veranlaßte die Thom, von Bärwalde, wohin sie sich nach dem Diebstahl zurückbegeben hatte, zur Stibbe nach Tempelburg zu gehen, um dort nähere Erkundigungen über den Verbleib des gestohlenen Zeuges einzuziehen. Die Stibbe erteilte ihr keinen Aufschluß, sondern speiste die Thom mit einem Gericht von Fischen und Kartoffeln ab. Dieses Fischgericht wurde der Diebesgesellschaft aber in ähnlicher Weise wie einst dem Esau sein Linsengericht verderblich. Eine Mitbewohnerin der Stibbeschen Wohnung belauschte das Gespräch, das die Thom und die Stibbe während des Essens miteinander führten, und teilte alles, was sie dabei erfahren hatte, der Polizei mit. Die Entdeckung machte bei den Genossinnen der Thom und bei ihrer ganzen Bekanntschaft das größte Aufsehen und zog der Thom, die dann vor Gericht die Tat auch noch gestanden und ihre Mitschuldigen angegeben hatte, die heftigsten Vorwürfe zu. Als die Kleist sie deshalb mit den Worten: »Hanne, was hast du gemacht?« zur Rede stellte, schüttete die Thom ihr ganzes Herz aus. Sie sagte, was die Ulrich betreffe, so wisse sie von deren Mitwirkung bei dem Diebstahl des Stückes Zeug nichts, und sie habe deswegen die Ulrich auch nicht als mitschuldig bezeichnet, und die Ulrich habe infolgedessen gar keine Ursache, auf sie böse zu sein. Dasselbe teilte die Thom auch anderen Personen gesprächsweise mit und setzte dabei noch hinzu, sie würde selbst die Janke loslassen, obwohl diese sie auf den Tod habe schlagen wollen, aber sie müsse ihr dafür fünf Silbergroschen geben. Für einen solchen geringen Silberling also wollte die Thom ihr Zeugnis in der Sache verkaufen, die ihren Genossinnen eine wahrscheinlich sehr bedeutende Strafe einbringen mußte. Von der Kleist wurde die Thom noch besonders gewarnt, sie möchte sich von der Kath, der Ulrich und der Janke fernhalten, um der Gefahr zu entgehen, die ihr von diesen drohe. Es war aber nicht ihre Art, eine solche Warnung zu beachten; als sie nach ihrer Ausweisung aus der Stadt Bärwalde nicht wußte, wohin sie sich wenden sollte, lief sie, einem gehetzten Hasen gleich, ihrer Verderberin, der Kath, unmittelbar in die Hände. Hinsichtlich der Vorbereitungen zur Tat standen die Auslassungen der beiden geständigen Verbrecherinnen zwar nicht in allen besonderen Umständen in voller Übereinstimmung miteinander, doch geht aus ihrer im wesentlichen nicht voneinander abweichenden Darstellung, der sich zuletzt selbst die Aussage der Kath in einzelnen Punkten näherte, zur Genüge hervor, daß alle drei Mörderinnen bei der Tat einem durch bestimmte Verabredungen festgesetzten Plane gefolgt sind, also mit vollem Vorbedacht gehandelt haben. Gerade die nicht geständige, mit der Teilnahme am Morde auch die Teilnahme an einem Mordbeschluß leugnende Kath wollte eine ihrer Genossinnen, die Ullrich, bezichtigen, daß sie den Mordgedanken als erste gefaßt habe, indem sie behauptete, die Ulrich habe schon zu der Zeit, als die Thom noch in Haft war, gesagt, die Thom müsse ersäuft werden. Seitdem, und zwar besonders seit dem Tage, als die Kath und ihre Genossinnen die Anklage der Staatsanwaltschaft mit der Vorladung zum Termin am 12. Mai erhalten hatten, sollte, wie die Kath zugab, mancherlei über die Beseitigung der Thom von ihnen hin und her geredet worden sein; sie räumte aber nicht ein, daß es zu einem bestimmten Entschluß darüber gekommen sei, und äußerte nur zuletzt, durch die Gegenüberstellung mit der Ulrich und der Janke aufs äußerste gedrängt: »Daß am Abend des 8. Mai über das Inswasserstürzen der Thom etwas bestimmt und meinerseits davon zu sprechen angefangen worden sein sollte, darauf kann ich mich nicht besinnen.« Dagegen geben die Geständnisse der Ulrich und der Janke, von denen das letztere noch mehr als das der Ulrich das Gepräge der Offenheit an sich trägt, darüber, wie der Mordgedanke zuerst gefaßt wurde und wie dann die Schritte zu seiner Verwirklichung aufeinanderfolgten, den genauesten Aufschluß. Sobald die Kath, die Ulrich und die Ianke erfahren hatten, daß wegen des Tempelburger Marktdiebstahls Anklage wider sie erhoben worden sei, sannen die Kath und die Ulrich darauf, die Thom zu beseitigen, teils um an ihr Rache wegen des verübten Verrats zu nehmen, teils weil sie glaubten, daß sie freigesprochen werden würden, wenn die Thom nicht mehr in der Eigenschaft einer geständigen Mitschuldigen als Hauptzeugin im mündlichen Verfahren gegen sie auftreten könne. Die Kath führte in der Unterredung, die sie mit der Ulrich und der Janke über diese Dinge führte, an, daß es ihr, der Kath, und ebenso der Janke, sehr schlecht ergehen würde, wenn die Thom bei ihrer Bezichtigung gegen sie bliebe; sie hätten wegen ihrer früheren Bestrafungen zu erwarten, daß sie lange Zeit ihres Lebens im Zuchthause würden zubringen müssen; vielleicht erinnerte sie sich dabei daran, daß nach dem früheren preußischen Strafrecht auf den vierten Diebstahl lebenslängliches Zuchthaus stand; die Diebe von Profession kennen ja oft die Gesetze sehr genau. Es sei daher, meinte die Kath bei der Unterredung, unbedingt notwendig, die Thom umzubringen. Auch die Ulrich war dieser Meinung, ging mit Eifer auf die Vorschläge der Kath ein und fügte selbst noch einige hinzu. Die Kath schlug zunächst vor, man solle die Thom zum Pflücken von Brunnenkresse in der Nähe eines Wasserloches im Torfmoor auffordern und sie dann in das Wasserloch werfen. Die Janke wendete jedoch ein, auf dem Torfmoor wären immer Hütejungen, die leicht sehen könnten, was mit der Thom vorgehe; man verschob daher die weitere Erwägung, wie man sich der Thom entledigen wollte, bis auf die Zeit, da die Thom selber nach Bärwalde kommen würde. Kaum aber hatte die Kath Nachricht erhalten, daß die Thom nach Bärwalde kommen werde, so trat sie auch sogleich in Gemeinschaft mit der Ulrich von neuem in volle Tätigkeit. Schon am 7. Mai, einem Sonntage, glaubten die Kath und die Ulrich, daß die Thom, die sich bis dahin noch nicht hatte blicken lassen, nach Bärwalde gekommen sei. Sie suchten sie an verschiedenen Orten in der Stadt, und die Kath sagte dabei wiederholt zu der Ulrich: »Fort muß sie.« Die Thom war jedoch am Sonntag nicht aufzufinden, vermutlich trieb sie sich noch auf dem platten Lande in der Nähe der Stadt umher. Am Montag nachmittags aber kam die Kath zur Janke, sagte: »Nun haben wir das Mensch«, und forderte gleichzeitig von der Janke neun Pfennige zu Schnaps für die Thom. Darauf ging die Kath zur Ulrich, um ihr die Neuigkeit mitzuteilen, und kehrte dann gegen Abend zur Janke zurück. Auf die Frage der Janke, wo die Thom denn sei, erwiderte die Kath: »Im Stalle bei der Wietzke. Sei still, sonst bringt sie der Hoffmann (der Polizeidiener) wieder fort.« Abends nach acht Uhr, als die Janke schon zu Bette gegangen war, fand sich die Ulrich bei ihr ein und rief sie vor die Tür hinaus, weil sie etwas mit ihr allein zu besprechen habe. Die Janke zog sich wieder an, beide setzten sich nun auf einen vor der Tür liegenden Kiefernstamm, und die Ulrich begann sodann die Unterredung mit den Worten: »Jetzt ist die Thom hier. Die Kath ist bei mir gewesen, ich habe ihr neun Pfennige zu Schnaps für sie geben müssen; jetzt muß sie verschwinden!« Zu diesem Gespräche kam die Kath hinzu, und nun begann eine ganz ausführliche Besprechung darüber, wie man es anfangen solle, sich der Thom zu entledigen, und zwar möglichst bald, weil die Thom vorhabe, sich zu ihrer Schwester in Flackenheide zu begeben, und ihr dann schwerlich mehr vor dem 12. Mai, dem Tage der Verhandlung, beizukommen sein werde. Die Kath wandte sich zunächst an die Janke mit den Worten: »Nun, Karoline, wie denkst du? Wie kriegen wir das Mensch am ehesten tot?« Die Ianke antwortete ausweichend, jedoch für den, der es verstehen wollte, schon deutlich genug: »Ich gehe morgen nach Zuchen.« Die Kath beachtete oder verstand den Wink nicht und fragte weiter: »Was brennt am stärksten?« Die Ulrich antwortete: »Vitriolöl! Das brennt am stärksten.« »Ja,« meinte darauf die Kath, »da muß aber noch was mang, Quecksilber und Schnaps, oder man gibt ihr Rattenpulver, davon muß sie platzen.« Darauf sagte die Janke, daß sie diese Dinge nicht in der Apotheke bekommen würden und man am Ende die Thom damit auch gar nicht tot kriege, da sie weder an dem Vitriolöl verbrennen noch von dem Rattenpulver platzen würde; wer ihr aber das Glas gegeben hätte, gegen den würde sie später gewiß aussagen. Das schien der Kath und der Ulrich einzuleuchten, und nun brachte die Kath etwas anderes, das Ersäufen, auf die Bahn. Sie schlug vor: »Wir können nach Crössin gehen, dorthin wird uns die Thom gern folgen, weil sie da Verwandte hat. Bei Crössin setzen wir uns an das hohe Ufer der Persante, die Ulrich setzt sich neben die Thom, ich mich hinter sie, dann kommt die Janke und schiebt mich, ich aber schiebe die Thom und gebe ihr gleich einen Stoß, daß sie in das Wasser fliegt.« Dieser Vorschlag erschien ebenfalls nicht annehmbar, weil es ungewiß war, ob man überhaupt zu seiner Ausführung kommen könnte; er führte aber die Ulrich darauf, mit einem ähnlichen hervorzutreten, der dann wirklich in die Tat umgesetzt wurde: die Thom zu einem Bettelgang nach Wusterhause und Zuchen aufzufordern und sie von der zwischen Wusterhause und Zuchen in der Nähe des Vorwerkes Schwartow über die Persante führenden Brücke in die Persante hinunterzuwerfen. Die Ulrich wollte auf dem Steg vorangehen, dann sollte die Thom folgen, und hinter der sollte die Janke kommen, der die Ulrich die Aufgabe zugedacht hatte, die Thom vom Steg herunter ins Wasser zu werfen. Als aber die Janke gegen die ihr zugewiesene Rolle protestierte, griff die Kath schnell ein und sagte: »Nun, dann werde ich es tun!« Niemand erhob einen Widerspruch, und man beschloß danach, in dieser Weise Hand an die Thom zu legen und sie vorher betrunken zu machen. Jedes der drei Weiber gab einen Silbergroschen; die Ulrich holte dafür Branntwein und Spiritus, beides wurde zusammengegossen und am anderen Morgen mitgenommen. Weiter wurde verabredet, daß die Thom von der Kath abgeholt werden sollte und die Ulrich und die Janke ein Stück vorausgehen und mit der Kath und der Thom bei dem Dorfe Wusterhause zusammentreffen sollten. Die Ausführung der Tat entsprach diesen Verabredungen auf das genauesle, nur das Herauslassen der Thom aus dem Wietzkeschen Stall am Morgen des 9. Mai durch den Sohn der Kath scheint nicht zu dem Plan gehört zu haben; aber die Kath sorgte dafür, daß der übrige Teil des Planes durch das vorzeitige Fortgehen der Thom nicht gestört wurde; denn kaum hatte sie von dem Aufbruch der Thom gehört, als sie ihr auf dem Fuße folgte, sie einholte und dazu bewog, sich ihr auf ihrem Wege nach Wusterhause anzuschließen. Alle, die die Thom zu dieser Zeit aus größerer oder geringerer Entfernung sahen, bemerkten, daß sie einen Sack – den Bettelsack der Wietzke, den ihr diese geliehen hatte – auf dem Kopfe trug, vermutlich, um sich dadurch unkenntlich zu machen und den Nachforschungen der Polizei zu entgehen, die sie aus Bärwalde ausgewiesen hatte. Noch ehe die Thom aus dem Stalle herausgelassen worden war, hatten sich aber auch die Ulrich und die Janke auf den Weg gemacht. Bei dem Dorfe Wusterhause ließen sie sich von der Thom und der Kath einholen. Die Thom hatte schon in der Frühe der Flasche kräftig zugesprochen, jetzt wurde von neuem getrunken und der Thom von den anderen zugeredet, es sich nur schmecken zu lassen. Nach kurzer Rast brach die Gesellschaft wieder auf und kam an den verhängnisvollen Steg. Alle vier setzten sich zum Ausruhen nieder, die Thom stärkte sich nochmals durch einen tüchtigen Schluck Branntwein, dann ging es in der ausgemachten Ordnung nach dem Steg zu. Die Persante berührt hier in ihrem Lauf von Südosten nach Nordwesten mit ihrem linken Ufer die Feldmark des Dorfes Zülkenhagen und mit dem rechten die des Vorwerks Schwartow, das nur noch einige hundert Schritt von dem Steg entfernt ist. Das Ufer der Persante ist an beiden Seiten abschüssig, aber im Durchschnitt nur drei Fuß hoch und steigt erst einige hundert Schritt unterhalb des Stegs, wo sich auf dem linken Ufer eine kleine Anhöhe erhebt, fast um das Doppelte auf. Die größte Tiefe des Flüßchens, dessen Bett an mehreren Stellen durch Verwachsungen und alte, aus dem Boden hervorragende Baumstämme verengt ist, beträgt in der Gegend, von der hier die Rede ist, im Durchschnitt zwei Fuß. Man hat sich mit dem Gedanken beschäftigt, den Fluß mit Hilfe des Wassers des Vilmsees bei Neustettin zu einem schiffbaren Kanal umzuschaffen, um so eine Verbindung mmit der Netze herzustellen. Die Kostenhöhe hat jedoch bis jetzt noch davon zurückgeschreckt. Ungefähr vierzig Schritt unterhalb des Stegs ergießt sich der von Gramenz kommende Rieselbach in die Persante und vermehrt durch seinen Zufluß die Kraft der Strömung. Die Breite des Flusses am Stege mag etwa vierundzwanzig Fuß betragen. Der zwanzig Schritt lange Steg wird durch einen Balken, an den ein anderes Stück Holz angelegt ist, gebildet und hat nur an einer Seite – der linken, wenn man von Wusterhause her nach Schwartow zu geht – ein Geländer. Der Stegbalken liegt an beiden Seiten auf dem hohen Ufer auf und erhält dadurch seine verhältnismäßig beträchtliche Länge. Von dem Wasserspiegel ist er ungefähr fünfzehn Fuß entfernt. Nachdem die Ulrich den Steg als erste betreten hatte, schritt die Thom ihr nach, dieser folgte die Kath, und hinter der Kath ging die Janke. Das Hinabstürzen der Thom mußte, wenn es mit voller Wirkung geschehen sollte, in der Mitte des Stegs erfolgen, weil man sich dort gerade über der größten Tiefe des Flusses befand. Das war von der voranschreitenden Ulrich nicht beachtet worden; sie hatte fast schon das andere Ufer erreicht und die Thom hinter sich hergehen lassen. Da erhob die Kath gebieterisch ihre Stimme und rief ihr zu: »Ulrichsche, so geht das nicht, du mußt zurück! Du weißt ja, was wir vorhaben!« Die Ulrich ging auch sofort zurück, gleichzeitig ging auch die Thom zurück, ohne daß sie eine Ahnung davon hatte, daß es sich dabei um ihren Hals handle, und kehrte dabei der Kath den Rücken zu. In dem Augenblick, in dem die Thom bis zur Mitte des Stegs gelangt war, wurde sie von der Kath mit beiden Händen in die linke Seite gepackt, unter Anwendung aller Kraft nach der rechten Seite des Stegs gedrängt und hinuntergeworfen. Jetzt stieß die Thom einen, wahrscheinlich den einzigen, furchtbaren Schrei aus und versuchte es, sich mit der einen Hand an dem Geländer und mit der anderen an der Schürze der Kath festzuhalten. Eine Zeitlang blieb sie auch wirklich in der Schwebe zwischen dem Steg und dem Wasser, trotzdem daß ihr die Kath noch einen zweiten kräftigen Stoß versetzte. Das Geländer brach jedoch, und von der Schürze wurde ihre Hand durch die Kath gewaltsam losgemacht. Sie stürzte in das Wasser und wurde von dem Strome, die Füße nach vorn gekehrt, eine Strecke schwimmend flußabwärts getrieben. Bei der geringen Tiefe des Wassers und der nur mäßigen Kraft der Strömung arbeitete sie sich in einer Entfernung von ungefähr fünfzehn Schritt vom Stege aus an das rechte Ufer des Flusses hinüber, dort fand sie an einem großen Stein einen Anhalt und versuchte, herauszukommen. Aber schon eilten die drei Mordgenossinnen vom rechten Ufer herbei und stießen sie vom Stein in den Strom zurück. Die Janke befand sich, als sie fortstoßen half, im Wasser und wurde, weil sie nicht recht angreifen wollte, von der Kath mit den Worten angefeuert: »Karoline, bist du nicht gescheit, auf dich bekennt sie ja alles« (dir legt sie ja bei dem Tempelburger Diebstahl die größte Schuld bei). Vom Strome getragen, gelangte die Thom bis zu einer etwa fünfundzwanzig Schritt unterhalb des erwähnten Steins befindlichen Stelle des rechten Ufers, wo die Persante dicht vor der Mündung des Rieselbachs eine Einbiegung nach dem Bache zu macht; hier kam sie bei einem Stubben wieder auf das Seichte und klammerte sich an den Stubben an, wurde aber von der hierher schon vorausgeeilten Ulrich vom Stubben losgemacht und wieder in den Strom hineingestoßen. Nicht weit – einige Schritt – stromabwärts bot sich für die Thom in den Verwachsungen des hier sehr zusammengedrängten Flusses ein neues Rettungsmittel in einem von Gebüsch umgebenen Baumstamm dar. Die Thom faßte den Baumstamm mit der linken Hand an und kam so im Wasser aufrecht zu stehen, so daß ihr die Flut bis unter die Arme reichte. Inzwischen waren die drei Furien aber schon wieder in ihre Nähe gekommen, alle drei rissen die Thom von dem Baumstamm los, die Kath ergriff sie an dem über dem Scheitel zusammengebundenen Zopf, tauchte sie eine Weile unter das Wasser und stieß sie dann fort, so daß sie nun endgültig der Gewalt des Stromes überlassen war. Die Thom brachte nur die Worte »Ach Gott« hervor, dann ergab sie sich in die ihr angetane Gewalt. Bei dieser Gelegenheit warf sich die Janke ins Wasser und schwamm der Thom nach. Nachdem beide eine Strecke weit vom Flusse fortgetrieben worden waren, machte die Thom den Versuch; sich an der Janke festzuhalten und griff sie dabei so fest an, daß sie ihr die linke Hand zerkratzte und den linken Rockärmel zerriß. Die Janke schüttelte die Thom aber wieder von sich ab und schob sie vorwärts von sich weg in den Strom hinein. Von nun an folgte die Janke, die sich bald wieder emporraffte und Grund unter die Füße bekam, der schon halb bewußtlos mit dem Strome treibenden Thom, um den Erfolg des Unternehmens auf jeden Fall zu sichern. Die Kath und die Ulrich aber schritten zu beiden Seiten des Flusses am Ufer einher, zuerst die Kath am rechten, die Ulrich am linken Ufer, dann wieder umgekehrt, die Kath am linken und die Ulrich am rechten, um der Thom jeden Versuch, an das Ufer zu kommen, mit Gewalt zu wehren. Dabei wurde die Janke von der Kath und der Ulrich fortwährend ermuntert, sie solle es ihnen nicht so schwer machen und die Thom nicht wieder an das Land krabbeln lassen. Die Kath besonders erging sich in den heftigsten Schimpfreden gegen die Janke, weil sie zu bemerken glaubte, daß diese der ihr auferlegten Pflicht nicht mit hinreichender Aufmerksamkeit nachkomme. Sie sagte unter anderem: »Karoline, du stehst wie ein Maulaffe da, als wärst du nicht bei Sinnen! Wie kannst du das Mensch an das Land lassen wollen!« Das unablässige Tadeln und Schmähen wirkte endlich, wie die Janke angab, so auf sie, daß sie mit den Worten: »Nun, auf eure Verantwortung hin will ich tun, was ihr von mir verlangt«, die Thom beim Kopf ergriff, sie einige Minuten unter das Wasser tauchte und ihr dann noch einen Stoß versetzte, der sie stärker im Strome forttrieb. Dann wandte sie sich dem rechten Ufer zu, um das Wasser zu verlassen, aber jetzt bereute sie schon die schreckliche Tat. Da, noch ehe sie ans Land getreten war, trieb die Thom in ihrer Nähe; von Mitleid ergriffen, streckte ihr die Janke mit den Worten: »Hanne, komm heraus!« den Arm entgegen und leitete sie langsam an der linken Hand an den Rand des dort ziemlich steilen Ufers. In einem bis fast an den Fluß reichenden Kornfelde setzten sich beide nieder und fingen eben an, sich zu erholen und die Kleider auszuringen, als die Ulrich und die Kath heraneilten und der Janke sofort die heftigsten Vorwürfe machten. Die Ulrich reichte ihr einen Knüttel und forderte sie auf, die Thom damit auf den Kopf zu schlagen; die Janke warf jedoch den Knüttel ins Wasser und sagte: »Jetzt laßt sein!« Weder die Ulrich noch die Kath wollten jedoch von der Thom ablassen, beide überschütteten vielmehr die Janke mit einer Flut von Scheltworten und hielten ihr ihr sinnloses Gebaren vor. Die Ulrich rief: »Die Thom muß sterben, sie hat ja nichts anzuziehen, und das wird uns alle verraten, sie kann uns alle unglücklich machen!« Sie meinte damit, daß die Thom sich durch ihre Fußbewegungen im Wasser den Rock und die Schürze abgetreten und beide verloren hatte. Der Rock wurde auch wirklich später in der Stromenge hängend entdeckt; in den Taschen befanden sich noch wohlerhalten die Papiere der Thom, ihr Zwangspaß, die Abschrift der Anklage wegen des Tempelburger Diebstahls und die Vorladung zum 12, Mai vor das Kreisgericht in Neustettin, Die Janke versuchte auch, ihre beiden Gefährtinnen wegen des Rockes und der Schürze zu beruhigen. Sie erbot sich, ihren eigenen Unterrock auszuziehen und ihn der Thom zu leihen. Inzwischen war auch die Thom selbst wieder zu Kräften gekommen und bat flehentlich, ihr das Leben zu lassen. Sie beschwor insbesondere die Ulrich, daß sie ihren Haß fahren lassen und ihr zum Zeichen, daß sie ihr Bitten erhören wolle, einen Kuß geben möge. Allein die Ulrich und die Kath waren taub gegen die Stimme der Menschlichkeit. Mit dem wiederholten Ausruf: »Sie muß sterben!« packte die Ulrich die Thom unter den Armen und stürzte sie von dem hohen Ufer herab, indem sie die Unglückliche dabei noch mit den Worten höhnte: »Da hast du deinen Kuß«. Sie ging ihr sofort in den Fluß nach und drückte sie eine Weile – mehrere Minuten lang – unter das Wasser. Nachdem sie die Thom ihrer Meinung nach lange genug unter Wasser gehalten hatte, gab sie ihr nochmals einen Stoß in den treibenden Strom hinein und ging dann an das rechte Ufer zurück. Die Thom trieb der entgegengesetzten Seite, dem linken Ufer, zu und kam dabei mehr und mehr aus dem Wasser heraus. Sie konnte wieder Atem holen und fing an, sich dem rettenden Lande zu nähern. Aber dort stand das unerbittlichste der drei Weiber, die Kath, zu ihrem Empfange bereit. Schon von weitem schwang sie drohend einen Knüttel und rief: »Komm man her!« Die Thom flehte nochmals um ihr Leben, allein da war kein Erbarmen. Mit dem Stock scheuchte sie die Kath in den Fluß zurück, eilte ihr nach in das Wasser und streckte sie dort mit einem Schlage zu Boden. Dann setzte sie ihr den Knüttel auf die Brust und drückte sie etwa zehn Minuten lang unter das Wasser. Erst als ihr die Ulrich vom anderen Ufer her zurief: »Laß das Mensch doch einmal wieder in die Höhe, wir wollen sehen, ob sie noch lebt«, gestattete sie der Unglücklichen, emporzutauchen. Aus Nase und Mund strömten kleine Bläschen, und die Thom regte sich noch immer. Mit den Worten: »Ja, das Mensch lebt noch!« faßte die Kath sie am Zopf und drückte sie mit dem Kopfe nach unten auf den Sand des Grundes, bis alle Lebenszeichen verschwunden waren. Hierauf drehte sie den toten Körper um und stieß ihn in die Strömung, indem sie rief: »Jetzt habe ich ihr den letzten Dallast (Gnadenstoß) gegeben, nun schwimm hin, du Teufel, wohin du willst.« Nach der Tat sammelten sich die drei Mörderinnen wieder an dem Steg. Sie nahmen dort ihre Bettelsäcke und Pantoffeln wieder auf, wobei den Sack der Thom die Ulrich erhielt, der Branntwein wurde vollends ausgetrunken, und eine gelobte der anderen unverbrüchliches Schweigen über den gräßlichen Mord. In einem Fichtenwalde auf dem Wege nach Zuchen trockneten die drei Weiber ihre Kleider, dann wandten sie sich vom Strom ab und traten den Rückweg an. Wir haben den Hergang dieser unerhörten Tat nach den übereinstimmenden Erzählungen der Ulrich und der Janke geschildert, und auch die Kath hat zuletzt zugegeben, daß sich die Sache so zugetragen hat, nur daß sie beharrlich leugnete, ihrerseits mitgewirkt zu haben, und alles, was sie selbst getan hatte, ihren Gefährtinnen aufbürdete. Im wesentlichen wird dadurch nichts geändert, das grauenhaft dunkle Bild erhält dadurch keine hellere Farbe, und niemand wird es glauben, daß die Kath der Mordszene untätig und erschrocken vom linken Ufer aus zugesehen und eine Rettung der Thom nur deshalb nicht versucht habe, weil sie dann für ihr eigenes Leben habe fürchten müssen. Kurz vor der Schwurgerichtssitzung wurde ein weiterer Umstand ermittelt, der den Anteil der Kath an dem Mordplan und an dessen Ausführung völlig außer Zweifel stellte. Am 8. Mai, dem Tage vor der blutigen Tat, war sie zu einer Frau Block gekommen und hatte zu ihr gesagt: »Wir wollen morgen ein Hühnchen rupfen, und das Hühnchen habe ich im Stalle. Es ist dasselbe Hühnchen, das in Tempelburg gesessen hat und uns in das Unglück bringen tut. Wir wollen morgen alle vier schnurren gehen, und zwar weit von hier. Unterwegs wollen wir das Hühnchen rupfen, und dazu brauchen wir den vielen Schnaps. Und mein Gewissen, das plagt mich so, daß ich in vielen Nächten nicht habe schlafen können, bis wir das Hühnchen gerupft haben. Ich schlage gleich einen tot, und dann können sie mir das Messer an die Kehle setzen.« Auch während der Haft ließ die Kath einmal eine Äußerung entschlüpfen, die ihr Schuldbewußtsein verriet. Die Gefangenenwärterin Jagenow bezeugt nämlich, eines Tages habe sie der Kath das Mittagessen in die Zelle getragen und sie weinend getroffen. Auf ihre Frage, warum sie denn weine, habe die Gefangene erwidert: »Nun soll ich meinen Kopf unschuldig verlieren.« Auf die Bemerkung der Jagenow, das wisse sie ja noch nicht, habe sie entgegnet: »Ja! ja! Ich möchte aber doch lieber zwanzig Jahre sitzen, meinen Kopf möchte ich doch gern behalten.« Endlich hatte auch die Kath der verehelichten Jeske, der Mitschuldigen an dem Marktdiebstahl in Tempelburg, unmittelbar nach dem Morde gesagt, die Thom könne ihr nichts mehr schaden, sie hätten das Mensch beiseitegeschafft. In der Schwurgerichtsverhandlung erklärte sich die Kath für nicht schuldig, die Ulrich und die Janke dagegen gestanden ihre Schuld zu. Beider Schuldbekenntnisse wurden jedoch weder von der Verteidigung noch von der Staatsanwaltschaft für genügend erachtet, um ohne Zuziehung der Geschworenen das Urteil zu fällen. Diese Geschworenen erklärten die Kath für der unter der Beihilfe anderer an der Thom vorsätzlich und mit Überlegung verübten Tötung, die Ulrich und die Janke aber für der wesentlichen Teilnahme an diesem Verbrechen schuldig, bejahten aber die bezüglich der Janke an sie gerichtete Frage nur mit sieben gegen fünf Stimmen, was sie stets zu tun pflegen, wenn ihnen die Sache zweifelhaft ist und sie die Meinung des Gerichts zu erfahren wünschen. Nun mußten die Richter hinzutreten, und sie entschieden sich dahin, daß auch die Janke an dem Morde wesentlich teilgenommen habe. Über alle drei Angeklagte wurde die Todesstrafe verhängt. Nur die Janke rief die königliche Gnade an; der König bestätigte jedoch das Urteil, und die Hinrichtung der drei Missetäterinnen wurde am 5.Oktober 1855 in Neustettin vollzogen. Es war ein besonderer, nahe an der Stadt gelegener Platz ausgewählt und mit einem zwölf Fuß hohen Bretterzaun umschlossen worden. In diesen Raum wurden die dem Beile des Henkers verfallenen Weiber, eins nach dem anderen, in der durch den Grad ihrer Schuld bestimmten Reihenfolge, die Kath zuerst, die Janke zuletzt, hineingeführt; eine rote Fahne, die vom Hinrichtungsplatz aus nach der Stadt hinausgesteckt wurde, gab das Zeichen zum Beginn der Urteilsvollziehung; man sorgte dafür, daß keine der nachfolgenden Delinquentinnen von der vorangegangenen Hinrichtung Spuren bemerkte. Die Ulrich und die Janke starben als reuige Sünderinnen, kurz vor ihrem Tode sahen sie ihre Kinder noch einmal und empfingen, wohl vorbereitet, das heilige Abendmahl. Die Kath beugte ihren Sinn auch im Angesicht der Ewigkeit nicht, ja sie brach, als man ihr das Nachtmahl versagte, in die Lästerung aus, sie hoffe von Gott doch gnädig aufgenommen zu werden, da er ihre Unschuld ansehen werde. So, halsstarrig und unbußfertig, legte sie das Haupt auf den Block. Die weiße Katze und das weiße Mädchen In der kleinen Stadt Issoudun in Frankreich lebten zu Ende des vorigen Jahrhunderts eine weiße Katze und ein junges weißes Mädchen. Man weiß nicht, worin sie einander ähnlich waren, dennoch gaben sie zu einer Verwechslung und zu einem Streite Anlaß, der zu den betrübendsten Folgen für die Stadt hätte führen können, die Gerichte und das Parlament in Bewegung setzte und lange Jahre von sich sprechen machte. Die Katze war eben nichts als eine weiße Katze, und man weiß nicht einmal von ihr, ob sie einem bestimmten Herrn angehört hat oder keinem, sondern nur, daß sie sich nachts auf den Dächern ihres Lebens freute. Von dem weißen Mädchen weiß man mehr. Sie hieß Mademoiselle Cornudet, war von rechtschaffenen Eltern und ihrem Stande nach eine Coiffeuse oder, wie wir damals in Deutschland zu sagen pflegten, eine Frisiermamsell. Sie ging in die Häuser und frisierte die Damen von Issoudun, zu jener Zeit ein Geschäft, von dem man nicht reich werden, aber doch anständig leben konnte. Sonst hatte sie kein Vermögen, aber einen unbescholtenen Ruf, und wie hoch sie diesen anschlug, davon gibt der folgende Vorfall Auskunft. Sie war ein hübsches Mädchen und lebte sehr glücklich in dem Bewußtsein, daß sie es war und man es anerkannte, in dem Bewußtsein ihrer Tugend und im Bewußtsein dessen, daß sie durch ihrer Hände Arbeit und ihren guten Ruf in allen guten Häusern sich einen anständigen Verdienst zu verschaffen imstande war. Da drohte eine furchtbare Oktobernacht dieses ganze Glück zu zertrümmern. Die Bewohner von Issoudun müssen vor der Revolution sehr lustige Leute gewesen sein. Sie waren, wie Demoiselle Cornudet, mit Geringem zufrieden und beuteten es zu Größerem aus. Am 25. Oktober 1779 hatten die Späße des Polichinell, die in Paris schon für abgestanden galten, das Theater-Publikum und namentlich die jungen Leute außerordentlich belustigt. Endlich war die Vorstellung zu Ende, und das zahlreiche Publikum zerstreute sich auf die Gassen, wo es aber, angefächelt von einer lauen, schönen Herbstnacht, aufs neue zu lachen anfing. Sieben junge Männer namentlich, deren Identität man nachher feststellte, fanden ihr Vergnügen daran, in allem, was ihnen begegnete, eine Fortsetzung der Komödie und Beziehungen auf den Polichinell zu entdecken. Sie ahmten ihn nach, tanzten, sangen, stotterten wie er, und es ist merkwürdig, wie viele Möglichkeiten sie auf dem kurzen Wege vom Theater bis in ihr Haus in dem kleinen Issoudun fanden, ihren unerschöpflichen Witz auszulassen. Besonders stieg ihre Lustigkeit in der Straße des pucelles auf den Höhepunkt. In dieser Straße wohnte das weiße Mädchen, aber nach dem Hofe hinaus, und in derselben Straße hielt sich auch die weiße Katze auf, man weiß nicht ob für immer oder nur für eine Zeitlang, oben auf dem Dache. Die ausgelassenen jungen Leute erblickten sie dort. Kaum daß der erste sie gesehen hatte, griff er schon nach einem Stein und schleuderte ihn nach dem leuchtenden Gegenstande. Die Ungeschicklichkeit des ersten reizte nur die andern und vermehrte ihre Tollheit. Sie griffen alle nach Steinen, die aber alle fehltrafen. Die weiße Katze machte einen Satz ins Dunkle, um zu verschwinden. Sie ist nicht wieder zum Vorschein gekommen. In derselben Jungfrauengasse, in der sich die weiße Katze und das weiße Mädchen aufhielten, wohnten auch verschiedene Schuhmacher. An demselben 25. Oktober wurde unter der löblichen Schuhmacherzunft das Fest ihres Heiligen, des heiligen Crispin, gefeiert. Es war ein sehr lustiges Fest, bei dem Meister, Gesellen und Lehrlinge das Glas in der Hand Brüderschaft tranken, Brüderlichkeit und Gleichheit herrschten an diesem Feste schon lange vor Ausbruch der Revolution, die erst nach zehn Jahren für das moderne Frankreich diese Errungenschaften brachte. Zwei Schuhmacher, Benoit und Rouger, hatten sich an diesem Abend verbunden, das Fest ihres Patrons zu feiern, und es geschah gerade in dem Hause, vor dem die sieben den Lärm gemacht. Lärm war drinnen und draußen. Drinnen klirrten die Gläser, der Wein floß nicht allein in die Becher, sondern auf den Tisch und, wie man behauptete, schon unter dem Tische. Die Geister waren erhoben, die Augen schon etwas trübe, als die Schuhmacher außer ihren klingenden Gläsern auch klirrende Glasscheiben hörten und neben ihren brüllenden Toasts auch noch andere brüllende Rufe, die sie für eine schändliche Verhöhnung ihres Festes, ihrer löblichen Innung und ihres heiligen Schutzpatrons ansahen. Sie stürzten sich auf einen Balkon, der nach der Straße hinausging. Die heftigste Wut erfüllte besonders Benoits Gattin, die nicht weniger als die Männer zu Ehren ihres Patrons getrunken hatte. Namentlich empörte sie das abscheuliche Gelächter und die miauenden Töne, mit denen die ruchlosen Menschen ein ehrbares Handwerk und seinen Heiligen verspotteten. Von dem Balkon flog ein Donnerwetter auf die nächtlichen Ruhestörer herab, ein Donnerwetter von Vorwürfen und Schimpfreden, das aber, wie Orgeltöne, nicht schwächer wurde, sondern fortrollte, denn wenn der eine schwieg, fing der andere wieder an. Aber die Frau Schuhmacherin Benoit übertraf an Wut und eindringlicher Beredsamkeit die Männer noch um ein bedeutendes. Die Angreifenden unten antworteten durch nichts als durch ein schallendes Gelächter, wenn die Dame innehielt, worauf sie wieder eine Weile stille waren, um den neuen Zornerguß zu hören. Endlich ergriff Rouger eine Waffe, es war zwar nur ein Schabeisen, aber er schien entschlossen, es bis zum äußersten zu gebrauchen, und indem er es schwang, rief er alle zum Kampf auf, die es wagten, sich ihm zu nahen. Da trat einer von den Lachern, Debèze, als Parlamentär hervor und sprach ganz ruhig: »Lieber Freund, wir haben ganz und gar nicht die Absicht, Sie zu beleidigen; wir haben bloß nach der weißen Katze geworfen.« Die Besinnung und mit ihr die Beschämung kehrten sehr bald bei den Jüngern des heiligen Crispin ein; sie schwiegen. Es klang so vernünftig, was der junge Mann sagte, und es war auch wirklich vernünftig. Rouger senkte seine mörderische Waffe, Benoit schlich sich in das Haus zurück, und auch seine wütende Frau fand es geraten, die Begeisterung, den Irrtum und die Beschämung dieser Nacht in ihrem Bett zu vergraben. Alles das wurde später aktenmäßig bekundet, und darüber herrschte kein Zweifel. Auch kehrten die nächtlichen Ruhestörer bald nach diesem Vorfalle nach Hause zurück, und der letzte Teil der Nacht ist ruhig vergangen. Was aber zwischen diesem ersten Steinwurf gegen die weiße Katze und dem Moment, da die Schusterfamilie sich wieder zur Ruhe begab und im allgemeinen wieder Ruhe in Issoudun einkehrte, vorging, ist nicht so ganz außer Zweifel. Demoiselle Cornudet wohnte, wie gesagt, in dem Hause, in dem auch der Schuhmacher Rouger wohnte, und in demselben, auf dessen Dach sich wahrscheinlich auch die weiße Katze gezeigt hatte. Nach ihrer Erklärung waren in der denkwürdigen Nacht, die auf den 25. Oktober folgte, einige junge Leute, die von einem schwelgerischen Gelage spät heimkehrten, in das Haus gedrungen. Sie hatten irgendwie die Haustür geöffnet oder gesprengt und waren so in den Hof gelangt. In der Stube der jungen Coiffeuse brannte noch Licht. Sie riefen ihr zu, sie solle aufmachen, und als sie keine Antwort erhielten, machten sie ihr beleidigende Anträge. Mademoiselle Cornudet war sehr erschrocken. Sie wollte zuerst diesem stürmischen Angriff nur durch ein tiefes Schweigen begegnen. Diese kluge Zurückhaltung reizte aber die Tobenden nur um so mehr, und da die junge Dame die Wut und die Kühnheit der Eindringlinge fürchtete, entschloß sie sich lieber zu fliehen. Durch eine geheime Pforte entschlüpfte sie zu guten Nachbarn. Sie hatte recht getan. Ihre Feinde waren nicht gewichen. Als sie aus der Stille ringsum schlossen, daß die übrigen Hausbewohner entweder fort oder in tiefen Schlaf versunken waren, kletterten sie, einer auf der Schulter des andern, bis zu ihrem Fenster hinauf. Hineingestiegen scheinen sie nicht zu sein. Inzwischen war derWirt, bei dem das weiße Mädchen Schutz gefunden hatte, aus seinem Bett gekrochen, und auch der Schuhmacher Rouger, der in diesem Hause wohnte, hatte sich ernüchtert, und beide hatten sich bemüht, die tobenden jungen Leute durch vernünftige Vorstellungen zu beschwichtigen. Diese aber wollten keine Vernunft annehmen, sondern nur die Frisiermamsell haben, und die Vorstellungen der vernünftigen Leute, heißt es, waren demnach fruchtlos; sie fuhren fort zu witzeln und zu schmähen und ließen sich von ihren bösen Absichten nicht abbringen. Hier bricht der Faden der Darstellung ab. Was die jungen Leute ferner getan haben, gibt die Demoiselle Cornudet nicht an, ebensowenig, ob und wie sie sich aus dem Hause entfernt haben. Es muß das indes doch wohl geschehen sein; denn der Rest der Nacht verfloß, wie gesagt, für die Stadt Issoudun in vollkommener Ruhe. Das Ergebnis war, daß die Demoiselle Cornudet sich für tief gekränkt in ihrer Sittlichkeit betrachtete und Klage erhob. Man sagte, daß ihre Nachbarn sie dazu aufgereizt hatten. Der Richter in Issoudun ging ungern an die Sache. Es war ein kitzliger Punkt: es lag kein eigentliches Verbrechen vor, und die Sache betraf so viele bekannte Familien. Die Demoiselle verlangte, daß er ein Monitorium erlasse, das heißt einen Aufruf von den Kanzeln, daß jeder sich zu melden habe, der über die Sache Auskunft geben könne. Der Richter wollte dies Monitorium nicht erlassen. Er argumentierte, es sei zwar richtig, daß unbesonnene Ruhestörer die Klägerin beleidigt, und gleichfalls, daß sie Fensterscheiben eingeschlagen hatten; aber es seien doch nur ihre Ohren verletzt worden, und ihre Tugend habe durchaus keinen wirklichen Schaden erlitten. Sie zitierte nunmehr eine Menge Zeugen, die alle aussagten, daß die Beleidigung sich so verhalte,wie sie angegeben habe, und forderte immer wieder, daß der Richter mit aller Strenge gegen die Schuldigen verfahre. Der Richter fand aber die Sache gar nicht dazu angetan, und er hörte dabei auf die Stimmen in der Stadt, was bei einem Fall wie dem gegenwärtigen wohl seine Entschuldigung findet. Denn ebenso viele Zeugen, wie für die Frisiermamsell sprachen, traten auch gegen sie auf, oder wie man in Issoudun sagte, die halbe Stadt stand auf seiten des weißen Mädchens und die halbe auf seiten der weißen Katze, was wir sogleich erklären werden. Eine völlige Spaltung in zwei feindliche Parteien war in dem kleinen Issoudun entstanden, die in früherer Zeit sich wütend würden in die Haare gefahren sein. Der Richter also, vermutlich, um das Blut sich abkühlen zu lassen, verschob die Sache bis nach den Gerichtsferien und gab der Demoiselle Cornudot die Erlaubnis, den Jules de Norray und sechs andere Personen persönlich zu belangen. Man meinte, die Cornudet hätte mit dieser Entscheidung zufrieden sein können; sie war es aber keineswegs, sondern appellierte dagegen. Ihre oder ihrer Partei Absicht dabei war, wie es heißt, die Sache vor das Parlament zu bringen und auf diese Weise den Richter von Issoudun zu nötigen, sich vor dem Parlament auf ihre Seite zu stellen. Aber der Eifer des jungen Mädchens, eine Sache als ernsthaft zu betreiben, die gar nicht ernsthaft war, und einen Prozeß um eine Ehrenkränkung bis vor das Parlament zu bringen, was viele Kosten und Umstände verursachte und, da die Entscheidung der Parlamente sehr zweifelhaft war, sonst von jedem, der Bescheid wußte, vermieden wurde, war wohl geeignet, Betrachtungen zu erregen und der Partei Oberwasser zu geben, die laut versicherte, daß der Sache gar nichts weiter zugrunde liege als die weiße Katze auf dem Dache und nur dieser das Geschrei, das Gelächter und die Steinwürfe der jungen Tumultuanlen gegolten hätten. Demnach lag die Sache so: Der Tatbestand des Tumults, des nächtlichen Schreiens, Skandalierens und Steinewerfens war konstatiert: aber nicht das Objekt. Die Frage war: Haben das Geschrei, das Gelächter und der Steinhagel der weißen Katze oder dem weißen Mädchen gegolten? Der Advokat der Mademoiselle Cornudet forderte für dieselbe eine eklatante Genugtuung. Die ihr zugefügte Beleidigung sei so gut wie ein Attentat gegen ihre Tugend. Die Verklagten, und mit ihnen ihre ganze Partei, also die andere Hälfte von Issoudun, behaupteten: nur übler Wille habe die klaren Tatsachen entstellt. Wahr sei es, daß die weiße Katze das Gelächter, und noch etwas mehr, der von den Späßen des Polichinell erhitzten und aufgeheiterten jungen Leute erregt habe. Die zu ängstlich um ihre Keuschheit und ihren guten Ruf besorgte Frisiermamsell habe nun schon darin einen Angriff auf ihre Sittlichkeit gesehen. Eigentliche ehrenkränkende Beleidigungen und wirkliche Exzesse, die persönlich gegen Mademoiselle Cornudet gerichtet gewesen seien, habe aber niemand bekunden können als der Schuhmacher Rouger. Daraus gehe höchstens hervor, daß dieser Herr beim Trinken des Guten zu viel getan habe. In der Furcht, wie Mademoiselle Cornudet, und im Weine, wie der Schuhmacher Rouger, sieht man alles doppelt, der Richter müsse daher die Hälfte abziehen. In eigener Sache könne man gar kein Zeugnis ablegen, und ein betrunkener Zeuge könne doch nimmermehr als ein unparteiischer gelten. Beide hätten Gelächter gehört, Sottisen und Scheibenklirren, aber nicht die weiße Katze gesehen, die der einzige und wahrhafte Gegenstand der ganzen Aufregung gewesen sei. Nur ein einziger Zeuge habe bekundet, daß ein Stein auf sein Dach geflogen sei, keiner habe aber von Steinen gesprochen, die gegen das Fenster der Frisiermamsell direkt geschleudert worden seien, und niemand geäußert, daß wirklich eine Scheibe in ihrem Fenster zerbrochen worden sei. Sämtliche Zeugen könnten nichts über den Umstand aussagen, daß oder wie die Tumultuanten in das Haus eingedrungen wären, wo die Demoiselle wohne. Keiner habe bekundet, daß sie die Treppe hinaufgestürmt seien oder eine Leiter gebildet hätten, um ins Fenster zu steigen. Im Gegenteil hätten mehrere Zeugen bekundet, daß sie die jungen Leute auf der Straße gesehen hätten, wie sie auf dort niedergelegtem Bauholze saßen. Leider fehlen uns die Aussagen dieser Zeugen selbst, auch hat man uns die Entgegnung der klägerischen Partei vorenthalten, durch die sie die Wahrheit ihrer Aufstellung zu beweisen suchte. Ja, es hat den Anschein, als sei der ganze Bericht von der Partei der weißen Katze in Issoudun abgefaßt, denn noch wird ein anderes Argument zu deren Gunsten aufgeführt. Man behauptete nämlich, das weiße Mädchen habe gar nicht die Absicht gehabt, die Sache so ernst zu nehmen. Als sie aber am 26. Oktober den nächtlichen Vorfall ihren Nachbarn erzählt habe, hätten diese in ihm eine erwünschte Gelegenheit entdeckt, sich an gewissen Personen zu rächen. Das weiße Mädchen habe kaum die Lärmmacher oder auch nur einen von ihnen gekannt. Man habe ihr erst den Namen Jules de Norrays und anderer bekannter junger Herren genannt, und nun sei von der geheimen Koterie, die nachmals die Partei des weißen Mädchens hieß, der Prozeß angestrengt und durchgeführt worden. Andere behaupteten, das weiße Mädchen spiele allerdings darin eine Hauptrolle. Das schlaue Kind habe den Vorfall als einen Schatz betrachtet, der sich mit einigem Geschick ganz vorzüglich ausbeuten lasse. Sie hatte bis dahin nichts als ihre Anmut und ihren guten Ruf. Aber gemeinhin ist ein guter Ruf ein solcher, von dem man wenig spricht. Sie wollte einen guten Ruf haben, der ihr etwas einbrächte, und was konnte dazu besser geeignet sein als ein Angriff auf ihre Tugend, den sie abgeschlagen hatte, und der dann stadtkundig wurde, ja der endlich bis ans Parlament kam? Und so war es: die unbekannte Katharina Cornudet wurde plötzlich eine berühmte Person. Bis jetzt hatte niemand von ihr geredet, jetzt führte jeder, Freund und Feind, ihren Namen auf den Lippen. Niemand hatte ihre Tugend bestritten, weil man sie nicht kannte, jetzt erkannte alle Welt an: sie ist ein tugendhaftes Mädchen. Und diesen Ruf hatte sie errungen durch den glücklichen Kampf und den endlichen Sieg über sieben Libertins der Stadt Issoudun. Denn so war es. Das Parlament muß in jenen zweifelhaften Zeugenaussagen Wahrheit gefunden haben. Es fällte am 4.Juni 1783 – vier Jahre also hatte dieser denkwürdige Prozeß gedauert – ein Urteil: da nicht sowohl die weiße Katze als das weiße Mädchen durch die Exzesse der sieben Einwohner von Issoudun Schaden gelitten hätte, wurden diese Leute in solidum zu einem Schadenersatz von dreihundert Francs verurteilt und vor jedem Rückfall ihrer straffälligen Tat nachdrücklich gewarnt. Die Partei der weißen Katze war sehr überrascht und ungehalten über dieses Urteil. Sie meinte, außer den Richtern, die es gemacht hätten, komme es doch nur der weißen Katze zugute, die nun völlig ungestört auf den Dächern herumspazieren könne. Die jungen Leute zahlten sehr ungern die Strafe. Aber auch Mademoiselle Cornudet war sehr unzufrieden, sie erklärte es für eine Verhöhnung der Tugend und der Gesetze, daß sieben Menschen für zusammen nur dreihundert Francs das Recht haben sollten, die Keuschheit und den guten Ruf einer Jungfrau in Frage zu stellen. Issoudun ward ruhig. Die Nächte vergingen still. Die Parteien aber blieben. Mademoiselle Cornudet erntete den Lohn ihres ausdauernden Mutes, indem sie natürlich die Kundschaft aller Familien von der Partei des weißen Mädchens erhielt. Die von der Partei der weißen Katze hätten nimmermehr geduldet, daß Kamm und Puderquaste der Cornudet die Haare eines von ihnen berührt hätte. Die Parteien blieben sechs Jahre, bis sie in denen der Revolution untergingen.