Verschiedene Autoren Meisterwerke neuerer Novellistik. Zweiter Band. Inhalt Einleitung. Ernst Eckstein Vielliebchen Fürst Arno Preisgekrönt Claire von Glümer Gesühnt Elisabeth Goedicke Jens Larsen Einleitung. Ernst Eckstein wurde am 6. Februar 1845 zu Gießen geboren, wo sein Vater das Amt eines Großherzoglich-Hessischen Stiftungsanwalts bekleidete. Das Gymnasium seiner Vaterstadt durchlief er in der kürzest-möglichen Zeit und trat sofort nach bestandenem Abiturientenexamen eine größere Reise nach Italien und Frankreich an. Die Schönheiten der fremden Länder mögen wohl auf den für die Natur warm empfindenden Jüngling mit der nach Schönheit in jeder Form dürstenden Seele einen tiefen Eindruck gemacht haben. Nach seiner Rückkehr widmete er sich dem Studium der alten und neuen Sprachen, der Philosophie und Geschichte auf der Universität Gießen und setzte es später in Bonn fort. Von ungemein leichter Auffassungsgabe und mit einem vorzüglichen Gedächtnis begabt, lernte Eckstein mit wunderbarer Leichtigkeit nicht weniger als sieben Sprachen, nicht nur verstehen und sprechen, sondern er beherrschte sie auch! Kaum 21 jährig legte er das Examen ab und erwarb die Doktorwürde. Seine Neigung zum schriftstellerischen Beruf betätigte er lebhaft während des darauffolgenden Aufenthalts in Paris durch eifrige Mitarbeiterschaft an verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften. 1870 unternahm er wiederum Reisen, die ihn nach der Schweiz, Italien und Spanien führten, wobei er reichen Stoff zu späterer literarischer Verwertung sammelte. Aus jener Zeit stammen seine ersten poetischen Arbeiten; Versuche kann und darf man sie nicht nennen, denn schon hier zeigten sich seine Vorzüge im glänzenden Lichte. Es entstanden die beiden feinhumoristischen Epen »Schach der Königin« und »Venus Urania« , sowie das kühn entworfene und ebenso durchgeführte groteske Nachtstück »Die Gespenster von Varzin« . Ende 1872 erfolgte Ecksteins Rückkehr; in Wien ließ er sich nieder und trat in die Redaktion einer angesehenen Tageszeitung ein. Er verließ nach nicht langer Zeit die österreichische Kaiserstadt, um die Redaktion der »Deutschen Dichterhalle« und des im Anfang gern gelesenen Witzblattes »Schalk« in Leipzig zu übernehmen, die in ihm einen ebenso gewandten als verständnisvollen Leiter fanden. Den geselligen Freuden war Eckstein durchaus nicht abgeneigt. So war er Mitbegründer der fröhlichen Tafelrunde Leipziger Männer der Feder, des »Symposion«. Otto von Corvin, Franz Hirsch, Friedrich Friedrich u. a. zählten zu ihren Mitgliedern, auch der Schöpfer der s. Z. so beliebten »Bliemchen«-Figur, Gustav Schumann, gehörte ihr an. Ecksteins geistesfrohe und energische Persönlichkeit, denn eine solche war er unbedingt, manchmal sogar bis zu einer gewissen Rücksichtslosigkeit, bildete mit seiner geistsprühenden, oft derb-komischen Redeweise den Mittelpunkt des heiteren Kreises, und manche seiner witzigsten Einfälle verdankten ihre Entstehung jener glücklichen Zeit im Leben des Dichters. Die zahlreichen Gymnasial-Humoresken, viele Satiren und eine Anzahl Novellen trugen Ecksteins Namen in die weitesten Kreise. Sein »Besuch im Karzer«, »Aus Sekunda und Prima«, »Katheder und Schulbank«, »Stimmungsbilder aus dem Gymnasium«, »Samuel Heinzerlings Tagebuch«, »Das hohe Lied vom deutschen Professor« , um nur die bekanntesten zu nennen, erregten tatsächlich ungeheures Aufsehen. Sein treffender Witz, seine originellen Einfälle und dazu die köstliche Gabe lebensvoller und lebensfroher Schilderung machten Eckstein bald zum Liebling eines nach Hunderttausenden zählenden Leserkreises. – Der »Besuch im Karzer« z. B. hat weit über 100 Auflagen erlebt, wurde in fremde Sprachen übersetzt, ja »Wilhelm Rompf« betrat sogar als »Held« die Bretter, die die Welt bedeuten! Sein Schöpfer hat stets mit Vorliebe das Genre der »Gymnasial-Humoresken« gepflegt; gestrenge Professoren haben darin ein absichtliches Verhöhnen und Lächerlichmachen des altangesehenen Professorenstandes erblicken wollen. Mit Unrecht! Hieran hat der Dichter niemals gedacht; es sind lediglich Produkte einer heiteren, vielleicht auch übermütigen Stimmung, selbst wenn er in übersprudelnder Laune übertreibt und mit starken Farben aufträgt. Jedenfalls hat Eckstein die Lacher auf seiner Seite gehabt, und Persönlich zu werden, das hat dem Dichter bei seiner vornehmen Gesinnungsweise stets völlig fern gelegen. Was er angriff und verspottete, das war der Zopf , der, Hand aufs Herz, sicher nicht nur in der Phantasie des Dichters existierte und wohl auch heutigentags hier und da noch anzutreffen ist. Diese Gymnasial-Humoresken haben eine Verbreitung gefunden, um die sie so manches ernste Buch aufrichtig beneiden kann. Niemand vermag sich aber auch der Wirkung des tollen Humors ganz zu entziehen, und keiner, der nicht völlig verbittert ist, kann sich des Lächelns erwehren bei der Schilderung der drolligen, lebendigen Szenen und der ab und zu recht drastischen Schreibweise. Die Menschen haben von jeher lieber gelacht als geweint; nur der ist im wahren Sinne des Worts unglücklich zu nennen, der im harten Kampfe des Lebens das befreiende, herzerquickende Lachen verlernt hat! Ecksteins schärfste Satire dürfte in dem »Hohen Liede vom deutschen Professor« liegen; hier geißelt er in meisterhafter Versform jenen Professoren-Typus und Gelehrtendünkel, deren höchster Lebenszweck in der Entdeckung einer Nichtigkeit besteht, die als der Weisheit letzter Schluß gepriesen wird! Ob Eckstein wohl heute noch ebenso singen würde? Wer weiß es?! Aber auch in dieser Satire auf den deutschen Professor hat es der Dichter verstanden, den Helden nicht abstoßend darzustellen, sondern ihn mit versöhnenden, gemütvollen Eigenschaften auszustatten. Der formgewandte Meister, selbst mit tiefem, gründlichem Wissen ausgerüstet, durfte es sich schon einmal gestatten, liebenswürdig spottend auf Kleinigkeitskrämerei im Philologentum herabzublicken! Auch die Veröffentlichung von » Murillo, Ein Lied vom Quadalquivier« fällt in jene Zeit; eine lyrisch-epische Dichtung, deren blendende, kristallklare Formschönheit und mit vollkommen südlicher Glut und Farbenpracht gemalt, zu den vollendetsten Schöpfungen des Dichters zählt. In diesem Werke tritt klar der Mann hervor, dem bei seiner tiefen Abneigung gegen konventionelle Formen und Formennichtigkeiten bei seinem dichterischen Schaffen gerade die Form über alles ging, in der er sich nie genug tun konnte! Eigentümlich ist es, daß Eckstein selbst trotz seines feinen Gehörs und Empfindens für den Rhythmus in der Dichtung nicht musikalisch war, ja, es wird sogar behauptet, daß er von allen schönen Künsten die Musik am wenigsten hoch eingeschätzt habe. Das lebhaft pulsierende Musikleben der großen Handelsstadt Leipzig, seinerzeit vielleicht etwas allzusehr in den Vordergrund gerückt, hat dem Dichter jedenfalls die Gelegenheit und Veranlassung geboten, seiner Spottlust manchmal die Zügel schießen zu lassen, und bei einer solchen Gelegenheit mag seiner ironisch-schalkhaften Stimmung das Wort entschlüpft sein von »Leipzig, Deutschlands Leierkasten«. Als 1885 die »Dichterhalle« aufhörte als selbständiges Blatt zu erscheinen, siedelte Eckstein nach Dresden über, wo er bis zu seinem Tode unermüdlich tätig war. Die Zahl seiner schriftstellerischen Arbeiten ist eine ganz riesige, und seiner unerschöpflichen Erfindungsgabe und Gestaltungskraft standen stets neue Stoffe zu Gebote, die er in kraft- und wirkungsvoller, lebenswahrer und lebendiger Weise zu verwerten verstand. In Dresden rief er auch »Ecksteins humoristische Bibliothek« ins Leben, eine Sammlung heiterer Erzählungen, die sich großer Beliebtheit zu erfreuen hatte und einen neuen Beweis lieferte von des Dichters weitgehender, umfassender und scharfer Beobachtungsgabe. Von Romanen, die während des Leipziger Aufenthalts die literarische Welt überraschten, war der erste »Die Claudier« (1881), ein historischer Roman aus der römischen Kaiserzeit, der viele Auflagen erlebte und Ecksteins meisterhafte Beherrschung der Technik des Romanes in einem geradezu glänzenden Lichte zeigte; in gleicher Weise mußte man seinen Gedankenreichtum, das feine Formgefühl, seinen Stil und nicht zuletzt seine bis in die kleinsten Einzelheiten gehenden Kenntnisse des altrömischen Haus- und Familienlebens bewundern. – Der Roman spielt zur Zeit des Kaisers Domitian und schildert in lebendigen, farbenreichen Bildern die schrecklichen Christenverfolgungen jener Zeit. Diese Arbeit machte Eckstein noch mehr als die vorherigen zu einem Manne des Erfolgs, und als er 1884 unter dem Titel »Prusias« einen zweiten historischen Roman folgen ließ, da konnte er von vornherein auf einen Sieg rechnen. Auch dieser umfangreiche Roman hatte einen bedeutenden Erfolg aufzuweisen. Eckstein behandelt hier die Kämpfe im Innern wahrend des letzten Jahrhunderts der Republik. Die beiden Gegner, Marius und Sulla, mit ihren Gefolgschaften bilden den Hintergrund des packenden Gemäldes, in dessen Vordergrund der heldenmütige Spartakus und die blutigen Kämpfe während des großen Sklavenaufstandes stehen. Eckstein teilt hier einer eigenartigen und geheimnisvollen Persönlichkeit die Haupt- und Titelrolle zu. Er läßt den Bruder des von den Römern besiegten Königs Mithridates von Pontus unter dem Namen »Prusias« auftreten. Nach verschiedenen erfolglosen Versuchen, Bundesgenossen zum Kampfe gegen das noch immer mächtige Rom zu gewinnen, wird Prusias schließlich zum Anstifter und der Seele des für Rom so gefährlichen Skalvenaufstandes. Von glühendem Römerhaß erfüllt entfacht Prusias den Aufruhr, und als nach anfangs glücklichen Kämpfen die eisernen Würfel gegen ihn fallen, setzt er seinem Leben selbst ein Ziel, um so der grausamen Hinrichtung zu entgehen, der viele Taufende der unglücklichen um ihre Freiheit kämpfenden Sklaven nach ihrer Niederlage und Gefangennahme zum Opfer fielen. Mit größter historischer Treue, nirgends die vornehme Geschmacksrichtung verleugnend, hat uns der Dichter im »Prusias« mit Meisterhand ein packendes lebenswahres Bild aus dem alten Rom entworfen und bis ins kleinste ausgemalt. 1886 folgte »Aphrodite«, ein Roman aus Alt-Hellas, in manchem an Hamerlings »Aspasia« erinnernd, mit scharf gezeichneten Charakteren und lebendigen Figuren; das Ganze warm empfunden und in dem Eckstein eigenen schönen, flüssigen Stil zu Papier gebracht. Der Roman »Pia«, im 13. Jahrhundert spielend, folgte 1887. Als letzter von Ecksteins historischen Romanen erschien 1889 »Nero«. Hier weicht der Dichter von der geschichtlichen Überlieferung der Persönlichkeit des Kaisers Nero etwas ab. Er versucht darzustellen, wie dieser, von Natur durchaus nicht grausam veranlagte Herrscher erst durch die Verhältnisse schrittweise zu jenem grausamen und blutdürstigen Tyrannen wird, dem die Zeitgenossen und die Nachwelt fluchten. Als das allgemeine Interesse an historischen Romanen (Ebers, Wichert, Dahn u. a.) im Abnehmen begriffen war, zögerte auch Eckstein nicht, seine Vorwürfe auch auf anderen Gebieten zu suchen. Schon 1885 war er mit dem Roman »Das Vermächtnis«, dem modernen Leben entnommen, auf den Plan getreten. Trotz der vortrefflich gezeichneten Charaktere und der geistreichen Behandlung des Stoffes war aber der Erfolg im Vergleich zu seinen historischen Vorgängern geringer; die Arbeit zeigte eine gewisse Ähnlichkeit mit den heute so zahlreichen Kriminalromanen. Auch die 1888 und 1889 erschienenen Romane »Jorinde« und »Camilla« hatten keine allgemeine Verbreitung. Bereits zu dieser Zeit machten sich bei dem Dichter körperliche Leiden bemerkbar, ohne indessen auf sein künstlerisches Schaffen hemmend einzuwirken; denn neben vielen kleineren Novellen und Dichtungen folgten mit einer gewissen Regelmäßigkeit Romane, zum Teil dem modernen Familienleben entnommen. Mit Vorliebe behandelte Eckstein auch das in der neuen und neuesten Zeit so beliebte und dankbare Thema der Ehekonflikte. Auf diesem Gebiete ist wohl seine bedeutendste Leistung der Roman »Hertha« (1890), ein modernes Sitten- und Seelengemälde mit tieftragischem Ausgang. 1892 erschienen »Themis« und »Dombrowsky«, 1893 eine reizvolle Novelle »Der Mönch vom Aventin«, 1894 »Familie Hartwig«, 1896 »Roderich Löhr«. Um diese Zeit mahnte eine Nierenkrankheit den Dichter, seiner fleißigen Feder Ruhe zu gönnen. Die Gesundheit seines sonst so kräftigen Körpers war durch mehrere Schlaganfälle, die teilweise Lähmungserscheinungen zur Folge hatten, schwer erschüttert und vermochte den wiederholt und heftiger auftretenden Anfällen der tückischen Krankheit einen genügenden Widerstand nicht mehr entgegenzusetzen. Noch kurz vor seinem Tode erschien das letzte Werk dieses Mannes, dem die deutsche Literatur so reiche Gaben zu verdanken hat: »Der Bildschnitzer von Weilburg«. Mit aufrichtiger Teilnahme erfuhr am 18. November 1900 die literarische Welt und die zahlreiche Eckstein-Gemeinde die Nachricht von dem Hinscheiden des Dichters, dem der Tod endlich die wohl schon längst herbeigesehnte Erlösung gebracht hatte. So war denn alle die ängstliche Vorsicht, mit der Eckstein stets bemüht gewesen war, etwaige Ansteckungsgefahr von sich ferne zu halten, vergeblich gewesen; gegen diese Krankheit hatte er sich nicht zu schützen vermocht! An einem ernsten Tage, Bußtag, den 22. November 1900, bettete man den Dichter auf dem Trinitatisfriedhof zu Dresden zur ewigen Ruhe. Ein reichbegnadetes Talent wurde dort dem Schoße der Erde übergeben. In sinniger, rührender Weise widmete der nun ebenfalls heimgegangene Berufsgenosse des Toten, Adolf Stern, dem Freunde einen warm empfundenen Nachruf. Er erwähnte in seiner Ansprache die Gründlichkeit der Kenntnisse des Verstorbenen, den Reichtum seiner dichterischen Phantasie, die große Kunst seiner abwechselungsreichen, stets wirkungsvollen Behandlung von Form und Sprache, seinen sonnigen Humor, dem er vor allen in erster Linie seine glänzenden Erfolge zu verdanken hatte, der ihn aber auch selbst als Menschen in wunderbarer Weise verklärte. Adolf Stern führte aus, wie Hunderttausende an seinem Wirken ihre Freude gehabt hätten, und daß sein Gedächtnis fortleben würde durch das Denkmal, das er sich selbst mit seinen Werken gesetzt habe. – So würdigte der feinsinnige Dichter und hochangesehene Literaturprofessor den toten Dichter Ernst Eckstein. Man wird sich vielleicht Sterns Worten nicht in allen Punkten anschließen, das eine aber ist gewiß: Eckstein besaß ein großes und reiches Talent, wie es nur sehr wenigen beschieden ist, und seine Schöpfungen, besonders die historischen und heiteren Inhalts, werden seinen Namen über die Jahre hinwegtragen; sie werden dem toten Sänger und Dichter für alle Zeiten eine dankbare Erinnerung sichern, und hierzu werden auch die drei folgenden heiteren Erzählungen ihren Teil beitragen. Paul Reinhardt. Ernst Eckstein Vielliebchen 1. Über dem altfränkischen Hausgarten lag die Septembersonne. Ein sechzehnjähriger Knabe, das kluge hübsche Gesicht leuchtend vor Übermut und quellender Jugendlust, schritt nach der Geißblattlaube, wo ein schlankes, wunderschönes zwanzigjähriges Mädchen auf der hellgrün gestrichenen Bank saß und ein Buch in der Hand hielt. »Störe ich?« fragte er eintretend. Die junge Dame sah auf. »Ach, du bist's, Feodor?« »Ja, ich, Tante Marie! Erwartest du sonst wen?« »Das nicht,« versetzte Marie Sanders. »Aber ich dachte, du hättest noch Schularbeiten...« »Das eilt nicht, Tante. Erst kommt das Wichtigere. Ich lauere nämlich seit ein Paar Tagen schon auf eine gute Gelegenheit, dich einmal ganz unter vier Augen zu sprechen.« »So? Das klingt ja beinahe feierlich.« »Es ist auch feierlich. Aber dabei auch ein bißchen komisch. Vielleicht lachst du mich aus.« »Du machst mich neugierig. Setz dich da einmal her und sprich frei von der Leber weg!« »Tante, ich muß dir etwas Merkwürdiges mitteilen. Unser Professor ist sterblich in dich verliebt.« Das schöne blonde Mädchen errötete. »Unsinn! Wie kommst du darauf?« »O, das ahnt mir schon seit geraumer Zeit. Neulich jedoch ist mir die Sache zur vollen Gewißheit geworden. Und, bei Lichte besehen, ist es ja doch wohl gerade kein Wunder. Ich bin zwar der Sohn deiner Schwester, aber ich muß dir trotzdem das ehrliche Kompliment machen: Du bist das reizendste, liebenswürdigste Mädchen, das ich mir denken kann.« »Herr Gott, Junge, was schwatzest du da alles zusammen? Wie alt bist du jetzt?« »Im April werde ich siebzehn. Da hab' ich wohl schon ein Urteil über dergleichen. Also Professor Lotichius liebt dich zum Närrischwerden. Du in deiner Naivität merkst das natürlich nicht. Ich aber habe ihm tief in das Herz geblickt. Selbstverständlich ohne daß er es weiß. Er in seiner Mutlosigkeit möchte das ja geheim halten. Große Gelehrte sind auf diesem Gebiet oft wie die Kinder. Und er ist doch einmal ein Archäologe ersten Ranges, trotz seiner achtundzwanzig Jahre. Das sagte erst heute noch unser Klassenführer...« »Ich bitte dich, Feodor...« »Tu nur nicht gleich, als ob du mich fressen wolltest! Ich bin ein Gemütsmensch. Ich halt' es für meine Pflicht, da den Mund aufzutun, wo nur ein törichter Mangel an Selbstvertrauen das Glück zweier Menschen bedroht. Lotichius in seiner blöden Bescheidenheit bildet sich ja natürlich ein, Marie Sanders, die Vielumworbene, wie Homer sagen würde, die allgefeierte blonde Schönheit, sei hundertmal zu schade für ihn.« »O!« fuhr Marie heraus. »Ich weiß,« lächelte Feodor altklug, »du teilst diese Anschauung nicht. Würde ich denn dies Thema berührt haben, wenn ich nicht fest überzeugt wäre, daß meine schöne Tante im stillen ebenso heiß für den Professor schwärmt wie er für sie?« »Nun hört aber alles auf! Wenn du dich je unterstehst ....« »Ich wiederhole dir, blondrosiges Tantchen: Du brauchst gar nicht so wild zu werden! Selbstverständlich bleibt das alles ganz unter uns. Diskretion Ehrensache! Aber die Wahrheit läßt sich nicht aus der Welt schaffen. Meinst du, ich wüßte nicht, daß du vorhin geglaubt hast, es wäre Professor Lotichius, der auf die Laube zuschritt? Tantchen, Tantchen! Du hast ja keinen andern Gedanken mehr!« »Junge, du machst mir ordentlich angst!« »Nicht wahr? Der geborene Menschenkenner! Der zukünftige Jurist, wie er im Buche steht! Aber damit du auch siehst, wie ich bei Lotichius zu Werke gegangen bin, um gravierende Indizien zu sammeln, und damit du befähigt wirst, dir selber ein Urteil zu bilden, höre mir nur einen Augenblick zu! Willst du?« »Was kann ich machen? Du überrumpelst mich ja ....« »Item, es war am verflossenen Montag, als ich mit unserm Professor den Gang in den Haßwald machte. Na, da hab' ich denn also expreß von dir angefangen. Ich habe ihm vorgeschwärmt, du kannst dir nicht vorstellen wie – und dein Loblied geblasen in allen Tonarten. Da hättest du sehen sollen, wie das unwiderstehlich auf ihn einwirkte! Er ahnte ja nicht, daß mein fanatischer Hymnus Absicht war. Zunächst hat er in allen, selbst in den übertriebensten Punkten mir zugestimmt, und zwar so eigentümlich bewegt, daß man schon ganz hätte vernagelt sein müssen, um nicht das leidenschaftlich pochende Herz deutlich herauszuhören. Ich bitte dich, laß mich nur ausreden! Du denkst wieder, ich hätte dich kompromittiert? Ganz und gar nicht! Ich stellte das alles so hin, als fühlte ich selber den Drang, meiner Begeisterung für dich einmal gründlich Luft zu schaffen, als sei ich selber ein wenig in dich verknallt, wie das ja auch wirklich der Fall ist. Bei Gott, süßes Tantchen, wäre ich zehn Jahre älter, ich wüßte mir was Gescheiteres, als einem andern so voll Inbrunst das Wort zu reden...« Er schlang ihr heftig den Arm um den Hals und drückte ihr einen sehr unerwarteten stürmischen Kuß auf die Wange. »Du bist heute rein des Teufels?« wehrte das junge Mädchen. »Durchaus nicht. Als Neffe hab' ich das Recht, meine Tante zu küssen. Kann ich dafür, daß du erst zwanzig zählst? Aber nun hör' mich weiter! Nachdem der Professor mir so warmherzig beigestimmt hatte, fügte er noch aus eigenem Vorrat ein Paar Sätze hinzu, die ich dir eigentlich in Goldlettern auf feinstem Velinpapier überreichen sollte. Er sagte zum Beispiel: ,Fräulein Marie ist in der Tat ein liebenswürdiges, reichbegabtes Geschöpf und vom edelsten Streben erfüllt.' – Siehst du, das kommt davon, daß du soviel Interesse für seine altgriechischen Götter bekundet hast! Dir liegt ja natürlich weit weniger an diesen Göttern als an ihm selbst ...« »Erlaube einmal...« »Sei nur ganz ruhig! Darin hab' ich ein sehr unbefangenes Urteil. Und ich will dir noch etwas sagen. Die auffallende Freundschaft des Professors für mich wurzelt eigentlich nur in der Tatsache, daß er bemerkt hat, wie gut wir zwei, du und ich, miteinander stehen ...« »Da tust du ihm unrecht. Das wäre ja schnöde Berechnung.« »Nein, das ist unbewußt. Neulich las ich im Molière, daß ein Verliebter sogar Sympathie für den Hund seiner Flamme empfindet. Da ich als Neffe doch um etliche Stufen höher stehe...« Marie mußte trotz ihrer Aufregung lachen. Dann sagte sie ernsthaft: »Ich fürchte, du bist doch unvorsichtig gewesen. Es war nicht recht, Feodor...« »Weshalb nicht? Ich wollte mir doch Gewißheit verschaffen. Ich bin ein Gemütsmensch; ich kann zwei liebende Herzen nicht so trostlos verschmachten sehen. Und, wie gesagt: alles mit diplomatischer Feinheit! Am Schluß hab' ich denn recht heimtückisch vor mich hingemurmelt: ,Ja, ja, der Mann, der Tante Marie mal heiratet, wird's gut bekommen.' Da ist er ganz blaß geworden – ich sage dir, blaß wie hier deine Batistbluse – und hat beinahe kläglich durch die zuckenden Lippen gehaucht: ,Unzweifelhaft!' Hiernach lenkte er mit aller Gewalt das Gespräch auf ein anderes Thema. Aber die Blässe seines guten, treuen Gesichts und der klägliche Ton seiner Stimme hat eine Weile noch vorgehalten. Ich merkte sehr wohl: er hatte im Geist einen blendenden Kavalier erblickt, der dich glückstrahlend zum Altar führte. Etwa den Rittmeister Scholl. Kurz, die Sache ist klar und der Indizienbeweis vollständig erbracht. Die Geschworenenbank erklärt Herrn Professor Lotichius der leidenschaftlichsten Liebe zu Fräulein Marie Sanders einstimmig für schuldig.« Marie holte tief Atem. »Ja, mein Gott,« sagte sie stirnrunzelnd, »ich verstehe noch immer nicht recht, was du denn eigentlich willst.« »Nicht? Bist du schwer von Begriff! Als zukünftiger Rechtsanwalt möchte ich jetzt schon den achtungswerten Beruf üben, das Verworrene zu schlichten und alles recht hübsch ins Gleiche zu bringen. Ich sehe doch, wie meine Worte dein zwanzigjähriges Herz aufgewühlt haben. Und da du nun gar keinen besseren, lieberen, edleren Mann kriegen kannst als den Professor, so will ich durch meinen verwandtschaftlichen Rat darauf hinwirken, daß du ihm deine Liebe ein wenig zeigst und seinem schwachen Mut auf die Beine hilfst.« Marie blickte zu Boden. »Ich weiß nicht, wie ich mir vorkomme,« sprach sie in banger Verlegenheit. »Du halbwüchsiger Junge mischest dich da in Dinge, die doch meilenweit über deinen Gesichtskreis hinausgehen. Warum bleibst du nicht bei deinem Sophokles...« »Auch im Sophokles kommt was von Liebe vor. Und ich kann ja doch nun einmal nichts dafür, daß mein Herz für euch beide in so bewundernder Sympathie und Freundschaft entbrannt ist. Es lebt was in mir, das mir unausgesetzt zuruft: ›Ebne den zweien den Weg!‹ Und sag mal selbst: der Professor als Onkel – wäre das nicht eine großartig schöne Errungenschaft für die Familie? Lotichius steht bereits im Konversations-Lexikon.« Marie zog plötzlich ihr Taschentuch und fing an zu weinen. »Was hast du nur, Tantchen?« »Ich schäme mich, daß ich so etwas von dir anhören muß.« »Ach, das glaube ich nicht! Du weinst nur vor Glückseligkeit, weil ich dir eine so frohe Botschaft gebracht habe.« »Feodor,« hub sie nach einer Weile an und ergriff seine Hand, »du bist wirklich älter als deine Jahre – und leider besitze ich nicht das Talent, zu heucheln. Wenn du's denn weißt – gut! Ich gebe dir's zu: Professor Lotichius ist mir nicht gleichgültig. Aber noch weniger gleichgültig ist mir mein Ruf und mein weiblicher Stolz. Du gibst mir dein Ehrenwort, daß du von dem, was ich jetzt eben gesagt habe, nie das geringste verlauten läßt! Das sähe doch aus ... Wahrhaftig, der Gedanke wäre mir furchtbar. Also die Hand darauf, daß du mich nie wieder bei dem Professor erwähnst, geschweige denn gar von dem redest, was du so aus mir herausgefragt hast. Versprich mir das, oder, bei Gott, es geschieht ein Unglück!« Feodor blickte ihr staunend in das erregte Antlitz. »Gut,« sagte er zögernd. »Wenn du's denn absolut haben willst. Aber im Grunde seh' ich nicht ein...« »Dein Ehrenwort!« »Ja, ja, mein Ehrenwort! Du hast es in aller Form! Aber du wirst mir gestatten, daß ich zu deiner Forderung nachträglich eine Bemerkung mache. Ich sehe nämlich durchaus nicht ein, inwieweit es dich kompromittieren könnte, wenn er's erführe, daß du ihn lieb hast. Sieh mal, er ist in gewisser Beziehung ein Unikum. Er bildet sich ein, daß er der unscheinbarste, häßlichste Mensch unter der Sonne ist...« »Das ist ja unmöglich!« »Doch. Es ist so! Und das macht ihn so über die Maßen schüchtern, so ungewandt – wie soll ich nur sagen? Ich wette, Lotichius hat in Herzensangelegenheiten nicht einmal die Erfahrungen eines Primaners. Jedenfalls hält er es für undenkbar, daß ein Geschöpf wie du, so schön, so gefeiert, so vornehm, sich auch nur im entferntesten für seine Persönlichkeit interessieren könne. Vielleicht ein wenig für seine Forschungen, aber doch niemals für ihn selbst. Da fände ich es nun ganz in der Ordnung, wenn man ihm diese Tatfache, die er nicht zu erhoffen wagt, irgendwie zu Gemüte führte. Neulich hab' ich erst noch gelesen, wie der berühmte italienische Dichter Anselmo Colombi zu seiner Frau kam...« »Wie denn?« »Nun, der war auch so ein schüchterner Herr. Monatelang hat er geschmachtet, und jedesmal, wenn die Gelegenheit da war, an seine Flamme das entscheidende Wort zu richten, war er wie auf den Mund geschlagen. Bis dann einmal das kluge junge Mädchen, das später Frau Dichterin werden sollte, ihm bei einem solchen Tête-a-tête mütterlich sanft in die Augen sah und ihn fragte: ›Nicht wahr, Herr Doktor, Sie möchten mich heiraten?‹ Und Anselmo Colombi sank der freimütigen Jungfrau mit einem aufjauchzenden Ja in die Arme. Siehst du, aus dieser später sehr glücklichen Ehe wäre nie was geworden, wenn sich das junge Mädchen auf den Standpunkt gestellt hätte: Es ist unweiblich, in solchen Dingen die Initiative zu ergreifen. Es handelt sich ja gar nicht um die Initiative – denn die hat er ja längst innerlich selbst ergriffen –, sondern nur um das erlösende Wort, Na, du weißt nun, wie du daran bist! Leb wohl und überlege dir, was du zu tun hast! Ich denke nicht daran, gegen deine Erlaubnis Schritte zu tun. Aber wenn du zur Einsicht gelangst, daß die Vermittlung eines geistvollen Jünglings ihre Vorzüge hat, dann, liebes Tantchen, steh' ich dir jederzeit zur Verfügung.« Er lachte, strich ihr zärtlich über das blonde Haar und trat in den Garten hinaus, wo rechts und links unter den halb gefärbten Bäumen die Astern und Georginen leuchteten. Dann verschwand er im Hause. Marie Sanders blieb nachdenklich bei ihrem Buche zurück. Sie konnte nicht weiter lesen. Ja, sie liebte den ernsten, klugen, dabei so weichen und gütigen Mann mit der ganzen Unwiderstehlichkeit einer ersten Leidenschaft. Und was Feodor ihr erzählt hatte, war in der Tat eine frohe Botschaft für sie; denn bis jetzt hatte sie immer noch heimlich daran gezweifelt, daß ihre Liebe erwidert sei. Die neue glückverheißende Lage flößte ihr aber zugleich eine wühlende Unruhe ein. Sie fühlte, daß Feodor den Professor nur zu richtig beurteilte. Dieser scheue, zaghafte Mann würde ohne Aufmunterung die entscheidende Frage niemals über die Lippen bringen. Diese Aufmunterung jedoch, gleichviel in welcher Form, widerstrebte ihr. Die Anekdote von dem Dichter Colombi klang in ihr nach. Sie rief sich jedes Wort Feodors ins Gedächtnis zurück. Nein! Bei aller Glut ihres Herzens würde sie doch niemals imstande sein, ihr weibliches Zartgefühl so sehr zu vergessen. Das war völlig undenkbar. 2. Die Eltern Feodors, der Justizrat Merck und seine Frau Karoline, gaben zur Feier der zwanzigsten Wiederkehr ihres Vermählungstages ein kleines Familienfest. Außer den nächsten Verwandten hatte man auch ein paar gute Freunde geladen; vor allem Professor Lotichius und den Rittmeister Scholl, der unbedingt für den glänzendsten Offizier der Glaustädter Garnison galt. Feodor, der mit seiner noch jugendlichen Mama auf einem fast kameradschaftlichen Fuße stand, hatte sich die Vergünstigung ausgewirkt, bei der Tafelordnung ein Wort mitzureden. Die Folge war natürlich ein Arrangement, das den Professor Lotichius zum Tischherrn der blonden Marie Sanders machte. Die andere Seite des liebenswürdigen jungen Mädchens mußte man allerdings zum Leidwesen Feodors dem Rittmeister Scholl gönnen. Feodor hatte ursprünglich die Absicht gehabt, diesen schneidigen Kavalier möglichst am entgegengesetzten Ende der Tafel kalt zu stellen. Aber er fügte sich, da ihn die Mutter belehrte, es sei geradezu unartig, wenn man die offenkundigen Sympathien der Gäste so wenig berücksichtige. Bei nochmaliger Überlegung fand er die Anordnung auch gar nicht so zweckwidrig. Wenn der Professor sah, wie eifrig der Rittmeister bei feinen Huldigungen ins Zeug ging, so übte das doch vielleicht einen günstigen Einfluß auf seine Zaghaftigkeit aus. Die Eifersucht war ja ein mächtiger Hebel. Das kleine Diner verlief zur allgemeinsten Befriedigung. Küche und Keller boten Vorzügliches. Ein jovialer Onkel des Hausherrn brachte den Toast auf das glückliche Paar aus, rühmte das traute Familienleben, dessen die Mercks nun seit zwanzig Jahren sich ohne Trübung erfreuten, warf ein Paar liebenswürdige Streiflichter auf die zwei hoffnungsvollen Kinder des Hauses, Feodor und die fünfzehnjährige Frieda, und wob zuletzt auch die reizende junge Schwester der Hausfrau mit vielerlei blumigen Schmeicheleien in das Gespinst seiner Rede. Allem Liebenswürdigen, was dieser Tante galt, pflichtete Feodor, der ihr schräg gegenüber saß, durch lebhaftes Kopfnicken bei, nicht ohne im stillen den guten Professor Lotichius mit hoffender Aufmerksamkeit zu beobachten. Der junge Gelehrte aber hielt seinen Blick starr auf den Teller gerichtet, preßte die Lippen fest aufeinander und spielte mit unsicherem Finger am Stengel seines Champagnerglases. Stürmische Hochrufe unterbrachen diese Versunkenheit. Flüchtig errötend, stieß Professor Lotichius mit seiner blonden Nachbarin an. Er brachte kein Wort über die Lippen, sondern wandte sich gleich zu den übrigen, vorab zu dem Jubelpaar. Der Rittmeister dagegen drehte sich mit einem vielsagenden Lächeln seinen mächtigen Schnurrbart und flüsterte seiner lieblichen Nachbarin schmeichlerisch zu: »Mir ganz aus der Seele gesprochen – besonders was er da über Sie bemerkt hat! Famoser Herr, dieser Onkel! Ich gestatte mir, gnädiges Fräulein ...« Er leerte das Glas bis auf den letzten Tropfen, und seine tiefschwarzen Augen schleuderten einen flammenden Blitz in die ihrigen. Feodor sah zu seiner tiefsten Betrübnis, daß die Angelegenheit seines lieben Professors nicht den geringsten Fortgang nahm. Und wenn er die beiden Herren da rechts und links von Tante Marie vorurteilslos miteinander verglich, so gab es für ihn doch gar keinen Zweifel, wem von den zweien der Kranz gebühre. Professor Lotichius war nicht nur ein genialisch veranlagter Mensch, sondern auch eine stattliche Männererscheinung, wohl gewachsen und von gewinnenden Zügen. Nur der Mangel an Selbstvertrauen, die trübe Scheu einer weltfremden Natur und dann auch eine gewisse Traumhaftigkeit und Zerstreutheit lieh ihm etwas vom Sonderling. Der Rittmeister dagegen war nur ein flotter, vielerfahrener Courmacher, ein liebenswürdiger Schwadroneur, aber im Grund seines Wesens hohl und ohne andere Interessen als die seines Dienstes und seines Amüsements. Wenn dem Professor erst einmal diese holde Marie als Lebensgefährtin zur Seite stand, würde sich alles, was ihn jetzt vielleicht in den Augen gewisser Leute beeinträchtigte, völlig verlieren; der wahre Kern seines Wesens würde siegreich zum Durchbruch gelangen. Der Rittmeister dagegen war und blieb ein gefälliger Durchschnittsmensch, der zu einem so tiefen, wundervollen Geschöpf wie Marie durchaus nicht paßte. Feodor wunderte sich, daß er jetzt überhaupt solche Betrachtungen anstellte. Marie war ja doch ganz seiner Ansicht. Sie hatte ihm ja ihre Neigung zu dem Professor eingeräumt. Und, streng genommen, lieferte auch die Art, wie sie mit beiden Herren verkehrte, den Beweis für diese Neigung. Wenn sie mit dem Professor sprach, schien sie ganz eigentümlich befangen, während sie mit dem Rittmeister ohne Rückhalt scherzte und lachte und seine unbedeutendsten Späße mit augenscheinlicher Dankbarkeit aufnahm. Freilich konnte ja diese Dankbarkeit von Professor Lotichius mißdeutet werden ... Die Möglichkeit eines derartigen Irrtums ärgerte den frühreifen Menschenkenner über die Maßen. Und der Professor ward immer schweigsamer. Feodor Merck beschloß daher, in diesen Herzensroman seines Freundes Lotichius fordernd einzugreifen, sobald sich irgendwie die Gelegenheit böte. Man war beim Dessert. Als er sich eine Handvoll Knackmandeln aus der silbernen Schale nahm, verfiel er sofort auf den Gedanken, Fräulein Marie Sanders müsse mit dem Professor ein Vielliebchen essen. Wenn Professor Lotichius in die Lage versetzt wurde, dem Gegenstand seiner Liebe etwas zu schenken, so begründete das doch immerhin einen Zusammenhang, der bei kluger Berechnung ausgenutzt werden konnte. Noch besser war es, wenn der Professor gewann. Marie mußte ihm dann etwas arbeiten, etwas recht Sinniges, Hübsches, Bedeutungsvolles, und Feodor wollte dann schon dafür Sorge tragen, daß diese Gabe möglichst erkennbar die Gesinnungen der Geberin aussprach. Da lag ja der Punkt, auf den's hier vor allem ankam. Er mußte unzweideutig erfahren, was in der Seele Mariens vorging. ... Feodor schmunzelte stillvergnügt vor sich hin. Beim Aufknacken der dritten Mandel fand er schon, was er suchte. Er legte die beiden Kerne auf einen Teller und reichte sie über den Tisch mit den Worten: »Für dich, Tantchen, und den Herrn Professor als deinen Tischherrn! Willst du?« »Ah, ein Vielliebchen!« lachte der Rittmeister selbstbewußt und zwirbelte seine Schnurrbartspitzen. »Die alte, fromme Sitte ist noch nicht ausgestorben!« »Wenn es dem Herrn Professor recht ist ...,« sagte Marie, etwas verlegen. Sie glaubte, es würde auffallen, wenn sie nicht harmlos auf die Idee Feodors einginge. »Selbstverständlich,« meinte Lotichius errötend. »Ich muß nur zu meiner Schande gestehen, daß ich auf diesem Gebiet wenig Erfahrung habe.« »Sehr einfach.« Marie setzte ihm nun die üblichen Bedingungen kurz auseinander. Er nickte. Und dann vollzog man die Zeremonie mit einer gewissen ans Komische grenzenden Feierlichkeit. »Absichtliches Verlieren ist ausgeschlossen,« fügte Feodor in seiner Rolle als Unparteiischer eifrig hinzu. »Nicht wahr, Tante?« »Natürlich. Sonst wäre ja gar kein Witz bei der Sache.« »Also aufgepaßt, Herr Professor!« mahnte der Rittmeister. »Keine Sorge! Ich werde schon achtgeben!« Und wirklich schien Professor Lotichius von diesem Moment ab all seine Gedanken auf den Sieg in dieser scherzhaften Fehde zu richten. Er ward noch schweigsamer als zuvor; nur die Worte »Ich denke dran« klangen etlichemal von seinen seltsam gekräuselten Lippen. Kurz vor dem Aufstehen wollte der Zufall, daß Mariens Serviette von ihrem Schoße herab unter den Tisch glitt. Lotichius, voll arger List, bückte sich, hob sie auf und überreichte sie der nichtsahnenden Nachbarin mit einer artigen Handbewegung. Marie war von dieser Aufmerksamkeit des sonst nicht übermäßig galanten Professors derart verblüfft, daß sie die Anwendung des Schutzwortes vergaß und erst durch das triumphierende »Guten Morgen, Vielliebchen!«, das Lotichius ihr zurief, an die Lage der Dinge erinnert ward. »Bravo!« rief der übermütige Sohn des Hauses. Marie Sanders aber ward purpurrot, denn sie befürchtete, daß man trotz ihres vorhin so deutlich ausgesprochenen Grundsatzes dies rasche Verlieren für Absicht halten möchte. Sie stammelte ein paar Worte, die ihren Mangel an Aufmerksamkeit entschuldigen sollten, brach aber dann rasch ab. Den Rest des Tages über war der Professor merkwürdig aufgeräumt. Besonders liebenswürdig und lebhaft unterhielt er sich mit seinem jungen Freunde Feodor, dem er von seiner griechischen Reise erzählte und auch sonst manche vertrauliche Mitteilung machte. In seiner Anspruchslosigkeit freute er sich seines Vielliebchensieges wie eines großen Erfolges. Der Gedanke, Marie Sanders je zu besitzen, lag ihm dabei ferner als je, zumal er fest davon überzeugt war, dieser glänzende Rittmeister Scholl habe die ernsthaftesten Absichten. Mit einem solchen Rivalen aber es aufnehmen zu wollen, wäre ja doch der barste Wahnsinn gewesen. Im Grund seines Herzens hatte Lotichius dauernd entsagt. Für ihn war es Glück genug, wenn er ein kleines Andenken von ihr mit hinüber nach Bonn rettete. Er stand nämlich mit der dortigen Hochschule in Unterhandlung. Bis jetzt hatte er noch gezögert. Nun aber war es beschlossen: er würde den Ruf annehmen. Dieser Entschluß war es, der ihm eine gewisse Klarheit und Festigkeit lieh und ihn fast heiter erscheinen ließ. Nach dem Kaffee begab sich die ganze Gesellschaft in den Hausgarten. Es war kurz vor Sonnenuntergang. Über den Bäumen, Sträuchern und Blumenbeeten lag die wehmütige Poesie des scheidenden Sommers. Feodor wußte es einzurichten, daß der Professor sich plötzlich mit Fräulein Marie allein in der Laube sah. Es entspann sich ein kurzes Gespräch. Lotichius teilte ihr mit, daß er wohl spätestens Anfang November abreisen werde. Er gehe nach Bonn, wo sich ein größerer Wirkungskreis ihm erschließe als hier in Glaustädt. Als sie nicht antwortete, fügte er halblaut hinzu: »Ja, Fräulein Sanders! Ich verbessere mich ganz augenscheinlich. Auch hoffe ich dort gewisse Aufregungen und törichte Träumereien leichter vergessen zu können als hier. Nicht jedem ist es auf Erden vergönnt, seine goldnen Phantasmen in Wirklichkeit umzusetzen, – – wie etwa bevorzugte Persönlichkeiten nach Art des Rittmeisters Scholl...« Er schwieg, selber erstaunt über die tollkühne Anspielung, die er sich niemals im Leben zugetraut hätte. Mariens Herz pochte. Aber noch ehe sie etwas erwidern konnte, trat der so befremdlich erwähnte Rittmeister Scholl dazwischen und überreichte ihr mit blendender Ritterlichkeit »die letzte Rose« – »the last rose of summer?« –, die er soeben im großen La-France-Beet für sie gepflückt hatte. 3. Während der nächsten Zeit war Marie eifrig damit beschäftigt, an dem Vielliebchengeschenk zu arbeiten. Große, perlengestickte Brieftaschen waren damals sehr in der Mode. Und da eine Brieftasche ihr eine ganz besonders passende Gabe für einen Gelehrten schien, so war sie gleich am folgenden Morgen in das erste Galanteriewarengeschäft von Glaustädt gewandert, um etwas recht Vornehmes und Apartes für den Mann ihrer Neigung auszuwählen. Das Wetter war trübe und kalt geworden; aber im Herzen Mariens blühte und leuchtete es wie ein sonniger Maimorgen. Sie hatte sich nämlich nach reiflicher Überlegung für einen Plan entschieden... Die Worte, die der Professor in der Geißblattlaube gesprochen, waren ja fast ein halbes Geständnis... Lotichius glich an Scheu und Befangenheit wirklich ein bißchen dem italienischen Dichter; man mußte ihm nachhelfen, so schwer es auch hielt, mit den althergebrachten Anschauungen weiblich-strenger Zurückhaltung brechen zu sollen. Wäre nicht der Rittmeister Scholl dazu gekommen, wer weiß, ob sich nicht alles von selbst gemacht hätte? Die Situation war so günstig, und die Stimmung des liebenden Mannes schien so gehoben! Jetzt aber war dieser Augenblick unwiederbringlich versäumt. Da galt es zu handeln, eh' es zu spät ward. Ganze Nachmittage lang saß Marie in ihrem Stübchen und stickte, bis ihr die Augen schmerzten. Es waren die kleinsten Glasperlen, die es gab, und ein sehr verwickeltes, schwieriges Muster; aber die fertige Arbeit würde auch eine köstliche Wirkung ausüben. Schlanke, lichtgrüne Vergißmeinnichtstauden, die den Vordergrund bildeten, hoben sich mit ihren blauen und blaßroten Kelchen von dem Hintergrund einer verschleierten Landschaft ab. Das Muster war allerdings nur dann vollständig erkennbar, wenn man es weit von dem Auge entfernt hielt. Aber gestickt würde das deutlicher werden. Und auf jeden Fall gab sich das Ganze als ein wunderbar abgetöntes, farbenglitzerndes Mosaik. Für die Rückseite war ein gleichfalls in Perlen zu stickender Streifen mit der Ausschrift: »Guten Morgen, Vielliebchen!« bestimmt. Unter die Aufschrift kam noch Datum und Jahreszahl. Schon die Mühsamkeit dieser großartigen Perlenarbeit mußte dem teuren Manne verraten, daß die Stickerin ihre sehnende Seele mit einstickte. So beschenkte man nur den einen, dem man mit jeder Faser des Herzens zu eigen war. Und dann... Flammende Glut stieg ihr ins Antlitz, wenn sie sich dieses »Dann«, das ihren tollkühnen Plan bedeutete, klar ins Bewußtsein rief. Sie schreckte wohl noch für kurze Momente zurück. Aber auch nur für kurze Momente. Sie wußte ja ganz genau, daß ihr nichts anderes übrig blieb, wenn sie nicht etwa die Freundschaftsdienste Feodors in Anspruch nehmen wollte. Vor Feodor aber schämte sie sich; das wäre ihr noch hundertmal peinlicher und demütigender gewesen ... Nein, unter keiner Bedingung! Feodor, der sich für die Brieftaschenstickerei außerordentlich interessierte, verfolgte mit Genugtuung ihren raschen Fortgang. Doch war er zugleich erstaunt und verstimmt darüber, daß der Professor, der doch sonst häufig genug im Hause vorsprach, all die Tage her nicht das mindeste von sich hören ließ. »Was ist das nur mit unserem Lotichius?« fragte er, als er sich wieder einmal auf den gepolsterten Rundstuhl neben die Tante setzte, während das junge Mädchen, über den Stickrahmen gebeugt, Perle an Perle reihte. »Weshalb kommt er nicht mehr?« »Wer kann das wissen!« sagte Marie. Feodor trommelte mit der Hand auf den Tisch. »Rätselhaft!« meinte er achselzuckend. »Früher sagte er doch wenigstens mal guten Tag, wenn er in sein Kolleg ging. Jetzt aber macht er, scheint's, absichtlich einen Umweg.« »Er wird wohl seine Gründe haben,« versetzte Marie ruhig. Dann schaffte sie weiter, während der Junge stirnrunzelnd hinaus auf die Straße sah. Das Ausbleiben des Professors verursachte ihr keinerlei Unruhe mehr. Sie wußte, in welchem Irrtum er lebte und wie bald dieser Irrtum sich aufklären würde. Sie hatte ja ihren Plan ... Wie sonderbar von Professor Lotichius, sie mit dem Rittmeister Scholl in Verbindung zu bringen, der ihr so vollständig gleichgültig war! Ach, daß einem die liebsten Menschen selbst dann nicht ins Herz sehen können, wenn so viel davon abhängt! Aber Geduld! Sie hatte ja ihren Plan ... Als Feodor nach etlichen Tagen wieder bei Tante Marie anklopfte, fand er die Tür von innen verriegelt. Das junge Mädchen rief ihm erschreckt zu: »Wer ist da? Du, Feodor? Ich kann niemand herein lassen, ich bin beim Anziehen.« »So spät noch?« »Ja. In einer halben Stunde komm wieder. Ich habe dich dann um etwas zu bitten.« »Gut! Also in einer halben Stunde!« Was Fräulein Marie da vom Anziehen behauptete, war eine Notlüge. Sie saß vielmehr in vollständiger Haustoilette vor dem krummfüßigen Pfeilertischchen und schrieb einen Brief ins Reine, den sie vorher mit Anstrengung all ihres Scharfsinnes und Taktgefühls aufgesetzt hatte. Nach langer Mühe war sie mit dem Entwurf zustande gekommen. Der Brief war an Professor Lotichius gerichtet und enthielt, wenn auch nicht das unmittelbare Geständnis ihrer Neigung, so doch Worte und Wendungen, die den Professor über den wahren Sachverhalt nicht im Zweifel belassen konnten. Insbesondere war sein Irrtum bezüglich des Rittmeisters in diesem, Briefe zerstört und die Bemerkung hinzugefügt, einen wie hohen Wert die Briefschreiberin darauf lege, daß gerade er, Professor Lotichius, sich in diesem Punkte nicht täusche. Lotichius mußte, wenn er dies Schreiben las, sofort die Überzeugung gewinnen, seine Werbung würde mit überquellender Herzensfreude angenommen und durch die Liebe eines ganzen Lebens belohnt werden. Und doch hatte Marie es fertig gebracht, dieser Enthüllung jeden Stachel der Unweiblichkeit zu nehmen und das Ganze mehr in dem Licht eines unfreiwilligen Sichverratens, als in dem einer berechneten Kundgebung erscheinen zu lassen. Nachdem sie die Reinschrift beendet hatte, steckte sie den Brief in ein schmales Kuvert, verschloß es und schob es in die versteckteste Falte der gestern fertig gewordenen Brieftasche. »Also doch wie die Frau Anselmo Colombis!« dachte sie lächelnd. »Nun denn, in Gottesnamen! Ich konnte nicht anders!« Nach Verlauf einer halben Stunde kam Feodor. »Du hast dich ja heute besonders schön gemacht,« sagte er mit einem zärtlichen Blick auf das lichte Alpakakleid. In Wahrheit jedoch war es nicht das Alpakakleid, was diesen Eindruck hervorrief, sondern der unbeschreibliche Hauch banger Glückseligkeit, der auf dem Antlitz des jungen Mädchens wie ein goldrosiger Schein lag. »Feodor,« sprach Marie ein wenig unsicher, »die Brieftasche ist vollendet. Willst du mir nun den großen Gefallen tun, sie dem Professor Persönlich in seine Wohnung zu bringen?« »Gern! Was täte ich nicht für meine bildhübsche Tante! Aber laß nun erst einmal sehen, wie sich das Ding macht!« Er griff danach. Fräulein Marie wehrte ihm ängstlich. »Ja nicht so anfassen! Das hellgraue Leder ist so furchtbar empfindlich.« »Na, na, na!« lachte Feodor. »Ich bin doch kein Kind, das mit Obst- oder Honigfingern herumläuft. Aber ganz wie du willst. Ich respektiere dein Heiligtum. Rück es mir selber zurecht! Ich beschaue es mir dann in hochachtungsvollster Entfernung.« Marie Sanders schob ihm die Tasche hin. Sie hatte rosenfarbiges Seidenpapier daruntergelegt und tat jetzt wirklich, als ob sie selber sich scheute, das Kunstwerk anzutasten. »Großartig!« sagte Feodor. »Und eine Arbeit...! Na, wenn unser Professor jetzt noch immer nichts merkt...« »Also du findest mein Geschenk nicht zu geringfügig?« »Hör mal! Geringfügig! Ein Prachtstück ist's! Geradezu ersten Ranges!« »Nun, das freut mich! Sei jetzt so gut und zünde mir dort mal das Licht an!« »Ach, du willst es wohl einsiegeln?« »Natürlich, das schickt sich doch so.« Sie wickelte nun das Seidenpapier um die Tasche herum und verpackte das Ganze in einen weißen Konzeptbogen, den sie mit etlichen Siegeln und der Adresse versah. Links unten vermerkte sie: »Absenderin – Marie Sanders.« Mit diesem Paketchen beladen, schritt Feodor nach der Wohnung seines gelehrten Freundes. Da Professor Lotichius abwesend war, nahm die Wärterin, sichere Bestellung verheißend, das Geschenk in Empfang. Noch an dem nämlichen Abend traf ein Kuvert mit einer Visitenkarte von Professor Lotichius ein. Auf der Visitenkarte stand unter dem Namen: – »dankt herzlich für das ausgezeichnet schöne Vielliebchen.« Dann verstrichen wieder acht Tage, ohne daß Professor Lotichius was von sich hören ließ. Am neunten erschien er zur landesüblichen Besuchsstunde im schwarzen Gehrock, um sich von der Familie Merck zu verabschieden. Seine Übersiedlung nach Bonn sollte noch um ein paar Wochen früher erfolgen als er vorausgesetzt hatte. Er dankte der Frau Justizrätin – ihr Gemahl war verreist – mit stammelnden Worten für die freundschaftliche Aufnahme, die er in ihrem gastfreien Hause genossen habe, und bat um die Erlaubnis, ihr und ihrer Schwester zum Andenken je eine griechische Gemme überreichen zu dürfen. Dann zog er zwei kleine Olivenholzschächtelchen aus der Tasche, in denen die beiden Gemmen auf lichtblauer Watte lagen, stellte die Schächtelchen halb zugeklappt auf den Tisch und überließ das Weitere, auch die Führung der Konversation, den Damen. Marie, die seit der Absendung ihrer Brieftasche unausgesetzt zwischen Hoffnung und Trostlosigkeit hin und her geschwankt hatte, glaubte die sonderbar zurückhaltende Art des Professors nicht mehr mißdeuten zu dürfen. Während Frau Merck die sehr kunstvollen Gemmen bewunderte und ihr tiefstes Bedauern über den Weggang eines so werten Freundes aussprach, rief sich Marie mit fiebernder Bangigkeit jedes Wort ihres Schreibens ins Gedächtnis zurück. So streng sie auch richtete: ihr Brief enthielt nichts, was das Feingefühl eines wahrhaft liebenden Mannes hätte verletzen können. Es war also nur eins möglich: Feodor und sie selber hatten sich in der Beurteilung des Professors schmählich getäuscht. Er liebte sie nicht, verstand daher auch nicht ihre Motive und mußte nun diese Zeilen für die empörendste Aufdringlichkeit halten! Es fiel ihr unendlich schwer, die Viertelstunde, die der Besuch dauerte, in gebührender Selbstbeherrschung zu überstehen. Als Professor Lutichius endlich mit einem traurigen Blick von ihr Abschied genommen, mit einem Blick, den sie als den unwillkürlichen Ausdruck seines Mißvergnügens darüber ansah, daß er sich in der Schätzung ihres Charakters so stark verrechnet hatte, da eilte sie hinauf in ihr Stübchen, warf sich langwegs auf das Bett und weinte zum Herzbrechen. Das Bitterste war ihr vielleicht in diesem Augenblicke der Umstand, daß sie auf Gottes Welt niemand in ihren Gram einweihen konnte. Selbst Feodor, der doch in anderer Beziehung ihr Mitwisser war, durfte von diesem Brief nichts erfahren. O, wie sie in ihrer hellen Verzweiflung den Knaben haßte, der ihr die unsinnige Anekdote von Anselmo Colombi erzählt hatte! Ihr erster Instinkt hatte doch recht behalten! Jede Unweiblichkeit, selbst wenn sie sich in das zarteste Kleid hüllte, strafte sich selbst. Ohne diesen abscheulichen Brief wäre ihr Leben zwar lichtlos und arm geblieben, aber doch nicht so im innersten Kern gebrochen! Jetzt, so schien es, fehlte ihr jeder Halt, jegliche Fähigkeit, ihr elendes Dasein noch weiter zu schleppen. Sie entbehrte jetzt nicht nur der Liebe, sondern sie hatte bei all ihrer Qual auch noch die Achtung des Mannes verloren, des einzigen Mannes, an dessen Achtung ihr wahrhaft gelegen war. Und sie weinte, weinte, bis ihr in bleiernem Schlafe die Sinne schwanden. – – – 4. Vierzig Jahre waren ins Land gegangen. Marie Sanders war unvermählt geblieben, ebenso wie Professor Lotichius, der mehr und mehr der äußeren Welt abstarb, sich ganz in die Tiefen seiner archäologischen Forschung vergrub und nur noch eins pflegte: die merkwürdige Freundschaft zu Feodor. Feodor selbst hatte vor drei Dezennien sich in Glaustädt als Rechtsanwalt niedergelassen, ein hübsches, liebenswürdiges Mädchen geheiratet und etliche Zeit danach die schon lebhaft blühende Praxis durch die seines allzu frühe verstorbenen Vaters vergrößert. Er bewohnte am Nördlinger Tor ein schönes, geräumiges Haus, wo auch die alte Justizrätin, die sich mit ihrer Schwiegertochter genau so kameradschaftlich nett gestellt hatte wie einst mit ihrem lustigen Unterprimaner, ein stilles, beschauliches Heim gefunden. Tante Marie aber war schon bald nach dem Wegzuge des Professors als Gesellschafterin einer entfernten Verwandten auf Reisen gegangen und hatte sich später, um ihrem Tätigkeitsdrang Genüge zu leisten, eine Stellung als Vorsteherin eines Dienstbotenheims geschaffen. Sie schrieb nur selten; dann aber strömte aus ihren Briefen stets der Hauch einer seltsamen Schwermut, die zu der scheinbaren Freudigkeit, mit der sie sich ihrem Beruf widmete, nicht recht passen wollte. Feodor hatte die Angelegenheit mit dem Professor niemals wieder erwähnt. Er kam sich wohl selber dabei etwas beschämt vor. Schließlich, wenn der Professor nicht wollte, zwingen konnte man ihn ja nicht; und es gab ja ganz merkwürdige Menschenkinder, die sich trotz aller Neigung und Sympathie zu keinem Entschlusse aufraffen können, weil sie gleichsam für ein ewiges Junggesellentum prädestiniert sind. Jedenfalls hielt es der ehemalige Liebesvermittler für zweckmäßig, den unangenehmen Zwischenfall totzuschweigen. Da eines Tages, als Feodor, dessen Bart hier und da schon ergraut war, beim Frühkaffee saß und sich mit seiner gutherzigen Frau über die Schulstreiche seines ältesten Enkels besprach, kam ein Brief aus Bonn, dessen Adresse nicht von Lotichius herrührte. Lorenz, der langjährige Famulus des Professors, machte in diesem Schreiben die traurige Mitteilung, sein teurer Herr sei infolge eines Gehirnschlages plötzlich verstorben. In Anbetracht der ihm bekannten freundschaftlichen Beziehungen des Herrn Rechtsanwalts zu dem Verblichenen habe Lorenz geglaubt, dies ohne Verzug melden zu sollen. Er fügte noch die Bemerkung hinzu, daß der Herr Rechtsanwalt Feodor Merck, wie er, Lorenz, dies aus dem Munde des Verewigten wisse, schon vor Jahren durch letztwillige Verfügung des Herrn Professors zum Haupterben ernannt sei. Feodor Merck war aufs tiefste erschüttert. Er dankte dem Famulus telegraphisch. Zum Begräbnis konnte er leider nicht abkommen. Doch schickte er einen prachtvollen Kranz aus Efeu, Lorbeer und Immergrün. Nach Verlauf einiger Wochen begab sich Feodor Merck behufs Antritts der Erbschaft nach Bonn. Er wußte, Lotichius war nicht reich, kaum wohlhabend gewesen. Das hinterbliebene Vermögen mit Einschluß des Mobiliars konnte nur von geringem Wert sein. Auch der literarische Nachlaß hatte wohl nur wissenschaftliche, nicht materielle Bedeutung. Feodor nahm sich vor, mit der Sichtung und Bearbeitung dieser archäologischen Ausbeute einen befreundeten jungen Gelehrten zu beauftragen, falls Lotichius hier nicht anders verfügt hätte. Von den Möbelstücken wollte er einiges zur Erinnerung an sich nehmen, anderes dem Famulus schenken, den Rest aber unter der Hand verkaufen lassen. Von Wehmut erfüllt, betrat er das Arbeitszimmer des großen Gelehrten und ging hier sofort ans Werk, die Manuskripte und Briefschaften, die wohlverwahrt in den Fächern des alten Schreibtisches lagen, einigermaßen zu registrieren und in Pakete zu schnüren. Er fand da zunächst eine Unmasse von kleinen aufgeklebten Notizen, Exzerpten und fragmentarischen Aufsätzen, alles Vorarbeiten zu dem großartigen Buch »Griechische Plastik«, mit dem Lotichius sich seit Jahren beschäftigt hatte. Außerdem noch fünf oder sechs Monographien, zum Teil beinahe fertig und nur noch einer letzten feilenden Hand bedürftig, zum Teil doch in ihren Grundzügen feststehend, klare, scharf umrissene Entwürfe, die sich dem Meister während der Arbeit an seinem Hauptwerk abgesplittert, zu deren Förderung er indessen nicht Zeit gefunden. Links oben, in einem besonderen Schubfach, ziemlich bunt durcheinander, lagen die Korrespondenzen vieler Jahrzehnte, meist Zuschriften hervorragender Berufsgenossen, dazwischen auch hier und da ein Familien- und Freundesbrief. Feodor nahm diese Briefschaften stoßweise heraus, umschnürte sie und ließ sie dann von dem Famulus einpacken. Zu Hause in aller Ruhe wollte er zusehen, was von diesen meist schon vergilbten Blättern des Aufhebens wert sei, das übrige aber verbrennen. Hier in Bonn, angesichts der verschiedenartigen sonstigen Obliegenheiten, fehlte ihm Zeit und Stimmung. Nachdem er die Briefe sämtlich herausgenommen, fand er im Hintergrund des Gefaches, von braunem Papier umhüllt, ein etwa handhohes Paket. Er öffnete dieses Paket. Es waren dünne, meist unscheinbar gebundene Notizbücher. Er klappte das oberste auf und las in den festen, klaren Schriftzügen des Professors: »Tagebuch meiner griechischen Reise.« Auf dem Deckel des zweiten stand: »Pompejanische Studien.« Dann auf dem dritten: »Einnahme- und Ausgabeverzeichnis« ... Mit einem Male glaubte sich Feodor wieder in die Zeit seiner Primanertage versetzt, jener glücklichen Zeit, da Professor Lotichius im Elternhause des Knaben als häufiger Gast verkehrte. Er sah sich wieder in der besonnten Geißblattlaube neben der jugendlich schönen Tante sitzen und dann droben in ihrem traulichen Stübchen, wo sie mit freudeglühenden Wangen ihr liebes Gesicht über den Stickrahmen beugte. Unter dem »Einnahme- und Ausgabeverzeichnis« des Heimgegangenen lag nämlich die Brieftasche, die ihm Tante Marie vor jetzt nahezu einundvierzig Jahren zum Vielliebchen geschenkt hatte. Gleich auf den ersten Blick erkannte Feodor das sehr eigenartige Perlenbild, das er ja damals in der Entstehung mit so großer Aufmerksamkeit verfolgt und sich genau eingeprägt hatte. Das waren die hellgrünen Vergißmeinnichtstauden mit den bläulichen und rötlichen Blumenkelchen, und die seltsam verschleierte Mosaiklandschaft im Hintergrunde. Zu allem Überfluß stellte er auch das Vorhandensein des Perlenstreifens auf der Rückseite mit Datum und Jahreszahl fest. Welch eine mühsame Arbeit war das gewesen! Und wie hübsch und sorgfältig ausgeführt! Noch heute riß sie ihn zur Bewunderung hin, obschon sie ihm ganz eigentümlich altmodisch vorkam und gleichsam verschossen. Aber die zierlichen Perlen hatten doch ganz gewiß nichts an ihrer Farbenpracht eingebüßt. Das Ganze wirkte nur jetzt so fremdartig, so verjährt.. Schwermutsvoll über die Flucht der Zeit nachdenkend, drehte Feodor Merck die Brieftasche langsam zwischen den Fingern. Ein wunderbares Verhängnis, daß diese beiden Menschen so einsam durchs Leben gegangen waren, ohne sich gegenseitig zu finden! Wie Feodor all die Einzelheiten sich ins Gedächtnis zurückrief, mußte er trotzdem seine Auffassung von damals für richtig halten. Der gereifte Mann bestätigte aus innigster Überzeugung die Ansicht des Knaben: Professor Lotichius war von dem Zauber Mariens aufs tiefste berührt worden. Er hatte sie wahrhaft geliebt. Und dennoch war er ohne ein Wort der Erklärung von Glaustädt weggegangen und hatte auch später geschwiegen, bis das verwundete Herz Mariens sich nach und nach auf sich selber zurückzog und endlich dem Leben abstarb ... Nun, jetzt wohnte ja längst eine selbstgenügsame Ruhe in dem Gemüt der Gealterten. Sie war still und tapfer ihren lichtlosen Weg gegangen und hatte sich allgemach mit diesem Schicksal ausgesöhnt. Da zuckte ihm plötzlich der Gedanke durchs Hirn: Diese Brieftasche bekommt Tante Marie! Vielleicht gewährt es ihr doch eine Art von Genugtuung, wenn ich ihr sage, wie sorgfältig der Verewigte ihr Geschenk aufgehoben und wie er es gleichsam für sie, die Geberin, hier zwischen den wertvollen Tagebüchern aus seiner Jugendzeit hinterlegt hat. Er klappte die Brieftasche auf, um zu sehen, ob die mit hellroter Schnur eingehefteten Blätter irgend etwas enthielten, was für ihn von Belang sei. Aber das Ganze schien vollständig unberührt. Wie er die Blätter so zwischen Daumen und Zeigefinger auf- und abgleiten ließ, sah er auch nicht den Schimmer einer Notiz. So wickelte er die Tasche denn sorgfältig ein und schob sie in seinen Rock. 5. Marie Sanders erhielt am vierzehnten März eine Postsendung aus Bonn, der ein liebenswürdiges Schreiben ihres Neffen, des Rechtsanwalts Doktor Feodor Merck beilag. Mit herzlichen Grüßen überschickte er ihr als wehmütig-schönes Andenken an Professor Lotichius die perlengestickte Brieftasche von damals ... Tante Marie wußte ja ... Und Feodor hoffte, daß es ihr einige Freude bereiten würde, aus dem Zustand der Brieftasche zu erkennen, wie sehr Professor Lotichius ihre Gabe in Ehren gehalten. Marie Sanders zählte jetzt einundsechzig Jahre. Das reiche goldblonde Haar von einst war schneeweiß geworden, das mildvornehme Gesicht hatte noch eine entfernte Ähnlichkeit mit dem des zwanzigjährigen Mädchens; besonders um Stirne und Augen. In diesen freundlichen Zügen lag nichts Altjüngferliches, Verstimmtes oder Vergrämtes; nur ein Hauch herbstlicher Trauer, die schweigsame Elegie eines späten Oktobertages, wenn sich die Stürme beruhigt haben, und im aufsteigenden Abendnebel nur leise das dürre Laub raschelt. Marie Sanders hatte sogar im Ausdruck des wohlwollenden Mundes etwas Frauenhaftes und Mütterliches. Als sie den Brief ihres Neffen gelesen, flog ein seltsames Zucken über ihr Antlitz. Was sie in jener fernen Zeit durchgemacht hatte – die Schmerzen ihres verwundeten Stolzes, das tiefe Leid über die unerwiderte Neigung – war längst vergessen. Nur das Liebe und Gute schien ihr treu im Gedächtnis zu haften. Jetzt war ihr zu Sinne, als kehre ihr mit dem Geschenk von damals ein lebendiges Stück ihrer begrabenen Jugend zurück. All die beglückenden Träume, die sie während der Zeit des Hoffens und Harrens bis zum Abschied des teuren Mannes gesponnen hatte, tauchten von neuem farbenprächtig in ihrer schauernden Seele auf, ohne den herben Beigeschmack der Enttäuschung. Die Morgenröte der ersten und einzigen Liebe warf einen warm verklärenden Strahl auf dieses längst schon abgeschlossene Frauendasein. Mit zitternder Hand wickelte sie die Brieftasche aus der Umhüllung. Beim Anblick der unvergessenen Stickerei quollen ihr zwei funkelnde Tränen unter den Wimpern hervor. Sie drückte den Mund auf die hell schimmernden Perlen, wie der Gläubige auf ein Reliquienstück. Dann musterte sie noch einmal, in unsagbare Empfindungen versenkt, die blühenden Blumenständen mit der halb nur erkennbaren Landschaft dahinter, die ihr jetzt vollends verschwamm; denn sie weinte, ohne daß sie es wußte. Endlich zog sie das Taschentuch, trocknete ihr beströmtes Antlitz und die brennenden Lider und seufzte aus tiefster Brust. Welch ein seltsames Geschöpf sie doch war! Als sie die Nachricht von seinem Tode erhielt, war sie verhältnismäßig so ruhig gewesen! Sie hatte ja kaum je wieder etwas von ihm gehört; denn Feodur vermied es ja absichtlich, ihn zu erwähnen, und sie selbst getraute sich nicht, nach ihm zu fragen. Der Tod hatte für sie überhaupt nichts Schreckhaftes. Ja, der Gedanke, daß er sein ruhmreiches Leben nun so plötzlich beschloß, ohne die Leiden und Gebrechlichkeiten des Greisenalters kennen zu lernen, flößte ihr eine gewisse Genugtuung ein. Sie war also rasch mit sich fertig geworden. Jetzt aber, da ihr die Brieftasche hier den Traum ihrer Jugend zurückführte, war sie kaum noch fähig, dem Ansturm dieser Erinnerungen standzuhalten. Schamhaft zögernd fing sie jetzt an, in dem Notizheft, das mit dem hellroten Band in der Brieftasche befestigt war, langsam zu blättern. Auch sie war erstaunt, sämtliche Seiten vollständig unbenutzt zu finden. Das Herz bebte ihr wieder. So wenig also hatte er von ihr wissen wollen, daß er ihr schönes Geschenk nicht einmal in Gebrauch nahm! Die Auslegung, die Feodor sich gegeben, der gerade darin eine besondere Ehrung, eine Art heiliger Scheu erblickte, kam ihr nicht in den Sinn. Vollständig unbenutzt! Also einfach beiseite gelegt! Doch nein! Hier auf der letzten Seite stand ja wirklich eine blaßgraue Bleistiftnotiz... Sie beugte sich vor, um zu lesen. Und wie sie las, ward ihr Gesicht totenblaß, und ihre Hände begannen zu schlottern, so daß sie ein paarmal aufhören mußte, wie um neue Kräfte zu sammeln. Die Bleistiftnotiz lautete: »Diese Brieftasche empfing ich kurz vor Beendigung meines Aufenthaltes in Glaustädt als Vielliebchen von Fräulein Marie Sanders. Wehe mir, daß ich dies unvergleichliche Mädchen jemals kennen gelernt! Ich liebe sie bis zum Wahnsinn. Trotzdem werde ich es ehestens erleben müssen, daß sie das Weib eines anderen wird. Wie mochte ich törichter Mann auch nur minutenlang hoffen, sie, die Gefeierte, Glänzende, Herrliche werde sich jemals zu mir, dem unscheinbaren Gelehrten, herablassen können! Sie bekundet mir freundschaftliche Teilnahme, Mitleid vielleicht, aber sonst nichts. Mit diesem Geschenk begrabe ich all meine Hoffnungen. Ich halte es unter Verwahrung wie ein kostbares Kleinod. Nach meinem Tode erst soll Marie aus diesen Zeilen erfahren – wenn sie es überhaupt erfährt – was sie dem Trostlosen und Vereinsamten während der glücklichen Tage in Glaustädt gewesen ist. Edwin Lotichius.« Die Brust des gealterten Fräuleins keuchte. Feodor hatte also doch tiefer geschaut als sie! Es war also dennoch kein Irrwahn gewesen! Aber wenn er sie wirklich geliebt hatte, wie war es dann möglich ...? Unwillkürlich griff ihre bebende Hand in die Falte, wo sie damals den Brief an Lotichius verborgen hatte. Eiskalt lief es ihr über den Rücken, und wie vernichtet sank sie in ihren Lehnstuhl. Ihr Brief steckte da noch – unberührt und uneröffnet... Der Schlag war zu furchtbar. Marie Sanders verlor das Bewußtsein. 6. Als sie wieder erwachte, sah sie Feodor an ihrem Lager stehen. Aber es war nicht der Rechtsanwalt mit dem halb schon ergrauten Bart, sondern der blühende, jugendstrahlende Unterprimaner ... Und das war auch ihr hübsches, niedliches Mädchenzimmer im Hause der Schwester, nicht die einsame Stube des alten, weißhaarigen Fräuleins. Marie hatte das alles geträumt, alles, alles ... »Gott sei Dank!« wollte sie rufen. Aber da fiel ihr ein, daß die Hauptsache ja doch Wirklichkeit war. Lotichius hatte sich heute verabschiedet, morgen in aller Frühe wollte er seine Reise nach Bonn antreten. Keine Silbe hatte er auf ihren Brief erwidert. Ihr Leben war doch verloren ... Und nun weinte sie wieder. »Tante, sei doch vernünftig!« murmelte Feodor und ergriff ihre Hand. »In zwanzig Minuten geht es zu Tische. Was soll denn Mama denken?« »Ach, Feodor, Feodor!« schluchzte sie laut. »Ich habe so gräßlich geträumt. Es liegt noch auf mir wie die Last einer furchtbaren Schuld ...« Und hingerissen von dem Bedürfnis, ihr krankes Herz auszuschütten, erzählte sie alles bis ins kleinste. Die Augen Feodors leuchteten. »Das ist wie ein Finger des Schicksals! Ich bin fest überzeugt, du hast wahr geträumt – bis auf den Ausgang. Bisher wolltest du nicht, daß sich dein unkluger Neffe einmischte. Jetzt, bei allem, was heilig ist, lass' ich mir's nicht mehr verbieten!« Somit rannte er weg. Um einen Vorwand brauchte er nicht verlegen zu sein. Bei dem Abschiedsbesuch des Professors war er, Feodor, leider nicht dagewesen. Und verabschieden mußte er sich ja doch von dem trefflichen Freund. »Wie gefällt Ihnen die Brieftasche?« fragte er nach einer Weile. »Die von Tante Marie, mein' ich?« »Ausgezeichnet!« »Ich glaube, es liegt eine Widmung darin...« »Ach? Eine Widmung? Da muß ich doch gleich einmal nachsehen...« Also es war in der Tat, wie die Tante geträumt hatte! Der Brief Mariens steckte noch uneröffnet in der festschließenden Falte! Und daher das unendliche Weh der beiden in heißer Liebe entbrannten Herzen! O, diese Gelehrten! Feodor eilte jetzt schleunigst heim und überließ den Professor seinem glückseligen Schicksal. Wenige Stunden danach aber kam ein flammender, leidenschaftlich beredter Brief .... Und am Abend erschien der Professor selbst, ganz verwandelt in Miene und Haltung, ein Herzenseroberer, ein Stürmer, ein Triumphator! Und zu Anfang Dezember fand in dem nämlichen Saale, wo Lotichius und Fräulein Marie das denkwürdige Vielliebchen miteinander gegessen hatten, die Feier der Hochzeit statt. Feodor Merck dichtete zu dieser Feier einen schwungvollen Hymenäus. Es kamen darin etliche Anspielungen auf Anselmo Colombi vor, die nur der junge Poet und die glückstrahlende Braut verstanden. Später dann, als sie mit ihrem Lotichius allein war, hat sie in herzklopfender Generalbeichte auch ihm das volle Verständnis dafür erschlossen. Da freute er sich, einen so hochberühmten Torheitsgenossen zu haben. Er hätte sich sonst zeitlebens für den schrecklichsten Esel Europas gehalten, und das ist doch schwer zu vereinigen mit der Amtswürde eines ordentlichen Professors der Archäologie zu Bonn am Rhein. Ernst Eckstein Fürst Arno Baron Brüggstorm, der Zeremonienmeister Seiner Durchlaucht des regierenden Fürsten Arno von Gleiberg, atmete schwer und tief. Er befand sich im Zustand einer ganz ungewöhnlichen Aufregung. Die Arme straff über der Brust gekreuzt, die Stirne mißmutig gerunzelt und die Nüstern gebläht, so wandelte er im hochroten Ecksaal des Residenzschlosses auf und nieder, während Fürst Arno drüben im Arbeitsgemach den langwierigen Vortrag seines Premierministers entgegennahm. Baron Brüggstorm hatte gestern in später Abendstunde eine verblüffende Nachricht empfangen. Der Geheimrat Stirlay, Mitglied der ersten Kammer, Direktor des fürstlichen Familienarchivs und Vorsitzender des konservativen Klubs, hatte ihm beim Verlassen der Breslauerschen Villa im Ton herbster Mißbilligung erzählt, der neue Inhaber des Schlossergeschäfts Bergstraße Numero zwanzig, der vor etlichen Tagen von Frankfurt nach Gleiberg übergesiedelt war, zeichne sich durch eine merkwürdige, geradezu peinvoll berührende Eigenschaft aus ... Er sehe nämlich dem Fürsten so überraschend ähnlich, daß die banale Redensart »wie ein Ei dem andern« hier sich von selbst auf die Lippen dränge. Der Ausdruck natürlich und die gesamte Art des Gebarens lasse den Abstand erkennen, der den »ungebildeten Handwerker« von dem »erhabnen Staatsoberhaupt« trenne. Immerhin bleibe noch so viel Übereinstimmung übrig, daß die Sache sehr wohl geeignet sei, die loyale Bevölkerung der fürstlichen Haupt- und Residenzstadt in ihren heiligsten Empfindungen zu verletzen, während sie anderseits den staatsfeindlichen Elementen, die leider auch schon in Gleiberg die giftigen Natternköpfe erhöben, eine nur allzu erwünschte Handhabe liefern möchte für die Betreibung ihrer schmachvollen antimonarchischen Wühlereien. Der Zufall wollte, daß der Baron Brüggstorm gleich heute in aller Frühe die Gelegenheit fand, sich von der Tatsache dieses Naturspiels zu überzeugen. Er hatte um zehn Uhr vormittags bei seinem Bankier auf der Bergstraße zu tun und kam gerade in demselben Augenblick an dem Grundstück Numero zwanzig vorüber, als der Schlossermeister – Fritz Warnack, wie das mächtige Schild über dem Eingang besagte – aus der Tür seines Hauses langsam ins Freie trat. Es war just Frühstückspause, und der fleißige Mann benutzte die paar Minuten, die ihm nach Einnahme des Imbisses noch erübrigten, um hier, die Hände unter dem Schurzfell, ein bißchen Luft zu schnappen. Der Zeremonienmeister Baron Brüggstorm fühlte, wie ihm das Herz vor Schreck beinahe stillestand. Er bemerkte auch, daß ein großer Teil der Vorübergehenden die Erscheinung des neuen Mitbürgers mit ganz ähnlichem Starren und Staunen musterte wie er selbst. Das war in der Tat das leibhaftige Ebenbild Seiner Durchlaucht; etwas gröber und minder aristokratisch, ja; aber doch unverkennbar in jeder Linie. Die nämliche hohe, intelligente Stirn, das kluge, freundliche und doch so energische Auge, die vornehme, eingeschnittene Nase und vor allem der prächtige braune Vollbart. Das alles litt nicht einmal wesentlich unter dem Ruß, der hier und da seine Spur hinterlassen hatte. Wenn man diesen Schlossermeister Fritz Warnack in die fürstliche Galauniform steckte ... Baron Brüggstorm schauderte, als er sich eingestehen mußte, daß in diesem Fall die Möglichkeit einer Verwechslung absolut nicht zu leugnen war. Natürlich nur auf den ersten Augenblick, oder doch nur solange der Schlossermeister nicht sprach; denn jetzt, wie Fritz Warnack dem Briefträger ein paar Worte über die Straße zurief, war die auffällige Ähnlichkeit augenblicklich verringert. Der Mann redete einen wuchtigen, für das Ohr des Gleiberger Zeremonienmeisters höchst unharmonisch klingenden Dialekt, während sich Seine Durchlaucht nur im korrektesten Hochdeutsch vernehmen ließen und überdies ein weit reineres und volleres Organ besaßen. Gleichviel! Die Sache war und blieb in den Augen des Zeremonienmeisters eine Art unfreiwilligen Majestätsverbrechens. Wie betäubt eilte er weiter, seine eigenen Obliegenheiten unter dem Eindruck dieser Fatalität schier vergessend. Eins stand ihm fest wie ein Grundgesetz: die Ähnlichkeit zwischen dem Landesherrn und einem ganz gewöhnlichen Schlossermeister, der noch dazu nicht einmal im Besitze der Gleiberger Staatsangehörigkeit war, konnte und durfte nicht fürderhin obwalten! Irgend etwas mußte geschehen, um diesem unerträglichen Mißstand ein Ende zu machen. In so gefährlichen Zeitläuften wäre es ein vernunftwidriger Frevel gewesen, wenn man nicht alles getan hätte, um das Ansehen des monarchischen und vaterländischen Gedankens um jeden Preis aufrechtzuhalten. Baron Brüggstorm beschloß, Seiner Durchlaucht die beklemmende Angelegenheit sofort zur Kenntnis zu bringen und mit dem allverehrten Landesherrn selbst zu beraten, welcherlei Maßregeln hier zu ergreifen seien. Im Residenzschlosse angelangt, fand er jedoch Seine Durchlaucht beschäftigt. Die Vorträge hatten diesmal besonders früh ihren Anfang genommen und würden voraussichtlich bis zur Stunde der Tafel dauern. So schritt denn Baron Brüggstorm in dem hochroten Ecksaal des Schlosses unmutig auf und ab und übersann die Geschichte nochmals nach allen Richtungen, bis er dann plötzlich stehen blieb und sich mit den Fingern der rechten Hand flach wider die Stirn schlug. Ja! So wollte er's machen! Selbstredend! Das war noch bei weitem einfacher und in gewisser Beziehung auch zartfühlender, als wenn er den Fürsten persönlich mit der unerbaulichen Sache belästigte. Daß er, der sonst so scharfsinnige Brüggstorm, nicht gleich im ersten Augenblick an diese Form der Lösung gedacht hatte! Nun, es war ja noch nichts versäumt! Also ohne Verzug ans Werk! Und wenn die Geschichte dann glatt und geräuschlos geordnet war, dann gab es wohl Mittel und Wege, Seine Durchlaucht nachträglich von der Aufmerksamkeit und Gewandtheit Höchstihres Zeremonienmeisters gebührend in Kenntnis zu setzen! Um seinem Auftreten etwas recht Offizielles und Feierliches zu geben, ließ der Baron trotz der geringen Entfernung, seinen wappengeschmückten Landauer anspannen. Es schlug gerade halb zwölf, als die zwei prachtvollen Rappstuten am Eingang des Schlossergeschäfts in der Bergstraße Halt machten. Den Kopf mit einiger Selbstgefälligkeit in den Nacken gelegt, den schmalen Mund vornehm gekniffen, wandelte Brüggstorm würdevoll in den Laden. Hier stand eine sehr hübsche Verkäuferin, die unter anderen Verhältnissen der lebhaften Teilnahme des Herrn Zeremonienmeisters sicher gewesen wäre. Jetzt aber unterdrückte er das rein Menschliche und kehrte ausschließlich den fürstlichen Hofbeamten, den Mann von Welt, den glänzenden Aristokraten heraus. Mit schnarrender Stimme fragte er nach dem Schlossermeister Fritz Warnack, mit dem er in einer wichtigen Angelegenheit persönlich zu sprechen habe, und nickte herablassend, als sich das Mädchen freundlich beeilte, den Gewünschten herbeizuholen. Mit höflichem, aber nicht gerade untertänigem Gruße trat Fritz Warnack aus einer Seitentüre. Er trug noch immer die Spuren der Werkstatt im Antlitz; das Haar hing ihm ein wenig wüst um die Stirne; die linke Hand hielt er nach seiner Gewohnheit im Bausche der Lederschürze. »Sie sind Herr Warnack?« »Der bin ich,« versetzte der Schlossermeister, noch immer artig, obschon ihn die etwas geschraubte Sprechweise des Hofbeamten heimlich verdroß. »Womit kann ich dem Herrn dienen?« »Mein verehrter Herr Warnack,« näselte Brüggstorm, »wenn Sie ein paar Minuten Zeit hätten, möchte ich eine diskrete Privatangelegenheit ganz unter vier Augen mit Ihnen erörtern ... Paßt's Ihnen jetzt?« »Bitte, wollen Sie mit hinaufkommen!« Der Schlossermeister schritt langsam voran. Brüggstorm folgte. Als sie dann droben allein waren und der Baron sich mit erkünstelter Nachlässigkeit in den hochlehnigen Großvaterstuhl gesetzt hatte, während Fritz Warnack sich erwartungsvoll einen Korbsessel heranschob, da entstand nach den ersten gleichgültigen Redensarten eine beklommene Pause. Der Schlossermeister, der den Baron nicht kannte, witterte eine Schererei mit der Stadtbehörde, die ihm schon vor seiner Übersiedlung mancherlei Schwierigkeit in den Weg gelegt hatte; Brüggstorm, sonst ein so altbewährter Meister der Phrase, suchte mit wachsender Unsicherheit nach dem geeigneten Ton, bis er dann endlich mit der nicht ganz zutreffenden Bemerkung herausplatzte: »Ich komme im Auftrag Seiner Durchlaucht, unseres allergnädigsten Fürsten.« »Wahrhaftig?« rief der andere erstaunt. »Das heißt,« fuhr der Baron fort und betrachtete wie zerstreut seine Fingerspitzen, »wenn ich mich hier der Wendung bediene ,im Auftrag', so ist das gewissermaßen schon bildlich geredet. Ich hätte nicht sagen sollen ›im Auftrag‹, sondern ›im Sinne‹. Durchlaucht haben zunächst keine Kenntnis davon, daß ich hier bei Ihnen vorspreche. Dafern aber meine Verhandlung mit Ihnen zu dem gehofften Ergebnis führt, werde ich Seiner Durchlaucht die Sache erzählen, und Sie dürfen sich überzeugt halten, Durchlaucht werden von meiner Initiative und Ihrem einsichtsvollen Entgegenkommen dankbarst erbaut sein.« »Da bin ich ja neugierig! Mit wem hab' ich denn eigentlich die Ehre ...?« »Brüggstorm, Freiherr von Brüggstorm, fürstlicher Zeremonienmeister ... Also die Sache ist die. Ich weiß nicht, ob Sie sich jemals mit Staatswissenschaften befaßt haben. Soviel aber wird Ihnen wohl auch ohne theoretische Vorbildung klar sein: die Grundlage jeder geordneten Monarchie besteht in der unerschütterten Ehrfurcht der Untertanen vor dem gekrönten Haupte.« »Ja, aber wie hängt das mit mir zusammen?« »Sehr einfach, mein Lieber! Sie wissen doch zweifellos, daß Sie infolge einer sonderbaren Naturlaune unserm allergnädigsten Fürsten ganz außerordentlich ähneln.« »Muß wohl sein,« lachte Fritz Warnack, »denn alle Nasen lang krieg' ich's zu hören . . » Und wenn ich so nach den Bildern schätze, die ich gesehen habe ... Drüben zum Beispiel im Gastzimmer der ›Bayrischen Krone‹ da hängt sein Öldruck. Über sich selbst kann man ja schlecht urteilen; aber ich mein' schon...« »Die Ähnlichkeit ist geradezu phänomenal!« rief Baron Brüggstorm nachdrücklich. »Sehr schmeichelhaft,« versetzte der Schlossermeister. »Für Sie, ja, aber nicht für Seine Durchlaucht. Verzeihen Sie, lieber Warnack! Ich will Sie durchaus nicht kränken, und nichts liegt uns da droben am Hofe Arnos des Dritten ferner, als eine törichte Unterschätzung des Mittelstandes. Immerhin werden Sie einsehen... Sie sind und bleiben doch immer ein schlichter Handwerker, der ja gewiß alle Achtung verdient, aber trotz alledem... na, wie soll ich mich ausdrücken? Es hat offenbar etwas Verletzendes, wenn das leibhaftige Ebenbild Seiner Durchlaucht in Bluse und Schurzfell hinter dem Amboß steht oder für einen Fünfer Nägel verkauft ... Bitte, lassen Sie mich jetzt ausreden, Herr Warnack! Als Privatmann könnte der Fürst auf diese Ähnlichkeit ruhig und kaltblütig herablächeln; als Souverän aber ist er sich und seiner erhabenen Stellung doch eine etwas veränderte Anschauungsweise schuldig. Ein Fürst steht über dem Volk. Und wie das Gesetz den Monarchen durch Androhungen schwerster Strafen gegen Beleidigungen zu schützen sucht, die im gewöhnlichen Leben oft nur mit kleinen Geldsummen gebüßt werden, so ist auch im Punkte des Schicklichen überall da, wo der Fürst mit in Frage kommt, eine gesteigerte Strenge nötig. Kurz und gut: die Ähnlichkeit Seiner Durchlaucht mit einem Schlossermeister scheint mir unerträglich. Da muß also Abhilfe geschafft werden – um jeden Preis!« »Ja, wie soll das gemacht werden?« fragte der Schlosser stirnrunzelnd. »Ein lebendiger Mensch ist doch kein Paletot, den man so kurzerhand umarbeitet!« »Doch – in gewisser Beziehung! Wenn Sie sich entschließen möchten, Ihren Bart abzunehmen und künftig rasiert zu gehen, so würde ein Hauptmoment dieser fatalen Ähnlichkeit ausgemerzt sein.« »Na, hören Sie mal! Fatale Ähnlichkeit! Sie sprechen ja gerade, als wär' ich ein Raubmörder!« »Wie gesagt, ich will Sie nicht kränken, lieber Herr Warnack. Aber Sie müssen begreifen –« »Nichts begreif ich! Den Vollbart soll ich mir abnehmen? Ja, ich bitt' Sie, den trag' ich nun seit meinem zwanzigsten Jahr! Wie kam' ich dazu, mich jetzt scheren zu lassen und auf einmal herumzulaufen wie ein geroppter Hahn? Meine Frau würde mich schön auslachen!« »Durchlaucht würde sich ohne Zweifel erkenntlich zeigen ... Sie zum Hofschlosser ernennen ...« »Zuviel Ehre! Aber mein Bart ist mir nicht feil. Da bin ich ebenso stolz drauf wie euresgleichen auf seinen Stammbaum.« »Bedenken Sie wohl, was Sie hier von der Hand weisen! Ein erheblicher Teil der Aufträge, die man bis jetzt Ihrem Konkurrenten am Bohlberg zugewandt hat, würde dann künftig Ihrer Werkstatt anheimfallen.« »Nee! Was hätt' ich davon, wenn ich mir sagen müßte: Warnack, du bist ein Flappch! Und das wär' ich ja doch, wenn ich so ganz ohne vernünftigen Grund...« »Der Wunsch Ihres Souveräns – ist das kein vernünftiger Grund...« »Sie haben doch selbst gesagt, der Fürst weiß gar nichts davon, daß Sie hier zu mir kommen. Und auch so. Kann ich Ihrem Herrn Fürsten sonst mal gefällig sein, mit dem größten Vergnügen. Ich bin kein so grober Flegel, daß ich nicht vorkommenden Falles auf eine hochgestellte Person Rücksicht nähme. Noch dazu, wo man von dem Fürsten überall Gutes hört! Nur das Bartabscheren, das paßt mir nicht! Soll ich mich gleich in den ersten acht Tagen hier vor der ganzen Stadt lächerlich machen? Von mir selbst und meiner Luise ganz zu geschweigen! Nee, Verehrtester Herr Baron! Da müßt' ich für keine drei Groschen Ehre im Leib' haben!« Der Zeremonienmeister wiegt unmutig den Kopf. »Ich erlaube mir, Sie darauf hinzuweisen, daß der Arm des Monarchen außerordentlich weit reicht. Wenn Sie auf diese Manier den Spröden und Widerhaarigen spielen, dürften sich Mittel und Wege finden, Ihnen den Aufenthalt hier in Bleiberg stark zu verleiden.« »Was?« rief der Schlosser beinahe zornig. »Sie wollen mir drohen? Na, nun bitt' ich Sie aber! Ich bin ein ehrlicher, freier Mann, der sich vor niemand zu fürchten braucht. Wenn Sie mir so kommen, gut! Dann wollen wir doch mal sehen, ob's noch ein Deutsches Reich gibt. Ich bin, wie ich bin – und so bleib' ich, und damit basta! Glaubt sich der Fürst durch diese Ähnlichkeit wirklich so schwer geschädigt, nun, dann mag er doch einfach die Bartschererei an sich selbst vornehmen!« »O, o, o!« »Was ist da zu oen? Ein freier Entschluß hat nichts Entehrendes. Ich aber soll schmählich gezwungen werden. Und das lass' ich mir nun mal unter keiner Bedingung bieten.« Der Zeremonienmeister erhob sich. »Das wäre also Ihr letztes Wort?« »Jawohl, Herr Baron! Mein allerletztes!« »Empörend!« murmelte Brüggstorm durch die gekniffenen Lippen. »Noch einmal, bei allem, was Ihnen heilig ist: überlegen Sie sich's!« »Da ist gar nichts zu überlegen! Ich bin kein Zuchthäusler! Ich kann mir den Bart wachsen lassen, wie mir's beliebt!« Der Zeremonienmeister neigte ein wenig den Kopf und schritt dann bleich und schwer atmend der Tür zu. »Empörend!« wiederholte er noch einmal, als er ins Freie trat. Etliche Wochen später tummelten sich die beiden Kinder Fritz Warnacks – Karl und Emilie – in der Nähe des Schloßteichs. Es war ein prachtvoller Maitag. Die hundertjährigen Wipfel des fürstlichen Parkes, den Seine Durchlaucht mit Ausnahme eines ganz unbedeutenden Streifens dem Publikum freigab, leuchteten im frischesten Grün; die zahlreichen Beete strotzten von jungblühenden Blumen. Karl und Emilie trieben sich erst auf dem wenig begangenen Kiespfad herum, der zwischen dem Teich und der künstlichen Anhöhe mit dem Cäcilientempel einherführte. Bald aber lockte die spiegelnde Wasserfläche und die reichquellende Fülle der Seerosen. Die Kinder näherten sich mit wachsender Unternehmungslust dem einsamen Ufer. Hier lag ein Boot, zu dem ein schmaler, auf eingerammten Holzpflöcken ruhender Steg führte. Von diesem Boot aus konnte man sehr bequem in die Blumen hineingreifen. Die blonde Emilie hatte zwar anfangs Bedenken. Jedes Abpflücken hier in dem Schloßgarten war ja streng untersagt. Karl aber meinte, so etwas gelte doch nur von den Beetblumen, nicht von den Wasserrosen, die hier im Teiche wild wüchsen. Der kecke achtjährige Bube lief also kurzerhand auf den Steg, kletterte in den zierlichen Kahn und beugte sich weit über den Rand, um eine recht üppige, vollsaftige Blüte vom Stengel zu reißen. Bei dieser Bemühung bekam er das Übergewicht, stieß einen furchtbaren Schrei aus und stürzte ins Wasser. Emilie stand wie gelähmt. Sie war unfähig, nur einen Finger zu rühren. In das Gewirre der Seerosen verstrickt, rang der Knabe verzweiflungsvoll, jetzt auftauchend und jetzt wieder untersinkend. Plötzlich kam eine schlanke Frauengestalt flink und leichtfüßig an dem zitternden Kinde vorbei über den Rasen gewandelt. »Bleiben Sie nur, liebste Brüning!« klang ihre wohltönende Stimme, als eine andere – ältere – Dame ihr nacheilen wollte. »Es ist nicht weiter gefährlich! Mein Wort darauf!« Sie sprang rasch in den Kahn, ohne sich nach ihrer aufgeregten Begleiterin umzusehen. Ihr lichtblaues Gewand wehte wie eine Flagge. Im nächsten Augenblick hatte sie eines der Ruder ergriffen, die in dem Fahrzeug lagen, und es dem eben wieder emportauchenden Knaben geschickt unter den Leib geschoben. Dann half sie ihm mit der Linken vorsichtig über den Bootsrand. Nach wenigen Augenblicken stand Karl Warnack wohlgeborgen am Ufer, wo die laut aufweinende Schwester den Todblassen stürmisch umarmte, ohne in ihrer Gemütsbewegung für die liebreiche Retterin auch nur ein stammelndes Wort zu finden. »Aber Durchlaucht!« sagte die ältere Dame und streckte der jüngeren beide Arme entgegen. »Nein, so was! Mir zittern die Knie! Um ein Haar wären Sie übergestürzt! Und wie sich Durchlaucht beschmutzt haben!« »Kommen Sie nur! Es blieb doch nichts anderes übrig. Bitte rasch! Dort bleiben schon die Leute stehen. Sie wissen, Verehrteste, ich bin keine Freundin von Szenen...« Und beide Damen entfernten sich schleunigst. »Na, du dummer Junge,« rief jetzt ein gutmütiger alter Herr und tippte den noch immer verdutzt dreinschauenden Karl auf die Schulter, »hast du dich denn auch gehörig bedankt? Du weißt wohl gar nicht, wer das gewesen ist? Nicht? Ach so, ihr seid nicht von Bleiberg? Na, dann schreib dir's hinter die Ohren, und wenn du dein Abendgebet sprichst – du verstehst mich schon! Das war Ihre Durchlaucht die Fürstin Marie, unsere gütige Landesmutter. Lauf nur jetzt heim, sonst wirst du noch krank, und laß dir die wohlverdiente Prügel aufzählen!« Karl und Emilie trabten nach Hause. Nachdem Frau Warnack den triefenden Buben umgekleidet und mit etlichen Tassen heißer Milch erquickt hatte, rief sie den Vater. »Du, was sagst du dazu? Wenn die Kinder nicht Unsinn schwatzen ...« »Nein, Mutter,« beteuerte Karl, »es ist kein Unsinn! Ganz deutlich hab' ich gehört, wie die eine mit dem hellgrünen Sonnenschirm ›Durchlaucht‹ sagte. Und dann kam doch der alte Herr und schnauzte mich an. Der hat dann expreß gesagt, das wäre die Fürstin.« »Da hörst du's!« sagte Frau Warnack eifrig. »Weiß Gott, ich finde das großartig! So ein gutherziger Engel! Zieht den garstigen Kerl da höchst eigenhändig aus der Tinte heraus! Konntest du denn nicht selber das Boot packen?« »Nee, Mutter! Ich kam ins Gewirre. Und Wasser hab' ich geschluckt – gräßlich!« Frau Warnack drückte den Knaben voll zärtlicher Bangigkeit an die Brust. »Hoffentlich schadet's dir nichts. Aber da siehst du, wie recht ich hatte! Hundertmal hab' ich's euch eingetrichtert: bleibt von den Gräben und Flüssen und Teichen weg! Jawohl! Eigentlich sollte ich dich mitsamt der Emilie windelweich hauen.« Der Schlossermeister hatte inzwischen mit steigender Lebhaftigkeit nachgedacht. »Und es ist wahr: ihr Esel habt euch gar nicht ein bißchen bedankt?« fragte er stirnrunzelnd. »Nee, Vater! Wir waren dir wie vor den Kopf geschlagen.« »Dann muß ich morgen ins Schloß! Das erfordert der Anstand!« »Ach!« wehrte Frau Warnack. »Die lassen dich gar nicht vor!« »Die werden schon! Ich sage ganz einfach: Ihre Durchlaucht die Fürstin hat meinen Jungen gerettet, da hab' ich als ehrlicher Mann wohl das Recht...! Das wäre ja noch schöner! Red' mir nichts! Morgen beizeiten mach' ich mich auf!« Er nickte befriedigt und ging dann rasch in die Werkstatt zurück, wo es noch reichlich für ihn zu tun gab. Unter dem Arbeiten sann er über das unverhoffte Erlebnis nach, über sein Vorhaben und über alles, was mit der Sache zusammenhing. Da fiel ihm auch seine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Fürsten ein, und daß es die hohe Frau, die ihm den Sohn aus dem Wasser gezogen, doch vielleicht kränken mochte, wenn der einfache Schlossermeister ihrem fürstlichen Eheherrn so verwünscht gleichsah. Dieser Frau gegenüber, deren liebliches Antlitz er von dem Bild in der »Bayrischen Krone« her schon in recht sympathievoller Erinnerung hatte, und die er jetzt aus dem tiefsten Grunde seines dankbaren Vaterherzens heraus glühend verehrte, kam er sich merkwürdig klein und gering vor. Beim Gedanken an sie empfand der sonst so trotzige, selbstbewußte Mann seine Ähnlichkeit mit dem Fürsten zum erstenmal wie eine Art Respektwidrigkeit. Und was er dem hochfahrenden Zeremonienmeister mit schroffer Kaltblütigkeit verweigert hatte, das gestand er nunmehr aus freien Stücken der schönen, guten, edelherzigen Fürstin Marie zu, der auch der leiseste Schimmer von Mißbehagen erspart werden sollte. Am folgenden Morgen begab sich Warnack in die nahegelegene Barbierstube von Gaulitz. »Haarschneiden?« fragte der erste Gehilfe, als Warnack die Tür schloß. »Kann ja wohl auch nicht schaden,« meinte der Schlossermeister. »Vorerst aber nehmen Sie mir den Bart ab!« »Wie Sie befehlen! Obgleich's ja um dieses Prachtvolle Exemplar eigentlich schade ist.« »Macht nichts.« Er setzte sich. Der Barbier hatte ganz recht: es war ein Staatsbart – und sein Dahingeben bedeutete für den Schlossermeister wirklich ein Opfer. Aber der weichherzige Mann brachte es gern. Seit gestern hatte sich, teilweise unter der Nachwirkung des Schrecks, eine Art Schwärmerei für die liebliche Landesmutter bei ihm entwickelt, ein Gemütszustand, der ihn im Zeitalter der Kreuzzüge vielleicht veranlaßt hätte, der Retterin seines geliebten Sohnes zu Ehren eine Fahrt nach dem Heiligen Grabe zu unternehmen. Er war überhaupt, trotz einer gewissen Rauhbeinigkeit, um den Finger zu wickeln, wenn man es nur verstand, ihm ein ganz klein wenig an die Seele zu fassen. Der Bart also fiel. Der Haarkünstler rieb ihm das glattgeschorne Gesicht, aus dem jetzt nur noch der Schnurrbart als stattlicher Rest hervorragte, mit Kölnischem Wasser ab und puderte ihn, um der Gefahr einer Erkältung vorzubeugen. Dann stutzte er ihm ein wenig das Haupthaar. »Nein, wie du aussiehst?« rief die Frau Schlossermeisterin, als ihr Gemahl heimkam, um sich in Gala zu werfen. »Ich kenne dich kaum! Na, du magst ja wohl recht haben mit deiner Rücksichtnahme, obschon ich streng genommen nicht einsehe ... Aber ein Jammer ist's ewig!« »Ach, du wirst dich schon dran gewöhnen!« »Ich? Nie!« Fritz Warnack zog seinen neuen Tuchrock an und setzte den Hut auf. Gegen halb elf bereits stand er vor dem fürstlichen Residenzschloß. Nach etlichen Schwierigkeiten gelang es ihm, bei der Hofdame Gräfin Thun gemeldet zu werden. Er hatte erfahren, die Gräfin sei ungleich wohlwollender und zugänglicher als die Brüning und sehr eingenommen von der leichtblütigen, volkstümlichen Art der Fürstin, deren Auftreten dem Herrn Zeremonienmeister viel zu wenig zeremoniös war. Die Gräfin stellte den recht verlegen dreinschauenden Schlossermeister wirklich nach kurzer Frist Ihrer Durchlaucht vor. Der Titel des danksprühenden Vaters schien der liebenswürdigen jungen Dame ausreichend. Auch wußte sie, daß Unterredungen mit naturwüchsigen Bürgern und Bauern von Ihrer Durchlaucht oft als eine wahre Wohltat empfunden wurden. Fürstin Marie war gegen Fritz Warnack außerordentlich huldvoll. Sie drückte ihm ihre Freude darüber aus, daß es ihr durch einen glücklichen Zufall gelungen sei, einem braven Familienvater den einzigen Sohn zu erhalten, und meinte, das eigene Verdienst sei nicht der Rede wert. Manchmal warf sie ihm einen seltsam prüfenden Blick zu. Dann plötzlich wandte sie sich zur Gräfin Thun. »Leonore, bemerken Sie nichts? Ich finde das geradezu Phänomenal! Ja? Sie verstehen mich?« »Gewiß, Durchlaucht!« »Zu merkwürdig! Das muß der Fürst unbedingt sehen! Sonst glaubt er es nicht. Ach, bitte, schicken Sie rasch mal hinüber! Er hat ja heut keine Vorträge. Wahrscheinlich sitzt er im Atelier und malt ... Herr Warnack, bleiben Sie noch! Nur zwei Minuten!« Der Fürst kam. »Liebster Arno,« begann die Fürstin mit reizender Schalkhaftigkeit, »du weißt, wir haben erst neulich über das Thema Adel und Volk debattiert. Ich muß dir da doch einmal einen echt deutschen Handwerker als Doppelgänger von dir vorstellen! Seit du dir letzthin den Vollbart hast abnehmen lassen, siehst du dem wackeren Mann hier so ähnlich, als wäret ihr Zwillinge!« Der Fürst stand einen Augenblick starr. Er hatte dem unaufhörlichen Drängen des Zeremonienmeisters, der ihn mit »psychologischen Einwirkungen auf die empfängliche Volksseele« und anderen gutklingenden Redensarten verfolgte, endlich nachgegeben und sich vorgestern alles bis auf den Schnurrbart wegrasiert; genau so wie der Schlossermeister. Und jetzt war die Ähnlichkeit wieder so vollständig hergestellt, daß Brüggstorm bei dem Anblick dieser sträflichen Identität vor Schrecken die Sprache verloren hätte. »Was ...?« fragte der Fürst zögernd. »Wer ist dieser Mann ...?« »Der Schlossermeister Fritz Warnack! – der Vater des Kindes, dem ich gestern am Schloßteich zu Hilfe kam.« »Ja, Durchlaucht,« stammelte Warnack mit einem tiefen Bückling. »Ich hatte mir untertänigst die Erlaubnis erwirkt, Ihrer Durchlaucht zu danken ...« Der Fürst trat näher. »Sie also sind der Mann, von dem mir Brüggstorm all die Zeit über soviel gepredigt hat? Ja, um Himmels willen, was soll denn das heißen? Ihr Bart ist ja nun doch den Weg alles Fleisches gegangen!« Fritz Warnack erzählte. In schlichter Treuherzigkeit machte er dem erlauchten Herrn gegenüber kein Hehl daraus, wie er das Ansinnen des Zeremonienmeisters, der ihm nicht gerade liebreich zugesetzt, als eine schwere Kränkung empfunden und ihm deshalb ganz energisch die Zähne gezeigt habe, während er jetzt mit Rücksicht auf Ihre Durchlaucht, die huldreiche Retterin seines Sohnes, ohne Kampf zu dem Entschlusse gelangt sei ... Und nun wolle der Zufall ... Wirklich, ein abscheulicher Zufall! Seine Durchlaucht solle doch ja nicht glauben, daß irgendwie ... Er stockte. Da trat Fürst Arno, bei dem die Komik der Situation sehr bald die Oberhand über den Ärger gewann, und der es im Grunde schon längst bereut hatte, den Einflüsterungen des wohlmeinenden, aber engherzigen Höflings gefolgt zu sein, lächelnd zu dem Schlossermeister heran, klopfte ihm auf die Schulter und sprach dann mit großer Leutseligkeit: »Herr Warnack! Ich glaube, Sie haben Kopf und Herz auf dem rechten Fleck. Ich will Ihnen etwas sagen! Lassen wir unsere Bärte von heute ab wieder getrost wachsen! Ich für mein Teil gräme mich nicht darüber, einem achtbaren Mann aus dem Volk ähnlich zu sehen, und finde auch keinen Schaden fürs Land dabei. Verwechseln wird man uns beide ja doch nicht!« »Das denk' ich auch, Durchlaucht.« »Und zur Erinnerung an diese sonderbare Begegnung mach' ich Sie hiermit zum Hofschlosser.« »Danke von Herzen, Durchlaucht! Will mir auch alle erdenkliche Mühe geben!« Ein gnädiger Wink: der neue Hofschlosser war entlassen. Gräfin Thun, die an dem kernhaften Wesen des Mannes großen Gefallen fand, gab ihm ein Stück Wegs das Geleit. Und als nun die Fürstin Marie mit ihrem Gatten allein war, da fiel sie ihm strahlend vor Freude und Genugtuung um den Hals und gab ihm einen recht unzeremoniösen herzhaften Kuß. Ernst Eckstein Preisgekrönt 1. Der seit vierthalb Jahren in Gott ruhende Ehegemahl Adelaidens, Ottfried Cäsar von Weißenfels, königlich sächsischer Hof- und Schulrat, war ein ganz vernünftiger Mann gewesen. Dem läuternden Einfluß dieses kraftvoll ernsten Charakters glückte es beinahe durchweg, die beiden Hauptfehler seiner Lebensgefährtin, die übertriebene Sparsamkeit und den literarischen Dilettantismus, gründlich im Zaume zu halten. Adelaide hatte zu Lebzeiten ihres königlich sächsischen Hofrats würdig und zweckentsprechend repräsentiert, wenn es auch hier und da einer freundlichen Standrede über die allzu einfach werdenden Küchenzettel bedurfte. Sie hatte sich ferner mit dem Gedanken vertraut gemacht, von dem praktisch nüchternen Ottfried in ihrer Eigenschaft als Poetin mißverstanden und, wenigstens äußerlich, auf das Niveau prosaischer Durchschnittsfrauen heruntergedrückt zu werden; daher sie denn seit dem zweiten Quartal ihres Eheglücks das Lyrische Tagebuch – so nannte sie die köstliche Reinschrift ihrer poetischen Eingebungen – wie eine verbrecherische Korrespondenz im tiefsten Schubfach ihres Schreibsekretärs verschloß und höchstens einmal ihrer vertrautesten Freundin, der Frau des Majors Friese, ein paar bedeutsame Stellen vorlas, bis auch dieses mitfühlende Herz ihr auf dem Weg der Versetzung nach Koblenz verloren ging. Seit Ottfried Cäsar jedoch infolge eines apoplektischen Anfalls die klugen, klarblickenden Augen für immer geschlossen hatte, gab sich Frau Adelaide von Weißenfels allgemach wieder so, wie sie war. Obgleich in recht guten Verhältnissen, schränkte sie den schandbaren Luxus des langen Tafelns, wie sie sich ausdrückte, dergestalt ein, daß mitleidslose Beurteiler ihr geradezu Geiz vorwarfen. Auch trat sie kühner und freier mit ihrer Lyrik hervor, zog hier und da eine urteilsfähige Schwester in Apollo zu Rate, durchforschte die zahlreichen Bände des Tagebuchs nach ›Blüten und Perlen‹, die sie demnächst einer geachteten Firma zum Verlag anbieten wollte, und faßte den Plan zu einer Ballade aus der altklassischen Mythologie, »Deianeira« betitelt. Inzwischen war ihre einzige Tochter Helene, ein reizendes Blondchen mit hellblitzenden Augen und frischen Lippen, zur heiratsfähigen Jungfrau herangewachsen. Das heitere, genußfrohe und unverkünstelte Naturell des Kindes litt unter den beiden Hauptcharakterzügen ihrer Mama gleichermaßen. Die Sparsamkeit der ängstlichen Adelaide brachte Helenen um gar manches Vergnügen, das man ihr wohl hätte gönnen dürfen. Überall peinliches Rechnen. Der Subskriptionsball wurde nicht mitgemacht, weil sich die Hofrätin gegen die Anschaffung eines neuen Galakostüms sträubte; die Parkettsitze in der Oper waren zu teuer; eine Spazierfahrt stempelte jedermann, der nicht gerade Millionär war, zum kuratelreifen Taugenichts usw. usw. Die literarischen Neigungen der Frau Hofrätin zwangen die blonde Helene zu unerhörten Geduldsproben. Sie mußte jetzt, da sie für das Verständnis derartiger Schöpfungen reichlich entwickelt schien, die zu früh entschwundene Majorin Friese ersetzen. Nicht nur wohlgerundete Oden im alkäischen Versmaß und majestätische Lieder in freien Rhythmen wurden ihr unterbreitet, sondern auch Stellen aus jenem Lyrischen Tagebuch, deren Entstehungsgeschichte ihr mit kurzen Worten erläutert wurde. Trotz der Häufigkeit solcher poetischen Mitteilungen fügte sich Fräulein Helene mutvoll ins Unvermeidliche. Ihr hübsches, rosig erblühendes Antlitz strahlte wie in ruhiger Verklärung, ob nun Adelaide sanftschwimmende Töne einer versöhnteren Weltanschauung zum besten gab, oder ob sie mit schmerzlich dröhnender Stimme dem Zwiespalt Ausdruck verlieh, der siebzehn Jahre hindurch peinlich in ihrer Seele geklafft hatte. Da hieß es z. B. im vierten Bande des Lyrischen Tagebuchs auf der hundertsten Seite: Wohl schrecklich ist's, noch in des Lebens Mai, Das Herz erfüllt mit trunkner Poesei, Die Brust bewegt vom ungestümsten Pochen, Am Herde stehn und Makkaroni kochen. O Dichtkunst, holder, sehnsuchtsvoller Wahn, Du fliehst den Topf, von Kohlenglut umlodert! Persönlich hab' ich's freilich nicht getan: Doch nachzusehn – was doch die Pflicht erfordert – Und so der Köchin stetig Winke geben: Selbst das, beim Zeus, verbittert mir das Leben ... Fräulein Helene, weit entfernt, das heimliche Weh dieser eigentümlichen Rhythmen nachzufühlen, saß und lauschte mit einer seltsamen Art, die nicht erkennen ließ, ob ihre geistige Sammlung dem Vorgelesenen galt oder den Klängen einer besonderen, für andere unhörbaren Sphärenmusik. Adelaide war fest davon überzeugt, ihre Tochter folge den Melodien der mütterlichen Kithara; ein Unbefangener jedoch wäre bei tieferer Betrachtung dieses lieblich sinnenden Angesichts zum entgegengesetzten Schlusse gelangt und hätte so die Wahrheit – in ihren Grundzügen wenigstens – bald enträtselt. Die Gedanken Helenens weilten in der Tat niemals bei diesen metrischen Herzensergüssen. Sie schweiften vielmehr über die breite Mathildenstraße quer nach dem Eckhaus mit der schönen skulpturenreichen Fassade, wo ein frischer, lustiger, kernhafter junger Mann wohnte: Doktor Leopold Maxwaldt, Assistent des berühmten Nervenspezialisten Schebelsky. Helene von Weißenfels hatte Herrn Doktor Maxwaldt zu Anfang Oktober auf einer Landpartie kennen gelernt und dann noch drei- oder viermal wiedergesehen. Diese Begegnungen hatten genügt, um bei dem klaren, gesunden Charakter der jungen Leute, die nicht gelernt hatten, nach der Schablone unserer modernen Geselligkeit Komödie zu spielen, eine leidenschaftliche Neigung zu wecken. Bei dem letzten Zusammensein – auf einem Privatball im Hause des Geheimrats Schebelsky – kam es zur gegenseitigen Aussprache. Noch wollte man die Sache geheim gehalten, bis Doktor Maxwaldt gewisse äußere Ziele erreicht hätte; dann aber ... o, er hatte das so wundervoll ausgedrückt, so hold, so poetisch – weit poetischer als die schönsten Stellen des Lyrischen Tagebuchs. Im Gedanken an dieses wonnesame Erlebnis, im Vollbewußtsein des unendlichen Glückes, zu lieben und wiedergeliebt zu werden, konnte Helene selbst die unwahrscheinlichsten Oden ihrer Mama gleichmütig hinnehmen, ja eine Art von Genuß daraus schöpfen, wie aus dem Rauschen der Baumwipfel oder dem Gemurmel einer sanft hinströmenden Quelle. Adelaide hatte kein unangenehmes Organ; sie las viel besser, als sie reimte und dichtete. Was Wunder, daß Fräulein Helene sich willenlos von dem Klange dieser begeisterten Stimme auf und ab wiegen ließ und jenes Behagen empfand, das den Menschen beseelt, wenn er seinen bezauberndsten Träumen so recht ungestört nachhängen kann? Adelaide las und las – und wenn sie dann wahrnahm, daß ihre blonde Tochter zuweilen lächelte, das reizende Köpfchen wiegte oder gedankenvoll nach der Decke emporsah, dann überkam die Poetin das wunderbare Gefühl, als habe sie in Helenen zum ersten Male ein wahrhaft urteilsfähiges Publikum für ihre Verse gefunden; urteilsfähiger selbst als die gute Majorin Friese, die, aller Bewunderung zum Trotz, sich hier und da eine kritische Bemerkung erlaubt hatte; – und an Urteilsfähigkeit wenigstens ebenbürtig dem Literaturprofessor Doktor Aloys Schmidthenner, dem einzigen Manne, den Frau Adelaide in die Geheimnisse ihres Lyrischen Tagebuchs eingeweiht hatte. Seltsamerweise sollte just dieser Schmidthenner die Idylle, die sich zwischen Mama und Tochter so reizvoll entsponnen hatte, ernstlich gefährden. Die Liebenswürdigkeit und Anmut Helenens war nämlich keineswegs nur dem feurigen Assistenten des Geheimrats Schebelsky als verführerisch aufgefallen; auch andere achtbare Kavaliere, die sich berechtigt glaubten, um Huld und Minne zu werben, hatten entdeckt, daß die rosige Tochter Adelaidens aus mehr als einem Gesichtspunkte das Ideal einer jungen Frau abgeben würde. Der Eifrigste unter diesen Entdeckern jedoch war der eben genannte Professor der Literaturgeschichte, ein Jugendfreund der Mama und stiller Mitwisser ihrer ersten literarischen Sünden. Als Fräulein Adelaide von Sandvoß – das war der Mädchenname der Frau Hofrat von Weißenfels – die Provinzialstadt, in der sie mit Aloys Schmidthenner fröhlich gespielt und späterhin auch ein paarmal getanzt hatte, für immer verließ, um an der Seite des ihr frisch angetrauten Gemahls Ottfried Cäsar nach der Residenz überzusiedeln, war der um einige Jahre jüngere Aloys noch Primaner. Seitdem hatte er seine Jugendfreundin nicht wieder gesehen, bis er vor kurzem an eine der höheren Lehranstalten der Hauptstadt als Professor berufen wurde und nun das junge Mädchen von einst als verwitwete Hofrätin wiederfand. Er beschränkte sich anfangs auf einen Höflichkeitsbesuch, dem er weitere nicht folgen ließ; einmal, weil sich die Hofrätin noch im Stadium der Trauer befand; dann aber auch, weil er bemerkt hatte, wie beklemmend sich die 40jährige Adelaide von dem 20jährigen Adelaidchen, das so reizend geschwärmt hatte, unterschied. Fräulein Helene befand sich damals noch in Pension. Ihre Zurückkunft war für den 37 jährigen Schmidthenner das Signal zu einer lebhaften Auffrischung des Verkehrs. Nach wenigen Wochen bereits schien er sich klar zu sein, daß Helene ihm mehr bedeute, als eine bloß ästhetische Anregung, wie er ursprünglich sich vorgeschwatzt. Der Umstand, daß die allerliebste Blondine von ihrem Papa ein ganz nettes Vermögen ererbt hatte, trug dazu bei, diese Störung des psychologischen Gleichgewichts, die Aloys Schmidthenner sonst wohl strenge an sich gerügt haben würde, sittlich zu rechtfertigen. Kurz, es entwickelte sich in seinem Gemüt jene Summe von Stimmungen, die man bei einem heiratsfähigen Manne als ernstliche Absichten zu bezeichnen pflegt. Hatte der stürmische Doktor Maxwaldt bei seinem Liebesfeldzug direkt den Weg nach dem Herzen des teuren Mädchens eingeschlagen, so hielt es Professor Schmidthenner, der von der Existenz eines irgend beachtenswerten Rivalen durchaus keine Ahnung hatte, für zweckmäßiger, sich vorerst der Mama zu versichern. Hierzu gab es nun allerdings ein verläßliches Mittel: die Liebkosung ihres poetischen Dilettantismus. Professor Schmidthenner kam wiederholt auf die glücklichen Tage von einst zu sprechen; malte mit glühend üppiger Farbenpracht jenen unvergeßlichen Herbsttag aus, an welchem die reizende Adelaide von Sandvoß ihm damals hoch auf der Burgruine das schöne Sonett »Die Vergänglichkeit« vorgelesen; gemahnte sie an die kühne Improvisation »Dauer im Wechsel«, mit der er begeistert auf ihre Wehmutstöne geantwortet hatte; und schlich sich so, trotz der jahrelangen Entfremdung, dergestalt in ihr Vertrauen ein, daß ihr Poetenherz allgemach frank und frei vor ihm dalag wie ein entrollter Papyrus. Schließlich wurde Helene mehr und mehr von dem Anhören der lyrischen Vorlesungen entlastet, weil es doch offenbar für ein schöpferisches Talent von ungleich größerer Bedeutung ist, seine Versuche einem Fachmann zu unterbreiten als einer Tochter, deren Urteil durch die kindliche Zuneigung immer ein wenig gefälscht wird. Professor Aloys Schmidthenner zollte den Tagebuchblättern uneingeschränkten Beifall. Einzelne Bruchstücke, wie das tiefempfundene »O Mädchenzeit, du bist dahingegangen –«, oder das sanftelegische »Was ich schreibe, was ich singe, was ich treibe, was ich ringe –« erklärte er geradezu für poetische Meisterwerke. Mit dem Chefredakteur des »Tilsiter Anzeigers« noch von der Hochschule her innig befreundet, wußte er in dem genannten Organ zwei »Strandlieder« Adelaidens unter dem Pseudonym Corinna zum Abdruck zu bringen, riet jedoch – ungeachtet des rauschenden Beifalls, dessen sich diese Strandlieder in Tilsit und der gesamten Umgebung erfreut hatten – von weiteren Veröffentlichungen ab, da das Publikum, namentlich in den Hauptstädten, für die rein lyrische Produktion literarischer Neulinge außerordentlich schwerhörig sei, während etwas Erzählendes, wie die kürzlich in Angriff genommene Ballade »Deianeira«, einen Massenangriff auf die Gunst der gesamten Nation bedeute. Er selbst schrieb jetzt eine »Geschichte der deutschen Literatur seit Goethes Tode«. In diskretester Weise ließ er gelegentlich seine Absicht durchblicken, in der Rubrik »Neueste Lyrik« auch Corinna, die Verfasserin der so erfolgreichen Strandlieder, namhaft zu machen und darauf hinzuweisen, daß die geschätzte Poetin noch manche herzerquickende Gabe im Pult verberge. Da sich Adelaide von Weißenfels bescheidentlich sträubte, weil ja die beiden Strandgesänge trotz der geringen Vorzüge, die ihnen etwa anhaften mochten, räumlich genommen doch eine gar zu unbedeutende Leistung darstellten, führte ihr der Professor die Worte August von Platens an: Ein einzig Lied, das wirklich Leben sprudelt Und die Vollendung trägt an seiner Stirne, Kommt mehr zuletzt in aller Menschen Hände, Als hundert starke, doch geklexte Bände. Auf Anregung Schmidthenners wurde Adelaide von Weißenfels auch Mitglied der »Tafelrunde«. So hieß nämlich der neuerdings etwas umgestaltete literarische Klub, der damals noch dem schönen Geschlecht seine Hallen erschloß, bis dann unerquickliche Differenzen zur Abänderung des Statuts führten. Von Schmidthenner unterstützt, spielte Adelaide bei den Zusammenkünften der »Tafelrunde« gar bald eine bedeutsame Rolle. In ihrem Selbstbewußtsein mannhaft gehoben, ergriff sie bei jedem halbwegs geeigneten Anlaß das Wort. Der imposant überlegene Ton ihres Auftretens, die unnachahmliche Art, mit der sie ihr würdevolles »Meine Damen und Herren!« modulierte, sobald der Gedanke in einer zündenden Pointe gipfelte, das lieh, wie Aloys Schmidthenner leidenschaftlich beteuerte, ihrer schönen Rhetorik einen wahrhaft ciceronianischen Reiz. Auch Doktor Maxwaldt, der einige Wochen lang auf Reisen gewesen war, trat gegen Ende Januar dem Tafelrundenverein als Mitglied bei. Adelaide jedoch überzeugte sich gleich in der ersten Sitzung, daß der frivol prosaische Assistent des Geheimrats Schebelsky kein echtes Interesse für die Debatten mitbrachte. Vielmehr erstrebte er augenscheinlich nur die reizvolle Nachbarschaft der blonden Helene, zog sie während des Vortrages mehrfach in ein störendes, für die ernsthaften Zuhörer anstoßerregendes Flüstergespräch und benahm sich auch sonst keineswegs wie ein Mensch, dem die Muse den Weihekuß auf die Lippen gedrückt hat. Das wiederholte sich dreimal. Professor Schmidthenner, der jetzt zu ahnen begann, daß ihm hier eine bedenkliche Konkurrenz erwuchs, stellte mit Genugtuung fest, wie wenig der junge Arzt durch dieses allzu freie Gebaren bei der Frau Hofrat gewann. Zugleich aber hielt er es doch für geraten, nun auch seinerseits ernstlicher auf das Ziel, das er sich vorgesetzt, loszugehen, die Tochter über der Mutter nicht zu vernachlässigen und einige Anspielungen zu wagen, die der letzteren klar machen sollten, wie sehnlich der Herr Professor nach ihrer Gunst begehre. Eines Tages – am 24. Februar – kam es zur Katastrophe. Aloys Schmidthenner, der sich hinlänglich überzeugt hielt, daß Fräulein Helene von ähnlichen Sympathien für ihn durchdrungen sei wie ihre Mama, hatte der Schöpferin der bedeutenden Strandlieder kurzerhand mitgeteilt, wie er sein Leben sich zu gestalten wünsche. Mit offenen Armen und noch offnerem Herzen war er als Schwiegersohn akzeptiert worden. Das mußte ja eine Zukunft werden – göttlich, wie in den schuldlos-heiteren Tagen des Paradieses! Hatte Helene schon jetzt – instinktiv und gleichsam aus der Fülle eines begnadeten Temperaments heraus – dem Schaffen ihrer Mama ein Verständnis entgegengebracht, das zwar nicht laut werden wollte, aber – den »ungesungenen Liedern« Justinus Kerners vergleichbar – deshalb vielleicht nur um so süßer durch ihr empfängliches Herz bebte, so war nun vorauszusehen, daß Aloys Schmidthenner all diese Keime zur Blüte bringen, all diese Ströme entfesseln und seine Schwiegermama in die berauschenden Düfte des Ideals, in den wonnedampfenden Strudel des Kunstverständnisses mit hineinreißen würde – ein herrliches, ein olympisches Dasein zu dreien! Von solchen Träumen gewiegt, sprach die glückstrahlende Frau noch desselbigen Abends mit ihrer Tochter. Zu Adelaidens größtem Erstaunen verhielt sich Helene während der ganzen leidenschaftlichen Darlegung vollständig passiv. Erst auf die dringliche Frage: »Nun, was sagst du dazu?« versetzte die hübsche Blondine mit einiger Bangigkeit: »Liebste Mama! Der Professor ist gewiß ein großer Gelehrter; auch ein stattlicher Kavalier, der sich in der Quadrille à la cour gar nicht so übel macht; – aber ...« »Nun, aber ...? Ich will nicht hoffen, daß etwa ein anderweitiges Interesse ...« Helene ward über und über rot. Hiernach bekannte sie zögernd, daß Doktor Leopold Mazwaldt allerdings ihr liebendes Herz völlig gewonnen und sie längst schon gefragt habe, ob sie ihn heiraten wolle. Adelaide war starr. »Stille Wasser sind tief,« hauchte sie sentenziös. Dann, ihre Tochter mit theatralischer Heftigkeit über dem Handgelenk packend, fügte sie drohend hinzu: »Und was hast du geantwortet?« »Aber Mama!« sagte das Mädchen wehleidig. »Wenn ein wackerer, liebenswürdiger Mann, den wir gern haben, uns fragt, ob wir ihn heiraten wollen ... Was hast du denn geantwortet, als der Papa dich fragte?« »Verblendete!« ächzte die Hofrätin. Sie warf die Hand ihrer Tochter von sich hinweg wie eine am Busen gezüchtete Natter. »So schändlich also durchkreuzest du meine Pläne? So heimtückisch rebellierst du? Ich meinte es gut mit dir. Ich gönnte dich einem Manne, der Verständnis besitzt für die idealen Faktoren des Lebens; einem geistigen Führer, der dich aufwärts gelenkt haben würde zu den Höhen des Lichts! Und nun fängst du mir hinter dem Rücken ein abgeschmacktes Getändel an, ein Techtelmechtel der unerlaubtesten Art! ... Ja, zum Kuckuck – (Apoll verzeihe mir diese Wendung!) – bildest du dir denn ein, ich würde je, je zu deiner Verbindung mit diesem Mann des Seziermessers und der Medikamente ja sagen?« »Was hast du denn an Doktor Maxwaldt auszusetzen?« fragte Helene verschüchtert. »Alles! Er ist die verkörperte Prosa! Nicht nur taktlos, was ich ihm leicht noch verzeihen würde, sondern auch unfähig, das Schöne vorurteilsfrei zu genießen, das Göttliche anzuerkennen. Wie sagt doch August von Platen? ›Zwar nicht jeder vermag das Erhabene vorzuempfinden: aber ein Tropf, wer's nicht nachzuempfinden vermag.‹ Doktor Maxwaldt ist in dieser Beziehung ein vollendeter Tropf.« »Mama!« rief Helene empört. »Ein Tropf, sage ich dir,« verharrte die Hofrätin. »Ich will nicht davon reden, daß er neulich bei der ergreifendsten Stelle meines Sonetts ›Wandelnde Schatten‹ dir in die Ohren gezischelt hat wie ein ungezogener Quartaner. Aber ich weiß, daß er die Bestrebungen unserer ›Tafelrunde‹ bei jeder Gelegenheit persifliert; daß er uns Frauen das Recht abspricht, mit in die Debatte zu treten, ja, überhaupt eine Meinung zu haben; daß er von ›Blaustrümpfen‹ redet, wo ihm der Ausdruck ›Dichterin‹ wahrlich mehr zu Gesicht stünde; ja, daß er die liebenswürdige Frage Schmidthenners, welches der beiden ›Strandlieder‹ wohl das bedeutendste sei, mit einem Achselzucken beantwortet hat, – ich sage dir, gute Helene, mit einem Achselzucken, dessen Verdolmetschung unserem Professor die Röte des Zorns in die Wangen trieb. Und einem solchen Menschen soll ich mein einziges Kind geben? Glaubst du denn wirklich, daß er's mit seiner Liebe so ernst hat? Wer nicht das Schöne in der göttlichen Kunst zu verehren weiß, dem gebricht es auch an der Fähigkeit einer selbstlosen Neigung. Die Sache ist ja so klar wie das Sonnenlicht! Dieser Maxwaldt fühlt sich in seinem Verhältnis zu Doktor Schebelsky nicht wohl. Er mochte sich selbständig machen, und hierzu bedarf er einer vermögenden jungen Dame. Ich begreife nicht, daß ich nicht früher auf diesen Gedanken kam! Daß ich es ruhig mit ansah, wie er dich gleisnerisch in sein Netz lockte! Aber, Gott sei Dank, noch ist es Zeit! Ich spreche ein Machtwort. Ich verbiete ihm ohne weiteres das Haus ...« »Natürlich, das kannst du,« sagte Helene weinerlich; »aber deinen Professor nehme ich deshalb doch nicht ...« »Das wollen wir sehen!« Das junge Mädchen schritt auf sie zu, küßte sie und umschlang sie mit beiden Armen. »Sei doch nicht gar so erregt!« flehte sie schmeichelnd. »Ich kann ja doch nichts dafür, wenn ich den Doktor Maxwaldt so über alle Beschreibung lieb habe!« »Ich bin nicht erregt,« gab ihr die Mutter zurück. »Nur das eine erkläre ich dir positiv: solange ich hier noch mitsprechen darf, wird Maxwaldt, der Musenleugner, der schnöde, herzlose Materialist, niemals dein Gatte werden.« 2. Professor Schmidthenner, von dem Vorgefallenen alsbald unterrichtet, fühlte sich zwar ein wenig niedergeschlagen, sprach jedoch sich und der trauernden Dichterin mit gewohnter Beredsamkeit Mut ein. Nach längerer Debatte faßte man den Beschluß, Fräulein Helene zunächst von dem Schauplatz ihrer so unliebsamen Herzenserlebnisse für einige Monate zu entfernen. Adelaide besaß in ihrer Geburtsstadt eine Cousine, die sich gerne bereit erklärte, das junge Mädchen zu sich zu nehmen und ihren Wandel, insbesondere auch ihre Korrespondenzen, mit gebührender Strenge zu überwachen. Tante Möbius galt, wie Schmidthenner mit rücksichtsvoller Umschreibung betonte, in den weitesten Kreisen für einen Drachen; die würde dem törichten Kinde die albernen Mucken schon austreiben. Herrn Doktor Maxwaldt direkt vor den Kopf zu stoßen, schien dem Professor unzweckmäßig; das Gescheiteste war, ihn möglichst zu ignorieren. Doktor Maxwaldt bildete seit Helenens Abreise trotzdem für Schmidthenner und Adelaide ein häufig berührtes Thema der Konversation. »Ich fürchte,« sagte Aloys eines Abends, »dieser kritisch-verneinende Geist hat es gewagt, das dichterische Talent der Mama bei der Tochter herabzusetzen.« »Wie?« fragte die Hofrätin, jäh im Sessel emporfahrend. »Ich vermute es, und ich habe so meine Symptome. Natürlich geschieht diese pöbelhafte Beleuchtung nur in der Absicht, mich, den Bewunderer Ihres Talentes, zu diskreditieren, mich der niedrigsten Schmeichelei zu verdächtigen und so eine dauernde Antipathie gegen mich zu erzeugen. Es wäre wirklich ein Götterglück, wenn Sie der Welt einmal durch einen besonders glänzenden Coup den Beweis lieferten, daß Sie in der Tat ein Talent sind.« »So?« meinte Adelaide erstaunt. »Habe ich diesen Beweis erst noch zu erbringen? Die ›Strandlieder‹, die ganz Tilsit in Aufruhr versetzten, mein Sonett ›Wandelnde Schatten‹ ...« »Ja, ja, das alles ist schön und gut. Aber nirgends gilt so das alte Sprichwort von dem Geschmack, über den nicht zu streiten ist, als auf dem heiklen Gebiete der Lyrik. Ich erinnere Sie zum Beispiel an Martin Greif, der von den einen vergöttert wird, während die anderen vornehm auf ihn herablächeln. Ja, wenn Ihre epische Dichtung ›Deianeira‹ ...; dennoch, ich fürchte, der Stoff liegt unserem Publikum etwas zu fern. Und dann – Sie verzeihen – aber Ihre Behandlung entspricht meines Erachtens nicht völlig dem, was der Leser erwarten muß. Das verwickelte Metrum der Ottave rime verführt Sie zu lyrischen Exkursionen, die, an sich zwar berauschend, gleichwohl den Gang der Handlung gar zu erheblich beeinträchtigen.« Adelaide von Weißenfels gab dem Professor eine ausweichende Antwort. Zum ersten Male seit der Erneuerung ihrer Bekanntschaft lenkte sie absichtlich das Gespräch vom Gebiete der literarischen Produktion ab. Sie erzählte von ihrer Tochter, die auf dem besten Wege sei, das kindische Gaukelspiel mit Maxwaldt und seiner vermeintlichen Liebe ad acta zu legen. »Sie ist ganz vergnügt,« schreibt mir meine Cousine; »gar nicht wie ein geknicktes Rohr. Am letzten Montag haben sie eine Schlittenpartie unternommen: Helene soll auf der Heimfahrt geradezu ausgelassen gewesen sein. Ich sagte es ja: Beziehungen zu Persönlichkeiten ohne Gemüt können nur oberflächliche, rein konventionelle sein; echte Liebe ist nur möglich auf dem Untergrund wirklicher Poesie.« So plauderte Adelaide, ohne zu ahnen, daß die Fröhlichkeit ihrer Helene bei jener Montagspartie einem reizenden, flammensprühenden Briefe zu danken war, den sich das kluge Mädchen früh beim Befolgen einiger dringend notwendigen Steck- und Nähnadeln unter der Chiffre ›H. v. W. 20‹ vom Kaiserlichen Postamt geholt hatte. Professor Schmidthenner verabschiedete sich, ohne auf die »Deianeira« zurückzukommen. Die Worte aber, die er zu Adelaiden betreffs ihres Dichterruhmes gesprochen hatte, verfolgten sie unablässig. Schmidthenner hatte recht! Sie zählte jetzt vierzig Jahre. Beim Phöbus, nun war es die höchste Zeit, die skeptisch klügelnde Welt durch eine gewaltige »Tat in Worten« endgültig niederzuschmettern! Adelaide mußte etwas gestalten – knapp, wuchtig, fesselnd, eigenartig und gemeinverständlich zugleich; sie mußte endlich das leisten, was Schiller mit seinen Räubern und Goethe mit seinem Werther geleistet. Vier Tage lang schlich sie, von diesem Gedanken beherrscht, wortlos umher wie der Jüngling von Sais, nachdem er den Schleier hinweggezogen. Am fünften Tage bot ihr ein Gott die errettende Hand. Das neueste Heft des »Weltalls« ward ihr ins Haus geschickt, und da sie es öffnete, las sie die pomphafte Ankündigung eines Preisausschreibens. Der Prospekt lautete: »Zur Belebung der in Deutschland immer noch stark vernachlässigten ›Kurzgeschichte‹ ( short-story ) setzen wir für die drei besten Novelletten, die bis zum 15. Mai inkl. uns zugehen, drei Preise aus, und zwar 900 Mark für die beste, 600 Mark für die zweitbeste und 300 Mark für die drittbeste Novelle. Die Manuskripte, deren Umfang sich auf mindestens fünf bis höchstens fünfzehn Spalten des ›Weltalls‹ belaufen soll, dürfen nicht von der Hand des Autors geschrieben, auch nicht mit dem Namen des Autors bezeichnet sein, sondern lediglich rechts oben ein Motto tragen. Ein mit dem gleichen Motto versehenes, wohlverschlossenes Kuvert, das den Namen und die genaue Adresse des Autors enthält, ist beizulegen. Die Preisverteilung erfolgt am 15. Juni; die Resultate werden im ersten Julihefte bekannt gemacht. Als Preisrichter fungieren usw. usw. Die Eröffnung der Kuverts – auch derjenigen, die den ungekrönten Arbeiten anliegen – erfolgt unter strengster Diskretion im Privatbureau des Verlegers. Die Redaktion und die Verlagshandlung des Weltalls.« Adelaide von Weißenfels hatte noch nicht zu Ende gelesen, als der Entschluß in ihr reifte, die hier so freigebig angebotenen neunhundert Mark – auf einen zweiten oder gar dritten Preis reflektierte sie nicht – zu verdienen. Mit dem Glorreichen verknüpfte sie so das Nützliche. In Geldsachen war die Frau Hofrätin ja von Urbeginn über Gebühr zartfühlig. Neunhundert Mark, die ihr so völlig unerwartet als Nebeneinnahme zufielen, dünkten ihr an und für sich schon des Schweißes der Edlen wert und lockten ihre bewegliche Phantasie mit gar entzückenden Bildern. Sie erwog bereits, wie sie den »hübschen Zuschuß« demnächst verwenden solle, und raffte sich zu der Anschauung auf, daß sie zwar etwa drei Viertel des ruhmvoll geernteten Kapitals zinsbar anlegen, den Rest jedoch im Jubel über den frisch erkämpften Lorbeer rückhaltslos einem Extravergnügen opfern müsse. Das erheischte nicht nur die Dankbarkeit gegen das Schicksal; nein, es war ihr ein unabweisliches Herzensbedürfnis, durch eine ungewöhnliche Ausgabe öffentlich zu bekunden, daß ihr Triumph ein Ereignis von verblüffender Tragweite sei. Durch ein Kollegium, das sich vorgesetzt hatte, die Pflege der »Kurzgeschichte« (short-story) zu beleben, als die vornehmste Stütze dieser Bestrebungen amtlich gekrönt zu werden, – der Gedanke machte sie schwindeln! Je höher aber das Ziel, um so mächtiger wuchs ihre Zuversicht. Adelaide verwechselte eben die kleine Tafelrundengesellschaft, wo sie in Wahrheit eine bedeutende Stellung einnahm, mit dem riesigen Tempel der Literatur. Der ganze Tag verging ihr so in phantastischer Aufregung. Alle Phasen der Zukunft spielten sich vor ihr ab, – von dem ersten Ansetzen ihres begeisterten Griffels bis zu den Görlitzer Brauereiaktien, die sie zu kaufen gedachte; vom Versenden des Manuskripts bis zu dem ländlichen Ballfest, das ihr die würdigste und zugleich billigste Siegesfeier bedünkte. Reminiszenzen an die isthmischen und olympischen Spiele zuckten ihr durchs Gehirn; das Bild eines altklassischen Vaters schwebte ihr vor der Seele, den die Freude über den Ruhm seines Sohnes getötet hatte ... »Nein, ich will meine Gefühle im Zaum halten!« hauchte sie und preßte die Hände wie friedenspendend auf ihre pochende Brust. »Nicht übermütig noch stolz will ich werden, sondern wie August von Platen nur in stiller Bewunderung dem Genius huldigen, der mich besucht hat!« Wie berauscht ging sie zu Bette, und bis lange nach Mitternacht trieben und jagten sich ihre farbenreichen Gedanken. Noch im Traume sah sie sich – ein weiblicher Tasso – auf den Stufen des Kapitols: eine ritterlich-edle Gestalt, in der sie freudigen Herzens ihren trefflichen Jugendfreund, den Literaturprofessor Aloys Schmidthenner wiedererkannte, hielt ihr mit weihevoller Gebärde den Kranz entgegen. Trotz dieser für beide Teile so schmeichelhaften Vision nahm sich die Hofrätin früh beim Erwachen vor, selbst den Professor nicht ins Vertrauen zu ziehen. Es sollte die blendendste Überraschung werden – für Helene, für Aloys, für den skeptischen Doktor Maxwaldt; kurz für alle, die zu den Schöpfungen Adelaidens irgendwie ein Verhältnis hatten. Mit glühendem Feuereifer ging die Poetin ans Werk. Adelaide hatte sich das Erfinden interessanter Konflikte und fesselnder Charaktere doch etwas leichter gedacht. Die Stoffwahl bot ihr zunächst erhebliche Schwierigkeiten. Fünf, sechs Pläne warf sie vertrauensvoll aufs Papier, um beim Versuche der Ausarbeitung sofort zu entdecken, daß hier – »trotz aller Größe des Grundgedankens« – die Pointe fehlte. Wenn sich dann wirklich einmal etwas ergab, was wie der Gipfelpunkt einer geflossenen Komposition aussah, dann ließ sich aus der mühsam zurecht gezimmerten Anekdote kein Duft, keine Stimmung, kein harmlos frischer Humor schlagen. Und der Humor lag der Verfasserin der in Tilsit bewunderten Strandgesänge doch mindestens ebenso gut wie die Tragik. Merkwürdig nur, daß die innere Potenz so gar nicht heraustreten wollte. Sie stöhnte und würgte förmlich an dieser verborgenen Fülle: alles umsonst! Das waren traurige Tage und Wochen! So sehr Adelaide bemüht war, den quälenden Zwiespalt ihres Gemüts zu verbergen, er trat dennoch zutage; besonders in den Vereinssitzungen der Tafelrunde, wo sich die sonst so milde und weihevolle Poetin als überaus reizbar erwies und sich mehrfach sogar zu Ausdrücken wie »ungebührlich«, »lächerlich« usw. verirrte, die der Herr Vorsitzende – nach Paragraph zwölf der Statuten – als unparlamentarisch zu rügen hatte. Professor Schmidthenner schrieb die augenscheinliche Nervosität seiner Freundin dem irrtümlich von ihm vermuteten Fortschreiten der altklassischen Ballade »Deianeira« zu. Da er bemerkte, daß die frühere Mitteilsamkeit Adelaidens einer sonderbaren Verschlossenheit Platz gemacht hatte, so drang er nicht weiter in sie, sondern sagte nur einmal anspielungsweise: »Ja, ja, die Ottave rime! Die haben's in sich!« »Meinen Sie?« fragte die Hofrätin. »Ein verteufeltes Versmaß! Die dreimal wiederkehrenden Reime! Und, wie gesagt – die Ottave verleiten zur Abschweifung. Ihr Talent freilich ...« Adelaide seufzte. Augenblicklich betonte der höfliche Literaturprofessor, der den unwillkürlichen Klagelaut seiner Freundin als den Verräter heimlicher Strophen- und Reimschmerzen interpretierte, die immer noch wachsende Popularität Corinnas in der Gegend von Tilsit und sprach von der mündlich geäußerten Absicht eines namhaften Komponisten, der mit dem Plane umging, eines der prächtigen Strandlieder in Musik zu setzen. Selbst diese Eröffnung, die von der Hofrätin sonst mit heiligster Freude begrüßt worden wäre, blieb diesmal ohne ersichtlichen Eindruck. Das Preisausschreiben beherrschte die unglückliche Adelaide so vollständig, daß alle übrigen Organe ihres Empfindens erstorben schienen. Endlich zu Anfang Mai hatte sie einen Stoff gefunden, der ihr niedergedrücktes Selbstgefühl wieder aufrichtete. »Die geborene Kurzgeschichte!« sagte sie strahlend, als sie die glücklich vollendete Disposition kritisch durchmusterte. »Einfach, sinnig und doch voll urdramatischer Kraft! Nun acht Tage Erholung – und dann rüstig ans Werk!« 3. Am folgenden Mittwoch kehrte Helene seelenvergnügt aus der Verbannung zurück. Sie erzählte ihrer Mama mit großer Beredsamkeit von der ebenso strengen als liebenswürdigen Tante, von den kleinen aber stimmungsvollen Genüssen der Provinzialstadt, und wie der Abschied ihr ordentlich leid getan, verschwieg jedoch, daß sie mit Doktor Maxwaldt regelmäßig korrespondiert hatte, ach, so hold, so reizend, wie je zwei Liebende seit den Tagen des Troilus, und daß diese Korrespondenz, die ihr den zuverlässigen, tüchtigen, praktischen und doch von echtem Sinn für das Schöne beseelten Charakter ihres Verlobten so voll offenbart habe, das einzig Herrliche bei der ganzen Geschichte gewesen sei. Leopold Maxwaldt ging mit ruhiger Zuversicht seinem Ziele entgegen. Er hatte eine so jünglingshaft-männliche Art, sein Liebchen zu trösten. »Du bist mein,« schrieb er z. B., »und ich bin Dein; – ich möchte die Macht der Erde sehn, die uns scheidet.« – »Ja,« hatte dann wohl Helene geantwortet, »aber eine Entführung ist doch was Schreckliches; sie wird sogar, wie neulich der hiesige Amtsrichter beim Tee behauptete, strafrechtlich verfolgt ... Und wenn ich auch gern und aus freudigem Herzen bekenne: Ich folge Dir bis ans Ende der Welt – so möchte ich doch keinen so fürchterlichen Eklat, denn ich muß unter den Menschen doch schließlich leben, und ich habe Mama so lieb, und sie würde sich tot grämen ...« »Keine Sorge!« gab Leopold ihr zurück, »Zum Äußersten wird sie's nicht kommen lassen. Ich kenne ja jetzt ihre Hauptbeweggründe. Wollt' ich in meinem Verhältnis zu ihrer Lyrik vollständig umsatteln, so würde sie das natürlich für Heuchelei halten. Aber ich werde mich mäßigen; ich werde mich zum Prinzip des Schweigens bekennen; ich werde sehn, was sich machen läßt. Den Professor unterschätze ich ganz und gar nicht; er ist ein respektabeler Konkurrent; aber da ich Dein Herz besitze, dünkt mich sein ganzes Bewerben eine trostlose Sisyphusarbeit. Laß die Zeit nur gewähren! Vorläufig hab' ich ja noch Verpflichtungen bei dem Geheimrat. Ehe jedoch das neue Jahr in die Lande zieht – verlaß Dich darauf, Du sollst nicht in Zwiespalt geraten mit Deiner Mama! Wo ein Wille ist, sagt das englische Sprichwort, da ist auch ein Weg ...« Adelaide schien trotz aller Verschwiegenheit ihrer Tochter etwas zu ahnen. Wiederholt betonte sie, äußerst gereizt, daß sie erfreut sei, von Doktor Maxwaldt neuerdings wenig zu hören; der junge Mann sei ihr äußerst fatal; sie werde in Zukunft jede Gesellschaft vermeiden, wo sie Gefahr laufe, mit dem frivolen Kunstverächter zusammenzutreffen. Auch abgesehen von diesen vorübergehenden Mißstimmungen, die wohl eigentlich nur ein Symptom der bereits vorhandenen Nervosität waren, verfehlte die achttägige Präparations- und Erholungsfrist, die Adelaide sich vorgesetzt, durchaus die erhoffte Wirkung. Das Problem, das Frau von Weißenfels zu gestalten wünschte, kam ihr keine Minute lang aus dem Bewußtsein. Die Personen der Novelle verfolgten sie wie Gespenster; wenn sie des Nachmittags schlummernd auf ihrem Sofa lag, kämpfte sie unbewußt mit den Einzelheiten des Dialogs. Erschöpft und abgehetzt von diesen Gemütsbewegungen schritt sie endlich ans Werk. Sieben Tage lang schaffte sie mit unermüdlichem Eifer. Auf die Fragen ihrer Tochter Helene gab sie zuerst ausweichende und dann wahrheitswidrige Antworten: sie mache Exzerpte aus Pascal und Montesquieu; sie durchfeile die vollendete Hälfte der »Deianeira«; und was so der Notlügen mehr waren. Da Fräulein Helene sie öfters in ihrer Arbeit gestört hatte, so schloß Adelaide sich vom dritten Tage ab in ihrem »Studiergemach« ein, ließ sich mit großer Regelmäßigkeit zweimal vergeblich zu Tisch pochen und fuhr das arme Helenchen beim drittenmal ganz eigentümlich an. Der scheuen Bemerkung, der Braten werde »zu durch«, oder die Suppe »zu dick«, setzte sie undeutlich gemurmelte Phrasen entgegen, wie »andres im Kopfe«, »Verständnislosigkeit«, »Barbarei«, »Einfluß des Doktors«, »schon lehren« usw. Endlich am dreizehnten Mai war die Novelle vollendet. Frau von Weißenfels, die schon drei Tage zuvor im Anzeiger dieserhalb inseriert hatte, bestellte sich einen zuverlässigen Kopisten, ließ das Ganze höchst kalligraphisch ins Reine schreiben, mit dem vielfach bewahrten Motto: ›Es wächst der Mensch mit seinen höhern Zwecken‹ versehen und das gleiche Motto auf ein Kuvert setzen, das sie dann später, nachdem sie ihre Visitenkarte hineingesteckt hatte, sorgsam verschloß. Hiernach gab sie das Manuskript mit allen Vorsichtsmaßregeln, die durch die Wichtigkeit der Sache geboten schienen, zur Post. Ungeduldig zählte sie nun die Tage bis zum Schiedsrichterspruch. Ihre Zuversicht hatte sich während des Schaffens wieder fröhlich erholt. Der 15. Juni schwebte ihr als ein epochemachender Zeitpunkt, reich an märchenhaft-phantastischen Konsequenzen, vor. Er gewann schließlich eine Art von Individualität. Sie träumte von ihm als von einem lockenumwallten Genius, der sich nächtlicherweile aus rosigem Himmelsgewölk auf ihr Lager senkte und ihr zärtlich die hoch erglühende Stirn küßte. Immer von neuem erwog sie ihre leuchtenden Chancen, und mutig kämpfte sie die Zweifel zu Boden, die ihr aus dem unbestimmten Gerücht erwuchsen, es seien nicht weniger als 340 Arbeiten zur Konkurrenz eingelaufen. Sie hatte ja vor den gewöhnlichen Novellisten, die hier gemeinsam mit ihr um die Krone rangen, soviel voraus! Lautete nicht der charakteristische Ausspruch eines unserer berühmtesten Philosophen: »Die Lyrik ist das Urelement aller Dichtung –?« Wohl: sie beherrschte die Lyrik meisterhaft! Corinna, die Schöpferin der jetzt tatsächlich in Musik gesetzten und schon zweimal gesungenen Strandlieder, gebot über die höchsten und tiefsten Töne menschlicher Leidenschaft. Eine Novelle also, die keine Reimschwierigkeiten bot, mußte ihr eo ipso gelungen sein, selbst wenn das Thema, das sie gewählt hatte, minder reizvoll gewesen wäre. Ach, und dies Thema war doch so fesselnd, so stimmungsvoll, so den Humor und die tiefste Tragik verschmelzend, wie kaum wohl ein zweites: eine Herzensgeschichte aus eignem Erlebnis! Adelaide von Weißenfels hatte in ihrer frühesten Jugend auch einmal, wie soviele edel veranlagte Dichternaturen, glücklos geliebt. Sie sah ihn noch vor sich, den schneidigen, tiefblauäugigen Kavallerieoffizier, der damals ihr Leben und jetzt ihre Dichtung erfüllte. »Wladimir« hatte sie ihn genannt, und der Genius des 15. Juni raunte ihr schmeichelnd ins Ohr, daß dieser Name bereits eine Schöpfung sei. Minder poetisch faßte der Hausarzt ihre Erregung auf. Nachdem ihn Frau Adelaide wegen starker Migräne zwei- oder dreimal zu Rate gezogen, stellte er die unerwartete Diagnose auf hochgradige Neurasthenie und verordnete seiner Patientin, die stets eine ausgesprochene Ängstlichkeit betreffs ihrer körperlichen Zustände an den Tag gelegt hatte, völlige Ruhe verbunden mit einer gelinden Kaltwasserkur in den herrlichen Fichten- und Tannenforsten eines Thüringer Badeorts. Gemütsbewegung, Überarbeitung und zweckwidrige Ernährung bezeichnete er als die Ursache dieser plötzlichen Nervosität. Die Sache werde im Laufe des Sommers zu heben sein, wenn die Frau Hofrätin augenblicklich ans Werk gehe, die Stadt und ihr geräuschvolles Treiben hinter sich lasse und sich jeder geistigen Tätigkeit möglichst enthalte. Das war ein schmerzlicher Schlag für die sparsame Dichterin. Wenn sie jetzt wirklich den ersten Preis gewann, so nahm ihr der unerwartete Aufenthalt in dem freundlichen Saßburg, das der Arzt ihr besonders empfohlen, leider das meiste von dem erhofften klingenden Resultat weg, so daß ihr beinahe nur noch der Ruhm verblieb! Gleichviel: was nicht zu ändern war, mußte mit Fassung ertragen werden. Sie fühlte ja selbst, daß es mit ihrem Zustand nicht länger so fortgehen konnte. Wenn sie nur siegte, wenn ihr der Kranz nicht entging, den ihr der Genius des 15. Juni schon einigemal wie zur Anprobe über die pochenden Schläfe gehalten! Dann mochte schließlich der gleißende Mammon, so schön es gewesen wäre, sanglos dahinfahren! »Ja, ja, das Kainszeichen der göttlich-schaffenden Geister – die Nervosität! Ach, daß dem Menschen nichts Vollkommenes wird!« Am 3. Juni packte sie ihre Koffer. Helene mußte sie natürlich begleiten. Einmal hatte der Arzt dies geboten, da grüblerisches Alleinsein für die Poetin ebenso schädlich sein würde, als geistige Anstrengung und übertriebene Geselligkeit. Dann aber konnte sie das Kind unmöglich in der Hauptstadt zurücklassen, da Doktor Maxwaldt, der Poesieverächter, jetzt wieder häufiger auf der Bildfläche auftauchte, mehrfach höchst unziemliche Fensterpromenaden und ähnliche Demonstrationen in Szene gesetzt hatte und überhaupt ein Charakter schien, dem eine kluge Mama nicht über den Weg traute. Am Abend vor der Abreise hatte Corinna-Adelaide noch eine umständliche Konferenz mit der Flurnachbarin, einer älteren unverheirateten Dame von großer Schlichtheit des Auftretens, die sich gelegentlich bei der Köchin Adelaidens ein Plätteisen warm stellte oder sich auf ein Stündchen das »Weltall« und die Beilage des Anzeigers holte. Fräulein Marie Keßler hatte den kleineren Teil des Stockwerks inne, dessen weitaus größeren Teil Adelaide bewohnte. Beide Parteien verkehrten sozusagen nur wirtschaftlich. Fräulein Keßler in ihrer stillen Demut hätte sich nie getraut, der Frau Hof- und Schulrätin, die – namentlich seit sie Witwe geworden – das Haupt sehr hoch trug, einen förmlichen auf gesellschaftliche Ansprüche hinzielenden Besuch abzustatten. Nur einmal, als es im Nebenhaus brannte, war sie, das Schaltuch um die knochigen Schultern geschlagen, angstvoll hinübergehuscht, hatte schüchtern gepocht und war mit gebührender Leutseligkeit empfangen worden. Ab und zu richtete auch Helene ein freundliches Wort an sie. Im übrigen herrschte zwischen der armen Privatlehrerin und der wohlhabenden Adelaide keinerlei ernste Beziehung. Jetzt aber, da die Koffer gepackt auf der Hausflur standen, und Adelaide sich schon zum zehnten Male versichert hatte, daß der Schnellzug um 7 Uhr 50 Minuten aus dem nordvorstädtischen Bahnhof abfuhr, trat eine seltsame Wandlung ein. Die erregte Poetin benutzte den Umstand, daß ihre Tochter noch eine Abschiedsvisite bei einer ganz in der Nähe wohnenden Freundin machte, um Fräulein Keßler in ihrem traulich-bescheidenen Wohnstübchen recht zeremoniell aufzusuchen, ihr die Hand zu drücken, von der bevorstehenden Reise zu sprechen und ihr endlich mit überraschender Liebenswürdigkeit eine Bitte ans Herz zu legen. »Ich empfange nur wenig Briefe,« sagte sie mit einem Blick der Genugtuung in das sichtlich geschmeichelte Antlitz der Nachbarin. »Darf ich Sie, liebes Fräulein, ersuchen, dieselben während unserer Abwesenheit in Verwahrung zu nehmen? Ich schicke nämlich das Dienstmädchen für sechs bis acht Wochen nach Hause. Das ist mir sicherer, als wenn ich mir sagen muß: Deine Wohnung wird vielleicht, ohne daß du es ahnst, eine Filiale der Grenadierkaserne ...« Das Fräulein errötete. Ein protestierendes »O!« schwebte ihr auf den Lippen. Sie unterdrückte es, da sie der Hofrätin nicht widersprechen wollte, und sagte nur: »Mit dem größten Vergnügen ...« »Danke,« versetzte Adelaide wohlwollend. »Nun noch eins, liebes Fräulein. Es wäre wohl denkbar, daß ..., daß eine Wertsendung für mich einträfe. Diese Wertsendung möchte ich nachgesandt haben. Würden Sie wohl so freundlich sein, dem Briefträger alsdann sofort meine Adresse zu übermitteln? Ich schreibe sie Ihnen hier auf: Saßburg, Hotel Herzog Karl. Wir haben die Zimmer bereits bestellt.« »Gewiß, gewiß,« stammelte Fräulein Keßler, die Karte mit der Bleistiftnotiz der Hofrätin ehrfurchtsvoll in Empfang nehmend. »Sie sind die Liebenswürdigkeit selbst. Aber das ist nicht alles. Ich bin so frei, Ihnen hier fünfzig Pfennige zu behändigen. Ich mochte Sie bitten, mir sofort, wenn die Wertsendung eintrifft, dieses Eintreffen telegraphisch zu melden. Es handelt sich um eine Angelegenheit von so hohem Belang, daß ich geradezu brenne, sobald als tunlich von der bangenden Ungeduld, die mich heimsucht, erlöst zu werden. Ich bin seit einigen Wochen so fiebrisch nervös, daß der Gedanke, nur fünf Minuten länger als nötig in Ungewißheit zu schweben, mir förmliche Qual bereitet. Sie können das nachfühlen?« »Vollkommen, gnädige Frau,« sagte die Lehrerin. »Seien Sie fest überzeugt ... Zur besonderen Ehre werd' ich's mir rechnen, unverzüglich zu telegraphieren. Ich bin ja den ganzen Tag über hier. Und die fünfzig Pfennige kann ich ja auslegen; wirklich, Frau Hofrätin ...« »Nein, nein! Alles muß seine Ordnung haben. Nochmals: ich danke Ihnen, und hoffe, daß Sie mir schon am sechzehnten ... Ich will sagen, es wäre ja möglich ... Bleiben Sie recht gesund!« Etwas verwirrt brach sie ab. Wenn Fräulein Keßler um das Preisausschreiben und seine Bedingungen wußte! Aber das war ja nicht anzunehmen. Adelaide drückte dem alten Fräulein zärtlich die Hand. Das war also abgemacht. Hielt das Preisgericht Wort, mußte sie in der Tat am sechzehnten aller Ungewißheit enthoben sein. »Die Ehrenpreise,« so hieß es ausdrücklich in einer Notiz am Schlusse des ersten Maiheftes, »werden sofort am Abend des 15. Juni an die preisgekrönten Autoren in bar versandt. Auch betreffs aller sonstigen Punkte sichern wir eine Schnelligkeit der Erledigung zu, wie sie bei ähnlichen Konkurrenzen niemals erlebt worden ist. Dies zur Erwiderung auf zahlreiche an uns gerichtete Anfragen.« Ja, ja, das »Weltall« verstand sein Metier! Es war eine Freude, mit einem so prompten Blatte zu arbeiten – geschweige denn, von seinem ästhetischen Tribunale bekränzt zu werden! 4. Am 4. Juni traf Adelaide in Saßburg ein. Der erste Tag bereits ihres Aufenthalts sollte durch eine unliebsame Entdeckung getrübt werden. Auf dem Spaziergang, den sie kurz vor dem Abendbrot mit ihrer Tochter nach dem herrlichen Körnbachtal unternahm, begegnete ihnen wie ganz von ungefähr Doktor Leopold Maxwaldt. »Freut mich unendlich!« sagte der Todfeind der Literatur und küßte der Hofrätin mit exquisitester Ritterlichkeit die behandschuhte Rechte. Er hatte die strenge Dichterin höchstens dreimal gesprochen, tat aber, als gehöre er zu der ältesten Garde ihrer Bekanntschaft. »Wenn die Damen erlauben,« fuhr er mit vollendeter Galanterie fort, »so schließe ich mich in aller Bescheidenheit an. Sie nehmen ja wohl den Weg über den Rittmeisterbrunnen?« Adelaide war so über alle Beschreibung verblüfft, daß sie, wie zur Genehmigung, leise ihr Haupt neigte, worauf dann der Doktor kühnlich neben der Mutter seines vergötterten Mädchens einherschritt und so vorzüglich zu plaudern begann, als habe die Rätin ihm nie einen tadelnden Blick wegen seiner Konversationsversuche im Tafelrundenverein zugeworfen. »Wo logieren die Damen, wenn diese Frage gestattet ist?« »Im Herzog Karl,« versetzte Helene. »Das trifft sich ja herrlich! Da logiere ich auch. Just vor zwei Tagen bin ich hier angekommen. Ein entzückender Aufenthalt, dieses Hotel. So mitten im Tannengehölz! Und eine Luft, eine Luft... Ich sage Ihnen, mein gnädiges Fräulein, Sie werden Wunder erleben.« »Wir sind ja Mamas wegen hier.« »Nicht möglich! Gnädige Frau sehen so blühend aus, so elastisch! Gewiß nur eine flüchtige Modekrankheit, ein Hauch von Migräne...?« »Hochgradige Neurasthenie,« bemerkte die Hofrätin streng. »Wirklich? Das klingt ja außerordentlich volltönig. Vielleicht eine gewisse Erregtheit, wie sie bei geistig schaffenden Damen nicht selten ist: aber Neurasthenie!... Wer hat Sie denn hergeschickt?« »Mein Hausarzt, der Sanitätsrat Köllner,« versetzte die Dame noch strenger. »Was versteht denn der Köllner von Neurasthenie! Da hätten sich gnädige Frau an meinen berühmten Chef wenden müssen! Geheimrat Schebelsky würde Ihnen gesagt haben, was ich, sein unbedeutender Schüler, jetzt bloß auf den Eindruck Ihrer Erscheinung hin frei zu behaupten wage, daß Sie nur übermäßig durch irgend einen Gedanken präokkupiert sind, und daß Ihre Nervosität weichen wird, sobald Sie mit diesem Gedanken tabula rasa gemacht haben.« Die Hofrätin sah ihm erstaunt ins Gesicht. »Hm!« sagte sie bei sich selbst, »dieser Mensch, der in ästhetischen Dingen total mit Blindheit geschlagen ist, scheint als ärztlicher Diagnostiker ein vollendeter Meister!« Sie fühlte ja selbst: wenn der Fünfzehnte glücklich vorbei wäre, und sie hätt' es hier schwarz auf weiß: Das Kollegium hat Ihre farbenreiche Novelle »Fata Morgana« einstimmig des ersten Preises für würdig befunden – sie fühlte es, daß ihre Nervosität dann im wesentlichen gehoben sein, daß ein neues Leben für sie beginnen würde, seelisch, ethisch und leiblich ... Der Scharfblick Maxwaldts hatte in der Tat etwas Frappierendes. Daß Helene, die ja alles durchschaut hatte, ihm hier und da einen schätzbaren Wink hatte zukommen lassen – davon hatte Corinna-Adelaide natürlich durchaus keine Ahnung. Sie begann in Maxwaldt den bedeutenden Arzt zu bewundern, der ihr das ernste Geheimnis der Fata-Morgana-Novelle fast aus der Seele grub ... Trotzdem lag in der Art und Weise des jungen Mannes ein Zug von burschikoser Selbstüberhebung, der sie im tiefsten Innern empörte, und fester als je gelobte sie sich, den Werbeversuchen Doktor Maxwaldts um ihre Helene das schroffste und unerbittlichste Nein entgegenzusetzen. In diesem Sinne sprach sie sich einige Tage danach brieflich gegen Professor Aloys Schmidthenner aus, der bei der Kunde von der Anwesenheit Doktor Maxwaldts in Saßburg eine dumpfe Beklemmung empfand und die Rhapsodin der noch unvollendeten »Deianeira« daran gemahnte, wie wenig Herr Maxwaldt in literarischer und ästhetischer Hinsicht auf der Höhe seines Jahrhunderts stehe. Der Brief Adelaidens gab das bereitwillig zu, betonte das schon oben erwähnte Ungebührliche und Studentenhafte, das in gewissen Momenten ihn kennzeichne, und fuhr dann fort: »Hiervon abgesehen, bin ich genötigt, eine gewisse Artigkeit und Aufmerksamkeit, deren sich Doktor Maxwaldt befleißigt, rühmend anzuerkennen. Früher war er in dieser Beziehung entschieden schnöder und rücksichtsloser. Er trägt mir z. B. auf den Spaziergängen, die wir – meistens fünf oder sechs Köpfe stark – des Nachmittags unternehmen, nicht nur die seidene Jacke und die lederne Handtasche, in welcher ich Blumen, schmackhafte Pilze und ähnliche Merkwürdigkeiten einsammle; nein: er verfolgt sogar mit überraschendem Eifer meinen etwas verwickelten Kurplan. Oft genug unterbricht er das Wechselgespräch unserer Freunde mit der diskret geflüsterten Wendung: ›Gnädige Frau, es ist vier‹, oder: ›Frau Hofrätin, Ihre Nachmittagsbrause‹...« Professor Schmidthenner las diese Schilderung mit dem peinlichsten Unbehagen. Er stellte sich lebhaft vor, wie eifrig der rücksichtslose Herr Maxwaldt die Nachmittagsbrause benutzen würde, um bei der süßen, blonden Helene seine verwerfliche Maulwurfsarbeit unbeobachtet fortzusetzen. Aber es half nichts. Aloys mußte gute Miene zum bösen Spiel machen, da ihn die Vorlesungen bis gegen Mitte Juli noch in der Hauptstadt festhielten. Dann aber! – O, es ahnte ihm, daß die freiere Art der Bewegung auf dem neutralen Gebiete von Saßburg die bisher nur langsam entwickelte Angelegenheit seines Herzens stürmisch fördern und zum gedeihlichen Abschluß bringen, daß sie ihm endlich zum Siege verhelfen würde über den öden ›Mann des Seziermessers‹ – wie sich die Hofrätin früher, als sie noch klarer in ihren Wendungen war und energischer in ihren Antipathien, so meisterhaft ausdrückte. Die Kurerfolge der Frau von Weißenfels waren gleich Null. Der Gedanke an ihre Novelle verließ sie selbst nicht unter dem Sprudelregen der Brause und auf den Wanderungen durch die stille Einsamkeit der Natur. Bei Nacht saß sie oft stundenlang aufrecht in ihren Kissen, den friedlichen Schlaf ihrer blonden Helene beneidend, deren Antlitz im Schimmer der nächtlichen Kerze heimlich zu lächeln schien. O du glückliche, o du vertrauensselige Jugend, die da nichts weiß von den aufreibenden Kämpfen um den Kranz der Unsterblichkeit! Die krankhafte Erregung Adelaidens erreichte den Höhegrad in der Nacht vom 15. auf den 16. Juni. Sie hat späterhin selbst eingeräumt, während der kurzen Zeitspanne von halb elf Uhr abends bis drei Uhr morgens anderthalb Schachteln Utan-svafvel-och-fosforhölzer verbraucht zu haben, so häufig machte sie Licht, um ihre Visionen zu scheuchen, und gleich danach die brennende Kerze, als hierzu unfähig, wieder auszublasen. In glühender Frührotsschöne stieg der Morgen des 16. Juni über den fernen Höhen des Veronikaberges empor. Schon um halb fünf – zwei Stunden vor Beginn ihrer Kur – stahl sich Adelaide hinaus in das taufrische Tannengehölz und schlug wildklopfenden Herzens den Pfad nach dem Rittmeisterbrunnen ein. Sie wollte sich sammeln; sie wollte die nötige Haltung gewinnen für den Tag, der ja entscheidend war, mochte die Wage des literarischen Fatums nun links emporschnellen oder rechts. Adelaide versäumte diesmal die Morgenbrause. Hocherglühenden Angesichtes erschien sie kurz vor sieben beim Kaffee. Fräulein Helene war just in reizendster Morgentoilette von ihrem Lieblingsspaziergange, dem Weg nach der Fannyquelle, nach Hause gekehrt, ein Sträußchen am Busen, das ihr ein ungewöhnlich festliches Ansehen verlieh. Oder hatte nur Frau Weißenfels diese Empfindung, – sie, die heute ja alles wie unter dem Scheine ambrosischer Lichter gewahrte? Sie frühstückte hastig, aber mit langen Pausen. Kein Bissen schien ihr zu munden; dennoch beendete sie gegen halb acht Uhr schon ihr viertes Hörnchen. Nun trat sie ans Fenster. Da unten zwischen den Obstbäumen wurde ein uniformierter Mensch sichtbar: der alte, breitlächelnde Briefträger, der hier gleichzeitig als Telegraphenbote in Pflicht stand. Adelaide erbleichte, um gleich darauf mit der Schämigkeit eines Backfischchens rot zu werden. »Was hast du, Mama?« fragte Helene freundlich. Adelaide winkte ihr mit erzwungener Gleichmütigkeit ab und beruhigte sich nach und nach wirklich. Es war ja Torheit, schon um halb acht ein Telegramm zu erwarten! Fräulein Keßler stand erst um acht Uhr auf. Bis die sich anzog und nach dem Amte lief, konnte es neun werden! Adelaide fühlte sich etwas beschämt. Sie butterte in tiefster Zerstreutheit ihr fünftes Hörnchen und ließ sich von ihrer Tochter nochmals die Tasse füllen. Auch die zweite Nummer der Kur, die Einwickelung mit darauf folgender Abreibung, wurde versäumt. Je höher die Sonne stieg, um so chaotischer wogte es in dem Busen der Dichterin. Es schlug zehn, halb elf, elf! Adelaide hatte sich schon zum dritten Male den Inhalt ihrer Novelle Szene für Szene vergegenwärtigt. Die Depesche mußte ja eintreffen! Es war völlig undenkbar, daß eine so glänzende Arbeit nicht wenigstens mit dem zweiten oder doch allerschlimmsten Falls mit dem dritten Preise gekrönt wurde! Dennoch, der elende Briefknecht mit dem dienstwidrig breiten Gesicht kam nicht und kam nicht. Hatte am Ende die Keßler, das bornierte, tückische Frauenzimmer, die ihr großmütig anvertrauten fünfzig Pfennige dreist unterschlagen, sie in Biskuittorte oder in Mohrenköpfen verschwelgt, um sich nachher mit einer Zehnpfennigmarke vor Gott und ihrem Gewissen zu rechtfertigen? Ja, so mußte es sein. Während hier Adelaide vor Aufregung schier verging, setzte sich jene Verworfene heut nachmittag ganz gemütlich an ihren Schreibtisch und übermittelte brieflich, was sie doch auf den Flügeln des elektrischen Funkens hätte vermelden sollen! O, diese Schlichten, Bescheidenen! Das waren die echten, geborenen Verräter! Wie hatte sie nur sekundenlang glauben können, ein so untergeordnetes Individuum werde die delikate Mission mit gebührender Pünktlichkeit durchführen! Von dem Dachfirst des »Herzog Karl« tönte die Mittagsglocke. Noch immer kein Telegramm! Adelaide war tatsächlich unfähig, auch das Geringste über die Lippen zu bringen, wobei die fünf Hörnchen, die sie in ihrem Kummer hinabgefrühstückt, wohl auch ihren Anteil hatten. Sie schützte Migräne vor und zog sich im Schritt einer tragisch niedergeschmetterten Heroine langsam in ihr Zimmer zurück. Ihrer Tochter, die sich gleichfalls erheben wollte, winkte sie ab. »Laß nur!« sagte sie bebend vor heimlicher Alteration. »Ich bedarf nur der Ruhe.« Helene setzte sich wieder. Doktor Maxwaldt wußte das junge Mädchen über den Zustand ihrer Mama rasch zu trösten. Er entwickelte überhaupt eine Liebenswürdigkeit, eine Frische, die den gesamten Kreis, dessen Mittelpunkt er hier bildete, zur Bewunderung hinriß und den Professor Aloys Schmidthenner unbedingt zur Verzweiflung gebracht hätte. Da – man war just beim Dessert – trat die Hofrätin wieder ein. Sie trug den Kopf sieghaft im Nacken wie weiland die große Regentin, als die begeisterten Ungarn riefen: »Moriamur pro rege nostro Maria Theresia!« In der Linken hielt sie ein Telegramm. Wohl drei Dutzend Mal hatte sie die wenigen Zeilen gierigen Blicks überlesen. Kein Zweifel mehr: das Datum war diesmal gerecht gewesen! Da stand es in unzweideutigen Lettern. Adelaide hatte der hingebungsvollen Hausgenossin, der liebenswürdig bescheidenen Lehrerin unrecht getan! Das Telegramm lautete: »Hofrätin Weißenfels, Hotel Herzog Karl, Saßburg. Weltall Wertsendung neunhundert Mark eingetroffen. Marie Keßler.« Schon das Erscheinen der imposanten Gestalt in der fürstlich historischen Attitüde hatte Aussehen erregt. Niemand wunderte sich daher, als die Rätin nach ihrem Platze schritt, das Messer wider das halb noch gefüllte Glas schlug und mit bebender Stimme folgende Ansprache hielt: »Hochgeehrte und liebwerte Versammlung! Ich wende mich an Sie alle, nicht nur an den engeren Kreis schätzbarer Freunde, die sich während der kurzen Zeit meines Verweilens auf diesem gesegneten Fleckchen Erde mit besonderer Sympathie an mich angeschlossen! Meine Damen und Herren! Es ist mir unter dem heutigen Tag eine seltene, ich darf wohl behaupten: phänomenale Auszeichnung widerfahren. Das Preisrichteramt der weithin berühmten Zeitschrift ›Das Weltall‹ – ich fordere Sie in Parenthese zum Abonnement auf – hat mich unter zahllosen Konkurrenten für die beste Kurzgeschichte ( short-story ) mit dem ersten Preise gekrönt.« Ein staunendes Ah! ging durch den Speisesaal. Adelaide gönnte dieser »spontanen Kundgebung« einige Augenblicke zur vollen Entladung. Dann fuhr sie mit immer steigendem Enthusiasmus fort: »Meine Damen und Herren! Ein solches Ereignis gehört zu den Gipfelpunkten im Leben einer modernen Schriftstellerin, zu den Abschnitten, von denen man eine neue Entwicklungsperiode datiert. Sie gestatten daher, und deuten es mir, wie ich hoffe, nicht etwa als Aufdringlichkeit, wenn ich hiermit die ganze Gesellschaft des ›Herzog Karl‹ für heute abend zu einem fröhlichen Waldfest einlade. Ich werde Sorge tragen, daß die Arrangements den Forderungen des außergewöhnlichen Anlasses wie denen meiner liebenswürdigen Gäste einigermaßen entsprechen.« Die Wirkung dieses nur so hingeschleuderten Ausgangs war geradezu überraschend. Ein Waldfest – Lampions, Musik, vielleicht gar ein lustiger Tanz auf der nahegelegenen Wolfsplatte – das dünkte der Jugend, die hier in großer Anzahl vertreten war, außerordentlich reizvoll. Das Murmeln des Beifalls verwandelte sich alsbald in stürmisches Bravo. Einige tonangebende Herren schritten auf die Schriftstellerin zu und beglückwünschten sie. Die jungen Mädchen klatschten seelenvergnügt in die Hände. Etliche Mütter, die sich von allen derartigen Unternehmungen günstige Chancen für ihre heiratsfähigen Töchter versprachen, nickten sich lebhaft zu, als wollten sie andeuten: »Dieser Triumph der Frau Hofrätin wird vielleicht auch für uns zum Triumph – und dann segne sie Gott!« Schließlich erhob Doktor Maxwaldt »den vollen Becher«, wie er sich ausdrückte, schwang ihn mit dionysischer Grazie und forderte die freudig bewegte Gesellschaft auf, die verehrte Frau Hofrätin Adelaide von Weißenfels, die preisgekrönte Poetin des »Weltalls« – auch er empfehle dringend das Abonnement – hochleben zu lassen, und abermals hoch, und zum drittenmal hoch ...! Adelaide dankte gerührt. Ein Hauch der Brüderlichkeit, der Menschenliebe, der freudigsten Götterlust ging wie verklärend durch das ganze Hotel. Sofort – noch ehe die Tischgesellschaft den Saal verließ – bildete sich ein Festkomitee, bestehend aus einem Erfurter Fabrikanten, der sich schon früher im »Herzog Karl« durch erbauliche Leistungen als Vergnügungskommissär ausgezeichnet hatte, aus Doktor Maxwaldt und einem preußischen Referendar, namens Heinicke. Draußen auf der Terrasse des Gasthofs stellte sich dies Komitee offiziell der großherzigen Festgeberin zur Verfügung. Bei einer Tasse dampfenden Mokkas – Adelaide machte voll unbeschreiblicher Anmut die Kaffeehonneurs – berieten hier die drei Herren mit der glückstrahlenden Siegerin das Programm. Nach Verlauf einer Stunde war die Sitzung zu Ende. Der Entwurf schien selbst den verwöhnten Heinicke befriedigt zu haben. Der talentvolle Fabrikant fuhr nach Erfurt hinüber. Gegen halb sechs traf er mit einer förmlichen Wagenladung von buntfarbigen Glas- und Papierlampen und einer großartig bemessenen Quantität von Feuerwerkskörpern ein. Ein Feuerwerk nämlich auf der kahlen Klippe des Ödberges, der – nur wenige hundert Meter vom Gasthof entfernt – einsam aus den Wiesengründen emporragte, sollte das Fest beschließen. Der preußische Referendar hatte das Arrangement des Tanzplatzes übernommen. Ein großartiges Büfett war improvisiert worden. Eiserne Bänke und Stühle aus allen Gegenden des Hotelgartens schmückten die schöne, durch mehrere Badewärter eigens festgestampfte Rotunde. Doktor Maxwaldt schließlich war zu Fuße nach Föhrenau hinübergegangen, um die Musik zu bestellen und in dem dortigen Galanteriewarengeschäft die entsprechende Auswahl zu treffen für eine lustige, durch allerlei reizvolle Anspielungen zu würzende Tombola. Daß Adelaide unmittelbar vor Beginn des Feuerwerks ein kurzes Gedicht »Excelsior« vortragen wollte, – eine sinnige Interpretation der himmelanstrebenden Glutraketen – das war ihr Privatgeheimnis. Einstweilen schwebte sie mit sylphidenhafter Gewandtheit durch die Räume des Gasthauses, bald mit dem Wirte sprechend, bald mit den Kellnern, oft auch nur in ihrer süßen Erregung die Sessel des Lesezimmers zurecht schiebend oder eine Gardine drapierend. Auch die Wolfsplatte erklomm sie zwei- oder dreimal, um sich vom Fortschritt der Arbeiten persönlich zu überzeugen Helene saß unterdes auf der Veranda des Wohnzimmers. Sie führte, wie soviele junge Mädchen, ein Tagebuch, freilich in schlichter Prosa, nicht, wie ihre Mama, in überschwenglichen Rhythmen. Während der rastlosen Tätigkeit des Festkomitees trug sie das staunenswerte Begebnis von dem Sieg ihrer Mutter ein und fügte – im Gegensatz zu früheren, durch Doktor Maxwaldt beeinflußten kurzen Betrachtungen – die Bemerkung hinzu: »Die liebe, gute Mama! Sie muß dennoch Talent haben!« 5. Es schlug sieben. Das ganze Hotel befand sich in angenehmer Erregung. Die einen freuten sich auf den positiven Genuß, die anderen – skeptische oder lieblose Charaktere – auf eine ergiebige Ernte für ihre Beobachtungen, auf komische und lächerliche Effekte. Adelaide verhandelte just mit dem Erfurter Fabrikanten, dessen Feuerwerksapparat alle Erwartungen übertraf, namentlich auch in merkantilischer Hinsicht; denn die Geschichte kostete, laut beigebrachter Faktura, 320 Mark. Adelaide bedankte sich mit sauer-süßer Verbindlichkeit, unterdrückte jedoch die Bemerkung, die in ihr aufstieg: daheim in der Residenz sei Derartiges dreimal besser und billiger. Fräulein Helene hatte ihr Tagebuch längst wieder eingeschlossen. Sie saß jetzt, mit einer Häkelarbeit beschäftigt, in der Ecklaube des Hotelgartens und sah schweigend hinaus in die herrliche Sommerlandschaft. Der Ödberg mit seinen düstern Felsgraten leuchtete im entzückendsten Braunrot; der Himmel war klar wie Kristall; der Abend versprach zauberisch zu werden. Sie gönnte das ihrer Mama so recht von Herzen; sie hätte es ihr gegönnt auch ohne die echte kindliche Liebe, die sie für sie empfand. War Helene selber doch so über die Maßen glücklich! Dieser Tag mit seiner wichtigen Komiteesitzung bedeutete offenbar eine Annäherung zwischen Mama und Leopold Maxwaldt. Die Fußwanderung über den Schwalbenstein nach Föhrenau und die fein arrangierte Tombola mußten, wenn es demnächst zur ernsten Erörterung kam, gar schwer in die Wagschale fallen. Freilich, ein literarisch-poetischer Träumer wie Aloys Schmidthenner war der prächtige Maxwaldt trotz alledem nicht geworden. So sehr auch Helene im Interesse ihrer seligsten Hoffnung gewünscht hätte, daß Leopold ihrer Mama etwas wärmer entgegengekommen wäre, so stolz war sie wieder auf die männliche Selbständigkeit seines Auftretens, die so vorteilhaft abstach gegen die schmeichlerisch kriechende Devotion des Literaturprofessors. Wie sich ihre Gedanken so mit dem Gegenstand ihrer Sehnsucht eifrig beschäftigten, knirschte es in ihrer unmittelbarsten Nähe von Schritten. Es war Maxwaldt in eigener Person. »Gott sei Dank, daß ich dich treffe!« sagte er mit gedämpfter Stimme. »Ich bin in der scheußlichsten Aufregung. Deine Mama – ein unbegreifliches Mißverständnis – da, lies!« Er überreichte ihr eine Zuschrift von dem Verleger des »Weltalls«. Fräulein Helene überflog sie mit bebender Hast. »Aber das ist ja unmöglich!« stammelte sie verwirrt. »Fast scheint es so,« versetzte der Arzt. »Wir stehen hier vor einem unerklärlichen Rätsel. Was sollen wir tun?« Helene sann einen Augenblick nach. »Wann hast du die Sendung empfangen?« frug sie nach einer Weile. »Vor zehn Minuten.« »Unbegreiflich! Aber wie schlecht von dir, Leopold, mir so gar nichts zu sagen! Ich hatte ja keine Ahnung, daß auch du ... Nein, es ist schändlich!« »Torheit! Was sollt' ich von der dummen Geschichte viel Aufhebens machen? Übrigens, wenn du mich schelten willst, so hat das ja Zeit. Vorläufig fragt es sich, was geschehen soll.« »Du mußt Mama augenblicklich von diesem Brief da in Kenntnis setzen.« »Meinst du? Aber wer weiß, nach welcher Seite die Wahrheit liegt? Preisrichter-Kollegia sind aus Gelehrten zusammengesetzt, und solche Gelehrte sind oft maßlos zerstreut. Jedenfalls haben die Kerle doch Konfusion gemacht.« »Du hast recht,« nickte Helene, »Wir müssen ruhig abwarten.« »Nicht wahr? Also vorläufig: unverbrüchliches Schweigen!« »Nein, wie mich das aufregt! Weißt du, fast wünschte ich, deine Epistel da wäre der Irrtum. Was kann dir an der ganzen Geschichte denn liegen? Mama jedoch – o, sie würde das nicht überleben! Ob wir nicht doch gescheiter das Jubelfest für heute abend abbestellten?« »Das wäre jetzt viel zu spät. Auch hätten wir logischerweise kein Recht dazu. Das Telegramm eurer Hausgenossin ist ebenso unzweideutig wie dieser Brief. Oder hältst du die Keßler für fähig, sich einen ungebührlichen Scherz zu erlauben?« »Kein Gedanke! Sie ist die Ehrlichkeit selbst. Dabei so schüchtern, so demutsvoll! Nein, für die stehe ich gut.« »Überlassen wir's also der Zeit!« sagte der junge Arzt. »Ich werde heut abend so harmlos erscheinen wie möglich. Sei auch du frisch und vergnügt! Hörst du, mein Liebling? ... Himmel und Hölle! Da fällt mir ein...« »Was denn?« forschte Helene. »Nichts, nichts! Ich mag keine Pläne schmieden, ehe ich in dieser Sache nicht klar sehe. Wenn es sich aber herausstellen sollte ...! Himmel und Hölle, dann hätt' ich noch einen Streich auf Lager, der ebenso nützlich als amüsant wäre!« »Ach, verrate mir's doch!« »Nein, nein! Ihr Mädels braucht nicht alles zu wissen. Eh' man den Vogel im Netz hat, soll man nicht schwatzen.« Er umschlang sie und küßte sie herzlich auf ihren Mund. Hiernach begab man sich in den Speisesaal, um zu Nacht zu essen. Das Jubelfest Adelaidens nahm einen wundervollen Verlauf. Die Gesellschaft amüsierte sich köstlich; auch die sarkastisch veranlagten Elemente wurden allmählich mit fortgerissen. Die Wolfsplatte glich in ihrer märchenhaften Illumination einem Elfentanzplatz. Die Musik – auf einer benachbarten Erderhöhung hinter Fichten versteckt – hatte noch nie so schmelzend, so leidenschaftlich gespielt. Der Fabrikant aus Erfurt tanzte die Polonaise und den Eröffnungswalzer mit der strahlenden Jubilarin. Doktor Maxwaldt und der preußische Referendar Heimele führten, als Zigeuner verkleidet, einen Fandango auf, der stürmischen Beifall entfesselte. Die Tombola weckte die rosigste Heiterkeit. Das Büfett lieferte köstliche Delikatessen. Kurz vor elf zog man in geschlossener Kolonne nach der Gasthofsterrasse, die den prächtigsten Ausblick über den Ödberg gewährte. Das Gedicht »Excelsior« zeichnete sich durch überraschende Kürze, die Bahnen der gen Himmel zischenden Glutraketen durch überraschende Länge aus. Die vier oder fünf Badewärter, die mit der Abbrennung der mannigfaltigen Feuerwerkskörper betraut waren, entledigten sich ihrer Aufgabe mit einer Vollendung, die durch unausgesetzte »Ahs« und »Ohs« belohnt wurde. Zwischen der dritten und vierten Feuergarbe, die in majestätischer Herrlichkeit zum nächtlichen Firmament lohten, kamen zwei liebeglühende Herzen sich näher: ein junger Techniker aus Potschappel bei Dresden verlobte sich stehenden Fußes mit der Tochter einer verwitweten sächsischen Generalin, was noch desselbigen Abends – erst im engsten und dann auch im weiteren Kreise – ruchbar ward und eine Stimmung erzeugte, die allem die Krone aufsetzte. Kurz, der Triumph Adelaidens war vollständig. Daß er auch kostspielig war, daran dachte sie nur vorübergehend. Die Herzensfreude wuchs ihr über den Kopf wie die Zauberhecken dem Dornröschen, und lullte ihr sonst so starkes Berechnungstalent in den Schlaf. Ihr Konto bezifferte sich allerdings auf nahezu 600 Mark; aber was lag daran, da sie das Hochgefühl ihres Sieges so gleichsam in viele Dutzende Mitfühlender eingepflanzt hatte? »Ja, was liegt daran?« hauchte sie, als sie lange nach Mitternacht ihr lorbeergeschmücktes Haupt in die Kissen drückte. »In großen Momenten muß der Mensch sich als groß erweisen; sonst verdient er es nicht, daß ihn die Götter vor all den unbegnadeten Geistern bevorzugen. Sechshundert Mark –: da bleiben noch immer dreihundert. Diese dreihundert sollen den Grundstock bilden zu einem Vermögen, das ich nur mir und meiner hochstrebenden Muse verdanke, nicht irdischen Zufällen, nicht meinen Vorfahren, nicht meinem Ehegemahl! Was er wohl sagen würde, wenn er mich jetzt hier sähe als die Heldin des Tages, als a selfmade woman , als die gekrönte Poetin des ›Weltalls‹! Ja, ja, der Spruch enthält eine tiefe Wahrheit: ›Es wächst der Mensch mit seinen höheren Zwecken!‹ Nun, ich will ihm nicht grollen, dem ehrlichen Ottfried. Er hat's gut gemeint. Er wußte ja nicht, daß ihm die Götter am Herde saßen. Fata Morgana – Ottfried – Wertsendung ... Meine Damen und Herren ...« Ihre Gedanken verwirrten sich. Ein glückseliges Lächeln auf den halbgeöffneten Lippen, mädchenhaft trotz ihrer vierzig Jahre – – – so schlief sie ein. 6. Am folgenden Morgen, als die überglückliche Adelaide noch im Frisiermantel vor dem Spiegel saß, – die Stutzuhr aus Cuivrepoli wies eben halb neun – pochte es kräftig in kurz springendem Anapäst wider die Türe des Wohnraumes und öffnete, ohne das übliche »Herein!« zu erwarten. »Der Briefträger!« sagte Helene. »Der Briefträger!« wiederholte vor Lust errötend die Verfasserin der »Fata Morgana.« Der Postmann grüßte. »Ein Wertpaket, neunhundert Mark,« lächelte er aus der breiten Fülle seiner verschwommenen Backen heraus. Mit bebender Hand unterzeichnete Adelaide die Quittung. Hastig – und doch mit der Würde einer Selbstherrscherin, die Königreiche verschenkt, reichte sie dem schmunzelnden Überbringer ein nagelneues Fünfmarkstück. Große Momente müssen uns groß finden, das war ja seit gestern ihr Grundsatz. Hierauf erbrach sie das umfangreiche Kuvert, warf einen starren, entgeisterten Blick auf den Inhalt, und sank, bis in den Grund ihres Wesens vernichtet, auf einen Stuhl. Das Paket war allerdings mit der Wertangabe »neunhundert Mark« versehen, enthielt jedoch nur das Manuskript der »Fata Morgana«, nebst einer lithographierten Zuschrift des »Weltall«-Verlegers, die in verbindlichen Ausdrücken das Bedauern der Herren Preisrichter aussprach, nicht allein von der Krönung, sondern auch von der eventuell in Aussicht genommenen Erwerbung der gütigst überschickten Novelle Umgang nehmen zu müssen. Adelaide hatte im Sturmgetöse ihrer maßlosen Aufgeregtheit vergessen, daß sie selber ihr Manuskript mit der Bezeichnung »Wert: Neunhundert Mark« an das »Weltall« eingesandt, hatte; daher der Verleger, als peinlich korrekter Geschäftsmann, bei der Zurücksendung die nämliche Summe deklarieren zu sollen für angezeigt hielt. Vielleicht auch wirkte die ritterliche Empfindung mit, daß er durch Beibehaltung dieser beträchtlichen Ziffer die Wermutspille der Ablehnung auf liebenswürdige Weise verzuckere. Eine Zeitlang saß Adelaide bleich, leblos wie vom Donner gerührt. Dann plötzlich brach sie in Tränen aus. »Diese Keßler! Dies Urbild der Stupidität!« stöhnte sie, ihr Antlitz tief in den Frisiermantel pressend. »Sie soll mir's büßen, die abgeschmackte Person! Ich ruhe nicht eh'r, bis der Hauswirt ihr kündigt. Entweder sie oder ich! Mit ihr unter dem nämlichen Dache, – das ist fürder unmöglich!« Sie sprang empor und warf einen verzweifelten Blick auf die fluchbeladene »Weltall«-Sendung, die harmlos, wie ein neugeborenes Kind, auf der Tischdecke lag. »Freilich,« knirschte sie heiser in sich hinein, »dem Briefe da war's ja von außen nicht anzusehen! So wenig voluminös! Dafür ist's eine ›Kurzgeschichte‹! Jawohl, eine Kurzgeschichte, die mich trotz aller Kürze ein langes Leben hindurch an den Pranger stellt! Dies Fest, dieses Feuerwerk, diese Toaste – o, es ist eine Schmach! Von den ruchlos vergeudeten sechshundert Mark ganz zu geschweigen!« »Aber Mama,« sagte Helene, »wir waren doch so vergnügt!« »So? Vergnügt wart ihr! Eine herrliche Logik, das muß ich bekennen! Siehst du nicht ein, du Törin, daß ich mit dieser Affäre bis in die Fingerspitzen blamiert bin? Aber das ficht dich weiter nicht an! ›Wir waren doch so vergnügt!‹ Deine Mutter kann sterben vor Gram und Scham. – Du amüsierst dich an ihrem Totenbett!« »Beste, liebste Mama, wie kannst du so reden! Ich meinte ja nur ...« »Du hast hier gar nichts zu meinen! Die Sache ist klar, wie das Sonnenlicht! Wenn es herauskommt – und es muß ja herauskommen, denn schon im ersten Juliheft werden die wirklich Preisgekrönten genannt – – siehst du, Helene, dann bin ich gesellschaftlich wie literarisch unmöglich! Es ist zum Wahnsinnigwerden! Flink, packe die Koffer! Heute noch reisen wir ab! Binnen acht Tagen hab' ich zu Haus meine Angelegenheiten geordnet. Ich kehre der Hauptstadt für immer den Rücken. Nach Kottbus werde ich ziehen oder nach Graudenz. In der ödesten Einsamkeit will ich dort meine Schande vergraben, bis der Tod mich erlöst!« Sie weinte zum Herzbrechen. Da klopfte es abermals an die Türe. »Es kann niemand herein!« ächzte sie tonlos. Gleichwohl stand schon im nächsten Moment Doktor Leopold Maxwaldt in respektvoller Haltung ihr gegenüber. »Gnädige Frau,« begann er mit vollendeter Ruhe, ohne sich durch den Anblick ihres zerknüllten Frisiermantels und der halb noch gelösten Haare stören zu lassen, »ich bin seit gestern Ihr Zimmernachbar.« »Was soll das heißen?« stammelte Adelaide verwirrt. »Es soll motivieren, daß ich so unvermutet hier eintrete. Die Wände sind ganz außerordentlich dünn. Ein Hauptmangel im ›Herzog Karl‹! Ich hörte Sie wehklagen, konstatierte die ersten Symptome eines bedrohlichen Weinkrampfes und bin nun so frei, Ihnen meine ärztlichen Dienste zu offerieren.« Adelaide hatte ihren Frisiermantel und die nur halb vollendete Haartracht ebenso völlig vergessen wie Doktor Maxwaldt. Was sie bei seinem Erscheinen durchwühlte, war die Erinnerung an gestern, war der entsetzliche Umstand, daß Leopold Mitglied des Festkomitees zur Feier ihrer vermeintlichen Krönung gewesen. Das brachte ihr die verzweifelte Lage, in die der Neid einer boshaften Weltordnung sie versetzt hatte, ziemlich klar zum Bewußtsein. Der junge Arzt verkörperte ihr all die Beschämungen, die ihr bevorstanden, all die unsäglichen Kümmernisse ihrer gescheiterten Hoffnungen. Sie schluchzte von neuem und legte sich, eine klagende Niobe, abgewandt in die Sofaecke. Helene wies mit dem rosigen Zeigefinger auf die zurückgekehrte »Fata Morgana«. Leopold trat ein Paar Schritte heran. »Es ist, wie ich dachte,« raunte er seiner Geliebten zu. »Es konnte nicht anders sein, – und wenn sie nicht deine Mama wäre, hätte ich Lust, mir vor Vergnügen den Bauch zu halten.« »Leopold!« flüsterte Fräulein Helene vorwurfsvoll. Er küßte sie lautlos auf die schmollenden Lippen. Dann, mit gewaltiger Stimme: »Gnädige Frau!« Adelaide zuckte zusammen. Lebensmüde hob sie das tränenbeströmte Antlitz. »Gnädige Frau, ich weiß alles. Sie haben den Bären verkauft, eh' Sie ihn dingfest gemacht. Dergleichen kommt vor, – aber die Sache ist äußerst unangenehm.« »Wie meinen Sie das?« stammelte Adelaide. »Nun, mich dünkt, das ist klar. Nicht alle Menschen sind Ihre Freunde, wie ... ich zum Beispiel. Es gibt boshafte Charaktere. Die werden sagen: ›Na, so was!‹ Sie selbst, gnädige Frau, können nicht leugnen: die Geschichte ist komisch, eminent komisch! Dieses pomphafte Arrangement, diese voreilig geschlachtete Hekatombe – und dann, als Auflösung: Nichts, absolut nichts! Parturiunt montes ... Ich weiß nicht, ob Sie Latein verstehen?« »Ich verstehe nur eins: daß Sie mein Mißgeschick noch verhöhnen wollen. Das, Herr Doktor, ist eines Ehrenmannes nicht würdig; das ist ... das ist ...« »Nur die Einleitung zu dem, was ich sagen will. Ich mußte Ihnen die peinliche Situation recht wahrheitsgetreu ins Gedächtnis rufen, eh' ich versuchen konnte, mit einem Vorschlag zu nahen ...« Halb zweifelnd sah sie ihn an. Er aber zog jenen »Weltall«-Brief aus der Tasche, den er am Abend zuvor seiner holden Helene gezeigt hatte, öffnete ihn, wie der Notar in französischen Trauerspielen das knotenschürzende Testament öffnet, und begann mit einem leichten Hauche von Ironie wie folgt: »Der Zufall, gnädige Frau, hat seine unleugbaren Impertinenzen. Als eine solche muß ich's betrachten, daß jener Ehrenpreis für die gelungenste Kurzgeschichte, den Sie, gnädige Frau, sich auf Grund eines Mißverständnisses voreilig vindiziert haben, mir, dem Mann des Seziermessers, dem unwürdigen Dilettanten, gestern kurz vor Beginn Ihres Festes in bar übersandt worden ist.« Adelaide blickte ihm starr ins Gesicht – mit dem hilflosen Ausdruck jenes gequälten Tieres, das der Schillersche Berggeist gegen die Pfeile des Alpenjägers beschützt. »Ja, Frau Hofrätin,« wiederholte der junge Arzt, und hielt ihr das Schreiben des ›Weltall‹-Verlegers mit einer energischen Handbewegung unter die Augen, »– es ist so! Unbegreiflich, und dennoch Tatsache! In meinen Mußestunden, wenn das Seziermesser ruht, hab' ich gelegentlich novellistische Einfälle. Die bring' ich dann zu Papier, meist nur ganz aphoristisch, wie der Maler so eine Skizze hinwirft. Diesmal hab' ich des Spaßes halber mein Thema strenger gefaßt – und da ich just von dreihundertvierzig Arbeiten hörte, die bereits eingelaufen, so dachte ich: ›Nun, auf eine mehr oder weniger wird's ja nicht ankommen, versuchen kannst du's, und schlägt's dir fehl, so wirst du nicht eben enttäuscht sein. Im Gegenteil!‹ Es scheint nun, daß die Leute vom Fach, die wirklichen Schriftsteller, bei diesem Wettlauf nicht mit gestartet, sondern die Rennbahn den literarischen Sonntagsreitern frei überlassen haben. Item, mein unbedeutender Spaß ›Melisandra‹ hat überraschenderweise gesiegt und den Preis erhalten, den ich Ihnen, Frau Rätin, so von Herzen gegönnt hätte.« »Unerhört!« ächzte Frau Adelaide. »Also das ist des Pudels Kern! Sie wollen meine entsetzliche Lage zur Folie Ihres Triumphes machen? Nun, Herr Doktor, ich hatte nie eine sonderlich günstige Meinung von Ihnen; aber daß Sie so wenig Ritterlichkeit besäßen ...« »Keine Verdächtigungen, gnädige Frau! Es ist wahr, Sie sind schauderhaft kompromittiert. Wenn die Geschichte Ihrer vermeintlichen Siegesdepesche ins Publikum dringt – die Wirkung ist unbezahlbar! Diese Voraussicht aber gibt Ihnen noch lange kein Recht, an meinem Charakter zu zweifeln! Frau von Weißenfels! Ich stehe nicht hier, um Sie als Folie etcetera zu verwerten, sondern um Ihrem geschätzten Kopf aus der Schlinge zu helfen. Niemand außer Fräulein Helene und mir soll jemals erfahren, daß die Wertsendung da, an Stelle des sehnlichst erwarteten Preises, nur Ihr verunglücktes Manuskript enthielt ...« »O, o!« stöhnte Adelaide. Dann sich würdevoll aufrichtend: »Zum letzten Male, Herr Doktor: lassen Sie diesen unakademischen Ton! Ich werde mein Schicksal ertragen ... Ich werde ...« Sie wandte sich ab. In höchster Nervosität trommelte sie mit den zitternden Fingern auf der Kommode, als könne sie's nicht erwarten, daß Doktor Maxwaldt sich nun endlich zurückziehe. Der aber schien seiner Sache gewiß zu sein. »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort,« fuhr er jetzt ohne Beimischung irgend welcher pathetisch-ironischen Färbung fort, »daß ich alles zu Ihrer vollkommenen Befriedigung ordnen werde.« Das klang so aufrichtig, so bestimmt, daß sie ihr tränenumflortes Antlitz wieder ihm zuwandte. »Wäre das möglich?« fragte sie zaghaft. »Ja, unter einer Bedingung!« »Reden Sie!« Er schritt nun flott auf sie zu und faßte sie mit vertrauenerweckender Herzlichkeit bei der Hand. »Die Sache ist einfach genug. Wir setzen uns hier sofort an den Tisch – Sie hüben, ich drüben – und verfassen zu gleicher Zeit jeder ein wichtiges Dokument. Das Ihre wird lauten: ›Die Verlobung meiner einzigen Tochter Helene mit Herrn Doktor Leopold Maxwaldt – bitte mich ausreden zu lassen – mit Herrn Doktor Leopold Maxwaldt zeige ich hiermit ergebenst an. Adelaide von Weißenfels.‹ Sie schicken das an die bewährte lithographische Anstalt von Römmler \& Julitz. – Das von mir zu verfassende Dokument geht an den Verleger des ›Weltalls‹ und hat folgenden Wortlaut: ›Verehrtester Herr! Für die mir gütigst als Ehrenpreis übersandten Mark neunhundert sage ich Ihnen meinen verbindlichsten Dank. Bei dieser Gelegenheit bitte ich Sie ebenso höflich als dringend, die Novelle unter keiner Bedingung mit meinem wirklichen Namen, sondern unter dem wohlklingenden Pseudonym ›Corinna‹ abzudrucken, sowie überhaupt betreffs meiner Urheberschaft das strengste Geheimnis zu wahren. Da Sie, verehrtester Herr, die Kuverts mit den Mottos ja eigenhändig in Ihrer Privatwohnung eröffnet haben, so daß selbst die Preisrichter die Namen der gekrönten Autoren erst aus der Publikation im neuen Quartalsheft erfahren werden, so kann die Erfüllung meines ergebenen Wunsches keinerlei Schwierigkeit bieten. Mit besonderer Verehrung ›etcetera etcetera.‹ So werde ich schreiben, meine geschätzte Frau Rätin! Legen Sie Wert darauf, so schicke ich die Epistel sogar telegraphisch; nur muß ich zuvor die Verlobungsanzeige schön mundiert in der Tasche haben.« Adelaide atmete schwer und tief wie der Edelknecht, als er, emportauchend, wieder das rosige Licht schaute. »Sie wollten ...?« hauchte sie bänglich ... »›Corinna‹? Das Pseudonym meiner ›Strandlieder‹ aus dem Tilsiter Anzeiger? – Das allerdings wäre ein Ausweg von unzweifelhaftem Erfolg! Die Tafelrunde, ja die gesamte literarische Welt der Hauptstadt kennt mich unter dem Namen Corinna. Ach, und den Titel meiner ungekrönten Novelle hab' ich ja glücklicherweise verschwiegen! Herr Doktor Maxwaldt, Sie sind ein edles, opferwilliges Herz! Sie verzichten auf Ihren Ruhm zugunsten einer literarischen Gegnerin, die Sie oft genug unterschätzt hat, die Ihnen jeden Schimmer von Poesie, jede Fähigkeit idealen Empfindens absprach –« »Gnädige Frau, Sie sehen, ich bin in der Tat vorwiegend ein Praktiker,« sagte der Arzt, und legte den Arm bescheidentlich, aber im Stil eines Mannes, der unwiderruflich Besitz ergreift, um die Taille seiner blonden Helene. »Ja so, Ihre Bedingung!« seufzte die Hofrätin. »Gütiger Gott, was wird Professor Schmidthenner sagen, mein vortrefflicher Freund, dem ich schon die bestimmteste Zusage gab ...« »Es schlägt neun!« sagte Leopold Maxwaldt. »Soll die Depesche also noch heute vormittag eintreffen – und Sie werden mir zugeben: je früher, je besser –« »Schreiben Sie,« sagte die Hofrätin, »schreiben Sie!« Noch einmal seufzte sie auf. Dann schob sie mit eifrigen Händen dem Arzt das Papier zurecht, und nahm willenlos an der entgegengesetzten Seite des Tisches Platz. Helenchen strahlte wie eine Rose. »Der arme Professor!« murmelte Adelaide noch einmal wie von Gewissensbissen zerfleischt, während die Feder des jungen Mannes schon sturmgeschwind über das grüngetönte Papier flog. »Der Professor, besitzt ja die Muse. Er wird sich zu trösten wissen!« »Nun denn also: in Gottes Namen!« »Das ist nett von Ihnen. Schreiben Sie ja recht deutlich! Maxwaldt mit dt ! Ja? Und nun prophezeie ich Ihnen, daß diese ganze Geschichte in kürzester Frist jeden Stachel für Sie verlieren wird. Zum Beispiel das gestrige Zauberfest! Wirkt es nicht ganz allerliebst – jetzt, da die Blamage in Wegfall kommt? Weiß Gott, ich gäbe was für das frohe Bewußtsein, so viele Menschen königlich amüsiert zu haben! Das muß himmlisch sein!« In der Tat – es war trotz aller Enttäuschung ein angenehmes Gefühl, an die Sache zurückzudenken! Adelaide empfand das zu ihrer fröhlichen Überraschung. Zum ersten Male in ihrem Leben spürte sie was von dem Hauch jenes Geistes, der in den Worten weht: Geben ist seliger als nehmen. Sechshundert Mark hatte die Freude gekostet, – aber sie war das wert, wahrhaftig, sie war das wert ... »Zeige ich hiermit ergebenst an,« schrieb sie mit fester Hand, und setzte groß und vornehm geschnörkelt ihren Namen hinzu. Nach zwei oder drei Minuten hatte auch Doktor Maxwaldt die umfangreiche Depesche vollendet. »Und dann,« sagte er in Verfolgung eines verborgenen Gedankenganges – »sind Sie nicht tatsächlich preisgekrönt? Oder gibt es für eine kluge, liebenswürdige, wenn auch in literis nicht eben erfolgreiche Frau einen schöneren Kranz als das Glück ihrer Kinder? Einen glorioseren Preis, als einen gehorsamen Schwiegersohn? Erblicken Sie, gnädige Frau, in meiner schlichten Persönlichkeit das Musterbild eines solchen! Ich werde Sie auf den Händen tragen, ich werde Sie hochschätzen, lieben, verehren, solange – Sie's einigermaßen verdienen. Jetzt aber: fort nach dem Postbureau! Helene, den ersten Kuß!« Das Brautpaar umarmte sich; Adelaide drückte dem jungen Manne herzlich die Hand, strich der wonnestrahlenden Tochter wie segnend über die ponyfransen-bedeckte Stirn und lispelte schalkhaft: »War das wirklich der erste?« »Ja! Die pseudonymen werden nicht mitgezählt!« Claire von Glümer Gesühnt Novelle Der Kurierzug war angekommen; Omnibusse standen bereit, die Aussteigenden nach den Gasthöfen der kleinen Hafenstadt zu bringen; aber es war erst Mitte Mai, der Zuzug nach dem nahegelegenen, vielbesuchten Ostseebade hatte noch nicht begonnen und beinahe leer rasselten die Wagen nach der Stadt zurück. In einem derselben, der die Aufschrift »Zum goldenen Anker« trug, saßen nur zwei Damen in Trauer. Die ältere, eine zarte Gestalt mit feinem, blassem Gesicht, lehnte sichtlich erschöpft zwischen Plaidbündeln und Reisetaschen, während die jüngere, ein schönes, blondes Mädchen, bald rechts, bald links aus dem Fenster sah. Endlich wendete sie sich zu ihrer Gefährtin und sagte: »Mütterchen, sieh nur, wie hübsch es hier ist – wie still und freundlich: so recht zum Gesundwerden. Ganz heimisch mußt du dich hier fühlen.« Die blasse Frau fuhr auf. »Heimisch fühlen!« wiederholte sie, und in die mattblauen Augen kam ein Ausdruck der Angst; »was willst du damit sagen?« »Mein armes Mütterchen, wie nervös du noch immer bist!« antwortete das junge Mädchen, indem sie sich vorbeugte und die Hand der Mutter liebkosend zwischen ihre beiden Hände nahm. »Ich meinte nur, die breiten Straßen mit den kleinen, weißen Häusern, vor denen hin und wieder Bäume stehen, müßten dich an unsere Wohnung in Hoboken erinnern.« »Ja, es ist möglich ... du kannst recht haben, liebe Käthe,« sagte die Mutter und warf einen zerstreuten Blick aus dem Wagenfenster; dann zog sie den Schleier herunter und sank mit einem Seufzer in ihre frühere Stellung zurück. Die Tochter sah sie bekümmert an; aber jetzt bog der Wagen um die Straßenecke auf einen Platz, der, an drei Seiten von Häusern umschlossen, an der vierten vom Hafen begrenzt war. Ein Gewirr von Masten zeichnete sich auf dem Goldgrunde des Abendhimmels ab. Käthe brach in einen Freudenruf aus: »Das Meer! dort drüben ist das Meer!« sagte sie. »Wie lange haben wir es entbehren müssen! ... Sieh, dort kommen Fischerboote nach Haus ... und das Schiff da drüben macht sich bereit, in See zu stechen – hörst du, wie die Matrosen singen? – Und hier steht ein ganzer Trupp Teerjacken beisammen. Mütterchen, wie glücklich bin ich, dich hier zu haben und dem düstern Berlin entronnen zu sein!« Der Wagen hielt vor einem alten Hause, durch dessen Einfahrt ein winkliger, nicht allzu saubrer Hof sichtbar wurde. Ein Kellner stürzte herbei, den Damen beim Aussteigen zu helfen. »Die für Mrs. Brown bestellten Zimmer,« sagte das junge Mädchen, bot der Mutter den Arm und führte sie sorgsam die schmale, knarrende Holztreppe hinauf und über einen Gang, an dessen Ende der Kellner ein Zimmer mit altmodisch dürftiger Einrichtung öffnete. Dumpfige Luft schlug den Eintretenden entgegen. »Liebe Mutter, hier kannst du nicht wohnen!« rief Käthe, und zu dem Kellner gewendet, fügte sie vorwurfsvoll hinzu: »Ich habe gute Zimmer bestellt!« »Zu dienen, es sind unsere besten,« gab er in gereiztem Tone zur Antwort. »Gnädige Frau wollen sich gefälligst überzeugen: Mittelsalon, Schlafzimmer rechts und links, ausgezeichnete Betten, Federmatratzen ...« »Schon gut, lassen Sie das Gepäck heraufbringen,« fiel die ältere Dame ein, und während sich der Kellner mit unmutigem Serviettenschwenken entfernte, sank sie in die Sofaecke, zog fröstelnd ihr Tuch um die Schultern und sah mit starren Augen wie ratlos umher. Die Tochter, die inzwischen beide Fenster geöffnet und den Platz, auf den sie hinausgingen, mit raschem Blick überflogen hatte, trat an ihre Seite. »Du fühlst dich hier unbehaglich, liebe Mutter,« sagte sie; »es soll nicht lange dauern; morgen quartieren wir uns um. Dort drüben steht ein neues, stattliches Hotel ... wie bist du nur dazu gekommen, dies elende Wirtshaus zu wählen? – ›Zum goldenen Anker‹ – es klingt gleich nach dem, was es ist.« »Zu meiner Zeit war es das beste,« gab die Mutter zerstreut zur Antwort. »Zu deiner Zeit!« wiederholte das junge Mädchen. »Du bist schon hier gewesen? – warum hast du mir das nie gesagt?« »Liebe Käthe, quäle mich nicht mit Fragen,« fiel die Mutter ungeduldig ein. »Laß Tee bringen und packe das Nötige aus, so daß ich mich gleich zurückziehen kann.« Käthe gehorchte. Nach kurzer Zeit war der Teetisch serviert; die Mutter rührte die Speisen kaum an. Bald saß sie in sich zusammengesunken, wie in Gedanken verloren; bald sah sie mit unruhigen Blicken umher, und die Hände griffen nach diesem und jenem. Plötzlich stand sie auf. »Ich möchte mich niederlegen,« sagte sie; »aber was fange ich mit dir an? Hast du etwas zu lesen?« »Sorge dich nicht um mich, ich werde schreiben,« antwortete das junge Mädchen. »Martins haben gebeten, ihnen gleich Nachricht zu geben, wie du die Reise überstanden hast.« Die Mutter zog die Brauen zusammen. »Liebe Käthe,« sagte sie, »ich habe natürlich nichts dagegen, daß du den Wunsch der guten Leute erfüllst, aber zu einer fortgesetzten Korrespondenz zwischen euch möchte ich es nicht kommen sehen. Die Frau eines Subalternbeamten, die möblierte Zimmer vermietet, ist kein Verkehr für dich.« Käthe sah die Mutter mit großen, erstaunten Augen an. »Ich bin der Frau so sehr, sehr viel Dank schuldig,« sagte sie. »Was hätte ich in dem wildfremden Berlin ohne ihre Hilfe angefangen? Wie manche Nacht hat sie an deinem Bette mit mir gewacht, wie unermüdlich für uns beide gesorgt ...« »Ja, ja, das alles weiß ich,« fiel die Mutter ein; »ich habe mich auch nach Kräften dankbar bewiesen ... du magst hin und wieder schreiben, wenn es dir Bedürfnis ist ... was ich wünsche, ist nur ... wir sind nun einmal nicht mehr in Amerika, wo Schuster und Schneider zu den höchsten Staatsämtern gelangen können. Die verschiedenen Rangklassen sind hierzulande scharf abgegrenzt.« »Aber warum sollen wir uns danach richten?« rief Käthe, indem sie mit einer ihr eigenen stolzen Bewegung den Kopf erhob. »Wir gehören ja doch in keine dieser Rangklassen hinein.« Die Mutter wechselte die Farbe. »Was willst du damit sagen?« fragte sie gereizt. »Wozu sind wir denn herübergekommen? – Glaubst du etwa, daß wir deines Vaters Wunsch und Absicht erfüllen, wenn wir uns damit begnügen, auf deutschem Boden zu stehen? – Unsern Verwandten haben wir uns anzuschließen, haben Rücksicht zu nehmen auf ihre Position ...« »Mütterchen, Mütterchen, rege dich nicht so auf!« bat die Tochter. »Du machst dich wieder krank. Ich habe dich nicht erzürnen wollen und werde gewiß alles tun ...« »Nun, so fange damit an, in deinen Freundschaften exklusiver zu sein,« fiel ihr die Mutter ins Wort, indem sie dem Schlafzimmer zuging. »Gute Nacht!« fügte sie, über die Schwelle tretend, in milderem Tone hinzu, wies Käthe, die ihr folgen wollte, mit einer Handbewegung zurück, schloß die Tür und schob den Riegel vor. Bestürzt blieb Käthe einen Augenblick stehen. Nie war die Mutter so heftig und ungerecht gewesen. Auf Verwandte sollte Käthe Rücksicht nehmen, von deren Dasein und Lebensstellung sie nie gehört hatte, und exklusiver in ihren Freundschaften sollte sie sein! Wußte denn die Mutter nicht, daß sie von Kindheit an nur einen Freund und Vertrauten gehabt hatte, den Vater, der vor acht Monaten gestorben war? Sie setzte sich an das offene Fenster und sah in den verglimmenden Abendschein hinaus. Die Herzenseinsamkeit, in der sie des Vaters Tod zurückgelassen hatte, kam ihr zum Bewußtsein, wie lange nicht, denn in der Sorge um die kranke Mutter hatte sie seit Wochen und Monaten sich selbst vergessen. Nun drangen Sehnsucht und Erinnerung um so mächtiger auf sie ein. Sie sah des Vaters edle Züge wieder, das gütige, vertrauenerweckende Lächeln, die geistsprühenden Augen. Sie rief sich zurück, wie er sie, solange sie denken konnte, geistig und körperlich behütet hatte, wie er sie mehr und mehr an seinem inneren Leben teilnehmen ließ und sie endlich seinen »guten Kameraden« zu nennen pflegte. Sie hatte sich Mühe gegeben, den Namen zu verdienen, indem sie sich nach Kräften in seine Interessen und Arbeiten einlebte. Tagelang begleitete sie ihn zu Fuß, zu Wagen oder zu Pferde, wenn er den ärmeren Teil seiner Kranken besuchte, oder ging in seinem Auftrage Trost und Hilfe zu bringen, sorgte für seine Bequemlichkeit im Hause, las mit ihm und half ihm seinen Blumengarten pflegen. Die Mutter kränkelte seit Jahren. »Sie hat Heimweh, die Ärmste,« hatte der Vater geantwortet, als ihn Käthe eines Tages nach dem Grunde ihrer Leiden gefragt. »Sag nicht, daß wir es wissen,« hatte er hinzugefügt, »es ist besser, daß sie sich uns gegenüber zu beherrschen sucht.« – Ob er nicht ahnte, daß sie sich bei diesem Verschweigen und Vertuschen mehr und mehr voneinander verlieren mußten? – Käthe hatte die Empfindung dafür, noch ehe sie es mit dem Verstande begriff, und fühlte sich dadurch um so mehr getrieben, dem Vater alles zuzutragen, was sie bewegte und beschäftigte: jede Empfindung, jeden Gedanken, jedes kleine Erlebnis. Auch von der einen Begegnung, die trotz ihrer Flüchtigkeit so tiefen Eindruck auf sie gemacht, hatte sie ihm erzählt, leider nur schriftlich, und was er darüber dachte, hatte sie nicht mehr erfahren. O, daß sie von ihm gegangen war, zum erstenmal im Leben! Aber er selbst hatte es so gewollt, vielleicht in Voraussicht dessen, was geschah. Ein Bekannter, der mehrere Meilen landeinwärts eine Farm besaß, war gekommen, hatte Käthe, wie schon oft, aufgefordert, seine Frau und Tochter zu besuchen, und zu ihrer Überraschung hatte diesmal der Vater die Einladung für sie angenommen. Sie wäre lieber zu Haus geblieben, aber der Vater bestand auf seinem Willen. »Eine Luftveränderung wird dir gut tun,« sagte er; »wenn ich irgend kann, hole ich dich in ein paar Wochen wieder ab.« So mußte sie denn gehorchen, gab sich Mühe, zu verbergen, wie schwer es ihr fiel, und bis der Augenblick des Abschieds kam, gelang es ihr. Nun aber war es mit ihrer Selbstbeherrschung zu Ende. In Tränen ausbrechend, wollte sie dem Vater um den Hals fallen; er schob sie jedoch sanft zurück, drückte ihr die Hand, sagte lächelnd: »Sei tapfer, mein braver Kamerad!« und hob sie in den Wagen. Noch einmal nickte er ihr zu; noch einmal sah sie in die leuchtenden, blauen Augen, aus denen plötzlich aller Glanz verschwand. Die Pferde zogen an. »Leb wohl, Kind!« rief er ihr nach; das war der letzte Gruß, den sie von der geliebten Stimme hören sollte. Aber ahnungslos fuhr sie an der Seite ihres Gastfreundes dahin. Schon in der Unterhaltung mit ihm verklang die Wehmut des Abschieds, und dann kam sie in ein heiteres, kinderreiches Haus, wurde von alt und jung herzlich aufgenommen und lernte zum erstenmal die Schönheit des Landlebens kennen. Einige Tage waren so vergangen, da klang Jubel durch das Haus. Der älteste Sohn war von seiner europäischen Tour zurückgekommen. Er brachte einen jungen Deutschen mit, den er während der Überfahrt kennen gelernt hatte; » The most glorious fellow «, wie er behauptete, und Käthe gab ihm recht. Sie fand etwas von ihrem Vater in dem hochgewachsenen, blonden Deutschen, mit dem ernsten, stolzen Munde und den hellen Kinderaugen. Nur wenige Tage waren sie zusammen, dann mußte er fort nach Chicago, wohin ihn wichtige Geschäfte riefen. Sobald sie geordnet waren, wollte er wiederkommen. »Darf ich hoffen, Sie dann noch hier zu finden, Miß Brown?« fragte er beim Abschiednehmen. »Und wenn nicht, darf ich Sie dann in Ihrem elterlichen Hause aufsuchen?« – Sie hatte ohne Besinnen ja gesagt; erst als er fort war, fiel es ihr schwer aufs Herz, daß ihr Vater soviel als möglich jede Berührung mit seinen Landsleuten vermied. Nach dem Grunde zu fragen, hatte sie nie gewagt, aber sie wußte – woher hätte sie nie zu sagen vermocht; wahrscheinlich hatte sie es in frühester Kinderzeit aus unbewachten Äußerungen der Eltern erfahren – sie wußte, daß ihr Vater, wie so viele andere, im Jahre 1848 aus Deutschland geflüchtet und daß ihm die Mutter gegen den Willen der Ihrigen gefolgt war. Von der Vergangenheit hatten beide nie mit Käthe gesprochen; aber alle Märchen, welche die Mutter erzählte, spielten in Deutschland, und des Vaters liebste Erholung, als die Tochter heranwuchs, war, deutsche Bücher mit ihr zu lesen, ihr die Schönheit der Muttersprache – die reichste, seelenvollste, kräftigste Sprache der Welt nannte er sie – zum Verständnis zu bringen, und immer waren die Nachrichten aus Deutschland das erste, das er in jeder Zeitung las. So war eine Art Erbheimweh auf die Tochter übergegangen – ein Gefühl, das zwar nicht stark genug war, ihr die Sonne des fremden Landes zu verdunkeln, das aber doch ein festes Einwurzeln im fremden Boden verhinderte und den Träumen und Wünschen der jungen Seele die Richtung gab. So glaubte sie denn anfangs auch, daß die Bewegung, die sie beim Anblick des jungen Deutschen gefühlt hatte und die mit jeder Stunde des Beisammenseins gewachsen war, nur dem fernen, gemeinsamen Vaterlande gelten könne, als dessen Verkörperung er ihr erschien, und mit zagendem Herzen fragte sie sich, ob der Vater auch ihm sein Haus verschließen würde? Sie schrieb dem Vater ebenso rückhaltslos, wie sie mit ihm zu sprechen pflegte. Noch hatte sie keine Zeile von ihm erhalten – das Briefschreiben war ihm verhaßt –, aber nun mußte er antworten, oder er kam wohl selbst und holte sie heim. Sie hatte ihm gesagt, wie vereinsamt sie sich plötzlich unter den fremden Menschen fühle und wie sie danach verlange, wieder bei ihm zu sein. Aber er kam nicht, schrieb auch nicht. Endlich wurde ihr ein Brief der Mutter gebracht, der nur die wenigen, mit zitternder Hand geschriebenen Zeilen enthielt: »Dein Vater ist krank, und ich weiß mir nicht zu helfen. Er will nicht, daß du herkommst, solange er die Blattern hat, die hier fürchterlich wüten. Um dich davor zu bewahren, hat er dich fortgeschickt, und wenn ich mir vorstelle, daß auch du krank werden könntest, möchte ich verzweifeln. Dein Vater ist seit gestern bewußtlos; Dr. Harper zuckt die Achseln. Ich weiß nicht, was ich dir raten soll. Tue, was du für das beste hältst – krank werden darfst du aber nicht, also warte lieber auf den nächsten Brief deiner unglücklichen Mutter.« Käthe konnte nicht warten! Vergebens suchten ihre Gastfreunde sie zurückzuhalten, sie bat so lange, bis der Hausherr anspannen ließ, und dann gab sie dem Kutscher, was sie an Geld besaß, damit er die Pferde schneller, immer schneller vorwärts trieb. Es war umsonst! der Vater war tot, als sie ankam, und Mutter und Arzt ließen sie nicht über die Schwelle des Sterbezimmers. »Wenn du mich lieb hast, gehst du gleich mit mir fort,« bat die Mutter. »Dr. Harper wird hier alles besorgen – laß uns gehen. Du erfüllst damit den letzten Wunsch deines Vaters, der in seinen Fieberphantasien beständig wiederholte: ›Käthe soll nicht kommen – ich will es nicht!‹« Käthe fügte sich. Nun sie den Vater entbehren mußte, war ihr alles andere gleichgültig. Sie zogen in ein Boardinghouse in Brooklyn, aber die Mutter hielt es dort nicht aus. Sehnsüchtiger als je verlangte sie nach der Heimat zurück. Auch der Verstorbene hatte in seinem Testamente die Übersiedelung nach Deutschland befürwortet; sobald die Vermögensverhältnisse geordnet waren, traten Mutter und Tochter die Reise an und waren Ende Oktober in Berlin. »Ich glaube, daß du dich hier leichter einleben wirst als in einer kleinen Stadt,« sagte die Mutter; »um so mehr, da uns hier die besten Anknüpfungen geboten sind.« – Aber noch ehe sie ihre Empfehlungsbriefe abgeben konnten, wurde die Mutter krank, und so hatte Käthe von Berlin nichts kennen gelernt als einige Straßen und Plätze und die guten, freundlichen Menschen, die zufällig ihre Wirte geworden waren. Das alles zog dem jungen Mädchen durch den Sinn, während sie in den verglimmenden Abendschein hinaussah, und dabei trat ihr, wie immer, wenn sie allein war, das Bild des blonden Deutschen, das sie über Meer und Land begleitet hatte, so lebendig vor Augen, als müßte sie die Hand nach ihm ausstrecken können und sagen: »Endlich, lieber Freund!« Überall, seitdem sie gelandet waren, hatte sie – den Einreden ihrer Vernunft zum Trotz – erwartet, ihm zu begegnen, und tat das auch hier in diesem abgelegenen Erdenwinkel. Es konnte ja nicht lügen, das mächtige Gefühl der Zusammengehörigkeit, das sie bei seinem Anblick gehabt hatte; er mußte nach ihr suchen, wie sie nach ihm. Hätten nur ihre Namen besseren Anhalt gegeben: Käthe Brown, Friedrich Richter, das sagte so gut wie nichts. – Aber sie war jung und frischen Herzens, und voll des Glaubens, der Berge versetzt. Auch die Mutter war, nachdem sie sich in ihrem Schlafzimmer eingeriegelt hatte, ans offene Fenster getreten. Bei der Ankunft hatte sie alles nur undeutlich wie durch einen Nebel gesehen; jetzt erkannte sie den kleinen Hafenplatz, an den sich für sie tausend Erinnerungen knüpften. Bis auf das Hotel gegenüber standen die alten Häuser noch genau so da wie vor langen, langen Jahren, als die Frau, die jetzt mit frühergrautem Haar und müden Augen hier oben am Fenster lehnte, noch die kleine Christine war, die so oft als möglich der beängstigenden Stille des Vaterhauses und der Aufsicht der grämlichen Wirtschafterin entschlüpfte, um sich den Spielen der Nachbarkinder anzuschließen. Still, wie ausgestorben sah es noch immer aus, das stattliche, durch ein Quergäßchen vom Gasthofe getrennte Haus mit dem hohen, dem Hafenplatze zugekehrten Giebel, der geschlossenen Haustür und den tief herabfallenden, schneeweißen Vorhängen hinter den Spiegelscheiben. Ob die Menschen, die dort in den tiefen, düsteren Zimmern lebten, noch immer so ruhig nebeneinander hergingen? ihre Schmerzen und Leidenschaften noch immer so anstandsvoll verhüllten? – Lebten sie überhaupt noch, und würden sie der Langentfernten Herz und Haus wieder öffnen, wenn sie kam wie der verlorene Sohn im Evangelium? – Was hätte sie darum gegeben, ihnen jetzt gleich in die Augen sehen zu können und das Wort der Versöhnung von ihren Lippen zu hören! Und warum sollte sie das nicht? Warum die Qual der Ungewißheit verlängern? Das beste war, augenblicklich zu tun, was getan werden mußte. Wenn es mißglückte, brauchte Käthe nichts davon zu wissen – aber vielleicht waren ihr Gott und Menschen gnädig und gaben ihr und ihrem Kinde die Heimat wieder. Mit zitternden Händen griff sie nach Hut und Regenmantel, öffnete vorsichtig die nach dem Gange führende Tür und eilte die Hintertreppe hinunter, durch den menschenleeren Hof und das Quergäßchen in den Hof des Nachbarhauses hinüber. Auch er war leer und still; nur der Hund schoß, mit wütendem Gebell an der Kette reißend, aus seiner Hütte, während sie, an der Hintertür des Hauses vorbei, an das nächste erleuchtete Fenster trat und hineinsah. Es war noch das Kontor von ehemals, mit den drei Pulten, der alten Wanduhr, dem Ledersofa und dem Geldschranke. Aber vergeblich suchte sie nach den bekannten Gesichtern. Nur ein sehr alter Mann mit kahlem, eckigem Schädel saß über ein Kontobuch gebeugt. Jetzt hob er den Kopf; das fortgesetzte Bellen des Hundes mochte ihm auffallen. »Hellborn!« flüsterte die Lauschende und wendete sich hastig, um zu gehen; der Mut war ihr plötzlich gesunken. Aber es war zu spät; der alte Mann trat aus dem Hause und war, noch ehe sie das Hoftor erreichen konnte, an ihrer Seite. »Wünschen Sie etwas? – Suchen Sie jemand?« fragte er höflich. Sie wendete sich um; einen Moment sah sie ihn mit tränenvollen Augen an, dann streckte sie ihm die Hand entgegen. »Du kennst mich wohl nicht mehr, Onkel Hellborn?« flüsterte sie. Auch er starrte sie an; eine jähe Röte flog über sein hageres, runzliges Gesicht. »Stining! ist's denn menschenmöglich – unser Fräulein Stining!« rief er, ihre Hand fassend. Sie schüttelte den Kopf. »Eure Stining ja, aber nicht mehr euer Fräulein,« sagte sie; »ich heiße Mrs. Brown, bin Georgs Frau ... seine Witwe!« Bei diesen Worten brach sie in Tränen aus. »Weinen Sie nicht so, weinen Sie nicht so!« bat der alte Mann. »Noch dazu hier auf dem Hofe ... wenn uns jemand sähe ... bitte, kommen Sie mit ins Kontor, da können wir ungestört miteinander sprechen.« Ohne Widerstreben ließ sie sich von ihm führen. Immer noch weinend, setzte sie sich auf das Sofa; der Alte nahm auf seinem Schreibstuhl Platz und sah sie bekümmert an. Wie hatte sie sich verändert! und was konnte er sagen, um sie zu trösten? Ratlos drückte er die Hände zusammen. Endlich erhob sie den Kopf und trocknete die Augen. »Sag mir, wie steht es hier im Hause,« fing sie an. »Wen finde ich noch von den Meinen? – Um Gottes Willen sag nicht, daß ich niemand finde!« »Nein, nein!« antwortete der alte Mann. »Der Herr Konsul befinden sich wohl ... Sie sind, wie alle Abend, in den Klub gegangen.« »Der Herr Konsul, ist das Bruder Anton?« fragte sie. »Ei versteht sich, wer denn sonst! Seit zehn Jahren ... nein, es muß schon länger sein, seit zwölf oder dreizehn Jahren haben der Herr Anton das Konsulat für Südamerika.« »Und meine Schwägerin?« fiel sie ihm ins Wort »Wie hat die arme Berta den Tod ihres Mannes ertragen? – Ach, Hellborn, wie schrecklich ist das alles! wie tritt es mir hier wieder nahe!« Sie brach aufs neue in Tränen aus. Der Alte rieb sich wie in Verlegenheit die Hände. »Frau Berta,« sagte er nach einer Pause, »Frau Berta haben nach zwei Jahren oder so den Herrn Konsul geheiratet; Konsul sind sie damals aber noch nicht gewesen.« Christine fuhr auf. »Berta, meinen Bruder Anton geheiratet!« rief sie. »Aber er war ihr ja geradezu verhaßt!« Der Alte sah sich ängstlich um. »Davon weiß ich nichts ... geht unsereins auch nichts an,« sagte er abweisend. Sie beachtete das nicht. »Wie, um des Himmels willen, ist denn diese Ehe geworden?« fragte sie; »können sich die beiden vertragen?« »Ich habe nie was von Unfrieden gesehen,« antwortete Hellborn; »und als die Frau Konsul vor nun bald fünf Jahren gestorben sind, haben sich der Herr Konsul gar nicht zufrieden geben können.« Christine wechselte die Farbe. »Berta tot!« flüsterte sie vor sich hin. Sie und die Schwägerin hatten sich nicht geliebt, aber es tat ihr doch weh, sie nicht wiederzufinden. »Was ist aus den Kindern geworden?« fragte sie nach einer Pause. »Die Töchter sind verheiratet, gut verheiratet,« gab Hellborn zur Antwort. »Die älteste in Hamburg, die zweite in Danzig und der junge Herr Friedrich sind hier im Geschäft – ein Prachtmensch, klug und schön, wie sein Herr Vater selig, und ebenso gut.« Christinens Gesicht verdüsterte sich. »Gut! Bruder Richard gut!« sagte sie bitter. »Gegen mich ist er das nie gewesen. Und schön? – Von der Mutter wird er die Schönheit haben; sie ist Braunecksches Erbgut. Auch meiner Tochter ist es zuteil geworden ... Aber ich muß fort,« fügte sie hinzu, indem sie aufstand. »Wenn Käthe meine Abwesenheit bemerkte ... Nur eins noch, Hellborn: wie denkt mein Bruder über mich? ist er versöhnlich gestimmt?« Auch der alte Mann war aufgestanden. »Ja, wer das zu sagen wüßte!« antwortete er mit traurigem Kopfschütteln. »Keiner hat jemals erraten können, wie der Herr Konsul denken, und gesprochen haben sie niemals von den alten bösen Geschichten ... nicht mit mir und nicht mit den Kindern. Die haben mich die erste Zeit schrecklich geplagt, daß ich ihnen sagen sollte, wo ihre Tante Stining geblieben wäre. Am meisten der Friedrich; der war ja schon zwischen fünf und sechs Jahre alt, als das Unglück passiert ist.« Christine hatte ihm mit tränenvollen Augen zugehört; als er schwieg, faßte sie seine Hand. »Du bist immer in diesem unglücklichen Hause der Freund der Kinder gewesen,« sagte sie. »Weißt du noch, wie auch ich in allen Bedrängnissen bei Onkel Hellborn Hilfe suchte? – Das tue ich jetzt wieder ... steh mir bei, ich bitte dich! ... sprich für mich mit meinem Bruder.« »Ich!« rief der alte Mann mit dem Ausdruck des Schreckens. »Nein, Fräulein ... gnädige Frau wollt' ich sagen ... Sie werden das viel besser verstehen ... wissen viel besser die rechten Worte zu finden.« Sie schüttelte den Kopf. »Nicht eins, Hellborn, ich versichere dich,« unterbrach sie ihn. »Wenn ich mir vorstelle, wie mich die hellen, kalten, mitleidslosen Augen ansehen werden, erstirbt mir der Laut in der Kehle ... Lieber, bester, einziger Freund ... wirklich der einzige, den ich habe, du mußt nur zu Hilfe kommen.« Er trocknete sich die Augen. »Ja, was soll ich denn aber sagen?« fragte er mit gepreßter Stimme. »Damals, als das Unglück geschehen war, haben der Herr Konsul gedroht, mich auf der Stelle fortzuschicken, wenn ich mich unterstände, mit einer Menschenseele davon zu sprechen, oder wenn ich auch nur Ihren Namen oder den des Herrn von Brauneck über die Lippen brächte. Und nun sollt' ich mit dem Herrn Konsul selber ... Nein, nein! dazu hab' ich nicht das Herz ...« »Du wirst es finden, mir zuliebe,« fiel sie dringend ein. »Besinne dich ..., du brauchst die alten, schrecklichen Erlebnisse nicht zu berühren. Sage meinem Bruder einfach, daß ich gekommen bin, alt und müde, um meine letzten Lebensjahre in der Heimat zuzubringen und meinem Kinde eine Familie zu geben. Sag ihm, daß ich Witwe bin, daß Georg als hochangesehener Arzt in Neuyork gelebt und gewirkt hat, daß ihm seine Tätigkeit, seine Güte, seine offene Hand, die Liebe aller erworben haben, mit denen er in Berührung gekommen, und daß er als ein Opfer seines Berufs gestorben ist ...« In diesem Augenblicke klang ein schriller Glockenton durch die Stille des Hauses. »Der Herr Konsul!« rief Hellborn. »Wenn Sie nun selbst mit ihm sprächen.« Aber Christine stand schon an der Tür. »Nein, nein, ich kann es nicht!« gab sie hastig zur Antwort. »Führe du meine Sache und bring mir Bescheid ... drüben im goldenen Anker, Mrs. Brown ...« Mit diesen Worten eilte sie hinaus. Es war höchste Zeit; Hellborn, der ihr gefolgt war, hatte eben die Haustür hinter ihr geschlossen, als der Konsul, der den Eingang des Kontors erreicht hatte, mit scharfer Stimme fragte: »Wer ging da fort?« Hellborn kam langsam näher. Seine Knie zitterten; er rang vergebens nach Atem und blieb, nachdem er dem Konsul in das Kontor gefolgt war, an der Türe stehen. »Nun, haben Sie meine Frage nicht gehört?« rief der Konsul, und sich umwendend, fügte er hinzu: »Wie sehen Sie denn aus? ... was gibt es denn?« »Herr Konsul,« stammelte Hellborn, sich gewaltsam zusammennehmend. »Die Dame, die da eben fortging ... es war ... es waren des Herrn Konsuls Schwester!« und auf den nächsten Stuhl sinkend, trocknete sich der alte Mann den Angstschweiß von der Stirn. Das blasse Gesicht des Konsuls wurde aschfarben und die hellen, kalten, vorquellenden Augen – Christine hatte sie mit Recht mitleidslose Augen genannt – schienen noch weiter aus dem Kopfe zu treten. »Ich habe keine Schwester!« sagte er hart, ging an sein Pult, nahm die dort liegenden, mit der Abendpost gekommenen Briefe zur Hand, sah die Adressen an und legte sie wieder hin. »Was wollte die Person?« fragte er dann, ohne sich umzuwenden. »Eine Bettelei natürlich?« »Das glaube ich nicht,« antwortete Hellborn. Der Konsul drehte sich hastig um. »Nun, was denn?« herrschte er den Alten an. »Nehmen Sie gefälligst Ihre Lebensgeister zusammen.« »Erlauben der Herr Konsul,« bat Hellborn, »ich werde versuchen, mich genau auf das zu besinnen, was mir unser ... was mir die Dame aufgetragen hat. Ja, nun weiß ich's wieder ... ich sollte sagen, sie wäre gekommen, um ihre letzten Lebenstage in der Heimat zu beschließen und ihrer Tochter eine Familie zu geben ...« Der Konsul lachte höhnisch auf. »Nicht übel!« sagte er, »sich und ihre Brut hier in das warme behagliche Nest setzen ... und was weiter?« »Ich sollte noch sagen,« fuhr Hellborn fort, »daß Herr Georg in Neuyork große Kundschaft als Arzt gefunden hat, und daß er in seinem Berufe gestorben ist ...« »So! ist der Bursche tot!« sagte der Konsul mit leiser, tonloser Stimme, und ein boshaftes Lächeln zuckte um die schmalen, blassen Lippen; dann ging er, wie er zu tun pflegte, mit gebeugtem Kopfe und emporgezogenen Schultern, die Hände auf dem Rücken verschränkt, ein paarmal in dem langen, schmalen Zimmer auf und nieder. Plötzlich blieb er vor Hellborn stehen; der Alte, der mit auf die Knie gestemmten Händen, in Gedanken versunken, dasaß, fuhr in die Höhe. »Was habt ihr weiter miteinander ausgemacht?« fragte der Prinzipal. »Wird die Person wiederkommen, mir vielleicht irgendwo auflauern? Daß Sie mir nicht zu solchen Dingen die Hand bieten, Hellborn, oder ...« Ein Blick vervollständigte die Drohung. »Nein, Herr Konsul, gewiß nicht, es ist von dergleichen gar nicht die Rede gewesen,« antwortete der alte Mann noch verschüchterter als bisher. »Nur daß ich ihr Bescheid bringen sollte, hat sie gebeten; aber wenn der Herr Konsul nicht erlauben ...« »Gewiß, Bescheid sollen Sie ihr bringen, und merken Sie auf, daß Sie ordentlich ausrichten, was ich Ihnen auftrage. Ich mache Sie dafür verantwortlich, wenn die Person mich weiter belästigt. Erfrecht sie sich noch einmal, mein Haus zu betreten, oder schreibt sie mir, oder sucht sie sich auf irgend eine andere Art an- und einzudrängen, so sind Sie auf der Stelle entlassen. Das sagen Sie ihr und sorgen Sie, daß die Person so bald als möglich von hier verschwindet.« Hellborn war aufgestanden. »Herr Konsul,« begann er mit zitternder Stimme. Der Prinzipal ließ ihn nicht weitersprechen. »Still, Hellborn; Sie haben nur anzuhören, was ich Ihnen auftrage ... Sie sagen der Person ... wo hat sie sich denn einquartiert?« »Im goldenen Anker ...« »Ich wußte es ja!« rief der Konsul. »Von dort aus kann sie mein Kommen und Gehen beobachten und wird mir nächstens in den Weg laufen. Aber das soll nicht sein, und ebensowenig gebe ich zu, daß sie, unter meinem Namen oder als Frau von Brauneck auftretend, die Zungen der Stadt in Bewegung setzt.« »Sie nennt sich Mrs. Brown,« sagte Hellborn. »So ... also hat sie's doch nicht gewagt!« murmelte der Konsul, indem er seine Wanderung wieder antrat. Hellborn sah ihm nach; das glattrasierte Gesicht mit den Fischaugen und dem zurückweichenden Kinn hatte wieder seinen gewöhnlichen Ausdruck frostiger Gleichgültigkeit und behielt ihn auch, als der Konsul abermals vor dem Alten stehen blieb. »Merken Sie auf,« sagte er in scharfem Tone. »Sie werden Mrs. Brown erzählen, daß vor beinahe zweiundzwanzig Jahren der Mann, den meine Schwester abgöttisch liebte, sich eines Doppelverbrechens schuldig gemacht hat und geflüchtet ist. In Verzweiflung darüber hat sich das arme Mädchen den Tod gegeben. Ihr Hut ist am Ufer des damals hoch angeschwollenen Flüßchens, das unseren Garten begrenzt, gefunden worden, und ein Stück ihres Tuches hing an den Weiden am Ufer. Die ganze Stadt hat an dem Trauerfall teilgenommen, und wenn wir auch die Leiche nicht gefunden haben, weil sie von der heftigen Strömung ins Meer getragen ist, so steht doch der Name der Verunglückten auf der Gedenktafel unserer Familiengruft, und nur eine Betrügerin kann sich denselben anmaßen.« Während dieser Auseinandersetzung hatte Hellborn den Prinzipal mit immer größer und ängstlicher werdenden Augen angesehen; als derselbe schwieg, sagte der alte Mann: »Aber, Herr Konsul, das ist doch nur der Leute wegen so angestellt ... und ich habe doch aus Gothenburg den Brief bekommen und dem Herrn Konsul eingehändigt ... den Brief, in dem Fräulein Stining schrieben, daß sie mit Herrn Georg geflüchtet wären ... und daß ...« »Unsinn!« fiel der Konsul ein, und seine Augen hefteten sich mit bösem Blick auf die des alten Mannes. »Ich weiß nichts von dem Briefe, will nichts davon wissen und rate Ihnen, reinen Mund zu halten, denn Sie haben nicht den mindesten Beweis für Ihre Behauptung. Machen Sie das Ihrer Fremden klar ... Gute Nacht!« »Wünsche geruhsame Nacht!« antwortete Hellborn, indem er mit zitternder Hand nach der Türklinke griff; der Prinzipal rief ihn zurück. »Sagten Sie nicht, daß die Fremde Georg Braunecks Witwe ist und daß sie ein Kind hat?« fragte er. »Jawohl, Herr Konsul,« antwortete der Alte; »eine Tochter. Sie soll ein schönes Mädchen sein ... ihrem Vater ähnlich ...« »Gut denn,« fiel ihm der Prinzipal ins Wort, »für dies Kind, die Bruderstochter meiner verstorbenen Frau, bin ich bereit, etwas zu tun. Aber nur unter der Bedingung, daß Mutter und Tochter sich verpflichten, unverzüglich nach Amerika zurückzukehren und sich nicht wieder hier sehen zu lassen, auch keinerlei Ansprüche mehr an mich oder meine Erben zu machen. Bieten Sie 3000 Taler, 5000 meinetwegen, aber sorgen Sie, daß die Sache schnell und in der Stille geordnet wird.« Eine Handbewegung entließ den Alten, und wie im Traume stieg er die Treppe zu der Dachkammer hinauf, die er seit einigen vierzig Jahren hier im Hause bewohnte. Am nächsten Morgen wurde Käthe gleich nach dem Frühstück von der Mutter aufgefordert, ins Freie zu gehen. »Du sollst deine gute alte Gewohnheit wieder aufnehmen,« sagte sie; als Käthe zur Antwort gab, sie wolle damit warten, bis sich die Mutter in behaglicherer Umgebung befände, erklärte diese, sie fühle sich hier vollkommen wohl, und war über den sanften Widerspruch der Tochter so gereizt, daß sich das junge Mädchen augenblicklich zum Fortgehen rüstete. »Bleib draußen, solange es dir gefällt, liebes Kind,« sagte die Mutter beim Abschied. »Du hast meinetwegen so lange im Käfig gesessen; nun sollst du wieder deine Freiheit haben wie sonst!« Käthe vermochte sich eines Lächelns über die anbefohlene Freiheit nicht zu erwehren; aber als sie aus der dunkeln Einfahrt des Gasthauses in den Sonnenschein des frischen Maimorgens hinaustrat, gab sie der Mutter recht. Ja, sie hatte entbehrt und atmete auf wie lange nicht, während sie – ungewiß, wohin sie ihre Schritte lenken sollte – einen Augenblick stehen blieb. Gleichgültig streifte ihr Blick einen alten Mann, der aus dem Giebelhause zur Linken kam; er dagegen starrte sie an und riß, als er an ihr vorbeiging, um ins Haus zu treten, den Hut vom Kopfe. Sie dankte, freundlich-verwundert, wendete sich dann aber, ohne ihn weiter zu beachten, dem Hafen zu und ging raschen, elastischen Schrittes am Kai entlang. Hellborn war stehen geblieben und sah ihr nach. »Wie Frau Berta, als sie noch jung und glücklich war,« dachte er, und indem er, der Weisung des Kellners folgend, in die erste Etage hinaufstieg, fragte er sich selbst, ob es nicht möglich wäre, daß der Konsul durch die Ähnlichkeit des schönen Mädchens mit seiner verstorbenen Frau gerührt und bestimmt würde, sich mit der Schwester zu versöhnen. Jedenfalls wollte er sie auf diese Möglichkeit vertrösten. Sie ohne Trost und Hoffnung abzuweisen, brachte er nicht über das Herz. Vielleicht fanden sich Mittel und Wege, Onkel und Nichte zusammenzuführen. Er selbst konnte freilich, nach den gestrigen Drohungen des Prinzipals, nichts dazu tun; aber vielleicht wußte Stining, wie er sie noch immer nannte, einen Rat, oder ihre schöne Tochter, die mit so fröhlicher Zuversicht ins Leben zu sehen schien. Und nun stand er an der bezeichneten Tür und scheute sich zu klopfen: aber schon wurde sie von innen geöffnet. »Endlich, Hellborn! was bringst du mir?« fragte eine blasse Frau mit grauem Haar, in welcher er noch schwerer als am Abend zuvor die Christine von ehemals wiederfand. »Nichts Gutes, wie ich sehe!« fügte sie schmerzlich hinzu, während er, ihren Blick vermeidend, über die Schwelle stolperte. Und dann drückte sie die Tür ins Schloß, und im Gange war nichts zu hören als leises Stimmengemurmel. Als die Tür wieder geöffnet wurde, drückte Christine, die Hellborn das Geleit gab, das Taschentuch an die Augen. Der Alte blieb auf der Schwelle stehen. »Weinen Sie nicht so ... o bitte, weinen Sie nicht so ... es kann ja noch alles gut, werden,« sagte er. »Sie ziehen nach Fischdorf, wo es viel schöner ist als in der Stadt, und wo Sie doch so nahe bleiben, daß Sie immer Bescheid haben können, wie es hier steht. Der Herr Konsul haben Zeit, den ersten Zorn und Schrecken zu verwinden, und vielleicht entschließen Sie sich, an unseren jungen Herrn zu schreiben. Wenn irgend jemand den Herrn Konsul herumkriegen kann, so ist's der Herr Friedrich ...« »Laß es gut sein, lieber Hellborn,« fiel sie ihm ins Wort, indem sie sich die Augen trocknete. »Du willst mich trösten, aber im Grunde weißt du, daß alles umsonst ist. Oder hast du auch ein einziges Mal erlebt, daß mein Bruder eine Meinung geändert, einen Befehl zurückgenommen hätte?« Hellborn nahm seufzend den Hut aus einer Hand in die andere und sah vor sich nieder. »Siehst du wohl, du kannst mir nicht widersprechen,« fuhr sie in steigender Erregung fort, »Das einzig Richtige wäre, ich machte mich auf und ginge, so weit mich meine Füße tragen wollten ... Aber wie soll ich das meiner Käthe erklären? und wo sollen wir heimisch werden, nachdem Georg von uns gegangen ist, wenn nicht hier?... Was meinst du ... wenn ich nun ohne weiteres mit meinem Kinde hinüberginge?« »Um Gottes willen nicht!« rief der alte Mann. »Sie hätten ja auch im letzten Augenblick nicht die Courage dazu ... und was sollte denn aus mir werden? – Nein, gehen Sie nach Fischdorf ... bitte, tun Sie das!« »Du hast recht, ich muß auch an dich denken,« sagte sie mit bittrem Lächeln. »Ich gehe also nach Fischdorf; wenn du nicht zu viel dabei wagst, kommst du wohl mal heraus ... auf der Post kannst du meine Wohnung erfragen. Leb wohl und verzeih, daß ich dich belästigt habe.« Sie wollte ins Zimmer zurücktreten, er faßte ihre Hand. »Nein, nein, sprechen Sie nicht so, als ob Sie mich nicht mehr für Ihren alten, treuen Hellborn hielten,« bat er mit zitternder Stimme. »Es ist mir leid genug, daß ich so wenig tun kann ... Wenn Sie doch mal an Herrn Friedrich schreiben wollten ...« »Um noch einen zu erschrecken, der sich vor Anton fürchtet!« fiel sie ihm ins Wort. »Laß nur, ich werde mich schon in die Dinge finden ...« Auf der Treppe wurden Schritte hörbar. Sie nickte dem Alten noch einmal zu, schloß die Tür und er ging langsam, mit trauriger Miene fort. Sie war ungerecht; er hätte ihr ja gern beigestanden, aber was konnte er tun? und was konnte überhaupt aus der ganzen unglücklichen Geschichte werden? – Wenn sie sich doch entschließen wollte, dem jungen Herrn zu schreiben. Der war ebenso gut als klug, und was das Fürchten anbetraf – Hellborn lächelte trotz aller Betrübnis, als er sich das vorzustellen suchte – nein, sich fürchten konnte Herr Friedrich nicht; hatte das schon als Kind nicht getan; hatte aller Welt, auch dem finsteren Stiefvater, mit lachendem Freimut ins Gesicht gesehen. Und jetzt, nun er selbst ein Mann war, hatte der Konsul mehr Respekt vor ihm, als vor jedem anderen, und wenn ihn seine Tante Christine nur einmal sehen könnte, würde sie gewiß Vertrauen fassen. So aber ... Plötzlich atmete der Alte auf. Ja, das war ein guter Gedanke! wenn sie es nicht tun wollte, konnte er den jungen Herrn ins Vertrauen ziehen. Schade, daß derselbe von seinem Ausflug nach Berlin noch nicht zurückgekommen war, sonst hätte er der Tante noch vor der Übersiedelung nach Fischdorf ein Wort des Trostes sagen können. Aber morgen kam er gewiß nach Haus; vielleicht heute schon ... Und wenn auch er nichts erreichte, was bei dem Starrsinn des Konsuls immerhin möglich war, nun, so hatte doch Hellborn nicht mehr allein der armen Christine gegenüber die Verantwortung zu tragen. Um vieles zuversichtlicher, als er gegangen war, kam er in das Giebelhaus zurück; der Konsul saß bereits im Kontor an seinem Pulte. »Haben Sie meinen Auftrag ausgeführt?« fragte er, ohne aufzusehen, während der Alte Hut und Überzieher ablegte. »Jawohl, Herr Konsul; die Damen werden noch heute abreisen,« gab er zur Antwort. Daß diese Reise nur bis nach Fischdorf ging, hielt er nicht für nötig zu sagen. Der Konsul richtete sich auf. »Ich wußt' es ja!« murmelte er vor sich hin; und laut mit häßlichem Lächeln fügte er hinzu: »Wieviel verlangt die Person? – Sie können es gleich hinüberschaffen.« Hellborn schüttelte mit stiller Schadenfreude den Kopf. »Nein, Herr Konsul, von einer Abfindung hat unser ... hat die Dame nichts wissen wollen,« antwortete er. »Herr Georg hätte für sie und seine Tochter ausreichend gesorgt; sie wäre nicht als Bettlerin gekommen ...« »Redensarten!« fiel »der Konsul ein. »Sie sind ungeschickt gewesen, Hellborn!... Ich wünsche nicht ... es soll nicht heißen ... Sie werden in Erfahrung bringen, wohin die Fremde von hier aus gegangen ist ... die Geldgeschichte muß durchaus geordnet werden: aber es hat keine Eile ... Sie können jetzt an Ihre Arbeit gehen.« Mit diesen Worten beugte er sich wieder über seine Briefe. Hellborn, der in dem Gedanken Mut faßte, daß ihm auch in dieser neuen Schwierigkeit der junge Herr zu Hilfe kommen würde, setzte sich ebenfalls an sein Pult, und in beider Händen fuhren die Federn so gleichmäßig kritzelnd über das Papier, als ob alles im alten, gewohnten Geleise geblieben wäre. Um so unruhvoller gestaltete sich der Tag für Christine und ihre Tochter. Als Käthe vom Spaziergange zurückkehrte, war der Wagen nach Fischdorf bestellt. Die Mutter erklärte, daß sie es nicht einen Tag länger hier auszuhalten vermöge; Käthe, die von jeher gewöhnt war, sich den Launen der kränklichen Frau anzupassen, tat, was in ihren Kräften lag, den Aufbruch zu beschleunigen, und als sie nach einstündiger Fahrt ihr Ziel erreicht hatten, begann ein langes Wohnungssuchen, bei dem die Mutter seltsam unentschlossen, beinahe zaghaft war. »Wie sich Fischdorf verändert hat; es ist nicht wiederzuerkennen!« sagte sie mit sichtlichem Unbehagen, sobald sie in den Badeort einfuhren. »Von diesen großen Hotels, diesen eleganten Villen war nicht die Rede, als ich es kannte; damals war es ein Schiffer- und Fischdorf; jetzt ist es anspruchsvoll und langweilig geworden.« Und unfähig, den Nachklang der letzten schmerzlichen Erlebnisse ganz in sich zu verschließen, fügte sie hinzu: »Wären wir doch nie hierher gekommen!« Käthe suchte sie zu beruhigen. Sie brauchten ja nicht mitten im Lärmen und Treiben der Badegesellschaft zu wohnen, sagte sie; in dem weitgedehnten Orte, dessen Häuser auf und zwischen schönbewaldeten Dünen zerstreut lagen, wären sicherlich auch Einsamkeit und Stille zu finden; danach wollten sie suchen. Aber so viele stille Waldwinkel sie auch fanden, immer schien es der Mutter nicht einsam genug. Eine krankhafte Scheu, beobachtet, erkannt, ihrem Bruder verraten zu werden, war über sie gekommen. Jetzt war es noch ziemlich still in den Straßen; die meisten Läden waren noch geschlossen, an den meisten Häusern hingen noch die Wohnungszettel. Wenn aber erst alle diese großen und kleinen Gebäude bewohnt wurden, aus allen diesen Fenstern neugierige Augen sahen, konnte jeder Schritt durch die Dorfgassen neue Gefahren bringen. Was sie fürchtete, machte sie sich nicht klar; aber ebenso ungestüm, wie sie gestern danach verlangt hatte, dem Bruder zu begegnen, fühlte sie sich jetzt getrieben, sich und Käthe seinen Augen zu entziehen. Und Käthe war so auffallend in ihrer frischen, kraftvollen Schönheit, erinnerte so sehr an ihren Vater und seine Schwester Berta, die beide hier in der Gegend gewiß noch in vieler Menschen Erinnerung lebten. Wie war es möglich, daß sie das alles bis jetzt außer acht gelassen hatte? »Du wirst sehen, wir finden keine Wohnung, in der ich mich behaglich fühlen kann,« sagte sie immer wieder. »Das beste ist, wir gehen fort von hier; es gibt eine Menge Seebäder in der Nähe.« Aber Käthe, der Fischdorf von dem Berliner Arzte besonders empfohlen war, wurde nicht müde, weiter zu suchen. »Nur Geduld, Mütterchen, es wird sich etwas finden!« gab sie immer wieder zur Antwort, ließ den Wagen bald hier, bald dort von den Hauptstraßen abbiegen und hatte wirklich den Triumph, das Haus zu entdecken, das allen Einsamkeitswünschen der Mutter genügen mußte. Am äußersten Ende des Badeortes, wo, von Buchen beschattet, alte kleine Fischerhütten stehen, lag es seitab, von Wald umgeben, die Fronte mit großen Veranden dem Meere zugewendet, traumhaft still in der Mittagssonne. Der Wagen hielt. Von einem schwarzweißen Spitz umbellt, stiegen Mutter und Tochter die Freitreppe hinauf. Eine knixende Alte in blendend weißer Haube erschien. Sie wäre die »Kastellanin«, erklärte sie voll Selbstgefühl, Die oberen Zimmer, fügte sie hinzu, ständen den Damen zu Diensten; das Erdgeschoß müßte jederzeit für den Hauseigentümer, den Herrn Grafen, in Bereitschaft gehalten werden, obwohl er, alt und krank, seit Jahren nicht hier gewesen wäre und auch diesen Sommer schwerlich kommen würde. Die Einrichtung war eine der besten, die sie heute gesehen; für Bedienung wollte die Kastellanin sorgen. Es ließ sich durchaus kein triftiger Grund für das Nichthierbleiben finden. Die Wohnung wurde gemietet, und Käthe ging so emsig an das Auspacken und Einrichten, daß nach wenigen Stunden alles geordnet war. Sie hatte das Talent, mit Büchern und Albums, ein paar Photographien in Stellrahmen, ihrem Schreibzeug, ihrem Arbeitskästchen, den Schlummerrollen und Fußkissen, Riechfläschchen und Lichtschirmen der Mutter, der fremden Umgebung ein behagliches Ansehen zu geben. Nur Blumen fehlten noch, als sie ihr Werk überschaute; die Mutter schien im Lehnstuhl auf der Veranda zu schlummern – leise schlich Käthe fort, auch für diesen Schmuck zu sorgen. Die Mutter schlief jedoch nicht; sie hatte nur die Augen geschlossen, um ungestört ihren Gedanken nachzuhängen. Erst jetzt, nachdem ihre Hoffnung gescheitert war, wurde sie sich bewußt, wie fest sie auf die Versöhnung mit den Ihrigen gebaut hatte, und vergebens fragte sie sich selbst, wo sie, da ihr die alte Heimat verschlossen blieb, für sich und ihre Tochter eine neue suchen sollte. Ein Klopfen an der Tür entriß sie ihren Gedanken, und auf ihr »Herein!« trat ein junger Mann ins Zimmer, faßte sie einen Moment scharf ins Auge, trat rasch auf sie zu und bot ihr die Hand. »Sie sind ... du bist Tante Stining,« sagte er; »erkennst du mich nicht? ich bin dein wilder Fritz.« Sie war aufgestanden; ihr blasses Gesicht war noch blasser geworden. »Fritz!« wiederholte sie, indem sie seine Hand mit ihren beiden Händen umklammerte. »Fritz, ist es möglich!« Er drückte die zitternde Frau mit sanfter Gewalt in ihren Sessel zurück und zog einen Stuhl an ihre Seite. »Ich hätte dich vorbereiten sollen,« sagte er; »aber als ich von Hellborn hörte, was vorgefallen ist, ließ es mir keine Ruhe. Sobald ich ohne Aufsehen fort konnte, bin ich hergeritten. Von dem Kutscher, der dich gefahren hat, wußte Hellborn, wo ich dich finden würde ... und nun sei mir herzlich, herzlich willkommen!« Dabei faßte er wieder ihre Hand und sah ihr mit leuchtenden Augen ins Gesicht. »Fritz, der kleine Fritz ... so groß geworden!« flüsterte sie, ihre Tränen trocknend. »Als ob es erst gestern gewesen wäre, steht mir alles vor Augen; die Kinderstube, du, deine beiden Schwestern, deine Mutter ...« Sie brach in Tränen aus. »Weine nicht! auch du bist unvergessen,« sagte er. »Wie oft haben die Schwestern und ich von dir gesprochen und Hellborn ...« »Hellborn,« fiel sie ihm ins Wort, »Hellborn ist alt und feigherzig geworden, und die Kinder, die ich lieb hatte, sind meinen Augen entwachsen, und in meinem Vaterhause ist kein Platz mehr für mich. Hast du es nicht gehört? ... Mein Bruder verleugnet mich ... verbietet mir, seine Schwelle zu betreten.« »Das wird er zurücknehmen!« rief der junge Mann; »verlaß dich darauf, ich bringe ihn dazu.« »Versuche das lieber nicht,« sagte sie; »du schadest dir, ohne mir zu nützen. Anton verzeiht es nicht, wenn man liebt, was ihm verhaßt ist. So war es mit mir und Georg, dem Hochverräter, wie er ihn verächtlich nannte.« »Aber Onkel Georg ist nun tot,« antwortete Friedrich; »man wird doch sein Weib und Kind nicht für das büßen lassen, was er vor zweiundzwanzig Jahren getan hat?« Sie schüttelte traurig den Kopf. »Das ist es nicht allein,« sagte sie; »vergiß nicht, daß auch ich mich versündigt habe, indem ich, gegen den Willen der Meinigen, mit Georg in die Verbannung gegangen bin.« »Dein Wiederkommen macht das gut!« rief der junge Mann. »Laß nur dem Vater Zeit, sich zu besinnen. Er ist weder so kalt noch so unbeugsam, wie er gewöhnlich erscheint. Den Tod meiner Mutter hat er noch immer nicht verschmerzt; die Einsamkeit unsres Hauses ist ihm unerträglich; er wird es dankbar empfinden, wenn mit dir und deiner Tochter wieder Leben in die verödeten Räume kommt. Aber wo steckt denn mein Bäschen? – Hellborn sagt, sie wäre wunderschön.« »Da kommt sie eben,« antwortete Christine, indem sie, sich vorbeugend, in das Zimmer sah. Käthe war mit einem mächtigen Blumenstrauß hereingetreten. »Mütterchen, sieh doch!« fing sie fröhlich an, verstummte aber, als sie auf der Veranda einen Fremden erblickte. »Komm nur, dir steht eine Freude bevor,« sagte die Mutter. »Dein Vetter, Friedrich Richter ...« Ein Jubelruf des jungen Mannes übertönte ihre Worte. Auf Käthe zustürzend, die den Blumenstrauß fallen ließ, faßte er ihre beiden Hände. »Ist es möglich ... Sie, Sie Miß Kate!« stieß er hervor. Sie schüttelte lachend den Kopf, während ihr Tränen ins Auge traten. »Nicht Miß Kate, ein deutsches Fräulein Käthe,« sagte sie, sich gewaltsam bezwingend, und während sie ihm die Hände entzog, fügte sie, sich zur Mutter wendend, hinzu: »Ich habe dir von einem Deutschen erzählt, den ich bei Barkers in Oakwood-Farm kennen lernte – das ist er.« Sie hatten sich viel zu erzählen, während sie auf der Veranda zusammensaßen: Käthe vom Tode des Vaters und allem, was darauf gefolgt war; Friedrich von seinen vergeblichen Anstrengungen, sie zu finden, da sie in der Betäubung des Schmerzes versäumt hatte, den Freunden in Oakwood-Farm von ihrem veränderten Aufenthalt Nachricht zu geben. Er hatte endlich nach Europa zurückkehren müssen, sich aber brieflich wiederholt nach ihr erkundigt und endlich erfahren, daß auch sie nach Europa gegangen war. »Seitdem habe ich täglich auf eine Begegnung gewartet, denn wiederfinden mußten wir uns!« fügte er mit einem Aufleuchten der blauen Augen hinzu, vor dem Käthe die ihrigen niederschlug, während die Mutter beglückt von einem zum andern sah und sich selbst nicht gestehen wollte, welche Zukunftshoffnungen plötzlich in ihr erwachten. Dazu sang und klang es fern und nah von Vogelstimmen und Meeresrauschen; Sonnenlicht spielte durch frischbelaubte, leichtbewegte Baumwipfel und blitzte in Millionen Funken auf der blauen, wallenden Wasserfläche; eine Fischerflotte mit roten Segeln zog vorüber; Möwen wiegten sich in der Luft und auf den Wellen; ein frischer Hauch wehte vom Meere herüber und mischte sich mit dem würzigen Tannengeruch des nahen Dickichts und dem Duft des Blumenstraußes, den Käthe auf den Tisch der Veranda gestellt hatte ... Wer hätte in solcher Umgebung nicht von Liebe, Glück und »Frieden auf Erden« geträumt! Aber von Dauer ist das Träumen nur für junge Herzen; die Frau im weißen Haar erwachte schnell wieder zum Gefühl der Wirklichkeit. Während Friedrich schilderte, wie er sich für das lange Suchen schadlos halten und wohin er Tante und Cousine zu Wasser und zu Lande führen wolle, wurden ihre Augen wie ihre Gedanken immer trüber, und endlich war sie nicht mehr imstande, sich zu beherrschen. »Vergiß deinen Vater nicht,« sagte sie; »wenn er von deinem Verkehr mit uns erfährt, wird er ihm schnell genug ein Ende machen.« Käthe sah verwundert, fragend auf; Friedrich widersprach. »Liebe Tante, was sind das für melancholische Gedanken!« rief er. »Du wirst dich mit meinem Stiefvater versöhnen, davon bin ich überzeugt. Und selbst wenn ich mich täuschte, so bin ich doch kein Kind mehr und kann mir meine Freunde selber wählen.« In Christines Augen kam wieder der ängstliche Ausdruck, den Käthe seit gestern schon mehrmals darin gesehen hatte. »Er duldet es nicht, glaube mir, er duldet es nicht!« antwortete sie; »und wenn du seinem Willen Trotz bieten wolltest, ich könnte das nicht wünschen, für dich nicht und für uns nicht; ich habe schon zu schwer unter solchen Mißhelligkeiten gelitten.« In dieser Stimmung blieb sie, trotz aller Mühe, die sich Friedrich gab, sie zu beruhigen. Als er beim Abschiednehmen sagte: »Ich komme morgen wieder und kann dir dann vielleicht schon gute Nachricht bringen,« bat sie seufzend, er möge sich keine Mühe geben, es wäre doch alles umsonst. Sie hätte seit der Botschaft von heute morgen jede Hoffnung verloren. »Dazu ist noch kein Grund vorhanden,« sagte er. »Noch hast du ja so gut wie nichts versucht ... der alte Hellborn ist nicht zu rechnen. Denk an den Spruch: ›Man muß helfen, wenn Gott gutes Korn machen soll.‹ – Wir alle wollen helfen!« Mit diesen Worten reichte er Mutter und Tochter die Hand; die Tante schlug zögernd, Käthe voll Zuversicht ein. Aber als er gegangen war, wurde auch sie verzagt. Was hatten alle die Anspielungen zu bedeuten, die sie nicht verstand? Was war der Mutter kürzlich widerfahren, das sie so mutlos gemacht hatte? und wie war es möglich, daß sie der Tochter etwas verschwieg, das so tief in ihr Leben einzugreifen schien? Es war, als ob die Mutter ihre Gedanken erraten hatte; als Käthe zu ihr ins Zimmer trat, wo sie sich auf das Ruhebett gelegt hatte, sagte sie: »Setze dich zu mir, ich will dir eine Geschichte erzählen, die du endlich wissen mußt. Deine verwunderten, fragenden Blicke haben mir heute mehr als einmal wehe getan.« Käthe setzte sich, und die Mutter fing mit leiser, beinahe tonloser Stimme zu erzählen an. »Hast du gestern oder heute das alte Haus bemerkt, das durch ein Quergäßchen vom Goldenen Anker getrennt ist und seinen verschnörkelten Giebel dem Hafenplatze zukehrt?« fragte sie. »Das ist mein Vaterhaus. Ich war ein Nachkömmling der Familie; meine Brüder, Richard und Anton, waren vierundzwanzig und dreiundzwanzig Jahre alt, als ich geboren wurde. Die Mutter starb wenige Monate nach meiner Geburt, der Vater, als ich drei Jahre alt war; von Mietlingen gepflegt, von den Brüdern kaum beachtet, an Liebe darbend, wuchs ich auf, bis ich das Glück hatte, Georg Brauneck zu begegnen. »Als ob es gestern gewesen wäre, steht mir alles vor Augen, und doch werde ich damals nicht viel über sieben Jahre alt gewesen sein. Ich war, wie ich so oft zu tun pflegte, meiner Wärterin entschlüpft, um mich den Spielen der Nachbarkinder anzuschließen, war von der Hafenmauer ins Wasser gefallen und der zwölfjährige Georg, der zufällig des Weges kam, hatte mich gerettet. »Von Stund' an gewann mein Leben eine andere Gestalt. Die unzuverlässige Wärterin, die zugleich meinen Brüdern die Wirtschaft führte, wurde entlassen, und Georgs Mutter entschloß sich, zu uns zu ziehen, um über mich und das Hauswesen Aufsicht zu führen. »Sie stammte aus einer armen, altadeligen Familie, war eine Schönheit und machte eine sogenannte glänzende Partie, das heißt, sie heiratete den Erbherrn von Brauneck, einen jungen, schönen, reichen Kavalier, der sie sehr unglücklich machte und sich nach etwa zehnjähriger Ehe eine Kugel vor den Kopf schoß, nachdem er sein Vermögen in unwürdiger Weise vergeudet hatte. Seitdem lebte Frau von Brauneck in unserem Städtchen, stickte für Geld, um die paar tausend Taler, die ihren Kindern geblieben waren, nicht angreifen zu müssen, und nahm die Zuflucht, die ihr in unserem Hause geboten wurde, dankbar an. »Ihre Tochter Berta dagegen, ein schönes, stolzes, damals schon erwachsenes Mädchen, war nicht damit einverstanden. Vom Morgen bis zum Abend saß sie in ihrem Giebelstübchen am Fenster und stickte. Sie wollte, wie sie sagte, weder reicher Leute Magd sein noch Almosen annehmen. Bei den Mahlzeiten saß sie stumm, mit niedergeschlagenen Augen, und gab, wenn sie angeredet wurde; kurze, abweisende Antworten. Meine Brüder behandelten sie mit großer Förmlichkeit, die bei Anton – wie das selbst meine Kinderaugen erkannten – etwas Spöttisches hatte. Ich habe nie ein Herz zu ihr fassen können, und sie beachtete mich kaum. »Um so liebevoller, wahrhaft mütterlich behandelte mich ihre Mutter, eine sanfte, stille Frau mit schönen, traurigen Augen. Ich glaube, die schwärmerische Zärtlichkeit, die ich für ihren Liebling, ihren Georg, empfand, war das Band zwischen uns. Er war bei einem Lehrer in Kost gegeben, kam aber täglich in unser Haus, spielte mit mir, beaufsichtigte meine Schularbeiten, neckte mich, erzog und verzog mich. Wie er als Mann war: sprühend von Geist und Leben, gütig, zuverlässig, enthusiastisch, tatkräftig, so war er schon als Knabe. Meine Bewunderung für ihn kannte keine Grenzen. Als ich vom heiligen Georg, dem Drachentöter, hörte, war ich überzeugt, daß ihm mein Georg vollkommen ebenbürtig sei. »Aber ich habe dir noch nichts von meinen Brüdern gesagt. In der ersten Kindheit blieben sie mir, wie ich schon angedeutet habe, fern und fremd, und auch später, als mit Frau von Brauneck eine Art Familienleben in unser Haus gekommen war, wurde mein Verhältnis zu ihnen kein erquickliches. Ihr ernstes, gemessenes Wesen bedrückte mich, und ihre beständige Mahnung: ›Christine, das schickt sich nicht!‹ nahm mir alle Unbefangenheit. Im ganzen kümmerten sie sich nur wenig um mich. Frau von Brauneck – Tante Julie, wie ich sie nannte – hatte freie Hand, mir alles zu gewähren, was der Tochter eines wohlhabenden Hauses zukam. Daß ein Kind der Liebe bedarf, ahnten sie nicht oder hatten nicht Zeit, sich darum zu kümmern. Sie galten für ausgezeichnete Geschäftsleute; man rühmte ihnen nach, daß sie den guten Namen ihrer Firma unter den schwierigsten Verhältnissen vor jedem Makel bewahrt und dabei ihr Vermögen von Jahr zu Jahr vergrößert hätten. So standen sie denn in hoher Achtung und bekleideten, trotz ihrer Jugend, schon damals allerlei Ehrenämter. Georg pflegte sie die Großväter der Stadt zu nennen. Bis er in unser Haus kam, hätte ich nicht für möglich gehalten, daß man anders als mit scheuer Ehrfurcht von meinen Brüdern zu sprechen vermöchte. Nun war es mir wie eine Erlösung, daß auch sie, wie andere Menschen, beurteilt, getadelt werden konnten. ›Dieser widerwärtige Anton mit seiner spöttischen Arroganz,‹ sagte Berta eines Abends zu ihrer Mutter, als sie nicht bemerkt hatte, daß ich im Zimmer war. ›Wenn Richard sich nicht so viel Mühe gäbe, die Impertinenzen seines Bruders gutzumachen, so wäre ich längst davongelaufen.‹ Ich habe diesen Ausspruch behalten, weil ich – so sonderbar dir das vorkommen mag – erst durch ihn auf die große Verschiedenheit der Brüder aufmerksam geworden bin. Richard war mit seiner stattlichen Größe, seinen schönen Haaren und Zähnen, dem wohlgepflegten Bart und der gesunden Farbe beinahe ein hübscher Mann zu nennen; er hielt auf elegante Toilette und hatte etwas Sicheres, Weltmännisches in Haltung und Benehmen. Anton dagegen war klein und dürftig von Gestalt, häßlich und der geborene Kleinstädter. Er war vielleicht nicht hochmütiger als Richard, nicht härter gegen seine Untergebenen, nicht schroffer in seinen Urteilen. Aber eine scharfe Stimme, ein spöttischer Zug um den großen Mund mit den eingekniffenen Lippen, vor allem der kalte Blick der vortretenden glanzlosen, hellgrauen Augen ließen ihn viel unliebenswürdiger erscheinen als den älteren Bruder. »Jahre vergingen. Das Zusammenleben mit Georg wurde mir zur Gewohnheit. Daß es jemals anders werden konnte, kam mir nicht in den Sinn. Plötzlich hieß es, ein Vetter seines Vaters wolle die Sorge für ihn übernehmen, bis er als Offizier auf eigenen Füßen stehen könne. Die Mutter war überglücklich. Berta schien förmlich gewachsen; Georg aber erklärte, davon könne nun und nimmer die Rede sein. Das Leben des armen Offiziers wäre eine Kette von Entbehrungen; außerdem hätte er keine Lust zum Soldaten – er wolle und müsse Medizin studieren; sein kleines väterliches Erbteil würde dazu ausreichen. Die Mutter bat und weinte; Berta war empört. ›Du bist nicht wert, ein Brauneck zu sein; die unpassende Umgebung hat dich heruntergebracht,« sagte sie und war seitdem noch hochmütiger als bisher. Georg aber blieb dabei: er könne nicht anders, er müsse Medizin studieren. Das schrieb er auch seinem Verwandten und fügte auf dringendes Bitten der Mutter hinzu, daß er ihm für seinen Beistand auf diesem Lebenswege herzlich dankbar sein würde. Der Vetter war jedoch Bertas Ansicht und erklärte: ein Brauneck könne und dürfe nur Soldat sein, und damit waren diese Verhandlungen abgetan. »Mit achtzehn Jahren ging Georg zur Universität. Mir war, als ob mir das Herz brechen sollte. ›Wie kannst du so vergnügt sein!‹ rief ich, unfähig, mich zu beherrschen, als er kam, um Abschied zu nehmen. ›Du bist ein falscher, kaltherziger Mensch, bist nicht wert, daß ich dich lieb habe.‹ Da sah er mich mit seinen leuchtenden Augen an und sagte: ›Du wirst schon ehen, daß ich deine Liebe verdiene; ich werde arbeiten, soviel ich nur kann, und wenn ich Doktor bin, heiraten wir uns.‹ Von Stund' an – ich war damals dreizehn Jahr alt – betrachtete ich mich als seine Braut, und ich weiß, daß er so wenig wie ich jemals auch nur einen Augenblick an dem Ernst unseres Verlöbnisses gezweifelt hat. »Wir schrieben uns – unschuldige Kinderbriefe, die durch die Hände seiner Mutter gingen. Aber dann wurde sie krank; es war noch im ersten Semester seiner Studienzeit, und ehe wir nur zum Bewußtsein einer Gefahr gekommen, war sie tot. Georg kam zum Begräbnis – es war ein trauriges Wiedersehen –, und dann fragte er seine Schwester, was sie nun anfangen wolle? und sie antwortete, daß sie meinen Bruder Richard heiraten würde. ›Ich habe mich jahrelang gesträubt gegen seine Wünsche und gegen mein eigenes Herz,‹ sagte sie und weinte, wie ich nie geglaubt hätte, daß sie weinen könnte. – Sie ging dann auf einige Zeit zu der Familie eines Geschäftsfreundes der Brüder. ›Der Braut des reichen Kaufherrn stehen so und so viel Häuser offen; der armen Berta Brauneck würde sich niemand angenommen haben,‹ sagte sie bitter. Und dann war die Hochzeit, und Bertha saß fortan am Fenster der großen Wohnstube, trug Schmuck und seidene Kleider, und alle Honoratioren der Stadt erwiderten den Besuch des jungen Paares. »Übrigens ging das Leben im alten Geleise fort. Mir und Bruder Anton kam Berta nicht näher, und selbst der Verkehr mit ihrem Manne blieb von einer Förmlichkeit, die mich beängstigte. Soviel als möglich hielt ich mich von dem Familienkreise fern, saß in meinem Stübchen oder später, als die Kinder geboren waren, in der Kinderstube, und die Geschwister schienen auch mich noch immer für ein Kind zu halten. »Nach vierjährigen Studien machte Georg sein Doktorexamen; auch sein Militärjahr hatte er in diesem Zeitraume abgedient. In den Ferien war er fast immer bei uns gewesen – obwohl die Aufnahme, die ihm von Schwester und Schwager zuteil wurde, nicht die freundlichste war – und während der Trennungen schrieben wir uns. Lange wußte ich nicht, ob die Geschwister unser Verhältnis ahnten; aber eines Tages erzählte mir der kleine Fritz in aller Unschuld: Mutting hätte gesagt, Vating müßte mir das Briefschreiben verbieten; aber Vating hätte gemeint, es wäre ja nur dummes Zeug. »Wie Richard dazu kam, an Georgs Ernst und Beharrlichkeit zu zweifeln, weiß ich nicht; aber ich verstand das maliziöse Lächeln, mit dem er die Nachricht aufnahm, daß Georg auf ein Jahr nach Paris gehen wolle. Die Mittel dazu hatte er durch eine Preisschrift erworben. »Es war ein schwerer Abschied, aber Georg sagte, diese lange, letzte Trennung wäre für seine künftige Stellung im Leben von unberechenbarem Wert. So gab ich mir denn Mühe, tapfer zu sein; Georgs Briefe halfen mir dazu, und auch dies schwere Jahr ging zu Ende. »Kurz vor Weihnachten kam er wieder – es war 1847. Aus seinen letzten Briefen wußte ich, daß in Paris Unruhe und Unzufriedenheit herrschten; aber da er zurückkam, kümmerte mich das nicht weiter. Und nun war er da – ganz der alte, schöne, herrliche Georg! – auch seine Liebe war die alte, und doch war etwas Fremdes in ihm, das mich erschreckte: ein leidenschaftliches Interesse für politische Fragen, von denen ich nichts verstand und über die er mit den Brüdern immer heftiger und heftiger in Streit geriet. »Endlich kam es zu völligem Bruch. Am zweiten Weihnachtsfeiertage war es, während zur Kirche geläutet wurde. Die beiden ältesten Kinder spielten unter dem Weihnachtsbaume und hatten mich dazu gerufen. Plötzlich höre ich im Eßzimmer, wo die anderen noch beim Frühstück saßen, einen lauter und lauter werdenden Wortwechsel; Stühle werden gerückt, Bruder Anton bricht in sein häßliches, hämisches Lachen aus und als ich bestürzt herbeieile, stehen sich die Männer gegenüber, Richard noch kälter und hochmütiger als sonst, mit über der Brust gefalteten Armen, Anton mit höhnischem Lächeln die Hände reibend, Georg mit glühendem Gesicht und flammenden Augen, während Berta, sich über den Tisch beugend, mit kaltem Tone sagt: ›Du siehst wohl ein, Georg, daß hier kein Platz mehr für dich ist!‹ – ›Gewiß, es hätte deiner Mahnung nicht bedurft!‹ fällt ihr Georg ins Wort und geht hinaus. Ich folge ihm nach. ›Georg! Georg!‹ rufe ich außer mir, seinen Arm umklammernd; er aber macht sich von mir los. ›Nicht hier, Christine, nicht hier ... heute nachmittag vier Uhr in eurem Garten!‹ flüstert er mir zu, dann fällt die Haustür hinter ihm ins Schloß, und er hat unsere Schwelle nie mehr betreten. »Wie ich den schrecklichen Tag verlebt habe und wie es mir gelungen ist, mich den Augen der Meinigen zu entziehen, weiß ich nicht mehr; aber um vier Uhr war ich in unserem Garten vor dem Tor. Georg wartete schon. Meinen Arm in den seinigen ziehend, führte er mich in dem beschneiten Wege längs der Mauer auf und nieder und sprach mir zu, wie nur er es konnte. Ich solle mich nicht grämen, sagte er; wenn wir fest blieben in unserer Liebe, würde alles gut. Er ginge jetzt nach Berlin, von dort würde ich weiteres von ihm hören. Wenn unserm Briefwechsel Schwierigkeiten in den Weg gelegt würden, solle ich mich an den Fischer Hans Hinrichs wenden, der hätte mit ihm in einem Regiment gestanden und würde sich freuen, ihm und mir einen Dienst zu leisten. – Als ich weinend fragte, wie er glauben könne mich zu erringen, wenn er mit den Meinigen verfeindet bliebe, küßte er mir die Tränen aus den Augen. ›Sei ruhig,‹ sagte er; ›um dich zu gewinnen, will ich versuchen, ob Versöhnung möglich ist; wenn nicht, so müssen wir warten, bis du mündig wirst.‹ ›Nein,‹ unterbrach er sich selbst, ›drei Jahre noch, das halt' ich nicht aus. Wenn sie dich mir nicht gutwillig geben, so kommst du heimlich, so entführe ich dich!‹ – Wer uns gesagt hätte, wie schrecklich sich dies übermütige Wort erfüllen sollte. »Georg hatte sich nicht getäuscht, der Verkehr mit ihm wurde mir verboten; aber ich fühlte mich so ganz als sein Eigentum, hatte so gar kein Pietätsverhältnis zu den Brüdern, daß ich nicht einen Augenblick zu dem Bewußtsein eines Unrechts kam, als ich mit Hans Hinrichs' Hilfe unsern Briefwechsel fortsetzte. »Nach wenigen Wochen schrieb mir Georg, daß er im Begriff sei, nach Wien zu gehen, wohin er als Assistenzarzt an ein großes Hospital berufen war und wo wir, wie er sich ausdrückte, unser Nest bauen könnten, ohne von dem Krähengezücht unserer nordischen Heimat gestört zu werden. »Kaum war er fort, als in Frankreich die Februarrevolution ausbrach. Den Jubel, womit er dies Ereignis begrüßte, verstand ich nicht; denn wenn ich ihm auch diesmal, wie immer, aufs Wort glaubte, daß nun vieles besser werden würde, im Grunde hatte ich wenig Sinn dafür. Unsere Liebe, die Sorge für unsere Zukunft war mir das Wichtigste, und auch für Georg, glaubte ich, müßte das so sein. »Aber Männer fühlen und denken anders. – Wer das Herz auf dem rechten Fleck hätte, schrieb Georg, müsse jederzeit bereit sein, alles für Vaterland, Recht und Freiheit hinzugeben. – Das war Mitte März, und beinahe gleichzeitig kam die Nachricht von dem Aufstande in Wien. Ich war in Todesangst, und meine Ahnung hatte mich nicht getäuscht: Georg hatte mitgekämpft und gehörte nun zu denen, die neue, bessere Zustände zu schaffen suchten. »Es war eine merkwürdige Zeit. – Dein Vater hat dir davon erzählt; aber wer sie nicht erlebt hat, kann sich keinen Begriff davon machen. Bald hier, bald da brach ein Aufstand los, und wo heute Blut geflossen war, wurden morgen Versöhnungsfeste gefeiert. – Und dann wurde das Frankfurter Parlament eröffnet; nicht nur enthusiastische Naturen wie Georg jubelten und hofften auf bessere Zeiten, auch ganz einfache Menschen, wie Hans Hinrichs, gingen mit Feuereifer in die Volksversammlungen. Partei nehmen mußte jeder. »Meine Brüder waren natürlich gegen die Bewegung und sprachen sich, ohne daß Georgs Name genannt wurde, so gehässig und verächtlich über ihn aus, daß ich mich in meinem Vaterhause mehr als je vereinsamt und unglücklich fühlte. Dazu kam nur zu bald meine wachsende Sorge um Georg. Was ich fürchtete, hätte ich nicht sagen können; es lag auf mir wie Gewitterangst; ich fühlte das Unheil kommen. »Im Oktober brach es herein. Wie ich es ausgehalten habe, dabeizusitzen, während die Brüder triumphierend vorlasen, was die Zeitungen von den Wiener Schreckenstagen berichteten, und wie ich die langen, einsamen Stunden, die grauenvollen Nächte überstanden habe, in denen ich alle Greuel des Straßenkampfes, der Belagerung, der kriegsrechtlichen Hinrichtungen vor Augen hatte, begreife ich nicht. Und dazu seit dem Ausbruch des Oktoberaufstandes keine Nachricht von Georg, als hin und wieder die Erwähnung seines Namens in den Zeitungen, wenn die Hauptanführer der Insurgenten genannt wurden – und dann auch das nicht mehr! Vielleicht war er verwundet, oder gefangen, oder tot. Ich erwartete jeden Augenblick das Schlimmste zu hören. »Endlich, an einem nebligen Novembermorgen, geht Hans Hinrichs pfeifend an unserm Hause vorüber, ein Zeichen, daß er Nachricht für mich hat. Seine Mutter, die früher als Tagelöhnerin bei uns gearbeitet hatte, lag seit Jahren an der Gicht danieder, und meine Gewohnheit, sie zuweilen zu besuchen, kam nun Georg und mir zustatten. So ging ich denn auch jetzt zu ihr. Hans war nicht zu Haus, und unter dem Blumentopfe, wo ich sonst meine Briefe zu finden pflegte, lag nur ein Zettel mit den Worten von Hinrichs' Hand: ›Im Gartenhause sobald als möglich, Vorsicht!‹ »Das konnte nichts anderes heißen, als daß Georg gekommen war. Und nun dasitzen müssen und die endlosen Klagen der Kranken anhören und dann ruhigen Schrittes durch die Straßen gehen, wo mir aus so und so vielen Fenstern neugierige Augen nachblicken – und als ich endlich an der Gartentür stehe, ist sie verschlossen, und ich habe in meiner Sehnsucht und Ungeduld nicht an den Schlüssel gedacht. »Aber als ich ratlos dastehe und nicht weiß, was ich beginnen soll, wird vorsichtig der Laden des Gartenhauses geöffnet. ›Komm ans Pförtchen!‹ ruft mir die geliebteste Stimme zu, und als ich atemlos, kaum fähig, mich aufrecht zu halten, die andere Seite des Gartens erreiche, geht die Pforte auf und Georg schließt mich in die Arme. »Nun wußte ich nur noch, daß ich ihn wieder hatte; jubelnd und weinend hing ich an seinem Halse. Aber er war vorsichtiger als ich. ›Still, daß uns kein Vorübergehender hört!‹ sagte er, verriegelte die Pforte und bat mich, ihn in das Gartenhaus zu begleiten; wir hätten viel und Wichtiges zu besprechen. Unterwegs erzählte er mir, daß er, um seine Verfolger irrezuführen, auf den seltsamsten Kreuz- und Querzügen hergekommen sei. ›Du hättest überhaupt nicht hierher kommen sollen, wo dich jeder kennt!‹ rief ich von plötzlicher Angst erfaßt. ›Ich konnte nicht anders – ehe ich Deutschland und vielleicht Europa verlasse, mußte ich dich sehen und aus deinem Munde hören, ob du trotz alledem an mir festhältst,‹ antwortete er, und dabei sahen mich die treuen Augen so schmerzlich fragend an, daß ich, ihm abermals um den Hals fallend, versicherte, er dürfe nie, unter keinen Umständen an mir zweifeln. ›Was auch geschehen ist und noch geschehen kann, wir gehören zusammen,‹ fügte ich hinzu. »Wir hatten das Gartenhaus erreicht. Es war ein Pavillon, in dessen Erdgeschoß Gartengerätschaften, Bänke, Leitern und dergleichen aufbewahrt wurden; der obere Teil, zu dem eine steinerne Freitreppe hinaufführte, enthielt ein dürftig möbliertes Zimmer und eine durch den Flur davon getrennte Küche. Auf der Mitte der Treppe blieb Georg plötzlich stehen. ›Was ist dir?‹ fragte ich. ›Nichts, man wird schreckhaft wie ein gejagtes Wild,‹ gab er zur Antwort, indem er mich die letzten Stufen hinaufführte; ›mir war, als ob ich beim Fortgehen die Tür zugemacht hätte, nun steht sie offen; ich muß mich wohl geirrt haben.‹ – Ich zögerte einzutreten; er lachte mich aus. ›Nun habe ich dich angesteckt, und wir fürchten uns wie Kinder im Walde,‹ sagte er, und in die müden Augen kam etwas von dem alten Übermut. ›Komm!‹ fügte er hinzu; ›sieh dir mal an, wie ich die Nacht kampiert habe; Hans Hinrichs wagte nicht, mich zu beherbergen.‹ »Er hatte die Zimmertür geöffnet und ließ mich vorangehen. Im ersten Augenblick sah ich nichts – die Läden waren geschlossen; aber Georg packte meinen Arm. ›Zurück!‹ rief er, sich vor mich drängend; eine Gestalt trat aus dem dunkeln Hintergrunde auf uns zu. »›Also wirklich ... du erfrechst dich hierher zu kommen!‹ sagte Antons hämische Stimme, in demselben Moment knarrte hinter uns die Küchentür. Richard trat heraus und schnell auf uns zu. »›Christine, schämst du dich nicht!‹ rief er, die Hand nach mir ausstreckend. Georg, der meinen Arm noch immer festhielt, wich zur Seite und zog mich mit fort. Aufrecht stand er da und seine Augen blitzten im Halbdunkel. »›Sie hat sich nicht zu schämen,‹ sagte er mit zornig bebender Stimme. ›Auch wenn sie nicht meine Braut wäre.‹ – Er konnte nicht weitersprechen. »›Deine Braut!‹ riefen die Brüder wie aus einem Munde; Anton lachte laut auf, und aus dem wüsten Durcheinander ihrer Anklagen, Beschimpfungen und Drohungen wurde mir nur noch einzelnes verständlich. Aus Habsucht sollte Georg meine Jugend und Unerfahrenheit benutzt haben, um mich an sich zu fesseln, aber er würde sich getäuscht sehen, sagten sie; Bettler und Hochverräter nannten sie ihn, wiesen ihn fort aus unserm Hause, das durch seine Gegenwart beschmutzt würde, und drohten, ihn verhaften zu lassen, wenn er sich nicht augenblicklich aus Stadt und Umgegend entferne. »Mit flammenden Augen, ohne ein Wort zu sagen, hatte Georg die Brüder angehört. Jetzt rief er, verächtlich die Achseln zuckend: ›Nur zu, verratet mich, das ist eurer wert – und damit ihr nicht umsonst zu suchen habt, bei Hans Hinrichs bin ich zu finden!‹ Dabei ließ er mich los und wendete sich der Tür zu; aber ich warf mich an seine Brust. Was ich wollte, weiß ich nicht; ich war außer mir. »›Geh nicht so, ich ertrag' es nicht!‹ bat ich weinend, indem ich ihn mit beiden Armen umklammerte. Er ließ sich nicht halten und zog mich fort. Richard sprang zu und trat uns in den Weg. ›Christine!‹ schrie er und riß mich zur Seite, daß ich halb besinnungslos hintaumelte ... und dann ...« Die Erzählerin schwieg; sie hatte sich bei der Schilderung der letzten Szene aufgerichtet und mit weit offenen Augen vor sich hingestarrt. Jetzt schlug sie zusammenschaudernd die Hände vor das Gesicht, und ihr Aufseufzen war fast ein Stöhnen zu nennen. Käthe sprang auf und umfaßte die Mutter. »Was ist dir?« rief sie erschreckt, »du darfst nicht weiter erzählen!« Die Mutter machte sich von ihr los. »Laß mich, laß mich – ich muß zu Ende kommen ... es ist bald geschehen,« sagte sie, und nach einer Pause fuhr sie, sich wieder in die Kissen lehnend, fort: »Gesehen habe ich's nicht, wie das Schreckliche geschehen ist. Als mich Richard zu Boden geschleudert hatte, höre ich einen Schrei, dann noch einen, und als ich mich, noch halb betäubt, aufrichte, liegt Richard, der in seiner blinden Wut über die Schwelle gestolpert sein mußte, am Boden – sein Blut rieselt über die Steinplatten des Flurs – Anton und Georg knien neben ihm ... er war besinnungslos. »Der eigenen Gefahr nicht achtend, lief Georg zum nächsten Arzt; dann schickte er Hinrichs mit ein paar anderen Männern, um den Verunglückten fortzuschaffen, er selbst kam nicht wieder. Richard wurde in die Stadt getragen; da lag er auf seinem Bette, besinnungslos, mit weit offenen Augen und warf den Kopf beständig hin und her. Gehirnerschütterung sagte der Arzt. Es war entsetzlich! und dazu die Vorwürfe, mit denen mich Anton und Berta überhäuften, und die Angst um Georg, dessen Anwesenheit, wie ich mir sagen mußte, nun nicht länger verborgen bleiben konnte. »Sie war jedoch schon vorher bekannt gewesen. Ich erfuhr, daß ein anonymes Billett die Brüder von Georgs Aufenthalt im Gartenhause benachrichtigt hatte. Darauf waren sie hingegangen, ihn fortzuweisen. Und wo war er jetzt? Was hätte ich darum gegeben, es zu erfahren! Aber ich wagte nicht, zu Hans Hinrichs zu gehen, wanderte ruhelos aus einem Zimmer ins andere und fühlte mich überall fortgetrieben, bald durch Bertas harte Worte, bald durch den herzzerreißenden Anblick des Kranken oder durch die ahnungslose Fröhlichkeit der Kinder. »So war langsam, qualvoll der Tag zu Ende gegangen; eine finstere Nacht brach herein; ich stand am Fenster der Wohnstube; heulend fuhr der Wind über den Hafenplatz und peitschte ein Gemisch von Schnee und Regen gegen die Scheiben. Da klang plötzlich Hans Hinrichs Pfeifen vor dem Hause. – Ich war allein; niemand gab acht auf mich. Leise huschte ich aus dem Zimmer, der Flur war leer; leise öffnete ich die Haustür und eilte hinaus in das Unwetter, dem Pfeifenden entgegen, der eben zum zweiten Male am Hause vorübergehen wollte. Noch ehe ich fragen konnte, sagte er mir, daß Georg in Sicherheit sei und daß er ihn noch heute fortbringen werde, nach der schwedischen Küste hinüber. In seinem Auftrage wäre er gekommen, mir das mitzuteilen, sich zu erkundigen, wie es mit Richard stände und einen Abschiedsgruß für den Scheidenden zu erbitten. »Ich aber klammerte mich an seinen Arm und beschwor ihn, mich zu Georg zu bringen. Anfangs weigerte er sich. Georg wäre nicht mehr in der Stadt, sagte er; und das Wetter wäre zu schlecht – ich hätte ja nicht einmal einen Mantel – und was die Meinigen sagen würden und wie ich allein bei Nacht und Nebel den Rückweg finden wolle? – Ich bat jedoch so lange, bis er sich erweichen ließ. Unter dem Kirchenportal mußte ich warten, während er den Mantel und ein Kopftuch seiner Mutter holte. So war ich unkenntlich, wenn uns jemand begegnete, und einigermaßen gegen Wind und Wetter geschützt. »Wir eilten vorwärts, zur Stadt hinaus, an unserem Garten vorbei, die Chaussee entlang, dann rechts in den Wald, auf und ab, ohne Weg und Steg. Aber Hinrichs schien seiner Sache ganz sicher zu sein, und endlich, als wir wieder einen sandigen Abhang hinunterkletterten, hörte ich deutlich durch das Brausen des Windes das gleichmäßige Rauschen des Meeres; und dann sah ich Lichter schimmern, das mußte Waalbek sein. »Wir steuerten darauf los; am ersten Hause – es war nur eine kleine elende Hütte – klopfte Hinrichs ans Fenster und nannte seinen Namen. ›Komm herein, alles klar!‹ rief eine rauhe Männerstimme. Hinrichs öffnete die Haustür, zog mich in den finsteren Gang und ließ mich dort stehen, während er in die Stube ging. ›Alles klar!‹ sagte auch er, als er wieder herauskam, faßte meine Hand und führte mich an das andere Ende des Ganges, wo er eine Tür aufstieß. »›Ich bin's, Herr von Brauneck, und noch jemand,‹ sagte er; aber schon war ich an ihm vorbeigestürzt und warf mich aufschluchzend Georg ans Herz. »›Christine!‹ rief er in einem Tone, den ich noch immer höre, ›du – du kommst zu mir!‹ und dann sank er, in sich zusammenbrechend, auf den nächsten Schemel und drückte die geballten Hände an die Stirn. ›Wenn ich es ungeschehen machen könnte, mein Leben wollte ich dafür geben!‹ murmelte er, und dann mußt' ich berichten, wie es mit Richard stand. Ich sagte, obwohl ich es selbst nicht glaubte, daß noch nicht alle Hoffnung verloren sei; und dann fragte Georg wie am Morgen: ob ich auch jetzt noch an ihm festhalten wolle? Und ich versicherte, wie das erstemal, daß wir – was auch geschehen sei – zusammengehörten. – Wenn ich noch hundertmal jenen Tag mit allen seinen Schrecknissen erlebt hätte, ich hätte hundertmal dasselbe gesagt wie damals und dasselbe getan. »Georg wurde nach und nach ruhiger; er sagte mir, daß er – da es gefährlich sein würde, sich in einem deutschen Hafen nach Amerika einzuschiffen – vorläufig nach Schweden übersetzen und einen Universitätsfreund aufsuchen wolle, einen Gutsbesitzer, der in der Nähe von Gothenburg lebe. Vor der Zukunft bangte ihm nicht; wer seine Kräfte zu gebrauchen wisse, fände überall sein Brot, sagte er. »Hinrichs kam und mahnte zum Aufbruch. Die schwatzhafte Frau des alten Peter könne jeden Augenblick nach Haus kommen, die dürfe uns hier nicht finden, fügte er hinzu. Dem Alten aber dürfe ich vertrauen; der würde mich sicher nach der Stadt zurückbringen und nie ein Wort davon verraten. »Georg stand auf; jetzt erst sah ich im matten Schein des Öllämpchens, daß er Schifferkleider trug. Hans Hinrichs betrachtete ihn von allen Seiten. ›Wie ein richtiger Seemann, Herr von Brauneck,‹ versicherte er; ›soll keiner verraten, daß ein Herr Doktor dahinter steckt – noch dazu, da Sie mit Ruder und Segel Bescheid wissen wie unsereins – diese Nacht können wir's gebrauchen.‹ »Georg hatte den Südwester aufgesetzt. Eine Weile stand er wie in tiefen Gedanken, dann faßte er meine beiden Hände und fragte: ›Christine, kannst du zurückgehen zu denen, die mich verabscheuen und verfluchen.‹ »Nein, das konnt' ich nicht! wie Todesangst überfiel es mich bei dem Gedanken. »›Ich gehe mit dir! nimm mich mit!‹ gab ich zur Antwort; ›in Not und Kampf, wenn es sein muß, aber laß mich bei dir!‹ »›Komm!‹ sagte er einfach, hüllte mich wieder in den nassen Mantel und so gingen wir hinaus in die stürmische Regennacht, einer unsicheren Zukunft entgegen. »Georgs Freund nahm uns gastfreundlich auf. In seinem Hause wurden wir getraut, und dann schrieb ich den Meinigen und bat sie, mir zu verzeihen. – Sie haben mir nicht geantwortet; nur Hellborn, ein guter, treuer Mensch, der schon zu meines Vaters Zeiten im Geschäft gewesen war, schrieb mir, ich würde für tot ausgegeben, die Meinigen sagten, ich wäre verunglückt; in der Stadt aber flüstere man sich zu, ich hätte mich aus Verzweiflung über Georgs Schicksal ertränkt. »Wir gingen nach Amerika; Georgs schwedischer Freund hatte ihm die Mittel dazu vorgestreckt. Noch ehe wir abreisten, erfuhren wir, daß Richard gestorben war; aber erst seit gestern weiß ich, daß Berta meinen Bruder Anton geheiratet hat und daß auch sie seit Jahren tot ist ... und heute hat mir Anton sagen lassen, daß er mir nie vergeben hat und nie vergeben wird ... ich hätte nicht hierher kommen sollen.« Sie drückte das Taschentuch an die Augen; Käthe umfaßte sie. »Gib die Hoffnung nicht auf,« sagte sie tröstend. »Noch ist nichts verloren ... Friedrich hat versprochen, dir zu helfen.« Die Mutter weinte still vor sich hin. »Ich fürchte,« flüsterte sie wie mit sich selber sprechend, »ich fürchte, auch um Friedrichs willen hätten wir nicht kommen sollen!« Käthe war am nächsten Morgen nicht so frisch und lebensmutig wie sonst. Die Geschichte der Mutter bedrückte ihr Herz, und beständig klangen ihr die Worte: »Auch um Friedrichs willen hätten wir nicht kommen sollen«, im Ohr und verbitterten ihr das Glück des Wiedersehens. Wußte sie doch nicht, ob dies Glück Friedrich wert genug war, um dafür den Kampf mit dem Stiefvater aufzunehmen. – Und stand nicht vielleicht Schwereres zwischen ihr und dem Freunde als der Haß und Starrsinn eines alten Mannes? Immer wieder stellte sie sich die Szene im Gartenhause vor und fragte sich, ob ihr die Mutter das letzte Wort darüber gesagt hätte. Aber dann stieg das Bild des Vaters vor ihr auf, und ihre Furcht erschien ihr wie eine Versündigung an seinem Andenken. So innerlich hin und her geworfen, ging sie einsam den Strand entlang. Die Mutter hatte sie auch heute zum Morgenspaziergang fortgetrieben. Sonnenschein und Sonntagsstille lagen über Meer und Land, aber sie hatte keine Empfindung dafür. Plötzlich klang aus der Ferne ein Ruf an ihr Ohr; achtlos ging sie weiter; aber nun klang es deutlicher: »Käthe, Käthe!« und als sie unwillkürlich den Kopf wendete, sah sie Friedrich mit raschen Schritten daherkommen. Er hätte sie und die Tante zu einer Kahnfahrt abholen wollen, sagte er, so war's jedoch noch besser. Von der Kastellanin hätte er erfahren, daß Käthe an den Strand gegangen sei, und wäre ihr nachgeeilt, ohne erst die Tante zu begrüßen. »Und nun habe ich dich,« fügte er hinzu – die Mutter hatte gestern verlangt, daß sie sich du nennen sollten, und wie gern hatten sie es getan – »nun habe ich dich; aber was ist dir? Du bist nicht froh?« Sie scheute sich von dem zu sprechen, was sie bedrückte, und doch war sie nicht imstande, zu leugnen oder eine ausweichende Antwort zu geben. Friedrichs Augen schienen ihr, wie einst die des Vaters, ins Herz zu sehen. An seiner Seite weitergehend, gab sie zur Antwort: »Die Mutter hat mir gestern zum ersten Male von ihrer Jugend erzählt ...« »Und hat dich mit ihren Befürchtungen angesteckt,« fiel er ein. »Mache dich davon los! Die Geschwister müssen sich ja versöhnen, und sie werden es um so leichter tun, wenn wir die Gespenster der vergangenen Zeiten ruhen lassen.« »Glaubst du nicht, daß es Gespenster gibt, die ungerufen kommen?« fragte das junge Mädchen. »Ich fürchte, daß die Kinder dafür büßen müssen, wenn die Eltern ein Unrecht begangen haben.« »Sagst du das in bezug auf uns?« fragte er. Sie nickte; sprechen konnte sie nicht. »Käthe, liebe Käthe, ich kenne dich nicht wieder!« sagte er. »Daß deine Mutter Georg Brauneck in die Verbannung gefolgt ist, hat die Ihrigen verletzen, kränken, erzürnen können, aber ein unverzeihliches Unrecht, für das wir noch büßen müßten, war es nicht.« Käthe atmete schwer. Nach einer Pause fragte sie kaum hörbar: »Hast du nie gehört, daß noch anderes geschehen ist? – Ich weiß es nicht ... ich fürchte nur ... habe vielleicht falsch verstanden.« Sein Gesicht war sehr ernst geworden. »Nein, Bestimmtes habe ich nie gehört,« antwortete er. »Eine Ahnung hat mich zuweilen beschlichen, aber ich habe nicht geforscht, ob sie begründet ist. Wozu auch? Dem Besten kann es widerfahren, daß er im Augenblicke der Leidenschaft tut, was im engeren Sinne nicht gutzumachen ist – aber im weiteren Sinne wird er es gutmachen. Seine Buße wird für alles, was ihn umgibt, zum Segen werden.« Käthe atmete auf. Ein Segen für alles, das ihn umgab – ja, das war ihres Vaters Leben gewesen. »Als ich dich in Hoboken suchte,« fuhr Friedrich nach einer Pause fort, »hörte ich, ohne Ahnung, daß er Georg Brauneck gewesen, wie unermüdlich dein Vater im Dienste aller Notleidenden war, ein Arzt des Leibes und der Seele. Wem ein solcher Nachruf bleibt, wem so die Armen und Hilfsbedürftigen nachweinen, der hat seinem Kinde nur Segen hinterlassen, was auch jemals geschehen sein mag.« Käthe sah zu ihm auf; ihre Augen leuchteten durch Tränen. »Ich danke dir!« flüsterte sie; »ja, so war er ... du hast ihn erkannt ... ich danke dir!« Er zog ihren Arm in den seinigen, eine Weile gingen sie stumm nebeneinander hin; dann sagte er, und seine tiefe, klangvolle Stimme zitterte vor innerer Bewegung: »Käthe, schon in Oakwood-Farm hatte ich die Überzeugung, daß wir zusammengehören, und weder die schnelle Trennung, noch die Schwierigkeit, dich wiederzufinden, hat mich auch nur einen Augenblick darin wankend gemacht. Nun habe ich dich wieder, ... habe ich dich wirklich?« Er war stehen geblieben; sie sank an sein Herz, und ihre Augen und Lippen gaben stummselige Antwort; Sonnenschein lag über Meer und Land, und in der Ferne läuteten die Sonntagsglocken. Als sie endlich zurückkehrten und hinter der Düne das Dach der Strandvilla auftauchte, warf ihm Käthe einen zaghaften Blick zu. »Was wird die Mutter sagen?« fragte sie. »Ich fürchte, sie macht sich neue Sorgen.« »So laß uns verschweigen, daß es zwischen uns zur Aussprache gekommen ist, bis sie und mein Vater versöhnt sind,« antwortete Friedrich. »Wie wir innerlich zueinander stehen, wird sie freilich doch erkennen, aber laß uns schweigen.« Und nach einer Pause fügte er hinzu: »Ich hätte auch vielleicht noch nicht gesprochen, hätte dir Zeit gelassen, dich in die Verhältnisse zu finden, aber deine Andeutungen haben mich erschreckt. Ich fürchtete, daß man dich in eine falsche Ansicht der Dinge, wohl gar in ein falsches Pflichtgefühl hineinpeinigen würde. Darum mußte zwischen uns alles fest und klar sein. Versprichst du mir nun aber auch, dich durch nichts und durch niemand irremachen zu lassen?« »Gewiß, das verspreche ich dir!« antwortete Käthe mit festem Händedruck. Heiter kamen sie zu der Mutter. »Gott sei Dank!« sagte diese zu sich selbst, »ich habe mich gestern nicht verraten.« Wie es oft geschieht, half ihr die eine Sorge die andere tragen. Als sie die Augen der Tochter wieder leuchten sah, schien ihr die eigene Last leichter geworden, und als sie von Friedrich erfuhr, daß ihr Bruder plötzlich nach Hamburg gereist sei, empfand sie die Frist, die ihr bis zu neuen Kämpfen gegeben wurde, wie eine Wohltat. Auch Friedrich war glücklich darüber. »Ich habe mich oft über Schwager Leopold geärgert, aber nun soll ihm alles, das Vergangene wie das Zukünftige, vergeben sein,« sagte er, »Leopold, der Mann meiner Schwester Berta, ist nämlich ein arger Projektenmacher; wenn er dabei ins Bodenlose gerät, fährt der Papa jedesmal hin, ihn zur Vernunft zu bringen, und das Ende vom Liede ist dann eine Reihenfolge jener Hamburger Diners, die nur ein Eingeborener ungestraft durchessen kann. – Das ist jedoch des alten Herrn eigene Sache. Wir wollen hier unsere Freiheit genießen, wie er es dort tut, und wenn er wiederkommt, ist unser verwandtschaftlicher Verkehr ein fait accompli , der sich nicht ungeschehen machen läßt. Also nicht wahr, liebe Tante – meine Geschäftsstunden muß ich selbstverständlich einhalten – aber nachmittags darf ich herauskommen?« Es waren glückselige Tage! Der schöne Wald am schönen Meer; ein Mai, der wirklich einmal den Namen Wonnemond verdiente; überall sprossendes, blühendes, jubelndes Frühlingsleben, und in dieser Umgebung zwei junge Herzen, die sich immer inniger verstehen lernten. Friedrich hatte richtig geahnt: die Mutter erkannte bald, wie er und Käthe zueinander standen. Zuweilen überfiel sie eine herzbeklemmende Angst vor den Schwierigkeiten, die sich den Wünschen der beiden entgegenstellten – aber was sollte sie tun? – An sich selbst hatte sie erfahren, daß die Liebe nicht zu lenken und zu löschen ist. So ließ sie denn den Herzensfrühling der Tochter ungestört grünen und blühen, und das Schicksal schien dieselbe Nachsicht üben zu wollen, denn die Rückkehr des Konsuls verzögerte sich von einer Woche zur anderen. »Schwager Leopold muß ihn mit seiner Projektenmacherei angesteckt haben,« sagte Friedrich. »Sie sind miteinander nach England gereist und versprechen sich Wunderdinge. Mir ist's recht; je länger der Vater ausbleibt, um so besser für uns.« Der Mai verging, der Juni brachte Sommerwärme und Sommergäste. In allen Häusern und Häuschen Fischdorfs waren Fremde einquartiert; Damen mit aufgelöstem, nassem Haar wandelten am Strande in der Morgensonne; Scharen von Kindern spielten im feuchten Sande; Vergnügungsboote mit roten und weißen Segeln fuhren hin und her; im Kursaale gab es Table d'hôte, Konzerte, Reunions, und alle Seltsamkeiten der Mode wurden am Strande, im Wald und auf der Düne spazieren getragen. Käthe und ihre Mutter hielten sich von dem allem fern; den größten Teil des Tages brachten sie auf der kühlen Veranda zu; erst wenn Friedrich kam, ging es ins Freie; auch die Mutter, die täglich kräftiger wurde, ging mit. Es gab noch einsame Plätzchen in Menge, und Friedrich hatte das Talent, sie zu finden. Da saßen sie dann, von grüner Waldesdämmerung eingehegt oder den Ausblick auf das blaue Meer genießend, erzählten von vergangenen Tagen, empfanden das stille Glück der Gegenwart und schienen die Zukunft vergessen zu haben. Es war, als lebten sie, der Wirklichkeit entrückt, im Lande der Märchen. Aber, »es ist gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen«. Eines Nachmittags, es war schon in der zweiten Juliwoche, brachte Friedrich die Nachricht, daß der Stiefvater zurückgekommen war. »Er ist mehr als je nach den Hamburger Diners mit seiner Leber brouilliert und daher sehr übler Laune,« sagte der junge Mann. »Ich habe ihm aus diesem Grunde noch keine Eröffnungen gemacht; er soll sich erst wohler fühlen.« Aber Tag um Tag verging, ohne daß sich die Laune des alten Herrn gebessert hätte. Jeden Morgen nahm sich Friedrich vor, heute mit ihm zu sprechen; sobald er ihm jedoch gegenüber saß und die Falte zwischen den Brauen noch tiefer, die Züge um den Mund noch herber fand als sonst, gab er es wieder auf. Nicht aus Feigheit, aber weil es ihm unerträglich schien, Käthes Namen von diesen spöttischen Lippen nennen zu hören. Endlich kam ihm der Stiefvater zuvor. »Was hast du immer in Fischdorf zu suchen?« sagte er eines Mittags, nachdem die aufwartende Magd das Dessert auf den Tisch gestellt und sich entfernt hatte. »So oft ich nach dir frage, heißt es, du wärst hinausgeritten.« »Ich wollte längst mit dir darüber sprechen,« antwortete Friedrich; »du hast gehört, daß deine Schwester Witwe geworden und wieder zurückgekommen ist; sie und ihre Tochter wohnen in Fischdorf.« »So!« sagte der Konsul mit seiner harten, leidenschaftslosen Stimme, »Das nennt Hellborn, der alte Heuchler, abgereist sein! Natürlich hat er auch die Anknüpfung zwischen euch vermittelt.« »Einer Vermittelung hat es nicht weiter bedurft,« gab Friedrich, der Hellborn nicht verraten wollte, ausweichend zur Antwort. »Schon die Pflicht der Verwandtschaft würde mich getrieben haben, die Tante aufzusuchen; außerdem war es mir eine große Freude, sie wiederzusehen.« »So!« sagte der Konsul wieder; »und was soll nun weiter aus der Geschichte werden? – Du weißt, wir haben meine Schwester tot gesagt ...« »Lieber Vater,« rief der junge Mann, »ich kann nicht darüber urteilen, ob die Komödie jemals nötig war. Jedenfalls kann sie nicht weitergeführt werden.« Der Konsul zuckte die Achseln. »Sollen unsere Familienangelegenheiten zum zweiten Male zu Skandal und Stadtgespräch Anlaß geben?« fragte er. »Was käme darauf an!« antwortete Friedrich. »Übrigens weiß ich nicht, welchen Skandal du fürchtest. Es wäre ja möglich, daß wir bis jetzt an Tante Christinens Tod geglaubt hätten. Nun ist sie Witwe geworden, fühlt sich unglücklich in der Fremde und kommt zurück. Das alles liegt ganz einfach, wenn wir es nur einfach nehmen wollen.« Der Konsul hob die kalten Augen vom Teller und starrte Friedrich an. »Darüber kannst du nicht urteilen,« sagte er. »Nach dem, was geschehen ist, und wie Christine unser Haus verlassen hat, ist ihr Wiederkommen durchaus nicht so einfach, wie du annimmst. Ich werde ihr nie verzeihen, mich nie mit ihr versöhnen ... und selbst wenn ich es wollte ... es wäre unrecht gegen unsere Toten.« »Unsere Toten!« sagte Friedrich, »unsern Toten schreiben wir aufs Grab: Hier ruhet in Frieden – wenn wir das glauben, dürfen wir auch annehmen, daß sie uns Frieden gönnen, soweit er auf Erden möglich ist.« »Und weil ich ihn haben und behalten will,« rief der Konsul, indem er sich erhob, »schaffe ich mir die Ruhestörerin aus dem Wege ... Und nun genug; ich will nichts weiter davon hören!« Auch Friedrich war aufgestanden. »Nur ein Wort noch,« sagte er in seiner ruhig bestimmten Weise. »Außer der Gemütsfrage ist auch die geschäftliche in Betracht zu ziehen: wie steht es mit Tante Christinens Erbansprüchen?« »Rückt sie nun doch damit heraus?« rief der Konsul spöttisch auflachend. »Natürlich hält sie sich für eine Erbin, wie man sie in der Stadt dafür gehalten hat. Aber laß dir von Hellborn sagen, wie es beim Tode unseres Vaters um uns stand. Nur der alte gute Namen der Firma Friedrich Anton Richter hielt uns noch. Hätte unser Vater mit seinem Gehenlassen, Zaudern und dann wieder tollkühn darauf Losstürmen die Leitung der Geschäfte nur noch drei Monate in der Hand behalten, so war der Zusammensturz unvermeidlich. Frage Hellborn, was wir fanden, als wir beiden, Richard und ich, das Geschäft übernahmen! – Schulden und unsichere Außenstände. – Nur Richards großem kaufmännischem Talent und unserer unermüdlichen Arbeit ist es zu danken, daß wir wieder dastehen wie in der ersten Glanzzeit der Firma. – Das Erbteil unserer Schwester aber war wie das unsrige gleich Null: Ansprüche an unsern Erwerb hat sie natürlich nicht zu machen. Trotzdem habe ich ihr durch Hellborn eine Geldsumme bieten lassen ... sie hat sie ausgeschlagen.« »Das weiß ich von ihr selbst,« antwortete Friedrich, während der Konsul mit den Händen auf dem Rücken und gesenktem Kopfe im Zimmer auf und nieder ging. »Um Geld ist es ihr nicht zu tun, sondern um eine Heimat, um das alte Familiennest ...« »Hat man sie daraus vertrieben, oder hat sie's aus freien Stücken aufgegeben?« schaltete der Konsul ein. Friedrich beachtete den Einwand nicht. »Auch für uns würde das verödete Haus wieder heimisch werden, wenn Tante Christine und ihre Tochter darin wohnten,« fügte er hinzu. »Für das verödete Haus sorge du nur selbst,« gab der Stiefvater zur Antwort. »Heirate endlich! Du weißt, ich wünsche das seit Jahren.« Friedrich war ans Fenster getreten, jetzt wendete er sich um. »Ich bin bereit, deinen Wunsch zu erfüllen,« sagte er mit einem leisen Beben der Stimme. »Die Schwiegertochter, die ich dir zuführen werde, ist aber deiner Schwester Kind. In Amerika schon habe ich sie kennen gelernt; damals nannte sie sich Miß Brown. Wir beide hatten keine Ahnung von unserer Verwandtschaft, haben uns aber damals schon geliebt ... « »Daher pfeift der Wind!« fiel der Konsul ein, indem er vor dem Stiefsohne stehen blieb. »Und bis zur Erklärung ist's auch schon gekommen ... und meine saubere Frau Schwester hat wohl auch schon ihren Segen gegeben?« »Wir haben sie noch nicht darum gebeten,« antwortete Friedrich; »wir wollten eure Versöhnung vorhergehen lassen.« Der Konsul lachte leise vor sich hin. »Rücksichtsvoll, sehr rücksichtsvoll!« sagte er. »Zum Dank dafür werde ich dir ohne Zaudern reinen Wein einschenken, dir von vornherein erklären, daß du auf meine Einwilligung zu dieser Heirat nie zu rechnen hast. Das ist freilich Nebensache; du bist mündig, kannst tun und lassen, was dir gefällt. Dem Stiefvater gegenüber ist ja ohnehin von Pflicht oder Pietät nicht die Rede ...« »Ich glaube, lieber Vater, daß ich dir ein guter Sohn gewesen bin,« fiel Friedrich ein. »Aber vergiß nicht, daß mir auch meine Liebe Pflichten auferlegt.« »Natürlich!« rief der Konsul im spöttischen Tone. »Das ist die beliebte neumodische Heuchelei. Man wirft nicht mehr – wie es ehemals die Jugend in Übermut, oder Leichtsinn, oder Leidenschaft zu tun pflegte – die unbequemen Fesseln einfach ab; man steckt sich vielmehr hinter allerhand neukreierte Pflichten, durch die man sich der alten enthoben fühlt. Bist du in den Selbstbetrug einmal hineingeraten, so wirst du darin immer weitergehen. Aber wie steht es denn mit dem Mädchen ... mit Christinens Tochter, meine ich ... hat sie die Mutter lieb? kennt und befolgt sie das vierte Gebot?« »Lerne sie nur kennen,« antwortete Friedrich; »du wirst mit ihr zufrieden sein. Ihren Vater betet sie an, die Mutter trägt sie auf Händen ...« Der Konsul lachte wieder vor sich hin. »Nun denn, mein Junge,« sagte er, »so wird sie tun, was nötig ist, das heißt, sie wird dich aufgeben, denn die Einwilligung ihrer Mutter erhaltet ihr nie und nimmermehr, darauf kannst du dich verlassen ... Ich selbst werde Christine fragen, womöglich heute noch!« Mit diesen Worten ging er hinaus und schlug krachend die Türe hinter sich zu. Im ersten Augenblick war Friedrich über die Abweisung bestürzt; aber dann sagte er sich selbst, daß damit nicht das letzte Wort gesprochen sei und daß, wenn es ihm heute nicht gelungen war, den mehr als zweiundzwanzigjährigen Groll des Stiefvaters zu besiegen, er darum die Hoffnung nicht aufzugeben brauche, den alten Herrn nach und nach umzustimmen. War es nicht schon ein Schritt zum Guten, daß er sich entschlossen hatte, die Schwester zu sprechen? Deutlich stand sie Friedrich vor Augen, wie sie vor der Katastrophe gewesen war: ein elfenhaftes Geschöpf mit schwärmerischen Vergißmeinnichtaugen, glänzenden braunen Locken und feinem, rosig angehauchtem Gesichtchen. Mußte nicht das Herz des Bruders weich werden, wenn er sie bleich und vergrämt wiederfand, mit tränenmüden Augen und weißem Haar? Und wenn er dann neben ihr die schöne lebensvolle Tochter sah, für die sie Schutz und Heimat bei ihm suchte, wie konnte er anders, als beide willkommen heißen? Je länger Friedrich darüber nachdachte, um so glaublicher erschien ihm diese Lösung. Früher als gewöhnlich machte er sich heute auf den Weg nach Fischdorf. Er wollte dem Stiefvater zuvorkommen und Tante Christine auf seinen Besuch vorbereiten. Aber während er hinausritt, wurde ihm zweifelhaft, ob dies das Richtige sei. Möglicherweise hatte der alte Herr den im Zorn gefaßten Entschluß wieder aufgegeben; als Friedrich aufs Pferd gestiegen war, hatte er ihn im Kontor an seinem Pulte gesehen. Und selbst wenn er kam, war es vielleicht besser, die leichterregte Tante nicht im voraus zu ängstigen. Auch über sein eigenes Verhalten war Friedrich unsicher. Sollte er bleiben, bis der Stiefvater herauskam? – er hätte gern das erste Zusammentreffen beobachtet; aber vielleicht verdroß es den Vater, wenn er ihn fand. Friedrich beschloß endlich, den Augenblick walten zu lassen, und spornte den Braunen ungeduldig an. Drückende Schwüle lag über Strand und Meer, als er sein Ziel erreichte. Käthe, die seinen Schritt auf der Treppe erkannt hatte, kam ihm winkend entgegen, schön wie der Sommertag, in ihrem weißen Kleide, eine weiße Rose im lockigen Haar. »Leise, leise, die Mutter scheint zu schlafen,« flüsterte sie; »wenigstens ist sie noch in ihrem Zimmer. Komm auf die Veranda. Arm in Arm traten sie hinaus, und für eine Weile war über das seltene Glück des Alleinseins alles andere vergessen. Endlich riefen sie fröhliche Stimmen, die vom Strande heraufklangen, in die Wirklichkeit zurück: Käthe machte sich aus Friedrichs Armen los, und während die Spaziergänger vorüberzogen, sah er die Geliebte prüfend an, wie sie dem Stiefvater erscheinen würde. Mehr als je fiel ihm auf, wieviel sie von seiner verstorbenen Mutter hatte: es war dieselbe hohe, edle Gestalt, nur schlanker, elastischer; dieselbe freie Haltung des Kopfes, dasselbe leichtgelockte, dunkelblonde Haar. Auch die schönen Züge glichen denen seiner Mutter. Nur in Farbe und Ausdruck waren die Gesichter verschieden. Berta Brauneck war marmorweiß gewesen, der feine Mund, das große Auge stolz und kalt, während Käthes frisches Gesicht von Lebenslust und Wärme durchleuchtet schien. Gewiß, sie mußte auf den ersten Blick des Onkels Herz gewinnen, wenn es ihr nur möglich war, ihn unbefangen freundlich zu begrüßen. Friedrich bereute, ihr nicht mehr von dem Stiefvater erzählt zu haben. Durch ihre Mutter hatte sie sicherlich nur von seiner Härte, seinem Starrsinn, seiner scheinbaren Lieblosigkeit gehört, und sein Äußeres war ganz dazu angetan, jede vorgefaßte ungünstige Meinung zu bestätigen. Aber Friedrich kannte ihn anders, hatte von Kindheit auf in einem herzlichen Verhältnis zu ihm gestanden, und ebenso, davon war er überzeugt, würde sich Käthe zu ihm stellen können. Eine leichte Hand strich über seine Stirn. »Wo bist du mit deinen Gedanken?« fragte Käthe; in demselben Augenblick öffnete die Mutter ihre Tür und rief: »Du bist da, Friedrich – bitte, komm einmal herein.« Er gehorchte; verwundert sah ihm Käthe nach. Was war geschehen, daß die Mutter mit Friedrich Heimliches zu besprechen hatte? Was ist geschehen? hatte auch er fragen mögen, als er der Tante in das bleiche, verstörte Gesicht sah. Sie kam ihm zuvor. »Lies!« sagte sie, ihm ein Briefblatt reichend. Es war von seinem Stiefvater und enthielt nur die Worte: »Ich habe mit dir zu sprechen; sage mir, ob ich heute nachmittag halb sechs Uhr kommen soll, das heißt, ob du mir versprechen kannst, daß wir dann allein sind und bleiben. Auch deine Tochter darf nicht da sein. Anton.« »Was hast du geantwortet?« fragte der junge Mann. »Daß er kommen soll,« erwiderte sie. »Ich zählte dabei auf dich, habe für fünf Uhr den alten Klaus mit dem Boote bestellt und bitte dich, Käthe zu begleiten, während ich Kopfschmerzen vorschützen und hierbleiben werde ... Wie habe ich ein Zusammentreffen mit Anton herbeigewünscht ... nun fürchte ich mich!« Friedrich suchte ihr Mut einzusprechen, aber es war ihm selbst nicht wohl dabei. Daß der Stiefvater Käthes Entfernung verlangt hatte, warf alle seine Hoffnungen über den Haufen, und es fiel ihm schwer, unbefangen zu scheinen, während er mit der Tante auf die Veranda zurückging, um die Kahnfahrt zur Sprache zu bringen. Anfangs sträubte sich Käthe, die Mutter, die ungewöhnlich leidend aussah, allein zu lassen. Das Boot könne fortgeschickt werden, sagte sie; es wäre ihr zu früh und zu heiß zur Wasserfahrt. Außerdem würde sie sich draußen fortwährend um die Mutter sorgen; auf der Veranda wär's am besten für sie alle. Erst Friedrichs leise Bitte, ihm die ungestörte Plauderstunde zu gönnen, besiegte ihren Widerstand. Das Boot kam; aber als Käthe beim Abschiednehmen fühlte, wie die Hand der Mutter zitterte und glühte, wurde sie aufs neue unsicher, ob sie gehen dürfe. Die Mutter trieb sie jedoch beinahe unfreundlich fort, und Käthe fügte sich. Nun schien die Mutter wieder freundlich gestimmt; sie stand auf der Veranda, als der alte Klaus vom Ufer stieß, und winkte mit dem Taschentuche, bis ihr das Boot aus den Augen entschwand. »Gott Dank, daß die Kinder fort sind!« murmelte sie, und doch war es ihr schrecklich, allein zu sein, wenn der Bruder kam. Sie fürchtete sich vor seinen Augen, vor dem Ton seiner Stimme, vor jedem Worte, das er sagen würde. Vielleicht kam er nicht; die von ihm bestimmte Stunde mußte längst vorüber sein. Sie ging ins Wohnzimmer, nach der Uhr zu sehen. Eben kam ein schwerer Schritt über den Vorplatz. Jetzt wurde angeklopft. Konnte das Anton, sein? Ja, er war es! Auf ihr »Herein« trat er ins Zimmer und blieb einen Augenblick an der Türe stehen, während sie sich zitternd an einen Tisch lehnte und ihn mit einer Mischung von Furcht und Rührung ansah: es war das harte, herbe Gesicht von ehedem, nur älter geworden. Nach kurzer Pause kam er auf sie zu; sie streckte ihm die Hand entgegen; er sah es nicht oder wollte nicht sehen. »Christine – ich hätte dich kaum erkannt,« sagte er, sie mit den kalten Augen fixierend; »du hast dich sehr verändert ...« »Ich habe so viel gelitten,« antwortete sie; »erst am Heimweh ... und dann bin ich Witwe geworden!« Dabei brach sie in Tränen aus. Er stand ruhig vor ihr mit dem Hute in der Hand; nach einer Pause sagte er: »Rege dich nicht so auf und laß die Vergangenheit ruhen; wir haben genug mit der Gegenwart zu tun.« Sie nahm sich gewaltsam zusammen. »Setz dich!« bat sie, die Augen trocknend, indem sie selbst auf der Chaiselongue am Mitteltische Platz nahm; er setzte sich ihr gegenüber. »Du weißt, es ist von jeher mein Grundsatz gewesen, die Dinge beim rechten Namen zu nennen,« fing er an. »Das tue ich auch jetzt und erkläre dir ohne sentimentale Umschweife, daß ich mit deiner Rückkehr sehr unzufrieden bin. Wie hast du dich nach allem, was geschehen ist, dazu entschließen können?« »Ich sagte dir schon, ich hatte Heimweh,« gab sie schüchtern zur Antwort. »Außerdem hat es Georg gewünscht ...« »Georg und immer wieder Georg!« fiel der Konsul bitter ein. »Da er es wünschte, mußtest du natürlich kommen. Wie mir dabei zumut ist – was geht's dich an!« »O Anton!« rief sie weinend, »ich hoffte, du würdest mir verzeihen ... ich bringe dir meine Tochter ...« »Deine Tochter!« unterbrach er die Schwester; »ihretwegen hauptsächlich muß ich mit dir sprechen, so gern ich dir und mir dies Wiedersehen erspart hätte! – Ein unglücklicher Zufall hat sie und Friedrich schon in Amerika zusammengeführt, und sie haben sich ineinander verliebt. Aber das weißt du natürlich, und ebensogut wird dir bekannt sein, daß sie hier weiterspinnen, was dort begonnen hat. Natürlich weißt du das?« »Ich ... ich habe es wenigstens geahnt,« stammelte sie. »Und läßt es gehen, protegierst es wohl gar?« fiel er ein. »Da hätten wir denn die alte Unglücksgeschichte zum zweiten Male! ... Aber täusche dich nicht – diesmal nimmt die Sache ein anderes Ende. Friedrich ist kein Mädchenentführer ... auch habe ich ein Mittel, ihn von deiner Tochter zu trennen, und ehe ich diese verbrecherische Neigung dulde ...« »Anton, ich bitte dich!« rief die Schwester mit aufgehobenen Händen, und dann fügte sie mit erzwungener Ruhe hinzu: »Versuche doch die Sache anders anzusehen. Wenn sich die Eltern gegen euch vergangen haben, die Tochter macht es wieder gut, bringt wieder Glück und Freude in euer Haus ...« »Glück!« fiel er mit spöttischem Auflachen ein. »Ich danke für das Glück, die Tochter Georgs tagtäglich vor Augen zu haben. – Aber meine Empfindung ist Nebensache. Den Hauptgrund, warum von einer Heirat zwischen dem Sohne Richards und Georgs Tochter nie und nimmer die Rede sein darf, kennst du so gut wie ich.« »Hast du nicht Georgs Schwester geheiratet!« rief Christine. »Gott sei's geklagt, das habe ich getan!« antwortete er, und zum erstenmal war auch sein Ton bewegt. »Meinst du, ich hätte es jemals überwunden, daß ich mir unser Familienunglück zunutze gemacht, um auch einmal glücklich zu sein! ... Warum siehst du mich so verwundert an? – Weißt du nicht, daß ich Berta schon vor ihrer Verheiratung mit Richard geliebt habe, und daß sie mich damals seinetwegen zurückgewiesen hat?« Christine schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte sie, »das habe ich nicht gewußt; ich war so jung, so unerfahren ...« »Und ich so häßlich!« fiel der Bruder ein, »Wer hätte glauben sollen, daß ein Menschenkind wie ich Liebe fühlen und auf Liebe Anspruch machen konnte? – Als sich Berta, nachdem sie Witwe geworden war, herbeiließ, meine Wünsche zu erfüllen, hat sie's – das ist mir nur zu bald klar geworden – allein um der Kinder willen getan. Ich sollte ihnen den Vater ersetzen, ihnen das Vaterhaus erhalten. Bertas Herz ist dem Toten treu geblieben; bis zu ihrer letzten Lebensstunde hat er zwischen ihr und mir gestanden, und es hat Zeiten gegeben, wo ich sie darum haßte und in ihr nur noch die Schwester des Mannes sah, der meinen Bruder ermordet hat.« »Das hat er nicht!« schrie Christine auf. »Ich ertrage es nicht, daß du ihm das nachsagst ...« »Aber daß er es getan hat, wissen wir, du so gut wie ich!« fiel der Konsul ein. »Nein, das hat er nicht!« rief Christine wieder. »Richard hat mich von Georg fortgerissen, ist dabei ausgeglitten, gefallen ...« »So wird es dargestellt,« sagte der Konsul kalt; »aber du weißt recht gut, daß Georg auf Richard zugestürzt ist, ihn gepackt und mit seiner Riesenkraft zu Boden geschleudert hat.« Christine drückte das Taschentuch an die Augen. »Ich habe nichts gesehen,« antwortete sie, leise weinend. »Ich lag selbst am Boden.« »Nun, so hast du gehört, daß ich Georg Richards Mörder nannte,« fiel der Bruder ein. »Hat er damals nur ein Wort dagegen zu sagen gewagt? ... Später wird er es freilich zurechtgelegt und anders gedeutet und seine Schuld abgestritten haben. Ist's nicht so? hat er das nicht getan?« »Nichts hat er abgestritten,« antwortete sie, noch immer weinend. »Aber selbst wenn er ... wenn er am Tode Richards schuld gewesen wäre, ein Mörder ist er nicht ... Er hat ja das Entsetzliche nicht gewollt ... nur mich schützen wollte er ...« »Sophistereien!« rief der Konsul. »Und als das Schreckliche geschehen war,« fuhr Christine fort, ohne seinen Einwand zu beachten, »als es geschehen war, hat er sich selbst vergessen und deine Anklage überhört, und nur daran gedacht, dem Verunglückten beizuspringen. Ich sehe ihn noch, wie er neben Richard kniete, selbst bleich wie der Tod.« »Wie das böse Gewissen, solltest du sagen,« schaltete der Bruder ein. Sie beachtete das nicht und fuhr mit steigender Aufregung fort: »Und abends, als ich zu ihm ging, ihm Lebewohl zu sagen, wie war er da gebrochen! weder sich selbst noch mir hat er etwas abzuleugnen gesucht – er wäre, wie gern, an Richards Stelle gestorben ...« »Was er dadurch bewiesen hat, daß er die Schwester des Sterbenden entführte, um mit ihr vergnügt weiterzuleben!« sagte der Konsul. »Vergnügt!« wiederholte Christine. »Ach nein, nichts weniger als das! Wüßtest du, wie ich ihm mit Klagen und Selbstvorwürfen das Leben verbittert habe – und wie schwer die ersten Jahre in Amerika gewesen sind, ehe es ihm gelang, als Arzt festen Fuß zu fassen – und wie wir beide gelitten haben, als uns die ersten Kinder starben ...« »Die Strafe des Himmels!« rief der Konsul. »Habt ihr euch das nicht gesagt?« Sie brach aufs neue in Tränen aus. »Ja, ja, ich habe mir das lange eingeredet,« antwortete sie; »und ich habe Georg damit gequält, bis unser drittes Kind, unsere Käthe, so herrlich gedieh, daß ich an keinen Fluch mehr glauben konnte. O Anton, Anton! seitdem habe ich gehofft, daß auch du vergeben könntest – mir vergeben, daß ich euch damals verlassen habe, und Georg, daß er mich mitgehen ließ, denn das andere war ein Unglück, keine Schuld ... O Anton! wenn du das einsehen könntest ... es glauben wolltest ...« Er war aufgestanden und ans Fenster getreten; mit den letzten Worten ging sie ihm nach, aber im Begriff, die Hand auf seinen Arm zu legen, ließ sie dieselbe zaghaft wieder sinken. »Und wenn ich es glaubte – aber ich glaube es nicht,« antwortete er nach einer Pause, indem er sich umwendete und sie mit bösen Augen ansah; »wenn ich es glaubte, was wäre damit gewonnen? Richards Tod trennt die beiden so wie so. Friedrich soll nicht, wie es mir geschehen ist, in seinen glücklichsten Stunden durch das Gespenst seines Vaters aufgestört werden.« »Weiß er denn ...« fing Christine an; der Bruder fiel ihr ins Wort: »Nein, noch weiß er nichts; ich habe mich bis jetzt nicht entschließen können, ihm die Gedanken zu vergiften. Aber ehe ich das Bündnis zwischen ihm und deiner Tochter zugebe, soll er alles erfahren ...« »Anton, ich bitte dich!« rief Christine. »Spare deine Bitten.« sagte der Konsul. »Du weißt, umzustimmen bin ich nicht. Ich gebe dies Bündnis nicht zu und würde – das versichere ich dich – Friedrich lieber tot im Sarge liegen sehen, als ihn an die Tochter meines Todfeindes zu verlieren. Solange ich denken kann, haben mich nur zwei Menschen lieb gehabt: der erste war Richard, der zweite ist Friedrich. Von frühester Kindheit an hat er sich mir vertraulich, herzlich angeschlossen. Für alle anderen – das hast du an dir selbst erfahren – bin ich mehr oder weniger ein Popanz gewesen.« »War das nicht, zum Teil wenigstens, deine eigene Schuld?« fragte die Schwester. »Natürlich!« rief er mit seinem spöttischen Auflachen. »Ich war ein so häßliches, ungeschicktes Kind, daß mich niemand leiden mochte und mir jede Unart schwerer angerechnet wurde als anderen. Als mich das menschenscheu und mißtrauisch machte, hieß es, ich wäre herzlos, boshaft – was weiß ich alles! ... So ist es fortgegangen. Nein, sage mir nichts dagegen! Respekt habe ich mir erzwungen, aber Zuneigung hat niemand für mich als Friedrich.« »Käthe würde sie haben, würde mit Friedrichs Augen sehen,« warf Christine ein. »Sehr unwahrscheinlich, da sie deine Tochter ist und, wie mir Friedrich sagt, ihren Vater anbetet!« rief der Konsul. »Aber genug von dem allem. Dies Hin und Her ist peinlich für uns beide und kann zu nichts führen. Es handelt sich einfach um die Frage: willst du mir helfen, Friedrich und deine Tochter zu trennen? – Es muß aber energisch und auf immer geschehen.« »Das kann ich nicht!« sagte Christine. »Gut, so muß ich können,« antwortete der Konsul. »Ich will dir ein paar Tage Bedenkzeit lassen; bist du dann nicht anderen Sinnes geworden, so muß ich Friedrich offenbaren, wie sein Vater gestorben ist – und glaube mir, er ist ein zu guter Sohn, um dann nicht seiner unglücklichen Herzensverirrung auf der Stelle zu entsagen. Da ich aber nicht will, daß er treulos und wortbrüchig erscheint, so muß auch deine Tochter wissen, warum er sie aufgibt. Ich werde sie darüber aufklären ...« »Anton ... nein, das wirst du nicht tun!« rief Christine, indem sie, alle Scheu vergessend, den Arm des Bruders mit beiden Händen umklammerte. »Du hörst, daß Käthe ihren Vater anbetet. Du kannst ihr diesen Herzenskultus nicht rauben ... Du darfst es nicht ...« Der Bruder hatte sich von ihr losgemacht, nun zuckte er die Achseln und sagte: »Was ich tun darf, ist meine Sache, und was ich tun werde, das steht bei dir. Erkläre deiner Tochter, daß du zu der Heirat mit Friedrich deine Einwilligung nicht geben kannst, daß sie auch Georg nie gegeben hätte. Geh fort von hier, weit genug, um eine zufällige Begegnung zu vermeiden. Sorge, daß die jungen Leute keinerlei schriftlichen Verkehr unterhalten, und daß Friedrich eure Spur verliert – dann soll dein und deiner Tochter Götze unangetastet bleiben. Kannst du das nicht versprechen, so muß ich tun, was nötig ist ... ich muß, Christine! ganz abgesehen von mir selbst, glaube mir das! – Eine Ehe zwischen diesen beiden wäre geradezu eine Sünde gegen die Natur ... das werden deine Tochter und Friedrich selbst empfinden, wenn du mich zwingst, ihnen die Augen zu öffnen. Entschließe dich ... wähle den milderen Weg, sie zu trennen.« Christine war auf den nächsten Stuhl gesunken, preßte die Hände zusammen und starrte vor sich nieder. »Beides ist grausam – grausam und ungerecht!« rief sie. »Was haben die Kinder getan ...« »Sie büßen für Georg und dich!« sagte der Konsul hart. »Vergiß nicht, daß geschrieben steht, ›die Sünden der Väter will ich heimsuchen bis ins dritte und vierte Glied‹.« Sie beugte den Kopf; ihre Tränen flossen auf die im Schoß gefalteten Hände. Einen Augenblick sah er sie schweigend an; sie tat ihm plötzlich leid; aber dann schämte er sich der weichen Regung, nahm seinen Hut und sagte kalt wie immer: »Ich gehe jetzt und hoffe, daß du nach reiflichem Überlegen das Rechte erwählst – lebe wohl!« Und ohne ihr die Hand zu reichen ging er hinaus. Sie brach aufschluchzend in sich zusammen. Als das junge Paar zurückkam, hatte sich die Mutter niedergelegt. Friedrich, der vor Ungeduld brannte, etwas über die Unterredung mit seinem Stiefvater zu hören, ließ bitten, einen Augenblick zu ihr kommen zu dürfen, aber sie schlug es ab. Ihre Migräne wäre zu heftig, ließ sie ihm durch Käthe sagen; morgen hoffe sie jedoch ihn sprechen zu können. »Für heute werde ich dich fortschicken müssen,« fügte Käthe hinzu. »Die Migräne scheint mir nur Vorwand zu sein ... es liegt der Mutter etwas auf der Seele, und sie wird am besten damit fertig, wenn ich mich zu ihr setze, daß sie sich ausklagen kann.« Friedrich nahm Abschied und jagte nach der Stadt, um von dem Vater etwas zu erfahren; er fand nur Hellborn zu Haus. »Der Herr Konsul sahen aus wie gewöhnlich, als Sie aus dem Wagen stiegen,« berichtete er, »und gesagt haben Sie über das Wiedersehen nicht ein Sterbenswörtchen. Sie sind dann noch in den Klub gegangen; es sollen ja schlimme Nachrichten gekommen sein ... die Leute reden von Krieg.« Auch der Konsul sprach nur davon, als er spät abends nach Haus kam. Die Szene in Ems zwischen König Wilhelm und Benedetti wurde von allen Seiten in ihrer vollen Bedeutung aufgefaßt. Der Konsul hielt den Zusammenstoß zwischen Deutschland und Frankreich für unvermeidlich, und als Friedrich nach seiner Unterredung mit der Schwester fragte, sagte er kurz: er hoffe, daß sie zur Vernunft gekommen sei, und daß er mit dieser Geschichte nicht weiter belästigt würde, es gäbe jetzt Wichtigeres zu bedenken. Und dann erwog er, welche Schädigungen dem Handel im allgemeinen, sowie der eigenen Firma drohten, und welche Maßregeln getroffen werden müßten, um den eingegangenen Verpflichtungen vor einer möglichen Sperrung der Ostsee genügen zu können. Friedrich war zu sehr Kaufmann, um nicht von der Bedeutung dieser Fragen erfaßt zu werden. Sein weiter Blick, sein schnelles Urteil, seine Tatkraft und Entschlossenheit waren wie immer auch heute des Stiefvaters Stolz und Freude; der junge Mann aber sah inmitten aller politischen und merkantilischen Berechnungen, wie Käthe mit angstvollen Augen am Bette der Mutter saß; in seine nächtlichen Träume folgte ihm das Bild, und als er am nächsten Morgen aus unruhigem Schlaf erwachte, war es wieder da. Am liebsten wäre er gleich hinausgeritten, sich Nachricht zu holen, aber es gab ungewöhnlich viel zu tun. Briefe und Telegramme trafen in größerer Anzahl ein als sonst; Kaufleute, Reeder, Schiffsmakler, Landwirte erbaten sich Auskunft und Rat und brachten die widersprechendsten Nachrichten: der Krieg wäre erklärt; – die Franzosen ständen am Rhein; – sie hätten ihn bereits überschritten; – England würde mit Frankreich gehen, Italien mit Deutschland; – nein, umgekehrt; – Österreich hätte sich mit dem Feinde verbündet, Rußland würde uns zu Hilfe kommen und so weiter. An die Unvermeidlichkeit des Krieges glaubten alle – und alle waren kampf- und opferbereit. In dies Berichten, Fragen, Beraten und Streiten fiel ein Brief aus Fischdorf. »Der Bote wartet,« sagte Hellborn, der Friedrich das zierliche Kuvert mit der schönen, klaren Handschrift brachte – den ersten schriftlichen Gruß, den Friedrich von der Geliebten erhielt. An sein Pult tretend, während der Vater die Unterhaltung weiterführte, durchflog er die engbeschriebenen Blätter. Sie lauteten: »Lieber Friedrich! Nach unruhvoller, schlafloser Nacht ist die Mutter endlich in unruhvollen Schlaf gesunken. Sie fiebert und macht mir um so größere Sorge, da sie trotz ihres Unwohlseins darauf besteht, Fischdorf noch heut' im Tage zu verlassen. Die Unterredung mit Onkel Anton ist jedenfalls sehr schmerzlich für sie gewesen. Sie klagt, er wäre härter als je; behauptet, ihre Rückkehr in die Heimat wäre ein Unrecht, eine Torheit, und will sobald als möglich wieder nach Amerika. Onkel Anton hat ihr gesagt, daß wir uns lieben, und nun erklärt sie, es ständen unüberwindliche Hindernisse zwischen Dir und mir; weder sie noch Onkel Anton könnten unsere Verlobung zugeben; auch mein verstorbener Vater würde niemals eingewilligt haben – wir müßten uns trennen . Wenn Du sie dabei gesehen hättest! es war, als ob sie sich totweinen, als ob ihr das Herz brechen müßte. Hätte ich's gelitten, sie hätte mir flehend die Hände geküßt. Stundenlang haben wir hin und her gesprochen, und ich habe getan, was ich konnte, um unsere Herzensrechte zu verteidigen. Ich habe der Mutter gesagt, daß ohne Dich nicht nur von keinem Glück, sondern überhaupt von keinem Leben für mich die Rede sein könne; ich habe sie gefragt, wie sie, die alles für ihre Liebe getan und hingegeben hat, von uns Entsagung verlangen dürfe – es war umsonst. Sie geriet bei meinem Widerspruch in eine Aufregung, die mich das Schlimmste befürchten ließ, und so blieb mir endlich nichts übrig, als mich zu fügen, das heißt, in unsere Abreise zu willigen und für eine Weile jeden Verkehr mit Dir aufzugeben. Du wirst mich hoffentlich nicht falsch verstehen, geliebter Friedrich! Ich weiß, daß der Versuch, mich von Dir loszureißen, vergeblich ist; aber um der Mutter willen muß ich ihn machen oder vielmehr den Anschein annehmen, als ob ich ihn machte, bis sie sich gefaßt und beruhigt hat. Jetzt ist sie krank vor Angst, daß Onkel Anton ausführen könnte, was er ihr oder vielmehr Dir und mir angedroht hat. Was es ist, will die Mutter nicht sagen; aber so groß ist ihre Furcht, daß ich sie kaum daran hindern konnte, bei Nacht und Nebel aufzubrechen, um sich den Augen des Bruders zu entziehen, und leider auch den Deinigen. Du müßtest unsere Spur verlieren, dürftest nie wieder von uns hören, sagte sie; das hätte Onkel Anton zur Bedingung gemacht. Es ist vielleicht ein Unrecht gegen die Mutter, daß ich Dir das schreibe. Aber es wäre meinem Gefühl nach ein ebenso großes Unrecht, heimlich fortzugehen und Dich in der Qual der Ungewißheit zu lassen. Ach, Friedrich, Friedrich! ich weiß so nicht, wie ich es aushalten soll, auf unbestimmte Zeit von Dir getrennt zu sein und nicht einmal brieflich einen Liebesgruß mit Dir austauschen zu können. Wäre die Mutter nicht so ganz vereinsamt, ich hätte mich nicht dazu bringen lassen. Später . Die Mutter ist erwacht; ihr Fieber ist stärker geworden und ebenso ihre Unruhe. Ich habe zum Arzt geschickt. Er erklärt, daß an Reisen nicht zu denken ist; aber die Kranke bleibt dabei, daß wir noch heute aufbrechen müßten. Geschieht es, so bekommst Du schriftlich oder telegraphisch Nachricht. – Ach! ich habe ja versprochen, den Verkehr mit Dir abzubrechen. Sag mir, was ich tun soll, sag mir, was recht ist – ich weiß es nicht mehr. Leb wohl, die Mutter ruft. Wenn ich Dich jetzt nicht wiedersehe – der Mutter wegen muß ich auf Deinen Abschiedsbesuch verzichten –, so bleibe mir wenigstens in Gedanken nahe. – Leb wohl, leb wohl! Glaube an Deine Käthe.« Friedrich antwortete in fliegender Eile: »Wenn alles wäre wie sonst, meine Käthe, käme ich augenblicklich selbst statt dieser Zeilen, denn ich gestehe keinem Menschen weder das Recht zu noch die Macht, uns zu trennen. Aber es liegen heute so wichtige Aufgaben vor, daß ich mich nicht sogleich freimachen kann und Dich jetzt nur schriftlich bitte, alles zu tun, um Deine Mutter, wenigstens solange sie krank ist, von ihren Reiseplänen abzubringen. Das Weitere findet sich dann. Ich glaube zu wissen, Geliebte, womit mein Vater Deine arme Mutter bedroht hat. Wenn ich es aber weiß, wenn wir es wissen und ich ihm das sage, so ist ihm die Waffe genommen. Sobald ich ihn allein habe, werde ich mit ihm sprechen. Auf Wiedersehen heute abend – ich hoffe Deine Mutter dann schon von den Gespenstern, die sie schrecken, befreien zu können. Fasse Mut, geliebtes Herz – auf Wiedersehen!« Das sollte ihnen heute jedoch nicht zuteil werden. Die Kriegsnachrichten wuchsen von Stunde zu Stunde und mit ihnen sowohl die Aufregung in Stadt und Umgegend, wie das Zusammenströmen der Geschäftsfreunde im Hause des Konsuls. Selbst bei Tisch waren Vater und Sohn nicht allein. Friedrich mußte darauf verzichten, zur Sprache zu bringen, was ihm so sehr am Herzen lag. Es war schon viel, wenn er zu dem Ritt nach Fischdorf Zeit fand. Aber ehe er sie fand, kam ein zweiter Brief von Käthe, der ihn bewog, auf den Besuch zu verzichten. »Lieber Friedrich!« schrieb sie, »wir bleiben vorläufig hier; die Mutter fühlt selbst, daß sie nicht reisen kann. Zu ihrer Beruhigung habe ich das dem Onkel geschrieben – Du glaubst nicht, wie schwer mir die paar Zeilen geworden sind! – Laß mich wissen, wie er sie aufnimmt, und ob ich hoffen darf, daß er die Mutter jetzt nicht weiter quält. Jede Gemütsbewegung, sagt der Arzt, könnte schlimme Folgen haben. Darum muß ich Dich auch, so weh es mir tut, inständig bitten, komm heute nicht! – ich darf die Mutter nicht verlassen, nicht auf eine Viertelstunde. Du glaubst zu wissen, womit Onkel Anton die Mutter bedroht hat? Ist es das Ende der Gartenszene, das wir beide ahnen? – Meinst Du, daß Onkel Anton meinem Vater ...? Ich kann's nicht ausschreiben, und wenn ich mir vorstelle, daß es von anderen ausgesprochen werden könnte ... Friedrich! glaubst Du wirklich, daß wir diesen Erinnerungen Trotz bieten dürfen? – Haben nicht die Unserigen recht, wenn sie sagen, daß wir dadurch auf immer geschieden sind? Da wurde ich abgerufen – ich schreibe mit immerwährenden Unterbrechungen – nun ist die Verzagtheit überwunden und ich glaube wieder, daß wir gegen das Verhängnis ankämpfen dürfen, das uns zu trennen droht. So einfach, wie Du Dir vorstellst, wird es aber nicht zu besiegen sein. Wie soll ich, wenn sich das Schreckliche bestätigt, das wir ahnen, den Mut finden, der Mutter zu gestehen, daß ich die ganze Wahrheit kenne? – Mir ist, als ob sie daran sterben könnte, und jedenfalls würde sie durch diese Mitteilung noch einsamer und ärmer, als sie bis jetzt schon ist. Sie würde nicht glauben, daß meine Liebe und Verehrung für den Vater dieselben geblieben sind wie früher; würde nicht mehr in der alten Weise, als von einem Manne ohne Furcht und Tadel, von ihm zu sprechen wagen; würde gleichsam eine Schranke zwischen ihrer Empfindung und der meinigen fühlen, während wir bisher im Kultus unseres geliebten Toten ein Herz und eine Seele gewesen sind. Die Mutter ruft und der Brief muß fort. Leb wohl! ich lege Dir meine Sorgen und Zweifel ans Herz – vielleicht findest Du einen Ausweg.« Im ersten Moment war Friedrich in Versuchung, trotz Käthes Verbot nach Fischdorf hinauszureiten, um sie zu überzeugen, daß sie in der Rücksicht für die Mutter zu weit gehe; aber dann sagte er sich selbst, daß sie gewiß nicht ohne Not auf sein Kommen verzichtet hätte, und bezwang sein Verlangen. Wenn er gewußt hätte, wie oft sie ans Fenster trat, als die Stunde kam, die ihn sonst zu ihr brachte! Aber er blieb gehorsam, und beiden verging der Abend in schweren Gedanken und wachsender Sehnsucht. Und dann kam eine qualvolle Nacht für Käthe und die Kranke, die in ihren Fieberphantasien immer wieder fragte: ob ihr Bruder noch nicht geschrieben hätte? oder ihn am Bette stehen sah, sich beschwerte, daß ihr seine Augen weh täten, und ungestüm fort verlangte. Erst gegen Morgen wurde sie ruhiger und schlief ein. Käthe machte sich Vorwürfe, dem Ausspruch des Arztes nicht zuwider gehandelt und die Mutter in andere Umgebung gebracht zu haben. Wenn es irgend möglich war, wollte sie das im Laufe des heutigen Tages tun. Aber die Morgenpost brachte eine Antwort des Onkels, die Käthe dieser Aufgabe enthob. Es war ein großes, an Mrs. Brown adressiertes, mit dem Konsulatssiegel geschlossenes Kuvert; das einliegende Briefblatt, ohne Anrede und Unterschrift, enthielt nur die Worte: »Unter den jetzt eingetretenen Verhältnissen habe ich nichts dagegen einzuwenden, daß meine Schwester ihre Genesung in Fischdorf abwartet.« Die Augen der Kranken leuchteten auf, als sie die Zeilen las. »Nun bleiben wir, liebe Käthe,« sagte sie; »nun kann noch alles gut werden! Es tut Anton leid, so hart gegen mich gewesen zu sein ... dies ist der erste Schritt zur Versöhnung.« Käthe schwieg; sie war anderer Ansicht, hatte eine andere Antwort erwartet. So schwer es ihr geworden war, an den Onkel zu schreiben, sie hatte sich doch bittend an ihn gewendet, sich als seine Nichte unterzeichnet, und nun ignorierte er sie so vollständig! Immer unfreundlicher erschien ihr das Bild des unbekannten Onkels, und wie unfreundlich war sein Brief! – oder hatte sie falsch gelesen? – Während die Mutter wieder einschlief und die bisherige Spannung ihrer Züge in ein sanftes Lächeln überging, nahm Käthe das Blatt und las noch einmal die wenigen, mit steifen, eckigen Zügen geschriebenen Zeilen: »Unter den jetzt eingetretenen Verhältnissen habe ich nichts dagegen einzuwenden, daß meine Schwester ihre Genesung in Fischdorf abwartet.« »Unter den jetzt eingetretenen Verhältnissen!« wiederholte Käthe. Was wollte der Onkel damit sagen? – was war anders geworden, seit er die Schwester gesehen hatte? Plötzlich fuhr sie aus ihren Gedanken auf; war das nicht Friedrichs Schritt im Wohnzimmer? Geräuschlos eilte sie an die Tür, öffnete leise und lag im nächsten Augenblick in seinen Armen. »Du! du!« mehr konnte sie nicht sagen; alle Angst und Qual der letzten Stunden schien noch einmal auf sie einzustürmen; das Gesicht an seine Schulter drückend, brach sie in Tränen aus. »Geliebte, fasse dich!« bat er, sie zum Sofa führend, wo er sich an ihre Seite setzte; »für den Abschiedsschmerz ist später Zeit. In dieser letzten Stunde des Beisammenseins haben wir viel zu besprechen.« Sie starrte ihn an. »In dieser letzten Stunde,« wiederholte sie; »was soll das heißen?« »Hast du es nicht erfahren? weinst du nicht darum?« fragte er; und sie an sich ziehend, fügte er hinzu: »Ich komme, dir Lebewohl zu sagen; es wird mobil gemacht ... Du weißt, ich bin Landwehroffizier ... morgen muß ich mich beim Regimente einstellen. Sei mein tapferes Herz!« »Krieg!« rief Käthe; »ich habe bis jetzt nicht daran glauben können ... und du mußt mit?« – Wie in Todesangst krampfte sich ihr Herz zusammen, aber sie bezwang sich; Friedrich hatte recht – sie mußte tapfer sein, wie er es war. Alle Kraft und Selbstbeherrschung aufbietend, erzählte sie ihm von des Onkels Brief, dessen Bedeutung ihr jetzt klar wurde. »Nur weil du fortgehst, läßt er uns hier,« fügte sie hinzu; »meine Mutter hatte schon große Hoffnungen auf diese Erlaubnis zum Hierbleiben gebaut.« »Auch mir erleichtert sie den Abschied,« sagte Friedrich. »Mir ist, als wären wir uns näher, solange dich meine Gedanken in bekannter Umgebung aufsuchen können. Wenn es im Spätherbst und Winter nicht zu unwirtlich wäre, würde ich deine Mutter bitten, sich hier festzusetzen, damit ich euch bei der Rückkehr wiederfände.« »Hältst du das für möglich?« fragte sie. »Wenn deine Rückkehr in Aussicht steht, werden wir sicherlich vom Onkel fortgetrieben, und wie weit die Mutter in ihrer Angst dann flüchtet ...« »Dazu darf es nicht kommen,« fiel Friedrich ein. »Zur Aussprache mit dem Vater habe ich bis jetzt leider nicht Zeit gefunden, und es ist möglich, daß ich sie vor dem Abschied nicht mehr finde. Aber Hellborn, der um alles Bescheid weiß, wird ihm, wenn es not tut, die Eröffnung machen, daß auch wir beiden längst schon alles wissen.« Käthe wechselte die Farbe. »Also ist es ... ist es wahr?« flüsterte sie; »woher weißt du das?« »Hellborn hat es mir heute früh auf dringendes Verlangen eingestanden,« antwortete Friedrich. »Dein Vater hat dem treuen Menschen von Schweden aus, gleich nachdem mein Vater gestorben war, einen verzweiflungsvollen Brief geschrieben, durch den alle Anklagen seines Schwagers Anton bestätigt wurden ... Sieh nicht so unglücklich aus, Geliebte,« fügte er hinzu, indem er sie in die Arme zog. »Bedenke, es ist im Grunde nicht anders geworden ... Was wir Ahnung nannten, war schon mehr als das, war so gut wie Gewißheit. Hat sie bisher unsere Liebe nicht gestört, so soll sie das auch ferner nicht tun. Versprich mir, dich nicht wankend machen zu lassen, nicht einem falschen Pflichtgefühl unser Glück zum Opfer zu bringen ... versprich vor allem, daß du nicht – wie es deine Mutter verlangt – fortgehst, ohne mir Nachricht zu geben.« »Gewiß nicht, du kannst auf mich bauen,« antwortete sie; ich werde dir schreiben, wo ich auch sein mag ... Aber du weißt, wie leicht in Kriegszeiten Briefe verloren gehen. So können wir uns doch aus den Augen kommen ...« »Du hast recht, von den Zufälligkeiten der Feldpost darf unser Wiedersehen nicht abhängen,« sagte Friedrich, und nach einer Pause fuhr er fort: »Hellborn wird uns beistehen; er ist zwar feige, aber sonst zuverlässig und meint es gut mit dir und mir. Gib auch ihm Nachricht, wenn ihr den Aufenthalt wechseln solltet. Ich hoffe, daß es nicht geschieht – aber wenn du gehst, laß diese Vorsichtsmaßregel nicht außer acht.« »Gewiß nicht, du kannst darauf rechnen, ich schreibe dem alten Herrn,« antwortete Käthe. »Wenn er mir, wie du sagst, freundlich gesinnt ist, tut er mir vielleicht auch etwas zuliebe ... Bitte ihn,« fügte sie, mit ihren Tränen kämpfend hinzu, »bitte ihn, mir gleich Nachricht zu geben, wenn dir ... wenn dir etwas zustoßen sollte ... wenn du verwundet wärst oder krank ... Onkel Anton würde das wohl gleich erfahren ...« Friedrich hatte ihre Hände erfaßt: »Liebes Herz,« fing er an; aber mit einem Schreckensruf machte sie sich los, sprang auf und eilte auf die Tür des Nebenzimmers zu. Auf der Schwelle erschien ihre Mutter im langen, weißen Peignoir, mit blassem Gesicht und fieberheißen Augen. »Mütterchen, wie konntest du aufstehen!« sagte Käthe, umfaßte die wankende Gestalt und wollte sie ins Schlafzimmer zurückführen; aber sie sträubte sich dagegen. »Nein, nein, es kommt ein Gewitter, ich fühle es deutlich ... Du weißt, dann habe ich keine Ruhe ... laß mich hier bei euch,« bat sie, und zu Friedrich gewendet, der ebenfalls herangetreten war und die Kranke nach dem Ruhebett führen half, fügte sie hinzu: »Wie kommst du um diese Stunde nach Fischdorf? – bringst du mir etwa Botschaft von Anton?« Und während Käthe sie sorgsam in die Kissen bettete, sah sie mit erwartungsvollem Blick zu dem jungen Manne auf. »Nein, liebe Tante, ich habe den Vater heute morgen kaum gesehen,« antwortete er. »Es gehen wichtige Dinge vor. Von der feindlichen Haltung Frankreichs hast du gelesen ... es wird mobil gemacht ... ich bin hier, um Abschied zu nehmen.« »Hoffentlich nur blinder Lärm!« sagte die Tante. »Schwerlich!« antwortete Friedrich. »Wie du jetzt das kommende Gewitter empfindest, so glaube ich den nahen Ausbruch des Krieges zu fühlen.« Er schwieg einen Augenblick, dann fuhr er, Käthes Hand erfassend, mit bewegter Stimme fort: »Ehe ich so ernsten Dingen entgegengehe, möchte ich hier alles geordnet haben. Mein Vater hat dir gesagt, daß wir uns lieben ... er sträubt sich noch gegen unseren Bund, aber du, ... gib du uns deinen Segen!« Sie hatte sich aufgerichtet. »Nein, nein!« sagte sie und streckte abwehrend die Hände aus; »ich kann es nicht ... es wäre kein Heil für euch. Vergiß nicht, daß geschrieben steht: ›Der Mutter Segen baut den Kindern Häuser, aber des Vaters Fluch reißt sie nieder.‹« »Der Vater wird anderen Sinnes werden,« fing Friedrich an. »Niemals!« fiel ihm die Tante ins Wort. »Diesen Morgen, als sein Brief kam, habe ich das auch gehofft, aber nun sehe ich, warum er uns hier läßt! ... Nein, nein, er ist unbeugsam ... meine arme Käthe ist ihm verhaßt ... lieber als dich an sie verlieren, sagte er neulich, würde er dich tot im Sarge sehen ...« »Mutter!« rief Käthe vorwurfsvoll. Die Kranke sank in die Kissen zurück. »Ich hätte das wohl nicht sagen sollen?« fragte sie mit verstörter Miene. »Lieber Friedrich, du wirst doch keine schlimme Vorbedeutung darin sehen?« »Sei ruhig!« bat der junge Mann; »ich habe keinerlei Aberglauben, und so schlimm, wie es klingt, hat es der Vater sicher nicht gemeint. Und wenn er es hätte ... darauf Rücksicht nehmen kann und will ich nicht. Wenn ich wiederkomme – Gott gebe, daß es in nicht zu ferner Zeit geschieht – dann, liebe Käthe, ›gehör' ich mein und dein‹, wie es im Volksliede heißt.« Er wollte sie an sich ziehen, aber unfähig, ihre Tränen zurückzuhalten, machte sie sich los und eilte auf die Veranda. Friedrich ging ihr nach, trat an ihre Seite und sah – während sie, an seine Schulter gelehnt, die Angst ihres Herzens ausweinte – in das schnell aufsteigende Gewitter hinaus. Es war drückend schwül, jede Spur von Sonnenschein war verschwunden; das Meer lag in weißlich metallischem Glanze unter tiefdunklen, sich lautlos vordrängenden und durcheinander schiebenden Wolkenmassen. Fern am Horizonte entdeckten Friedrichs scharfe Augen ein Schiff, einen Dreimaster; er hatte die Segel eingezogen und schien nicht von der Stelle zu rücken. Kein Lufthauch war zu spüren, kein Blatt bewegte sich an Baum und Strauch, nur der Schrei der Möwen schrillte hin und wieder durch die unheimliche Stille. – Nun aber zuckte ein Blitz grellfarbig durch das Gewölk, ein Donnerschlag folgte, der Wind brach heulend los und aufrauschend antwortete das Meer, das plötzlich in breiten, dunklen, schaumgekrönten Wogen heranrollte, während eine Regenflut niederrauschte, ein Blitz dem andern folgte, der Donner krachte und vergrollte und vom wachsenden Wellengebraus verschlungen wurde, bis ein neuer Donnerschlag Wind und Wasser übertönte. Aufatmend sah Friedrich in den Kampf der Elemente hinaus. »Wie das wohltut!« sagte er; »nimmt es dir nicht den Druck von der Seele?« »Nein,« antwortete sie, sich enger an ihn schmiegend; »es ängstigt mich ... die Mutter hat mich angesteckt ... sie hat vorhin schon von schlimmen Vorbedeutungen gesprochen ... was wird sie nun erst sagen!« »So laß uns der guten Vorbedeutung trauen,« fiel Friedrich ein. »Sieh dort!« er deutete auf das Schiff, das jetzt unter dem Druck des Windes mit vollen Segeln schnell und sicher über die Wellen dahinflog. »Kinder, wo bleibt ihr denn?« rief die ängstliche Stimme der Kranken. »Wir kommen!« rief Friedrich zurück; dann schloß er Käthe in die Arme und küßte sie auf den Mund. »So nehme ich Abschied von dir und so werde ich dich wieder begrüßen,« sagte er; »denk an meinen Spruch: Man muß helfen, wenn Gott gutes Korn machen soll.« Sie sah durch Tränen lächelnd zu ihm auf; der alte, fröhliche Mut war wieder in ihren Augen. »Du sollst mit mir zufrieden sein; ich will mich tapfer halten,« sagte sie; dann gingen sie zu der Mutter zurück. Friedrich war fort; der Krieg war zum Ausbruch gekommen, und auch für Käthe hatte jenes schwere Tagewerk begonnen, das sie mit Hunderttausenden teilte: die Aufgabe, ihre Sorgenlast von Stunde zu Stunde, von Post zu Post zu tragen. Aber sie hielt Wort, sie blieb tapfer, auch als das Armeekorps, dem Friedrich angehörte, und das anfangs zur Verteidigung des Landes bestimmt gewesen war, nach dem Kriegsschauplatze berufen wurde. – Sie gab Friedrich recht, daß es ein Segen war, den Feind in Feindesland bekämpfen zu dürfen, statt ihm auf heimischem Boden zu begegnen. Mehr und mehr sah sie mit Friedrichs Augen, urteilte wie er, hoffte wie er und fühlte in jedem Worte, das er schrieb, seinen warmen, treuen Herzschlag. Äußerlich gingen ihre Tage gleichförmig hin. Die Mutter wurde zwar besser, blieb aber schwach und kleinmütig. Käthe verließ sie nur, um auf der Post Briefe und Zeitungen gleich nach der Ankunft in Empfang zu nehmen. Und dann eilte sie an den einsamen Strand hinunter – die meisten Badegäste waren nach Haus zurückgekehrt – und las, langsam den Rückweg verfolgend, die Liebesgrüße des geliebten Mannes oder die Zeitungsberichte über die Waffentaten unserer Heere. So hatte sie in Sonnenschein und Regen, bei Wind- und Wellenbrausen von den Kämpfen bei Saarbrücken und Spicheren, der Erstürmung des Geisbergs und der Entscheidungsschlacht bei Wörth gelesen, die den Elsaß an Deutschland zurückgab. Dann war, nach Tagen vergeblichen Wartens, einmal wieder ein Brief von Friedrich gekommen, aus einem kleinen französischen Grenzorte datiert. Er schrieb, daß sein, im eiligen Vormarsch begriffenes Korps sich in den nächsten Tagen mit der zweiten Armee zu vereinigen und endlich in die Aktion einzutreten hoffe. Dann wurde am 16. August die Schlacht von Mars-la-Tour mit dem furchtbaren Waldgefecht von Vionville geschlagen, und zwei Tage später kam der heiße, blutige Tag von Gravelotte, zu dessen siegreichem Ausgang – wie die Telegramme berichten – zuletzt noch die Pommern entscheidend mitgewirkt hatten. So war denn Friedrichs Wunsch erfüllt, er hatte im Feuer gestanden! Wie im Fieber las Käthe, was die Zeitungen in den nächsten Tagen von den Episoden der Schlacht erzählten, in der auf allen Seiten mit Heldenmut gekämpft worden war, und mit quälender Deutlichkeit zeigte ihr die Phantasie, was sie gelesen hatte, so daß es wie die Erinnerung an Selbsterlebtes vor ihr stand. Am schlimmsten war es nachts, wenn sie, plötzlich aus dem Schlafe aufschreckend, dalag und lauschte. Dann klang es durch das Rauschen der Meereswogen wie das Getöse einer fernen Schlacht, das näher und näher kam, bis sie die einzelnen Stimmen der gewaltigen Todessymphonie unterscheiden konnte: den Donner der Kanonen, das Knattern des Gewehrfeuers, Trommelwirbel, Trompetensignale, Wutgeschrei und Todesröcheln. Dabei stiegen im Dämmerschein der Sommernacht Bilder um Bilder auf; ein nebelhaftes Durcheinanderdrängen unfaßbarer Schemen, das sich nach und nach zu festumrissenen Gestalten, Gruppen und Szenen verdichtete. Bald war es die Einnahme von Ste. Marie aux Chenes, bald der hartnäckige Kampf um den Wald von Genivaux oder die Erstürmung von St. Privat und der Höhen von Armanvillers. Am deutlichsten aber sah oder vielmehr durchlebte sie die letzte Episode der Schlacht, den Kampf der Pommern bei Gravelotte, dessen Beschreibung sich ihr bis auf jede Einzelheit eingeprägt hatte. Zwischen bewaldeten Höhen, durch den engen Taleinschnitt der Mance stürmen sie heran, über die Brücke von St. Hubert, dem mörderischen Feuer der Mitrailleusen und Chassepots entgegen, womit sie der Feind von der Höhe des Plateaus Moscou-la-ferme begrüßt. »Festgeschlossen, Leute, vorwärts!« rufen die Offiziere; die Tambours schlagen Sturmmarsch, die Hornisten blasen »schnell avancieren«, ans allen Reihen erschallt nicht endendes Hurra! So geht es die Höhe hinan, während die feindlichen Kugeln verderbenbringend in die Reihen der Anstürmenden einschlagen und ihre eigene Korpsbatterie über ihre Köpfe hinweg das Plateau beschießt. Ein mörderischer Kampf beginnt. Die Sonne geht unter, die Dunkelheit bricht herein; auf allen Punkten des weiten Schlachtfeldes wird es ruhig – nur hier oben dauert das wütende Ringen noch Stunde um Stunde fort, beleuchtet durch die Flammen des brennenden Gehöftes von Point du jour, und das immer wieder ausbrechende Mitrailleusen- und Chassepotsfeuer des Feindes, der langsam, jeden Fuß breit Erde verteidigend, zurückweicht, und endlich, endlich, nach einer abermaligen Massensalve, plötzlich verstummt. – Auch dies Stück des Schlachtfeldes ist unser! und nun wird es auch hier oben still – nur das Ächzen der Verwundeten steigt zu dem dunklen Nachthimmel auf. Ist Friedrichs Stimme darunter? oder liegt er, auf immer verstummt, unter den Haufen von Leichen, die den blutgetränkten Boden bedecken? – Mit einem Angstschrei fährt Käthe empor – und plötzlich ist der Spuk verschwunden, nur das gleichmäßige Rauschen der See ist zu hören, und der stille Dämmerschein der Sommernacht liegt über Meer und Land. Und dann kam der Morgen wieder, und das Hoffen und Warten von Post zu Post begann aufs neue. – Und endlich – Käthe war zumut, als hätte sie seit Monaten vergebens gewartet – wurde ihr am Postschalter ein Kuvert mit der geliebten Handschrift gereicht. Sie mußte allein sein, ehe sie lesen konnte, und eilte, achtlos für alles, was sie umgab, zum Strande hinunter. So sah sie auch nicht, daß am Gasthause ein alter Herr, der eben einem Einspänner entstiegen war, Miene machte, auf sie zuzutreten. Erst am Meere unten hemmte sie den Schritt und erbrach den Brief; aber ihre Erwartung wurde getäuscht – er war vor der Schlacht von Gravelotte geschrieben und enthielt nur die Worte: »Eben haben wir Befehl erhalten, in den Kampf mit einzugreifen. Wir alle sind von dem Verlangen erfüllt, unsere Pflicht zu tun, und von der Hoffnung begeistert, endlich auch zum Siege unserer Waffen helfen zu dürfen. Laß dich in dieser ernsten, schönen Stunde innig grüßen, meine Käthe, und vergiß nicht, daß wir im Leben wie im Tode in Gottes Hand sind.« »Im Leben wie im Tode!« wiederholte Käthe, während sie mit zitterndem Herzen über das ruhig wallende, von Sonnenlichtern überstreute Meer hinaussah. War es möglich, daß er, dessen Bild ihr so lebensvoll vor der Seele stand, nicht mehr in dies schöne, sonnige Leben hineingehörte? Eine fremde Stimme, die ihren Namen nannte, entriß sie ihren Gedanken; sich hastig umsehend, erblickte sie einen alten, hageren, kahlköpfigen Mann, der mit dem Hut in der Hand ehrfurchtsvoll wiederholte: »Miß Kate Brown, nicht wahr? ... Ich bin Hellborn,« fügte er hinzu. Käthes Herz stand still. »Sie haben Nachricht ... er ist tot?« fragte sie kaum hörbar. »Nein, Gott sei Dank, so schlimm ist es nicht!« antwortete Hellborn; »nur verwundet ist der junge Herr ... der Herr Konsul haben heute früh die Nachricht bekommen.« »Verwundet!« wiederholte Käthe, und ihre Augen füllten sich mit Tränen, obwohl diese Kunde nach dem, was sie einen Augenblick gefürchtet hatte, wie Erlösung klang. Das sagte sie sich auch selbst, und sich gewaltsam zusammennehmend, fügte sie hinzu: »Was wissen Sie sonst noch? ist er schwer verwundet? – wo ist er? – bitte, sagen Sie mir alles!« Hellborn schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht viel mehr, als was ich schon gesagt habe,« gab er zur Antwort. »Der Herr Konsul haben mich den Brief nicht lesen lassen, den ein Kamerad des jungen Herrn geschrieben hatte; auch den Ort, wo sich das Feldlazarett befindet, haben der Herr Konsul nicht genannt ...« »Aber die Art der Verwundung kennen Sie doch wohl?« fiel Käthe ein. »Ja, eine Beinwunde ist's,« antwortete Hellborn; »ob aber leicht oder schwer, weiß ich nicht zu sagen. Nur daß Herr Friedrich starkes Wundfieber hat, steht noch in dem Briefe, und daß sich die Anverwandten nicht ängstigen möchten – seine gute Natur würde gewiß alles überwinden, und für die rechte Pflege wäre gesorgt ... so wollen wir denn das Beste hoffen!« Der alte Mann trocknete sich die Augen. »Das wollen wir!« sagte Käthe, ihm die Hand reichend. »Und nun kommen Sie mit zur Mutter. Sie hat oft von Ihnen gesprochen und wird sich freuen, Sie einmal wiederzusehen.« Hellborn hatte zögernd Käthes Hand erfaßt und schnell wieder losgelassen. Er sah noch verschüchterter aus als gewöhnlich. »Mitgehen ... sehr gern ... es wird mir eine Ehre sein!« antwortete er, an ihrer Seite hinschreitend. »Ich wäre gern schon mal gekommen, aber der Herr Konsul hätten es nicht gern gesehen ...« »Um so gütiger ist es von Ihnen, daß Sie mir heute Nachricht gebracht haben,« sagte Käthe, als Hellborn plötzlich abbrach. Er nahm den Hut ab und trocknete sich die Stirn. »Nein, ich kann's nicht aushalten, daß Sie mich darum loben!« rief er; »und wenn Sie mich dabei mit den guten Augen so freundlich ansehen ... nein, lieber will ich's gleich eingestehen, daß ich nicht aus Freundschaft für Herrn Friedrich gekommen bin und auch nicht, um Ihnen was zuliebe zu tun, sondern weil mich der Herr Konsul hergeschickt haben.« »Onkel Anton!« sagte Käthe und ihre Augen leuchteten auf. »Hat ihn die Sorge um Friedrich versöhnlich gestimmt?« Hellborn schüttelte den Kopf. »Ach nein, Fräulein Käthe, der Herr Konsul sind nicht von denen, die im Unglück demütig werden,« antwortete er; »im Gegenteil, Sie steifen sich dann erst recht auf und wollen nichts von Nachgeben wissen ... Hierher haben Sie mich auch nicht aus gutem Herzen geschickt ... Sie haben mir vielmehr einen Auftrag gegeben ... ich hätte ihn gar nicht annehmen sollen ... Aber der Herr Konsul haben eine Art zu befehlen und einen dabei anzusehen ...« »Hat er plötzlich wieder Lust, uns hier fortzutreiben?« fragte Käthe. »Wenn Sie das etwa der Mutter sagen sollen ...« »Durchaus nicht!« fiel Hellborn ein. »Im Gegenteil – wenn ich den Herrn Konsul richtig verstanden habe, so liegt ihm gerade daran, daß Sie hier bleiben. Ich sollte nämlich ausspionieren, ob Herr Friedrich auch Ihnen Nachricht geschickt hätte, und ob Sie etwa daran dächten, hinzureisen, um ihn zu pflegen ... Der Herr Konsul würden dann Schritte tun, um dies zu verhindern.« »Die Mühe kann sich der Onkel ersparen,« sagte Käthe halb bitter, halb verächtlich. »Auch spionieren zu lassen, ist nicht nötig. Sagen Sie ihm, daß ich keine Nachricht von Friedrich habe, daß ich nicht weiß, wo er ist, aber auch, wenn ich's wüßte, der Mutter wegen nicht daran denken dürfte, zu ihm zu gehen ... Nachgesonnen, wie es möglich zu machen wäre, wenn er verwundet werden sollte, und mich gesehnt, es zu können, habe ich, seit ich weiß, daß er im Kampfe gewesen ist ... Und wenn es schlimmer mit ihm werden sollte, wenn er je nach mit verlangte ...« Ihre Stimme versagte; eine Zeitlang gingen sie schweigend weiter. »Fräulein Käthe!« fing Hellborn endlich schüchtern an; sie schrak zusammen, ihre Gedanken waren weitab gewesen. »Fräulein Käthe, ich möchte mich Ihnen hier empfehlen,« fuhr er fort. »Sie haben eine schlechte Meinung von mir gefaßt ... Sagen Sie mir nichts dagegen, es ist nicht anders möglich! Und nun zu der Frau Mutter zu gehen und bei jedem Worte denken zu müssen, Sie könnten das wieder für ein Aushorchen halten ...« »Kommen Sie nur,« sagte Käthe, die mit dem alten verängstigten Manne Mitleid fühlte. »Kommen Sie, die Mutter wird sich freuen.« Er schüttelte den Kopf. »Heute nicht!« bat er in einem Tone, der Käthe zu Herzen ging. »Mir ist zu schlecht zumut ... ein Kreuz ist's, wenn man keine Courage hat! Wenn ich nur einmal zu dem Herrn Konsul sagen könnte: das tue ich nicht! – Aber wenn Sie mich mit den strengen Augen ansehen ... in ein Mauseloch möcht' ich mich verkriechen. So habe ich auch diesmal den Auftrag angenommen ... Das muß ich erst gutmachen, damit Sie Vertrauen zu mir haben können.« »Das habe ich jetzt schon,« sagte Käthe und reichte ihm die Hand. »Ich habe ja gesehen, daß Ihre Liebe sogar die Furcht vor Onkel Anton überwindet.« »Wie gut Sie sind!« rief Hellborn. »Ganz wie Herr Georg, der wußte einen auch immer aufzurichten ... wenn ich nur mal was für Sie tun könnte!« »Das können Sie,« sagte Käthe; »geben Sie mir Bescheid, wenn Nachricht von Friedrich kommt ... sagen Sie mir alles, auch das Schlimmste.« »Gewiß und wahrhaftig, Sie sollen alles hören, was ich erfahre,« gelobte Hellborn. »Vor dem Schlimmsten wird uns ja Gott der Herr in Gnaden behüten.« So schieden sie und Käthe ging zu der Mutter, ihr die eben empfangene Nachricht mitzuteilen. Christine brach in Tränen aus. »Meine arme Käthe,« sagte sie, »du wirst ihn verlieren; mache dich nur gleich darauf gefaßt! Ich habe das gewußt, sobald ich erfuhr, daß er mitmußte ... Wir sind nun einmal zum Unglück auserlesen ... wenn wir nur nicht hierher gekommen wären.« In dieser Stimmung blieb sie, und ihre Verzagtheit machte Käthes Aufgabe noch schwerer. Aber sie gab sich redlich Mühe, auch jetzt noch tapfer zu bleiben, und wenn ihre Kraft zusammenzubrechen drohte, wiederholte sie sich Friedrichs Worte, die letzten vielleicht, die er für sie geschrieben hatte: »Vergiß nicht, daß wir im Leben wie im Tode in Gottes Hand sind.« Endlich, nach langem, bangem Warten bekam auch Käthe Nachricht von dem Verwundeten. Er war mit einem der ersten Transporte in ein Heidelberger Hospital gebracht und befand sich, wie er Käthe durch einen Leidensgefährten schreiben ließ, in bester Pflege. Die Heilung der Wunde nahm erwünschten Verlauf, nur die Kräfte wollten nicht wiederkommen. Er hatte starken Blutverlust gehabt und eine ganze Nacht hilflos auf dem Schlachtfelde gelegen. Käthe solle sich aber nicht sorgen, fügte der Briefschreiber hinzu, er hatte ohne Friedrichs Vorwissen den Arzt gefragt und die tröstlichsten Zusicherungen erhalten. Briefe dürfe Friedrich empfangen und sehne sich sehr danach. So war denn wieder ein Verkehr von Herz zu Herzen hergestellt! Käthe schrieb dem Geliebten lange, glückselige Briefe, und schon dem nächsten Krankenbericht waren von Friedrichs Hand ein Paar Worte beigefügt. Aus den Worten wurden Zeilen, endlich kam ein Brief, der nur noch von fremder Hand adressiert war. Friedrich schrieb, es gehe ihm so viel besser, daß sein Weitertransport in Aussicht genommen sei; wahrscheinlich würde er nach Berlin gebracht, und dort hoffe er die Geliebte zu sehen. Sobald er Bestimmtes wüßte, sollte sie Bescheid haben. Käthe war selig. Wenn sie Friedrich wieder hatte, war alles gut – was weiter geschehen würde, fragte sie nicht. Die Mutter erklärte sich zu der Übersiedelung nach Berlin bereit; der Aufenthalt in Fischdorf war ihr längst unbehaglich, nur vor der Reise ins Unbestimmte, Zweck- und Ziellose hatte sie sich noch immer gescheut. »Ich bin mit allem einverstanden, was dir Trost und Freude geben kann,« sagte sie; »aber hoffe nicht zu fest ... du sollst sehen, es kommt noch etwas dazwischen.« Diesmal sollte sie recht behalten; in der Abenddämmerung des nächsten Tages – Käthe hatte ein Telegramm erhalten, das Friedrichs Abreise von Heidelberg meldete, und war schon mit Packen beschäftigt – kam ein expresser Brief von Hellborn. Auf die Nachricht, daß Friedrich nach Berlin geschafft werden solle, schrieb der alte Mann, wäre der Konsul, wahrscheinlich in der Besorgnis, daß seine Schwester und Käthe dorthin gehen könnten, heute nachmittag abgereist, um den Verwundeten nach Haus zu holen. Nach Haus! damit war Käthe von ihm abgeschnitten, wenigstens von dem persönlichen Verkehr mit ihm, und dazu bestand die Mutter darauf, trotz dieses Zwischenfalles die beabsichtigte Übersiedelung nach Berlin auszuführen. »Du wirst es leichter ertragen, Friedrich nicht zu sehen, wenn du durch eine weitere Entfernung von ihm geschieden bist,« sagte sie. »Überhaupt wirst du dir deine Liebe aus dem Sinn schlagen müssen, armes Kind! – Je schneller und energischer du es tust, um so besser für uns alle.« Aber Käthe hoffte noch immer – auf was, hätte sie freilich nicht zu sagen gewußt – und bestürmte die Mutter so lange, bis sie wenigstens einen Aufschub der Reise erlangte. »Ich will ja nur hören, wie Friedrich den weiten Transport überstanden hat,« sagte sie, und dann schrieb sie an Hellborn und bat ihn dringend, ihr alles mitzuteilen, was er von dem Kranken erfahren würde. Am nächsten Morgen bekam sie die Nachricht, daß Friedrich in Berlin angekommen sei. Hellborn schrieb, der Konsul hätte telegraphiert, daß er dem Verwundeten einen Ruhetag geben müsse; erst zu dem Nachmittagszuge des folgenden Tages sollte der Wagen nach dem Bahnhofe geschickt werden. Sobald Friedrich angekommen wäre, fügte Hellborn hinzu, würde er telegraphieren und später ausführlich schreiben oder mündlich Nachricht bringen. In der ganzen Trennungszeit war Käthe keine Nacht so lang und schwer geworden wie diese. Wie sie es ertragen sollte, Friedrich so nahe zu wissen, ohne ihn zu sehen, begriff sie nicht, und ebenso unmöglich schien es ihr, den Willen der Mutter zu erfüllen und abzureisen. Die abenteuerlichsten Pläne, wie sie sich unter irgend einer Verkleidung in das Haus des Onkels wagen und Zutritt im Krankenzimmer erlangen könnte, gingen ihr durch den Sinn, aber im nüchternen Tageslicht gab sie dieselben wieder auf. Sie dachte auch daran, dem Onkel zu schreiben, ihn um eine, wenn auch noch so kurze Unterredung mit Friedrich zu bitten, war jedoch schon im nächsten Augenblick von der Erfolglosigkeit dieses Versuchs überzeugt. Und dann kam die Zeit, in der Friedrich von Berlin abfahren mußte. Immer größer wurde Käthes Unruhe, ihre Sehnsucht, von ihm zu hören, und die Sorge um ihn. Aber »die Stunde rinnt auch durch den rauhsten Tag« – und so kam auch die Zeit heran, in welcher Friedrich das Vaterhaus erreicht haben mußte und das versprochene Telegramm eintreffen konnte. Warum kam es nicht! Wieder und wieder sah Käthe nach der Uhr, las Hellborns Brief und studierte das Kursbuch; aber es blieb dabei: Hellborn hatte gleich nach Friedrichs Ankunft zu telegraphieren versprochen, und der Nachmittagszug mußte längst angekommen sein. Endlich hielt es Käthe nicht mehr aus; sie kam auf die Vermutung, das Telegramm könnte liegen geblieben sein, und machte sich auf den Weg, danach zu fragen. In Gedanken verloren eilte sie vorwärts und trat, als ihr in der engen Dorfgasse ein Wagen begegnete, ohne aufzusehen beiseite; aber eine bekannte Stimme rief ihren Namen, der Wagen hielt und Hellborn stieg aus, mit so verstörter Miene, daß Käthe, schon ehe er sprach, auf Schlimmes gefaßt sein mußte. »Was ist geschehen?« fragte sie, schnell herantretend, während er ihr die zitternde Hand entgegenstreckte. »O Fräulein Käthe ... das Unglück!« rief er. »Aber der Herr Konsul sind selber schuld – hätten Sie Herrn Friedrich in Berlin gelassen ...« »Was ist geschehen?« wiederholte Käthe; ihr Gesicht war marmorweiß, sie war wie versteinert vor Angst und Schrecken. »Die Wunde ist wieder aufgebrochen,« antwortete Hellborn. »Man hat Herrn Friedrich nicht bis nach Haus bringen können ... er liegt im Bahnwärterhäuschen an der Waldstation ... ein Herr, der bis dahin mit im Coupé war, hat mir Bescheid gebracht. Zum Glück ist unter den Reisenden ein junger Arzt gewesen, der ist dort geblieben ... aber unser Herr Medizinalrat fährt auch noch mit dem nächsten Zuge hin ...« »Ich fahre mit!« fiel Käthe ein. Hellborn sah nach der Uhr. »Wenn Sie nur noch hinkommen,« sagte er; »ich habe eine halbe Stunde verfahren, ehe ich den Herrn Medizinalrat antraf. Aber später geht noch ein Packzug ...« »Warten kann ich nicht!« fiel Käthe wieder ein. »Geben Sie mir Ihren Wagen, lieber Hellborn, und gehen Sie zur Mutter, ihr Bescheid zu bringen ... Vielleicht kommen Sie mir nach ... Wie heißt die Station?« »Waldstation ... es ist die zweite von hier ab,« antwortete Hellborn, und ihre Hand erfassend, fügte er ängstlich hinzu: »Sie können doch nicht allein hinfahren ... fürchten Sie sich denn nicht vor dem Herrn Konsul?« Sie sah ihn mit großen Augen an. »Nein!« sagte sie, »ich fürchte nur ...« Damit brach sie ab. machte sich los und stieg in den Wagen. »Schnell nach der Stadt zurück, nach dem Bahnhofe!« rief sie dem Kutscher zu, und während dieser umlenkte, sah Hellborn, wie sie, die Hände im Schoß gefaltet, unbeweglich dasaß und vor sich hinstarrte. »Die stirbt Herrn Friedrich nach, wenn wir das Unglück haben sollten!« sagte Hellborn zu sich selbst und schlug schweren Herzens den Weg zur Strandvilla ein. »Lebt er noch?« fragte sich Käthe, als sie im stillen, goldigen Herbstsonnenschein dahinfuhr. Aber während sie nichts anderes denken konnte, und jeder Schlag ihres Herzens diese bange Frage wiederholte, blieben ihre Sinne für jeden Eindruck empfänglich. Sie spürte den kräftigen Geruch des Tannenwaldes, den die Straße durchschneidet; sie sah, wie in der klaren Luft weiße Fäden hinzogen und wie die Ebereschen zur Seite des Weges im roten Beerenschmuck prangten; sie hörte das süße Singen der Stare, die hin und wieder auf den Bäumen rasteten, das Krächzen einer vorüberfliegenden Krähenschar und das langgezogene Rauschen der Tannenwipfel. Und dann kam sie an freies Feld; ein Schäfer trieb seine Herde darauf hin. Und dann kamen Gartenhecken und kleine Häuser, und eine Gartenmauer mit eisernem Gittertor, und ein Pavillon mit geschlossenen Fensterläden. Das war der Schauplatz jener Unglücksszene, die Onkel Antons Antipathie zum Haß gesteigert hatte und vielleicht heute noch – nach beinahe zweiundzwanzig Jahren – ein neues Opfer forderte. Und nun rasselte der Wagen über das Pflaster der Stadt; da war der Hafenplatz wieder, dort das Fenster, an dem Käthe an jenem Maiabend gesessen und von Friedrich geträumt hatte; da war sein Vaterhaus ... ob er es jemals wiedersah? Weiter ging es, zur andern Seite der Stadt hinaus, und endlich war der Bahnhof erreicht. Der Zug stand da, und bald saß auch Käthe in einem der Coupés – wie sie dahin gekommen war, wußte sie nicht – und die teilnehmend-neugierigen Blicke der Mitreisenden taten ihr weh, und der Lärm der Abfahrt drang betäubend auf sie ein; und während sie wieder jede Einzelheit unterschied: das Laufen und Rufen der Schaffner, das Rollen der Gepäckkarren, das Zuschlagen der Türen, den grellen Klang der Perronglocke, das Zischen, Puffen und Pfeifen der Maschine, horte sie immer das schreckliche: »Lebt er noch?« – und dann bildeten die rasselnden Schläge des schneller und schneller fortschießenden Zuges die taktmäßige Begleitung dazu, während Felder, Wälder und Dörfer auftauchten und verschwanden, und immer neue Felder, Wälder und Dörfer – – stundenlang, tagelang, eine Ewigkeit – wie es ihr schien – und immer dasselbe taktmäßige Rasseln und Schlagen zu der Frage: »Lebt er noch? – lebt er noch?« Endlich hieß es: »Waldstation!« Käthe stand auf dem Perron und der Zug brauste weiter. Da war eine kleine, offene Wartehalle, ein kleines Gelaß für den Billettverkauf und jenseit eines Fahrweges, der sich zur Rechten und Linken der Bahn im Walde verlor, ein Wärterhäuschen. Sich gewaltsam aufraffend, ging Käthe darauf zu; ein korpulenter Herr in mittleren Jahren, der mit ihr ausgestiegen war, überholte sie und trat hinein. »Der Medizinalrat!« sagte sie zu sich selbst. Jetzt hatte auch sie die offene Tür erreicht; Stimmengemurmel war zu hören. »Lebt er noch?« schrie ihr Herz, und die Hände zusammenpressend, trat sie über die Schwelle. Der enge Raum war ganz erfüllt von Sonnenlicht; es überströmte auch das Lager, auf dem Friedrich gebettet war; bleich, regungslos, mit geschlossenen Augen lag er da. Der Medizinalrat und ein junger, dunkelhaariger Mann – wahrscheinlich der Arzt, der, wie Hellborn erzählt hatte, zum Beistande des Verwundeten hiergeblieben – waren um ihn beschäftigt. Der Konsul – Käthe ahnte, daß er es war – stand, ihr den Rücken zuwendend, am Fußende des Bettes. Käthe blieb atemlos lauschend am Eingange stehen, und wieder sah und hörte sie alles, was vorging, obwohl ihre ganze Seele von der tödlichsten Angst um Friedrich erfüllt war. »Der Blutverlust ist schon während der Fahrt sehr bedeutend gewesen, und ich habe Mühe gehabt, ihm Einhalt zu tun,« sagte der junge Arzt. »Jetzt ist der Verband wieder in Ordnung, aber ...« »Sie haben doch keine ernsten Befürchtungen, Herr Medizinalrat? – Herr Doktor?« fiel der Konsul ein, und die sonst so harte, kalte Stimme bebte. Der Medizinalrat zuckte die Achseln. Er prüfte nochmals Puls und Herzschlag, dann richtete er sich auf und sagte dem jüngeren Kollegen ein Paar lateinische Worte, die Käthe nicht verstand. »Wenn ich nur einen jungen, kräftigen Menschen herbeizuschaffen wüßte,« antwortete der jüngere Arzt. »Ich möchte eine Transfusion vorschlagen ... die nötigen Instrumente habe ich zufällig im Handkoffer. Aber die nächste Ortschaft ist, wie ich höre, anderthalb Stunden weit, und der Bahnwärter kann seiner Funktion wegen nicht fort.« Transfusion – das Wort mußte Käthe vom Vater gehört haben ... ja, sie besann sich auf die Bedeutung desselben: in die Adern des an Erschöpfung Hinsterbenden sollte Blut eingespritzt werden. Aufatmend trat sie heran – »Gott Dank, daß ich zur rechten Zeit gekommen bin!« sagte sie zu sich selbst und laut fügte sie hinzu: »Ich bitte Sie, mein Blut zu nehmen.« Überrascht sahen sich die drei Männer nach ihr um, sie aber beugte sich, alles andere vergessend, über den Geliebten. »Friedrich ... lieber Friedrich!« flüsterte sie; er schien sie nicht zu hören; die Augen blieben geschlossen, die Hände lagen wie leblos auf der Decke, sein Atem war kaum zu spüren. Käthe richtete sich auf; die kostbare Zeit durfte nicht mit Klagen verschwendet werden. Der Konsul trat auf sie zu; sein böser Blick lag fest auf ihr; sie hielt ihn aus. Seine Absicht war, das junge Mädchen zurückzuweisen; aber war es die Sorge um Friedrich, die ihn lähmte, oder scheute er sich, den neuen Familienzwist vor Fremden zu zeigen, oder rührte ihn Käthes Anblick, die heute ihres Vaters Schwester ähnlicher sah als je – er konnte nicht und ließ es geschehen, daß Käthe seine Hand ergriff. »Lieber Onkel, gestatten Sie den Versuch,« fing sie an; der junge Arzt fiel ihr ins Wort. »Es ist die einzige Möglichkeit der Rettung,« sagte er dringend. Der Konsul wendete sich zu dem Medizinalrat. »Ihre Meinung, lieber Doktor?« fragte er mit erstickter Stimme. Der Medizinalrat schüttelte den Kopf. »Ich habe wenig Hoffnung,« sagte er; »aber wir können es versuchen ... Es fehlt hier freilich an allen Hilfsmitteln: Gefäßen zum Aufsaugen des Blutes, warmem Wasser, Leinwand zum Verbinden.« Es wurde alles herbeigeschafft. Der Bahnwärter, der sich wie gerufen in diesem Augenblicke einfand, stellte zur Verfügung, was er an Tellern und Tassen besaß, holte Wasser und machte Feuer in seinem kleinen Ofen, während Käthe einige Taschentücher des jungen Arztes zu Binden zerschnitt, und er selbst seine Instrumente auspackte und instand setzte. Nach kurzer Zeit war alles in Bereitschaft. »Ich bemerke nochmals, daß ich wenig Hoffnung habe,« sagte der Medizinalrat. Aber Käthe wiederholte in Gedanken die Worte Friedrichs: »Im Leben wie im Tode sind wir in Gottes Hand«, und reichte vertrauensvoll den Arm hin zum Öffnen der Ader. Wieder kam es dröhnend, rasselnd, keuchend auf dem Schienenwege heran. Es war der Güterzug. Die Fahne in der Hand, stand der Bahnwärter auf seinem Posten und sah voll Erstaunen, daß der Zug, der sonst vorüberbrauste, anhielt, um einen alten, hageren Mann und eine schwarzgekleidete Frau absteigen zu lassen. Sie kamen auf das Häuschen zu, der Bahnwärter ging ihnen entgegen. »Liegt nicht bei Ihnen ein Verwundeter?« fragte der Mann. »Ist nicht eine junge Dame gekommen?« fiel ihm die Frau ins Wort. »Jawohl, jawohl, die Herrschaften sind alle da,« antwortete der Bahnwärter. »Spazieren Sie nur gefälligst hinein, wenn noch Platz ist ... Der junge Herr ist glücklich wieder zum Leben gekommen und das Fräulein ...« Christine hörte nicht weiter; sie eilte der offenen Türe zu. Noch immer war der kleine Raum von Sonnenschein durchleuchtet. Im Hintergründe lag Friedrich mit blassem, stillem Gesicht, die Augen auf Käthe gerichtet, die neben ihm auf einer Bank saß, dem einzigen Sitz des ärmlichen Gemaches. Aber was war ihr geschehen? – Halb ohnmächtig in sich zusammengesunken, lehnte sie an der Schulter des Onkels, der sie sorglich stützte, während ein Unbekannter mit blutbefleckter Binde ihren Arm umwand. Die Mutter stürzte auf sie zu. »Käthe! um Gottes willen, sie stirbt!« rief sie und wollte die Tochter umfassen, der Bruder hielt sie zurück. »Sei ruhig, Christine,« sagte er, ihre Hand ergreifend, und nie – solange sie denken konnte – hatte sie seine Stimme so weich und freundlich gehört. »Sei ruhig ... Dein Kind hat Friedrich gerettet ... wenn er gestorben wäre durch meine Schuld!« ... Seine Stimme versagte, aber nach kurzer Pause fügte er, den Kopf erhebend, leise hinzu: »Die Vergangenheit ist ausgelöscht, ich hoffe, sie werden füreinander leben und glücklich sein.« Die Hoffnung des alten Herrn ist in Erfüllung gegangen. Friedrich, seit Jahren der einzige Inhaber der Firma Friedrich Anton Richter , ist wieder frisch und kräftig wie vor dem Kriege und glücklich im Besitz der geliebten Frau und seiner drei schönen, begabten Kinder, die von Großmutter Christine und dem alten Hellborn um die Wette verzogen werden. Der Konsul hat, nachdem er sich aus dem Geschäft zurückgezogen, lange den Plan gehabt, nach Hamburg überzusiedeln. Er kann sich in das neue, fröhliche Leben im alten Giebelhause nicht recht einfügen, und zwischen ihm und Christine sind, trotz aller guten Vorsätze, die Schatten der Vergangenheit geblieben. Aber Käthe hat es ihm angetan, obwohl er das nicht zugibt und mehr förmlich als herzlich mit ihr verkehrt; daß es ihm schwer fallen würde, Friedrich zu entbehren, gesteht er jedoch selbst, und seitdem sich zu dem blonden Schwesternpaare Berta und Christine ein kleiner Anton gesellt hat, ist das Hamburger Projekt so gut wie aufgegeben. »Wer weiß,« sagt der alte Herr hin und wieder zu Hellborn, »wer weiß, wie bald ich aus dem lauten Hause in das allerstillste übersiedeln darf. So will ich denn die kurze Spanne Zeit noch aushalten.« Im Grunde wünscht er, daß diese Spanne nicht zu kurz sein möge. Elisabeth Goedicke Jens Larsen Roman Erstes Kapitel. »Vater!« rief Gesine Larsen laut über den Hof. Sie bekam keine Antwort. Einen Augenblick blieb sie noch in der Tür stehen, die vom Hause nach dem Hof führte, und sah sich nach allen Seiten um, da aber nirgends etwas zu hören oder zu sehen war, ging sie nach dem Kuhstall hinüber. Es war Melkzeit. Line, das Jungmädchen, lachte natürlich gerade und versetzte der ›Schwarzlotte‹ einen Schlag, weil sie nicht stillstehen wollte. Die beiden wurden immer nicht so recht miteinander fertig. Sie waren wohl beide noch nicht gesetzt und bedächtig genug. »Hest Vater nich' 'sehn?« rief Gesine ihr zu. »Nee!« Sie ging nun weiter, den Mittelgang entlang bis zum Jungvieh, wo sie jemand herumhantieren hörte. Es war der Kuhknecht, der beim Füttern war. Nun wiederholte sie ihre Frage und bekam die gleiche Antwort. Jens Larsen war nicht da und war auch nicht dagewesen. Sie hatte es nicht sehr eilig und blieb noch bei den Kälbern stehen. »De von de Bleß hett sick ober rutmakt,« meinte sie. »Jawoll, dat's nu unser Best,« sagte der Knecht. »Na, komm!« Sie wollte dem kleinen, rotbraunen Kalbe den Kopf krauen, aber es nahm die Liebkosung ungnädig auf, stemmte sich mit seinen steifen, dünnen, ungeschickten Beinen fest gegen den Boden und schob den ganzen Oberkörper so weit zurück, wie es ihm möglich war. »Lütt Dummerjahn!« lachte Gesine und wandte sich wieder zum Gehen. Wenn der Vater um diese Zeit nicht im Kuhstall war, dann wußte sie, wo sie ihn zu suchen hatte, und sie wunderte sich jetzt selbst, daß sie nicht zuerst dorthin gegangen war. Jens Larsen stand wirklich auf der Hohen Koppel hinter seinem Gehöft und schaute ins Land. In fast übermenschlicher Größe zeichnete sich seine hohe, kräftige Gestalt gegen den hellen Winterhimmel ab, wie er so unbeweglich, mit der Linken die Augen beschattend, dastand, trotzdem der Wind kalt vom Wasser heraufkam und ihn ungeschützt traf. Aber Jens Larsen kannte diesen Wind von Kindheit an – das waren nun fast fünfzig Jahre – und hatte sich noch nie vor ihm verkrochen. Vor ihm lag das Sundewitt und weiterhin die See, die mit weißen Wellen gegen das Ufer brandete. Er hörte das donnernde Getose bis hier oben. Das Land war mit Schnee bedeckt. In der Nacht war er gefallen in leichten, großen Flocken, die sich lose und weich in die Furchen der Äcker und Felder gelegt hatten, so daß die hartgefrorene braune Erde doch noch überall hindurchsah. Zu seinen Füßen unterhalb der Hohen Koppel lag der Larsenhof mit seinem alten, behaglichen Wohnhaus und den großen, weiten Scheunen und Ställen. Auch ringsherum die Wiesen, Felder und Äcker waren alle sein. Deshalb stand Jens Larsen so gern hier oben. Die stolze Freude des Besitzes schwellte dann seine Brust, und er hätte mit keinem Könige getauscht. Er hatte die Sonne im Rücken. Jetzt war sie wohl hinter dem Stenderuper Gehölz versunken, ihr glühender Widerschein färbte plötzlich den Himmel rot, der Schnee fing an zu leuchten, in allen Gehöften ringsum funkelten die Fensterscheiben, – es sah aus, als stände das Sundewitt in Flammen. Jens Larsen hatte schon oft um diese Zeit hier gestanden und hatte den Himmel sich rot färben sehen, aber so wie heute, meinte er, wär's noch nie gewesen. Er ließ die Hand sinken und schloß einen Augenblick die Augen. All dies Funkeln, Blitzen, Leuchten und Flammen blendete ihn. Doch es hörte nicht auf, als er die Lider schloß, es wurde fast schlimmer. Er sah nun nichts Einzelnes mehr, nur ein einziges, großes, flammendes Feuer, und seine Ohren vernahmen nichts als die gewaltigen Stimmen der Natur, das Pfeifen des Windes und das donnernde Branden der See. Da atmete er tief auf, und sein Körper reckte sich höher empor. So liebte er seine Heimat am meisten, wenn er hier oben einsam stand und sie mit mächtigen Stimmen zu ihm redete. Dann kam ein Königsgefühl über ihn, und er grub den Fuß fester in die Erde, die ihm gehörte. Als er wieder aufsah, war Gesine eben durch die kleine Pforte, die vom Garten aufs Feld führte, getreten und kam den schmalen Fußweg zu ihm hinan. »Ich hab' dich gesucht,« rief sie ihm entgegen, aber als sie neben ihm stand, sagte sie ihm nicht gleich, weshalb sie ihn gesucht hatte, sondern sah, wie er, ins Land. »Wie schön!« Es kam fast andächtig von ihren Lippen, und ein Seufzer hob ihre Brust. Jens nickte stolz. »Nicht wahr? Das soll mal einer suchen! Solchen Blick gibt's in der ganzen Welt nicht noch mal.« Sie standen still nebeneinander. Der Wind spielte in Gesines blondem Haar und zerrte an ihrem Rock. Aber sie achtete so wenig auf ihn wie ihr Vater; wie er war sie versunken im Schauen, erfüllt von der Schönheit und Größe ihrer Heimat. Endlich sagte sie, ohne den Kopf zu ihm zu wenden: »Thies ist gekommen.« »So!« rief Jens interessiert, und seine Augen suchten ihr Gesicht jetzt mit einem prüfenden Blick. War sie vielleicht hierher geflüchtet, um mit sich ins klare zu kommen, um einen Entschluß zu fassen, der für ihr ganzes Leben entscheidend sein sollte? Aber in ihrem Gesicht lag nichts von Kampf oder Zweifel, es war ruhig und klar, als ob keine stürmenden Gefühle und Gedanken sie beschäftigt hätten. »Sie hat sich schon entschieden,« dachte Jens, »Thies muß die Gelegenheit heute benutzen, dann können wir wohl im Larsenhof Verlöbnis feiern.« Daß sie dann gerade jetzt hierher kam, auf die Hohe Koppel, allein, das verstand er gut; dafür war sie seine Tochter. Ihn hatte es ja auch immer, immer hierher getrieben, wenn ihn ein Leid bedrückte oder eine große, übermächtige Freude sein Herz erfüllte. Hier hatte er es in die Winde geschrien, nicht mit Stimmen, wie die Menschen sie hören, aber aus dem Herzen heraus, und ihm war gewesen, als hätten der Wind und das Meer da hinten diese Sprache verstanden, als wüßten sie alles, alles, was er durchgekämpft hatte in den langen Jahren seines Lebens. Nun kam auch sein Kind hierher. Es tat ihm fast leid, daß er hier war und sie störte; deshalb sagte er: »Ich geh' jetzt 'rein. Bleibst du noch hier?« Sie schüttelte den Kopf und sah ihn mit einem klaren, ungetrübten Blick an. »Nein, ich komme mit. Ich wollte dich ja nur rufen.« Während sie nun hintereinander den schmalen Weg hinunterschritten, fragte Jens: »Bleibt Thies hier?« Gesine nickte. »Bis morgen.« Plötzlich wandte sie sich nach ihm um und rief lebhaft: »Weißt du, was er meint? Es gibt Krieg. Sie rüsten schon.« Jens antwortete nicht gleich, aber unwillkürlich flog sein Blick wieder über das Land. Er stand noch hoch genug, um es bis an die Küste übersehen zu können, und was vorher sein Herz als Naturschönheit entzückt hatte, erschien ihm plötzlich wie eine Vorahnung. Das Sundewitt stand in Flammen. Aber er gab seinen Gedanken keine Worte, sondern wies sie zurück als etwas Ungeheuerliches. Dann nickte er, als hätte er sich schon gedacht, daß es so kommen würde. Im Hause war es fast dunkel, aber man hatte noch nirgends Licht angezündet. Sie gingen den Flur entlang, der das Haus in seiner ganzen Tiefe durchschnitt, und traten in das große, dreifenstrige Wohnzimmer, das rechts von der Haustür lag. Es war hier sehr warm und duftete nach den Bratäpfeln, die in der Ofenröhre lagen. Frau Larsen saß in dem großen Lehnstuhl am Ofen und strickte, trotzdem sie bei der Dunkelheit fast nichts mehr sehen konnte, und Thies Matthiessen, ihr Pflegesohn, hatte sich mitten in der Stube rittlings auf einen Stuhl gesetzt und anscheinend lebhaft gesprochen. Er war ein mittelgroßer, breitschultriger Mann von siebenundzwanzig Jahren. Sein ausdrucksvolles Gesicht war um das Kinn herum von einem dünnen, dunkelblonden Vollbart eingerahmt, und in seinen Augen glühte heute ein verhaltenes Feuer. Als Jens und Gesine eintraten, sprang er auf, und die beiden Männer begrüßten sich mit einem Händedruck. »Na, Jung, was bringst du?« fragte Jens. Thies zuckte die Achseln. »Ja, es sieht so aus, als ob es Krieg gäbe. Sie rüsten schon mächtig in Jütland.« Sie sprachen dänisch. »Gehst du mit?« fragte Jens. Thies nickte. »Natürlich, wenn's losgeht. Wir wollen den Preußen mal zeigen, was es heißt, mit uns anzubinden. Ha! Wenn die sich einbilden, sie brauchten bloß hierherzukommen, um Schleswig so mir nichts dir nichts in die Tasche zu stecken, dann haben sie sich mächtig geirrt.« »Das werden sie sich wohl auch nicht einbilden,« sagte Gesine von der Kommode her, wo sie eine Lampe anzündete. Sie trug sie jetzt durchs Zimmer auf den Mitteltisch, und der helle Schein beleuchtete ihr schönes, junges Gesicht. »Sie werden doch wissen, daß sie einem starken Feind gegenüberstehen.« Thies antwortete nicht, denn er hatte gar nicht gehört, was sie sagte. Er sah nur das blühende, frische Gesicht, die zarten, knospenden Formen, wie sie so im hellen Schein der Lampe durch das Zimmer ging, und da verlor er einen Augenblick die Gewalt über sich selbst. Sein Blick umfaßte sie ganz und senkte sich dann in ihre Augen mit einer solchen Leidenschaft, daß sie davor erschrak. Eine dunkle Blutwelle ging ihr langsam über das Gesicht, und sie stellte die Lampe mit leisem Klirren nieder, wandte sich gleich ab und machte sich an dem Seitentisch zu schaffen, auf dem schon das Vesper bereitstand. Jens hatte das alles nicht beobachtet, und während Gesine nun den Tisch deckte, sprach er lebhaft mit Thies über Politik. Sie waren beide dänisch gesinnt, obgleich sie deutscher Abkunft waren, und vor allen Dingen war es ein fanatischer Preußenhaß, der sie erfüllte. Die Frauen beteiligten sich nicht an dem Gespräch. Gesine ging hin und her und besorgte das Vesper, und Frau Larsen strickte weiter. Sie war eine kleine, zarte, unscheinbare Frau, deren Interessen und Gedanken über das Nächstliegende nie hinausgingen. Die Politik und der drohende Krieg beunruhigten sie auch jetzt nicht. Jens und Thies sagten ja beide, daß die Preußen gegen die Dänen nichts ausrichten könnten, weil sie vor allen Dingen viel zu feige wären, ihnen standzuhalten. Hunderte würden vor einem einzigen Dänen davonlaufen. Wozu sollte man sich da also fürchten? Etwas anderes beschäftigte sie jetzt mehr, etwas, das ihr viel näher lag: ob Thies und Gesine heute einig werden würden? Er war heute nur gekommen, um die Sache in Ordnung zu bringen, das hatte er ihr vorhin gesagt. Daß Jens einverstanden war, wußte sie auch, es brauchte also nur noch das entscheidende Wort gesprochen zu werden. Ihr gingen nun schon allerlei Brautmuttersorgen durch den Kopf. Gesines Leinenaussteuer war längst fertig und lag sorgsam verpackt in Kisten und Truhen. Aber Möbel mußten nun gekauft werden, und für die Brautzeit brauchte sie ein neues Kleid. Das sollte jedoch nicht in Sonderburg gemacht werden, sondern bei einer teuren Schneiderin in Flensburg. Es sollte ordentlich nach was aussehen; die vom Larsenhof konnten es ja. Frau Larsen war in erster Ehe mit einem Onkel von Thies verheiratet gewesen, und da sie damals keine eigenen Kinder gehabt hatte, nahm ihr Mann den kleinen, elternlosen Thies ins Haus. Dann wurde sie bald Witwe und heiratete Jens Larsen, der Thies wie seinen eigenen Sohn aufwachsen ließ. Es blieb auch alles beim alten, als die kleine Gesine kam, die das einzige Kind der Larsenschen Eheleute blieb. Sie war acht Jahre jünger als Thies. Er war bald nach der Einsegnung auf Alsen auf einem Hof gewesen und war jetzt in Jütland, aber er sprach schon davon, daß er sich nun bald einen eigenen Besitz kaufen wollte, denn er hatte ein ganz schönes Vermögen. Jedesmal, wenn er in der letzten Zeit nach Hause gekommen war, war ihm Gesine schöner und begehrenswerter erschienen, und es war längst wie ein stummes Einverständnis zwischen den Leuten auf dem Larsenhof, daß sie seine Frau werden sollte. Nun saßen sie um den Tisch und vesperten. Dann stand Gesine auf und ging hinaus, weil sie noch in der Wirtschaft zu tun hatte. Aber als Thies ihr nach kurzer Zeit folgte und sie suchte, fand er sie nicht. Er hatte gedacht, sie wäre nur hinausgegangen, um ihm Gelegenheit zu einem Alleinsein mit ihr zu geben, denn sie mußte ja wissen, warum er gekommen war. Aber dann hätte sie sich doch von ihm finden lassen. Mißmutig kehrte er ins Wohnzimmer zurück und schimpfte weiter mit Larsen über die Preußen bis zum Abendbrot. Da wurde er still. Ihn interessierte jetzt nichts mehr, keine Politik, kein Preußenhaß und keine Kriegsaussichten; ihn erfüllte nur noch ein Verlangen: Gesine in den Armen zu halten, fest, fest, daß sie sich nicht rühren konnte, und das schöne, junge, blühende Gesicht zu küssen. Gesine vermied es, ihn anzusehen. Sie sorgte für die andern und sprach mehr als sonst, aber in ihrer Stimme lag etwas Gebrochenes. Bis heute nachmittag war sie ruhig gewesen und hatte sorglos in die Zukunft gesehen. Es hatte als etwas ganz Natürliches und Unabwendbares vor ihr gestanden, daß sie und Thies ein Paar werden würden. Die Eltern wünschten es, sie kannten sich und hatten sich gern – also, warum sollten sie sich nicht heiraten? Aber nun hatte sie heute nachmittag den Blick von ihm aufgefangen, und da hatte ein namenloser Schreck sie befallen: als wäre etwas Fremdes trennend zwischen sie und ihn getreten. Sie wußte sich nun nicht zurecht zu finden. Als das Abendessen beendet war, trug sie ein paar Schüsseln in die Küche, und dann kehrte sie nicht ins Wohnzimmer zurück, sondern stahl sich leise aus der Hintertür in den Garten. Sie mußte auf die Hohe Koppel, auf die Anhöhe, wo der Wind blies und sie das Meer brausen hörte. Jetzt trieb es sie dorthin, jetzt war sie ganz Jens Larsens Tochter. Im Hause war ihr alles eng und drückend, dort oben würde es frei und klar in ihr werden. Schimmernder Mondschein lag über dem Schnee. Sie ging durch den Garten, öffnete die Pforte und trat auf den Fußweg hinaus, den sie heute schon einmal hinangeschritten war. Aber ehe sie die Anhöhe halb erstiegen hatte, hörte sie die Pforte wieder knarren. Sie wandte sich um und sah Thies. Mit ein paar Sätzen war er neben ihr. »Du!« stieß er hervor, weiter nichts, dann hielt er sie in den Armen, so fest, daß sie sich nicht rühren konnte, und seine heißen Lippen ruhten auf den ihren. Gesine war zumute, als wenn langsam etwas in ihr erstarrte. Noch nie vorher war sie so vollständig in der Macht eines anderen Menschen gewesen. Sie konnte sich nicht bewegen, sie konnte nicht schreien oder sprechen, fast schien es ihr, als könnte sie auch nicht denken. Ewigkeiten schienen ihr hinzugehen. Eine bebende Angst überkam sie. Das war ja kein Kuß, wie sie ihn von Vater, Mutter oder Anverwandten sonst bekommen hatte, es war etwas ganz anderes, wie ein Besitzergreifen ihres ganzen Seins, ihres Körpers und ihrer Seele, wie ein Zusammenschmelzen von zwei Menschen zu einem Ganzen. Endlich, endlich ließ er sie frei, nicht ganz, aber doch so, daß sie wieder sprechen konnte und atmen und den Kopf bewegen. »Thies, nein,« stieß sie zitternd hervor, während sie vergebliche Anstrengungen machte, aus seinen Armen loszukommen, »das mußt du nicht. Warum tust du das?« Er lachte und zog sie wieder an sich. »Du – du!« rief er übermütig. »Warum? Ja, warum wohl? Du! Weißt du's nicht? Weil ich dich lieb habe und du meine Frau werden sollst –« Nun schüttelte sie den Kopf. »Nein, Thies, laß man,« rief sie ängstlich. »Wir wollen das nicht. Nicht heiraten. Wozu? Laß es doch so bleiben, wie es jetzt ist. Es ist ja so sehr schön.« »Aber es wird noch viel, viel schöner, paß mal auf. Ich kauf einen Hof in Jütland oder hier im Schleswigschen, und du wirst meine kleine Frau. Wir arbeiten zusammen, ich auf dem Felde und du im Hause, du weißt ja, wie es ist. Und wir haben uns furchtbar lieb – so lieb –« Er küßte sie wieder, lange und stürmisch. Sie stemmte die Hände gegen seine Brust und versuchte ihn abzuwehren. »Nicht doch, Thies, nicht doch! Jetzt kommt ja auch der Krieg, dann hast du keine Zeit mehr, an mich zu denken.« Wie erlöst klangen ihre Worte, als hätte sie ihm einen unanfechtbaren Grund gesagt, weshalb sie nicht seine Frau werden könnte. »Dann wird alles ganz anders.« Er warf ungeduldig den Kopf zurück. »Der Krieg hat nichts zu sagen, der soll uns nicht trennen. Wenn er vorbei ist, heiraten wir gleich. Vater und Mutter werden sich freuen, die wünschen es schon lange. Du kennst doch auch keinen so gut wie mich, und keiner hat dich so lieb.« Sie sah auf einmal ganz nachdenklich aus. »Nein, lieb hat mich keiner,« sagte sie langsam. »Siehst du. Bloß ich, Thies Matthiessen, der aber ganz toll.« Er nahm alle Kraft zusammen, sich zu beherrschen, und ward auch wirklich ruhiger. Er fühlte, daß er sie vorhin erschreckt hatte, deshalb hielt er sie nicht mehr so fest und strich ihr nur mit der Hand über das Haar. »Nu sei man ruhig, Gesine,« sagte er weich, »du hast vorhin 'en Schreck vor mir gekriegt, nicht? Ich war toll, aber ich bin nun ganz vernünftig. Wir haben uns ja so lange nicht gesehen, und den ganzen Nachmittag konnte ich dich nicht allein sprechen. Ich war schon so ungeduldig, und da ist die Freude über mich gekommen. Nun hast du keine Angst mehr vor mir, nicht wahr?« Sie schüttelte langsam den Kopf. »Komm,« sagte er und zeigte auf die Anhöhe, »wollen wir da nach oben gehen?« Er legte leicht den Arm um ihre Schultern und führte sie hinauf. Gesine atmete auf. Ja, nun war er wieder der alte Thies, den sie kannte und gern hatte, aber vorhin – das war ja ganz schrecklich gewesen. Als sie oben waren, dachte sie, er würde sie nun loslassen, aber das tat er nicht, sondern zog sie nur noch fester an sich und bog den Kopf zu ihr, ohne etwas zu sagen. Sie sah ins Land, das jetzt im fahlen, matten Mondlicht vor ihnen lag. Durch die große, feierliche Stille drang nur das Tosen der See, auf der sich die zitternden Strahlen des Mondes brachen. »Hier ist es immer schön,« sagte sie endlich, »heute nachmittag hättest du es sehen sollen, als die Sonne unterging. Alles glühte, der Schnee, der Himmel, die See, alle Häuser, alles.« »Ja,« sagte er, »es ist schön. Und wenn du nun wieder hier oben stehst, dann denkst du an mich, nicht wahr?« Jetzt küßte er sie doch, wieder und wieder, und flüsterte ihr zärtliche Liebesworte ins Ohr, und sie hielt still, halb erstaunt und halb ergeben. Im Grunde kam es ihr seltsam vor, daß Thies so zärtlich war und sie nun immer an ihn denken sollte. Aber sie war ja wohl nun verlobt mit ihm, und das alles gehörte so dazu, daran mußte man sich wohl immer erst gewöhnen. »Nun ist es aber genug, Thies,« sagte sie endlich etwas ungeduldig. »Komm, wir müssen wieder ins Haus gehen. Die Eltern wissen nicht, wo wir sind, und es ist auch kalt.« Sie waren vorher beide so hinausgegangen, wie sie in der warmen Stube gesessen hatten, ohne noch etwas umzunehmen, deshalb machte die Kälte sich ihnen doch empfindlich bemerkbar, selbst Thies konnte es nicht leugnen, so gern er es getan hätte. Als sie ins Wohnzimmer zurückkamen, saßen die Eltern beide auf dem Sofa, Jens hinter dem dampfenden Grogglas in seine Zeitung vertieft, Frau Larsen mit ihrem Strickzeug. Sie blickten nun mit fragenden, gespannten Gesichtern auf. Da faßte Thies Gesines Hand und führte sie den Eltern zu. »Sie hat sich mir versprochen,« sagte er und hielt ihre Hand so fest, daß ihr zumute war, als wäre sie gefangen. Und plötzlich fiel ihr ein: es war eigentlich gar nicht wahr, was er da sagte. Sie hatte sich ihm nicht versprochen; sie hatte sich gegen seine leidenschaftliche Zärtlichkeit gewehrt, und als er ruhiger wurde, hatte sie sie geduldet. Aber nun konnte sie nichts mehr dagegen tun: sie war seine Braut. Thies sagte noch einiges zu ihrem Vater, und seine Stimme klang anders als sonst, erregt und etwas atemlos. Dann schlossen die Eltern sie in die Arme und sagten, daß sie sich freuten. Sie fand, daß eine Verlobung etwas Merkwürdiges wäre, und fühlte eine Art Neugier, zu erfahren, was nun noch Seltsames kommen würde. Nun sie in der warmen Stube war, schien sie erst die Kälte, die draußen geherrscht hatte, zu empfinden, denn sie zitterte am ganzen Körper. Sie mußte Grog zur Erwärmung trinken, und Thies setzte sich neben sie, legte den Arm um ihre Schultern und hielt ihre Hand. So ward Gesine Larsen Braut. Aber ihr Herz schlief noch, und es lag nicht in Thies Matthiessens Macht, es zu wecken. Am nächsten Morgen gingen Jens und Thies durch die Ställe. Thies war ziemlich lange nicht auf dem Larsenhof gewesen und sollte nun die neuen »Jüten« besehen und den Schweinestall bewundern, der im Sommer umgebaut worden war. Er kannte ja jeden Stein und jeden Balken auf dem Larsenhof, aber heute sah er alles mit andern Augen an als sonst, wie etwas ganz Neues. Später, wenn die Alten einmal nicht mehr waren, dann war das alles sein, dieser stattliche Hof mit den festen Scheunen und Ställen und den Äckern und Wiesen ringsumher. Er reckte sich unwillkürlich höher auf, und ein Gefühl von Kraft und Stolz rann ihm durch alle Glieder. Thies Matthiessen der Herr vom Larsenhof und die schöne Gesine seine Frau! Das war Wohl eine Zukunft, die einem das Herz höher schlagen machen konnte. Als er jetzt neben Jens auf dem Hof stand und seine Augen langsam von einem zum andern gingen, da lag in seinem Blick etwas Besitzergreifendes. Gesine stand zufällig am Fenster der Vorratskammer und sah ihn, ohne daß er sie bemerkte, und dasselbe erstarrende Gefühl kam über sie, das gestern in ihr aufgetaucht war, als er sie ohne zu fragen in die Arme genommen und geküßt hatte. Es wallte etwas in ihr auf, was sie noch nie vorher empfunden hatte, eine Empörung gegen ihn, eine Auflehnung ihres ganzen Inneren gegen diese Art, zu nehmen, was ihm gefiel, ohne ein anderes Recht darauf zu haben als dieses stolze Herrenrecht: es gefällt mir, darum nehme ich es. Als sie wieder in die Küche zurückkam, lag ein fremder Zug in ihrem Gesicht, ein fester, trotziger, entschlossener Zug, und sie hatte das Gefühl, daß es jetzt etwas auf der Welt gäbe, gegen das sie ankämpfen müßte. Thies mußte gleich nach dem Mittagessen fort, und als er nach einem zärtlichen Abschied den Hof verließ, kam ein Gefühl der Befreiung über sie. Er ging weit fort, nach Jütland, der Krieg kam – es würde eine lange Zeit vergehen, ehe sie sich wiedersahen. Ihr war, als würde alles ganz anders sein, wenn es endlich zu diesem Wiedersehen kam. In der Dämmerstunde saß Frau Larsen wieder mit ihrem Strickzeug am Ofen. Jens war fortgegangen. Gesine stand am Fenster und sah in die Schneelandschaft hinaus. Es war eine große Unruhe in ihr, die sie fast mehr körperlich als seelisch empfand. Sie fühlte das Blut in allen Adern kreisen, ihr Herz schlug unruhig, und ihre Hände spielten unaufhörlich mit dem Schürzenband. Selbst auf der Hohen Koppel war sie heute nicht zur Ruhe gekommen. Ihr war, als müßte sie sich aussprechen, als hätte sie furchtbar viel erlebt, was sie erzählen müßte; aber wenn sie anfangen wollte, merkte sie, daß sie nichts zu erzählen hatte. Sie war mit Thies auf der Hohen Koppel gewesen, er hatte sie geküßt und sie dann den Eltern als seine Braut vorgestellt, und die hatten sich gefreut und waren nicht einmal erstaunt gewesen. Was sollte sie da erzählen? Aber sie verließ nun doch ihren Fensterplatz, lehnte sich gegen den Ofen, neben dem die Mutter in ihrem Lehnstuhl saß, und kam stockend und zögernd mit allerlei heraus, was sie beschäftigte und beunruhigte. Daß Thies sie eigentlich gar nicht gefragt hätte, ob sie seine Braut sein wollte. Er hätte sie einfach in die Arme genommen und geküßt und es dann als selbstverständlich angenommen, daß sie nun verlobt wären. Frau Larsen strickte ruhig weiter und lächelte ein bißchen. »Ja, Kind,« sagte sie, »so machen es die Männer immer.« Daß sich in Gesine etwas dagegen auflehnte, weil sie den Mann, der ihr so begegnet war, nicht liebte, fühlte sie nicht. Sie verstand überhaupt nicht, daß ihr Kind eben, sich selbst fast unbewußt, in Angst und Herzensnot zu ihr gekommen war und Rat und Hilfe haben wollte in all dem Fremden und Neuen, das sie jetzt bestürmte. Sie selbst hatte sich zweimal verheiratet, und es hatten sie keine inneren Kämpfe und großen Erregungen dabei beunruhigt. Deshalb lag ihr der Gedanke, daß es auch einmal anders sein könnte, ganz fern. Gesine fühlte sich durch die Antwort der Mutter weder erleichtert noch beruhigt, aber sie sagte nichts weiter. Vorhin hatte ihr Herz sich leise, leise geöffnet, und wenn die Mutter ihr mit zartem, innigem Verständnis entgegengekommen wäre, so wäre diese Stunde eine heilige geworden, die Mutter und Kind zu Freundinnen gemacht hätte. So aber schloß sich ihr Herz wieder zu, sie stand wieder im Dunkeln, das wie von einem schwachen Lichtstrahl durch den Gedanken erhellt wurde, daß nun ja der Krieg käme und daß noch alles anders werden könnte. Zweites Kapitel. Es war ein heller Abend; der Schnee leuchtete, und der Halbmond stand matt und ein bißchen verschwommen am Himmel. Man konnte weit sehen von der Chaussee aus, die durch das Sundewitt nach Sonderburg hinüberführte, aber es war ein Bild ohne Licht und Farben, das fern am Horizont in unbestimmten, grauen Tönen zusammenfloß. Nur da, wo der kleine Krug am Wege lag, fielen durch die niedrigen, unverhüllten Fenster warme Lichtstrahlen in die graue Dämmerung und zeichneten leuchtend helle Vierecke in den Schnee. Auch Stimmengewirr drang in das große Schweigen hinaus, und Jens Larsen sah schon von außen, daß fast jeder Platz drinnen besetzt war. Er bückte sich unwillkürlich, als er durch die niedrige Tür in den Raum trat, in dem die Decke mit den schweren Querbalken so tief über den Köpfen hing. Aus dem dicken Tabaksqualm drang ihm nun das Stimmengewirr entgegen, über das er sich schon draußen auf der Straße gewundert hatte. Meistens saßen die Sundewitter still und ein wenig einsilbig hinter ihren dampfenden Groggläsern. Aber heute waren alle in großer Erregung. Die Zeitungen hatten schwerwiegende, wichtige Nachrichten gebracht: die Preußen waren in Holstein eingerückt, und der Krieg schien unvermeidlich. Nun war ein lebhafter Wortstreit im Gange für und wider die Befreier. Es gab im Sundewitt, so nahe der dänischen Grenze, viele Leute, die mit ihren Sympathien auf dänischer Seite waren und durch Verwandtschaft und Geschäftsinteressen dort hinüber gezogen wurden. Auch Jens Larsen war aus allen möglichen, wenig stichhaltigen Gründen, die er selbst kaum hätte angeben können, zum Dänenfreund und glühenden Preußenhasser geworden, trotzdem er einer deutschen Familie entstammte. Er setzte sich heute ohne weitere Worte an einen der Tische und nahm die Zeitung vor, worin die Nachrichten standen, die die Gemüter so erregten. Nach einer Weile, als der Wirt in seine Nähe kam, bestellte er sich einen Kaffeepunsch. Er war hier ein anderer als auf der Hohen Koppel, wo seine Seele weit wurde und ein inneres Kraftgefühl ihn erfüllte und über sich selbst erhob. Hier war er der reiche Jens Larsen, dessen Stimme fast die gewichtigste war im Sundewitt. Er gab sich gespreizt, und allerlei kleine Züge offenbarten sich an ihm. Um ihn herum dauerte das Lärmen fort. Die Deutschgesinnten erzählten von Ungerechtigkeiten und Barbareien der Dänen und tranken auf das Wohl der Preußen und Österreicher. Es war schon jetzt wie eine Befreiung über sie gekommen, und einer brummte sogar das alte, langverpönte Schleswig-Holsteinlied vor sich hin. Es war Peter Hansen, der Speckhöker, der immer so freundlich und bescheiden aussah und so viel in seinem Leben gearbeitet hatte. Sein Gesicht war ganz faltig und zusammengedrückt und von einem spärlichen, grauen Vollbart eingerahmt. Aber das alles sah man eigentlich nicht; denn wenn man mit Peter Hansen sprach, sah man immer nur seine treuen, blauen Augen. Um den Hals trug er einen gestrickten, grauen Schal. Ohne den hatte ihn noch kaum ein Mensch gesehen, und jeder, der Peter Hansen kannte, wußte auch, daß die schöne Inge, seine Frau, diesen Schal gestrickt hatte, und daß er an sie dachte, wenn er mit den harten, verarbeiteten Händen so zärtlich über die Enden strich. Jetzt saß er in der Ecke am Ofen und brummte die Melodie des Schleswig-Holsteinliedes vor sich hin. Allerdings konnte es so, wie er sie sang, auch ganz etwas anderes sein, aber seine Nachbarn wußten doch, was er meinte. »Wo kommst du denn heute her, Peter Hansen?« fragte einer. Nun unterbrach er seinen Gesang und antwortete: »Von Alsen.« Da rückten die Schleswig-Holsteiner näher an ihn heran, die Dänen hörten mitten in ihrem Gespräch auf, und alle riefen: »Von Alsen? Wie sieht es denn da aus?« Peter Hansen kraute sich den Kopf. Es war ihm peinlich, vor so viel Menschen zu sprechen; er mochte viel lieber still in der Ecke sitzen und vor sich hinbrummen. »Gräsig mit Menschen,« sagte er endlich. »Allens voll Soldaten und Pferde und Wagen. Ich konnt' beinahe nicht durchkommen. Und höllisch scharf sind sie auf alles und haben mich ausgefragt, wo ich hinwollt' und wo ich herkäm'.« Weiter wußte er eigentlich nichts zu sagen, man erwartete auch nicht mehr von ihm, sondern nahm die früheren Debatten wieder auf, und nach einer Weile fing Peter Hansen wieder an zu brummen, genau an der Stelle, wo er vorher aufgehört hatte. Die Stimmen wurden immer lebhafter und hitziger, die Meinungen platzten immer schärfer aufeinander, und plötzlich schlug Jens Larsen auf den Tisch und übertönte alles mit seiner dröhnenden Stimme: »Laßt die Preußen man kommen! Die Dänen schlagen sie schon am Danewerk zurück. Über das Danewerk kommt keiner hinaus, und wir hier im Sundewitt kriegen keinen Schwanz von ihnen zu sehen.« Heftige Gegenstimmen machten sich bemerkbar, aber Jens Larsen ließ sie nicht aufkommen. »Was haben sie denn 48 erreicht?« rief er höhnisch. »Nichts. Sie machen ja nicht Ernst. Hunderte laufen vor einem einzigen Dänen davon. Paßt auf, wir wollen uns wieder sprechen, wenn die Komödie hier zu Ende ist, wir alle, die wir hier sitzen, und dann werdet ihr an meine Worte denken. Macht euch das doch mal klar. Wenn hier das Danewerk ist – und hier – und hier – so –« er baute mit Aschbechern und ähnlichen Sachen eine Art Wall auf den Tisch, »und dann kommen die Preußen hier die Straße 'rauf, und die Dänen schießen wie toll von hier oben 'runter immer auf die Preußen – ha – da sollte ein einziger davonkommen? Weglaufen tun sie.« Er schlug auf den Tisch, so daß sein künstlicher Festungsbau umfiel, und trat mit gewichtigen Schritten zu einer anderen Gruppe. »Peter Hansen, alter Brummklaas, hast mich verstanden? Du, mit deinem Schleswig-Holsteinlied? Weglaufen tun sie, und wir wollen ihnen eins auf den Weg Pfeifen. Und wenn sie weg sind, dann wollen wir beide mal hier zusammen einen Grog trinken, wir beide, Peter Hansen und Jens Larsen, he?« Es lag etwas Gereiztes in seiner Stimme, als er diese letzten Worte sprach, als ob er etwas Persönliches mit Peter Hansen auszufechten hätte, und er schlug dem Alten derb auf den Rücken. Die Stimmen der andern waren unwillkürlich verstummt oder klangen wenigstens nur noch gedämpft, und aller Augen waren auf die beiden Männer gerichtet, – Jens Larsen in seiner stolzen, triumphierenden Haltung und Peter Hansen, der so klein und gebückt dasaß und sich den Kopf kraute. Er hatte so seine eigenen Gedanken, aber er konnte sie nicht so schnell in Worte umsetzen. Jens Larsen aber sah in manchen Gesichtern etwas aufdämmern wie eine Erinnerung an etwas, das vor Jahren geschehen war, und da überkam ihn plötzlich eine jähe Ernüchterung. Er strich sich mit einer ungeduldigen Bewegung das Haar aus der Stirn. Die Luft war ihm auf einmal heiß und drückend, der Tabaksqualm erschien ihm unerträglich, und so bezahlte er seinen Kaffeepunsch und ging. Die andern sahen ihm nur flüchtig nach und nahmen ihr Gespräch wieder auf. Sie kannten ja alle Jens Larsens Art und wunderten sich nicht weiter über ihn. Nur der Schullehrer, der noch nicht lange in der Gegend war, machte ein nachdenkliches Gesicht und sagte: »Jens Larsen hat in seinem Innern einen Punkt, der ihn nicht zur Ruhe kommen läßt.« Sein Nachbar nickte, sah auf Peter Hansen und sagte: »Kann woll sein.« Als Jens Larsen hinauskam, blieb er einen Augenblick stehen und atmete tief auf. Verdammt heiß und qualmig war's da drin gewesen! Er nahm die Pelzmütze ab und ließ sich die kalte Winterluft über die erhitzte Stirn streichen; dann versenkte er die Hände in die Manteltaschen und ging wieder die Chaussee entlang, um den Feldweg zu erreichen, der seitlich abbog und nach dem Larsenhof führte. Wieder waren das große Schweigen und die graue Dämmerung um ihn, Eis und Schnee und gespensterhafte, kahle Bäume. Er bog den Kopf vor und ging stetig vorwärts. Von weitem kam ihm ein Mensch entgegen, und zwar eine Frau, aber er achtete nicht auf sie, seine Gedanken nahmen ihn ganz in Anspruch. Warum war er immer so heftig und hitzig, daß sein Zusammensein mit anderen Menschen meistens so endete wie dieses? Warum konnte er nicht in Ruhe und Frieden mit allen leben? Immer gingen sein Temperament, sein Jähzorn, sein Hochmut mit ihm durch, und kein Mensch auf der Welt half ihm, verstand ihn, glättete die Wogen in seinem Innern mit einem guten, klugen Wort, mit einem warmen Blick. Er war so furchtbar einsam, Jens Larsen vom Larsenhof, und heute lastete die Einsamkeit auf ihm. Die Frau war näher gekommen, so nahe, daß er im Mondlicht ihr Gesicht sehen konnte, und da erkannte er sie. Sie blieben beide betroffen stehen und sahen einander an. Lange –. »Guten Abend, Jens Larsen,« sagte sie endlich. »Guten Abend, Inge Hansen,« antwortete er, und seine Stimme klang wie aus einem tiefen Traum. Nun waren sie wieder still, und es war, als ob das Schweigen um sie her Töne und Stimmen annähme. »Wir haben uns lange nicht gesehen, Inge.« »Nein. Wie geht es dir, Jens Larsen?« »Wie's so geht,« sagte er müde und zuckte die Achseln. Aber der Frau gegenüber fiel ihm plötzlich das Ereignis in seiner Familie wieder ein, das er vorhin unter den Männern ganz vergessen hatte, und er fuhr fort: »Wir haben gestern Verlöbnis gefeiert. Meine Tochter Gesine hat sich Thies Matthiessen versprochen.« Über das Gesicht der Frau ging ein eigentümlicher Zug. »Hat sie ihn lieb?« fragte sie statt aller Antwort. Er machte wieder ein ganz betroffenes Gesicht. »Ich denke,« meinte er endlich zögernd. Inge Hansen nickte. »Natürlich, meine Frage war ja dumm. Das ist doch immer so, wenn zwei sich miteinander versprechen.« Ihr Gesicht war ganz ruhig, aber ihre Stimme hatte einen herben Klang. Jens Larsen antwortete nicht, und sie schien das auch nicht erwartet zu haben. Aber ihre Blicke trafen sich und wurzelten fest ineinander und sprachen eine ganze Geschichte. Sie vergaßen beide, daß sie hier im Schnee standen und ihre Wege sie eigentlich auseinanderführten, denn jeder verkörperte dem andern eine Summe von Glück und Leid und Kampf seines Lebens, und ihnen war, als wenn ihre Jugend ihnen hier plötzlich an diesem stillen Winterabend auf der einsamen Landstraße begegnet wäre. Die Frau hieß in der Gegend noch immer die schöne Inge, trotzdem sie die vierzig nun schon überschritten hatte. Sie war auch noch schön. Ihre hohe, schlanke Gestalt hatte etwas Blühendes, und unter dem Haar, das schon seit Jahren weiß war, sah ihr Gesicht mit den klaren, blauen Augen und dem bräunlichen Ton der Hautfarbe noch recht jung aus. »Weißt du schon, Jens Larsen,« sagte sie plötzlich mit einer hellen, frischen Stimme, in der es wie Jubel klang, »es gibt Krieg!« Jens nickte, und sein Gesicht nahm einen anderen Ausdruck an. »Ja,« sagte er, »und meine Meinung darüber habe ich Peter Hansen eben unten im Krug gesagt, frag ihn nur.« Ihr schien an seiner Meinung nicht viel zu liegen, denn sie fragte jetzt lebhaft, als ob ihr ganzes Interesse sich nun darauf richtete: »Ist Peter im Krug?« »Ja, er sitzt in der Ecke am Ofen und singt das Schleswig-Holsteinlied.« Nun lachte sie. »Das glaube ich, das singt er jetzt den ganzen Tag.« Er runzelte die Stirn. »Du solltest vorsichtiger sein, Inge Hansen, und das nicht so laut sagen. Noch gilt hier dänisches Regiment, und das duldet keine Aufrührer, wie du weißt.« Da warf sie den Kopf zurück. »Wir sind keine Aufrührer, Jens Larsen, das weißt du recht gut, wir sind Schleswig-Holsteiner, die ihr Recht haben wollen. Aber du bist ein Landesverräter. Du bist deutsch wie wir, noch vor zwanzig Jahren hast du so deutsch gedacht wie ich, und nun hältst du es mit den Dänen. Das ist Sünde, ist – treulos.« Das letzte sagte sie mit leiser Stimme und sah zu Boden. Jens trat von einem Fuß auf den andern, daß der Schnee knirschte. »Davon verstehen Frauen nichts,« sagte er finster. Sie maß ihn mit einem langen Blick. »So? Denkst du jetzt so von den Frauen? Früher dachtest du anders.« Da trat ein gequälter Ausdruck in sein Gesicht, und seine Stimme klang weich und bittend. »Sprich nicht von früher.« Sie nickte stumm, als wollte sie ausdrücken, daß es wohl besser wäre, die Vergangenheit ruhen zu lassen, und dann fragte sie nach kurzem Schweigen: »Also Peter ist im Kruge?« »Ja, und wo willst du hin, Inge?« »Ihm entgegengehen. Er ist zwei Tage fortgewesen.« »Und da willst du, trotzdem es kalt und dunkel ist –« »Gerade, weil es kalt und dunkel ist.« Inge Hansen wußte sich den seltsam bewegten Ausdruck, der über Jens Larsens Gesicht ging, in diesem Augenblick nicht zu deuten. Er hatte aber in diesem letzten Wort von ihr die alte Inge wiedergefunden, die er geliebt und treulos verlassen hatte. Das war sie ganz, wie sie früher gewesen war. Gerade, weil es kalt und dunkel war, ging sie ihrem Mann entgegen und reichte ihm die Hand und machte es ihm warm. Er sah Peter da im Kruge sitzen, so klein und gebückt und unscheinbar, und eine Wut gegen den Mann erfüllte ihn. »Die Sehnsucht scheint ihn nicht sehr zu quälen,« meinte er, »wenn er da so ruhig im Kruge sitzen kann und vor sich hinbrummen.« Sie kniff die Augen ein bißchen zusammen. »Du, Jens Larsen, willst du mich ärgern? Gib dir keine Mühe, das gelingt dir nicht. Wie Peter Hansen seine Frau liebt, das weiß ich am besten, und ich sage dir, Inge Hansen tauscht mit keiner Frau im ganzen Sundewitt, auch mit der reichsten nicht.« Sie hatte den Kopf zurückgebogen, und ihre Augen gingen in die Ferne, als überblicke sie ihr Leben, und die Worte, die sie eben gesprochen, waren wohl das Fazit, das sie daraus zog. Jens antwortete nicht, er sah auf den Schnee zu seinen Füßen und dachte, daß es kalt wäre und sie nun wohl weitergehen müßten. Plötzlich rief Inge lebhaft: »Da kommt Peter!« Sie hatte an Jens vorbei die Chaussee entlang gesehen. Er folgte nun der Richtung ihres Blickes. In einiger Entfernung kam ein Mann langsam auf sie zu. Er ging vornübergebeugt und zog einen Karren hinter sich her. »Ist das Peter Hansen?« fragte Jens. »Kannst du ihn jetzt schon erkennen?« Inge nickte. »Ja, das ist er. Guten Abend, Jens Larsen.« Ohne sich noch einmal umzublicken, ging sie mit ihren schnellen, elastischen Schritten an ihm vorbei ihrem Manne entgegen. Jens blieb unschlüssig stehen und sah ihr nach, endlich ging er langsam weiter und bog in den Seitenweg ein, der von der Chaussee nordwärts nach dem Larsenhof führte. Aber dort im Schutz der Knicks, die den Weg von beiden Seiten begrenzten, blieb er stehen und wartete. Es dauerte gar nicht lange, bis Peter und Inge Hansen auf der Chaussee an ihm vorüberzogen. Sie gingen nebeneinander. Inge hatte sich auch ein Seil des Handwagens um die Schulter geworfen und half ziehen. Sie sprach zu Peter mit einem hellen, frohen Ton in der Stimme. Verstehen konnte Jens ihre Worte vor dem Quietschen der Räder im Schnee nicht, aber es klang, als wenn sie ihm Bericht erstattete von dem, was sie in den zwei Tagen seiner Abwesenheit erlebt hatte. Peter rauchte eine kurze Pfeife und hörte zu. Jens Larsen schaute ihnen lange nach. Schließlich trat er wieder auf die Chaussee zurück, um sie besser sehen zu können. »Auch mit der reichsten nicht!« sagte er ein paarmal wie in Gedanken vor sich hin. Es sah doch recht armselig aus, wie sie so im Schnee dahinzogen, der Speckhöker Hansen und seine Frau, gemeinsam ihren Karren ziehend. Und doch war keine Frau im ganzen Sundewitt so schön und stolz wie Inge Hansen, und doch hatte sie vorhin hier vor ihm gestanden und ihm ins Gesicht gerufen: sie tauschte mit keiner Frau im ganzen Sundewitt, auch mit der reichsten nicht. Er versenkte die Hände in die Taschen seines weiten Pelzmantels und wandte sich langsam zum Gehen. Wie schön sie noch war! Und all diese Schönheit würde sein eigen sein, wenn er sie nicht mit eigener Hand von sich gestoßen hätte, weil er meinte, eine arme Tagelöhnerstochter könnte nicht als Frau auf den Larsenhof ziehen. Deshalb hatte er die reiche Witwe von Gerd Matthiessen geheiratet, und Inge war nun die Frau von Peter Hansen, der mehr als zwanzig Jahre älter war als sie. Ob sie den wohl auch mit einer so großen, starken Liebe geliebt hatte, wie ihn? Er meinte, eine solche Liebe, wie sie sie damals verbunden hatte, könnte der Mensch nur einmal im Leben empfinden. Wenigstens, wenn er an sich dachte. Aber es war ja in der ganzen Gegend bekannt, daß Peter und Inge eine sehr glückliche Ehe führten, und wie er sie heute gesehen hatte, fand er das bestätigt. Als er nach Hause kam, war schon der Abendbrottisch gedeckt, und seine Frau saß auf dem Sofa und strickte. Eine Art Zorn überkam ihn plötzlich. Mußte sie denn immer dasitzen und stricken, immer und immer, jeden Abend, den Gott werden ließ? »Guten Abend, Jens,« sagte sie, »nun können wir wohl essen?« Das sagte sie auch jeden Abend, er hatte schon darauf gewartet. »Natürlich können wir essen,« rief er unfreundlich, »warum sollten wir nicht können?« Sie sah ihn erschrocken an, sagte aber nichts, sondern ging hastig nach der Tür und rief auf die Diele hinaus: »Gesine, Vater ist da, wir können essen.« Jens hatte der kleinen, schmächtigen Gestalt, die so verängstigt durch das Zimmer gehuscht war, fast feindselig nachgesehen, und im Geist sah er Inge Hansen hier durch das Zimmer schreiten mit ihren großen, elastischen Schritten. Und dann stand wieder das Bild vor ihm, wie sie mit Peter gemeinsam den Karren zog. Gemeinsam – darin lag das Geheimnis ihres Glückes, er wußte es plötzlich. Sie war ihrem Manne eine Kameradin, die alles mit ihm teilte. Er seufzte. Die kleine, blasse Frau da auf dem Sofa war ihm nie Kamerad gewesen, immer nur sein Schatten, sein Echo. Als Gesine mit der Schüssel mit dampfenden Bratkartoffeln hereinkam, fiel ihm Inges Frage in bezug auf Gesines Verlobung ein: »Hat sie ihn lieb?« Merkwürdig, weder er noch seine Frau hatten je darüber gesprochen noch nachgedacht, ob Gesine Thies eigentlich liebte. Da mußte erst Inge Hansen, die Gesine gar nicht kannte, auf der Landstraße danach fragen. Und wieder stieg ein bitteres Gefühl gegen seine Frau in ihm auf. Hatte sie auch als Mutter die zarten, feinen Pflichten nicht erfüllt, die außerhalb des Gebotenen und Alltäglichen liegen und die ein Frauenherz selbst finden muß? Wieder kam ihm der Vergleich mit Inge, und darüber vergaß er selbst in Gesines Gesicht zu lesen, ob sie wohl glücklich wäre oder nicht. Drittes Kapitel. An einem der nächsten Tage fuhr Jens Larsen nach Sonderburg. Als er von der Chaussee aus rechts und links die Düppeler Schanzen liegen sah, nickte er befriedigt vor sich hin. Daran würden sich die Preußen die Zähne schon zerbeißen, wenn sie wirklich herkämen, was ja aber so gut wie ausgeschlossen war. Es war wieder ein bitterkalter Tag, und Jens zog den Kragen seines Pelzmantels höher über die Ohren. Er hatte schon die Düppelmühle hinter sich, und der Alsensund und Sonderburg lagen vor ihm. Es war ein stilles, friedliches Bild: die kleine Hafenstadt da drüben mit ihren roten Häusern und dem großen, alten Schloß, das so trotzig am Eingang des Alsensundes lag. Aber als sein Wagen über die Brücke rollte und er dann in die Straße am Hafen einbog, merkte er doch ein regeres Leben als sonst. Es war viel Militär in Sonderburg, und die Bürger schienen geschäftig und aufgeregt. Der Hauptzweck seiner Fahrt war eine geschäftliche Besprechung, die er bald erledigt hatte. Er hatte sein Fuhrwerk in einem Gasthaus untergestellt und ging nun weiter in die Stadt hinein. Seine einzige Schwester war hier an einen Kaufmann verheiratet, und er wollte sie besuchen. Als er in den Laden trat, brannte dort schon eine Hängelampe, und seine beiden Nichten saßen hinter dem Ladentisch und nähten eifrig an einer Handarbeit. Mit einem kleinen, mühsam unterdrückten Freudenschrei sprangen sie auf, als sie ihn erkannten, und begrüßten ihn lebhaft. Es waren hübsche, kleine, blonde Mädchen in Gesines Alter. »Mutter schläft,« sagte Luise, während sie Jens den Pelz abnahm. Er rieb sich die verklammten Hände. »Dann stört sie nicht,« sagte er, »ich habe Zeit und bleibe noch ein bißchen.« Anna schloß nun leise die Tür nach dem hinter dem Laden gelegenen Wohnzimmer, damit die Mutter von dem Sprechen nicht aufwachte, und dann sprachen sie zuerst von Gesines Verlobung. Jens hatte sich auf einen bequemen Stuhl neben den warmen Ofen gesetzt, und die Mädchen nahmen ihre Handarbeiten wieder vom Ladentisch und rückten unter die Lampe. Die Nachricht von der Verlobung war ihnen nicht unerwartet gekommen, und es war eigentlich nicht viel darüber zu sagen. »Na, wie geht's Geschäft?« fragte Jens nun. »Ganz gut,« antwortete Luise, »wie immer. Aber wenn nun der Krieg kommt, dann weiß man ja nicht, wie es wird.« Jens beruhigte sie. »Hierher kommen sie nicht, mien Döchting, da hab' du keine Angst. Erst laß sie mal das Danewerk nehmen, und dann haben sie die Düppeler Schanzen noch lange nicht. Da könnt ihr noch viele Meter Kleiderzeug und Bänder und Schürzen verkaufen.« Die Mädchen blickten nachdenklich auf ihre Arbeit und stichelten weiter. »Das sagen die Dänen ja auch immer,« meinte Luise endlich, »aber man kann es doch nicht wissen. Und wenn es wirklich so kommt, dann ist uns ja gar nicht geholfen, dann hört das dänische Regiment nicht auf, sondern es wird eher noch schlimmer.« Jens knurrte und erhob sich plötzlich. »Nimm dich in acht und rede nicht so dummes Zeug,« sagte er in sehr energischem, verweisendem Ton. Luise stieg eine Röte des Unmuts ins Gesicht, und sie hob den Kopf. Sie war immer ein unerschrockenes, tapferes Mädchen gewesen und hatte auch den Mut gehabt, dem Onkel, der doch eine so gewichtige Rolle in der Familie spielte, mit ihrer Meinung entgegenzutreten. Aber ehe sie noch zu Worte kommen konnte, trat ihre Mutter ein. Frau Karstensen war eine kleine, runde Frau mit einem gutmütigen, freundlichen Gesicht, das nur wenig Ähnlichkeit mit Jens Larsens strengen, energischen Zügen hatte. Jetzt war es vom Mittagsschlaf sanft gerötet, und die Augen blickten noch etwas verstört, verschlafen. Aber sobald Frau Karstensen Jens erblickte, war sie auf einmal ganz munter. Sie stieß einen Freudenschrei aus und eilte auf ihn zu. »O Jens, wie fein, daß du da bist. Bist du all lang hier?« fragte sie, wartete aber die Antwort gar nicht ab, sondern rief ihren Töchtern zu: »Anning, Wiesche, macht Kaffee. Ich bleib' so lang mit Onkel hier.« Die beiden Mädchen waren nach der letzten Wendung, die das Gespräch genommen hatte, ganz froh, den Laden verlassen zu können. Jens holte nun aus den großen Taschen seines Pelzes allerlei hervor, was er der Schwester mitgebracht hatte. Er kam nie mit leeren Händen, denn wenn Karstensens Geschäft auch recht gut ging und seine Schwester unverfallen aussah, so hatte er doch immer im Grunde die Vorstellung, daß es eine rechte Hungerwirtschaft bei ihnen wäre. Heute waren es ein Paar große Dauerwürste, die mit großem Jubel von Frau Karstensen in Empfang genommen wurden. Als dann die üblichen Fragen nach der Familie und dem Wetter erledigt waren, sagte sie plötzlich mit etwas gedämpfter Stimme: »Weißt du, wer neulich hier war? Der Speckhöker Hansen von Nübel.« »Hm,« machte Jens, ohne eine Miene zu verziehen. »Er kaufte ein Tuch für seine Frau, aber man eins von den ganz billigen, baumwollenen, die zu nichts sind. Sie wärmen nicht und hübsch aussehen tun sie auch nicht.« Jens guckte in den Glaskasten, worin allerlei bunte Bänder und Schürzen lagen, und antwortete nicht. Frau Karstensen beobachtete ihn amüsiert von der Seite. »Das ist auch man ein Pütjerkram mit dem,« meinte sie nun. »Na, große Ansprüche konnte die schöne Inge ja nicht machen, die war es ja von Hause her nicht anders gewohnt. Aber sie hat sich ihr Leben wohl doch anders gedacht – früher, weißt du – als du –« »Ja,« sagte Jens plötzlich und richtete sich auf. »Laß man. Das ist ja alles schon so lange her. Ich habe sie neulich auf der Chaussee gesprochen. Sie hat es gut bei Peter Hansen, sagt sie, und wünscht es sich nicht anders.« Frau Karstensen kreuzte die Arme unter ihrem stattlichen Busen und lächelte. »Na ja – sagt sie. Wer's glauben will, kann ja.« Jens runzelte die Stirn. »Du kennst sie nicht,« sagte er kurz und abweisend. »So genau wie du allerdings nicht,« meinte sie lachend und zwinkerte mit den Augen, »aber das weiß ich doch, daß eine Frau so etwas nicht vergißt. Selbst eine Inge Hansen nicht, – und die vielleicht am wenigsten.« Er stand auf, ging mit großen Schritten durch den Laden bis an die Tür und sah durch die Scheiben auf die dunkle Straße. Ihm war heiß geworden bei allerlei Vorstellungen und Erinnerungen, die ihn bestürmten. »Das ist ja nun doch alles einerlei, wie es nun einmal gekommen ist,« meinte er endlich mit gepreßter Stimme. Frau Karstensen nickte: »Natürlich, anders konnt' es ja gar nicht kommen. Das wird sie ja damals selbst nicht geglaubt haben, daß Jens Larsen vom Larsenhof sie heiraten würde.« Sie lachte auf, wie über einen ganz unglaublichen Gedanken. »So dumm ist sie doch auch nicht.« Das wußte Jens Larsen nun besser. Er wußte, daß die schöne Inge Söderssen nicht nur felsenfest an seine Liebe, sondern auch an seine Treue und seine ehrlichen Absichten geglaubt hatte, aber er antwortete nur ein undeutliches »hm« und guckte weiter auf die Straße. Nach einer Weile drehte er sich wieder um. Ein unbezwingliches Selbstbewußtsein lag nun in seiner Haltung, als er sagte: »Wenn man etwas auf sich hält, kann man nicht immer alles, was man möchte.« Frau Karstensen nickte zustimmend mit dem Kopf, aber ehe sie etwas antworten konnte, riefen die Mädchen zum Kaffee. Sie hatten im Wohnzimmer einen netten Tisch gedeckt. Es war auch da sehr warm, fast überheizt, aber Jens, der von seiner Fahrt sehr durchfroren war, empfand es nur angenehm. Er war immer gern bei Karstensens, trotzdem dort alles viel kleiner und einfacher war als auf dem Larsenhof, aber es herrschte immer eine frohe Gemütlichkeit, die es in seinem Hause eigentlich nicht gab. Heute war er nun allerdings etwas verstimmt. Das Gespräch mit seiner Schwester hatte allerlei Erinnerungen in ihm geweckt, die ihm nicht behaglich waren, und als er seine Nichten wiedersah, fiel ihm Luises Bemerkung von vorhin wieder ein und verdarb ihm noch mehr die Laune. Sie tranken nun alle vier ziemlich schweigsam ihren Kaffee und aßen braune Kuchen von Weihnachten dazu. »Schade, daß Karsten nicht zu Hause ist,« sagte Frau Karstensen einmal. Als sie eben mit dem Kaffee fertig waren, kam er. Karsten Karstensen stammte aus einer Kaufmannsfamilie: er besaß nicht die selbstsichere Ruhe jener Leute, die, wie Jens Larsen, ihren seit Generationen in der Familie vererbten Landbesitz haben. Er hatte schnelle, gewandte Bewegungen und einen sicheren und raschen Blick. Heute kam er fast hereingeschossen in die Ladentür. Als er die Seinen in der Wohnstube versammelt sah, schwenkte er schon von weitem eine Zeitung und rief mit atemloser Stimme: »Der Krieg ist da! Kinnings, der Krieg ist da! Die Preußen marschieren auf das Danewerk.« Frau Karstensen setzte sich auf den nächsten Stuhl. »O Gott, o Gott!« sagte sie, und dann noch einmal: »O Gott, o Gott!« Karstensen nahm sich kaum Zeit, seinen Schwager zu begrüßen. Er faltete die Zeitung auseinander und las nun in erregtem Ton die neuesten Nachrichten vor. Wrangel hatte an den dänischen General de Meza die Aufforderung ergehen lassen, Schleswig zu räumen, worauf von diesem die Antwort erfolgt war, er hätte von seiner Regierung ganz entgegengesetzte Weisungen und stünde bereit, die Preußen zu empfangen. Nun hatten die Preußen die schleswigsche Grenze überschritten und marschierten auf das Danewerk. Es herrschte einen Augenblick Stille in dem kleinen Zimmer, nachdem Karstensen seine Vorlesung beendet hatte. »Sie werden sich am Danewerk schon ihren Nasenstüber holen,« sagte Jens endlich wegwerfend. Karstensen stieg eine Röte ins Gesicht, gerade so wie seiner Tochter vorher, aber er hielt an sich und antwortete nicht. Er fühlte sich seinem Schwager nicht gewachsen und war außerdem als Deutschgesinnter zu sehr an solche Ausfälle von den Dänenfreunden gewohnt, um gleich zu antworten. Seine Frau hatte aber weniger Ruhe und Selbstbeherrschung. Sie packte ihren Bruder am Arm und rief: »O, Jens, schäm dich, daß du so was sagen kannst, du solltest dich doch freuen, daß endlich Befreiung für uns kommt. Du siehst doch überall die Ungerechtigkeiten und Unterdrückungen. Du weißt doch, wie sie Karsten kujoniert haben, wie er immer höhere Abgaben zahlen muß als die andern, bloß weil sie wissen, daß er deutsch denkt und fühlt. Jens, Jens, wenn das nun alles aufhört, wenn die Preußen siegen, wenn wir wieder Deutsche sein können, deutsch sprechen und in der Kirche deutsche Predigten hören – Kinder, denkt doch bloß mal!« Ihr liefen auf einmal die hellen Tränen über das Gesicht, und sie packte Wiesche, die ihr am nächsten stand, mit beiden Händen an den Schultern und schüttelte sie. Die beiden Mädchen hatten frohe, glänzende Augen bekommen, und Karstensen nickte ihnen zu. Jens stand mit verbissenem Gesicht daneben. »So weit sind wir noch lange nicht,« sagte er höhnisch. »Aber wenn ihr weiter solche Reden führt, werdet ihr der gerechten Strafe nicht entgehen. Ich sage euch, kein Preuße kommt über das Danewerk hinweg, dafür haben wir unsere ruhmreiche dänische Armee. Aber euch wäre es ganz recht, wenn sie kämen, dann solltet ihr mal kennen lernen, was Barbareien sind!« Auf die Freude der Familie Karstensen war ein starker Reif gefallen. Die Mädchen sahen erschrocken aus; in Frau Karstensen aber schäumte der Zorn über. »Du, Jens, ich will nicht, daß in meinem Hause so gesprochen wird, hörst du!« rief sie mit blitzenden Augen. »Du verrätst mit jedem Wort dein Vaterland, denn du bist ein Deutscher so gut wie ich. Sieh dir doch die alten Balken auf dem Larsenhof an. Da steht in deutscher Schrift, wer den Hof erbaut hat, und in die Familienbibel haben unsere Vorfahren, ihre deutschen Namen eingetragen, und da war nicht ein Däne darunter.« »Das geht mich gar nichts an,« rief Jens, »wir gehören jetzt zu Dänemark, und die Preußen haben hier nichts zu suchen. Und wenn dir das, was ich sage, nicht paßt, kann ich ja gehen.« Er stampfte mit steifen Knien in den Laden und nahm seinen Pelz vom Nagel. Karstensens erhoben keinen Einspruch; sie fühlten es alle als eine Erleichterung, daß er gehen wollte. Es hatte schon öfter mal kleine Reibereien dieser Art zwischen ihnen und Jens gegeben, sie waren indes immer wieder bald beigelegt worden. Jetzt wurde aber die Lage der Dinge sehr ernst, und man empfand diese Meinungsverschiedenheit plötzlich als große Kluft, die nicht mehr zu überbrücken war. Jens hatte seinen Mantel angezogen und die Mütze aufgestülpt. »Adjüß,« sagte er, ohne jemand die Hand zu geben. »Adjüß,« antworteten sie alle, und Wiesche fügte hinzu: »Grüß Gesine.« Er nickte kurz und verließ den Laden. Als die Tür mit scharfem Klingeln hinter ihm ins Schloß gefallen war, herrschte bei Karstensens einen Augenblick tiefe Stille. Alle sahen unwillkürlich die Mutter an, um zu sehen, was sie zu diesem Abschied sagte. Aber Frau Karstensen hielt sich nicht lange mit Gedanken darüber auf. Sie schüttelte den Kopf wie über etwas, das ihr unbegreiflich war, und dann gewann die Freude wieder die Oberhand. »Kinnings, Kinnings, Gott bewahr mich,« rief sie und schlug die Hände zusammen, »denkt doch mal bloß! Wenn wir nun wieder richtige Deutsche werden, und all die gräsigen Dänen werden hier rausgeschmissen – was wird das fein!« Die Töchter nickten und faßten ihre kleine, runde Mama um, und alle drei tanzten vor Freude im Laden herum. Karstensen war bedenklicher. »Wartet man, bis es so weit ist,« sagte er, »wer weiß, wie es alles kömmt.« Aber die drei ließen sich ihre Freude nicht nehmen und steckten ihn schließlich mit an. Er las noch einmal die Nachrichten aus der Zeitung vor, und nachher setzten sie sich alle um den Tisch im Wohnzimmer und studierten die Karte von Schleswig-Holstein. – Als Jens jetzt durch die Straßen ging, war das Leben und Treiben noch stärker geworden. Die Nachmittagspost hatte all diese Nachrichten gebracht, und der Bevölkerung hatte sich eine große Erregung bemächtigt. Die Deutschen zeigten ihre Freude nicht in lautem Jubel auf der Straße, aber ihre Augen glänzten, und ihre Schritte waren wie beflügelt. Und in den Häusern falteten sich die Hände zu heißen Gebeten. Alte Leute, die ihr schönes Vaterland in die Knechtschaft hatten kommen sehen, weinten helle Freudentränen, und die Jungen jauchzten den Errettern entgegen. Jens traf viel Gleichgesinnte auf der Straße und überwand den Ärger, den er eben im Hause seiner Schwester empfunden hatte, schnell. Sie alle waren mit ihm der gleichen Meinung: daß die Preußen über das Danewerk nicht hinauskommen würden. Er ging noch ins Wirtshaus und trank auf das Wohl der ruhmreichen dänischen Armee. Als er endlich nach Hause kam, war es schon recht spät, aber seine Frau und Gesine waren noch aufgeblieben, um ihn zu erwarten. Er war ganz erfüllt von seinen Nachrichten, rief sie dem Knecht zu, der ihm das Fuhrwerk abnahm, und sprach noch lange zu den Frauen von dem, was er gehört und gelesen hatte. Er beschrieb ihnen das Danewerk, den großen Wall mit den uneinnehmbaren Befestigungen und Schanzen bei Schleswig. Nie würden die Preußen und Österreicher sie nehmen können, nie darüber hinwegkommen. Die Frauen hörten mit großen, müden Augen zu, und Frau Larsen gähnte ein paarmal verstohlen. Als Gesine später über die Diele ging, um ihre Schlafkammer aufzusuchen, fiel der Schein ihres Lichtes auf den großen Querbalken mit der Inschrift: »Erbaut 1789 von Peter Jens Larsen. Gott mit uns allewege«. Da blieb sie einen Augenblick stehen und dachte: wie merkwürdig es doch wäre, daß sie sich nun zu den Dänen rechneten, wahrend ihre Vorfahren Deutsche gewesen waren. Viertes Kapitel. Als die Nachricht kam, daß das Danewerk ohne Verteidigung von den Dänen geräumt worden wäre, wollte sie zuerst niemand glauben. Jens Larsen lief den ganzen Tag herum und hielt jeden Menschen, den er traf, mochte es ein Mann oder Weib oder Kind sein, an und sagte: »Das ist unmöglich, das ist ein Irrtum, eine Lüge. Es hat sich jemand einen Scherz gemacht. Wie kann man das denken von unserer ruhmreichen Armee?« Aber dann wimmelte es plötzlich auf allen Wegen von dänischen Soldaten, wie ein Heuschreckenschwarm brachen sie über das Land herein, müde, abgehetzt, fliehend, um sich hinter die Düppeler Schanzen zurückzuziehen. In allen Häusern war Einquartierung, und die Soldaten erzählten von den unglücklichen Gefechten bei Ober-Selk und Översee, wo die Österreicher ihnen so viel zu schaffen gemacht hatten, von den furchtbaren Strapazen, von der Kälte und den Entbehrungen. Man war plötzlich mitten im Kriegsleben und wußte nicht, was man von alledem denken sollte. Nun brachten aber die dänischen Zeitungen die Berichte von den Erfolgen der Armee und ihrer Unbesiegbarkeit, und da trug Jens den Kopf wieder höher und las allen, die ihm in den Weg kamen, vor, was sie in Kopenhagen sagten. Die mußten es doch wissen. Nur General de Meza verstand nichts und mußte eigentlich gehängt werden. – – – Inge Hansen saß in ihrer kleinen Küche und schälte Kartoffeln. Nübel war von Soldaten besetzt, und auch Hansens hatten ihre Vorderstube abgeben müssen und für sich nur die kleine Kammer neben der Küche behalten. Aber jetzt waren die Soldaten ausgerückt, und es war still und friedlich um Inge. Sie hatte einen unruhigen, gespannten Zug im Gesicht; denn es lastete eine große Sorge auf ihr. Ihr einziges Kind, ihr Hannes, war, als die politische Lage der Herzogtümer so ernst wurde, von dänischer Seite wie so viele andere nach Schleswig beordert worden, um dort Fuhren zu leisten. Peters kleiner Wagen und der hübsche Braune, den er sich erst vor kurzem angeschafft hatte, waren zu diesem Zweck requiriert worden. Nun kam die dänische Armee zurück, aber von ihrem Hannes hatte sie noch keine Nachricht. So oft draußen ein Wagen fuhr, lief sie ans Fenster und sah hinaus, aber es war bis jetzt immer vergebens gewesen. Nun kam wieder ein Wagen. Sie hörte schon von weitem das Quietschen der Räder auf dem Schnee mit ihrem für dies Geräusch jetzt so sehr geschärften Ohr. Diesmal meinte sie bestimmt, er müßte es sein, und sie begnügte sich nicht damit, ans Fenster der Diele zu gehen, sondern öffnete schnell die Haustür und trat hinaus. Es war aber nicht ihr Hannes, der im Schritt die Straße heraufgefahren kam, sondern Jens Larsen. Sie stutzten beide, als sie sich sahen, und Jens hielt sein Pferd an und rückte an seiner Pelzmütze. Über das Gesicht der Frau flog ein helles Rot und ließ sie für den Augenblick ganz jung erscheinen. »Ich meinte, es wäre Hannes,« sagte sie. Dann waren sie wieder still. »Ist Peter zu Haus?« fragte Jens endlich. Inge nickte. »Ja, er ist auf dem Hof und macht Holz klein.« Jens zeigte mit der Peitsche nach der Deichsel und sagte: »Dat oll Ding is tweigangen. Wullt Peter mi dat woll 'n beten tosammen drechseln?« »Das will er wohl,« meinte Inge, ging um das Haus herum und rief nach Peter. Er kam, Jens stieg ab, und die Männer besahen zusammen den Schaden. Inge war in das Haus zurückgegangen, hatte aber die Tür aufgelassen. Als sie nun sah, daß Peter an dem Wagen hantierte und Jens, die Hände in den Taschen dabeistand und zusah, rief sie: »Willst du nicht reinkommen, Jens Larsen? Hier ist es schön warm.« Jens zögerte einen Augenblick. Er war noch nie in Inges Haus gewesen. Aber schließlich ging er doch. Er mußte sich bücken, um durch die niedrige Tür zu kommen, und er dachte, daß die große Inge wohl auch jedesmal den Kopf neigen mußte, wenn sie ihr Haus betrat. Peter kam wohl so hinein. Die schmale Diele, die nach hinten in die Küche führte, war mit Ziegelsteinen gepflastert, die nach der Mitte zu sehr ausgetreten waren. An der einen Wand stand eine große Holztruhe. Links war eine Tür, die in die kleine Vorderstube führte. Inge saß wieder auf dem niedrigen Holzschemel und schälte Kartoffeln. »Nun haben die Dänen die Preußen doch nicht am Danewerk zurückgeschlagen,« sagte sie, als Jens eingetreten war und sich auf den Stuhl in der Nähe des Herdes gesetzt hatte. Hierüber sprach Jens nun nicht gern. Die Tatsachen stimmten so wenig mit dem überein, was die Zeitungen sagten, daß er sich nicht ganz zurecht fand. Er brummte etwas vor sich hin und sah ins Feuer. Aber Inge ließ nicht locker. »Diesmal wird es doch Ernst mit der Befreiung von Schleswig-Holstein, die Preußen rücken ja schon näher. Es dauert nicht lange, dann sind sie hier.« Nun machte Jens eine wegwerfende Bewegung. »Die Düppeler Schanzen kriegen sie nie, da können sie machen, was sie wollen.« Was er früher vom Danewerk gesagt hatte, sagte er jetzt von den Düppeler Schanzen; er klammerte sich förmlich an den Satz. »Abwarten,« sagte Inge ruhig und warf wieder eine geschälte Kartoffel in die Schüssel mit Wasser. Jens sah eine Weile zu, wie ihr die Arbeit so flink von der Hand ging, und allerlei Erinnerungen kamen ihm. »Deine Mutter ist nun auch schon lange tot,« meinte er endlich aus seinen Gedanken heraus. »Ja,« sagte sie, und in der Art, wie sie den Kopf hob und ihn ansah, lag eine ernste Abwehr. Sie hatte seinen Gedankengang erraten und wollte nicht, daß er noch mit anderen Worten auf jene vergangene Zeit zurückkam. Es lag ein Stolz in ihrer Bewegung, der ihn ärgerte. Inge Hansen war vielleicht der einzige Mensch auf der ganzen Welt, gegen den Jens Larsen eine Schuld hatte, die noch nicht abgetragen war, die er wohl nie abtragen konnte, und deshalb war er ihr gegenüber leicht gereizt. Er stand wieder auf und reckte sich zu seiner ganzen, stattlichen Höhe, und indem seine Gestalt wuchs und sich dehnte und er so massig und kernig in all der verhaltenen Kraft dastand, schien es, als ob der Raum für ihn zu klein wäre und er sich an allen Ecken stoßen müßte. Und gerade jetzt trat auch Peter in die Küche, klein und gebückt, mit seinem verwitterten, zusammengedrückten Gesicht und den strubbeligen grauen Haaren. Der Gegensatz trat scharf hervor. Jens fühlte das und freute sich darüber. »Na, Peter Speck,« sagte er und schlug den Alten derb auf die Schulter, »is 's nu all wedder in Ordnung?« Peter nickte. »Bis nach 'n Larsenhof langt dat nu woll.« Jens griff in die Tasche und holte einen großen Lederbeutel heraus. »Und was bin ich nu' schuldig?« »Das hat nichts zu sagen,« sagte Peter mit freundlichem Gesicht und wendete sich ab. Aber Jens wollte bezahlen, denn er meinte, es wäre eine Demütigung für Inge, wenn er ihrem Mann Geld für diese kleine Gefälligkeit gab, und es verursachte ihm ein Gefühl von Freude und Genugtuung, sie zu demütigen. Deshalb legte er ein dänisches Zweikronenstück auf den Tisch und sagte: »Ach, dumm Schnack! För nix is nix! Du hast das Geld auch nicht in Säcken auf dem Boden stehen, Peter Hansen! Hier, kauf dein' Frau 'ne bunte Schürze dafür.« Peter schob seine kurze Pfeife von einem Mundwinkel in den andern, was immer andeutete, daß er etwas sagen wollte. Jens sah aber nicht auf ihn, sondern auf Inge. Sie sah nicht gedemütigt aus, ihr Gesicht war ganz ruhig, aber die klaren Augen sahen ihn mit einem Blick an, der zu sagen schien: »Jens, so warst du früher nicht.« Es war auf einmal eine Stille in dem kleinen Raum zwischen den drei Menschen, aber plötzlich sprang Inge auf, stellte den Kartoffelkorb auf den Tisch und stürzte hinaus. »Hannes!« rief sie nur. Die beiden Männer folgten ihr erstaunt. Sie hatten noch gar nichts gehört. Aber als sie aus der Haustür kamen, stand dort wirklich ein kleines, armseliges Fuhrwerk mit einem halbverhungerten Pferd davor, und im Wagen, zwischen dem Stroh, saß ein blasser, schmaler, hohlwangiger junger Mensch. »O, Hannes,« schrie Inge noch einmal auf, »o, Hannes, lütt Jung, bist du nu da? Nu steig man aus.« Hannes Hansen stieg schwerfällig ab und sah müde um sich. Peter hatte inzwischen das Pferd geklopft und besehen. »Wo hast denn meinen fixen Braunen gelassen?« fragte er endlich. Da zuckte es in Hannes Hansens Gesicht, und er sagte: »Das ist er ja.« Nun waren sie alle still, aber Peter trat wieder an das müde, abgeklapperte Pferd heran und streichelte es. Inge umfaßte Hannes und führte ihn ins Haus. »Komm, Jung,« sagte sie, »nu sollst du was Warmes kriegen.« Als Hannes Hansen in der Küche am Herd saß, schien es, als löste sich allmählich eine Spannung, die auf seiner Seele gelegen hatte, und er fing an zu erzählen. Drei Wochen lang hatte er kaum ein Dach über dem Kopf gehabt und nichts Ordentliches zu essen bekommen. Auf verschneiten oder gefrorenen Wegen war er stundenlang im Land umhergefahren mit Proviant oder mit Verwundeten, und Kälte, Regen und Wind hatten ihn ungeschützt getroffen. Inge machte, während er erzählte, eine warme Suppe für ihn zurecht, Peter kniete am Boden, zog ihm die schlechten, nassen Stiefel von den Füßen und gab ihm dafür frische, wollene Strümpfe und warme Schuhe. »So,« sagte Inge und kam mit ihrem Teller mit warmer Suppe heran, »nu iß man tüchtig, mein Jung, und dann gehst du gleich zu Bett. Nu haben wir dich ja wieder hier, nu wollen wir dich wohl wieder zurecht pflegen.« Aber der Sohn sah die Mutter mit einem herzzerreißenden Blick an, warf die Arme ungestüm um ihren Leib und drückte den Kopf in ihre Kleider. »Morgen muß ich ja wieder weiter,« rief er verzweifelt. Inge rührte sich nicht; sie meinte nur, alle müßten das furchtbare Klopfen ihres Herzens hören. »Weiter?« fragte sie tonlos. »Wohin denn?« »Nach Alsen. Wir sollen alle rüber nach Alsen.« Da legte es sich wie eine Last auf die Herzen der vier Menschen; denn sie sahen zum erstenmal dem furchtbaren Ernst des Krieges ins Auge, und sie fühlten, daß er von jedem von ihnen seine Opfer fordern würde. Aber sie jammerten und klagten nicht, sondern nahmen es hin wie etwas Unabwendbares. Der Junge aß seine Suppe mit der hastigen Gier eines völlig Verschmachteten. Peter legte seine Pfeife auf den Tisch, denn sie war ihm längst ausgegangen; und das geschah sehr selten. Inge hatte anscheinend ihre Arbeit vergessen, sie setzte sich auf den niedrigen Holzschemel, vornübergebeugt, wie niedergedrückt von einer schweren Last, und die gefalteten Hände in ihrem Schoß waren so fest umeinandergeschlossen wie im Krampf. Der erste, der wieder sprach, war Peter. Er stand schwerfällig auf und sagte: »Ich will nu man den Braunen in 'n Stall bringen.« Das brachte auch Jens zur Besinnung, der bis jetzt stumm am Türpfosten gelehnt hatte. Er richtete sich auf und sagte: »Ich muß nun wieder fort. Adjüß.« Inge stand auf, und es lag wieder die alte Kraft in ihrer Bewegung. »Adjüß, Jens Larsen,« sagte sie. Draußen im Schnee stand Peter neben seinem müden Pferd, das er sich vor ein paar Monaten von seinen Ersparnissen gekauft hatte, weil er nun alt wurde und ihm die langen Wege mit seinem Karren schwer fielen. Er machte die Leinen und Sielen los, und dabei streichelte und klopfte er den Braunen und sprach zu ihm, wie man zu einem Kinde spricht. Auf dem Larsenhof war große Einquartierung. Als Jens sich seinem Hofe näherte, war eben eine Abteilung Soldaten angetreten, um auszuziehen. Die Kommandorufe der Offiziere schallten weit in der klaren Winterluft, und die blanken Beschläge der Uniformen blitzten in der Sonne. Nun marschierten sie ab, gerade als er in das Hoftor einfahren wollte. Er hielt den Wagen an und ließ sie an sich vorüberziehen. Die Offiziere grüßten, und von den Leuten nickte ihm hin und wieder einer zu. Dann war die Einfahrt frei, und er fuhr in den Hof. An den Fenstern und in der Tür des Kuhstalles standen die Mägde und sahen den abziehenden Soldaten nach. Sie kicherten und stoben erschrocken zurück, als sie ihren Herrn sahen. An der strohumwickelten Pumpe waren Soldaten im Arbeitszeug beschäftigt, um Wasser zu holen. Im Hause war auch alles auf den Kopf gestellt. Jeder Raum war besetzt, in den Stuben lag Stroh für das Nachtquartier, auf allen Sofas waren Betten zurecht gemacht, und in der Küche hausten die Soldaten und schäkerten mit den Mägden, Frau Larsen lief wie aufgescheucht im Hause umher und wußte sich nicht mehr zurecht zu finden. Alle Augenblicke erklärte sie, sie wollte sich um nichts mehr kümmern, Gesine sollte alles machen, und wenn sie Gesine eine halbe Stunde nicht gesehen hatte, dann rief sie verzweifelt nach ihr und sagte, sie dürfte nicht allein unter das rohe Kriegsvolk, sie sollte immer an ihrer Seite bleiben. Als Jens kam, stürzte sie ihm entgegen. »O, Jens,« rief sie klagend, »was ist es schrecklich mit dem Krieg. Ich hab' doch so bestimmt gedacht, sie kamen nicht hierher. Du hast doch immer gesagt, die Preußen könnten nicht über das Danewerk hinweg, und wir würden gar nichts von dem Kriege merken. Ganz bestimmt hast du's gesagt, ich hab's noch neulich zu Hanne Lüttjen gesagt, wie sie mir wieder Eier abgekauft hat, und nun ist hier schon alles in Unordnung.« »Was ist denn los?« fragte er. Sie sah sich um und holte tief Atem. Was sollte sie zuerst sagen? Alles war in Unordnung und aus dem Gleise. »Mein ganzer Leinenschrank ist schon leer,« sagte sie endlich, »und sie legen sich mit den Stiefeln ins Bett, und mit den guten Handtüchern wischen sie ihre Helme und Gewehre ab. In die Wände schlagen sie große Nägel, so daß die Tapeten Löcher kriegen, und mein bester Wassereimer ist weg, den kann kein Mensch mehr finden.« Vor Jens' Augen stand das Bild einer Frau, die ihren einzigen Jungen hergeben mußte, und die ohne zu klagen ihr Schicksal trug. Er legte seiner Frau die Hand auf die Schulter, so schwer, daß ihre schmächtige Gestalt fast darunter zusammenknickte, und sagte ernst: »Wenn der Krieg keine größeren Opfer von dir fordert, als deinen besten Wassereimer, dann kannst du Gott auf den Knien danken.« Sie sah ihn ganz erschrocken an, und ihr war zumute, als ob alles über ihr zusammenstürzte. Sie hatte so bestimmt geglaubt, daß sie hier nichts von dem Kriege merken würden, aber nun waren sie auf einmal mitten drin in dem Kriegsleben, und Jens schien anzunehmen, daß es noch viel schlimmer kommen könnte. »Du hast doch aber immer gesagt, sie kämen gar nicht hierher,« sagte sie nun vorwurfsvoll und weinerlich. »Ja, nun sind sie aber gekommen, ich kann's doch auch nicht ändern.« Seine Stimme verriet dabei wachsende Ungeduld. »Die Deerns sind gar nicht mehr zu gebrauchen, die sind schon rein verrückt,« klagte sie weiter. Er hatte seinen Pelz abgezogen und war in die kleine Stube getreten, die der Familie jetzt allein geblieben war. »Laß uns jetzt essen,« sagte er kurz und herrisch, um ihre Klagen abzuschneiden. Sie ging seufzend in die Küche, und er trat ans Fenster und sah auf den Hof hinaus. Das Jammern seiner Frau brachte ihn ganz aus der Fassung, er mußte sich ordentlich zusammennehmen, um nicht all seinem Zorn und seiner Ungeduld einmal gewaltsam Ausdruck zu geben. Sie hatte ja immer diesen aufs kleine gerichteten Sinn gehabt, aber früher hatte ihn das nicht weiter angefochten; dazu war sie ihm zu gleichgültig. Sie hatten nebeneinander hergelebt, und wenn das Haus in Ordnung war, dann war er zufrieden gewesen. Aber jetzt in den ernsten Zeiten war er anspruchsvoller geworden; jetzt empfand er plötzlich die Leere neben sich und begann, zu fühlen, was ihm in der langen Zeit seiner Ehe eigentlich immer gefehlt hatte. Am Nachmittag dieses Tages kam Thies. Er war schon eingezogen; sein Regiment lag nicht weit von Sonderburg auf der Insel Alsen. Als Gesine ihn durch das Tor in den Hof einbiegen sah, durchzuckte sie ein so heftiger Schreck, daß sie sich auf den nächsten Stuhl setzen mußte. Sie hatte ihn seit dem Verlobungstage nicht wieder gesehen Und sich so sicher in dem Gedanken gefühlt, daß er jetzt in der Kriegszeit nicht kommen könnte. Nun war er aber auf einmal wieder da, jeder Schritt brachte ihn ihr näher, und gleich würde er vor ihr stehen mit all den Rechten eines Bräutigams und würde sie küssen – küssen wie neulich. Da überfiel sie ein Entsetzen, und sie lief davon, über die Diele, ehe er noch die Haustür erreicht hatte, die Treppe hinauf bis auf den Boden. Dort setzte sie sich ganz hinten in einer Ecke auf eine Kiste. Sie hörte unten die Haustür gehen und darauf Sprechen auf der Diele. Ihre Mutter rief ein paarmal laut nach ihr, dann vernahm sie den festen Schritt und die Stimme ihres Vaters, der Thies anscheinend gleich mit Beschlag belegte. Die Wohnzimmertür ging – und dann war alles still. Bis jetzt hatte sie gespannt gehorcht, nun atmete sie erleichtert auf und lehnte sich erschöpft gegen die Wand. Aber was sollte nun werden? Sie konnte doch nicht den ganzen Nachmittag hier sitzen bleiben! Einmal kam doch der Augenblick, wo sie Thies gegenübertreten mußte. Wenn die Eltern dabei waren, würde er ihr wohl nur einen Kuß geben, so wie früher, als sie noch nicht verlobt waren. Sie dachte weiter. Dann gingen die Eltern aber vielleicht einmal beide hinaus, sie blieb allein mit Thies – vielleicht lange – und dann kam es doch. Ihr wurde siedendheiß, und sie strich sich mit dem Handrücken über die Stirn. Nein, das mochte sie nicht und das wollte sie nicht. Es war wohl das Blut ihres Vaters, das sich plötzlich in ihr regte. Sie stand auf und warf mit entschlossenem Gesicht den Kopf zurück. Mochte nun kommen, was wollte, sie gab Thies seinen Ring zurück und sagte ihm, daß sie nicht seine Frau werden könnte. Sobald sie diesen Entschluß gefaßt hatte, ging sie auch ohne Besinnen hinunter. Thies saß mit Jens auf dem Sofa in der Wohnstube und erzählte ihm von dem Kriegsleben in Sonderburg, aber er war nur halb mit seinen Gedanken bei dem, was er sagte. Seine Augen wanderten immer wieder nach der Tür. Gesine mußte doch kommen. Am liebsten hätte er sie im ganzen Hause gesucht, aber Jens ließ ihn nicht los. »Sie wird schon kommen,« meinte er und sprach dann weiter vom Kriege. Endlich kam sie auch. Sie sah blaß aus, und als Thies sie küßte, fühlte er, daß ihr Gesicht ganz kalt war. »Was hast du?« fragte er besorgt. »Nichts,« sagte sie und setzte sich mit einer Handarbeit ans Fenster. Das war nun eigentlich noch viel qualvoller, und Thies wurde ganz ungeduldig. Er war wahrhaftig nicht hergekommen, um mit Jens auf dem Sofa zu sitzen und ihm vom Kriege zu erzählen. Er hatte sich diese Stunden ganz anders gedacht. Und Gesine sah auch nicht ein einziges Mal zu ihm herüber, bewies ihm mit keinem Blick, daß sie ebenso dachte wie er. Schließlich hielt er es nicht mehr aus, sondern stand auf und trat zu ihr ans Fenster. In diesem Augenblick wurden die Eltern beide abgerufen. »Gott sei Dank!« sagte er aus tiefstem Herzensgrund, als die Tür sich hinter ihnen geschlossen hatte. Als er sie nun aber umarmen wollte, machte sie sich hastig frei und wich zurück. »Nicht, Thies, nicht!« rief sie ängstlich abwehrend. »Ich muß dir etwas sagen. Setz dich mal dahin, da drüben, und hör zu.« Sie sprach so erregt, daß er sie ganz erstaunt und erschrocken ansah, aber er setzte sich nicht, wie sie es gern wollte, sondern blieb stehen, mit vorgebeugtem Oberkörper, wie zum Kampf bereit. »Was hast du?« fragte er. In seiner Stimme lag etwas Drohendes. »Sei mir nicht böse,« bat sie, »bitte, Thies, sei mir nicht böse. Ich wollte es ja, weil du mich lieb hast und Vater und Mutter sich darüber freuen, aber ich kann nicht.« »Was?« »Deine Frau werden. Bitte, Thies –« Er hörte nicht mehr. »Was, du? Was sagst du?« rief er mit heiserer, bebender Stimme. »Du kannst nicht meine Frau werden? Warum nicht?« Sie suchte nach einer Antwort. Ja, warum eigentlich nicht? »Ich kann nicht,« sagte sie nur wieder. »Aber du mußt doch einen Grund haben!« Er packte sie plötzlich. »Du, ist da ein anderer? Sprich, ist da ein anderer?« Sie sah ihm frei und offen ins Auge und schüttelte den Kopf. Seine Hände hielten sie noch immer wie mit eisernen Klammern. »Ja, aber warum denn, du? Warum denn?« »Ich habe dich nicht lieb genug,« sagte sie nun. Da riß er sie in seine Arme und küßte sie. »Ach lütt Deern, das kommt schon,« rief er auf einmal übermütig. Ich küsse – dich so lange – bis du mich – mehr liebst, als alles – auf der Welt.« Die Leidenschaft riß ihn wieder fort, und er bedachte nicht, daß er Gesine damit am meisten zurückschreckte. Sie riß sich jetzt mit Gewalt von ihm los. »Ich will aber nicht,« rief sie heftig, »hör doch, Thies, ich will nicht. Hier, nimm deinen Ring zurück –« Sie standen sich noch mit flammenden Augen gegenüber, als Jens eintrat. »Na, was ist denn los?« fragte er erstaunt, denn er sah sofort, daß zwischen ihnen etwas nicht in Ordnung war. Er bekam keine Antwort. Gesine schlug das Herz bis zum Halse hinauf. Sie hatte ihrem Vater ja heute noch sagen wollen, daß sie Thies nicht heiraten konnte, aber sie hatte sich den Augenblick anders gedacht. Vielleicht oben auf der Hohen Koppel, wenn Thies fort war und ihren Ring schon zurückgenommen hatte. Jetzt aber, da sie mit Thies noch gar nicht im klaren war und sie so unvorbereitet gefragt wurde, fand sie keine Worte. Denn daß ihr Vater sehr böse sein würde, wußte sie im voraus; er hatte diese Verlobung selbst gewünscht. Thies mochte auch nichts sagen. Er war doch nicht sicher, ob Jens auf seine Seite treten würde. Es schien ihm fast natürlicher, daß er seiner Tochter zu Hilfe kam. Jens sah ärgerlich von einem zum andern. »Na, bekomme ich keine Antwort?« rief er aufgebracht. »Ich will wissen, was los ist.« Da faßte sich Gesine ein Herz. Gesagt werden mußte es ja doch einmal, also war es vielleicht schon am besten, sie brachte es gleich zur Sprache und suchte Schutz bei ihrem Vater. »Ich habe Thies gebeten, seinen Ring zurückzunehmen,« sagte sie, »denn ich kann nicht seine Frau werden.« Jens stand wie versteinert da. »Warum nicht?« fragte er kurz und barsch. »Weil –« Gesine stockte und suchte nach Worten. »Ich habe ihn nicht lieb genug dazu.« Nun schwoll auf Jens' Stirn die Zornesader. Er hatte noch nicht gelernt, sich aus seinem eigenen Leben eine Lehre zu ziehen, und er dachte jetzt auch gar nicht an Gesine und ihre Gefühle. Ihn beherrschte nur der Gedanke, daß sie eine wichtige Entscheidung hatte treffen wollen ohne sein Wissen und gegen seinen Willen, etwas rückgängig machen, was er gutgeheißen hatte, und das brachte ihn auf. Inges Frage fiel ihm auch ein. »Hat sie ihn lieb?« Die eigenen Eltern hatten darüber nicht nachgedacht. Aber das mußte ein Mädchen doch selbst wissen; wenn es sich verlobte. Sollte er nun in der Gegend herumgehen und allen erzählen, daß es aus wäre mit der Verlobung, und daß seine Tochter so eine wäre, die sich heute verlobte und dann nach kurzer Zeit sagte, sie wäre anderen Sinnes geworden und möchte nun nicht mehr? »So etwas überlegt man sich vorher,« rief er. »Meinst du, ich werde zugeben, daß du Thies an der Nase rumführst? Einen Tag verlobst du dich mit ihm, und das nächstemal paßt es dir nicht mehr! Denkst du, du könntest ihm nun einfach seinen Ring zurückgeben, und alles wäre beim alten? Ohne mich vorher zu fragen? Sofort steckst du den Ring wieder an und bittest Thies um Verzeihung für dein dummes Betragen.« Gesine preßte die Lippen zusammen und rührte sich nicht. Sie hatte den Willen des Vaters bis jetzt immer ohne daran zu deuteln anerkannt und respektiert, heute zum erstenmal lehnte sich in ihr etwas gegen ihn auf, und sie hatte das Gefühl, als ob er jetzt über etwas verfügte, worüber er kein Recht hatte. »Du hast Thies dein Wort gegeben, und eine Larsen hält ihr Wort,« fuhr er fort. Da ihm beim Sprechen einfiel, daß er das, was er da sagte, selbst nicht getan hatte, machte er ein so grimmiges Gesicht, daß auch Thies Furcht vor ihm bekam. Jetzt fuhr Gesine aber auf. »Nein, das habe ich nicht getan. Thies hat mich –« Sie stockte, und ihr Gesicht überzog sich mit dunklem Rot. Sie dachte wieder an die Szene auf der Hohen Koppel; ihr mädchenhaftes Empfinden sträubte sich dagegen, zu schildern, wie Thies sie da in die Arme gerissen und geküßt hatte. Jens sah abwechselnd sie und Thies an. »Was hat Thies?« fragte er langsam. »Er hat mich gar nicht gefragt, sondern es als selbstverständlich angesehen, daß ich –« »Nu ja, und du hast dich nicht gesträubt. Aber, zum Kuckuck, das ist doch ausreichend. Eine Verlobung wird doch nicht abgeschlossen wie ein geschäftlicher Handel.« Gesine sah auf Thies. Er mußte doch jetzt sagen: »Ja, sie hat sich gesträubt, aber ich habe es nicht gelten lassen.« Aber er sagte es nicht. Er stand immer noch mit verkniffenem Gesicht da und sah vor sich hin. Jens aber fuhr fort: »Nun verbitte ich mir alle dummen Geschichten. Sofort steckst du deinen Ring wieder an und bittest Thies um Verzeihung, verstanden! Und dann will ich von dieser ganzen verrückten Geschichte nichts mehr hören. Das wäre ja noch schöner – Auftritte, Weiberlaunen!« Er blieb noch wartend stehen und sah auf Gesines Hände. Sie hatte die Lippen fest zusammengepreßt und schob den Ring zögernd und widerstrebend wieder auf den Finger. Nun ging Jens befriedigt hinaus. Soweit hatte er die Sache in Ordnung gebracht; jetzt mochten die jungen Leute selbst sehen, wie sie sich wieder vertrugen. Im Grunde nahm er die Sache nicht so schwer. Streitigkeiten kamen immer mal zwischen Brautleuten vor. Gesine war ja so jung und unerfahren, natürlich dachte sie gleich, so etwas müßte zum Bruch führen. Aber mit der Zeit würde sie schon klüger werden, man mußte ihr nur gleich einen festen Willen entgegensetzen. Als die Tür sich hinter Jens geschlossen hatte, wollte Thies sich Gesine nähern und ihr die Versöhnung erleichtern, indem er den Arm um ihre Schultern legte, aber sie wich vor ihm zurück und sah ihn so drohend an, daß er den Mut dazu verlor und unschlüssig auf halbem Wege stehen blieb. »Rühr mich nicht an!« rief sie. Bis jetzt hatte sie sich halb unbewußt gegen ihn gesträubt, weil sie seine Liebe nicht erwidern konnte, aber seit dieser Stunde hatte sie auch die Achtung vor ihm verloren. »Du, du hast dabei gestanden und dem Vater nicht gesagt, daß ich mich gegen dich gesträubt habe,« fuhr sie mit blitzenden Augen fort, »und du willst eine Frau heiraten, die dich nicht freiwillig nimmt, sondern gezwungen. Du hast ja keinen Stolz. Vater kann mich wohl zwingen, deinen Ring zu tragen, aber ehe ich dich heirate –« Sie suchte nach Worten, um den Satz zu vollenden. Eher würde sie wohl ins Wasser gehen, dachte sie, aber das sagte sie nicht. »Ich tu es einfach nicht – nie!« rief sie. Damit ließ sie ihn stehen und ging hinaus. Thies blieb auf dem Fleck stehen, ohne sich zu rühren, und sah ihr wie erstarrt nach. Endlich lachte er kurz auf und zuckte die Achseln. Über die Sache war er ja nun im klaren: eigentlich hatte er hier ja nichts mehr zu suchen. Aber es überkamen ihn nun doch Schmerz und Zorn, er wußte selbst nicht, was stärker war. Er ballte die Hände zu Fäusten und trat mit dem Fuß auf. So ohnmächtig stand er dem gegenüber, – sie wollte nicht, sie wollte einfach nicht! Und wenn der Vater sie wirklich zwingen sollte, ihn zu heiraten, was war das dann für ein Glück? Gefühle lassen sich nicht zwingen. »Äh!« Er stieß einen Stuhl, der ihm im Wege stand, wütend mit dem Fuß beiseite, daß er polternd zu Boden fiel, und ging hinaus. In der Küche fand er Frau Larsen. Er sagte ihr, daß er heute nicht länger bleiben könnte, und ging dann fort, ohne Jens und Gesine noch einmal gesehen zu haben. Fünftes Kapitel. Die Preußen drangen stetig vor. Selbst Jens Larsen konnte es jetzt nicht mehr in Abrede stellen, daß sie näher und näher kamen. Und eines Tages waren sie auf dem Larsenhof. Es waren unruhige Tage gewesen, die dem vorangegangen waren, Tage voll Angst und Zweifel und Aufregung. Man hörte von Vorpostengefechten, die stattgefunden hatten, man sah die ersten Verwundeten. Fliehende Dänen zogen vorüber, und auch das Bataillon, das auf dem Larsenhof gelegen hatte, brach auf und eilte nach den Schanzen. Die uneinnehmbaren, unbesiegbaren Düppeler Schanzen waren jetzt noch die einzige Rettung der ruhmreichen dänischen Armee. »Die Schanzen kriegen sie ja nie,« sagte Jens Larsen immer noch in dem alten, überzeugten Ton. Aber daß sich vor den Schanzen ein heftiger Kampf entspinnen würde, daran zweifelte er nicht mehr, wenn er es auch nicht weiter aussprach. Er hatte auch nicht gedacht, daß die Preußen so schnell vordringen würden. Nun ertönten schon ihre Kommandorufe auf dem Larsenhofe, und die Soldaten, die sich an der Pumpe zu schaffen machten, pfiffen nicht den »tappern Landsoldaten« sondern »Ich bin ein Preuße«. Als die preußischen Offiziere zum erstenmal das Haus betraten, war Frau Larsen halb ohnmächtig vor Angst. Jens hatte ihr so viel von der Roheit der Preußen erzählt, daß sie die Vorstellung hatte, sie würden jetzt alle hingemordet werden, oder wenigstens würden die Offiziere alle Möbel kurz und klein schlagen und ihnen womöglich nachher das Dach über dem Kopf anzünden. Aber es geschah nichts dergleichen. Die Offiziere waren ruhig und höflich und verlangten nur Quartier für sich und ihre Leute. Erst als Jens sich auf den Dänen aufspielte und vorgab, kein Deutsch zu verstehen, wurde ihr Ton sehr kurz und bestimmt, und sie trafen über seinen Kopf hinweg ihre Anordnungen. Larsens waren nun nicht mehr Herr in ihrem Hause. Alles war überschwemmt mit Soldaten, das Haus, der Hof, die Ställe und Scheunen, ein fremdes, geschäftiges Leben pulsierte überall, und sie saßen als freiwillig Gefangene im Wohnzimmer beisammen. Schließlich war es ja eigentlich nicht anders als vorher, wo die Dänen auf dem Hof gewesen waren, nur daß Jens nicht erlaubte, daß in irgend einer Weise für die Einquartierung gesorgt würde. Er selbst weigerte sich hartnäckig, deutsch zu sprechen, schloß sich mit seiner Frau und Gesine in der Wohnstube ein und verbot ihnen, das Zimmer zu verlassen. Frau Larsen war auch viel zu verängstigt, um es zu tun. Keine Macht der Welt hätte sie jetzt in ihre Küche gebracht. Was aus ihren Mägden und ihren Leuten wurde, das kümmerte sie nicht. Gesine litt aber unter dem Verbot. Sie hatte sich vor den Dänen nicht gefürchtet und tat es auch vor den Preußen nicht. Sie hätte gern auf Ordnung gesehen, die Mägde zur Arbeit angehalten und die Zimmer instand setzen lassen. Aber gegen den Willen des Vaters war nichts zu machen, das wußte sie zu gut, deshalb versuchte sie es gar nicht erst, mit Bitten etwas zu erreichen. Der Nachmittag schlich langsam dahin. Sie saßen ganz still in der Ecke am Ofen und horchten auf jedes Geräusch im Hause und auf dem Hof. Es war ein fortwährendes Türenschlagen und Pfeifen und Sprechen, ein frisches, frohes Leben im ganzen Hause. Draußen der Pumpenschwengel stand nicht einen Augenblick still. Vor der Stalltür wurden Pferde geputzt. Eine Kavalleriepatrouille hielt einen Augenblick am Hoftor und sprach mit den Soldaten, einer von den Offizieren kam aus dem Hause und beschrieb ihnen anscheinend einen Weg. Sie grüßten und ritten weiter. Der Offizier sah ihnen eine Weile nach und ging dann in das Haus zurück. Als der Abend kam und der Hunger sich meldete, erlaubte Jens Gesine in die Küche zu gehen und etwas zu essen zu holen. Aber sprechen durfte sie nicht mit den Preußen. Die Küche war voller Menschen. Um den Herd drängten sich die Soldaten und wärmten sich am Feuer. Auf der Wasserbank war einer neben einem Eimer eingeschlafen; er hing ganz zur Seite und hatte den rechten Fuß in den Kohlenkasten gestellt. Am Küchentisch schrieb ein blonder Junge einen Brief. Er saß fast im Dunkeln, denn er hatte die schlechtbrennende Lampe so gedreht, daß die Messingscheibe ihn nicht blendete, sondern ihren Schatten auf sein Papier warf. Mit dem halben Oberkörper lag er auf dem Tisch, den Kopf hielt er ganz schief auf einer Schulter, und die Zunge machte die mühsamen, ungewohnten Auf- und Niederbewegungen seiner steifen Finger immer etwas mit. Zwischen all diesen Gruppen standen die Mädchen umher und lachten und schwatzten, wie sie es ein paar Tage vorher mit den Dänen getan hatten. Als Gesine kam, wurden sie stiller und besannen sich auf ihre Arbeit. Die Soldaten am Herd sprachen weiter von dem Übergang über die Schlei. Gesine hörte zu, während sie in der Speisekammer den Buttertopf füllte und Brut und Schinken vom Bord nahm. Sie hörte von den furchtbaren Anstrengungen und Entbehrungen, die das Heer durchgemacht hatte, von den weiten Märschen bei Schnee und Kälte. Aber es wurde mit Humor erzählt, und frischer Wagemut leuchtete den Soldaten aus den Augen. Wenn sie daran dachte, wie still und wenig hoffnungsvoll die Dänen gewesen waren, dann legte es sich ihr wie eine Beklemmung aufs Herz. Wie sollte es werden? Für wen sollte sie fürchten, für wen hoffen? Sie hatte das bestimmte Gefühl: die hier waren die Sieger, diese frischen, frohen, tapferen Menschen, die als Befreier gekommen waren, und ihr Herz schlug ihnen entgegen. Die Nacht brachte Jens im Wohnzimmer auf dem Sofa zu, für Frau Larsen und Gesine waren noch zwei Betten in der kleinen Kammer nebenan, aber schlafen konnten sie alle drei nicht. Jens stand alle Augenblicke auf und horchte an der Tür, trat ans Fenster und sah auf den Hof hinaus oder ging in der Stube auf und ab. Am nächsten Morgen war Frau Larsen krank. Sie fühlte sich außerstande aufzustehen und jammerte so viel, daß Jens schließlich nicht mehr zu ihr hineinging. Die Soldaten rückten früh aus, aber man wußte, daß sie am Abend das Quartier wieder beziehen würden. Sobald sie fort waren, begann im Hause ein geschäftiges Treiben. Jens ließ alle Vorräte an Eßwaren im Keller verstecken. Er schleppte selbst die Schinken und Speckseiten aus der Räucherkammer nach unten und ließ nur so viel zurück, als er für seinen Haushalt brauchte. Gesine hatte mit der Pflege der Mutter zu tun. Gegen Mittag kochte sie eine Suppe für sie. Die Mädchen waren nicht da. Da ging plötzlich die Hoftür auf, und ein Mann trat ein. Er trug Bauernkleidung und sah sich forschend um. Gesine erkannte ihn sofort. »Thies!« rief sie erschrocken. Warum sie erschrak, machte sie sich selbst nicht klar. »Still!« sagte er. »Bist du allein?« »Ja.« »Ganz allein? Ist niemand hier in der Nähe?« »Nein. Was willst du denn?« »Still, nicht fragen. Ihr habt doch Einquartierung von Preußen?« »Ja, jetzt sind sie aber nicht hier, sie kommen erst abends wieder.« Er nickte. »Schön. Bei der Büffelkoppel ist ein Gefecht. Habt ihr das Schießen noch nicht gehört?« Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe auch noch nicht darauf geachtet, ich habe heute viel zu tun. Mutter ist krank, und das ganze Haus steht auf dem Kopf.« Plötzlich fiel ihr ein, wie seltsam dies Gespräch zwischen ihnen war, nachdem sie neulich in Feindschaft auseinandergegangen waren. »Thies,« fragte sie deshalb, »was willst du hier eigentlich?« Er kam ihr näher und sah sie an. »Meinst du, ich hätte Ruhe, nachdem wir neulich so auseinandergegangen sind?« fragte er langsam. Sie wich zurück, »Nein, Thies, darum bist du nicht gekommen. Du willst was anderes –« Es lag eine unbestimmte Angst in ihrer Stimme. Er hatte kaum auf ihre Worte geachtet, er sah nur ihre zurückweichende Bewegung, und die reizte ihn. Ehe sie es sich versah, hatte er die Arme um ihre Schultern gelegt und sie an sich gezogen. Sie konnte sich nicht rühren, und er freute sich an ihren vergeblichen Anstrengungen, sich freizumachen. »Thies,« rief sie gequält, »laß mich doch!« Da küßte er sie leidenschaftlich auf den Mund und sagte: »Nein, ich lasse dich nicht, nie, Hörst du? Du sollst mir gehören, ganz, immer. Vater will es auch, und gegen seinen Willen und meinen kannst du nichts machen. Darum bin ich hergekommen, um dir das zu sagen, und darum – und darum,« er küßte sie wieder, »sträub dich nicht, es hilft dir doch nichts.« Alle ihre Versuche, sich freizumachen, nützten nichts, und ihr traten vor Zorn und Empörung die Tränen in die Augen. »Ich will nicht,« rief sie in höchster Erregung, »ich will nicht! Ihr könnt mich nicht zwingen. Du gehst jetzt in den Krieg, nachher ist alles ganz anders –« Er ließ sie plötzlich los und fuhr sich mit der Hand durch das Haar. »Gott's Donner, ja, der Krieg. Wo ist Vater?« »Im Keller,« antwortete sie und wich erlöst bis an die Tür vor ihm zurück. Er ging noch nicht gleich. »Wenn ich nun totgeschossen werde, du?« fragte er herausfordernd. »Ja,« sagte sie mit blitzenden Augen, »dann kannst du mich nicht zwingen. Aber ihr sagt ja immer, hundert Preußen liefen vor einem einzigen Dänen davon.« Er hörte den Hohn aus ihren Worten und stand im nächsten Augenblick wieder neben ihr. Was er wollte, wußte er selbst nicht so recht; sie packen, küssen, schütteln, zerdrücken in seiner zornigen Leidenschaft. Aber sie wich schnell vor ihm zurück bis auf die Diele. Als er ihr auch dorthin folgte, kam gerade eine von den Mägden auf klappernden Holzschuhen vom Hofe herein. Er trat wütend mit dem Fuß auf und ging nun in den Keller hinunter zu Jens. Gesine setzte sich mit zitternden Knien auf die Holzbank in der Küche. Sie mochte nichts tun und nichts denken. Alles in ihr sträubte sich gegen Thies, empörte sich gegen ihn, und sie wußte nicht, woher es kam. Früher hatte sie ihn doch gemocht, aber jetzt hatte sie immer das Gefühl, als ob er ihr etwas rauben wollte, etwas Heiliges, Kostbares, was sie nicht hätte nennen können. Daß ihr doch niemand gegen ihn half, niemand ihr beistand! Mit gerungenen Händen saß sie da, bis die Suppe für die Mutter beinah überkochte. Sie brachte sie ihr nun, und aus Angst, Thies noch einmal zu begegnen, blieb sie bei ihr sitzen. Aus der Ferne hörte man jetzt ein Knattern. »O Gott, o Gott,« rief Frau Larsen und fuhr aus den Kissen auf, »was ist das?« Gesine war aufgestanden und an das Fenster getreten. »Schießen,« sagte sie. »In der Büffelkoppel ist ein Gefecht.« Da warf sich Frau Larsen mit einem Aufschrei wieder zurück und zog sich die Kissen über die Ohren. »Wir werden wohl noch Schlimmeres erleben, als dies,« dachte Gesine und setzte sich ans Fenster, dessen Scheiben ab und zu leise klirrten. Jens und Thies hatten indessen ein langes, eifriges Gespräch im Keller. Als sie wieder heraufkamen und über die Dielen schritten, flutete die Sonne durch die Hoftür und spann einen goldenen Schimmer um den Balken mit der deutschen Inschrift. Aber Jens sah nicht hin. Thies ging gleich fort, ohne Frau Larsen und Gesine noch zu sehen. Abends kamen die Preußen zurück. Sie hatten weite Märsche gehabt und bei der Büffelkoppel im Gefecht gestanden; man sah ihnen die Abspannung an, als sie in den Hof einrückten. Die Offiziere verlangten nun von Jens Verpflegung für die Mannschaften. In seinem Gesicht lag der ganze unbeugsame Bauerntrotz. Er sah all die hungernden, müden Menschen, aber er machte eine bedauernde Bewegung und sagte: »Nix da, alles weg.« Der Offizier wurde ärgerlich. »Wir wollen es ja doch bezahlen!« schrie er. Aber Jens zuckte die Achseln und sagte auf Dänisch: die dänische Einquartierung, die vorher auf dem Larsenhof gewesen war, hätte alles aufgegessen. Auf mehr ließ er sich nicht ein, und die Offiziere kehrten ihm mißmutig den Rücken. »Der Kerl lügt ja wie gedruckt,« sagte einer der jüngeren Herren. Das Haus wurde nach Eßwaren durchsucht, aber es wurde nichts gefunden. So hatten die Soldaten an diesem Abend nichts als Milch, die sie sich aus dem Kuhstall holten. In Gesines früherer Schlafkammer lagen drei Verwundete. Sie hörte sie stöhnen, als sie an der Tür vorbeiging, und da trat sie ohne Zögern ein, trotzdem ihr Vater ihr verboten hatte, ein Wort mit den Preußen zu sprechen. Sie lagen auf den Betten und waren nur notdürftig verbunden; der Arzt war noch nicht auf dem Larsenhof gewesen. Einer war ohnmächtig. Gesine fand, daß sie mancherlei für sie tun konnte. Sie holte ihnen Wasser und half ihnen, die schmerzenden Glieder in eine andere Lage zu bringen. Dann ging sie in die Küche, wo die Soldaten sich schon wieder um den Herd gesetzt hatten. Sie rückten jetzt ein bißchen zur Seite, und sie kochte eine Suppe für die Kranken. Es war schon beinah zehn Uhr, als Jens und Gesine noch einmal auf die Hohe Koppel hinaufgingen. Sie hatten beide das Bedürfnis, noch einmal dort zu stehen und sich den frischen Wind um den Kopf wehen zu lassen. Die Nacht war sehr dunkel; sie hatten Mühe, den Weg durch den Garten und auf das Feld hinauf zu finden. Im Hause waren noch viele Fenster erleuchtet, und es drang ab und zu ein heller Ton oder ein Geräusch von dort durch die stille Nacht. Aber über dem Sundewitt lag undurchdringliche, schweigsame Finsternis, nur nach Düppel zu lohten zwei hohe Feuer auf. Gesine zitterte vor Kälte und innerer Erregung. »Was ist das wohl für Feuer?« fragte sie. Jens antwortete nicht sogleich: sie hörte ihn nur schwer atmen. Endlich sagte er: »Petersgaard und der Krug von Wilhoi werden heute niedergebrannt.« Gesine wollte etwas fragen, aber sie brachte kein Wort heraus; sie zitterte so, daß ihr die Zähne aufeinanderschlugen. Nun sagte Jens mit schwerer Stimme: »Viele Gehöfte werden jetzt niedergebrannt, damit sie den Preußen keine Deckung und Zuflucht bieten.« »Viele Gehöfte werden niedergebrannt,« wiederholte Gesine ganz mechanisch, und sie hatte das Gefühl, als legten sich die Finsternis und das tiefe Schweigen um sie her wie eine schwere Last auf sie. »Wir wollen es Mutter nicht sagen,« meinte Jens nach einer kurzen Pause. »Nein.« Weiter sprachen sie nicht mehr davon; aber als sie ins Haus zurückgingen, hatten sie das Gefühl, als stünde ein schweres Schicksal über ihnen. In der nächsten Zeit waren sie mitten im Kriegsleben. Truppen kamen und zogen wieder fort, Verwundete wurden gebracht und von den Ärzten verbunden. Gefechte fanden in nächster Nähe des Hofes statt, Fliehende versteckten sich in seinen Mauern. Frau Larsen hatte sich sogar schon an das Schießen gewöhnt und schlief bei dem knatternden Gewehrfeuer ruhig ein. Sie war immer noch krank, fieberte und hatte Schmerzen. Was ihr fehlte, wußte man nicht, zum Arzt konnte man jetzt nicht schicken, und als Gesine einmal vorschlug, man möchte doch einen von den preußischen Ärzten bitten, sie zu untersuchen, wurde dies von den Eltern empört zurückgewiesen. »Die geben mir Gift,« sagte Frau Larsen, »da will ich lieber so sterben.« Von den Schanzen erscholl der rollende Donner der schweren Geschütze, und jeden Tag konnte man von der Hohen Koppel aus die Feuersäulen zählen, die von den brennenden Gehöften gen Himmel stiegen. Jens Larsen stand jetzt oft dort oben und dachte daran, wie es zur Wahrheit geworden war, was er an dem Nachmittag, als Gesine und Thies sich miteinander versprachen, ahnend vorausgesehen hatte: das Sundewitt stand in Flammen – und die Kanonen dröhnten und übertönten das Branden der See! Er hielt sich in diesen Tagen auch viel in den Ställen und Scheunen auf, hörte zu, wenn die Soldaten sprachen, und tat hier und da eine Frage. Abends ging er oft fort und kam erst spät in der Nacht zurück. Wo er gewesen war, wußte niemand. Aber einmal richtete er Gesine Grüße von Thies aus. Da wußte sie, daß ihr Vater den Dänen heimlich Nachrichten von den Preußen brachte. – Und von dieser Stunde an schlug sie die Augen nieder, wenn sie unter dem Balken mit der deutschen Inschrift durchging. Sechstes Kapitel. Die Einquartierung hatte den Larsenhof verlassen, und es kam nicht unmittelbar darauf eine neue. Die Zusammenstöße zwischen beiden Armeen fanden jetzt weiter nördlich statt. Jens und Gesine gingen zusammen durch das verlassene Haus. Überall lag Stroh umher, kein Stück Möbel stand mehr auf seinem richtigen Platz. Die Fußböden waren mit Schmutz und Lehm bedeckt, fast wie mit einer Kruste überzogen. In der Kammer der Verwundeten lagen Verbandzeug und blutige Watte umher; in einem andern Raum zwischen dem Stroh fand sich ein abgerissenes Spiel Karten. Große Nägel waren in die Wände geschlagen, und an einigen Stellen hingen die Tapeten in Fetzen herunter. Gesine versuchte aufzuräumen. Sie stellte hier etwas zurecht und rückte dort einen Tisch an seine richtige Stelle; dann fing sie an, die Betten abzuziehen und das Stroh zusammenzukehren. Aber schließlich erlahmte sie, da sie in jedem Winkel und jedem Raum denselben Schmutz und dieselbe Unordnung fand. Alle Mägde mußten heran und helfen, aber sie waren unlustig zur Arbeit geworden in dieser Zeit, und es ging ihnen nur langsam von der Hand. Mittags, als sie mit hochgeschürztem Rock oben stand und selbst einen Fußboden scheuerte, sah sie durch das Fenster dänische Kavallerie auf den Hof reiten; es waren etwa zwanzig Mann und ein Offizier. Die Mägde waren sofort an den Fenstern. »Dor sünd all wedder welcke. Nu sünd dat Dänen.« Es war ihnen gleich, ob es Dänen oder Preußen waren. Sie machten die Fenster auf und lachten und ließen ihre Arbeit ruhen. Wenn da schon wieder welche kamen, hatte es ja auch keinen Zweck, erst reinzumachen. Der Offizier rief einen Befehl, und die Soldaten saßen ab. Er gab sein Pferd einem Mann und trat ins Haus. Gesine brachte ihre Kleider in Ordnung und strich sich über das Haar. Sie mußte hinuntergehen, denn es war niemand dort, um den Offizier zu empfangen. Eine dumpfe Schwere lag ihr in allen Gliedern. Als sie die Treppe hinabstieg, hörte sie ihn schon laut rufen und mit seinem Säbel gegen die Holztruhe schlagen, die auf der Diele stand. »Ah, endlich,« sagte er, als sie kam. Als sie vor ihm stand, griff er ihr mit der Hand unter das Kinn und sagte: »Tag, mein schönes Kind. Rufen Sie mir mal den –« er sah in ein Schriftstück, das er in der Linken hielt, – »Jens Larsen, Hofbesitzer auf dem Larsenhof.« Gesine war einen Schritt vor ihm zurückgewichen, aber sie blieb noch wie gebannt stehen und sah ihn flehend an. Was wollte er, was stand in dem Schriftstück? Eine jähe Angst überfiel sie. »Was – was soll er – was ist?« fragte sie mit bebenden Lippen. Der Offizier sah in ihr totenblasses Gesicht. »Sind Sie seine Tochter?« »Ja.« Ein mitleidiger Zug ging über sein junges Gesicht, und er sagte: »Holen Sie ihn nur. Es geschieht ihm nichts. Ich muß ihn aber sprechen.« Nun ging sie und holte Jens aus dem Kuhstall. Er sagte kein Wort, als sie ihm mit zitternden Lippen bestellte, daß ein dänischer Offizier da wäre und ihn sprechen wollte, aber er ließ alle Arbeit stehen und liegen und richtete sich mit schwerem Atemzuge auf. Der Offizier stand noch auf der Diele und zog mit seinem Säbel ein paar Rillen im Fußboden nach, als Jens und Gesine kamen. »Jens Larsen vom Larsenhof?« fragte er. »Ja.« »Ich habe hier – lassen Sie uns in die Stube gehen, ja?« Jens öffnete die Wohnstubentür, und sie traten zusammen ein. Der Offizier nahm wieder das Schriftstück vor. »Ich habe Befehl, den Larsenhof niederbrennen zu lassen,« sagte er nun kurz und dienstlich, »hier –« er wies auf das Schriftstück – »zwei Stunden gebe ich Ihnen Zeit, das Wertvollste zu retten und das Vieh in Sicherheit zu bringen. Was von den Pferden militärbrauchbar ist, wird requiriert. Auch sonst werde ich sehen, was brauchbar ist –« Jens stand wie erstarrt, als hätte er den Sinn dieser Worte gar nicht ganz erfaßt. Aber plötzlich fuhr er auf. Seine Augen fingen an zu blitzen, und es sah aus, als wollte er sich auf den Mann stürzen, der da so ruhig das Furchtbarste aussprach, was ihm geschehen konnte. »Den Larsenhof? Abbrennen?« schrie er. »Meinen Larsenhof? Sind Sie verrückt? Ich bin Peter Jens Larsen, dies ist mein Hof und mein Haus. Gehen Sie raus – machen Sie, daß Sie raus kommen, ich ...« Die Stimme versagte ihm. Gesine klammerte sich an seinen Arm. »Vater, wir müssen ruhig sein. Das ist der Krieg. Es ist andern auch so gegangen. Komm, wir müssen dran denken, was wir retten wollen.« Aber nun brach auch ihre Stimme, und wie ein Wehlaut kam es von ihren Lippen: »Die Mutter!« Da schrie Jens auf wie ein wundes Tier. »Ich hab' eine kranke Frau, Mensch!« Der Offizier zuckte nur die Achseln. Er hatte solche Szenen jetzt schon oft genug erlebt und war dagegen abgestumpft. »Packen Sie sie in einen Wagen.« »Aber wo soll ich hin mit ihr?« »Das ist Ihre Sache. Ich habe kein Spital für kranke Weiber. Besinnen Sie sich nicht lange. Die Zeit geht hin.« Er wandte sich zum Gehen, aber Jens stürzte sich ihm entgegen und packte ihn vorn am Rock. »Mensch, das ist mein Haus! Sie dürfen das nicht! Ich bin dänisch, ich habe den Dänen Dienste geleistet – bei Nacht hab' ich mich an den Preußen vorbeigeschlichen und habe den Dänen Nachrichten gebracht –« »So!« Der Offizier maß Jens mit einem langen Blick und machte sich mit einem Ruck von seinem Griff frei. Dann faßte er den Korb seines Säbels fester und sagte kühl: »Wenn Sie jetzt nicht ruhig sind, lasse ich alles Lebende aus dem Hause schaffen und den Hof sofort anzünden. Überlegen Sie sich das.« Er ging nun hinaus und rief den Soldaten einen Befehl zu; laut und scharf klang der Ton seiner jungen, hellen Stimme durch die klare Winterluft. In der nächsten halben Stunde wußte auf dem Larsenhof niemand recht, was er tat. Jeder lief umher, schleppte aus dem Hause, was ihm unter die Finger kam, und legte es draußen achtlos nieder. Gesine dachte wieder an die Mutter, und da kam Ruhe und Besinnung über sie. Frau Larsen war im Fieber, so daß sie von der großen Erregung im Hause kaum etwas merkte. Gesine packte ihre Sachen, ließ Betten auf einen Wagen bringen und überdachte alles, was sie zur Pflege für die Mutter nötig hatte. Es war eine unnatürliche Ruhe über sie gekommen, an sich selbst, an die Zukunft und was nun werden sollte, dachte sie gar nicht, als könnten ihre Gedanken über das Nächstliegende nicht hinaus. Jens ließ das Vieh aus den Ställen treiben, Wagen anspannen und Sachen aufladen. Die besten Pferde und einige Stück Rindvieh hatte der Offizier gleich mit Beschlag belegt. In Jens sah es nicht so ruhig aus wie in Gesine, ein nagender Schmerz bohrte in seinem Innern, und manchmal packte ihn die Verzweiflung. Er hätte alles mitnehmen mögen, jedes Stück Hausrat, es war ihm ja alles ans Herz gewachsen, es gehörte zu ihm wie der Larsenhof zu ihm gehörte, wie ein Stück seiner selbst, und in dumpfer Verzweiflung rannte er gegen die Mauern an und breitete die Arme aus, als wollte er sie fassen und halten. Noch stand Stein auf Stein, das trotzige Gefüge der Balken, noch stand er, der schöne, stolze Larsenhof, aber die Minuten verstrichen, und wenn die Stunde um war, dann warfen Menschenhände den Feuerbrand in das Dach, und alles würde in Flammen aufgehen. »Nein, das soll nicht sein, das darf kein Mensch!« schrie er ein paarmal. Aber niemand kümmerte sich darum. Die Soldaten waren auch geschäftig; sie schleppten Säcke und Stroh, und einer, der mit blassem Gesicht und verkniffenem Mund die Befehle ausführte, war Thies. Er sollte selbst den Brand in das Haus werfen, das er sich in Gedanken schon zu eigen gemacht hatte. Jens nahm tausend Abschiede, von jedem Raum und von jedem Stück, und alles stürmte mit Erinnerungen auf ihn ein, frohen und ernsten in buntem Wechsel. Dann wurde er wieder von der Hast und der fiebernden Erregung mitgerissen, die alle ergriffen hatte, und er schleppte hinaus, was ihm gerade unter die Hände kam. Auch die Mägde retteten das Ihre. Sie rissen die kleinen, bunten Bildchen von den Wänden, die sie vom letzten Jahrmarkt mitgebracht hatten, und packten kleine, blinde Spiegelscheiben sorgsam ein. Sie zerrten ihre großen, schweren Holzkoffer selbst mit übergroßer Kraft aus dem Hause hinaus und standen dann jammernd daneben und riefen, man sollte ihnen helfen, die Kisten auf einen Wagen zu laden. Nun waren die beiden Stunden um. Der Offizier sagte es Jens; er hatte schon die ganze, letzte Zeit die Uhr in der Hand gehabt. Jens fuhr sich mit dem Rockärmel über die Stirn, auf der ihm dicke Schweißtropfen standen, und ging dann zu seiner Frau. Er hatte in den letzten beiden Stunden kaum an sie gedacht. Nun nahm er sie mit Kissen und Decken auf seinen Arm und trug sie hinaus auf den Leiterwagen, auf dem Gesine schon ein Lager für sie zurecht gemacht hatte. Frau Larsen merkte nicht viel davon. Gesine blieb noch ein Paar Sekunden in der Stube stehen, nachdem die Eltern hinaus waren, und sah sich mit leeren Blicken um. Ihr war, als hielten eiserne Klammern ihr Herz umfaßt und preßten es zusammen. Sie raffte noch ein paar Sachen der Mutter zusammen und wollte damit hinausgehen, da sah sie zufällig aus dem Fenster und erblickte Thies. Sie wußte, daß er da war. Aber nun stand er auf dem Hof mit einem finsteren, verschlossenen Gesicht, und sein Blick ging langsam von den Scheunen und Ställen bis zum Wohnhaus. Er nahm Abschied davon. Nicht mit dem Herzen, wie sie und ihr Vater. Es war ihm nicht die Heimat, die Scholle, auf der er groß geworden war, auf der sein Dasein wurzelte, es war ihm nichts als der Besitz, den er sich in Gedanken schon zu eigen genommen hatte. Nun mußte er selbst die Brandfackel hineinwerfen. Plötzlich kam eine wilde Freude über sie. Sie stieß das Fenster auf und rief laut seinen Namen. Er fuhr zusammen, sah sie und kam heran. »Da oben unter dem Dach liegt viel Stroh,« rief sie, »dort steckt das Feuer an, da brennt's am besten.« Er krallte beide Hände um das Fensterkreuz und drückte das Gesicht dagegen. »Ich kann's nicht. Ich rühr' keine Hand,« stieß er hervor. »Du kannst's nicht, du?« Sie lachte auf. »Du bist doch ein so großer Preußenhasser und solch ein Dänenfreund. Da kannst du nicht ein Haus niederbrennen, das den Preußen Schutz und Deckung ist? Kannst du nichts opfern?« Er sah sie erstaunt an. »Was redest du da?« Sie nickte. »Ja, nun ist Krieg, nun wird alles ganz anders. Ich hab' es ja immer gesagt.« Sie jubelte förmlich. »Und wenn der Krieg zu Ende ist, dann hol dir deine Braut hier von dem Trümmerhaufen.« Nun riß sie die Sachen zusammen, die sie noch mitnehmen wollte, ließ ihn stehen und eilte hinaus. Als sie dann neben dem Wagen stand, in dem die Mutter schon lag, und die Frage an sie herantrat, wohin mit der Kranken in diesem von Soldaten überschwemmten Lande, da packte auch sie die Verzweiflung, und sie warf sich ihrem Vater in die Arme. So standen die beiden lange, sich umfaßt haltend, fast betäubt von ihrem grenzenlosen Schmerz. »Wo sollen wir hin?« fragte Gesine endlich. Jens wies auf den Weg, der zur Chaussee führte. »Fahrt da hinunter und dann nach Gravenstein zu. Vielleicht nimmt euch jemand auf. Ich komme nach, ich muß es sehen.« Sie klammerte sich an ihn. »Nein, Vater, komme mit uns, bleib nicht hier, sieh es nicht mit an.« Aber Jens schüttelte den Kopf. »Ich muß es sehen.« Es war, als wenn er nichts weiter mehr denken könnte. Gesine stieg nun zur Mutter auf den Wagen, der Knecht ergriff die Zügel, und die langsame, traurige Fahrt in die Ungewisse Zukunft hinein begann. Jens blieb auf dem Hof stehen und sah ihnen nach. Zwei Wagen mit Sachen folgten, und die Mägde gingen nebenher und schleppten noch allerlei mit. Der Kuhfütterer trieb das Rindvieh vor sich her. Als alles aus dem Hof heraus war, ertönten die Kommandorufe des Offiziers. Jens hatte nicht darauf geachtet, nun wurde er fast umgerannt, und da rief der Offizier: »Weg da, Sie haben hier nichts mehr zu suchen!« Er sah sich um wie einer, der nicht recht versteht, was man ihm sagt. »Ach so,« murmelte er vor sich hin, »ich habe hier nichts mehr zu suchen.« Dann ging er schwer und langsam auf die Hohe Koppel hinauf. In den Tagen vorher hatte es viel geregnet, aber heute nacht war starker Frost eingetreten, und die Luft war klar. Von den preußischen Strandbatterien her dröhnten die Schüsse und ließen manchmal den Erdboden erzittern. Jens Larsen hatte für die Weite heut kein Auge, seine Blicke waren nur auf den Larsenhof gerichtet. Noch stand er. Die Sonne flutete darüber hin und beleuchtete jeden Balken und jeden Winkel, als wollte sie ihm jede Einzelheit noch einmal so recht vor Augen führen. Jens ließ seine Blicke langsam darüber hingehen und hatte ein Gefühl dabei, als sähe er nicht mit den Augen, sondern mit dem Herzen. Oben am Giebel die geschnitzten Pferdeköpfe und das Storchnest dazwischen, das Strohdach, das er im Frühjahr ausbessern lassen wollte, das ihn geschützt hatte, solange er lebte, die ausgetretenen Stufen an der Hintertür, die in den Garten führten, alles, alles sah er noch einmal an. Die Stimmen der Soldaten drangen zu ihm herauf, Befehle wurden gegeben – und dann war es auf einmal geschehen. Flammen zuckten auf und griffen weiter, leckten an den Mauern entlang und sprengten die Fensterscheiben. Glühende Balken stürzten, und brennendes Stroh flog in die Luft. Bald war alles nur noch ein einziges, großes, flammendes Feuer. Jens brauchte nicht die Augen zu schließen, um es zu sehen, wie an jenem Nachmittag, als die Sonne ihn blendete; er sah es mit offenen Augen. Und was da vor ihm in Flammen und Rauch aufging, war sein Larsenhof! Es kam jetzt auch über ihn eine Ruhe, ein Gefühl von Unpersönlichkeit, wie er es bis dahin noch nicht gekannt hatte. Als läge ein Nebel zwischen ihm und der Welt, als ginge ihn alles, was hier geschah, nichts an. Sein Leben lag vor ihm wie das eines Fremden, und er überschaute es und unterschied, was gut darin gewesen war und was böse, und er erkannte, daß es auf einer großen Lüge aufgebaut war und auf einer großen Schuld. Er hatte ja immer Inge Hansen geliebt, und er tat es auch jetzt noch – und sein Zusammenleben mit der kranken Frau, die man jetzt in die Kälte hinausfuhr, ohne zu wissen, wo sich ein schützendes Dach für sie finden würde, war eine große Lüge. Inge war die eine große Liebe seines Lebens, und doch hatte er an ihr gesündigt. Er hatte ihr die Pforten des Larsenhofes nicht geöffnet, sondern sie draußen stehen lassen mit ihrer großen, stolzen Liebe, und in sein Haus hatte er eine andere geführt, die er nicht liebte, die aber Ansehen besaß, weil sie reich war. Ihm war auf einmal zumute, als ob die Mauern des Larsenhofes sich dagegen empörten und deshalb in lohenden Flammen blutigrot gen Himmel stiegen. Als sie beide in der vollen Blüte ihrer Kraft und Schönheit standen, hatten sie sich gefunden, er und Inge Söderssen. Beim Ringreiten in Rackebüll hatten sie sich zum ersten Male gesehen, und jede Einzelheit ihrer Begegnung stand ihm noch so deutlich vor Augen, als wäre es gestern gewesen. Er war so recht gelangweilt und hochmütig über den Platz geschlendert, ganz in dem Bewußtsein, die begehrteste Persönlichkeit auf Meilen im Umkreise zu sein. Seine Eltern lebten nicht mehr, er hatte schon den großen, schönen Hof, war jung, gesund und von kraftvoller Schönheit. Da war es ja kein Wunder, daß all die Mädchen ein Auge auf ihn warfen, daß die Väter ihm ihre Töchter anpriesen und ihm aufzählten, wieviel Mitgift sie geben könnten. Aber ihn langweilte es. Er machte sich aus all den Bauerntöchtern nichts und dachte noch nicht ans Heiraten. Als das eigentliche Ringreiten vorüber war, wollte er nach Hause gehen; zum Tanzen oder Würfeln hatte er keine Lust. Er schob sich zwischen den Menschen durch, die die Buden umlagerten, worin Süßigkeiten, bunte Bänder und kleine Andenken feilgeboten wurden, gleichgültig gegen all die Blicke, die ihm begegneten. Da stand plötzlich ein schönes, großes Mädchen vor ihm. Sie biß gerade mit kräftigen gesunden Zähnen in einen Kuchen hinein und lachte ihn mit leuchtenden blauen Augen fröhlich und unbefangen an. Wie ein Schlag ging es ihm durch den ganzen Körper, und er blieb stehen und starrte sie wie eine Erscheinung an. »Schmeckt's?« fragte er endlich. Sie lachte vergnügt. »Fein!« Dann ging sie mit ihrer Freundin zur Würfelbude. Natürlich kam er mit. Ihre Freude und ihr Eifer steckten ihn ordentlich an, Dabei mußte er sie immer ansehn. Er meinte, so etwas Schönes wie sie hätte er noch nie gesehen; sie war so blühend, so gesund, so voll Jugendkraft und Lebensfreude. Nachher tanzten sie zusammen. Ihm wurde ganz heiß, als er sie im Arm hielt und fühlte, wie ihr weicher, junger Körper sich an ihn anlehnte und ihr Atem seine Wangen streifte. Er ließ sie keinem andern Tänzer, und abends durfte er sie nach Hause bringen. Leider wohnte sie nicht weit, ganz nah bei Rackebüll hatte ihre Mutter eine kleine Kate. Aber es war doch ein einsamer Weg durch stille Felder in warmer Sommernacht. Sie war nicht mehr so übermütig und vergnügt wie auf dem Festplatz, sie hielt den Kopf gesenkt und atmete schwer, und als sie das Haus erreicht hatten, rief sie schnell »gute Nacht«, gab ihm nicht einmal die Hand und lief hinein. Er stand noch eine ganze Weile wie verzaubert, und die nächsten Tage hatte er keinen anderen Gedanken als den: wie er sie wiedersehen könnte. Er hörte nun nach ihr herum. Sie war ein Tagelöhnerkind, der Vater lebte nicht mehr, und sie und die Mutter arbeiteten auf den Höfen bei den reichen Bauern und wo es was zu tun gab. Natürlich sah er sie bald wieder. Er sagte es ihr ja nicht, daß er tagelang herumgelaufen war und ausgekundschaftet hatte, wo sie wohl zu treffen wäre, er tat, als wäre es ganz zufällig, daß er ihr begegnete, als sie mit geschultertem Rechen vom Felde kam. Sie duldete seine Begleitung, aber sie war stolz und spröde. »Wie Glas!« dachte er und merkte nicht, daß sie gerade dadurch den größten Zauber auf ihn ausübte. Nun trafen sie sich öfter, aber sie blieb sich immer gleich. Nur einmal verriet sie sich. Sie hatte ihn nicht von weitem kommen sehen, ganz unvermutet stand er plötzlich vor ihr, – und da schlug ihr eine helle Flamme ins Gesicht, und eine heiße Freude leuchtete ihr aus den Augen. »Wart,« dachte er, »nun nützt dir dein Stolztun nichts mehr.« Er bat, sie möchte abends mit ihm zum Tanz kommen. Sie zögerte mit der Antwort, aber dann sagte sie zu. Den ganzen Abend war sie still und ernst, ihr ganzer Übermut war weg. Sie lag schwer in seinem Arm beim Tanzen, und wenn er sie an sich zog, atmete sie beklommen. Schließlich sagte sie, sie wollte nicht mehr tanzen. Es war so heiß und dunstig im Saal, und draußen war der Sommerabend so schön. Ihm war es recht. Sie gingen durch den Garten, wo die, die nicht tanzten, sich beim Kegelschieben die Zeit vertrieben, und dann weiter hinaus aufs Feld. Da war es still und einsam. Das Korn stand stolz und gerade aufrecht, es war schon fast mannshoch und bewegte sich kaum in der weichen, stillen Luft. Die schmale Mondsichel stand blaß am Himmel. Sie gingen auf dem schmalen Weg durch das Korn und sprachen nicht. Über der ganzen Welt lag ein wunderbares Schweigen. Da blieb Jens Larsen stehen und zog die schöne, stolze Inge Söderssen in seine Arme. Nun war sie nicht mehr stolz und spröde, ganz willenlos und schwach ruhte sie an seinem Herzen und wehrte sich nicht, als seine heißen Lippen die ihren suchten. Und das große, heilige Geheimnis der Liebe schlug langsam die Augen auf und sah ihnen ins Herz. Von da an sahen sie sich fast täglich. Es gab eine kleine Bank am Waldesrand, zu der sie beide etwa eine halbe Stunde zu gehen hatten; dort trafen sie sich fast jeden Abend. Sie war meistens eher da als er, und wenn sie ihn kommen sah, flog sie ihm entgegen, und er fing sie in seinen Armen auf und trug sie zur Bank zurück. Dann kam sie die erste halbe Stunde nicht zu Atem – so küßte er sie, und sie bot ihm willig die frischen, blühenden Lippen und lachte und sagte: »Küß dich satt!« Aber es stellte sich heraus, daß er nie satt wurde. Sie gab ihm aber mehr als dieses süße Liebesglück, sie wurde sein Freund und Kamerad. Mit allem, was ihn drückte und quälte, kam er zu ihr. Es war merkwürdig, daß er, der reiche Jens, immer viel mehr Sorgen hatte als sie, die arme Inge. Er war aufbrausend und jähzornig und hatte oft Streit, und der große Hof und die vielen Leute brachten so viel Ärger. Aber wenn sie ihm dann über die Stirne strich und fragte: »Armer Jens, was ist denn wieder?« – dann war der Ärger schon halb verflogen. Oder wenn sie auf einmal in all seine kleinen Sorgen hinein so frisch und fröhlich lachte, dann wurde es plötzlich hell in ihm. Und wenn es ernster war, wenn er nicht so schnell loskommen konnte, dann stand sie an seiner Seite und half ihm treu und unermüdlich, bis er darüber hinweg war. Sie dachte nie daran, daß eine Kluft zwischen ihnen bestünde, weil er der reiche Jens vom Larsenhof war und sie die arme Inge. Sie glaubte, daß ihre Liebe größer wäre als dies, und ihr Vertrauen zu ihm war unerschütterlich. Es fiel ihr auch nicht auf, daß er nie davon sprach, daß sie seine Frau werden und zu ihm auf den Larsenhof ziehen sollte. Er dachte in der ersten Zeit auch nicht weiter nach, sondern genoß das schöne, junge Glück, ohne sich um die Zukunft viel Sorgen zu machen. So ging fast ein Jahr hin. Dann drängte sich ihm aber doch die Notwendigkeit auf, zu heiraten, eine Frau auf den Hof zu bringen. Aber nun meinte er, Inge könnte das nicht sein. Sie war ein armes Tagelöhnerkind und arbeitete in Brot und Lohn bei den Bauern, über die er sich noch hoch erhaben vorkam. Nein, das ging unmöglich, er wäre herabgestürzt von seiner Höhe, er wäre nicht mehr der gewesen, der er war, sie hätten ihn über die Achsel angesehen, über ihn gelacht, gespottet. Zu dieser Zeit lernte er die reiche Witwe von Gerd Matthiessen kennen, die ihm deutlich zeigte, daß er ihr gefiel. Sie war eine kleine, zarte, schüchterne Frau, und er dachte, daß die ihm nicht unbequem werden würde. So brachte er denn die Sache in Ordnung, als er sie zum dritten Male sah. Ganz im stillen hatte er gedacht, es brauchte ja zwischen ihm und Inge gar nicht anders zu werden, wenn er sich verheiratete. Warum sollte dies, was das Schönste in seinem Leben war, aufhören, bloß weil eine blasse, stille Frau auf dem Larsenhof war, die seinem Herzen ganz fern stand? Sie nahm ihn ja doch auch nur, weil sein Hof in der ganzen Gegend der schönste war. Es war ihm deshalb auch noch gar nicht klar geworden, daß er sich an Inge und sich selbst versündigte, indem er ihre Liebe mit Füßen trat. Dann kam die Stunde, in der er ihr's sagte. Daran dachte er nicht gern zurück. Sie hatte es ihm zuerst nicht geglaubt. Er hörte noch ihr helles, frohes Lachen, womit sie ihm darauf geantwortet hatte, wie auf einen guten Witz. Dann hatte sie ihm den Hut vom Kopfe genommen und ein paar Heckenrosen daran gesteckt, die sie unterwegs für ihn gepflückt hatte. Als sie ihm den Hut dann wieder aufsetzte und ihn dabei ansah, ging es aber doch wie ein Schreck durch ihre Gestalt. Sie kannte ihn ja so gut, sie las ja in jeder Linie seines Gesichts, – und da wußte sie plötzlich, daß es wahr war. Er konnte sich jetzt nicht mehr darauf besinnen, ob er noch viel gesagt hatte oder wenig, ob sie darauf geantwortet hatte oder nicht. Er wußte nur, daß sie von ihm gegangen war, ganz blaß, mit ganz starren Augen. Für ihn begann dann dies Leben voll kleinlicher Sorgen und Unruhen, das ihn in seinem Innern zu einem einsamen Mann machte. Jens Larsens Gedanken schweiften immer noch in Erinnerungen. Es war damals in der Gegend natürlich kein Geheimnis geblieben, daß er und Inge sich lieb hatten, und so kam's, daß dieser und jener eine Bemerkung über sie in seiner Gegenwart hinwarf. Sie arbeite fleißiger denn je, hieß es. Ihre Mutter war krank und konnte nicht mehr mit verdienen, sie mußte also für beide sorgen. Dann starb die Mutter. Sie hieß jetzt in der ganzen Gegend nur »die schöne Inge«, und viele bewarben sich um sie, trotzdem sie ganz arm war. Aber sie erhörte keinen. Bis sie zwei Jahre nach Jens Larsens Heirat Peter Hansens Frau wurde. Sie hatten sich dann manchmal gesehen, Jens und Inge, flüchtig, wenn er im Wagen an ihrem kleinen Hause in Nübel vorüberfuhr, oder Sonntags in der Kirche, aber gesprochen hatten sie nie miteinander. Die Jahre gingen hin und heilten langsam die blutenden Wunden, und nun hatte der Zufall sie in der letzten Zeit ein paarmal zusammengeführt. ... Das Dach des Kuhstalles war soeben eingestürzt, und hohe Funkengarben sprühten auf. Ein leichter Wind hatte sich aufgemacht und trieb die Rauchwolken gegen die Hohe Koppel. Jens fuhr sich mit der Hand über die Augen. Sie schmerzten ihn, als hatte er zu lange in die Sonne gesehen. Die Soldaten liefen noch hin und her. An einer Stelle war das Feuer wieder erloschen. Ja, da war die Mauer so dick, da würden sie wohl noch Mühe haben! Sie schleppten Säcke heran und hantierten daran herum, dann liefen sie alle fort, es gab einen Knall, und die Mauer stürzte ein. Jens hatte alles mit Interesse verfolgt. Auch mit Mauern wurden sie fertig! Nichts hielt stand; die Balken glühten und brachen zusammen, die Mauern flogen als Staub und Schutt in die Luft. Er lachte plötzlich auf, und ein grimmiger Zorn gegen den Larsenhof packte ihn. »So bist du,« rief er, »so! Stehst nicht fest, hältst nicht aus! Ha! Und ich hab' mein Leben verruiniert für dich! Ja, für dich! Du bist an allem schuld, du allein!« Er lachte wieder auf in ohnmächtiger Wut. »Wenn du nicht gewesen wärst, wär' alles anders gekommen. Aber jetzt – jetzt –« Er sah so aus, als wollte er jetzt noch sein Schicksal meistern. Rasch bückte er sich, hob einen großen Stein auf und warf ihn in die prasselnde Glut. Gespannt verfolgte er ihn mit den Augen, und als er in den Flammen verschwunden war, sammelte er ringsum die Steine und schleuderte einen nach dem andern auf den brennenden Hof. Ein auflodernder Zorn, eine grimmige Wut überkam ihn mit elementarer Gewalt Im Grunde war es wohl der Zorn gegen sich selbst, der sich plötzlich bei ihm Luft machte und den er nun an seinem Hof ausließ. »Da! So! Du hast schuld!« schrie er. »Du! So! Bautz! Bautz!« Endlich hielt er erschöpft inne und fuhr sich mit dem Ärmel über das erhitzte Gesicht. Dann zog er sich den Rock zurecht, hob seinen Stock vom Boden auf und wandte sich zum Gehen. Hier war er nun fertig, ganz fertig. Der Hof brannte immer noch, aber Jens sah nicht mehr zurück. Er verfolgte den Weg so, wie er ihn Gesine vorgeschrieben hatte. Von den Wagen war nichts mehr zu sehen, sie hatten ja auch einen großen Vorsprung vor ihm. Seine Gedanken richteten sich nun notgedrungen auf die Zukunft, auf das Nächstliegende. Was sollte eigentlich werden, wie sollte sich alles gestalten, die nächsten Stunden, die Nacht, die Wochen und Monate, die jetzt kamen, das ganze Leben? Er wußte es nicht. Es war immer, als wenn er an einer Mauer stände, durch die er nicht hindurch konnte. Auf der Chaussee war es sehr lebhaft. Truppen in langen Zügen kamen, Wagen mit hohen Offizieren, Bauernfuhrwerke, Reiter. Es war ein fortwährendes Kommen und Gehen. Jens schritt stetig seinen Weg. Jedem, der ihm entgegenkam, hätte er zurufen mögen: »Wißt Ihr schon? Der Larsenhof brennt! Mein Larsenhof. Da der Feuerschein, das ist der Larsenhof! Die Dänen haben ihn angezündet. Ich bin der reiche Jens Larsen vom Larsenhof, aber ich habe kein Dach über dem Kopfe, und meine kranke Frau irrt im Lande umher und hat kein Unterkommen. Und ich habe mal gedacht, Inge Söderssen wäre nicht gut genug für mich.« So gingen die Gedanken in seinem Kopf herum. Als er nach Nübel kam, sah er sich nach seinen Wagen um. Er meinte, sie hätten hier vielleicht Rast gemacht, aber er fand sie nicht. Das Dorf war von den Preußen besetzt, viele Bewohner hatten es verlassen, aber viele waren auch geblieben und standen sich gut mit ihrer Einquartierung. Daß Inge und Peter Hansen hier wohnten, hatte er noch gar nicht bedacht, bis er vor ihrem kleinen Hause stand. Da kam Gesine plötzlich aus der Haustür und flog auf ihn zu. »Vater,« rief sie, »komm, wir sind hier. Mutter wurde so krank, daß wir nicht weiter konnten, und da haben sie uns hier aufgenommen.« Es war, als wenn Jens jetzt plötzlich von seiner Kraft verlassen würde. Er stützte sich schwer auf seinen Stock. »Hier?« fragte er. Die Stimme versagte ihm fast. »Ja, komm. Wir haben eine kleine Kammer, und Peter Hansen und seine Frau wohnen in der Küche.« Aber Jens rührte sich noch nicht. Seine hohe, kräftige Gestalt war ganz zusammengesunken. Ihm fehlte der Mut, hineinzugehen. Gesine wußte nicht, was sie mit ihm machen sollte. So wie sie ihn jetzt vor sich sah, kannte sie ihren Vater nicht. Da trat Inge Hansen aus dem Hause, streckte die Hand nach ihm aus und sagte: »Komm zu deiner Frau, Jens Larsen.« Nun trat er ein. Anne Larsen lag in Inge Hansens Bett. Sie fieberte stark und erkannte Jens nicht. Er saß lange in der kleinen Kammer auf einem Brettstuhl und starrte vor sich hin. Gesine kam und erzählte ihm von ihrer Fahrt, und wie Inge Hansen sie bei sich aufgenommen hatte. Schließlich ging er in die Küche zurück. Peter war nun auch da und kraute sich verlegen den Kopf, als er Jens sah. Es war ihm peinlich, daß der reiche Jens Larsen vom Larsenhof nun kein anderes Unterkommen hatte als sein Haus. Er hatte das Gefühl, als müßte er als Hausherr etwas sagen, aber er wußte nicht was. Deshalb nahm er seinen Kaffeetopf, den Inge ihm eben gefüllt hatte, und schob ihn Jens hin. »Kaffee ist immer gut, wenn's so kalt ist,« meinte er. Jens trank. Dann sah er Peter an und fragte: »Kann ich wohl auch hier bleiben?« Peter nickte, aber da fuhr Inge auf und rief mit fester Stimme: »Nein, Jens Larsen, für dich ist hier kein Platz.« Peter strich sich mit der Linken an der Hosennaht entlang. »Im Holzstall ist noch Platz. Ich will da wohl alles zurechtmachen.« Inge schüttelte den Kopf. »Nein, Peter, es ist mir zu viel Arbeit.« »Na so,« sagte Peter ruhig, »ja, dann geht es nicht.« Damit war für ihn die Sache abgetan, und Jens Larsen wußte, weshalb Inge Hansen mit keiner Frau im Sundewitt tauschte. Sie war für ihren Mann immer und unter allen Umständen das Höchste, und es gab nicht viele, denen das geschah. Zugleich aber schämte er sich, daß er überhaupt daran gedacht hatte, Peter und Inge Hansens Gastfreundschaft anzunehmen. Er hätte doch selbst wissen müssen, daß in ihrem Hause kein Platz für ihn sein durfte. »Vielleicht findest du bei Fiete Musbeck noch ein Unterkommen,« meinte Inge. Er nickte. »Ich will es versuchen.« »Und dann kannst du deine Frau besuchen, so viel du willst.« »Hm.« Er nickte wieder und ging. »Für dich ist hier kein Platz,« tönte es ihm in den Ohren, während er im Dorf herumging wie ein Bettler und um ein Unterkommen bat. Schließlich wurde ihm erlaubt, bei Fiete Musbeck, der den kleinen Laden hatte, in dem Raum zu schlafen, in dem die Vorräte aufbewahrt wurden. Siebentes Kapitel. In der Nacht, die darauf folgte, war Frau Larsen so krank, daß Inge und Gesine aufblieben, weil sie das Schlimmste befürchteten. Sobald der Morgen graute, lief Gesine ins Dorf, um Hilfe zu holen. Sie dachte nicht mehr daran, daß ihr Vater die Preußen haßte und verboten hatte, einen deutschen Arzt um Rat zu fragen, sie dachte überhaupt nicht an Freund und Feind in ihrer Herzensangst. Im Schulhaus bei der Kirche war ein Johanniterlazarett eingerichtet. Sie ging ohne Zögern hinein und fand dort auch einen Arzt, der sich gleich bereit erklärte mitzukommen. Er untersuchte Frau Larsen lange, machte ein sehr ernstes Gesicht und verordnete allerlei. Später kam Jens. Gesine fürchtete sich nun doch davor, ihm zu sagen, was geschehen war; deshalb hatte Inge es übernommen. Sie war allein in der Küche, als er hereinkam. »Guten Morgen,« sagte er. »Guten Morgen, Jens,« antwortete sie, »es ist gut, daß du kommst. Deine Frau ist sehr krank.« Er sah sie forschend an. Lag nicht Triumph oder Schadenfreude auf ihrem Gesicht? War es nicht eine Vergeltung für sie, daß er jetzt so vor ihr stehen mußte, – arm und heimatlos, für seine schwerkranke Frau auf ihre Gnade angewiesen? Aber von solchen Gedanken war nichts in ihrer Miene zu lesen. Sie sah gut und mitleidig aus, trat an ihn heran und sagte ihm, daß einer von den preußischen Ärzten dagewesen wäre und die Kranke untersucht hätte. Er antwortete nicht gleich, denn er mußte den Gedanken erst in seiner ganzen Tragweite erfassen: – man hatte gegen sein Verbot gehandelt, eigenmächtig, ohne ihn zu fragen. Der Zorn lohte in ihm auf. War er nichts mehr, rechnete man ihn nicht mehr, seit der Larsenhof nicht mehr stand? Wollte man ihn nun beiseite schieben? Über ihn weg entscheiden und handeln? Er war dunkelrot geworden und schrie das alles heraus, hob die Faust und wollte dröhnend auf den Tisch schlagen. Aber Inge fiel ihm in den Arm und sagte ruhig in befehlendem Ton: »Sei still, Jens Larsen, stör deine Frau nicht.« So war lange nicht zu ihm gesprochen, und der Atem verging ihm einen Augenblick fast vor Erstaunen, aber seine innere Erregung legte sich nicht so schnell. Er hatte das Gefühl, als stürzte alles über ihm zusammen, und er packte Inge plötzlich fest am Handgelenk, neigte sein heißes Gesicht dicht zu ihr hin und sagte mit heiserer, gedämpfter Stimme: »Du! Weißt du denn, wie mir zumute ist? Mein Hof ist niedergebrannt, meine Frau stirbt, Gesine wird Thies Matthiessens Frau. Dann hab ich nichts mehr, dann bin ich ganz allein und ganz frei, ich, der reiche Jens Larsen vom Larsenhof. Meinst du, daß ich mich dann noch um irgend etwas oder irgend jemand schere? Du! Inge Süderssen?« Er umklammerte ihr Handgelenk so fest, daß es sie schmerzte, und aus seinen Augen brach eine heiße Flamme. Da überfiel die Frau eine Angst, denn sie wußte, daß sie sich in einer großen Gefahr befand, nicht nur in diesem Augenblick, sondern in der ganzen Zeit, die jetzt kam. Sie wurde sehr blaß und wich zurück, und bei dieser Bewegung kam Jens zur Besinnung. Er ließ sie los, und sie standen sich noch einen Augenblick gegenüber, schweigend, mit schwerem Atem. Dann wandte er sich um und ging in die Kammer, in der seine Frau lag. Gesine sah ihn ängstlich an, als er eintrat, denn sie hatte gehört, daß er laut und zornig gesprochen hatte, aber er sagte nichts und achtete überhaupt nicht auf sie, sondern setzte sich mit einer so schweren Bewegung neben das Bett, daß der Stuhl in allen Fugen krachte. Da ging sie leise hinaus, um von Inge Hansen zu hören, wie der Vater die Nachricht aufgenommen hatte. Inge Hansen war nicht in der Küche. Sie ging sie suchen und fand sie draußen vor der Haustür. Es zogen preußische Truppen durch. Inge hatte einen Krug Milch mit hinausgenommen und ließ ein paar Verschmachtete daraus trinken. Gesine fand, daß sie sehr blaß aussah. Als die Soldaten vorbei waren und sie sie fragte, wie der Vater die Nachricht aufgenommen hätte, bekam sie nicht viel Antwort. Jens Larsen aber hatte drin in der Kammer bei seiner kranken Frau eine dunkle Stunde. Die bösen Stimmen in seinem Innern hatten Gewalt über ihn, und er wehrte ihnen nicht und kämpfte nicht gegen sie an. So wie gestern der Zorn gegen den Larsenhof über ihn gekommen war, daß er mit Steinen nach ihm geworfen hatte, so empfand er ihn heute gegen seine Frau. Die geballten Fäuste auf die Knie gestemmt, so saß er neben ihrem Bett und starrte auf ihr fieberheißes Gesicht, das sich rot gegen die blaugewürfelten Kissen abhob. Der Groll gegen sie fraß sich immer tiefer in sein Herz ein, indem er daran dachte, was aus ihm und seinem Leben durch ihre Schuld geworden war. Das heißt, was er ihre Schuld nannte, das war ja eigentlich nur ihre Art, die eben mit der seinen nicht zusammenpaßte, das war der Mangel an Liebe und Vertrauen, der sich in ihrem Zusammenleben immer bemerkbar gemacht hatte; und wenn er heute eine große Abrechnung hielt, dann mußte er sich selbst mindestens ebensoviel Schuld beimessen wie ihr. Aber das tat er nicht, sondern in Gedanken häufte er eine große Sündenlast auf das Haupt der kranken Frau. Immer mehr fiel ihm ein: wie sie dieses getan und jenes unterlassen hatte. Es waren im Grunde alles nur Kleinigkeiten, aber sie hatten ihn geärgert, niedergezogen, sie hatten seinem Leben gerade das genommen, was es schön macht, was man nicht mit Worten nennen kann und was Inge Hansen ihrem Manne täglich und stündlich gab – wenn sie ihm an kalten, dunklen Abenden entgegenging, sich den Strick seines Karrens um die Schulter schlang und ihm ziehen half, wenn sie ihm selbst den warmen Schal um den Hals legte, den sie für ihn gestrickt hatte, und wenn sie die Ehre seines Hauses so hoch hielt, daß sie rief: »Jens Larsen, für dich ist hier kein Platz!« Immer mußte er jetzt Vergleiche ziehen zwischen ihr und Inge, und immer fielen sie zuungunsten der Kranken aus. »Ja, du – du!« stieß er hervor und kämpfte die Hände so fest zusammen, daß die Nägel ihn ins Fleisch drückten. Dann stand er plötzlich auf und riß das Fenster auf. Ihm war auf einmal zum Ersticken heiß und schwül geworden. Die eisigkalte Winterluft drang in die Kammer und traf die Kranke. Er sah es und meinte, es müßte ihr gut tun, denn sie war ja so heiß. Er selbst empfand es auch als Wohltat. In dem kleinen Hof waren die Regenpfützen jetzt zu Eis gefroren. Peter hatte sie sorgsam mit Asche bestreut, besonders auf der Strecke von der Küchentür bis zum Holzstall. Dort hantierte er jetzt herum. Wenn er zu Hause war, hatte er immer etwas im Holzstall zu tun. Er hatte sich in der einen Ecke eine kleine Werkstatt eingerichtet, in der er alles, was im Hause entzwei ging, wieder zurecht leimte oder zimmerte. In guten Zeiten hatte der Holzstall auch wohl mal eine Kuh beherbergt und auf kurze Zeit das Pferd und den kleinen Wagen, die Peter sich von seinen Ersparnissen angeschafft hatte. Das war nun durch die Kriegsnot längst alles dahin. Aber seit gestern standen zwei Kühe vom Larsenhof darin, und ein Wagen war unterwegs, das Heu und das Viehfutter zu holen, das man gestern aus der Scheune hinausgetragen hatte, um es vor dem Verbrennen zu retten. Von Peter sah Jens nicht viel, nur ab und zu einen Zipfel seiner wollenen Jacke oder der blauen, vertragenen Hose, und allmählich drang der Geruch seiner Pfeife bis zu ihm. Als er eine Weile so gestanden hatte, mit unklaren, stürmenden Gedanken beschäftigt, kam Gesine von der Küche herein. »O!« rief sie sofort erschrocken, stürzte auf das geöffnete Fenster zu und schloß es. »Die kalte Luft, Vater! Mutter liegt im Fieber.« »Ach,« sagte er und wandte sich ärgerlich ab, »dann ist ihr die frische Luft gerade gut.« Er sah ihr noch eine Weile zu, wie sie sich am Bett der Mutter zu schaffen machte, dann ging er in die Küche. Hier war Inge sehr beschäftigt. Im Herd brannte ein helles Feuer, und die Soldaten, die vorn in der Kammer und auf dem Boden einquartiert waren, kamen und lieferten ihre Portionen ab, die Inge für sie kochte. Sie sangen und pfiffen, bis Inge ihnen sagte, nebenan läge eine Schwerkranke, sie möchten leise sein. Da gingen sie vorsichtig auf ihren nägelbeschlagenen Stiefeln auf den Zehen und sprachen mit gedämpfter Stimme. Und Jens wunderte sich, wie Inge diese Krieger mit einem Wort und einem Blick regierte. Er ging nun hinaus ins Dorf. Es war ganz überfüllt mit Soldaten; vor allen Häusern standen sie oder lagen in ihre Mäntel gewickelt im Stroh. Die Kirche und der Kirchhof waren zu einer kleinen Festung gemacht; es wurde noch daran gearbeitet. Vom Wenningbund her ertönte das heftige Feuern der schweren Geschütze, die ihre verderbenbringenden Grüße nach den Düppeler Schanzen hinübersandten. Jens hatte zu tun. Er mußte sich nach seinen Wagen und seinem Vieh umsehen, die vorläufig in verschiedenen Ställen untergebracht waren, und Schritte tun, es zu verkaufen. Als der Mittag, nahte, drängte sich ihm die Frage auf, wo er wohl etwas zu essen bekommen sollte. Zu Fiete Musbeck konnte er nicht gehen, denn der hatte selbst nichts mehr, kaufen konnte er sich auch nichts, denn es gab nirgends etwas zu kaufen. So irrte er umher mit seinem Hunger, und schließlich stand er doch wieder vor Peter Hansens Haus. Auf der Diele und in der kleinen Stube vorn saßen die Soldaten mit ihren Schüsseln, und in der Küche schöpfte Inge für Peter und Gesine aus einem großen Topf. Als Jens eintrat, reichte sie ihm auch einen Teller, als ob das ganz selbstverständlich wäre. Er sah, daß sie nur einen Topf auf dem Herd hatte, aus dem sie alles Essen schöpfte. Da fragte er erstaunt: »Ist das nicht das Essen von den Soldaten?« Inge nickte. »Ja, sie bringen es mir, ich koche es ihnen, und dafür dürfen wir mitessen. Wir haben ja nichts mehr.« Jens fühlte eine Schwäche in den Händen, die den Teller hielten, und er setzte ihn schnell auf den Tisch. Dabei vermied er Gesines Blick. Sie dachten wohl jetzt beide daran, wie er auf dem Larsenhof die Eßvorräte im Keller versteckt hatte, damit die Preußen sie nicht finden sollten. Einen Augenblick überkam ihn der Trotz. Er wollte nichts essen, was von den Preußen kam, und seine Frau und Gesine sollten es auch nicht tun. Aber der Hunger war stärker als der Trotz, und er aß doch. Soldaten kamen, um sich ihre Schüssel nachfüllen zu lassen, und da es draußen kalt war, blieben sie in der Küche. Sie sprachen von den Schanzen, die fast uneinnehmbar schienen, und von der Belagerung. Die Meinungen waren verschieden. Einige glaubten, daß sie gestürmt werden sollten, und andere, daß der Feind durch eine hartnäckige Belagerung zur Übergabe gezwungen werden würde – eins aber stand bei allen fest: »Wir weichen nicht eher, als bis Schleswig-Holstein frei ist.« Wenn sie das sagten, dann leuchtete es in Peter Hansens altem Gesicht auf, und er fing an, das Schleswig-Holsteinlied zu brummen. Jens Larsen saß ruhig dabei und hörte zu. Am Nachmittag, als die Hausarbeit getan war und Gesine und Inge still in der Küche saßen, sprach Gesine plötzlich von ihrer Herzensnot. Sie wußte selbst nicht, wie sie dazu gekommen war. Vor zwei Tagen hatte sie die schöne Inge nur dem Namen nach gekannt, und heute schon öffnete sich ihr Herz der Frau, die sie so einfach und selbstverständlich bei sich aufgenommen hatte und das Letzte mit ihnen teilte, und sie fand ihr gegenüber die Worte, alles zu sagen, was sie bisher still in sich verschlossen hatte. Inge hörte ruhig zu. Es war also wieder auf dem Larsenhof eine Verlobung ohne Liebe geschlossen, und Jens Larsens Tochter kam zu ihr und klagte ihr ihre Not. Sie schlang den Arm um Gesines Schultern, als wollte sie sie schützen und sagte: »Sei ohne Sorge, jetzt ist der Krieg, und wir wissen alle noch nicht, was er bringt. Wenn er aber vorüber ist, und dein Vater verlangt etwas von dir, was dir Schmerzen macht, dann sage es mir, dann will ich mit ihm sprechen.« Da atmete Gesine auf wie befreit. Sie hatte das Gefühl, als ob diese Frau auch über ihren Vater etwas vermöchte. »Du mußt ja erst die Liebe kennen lernen,« fuhr Inge nach kurzer Pause fort. Gesine sah fragend auf, und dann erzählte sie allerlei von Thies, weshalb sie ihn nicht lieben könne. Der Mann, den sie einmal heiratete, der müßte besser und edler sein als alle anderen, meinte sie. Aber Inge schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte sie, »das ist gar nicht nötig. Du mußt ihn nur sehr lieb haben, mit all seinen Schwächen und Fehlern, damit du ihm helfen kannst. Und je mehr du ihm hilfst, desto mehr wirst du ihn lieben.« Gesine verstand sie nicht ganz, sie sah mit weit offenen Augen wie in ein fernes Märchenland. »Dann muß ich mir ja aber ganz groß vorkommen ihm gegenüber,« sagte sie zögernd, »und das ist doch nicht das richtige.« Da lächelte Inge leise vor sich hin und sah auf ihre gefalteten Hände im Schoß. »Groß! Wenn man liebt! – Frauenliebe ist so demütig.« Dann stand sie auf und sah nach dem Feuer im Herd. In diesem Augenblick trat Peter in die Küche, und Gesine dachte, ob der es wohl wäre, der Inge Hansen so die Liebe gelehrt hatte? Achtes Kapitel. Der nächste Tag war der siebzehnte März. Jens ging früh zu seiner Frau. Ihr Zustand war unverändert. Sie hatte hohes Fieber und erkannte ihn nicht. Inge und Gesine hatten zu tun, und so kam er sich sehr überflüssig vor und ging wieder weg. Von Stenderup und Rackebüll her tönte Schießen, allem Anschein nach fand dort ein Gefecht statt. Jens ging die Chaussee entlang auf die Schanzen zu. Das Schießen wurde stärker. Das Gefecht mußte in der Nähe des Larsenhofes sein. Wie es dort wohl jetzt aussah? Ob die Trümmer noch rauchten? Ob von den Mauern seines Hofes noch etwas stehen geblieben war? Auf seinen Feldern tobte jetzt vielleicht der Kampf, sie wurden zerstampft und niedergetreten, und das Blut der sterbenden Soldaten tränkte den Boden. Von den Strandbatterien fielen heute nur einzelne Schüsse, dumpf und schwer, wie ein tiefer Grundton zu dem Kleinfeuer. Er war weitergegangen bis zur Büffelkoppel, dem großen Buchenwald, der sich rechts von der Chaussee hinzog. Blutige und zerrissene Kleidungsstücke, die auf den Wegen und in den Gräben lagen, gaben Zeugnis von den Gefechten, die hier schon stattgefunden hatten. Es war alles verwüstet ringsum, und dort, wo die Häuser von Wilhoi gestanden hatten, waren nur noch Trümmerstätten. Jens sah hier zum erstenmal die Zerstörungen, die die Geschütze von den Schanzen angerichtet hatten. Alle Häuser waren verbrannt oder zerschossen, die Bewohner längst entflohen. Er hatte sie fast alle gekannt. Nun waren sie fort, und ihre Wohnungen waren zerstört. Wer wußte, wo das Schicksal des Krieges sie hingeführt hatte? Es kam ihm zum erstenmal zum Bewußtsein, daß er sein hartes Geschick mit vielen teilte, daß es ihm vielleicht noch besser gegangen war als diesen hier. Er hatte noch manches von seiner Habe retten können, und Gesine und seine Frau hatten ein schützendes Dach gefunden. Diesen hier hatte vielleicht eine Granate das Dach über dem Kopf weggerissen oder die Wände zertrümmert, so daß sie fliehen mußten, um das nackte Leben zu retten. Aus diesen schwarzen, öden Mauern schrien die Not und das bittere Elend des Krieges, und neben der Verzweiflung über das eigene Geschick empfand Jens jetzt einen anderen, größeren Schmerz – den Schmerz um seine zerstörte Heimat, die er so unendlich liebte. Mit aufgerissenen Wunden lag sie vor ihm, und sein eigener Schmerz wurde klein bei diesem Anblick. Er war hinaufgeklettert auf einen Trümmerhaufen und konnte jetzt das zerstörte Land übersehen bis an die Küste, gegen die die Ostsee ihre gleichförmigen grauen Wogen rollte. Ein dumpfer, grollender Ton ging manchmal darüber hin, und ein weißes Wölkchen bezeichnete den Weg, den die verderbenbringende Bombe genommen hatte. Er sah die Schanzen und drüben Sonderburg mit seinem alten Schloß und seinen roten Häusern. Kugeln flogen hin und her, und zwei Völker standen sich gegenüber und rissen Wunden in das Herz seiner alten Heimat. Und plötzlich kam ihm ein Gefühl, das er noch nie gehabt hatte: er besaß eine Heimat, eine schöne, geliebte Heimat, aber er besaß kein Vaterland. Immer war das Land zerrissen gewesen, hier deutsch, hier dänisch. Es war deutsch und hatte einen dänischen Herzog gehabt, und das dänische Element hatte sich breit gemacht mit List und Gewalt, Die deutsche Sprache und das deutsche Recht waren unterdrückt worden, so daß er allmählich angefangen hatte, dänisch zu denken und zu fühlen. Und da er damit auf Widerstand stieß bei seinen Landsleuten, erwachte der Trotz in ihm, und er wurde fanatisch. Dann kam das Jahr 1848. Das schleswig-holsteinische Land erhob sich und wehrte sich gegen das dänische Joch. Die Preußen kamen und kämpften und bluteten für Schleswig-Holstein, aber helfen konnten sie nicht, und alles blieb beim alten. Daher hatte Jens ein Gefühl von Haß und Verachtung für die Preußen, und als sie jetzt wiederkamen und wieder helfen wollten, da hatte er nur darüber gelacht. Aber nun dachte er schon anders über sie – und über alles. Der Krieg hatte auch ihn mit eiserner Hand gepackt, und manches, was an Trotz und Stolz in seinem Herzen gelebt hatte, lag nun zerbrochen am Boden. Und er wußte nicht mehr, für wen er beten sollte, für die Preußen oder für die Dänen. Er ging weiter nach dem Dorfe Düppel zu, und plötzlich wurde es belebt um ihn. Auf allen Wegen zogen preußische Truppen gegen das Dorf, es war, als ob sie auf einmal alle aus der Erde gewachsen wären. Wie große, schillernde Schlangen wanden sie sich hinter den Knicks entlang, und ein Geräusch, wie das Summen und Durcheinanderkrabbeln unzähliger Maikäfer drang zu ihm hinüber. Sie zogen alle nach Westdüppel. Bumm – bumm, bumm! – so kam es jetzt von Ostdüppel. Nun setzte Infanteriefeuer ein, ein unaufhörliches Knattern. Und dann begannen sie von den Schanzen und von den Batterien auf Alsen zu schießen, daß der Erdboden zitterte und dröhnte. Feuersäulen stiegen auf, hier eine, dort eine, dicke Rauchmassen legten sich auf alles, graue, dicke Rauchmassen, aus denen nur ab und zu rote oder gelbe Flammen aufzuckten. Der ganze östliche Teil des Dorfes brannte. In der Luft war ein Brüllen und Stöhnen und Knattern, wie das Hüllenkonzert unzähliger böser, wilder Geister. Jens Larsen hörte und sah mit allen Sinnen. Wenn er einen Menschen hier gehabt hätte, den er mal hätte packen, dem er hätte zurufen können: »Sieh dort, das Feuer! Da schießen sie von den Schanzen. Jetzt zieht es sich nach Osten.« Aber er hatte niemand, er mußte alles allein durchleben. Er lief auf eine Anhöhe, um einen besseren Überblick zu bekommen; dann stürzte er weiter vor, über Sturzäcker und Gräben, immer auf den Rauch und den Lärm und die Flammen zu. Mitten auf dem Wege lag plötzlich ein Toter vor ihm, lang hingestreckt, das Gewehr im Arm. Da blieb er einen Augenblick stehen, und er dachte daran, daß da unten in Preußen wohl Herzen bangten um dies junge Blut und Hände sich zum Gebet falteten, – und er beugte sich nieder und deckte die Mütze über das stille Gesicht mit den gebrochenen Augen. Dann ging er weiter und kam an die ersten Häuser. Da lagen ein paar Verwundete am Wege. Er holte ihnen Wasser und ließ sie trinken. Einer lag schon im Sterben. Der griff nach seinen Händen und flehte ihn an, er sollte seine Lieben daheim grüßen. Jens fragte ihn nach den Namen, aber er sagte nur immer: »Vater und Mutter und Lene. – Lene!« wiederholte er träumerisch, und sein Gesicht verklärte sich. Jens versprach es, um ihm das Sterben zu erleichtern. Er sah noch viel Elend an diesem Tage. Er half die Verwundeten aus dem Feuer tragen und gab den Verschmachteten Wasser, er hielt die Hände von Sterbenden in ihrem letzten Augenblick, damit sie nicht ganz verlassen wären, – und er sah nicht hin, ob es Preußen oder Dänen waren. Gegen Abend kam er zum Umfallen müde und erschöpft nach Nübel zurück. Es war nicht mehr besetzt. Die Truppen hatten an den Gefechten bei Rackebüll und Düppel teilgenommen und waren nicht in ihre Quartiere zurückgekehrt. Er ging nicht zu Fiete Musbeck, bei dem er sein Nachtquartier hatte, sondern zu Hansens. Sie saßen dort in der Küche bei der Abendsuppe. Er wollte von dem, was er gesehen und erlebt, erzählen, aber er konnte nicht, es war zu viel und zu furchtbar. Er brachte keinen zusammenhängenden Satz zustande: er sah immer noch Blut und Wunden und sterbende Menschen, und in den Ohren brauste es ihm, daß er meinte, sie schössen immer noch. Da führte Peter ihn in die kleine Vorderstube, in der die Soldaten gelegen hatten, daß er sich aufs Stroh hinstrecke, und Gesine kam, brachte ihm etwas zu essen und deckte ihn mit einer Decke zu. Aber trotzdem er so müde war, schlief er nicht ein, denn er dachte immer, Inge müßte auch zu ihm kommen, nur einmal, um ihm irgend etwas zu bringen oder zu sagen. Sie sorgte ja doch sonst für alle, die in ihrer Nähe waren. Aber sie kam nicht. Und er fühlte sich grenzenlos verlassen. Als er am nächsten Morgen in die Küche kam, fand er dort niemand. Gesine war nebenan bei der Mutter. Er hörte sie hin und her gehen, aber er ging nicht hinein. Er war ja so überflüssig dort; seine Frau, erkannte ihn doch nicht, und helfen konnte er auch nicht. Die Tür nach dem Hof war nur angelehnt. Er trat hinaus und ging nach dem Holzstall, weil er meinte, er müßte Peter dort finden. Er hatte das Bedürfnis, einen Menschen zu sehen und zu sprechen. Aber Peter war nicht dort. Es war ganz still in dem kleinen Raum. Doch da hinten in der Ecke saß Inge auf dem Holzblock. Er sah eigentlich nur ihr weißes Haar leuchten, denn sie hatte den Kopf geneigt und das Gesicht in den Händen vergraben. Und während er regungslos stehen blieb und sie ansah, schien es ihm, als ob ein Zucken durch ihren Körper ginge, wie wenn sie weinte. Da durchfuhr es ihn, und ehe er sich recht besonnen, stand er auch schon neben ihr und griff nach ihren Händen. »Inge,« sagte er so weich, wie er nur damals zu ihr gesprochen hatte, als sie beide jung waren. Da ließ sie die Hände sinken und sah ihn an. Ihre Augen waren wirklich feucht. Aber mehr noch als das erschütterte ihn der Ausdruck des Schmerzes, der in ihren Zügen ausgeprägt war. »Warum weinst du, Inge?« fragte er nun. Sie fuhr sich über die Augen und stand auf. »Ich weine nicht,« sagte sie abweisend, »laß man.« Damit wollte sie hinausgehen, aber er ließ sie nicht. Er sagte nichts, doch in der Art, wie er sich ihr in den Weg stellte und sie mit einer Handbewegung zurückhielt, lag etwas so Zwingendes, daß sie stehen blieb. Sie sah einen Augenblick an ihm vorbei nach der Tür mit einem abwesenden Blick, der nichts Wirkliches zu erfassen schien, dann sagte sie mit schwerem Seufzer: »Wir haben ja all die Zeit noch nichts von Hannes gehört.« Da wußte er, daß sie wie ein wundes Tier mit ihrem Schmerz dort in den Winkel gekrochen war. »Er ist wohl gut zuwege,« sagte er, um sie zu trösten, aber er fühlte selbst, daß das ein schwacher Trost war. Inge zuckte auch nur die Achseln. »Du hast ihn ja gesehen, wie er von Schleswig zurückkam,« sagte sie, »und nun ist er schon viel länger fort, und es ist jetzt so kalt. Er hat gewiß oft kein Dach überm Kopf und nichts zu essen. Und ich hab' hier immer einen Topf auf dem Herd und kann ihm nichts geben.« Sie biß die Zähne zusammen und starrte wieder an ihm vorbei ins Leere. Da kam Peter über den Hof und sofort verlor sich der Ausdruck von Angst und Sorge in ihrem Gesicht, und sie sah wieder ruhig und gleichmütig aus. »Sag ihm nichts davon,« warf sie noch halblaut hin. Dann trat sie aus dem Holzstall hinaus und sagte: »Ich wollt' dich suchen, Peter, wo warst du denn?« Es schien Jens, als ob ein Zug von Verlegenheit über Peters Gesicht ginge. »Da so'n büschen längs,« sagte er und zeigte mit dem Daumen die Richtung, die die Straße nach der Kirche zu nahm. Dann griff er in die Tasche, holte seine Pfeife heraus und machte sich mit ihr zu schaffen, Inge stand noch einen Augenblick unschlüssig da, ehe sie sich umwandte und zur Küche zurückging. Als sie fort war, sagte Peter, ohne von seiner Pfeife aufzusehen: »Ich war in'n Hospital.« Jens sah ihn erstaunt an. »Was wollt'st du denn da?« fragte er. Peter steckte nun die Pfeife in den Mund und kraute sich den Kopf. »Ick har dacht – nu sünd da doch so veel Dänens, de gestern verwundet sünd. De kamt doch von Alsen. Dat kunn jo doch sien, dat een da wat von unsen Jung wüßt. Jo – aber se kennten em nich.« Er seufzte und ging in den Holzstall, wo er gleich etwas zu basteln fand. Jens hatte sich an den Türpfosten gelehnt und sah ihm zu. Und mitten in der Arbeit sagte Peter plötzlich: »Inge braucht das nicht zu wissen, daß ich mich so ängstige – sonst ängstigt sie sich auch.« Weiter war heute nichts aus ihm herauszukriegen. Neuntes Kapitel. Jens Larsen litt unter einer großen Unruhe, wie jemand, der vor einer tiefgreifenden Entscheidung steht. Einmal mußte sie kommen, das fühlte er, aber wie, das war ihm nicht klar. Zu seiner Frau ging er kaum mehr hinein, – fast schien es, als fürchte er sich vor ihr, die bewußtlos, mit fieberheißen Wangen in den Kissen lag. Wenn er über den Hof ging, streifte sein Blick scheu das verhängte Kammerfenster. Daß sie gesund werden würde, glaubte er nicht – aber manchmal packte ihn das Entsetzen, und er hatte das Gefühl, als ob er sie langsam hinmorde mit seinen Gedanken, Dann ging er fort und wanderte durch das Land. An zerschossenen und niedergebrannten Wohnstätten kam er vorüber, über zerstampfte Felder und niedergerissene Knicks führte sein Weg. Aber was noch schlimmer war als das: er kam an Wachen und durfte nicht weiter. Es gab jetzt eine Macht im Sundewitt, gegen die sein Wille nichts ausrichten konnte. Und wenn er gerufen hätte: »Ich bin der reiche Jens Larsen vom Larsenhof!« – so hätte ihm das auch nichts genützt. Für den Mann, der mit dem Gewehr im Arm da stand, wäre dieser Name ein leerer Schall gewesen. Wenn er dann auf eine Anhöhe stieg und um sich sah, wenn er bedachte, wie der Krieg an allem Bestehenden gerüttelt hatte, dann überkam ihn ein wildes Gefühl. Geschah jetzt nicht so viel Ungeheuerliches? Menschen kamen und warfen Brandfackeln in die Dächer, so daß die Wohnstätten der Mitmenschen in Flammen aufgingen, und es fragte niemand danach, wo die Vertriebenen blieben. Granaten flogen von den Schanzen und rafften Männer fort, die eben noch in voller Lebenskraft neben ihren Kameraden gestanden hatten. Sie wurden in eine schmale Grube gelegt, die Fahnen senkten sich an ihrem Grabe, und wenn der Hügel sich wölbte, zog die Musik mit einem Marsch davon, und das Leben ging weiter, als wäre nichts geschehen. Durfte er dann nicht an dem schwachen, verglimmenden Lebensfünkchen, das ihm noch im Wege stand, vorbeischreiten, durfte er dann nicht das, was noch zwischen ihm und Inge Hansen stand, über den Haufen werfen, niedertreten, zertrümmern, wie jetzt so vieles niedergetreten und zertrümmert wurde, und mit ihr hinauswandern in ein anderes Land, wo Frieden war, unbekümmert um das, was hinter ihnen zurückblieb? Wenn er das dachte, meinte er auch, er würde sie zwingen, mit ihm zu kommen, ob sie wollte oder nicht. Trat er dann aber in ihr Haus, und sie sah ihn ruhig an und sagte: »Peter ist nicht da, und deine Frau schläft,« dann wußte er, was sie damit sagen wollte, und er ging ganz still wieder hinaus und irrte durch das Dorf als ein Heimatloser. Am schönsten waren in dieser Zeit die Abende; Jens freute sich jeden Tag darauf. Auf dem Larsenhof hatte er sich eigentlich nie auf den Abend gefreut, höchstens auf die Stunde auf der Hohen Koppel. Aber jetzt zog es ihn wie mit vielen seinen Fäden nach Peter Hansens Haus, wenn die Schatten sich senkten. Dann saßen sie in der kleinen, warmen Küche zusammen, Peter rauchte seine Pfeife und schnitt mit dem Taschenmesser Holz klein fürs Aufsetzen der Abendsuppe. Die Frauen hatten immer etwas zu tun. Sie legten Wäsche zusammen oder nähten; Inge strickte auch oft an dem groben, wollenen Strumpf, der sonst immer auf der Fensterbank zwischen den Blumentöpfen lag. Später machte sie Feuer im Herd an, so daß plötzlich ein heller Schein durch die Küche ging. Das war für Jens jedesmal etwas Bedeutsames, etwas ganz anderes, als für die anderen, die kaum aufsahen und es hinnahmen als etwas Alltägliches und Natürliches. Seitdem er in die Flammen gesehen hatte, die vom Dach des Larsenhofes aufgestiegen waren, überfiel ihn ein Zittern, so oft er einen Feuerschein sah. Er wollte es nicht. Jeden Tag nahm er sich vor: heute soll es nicht kommen. Er biß die Zähne zusammen und ballte die Hände zu Fäusten – aber es kam doch. Er dachte, es würde besser werden, wenn er nicht auf den Herd sähe, aber auch das nützte nichts. Er sah dann doch den hellen roten Schein über die dunkle Wand gleiten, hinauf bis an die Decke und wieder hinab und wieder hinauf, er hörte das Knistern des brennenden Holzes, das Prasseln der Flamme, und wenn er die Augen schloß, glaubte er wieder auf der Hohen Koppel zu stehen – der Larsenhof stand in Flammen, das Sundewitt stand in Flammen – und die See und die Kanonen donnerten dazwischen. Da sah er lieber wieder auf den Herd. Und auf einmal hatte er dann doch den Larsenhof vergessen: denn der helle Schein fiel nun auf Inges schönes, stilles, stolzes Gesicht und auf ihr weißes Haar, das jetzt noch ebenso weich und wellig war wie damals, als es noch blond war und manchmal in der Abendsonne rötlich schimmerte. Aber ruhiger wurde er davon auch nicht. Sie aßen immer Milchsuppe, denn anderes hatten sie nicht, selbst Kartoffeln gab es im Sundewitt nicht mehr. Dann erzählten sie sich, was sie am Tage gesehen und gehört hatten. Gesine ging zur Mutter hinein, gab ihr die Abendsuppe und brachte ihr die Kissen in Ordnung. Von draußen hörte man oft den Schritt marschierender Truppen, den Hufschlag eines Pferdes und das Singen der durchziehenden Soldaten. Peter ging an die Haustür und sah hinaus. »Es sind die 24er,« sagte er, wenn er zurückkam, oder: »Die 64er ziehen auf Vorposten.« Dann waren sie einen Augenblick still, lauschten dem verklingenden Ton und folgten den Soldaten mit ihren Gedanken. So ging der Abend hin. Um halb zehn erhob sich Jens und ging fort. Davon, daß er auch in Peter Hansens Haus wohnen könnte, war nicht wieder die Rede gewesen. Eines Abends, als er kam, war Inge allein. Es war schon ziemlich spät, und er hatte geglaubt, sie würden alle zusammen bei der Abendsuppe sitzen. Aber nun war es ganz still in der Küche, und Inge saß in der Ecke am Herd und strickte. Die Tür zur Kammer stand auf, aber es kam kein Ton von dort. Als Jens eintrat, sah Inge auf, ihre Blicke begegneten sich, und sie sprachen beide nicht, nur schien es, als ob sie beide tief Atem holten. Endlich sagte Inge: »Gesine ist mit Miete Gerten gegangen. Sie wollten sehen, wie von der Strandbatterie geschossen wird. Der alte Gerten ist auch mit und welche von Klüvers und Persens. Gesine war nun all die Zeit nicht fort. Ich hab' ihr gesagt, ich wollte wohl auf deine Frau passen.« »Und Peter?« fragte Jens statt aller Antwort. Inge beugte sich vor nach dem Licht der kleinen Lampe, die auf dem Herd stand, und zählte etwas an ihrem Strumpf. »Peter ist nach Flensburg runter,« sagte sie. »Was macht er da?« »Er holt Vorräte für den Marketender in der Büffelkoppel. Heute mittag ist er mit seinem Karren fortgegangen, und es dauert wohl ein paar Tage, bis er wiederkommt.« Sie wollte wieder anfangen zu stricken, aber nun fiel ihr eine Nadel hin. Sie bückte sich, um sie aufzuheben, doch es war so dunkel, daß sie sie nicht finden konnte. Da nahm Jens die Lampe und leuchtete ihr, und sie bückten sich beide. Es war so still, daß sie ihre Atemzüge hören konnten, und als sie die Nadel gefunden hatten, waren sie beide rot und heiß wie nach einer schweren Anstrengung. Sie hatten wohl beide gedacht, daß Jens gleich wieder gehen würde, aber nun schien es ihnen plötzlich natürlicher, daß er blieb. »Willst du was essen?« fragte Inge. Er war sehr hungrig, aber er fragte: »Hast du schon gegessen?« Sie schüttelte den Kopf. »Ich mochte nicht allein. Gesine hat vorhin für sich und deine Frau was gewärmt, als ich beim Melken war. Nun will ich für uns eine Suppe kochen.« Als sie an den Herd trat, ging er leise zu seiner Frau hinein. Es war kein anderes Licht in der Kammer als der schwache Schein aus der Küche, so daß er nur gerade die großen Umrisse der wenigen Möbel erkennen konnte. Er trat an das Bett, beugte sich darüber und rief leise den Namen seiner Frau, aber sie hörte es nicht. Ihr Atem ging schwer und stoßweise, und ein heißer Dunst stieg von den Kissen auf. Da ging er wieder hinaus und schloß die Tür hinter sich, damit sie von dem Klappern der Teller und dem Sprechen nicht aufwachte. Inge stand am Herd und rührte die Suppe, Jens setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf schwer in die Hand. Seine Gedanken wanderten. »Sie schläft wohl?« fragte Inge nach längerem Stillschweigen. Da fuhr er ganz verstört auf und fragte: »Wer?« »Deine Frau.« »Ach so. Ja.« Nun waren sie wieder still, bis die Suppe fertig war. Inge trat an den Tisch und füllte ihm den Teller. Dann ging sie an den Herd zurück und setzte sich mit ihrem Teller in die Ecke. Sie hatten sonst beim Abendbrot alle um den Tisch herumgesessen, aber heute wäre es ihnen sonderbar vorgekommen, wenn sie sich dort einander gegenübergesetzt hätten. Sie sprachen vom Wetter, von den Schanzen und von Peters Weg nach Flensburg. Durch das tägliche Beisammensein hatten sie so viel gemeinsame Interessen. Ab und zu fiel draußen ein Schuß; dann horchten sie auf, und Jens erzählte, was er heute gesehen und gehört hatte. Als er mit seiner Suppe fertig war, stand er plötzlich auf und kam zu Inge in die Ecke. »Das hätten wir auch nicht gedacht, daß ich noch einmal an deinem und Peters Tisch sitzen würde,« sagte er. Inge hörte an seinem Ton, daß die Erinnerungen ihn übermannten, und daß sie ihn heute nicht durch einen Blick oder ein Wort würde zurückweisen können. Heute waren die Erinnerungen zu mächtig; auch sie konnte sich nicht ganz von ihnen befreien. »Das macht der Krieg,« sagte sie. »Ja, und weil du nicht Böses mit Bösem vergiltst.« Sie setzte ihren leeren Teller neben sich auf den Herd und strich sich mit beiden Händen über die Stirn und das Haar. Sie sah jetzt gar nicht stolz aus, sondern wie ein Mensch, der viel gelitten hat. »Ich hab' es ja überwunden,« sagte sie leise. Da griff er nach ihren Händen und hielt sie fest, und es brach aus ihm heraus in tiefster Seelenqual: »Inge, du hast es überwunden, aber ich nicht. Ich Narr, ich –« Nun wußte sie, wie es um ihn stand: daß er die größten Qualen litt, auf ein Leben zurückzublicken, das verfehlt war durch eigene Schuld. Dieser Augenblick hätte eine Vergeltung für sie sein können für das, was er ihr angetan hatte, aber daran dachte sie nicht. Sie empfand nur Mitleid mit ihm und vergaß fast, daß sie selbst eine Rolle in seinem Leben gespielt hatte. Als er ihre Hände frei ließ, stand sie auf und strich ihm langsam über die Schultern und den Arm. »O Jens,« sagte sie dabei leise und bekümmert, und es war ihnen beiden, als wären die Jahre, die zwischen jetzt und damals lagen, versunken und als stände nichts zwischen ihnen. Er kam zu ihr in seiner Not, und sie nahm ihn auf und tröstete ihn. Und weil es so war, vergaß er auch die wilden Gedanken, die in seinem Herzen Platz gegriffen hatten. Es kam eine Ruhe über ihn, wie er sie lange nicht mehr gekannt hatte. Das war ja schon früher so gewesen: wenn ihn etwas geärgert oder bedrückt hatte, und Inge stand dann vor ihm und sah ihn mit ihren klaren Augen an, in denen eine Welt von Güte und Kraft lag, dann erschien ihm alles leicht, und die Wogen in seinem Innern glätteten sich. Und wie das jetzt wieder vor ihm erschien in aller Klarheit, da wuchs auch seine Schuld wieder zu ihrer ganzen Größe an. »Ich hab' es gebüßt, Inge,« sagte er mit schwerer Stimme, »immer, die ganze Zeit. Und wie ich es gebüßt habe, das ist mir jetzt klar geworden.« Sie setzte sich wieder auf die Bank am Herd, denn sie fühlte eine Schwäche in den Knien. »Ich wollte, du wärst glücklich geworden, Jens,« sagte sie. Das klang wie ein großes Verzeihen. »Warst du mir nicht böse, Inge?« Nun schwieg sie eine Weile und sah an ihm vorbei, ein schwerer Seufzer hob ihre Brust, darauf sah sie ihn an und sagte: »Böse? Ich weiß nicht, Jens, ob man es so nennen kann. Es war alles tot in mir, und ich konnte nicht an dich denken, denn dann fühlte ich einen Schmerz –« Sie atmete schwer und schloß einen Augenblick die Augen. Dann fuhr sie fort: »Aber ich habe es niemand gezeigt, keinem Menschen, und wenn sie mich geneckt und gequält haben und mir von Jens Larsen erzählten, daß er die reiche Witwe von Gerd Matthiessen geheiratet hätte, und wie vornehm alles auf dem Larsenhof wäre, dann habe ich still zugehört und gesagt: ›Ich wünsche ihm alles Glück.‹ Da haben sie davon abgelassen, mich zu quälen.« »Haft du mir wirklich alles Glück gewünscht, damals schon?« »Zuerst nicht. Da habe ich dir nichts Gutes und nichts Böses gewünscht. Aber dann kam es.« Sie schwieg wieder und sah vor sich hin. »Was kam?« fragte Jens, als sie lange nichts sagte. Sie atmete tief auf, und es ging ein heller Schein über ihr Gesicht. »Ruhe kam und Friede, Ich wurde Peter Hansens Frau, und er war so gut zu mir. Ich habe nicht gelogen, Jens Larsen, als ich dir sagte, Peter Hansens Frau tauscht mit keiner Frau im ganzen Sundewitt.« Sie war aufgestanden, und ihre Augen leuchteten. »Er hat mir tausendmal vergolten, was du mir angetan; er hat mich hoch und heilig gehalten.« »Und da hast du mich vergessen?« fragte er, und ein schneidender Schmerz durchzuckte ihn plötzlich. Sie schüttelte den Kopf. »Vergessen? Nein. Vergessen kann ich dich wohl nie. Aber verziehen habe ich dir. Da konnte ich es auf einmal. Das verdanke ich Peter.« Jens sah zu Boden und biß sich auf die Unterlippe. Es kämpften so viel Gefühle in ihm, daß er nicht wußte, welchem er zuerst Worte geben sollte. In Inge aber wurden die Erinnerungen mächtig. Ein weicher, nachdenklicher Zug trat in ihr Gesicht, und sie fuhr mit leiser Stimme fort: »Ich bin dann abends manchmal nach der Nübelmühle gegangen, von wo ich den Larsenhof sehen konnte, und habe gedacht: Ob sie ihm wohl manchmal über die Stirn streicht und über die Augen, wenn ihn etwas ärgert oder drückt, damit er ruhiger wird? Ob sie es wohl weiß, daß er es so gern mag, wenn man ihm mal tüchtig in seine zottigen Haare greift und ihn auslacht und ruft: O, du dummer Jens!« Sie lachte jetzt selbst, so frisch und glücklich, wie er sie in all der Zeit nicht hatte lachen hören, und er stand vor ihr wie verzaubert. All das berauschende Glück seiner ersten Liebe stand ihm wieder vor Augen, und daneben sah er die trostlose Öde seines Ehelebens, und nun sagte er mit zuckenden Lippen: »Nein, das hat sie nie getan.« Inge lachte nicht mehr. Sie atmete wieder tief auf und fuhr mit bebender Stimme fort: »Und ich habe immer gedacht, wenn ich so recht mit aller Kraft meines Herzens Euer Bestes wünschte, dann müßte das was helfen, dann müßte sie es fühlen, wie du es liebst Ich habe gedacht, in sie hineindenken könnte ich es, hineinwünschen mit aller Kraft meines Herzens, daß sie dich glücklich macht.« Weich, zitternd, ganz beherrscht von ihrem starken Gefühl kamen die Worte von ihren Lippen, und wie sie ihn jetzt ansah, lag es unverhüllt in ihren Augen, was sie bis jetzt so stolz in sich verschlossen hatte, es brach hervor ohne ihr Wissen und Wollen. Da stieg es siedendheiß in ihm auf, und er packte sie und schrie: »Inge, dann hast du mich ja immer und immer noch geliebt!« Ein einziger, weher Laut kam von ihren Lippen, und sie standen sich gegenüber wie erstarrt, als wäre ein Blitz zwischen ihnen niedergefahren und hätte ihre Augen geblendet. »Inge!« sagte er mit heiserer Stimme, und noch einmal: »Inge!« Ihnen war, als wenn graue Nebel durch die kleine Küche wallten und der Boden unter ihren Füßen schwände. Wie aus weiter Ferne klang dies heiße, beschwörende, verzweifelte: »Inge!« Dann wichen die Nebel auf einmal, und sie standen sich gegenüber, so nah, daß sie ihren Atem fühlten, und sahen sich an, und jeder las in den Augen des andern die grenzenlose Liebe und das grenzenlose Leid. Das war stärker als alle Vorsätze und alle Kämpfe, es war wie ein ehernes Naturgesetz, das über ihnen stand. Es gab keine Welt mehr nm sie her, es gab keine Menschen, außer ihnen, es gab nur noch eins – sie und ihre Liebe. Und sie hielten sich fest, fest umschlungen. Inge kam zuerst zur Besinnung. »Jens!« rief sie beschwörend, verzweifelt, »laß mich! – Jens!« Aber er hörte nicht. »Denk' an deine Frau! Und Peter! Wir dürfen ja nicht –« Ihre Stimme brach. Sie wollte sich gewaltsam freimachen, ringen mit ihm, aber er hielt sie so fest, daß sie sich nicht rühren konnte, und heiß, ungestüm kam es jetzt von seinen Lippen: was er alles gedacht und gefühlt und gewollt hatte in dieser Zeit. Inge stand da mit keuchendem Atem, und ihre zitternden Lippen brachten kein Wort hervor. Nur ein Gedanke beherrschte sie, ein Wunsch, so heiß wie ein Gebet: stark bleiben, fest bleiben! Mit aller inneren Kraft wehrte sie sich gegen ihn. Sie wollte nicht hören, was er da sagte von seiner Liebe zu ihr, die nicht sterben wollte, von all seinen heißen Wünschen, über die er nicht Herr werden könnte, sie wollte seinen Atem nicht fühlen und das wilde Schlagen seines Herzens, den zwingenden Druck seiner Arme, – und es sprach doch alles zu ihr wie mit klingenden Tönen und fand jubelnde Antwort in ihrem Herzen, so daß ihr war, als schwände alle ihre Willenskraft. »Stark bleiben! Fest bleiben!« schrie es in ihr. Da hörten sie die Haustür gehen. Nun ließ er sie los, und sie wich zurück bis in die äußerste Ecke am Herd, stützte sich mit beiden Händen auf die Platte, und wandte sich auch nicht um, als Gesine eintrat. Bei dem matten Schein der kleinen Lampe, die nur einen spärlichen Lichtkreis um sich verbreitete, sah Gesine wohl, daß ihr Vater und Inge anwesend waren, aber ihre Gesichtszüge konnte sie nicht erkennen. Sie achtete auch nicht darauf, sondern erzählte eifrig, was sie gesehen hatte. Weder Jens noch Inge sagten etwas dazu, und als sie endete, wandte Jens sich zur Tür. »Gute Nacht,« sagte er, aber sein Blick suchte nur Inge. Sie blieb am Herd stehen, das Gesicht über das verglimmende Feuer geneigt, und sagte leise: »Gute Nacht.« Sie schliefen aber beide in dieser Nacht nicht einen Augenblick. Inge stand auf, sowie der Tag graute, und ging an ihre Beschäftigung. Bei jedem Geräusch fuhr sie zusammen, denn sie dachte immer, Jens käme, und sie fürchtete sich vor einem Wiedersehen mit ihm. Es gingen aber mehrere Stunden hin, ohne daß er sich blicken ließ. Frau Larsen war heute bei Besinnung, aber sie lag mit geschlossenen Augen da und war fast zu schwach, um zu sprechen. Mittags gab Inge ihr das Essen. Sie hatte sich auf den Bettrand gesetzt und die Kranke mit ihren Kissen fest in den Arm genommen. Mit der freien Hand gab sie ihr die Suppe wie einem kleinen Kind. Da trat Jens ein. Als er es sah, blieb er still in der Tür stehen, ohne etwas zu sagen, und Inges Hand zitterte. Aber die Kranke hatte sein kommen gefühlt. »Bist du da, Jens?« fragte sie und streckte die Hände nach ihm aus. Nun kam er näher. »Ja, Anne, ich bin hier. Geht es dir besser?« »Ja, Jens, nun bin ich bald ganz gesund, und dann gehen wir nach dem Larsenhof zurück, nicht wahr?« »Ja,« sagte er mit gepreßter Stimme. »Ist der Krieg nun zu Ende?« »Nein, noch nicht. Aber bald. Hier sind jetzt nicht mehr so viel Soldaten, sie sind alle näher an den Schanzen.« »Du hattest doch so bestimmt gesagt, sie kämen nicht hierher,« sagte sie nun wieder in klagendem Ton. »Nun haben wir sogar vom Larsenhof weg müssen! Wer weiß, wie es da jetzt aussieht! Sie gingen gar nicht gut mit den Tapeten um.« »Laß man, Anne,« sagte er und strich ihr leise über das Haar, »darum wollen wir uns jetzt keine Sorge machen. Wenn die Tapeten schlecht sind, lassen wir neue machen.« Sie nickte. »Dann will ich aber in der Wohnstube welche mit blauen Blumen haben – wie Nissens von Petersgaard.« »Ja, Anne, das sollst du auch,« sagte Jens, und er dachte daran, wie es sein würde, wenn Anne erst das ganze Elend erfuhr. Der Larsenhof in Asche, Petersgaard und viele, viele andere Höfe auch in Asche. »Sie wird es nie erfahren,« dachte er dann, und es war ihm wie ein Trost und eine Erleichterung. Er glaubte immer noch, daß sie sterben würde. Sie war nun zufrieden wie ein Kind, das seinen Willen bekommen hat, und ihr Kopf sank müde an Inge Hansens Brust. Die legte sie vorsichtig wieder in ihr Bett zurück, und Jens ging in die Küche. Inge stellte leise einiges in der Kammer zurecht; sie brauchte absichtlich viel Zeit dazu, denn sie fürchtete sich, zu Jens in die Küche zu gehen. In ihrem Innern dachte sie immer: »So geht es nicht, so darf es nicht sein.« Als sie schließlich in die Küche kam, stand Jens am Fenster und sah auf den Hof. Da nahm sie ihre ganze Kraft zusammen, trat zu ihm und sagte: »Du mußt jetzt gehen, Jens.« Er sah sie an. »Muß ich, Inge?« Sie nickte. »Wenn Peter hier ist, darfst du wiederkommen.« »Kannst du mich fortschicken, wenn meine Frau stirbt?« fragte er nun mit zusammengebissenen Zähnen. Sie schüttelte den Kopf. »Sie stirbt nicht. Es geht ihr heute besser.« »Das, ist ein letztes Aufflackern. Ich weiß, daß sie stirbt.« Nun schwiegen sie beide lange Zeit. Endlich raffte er sich auf und sagte: »Aber ich gehe, wenn du es willst. Doch wenn ich wiederkomme, Inge –« Da wich sie vor ihm zurück und sagte: »Dann ist Peter wieder hier.« Und nun ging er. Zehntes Kapitel. Die Entscheidung des Krieges rückte immer näher. Die Augen der ganzen Welt waren auf das Fleckchen Erde gerichtet, auf dem die Düppeler Schanzen als starre große Festungen aufragten, und vor denen das preußische Heer den harten, schweren Belagerungskampf aufgenommen hatte. Das Osterfest war in Kampf und Arbeit vorüber gegangen, die Tage wurden milder, und der herbe, frische Duft des Frühlings lag schon in der Luft. Jens Larsen hatte die Gegend verlassen und war nach Flensburg gegangen. Er hatte Gesine gesagt, daß er in geschäftlichen Angelegenheiten dorthin müßte und noch nicht sagen könnte, wann er wiederkäme, und sie fühlte sich so sicher in dem Schutz der starken Inge, daß sie sich nicht fürchtete, mit der kranken Mutter bei ihr allein zu bleiben. Inge war aber in diesen Tagen nicht so stark und fest wie sonst. Sie trug nicht den Kopf hoch und frei und sah jedermann klar ins Auge, sondern sie saß oft lange Zeit still in der Ecke am Herd, das Strickzeug lag in ihrem Schoß, und sie starrte vor sich hin. Ihre Hände waren dann so fest umeinander gekämpft, als hätte sie sie in großer Qual gerungen. Gesine sah es wohl, aber sie wunderte sich nicht darüber. Der Krieg nahm jedem etwas und gab dafür eine Bürde zu tragen an Angst und Sorgen. Da war es kein Wunder, wenn man die Bewohner vom Sundewitt mal mit gerungenen Händen und trüben Augen sah, und wenn selbst eine starke Frau wie Inge Hansen einmal unterlag. Sie wußte ja nicht, daß Inge Hansen den schweren Kampf mit sich selbst kämpfte. An einem Mittag kam Peter zurück. Inge war gerade im Holzstall und fütterte die Kühe, als er eintrat. »Komm, nu kann ich das wieder machen,« sagte er ganz ruhig und nahm ihr die Arbeit ab, als wäre er bloß eine halbe Stunde fort gewesen. »O Peter,« rief sie, als sie ihn sah, »o Peter!« Sie war ganz blaß geworden und setzte sich auf den Holzblock. Sein faltiges Gesicht hellte sich auf, und er kam zu ihr und strich ihr über die Schulter. »Da bin ich wieder,« sagte er. Nun umfaßte sie ihn mit beiden Armen und legte den Kopf an seine Schulter, als ob sie Schutz bei ihm suchte, und sagte: »Ja, wie gut, Peter, wie gut!« Er wunderte sich über sie, denn so kannte er seine starke, mutige Frau gar nicht. Er meinte, daß sie sich wohl um ihn geängstigt hätte, und bei dem Gedanken wurde er sehr gerührt und drückte ihren Kopf fester an sich, strich ihr über das Haar und sagte: »Ich bin ja wieder da, Lütt, nu bin ich ja wieder da.« Lütt war sein Zärtlichkeitsausdruck für sie. Er gebrauchte ihn sehr selten, denn es lag so gar nicht in seiner Natur, seinen Empfindungen viel Worte zu geben. Aber gerade dieses »Lütt« hatte für Inge einen eigenen Zauber. Es lag eine große, beschützende Liebe darin, die über sie wachte, und gerade, weil sie eine starke und stolze Natur war, tat es ihr wohl, sich manchmal klein und geschützt und geborgen zu fühlen. Heute empfand sie es besonders; aber sie gab ihn jetzt frei und stand auf. Peter klopfte die Kuh, die sich nach ihnen umgesehen hatte und mit ihrer Kette klirrte, und schüttete ihr Heu hin. »Hest nix von Hannes hört?« fragte er während der Arbeit so nebenbei. Sie schüttelte traurig den Kopf, und sie sprachen nicht weiter davon. Aber bei dem einen Blick, den sie gewechselt hatten, wußte sie, daß sie eine Sorge hatten und eine Hoffnung – ihren Jungen, und das war doch das stärkste Band, das sie verbinden konnte. Peter ging nun öfter für ein paar Tage weg, um den Marketendern und dem Restaurateur, der sich in der Büffelkoppel niedergelassen hatte, neue Zufuhr zu holen. Von Jens kam keine Nachricht. Seine Frau fragte manchmal nach ihm, aber wenn sie ihr sagten, er hätte nichts von sich hören lassen, dann legte sie beruhigt den Kopf wieder auf die Seite. Es ging ihr besser. Das Fieber hatte nachgelassen, aber die Schwäche war doch noch so groß, daß sie nicht aufstehen konnte. Sie klagte, daß die Augen ihr weh täten und schwarze Schatten ihr den Blick trübten, und Gesine legte ihr ein nasses Tuch darauf, um das Fieber herauszuziehen, denn sie meinte, das säße noch darin, und daher kämen die Schmerzen. Inge sprach nie von Jens, aber sie stand jetzt oft an der Tür ihres kleinen Hauses und spähte die Straße hinauf, und wenn sie lange, lange dort gestanden hatte, ging sie müde wieder in die Küche zurück. Immer neue Truppen gelangten ins Sundewitt. Sie zogen durch Nübel, müde und abgespannt nach den langen Märschen, denn sie kamen aus Jütland, wo sie erfolgreiche Gefechte gehabt hatten. Ihre Uniformen waren graugrün von Staub und Nässe, die Stiefel beschmutzt, und auch auf den blassen, erschöpften Gesichtern lag der Staub in einer dicken Kruste. Inge holte oft Milch zur Erquickung für die Durchmarschierenden. Es war das einzige, was sie geben konnte, und es wurde von den meisten gern genommen. Sie und Gesine füllten immer wieder die Gläser und reichten sie den Verschmachteten. Die griffen mit beiden Händen zu, ohne hinzusehen, wer ihnen die Erquickung bot, und zogen dann weiter, taumelnd vor Müdigkeit. Eines Tages brach einer auf der Treppe zusammen und lag da wie tot. Er war einer der letzten gewesen, und die andern waren schon weiter gezogen. Inge versuchte, ihn aufzurichten, aber sie konnte es nicht, er fiel immer wieder schlaff zurück. Da setzte Gesine sich auf die Stufen und nahm seinen Kopf in ihren Schoß. Sie machten ihm die Uniform auf, und Inge holte Wasser und bespritzte ihn damit. Gesine saß still da und sah nieder auf das blasse, von Staub und Schmutz entstellte Gesicht, und hatte in diesem Augenblick keinen andern Wunsch und keinen andern Gedanken, als daß sich die fest geschlossenen Augen einmal öffnen möchten und sie ansehen. Als er aber gar keine Anstalten dazu machte, legte Inge ihm nasse Tücher auf die Brust und auf den Kopf. Endlich kam ihm langsam das Leben zurück. Er schlug die Augen auf und sah gerade in Gesines Gesicht, das mit dem Ausdruck der Sorge und des Mitleids über ihn gebeugt war. Sie sahen sich lange stumm an, dann fragte Gesine leise: »Geht es Ihnen jetzt besser?« Da bedeckte plötzlich ein tiefes Rot sein schmales, junges Gesicht, und er stieß mit etwas atemloser Stimme hervor: »Es ist das erstemal, daß ich schlapp geworden bin. Aber es ist nun gewiß schon vorüber.« Er richtete sich mit großer Anstrengung hoch, blieb aber auf den Stufen sitzen. Inge brachte ihm ein Glas Milch, das er in durstigen Zügen austrank. Dann stand er langsam auf und knöpfte sich den Rock wieder zu, und Gesine hob den Helm auf, der noch im Staube der Landstraße lag und reichte ihn ihm. »Wollen Sie sich nicht noch ein bißchen ausruhen?« fragte sie besorgt. Er schüttelte den Kopf. »Ich muß weiter.« »Wohin marschieren Sie?« »Nach der Büffelkoppel und Wilhoi.« »O,« sagte sie erfreut, »das ist ja hier ganz nah. Es ist ja jetzt auch schon kühler, da marschiert es sich leichter.« Im Sprechen war sie vorwärts gegangen, und er kam mechanisch mit. Sie sprach nun weiter. »Da die Bäume, das ist schon die Büffelkoppel. Hier ist die Kirche, und daneben ist das Hospital.« Sie sahen jetzt auch die Truppe, die am Hospital wieder zusammentrat. Da blieb sie stehen und sagte: »Ich will nun umkehren.« Er blieb gleichfalls stehen. Sie sahen sich an, ohne zu sprechen, und über ihre beiden jungen Gesichter ging ein Zug der Verlegenheit. »Ich sehe, wir bleiben ja nun hier,« sagte er schließlich zögernd. »Wir sehen uns gewiß wieder. Wir müssen uns wiedersehen.« In ihren Augen leuchtete es auf, und sie nickte mit dem Kopf. »Wie heißt Ihr Regiment?« fragte sie und sah auf seine Achselklappe mit dem E und der Königskrone. »Königin Elisabeth,« sagte er stolz; es schien, als ob seine ganze Gestalt sich straffte und neue Kraft bekäme. Dann drückte er ihr die Hand. »Tausend Dank!« Gesine sah ihm noch einen Augenblick nach, dann ging sie mit klopfendem Herzen nach Hause zurück. Inge stand noch in der Haustür. Sie sagte nichts, als Gesine zu ihr trat, aber sie legte den Arm um ihre Schulter und zog sie an sich. So standen die beiden lange und sahen in den dämmernden Abend hinein. »Das ist jetzt eine schwere Zeit,« sagte Gesine endlich, als sie sich losließen und ins Haus zurückgingen. Es war eigentlich das erstemal, daß sie so etwas gegeneinander aussprachen. Und Inge, die ruhige, starke Inge, warf beide Arme gegen die Wand und sagte: »Man kann es kaum ertragen!« Dann legte sie den Kopf gegen die Arme und blieb lange so stehen. Sie war nicht mehr die ruhige, starke Inge von früher. Vier-, fünfmal am Tage sprang sie mitten in einer Arbeit auf, lief vor die Haustür und sah die Straße hinunter, die nach Flensburg führte. Dann überfiel sie manchmal ein heißer Schreck, und eine dunkle Röte stieg ihr ins Gesicht, wenn ihr plötzlich klar wurde, daß es nicht Peter war, nach dem sie ausschaute, – und gesenkten Hauptes ging sie in ihr Haus zurück. Aber am nächsten Tage stand sie wieder da. In stillen Stunden, wenn sie allein war, ballte sie dann die Hände und preßte sie gegen die Schläfen. »Was ist das? Das soll und darf nicht sein!« Wie einen Befehl rief sie sich das zu. Sie wußte ja ganz genau, was es war, – die große, unstillbare Sehnsucht nach Jens. Solange er in Nübel gewesen war, solange sie wußte, er konnte jeden Augenblick eintreten und sich da auf den Stuhl am Herd setzen, er würde abends kommen und von seinen Erlebnissen erzählen, sie würde ihn sehen und seine Stimme hören, da war sie ruhig gewesen, da hatte sie so stolz und stark sein können und ihm die Tür weisen, wenn Peter nicht da war. Aber nun, nachdem er ihr hier ins Gesicht gerufen hatte, sie liebte ihn ja immer noch, nun sie wußte, daß auch seine Liebe nicht erstorben war, – nun, wo er fort war und nicht gesagt hatte, ob er morgen wiederkommen würde oder erst in Wochen oder überhaupt nicht, da war sie ganz schwach. Ihre ganze Sehnsucht war erwacht, all ihre Gedanken waren bei ihm, und es gab kein Mittel dagegen. Oft meinte sie, sie müßte Gott danken, daß er ihr noch die Kraft gegeben hatte, ihn fortzuschicken, und dann dachte sie wieder, es würde besser sein, wenn er hier wäre, damit sie gegen etwas Wirkliches anzukämpfen hätte, nicht nur gegen das Gefühl. Ihr war, als ob die Liebe, die so lange zurückgedämmt worden war, nun bei dem einen Wort von ihm plötzlich wieder hervorgebrochen wäre und alles überschwemmt hätte. Und sie rang die Hände, und ihr Herz schrie nach Hilfe und Errettung, sie kämpfte einen Kampf, der schwerer, heißer und qualvoller war, als der der Krieger vor Düppel. Die Tage gingen hin, und die Kanonade zwischen den Schanzen und den preußischen Strandbatterien wurde immer heftiger. Dann kam eine Nacht, da war der Himmel blutigrot, und die Luft zitterte und dröhnte von dem ununterbrochenen Schießen. Die Leute im Sundewitt kamen aus den Häusern und liefen auf die Anhöhen und sahen hinüber über den Alsensund und auf das brennende Sonderburg. Es kam eine Furcht über sie, und sie meinten, dies wäre schlimmer als das Jüngste Gericht. Die Frauen verhüllten ihr Gesicht und jammerten, und die Männer standen beieinander und berieten, wo dieses Feuer wäre und wo jenes, ob der Kornspeicher von Klaus Johns noch stände und ob Gerd Petersen seine alte, gelähmte Mutter wohl schon in Sicherheit gebracht hätte. Sie kannten ja alle die, die da wohnten. Die brennenden Granaten flogen über den Sund, und manchmal vergaß einer alle Not und allen Jammer und rief: »Hüi, is dat schön!« – als wäre er bei einem Feuerwerk. Aber wenn die andern dann still waren, fiel ihm alles wieder ein, und er schämte sich. Gesine stand an einem Baum auf einer Anhöhe, von der sie alles übersehen konnte. Menschen waren um sie herum, Leute vom Sundewitt und Soldaten, und neben ihr stand der Elisabether. Sie wußte jetzt, daß er Unteroffizier war und Fritz Mahlke hieß. Er sprach zu ihr vom Kriege und erklärte ihr manches, was sie nicht verstand. Alle Anstrengungen waren vergessen, er war jetzt wieder ganz frisch und konnte die Zeit nicht erwarten, wo die Schanzen genommen werden würden. Gesine sah hinüber auf die brennende Stadt und sagte: »Wieviel Schreckliches werden wir noch erleben müssen.« Dann erzählte sie ihm, was der Krieg ihr schon alles genommen hatte, als ob es notwendig wäre, daß er das alles wußte. Der Larsenhof lag in Schutt und Trümmern, ihre Mutter war krank und konnte keine genügende Pflege bekommen, und von ihrem Vater hatte sie seit langer Zeit nichts mehr gehört. Sie schwiegen dann beide lange. Er dachte zum ersten Male ernstlich nach über die Not, die der Krieg den Landbewohnern brachte, und sie empfand, daß über all dem Jammer etwas stand, was größer war – die befreiende Tat, für die jeder sein Opfer bringen mußte. Als sie später nach Hause ging, begleitete er sie. Es war sehr dunkel, und es gab keinen rechten Weg, wo sie gehen mußten. Da schritt er voran, nahm ihre Hand und führte sie. Der rote Feuerschein stand noch am Himmel, und die Kanonen donnerten. Sie aber gingen schweigend weiter. Fritz Mahlke dachte daran, wie so manches Mädchen ihm im Arm gelegen hatte in diesen Kriegswochen, wie er gedankenlos genommen hatte, was ihm in den Weg kam. Bei dieser aber wäre es ihm wie Sünde vorgekommen. Am nächsten Tage kam er zu Hansens, als ob das ganz natürlich wäre und er hier und nirgends anders seinen Ruhetag verbringen müßte. Er saß in der Küche und sah den Frauen bei der Arbeit zu, und als sie im Kuhstall zu tun hatten, half er ihnen. Nachmittags lehnte er in der Haustür, als Gesine mit ihrer Näharbeit auf der Bank vor dem Hause saß. Es war das erstemal in diesem Jahr, daß man draußen sitzen konnte. Da erzählte sie ihm von Thies. Sie sagte alles ganz genau, wie es war. Er hörte ruhig zu, und als er ging, sah er sehr ernst und nachdenklich aus. Sie aber flüchtete über den Hof in den Holzstall. Sie konnte jetzt keinen Menschen sehen oder sprechen, nicht einmal Inge. Ganz hinten in die Ecke verkroch sie sich, warf sich ins Heu und weinte. Aber sie wußte selbst nicht recht warum. Elftes Kapitel. Nübel war wieder besetzt. Die Belagerungsarbeiten waren fertig, das große, große Werk war getan. Was nun? Man schrieb den 16. April. »Es wird gestürmt!« Einer sagte es dem andern, leise, wie ein großes Geheimnis, und der andere nickte und tat, als hätte er eine Bemerkung über das Wetter gehört. Wann würde es sein? Vielleicht morgen, vielleicht erst in einer Woche, sie wußten es alle nicht. Fürchten taten sie alle aber nur eines: daß die Dänen die Schanzen vor dem Sturm räumen könnten, wie sie das Danewerk geräumt hatten. In Nübel lagen Elisabether, und die Vorderstube bei Hansens hatte Fritz Mahlke mit ein paar Leuten bezogen. Er war auch in der Zwischenzeit öfter dagewesen und nun fast wie ein alter Bekannter. Aber seit er im Hause war, wichen er und Gesine sich aus. Sie hatte immer etwas bei Peter im Holzstall zu suchen. Der war so ruhig und freundlich, und Gesine fühlte sich so sicher in seiner Nähe. Aber um alles in der Welt hätte sie nicht gewollt, daß es anders wäre, daß kein Krieg wäre und keine Einquartierung in Nübel. Wenn Fritz Mahlke vom Dienst zurückkam, ging er zuerst durch das ganze Haus, bis er Gesine gefunden hatte, aber wenn er sie sah, tat er, als hätte er sich verirrt, und ging eiligst zurück. Es lag Gewitterschwüle auf allen Menschen; etwas Befreiendes, Erlösendes mußte kommen, sie fühlten es alle und sehnten sich danach. Der Sonntag neigte sich seinem Ende zu, der 17. April. Es waren weiche, warme Tage jetzt, in denen die Erde still dem Blühen und Treiben entgegenschlummerte. In Nübel lagen die Soldaten vor ihren Quartieren im Stroh oder sie saßen auf den Bänken vor den Häusern, rauchten, spielten Karten oder erzählten sich was. Morgen war der Sturm, jetzt wußten sie es alle, und die dröhnenden Kanonenschüsse erinnerten an den Ernst der Zeit. Inge Hansen führte Frau Larsen vor die Haustür. Als sie an die Stufen kamen, trat Fritz Mahlke, der an die Hauswand gelehnt gestanden hatte, hinzu, nahm die leichte, kleine Gestalt auf den Arm und trug sie zur Bank. Inge kam mit Kissen und Decken, und so betteten sie Frau Larsen, so bequem es ging. Sie war noch schwach, aber sie konnte doch jetzt schon aufstehen und langsam herumgehen, wenn jemand sie führte. Nur ihre Augen waren krank geblieben. Sie schmerzten, und die schwarzen Schatten wurden immer dichter; deshalb trug sie jetzt immer eine Binde. Inge und Gesine sagten ihr, das wäre noch die Schwäche von der Krankheit, und wenn der Krieg zu Ende wäre und Jens wieder da, dann würde er sie nach Flensburg oder Hamburg zu einem Augenarzt bringen, und alles wäre bald wieder gut. Sie nickte dann und lächelte und glaubte es, aber Inge und Gesine glaubten es im Grunde selbst nicht. Der preußische Militärarzt, der öfter bei Frau Larsen gewesen war, hatte die Augen einmal untersucht und ein sehr bedenkliches Gesicht dazu gemacht. Auch Hanne Knudsen, die weise Frau im Dorfe, war gekommen und hatte sich die Augen angesehen. Sie wußte immer in allen Fällen Rat und konnte gleich sagen, woher es kam und was man tun müßte. »Das ist bloß vom Zug,« sagte sie, »sie hat Zug bekommen, als sie im Fieber lag. Das geht denn in die Augen. Nu man bloß nich weinen; sie darf nich weinen. Da geht alle Kraft mit weg. Nich weinen, bloß nich weinen!« Hanne Knudsen war immer ein bißchen eilig, aber noch im Fortgehen von der Straße her rief sie es zurück, und es prägte sich Gesine fest ein. Die Mutter durfte nie mehr weinen, dafür mußten sie jetzt alle sorgen. Fritz Mahlke stand noch und sprach mit den Frauen, aber sein Blick war auf die Haustür gerichtet. Er meinte, Gesine müßte jetzt auch herauskommen und sich neben die kranke Mutter auf die Bank sehen. Als sie gar nicht kam, ging er schließlich ins Haus. Die Küche war leer, die Kammer daneben auch, und im Holzstall klirrten nur die Kühe mit der Kette und stießen ab und zu einen langgezogenen, melancholischen Ton aus. Er ging nun auf das Feld hinaus und schlug planlos einen schmalen Fußweg ein. Es mußte etwas in ihm zur Ruhe kommen. Morgen war der Sturm! Es war doch ein eigentümliches Gefühl, zu denken, daß man morgen um diese Zeit vielleicht schon mit zerschossener Brust da hinten bei den Schanzen lag, während einem heute noch das ganze schöne Leben gehörte und man gesund und mit einem heißen, unruhigen Herzen durch die Felder schritt. Er hatte immer den Sturm herbeigewünscht, und bei den Gefechten, die das Regiment schon geliefert hatte, war er einer der Tapfersten gewesen. Aber heute beschlich ihn ein seltsames Gefühl. Es war kein Bangen, nur eine große Wehmut. Er dachte an seine Eltern, an sein Heimatdorf in Schlesien, an manches, was ihm lieb und teuer war, aber er fühlte, daß es das alles nicht war, was ihm das Herz schwer machte und ihn unruhig durch die Felder trieb. Von dem allen hatte er in Gedanken während dieses Feldzuges schon oft Abschied genommen. Jetzt gab es etwas Neues in seinem Leben, etwas, an das er noch gar nicht so recht denken mochte, weil es so zart war. Er stand jetzt hoch und konnte das Land übersehen, aber er nahm das Bild nicht so recht in sich auf. Es war ja auch immer dasselbe: Hügel und Hecken, niedergebrannte Gehöfte und im Hintergrund das Wasser. Heute flimmerte alles im Sonnenschein, die See war still und tiefblau, und über der Büffelkoppel lag schon ein grüner Schimmer. Fritz Mahlte nahm sein Fernglas vor und sah nach den Schanzen. In Schanze 6 hatte eben eine Bombe von der preußischen Strandbatterie eingeschlagen. Eine kleine Rauchsäule stieg auf. Er sah Leute hin und her laufen. Dann blitzte es dort auf. Sie sandten den Preußen ihre Antwort. So ging es nun schon seit Wochen hin und her, ohne daß es zu einer Entscheidung gekommen wäre. Morgen würde sie kommen. Mit unzähligen Opfern, mit Strömen von Blut sollte sie erkauft werden. Er ließ das Fernglas sinken und strich sich über die Augen. Allem, was er vorhin gedacht hatte, zum Trotz überfiel ihn plötzlich ein brennendes Heimweh. Er sah den Vater vor sich, wie er mit seinem kleinen Gespann vom Felde kam und durch das Dorf fuhr. Auf der Chaussee hatte er den Briefträger aufsitzen lassen. Der sprang nun am Schulgebäude ab und ging in das Haus. Dieser und jener fragte im Vorübergehen, ob Fritz nicht geschrieben hätte. Dann nickte der Alte, hielt an und erzählte von dem letzten Brief. Darüber kam er ein bißchen spät nach Haus, so daß die Mutter schon in der Tür stand und nach ihm aussah, denn das Abendbrot war fertig. In Gedanken sah Fritz Mahlke Vater und Mutter in der Küche am Tisch bei der Mahlzeit sitzen. Es war warm und ein klein bißchen dunkel, denn der Fliederstrauch, der vor dem Fenster stand, hatte schon kleine grüne Blätter. Das hatten ihm die Eltern im letzten Brief geschrieben. Natürlich aßen sie Speckklöße, das ganze Haus, roch danach. Als sie fertig waren, zog Vater Mahlke seine Morgenschuhe an und ging ins Dorf, und Mutter wirtschaftete noch ein bißchen in der Küche herum; dann kam die Nachbarin, und sie setzten sich mit ihren Strickstrümpfen auf die Bank vor der Tür. Heute am Sonntag war es allerdings wohl etwas anders. Da saßen Vater und Mutter wohl zusammen in der Stube und hatten seine Briefe vor, – alle, die er während des Feldzuges geschrieben hatte. Mutter wischte sich öfter mal die Augen, und Vater holte bedächtig seine Schreibsachen und schrieb an ihn. »Halt dich brav und bleib gesund!« stand in jedem Brief. Vielleicht bekam er den Brief gar nicht mehr. Er nahm die Mütze ab und fuhr sich mit der Hand durch das Haar. Jetzt wäre er beinah weich geworden. Kreuzschockschwerenot! Das wollte er aber nicht, das war doch sonst nicht seine Art! Er drehte sich scharf auf dem Absatz um und ging weiter. Ein schmaler Fußweg fühlte an einem Knick entlang. Feine, braune Äste mit dicken, grünen Blätterknospen streckten sich ihm entgegen und streiften seinen Ärmel. Überall das Leben, das Werden, die Zukunft! Er brach einen Zweig und legte ihn in seine Brieftasche, dann fiel ihm ein, daß er heute noch an seine Eltern schreiben wollte, und er schlug den Weg nach Hause ein, querfeldein über eine Wiese. Die Nübelmühle stand klar und still vor ihm mit gigantischen, unbeweglichen Flügeln; sie war jetzt die einzige in der Gegend, nachdem die Düppelmühle gefallen war. Und auf dem schmalen Weg von der Mühle her kam ihm jetzt Gesine Larsen entgegen. Er blieb stehen, als er sie sah, und wartete auf sie. Sie hatte nur ein Tuch um die Schultern genommen, und ihr blondes, unbedecktes Haar wehte in feinen, kleinen Locken um ihr Gesicht, Sie sah sehr ernst aus, und auch als sie neben ihm stand, veränderte sich der Ausdruck ihres Gesichtes nicht, nur das Rot auf ihren Wangen vertiefte sich etwas. »Das ist der Larsenhof,« sagte sie und zeigte mit der Hand nach Norden. Da sah er einen von den niedergebrannten Höfen liegen in all seiner Trostlosigkeit. »Ich bin noch nicht wieder dagewesen,« fuhr sie fort, »aber hierher muß ich manchmal gehen und hinübersehen.« Es zuckte um ihren Mund, als sie das sagte. »Das sollten Sie nicht tun,« meinte er, »es macht Sie nur traurig.« Sie lächelte schmerzlich und schüttelte den Kopf. »Sehen Sie da, – das ist die Hohe Koppel. Da stand Vater jeden Abend und sah ins Land. Das war seine Feierstunde. Ich bin auch oft dort gewesen, mit ihm zusammen oder allein. Es war immer wie eine Andacht. Man kann nicht ganz schlecht sein, wenn man da oben steht, wo es so frisch und frei vom Wasser her weht und wo man bis an den Horizont sehen und die See brausen hören kann. Der Larsenhof lag zu unseren Füßen, und wir hatten das alles so lieb und dachten, es könnte nie anders werden.« »Der Krieg ist ja bald zu Ende,« sagte er tröstend, »der Hof kann wieder aufgebaut werden –« »Es wird doch nie wieder so, wie es vorher war,« sagte sie, »wir sind alle andere geworden.« Er sah sie fragend an, aber sie sprach nicht weiter. Sie gingen über das Feld, dem Hause zu. Er war nicht mehr unruhig; alles in ihm war zum Schweigen gekommen, nun sie an seiner Seite schritt, und es lebte nichts in ihm als seine Liebe. Als sie an der Hoftür standen, blieb er plötzlich stehen, die Hand schon an der Klinke. Verlorene Geräusche aus dem Dorf drangen zu ihnen, ein Kommandoruf, ein Pfiff, das Bellen eines Hundes. Sie achteten nicht darauf. »Morgen wird gestürmt!« sagte Fritz Mahlke mit tonloser Stimme. Sie nickte, und er sah, daß sie es schon wußte. »Wer weiß, ob ich morgen noch –« Da hob sie in verzweifelter Abwehr die Hände, »Nicht – nicht –!« Regungslos standen sie beide und sahen sich in die Augen – lange – sie wußten selbst nicht, waren es Minuten oder gingen Ewigkeiten hin. Dann breitete er langsam die Arme aus, und sie ruhte an seinem Herzen; lachend, weinend, in Verzweiflung und Seligkeit. – Es war ein seltsamer Abend. Die Soldaten pfiffen und lachten und waren bei alledem so furchtbar ernst. Einige liefen umher und konnten keine Ruhe finden und gaben sich gegenseitig allerlei Aufträge. »Du, weißt du, wenn ich – dann ist hier ein Brief, den kannst du dann abschicken, hörst du? Aber nicht vergessen. Und zwei Taler find noch in meiner Hosentasche, die kann Mutter gut brauchen.« »Ach, Mensch, red doch keinen Unsinn!« »Na, wieso? Manchmal treffen die Danskes doch auch mal einen, warum soll denn das nicht meinem Vater sein Sohn sein?« Einer lief durch das Dorf, bis er einen gefunden hatte, der aus seinem Heimatsort war. Den weckte er aus tiefstem Schlaf und gab ihm einen kleinen bunten Bilderrahmen, den er mal unterwegs in einem Dorf gekauft hatte. »Den nimmst du mit und gibst ihn der Grete und sagst ihr, ich hätte an sie gedacht, immer, bis zuletzt, und es soll ihr gut gehen. Aber sie soll nicht den Bartel heiraten, bei dem wird sie's nicht gut haben, der Kerl sauft.« Der andere besah sich lachend den Rahmen. »Sie wird ja eine Freude haben über dies Geschenk!« An einer Ecke war schon etwas abgebrochen. Da wurde er kleinlaut. »Ich hab' doch nichts anderes. Sag ihr, ich hätt' nichts anderes gehabt. Und vergiß nicht das mit dem Bartel, hörst du?« »Nee doch!« Der andere wollte wieder schlafen, aber noch hatte er keine Ruhe. »Hast du mir nichts aufzutragen? Es könnte doch auch sein, daß du –« »Ach, wo werd ich denn! Warum soll denn gerade ich?« Nun legte er sich wirklich wieder ins Stroh und schnarchte sofort. Am nächsten Tage schlief er auf den Düppeler Schanzen den ewigen Schlaf. Viele schliefen an diesem Abend so ruhig, als wäre morgen ein Tag wie alle anderen. Fritz Mahlke hatte, an seine Eltern geschrieben, einen kurzen, seltsamen Brief; er konnte heute nicht recht schreiben. Gesine nahm den Brief, um ihn zur Post zu geben, für den Fall – – Sie sprachen den Satz nicht aus und sahen sich dabei nicht an. Nun war es schon dunkel. Die Soldaten waren vorn. Frau Larsen lag im Bett und schlief. Es war wohl kein Mensch in Nübel – oder sogar im ganzen Sundewitt, da, wo an diesem Abend Preußen lagen – so ruhig wie sie. Ihr einziges Kind hatte im ganzen Leben noch keinen Abend erlebt wie diesen; aber sie ahnte nichts davon. Inge saß in der Kammer angekleidet im Dunkeln und rang die Hände. Sie versuchte, ruhig zu sein, konnte es aber nicht. Sie wußte, was nebenan in der Küche geschah, und freute sich darüber. Da saßen Gesine und Fritz Mahlke beisammen auf der Bank am Herd. Sie lag still in seinem Arm mit geschlossenen Augen und sprach nicht und meinte, sie müßte vergehen vor Seligkeit unter seinen Küssen. Dann fiel ihr ein, was morgen für ein Tag war, und sie fuhr empor und klammerte sich an ihn und zitterte am ganzen Körper vor Angst und Verzweiflung. Aber er war jetzt ganz ruhig. Er streichelte ihr Haar und küßte ihre Augen und ihr Gesicht, bis auch sie wieder ruhig wurde. An Thies dachten sie beide mit keinem Gedanken. Die Zeit ging hin. Manchen schien es, als eilte sie in dieser Nacht mit hörbarem Schwingen und Klingen der Ewigkeit zu, als wäre es keine Nacht wie andere. Fritz Mahlke stand auf. Er nahm keinen Abschied. Er sagte nur, er müßte nach seinen Leuten sehen. Vorn wurde es lebhaft; gedämpfter Lärm drang von dort nach hinten, als wenn viele Menschen durcheinander sprächen und suchten. Es war ein Hin und Her nach draußen, und auf der Straße wurde es laut. Dann kam Fritz Mahlke wieder. Er hatte umgeschnallt und sah marschbereit aus. Er sagte nichts, sondern nahm Gesine nur in seine Arme, als wollte er sie zerdrücken, und küßte sie wie ein Verzweifelter. Ihr war, als müßte sie schreien vor Schmerz – laut, gellend, aber sie konnte ja nicht, weil er sie küßte. Und als er sie losließ und wegstürzte, stand sie da wie betäubt und brachte keinen Ton aus der Kehle. Dann lief sie hinaus auf die Straße. Es war noch dunkle Nacht. Zwischen den Reihen der kleinen, niedrigen Häuser zogen Soldaten hin, ununterbrochen, immer mehr, immer neue, im gleichförmigen Schritt. Ab und zu klang ein gedämpfter Kommandoruf durch die Nacht. Gesine saß jetzt auf den Steinstufen und sah auf die Soldaten – oder vielmehr ins Leere. Sie hatte das Gefühl, als müßte es so fortgehen in alle Ewigkeit, daß hier in langer Kette Menschen vorbeizogen, die da hinten aus dem Dunkel kamen und unaufhaltsam vorwärts drängten auf einen tiefen Abgrund zu, der da vorn gähnte. Fritz Mahlke war schon dort, und alle diese würden nachstürzen, – und das alles war unabwendbar wie das Schicksal. Inge kam und setzte sich zu ihr. Sie legte ihr ein Tuch um die Schultern, zitterte aber selbst vor Kälte und Erregung. Endlich kamen keine Soldaten mehr, sie hörten nur noch den gleichförmigen Schritt der weitermarschierenden Truppen. »Komm ins Haus, es ist kalt,« sagte Inge. Sie hockten dann zusammen am Herd, um sich zu erwärmen. Der Morgen graute fahl, gespenstisch. »Ich hab' ihn so lieb – ich hab' ihn so lieb!« flüsterte Gesine ein paarmal mit zitternden Lippen, schlang die Arme um Inges Hals und preßte den Kopf an ihre Brust. Inge streichelte und küßte sie, und ihre Tränen tropften nieder auf Gesines Haar. »Warum weinst du, Inge?« Sie schüttelte den Kopf. »Ich weine nicht,« sagte sie. Dann glitt sie nieder auf die Knie, legte den Kopf auf Gesines Schoß und schluchzte verzweifelt. Es war jetzt vier Uhr morgens, und sie begannen von den Strandbatterien zu schießen, so, wie noch niemals geschossen worden war. Die ganze Luft bestand nur noch aus Dröhnen und Krachen; die Fensterscheiben klirrten, der Erdboden zitterte, vielleicht schwankten auch die Häuser, man wußte es nicht genau, es war ja auch gleich, nichts stand mehr fest, alles schwankte und zitterte und stürzte. Man ging wieder vor die Tür. Im grauen Morgenlicht zogen Wagen und Reiter und Munitionskolonnen vorbei, und alles nahm denselben Weg, den schon Tausende von Menschen genommen hatten, in den Abgrund hinein. Die Sonne stieg aus dem Meere auf und warf ihren ersten Goldschimmer über das Land, als sollte dies ein Tag werden wie alle anderen. Das Dröhnen und Krachen hörte nicht auf, sondern wurde immer stärker, und man dachte doch jeden Augenblick, schlimmer könnte es nicht werden. Langsam, mühsam marschierten die Truppen durch die Laufgräben auf die Schanzen zu, bis die Ausfallstufen erreicht waren. Dort standen sie Mann bei Mann, um auf den entscheidenden Augenblick zu warten. Noch graute kaum der Morgen, und um zehn Uhr erst sollte der Sturm beginnen. Nun schlich die Zeit dahin, als hätte sie Blei an den Schwingen. Im fahlen, ersten Morgenlicht ragten die Schanzen auf, und der Schritt der auf- und abgehenden Postens klang hell von dort herüber. Das Schießen der Strandbatterien begann, betäubend, jedes andere Geräusch ertötend. Die Sonne ging auf, es wurde wärmer. Das bleierne, entsetzliche, abspannende Warten wurde immer unerträglicher. Fritz Mahlke stand an den Grabenrand gelehnt und schloß die Augen. Er schlief nicht, jeder Nerv war noch angespannt; aber wie im Traum zog alles an ihm vorüber, was er in den letzten Stunden erlebt hatte. Es war ein so großes, unfaßbares Glück. Er möchte leben, mit allen Fasern hängt er jetzt am Leben, und vor ihm liegt der Todesweg; dreihundert Schritt nur bis zu den Schanzen, aber auf jedem Schritt kann ihn eine Dänenkugel treffen. Um ihn herum schlafen viele, stehend, oder an die Grabenränder gelehnt, aber allmählich wird es lebendiger, es wird gesprochen und gelacht und allerlei Scherz getrieben. Dies entsetzliche Warten muß nach Möglichkeit verkürzt werden. Die Kanonen verstummen plötzlich, doch es ist noch nicht ganz still. Liegt das Dröhnen noch in der Luft oder tönt es nur im Ohr weiter? Allmählich verklingt es – und die Stille ist fast furchtbarer als der betäubende Lärm. Das Scherzen und Lachen hört auf, ein großer Ernst liegt plötzlich über allen. »Zum Gebet,« geht es die Reihen entlang, und Tausende von Menschen entblößen das Haupt und beten still, während die Geistlichen segnend die Hände ausbreiten. Noch ist die Zeit nicht da. Die Führer stehen mit den Uhren in der Hand. Jede Minute geht bleischwer hin wie eine Ewigkeit – und in rasender Schnelligkeit drängen sich die Gedanken in dem Hirn der Krieger, als würde noch einmal alles lebendig, was ihnen das Leben bedeutet hat, kleines und großes. Die Eltern und das Vaterhaus und kleine, dumme Geschichten aus der Kinderzeit, Pläne, die noch nicht ausgeführt sind, ein Glück, das noch nicht ausgekostet wurde, und Sünde, die noch nicht gesühnt ist, das alles steigt auf und steht da und lockt oder droht. Vorsätze werden gefaßt, heiße, ernste Vorsätze, und mancher faltet noch einmal die Hände und will beten, aber es fallen ihm keine Worte ein, weil das Herz so übervoll ist. Da stammelt er das kleine Kindergebet, das seine Mutter ihn gelehrt hat, als er noch ein kleiner, kleiner Junge war. Nun ist die Zeit um! Die Führer springen auf, und ringsum in den Gräben wird es lebendig. Die Musikchöre spielen einen neuen Marsch, aber niemand hört hin. Alles ist vergessen, Glück, Leid, Sünde, es gibt nur noch einen Gedanken und ein Ziel: – und Tausende von jungen, blühenden Leben stürmen mit brausendem Hurraruf den verderbenbringenden Schanzen entgegen. Zwölftes Kapitel. Auf allen Anhöhen standen Menschen und erlebten das alles mit. Sie beteten und zitterten und jubelten auf, als sie die ersten preußischen Fahnen von den Schanzen wehen sahen. Gesine war unter denen, die am weitesten vorgedrungen waren. Sie hielt ein Fernglas in der Hand – wußte aber selbst nicht, wo sie es her hatte. Unverwandt sah sie nach Schanze 6 hinüber, die von den Elisabethern gestürmt wurde, alles andere kümmerte sie nicht. Sie dachte nicht an Sieg oder Niederlage, sie sah nicht die Fahnen von den Schanzen wehen, sie dachte nur an einen und betete für einen und suchte ihn im Schlachtgewühl und fand ihn nicht. Die Sinne wollten ihr schwinden, aber sie raffte sich wieder auf und stürzte weiter vor; dann fiel sie auf die Knie und dachte, wenn es noch lange so fort ginge, müßte sie den Verstand verlieren. Die Krankenträger mit den ersten Verwundeten kamen. Sie hörte sie ächzen und stöhnen. Und da kam plötzlich eine furchtbare Ruhe über sie, die starre Ruhe eines Menschen, der vor der Entscheidung steht. Sie ging von Bahre zu Bahre und sah in die schmerzentstellten Gesichter, ohne das gesuchte zu finden. Immer mehr kamen, und es war furchtbares, was sie sehen mußte. Das große, menschliche Elend schrie zu ihr und ließ sie das eigene Leid vergessen. Sie lief und half und packte mit an, wo sie konnte, als hätten ihre Kräfte sich verdoppelt. Sterbende griffen nach ihren Händen, und sie blieb bei ihnen, betete mit ihnen und harrte aus, bis sie ihren letzten Atemzug getan hatten. Verwundeten sprach sie Trost zu. Dann sah sie auf einer Bahre einen liegen, der die Uniform des Elisabethregiments trug. Sie ging hin und sah in ein blasses Gesicht mit geschlossenen Augen, auf einen Rock, der an der Brust von Blut durchtränkt war. Einen Augenblick wankten ihr jetzt die Knie, und es wurde ihr schwarz vor den Augen, aber sie raffte sich gleich wieder auf. Jetzt war sie ja eigentlich erst am richtigen Platz. Sie legte ihr Ohr an seinen Mund und fühlte seine matten Atemzüge. Da küßte sie das blasse, mit Staub und Schmutz bedeckte Gesicht, als könnte sie ihr junges, frisches Leben dadurch auf ihn übertragen. Krankenträger kamen und brachten ihn auf einen Wagen, der die Verwundeten nach Nübel ins Johanniterhospital bringen sollte. Sie lief nebenher und wartete stundenlang dort vor der Tür. Ihre Kräfte verließen sie erst, als sie hörte, daß Fritz Mahlkes Wunde nicht lebensgefährlich wäre. Inge war nicht in aller Frühe hinausgelaufen wie die andern. Sie hatte ihr Haus besorgt und Frau Larsen beim Anziehen geholfen. Die Kranke wußte nichts vom Sturm. »Was schießen sie heute doll,« sagte sie, aber es beunruhigte sie nicht. Sie saß still in der Küche, da, wo Inge sie hingeführt hatte, während Inge nebenan die Kammer in Ordnung brachte. »Nun muß Jens bald wieder kommen,« sagte Frau Larsen plötzlich nach längerem Stillschweigen. Inge hielt mit einem Ruck in ihrer Arbeit inne. »Warum?« fragte sie. Sie hatte gar keinen Ton in der Stimme. »Er ist doch schon so lange weg.« »Ja.« Inge arbeitete nicht gleich weiter, sondern setzte sich auf den Bettrand und preßte die Hände ineinander. Sie hatte ein so furchtbares Schuldgefühl der Kranken gegenüber, und sie dachte wieder, es wäre besser gewesen, sie hätte Jens nicht fortgeschickt. Nun hatte seine Frau ihn so lange entbehren müssen, gerade jetzt, wo sie krank und hilfsbedürftig war. Und was hatte ihr selbst die Trennung genützt? War sie stark und fest geworden? »Wenn Jens kommt, wollen wir wieder nach Hause,« sagte Frau Larsen, »Der Krieg ist ja nun bald zu Ende. Mal müssen wir doch wieder hin. Ich freu' mich eigentlich nicht darauf. Denken Sie, ich freu' mich darauf?« »Ja,« sagte Inge, »Sie entbehren hier doch so viel, und Ihr Mann ist schon so lange fort.« Frau Larsen schüttelte den Kopf. »Dann fängt all die Sorge wieder an mit den Leuten und der großen Wirtschaft, und Jens wird böse, wenn ich klage. Ich hab' es oft nicht leicht mit ihm, das können Sie mir glauben. Wenn ich das alles so vorher gewußt hätte, hätt' ich doch lieber Michel Thorreson genommen, der drüben auf Alsen den großen Hof hat, wissen Sie? Thorregaard bei Ulkebüll. Der wollt' mich damals auch, aber ich dachte, der Larsenhof wäre doch schöner, und sie hatten da auch nicht solche große Milchwirtschaft wie auf Thorregaard, und das macht immer so viel Arbeit für die Frau. Jens sagt, Michel wär' ein Tranpeter und dumm wie Bohnenstroh, aber er ist viel bequemer zu nehmen, und seine Frau hat's viel leichter. Ja, wenn man das alles so vorher wüßte, nicht?« Inge saß immer noch auf der Bettkante. Sie hatte ein würgendes Gefühl in der Kehle und konnte keinen Ton herausbringen. Frau Larsen erwartete wohl auch keine Antwort. Sie schien froh zu sein, sich einmal aussprechen zu können. »Er ist so heftig und jähzornig,« fuhr sie fort, »und immerzu ist er im Streit mit irgend jemand. Ich geb' ihm dann schon immer recht, damit er sich beruhigt, aber jetzt ist es mir langweilig geworden, ich mag nichts mehr davon hören, und nun sagt er mir's auch nicht mehr. Das geht mich ja doch nichts an, das mag er allein abmachen.« Inge hatte die Hände gegen die Schläfen gepreßt. Sie hätte aufschreien mögen, die Frau packen und schütteln und zur Besinnung bringen. Ach, alles, alles, was früher ihr höchstes Glück gewesen war, das verstand diese nicht, das ließ sie achtlos aus den Händen gleiten. Ihm helfen, ihn leiten und dann lieben, grenzenlos lieben und sich von ihm lieben lassen – ihn verstehen in seinen großen Eigenschaften und in seinen Schwächen! Und diese Frau war blind neben ihm hergegangen! Ihr wurde heiß und schwindlig, sie hielt es nicht länger aus. Das Schießen draußen wurde immer stärker. Die Uhr ging auf zehn. Sie stand auf und ging in die Küche. »Wollen Sie hier sitzen bleiben?« »Wo gehen Sie hin?« Sie konnte ihr nicht sagen, daß sie nur vor sich selber die Flucht ergriff. »Ich komm' wohl bald wieder. Die Tür zur Kammer steht auf, und Ihr Bett ist zurecht gemacht, wenn Sie sich wieder hinlegen wollen. Der Stuhl steht am Fenster.« Frau Larsen sagte noch irgend etwas, aber Inge achtete nicht darauf. Ihre Kraft war erschöpft. Sie ging durch die Hoftür hinaus auf das Feld. An den Sturm dachte sie nicht, dorthin, wo all die andern Menschen waren, wollte sie nicht. Am liebsten wäre sie immer so weitergegangen, ohne Weg und Steg über Wiesen und Felder und Äcker, bis sie nicht mehr konnte, um dann liegen zu bleiben am Wege, wo niemand sie kannte. Endlich blieb sie heiß, atemlos, erschöpft stehen. Zu ihren Füßen lag ein niedergebranntes Gehöft, und sie erkannte, daß es der Larsenhof war. Sie setzte sich auf einen Stein, stützte den Kopf in beide Hände und sah hinunter auf die kahlen, schwarzen Mauern, die so düster gen Himmel starrten. Von den Schanzen her erscholl das furchtbare Schießen und Geschrei und Musik, alles in wirrem Durcheinander. Inge Hansen hatte gejubelt, als sie hörte, daß es Krieg geben würde und die Preußen kommen wollten, um Schleswig-Holstein von der Tyrannei der Dänen zu befreien; aber in dieser Stunde, als die Entscheidung fiel, dachte sie gar nicht daran. Ihr eigenes Geschick nahm sie ganz in Anspruch. Sie sah hinunter auf die Stätte, die Jens Larsens Heim gewesen war, das sie nicht hatte mit ihm teilen dürfen, und dachte an seine Frau. So wenig hatte sie ihn verstanden, so wenig war sie ihm gewesen! Der Schmerz, der jetzt in Inge Hansen schrie, galt nicht in erster Linie ihrem verlorenen Liebesglück. Sie stand schon da im Leben, wo der Mensch zurückschaut und sein Leben als Ganzes betrachtet, und sie erkannte nun, daß sie um eine große, wundervolle Lebensaufgabe gekommen war. Es gab einen Menschen, den sie liebte und verstand, dem sie immer die Hand hätte geben können, um ihm über sich selbst hinaus zu helfen. Sie wäre die einzige gewesen, die es gekonnt hätte – aber sie hatte es nicht gedurft. Wie hätte sie all ihre Kräfte entfalten können bei diesem Leben! Peter brauchte sie nicht so nötig; der stand selbst so fest in seiner ruhigen Güte. Aber dieser, der immer im Kampf lag mit seiner Natur – – »Inge!« sagte jemand hinter ihr. Sie sah sich nicht um; sie zitterte nur bis ins innerste Mark. Jens war wieder da! Er beugte sich über sie. »Was machst du – hier?« Da stand sie auf und sah ihn an. »Ich denke an dich und mich – und wie alles gekommen ist.« »So ist es gekommen,« sagte er und zeigte auf die Brandstätte, »alles liegt in Schutt und Trümmern, alles. Nur eins besteht noch – das ist unsere Liebe .« Inge rührte sich nicht, sie senkte nur tief den Kopf und wußte selbst nicht, war es vor dem Übermaß des Glückes oder des Leides. Für Jens aber lag in dieser Bewegung das große Zugeständnis ihrer Schwäche. »Komm,« sagte er und griff nach ihrer Hand, »hilf mir! Ich war nicht hier, seitdem mein Hof abgebrannt wurde.« Sie wäre vielleicht nicht mitgegangen, wenn er nicht gesagt hätte: »Hilf mir!« Aber das war ein Zauberwort. Wenn jemand Inges Hand nahm und bat: »Hilf mir,« dann hatte er sie gewonnen. Und nun erst Jens Larsen! Sie gingen hinunter auf den Larsenhof. Die Mauern standen größtenteils noch, aber innen war alles ausgebrannt. Schutt und Geröll und verkohlte Balken versperrten ihnen oft den Weg. Jens ging mit blassem Gesicht umher. Er sprach nicht. Endlich setzte er sich müde auf einen Balken. Er hatte Inges Hand losgelassen und beide Fäuste auf die Knie gestemmt. »Das ist mein Larsenhof, Inge,« sagte er, »weißt du, mein Larsenhof, auf den ich so stolz war, dem ich dich geopfert habe, weißt du? Verstehst du? So sieht er jetzt aus, so! Das ist davon übrig geblieben!« Er stieß ein paarmal mit dem Fuß in den Schutt. »Da sieh!« In ohnmächtiger Verzweiflung biß er die Zähne zusammen, daß es knirschte. »Da!« »Ja, Jens,« sagte sie und legte ihm leicht eine Hand auf die Schulter. »Aber nimm es nicht so schwer. Ein Haus kann man wieder aufbauen.« Er nickte langsam mit dem Kopf. »Was liegt im Grunde auch daran. Aber ein verpfuschtes Leben ist nicht wieder gut zu machen.« »Nein,« sagte sie. »Darum nützt es auch nichts, darüber zu klagen, Jens. Du mußt nicht hier sitzen und in den Schutt starren. Komm mit zu deiner Frau. Du hast noch Pflichten.« Er lachte grimmig auf. »Zu meiner Frau, damit sie mir was vorklöhnt! Jetzt werde ich sehen, was ich an ihr habe! Sie hat ja immer was zu klagen, aber wenn sie dies erst sieht – du, Inge, wenn sie den Larsenhof sehen wird, wie er jetzt ist –« er lachte noch wilder – »meinst du, daß sie ein Wort zu mir sagen wird, ein Wort des Mitleids über das, was ich verloren habe? Glaubst du, sie wird einen Augenblick daran denken, was mir das bedeutet? Jammern wird sie, daß sie die unglücklichste Frau unter der Sonne ist, Vorwürfe wird sie mir machen, als hätte ich ihr das Dach über dem Kopfe angesteckt. Und was ist ihr im Grunde der Larsenhof! Nichts als eine Last. Sie hatte keine Liebe dafür und kein Auge für all das Schöne. In der ersten Zeit, da dachte ich ja noch, es könnte noch werden, weißt du, wir könnten uns noch miteinander einleben, so ähnlich – ach Gott – bloß ein klein bißchen so, wie es mit uns beiden gewesen war. Weißt du, Inge?« Er sah sie fragend an, und sie nickte stumm. Da fuhr er mit weicher, leiser Stimme fort: »Was der eine lieb hatte, das hatte auch der andere lieb, und was der eine fühlte, das fühlte auch der andere. Aber so ist es nie mit mir und ihr geworden. Ich hatte den besten Willen, ich hab' mir alle Mühe gegeben, aber wenn die rechte Liebe fehlt – wenn man sich überhaupt erst Mühe geben muß – und wenn der andere gar kein Verständnis hat für das, was man will. – Manchmal habe ich sie abends gebeten, mit auf die Hohe Koppel zu kommen. Da hinauf, siehst du? Dann lag der Hof zu unsern Füßen, das Haus, alles was unser war, und wir konnten über das Land sehen, so weit, so weit, bis zur See. Das waren meine schönsten Stunden, Inge. Da war ich ein anderer Mensch, da war ich gut. Wenn sie mich da ein bißchen verstanden hätte! – Sie kam ja mit und stand neben mir und sah doch all das Schöne nicht. Sie langweilte sich. ›Es ist gräßlich hier oben, hier zieht es immer,‹ sagte sie nur. Da habe ich nicht mehr gesagt, daß sie mitkommen sollte. Sie störte mich ja nur. Nicht wahr, Inge, du hättest das nicht gesagt?« »Nein,« sagte sie leise, und sie sahen sich in die Augen und wurden beide etwas weich. »Du hättest mich aber auch so fest in den Arm genommen, Jens, daß ich nicht frieren konnte,« fuhr sie nach einer kurzen Pause fort. »Hast du das bei deiner Frau auch getan?« »Nein –« sagte er zögernd und nachdenklich, »nein, so war das nicht mit uns.« »Siehst du, daher kommt das alles. Hättest du sie lieb gehabt, dann hätte sie sich nicht über den Zug beklagt. Du mußt nicht ihr allein die Schuld geben.« Er stand auf und ging hin und her, von einer der kahlen, schwarzen Mauern zur andern. »Nein, nein, ich will ihr ja auch keine Schuld geben. Schuld! Es ist ja einerlei, wer schuld hat. Was ist überhaupt Schuld! Jeder macht mal was Verkehrtes, und bei dem läuft's gut ab und schadet's nicht, und bei dem andern ist der Teufel im Spiel, und das ganze Leben ist verpfuscht, um eine Dummheit – um eine Dummheit!« Beide Arme warf er gegen die geschwärzte Mauer und legte den Kopf darauf. So blieb er lange stehen. »Du bist schuld, Inge,« sagte er endlich. »Ich?« »Du hättest nicht so still fortgehen dürfen, als ich es dir sagte. Du kanntest mich ja doch besser als alle andern, besser als ich selbst. Du mußtest wissen, daß ich in mein Unglück ging. Inge, warum hast du mich da nicht festgehalten!« Er stand vor ihr und packte sie an beiden Armen. »Ich war zu stolz dazu,« sagte sie leise mit zuckenden Lippen, als ob sie ihm das Bekenntnis eines großen Unrechts ablegte. Er hielt sie noch immer an den Armen. Jetzt zog er sie an sich, nicht stürmisch, aber mit großer Willenskraft, in der etwas so Zwingendes lag, daß Inges Widerstand davon gebrochen wurde. Ihr Kopf ruhte an seiner Schulter, und er sprach auf sie ein, leise, abgebrochen, beschwörend: »Komm mit, Inge, laß uns alles vergessen. Hier ist der Sturm, hier ist alles durcheinander – viele Menschen sterben heute da drüben. Wir können ja auch gestorben sein. Viele Menschen werden in diesen Tagen weinen, weil ihnen etwas Liebes genommen ist. Laß Peter auch weinen. Warum soll er es besser haben als die andern? Er ist alt. Er hat dich lange genug gehabt. Wenn ich damals nicht solch ein Tor gewesen wäre, hätte er dich nie bekommen. Jetzt fordere ich dich zurück. Er muß dankbar sein für die lange Zeit, die er dich gehabt hat.« Inge zitterte und war ganz schwach. Es kam eine große Versuchung über sie. Sie litt es, daß er ihr Gesicht zu sich emporhob und mit verzehrenden Küssen bedeckte. Ihr war, als wäre sie losgelöst von allem, was ihr Leben bis jetzt ausgemacht hatte. »Wir fangen ganz von vorn an, wir beide,« fuhr Jens fort, »es wird alles wieder, wie es damals war. Inge – Inge – sag ein Wort! Komm, laß uns gehen. Jetzt gleich!« Sie stand noch und rührte sich nicht. Alle Fasern ihres Herzens zogen sie zu ihm, und doch wurzelten ihre Füße fest am Boden. Sie dachte an die Frau, die da unten in Nübel saß und ihn nicht verstand und sich nicht freute, wenn er wiederkam, und die doch ein Recht an ihn hatte. »Denk' an deine Frau,« sagte sie endlich leise. Er machte ein finsteres Gesicht. »Meine Frau braucht mich nicht.« Da fuhr sie zusammen. Es war, als hätte dies Wort ihr einen Schleier von den Augen genommen. »Doch, Jens,« rief sie, »doch, sie braucht dich, auf Schritt und Tritt –!« Er sah sie erstaunt an. Da packte sie ihn am Arm und schrie: »Sie ist ja blind!« »Blind?« »Ja, sie kann nicht sehen und hat Schmerz in den Augen. Wir haben ihr gesagt, wenn du wiederkämst, würdest du sie nach Hamburg oder Flensburg zum Augenarzt bringen, und dann würde es bald ganz gut sein. Darauf wartet sie, darauf hofft sie. Aber ich glaube nicht, daß es gut wird. Sie bleibt blind, und dann braucht sie einen Menschen, der sie führt –« Sie sprach atemlos, eindringlich, sie wollte ja nicht nur ihn mit ihren Worten überzeugen, sondern auch sich selbst. Jens sah sie immer noch ungläubig und fassungslos an. »Blind!« stammelte er, »blind!« Es schien, als würde ihm erst langsam klar, was das hieß. Er wurde ganz blaß und griff sich an den Kopf. Seine beiden Hände krampften sich fest in sein Haar. Und Inge sah seine abgrundtiefe Verzweiflung und fühlte, daß sie jetzt an seiner Seite stehen und ihm helfen müßte. Sie griff nach seinen Händen, daß der Krampf sich löste, strich ihm über das Haar und sagte: »Du hast einen Menschen, der dich braucht, Jens. Bedenke, einen Menschen, der dich auf Schritt und Tritt braucht. Das ist etwas Großes.« Er wurde nicht ruhig. Sie sah seine starken Schultern beben unter der großen Erregung, die ihn schüttelte; und plötzlich stürzte er in die Knie, griff mit den Händen in ihr Kleid und preßte den Kopf in die Falten. Sie strich ihm mit zitternden Händen über das Haar, sprechen konnte sie nicht. Was sollte sie auch sagen? Sie wußten ja beide, welchen Weg sie jetzt gehen mußten. In Jens bäumte sich noch einmal die Verzweiflung auf. Er sprang auf und schrie: »Ich bin zurückgekommen, weil ich gedacht hab', sie wär' tot, – und dann wollt' ich dich mit mir nehmen, Inge, irgendwohin, weit fort! Geraubt hält' ich dich, wenn du nicht mit mir gekommen wärst! Aber du wärst ja mit mir gegangen, Inge –« Er stand vor ihr und sah sie an und las die Antwort in ihren Augen. Da riß er sie noch einmal in seine Arme und küßte sie mit der ganzen Glut seiner Leidenschaft und seiner verzweifelten Liebe, als wollte er ihr Leben und ihre Seele von ihren Lippen trinken. Als er sie endlich mit einem stöhnenden Laut freiließ, setzte sie sich auf einen Balken, weil ihre zitternden Füße sie nicht mehr tragen wollten, und er warf sich vor ihr nieder und legte den Kopf in ihren Schoß. Da neigte sie sich zu ihm, schlang die Arme um seinen Hals und zog ihn fester an sich. So saßen sie lange zwischen den Mauern des niedergebrannten Larsenhofes und fühlten beide, daß dies vielleicht in ihrem Leben der größte Augenblick war: da sie sich selbst überwanden. Nachher sagte Inge mit leiser Stimme noch vieles, was ihn ruhiger machte und ihm Kraft gab, und dann gingen sie zusammen nach Nübel zurück. Am Johanniterhospital neben der Kirche waren eben die ersten Verwundeten angekommen, und es gab nicht Hände genug, sie in das Haus zu tragen; weithin hörte man ihr Schreien und Wimmern. Wagen und Reiter zogen durch das Dorf. Die Bewohner waren noch fast alle draußen. Jens und Inge kamen über das Feld und gingen durch das Hoftor. Es war derselbe Weg, den Gesine am Abend vorher mit Fritz Mahlke gegangen war. Von dem Treiben im Dorfe merkten sie nichts. Inge ging voran ins Haus. Die Küche war leer, und auch in der Kammer nebenan war Frau Larsen nicht. Nun überfiel sie eine Angst. Wo war sie geblieben? Sie hatte sie allein gelassen, und wenn ihr etwas zugestoßen war, trug sie die Schuld. Sie suchten das ganze Haus ab, ohne sie zu finden, und sahen sich mit angsterfüllten Augen an. »Vielleicht ist sie auf die Straße gegangen,« sagte Jens endlich. Inge lief hinaus. Menschen kamen und riefen schon von weitem: »Die Schanzen sind gestürmt, die Dänen sind nach Alsen zurückgeschlagen. Schleswig-Holstein ist frei!« Inge hörte kaum darauf, sondern fragte, ob sie Frau Larsen nicht gesehen hätten. Nein, sie hatten auch nicht darauf geachtet. Hunderte von Toten und Verwundeten lagen da draußen auf dem Schlachtfeld, da sah man nicht nach einer blinden Frau. Sie stürmten weiter, trunken vor Freude, und riefen die Siegesnachricht in die Häuser. Ein Depeschenreiter jagte vorbei; Munitions- und Proviantwagen rasselten vorüber. Dann kam von Düppel her ein langer Zug gefangener Dänen, von preußischen Husaren eskortiert. Sie sperrten die Straße, so daß Jens und Inge zur Seite treten mußten, um sie vorbeizulassen. Da vergaßen sie einen Augenblick ihre Angst und Sorge. Es war etwas so Erschütterndes, was sie sahen. Gefangene Dänen! Blasse Menschen, die müde dahinzogen, nicht einmal verzweifelt oder unglücklich, nur müde, ermattet, stumpf. Ein Husarenpferd scheute und sprang zur Seite, ein paar andere wurden unruhig. Inge kam die Angst wieder. Wenn Frau Larsen nun allein unterwegs war, wenn sie im Durcheinander unter Pferdehufe geriet! Sie lief nun doch die Straße hinauf, an den Häusern entlang; manchmal mußte sie sich an die Wand drücken, um die Truppe vorbeizulassen. Jens folgte ihr; er fühlte, was sie dachte, und teilte ihre Unruhe. Endlich war der Zug der Soldaten vorüber und die Straße wieder frei. Da blieben sie beide auf einmal stehen. Peter kam ihnen entgegen, und an seiner Seite ging, von ihm sorgsam geführt und gestützt, Frau Larsen. »Peter und deine Frau, sagte Inge leise. Jens atmete schwer. Nun sah Peter das Paar, er sagte es Frau Larsen, und sein altes freundliches Gesicht hellte sich auf. Sie hob den Kopf mit den verbundenen Augen und machte schnellere Schritte. »Geh ihr entgegen,« bat Inge. Da er nicht folgte, sondern neben ihr stehen blieb, so daß sie jeden seiner Atemzüge wie ein qualvolles Stöhnen hörte, bat sie noch einmal: »Geh ihr entgegen, Jens.« Da tat er es, aber sie sah, daß er Schritte machte, wie einer, der seine Füße nicht in der Gewalt hat. Sie wußte aus ihrem eigenen Gefühl heraus, was dieser Gang von ihr zu seiner Frau zurück ihn kostete, und sie stand noch immer auf demselben Fleck, und ihre Seele schrie zu Gott um Hilfe und Kraft für sich und für ihn. Jens hatte seine Frau erreicht. Sie streckte die Hände nach ihm aus, und er nahm sie. Als Inge zu ihnen kam, sprach Frau Larsen schon eifrig auf ihn ein. »Ich hab' auf dich gewartet, Jens, schon lange. Ich kann nicht sehen, das Fieber ist in meinen Augen geblieben, und du mußt mit mir zum Augenarzt, daß der es raustreibt. So kann ich ja gar nichts tun, immer muß ich warten, daß jemand kommt und mich führt und mir hilft« Jens nickte, aber dann dachte er daran, daß sie das ja nicht sehen konnte, und so sagte er: »Ja,« mit einer gepreßten, gequälten Stimme, die man kaum hörte. »Heute war ich so lange allein, und draußen war so viel Lärm,« fuhr sie fort, »da bin ich zuletzt rausgegangen und hab' mich an den Häusern entlang getastet. Es kamen so viel Wagen und Menschen, und sie riefen alle durcheinander und es wurde soviel geschossen –« »Die Schanzen sind gestürmt!« fiel Jens ein. Er sagte es, wie man von einem großen, erschütternden Ereignis spricht. »Ja,« sagte Frau Larsen gleichgültig nickend, »da bin ich zuletzt über einen Stein gefallen, und mein Kleid hatte sich irgendwo festgehakt, so daß ich nicht wieder allein aufkommen konnte. Endlich kam Peter Hansen und half mir.« Wo Jens in der langen Zeit seiner Abwesenheit gewesen war und wie es ihm ging, danach fragte sie nicht. Als sie Inge hörte, sagte sie in vorwurfsvollem Ton: »Sie haben mich so lange allein gelassen, daher ist es gekommen. Wo waren Sie denn?« Inge senkte den Kopf und schwieg, denn sie wußte nicht, was sie antworten sollte. Jens aber sagte: »Du mußt Inge Hansen danken, denn sie hat mich zu dir zurückgebracht.« Er sagte es sehr ernst, aber was für eine tiefe Bedeutung in dem Worte lag, erfuhr Frau Larsen nie. Sie gingen nun weiter. Jens Larsen führte seine Frau, und Inge und Peter Hansen folgten. Es war ein stiller Weg, und der einzige, der froh aussah, war Peter. Er dachte an den Sturm, und ohne daß er es selbst merkte, brummte er wieder das Schleswig-Holsteinlied vor sich hin. Dreizehntes Kapitel. Sie saßen noch alle in der Küche beisammen und warteten auf die Suppe, die Inge kochte, als die Tür aufging und Gesine eintrat. Sie war totenblaß, das Haar hing ihr wirr ins Gesicht, und sie sah mit einem leeren Blick um sich. Es schien ihr nicht einmal aufzufallen, daß ihr Vater wieder da war. »Fritz Mahlke ist schwer verwundet,« sagte sie mit tonloser Stimme, »aber er kann am Leben bleiben, vielleicht, wenn – wenn alles gut geht.« Inge konnte noch gerade zur rechten Zeit zustürzen, um die schwankende Gestalt in ihren Armen aufzufangen. Müdigkeit, Schwäche und Erregung hatten Gesine übermannt, und sie brach in krampfhaftes Schluchzen aus. »Was ist da?« fragte Frau Larsen. Sie hatte nicht einmal Gesines Stimme erkannt, so verändert war sie gewesen. Aber sie bekam vorläufig keine Antwort. Inge führte die Weinende in die Kammer, legte sie aufs Bett und machte die Tür zu. Dann setzte sie sich zu ihr, und Gesine schlang die Arme um sie und legte den Kopf auf ihren Schoß. So wurde sie allmählich ruhiger und konnte in leisen, abgebrochenen Sätzen erzählen, was sie erlebt hatte. Nach einiger Zeit kam Jens herein. Da klammerte Gesine sich ängstlich noch fester an Inge an, und diese legte den Arm um sie, als wollte sie sie schützen. Aber Jens fragte nicht und schalt nicht. Er stand still und sah auf die beiden. Sein Kind hatte hilfe- und trostsuchend Inge Hansens Knie umfaßt und den Kopf in ihren Schoß gelegt, gerade so, wie er es heute zwischen den Mauern seines abgebrannten Hauses getan hatte. Da strich er ihr leise über das Haar und ging wieder hinaus. Nun wurde Gesine ruhig, und Inge kehrte in die Küche zurück. »Sie hat den Sturm mit angesehen und ist nun müde,« sagte sie zur Erklärung und trat an den Herd, wo Peter inzwischen eifrig die Suppe gerührt hatte. Beim Essen war Frau Larsen die einzige, die ab und zu etwas sagte. Dann ward sie auch müde und legte sich auf das zweite Bett in der Kammer. Gesine war eingeschlafen, aber sie lag unruhig und fuhr öfters empor. Es war nur der völlig erschöpfte Körper, der seine Ruhe verlangte, der Geist quälte sich noch mit wilden, schrecklichen Bildern ab. Peter ging fort; er mußte sehen und hören, was sich noch alles ereignet hatte. Sobald Jens mit Inge allein in der Küche war, fragte er: »Was ist mit Gesine?« Da sagte sie ihm alles, was sich während seiner Abwesenheit zugetragen hatte und was Gesine ihr von sich und Thies erzählt hatte. Sie hatte erwartet, daß er zornig werden würde und sie viel sagen müßte, um ihn zu beruhigen und umzustimmen. Er blieb aber stumm und ging nur in der Küche mit großen, wuchtigen Schritten auf und ab. Endlich lachte er auf, bitter, grimmig. »Das mußte ja noch kommen, damit mein Maß voll wurde – das! Sonst war' mir ja auch noch was geblieben, wenn Gesine Thies geheiratet hätte, daran hätte ich mich ja doch aufrichten können. Aber nun – nun – ja – das mußte kommen! Nun ist alles, alles hin! Das ist so einfach – nichts ist übrig. Mein Hof ist niedergebrannt, meine Frau ist blind, Gesine geht weit weg und heiratet einen Preußen, – einen Preußen, Inge! Und du–« Den Satz vollendete er nicht. Er hatte ganz ruhig gesprochen, so ruhig, daß es Inge beängstigte; nun setzte er sich schwer auf einen Stuhl, legte beide Arme auf den Tisch und drückte das Gesicht darauf. So blieb er lange sitzen, wie gebrochen. Inge hatte zum erstenmal kein Trosteswort für ihn, sie wußte keinen Trost mehr. Sie lehnte an der Wand und faltete die Hände, aber sie hätte selbst nicht sagen können, ob sie eigentlich betete. Ihr war, als löste ihr ganzes Sein sich auf in dem Wunsche, ihm zu helfen, und in dem Schmerze, es nicht zu können. »Aber du wirst sie nicht zwingen, einen Mann zu heiraten, den sie nicht liebt, nicht wahr?« bat sie endlich eindringlich. Er hob den Kopf und sah sie erstaunt an, als wunderte er sich, daß sie das fragen könnte. »Nein,« sagte er mit ernster Betonung, »sie soll ihrer Liebe folgen.« Da atmete sie wie erlöst auf, trat zu ihm und umfaßte seine Hände, die noch geballt auf dem Tisch lagen, mit ihren Fingern wie zum Dank. Ihre Gedanken begegneten sich in einem langen, langen Blick. In dieser letzten Stunde, die ihnen beiden allein gehörte, hatten sie über das Geschick seines Kindes entschieden. Sie hatte es ihm gebracht und ans Herz gelegt, wie eine Mutter ihr Jüngstes dem Vater in die Arme legt, zart und vorsichtig, ganz in dem Gefühl, daß es das Kostbarste ist, was sie ihm geben kann – und er hatte es genommen und hatte nicht daran gezerrt und hatte es nicht nach seinem Willen umzuformen versucht, – er nahm es, wie sie es ihm gab. Am nächsten Tage fuhr Jens mit seiner Frau und Gesine nach Flensburg. Wie lange sie bleiben würden und was aus ihnen werden sollte, konnte er selbst noch nicht sagen. Vor allen Dingen wollte er mit seiner Frau zum Augenarzt gehen. Darauf, daß Gesine mitkam, hatte er trotz ihrer Bitten und Tränen eisenfest bestanden. Fritz Mahlke mochte sie suchen, wenn er sie haben wollte; wo sie zu finden wäre, konnte er ja immer von Inge erfahren. Gesine ergab sich auch bald; nach dem ersten Schrecken bei dem Gedanken an die Trennung wurde ihr doch klar, daß sie den Vater jetzt nicht mit der blinden Mutter allein lassen durfte. Aber eine lange Unterredung hatte sie mit Inge im Holzstall, und sie weinten beide und küßten sich. Als der Wagen zur Abfahrt vor der Tür stand, ging Jens still von den anderen fort und suchte Inge. Er meinte, er müßte sie irgendwo in einem Winkel finden wie damals, als sie sich mit ihrem Schmerz um ihren Jungen verkrochen hatte. Sogar aus der Hoftür sah er hinaus auf das Feld. Er hätte sich nicht gewundert, wenn er sie dort gefunden hätte in fassungsloser Verzweiflung gegen die Mauer gedrückt oder im Grase liegend, mit dem Gesicht nach unten. Ihm war danach zumute, und er wußte nicht, wie er dann sich wieder von ihr fort finden sollte. Sie war aber nicht da, und als er ins Haus zurückkam, stand sie mit den andern vor der Tür am Wagen. Ihr Gesicht war so ruhig, als wäre es aus Stein gemeißelt, und auf einmal war es ihm unbegreiflich, daß er sich Inge in dieser Stunde hatte anders denken können als stolz und stark. Frau Larsen saß schon oben. »Wo ist denn Jens?« rief sie gerade. »Kommt er immer noch nicht?« Da trat er zu ihnen, drückte Peter und Inge die Hand und sagte kein Wort des Dankes für alles, was sie an ihm, seiner Frau und Gesine getan hatten. Sie wußten aber beide, daß er es unterließ, weil er nicht sprechen konnte. Dann stieg er schnell auf den Wagen, ließ das Pferd antreiben und sah sich nicht mehr um. Gesine aber nickte und winkte zurück und wandte ihre Augen erst ab, als der Kirchturm von Nübel, neben dem das Johanniterhospital lag, ihren Blicken entschwand. Als Peter und Inge in ihr Haus zurückgingen, kam es ihnen sehr leer vor. Peter stand eine Weile in der Küche, kraulte sich den Kopf und tat ein paar lange Züge an seiner Pfeife. »Nu kommt woll Hannes bald wieder?« sagte er. Inge nickte und fing an, die Kammer zurechtzumachen. Peter blieb in der Tür stehen und sah ihr zu. Das peinigte sie, denn sie konnte seinen Blick nicht ertragen, und sie dachte immer: »Wie soll es werden? So kann es doch nicht bleiben.« Sollte sie fortgehen, ihm aus den Augen, und nie wiederkommen, oder sich ihm zu Füßen werfen und ihm alles sagen? Da sah sie in sein gutes, freundliches Gesicht und dachte daran, wie er ihr in langen Jahren immer ein treuer Freund und Berater gewesen war, und wie sie immer nur Liebes und Gutes von ihm erfahren hatte, und sie fühlte, daß sie ihm alles sagen mußte; mochte er dann entscheiden, ob sie fortgehen sollte oder bei ihm bleiben. Draußen fingen die Glocken an zu läuten. »Sie begraben die Toten,« sagte Peter. »Laß uns hingehen,« bat Inge. Er legte seine Pfeife weg, und sie gingen hinaus. An das Grab konnten sie nicht heran, denn es war von Soldaten umgeben; aber da, wo schon andere Dorfbewohner standen, blieben sie und hörten einzelne Worte der Grabrede und das Läuten der Glocken vom Kirchturm. Dann gingen die Soldaten weg. An der Kirchhofsmauer lagen noch dreißig Tote, die heute noch beerdigt werden sollten. Sie schliefen den ewigen Schlaf, während draußen ihre Kameraden vorbeizogen und »Heil dir im Siegerkranz« spielten und der letzte verklingende Glockenton noch in der Luft nachzitterte. Inge blieb lange da. Immer wieder ging sie an der Reihe der Toten entlang und sah in die stillen Gesichter. »Komm doch,« sagte Peter. Aber sie schüttelte den Kopf. »Alles Söhne,« sagte sie leise, und dann blieb sie wieder bei dem letzten in der Reihe stehen. Es war ein ganz Junger. »Ob seine Mutter es wohl schon weiß? Was sie darum gäbe, wenn sie hier stehen könnte, nicht?« Sie kniete neben der Leiche nieder und strich mit leiser Hand erst über den Ärmel, dann zart und scheu über das kalte, blasse Gesicht. »Arm lütt Jung!« Peter ging schließlich weiter, aber Inge blieb noch und stand dabei, als die Toten beerdigt wurden. Sie war nicht zurückgegangen, als die Soldaten kamen, und sie ließen sie in ihrer Mitte stehen, als gehörte sie dazu. So sah sie zu, wie einer nach dem andern hineingelegt wurde in die kühle Erde, und sie hatte das Gefühl, als stände sie hier an Stelle der vielen, vielen Mütter, die fern waren und es vielleicht gar nicht wußten, daß man ihnen ihre Söhne hier begrub, die vielleicht nie hier stehen würden, nie die Stelle finden, die ihr Liebstes barg. Ihr war, als legte sich der Schmerz all dieser Mütter auf ihr Herz, aber er drückte sie nicht nieder, sondern erhob sie, und als sie den Kirchhof verließ, meinte sie, daß sie jetzt nichts weiter mehr auf der Welt wäre, als Mutter. Sie war erstarkt in dieser Stunde. Alle Schwäche und Unruhe war begraben, sie lagen in jenem Massengrab bei den dreißig Toten, die alle Söhne waren und an deren Grab sie als einzige Mutter gestanden hatte. Am Abend, als sie mit Peter allein in der Küche war, sagte sie es ihm. Er saß auf der Bank am Herd, still und friedlich, und sah in die Glut. Sie stand vor ihm mit gesenktem Kopf und sagte leise: »Peter, ich muß dir etwas sagen. Ich habe – unrecht getan –« Er nahm die Pfeife aus dem Mund und sah sie halb erstaunt, halb erschrocken an. »Ich habe Jens Larsen einmal sehr lieb gehabt –« Peter nickte. »Ja, ich weiß, als ihr jung wart –« Ihr Kopf sank noch tiefer vornüber, und sie schloß die Augen. »Es ist wiedergekommen, – jetzt – wo wir so viel zusammen waren. Ganz tot war es wohl nie.« Sie sagte es so leise, daß es nur wie ein Hauch über ihre Lippen kam, und wagte nicht, die Augen aufzuschlagen. Peter rührte sich nicht und sagte kein Wort. Endlich strich er sich mit dem Handrücken über die Stirn und sagte nur: »Lütt!« In dem einen Wort lag alles – sein Schmerz, seine Mahnung und seine große, verzeihende und verstehende Liebe. Da glitt sie nieder auf den Boden und umklammerte seine Knie. »Ich wollte stolz und stark sein und bin doch schwach geworden und habe es nicht zurückhalten können, wie es alles wiederkam,« sagte sie. Dann hob sie den Kopf und sah in sein Gesicht und schrie: »Peter, ich hätte dich heute verlassen und wäre mit ihm gegangen, wenn seine Frau nicht blind würde und ihn brauchte! – Das allein hat mich gehalten, so weit ist es mit mir gekommen.« Nun machte Peter mit harten Händen seine Knie frei, stand auf und ging bis an die Hoftür und von dort wieder zurück bis zu der Holzbank, vor der Inge noch immer am Boden lag. »Komm, steh auf,« sagte er und berührte ihre Schulter. Sie wagte nicht, ihn anzusehen, als sie neben ihm stand. Er strich ihr über das Haar; sie hatte den Kopf so tief gesenkt, daß er es leicht konnte, trotzdem er etwas kleiner war als sie. »Komm, Lütt,« sagte er ruhig, »wir müssen sehen, daß wir es unterkriegen.« Da griff sie nach seiner Hand wie nach einem Halt. »Ja, Peter, hilf mir,« bat sie. »Ich habe es alles begraben. In dem Grab bei den dreißig Toten liegt es. Da habe ich wieder gefühlt, daß ich Mutter bin. Nun bin ich wohl stark, aber hilf mir, daß ich auch stark bleibe.« »Hannes kommt ja bald, nun muß er ja bald kommen,« sagte Peter tröstend. »Ja, jetzt muß er bald wiederkommen! Peter, wie wird er wohl wiederkommen?« All ihre Angst und ihre qualvolle Sorge lagen in den Worten. Peter antwortete nicht, er sah sie nur an, und als er langsam mit dem Kopf nickte und ein schwerer Seufzer seine Brust hob, fühlte sie, wie auch ihn die Angst und Sorge bedrückten und wie sie eins waren in der Liebe zu ihrem Kinde. Sie setzte sich nun an den Tisch und nahm ihr Strickzeug vor, aus Gewohnheit, stricken konnte sie noch nicht, ihre Hände zitterten, und ihre Gedanken waren weit, weit draußen. Sie war noch nicht fertig mit ihrer Beichte; Peter sollte alles wissen, wie es gewesen war und wie es gekommen war. Er hatte seine Pfeife wieder aufgenommen, zog daran und klopfte sie ein bißchen, hielt dann einen Papierstreifen in das Herdfeuer und zündete sie wieder an. Dann setzte er sich auf die Herdbank. »Wir haben nicht von früher gesprochen, Jens und ich, die ganze Zeit nicht, Peter,« sagte Inge nun und ließ ihr Strickzeug sinken. »Ich habe gearbeitet und seine Frau gepflegt und nicht daran denken wollen.« Sie hielt einen Augenblick inne und atmete schwer, ehe sie fortfuhr, immer mit derselben tonlosen Stimme, ohne ihn anzusehen. »Dann den Abend, als du zum erstenmal nach Flensburg runter warst, da blieben wir allein. Gesine war gegangen, um nach dem Schießen zu sehen, und Frau Larsen schlief. Da haben wir von früher gesprochen. Einmal mußten wir es tun, Peter, und da kam es doch alles wieder.« Ihre Stimme zitterte jetzt so, daß sie kaum weiter sprechen konnte, und sie kämpfte die Hände so fest um das Strickzeug in ihrem Schoß, daß die Nadeln sich in ihr Fleisch drückten. »Er ist nicht glücklich geworden mit seiner Frau,« fuhr sie fort, »das sagte er mir. Und ich war traurig und sagte ihm, daß ich ihm längst verziehen hätte. Weil du gut zu mir gewesen bist, darum habe ich ihm verzeihen können, Peter. Das habe ich ihm alles gesagt – und er hat gefühlt, daß ich – ihn –« Sie brach ab. Es war so schwer, alles zu sagen. Im Grunde war es so wenig, was sie zu sagen hatte, und ihr schien doch, als gäbe es nicht Worte genug dafür. Peter stand auf. »Das mußt du nicht alles sagen.« Sie sah ihn erstaunt an. »Du mußt es doch alles wissen.« Er schüttelte den Kopf. »Nein, laß man, Inge. Ich weiß genug. Alles muß man nicht wissen. Da ist so viel zwischen zwei Menschen, die sich lieb haben, was sie nie sagen können, was kein anderer jemals sieht. Wenn du bis morgen früh zu mir sprichst und denkst, du hast alles, alles gesagt, dann hast du das Feinste und Tiefste doch nicht sagen können. – Das bleibt euer Geheimnis.« Er stand jetzt neben ihr und strich ihr leise über die Schulter. Da drückte Inge ihr Gesicht gegen seinen rauhen Rockärmel und weinte lange, aber sie dachte nicht an Jens dabei, sondern an Peter und ihre Schuld gegen ihn. Endlich machte Peter sich frei und sagte: »Ich habe noch draußen zu tun. Geh zu Bett, ich komme wohl bald.« Er ging zur Hoftür hinaus, und sie sah ihn im Mondlicht draußen bei der Pumpe stehen, lange, lange, unbeweglich. Sie blieb auf ihrem Stuhl sitzen, hatte die Hände im Schoß gefaltet und ängstigte sich, daß die kalte Nachtluft ihm schaden könnte. Aber sie wagte nicht, zu ihm zu gehen und ihn zu bitten, hereinzukommen. Als er dann wiederkam, sah er sie nicht, da es in der Küche jetzt ganz dunkel war. Er glaubte, sie wäre schon zu Bett gegangen. Mit seinen steifen Knien ging er umher, stellte einen Stuhl gerade an die Wand, fühlte nach, ob die Erde in den Geranientöpfen auf der Fensterbank noch feucht wäre, und goß etwas Wasser darauf. Dann stapfte er hinaus, die Diele entlang, sah in die Vorderstube hinein und riegelte die Haustür ab. Inge hatte ganz still in ihrer Ecke gesessen und ihm zugesehen. Als er wieder in die Küche zurückkam, stand sie auf. Er hielt erstaunt inne. »Gott,« sagte er, »du bist noch auf? Warum bist du nicht zu Bett gegangen?« »Ich weiß nicht,« sagte sie niedergeschlagen. Da nahm er ihre Hand und sagte: »Komm, Lütt, sei doch man still. Ich weiß ja, wie du bist. In Kampf und Not kann jeder mal kommen. Nu mußt du dich an mir festhalten, dann kriegen wir es wohl unter.« Inge nickte ernst. Sie fühlte, daß sie zu dem treuesten Freund gegangen war, den sie auf der Welt besaß. In der ganzen nächsten Zeit, die nun kam, war Peter ein anderer als sonst. Er ging wenig aus. Wenn er nicht zu tun hatte, saß er bei Inge in der Küche und war recht redselig. Zuerst machte es ihm Mühe, aber mit der Zeit ging es ganz gut, und er merkte zu seinem Erstaunen, daß man eigentlich eine große Menge sagen kann, wenn man ernstlich will. Dabei tat er ganz unbefangen, als wäre es nie anders gewesen, und Inge erkannte sein rührendes Bemühen, ihr zu helfen, und griff nach seiner Hand, um sich daran aufzurichten. So »kriegten sie es unter«, langsam, in heißem, stillem Ringen. Von Hannes hörten sie nichts. Noch war Alsen von den Dänen besetzt, und wenn jetzt auch Waffenstillstand war, so gab es doch keine Verbindung mit der Insel. Vierzehntes Kapitel. Larsens waren in Hamburg. In Flensburg hatten sie kein Unterkommen gefunden, als sie es nach der langen, unendlich beschwerlichen Fahrt auf der von Truppen und Wagen vollständig überfüllten Chaussee endlich erreicht hatten. Jedes Winkelchen in der Stadt war besetzt, denn es strömten nun auch schon unzählige Fremde nach dem Sundewitt, die den Schauplatz der Ruhmestat der preußischen Armee mit eigenen Augen sehen wollten. So waren sie denn weiter gefahren, um in Hamburg Hilfe für die Blinde zu suchen. Aber es gab keine. Der Arzt sagte es Jens, nachdem er eine eingehende Untersuchung vorgenommen hatte. Die Erblindung war eine Folge der Krankheit, die Frau Larsen durchgemacht hatte, und die der Arzt mit einem lateinischen Namen benannte, den Jens nicht behalten konnte. Frau Larsen war während der Besprechung im Wartezimmer geblieben. Als Jens zu ihr zurückkam, wollte sie natürlich wissen, was der Arzt gesagt hatte. »Mit der Zeit, Anne –« sagte er mit schwerem Atem. Er konnte ihr nicht die Wahrheit sagen, eine Hoffnung sollte sie noch behalten. Sie gingen dann fort, um nach Hause zu fahren. Er mußte sie führen wie ein Kind. »Wie lange wird es dauern?« fragte sie auf der Treppe. »Das konnte der Arzt nicht so genau sagen.« Sie schüttelte den Kopf. »Die Ärzte verstehen nichts. Hanne Knudsen weiß alles viel besser.« Sie wohnten in einem kleinen Gasthof. Als sie ankamen, sah Gesine den Vater angstvoll fragend an. Sie wußte, daß heute die Entscheidung fallen würde. Er schüttelte bekümmert den Kopf. Da schlich sie sich leise hinaus. Sie hatte ja immer gefürchtet, daß der Mutter nicht zu helfen wäre, aber nun es zur Gewißheit geworden war, überkam es sie doch. Sie lief die Treppe hinunter. Sie mußte allein sein, weinen, mit dem Gedanken ringen, um mit ihm fertig zu werden. Es war etwas so Furchtbares – die Mutter blind für alle Zeiten. Sie konnte nie mehr all das Schöne sehen, was die Welt bot, die Sonne, den Himmel, die See, die Menschen, die sie lieb hatte! Sie würde nie wissen, wie Fritz Mahlke aussah, der kommen wollte und sie Mutter nennen. Ihr junges Herz bäumte sich dagegen auf. Das war nicht zu ertragen, so etwas durfte es nicht geben! Den ganzen Nachmittag saßen sie trübselig beisammen in ihrem ungemütlichen Gastzimmer. Es war ein grauer Regentag. Die seinen Tropfen schlugen gegen die Fenster und rieselten in kleinen Bächen an den Scheiben hinunter. In Jens Hirn bohrte eine Frage, unaufhörlich, quälend: »Was soll nun werden?« Und er konnte sie nicht einmal aussprechen, sie nicht mit den andern erwägen, denn noch wußte seine Frau nicht, daß der Larsenhof nicht mehr stand. Er fürchtete sich nur davor, daß sie selbst fragen würde. Sie tat es aber nicht. Nach dem Essen setzte sie sich in die Sofaecke und ließ sich von Gesine etwas vorlesen. Gegen Abend hörte der Regen auf, und Jens ging aus. Wie befreit atmete er auf, als er in die frische Luft kam. Er lief durch die Straßen bis an den Hafen. Alles glänzte vor Nässe, die Quadersteine des Kais, die Pfähle, an denen die Schiffe festgemacht wurden. Diese selbst sahen aus wie abgewaschen. Die Segel waren zum Trocknen hochgezogen. Die Sonne stand rotgolden am Horizont und spiegelte sich in jeder Pfütze. Ein großer Dampfer ging langsam aus dem Hafen, gerade in das Sonnenlicht hinein. »Wer mitkönnte!« dachte Jens. »Alles hinter sich zurücklassen!« Er lief weiter, bis die Sonne ganz fort war und die Laternen angezündet wurden. Am nächsten Tage wollte er mit den beiden Frauen etwas unternehmen, Dampfschiff fahren und draußen essen. Frau Larsen hatte keine Lust. »Ich seh' ja nichts,« sagte sie. Aber er redete ihr zu. »Komm man mit, Anne, die Luft ist so schön, die tut dir gut, und auf'm Schiff fahren ist auch schön.« Sie fuhren mit einem Dampfschiff durch den Hafen bis an eine kleine Ortschaft an der Elbe. Kleine Häuser lagen am Wasser, Gärten dazwischen und Restaurants. Es war nun beinah Mittag. Sie gingen in eine Gartenwirtschaft und suchten sich einen geschützten Platz auf der Veranda. Von da konnten sie in den Garten sehen und weiterhin auf die Elbe, die hier schon so breit war wie ein See. Ab und zu kam ein Schiff vorüber, und Segelboote kreuzten. Frau Larsen war auch gern hier. Es war so frische, milde Luft. Sie hörte die Dampfschiffe vorüberfahren und ließ sich von den andern erzählen, was sie sahen. Nach dem Essen war sie müde. Das Lokal war noch wenig besucht. Jens sprach mit dem Wirt, der ihm bereitwillig ein leeres Gastzimmer für seine Frau zur Verfügung stellte, und als sie wohlversorgt auf dem schwarzen Wachstuchsofa lag, während Gesine es sich in dem Korbstuhl am Fenster bequem machte, ging er fort, um sich den Ort anzusehen. Er gefiel ihm sehr. Die kleinen Häuser lagen so frisch und sauber eins neben dem andern an der Straße mit dem Blick auf das Wasser. In den Vorgärten blühten die eisten Frühlingsblumen, und in den Gemüsegärten hinter den Häusern gruben und säten die Leute. Ja, jetzt mußte man fleißig im Garten sein, um alles zu bestellen. Er war früher oft ärgerlich geworden, wenn Anne die Knechte, die er auf dem Felde brauchte, für den Garten beansprucht hatte. Na, das war jetzt alles vorbei! Nun stand wieder die Frage vor ihm: »Was soll werden?« In Hamburg hatten sie nichts mehr zu suchen, nachdem der Arzt Anne endgültig aus seiner Behandlung entlassen hatte. Wohin nun? In die alte Gegend zurück, die mit tausend Erinnerungen auf ihn einstürmte? Den Hof wieder aufbauen, von vorn anfangen, allein mit der blinden Frau, wenn Gesine heiratete? Als er zurückkam, saßen die Frauen ausgeruht auf der Veranda. Eben war wieder ein Schiff aus Hamburg angekommen, und die Plätze im Garten und auf der Veranda begannen sich zu füllen. Es sollte heute das erste Konzert in diesem Jahre stattfinden. Die Musiker fanden sich in dem kleinen Musikpavillon ein. Gesine verfolgte alle Vorgänge mit gespanntem Interesse; es war ja alles neu für sie. Sie sprach lebhaft von dem, was sie sah, erzählte es der Mutter und machte den Vater auf dies und jenes aufmerksam. Als dann die Musik begann, waren sie still und hörten zu. Das erste war ein Marsch. Frau Larsen wiegte leise im Takt den Kopf hin und her. Ihr Gesicht hellte sich auf. Das war etwas, das sie beschäftigte, das sie noch ganz und ungetrübt genießen konnte. Traurige und heitere Weisen wurden gespielt. Sie hörte mit vorgeneigtem Kopf und halbgeöffneten Lippen zu und war traurig oder heiter, je nachdem die Töne zu ihr sprachen. Gesine hatte ihr eine Tasse Kaffee zurecht gemacht und redete ihr zu, zu trinken, aber sie wehrte ungeduldig ab. Erst in der Pause ließ sie sich bewegen, etwas zu genießen. Sie hatte so wenig Musik in ihrem Leben gehört, und nie hatte sie sie so ungestört von Äußerlichkeiten genossen wie jetzt. Als wenn ein großes, neues Leben sich vor ihr auftäte, so war ihr zumute. Sie hatte ja gar nicht gewußt, daß es so etwas gab. Man konnte still dasitzen in Frieden und Ruhe und hatte keine Sorgen, daß in der großen Wirtschaft etwas nicht in Ordnung war; man brauchte nur dem zu lauschen, was in Tönen zu einem sprach. Und die Gedanken kamen und führten sie zurück zu den kleinen und großen Ereignissen ihres Lebens, die ihr ans Herz gegriffen hatten. Als das Konzert zu Ende war und man aufbrechen mußte, um das Schiff nach Hamburg zu erreichen, ging sie wie im Traum mit, von Jens geführt. »War das schön! Ach, war das schön!« sagte sie immer wieder. Jens und Gesine waren auch den Nachmittag über still gewesen. Jedes mit dem beschäftigt, was ihm am meisten am Herzen lag. Gesines Gedanken wanderten nach Nübel, nach dem Lazarett neben der Kirche, dahin, Wo Fritz Mahlke krank lag. Inge hatte ihr geschrieben, daß es ihm gut ginge, und von ihm hatte sie ein paar Bleistiftzeilen, die ihr sagten, daß er kommen würde, sowie er reisefähig wäre. Jens dachte daran, wie doch jetzt so vieles anders geworden war. Gesine würde fortgehen und eine preußische Soldatenfrau werden. Thies war bei der Belagerung der Schanzen verwundet worden und lag in Augustenburg im Lazarett. Er wußte nun schon, daß er jede Hoffnung auf Gesine aufgeben mußte, und hatte geschrieben, es wäre wohl auch gut so, da sie ihn ja doch nicht liebte. Wenn er wieder gesund wäre und der Krieg beendet, wollte er sich in Jütland einen kleinen Hof kaufen, und es würde da ja wohl auch hübsche Mädchen geben. Auch von Karstensens war jetzt endlich Nachricht gekommen. Sie hatten schwere Zeiten durchgemacht: ihr Haus war bei der Beschießung von Sonderburg in Brand geraten. Das Dach war vollständig zerstört. Sie hatten so viel wie möglich gerettet und waren in das Innere der Insel geflohen. In einem Dorfe hatten sie im Pastorenhause Unterkunft gefunden und warteten nun das Ende der Feindseligkeiten ab, um nach Sonderburg zurückzukehren. »Wir haben viel verloren,« schrieb Frau Karstensen. »Unser niedliches, kleines Haus, wie sieht es aus! Aber ich sag' immer: Karsten, da kommen wir schon über weg. Verhungern tun wir wohl noch nicht. Wir sind ja alle gesund und können arbeiten, und wir werden nun freie Schleswig-Holsteiner. Dafür geb' ich das gerne hin. Ja, Jens, oll lütt Jung, du magst dich noch so gräsig anstellen mit deinen Dänen und so tun, als ob du alle Preußen fressen wolltest, ich bleib' dabei, und alle vernünftigen Leute denken hier ebenso. Wir haben gelacht und geweint vor Freude, als wir hörten, die Preußen hätten die Schanzen genommen.« Während Jens alles dies durch den Sinn ging, wurde langsam ein Gedanke in ihm wach, der ihm wie eine Rettung erschien. Wenn er in dem kleinen Ort an der Elbe ein Häuschen mit Garten mietete oder kaufte und in Ruhe und Frieden dort mit Anne zu leben versuchte? Es mußte ja doch ein neues Leben jetzt für ihn werden in neuer Umgebung; die Äcker und Felder des Larsenhofes konnte er ja verpachten und vielleicht bei günstiger Gelegenheit einmal verkaufen. Seine Zeit würde wohl ausgefüllt werden mit der Sorge für die blinde Frau, die ihn auf Schritt und Tritt brauchte, mit den vielen kleinen Pflichten, die jetzt neu an ihn herantraten, und dem Bestellen des Gartens. Anne würde eine kleine Wirtschaft haben, in der sie sich mit der Zeit wohl zurechtfinden konnte, im Sommer konnte sie jeden Tag Musik hören – alles war so günstig wie möglich. Seltsamerweise kam ihm gar nicht der Gedanke, nach Dänemark zu ziehen. Er war im Grunde seines Herzens doch deutsch geblieben. Als Anne abends wieder von der schönen Musik sprach, sagte er: »Wollen wir immer da wohnen, Anne? Dann kannst du oft Musik hören.« Sie wandte ihm das Gesicht zu. Er sah ein ungläubiges Erstaunen sich auf ihren Zügen malen. »Immer? Wir müssen doch wieder nach dem Larsenhof.« Das klang nicht so, als ob große Sehnsucht sie dorthin zöge. Einen Augenblick war es ganz still in dem kleinen Zimmer. Gesine hielt unwillkürlich den Atem an. Würde ihr Vater nun sagen, daß der Hof abgebrannt war? »Möchtest du wieder hin?« fragte Jens endlich. Anne tat einen tiefen Atemzug. »Ich fürchte mich davor,« kam es endlich gepreßt über ihre Lippen. »Der Hof hat mich immer bedrückt. Da ist so viel zu bedenken. Wenn man auch den ganzen Tag gearbeitet hat, ist doch immer noch was in Unordnung. Und wenn ich nun noch krank bin und nicht ordentlich sehen kann, dann weiß ich nicht, wie es werden soll.« Das klang ganz mutlos. »Dann bleiben wir hier, Anne. Wir kaufen oder mieten ein kleines Haus mit Garten an der Elbe, da haben wir nur eine kleine Wirtschaft, ich besorge den Garten, und du kannst Musik hören, so oft du willst.« Anne Larsen strich sich mit den mageren, blassen Händen das Haar vom Scheitel aus glatt. Es lag etwas Hilfloses in ihrem Gesichtsausdruck. Sie konnte es noch nicht recht fassen. »Ich weiß nicht, Jens – das geht doch nicht – der Hof –« sagte sie zaghaft. »Ja, es geht,« sagte er kurz, stand auf und trat ans Fenster. »Wenn du es möchtest –« Sie streckte die zitternden Hände nach ihm aus. »Ach, Jens, wie wär' es schön!« Er bemerkte ihre Bewegung nicht, weil er noch immer starr aus dem Fenster sah. Es war doch nicht so leicht zu verarbeiten, diese neue Wendung seines Lebens und die Erkenntnis, daß sein Hof seinem Weibe so gar nichts gewesen war, nur eine Quelle von Sorge und Ärger. »Vater steht am Fenster,« sagte Gesine mit halblauter Stimme, als sie sah, wie die Mutter ins Leere griff. Dann nahm sie ihre Hand und führte sie dorthin. Anne tastete mit den Händen an Jens' Arm hinauf bis zu seinem Halse und umschlang ihn. »Jens,« sagte sie leise, »ich danke dir.« Er strich ihr über das Haar. »Laß man, Anne, laß man. Das ist alles nicht so – so schwer. Ich mag auch gern Ruhe haben, ich werd' nun wohl alt; was sollen wir denn so allein auf dem großen Hof, wenn Gesine nun auch noch weg geht –« »Mutter darf nie mehr weinen,« hatte Gesine ihm oft gesagt, das war ihnen wie ein Evangelium geworden, an das sie sich halten mußten. Und obgleich sie ja vorhin gar kein Hehl daraus gemacht hatte, daß ihr der Larsenhof nur eine Last gewesen war, meinte er doch, sie müßte bitterlich weinen, wenn sie erfuhr, daß er nicht mehr stand. Jens fuhr schon am nächsten Tage hinaus und am folgenden wieder, diesmal mit Gesine, und nach kurzer Zeit war er Besitzer eines kleinen Hauses, wie er sich's geträumt hatte. Er suchte in Hamburg mit Gesine zusammen Möbel aus, und die Einrichtung wurde sofort in Angriff genommen. Frau Larsen fand sich merkwürdig gut in ihre jetzige Rolle. Sie konnte nicht mehr selbst alles mitbestimmen und aussuchen, dafür taten es nun die anderen und erstatteten ihr Bericht, und sie fühlte, wie sie hauptsächlich darauf bedacht waren, daß für sie alles zweckmäßig und bequem wäre. Sie war auf einmal eine Art Hauptperson geworden, und während sie früher immer bei allem, was sie tat, davor gezittert hatte, ob es Jens wohl gerade so recht wäre – meistens war es ihm nicht recht gewesen und er war ärgerlich geworden –, so kam er jetzt mit allem zu ihr und fragte sie nach ihrer Meinung und ihren Wünschen. Er war überhaupt wie umgewandelt, ruhig und freundlich, nie mehr aufbrausend oder jähzornig. Ende Juni war alles fertig, und sie zogen ein. In den letzten Tagen vorher war Anne viel allein gewesen, da Jens und Gesine von früh bis spät draußen zu tun gehabt hatten. Nun führten sie die blinde Frau ins Haus. Sie hatten das Gefühl, als wäre jeder Hammerschlag nur für sie getan. An Jens' Hand ging sie durch die Räume. Er erklärte ihr alles, und sie strich mit den Händen über die Möbel und an den Wänden entlang. Am Fenster beschrieb er ihr, wie der Garten sich davor entlang zog, wie die Büsche und Beete angelegt waren, wie vorn der Vorgarten mit seinen Blumen bis an die Straße ging und der Blick auf die Elbe frei war, wie hier große Schiffe vorüberzogen, ganz große, auch solche nach Amerika. Und wieder fühlte sie überall das Bestreben, ihr die Dunkelheit zu erhellen, alles herauszusuchen, was ihr das Leben noch schön machen konnte. Als sie im ganzen Hause herumgekommen waren, führte Jens sie ins Wohnzimmer zurück ans Sofa. Sie setzte sich, streckte tastend die Arme aus und rief: »Wie schön ist es hier! Viel schöner als auf dem Larsenhof!« Später stand Jens in der Tür seines neuen Hauses und sah in den dämmernden Abend hinein. Die Elbe floß breit und träge vorüber. Ein kleiner Dampfer kam mit roten und grünen Lichtern, die sich im Wasser spiegelten. Nun gingen in schräger Linie breite, große Wellen darüber hin und liefen spielend an der steinernen Böschung hinauf, die das Flußbett eindämmte. Der Dampfer fuhr schnell dem Hafen zu, als hätte er es eilig, nach Hause zu kommen, und vor Jens' Haus wurde das Wasser wieder ruhig. Von weiterher klangen die Töne einer Ziehharmonika durch den stillen Abend. Da wanderten seine Gedanken ins Sundewitt. Und er wußte, daß er noch manchen Abend hier stehen würde und der sehnenden Stimme seines Herzens lauschen, die immer nur den einen Namen rief: »Inge«. Daß er die Augen schließen würde und meinen, er stände auf der Hohen Koppel und der Larsenhof läge zu seinen Füßen in aller seiner stattlichen Behaglichkeit, der Wind, der ihm die Stirne kühlte, käme von der See herauf und hätte den Weg über sein schönes Heimatland genommen. Aber dann würde seine blinde Frau kommen und tastend die Hände nach ihm ausstrecken, und er würde sie nehmen und sie führen und wissen, daß er den rechten Weg gegangen war, indem er sich selbst bezwang und zu ihr zurückkehrte. ... Im Sundewitt stand Inge Hansen an diesem Abend auf einer Anhöhe und sah nach Alsen hinüber. Dort hatte heute der Kampf getobt. In aller Morgenfrühe waren die Preußen in Booten über den Alsensund gefahren und hatten zum Teil schon im Wasser angefangen zu kämpfen. Dann war es ein heißes Ringen auf der Insel gewesen. Man hatte das Schießen bis ins Sundewitt gehört und die hellodernden Flammen von Sonderburg gesehen. Jetzt war es still geworden. Alsen war in den Händen der Preußen, man wußte es im Sundewitt schon. Die Dänen waren nach Augustenburg zurückgeschlagen und schifften sich dort ein. Viele Bewohner vom Sundewitt waren bis an den Sund gegangen, um möglichst nah zu sein und alles beobachten zu können. Peter war auch darunter. Inge war zurückgeblieben und stand nun allein auf dem Hügel, den zwei majestätische Buchen krönten. Der Abendwind strich leise über das Kornfeld zu ihren Füßen, so daß die goldenen Halme sich vor ihr neigten wie vor einer Königin, und mit weicher Hand fuhr er ihr über das Haar und legte ihr silberne Fäden über das stille, stolze Gesicht. Sie duldete es ohne Abwehr, vielleicht merkte sie es gar nicht. Es gab so viel heut' zu denken, zu danken und zu beten. Schleswig-Holstein war frei. Dies lachende, blühende Land, wie es jetzt vor ihr lag, war heute von jahrzehntelanger Knechtschaft erlöst. Als die Schanzen gestürmt wurden, hatte Inge Hansen zu sehr in eigener Not und Bedrängnis gestanden, um die große Tat ganz miterleben und mitempfinden zu können. Heut war sie eine andere. Das leidenschaftliche Herz war ruhig geworden, sie hatte sich zurückgefunden zu Pflicht und Recht. Sie wußte jetzt, daß es das Rechte war, was sie getan hatte. Etwas, das außer ihr selbst lag, hatte sie dazu bewogen. Aber auch, wenn Frau Larsen nicht blind geworden wäre, hätte sie nicht anders handeln können. Sie war nicht der Mensch, der sich ein Glück aufbauen konnte auf einer Schuld und einer verlassenen Pflicht. Und auch Jens hätte nicht die Kraft gehabt, alles Vergangene über Bord zu werfen und das Leben von vorn anzufangen. Es hätte an ihm genagt wie an ihr, zu der Erkenntnis war sie jetzt gekommen. Und nun stand sie hier und sah auf das befreite Land und fühlte sich so eins damit, als wäre sie aus dem Boden des Heimatlandes herausgewachsen wie die Buchen, die ihre Zweige über ihr ausbreiteten. Aber all ihre Gedanken gingen hinüber nach Alsen, wo sie ihr Kind wußte. Ob nun endlich die lange, bange Zeit der Ungewißheit vorüber war und Hannes wiederkam? Am nächsten Tage ging Peter nach Alsen hinüber, um Hannes zu suchen. Inge blieb zurück. Es konnte ja sein, daß Peter ihn verfehlte, und eines mußte doch zu Hause sein, wenn er allein kommen sollte. Die Haustür stand Tag und Nacht auf, sein Bett in der Vorderstube war zurecht gemacht, und Inge hatte immer einen Topf mit warmem Essen auf dem Herd. Sie selbst saß den ganzen Tag auf der Bank vor ihrem Hause und sah die Straße hinauf. Es kamen jetzt viele Leute von Alsen nach dem Sundewitt; sie waren alle mürbe und matt von der langen, schweren Kriegszeit und erzählten, wie die Dänen auf der Insel gehaust hatten. Wenn Inge sie nach ihrem Jungen fragte, sahen sie sie mitleidig an. Ihr Sohn war dabei, bei diesen unglücklichen Schleswigern, die mit ihren Fuhrwerken im Dienste der Dänen standen, die wochenlang im Freien kampiert hatten, Hunger, Kälte und Nässe wehrlos ausgesetzt! Inges Herz wurde immer schwerer. Am dritten Tage nach Peters Fortgang, spät abends, als sie schon ins Haus gegangen war, kam ein Wagen langsam in müdem Schritt die Straße herauf und hielt vor der Tür. Sie wollte hinauslaufen, wie sie es in diesen Tagen schon hundertmal getan hatte, aber die Füße Versagten ihr plötzlich den Dienst. Sie mußte sich setzen und hörte nun, wie Peter langsam die Steinstufen heraufkam, mit schwerem Schritt, als schleppte er eine Last. Dann kam er herein. Er trug eine dunkle Gestalt in den Armen. Nun sprang sie auf und stürzte ihm entgegen. Beim matten Schein der Lampe sah sie einen blassen, elenden, verkommenen Menschen, dem die Kleidung in Lumpen vom Leibe hing, starrend von Schmutz. Da kämpfte sich etwas in ihrem Herzen zusammen, und sie wollte aufschreien: »Das ist er nicht! Nein, das ist er nicht!« Aber nun schlug er die Augen auf, und über das blasse Gesicht flog ein matter Freudenschimmer. »O, Hannes, lütt Jung!« Sie hatte gar keinen Ton in der Stimme, und doch lag alles, was ihre Seele in diesem Augenblick bis ins Innerste erschütterte, in ihrem Ausruf. Ihre zitternden Hände streckten sich nach ihm aus, und sie fühlte, es hatte alles so kommen müssen, wie es gekommen war, damit sie in diesem Augenblick hier stehen konnte – um ihrem Kinde Mutter zu sein.