C. Spindler. Der Jesuit. Charaktergemälde aus dem ersten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts. Erster Abschnitt. 1720. Des Senators Familienleben. – Sein Kontor und dessen Diener. – James. – Fortunas Launen. – Der Geschäftsfreund aus Holland. – Das Gespräch unter den Kastanienbäumen. – Der verhängnisvolle Besuch. Schön ist es, über eine Schwelle zu schreiten, jenseits welcher der Fleiß und die geschäftige Betriebsamkeit ihren Thron erbaut haben, sobald man sieht, daß all das ewige Treiben das Wohlsein des Lebens begründen soll, und nicht bloß einen glatten Gipsmarmor um die trockne, dürre Säule von Holz. Der Hausvater ist ein ehrwürdiger, geliebter Mann, wendet er seiner unermüdlichen Tätigkeit Zinsen dazu an, daß die Seinen sich fröhlich daheim finden in dem traulichen Hause; daß er selbst – der Schöpfer des Wohlstandes – behaglich ruhe in seinem Eigentume. Die heitere Wohnung wird ein Paradies für den Besitzer, ein Ort des Friedens den Freunden, den Bedrängten ein Asyl. Keucht aber im Erdgeschosse die besoldete Mühe im eisernen Dienstjoche, während im obern Stockwerke die Langeweile, die Verdrossenheit, auf einsamen Polstern, hinter kaltem Stein und vornehmen Goldwänden gähnt – dann, Wanderer, meide die stolze Pforte, wenn auch noch so einladend das »Salve« von ihrer Schwelle spricht. In dem Steinhaufen gebietet kein fühlendes Gemüt, und vor dem starren Reichtum floh die Zufriedenheit! – Wer im Jahre 1720 gelebt, und das Innere des Hauses gesehen hätte, welches der Senator Müssinger in der deutschen Reichs- und Handelsstadt, die der Aufzeichner dieser Begebenheiten meint, aber nicht nennt, dazumal bewohnte, müßte dem einleitenden Spruche Beifall geben. Das stattliche Gebäude war von Uranbeginn zum Denkmale des Hochmuts bestimmt gewesen. Ein Spekulant, der in den ersten Jahren des spanischen Erbfolgekriegs durch Lieferungen für die alliierten Heere ungeheure Summen gewonnen hatte, legte das Fundament zu dem palastähnlichen Hause. Die Vollendung desselben sollte er nicht sehen. Mancher Schurkereien überwiesen, sollte ihm, kurze Zeit nach der Schlacht bei Hochstädt, der Prozeß gemacht werden: er entging der Schande jedoch durch einen kühnen Pistolenschuß. Die leere, unausgebaute Prachtwohnung des verunglückten Lieferanten kaufte bald der vom Glücke begünstigte Senator Müssinger. Der unternehmende Handelsherr, der mit Ost- und Westindien verkehrte, fand sich zu enge in dem kleinen Vaterhause, zog über in das neue, große; und Fortuna, die bereitwillig in dem bescheidenen Spezereikrame des Kaufmanns Platz genommen hatte, siedelte mit in das neue, geräumige Kontor. Müssingers Firma war die erste auf dem Markte, und florierte weit und breit im Aus- wie im Inlande; trieb Jahr für Jahr die schönsten Blüten und Früchte. Die Mehrzahl seiner Mitbürger beneidete den glücklichen Senator: sie bewies aber durch diesen Neid – entweder ihre Unbekanntschaft mit Müssingers anderweitigen Verhältnissen, oder einen Gelddurst, der alles schnöde übersieht, was das Herz berührt, und nicht allein den Kurszettel im Gehirn. Trieb des Kaufmanns Geschäft auch Blüten, der Hausvater sammelte keine aus seinem Familienleben. Seine Frau, seit achtzehn Jahren mit ihm vermählt, hatte ihm viele Geldsäcke, keine Neigung zugebracht, und die Zeit nichts getan, die vom Berechnungsgeist der Väter verbundnen Ehegatten im Gemüte zu vereinen. Unfriede herrschte gerade nicht; der Friede aber, der da versöhnt und duldet und vergibt, wahrlich auch nicht. Der Senator, ein lebendiger Mann, an den Fünfzigen stehend, cholerischen Temperaments, dem beim geringsten Anlaß zu heiß unter der Stirn, die Halsbinde zu enge wurde, stellte das schneidendste Widerspiel seiner Ehefrau dar, die mit beleidigendem Uebermut, welcher seine Quelle in fehlerhafter Erziehung gefunden, eine Kälte und Trägheit vereinigte, wie sie sonst nur im höchsten Norden, oder im sengendsten Süden vorkommen mag. Frau Jakobine, im Ueberflusse aufgehätschelt, kannte nicht Sorge, nicht Mühe, nicht einmal das bequeme Streben einer vornehmen Hausfrau. Kam der Tag, so verlebte sie ihn, und er mußte ebenso prunkend einhertreten, wie seine Vorgänger; Geld in Hülle und Fülle für jedes, auch noch so eingebildete Bedürfnis spenden, reichen Schmaus für Lippe und Gaumen, und eine lange Plaudersitzung im Kreise der geschwätzigsten Muhmen. Währenddessen schaffte und plackte der Senator, bald wie der ärmste Knecht, bald wie der härteste Fron, im Bezirk seines Handelsgetriebes, und gönnte sich kaum, vor sprudelnder Tätigkeit und mutwillig gehäufter Arbeits- und Spekulationslast, die nötigen Ruhestunden. Doch feierte er diese wenigen nicht im Schoße der Seinen. Weder beim Frühstück, wo man den braunen westindischen Trank aus japanischen Gefäßen schlürfte, und dabei so steif saß, wie die blassen Figuren auf diesen Tassen, noch beim Mittagsmahl, wo die leckerste Kost entweder mit gieriger Hast, oder mit vitellischer Trägheit verschlungen wurde, war ihm froh zu Sinne. Bald verdrießlich keifend mit dem verdrießlich langweiligen Weibe, bald seine überseeischen Hoffnungen und Handelsoperationen nicht loslassend in stummer Grübelei, floh ihn die Heiterkeit innerhalb seiner Mauern; und auswärts, auf einem Klub, wo er wieder von nichts, als von Geschäften reden hörte, eine Pfeife Tabak rauchte, um sich zu betäuben, Karte spielte, um sich zu zerstreuen – verträumte er seine Abende. Nicht er, nicht sein Weib, das mit schnödem Geschwätze, oder abgeschmackter Frömmelei den verlangweilten Tag beschloß, ahnten die Quelle von Genuß und Freudigkeit, die ihnen in der Tochter, dem einzigen Sprößling dieser übelpassenden Ehe, aufgehen hätte können. Die Natur hatte in diesem lieblichen Geschöpfe die glücklichste Verschmelzung widerstrebender Gemütsrichtung zustande gebracht. Des Vaters Heftigkeit herrschte zwar vor, allein mäßigende Ruhe stellte bald das Gleichgewicht wieder her. Das Mädchen hatte seinen eigenen Kopf und Willen; es war ja das einzige Kind, und nicht beschränkt von den Eltern. Allein, der Leidenschaftlichkeit, dem heftigen Zorn sogar, folgte schnell die Besinnung, die Teilnahme, die zarte Reue, die gefühlvollste Vergeltung. Der Liebreiz des so wunderlich herangebildeten Mädchens war in diesen Versöhnungsmomenten so groß, daß Freundinnen und Gesinde gern den Sturm auflodernder Hitze ertrugen, um doppelt in der Milde zu schwelgen, die unmittelbar darauf das Engelherz der Zürnenden betätigte. Der Vater war nicht so; denn, tat ihm die jähe Härte manchmal selber weh, so verschloß er, seinem Stolze nichts zu vergeben, das Gefühl in sich. Die Mutter glich ebensowenig ihrem Kinde; sie liebte zwar niemanden auf der weiten Erde, aber sie haßte aus Gewohnheit; sie verachtete mit jener stumpfen Stetigkeit, an der sich, hat sie einmal ein Ziel des Widerwillens ersehen, vergebens Belehrung, Erfahrung und Pflichtgebot verschwendet. Justine, ein siebzehnjähriges Mädchen, früh entfaltet in Gestalt und Verstand, fühlte wohl dunkel und unbehaglich, daß sie zwischen den getrennten Eltern ihren eigenen Weg wandle. Die Jugend aber, jene herrliche Zeit, in welcher man sich nur selbst, wenn gleich oft allzuviel, vertraut, ungeduldig ins Freie, in die Zukunft blickt, sie setzt sich über das Peinliche in naher Umgebung hinweg; schafft sich ihre eigne Welt, und flieht die Mürrischen, um sich an Freundliche zu schließen. So kam es, daß Justine bald wie ein fremder Gast im Vaterhause wohnte, und größtenteils nur in dem Zirkel ihrer Jugendgefährtinnen lebte. Seit der Konfirmation war es jedoch ein bißchen anders mit Justinen geworden. Nie hatte sie noch ihren Vater so bewegt gesehen, als in dem Augenblicke, wo sie, von der heiligen Handlung kommend, in seinem Schreibstübchen vor ihm auf die Kniee sank, ihn bittend, seinen Segen mit dem des Himmels zu vereinen. Des Senators Stimme hatte gewankt, als er den Segen aussprach; ans Herz hatte er die Tochter gedrückt, und, wie mit einem leisen Vorwurf gegen sich selbst, hinzugesetzt: Glaube nur um Gottes willen, mein Kind, daß ich dich liebe, herzlich, wie es einem christlichen Vater zusteht. Aber ich muß an mich halten mit dieser Zuneigung, sonst bricht mir das Herz vollends, wenn du aus dem Hause gehst, nimmer wiederkehrst, und ich dann in ganz Europa keinen Menschen mehr weiß, der mir näher am Herzen liegt, als der kalte Tressenrock. Du bist alt genug, Justine, um zu wissen, daß eine Heirat die Bestimmung eines jeden Mädchens ist, folglich auch die deine. Du bist bereits verlobt: zu Neuyork in Amerika wohnt dein Bräutigam, der junge Kaufmann Birsher, und, wie mir sein Vater neulich schrieb, werden wohl nicht anderthalb Jahre vorübergehen, so kömmt der designierte Schwiegersohn selbst, um dich abzuholen. Dein Bestreben gehe also jetzt vornehmlich dahin, der englischen Sprache mächtig zu werden, zu welchem Endzweck ich für eine Lehrerin sorgen will. Justine verließ den Vater mit sichtlichem Behagen. Ausgezeichnet vor all ihren Gespielinnen nach Amerika zu ziehen, in das junge Land, das sich europäische Imagination damals nur als ein Paradies, unerschöpflich in Genuß und Reichtum, vorstellte; ... als Frau, an der Seite eines jungen Krösus, dahin zu ziehen, das schmeichelte der jugendlichen Eitelkeit gar sehr. Des Vaters Erklärung hatte vollendet, was die Konfirmation begonnen; das Mädchen war rasch zur Jungfrau, zur Braut geworden. Justine zog sich nun auch wähliger von dem Haufen ihrer Freundinnen zurück, verkehrte nur mit den wenigen, die, gleich ihr, nicht fern vom Hochzeitsfeste zu stehen vermeinten, und beschäftigte sich mehr als sonst, in Einsamkeit und Stille, mit Arbeit und wißbegierigem Forschen. Mit der englischen Sprache allein wollte es bei dem fleißigen Mädchen nicht so fort. Die Zisch- und Gaumenlaute waren der Schülerin zuwider, und eine Lehrerin nach der andern wich dem Ungestüm Justinens, die auf jener Nachlässigkeit den eignen Fehler schob. Die Zahl der, mit dem englischen Idiom vertrauten Frauen war in jener Stadt nicht groß; daher hatte Justine bald die Reihe durchgemacht. Die männlichen Lehrer ließen keinen bessern Erfolg hoffen. Der eine derselben, ein grämlicher Alter, mit wunderlichen Launen, hatte schon nach der zweiten Lehrstunde all seine Autorität eingebüßt; den zweiten, einen allbekannten Wüstling, noch in rüstigen Jahren, trug der Vater billig Bedenken, bei der Tochter einzuführen. Der Zufall schlug sich ins Mittel. An einem Tage saurer Geschäfte hantierte und ordnete der Senator in eigner Person an dem Krahnhause der Stadt. Beträchtliche Warensendungen in Ballen und Kisten waren für ihn angekommen; nicht minder beträchtliche Ladungen wollte er dem dienstfertigen Flusse anvertrauen. Seine rüstigsten Handelsdiener, zwei junge und gewandte Leute aus guter Familie zur Seite, ging er am Ufer auf und nieder, befahl hier den ausladenden Bootsknechten, dort den herbeischaffenden Kärrnern, Ner eine Kommis, Berndt, revidierte, die Frachtbriefe und Geleitzettel in Händen; der andere, Nothhaft, machte Zeichen und Zahlen auf die Frachtstücke; um und um bewegten sich rührige, geschäftige Leute, und ein Treiben beseelte die vielen am Ufer, vom zentnerschleppenden Lastträger bis zu dem kleinen Buben herab, der die Teerpfanne hielt. Ein einziger lehnte unbeschäftigt, mit verschränkten Armen an dem Krahnengebäude. Der einzige mußte unter dem Getümmel dem Senator auffallen, als dieser gerade an ihm vorüberkam. Der eifrige Mann blieb unwillkürlich vor dem jungen Menschen stehen, dessen Kleidung, obgleich nicht allzuwohl erhalten, auf einen Lehrling oder Diener der Kaufmannsgilde schließen ließ. – »He, junger Mensch!« redete der Senator ihn an; »he! warum so müßig? Die Sonnenstrahlen machen nicht satt; wohl aber eine Schüssel, die man im Schweiße seines Angesichts verdient hat. Trägheit in der Jugend macht alte Spitalleute. Hat Er hier nichts weiter zu schaffen, so geh' Er wieder hinter Sein Pult, statt Maulaffen feil zu haben, und stehle Er Seinem Prinzipal nicht das Brot ab, das Er ißt!« Nicht die Flamme, die der gerechte Tadel auf dem Angesichte des Gescholtenen entzündet, sondern die Röte eines unschuldig gekränkten Gefühls stieg auf die Stirne des Fremden, der in ausländisch betontem Deutsch nicht mit der Antwort säumte. – »Seht zuvor, mit wem Ihr sprecht, Herr!« sagte er etwas bitter, »niemand würde lieber arbeiten, denn ich, wenn mir nur jemand Arbeit gäbe.« – »Kann's hier daran fehlen?« fragte Müssinger verwundert. – »Ich bin ein Fremder.« – »Woher?« – »Ein Engländer. Mein Name ist James White. Mein Vater war Baronet und Tory. Sein Schicksal wollte, daß sein Wappen, die blutige Hand von Ulster, sich an ihm erwahre. Für den Prätendenten bewaffnete er seine Faust. Georgs Henker schlug sie ihm ab, und hierauf das Haupt. Vor fünfthalb Jahren floh meine Mutter mit mir nach Deutschland herüber. Seit einem Jahre hat sie hier ihr Grab gefunden. Sie starb, bevor der Mangel zu uns trat. Ihr Hinscheiden raffte aber alle Hilfsmittel weg. Die Armut trieb mich ins Werbhaus; die Barmherzigkeit eines alten Mannes, der mir wohl will, rettete mich vom Soldatenstande. Aber noch lebe ich von seinen Wohltaten, und ich schäme mich dessen.« – »Das ist recht; Wohltaten erzeigen, ist wacker, aber edler, sie nicht zu mißbrauchen. Versteht Ihr etwas vom Handel, junger Herr?« – »Nein; ich sollte Theologie studieren; verstehe Latein, Rhetorik, Philosophie, ein bißchen Spanisch, und aus dem Grunde meine Muttersprache.« – »So? Verdorbner Theolog also? Doch Protestant, will ich hoffen?« Der junge Mann bückte sich schweigend. »Könnt und wollt Ihr Unterricht im Englischen geben?« fragte Müssinger weiter. – »Ich kann's, und schäme mich dessen nicht.« »Kommt mit. Versucht's mit meiner Tochter. Freie Station, wie meine Kontordiener, die Wohnung ausgenommen, und ein billiges Salär nach Euern Fähigkeiten verspreche ich Euch. Beliebt's?« – »Gern; doch muß ich's meinem Versorger melden.« – »Gut; wer ist der Mann?« – »Ein Doktor der Rechte, heißt Leupold, ist von Herkunft ein Fremder, lebt zu seinem Vergnügen seit anderthalb Jahren ungefähr in hiesiger Stadt, und beschäftigt sich ausschließlich mit seinen Studien.« – »Ein Bücherwurm und Rechtsverdreher also?« murmelte der Senator zwischen den Zähnen. »Bin nicht neugierig auf die Bekanntschaft. Mögt indessen sein Gutachten einholen, junger Herr. Er wird wohl nichts dagegen haben, denn ich bin der Senator Müssinger!« Der stolze Kaufmann ging von dem unglücklichen jungen Baronet weg, und vergaß denselben im Gewühl seiner Geschäfte bald darauf. Der finstere und einsilbige Buchhalter trat ihm in der großen Schreibstube mit einem Paket Briefen entgegen, die er alsobald, wie gewohnt, erbrach und durchlas. Er begleitete jedoch diese alltägliche Verrichtung mit so vielen heftigen Bewegungen und schlecht unterdrückten Zornworten, daß die Kontorgehilfen aufmerksam wurden, und manchen neugierigen Blick durch die Gitterrahmen in das Kabinett des Prinzipals sandten. Endlich, nachdem der ganze Briefpack durchflogen, stürmte der Senator wie ein Pfeil vom Sessel auf, warf Schubladen und Schlösser zu, und tobte durch die Nebentür in das Innere des Hauses. »Der himmlische Vater erbarme sich!« seufzte Berndt mit andächtigem Blicke und Händefalten, denn er gehörte zur philadelphischen Gesellschaft, »was wird es heute wieder in dem Hause geben?« – Der andre Diener, Nothhaft, ein ziemlich lockrer Geselle, lachte indessen wie ein Schelm vor sich hin, und summte die Worte eines damals beliebten Liedes: »Nach dem Brunnen geht der Krug Oft genug; Und am End' bekömmt er doch Welch ein Loch!« »St!« zischte der Buchhalter, hinter dem Hauptbuche aufstehend, zu dem Vorlauten hinüber, und Berndt stieß ihn mit dem Ellbogen in die Rippen. Der arge Mensch fuhr aber kichernd, wiewohl noch leiser, fort: »Christ! sitz steif, denn der Protest Setzt dich fest; Und dann heißt's mit Schand und Spott, Bankerott!« »Will Er wohl schweigen?« schalt der Buchhalter auffahrend. »Was sollen diese Schelmenverse in einer ehrsamen Handelsstube? Pfui des leichtfertigen Dieners, der seine eigne saubere Firma gern für eine schmutzige ausgeben möchte. Noch einen solchen Ausdruck, und Er ist um Dienst und Lohn, und für ein schlecht Testimonium will ich dann schon sorgen. Ueberhaupt mag Er sich's gesagt sein lassen, daß ich hinfüro Seinen Lebenswandel, von dem mir zu Ohren gekommen ist, nicht also dulden werde. Alle Abende spielt und bankettiert Er, und am Sonntag kömmt Er nicht aus der Kaffeeschenke, der Billardstecken nicht aus Seiner Hand. Wo das beste Rostocker Bier zu finden ist, das weiß Er auf ein Haar; aber man fragt Ihn vergebens, wie die spanischen Dublonen stehen. Sein Nebengehilfe ist allzustill; Er ist allzutoll. Ein Kartäuser wird ein schlechter Kaufmann; ein Bruder Liederlich aber noch ein schlechterer. Gott steh' Ihm im Kommerz bei, wenn Er es einmal zum eignen Herrn bringt.« – »Das wird er auch;« versetzte Nothhaft trocken, ohne sich zu erzürnen. »Der Kaufmann muß wagen und wetten, und dazu bin ich gemacht, wie unser Herr, der sich aus der Safranbude zum ersten Kaufmann allhier verstiegen hat. Sorgen Sie nicht für mich, Herr Buchhalter. Der Herr Senator kennt mich besser, als daß er mich um eines zwecklosen Liedleins willen, oder weil ich den Sonntag Nachmittag beim Billard zubringe, fortschicken sollte.« Der Buchhalter schwieg verdrießlich; teils, weil ihn des Dieners Verstockung empörte, teils, weil der Senator wieder in sein Kabinett zurück kam, und ihn eilends zu sich hinein beschied. Hierauf wurde die Türe geschlossen, die Schieber vor die Gitter gestoßen, und die beiden Kontoristen waren von den Vorgesetzten geschieden, wie die Lehrlinge, die im Vorzimmer schafften und bosselten, von ihnen selbst geschieden waren. »Sie sitzen im geheimen Rat!« flüsterte Nothhaft seinem Nachbar zu; »der Perückennarr, der Buchhalter, mag aber schwatzen und difteln wie er will. Unsere Kontanti stehen schlecht, abscheulich schlecht. Ich habe schon neulich einmal einen Blick in des Herrn Korrespondenzlade geworfen, die zufällig offen stand ...« – »O pfui! Du neugieriger Saaldiener!« fiel Berndt ein. Nothhaft sprach aber flüsternd weiter: »Du Hans! was kann ich denn für mein scharfes Auge? Genug; wir sollen zahlen und zahlen, und wollen und wollen nicht; weil wir nicht können. Unsere Aktien in Indien stehen schlecht. Mit der vermaledeiten Bodmerei haben wir, wie es scheint, unsinnig viel Geld verschleudert und verloren. Assekuranten unserer eigenen Schiffe sind bankrott geworden; viel Unglück auf einmal! und dann das Leben in diesem Hause! ein wahres Heididelbum!« – »Jawohl,« bekräftigte Berndt seufzend, »ein heidnisches Skandalum. Herz, was begehrst du? Keine Wirtschaft, keine Gottesfurcht! Wir müssen nach dem Gemüse gleich vom Tische aufstehen, und Braten, Gänselebern und indianische Vogelnester kommen hinterdrein. Also, lieber Freund und Kollege! wir beginnen zu wanken? Danke für gegebenes Aviso. Ich will gleich auf anderweitige Versorgung denken.« – »Unter der Hand, Bester,« setzte Nothhaft bei, »nicht vor der Zeit gebrochen. Hübsch alles abgewartet; für einen klugen Diener gibt's in Bankrottchen gute Ernten.« – »Der Eintritt des Unheils möge noch ferne bleiben, bis mir eine andere Schwelle gesegnet ist!« betete Berndt mit zerknirschter Miene: »das Schlampampen ohne Kondition ist mir und dem lieben Gott zuwider, und kostet nur Geld, statt einzubringen.« – »Betbruder und Scharrer!« schalt Nothhaft. »Jammre nicht. Der Geist Gottes wird ja nicht ermangeln, dir alles im voraus zu entdecken. Ich bin zwar nur ein Weltkind, habe keine Anwartschaft auf das tausendjährige Reich, aber im Herzen bin ich froh, wenn die Umstände mich zwingen, ein Haus zu verlassen, in dem mich nur der gute Lohn zurück hält, 's ist eine Galeere, dies Kontor.« – »Bete und arbeite! sagt die Heilige Schrift,« sprach Berndt hierauf demütig, »ich weiß mich einer Zeit zu erinnern, in welcher dir gar wohl in dieser Schreibstube war, und noch wohler an dem Tische des Prinzipals. Du hattest damals noch große Dinge im Kopfe, und scheutest dich nicht, deine sündhaften Augen auf die Jungfer zu werfen. Aber seit sie dir den Spaß verdorben ...« – »Pfui, Berndt, mich daran zu erinnern,« entgegnete Nothhaft; »die hochmütige Person! wie sie sich spreizte in ihrem Stolz! Und mein Vater ist doch ebensogut in seinem Städtchen ein Ratsherr, als der Ihrige hier! und mein Vater hat vielleicht mehr Geld, als ihr Vater besaß, da er noch die Rosinen pfundweis, und das Baumöl pro Kännchen verkaufte. Ich hätte sie geheiratet. Parbleu! Das hätte ich getan; aber sie trug die Nase verzweifelt hoch! Stand ich in der Kirche und stierte hinauf zum Betstübchen, so zog sie gewiß das Fenster vor, oder versteckte sich hinters Gesangbuch. Zweimal paßte ich's ab, und präsentierte ihr, an Kirchendieners Statt, den Predigttext und die Nummer des Lieds. Immer erhielt ich ein frostiges: Inkommodier' Er sich nicht, Mosje! zum Dank. So schlag der Donner hinein!« Berndt hielt bei der Verwünschung beide Ohren zu. Nothhaft fuhr indessen schadenfroh fort: »Na, Gott gesegn' ihr die baldige Abkühlung! Hochmut kommt vor dem Fall. Prosit, Justinchen. Die Puppe hat dem Papa und der Mama gesagt: mein Gesicht sei ihr fatal, und darum mußte ich am Tische den Platz verändern, damit sie sich nicht an meinem vis-a-vis den Appetit verderbe. Geliebt es Gott, wollen wir bald den Spieß umkehren. Wo sie weint, will ich lachen.« Berndt stieß ihn abermals in die Seite, denn Senator und Buchhalter kamen aus dem Kabinett, mit entschlossenen Gesichtern, und ein Lehrling wurde gleich hinweg gesandt, Nilpferde für den Geschäftsführer zu bestellen; Eilpferde nach Amsterdam. Der Prinzipal händigte dem dienstfertigen und erprobten Diener noch ein wohlverschlossenes Portefeuille ein, nahm von ihm Abschied, und ging, da die Mittagsglocke im Hause läutete, mit seinem Kontoristen zu Tische. Die gewöhnlichen Bürgergerichte waren verzehrt, die Gehilfen durch einen Wink von der bisher schweigsamen Tafel entlassen und eine kostbare Gallertschüssel, aus welcher der Duft des Zimts und herrlichen Bordeauxweins stieg, wurde, nebst den Platten des Nachtisches, aufgesetzt. Die Frau Senatorin wendete sich leckerhaft vergnügt zu der reizenden Speise; Justine schnitzte kichernd ein Eichhörnchen aus einem Mandelkerne; der Hausherr sah trüb vor sich hin, klopfte mit dem Messer an die silbernen Gefäße und brach endlich das Stillschweigen mit einer Einleitung, auf die er lange studiert haben mochte. »Was meint ihr wohl,« begann er mit erzwungenem Scherze, »was meint ihr, wenn auf einmal all dieses Silber und Porzellan zur Decke hinausflöge, und eitel irdene Teller auf dem Tische zurückblieben mit notdürftiger Kost?« Die Senatorin zuckte verächtlich die Achseln ob dem mißlungenen Spaße. Justine lief lachend: »'s wär' ein hübscher Hexenstreich. Papa würde alsdann tief in den Geldkasten greifen müssen, um dem Schaden abzuhelfen.« »Und wenn nun auch diese Geldliste leer geworden wäre?« fragte Müssinger weiter. »Narretei!« versetzte die Frau, ruhig essend, »was sollen diese Fragen?« »Euch vorbereiten auf eine unangenehme Möglichkeit,« brach Müssinger los, »es steht noch auf der Schwebe, ob wir reiche Leute bleiben, oder Bettler werden sollen.« »Ist denn heute der erste April,« fragte die Frau, »daß der Herr Senator uns mit ähnlichen Kindereien behelligt?« – Justine merkte aber, in des Vaters Augen sehend, den Ernst, wie die Ungeduld, die in ihm arbeitete. Er fuhr heftiger fort: »Deine Frage ist Kinderei, Jakobine. Ein Kaufmann scherzt nicht dergestalt mit seiner Bilanz. Wahr ist's. Mir droht Unglück. Eng mit mir verbundene Häuser sind gebrochen, Kaper haben meine Schiffe genommen, der letzte Sturm, von dem die Berichte meldeten, hat Kauffahrer vernichtet, auf welche ich bedeutende Kapitalien à grosse Aventure herlieh. Der Ultimo bringt eine Fracht von schweren holländischen Wechseln. Ich bin zugrunde gerichtet, wenn es meinem Buchhalter nicht gelingt, meinen Hauptkreditor in Amsterdam zu besänftigen und zur Prolongation zu bewegen.« »Armer Vater!« versetzte Justine mitleidig. Die Mutter zog jedoch die Stirne in Falten. »Unbesonnener Vater!« predigte sie; »Räuber an Weib und Kind! Mußt du dein Hab und Gut auf die Spitze stellen, und an ein paar elende Schiffe hängen? Pfui, du bist ein Verschwender, den man ins Irrenhaus stecken sollte, wenn nur damit geholfen wäre. Doch ist dein Vorgeben gewiß nur ein schlechter Scherz, sonst wollte ich anders mit dir reden. Sprächst du wahr, so müßte mein Vermögen heraus bei Heller und Pfennig, samt Zinsen und Zubehör. Ich würde mich nicht hinsetzen, dir zuliebe, und Grütze speisen, wie eine Taglöhnersfrau. Ich bin ein gutes Leben gewöhnt, und hätte hundert Männer haben können, die reicher und schöner waren als du. Darum fordere ich auch, daß du mich haltest, wie bisher, oder das Eingebrachte herausgibst; sonst müßte ich klagen,« Des Senators Gesicht überlief Leichenblässe, und er bückte sich scheinbar nach der entfallenen Serviette, um seine Verlegenheit und seinen Grimm zu verbergen. Dann sagte er gezwungen gleichgültig: »Recht, Jakobine. Deine Liebe ist mir wieder recht klar geworden. Leider kann sie sich nicht so triftig vor dem Gerichte ausweisen, indem wirklich mein Vorgeben nur Scherz war, um deine Gesinnung auf den denkbaren Fall hin zu prüfen.« »Schäme dich,« eiferte, nun erst zornrot werdend, die Senatorin, »ich dachte es gleich. Mir den Appetit in dem Grade zu verderben! Mir also die Galle zu reizen! Ich bin ohnehin die unglücklichste Frau in der Welt, wenn ich nicht meine Seelenruhe und Bequemlichkeit habe! Gottvergessener, frevelhafter Mann! – Justine, den Extrakt!« Justine, bereits angewiesen, wie bei ähnlichen Gelegenheiten zu verfahren, stand schon mit der stärkenden Essenz vor der Mutter. Der Senator fuhr heftig vom Stuhle auf, summte das Marlboroughlied durch die Zähne, und zog die Halsbinde weiter. Mit einem Male erblickte er, seitwärts unter der Türe, den jungen Mann, den er am Morgen zum Sprachlehrer angeworben. Der Eintretende war ein erwünschter Ableiter und Besänftiger. Der Senator liebte es durchaus nicht, vor einem andern als den Hausgenossen, seinen Jähzorn zu zeigen, und hielt plötzlich an sich. »Sieh da, mein junger Freund,« redete er den Jüngling an, »Ihr kommt gerade recht. Wie es scheint, hat Euer Pflegevater eingewilligt?« »Er erlaubte mir, in dem ungewohnten Dienste mich zu versuchen«,antwortete James bescheiden und ruhig. Die Senatorin hatte bei seinem Eintritt die begonnene Ohnmacht vergessen. Nicht minder neugierig und überrascht sah Justine nach dem jungen, fremden Manne, der in seiner einfachen, fast dürftigen Kleidung, furchtloser vor ihrem Vater stand, als sie es bisher an irgend einem Aermern und Jüngern wahrgenommen. »Ein junger Engländer,« sagte Müssinger, ihn den Frauen vorstellend, »der Justinen in seiner Sprache unterrichten soll. Ich empfehle der Jungfer Fleiß, und dem Lehrer den besten Eifer. Geht hin, junger Herr, und empfehlt Euch der Frau Senatorin und Eurer Schülerin. Dann mögt Ihr gleich den Unterricht beginnen, und zeigen, was Ihr wißt und könnt.« James ging frei und ungezwungen auf die Mutter zu, faßte, indem er sich verneigte, ihre beiden Hände, und schüttelte sie, näherte sich dann Justinen, tat dasselbe, und wollte ihr zierlich die Wange küssen. Errötend und heftig bog sich das Mädchen zurück, und stieß ihn von sich. Die Mutter rümpfte die Nase, der Vater lächelte. »Ei,« sprach er, »junger Herr, wir sind hierzulande nicht in Eurer Heimat, wo solcher Brauch üblich ist. Hier küßt man den Frauen die Hand und den Jungfrauen die Fingerspitze.« Mit einiger Verlegenheit sich entschuldigend, aber mit vielem Anstande, tat nun James, was ihm geheißen war, und versöhnte somit die Mutter; Justine jedoch nur halb, die in dem ungewohnten Wesen des neuen Lehrers etwas fand, das ihr mißfiel, von dem sie sich indessen keine klare Rechenschaft geben konnte. Mit übel verhehltem Widerwillen führte sie den Jüngling an ihren Arbeitstisch, zeigte ihm die Bücher, die bisher ihr Leitfaden gewesen waren, und berichtete von ihren bisherigen schwachen Fortschritten. James meinte, nach flüchtiger Einsicht und flüchtigem Hören, die Jungfer sei bei weitem nicht so mehr im Wissen zurück: als sie wohl meine; desto mehr hingegen im guten Willen, Justinens Gesicht verfinsterte sich wieder merklich, und schweigend setzte sie sich, als der Vater den Befehl wiederholt hatte, den Unterricht alsobald anzufangen. Auf die Stuhllehne seiner Frau gelehnt, folgte nun der Senator dem Beginnen des jungen Engländers, und sah bald, daß derselbe seiner Sache vollkommen gewiß sei. Zugleich gefiel ihm die zutrauliche, freundliche Weise, mit welcher er der stummen Schülerin die Vorzüge der Sprache auseinander setzte; er hoffte von dieser, aus dem Alltagsgeleise weichenden Art, den besten Erfolg, und entfernte sich endlich unter aufmunterndem Lobe. Die Lehrstunde ging fort unter der Aufsicht der Mutter, die aber bald, der Gewohnheit nachgehend, dem Schlummer in die Arme sank. Justine hatte, wenig auf die Reden ihres Lehrers horchend, mit unverwandtem Auge die Mutter beobachtet, und wie es schien, den Moment der Siesta erwartet, denn im Augenblicke, als Jakobinens Augen zufielen, nahm sie dem in seinen Vortrag versunkenen James das Buch aus der Hand, klappte es schnell zu, und sagte, kurz abfertigend: »Lassen wir's jetzt gut sein, Monsieur. Ich habe keine Lust, und damit genug. Weil mein Vater es will, und Euch vielleicht an einem Verdienste in unserem Hause etwas gelegen sein möchte, will ich wohl mich anstellen, als sei mir die Sache ernst. Spart Euch jedoch alle ernstliche Mühe, denn ich kann Eure Sprache nicht leiden, folglich nicht sprechen. Adieu bis morgen, Monsieur.« James sah die gar offenherzige Schülerin überrascht an, biß sich gekränkt in die Lippen und erwiderte: »Wahrlich, Mademoiselle, aus Ihrem Munde hätte ich ein lieblicheres Wort erwartet. Mein Vater war ein Edelmann, und hat mir den Grundsatz eingeprägt, nirgends lästig zu sein, wo ich nicht nützen kann. Ich werde gehen; erlauben Sie jedoch, daß ich das Erwachen Ihrer Mutter abwarte, um mich in der Form von ihr zu beurlauben. Bis dahin dulden Sie meine Gegenwart.« »Ich wollte Euch nicht beleidigen, mein Herr,« antwortete hierauf Justine etwas beschämt: »Vergebt, wenn ich die Worte vielleicht schlecht gewählt. Ich bin oft vorlaut mit Reden, die mich nachher reuen. Eure Person wäre mir nicht so unangenehm, aber Eure Sprache pfeift und zischt so viel, sie ist so rauh, daß ...« »Wundern muß ich mich,« fiel James schnell versöhnt ein, »daß Ihr Herr Vater, Ihnen und Ihrem Wunsche gegenüber, mit Gewalt auf dieser Sprache besteht. Unlust lernt und fördert nicht, aber die Zeit ist verloren.« »Hm!« lächelte Justine, die Augen auf das Schreibbuch geheftet, »ich soll nach Neuyork verheiratet werden, und der Vater glaubt ...« »Nach Neuyork in Nordamerika?« fragte James staunend. Justine nickte schweigend, und machte Buchstaben auf das vor ihr liegende Blatt. »Nach Neuyork?« wiederholte James, und schlug mit verschränkten Armen die Blicke zur Decke auf; »so weit vom Vaterhause? Da müssen Sie freilich englisch lernen.« »Nicht doch,« versetzte Justine lächelnd, aber bestimmt, »mein zukünftiger Mann mag deutsch lernen, und die Freunde meinethalben französisch, um sich mit mir zu unterhalten. Das Englisch für die Domestiken lernt sich dort an Ort und Stelle.« »Sie irren sich im ersten Punkte,« behauptete James, »man würde es zu Neuyork für eine Schande halten, eine andere Sprache in Gesellschaft zu reden, als die englische Kolonistenmuttersprache. Im Innern finden Sie wohl noch das holländische Idiom, aber ...« »Sieh doch,« unterbrach ihn Justine, durch den Widerspruch gereizt, »Ihr redet ja so entschieden, als ob Ihr mit eigenen Ohren gehört hättet, was Ihr behauptet.« »Das hab ich auch,« bekräftigte James mit aufgeheiterten Zügen, »den größten Teil der Knabenzeit verlebte ich auf Amerikas Kontinente, zu Neuyork, mitunter auch weiter im Lande.« »Wie?« fragte Justine, plötzlich zutraulicher und milder, »ach, erzählt mir doch von dieser meiner zweiten Heimat. Man hat mir schon so viel Schönes davon vorgesagt, daß ich begierig bin. Wir wollen fein zusammenrücken, und recht leise sprechen, und recht leise horchen, daß die Mutter nicht so frühe erwache. Seht, ich bin ganz Ohr,« Sie hatte sich bei diesen Worten mit beiden Armen auf den Rand des Tisches gelehnt, und sah mit gespannter Aufmerksamkeit und so vorwitzigen Augen dem Lehrer ins Gesicht, daß er seine Blicke auf die Manschetten seiner Hände richten mußte, um nur den Faden des Gesprächs festhalten zu können. »Mein Vater,« hob er auf wiederholte Aufforderung an, »hatte zurzeit ein Kommando in der Zitadelle zu Neuyork; mein Onkel einen entlegenen Wachtposten gegen das Gebiet der Indianerstämme zu. Gelegenheit gab es für mich, den achtjährigen Knaben, genug, somit das Leben in der amerikanischen Stadt wie auf dem Lande kennen zu lernen. Innerhalb der ersten fand ich wenig Freude. Das Sein darinnen war steif und einförmig, keine Heiterkeit, aber viel Frömmelei und militärischer Druck. Am Werkeltage schafft die sich selbst übertreibende Mühe, denn reich zu werden ist das Ziel, wonach alle streben. Dazwischen tönt die Trommel und das Kommandowort der Besatzung. Am Sonntage ist der Sabbat strenger geheiligt, als in England selbst. Die Lust hüllt sich in Sack und Asche, und einförmige Glockenschläge langweilen den Städter, bis er, von der Last des Feiertags ermüdet, das Bette sucht.« »O weh!« seufzte Justine, »das ist ein traurig Bild. Da lebt sich's ja in unserer dunkeln Stadt noch besser und schöner. Doch macht das Landleben vielleicht wieder alles gut, und Herr Birsher wird mir wohl den Gefallen erzeigen, es der Stadt vorzuziehen,« »Wenn ich vom freien Lande Amerikas reden soll,« erwiderte James, »so bemeistert sich meiner eine heilige Wehmut, denn mir gefiel es sehr, obgleich eine frohe Jungfrau, wie Sie, nicht leicht dieses Gefallen teilen möchte. Um Neuyork, in nächster Nähe, finden Sie kein städtisch Landhaus: kümmerliche, flache Gärten nur, ohne Schatten, ohne Obdach, denn die Soldatenherrschaft duldet im Umkreise von Stadt und Zitadelle nicht Busch, nicht Haus. Setzt man jedoch übers Wasser, und dringt ins Innere vor, so geht für ein mutig Herz und ein kühnes Auge die Wonne an. Der angebauten Fluren sind nur wenige, von sklavisch pflügenden Kolonisten besorgt, allein ringsum dehnen sich Forste, in deren Saum sich nur bis jetzt die Axt verirrte, Urwälder mit himmelhohen Bäumen und zahlreichem Wilde. Welch ein herrlich Schauspiel, auf solcher Waldstraße hinzureiten, unterm dichten Laubdach, durch welches nie der Sonne Strahlen dringen! Welch ewiges Schweigen weit umher! so geeignet, das Gemüt zu erheben! Stundenlang bin ich oft im Grase gelegen, und habe auf das Hacken des Hähers, auf das Fuchsgebell gehorcht; lauschend unter den tausendjährigen Säulen der Natur. Doch fördert man endlich gern den Weg, weil die Dämmerung naht, das wilde Getier in seinen Lagern aufsteht, und vielleicht der Weg noch lange sich streckt, bis zu dem einsamen Blockhause, in dem der müde Wanderer das Nachtlager finden soll. Man erreicht des Waldes Ende, und sieh, ein neues Schauspiel fesselt den entzückten Blick. Einer der Riesenströme, die Amerika durchschneiden, hemmt den Weg. Das Auge trägt kaum bis an das jenseitige Ufer, und stolz schaukeln sich die Wogen des gewaltigen Flusses dahin. Da zeigt sich ein schwarzer Punkt in dem Geschäume der Wellen. Die Reisenden verdoppeln den Ruf ›Hü-o!‹ denn der schwarze Fleck ist die Fähre, die wild und gebieterisch durch die Strömung dringt, und uns über das rote Gold, das die Abendsonne auf den Wasserrücken legt, zum ersehnten Gestade schafft. Nun geht's über Heide und feuchten Grund hinweg, dem Walde zu, der blau und ungewiß aus der Ferne sieht. Rechts starren Felsen, und aus ihren Schluchten donnern die Gießbäche und Wasserfälle der Wildnis meilenweit zu uns herüber. Links dehnt sich die Fläche, schlecht bebaut, aber üppig wuchernd mit dem, was die Natur auf sie gepflanzt, an mastigen Futterkräutern und prachtvollem Unkraut. Scharen von kreischenden Vögeln schwirren über die Ebene, den Felsen zu, denn die sinkende Sonne scheucht ein Gewitter auf, das eilig daherkömmt, eiliger, als jener nackte, rothäutige Indianer, der, von seinem Hunde begleitet, Flinte und Tasche auf der Schulter, gestreckten Laufs von der Jagd zurückkehrt, und von den Gestirnen, wie von den Felsenspitzen den Weg zu seines Stammes Wohnplatz erfragt. Mit der Schnelligkeit des Rosses jagt der Sohn der Wildnis durch den weiten Raum, einem Nebelbilde gleich, das auf Sumpf und Moor zur Nachtzeit der Luftzug hin und her treibt. Ihn kümmert keine Straße, kein Pfad, keine Brücke, keine Fähre, denn die Welt ist sein Haus, der Himmel sein Zelt, und frische Sinne stellt er als Wacht und Läufer aus. Geradeaus geht er, wie das flüchtige Wild, das er verfolgt. Nicht um den Hügel herum, über ihn hinweg eilt sein Fuß. Er ruft nicht dem Kahn oder dem Floß; schnell wie ein Fisch schießt er durch Strom und Gewässer. Wir haben ihn aus den Augen verloren, ehe fünf Minuten vergehen. Er sieht uns jedoch durch Dämmerung und Gewitterduft noch auf eine halbe Stunde weit, und lacht der unbehilflichen Eile, mit welcher wir dem Walde zulaufen, um uns vor dem Regen zu schützen, der in großen Tropfen fällt; vor dem Orkan, der mächtig daher braust. Nun ist der Forst nicht mehr schweigend: nun redet er mit Millionen Zungen, und dieses Rauschen, dieses Wehen, das Krachen und Fallen der Neste und Kronen macht den Menschen stumm. Bären und Wölfe fliehen über den Weg, ganze Strecken lang neben dem Reisenden her, und an Zwietracht und Kampf denkt im Sturme keiner von beiden. Der Donner, der Blitzstrahl machen nun die schönen Schrecknisse voll, die uns erschüttern und erheben, aber diese Himmelslampen leuchten auch zur Hütte, die uns gastlich aufnimmt, und auf deren Mooslager wir in behaglicher Ruhe das Hochgewitter verschlummern.« James endete hier, Atem schöpfend, die pittoreske Schilderung eines Ganges durch Heide und Forst der Neuen Welt, zu welcher ihn die zauberische Macht wohltuender Erinnerung wider Willen hingerissen hatte, und erhob beinahe schüchtern den Blick zu Justinen, in deren Antlitz er Unzufriedenheit mit seinem langen und abschweifenden Berichte zu entdecken fürchtete. Wie freudig war er jedoch überrascht, in Justinens glänzenden Augen die aufmerksamste Teilnahme leuchten zu sehen. Das Mädchen nickte ihm beifällig zu, legte zutraulich ihre Hand auf die seinige, und sagte: »Ei, wie gut erzählt Ihr doch, mein guter Herr! Ich habe just gesehen , was Ihr beschrieben habt. Doch hab ich auch an dem Gemälde genug. Die Herrlichkeiten, deren Schönheit ich wohl ahne , sind im Grunde doch nicht für ein schwaches Weib, das im bequemen Stübchen oder auf dem hübsch geordneten Landgut wohl dann und wann gern hören oder lesen mag, wie es in der Wildnis aussieht, ohne darum die Lust zu verspüren, selbst sie zu beschauen. Diese Wälder... diese Heiden und Ströme... und vollends diese einsamen Blockhäuser, Tagereisen weit von jeder Nachbarschaft entfernt...! mich schaudert!« »Gerade in diesen Hütten ist patriarchalische Glückseligkeit zu Hause,« erinnerte James mit Wärme, »noch entsinne ich mich der Einwohner von einigen solchen Wohnungen. Glückliche Familien, zufrieden in ihrer Abgeschiedenheit, im Kreise ihres stillen Eigentums. Das innigste Band verknüpft hier die Gatten, die Kinder, die Enkel: das Band der Liebe; und Liebe fordert ja nur den kleinsten Raum; ein Winkelchen nur, in dem die glücklichen Leute so viel Platz finden, sich in die Arme zu nehmen und zu sagen: ich bin dir gut, auf ewig, bis zum Tode gut!« So sehr auch die vorige Rede des Lehrers Justine in Anspruch genommen hatte, so wenig schien das Mädchen Geschmack an der folgenden zu finden. Verwundert hatte sie den jungen Mann betrachtet, beängstigt fast die Gelegenheit gesucht, seine Worte zu unterbrechen, und endlich ungeduldig das schwere Wörterbuch vom Tisch gestoßen, daß ob dem Geräusche die Frau Senatorin erschreckt aus dem Schlummer fuhr. »Die Lehrstunde ist zu Ende, bester Monsieur,« sagte Justine mit steifer Verbeugung zu James, »vergeßt jedoch nicht, daß ich Euch morgen vormittag ganz bestimmt erwarte. Ich habe plötzlich viele Lust bekommen, Eure Sprache zu erlernen, und hoffe, daß Euer Beistand mir von vielem Nutzen sein werde.« James, obgleich nicht wissend, ob er seinen Ohren, nach allem dem, was vorgegangen war, zu trauen habe, versprach feierlichst, wiederzukehren, küßte der Senatorin mit aller Förmlichkeit die fleischige Hand, bückte sich still vor der gleichgültig nickenden Justine, und empfahl sich, wie ein Mann von Bildung und Welt. »Warum blieb er nicht zum Abendbrot?« war des Vaters erste Frage, als er zu den Frauen herauf kam, »ich habe ihm freie Kost versprochen, damit er sich häufig einfinde, und Justine durch die Konversation die Fortschritte mache, die ihr Fleiß nicht erringt. Ich hätte gern heut mit dem Menschen geplaudert, denn im Klub schwatzen sie auch nur von Briefen, Prozenten, Sicht und Manko, und mir brummt vor Arbeiten der Kopf. Mit dem pietistischen Berndt ist nichts anzufangen, und Nothhaft jubiliert gewiß wieder in der Schenke. Die Frau Senatorin erwartet ihre Basen, Justinchen treibt Kindereien, oder liest in Arminius und Thusnelda. Mit dem Engländer hätte ich ein vernünftig Wort reden können.« »O, ich bitte dich,« erwiderte die Frau, indem sie vornehm vom Stuhle aufrauschte, »binde den fremden Menschen nicht so sehr ans Haus. Die Unschicklichkeit von heute werde ich ihm nie vergessen. Es taugt nicht, wenn man einen Adligen in eine Bürgerfamilie verpflanzt. Solch hungriges Geziefer ohne Geld und Mittel bewahrt doch immer sein Vornehmtun und seinen Stolz, dem alles zu schlecht ist, was ihn umgibt.« »Du vergißt, Frau,« antwortete der Senator, »daß du selbst in diesem Augenblicke den unerträglichsten Hochmut auskramst. Ich kann das an einem Weibe vollends nicht leiden, weil nur der Mann ihm die Würde und den Rang im Staate verleiht. Schweig darum!« »Wenn's mir beliebt,« setzte die Senatorin phlegmatisch bei, »deine Matrosen- und Lastträgerweisheit beleidigt mich nicht, und ich gebe darum meinen Stolz nicht auf. Mir gehört er, einem hergelaufenen Burschen gegenüber, der kein Verdienst hat, als daß sein Vater Baronet war, und ein gehenkter, fürchte ich obendrein, weil du vom Prätendenten ein Wort fallen ließest. Wer an meinem Tische ißt, und von meinem Gelde lebt, ist unter mir, und damit gut.« Der Senator fühlte seine Geduld zu Ende gehen, und entfernte sich schnell, die Türe hinter sich zuwerfend. »Der Mann ereifert sich um des Kaisers Bart,« sagte die Mutter spöttisch und eiskalt, indem sie die Seidenzupfkästchen, mit welchem sie sich in der Abendgesellschaft zu beschäftigen pflegte, hervorholte, »es verlohnt sich auch der Mühe, für einen Menschen Partei zu nehmen, den ich morgen aus dem Hause jage, wenn mir's beifällt,« »Ich will nur von ihm Englisch lernen!« erwiderte kurz und herrisch Justine, und drehte sich auf dem Absätze gegen das Fenster um. »Oho, mein Püppchen!« sagte die Mama lächelnd, und wollte dem Mädchen scherzend auf die Wangen klopfen. Die Tochter entzog sich ihr jedoch ziemlich ungestüm, und entgegnete scharf und bestimmt: »ich will, daß man meinen Lehrer mit Freundlichkeit behandle; sonst werde ich Gleiches mit Gleichem vergelten.« – Die Mutter wußte nun, woran sie war, und gab, wie schon unzähligemal, um nicht einen guten Aliierten gegen den kampflustigen Eheherrn zu verlieren, auch diesmal nach; ging, ohne die eigensinnige Tochter zu schelten, in ihr Kränzchen, und ließ dem jungen James in ihrem Hause freien Paß. Sie begnügte sich, ihm ihre Abneigung dadurch zu beweisen, daß sie ihm kein Wort gönnte; nicht bei Tische, nicht während der Lehrstunden, die sie sorgsam bewachte. Am Vormittage lernte Justine fleißig, und schien die eifrigste Schülerin. In den Nachmittagsstunden jedoch wurde der Schlummer der Mutter benützt. Justine gab das Signal zum Schweigen, und alsdann das des Erzählens, und Nordamerika war einige Tage hindurch die Achse, um die sich James' Berichte und Erklärungen drehen mußten. Endlich sagte einst Justine, da der Engländer wieder von dem beliebten Thema anheben wollte: »Stille, genug! ich kenne das dortige Leben, wie meinen Arbeitssack, und muß gestehen, es gefällt mir nicht. Herr Birsher wird sich entschließen müssen, sich mit mir in einem andern Lande anzusiedeln, wo es lebendigere, fröhlichere Leute gibt, und einen mildern Himmelsstrich, und viele Freude, und viel Gesang. Wenn ich aus Kälte, Reif und Nebel im Winter nicht scheiden soll, bleibe ich lieber in der Heimat, und zur traurigen Hausunke will ich mich in meiner Jugend nicht machen lassen. Wißt Ihr, guter Herr, was ich will und verlange? Ein Dasein voll Vergnügen. Ich bin ja reich, des Vaters und der Mutter einzige Erbin, und Herr Birsher ist, wie es heißt, ein kleiner König an Ueberfluß. Warum soll ich mich nicht der Welt freuen, weil ich alles dazu besitze? Ferner will ich einen ewig heitern Himmel über mir, blau und sonnefunkelnd; Myrten, Lorbeer und Rosen auf meinen Wegen...; ach! wenn ich Euch beschreiben könnte, wie mir manchmal im Traum das Land erscheint, in dem ich leben möchte...!« »Die Myrte winkt Ihnen schon,« antwortete James mit leichtem Seufzer, »das Land, von dem Sie sprachen und träumten, ist auch wirklich. Ziehen Sie südwärts in dem schönen jungen Weltteil Amerika, so finden Sie es. Die Mittagsländer bieten die üppigste Reichtumsfülle. Der Schöpfer hat über sie das Horn des Ueberflusses ausgeschüttet. Ueber ihren Triften und Höhen hängt der ewig leuchtende Himmel; in ihren Fluren wächst die ungeheure Palme neben dem Heer von duftenden Kräutern, die in der Luft auf Meilen in die Runde Wohlgeruch verbreiten. Der Mensch kämpft dort nicht dem Boden sein Leben ab; spielend gewinnt er ein fröhliches Dasein. In jenen lustigen Wäldern tummelt sich der bunten Vögel glänzendes Gefieder; stattliche Herden, und der kräftigen Wildrosse flüchtige Geschwader beleben die Landschaft, die an jedem Morgen in neuem tausendfältigen Reiz aufgeht, und in der dunkelsten Nacht nichts von ihrem Reiz verliert. Dort bewegt sich ein leidenschaftlich lebendiges Volk. Die Zimbeln rufen zum Tanz; die duftenden Büsche, vom Glühwurm erleuchtet, hallen den Jubel wider, und die Gitarre murmelt wie eine liebe Geisterstimme unter dem Fenster der angebeteten Dame.« »Das klingt ja schön!« flüsterte Justine froh bewegt, »o sagt, gehört das schöne Land auch Euerm Könige?« » Mein König,« versetzte schmerzhaft der Jüngling, »besitzt kein Land, als seine himmlische Heimat, die ihm kein Usurpator rauben kann. Der Krone England gehören jedoch jene Länder auch nicht. Dort herrscht Spanien und der Papst.« »Gott steh uns bei!« rief unwillkürlich Justine aus. Da sie jedoch bemerkte, daß James sie fragend ansah, fühlte sie Beschämung, und setzte bei: »Bin ich nicht ein närrisches Kind, und werdet Ihr mich nicht auslachen, daß ich vor dem Papst erschrecke?« »Ich weiß ja,« entgegnete James ruhig, »daß in England, so wie hie und da auf deutschem Boden die Amme schon dem Säugling den Namen des Papsttums neben der Verdammnis nennt. Mich wundert das eingesogene Vorurteil nicht, ob es mich gleich schmerzt, es in einer Seele, so schöner Anlagen und Keime voll, wie die Ihrige, zu entdecken. Lassen Sie unserm Parlamente seine Barbarei gegen Irland, dem fanatischen Calvin seine Scheiterhaufen: dem Weibe sei Duldung ein bekannter, wohlaufgenommener Gast.« Das Mädchen sah den Lehrer mit großen Augen an; äußerte jedoch alsdann: »Wahr, mein Herr; sehr wahr. Ohnehin kann ich nur urteilen, wie der Blinde von der Farbe. Ich habe noch nie einen Katholiken gekannt, noch nie den römischen Gottesdienst gesehen.« »Dann sahen Sie das Schönste nicht, was jemals der menschliche Geist ersann, seine Anbetung des Allerhöchsten glänzend und würdig an den Tag zu legen,« rief James, wie begeistert, »das geheimnisvollste, und doch zu den Sinnen ernst und schmeichelnd sprechende Schauspiel! O! wer rühmte sich wohl, je gewußt zu haben, was Gebet ist, der nicht dem römischen Kultus einmal beigewohnt? Diesem erhabenen Opfer, das ein so heiliges Band um alle Gemüter webt! Das ist der Tempeldienst für fühlende Menschen, für Seelen, die sich begeistert an die Flügel der Gottheit hängen wollen; der Dienst, den der heitere Süden gebar, und das Land, in dem der Herr sichtbar wandelte. In unserm traurigen Norden, wo das Herz kalt und unfruchtbar ist, wie der harte Boden, wo der Alltagsverstand grübelt, statt zu glauben , ist alles anders, und in der eisigen Form versteinert endlich auch der Geist.« »Ich wundre mich, daß ein englischer Protestant der feindlichen Kirche so glänzend Gerechtigkeit widerfahren lassen mag,« versetzte Justine, als James schwieg, » unsre Prediger schildern sie ganz anders. Indessen ist etwas Wahres an Euern Empfindungen und Meinungen. Das fühle ich wohl. Aufrichtig gesagt: die Perücke unsers Pfarrers hat mir nie besser, nie schlechter gefallen als seine Predigt, und die schnarrenden und schluchzenden Stimmen meiner Kirchennachbarinnen machen allezeit das Lied zu einem possierlichen, nicht ehrwürdigen Ohrenschmaus. Wir haben indessen schon allzulang von Babylon gesprochen, mein guter Monsieur, und die Mutter nimmt sich eben vor, zu erwachen.« Die Unterredung, die einen so wunderlichen Umschwung genommen hatte, fand ihr Ende, aber in Justinens Ohren setzte sie sich leise fort, und das Mädchen konnte sich nicht erwehren, dann und wann Betrachtungen über den Gegenstand anzustellen. Wohl hatte sie hin und wieder von den geweihten Flammen, den prächtigen Gewändern einer Messe gehört; von der herrlichen Musik, den duftenden Weihrauchwolken, den Blumengefäßen und heitern Panieren ...; allein, teils war immer in ihrem Kreise nur mißbilligend und verdammend von diesen Dingen die Rede gewesen, teils waren diese angedeuteten Bilder zu verworren, um sich in einem Rahmen vor der Seele zusammenfügen zu können. Durch James' feurige Rede waren die seltsamen Vorstellungen wieder erwacht. Hielt sie mit ihnen die finstre Johanniskirche zusammen, mit dem schmucklosen Altar, der einfachen gotischen Kanzel, und dem zufällig eintönigen näselnden Vortrag des Predigers, so mußten letztere verlieren. Ihr lebhaftes, fröhliches Gemüt haschte nach dem fröhlichern Eindruck, und, sann sie oberflächlich über den Kern der unfreundlichen Schale nach, so waren eben jene geschmacklosen Kanzelreden, und das geistlose Plappergebet, das ihre Mutter alle Abende ableierte, nicht geeignet, sie in dem unbedingten Vertrauen zu ihrer Lehre zu stärken. In dem Geschäftslokale des Hauses ging indessen alles einen gedrängten, unheimlichen, leisen Gang. Von Mäklern und Unterläufern wurde es nicht leer. Aufgebrachte, drohende Gläubiger und Bürgen gingen oft aus dem Hause; lauernde Juden, Leute die sonst nimmer in des Senators Schreibstube gesehen worden, gingen häufig hinein, und einer gab dem andern die Türe in die Hand. Warenvorräte wurden schnell losgeschlagen, um Spottpreise weggegeben; kleinere Schuldposten an des Senators Firma mit Härte und Ungebühr von Nothhaft eingetrieben. Dürftige Geldlasten kamen ein, schwerere Ladungen gingen hinaus. Der Neid hatte auf den glücklichen Müssinger ein offnes Auge gehabt. Der Unglückliche wurde von tausend Augen belauert. Ein dumpfes Gerücht kam auf der Börse aus: der Senator stehe schlecht, sein Haus würde fallen. Viele Geschäftsfreunde zogen sich plötzlich aus allen Verhältnissen mit ihm; andere, die nicht so schnell sich losmachen konnten, führten drohende Reden in der Blume; die wenigsten warnten den Senator; keiner bot ihm die Freundeshand. Müssinger hatte Mühe und Plage, unter diesen beunruhigenden Vorzeichen sein unbefangenes Gesicht zu bewahren, und das vornehme Uebersehen, das er sich angewöhnt hatte. Indessen wünschte sein Herz ungeduldig den Buchhalter herbei, und viele Augen warteten auf dessen Rückkehr. Es hieß, von Amsterdam aus werde die Entwicklung kommen; ob nun der erfrischende Ostwind, oder der niederwerfende Sturm. Endlich kam in der Nacht der Buchhalter wieder an; mit Eilpferden, wie er verreist war. Der Senator wurde geweckt, und stieg zu dem Harrenden in das Kabinett hinunter. Bei stiller Lampe und fest verriegelter Türe wurde die Unterhandlung gepflogen, bis das Morgenrot zu den Oeffnungen der Fensterladen hereinsah, und die Gassen belebt wurden. Da trat der Senator allein aus seinem Hause, und schlug den Weg zum Kaufhause ein. Sein Anzug war in einer Unordnung, wie er ihn noch nie auf der Straße gezeigt hatte; unverändert so, wie er ihn um die Mitternachtsstunde umgeworfen hatte; die Schuhe niedergetreten, die Strümpfe hängend, die Halsbinde locker, und das Haar zerrüttet. Doch war sein Schritt so hastig, daß er wie im Fluge an den Leuten vorbeischoß, die mit Lebensmitteln zur Stadt kamen. Am Krahnenhause war alles noch still und einsam. Einzelne Schiffer lungerten am Gestade, oder wälzten sich auf dem Verdeck ihrer Fahrzeuge. Der Senator hielt sich nicht bei den Grüßenden auf, sondern lief immer stromabwärts, bis er die letzten Gebäude und Schuppen der Kais und der Stadt hinter sich hatte, und zu der Kastanienallee gelangte, welche, auf eine Viertelmeile sich erstreckend, neben dem Flusse hinlief, zum Spaziergange der Städter dienend. Steinbänke waren zwischen den Bäumen angebracht, und eine mäßig hohe Brustwehr von Eisengitter schloß den Platz gegen den Strom zu, der reißend und tief unter der Balustrade vorüber tobte. Dieser Ort war, der Kühlung wegen, im hohen Sommer stark besucht; jedoch meistens nur in den Abendstunden; denn die Aurora verträumen die Müßigen gerne, und ihren Genuß im Freien verschmähen die Arbeitsamen. So kam es denn, daß auch am heutigen Tage nur ein einziger Mann auf der Promenade saß, halb von einem mächtigen Stamme verdeckt, dessen Farbe von dem grauen Oberrocke des Mannes wenig abstach. Eine Druckschrift lag auf den Knieen des Einsamen, allein die Aufmerksamkeit, die er auf dieselbe verwendete, hinderte ihn nicht, den Senator zu gewahren, der herbeieilte, ohne etwas vor sich zu sehen, als das Ziel seiner Wünsche; der, einige Schritte von dem Lesenden entfernt, schnell wie der Blitz den Stock wegwarf, mit einem Satze auf dem Geländer saß, und sich im folgenden Moment in den Fluß gestürzt haben würde, hätte ihn nicht der herzugekommene Fremde kräftig bei den Schultern gefaßt, und ihn zurückgezogen. Der Versuch eines feigen Selbstmords duldet keine Zeugen. Der Mann, der, einem großen Zwecke zu genügen, das Leben wegwirft, wird in seiner Begeisterung den Arm zurückstoßen, der ihn hindern will. Der Schwärmer, der Wahnsinnige, der gegen sich den Dolch zückt, wird auf kurze Zeit die Raserei eines Tieres gegen denjenigen wenden, der ihm die Waffe entreißt; der Schwächling aber, oder der Mensch, der einem falschen Ehrgefühl, seinem Hochmut, sich zum Opfer schlachten will, verliert alle Herzhaftigkeit, sieht er sich ertappt; denn er ging auf einen Frevel aus. Ohnmächtig läßt er den Vorsatz fahren, und die bitterste Beschämung vergilt den kurzen Rausch eines erzwungenen Heroismus. Der Senator lag mit geschlossenen Augen und hochatmender Brust in den Armen des unbekannten Helfers, und ließ sich von ihm, ohne das mindeste Widerstreben zu äußern, nach der nächsten Bank geleiten. Hier hielt er sich an den Baum, und schlug beide Hände vors Gesicht. Nach einem kurzen Stillschweigen sagte der andre mit sanfter und wohlklingender Stimme: »Sie wollten ein voreilig Werk tun, lieber Mann, aber Gott hat anderes mit Ihnen im Sinne. Beruhigen Sie sich daher; vergessen Sie, daß der Teufel Sie in Versuchung führte, und gehen Sie wieder mutvoll an die Geschäfte, die Ihnen obliegen.« Der Senator zuckte zusammen, schlug die Augen wild auf, und erwiderte dem Manne, in dessen ernstem Gesichte ein erfreuliches Mitgefühl zu lesen war, mit gepreßter Stimme: »Warum haben Sie mich zurückgehalten, Herr? Jetzt wäre alles vorbei, und meine Ehre nicht doppelt verloren, wie es geschehen wird, wenn man in der Stadt erfährt, was ich versucht habe.« »Bekümmert Sie das allein?« fragte der Nachbar tröstend, »beruhigen Sie sich, wiederhole ich Ihnen. Ich bin ein verschwiegener Mann, verpflichtet zur Bewahrung der Geheimnisse, die man mir anvertraut, und werde niemals Ihren Frieden oder den Ihrer Familie durch eine Unbescheidenheit stören.« Der Senator sah sich scheu um. »Wahr ist's,« sagte er hierauf, »wir sind die einzigen Anwesenden an diesem Orte. Wenn Sie daher schweigen wollten ... Kennen Sie mich?« »Ich könnte es verneinen, um Sie zu täuschen,« erwiderte der andere, »allein ich hasse den unschuldigsten Winkelzug. Sie sind mir bekannt, Herr Senator; aber wie gesagt, schon mein Stand schützt Sie vor einer möglichen Indiskretion. »Darf ich fragen ...?« sagte Müssinger, ihm gespannt ins Auge blickend. »Ich nenne mich Leupold, bin Doktor beider Rechte, und habe seit manchen Jahren als Sachwalter bei verschiedenen Gerichten fungiert. Ich verstehe mich aufs Schweigen; um so mehr, als es hier den Ruf eines Mannes gilt, dessen Haus mein guter Pflegesohn zu besuchen berufen worden ist.« »Ich entsinne mich,« entgegnete der Senator, nicht unangenehm überrascht, den neuen Bekannten durch ein gewisses Band des Vertrauens an sich gefesselt zu sehen, »wären andre Umstände vorhanden, ich würde mich Ihrer Bekanntschaft freuen, Herr Doktor. Vergeben Sie mir daher, wenn ich nicht bin, wie ich sein sollte.« »Solche Revolutionen gehen nicht leicht ab. Gehen Sie nach Hause, Herr Senator. Ein niederschlagendes Pulver und Ruhe werden Ihre Besonnenheit am besten wieder herstellen.« »Nach Hause? Wo denken Sie hin? Nach Hause, wo ich der Schande entgegen sehe? Sie haben mich verhindert, im Flusse mein Ende zu suchen. Lassen Sie mich wenigstens so weit fliehen, als mich meine Füße tragen. Ich bin ein zugrunde gerichteter Mann. Ich kann den Spott der Feinde und die Vorwürfe der Meinen nicht ertragen. Ich will fort, über See!« Er stand rasch auf, um in dem verstörten Zustande, in dem er sich befand, in die Welt zu laufen. Der Doktor hielt ihn zurück. »Bedenken Sie, was Sie tun!« sagte er, »ich kenne nicht Ihr Leid, nicht Ihre Verhältnisse. Aber die Lage Ihrer Angehörigen wird zehnfach schlimmer, wenn Sie diesen Schritt tun, und Ihnen folgt die Schande zehnfach. Ich habe viel erfahren in der Welt. Das Schicksal hat uns auf eine so seltene Weise zusammengeführt, daß ich mir fast die Freiheit nehmen möchte, mir ein Recht auf Ihr Vertrauen anzumaßen. Daher ...« »Ist es denn der Mühe wert, Ihnen ein Geheimnis aus dem zu machen, was binnen drei Tagen die ganze Stadt wissen wird, wissen muß? Herr! mein Geschäft bricht zusammen. Der Ultimo kommt heran, ich kann nicht zahlen. Ein unbarmherziger Gläubiger, der jede Verlängerung ausschlug, kommt übermorgen selbst hier an, um mich zu verderben. Kaum vermochte mein Agent mir davon früher Kunde zu bringen. Ich kann ihn nicht befriedigen, nicht den sechsten Teil seiner Wechselforderung schaffen. Alle Quellen sind erschöpft; meine Bücher weisen eine geldleere Wüste auf. Der Senat stößt den Bankrottier aus, und meine Familie ins Elend. Da, da wissen Sie alles, was ein Kaufmann sonst nur im letzten Augenblick gesteht. Ermessen Sie meine Lage, und posaunen Sie dieselbe aus, oder schweigen Sie. Mir ist alles gleichviel. Lassen Sie mich aber fort –« »Wollen Sie ins Verderben rennen, und auf Glück, auf Gott, und Ihre eigne Männlichkeit nicht vertrauen – gehen Sie hin!« sprach mit abstoßendem Tone der Doktor, und wendete sich mißmutig von dem Verzagenden. Dieser kurze Bescheid brachte indessen den Senator wieder zu sich. Wir sind häufig in mißlichen Lagen, wie die Kinder, klagen und jammern immer mehr je größere Mitklage wir erwecken, und schweigen plötzlich gefaßt, wenn unser »Zeter« keinen Eindruck mehr macht. Der Senator sah sich betroffen nach seinem neuen Freunde um. Sein Fuß wurzelte. Er legte seine Hand auf des grauen Mannes Schulter, und fragte nach geraumem Schweigen: »Was sagten Sie da? Wem soll ich vertrauen? Gott? Guter Herr, ich bin kein Pietist, und nicht von heute. Lassen wir das. Dem Glück? Ich habe mich lange dabei wohl befunden, allein, wenn eine Stütze bricht, halten auch die andern nicht lange mehr. Meiner Männlichkeit? Wie meinen Sie das?« »Der Wille des Menschen vermag viel,« antwortete der Doktor, »in ihm liegt der Beistand des Höchsten; er regiert das Glück; glauben Sie mir das. Das Leben ist nun einmal ein Kampf, diese Welt der Fechtplatz. Wer sich am rüstigsten durchschlägt, gelangt sicher zum Ziel. Uebelverstandenes Ehrgefühl, schlecht ausgelegte Moral sogar, kann den besten Kämpfer entwaffnen, und zum Spott seiner Gegner machen. Man behaupte die Bahn, in welche man geworfen ist, und träume sich nicht in eine andere. Man zittre nicht vor der Gefahr, man trete ihr auf den Nacken.« »Ich verstehe Sie nicht,« äußerte der Senator, und ließ sich horchend neben den Doktor nieder, »ich bin fünfzig Jahre alt geworden, und wenn ich gleich schon ähnliches, wie Sie mir da predigen, gefühlt habe, gesagt hat mir es noch niemand.« »Sie haben nur die Handelswelt kennen gelernt,« versetzte achselzuckend der Doktor. »Ein Beispiel wird Sie jedoch überzeugen. Sehen Sie hier einen Traktat über die Seeschlacht bei la Hogue, wo Admiral Russel die französische Flotte vernichtet hat. Diese Schlacht war eine der außerordentlichsten Begebenheiten der Zeit, und herbeigeführt und gewonnen unter den widerstrebendsten Konjunkturen. Nicht Wind, nicht Wetter, nicht das eiserne Joch der Verantwortlichkeit achtend, wurde geschlagen, wurde gesiegt. Aus dem gefürchteten Verderben trat glänzend der Sieg hervor. So viel vermag der Wille und die dadurch aufgeregte Kraft des Menschen. Und – merken Sie sich das genau: im bürgerlichen Leben, wie im Schlachtandrang gilt der Satz: Hilf dir selbst, und Gott ist mit dir. Stoße den vom Brett, der dich hinunterstoßen will, oder ergib dich verzagt in das verdiente Geschick.« – »Ich staune über Ihre Reden, gelehrter Herr,« sagte der Senator, obschon aufgerichteter als zuvor, »wie aber soll ich sie in praxi anwenden? Dunkel bleiben mir Ihre Worte, oder machen mich zittern, sollte ich sie verstehen.« Der Doktor lächelte. »Träumen Sie ja nicht von Gespenstern,« erwiderte er halb im Scherze, »ich schreibe nur sanfte Mittel vor, Sie führen ja nicht das Bajonett, nicht den Kommandostab. Nur so viel in kurzem: Geben Sie nicht feig alles verloren. Von Stunde zu Stunde wechselt das Glück seine Häuser, und schüttet vielleicht in den nächsten den goldenen Regen durch Ihren Schornstein. Verlarven Sie nicht. Spricht das Unglück von Ihrer Stirne, so finden Sie keinen Freund mehr, während der Schein der Zuversicht Ihnen vielleicht in der letzten Minute den tätigsten wirbt. Waffnen Sie sich wider den Gegner, der sich naht; nicht mit Messer und trotziger Schmähung, sondern mit dem glatten, überredenden Worte, und der vielversprechenden Stirne. Freundlichkeit bezwingt den festesten Vorsatz. Jeder Mensch hat den verwundbaren Fleck. Jeder Mensch ist eitel. Suchen Sie die Ferse des Achilles. Schmeicheln Sie seiner Eitelkeit. Der günstige Augenblick einmal benützt, und die Wechsel werden prolongiert, die Frist ist gewonnen, mit ihr die Hoffnung, und in der Hoffnung liegen ja alle unsere Reiche. Was möglich ist, kann auch wahr werden, und das Mißgeschick macht immer wieder der Fortuna Platz. Hören Sie nie auf, auf sich zu zählen, und auf meine Verschwiegenheit.« Mit einer anständigen Verbeugung verließ der Doktor den Handelsherrn, und wandelte nach der Stadt zurück. Müssinger sah ihm verwundert nach, und dann in sein eignes Innres. Mittel und Wege fand er freilich darinnen nicht vor, aber ein besserer Mut belebte seinen Geist, und sein Plan, sich aus der Welt zu schaffen, kam ihm bald wie ein Traum, bald lächerlich vor. Der prachtvolle Morgen trug das Seinige dazu bei, den Aufgeregten zu beruhigen. Die erste Folge dieser eintretenden Ruhe war die Sorgfalt, die der Senator darauf verwendete, seinen Anzug wieder anständiger herzustellen. Alsdann stand er auf, blickte zum Himmel auf, und murmelte: Wohlan! den Versuch ist ja wohl die Lehre wert, und im schlimmsten Falle ändert ja der Strom binnen drei Tagen nicht sein Bett! Somit drückte er den Hut in die Augen, wanderte gravitätisch zur Stadt zurück, und seiner gleichgültigen Miene hätte niemand angesehen, wie es vor einer halben Stunde um ihn gestanden. »Mein Guter,« sprach er nach einiger Ueberlegung in seinem Kabinette zu dem Buchhalter, »es liegt mir daran, daß Ihr Euch von dem Amsterdamer nicht in meinem Hause finden lasset. Es dient mir zu besserem Stand und Hinterhalt, wenn ich sagen kann, baß Ihr, auf andern Geschäftstouren begriffen, noch nicht zu mir heimkehrtet, mir seine Antwort noch nicht hinterbrachtet, Ihr habt mir nur in einem Briefe gemeldet, daß er selbst kommen würde, sich mit mir in Richtigkeit zu setzen; nichts weiter, versteht Ihr mich? Ich gewinne durch diese Unwissenheit Aufschub, und währenddessen geht eine neue Quelle auf.« – »Das gebe Gott!« seufzte der treue Buchhalter, »wo befiehlt aber mein hochzuverehrender Herr Prinzipal, daß ich mich hinbegebe?« – »Ihr mögt nach Steinstadt reisen,« erwiderte der Senator, »und bei Gericht den Zwangprozeß gegen unsern saumseligen Schuldner, den Apotheker, eifrig betreiben und anhängig machen. In einigen Tagen ist das Geschäft beendigt, zu dem ich einen Diener abfertigen würde, wenn nicht die Umstände wären, wie sie sind. Damit jedoch Eure Abfertigung ein gewisses Aufsehen mache, mögt Ihr hier noch zu verbreiten suchen, daß Ihr in meinem Namen auf die Steinkohlengruben bieten sollt, die der Graf zu Steinstadt versteigern läßt.« »In Gottes Namen!« ließ sich der Buchhalter vernehmen, und ging, sich fertig zu machen. Der Senator stieg indessen hinauf zu seinen Frauensleuten, und kündigte ihnen an, der Herr van den Hoeclen von Amsterdam werde binnen wenigen Tagen eintreffen, und eingeladen werden, in dem Hause seines Geschäftsfreundes sein Quartier zu nehmen. Deshalb müsse das beste Gastzimmer instand gesetzt, und in Küche und Keller alles auf den Fuß hergerichtet werden, einen so ehrenwerten Besuch nach Gebühr zu empfangen und zu vergnügen. Die Senatorin murrte und maulte viel über die ungelegene Störung des Hauswesens, gab dann, da sie nichts an dem Befehl zu ändern vermochte, in aller Gleichgültigkeit Justinen die Schlüssel zu Haus und Hof und ließ die flinke, bereitwillige Tochter für alles sorgen. Sie selbst sah, nach wie vor, ganze Stunden lang durchs Fenster, schlief, betete ihre Psalmen gedankenlos, und hatte am Abend, in träger Ruhe unter den Freundinnen sitzend, viel von der Mühe und Plackerei einer weitläufigen Wirtschaft und unbequemer Gäste zu erzählen. Die Spiel- und Klatschschwestern säumten nicht, das Erfahrene und Gehörte in der ganzen Stadt zu verbreiten. Durch Lehrlinge und Diener und Mäkler ging von der andern Seite das Gerücht von jener Steinkohlenspekulation um, und der Senator hatte die Freude, auf der Börse wieder freundliche Gesichter zu sehen, und das Wiederaufkommen seines Kredits zu bemerken, »Van den Hoecken wird bei ihm wohnen!« flüsterten sich Händler und Sensale zu, »er erwartet ihn also mit gutem Gewissen! Auf die Steinkohlengruben des Grafen läßt er bieten? Sie müssen bar bezahlt werden, weil die Exzellenz das Geld für Spa braucht. Er floriert also wieder, der Herr Müssinger!« Und: »Ein wackrer Mann! ein braver Mann!« scholl es nun wieder weit und breit, gerade aus dem Munde derjenigen, die ihn schon am meisten geschmäht hatten. Die ruhigern, solidern Kaufleute zuckten indessen die Achseln, schüttelten die Köpfe, murmelten von Dunst und tauben Nüssen, und erwarteten die Zukunft. Aengstlicher und sehnsüchtiger als sie alle, erwartete der Senator selbst die Tage der Entscheidung, und es wurde ihm schwül zu Sinne, denn schon waren fast zweimal vierundzwanzig Stunden seit der Unterredung mit dem Doktor verflossen, und noch hatte sich, außer dem Dunst nichts geändert in seinen Verhältnissen. Wo er ging und stand, dachte er an den unausbleiblichen Bankrott, und zugleich an die Worte des Doktors, die wie Metallklänge an sein Ohr schlugen: »Hilf dir selbst, und Gott ist mit dir. Stoße den vom Brett, der dich hinabstoßen will!« Kann ich denn diese harten Reden nicht los werden? fragte er sich oft, wild an seine Stirne schlagend, und verschloß sich dann wieder auf Viertelstunden in den stillsten Winkel seines Hauses. Unterdessen machte Justine die fleißige Wirtin, und ordnete und putzte in den Gastzimmern, daß es eine Freude war. James, der vergebens zur Stunde kam, und den die Mutter schnöde abgefertigt hatte, sah im Vorübergehen die Türe der Gaststube zufällig offen, blickte hinein und grüßte Justine, die auf einem Tische stand, und sich umsonst bemühte, die schwere Stange des Vorhangs auf die Haken über dem Fenster zu bringen. Ihr Gesichtchen war feuerrot vor Zorn, und mit weinerlicher Stimme rief sie dem Engländer zu: »So kommt doch herein, Monsieur! Seit zehn Minuten rufe ich mir die Kehle rauh, nach den einfältigen, dummen Mägden, die mich hier allein gelassen haben. Noch eine Minute, und ich hätte die schwere Fahne da, wie sie ist, auf das Getäfel geworfen, und wenn Spiegel und Marmortisch, und alles dabei zugrunde gegangen wäre. Helft mir!« »Mit Vergnügen!« beteuerte James, legte den Hut ab, und bereitete sich, auf den Tisch zu steigen. Justine stampfte ungeduldig mit den Füßchen. »Mein Gott, wie förmlich!« rief sie, »legt doch um Gottes Willen Euer englisches Phlegma ab. Ein anderer wäre mit einem Sprunge schon bei mir gewesen!« – »Ein wenig Geduld!« ermahnte James das Mädchen, nahm den armen Vorhang aus dessen Hand und in einem Augenblicke saß er, wo er sollte. – »Besonnen kommt man nicht minder schnell zum Ziele,« sprach James weiter, und reichte Justinen die Hände, sie vom Tische zu heben. Sie bedachte sich eine Weile, wollte ihr böses Gesicht beibehalten, das schelmische Lächeln drang aber durch das Gewitter, und wie ein Zephir flog sie an des Jünglings Armen zur Erde. »Ihr seid ein possierlicher Mensch!« sagte sie, ihm neckend in die Augen sehend, »so oft ich Euch die Wahrheit sage, spielt Ihr den Gekränkten, und gebt eine Sentenz zum besten. Gewöhnt Euch das ab, Monsieur. Ihr seid ja kein Kandidat, der blöde tun muß, ums liebe Brot. Was ein vorwitziges Mädchen sagt, muß den Vernünftigen nicht kümmern.« »Menschen, die mir gleichgültig sind, kümmern mich auch nicht,« antwortete James, der noch nicht alle Bitterkeit besiegen konnte. Justine blickte ihn rasch und gleich wie strafend an, verzog dann fröhlich lächelnd den Mund, und drehte sich, schnell wie der Wind, im Kreise um. »Seht aber doch, wie schön ich alles hier eingerichtet habe!« rief sie, sich dreimal gegen den Spiegel verbeugend und lustig in die Hände klatschend, »ich wette darauf, die Königin Ulrike hat keine schönere Wohnung.« »Die Freude, die Sie an Ihrem eigenen Werke haben,« entgegnete James scherzend, »brächte mich beinahe auf die Vermutung, diese Zimmer seien für Ihren Verlobten eingerichtet.« »Ach Gott, nein!« versetzte Justine, indem sie die Hände in spaßhafter Klage zusammenschlug, »Herr Birsher wohnt leider nicht an der Ecke, um so geschwinde seinen Besuch abstatten zu können. Vorderhand wird nur ein alter steifer Holländer, der Herr van den Hoecken hier sein Quartier nehmen. Der beste Freund meines Vaters, sie haben sich aber in ihrem Leben noch nicht gesehen. Der liebenswürdigste Mann; wir wissen aber noch nicht das geringste davon. Seht Euch das Zimmer noch einmal recht an, und lobt meinen Geschmack. In diesem Zustande seht Ihr es nicht mehr wieder!« »Wieso?« »Herr van den Hoecken wird schon alle meine Bemühungen zuschanden machen. Diese weißen Vorhänge wird der Rauch seiner Pfeife schwärzen, all diese Ordnung seine plumpe Hand zerstören. Ach, die Männer sind ja nur dazu vorhanden, der Weiber zierliche Schöpfung zu verunglimpfen.« »Wie kommen Sie jetzt zu der Sentenz?« »Das Medaillon an jenem Vorhang, den Ihr, Monsieur befestigt habt, bringt mich zu der Beschwerde. Es steht schief und baufällig. Schade dennoch um das arme Bild.« »Warum befehlen Sie nicht?« fragte James lebhaft, sprang abermals auf den Tisch, und richtete das vergoldete Prunkstück nach der Regel aus. Justine verneigte sich steif. »Monsieur!« sagte sie, »ich bin mit Euch zufrieden. Wie kömmt's, daß Ihr jetzt lebendiger werdet?« »Ich strebe nach Ihrer Zufriedenheit, Mademoiselle,« entgegnete James verbindlich. – »Das gefällt mir,« sprach Justine ernsthaft wie eine Königin, »Ihr mögt aber wissen, daß ich nicht genügsam in meinen Forderungen bin.« »Und doch würde ich eine jede erfüllen!« versicherte James nicht minder ernsthaft. »Jede?« fragte Justine noch ernster: »Besinnt Euch, Monsieur. Ich lasse nicht mit mir scherzen.« »Auch scherze ich nicht,« schloß James fest und bestimmt. »So wolltet Ihr also auch, wenn ich es verlange, den einfältigen Lauscher über die Treppe werfen, der schon seit einer Minute den Kopf in die Türe steckt, und nicht ahnt, daß ich im Spiegel seine Ohren sehe?« James sah sich verwundert um, und gewahrte Nothhafts Kopf, ein albernes ertapptes Fuchsgesicht, aus dessen Munde stammelnd die Worte kamen: »Mit Permiß, hochgeehrte Jungfer! Ich suche nur Ihren Herrn Vater!« »Mit Permiß,« antwortete Justine verächtlich, »Er ist ein erbärmlicher Pinsel, dem mein Herr Vater für seine Horcherei den Kopf zurecht setzen soll. Führ' Er sich ab, und such' Er anderswo.« Nothhaft verschwand mit leisen Verwünschungen. Justine lachte herzlich, teils über den Diener, teils über James, der, wie aus einem Himmel gefallen, vor ihr stand. »Sagen Sie, wunderliche Fee!« sprach er, »wie soll ich Sie nennen? Sie wechseln die Farbe wie ein Demant. Schon glaubte ich auserkoren zu sein, Ihnen einen wichtigen Dienst zu leisten, Ihren Beifall erwerben zu können, und plötzlich löst sich alles in einen Scherz auf.« »Gesteht es nur, Monsieur!« erwiderte hierauf Justine, »Ihr seid eitel. Ich bin es aber nicht weniger. Ihr könntet Franzose sein. Mein Ernst ist jedoch nicht immer Scherz.« Die Gutmütigkeit, die sich in Justinens Rede kundgab, machte dem Jüngling Mut, nach ihrer Deutung zu fragen, allein Müssingers Dazwischenkunft setzte seiner Neugier unübersteigliche Schranken. Der Senator trat heftig ein, und rief mit auffallender Sorglichkeit: »Ist alles fertig, Justine? Alles hergerichtet und geordnet?« Auf die Bejahung fuhr er fort, ohne auf James zu achten: »Brav, schön, meine Tochter. Zur besten Zeit, mein Kind. Er ist angekommen. Van den Hoecken ist da. Der Kellerbursche aus dem Römischen Kaiser hat mir's soeben gesteckt. Allein gekommen, ohne Bedienung. Man kann den Mann nicht im Gasthause lassen. Ich gehe selbst zu ihm. Sage mir, bin ich angezogen, wie sich's gebührt? Fällt die Perücke gut? Sitzen die Strümpfe und Kniebänder? Hängt der Degen recht, wie er soll? Wie findest du den Busenstreif?« »Schön und wohlanständig wie alles übrige, lieber Vater,« antwortete Justine, ein feines Lächeln kaum bemeisternd, »Sie sind jedoch in einer Unruhe befangen, die mir auffällt. Sie haben ja nicht vor den Kaiser zu treten, sondern vor einen Kaufmann, der nicht mehr, nicht weniger ist, als Sie selbst, und obendrein Ihr Handelsfreund!« »Ach ja!« versetzte der Senator mit ängstlichem Atemzuge, »ach ja! das ist er, aber die Schicklichkeit, die Mores ... und dann meine Pflicht ... und worauf es ankömmt! Liebe Justine, erhebe deine Seele zum Gebet! ... Deine Mutter ist Eis ... Du aber mein Kind halte den Daumen für mich! hörst du? bringe mir Glück! freilich darfst du nicht wissen ... aber ... wie gesagt ... Adieu!« Schon war er jenseits der Schwelle. Die Herzensangst, die unverkennbar aus ihm sprach, machte Justine sehr nachdenklich. Sie stützte sich auf den Tisch, und blickte sinnend auf die Straße, Nach einigen Augenblicken des Nachdenkens drehte sie sich kopfschüttelnd um, um zu gehen. »Wie? Ihr seid noch da, Monsieur White?« fragte sie, wie erstaunt den jungen Mann zu sehen, der sie mit verschränkten Armen und teilnehmend betrachtete. »Könnt Ihr mir nicht sagen, was der Auftritt soeben bedeutete?« setzte sie gezwungen lächelnd hinzu. »Die Mächte, die uns leiten, warnen oft den Glücklichen, daß er sich auf Unheil gefaßt mache,« entgegnete schonend und vorbereitend der Jüngling. – »So?« fragte Justine wieder mit durchdringendem Blicke, »Euch steht's jedoch schlecht an, den Unglückspropheten allein hier spielen zu wollen. Was berechtigt Euch dazu? gewiß nur meine Nachsicht, die Euch zu solcher mißbrauchten Vertraulichkeit den Mut gibt. – Außer der Lehrstunde bin ich nicht für Euch zu Hause.« James Gefühl wallte über. »Nach Befehl,« entgegnete er kaum hörbar, »hätte ich geahnt, daß Sie auf Ihre Frage nur ein stummes Achselzucken wünschen, und nicht ein freundlich offen Wort, so hätte ich mir die Beleidigung, Ihnen die Reue erspart.« Er entfernte sich schnell. Schon war Justine im Begriff, bereits von dem innern Vorwurf gequält, ihn zurückzurufen; schon hob sich ihr Fuß, ihm nachzueilen, aber Stimme und Bewegung bezwang sie im stolzen Selbstgefühle. »Ein unerträglicher Mensch!« eiferte sie vor sich hin. »Was er sich erlaubt! Ist das nicht der Ton, den ein Vater gegen seine Tochter annimmt? Gelte ich ihm denn nicht für voll ? Bin ich denn ein Kind, das sich alles gefallen lassen muß?« Ein schneller Blick in den Spiegel belehrte sie zur Genüge, daß sie kein Kind mehr war, sondern eine Jungfrau in der schönsten Blüte des Alters. Wohlgefällig ordnete sie die Spitzen, die ihren Busen zart und schwach verhüllten, die Schärpe um das enge pralle Mieder, die Falte ihres seidenen Gewandes, und ging einigemal vor dem Spiegel auf und ab. »Wahrlich!« sprach sie alsdann mit verklärtem Angesichte, »Herr Birsher wird nicht die häßlichste Braut aus Europa entführen. Wenn er nur auch recht hübsch ist, und wohlgewachsen, und prächtig und sauber im Aeußern! Wie werden sich die Jungfern ärgern und die Frauen, wenn ich in aller Herrlichkeit mit ihm abziehe! Wie werde ich dagegen jubeln, wenn ich aus diesem Hause scheide, wo mich die Mutter nicht liebt, nicht haßt, und nur für ihre Kammerjungfer ansieht, wo der Vater von Tag zu Tag wunderlicher wird. Wahrhaftig, noch einmal ein Auftritt wie der vorige, und mir würde bange um seinen Verstand!« Soeben ließen sich Stimmen in der Hausflur vernehmen, und gewichtige Schritte kamen über die Treppe herauf. Erschreckt flog Justine aus dem Zimmer, und bewillkommte sehr verlegen einen sehr dicken schweren Mann, der an der Hand des Senators, in Reisekleider gehüllt, emporkeuchte. Ein Lastträger folgte mit einem gewichtigen Koffer auf der Schulter. Das ganze Kontorpersonal lauschte unten mit vorgestreckten Hälsen. »Der sehr achtbare Herr und Freund van den Hoecken aus Amsterdam,« sprach der Vater geschäftig zu Justine, und zupfte sie, einen sehr tiefen Knicks zu machen. Der Holländer versuchte seinerseits eine Verbeugung, sah Justine starr aber freundlich an, blinzelte mit den kleinen Augen. »Ein hübsches Kind, die Jungfer Tochter,« sagte er noch halb atemlos, »ein recht hübsches Kind, eine lockende Eva! es ist scharmant, Ew. Edeln, daß ich dem Römischen Kaiser Valet gesagt habe, um hier in die Arme einer griechischen Helena zu sinken.« »Ei, der Himmel bewahr mich in Gnaden!« platzte Justine heraus, und floh vor den ausgestreckten Armen des Fremdlings nach der Mutter Zimmer. Van den Hoecken lachte ungemessen, und wehrte dem Senator ab, der Justinen nacheilen wollte. »Lassen Ew. Edeln das wilde Jüngferlein immerhin springen und laufen,« sagte er fortlachend, »der Wein muß brausen, das Bier schäumen. Am Ende gibt es noch den solidesten Trank. Ich bin der Jungfer schon recht zugetan, und denke, sie soll mir es auch werden. Alte Hagestolze wie ich, haben das Geheimnis endlich weg, wie man das Frauenzimmer kirre macht. Fürs erste jedoch,« setzte er hinzu, »weisen Sie mir mein Zimmer an, und entschuldigen Sie mich bei Ihrer lieben Frau. Zum Tee komme ich herüber. Meine müden Beine müssen bis dahin ausrasten.« Der Senator stieß dienstfertig die Türe auf, und van den Hoecken betrachtete mit Wohlgefallen sein Quartier, »Ew. Edeln haben mich wie einen Kongreßambassadeur logiert,« schmunzelte er, »item, unsere persönliche Bekanntschaft hebt vollkommen gut an; wünsche nur, daß auch in caeteris alles gut ablaufe, mein bester Herr.« Der Senator wollte den Augenblick benutzen. Er stellte sich daher vor den im Lehnstuhle ruhenden Gast, und begann zu erzählen von dem Buchhalter, der nicht zugegen, von dessen oberflächlichem Briefe, von der Freude, die er empfinde, den Handelsfreund zu bewirten, von den bösen Zeiten und den Wagnissen eines Spekulanten, und besonders von der Notwendigkeit, sich als Christen gegenseitig zu unterstützen, und zu schonen. Als er jedoch bis zu diesem Punkte gekommen war, faltete der Gast seine Stirne mächtig, bewegte mißbilligend den Kopf, und entgegnete ziemlich unfreundlich: »Geschätzter Herr Senator! Dergleichen Betrachtungen schicken sich wenig in der ersten Bewillkommnungsstunde. Was jedoch die Spekulanten betrifft, und die christliche Moral, so sollen erstere nicht weiter fliegen wollen, als die Federn reichen, und letztere nicht begehren, daß einer, um dem andern durch die Finger zu sehen, sich selber ruiniere. Sie werden mich begreifen, obgleich ich nicht das beste Deutsch rede. Im Holländischen könnte ich mich freilich besser ausdrücken. Uebrigens lassen wir dergleichen Erörterungen auf morgen. Meine Maxime ist: zuerst ruhen, dann arbeiten. Morgen nach dem Frühstück von Geschäften. Meine Wechsel sind in aller Ordnung. Halten Sie nur das Ihrige in Bereitschaft.« Der Senator war wie von kaltem Wasser übergossen. »Ew. Edeln vergessen,« stotterte er, »daß meines Buchhalters Abwesenheit ...« »Doch keinen Aufschub macht?« unterbrach ihn van den Hoecken, herzlich lachend. »Warum nicht gar! Ein exakter Kaufmann, wie Sie, weiß die Zahltermine auch ohne den Buchführer. Respekttage habe ich in Hülle und Fülle gelassen, und aufhalten kann ich mich nicht länger als zwei Tage. Also haben Ew. Edeln die Güte, sich nicht länger zu sträuben. Ich weiß es, große Summen gehen schwer vom Herzen; mir selbst nicht minder; allein was sein muß ... nun, Sie sind ja ein Ehrenmann, und somit heute kein Wort mehr hievon.« Müssinger empfahl sich mit verstecktem Mißvergnügen, und ging bis zur Dämmerung heftig auf dem Altan des Hauses hin und her, um sich die gehörige Fassung zu verschaffen, deren er, seinem Gaste gegenüber, bedurfte. Plötzlich blieb er stehen, und sagte vor sich hin: »Bin ich denn nicht ein blödsinniger Mensch, daß ich noch hoffe, und kann diese Hoffnung mit nichts in der Welt rechtfertigen? Was soll mir eine leere gespenstische Erwartung? Warum habe ich nicht auf der Stelle dem hartnäckigen Manne gesagt, was er morgen dennoch erfahren muß? daß es weit ärger mit mir steht, als selbst mein Buchhalter ihm gesagt, dessen vergebliche Bemühungen er nur für die Flausen eines Mannes, der nicht zahlen will, zu halten scheint. Ich muß mich demütigen vor ihm, wie nicht vor einem Kaiser, und nur von seiner Barmherzigkeit Rettung erwarten! Ein saurer Schritt – der sauerste meines Lebens! ist er aber vergebens, auch mein letzter, so wahr mir Gott gnädig ist, vor des Holländers Augen zerschmettre ich mir den Kopf!« Von diesem Gedanken erfüllt, stieg er hinab in sein Kabinett, lud mit der Entschlossenheit der abgestumpften Verzweiflung seine großen Reisepistolen, und legte sie, unfern von seinem Drehstuhle in ein verstecktes Fach des Schreibtisches. Hierauf schloß er sorgfältig zu, gab den Kontorbedienten für den ganzen folgenden Tag – einen Sonntag – freien Urlaub, und verfügte sich in die Wohnstube, wo er seine Frau, ihre Freundinnen, Justine und van den Hoecken schon beisammen fand. Der Tee wurde nach holländischer Sitte herumgereicht. Der Gast setzte sein größtes Vergnügen darein, sich von der Tochter bedienen zu lassen, und durch mehrere Scherze, wie sie alte Herren seines Schlags sich oft zu erlauben pflegen, die Röte der Jungfräulichkeit auf ihre Wangen zu jagen. »Das wäre ein Mädchen,« sagte er unter andern, »das wieder Leben in mein verödetes Hauswesen bringen könnte, wenn ich einen Sohn hätte, oder wenn die Jungfer mich selbst zum Manne nehmen wollte. Unsre steifen Amsterdamer Puppen müßten sich verstecken vor der muntern Frau van den Hoecken. Wahrhaftig, Ew. Edeln, seh ich die Jungfer an, so wird mir's wohl begreiflich, wie sie Ihre Tochter sein kann; aber die bequeme Madam dort im Kanapee würde nicht jeder für ihre Mutter halten.« »Hm!« dehnte die Senatorin etwas empfindlich: »Ew. Edeln und meine Wenigkeit stellten dafür ein passenderes Paar vor.« »Wahrhaftig!« lachte van den Hoecken ausgelassen: »Sie haben recht, meine Wertgeschätzte, und ich würde auch des Schicksals Wink nicht unbeachtet lassen, hätte es dem Himmel gefallen, Sie in ledigem Stande vor meine Augen und Gemüt zu führen. Wie die Sachen aber jetzo stehen, werde ich mich schon an die Jungfer Tochter halten müssen.« »Bitte sehr!« lächelte Justine schnippisch, und zog ihre Hand aus der Rechten des Holländers. Die gereizte Mama setzte indessen phlegmatisch bei: »Inkommodiere sich der Herr nicht. Meine Tochter ist versprochen; sie wird eine Birsher in Neuyork.« »Oho!« entgegnete van den Hoecken: »Mit dem Birsher nehm ich's auch noch auf. Bin ich nicht so jung wie der Sohn, bin ich doch reicher als der Vater, und der Weg nach Amsterdam ist um ein gutes Stück näher, als der nach Amerika.« »Danke gar sehr, lieber Herr!« spöttelte Justine. Die Mutter nickte ihr den völligsten Beifall zu. Der Vater ließ sich vertraulich neben dem Holländer nieder, und sagte, als die Frauen sich wieder alle um die Teekanne und Butterschnitten drängten, so süß als möglich: »Ew. Edeln haben eine unvergleichliche Gabe, zu scherzen. Ein andrer hätte glauben können, Sie hätten in der Tat ein Auge auf unser Kind.« »Das habe ich auch,« bekräftigte van den Hoecken, »ich bin der schnippischen Jungfer seelengut, und möchte sie für mein Leben gern in meinem Bauerchen haben.« »Ha!« versetzte der Senator, vor dessen Seele allerlei Hoffnungen und Pläne wieder aufdämmerten, »wir waren ja bisher, ohne uns zu kennen, so gute Freunde, achtbarer Herr ...« Er stockte: ein Auge sah verlegen auf den zitternden Busenstreif, das andere auf den Holländer, der, seine Pfeife kaltblütig anbrennend, langsam zu ihm sagte: »Nun? und weiter? Drücken Ew. Edlen ab! Nun?« »Ich meinte nur,« fuhr der Senator, seine Schmiegsamkeit mit ungeduldiger Ruhe behauptend, fort, »daß ich Ihnen nicht leicht ein Ansuchen fehl gehen lassen möchte, wenn dessen Erfüllung in meiner Macht stände.« »Versteh ich Sie?« fragte van den Hoecken heimlicher. »Vielleicht auch nicht das Ansuchen um die Jungfer Tochter?« »Ihr Scharfsinn, werter Herr ...« begann der Senator. »Bitte, keine Komplimente!« fiel der Holländer ein. »Der Birsher steht aber im Wege. Wie könnte man den wegschaffen?« »I nun,« flüsterte Müssinger, »man müßte sehen, wie sich etwa die Gelegenheit darböte ...« »Ein ehrliches Mannswort zu brechen?« sagte van den Hoecken ernst und mit Vorwurf, »ein kaufmännisches Versprechen ist heilig wie ein Eid. Es muß gehalten werden, wenn auch eine Gelegenheit sich darböte ... lieber Mann, und ein noch zehnmal reicherer Freier als van den Hoecken von Amsterdam, der Ihnen nur um der lieblichen Tochter willen den niedrigen Charakterzug vergibt –« »Mein werter Herr,« wollte der Senator auffahren. Der Gast hielt ihn jedoch im Zaume, indem er ihm zuflüsterte: »Machen Sie doch ihren Schritt nicht vor Ihrer Familie und den Fremden offenbar. Schämen Sie sich im stillen vor mir allein, und wundern Sie sich nicht, wenn ein ehrlicher Mann zögert, Ihnen Kredit zu geben, da Ihre feierlichen Zusagen Ihnen feil geworden sind.« Den Rücken des Senators überlief es wie mit tausend Nadelspitzen. Kurz und trotzig, um den Herrn von Amsterdam seine Beschämung nicht sehen zu lassen, wendete er sich von ihm, und vergaß die Pflichten des Hausherrn. Van den Hoecken übersah ihm den Ingrimm, und mischte sich in ein Gesellschaftsspiel, das die Frauen beliebt hatten. Hier entfaltete er bald eine Fröhlichkeit, die man ihm nicht angesehen hatte, eine Freigebigkeit, die den Spielerinnen nicht mißfiel, und eine Gutmütigkeit, die ihm Justinens Herz geneigter machte. Er zog es auffallend vor, sich mit dem muntern Mädchen zu unterhalten, gab sich viele Mühe, es an sich zu fesseln. Der Senator sah mit schwankenden Hoffnungen und vieler Reue dieser feinen Bewerbung zu, bis die zehnte Stunde schlug, und die Schicklichkeit gebot, den Gast nach seinem Zimmer zu geleiten, und die Frauen allein zu lassen. Verbindlich und gefällig wünschte van den Hoecken allerseits gute Nacht, und begehrte scherzend von Justinen den Verlobungskuß. Die Jungfer verweigerte sich lachend. Van den Hoecken hatte sich's vorgenommen, die süße Frucht nicht unberührt zu lassen. – »Will Sie mich nicht qua Bräutigam küssen, spröde Jungfer,« sagte er lachend ... »so erlaube Sie mir doch wenigstens, Sie qua Papa zu küssen. Ich könnte es ja doch sein, denke ich; he?« »Gute Nacht, Herr Vater!« antwortete dem Scherze nachgebend und munter das lustige Mädchen, und bot ihm Stirne und Wange zum Kuß. Van den Hoecken zauderte nicht, von der Erlaubnis Gebrauch zu machen, und verließ, glänzend und strahlend von Vergnügen das Zimmer. Der Herr vom Hause, von widrigen Gefühlen bewegt, ging, den vergoldeten Armleuchter in der Hand, zum Gastzimmer hinaus. Beide Männer schwiegen ernsthaft. Der Senator öffnete mit eignen Händen die grünen Damastvorhänge des Alkovens, schloß die Fenster, zeigte stumm auf alle Bequemlichkeiten der Wohnung, und wollte sich mit einem trocknen: »Schlafen Ew. Edeln wohl!« abführen. Van den Hoecken redete ihn darauf an. »Wollen wir denn im Groll scheiden, werter Herr und Gastfreund?« sagte er. »Lassen Sie uns Friede machen. Ich habe Ihnen meine Meinung gesagt, und Sie haben bereut; somit gut. Wollen Sie bedenken, daß Feindseligkeit nichts taugt. Sie haben mich selber in Ihr Haus geladen, und vertrauensvoll hab ich's angenommen. Sein Sie auch freundlich in dem gastfreundlichen Hause. Bei Gott, ich bin es auch wieder.« Der Senator konnte zwar die dargebotene Rechte des Kaufmanns nicht ausschlagen, aber gefangen geben mochte sich sein Stolz auch nicht. Steif verbeugte er sich daher und erwiderte: »Ew. Edeln wollen scherzen. Ich habe alles vergessen, und bitte um dieselbe Vergünstigung. Wann befehlen Sie morgen geweckt zu werden?« »Ich inkommodiere nicht,« versetzte van den Hoecken, ziemlich unbefriedigt von des Senators Rede, »mein übergesegneter Körperumfang weckt mich frühzeitig, duldet mich nicht im Bette. Um acht Uhr wünsche ich mit dem Frühstück bedacht zu werden, damit wir um Neun an unser Geschäft gehen können.« »Sehr wohl,« entgegnete Müssinger eiskalt, »alles soll geschehen, wie Sie es anordnen. Gute Nacht!« Van den Hoecken legte sich zu Bette; aber der Senator fand in seiner Stube keine Ruhe. Einmal sogar verließ er dieselbe, das Licht in der Hand, und schlich in leisen Pantoffeln bis zu der Schlafkammer seiner Tochter. Schon hatte er den Finger gekrümmt, um anzuklopfen, aber scheu trat er wieder zurück, suchte er wieder seine Stube. Warum das Mädchen in das Geheimnis ziehen? sagte er mißbilligend zu sich selbst. Wird nicht ihr Eigensinn oder ihre Angst mich verderben? Es ist nicht gut, wenn der Vater die Rettung seiner Habe in schwache Kinderhände legt. Im Alter folgt der Vorwurf hinterdrein, oder auf der Stelle mißlingt der Plan. In welchem Lichte stünde ich vor dem holländischen Herrn! Könnte er's dann nicht mit Händen greifen, daß ich ihn nur ins Haus gelockt, um ihn zu kirren; daß ich auf gewisse Art der Kuppler meiner Tochter ... ? Pfui, Müssinger. Diese Blöße wäre unverzeihlicher, als die, welche deine Schwäche und deine fürchterliche Bedrängnis gaben. Fasse Mut, unglücklicher Mann! Trinke den bittern Kelch aus, wie du es dir vorgenommen. Ist der Holländer, seiner Pünktlichkeit und Hartnäckigkeit zum Trotz, ein Mann von Gefühl, wie ich beinahe nach seinen Reden vor dem Schlafengehen glauben möchte, so wird ihn die treue Schilderung meiner Lage rühren; wo nicht ... in Gottes Namen! Mit einem schweren Seufzer löschte der Senator sein Licht, und gab sich einem wilden Traumgewirre hin, das den von Schlaflosigkeit und Grübeln Erschöpften endlich gegen Morgen umfing. Van den Hoecken hatte schon einigemal nach ihm gefragt, als er erwachte. Wie ein, seiner Sinne nicht klar bewußter Mann, ließ er sich von dem eintretenden Bedienten die Haare ordnen, zog sich nicht allzu sorgfältig an, und begab sich unter dem ersten Geläute der Kirchenglocken zu den Seinigen. Die Senatorin stand schon, geschmückt und mit Putz wie eine Markgräfin überladen, in der Mitte des Zimmers. Justine trat mit Blumensträußen und Gesangbüchern versehen, ebenfalls im Staate von Cros des Tours , herein. Die Senatorin nannte mit ihrer gewohnten Schläfrigkeit in Ton und Wesen, ihren Mann einen trägen Langschläfer, der sein Frühstück allein, oder mit seinem galanten Freunde aus Holland verzehren könne. Justinens Scharfblick erriet jedoch weit gelehriger, daß in dem Vater immer noch das ungewöhnliche Treiben wühle, das sie schon in den verflossenen Tagen bemerkt hatte. Von der Freundlichkeit ihres Grußes wohltuend angeregt, wurde der Senator milder, und sagte fast liebevoll zu seiner Ehefrau: »Liebe Jakobine! Ich muß dich heute freilich alleine in die Kirche gehen lassen, weil mich ein Geschäft zu Hause hält. Aber gerade deshalb bete du für mich, und denke meiner einmal im guten gegen den Schöpfer.« – »Faselt er nicht schon wieder?« fragte die Senatorin, spöttisch zu Justine gewendet: »Bete ein jeder für sich, und erhalte der Herr jedem den Verstand. Wenn ich den Doktor in der Kirche sehen sollte, will ich nicht versäumen, ihn zu dir zu schicken. Ein Aderlaß ist dir wahrlich nötig, denn richtig scheint mir's seit einiger Zeit nicht mehr in deinem Kopfe zu sein.« Der Senator hob, statt der Antwort, beide Arme heftig gen Himmel, und wendete sich von dem Weibe. »Ich will mich nicht erzürnen,« sagte er mit gewaltsam unterdrücktem Unmut, »es möchte vielleicht gut sein, daß wir gerade jetzt nicht im Hader scheiden. Darum gehe recht geschwinde, Jakobine, und lebwohl!« »Der Mann wird sich noch durch seine Galle umbringen!« versetzte die Senatorin gleichgültig, füllte sich den Mund mit getrockneten Feigen, und rauschte in ihrem weiten Stoffkleide vornehm zur Türe hinaus. Justine blieb hinter ihr zurück, kam auf den Vater zu, und sagte mitleidig: »Sprechen Sie, lieber Vater, ob ich bei Ihnen bleiben soll? Sie scheinen mir in der Tat krank zu sein.« – »Geh mein Kind,« entgegnete Müssinger, »du erzürnst deine Mutter.« – »Ich fürchte ihren Zorn nicht,« versicherte Justine gleichmütig; allein da der Senator darauf bestand, zu bleiben, um seinen Geschäften zu genügen, folgte sie, wiewohl besorgt, der Mutter in die Kirche. Die Glocken schlugen ringsum die neunte Stunde, und Müssinger klopfte an van den Hoeckens Türe. Der Gast, erhitzt von der Pein einer fast schlaflosen Nacht, empfing ihn nicht in der besten Laune, und schien geneigt zu sein, das unangenehme Geschäft zu verschieben. Der Senator jedoch, dem es wie ein Fels auf der Brust lag, der um jeden Preis der Qual fernerer Ungewißheit enthoben sein wollte, drang, wiewohl bescheiden, dennoch so bestimmt auf der Arbeit Beginnen, daß van den Hoecken endlich mit den Worten: »Sieh, wie sich das machte! Gestern so säumig, heute ohne Rast und Weile!« den Rock überwarf, seine Brieftasche aus dem wohlverschlossnen Koffer nahm, und dem Hausherrn nach der Schreibstube folgte. »Der Tag ist recht günstig,« sagte er, da sie durch das leere Kontor nach dem Kabinett schritten, »die Diener sind vermutlich alle im Gottesdienste. Da läßt sich das Geschäft rund abmachen; und bei Zahlungen liebe ich sonderlich keine Zeugen.« »Ich auch nicht,« entgegnete der Senator zähneklappernd, zog den Laden des Hoffenster auf, und bot dem Fremden einen Stuhl. Van den Hoecken machte sich mit dem Schlosse des Portefeuille zu schaffen; Müssinger blätterte mit zitternder Hand in dem Hauptbuche. Nachdem endlich der Holländer eine ziemliche Partie von Wechseln geordnet, und die Brieftasche wieder zugemacht hatte, sah er mit fragenden Blicken auf den unruhigen Schuldner. Der Letztere bemerkte es, und sagte mit kaum hörbarer Stimme: »Es wird alles bald abgetan sein, werter Herr. Hier – sehen Sie im Buche, was ich Ihnen soll; und in meiner Kassa, was ich habe!« Er stieß mit dem Fuße den Deckel der Geldkiste auf; sie war beinahe leer. Van den Hoeckens Gesicht verfinsterte sich ungemein. »Was soll das, Herr?« sagte er scharf. – »Ich bin jetzt schon ein vornehm tuender Bettler,« versetzte Müssinger, »gewährt mir Ihr Mitleid nicht Jahresfrist, so stehe ich auch am Pranger.« – »Sie haben es durch Ihre unmäßige Spekulationswut verschuldet,« fuhr van den Hoecken mit strengem Verweise fort, »Ihre Firma schien nur solid, und war eine Seifenblase, um andere sichere Kreditoren zu täuschen.« »Herr!« sprach der Senator mit mühsamer Fassung und Unterwürfigkeit, »sein Sie nicht ungerecht; Ihre Menschlichkeit ... mein Unglück ...!« »Pah!« eiferte der Gläubiger, »jeder Verschwender schützt Unglück vor, und appelliert an weiche Herzen. Ein Kaufmann muß ein steinhartes Herz besitzen, soll er nicht selbst zugrunde gehen. Und wer steht mir denn am Ende dafür, daß diese ganze Wehklage nicht eine bloße Komödie sei, und in einen fraudulösen Bankrott ausgehen werde, weil sich gerade die Gelegenheit darbietet ...« »Herr! nehmen Sie den Schimpf zurück!« fuhr ihm der Senator wütend in die Rede. »Was da!« brummte van den Hoecken wild entgegen, »dero gestrige Proposition darf wohl auf den Gedanken führen; und kurz und gut: die leere Geldkiste befriedigt mich nicht. Hier in meiner Hand sind Ihre Wechsel. Sehen Sie dieselben an, und lernen Sie mich kennen! Ich bin nicht umsonst den weiten Weg hieher gereist; ich will nicht vergebens ...« »Wohlan,« unterbrach ihn der verzweifelnde Schuldner, »da doch nichts Ihr Menschengefühl erregen kann: Wohlan! Sie sollen Ihren Willen haben. Diese Wechsel kenne ich, und Sie sollen nicht umsonst sich bemüht haben. Sehen sollen Sie, wie ich meine Rechnung schließe!« Mit der einen Hand stieß er die Wechselpapiere von sich, die ihm van den Hoecken vorhielt, mit der andern zog er eine von den Pistolen aus dem Fache des Schreibtisches. Bei dieser unverhofften drohenden Bewegung entsetzte sich van den Hoecken zum Tode. »Herr! Sie wollen doch nicht ...« lallte er, vom Stuhle auffahrend. Nothhaft, der Kontorist, hatte die Kirche umgangen, seine Zeit in einer versteckten Spielstube zugebracht, und kehrte, nach manchem Verluste, nach Hause zurück, um seine letzten Taler zu sich zu stecken, und aufs neue sein Glück zu versuchen. Zweimal hatte er schon an der verschlossenen Haustüre geklingelt, niemand ihm aufgetan. Die haushütende Magd hielt am Dachfenster des Hintergebäudes eine gewichtige Unterredung mit der Dienerin im Nachbarhause. Der Knecht war auswärts zu seinem Schätzchen geschlichen. Demnach brannte dem lockern Kaufdiener die Ungeduld auf den Nägeln, und, als nehme er sich vor, Sturm zu läuten, zog er kräftig und unausgesetzt an der volltönenden Schelle. Sein Bemühen ermangelte nicht des gewünschten Erfolgs. Schritte kamen, das Schloß ging langsam und zögernd auf. »Taubes, ungeschicktes Murmeltier!« grollte der Eintretende, erschrak aber über die Maßen, als er nicht die Hausmagd, die er gemeint, sondern den Prinzipal selbst vor sich sah, der das Amt eines Pförtners verrichtet hatte. Seine Unbesonnenheit verwünschend, und den Jähzorn des Senators aus Erfahrung fürchtend, bückte er sich verlegen, und stotterte eine Entschuldigung her, die nicht schlechter hätte ausfallen können. Wunderbarerweise genügte sie gerade heute dem wenig duldsamen Prinzipal. »Schon gut, mein lieber Nothhaft,« versetzte er mit leiser Stimme, »Er meint es nicht böse. Darum,« hier schloß er die Türe wieder sorgfältig, »darum ist mir's auch lieb, daß Er gerade heimkömmt. Ist etwa die Kirche schon zu Ende?« fragte er hastig nach. Nothhaft war innerlich erschrocken ob der Totenblässe, die auf des Senators Antlitz lag, und nicht minder ob der raschen Unsicherheit in seiner leisen Rede; er erwiderte daher kleinlaut: »Nein, hochgeehrter Herr, ich konnte aber vor Uebelsein nicht in der Kirche ausdauern. Deshalb ... soeben schlug es zehn Uhr.« – »Zehn Uhr erst?« fragte der Senator wieder mit schleppendem Tone; »wie die Zeit schleicht! ich dachte, es müsse Mittag vorüber sein. Komm Er mit ins Kontor.« »Soll ich nicht die Fensterladen öffnen?« sagte Nothhaft, als sie in der finstern Stube standen. – »Nicht doch,« erwiderte Müssinger hastig, »drinnen ist es schon heller. Nicht wahr, Nothhaft, Er hat nicht Furcht, noch Grauen?« »Ich habe beides nie gekannt,« beteuerte Nothhaft, sehr aufmerksam werdend. »Desto besser!« setzte der Senator bei, »so wird Er doch Rat wissen. Mich hat es stark angegriffen.« – »Was denn, Herr Senator?« – »Rede Er nicht laut. Es hat sich vor einer halben Stunde, es kann vielleicht auch eine Stunde sein, ein Unglück im Hause begeben.« »Ein Unglück? Hier im Hause?« »Ja doch; nur leise gesprochen. Dort im Kabinett ...« Der Senator drückte, das Gesicht wegwendend, die Türe auf. »Im Kabinett?« fragte Nothhaft, dem es kalt über den Körper fuhr, ohne sich zu regen. »Was ist dort?« »Der Holländer...« stammelte Müssinger; »es war plötzlich aus mit ihm.« »Mit dem Holländer?« »Er ist in meinen Armen... gestorben, glaube ich. Geh Er hinein, und sehe Er nach, ob Er's auch so findet, oder ob vielleicht...« Nothhaft war schon im Kabinette. Van den Hoecken lag leblos an der Erde, mit entstelltem Gesichte, und in Unordnung gebrachter Kleidung. Kein Atem war an ihm zu erhorchen, kein Pulsschlag zu finden. Der Diener fühlte des Körpers Eiseskälte, und hielt sich nicht lange bei demselben auf. Einen Falkenblick warf er durch das Gemach, und kam eilends wieder zu dem Herrn zurück. Dieser saß, die Hände zwischen den Knieen gefaltet, und das Haupt gesenkt, im Winkel der dunkeln Schreibstube. »Nun?« war sein einziges Fragewort. Nothhaft zuckte die Achseln. »Hin ist hin,« sagte er, »er hört den Kuckuck nicht mehr schreien. Wie kam denn alles so plötzlich, Herr Senator?« Müssinger zog einen tiefen Seufzer aus der Brust. »Wir rechneten zusammen,« flüsterte er scheu, »wir hatten eben alles geschlossen, da überkam es ihn plötzlich, er sank – auf meinen Knieen wurde es mit ihm alle.« »So?« entgegnete Nothhaft mit seltsam gezogenem Tone. »Ein Glück nur, daß es nach dem Rechnungsabschluß traf.« – »Was meint Er?« fuhr der Senator schnell, wie aus einem Traume, in die Höhe, »was ist jetzt bei der Sache zu tun?« – »Der Herr Prinzipal scherzen wohl mit mir,« versetzte der Diener, »die Gerichte müssen gerufen, des Verblichenen Effekten versiegelt werden, das ist ja klar.« – »Die Gerichte?« fragte Müssinger, wie von Schauder überlaufen, und sehr zerstreut, »ach ja... wahr ist's; das ist zu tun... und Siegel, meint Er, müssen auch...?« »Herr Senator,« entgegnete Nothhaft spitzig, »Sie sind ja selbst beim Rate; müssen das besser verstehen, als ich einfältiger Schreiber.« – »Er hat recht, mein Sohn, sehr recht,« sprach der Kaufherr alsdann, wie sich besinnend, »und wann wäre es wohl nötig ... glaubt Er ...?« – »So schnell als möglich,« fiel Nothhaft ein, »Verzögerung könnte zu Unannehmlichkeiten Anlaß geben.« – »Leider! leider!« stimmte der Senator ein, »darum laufe Er, guter Nothhaft, und sei Er diskret gegen jedermann, damit es sich so glatt und stille abmachen lasse, als nur möglich.« »Sehr wohl, Herr Senator,« antwortete Nothhaft, bereitwillig nach dem Hute greifend, »wollten Sie indessen einen Rat nicht verschmähen? Schaffen Sie die Pistole weg, die drinnen auf dem Boden liegt.« Der Senator fuhr zusammen. »Eine Pistole?« stotterte er, »es muß ein Zufall dieselbe ... laßt doch sehen!« Sich an den Diener haltend ging er nach dem Kabinette, wendete aber alsobald der Stelle, wo der Holländer lag, den Rücken, und stierte auf die Waffe nieder, die Nothhaft dienstwillig und eifrig aufhob. – »Wir wollen sie zu der andern legen,« sagte derselbe leise und hastig; sie könnte übeln Effekt machen und wenn Sie's erlauben, bringe ich auch die Halsbinde des armen Schelmen hier wieder in Ordnung. Es läßt gerade, als ob sich drei Finger hinein verwickelt hätten, um sie zusammenzuschnüren.« Ohne Regung kehrte der Senator dem Diener, der ohne Scheu an van den Hoecken die besagte Aenderung vornahm, den Rücken fortwährend zu. »Ich wollte ihm die Binde öffnen,« sagte er halblaut, »aber es ist möglich, daß ich in der Alteration sie fester zuzog ...« »Ja, ja,« stimmte Nothhaft, sein Geschäft vollendend ein, »es geschieht wohl öfter«, daß die Hand ungeschickter ist, als der Kopf. So. Das wäre gut, und ich will laufen, was ich kann. Haben Sie noch etwas hier mitzunehmen, Herr Prinzipal, so nehmen Sie es jetzt. Es wird schicklich sein, daß die Herren von Gericht das Kabinett verschlossen finden.« Der Senator wurde wieder regsam, und begann, ohne eine Silbe zu sprechen, aber mit einer beunruhigenden Hast, aus seinem Schreibtische Papiere und Bücher untereinander zu werfen, ohne in der beklagenswerten Zerstreuung, die ihn fesselte, dasjenige zu finden, was er zu suchen schien. Nothhaft trat hinter ihn, und sein Auge fiel auf ein Paket von Wechselbriefen, nach welchen des Senators linke Hand immer tappte, während seine Rechte sie immer wieder verschob. Der Diener ergriff sie. »Sie suchen wohl diese Papiere mit Ihrer Unterschrift?« fragte er dringend, »da! da! Herr – sechs – sieben – neun Tratten auf Sie selbst, von van den Hoecken in Kurs gesetzt und endossiert.« – »Endossiert?« fragte der Senator, heftig nach den Briefen haschend. »Endossiert auf die Order des Georg Birsher zu Neuyork!« fuhr Nothhaft fort, indem er sie überlieferte, »und – wahrhaftig quittiert von demselben.« »Birsher?« fragte der Senator, betäubt auf die Blätter schauend. Nothhaft lächelte betäubend: »Stecken Sie ein, Herr Prinzipal. Daß Sie bezahlt haben, beweisen ja schon die Wechsel in Ihrer Hand ... das » Ouitte « hätte wegbleiben können. Die Tinte ist gar zu frisch. Lägen vielleicht noch andere Dokumente in der Brieftasche, die ich bei dem Holländer wahrnahm?« »Was geht mich van den Hoeckens Portefeuille an?« fuhr Müssinger stutzig werdend auf. Nothhaft machte einen entschuldigenden Katzenbuckel, und trieb zum Fortgehen an. Wie ein Kind folgte der Senator seinen Worten, schloß das Kabinett, ohne sich einmal umzusehen, und ging, an Nothhafts Arme, zu seiner Stube, wo er sich an allen Gliedern zitternd, zu Bett legte. Wie ein guter Geist erschien ihm die aus der Kirche zurückkehrende Justine, die, von des Vaters Unpäßlichkeit hörend, mitleidig zu ihm eilte. Der Vater konnte und wollte nicht reden, sondern versuchte nur in einzelnen Lauten sein Kind zu beruhigen. Justine erschöpfte sich in Mutmaßungen über des Ratsherrn Zustand, bis die Schelle des Hauses wieder sehr stark geläutet, und vieles Geräusch hörbar wurde. Die Türe des Zimmers sprang auf, und Frau Müssinger, weiß wie die Wand, und schwerfällig, wie noch nie, schwankte ins Zimmer. – »Was ist das?« kreischte sie, ohne des Kranken zu achten, »das Haus wimmelt von Gerichtspersonen und Schergen! Ach, das Unglück! Der Holländer soll sich erhängt haben, höre ich! Ach, welch eine Schande! Gib die Schlüssel her, du gottvergessener Mann, der mir durch seine sauberen Freunde so viel Schrecken verursacht!« »Justine wird öffnen,« versetzte der Senator unter Fieberschauern, indem er dem Mädchen die Schlüssel reichte. »Stecke diese Wechsel zu dir,« flüsterte er demselben zu, »bewahre sie sorgfältig!« Justine schob, nicht minder blaß vor Schrecken, die Papiere ein, und entfernte sich eilends. Die Mutter dagegen blieb zurück, um den Mann ferner zu quälen. »Welch ein abscheulicher Spektakel!« ächzte sie, in den Lehnstuhl am Bette sinkend; »in diesem Hause halte ich's nicht mehr aus. Der Holländer wird umgehen, in seinem weißen Mantel, ein schreckhaftes Gespenst! O Herr, gehe nicht mit uns ins Gericht! Was ich erleben muß! Pfui, abscheulich! Die Steuerkommissärin hatte recht, obgleich schon sie mich in der Kirche zum Entsetzen gebracht hat. Sie hat gestern gesehen, was wir alle nicht sahen. Wir saßen abends zu dreizehn am Tische, und einer von den dreizehn muß binnen Jahresfrist sterben! Wie mich das schon alterierte! Man sieht aber, wahr ist's! der Holländer hat bereits die Welt gesegnet.« »Und ich werde es noch heute,« seufzte der Senator, »wenn du nicht nachläßt mit deinem abscheulichen Gekreische, Jakobine!« »Und dennoch wirst du mich dulden müssen, bis Justine kömmt,« antwortete sie phlegmatisch, »ich gehe ohne Begleitung nicht über den Gang.« Nothhaft trat ein, und ging rasch auf den Senator zu. »Alles besorgt, Herr Prinzipal,« rief er wichtig und vertraulich, »die Herren sind schon unten, lassen ihre Kondolenz vermelden, und soeben den Verstorbenen über die Treppe nach seinem Zimmer bringen.« »Gott stehe uns bei!« jammerte die Senatorin mit der ausgelassenen Betrübnis stumpffühlender Leute, während Müssinger sein Gesicht in dem Kissen verbarg. »Warum ließt du den Landläufer nicht im Römischen Kaiser, da es ihm ohnehin nicht beliebte, in seiner Heimat zu sterben? Wie würde sich jetzt die hoffärtige Wirtsfrau gebärden, die sich trägt wie unsereins, hochmütig tut, wie der Großmogul, und sich erst heute in einem ganz neuen Stoffkleide brüstete, daß es der ganzen Kirche zum Aergernis gereichte! Statt dessen haben wir nun die Schande! Geh Er, Nothhaft, sorge Er wenigstens dafür, daß der Mensch nicht von den Amtsknechten heraufgetragen werde. Ich bin des Todes, wenn der Scherge in das Stockwerk kommt, das ich bewohne.« »Sorgen Sie nicht, werteste Frau Prinzipalin,« versetzte Nothhaft, »der Herr sind ja verblichen, wie schon viele tausend Christenmenschen, und die Ehre schneidet der Tod nicht ab. Die Herren werden ein Inventarium dressieren, und die Habseligkeiten des van den Hoecken unter Siegel verwahren, bis die Erben auszumitteln. Auch habe ich für nötig erachtet, Herr Senator, einen Postboten nach Steinstadt abzuordnen, damit der Buchhalter hereinkomme, sintemalen dero Leibesumstände denselben nicht erlauben werden, an der Spitze der Geschäfte zu bleiben.« »Warum nicht?« fragte der Senator mühsam, aber aufbrausend. »Der Unglücksfall hat mich sehr angegriffen, aber bis zur Krankheit ist noch ein weiter Sprung. Ein Magnesiapülverchen bringt wieder alles ins Gleis.« »Mit Gottes Hilfe!« sagte Justine, die soeben, nicht wenig erschüttert, hereinkam, und dem Senator die Kontorschlüssel übergab. Sie holte das Medikament aus der kleinen Hausapotheke, reichte es dem Vater, und fuhr fort: »Ich will gleich nach dem Doktor Widerlein schicken – was bis jetzt vergessen wurde – damit Sie wieder von dem Schrecken zurecht kommen.« »Ich bin nicht krank,« behauptete der Senator, sich ärgerlich aufrichtend, »kein solch Geschwätze! Ich werde allen meinen Arbeiten vorstehen, wie bisher –!« »Der Briefträger brachte soeben diese beiden Schreiben,« unterbrach ihn der süßliche Berndt, der mit den Briefen in der Hand hereinschlich. »Geb Er her,« befahl der Senator, und winkte alsdann den Dienern sich zu entfernen. Sie gehorchten; gähnend und schmollend schloß sich Frau Jakobine, die Langeweile des Krankendienstes fürchtend, an die Subalternen an, um ohne Gefahr nach ihrem Zimmer zu gelangen. Der Senator gab aber der Tochter die Briefe, und sagte leise zu ihr: »Nimm, mein Kind; mir schwimmt und flirrt es vor den Augen. Es frommt jedoch viel, sich vor dem Kontorgesindel rüstiger zu stellen, als man ist. Dir verberge ich mich nicht. Lies du mir daher vor, und unterstütze meine Schwäche.« Bereitwillig erbrach Justine das erste Schreiben, »Von Amsterdam!« sagte sie, und der Senator zuckte hoch auf. »Hochedelgeborener Herr!« fuhr sie lesend fort: »Ew. Edeln will ich nicht ermangeln, nach abgetaner fataler Differenz mit denen Verschreibungen Ew. Edeln in Wechselform, anzuzeigen, daß wieder bereit bin, auf Garantie des werten Freundes, der sich jetzo bei denselben befindet, in Allewege Kredit obwalten zu lassen. Wir Kaufleute stehen ja in Gottes Hand, und können wanken. Wohl dem jedoch, der einen Bürgen und Stützen findet, wie den aller Orten geachteten Herrn Birsher von Neuyork.« »Was soll das?« fuhr der Senator auf, da Justine verwundert inne hielt, »der Teufel verstehe, was der Schreiber will. Sieh nach der Unterschrift.« Justine tat es, stutzte, wischte sich die Augen, und sagte endlich leise: »Ich weiß nicht ... aber doch steht's da – van den Hoecken heißt die Unterschrift.« »Van den Hoecken!« schrie der Senator. »Sind wir beide toll?« »Das Datum ist vier Tage alt,« versetzte Justine mit schwankender, zweifelhafter Stimme. »O mein Kopf, mein Kopf!« jammerte Müssinger, die Stirne mit beiden Händen haltend, »ich werde närrisch, rasend! Laß den Brief sehen ...! Gott sei mir gnädig! es ist Hoeckens Schrift ...! O du mein lieber starker Gott und Herr!« Er weinte fast in der fürchterlichen Wallung seines heftigen Gemüts. »Dieser Brief!« stöhnte er, »und jene Wechsel, das Endossement, das Acquit – ich erinnere mich erst jetzt – von Birshers Hand ...! o mein armes Gehirn!« »Mein Vater! was haben Sie, was ist?« fragte Justine schluchzend in der höchsten Angst. Der Senator riß ihr statt der Antwort den andern Brief aus der Hand. »Gib!« stammelte er außer sich, »gib! vielleicht macht mich dies Papier vollends wahnsinnig!« Er riß es, trotz Justinens Widerstreben, auf, überflog es mit dem starrenden Blicke ... ein krampfhaftes schreckliches Lachen erschütterte seine Brust, und mit den trostlosen Worten: »Auch das noch! Einen Tag früher, und – ich elender, elender Mensch!« sank er ohnmächtig aufs Lager zurück. Schaudernd raffte Justine das fallende Blatt auf. In wenig Zeilen meldete darinnen ein Hamburger Korrespondent ein großes Glück. Die Hamburger Lotterie war gezogen worden, und das große Los auf den Senator gefallen. Zweiter Abschnitt Verdacht. – Der Pastor der Johanniskirche. – Sein Nachfolger bei dem Senator. – Der Doktor in seinem Hause. – Die Kupferstecherfamille. – Justinens geheimer Ausgang. – Die Messe. – Die Witwe des bei Denain gebliebenen Offiziers. – Die Beichte. – Des Doktors Tagewerk. – Geschichte eines Schauspielers. – Der unerwartete Fremde. Es bestätigte sich durch den von Amsterdam eingelaufenen Brief, der den Kommissarien des Gerichts schuldigerweise vorgelegt wurde, daß der in des Senators Hause verschiedene Fremde nicht van den Hoecken gewesen; aus dem Inventarium dagegen, welches über den an Kreditbriefen, Empfehlungsschreiben, kostbarem Leibgeräte und beträchtlichen Pretiosen reich ausgestatteten Nachlaß des Verstorbenen aufgerichtet wurde, schien nicht undeutlich hervorzugehen, daß Herrn Birsher den Aeltern von Neuyork selbst das Unglück betroffen. Vor allem rechtfertigte diese Mutmaßung ein reicher Frauenschmuck, der sich vorfand, in ein artiges Etui gepackt, auf welchem mit Goldschrift die Worte standen: »Meiner vielgeliebten künftigen Schwiegertochter und Freundin, Justine Müssinger, zum Hochzeitsgeschenke.« Der Anblick dieses Schmucks, den ein galanter Kommissarius der Verlobten vorwies, regte in derselben erst deutlich die Beziehung an, in welche sie zu dem Dahingegangenen hatte treten sollen. Seine letzten Worte vergegenwärtigten sich ihr wieder aufs neue, und ihr Gemüt ergriff eine stille Wehmut, wie sie noch nie empfunden. Sie wäre selbst krank geworden, wenn die Umstände eine längere Pflege an des Vaters Bette erheischt hätten. Der Senator genas indessen wie durch ein Wunder, plötzlich am Tage der Bestattung seines Gastes. Durch die tobenden Vorzeichen einer furchtbaren Nervenkrankheit hatte sich seine starke Natur gearbeitet, aber der fliehende Feind rächte sich demungeachtet. Die paar Tage streiften die Schärfe und klare Bestimmtheit seines cholerischen Temperaments von ihm. Haltung und Gang, Gesichtsfarbe und Rede – alles war anders geworden; aus dem heftigen, gerade durchgehenden Manne ein scheuer, schwermütiger Mensch, der seiner Arbeiten nicht mehr froh wurde, nicht mehr polterte und lärmte, aber dafür gern innerhalb seiner vier Wände für sich allein brütete. Dieses Benehmen, das schon am Begräbnistage deutlich hervortrat, ermangelte nicht, die gebührende Aufmerksamkeit zu erregen. Die plötzliche Schreckensbegebenheit hatte Aufsehen gemacht; die vorangehenden Ereignisse, wie der Ort, die Stunde und alle Einzelheiten des Sterbefalls, waren geeignet, zu allerlei Verarbeitung zu dienen. Ein entehrendes Gerücht hatte sich plötzlich auf tausend Zungen verbreitet, und selbst im Senate seinen Sitz gefaßt. Die Mehrzahl des Rats jedoch, eifersüchtig auf dessen Vorrechte, und die Bewahrung eines unbefleckten Rufs der Glieder desselben, bemühte sich, jede Ahnung, jede Vermutung niederzuschlagen, die der bürgerlichen Existenz des Kollegen Müssinger hätte schädlich werden können; und jede Angabe, und jede noch so leise Hindeutung auf obige Begebenheit wurde mit Gewalt unterdrückt, während der Gegenstand dieser Anklagen durch sein auffallend verändertes Betragen, dem bloßen Verdacht einen Dolch nach dem andern in die Hände gab. Die wenigen Besucher mieden das Haus des Senators; er erschien am nächsten Sonntage mit seiner Familie in der Kirche; nach seinem Betstübchen starrte die gaffende Menge, aber aus seiner Nähe entfernten sich alle diejenigen, die sonst während des Gottesdienstes gute Nachbarschaft mit ihm gehalten hatten. Frau Jakobine merkte es nicht, dank ihrer Stumpfsinnigkeit; Justine nicht, denn ihre Unbefangenheit hatte keine Ahnung von dem gräßlichen Verdacht; aber dem Senator, der dieses wohl verstand, zehrte es, wie ein Wurm am Herzen. Er wurde immer verschlossener. Zwischen ihm und der Mutter fielen die Worte immer seltener; Justine litt unter den Folgen dieser übeln Verstimmung, und ihr einziger Trost wurde jetzt, da sie – ihr unbegreiflich – keine ihrer Freundinnen mehr bei sich sah, oder zu Hause fand, die englische Lehrstunde, zu der sich James wieder, nach den drei Tagen, eingefunden hatte. Mit keiner Silbe der vorangegangenen Mißhelligkeit gedenkend, suchte Justine durch ein sichtlich mildes Betragen ihre Uebereilung gut zu machen, und James war nicht unversöhnlich. Es stellte sich ein gewisses Vertrauen zwischen den beiden jungen Leuten her, Justine benutzte den ersten Augenblick, in welchem sie ungestört waren, es zu befestigen. Ernst und nachdenkend saß sie dem vortragenden Lehrer gegenüber, und sagte, indem sie ihn bat, das Buch wegzulegen: »Wir wollen plaudern, mein Herr, und uns gegenseitig wundern, wie wir so plötzlich füreinander passend geworden sind. Ich habe Eurer Prophetenkunst schreiendes Unrecht angetan, und muß dieselbe leider jetzo anerkennen. Der Abend jenes Samstags war der letzte glückliche in unserm Hause. Heiterkeit und geräuschvolles Leben sind daraus entschwunden, und es kommt mir beinahe vor, als wenn man von außen her unser Unglück uns recht fühlbar zu machen suchte.« »Dem Unglücklichen ist Mißgunst näher, als der Trost,« meinte James, »ich selbst habe, als Flüchtling, diese Erfahrung oft genug gemacht. Indessen haben auch die Blumen der Freude ihre Zeit der Wiederkehr. Der Sturm zernichtet nicht immer, er entwickelt auch Blüten.« »In unserm Hause?« fragte Justine ungläubig, »o nein, mein guter Herr. Die Mutter – Ihr kennt sie. Der Vater ist heute noch einmal so finster und verdrossen geworden. Uns wurde durch einen Amsterdamer Brief die Gewißheit, daß Herr Birsher in unserm Hause verblichen.« »Was ihn nur bewogen haben mag, die fremde Maske vorzunehmen?« »Er wollte uns kennen lernen, selber unerkannt. Ein Scherz, der, sich unbewußt, den Trauermantel auf den Schultern trug.« »Der Mensch sei auf sein Ende gefaßt, jederzeit,« entgegnete James. »Genug indessen von dem traurigen Gegenstande. Fröhlichkeit steht Ihnen besser, als Betrübnis; und die Braut hat ja den Bräutigam nicht verloren!« »Ich verbitte mir die Anspielung,« sagte Justine lebhaft, »Herrn Birshers Sinn wird sich wohl anders wenden. Mir vergingen auch alle Heiratsgedanken, stünde ich am Sarge meines Vaters. Mein guter Vater!« setzte sie seufzend hinzu, in die stille Wehmut versinkend, die, in ihrem Schmerze selbst, uns wohltut. »Erheitern Sie sich!« ermahnte James, sich zu ihr beugend, »hören Sie mich. Der Schmerz bedarf nur eines Ableiters, um gemäßigt und ruhig hinzufließen, wie ein geräuschloser Strom in seinem Bette. Was wäre wohl zu diesem Zwecke geeigneter, als eine gute Tat? Im Ungemach ist ja ohnehin das Herz weicher, geneigt zum Mitgefühl, weil der Kummer ihm nicht mehr ein Fremder ist. Ich nehme mir daher den Mut, Ihrem Tiefsinn eine andere Richtung gebend, im Namen einer sehr bedrängten Frau Ihr Mitleid, Ihre Freigebigkeit aufzufordern. Fürchten Sie keinen Mißbrauch Ihrer Güte, hoffen Sie aber auf den Segen von oben.« »Nicht so viel Worte, Monsieur,« sprach das Mädchen, bereitwillig, der neuen Wendung des Gesprächs zu folgen; »man überredet mich selten, wenn nicht schon mein Kopf und mein Gefühl gewonnen sind. Ich helfe gern, bin auch nicht hart, wie oft die Leute sagen; ich bin auch nicht so leichtsinnig, fremde Not nicht zu bemerken und zu bedauern. Redet, wer ist die Frau?« »Eines französischen Offiziers Witwe. Ihr Mann blieb in dem Treffen bei Denain. Villars empfahl die unglückliche Frau der königlichen Gnade, aber Ludwig vergaß der Armen. Der Regent mißhandelte sie sogar, als sie es wagte, nach des Königs Tode bittend und flehend ihr Recht geltend zu machen. Aus der Hauptstadt verwiesen, fristete sie in ihrer Heimat durch Handarbeit kümmerlich ihr Leben. Endlich schien ihr das Glück wieder zu leuchten. Eine sächsische Herrschaft, rückkehrend aus den Bädern zu Aix, schlug ihr vor, sie als Gouvernante der Kinder nach Dresden zu nehmen. Von allen Hilfsmitteln entblößt schlug Madame de Lapnez willig ein, schied vom Vaterlande, um in Sachsen eine neue Lebensbahn zu betreten, kam aber nur bis in diese Mauern. Von einer heftigen Krankheit befallen, mußte sie hier zurückbleiben. Ihre Gebieter hinterließen ihr eine dürftige Geldsumme, und sagten sich von ihr los. Mehrere Monden hindurch schwebte die Verlassene zwischen Tod und Leben. Das Mitleid gefühlvoller Menschen rettete sie endlich vom Grabe, aber ihre völlige Genesung geht langsam von statten. Mangel drückt sie, und es bleibt ihr nichts übrig, als aufs neue sich an die Teilnahme wahrer Christen zu wenden.« James hatte kaum geendet, und schon lag Justinens ansehnlich gefüllte Börse in seiner Hand. »Kein Wort!« gebot sie, da er sprechen wollte, »nichts davon. Gebt, helft, rettet! Es soll nicht dabei bleiben, wenn es mir gelingt, den Vater in günstiger Stunde für die Bedrängte zu gewinnen.« Eilig ging sie davon, damit James nicht die Bewegung sehen sollte, die sich auf ihrem holden Antlitz kundgab. Aber der junge Mann hatte scharfe Augen. Es war ihm nicht entgangen, daß die ganze Fülle der herrlichen Seele aus Justinens Zügen gesprochen, und, selig überrascht von einem Anblick, wie er ihn noch nie gehabt, sah er der Fliehenden sehnsüchtig nach. »Welch ein Mädchen!« seufzte er, »und ich – täglich fühle ich mein Unglück mehr, und darf nicht wanken und nicht weichen von der Stelle, die mir so gefährlich wird.« Justinens Gabe im Busen verbergend, schied er, um heim zu kehren. Unten im Hause war viel Geräusch. Geldsäcke wurden gewogen, Taler klangen; die Diener gingen geschäftig hin und her; Nothhaft stieß im Vorbeigehen mit dem Ellbogen an James' Arm, und machte ein sehr herrisches Gesicht, als der Engländer sich befremdet nach ihm umsah. – »Der muß mir auch aus dem Hause, und wenn's mich tausend Gulden kosten sollte!« murmelte der Diener, dem Engländer nachsehend, zwischen den Zähnen. Berndt, der eben ins Haus getreten war, hörte die Rede. »Warum so giftig, lieber Bruder?« fragte er lächelnd, »giftig und freigebig obendrein? Du wirfst mit Tausenden um dich? Glück zu!« – »Ist's ein Wunder?« sagte Nothhaft hierauf, »bar Geld macht Mut. Wir schwimmen ja in Geld, siehst du. Laß uns daher auch in Gottes Namen davon reden, und liederliche Schmeißfliegen damit totschlagen.« »Ich verstehe dich nicht, Herr Bruder,« versetzte Berndt achselzuckend, »aber ich sehe, daß deine Prophezeiung nicht falscher hätte sein können. Statt des Bankrotts strömt der Segen Gottes in das Haus.« »Erbschaft! unverdientes Glück!« versicherte Nothhaft leise, »wer weiß, ob ich so unrecht hatte; ... doch – stille –!« Er schlug sich bedeutend auf den Mund. »Wer weiß auch,« fügte er hinzu, wichtig und geheim, »wem's die Firma verdankt, daß sie noch mit Ehren steht?« »Wichtigkeitskrämer!« lächelte Berndt ungläubig, »du spreizt dich so absonderlich, daß – wer nicht wüßte, welch ein Windbeutel du bist – glauben sollte, du erratest aufs Haar, was unser Herr denkt und beschließt. Glück auf, zu dem Vertrauen, Herr Geheimhorcher! empfehle mich zu Gnaden!« »Ei, des breitmäuligen Augenverdrehers!« schalt Nothhaft verächtlich, »wir wollen sehen, wer am Ende hier im Sattel bleibt. Du bist ein Esel, sonst hättest du schon gemerkt, daß meine Aktien um 200 Prozent besser stehen, als ehedem.« »Gott sei mir vor dem Prahler gnädig,« sagte Berndt, den Kopf schüttelnd, »der Prinzipal redet mit dir so wenig, als mit mir, und die Jungfer macht dir immer ein verdrießliches Gesicht.« »Soll bald ein freundlicheres machen,« versicherte Nothhaft hochmütig. »So?« fragte Berndt, dessen Neid allgemein rege wurde, »du mein Jesulein! darf man schon Glück wünschen, Herr Hochzeiter?« »Narren sagen oft die Wahrheit,« erwiderte Nothhaft, noch patziger als zuvor, und Berndt versetzte giftiger: »Gratuliere also, Herr Associé und Schwiegersohn. Wird bald heißen: Müssinger und Kompanie? Scharmant. Nun begreife ich erst, warum ich den Pastor Lammer zum Herrn habe bitten müssen. Das Aufgebot wird gewiß bereits bestellt? Nun, viel Sukzeß und geneigte Protektion, wertester Herr Kollege! Vergessen Sie dero getreusten Diener nicht im Glücke!« »O du miserabler, kotiger Adam!« spottete Nothhaft. Der Buchhalter klopfte aber ans Kontorfenster, und rief: »Soll ich euch Stühle hinaussetzen zu bequemerer Konversation, ihr Lungerer? Herein, hier gibt's zu tun, ihr, des lieben Herrgotts Müßiggänger!« Berndt schwenzelte, der Amtspflicht getreu, schnell in die Schreibstube, Nothhaft zögerte stetig. Indessen trat bereits der Pastor der Johanniskirche im Amtsrock in das Haus. – »Der Herr Senator oben?« fragte er vornehm und schleppend. – Nothhaft bejahte freundlichst, und schlich mit einem bedeutenden: »Aha!« an sein Pult. Der Senator empfing den Pastor an der Türe seines Zimmers, und bewillkommte ihn so freundlich, als ein im Gemüt Verletzter nur vermag. Der Geistliche nahm dieses Entgegenkommen als eine ihm gebührende Huldigung an, und antwortete darauf ohne sichtbare Herablassung. »Ich bin wahrlich neugierig, Herr Senator,« sagte er, »zu erfahren, zu welchem Endzweck ich hier bin. Unter allen den, meiner christlichen Pflege Empfohlenen, haben Sie mir noch am wenigsten zu schaffen gemacht. Mein Amt legt mir indessen die Pflicht auf, einem jeden Gehör zu schenken; dem Sterbenden, dem Frommen und dem Sünder. Das erste sind Sie nicht; das zweite? ... will ich nicht beschwören. Was befehlen Sie?« »Sündig sind alle Menschen vor Gott und seiner Kirche,« entgegnete der Senator melancholisch und achselzuckend, »die Frömmigkeit ist dagegen nur ein Gnadengeschenk. Ich habe Sie, würdiger Herr, für jetzt ersuchen wollen, der Spender einer Gabe zu sein, die ich der Armut bestimme. Verteilen Sie nach Ihrem Gutdünken diese Summen unter diejenigen Bedürftigen, die Ihnen der Unterstützung am würdigsten scheinen.« Der Pastor wog die ansehnliche Rolle in der Hand, und ein Schimmer von Behagen flog über sein düstres Gesicht. Im nächsten Augenblicke war es jedoch wieder Stein, wie zuvor. »In Gottes Namen,« sprach er, und ließ das Geld in die weite Tasche seines Priesterrocks gleiten, »der Armut sei dies Scherflein gesegnet. Ew. Hochedlen Freigebigkeit kömmt mir unerwartet.« »Der Himmel hat mich mit einer reichen Erbschaft bedacht,« antwortete der Senator seufzend, »ich opfere einen kleinen Teil derselben auf dem Tisch der Durstigen. Sie mögen für einen Unglücklichen beten.« Der Prediger faßte den Handelsherrn scharf ins Auge, »Für einen Sünder?« fragte er betonend, und da keine Antwort erfolgte, fuhr er gemessen und drohend fort: »Der Unglückliche, von Gott gewichene, betrüge sich nur nicht. Geld und Gut ist eine schöne Sache, insofern man damit Christum speist; aber eitel Schlacken vor dem großen Richter der Welt, will man damit eine Missetat abkaufen. Die Buße ist unfruchtbar, wenn nicht herzliche Reue die Brust des Verirrten erfüllt; unfruchtbar, und wenn er Millionen in Klingelbeutel oder Armenbüchsen würfe.« Der Senator sah den Pastor erstaunt und erbleichend an, bedachte sich einen Augenblick, und erwiderte alsdann mit niedergeschlagenen Augen: »Ich begreife Ew. Ehrwürden nicht. Man kann unglücklich sein, ohne gesündigt zu haben. Der Sünder selbst jedoch kehrt sich freudig zur Reue, wenn man ihm nur glauben will; wenn er nur das Vertrauen haben darf, daß ihm einst vergeben werde.« »Einst? einst?« versetzte der Pastor mit überlegendem Blick gen Himmel, »ja, einst vielleicht; denn Gottes Barmherzigkeit ist ein tiefer Brunnen. Das entscheidet sich indessen – nach meiner Meinung – erst am letzten Tage des Zorns und der Strafe. Ich halte nämlich dafür, daß kein Mensch auf Erden, selbst nicht ein ordinierter, sich anmaßen dürfe, die Sünden eines andern hinwegzunehmen, sobald sie unter die schweren gehören. Nur der Herr prüft Herzen und Nieren. Das Gewand der wahren Reue ist ein feines Kleid, aber es muß das Leben hindurch getragen, ins Grab genommen, und dem Herrn am Jüngsten Gerichte untadelhaft vorgewiesen werden. Dann mag allerdings seine unendliche Milde vergeben.« »Sie entfalten eine traurige Zukunft vor meinen Augen,« erwiderte der Senator schwerbekümmert, und ließ sich erschöpft auf einen Stuhl nieder, »Ihre Kollegen –« »Sprechen vielleicht anders,« fiel der Geistliche ein, »ich beteure aber, daß sie im Irrtume tappen, und bin bereit, meine Meinung vor jeder Synode durchzufechten. Meine Mitarbeiter im Weinberge sind zum Teil junge Leute, denen der philosophische Kram unserer Zeit den Kopf verwirrt hat. Der alte Lammer geht jedoch nicht ab von seinen Grundsätzen, die er seit fünfzig Jahren gelehrt hat. Er läßt kein Schäflein seiner Herde davon abgehen, so lange er noch ein rüstiger Hirt ist. Er ist keiner von den Sanften und Süßen, die nur schmeicheln, wo sie packen, nur einlullen, wo sie donnern sollten. Trost dem Unglücklichen, denn er ist zu seinem Heil! Krieg dem Sünder, denn er ist wieder zu seinem Heil. Unablässig, bis an seinen Tod, schneide ich ihm das wilde Fleisch aus der Wunde, daß sie frisch blutend vor Gottes Thron komme, und ich dann sagen darf: »Sieh, Herr, dein unwürdiger Knecht hat dir nicht ins Amt gegriffen. Er hat nicht gepfuscht, da, wo du nur heilen kannst; aber er bringt dir den Kranken, dürstend nach der Genesung, wie in der Stunde, da ihm zuerst sein Uebel unerträglich wurde!« Eine heftige Unruhe bemusterte sich Müssingers, und sein, von Schwermut in Fesseln geschlagener Jähzorn rüttelte gewaltsam an seinen Banden. »Ich weiß nicht,« sagte der Senator, mit Mühe an sich haltend, »wie Sie dazu kommen, Herr Pastor, mir Ihr System so schonungslos darzulegen. Ich kann diejenigen bloß bedauern, die, in einem Fehltritt befangen, von Ihnen Trost und Erlassung begehren, und wünsche Ew. Ehrwürden recht wohl und lange zu leben!« Der Pastor bückte sich und versetzte spitzig: »Alles, wie Gott will, Ew. Hochedeln. Der alte Lammer stirbt gern, wenn seine Uhr abgelaufen ist. Der Herr schenke allen einen sanften Tod. Meine Worte bereue ich jedoch nicht, denn ich glaubte sie hier vonnöten. Uebrigens hat unsere Unterredung sicherlich ein anderes Ende erreicht, als wir beide hofften, Herr Senator, nicht wahr? Ich bin nicht böse deshalb, und wünsche kein Vertrauen, das ich nicht mit der sündlichen Willfährigkeit vergelten könnte, die man von mir erwartet. Die offne Beichte in der Kirche steht Ihnen frei. Werde mit seinem Gewissen fertig, wer da kann. Sapienti sat, Herr Senator, und: Gott beßre Sie!« »Was ist das? Was sagen Sie da?« fuhr der Senator auf. Lammer zog aber bereits die Türe hinter sich zu. Müssinger schritt im Zimmer auf und nieder, und rang die Hände. Steht mir denn das Zeichen aus die Stirne gebrannt? fragte er sich mit erstickter Stimme. Die blöden Augen dieses Wolfs im Hirtenkleide selbst scheinen erraten zu haben ... o gewiß! ... und der Mensch kann so unbarmherzig sein! ... und der Mann ist Protestant ? O der herzlosen, steifen Eiferer! was sie berühren, wird Eis oder Träne. Hätte ich, wie ein altes Weib, auch in der Woche die Kirche besucht, keine Nachmittagspredigt, keine Bet- und Vorbereitungsstunde versäumt, dem Klingelbeutel reichlicher gegeben, und den Schwarzröcken Ueberfluß in Küche und Kasten geliefert – der harte Mensch würde nun nicht so widrig mit mir gesprochen haben, da ihm sonst Worte weit wohlfeiler sind, als der Heller, den der Geizige, selten genug, einem Bettler spendet! Warum habe ich auch nur einen Schritt versucht, mich der Kirche wieder zu nähern, die alles getan zu haben glaubt, ist die trockene Predigt und das Geplärre des Lieds vorüber! Warum? setzte er fragend und gemäßigter bei: Warum? Ach! drückt nicht hier auf meiner Brust eine Last, unter welcher ich erliege? Ist es nicht verzeihlich, daß ich in der Angst meiner Seele Linderung suche und Trost? Aber nun fehlt mir der Mut, und ich fürchte ... Ein bescheidenes Klopfen unterbrach seine Betrachtungen. Fast erschreckt eilte er an die Türe, öffnete, und sah, sehr überrascht, den Doktor Leupold draußen stehen. Er konnte sich nicht Rechenschaft geben, warum der Anblick des Mannes ihn freundlicher ansprach, als er wohl zuweilen gehofft hatte, wenn er sich die Möglichkeit gedacht, ihm wieder zu begegnen. Er bewillkommte ihn mit einiger Auszeichnung, und führte ihn bei sich ein. Der Doktor entschuldigte sich tausendmal um der Störung willen, die er vielleicht verursache, und ließ im freundlichsten Tone das Wort fallen, daß sein Besuch wohl ebensogut hätte unterbleiben können. »Mein Herr Doktor,« sagte der Senator hierauf verbindlich, »die Besuche werter Freunde, denen wir Dank schuldig sind, sollten nie unterbleiben. Sie lehren mich ohnehin, was ich schon längst hätte tun sollen. Sie verzeihen jedoch; eine Flut von Begebenheiten raubte mir die Muße, Ihre Wohnung aufzusuchen.« »Unnötig,« versicherte der Doktor, »ich dachte nicht daran, Sie an einen sehr erläßlichen Besuch mahnen zu wollen. Mein Gang in Ihr Haus hatte einen andern Zweck; ... allein – und ich darf sagen – mit Vergnügen sehe ich, daß er wohl vereitelt ist.« »Ein Zweck? ... vereitelt? ...« fragte Müssinger, »wieso? erklären Sie sich.« »Sie setzen mich durch Ihre Frage in Verlegenheit,« sagte Leupold hierauf zögernd, »indessen darf der Mensch, wenn er sich seines Wollens nicht zu schämen hat, wohl reden, ohne den Vorwurf der Ruhmredigkeit auf sich zu laden. Ich habe hier einige Wechsel auf St. Sebastian und Brasilien. Das Haus Minhaô ist solid, die Summen sind nicht unbedeutend, bald fällig. Ich hatte den Auftrag, Ihnen dieselben auf eine gewisse Zeit zum Genuß gegen äußerst billige Preise anzubieten. Allein – wie ich beim Eintritt in Ihr Haus bemerkte, so hat der Ueberfluß Ihnen aufs neue die Hand gereicht, und durch ihn wird meine wohlgemeinte Hilfe überflüssig.« Der Senator erhob bewundernd seine Augen, ergriff beide Hände des Doktors, schüttelte sie und sprach: »Mein Herr, Sie bereiten mir den frohsten Augenblick meines Lebens! Da ich gerade an allem Trost verzweifle, richten Sie, ein Fremder, mich wieder auf. Gott sei Lob, ich bedarf Ihres freundlichen Darlehens nicht; aber – glauben Sie mir – demungeachtet habe ich's doppelt empfangen.« »Und somit keine Silbe mehr davon,« setzte der Doktor ruhig hinzu, »Sie preisen mich unverdient. Eine Gesellschaft von Menschenfreunden wollte Ihnen ihre Teilnahme beweisen, und hatte keine Gefahr dabei, da sich Ihre Geschäfte gefestigt haben.« Der Senator nickte seufzend mit dem Kopfe, und entgegnete: »Ja, mein Herr, so ist's. Nicht minder jedoch meinen wärmsten Dank der Gesellschaft, von welcher Sie sprachen, und die ich wünschte kennen zu lernen,« »Das ist Ihnen – hier – unmöglich,« sagte der Doktor, »lassen Sie uns, da ich einmal Ihnen zur Last falle, von etwas anderem reden. Wie gesagt: Fortuna ist bei Ihnen eingekehrt, und ich freue mich, Ihnen damals auf der Promenade ein gutes Prognostikon gestellt zu haben; allein – Sie selbst – Herr Senator – scheinen sich nicht im geringsten zu freuen.« »Einem Manne gegenüber,« entgegnete Müssinger, »der sich mir als verschwiegener und hilfreicher Freund erwiesen hat, kann ich keine Lüge sagen. Die ... Erbschaft, die mich wieder auf den Gipfel meines vorigen Reichtums hebt, ist mir ganz gleichgültig. Ich bin ein armer, armer Mann. Mein Gemüt ist krank, meine Seele sehnt sich vergebens nach Genesung.« »Und Religion – die sicherste Trösterin?« fragte der Doktor mitleidig. »O, lassen Sie das!« erwiderte der Senator still ergrimmt, »die Religion ist entartet in ihren Dienern. Weiß Gott – Herr! wir haben uns in einer sehr bedeutenden Stunde kennen gelernt, aber, ob ich nicht vielleicht Ursache hätte, jetzt dem Flußbette näher zu stehen, als damals?« »Ich würde Sie alsdann nicht mehr zurückhalten,« erwiderte der Doktor kalt und ernsthaft, »Sie verdienen hier und jenseits das traurigste Los, wenn Sie zum zweitenmal wagen, wovon die Vorsehung Sie einmal schon gerettet,« »Sie wissen nicht ...!« entschlüpfte dem leidenschaftlichen Senator, »es gibt noch drückendere Schmerzen, als die des Mangels und der Scham, Die Stimme des Innern ...« »Sagen Sie nur frei heraus: das Gewissen,« unterbrach ihn der Doktor sanft aber fest, »um das Gewissen ist es eine kitzliche Sache; freilich. So lange aber Gott die Quelle aller Liebe, die Kirche eine freundliche Mutter ist, so lange darf selbst der trotzigste Sünder unverrückt auf Gnade und Verzeihung rechnen. Im Zeitlichen wie in der Ewigkeit. Soll denn der Mensch, der ein Verbrechen beging, das er vielleicht in der nächsten Minute bereut, an diesem Unglück verkümmern, rettungslos daran verzweifeln, während sein frisches Leben noch viel des Guten schaffen könnte? In der Strafe selbst liegt Vergebung, und ein Augenblick der Reue des Sünders wiegt manches schuldlose Menschenleben auf.« »Sie sprechen von Gott, dem Quell aller Liebe?« fragte der Senator scheu. – »Er ist's!« bekräftigte der Doktor. – »Von der Kirche, einer freundlichen Mutter?« – »Sie ist's.« Der Senator seufzte tief beim Angedenken an Lammers Worte. Der Doktor sagte aber nun mit gemessenem Tone: »Unsere Ansichten weichen ab, wie ich sehe. Es befremdet mich nicht, da ich mich zu einer andern Kirche bekenne, als Sie.« – Dem Senator starb die weitere Frage im Munde, da der Doktor ganz ruhig fortfuhr: »Ich bin Katholik. Von meiner Kirche hab ich gesprochen: und – wahrlich – sie erfüllt ihre Mutterpflichten.« Müssinger bückte sich verlegen. Der Doktor sprach unbefangen weiter: »Von unserer Kirche Schwelle geht kein Vertrauender ungetröstet, kein Leidtragender unerquickt, kein Verirrter ungelöset. Alle ihre Gebräuche deuten in ihrer mystischen Form auf die heiligsten Pflichten hin; auf die der Versöhnung, der Menschenliebe. Doch, wem sage ich das, und zu welchem Endzweck?« fügte er, sich besinnend bei, »Sie, mein verehrter Herr, haben nie die apostolische Lehre näher prüfen gelernt, da die Gesetze Ihrer freien Stadt die Ausübung jenes Kultus und die Ausbreitung unsers Lehrbegriffs auf ihrem Gebiete aufs strengste untersagen; gewiß ist es Ihnen auch völlig gleichgültig, wie ein Katholik von seinem Glauben denkt.« »Ich habe zu Augsburg meine Lehrzeit verlebt,« versetzte nachdenkend der Senator, »ich habe mich oft hinter dem Rücken meiner Vorgesetzten in die katholische Kirche geschlichen, mich an der feierlichen Pracht des Gottesdienstes, an der herrlichen Musik ergötzt... ich kann nicht leugnen, daß...« Justinens Stimme störte die Herren. Das Mädchen trat ein, und berichtete dem Vater, sich vor dem Fremden sittsam verbeugend, über eine nicht besonders bedeutende Angelegenheit der Wirtschaft. Der Doktor betrachtete währenddessen sowohl den Senator, als seine Tochter mit der größten Aufmerksamkeit. Als Justine wieder hinausgegangen war, sagte Leupold mit fast bewegter Stimme: »Wahrlich, Herr Senator! Wüßte ich nicht durch meinen Pflegesohn, daß Ihre Tochter sich Justine nennt, ich würde darauf schwören, sie müsse Klara heißen.« Der Senator richtete schnell und fragend die Augen auf den Doktor. »Klara?« fragte er, »wie kommen Sie zu diesem Namen?« »Klara war, wie Justine .« »Welche Klara?« »Klara Münzner.« »Mein Gott! Sie wissen...?« »Ja, mein Freund.« »Woher? – Herr, Sie reißen eine Vergangenheit vor mir auf, die jetzt doppelt schmerzlich mein Gefühl verletzt.« »Das soll sie nicht. Eines Engels Gedächtnis bringt Segen.« »Ja, Sie war ein Engel! ... ein Engel, wie ihn diese Welt nicht verdient.« »Der Engel ist in seine Heimat gegangen.« »Barmherziger! versteh ich Sie?« »Klara ist tot.« »Tod? ... tot? ... Und ich lebe noch ... wie lebe ich ...?« »Bis an ihr Ende hat sie in Ihnen gelebt, wenngleich Länder und ein Jahrzehnt sie von Ihnen trennten. Jetzt wird sie, sollte es not tun, für Sie beten bei dem unsterblichen Vater!« »O!« seufzte Müssinger, und lehnte sich mit vor das Gesicht gehaltenen Händen zurück. Dann fragte er jedoch lebhaft: »Erklären Sie mir, rätselhafter Mann! wie können Sie von dem unterrichtet sein, was außer mir ...« »Ich bin Klaras Bruder!« flüsterte der Doktor dem Senator in das Ohr. »Xaver?« »Derselbe, mein Freund. Ich höre, daß man uns wieder unterbricht. Ihr Zimmer, dem Drang der Geschäfte preisgegeben, ist nicht geeignet, daß wir uns darinnen der wohltätigen Erinnerung ungestört hingeben könnten. Macht Ihnen die Vergangenheit Freude, so besuchen Sie mich. Ich wohne eng, aber niedlich und einsam, in der Rahmgasse. Das Haus ist zum Apfel geschildet. Fragen Sie im zweiten Stocke nach dem Doktor Leupold, Sie werden mir willkommen sein.« Indem der Buchhalter eintrat, verbeugte sich der Doktor gelassen und fremdtuend gegen den unbeweglich hinstarrenden Senator, und ging. Langsam und sinnend durchstrich er die Stadt, und machte geflissentlich einen Umweg nach seiner Wohnung, um seinen Gedanken nachhängen zu können. Hier und da nickten ihm aus Hütten oder wohlanständigen Bürgerhäusern freundlich grüßende Gesichter zu. In einem armseligen Gäßchen schlich eine bettelhaft gekleidete Frau, nachdem sie sich vorher überall umgesehen, geheimnisvoll an ihn, und küßte seine Hand. Er reichte ihr dagegen eine kleine Münze, und ermahnte sie für die Ruhe eines Sünders zu beten. Hierauf schlug er sich rechts durch ein paar Durchgänge nach der Rahmgasse, und stieg im bezeichneten Hause in sein Quartier hinauf. Eine sauber angekleidete Magd öffnete ihm ehrfurchtsvoll die Gittertüre an der Treppe. James, der in der Wohnstube schreibend saß, richtete sich grüßend auf, und brachte dienstfertig dem Pflegevater den Schlafrock herbei, gegen den der Doktor eilig den unbequemen Steifrock vertauschte. Er nahm seinen Platz im Lehnstuhle am Fenster, das, auf einen Garten aussehend, selbst einen Garten vorstellte, geschmückt mit würzigen Blumenstöcken. In der Stube sah es so reinlich, so friedlich und traulich aus; sie stellte ein reizendes Stilleben dar. Der Boden, sauber wie ein Spiegel; die Gerätschaften blank und rein. Ordnung überall; keine Falte in den Teppichen der Tische, kein Stäubchen auf dem grünen Vorhange, der eine kleine Büchersammlung barg; ein niedlicher Vogel im luftigen Bauer von der weißen Decke schwebend; eine pickende Schwarzwälderuhr an der Wand; viele summende Mücken auf dem Blumenflor am Fenster. Das Schweigen wurde lange nur durch der Tierchen Geschwätz, den Perpendikelschlag, und die knarrende Feder des jungen Engländers unterbrochen, der sich gleich wieder an seine Arbeit gesetzt hatte. Der Doktor saß mit gefalteten Händen, rückwärts gelehntem Kopf und geschlossenen Augen in seinem Lehnstuhle. Seine Lippen trugen das Lächeln einer freundlichen Gedankenwelt, die unter den zugezogenen Augendeckeln vorüber schwebte, und er schwieg wie ein Träumender, bis er einen leisen Hauch an seiner Wange fühlte, und forschend die Augen aufschlug. Schon dämmerte es. James stand bei ihm, und hatte sich über sein Gesicht gebeugt. »Ich wollte mich überzeugen, ob Sie schliefen, mein Vater,« sprach der Jüngling, »meine Arbeit ist vollendet; die Feierstunde da. Sie sind aber heute nicht so munter und gesprächig, wie wohl sonst. Darf Ihr Pflegesohn nach der Ursache fragen?« – »Die Ursache, mein Sohn, ist nur eine kleine Geschichte aus der Zeit, da ich dein Alter hatte,« antwortete der Doktor, freundlich ihm zunickend, »setze dich zu mir, und höre sie, wenn du willst. Ich sage dir aber im voraus, daß die Geschichte so kurz und einfach und natürlich ist, wie nur eine in der Welt. Den Jüngling befriedigt freilich nur ein Labyrinth von Abenteuern. Dem greisen Manne jedoch schließt gerade die klarste Begebenheit einen Zaubertempel auf. Versetze dich mit mir nach Augsburg, wo du zwar niemals warst, von dem du aber manches gelesen. In jener alten weit berühmten Stadt ist eine abgelegene Gegend an der Stadtmauer, unfern von einem kleinen Tore. Durch diesen leicht zu übersehenden Winkel soll, heißt die Sage, der Teufel den Doktor Luther ins Freie geführt haben, da demselben große Gefahr drohte, und alle anderen Ausgänge von Feinden besetzt waren. Obgleich nun diese Geschichte durchaus Fabel und unhaltbar, so führt doch noch zu heutiger Stunde der Platz den Namen: Dahinab! In diesem Dahinab nun stand unter andern kleinen Häusern ein von einem Gärtchen umgebenes; reputierlich anzuschauen, und die Wohnung eines braven Mannes. Der Fleiß desselben hatte das Haus gebaut, und die Heiligen, buchstäblich zu verstehen, hilfreich dazu getan. Der Fleißige war nämlich Kupferstecher, und hat, durchaus dem Fach sich hingebend, viele Hundert Heiligenbilder gestochen und geätzt, die zu damaliger Zeit in großen Ladungen über die Berge nach Italien gingen. Der Künstler war fromm und still, wie seine Bilder, arbeitete unverdrossen von früh bis spät, und seine einzige Erholung außer dem Hause war am Sonnabend ein Ruhestündchen auf der Schießstatt, bei einem Krug Bier und freundlichem Geschwätze. Den Sonntag nahm die Kirche und – bei schönem Wetter – ein Spaziergang mit dem Weibe nach dem Ablaß oder nach Göggingen hinweg. Diese Lebensordnung machte auch, daß es im Hause sein und ordentlich aussah, und der Friede doppelt mit den Kindern einkehrte, die der Himmel dem einfachen Künstler schenkte. Der Bube hieß Xaver, die Tochter Klara. Der erste, zugleich der ältere, sollte anfangs Kupferstecher weiden, wie der Vater; die zweite ein braves Weib, wie die Mutter. Es ergab sich indessen bald, daß Xaver, um schwacher Augen willen, der Kupferstecherkunst nicht gewachsen war, und, noch in der Wahl verharrend, was einst aus dem Jungen werden mochte, schickte ihn der Vater in die Schulen, damit er etwas Tüchtiges lerne. Klara wuchs arbeitend und blühend auf, besuchte kein anderes Haus, als das Haus Gottes, und ahnte nicht, daß an jener Stätte ein sehnsüchtiger Jünglingsblüte die verborgene Blume ausgespäht hatte. Die Eltern ahnten's um so weniger. Der Bruder allein, der oft, um zu studieren, im Gärtchen sich befand, merkte das Erste von der Sache, Eine Bastion der Festungswerke, die gerade, senkrecht fast, in die Höhe stieg, und die Ansicht über die Häuser des Dahinab frei gab, bildetete die Schlußwand des Gartens. Auf dem Rand dieser Bastion stand einmal um die Mittagszeit ein blutjunger Mann, und sah immer so steif und unverrückt in den Galten hinab, daß dem studierenden Xaver, als dieser, durch die Blätter der Laube schielend, zum zweiten- oder drittenmal das Unwesen wahrnahm, bang um den Verstand des jungen Menschen wurde. Bald kam er jedoch dahinter, daß die Schildwache auf der Bastion eigentlich die Schwester gelte. Denn so oft diese, blühend und frisch wie eine Rose, um die Mittagsstunde aus dem Hause hüpfte, den Bruder zu Tisch zu rufen, so oft zog der auf der Schanze ein Fernrohr aus der Tasche, und lichtete es so scharf und fest auf das Mädchen, als ein Konstabler nur mit seinem Geschütz tun kann. Der Bruder hütete sich wohl, der unbefangenen Schwester da« geringste von seinen Beobachtungen, die er eine ganze Woche hindurch fortsetzte, mitzuteilen. Endlich eines Vormittags, aus dem Kollegium kommend, wandelt ihn die Luft an, der Sache auf den Grund nachzuspüren. Er steigt auf die Bastion, und findet den Bewußten bereits am Posten. Er schlägt ihn auf die Schulter und fragt ihn: Was hat Er dahinab zu spionieren, mein Freund? – der andere errötet, antwortet aber vornehm: Das geht Ihn nichts an, mein Freund. – Ei ist ein Narr! sagt ihm hierauf Xaver, und der andere antwortet mit einem Unverschämten Menschen, Für einen Studenten von neunzehn Jahren ist das zu viel. Er antwortet ebenfalls mit einer nachdrücklichen Beleidigung. Der andere greift nach feinem Degen. Xaver bedeutet ihm, er selbst dürfe als angehender Theolog keine Waffe tragen; er werde aber nur hinunter ins Haus gehen, sich einen Degen holen, und sicherlich binnen wenig Minuten auf die Schanze zurückkehren, um die Sache auszumachen. Was hat er in jenem Hause zu tun? fragt der andere verwundert. – Es ist das meiner Eltern; entgegnete Xaver. – Und das Mädchen? – Meine Schwester. – Nun lacht der Mensch ausgelassen, steckt die Klinge ein, fällt dem Studenten um den Hals, und ruft: Wir müssen Kameradschaft trinken, – Wieso? – Ich bin in deine Schwester verliebt, mein Junge; fährt der andere fort, ich sterbe, wenn ich nicht wenigstens bald zu ihr sagen kann: Wie befindet Sie sich, Jungfer? Du mußt mich bei deinen Eltern einführen, als einen Mitstudenten, als einen Freund aus dem Gasthause, als was du willst. – Nun erzählte der heftige närrische Mensch weiter, und es kam heraus, daß er Kaufmannsdiener sei, vor wenigen Wochen erst die Lehre verlassen habe, und in einer der eisten Handlungen Augsburgs konditionierte. Ein Zufall hatte ihm meine Schwester gezeigt. Dazumal wurden gerade Bittgänge gehalten und Gottesdienst gefeiert, zum Besten und Frommen der unglücklichen Rheinländer und Pfälzer, die unter dem Mordschwert des Königs von Frankreich bluteten. Bei einer dieser Prozessionen war der Kaufmannsdiener an Klaras Seite gekommen, und sie hatte ihm schnell gefallen, obschon sein Mund keine Silbe mit ihr gesprochen. Xaver, der in dem fremden jungen Mann einen Sohn wohlhabender Eltern aus einer entfernten Stadt erkannte, dem derselbe gefiel, ließ sich endlich bereden, gab den sonderbaren Gesellen für einen Bekannten aus, und brachte ihn in der Eltern Wohnung. Ach, nun beginnt eine schöne Zeit, sie umfaßt beinahe ein Jahr. Die Eltern gewannen den Fremdling lieb; Klara teilte seine Gefühle. Xaver sah eine schöne Zukunft für die Schwester leuchten. Die Mutter betete zu diesem Endzweck im stillen. Harmlos flossen die Tage, von Vertrauen, von Freundschaft und Liebe getragen, dahin! In dem engen Häuschen, in dem kleinen Garten waren alle glücklich. Aber – der Friede, das Glück hat seine Grenzen, und somit endigte auch dieses.« Der Doktor sammelte sich hier, wehmütig werdend, und sprach nach einer langen Stille, gefaßt und trocken weiter: »Der junge Mensch hatte nicht redlich an der Familie gehandelt. In dem Augenblick, als alle, Klara selbst, im stillen auf eine baldige Erklärung und Werbung hofften, verließ er Augsburg, heimlich, schnell, um in die Heimat zurückzukehren. Ein Brief belehrte uns, daß er als Protestant – er hatte sich für einen der Unsern ausgegeben – nicht daran denken könne, aus der Neigung seiner Jugend Ernst zu machen, und mit blutendem Herzen sich von der Stelle losreißen müsse, die ihm teuer und lieb geworden, wie das Vaterhaus. Wir weinten; Klara verzweifelte fast. Die Jahre beruhigten zwar ihr Herz, aber – an dem Entfernten treu und eigen hängend, blieb sie Jungfrau, legte als fromme Wärterin die Eltern ins Grab, und folgte ihnen dann, zehn Jahre, nachdem er sie verlassen; mit seinem Namen auf den Lippen. Hiemit, mein Sohn, endigt sich die Geschichte, deren erster Teil noch jetzt meine Seele mit angenehmen Bildern füllt. Du hast meine Eltern; meine Schwester und mich kennen gelernt. Vor achtzehn Jahren habe ich Klara verloren, und heute – bewundere die Wege der Allmacht! heute finde ich ihn wieder, der sie verließ, der vielleicht ihr Leben abkürzte; finde ihn wieder, unglücklich, daniedergedrückt von schweren , schweren Aengsten, wie ich fürchte: ein armer elender Mensch, im Schoße des Ueberflusses der eiteln Welt!« »Errate ich?« fragte James ungestüm, »der Senator?« Der Doktor nickte mit dem Haupte. »Beinahe,« sagte er, »hätte mich die Schwachheit überrascht, ein Wohlbehagen zu empfinden, als ich ihn so erbarmenswürdig vor mir stehen sah, und jetzt erst bestimmt ins reine kam, daß er jener Walter sei, den ich – seltsam fürwahr – beinahe vergessen hatte. Kein Zug der Jugend mehr in seinem Gesichte; keine Zufriedenheit in seinem Hause; keine Ruhe in seiner Brust. Die Vergeltung hat an dir gearbeitet! wollte ich sagen, doch Gott hielt meine Zunge im Zaume. Klara hat mir ja auf dem letzten Lager ihre Liebe zu ihm als Vermächtnis hinterlassen, und ich muß ihn oder die Seinen glücklich machen, wenn ich's vermag; schon darum, weil ihn Klara geliebt, weil ihn Klara gesegnet hat –!« »O ein heiliges Gefühl, ein heiliges Erbe ist die Liebe!« versetzte James mit einer wehmütigen Innigkeit. Der Doktor ergriff ihn fest bei der Hand, und redete: »Mein Sohn, hüte dich vor Sophismen, wie sie nur gar zu gerne die Leidenschaft gebiert, wenn sie sich in Fesseln spürt. Denke deines Versprechens, der Zusage, die du mir gegeben. Du gehörst nicht mehr dir selbst an, du gehörst nicht mir. Und wäre dies alles nicht, so sollte meine Erzählung dir bewiesen haben, daß Ungleichheit des Glaubens Verderben bringt.« – James schwieg mit bitterem Gefühle. – »Ich sehe, daß es Zeit ist, deine Besuche in des Senators Hause abzukürzen,« fuhr der Doktor sorglich fort, »die letzte Aufgabe vollende noch. Vielleicht begründest du dadurch das Heil einer Person, die du liebst , wie ich fürchten muß.« – »Und gelänge es mir,« fragte James, Mut fassend, »dürfte ich alsdann hoffen, mein Vater?« »Dein Schicksal hängt nicht von mir ab,« antwortete der Doktor, »wäre dieses aber auch – Sohn! hätten wir uns in dir getäuscht ...? Laß mich das nicht ahnen!« »O, welch ein Schicksal ist mir bereitet worden?« seufzte der junge Mann, »zu welchem Gewerbe – mir widerstrebend, meinen Sinn empörend, wurde ich bestimmt! und zum Dank dafür verbietet man mir grausam, zu fühlen wie ein Mensch!« »Dafür rasest du wie ein Tor,« unterbrach ihn der Doktor heftig, »zur Strafe wirst du deine bisherigen Andachtsübungen verdoppeln, bis ich es anders bestimme –!« Milder fuhr er und plötzlich besonnen fort: »Was wäre dein Schicksal unter den dänischen Dragonern gewesen, du Verblendeter? Du schlägst die Hand, die dir wohl tat. Dein Gewerbe empört dich? Das heißt: deine Pflicht gefällt dir nicht. Glaube mir, oft ist auch mir die meinige zuwider, aber ich erfülle sie dennoch ohne Murren, weil ich überzeugt bin, daß zu einem vollkommenen Bau der geringste Dienst vonnöten ist, wie der edelste. Die Leute, die im finstern Schacht den Keller wölben, haben durch ihre lichtscheue Arbeit mehr getan, als der Meister, der das leichte Prunkgetäfel anschlägt, und, den Blumenstrauß stecken auf den fertigen Bau, kann vollends jeder Lehrjunge. Bescheide dich also dankbar vor dem Höchsten, zu dessen größerer Ehre wir handeln, und bemeistere flüchtige Aufwallungen der Jugend, die immer nur eitel sind, und denen im vorliegenden Falle ohnehin nicht entgegengekommen wird.« Dieses letzte Argument entschied. James fühlte wohl, was er empfand, aber die Empfindung der Geliebten war ihm mehr als zweifelhaft geblieben. Er schwieg daher halb unterwürfig, halb gekränkt, und waffnete sich mit starrer Kälte, als er am folgenden Tage des Senators Haus betreten mußte. »Wo will Er hin?« schnauzte ihn mit unerträglicher Grobheit der verdrießliche Nothhaft an, der ihm just entgegen kam. »Zur Jungfer Justine.« – »Die Jungfer hat Kopfschmerzen. Komm Er ein andermal.« – James wollte, nachdem er mit leichtem Achselzucken den Ungeschliffenen gemessen, still davongehen, als sich Justinens Stimme von oben vernehmen ließ: »Kommt nur herauf, werter Monsieur; für Euch bin ich zu Hause, nur für den Neidhammel nicht, der Euch sans façon belügt, wie ein Schelm!« – James stutzte erfreut. Von Zorn brennend, und mit einem: »Verdammter Naseweis!« lief Nothhaft in das Kontor. »Laßt Euch meine Sprache nicht befremden,« sagte Justine ohne Umstände in Gegenwart der Mutter zu dem jungen Engländer, »wir Deutsche haben – wie wir denn in allem derb sind – ein derbes Sprichwort, das man wohl sonst nur in Pöbels Mund hört, das aber stets wohl angebracht ist, wenn man vom Pöbel redet: Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil! Ich zweifle nicht, daß in Eurer Sprache sich ebenfalls ein ähnlicher Spruch vorfinden werde. Der Bursche, der Euch belog, ist der Klotz, der sich sogar einmal unterstanden hat, sich in mich zu verlieben. Ich bitte Euch, damals noch ein Kind von fünfzehn Jahren, sollte ich an dem blatternarbigen Ungeschickt eine Freude finden! Ich habe ihm das Zärtlichtun abgewöhnt; nun verfolgt mich jedoch der holde Amadis mit tausend Tücken und Nucken, die mir – wider seinen Willen – Spaß machen, weil ich sie gewöhnlich vereitle. Seit der letzten Horchern hat er auch auf Euch seinen hohen Zorn geworfen. Fürchtet Euch aber nicht, Monsieur, Ihr steht unter meinem Schutze.« »Ich bin Ihnen sehr verpflichtet, Mademoiselle,« antwortete James lächelnd, »doch wüßte ich schon selbst mir den Ueberlästigen vom Halse zu schaffen, wenn er mir ernstlich zur Last fallen wollte.« »Das meine ich auch,« ließ sich die Senatorin breit und förmlich vernehmen, »Er hat starke Knochen, Monsieur, und mag sich durchhelfen. Für dich Justine schickt es sich indessen ganz und gar nicht, einem jungen Mann solche Promessen zu geben. Die Chapeaus sind doch, so Gott will, dafür in der Welt, uns zu beschützen, und es ziemen sich folglich solche kavaliere Redensarten keineswegs für eine schon Verlobte Tochter, Ich werde also ...« »Uebergenug, beste Mama,« fiel Justine kurz abfertigend ein, »Sie verstehen es, mich zum Schweigen zu bringen, und Ihr, Monsieur beginnt die Lehrstunde!« – James gehorchte, doch Justinens Geist war keineswegs bei der Grammatik. Ungeduldig zählte ihr Auge die Minuten auf der Wanduhr, und sie machte Schicht, sobald die Glocke schlug. Ein Vorwand wurde bald gefunden, den Lehrer zu begleiten, und schnell raunte sie ihm zu: »Wie ist's Herr? habt Ihr der armen Französin das Geschenk gebracht? Lindert es ihr Elend? Was ist ferner zu tun?« – James erwiderte verlegen: »Ich bringe Ihnen der Unglücklichen heißen Dank. Ihre reichliche Gabe hat sie in Ueberfluß versetzt, und zu ihrem Glücke fehlt nur noch eins: Sie, freundliche Geberin, von Angesicht zu sehen; Ihnen mündlich danken zu können!« »Ratet der guten Frau ab,« versetzte Justine ängstlich, »sie soll ja nicht hierher kommen. Der Vater, er ist ohnehin mürrisch, würde es nicht gerne sehen. Die Mutter gibt in ihrem Leben kein Almosen, und ich hätte nur Verdruß, wenn es herauskäme, daß ich mein Taschengeld ...« Sie stockte, besann sich einen Augenblick und setzte dann hinzu: »Die arme Frau soll sich deshalb nicht so grämen. Ich wünsche selbst, sie zu sehen, mich nach ihren Bedürfnissen zu erkundigen, aber Ihr begreift, es geht nicht an, daß sie komme. Ja, wenn ich ein Mittel wüßte ... ich würde mich gerne selbst einmal zu ihr schleichen ... ich helfe gar zu gern ... aber ... ich weiß nicht ...« »Das Mittel wäre leicht,« entgegnete James, etwas zögernd, »vertrauen Sie sich mir an, ich führe Sie; in einer Stunde sind wir hin und zurück gegangen.« Justine blickte ihn neugierig und strenge forschend an, »Ich halte Euch für einen Ehrenmann, Herr White. Ich würde mich nicht fürchten, mit Euch zu gehen. Aber, wann? Ich will nicht mit Euch gesehen werden, und am Abend gehe ich nicht aus, mögt Ihr wissen,« »So bleiben uns die frühen Morgenstunden,« meinte James, und der Vorschlag gefiel Justinen. – »Schön!« rief sie, »das paßt. Mutter schläft fest bis um neun Uhr, Vater ist vor acht nicht sichtbar, und kümmert sich nicht um mich. Um sechs Uhr also. Dann sind die Straßen noch ziemlich leer von den Leuten, die mich nicht sehen sollen. Wartet meiner morgen um diese Stunde am Neumarkte. Wollt Ihr das tun, so wird mir das artige Abenteuer Freude machen.« James versicherte seine Bereitwilligkeit und ging, nicht mit leichtem Herzen, aus dem Hause. Justine schwelgte dagegen in dem Genusse ihres kleinen Geheimnisses. Der Umstand, die Wohltäterin einer Bedrängten geworden zu sein, schmeichelte ihrer Eitelkeit, und schien ihrem Leben eine gewisse Bedeutung zu verleihen. Sie sah sich nicht mehr verdammt, zwischen einer stumpfsinnigen Mutter und einem schwermütigen Vater den freudenlosen Pfad zu gehen; sie wirkte nach außen hin, und diese Idee erquickte ihren Geist, der ihr zu etwas Besserem geschaffen schien, als zu der Einklammerung in alltägliche Hausverhältnisse. Justine war so gut und liebevoll, als sie sich manchmal schroff und ungestüm gebärdete. Sie hätte gewünscht, die Pflegerin der Welt zu sein, alle Schätze der Goldminen Amerikas zu besitzen, um sie an die Armut zu verteilen. Sie konnte darum der Neugierde nicht widerstehen, das dankbare Geschöpf ihrer Milde zu sehen, dessen Not mit eigenem Ohre zu vernehmen, ihm Trost zu geben durch Worte und durch die freigebige Tat. Mit Ungeduld erhob sie sich, als der bezeichnete Tag angebrochen, von ihrem Lager. Ein Blick durchs Fenster belehrte sie, daß das schönste Wetter ihre heimliche Wanderung begünstige; schnell war sie in ein unscheinbares Gewand gehüllt, ihr Haar, ihr Antlitz von einem dichten Schleier bedeckt, und, bevor noch der Zeiger auf sechs Uhr wies, die Türe ihrer Schlafkammer leise, leise geöffnet. Ein Geräusch hielt sie auf der Schwelle zurück. Am Ende des Ganges öffnete nämlich auch der Senator behutsam die Türe seines Gemachs, und trat, wie auf den Zehen, heraus; völlig angezogen. Langsam schritt er die Treppe hinab, und ging aus dem Hause. Justine war betroffen. Sie hatte den Vater gestern am ganzen Tage nicht gesehen. Eine Sitzung des Senats hatte ihn, seinem Vorgeben nach, fern gehalten. Und heute, dieses leise, schleichende Ausgehen ... es kam ihr seltsam vor. Allein, was war denn, seit jener unglücklichen Begebenheit, nicht seltsam in dem Benehmen ihres Vaters? Schnell gefaßt trat Justine ihren Weg an, um die Zeit nicht zu versäumen, und ihren Begleiter nicht warten zu lassen. James hatte sich schon seit geraumer Frist auf dem Neumarkte eingefunden. Auch an ihm war der Senator, tief in Gedanken, vorbeigekommen. Mit klopfendem Herzen begrüßte er Justine, die eiligst herbei hüpfte, den Schleier nur leicht lüftete, mit dem Kopfe nickte, und zur Eile antrieb. Stumm ging James neben der Holden her, die ihre Schritte immer munterer förderte. Der Weg war jedoch weit. James führte seine Schülerin in ein entlegenes Quartier der Stadt, wohin sie noch nie gekommen war. Stutzig sah sie sich auf einer Kreuzstraße um und sagte englisch zu dem Führer: »Hat hier nicht die Ehrlichkeit ein Ende, Sir? und wie steht's mit der Euern?« – James lächelte etwas verlegen, deutete jedoch auf eine Türe und antwortete: »Wir sind am Ziele!« Justine betrachtete diese Pforte aufmerksam. Nur eine Mauer stellte sich dar, über welche sparsame Efeugewinde herabhingen. Das Pförtchen, ohne Seitenfenster oder Lücke, war enge, niedrig, und sehr fest, von Eichenholz gezimmert. In der Umgegend, durch Gartenmauern und Gehege von dem Pförtchen abgesondert, standen nur einige halbverfallene, elende Wallhäuschen, deren Bewohner, im Taglohne arbeitend, schon beim Grauen des Morgenlichts ausgingen, und in später Nacht erst wieder heim kamen. Alle Türen und Fenster zu; nur hie und da schrie aus dem Innern ein eingesperrtes Kind, oder bellte ein angeketteter Hund. Mit fragendem Blicke deutete Justine auf die bezeichnete Türe. James nickte, und wollte an dieselbe pochen. Rasch hielt ihm das Mädchen die Hand, und sagte mit gedämpfter Stimme: »Wo führt Er mich hin, Monsieur? Da hinein gehe ich nicht.« James betrachtete einen Augenblick ihre Miene. Die seinige verfinsterte sich nicht. »Nach Belieben!« entgegnete er schnell, »so gehen wir zurück, weil Sie sich fürchten.« Der Vorwurf der Furcht, so wenig er verwunden sollte, traf sein Ziel. Justine maß von neuem mit dem Auge die verschlossene Türe, den zum Gehen gewendeten Jüngling, die menschenleere Nachbarschaft. »Glaubt Ihr, daß ich ein Kind sei?« fragte sie alsdann mit Vorwurf, »Furcht kenne ich nicht, Monsieur, aber ich muß drauf sehen, daß mein Vorwitz mich nicht an einen Ort bringe, der vielleicht meinem Geschlecht und meiner Familie gleich unangemessen wäre.« »Wie, Mademoiselle?« fragte James mit flammenden Augen, »glauben Sie, daß ich fähig sei, Sie an einen solchen Ort zu führen? O wenden Sie schnell um, ich will Ihre Erniedrigung nicht.« Justine machte ihm rasch ein Zeichen, zu schweigen, und faßte, an ihn tretend, seinen Arm. Sie hatte eines Mannes Schritt gehört, und in der Tat kam ein Herr um die Ecke der Mauer, den Hut tief ins Gesicht gedrückt, und zum Ueberfluß einen Mantel um das Kinn geschlagen, daß auch kein Zug von ihm zu erkennen war. Einen flüchtigen Blick warf er auf die verhüllte Dame und ihren Begleiter, klopfte dann ziemlich vertraut zweimal an die rätselhafte Türe. Ein Mensch von gemeinem Ansehen öffnete sie, und schob hinter dem Eintretenden die Riegel vor. Justine hatte eben in dem Moment des Oeffnens die Aussicht auf einen Hof mit Bäumen, und ein darin stehendes Gebäude erhascht, »Kennt Ihr den Mann?« fragte sie ihren Führer. Er verneinte, »Es sieht doch da drinnen nicht wie in einer Mörderhöhle aus!« fuhr sie lächelnd fort, »wäre es Euch noch gefällig, mich zu begleiten?« – »Ihr wollt es?« versetzte James, »in Gottes Namen denn!« Er klopfte zweimal, wie der Vorgänger. Derselbe Pförtner schloß auf, bückte sich wie ein Bekannter vor dem Engländer, und begrüßte auch auf ein Zeichen desselben die Dame. Der Hof war bald durchschritten, das Gebäude bald erreicht. Tiefe Stille herrschte rund um das altertümliche Haus, das ehedem ein Kloster gewesen zu sein schien. Die in der Hausflur aufgeschichteten Geräte ließen vermuten, baß hier früher ein Magazin gewesen. Die halbdunkle, halbverfallene Holztreppe knisterte unter den Schritten der Kommenden. Neue Besorgnisse stiegen in Justinens Seele auf. Da pochte James an eine recht unscheinbare Türe. Sie ward geöffnet, und der Engländer mit seiner Begleiterin trat rasch hinein. »Mein Gott!« flüsterte nun James der letztern zu, »wir sind am unrechten Orte!« Aber schon hatte der Oeffnende, ein Pförtner, wie jener am Haupttore, die Türe zugemacht, und wies die Kommenden in einen hölzernen Verschlag, der zur Seite stand. Eine Bank war in dem dämmerigen Versteck zu sehen, und ein hölzernes Gitter gab die Aussicht auf das Gemach, in welches die Senatorstochter geraten war. Ein Spitzgewölbe, dem Ansehen nach eine verwitterte Kapelle, mit Grabsteinen auf dem Fußboden, und ausgebrochenem Ziegelpflaster. Die Fenster waren teils zerfallen, teils von Spinneweben umflort. An den Mauern liefen zu beiden Seiten Verschlage hin, dem ähnlich, in welchem sich Justine befand; teils mit vergitterten, teils mit offenen Fensterlucken; Betstübchen aus sehr lang verwichener Zeit. Durch die Oeffnungen waren tief verhüllte Männer, Weiber in Schleierhauben, Kapuzmänteln und anderer Vermummung zu sehen. »Wir sind in der ehemaligen Kapitelstube der Johanniter!« sagte James leise und verlegen zu der staunenden Freundin, »verzeihen Sie meinem Ungeschick. Schweigen Sie aber ja zu allem, was hier vorgehen möchte. Sie haben nichts zu befahren.« Justine sah ihn starr an, und wendete sich, ohne eine Silbe zu erwidern, zu dem Gitter, um zu beobachten, was der Türsteher beginnen würde, der durch die Kapelle auf einen großen Kasten zuging, welcher am obern Ende derselben stand. Er öffnete das Schloß, hob den Deckel, schlug die vordere Wand herab, und siehe, es gestaltete sich ein Altar mit zwei hölzernen Stufen, und belegt mit einem sauberen weißen Linnen. Zwei Leuchter mit Wachskerzen, die der Diener anzündete, und einige Gefäße mit Blumen standen zu den Seiten eines Kruzifixes. Schmucklos war im übrigen der Altar. Der Diener nahm einige zinnerne Kännchen nebst Schüssel und Serviette aus einer Lade, setzte eine kleine Schelle auf die Stufen nieder, und entfernte sich durch eine enge Türe hinter dem schnell errichteten Opfertische, Justine sah nun deutlich, wie von den Leuten um und um Gebetbücher und Rosenkränze aus den Taschen genommen wurden, und sie ahnte, was hier geschehen würde. Diese Ahnung wurde zur Gewißheit, als die enge Türe wieder aufging, der Diener heraustrat, mit einem großen Buche in der Hand, aus welchem viele bunte Bänder herabhingen, und ihm ein ansehnlicher, ehrwürdig aussehender Mann folgte, in einem funkelnden, wunderlich geschnittenen Gewande, einen vergoldeten Kelch tragend, und in ernstes Sinnen und Gebet versunken. Justine hatte einigemal auf Bildern und in Kupferstichen römisch-katholische Priester in solchen Kleidern gesehen, und zweifelte nun nicht, sich an einem Orte zu befinden, wo man den römischen Gottesdienst unterm Schleier des Geheimnisses feierte. Welch ein Gefühl in ihrer Brust entstand, läßt sich nicht beschreiben. Unwillig gegen die ihrem Glauben widerstrebende Form, gegen den dienstfertigen Führer, gegen ihren eigenen Leichtsinn, hätte sie den Ort verlassen, aber die verriegelte Türe, die Furcht vor dem Aufsehen, das entstehen würde, mehr noch als das, ihre Neugierde hielt sie fest. Das Meßopfer begann mit der größten Ruhe, und der Anstand des Geistlichen versöhnte bald die Protestantin mit den Gebräuchen, die sie nicht faßte. Sie sah den Priester demütig vor den Stufen des Altars auf die Kniee sinken; sie fühlte, daß er vor dem Einigen seine Schuld bekenne, für sich und seine Gläubigen; und geheimnisvoll vorbereitend drangen die halblaut gesprochenen lateinischen Worte zu ihrem Ohr. Unwillkürlich machte sie die Gebärden der übrigen Zuhörer nach. Sie hörte stehend das Evangelium, beugte das Haupt bei der Wandlung. Sie genoß im Geiste das Abendmahl des Priesters mit, und als derselbe dem Volke verkündete, die Messe sei vorüber, als er wieder hinter der Türe entschwand, durch welche er gekommen, da bedauerte fast Justine, daß das seltsame, nie gesehene Schauspiel vorüber gegangen. Um den Eindruck, den dasselbe auf sie gemacht, noch aus dem baufälligen Hause mit sich in die freie Luft zu retten, drängte sie rasch den Begleiter, der sie zurückhalten wollte, nach der Türe, und trat, beinahe die erste der Davongehenden, aus der Kapelle. »Was tun Sie?« flüsterte ihr James besorglich zu, »Sie werden sich verraten, erkannt werden! Wir hätten die letzten sein sollen!« Von der triftigen Einrede erschüttert, stand Justine verlegen still, zog den Schleier fester zu, und sah kaum nach den Vorübergehenden, die, vermummt wie sie, mit flüchtigem Seitenblick von dannen zogen. »Hier herein!« sagte mittlerweile der junge Engländer, und zog Justine in eine andere; nur angelehnte Türe, »hier finden wir, was wir gesucht, und indessen wird Haus und Hof von den neugierigen Gästen rein.« Justine sah sich in dem Gemache um, und ward angenehm überrascht, ein ziemlich junges und hübsches Frauenzimmer, in prunkloser, aber sorgfältiger Kleidung, vor sich zu haben. Dieses letztere bewillkommte sie demütig freundlich, mit einem wohlgesetzten Gruße in ausländischem Deutsch. »Darf ich fragen ...?« äußerte Justine. »Mein Name ist Lainez,« versetzte die junge Frau, »wie glücklich machen Sie mich, indem Sie mich eines Besuchs würdigen, und einer Gelegenheit, Ihnen zu sagen, wie dankbar ich für die großmütige Hilfe bin, die Sie mir durch den uneigennützigsten Wohltäter, durch Herrn White angedeihen ließen.« »Die Offizierswitwe, von der ich Ihnen sagte,« schaltete James ein, »nur ein Zufall ließ uns die rechte Türe verfehlen.« »So?« erwiderte Justine trocken, indem sie einen mißfälligen und mißtrauischen Blick auf den Engländer warf, sich aber dann schnell zu der Französin wendete: »Sie leben in einer geheimnisvollen Nachbarschaft, Madame.« »Ich kenne meinen nächsten Nachbar nicht,« antwortete die Witwe unbefangen, und sah Justinen furchtlos in das Auge, »der Verwalter dieses ehemaligen Magazinhauses hat viel von dem bedeutenden Gelasse, in dem er befiehlt, an arme Mietsleute gegeben, und die Armut verkriecht sich gern. Die Hausgenossen sind mir fremd, bis auf eine alte, beinahe taube Frau, die mich mit Wasser und Holz versieht.« »Ich glaube Ihnen,« versicherte Justine, indem sie der Freundlichen die Hand reichte, »Monsieur White wird um desto bekannter mit den Leuten sein, die ich soeben verließ.« »Ein Zufall, wie gesagt, Mademoiselle, brachte uns in die Mitte einer Versammlung, von der ich unter bei Hand einiges vernommen, zu welcher ich mich jedoch nicht zähle.« Justine betrachtete ihn ungläubig, und erwiderte rasch und drohend: »Gleichviel, Monsieur, wie's Euch gefällt, mich zu belehren. Die Herrn und Frauen mögen unterdessen sorgen, daß nicht auch der Senat unter der Hand einiges von ihrem Tun vernehme. War mein Vater heute an meinem Platze, so war ein Unheil fertig. Wer bürgt übrigens dafür, daß ich nicht plaudere?« »Ihr Herz,« versetzte James ruhig und zuversichtlich, »Sie sind ein zartfühlendes Weib. Sie werden nicht vorsätzlich Unglück über Menschen bringen, die es wagen, im Verborgenen eine Feier zu begehen, welche ihr Gewissen zu seiner Beruhigung verlangt, obgleich ein hartes Staatsgesetz sie verbietet.« »Was ist denn hier im Werke? Was ist vorgefallen?« fragte Madame Lainez verwundert und neugierig. Justine sagte: »Das kümmert Sie nicht, liebe Frau. Noch ein Wort zu Herrn White, ich bin Euch für die gute Meinung verbunden, Monsieur. Ihr fangt an, in meiner Seele zu lesen. Was wünscht diese wohl gerade jetzt?« »Die Heimkehr,« antwortete James gefällig, »darf ich Ihnen wieder meinen Arm bieten?« »Mit nichten, Monsieur. Ich werde ohne Euch den Weg nach dem Hause meines Vaters finden. Ich fürchte weitere Zufälle an Eurer Seite. Eure völlige Entfernung ist mein Wunsch, und bis Ihr diesen erfüllt, werde ich schon der Dame hier zur Last fallen müssen.« »Welche Ehre!« beteuerte die Lainez, »wie schmeichelhaft diese Güte!« »Sie zürnen?« fragte James gekränkt und bestürzt. »Die ganze Stadt spricht von Justinens Launen,« erwiderte Müssingers Tochter, »ich habe heute die Kaprice, vorsichtig zu sein; ich werde sie auch morgen und übermorgen haben, und bitte Euch daher, dieses heutige Zusammensein als unser letztes anzusehen.« »Sie verstoßen mich?« rief James mit den Lauten des tiefsten Grams, wollte heftig auf das Mädchen zugehen, faltete jedoch, sich besinnend, die Hände, warf noch einen seelenvollen Blick auf Justine, und empfahl sich dann rasch mit einer Verbeugung. Justine hatte den schnellen Abschied nicht erwartet, und ihr aufgeregtes Mißtrauen machte einem wärmern, mildern Gefühl Platz. »Ich habe dem Monsieur vielleicht unrecht getan,« sagte sie langsam zu der Offizierswitwe, die neugierig auf ihrer Stirne las, »allein was soll ein Mädchen tun, dem ein Mann Ursache zu gerechtem Argwohn gab? Aengstlich auf der Hut sein, denn die Männer sollen lieben, uns mit Schlingen zu überziehen, und jenes Engländers Zufälle scheinen mir ein Netz. Nun aber zu Ihnen, meine Gute. Ihr Gesicht gefällt mir, wie Ihr Benehmen, davon keiner gewöhnlichen Herkunft zeugt. Lassen Sie mich wissen, worin ich Ihnen noch gefällig sein könnte.« »Meine junge Dame, ich habe schon so vieles von Ihrer Güte genossen, daß ich unbescheiden sein würde, wenn ich ein Mehreres verlangte. Ihre Hilfe reichte hin, die Wohnung, in welcher Sie mich finden, wie ein anständiges Witwenzimmer auszuschmücken, und Sie würdiger aufzunehmen. Darf ich noch begehren, daß Sie Ihrer Milde etwas hinzufügen, so flehe ich Sie nur an, dem guten Herrn White, der trostlos von Ihnen ging, zu verzeihen, wenn ich gleich nicht weiß, wodurch er Ihren Unmut verschuldet hat.« Justine bewegte ungeduldig das Haupt. »Warum reden Sie von ihm?« fragte sie, »ich habe Krieg mit ihm, nicht Sie; Sie scheinen viel von ihm zu halten.« »Mademoiselle!« erwiderte die Lainez, »ich lebe eigentlich nur in meinen Wohltätern. Von der übrigen Welt habe ich Abschied genommen, seit ich meinen Mann verlor, der bei Denain den Tod eines braven Soldaten starb. Gott sei gelobt, daß die Handlungen eines wackern Mannes noch für dessen Witwe und Nachkommen Früchte tragen. Mademoiselle, mein Gatte, Viktor Lainez, machte, wir waren kaum einige Monate verbunden, an der Spitze seiner Grenadierkompanie die Schlacht bei Malplaquet mit. Der Himmel wollte, daß er den tapfern Boufflers aus der drohendsten Gefahr retten konnte, worein ein scheu gewordenes Pferd den Marschall versetzt hatte; ferner, daß er den kühnen Ritter St. George, der die Reiterei gegen die Feinde führte, durch einen heldenmütigen Angriff aus dem Gedränge riß. Villars belohnte freilich die seinem Nebenbuhler Boufflers geleistete Hilfe nur mit Geiz und Verdruß, aber des Marschalls Familie verließ mich doch nicht in meiner Not. Und als ich, vom Mißgeschick dem vaterländischen Boden entfremdet, hier in Krankheit verfiel, erwarb mir des Ritters St. George Rettung einen Freund in dem guten James White. Das Ungefähr machte ihn mit meiner Lage bekannt; kaum hörte er, daß mein seliger Mann dem Stuart, den er mit vielen tausend Engländern als König verehrt, einen Ehrendienst geleistet, als auch sein Beistand sich verdoppelte. Er wußte, selbst mittellos, seinen Pflegevater, den Doktor, in mein Interesse zu ziehen, mein Schicksal zu erleichtern, und endlich in Ihnen nicht minder einen guten Engel für mich zu gewinnen.« »So?« versetzte Justine, beinahe mit einem Anstriche von Eifersucht, »es muß Ihnen peinlich sein, Madame, von einem jungen Manne abzuhängen. Frauen sollten billig wieder nur Frauen die Erleichterung eines unverdienten Mißgeschicks verdanken. Welches ist denn Ihr weiteres Ziel? Ohne Zweifel sehnen Sie sich, in die Heimat zurückzukehren?« Die Lainez schüttelte traurig den Kopf. »Ich finde nur Gräber dort, die mir wert sind,« antwortete sie, »meine Lieben sind alle hinüber. Weitläufige Verwandte, die die Aufhebung des Edikts von Nantes aus ihrer Heimat verwiesen, leben zu Berlin. Ich kenne diese fremden Vettern und Basen nicht, und fürchte, sie werden auch mich nicht kennen wollen.« »Ihre Furcht möchte gegründet sein,« begann Justine nach einigem Nachdenken. Die Lainez fuhr fort: »Und ist es nicht grausam, daß ich diese Ueberzeugung hegen muß? Trage ich denn die Schuld, daß mein Vater, seiner Familie Vorteil berücksichtigend, den katholischen Glauben für sich und die Seinigen annahm? Die Auswanderung hätte uns zugrunde gerichtet, um Gut und Leben gebracht. Im Grunde ist es ja doch gleichviel, unter welchen Gebräuchen wir Gott verehren. Wir sind die Kinder eines Vaters, und, so gut von ihm die zahllosen Sprachen verstanden werden, in welchen die Welt zum Himmel betet, so gut versteht er auch des Herzens frommen Willen von der Form zu sondern.« Justine sah ihr bewegt, scheu und dennoch freundlich ins Auge. »Sie sprechen gut, Madame!« sagte sie, »Sie erregen meine lebhafteste Teilnahme. Ich werde Sie wieder sehen; ganz gewiß, Madame. Ich will über Ihre Zukunft mit Ihnen reden. Verlassen Sie sich auf mich. Ich bin ein junges Mädchen, aber ich habe meinen eigenen Kopf. Ich dürfte Ihnen von größerem Nutzen sein, als der Monsieur White. Es wäre mir lieb, wenn Sie sich seinem Beistande entzögen, und mir erlaubten, Ihnen schicklichere Dienste zu leisten. Ich muß überlegen ... mein Gott! ich habe diesen Morgen schon so vieles gehört und gesehen; ... sagen Sie mir aufrichtig: Sie wissen in der Tat nicht, was in Ihrem Hause, Ihrem Zimmer gegenüber, vorzugehen pflegt?« »Wahrlich: nein, Mademoiselle.« »So bleibt mir nichts übrig, als die Delikatesse zu bewundern, womit sich augenscheinlich eine Gesellschaft Ihrer annimmt, zu welcher Sie eigentlich gehören, die es aber vermeidet, Sie in ihren Kreis zu drehen, um Sie der Gefahr einer möglichen Entdeckung zu entziehen. Oder ... will man erst Ihrer Verschwiegenheit gewisser werden,« »Noch einmal, Mademoiselle, ich verstehe Sie nicht.« Justine rieb sich ungeduldig die Stirne. »Ich werde ganz verwirrt,« sagte sie, »Ihre Unwissenheit ... Whites rätselhaftes Betragen ... ist der Monsieur Protestant oder nicht?« »So viel ich weiß: ja.« »Und Sie, Madame, sind, wie Sie sagten, Katholikin?« »Aufrichtig zu sein, Mademoiselle, muß ich Ihnen bekennen, daß mein Vater, ob er gleich zur Messe ging, dennoch Protestant geblieben. Wir Kinder folgten, größer geworden, seinen Grundsätzen. Herr von Lainez ließ mir freien Willen in Religionssachen. Meine Verwandten zu Berlin werden freilich nie glauben, was ich Ihnen soeben gestand, aber es ist nicht minder wahr, daß ich einem Rücktritt mich entgegen sehne.« »Dann müssen Sie aus diesem Hause!« lief Justine lebhaft, »ja Madame, Sie müssen, ehe Sie erfahren ...« »Was, Mademoiselle?« »Ich werde überlegen, nachdenken, Sie dieser Lage entreißen. Glauben Sie mir; ich will nur Ihr Heil, Ihres Leben« Wohl.« »Erklären Sie sich ...« »Ein andermal ... morgen oder übermorgen! Soeben schlägt die Stunde, in der ich schon zu Hause sein sollte. Ich verlasse Sie jetzt, um Sie bald gefaßter wieder zu sehen. Veranstalten Sie indessen, daß ich den Engländer hier nicht finde. Leben Sie wohl, meine Beste. Keinen Dank für die Kleinigkeit, die ich Ihnen reichen durfte; ich wünsche, ich hoffe, ein Mehreres für Sie tun zu können. Adieu.« Justine ging in der heftigsten Bewegung von dannen. Die Lainez folgte ihr verlegen über den Hof; öffnete ihr die Pforte, und des Senators Tochter eilte die Gasse hinauf. James, der an der Ecke ihrer wartete, wie ein armer Sünder seines Richters, hätte zu keiner unpassenderen Zeit in ihren Weg treten können. »Was wollt Ihr?« fragte sie ernst und hastig, und streifte an ihm vorüber. »Mademoiselle!« entgegnete er verschüchtert, »hassen Sie mich nicht, ich wollte meine Reue... ich hatte nicht Ruhe... darf ich nicht ein Wort ...?« »Inkommodiert Euch nicht, Monsieur,« sagte Justine kurz, »schleicht nicht an meiner Seite hin. Bleibt zurück. Ihr wißt bereits wie ich denke. Adieu.« Der niedergedonnerte James blieb in der Tat, an der Geduld der Zornigen verzweifelnd, zurück, und schlug den Weg in eine andere Straße ein. Er rannte an einer bekannten Figur vorbei; an dem Kaufmannsdiener Berndt, der ihn von der Seite mit einem Blicke, ohne ihn zu grüßen, maß, und dann eiligst der Jungfer folgte, die er wahrscheinlich von ferne, mit James redend, gesehen. White hatte indessen nicht Zeit, nicht Besonnenheit genug, über diese Begegnung nachzudenken, Die, wie er sich bewußt war, verschuldete Mißbilligung und Verachtung eines geliebten Mädchens, auf dessen Gedankenkonsequenz nicht gehörig gerechnet worden war, kränkte ganz allein sein Herz, erfüllte sein Gemüt. Er verwünschte im raschen Laufe nach seiner Wohnung seine Bestimmung, sein Geschick, seine Liebe, und den Zwang, dem er unterworfen. Mit tränendem Auge und hochschlagender Brust erreichte er sein Stübchen, und warf sich, wie trostlos auf das Lager. Er hatte nur wenige Minuten mit geschlossenen Augen seine Sinne gesammelt, als er hinter der Bretterwand, die sein Gemach von dem Schlafkabinette des Doktors trennte, das Geräusch einer aufgehenden und zufallenden Türe vernahm, El horchte, und unterschied die Stimme des Doktors, die Stimme des Senators Müssinger. »Erholen Sie sich,« sagte der erstere, »in allen Verhältnissen des Lebens ist uns Fassung am nötigsten. Der Mensch ist seiner Herr, sobald er über seinem Schmerze, wie über seinem Glücke steht. Die Erinnerung an das Jahr 1690 hat Sie übel angegriffen. Hier stört uns niemand; hier lauscht niemand.« »Arme Klara!« seufzte der Senator, »nach neunundzwanzig Jahren muß sich dein Andenken so grell in meinem Gehirne erneuern! In welcher bösen Zeit mein Freund! O, in welchen betrübten Stunden!« »Klara ist im Himmel, Herr Senator. Sie sitzt zu den Füßen der Gebenedeiten, und sieht gewiß segnend auf uns herab, denn dort oben löscht jeder Groll aus, und Klara grollte Ihnen auch hienieden nicht.« »Welche Reden, würdiger Herr! Das sind Worte des Trostes, der unendlichen Zuversicht auf unendliche Barmherzigkeit! Aber – was hilft es? Ein stummer Fluch verfolgt mich, und weil mein frevelhafter Leichtsinn ein unschuldig Herz gebrochen, bricht die Schuld das meine.« »Der Schatz göttlicher Liebe ist groß, unermeßlich. Vertrauen Sie dem Heiland. Ich darf seine Stelle auf Erden vertreten, wenn ein reuiges, nach Versöhnung lechzendes Gemüt sich vor dem Kreuze in Staub wirft. Sie erschraken beinahe, Herr Senator, als ich, Vertrauen mit Vertrauen vergeltend, Ihnen bekannte, daß ich die Weihen meiner Kirche trage. Wollte die heilige Mutter Gottes, daß Sie auch derselben angehörten! um zu erproben, ob ich den Beruf und die göttliche Gnade zu meinem Stande besitze.« »O!« stieß der Senator nach einigen Augenblicken mit Gram und Kummer heraus, »fast wünschte ich auch, einer der Ihrigen zu sein, daß ich auf Milde und Vergebung rechnen dürfte.« »Die Sonne scheint dem Bösen, wie dem Guten,« antwortete der Doktor mit Salbung, »der Verirrte hat in seinem Irrtum selbst Anspruch auf die Gnade seines Schöpfer«, um wie viel mehr der Bereuende? der Entfremdete, der einen Blick des Sehnen« nach der trauernden Heimat zurückwirft? Beruhigen Sie sich, bester Freund. Das Wort, das Sie soeben gesprochen haben, macht Sie schon gleichsam zu den unsrigen. Ich trage daher – die Macht benützend, die unsere frommen Väter im Namen des Statthalters Gottes auszuüben begannen – kein Bedenken, Ihnen die Tröstungen unsrer Religion anzubieten, da Ihnen, wie ich bemerke, diejenigen, welche Ihre bisherige Lehre Ihnen zu geben vermag, nicht zulänglich scheinen. Sammeln Sie Ihr Gedächtnis, mein werter Sohn, und erleichtern Sie Ihr Herz. Mein Ohr ist Ihnen offen, und meine Hand bereit, jeden Kummer aus Ihrer Brust zu nehmen, und den Balsam der Versöhnung dafür hinein zu legen.« Der Doktor schwieg, und James hörte Stühle rücken, den Senator verlegen husten, und endlich mit unsicherer Stimme erwidern: »Ich danke Ihnen, würdiger Herr, für die Wohltat, die Sie mir zu erzeigen bereit sind. Allein, obgleich mein Herz sich nach der himmlischen Speise sehnt, und ich nicht leugnen mag, daß es noch empört ist von der starren Härte, mit welcher der Diener meiner Kirche meinem kindlichen Vertrauen entgegen kam, so muß ich doch nicht minder bekennen, daß die in der Jugend eingesogenen Grundsätze und Lehren mir zu verbieten scheinen, von Ihrer barmherzigen Freundschaft Gebrauch zu machen. Ich bin nie ein Kopfhänger gewesen, leide nur seit einiger Zeit an den schweren Skrupeln meines Gewissens, ich darf nur von der mildesten aller Religionen Milderung meines Zustandes erwarten, aber – das ist die Macht des Vorurteils, wenn Sie es so nennen wollen, daß ich in meiner Angst nicht weiß, ob ich auf Ihren Vorschlag eingehen darf, wenn ich gleich sonst an jeder Tröstung verzweifle.« »Herr Senator!« lautete des Doktors ruhige und alsobald folgende Antwort: »Sie gebrauchen das rechte, das wahre Wort. Vorurteil! so heißt die schwere Kette, die das Herz an die Erde bindet, während es sich umsonst bestrebt, sich zu Gott zu erheben. In der heidnischen Fabel von dem Vogel Phönix finden Sie den Zustand, einer mutigen Seele angegeben, die, über Zeit und irdische Hinfälligkeit hinaus verlangend, sich durch ein heilig Feuer reinigt, um mit Gott vermählt zu werden. Die Heiden verstanden selbst die Fabel nicht, die sie dichteten, aber dem wahren Christen muß sie verständlich sein. Er verbrenne in der Anschauung des Höchsten den vom alten Adam umsponnenen Körper, und mit ihm alles Irdische, damit er in Gott verjüngt werde. Er lasse sich nicht von weltlichen und irrtümlichen Fesseln halten, um das Wahre zu finden. Er verschmähe nicht die herrlichste Frucht, weil ihm etwa von Kindheit auf aberwitzige Leute gesagt Haben, sie sei ungesund.« »Indessen,« fuhr der Doktor fort, nachdem er einen Augenblick inne gehalten, »indessen rottet man das Vorurteil, für welches der arme, irrende Mensch nicht kann, nicht mit Gewalt aus. Die zarten Blumen verlangen von ihrem vorsichtigen Gärtner eine kluge, treue und sanfte Pflege. Welche Milde entwickelt daher unsere Kirche, die, allen Lästerungen zum Trotze, dennoch die weiseste, sanfteste – und freudigste Gärtnerin im Paradiese des Herrn ist? Sie spricht also zu Ihnen, mein werter Freund und Beichtsohn: Es ist nicht zu leugnen, daß gebieterische Umstände das Abweichen von der gewohnten und vorgeschriebenen Regel entschuldigen. So gilt zuzeiten das mündliche Testament eines vom gerichtlichen Testieren abgehaltenen Sterbenden; so gilt die Nottaufe des Vaters, der Wehmutter, und im dringenden Fall tauft Wein oder Sand wie das reinigende heilige Wasser. Soll ich noch von den Begräbnisgebräuchen reden, die der Kapitän eines Schiffes, in Ermangelung eines Geistlichen an den verschiedenen Matrosen verrichten darf? oder von der Absolution, die im Augenblicke der Schlacht der Soldat seinem Nebenmanne erteilen darf, als komme sie aus Priesters Munde? Es wäre überflüssig, mich weiter darüber zu verbreiten. Ihre Seele liegt in Extremis, Herr Senator, und ob ein katholischer Priester oder ein Prädikant ihr beisteht, gleichviel! wenn sie nur gesundet!« »Wahr, ehrwürdiger Herr!« versetzte Müssinger, »jedoch ...« Der Doktor unterbrach ihn alsobald: »Mit wie viel größerem Rechte aber bietet Ihnen meine Kirche ihre tröstende Hand! Sie dringt sich Ihnen nicht auf, sie bettelt auch nicht um Ihre Genehmigung zu Ihrem Heil! Sie will Sie nicht erst überreden, sich zu ihr zu wenden; sie macht alte Rechte auf Sie geltend. Wahrlich, mein Herr Senator, was auch Ihre Partei sagen mag, die katholische Kirche ist Ihre Mutterkirche. Sie haben ihren Schoß verlassen; aber die Mutter hat Sie nicht aufgegeben. Sie sind, indem Sie zu den Gebräuchen der katholischen, der allgemeinen Kirche zurückkehren, kein Proselyt für diese letzte, kein Abtrünniger von Ihrer Sekte; Sie sind ganz einfach nur dem verirrten Kinde zu vergleichen, das wieder ins Vaterhaus zurückkommt, und sich an die gewohnte Stelle am Tische setzt. Die römische Kirche ist Ihr Haus, auf welches sich Ihre Ansprüche nicht verjähren, so wie sich hinwiederum das Recht derselben auf Sie nicht verjährt; ob es anerkannt werde, oder nicht. Darum begehen Sie nicht nur keine Sünde, sondern Sie üben eine Tugend, wenn Sie dem Zuge Ihres Herzens ohne Zweifelmut folgen, da es Ihnen selbst sagt, daß ich wahr geredet habe.« »Ihre Worte rühren und ergreifen mich,« erwiderte der Senator, »verlangen Sie aber nicht, daß mein so befangener geängstigter Geist sich davon überzeugen lasse. Ich bin keiner der Frommen in meiner Kirche, aber wenn es darauf ankömmt, die dem Knaben eingepflanzte Lehre zu vertauschen; so rasch, so unüberlegt ...« »Verlange ich denn dieses?« fragte der Doktor sehr sanft, »hat denn der Mensch seinen freien Willen umsonst? Ist denn die Kirche neidisch auf den Pflegling, der einer irrtümlichen Idee nachjagt? Keineswegs. Dem Vater ist es Freude genug, wenn der Sohn einmal wieder nach Hause kommt, unbekümmert, ob ihn der nächste Augenblick wieder von dannen reiße. Weil die Mutter nur um seinetwillen da« Kind liebt, füllt sie dem Scheidenden die Reisetasche mit köstlicher Speise und mit Ruhe die Brust. Mag es dann wieder fremdem Zuge folgen; sie liebt es nicht minder zärtlich.« »Sie meinen also, daß der Seelentrost, den Sie mir verheißen, von mir genossen werden kann, ohne daß ich aus der Glaubensbahn treten müßte, die ich bisher beschritt?« »Nichts faßlicher als dieses. Soll ich von Ihnen einen Eid verlangen, der Sie um nichts näher dem Vater bringt, dem Sie doch einmal angehören? Werde ich von Ihnen erst ein Glaubensbekenntnis fordern, das von dem Verlangen Ihrer Seele schon ausgesprochen wurde? Ohne es zu wissen, waren Sie schon wieder der Unsrige geworden – und ist, mein werter Beichtsohn, in Ihrem Sündenbekenntnisse und der daraus entspringenden Vergebung, der erneuerte Bund mit der wahren Kirche erst aufgegangen, so ist alles geschehen, was Sie im Grunde bedürfen. Sie sind im Innern wieder geworden, wozu Sie Gott erschuf, und das genügt uns. Von Ihrem Gutdünken, und der Forderung Ihrer Seele allein wird es abhängen, ob Sie nicht in der Befolgung aller Gebräuche unsrer Kirche eine größere Beruhigung finden möchten. Die Weisheit Gottes und seines Stellvertreters auf Erden ermächtigt uns, in den Fällen, deren Gewicht unsre Nachsicht verlangt, den Rücktretenden, den heimkehrenden Söhnen und Töchtern, jede öffentliche Aussprechung dieser Handlung zu erlassen, damit die Vereinigung mit der allgeliebten Mutter, dem Vater und dem Sohne, und dem Geiste, nicht durch weltliche Rücksichten und Bedenklichkeiten aufgehalten oder gar verhindert werde. Doch dieses berührt Sie vorderhand nicht, mein werter Beichtsohn, den ich als einen Gast freundlich zum Tische des Allbarmherzigen lade. Machen Sie sich demnach keine weitere Gemütsbewegung; sammeln Sie Ihre Gedanken, und beginnen Sie, im Namen der heiligsten Dreifaltigkeit, die ungeschmückte schlichte Schilderung des Kummers, der Sie bedrängt, und der Sünden, von denen wir alle nicht rein sind, in meinen Schoß niederzulegen.« James hörte, wie hierauf der Senator mehreremal heftig auf und ab ging, wie er sich alsdann mit einem tief aus der Brust geholten: »Ach! in Gottes Namen denn!« neben dem Doktor niederließ, wie er mit gedämpfter Stimme begann, demselben sein Herz zu eröffnen. Ein unbehagliches Gefühl, mit dem Gedanken verbunden, daß es edler und gewissenhafter sein würde, nicht länger den Horcher abzugeben – die Scheu endlich, ein Beichtgeheimnis zu erlauschen, vermochte den Jüngling, ohne Geräusch dem Lager zu entweichen, und sich an das Fenster zurückzuziehen, das in den Garten eine friedlich reizende Aussicht gewährte. Er verlor sich in den Träumen seines Verstandes, in den Bewegungen seines Herzens, und sein wachendes Auge teilte sich mit dem letztern in das Geschäft, eine Täuschung zu geben, die dem Hellsehen ähnlicher ist, als dem gewöhnlichen Spiele aufgeregter Einbildungskraft. Die Bohnenlaube des Gartens gestaltete sich zu dem Hause des Senators, und darinnen waltete ein liebliches, wohlbekanntes Bild, das, einem Zauberwerke gleich, den Beschauer durch unendliche Anmut fesselte, durch unendliche Seltsamkeit abstieß. Dem jungen Engländer kam es vor, als sei es ihm vergönnt, in das Innere Justinens einen scharfen Blick zu werfen; als sei er auf dem Punkte, dieses holde und quälende Rätsel zu entziffern. Justinens Blicke sprachen Empfindung für den Freund, Liebe für den Liebenden aus, und vergebens schien der trotzige Mund es zu leugnen, das fremde Wort es zu verneinen. James sah sein Bild in ihrem Herzen leben, während ihre Hand es mutwillig von sich warf. Warum wehrst du dich gegen das Gefühl, das uns verbinden möchte? fragte seine Zunge stille vor sich hin; siehst du denn nicht, daß ich dennoch im Grunde deiner wert bin? daß mein Herz nicht böse, meine Seele ohne Falsch ist? Betrübe dich doch nicht um meiner Handlungen willen! Verachte mich doch nicht um ihretwillen! Sie sind mir ja von einem harten Lose aufgegeben: noch bin ich zu schwach, den Bann zu zerreißen, der mich zu einem Maskenspiele zwingt, das ich Mut haben möchte, zu verabscheuen, und zu endigen! Ich kann ja nur durch deine Liebe zum Manne weiden, nur in dir meine Stütze finden, so wie du in mir, denn verwaist stehen wir beide: du, einsam im Vaterhause zwischen den lebendigen Eltern – ich, in der Fremde, zwischen dem Schafott, das meinen Vater, und dem öden Grabe, das meine Mutter verschlang! Wenn ich dich rufe, damit du mich zu kühner Tat begeisterst, wirst du mich nicht hören? Wenn ich meine Arme nach dir ausstrecke, um dich an mein Herz zu ziehen, wirst du dich ewig sträuben? Das Bild der Geliebten entzog sich den Armen des Jünglings nicht; es beugte sich aus den spiegelhellen Fenstern, heller, klarer als diese; seine Brust pochte vor Entzücken, seine Hand zitterte vor Wonne, und doch blieben der Sehnende und die Gewährende getrennt. Ein dunkles Feld schob sich zwischen beide. Ein Turm schoß auf aus der Tiefe, und trug Justinens Gestalt bis zu den Wolken, daß der Zurückbleibende bald ihre Züge nicht mehr unterscheiden konnte. Statt ihres glänzenden Auges blinkte ein vergoldeter Turmknopf auf die Wasserwüste hernieder, die auf ihren unsteten Wellen den Jüngling fortzureißen schien. Wie vorhin die Laube zum Hause, so wurde nun die hochstrebende Tanne zum Mäste, von welchem schwarze Wimpel flatterten. Je frischer der Wind über des Gartens Blumenbeete strich, und deren Häupter bewegte, je drohender schienen die Wasser zu schwellen, und James ängstigte sich, von Heimweh und Sehnsucht gemartert, auf der reißenden Fahrt. Wohl klärte sich der betäubende Schwindel wieder in ein helles Bewußtsein auf; wohl warf an den Ufern eines reizenden Landes die Hoffnung den Anker aus, und es rastete der flutenschneidende Kiel... wohl winkte aus dem Myrtengebüsch am Strande, aus den Palmenwipfeln der Höhen ein reizendes Weib, verführerisch in ihrer Anmut und in fremder Tracht und Sitte ... James konnte nicht weilen im herrlichen Gebäude, durfte nicht rasten, wie das verlassene Schiff. Justine schwebte ja über den blauen Bergen des Horizonts; ihre versagende Gebärde, ihr strenges Lebewohl, riß ihn ja dahin wie mit Göttergewalt, bis unter den Blätterbehängen eines lautlosen Waldes ihre Huldgestalt verschwand, ihr abmahnender Ruf verhallte. James konnte ihr nicht mehr in das Innere jenes geheimnisvollen Waldes folgen, denn seine Sinne endigten, erschöpft von den übermenschlichen Hindernissen, die ihre eigene Laune gebar, das trügerische, peinliche und dennoch angenehme Spiel. Es war mit einem Schlage alles um ihn her wie zuvor; der Turm zur kleinen Laube, der schwarzgewimpelte Mast zur düster belaubten Tanne geworden. Das wogende Meer hatte sich wieder in ein Blumenfeld, die myrtenbekränzte Küste in des Nachbars wohlgeschmückte Orangerie verwandelt; der blaue Gebirgsrücken in das hohe Schieferdach der Pauluskirche; der schweigende Wald in die Pappelspitzen des zu St. Paul gehörenden Friedhofs. Das Schauspiel war vorüber, und den Gedanken des Jünglings wurde sogar verwehrt, ihm einen grübelnden Epilog zu halten, denn die Herren im Nebenzimmer, die wieder angefangen hatten, laut zu sprechen, erregten des fast unwillkürlich Lauschenden Aufmerksamkeit. »Sie können von der Sünde, die Sie sich zuzurechnen haben, nur in Ihres Gewissens Buße und im Gebete Befreiung finden,« hob der Doktor ernst und mit bewegter Stimme an, »Gott und die Barmherzigkeit sind eins, ich darf Ihnen im Namen des Allbarmherzigen Vergebung zusichern, und muß jetzo doppelt beklagen, daß Ihre Eltern Sie den Gebräuchen der wahren Kirche entfremdet haben; ein Irrtum, woran Sie unschuldig sind, der aber nichtsdestoweniger störend auf Ihren Seelenzustand in vorliegendem Falle einwirken muß.« »Wie da«, mein würdiger Vater?« fragte der Senator mit zerknirschter und erschöpfter Stimme. »Hätten Sie den Mut, den Willen, mein Sohn,« begann der Doktor wieder, »mehr als ein Gast am Tische Ihres Vaters, in den Armen Ihrer Mutter zu sein, würden Sie aufhören, die heiligen Glaubenslehren wegzuweisen, die allein unsere Glückseligkeit ausmachen, in einem Augenblicke würde Ihr Herz beruhigt, glücklich sein. Ich dürfte Sie lossprechen; das Vergangene gänzlich ungeschehen machen. Vermittelst einer kleinen Buße, die den Armen zugute käme, und einiger geistlichen Betrachtungen könnte ich jedweden Fehler von Ihrem Haupte nehmen, während ich jetzo nur als Freund Sie auf des Ewigen Liebe zu verweisen habe. Ihre Prediger, mein Lieber, sind gut und böse, wie die Welt; aber die besten unter ihnen, die Gelehrtesten, wie die Spitzfindigsten, die Tugendhaftesten wie die Klügsten, ermangeln des Stempels, der ihrem Tun die Weihe aufdrücken könnte. Gewandtheit in der Rede und in der Dialektik ist nicht die Gelehrsamkeit vor Gott, dem das Opfer lieber ist, als ein wohlgesetzter Sermon, Ihre Prediger, Herr Senator, sind nicht Priester, und gleichwie ihr Gewand sich dem Weltlichen nähert, so ist leider ihr Geschäft nur ein weltliches. Uns ist vom Heiland die Macht vertraut, zu lösen; darum sprechen wir mit voller Zuversicht die zuversichtlichen Glaubensbrüder los, während Ihre Geistlichkeit, indem sie dem Gewissen des Pönitenten und einem oberflächlichen sorglosen Vertrauen auf den Höchsten alles Sündenwesen anheimstellt, an jedem Beichttage eine Sünde mehr auf das Haupt derjenigen ladet, die ihr glauben,« »Sie sprechen hart ab, würdiger Herr,« »Nicht so hart, als man über uns das Verdammungsurteil fällt, Gott duldet aber diese Schmähungen seiner Kirche, damit ihr Sieg einst glänzender werde. Seine Langmut kennt nur die weitesten Grenzen. Hin und wieder warnt sie scharf, aber der taube Irrende überhört den Ruf der Warnung. Ein Beispiel, mein Lieber. Es sind kaum sechs Monden verflossen, seit an einem Vorbereitungs- und Beichttage in der Johanniskirche, plötzlich, wie aus heiterem Himmel kommend, ein Blitzstrahl in die Emporkirche schlug, die Orgel beschädigte, das in Marmor gehauene Evangelienbuch über dem Altar zertrümmerte, und durch ein offenstehendes Fenster ins Freie fuhr. Sehen Sie hierin einen Fingerzeig des Ewigen, der in seinem Gewitter warnte, und dennoch nicht strafte, da kein Mensch beschädigt wurde, und der Organist mit einer leichten Betäubung davon kam. Der Tag, an welchem dieser merkwürdige Vorfall statthatte, das kecke Sinnbild, das der Blitz zertrümmerte, alles erregte die gerechten Bedenklichkeiten der Menge, die immer mehr bereit ist, Gottes Willen zu erkennen, als ihren Führern lieb ist. Ihre Geistlichen verkündigten freilich von den Kanzeln, daß man den Schöpfer beleidigen würde, wollte man in der reinen Zufälligkeit jener Naturerscheinung den Ausdruck seines Zorns erkennen. Was soll man jedoch von den gelehrten Männern denken, die am folgenden Tage vielleicht mit aller Wärme den Satz verteidigen, daß kein Sperling von dem Dache, kein Haar von unserem Haupte fällt, ohne den Willen des Allmächtigen? Den schlechten Vogel auf dem Dache also, das dünne Haar auf unserem Scheitel vermag er zu halten, aber nicht das Gewitter, auf dem er daherfährt? nicht den Blitzstrahl, seinen fürchterlichen Macht- und Zornboten?« »Ich sehe Sie in Gedanken vertieft,« fuhr er nach einer Pause fort, während welcher sich der Senator ganz ruhig verhielt, »lassen Sie uns abbrechen. Die Gnade des Herrn arbeitet an Ihrer Wiedergeburt. Folgen Sie ihr. Jeder Mensch ist zur Gnade reif, wenn er nur will, und die Wege zur Besserung einschlägt. Jeder Sünder oder Irrende, der das Heil sucht, hat teil an demselben, weil Christus es für alle durch sein Blut erworben hat, und man muß gerade nur Jansenist sein, um diesen Trost leugnen zu wollen. Gehen Sie hin, ich bin überzeugt, daß Sie nach den acht Tagen Bedenkzeit, die ich Ihnen hiermit erlaube, freudig zu mir zurückkehren werden, um das Kleid der Unschuld völlig anzuziehen.« Der Senator seufzte wieder schwer, und setzte zögernd hinzu, »was die Summen betrifft, würdiger Herr, welche den Betrag der Wechsel ausmachten ... mich peinigt der Betrug des Augenblicks. Ich könnte freilich – Dank sei es jenem blinden Glückszufall – dem Erben die Summen abtragen, allein schon zirkulieren sie im Handel. Mein gesunkener Kredit bedurfte starken Ausschwungs, jetzt kann ich das Geld nicht wohl ermangeln. In einigen Jahren allenfalls ... der Himmel behüte mich, es gänzlich ableugnen zu wollen ... aber ... wie gesagt ...« »Ich weiß bereits,« versetzte der Doktor, »ich glaube, daß Sie vorderhand die fraglichen Summen gar wohl behalten dürfen. Wären Sie unsers Glaubens, ich würde unumwunden sagen: Behalten Sie das Geld, mein Sohn. Ihr redlicher Wille, es einst wieder zurückzuzahlen, genügt der Moral vollkommen, da – erstens – Sie sich durch die einstweilige Verwendung der Summen aus der bedenklichsten Lage retten, und Selbsterhaltung die erste Pflicht ist; da – zweitens – der jetzige Kreditor in seinem Reichtume des Geldes nicht bedarf. Bei Ihnen ist periculum; die Gelder, einst mit Interessen zurückgegeben, werden ihm doppelt erwünscht kommen. Sollte hingegen zu jener Frist er selbst nicht mehr leben, und keine Familie hinterlassen, so befreien Sie, der Kirche eine Stiftung von dem Gelde machend, Ihr Gewissen völlig. Wären etwa Hinterbliebene vorhanden, so genügen Sie den Anforderungen der Moral, wenn Sie unter diese und die Kirche den Betrag gleich verteilen; denn, da die Erben persönlich lein Unrecht erlitten, so entschädigt sie hinlänglich die Hälfte, während die andere, zu milden Stiftungen verwendet, am zweckmäßigsten die Rechnung mit dem Verstorbenen ausgleicht.« »Sie sind ein wackerer, kluger Mann,« versicherte der Senator mit leichterem Herzen, »ich fühle Vertrauen zu Ihnen, wie zu keinem Menschen auf der Welt. Sie beruhigen meine Seele durch einige Worte mehr, als alle unsere Geistliche durch ihre strengen Forderungen und schwülstigen Reden. Ihre Sittenlehre paßt in die Welt, wie sie ist. Sie verstehen die Bedürfnisse eines Hausvaters und Geschäftsmannes zu beachten. Wenn nur die Gestalt des armen Birsher von mir weichen wollte!« »Die Absolution ist der beste Exorzismen gegen die Gespenster des Gewissens. Nur die Lossprechung wälzt den Fels, den verschuldeten, von Ihrer Brust. Sie wissen den Weg zur Gnade. Wählen Sie in Zeiten.« »Wenn mich nur die Furcht vor Sünde nicht abhielte, meine Sündhaftigkeit zu heilen!« sagte der Senator ängstlich, »ich armer Mensch!« »Wir halten häufig für Sünde und Verbrechen, was eine gleichgültige Handlung ist. Menschensatzung ist immer voll von Fehlern, und das Luthertum ist eine solche. Der heilige Petrus konnte uns wohl Worte vom Himmel bringen, er vernahm sie aus dem Munde seines himmlischen Meisters. Der Augustinermönch von Wittenberg konnte Ihnen nur Weltliches lehren. Wir öffneten ihm die Arme, er stieß uns verstockt zurück. Wer handelte hier im Geiste des versöhnlichen Gottes? Ein Kardinalhut hatte den ehrgeizigen Mönch beschwichtigt und zahm gemacht; die demütige Kutte behagte ihm nicht mehr. Am römischen Hofe nannte man es Verbrechen, den Widersacher durch heilige Würden kirren zu wollen. Er nannte es zu Worms ein Verbrechen, der milden Mutter reuig entgegen zu kommen. Was ist also Sünde, so lang die Welt es mit Recht und Unrecht zugleich hält? Würde man zu Hamburg Ihnen ein Verbrechen daraus machen, daß Sie in der Lotterie spielten, und das große Los gewannen? Gewißlich nicht, während man Sie hier, würde es bekannt, aus dem Senate stoßen würde. Wird ein unbefangener Mensch Sie eines Verbrechens beschuldigen, weil Sie nun wissen, daß ich ein katholischer Geistlicher bin, und weil Sie nicht hingehen, um mich zu denunzieren, damit man mich aus der Stadt bringe? Sicher: nein. Und doch würden Sie Ihrer Würde verlustig und in starke Geldbuße verfallen sein, erführe es die Stadt. Tun Sie recht, bereuen Sie das Vergangene, damit Gott Ihnen vergebe. Werden Sie einer der Unsern, daß ich die Freude haben kann, Ihr Gewissen gänzlich zufrieden zu stellen. Dahin gehe Ihr Trachten. Besuchen Sie mich, wie Nikodemus den Herrn, im stillen; Sie sollen immer in mir den verschwiegensten, den treusten Freund finden.« »Der Engel Klara spricht für Ihre Tugend und Ihre Liebe!« rief der Senator unter Tränen, die an des Doktors Brust zu fließen schienen. »Um Klaras willen also, Herr Senator,« versetzte der Doktor eindringlich, »Mut! heilsamer Entschluß! Vertrauen zu mir und meinen Worten. Um Klaras willen, armer zweifelnder Mann!« Nach einer kurzen Stille hörte der junge Engländer den Senator fortgehen. Der Doktor rief nach seinem Frühstück, sang seinem Lieblingsvogel eine Melodie vor, und als James die Tasse klirren hörte, glaubte er, es sei an der Zeit, dem Pflegevater sich vorzustellen. Der Doktor hatte die Gewohnheit, sich zur Zeit des Frühstück« in sein Kabinett zurückzuziehen, um daselbst ungestört sein Brevier beten zu können. James fand ihn damit beschäftigt. Leupold legte das Buch indessen alsobald weg und sagte heiter: »Guten Morgen, mein Sohn. Du findest mich erfreut, denn Gott will erlauben, daß ich wieder eine Seele zu dem Freudenreiche der alleinseligmachenden Mutter zurückführen darf. Wie hat sich deine Bemühung belohnt, James? Ich glaube, dich in der Kapelle gesehen zu haben.« James berichtete mit Bedauern und Achselzucken. Der Doktor hörte aufmerksam zu, »Recht gut!« sagte er alsdann, »ich finde keinen Grund zum Verdruß und zur Mißbilligung. Das Mädchen hat, wie du sagst, mit gespannter Neugierde die Messe abgewartet? folglich hat die heilige Handlung Eindruck auf dasselbe gemacht. Der Reiz des Mysteriösen vollendet die gegebene Richtung. Plaudern wird Justine nicht. Sie scheint fester und verschlossener zu sein, als Mädchen gemeinhin zu sein pflegen. Die Lainez soll hier ihr Meisterwerk machen. Seitdem sie hier ist, hat sie, den jungen Pahlens ausgenommen, keine Seele gewonnen. Die Frau ist noch zu jung, zu hübsch, zu eitel, um mit Vorteil wirken zu können. Sie wirft ihre Netze nach den Männern aus, während sie die Frauen erobern sollte. Die Kunst, die sie besitzt, ihr Aeußeres zu formen, wie es die Notwendigkeit erheischt, ihre Geschicklichkeit, den Protestantismus auszuhängen, um eben durch diese List für die gute Sache zu werben, diese lobenswerten Eigenschaften sind mir wohl bekannt; aber ich wünschte dennoch, der Pater Superior hätte mir eine andere Mitarbeiterin, älter, gediegener, zuverlässiger, an die Seite gestellt. Eine solche würde auch dich, mein Sohn, mehr zu begeistern vermögen, als diese Lainez kann, von der du dich augenscheinlich abwendest.« »O, mein Vater,« entgegnete James mißmutig, »die heuchlerische Lainez, wie ich, wir spielen eine recht gehässige Partie.« »Wieder die alte Klage?« fragte der Doktor finster, »du wirst mich zwingen, dich vor Beendigung meiner Mission ins Noviziat abgehen zu lassen. Schweige, wenn du nichts Verständigeres vorzubringen weißt. Dort liegen Frachtbriefe, Rechnungen, und zu beantwortende Missiven. Schreibe ab, trage ins Buch und auf mein eigenes Register. Vergiß nicht nachzurechnen, mein Sohn. Der Ansatz der Medizinalkräuter und Färbehölzer, den mir der Pater Thomas Cosedro von Assumption beigelegt hat, scheint mir übertrieben. Sieh vorläufig nach, bis der Kapitän selbst angelangt sein wird. Ich erwarte ihn bald. Ich werde nun ausgehen, und mein Brevier im Freien lesen, und bei Spaldinger Wechsel für das Provinzialat negozieren, und dem Himmel danken, daß er unsers Ordens Bemühungen in hiesiger Stadt mit außerordentlichem Gedeihen segnet. Wir zählen bereits mehrere bedeutende Männer zu unserer kleinen Gemeinde, und der Beitritt eines einflußreichen Ratsherrn soll unserer Mission, mit Christi Hilfe, größere Sicherheit und ein erfreuliches Bestehen erleichtern. Gott erleuchte dich, mein Sohn, und behüte dich, bis zum Wiedersehn!« Wie der Doktor, nachdem er sein Haus verlassen, seine Wechselgeschäfte verrichtet, wie er sodann unter den Bäumen der sogenannten Brunnenheide seine Gebete mit geflügelter Zunge abgetan, im voraus weglesend, was noch zum Nachmittag aufbehalten hätte bleiben sollen, bedarf keiner weitläufigeren Beschreibung. Zufrieden, von niemand in seiner Andachtsübung gestört worden zu sein, schob er das Buch in die Tasche, und ging zur Stadt zurück, berichtigte an der Brücke aufs pünktlichste den Zollpfennig, grüßte freundlich und ergebenst alle Gutgekleideten, die an ihm vorüber kamen, und nickte mit verstohlener Herablassung einigen gemeinen Arbeitsleuten zu, die ebenso verstohlen beim Läuten der Mittagsglocke ihre Kappe zogen. Die Höflichkeit des klugen Mannes erstreckte sich sogar auch auf leblose Gegenstände. Vor dem Schilderhause an der Türe des ersten Bürgermeisters, vor dem Stadtwappen über dem Tore des Rathauses, vor den Kanonen der Hauptwache, zog er den Hut ab, und entblößte sein Haupt beinahe vor jedem ansehnlichen Hause, wenn gleich aus dessen Fenstern niemand sah. Sobald er wieder in die engen Straßen seines Viertels kam, machte die Demut dem Selbstbewußtsein Platz, und in der Tat war eine in jener Gegend vorfallende Begebenheit ganz dazu geeignet, seinen Ideen eine andere Richtung zu verleihen. In einem engen Gäßchen standen alle Bewohner vor den Türen. Viele fremde Nachbarn aus den anliegenden Straßen erfüllten den Eingang des Gäßchens, und all die zerstreuten Gruppen gafften nach einem Hause, das auf seinem Aeußern schon das Gepräge der Armseligkeit trug, hätte man auch nicht an dessen Fenstern die blassen, von Schmutz und Hunger entstellten Kindergesichter gesehen, die daraus auf die schwatzenden Leute starrten. Schon hatte sich der Doktor zu einem Trupp plaudernder Schustergesellen gewendet, um Erkundigungen einzuziehen, als aus dem Hause, nach welchem alle Blicke sahen, der Pastor der Johanniskirche trat; im Amtskleide zwar, aber mit dem feindseligsten Gesichte. Dem heftig ausschreitenden und schnaubenden Manne folgte der gutmütige Arzt Häckel, den das Volk gemeinhin nur den Armendoktor nannte, und verschwendete manches gutgemeinte Wort des Zuredens. Mehr noch indessen, als des Arztes Fürsprache griff das Gesicht und das Aeußere eines andern Mannes, der hinter dem Arzte einheitlich, an jedes halbmenschliche Herz. Der Prediger in seinem Unmute wurde jedoch nicht gerührt. »Keine Begleitung, keine Nachrede!« sagte er heftig, »verehrtester Herr Doktor Häckel! kein Jota weiter! und Er, Monsieur, schweige Er vollends. Ich mag kein Wort an Ihn verlieren. Er hat mich betrogen, mir und der Bürgerschaft ein Skandalum gegeben. Hätte ich von Anfang gewußt, mit welchem nebulone, mit welchem Gelichter ich's zu tun haben sollte ... nicht einen Schritt weit wäre ich gegangen! nicht Seine Schwelle hätt' ich betreten!« »Aber, ehrwürdiger Herr Pastor! eine Sterbende ...« stammelte der so unsanft Zurechtgewiesene. »Was kümmert das mich?« eiferte der Geistliche mit größerem Unwillen, »wie gelebt, so gestorben. Wem Ihr Leute im Leben angehörtet, dem bleibt auch im Tode. Helf Euch der, dem Ihr Euch übergeben, Ihr Auswurf!« Er ging mit allen Zeichen fortdauernden Zorns aus der Gasse, und die Mehrzahl der Gaffenden zog hinter ihm drein. Der Doktor sah noch, wie der gutmütige Arzt Häckel dem in seiner Betrübnis verstummenden Bewohner jenes Häuschens ein Stück Geld in die Hand drückte, wie er, mitleidig, aber ohnmächtig die Achseln zuckte, und sich dann eiligst entfernte. »Dem hat's der Pfarrer recht gesagt!« lachten einige rohe Bursche im Vorübergehen, und auf Leupolds Befragen erwiderte ihm ein alter Bürger, der, traurig den Kopf schüttelnd, sich ebenfalls zum Gehen wendete: »Lieber Herr, Sie glauben nicht, welch ein Jammer das ist! Der Pastor mag wohl im Grunde recht haben, aber hart ist's, wenn man bedenkt, daß die Armen doch Menschen sind!« »Erkläre Er sich genauer, mein Freund.« »Sie müssen wissen, lieber Herr, daß der blasse Mensch, der eben wieder wie ein Verzweifelter ins Haus geht, ein Komödiant ist. Er gehört zu der Bande, welche mit Erlaubnis des preislichen Magistrats in der Bude auf dem Schwanenmarkte spielt. Vor acht Tagen sind die Leute erst angekommen, und jener Mann, der eine schwerkranke Frau und vier oder fünf Kinder mit sich führt, hat bei dem Wagnermeister Ulrich eine Wohnung gefunden. Die Menschen behelfen sich gar kümmerlich in der feuchten Stube, und schlafen, sozusagen, auf der schwarzen Erde. Da ist die Frau nun kränker geworden, und bis ans Sterben gekommen. Der Armendoktor, der um Gottes willen zu ihr kam, und die Arznei aus seiner Tasche bezahlt, hat dem armen Mann vertraut, wie schlimm es mit dem Weibe steht, und ihn aufgefordert, sich nach geistlichem Zuspruch umzusehen. Der Pastor ist zwar wie der Blitz bei der Hand gewesen, aber kaum hat er gehört, daß die Frau eines Komödianten Weib sei, und – wie ich meine – demselben nicht einmal angetraut, als er ihr das Abendmahl versagte. Wie es alsdann mit dem Begräbnisse gehen wird, das weiß Gott.« Der Doktor ging, an der entsetzlichen Lage der Armen Anteil nehmend, auf das elende Häuschen zu, blickte durchs Fenster und übersah eine Szene des Jammers, die sich jedes fühlende Herz versinnlichen mag. Das Weib lag, von Verzweiflung und Schwäche gleich erschöpft, auf dem elendesten Strohlager und lallte die Worte: »Ach, Josef! Josef! warum sind wir nur geboren worden? Ach, wie verläßt uns Gott! Ach! was soll aus den Kindern werden!« Und die Kinder schrien, und der Mann stand im Winkel, drückte beide Hände vor die Augen, und das eiskalte, bleiche, abgezehrte Gesicht sprach mehr, als Worte vermocht hätten. Des Doktors Herz wurde aber noch einmal so schwer, als er in des Mannes Zügen, besonders dann, als er wieder die Augen öffnete, und wild zum Himmel hob, die Züge eines bekannten Gesichts erblickte. Er klopfte rasch ans Fenster. Langsam öffnete es der Trauernde. Der Doktor reichte ein Scherflein hinein und fragte leise: »Wie ist Euer Name, mein Freund?« »Ich heiße Wohlgemuth, mein Herr.« Der Doktor schüttelte den Kopf. »Das ist nicht Euer wahrer Name, Mann Gottes. Sagt mir den rechten.« Der Mensch sah ihn verwundert an, und rieb sich verlegen die Hände. »Ich wundre mich, daß ich meinen echten Namen nicht schon vergessen habe,« sagte er schmerzlich, »aber weil Sie so bestimmt fragen, will ich ihn doch wieder einmal aus dem Gedächtnis hervorholen. Ich hieß einmal Josef Litzach.« »Weiß Gott! er ist's!« sagte der Doktor, wie vor sich hin. »Ich kenne Euch,« setzte er bei, »ich wünsche mit Euch unter vier Augen zu sprechen.« Der Mann deutete kummervoll auf die dahinschmachtende Frau. »Bevor es nicht hier vorüber ist ...« sagte er leise, »kann ich nicht ausgehen. Der Doktor meint: um die dritte oder vierte Stunde nachmittag« ... der Pfarrer wird's wohl noch um ein Stündchen beschleunigt haben ...« Dem Doktor traten die Tränen in die Augen. »Vertraut auf Gott!« sprach er, »ich will morgen wieder vorbeikommen.« »Bewahre!« entgegnete Litzach hastig, »sagen Sie, mein Herr, wo ich Sie antreffen kann. Ich kann heute noch zu Ihren Diensten sein, wenn nicht Gott an meiner Alten ein Wunder tut. Um vier Uhr haben wir ohnehin Komödie ...« »Wie? und Ihr agiert mit, an diesem Trauertage?« »O, mein Herr, danach fragt der Prinzipal nicht. Ich käme um den Wochenlohn, ums ganze Brot. Wir agieren heute eine Schnurre, und ich muß darinnen den Hanswurst machen, lustig, recht lustig, damit das verehrte Publikum lacht, wenn mir auch das Herz unter der bunten Jacke entzwei ginge.« Der Doktor fand keine Worte. Litzach fuhr aber bald wieder fort: »Um sechs Uhr stehe ich zu Diensten, mein Herr. Wenn Sie allenfalls um diese Zeit auf der Mailbahn am Schwanenmarkte lustwandeln wollten ... ich will mir aus des Prinzipals Kleiderkammer einen reputierlichen Rock borgen, damit ich Ihnen keine Schande mache. Jetzt aber ... entschuldigen Sie. Meine Alte ruft ihren Josef. Vielleicht muß ich ihr jetzo schon Lebewohl sagen ...« Leupold nickt stumm mit dem Kopfe und ging betrübt weiter, während der Schauspieler wieder sein Fenster zumachte. Der Doktor benützte den Umstand, daß er an einigen Häusern heimlicher Glaubensgenossen vorbei kam, um mit einem Worte Litzachs arme Familie ihrem Mitleid zu empfehlen. Nie Leute waren alsobald bereit, einiges Essen und ein paar Pfennige hinzuschicken. Der Dürftige ist am ersten geneigt, dem Dürftigen beizustehen. Dem Doktor war es lieb, durch die Begegnung eines andern Bekannten aus seinen trüben Gedanken gerissen zu werden. Aus seinem Hause trat ein rüstiger Seemann in braunem Rocke und manchesternen Beinkleidern, tüchtigen Schuhen mit großen silbernen Schnallen, das Halstuch nachlässig in den Schifferknoten geschlungen, und ein derbes spanisches Rohr in der Hand. Der bordierte Hut mit der auszeichnenden Schleife verriet den Kapitän. »Grüße Sie Gott, Ew. Hochw ... Herr Doktor, wollt' ich sagen!« rief der Kapitän in tiefem Basse, »ich wollte eben ein paar Dutzend Tonnen Teufel reklamieren, weil ich Sie nicht zu Hause gefunden. Sie müssen, Gott beßre mich! mit mir zu Mittag speisen; später als gewöhnlich, aber gut und herzhaft, wie's ein Seehund gerne hat. Um elf Uhr bin ich aus der Kalesche gestiegen und habe im Goldnen Schwan mein Absteigquartier genommen oder, besser gesagt, Anker geworfen,« Somit nahm er den Doktor vertraulich, aber ergebenst unter dem Arm, und steuerte mit ihm in anderer Richtung weiter. »Sie haben mich wohl früher erwartet?« fuhr er fort, »aber – Sturm und Segel! Ich mußte lavieren, bald auf Osten, bald auf Westen halten, ehe ich hier anlegen konnte. Mein Schiff ist frisch und gut in Havre eingelaufen, und das würdige Kollegium zu Paris hat bereits seine Kontanti empfangen. Der Handel blüht im stillen, und der Vater Lavalette, der, so jung er noch ist, bereits eine ungemeine Spekulationsgabe entwickelt, hat mir schon von neuen Etablissementen und neu auszurüstenden Fahrzeugen gesprochen. Ich habe Briefe von Paris und Lissabon an den Pater Superior, und wünsche, daß Sie mir nach Vidimierung der eingesandten Rechnungen und Bescheinigung des Geldes, das ich bei Ihnen niederzulegen habe, einen Empfehlungsbrief an den wackern Herrn mitgeben möchten,« Der Doktor versicherte ihn seiner Bereitwilligkeit und die Herren setzten sich im Gastzimmer des Schwanen zum Speisen nieder. Leupold war hier auf wohlbekanntem Felde. Die Gastwirtin, eine noch ziemlich junge und rasche Frau, hatte, von andächtigen Freundinnen bestürmt, von dem Doktor ins Geheimnis gezogen, ihren heimlichen Uebertritt zur verborgenen Kirche nicht schwer gemacht. Der Wirt, ein schwerfälliger Reichsstädter von wenig Scharfsinn, war leicht zu täuschen gewesen, und ahnte nicht das mindeste von der Religionsveränderung seines Weibes. Er schätzte den Doktor, der häufig das Haus besuchte, als tüchtigen Politiker hoch, und die Frau benutzte jede unbewachte Minute, um aus den salbungsvollen Worten ihres geheimen Beichtigers Trost und Ruhe zu schöpfen. Ihre unerfreuliche Ehe, wie die immer neu erwachsenden Zweifel ihres Gewissens machten ihr Trost zum Bedürfnis. Nebenbei sprach die Stadt auch vieles von ihrem weichen und gefühlvollen Herzen und der Nachbarn Zunge bezeichnete ziemlich genau diejenigen jungen Männer, die sich der Teilnahme der hübschen Frau zu schmeicheln gehabt. Die Gesellschaft in dem Schwan war nicht zahlreich. Der Kapitän und der Doktor, tafelnd in der einen Ecke. In der andern die Wirtin, am Schenktische und an dem Küchenfenster beschäftigt, durch welches die Speisen hereingereicht wurden. In der Stube auf und nieder wandelnd der Herr des Hauses selbst; bald mit der Fliegenklatsche arbeitend, bald von Belgrads Einnahme, vom Reichstag zu Saragossa, und den schlechten Zeiten posaunend. Am Fenster zwei Kartenspieler: ein pausbäckiger Sensal und ein Offizier der Stadtmiliz, beide der Frau vom Hause zärtlich zugetan, beide nicht von ihr erhört. Die Unterhaltung war, wie gewöhnlich, wenn einer allein spricht, wie hier der Wirt, nicht sehr glänzend und erbaulich. Der Kapitän aß stark und trank nicht wenig; der Doktor beobachtete seine Umgebung, die Wirtin tranchierte, die Spieler trieben ihre Belustigung fort. Eine Reisekalesche, die vor dem Hause hielt, brachte alle Köpfe in Bewegung. Sie fuhren ans Fenster; nur die erfahrnern Tafelgäste blieben ruhig. Der Reisende, ein junger Mann, trat langsam in die Stube, während er befahl, Mantelsack und übriges Gepäck nach dem besten Zimmer des Hauses zu liefern. Die von dem Anblick des hübschen Mannes freundlich berührte Wirtin machte denselben zum Nachbar des Doktors, und gebot, das verlangte Diner eiligst herbeizuschaffen. Der Fremde grüßte Kapitän und Doktor höflich und streckte sich dann bequem auf dem Stuhle aus. Der Wirt setzte sich gegenüber und stierte den Gast neugierig an. Die Spieler setzten das Spiel fort. Der Kapitän brach das Schweigen. »Gute Reise gehabt, mein Herr?« »Sehr gut.« »Kommen weit her, ohne Zweifel?« »Sehr weit.« »Durchreisend?« »Nein.« »Geschäfte auf hiesigem Platze?« »Ja.« »Wären wir Landsleute? Ich bin ein Friese.« »Ich nicht.« »Darf man fragen mein Herr ...« »O ja.« »Woher die Reise ...« »Kellner! eine Flasche Wein!« Hiermit brach der einsilbige Fremde ab. Der Kapitän biß sich verdrießlich in die dicken Lippen. Der Doktor lächelte und betrachtete den Lakonischen genauer. Er sah gar nicht aus, wie ein Spaßvogel, sondern wie ein ernsthafter, sehr besonnener Mann. Sein regelmäßiges Gesicht war ruhig, die Augen groß, und blickten fest vor sich hin. Keine Freudigkeit, aber eine eiserne Fassung sprach von der Stirne, aus der ganzen Gestalt. Das Trauerkleid, das der Fremde trug, entschuldigte allerdings den Ernst, welcher der natürlichen Heiterkeit der Jugend Abbruch tat. Der Fremde aß mit vielem Anstande, was ihm vorgesetzt wurde, und trank den Wein stark mit Wasser vermischt. Den Doktor, dem seine früheren Verhältnisse Mäßigkeit zur ersten Pflicht gemacht hatten, freute das regelmäßige, abgewogene Betragen des Fremden, und er richtete, auf die Gefahr hin, ebenso zurechtgewiesen zu werden, wie vorhin der Kapitän, einige artige Worte an den Nachbar, die auch verbindlich und kalt erwidert wurden. Indessen sprang der Offizier, der soeben seine Partie gewonnen hatte, mit Getöse von dem Stuhle, und riß die Fensterflügel auf. » Mort de ma vie! « rief er, »Sensal! Wechselbote! schau' Er auf! Ein Kernmädel gilt's hier zu schauen!« Der Sensal sah hin und sagte ziemlich laut: »Die Jungfer Müssinger! Aha! benebst der Frau Mama!« »Tu' Er nicht so kalt und vornehm!« zankte der Offizier, »Parole d'honneur! das Mädel ist das liebenswürdigste in der ganzen Stadt! Seh Er nur, was sich die Flegel von Sänftenträgern einbilden, daß sie eine so artige Last, wie diese, aufzunehmen gewürdigt sind.« »Wohl bekomme ihnen die Mama von vier Zentnern!« sagte der Sensal spöttisch und nippte an seinem Glase, »sie und ihr federleichtes Töchterlein gönne ich Ihnen von Herzen.« »Das spricht der Neid aus Ihm, Sensal.« »Ei nun, Herr Leutnant,« hob die Wirtin an, die es nicht leiden konnte, daß andere Frauenzimmer hübsch gefunden wurden, »das absonderliche Wunderwerk finde ich nun auch nicht an der Mamsell. Ein patziges Dingelchen, recht keck, recht unverschämt, und geschminkt, ich lasse mir's nicht nehmen. Geht sie nicht am Sonntage wie ein Pfau auf ihren hohen Absätzen über die Gasse? Ist wohl ein Mensch, der sich nicht über ihren Stolz ärgerte? Die Mama ist auch grob und hochmütig; das weiß Gott! aber dabei ist sie dumm wie eine Henne. Das Töchterchen hingegen versteht Antworten zu geben – so spitzig und witzig, und giftig und triftig, daß allen ehrlichen Leuten die Galle steigt. Das leichte Töchterchen mag froh sein, daß sie schwere Geldsäcke aufzuweisen vermag.« Der Sensal schnippte mit den Fingern. »Das spricht der Neid aus Ihnen, Frau Gasthalterin!« schaltete der Leutnant ein, spaßhaft und impertinent zugleich, »der Himmel verdopple mir die Gage, wenn ich nicht gleich zugriffe; die Jungfer dürfte nur die Hälfte ihres Geldes haben. Meine Schulden zu bezahlen fände sich doch genug; auf Ehre.« »Ew. Gnaden sprechen ins Blaue hinein,« versicherte kaltblütig der Sensal. »O! der Himmel hängt in diesem Hause voll Geigen, aber die Baßgeige wird doch am Ende ein Loch bekommen. Sie hätte es jetzt schon, wenn der dicke Holländer nicht so artig gewesen wäre ... na! ich will klüger tun und schweigen.« »Hm!« begann die Wirtin, »es wurde allerlei gemunkelt, das einem die Haut schaudern machte, und das ...« »Das gefährlich ist, wiederzukauen!« fuhr der Wirt dazwischen, »ich bitte mir's aus, Frau Schwanenwirtin, daß Sie kein Wort mehr darüber verliert. Der hochpreisliche Senat hat's allen rechtschaffenen Bürgern befohlen. Auf allen Zunftstuben wurde es verblämt, und den Plaudermäulern angedeutet; und ich bin auch Zunftmeister, und muß auch auf Ordnung halten.« »Wohl geredet!« rief der Leutnant beifällig, »wie die Zunft, muß auch die Frau parieren und Subordination muß sein. Bei alledem möchte ich wissen, wohin die Damen sich begeben haben. Auf Ehre, ich möchte es erfahren. Wäre ihres Spazierwegs Ziel der Kuchengarten oder die Windmühle, ich ließe flugs meinen Polen satteln, um die reizende Jungfer von Mund zu Mund zu begrüßen.« Der Sensal zuckte bei den prahlerischen Aeußerungen des Windbeutels die Achseln, sah aber beinebst durchs Fenster und erwiderte: »Da kommt einer, der Ihnen, gnädiger Herr Leutnant, ganz gewiß die beste Auskunft zu geben vermag: der übergeschnappte Türmer von St. Paul, der zum Rasendwerden in des Senators Tochter verliebt ist, ohne daß er je ein Wort mit ihr gesprochen hätte. Brüstet sich nicht der Geck in seinem betroddelten Kleide wie ein Graf, und wer sollt es dem geputzten Affen ansehen, daß er zu Posaune und Glockenstrang geboren und gebildet wurde?« Der Mann Quaestionis flatterte in das Zimmer, geschmückt wie der albernste Zierbengel seiner Zeit. »Sieh da, Monsieur Pahlens,« rief ihm der Offizier entgegen, »Magnifiquester aller Türmer! Woher, wohin, guter Freund? Ist Ihnen der Stern unserer Stadt, die wonnevollste und freudenbringendste der Grazien begegnet?« »Ach, gnädiger Herr!« versetzte Pahlens mit schwärmerischem Ausdruck, »des Lebens Licht hat mir gefunkelt auf meinem Seufzerpfad! Ich habe sie gesehen, in deren Aug' Kupido mit gespanntem Bogen sitzt; das Götterkind. Zum Ritterhof begibt sich die Schöne, wie ich höre. Wäre ich doch der Kaffee, den sie schlürft, der Kuchen den sie genießt. Gleich dem Zwieback, das ihre Hand zerbricht, zerbröselt sich mein Herz in eitler Sehnsucht!« »Abgeschmackter Gimpel!« brummte der schwarze Fremde leise vor sich hin, stand auf, und entfernte sich, langsam, wie er gekommen. Niemand, den Doktor ausgenommen, bemerkte seinen Abgang, denn der verliebte Türmer ergoß sich in blumenreichen und geschraubten Redensarten, schnitt jedem das Wort vom Munde, betäubte das Ohr eines jeden. Der Offizier unterbrach ihn endlich ziemlich brüsk, schnallte sich den Degen um, setzte sich den Hut martialisch auf, fuhr in die Handschuhe, und bereitete sich, den Damen zum Ritterhofe zu folgen. »Geht Er mit, Sensal?« fragte er barsch. »Ich habe auf der Niederlage zu tun. Auch besitze ich kein Pferd, das mit Ihrem Polen gleichen Schritt halten könnte.« »Mort de ma vie! Ich besinne mich soeben, daß mein armer Polak sich den Fuß zertrat und den Stall hüten muß. Ich werde zu Fuße gehen müssen. Begleiten Sie mich etwa, Monsieur Pahlens?« »Das würde sich nicht schicken, Ew. Gnaden. Ohnehin schlägt um vier Uhr meine Stunde. Mein armer Teufel von Gesell ist ziemlich krank, und kann die Abendluft nicht recht vertragen. Ich muß also selbst ...« »Die Posaune zur Hand nehmen und tuten?« fiel der Offizier spottend ein, »Parole d'honneur! Schade um den jungen galanten Mann! Das ignoble Handwerk paßt wenig zu seinen Gewohnheiten. Nicht wahr, meine Herren? nicht wahr, Madame? A revoir! Adieu! « Er empfahl sich unter lautem Gelächter. Nach einigen Anmerkungen über den Offizier und dessen Schulden ging auch der Mäkler. Den Kapitän riefen seine Geschäfte, die Wirtin die Hauswirtschaft, der Gastwirt schlief, der Doktor und Pahlens gingen zusammen auf die Straße. »Wie habe ich mich gesehnt, einmal mit Ihnen allein zu sprechen,« begann Pahlens vertraulich, aber ehrfurchtsvoll, »seitdem Sie mein geistlicher Vater wurden, kenne ich niemand auf der Erde, vor dem ich mein Herz auszuschütten geneigter wäre.« »Das gehört in den Beichtstuhl, mein Sohn,« erwiderte der Doktor leise. »Nicht doch, Herr Doktor,« versetzte Pahlen«, »raten Sie mir als Freund. Meine Lage wirb mir unerträglich. Ich bin zu etwas Besserem geboren, als auf dem abscheulichen Turme zu verblühen und den Lutheranern zu ihrem Gottesdienste hilfreiche Hand und Lunge zu leihen. Was werden Sie denken, wenn ich Ihnen sage, daß mir in verwichener Nacht die heilige Mutter im Traume erschien und zu mir sprach: Mein lieber Sohn, allzulange schon verkümmerst du im Ketzerdienste. Geh hinaus und suche dir ein bessers Glück. Ich und alle heiligen Engel werden dir den nötigen Beistand leisten. Sofort erwachte ich und konnte nicht mehr einschlafen. Wie sehr ich jedoch grübelte, ein Mittel zu finden, die gnädigen Absichten des Himmels zu erfüllen, so stumpf blieb dennoch mein Geist. Raten Sie mir, was soll ich tun? Als Geiger oder Lautenschläger in die Welt ziehen, oder etwa als Apostel der wahren Lehre? Das letztere wäre mein Wunsch, allein mich fesselt hier ein Sehnen und Wähnen, ein Hangen, ein Verlangen, das vielleicht sündlich ist, weil es eine Ketzerin zum Gegenstande hat.« »Was soll ich Euch sagen, mein Sohn?« antwortete der Doktor, »ich will die Erscheinung, die Ihr gehabt, nicht bezweifeln. Wunder sind allerdings möglich und es wäre Frevel, sie zu leugnen. So wahr es ist, daß der göttliche Mittler dem heiligen Franziskus, die göttliche Mutter dem preiswürdigen Loyola in Person erschienen, so läßt sich's gar wohl denken, daß die unbefleckte Mutter auch zu Euch im Traum gesprochen; denn – was Euch an der Heiligkeit jener Männer mangelt, das ersetzt Ihr durch gläubige Zuversicht und kindlichen Gehorsam. Jedoch, gerade, weil ich an diese Erscheinung wahrhaft glaube, dächte ich, Ihr fordert durch eifrige Gebeterweckung den Himmel auf, Euch einen nähern Fingerzeig zu geben; bevor Ihr Euer jetziges Amt von Euch werft, um in die Welt ohne Plan hinauszugehen. Ein besserer Redner als ich würde Euch sagen, daß Euer Los kein böses ist; daß Ihr besser tätet, gerade auf Eurem einsamen Turme sitzen zu bleiben und Euere Seele, gleich der eines Einsiedlers, zum wahren Christentum immer mehr zu erwecken und anzufeuern, als daß Ihr jetzo wie ein Irrwisch im Weltgetümmel umher fackelt. Er würde Euch sagen, daß Ihr jetzo, als ein gottlob zur Mutterkirche Belehrter, auf Eurem Turme ein wahres Sinnbild der siegenden Kirche vorstellt, wie sie, im Verborgenen triumphierend, oben sitzt, während zu ihren Füßen die Baaldiener orgeln, schreien und ihre Possen treiben. Ich sage Euch bloß: Schweigt, betet, und erwartet mit Geduld, wie es der Himmel mit Euch zum Guten lenken wird. Was ist's aber mit der Neigung, von der Ihr spracht? Hat sie nicht die Tochter des Senators Müssinger zum Gegenstand?« »Ach! Sie lesen in den Falten meines Herzens!« entgegnete der Geck, »ich muß meine Schwachheit gestehen. Gehen Sie aber nicht strenge mit mir ins Gericht. Mein Herz ist so weich und empfänglich, als mein Mund blöde. Durch das Auge ist das Mädchen in meine Seele gedrungen. Geredet habe ich noch nicht mit ihr und werde es auch nie, wenn Sie mir's nicht erlauben.« »Das darf ich nicht,« entgegnete der Doktor, »zu welchem Endzweck auch? Ihr seid arm, die Jungfer ist reich. Ihr Vater ist Senator, Ihr seid Türmer. Das paßt nicht. Aber die Hauptsache ist, daß Ihr Katholik seid, daß sie Lutheranerin ist. Zwar arbeitet die Gnade des Höchsten, wie ich vernehme, an ihrer Wiedergeburt, wie denn überhaupt, Dank sei es der Fürbitte unserer hohen Patronin, unsre Gemeinde täglich im stillen zunimmt, bis sie laut wird reden können. Aber man rechne nicht auf das, was noch nicht ist. Ich weiß nun zwar, daß ein Jünglingsherz ein weiblich Gemüte sucht, an das es sich bindet, wie die Rebe an die Ulme, Die reine Verschwisterung tugendhafter Seelen mag und darf ich nicht hindern. Ihr dankt der würdigen und gottseligen Frau Lainez die Erleuchtung in Eurem frühern Irrtum. Weiht ihr Euer dankbar Gemüt, und vergeßt das Weib, das nicht für Euch auf der Welt ist.« Pahlens verneigte sich, etwas unbefriedigt jedoch, und schied von dem Doktor, der sich zur Promenade begab. Auf und nieder schreitend überlegte er sein heutiges Tagewerk, horchte verdrießlich auf die Trommel, die von Zeit zu Zeit von der Komödienbude herüber schallte, auf das Geschrei des Lustigmachers, der vor der Türe des Schauplatzes sein Publikum einlud; auf das Gejauchze der Gassenjungen, die den Possenreißer umschwärmten. Die Promenade, von Spaziergehenden angefüllt, wurde leer, weil die Neugierigen nach der Bude rannten, und bald befand sich der Doktor allein mit einem Frauenzimmer, das schon lange auf den Augenblick, mit ihm unter vier Augen zu reden gewartet zu haben schien. Die Frau in bürgerlichem Kleide näherte sich ihm schüchtern und sagte nach einem tiefen Knicks: »Ich bin des Schreiners Buttler Frau, Ew. Hochwürden, Ihr eifriges Beichtkind,« »Was will Sie? Ich kenne Sie. Nun?« »Ich kann es mit meinem Mann nicht länger aushalten,« »Wieso?« »Er mißhandelt mich.« »Warum?« »Weil ich, eine Krankheit vorschützend, mich weigere zur Kirche zu gehen, und die Predigt zu hören, wie er's verlangt. Und dennoch fürchte ich mich vor der Sünde.« »Ohne Not, Ich spreche Sie los. Gehe Sie in die Kirche, damit der Schein bewahrt werde. Singe Sie mit, höre Sie aufmerksam der Predigt zu, aber bewahre Sie Ihr kaum genesenes Seelenheil mit geistlichen Stärkungsmitteln. So wird Ihr Mann beruhigt und die Gemeinde schöpft nicht Verdacht.« »Aber, Ew. Hochwürden, ich fürchte, das ist Heuchelei!« »Um einen guten Zweck zu erfüllen, ist auch eine gewisse Heuchelei erlaubt. Beruhige Sie sich, gute Frau, Wie steht's mit Ihren Kindern? Spürt Sie in diesen keine Anlagen zum Heil?« »Ach Gott, nein, Herr Doktor, Die Buben sind so roh und die Tochter hat kaum die Konfirmation überstanden.« »So lasse Sie ab von ihnen. Keine voreilige Vertraulichkeit, damit die Kirche nicht in Gefahr komme. Sie muß wachsen, im Verborgenen, wie die Saat des Feldes. Uebergebe Sie die Kinder ihrem Schicksale. Gott wird die Seinigen schon herausfinden.« »Aber mich jammert, daß sie verdammt sein sollen. Sie sind doch meine Kinder, meine ehelichen Kinder.« »Die Frage wäre erst noch aufzustellen. Ist Sie nicht katholisch? Ihr Mann Protestant? Abgesehen, daß solche paritätische Verbindungen an und für sich nichts taugen, so könnte man gerade Ihre Ehe nicht gültig erklären. Sie wurde von keinem katholischen Priester eingesegnet,« »Herr Doktor ...!« stotterte die arme bestürzte Frau. »Gräme Sie sich nicht. Ich will es so genau nicht nehmen. Aber lasse Sie die Kinder den eigenen Weg gehen und erwarte Sie alles von der Zeit.« Die Frau verneigte sich wieder demütig und entfernte sich. Der Doktor setzte sich auf eine Bank, lehnte sich an die dahinter stehende Linde und schloß, wie er zu tun pflegte, nachdenkend die Augen. Der heutige Tag war jedoch ganz dazu gemacht, ihm die Unterhaltung der verschiedensten Art zu bereiten. Ein rasch daherkommender Mann nahm geräuschvoll neben ihm Platz. Der Doktor erkannte, aufblickend, in dem Nachbar des Senators Kontordiener Nothhaft. Der Mensch, dem der Doktor als solcher unbekannt war, befand sich heute in gar aufgeregter Stimmung, und eine händelsüchtige, tückische Weinlaune sprach aus seinen Augen und seiner Haltung. Um ein Gespräch anzuknüpfen, das er zu wünschen den Anschein hatte, bot er dem Doktor eine Prise Tabak. Dieser versagte. »Brauchen sich nicht zu genieren!« redete Nothhaft ziemlich barsch, »'s ist nichts Giftiges, nichts Schlafmachendes darunter.« Der Doktor, um den Grobian nicht zu beleidigen, nahm eine Prise, ohne davon Gebrauch zu machen. Nothhaft besänftigte sich und versetzte: »Freue mich, dero Bekanntschaft zu machen. Ew. Edeln sind ohne Zweifel fremd auf hiesigem Platze?« »Nicht doch, mein Herr; und dennoch mögen Sie recht haben.« Nothhaft stierte ihn verlegen an, lächelte dann und fuhr fort: »Recht gut gesagt, mein Herr. Justissime! Optime! Das ist all mein Latein! Wie finden Sie das? Wenn man indessen Geld hat – er klopfte auf die klingende Tasche – so braucht man die Schulfuchserei nicht. He?« Der Doktor nickte. »Um aber wieder auf den Tabak zu kommen, so ist eine prudente Vorsicht wohl vonnöten. Da kommt oft ein Mensch daher, bietet Ihnen Tabak; Sie schnupfen, schlafen ein, und finden sich am andern Morgen entweder im Werbhaus, oder auf einem holländischen Transportschiffe. Nicht so, mein Herr?« »Ich weiß das nicht.« »Sie wissen das nicht? Parbleu! das ist zum Lachen. Nun, nun! Sie haben freilich nichts mehr zu riskieren. Junge Seelen sind die besten. Na! wie gehen hier die Geschäfte?« »Welche?« »Sapperment! die Ihrigen. Wie läßt sich die Kaperei an? Ja, bei uns gibt's einen tüchtigen Menschenschlag, wie gemacht zum Matrosen und Soldaten. Wie viel Seelen haben Sie schon auf dem Korne? Na, Männchen! machen Sie mir doch aus Ihrem Handel kein Geheimnis, Parbleu! ich bin auch schon in Amsterdam gewesen. Ich kenne die Vögel an den Federn. Tun Sie nicht so unschuldig. Unser Magistrat kann einen Puff vertragen, ist seelenfroh, wenn man ihn ungeschoren läßt, drückt beide Augen zu. Damit Sie aber sehen, wie redlich meine Absicht ist, so bin ich bereit, Ihnen ein bedeutenderes Pfand meines Vertrauen zu geben.« »Monsieur! Wofür halten Sie mich?« »Ei, Liebster! Wozu die Umstände? Für ein kluges Holländerchen, für ein pfiffiges Seelenverkäuferchen. Machen Sie mir doch nichts weiß. Ich hatte noch nicht die Ehre, Sie zu kennen, aber wie ich Sie heute mit dem Kapitän Tormerpick aus dem Schwanen treten sah, vertraulich, Arm in Arm, von Geschäften redend – ich war im Kaffeehause gegenüber – da hatte ich'« auf der Stelle weg. Der Kapitän hat den Ruf, mit Seelen zu handeln, und nach dem Sprüchlein: »Gleich und gleich ...« »Sie erzeigen mir viel Ehre, mein Herr!« »Noch mehr, mein wertester Geschäftsfreund. Ich will Ihnen Kredit geben, ein Kapital, solid und unverzinslich; im Gegenteil, ich will die Depositinteressen tragen,« »Ich begreife Sie nicht.« »Werden's alsobald, sub dato morgen oder Übermorgen liefre ich Ihnen eine Seele: kerngesund, jung, von derben Schultern und Fäusten: etwas naseweis zwar und ungezogen, allein in den Kolonien hat man vortreffliche Schulen aufgerichtet. Soll mich der Teufel holen, wenn die gute Seele nicht ihre 2000 spanische Taler wert ist, wie einen Albus. Nun, akzeptieren Sie? Die Emballierkosten trage ich noch obenein aus meinem Beutel ..,« »Erklären Sie sich deutlicher.« »Parbleu! Ich habe schon alles gesagt. Als ich Sie da so allein und brütend sitzen sah, fuhr mir's gerade durch den Kopf. Mit einem Worte, ich weiß einen Burschen, den diverse Leute gern vom Halse haben möchten. Er hat Bärenkraft und der Stock wird seinen harten Kopf schon zurechtbringen. Meinen Namen sollen Sie indessen gut behalten, aber ich garantiere Ihnen meine Solvabilität. Ich bezahle die Fang- und Transportkosten bis an das Schiff. Schlagen Sie ein und sagen Sie mir, wann die Promesse liquidiert werben soll.« »Das ist noch sehr zu überlegen, mein Herr,« versetzte der Doktor lächelnd, »wenn Ihnen morgen noch eine Unterredung beliebt, so finden Sie sich um dieselbe Stunde hier ein. Für heute muß ich meiner Unterhaltung ein Ende machen, da, wie ich sehe, ein Freund, den ich hierher beschied, uns zu stören kommt,« »Meinetwegen!« sagte Nothhaft, des Doktors Hand schüttelnd, »auf morgen also. Ew. Edeln, fehlen Sie nicht, ich werde auf dem Platze sein.« Er ging, und Litzach, der schon vor einigen Minuten auf der Promenade erschienen war, kam. Der Doktor hatte Mühe, den Mann unter der übertrieben großen Perücke, dem pfirsichblütfarbigen Samtkleide mit Seidenstickerei verbrämt, zu erkennen. Das hagere, kummervolle Gesicht des Schauspielers paßte so wenig zu dem Staatsrocke, als die unscheinbaren Strümpfe, der zerknitterte Hut und die unmäßige Bandschleife, die vom kurzen Degen in verblichenen Farben herniederhing. »Setzt Euch, mein Herr!« sagte der Doktor voll mitleidiger Höflichkeit, »fürs erste: erzählt mir, wie es in Euerm Hause steht!« »Meine Alte lebt noch,« antwortete Litzach, »der Doktor meint jetzo, sie werde am Leben bleiben und Gott sei gepriesen dafür. Mitleidige Menschen haben meine Hütte mit ihren Wohltaten erfüllt und der Prinzipal machte mir soeben das schmeichelhaft Kompliment, ich hätte meine Lazzi noch nie so gut gemacht als heute. Die Leute haben viel gelacht, und der extemporierte Spaß floß mir nur so vom Munde, Gottlob! ich darf hoffen, daß mich der Direktor behält.« »Das alles macht mir Freude,« versetzte der Doktor, »Ihr mögt wissen, Monsieur, daß ich Euch schon lange kenne, wenn Ihr der Litzach seid, der auf der Jesuitenschule zu Augsburg studierte.« »Der bin ich,« sagte Litzach seufzend, »und Sie, mein Herr?« »Ich bin Münzner,« erwiderte der Doktor. »Münzner?« wiederholte Litzach, wie sich besinnend, ergriff dann des Doktors Hände, sah ihm lange ins Gesicht, drückte dann einige Augenblicke, wie von Erinnerung verklärt, die Augen zu, öffnete sie wieder weit und rief mit einem tiefen Atemzuge: »Weiß es Gott, das ist Xavers redliches, ehrbares Antlitz! Ach! habe ich denn das fröhliche Angedenken an Schul- und Jugendfreundschaft verdient? Wir haben uns du genannt, mein lieber, alter Xaver! fürchte jedoch nicht, daß ich noch jetzt, wenn fremde Leute zugegen sind, das Du gebrauchen werde! Du bist gewiß ein gelehrter und reicher Mann geworden, ich hingegen nur ein armer, verachteter Komödiant. Aber, erlaube mir, dich wenigstens in der ersten Stunde des Wiedersehens mit dem vertraulichen Namen zu begrüßen. Erlaube, daß ich dich nur jetzo Bruder nennen darf; da« wird mich erheben auf lange Zeit.« »Rede, mein armer Litzach! Erzähle mir, was dir seit unserer Trennung begegnete.« »Ich könnte hierauf antworten: Unglück, Unglück, Unglück! und alles wäre gesagt; aber du willst, ich soll weitläufiger sein und so will ich dir folgen, obschon ich dennoch nicht viel Worte machen werde. Ich hatte meine Schulen perfekt durchgemacht, viel im Kopfe und auch, dank meinen sparsamen Eltern, viel im Beutel. Das war ein Unglück. Ich hing die Wissenschaften an den Nagel, lebte in Hülle und Fülle, versuchte es im Kriege bei einer Freipartie, und kam endlich ganz herunter. Der Kasten war leer, der Kopf wüst geworden, und in meinen besten Jahren stand ich da und fragte mich, wie ich mich als zehnjähriger Bube gefragt hatte: Was willst du werden? Was anfangen? Was unternehmen? Zu jener Zeit kam die Merseburger Komödiantenbande nach dem Orte, der meinen letzten Heller verschlungen hatte, und ich erinnerte mich plötzlich, daß man uns im Kollegium auch hin und wieder hatte Komödie spielen lassen. Wenn du dich erinnerst, so wirst du wissen, daß man mich um meines glatten Gesichts und meiner schwächlichen Gliedmaßen willen vorzugsweise erwählt hatte, die Weibsbilder zu agieren. Ich habe die Judith gespielt und die Herodias, und sogar einmal die Lalage in dem Schäferspiele: Der treue Hirt, womit der junge Professor der Rhetorik einst zu Augsburg so viel Aergernis anrichtete. Ei! dachte ich bei mir, wenn die Väter der Gesellschaft Jesu das Komödienspiel bei ihren jungen Leuten einführten, warum soll ich nicht mein Brot verdienen, wie andere verdorbene Studenten und reduzierte Soldaten? Gedacht, getan. Der Prinzipal Richter nahm mich an und eine recht fröhliche Wanderzeit begann für mich. Damals, lieber Münzner, machte ich nicht den Hanswurst, sondern die Amanten, Ich stellte vornehme Leute auf der Bühne vor und trug mich auch nobel außer derselben, in Tressenröcken und sorgfältiger Wäsche. Hätte ich mich nur nicht verliebt! »Bis hieher war ich frei und hatte nichts geliebet: Doch, daß mir diese Pein die Sinnen nie betrübet, Kam nicht von Tugend her. Weil mich der Wahn verkehrt, Schätzt ich, aus Uebermut nicht eine meiner wert, Bis ich das Wunderbild beschauet, Das mich vor dem ergötzt, ob dem mir jetzund grauet. »Ich rede von meiner Frau, eines herrschaftlichen Beamten Tochter zu Halberstadt. Wie sehr empfand ich den Dichter, als ich sie sah: »Die als ein Wirbelwind mich hin und her gerückt. Und mein zerscheitert Schiff in langem Sturm zerstückt! Ich sah sie, und entbrannt! sie fühlte neue Flammen! Kurz: ihr und mein Gemüt, die stimmten wohl zusammen! »Ich entführte die Liebste. Der Fluch ihres Vaters folgte uns nach, und, sobald meines Weibes Eltern in die Grube gesunken, fiel das Elend über uns her. Der lustige Name, den ich mir beigelegt, war ein schneidender Spott auf unsere traurige Lage. Katharine hatte nicht ein bißchen Geschick zu der Komödie. Man lachte sie aus, sobald sie sich nur zeigte; der Prinzipal zankte und ich antwortete gallebitter, und wir wurden von der Gesellschaft weggeschickt. Eine schwere Brustkrankheit warf mich nieder und verschlang alles, was wir hatten! Am Stabe schleichend, von Katharinen gefühlt, die unser erstes Kind auf dem Rücken trug, bettelte ich mich weiter, von Kloster zu Kloster, von Spital zu Spital, von Bande zu Bande. Endlich fanden wir einen gutmütigen Prinzipal, der uns einen Wochenlohn anbot. Mein Weib sollte für die Truppe waschen, ich sollte agieren. Aber mit dem Amoroso war's vorbei! Ich hatte keine Stimme mehr und keine Kraft, Der Prinzipal richtete mich zum Rüpel ab. Ach, Münzner! wie war mir zu Mute, als ich zum erstenmal als Narr auf die Bretter trat! Daheim lag mein Jüngstes im Sarge, meine Katharine, der Niederkunft gewärtig, auf dem Strohlager, und sie war allein, und nur Hunger und Mangel saßen an ihrer Seite, und ich mußte Possen reißen, und die bittern Tränen der Verzweiflung flössen aus meinen Augen über die geschminkte Narrenlarve in den Kienrußbart!« Litzach wischte sich eine Zähre von der Wange und fuhr gepreßten Herzens fort: »Ich machte den Lustigmacher schlecht. Die Zuschauer meinten, ich sei ein betrübter, weinerlicher Narr; sie warfen mich mit verdorbenen Aepfeln, und der Prinzipal zog mir die Jacke aus und schickte mich fort. Als ich heim kam, brachte mir die Wehmutter einen Buben entgegen, den sie um Gottes willen empfangen hatte, und ich brachte der Mutter meines Kindes sechzehn Groschen und – den Abschied.« »Herr Gott!« seufzte der Doktor. Litzach fuhr fort: »Ja, mein lieber, alter Freund, wer nur als Zuschauer vor dem gemalten Vorhänge der Komödie steht, weiß nicht, wie viel gebrochene Herzen unter dem Tand der Flimmerkleidung schlagen. Ist es gerade nicht Kummer, der die Brust der Maskenspieler zerreißt, so ist es der giftige Neid, so ist es die brütende Unzufriedenheit, die hinter dem bunten Spiele eine fröhliche Welt suchte, und nur kümmerliche Lappen und eine trostlose Zukunft fand. Der Leichtsinn nur, dem alles gleichgültig geworden, mag ruhig in diesem Getobe niedriger Leidenschaften schlafen; auf diesem wankenden Boden, den Prahlerei und Jammer beherrschen. Was uns Geschicklichkeit erwirbt, raubt uns auf der andern Seite die Ungewißheit unserer Lage, und die Verachtung, die auf uns lastet. Ich überspringe nun manches Jahr des Unheils und bemerke bloß, daß ich in der Zeit einen Teil jenes Leichtsinns mir errang. Ich wurde stumpf, fühllos; ich lernte seltsame und lächerliche Grimassen machen und Kapriolen schneiden, ob mir schon der Tod an der Kehle säße. Ich errang den Ruf eines guten Komödianten, eines possierlichen Burschen; ich fand ein besseres Brot. Ich hatte gespart; ich hatte meinen Kindern ganze Kleidungsstücke angeschafft, meine Katharine mit dem Nötigsten versehen; ich hatte ein Bett gekauft und beinahe schon die Summe zu einem Plüschrocke beisammen, der mich in den Stand gesetzt hätte, reputierlich unter die Leute zu gehen, als Katharine in die langwierige Krankheit verfiel. Unser Wohlstand verging wie eine Seifenblase, und ein Dienst, den ich bei der Gesellschaft des sel. Belten antreten sollte, mußte ebenfalls aufgegeben werden. So kam ich hierher, so fandest du mich. Nach langen Jahren erregt dein Anblick, Münzner, wieder das erste lebhaft frohe Gefühl in meinem Herzen. Die Hoffnung, daß meine Katharine leben wird, und dein Wiederfinden, macht mich glücklich. Ach, wie wahr redet der unvergleichliche Lohenstein in einem seiner Trauerstücke: »Je finsterer die Nacht, je heller ist das Licht, Je öfter man die Hand an spitz'ge Dörner sticht. Je mehr bekränzt man sich mit blutbemilchten Rosen, Je mehr die Mittagshitz uns sticht, je süßer kosen Die feuchten Abendlüft'; Ist Wetter, Sturm und Well', Und Wolke trüb und schwarz, so dünkt uns noch so hell, Und lustig Sonn' und Port. Die steinern harten Ketten, Die Felsenlast, die uns zu Boden schier getreten, Des Lebens steter Tod, der jeden Blick uns schreckt, Das dunkel-grause Loch, in das wir eingesteckt, Der Trauerrauch hat sich verkehrt in sanfte Wonne Die Nacht hat sich verstellt in eine lichte Sonne!« Nach diesen pathetisch hergesagten Worten schüttelte der Schauspieler des Doktors Hand noch einmal herzlich und ein warmer Tropfen fiel auf diese Hand. »Du bist mit dem Weibe, das du deines nennst, nicht kopuliert?« fragte der Doktor. »Die Ehen in unsrer Gilde,« erwiderte Litzach beschämt, »sind meistens wild und leider ist's auch die meinige. Jedoch tut es mir und Katharinen sehr wehe, daß, unsern unablässigen Versuchen zum Trotz, sich noch kein Geistlicher unterstanden, unsern Bund zu segnen.« »Ich will es tun,« erwiderte der Doktor, »aber, die Hand auf den Mund, mein Freund, und eine Bedingung zugesichert.« »Ach, Ew. Hochwürden ...« stammelte Litzach entzückt, »ich will schweigen, wie das Grab ... ich verstehe Sie wohl ... aber – welche Bedingung?« »Eure Kinder müssen katholisch sein. Vermutlich sind sie lutherisch getauft, da Euer Weib es ist, wie ich glaube.« »Ew. Hochwürden,« stammelte Litzach verlegen, »die armen Würmer sind noch gar nicht getauft. Die Kosten – und dann die Scheu der meisten Geistlichen ... wie gerne will ich ...« »Gut,« versetzte der Doktor, »ihnen soll geholfen werden. Ich will Euch zu mir berufen lassen, Freund; die Seelen müssen gerettet sein und Eure Not gemildert. Ich will mehr für Euch tun, wenn Ihr verschwiegen seid und bereitwillig, das zu erfüllen, was ich im vorkommenden Falle von Euch verlangen werde. Entsagt indessen der Hanswurstjacke, ich will Euch eine Empfehlung auf das nächste Dorf, Breitenbach, mitgeben. Kost, Lagerstätte und Verborgenheit werden Euch dort nicht entstehen. Dann will ich weiter sehen, was zu Eurem Besten gereichen möchte.« »Ach, Engel Gottes!« rief Litzach, »wie soll ich danken ... ? Aber – ich soll acht Tage vorher dem Prinzipal aufkündigen, und dann ... bin ich in seiner Schuld. Mein Wochenlohn beträgt zwei Taler und acht Groschen extra, was man gewöhnlich in der Kunstsprache Rekreation oder Biergeld zu nennen pflegt. Ich habe indessen einen Vorschuß von drei Talern etlichen Groschen abzuzahlen, und ...« »Mein Jesus! welch betrübte Rechnung!« seufzte der Doktor voll Mitgefühl und reichte dem Schauspieler eine Handvoll Geldes: »Sagt dem filzigen Direktor auf, im Augenblicke, und zahlt ihm den Bettel von drei Talern. Es soll nicht gesagt sein, daß ein Zögling der Väter von der Gesellschaft Jesu länger in solcher Dienstbarkeit bestehe. Geht, mein Freund. Ich werde Euch rufen lassen. Erquickt Eure Kranken und Hungrigen und danket dem Herrn!« Litzach jauchzte: »Ja, mein Wohltäter! Den Herrn und Sie werde ich preisen, dem Prinzipal sein Geld und seine Kleider vor die Füße werfen und voll Hoffnung erwarten, was Sie über mich beschließen. Von diesem Gelde kann ich mit den Meinen einen Monat lang durchkommen und mein Glück ist gemacht!« »Wir Menschen irren stets. Wo wir uns sicher trauen, sinkt unser Schiff in Grund. Wenn man's verloren hält, hat das Verhängnis oft das beste Glück bestellt!« So rief er noch mit allem Aufwande seiner rhetorischen Kunst und eilte mit geflügelten Schritten der Bude zu, aus welcher die befriedigten Zuschauer gerade nach Hause strömten. Der Doktor fand sich, da die größte Menge über die Promenade zog, in seinen Betrachtungen gestört und wanderte, mit seinem Tagewerke wohl zufrieden, gegen seine Wohnung. James berichtete ihm, der Senator Müssinger sei vor wenigen Minuten plötzlich bei dem Doktor eingetreten, habe sich eilig und zerstreut nach demselben erkundigt und darauf mit zitternden Händen ein Billet geschrieben, das der junge Mann dem Doktor wohlversiegelt zustellte. Der Senator sagte darin mit bebend gezeichneten Schriftzügen: Mein einziger mitfühlender Jugendfreund! Ich verzweifle, Ew. Edeln nicht in loco zu finden. Kommen Sie eiligst, sobald Sie können, in meine Schreibstube. Wir weiden ganz allein sein. Ich stehe am Rande einer Seelenkrida; Sie nur vermögen mir zu raten. Soeben erhalte ich den Aviso: der junge Birsher von Neuyork ist in Person hier angekommen!« Dritter Abschnitt. Der Freier. – Jakobinens Geheimnis. – Des Senators Tröster. – Georg Birsher. – Tischgespräche. – Häuslicher Sturm. – Justinens Opfer. – Abendunterhaltungen. – St. Sebastian und die heilige Pulcheria. – Das Gespenst. – Der Superior. – Seine Philosophie. – Wut der Leidenschaft. – Qual der Schuld. – Neues Ungewitter. – Der Heilige unter den Myrten. – Die Geisterbannerin. – Verlobung. – Vorträge auf der Promenade. – Plaudern zur Unzeit. Nothhaft war schon seit den ersten Frühstunden im Hause des Senators herumgegangen – glänzend, strahlend, hoffärtig wie ein Pfau. Feiertäglich geputzt, vom Tressenhute bis zur schweren Silberschnalle am Korduanschuh mit dem leuchtenden Absatze, hatte er mehreremal an die Türe des Prinzipals geklopft und murrend von der verschlossenen Abschied genommen. So hielt er Schildwachtposten und Schildwachtgang durchs ganze Haus, getraute sich aus Respekt nicht den Fuß in der Senatorin Zimmer zu setzen und hielt es unter seiner Würde, in die Schreibstube zu treten, durch deren Fensterchen Berndt den geputzten Wandler mit neugierig neidischen Augen betrachtete. Endlich, von mancher Prise Tabak gestärkt und an dem Glauben haltend, daß Geduld alles überwinde, besiegte der Kommis, der nichts Geringes im Schilde führte, die schleichende Zeit und seinen Unmut. Die Haustüre ging auf, der Senator kam heim. Mit einer vertraulich patzigen Verbeugung empfing ihn Nothhaft an der obern Treppenstufe und sein Herz lachte im stillen, denn sein Benehmen schien zu wirken. Der hochfahrende Senator hatte völlig die Miene eines betretenen Kindes angenommen. Seine Stirne lag zwar glatt und freundlich, aber in den Augen saß eine gewisse unerklärliche Demut und seine Stimme war lammfromm und gemäßigt. »Was verlangt Er, mein Sohn?« fragte der Senator, nachdem er den Kommis in seine Stube gewinkt; und stolzer hielt Nothhaft sein Haupt, und nachlässiger spielte er mit dem Uhrbande. »So geputzt?« fuhr Müssinger fort, mit niedergeschlagenen Augen den umherschweifenden des Dieners ausweichend, »ich wette darauf, der junge Herr will mich besänftigen, daß ich nicht zürne, weil er bereits zween Tage lang gefaulenzt hat? Danke Er Gott, Monsieur, daß ich nicht so strenge wie der Buchhalter bin, und mich überhaupt heute in einer Laune befinde, die mich nicht leicht zum Zanken kommen läßt. Es sei Ihm alles vergeben, aber kontinuiere Er dafür in Seinem vorigen Fleiße.« »Er hat sich hier nichts zu vergeben, Herr Senator und geschätztester Prinzipal,« antwortete Nothhaft ziemlich dreist und nachdrücklich, »die Ursache meiner Abwesenheit von dero Kontor wird mich, so hoffe ich, sehr gnügend entschuldigen. Ich bin hier, um dieselbe gebührend vorzutragen, da Ew. Edeln Geschäfte gestern und vorgestern mir solches unmöglich gemacht. Freilich sollte ich gebührenderweise schwarz wie ein Tintenfuß vor Ihnen stehen; allein, erstens hat der saumselige Schneider mich noch nicht mit Kleidern versorgt, und zweitens will sich's nicht wohl ziemen, da eine fröhliche Botschaft an der traurigen hängt, daß ich ihrer im fröhlichen Kleide gedenke. Wissen Sie demnach, Hochzuverehrender, daß mein Herr Vater, bis dato Kaufmann und Ratsherr in meiner Geburtsstadt, am verwichenen Freitage im siebzigsten Jahre seines Alters das Zeitliche mit dem Ewigen vertauscht hat. Ich bin sein einziger Erbe in Haus und, Gewölbe geworden, und, wie mir schmeichelhafte Verwandte versichern, würde der Magistrat sich nicht lange sperren, mir auch den Ratsstuhl des Verewigten als vollgültiges wohlerworbenes Erbe zu überlassen.« Der Senator war unwillkürlich vom Stuhle aufgestanden, hatte einen nebenstehenden Sessel herbeigezogen und winkte lächelnd und verbindlich dem Kommis, Platz darauf zu nehmen. Nothhaft ließ sich nicht lange bitten und indessen sprach Müssinger sehr freundschaftlich: »Sehen Sie, bester Herr Nothhaft; der Tod ist so eigentlich kein Unglück, sondern ein Soll, das früher oder später jeder Lebensnegoziant zu saldieren hat. Trösten Sie sich demnach über den herben Verlust und genehmigen Sie den wärmsten Ausdruck meiner Teilnahme an Ihrem fernern Wohlergehen. Dieses wird nun freilich lediglich von Ihnen abhängen, denn Sie haben in meinem Geschäfte von der edeln Handelswissenschaft ohne Zweifel so vieles profitiert, daß Sie ganz gut auf dero eigenen Füßen werden stehen können. Behalte mir demnach nur die Fortdauer Ihrer freundschaftlichen Anhänglichkeit vor und bitte mir zu nächstem Sonntage die Ehre aus, Ihnen mit einem Löffel Suppe aufwarten zu dürfen, wie ein Handelsfreund dem andern.« Müssinger hätte hier gerne, nachdem er der Förmlichkeit ihr Recht gegeben, das Gespräch beendigt, aber Nothhaft saß immer noch breit und lässig im Stuhle, nickte vornehm dankend mit dem Kopfe und hob an, die Zwiesprach weiter fortzuspinnen. »Eben darum, geehrter Herr Senator,« sagte er, »weil ich weiß, wie förderlich mir Ihre Freundschaft ist, und gewesen, sowie auch die meinige vice versa, so unterstehe ich mich, an obige Trauernachricht ein artiges Vergnügen zu knüpfen, indem ich auf ein Band hinweise, das unsre bisherige Freundschafts-Sozietät zu befestigen geschickt sein möchte. Mein seliger Herr Vater hat jeden Albus sechsmal umgewendet, ehe er ihn ausgab, und vermittelst dieses Grundsatzes einen ansehnlichen Kasten voll harter Taler zusammengespart: ein Tuchgeschäft in vollem Gange, eine Weinfabrik, ein wohleingerichtetes Haus, Gartenland und Ackerfeld, Brunnen und Stall, Geschirr von Silber und Ringe von Gold. Alles dieses ist mein und mir geht nichts ab, als ein Weib. Ich halte demnach, geziemend und gebührend, um Ew. edeln Tochter an. Jungfer Justine ist zwar ein schwieriges, schnippiges Ding, aber ich mag sie doch wohl leiden, und hat man erst ein Dutzend Wochen im Ehestande zugebracht, so findet sich alles hinterdrein.« Der Senator saß verstummt da und lächelte vor sich hin, ob aus Spott oder aus Ueberraschung? Dann erwiderte er ziemlich treuherzig: »Lieber Herr Nothhaft! Sie tun mir unleugbar eine Ehre an, so wie Justinen. Aber, Bester! sollte es Ihnen denn unbekannt sein, daß meine Tochter noch immer versprochen ist? Bevor Herr Birsher junior nicht sein Wort und das meinige aufgegeben ...« »Täuschen Sie sich noch beständig mit dem Bräutigam aus Neuyork?« fragte Nothhaft achselzuckend, »geben Sie um Gottes willen die Anwartschaft auf. Der junge Herr wird an Deutschland gedenken und über kurz oder lang wohl die Brautgeschenke wieder einfordern lassen, die sein armer Papa hieher bringen mußte, aber sicher nicht die Braut.« »So?« fragte Müssinger etwas gereizt, »woher wissen Sie das? Sind Ihre Briefe sicher?« »Hm!« antwortete Nothhaft ruhig und bedeutend, »ich meine nur ...; wenn ich der Sohn wäre – ich könnte nimmer in das Haus heiraten, worinnen man meinen Vater ... begraben hätte.« Des Senators Mundwinkel zuckten krampfig, »Man muß es darauf ankommen lassen,« sagte er trotzig. »Lassen Sie's nicht ankommen,« fuhr Nothhaft fort, »verkennen Sie Ihren Vorteil nicht. Eine Verbindung mit mir ist Ihnen heilsamer, als eine Verwandtschaft mit dem Amerikaner. Ich habe zwar keine Million in Kassa, aber einen Mund, der schweigen kann, und einen milden Verstand, der mit dem Mantel der Liebe allzeit fertig und bereit steht, wenn gewisse Menschenirrtümer zur Sprache kommen wollen.« »Wieso? Wie begreife ich, was Sie mir sagen?« »Denken Sie an des alten Gastfreundes Sterbetag. Gedenken Sie des seltsamen Sterbefalls...« »Und nun, Monsieur? Was will Er... was wollen Sie damit sagen?« »Der Pistolen auf der Diele, der verzettelten, gerade noch vor Torschluß möchte man sagen, quittierten Wechsel... oder Verschreibungen...« Der Senator wurde weiß wie die Wand, stand auf, schöpfte tief Atem und sagte mit gepreßter Stimme: »Sie sind ein schauerlicher Patron, und verstehen's, solche unangenehme Todesauftritte recht täuschend zu schildern, daß man sich unwillkürlich fürchten möchte.« »Herrlich!« rief Nothhaft, »um so schneller werden Sie mit der Heirat in Ordnung kommen. Schlagen Sie ein, Allianz! Respekt dann vor Ihrer Firma!« »Ei! den müssen Sie auch haben, junger Mensch!« fuhr der Senator auf, »haben ohne Allianz! Sie tun absonderlich vertraut mit mir, mehr als sich's schicken dürfte! Werden wohl beraten sein, wenn Sie dieses unterwegs lassen!« Nothhaft sah den Aufblitzenden stutzig und verblüfft an. Die auflodernde Hitze reute indessen den Senator im Augenblicke. Er beruhigte sich gewaltsam, murrte ein finsteres »Pfui!« gegen sich selbst gerichtet, in den Bart und fuhr fort: »Verzeihen Sie mir den Ausfall. Ich habe mir vorgenommen, mich nicht zu erzürnen, aber die Zunge läuft manchmal wie ein toller Deserteur davon. Mit Permiß! so wir uns alterierten, wollen wir wieder Freunde sein. Das Schätzbare Ihrer Werbung ist mir nicht entgangen; aber sagen Sie selbst: ist es möglich, Ihnen etwas, das geringste aufmunternd zuzusagen, da der junge Birsher selber hier eingetroffen ist?« Nothhaft sprang überrascht vom Sessel. Er studierte lange an dem Ernste in des Senators Augen; dann sprach er hitzig, wie ein Pfeil schwirrt: »Wenn's in der Tat also ist, Herr Senator, so heißt's kurz resolviert. Ueberlegen Sie genau, wie's anzufangen sein möchte, damit der Herr von Neuyork nicht ans Ueberlegen komme. Parbleu! Ihr Jawort ist so gut als schon in meiner Tasche. Justinens wird sich dann schon finden. Apropos indessen Ew. Edeln, dem ehrlichen Freiersmann kann es nicht angenehm vorkommen, wenn sich die Braut an ein fremdes, leider malhonnettes Volk hängen will. Jungfer Justine ist in der Edukation sehr vernachlässigt.« »Monsieur Nothhaft!« sagte Müssinger erstaunt und wieder böse werdend. »Na! ruhig im Gemüte, Herr Senator! Ich hab's aus guter Quelle. Der englische melancholische Junker, der hier im Hause den Sprachmeister abgibt, der verdient's, daß Sie ihm böse, gram und giftig werden. Er hat Justinen gekirrt; Parbleu! ich weiß es sehr genau. Morgenpromenaden – im Frührot – Berndt hat's mit angesehen, wie sie plauderten, wie sie Abschied nahmen. Solche Lustwandeleien im Morgentau mögen vielleicht unter den grobhäutigen Engländern gäng und gäbe sein, aber der gute Ruf unsrer deutschen Töchter und Schwestern bekömmt leicht davon den Schnupfen.« »Ich werde die Sache untersuchen,« erwiderte der Senator strenge, wendete sich aber von dem Freiwerber ab, damit er nicht die Röte der Scham auf seiner Stirne bemerke, »verlassen Sie sich darauf: ist's wahr – soll's gewiß nicht mehr geschehen!« »Dann bin ich um meiner Jungfer Braut willen bereits kontent!« äußerte Nothhaft, den Weg zum Abschiede suchend. Der Senator ermangelte nicht, dem Zuversichtlichen zu bemerken, daß seinem Ansuchen bei weitem noch kein Amen gesprochen worden, aber unwillkürlich nahm seine Rede einen trügerischen Schein an, und Nothhaft – wäre er auch nicht der alte dumm-dreiste und hochmütige Geck gewesen, wie sonst – hatte Ursache, mit mancher Hoffnung von dannen zu gehen. »Verzeihe mir der Himmel die Sünde, wie er mir heute bereits die schwereren vergab!« sagte der Senator leise vor sich hin, wie im Gebet, »ich konnte mir in der Verlegenheit des Augenblicks nicht anders helfen. Der freche Tölpel, der ein Endchen meiner Geheimnisse kennt, muß berücksichtigt werden; wenigstens, bis er die Stadt im Rücken, den Weg nach seiner Heimat unter der Sohle hat.« Er ging hin und her in der Stube, musterte seinen Schreibtisch, seine Bücher, zuckte auf wie vor dem Anblick einer Schlange, als er die bestaubte Hauspostille darunter gewahr wurde, schob sie mit unmutiger Hand in einen klaffenden Wandschrank, und reinigte dann die Finger vom Staube. »Wie dieser Anblick mich plötzlich an die Jugend erinnert hat!« sagte er mit wehmütigem Vorwurfe zu sich selbst, »dieses Buch, woraus ich meinen Eltern den Abendsegen lesen mußte, dessen Hauptpredigt- und Erbauungsstellen ich auswendig gelernt hatte, trotz dem Vaterunser ... Dieses Buch, worein der Vater alle Begebenheiten unsers Hauses verzeichnete, wie eine Geschlechterchronik, dieses Buch soll mir von nun an ein Greuel sein!« Er seufzte, drückte jedoch den Wandschrank entschlossen zu und zog ein kleines Büchlein aus dem Busen, das er mit einer seltsamen Mischung von Neugierde, Zuversicht und Zweifel betrachtete. »Du sollst in Zukunft mein Hort sein?« fragte er flüsternd und setzte, darin blätternd, hinzu: »Ihr Heiligen alle, deren Häupter aus diesen Bildern, mit Dornen und Blut bekränzt, schauen! nehmt Euch meiner an, daß ich nicht vergehe in mutlosem Schwanken! wahrt mir doch den Frieden, den ich kaum durch einen beispiellos raschen Entschluß gewonnen!« Sein Blick fiel auf den Rand eines Kupferstichs, und in dem Blicke ging es auf wie ein Fieudenfeuer. »Münzner! Münzner! ist das nicht Klaras Weltname? Und ist sie nicht der Engel, der heute mein Pate gewesen? Und ich sollte friedlos bleiben, da sie für mich zu den Füßen des Heilands betet? Mut, mein Herz!« Die Glocke, die zum Frühstück rief, ertönte. Der Senator versteckte da« Gebetbuch, zog sein Gesicht in die gebieterischen Alltagsfalten, und begab sich zur Wohnstube. Der Kaffee dampfte von dem blaudamastenen Tafeltuche, das glänzende goldgeringelte Porzellan, berührt von dem schweren silbernen Geräte, erklang hell; im übrigen blieb es stumm in dem kleinen Kreise. Die Senatorin, die kaum den Morgengruß des Mannes erwidert hatte, saß, zwar ihm zur Seite, aber dennoch halb von ihm gewendet, und genoß, die Tasse in der bequem ruhenden Hand haltend, das Frühstück und den Morgenstrahl, der durchs Fenster schlug, zugleich. Justine hütete mit besorgten Blicken bald den stillen Vater, bald die feindselige Mutter, und bestellte die Frühstücksangelegenheit; schenkte ein, bediente, nötigte wie es der Brauch war. Berndt saß unsern, wie ein Lämmchen, unfähig, ein Wässerchen zu trüben, unterrichtete bald den Prinzipal von den Arbeiten, die er heute schon getan, bald schoß er lauernde Blicke nach dem Mädchen. Der ernste Buchhalter, gegen jede Kaffeebedienung deprezierend, zum zwanzigstenmal behauptend, daß er bereits in aller Frühe seine Portion genossen, stand hinter dem Herrn und produzierte eine eingelaufene Missive nach der andern, eine Reihe abzusendender und eine Menge, der Unterschrift bedürftiger Papiere. Müssinger las und unterschrieb schweigend, sandte den Buchhalter hinunter, beschied Berndt in einer Stunde auf seine Stube und fragte, nachdem auch dieser feuerrot hinweggegangen, mit ungewöhnlich fünftem Tone: »Wie nun, Jakobine, und du mein Justinchen? Ist denn schon die Tafel für den zu erwartenden Gast geordnet?« Justine wollte die Mama antworten lassen, aber die Senatorin hatte dazu keine Lust. Mit einem tiefen Seufzer setzte sie die Tasse geräuschvoll hin, kehrte dem Senator völlig den Rücken und starrte ins Blaue. – »Ei, Jakobine ...!« sagte Müssinger hierauf staunend und gereizt, näherte sich der Schmollenden und wollte die Hand auf die Lehne ihres Stuhles legen, um sich vertraulich zu ihr herabzubücken; aber wie vor einem Skorpion fuhr die Senatorin empor, wischte schnell mit ihrem Schnupftuche die Stelle ihres Kleides ab, woran zufällig sein Finger gestreift hatte, und schritt trotzig und stumm ins Seitenzimmer. Die Türe ging krachend hinter ihr zu. – »Was bedeutet das?« fragte Müssinger, seine Erregung kaum bezwingend. Justine erzählte schüchtern und verlegen, daß sich der Mutter Betragen seit ihrem Spaziergange von gestern nach dem Ritterhofe geändert habe; daß sie nichts über die Veranlassung zu diesem stummen Groll geäußert, und daß sie, Justine, von der Sache nicht das geringste begreife. – »Mit wem hat deine Mutter draußen gesprochen?« fragte der Vater mit krauser Stirne. Justine gestand, daß sie, in Scherz und Gelächter mit andern Personen ihres Alters und ihrer Bekanntschaft vertieft, es nicht bemerkt habe. »Welche unselige Grille beherrscht das Weib nun wieder!« sagte der Senator empört, aber wie mitleidig die Achseln ziehend, »ist denn wohl ein Hausvater in dieser Stadt, der unglücklicher wäre, als ich? Diese stumpfsinnige Xantippe, die mein Leben verbittert ...« Justine flog mit tränendem Auge an seinen Hals und fragte: »Lieber Vater! Sind Sie denn auch mir böse? Verdiene auch ich Ihren Unwillen?« Der Senator sah sie gerührt an, schob sie dann, plötzlich verfinstert, von sich und antwortete: »Unter deinen Fehlern vermißte ich wenigstens bis heute die Heuchelei. Nun tritt auch diese hervor. Ungeratene mit dem Unschuldsblick! Wohin hast du dich verirrt? Mit einem jungen Manne, der mein Vertrauen verrät, bist du am frühen Morgen auf den Gassen der Stadt gesehen worden, Bekenne! wohin führen diese Gänge? und seit wann?« Justine erbleichte ein wenig; allein sie war bald wieder gefaßt, »Berndt hat mich verleumdet,« sagte sie ruhig, »der Schleicher trat auf meinen Fersen in das Haus. Glauben Sie dem Menschen nicht. Verlangen Sie jedoch nicht, daß ich Ihnen mehr von dem Morgengange sage, als daß er nur ein einziges Mal – gestern – stattgefunden, und daß ich die Hütte einer Armen aufgesucht. Um alles übrige befragen Sie, wann es Ihnen gefällt, den Monsieur White selbst.« »Welch ein kühnes Vertrauen!« rief Müssinger, »ich will glauben, daß noch die Sünde nicht mit euch ging. Was soll aber daraus in Zukunft werden? Du wirst, hoffe ich, nicht den törichten Gedanken hegen, den bettelarmen Baronet, obendrein zu einer Zeit, wo dich noch andere Bande fesseln, die vielleicht fester zu knüpfen, dein Verlobter kam ...« »Vollenden Sie nicht, Herr Vater,« versetzte Justine, »lernen Sie mich besser kennen, Ihre Besorgnisse sind grundlos. Da Herr Birsher hier angekommen, schickt sich's ohnehin nicht, daß ich den Besuch eines Mannes ferner annehme. Sie werden mich verbinden, wenn Sie Herrn White heute schon entlassen. In Frieden, denke ich, wenn Sie meinen Ruf schonen wollen. Was Berndt betrifft ...« »Das ist meine Sorge!« ergänzte der Senator und eilte auf seine Stube, wo sich Berndt demütig und bald einfand. »Er hat sich erlaubt,« fuhr ihn der Prinzipal mit Strenge an, »meine Tochter durch böse Nachrede zu verunglimpfen, und ihr einen Spaziergang zum Verbrechen zu machen, von dem ich unterrichtet war, und der einer Armen galt. Verleumder und Züngler dulde ich nicht in meinem Hause. Er hat sich um einen andern Dienst umzusehen, und mit Ablauf des Quartals von meiner Schreibstube abzuziehen. Stumm und niedergeschlagen entfernte sich Berndt und murmelte zwischen den Zähnen: »Das kommt von Nothhaft, dem neidischen Bengel! Das gedenk' ich ihm!« Der Geist der Verdrossenheit hatte sich auf Müssingers Dach gelagert. Ein dumpfes Mißbehagen bedrängte alle, die darunter wohnten, Justine ausgenommen, die mit unbefangnem Herzen, mit klaren Augen die Zukunft musterte. Freilich mischte sich auch in diese unbefangene Klarheit dann und wann ein wenig Unruhe, wenn sie an den Verlobten dachte, der so plötzlich erschienen war; von dessen Wollen und Wünschen noch nichts verlautet hatte. »Wie wird er die Sache entscheiden?« fragte sie sich, »und will er mich noch heimführen, oder hat der Tod seines Vaters seinen vielleicht erzwungenen Vorsatz geändert? Aber, wie sieht wohl der junge Mann aus?« fragte sie sich noch weit öfter, und erbebte ein bißchen, dachte sie sich des alten Birshers Korpulenz, seine Perücke, seine Manieren, die sich vielleicht alle, wenn auch nach verjüngtem Maßstabe, in dem Sohne wiedergaben, wie im Spiegel. Werde ich ihn heiraten? war natürlich die letzte, die bedeutendste Frage, die Justine an ihren Verstand, an ihr Herz richtete. Der Verstand, der den Reichtum und das daraus entspringende heitere Leben zu schätzen wußte, sagte allerdings: Ja! aber das Herz? In diesem verborgensten Winkel tauchte von Zeit zu Zeit, einem spielenden Geist zu vergleichen, ein Bild auf, angenehm in seinen Zügen, unangenehm jedoch in seiner Bedeutung: James. – Justine wurde nun sehr ernsthaft, sehr unruhig, und dankte dann dem Himmel von ganzer Seele, als dieses Bild nach kräftigem Bedenken mit einem Male verschwand und nimmer wieder kam. So halte ich dem besorgten Vater Wort und meiner eigenen Würde! sagte sie gleich einer Siegerin und ging, eines hellen Entschlusses voll, die Schlüssel des Hauses einzufordern, um das Gastmahl zu rüsten. Frau Jakobine machte gar keine Schwierigkeit, auch heute die Wirtschaft dem Mädchen anzuvertrauen. »Du wälzest einen Stein von meinem Herzen!« sprach sie, die Schlüssel hinreichend und wieder in die Kissen des Kanapees versinkend, in denen sie sich ausnahm, wie eine im Nachdenken Verlorne. »Darf ich nicht wissen, was Sie beängstigt oder ärgert, liebste Mutter?« fragte Justine mit sanfter Teilnahme. Die Mutter schlug die Hände zusammen und schüttelte den Kopf mit Heftigkeit, »Frage mich nicht, Justine!« sagte sie alsdann mit phlegmatischem Pathos, »es wird die Zeit kommen, da sich alles enthüllen wird. Armes Kind! und ich ... eine arme Mutter! Mir bleibt nichts übrig, als zu überlegen, wie wir beide einer großen Seelengefahr zu entrinnen haben. Gott wird ja einen Engel schicken! Behalte indessen die Schlüssel dieses unseligen Hauses! In meinem Leben rühre ich sie nicht mehr an!« Sie schwieg verstockt und Justine fürchtete für den Verstand der Mutter. »So werden Sie mir doch erlauben,« sprach sie, »eine Gehilfin zu erwählen; denn in der Zeit, als Herr Birsher hier aus und ein gehen wird, dürfte es viel zu tun geben, dem ich allein nicht gewachsen wäre.« »Wie du willst. Gott segne den Herrn Birsher! Er hätte aber besser getan, zu Neuyork zu bleiben. Wen willst du jedoch dir zur Seite setzen?« »Eine Freundin, Madame Lainez, eine Französin.« – »Wer ist die Person? Ich kenne sie nicht.« – »Die Frau Syndikus empfahl sie mir,« versetzte, um eine Antwort etwas verlegen, Justine. – »So?« erwiderte Jakobine mit großen Augen, »meinethalben dann. Die Syndikussin empfiehlt sicher kein Gesindel; sonst möchte ich wohl geraten haben, auf der Hut zu sein. Die Franzosen machen gerne lange Finger, und bei Gelegenheiten, wie die heutige ...« – »Lassen Sie mich walten, Mutter, und erheitern Sie sich. Dieser unbegreifliche Mißmut würde den Gast verschüchtern und den Vater erzürnen.« – »Den Vater?« rief die Mutter zusammenfahrend aus, »schweige von ihm. Ich will nichts von ihm wissen, nichts von ihm hören! Ich wollte, ich hätte ihn nie gesehen. Du wärest nie geboren worden!« – »Mutter!« – »Ich wollte, meine Augen müßten den fremden Gast nicht sehen. Aber, nicht wahr, es wäre unschicklich, wenn ich bei Tische fehlte?« – »Gewiß, liebe Mutter! Bedenken Sie selbst, die Frau vom Hause ...« »Mein Heiland, ja! Was muß man nicht tun, um der Schicklichkeit willen? Was muß man nicht verschweigen und verbeißen um bei Schande willen! Ach, liebste Tochter, ich werde viel leiden an dieser Tafel! Jeder Bissen wird mir im Munde quellen. Ach Gott! verzeihe mir meine Sünden; womit hab ich aber all diese Not verdient?« »Ich fürchte mich bei Ihnen, Mutter!« »Bei mir?« ächzte da« Weib, das sich mit Gewalt in eine Aufregung versetzte, die sich lächerlich und peinlich zugleich ausnahm, »bei mir, du gottloses Kind? Und ich bin doch ein Lamm, wie Schnee so rein; und ich habe dich zur Welt geboren, und ich sinne und sinne seit gestern, daß mir der Kopf schwindelt, wie ich dich, meinen Herzensschatz, mit mir zugleich erretten kann. An mir sollst du dich halten, und nur Gott fürchten in Demut, und ... deinen Vater in Angst! Fürchte dich vor dem Vater, wie das unschuldige Lamm vor dem Wolf! Tue von heute an nie mehr, was er begehrt, denn er begehrt nur unser Verderben.« Justine sah die Frau, die sich wie eine in Wahnsinn fallende zerängstigte, mit großen Augen, dann mit Mitleid, dann mit Geringschätzung an, drehte sich endlich kurz und gut um, und sah nach ihren Pflichten. »Was ich versprochen, kann ich heute schon mit dem Segen Gottes beginnen,« schrieb sie in Eile an die Lainez, »kommen Sie, gute Frau. Versuchen Sie es fürs erste auf ein paar Tage, wie es Ihnen gefallen möchte bei Ihrer herzlichen Freundin Justine.« Sie sendete diesen Zettel durch den dümmsten Packknecht ihres Vaters in den Johanniterhof an die Adresse und verlor im Drang ihrer überhäuften Geschäfte bald die seltsamen Launen ihrer Mutter, sogar den eingeladenen merkwürdigen Gast aus den Gedanken. Indessen hatte sich bereits ein anderer Geladener in des Senators Stube eingestellt. Müssinger erkannte selbst beinahe den Eintretenden nicht, so sehr veränderte diesen der schwerbetreßte Rock, die ansehnlich bauschende Halsbinde und die große weiß erglänzende Perücke. »Im Namen des Herrn und Heilandes!« sagte der Kommende, Doktor Leupold, mit leiser Stimme. »Amen, und willkommen, hochwürdiger Herr!« antwortete der Senator ebenso, und ging dem Doktor entgegen, ihm die Hand zu küssen; eine Ehrenbezeugung, deren sich Leupold weigerte. »Lassen Sie diese Förmlichkeit der Jugend und dem Volke, die in Respekt gehalten werden müssen, mein werter Beicht- und Taufsohn,« sprach der Doktor. »Unser Verhältnis sei das eines Freundes zum Freunde. Ich finde Sie mit den Büchern beschäftigt, deren Studium ich Ihnen empfahl, und frage nicht, ob die heutige bedeutungsvolle Frühstunde Frucht getragen oder nicht. Im Herzen des Frommen gedeiht stets die himmlische Speise, und der schnellste Entschluß belohnt sich am schnellsten. So wären wir denn nun eins in Gott und seiner Kirche, bester Herr, und Sie haben ohne Zweifel die Gnade recht empfunden, die unser Heiland und Erlöser in Ihnen erweckte? Die Huld unserer barmherzigen liebreichen Mutterkirche, die Ihnen erlaubt hat, alle Vorübungen, Prüfungen und Bräuchlichkeiten zu überspringen, um sich so schnell als möglich in ihre Arme zu werfen? Das Glück, das ich genoß, ich, eines der geringsten Rüstzeuge, die im Felde des Herrn zu seiner größern Ehre streiten, Ihr Führer zur Himmelsleiter sein zu dürfen, erfüllt mein Herz mit seligem Behagen. Und auch in Ihrem Heizen, mein Sohn, ist nunmehr Friede; nicht wahr?« »Wenn Glaube an unbedingte Erlassung Friede ist, so genieße ich des Friedens,« antwortete Müssinger. »Glaube ist allerdings der schützende Schild, und seine Wohltat zögert nicht. Ich wette darauf, Herr Senator, Sie erwarten nun mit sicherem Fuße den Gast, vor dem Ihnen gestern noch gegraut.« »Ihres Beistands versichert, ohne Zweifel.« »Des Beistands des Herrn und seiner Scharen, deren Engelfittich auch den Gedanken der Sünde von Ihrem Bewußtsein scheuchte. Halten Sie sich an dem Bewußtsein Ihrer nunmehrigen Reinheit fest, und Sie werden nicht straucheln. Der Versucher naht wohl zuweilen dem Menschen; am häufigsten dem Gottgefälligen. Ich habe Ihnen den Lebenslauf unsers heiligen Ordensstifters und des herrlichen Heidenapostels Xaver in die Hände gegeben. Sie werden meinen Reden als Belege dienen. Aber – je gefährlicher die Versuchung, je herrlicher der Sieg der Beständigkeit. Und auch das ist Versuchung, wenn dem Neubelehrten der Teufel ketzerischen Zweifelmuts ins Ohr raunt: bist du denn nun auf dem rechten Wege? Und auch das ist herrlicher Sieg, wenn der gottselige Jünger ihm antwortet: Ja, Satan; trotz dir und deinen Schrecken! – Sie verstehen mich. Ihre früheren Sünden sind nicht mehr, denn das Blut unsers Herrn hat sie getilgt, und mein Priesterwort ist Ihnen dafür Bürge. Mut also, und ein klares Auge! Sie haben Gottes Gnade gewonnen; gewinnen Sie auch jetzo das Vertrauen des Ordens, der Ihnen Genesung brachte. Ein Thron ist schön, aber ein Koadjutor unserer Gesellschaft selbst in weltlichen Dingen zu sein, ist ein weit schönerer Beruf.« »Verlassen Sie sich auf mich, sobald Sie mir über die gefährlichste Brücke geholfen haben, in allen Dingen, die nicht mit meiner Bürger- und Vaterpflicht im Widerspruche stehen.« »Verfängliche, aber unnötige Klauseln!« lächelte der Doktor; »Vaterpflicht? Die Kirche ist ja selbst die liebendste Mutter. Bürgerpflicht? Ein relativer Begriff. Halbheit, mein Bester, führt nur zu Trostlosigkeit. Man muß, was man sein will, ganz sein, und auf dem Wege der Religion kommen unsere Pflichten nie ins Gedränge, wenn man ohne des Vorurteils Brille um sich schaut. Die Wahrheit ist immer nur eine ; das Recht ist stets nur eines . Menschliche Satzungen fehlen: die göttliche Wahrheit nimmer. Sind Sie überzeugt, Ihrer Mitbürger Bestes zu wollen, so gehen Sie mutig zum Ziel. Wütende Parteien und schielende Gesetze schelten gar zu oft Hochverrat, was man mit allen Bürgerkronen nicht aufwiegt – die Rettung des Vaterlandes. Ich behalte mir vor, Ihnen diese unerschütterlichen Grundsätze deutlicher auszuprägen, wenn sie zur Anwendung reifen sollten.« »Zur Anwendung?« fragte der Senator gedehnt, denn sein Kopf ging im wirbelnden Kreise. »So ist's, mein Sohn,« erwiderte der Doktor ruhig, »die Gestirne wandeln ihre Bahn; folglich auch die Schicksale der Welten, der Völker, der Gemeinden, der einzelnen Menschen. Lassen Sie uns den Fall setzen, es wäre den, Himmel gefällig, in dieser Stadt die Anarchie des Luthertums zu beendigen, die von dem unerforschlichen Ratschluß nur aus dem Grunde zugelassen worden ist, damit der erschlaffende Christussinn sich an dem Widerstände wetze und siegend wieder auflebe. Noch mehr, der Allmächtige hätte Sie ausersehen, das Panier des wahren Glaubens, dem Sie freiwillig sich unterworfen, kühn und frei zu erheben. Würden Sie sich dessen weigern? Gott durch eine schimpfliche Feigheit beleidigen? Oder gestehen, daß Sie sich selbst belogen, als Sie sich dem Meßopfer zugewendet?« »Wahrlich, ich erstaune ob Ihrer Rede,« sagte der Senator mit Angstschweiß auf der Stirne, »welch einen Kampfplatz tun Sie mir in diesen Worten auf?« »Keinen gefährlichen; denn Gott würde mit dem Beharrlichen sein, und sein Engel den Satan stürzen. Beruhigen Sie sich indessen. Das Heldenbild eines solchen Kampfes lebt nur in der Einbildungskraft, nicht in der Zeit, die eine gemessene, mathematisch schleichende ist. Wir bekehren nicht mehr mit Feuer und Schwert, sondern mit dem kraftvollen Honig der überzeugenden Rede. Wir dringen uns nicht mehr den Völkern auf. Die Völker werden aber, vom geheimen Zuge ergriffen, alle zu unserm Tische treten. Die Wunder der grauen Judenzeit geschehen nicht mehr, sondern langsam, still webend, wie der Trieb der Natur, bereitet der Schöpfer seine Ereignisse vor; Mirakel, nicht kleiner als die der heiligen Bücher, aber mystischer als sie. Durch göttliche Schickung rüttelte sich der Wolf der Ketzerei los; aber mit dem Gifte erstand zugleich das Gegengift. Der Ursprung unserer Gesellschaft, ist er nicht ein Wunder? erzeugt im Staube, und herrlich fortblühend an der Brust der Könige? Zeigen Sie mir ein ähnliches Beispiel in der Geschichte aller Völker, und bezweifeln Sie den Fingerzeig des Herrn, der uns seine Streiter erweckte; nicht zum blutdürstigen Morde, wie jene Dominikaner, die ihren Beruf, die Unseligen, verkannten; nicht zum faulen Bettel, wie jene schmutzigen Mönche des Franziskus von Assisi, welche ihre Sendung mit Füßen treten; sondern zu der schweren Arbeit, wie sie die Not der Zeit erfordert. Warum wütet man gegen uns? Weil man uns ungemessen fürchtet. Warum verleumdet man uns? Weil wir heller sehen, als alle Welt. Wie kömmt es aber, daß wir das können? Weil die hunderttausend Augen meiner Brüder nur ein Einziges sind, und ein scharfes; ihre hunderttausend Arme nur ein Einziger, und ein tätiger; beseelt von einem Willen, von einer Kraft. Ein Ziel ermißt unser Blick, nach dem einen greifen unsere Hände; nach dem einen schreitet unser Fuß. Ehre dem Herrn in der Höhe! Nachfolge dem menschgewordenen Sohne und seinem Kreuze! Belehrung der Gläubigen, Zurechtweisung der Verirrten und der noch nicht im Geiste Gebornen! Aufrechthaltung der allein seligmachenden Kirche! Krieg auf Tod und Leben dem Satan der Zeit, welcher da ist der der Unvernunft, der der Hartnäckigkeit, der des Lasters! – Hier nannte ich Ihnen in Kürze die Grundlagen unserer Bestimmung, die Zwecke unsers Daseins. Gibt es vortrefflichere auf Erden? Verdienen sie nicht die größte Teilnahme, und den göttlichen Schutz, der ihnen so offenbar zu teil geworden? Ueberall verbreitet, in jedem Weltteile angesiedelt, predigen wir die wahre, reine Religion. Wir haben ganze Völker dem Heile zugewendet; wir haben Halbtiere zu Menschen gemacht. Wir leiten das Gewissen der Fürsten; wir bewachen den Stuhl des Statthalters Jesu Christi. Unsere Schulen – wer lobte sie nicht als die vollkommensten! Unsere Zöglinge – wer rühmte sie nicht als die gelehrtesten? Meine Brüder – wer hatte sich nicht an ihrer heitern Freundlichkeit, an ihrem milden Ernste, an ihrer Weisheit erquickt? Um jedoch ausgezeichnet und allumfassend wirken zu können, mußten wir umfassende Hilfsmittel wählen und schaffen: ein Band der Religion, der Wissenschaften, der Künste, der Gewerbe, des Handels um die Erde und die fernsten Meere legen. Für alle Bedürfnisse des Menschenwohls Sorge zu tragen, haben wir uns verbindlich gemacht; wir besitzen in unserm Ordensschoße alle Elemente dazu; die Mittel muß die Außenwelt geben, die uns freilich gern und oft zurückstoßen möchte, während sie uns danken sollte. Die kanonische Armut der Kirche, die Kargheit der meisten Fürsten, versagt uns bedeutende Unterstützungen, und unsere Spekulation muß aushelfen; daher – im Vertrauen – unsere Kolonien in fernen Weltteilen; daher Schiffe mit unserer Fracht auf dem Meere; daher das Bedürfnis, Stapel-, Lager- und Ausladungsplätze in allen Gegenden der Windrose zu besitzen. Ich komme jetzt ganz natürlich auf unser hiesiges Etablissement, das im Anbeginn einen solchen Lagerplatz ganz allein bezwecken sollte. Einige Vertraute waren nötig; mein Vorgänger entdeckte jedoch viel Glauben, viel fromme Sehnsucht, und pflanzte die Reben des Herrn mit gutem Gedeihen an, so daß ich, sein unwürdiger Nachfolger, schon eine ansehnliche Zahl von Sprößlingen vorgefunden. Auch mit mir war der Segen des Herrn und das Glück, das mich berief, Ihnen zu dienen; dem alten bereuenden Freunde, dem nievergessenen Freunde Klaras. Ihr Einfluß, mein Sohn, wird, hoffe ich, viel Gefahr von unserer stillen Gemeinde abwenden, und ein guter Wächter für den Handelsvertrieb der Gesellschaft sein, die hingegen stets bereit sein will, ihre müßigen auf hiesigem Platze liegenden Kapitalien in Ihre vertrauten Hände zu legen und gegen billigen Zins zu lassen; so wie sie Ihnen auch bereits – gänzlich uneigennützig und mit Ihren frommen Gesinnungen nicht bekannt – die bewußten Wechsel auf Brasilien angeboten, so wie ein Freund dem andern zu dienen verpflichtet sein sollte.« »Ihrem Orden meinen Dank,« sagte der Senator erheitert, »ich will zu vergelten suchen, wie ich kann. Treue Freunde tun heutzutage not. Sie haben mein Ohr bezaubert durch Ihren kurzen Bericht und Ueberblick Ihrer Wirkungskreise. Wahrlich! ein solcher Verein ist ein Wunder, ein noch nie gesehenes, nie erhörtes; und Sie hochwürdiger Herr, müssen sich im Paradiese wähnen, wenn Sie stündlich sich erinnern, auch ein Glied an dieser großen edeln Brüderkette zu sein!« Der Doktor sah bei dieser Wendung ernst und wehmütig auf die stumpfen Spitzen seiner Schuhe, lehnte das Kinn auf den Rohrstock und entgegnete nach einem verhaltenen Seufzer: »Je nun, Herr Senator! Jeder Beruf hat seine Last! und ich gehöre zu den Lasttieren unsers Ordensberufs. Herr Senator! um ein gläubig Gewissen, um ein ungeschwächte Vertrauen auf die Unfehlbarkeit eines vorgesetzten Endzwecks ist's eine schöne Sache. Dieses Vertrauen auf Gott, meine Obern und meiner Pflicht wohltätige Früchte ist mein Reichtum, mein Paradies. Die Pflichten selbst sind gar oft schwer, widern oft an; allein man tröstet sich mit der Fürsicht, die das alles befiehlt und ordnet, und wissen muß, zu welchem guten Zweck alles so befohlen und geordnet werden soll. Lichtpunkte in meinem Berufe und Treiben sind Vereinigungen, so erwünscht, so freundlich, wie die mit Ihnen im Namen der sanftesten Religion eingegangene. Klara betete für Ihr Glück! Klaras Freund feindlich mir gegenüber zu sehen, der Verdammnis verfallen, der Hoffnung bar, einst mit Klara, mit mir vereinigt zu werden! ... Der Gedanke schmerzte mich tief, und indem ich Sie für unsere Lehre gewinnen durfte, gewann ich selbst einen Schatz tröstenden Bewußtseins!« Der Senator war bewegt, da er in die bewegten Augen des Doktors sah, und auch die seinigen gaben Tränen, und in einer herzlichen Umarmung erkannten sich Priester und Neophyt als höhere Würdenträger der Menschheit; als verwandte Gemüter, als Freunde. Der Senator sagte hierauf, indem er sich die Augen trocknete und des Doktors Hand ergriff: »Was mir einfällt, mein würdiger Freund! Ihr Pflegesohn scheint Lust zu haben, ein Proselyt meiner Tochter zu werden, denn umgekehrt läßt sich bei des Mädchens Starrköpfigkeit die Sache nicht denken. Allein ... Sie begreifen ... und ersparen mir wohl fernere Erläuterung.« »Allem ist schon vorgebaut,« unterbrach ihn der Doktor, »mir ist's nicht entgangen, und dem jungen Menschen ist bereits Ihr Haus untersagt. Ihn binden frühere Pflichten, und Zeit ist's, daß sein Schwärmen endige.« »Welch ein Mann sind Sie!« rühmte der Senator, freudig des Doktors Hand schüttelnd, »solch ein Scharfsinn, solch feine verhütende Moral lernt sich wahrlich nur in Ihren Kollegien. Was sind dagegen unsere trockenen, dürren Gymnasien, wo man nur Buchstaben lernt, und nicht Menschenkenntnis? Was unsere Schreibstuben, in denen man den Charakter unserer Geschäftsfreunde, wie der Welt, nur nach den Zahlen taxiert, die sie in Gold oder Papieren aufzustapeln vermögen! Was Ihnen der klare Forscherblick schon verraten, das mußte mir der Mund eines schleicherischen Handlungsdieners ...« Die Schelle am Hause wurde gezogen; einmal, zweimal, dreimal, bescheiden, aber steigend, wie sich dazumal geladene Fremde anzumelden Pflegten, während Hausfreunde nur zweimal läuteten und Hausgenossen das ganze mit einem derben Riß an der Schelle abzutun gewohnt waren. Der Senator erblaßte: da« Wort erstarrte in seinem Munde, ein heftiges Zittern überkam ihn. »Herr ... Birsher ...!« stammelte er. Der Doktor rüttelte ihn zurecht und sagte ihm tröstend und ermahnend: »Sie sind entsündigt. Im Namen der Dreieinigkeit! gehen Sie hin; trauen Sie auf meinen Beistand, und geben Sie nicht Anlaß zum Argwohn, noch Aergernis!« Ein nachfolgender Zug an der Kontorschelle benachrichtigte den Hausherrn, daß der Fremde hereingelassen worden, daß der Besuch nicht dem Kaufmann allein gelte. Seine Pflicht zu erfüllen, nahm sich Müssinger zusammen, und ging dem die Treppe Ersteigenden höflich entgegen. Der große junge in Schwarz gekleidete Mann mit dem wenig gefärbten ernsten Gesichte und den hellen geradausschauenden Augen hatte den Senator beinahe wieder aus der Fassung gebracht; was indessen der erste Anblick verderben zu wollen schien, brachten die ersten Worte des Fremden wieder ins Gleis. Der junge Mann streckte, ohne den Hut zu rücken, aber mit offenem Gesichte dem Wirte die Hände entgegen und sagte: »Ei, herzlich willkommen, Herr Senator. Freue mich, Sie endlich zu sehen. Vor allem Entschuldigung, daß ich mich gestern, von der Reise ermüdet, durch den Kellner anmelden ließ. Hierauf verbindlichen Dank für die Einladung, und – da« Beste kömmt zuletzt – meine herzlichste, Erkenntlichkeit für die Bewirtung meines armen Vaters.« Der Senator bückte sich äußerst verlegen und öffnete die Türe des Tafelzimmers. Ohne sich jedoch unterbrechen zu lassen, fuhr der junge Mann ruhig und behaglich fort: »Das Grab meines guten Vaters war das erste, was ich hier besuchte. Meine Träne ist darauf zurückgeblieben, und mein Segen nicht minder. Wir wollen uns jedoch, nach diesem Berichte, die Hände darauf geben, daß wir kein Wort mehr über sein Schicksal verlieren wollen. Sie übersehen gütigst die Farbe meiner Kleider, so wie ich selbst den eigenen Kummer übersehen will, um Ihnen nicht ein unerträglicher, unwillkommener Gast zu sein.« Der Senator sah den Doktor verwundert, aber mit erleichtertem Herzen an. Leupold studierte in dem Gesichte Birshers. Er erkannte seinen gestrigen Tischnachbar im Schwan. Dieselbe ruhige Unbefangenheit, die ihn im Gasthause ausgezeichnet hatte, verließ ihn auch heute nicht. Der ungewöhnliche Prunk, von welchem die Tafel strotzte, nötigte ihm keinen Blick der Verwunderung ab, und, als sei er schon seit geraumer Frist ein Genosse dieser Tafelrunde, begrüßte er ohne förmliche Umschweife die geputzte Senatorin, die sich endlich einfand, und Justine, die im Kleide der Hausfrau erschien, um, der Küche entsagend, bei Tische das Ehrenamt zu verrichten. Nachdem Doktor Leupold von dem Senator den Seinigen und dem Fremden vorgestellt worden, begann das Mahl, dem heute im übrigen kein anderer Gast als der ernsthafte Buchhalter beiwohnte. Die Unterhaltung war anfänglich geschraubt. Der Senator bewachte mit ängstlichem Auge Herrn Birsher, die Senatorin saß mit stummem verzogenem Munde und niedergeschlagenen Augen, der Buchhalter schwieg nicht minder devot, und der Doktor allein führte mit dem Neuyorker ein unbedeutendes Gespräch. Justine beobachtete, und ihre Aufmerksamkeit sobald es ihre Geschäfte erlaubten – teilte sich zwischen Herrn Birsher und dem Doktor. Die Züge des letztern hatten für sie etwas Bekanntes, mancher Anklang seiner Stimme war ihr ebenfalls nicht fremd, und dennoch hatte sie ihn im Kabinette des Vaters nur ein einziges Mal – beinahe nicht gesehen, keine Silbe aus seinem Munde gehört. Sie grübelte in der Erinnerung, gelangte jedoch zu keinem Ergebnis, weil ihr des Doktors Nachbar interessanter erschien. Wider Willen kehrte ihr Auge immer häufiger auf den jungen Amerikaner zurück, und sie mußte sich gestehen, daß ihre Phantasie an dem Manne eine Sünde begangen. Nicht die müde Behaglichkeit des Vaters, die entschlossene Ruhe eines mit sich selbst aufs reine gekommenen Menschen, redete von dieser Stirne, aus diesen Blicken, die manchmal hell und fest den ihrigen begegneten, die ihr eine freundliche Bewunderung, verbunden mit einer beinahe ehrfurchtsvollen Scheu, einflößten. Sie horchte neugierig auf jede« seiner Worte; sie lächelte unwillkürlich und beifällig, als der Zurückhaltende endlich gesprächig wurde. Nach der dritten Speise schob Birsher mit einer leichten Verbeugung den Teller etwas zurück und sagte: »der Hunger ist gestillt, und zum Vergnügen esse ich nicht. Ich erbitte mir daher die Vergünstigung, unangefochten und nachsichtsvoll beurteilt, ein untätiger Zeuge der fernern Mahlzeit sein zu dürfen.« Die Senatorin, viel auf Tafelgenüsse haltend und dieselben sogar in ihrem jetzigen gereizten Zustande nicht vernachlässigend, warf dem Redner einen mißbilligenden, verwunderten Blick zu. Birsher bemerkte denselben, fuhr aber, ruhig und verbindlich zu der Frau vom Hause gewendet, fort: »Ein paar Worte, hochzuverehrende Gastfreundin, werden hinreichen, den Verdacht einer Unschicklichkeit von mir zu entfernen. Ich habe es wohl erfahren, daß man in Deutschland die freundschaftlichen Mahlzeiten hochschätzt und sie verlängert, daß man den Grundsatz hegt, dem willkommenen Gast könne nie zu viel angeboten werden, und er könne hinwieder nie zu viel genießen. Bei uns in Amerika ist die Lebensart viel einfacher, so wie unsere Wohnungen, unser Tafelgeräte und unsere Kleidungen einfacher sind. Drei Gerichte, eine Flasche Bier oder Wein, ein herzliches Tischgespräch von einer halben Stunde, ein aufrichtiges Gebet zum Beschluß – das sind die Bestandteile unserer Sonntags- und Feiertafeln, Lassen Sie mich bei dieser Gewohnheit, die meine Landessitte mir einprägte, die mir immer wohl bekam. Ich will, da ich meinen Teil von diesem überprächtigen Gastmahle nicht gehörig annehmen darf, meinen Anteil zu der Unterhaltung geben, und fange damit an, Ihnen unumwunden zu bekennen, weswegen ich im Grunde hieher gekommen bin.« Alle Anwesenden neigten höflich das Haupt und der Senator, um eine Erwiderung verlegen, sagte mit zweifelhaft schwankendem Tone: »Ew. Edeln kommen unsern Wünschen zuvor. Ich darf gestehen ... daß ... so höchst angenehm mir auch Dero Ankunft erschienen, ich nicht begreife, wie es möglich wurde, Sie schon jetzt hier zu begrüßen. Meiner erprobten Berechnung gemäß könnte das schnellst segelnde Schiff kaum die Nachricht nach Neuyork gebracht haben, daß ...« »Ihre Berechnung täuscht nicht, Herr Senator,« antwortete Birsher, »das dänische Kauffahrteischiff Kiöbenhaven, das vom Texel abging, mit der Depesche des Herrn van den Hoecken befrachtet, kann erst seit drei Wochen, fiel die Fahrt vollkommen günstig aus, zu Neuyork angekommen sein. Doch hatte ich nicht auf eine Nachricht aus Europa gewartet. Eine Ahnung – man möchte sagen, wie mein schottischer Faktor zu sagen pflegt, ein zweites Gesicht hat mich übers Meer getrieben!« »So?« fragte Doktor und Buchhalter. Des Senators Gesicht verlängerte sich. Die Frauen hingen mit ihren Blicken an dem Munde des Erzählers. Dieser bemerkte die gespannte Neugier und sprach lächelnd weiter: »Erwarten Sie keine Gespenstergeschichten. Nichts Ungewöhnliches. Ein einfacher Traum ist's nur, der sich leicht erklärt, wenn man erfährt, daß Vater und ich uns unaussprechlich lieb gehabt. Um ein Kapital zu retten, das in Ostfriesland unsicher stand, und um mir – wovon nachher – einen Schatz mitzubringen, unternahm der alte Herr die mühevolle Reise. Eine Art von Heimweh gesellte sich zu den obigen Motiven. Er hatte früher in Holland und Deutschland gelebt. Es war ihm in diesen Ländern wohl ergangen. Er wollte das Paradies seiner Jugend noch einmal sehen vor seinem Ende. Er hoffte, seine lästige Korpulenz auf der Seefahrt zu vermindern. Er bestand – eigensinnig von jeher – auf seinem Vorhaben und segelte ab. Das Schiff hatte einen bedeutungsvollen Namen: Fare well! Mein Glück- und Segensruf hing sich an des Schiffes Wimpel, und – setzte ich mich gleich stracks wieder vor die Bücher und die Korrespondenz, so schaukelte sich doch meine Seele neben dem Vater auf dem fernhingleitenden Fare well! Diese Einbildung verwuchs, sozusagen, mit mir, und gab sicherlich Anlaß zu dem Traume, der mir einst, geraume Zeit nach des Vaters Abfahrt, vorkam. Ich saß im Kontor und schrieb. An die Türe klopfte es. Herein! rief ich. Alles still. Nun stand ich auf und sah selbst nach. Vor der Türe stand mein Vater; gekleidet, wie wohl sonst, aber blaß. Willkomm! sagte ich und streckte die Hand aus. Er aber sprach: Beileibe, Freund Georg; ich bin ja gestorben und muß in Europa bleiben. Ich fuhr auf, und das nächste Schiff nahm mich mit nach Holland. Van den Hoecken sagte mir bei der Ankunft in Amsterdam nichts Neues. Ich war von der Wahrheit meiner Ahnung innig überzeugt.« »Das ist eine entsetzliche Geschichte!« sagte die Senatorin und erhob sich, von Gespensterfurcht ergriffen, vom Stuhle, um mit starren Augen und bebendem Kinn von hinnen zu wanken. Der Senator, der auf glühenden Kohlen gesessen, beeilte sich, der Frau seinen Arm zum Weggehen anzubieten. Mit einer Gebärde schaudernden Abscheus stieß ihn jedoch Frau Jakobine zurück, griff mit heftiger Gewalt nach Justinens Hand, und verließ, auf dieselbe gestützt, das Eßzimmer. »Die Frau Senatorin scheint reizbarer zu sein, als ihre Konstitution erraten läßt,« versetzte Birsher, etwas aus der Fassung gewichen, »ich habe dennoch nur Alltägliches erzählt, um einen Beitrag zur Seelenkunde zu geben.« »Ein merkwürdiger Beitrag allerdings,« hob der Doktor an, um des Senators betretene Beschämung zu bemänteln, »die Geschichte zeugt von Ihrer außerordentlichen Liebe zu dem Vater, dessen Tugend ein späteres Lebensziel verdient hätte.« »Ich habe beschlossen, daß er in seinen Vorsätzen, in seinen Wünschen fortlebe,« entgegnete Birsher, »sein Wille ist mir ein schätzbareres Vermächtnis als seine beträchtlichen Güter. Ich bin weniger gekommen, um hier das mir zustehende Erbteil zu holen, als um den hochachtbaren Herrn Senator zu fragen, ob er die Freundschaft, die er für meinen Vater hegte, auf mich fortpflanzen, und mich, wie der Selige gewünscht, zu seinem Schwiegersohne an- und aufnehmen will.« »Herr Birsher,« stammelte der Senator, höchlich überrascht, »Ihr wackerer Sinn spricht sich so unerwartet aus, daß ...« »Was der Vater beschloß, will ich gehorsam ausführen! Von seinen Händen hätte ich blindlings die nie gesehene, ungeliebte Braut empfangen. Was soll ich nun tun, da ich die liebliche Jungfer gesehen, da ich aus jedem Munde nur ihr Lob vernommen? Ich bin kein Freund von vielem Reden. Ja oder Nein, Herr Senator? obschon unter Männern von Wort ein Nein nicht wohl denkbar ist. Ueberlegen Sie nicht, grübeln Sie nicht. Der Brautschmuck ist in Ihrem Hause. Das Kapital, das mein Vater, es schon verloren gebend, zu Emdes rettete, hat er verwendet, gewisse Verbindlichkeiten, die Ew. Edlen gegen van den Hoecken hatten, aufzulösen: die quittierten Verschreibungen zu der Jungfer Nadelgeld bestimmt. Mein Vater hat alles im voraus geleistet und besorgt ... werden Sie nun nicht auch das Ihrige gegen mich tun?« »Ich will's, ich werde es!« lief der Senator ausbrechend, weil ihm ein Felsenberg von der Brust fiel, »ich heiße Sie doppelt willkommen, als meinen lieben Sohn und Handelsfreund.« Er und Birsher schüttelten sich treuherzig die Hände. Der Buchhalter, mit dem Glase an das des Doktors klingend, rief ein jubelndes »Gratulor, gratulor von Herzen!« Der Doktor stieß wohl an, neigte sich wohl glückwünschend, aber auf seiner Stirne saß nicht das zufriedene Einverständnis. Wie hätte sich jedoch die Falte auf des welterfahrenen Mannes Antlitz lange halten können? Nun wurde der Senator lebendig. Die Spannung seines Gemüts schien wiedergekehrt zu sein, eine heftige Freude ihn zu beleben. Die silberne Schelle ertönte in seiner Hand. »Alicante!« rief er dem eintretenden Burschen zu, »vier Flaschen! Das Siegel mit den vier Türmen! Frisch! Schnell! nicht gezaudert! die spanischen Kelchgläser mit den Lilien dazu! den Nachtisch herein! Justine soll kommen; sie soll kredenzen!« Und so ging es fort in Feuer und Leben. Der Niersteiner, der gerade auf dem Tische kreiste, floß in ungeduldigen Bächen in die traulichen Römer. Gesundheit auf Gesundheit wurde getrunken. Unter den fröhlichen Bewegungen der Gäste erzitterten beständig die silbernen Glöckchen an dem prächtigen spiegelverzierten Aufsatze, der, einen chinesischen Tempel vorstellend, mitten auf der Tafel stand; aber das Funkeln dieser schillernden Spiegel und bewegten Perlen war tote Asche gegen Müssingers strahlendes Auge; das Schellengetön verklang unter der tönenden Sprache seiner erweiterten Brust. Die Türe ging auf. Einen silbernen Präsentierteller in der Hand, auf welchem sechs Kelche voll des köstlichen Alicante schimmerten, neben der geöffneten Flasche, die nun mit einer prachtvollen Blume verschlossen war; gefolgt von dem dienenden Burschen, der im Korbe die drei übrigen Flaschen nach sich schleppte, trat eine schöne Frau herein, in einfachem aber angenehmem Kleide, mit Wirtlichkeit kündender Florschürze angetan und die zierlichen Hände von saubern Handschuhen bedeckt. Die Herren fuhren überrascht und grüßend auf. Der Senator blickte überraschter als die übrigen auf die ihm Unbekannte. »Mademoiselle Justine ist nicht zu finden,« sagte die angenehme Wirtin, den Wein mit einem Anstande umherreichend, als bediene sie eines Königs Tisch. »Um die verehrten Herren nicht allzu lange warten zu lassen, mußte ich also selbst ... entschuldigen Sie gütigst.« Soeben trat Justine aus der Seitentüre. Mit einem Blicke begriff sie die Verlegenheit der Helferin, die Ueberraschung des Senators, und sagte mit der freundlichsten Betonung, zu der ganzen Gesellschaft gewendet: »Madame de Lainez, die Witwe eines im Felde gebliebenen königlich französischen Hauptmanns, meine sehr liebe Freundin, die sich heute erbitten ließ, meine häusliche Pflicht zu teilen und mir zu erleichtern.« »Freut mich unendlich,« versetzte der Senator mit einem Bückling und wies der Errötenden den ledigen Stuhl Jakobinens an. Die Lainez wollte sich, stumm versagend, empfehlen. Justine hielt sie aber zurück, sagte ihr viele schmeichelhafte Worte und behauptete, durch eine plötzliche Unpäßlichkeit der Mutter würde sich die Tafel verwaist sehen, wenn nicht eine liebenswürdige Frau den Platz einnähme. Leise flüsterte sie indessen der Lainez zu: »Bleiben Sie um Gottes willen, meine Beste, und unterhalten Sie die Herren. Ich finde noch kein Wort, das nicht meiner Seele wehe täte.« So fügte sich Madame Lainez endlich. »Bei Denain fiel Ihr Gemahl?« fragte nach einigen vorläufigen Erkundigungen der Senator, »er ist in einem rühmlichen Kampfe gefallen gegen ehrenhafte Feinde. Man muß gestehen, daß des Kaisers Truppen in den Niederlanden einen Schauplatz vielen Ruhms und nur weniger Niederlagen gefunden haben. Meine Herren! Der Prinz Eugen soll leben!« »Ich bitte, unsern Marlborough nicht zu vergessen,« sprach Birsher in den Gläserklang, »das Heldenpaar hat sich zu Malplaquet unsterblich gemacht. Ich habe mich oft gesehnt, Flandern zu besuchen, und so viele Tapfere gefochten. Ich will es tun und bei dieser Gelegenheit nicht versäumen, das ehrenvolle Bette Ihres Gemahls zu betreten, Madame. Wissen Sie aber, daß Ihr Name weniger militärische Erinnerungen als vielmehr geistliche erweckt? Wenn ich nicht irre, so nannte sich der zweite Ordensgeneral der Jesuiten Lainez. Er war ein ausgezeichneter Mann; seine Feinde selbst müssen es eingestehen, denn seiner rastlosen Bemühung verdankt diese furchtbare Gesellschaft ihren raschen Aufschwung.« Die Lainez schlug die Augen nieder und erwiderte: »Mir ist von jenem Manne nichts bekannt. Auch hörte ich nie von meinem Manne, daß einst in seiner Familie ...« »Wünschen Sie sich Glück, Madame,« unterbrach sie der junge Birsher mit freundlicher Bestimmtheit, »so floß in seinen Adern auch kein Tropfen jenes herrschsüchtigen, alles verachtenden Übermuts, der in den Jüngern des Loyola und des Lainez sich hervortut.« »Jawohl! jawohl!« äußerte der Buchhalter, besorgt den Kopf schüttelnd, »die Jesuiten! die Jesuiten! Wer diese Firma zuerst auf den Markt brachte ...« »Man macht, denke ich, die Leute gefährlicher als sie sind,« sagte der Doktor gutmütig lächelnd, »was meinen Sie, Herr Senator? Unser hochgeehrter Tischgenosse hat sich, wie ich glaube, mehr mit der verrufenen Gesellschaft Jesu abgegeben, als bei einem Kaufmann bräuchlich ist ...« »Freilich,« sagte Birsher aufrichtig, »es ist ganz natürlich. Wir Leute zu Neuyork hören an jedem Sonntage den Prediger über den Papst und sein Reich den Bann aussprechen, und der Jesuiten, dieser Trabanten des Stuhls Petri, wird allerdings dabei auch nicht geschont. Ferner lesen wir historische Schriften. Und spräche nicht die Weltgeschichte zu uns, würde auch unser Prediger der Schildhalter des Papsttums nicht erwähnen, die Zeit würde es von selbst tun. Dieser gefährliche Orden ist unsers Standes Nebenbuhler, Herr Senator. In den katholischen Staaten sitzen Jesuiten am Ruder und lenken die Zügel des Handels und der Gewerbe. In Westindien, in Südamerika vorzüglich haben sie ihre Kommanditen. Ihre Habsucht trachtet alle Monopole, von welchen die Handelswelt niedergedrückt ist, in ein einziges zusammen zu ziehen, und dieses Einzige selbst auszubeuten.« »Ei, ei, Ew. Edeln gehen verzweifelt weit,« ermahnte der Senator lächelnd, und ungeduldig wegen des Doktors, der unruhiger wurde. »Keineswegs,« fuhr jedoch ohne Bitterkeit und Animosität der Amerikaner fort, »ich gestehe ein, daß ich die Katholiken nicht liebe. Unser Mutterland hat viel durch sie gelitten. Ich liebe ebensowenig den Orden, den wir berührten. Allein Parteilichkeit leitet mich auch nicht, indem ich ihn verdamme. Die ledige Erfahrung spricht für mich. Was haben wir, was hat die ganze Welt von einer Stiftung zu erwarten, die den Fürstenmord begünstigt? von einem Orden, dessen Glieder, als Beichtväter der Könige, Zwietracht säen zwischen den Herrschern und ihren Völkern? Man weiß, wer in den letzten Zeiten die abscheuliche Mörderei in den Cevennen, wer den Widerruf des Toleranzedikts von Nantes verschuldet hat, der Tausende der besten Bürger mit ihren Familien der Heimat entfremdete. Wer dem Vaterlande in seinen Söhnen das Mark aussaugt, wer es in seinen Söhnen ermordet, begeht Hochverrat an der ganzen Natur und an ihrem Schöpfer. Vielleicht sind Sie nicht meiner Meinung, Madame, aber ich denke nicht anders.« »Die Aufhebung des Edikts von Nantes machte mich mit meinen Eltern unglücklich,« erwiderte die Lainez mit feinem Doppelsinn. »Eine Vertriebene also? eine Gemißhandelte?« fragte Birsher mit warmer Teilnahme, »nun wahrlich, so freut es mich, hier unter ehrlichen Protestanten zu sitzen, vor denen mein Herz reden kann, wie ihm zu Sinne ist. Ich hasse die Heuchelei, und diese Aufrichtigkeit ist nicht meine Tugend, sondern Sitte in Amerika.« »Eine schöne Sitte!« meinte der Buchhalter, »in Deutschland selbst verschwindet nach und nach die deutsche Treue und Offenheit. Wohl unsern Nachkommen, wenn sie wenigstens solche Qualitäten dann in Amerika wieder finden mögen!« »Es ist schade,« begann ser Doktor mit einem spitzigen Lächeln, »daß Sie, hochzuverehrender Herr Birsher, nicht den Beruf in sich empfunden, ein Weltumsegler zu werden. Vor Ihren Ansichten und Ihrer seltenen Aufrichtigkeit hätten alle fremde Götzen weichen, alle anders Glaubende sich bekehren müssen.« »Meine Reden sind zu harmlos, als daß sie vielleicht die feine Zurechtweisung verdienen,« erwiderte Birsher freundlich, aber ernst; »indessen muß ich mich rechtfertigen. Ich bin nicht unduldsam; ich verabscheue jeden Glaubenszwang. Wir Amerikaner denken in diesem Punkte freier, als man es in England darf. Mit Freuden würde ich's sehen und erleben, was mein Vater einst in einer halb prophetischen Stunde voraussagte: daß einstens allenthalben in Amerika jeder Glaube neben dem andern wohnen werde, friedlich, ungestört, wie in dem Schoß« von Brüdern; wie Penns Brüderstadt das Beispiel schon gegeben; wie bereits des Königs Duldungsakte dieses Beispiel unterstützt.« »Diese Aeußerung wirft Ihre frühere um!« sagte der Doktor triumphierend. »Oder lieben Sie Ihre Mitmenschen alle, den katholischen Bruder ausgenommen?« »Weil ich sagte, daß ich den Katholiken nicht liebe, sagte ich damit, daß ich ihn hasse und verwerfe?« entgegnete Birsher, warm werdend, »ich werde ihn vielleicht nicht rufen, daß er neben mir sein Haus baue; das tut man nur lieben Freunden. Aber, wenn er aus eigenem Antrieb seine Hütte an die meinige lehnt und zu mir spricht: Bruder, wir wollen versuchen, wie wir gute Nachbarn sein mögen! so werde ich ihm antworten, gern, Bruder, laß es uns versuchen. Und fügten wir uns beide in Güte und nachbarlicher Geduld, so würde ich ihn am Ende wohl noch lieben, herzlich lieben lernen, und ihn nicht aus seinem Eigentum jagen, und nicht von ihm begehren, daß er zu Gott bete wie ich. Allem Bekehren, allem Uebertritte bin ich Feind. Bleibe jeder auf der Seite, wohin ihn der Zufall, der ja auch unsere Geburt leitet, gestellt hat. Glaube jeder, was er kann, und folge er den Gebräuchen seiner Lehre, damit die Schwachen kein Aergernis nehmen, und die Schadenfrohen jenseits nicht triumphieren. Ich könnte dem Menschen nimmer trauen, der seine Religion verändert hat. Er hat den Rock seines Herrn weggeworfen, um keinen Herrn zu haben, und verdient kein Zutrauen, weil er sein Heiligstes verriet.« »Und nun genug, mein Herr, von solch abnormem Gespräche,« sagte der Doktor verbindlich, in der Tat aber erschreckt von dem bleichgewordenen, nachdenkenden Gesichte des Senators. »Ihre Grundsätze sind redlich gedacht, wohl leichter anzugreifen, als Sie glauben; aber wir befinden uns hier nicht vor einer Synode, sind beide – ein Kaufmann, ein Jurist – nicht berufen, solche Streitigkeiten durchzufechten. Die Damen zumal finden an unsern Reden nur Langeweile.« »Nicht doch; wir hören gerne zu,« nahm Justine für sich und die Lainez, welche schwieg, das Wort, »eine Duldungspredigt aus Ihrem Munde, hochgeehrter Herr Birsher, müßte sich gut ausnehmen. Ich wünsche Ihnen den Sieg gegen den Herrn Doktor, obgleich derselbe schwere, uns unbekannte Waffen in den Streit führen möchte.« »Wünschen Sie mir wirklich den Sieg, schöne Jungfrau?« fragte Birsher verbindlich, und Justinens Wangen wurden Glutrosen vor seinem Blick, »o dann habe ich meine Sache schon gewonnen, und dem Herrn Senator bleibt nichts übrig, als seinen und meinen Wunsch Ihrer Entscheidung vorzulegen.« Die Männer standen alle auf und ergriffen die Gläser. Der Senator räusperte sich, um auf eine zierliche Weise seinen Spruch anzuheben, der der Tochter galt. Justine stand wie auf Nadeln und wünschte eine Gelegenheit herbei, die Rede, deren Inhalt ihr Scharfsinn und ihre Eitelkeit ahnten, zu verhindern, zu unterbrechen. Siehe, da erhob sich auf dem Gange ein Getöse. Eine ferne Türe flog auf, man hörte gellendes Geschrei. »Um Gottes willen, der Mutter Stimme!« rief Justine erschrocken und erfreut zugleich, aus der Angst zu kommen, Sie enteilte schnell durch die Türe. Die Lainez folgte. Staunend blieben die Herren zurück. Der Senator, von Groll gegen das Betragen seiner Frau erfüllt, verweigerte es kalt, zum Beistand der Hilferufenden zu gehen. Bald brachte die Lainez die Nachricht, daß ein lebhafter Traum Frau Jakobine ihrer Siesta entrissen und ihre Unruhe erregt. Man habe die wieder zur Besinnung Gekommene zu Bette gebracht und Justine wollte sie nicht verlassen. Sein Beileid bezeugend, wie seine Erzählung verwünschend, die vielleicht Anlaß zu der Senatorin Zustand gegeben haben durfte, beurlaubte sich Georg Birsher, mit dem Versprechen, morgen bei Eröffnung der versiegelten Habe seines Vaters gegenwärtig sein zu wollen. Dem Zeremoniell schicklicher Sitte zufolge begleitete ihn Buchhalter und Doktor nach seinem Gasthause und ließen den Senator nachdenkend allein. Der Drang, den Beweggrund so mancher unbegreiflichen Erscheinung in dem Benehmen seines Weibes zu erforschen, vermochte ihn, sich nach dem Schlafzimmer desselben zu begeben. Er trat leise in die dunkle Stube. Jakobine schien zu schlummern. Am Fuße ihres Bettes, den Kopf in beide Hände gestützt, saß Justine. Der Senator näherte sich der Kranken, ohne von jemand bemerkt zu werden; er bückte sich lauschend über das Bette. Jakobine schlug die Augen auf und fuhr mit dem Geschrei: »Alle gute Geister loben Gott den Herrn!« empor. Justine erwachte aus ihrem Nachdenken. »Der Vater, liebe Mutter!« sagte sie sanft zu derselben. »Weg, weg aus meinen Augen!« lautete die gellende Antwort. »Weg! weg! willst du mich umbringen? weg, entsetzlicher Mann!« Sie drehte den Kopf nach der Wandseite und schwieg hochatmend. »Jakobine!« stammelte der von heftigem Zorn ergriffene Gatte und faßte ihre Schulter, »Weib! was hast du vor? Was soll dies alles?« Er mochte aber der Worte so viele es ihm beliebte, verschwenden; umsonst. Die Senatorin beharrte wieder in dem dumpfen unheilverkündenden Schweigen. »Nun so strafe dich Gott, lästerndes nichtswürdiges Weib, daß du also mit mir verfährst!« brach er in jäher Wut aus, und hob die Hand zu einer Mißhandlung. Justine verhinderte diese ängstlich, und bat mit Lippe und Auge den Vater, hinwegzugehen. »Nun, so folge du mir; scheide von dieser Rabenmutter, die mein Leben zwecklos vergiftet!« sagte der Senator, zu sich selbst kommend und ergriff ihre Hand. Justine zögerte. Die Senatorin erhob sich, bleich vor Aerger und Ungeduld. Sie drohte der Tochter mit dem Finger. Justine zog unschlüssig die Hand aus der des Vaters. Mit dem bittersten Gefühle der innern Empörung sagte dieser: »Wie? auch du mein Kind, bist in dieses greuliche unbegreifliche Komplott gegen mein Herz verwickelt? Ich befehle dir, mir zu folgen; oder – soll ich fremde Autorität anrufen, daß mir mein einziges Kind gehorsam bleibe?« Mit erneuter Gewalt ergriff er Justinens Hand und zog sie nach der Türe. Die Senatorin winkte der Gehenden, legte den Finger auf den Mund und rief ihr dann nach: »Du bist die elendeste Kreatur, Justine, wenn du meine Befehle vergissest!« Justine ging nun mit dem Vater auf dessen Zimmer. Wie eine arme Sünderin stand sie vor ihm; er ruhte auf einem Lehnstuhl von den Bewegungen seines Gemüts aus, und sammelte seine Gedanken; sah die Tochter unverwandt an, seufzte, schüttelte öfters mißmutig das Haupt und sagte endlich mit angegriffener Stimme: »Gott weiß, Justine, daß ich mich immer bemüht habe, ein guter Hausvater zu sein; daß ich oft mit der äußersten Anstrengung meinen Jähzorn im Zaume gehalten habe, um Weib und Kind nicht weh zu tun, hatten sie gleich meinen Zorn verdient. Aber solch Betragen, wie es seit gestern abend sich entwickelt, muß endlich ein Lamm in einen Wolf verkehren. Sieh, Justine, vor einer Stunde war ich noch so fröhlich! Es war mir Diverses wider Erwarten dergestalt nach Wunsch gegangen, es hatte sich so manches, das ich befürchtete, anders und befriedigend gestaltet und gedreht, daß ich die Welt hätte umarmen mögen und meinem liederlichsten Schuldner die Quittung geschrieben hätte. Da erhebt sich wieder aufs neue dieser häusliche Sturm, dessen Ursprung mir ein Rätsel ist. Auch du, Justine, bist mir eines. Am heutigen Morgen – zu Anfang der Mittagstafel noch – das fröhliche starke Mädchen, wie sonst, bist du plötzlich ein betrübtes, finsteres geworden. Leugne nicht; ich habe helle Augen, welche sahen, daß die deinigen verweint waren, als du beim Nachtisch wieder zu uns kamst, nachdem deine blödsinnige Mutter sich vor den Gästen zum bedauerlichen Spektakel gegeben hatte. Gezwungen, unbeholfen war deine Rede, und du zwangst dich, meinen Blicken zu entgehen. Jetzt bemerke ich wieder Tränen in deinen Wimpern. Sprich, Justine, woher diese Veränderung? Sei aufrichtig, mein Kind!« Justine öffnete den Mund, aber dennoch schwieg sie kopfschüttelnd und mit gesenktem Blicke. Der Senator sprang ungeduldig auf, spielte mit seiner Tabaksdose, pfiff einige Töne des Marlboroughlieds, und stellte sich mit hochgeröteter Stirne vor die Tochter. »Undankbares Geschöpf!« sagte er mit unterdrücktem Grimme, »wirst du reden? Soll ich wie ein Bube um die Gnade eines Worts vor dir betteln? Heraus mit der Wahrheit, verlarvte Person! Du weißt was deine stetige Mutter im Schilde führt. Du hast auf den Grund ihres Steinherzens gesehen; du hast erfahren, was in ihrem vertrockneten Gehirne spukt; heraus damit, oder ... Gott strafe mich ...!« Er warf im Ausbruche der Wut die porzellanene Tabatiere so stark zu Boden, daß sie in tausend Stücke zersprang. Justine fuhr zusammen, faßte des Vaters rechte Hand so kräftig, als sie konnte und sagte zu ihm, zwischen Tränen der Angst und einem plötzlichen Entschlusse schwankend: »Ums Himmels willen! keinen Schlag, mein Vater! Ich bin solcher Begegnung nicht gewohnt; Sie würden mich durch diese Entwürdigung umbringen. Ich kann die Zwischenträgerin nicht machen. Ein schimpflicher Zwang würde mich vollends nicht bewegen! Hüten Sie sich, Vater, daß Sie nicht noch mehr des Fluchs auf Ihr Haus laden!« »Mehr des Fluchs!« versetzte der Senator und ließ ohnmächtig die Hände sinken, »wahr gesprochen, meine Tochter; es lastet auf mir schon genug des Unsegens. Geh' hin!« Vor dem Bekümmerten ließ sich das gerührte Mädchen auf die Kniee nieder und redete mit gefaßten und bewegten Worten zu ihm: »Ach, wenn Sie gut und ruhig sind, mein Vater, will ich alles tun; nur nicht ausplaudern, was die Mutter mich erraten ließ; was meine Zunge aus Ehrfurcht und Angst nicht aussprechen will. Sie sollen aber wissen, was die Mutter zuletzt so gewaltig aufregte. Ob es eine Täuschung ihrer gereizten Sinne gewesen, ob Wirklichkeit, ich weiß es nicht. Doch sie behauptet, es habe sich langsam die Türe ihrer Kammer geöffnet, und die Erscheinung des in unserm Hause verstorbenen Birsher auf der Schwelle stehend sich gezeigt; mit trüb wankendem Haupte und drohender Gebärde. Die Gestalt sei einige Augenblicke sichtbar geblieben, bis sie unter der Mutter Schreckgeschrei verschwunden.« »O des fratzenhaften Unsinns!« versetzte der Senator, obgleich sein eigen Gesicht länger und schmaler wurde; »Gaukelspiel eines verwirrten Weiberkopfes! Und daher die Mißhandlung, die mir von der Unverbesserlichen angetan wurde?« »Was im übrigen die Mutter verbittert,« fuhr Justine seufzend fort, »ich will es nicht ergründen; ich will daran nicht glauben! Ich müßte ja an der Tugend des Mannes verzweifeln, den ich als Vater bis hieher geehrt habe, und noch ferner von Herzen ehren will. Ich überlasse es Ihnen, den Zwist mit Sanftmut zu beenden und die Eintracht wieder herbeizuführen, denn es ist nicht gut, wenn sich das Kind als Mittler zwischen die Eltern stellen muß.« Der Senator trocknete sich kalten Schweiß von der Stirne. »So geh' hin,« sagte er ermattet, »geh' hin, ich will nicht in dich dringen. Die Zeit mag lösen, was mir weibischer Eigensinn noch verhehlt.« Justine wollte bekümmert weggehen. Der Senator rief sie zurück. »Du bist meine Feindin geworden,« sagte er bitter und gekränkt, »ich verzweifle daran, deinen Starrkopf für ein Projekt zu gewinnen, in dem ich alberner Tor dein und mein Glück zu sehen vermeine. Ich hätte gewünscht, ich hatte es schon besprochen, meinem alten Vorhaben Kraft und Vollendung zu geben; dich mit Herrn Georg Birsher zu verheiraten, wie es schon beschlossen war. Aber ... nun wird wohl nichts daraus werden. Die abergläubische Mama wird dir's verbieten, wäre es auch nur aus dem Grunde, weil ich eine Hoffnung darauf gesetzt. Du wirst dich weigern, weil du dein Los an Jakobine bindest. O, bewege nicht die Lippen, mir ein versagendes Nein zuzurufen. Ich lese es schon in deinem scheuen Auge. So sei es darum. Ich werde tragen, und du – gehe hin!« »Sie täuschen sich, bester Vater,« erwiderte Justine fest und bescheiden, »Ihr Wille ist hier mein Gesetz; ich bin bereit, den Herrn zu heiraten, wann Sie es befehlen.« Der Senator betrachtete sie mit großen Augen und ein lächelnder Schein spielte um den bitter geklemmten Mund. Er streichelte Justinens Gesicht mit wiederkehrender Zärtlichkeit. »Belügst du mich nicht, Mädchen? Oder hältst du mich nicht etwa hin, um im Augenblick, wo es darauf ankömmt, wahr zu sein, dein Wort zurückzunehmen?« »Ich lüge nicht, lieber Herr Vater,« bekräftigte Justine mit offener Stirne, »ich will des Herrn Birsher Frau werden, wann Sie es haben wollen.« »Und deiner Mutter unvermeidliche Einsprache?« »Die Mutter ist damit einverstanden, lieber Vater.« »Einverstanden?« »Die hat mich sogar mit Tränen gebeten, den Antrag nicht zurückzuweisen, wenn er mir gemacht werden sollte; und ich darf Sie ersuchen, Herr Vater, daß Sie mit der Hochzeit eilen, wie es nur die Schicklichkeit verstattet.« »Unverständliche Sybille! ich fasse dich nicht.« »Mir ahnt, Herr Vater, als ob in diesem Bunde viel Besorgnis ihr Grab finden müßte,« erwiderte Justine mit Bedeutung: »wann Sie wollen, demnach, mein Vater.« »Wie ist es dem ruhig verständigen Mann gelungen, in so kurzer Zeit dein gepanzertes Herz zu erobern? Er hat nicht einmal deiner Eitelkeit geschmeichelt.« »Sie halten mich noch für ein Kind. Herr Birsher mißfällt mir nicht. Ich liebe ihn indessen ebensowenig. Ob sich die herzliche Zuneigung finden wird? – ich weiß es nicht. Aber ich opfre mich gerne einer zweifelhaften Zukunft, um Sie und Ihr Haus zu beruhigen.« »Beruhigen? Du beglückst mich, Gold-Justine. Ich fange an, vor dir Respekt zu haben. Verlange für die Freude, die du mir so unvermutet machst, was du willst.« Justine besann sich eine Weile, ernst und in sich versunken. »Wenn ich nun zweierlei verlangte?« fragte Sie mit klarerem Auge. »Begehre.« »Daß Sie fürs erste die Mutter ganz ihren Gedanken überlassen, Friede mit ihr halten, und meine Heirat beschleunigen wollen?« »Zugestanden. Böses Mädchen! Du eilst, mein Haus zu verlassen und deinen verwaisten Vater!« »Sie ahnen nicht, wie schmerzlich dieses Scheiden mir sein wird; aber Mama wünscht Herrn Birsher so schnell als möglich aus der Stadt zu entfernen.« »Wieso? Weshalb denn, zum Donner?« Justine überging diese Frage mit Schweigen. »Fürs zweite,« fuhr sie fort, »geben Sie mir die Erlaubnis, Sie zu warnen. Monsieur White hat sich falsch gegen mich bewiesen; und ich fürchte, sein Pflegevater meint es auch nicht ehrlich mit Ihnen.« »Der Doktor?« Den Senator schlug das Gewissen. »Wenn ich meinen Augen – einer gewissen Erinnerung trauen darf, so ist der Doktor nicht, was er zu scheinen vielleicht Ursache hat.« »Unglückliche!« fuhr Müssinger auf. Justine unterbrach ihn: »Ich will meinen Scharfblick nicht über den Ihrigen stellen. Ich überlasse es Ihnen, auf der Hut zu sein. Es ist nicht unmöglich, daß ich mich getäuscht. Die Wahrheit muß sich jedoch bald auf diese oder die andere Weise enthüllen.« »Du treibst Gauklerkünste,« sagte der Senator verlegen lächelnd, »und aufs Wort und deine vielleicht grundlose Ahnung hin, soll ich dir in einer Sache folgen, deren Bewandtnis mir völlig unbekannt ist?« »Der Tag, an dem ich mit Herrn Birsher abreise, wird Ihnen meine Vermutung enthüllen. Ich fühle mich jetzt nicht aufgelegt, durch eine Unbesonnenheit einem andern, oder Ihnen selbst unrecht zu tun. Ich habe Ihre Klugheit gewarnt. Angeberin kann und will ich nicht sein.« Sie verließ heiterer, erleichterter den Vater. Die Dämmerung war schon eingebrochen. Die Türe ihrer Mutter war verriegelt. Das Dienstmädchen berichtete, die Frau Senatorin hätte Tee begehrt und hierauf das Zimmer verschlossen, um ruhig zu schlafen. Die alte Marthe wache an ihrem Lager. »O welch eine Zerstörung alles häuslichen Friedens!« seufzte Justine, da sie an dem offenen Eßzimmer vorüber ging, das, verödet, vom blassen Mondlicht erhellt, die gemütlichen Abendgäste nicht aufwies, die sich vorzeiten wohl öfters darinnen einfanden. Justinens Schritte wurden schneller, als sie an der verschlossenen Türe des Zimmers hinschlüpfte, welches der verstorbene Birsher eine Nacht hindurch bewohnt hatte. Mit beengtem Atem betrat sie ihr eignes Zimmer. Die Lainez saß darinnen, lesend, und erhob sich bei Justinens Ankunft. »Sie blieben recht lange, meine Verehrte,« sagte die Französin mit einem freundlichen Vorwurfe im blühenden Gesichte. »Die Pflicht allein, mein Amt in Ihre Hände niederzulegen, stärkte mich mit Geduld. Hier, meine Beste, ist all das kostbare Silberwerk, das man in der Verwirrung auf der Tafel gelassen – eine Beute für jeden kecken Dieb. Zählen Sie die Stücke, Mademoiselle. Ferner empfangen Sie die Schlüssel zu Speisekammer und Keller, die Sie mir anvertrauten, und entbinden Sie mich meiner Verantwortlichkeit.« Justine küßte die Hilfreiche dankbar auf die Wange, erstaunte aber, als diese nach dem Mäntelchen und den Handschuhen griff. »Wollen Sie nicht bei mir bleiben?« fragte Justine verwundert, »ich bat Sie ja, mit unserm Hause vorlieb zu nehmen.« »Ach, diese Güte! meine beste Jungfer, darf ich sie annehmen! Besinnen Sie sich wohl. Welche Figur würde ich in Ihrem Hause darstellen, worein ich so unvermutet, unvorhergesehen kam? Das Staunen Ihres Vaters, der gar nicht ermutigende kalte Empfang Ihrer Mutter, das Glotzen der Domestiken ... Ach der Spott dieser letztern, bei allem, was ich anordnete – und ich verstehe doch, ein anständiges Haus zu verwalten – er schnitt mir ins Herz. Seht doch die Französin! hieß es rings um mich, und ich hatte Mühe, meinen Verdruß zu verbeißen; ein Unglücklicher ist ja doppelt reizbar! Erlauben Sie daher, daß ich Ihr freundliches Anerbieten ausschlagen darf.« »Ei mit Nichten,« versetzte Justine sehr erbittert, »Sie erzählen mir da von Schändlichkeiten, denen ich ein schnelles Ende machen werde. Verzeihen Sie, liebe Frau, unserm dummen Mägdevolk vom Lande, dem alles lächerlich vorkommt, das nur ein wenig aus dem Geleise schreitet, welches diese Gänse Tag für Tag auszutreten gewohnt sind. Morgen sollen sie schon ernsthafter sein – ich stehe ihnen dafür. Sie kennen mich, und wissen, wie man mit mir fährt, wenn ich ungnädig bin. Ich verstehe die Mittel, solch unbescheidenes Gesindel zur Ordnung zu bringen. Nein, Madame, Sie müssen bleiben, meine Ehre steht auf dem Spiele; denn, was ich mir einmal vorgenommen, muß ich durchsetzen ... und wenn ...! Lächeln Sie nicht; man nennt mich allgemein die tolle Justine, und manchmal hat man recht.« »Welche kindliche Naivität!« rief die Lainez und streichelte Justinens Hände, »eine Königin, so schön, so liebenswürdig, so lebhaft wie Sie auf Frankreichs Throne, und meine Landsleute würden Sie vergöttern!« Justine sah Plötzlich mit großen und sehr unmutigen Augen in die Höhe. »Warum nicht gar?« sagte sie kurz abbrechend, »welche Schmeichelei! Sie können Ihr Vaterland nicht verleugnen, Madame Lainez!« Die Französin war betreten, dann erwiderte sie mit dem schmachtenden Augenaufschlag, den sie vollkommen in der Gewalt hatte: »Verzeihen Sie, Mademoiselle. Entschuldigen Sie die fade Uebertreibung, womit sich mein Mund versündigte, mit der herzlichen Anhänglichkeit, die ich für Sie hege, und die etwas Besseres sagen wollte.« Justine bereute schon das harte Wort und glaubte um so leichter dem Bittworte. »Das lasse ich mir gefallen,« sagte sie, der Lainez versöhnt die Hand reichend, »lernen Sie immerhin in Deutschland, das Ihr zweites Vaterland werden soll, sich deutscher aussprechen.« Sie zog die Witwe vertraulich neben sich auf einen Stuhl und fuhr fort: »Hören Sie, wie ich mir alles, was Sie betrifft, klar und bar ausgesponnen habe. Sie bleiben vorderhand bei mir – unter dem Schutze Ihrer Königin,« setzte sie lächelnd bei. »Aber leider kann dieser unmittelbare Schutz nicht lange dauern, da mein eigenes Schicksal eine rasche Wendung nehmen, mich für immer von hier entfernen wird. Daher – nebenbei gesagt, darf Ihnen vor Vater und Mutter nicht bange sein; ich heiße Justine und stehe für alles – daher lasse ich an einem der nächsten Sonntage unsre Karosse einspannen, und bringe Sie, meine gute Frau, nach einem Städtchen in der Nachbarschaft, wo eine alte Base meines Vaters lebt; etwas taub, etwas stumpf, aber wohlhabend, gottesfürchtig, und mir mit uneigennütziger Liebe ergeben, ob sie gleich eine veraltete Jungfer ist. In ihrem Hause erhalten Sie Kost und Wohnung, und besuchen fleißig den Pfarrer der wallonischen Gemeinde in jener Stadt, wenden sich von der aufgedrungenen Religion zu der angebornen, und treten, da hoffentlich Ihr Wille ernstlich ist, öffentlich in den Schoß Ihrer Gemeinde zurück. Sind Sie so weit gekommen, so bedürfen Sie meiner Unterstützung nicht mehr. Ihre Verwandten zu Berlin werden Sie alsdann mit offenen Armen aufnehmen; mir bleibt das Bewußtsein einer rechtschaffenen Bemühung, und Ihnen, so Gott will, ein freundliches Andenken an ein unbedeutende« Mädchen, das man böse nennt, das sich aber schmeichelt, von Herzen gut zu sein.« Die Lainez umarmte das zauberische Geschöpf mit Tränen in den Augen. »Ich bin Ihrer Wohltaten nicht würdig,« sagte sie, das Gesicht an Justinens Busen verbergend; »wo werde ich jemals ein Gemüt wie das Ihrige wiederfinden?« Justine hielt ihr den Mund zu. »Wo werde ich jemals – –?« parodierte sie, aber aus dem Scherze wurde Ernst. Sie ließ den Kopf sinken und wiederholte langsam: »Wo werde ich jemals finden, was mir Glück bringt? Ach meine Liebe, ich habe heute ein recht traurig Gemüt, und meine Seele ist müde, wie mein Körper. Ich will gehen und den Vater fragen, ob er noch etwas wünscht. Dann wollen wir zu Bette. In jenem Kabinette habe ich Ihr Lager aufzuschlagen befohlen.« »Heute noch nicht,« bat die Lainez, »ich habe zu Hause noch einiges zusammen zu räumen und zu packen. Morgen, wenn Sie's erlauben, will ich Ihrem Anerbieten nachkommen.« »Ich werde Ihnen keinen Zwang auferlegen,« sagte Justine, wiewohl etwas verdrießlich, »morgen also. Aber es ist schon nahe an neun Uhr. So spät wollen Sie durch die Straßen gehen?« »Die Witwe eines tapfern Soldaten fürchtet sich nicht.« »Ei, wenn auch. Christine soll mit der Laterne vorausgehen. Aber – morgen nicht wahr? so bald als möglich? Ich sehne mich nach Ihrer Gesellschaft. Ich bedarf jetzt der Aufheiterung. Sie werden nicht zaubern, oder gar Ihr Wort zurücknehmen. Die Franzosen, sagt man, halten die Parole nicht zum allerbesten. Geben Sie mir ein Pfand, daß Sie gewiß kommen.« »Ein Pfand, sonderbare« eigensinniges Mädchen? Ich würde Ihnen mein Herz schenken, wenn es möglich wäre. Nehmen Sie jedoch, was meinem Heizen zunächst ruht.« Die Lainez zog ein Medaillon, das an einem schwarzen Samtbande um ihren Hals hing, hervor, nahm es ab und überlieferte es lächelnd der mißtrauischen Gläubigerin. »Sieh doch!« rief Justine, als sie das Medaillon empfing und es von allen Seiten betrachtete, »welche schön gearbeitete Bilder! Erklären Sie mir, liebe Frau! Wer ist dieses herrliche Weib im Purpurmantel, mit der blitzenden Krone auf dem Haupte, und dem noch strahlenderen Scheine um dasselbe?« »Es ist die fromme und selige Kaiserin Pulcheria, meine Patronin,« versetzte die Lainez, »ihre Schönheit war das Wunder ihrer Zeit; und ihre Tugend war ihren Reizen gleich, und die dankbare Erinnerung der Nachwelt versetzte sie unter die Heiligen!« »Welche Anmut! welche Lieblichkeit!« fuhr Justine fort, »ja, wer so schön wäre! Diese Strahlen ...« »Sind der Heiligschein, mit welchem die römische Kirche das Haupt der Gepriesenen umgibt. Die Bilder dieser Heiligen schmücken heiter und lebendig die Gotteshäuser, und es läßt recht angenehm, wenn Weihrauchwolken sie umnebeln, Kerzen davor stammen, Blumenbüsche um sie blühen und das Volk sich vor den Geehrten fromm verneigt.« »Mit andern Worten: die Götzen anbetet. Ich weiß, unser Pastor hat schon oft dieses Tun in seinen Streit-Predigten berührt und einen heidnischen Greuel genannt.« »Vielleicht ging er darin zu weit. Die Katholiken haben in diesen Bildern nur das Andenken frommer Tugendfürsten zu verehren, nicht das Holz, nicht den Stein.« »So? Dann lasse ich mir'« gefallen. Ich finde die Sitte sogar hübsch. Man stellt ja auch Bildsäulen berühmter Männer in Städten auf. Wir haben zum Beispiel hier auf dem Rathause das Reiterbild eines Bürgermeisters aus der alten Zeit, der einst mit Opferung seines Lebens die Vaterstadt von Schimpf und Untergang gerettet hat. Das Bild steht wohl schön anzuschauen an der großen Treppe, aber die Leute gehen kalt vorüber und beachten's nicht. Stünde es in einer Kirche, würde es besser geehrt.« Sie wendete das Medaillon um, stutzte etwas und fragte kleinlaut: »Das ist ein Mann, nicht wahr? Der Maler hätte ihm allenfalls einen Mantel um die Schultern werfen können.« »Der Zweck wäre verfehlt gewesen; die Pfeile seines Martyriums müssen dem Gläubigen sichtbar sein. Man nennt den schönen Jüngling den heiligen Sebastian.« Justine sah das Bild noch einmal flüchtig errötend an, legte es dann still auf den Tisch, warf ein Tuch darüber, und wünschte der scheidenden Lainez eine ziemlich einsilbige Gute Nacht! Indem die Witwe aus Justinens Türe trat, vernahm man in dem schräg gegenüber liegenden Zimmer des Senators ein starkes Geräusch, und Müssingers halberstickte Stimme, welche nach Leuten rief. »Mein Gott! was ist da wieder vorgefallen?« sagte Justine, auf das Gemach zueilend, und winkte der Lainez und der Magd, die derselben mit der Laterne vorausgehen sollte, sich zu entfernen, ohne weiter dem Geräusch nachzuforschen. Die Französin, der es in dem Hause unheimlich vorkam, trieb selbst die gaffende Magd zur Eile an. Sie erreichten beide, ohne sich umzusehen, die Treppe und stiegen schnell hinab. Doch unten am Geländer stand unbeweglich und lautlos eine breite weiße Gestalt, welche drohend den Arm gegen die Kommenden erhob, und alsdann im Dunkel niederzutauchen schien. Die erschrockene Lainez und die erschrockenere Magd stießen einen Schrei des Entsetzens aus. Die letztere ließ die Laterne fallen, welche zusammenklirrte und erlosch. Das Dienstmädchen rannte schreiend über die Treppe zurück; die Lainez aber, welche im Mondstrahl, der durch ein vergittertes Fenster fiel, die Haustüre wahrnahm, eilte schaudernd auf dieselbe zu, fand sie zu ihrer größten Freude nur angelehnt, riß sie auf und entfloh. Scheu zurückblickend, glaubte sie die grausende Erscheinung wieder auf der Schwelle des Hauses zu erblicken, auftauchend wie ein weißer Blitz, verschwindend wie dieser, und von Gespensterfurcht bedrängt, flüchtete sie aufs Geratewohl in die Gassen. Allenthalben waren diese leer; von ferne her hörte man die Schnarre eines Nachtwächters, endlich den geschwinden Schritt eines Kommenden... eine Handlaterne näherte sich, ihr blendender Schein führte die Flüchtige gerade auf den Mann los, der sie trug... der Doktor war's. »Ei, Madame! woher um diese Stunde? auf welchem Wege finde ich Euch?« Die zitternde Lainez bat um seine Hilfe, indem sie mit ein paar Worten ihre Angst schilderte. Der Doktor, lächelnd bald, bald ernst und zweifelnd den Kopf schüttelnd, erbot sich, sie nach Hause zu führen. »Um Gottes willen, nein!« bat die Lainez dringend, »in dem alten Gebäude, allein... von aller Welt geschieden... würde mich heut' nach diesem Auftritte die Angst umbringen. Ich schwöre darauf, daß mir mein Mann erschienen ist. Seine weiße Uniform... sein drohendes Gesicht... meine Sünden... Hochwürdiger! nur unter Ihrem Schutze kann ich meine Seele beruhigen.« »Bedenkt meinen Stand, liebe Frau,« versetzte Leupold beschwichtigend, »Eure Phantasie ist erhitzt; Ihr bedürft der Sorgfalt... was kann ich jedoch für Euch tun? Doch, wenn Ihr's wünscht, will ich meine Wirtin bewegen, Euch diese Nacht zu beherbergen.« »Gleichviel!« rief die Lainez, »nur bringen Sie mich unter Menschen, oder ich sterbe an dem Schreck!« Der Doktor winkte ihr, nebenher zu gehen, und förderte, dann und wann sie unterstützend, seinen Weg. »Ich kehre soeben von einem Kranken zurück,« sagte er, »den ich seit Abends Einbruch mit geistlichem Troste und endlich mit dem Leibe des Herrn erquickte.« Er zeigte auf die Saffiantasche, die er, unter seinem Oberrocke verborgen, auf der Brust trug, und in welcher er die Hostie insgeheim zu überbringen Pflegte. »Ein Glück, daß Ihr gerade mir begegnen mußtet. Meine fromme Hausmeisterin wird ein übriges tun, und morgen sollt Ihr mir mit gesammelten Kräften den Hergang der ganz absonderlichen Erscheinung mitteilen.« Die Eigentümerin des Quartiers, welches der Doktor bewohnte, eine eifrige Anhängern der im Verborgenen waltenden Kirche, welche wußte, daß sie in der Lainez eine Verbreiterin dieser Kirche vor sich hatte, machte nicht die mindesten Umstände, in des Doktors Begehren zu willigen, und dieser letztere, Mitleid mit der Niedergeschlagenheit der Französin fühlend, lud sie ein, auf seinem Zimmer – bis die Wirtin ihr Lager bereitet haben würde – eine Tasse Kräutertee zu genießen, den er selbst aufs beste zu bereiten versprach. Die Lainez nahm mit Dank den Antrag des Mannes an, der aus Teilnahme für sie, die strenge Grenze, die sein Anstands- und Schicklichkeitsgefühl zwischen ihm und der Mitarbeiterin gezogen hatte, in etwas erweitern wollte. Als sie jedoch an des Doktors Hand dessen Wohnzimmer betrat, wurde ihr Auge von einem Besucher überrascht, der in dem Großvaterstuhl am Fenster saß, und kaum merklich mit dem Kopfe nickte, als James den Doktor mit seiner Begleiterin einließ. »Gelobt sei Jesus Christus!« sprach der Fremde, und der Doktor, im höchsten Grade überrascht, erwiderte mit kaum hörbarer Stimme, sich tief verneigend, »in Ewigkeit. Der Herr segne Ihren Eingang, Pater Superior. Ihr Besuch ist eine unerwartete Freude.« Der Superior, ein hagerer Mann mit ganz blassem Gesichte, aus welchem ein Paar dunkle Augen sprühten, lüftete ein wenig das Käppchen, das seinen Scheitel bedeckte. »Ich bin vor gar nicht langer Zeit angekommen,« sagte er, »bin herzlich müde, und habe mir die Freiheit genommen, bei Ihnen, mein Vater, meine Schlafstelle zu suchen, indem ich hier unbemerkt und sicherer zu sein glaube, als in dem verstecktesten Gasthofe. Es tut mir indessen leid, wenn ich hier stören sollte.« Er warf einen zweideutigen Blick auf die Lainez. Der Doktor erriet dessen Sinn und sagte empfindlich: »Ich hoffe, Ew. Hochwürden bewiesen zu haben, daß mein sittliches Betragen kein Mißtrauen verdient. Der Zufall nur ...« Mehr als seine Worte beruhigte die Französin selbst den argwöhnischen Geistlichen. Sie ging demütig auf ihn zu, küßte seine Hand, bat um seinen Segen, und erbot sich, alsbald das Zimmer zu verlassen. Der Superior schenkte ihr einen günstigen Blick, klopfte ihre Wange. »Lasse Sie's nur gut sein,« sprach er mit dem empfindlichen Uebergewicht, welches häufig von Priestern, den ihnen ganz ergebenen Weibern gegenüber, fühlbar gemacht wird, »ich kenne Sie ja, und hoffe in Ihr kein unwürdiges Rüstzeug vorgeschlagen zu haben. Vater Münzner wird mir alles genügend erklären. Sie kann sich indessen wegbegeben, denn wir haben hier noch allerlei zu bereden, das nicht für Sie ist.« Noch ein gnädiger Schlag auf die Wange, und die Lainez, feuerrot und betreten, war entlassen. James sperrte das äußere Gitter und wollte den Herren eine gute Nacht wünschen. Der Superior verhinderte dieses; sprechend: »Verbleibe Er immer noch ein Weilchen, junger Mensch, Ab initio wird von Ihm die Rede sein.« James bückte sich, und stumm stand er nebst seinem Pflegevater vor dem Superior, der gemächlich seinen Platz fort und fort behauptete. »Ich habe den Juvenem allhier examiniert,« hob der Bequeme an, zu dem Doktor gewendet, »habe denselben doch noch nicht weit vorgerückt gefunden. Er scheint seine Studia oberflächlich betrieben zu haben, und – was am übelsten – das ernste und äußerst wichtige Ziel seiner künftigen Bestimmung nicht genug ins Auge zu fassen. Die Petulanz, so ich in seinem Wesen und seinen expressionibus wahrnehme, wird in seinen gegenwärtigen Beschäftigungen nur wachsen können. Es ist daher unumgänglich notwendig, daß er unter die Disziplin des Noviziatmeisters genommen werde.« James errötete erlebend; der Doktor verneigte sich stumm. »Ich werde ihm vorläufig die exercitia Spiritualia unsers heiligen Ordensstifters und Regulators in die Hände geben,« fuhr der Superior fort, »und Er mag sich bereit halten, mir in das für Ihn bestimmte Kollegium zu folgen, sobald meine Geschäfte in hiesiger Gegend beendigt sein werden. Ich habe mit dem Pater Rektor schon die nötige Rücksprache genommen, wie es Ihr letzter Brief, Pater Münzner verlangt hat. Quod erat demonstrandum .« James küßte des Superiors Hand und ging niedergeschlagen nach seiner Kammer. Der Doktor blickte ihm mitleidig nach und sagte nach einer Pause leise und demütig zu dem Superior: »Es kömmt mir beinahe vor, ehrwürdiger Herr, als ob ich mich in den Anlagen des jungen Mannes getäuscht hätte. Seine Geisteskräfte sind wohl scharf, allein noch schärfer ist der Trieb seines Herzens. Er begehrt, er verlangt wie ein kräftiger sinnlicher Jüngling. Er zeigt dann und wann Widerspruchsgeist, Grübelei ... es wird schwer halten, seine Vernunft in die wohltätigen Ketten des Glaubens zu legen, und ich würde mir's zum ewigen Vorwurf machen, gestaltete sich aus diesem in die Welt berufenen Jüngling ein schlechter Priester.« Der Superior sah den Doktor hoch und mißbilligend an. »Sie reden jetzt ganz anders, mein Vater, als Sie vor kurzer Zeit geschrieben. Welche unzeitige kränkelnde Philanthropie! Wären auch Sie von der Lüstelei, von dem empfindelnden Wahnsinn des Jahrhunderts ergriffen worden? Haben nicht auch wir begehrt und verlangt, und sind wir deshalb schlechte Priester geworden? Die Disziplin bändigt den Widerspruch: die rastlose Tätigkeit der Novizen steuert der Grübelsucht. Vernunft? Glauben? Sie sind nicht klar über die Grundsätze unserer Institutionen, ob Sie gleich Profeß und das vierte Gelübde getan haben. Fähige Geister gewinnen, dieselben nach ihrer Richtung beschäftigen, das ist unsere Aufgabe, und deren Erfüllung sichert das Gedeihen unserer Gesellschaft. Der nützliche Schwärmer, der ein begeisterter Apostel werden will, glaube. Der rein Vernünftige, geeignet, die politischen Zwecke unsers Daseins zu erreichen, gehorche, wo er nicht glauben kann. Und dieses Gehorsams Triebfeder ist sein Vorteil, das Interesse, das man ihm an seinem auferlegten Streben beizubringen hat. Und nach den geschickten Kombinationen unsers herrlichen Staats ist der Vorteil des einzelnen der Vorteil des Ganzen. Darum herrschen wir, darum siegen wir; darum beneidet man uns. Glauben Sie mir, Ihr Pflegling wird noch gut werden und reichliche Zinsen tragen, für das Geld, das wir an seine Bildung verschwendet haben und noch verschwenden werden. Nun zur wichtigern Sache, Pater Missionar. Ich habe Ihre Bücher durchblättert. Unser Kommerz über hiesigen Platz rentiert sich nicht besonders. Ob die Pariser uns Schaden bringen? oder ob die Schiffskapitäne, die unsere Frachten besorgen, Betrüger sind? Ist das erstere, so müssen wir die Augen zudrücken. Das zweite kann nur an Ort und Stelle erforscht werden. Ich erwarte darüber Befehle von dem Pater Provinzial. Ein geschickter Ordensmann hat zugleich mit meiner Eingabe ein Projekt eingesendet, das, wird es angenommen, dem Handelsfond unserer Gesellschaft unbegrenzten Vorteil bringen wirb. Es wird darin vorgeschlagen, den Sklavenhandel für Brasilien unter billigern Bedingungen zu übernehmen, als ihn bisher unsere unverschämten Schiffsmeister nebenbei getrieben haben.« »Den Sklavenhandel?« fragte d« Doktor erschrocken. »Ja,« versetzte der Superior gleichgültig, »der Trafik mit den schwarzen Negern bringt immense Dividenten.« »Aber die Menschlichkeit, Pater Superior?« fragte der Doktor schaudernd weiter. Der Jesuit lächelte vornehm. »Floskeln, lieber Pater Münzner. Diese Schwarzen sind eine untergeordnete Rasse: an schmutzigen Heiden, wie sie sind, ist nichts verloren. Überdies ist ihr Sklavenleben reicher an Genüssen, als ihre Freiheit.« »Das Naturrecht, Pater Superior ...« »Sie sind Doktor juris utriusque ,« sagte dieser gähnend, »man hört es Ihnen an. Satis über diesen Punkt. Der Verfasser jenes Projekts wird belobt werden und es noch weit bringen. Wie weit ist's aber mit der heiligen Christenverbesserung gediehen?« Der Doktor berichtete in Kürze, legte die Listen der kleinen Gemeinde vor, ihre Beiträge zum Kirchendienst, die Berechnung des Überschusses. Der Superior durchging die Liste schmunzelnd und zählend. »Viele Leute,« sagte er hierauf, »aber nichts Besonderes. Die meisten ex infima plebe .« »Unser Herr Jesus Christus fand unter dieser Klasse seine ersten Jünger.« »Hm! ja. Sehr viele Weibspersonen finde ich hier aufgezeichnet, zum Teil wohl aus den bessern Ständen. Nun ja; das sind die Lämmlein, die zum Paradiese locken. Aber ... aber ... ich vermisse denn doch die Männer von Gewicht. Ein paar Kaufleute ... ein Recheneiverwalter ... ein quieszierter Fünfzehner ... heilige Maria! was will das im ganzen heißen? Den Beschluß der Reihe macht doch endlich ein Senator. Wer ist der Mann? Derselbe, von dem Sie schon ein Wörtlein fallen ließen?« »Derselbe, Pater Superior.« »Hat seine Bekehrung sich so schnell gemacht? Gelobt sei der Herr. Dürfen wir von ihm hoffen?« »Vieles. Er ist durch ein besonderes Verhängnis ganz der Unsrige geworden.« » Favente Deo . Recht. Wie hat sich die Lainez gemacht?« »Sie hat einiges getan, doch unwichtiges. Das Weib ist zu eitel, leichtsinnig und verliebt.« »Bene dixisti, Pater Münzner. Eitel und verliebt. Nie Französin sieht überall hervor, und ihr Mann hat nicht so viel an ihr verloren. Es hat ihr indessen eine Zeitlang mit Proselyten recht geglückt. Sie ist sehr fromm und möchte die ganze Welt ins Paradies bringen. Eine lustige, schnakische Frauensperson im übrigen; nimmt nichts übel, und hat dem Pater Provinzial, der sie mir empfohlen, viele trübe Grillen verscherzt. Sie weiß allerlei von Sr. Hochwürden zu erzählen, und hält sich damit oben, so daß ihr sub manu eine ewige Versorgung aus der zu ähnlichen Zwecken bestimmten Kasse versprochen wurde. Hierin wurde aber eine kluge Reservatio mentalis beliebt. Ködert sie nicht mehr, so steckt man sie in ein Kloster und damit gut. Die Schwestern mögen sie dann füttern. Also hier hat sie wenig genützt?« »Das Wichtigere hat sie vor kurzer Zeit übernommen: die Bekehrung der Tochter jenes Senators. Aber ein unseliger Zufall reißt hier alle Hoffnung ab.« »Wieso?« Der Doktor erzählte von der Ankunft des Verlobten, der seinen Heiratsantrag erneuernd, im Begriff stehe, das Mädchen unwiderruflich in ein protestantisches Land zu führen. »Pessime« rief der Superior; »das darf nicht geschehen. Das Mädchen, als einzige Erbin eines sehr beträchtlichen Vermögens muß der Kirche zugewendet und von dem Anglikanen abgezogen werden. Wir hätten pro Studio et labore nichts als das leere Nachsehen? Nein lieber Pater Münzner! Lassen Sie uns in die Fußtapfen unserer würdigen Vorgänger treten, die auch nicht vom Heller des Armen ihre Kollegia und Profeßhäuser erbaut haben.« »Wie wollen Sie aber vorbauen, Pater Superior? Ich mißbillige die Sache, weil es mich schmerzt, ein unschuldiges Schäflein auf ewig von der Herde, der es sich näherte, getrennt zu sehen, aber ich begreife nicht, wie ...« »Sie begreifen nicht? Sind Sie nicht der Beichtvater des Senators? Pressen Sie sein Gewissen in die Schrauben ihrer gerühmten Dialektik. Einem gewandten Beichtvater ist nichts unmöglich. Experientia docet . Während Sie sein Herz mit den Sturmblöcken einer zerschmetternden Rhetorik belagern, ihm sein Kind im Feuer der Verdammnis zeigen, mag die Lainez von der andern Seite dem Mädchen kräftig, schlagend zusetzen. Ich habe schon Meisterstücke in dergleichen Angelegenheiten – Caeteris paribus – verrichten gesehen, selbst verrichtet.« »Der Glaube ist in dem Senator nicht sonderlich stark genug, um ...« » Res indifferens ! So greifen Sie seine schwachen Seiten an. Cum auxilio divino muß alles gehen. Die Lainez soll nicht saumselig sein! pericolum in mora ! Das Mädchen wird allerdings auch seine schwachen Seiten haben. Die Weiber sind gebrechlich. Ist unsere liebe Tochter in Hoffnung nicht etwa verliebt? Da könnte Ihr Pflegesohn benützt werden.« »O weh! Steh uns der Himmel bei. Er ist in das Mädchen verliebt. Justine zeigt aber keine Spur von Empfänglichkeit.« »Ein kalter Frosch? Desto besser. Sie muß ins Kloster; unserer Gesellschaft alles zuwenden, bis auf ein Pflichtteil für die Schwestern. Minime , Pater Münzner. Alles zur größern Ehre Gottes!« »Sie legen mir da ein hartes Probestück auf,« versetzte der Doktor seufzend, »um des Eigennutzes willen ... ja, wenn es einzig die Sorgfalt für des Mädchens Seelenheil gälte!« »Bilden Sie sich das ein, Pater Münzner. Ich erlaube es Ihnen. Aber, lassen Sie ja den goldgefiederten Vogel nicht aus. Und – beharrt das Mädchen auf Widerspenstigkeit, so muß es möglich gemacht werden, daß sie der Vater enterbt. Es muß möglich gemacht werden, Pater Münzner! Verstehen Sie mich wohl?« »Ich verstehe,« antwortete der Doktor niedergebeugt. »Nie sind die Zeiten schwieriger gewesen, als jetzt,« fuhr der Superior ruhig fort, »die langen Kriegsjahre haben das flammende Verlangen der Gläubigen, der Kirche wohl zu tun, gedämpft. Der Handel hat durch Kapereien gelitten. Viele fähige Studenten werden auf Kosten der Gesellschaft erhalten, gebildet, versendet. Man muß zu allen Hilfsmitteln greifen, um die überschwenglichen Kosten unserer Arbeiten zu decken. Die 300 000 Taler dürfen nicht nach Amerika, Der Wiklefit soll abziehen, oder – wenn alles nichts hilft ... nun; wir werden sehen. Ich verpflichte Sie, Pater Missionar, morgen alsobald Ihre Bemühungen, mir zu gehorsamen, anzutreten. Tun Sie die ersten Schläge, während ich mit dem verschmitzten Tormerpick Abrechnung halte. Wenn Ihrem Scharfsinn, was ich Ihnen andeutete, gelingt – und es muß gelingen – so sein Sie der vortrefflichsten Note in meinem vierteljährigen Zensurbericht an den General vergewissert.« Ner Doktor, wenn schon im Herzen tief verwundet, verbeugte sich, wie es der Gehorsam erforderte, und brachte eine qualvolle Nacht unter dem Kampfe seines Gewissens und der Pflicht, die er beschworen, zu. James, der ihm am nächsten Morgen mit rotgeweinten Augen entgegentrat, zerriß seine Seele noch mehr. »Mein Vater!« sagte ihm der junge Mann, auf dessen Zügen der Schmerz saß, »ich kann nicht in das Noviziat treten. Ich kann nicht, und sollte es mein Unglück sein!« »Du mußt,« erwiderte ihm der Doktor streng und drehte sich von ihm, daß er das Mitgefühl nicht in den Zügen des Pflegers lese. »Ich muß nicht, mein Vater,« fuhr James mit kalter Entschlossenheit fort, »ich bin kein Leibeigener. Ich will Ihnen im Orden keine Schande machen. Ich tauge nicht dazu; ich verabscheue mich selbst, um der Winkelzüge, zu welchen ich mich brauchen ließ. Haben Sie Mitleid mit mir, Sie mein zweiter Vater!« »Der Pater Superior nimmt mir meine Pflichten gegen dich, samt meinen Rechten auf deine Person ab,« erwiderte der Doktor, wie oben, »fasse und füge dich.« »Ich mich fassen? ich mich fügen?« rief James, wie außer sich. »Ich soll mich in Klosterfesseln schmieden...? ich, der die Fesseln dieses Lebens nur mit Mühe trägt?« »Mensch!« sagte der Doktor hierauf erschrocken und sah dem Jüngling aufmerksam ins Auge, »was sollen diese Worte bedeuten?« »Meinen Ueberdruß an der Welt, Vater; meinen Ekel am Dasein. Ich bin zum Unglück geboren, wie die Meinigen zum elendesten Tode. Hier lächelte mir, dem Spion, dem elenden Hehler und Helfershelfer ein Stern der Wonne... ich fühlte Seligkeit!« »Die Seligkeit eines Toren! Die Verzückung des heidnischen Bildhauers vor einem Marmorbilde!« »Nein, mein Vater! ich war kein Tor; ich bin es nicht! Noch jetzt erhält mich der Gedanke, daß Galathee im Innern der kalten Brust Leben für mich empfindet! Aber, wenn das Geschick befiehlt, wenn sich erwahrt, was die Lainez mir soeben vertraute, wenn Justine einem andern angehören soll – dann höre ich auf, zu leben; bei Gott! ich höre auf, zu sein!« »Wohlan!« entgegnete der Doktor bitter und verletzt, »so höre auf, wie tausend Narren deines Nebellandes, deren leeres Gehirn sich an der Leere ihres Lebens langweilt; höre auf, wie ein insolventer betrügerischer Schuldner, und überlasse mir, dem Getäuschten, die Last, deine Schulden an deine Ernährer zu bezahlen!« »Mein Vater!« stammelte James, von Scham ergriffen, »was sagen Sie? O, Sie haben recht! Ich gehöre ja nicht mehr mein. Ich bin Ihnen und den Obern verschuldet, ich bin Ihr Sklave! O, so machen Sie mich zu Gelde! Verkaufen Sie mich, damit ich mein Leben hindurch unter Blut und Tränen arbeiten muß, um das Jahr zu bezahlen, damit Ihre Wohltaten fristeten!« »Undankbarer, roher Mensch!« sagte der Doktor unwillig, so gehe hin und suche den Tod in eitlem Wahne. Du sollst mir nicht noch einmal vorwerfen, wie wenig ich für dich getan,« Der erschütterte Ton des Doktors machte den besten Eindruck, James stürzte reuevoll vor ihm nieder, weinte auf seine Hände. »Ich soll leben? ich will leben!« schluchzte er, »aber wie wird es möglich sein, wenn Justine des Amerikaners Weib wird?« Den Doktor traf's durchs Herz, Er blickte nach dem Gemache, in welchem der Despot seiner Handlungen noch schlief, erinnerte sich seines qualvollen Geschäfts, neigte sich zu James und – um wenigstens eine gute Frucht aus der hinterlistigen Tat zu gewinnen, die er vollbringen sollte: die Beruhigung einer verzweifelnden Seele – sagte er ihm: »Justine wirb nicht des Amerikaners Weib!« Somit ging er von dem Staunenden, um den Senator zu besuchen. Ein finsterer, wolkenumzogener Tag paßte vortrefflich zu seiner Gemütsstimmung. Während des Gehens wollte er beten, aber dunkle Gedanken durchbrachen in Massen sein Gebet. In sich gekehrt, betrat er Müssingers Haus, »Sind der Herr Senator oben?« fragte er mit gesenktem Auge einen Menschen, der ihm entgegenkam, – »Ja, Monsieur,« antwortete man ihm kurz und unhöflich. Der Doktor sah auf, Nothhaft war der grobe Bescheidgeber, und nicht wenig erstaunt, den Mann vor sich zu schauen, mit dem er vorgestern einen Handel hatte abschließen wollen. Auch der Doktor erinnerte sich seiner. – »Sieh da, Monsieur!« sagte er, »finden wir uns hier? Sie blieben aus, Verehrter?« – »Ich weiß nicht, was Sie wollen!« schnauzte ihn der andere überrascht, verlegen, und unerkannt zu sein wünschend, an. »Ich kenne Sie nicht, Monsieur!« Er zum Hause hinaus; der Doktor die Treppe hinan. Des Senators Gesicht trug alle Spuren einer mühselig durchwachten Nacht, und kaum verzog sich seine Lippe zu einem matten Willkommslächeln, als der Beichtiger eintrat. »Sie finden mich schwach und krank,« sagte Müssinger, wieder in die Kissen seines Ruhebetts zurücksinkend, »doch ist mir Ihre Gegenwart von hohem Werte. Ein stürmisch rollendes Geschick hat mich, sozusagen, an Sie gebunden, während alle Wesen, welche die Natur mit mir verband, von mir abfallen zu wollen scheinen, und selbst übernatürliche sich in mein Verhängnis mischen. Eine Frage, hochwürdiger Herr, glauben Sie, daß zwischen sterblichen und abgeschiedenen Geistern von Sterblichen ein Rapport eintreten kann?« Der Doktor stutzte. »Die Philosophie unserer Religion und häufige, von Zweiflern vergebens bestrittene Erfahrungen weisen mich an, Ihre Frage zu bejahen.« Der Senator seufzte tief und stützte das wankende Haupt in die kraftlose Hand. »Hören Sie an,« erwiderte er alsdann, »was mir in den Spätabendstunden des gestrigen Tages begegnet ist. Von den mancherlei Gemütsbewegungen, die mich erschüttert hatten, wie von quälenden Mißverständnissen in meiner Häuslichkeit ermüdet, war ich in meine Stube gegangen, um zu ruhen, und einen erquickenden Schlaf zu tun. Ich las in dem Gebetbuche, das ich Ihrer Fürsorge verdanke, die Lampe brannte dunkel; aus meinen Betrachtungen erwachend, erhebe ich mich, den flackernden Docht zu putzen, da schaue ich zufällig nach der Türe, und diese steht halb offen, und zeigt mir eine Gestalt, die mich erbeben macht, die leichenhafte Gestalt des seligen Birsher in seinem weiten weißen Ueberrocke, den er zuletzt trug, mit hohlen, starrenden Augen. Ich will rufen, die Kehle ist mir zugeschnürt. Die Erscheinung öffnet dagegen den schaurigen Mund und ich vernehme die dumpfen Worte: Du hast mich umgebracht und willst auch die Tochter töten? Nicht nach Amerika! Wehe sonst! Wie Totenglocken sausten die Töne in mein Ohr und im Nu verflimmerte das Gespenst vor meinen angstvollen Blicken. Sein Abschied löste die Bande meiner Zunge. Außer mir stürzte ich in einem Sessel um, rief nach Hilfe; Justine kam, Leute kamen. Die Erscheinung ist von einigen gesehen worden und spurlos verschwunden. Ich befinde mich im gräßlichsten Seelensturm. Raten Sie, reichen Sie mir den Anker des Heils!« Der Doktor kombinierte, still vor sich hinschauend, des Senators Aussage mit dem Behaupten der Lainez und betrachtete diesen Zwischenfall als einen Fingerzeig aus hohen Wolken zur Erreichung des ihm aufgegebenen Zwecks. »Eine seltsame Begebenheit!« sagte er bedächtig und ernst, »der innersten Prüfung wert. Es scheint, als ob in der Zukunft Unheil brüte... als ob der Geist des Abgeschiedenen, der Ihre Tochter lieb gewonnen hatte, dieselbe zu retten, seinen Wohnort verlassen, ein notwendiger, warnender Helfer!« Der Senator nickt stumm mit dem Kopfe. »Was würden Sie an meiner Statt tun, ehrwürdiger Mann?« fragte er. Der Doktor zuckte die Achseln. »Fragen Sie lieber,« sprach er, »was ich vor jener bedeutungsvollen Erscheinung getan haben würde. Ich hätte meine Tochter nicht mit dem Amerikaner verlobt. Diese Leute sind Ihnen verderblich. Mit dem Vater zog ein bedauerliches Unheil in Ihre Wohnung. Der Sohn wird nicht viel Besseres bringen. Nennen Sie dieses Vorurteil. So wie es in der Natur Elemente gibt, die sich ewig Widerpart halten, so verflicht das Schicksal öfters gewisse Menschen in gegenseitige Feindseligkeit, ohne daß sie es ahnen. Wenn wir annehmen, daß mancher Tag, manche Stunde wichtiger ist, als die übrigen, warum nicht auch ein Menschenlos vor dem andern? Ich hätte Justinen dem jungen Manne nicht versprochen, nicht dieses Einschreiten einer unbekannten Macht herbeigerufen!« »Ich war so heiter geworden,« versetzte der Senator, »ich sah eine furchtbare Wildnis, die mich entsetzt hatte, plötzlich geebnet. Sie wissen es, wir hatten uns zu offenem und heimlichem Krieg gegen den gefürchteten Gast gerüstet. Statt des Zürnenden, Argwöhnischen erschien jedoch ein Friedensengel; ein Johannes an milder Güte und Vertrauen. Ich konnte ihm die Tochter nicht weigern ... ich mochte es nicht,« setzte Müssinger stockend bei, »um oben den Schatten des Vaters zu versöhnen.« »Unglücklicher!« sagte der Doktor mißbilligend. »Kaum in den Schoß der wahren Kirche aufgenommen, verkennen Sie deren Wohltaten? War nicht schon jede Sünde von Ihnen gewichen durch meine Absolution? Bedurften Sie noch eines Sühngedankens, der an heidnischen Irrtum grenzt? Mehr noch Herr Senator, dieser Vorsatz ist ein Verbrechen gegen die liebende Allmutter unserer gottseligen Herde. Sie werfen durch die Verbindung mit dem Protestanten Ihre Tochter in den Pfuhl der Verdammnis, statt sich Ihrer väterlichen Gewalt zu bedienen, sanft und ernst die Unbekehrte auf den Pfad des Heils zu bringen!« »Mein Vater! das kann ich nicht,« entgegnete Müssinger entschlossen, »ich bin zum Bekehrer verdorben. Mein Kind wandle seinen Weg unter der Obhut des allbarmherzigen Vaters. Ist es dessen Wille, so wird meine Tochter selig werden, so wird sie zum wahren Hirten gelangen; so Gott will, ohne, wie ich, von einem grausamen Zusammentreffen aller Schrecknisse zu einem Uebertritt gezwungen zu werden, den ich ...« Er schwieg plötzlich. Der Doktor ergänzte mit strafendem Blicke, »den ich jetzt schon von Herzen bereue. Sprechen Sie es nur aus, Ihre Verhältnisse haben sich ja so gestaltet, daß, was Sie getan, ganz unnötig war. Sie bedurften der Lossprechung nicht, weil der Sohn des Toten Ihnen freundlich entgegentrat; Sie bedurften meines Rates nicht, weil er Ihnen sogar die Gelder schenkte, vor deren Rückzahlung Ihre Dekonomie, vor deren Bewahrung Ihr zartes Gewissen schauderte. Sie bedurften meiner Hilfe gegen den Feind nicht, weil sich dieser selbst in Ihre Hände lieferte. Ihr Uebertritt war zwecklos. Sie wünschten ihn ungeschehen zu machen; beinahe wünschte ich es auch, weil Sie meine Teilnahme und mein Vertrauen auf eine unwürdige Weise mißbraucht haben.« »Hochwürdiger Herr ...« »Ich gehe von Ihnen; wohl! Bedenken Sie jedoch, daß, indem ich auf immer von Ihnen scheide, mein Segens- und Lösespruch zunichte wird. Sie werden in Ihre Irrtümer, in Ihre Zweifel, in Ihre Gewissensqualen zurückfallen; eine Beute der mahnenden Geisterwelt werden, Ihre Tochter mit Ihnen ins Verderben reißen, und, statt einst mit Klara vereint, himmlische Wonne zu genießen, in Ohnmacht und Pein vergehen, weil Ihr Ohr taub geblieben, weil Sie die irdischen Stimmen und die Stimmen von Jenseits nicht gehört!« »Ach! welch ein Abgrund von Trostlosigkeit und Furcht!« klagte der Senator, den Doktor, der zu gehen Miene machte, zurückhaltend; »verlassen Sie mich nicht! raten Sie mir, helfen Sie mir! Mich verläßt der Verstand und Gott, wenn Sie von mir scheiden!« »Wo bleibt Ihre Entschlossenheit, Herr Senator? Ihr unbiegsamer Charakter?« »Ich bin nicht mehr Mössinger,« versetzte der Senator tiefgebeugt, »ich kenne mich selbst nicht mehr. Wenn Sie verlangen, will ich, womöglich, alles zurücknehmen; aber... der Betrag jener Wechsel ... wird Georg denselben nicht fordern, wenn aus der Hochzeit nichts wird?« »Sind denn die Wechsel nicht in Ihren Händen? Ich bevollmächtige Sie, zu beschwören, daß Sie an Birsher, den Vater, das Geld gezahlt. Sie leisten den Eid mit dem stillschweigenden Sinnesvorbehalt, daß Sie die Notausflucht auf dem Wege wieder ausgleichen wollen, den ich Ihnen bereits angegeben, und alles ist in völliger Richtigkeit, Ihr Heil bewahrt.« Der Senator stand entschlossen aber unzufrieden auf und entließ mit den Zeichen einer völligen Sinnesänderung den Doktor, an welchem Justine hastig und kalt grüßend vorüber zum Vater ging. »Verhüten Sie doch Unheil, bester Vater,« sagte sie schnell und mit Tränen des Unmuts in den Augen, »erklären Sie sich gegen die Mutter. Sie räumt ihre kostbarsten Sachen zusammen, sie verschließt ihre Schränke, sie will heute abend das Haus verlassen. Welch eine Schande für uns, wenn das geschieht! Reden Sie mit ihr, und ein grausames Mißverständnis wird sich heben!« Des Senators bleiches Gesicht verwandelte sich in ein zornrotes. Erschrocken und verletzt zugleich eilte er, dem Justine zuredend und ermahnend folgte, dem Gemach seines Weibes zu. Jakobine war gerade beschäftigt, aus Schubfächern und Kommoden ihre Kleider, ihre Wäsche zu nehmen und die ungeheuern Schränke damit anzufüllen, die sie, voll von ihrer Aussteuer einst ins Haus gebracht. Sie zuckte etwas zusammen, als sie den Senator wahrnahm, ließ sich jedoch nicht stören, drehte ihm den Rücken und kramte, ohne ein Wort zu reden, weiter fort. Auf die dreimal und immer heftiger wiederholte Frage des Gatten: »Jakobine! Was machst du da?« antwortete sie endlich, der Anrede überdrüssig, kurz und verächtlich: »Du siehst'«.« »Du packst ein?« »Ja.« »Warum?« »Ich gehe fort; heute noch.« »Jakobine! von deinem Ehemanne? aus deinem Hause? von deinem Kinde?« »Ist Justine ein brav Mädchen, so geht sie mit. Wo nicht, desto schlimmer für sie.« »Lieblose! Blödsinnige!« donnerte Müssinger, kaum seiner mächtig, »wiegelst du wieder mein Kind gegen mich auf? Was tat ich dir, Besessene? Rede endlich!« Die Senatorin schwieg in galligem Stumpfsinn. Justine, den bebenden Vater betrachtend, und alles fürchtend, lief auf die Mutter zu, faßte deren Hände und bat weich und flehend: »So reden Sie doch, Mutter. Beendigen Sie doch diesen greulichen Zwist, Justine bittet Sie herzlich darum!« Die Senatorin schob sie heftig von sich und trieb ihre Geschäfte weiter. Justine folgte ihr ins andere Zimmer, versuchte noch ein Bittwort, und da auch dieses nicht fruchtete, stellte sie sich der ausweichenden Mutter in den Weg und sagte mit geschärftem Nachdruck: »Sie werden jetzo dem Aergernis im Hause auf eine ober die andere Weise ein Ende machen, Mutter. Sie werden es, so wahr ich Justine heiße. Sollen die Dienstleute noch mehr des schändlichen Geredes unter die Leute bringen? Soll mein – der Unschuldigen Wohl unter Ihrer Übeln Laune leiden? Geben Sie jetzt noch nicht dem billigen Verlangen meines Herrn Vaters nach, so nenne ich Sie nie mehr meine Mutter!« »Unglückskind!« zürnte Jakobine, »hätte ich dich nicht geboren!« »O du Rabenmutter!« rief der Senator, der ihnen gefolgt war und nun voll Wut auf Jakobine zuging, »bist du denn wert, daß dich die Sonne bescheint?« Seine Hand suchte und fand das spanische Rohr am Kamin. Justine hielt ihn mit aller Kraft zurück. Die Senatorin jedoch, ohne die drohende Bewegung zu fürchten, stellte sich ihm trotzig entgegen und rief herausfordernd: »Nun, so komm an! Schlage mich tot, wie den alten Birsher, dessen Gespenst schauderlich im Hause herumgeht, und mit dir, dem Schuldigen, alle Unschuldigen quält, daß sie unmöglich ausdauern können!« Wie Bildsäulen standen der Senator vor dem Donnerworte seines Weibes – Justine vor dem Erschrecken des Vaters. Er hatte die entsetzliche Entwicklung nicht geahnt. Justine hatte sie geahnt, aber nicht das Verstummen des Beschuldigten, den ihr Gemüt bisher freigesprochen. Mit Mühe gewann Müssinger seine Sinne wieder und die Sprache. »Lasse mich mit diesem Weibe, deiner Mutter, allein!« sagte er mit erlöschender Stimme, blaß wie der Tod, und winkte dem Mädchen, zu gehen. »O du mein Herrgott!« kreischte das Weib, »er will mich mißhandeln!« »Bleibe, tolles Weib!« entgegnete der Senator und zog sie mit solcher Gewalt auf einen Sessel nieder, daß sie plötzlich verstummte, sich nicht mehr regte. Justine wich nun auf ein zweites Zeichen ihres Vaters der traurigen Szene aus, die sich unter ihren Augen entsponnen hatte. In der Wohnstube kam ihr Georg Birsher entgegen; freundlich, offen, ruhig wie gestern. »Ich sehe Sie gerne, liebe und gute Miß,« sagte er, »Ihr Anblick ist mir ein Trost vor dem traurigen Geschäfte, das mich erwartet. Die Kommissarien des Gerichts werden erscheinen und mir den Nachlaß des Vaters übergeben. Schenken Sie mir zuvor das Köstlichere, Ihre Gewogenheit.« »Ich habe nichts gegen Sie, Monsieur,« versetzte Justine, verlegen an der Schürze zupfend, »was wird aber Ihnen an der Gewogenheit einer Jungfer, wie ich bin, liegen?« »Viel; weil aus der Gewogenheit herzlichere Freundschaft werden kann. Sehen Sie, Miß; als mein Vater sagte, Georg, du wirst heiraten und das Mädchen nehmen, das ich dir bestimme, ein deutsches wirtliches Mädchen, das mein Korrespondent sehr lobt an Eigenschaften und Vermögen! Da dachte ich bei mir selbst, in Gottes Namen! Der Vater will's, aber ich kann's schon erwarten. Als ich Europa betrat und hörte, daß mein Vater gestorben, dachte ich, sein Verlobungswort lebt zwar noch. Wird es mir jedoch zurückgegeben, ist mir's gleichviel. – Als ich aber hier ankam, in Ihr leuchtendes Auge sah, und tief in Ihr Herz – da wurde es anders. Seitdem denke ich, es würde ein Unglück für mich sein, wenn ein solches Kapital mir entginge. Ohne Umschweife denn, meine werte Jungfer! Ihr Herr Vater wird mit Ihnen geredet haben. Ich bin ein ehrlicher Mann, suche eine ehrliche Frau und wünsche Sie an diese Stelle. Was antworten Sie hierauf?« Justine sah auf die Spitzen ihres Aermels, dann fest und sicher in Georgs festes und sicheres Auge und sprach ohne Umstände: »Was mein Herr Vater will, ist mir, einer gehorsamen Tochter recht. Ich kann Sie, glaube ich, wohl leiden, mein Herr. Ich will mit Ihnen gehen, wenn Sie es wünschen; als Ihr Weib und Ihre treueste Freundin.« Birsher verbeugte sich sehr erfreut und versetzte: »Wollten Sie mir nicht erlauben, holdselige Braut, einen Kuß auf Ihre Wange drücken und Ihnen ein Pfand dieser Stunde verehren zu dürfen?« Justine nickte freundlich und duldete den verschämten Kuß. Georg zog hierauf einen schlichten goldenen Reif vom Finger, steckte ihn an ihre Hand und sprach: »Amerikanisch Gold, echt und klar, wie amerikanische Treue! Der Brautschmuck von brasilianischen Steinen, den mein Herr Vater Ihnen zugedacht und den ich Ihnen bald überreichen werde dürfen, ist zwar zehnmal schöner als dieser Ring. Ich bilde mir jedoch ein, daß der Ring mehr Wert für Sie haben werde, weil er von mir kömmt, und nicht vom freiwerbenben Vater eines willenlosen Sohnes.« »Sie scharmieren mich durch das artige Präsent!« versicherte Justine lächelnd und entfernte sich mit dreimaliger Verbeugung, weil die Kommissarien sich hören ließen. Im Begriff, dem Vater diese Nachricht zu bringen, begegnete sie ihm, der aus der Mutter Zimmer trat. Er schien gefaßt. Die Senatorin saß, wie die klaffende Türe sehen ließ, mit gefalteten Händen, stumpf brütend und niedergeschlagen auf einem Stuhle. Justine wünschte dem Vater schüchtern Glück, zur Beruhigung der Mutter. »Die Albernheit hält in ihrem Kopfe offne Bank,« sagte der Senator eiskalt und verächtlich, »man muß sie verblüffen, da mit Räson nicht anzukommen ist. Ich habe ihr geschworen, daß ich sie als verrückt ins Irrenhaus bringen lasse, wenn sie noch einen Schwank macht, wie gestern an dem tollen Teufelstage. Du stehst mir dafür, daß sie mittlerweile nicht aus dem Hause geht. Die Verleumder, die ihr solche Schandmücken in das Ohr gesetzt, will ich schon finden, schon züchtigen.« Justine freute sich der Ruhe ihres Vaters. Sie schien ihr ein Bürge seiner Schuldlosigkeit. Sie wollte seine Zufriedenheit erhöhen und sagte: »Sie werden mich loben, Herr Vater. Justine ist gehorsam und eilig, Ihren Wünschen zu entsprechen, Monsieur Birsher kam vor einer Viertelstunde, er hat mit mir geredet, ich trage seinen Verlobungsring. Hier ist er, lieber Vater!« Des Senators Gesicht verzog sich düster und unwillig, »Warum diese Eile?« brauste er auf, »alles zur Unzeit! Das Donnerwetter soll ... Welche Plage mit unbesonnenen Weibern!« »Mein Vater ...« fragte Justine scheu, »welche Aenderung? sagten Sie nicht gestern ...« » Heute ist nicht gestern, und gestern war nicht heute!« versetzte Müssinger. »Der Ring muß zurück! Ich will's, ich befehle es dir!« »Sie befehlen mir Ungerechtigkeiten!« sagte Justine von kränkender Beschämung gepeinigt, »was müßte Herr Birsher glauben? Ich will nicht als wahnsinnig ausgeschrien werden, besinnen Sie sich doch, mein Vater!« »Ihr seid wahnsinnig, du und deine Mutter!« antwortete ihr in der höchsten Aufregung der Senator und rannte dahin, wo die Kommissarien seiner warteten. Justine schlug staunend die Hände zusammen, fühlte sich an die Stirne, um sich zu überzeugen, daß sie in der Tat wache und alles vorige gehört habe. »Ich soll nicht fort?« fragte sie sich schmerzhaft. »O nicht doch! fort nach Amerika, wenn das Leben daselbst hundertmal einförmiger wäre, denn hier. Fort! hinaus in die Ferne! hinaus nur aus diesem Hause, in dem sich alles Unheil vereint, um uns samt und sonders nach und nach um den Verstand zu bringen, wie es uns schon um Herz und Gemüt und Sorglosigkeit und Frieden brachte. Ich wollte ja lieber unter Fremden mein tägliches Brot verdienen, als es unter solcher Seelenangst verzehren zu müssen; ich wollte lieber ... gleich einer Flüchtigen ...« Sie hielt inne. »Ei, die Lainez!« fuhr sie fort, »wo bleibt die gute Frau, deren Umgang allein jetzo meinen Geist erheitern könnte? Sollte sie, ihrem Pfande zum Trotz, wortbrüchig werden? ...« Sie zog langsam, zögernd und errötend, das Medaillon der Lainez aus der Tasche und trat, von jungfräulicher Scheu und Neugierde zugleich befallen, au« dem Vorsälchen der Mutter in einen kleinen Versteck, kaum einen Kreuzstock breit, ein Altänchen nach dem Hofe bildend, auf welchem eine Anzahl von Blumenstöcken an Geländer und Wand hingereiht war, von freierer Luft heimgesucht und durch ein schirmendes Dach vor Sonnenhitze und Regen beschützt. Dieser Blumenwinkel am äußersten Ende des Hauses, stand mit dem, ebenfalls von Küche, Wohnstube und Gesindezimmer entlegenen Vorsaale der Senatorin vermittelst einer Türe in Verbindung, in der eine drahtvergitterte Glasscheibe angebracht, vor welcher ein Vorhang befestigt war. In der Mitte der Blumentöpfe, auf einen leeren Fleck des Gestells derselben, kauerte sich Justine nieder und betrachtete, sich zu zerstreuen und ihrem Vorwitze zu genügen, die Heiligenbilder der Lainez, Der heiligen Pulcheria wurde indessen kaum ein Blick geschenkt, der schöne Sebastian fesselte ihre Aufmerksamkeit. Der Maler hatte in dem kleinen Bilde ein großes Stück geliefert, und der Beschauer wußte nicht, was er vorzüglich daran preisen sollte: die männliche Formenschönheit des Märtyrers, die zu den Sinnen sprach, oder die himmlische Verklärung, die sowohl in seinem Gesichte, als auf seinen Gliedern lag, und jeder Sinnlichkeit wehrte ... oder den magischen geheimnisvollen Farbenzauber, der aus den Blumen hervorging, die aus den stürzenden Blutstropfen des Heiligen sproßten; oder endlich das herrliche Schauspiel des aufgeschlossenen Himmels, der seine Goldstrahlen um das jugendliche schöne Haupt des Sterbenden legte, aus dessen Wolkenkranze die heilige Mutter sah und der Heiland und ihre dienenden Engel! Justine konnte sich nicht satt sehen an dem lieblichen Meisterwerke, und so oft eine seltsame innere Beklemmung sie zwang, den Blick wegzuwenden, flugs kehrte er zu dem Bilde wieder zurück. Sie stellte es endlich, verschämt und dennoch zu kleinem Frevel versucht, in die Zweige einer jungen, grün und glänzend aufsprossenden Myrte. Sie dachte sich den Altar hinzu, nicht den violettbehangenen der Johanniskirche, sondern den rot und weiß geschmückten aus der Johanniterkapelle; die Kerzen und den Weihrauch, von denen die Lainez gesprochen. Das Bild jener heimlichen Messe gesellte sich zu dem ganzen Begriff, und – siehe da! in blühende schmeichelnde Formen gestaltete sich vor dem Mädchen der römische verpönte Gottesdienst, und es dachte bei sich: die Mittagsländer mit ihren heitern Tempeln müßten doch schön sein, wie ihr Kirchendienst fröhlich; glänzend und begeisternd, wie ihre Heiligenbilder zart, rührend und ideal. Da wurde der schweigend überlegenden und prüfenden Jungfrau plötzlich zu Mute, als sei Herr Georg Birsher an ihre Seite getreten und frage sie mit seiner ruhigen und männlichen Stimme: »Wozu das alles, liebe Miß? Ich fürchte, was Sie da treiben, sieht einer kleinen Sünde ähnlich auf ein Haar. Lassen Sie den raschbewegten Mittagskindern ihren bunten lustigen Schauspieldienst und das Heer ihrer Heiligen und Seligen, zu denen man betet. Ihr wandelbarer Geist verlangt einen Blumenflor, auf dem er flattere und wühle, und schaue und genieße wie die Biene, denn der Süden zeugt rasches Blut und glühende Sinne, Bleiben Sie jedoch, gute Miß, in der Bahn des Nordens, des gemütreichen, lang und beständig Empfindenden, zufrieden mit einem Gotte, mit einem treuen Herzen. Und dieses Herz – bin ich gleich nicht schön wie der pfeildurchbohrte Sebastian, nicht Teilnahme erregend, wie ein anderer, der mir gefährlicher wäre, als der tote Heilige – dieses treue Herz finden Sie in mir!« Justinens Phantasie hatte ihr eine so artige Täuschung vorgemacht, daß sie jetzt selbst verwundert aussah, ob Birsher wirklich zugegen. Nein! er war nicht da. Ihr Auge sank zu Boden, aber ihr Ohr wurde von einem kreischenden Schrei erreicht, von der Mutter Stimme. »Das Gespenst!« flüsterte sie erschreckend und hob mechanisch obgleich schaudernd den Vorhang von dem Türfensterchen. Der Mutter Zimmer war offen, auf dem Sofa lag Jakobine, wie von Konvulsionen durchschauert; über den Vorsaal nach der Ausgangstüre schlurfte langsam eine weiße Gestalt. Vom Schrecken zu einer heldenmütigen Entschlossenheit übergehend, sprang Justine aus ihrem Versteck, eilte der schnell sich fortbewegenden Gestalt, die diese Dazwischenkunft nicht vermutet hatte, um so hastiger nach, faßte auf der Schwelle das fliegende weiße Gewand und rief ihr wacker zu: »Halt! ergib dich! du allzeit fertiges Gespenst!« Dieses letztere hielt nicht, sondern ließ den Oberrock in den Händen der tapfern Angreiferin; ein Mann entsprang diese Hülle, ließ Perücke und andern Ballast, der ihm zu beliebiger Ausstopfung gedient hatte, feig im Stich und floh, da von der großen Treppe sowohl der Senator als mehrere Domestiken auf Jakobinens Geschrei herbeikamen, eine schmale Wendelstiege hinab, die zum Magazin und Brunnen des Hauses führte. Der Geist rannte hier dem zufällig herankommenden Berndt in die Hände. »Halt! wer bist du, Deserteur?« »Laß mich! Bruder Berndt! um Gottes willen!« »Was? Dort oben schreit man nach Hilfe? und was gilt's? ich habe hier den Dieb? Halte still, und komm mit.« »Kennst du mich denn nicht? Parbleu ... sei kein Kind!« »Eben deshalb, guter Freund! Weil ich kein Kind bin, und weil ich dich kenne, komm mit. Deine Zwischenträgerei hat mich um den Dienst gebracht; meine Unerbittlichkeit soll dich zuschanden machen, du Baalssohn!« So sanftmütig auch Berndt diese Rede sagte, so derb packten seine Fäuste den Gegner und trugen ihn beinahe in die Höhe. Justine, Senator und Gesinde empfingen den Ertappten und führten ihn vor die Senatorin. Nachdem der Senator hierauf die Domestiken entfernt hatte, um ihnen nicht die Vapeurs seiner Frau und die Scham des entlarvten Geistes länger zum Schauspiel zu geben, sagte er zu Jakobine: »Sieh hier das übernatürliche Wesen, das seit gestern unser Haus umzuwälzen sich bemühte, das aus dem Grabe wiederkehrte, um Einspruch in eine Hochzeit zu tun, die ihm mißfiel, und denke daran, daß deine Ungerechtigkeit gegen mich aus eben so nichtiger Quelle fließt.« »Nothhaft!« rief die Senatorin, plötzlich ihrer Krämpfe vergessend und zornig aufspringend, »Nothhaft! Er niederträchtiger Bursche! Was bedeutet die schändliche Maskerade? Man hätte den Tod davon haben können! Am hellen Tage zu spuken! Den Amerikaner wieder aufleben zu lassen! Meinen armen Kopf zu verwirren! Ich hoffe, daß Herr Senator Müssinger Ihn exemplarisch zur Rechenschaft wird ziehen lassen! Auf dem Rathause, vor allen Richtern und Volk!« »Ich hoffe, daß der Herr Senator das unterlassen werden,« entgegnete Rothhaft mit einem giftigen Drohblicke auf denselben. »Was in diesem Hause nur als ein unschuldiger Fokus passierte, könnte am geeigneten Orte zum Ernste werden, und Ihre Beleidigungen, Frau Senatorin, muß ich mir ebenso ernstlich verbitten. Ich bin nicht mehr der Kommis in Ihrem Hause; ich bin mein eigner Herr und alle Tage fähig, einen Ratsherrn abzugeben, wie Ihr Herr Liebster.« »Ach Gott, da« Lästermaul!« seufzte die Senatorin weinerlich und aufhetzend. »Ich zittere noch vor Schreck an allen Gliedern, und Er tut, als ob Er Fug und Recht gehabt hätte. Müssinger! wenn du das leidest...« – »Ein Wort, Herr Exprinzipal!« sagte Nothhaft unverschämt, und zog den Senator beiseite, »wir wollen uns nicht über die Gründe verbreiten, die mich zu der Vermummung bestimmt haben. Ich tue Ihnen damit einen Gefallen, so wie ich den ganzen Plan zu Ihrem Besten allein angelegt habe. Vorderhand lasse ich Ihnen noch die Wahl, mich als Schwiegersohn anzunehmen und den Amerikaner aus dem Hause zu weisen, oder versichert zu sein, daß meine schonende Freundschaft für Sie ein Ende erreichen wird.« »Er ist ein schlechter Mensch!« polterte der Senator hitzig, »was werde ich auf seine elenden Drohungen geben? Packe Er sich aus meinem Hause! Ich habe nichts mit Ihm gemein. Setze Er sich in seine Heimat hin, und rate und verkaufe und spuke Er fort so viel als Er will. Ich warne Ihn, sich ferner hier betreten zu lassen. Ich würde sonst meine Anklage bei dem Polizeiaufsichter anbringen müssen, während ich jetzt noch den Skandal, den er verursachte, mit Schweigen übergehen will.« Nothhaft schnitt ein grimmig-saures Gesicht. »Na!« sagte er trotzig, »ich gehe, Herr Senator. Schreiben Sie das heutige Datum ins Kamin. Wünsche allerseits wohl zu leben. Und Sie, meine beste Jungfer! bittet Sie nicht ein wenig um Pardon für mich, da sie mich doch eigentlich in die saubere Patsche versetzt hat?« »Ich freue mich, Monsieur, Ihn ertappt zu haben, während sich Männer vor dem Popanz fürchteten,« versetzte Justine spöttisch, »ich bin recht vergnügt, daß nun auch die ganze Stadt von Ihm glauben wird, was ich schon längst von Ihm behauptete, daß Er eine bösartige Kröte ist, und damit Punktum.« »Damit noch nicht Punktum!« erwiderte Nothhaft frech und ergrimmt, »ich werde die Ehre haben, so Gott will, ein Weiteres von mir vernehmen zu lassen. Er aber, Mosje Berndt, Er wahre seine Ohren! Gott befohlen!« »Du ruchloses Höllenkind!« rief Berndt dem Davoneilenden nach, »der leibige Gottseibeiuns muß wenigstens dein Großvater gewesen sein!« Der Senator hatte indessen seine Partie genommen. Die alte Energie schien in den Mann zurückgekehrt zu sein. »Keine unnötige Betbrüdern!« sagte er scharf, aber freundlich zu dem Augenverdreher, »wir müssen vor der Natter auf der Hut sein. Seh' Er nach, daß der Bengel seine Effekten noch in dieser Stunde aus dem Hause schaffe. Dann laufe Er und zeige Er auf der Börse an, daß Nothhaft nicht mehr in meinen Diensten steht. Lasse Er merken, daß er mit Schimpf und Schande aus dem Hause kömmt. Aber von der Gespenstergeschichte kein Wort, Sonst bleibt's beim Quartalabschied. Unterdessen bedanke ich mich bei Ihm schönstens.« Berndt eilte, vergnügt über seine gesicherte Existenz, den Befehlen des Prinzipals zu genügen. Der Senator wendete sich zu Justine: »Dir, mein Mädchen, danke ich insbesondere. Dein Mut hat uns die Augen geöffnet. Der Bursche wußte, mit wem er's zu tun hatte. Zu mir kam er in der melancholischen Nacht, meiner leichtgläubigen, schreckbaren Frau erschien er am Mittage, wahrscheinlich, weil das Gespenst am Abend nicht durch die verschlossene Türe dringen konnte. Auf den Aberglauben der Dienstleute konnte er's bei Tage wie bei Nacht wagen. Allein zu Justine kam er nicht. Er hat das Mädchen mit Recht gefürchtet. Mir bleibt jetzo noch einiges zu tun. Meine Gegenwart ist im Hause entbehrlich. Ich war bei Eröffnung der Schränke. Man hat sich überzeugt, daß alle Siegel unverletzt geblieben. Ich will ausgehen, Justine! meinen Hut, meinen braunen Rock mit der schmalen Stickerei. Den Mantel, den Degen! Ich muß zum zweiten Bürgermeister gehen. Der Kerl von Nothhaft muß aus der Stadt, ehe die Sonne untergeht, ehe er mir Stänkereien macht; ich fürchte, der Bursche hat tausend Kniffe im Kopfe. Ich werde auch dem Steuerkommissär meinen Besuch machen. Ich werde ihn ernstlich wegen des Geschwätzes seiner Frau bedrohen. Beruhige dich, Jakobine! Du sahst, daß der Geist des Verstorbenen eine Posse war. Du wirst einsehen, daß die Kommissärin in dem, was sie dir auf dem Ritterhofe vertraute, eine Lüge gesagt hat.« »Das gebe Gott!« entgegnete die Senatorin phlegmatisch und die Hände in dem Schoß faltend, »ich reiße mich nicht gerne aus meiner Ruhe und verlasse nicht mit Pläsir dieses Haus. Aber, wann du in der Tat ein so schlechter Mensch wärst, wie die Leute sagen ...« »Schweig!« unterbrach sie der Senator finster, denn Justine kam mit Rock, Mantel, Hut und Degen. Während Müssinger sich in den Interimsstaat der Ratsherren warf, kam auch Georg Birsher hinzu. »Ich komme, Ihnen für die Bewahrung meines Eigentums zu danken,« sagte er zu dem Senator, »welche Gerüchte haben sich jedoch zu meinem Ohr gefunden? Meines Vaters Geist soll sich gezeigt und sich endlich, von einer mutigen Amazone ergriffen, in einen Ladenschwengel verwandelt haben?« »Dummes Zeug!« erwiderte der Senator verdrießlich, »das Domestikenvolk hat doch tausend Zungen. Beruhigen sich Ew. Edeln. Es war ein einfältiger Nebenbuhlerstreich.« »So?« versetzte Birsher lächelnd, »die Bosheit scheiterte sicherlich an Ihrem Ringe, beste Jungfer Braut. Die Wilden meines Vaterlandes beschenken sich mit solchen Talismanen, und vielleicht ist dieser Ring ein solcher. Erlauben Sie, Verehrteste, daß ich Ihren Heldenmut und Ihre Treue mit diesem Diamantschmucke belohne, der freilich schon Ihr Eigentum ist. Die Rose von Edelsteinen, die ich ebenfalls in dieses Kästchen gelegt habe, bitte ich, Ihrer Frau Mama, meiner allerwertesten Schwiegermutter, als ein dürftiges Pfand meiner Ergebenheit zuzustellen.« Er hielt dem Mädchen freundlich das geöffnete Etui hin, aus welchem ein Meer von Demantenglanz strahlte. Die Senatorin zwinkerte lüstern mit den Augen; Justine, ein weigerndes Kompliment machend, las in dem Gesichte des Vaters, dessen Sinnesänderung sie beunruhigte. Der Senator bemerkte ihre Verlegenheit und fuhr rasch und lebendig dazwischen, »angenommen, meine Tochter!« sagte er freundlich und dringend, »alles geht wieder im rechten Gleise! Die Stimmen aus der Unterwelt haben gelogen, und im übrigen ... will ich schon fertig werden. Ew. Edeln werden also mein Schwiegersohn!« Die Senatorin hatte sich der Diamanten bemächtigt und bekräftigte des Mannes Wort mit einem tiefen verbindlichen Knicks. Der Amerikaner umarmte den Senator, küßte der Senatorin beide Hände, der beruhigten Justine beide Wangen und die Stirne. »Eine Bedingung indessen!« fuhr der Senator zwischen beide Verlobte tretend fort, »ich trage an Sie, bester Sohn und Handelsfreund, eine heilige Schuld ab, indem ich Ihnen mein Liebstes gebe. Ich habe jedoch meine Gründe, warum ich die Heirat fürs erste ganz geheim gehalten, und endlich in Bälde und Stille gefeiert wissen will, damit nicht ferner eine Albernheit dazwischen komme. Mein Buchhalter und –« hier seufzte er, »Doktor Leupold schweigen wie beeidigte Männer. Knall und Fall! heute über acht Tage die Kopulation in Liebkirchen; und dann, mein Brautpaar, zu Schiffe, und fort, in Gottes Namen! Jetzo aber Gott befohlen!« »Wenn Justine mein wird,« sagte Georg, »so bedarf ich keines Gepränges, und so wenig ich mir's nehmen lassen werde, zu Neuyork mit einer hübschen Frau groß zu tun, so wenig dringe ich hier, in der fremden Stadt, auf diese Befriedigung meiner Eitelkeit. In vierzehn Tagen ungefähr geht ein holländisches Schiff, das auf dem Texel liegt, nach Amerika unter Segel. Ich werde an van den Hoecken schreiben, daß er dessen Kajüte für uns miete. Bis dahin sind wir zu Amsterdam und reisefertig. Nicht wahr, Justine?« Justine nickte stumm aber bewegt mit dem Kopfe. In der Senatorin Gesicht zeigte sich sogar ein flüchtiger Wehmutsschatten des Gedankens an Justinens Scheiden. Dem Senator gingen die Augen über. Er drückte allen hastig die Hände und entfernte sich rasch, seinen Geschäften nachzugehen. Das Herz wurde ihm leichter, er sah Nothhafts Koffer von den Packknechten nach dem Gasthause schaffen. Sein Herz wurde ihm schwerer; der Doktor begegnete ihm bald hierauf. »Nun, mein verehrter Herr?« fragte der Jesuit zutraulich und forschend, »Ihr Gesicht trägt das Gepräge eines freudigern Sinns? Gewiß haben Sie Ihren Entschluß gefaßt und sind mit Ihrem Gewissen aufs reine gekommen,« »Das bin ich, hochwürdiger Herr,« sagte der Senator hierauf mutig, und zu der Waffe des Doppelsinnes greifend, »ich werde in bezug auf meine Tochter tun, was recht ist.« »Dafür segne Sie Gott und der Dank Ihres Kindes!« erwiderte der Doktor mit Salbung und verließ den ungeduldig Fortschreitenden. Während dieser zum Bürgermeister wanderte, um bei demselben gegen Nothhaft zu prozedieren, und hierauf den Steuerkommissär aufsuchte, ihm zu sagen, daß dessen Weib sich unterstanden, gegen seine Ehefrau schändliche Injurien und Kalumnien über ihn an den Tag zu legen, und dem Kommissär zu drohen, im Wiederholungsfalle seine geschärfte Klage vor den Gerichten anzubringen; währenddessen traf der Doktor Leupold sehr zufrieden mit dem Superior und dem Schiffskapitän auf der Promenade am Schwanenmarkte zusammen. Der Kapitän war in seiner Uniform, der Superior als Quäker gekleidet. Die Anhänger dieser Sekte waren dazumal selten zu schauen und von dem Volke sehr geehrt, weil die sonderbare Einfachheit des Äußeren vieles von dem Innern hoffen ließ. Der Lakonismus dieser Leute, die Gewohnheit derselben, den Hut auf dem Kopfe zu behalten, ihre schmucklose Kleidung und ihr schulmeisterlicher Gang sagten dem Superior als Larve vorzüglich zu, um darunter Tonsur und Priesterschritt zu verbergen. So zufrieden der Doktor zu den Herren trat, so unzufrieden waren diese gegenseitig, wie Leupold bemerkte. Der Superior blickte sehr vornehm und niederschmetternd vor sich hin. Der Kapitän sah verdrießlich aus, und ungeduldig mit dem Stocke in dem Sand stochernd, rief er den nahenden Doktor an, sagend: »Sehr recht, mein würdiger Herr, daß Sie kommen. Der sehr geehrte Herr und Freund zu meiner Seite hat mich aufs Korn genommen und will mir den Spiegel samt Mast und Korb und Rahen mit einer Ladung zerschmettern. Helfen Sie mir auf. Bezeugen Sie, daß ich der ehrlichste niederländische Schiffskapitän bin, der jemals die See befuhr. Ist es wahr, daß ich schmutzige Prozente von meiner Fracht nehme? Ist es wahr, daß ich Seelenverkäuferei und Negerspedition nebenbei betreibe, und somit meine Fracht an Qualität und Quantität in Gefahr setze und schmälere?« »Ich habe keine Beweise dafür,« versetzte der Doktor, »die Korrespondenten melden bisweilen dergleichen, mein guter Herr Tormerpick, und wenn der sehr ehrwürdige Herr an Eurer Seite dasselbe behauptet, so muß er wohl genauer unterrichtet sein!« »Den Donner auch!« sagte Tormerpick mit galligem Ausdruck, »es sollen mich hunderttausend Tonnen voll Teufel regieren, wenn es wahr ist; so wahr ich John Tormerpick heiße und mein Vater, der wackerste Steuermann, von einem Hai gefressen wurde; Gott habe ihn selig. Wahr ist's, daß die Verleumdung am besten Rufe am eifrigsten nagt, und ich will gar nicht leugnen, daß darauf hin meiner Redlichkeit mancher unpassende Antrag gemacht wurde. Wie ich ihn aber stets zurückgewiesen habe? Bei allen Signalen, dort läuft just einer, der mir gestern abend« in der Schenke eine dito Eröffnung machte!« Der Kapitän deutete auf Nothhaft, der in der Ferne quer über die Straße ging. Der Doktor lächelte, an seine Unterredung mit dem Menschen gedenkend. Der Kapitän nahm's für ein ungläubiges Lächeln und beteuerte seine Aussage mit einem seemännischen Kraftworte. »Es waren ihrer zwei beisammen,« sagte er ausführlicher, »der Mensch dort, wie er mir sagte, ein Ladenschwengel aus einem vornehmen Hause allhier, und ein anderer, ein Hamburger Ellenreiter, der von seinem Prinzipal weggejagt worden sein mußte, so abgerissen und liederlich sah er aus. Die Burschen tranken Bier und schwatzten von Hamburg, von dem Lotto ... weiß Gott! wovon? Endlich schlief der Hamburger, der am meisten geschrien hatte, ein, und der andere kam auf mich zu und erzählte mir von einem jungen englischen Rindfleischesser, dessen er gern geraten möchte, wenn ich demselben eine Kommißbrotpfarrei zu Batavia verschaffen wollte. Nun wissen Sie wohl, meine geehrten Herren, daß man für einen achtzehnjährigen englischen Burschen, der noch obendrein von guter Familie sein soll, einen ordentlichen Batzen Handgeld bekömmt, und daß mancher Kapitän im Dienste unserer hochmögenden Herren eingeschlagen haben würde, wäre es nur aus Tück und Tort gegen die Halunken von England, und weil sogar die Transportkosten bezahlt werden sollten; aber Kapitän Tormerpick hat den Werber derb heimgeschickt, daß er nicht mehr anfragen soll!« »Armer James!« dachte der Doktor bei sich, der nun den Zusammenhang begriff; dann setzte er laut bei: »ich möchte Euch wahrhaftig nicht raten, Kapitän, in den Handel einzugehen. Ich kenne den bezeichneten Jüngling und prophezeie Euch schlechte Folgen, wenn Ihr Euch an demselben vergreifen solltet.« Der Kapitän machte ein sehr langes und albernes Gesicht; der Superior setzte mit einem sehr finstern hinzu: »Überhaupt, Kapitän, gebe ich Euch noch die Weisung in den Kauf, in Zukunft Eure Taxe, Zollisten und Spesen billig einzurichten. Die Gesellschaft möchte ansonst leicht dazu bewogen werden, unter den holländischen Kapitänen einen Stellvertreter für Euch zu erwählen. Quod notandum! « Tormerpick führte sich mit verschiedenen Gemeinplätzen und oberflächlichen Bereitwilligkeits-Versicherungen ab. Der Superior sandte ihm noch einige Anmerkungen nach und sagte alsdann zu dem Doktor: »Pater Münzner! ich bin nicht sehr mit Ihnen zufrieden. Sie sehen dem Schiffs- und Speditorenvolk nicht genugsam auf die Finger. Sie schaden dadurch den Benefizdividenden unserer Gesellschaft: sind auch zu nachsichtig gegen mangelhafte Zahler, sind auch zu freigebig gegen Arme, Ihr Almosenbuch, das ich heute durchblätterte, strotzt von Ausgaben aus Ihrer Kassa. Das geht nicht. Almosengeben mit billigem Maß und Ziel ist nützlich; es empfiehlt, es bindet. Die diesem Zwecke entsprechende Quelle muß jedoch aus den Taschen christlicher Wohltäter in den Sack der Armut geleitet werden; nicht aus dem Vorrate der Gesellschaft, die nur verstattet, größere Summen herzuleihen, welche doppelten und dreifachen Zins zu tragen versprechen. Ich glaube, wir tun ohnehin schon genug an der Menschheit. Nebenbei, mein lieber Pater, verschwenden Sie Ihre Freigebigkeit an Unwürdige. Was soll zum Beispiel die namhafte Unterstützung bedeuten, die Sie einem Komödianten zugewendet haben? In der Tat, wäre mir Ihr reiner Sittenwandel nicht bekannt, ich würde vermuten, der Komödiant sei im Besitze eines hübschen Weibes.« Der Doktor, seinen Verdruß bezwingend, erzählte sein Zusammentreffen mit Litzach. Der Superior beruhigte sich. »Ein Zögling der Gesellschaft?« sagte er alsdann, »das ist etwas anderes. Das war ein Ehrenpunkt. Was soll aber mit dem liederlichen Subjekte werden? Er darf nicht faulenzen. Man muß ihm Beschäftigung geben. War er ein guter Akteur, so muß er in zwanzig Kleider passen. Ich werde darauf denken. Nun aber ein Weiteres, mein Bruder und Freund im Herrn. Sie sind einer großen Lauheit im Bekehrungsgeschäfte angeklagt worden. Sie wollen nur diejenigen, wie ich höre, in den Bund der Kirche aufnehmen, an welchen Ihr Gemüt einigen Teil nimmt. Sie haben verschiedene Bekehrungen der Lainez getadelt, stehen sich überhaupt mit der artigen Witib nicht zum Besten. Nehmen Sie sich in acht. Die Lainez hat sich bitter beschwert. Sie wissen, was die Person bei dem Provinzial gilt; Sie stellen sich einer empfindlichen Demütigung bloß. Der Lainez darf nichts geschehen; weder von Ihnen, noch von dem jungen White, der sie quasi verächtlich behandelt. Es ist freilich, in betreff des Provinzials, gut, daß der junge Mensch sie nicht liebt , allein hassen soll er sie ebensowenig. Kein Wort der Erwiderung, Pater Münzner. Wir sind völlig über obige Punkte aufgeklärt worden und es sollte uns leid tun, Ihrer in unserem Berichte nach Rom ungünstig erwähnen zu müssen. Den Provinzial ... hunc tu amice caveto ! wie der Heide sagt. Satis von obigem Gegenstande. Ein Weiteres. Wie steht es mit dem Senator?« »Wohl,« versicherte der Doktor mit freierer Brust, »die projektierte Heirat wird in sich selbst zerfallen. Ein seltsamer Gespensterglaube hat sich ins Mittel geschlagen, um –« »Gleichviel,« schaltete der Superior ein, »jedes Mittel taugt. Fürs erste, natürlicherweise, lehrt die Klugheit, alle Umstände so zufällig als möglich zu kombinieren; hilft aber der Alltagsgang zu nichts dann mögen spanische Fliegen angewendet werden. Ich habe der Lainez die Instruktion gegeben, in dem Hause des Senators alle Minen anzuzünden, um das sonderbare Gänschen von Tochter zu stimmen. Ich habe, im Namen der Gesellschaft, eine wahre Passion auf ihr Vermögen.« »Zu Ihrem Troste darf ich Ihnen also sagen,« versetzte der Doktor, über des Vorgesetzten heißhungrigen Geiz seufzend, »daß Justinens Vater mir sein Wort gegeben, daß der Amerikaner nicht sein Schwiegersohn werden soll.« »Quod sufficit. Indessen geht die Zeit hin und die Lainez wird schon das übrige tun.« Während beide nun hingegen, völlig überzeugt, der Senator folge ihren Eingebungen unbedingt, fertigte dieser einen Brief nach Liebkirchen an den Prediger ab, um die Hochzeit geheimnisvoll vorzubereiten, Nothhaft schien von der Erde verschwunden und das Schweigen über die Heiratssache wurde vortrefflich bewahrt. Die Senatorin, welche befürchtete, um der Geistergeschichte willen ausgelacht zu werden, sah ihre Muhmen nicht bei sich. Die Männer beobachteten das Geheimnis unverbrüchlich. Justinens Zunge – sie konnte wohl sonst verschweigen – brach zuerst das Siegel. Mit der Lainez, die in dem Hause eingezogen war, auf ihrem Zimmer arbeitend und über die Geisterhistorie lachend, sagte sie im Uebermute ihrer neu erwachenden Zufriedenheit: Mit der Entlarvung des Spuks kam alles wieder ins Gleis, und diese Wäsche, an welcher wir arbeiten, meine Beste, ist mein Brautzeug. Ich werde Herrn Birshers Frau –« Die Lainez erschrak, faßte sich und erfuhr nach ein paar gleichgültigen Fragen auch das Nähere aus dem Munde der Braut. Vierter Abschnitt. Die Unglücksprophetin. – Das Bild in der Kapsel. – Gewitter im Brautstande. – Der Magister. – Morgenbesuch bei der Braut. – Trauliche und böse Stunde. – Angst des Senators. – Er und seine bösen Engel. – Das schreckliche Billet. – Todesschrecken, übereiltes Versprechen; listige Hilfe. – Seelenverkauf, – Birsher und Nothhaft. – Hiobsposten. – Die Predigt mit Donner und Blitz. – Schande und Arrest. – Wundergleiche Rettung. – Die Lainez erscheint. – Der Turm von St. Paul. – Hoffnung durch den Freund, – Der Balsamhändler. – Zehn Uhr. Das Leben im Hause des Senators hatte sich anders und besser gestaltet. In den Familienvater war die Spannung und Kraft zurückgekehrt, die auf einen bestimmten Zweck hinarbeitete: auf das Glück seines Kindes, auf seine eigene Beruhigung zugleich. Die Senatorin schien in die ehemalige Lebensweise zurückgetreten; apathisch wie vordem, allein der begonnenen Feindseligkeit gegen den Ehegatten entratend. Justine war zufrieden. Sie begriff, daß Georg Birsher, wenn sie ihn auch nicht mit jener Leidenschaft liebte, welche das Ziel jugendlichen Sehnens ist, nicht ermangeln würde, ihre billigen Ansprüche auf eheliches Glück zu erfüllen, und daß er geeignet sei, mit seinem besonnenen, ruhigen und klaren Wesen Hand in Hand mit ihr, der starken, nicht an Schwärmerei noch Idealen hängenden Jungfrau zu gehen. Ein Gedanke trug noch vieles zu ihrer Beruhigung und Zufriedenheit bei. Sie fühlte in ihrem Innern, daß sie sich als Opfer für irgend eine Ungerechtigkeit, die ihr Vater an dem alten Birsher begangen, hinzugeben habe; sie fühlte, daß der Senator mit Verlangen ihrer Verbindung entgegensah; er hatte von einer heiligen Schuld gesprochen und sie war stolz darauf, die Zahlerin derselben zu sein. Die Besuche, die ihr Herr Georg Tag für Tag zweimal abstattete, machten sie immer mehr und mehr mit den edeln Eigenschaften bekannt, deren sich sein Herz rühmen konnte, und wenngleich Schüchternheit und Konvenienz ihr verboten, dem Verlobten die volle Achtung zu zeigen, die sein Benehmen ihr abzwang, so entschädigte sie sich dafür in ihren Gesprächen mit der Lainez, die gutmütig und freundlich dem Lobe zuhörte, das die Braut dem Bräutigam spendete und ihr eine Teilnahme zeigte, welche die Mutter nicht äußerte, weil sie dieselbe nicht empfand. Unvermerkt nahmen indessen die Unterredungen eine andere Wendung. Die Lainez, obgleich die Verbindung mit dem Amerikaner höchlich billigend, stimmte allgemach das Lob des ungebundenen fessellosen Lebens an. »Glauben Sie nicht,« sagte sie einst, da Justine sich mißbilligend dagegen ausgesprochen hatte, »daß ich den mindesten Zweifel wider den Beruf hege, den der gute Herr Birsher verspürt, Ihr Mann zu werden. Ich halte ihn für einen rechtschaffenen Mann; für denjenigen, der das Glück zu schätzen weiß, das ihm in Ihnen zu teil wird. Aber, beste Mademoiselle, erlauben Sie, daß meine Erfahrung Sie nicht ungewarnt lasse. Ich lebte in einer glücklichen Ehe, geliebt von einem jungen, schönen, mit Rang und Ehre begabten Manne; ich wurde von ihm auf den Händen getragen, aber dennoch fühlte ich oft recht schmerzlich den Verlust meiner Freiheit. Die Gattin, der Gewalt des Mannes unterworfen, darf keinen Schritt mehr nach ihrem Kopfe tun, denn die Männer haben die Gesetze gemacht. Die Frau bleibt vor den Augen der Welt nichts mehr und nichts weniger als eine leidige Zugabe des Gatten, der sie mit seiner Ehre bekleidet; eine trügende Sonne, die ihre Strahlen von dem Gestirne, woran sie geknüpft ist, entlehnt, und untergehen muß, sobald der Herrscherstern verlischt, oder ... was nicht selten geschieht, eine abweichende Bahn zu beschreiben für gut findet. Unvermählt, gibt Jugend und Schönheit uns einen Rang, auf welchen oft Fürstinnen neidisch herniedersehen; verheiratet, legen wir den Zepter der Reize nieder, um die Sklavin eines – wenn auch geliebten – Herrn, unsrer Wirtschaft, unserer Kinder, unsers Rufs zu werden, und in Dunkelheit ein Leben zu enden, das oft so reizend, so vielversprechend begann.« »Ei, gute Frau, welche Reden?« sagte Justine verwundert und empfindlich, »Ihre Gedanken fliegen hoch. Ihre Prophezeiung soll aber an mir zuschanden werden. Halten Sie mich für das schwache Geschöpf, das sich unterjochen lassen, oder Herrn Birsher für den Mann, der solche Erniedrigung begehren würde? Wenn – verzeihen Sie mir – der Kapitän Lainez, gewohnt, anderthalbhundert Menschen mit Sack und Pack nach seinem Wort zu leiten, diese militärische Tyrannei in sein Hauswesen übertrug, so machen's die Herren vom Degen nicht anders. Ich soll jedoch die Frau eines friedlichen Kaufmanns werden, die Gefährtin seines Glücks, nicht die Magd seiner Bequemlichkeit, und, wenn die Wagschale einer gewissen Herrschaft auf eine Seite schwanken sollte, so müßte es die meinige sein; darauf gebe ich Ihnen mein Wort.« Die Lainez lächelte, zuckte die Achseln. »Wir werden ja sehen!« sagte sie einsilbig. Justinen genügte dieses nicht. »Sie sollen die Sache nicht unentschieden lassen,« sagte sie lebhaft, »Sie müssen sich mir gefangen geben oder mich gefangen nehmen. Mein Charakter ist leicht zu erkennen, zu ergründen. Glauben Sie etwa, er passe, trotz seiner Gewohnheit, alles durchzusetzen, unter das Joch, dessen Sie erwähnten?« »Fürchten Sie sich vor einem härtern, unerträglichern,« entgegnete die Lainez hastig; »Sie gehen mit der Unbefangenheit, ich möchte sagen, Unbesonnenheit einer zuversichtlichen Jugend einem Bunde entgegen, zu welchem, wie Sie es auch leugnen wollen, das Herz, die Neigung, Sie nicht zieht. Sie werden blindlings die Frau eines Mannes, der Ihnen nicht mißfällt, den Sie aber auch nicht lieben. Diese Leidenschaft bleibt jedoch nicht aus. Wehe Ihnen, wenn in Ihr beschränktes, einförmiges Leben einst der Mann tritt, der Ihre Gefühle mit Siegelgewalt an sich reißt; der es versteht, Sie, die Unbewachte, zu bezwingen. Hätten Sie auch die Obergewalt in Ihrem Hause errungen, vor dem Fremdling müßten Sie dieselbe niederlegen!« Justine sah, bis unter die Haare errötend, die Lainez starr und verwundert an, verzog dann spöttisch den Mund und erwiderte: »Sie sprechen Dinge aus, woran meine Seele bis jetzt noch nicht gedacht. Sollten auch diese zu Ihren Erfahrungen gehören? Sorgen Sie nicht für mich, die Ehre ist der Harnisch, der mich gegen den Versucher wappnen soll.« Die Witwe verstand sehr wohl die rauhe Antwort; sie erhob sich schnell und gekränkt von ihrem Stuhle, schob die Arbeit von sich und trat ans Fenster, Justinen stumm und beleidigt den Rücken kehrend. Das Mädchen bemerkte, schnell bereuend, den Eindruck, den seine Worte gemacht. Es näherte sich – den Vorwurf fühlend, einen unglücklichen Gast gekränkt zu haben– der Französin. Zaudernd überlegte Justine, wie sie wohl die Verletzte anzureden habe; da gewahrte sie, an dem Stuhle der Lainez niederbückend, ein Papier, das der Aufstehenden entfallen war. Sie hob es auf, trat zu der Witwe und sagte ihr freundlich-ernst: »Hegen Sie keinen Groll gegen mich. Ich bedenke nicht lange, was ich sagen will. Es tat mir aber leid, Ihnen so unsanft geantwortet zu haben. Vergeben Sie und nehmen Sie Ihren Platz wieder, wie dieses Papier, das Sie verloren,« »Sie sind ein heftiges, liebes Kind,« entgegnete die Lainez und wendete die Augen voll Tränen der Reuigen zu, »wer wollte Ihnen nicht vergeben?« Sie umarmte dabei Justine und drückte, zum erstenmal, Küsse auf die Stirne, die Augen und den Mund de« Mädchens, die wie Flammen brannten und Flammen auf Justinens Antlitz riefen. Dann fuhr die Französin, ruhig werdend, zu der Erröteten fort: »Es ist möglich, meine liebliche Freundin, daß ich mich, von Besorgnis für Ihr Wohl ergriffen, mancher Ausdrücke bedient habe, die Sie auf den Argwohn führen konnten; es sei mir darum zu tun, Ihren Geist, Ihr Herz in Unruhe zu versetzen und gewissermaßen den Versucher selbst zu spielen. Verbannen Sie dieses Mißtrauen! Glauben Sie an meine harmlose Zuneigung. Dieses Papier, das Sie mir reichen, das mir entfiel, führt den Beweis für mich. Es ruht seit vorgestern in meiner Tasche und ich zeigte es Ihnen nicht, um Ihre Ruhe nicht zu erschüttern. Jetzt aber, da der Zufall es in Ihre Hände gegeben, da ich nun weiß, wie fest Ihre Entschlüsse stehen, mögen Sie es eröffnen, und sich von meiner Diskretion überzeugen.« Justine tat neugierig und gespannt, wie ihr die Lainez hieß. Bekannte Schriftzüge. Sie las dieselben. Ihre Hand zitterte, aber ihr Auge, verräterischer vielleicht, als ihre Hand, wich nicht von der Schrift, bis sie zu Ende war. James, der aus Justinens Nähe verwiesene James schrieb: »Wie auch immer Ihre Gesinnung, Madame, sich gegen mich entschieden, ich sende Ihnen diese Zeilen: Saatkörner, die auf ein wirtliches Feld fallen mögen, wenn Gott es will. Sie leben, wie ich höre, bei Ihr! Sie wohnen in dem Paradiese, aus dem mich leichte Schuld und eine allzustrenge Tugend verbannt hat! Sie atmen Himmelsluft und ich erstickenden Nebel, der mein Glück mit dem Trauerflor eines ewigen Scheidens bedeckt. Wollen Sie, die Reiche im Schoß der Seligkeit, dem Armen in dem Gefühle der Verzweiflung einen kühlenden Tropfen versagen, daß seine brennende Lippe sich labe? eine einzige Wohltat, die Ihnen nur ein Wort der Fürsprache vor dem Throne der Gnade kostet? Madame, Sie retten mich vom zeitlichen, wie vom ewigen Tode, wenn Sie mir mit einer Silbe sagen, daß Sie mir vergibt!« Justine legte das Blatt auf den Tisch, zog ihr Schnupftuch hervor und ging schnell in das Kabinett. Nach einigen Augenblicken kehrte sie wieder; sie hatte geweint, aber die Träne getrocknet; ihre Wange war blaß, aber ihr Gang sicher. Sie sagte zu der Lainez: »Nehmen Sie diesen Brief wieder zu sich und erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß Sie hart und grausam handelten, indem Sie mir den Brief nicht mitteilten. Was besorgten Sie für mich? Meine Brust ist ruhig, völlig ruhig! ich versichere es Ihnen. Aber das Gehirn des jungen Schwärmers, der von seiner trügerischen Gelassenheit völlig Abschied genommen zu haben scheint ... welche Marter hat er vielleicht in den paar Tagen ausgestanden – eine Antwort ersehnend und keine erhaltend? Schreiben Sie ihm, gewissenhafte Frau. Sagen Sie ihm, daß ich versöhnlich bin unter der Bedingung, daß er vernünftig sei, und ferner rechtschaffen handle.« »Sie sind ein Engel!« erwiderte die Lainez mit vielem Aufwand von Affekt, »ich wagte nicht, hier Fürsprecherin zu sein, und nun ... ja wahrlich, mein Brief wird Balsam für den Armen sein. Gut indessen, daß er – wie die Sachen abgeredet sind – nicht erfahren kann, daß und wie bald schon Sie sich vermählen. Welch ein Sturm auf seine heftigen Gefühle! Vernimmt er die Nachricht, nachdem sich bereits alles begeben, wird er sie leichter tragen. Denn was einmal geschehen ...« »Ich verstehe Sie nicht,« unterbrach sie Justine, die Augen starr auf die Arbeit geheftet, »Sie reden wieder in Rätseln.« »Ei, Mademoiselle,« versicherte die Lainez lustig, »Ihr Scharfsinn und Ihre Weiblichkeit wären mir ein Rätsel, wenn Sie nicht erraten hätten, daß der junge Mann sterblich in Sie verliebt ist.« »Madame Lainez!« »Mademoiselle Müssinger! Sie werden abermals heftig und ungerecht. Ich will lieber schweigen.« »Was halten Sie von Monsieur White?« fragte Justine nach einer langen Pause, »Sie kennen ihn, glaube ich, genauer.« »Wie Elias seine Verfolger in der Wüste. Er war mein Wohltäter! kam und ging, je nachdem sein Pflegevater meiner Armut gedachte.« »Diesen Pflegevater,« nahm Justine schnell das Wort auf, »diesen Pflegevater – Sie kennen ihn?« »Ich habe ihn nie gesehen.« »Er war neulich ein Gast meines Vaters; der Doktor mit der großen Perücke war's.« »So? hätte ich das gewußt! Und der edle Mann, der doch meinen Namen hörte, verriet sich gegen mich mit keiner Silbe ...!« »Das war sehr männlich und gut. Ich gäbe jedoch etwas darum, könnte ich von dem Doktor etwas Näheres erfahren.« »Welche Teilnahme! Wenn Sie es wünschen, so soll Herr White uns morgen schon die nächste Auskunft geben.« »Welch ein Gedanke! Monsieur White wäre der letzte, den ich zu diesem Zwecke auffordern würde.« »Ihre Gründe?« »Mein Geheimnis.« »Ich bescheide mich. Wenn Sie jedoch an der Bereitwilligkeit des jungen Herrn zweifeln sollten, so bürge ich Ihnen, diesem Briefe zufolge, dafür. Aus diesen Zeilen spricht viel Hingebung. Ich bin überzeugt, Ihnen zu Gefallen würde er sich den Pfeilen einer amerikanischen Horde mit so vielem Mute aussetzen, als der heilige Sebastian es tat, um den Himmel zu gewinnen.« »Welch ein Gleichnis! Madame, Ihre Scherze sind stumpfe Pfeile.« »Eine Braut findet alles langweilig. Uebrigens, meine gute Dame, werde ich wohl meinen armen Sebastian und die wunderschöne verlassene Pulcheria nimmer zu sehen bekommen? Finden Sie Geschmack daran, meine Bilder zu behalten?« »Warum nicht gar?« versetzte Justine ein bißchen verlegen, »ich muß gestehen, daß ich das Medaillon gänzlich vergessen habe.« »Geben Sie es mir zurück,« Justine suchte verlegen in den Taschen. »Ich habe den Schlüssel zu meinem Schranke verlegt. Ich werde ihn holen.« Die Lainez lächelte. »Recht, meine Liebe,« sagte sie, »bringen Sie nur zugleich das Bild mit. Ich will Ihnen sagen, wo es sich befindet. Sie haben es zwischen Myrten aufgestellt und ihm ein liebliches Tempelchen hergerichtet; traulich, ungestört, denn Mama und Papa lieben die Blumen nicht sonderlich, und der Wärterin dieser Sommertöchter ist es unverwehrt, dort im sichern Versteck ihren stillen Gottesdienst zu halten.« »Abscheulich!« rief Justine, »bin ich eine Götzendienern? Auf der Stelle sollen Sie das Bild haben, das ich in der Tat an jenem Platze vergessen habe.« Sie eilte rasch davon und brachte etwas verdrießlich und gereizt das Medaillon. »Hier, Madame, haben Sie Ihr Pfand zurück.« Die Lainez nahm es gleichmütig und ging damit zu einem Kästchen, das ihre Papiere und einige aus dem Sturme ihrer Verhältnisse gerettete Angedenken einer bessern Zeit enthielt und öffnete es. Während sie ein Futteral hervorholte, in welches sie das Medaillon verschloß und dasselbe in die Schatulle niederlegte, sagte sie scherzend: »Es ist gleichwohl besser gewesen, daß dieses Bild unter jenen Myrtensträuchern und nicht an Ihrem Busen vergessen wurde, Mademoiselle.« »Wieso?« »Hm! Es soll eine Eigenschaft besitzen, die ...« »Und welche?« »Die alle diejenigen, welche das Bild tragen, zwingt, katholisch zu werden, oder es zu bleiben.« »Welche Posse!« »In der Kapsel liegt eine Reliquie des heiligen Kreuzes. Diese mag das Wunder wohl bewerkstelligen. Aber die Wirkung soll unleugbar sein. Darum wird es,« setzte die Lainez ernsthafter hinzu, »besser sein, wenn ich das Zauberbild nicht mehr am Halse trage. Es möchte sonst aus meiner Bekehrung zu Liebkirchen nichts werden.« »Sie sprechen etwas leichtfertig von der Wohltat, wozu ich Ihnen verhelfen will, meine Schutzbefohlene. Um Sie von dem Aberglauben, wovon Sie sprachen, zu heilen, wollte ich wohl dieses Bild auf meiner Brust tragen, so lange Sie es begehren, ohne von dem törichten Schwindel ergriffen zu werden, dessen Sie erwähnten.« »Es käme auf die Probe an,« sagte die Lainez leichtsinnig, »hier ist das Bild,« sie nahm es aus dem Kästchen, »samt der geweihten Kapsel. Getrauen Sie sich, das übermütige Wort zu bewähren?« »Geben Sie her!« erwiderte Justine ebenso leichtsinnig und trotzig, »ich verspreche Ihnen sogar, nicht einmal die Kapsel zu öffnen, und die Wunderkraft der Reliquie, wie die Neugierde zumal zu besiegen; ein doppelter Triumph, der Sie von meiner Ausdauer überzeugen soll!« »Recht so, meine kleine Heldin!« rief die Lainez und hing dem Mädchen das Bild um den Hals. »So reizend sich nun wohl dieses rabenschwarze Samtband auf dem prachtvollen Nacken ausnimmt,« setzte die Schmeichlerin scherzend hinzu, »so wollen wir das Medaillon samt Band doch sorgfältig unter dem Schleiertuche des Mieders verstecken. Mama könnte neugierig und ungehalten werden – erführe sie den Scherz!« Justine gab ihr recht und ließ die Witwe gewähren. Der bald darauf eintretende Bräutigam unterbrach das fernere Gespräch über obigen Gegenstand. Die Lainez, um die Unterhaltung der Brautleute nicht zu stören, ging aus, und nach und nach versammelten sich der Senator und seine Frau in Justinens Stube. Die Mama belobte die feine Arbeit der Französin, die Geschicklichkeit, mit welcher dieselbe die Spitzengarnitur angebracht; der Vater pries die stille Anspruchslosigkeit der neuen Hausgenossin; Georg schüttelte jedoch den Kopf und sagte: »Die Unglückliche, Heimatlose verdient mein Mitleid und meine Achtung. Mir ist es jedoch angenehmer, daß sie nach Berlin zieht, während ich und Justine nach Amerika ziehen. Französische Nachbarschaft tut weder der Deutschen noch dem Engländer in die Länge gut. Mich freut es indessen, bei dieser Gelegenheit die Herzensgüte meiner tugendsamen Braut kennen gelernt zu haben. Wer sich so freundlich einer Fremden, Hilfsbedürftigen anzuschließen versteht, wird den Verwandten nimmer fremd werden, den Gatten stets lieben, die Kinder stets sorglich pflegen. Ich billige es auch sehr, daß Sie, Herr und Frau Senatorin, diesem Hang zum Wohltun keinen Zwang entgegensetzten.« »Sie ist das einzige Kind,« sagte der Senator lächelnd. »Sie tut immer, was sie will,« fügte Jakobine langweilig hinzu, »wir sind es schon an ihr gewöhnt und es wäre nicht mit ihr auszukommen gewesen, hätten wir nicht die Landstreicherin, von der niemand das geringste weiß, im Hause geduldet. Freilich hat die Syndikussin sie empfohlen, wie das Töchterchen sagt, aber ihr Köpfchen hätte der Empfehlung nicht bedurft.« Die Senatorin schwieg, von der langen Rede erschöpft, und alle schwiegen mit ihr. Justine grollte über die ihr zugefügte Beschämung! der Senator über die geringe Lebensart seiner Frau; Georg überlegte und sinnend ruhte sein Auge auf Justinen. »Sind Sie so herrschsüchtig?« fragte er plötzlich und legte seine Hand auf Justinens arbeitende Rechte, »spricht Ihre Mutter wahr?« »Monsieur ...« stammelte Justine nach einer Antwort suchend. »O gewiß,« fuhr Georg offenherzig fort, »gewiß scherzte Ihre Mutter nur. In diesen Augen, in diesem Gesicht, das nur Ruhe und Festigkeit ausdrückt, suche ich vergebens nach Trotz und Eigensinn. Nachgiebigkeit und Sanftmut schmücken ja die Frau. Durch diese Eigenschaften regiert sie den Mann und erhält ihre Reize.« »Sie predigen frühzeitig, mein Herr!« versetzte Justine, ihn scharf von der Seite anblickend. »Man verständigt sich nie früh genug,« sagte er hierauf ohne Heftigkeit, »es ist besser, sich zuvor zu kennen. Unser Brautstand ist kurz, wir können ihm nicht vertrauen. Wir sind riskierende Kaufleute, schließen einen Handel auf Treu und Glauben, ohne Assekuranz. Sein Sie daher offenherzig, wie ich, meine Liebe. Despotismus in der Ehe werde ich nicht tragen, der Launen Knecht nicht sein. Ich biete Ihnen keine Eisenketten. Wollen Sie mich damit binden? Sagen Sie mir's, damit wir beide unser Glück und unsere Freiheit retten.« »Sie führen seltsame Diskurse, worauf ich nicht antworten kann,« antwortete Justine sehr spitzig, erhob sich und verließ mit ihrer Arbeit das Zimmer. Georg sah die Zurückbleibenden verdüstert und fragend an. Die Eltern schlugen beschämt die Augen nieder. »Sehen Sie, mein Wertester,« begann der Senator sich räuspernd, »das Frauenzimmer ist hierzulande der Galanterien, die von den Welschen kommen, mehr gewöhnt, als der amerikanischen Freimütigkeit. Ich möchte Ew. Edeln nicht das Konsilium geben, auf dem durchgreifenden Tone zu beharren, sintemalen das Kind noch in der Welt so fremd und unerfahren...« »Ich merke wohl, wo es hier fehlt,« sagte Birsher lächelnd, »es tut jedoch nichts, wenn nur das Herz gesund und gutgeartet ist. Sie wird sich an meiner Fassung, an meiner Aufrichtigkeit ein Beispiel nehmen, und alsdann die Härten mildern, die ihr noch aus der früheren Jugend ankleben. Könnte ich das Gegenteil voraussehen, so würde ich es, so weh mir es täte, vorziehen, Ihnen, Herr Senator, Ihr Wort zurückzugeben.« Der Senator erschrak. »Ew. Edeln Scherzen wohl,« sagte er, von dem Gewissen angeregt. »I nu,« entgegnete Georg lächelnd, »wer weiß, ob Justine mir da« meinige nicht zurückzugeben gedenkt. Das arme Kind ging sehr böse von hier, und scheint eine hartnäckige Feindin zu sein, wenn sie den Krieg erklärte.« Der Senator war verlegen. Die Senatorin versetzte jedoch sehr ruhig und treffend: »Sorgen Sie nicht, geehrter Herr Schwiegersohn. Justine ging nicht, ohne das Brautmieder, woran sie arbeitet, mit sich zu nehmen. Mit diesem beschäftigt, ist's dem Mädchen mit dem Groll nicht ernst.« »Sie beruhigen mich, geehrteste Frau,« sagte Birsher, »ich hoffe wieder, will aber, da ich das Scharwenzeln um die Jungfern nicht leiden kann, auf morgen die Versöhnung verschieben.« Ein Weibel des Rats erschien und überbrachte dem Senator die Weisung, am folgenden Tage Punkt neun Uhr auf dem Rathause zu erscheinen. »Ist denn morgen eine außerordentliche Sitzung?« fragte Müssinger verwundert, »warum eine Stunde früher, als sonst?« »Der wohlehrsame und weise Herr Senator sollen zuvor vor Sr. Magnifizenz dem amtierenden Herrn Bürgermeister privatim vernommen werden,« lautete die Antwort des abgehenden Ratsboten. Der Senator schwieg sinnend und staunend; die Senatorin wurde bald bleich, bald rot und sah ihren Mann scheu von der Seite an. Georg sah sich hier überflüssig und empfahl sich, nicht minder gedankenvoll. Er begab sich nach seinem Gasthofe zurück. Die Reden der Senatorin, das Betragen der Braut hatten auf den geraden Mann einen gefährlichen Eindruck gemacht. Das Ideal häuslicher Glückseligkeit, das er sich in einsamen Stunden entworfen, das er an Justinens Seite zu finden gehofft, schien ihm Plötzlich eben nur Ideal zu sein und zu bleiben. So manche schielende Bemerkung, die er aus dem Munde der Gastwirtin über Justine sowohl, als das Hauswesen des Senators überhaupt vernommen und bis jetzt überhört, gewann mit einem Male Gewicht und Bedeutung. Ein schmeichelnder Traum, der seine Sinne und sein Urteil umzogen, fiel stückweis vor ihm, der zu erwachen vermeinte, zusammen. In großen Mißmut versunken, betrat er sein Zimmer und suchte an seinem Fenster, das die Aussicht auf die vom Abendstrahl beleuchtete unferne Promenade mit ihren Spaziergängern gewährte, Unterhaltung, Zerstreuung. Ein leises Klopfen an der Türe erregte seine Aufmerksamkeit, zog ihn von der Aussicht ab. Auf sein »Herein!« kam demütig grüßend und gebückt ein ältlicher Mann mit kummervollen Zügen, in schwarzen Kleidern, mit einem schüchternen »Guten Abend mein Herr!« in das Zimmer. Georg hatte nicht so bald den unbekannten Besuch mit dem Blicke gemessen, als er auch in ihm einen jener reduzierten Schullehrer oder grau gewordenen vazierenden Kandidaten zu sehen glaubte, die dazumal häufig von Stadt zu Stadt wandelten, ein ärmlich Stück Brot suchten, und sowohl auf den Kanzleien, bei Pfarrern und Gutsbesitzern, als auch in Gasthäusern bei wohlhabenden Fremden ein Matikum zu erbetteln pflegten. Der Amerikaner, dem ähnliche Figuren bereits in Deutschland vorgekommen waren, griff mitleidig in die Westentasche. Der Fremde verstand diese Gebärde und eine versagende Bewegung seines Kopfes und seiner Hand verriet dem Freigebigen, daß es hier auf seine Geldwohltat nicht abgesehen sei. Er ließ daher die milde Hand sinken und fragte artig und zuvorkommend, was denn wohl zu den Diensten des Schwarzgekleideten stehe. Der Mann richtete sich besser empor, trat näher und fragte mit einer sehr weichen Stimme entgegen, ob er die Ehre habe, mit Herrn Georg Birsher von Neuyork zu sprechen. »Ich bin's, Herr. Ihr Anliegen ...?« »Ist lediglich ein Anliegen, das sich an Ihre Großmut richtet. Ich frage nicht nach Ihrem Gelde, mein Herr; ich erkundige mich nur nach Ihrem Herzen.« Birsher staunte und wies dem Fremden einen Sessel, Der Mann setzte sich und fuhr fort: »Man hat Sie als einen wackern, streng rechtlichen Herrn geschildert, der wenig Worte zu machen, aber desto mehr zu handeln pflegt. Da habe ich den Mut gefaßt, Sie auf die Probe zu stellen,« »Sonderbar! Wieso?« »Ich befand mich gestern zu Liebkirchen, wohne eigentlich zu Faldern und habe den Herrn Pfarrer und Inspektor in ersterem Orte besucht. Se. Ehrwürden, die gerne lustig und guter Dinge sind, und einen frohen Schmaus so sehr lieben, als es sich mit Ihrer Würde verträgt, sagten zu mir: Magister, wenn Sie sich bene tun wollen, so kommen Sie nächsten Dienstag, Es gibt hier eine Kopulation, die sich fideliter endigen wird. Der Bräutigam ist reich, der Brautvater nicht minder und lustig obendrein. Ein splendides Carmen von Ihrer Hand würde seinen Zweck nicht verfehlen, und Ihnen silberne Früchte und Wein und Kuchen nach Herzenslust eintragen. Sie wissen vielleicht, mein Herr, daß wir stellenlose Magister unser Zeitliches sauer und schmal zu verdienen haben, und daher Hochzeiten und Kindtaufen nachziehen, wo sich solche auch begeben. Ich freute mich daher und fragte nach den Namen des verehrtesten Brautpaars, damit ich solche in dem Epithalam gebührenderweise einfließen lassen möchte. Da nannte mir der ehrwürdige Herr Inspektor die Namen: Herr Georg Birsher, Kauf- und Handelsmann aus Neuyork, und die tugendbelobte Jungfer Justine Müssingerin, des Kaufherrn und Senators eheliche Tochter allhier. Ich stutzte zwar, verbarg jedoch dem Herrn Pfarrer mein Erstaunen, habe mich indessen eiligst auf den Weg gemacht, um, Verehrtester, aus Ihrem Munde zu hören, ob sich wirklich die Sache also verhalte.« »Der Herr Pfarrer, auch Inspektor, ist ein Schwätzer, Herr Magister, Er sollte nicht Plaudern. Da Sie jedoch einmal unterrichtet sind, so mag ich's nicht leugnen, unter der Bedingung, daß Sie verschwiegener sind und ein recht fröhliches Hochzeitslied liefern. Sie sollen dann zufrieden sein.« »Zufrieden?« sagte der Magister, indem er seufzend und mit gefurchter Stirne aufstand, »wie kann ich lächeln, da ich traurig bin? heißt es in irgend einem Psalm. Zu dieser Kopulation kann ich kein Hochzeitcarmen fertigen.« »So? Und warum nicht, wenn's beliebt?« »Ich will lieber ein Leichengedicht machen und einen Sarg bestellen.« »Herr! Sie sind ohne Zweifel im Kopfe nicht gesund.« »Doch, doch, Verehrtester. Allein ein Mensch, der mir nahe angehört, steht am Rande des Wahnsinns, am Rande des Grabes! und er taumelt hinein, sobald der Inspektor zu Ihrer Trauung läuten läßt.« Dem Bräutigam wurde immer unheimlicher zu Mute. Er starte den seltsamen Magister an, rieb sich die Hände, faßte sich nun gewaltsam und versetzte: »Erklären Sie sich, Herr. Ich bin kein Kind, sondern ein Mann, mit dem sich das ernsteste Wort deutlich und ohne Umschweif reden läßt. Von welchem Menschen sprechen Sie, und welchen Bezug hat meine Ehe auf denselben?« »So hören Sie. Mein ehemaliger Zögling, der junge hoffnungsvolle Mann, ein Engländer von Geburt, ein Baronet, unglücklich, aber brav, liebt – liebt Dero Jungfer Braut.« »So?« das tut mir leid um meines Landsmanns willen. Er lasse sich indessen die Torheit vergehen. Wo nicht Ansprüche sind, gilt die einseitige Leidenschaft nichts.« »Keine Ansprüche? Ach, er hat die gültigsten; denn Jungfer Justine hat ihm ihr Herz geschenkt.« »Herr!« fuhr Georg auf. »Er war ihr Lehrer; Amor mischte sich in« Spiel. Ein Verständnis erwuchs. Der Vater schlug es nieder. Daher ohne Zweifel das Geheimnis, worein er diese Hochzeit verschleiern will.« »Wahrlich; ich besinne mich, von einem jungen Engländer gehört zu haben, aber – Justinens Unbefangenheit...« »Ihre Neigung unterwarf sich dem strengen Willen des Herrn Senators. Es ist aber nur Asche über die Glut gedeckt. In der letzten Zusammenkunft der jungen Leute ...« »Zusammenkünfte? Schöne Entdeckungen!« »Sollte Abschied genommen werden, aber Jungfer Justine wollte nichts davon wissen. Sie ermutigte meinen James, ihr binnen einer gewissen Zeit nach Amerika zu folgen,« »Wahrhaftig?« »Dieser Vorschlag war der eines heftigen unbesonnenen Mädchens. Mein Zögling verwarf ihn. Glaubst du,« sagte er, »daß ich einen Landsmann, einen wackern Herrn, wie Herr Birsher ist, hintergehen möchte? Lieber sterbe ich, hier zurückbleibend, vor Gram.« »Sieh doch! Der Landsmann hat mehr Ehrgefühl, als die Jungfer Braut.« »Die Jungfer bereute auch alsbald, und weinte, und letzte sich mit dem Freunde. Ich wußte von allem nichts. Der Jüngling hatte mir alles verschwiegen. Seine Liebe hatte ich jedoch gemerkt. Darum kam ich zur Stadt, zu erfahren, ob er wohl wisse, was sich zu Liebkirchen begeben solle. Da gestand er mir alles, und weinte und verzweifelte, und ich fürchte, er tut sich ein Leids.« »Nein, nein! das soll der Landsmann nicht. Was wollten Sie aber eigentlich bei mir?« »Ich komme ohne Vorwissen meines James. Ich wollte Ihnen alles entdecken und Ihre Großmut fragen, ob sie es über sich gewinnen kann, zwei Menschen unglücklich zu machen, die sich lieben? ein kaltes Herz an sich zu binden?« »Wahrlich! das will und werde ich nicht. Eine heuchelnde Gattin, die sich nach einem fernen Freunde sehnt? Nimmermehr. Einen Nebenbuhler, der sich eine Kugel vor den Kopf schießt, und meine Frau zur Grube welken macht? Gott behüte mich vor solchem Verdruß und Jammer!« »Gott lohne Ihnen diesen Entschluß!« rief der Magister gefühlvoll und führte ihn an das Fenster, »sehen Sie auf jener Bank den blassen jungen Mann, der tiefsinnig vor sich niedersieht? Er ahnt nicht, daß hier von ihm geredet wird, aber da« tiefe Weh, das seine Brust empfindet, läßt ihn auch alles um ihn her vergessen. Da« ist James. Ueber sein Leben haben Sie nun zu entscheiden.« »Ein ansprechendes Gesicht!« versetzte Georg, mitleidig herniederblickend, »wenn ich nun aber Ihrer Zuversicht auf meine Rechtlichkeit entspreche und dem Glück, das ich geträumt, entsage? was wird es dem jungen Unbemittelten nützen? der Senator wird nicht zu bewegen sein.« »Was wäre der ausdauernden Liebe unmöglich?« fragte der Magister, »sie bändigt Löwenbrut; warum nicht ein zur glücklichen Stunde überraschtes Vaterherz?« »Ei, Herr Magister! Sie scheinen die Liebe studiert zu haben!« sagte Georg Birsher gedankenvoll lächelnd, »Ihre Beredsamkeit überzeugt jedoch den soliden Geschäftsmann nicht. Wo ist die Kaution für Ihre Aussage? Sie sind der Magister...« »Liebhold aus Faldern.« »Ganz recht. Ihr Zögling ist in meine Braut verliebt. Woher der Beweis, daß ihn meine Braut wieder liebt? Frage ich gerade und offen wie ein Mann, so errötet sie wohl und leugnet nachher, des Vaters Zorn fürchtend, in den sie sich gehorsam gefügt. Der Vater wird mir, rede ich mit ihm, die Sache als eine jugendliche Torheit schildern, und ich führe mißtrauisch, aber dennoch beim Wort gehalten, einen trügerischen Handel aus. Von der andern Seite kann aber alles nur Trug sein. Man hat schon eine gewisse Komödie auf meine und eines Verstorbenen Rechnung versucht. Wer weiß, ob Sie, Herr Magister, nicht ein Fuchs sind, der mich irre leiten soll? der Urheber eines neuen Possenspiels, mir Lust und Neigung zur Ehe zu rauben?« Der Magister bückte sich ergebenst. »Ich habe wie ein Mensch zum Menschen gesprochen,« sagte er mit dem Ausdruck tiefer Resignation, »mein Stand erlaubt mir nicht, öffentlich als Ehestörer aufzutreten. Ich hätte die Rache des Senators zu fürchten und bin ein alter Mann, der den Rest seiner Jahre in Frieden zuzubringen wünscht. Meine Worte sind Ihnen vielleicht verdächtig. Ein gültigerer Zeuge ist wohl das Bildnis des Geliebten, das Jungfer Justine behielt, das sie, wie mir James vertraut, noch auf ihrer Brust trägt, das sie geschworen hat, auch seiner zu tragen, so oft ...« Es wurde dem Amerikaner heiß vor der Stirne. Er sprang auf, unterbrach den Redner heftig. »Sein Bildnis!« rief er, »Gott verzeihe mir die Sünde, bald wäre mir ein unbescheidenes Wort entschlüpft! O ja, Herr Magister! das ist ein unverwerflicher Zeuge; ich werde ihn ans Licht ziehen! ich werde sehen ... und ... finde ich's so, wie ich jetzo beinahe fürchte ... Sie sollen von mir hören. Gehen Sie aber jetzo, mein Herr, denn ich bin etwas aus dem Gleichmut getreten, der zu einer komfortabeln Konversation gehört. Auf Wiedersehen ... wann und wo Sie wollen!« Er schob, ohne viele Umstände zu machen, den komplimentierenden Magister zur Türe hinaus und verriegelte diese hinter ihm. Ein stummer, aber heftig grollender Sturm bewegte seine sonst so ruhige Brust, und er mußte, zum erstenmal in seinem Leben, sich bittere Gewalt antun, um den Sturm zu beschwören. Er sah an diesem Abende keinen Menschen mehr und suchte vergebens den wohltätigen Schlaf. Der Morgen fand ihn jedoch wieder gelassener. Er machte sich Vorwürfe, seine Ruhe vergessen zu haben. Eine stille ahnungsvolle Wehmut stellte sich bei ihm ein, während sein der Ungewißheit und dem Zögern feindlicher Charakter ihn ermahnte, den quälenden Verdacht, den marternden Zweifel, gegen bare unverfälschte Münze umzusetzen. Er warf sich in die Kleider, er verließ das Haus, er suchte des Senators Wohnung auf, zu einer Zeit, die für einen Besuch nicht die gewöhnlichste war, denn die Glocke aus dem Rathause hatte kaum halb zehn Uhr geviertelt. Er fand Justine allein, in einem reizenden Hausgewande. Die Braut, errötend vor der unerwarteten Ueberraschung, hatte kaum die Zeit, einen Blick in den Spiegel und ein seidenes Flortuch um den Busen zu werfen, der noch von keiner Schnürbrust beengt war. Ihre Locken fielen natürlich, unfrisiert um das Haupt. Das anliegende Gewand, günstiger als die steife Visitenrobe, zeigte die schönsten Formen. Die Flor-Enveloppe verhüllte nur schwach die schönen Arme, und schöner als je malte die Wange der Verlobten die Zufriedenheit, sich ohne künstlichen Schmuck, dem schmeichelarmen Spiegel gegenüber, schön zu wissen. Birshers Herz klopfte unruhig und sehnsuchtsvoll bei ihrem Anblicke; er hatte seine Vorsätze durcheinander geworfen. Streng wollte er sein und kalt, und wurde milder und wärmer als je. Justinens Gesicht sprach Sieg, aber auch zugleich die zarte Hoffnung, die Sanftmut einer milden Siegerin, Justine hätte dem frühen Besucher gezürnt, wäre sie sich nicht des gestrigen Unrechts bewußt gewesen. Sein wehmutsvolles Antlitz, nur leicht von Rosenschimmer überstrahlt, schien ihr die Leiden zu bekennen, die ihre Härte in ihm erzeugt. Sein frühes hastiges Erscheinen schmeichelte ihrem eiteln Stolze. So empfing sie ihn doppelt zauberisch, triumphierend und beschämt, vergebend und reuig; hoffärtig, also geliebt zu sein, und geneigt, liebend zu umfangen. Verlegen antwortete ihr Mund den verlegenen Entschuldigungen des Bräutigams. Sie schien seinen Mut tadeln zu wollen und bekannte fast, daß er ein Recht dazu habe. Noch nie hatte sie den Gedanken an das innigere Verhältnis von Verlobten so lebhaft aufgefaßt. Noch nie war ihr dieser Vorhimmel das glückliche Mittelding zwischen Fremd- und zu Bekanntsein klar geworden; und indem ihre Lippe lächelnd zürnte, verlobte sich erst und wurde erst bräutlich ihr Herz. Birsher hing, wohltuend erregt, an ihren Augen, die lebendiger glänzten als die Diamanten des Brautschmucks, der vor ihr auf dem Tische stand; in dessen Beschauung der Bräutigam die Braut gestört hatte. »Ich hatte nicht gehofft, Sie mit diesem Gegenstande beschäftigt zu finden,« sagte der junge Mann leichter atmend, »Sie äußerten gestern unverdienten Groll gegen mich.« »Sind Sie überzeugt, daß er unverdient gewesen,« erwiderte Justine gefällig und näherer Erläuterung feind, »so war er von meiner Seite ungerecht. Trauen Sie mir zu, daß ich es eingesehen, und sind Sie nun zufriedener?« Birsher küßte entzückt ihre Fingerspitzen, und in den Hintergrund seiner Erinnerung waren Argwohn und Vorsatz zurückgetreten. »Dieser Empfang bürgt mir für mein künftig Glück,« sagte er freudig, »so zarte Versöhnung macht lüstern nach der veranlassenden Zwietracht. Hoffen auch Sie, beste Jungfer, mit mir glücklich zu werden?« »Ich hoffe es,« antwortete Justine freundlich und reichte ihm ungeziert die weiche Hand, »nun aber keine Zweifelsfrage mehr. Ich glaube, daß vernünftige Leute sich in den Vortagen ihrer Ehe anders zu benehmen haben, als die Amanten in den Romanen gewöhnlich zu tun pflegen. Das Schäferleben und das Seufzen der Doris, und Corydons Klagen sind mir nicht angenehm, und Ihnen ebenfalls nicht sehr, mein werter Monsieur. Wir wollen uns demnach fein gescheit benehmen und den Anstand wahren. Erlauben Sie daher, daß ich Sie ersuche, einstweilen die Bilder an den Wänden zu betrachten, bis ich Ihnen in geschickterer Kleidung aufzuwarten die Ehre haben werde,« Die Listige wollte wie ein glatter Aal entschlüpfen. Birsher hielt sie sanft auf. »Neidische Braut!« sagte er, »Sie wollen mir den schönsten Anblick rauben, dessen sich meine Augen jemals rühmen konnten? Tun Sie es nicht. Ich bin kein langweilig girrender Corydon und suchte nicht eine seufzende Doris, aber ich liebe das Ungezwungene trotz den Schäfern Arkadiens. Der steife Haarputz, die umfangreichen Damastkleider, die martervollen Korsetts, welche Ihnen die Mode aufzwingt, sind eben so viele Beleidigungen der Natur, die Ihnen ihre schönsten und seltensten Gaben nicht verweigert hat. Gewähren Sie daher Ihrem treuesten Freunde ein ferneres trauliches Beisammensein mit Ihnen, der Ungeschmückten, aber desto Reizendern!« »Das schickt sich nicht!« hieß die Antwort der Widerstrebenden. Birsher ließ ihre Hand nicht los und bat, »so lassen Sie mich wenigstens die erste Hand an Ihren Schmuck legen. Vergönnen Sie, daß ich Sie ersuche, heute mir zuliebe diese Halskette, gleichsam zur Probe zu tragen. Erlauben Sie, daß ich selbst diesen schönen Nacken damit schmücken darf?« »Ei, welche Zumutung!« versetzte Justine, und wickelte sich schamhaft in die Enveloppe. Birsher drang noch mehr auf die Erfüllung seiner Bitte und der gesetzte Mann bat diesmal so sanft, so dringend, so freundlich, daß es dem Mädchen vorkam, als müsse es dem liebenden Freunde nachgeben. Sittsam die Enveloppe um einen Zoll vom Kinn sinken lassend, neigte sie das Köpfchen, schloß errötend die Augen und lispelte: »Sie sind ein arger Schalk, werter Herr; indessen, damit Sie mir nicht böse werden ... meinetwegen!« Georg ergriff freudig die blitzende Kette. Die blinzelnde Justine sah mit Entzücken, wie seine Hand zitterte, da sie das Schloß öffnete; schon berührte das kalte Gold, der eisige Diamant ihren zarten Hals. Das Flortuch sank tiefer und ein staunendes »Ha!« entfuhr Birshers Lippen. »Was ist? Was haben Sie?« »Sie tragen bereits einen Schmuck, dessen Stelle ich beneide!« »Wieso?« Birsher zeigte auf das schwarze Samtband, das sich aus dem verhüllenden Tuche gestohlen. Justinens Wange wurde Purpur. »Lassen Sie den Schatz sehen, der sich solchen Vorzugs freuen darf ...« »Mein Gott, nein!« »Warum denn nicht?« »Ich ... ich darf nicht ...« Birsher heftete einen starren verdüsterten Blick auf Justine. Sie gewahrte es, aber – wie ein Blitz fuhr's durch ihr Herz; dem strengen Protestanten durfte sie, selbst im Scherze, das katholische Heiligenbild auf ihrer Brust nicht zeigen. Sie sträubte sich entschieden gegen sein Verlangen, es zu sehen. Er begehrte es freundlich, dann ernstlicher, dann mit kalter Bestimmtheit. »Nimmermehr!« rief sie, »Monsieur trauen mir zu, daß sich nichts Böses in diesem Medaillon befindet; aber ich bestehe nun einmal auf meinem Geheimnis!« Mit diesen Worten reißt sie das Band von ihrem Halse, um es in ihrer Tasche zu verbergen. Das Medaillon fällt von dem Bande, stürzt zu Boden. Die Kapsel springt. Justinens unsichere Hand erfaßt diese. Georg rafft das Bild auf, betrachtet es, ehe Justine es verhindern kann, mit bitterm Lachen und gibt es dann der Trägerin zurück. »Ich gratuliere zu dem geliebtem Freunde!« sagte er, und Justine glaubt vor Scham und Bestürzung in die Erde zu sinken; das Bild ist James in der vollen Blüte seiner Jugend: sprechend ähnlich; herrlich gemalt. Sie verstummt, das ungeheure Mißgeschick nicht begreifend. Der Amerikaner sagt aber mit zitterndem Tone zu ihr: »So ist es denn wahr, Jungfer Justine? ich war der Betrogene? sollte der Betrogene bleiben? Armes Geschöpf, ich bemitleide Sie!« Ohne noch ein Wort hinzuzufügen, verließ er Justine, die, ebenfalls ohne ein Wort der Entschuldigung beizusetzen, ihm sprachlos und beklommen nachstarrte. Indem er eilig und außer sich dahinschoß, begegnete ihm – zu seinem Entsetzen – der Mensch, den ei gestern gesehen, den das Bild vorstellte. »Sind Sie ein Engländer?« fragte er hastig, den Jüngling bei der Brust fassend. »Ja, Herr.« »Heißen James?« »James White.« »Sie lieben meine Braut, Justine Müssinger?« »Mein Gott! was soll das heißen? woher wissen Sie?« »Ihr Pflegvater hat mir alles entdeckt.« »Wie? Doktor Leupold?« »Derselbe. Sie werden geliebt!« »Mein Herr!« »Sie trägt Ihr Bild auf der Brust...« »Ach, mein Herr! Sie sind ein Engel, wenn Sie...« »Stille. Warum ließen Sie mich im Dunkeln tappen? damit ich schmerzlicher erwachen mußte? das war unrecht von Ihnen. Brav jedoch, daß Sie nicht nach Amerika folgen wollten. Darum renne ich Ihnen auch nicht den Degen durch den Leib. Sein Sie glücklich! Ich sage mich von ihr los!« Er ließ den Staunenden, Bebenden stehen und eilte, seine aufwallende Wehmut zu unterdrücken, weiter. Unfern vom Rathause stieß er auf den Senator, der, schwankend und blaß wie ein Geist, einherkam. Kaum rückte er vor demselben den Hut und stürzte davon, sich in sein Zimmer zu verschließen. Der Senator sah ihm verwundert, aufgebracht, niedergeschlagen nach; setzte dann seinen Weg nach Hause fort und kam sehr verdrießlich daselbst an. Frau und Tochter saßen still beisammen. Jakobine kämmte ihr Hündchen; Justine saß an einer Arbeit und tat dennoch nichts. Der Senator warf sich seufzend in einen Stuhl. »Der Satan ist los!« sagte er, »wenn ich mich aus dem Unglück losreiße, das mich jetzo niederschlägt, so will's etwas heißen. Mein Ruf, mein Amt, meine Würde stehen auf dem Spiele!« »Mein Gott!« sagten die Weiber. Die Senatorin rückte weit ab von dem Senator, Justine rückte ihm dagegen näher. »Ihr wißt, fuhr der Senator mit gedämpfter Stimme fort, »daß ich aufs Rathhaus beschieden wurde. Der Bürgermeister hat mich förmlich verhört. Ich denke, mein Kopf macht Bankrott, als er vom Lotto anhebt, und behauptet, ich hätte neulich das große Los in dem Hamburger Glücksspiele gewonnen. Auf die Verschwiegenheit meines Korrespondenten bauend, leugne ich Stein und Bein. Da wird er ernsthaft, nennt mir, als wäre er ein Hexenmeister, den Tag der Ziehung, die Nummer, die ich gespielt, den Gewinstbetrag und die Prämie, den Kaufmann, der meine Angelegenheit besorgt, und endigt damit, mir frei zu erklären, ein Kontordiener jenes Mannes, der in Unfrieden von ihm gegangen, habe eine Kollekturliste hieher gebracht und dieselbe hin und wieder indiskret zur Schau gelegt. Mein Name sei von ihm genannt, der Senat stutzig geworden. Ich sei mit dem bestehenden Verbote bekannt, müsse mich diskulpieren oder gewärtig sein, daß man Rechtens gegen mich verfahre. Der Angeber sei schon abgereist, die vidimierte Kollekturliste liege aber vor; ich müsse erklären, woher mir damals das viele Geld gekommen, und die Erbschaft nachweisen, die ich dazumal vorgeschützt. Er, der Bürgermeister, könne mir nicht helfen und müsse mir noch überdies bemerken, daß diverse Gerüchte über mich und mein Haus neuerdings in Schwung gekommen, die dem ganzen Corpori Senatus nachteilig werden könnten. Vor allem wolle er mich aufmerksam machen, daß der Pastor Lammer öffentlich über meine Saumseligkeit, die Kirche zu besuchen, lästere, und daß es von der äußersten Notwendigkeit sei, hierüber den Menschen den Mund zu stopfen, worauf man allerdings im übrigen gelinder und gnädiger untersuchen wolle, um keinen Anstoß zu geben. Hierauf entläßt mich Se. Magnifizenz sehr kalt und fehl unwillig, indem sie mir noch aufgibt, binnen vier Wochen die Beweise beizubringen, wie es sich mit jenem Gelde verhalte. Da habt ihr mein Elend, ihr Weiber; mir ist's ein Trost gewesen, es in eurem Busen niederzulegen, aber ich wünsche, daß es darin, und ein Geheimnis bleibe.« »Das versteht sich,« sagte die Senatorin, die wieder zutraulicher geworden war, »die Bürgermeisterei hat sich im geringsten nicht um die Art und Weise zu bekümmern, wie man zu Gelde kommt. Der saubere Bürgermeister sollte selber gar nicht den Großen spielen. Man weiß sich noch sehr wohl zu erinnern, wie er – ein armer Schlucker – zu den Schweden ging, um zu marketendern. Dann kam er an die Heulieferung, dann an die Spitalverwaltung, und endlich als reicher Mann hieher zurück. Wenn man seinem Reichtum nachfragen wollte... pfui!« »O des unnötigen, vergeblichen Geschwätzes!« versetzte der Senator ungeduldig, »Bei dem allen,« fügte er bei, »ist es notwendig, daß ich auf Mittel denke, das Gewitter abzuwenden. Ich bedarf des Rats... und wer soll mir raten?« »Du nimmst von mir den besten Rat nicht an,« sagte die Senatorin gähnend, »darum gehe ich. Weißt du dich jedoch nicht aus der Fatalität zu wickeln, und sie wollen dich nicht mehr im Rate haben, so lasse ich mich scheiden. Ich muß Frau Senatorin heißen bis ans Ende. Der Titel ist ohnehin der einzige Gewinn, den ich aus der Ehe mit dir gezogen habe.« »Abscheuliches Weib!« murmelte der Senator der Abgehenden zwischen den Zähnen nach, »rate du mir, Justine. Mit wem soll ich mich bereden? wen beschicken? der Augenblick drängt. Ich will mich dem Buchhalter nicht anvertrauen, der Mann ist zu streng und... nun heraus damit! zu ehrlich mit einem Worte. Berndt ist eine philadelphische Schlafmütze. Wünschte ich mir doch fast wieder den vermaledeiten Rothhast herbei! Er war ein geriebener Kniffespinner. Aber wie wäre es, wenn dein Bräutigam ... ? er ist die gute Stunde selbst und gäbe vielleicht in aller Unschuld einen Ausweg an die Hand? was fehlt dir denn, Mädchen? du bist ia weiß wie eine Sternblume? hast nasse Augen? was hat's gegeben?« Justine leugnete. Der Senator besann sich nun, Birsher gesehen und sich über dessen Unhöflichkeit geärgert zu haben. »Ich verstehe,« rief er, »ein verliebter Zwist! Deine Hartnäckigkeit wird dir noch böses Spiel machen, Justine! Was den Bräutigam betrifft, der ist gut zu lenken, aber ... der Ehemann ist ein ganz anderer Herr. Zu viel Sonnenschein in dem Brautstand, finstere Wolken in der Ehe. Versöhnt euch. Herr Birsher wird jedoch nicht geeignet sein, den besten Rat zu erteilen; darum – sende nach dem Doktor Leupold, mein Kind ... ich ließe mir die Ehre ausbitten ...« »Das tue ich nicht gerne, Herr Vater!« antwortete Justine. »Warum nicht? Ach! ich besinne mich, du hast einen Widerwillen gegen den Mann. Mische dich doch nicht in unsere Angelegenheiten, Justine.« »Lassen Sie den Doktor nicht zu tief in die Ihrigen blicken,« ermahnte Justine, »ohne mich Ihnen ganz deutlich machen zu können, warne ich Sie noch einmal vor ihm.« Der Senator seufzte tief und wendete sein Auge ab. »Er ist gewiß ein doppellarviger Mensch!« fuhr Justine fort, »überhaupt, mein Vater, kömmt es meiner Ahnung vor, als hätte uns ein immer enger werdendes Netz umfangen und umspannt; als sollten wir die Beute eines böslich bereiteten Verderbens werden.« Der Senator sah die Tochter betroffen und starr an. »Der Doktor,« sprach diese weiter, von der Unruhe ihres Herzens wie von dem vorteilhaften Augenblicke begeistert, »erscheint wie eine Hauptgestalt, bemüht, dieses Netz, das ich nicht kenne, nicht durchschaue, wohl aber fühle, zu bereiten. Mit jedem Tage wird mir klarer, was mir einst der Zufall enthüllte. Der Doktor ist nicht der einfache Jurist, der simple Privatmann, mein Vater; er ist... wie ich beschwören möchte... er ist...« »Halt!« donnerte ihr der Senator, von Angst und Unruhe geschüttelt, zu, »ich will nichts hören, ich darf nicht aus deinem Munde erfahren! Du machst mich unglücklich, Justine, und wirst es selbst, wenn eine Silbe deiner ungereimten Vermutungen unter die Leute kommt! Justine... wir wären ja alle zugrunde gerichtet!« Justinens Begeisterung schauderte vor dem außerordentlichen Schrecken des Vaters zurück. »Wie Sie befehlen!« stammelte sie verschüchtert, »beruhigen Sie sich nur. Ich habe mit der Mutter nicht geredet und Gott wird wohl alles gut machen. Ich aber will nach dem Doktor schicken.« Es wurde ihr erspart. Die Schelle des Kontors erklang und der Doktor, wie von einer Ahnung gerufen, kam mit einem Fremden, den Senator zu besuchen. Dieser Fremde gab sich in einer salbungsvollen Begrüßung dem Senator als Superior eines Profeßhauses der Gesellschaft Jesu zu erkennen und freute sich, in ihm ein bereitwilliges Werkzeug der göttlichen Gnade zu finden. Der Senator erwiderte das Kompliment etwas lau und sagte, die niedergeschlagene Verlegenheit des Doktors bemerkend, ohne besondere Umschweife, daß es ihm fast leid tue, sich durch seine sonderbaren Verhältnisse in Verbindungen verwickelt zu sehen, die seiner bürgerlichen Existenz nachteilig weiden könnten. »Ich hätte wenigstens gehofft,« sprach er, »nicht kompromittiert zu werden, aber ich habe mich getäuscht. Indem ich heute vom Rathause komme, nähert sich mir ein Mann; der Krämer Ernst, übel berüchtigt in der Stadt durch seine lockre Lebensweise und die Vergehen seines Bruders, wegen welcher derselbe im Gefängnis sitzt. Der Mensch redet mich an und fordert mich ziemlich unverschämt auf, bei der Kriminalkammer dahin zu arbeiten, daß sein Bruder auf freien Fuß gestellt werde. Da ich es ihm nun natürlich abschlage und mich wundere, daß er sich gerade an mich gewendet, den er kaum kennt, so sagt mir der Mann im Vertrauen: ich kenne niemand, der geeigneter und verbundener wäre, mir in dieser Sache beizustehen. Ich weiß ja, daß Sie ebensogut Katholik geworden sind, wie ich, und man hat mir den Anschlag gegeben, Sie zum Beistand aufzufordern. Ich war wie vom Donner gerührt und hatte kaum Fassung genug, den Menschen mit einigen Drohungen der Lüge zu zeihen und ihn von mir zu weisen, worauf er sich ärgerlich und stumm entfernte. Was soll ich nun denken? Kaum habe ich seit wenigen Tagen – wie in einen Strudel hinabgezogen – mich zum Uebertritt anregen lassen, und schon stehe ich bloßgegeben da! verraten an Menschen, für deren Verschwiegenheit kein Dreier zu verbürgen ist!« Der Doktor sah verwundert den Superior an; dann beteuerte er dem Senator, dessen Aufnahme geheim gehalten zu haben – vor der ganzen Gemeinde. Der Superior versetzte dagegen hochmütig und zuversichtlich: »Beruhigen Sie sich, Herr Senator. Ich war's, der den armen Teufel auf Sie aufmerksam machte. Er suchte bei mir den Beistand eines geistlichen Vaters und ich verwies ihn an Ihren weltlichen Schutz. Ein gutes Wort aus Ihrem Munde kann vieles fruchten und setzt Sie keinem Verrat aus; der Krämer ist mir als ein eifriges Glied der wachsenden Kirche geschildert worden, und ich habe durchaus keine Ursache gefunden, dieser Angabe zu mißtrauen. Sehen Sie, lieber Sohn: Eintracht, gemeinsames Wirken führt stets zum ersehnten Ziele. Concordia parvae res crescunt! Wie nun eine Gemeinde, die sich im Schoße der Verborgenheit bildet, einem Bruderverein im schönsten Sinne zu vergleichen ist, so ist auch jeder der Brüder dem andern Schutz und Hilfe schuldig. Leisten Sie daher dem Supplikanten nur einen leichten Beistand, wie er gerade in Ihren Kräften steht, und zählen Sie dagegen auf jeden Beistand des Ganzen. »O, daß ich mich in diese mißliche Spekulation eingelassen habe!« sagte der Senator mißmutig, und achtete nicht der zornig aufsteigenden Wolke auf des Superiors Stirne, noch des bekümmerten Angesichts des Doktors. »Wenn Sie es vermögen, meine Brüder, beweisen Sie mir den Ernst Ihrer Worte. Raten Sie mir in meinem äußerst kritischen Verhältnisse.« Er erzählte von dem Verhöre des Morgens. Der Doktor schüttelte mitleidig und besorgt den Kopf. Der Superior lächelte aber gleichmütig und erwiderte, fast spöttisch: »Das versetzt Sie in Unruhe? Gilt das Zeugnis eines verlaufenen Ladenburschen gegen Ihr Ratsherrnwort? Und hat man nicht Mittel, den Notbehelf der Erbschaft klar darzutun, als wäre er wahr wie die Sonne? Ich verpflichte mich, Ihnen Zeugen zu schaffen, und der Pater Münzner, der zugleich Doktor beider Rechte ist, wird Ihnen mit einem in allen Formen ausgestellten Testamente auszuhelfen nicht ermangeln.« »Pater Superior!« versetzte der Doktor stutzig, »bedenken Sie! ein fingiertes Testament! ein falsum !« »Nun?« fragte der Superior kalt, »was weiter? Es gilt hier, einen christlichen Bruder aus der Verlegenheit zu ziehen. Ich behaupte sogar, daß ein Testament, dessen Aussteller eine persona fictitia ist, gar kein falsum darbietet. Es sei übrigens Ihre Ansicht, welche sie wolle, so wird hoffentlich der Befehl Ihrer Obern hinreichend sein, alle Bedenklichkeiten zu heben.« Der Doktor bückte sich mit unterdrücktem Widerwillen. Der Senator schauderte ein wenig vor der Leichtigkeit, womit der Superior eine so trügliche Maßregel durchgehen ließ; aber da sein System, sollte es ihn vor Schande retten, auf Lügen beruhen mußte, ließ er sich's gefallen, daß es der kühne Pater übernahm, eine Zusammenstellung von Begebenheiten und Dokumenten – beide in der Ferne geschehen und aus der Ferne gesendet – zu erdichten, die dem Unbefangenen jeden Zweifel an des Senators Aufrichtigkeit rauben mußte, da man der Verschwiegenheit des Korrespondenten in Hamburg versichert sein konnte.« »Sie unterscheiden jetzt, bester Sohn,« sagte der Superior, »wie redlich wir es mit Ihnen meinen, und werden uns eine kleine Bitte Ihrerseits nicht abschlagen. Nach reiflicher Ueberlegung habe ich gefunden, daß unsre Handelsbücher und Register über kirchliche Angelegenheiten im Hause des ehrwürdigen Paters Münzner zu exponiert erscheinen. Ich ersuche Sie deshalb, diese acta in Ihren Verschluß zu nehmen, und zu erlauben, daß der Pater sich täglich etwa eine Stunde in irgend einem abgelegenen Winkelchen Ihres Hauses damit beschäftige, wenn es einzutragen oder abzuschließen gibt. In einem Lokale, wie das Ihrige sich darstellt, wird solches Ab- und Zugehen unbemerkt bleiben; Sie sind außer Gefahr, und wir können völlig ruhig sein.« Der Senator antwortete: »Da ich mich bereits so offen in Ihre Hände gegeben habe, meine Väter, so mag es darum sein. Ich will Ihnen auch im gegebenen Falle meine Bereitwilligkeit nicht entziehen. Ich will in aller Stille ein Kabinett, an den Hof stoßend, zum Gebrauch des Herrn Doktors einrichten lassen, und die nötige Sorge tragen, daß er nicht gestört werde.« »So werde ich noch heute abend die Bücher herbringen lassen,« setzte der Doktor bei, »da der ehrwürdige Pater Superior sie bei mir nicht sicher glaubt.« » Quidquid agas, respice finem !« bemerkte der Superior mit dem schlauesten Gesichte, »ich danke Ihnen für die schöne Bereitwilligkeit, womit Sie unserem Antrage entgegengekommen. Ich gestehe, daß derselbe mich mit dem Mangel an Aufrichtigkeit versöhnt, den Sie meinem würdigen Freunde, dem Pater Münzner beweisen.« »Wieso?« fragte der Senator und fixierte den Doktor, der wie beschämt die Augen niederschlug. Der Superior fuhr, wie scherzend, fort: »Der würdige Herr hat Ihnen Gründe der Freundschaft, der Moral und der Pflicht angegeben, die eine Heirat zwischen Ihrer einzigen Tochter und dem protestantischen Amerikaner dringend verbieten. Er hat, wie er behauptet, Ihr Herz gerührt, indem Sie versprachen, seinen Gründen nachzugeben. Aber leider ist solche Rührung nur ein Phantasma gewesen, das ebenso schnell zerstiebte, wie mancher gute Vorsatz. O, mein Sohn, in Ihrem Gemüte liegt noch viel des ketzerischen Sauerteigs verborgen, von welchem Sie nur eine reine und reife Andacht zu dem geheiligten Herzen Jesu befreien kann! Wie könnten Sie es ansonst über sich gewonnen haben, Ihr Versprechen zu widerrufen, und, mit Fleiß Ihre Wege vor uns versteckend, auf dem alten erwiesenen Unrecht beharren?« Da der Senator, seiner Verstellung überführt, kein Wort redete, so hob der Doktor sanft und eindringlich zu ihm an: »Ja, bester Herr Senator, wir wissen – da uns nichts in die Länge verborgen bleibt – daß Sie dennoch Ihre Tochter mit Herrn Birsher zu vermählen gedenken ... wann und wo Sie es tun wollen; und ich frage Sie noch einmal freundschaftlichst, haben Sie auch alles erwogen und überlegt?« »Ich bin meinem Gewissen und meinem Worte Erfüllung schuldig,« antwortete der Senator aufs äußerste gebracht, »ich hasse jede Einmischung Unberufener in mein Hauswesen. Ich habe mir nur die Schwäche vorzuwerfen, daß ich vor Ihnen verhehlte, wie es mir darum zu tun sei, recht zu handeln. Können Sie das nicht vergeben, meine Väter, so dispensieren Sie mich von jeder weitern Gemeinschaft mit Ihren Kirchen und Gesellschaftsverhältnissen!« »O welche bedauerliche Hitze!« sagte der Superior, die Augen wehmütig gen Himmel richtend, » Saule! Saule! cur me persequeris ? Verblendeter, heftiger, geliebter Sohn! Glauben Sie denn, daß das heilige Herz unsers Heilands sich so schnell von Ihnen reißen werde, als Ihr Unmut sich von ihm zu trennen begehrt? Mitnichten, mein Sohn! Der Heiland wird Sie nicht verlassen, da Sie sich ihm einmal ergeben! Wir, seine unwürdigen Diener, Ihre innigen Freunde, werden es auch nicht tun, und sollten wir immer vergebens warnen, und immer vergebens ausrufen: durch diese Verbindung machen Sie Ihr Kind des Himmelreichs verlustig! durch diese Verbindung bringt der Protestant Unglück in Ihr Haus, das erst kürzlich in Ihnen der Herr gesegnet hat mit Gnade, mit Erweckung, mit dem zukünftigen Paradiese!« Die Herren schwiegen allesamt, da sich vor der Türe Schritte vernehmen ließen. Berndt schaute demütig herein und langte dem Prinzipal ein Billet hin. Der Kellerbursche aus dem Schwan hat's gebracht, sagte er, grüßte höflich und verschwand. Der Senator sah in der Ueberschrift Georg Birshers Hand. Seine Seele war so schreckhaft und argwöhnisch geworden, daß er unter jedem Siegel eine giftige Schlange fürchtete. Darum löste er auch dieses mit Herzklopfen, und – wie sehr seine Ahnung die Wahrheit gesprochen, wie giftig die Schlange sei, die sich aus dem kleinen Briefe in seine Augen und sein Herz bohrte, das bezeugte das Erbleichen seiner Wangen, das Erstarren seines Blicks, die physische Vernichtung, die aus den schlaffen Zügen trat. Mit einer Bewegung der Verzweiflung aufspringend, reichte er mit zitternder Rechte das Briefchen an den Doktor und sank mit dem Ausrufe: Nun bin ich ohne Rettung verloren! in den Stuhl zurück. Der Doktor las, während der Superior dem mit Ohnmacht Kämpfenden beisprang, für sich, was folgt: »Unglücklicher Müssinger! Meine Hand bebt, aber mein Herz erbebte noch heftiger, da ich erfuhr, was mich und Sie elend macht. Elender! Sie haben meinen armen Vater gemordet! der mir's entdeckt hat, ist fast Zeuge der schändlichen Tat gewesen! um mich vor dem schauerlichen Bunde mit Ihnen zu warnen, hat er's mir gestanden! aber ich weiß, wozu die Rache den Sohn auffordert. Die Gerechtigkeit anzurufen, ist meine Pflicht! um drei Uhr fahre ich bei dem Bürgermeister vor. Ich will nichts von dem wissen, was Sie bis dahin unternehmen! Birsher.« Der Senator schlug die verwirrten Augen wieder auf, sandte einen trostlosen Blick nach dem Doktor, der schnell das Briefchen wieder zusammenfaltete, dem Senator zurückgab und sagte: »Fassen Sie sich, Sie sind nicht verloren, Nothhafts Beschuldigung – gewiß durch die transpirierende Neuigkeit von Justinens Vermählung veranlaßt – richtet Sie nicht zugrunde. Ihre Seelenangst ist Ihr mächtigster Gegner; darum – obschon Sie gegründete Hoffnung haben dürften, von den Gerichten erledigt zu werden – ist es geratener, das Unheil in der Geburt zu ersticken. Birsher scheint großmütig handeln zu wollen. Er will Ihre Flucht begünstigen. Hüten Sie sich jedoch. Weichen Sie keinen Fuß breit. Halten Sie sich ruhig, überlassen Sie uns, für Sie zu handeln. Bevor es drei Uhr wird, denke ich, müßten Sie aller Gefahr enthoben sein!« »Wenn Sie das könnten!« rief der Senator und warf sich dem Pater in die Arme, »mein Vater! Bruder meiner Klara! tun Sie das möglichste! der Verdacht! mein Ruf! die Schande! Gott stehe mir bei, wenn Sie mich verlassen!« »Hier muß dieser Mann helfen!« versetzte der Doktor auf den Superior zeigend, der aufmerksam und erwartend dastand, »Pater Superior! als Beichtvater dieses unglücklichen Mannes fordere ich Sie, einen der Vorsteher unsrer heiligen Gesellschaft, in Ihnen den ganzen Orden auf, ihn vor einer dringenden Gefahr zu retten, mit der ihn Birsher bedroht. Der Grund derselben ist ein Beichtgeheimnis, aber ich beschwöre Sie bei Ihrer priesterlichen Würde, den Folgen vorzubeugen.« »Ich werde mich mit Ihnen bereden,« antwortete der Superior gleichgültig, »ich werde Ihre Meinung hören und tun, was ich mit Gottes Hilfe vermag. Verspräche aber wohl der Herr Senator, jeden fernern Gedanken an eine Verbindung seiner Tochter mit einem Protestanten aufzugeben? das unschuldige Kind unsrer alleinselig- und glücklichmachenden Mutterkirche zuzuwenden? es für ein erbauliches Jungfrauenleben zu bestimmen, damit es im Verein mit andern gottseligen Chorschwestern die Sünden des Vaters abkaufe mit Gebet und Ergebung? sein Vermögen nach seinem Hinscheiden der Kirche zu vermachen, der liebenden und helfenden Gesellschaft Jesu insbesondere? Respondeas, mi fili ; und dir soll geholfen sein!« Der Senator nickte sprachlos mit dem Kopfe, winkte mit der Hand und der Superior ergriff dieselbe, ihn beim Worte nehmend. »Sie sind Zeuge, Pater,« sagte er feierlich, »und nun, kommen Sie, damit wir das widrige Geschäft in Ordnung bringen. Ich bin sanfter Natur, wähle gewöhnlich leichte Mittel; hier aber, fürchte ich, wird es auf dasjenige ankommen, was ich schon einmal vorgeschlagen, und das Sie als zu hart verworfen haben!« Der Doktor winkte dem Pater, zu schweigen, indem er auf den Senator deutete, welcher aus seiner Betäubung erwachte. Die Jesuiten gingen bedächtig und stille von dannen. »O, der sauern Pflichten!« seufzte Münzners Seele, aber sein Mund sprach keine Silbe, die seinem Vorgesetzten hätte mißfallen können. Die Herren fanden in ihrem geheimen Konvente die Lainez und den ehemaligen Schauspieler Litzach. »Unser Plan scheitert!« sagte die erstere, indem sie dem Doktor das gefährliche Medaillon zurückgab, »behalten Sie das Bild Ihres Zöglings, mein Vater; es hat Aufsehen genug gemacht, aber Liebesleute vertragen sich nach dem heftigsten Zanke. Vorderhand hat mich Jungfer Justine der Mühe, ihr Gesellschaft zu leisten, enthoben, und alle meine Entschuldigungen gingen in den Wind.« »Unser Plan glückt im Gegenteile, kurzsichtige Frau!« sagte der Superior stolz lächelnd; »Sie hat Ihre Kommission ganz gut verrichtet, und es kommt nur darauf an, ob Er, Litzach, dasselbe tut.« Er führte den Untertänigen in das Nebengemach. Indessen hatte der Doktor James Porträt in seinen Schrank verschlossen, und die Tränen waren ihm in die Augen gestiegen, und er lehnte sich über die in schwüler Hitze welkenden Blumen seines Fensters hinaus, ins Freie, und betete: »Du heilige Mutter! vergib mir, daß ich ein Bild, welches von einem treuen Mutterbusen getragen wurde, bis das Herz darunter stille stand, daß ich es – das heilige Geschenk jugendlicher Dankbarkeit – mißbrauchen ließ, zu einer Betrügerei. Der Obere befahl es jedoch, und um der Pflicht willen wirst du die Sünde vergeben, gebenedeite Mutter!« Die Augen trocknend, fragte er die Lainez, ob sie den jungen James nicht gesprochen habe. Die Lainez wußte nichts von ihm, als daß er ihr mit dem fröhlichsten Gesichte, daß sie noch je an ihm gesehen, begegnet war, im Begriff, gegen das Tor zu eilen. Kapitän Tormerpick, der hinzu kam, hatte den jungen Menschen ebenfalls auf dem alten Glacis angetroffen. James hatte ihn umarmt, hatte ausgerufen: »Kapitän! sehe ich denn aus, wie der glücklichste Mensch in der Stadt?« und hatte sich dann entfernt – wie sich der Kapitän ausdrückte – tanzend, wie ein Matrose, der nach sechs Monden wieder zum erstenmal festes Land betritt. Der Doktor schüttelte ernsthaft und betrübt den Kopf, und verfügte sich in das Seitenzimmer, aus welchem bald nachher Litzach schlüpfte und dem Kapitän bemerkte, die Herren erwarteten nun ihn. Während Litzach davon eilte, sprach Tormerpick mit den Vätern. »Ich nehme Abschied von Ihnen,« sagte er, »Schlag zwei Uhr fahre ich ab. Ein dringender Brief ruft mich nach dem Hafen. Das Schiff wird geladen. Ich bitte mir weitern Bericht oder anderwärtige Aufträge aus.« Der Superior gab ihm ein Paket, mit dem Bedeuten, daß sich darinnen alles befinde, was auf Handelsangelegenheiten Bezug hätte. »Wir hätten Euch noch jemand mitzugeben,« schloß der Pater, listig lächelnd, »einen Engländer, wohl gewachsen, stark, robust; ein gutes Kapital, in Batavia anzulegen.« Der Kapitän runzelte die Stirne. »Wollen Sie mich foppen, meine frommen Väter?« »Nicht doch, Kapitän. Versteht uns wohl! wir hassen die Seelenverkäuferei, wenn unsere Warentransporte dadurch Not leiden. Wo es aber auf eigene Rechnung geht ...« »Ich verstehe,« erwiderte der Kapitän grinsend, »Sie sollen Ihren Willen haben. Wann? wie? wo? Ich habe zwei Matrosen bei nur, die auf einem Kaperschiffe gedient haben. Den Burschen bangt vor dem Teufel nicht.« »Haltet um zwei Uhr auf dem Damme,« instruierte der Superior, »dort ist's abgelegen und einsam. Der Mensch, welcher vorhin wegging, wird den Bewußten zum Damme bringen; einen großen tüchtigen Mann, nicht wahr, Pater Münzner?« »Unsern Tischnachbar im Schwan,« entgegnete der Doktor. Der Kapitän lachte hell auf. »Den stummen Oelgötzen?« fragte er, »der mich so unverschämt anlaufen ließ? Hoho, den kenne ich, und werde ihn wohl von dem dürren Magister unterscheiden. Brav! ich habe dem naseweisen Flegel eine volle Lage zu geben! ich hab's ihm geschworen. Gut so! ein Pechpflaster auf den Mund, Strick um Arm und Beine! wie der Teufel nach dem Kanal gefahren; die Nacht durch gerudert, mit Tagesanbruch an der Küste ... binnen zwei Tagen im Schiffe! herrlich! die Moorländer sind wenig und nur von lockerem Gesindel bevölkert! ich bringe den Passagier glücklich durch, oder fülle ihm den Kopf mit Blei, wenn er mich durch ein unanständiges Spektakel in Gefahr setzen wollte. Gott behüte Ew. Ehrwürden! sollen von mir hören!« Der ungeschlachte Mensch ging wiehernd weg, aß im Schwan noch so tüchtig, als ob er sich auf ein Heldenwerk vorzubereiten hätte, ließ unter seine Matrosen viel Branntwein austeilen und bestieg mit ihnen jubelnd den verdeckten Korbwagen, der ihn zum Damme, von da zum Kanal bringen sollte. Dem Kutscher wurde noch tüchtig mit Rum zugetrunken und beim Abfahren schwenkte der Kapitän in frechem Uebermute den Hut gegen den Amerikaner, der oben aus dem Fenster sah und brüllte ein: »Auf Wiedersehen!« Georg zog sich, ergrimmt über den widrigen Seemann, vom Fenster zurück, warf sich auf das Kanapee, stützte den Kopf eine Weile in die Hand, sprang dann wieder auf, legte mit erhabener Würde die Hände auf seine Brust und sagte, mit einem freien Atemzuge, zu sich selbst: »Bist doch eine wackere Seele, Georg, und hast einen schweren aber um so rühmlicheren Sieg erfochten! Ach du mein lieber, lieber Vater! Siehst du nicht aus den Wolken und freust dich meines Entschlusses? Ist gleich mein Auge zu schwach, dich zu erschauen, so ist doch gewiß der himmlische Friede, der in mein Herz einzieht, dein Werk! Ja! Vergebung ist eine süßere Rache für dich, als das Blut des Elenden, der denn doch sein Leben ferner nur wie eine Pestbeule mit sich umherschleppen kann!« Er warf einen Blick auf die Speisen, die unangerührt auf dem Tische standen, auf die Seitentür. Er ging hastig auf dieselbe los, öffnete sie mit dem Schlüssel, und sagte ernst: »Komm Er heraus, Monsieur!« Eine blasse, ängstliche Figur kam gebückt hervor: Nothhaft, wie ein armer Sünder. »Setze Er sich und esse Er!« fuhr der Amerikaner fort, »vergesse Er seine Schrecken. Ich habe mich besonnen und halte dafür, es sei besser, die ganze Anklage zu unterlassen,« »Ach, wenn Sie das im Ernste wollten,« stammelte Nothhaft, »ich würde neu aufleben.« »Lerne Er, Mensch,« sprach Birsher weiter, »daß es nichts Gemeines mit solchen Anschuldigungen auf sich hat. Er hat mir auf die Bibel zugeschworen, daß alles, was Er mir heute entdeckt, reine Wahrheit sei, ich will es glauben; nicht um Seinetwillen, denn der erbärmliche Spuk in des Senators Haus verdächtigt Ihn, aber um des seltsamen Benehmens des Senators willen; um der Voraussetzung willen, daß ein Mensch, der nur einen redlichen Blutstropfen in sich verspürt, nicht auf eine Lüge hin seinen Nächsten ins Grab und in Schande stürzen werde. Er hatte nicht darauf gerechnet, daß mir es einfallen könnte, die Anklage öffentlich zu machen; Er hat mich beschworen, es zu unterlassen, das ist ein guter Zug von Ihm; Er hat mir gestanden, daß Er nur, um mich von der Ehe mit Justine abzuhalten, mir die Eröffnung gemacht, die aber demungeachtet eine völlig wahre sei. Er hat sich endlich gutwillig in jenes Zimmer verfügt, wo ich Ihn inne zu halten für gut befand, damit es mir bei der Klage nicht an dem Gewährsmanne fehlen möchte. Bedenke Er aber selbst, wohin meine Klage führen würde: zu Seiner eigenen Haft, zu Seiner eigenen Schmach, als Hehler der begangenen Bluttat. Der Senator würde eines schimpflichen Todes sterben, seine Familie würde zugrunde gehen, mein Schmerz wieder tausendfach erneut, meines Vaters Gebeine in ihrem Grabe gestört werden; und zu welchem Endzweck? Würde diese Genugtuung mein Herz befriedigen, den geliebten Toten wieder ins Leben rufen? Und die Unglücklichen, die – ihren schuldigen Gatten und Vater beweinend – mir, dem unglücklichen Verfolger fluchen würden! ... ach, welch eine Zukunft! Darum will ich lieber schweigen, wie das Grab über dem Toten, und verlange dasselbe von Ihm; schwöre Er mir's abermals auf die Bibel, und dann gehe Er hin, von wannen Er gekommen, so wie ich nach der Heimat zurückkehren will; vergessend – und rein von Fluch!« Nothhaft vernahm mit innigem Wohlgefallen Birshers Worte. Er hätte tausend Eide geschworen, um nur den Folgen eines Schritts zu entgehen, den er weniger aus unverbesserlicher Bosheit, als von frechem Trotze und Eifersucht bewegt, getan hatte. Er entlief mit Riesenschritten dem Gasthause und suchte den Weg nach seinem Städtchen, Birsher war mit seinen Entschlüssen zufrieden und überlegte gerade, wie er dem Senator, wenn derselbe sich nicht bereits auf der Flucht befände, seinen edelmütigen Vorsatz kund zu geben hätte – wie er von Justine Abschied nehmen sollte, als der Magister aus Falbern zu ihm trat. »Was wollen Sie, Magister?« fragte Georg hastig und verdrießlich, gestört zu werden. »Der Ueberbringer des Danks sein, welchen Ihnen zwei redliche getröstete Herzen zollen,« antwortete der Magister freundlich und zutraulich. »Zwei getröstete Herzen? Schon gut!« »Und der Bitte zugleich, diesen Dank aus dem Munde der Getrösteten selbst hören zu wollen.« »Ihr Zögling soll zu mir kommen. Ich will ihn kennen lernen.« »Und Justine, die sich sehnt, Ihnen ein dankbares Wort zu sagen.« »Welche Zumutung? Will sie sehen, wie mich die Entsagung kleidet?« »Und Justine, die sich vor Ihnen rechtfertigen möchte?« »Falschheit sich rechtfertigen? Ich mag sie nicht beschämen!« »Und Justine, die Ihnen etwas Wichtiges anzuvertrauen hat, das nur Ihrem teilnehmenden Herzen vertraut werden kann; das auf das Glück Ihres Lebens den größten Einfluß haben wird?« »Magister! Sie schlagen die rechte Saite an. Justine soll einen Mann in mir finden, den Liebeskummer nicht niederbeugt; einen Mann, der das Gute nicht halb tut. Ich bedarf dieser Prüfung, um mich zu einer edeln Tat würdig zu stärken. Ich folge Ihnen; ich will dem Mädchen ebenfalls eine Nachricht bringen, die wohl manches Herz beruhigen dürfte. Wo, wann harrt meiner das Paar, das ich durch meinen Rücktritt so sehr beglückte?« »Wenn Sie mir folgen wollten? ... ich führe Sie.« »Recht; geschwinde, mein Freund! Sie noch einmal zu sehen – Sie zu beruhigen, und dann schnell wiederzukehren, um meine Abreise anzuordnen.« Georg ging mit dem Magister weg, ohne wiederzukehren. Die Stunden gingen vorüber, der Abend war da. Der Gast im Schwan blieb aus. Die Wirtin, die den jungen, stillen Mann wohlwollend ins Auge gefaßt hatte, wurde unruhig. Mit einbrechender Nacht sendete sie in des Senators Haus, um nach dem Amerikaner fragen zu lassen. Er war dort nicht gesehen worden. Der Senator schickte den Kellner mit dem kühlen Bescheide zurück; ging dann auf seine Stube, heimlich seinem Gott zu danken und den Zettel wieder durchzulesen, den ihm um die zweite Stunde des Nachmittags der Doktor geschickt hatte, mit den lakonischen Worten: »Fassen Sie Mut, Gebeugter! Wir verlassen Sie nicht. Soeben ist Er fort, um nicht wieder zu kommen. Er wird Sie ewig in Ruhe lassen!« Der Senator küßte, seiner Angst entledigt, den kurzen Brief; trat dann zu seiner Familie und sagte: »Mein armes Bräutchen Justine! Dein Verlobter scheint auf Abwege gekommen zu sein. Wir wollen morgen, am Tage des Herrn samt und sonders zur Johanniskirche wandeln, um den Segen Gottes anzuflehen, daß er den Handelsfreund wieder gesund zu uns zurückbringe!« »Endlich wieder ein frommer Vorsatz,« erwiderte die Senatorin, »nur schade, daß der Bürgermeister dich heute zur Gottesfurcht belehren mußte. Bei alledem finde ich's ungezogen, daß Herr Birsher heute gänzlich ausbleibt. Wenn nur die leichtfertige Französin, die sich auch seit dem Morgen nicht sehen ließ, den zutäppigen Sans façon nicht berückte!« Justine schwieg, aber in ihre Augen traten unwillkürlich Tränen; unwillkürlich seufzte der Mund. »Ja, Vater,« sagte sie, als dieser am Abend freundlicher und ruhiger als seither, Abschied von den Seinen nahm, »wir wollen morgen aus dem Grunde des Herzens beten, damit Eintracht und Friede nicht von uns weiche!« Am nächsten Morgen stand Pater Münzner sehr frühe auf, um sich zu dem Gottesdienste vorzubereiten. In dem Garten kam ihm bereits sein Pflegesohn entgegen. Leidenschaftlich faßte ihn dieser bei der Hand und rief: »Wohl mir, daß ich Sie endlich allein finde, mein Vater! Des Superiors Gegenwart hat meine Zunge gebunden, sonst hätte ich Ihnen gestern schon gestanden, wie sehr ich's bereue, daß ich Sie verkannte! Ja, mein würdiger Pfleger! Sie wollen mein Glück; Sie wollen es, wenn Sie mir es auch verhehlen; meinen ewigen Dank dafür!« »Verstehe ich dich, Unbegreiflicher?« fragte Münzner staunend. »Ihre Güte wahr mir unbegreiflich,« fuhr James heftig und entzückt fort, »aber die Wege der Vorsehung sind es ja auch, und dennoch gut und dennoch beglückend! Mögen Sie es doch wissen, daß ich alles erfuhr, aus Birshers edelmütigem Munde erfuhr ...!« »Birsher? ums Himmels willen, was weißt du?« »Daß Sie mit ihm geredet, daß Sie sein Herz gerührt!... daß Justine – das herrlichste Glück! daß Justine mir gut ist, daß sie, die so schlau ihre Liebe zu verbergen wußte, mein Bild – vielleicht hat ihre liebe Hand es selbst entworfen – mein Bild auf ihrer Brust trägt – daß der gefürchtete Bräutigam zurücktritt...!« »Mensch! Du fabelst!« »Leugnen Sie nicht, mein Vater! Ist es denn ein Verbrechen, einen liebenden Jüngling zu beglücken? Ich bin verschwiegen! Ich sehe ein, daß Sie Gründe haben können, vor dem Superior, der mich ins Noviziat schleppen will, Ihr menschenfreundliches Bestreben zu verbergen, daß Sie nur Zeit gewinnen wollen! Legen Sie jedoch, uns gegenüber das Geheimnis ab, und hören Sie meinen Plan. Ich werde nicht Priester! Der Soldatenstand allein kann und wird mich Justinen näher bringen. Ich habe gestern des letzten Schwedenkönigs Leben gelesen, es hat mich begeistert! Noch bin ich jung; noch wetterleuchtet es am Horizonte Europas! Ich liebe, ich hoffe! das Glück muß mir zur Seite stehen!« »Jesus Christus!« versetzte der Doktor blaß und betrübt, »du lassest mich nicht zu Worte kommen, und dennoch muß ich dir mit blutendem Herzen beteuern ...« Rasche Schritte von Annähernden unterbrachen ihn. Der Superior mit allen Zeichen des Schreckens – die Lainez, wie ein Schatten folgend – eilten herbei. »Hannibal ante portas!« rief der erstere, der einen dicken Brief in der Hand trug. »Hochwürdiger Herr! Jetzt gilt's, zum Streit sich rüsten!« »Wieso? Wie das?« fragten der Doktor und James. »Erzählen Sie, während ich dies Schreiben durchlaufe,« versetzte der Superior zitternd und bebend. Die Lainez sprach mit erlöschender Stimme: »Wir sind verraten; alles kömmt an den Tag. Des Schreiners Ulrichs Frau ist in der Nacht krank geworden; der Mann hat unser Gebetbuch unter ihrem Kissen gefunden. Die Drohungen des Mannes, wie der Schmerz ihres Körpers haben sie zugleich bedrängt; sie hat gebeichtet, daß sie katholisch geworden, daß eine stille Gemeinde bestehe, daß in dem Johanniterhofe ...« »Gott stehe uns bei!« riefen die Zuhörer. »Vor einer halben Stunde ...« fuhr die Lainez erschöpft fort, »läßt der Rottmeister, bei dem der Schreiner alles angezeigt, den Hof umringen, das Tor aufsprengen, den Verwalter festnehmen, alles durchsuchen. An meiner Türe vorüber dringen die Schergen in die Kapelle, Unsre heiligen Zierden fallen in ihre Hände. Man bemerkt mich nicht im Tumulte, ich entspringe, um hier das Unglück anzusagen!« Litzach stürzte in den Garten. »O meine Herren! meine heiligen Väter! was wird daraus werden?« rief er, »ich erfahre soeben, von dem Dorfe kommend ... der Verwalter ist verhaftet, leugnet indessen noch fest, hat nichts gestanden; der Johanniterhof wird verschlossen gehalten, damit nichts vor der Zeit verlaute; vor dem Polizeiaufsichtei soll um neun Uhr erst alles klar werden! Der Sigrist, der entsprang, sagte mir's, es Ihnen mitzuteilen!« »Das Interdikt über die Bübin, die den Herrn verriet!« zürnte der Superior, »das Etablissement, die Mission ... alles geht zugrunde! Schande kommt über uns! Lassen Sie uns Hand an die Rettung legen, Pater Münzner! Wir müssen fort, ehe der Lärm um sich greift.« »Unsere Bücher liegen beim Senator,« tröstete der Doktor, »kein Mensch sucht sie dort. Die Translation war zweckmäßig.« »Zweckmäßiger als Ihre Verwaltung, Pater Münzner!« entgegnete der Superior zornig, »solche Leute, wie die Schreinersfrau, an- und aufzunehmen ...! plaudernde Gänse ...!« »Mein Vorgänger hat schon ...« wollte sich Münzner entschuldigen. »Schweigen Sie!« befahl der Superior heftig, »Marsch, auf die Beine, ihr übrigen! Er, Litzach, tummle sich schnell um einen Wagen um. Vor dem Friedertore will ich einsteigen. Er, James, wird auf der Stelle alle Habseligkeiten des Paters kompendiös zusammen packen. Cito! citissime !« James eilte hinweg, Litzach rang die Hände, »ich bin der Unglücklichste!« seufzte er, »was wird aus mir, was aus meinen Kindern, und was aus meiner kranken Frau werden?« »Was Gott will!« antwortete der Superior hart und rauh, »packe Er sich fort, und besorge Er den Wagen!« Litzach gehorchte, fast weinend. »Laufe Sie, Lainez!« sagte der Superior dringend zu dieser, »ein Weibsbild mengt sich ohne Gefahr unter Gaffer und Pöbel! Horche, laure Sie. Wenn etwas Ungerades sich verspüren läßt ... schnelle Post hierher!« Die Lainez eilte weg. »Pater Münzner!« fuhr der Superior fort, »unsers Bleibens ist in diesem Hause nicht. Der Doktor Leupold wird bald aufgesucht werden! Schändlicher Baalstreich! Wir flüchten uns einstweilen in des Senators Haus, wo man uns sicherlich nicht sucht.« »Ich Unglücklicher!« rief Münzner, wie in Verzweiflung, »daß dieses Unglück unter meiner Verwaltung geschehen mußte! Welch ein Empfang wartet meiner in unserm Hause und beim Provinzial!« »Erkennen Sie, ob ich Ihr Freund bin!« erwiderte der Superior, indem er ihm den Brief reichte, den er vorhin gelesen; »ich will Sie der Taufe entziehen, weil Sie mir ein wohlgefälliger Mitbruder gewesen. Der Provinzial trägt mir auf, ein tüchtiges Mitglied nach Assumption in Paraguay zu schicken, um den Handelsangelegenheiten vorzustehen, Ihre Mission allhier ist leider nun erledigt; verbergen Sie Ihre Scham in Amerika, bis der General Sie zur Rechenschaft rufen läßt. Es verfließen indessen Jahre, die Sache schlummert ein, und ein simpler Verweis tritt alsdann an die Stelle der harten Pönitenz.« Der Doktor nahm mechanisch die Kommission, ohne ein Wort zu erwidern. Der Superior sowohl, als die Hauswirtin, die ängstlich herbeikam, drangen in ihn, sich in Sicherheit zu setzen. Kaum, daß ihm die Zeit verblieb, seinen James zu umarmen; »ich gehe nach Paraguay!« sagte er weinend zu ihm, »das Schicksal macht hier ein schnelles Ende mit uns. Wir sehen uns vielleicht nie wieder. Folge darum dem ehrwürdigen Pater Superior, der dein Glück will! Vergiß, armer Getäuschter, und zürne mir nicht!« Der Jüngling war von dem Augenblicke zu sehr erschüttert, um auf die Rede seines Pflegevaters merken zu können. Der Superior riß den Doktor unwillig mit sich fort und ermahnte den jungen Engländer im Novizenmeisterton, seine Packarbeit zu fördern, die Effekten vor das Friedertor zu schaffen, und bei dem Wagen seiner zu warten, um mit ihm sich zu entfernen. Hierauf schlugen die geistlichen Herren, die Hüte tief in die Stirne gedrückt und herabgekrempt, den Weg nach Müssingers Wohnung ein. Ein heftig niederstürzender Regen begünstigte ihre schnelle Wanderung. Die Kirchenglocken riefen von allen Seiten die Gläubigen zum Gottesdienste und leerten die Straßen. Ohne Aufenthalt waren die Väter an des Senators Türe gekommen. Sie war verschlossen. »Der Senator ist in der Kirche!« sagte der Superior, sich besinnend. »Wir erlaubten ihm ja gestern, als wir die Register brachten, das Possenspiel mitzumachen, um seinen Leumund wieder zu heben« »Ich habe glücklicherweise den Schlüssel zu der Hintertüre in der Tasche,« versetzte der Doktor, »er gab mir ihn, um unbemerkt zu kommen, wann ich wollte; es ist sonderbar, daß es heute zum ersten- und letztenmal sein muß.« Sie traten in das Gäßchen; der Schlüssel paßte und die Herren stellten sich unter das Gewölbe des Hauses, um zu beratschlagen, ob der Senator zu erwarten, oder vielmehr ratsam sei, daß der Superior oder der Doktor zuerst sich auf die Flucht mache. Während dieses in seinem Hause vorging, saß der Senator, noch von allem ununterrichtet, mit den Seinigen im Betstübchen der Johanniskirche. Das Gebäude war gedrängt voll. Das schlechte Wetter hatte es ungewöhnlich angefüllt. Die Orgel schmetterte die Melodie des Liedes, und nachdem einige Verse desselben verklungen, betrat Pastor Lammer die Kanzel. Sein Gesicht war feurig, seine Augen sprühten und rollten in der Runde umher. Auf dem Oratorium des Senators haftete ein drohender staunender Blick, dem alle Augen der Anwesenden folgten. Heftig zerrte des Predigers Hand an der faltenreichen Krause; er hustete, er öffnete den Mund ... da fiel ein Donnerschlag ein, dessen Vorgänger unter dem geräuschvollen Orgelspiel nicht gehört worden waren, und ein Blitz leuchtete durch die grauen Fensterscheiben, die der Stromregen peitschte. Lammer sah, während ein Laut des Schreckens durch die Kirche ging, furchtlos nach der Seite, wo der Blitz erschienen ... seine Mienen nahmen eine gewisse Begeisterung an; verächtlich schob er das Konzept seiner Predigt, das vor ihm auf dem Kanzelrande lag, hinunter, und begann plötzlich aus dem Stegreife mit aller Kraft seiner Stimme: »Du donnerst, Herr der Welten? Du starker zorniger Gott? ja, Barmherziger, entziehe mich heute der schweren Pflicht, deine Gebote zu erklären! Nimm selbst das Wort, damit gerade am heutigen verhängnisvollen Tage die Sünder zittern und ächzen, wenn du in deinem Zorne sagst: »Ich bin der alleinige starke Gott, und du sollst keine Götter haben neben mir!« Laß deine Gewitter rollen und den grauen Schleier vom Himmel niederfallen, damit die Natur in Sack und Asche traure; schreibe einen außerordentlichen Bußtag aus für außerordentliche Sünden! denn sie haben dein erstes Gebot mit Füßen getreten! denn sie haben andere Götzen neben dir! denn sie haben dich geschändet, als wärst du nicht der starke eifrige Gott, sondern das elende Heidenbild Dagon, ein zerbrechliches Stück Kot! aber sie täuschen sich, denn sie knien vor den faulen Götzen! sie betrügen sich, denn sie haben keine Bundeslade, vor welcher du den Staub küssen müßtest! sie haben sich belogen, denn ihnen ist die Hölle worden; meine Brüder! vernehmt, daß das Weib aus Babylon auferstanden war, daß es sich gelagert hatte an den Toren dieser Stadt, und daß es gesprochen: kommt her, die ihr mich heimlich lieben wollt, und sündigt mit mir! O der Schande! o des Greuels! o der verfluchten Ueppigkeit! sie sind nicht vorübergegangen an dem frechen Weibe! sie haben ihr Ohr nicht vor der Schlange verstopft! sie haben mit ihr gebuhlt! ja, meine Freunde! ja, meine Brüder! das römische Papsttum hat eine Winkelbude in unserer Stadt errichtet; es hat vielen eurer Mitbürger das ewige Seelenheil gegen falschen Tand abgetauscht. Doch nicht alle Sündige waren verstockt; ihrer waren etliche, die Reue fühlten. Sie haben bekannt. Die Kapelle ist entdeckt, die Hülle ist von der abscheulichen Verschwörung der Finsternis gefallen! sie sind entlarvt und harren angstvoll der verwirkten Strafe!« Eine Bewegung der Unruhe, des Abscheus, der Bestürzung durchlief die Versammlung, und jedes Ohr horchte neugierig auf die Fortsetzung der Predigt. Der Senator konnte sich kaum vor Schrecken an der Brüstung des Betstübchens erhalten; die Senatorin starrte stumm und nicht begreifend auf den Prediger; Justine, ahnungsvoll und beklommen, behielt den Vater ängstlich im Auge. Der Prediger fuhr mit erhöhtem Kraftaufwande fort: »O, wie zittern jetzo die Herzen der Sündigen! wie werden sie wünschen, gar nicht geboren zu sein! und dennoch selig noch diejenigen, die Scham und Reue empfinden! seliger noch diejenigen, die ihre schweren Verbrechen durch ein aufrichtiges Geständnis versöhnten! aber dreimal verworfen diejenigen, so in ihrem Irrtume, in dem Laster beharren! dreimal verworfen die gottlosen Priester aus Babel, die das Volk des Herrn verführt haben, und Unkraut gestreut unter den Weizen! Wie soll ich euch aber nennen, Gottesleugner! was soll ich euch prophezeien, ihr Verstockte! die mit der Abtrünnigkeit noch Heuchelei verbinden? die mit glatter Stirne den Tempel des wahren Christentums besuchen, und das falsche im Busen tragen? besser wäre es, ihr bliebet aus dem Hause Gottes, das ihr durch eure betrügerische Gegenwart verunreinigt! – wie soll ich aber denjenigen nennen, der – selbst ein Richter im Volle ... der – selbst ein Erhalter der Gesetze – das Volk verrät, indem er dessen Verführung begünstigt? ... das Gesetz schändet, indem er tut, was es in seiner Weisheit verbietet ... ? den ehrwürdigen Senat, dem er angehört, brandmarkt durch seine entsetzlichen Frevel? ihn, der schamlos genug ist, sich allen Augen im Tempel des wahren Gottes preiszugeben, sich heuchlerisch darin zu brüsten, nachdem er, geschweige anderer Untaten, die erst ans Licht kommen werden und müssen, in dem teuflischen verbotenen Lotto sein Hab und Gut gewagt, und satanisches Handgeld damit gewonnen? ... nachdem er ... ich spreche es mit Schaudern aus, meine Brüder – nachdem er katholisch geworden?« Der von dem Feuer der tadelnswertesten Heftigkeit ergriffene Geistliche deutete mit Blick und Finger auf den Senator unverhohlen hin, der, von Beschämung und Wut gepeinigt, in den Schatten seiner Betloge zurücksank, nach welcher murmelnd und blasphemierend die Menge gaffte, auf die der wütende Prediger noch einen Hagel von Verwünschungen niederrauschen ließ. Der Auftritt sollte noch greulicher werden. Der Senator, an seinem Stuhle niedergleitend, hatte unbewußt den Arm seiner Frau ergriffen. Diese, die endlich mit abergläubischem Entsetzen begriff, wo hinaus der Prediger wollte, fühlte kaum die Hand ihres Mannes, als sie dieselbe lautschreiend zurückstieß, aufsprang, mit dem Gesangbuche nach dem Ohnmächtigen warf und kreischte: »Weg von mir, elendiger Mann! Das fehlte noch, katholisch zu werden! Gott erbarme sich unser! Ich bleibe keinen Augenblick mehr an deiner Seite!« Vergebens warf sich Justine ihr bittend in den Weg. Schluchzend, wütend, wie eine dem Teufel Entlaufende, drängte die Senatorin ihre Tochter von der Türe. »Weg, Satanskind!« rief sie aus vollem Halse, »helft mir, ihr guten Christen! Ich gehe nicht mit einem Schritte mehr in das Haus des Abtrünnigen!« Auf der Treppe von einem Schwarme von Betschwestern umringt, die fragten und schimpften, und bedauerten, ging das Kreischen des unvernünftigen Weibes in ein widerliches Heulen über, das der Menge Gemurre und des Predigers Stentorstimme gewärtigte. »Ich unglückliches Weib!« schluchzte sie, »wer führt mich zu meinen Verwandten, damit ich sicher sei vor dem Teufel, an den man mich verheiratet hat? Ich habe zu allem geschwiegen, aber nun kann ich's nicht mehr. Der elende Mann hat im Lotto gespielt, hat den Holländer umgebracht, und nun erst ... katholisch zu werden ...! ich armseliges Geschöpf!« Endlich wurde sie fortgebracht, und mit ihr ging die Steuerkommissärin und viele Freundinnen. »Da haben wir's ja!« sagte die erstere triumphierend. »Da hören Sie's selbst, meine Lieben! den Holländer umgebracht ... wahrscheinlich nicht minder dessen Sohn, der seit gestern verschwunden ist ...! Lotterie gespielt ... katholisch geworden! und mit alledem tat der schlechte Mann als wie ein Tugendspiegel! Aber mein Mann soll auf der Stelle zum Bürgermeister, und dann wollen wir sehen, ob noch Recht im Lande ist!« Währenddessen schritt, von einem angsterregenden Menschengedränge umgeben, von Justine unterstützt, der totenähnliche Müssinger durch die Kirche und über die Gassen. Es regnete entsetzlich. »Warum gehst du nicht zu der Mutter?« fragte er die Tochter leise und ohne die Augen zu ihr aufzuheben. »Ich bleibe bei Ihnen,« erwiderte sie sanft, »ich kenne die Mutter nicht mehr. Ich habe im stillen geahnt, was Ihre Vernichtung mir bestätigt! Ach, ich habe nicht falsch gesehen; ... der Doktor! ... Aber ich liebe Sie jetzt mehr, um Ihres Unglücks willen, und begehre nicht, von Ihnen mich zu trennen.« – »O mein armes, einziges, liebes Kind!« sprach der Senator unter Wehmutswellen und schauderte sichtbar zusammen, weil eine Menge Volks vor seinem Hause sichtbar wurde, und die Hellebarden und roten Röcke der Ratshatschiere von der Türe daher blinkten. »Ich werde in Arrest gebracht!« seufzte der Beängstigte. Justine erschrak; ihre Tränen fielen auf seine Hand. Der Senator erhielt im Gedränge einen Stoß auf die Brust; er sah zur Seite und erblickte sein schweres Portefeuille, das ihm eine hilfreiche Hand in den Busen schob. »Einen Gruß von den Herren!« sagte der blasse Litzach zu ihm, der sich wieder niederduckte, »Sie sollen das bewahren und fliehen. Die Bücher sind verbrannt und zerrissen. Ernst hat Sie verraten, fliehen Sie nach Amsterdam, der Doktor erwartet Sie.« Die Worte waren wie im Fluche gesprochen worden und der dem Senator unbekannte Bote verschwand. Der Senator verbarg mechanisch das Taschenbuch, das seine Wechsel und Obligationen enthielt, ohne darüber nachzudenken, wie es wohl aus dem verschlossenen Hause in die Hände jenes Menschen gekommen. Zwei Senatoren, Kommissarien des Bürgermeisteramts, die in ihren schwarzen Kleidern und weißen Perücken ungeduldig im Regen warteten, riefen dem verdächtigen Kollegen zu, die Türe schnell aufzumachen, Müssinger gehorchte; Kommissarien, Hatschiere, Volk, drangen in das Haus. Justine wurde von des Vaters Arm gerissen und flüchtete in das obere Stockwerk, dessen Treppe von den Hatschieren besetzt wurde. »Ihre Papiere!« hieß es unterdessen zu dem Senator. Er bückte sich, die Türe seines Kabinetts zu öffnen. Sie war schon offen. Man trat ein. Da« Pult war gewaltsam geöffnet ... von den Büchern der Jesuiten, die darin verwahrt gewesen, sah der Senator, selber staunend, keine Spur. Unglücklicherweise jedoch fand ein Spürhund in einem Winkel die Legenden der Heiligen Ignaz und Xaver. Als ein Beweis des Gesuchten wurde das Buch mit Jubel empfangen, »Unwürdiger Mann!« sagte ein Senator zu dem verstummenden Müssinger, »die Schlüssel zu der Kasse, damit sie fürs erste in Beschlag genommen werde!« – »Oeffnen Sie die geheimsten Fächer des Bureaus!« sagte der zweite, »man hat Sie mit Seelenverkäufern umgehen gesehen; nach der Aussage Ihrer eigenen Kontorbedienten Nothhaft und Berndt, Wo ist die Korrespondenz über diesen schändlichen Trafik?« Müssinger leugnete und verwies auf seine Handelsskripturen. »Wer seinen Gott verleugnen kann, lügt auch vor Menschen!« sagte einer der Kommissarien, »wie kömmt es aber, daß Ihr Pult bereits geöffnet, gewaltsam geöffnet ist?« Müssinger bezeigte seine Unwissenheit. Indessen kamen zwei Personen herbei, die viel Verwirrung in den Auftritt brachten. Der erste, ein Schwager der Senatorin, zu dem die bösartige Frau sich geflüchtet und welcher erschien, um deren Eingebrachtes zu reklamieren; bei zweite, der Kontordiener Berndt, den Neugierde und Schrecken zu kommen vermocht hatten. Der Schwager der Senatorin mischte sich mit vielem Lärm und aufgeblasenem Benehmen in die Geschäfte der Kommissarien, und diese hielten es für gut, den Diener Berndt verhaften zu lassen, weil gegen ihn der Verdacht obwalte, auf vorläufigen Befehl seines Prinzipals aus der Kirche entwichen zu sein und das Pult gesprengt zu haben, um die schwersten Indizien, sowohl des Katholizismus, als des Lottospiels, als der Seelenverkäuferei, aus dem Wege zu räumen. Während nun der unschuldige Kontorist deprezierte, und die Hatschiere Gewalt brauchen mußten, den jungen Mann, der seiner philadelphischen Sanftmut gänzlich vergaß, festzuhalten; während der Senatorin Verwandter seinerseits schrie und die Kommissarien übertäubte, die Zuschauer sich um diese Szene drängten, stießen und kleine Debatten unter sich selbst hielten, erwischte jemand den Senator Müssinger beim Kleide und zog ihn mit kecker Faust in das Gedränge, durch das Gedränge, und niemand bemerkte es im Tumult. James war der Kühne, »Kommen Sie!« flüsterte er dem Staunenden dringend zu, riß ihn durch den Ausgang, unfern von der bewachten Treppe vorbei in den Hof, nach der Hintertüre, klinkte sie auf, und nun stracks mit dem Geretteten fort durch das öde Gäßchen. »Wohin, wohin, mein Freund?« fragte Müssinger atemlos. »Still, kein Wort!« versetzte der Jüngling, und lief, so schnell der Senator selbst konnte, nach einer Querstraße, wo er in ein Haus schlüpfte, das ein Werbschild über der Türe trug. Er hieß den Begleiter folgen und trat mit ihm rasch in die niedrige Stube, wo einige Reiter, in bunten Uniformen, saßen und tranken. »Kameraden!« rief James, als wie begeistert, »ihr seid Katholiken! Es gilt hier, einen Katholischen zu retten! Einen Helm, einen Reitermantel, ein Pferd für den Verfolgten! Zwei von euch zur Bedeckung, die ihn geleitet, bis zum Weichbilde geleitet, und nehmt dafür mich hin, mit Leib und Seele! Ich begehre kein Handgeld als den Liebesdienst!« »Was tut Ihr, mein Freund?« fragte Müssinger verweisend, sank aber erschöpft auf eine Bank. Ein Reiter bot ihm Wein. Die andern überlegten; endlich, einig geworden, baß ein hübscher Bursche hier zu werben stehe, und wohlfeil, so wie nie, sagte der Wachtmeister: »Meinetwegen, Monsieur, Geb Er mir die Hand, und trink' Er aufs Wohlsein unsers Herrn!« James stieß eiligst an. »Pressiert's mit dem armen Mann?« fragte der Unteroffizier weiter. James bestätigte es dringend, erzählte, er habe gehört, man wolle die Tore schließen, um sich der heimlichen Gemeinde desto gewisser zu versichern. Der Unteroffizier lachte der ungeschickten Maßregel. »Unsrer Uniform stehen, so Gott will, alle Tore offen!« sagte er, trotzig den Bart streichend, »schafft nur für den Herrn Stiefel, Mantel und Helm herbei, ihr Bursche. Mit ihm aufs Pferd dann, in Gottes Namen! scharfen Trab! ich bleibe indessen bei dem jungen Rekruten da!« Während einer ging, die Monturstücke herbeizuschaffen, und der andere, die Gäule aufzuzäumen, umarmte Müssinger kraftlos schwankend den Jüngling, »Nehmt die Hälfte meines Geldes!« sagte er, die Brieftasche hinreichend. James stieß sie mit glänzendem Auge von sich. »Ich will schon meinen Lohn fordern, wann es Zeit sein wird!« antwortete er, half dann dem willenlosen Senator seine Verwandlung vollenden, drückte ihm anstatt der Perücke den Helm auf den Kopf und empfahl Ihm, das bartlose Kinn tief in den Radmantel zu stecken. Indem er ihn unterstützte, um ihn zum Pferd zu geleiten, rief Müssinger, wie aus einem Traume auffahrend: »Justine; meine Tochter! Sie bleibt zurück; und hat doch geschworen, sich nie von mir zu trennen! Edelmütiger Mensch! wollt Ihr die Krone auf Eure Tat setzen und die Angst meiner Tochter endigen? Mein Buchhalter soll sich ihrer annehmen ... er soll sie mir nachführen ... nach Amsterdam, zu van den Hoecken, wo ich ihrer sehnsuchtsvoll warte!« »Es soll geschehen, Ew. Edeln,« versicherte James, »ich werde sie aufsuchen; will's Gott! auch sie retten, Ihnen nachsenden. Gott geleite Sie.« »Armer Mensch!« klagte Müssinger, »wie lasse ich dich zurück? Du hast deine Freiheit, dein Leben um meinetwillen verkauft. Schreibe, melde mir, ob Geld dich wieder befreien kann, und ich ...« »Possen!« rief der Wachtmeister ärgerlich dazwischen, »war er ein paar Wochen zu Pferde, so begehrt er's nicht mehr anders. Aber zu Pferde, Herr, zu Pferde müssen auch Sie, damit meine Bursche um Mittag zurück sein können. Der Trompeter bläst. Steigen Sie auf und machen Sie meinem Gaul keine Schande. Er geht aufs Wort.« Indessen hatte James dem Senator zugeflüstert: »Ich brauche kein Geld, lieber Herr, und indem Sie mir das trauliche Du gaben, haben Sie die Hälfte Ihrer Schuld abgetragen, Leben Sie wohl! Gott mit Ihnen!« Der Senator wurde aufs Pferd gehoben und trabte majestätisch zwischen den Reitern durch Stadt und Tor, das die Stadtsoldaten gefällig und gehorsam vor dem gefürchteten Feldzeichen aufrissen. Justine wußte von all diesen Begebenheiten nicht das geringste. Einer schüchternen Unentschlossenheit hingegeben, hatte sie in ihrem Zimmer sich verborgen, um sich zu fassen. Der skandalöse Auftritt in der Kirche, die Verhaftung ihres Vaters, die Ungewißheit ihrer zukünftigen Lage, bestürmten zugleich ihre Sinne, daß sie auf einen Augenblick die Selbstständigkeit ihres Charakters vergaß. Die Stimme ihres Vetters, der endlich sich vernehmen ließ, der die Treppen heranstieg, um die Effekten seiner Schwägerin in Beschlag zu nehmen, der von Verschließung aller Gemächer redete, der rauh und ungeschliffen sich bei allen Domestiken nach seiner Verwandten Justine erkundigte, um sie in sein Haus, zu ihrer Mutter zu führen, diese Stimme raffte Justinens Mut zusammen. Dem eigenwilligen Mädchen erschien plötzlich nichts auf Erden schrecklicher, als unter die Vormundschaft dieses Menschen treten zu sollen, den es längst gehaßt hatte; unter die Leitung einer Mutter, die es von ganzem Herzen mißachten mußte. Justine zauderte nun nicht mehr! sie hoffte nicht ferner auf eine Eingebung von Oben; ihr Entschluß war plötzlich gefaßt. Ihr Vater im Kerker? Welcher andere Ort wäre wohl ihre Stelle gewesen? Ihr Vater verbannt? Welche Pflicht erschien ihr teurer, als die, den Urheber ihrer Tage zu begleiten? Sie ließ, in ihre Stube eingeriegelt, den im Hause herumstöbernden Schwager ihrer Mutter seinem überlästigen Geschäfte obliegen. Sie packte währenddessen ihr erspartes Geld, ihre Kleinodien zusammen; sie erwartete mit Herzklopfen den Augenblick, in welchem die Wege zur Flucht rein sein wurden; er kam. Sie entschlüpfte; sie eilte die Treppe hinunter. Nirgends mehr eine Wache; das Kontor verschlossen, und den Vater auf dem Bürgergewahrsam aufzusuchen ihre Aufgabe. Das Gewitter des Morgens sendete noch immer fürchterliche Regengüsse. Ihrer nicht achtend, trat Justine aus dem Hause. Eine Frau stürzt ihr entgegen; die Lainez. »Wohl mir, daß ich Sie finde!« sagte diese atemlos, »Sie glauben mich im Unrecht. Aber Sie sollen sich vom Gegenteil überführen. Ich habe den Moment erspäht, Sie zu retten. Kommen Sie mit mir, wenn Sie nicht nach Ihrer Mutter verlangen!« »Ich verlange auch nicht nach Ihnen!« antwortete Justine und will sich von der Französin losmachen, »lassen Sie mich! mein Vater ist im Gefängnis! ich will – ich muß zu ihm!« »Zu ihm? Sie wissen also nicht ...?« »Was, Madame?« »Ihr Vater ist entwischt; niemand weiß, wohin!« »Entflohen? Gott sei gelobt! Adieu, Madame, ich folge ihm!« »Wie? ohne Spur? ohne Nachricht?« »Der Herr wird mich erhören. Meine Angst wird ihn finden! Lassen Sie mich!« »Sie machen sich unglücklich! Der Senator hat ohne Zweifel die Stadt verlassen!« »Gleichviel! Ich suche ihn auch nicht in dieser Stadt!« »Sie sind aber hier eingesperrt. Alle Tore sind geschlossen; niemand wird ohne die strengste Untersuchung hinaus gelassen. Man kennt Sie! man wacht sorgfältig über die Angehörigen des Senators, Man wird Sie zu Ihrer Mutter bringen!« Diese Nachricht lähmte Justinens Kräfte. Mit einem tiefen »Ach!« griff die Wankende nach der Hand der Französin, die mit ihr indessen an die Ecke der Straße gekommen war und dringend weiter redete: »Aufschub ist's, den Sie gewinnen müssen! Lassen Sie die ersten Tage der Unruhe vorübergehen! Sie werden ohne Zweifel Nachricht von dem Vater erhalten! Rauben Sie sich jedoch nicht die nötige Freiheit, ihm alsdann folgen zu können. Vertrauen Sie sich mir. Auch ich bin verfolgt, fürchte ich; auch mich verdächtigt mein Aufenthalt im Johanniterhofe, obgleich meine Seele rein an jenen Umtrieben ist, rein wie ein Sonnenstrahl. Ich weiß einen Ort, der uns beide verbirgt, der uns fürs erste den nötigen Schutz verleiht. Folgen Sie mir. Sie werden daselbst sichrer sein, als unter den Augen Ihrer Mutter, die vielleicht Schuld an dem ganzen Unheile trägt, das Ihren Vater betroffen hat,« »Lieber in den Tod als zu dem despotischen Onkel, als zu der Mutter, deren Vorwürfe mich umbringen würden!« rief Justine, »ich will noch einmal an Ihre Aufrichtigkeit glauben. Bringen Sie mich von hier!« »So eilen Sie!« ermahnte die Lainez und fühlte Justine schnell mit sich von dannen; weit vom Vaterhause, auf den Paulsplatz, wo sie sehr durchnäßt ankamen, allein doch unbeachtet. Rasch schritten die Frauen auf die Kirche los; heftig zog die Lainez die Glocke an dem Pförtchen des Turms. Die wenigen Minuten, deren der Türmer bedurfte, um herabzukommen und aufzutun, wurden den Harrenden zu Ewigkeiten. Endlich ... Schlüsselklang ,,. da« Pförtchen geht auf. Pahlens empfängt verwundert, freudig erschreckt, die Einstürmenden, »Gott grüße Sie, Herr Pahlens!« ruft die Lainez in Eile, »oben ein Nähere«!« und mit flüchtigem Fuße eilen die Frauen über die hölzernen Stiegen; an Glocken und Uhr vorüber, über die finstern Wendeltreppen, durch die finstern Gangschluchten, und an den hohen Lucken vorbei, die eine schwindelerregende Gruft vor dem Aufsteigenden eröffnen; und nimmer ruhen, und nimmer rasten sie, bis der letzte Treppenabsatz erklimmt und die Plattform des Turms erreicht ist, wo der heftig ziehende Luftstrom sie zwingt, in des Türmers Stübchen einzutreten, Platz zu nehmen, Odem zu schöpfen, und endlich dem nachgefolgten Pahlens die Absicht ihres Kommens zu erklären. Die Französin faßt sich hierin, so wie in allem, kurz. »Sie wissen, Monsieur, was in der Stadt vorging,« sagt sie mit vertraulichem Tone zu dem Türmer, »wir sind ebenfalls das Opfer jener traurigen Ereignisse. Wir fordern von Ihnen Schutz und sichern Aufenthalt für wenige Tage, und erwarten von Ihrer Galanterie die Erfüllung unsers Begehrens!« Ein Strahl von Freude und Behagen fuhr über Pahlens Gesicht; vergnügt rieb er sich die Hände und versetzte: »Sie kommen zur besten Stunde, meine Damen. Mein Gehilfe wurde gestern in das Landkrankenhaus gebracht und ich bin allein. Mehrere Tage hindurch kann ich mich wohl allein behelfen, und der Magistrat wird mir die Schonung seiner Kassa danken. Ueber diesem Zimmer, in der Kuppel des Turms, befindet sich das schönste Belvedere; ein Plätzchen, wie geeignet, die Göttin Venus mit ihren Grazien und Amoretten zu beherbergen. Sie werden daselbst wohnen, ungestört sein und nur die Vorsicht beobachten müssen, sich nicht sehen zu lassen, wann sich Neugierige ober Leute, die hier oben Geschäfte haben, auf dem Turme einfinden.« Justine, von dem albern galanten Wesen des Türmers unangenehm berührt, drang darauf, da« gerühmte Kuppelzimmer auf der Stelle zu beziehen. Ihrem Wunsche wurde also willfahrt, das Frauenpaar in sein Asyl eingeführt, das in der Tat eine gewisse Eleganz darbot und eine vielversprechende Fernsicht: heute freilich von Regenschleiern verhüllt. Pahlens, nachdem ei sich in seinen besten Putz geworfen, trug seinen Schutzbefohlenen alles auf, was die beschränkte Speisekammer des Junggesellen vermochte, und lud seine Gäste ein, seine Gaben nicht zu verschmähen. Die Lainez ließ sich nicht nötigen, Justine versagte, setzte sich ans Fenster, sah hinaus in die grauen Wolkenmassen und weinte und seufzte, und machte Pläne. Pahlens, nachdem er vergeblich versucht, der Jungfer, die sein Herz erobert, ein Wörtchen abzugewinnen, ging verdrießlich davon, die Stunde zu schlagen; ließ die Frauen allein. »Wohin sind wir geraten?« fragte Justine heftig, »wie sind Sie hier bekannt geworden, Madame? Von der Diskretion eines geckenhaften Menschen abzuhängen, der mich durch seine Zudringlichkeiten ärgern könnte, machte ihn nicht seine Albernheit lächerlich! Warum habe ich mich von Ihnen beschwatzen lassen?« »Wissen Sie einen Ort, an dem man uns weniger vermutet? an dem wir unbemerkter sind?« fragte die Lainez einsilbig dagegen und setzte bei, »ich kenne den Herrn dieses luftigen Hauses zwar nur oberflächlich, aber getraue mir, für die redliche Reinheit seiner Gesinnung zu bürgen, Fürchten Sie keine Beleidigung Ihrer Würde, keine Verletzung des Anstands. Was Sie auch von mir halten mögen ... ich bin eine Freundin und Bewahrerin strenger Sitte, und niemand wird mehr als ich von einer Unbescheidenheit verletzt. Schlafen Sie deshalb ruhig. Morgen leuchtet uns vielleicht ein günstigerer Himmel. Vielleicht sind wir so glücklich, etwas Näheres von Ihrem Vater zu erfahren, und Ihr Zweck ist dann erreicht.« Dieser Zuversicht sich überlassend, fügte sich Justine in die seltsame ungewohnte Lage. Der Abend kam und verging bei einsamer Kerze, und beim Lautenspiel des Türmers, der sich's nicht nehmen ließ, die Frauenzimmer zu unterhalten, bis die Zehnerglocke geläutet werden mußte. Pahlens Fürsorge hatte den Damen auf den Ruhebettchen des Belvedere ein erträgliches Lager bereitet. Er wünschte ihnen gute Nacht und empfahl ihnen das Licht zu löschen, damit der Wächter, der nach zehn Uhr auf dem Turme einzutreffen habe, nicht Unrat merke. Justine verriegelte die Türe. Die Lainez löschte die Kerze. Die beiden schonen Flüchtlinge versuchten, ohne ein Wort ferner zu wechseln, zu entschlummern. Justinens Augen floh jedoch der Schlaf; ihrer Begleiterin ging's nicht besser, denn Justine, ganz stille ruhend, hörte plötzlich, wie sich die Lainez leise aufrichtete und in französischer Sprache – in der Meinung, ihre Gefährtin schlafe – zu beten anfing. Das Gebet war an die Himmelskönigin, an die heilige Jungfrau gerichtet, und die Flehende forderte die göttliche Mutter auf, durch ihre Gnade den traurigen Zustand zu endigen, in dem sich gegenwärtig die Bittende befinde; ihr es möglich zu machen, den lauernden Feinden zu entgehen, und unter den Schutz der Gläubigen zurückzukehren. Sie fügte hinzu, die Jungfrau möchte diese Gnade auch auf ihre Gefährtin ausdehnen, die um ihrer Eigenschaften willen, zu dem besten Glücke würdig und berufen sei. Sie möchte ein Wunder ihrer Huld tun, um das Seelenheil der Protestantin zu retten, sie auf die Bahn, die ihr Vater betreten, zu führen, ihr alle Sünden erlassen, sie frei und glücklich zu machen! Wenn die göttliche Fürsprecherin alles dieses Verlangte tue, so verspreche ihr die Beterin eine neuntägige Bußübung, ein vierzehntägiges Fasten und eine Votivtafel dem wundertätigen Bilde zu Montserrat. Hierauf begab sich die Lainez wieder zur Ruhe und entschlief bald in vollkommener Friedseligkeit. Justine, welche aufmerksam gelauscht hatte, machte ihre besondern Betrachtungen. In dem Grade, als ihr Mißtrauen gegen die Französin zunehmen mußte, in der sie nun eine eifrige Katholikin, und – wie sie im Verlauf des letzten Tages geahnt hatte – ein Werkzeug ihrer beabsichtigten Bekehrung erfand, nahm auf der andern Seite wieder ihr Vertrauen zu der Person zu. Die Lainez hatte ja in ihrem Gebet die Protestantin mehr noch den himmlischen Mächten empfohlen, als sich selbst; sie hatte für Justinens Erleuchtung und Rettung gebetet, sie hatte dafür ein Gelübde geleistet! Justine dankte ihr im innersten Herzen für die Beweise einer liebevollen Teilnahme und vergab ihr allen Unglimpf. Justine beneidete sogar die Französin um ihr Vertrauen, um ihr gläubiges Gebet, das den ruhigen Schlaf auf die Augen der Beterin goß, erzeugt von der Zuversicht, daß das Gebet erhört, das Gelübde vergolten werden müsse. Justinens Auge blieb wach und munter ihr Ohr. Sie sah die Streiflichter der Wächterlaterne, die um das Turmzimmergebäude die Runde machte; sie hörte Pahlens und des ablösenden Wächters Stimme, das heisere Gebelle des Wachthundes, die von Stunde zu Stunde gegebenen Posaunenstöße in die weithallende Luft, das erschütternde Ausheben der großen Uhr, die Donnerschläge der allzunahen Stundenglocken. Unwillkürlich dachte sie an die Märchen ihrer Amme, an das Traumgesicht, das Georg Birsher erzählt hatte. Sie blickte sorglich nach der Gegend der Türe, ob nicht etwa des alten Amerikaners wahrhaftiger Geist hereinschreiten werde. Aber quälender wurde ihre Angst, marternder ihre Schlaflosigkeit, erinnerte sie sich der verflossenen Tage, des Glücksruins ihres Vaters, seiner Verblendung, seiner Flucht, des Verschwindens ihres Verlobten. Eine traurige Zukunft rollte sich vor ihrer Einbildungskraft auf, und sie hätte sich aus den Fenstern des Turms in das Wolkenmeer geworfen, wenn es möglich gewesen wäre, auf demselben überzuschiffen nach der Weltgegend, in welcher sich ihr Vater befand. Nein Andenken des, gewiß auf immer von ihr getrennten Verlobten weihte ihr Herz nur eine vorübergehende Klage: des Vaters Bild erfüllte es ganz. Seine Führerin, seine Begleiterin in dem Labyrinthe seines Unglücks zu werden, schien ihr Beruf zu sein, und sie sehnte den Tag herbei, der ihr vielleicht Kunde zu geben bestimmt war. Der Tag kam herauf, herrlich und prächtig, wie sein Vorgänger häßlich und stürmisch gewesen war. Justine badete ihre glühende Wange in dem kühl strömenden Glanzmeere, das um des Turmes Spitzen lag. Die Nebel des Himmels hatten sich zerstreut, waren am Horizonte niedergesunken. Durch die durchbrochenen gotischen Geländer der Plattform schimmerte das tiefe Blau des Himmels, und über dem frei ragenden Gipfel strahlte ein feines durchsichtiges Dach von Azur. Scharen von munterem Gefieder strichen neckend oder majestätisch vorüber. Der Storch klapperte fröhlich in seinem Neste, mit ihm um die Wette gurrten die Ringeltauben des Türmers. Eine köstliche Aussicht hatte sich durch die Nacht zum Licht emporgearbeitet. Die weite Fläche um die Stadt, nur in der weitesten Ferne von Gebirgsumrissen begrenzt, prangte in der vielfarbigen Fülle des nahenden Herbstes. Städtchen mit glänzenden Turmknöpfen, Kirchdörfer mit lustigen Ziegeldächern, zwischendurch belebte Landstraßen, oder weite Baumgelände, oder grüne Fluren, oder silberne Ströme, oder abgelesene Felder und frisch umgewühlte Aecker, über deren Furchen wunderliche Herbstseidenfäden ihren weichen, eisgleichen Spiegel gezogen hatten, entzückten das Auge. Die ansehnliche Stadt, von grünen Bastionen, altertümlichen Warten und dem Strome umzogen, bildete gleichsam den Korb, aus welchem man ins Weite sah. Justine hatte diesen Anblick noch nie gehabt. Sie hatte noch nie hernieder gesehen in die dunkeln Straßen, auf die volkreichen Märkte, auf die Giebel der Häuser, auf die niederer liegenden Kirchen. Sie suchte, sie fand ihr Vaterhaus, die Wiege ihrer Freuden; sie suchte und fand den altersgrauen Johanniterhof, die Wiege ihres Leidens und des Unglücks ihres Vaters; sie suchte nicht das Gasthaus, das ihren Bräutigam beherbergt hatte, damit ihr Schmerz nicht erwache; sie suchte aber die Straßen, die von den Toren in alle Weltgegenden ausgingen; sie versuchte zu erraten, welche ihr Vater wohl eingeschlagen haben mochte, oder ob er vielleicht noch in der dumpfigen Häusermasse atme, deren Bewohner sich gegen ihn und seine Schwachheit verschworen hatten. Sie lief, ohne sich des »Warum?« bewußt zu sein, nach der Türe, sie öffnete dieselbe unschlüssig und hörte plötzlich vom Fuße der schmalen Treppe, die ins untere Gemach führte, leise Flüsterworte, eine Unterredung, die sie nahe mit anging. Pahlens und die Lainez, die schon seit einiger Zeit das Gemach verlassen hatte, sprachen zusammen, heimlich und vertraulich – von Justinen. Sie können sich leicht denken,« sagte der Türmer, »wie mich's alarmiert hat, als ich's vernahm. Es ist doch schade um die magnifique Jungfer, Parole d'honneur ! die Mama und der Vormund wollen sie, sobald sie ausfindig gemacht worden, in die Kostschule sperren lassen, weil sie dergestalt an ihrem Vater hängt. Es wird behauptet, sie sei, wie er, katholisch geworden, und dieser Schmutz müsse abgekratzt werden.« »Nichts weniger als das,« versetzte die Lainez, »indessen müssen Sie, Monsieur, uns weiter helfen. Der Superior hat mir das Mädchen auf die Seele gebunden. Ich muß Wort halten, damit auch mir einst Wort gehalten werde.« »Ich will wohl behilflich sein,« sprach Pahlens wichtig, »aber um den Lohn begehre ich auch nicht zu kommen. Sie wissen, meine Beste, wie mich der blinde Kupido selbst aveugle gemacht hat. Ich bin amoroso dergestalt, daß ich mit Tränen meine Speisen salze, und täglich und nächtlicherweise von Morpheo verlassen werde. Wenn mir die ehrwürdigen Patres die Holdselige zur ehrlichen Hausfrau geloben wollten ... auf das Vermögen täte ich Verzicht, und laute irgendwo mein stilles Arcadia an. Könnte ich alsdann in irgend einem Dome Organist werden, so sollten die dankbarsten Liebesgötter meine Register handhaben.« »Sie sind eigennützig, Monsieur Pahlens,« entgegnete die Lainez empfindlich. »Ich opfere auch alles auf, bis auf die Braut, die ich adorire,« sagte der Geck, »wenn es herauskömmt, daß auch ich den Staub des Lutherwesens abgeschüttelt, so würde ich's nicht leugnen und folglich meinen Bündel schnüren müssen, und von denen Musis erwarten, wo ich wieder meinen Unterhalt fände. Nicht wahr? Wäre hingegen Jungfer Justine meine Verlobte ... vraiment! noch heute sagte ich auf, zöge morgen ab, und erhielte alsbald meinen Abschied, weil sich zehne für einen um meinen Dienst bewerben.« »Das Mädchen will seinen freien Willen haben, Monsieur Pahlens.« »Recht, beste Madame. Sie soll meine Devotion erkennen leinen, und wenn sie meine liebeslustigen Sentiments erfährt, wird sie nicht unempfindlich bleiben. Die Zeiten sind anders. Der Papa davon gelaufen ... die Mama, die sie einsperren will; auf der andern Seite dagegen der niedliche Pahlens, ein Virtuose auf vielen musikalischen Instrumenten und heftig verliebt ... ich bin gar nicht bange zu reüssieren, wenn Sie mir Ihren Beistand nicht versagen, und acht Tage hier oben verweilen.« »Warum nicht gar? Sie müssen uns so schnell als möglich wegbringen. Man gibt vor, ihr Vater habe sie beschieden ,.. wohin? das ist gleichviel. Sie geht in die Falle. Wir bringen sie in den Bereich des Superiors, und das Zureden desselben, wie Ihre galante Bewerbungen werden das übrige tun. Wir Weiber sind schwach, Monsieur, und weichen gerne der Schmeichelei, wenn uns die Stütze eines Vaters fehlt.« »Wenn Sie meinen ..,« fügte Pahlens hinzu, und das Gespräch verstummte. Justine zog sich, empört und erschreckt von dem, was sie vernommen, zurück. Sie mochte überlegen, wie sie wollte, sie war gefangen und gebunden. Dort, wenn ihre Hartnäckigkeit einen freien Abzug von dem Turme erzwang, die schimpfliche Einsparung in die Kostschule, worin ungehorsame Töchter oder leichtsinnige Weiber oft jahrelang ihrer Lossprechung entgegenharrten; und dann die Autorität eines steifen unfreundlichen Familienrats, endlich der Spott, die ehrenrührigen Gerüchte der müßigen Stadtschwätzer. Hier eine begünstigte Flucht, die Hoffnung, den Ketten zu entrinnen, aber der Zwang einer lügenhaften Verstellung, die Gewalt eines intriganten Weibes, eines affenhaften Liebhabers, und irgend eines Superiors, den sie nicht kannte, nicht begriff, und der entscheiden sollte, ob sie den Türmer zu heiraten hätte, oder nicht: sie sah sich schon im Netz heimtückischer Katholiken, und wenn hin und wieder ihr die Vernunft schmeichelnd zuflüsterte, sie möchte sich der Verstellung unterziehen, zu glauben vorgeben, was man ihr von Vaters Befehl vorspiegeln werbe und auf der Reise eine Gelegenheit suchen, von ihren falschen Freunden loszukommen, so sträubte sich doch dagegen sowohl ihr gerader Charakter, als auch die so natürliche mädchenhafte Schüchternheit. Wer wußte, ob sich jene Gelegenheit fände? ob man sie nicht bereits in einen katholischen Zwinger gebracht, ehe sie an ein Entrinnen denken konnte? wer gab ihr auch zunächst die Versicherung, daß sie den Vater finden würde, sie, ein hilfloses unerfahrenes Mädchen ohne Schutz? ja, wenn Georg an ihrer Seite gewesen wäre! auf ihn, den besonnenen und entschlossenen Mann hätte sie jede Hoffnung gesetzt! aber ... allein? Sie verlor sich in trostlosen Betrachtungen. Die Lainez verließ sie darin, um, wie sie vorgab, einen schnellen Gang durch die Stadt zu machen, um zu erfahren, was sich Neues zugetragen. Justine würdigte sie kaum eines Abschiedsgrußes und verschloß vor dem Türmer, der gern den Anfang seiner Bewerbungen gemacht hätte, die Türe. Wie sie nun dasaß und überlegte, und zu keinem klaren Willen gelangen konnte, hörte sie auf der Galerie schwere klingende Tritte nahen. Ein Blick der Neugierde flog durch die ringsum freien Fenster des Belvedere. Zwei Männer in Uniform erstiegen die Plattform, und der Voranschreitende, mit leuchtenden Achselbändern und einer vielfarbigen Schärpe geziert, von dessen Kasket eine breite Feder wehte, belobte alsobald die wunderschöne Rundsicht, deren man von dem hohen Standpunkte genoß. Pahlens, die Mütze in der Hand, trat zu ihm und beeilte sich, dem Besuchenden dienstfertig die verschiedenen Teile des großen Rundbildes zu erklären, nannte ihm die Hauptgebäude der Stadt, die umliegenden Dörfer, und ließ sich eines Breitern in die Erläuterung der bestehenden Wächter- und Feuerordnung ein. Der Offizier horchte freundlich zu, sendete Fragen auf Fragen, und schien mit seiner Expedition auf den Paulsturm sehr zufrieden. Sein Begleiter indessen, in derselben Uniform, doch ohne Silber und Schärpe und Feder und Achselquaste, ein gemeiner Reiter und dienender Gefährte des Offiziers, nahm keinen Anteil an dem Gespräche und wanderte einsam um die Galerie, bis er auf die, dem Offizier entgegengesetzte Seite zu stehen kam. Da legte er beide Ellbogen auf das Geländer, stützte sich auf diese und bückte sich nachdenkend hinunter. Justine war dem Menschen gefolgt. Er hatte, so fremd seine Kleidung war, so viel Bekanntes in seiner Haltung: neugierig lauschte sie, verwendete kein Auge von ihm, und ... als er einmal das Kasket abnahm, um sich den Schweiß abzutrocknen, als ein jugendlich melancholisches Gesicht darunter zum Vorschein kam – da bewegte sich Justinens Herz in unentschlossener Freude. Der Soldat war James, seine absichtslose Unbefangenheit ein Bürge, daß er hier nicht auf hinterlistigen Wegen wandle; daß er nicht, mit der Lainez einverstanden, gekommen war, um Justine mit eigner Hand noch tiefer in das Netz zu verwickeln, das sie bereits umgab. Vergessen waren alle Beweggründe, die einst Justinens Unmut gegen ihn gereizt hatten; sein soldatisches Kleid, für Weiberherzen stets ein Vertrauen erregendes, zeugte von einer gänzlichen Veränderung seiner Lage, sein Gesicht von bekümmertem Ernste. Justine fühlte sich hingezogen zu dem Jüngling, der ihr ein Bekannter, ein ehemals geschätzter Freund gewesen. Da der Vater geflohen, da Georg verschwunden – wo hätte sie eine Seele finden können, ihr verwandter, angehörender als dieser junge Mann? Er oder keiner war dazu gemacht, sie den treulosen Händen, worin sie sich befand, zu entreißen, und ein innerer Zug bestimmte sie zur Zuversicht auf ihn. Ohne sich ihrer klar bewußt zu sein, hatten diese Gedanken den Sieg in ihrem Verstände, in ihrem Herzen errungen. Leise, aber dennoch nicht ohne Geräusch, hatte sie das Fenster aufgezogen. James sah sich um; Ueberraschung, Freude, Entzücken zogen auf seinem Gesichte die fröhlichen Wimpel auf. Justine, ihm verbindlich zunickend, winkte ihm, behutsam zu sein. Er legte beide Hände auf die Brust, sah sie voll Liebe an und erwartete ihr Begehren. »Ich bin gefangen,« lispelte Justine englisch, »wenn Ihr, Herr, kein Verschworner der Lainez seid, befreit mich; doch behutsam.« James, der bei dem Namen der Französin eine Bewegung des Abscheus nicht hatte unterdrücken können, antwortete rasch und ohne zu überlegen: »Mit Gottes Hilfe, Miß.« »Mein Vater?« fuhr zaudernd und ahnend Justine fort, »meine Zukunft? erfuhrt Ihr nichts? darf ich Euch vollends vertrauen?« Die Sporen des Offiziers erklangen, des Türmers gellende Stimme erscholl; James winkte der holden Bittenden, sich zurückzuziehen. Sie stellte sich hinter den offenen Fensterflügel, den Engländer im Auge behaltend, der sich wieder an das Geländer lehnte, den Blick gleichgültig gegen Pahlens Taubenschlag kehrte und nach selbsterfundener Melodie ein Liedchen sang, das – nicht künstlich in Strophen und Reim geschnitten – in seiner Nationalsprache dem Mädchen zu wissen tat, was ihm not war; daß der Senator gerettet, daß er sie nach Amsterdam beschieden, daß James, ihre Spur verlierend, beinahe in Verzweiflung geraten; daß er die Lainez hasse, Justinen« Schicksal bedaure, und alles zu ihrer Befreiung und zu ihrer Rücklehr zum Vater aufbieten werde. Die Tore der Stadt seien wieder offen, und Justine würde noch am Nachmittage Nachricht erhalten. Justinens Busen erzitterte von Wonne. Der Offizier machte jedoch dem improvisierten Liede ein Ende. »Brav,« sagte er in ziemlich schlechtem Deutsch, »ich sehe doch, daß Seine Melancholie ein Ziel hat. Wenn der Gesang auf die Zunge hüpft, wird auch das Herz ruhig. Er wird mich vollends zu Seinem Freunde machen, wenn Er aufgeweckt und munter ist.« James bückte sich, und wußte, auf geschickte Weise das Kasket in Stirn und Auge drückend, dem umherfaselnden Pahlens sein Gesicht aufs beste zu verbergen. Nach einigen Worten empfahl sich der Offizier und James folgte ihm dienstpflichtig. Der Schlüssel tragende Türmer geleitete sie hinab. Wie schnell hüpfte nun Justine aus ihrem engen Zimmer! wie freudig tanzte sie auf der Galerie umher! wie verächtlich sah sie auf die düstere Stadt, wie wonnetrunken auf die fern hinziehenden Heerwege nach Westen, wohin der väterliche Ruf sie beschied. Sie fürchtete keine Tücke von James! sie rechnete auf das Uebergewicht, das sie über die Handlungen des Jünglings stets behauptet... und nur nach Freiheit, nach Vereinigung mit dem geliebten – unglücklichen Vater, lechzte, alle Bedenklichkeit vergessend, ihre Brust. Und als Pahlens zurückkam, mit abgeschmackter Schmeichelei ihr näher trat, und den erbärmlichsten Witz, die traurigste Galanterie an sie verschwendete – als später auch die Lainez erschien, und ihr in einer wohlgesetzten Lüge erzählte, ihr Vater warte ihrer zu Steinstadt mit dem größten Verlangen und Pahlens werde sich ein Vergnügen daraus machen, sie hinzubringen – da lächelte sie kindlich unbefangen; die List sprach nicht aus ihren Augen, die krause Stirn verriet keinen Ernst, keine prüfende Ueberlegung. Sie schien die Vertrauende zu sein, die Einwilligende, die Zufriedene. Die Verbündeten glaubten ihr Spiel gewonnen, und nie war es so trostlos verloren. Am Nachmittage führte der von Justinens Nachgiebigkeit bezauberte Pahlens selbst einen Balsamhändler auf den Turm, dessen verschmitzte Augen wie Blitze aus dem bleichen Gesichte strahlten. »Der Kerl ist ein Fremder; es hat keine Gefahr!« sagte Pahlens zu den Frauen, die sich sträubten, auf der Galerie zu erscheinen, um die Galanterien auszuwählen, die ihnen der verliebte Türmer zu kaufen Willens war. »Mein Gott! ist das nicht Monsieur Litzach?« fragte die Lainez nach einem Blicke auf den Händler. Dieser bejahte achselzuckend und freute sich, die Madame hier zu finden. »Einer der Unsrigen!« flüsterte die Französin dem erstaunten Pahlens zu, »was macht Ihr aber mit diesem Kram?« fragte sie weiter. »Ei nun, Madame,« antwortete der Schauspieler lächelnd, »da es mit der Komödie nicht fort wollte, und meiner Wohltäter Weizen auch nicht ferner blühte, gab ich mich einem Parfumeur als Hausierer hin; will sehen, ob das Geschäft Weib und Kind ernährt! Die Herren werden mich ja für die Zukunft nicht im Stiche lassen,« setzte er bedeutend hinzu. »Seid meiner Fürsprache gewiß, wenn Ihr diskret seid!« sagte die Lainez mit Beziehung und warnend. »Ich weiß, was ich meinen Glaubensfreunden schuldig bin,« entgegnete der Hausierer, der die Lainez verstand; und in dem Augenblicke, als die letztere sich zu Pahlens wendete, um ihm zu beteuern, er könne diesem Menschen vertrauen, hatte auch schon Justine ein Blättchen Papier in der zitternden Hand, Sie dankte dem listigen Ueberbringer mit einem Blicke und trat bald hinter einen Vorsprung des Turms, um die Post zu lesen. James schrieb: »Sein Sie um zehn Uhr abends an der Pforte des Turms. Ich mußte meinen Kapitän ins Geheimnis ziehen. Er läßt Sie in seinem Wagen fortbringen, weil er ein braver, ritterlicher Mann ist. Es quält mich, daß meine Pflicht mich hier zurückhält. Sie sollen indessen – so Gott will – ein Mehreres von mir erfahren.« Das Billet flog zerrissen über das Geländer. Nachdem Pahlens seine Geschenke gemacht, nachdem Litzach hinweggegangen, setzte sich Justine in ein Winkelchen; ging mit sich zu Rate. »Was in aller Welt hat Herrn White zum Soldaten gemacht?« fragte sie sich, »und darf ich mich wohl der Diskretion des Kapitäns anvertrauen?« Ihre Herzhaftigkeit überwand den Zweifel; sie fühlte sich über Furcht erhaben und suchte nur nach Mitteln, dem verschlossenen Turme, den Pahlens stets selber öffnete, um die bestimmte Zeit zu entkommen. Endlich gelangte sie mit dem Plane aufs reine. Sie wollte gegen die zehnte Stunde, mit welcher der ablösende Wächter im Turme einzutreffen pflegte, ihr Lager verlassen, die Treppen hinabschlüpfen und hinter einer Säule am Eingange den Türmer erwarten, wenn er kommen werde, dem Wächter zu öffnen. Sie wollte alsdann herzhaft den schmächtigen Pahlens zurückstoßen und an dem Wächter vorbei durch die offene Türe entspringen. Pahlens Vorteil, dachte sie, würde ihn bewegen, keinen Lärm zu machen, und der Retter nicht weit vom Turme ihrer warten. Von ihren Hoffnungen ermutigt, hörte sie mit vieler Geduld die Schmeicheleien der Lainez, die Albernheiten des Türmers an, womit diese, ihr zu gefallen, den Abend töteten, und suchte frühzeitig das Lager auf. Die Lainez löschte die Lampe aus und entschlief bald an Justinens Seite. Diese letztere versäumte keinen Augenblick. Sie war angekleidet geblieben; sie hatte das Päckchen, das ihren Schmuck und ihre Sparpfennige enthielt, unter ihr Kissen verborgen; dieses und die Schuhe in der Hand, entriegelte sie so leise als möglich die Türe, fühlte sich das steile Treppchen hinab. Die Stiege knarrte, Justine erschrak; zum Glücke jedoch klimperte Pahlens, in dem Lehnstuhl seines Zimmerchens hingestreckt, auf der Laute und kämpfte mit dem Schlafe, Justine bemerkte dies, durch das Türfensterchen schauend, und dankte dem Strahle des durchschimmernden Lichts, der ihr die ersten Stufen der Wendeltreppe zeigte. Mutig betrat sie den dunkeln Weg, vorsichtig den Strick anfassend, der als Geländer diente. Endlich kam sie in den Bereich der Glockenstube, wo die Wendelsteige aufhörte und die breitern hölzernen Treppen begannen. Eine falbe Sternenhelle schlug durch die riesengroßen Fenster. Das Uhrwerk webte und regte sich mit wunderlichem Geräusch neben der Fliehenden. Sie enteilte der schauerlichen, in abgemessenem Takte pickenden und schnarrenden Nachbarschaft. Ein schützender Geist führte sie die geländerlosen Stiegen, dicht am Rande einer rabendunkeln Tiefe, hinab, Ungeziefer raschelte über ihren Pfad, hüpfte und kletterte auf und ab neben ihr; begleitete sie bis in die unterste Halle, wo sie hochatmend stille stand, hinter die Säule, die sie erfaßte, schlüpfte und mit hoffender Seele wartete; denn schon glaubte sie, den herannahenden Wächter zu hören; doch – das war nicht der Schritt eines Einzelnen; mehrere – immer näher kommend ...; »sind's die Retter?« fragte sie sich mit gespannter Aufmerksamkeit ... Und plötzlich wurde es sehr laut vor der Türe; viele Stimmen, Flintengerassel, rohe Reden, Spott, Gelächter, starker Schellenlärm; der vielstimmige Ruf nach der Höhe endlich: »Im Namen des Magistrats!« Laternenglanz fiel durch das Schlüsselloch. Justine schreckte auf. »Das sind Verfolger!« klagte ihre ahnende Seele ... »sie kommen, dich zu fangen! Deine Freiheit soll verloren gehen! Oeffnet sich die Türe, so gerätst du mitten in die Feinde!« Sie wendet sich entsetzt zum Rückwege. Sie eilt die Treppe hinan. Neue auflodernde Angst. Von oben naht sich Schlüsselgerassel, Lampenschein ... Pahlens unzufriedenes Schelten! Dem verhaßten Menschen, den Verfolgern zu entgehen ... Wo das Mittel? Ihre Hand tappt nach der Seite der Uhrstube, neben welcher sie wieder ist. Sie findet eine angelehnte Türe, drückt sie auf, stürzt hinein ... klammert sich bebend an zwei dicke Pfosten fest, neben welchen durch man zum Uhrwerk geht. Sie läßt Pahlens vorüber gehen, hört ihn die Türe öffnen, hört, wie man ihn gewaltsam ergreift, festnimmt, zwingt, den bewaffneten Troß hinauf zu führen, während unten sorgfältig die Türe wieder verschlossen wird. Wenige Minuten, und der Schwarm kömmt zurück. In seiner Mitte jammert der arretierte Pahlens. »Verdammter heimlicher Katholik!« ruft eine Stimme, »du sollst schon reden lernen!« und fort tobt die Schar und verläßt den Turm. Die Pforte fällt zu; Schlüssel drehen sich im Schloß; schwere Tritte kommen die Treppen herauf. Der neue Wächter gewinnt die Höhe. Seine Tritte verhallen, seiner Lampe Schimmer vergeht; alles wird still – totenstill, und trostlos errät Justine, daß sie ganz verlassen geblieben. Keine Hoffnung zu entkommen ... kein rettender Zuruf von außen. Unter der Last ihrer Angst wanken ihre Kniee, schwindelt ihr da« Haupt. Da fängt das Uhrwerk an zu rasseln wie Gewitterlärm, Walzen und Räder knarren, pfeifen und rauschen, und die furchtbar große Glocke schlägt an, als ob jeder Streich Justinens Leben zu vernichten hätte. Die Erschütterte sinkt unter den donnernden Schlägen, die nicht endigen wollen, zusammen. Ihr Bewußtsein schwindet. Fünfter Abschnitt. 1721. Der Abend in Santa Dominica, – Luis und Ines. – Der Fremde, – Seine Erzählung, – Seine Erinnerungen. – Des indianischen Kindes erstes Abenteuer, – Der Morgen in der Kolonie, – Die fremden Schiffe, – Wiedersehen, – Die Jäger auf den Savannen, – Konsultador und Rektor, – Justinens Los. – Der Vorschlag des Pfarrers. – Die Nacht. – Der Ueberfall. – Die Savannen. – Das Lager der Abiponer. – Kapitän und Kapitana. – Das Opfer, – Fest des Siebengestirns. – Hilfe aus der Ferne. Der Abend flammte purpurrot am Horizonte, den ein Kranz von schwarz aufsteigenden Wetterwolken einfaßte. Die Ebene lag von schwüler Hitze überbrütet. In dem Missionsorte Santa Dominica läutete die Glocke und auf dem Platze vor der Kirche versammelten sich, von der Arbeit in Feld und Haus gehend, die Bewohner der Mission: Männer, Weiber und Kinder in buntem Gedränge, aber mit anständigem Schweigen. Ein großer Kreis wurde geschlossen, und andächtig falteten sich alle Hände, als das Tor des Missions, Hofes aufging und der Pfarrer hervortrat, begleitet von einigen Negern, die schwere Karren, mit zerlegtem Fleische gefüllt, heranzogen, und von stämmigen indianischen Mägden, die in langen schwankenden Körben an Lianenstauden große Vorräte von Mais und Tee herbeitrugen. Der Pfarrer, eine gesunde, obgleich siebzigjährige Gestalt, begab sich würdevoll in die Mitte seiner Pfarrkinder und sagte: »So ist denn wieder mit Gottes, des Ewigen, Hilfe ein mühevoller Tag der Arbeit und des Fleißes zurückgelegt. Der wackere Mann, euer Corregidor, meine Kinder, hat mir den erfreulichsten Bericht über euer Streben abgestattet; und neben dir, du guter Juan Bosco« – der genannte Indianer bückte sich geschmeichelt und demütig – »der unsere große Caamiripflanzung so vortrefflich zu bewässern unternommen hat, habe ich alle übrige zu loben, mit Ausnahme eines einzigen, dessen ich leider mit verdientem Tadel gedenken muß.« Die Leute sahen sich ernsthaft und verwundert an; aber ohne den Aufruf abzuwarten, trat einer aus dem Volke, ein rüstiger junger Mann hervor und kniete mit betrübter Miene nieder, indem er ausrief: »Ach, Vater Luis! vergebt doch ja, und auch der gute Vater über dem Himmel vergebe mir! Ich habe gesündigt; ich habe im Zorne meine Nachbarin, die gute Kordula, verwünscht, und Unkraut in ihren Acker geflucht. Ich bekenne meinen Fehltritt und will ihn nie wieder tun!« »Recht, Francisco,« versetzte der Pfarrer, »du hast die Liebe des Nächsten und Gottes Langmut und Fürsicht beleidigt; ein schweres Vergehen. Laß sehen, ob Kordula die Pflichten einer wahren Christin besser versteht. Tritt hervor, du beleidigte Nachbarin des reuigen Francisco und sage, was, nach deinem Wunsche, dem Beleidiger geschehen soll?« Kordula hatte Tränen im Auge und antwortete, ohne sich zu besinnen: »Tut ihm nichts zuleide, lieber Vater. Ich vergebe ihm von Herzen!« Der Pfarrer sah sich vergnügt im Kreise um, nickte der Rednerin Beifall, berührte dann das Haupt des Reuigen und sagte sehr sanft: »Hast du's gehört, Francisco? So geh' denn um ihretwillen straflos hin in deine Hütte; faste heute, und schäme dich, damit du morgen ein anderer Mensch seist!« Der Getadelte küßte inbrünstig des Pfarrers Hand und entfernte sich mit gebeugtem Haupte und zufriedenem Herzen. »Seht ihr?« fuhr der Geistliche freudig zu dem lauschenden Volte fort, »seht ihr, wie viel es wert ist, daß ihr den wahren Gott und Heiland erkennen lerntet? Was ehedem unter euch nur die Schleuder oder der rachsüchtige Pfeil entschied, schlichtet nun ein Wort des Friedens. So kommt denn heran, ihr Fleißigen, ihr Milden, ihr Müden! Esset von dem Brote, das der Herr unter euern Händen wachsen läßt; von dem nährenden Fleische, und trinket den Trank der Gesundheit, damit ihr den Herrn noch lange preiset und lobet!« Nun setzte sich die Menge in Bewegung, schritt in Doppelpaaren an dem Pfarrer vorüber, empfing aus der Wage seiner Begleiter, Familie für Familie, Fleisch, Mais und die ersehnte Unze Tee; dann sprach der Geistliche den Segen; das Volk antwortete mit einem melodischen Kirchenliede und zerstreute sich in seine stillen Hütten, um das Mahl zu bereiten, und auf der bequemen Ochsenhaut die Mühen des Tages und das herannahende Gewitter zu vergessen. Der Pfarrer beschäftigte sich noch eine Weile damit, dem Regidor und dem Alkalden der Mission die Arbeiten und Verhaltungsregeln für den nächsten Tag aufzugeben, und zog sich sodann in den Hof seines Hauses zurück. Das mannigfaltige Federvieh, das diesen Hof belebte, hatte sich vor dem in der Ferne brausenden Gewitter in die Ställe geflüchtet. Der zahme Straußvogel des Pfarrhauses allein ging stolz und aufgerichteten Hauptes mit gewöhnlicher Gravität auf dem zierlich gestampften Platze umher und lüftete die Flügel dem streichenden Luftzuge entgegen. Der Pater streichelte seine wehenden Federn und sagte lachend zu ihm: »Du mein guter Freund und Haustrabant, kannst du mir nicht verraten, wo dein Spielgefährte ist, der heute so undankbar mein Haus verließ?« Der Vogel schien altklug die langen Augenbrauen in die Höhe zu ziehen; da erklang von Ferne ein silberner Glöckchenton. Ein leichter Trab, dem ein schwerer folgte, kam jenseits der Rohrwand, die den Hof umgab, heran. Ein schlanker Rehkopf sah über die Wand; die Türe in derselben sprang unter der Pfote des Tieres auf; es trabte freudig hindurch, mit schellenden Halsbandglocken, und kauerte sich zu des Pfarrers Füßen, als ob es seines Ungehorsams wegen Vergebung betteln wollte. Der Pater, angenehm überrascht, bückte sich, den schmalen, grauroten Hals zu streicheln, als auch ein Pferd mit einer hübschen Reiterin durchs Tor stürmte. »Ines! Ines!« rief der Pfarrer, gutmütig verweisend und mit dem Finger drohend. Ines sprang jedoch, leicht wie eine Feder, von dem Pferde und jagte es mit einem Schlage ihrer Gerte wieder ins Freie zurück. »Lauf, du wilder Negro!« rief sie, ein wenig atemlos, indem sie die Türe zuwarf und mit dem hölzernen Riegel verschloß, »du hast deine Schuldigkeit getan. Suche den Weg nach deiner Weide, ehe der Blitz kömmt!« Dann näherte sie sich etwas schüchtern dem Geistlichen, senkte den Kopf und fragte freundlich: »Habe ich dir Angst gemacht, lieber Vater? Ich mußte dir ja den Liebling wieder bringen. Das leichtsinnige Tier, verspielt und possenhaft wie es ist, hatte sich gewiß schäkernd von der Rinderherde entfernt und in den Wald verlaufen. Es dauerte lange, bis das faule Reh, im Schatten rastend, meinen Ruf und ich seine Schellen vernahm. Ich meinte fast, ein Tiger hätte sich seiner bemächtigt. Doch endlich, die Jungfrau sei gelobt, kann ich dir's wiederbringen, Vater Luis!« »Und gehst von Hause, ohne zu sagen wohin?« versetzte der Pfarrer gekränkt, »und setzest dich selbst, in Waldschluchten dringend, dem Tiger, durch stille Wasser reitend, dem Krokodil aus, du böses, unbesonnenes Kind? Glaubst du vielleicht, ich sei dem Rehe in höherem Grade gut, als dir? Habe ich dich nicht von zarten Kindesbeinen an gepflegt und gewartet? Habe ich dich nicht getauft und somit zum zweitenmal und edler geboren, als deine Mutter es getan?« Ines ergriff schmeichelnd des Pfarrers Hand und küßte sie. Er dankte ihr nun für den Liebesdienst und fügte bei: »Ich habe verziehen! Sieh zu, wie du mit dem grämlichen Strutto, dem Dragonervogel fertig wirst, der heute die neckende Spielgefährtin sehr verdrießlich vermißte.« Ines klopfte schäkernd die Brust des großen Vogels und sagte hierauf: »Ich will's einbringen, guter Bursche. Schlüpfe indessen nur in die Scheuer. Die Wolken kommen wild und schwarz über die Parana her, und die fernen Berge hängen voll Nebel. Fort, Gejenk !« Der Strauß trabte ruhig nach der Scheune, die hinter ihm verriegelt wurde. Das Reh folgte dem Herrn in die Hausflur. Ines zog die Laden an den Fenstern zu und sagte indessen, bedächtig innehaltend: »Wenn nur der Fremde noch ankömmt, bevor das Wetter losbricht. Es wird einen fürchterlichen Sturm geben.« »Welcher Fremde, Ines?« Das Mädchen lächelte verlegen. »Er scheint mir kaum ein Spanier zu sein,« sagte es alsdann und seine bräunliche Wange rötete sich merklich, »er spricht nicht so gut spanisch wie wir. Ich begegnete ihm draußen an den Tabaksfeldern; ich holte ihn nämlich ein, im Heimkehren begriffen. Der arme junge Mann saß traurig bei seinem Pferde, das im Niederstürzen sich den Fuß verstaucht hatte. Freilich war der Herr unklug, daß er nicht, wie unsere Leute, einige Pferde auffing oder mit sich nahm; indessen hatte ich doch Mitleid, und wahrlich, hätte ich nicht dem schnellen Reh zu folgen gehabt, mein eigen Pferd hätte ich dem jungen hübschen Herrn abgetreten. Er fragte, ob er nach Santa Dominica komme, wenn er weiter ginge, und ich bejahte es, und wies ihn an die Ochsenfänger, die sich in weiter Ferne und im Staube sehen ließen. Sie werden ihn wohl auf ein Pferd genommen haben und mit ihm auf dem Wege sein. Eilen sie jedoch nicht, so ist der Sturm viel schneller als sie.« Ein dunkelroter Strahl, der aus den Wolken fuhr und von einem grellen Wetterschlage begleitet wurde, bekräftigte die Furcht der Indianerin. Aber zu gleicher Zeit ließ sich aus der Ferne, vom Eingänge der Mission kommend, das Geschrei und Getümmel der heimkehrenden Horde vernehmen, die in den Savannen gewesen war, um Ochsen zu fangen, zu schlachten, zu häuten. »Sie kommen!« rief Ines, zufrieden gestellt und ging nach der Haustüre, durch die Ritze zu lauschen. »Hätte ich doch beinahe meines Gasts vergessen!« sagte inzwischen der Pfarrer zu sich selbst, mit einem ungeheuchelten Vorwurfe, »wie zerstreut doch das Alter macht; absonderlich, wenn man sich eines wiedergefundenen Kindes und dessen Geschwätzes erfreut!« Er trat an die kleine Stiege und rief hinan: »Pater Xaver! Pater Xaver! nicht zu Hause?« Keine Antwort. Der Pfarrer warf geschäftig seinen Regenmantel über, stülpte den Rohrhut mit den beiden wasserdichten Krempen auf und schritt, so schnell es anging, nach dem kleinen Gärtchen vor, das zwischen Hof und Ackerfeld gelegen, den Hinterteil des Gebäudes begrenzte. Unter dem Stamme einer mächtigen Algarova ruhte der Gesuchte, vor sich hinstarrend in die Sturm brauende Luft, horchend auf das Wellenschlägen der unfern strömenden Parana, versunken in den Anblick der zum Schrecken sich rüstenden Natur, ohne vor ihr zu zittern; fühllosen Körpers, unbewußten Geistes. Die Stimme des Pfarrers rief ihn zum klaren Bewußtsein zurück. Er sah sich um und fragte: »Was wollen Sie, mein Freund?« »Was wollen denn Sie beginnen, frage ich,« versetzte Luis. »Der Wind beugt schon um und um die Palmen nieder und Sie wollen ihm trotzen? Kommen Sie ins Haus. Beunruhigen Sie mich nicht.« Der Gedankenvolle stand mechanisch auf. »Ich gehorche,« sagte er, »ob es mir gleich lieber wäre, von dem Wetterwinde in die Heide, wo der Tiger streift, oder in die Wellen des Strom« getragen zu werden.« »Welche Reden für einen Christen und einen Geistlichen!« verwies ihm Pater Luis sanft und ernst, »lassen Sie Ihren Beichtvater dergleichen nicht zum zweitenmal hören!« »Ich redete ehedem wie Sie, mein Vater!« antwortete der Gast, »aber seit acht Tagen hat sich so viele« anders gemacht.« »Gottes Schickung!« tröstete der Pfarrer, »halten Sie darauf, Pater Xaver, und kommen Sie herein. Ihre Mietreiter kommen zurück, und nach ihrem Geschrei zu urteilen, muß der Fang beträchtlich gewesen sein; wir wollen die Häute im Magazine unterbringen.« Die Aussicht auf das Geschäft war dem trüben Gaste willkommen. Die Pforten des Lagerhauses, dieser Vorratskammer für die ganze Niederlassung, wurden aufgeriegelt. Die heimkommenden Indianer sprengten in bunter Reihe heran, warfen ihre Ladung von Fellen zum Boden nieder und rannten von dannen, dem Gewitter zu entkommen. Auf so unordentliche Weise war die Beute bald niedergelegt, und Pater Xaver stand berechnend zusammen mit dem Anführer der Expedition in die Savannen, als noch ein Nachzüglertrupp von Reitern kam, deren Pferde schwer bepackt waren, und von welchen einer zweimännisch auf dem Gaule saß. Die wilden Jäger warfen sich erst unter Dach und Fach von den Tieren, denn draußen fiel der Regen dicht, und der Hintermann des Doppelreiters stürzte mit Jubelgeschrei an Xavers Brust. Dieser konnte sich des Andrangs nicht erwehren, doch ebensowenig den in einen verstellenden Indiermantel von Palmblätterzeug Gewickelten alsobald erkennen, bis dieser den Mantel fallen ließ, die Haare aus dem Gesichte strich und dem Ueberraschten den Ausruf entpreßte: »James! James! wie kömmst du hieher? Welch ein Gottesengel führt dich in meine Verbannung?« James weinte einen Strom von Tränen an des Pflegevaters Halse und konnte nicht sprechen, nur schluchzen, nur seufzen, nur hellauf weinen, bis Pater Luis beide bei den Händen ergriff und nach dem Innern des Hauses führte. »Euer Gefühl ist für die Neugierde der Stierschlächter zu gut!« sprach er, »weint und sprecht euch hier aus, meine Freunde, denn die Einsamkeit ist sowohl für die, die da klagen, als für die, die sich im Herzen freuen!« Er verließ, bescheiden und schweigend, die eng Umarmten. Sie vergaßen des brüllenden Donners, des tobenden Regens, des bebenden Hauses, das unter Sturmesgewalt zu weichen drohte. Münzner konnte sich am Gesichte seines Pflegesohns nicht satt sehen, und tausendmal wiederholte er die einfachen Worte: »Du hier mein Sohn? Du hier guter James!« ehe es ihm einmal einfiel, nach der Art und Weise, wie alles sich zugetragen, zu fragen. Endlich geschah es doch. James erwiderte: »Da Sie geschieden waren, konnte ich dem Superior nicht folgen. Ich konnte nicht. Ich rettete jedoch den Senator!« »Ich weiß mein Sohn. Die Tat war brav und würdig. Aber, was du ihr geopfert ... das zerriß mein Herz, da ich's erfuhr!« »Gott führt uns auf allen Wegen,« versetzte James, »nur auf diese Weise konnte mir's gelingen, Justine aus Angst und Gefahr zu erretten.« »Du hast's getan?« fragte Münzner überrascht, »das ist mehr, als ich gehofft. Ich glaubte sie unter Protestanten auf ewig und auf immer verloren!« »Nicht doch, mein Vater!« fuhr James fort und erzählte von Justinens Abenteuern auf dem Turme, von ihrem zufälligen Wiederfinden, von dem Entschlusse, sie von der Gefahr, die ihr die Lainez und der Türmer bereiteten, zu befreien. »Ich liebte das Mädchen,« sagte er mit schwärmerischem und wehmütigem Feuer, »ich glaubte damals, von Justine geliebt zu sein. Mit welchem Auge konnte ich ihre Lage ansehen? sie in des Superiors Händen? sie in einem Kloster? während ich in meiner Unbesonnenheit den Augenblick schon nahe träumte, wo ich als geachteter Offizier um ihre Hand würde werben können? ich trug erst seit zwei Tagen die Uniform des Gemeinen; meine Einbildungskraft war Jahrzehnte vorausgeeilt, und ich wollte lieber die freie Justine fern von mir, in einem andern Weltteile wissen, als auf ewig gefesselt in meiner Nähe. Ich ging ans Werk. Ich sann. Aber, die Möglichkeit? ich hatte nicht Freunde, nicht Bekannte. Die Uniform schützte mich nur, daß man nicht in mir die rechte Hand des Doktors Leupold entdeckte, über dessen wahren Beruf man aufs reine gekommen war. Ich durfte mich nirgends bloß geben. Ich hatte kein Geld, den Hebel aller Dinge. Je zuversichtlicher ich an meinen Plan gegangen war, je niedergeschlagener wurde ich, da endlich die Unzulänglichkeit meiner Kräfte sich mir nicht verhehlen konnte. Indessen hatte ich mein Wort gegeben, und mehr als das Wort fesselte mich die Leidenschaft. Ich geriet auf den abenteuerlichsten Gedanken. Der Werbkapitän war am vorigen Tage angekommen; ein Franzose, leicht und gefällig im Benehmen; ein feiner Mann, der unter den Neuangeworbenen gerade mich zu seinem Bedienten wählte, weil er in mir eine bessere Bildung entdeckte; weil ich ihm gefiel. Ich weiß nicht, wie es kam, aber ... ich glaubte in dem Betragen des Mannes eine gewisse Ritterlichkeit zu verspüren; ich faßte mir ein Herz; ich sprach mit ihm ungefähr so, wie in Balladen und Romanen der dienstfertige Zwerg zum Paladin redet, den er zur Rettung einer im Turme des Riesen gefangenen Dame aufzufordern gedenkt. Zum Glück fand auch der Kapitän die Sache artig und seltsam genug. Ein niedliches Mädchen befreien, dessen Rettung ich ganz seiner Macht und Großmut allein anheimstellte – das reizte ihn. Er ahnte nicht den Zusammenhang, den mein Herz mit der Geschichte hatte. Er sah vielleicht ein galantes Abenteuer in der Ferne. Mir alles gleichviel, weil er nur zusagte. Litzach brachte die Botschaft auf den Turm. Wir warteten um die zehnte Stunde der Nacht unfern des Turms mit Wagen und Pferd. Ein ärgerliches Zwischenspiel hätte uns beinahe alles verdorben. Das Unglück will, daß in derselben Nacht ein Ohrenbläser dem Bürgermeister die Anzeige macht, daß auch Pahlens zu der entlarvten Sekte gehört. Es wird Wache abgeschickt, den Türmer einzuziehen und nachzusuchen, ob er nicht Freunde auf dem Turme verborgen. Das Unglück will, daß Justine, ihrer List und dem günstigen Augenblicke vertrauend, vom Turme herniedersteigend, beinahe in die Hände der Wächter fällt. Ihr guter Geist bedeckt sie indessen schützend mit seinen Flügeln, wie auch die Lainez, die noch Zeit findet, sich oben zu verbergen und der oberflächlichen Nachsuchung der Soldaten zu entgehen. Pahlens wird fortgeschleppt; der sogenannte Zehnerwächter bleibt an seiner Statt im Turme; verschließt alles sorgfältig, steigt in die Höhe, und indem sein Laternchen immer schwächer durch die Fenster des Turmes strahlt, verglimmt in uns Harrenden auch jede Hoffnung, unsere schöne Schutzbefohlene zu retten. Es war indessen anders beschlossen. Die Lainez, in ihrem Versteck beinahe verzweifelnd, sich allein und verlassen sehend, von der Morgenröte ihr Verderben fürchtend, faßt einen kecken Entschluß, der Französin würdig. Behutsam wagte sie sich in der dunkeln Nacht an das Zimmer des Türmers. Der Wächter, das Branntweinglas vor sich, wendet halb trunken und nickend der Türe seinen Rücken und spielt mit dem Hunde. Der Schlüssel des Turmes liegt auf dem Tische. Auf dem Trompetergänglein an der Plattform steht das Laternchen brennend, zum Elfergang gerichtet. Wie ein Schatten schwebt die Lainez durch die halb offene Zimmertüre. Der Hund knurrt; sein Herr gibt ihm Schläge, denkt aber nicht daran, sich umzusehen. In einem Augenblicke nimmt die mutige Frau den Schlüssel leise weg, entflieht so stille, als sie kann, ergreift die Laterne und eilte wie ein Wirbelwind über die Treppen. Auf der Hälfte des Weges schreckt sie ein Geräusch. Unterdrückte Seufzer – leise Klagen bringen aus dem Gange der Glockenstube an ihr Ohr. Entschlossen stößt sie die Türe auf. Justine richtet sich eben hinter derselben aus einer Ohnmacht auf. Die Lainez fühlt das heftigste Mitleid für die Geisterbleiche. Ohne Rat, ohne Hilfe, ohne Aufsicht, nur dem Augenblicke und dem Triebe nach Freiheit gehorchend, unterstützt sie die Ermattete, führt sie schnell hinab ... die Türe klingt ... öffnet sich ... Justine stürzt ins Freie, die Lainez folgt, sperrt wieder vorsichtig die Pforte und der Wagen rollt, da wir weiße Gewänder durch die Finsternis sahen, geschwinde herbei. »Das sind zwei Damen?« flüsterte mir der Kapitän zu, »ich hatte aber nur Augen für Justine, die sich, wie ein Kind, vertraulich auf meine Schulter stützte, als ich sie in den Wagen hob. Die Lainez, unwissend und über diese Vorbereitungen verwundert, folgte nicht minder. Der Kapitän bedeckte die schönen Flüchtigen mit seinem weichen Mantel, befahl dem Reiter auf dem Bocke, scharf zu fahren und behielt mich neben sich auf dem Rücksitze. »Du begleitest mich zur ersten Station,« sagte er, »von dort kehrst du mit dem Wagen zurück und ich bringe die Damen noch eine Strecke weiter, erwarte dich mit meinem Pferde. Ich werde dir Nachricht hinterlassen.« Nun fühlte ich erst die Schwere der Subordination. Es galt aber Justine, und ich schwieg geduldig. Ohne Aufenthalt gelangten wir unterm Schutze des Kapitäns durch das Tor und fuhren stracklich weg. Die Damen schliefen oder stellten sich schlafend. Wir sprachen nur abgerissene Worte, Noch war der Tag nicht angebrochen, als wir hielten. Ein elendes Wirtshaus nahm uns auf. Hier sollte gefrühstückt werden. Hier löste sich alles. Die Lampe des Wirts beleuchtete unsere Züge. »Alle Donner!« rief der Kapitän, »ist das nicht Madame Lainez? wie kommen Sie hierher, meine Schöne?« – die Lainez glaubte in die Erde sinken zu müssen. »Das Abenteuer nimmt eine üble Wendung,« sagte der Kapitän hierauf halb lachend, halb bitter zu mir, »die eine (Justine), die mir gefällt, wird von dir mit verliebten und argwöhnischen Blicken gehütet, und die andere ... beim heiligen Georg! 's ist meine Frau!« Die Lainez weinte heiße Tränen. Justine staunte, ich nicht minder. »Ei, Madame!« fuhr der Kapitän fort, »wie erging es Ihnen, seit wir uns trennten? und erinnerten Sie sich nicht, daß wir uns heilig zusagten, uns nie wieder zu sehen? Ich gestehe, daß nur der Zufall diese Rencontre herbeigeführt, aber es ist doch ein verdrießlicher Zufall. Mußte mich ein Duell aus Frankreich verjagen und unter meinem Kadettnamen in fremden Diensten nach Deutschland führen, damit ich Sie, meine Scharmante, wiederfände? Genug, keinen Augenblick mehr mit Ihnen!« Er sprang empor, ich hielt ihn auf. »Was soll aus den Frauen werden?« fragte ich für Justine besorgt. »Sollen wir sie ohne Schutz, ohne Führer hier auf der Straße nach Amsterdam lassen? Vollenden Sie Ihr Werk, Herr Kapitän, wie ein echter Edelmann.« – »Eben deshalb!« antwortete er frivol, »ich habe mein heiligstes Wort verpfändet, nie mehr mit dieser Dame, die einst die Meinige war, zusammen zu weilen; nicht eine Stunde, nicht eine Viertelstunde, und ein Edelmann hält sein Wort. Darum, wenn Mademoiselle sich mir nicht allein anvertrauen und das intrigante Weib hier ihrem guten Glücke überlassen will, so lasse ich die Partie unbeendigt.« Justine weigerte sich nun aufs heftigste, die Lainez zu verlassen, die sie in ihrer Ohnmacht nicht verlassen hatte; weigerte sich, mit dem Kapitän die Reise fortzusetzen, »Pardieu!« sagte endlich der leichtsinnige Franzose, dem es in seiner Gattin Nähe sehr bange und unfriedlich zu werden schien, »so weiß ich kein Mittel, als Ihnen, meine Schöne, einen geliebtern Stellvertreter beizugesellen. Monsieur Leblanc,« wendete er sich mit scherzender Liebenswürdigkeit zu mir, »Sie sind ein galant, homme , der in den groben Rock nicht paßt. Kraft der Gewalt, die ich in meinem Depot ausübe, schenke ich Ihnen die Freiheit und werde Ihre Ranzion gegen meinen Fürsten bestreiten. Vollenden Sie dafür meine Ritterpflicht gegen Mademoiselle. Ihre Herzen stimmen überein, und mein Auge hat mich nicht getäuscht. Führen Sie jedoch nicht minder Madame Lainez recht weit, in Regionen hinweg, wo sie recht glücklich sei; so unaussprechlich glücklich, daß es ihr nie wieder einfalle, heimzukehren, und ihren Gatten so empfindlich zu erschrecken.« Meinem Dank, so wie dem Jammer, den die Lainez anhob, zu entweichen, warf er sich in den Wagen und ließ mir eine Börse zur Fortsetzung der Reise zurück, die ich nur annahm, weil ich Justine von jedem Hilfsmittel entblößt und den Senator zu Amsterdam glaubte. Dieser würde unfehlbar die Ehrenschuld sogleich getilgt haben! Aber ... nun weiter. Was übrig bleibt, ist wenig. Wir setzten die Reise mit Eilpferden fort. Justine verklärte sich in der Hoffnung, den geliebten Vater wieder zu umarmen. Die Lainez weinte in einer Stunde eine Sintflut, trocknete sie in der andern, verwünschte in der dritten ihren Mann und seine Unverträglichkeit, lachte in der vierten herzlich über die unvermutete Ueberraschung und schwor endlich, leichtsinnig und vogelfrei gegeben, Justine nicht zu verlassen, bis der Senator gefunden sei. Justine hegte ein stilles Mißtrauen gegen mich, das mich kränkte, denn nie war ich ihr redlicher ergeben, als gerade jetzt. Wir gelangten nach Amsterdam. Nicht Sie, nicht der Senator waren mehr zugegen. Das Schiff des Tormerpick hatte Sie schon hinweggetragen. Van den Hoecken gab mir den lakonischen Brief des Senators, in dem es nur hieß, zu Assumption in Paraguay erwartet der Vater seine Tochter! Diese neun Worte belebten Justine mit dem erstaunlichsten Mut, der sowohl die Lainez als mich dem Mädchen dienstbar und unbedingt gehorsam machte. Wir betrieben unsere Abreise. Wir bestiegen das Schiff, wir befuhren die Meere. Aber je klarer die See unter uns, je heiterer über uns der Himmel wurde, je trüber wurde meine Seele. Der Amerikaner hat mich getäuscht, meine Leidenschaft hat mich getäuscht, alle Hoffnungen der Sehnsucht haben mich betrogen. Justine ... liebt mich nicht. Sie trägt mein Bild nicht in ihrem Herzen, nicht an ihrem Halse. Mein Leben ist verloren. Ich habe mich dem edeln Geschöpfe unwürdig, falsch gezeigt; ich fühle es, sie kann mir nicht vergeben, kann mich nur dulden, nicht achten, nicht lieben. Nichts mehr davon, das sei tot und ab. Ich habe mich ausgeweint, stand ich in verschleierter Nacht auf dem Verdeck des Schiffs, wo mich die Wache duldete. Ich habe den flammenden Sternen mein Leid geklagt, ich habe es den ziehenden Wolken mitgegeben, und in mancher Nacht, wann der gespenstische Holländer auf seinem Nebelschiff durch die graupige Luft sauste, daß den abergläubischen Matrosen das Haar zu Berge stand, einen härtern Kampf gekämpft, als jenes Luftgespenst mit seinen weißen Wolken. 's ist nun vorüber, und ich will Ihnen nur kurz erzählen, daß wir auf der Reede zu Buenos-Ayres Anker warfen, daß wir den mächtigen Silber- und Paraguayfluß heraufschifften, und unfern von Dios Padre mit einigen Geistlichen und ihrem Gefolge zusammentrafen, die sich ebenfalls den Fluß heraufbegaben. Der eine von ihnen ist ein vornehmer Geistlicher Ihres Ordens aus Cordova, der andere Rektor des Kollegiums zu Assumption. Sie gesellten sich zu uns; ihre Ruderer sind zahlreicher als die unserigen, geschickter und gehorsamer. Sie erfuhren unsere Namen bald und der Rektor erzählte hierauf von Ihnen und dem Senator, daß Sie beide nach der Doktrina Santa Dominica abgegangen; Sie, um eine Handelslieferung zu bewerkstelligen; der Senator, um seine angegriffene Gesundheit wieder herzustellen. Diese Nachricht beunruhigte Justine und verdoppelte ihre Begierde, schneller fortzukommen, den Vater eher zu sehen. Der Zufall will, daß die Väter Jesuiten ebenfalls hierher ihre Reise richten. Wir blieben daher auf der Parana auch beisammen, und ich flog auf einem raschen Pferde voraus, unsere Ankunft anzusagen und den Senator vorzubereiten, damit die unvermutete Freude seiner geschwächten Gesundheit nicht schade. Morgen, spätestens zu Mittage kommen die Freunde nach, um die Gastfreundschaft von Santa Dominica anzusprechen.« »Ich heiße sie im voraus, und im Namen meines freundlichen Wirts, willkommen,« sagte Münzner mit niedergeschlagenen Augen und zögerndem Tone, »nur schade, daß gerade in diesem, so fröhlichen Augenblicke, der gute Senator nicht zugegen sein kann.« »Nicht, mein Vater? Wo ist er?« »Er hat einen Streifgang in das Land gemacht,« fuhr der Jesuit fort, »wir erwarten ihn bald zurück, und dann...« »Einen Gang in das Land, mein Vater? ein kranker Mann? wie konnte er's wagen?...« »Tief im Lande träufelt aus einem Baume, den sie Anguay nennen, ein köstlicher Balsam, der an der schwächsten Brust Wunder tun soll. Dieser Balsam muß zur jetzigen Jahreszeit gewonnen und sogleich an Ort und Stelle gereinigt und gebraucht werden. Dies Heilmittel aufzusuchen, entfernte sich der Senator.« »Und Sie begleiteten ihn nicht, mein Vater?... Verhehlen Sie mir auch nichts?« »Ich belüge dich nicht,« erwiderte Münzner scharf und ungeduldig, sich von ihm wendend; dann trat er besänftigter zu dem Jüngling, reichte ihm die Hand und sagte: »Laß uns von etwas anderem reden, von etwas Erfreulicherem; von deiner Ankunft, und immer wieder von deiner Ankunft. Sieh, hierzulande fließt das Blut selbst in den Adern alter Leute rascher als drüben. Man braust leicht auf, man liebt aber wärmer, man freut sich lebendiger. Wirst du denn meine Freude vervollständigen? Wirst du hier das Gelübde erfüllen, das dich in Europa anwiderte? Tu' es hier! hier hast du die schönsten Werke der Gesellschaft vor Augen.« »Muß denn diese Frage in der ersten Stunde meines Empfangs aus Ihrem Munde gehen?« fragte James sanft, aber gekränkt. »Ich schweige,« versetzte Münzner mit einem Seufzer; »wohl dir jedoch, mein Sohn, wenn nur mein Mund ferner diese Frage an dich richtet. Doch, sieh!« fügte ei hinzu, »die Luft ist wieder hell geworden. In diesen gelobten Ländern reinigt das wohltätige Gewitter in kurzer Zeit den Luftkreis. Der Abend ist wieder still und herrlich und gewürzig duften alle Blumen und Büsche um uns her. Werde auch du ruhig, mein Sohn. Ich gehe, unsern ehrwürdigen Wirt auf den Besuch vorzubereiten, der ihm werden soll. Wir erwarten dich in dem kühlen Vorplatze.« Münzner entfernte sich. James lehnte sich an eine Fensterluke, sah in den Hof. Der Empfang im Pfarrhause schien ihm rätselhaft; sein Wohltäter um vieles verändert. Nicht die Züge allein, die in zehn Monden um so viel Jahre älter geworden waren, was eine Folge der Himmelstrichsveränderung sein konnte ... sein Wesen war anders geworden. Nicht mehr jene ruhige Bestimmtheit, jenes klare Streben, jener einfache Gleichmut – Eigenschaften, die ihn vor vielen ausgezeichnet hatten – eine trübe Strenge, ein tiefsinniges Brüten lag auf Stirne und Schulter des Mannes, daß die erstere sich faltete, wie im Kummer, daß die letztere sich beugte, wie im Joch. James sah auf zu dem Himmel, der ein anderer und dennoch derselbe war, wie der, unter dem er geboren; er sah auf Häuser und Felder, die so ganz verschieden von den europäischen waren, und doch eben nicht anders als diese; und mitten unter diesen fremdartigen und doch bekannten Dingen und Gegenständen kam er sich so einsam, so fremd, so unbekannt vor ... so verlassen! Schon flirrte die Dämmerung, früh einbrechend, um ihn. Ein schlankes Mädchen in der einfachen reizvollen Tracht jenes Landes schritt durch den Hof, nach dem Lusthäuschen im Garten, das, sich an den Johannisbrotbaum und die nachbarlichen Wachspalmen lehnend, aus engen, gegen Fliegenbesuch schützenden Gittern von Rohr erbaut, ein erquickendes Plätzchen in der Kühle gewährte. Der Tisch wurde darin zum Tee bereitet, und James, der lieblichen Gestalt folgend, die mit einer wohlverwahrten Glaslampe zuletzt nach der Laube ging, überraschte sie bei der Vollendung ihres Geschäfts. »Ach, sieh doch!« sagte er, »meine schöne Helferin! Kennst du mich noch, mein Kind? Dein Wort gab mir Trost, als ich ratlos am Wege saß!« »Gott hilft immer!« versetzte das Mädchen, ihn mit kindlicher Ruhe betrachtend. »Durch seine Engel!« fügte James seufzend hinzu und setzte bei, »die herrliche Blüte, die deine Brust schmückt, wie nennt man sie?« »Die goldne Mondblüte!« antwortete das Mädchen und reichte sie ihm unbefangen hin, »wollt Ihr sie Herr?« James nahm die Blüte zögernd. »Du gibst einen schönen Schmuck weg, mein Kind, der dich besser ziert, als selbst das glänzendgelbe Glaskorallenband um deinen Hals.« »Das ist nicht Glas, Herr!« versetzte das Mädchen ernsthaft und unterrichtend, »das ist der Balsam, der aus einem Baume fließt, weit, weit von hier, den ich aber nicht zu nennen weiß.« »Wolltest du mir wohl deinen Namen sagen?« fragte James weiter. »Warum nicht, Herr? Ich heiße Ines. So bin ich getauft, und Vater Luis hat mich selbst getauft, damit ich zum lieben Herrn im Himmel komme.« »Du Unschuldige! Wie alt bist du, gute Ines?« »Seit ich hier bin, hat die Algarova zwölfmal geblüht, und im Walde erinnere ich mich, sie dreimal in der Blume gesehen zu haben.« »Im Walde, Kind?« »Ich bin darin geboren, Herr, ein wildes Kind, von Wilden.« »Ja, wild bist du, meine Ines. Wie du auf dem schnaubenden Pferde dahersprengtest und an mir vorüberjagtest ... mir bangte für dich.« Ines lachte. »Seid ruhig,« sagte sie, »ich halte mich fest, und das Pferd, das eine Mähne trägt, wirft mich nicht ab. Meine Landsleute sind fürs Pferd geboren.« »Deine Landsleute?« »Ja; die Abiponer, Herr! Der Vater setzte mich stets vorn auf seines Tieres Hals, und auch die Mutter saß zu Pferde. Ich entsinne mich dessen noch gar wohl. Wie ich von meinem Volke kam, ist mir viel dunkler geblieben. Ich schlief, Herr. Neben der Mutter schlief ich auf der Matte und es war alles Nacht und dunkel um uns her, als wir uns niederlegten. Es waren viele Leute und viele Pferde, die um uns her im Kreise standen, und die Feuer ließ man ausgehen, weil die Sterne so herrlich am Himmel glitzerten. Das weiß ich noch gar gut; denn nimmer habe ich seither einen so großen, weitgespannten Himmel gesehen, wie dazumal. Wir schliefen also und mit einem Male donnerte es, daß ich hell aufwachte. Ich sah recht vieles um mich her: Feuer und Dampf; Blitze und Reiter. Die Mutter war auch zu Pferde und ich hing in einem Sacke von Fellen an ihrem Sattel hernieder. Das Pferd rannte fort und plötzlich ... wachte ich wieder auf, und sah nicht mehr das Pferd, und nicht mehr die Mutter, sondern ich lag in einem kleinen grünen Walde, wie in einem Korbe, und die seinen Spitzen des Waldes gingen hoch über mir, wie ein lichtes Dach zusammen. Die Sonne schien sanft und gelb hindurch und ein leichter Wind bewegte das Dach, daß es sich abwechselnd aufschloß, um mir in aller Höhe den blauen Himmel zu zeigen, bald sich wieder zutat, mich in die grüne Einsamkeit zu versenken. Ich schrie, trotz meinem Behagen, denn die Mutter fehlte mir. Da raschelte es seitwärts neben mir, und durch die Halme des Waldes streckte sich ein neugieriger beweglicher Kopf von einem wunderschönen Tiere, gefleckt, gestreift, in allen Farben glänzend, und ich wußte damals nicht, daß eine böse Schlange mich ansah, und streckte ihr spielend die Hände entgegen. Der Kopf zitterte, als ob er zaudernd witterte, immer näher, erreichte mich fast und fuhr dann plötzlich zurück, mit einem pfeifenden Schrei. Ein großer Schlangenleib warf durch diese Bewegung eine seiner Windungen auf meinen Leib, riß sich indessen schnell und kräftig ins Grüne und verschwand wie ein Pfeil. Dafür kamen andere Gäste lärmend und brüllend einhergejagt, wie ein Sturm, und mit einem Male sah ich über die Spitzen des Waldes ein breites gehörntes Haupt herniederschauen. Ich glaubte die Herde des Vaters in der Nähe und schrie so laut, als der Stier brüllte, und – nicht lange, so stand ein dichter Kreis von solchen Tieren um mich herum und glotzte mich hilfloses Kind an, das sich an einer Staude emporrichtete und furchtsam die unbeweglichen Tiere betrachtete. Da fand mich der Ochsenhirte von Rosario, hob mich auf und brachte mich dem guten Pater Luis, der mein Vater wurde, weil Gott mir die Eltern genommen, damit ich sein eigen Kind werden sollte. Die arme Mutter muß mich, vielleicht im Schlafe, vom Schoße verloren haben, denn der grüne Wald, von dem ich redete, war nur das hohe Gras der weiten Savanne, und ich wäre dahin gewesen, ohne Gottes Schutz!« »Armes Mädchen! Mutterlose, arme Waise!« »Ich bin nicht arm und nicht unglücklich, Herr! Ich habe ja in Don Luis einen Vater gefunden, und in der Kirche steht das Bild meiner himmlischen Mutter, mit Gold und Seide geputzt. Ich bete zu ihm; ich rede mit ihm, und sie redet auch mit mir in meinen Träumen, oder wenn ich das Gesicht auf den Boden lege und mir die Gedanken ausgehen lasse. Und die heilige Mutter ist so gnädig, so liebevoll! Sie hat die arme dumme Ines verständig gemacht, ihr Heil zu begreifen; sie hat mich gekleidet, sie gibt mir Speise! Ach, Herr, ich bin nicht arm! Aber meine Mutter im Walde mag's sein, denn sie hat ihre Tochter nicht mehr, und auch keine im Himmel, mit der sie reden kann!« James schwieg ergriffen und die fromme Ines ging weg, Ihre Reden klangen in des Jünglings Ohren nach. Unwillkürlich verglich er die Indianerin mit Justine. Beide schön, beide entschlossen und tatkräftig; beide die Unschuld selbst, und dennoch so ganz verschieden! – der feine Tee schmeckte ihm nicht. Das Gespräch der Jesuiten, das in lateinischer Sprache vor sich ging, behagte ihm nicht. Frühzeitig suchte er seine Matte, frühzeitig verließ er sie wieder. Die zahlreichen Heiden brüllten an der Gasse vorüber. Leute mit Ackergerätschaften drängten sich auf dem Platze. Ein Zeichen mit der Glocke der Kirche, und die Schreitenden hielten an deren Pforte. Sie wurde aufgetan, Lichter brannten, Weihrauch dampfte, der silberhaarige Luis begann die Messe. Anstand und Würde von seiner, Andacht von der Zuhörer Seite, vereinigten sich, den gewünschten Zweck hervorzubringen. Die Indianer gingen still befriedigt an die Arbeiten des Feldes, um unverdrossen die Stunde zu erwarten, in welcher Gott selbst durch die Hand ihres Vaters ihnen Nahrung spenden würde. James wünschte dem aus der Kirche tretenden Pfarrer Glück zu der Ruhe und fleißigen Eintracht in seiner Kolonie. Luis lächelte und sagte: »Das findest du in allen unsern Doktrinen, mein Sohn. Friede ist erste Bedingung des Glücks, und Friede halten wir.« »Diese Leute besitzen jedoch nichts,« wendete der junge Mann ein, »Sie sind in jedem Stücke abhängig.« »Zu ihrem Besten, Freund,« sagte Luis lebhaft; »eigenes Besitztum war die Quelle der Habsucht, des Neides, des Diebstahls, des Mordes. Wir kennen diese Dinge kaum von Namen; niemals hat seit meiner Amtführung einer von den hier angesiedelten Quaraniern etwas entwendet; niemals endigte sich ein Streit mit Blut. Diese wilden Stämme, durch Ueberredung und Scharfsinn dem Walde, den Bergen und der Flußräuberei entfremdet, müssen wie unmündige Kinder gehalten werden. Freilich wird einst die Zeit kommen, die auch hier die Mündigkeit befiehlt: ich erlebe sie aber nicht mehr.« »Ihre Gesundheit, mein Vater, wird noch lange der Zeit trotzen.« »Die Zeit, mein Sohn, ist der Tropfen, der den Stein höhlt. Gott sei Lob indessen für die Kraft und den Frohsinn, die mich in meine Silberzeit begleitet haben. Weißt du jedoch, woher das kömmt? ich bin im Gemüte ruhig gewesen mein Leben lang. Ich habe nie hoch hinaus gewollt, nie von Ehrgeiz und Würden geträumt. Ich wundere mich selbst, daß ich Pfarrer geworden bin; ich meinte, höchstens zum Vikar tauglich zu sein. Aber der Pater Provinzial zu Cordova meinte es anders, und Gott hat mir mit dem Amte auch leidlichen Verstand dazu gegeben. So lebe ich denn ruhig und zufrieden hin, ohne Sorge, ohne Plage. Mich kümmert's nicht, was die Herren zu Cordova treiben; ich bin seit vierzig Jahren Bauer geworden, und die Bauern um mich her haben gelernt, mich nicht nur Vater zu nennen . In dieser rohen aber guten Kinder Mitte will ich sterben, arm und geliebt; das ist alles, was ich wünsche. Daher bin ich auch gesund und frisch; frischer als Euer Pflegevater, der um zwanzig Jahre Lebens jünger ist, denn ich. Er trägt Gram auf dem Herzen; ich kenne den Kummer nicht; er hat sein Haus noch nicht bestellt ... ich habe seit vierzig Jahren meine Lampe angezündet. Er ist ein armer Mann, weil er zu viel weiß, weil er zu viel zu tun gezwungen gewesen ... weil ... doch ich vergesse, daß ich zu seinem besten Freunde rede, der alles dieses besser wissen muß, als ein beschränkter Landgeistlicher aus dem Missionslande. Beiläufig nur so viel: deine Weigerung, endlich das Kleid zu nehmen, mein guter fremder Sohn, trägt viel zu Pater Xavers Betrübnis bei.« »Mein Vater ...!« »Stelle dich nicht verwundert,« unterbrach ihn der Pfarrer gutmütig aber eindringlich, »höre mich an: Du hast dich verpfändet, du mußt dich lösen, das ist eins. Du mußt denjenigen lösen, der aus Menschenfreundlichkeit dein Bürge geworden ist; das ist das zweite. Du mußt endlich der Welt und dem Herrn dienen; das ist das dritte, notwendigste. Wären wir in Europa, mitten im Gewebe der großen Spinne, um Mückenjäger in ihrem Solde zu werden, so würde ich die Achseln zucken, meinen Weg gehen und mich nicht nach dem umsehen, was du beginnst. Aber hier, in dieser jungen, frischen Welt, wo die äußersten Enden des Gewebes eingreifen, wo sie leichter, feiner sind, hier ist's etwas anderes. Hier, auf dem Lande, hier können wir nützen. Hier kann die Mannskraft handeln, ein volles frommes Herz glücklich sein. Laßt den Herrn zu Assumption und Cordova ihre Ränke und Regierungssorgen! Wendet Eure Bemühungen auf diese armen Indianer und handelt nach dem Willen des ewigen Vaters! O, mein guter Jüngling! wenn ich dich hier umherführe und dir die reinlichen Haushaltungen zeige, in denen man christlich lebt und fleißig ist; die zufriedenen Familien, die weder das nomadische Leben, noch das betäubende Chicagetränk mehr verwüstet; die Väter, die, statt auf dem Pfühl der Trägheit zu ruhen und dem Weibe alles aufzubürden, jetzt die Versorger der Ihrigen sein würden, wenn die Gesellschaft nicht für alle sorgte; die Mütter, die nicht mehr ihre unschuldigen Kinder würgen, um wieder der Leidenschaft zu huldigen, oder sich eine Plage mehr vom Halse zu schaffen; die Kinder selbst endlich, die in Gottesfurcht und Elternliebe emporwachsen, ein sanftes friedliches, lernbegieriges Geschlecht; du wirst unser Los glücklich preisen und dich schnell demselben Berufe weihen, und schnell das Kleid anlegen, in welchem meine Quaranier mich als ihren Vater verehren; in dem ich mich dann und wann, von der Herrlichkeit meiner Bestimmung übermannt, für einen Strahl der Gottheit halten möchte, wenn es die einem armen Pfarrer anständige Demut nur zuließe. Sieh um dich! diese Kirche habe ich errichtet, alle diese Hütten habe ich erbaut. Es ist keiner unter vierzig Jahren im Dorfe, den ich nicht getauft: es liegt keiner in unserer Kirchhoferde, den ich nicht begraben hätte. Wie die Palmen, wie die Tamarinden meines Hofes habe ich sie alle, die da leben, jung gesehen! Alles ist hier mit mir alt geworden, und für das Generalat zu Rom tauschte ich nicht meine geringe Pfarrei, in der ich Melchisedeks Würde trage, und nicht umsonst trage, weil mir das Bewußtsein sagt: dein Leben war nicht faul, nicht vergebens!« James sah noch horchend und lächelnd in des Greises hell leuchtende Augen, als vom Eingange der Mission sich viel Geräusch hören ließ und der Alkalde mit langen Schritten herbei kam, »Mein Vater!« sagte er zum Pfarrer, »der Feldhüter bemerkt auf dem Strome schwere Kähne aufwärts kommen, mit vielen Leuten bemannt. Befehlt, was geschehen soll. Die Leute könnten räuberische Payaquas ober spanische Abenteurer sein. Soll ich die Glocken läuten, Waffen austeilen? der Regidor ist auf den Aeckern und ich habe nach ihm geschickt.« »Das sind unsere Freunde!« rief James und eilte ohne Aufenthalt dem Strome zu. Die müßigen haushütenden Frauen und Greise und Kinder, die längs dem Ufer hin wohnten, oder Wäsche hielten, oder in der Sonne lagen, versammelten sich am Landungsplatze. Starke Reihen von zahmen Stieren und Pferden zogen die ankommenden Schiffe an tüchtigen Fellriemen und Leinenstricken gegen die Fluten, und vierzig Ruder peitschten im schnellsten Takt, den Lauf zu verdoppeln, den herrlichen Strom. Mehrere riesenhafte Payaquas, bis zum Gürtel im Wasser stehend, mit brennend rot gefärbten Haaren und breiten Schultern, leiteten die aus dem violetten Holze der Algarova gefertigten langen Kähne sorglich an Felsstücken und Sandhügeln vorbei, dem Landungsplatze zu. Der Anblick dieser wilden Leute beunruhigte die am Ufer stehenden Quaranier, doch ein Blick nach den Kähnen selbst beschwichtigte ihre Furcht. Zwei angenehme weiße Frauengesichter sahen zwischen krausen Negerköpfen wie Lilien aus der Nacht hervor, und neben ihnen flatterten schwarze Mäntel der Gesellschaft Jesu; hier willkommene Boten der Friedlichkeit. Längs dem Strande zur Mission kehrende guaranische Jägersleute, die den Tapir in den Sumpfwäldern verfolgt hatten, feuerten mit gellendem Geschrei, die Väter des Ordens zu empfangen, ihre Gewehre in die Luft ab. Lebhafte Neger antworteten mit den Pistolen und Vogelflinten, die sie an Bord hatten. Die Glocke in der Mission läutete. Von Feldern und Wiesen strömten alle Bewohner zusammen. Pater Luis, samt Regidor und Alkalde und den ältesten Indianern, erwartete am Ufervorsprung die Ausschiffung der Fremden. Auf den starken Schultern der Payaquas schwebten die Damen über die Fluten; nach ihnen wurden die geistlichen Herren herübergeschafft. Mit ruhiger Demut empfing der Pfarrer die Vorgesetzten, mit fröhlichem Jubel James seine Begleiterinnen. Justine sah sich mit glänzenden Augen rund um und rief: »Ein herrlicher Ort, Monsieur White! wo aber ist mein Vater? ist er so krank, daß ihn die Nachricht von der Ankunft seines Kindes nicht an den Strand zu führen vermag? zu ihm! zu ihm, mein Herr! ich kann nicht eine Viertelstunde länger leben, ohne ihn zu sehen!« James führte sie und versuchte, sie auf die Nachricht von der Abwesenheit des Senators vorzubereiten. Die lebhafte Jungfrau hörte indessen nicht auf seine Worte. Vergnügt und mit strahlendem, alles umfassendem Blick wendete sie sich im Gehen nach allen Seiten. Das mannigfache Grün der Zedern, der Palmen und Tamarinden, in welchem die gelben Dächer der Kolonie lagen, bildete eine erquickende Aussicht. Der zarte Rasen des Ufers war ein sanfter Teppich, die Blüten oder Früchte an Hecken und Geländen schmückten den Weg, und neugierig folgten die Weiber und Kinder, die noch nie an ihrem Wohnorte eine Europäerin gesehen, der lieblichen Gestalt. Justine war größer und voller geworben, ausgeprägter ihr Gesicht, schöner und feuriger ihr Auge, entschlossener ihre Haltung, ausdrucksvoller ihre Gebärde; frei und zierlich ihr Gang, wie der der Lainez. Neugierig aber freundlich betrachtete sie das mitziehende Volk, grüßte, lachte mit den Kindern, sprach mit ihnen, erhielt aber von den Nichtverstehenden unverständliche Worte in den Kauf. Endlich war das Pfarrhaus erreicht, endlich stand Justine unter der Türe desselben. Ihr Herz schlug ängstlich; ihr Mund öffnete sich, den Vater zu rufen. Pater Münzner erschien. Justinens Züge verdunkelten sich. »Sein Sie willkommen, geehrteste Tochter meines Freunde«!« sagte Münzner, der diesen Eindruck wohl bemerkte, »ich wünschte Ihnen im ersten Augenblicke angenehmer zu sein.« »Das ist nicht möglich und auch nicht nötig,« entgegnete Justine ernsthaft und entschieden, »Ihr Anblick, mein Herr, erinnert mich an zu viel. Erlauben Sie, daß ich Ihnen hier eine Freundin übergebe, die manches um Ihretwillen gelitten hat und die ich den Verfolgern entriß, obgleich sie, wie andere auch, ein falsches Spiel mit mir getrieben. Vergelten Sie mir den Dienst mit der einfachen Anweisung, wo ich meinen Vater zu suchen und zu finden habe.« Münzner schwieg bedeutungsvoll und James, die ängstlich werdende Tochter zu beruhigen, wollte statt des Pflegevaters das Wort nehmen. Der geräuschvolle Eintritt des Pfarrers mit seinen geistlichen Obern, des Volks, das neugierig ihnen nachdrängte, unterbrach ihn. Zwei Indianer von den Schützen, die soeben wieder heimgekommen waren, machten sich heftig Platz durch die Menge und näherten sich eilfertig dem Pfarrer. »Da! guter Vater Luis!« sagten sie mit betrübter Gebärde, »da ist alles, was wir von deinem Gastfreunde gefunden haben! In dem Lager eines wilden Yagurate , den wir erlegten, fanden wir die traurige Beute.« Pater Luis starrte die Boten staunend an. Münzner erbleichte heftig, wie auch James. Justine stieß einen gellenden Schrei aus, denn – war ihr gleich die Sprache der Jäger fremd und unbekannt – sie kannte das Kleid ihres Vaters, das sie blutig und zerfetzt zu den Füßen des Pfarrers niederlegten. Mit rollenden Augen schlug das Mädchen die Hände zusammen und rief mit dem Tone der entsetzlichsten Furcht: »Was ist hier geschehen? was mit meinem armen Vater vorgefallen? Wer Mitleid mit mir hat, verhehle mir nichts. Wer Gefühl in der Brust trägt, verheimliche einer bangenden Tochter nicht das ärgste!« Totenstille im Kreise. Endlich faßte sich der Pfarrer und sagte zu ihr in gebrochenem Deutsch: »Es ist besser, meine Tochter, daß der starke Christ die Zweifelschlange zertrete, denn die Wahrheit ist dem Himmel lieb und der Erde angenehm. Ihr Vater ist seit länger denn einer Woche abwesend. Er entfernte sich ohne unser Vorwissen, um in den unfernen Wäldern den Balsam zu suchen, der seine kranke Brust heilen sollte. Ein Indianer hat ihn begleitet. Keine Nachricht seitdem, bis auf diesen schrecklichen Fund, der uns nur zu deutlich macht, daß der Unglückliche eines wilden Tieres Beute geworden ist. Fassen Sie sich. Gottes Rat ist unerforschlich, aber weise.« Justine sank kraftlos in die Arme der Lainez, deren Augen selbst heiße Tränen entfielen. Eine erschütternde Szene folgte. Luis unterhielt seine Ordensbrüder von der traurigen Geschichte; James stand seinem Pflegevater bei, der in trüber Wehmut verging und auf das Ergreifendste immer wiederholte: »Meine Schuld! meine Schuld! meine größeste Schuld!« Justinens Schmerz wurde brennend wie die Wunde an ihrem sehnenden, zerrissenen Herzen. Sie stieß die Lainez von sich, den tröstenden James, den Doktor, der seine Leiden mit den ihrigen vereinigen wollte. »Weg!« rief sie außer sich, »ihr alle weicht von mir! denn ihr habt unser aller Elend verschuldet! Ihr habt meines Vaters Glück, seine Ehre, sein Leben gemordet! Was soll mir eure Teilnahme! Weg auch du!« fuhr sie zürnend und weinend fort, indem sie den ehrwürdigen Luis, der sich ihr näherte, zurückwies, »du trägst da« Kleid dieser Mörder, dieser Diebe an Gut, Leben und Ehre! Weg! Deine weißen Haare lügen, wie deine fromme Stirne! Gebt mir meinen Vater zurück! Ich habe tausend Meilen gemacht, um Verbannung und Unglück mit ihm zu teilen, und finde ihn im Rachen eines Ungeheuers wieder! Und dieses Ungeheuer ist gnädiger als ihr, denn es hat ihn schnell hinweggerafft, während ihr in langsam hingerichtet habt! Kann ich denn meinen Erinnerungen so wenig entfliehen, als dieser qualvollen Gegenwart?« Sie drängte mit erneuter Kraft die Lainez von sich; ihr Auge fiel auf Ines, die ängstlich, aber freundlich zu der Fremden stehend, vor ihr auf den Knieen lag, ihre Hände drückte, ihr tausend schöne Worte sagte und die kühlende beruhigende Frucht der Quembe bot; dem Gaumen der Erhitzten ein willkommenes Labsal. Die kindlichen reinen Züge der Indianerin stimmten Justinens Bewegung in sanftere Wehmut um; die Leidende gestattete es, daß einige Tropfen des kühlenden Saftes ihre Lippen benetzten, sie litt die Liebkosungen der Indianerin; sie drückte dieselbe an ihre Brust, »Ja!« rief sie schmerzlich, »du, fremdes Geschöpf, du bist hier meine einzige Verwandte! Jene, die meines Weltteils Farbe und Sitten haben, sind meine geschworensten Feinde! Sie haben meinen Vater in den Staub getreten, sie werden mich nicht verschonen! Sie haben ihn getötet, sie werden auch mich vergiften. Nur von deinen Händen will ich meine Speise nehmen! Nur du, mein Kind, meine Schwester, nur du sollst bei mir sein, bis mich mein Gott wieder aus diesem Mörderlande führt!« »Beruhigen Sie sich!« sagte der Rektor von Assumption, ein Franzose von Geburt, schmeichelnd und süß wie Honig, »die arme Wilde hier versteht nicht, was Sie ihr sagen. Ihr Widerwille gegen unsern Trost ist dagegen unbegreiflich. Verwünschen Sie nicht uns, nicht dieses Land, das Kanaan für Sie genannt werden mag. Gott hat Ihnen viel genommen, allein, wie er es gegeben, kann er es auch wieder entziehen. Ihr Vater ist in seinem Schoße, denn er ist in seiner wahren Kirche Grundsätzen gestorben. Sie haben noch den Schritt in diese Kirche zu tun, und je schneller Sie ihn machen, je schneller wird der göttliche Trost bei Ihnen einkehren.« »Monsieur!« rief Justine empört und maß ihn mit zornigen Blicken. Der Rektor ließ sich von dem Tone der Höflichkeit dadurch nicht abbringen. »Wie gut wäre es gewesen,« sagte er, »wenn Ihr würdiger Vater imstande gewesen wäre, selbst, in eigener Person, seine Tochter dem Gotte darzubringen, dessen Gnade die letzten Jahre seines Lebens verherrlicht hat. Aber – in seiner Ermanglung – liegt mir, dem Vollstrecker des Testaments, das er vor seiner Abreise von Assumption in meine Hände legte, ob, seine Pflichten gegen Sie und die Kirche zu erfüllen. Ein günstiges, Zusammentreffen wird Sie schneller ans Ziel bringen. Pater Jose Aculcho, einer der würdigen Konsultatoren des hochwürdigen Provinzials zu Cordova, der hier steht, wird Sie unter seinem Schütze nach Cordova bringen, sobald unsere Umreise durch die ihm zugeteilten Doktrinen beendigt wurde. Im Kloster der Karmeliterinnen werden Sie Unterricht, teilnehmende Herzen und eine ewige sorgenlose Existenz finden, übereinstimmend mit den Bedürfnissen Ihrer Lage, und dem letzten Willen Ihres seligen Vaters!« »Mein Gott!« rief Justine, die nun erst begriff, wo alles hinaus wollte, »was sagen Sie? Sie getrauen sich, mich, ein freies Mädchen, das Ihnen nicht in Lehre, nicht in Pflichten unterworfen ist, mit Zwang zu einem Dasein zu führen, das ich verabscheue?« »Ihr Vermögen, Ihres Vaters Erbe liegt in unsern Händen, unbeschadet der Ansprüche, die wir noch dereinst auf Ihr europäisches Gut zu machen haben dürften,« lautete die trockene Antwort des Rektors. Justine blickte fragend und durchbohrend den Doktor Münzner an. Dieser nickte mit dem Haupte und sagte niedergeschlagen: »So ist's, beste Jungfer. Ihr Vater verlobte der heiligen Gesellschaft schriftlich sein Vermögen; Sie der katholischen Kirche und einem beschauenden Klosterleben!« »O der Tücke, die ihn dazu gebracht!« versetzte Justine äußerst heftig. »Geldhunger war die Triebfeder eurer Handlungen? So nehmt es denn hin, das elende Geld! Wo meines Vaters Leiche blieb, bleibe auch seine vergängliche Habe! Lassen Sie mich nur wieder von dannen ziehen um diesen Preis! Ich will nicht klagen, will nicht murren, will mein Brot vor den Türen betteln! Nur hinaus aus diesem Lande, worin mich nicht einmal das Grab meines Vaters zurückhält! Hier sind noch einige Diamanten! Sie sollen von Wert sein! Nehmen Sie diese letzten Ueberreste einer Wohlhabenheit hin, die Ihre Brüder vernichteten. Lassen Sie mich jedoch zur Stunde fort! Hier lebt nicht mein Vater! nicht mein Glauben! Ich sterbe unter diesen Menschen!« »Arme!« sprach Münzner trübe vor sich hin, »aus des Löwen Höhle führen keine Fußtapfen.« Der Rektor lächelte über die Aufregung Justinens und sprach mit dem Konsultator spanisch. Dieser winkte mit der Gravität des Vorgesetzten dem Pfarrer und sagte ihm: »Sie stehen mir dafür, daß die Person sich kein Leid antut, und daß ich sie bei meiner Rückkehr wieder finde.« Justine, von Tränen übermannt und das Gesicht in ihre Hände verbergend, beachtete nichts um sich her. Die Lainez und die Indianerin sprachen zu ihr, wie zu einer Bildsäule. Münzner ging händeringend im Hintergrunde des Gemachs auf und nieder. James starrte düster vor sich hin und der Pfarrer entfernte das Volk, bis auf die Obern der Kolonie. Dann sagte er bescheiden aber fest zu dem Konsultator: »Mein Vater! ich erinnere Sie, daß mein Pfarrhaus kein Gefängnis ist. Noch viel weniger scheint mir die Jungfrau eine Verbrecherin.« »Sie gehorchen!« war die kurze drohende Antwort, »ich nehme alles bei dem Provinzial auf mich.« »Bedenken Sie!« sagte Luis, »wenn der Generalkapitän erfährt ...« »Was da?« brausten Konsultator und Rektor auf. »Hier ist der heilige Ignacio Generalkapitän. Wo wären wir der Exzellenz zu Buenos-Ayres unterworfen? Haben wir nicht unsere Verträge, unsere Rechte? Wo die Gesellschaft befiehlt und den Tribut bezahlt, muß Monarch und Statthalter schweigen,« »Das nimmt kein gutes Ende!« sagte Luis, »ich protestiere.« »Mademoiselle Müssinger ist eine Fremde!« sprach James, der nur mühsam bisher an sich gehalten, »wie wollen Sie, meine Väter, verantworten, was Sie tun?« »Wer spricht hier?« fragte der Rektor drohend entgegen, »Mademoiselle ist durch den Tod ihres Vaters meine Mündel.« »Sie wollen die erschlichene Gewalt mißbrauchen!« rief James erhitzt. »Mein Sohn, bedenke wo du bist!« mischte sich Münzner besorgt ein, »und Sie, meine Väter und Obern, vergeben Sie dem unbesonnenen jungen Manne, der ein schnelles Urteil spricht.« »Das soll ihm übel bekommen!« sagte der Rektor aufgebracht. »Des Provinzials Nachrichten aus Deutschland reden von dem widerspenstigen Engländer, der seine Pflicht umgehen möchte. Das Provinzialat wird ihm hier sein Urteil sprechen.« »Unglücklicher!« seufzte Münzner, James' Hand fassend, »siehst du? meine Ahnung!« »Mein Urteil!« fuhr James auf, »was habe ich Ihnen, was dem Orden getan?« »Du hast viel gekostet, und unsere Erwartungen betrügen wollen,« antwortete der Konsultator mit harter Stimme, »du hast schwere Buße verwirkt, und nur Nachgiebigkeit kann dir einen würdigem Platz in unsern Häusern erwerben.« »Nimmermehr!« entgegnete James, »dieses unschuldige Lamm soll geopfert werden, und ich nicht minder? Machen Sie mich zu Ihrem Sklaven, aber nicht zu Ihrem Bruder!« »Welche freche Sprache?« polterte der Rektor. »Sie soll ihm vergehen,« sagte der Konsultator, »die Bußkammer zu Cordova soll ihn zahmer machen. Fürs erste, Bursche, verlassest du diese Doktrina nicht. Wie für die Sennora, haften mir Pfarrei und Regidor für dich.« James knirschte. Münzner trat besänftigend vor ihn und sagte zu dem unwilligen Herrn von Cordova: »Schonen Sie ihn um seines Jähzorns willen! Es wird sich alles legen. Ich bürge, daß Sie ihn ruhiger hier wieder finden.« »Wer bürgt uns denn für Sie, Pater Xaver?« fragte der Konsultator höhnisch, »Ihr Schicksal habe ich in der Tasche. Ihr Provinzial reklamiert Sie. Sie werden ungesäumt nach Europa zurückkehren, um sich vor ihm über den Ausschlag Ihrer letzten Mission daselbst zu verantworten, Sie sind wichtiger Punkte angeklagt.« Münzner stand wie niedergedonnert; dann hob er die Augen gen Himmel und sagte: »Wie du willst, Herr! Aber dich zurücklassen, hier zurücklassen, mein James?« setzte er bei. »Desto besser!« sprach der Rektor bitter, »Euer Beispiel, ihr Deutsche, verdirbt jeden guten Keim, Ihr bildet Räsoneurs, Grübler, und Grübelei führt zur Blasphemie.« James wollte sich voll Wut von dem Doktor losreißen, der ihn begütigend festhielt. »Sie werden dich noch binden lassen!« sagte er auf Deutsch zu dem Jüngling, und im selbigen Augenblick befahl der Konsultator dem Alkalden, Negerketten herbeizubringen und sie dem Jüngling anzulegen. Pater Luis trat schnell vor und entgegnete mit edlem Feuer: »Meine Obern vergeben! Diese Dinge sind aber unbekannt in meiner Mission. Wir haben nicht Ketten, nicht Peitschen; nicht einen Strick, um einen Menschen damit zu binden. Diese armen jungen Leute sind meine Gäste. Die Gastfreundschaft duldet keine Mißhandlung.« »Gehorsam!« rief der Konsultator. »Euer Hochwürden vergeben,« sagte der edle Greis wie oben, »ich bin siebzig Jahre alt geworden, ohne etwas Schlechtes zu tun. Ich will nicht erst jetzt anfangen, selbst wenn Don Philipp, unser allergnädigster Herr, es so zu haben begehrte. Wir sind hier auf dem Lande, unter harmlosen Menschen. Hier ist's uns auch in der Ordenskleidung vergönnt, ein Mensch zu sein. Ich bin der Vater meiner Untergebenen, der Freund der Fremden, nicht ihr Stockmeister. Verlangen Sie das nicht, meine Obern.« »Schwachkopf!« sagte der Rektor verächtlich vor sich hin. Der Konsultator drohte dem Pfarrer ernsthaft mit dem Finger. »Sie machen sich eine böse Note, lieber Mann,« sprach er, »ohnehin hat Ihr Vikar, der nach Cordova zurückkam, Ihrer nicht zum Besten gedacht.« »Weil ich ihn fortschickte,« war Luis Antwort, »weil er in Kirche und Haus, bei Männern und Frauen alles das tat, was unser Heiland nicht getan hat. Der ehrwürdige Pater Provinzial wird aber auch mich hören, und nicht allein den tückischen Andalusier. So alt ich bin, scheue ich noch nicht, dem Recht zuliebe, den weiten Weg nach Cordova.« »Ihr werdet ruhig hier verbleiben!« erwiderte ihm mit imponierendem Tone der Konsultator. »Die Disziplinargesetzte unserer Gesellschaft sind Euch seit einem halben Jahrhunderte bekannt, und somit kein Wort weiter.« »Ich bin kein Rebell,« antwortete der verblüffte Pfarrer, »aber, was Sie verlangen, ist nicht meines Amts.« »Sie kommandieren Ihre Milizen als Oberst,« lachte der Konsultator, »Sie verstehen es aber nicht, einen Menschen zur Haft bringen zu lassen! Senner Corregidor! Sorgt Ihr, daß dieses Mädchen sowohl, als der junge Mensch getrennt in ein sicher verwahrtes Haus gebracht werden, bis zu meiner Rückkehr.« »Ruhig! Du machst dich unglücklich und mich noch elender, als ich bin!« sprach Münzner begütigend zu dem auflodernden James, der mit den Worten »auch Sie mein Vater?« die Hände sinken, alles mit sich beginnen ließ. Regidor und Alkalde versuchten, den Befehlen des strengen Aculcho einige Milderung abzugewinnen, aber er faßte ihre schwächste Seite, indem er sagte: »Ihr seid exkommuniziert, wenn ihr länger widerstrebt! Der junge Mann ist ein unserem Hause Entsprungener, das Mädchen eine Ketzerin. Beide gehören vor unser Gericht, und der Generalkapitän zu Buenos-Ayres mit all seinen Schergen hat ihr Schicksal nicht zu schlichten.« Das Wort ›Ketzerin‹ machte die guten Leute, die um Justine beschäftigt waren, zurücktreten. Auch Ines entfernte sich, schüchtern ein Kreuz schlagend. James lachte bitter und folgte finster schweigend dem Alkalden, der ihn fortführte. Der Regidor bedeutete Justinen, ihm ohne Widerrede zu folgen. Durch den Schleier ihrer Tränen emporsehend, fragte sie erschöpft: »Wohin führt Ihr mich?« Da aber der Regidor ihr nicht antworten konnte und keiner derjenigen, die ihre Frage verstanden, antworten wollte, so folgte sie ihrem Führer wie ein Lamm mit den Worten: »Gleichviel, wohin es geht. Nur aus dem Bereiche dieser Menschen, deren Blicke mich vergiften!« »Sie, Pater Xaver,« sprach der Konsultador, »geben mir Ihr Priesterwort, sich nur, um nach Cordova und von dannen nach Europa zu gehen, aus der Doktrine zu entfernen, und Ihrem Zögling auf keinerlei Weise zum Entweichen behilflich sein zu wollen!« Nach einigem Bedenken gab Münzner das Wort. »Das erste mit Freuden,« sagte er, »ich hoffe, in einigen Tagen bereit zu sein, mit dem ersten Warenkahn abzureisen. Das zweite verspreche ich mit Leid; aber überzeugt, daß meine Hilfe meinen guten Sohn nur in größeres Unheil stürzen würde. Wenn übrigens die Bitte eines Mitbruders für Sie von einigem Gewicht wäre, so ersuchte ich Sie, die Tochter des verunglückten Müssinger gnädig und milde zu behandeln. Wir haben viel an ihrem Vater und ihr verschuldet, meine Väter, was erst in der Folge klar werden dürfte. Mich, der ich das arme Werkzeug sein mußte, bald mit wohlwollendem, bald mit blutendem Herzen ... mich ereilt jetzt das Schicksal; denn mein Los in Europa wird ein hartes sein. Erschweren Sie es nicht, meine Freunde in Christo, durch die Leiden der unglücklichen Justine!« Die fremden Jesuiten sprachen hierauf kein Wort und nannten den Fortgehenden verächtlich einen Träumer, dessen Zukunft hart, aber nicht ungerecht sein könne. Zugleich wurde die Lainez, von deren bisherigem Wirken man, durch die, fast gleichzeitig mit ihr angekommenen Berichte, genau unterrichtet schien, aufgefordert, bei Justine ihr Heil zu versuchen und nichts zu versäumen, um diese auf den Weg des Heils zu führen. »Zu lange, wie wir vernehmen, arbeitet Ihr schon an diesem Geschäft,« sagte der Rektor geringschätzend, »ich möchte Euch raten, das Brot der Gesellschaft nicht als eine unnütze Arbeiterin zu verzehren. Im Gegenteile, wenn's Euch gelingt, die Widerspenstige, ehe der Pater Konsultator wiederkommt, zu bekehren, sollt Ihr nach Verdienst belohnt werden. Die gottesfürchtige Frau von Guébriant, die sich vor den Greueln der Regentschaft nach St. Fé flüchtete, bedarf einer Kammerfrau und Vorleserin, und dieser einträgliche Posten soll Euch durch mein Fürwort nicht entgehen.« Die Lainez, in ihrer Eitelkeit beleidigt, rümpfte, ebenfalls geringschätzend die Nase und antwortete: »Ich danke Ihnen für den guten Willen, meine Väter; bin aber zu schwach, ihn zu verdienen. An dem Mädchen ist nicht das mindeste zu ändern. Sie ist von einem Eigensinn, der Ihnen zu schaffen machen wird, und, da es nun einmal so ist, möchte ich raten, sie lieber zu lassen, wie sie bisher war. Mein Streben ist, was sie betrifft, geendigt, und ich will die Freundschaft, die sie mir erzeigt, mit der sie mich gefesselt hat, nicht mit Leiden vergelten. Madame Guébriant wird eine andere Kammerfrau finden und mich in Frieden nach Frankreich zurückkehren lassen, wo die Hitze nicht so unausstehlich, die Sprache angenehmer, und die Tracht weit anständiger ist.« »Daß müßtet Ihr allerdings,« versetzte der Rektor hochmütig. »Wir gedenken nicht, unnütze Leute von zweifelhaftem Charakter in den Kolonien zu füttern. Ihr werdet mit dem Deutschen Xaver abreisen, ein würdiges Paar träger Diener. Hebt Euch jetzo weg! Für eine gute Note wollen wir Sorge tragen!« Die Lainez ging mit diesem Bescheid. »Hätte ich Vermögen,« sagte sie mit Bitterkeit zu dem Pater Münzner, dem sie alles erzählte, »so würden mich die gescheiten Finanziers schon freundlich gebeten haben, dazubleiben. Pfui der Schande! ich eine Magd der alten unerträglichen Frau von Guébriant? Um solchen Preis sollte ich meine schönsten Jahre einem Bemühen hingegeben haben, das täglich meinen Charakter und meine Existenz gefährdete? Aber nur Geduld, mein würdiger Vater! Man mißhandelt auch Sie. Lassen Sie unsere Kräfte vereint wirken. Mein Provinzial wird unsere Berichte getreulich nach Rom befördern. Die Menschen hier am Ende der Welt sollen erfahren, was es heißt, einer Frau von Stande unwürdig zu begegnen.« »Madame Lainez,« antwortete der Doktor ruhig, »laßt uns nicht Steine auf andere werfen. Wir haben genug mit uns selbst zu tun. Wenn doch Ihr Geist ebenfalls die Erschütterung empfände, die der meinige seit meiner Anwesenheit in diesem Lande empfindet! ich gehe nach Europa zurück um elend zu werden, aber ich habe es nur zu sehr verdient.« Die Lainez entfernte sich achselzuckend, weil der Pfarrer eintrat. »Nach Europa zurück?« sagte dieser vertraulich, nachdem er an Türe und Fenstern gehorcht hatte, »das wird Ihr Ernst nicht sein, Pater Xaver. Sie rennen in Ihr Unglück. Unsere Brüder in der Alten Welt sind Leute, wie die in der neuen; arglistig, neugierig, unversöhnlich. Sie haben – vielleicht unverschuldet – das Ansehen der Gesellschaft preisgegeben, weil unter Ihrer Amtsführung jene Gemeinde, der Sie vorstanden, verraten wurde; das vergibt man Ihnen nicht. Der Superior hat Ihre Abwesenheit benützt, sich rein zu brennen. Das Ungewitter bricht nun gegen Sie allein, später, aber schrecklicher los. Opfern Sie sich nicht ohne Not einem wilden Parteihasse, der vielleicht Ihr rüstiges Leben zwischen vier Mauern begräbt.« »Eine Strafe meiner Sünden,« erwiderte Münzner schwermütig, »dann – meine Pflicht. Gehorsam hieß mein Gelübde. Die Obern rufen, ich folge.« Luis schob sein Käppchen ungeduldig hin und her. »Die Gesellschaft,« sagte er schnell, »ist im Begriff, von einigen Gliedern derselben durch eine Ungerechtigkeit geschändet zu werden. Ich erfülle meine Pflicht gegen ihr Wohl auf bessere Art, wenn ich dieser Schande vorbaue. Ich bin ein alter, verbauerter Pfarrer, mein Bruder, aber eben weil ich alt bin, kann auch der liebe Gott rufen, wann er will, und ich will rein vor ihn treten. Ihr armer Pflegesohn, Ihres Freundes ärmere Tochter sollen dem schmutzigen Eigennutze des Quinquevirats zu Cordova nicht geopfert werden. Sie nicht den Mißgriffen Ihres Superiors. Lassen Sie die Väter abreisen. Meine Worte haben bei dem Regidor und dem Alkalde, die ich erzogen, die ich aus der Gemeinde gewählt habe, Gewicht und Einfluß. Ein Wink von mir, und sie lassen die widerrechtlich Verhafteten frei. Ich befördere dann ihre Flucht.« »Sie, edler Mann, wollten sich der Rache der Obern bloßstellen?« »In meiner entlegenen Doktrine, an den Grenzen des Gebiets barbarischer Völkerschaften, achte ich ihrer Drohungen für meine Person nicht. Sie sollen mich nicht wegführen aus dem Lande, wo ich wirkte, wo ich den Tag der Auferstehung erwarten will.« »Gesetzt, Sie retten meinen Zögling und das arme Mädchen, dessen Schicksal auf meiner Seele brennt ... was soll aus ihnen werden? werden sie nicht, mitten in einem unermeßlichen Lande, aller Hilfsmittel beraubt, dennoch wieder in die Hände der Feinde fallen, oder elend zugrunde gehen?« »Hören Sie mich an. Die Berge, die wir von hier aus sehen, verketten sich mit den Alpgebirgen Brasiliens. Diese Höhen, dem Namen nach dem Zepter Portugals unterworfen, sind ihrem Beherrscher beinahe völlig unbekannt geblieben. Einzelne Wachtposten, die man so weit herausrückte, sind kaum vermögend, gegen die Scharen unabhängiger Eingeborner ihre Existenz zu behaupten. Täler und Berge von erstaunlichem Umfange haben noch nie einen Portugiesen gesehen. In einem dieser Täler, umringt von Urwaldungen und von jähen Abstürzen, versteckt wie das Paradies, das noch kein Weltumsegler wieder aufgefunden, lebt, jung und kräftig, ein kleiner Staat, der unsern Flüchtlingen und Ihnen vorderhand völlige Sicherheit gewähren würde. Unsre Obern, wie die Regierungen von Spanien und Portugal, halten, trotz ihrem Scharfsinn und ihren Nachforschungen, das Dasein dieses kleinen Staats für eine Fabel, für eine müßige Volkssage. Dennoch existiert diese Pflanzschule eines reinen Christentums, und die Republik ›Der gute Jesus in den Wildnissen‹ ist kein Märchen einer träumerischen Amme. Ein Vetter meines Hauses, der in dem Regimente Arragon Kapitän gewesen, der in der Folge, über Zurücksetzungen verdrießlich geworden, zu Cordova das Kleid des heiligen Franziskus genommen, mußte, um eines schweren Handels willen, den er mit unsrer Gesellschaft hatte, flüchtig werden und zog sich in jene Wildnisse zurück, wo er eine aufblühende Gemeinde fand, an deren Spitze er jetzo als Vater, als Priester, als Feldherr und König steht. Es ist beinahe ein Jahrzehnt verflossen, seit ich die letzte Kunde von ihm empfing, aber der riesenhafte Körperbau des Mannes verbürgt mir die Dauer seines Lebens. Ich sende euch, meine Freunde, an ihn. Er hat mich einst wie seinen Vater geliebt und wird mir ein freundliches Andenken bewahrt haben. Dem Genügsamen wird eine Wildnis bequem und die Gelegenheit nicht fehlen, euch in den Norden unseres Kontinents zu schaffen, wo Englands Zepter schützt und Penns Kolonie jeden Glaubensbruder willig aufnimmt. Oder in Portugals Kabinett reifen günstigere Ansichten für die Freiheit der Konfessionen, zugleich mit gehässigern gegen unsere Gesellschaft, deren wachsende Macht bald den Neid der bis jetzo glücklich geblendeten Regenten beunruhigen dürfte. Auf jeden Fall, weit von Jupiter sein schützt vor dem Blitze! Beherzigen Sie das, mein Freund. Der Indianer, der vor zehn Jahren, nach dem guten Jesus in den Wildnissen verschlagen, mir davon Meldung zurückgebracht, lebt noch, und sein Gedächtnis wie seine Sinne sind rüstig und frisch. Geprüfte Leute in nicht geringer Anzahl sollen euch geleiten und euch zum Frieden führen, den man in dieser sturmbewegten Welt und Zeit nur in der Einsamkeit der Troglodyten finden mag.« »Mann! ich staune vor den kühnen Schöpfungen Ihres jugendlichen Geistes! Was Sie sagen, gleicht einem poetischen Traume!« »Sind denn diese Landschaften nicht Gebilde der kräftigsten Poesie? noch sträubt sich ihre Ueppigkeit gegen die Ketten unsers Verstandes; noch ist dieser Boden frisch. Europa ist ein ausgebrannter Vulkan; hier sprudelt noch Urkraft und auf dem ungewöhnlichen Schauplatze kann noch Ungewöhnliches gedacht und getan werden. Gedenken Sie meines Vorschlags. Ich will jetzt an meine Kinder die Lebensmittel austeilen, die sie heute verdient haben, und die Kähne unsrer Herren mit Vorräten versorgen, daß sie morgen ungehindert nach der nächsten Doktrine abreisen können.« Münzner überlegte lange und schwer. Er seufzte ängstlich auf, »warum kam mir die Erkenntnis nicht früher? warum erst jetzt plötzlich nach dem Verschwinden, nach dem Tode des Senators? welche Zukunft von Leiden? und dennoch, wie so heiter gegen die Vergangenheit; fünfzig Jahre, die ich in stolz-ruhigem Scheinbewußtsein verlebte, weisen mir nun ihr nacktes trauriges Gerippe. Keine Blüte in irgend einer Furche, worein ich ein gutes Saatkorn zu legen glaubte! elend war meine Saat! O so vollende sie sich denn an mir, dem Schöpfer so vielen, Unglücks! O so geißle mich die Pflicht, in deren Dienste ich Herrliches zu vollbringen glaubte, indem ich nur Böses schuf. Losgerissen von der Welt, will ich mich hier zur Sühne geben, damit jenseits mein Los milder werde! Die Gesetze meines Standes haben mir die Ruhe genommen, so mögen sie auch meine Tage hinnehmen, James, der junge ins Leben tretende Mann, gehe hin in Gottes Namen. Vielleicht bringt ihm die Wüste Gewinn, vielleicht segnet in der Wüste der Himmel seine Liebe; ich will keinen Teil an seinem Schicksal haben, damit ihm nicht einst geschehe, wie mir. Ich gehe aber, wohin mich Beruf und Gehorsam ruft: zur ungerechten – ach! zur gerechtesten Buße!« Ines trat zu dem Bekümmerten, zu dem Entschlossenen. Sie brachte Erfrischungen und sah traurig aus. Münzner fragte nach der Ursache ihrer Niedergeschlagenheit. »Euer Sohn dauert mich,« sagte das Mädchen unbefangen, »und mit der jungen Sennora habe ich viel Mitleid. Warum sperrt man sie ein? Euer Sohn brütet stille vor sich hin. Die Sennora weint, zürnt, und denkt mit finstern Augen nach. Mit Euerm Sohne könnte ich reden, aber das geht nicht wohl an. Die Sennora verstehe ich nicht. Wenn ich jedoch zu ihren Füßen sitze und sie wehmütig anschaue, so ist's als ob sie wüßte, was in mir vorgeht, denn sie umarmt mich dann und herzt mich, als ob sie meine Schwester wäre. Sie ist so gut und muß, wenn sie auch eine Ketzerin ist, in den Himmel zum Vater kommen; nicht wahr, Don Xaver? Pater Luis hat mir versprochen, daß ich auch meine Mutter im Himmel finden sollte, ob sie gleich nicht getauft sei. Die Sennora wird ja auch darin nicht fehlen.« Das plaudernde Kind wartete vergebens auf eine Antwort. Münzner sah düster mit übergeschlagenen Armen vor sich hin. Ines blickte verlegen nach dem Fenster. »Soll ich das Gitter schließen, Vater Xaver?« fragte sie schüchtern, »der Abend kommt, die Fliegen finden sich ein, und – seht doch, wie es plötzlich dunkelt ... wie es Nacht wird ...!« Sie lief zum Fenster, sah zum Himmel und schlug mit einem Schrei die Flügel zu. »Ach! bei unsrer lieben Frau vom Rosenkränze,« rief sie erschrocken, »seht doch, mein Vater, welche ungeheure Menge von Vorkani durch die Luft zieht und sie verfinstert! der Zug macht ein schwarzes Dach über die ganze Mission! Ach, wie das schauerlich durch die Wolken fliegt! das bedeutet ein Unglück, ein schweres Unglück, mein Vater!« »Aberglaube!« sagte Münzner verdrießlich. »Mit Eurer Erlaubnis,« versetzte Ines, »es hat seine Richtigkeit, was ich sage, nur glauben es unsere Leute hier nicht, weil sie vom quaranischen Volke sind, und ich ein Abiponerkind bin. Sie lachen der Heuschrecken, wir fürchten sie aber, und immer ist etwas Schweres geschehen, wo diese Unholde vorüberzogen. Wenn nur uns die heilige Jungfrau gnädig bewahrt. Ich bringe ihr alle Sonntage einen frischen Strauß im Namen der Gemeinde. Die fremden, schwarzen Herren mögen sehen, wie sie fertig werden.« »Ei!« sagte Münzner verweisend, »Ines, ist das Christenliebe?« Ines schämte sich. Sie entgegnete schüchtern: »Ihr habt recht, Vater Xaver. Ich habe gefehlt. Sagt es dem Vater Luis nicht. Er wird es schon in der Beichte hören. Aber mir kömmt immer vor, die beiden Herren von Cordova seien nur in Euer ehrwürdiges Kleid verkleidet. Vater Luis und Ihr – ihr seid ganz anders, und ich möchte lieber zeitlebens bei euch allein bleiben, als nur eine Stunde lang bei dem hagern Herrn von Assumption, der mich immer so seltsam ansieht, wie der ehemalige Vikar, oder besser, wie die Schlange in der Savanne.« Die Glocke der Kirche läutete. Ines mußte zur Teeverteilung. Dieses Geschäft wurde, wie alltäglich, abgetan. Während Konsultator und Rektor mit Pater Luis und Xaver das frugale Abendmahl einnahmen, trug Ines auch den armen Gefangenen ihre Speisevorräte zu. James und Justine bewohnten zwei getrennte Räume im Lagerhause. Des Alkalde Sohn, der Wächter des jungen Engländers, brachte die Speisen in seines Gefangenen Gemach. Justinens Wächter ließ die freundliche Ines gern zu der trauernden Sennora. Justine saß an dem Gitter der Fensterluke und sah dem Glanzspiele einiger Leuchtkäfer zu, die auf den schlanken Stauden hingen. Sie erschrak ein wenig, als Ines' Finger ihre Schulter berührten; aber der Ausdruck der Freude folgte dem Schrecken. Hastig zog sie das liebe Mädchen an sich, weigerte sich, von den Speisen und dem würzigen Tranke zu genießen, und gab der Indianerin durch Gebärden zu erkennen, daß sie eine Bitte an dieselbe richten wolle. Sie zeigte alsdann auf die Matte in der Ecke, auf den großen leeren Raum um sich her und versuchte der Ines begreiflich zu machen, daß sie sich allein zu bleiben nicht getraue und es gern sehen würde, wenn das dienstfertige Mädchen die Nacht bei ihr zubringen wolle. Ines verstand Justine alsobald und zeigte sich ebenso schnell bereit, ihrem Wunsche zu entsprechen. Der Wächter mit der Lampe wurde hinweggesendet, die Türe wieder mit den hölzernen Riegeln von außen verschlossen; tiefe Ruhe und tiefes Dunkel kehrten in dem Gebäude ein. Auch von außen wurde alles ganz still. Drei Zeichen mit der Glocke gaben den Befehl allenthalben die Lichter auszulöschen, und die Straße im Dorfe wurde nur noch in dem Augenblicke belebt, als der Pfarrer nebst mehreren mit Harzfackeln versehenen indianischen Knechten seine Gäste von Cordova und Assumption nach ihren Schiffen führte, wo sie die Nacht zuzubringen begehrten. Pater Luis kehrte mit seinen Begleitern nach Hause zurück und schloß sein Hoftor. Die Herren auf den Schiffen streckten sich unter dem leichten Zeltverdeck derselben auf ihre Matten. Die Schiffer, ein jeder an seinem Ruderplatze, duckten sich nieder, hüllten die Köpfe in ihre Mäntel und schliefen ein. Unter Akazien am Ankerplatze schnarchten die müden Payaquas. Ein Neger hielt auf dem Vorderteile eines Kahns, bei glimmender Laterne, Wache, mit seiner Vogelflinte spielend. Noch mehr beschäftigte ihn jedoch die Chicaflasche und er entschlief gleich den übrigen. Grabesruhe auf dem dumpfmurmelnden Flusse, an seinem Strande, in dem Missionsorte. Der umgehende Wächter in demselben hatte sich vor einem unbedeutenden Regenschauer in seine Hütte zurückgezogen. Auf der Gasse atmete keine Menschenseele. Da kam von Süden her ein fernes, leises Getrappel. Es schwieg in kleiner Entfernung vom Dorfe. Einige Hunde knurrten, schwiegen jedoch ebenfalls plötzlich, und mehrere leicht gleitende Schatten kamen über Zaun, Graben und Gehege in den Ort herein; mit Blitzesschnelle hin- und widerfahrend, schauend, horchend, verschwindend, wie sie gekommen waren. Geräusch von leise webenden Sägen, Knarren von aufgehenden Gattertüren, und über den breiten Fahrweg, weit sich aber alsdann über den frischen Rasen zu beiden Seiten desselben verbreitend, zog still und geräuschlos eine Schar von Reitern in das Dorf. Stumme schnaubende Hunde ihnen zur Seite, lange Speere in ihren Händen, versteckte Fackeln mitten im Zuge. Halt auf dem Platze, kurzes unverständliches Gemurmel unter den Nachtgästen, plötzlich hochblinkende Feuerbrände, entsetzliches Geheul und kriegerischer Ruf. Dieser Schrei, die Losung des Entsetzens, dringt wie der Donner des Himmels in die friedlichen Hütten der Quaranier. Schlaftrunken springen die Männer an die Türen und Fenster. Zum zweitenmal tönt der gräßliche Schrei, und, mit dem Tone zugleich, fliegen brennende Pfeile in die Stroh- und Binsendächer der Kabanen. »Die Abiponer, 's ist ihr Kriegsruf!« antwortet der Weiber Wehlaut und wütend greifen die Männer nach der Axt. Die Glocke klingt gellend vom Turme. Der nachlässige Wächter erinnerte sich zu spät seiner versäumten Pflicht. Indessen weht aber schon der Brand in der Luft, würgt schon der Feind am Boden. Ein wehmütig Schauspiel! wilde Reiter, nackt auf den Pferden hängend, von abenteuerlichem Kopfputz gräßlicher gestaltet, bestrichen mit grellen, Blut und Tod kündenden Farben rasen hin und her durch die Gassen, schmettern mit ihrer fürchterlichen Schleuder alles zu Boden, was an ihnen vorüberrennt, werfen ihre langen Speere nach der keuchenden Menschenbrust, und Brände in die Glut, damit die Flammen noch höher aufflackern, die betrübende Szene würdig zu beleuchten. Eine Horde wilder Räuber hatte das Lagerhaus erstürmt, sich der Waffen und Mundvorräte bemächtigt. Die Quaranier konnten ihnen nirgends die Spitze bieten, nirgends ihrer Raublust ein Ziel setzen; kaum dem Morde entgehen. Denn in engem Kreise hielt um den Missionsort eine furchtbare Linie von Reitern mit drohendem Speere, und nur die Verzweiflung selbst schlug sich durch. Mit den Bolas bewaffnet, die jeder Bauer an sein Pferd hängt, wenn er über Land reitet, warfen die Entschlossensten der Quaranier einen Trupp von Pferden danieder, öffneten ihren Freunden und Verwandten einen Paß. Die dem Strande zunächst wohnenden Leute flüchteten sich nach den vor Anker liegenden Schiffen. Die Herren derselben, von dem Mordgetöse aufgeschreckt, befahlen, die Seile zu kappen. In die Strandflut des Flusses stürzte sich die hilfsbedürftige Menge; Kinder und Greise auf den Schultern der Eltern, der Söhne; sie jammerten nach Hilfe, nach Aufnahme, kaum die Köpfe aus den Fluten hebend. Umsonst; die Väter auf den Kähnen, nur ihre eigene Rettung vor Augen, fürchteten der Schiffe Ueberfüllung, wiesen die Flüchtlinge mit harten Worten zurück, ließen die Fahrzeuge stromabwärts treiben. Aber Not kennt kein Gebot, denn die Abiponer waren im Rücken der Flüchtlinge. Die riesenhaften Payaquas, die das Ruder in Händen – obwohl blinde Heiden, gewissenhafter den Rückzug ihrer Herren verteidigten, als diese das Wohl ihrer christlichen Mitbrüder sich zu Herzen nahmen – fielen tot hin unter der Uebermacht. Schon netzen die Wellen der Parana die Füße der Abiponerpferde, schon stürzen sich diese wilden Krieger blutbegierig bis zum Kinn in den Strom ... Gewaltsam halten die Flüchtlinge von Dominica die Schiffe auf, schwingen sich gewaltsam hinein, und die Väter müssen geschehen lassen, daß wider ihren Willen das treue Holz der Algarova auch die schlechten Indianer dem Mordstahle entführt. Welch ein Graus, wendet man den Blick von jenen Geretteten nach dem brennenden Pfarrhause. Vergebens stürmt die Glocke der Kirche. Sie vermag nicht dem lang gedehnten Brande in den hölzernen Gebäuden und Rohrwänden zu wehren. Sie vermag nicht, die treuen Diener zu erwecken, die für ihren Vater auf der Schwelle seines Hauses das Leben hingegeben haben. Sie haben sich umsonst geopfert. Der Raub drang dennoch hinein. In dem sonst lebendigen Hofe regt sich nur noch der von Flammenangst und Todeskampf gepeinigte Strauß, der von zwei Pfeilen durchbohrt, mit den ungelenken Flügeln flatternd, einen Ausweg sucht, und – blind vor Schreck – nicht findet. Ferne tönen die Silberglocken des Rehs; es sucht seinen Herrn; doch dieser fällt soeben – mit dem Alkalde dem Lagerhause zueilend – in die Hände des barbarischen Feindes, während auf den Stufen der Kirche Pater Xaver von einigen Abiponern gebunden wird, die in ihm den Padre des Orts zu fangen glauben. Aus den Fensteröffnungen des Lagerhauses, das ebenfalls schon brennt, dringt nebst dichten Rauchwolken der Wehruf ängstlicher Weiber. Zwei Krieger, furchtbar anzuschauen in den ungeheuern Federkronen, die ihre Eitelkeit dem Straußvogel der Savannen samt der Haut abstreifte, stürmen hinein, dem Rufen entgegen. Krachende Türen stürzen von oben auf sie hernieder. Ein Mann mit zwei Weibern, außer sich, mit versengten Haaren, stößt auf die Wilden, die ihn mit Löwenkraft aufhalten, packen und samt seinen Begleiterinnen ins Freie schleppen. Hier lodern Fackeln und Brandglut. Hier halten die Kaziken auf ihren dampfenden Gäulen, und unter ihren roten goldverzierten Kopfbinden hervor rinnt der Schweiß der Ermattung auf die Brust der Starken. Der Anblick schöner Frauen reizt der rauhen Obern Lust. Ein Streit droht zwischen Rettern und Befehlshabern zu entspringen, da wirft sich das jüngste der Weiber zu den Füßen des Obersten und ruft ihm zu: »Siehst du denn nicht, daß ich deines Volkes bin? Gnade deshalb und Schutz für mich und dieses Weib, das meine Schwester geworden ist!« Verwunderung spricht aus den Blicken der Zuhörer; jedoch überwältigt von dem süßen Klang der vaterländischen Zunge, klatschen sie lebhaft in die Hände und rufen: »Wahrlich! sie ist ein Kind unsers Großvaters, und sie mit ihrer Schwester soll heilig sein und frei!« Justine und Ines wurden auf weiße Pferde gehoben und folgten dem Zuge der Führer, die sich den Jammer besahen, den sie angerichtet. James wurde in der Kirche mit einigen andern lebendig Gefangenen, unter welchen sich sein Pflegevater befand, zusammengebunden. Nicht die Schmerzen der Brandwunden, die er, im Begriff, Justine zu retten, davongetragen, nicht die Ungewißheit seiner traurigen Lage zerriß ihm Herz und Gehirn. Seines zweiten Vaters, Justinens Verhängnis war seine Plage, war sein Kummer. Er weinte Tränen des Mitleids und ohnmächtiger Wut auf die Hände, die gebundenen Hände seines ehemaligen Versorgers. Dieser stand vor ihm, aufgerichteter als je, in seinem Leiden wie ein verklärtes Menschenbild. »Wenn eine Folter meine Seele preßt, so ist es die Angst um dich, um Justine,« sagte der Mutiggewordene. »Mein Schicksal beunruhige dich nicht. Glaube mir, in diesem Drange des Unglücks wird mein vom Zweifel und von der Sünde gespaltenes Herz wieder eins. Es klammert sich wieder an eine Hoffnung an: an die auf unsern Heiland. Nun ist der Augenblick gekommen, in welchem ein verlornes halbes Jahrhundert vielleicht durch die Märtyrkrone, die so vielen meiner Brüder zu teil geworden, Bedeutung gewinnt. Diese Krone ist die schönste, denn sie ist eine Versöhnende!« James schwieg niedergeschlagen, teils von der Würde des Redners ergriffen, der in seinen Banden so frei war, teils von der Nichtigkeit aller Trostgründe überzeugt, in einer Stunde, deren nächste Minute allen Ueberwundenen den Tod bringen konnte; gewisser, als der nächste Mond ihre Freiheit. Münzner blieb aber ruhig und betete still für sich aus vollem Herzen. Inzwischen war die Nacht zurückgewichen und der Morgen trat aus der Dämmerung. Wie die Sterne erbleichten, so erbleichte auch der Brand von Santa Dominica. Die von dem Sonnenauge beschämten Flammen krochen gebändigter in das stürzende und verkohlte Sparrenwerk zurück, aber die schwarzen rauchenden Stätten zeugten von ihrer Wut, und der Anblick der Leichen in den Gassen und Räumen der Mission von der bösen, bösen Nacht. Die Hüter der Gefangenen bedeuteten diese, sich auf den Weg zu machen. Auf dem Platze klang die Pfeife und die dumpfe kleine Trommel, zum Aufbruche mahnend. Die Gefangenen wurden mit Lianen auf Maultiere gebunden und deren Zügel von Reitern geleitet. Der Abzug der Abiponerhorde war siegreich und lärmend. Jeder Krieger, beritten, und noch einige Pferde zum Wechseln neben sich führend, hatte sich mit Beute aller Art beladen. Die leichtesten Schwärme hüteten die Seiten des Zugs, in dessen Mitte die blökenden Schafherden, die gleichmütigen, aber vor Hunger brüllenden Ochsen in unübersehbarer Zahl gingen. Scharen von Hunden hielten diese lebendige Beute zusammen und ihr Geheul und Gebell bildete, vermischt mit dem Getöse der plaudernden, lachenden und singenden Wilden, einen seltsamen Einklang. Ueber erstochene Pferde und Menschen ging der Zug hinweg, wie über den weichen Rasen, an den Häusertrümmern vorüber, und südwärts durch niedergetretene Tabaks- und Kakao-Pflanzungen. Die Gegend, die gestern noch in allem Reize des Wohlstands und der Herrlichkeit geblüht hatte, lag nun zerstört vor den Augen der Fortziehenden. Der Rückwärtsblickende sah mit Wehmut die Rauchsäulen aus den Trümmern Dominicas emporsteigen und die hohen Palmen ihre Blätter über dem höllischen Schauspiele senken. So weit das Auge auf der Parana reichte, war kein Schiff mehr zu sehen. Die gewandten Abiponer stellten sich hin und wieder aufrecht auf die trabenden Rosse und wendeten ihr Falkenauge im Rennen nach allen Seiten hin. Auf dem Flusse konnte nichts mehr wahrgenommen werden und so lenkte denn der Trupp der Anführer, der weit vor dem ganzen Zuge hinritt, landeinwärts. Noch einige Zeit ging es vortrefflich durch Baumwälder und schattige, frisch grünende Sumpfebenen. Bald änderte sich jedoch die Landschaft. Immer mehr und mehr wichen plötzlich die Wälder zurück. Der hohe Baum schrumpfte zum niedern Busch, der Busch zum dürftigen Gestrüpp ein, und endlich verkroch sich auch dieses in einen nackten einförmigen Boden, der kaum hin und wieder Sandstriche bot, aber nirgends einen Stein. Auf dieser Fläche angelangt, die in der Spätmorgenhitze den Gefangenen unerträglich schien, fing der Abiponer erst an, aufzuleben. Die unbeschlagnen leicht gezäumten Pferde flogen nur dahin. Lebhaft schwangen die Reiter ihre hölzernen Speere und die kleine Jagd begann. Nach allen Seiten streiften die Hunde aus, um Kaninchen aufzustöbern. Der Abiponer, ohne seinen Weg zu unterbrechen, stellt sich auf sein Roß, spannt den Bogen, zielt, und fehlt fast nie das von den Hunden herbeigetriebene Ziel. Aber mitten in dieser Beschäftigung wird von den Vorderreitern ein langer grüner Saum gesehen, der längs dem Boden hinzieht und das Meer zu sein scheint, oder ein viele, viele Meilen lang gedehnter Strom. Sie werfen ihre Federbüsche in die Luft, und ihr jubelndes Geschrei, das sich den andern schnell mitteilt, verkündigt die Nähe einer ihnen angenehmen Gegend. Die Pferde werden heftiger angetrieben. Gleichviel, ob einer der Reiter stürzt. Er verläßt das zugrunde gerichtete Tier, um sich auf ein anderes zu schwingen. Immer näher kömmt der grüne Saum; höher bald, bald niederer scheinend. »Die Savanne!« ruft Abiponer und Quaranier aus; jener freudig, dieser niedergeschlagen, weil sich dort sein Schicksal entscheiden soll. Man betritt endlich den Rand dieser, ungeheuren Grasebene, auf welcher kein Baum steht, und kein Fels und kein wirtliches Dorf; nur etwa die leichte Hütte des wilden wandernden Jägers. Ein riesiger Strauß steht, wie der Wächter der grünen Wüste an ihrem Saume, und gafft neugierig nach den Kommenden. Ein gewandter Schütze sprengt auf ihn an. Zu spät denkt das verfolgte Wild an die Flucht. Schon wendet es sich, spreitet die Flügel aus, um mit ihrer Hilfe, schneller als das Pferd, das Weite zu suchen – da zerschmettert ein Pfeilschuß ihm das Beingelenk – es stürzt, wird eine Beute des Siegers, der ihm die Federn entreißt, mit denselben den Sattel seines Pferdes schmückt und lachend mit den Freunden in die Ebene einsprengt. Welch ein reges Leben in diesen Flächen, von unglaublich hohem Grase bewachsen! Flüchtige Hirsche durchstreifen, wie ungewisse Schatten, kaum durch ihre Geweihe kenntlich, die Ferne. Tausende von wiehernden Pferden fliegen rechts durch die Halme. Nicht geringere Herden von Stieren setzen links durch das Grasmeer und lagern sich brüllend in demselben, das ihnen Schatten vor dem glühenden Sonnenbrand gewährt. Und der wilde Abiponer, dessen Pferd bis zum Sattel in den Halmen schwimmt, ereilt das flüchtige Roß und zähmt es durch die einfache Schlinge; er fällt den wilden Stier an, zerrt ihn mit der Schleife zu Boden, tötet ihn mit einem Streich, und nicht Notwehr, nicht Hunger rechtfertigt die tollkühne Tat; nur der leichtsinnige Mutwille, der, überlegener Kraft bewußt und ihr vertrauend, spielend die Gefahr reizt, hat sie ersonnen, und begonnen und vollendet. Wenn nun die armen Gefangenen im Rücken des Zuges jene Aeußerungen ungebeugter Kraft wenig beachteten, so waren sie doch den Freiern, mit solchen Szenen Unbekannten, oder derselben Entwöhnten, ein besseres Schauspiel. Justine, deren Pferd von einem höflichen Abiponer geleitet wurde, vergaß Leiden und Gefahr in dem neuen Anblick. Ines sah mit Herzklopfen die Gebräuche ihres Volkes wieder, und die Erinnerungen einer recht frühen Zeit wurden völlig in ihr lebendig, und mit der Erinnerung kamen auch die schweren Worte der Abiponer häufiger in ihren Kopf, geläufiger auf ihre Zunge. Ein Abiponersklave, der einige Jahre zu Santa Dominica gearbeitet und gelitten, hatte damals die Landsmännin gekannt und mit ihr die heimatliche Sprache geredet, und dem nun längst verstorbenen Manne verdankte Ines nun die bedeutende Hilfe, sich gegen ihre Landsleute verständlich zu machen, und ihrer Freundin Justine, die nicht einmal spanisch redete, nützlich werden zu können. Wie gerne hätte sie dann und wann die Spitze des Trosses verlassen, um nach den lieben Gefangenen zu sehen, nach dem Vater Luis, dessen Leben sie auch erbeten, nach dem jungen Manne, an dem sie so innig teilnahm, nach dem fremden Geistlichen, ihr ehrwürdig, weil er des Jünglings Pflegevater gewesen. Auch Justine – obschon das Herz in dauerndem Groll von Münzner und James gewendet – sah – unfähig ein schönes Mitgefühl zu unterdrücken – häufig nach der Gegend hin, wo die letzten Staubwolken aufflogen. Die Leute, die ihren Groll verdienten, waren seit der Schreckensnacht gewissermaßen ihre versöhnten Freunde geworden. Nur von ihren Lippen, mitten unter Hunderten von tobenden Barbaren, konnte sie ja die Töne hören, die ihr Ohr verstand; die Töne der Muttersprache, die unter solchen Umständen den Gemeinsten im Glauben des Vornehmsten adeln. Aber es war nicht möglich, von den Obern der Schar sich zu trennen. Der Führer, ein alter Kazik von einnehmenden Zügen und kühnem Blicke, ritt zwischen den Mädchen und ließ sie nicht aus den Augen. Neugierig und verwundert betrachtete er von Zeit zu Zeit Justine, und ihr edles, bleiches Gesicht flößte ihm, wie seinen Leuten, sichtlich Ehrfurcht ein. Nachdenkender betrachtete er Ines, und, wie selten auch seine Gebärden zu Justine sprachen, so häufig redete sein Mund zu Ines. »Du armes Kind ohne Vater!« sagte er mitleidig zu dem Mädchen, »dort dämmern die Spitzen unserer Dächer. Vergiß alles Leid. Du wirst viele Mütter und Schwestern finden, und ein jeder von uns ist dein und der Fremden Freund, weil du sie liebst.« »Ihr werdet doch den übrigen kein Leid zufügen?« fragte Ines forschend dagegen. »Der Kapitän, mein Bruder, hat darüber zu entscheiden und die weise Pilagoterigenat!« erwiderte der Kazil achselzuckend, »je mehr ich aber dich ansehe, Kind, je bewegter wird mein Herz. Ich habe nie eine Tochter gehabt, sonst müßtest du die meinige sein.« Das Lager des Stamms wurde sichtbar und deutlicher. Leichte Rohrdächer auf schlanken Pfählen ragten in die Luft. Einige zerfetzte, irgendwo den Spaniern abgenommene Zelte brüsteten sich, von fliegenden Wimpeln umgeben, in der Mitte der regellos zerstreuten Hütten. Ein Graben schloß das Lager ein, aber diesseits des Grabens weideten die Pferde des Volks, und der erste Laut, den die Ankömmlinge vernahmen, war die Glocke der Madrina . Einige Augenblicke später ertönte ein gellender Ruf aus vielen Weiberkehlen. Aus dem hohen Grase stiegen Pferde auf. Auf ihrem Rücken hingen die abiponischen Weiber: Mädchen und Frauen. Die ersteren trugen den aus der Ferne gesehenen Männern Schläuche mit Chica, die zweiten die Säuglinge an der Brust entgegen. Ihr Jubel war grenzenlos und scheuchte die Hundebanden ins Weite, die außerhalb des Lagers an den Ueberbleibseln der geschlachteten Ochsen und Schafe nagten. Gestreckten Laufs kamen die Weiber heran, schöne Gestalten, den wohlgebauten Männern nicht nachstehend, freundlichen Angesichts, mit rabenschwarzen Haaren. Das Wiedersehen hatte alles Feuer des Südens. Ein lustiges Getümmel mischte sich in den kriegerischen Zug. Die Lanzen und Bogen wurden den Männern abgenommen, der Met ihnen kredenzt, und nach dem ersten Sturme des Willkommens reihte sich die Schar der Weiber um Ines und Justine. Die blendende Farbe der letztern, ihr fremdartiger Anzug, die Entschlossenheit, mit der sie zu Pferde saß; ihre Freundlichkeit, trotz der Lage einer Gefangenen, erregte Teilnahme. Die Weiber berührten ihre Hände, ihr Gesicht; zogen ihre seidenen Haare durch die Finger, erstaunten über ihre Augenbrauen und Wimpern, welche von den Abiponern vertilgt werden; verwunderten sich, daß sie kein eingeätztes Kreuz auf der Stirne trug, noch eingegrabene Figuren auf den Armen und Füßen, wie die Abiponerinnen, sagten ihr tausend Schmeichelworte, von welchen die arme Deutsche nichts begriff, und führten sie, samt der lebhaft begrüßten Ines, die nicht genug erklären konnte, nach dem Zelte der Kapitana, während der ganze Kriegertroß sich's in der wandernden Heimat bequem machte, die Weiber mit Geschenken vergnügte, das Gepäck ablud und die Pferde in die Weide jagte. Die Kapitana saß unter dem Eingange des Zeltes und auf ihrem Schoße ruhte ein vor wenigen Tagen geborner Sohn. Die Mädchen klopften mit Zweigen an die Wand des Zeltes und riefen: »Heil bringe dem Sohne die Fremde, die wir ihm zuführen!« Die Frau des vornehmsten Kaziken, dieselbe, die unter dem Eingange saß, ein nicht mehr junges, aber rüstiges Weib, stand auf, ging Justinen entgegen und hielt eine lange Anrede. Ines antwortete der Begrüßung. Nun schlugen plötzlich alle Umgebenden verwundert in die Hände und riefen: »Bei unsern Vorfahren! ist diese nicht die Tochter unserer Mutter? Der Gejenk der Savannen hat noch nie zwei Eier gelegt, die sich ähnlicher gewesen wären!« Die Kapitana schrie auf und fiel in Ines Arme. »Ach!« sagte sie weinend, »bist du's denn, arme, verlorne Misinga? die ich, auf der Flucht vor den bösen Waldreitern, entschlafen auf dem Pferde, aus den Armen verlor? Hat dich das Raubtier nicht verzehrt? Hat dich der Spanier nicht mißhandelt? Bist du's denn gewiß und keine Zauberin, die eine Mutter täuscht?« Ines erkannte der Mutter Stimme wieder. Sie durfte, sie wollte nicht mehr zweifeln. Die Weiber schlugen jauchzend die Trommeln und die Kapitana riß mit dem Rufe: »komme zum Vater!« die Tochter und Justine ihr nach ins Zelt. Hier lag der Kapitän, der Sitte des Volks gemäß, auf einer Matte, in Decken eingewickelt und hielt in strengem Fasten die Wochentage seiner Frau. Allenthalben, wie eine Wöchnerin, vor Zug und Sonnenstrahl geschützt, und mit Bedeckung überflüssig versehen, horchte er gerade in seiner trübseligen Lage, während Freunde um sein Lager saßen und schmausten, auf das Märchen, das ihm ein häßliches Weib erzählte, welches, abenteuerlich mit Federn und Zweigen geschmückt, neben seiner Matte auf der Erde saß. Kaum vermochte die Nachricht von dem glücklich errungenen Siege und dem Wiederfinden seiner Tochter ihn zu bewegen, die Stellung worin er sich befand, einigermaßen zu verlassen. Er streckte der weinenden Ines die Hände entgegen und rief ihr Willkomm zu. Einige junge Leute, die mit im Streifzuge gewesen waren, begrüßten und umarmten Ines als ihre Schwester. Die Kapitana war außer sich vor Freuden, und endlich priesen alle vereint sowohl das Schicksal, das ihnen dieses Vergnügen gemacht, als die mildtätigen Menschen, die für Misinga Sorge getragen. Ines benutzte diesen Zeitpunkt und sagte: »Vater! Mutter! Brüder! diese Menschen sind von euch gefangen. Löst ihre Bande und erfüllt für mich die Pflicht der Dankbarkeit!« »Sie sollen meine Gäste sein, wenn Pilagoterigenat es erlaubt,« sagte der Kazike, nach dem häßlichen Weibe sehend. Dieses, die Zauberin und Wahrsagerin der Horde, verdrehte überlegend die Augen, klopfte mit seltsamen Gebärden auf die Trommel von Otternhaut, die ihr zur Seite stand und antwortete mit singendem Tone: » Balichu will mehr als geschlachtete Pferde, er will Hirnhäute der Feinde, sonst wird nimmer der Großvater genesen.« Mit diesen Worten kam plötzlich allgemeine Betrübnis über die Weiber; sie warfen sich zur Erde, zerschlugen sich die Brust, zerrauften das Haar. »Der Großvater ist krank, und läßt sich nicht am Himmel sehen,« erläuterte der Kazike seiner Tochter sehr niedergeschlagen, »Balichu will ihn umbringen. Noch nie ist er so lange ausgeblieben. Es muß geschehen, was Pilagoterigenat befiehlt.« »Misingas Wohltäter müssen am Leben bleiben!« rief ein Bruder des Mädchens, »wir haben Quaranier gefangen. Sie mögen fallen!« »Mordet doch keine Menschen!« bat Ines mit ängstlicher Rührung, »das bringt euch nimmer Segen!« Die Gefangenen wurden in das Zelt gebracht. Die Zauberin sah nach dem dämmernden Himmel und sagte: »Steh' auf, Kapitän, deine Zeit ist vorüber. Dein Kind hat nichts mehr zu befahren. Iß und trink, und wähle mit deinen Freunden Balichus Opfer!« Eilfertig folgte der Kazike dem Befehl, ließ Speise und Trank herbeischaffen und setzte sich mit seinen Freunden, den Anführern, unter den Eingang des Zeltes zum Schmause und Gericht. Der ehrwürdige Luis eröffnete den Trupp der Gefangenen, erschöpft aber mutig. Münzner folgte ihm, standhaft, emporgerichtet, auf alles gefaßt. James, der dritte, warf einen Blick in Justinens Auge, das Versöhnung und Angst ausdrückte, und dieses Auge gab ihm Mut. Einige Indianer, gebunden und niedergebeugt, machten den Beschluß. Ines flog an Luis' Hals, streckte ihre Arme über James und seinen Pfleger aus und rief: »Diese sind mein! diese dürfen nicht sterben, sondern beim Vater bitten für uns! Pilagoterigenat, von dem Ehrfurcht gebietenden Aussehen der Priester gerührt, nickte mit dem Kopfe, und die Bande der Geschützten wurden gelöst; sie setzten sich zum Mahle des Kapitäns nieder, der ihre Stirne berührte, ihnen zu essen reichte und somit ihre Freiheit heiligte. Ines führte Justine mit schmeichelnder Gebärde in den Kreis der Mädchen, die, wie die Frauen, abgesondert standen. Alle Blicke richteten sich nach den, zum Opfer bezeichneten Quaraniern, und des edeln Luis Mund bewegte sich, um eine Fürbitte für die Armen einzulegen. Der Abiponersprache mächtig, so wie diese Wilden mit dem Spanischen etwas vertraut, durfte er hoffen, angehört zu werden. Die Quaranier hingegen, die geschmeidigen Leute, ihr Schicksal voraussehend, versuchten das letzte Mittel, eilten auf die blutdürstige Zauberin zu, warfen sich ihr zu Füßen, gaben ihr hundert Schmeichelnamen, nannten sie den blühenden Vollmond und bettelten bei ihr um das Leben. Die Eitelkeit der alten Frau wurde rege. Die Flehenden waren hübsche, junge Leute, die sich ihrer Fürbitte anvertrauten. Sie nickte bald, bald schüttelte sie nachdenklich das Haupt, und an ihren Bewegungen hing der Kaziken Auge. Nun rührte das Weib abermals die Trommel, starrte vor sich hin, renkte und krümmte sich, murmelte viele unverständliche Worte und sang dann, wie in Verzückung: »Hört, Kapitane! Hört, Abiponer! ihr schnellen Reiter in den Heiden! Ihr schnellen Feinde der Straußenbrüder ! Hört, was Pilagoterigenat euch verkündet! Ihr seid menschlich und liebevoll im Streite; ihr macht eure Gefangenen zu euren Brüdern ; ihr fraßet sie nie, wie die bluttriefenden Chiriguaner! Ihr werdet auch diese hier, ob sie gleich schlechte, weichliche Quaranier sind, nicht schinden, aber Balichu hat Hunger, der gestillt werden muß, damit er den Großvater wieder loslasse. Ihr seid glücklich im Siege, der Met ist geraten, die Pferde sind gesund, und ihr lebet lange, weil ihr gerecht seid! Eure Sünde hält den Großvater nicht in Schweiß und Mattigkeit gefesselt. Eine fremde Sünde muß es also tun, und diese Sünde liegt in dem Fremden, den Bitalighuru vor wenigen Sonnen ins Lager brachte. Ihr erquickt, ihr Menschlichen, in ihm des Großvaters Tod. Ich koche ihm keinen Trank mehr. Ich röste ihm nicht mehr die Algarova. Betrachtet sein Stöhnen, sein Seufzen, seinen Schreck vor dem Schatten der Wolken! wie er zitterte, als neulich das Gewitter daher fuhr! wie er bebte und die Hände rang! Er ist ein Verbrecher, und sein Tod – das ist Pilagoterigenats letztes Wort – besänftigt allein unsern Feind.« Mit lautem Geschrei wurde der Hexenmeisterin Vortrag aufgenommen und viele junge Leute stürmten fort nach der abgelegenen Hütte, die den Unglücklichen, so kaltblütig zum Tode Verurteilten beherbergte. »Jesus, was wird das geben!« sagte der Pfarrer von Dominica zu dem Pater Xaver, »hat mein Auge nicht schon der Greuel genug gesehen?« Münzner seufzte still vor sich hin. James forschte nach Erläuterung der seltsamen Bewegung um ihn her. Justine blickte neugierig und beunruhigt nach der Ferne, woher der Lärm der Rückkehrenden sich vernehmen ließ. Ein armer, leidender Mensch wurde auf einer Stierhaut herbeigetragen. Zwei Jünglinge mit Skalpiermessern tanzten vor ihm her. Neugierig erhob sich alles, den zum Tode Bestimmten zu sehen, der vor dem Kapitän niedergelegt wurde. Die Schwarzkünstlerin, begierig, endlich ihren Willen erfüllt, Blut fließen zu sehen, gebärdete sich rasend, auf den Verdammten zeigend und schreiend: »Der ist's! der ist's! herunter mit seinen Haaren! Aus dem Leibe sein Herz!« Die Weiber heulten laut auf. Die Männer sangen ein Totenlied. Die Opferer näherten sich mit seltsamen pathetischen Gebärden dem Schlachtopfer. Luis und Xaver knieten, zugedrückten Auges, betend hinter dem stehenden Volke. Ines umklammerte zitternd Justine. Diese jedoch stürzte mit einem hellauf jammernden Schrei auf den Gegenstand des Bedauerns und der Wut hin, umfaßte ihn krampfhaft und kreischte, daß die weite Ebene hallte: »Um Gottes Barmherzigkeit und Gnade willen! Menschen! haltet ein! das ist mein Vater!« Eine allgemeine Verwirrung entsteht nun. Das Beginnen der stummen Fremden erregt Staunen. Die Priester blicken auf, erkennen den Senator, der, abgehärmt wie der Tod, kümmerlich in eine Decke gehüllt, ohnmächtig an dem Busen der verzweifelnden Tochter hängt; James sieht die Mordmesser über Justinens Haupte schweben. Des geliebten Mädchens Gefahr reißt ihn über die Schranken jeder Bedenklichkeit. »Justine!« ruft er und setzt in den Kreis, stößt die Mordlustigen von dem Mädchen zurück, trotzt jeder Mißhandlung. Die aufhetzende Zauberin wütet ihm gegenüber, Schaum vor dem Munde und Zittern in allen Gelenken, »Fort mit der tollen Fremden!« brüllte sie, »das Böse sitzt in ihr. Fort mit ihr, wenn euer Leben und der Großvater euch lieb sind!« Es gibt unter der Menge Gemüter, die dem Aberglauben unbedingt gehorchen. Diese werfen James zu Boden und schleppen ihn zur Seite. Ines, ihre geliebte Sennora zu retten, umfaßt Justine mit voller Gewalt, und die übrigen Weiber, ohne auf ihr Zetergeschrei zu hören, zerren sie von dem Vater hinweg. Der Aermste ist aber noch nicht dem Feinde preisgegeben, denn, stark wie ein Löwe und stolz wie dieser, umschlingt den Betäubten der Pater Xaver. Ein siegverdienender Heldenmut blitzt aus seinem Auge, zwanzig Jahre scheinen von seinem Scheitel entflohen zu sein. »Müssinger!« ruft er dem sich Ermannenden ins Ohr, »du lebst noch! noch sehe ich, der Reuige, dich wieder! Vergib, wie ich bereue. Mein Blut für dich, oder mit dem deinen!« Lächelnd sieht er gen Himmel; aus dem dämmernden Azur scheint die Marterkrone auf sein Haupt hernieder zu schweben. »Klara!« sagt er mit leiser himmlischer Sehnsucht, »ich bringe ihn dir! wir kommen zusammen! hilf uns empor!« Während James wütet, Justine laut jammert, die Zauberin rast, und die Haufen um das festumschlungene Paar versammelt, unschlüssig auf das Schauspiel sehen, redet Pater Luis mit Donnerkraft zu den Kaziken und schildert ihnen die Schändlichkeit des Mords, die Unzulässigkeit ihres Wahns, die Lügen ihrer Prophetin. Sie horchen aufmerksam zu, aber betrübt klingen stets die Worte wieder: »Der Großvater stirbt; Vater, sollen wir ihn sterben lassen?« »Gott ist euer Vater!« predigt mit jugendlichem Feuer der Greis, »jene Sterne sind nicht eure Ahnen, sondern ein Werk seiner mächtigen Hand! Seinen Gesetzen folgen sie, und treten aus den Wolken, wann er, unser einziger, heiliger Gott, es will; nicht, wann ihr einen Menschen schlachtet. Noch mehr, meine Freunde! ein Gedanke fliegt aus meiner Seele zum Himmel auf, ein einziger – eine Bitte, und dort leuchtet schon das Siebengestirn!« Den Zeitpunkt der Wiederkehr des Sternbilds geschickt benützend, deutet der Jesuit gen Himmel, wo es in seiner Pracht hervorgetreten war. Aller Augen folgen dem Fingerzeig; alle Mienen beleben sich mit Freude und Lust. Ein Helles Gejauchze erschüttert den Plan. »Großvater!« rufen Männer, Weiber und Kinder, springend, tanzend und in die Hände klatschend, »bist du endlich wieder zu uns Verlassenen zurückgekehrt? Bist du nicht mehr böse auf uns? wie danken wir dir, lieber Vorfahr! sei gegrüßt!« Und Feinde umarmen sich, und für die Gefangenen fließt Met und Chica in vollen Strömen, und an Mord wird nicht mehr gedacht, noch an die Zauberin, die sich beschämt entfernte! Justine liegt ungehindert in des Vaters Armen, James in denen des Pflegers, die Kaziken zu den Füßen des Priesters, dessen Wort und Gottesverheißung so schnell in Erfüllung gegangen. Im Nu ist ein anderer Geist lebendig geworden, die Trauer ist gewichen, und das Siegesmahl und das Fest des Siebengestirns verschmelzen in eine Feier. Jeder liefert seinen Beitrag hierzu. Der Platz vor des Kapitäns Zelte wimmelt von frohen Menschen. Lebensmittel und Getränke kommen im Ueberflusse herbei. Trommeln und Pfeifen blasen zum Tanz und rufen die Mädchen, die ihren Reihen bilden. Nach der seltsamen Musik einer mit Steinen gefüllten Kürbisflasche tanzt in wüsten Stellungen die Schwarzkünstlerin, die sich wieder eingefunden, Gruppen von jungen Leuten ringen und springen, andere singen Kampfgesänge; die Weiber, auf ihren Matten abgesondert, stimmen mit ein, und auf den Häuten des Jagurate ober des Stiers gelagert, trinken die Männer aus Hirnschädeln erschlagener Feinde oder getreuer Hunde, oder aus großen Stierhörnern den berauschenden Met, die gärende Chica; hören dem Pfarrer von Dominica zu, preisen den Gott der Spanier und beschließen im Rausche, zum Dank Christen zu werden. »Wir haben deine Kinder getötet,« sagen sie dem Pater treuherzig, »weil wir euch für unsre Feinde hielten und nach Beute lüstern waren; aber – wir selbst wollen von nun an dich Vater nennen und deinen Kaziken gehorchen, und dem, den du Gott nennst, denn er ist ein starker Geist, und, wahrlich, des Fremden Blut hätte es nicht allein getan!« James und Münzner hatten sich indessen, Arm in Arm verschlungen, aus dem Gewühle entfernt und gingen, erzählend und dankend und zufrieden, längs dem Graben hin. Sie kamen an ein schmales Rohrgezelt, wohin Ines den Senator mit Justine hatte bringen lassen, damit sie ungestört seien. Auf dem Tummelplatze des freudigen Schmauses brannten hundert Fackeln, hier leuchtete nur der milde Sternenschimmer. Der kranke Vater schlief, Justine saß zu seinen Füßen, und ihr Herz war leidend und selig froh zugleich. Ines hatte sich herbeigeschlichen und die Mädchen kauerten einander gegenüber, und drückten sich nur die Hände, und streichelten sich nur die Wange, und bedurften der Sprache nicht im geringsten. Das Abendlicht war so helle, daß Justine ohne Mühe den Doktor und seinen Begleiter erkennen mochte, als sie in das Zelt traten. Sie stand schnell auf, streckte ihnen die Hände entgegen und sagte, voll von dem ruhigen Schmerze, gegen den die Bosheit selbst keine Waffen hat, »was wollt Ihr hier, Herr Doktor? was Ihr, Monsieur White? O kehret um, ich bitte euch. Dort liegt mein Vater – vielleicht in seinem letzten Schlummer! laßt ihn, wenigstens im Tode, seiner Tochter. Ihr habt den Wein seines Lebens vergeudet, laßt mir die Neige.« Sie setzte sich stumm zu des Kranken Seite nieder, und die Männer flohen vor ihrer Rede. Sie gingen weiter. James mit Tränen im Blicke, Münzner mit Feuerqual in der Brust. »Kaum wieder neu belebt durch das Leben meines Freundes,« sagte der Doktor schwermütig, »so verstößt mich auch schon wieder der Tochter allzugerechter Vorwurf aus dem wiedergewonnenen Paradiese. Wie sehr bin ich der Vergebung bedürftig! auch der deinen, mein Sohn! Ich habe falsch geglaubt, falsch gehofft, falsch gehandelt! Gutes wollen und übel tun – welch verlornes Leben!« »Wir wollen zusammen gehen!« erwiderte James, »zusammen und vereint dulden, wenn diese wilden Räuber uns nicht vereint noch töten; hören Sie, wie ihre Stimmen jubeln? vernehmen Sie den trunknen Gesang? welche Schrecken, welche nie erhörte Lage umgibt uns? ist es nicht ein Traum, daß ich auf der Parana schiffte, in Dominica Sie wiederfand? daß wir nur durch ein Wunder dem Brande, dem Tode entgingen, daß wir hier in den Savannen atmen, und unter diesem Himmelsstriche den Senator wiedergefunden haben? Rütteln Sie mich, mein Vater, daß ich erwache; denn sicher wohnen wir noch in der Rahmgasse, und alles ist nur Täuschung, eines schweren Schlummers Werk.« »Wäre es doch also!« versetzte Münzner, »leider leben wir in der rauhsten Wirklichkeit. Dieser Himmel ist der Südamerikas, dort ragen die Zelte und Rohrdächer der Abiponer; in der Ferne heult der Tiger, und der Kaiman weint nach einem Raube. Alles ist wirklich um uns her, und Gottes Allmacht ist auch hier mit uns, so wahr, als dort ganz in der Ferne von den Höhen ein Feuermeer zu wallen scheint.« »Wahrlich!« sagte James, hinsehend, »welch neue Erscheinung; ist nicht alles wunderbar in diesem zauberischen Lande? brennt dort ein vom Winde bewegter Wald? Oder fließt ein glühender Lavastrom um den Saum der Savanne?« Mit raschen Schritten eilten sie dem Feste zu. Die Indianer hatten die Erscheinung ebenfalls bemerkt und standen, sie still betrachtend. Das Feuer, wandelnd, abwärtssteigend, verschwand bald, bald kam es wieder hervor; endlich wogte es tief unter, daß nur der Schein am Firmamente es bemerkbar machte. »Das ist nicht Wald-, nicht Erdfeuer!« sagte ein Abiponer, dessen Augen, im Dunkel sogar, Falkenschärfe hatten, »das sind wandelnde Holzbrände! ein Feind, der uns das Gras abbrennen will, ist's, der dort kömmt.« Die Abiponer gerieten in stürmische Bewegung. Die Männer pfiffen den Pferden, die Weiber den Hunden. Kinder und Herden, Alte und Kranke, Waffen und Vorräte wurden auf einen Haufen geschleppt, alle Fackeln ausgelöscht, tiefe Stille geboten, und lauschend drückten, die vordersten Wachen des Volks das Ohr an die Erde. Diese Kinder der Natur, mit den geschärftesten Sinnen, hören aus weiter Ferne das Schnauben von Tieren, die aus dem stillen Lager im Grase gejagt schienen, Gemurmel und Getöse von Menschen. »Beruhigt euch,« sagte Pater Luis zu seinen beiden Gastfreunden, dem Doktor und James, »ich weiß, was sich uns naht. Ich hoffe darauf mit Zuversicht. Jene Berge sind Brasiliens Vormauern. Der Indianer, von welchem ich Ihnen sprach, mein Vater, war unter den Gefangenen der verwichenen Nacht, war mit mir aufs selbe Pferd gebunden, wußte seine Bande zu lösen. Gott schütze dich, Vater, sagte er, leise vom Pferde unter den Troß des Viehs gleitend, ich bringe dir Hilfe. Dort hinter den Bergen liegt der gute Jesus in den Wildnissen, und ich bin dort wie ein Pfeil, wenn mich kein Abiponer erschießt. Im Grase kriechend verlor er sich aus den Augen, und gewiß – ganz gewiß ist jenes Lichtmeer ein Bote seiner Hilfe. Unsere Fackeln zeigten den von den Bergen Steigenden die Richtung nach unserm Aufenthalt, und sie kommen jetzt sicher, um uns zu befreien.« Die Abiponer rührten sich nicht, im Anschauen der seltsamen Erscheinung verloren, und vertrauten auf des Pfarrers Wort, der ihnen versicherte, es würde nicht ihnen, nicht den Ihrigen ein Leids geschehen, so lange er auf ihrer Seite stände. Der Tag war bereits angebrochen, als sich im Strahle des Morgenlichts die Szene entwickelte. Durch die grasige Ebene näherte sich ein großer Haufe. Gewehre blitzten in langer Reihe. Dieser Anblick entmutigte die Abiponer und sie wollten, dem Pulverblitze feind, die Flucht ergreifen. Pater Luis hielt sie mit seiner Beredsamkeit im Zaume. Die fremden Krieger machten auf Flintenschußweite Halt. Sie hatten sich beinahe sämtlich mit Pferden der Savanne beritten gemacht. Eine schimmernde Fahne flatterte in ihrer Mitte. Die Abiponer staunten das Panier mit dem goldenen Kreuz an und blickten auf Don Luis, der die Obersten aus ihnen wählte, und, von ihnen, Pater Xaver, James und der dienstfertigen Ines begleitet, wie in einer feierlichen Prozession, mit weißen Federn wehend, auf die Fremden losging. Weiße, schwarze und rotbraune Männer saßen regungslos, den Karabiner oder die lange Flinte in der Faust, auf den Pferden; dürftig gekleidet, aber voll von Kraft und Mut. Bei dem Paniere hielt, von einigen besser gekleideten Anführern umgeben, der Hauptmann des ansehnlichen Trupps, eine herrliche Mannsgestalt mit schwarzem Bart und frisch geröteten Wangen, in eine leichte braune Kutte gehüllt, Stiefel und Sporen an den Füßen, einen Strohhut mit einer bunten Feder auf dem Kopfe. Ein breiter Lebergürtel hielt ein Paar Pistolen und einen gewichtigen Säbel. Eine Doppelflinte hing über seinem Rücken. Kaum hatte er von ferne den Pater Luis wahrgenommen, als er vom Pferde sprang und stürmisch auf ihn zulief. »Beim heiligen Jakob!« rief er ihm auf spanisch zu, »Onkel! kennen Sie den Vetter Vereira noch? finden wir uns hier, und bin ich nicht gekommen wie der Blitz? Ihr Name, den mir der Bote nannte, war genug: mein Korps stieß zusammen, und hier sind wir; fast unzufrieden, Euch nicht mehr in Ketten zu finden, um Euch zu beweisen, wie ernst mir's war.« »Ich bringe Euch hier ein Volk von Gefangenen,« sagte Luis hierauf, »Gefangene im Glauben. Statt ihr Feind zu sein, werdet Ihr Taufpate!« Sechster Abschnitt Die Taufe. – Trennung. – Unschuldige Liebe. – Zug in die Berge. – Der gute Jesus in den Wildnissen. – Fernandez. – Der Flüchtige. – Der Fürst der Wildnisse. – Das Bild des Erlösers. – Reue, Bekenntnis und Versöhnung. – Sehnsucht nach außen. – Der Doktor in den Wäldern. – Der Vorposten. – Hauptquartier zu la Guasta. – Brigadier und Assistent. – Gezwungener Verrat. – Kriegssturm. – Das Asyl in den Felsen. – Die verdächtigen Fremden. – Whites Edelmut. – Die Flucht aus den Felsen. – Strand, Schiff und Heimat. – Der Maierhof zu St. Dominica. – Xavers Brief. – Schluß. Die Abiponer, eifersüchtig, ihr Wort zu halten, wenn sie es gleich im Rausche gegeben, von Dankbarkeit für den Pater Luis durchdrungen, weigerten sich der Taufe nicht, die mit so vielen Feierlichkeiten stattfand, als in der Savanne nur anzuwenden waren. Nach dem Hauptmanne Vereira, einem Neffen des Priesterfürsten vom guten Jesus in den Wildnissen, wurden alle Männer des Stammes Fernandez, nach der liebenswürdigen Kazikentochter Misinga alle Frauen und Mädchen Ines genannt. Als die Zeremonie vorüber war, kamen alle Führer der Abiponer auf Luis zu, drückten ihm die Hände, küßten sein Kleid und sagten: »Wahrlich, du bist ein guter Mann, was auch Pilagoterigenat sage, die wir ins Freie gejagt haben, daß sie nicht wiederkomme. Du hast uns den Großvater und des Kapitans Tochter wiedergegeben, und deinen Gott mit uns geteilt. Wenn du uns ernähren und nicht strafen willst, so begehren wir, mit dir nach deiner Heimat zu ziehen. Wir haben deine Hütte verbrannt, wir wollen sie wieder aufbauen; wir wollen dein Volk werden und nicht in das Gebirge mit dem fremden Manne gehen, weil wir dort unsere Pferde schlachten müßten. In deinem Lande hingegen ist's eben, und Wild und Gras und Wasser fehlt nicht, und, weil du Misinga erhalten, wirst du uns auch nicht verlassen, und darum lieben wir dich.« Die Antwort des Pfarrers war bejahend und des redlichen Alten Brust hob sich freudiger bei dem Gedanken, in seinen entvölkerten Pflanzort wieder neue Kinder des Segens einzuführen. Alle Bedenklichkeiten des jungen Vereira widerlegend, beschloß er die Heimkehr an der Spitze der Abiponer, und bat seinen Vetter nur, die Fremden nicht verlassen zu wollen, die nicht nach St. Dominica zurückkehren durften. Vereira versprach's mit aufrichtiger Herzlichkeit und jedes ging seinerseits dahin, die Vorbereitungen zur nahen Trennung zu treffen. In dem Getümmel, das dadurch entstand, begegnete dem Doktor Münzner Justine, die ihn unter der Menge ausgespäht hatte. Schnell zusammengetroffen, standen beide einander gegenüber. Justines Antlitz drückte Verlegenheit, Münzners staunende Ueberraschung aus. »Ein Wort, mein Herr,« sprach erstere schüchtern, »ein Wort der Bitte, mein Herr, wenn Sie es anhören wollen. Sie haben gestern großmütig und edel meines Vaters Leben beschützt – mit Ihrem eigenen Leben; ich erfuhr es heute erst durch den Vater; ich war gestern blind vor Schmerz; ich danke Ihnen aus voller Seele; ich bitte um Vergebung meiner Härte. Ich bitte Sie, zu meinem Vater zu kommen, der nach Ihnen verlangt. Schlagen Sie ihm die Wohltat, mir die Gelegenheit nicht ab, Ihnen aufs neue dankbar verpflichtet zu werden.« Sie schwieg erwartend, sie hatte viel über sich und ihren Groll gewonnen. Münzner stand beschämt vor der Tugend eines Kindes, das seinen Vater über alles liebt. »Meine beste Jungfer...« erwiderte er, »... wenn Sie wüßten, wie Ihre Worte mein Herz berühren...« Er vollendete nicht; Tränen, die seine Augen nur mit Gewalt zurückdrängten, verhinderten ihn daran. Aber als er seinen Freund wieder sah, dahin siechend auf armseliger Matte, aller Arznei, aller Bequemlichkeit entbehrend, und dabei ruhig und geduldig, wie ein schon Abgeschiedener, da kamen dennoch die Tränen aufs neue über ihn, und er wurde ihrer nimmer Meister. Ueber den Senator bückte er sich, legte seine Stirne an die fieberhaft brennende des Kranken und sagte nur die Worte: »So uns wiedersehen, mein Freund?« »Ach! schon genug, daß wir uns noch wiedersahen!« erwiderte der Senator, »ich war des Lebens überdrüssig geworden. Meine Krankheit nahm zu. Meine Tochter wieder zu sehen hoffte ich nicht mehr. Die Zeit schlich mir träge dahin. Endlich dachte ich, es sei das beste, den Anguaybaum aufzusuchen, von dem mir die Quaranier so viel sagten. Sein Balsam sollte mich heilen, oder die Mühseligkeit des Wegs mich umbringen. Euch nicht im voraus zu beunruhigen, hielt ich den Vorsatz geheim, führte ihn ohne Euer Mitwissen aus. Der zweite Morgen unserer Reise war auch schon der letzte meines armen Führers. Mit unserer Reisetasche und meinen Kleidern beladen, ging er vor mir her. Ein Tiger, der mit schon blutigem und dampfendem Maule aus dem Dickicht mit entsetzlichem Sprunge setzte, riß ihn zu Boden, schleppte ihn unbarmherzig in das Gestrüpp. Ich floh – beinahe unbekleidet, ohne Speise, und ohne den Weg zu wissen. Ein Abiponer fand mich am Abend, beinahe verschmachtend am Boden liegend und brachte mich in das Lager seiner Horde. Die Wilden verpflegten mich menschlich, aber vielleicht ist der Name St. Dominica, den ich stammelte, mit eine Veranlassung zu euerm Unglücke gewesen. Zu meinem Glücke. Ich habe Sie wieder gesehen, mein Freund. Ich darf hoffen, in Ihren und der Tochter Armen zu sterben.« »Ich gehe nach Dominica zurück,« antwortete Münzner verlegen und trübe, »meines Standes Pflicht ruft mich nach Europa.« »So ist es wahr?« seufzte der Senator, wehmütig die Hände faltend, »Sie wollen mich verlassen, während ich mich an Sie gewöhnte, wie das Kind an die Mutter! Sie mich verlassen, und ich hänge an Ihnen!« Münzner zeigte bedeutend auf Justine, die bleich und schweigend gegenüber saß. »Sie haben eine vortreffliche Tochter,« sagte der Doktor. »Ja; Dank sei dem Vater im Himmel!« versetzte Müssinger, Justinens Hand drückend, »sie ist gut, aber ihre zärtliche Liebe genügt dem Sterbenden, dem Schwerbeladenen nicht. Ihre heiligste Pflicht hält Sie hier zurück.« Münzner schwieg, sinnend, widerstrebend, vergleichend, in schwerem Kampfe. Justine erhob sich, trat vor ihn und sprach mit einfacher rührender Milde zu ihm: »Ja, mein Herr! Ihre heiligste Pflicht. Mein guter Vater würde, fürchte ich, in Verzweiflung geraten, wenn Sie von uns scheiden. Sie haben verstanden, sich mit ehernen Banden an sein Herz zu ketten; zerreißen Sie es nicht mit der Fessel!« »Wie, Mademoiselle?« fragte Münzner schwankend, » Sie , Sie halten mich auch zurück? Sie, die mich haßt – die mich verachtet?« »Ich bin nicht unversöhnlich,« sagte Justine mit vieler Klarheit, »ich habe Sie nie verachtet ... Gott! nein! gefürchtet habe ich Sie, und verabscheue noch Ihr Kleid! Aber – könnten Sie zweifeln, daß ich Ihnen das Verderben meines Hauses aus voller Seele vergebe, wenn Ihre Gegenwart auch nur um eine Stunde meines geliebten Vaters Leben verlängert? Bleiben Sie daher; ich beschwöre Sie jetzt so aufrichtig, als ich Sie gestern aus diesem Zelte wies. Teilen Sie mit mir die Sorgfalt für meinen Vater.« Münzner konnte nicht widerstehen; nicht dem Bitten des Senators, nicht der einfachen Rede der Tochter. »Sie sammeln glühende Kohlen auf mein Haupt,« sagte er, »ich bleibe bei Ihnen, meine armen Freunde. Kömmt die Zeit, die unumgänglich die Erfüllung meiner Ordenspflicht begehrt, so finde ich auch über St. Sebastian meiner Reise Ziel.« »Recht, mein Freund,« sagte Pater Luis, der, die letzten Worte hörend, mit Vereira und James in das Zelt trat. »Vergessen Sie den guten Jüngling nicht, der nicht nach Dominica zurückkehren kann, ohne das Kleid zu nehmen, das er nicht liebt, und der durch den Anteil, den er an Ihrem Schicksale nimmt, wohl auch Ihre Teilnahme verdient.« »Darf ich?« fragte James schüchtern, ohne kaum die Augen gegen Justine aufzuschlagen. »Mein Retter!« rief der Senator freudig, drückte ihn an seine Brust und weinte, »womit kann ich dich belohnen, was du für mich getan? Ich bin ein Bettler geworden, mein guter James. Ich habe nichts, als mein schwaches, kaum noch schlagendes Herz! Ich muß verhungern, wenn nicht Wilde mich speisen, oder mitleidige Christen mich unterstützen.« »Ihr Unterhalt ist die Sorge dieses Mannes,« antwortete Luis, auf Vereira zeigend, »Ihre Heilung dürfen Sie getrost von seinem Oheim erwarten. Im übrigen sind Sie kein Bettler. Ihr Testament muß Ihnen zugestellt werden. Ich werde an den Provinzial berichten.« »Hoffen Sie nicht darauf,« sagte ihm bekümmert und leise Münzner ins Ohr, »der Empfangschein des Dokuments wurde mit dem Pfarrhause ein Raub der Flammen.« Ines, von ihren Eltern begleitet, trat herein, lief auf Justine zu, umarmte sie unter heftigem Schluchzen, nahm unter den lebhaftesten Gebärden von ihr Abschied und sagte alsdann zu Luis gewendet: »Alles ist bereit, mein Vater! führe uns alle, die der Jungfrau Gnade erweckte, in unsre zweite Heimat. Wir folgen dir!« Luis blickte auf die Freunde, die er verließ; sein Auge wurde feucht. Seinen besten Segen legte er auf Müssingers Haupt und verließ, ohne ein Wort zu reden, das Zelt. Alle, bis auf Justine, die beim Vater blieb, folgten ihm. »Um Gottes willen!« sprach er zu den Männern, die seine Hände schüttelten, »macht mich armen alten Sämann nicht weich und kindisch. Keinen zärtlichen Abschied. Ich brauche alle meine Kraft, um in meinem einundsiebzigsten Jahre wieder da anzufangen, wo ich vor vierzig Jahren anfing. Wohl werden neue Hütten zu Dominica entstehen, wohl werden viele meiner Kinder wieder dahin zurückkehren und Gott mir beistehen, daß ich die bekehrten Widersacher zum Frieden leite. Für einen erschöpften Greis ist aber das Werk dennoch groß und zweifelhaft. Laßt mich daher ohne Kummer und Schwäche scheiden. Ueber den Himmeln sehen wir uns wieder und ich will der erste sein, der auf dem Platze ist. Gott, Glück, Heil und Segen – kurz – Gott mit euch!« Er wendete sich rasch um, nach der Gegend zu, wo die Abiponer zu Gaule saßen, Vereira folgte, eine Träne zerdrückend, seinem Beispiele und ging zu seinen Leuten. »Lebt wohl, Vater Luis!« rief James, »eine Seelenmesse für die arme Lainez!« rief ihm Münzner nach. Ines kam hastig auf James zu, ängstliche Unruhe in den Blicken. »Wie, mein Herr und Freund?« sagte sie, »dort steht ein Pferd für Euch gezäumt. Zögert Ihr? Kommt!« »Nein, mein gutes Kind!« antwortete James, »ich kann, ich darf nicht mit dir gehen.« Alle Röte trat von den Wangen des Mädchens zurück. »Nicht?« stammelte sie, »nicht? Jago! nicht mit mir?« »Es würde mein Unglück sein, Ines! ich müßte darin vergehen!« »Unglücklich sollt Ihr nicht sein, Herr, wo Ines glücklich ist. Nicht sterben, wo Ines lebt. Aber Ines wird arm sein, wird sterben, wo Ihr nicht seid.« James schwieg erschüttert. Mit dem Weinen kämpfend fuhr Ines fort: »Sagt mir wenigstens, wo Ihr hinzieht. In jene blauen Berge? in die Gegend, wo das große Wasser sein soll?« James nickte. »Ich ziehe mit Euch, Jago!« James erschrak. »Was willst du tun, Ines?« fragte er, »welch ein Gedanke?« »Höret, Jago. Mein Vater, der Kapitän, ist aus dem Stamme der Ruhaker entsprungen, und hat sich die Mutter aus dem Stamme der Yaaukaniga geholt, und sie folgte ihm, alles dahinten lassend.« Das Erstaunen des Jünglings stieg. »Ines, welche Rede?« »Ich will Euer Weib sein, Jago, wenn Ihr mich leiden könnt!« »Ines! wo denkst du hin? Deine Eltern ...« »Eltern und Brüder willigen ein. Es ist eine Ehre für sie. Kommt mit uns, oder lasset mich mit Euch gehen.« »Keines von beiden; Ines! vergiß mich, und folge einem andern wackern Manne. Ich darf nicht annehmen, was mir deine Unschuld bietet.« Ines weinte heftig, »Gesteht es nur!« sagte sie schluchzend, »die Sennora ist schöner, als ich. Bedenkt aber, Jago, daß sie eine Ketzerin ist.« James lächelte wider Willen. Dieses Lächeln zerschnitt das Herz der Indianerin. Empört wollte sie fliehen; er hielt sie, gut machend, sanft zurück, sah ihr ehrlich ins Auge und sprach: »Behalte mich lieb. Die Sennora wird nicht mein Weib. Ich muß ohne Gattin bleiben, wie Pater Luis und Xaver.« Ines lächelte etwas zufriedener. »Nehmt mich auf Eure Pfarre, Vater Jago,« begann sie nun, »ich will fromm sein und Euch bedienen, wie den guten ehrwürdigen Vater Luis; unverdrossen und freudig, wie man der heiligen Mutter dient.« »Und du wolltest den ehrwürdigen Vater verlassen?« fragte James mit gelindem Vorwurf, »gerade jetzo, wo er deiner Hilfe am meisten bedarf? und die Eltern verlassen, die du kaum wieder gefunden? mir in die rauhen Berge folgen, wo vielleicht der Mangel meiner harrt? Besinne dich.« Ines schlug die Augen nieder, wischte sich die blinkenden Tropfen von der Wange, verbiß den neu aufquellenden Schmerz und antwortete: »Ich danke Euch, Vater Jago. Ihr habt mich erinnert, daß ich meine Eltern und den Vater Luis zu pflegen habe. Ich will Euch gehorchen; ohne Murren. Die Mutter im Himmel wird mich ja beruhigen. Denkt meiner, betet für mich.« Sie reichte ihm zögernd und dennoch sehnend die Hand und wendete sich halb von ihm. Er drückte die Rechte der Jungfrau. Schnell zog sie die Finger aus den seinen, rief mit ausbrechender Klage: »Ach! und dennoch werdet Ihr sehen, Jago, daß niemand in der Welt Euch liebt, wie ich es tue!« riß sich kräftig von ihm los und eilte wie ein fliegender Vogel den Landsleuten zu. Wie betäubt sah ihr James nach, und als ob mit der unschuldvollen liebenden Indianerin ein Teil seines Herzens sich losgerissen hätte. Augenblicklich setzte sich die Abiponerhorde in Bewegung. Ines saß weinend, ohne zurückzuschauen, auf ihrem Pferde. Neben ihr ritten die tröstenden Eltern, und Luis, der noch einigemal zurückblickte, mit seinem Tuch winkte und endlich unter dem Schwarme der Neubekehrten verschwand. Der Zug wurde dem Auge undeutlicher. Die fernen Grasspitzen wuchsen immer höher an die Pferde der Fortziehenden hinan. Endlich ragten nur noch die schwankenden Speere am Horizonte hervor, und James stand noch immer mit untergeschlagenen Armen da, den zerrinnenden Schattenbildern nachstarrend. Das Horn der Krieger des guten Jesus rief ihn wieder zum Leben empor. Der Senator wurde soeben, auf einer bequemen, von Stauden geflochtenen Tragbahre vorüber geschafft, um von dem sanftesten Tiere getragen zu werden. Stumm schloß sich James Justinen an, die sorglich ordnend und ängstlich beobachtend dem Vater folgte. Der junge Mann gewahrte Tränen in Justinens Augen und fragte bescheiden nach deren Ursache. »Ich weine der guten Ines nach,« antwortete Müssingers Tochter, »dem Mädchen, das mich, ohne mit mir reden zu können, inniger liebte, als irgend eine Seele auf der Welt. Ich möchte fast bedauern, daß sie ihre Eltern fand und ihnen folgte. Sie hätte sich nicht von mir getrennt. Jetzt bin ich allein, denn auch die arme Lainez fraß des Feindes Schwert, oder das Feuer!« »Allein, beste Jungfer?« fragte James mit schonendem Vorwurf, »sind wir Ihnen nicht geblieben? werden Sie unsre freundliche Hand zurückstoßen? haben Sie noch nicht gelernt, mir zu vertrauen?« »Ach, mein guter Monsieur!« sagte Justine entgegen, »Eurem Herzen – ja selbst dem des Doktors – vertraue ich gern mich selbst und den Vater an. Euerm Kopfe jedoch nur ungern. Die Wüste schmiedet uns zusammen. Verargt mir's jedoch nicht, wenn ich befürchte, daß ein leichteres Verhältnis uns wieder scheide in Groll, in Meinung, in Erinnerung. Ich kann mich nicht deutlich aussprechen. Denkt jedoch an die Kette eines Sklaven, die ihn mit einem andern verbindet, obschon sein Geist von Kette und Gefährten sich frei zu machen wünscht.« »Das ist mir genug,« entgegnete James sehr gekränkt und blieb weit hinter Justine zurück. Der Zug setzte sich in Bewegung und ging langsam der Abendkühle entgegen. Im tiefsten Dunkel gelangten die Reisenden an den Fuß der Berge. Hier wurde der Kranke auf die Schultern rüstiger Träger genommen, und von vielen Harzfackeln umgeben, ging's bergan. Die Pferde flohen in die Savannen zurück. Bloß die Maultiere für Vereira, Justine und den Pater blieben bei der kletternden Schar. Die Morgenröte fand sie auf der Berghöhe, in romantischen Waldpfaden, die immer noch bergan führten, bis sie in eine trockne, steinigte Fläche ausgingen, ringsum von niedersteigendem Wald begrenzt, eine Schlucht ausgenommen, durch welche sich eine herrliche Fernsicht zeigte. »He acqui el nuestro paraiso del buen Jesu en los bosques!« rief Vereira mit Löwenstimme, nach der Ferne deutend, und warf sich unter dem Schatten der letzten Bäume nieder. Die Seinigen folgten jubelnd seinem Beispiele, und der Zug rastete, damit die Sonnenhitze vorübergehen und jedes Auge sich an dem schönen Anblick ergötzen möge. »Das gelobte Land!« sagte Münzner zu seinem Zögling, auf das Tal deutend, das sich unter ihren Füßen ausbreitete. Es schien zur Ruhe geschaffen; ein versteckter, stiller, reizender Erdwinkel. Die Abhänge von schwellendem grünen Rasen belegt, hin und wieder nur von Felswänden unterbrochen; aber auch diese lebten, denn silberne Sturzquellen entsprudelten ihnen, umnickt und umwinkt von steinsprengenden blühenden Bäumen. Lang, schmal und halbmondförmig zog sich das Tal in der Tiefe entlang, bewässert von murmelnder Flut, bepflanzt mit üppigen Bäumen, durchschnitten von ruhigen und in Fülle liegenden Feldern, von heitern gelben Fußpfaden, geschmückt mit zierlichen Kabanen, mit Hütten von Rajen oder Rohr erbaut. Da, wo das Tal sich krümmt, lag eine ansehnliche Gruppe von Häusern, leicht und schlank gebaut mit schmucklosen Dächern, im Schatten von kleinen dichten Hainen hinan gehend bis zum Saume der ringsum schützenden Wälder. Eine freundliche Sonntagsruhe schien über das Tal gebreitet. Die Felder unbevölkert, keine Herde auf den Triften, kein Mensch in Feld und Flur und auf den Wegen. »Es ist heute Feiertag,« erläuterte Vereira, »und alle unsre Greise und Weiber samt ihren Kindern in der Kirche. Die rüstigen Männer sind alle hier unter den Waffen bei mir, und nur der Oheim mit den Schwachen hütet das Haus. Wartet nicht auf Glockenklang und Chorgesang. Beides ist nicht Sitte bei uns, damit der fernhindringende Schall nicht unser Dasein dem Feinde verrate; denn Feind ist uns jeder Portugiese, jeder Spanier, der im Dienste seines Herrn und bewaffnet kömmt. Die Portugiesen tun in neuester Zeit dergleichen, als wollten sie wirklich das Innere ihres Landes sich eigen machen, und ihr äußerster Wachtposten la Guasta ist kaum sechs Wegstunden vom guten Jesus entfernt. Allein die schroffe, steinige Wüste, die uns gegen jene Seite hin umgibt und versteckt, wird die Weichlichen schon abhalten, ihre Entdeckungslust weit zu treiben. Wäre es auch ... wehe ihnen! Lebendig käme das Detachement nicht aus unserm Tale.« »Aber, Herr,« fragte James verwundert, »man rühmt ja Eures Oheims Milde, und die patriarchalische Gutmütigkeit, die die Grundlage seiner Regierung ausmachen soll. Wie vereint sich das mit Eurem kriegerischen Tun und Eurem Stand?« »Ich bin nicht geistlich,« antwortete Vereira lächelnd, »und wenn ich in einer Kutte gehe, die dem Kleide des heiligen Franziskus ähnlich sieht, so geschieht das bloß, um meines Oheims Uniform zu tragen; eigentlich, um mich vor dem Volke als den sogenannten Kronprinzen vom guten Jesus in den Wildnissen zu legitimieren,« »Mein Onkel, der ein tapferer Soldat in den Karabiniers von Arragon gewesen, denkt übrigens wie ich, daß der Friede nötigenfalls nur durch den Krieg erhalten werden könne. Die Jünger Loyolas und die Statthalter des Königs Johann sind uns gleich verdächtig. Wahrlich, mein Vater, wäret Ihr nicht ein kaltblütiger Deutscher, der mehr Ehre im Leibe hat, als ein Portugiese oder ein Franzose, bequemer schweigt, und die Gastfreundschaft des guten Pater Luis – welcher leider auch Euer Kleid trägt – genug zu schätzen weiß, um ihn, der Euch empfahl und uns, seine Verwandten, nicht zu verraten, ich würde Euch nicht mitgenommen haben. Mit einem Portugiesen macht man übrigens nicht so viel Federlesens. Man schießt ihn vor den Kopf, und er mache dann was ihm beliebt.« »Sie sollten eine Armee kommandieren,« antwortete Münzner lächelnd. »Beim heiligen Jakob!« fuhr der kampflustige Fernandez fort, »das wäre eben meine Freude. Ein Kommando gegen die Portugiesen! Ihr werdet Euch freilich wundern, wenn ich Euch sage, daß unser Haus selbst aus Portugal stammt; daß einer unsrer Vorfahren selbst vor achtzig Jahren den Holländern – Gott verdamme die Krämer – das Land längs den Küsten abnahm; das brasilische, meine ich. Aber der Undank, womit man ihn belohnte, bewog unsre Linie, die schon früher nach Spanien verpflanzte, in spanischem Dienste zu bleiben, bis denn endlich auch hier der Dienst so schlecht wurde, daß sich mein Onkel geistlich machte, und später auch mich vermochte, meinen Freibrief zu nehmen. Ich war Leutnant unter den Pikenierern des Regiments der Milizen zu Lima; hing aber gerne Schärpe und Federbusch beiseite, da mich der Onkel beschied. Seitdem suchen wir uns nun in dem Lande, wo unser glorreicher Verwandter Wunder der Tapferkeit getan, zu behaupten; dem König Johann und allen Jesuiten des Königreichs zum Trotz. Unter anderm, Pater Xaver, tut mir die Liebe, und legt Euer Kleid ab.« »Wie?« fragte Münzner überrascht, »verstehe ich Sie, Sennor Vereira?« »Nichts Leichteres,« fuhr der junge Mann leicht und lebhaft fort, »Ihr werdet mich verbinden, und Euch einen bessern Empfang bei meinem Oheim bereiten, der schon vor dem schwarzen Rocke allein einen unüberwindlichen Abscheu hegt.« »Das tut mir leid,« entgegnete der Doktor, kälter werdend, »ich lege aber den Rock nicht ab.« »Wie? diese Gefälligkeit versagt Ihr mir?« fragte Vereira. »Stellt Euch nicht gewissenhaft, wo es unnötig ist, Pater Luis hat einige Worte fallen lassen, die mir bewiesen, daß Ihr selbst Euern Stand nicht besonders liebet. Was soll denn das Sträuben?« »Wenn ich auch den Fall setzen möchte, daß ich meinen Orden nicht liebe,« entgegnete Münzner, »so ehre ich ihn doch, und verleugne seine Insignien nicht. Ohne den Befehl oder die Erlaubnis meiner Obern lege ich das Kleid nicht ab.« »Ihr macht mich lachen,« sprach Vereira etwas bitter, »Ihr sprecht von Euern Obern, in einer Wüste, fünfzig Meilen von jeder Mission, noch weiter von einem Ordenshause entfernt. Macht es, wie ihr Herren es mit den Fasten macht, dispensiert Euch selbst.« »Wenn es den Umgang mit Protestanten gelte, so könnte ich's auf mich nehmen,« versicherte Münzner mit unerschütterlichem Ernste, »gegen Religionsbrüder lüge ich nicht. Der Papst hat unser Gewand geheiligt und bestätigt. Ich darf es mit Stolz überall zeigen, wo man zur Messe geht.« »In unserm Gebiete nicht!« fuhr der junge Fernandez auf, »ich verbiete es Euch!« »So werde ich umkehren müssen!« entgegnete Münzner entschlossen und stand auf. Vereira hielt ihn zurück. »Wenn ich Euch nun gehen ließe?« sagte er mit scharfem Blicke. »Versuchen Sie es. Ohne Lebensmittel, ohne Begleitung, ohne Obdach? In Gottes Namen! Wollt Ihr um Eures Ordens Ehre willen in der Savanne verschmachten? In Gottes Namen! Euern Zögling halte ich zurück, wie Euern Freund . Ich stoße Euch allein, ganz allein, hinaus. Es sei, lebt wohl!« James, der mit gespannten Blicken Vereiras Gesicht gehütet hatte, hielt den Pater auf, den Fernandez plötzlich freundlich umarmte. »Ihr seid ein Mann!« sagte er, »Eure Gesellschaft ist zu beneiden, daß sie solche standhafte Glieder zählt. Kommt getrost mit mir; ich will meinen Oheim schon stimmen, daß er über dem Mann den Rock vergesse. Wäre ich ein legitimer, nicht ein wilder Prinz, ich würde Euch, allem Vorurteil zum Trotz, zu meinem Beichtvater und Hofkaplan erheben. Ich liebe die entschlossenen Menschen sehr, und Eure erste Handlung müßte sein, mich mit jener wunderhübschen Deutschen zu trauen; denn wahrlich, sie gefällt mir wohl, und verdiente Besseres, als nur die Königin dieser Wildnisse zu sein.« Der eifersüchtige Blick James' folgte dem glühenden, den Fernandez nach Justine sandte, die, ein lebendes Bild der Pietät, unfern saß, den Vater pflegend, wartend, erheiternd. Eine trübe Ahnung schlich durch des jungen Engländers Gehirn, und es sank ihm ein Zentnerstein von der Brust, als Fernandez sich erhob und sein Maultier bestieg, um vorauszureiten. Er empfahl den übrigen, sich zu ordnen und bald nachzukommen. Darauf verlor er sich, nur von seinen Hunden und einigen Schützen, die seitwärts durch die Büsche strichen, begleitet, in den Wald, der nach dem Tale hinunterführte. Er war, in Gedanken vertieft, nicht allzuweit bergab geritten, als in dem Gebüsche seine Hunde anschlugen, und ein Jäger seinen Gefährten pfiff. Zugleich raschelte es in dem Gestrüpp des Abhangs, wie das Geräusch eines Laufenden, und in der Tat riß sich auch ein Mann mit der größten Gewalt durch Busch und Hecken; kraftlos an einem Steine niedersinkend, als er den Reiter vor sich erblickte. Fernandez stutzte nicht wenig ob der fremden Erscheinung und sprang vom Sattel, den Säbel in der Faust, denn der Niedergesunkene trug portugiesische Uniform. »Ha! Elender! was machst du hier?« rief er ihm rauh entgegen und schwang die Klinge. Der Entkräftete warf einen mutigen Blick auf den Bewaffneten, schloß dann die Augen und erwartete den Streich. Dieses Benehmen machte die Hand Vereiras sinken. »Wer bist du? wie kömmst du hierher?« fragte er milder und winkte den Schützen, die nachdrangen, ferne zu bleiben. Der Fremde antwortete in schlechtem Portugiesisch: »Ich bin Soldat... will's nicht mehr sein... lieber sterben!« »So? Was hat man dir getan? Woher kömmst du?« »Von La Guasta, Heute war unser Detachement abgelöst, und auf dem Rückmarsche noch unfern von dem Wachthause mißhandelte mich der Knabe, der Fähnrich. Ich warf ihn zu Boden – entfloh; hier bin ich. Tötet mich, liefert mich aber nicht aus.« »Du sprichst wie ein Mann; du bist auch einer und doch kein Portugiese, wie ich vernehme.« »Ich bin ein Fremder. Ein elender Seelenverkäufer hat mich in diese Gegenden gebracht. Ein portugiesischer Kaper bemächtigte sich unsers Schiffs und verhandelte mich an die Soldateska auf der Küste von Fernambuk; diese sendete mich weiter in das Land. Nie fand ich Gelegenheit zu entkommen, als heute, aufs äußerste getrieben.« »Wohin wolltest du?« »Ich weiß nicht Weg noch Steg. Lieber in den Tod, als zurück.« »Recht. Du weißt nicht, wer ich bin, wer jene Leute sind, die mir folgen?« Der Soldat sah nach der Höhe, wo zwischen grünen dämmernden Blättern die Spitze des Zugs erschien und sagte gleichgültig: »Ich kenne, auf Ehre, nicht Euch, nicht Eure Leute, und will nichts von Euch, als entweder den Tod auf der Stelle, oder Freiheit und ein Stück Brot; ich bin den ganzen Tag gegangen und gelaufen, und sinke um vor Hunger und Müdigkeit.« Ein Schütze reichte ihm eine erquickende Frucht und Fernandez fuhr fort: »Es soll dir nichts mangeln, als die Freiheit, die ich dir auf ein paar Tage nehmen muß, damit man sehe, welch ein Vogel du bist; ob ehrlich, oder Spion!« »Spion? Herr! ich bin ein Engländer! ...« »So? ich hätte das an deiner Mundart merken sollen. Dein Name?« Dem Fremden wurde die Antwort erspart. Ein Schrei der Ueberraschung ließ sich aus der Mitte des Zugs vernehmen. »Vater,« rief Justinens Stimme, »um Gottes willen! sehen Sie auf. Es geschehen Wunder! Herr Birsher! Georg Birsher!« »Wer ruft mich?« fragte um sich blickend der Soldat und stand wie versteinert, die Braut, ihren kranken Vater, James, den Doktor vor sich sehend. Er rieb sich die Augen, die Stirne, wollte auf Justine zugehen, und fuhr schnell und erschreckt vor dem Senator zurück. Müssinger, der Ueberraschung unterliegend, vermochte kein Wort zu stammeln. Ein heftiger Krampf packte seine kranke Brust, er sank, wie mit dem Tode kämpfend, zurück. Jammernd warf sich die Tochter über ihn. Vereira gab Befehl, den rätselhaften Fremden festzuhalten. Es geschah. »O ja, ihr Freunde!« rief Georg außer sich seinen Schergen zu, »reißt mich hinweg von diesem Anblicke, der mein Herz zerschmettert. Ich bin nicht kalt, bin nicht ruhig in diesem Augenblicke. Ich kann den Mörder nicht ins Auge fassen!« Auf einen Wink des Fernandez wurde Georg schnell fortgeführt, und schnell folgte ihm der Zug, damit der dem Tode nahe Kranke sobald als möglich unter Dach und die Obhut des heilerfahrnen Priesterfürsten komme. Einen wohltuenden Gegensatz zu der Bestürzung, die über die Europäer gekommen war, machte das Betragen des Doktors. Von Freude leuchtend, ging er dem Troß zur Seite, betete still, betete laut, streckte die Arme gen Himmel und sagte: »Wie kann ich dir danken, du gnädiger Herr dort oben, daß du mich diesen Tag sehen ließest? Wahrlich, James,« sagte er zu dem neben ihm tiefsinnig und betrübt einher Schleichenden, »was ich nicht zu hoffen wagte, ist eingetroffen. Ich sehe den Armen wieder, den ich unglücklich machen half; ich sehe ihn frei unter Freien. O Herr! hast du über meinen armen Freund beschlossen, so erhalte seine Sinne nur eine Stunde noch bei voller Kraft, daß sich von ihm löse, was ihn quält; denn dazu ist jetzt der Augenblick, dazu der Ort, und ich will dich loben ewiglich!« »Nur einen Abglanz Ihrer Stärke!« bat James, blaß wie ein Sterbender, mit inniger Klage, »nun ist jede Hoffnung auf mein irdisch Glück dahin! Selbst die Wüste vereint mich nun nicht mehr, mit der, die ich liebe; die Unschuld, die an mir mit voller Seele hing, wies ich schnöde von mir. Ich muß allein stehen, belohnt für mein hinterlistig Streben, bestraft für den Trug, zu dem meine Jugend verleitet wurde. Vater Münzner! kehren Sie mit mir nach Dominica, nach Assumption zurück! Euer bin ich nun, ihr schlauen und geschäftigen Ordensleute! Ich will mich an eure Selbstsucht, an den Schein eurer Tugend ketten, da mich die Wahrheit verläßt und die Liebe!« »Du betrübst mich, mein Sohn!« entgegnete Münzner kräftig. »Wo ist die Stärke, womit du prahlst? Wo das Wohlwollen gegen die Menschheit, das dich auszeichnete? Du willst jetzo diesen Rock nehmen, indem du ihn verachtest? Weiche zurück von der Sünde! Denke sie nicht. Dem schwachen Erdensohne ist's erlaubt, es ist sein Los, getäuscht zu werden, harmlos die Schlange zu nehmen, die ihn alsdann tötet. Wer aber mit der Erkenntnis das Böse tut, ist verächtlich. Mich, den Schwergetäuschten, laß immerhin an dem Platze fallen, der mir zum Kampfe angewiesen wurde. Treu meinem Schwüre, weiche ich nimmer aus dem Streite, der mich verdirbt. Dir verbiete ich aber jetzo, ferner an den Orden zu denken. Du würdest darinnen ein Ungeheuer, während ich nur schwach war. Laß ab! Deinen Wortbruch nehme ich auf mich, weil ich ihn verschuldete.« James warf sich weinend an des Pflegers Brust. Beide zu sich gekommen sahen sich um. Sie standen im Tale, an der Pforte eines luftigen Hauses. Eine Doppelreihe von Jungfrauen und Kindern bewegte sich heran, bunt und festlich gekleidet, Früchte in den Händen, und boten sie mit stiller Gastfreundlichkeit den Ankommenden. Unter dem leichten Vordache des Hauses, über welches sich zwei Palmen lehnten, stand der Fürst des guten Jesus, in der einfachen, groben Tracht des heiligen Franziskus, mit nackten, sandalentragenden Füßen, vom dürftigen Strick umgürtet. Der einzige Schmuck des hochbejahrten Mannes war sein weißes Haupthaar, der wie aus Schneefäden gesponnene Bart, der zum Gürtel herniederfloß, und die heitern, wohlwollenden Augen in dem braunen, ehrwürdigen Gesichte. Er sprach mit einfachen Worten den Segen über alle und richtete milde Trostworte an Justine, wie an den Senator, der sich mühsam von seiner Ohnmacht erholte. »Dies euer Haus, meine Gastfreunde!« sagte er, »Heil den Fremden, die es wohl meinen, wie wir es mit ihnen machen wollen! Heil dem Kranken, denn Gott will, daß er genese! Heil den Abwesenden, und vorzüglich dem guten Vater Luis, denn er gab uns Gelegenheit, barmherzig zu sein, und Freude bringe ihm dieser Abend!« Der Senator wurde in das Haus gebracht und wie mit Zauberschnelligkeit war ein Trank bereitet, von welchem der Vater Franzisko viel versprach und erwartete. Alles Volk hatte sich ohne Geräusch nach seinen Häusern begeben; die stille Sabbatruhe war wieder allenthalben eingetreten, alles verödet; nur auf Felsspitzen rings um das Tal gewahrte das Auge bewaffnete Schildwachen, die das Tal in die Ferne mit Späherblicken hüteten. Franzisko, der Fürst dieser Wildnisse, saß neben dem Kranken, der in eine heftige Krisis fiel. Des Priesters Hand verließ den Puls nicht, wie die Augen der knieenden Justine die Züge des Vaters nicht verließen. Fernandez lehnte in der Ecke und beschaute das Mädchen, das ihn sehr anzog; James kämpfte, unfern sitzend, mit seinem Herzen; mit gefalteten Händen stand Pater Xaver an der sehr großen Fensteröffnung, die beinahe eine ganze Seite der Stube einnahm, mit einer Balustrade versehen war und die Aussicht auf einen großen Platz gewährte, mit Rasen bewachsen und frei; von Platanenreihen im Halbkreise umringt. Ein einfacher Altar erhob sich in seiner Mitte, und, beinahe die Baumreihe überragend, stand hinter dem Altare ein riesengroßes Bild des Heilands, sitzend und sprechend: Laßt die Kindlein zu mir kommen! Der Kopf der Bildsäule, ein Meisterwerk von Schnitzarbeit, sah ernst und sanft in das Zimmer, und nach ihm gewendet lag der Kranke, zu ihm gewendet betete Xaver. Des Senators Zustand besserte sich indessen, aber eine große Schwäche befiel ihn. Die Türe öffnete sich und ein Mann, zurückgehalten von einigen Wächtern, wollte herein. Franzisko winkte ihm, leise näher zu kommen. »Der Kranke hat nach Euch verlangt,« sagte er, »schont seinen Zustand!« Georg trat, um viele« gefaßter, mit ruhiger Stimme auf den Senator zu, der ihm schwach die Hände entgegen reichte. »Ich ahne,« sagte Georg, »was Sie bewogen haben mag, meine Nähe zu fordern. Sie glauben an der Pforte des Todes zu stehen und wollen ein qualvolles Bekenntnis in meinen Schoß wälzen. Lassen Sie die traurige Pflicht. Versöhnen Sie sich mit dem Himmel; ich habe Ihnen vergeben, und auch mein armer Vater, der uns jetzo sieht, wird die Grausamkeit die Sie an ihm begingen, nicht rügen. Er wird bei dem Ewigen um des Mordes willen, den Sie an ihm verschuldet, um Gnade bitten.« Des Senators Körper zitterte. Justinens Busen hob sich heftiger. Münzner trat langsam näher. »O wie ist es möglich,« seufzte Georg, sich selbst vergessend, und in den Anblick des Kranken verlierend, »daß dieser Mann, in dessen Gesicht jetzt die engelgleiche Sanftmut liegt, daß dieser gerade gegen den Gastfreund seine Wut kehren, daß er ihn erwürgen konnte! Was ist der Mensch?« »Ein Irrender, Herr Birsher,« antwortete Münzner, »und auch Sie sind im Irrtum, versöhnlicher, verzeihender Sohn. Hier ist Ihr grausames Gericht, hier ist die Folter nicht zu fürchten, hier ist keine Rücksicht auf öffentliche und geheime Lebensverhältnisse zu beachten, Herr Senator. Reden Sie mit dem jungen Ehrenmanne, daß der grimmigste Verdacht weiche, daß der eine bezeichnet werde, der die meiste Schuld an Ihrem Unglück trägt.« Der Senator erholte sich ein wenig, und redete dann zu dem jungen Birsher. »Sie sind ein klarer Engel, Herr, Sie vergeben mir unbedingt, ob Sie gleich scheinen, das schrecklichste von mir zu glauben. Und dennoch – wahrlich, Herr – so viele Schuld ich an Ihres Vaters Hinscheiden habe ... verflucht sei meine Hand, wenn sie je sich an dem edeln Manne vergriffen.« »Wie?« fragte Birsher. Justine atmete freudig auf. »Ich bin zugrunde gerichtet, sagte ich dem Mahnenden, dessen Güte ich nicht ahnte, ebensowenig als seinen Namen,« fuhr der Senator fort, »ich muß sterben eher, als mich bankrott bekennen; ich riß die für mich geladene Pistole aus der Schublade. Herrgott! wollen Sie mich morden? fragte Ihr Vater auffahrend, und in selbem Augenblick sank er, der von der Reise bereits Ermüdete, von schlafloser Nacht Erhitzte, von dem unangenehmen Geschäfte und dem plötzlichen Schrecken aufgeregt, vom Schlage getroffen zu Boden. Mein Entsetzen ... wer beschreibt es? Ich wollte dem Röchelnden die fest zugezogene Halsbinde lüften ... ich war ungeschickt, um so schneller starb er unter meinen Händen; und der entsetzliche Gedanke, den nächsten Anlaß zu seinem Verscheiden gegeben zu haben, warf mich selbst zu Boden.« Georg sann nach, als der erschöpfte Erzähler geschwiegen und fragte dann: »Wenn ich den Worten eines Sterbenden auch glaube, und die Lüge sitzt nicht auf Ihrer Stirne, woher Ihre Befangenheit, Ihre Angst ... woher das rätselhafte Schweigen gegen mich, da ein freimütiges Erklären alles beigelegt haben würde?« Der Senator konnte nicht mehr reden, Münzner nahm für ihn mit erschütternder Wahrheit das Wort. »Ich gebe Ihnen mein heiligstes Priesterwort, im Angesichte des Heilands, der dort so hehr und rein sein göttliches Haupt in den Himmel hebt; der Senator spricht die Wahrheit. Dazumal war jedoch die Schlange seines Bewußtseins ihm so schreckend, daß ihm selbst die nackte Wahrheit ein Greuel wurde. Seines vielseitigen Unrechts gegen die Gesetze seines Standes und seiner Vaterstadt bewußt, fürchtete er von deren harten und parteiischen Gerichten das Beginnen eines Prozesses, der ihn zu Boden gerissen, mehrere Jahre im Gefängnisse gehalten haben, ihn vielleicht , dem Schein zuliebe, seinem Leugnen zum Trotz, auf das Schafott – unschuldig unter das Schwert gebracht haben würde. So viel von seinem unerklärlichen Schweigen gegen den erregten Verdacht. Die Qualen seines Bewußtseins habe ich zu tragen, und dieses Bekenntnis ist nur eine geringe Vorbuße für das, was ich gegen Sie alle, meine Lieben, verschuldet habe. Klara – mein Freund – empfahl Sie meiner Liebe! Mit aufrichtiger Teilnahme an Ihnen hängend, wußte ich Ihnen keine bessere Wohltat zu bereiten, als den Eintritt in meine Kirche, die Wiedervereinigung mit Klara, jenseits des Fegfeuers. Ich bedurfte eines Bandes, Sie festzuhalten. Ich benützte den finstern Wahn, in dem Sie lagen, als ob Sie eigentlich durch ihre Drohung den ehrenwerten Vater dieses Mannes getötet; ich brauchte ihn als Schrecknis; ich zeigte Ihnen die Vergebung der entsetzlichen Sünde nur in dem Schoße des katholischen Glaubens. Endlich war mir das Werk gelungen, Sie waren unser; ich bemühte mich nun, Ihre Furcht vor dem eingebildeten Verbrechen durch die Lossprechung zu tilgen. Umsonst! der Wurm blieb, wurde schrecklicher, denn zuvor; Folge knüpfte sich an Folge, eine verderblicher, als die andere. Ihre Bekehrung wurde Sache des Ordens, ich sah Sie aus meinen Händen gerissen, völlig zum Abgrund geschleudert; ich sah die unseligen Wirkungen meines Beginnens, das in aufrichtiger Liebe entsprungen; ich schauderte selbst vor meinem Werte zurück, und mußte nun Stein zu Stein tragen, Trug auf Trug bauen, um ... o, lassen Sie mich schweigen! Sie aber, edler Georg, vergeben Sie mir, daß auch Sie endlich unserer Sicherheit Opfer werden mußten. Wenn Sie gewußt hätten ...! Wir fuhren auf demselben Schiffe; Sie in den Fesseln des Raums, wurden von dem Senator nicht gesehen. Zu Buenos-Ayres angelangt, mußte ich Sie, unserer Selbsterhaltung willen, Ihrem traurigen Schicksale überlassen ...! Welche Fügung des Herrn, daß Sie, statt nach Batavia geliefert zu werden, hierher kommen mußten! Hier sind alle Schleier gefallen! Hier sehen Sie das Ungeheuer vor sich, das Ihre harmlose Menschenliebe, Ihre Hoffnungen, Ihren Brautstand, vielleicht Ihr ganzes irdisches Glück, und die Glückseligkeit dieser beiden, und den Frieden jenes jungen Mannes unbarmherzig zernichten mußte! Gott sei Dank; endlich habe ich meine Gefühle reden lassen dürfen, und nun beginnen Sie mit mir nach Gutdünken.« Georg und James wendeten sich entsetzt ab; Justine betrachtete den furchtlosen Mann des Jammers ohne Verachtung, nur mit Bangigkeit und innerer Freude über seiner zur Wahrheit gehobenen Seele Kraft, denn er hatte ja den Vater von der gefürchteten Blutschuld freigesprochen, und Birsher durfte ihnen nicht gerecht zürnen, und James war auch gerechtfertigter, als das Mädchen jemals vermeint hatte; und, wenn es Bedauern erregt, einen Gutdenkenden in Sünde versinken zu sehen, so erquickt den Kräftigen doppelt der Wiederaufschwung des neu erstarkten gefallenen Herzens! Der Senator winkte dem Pater Xaver zu und lispelte: »Sie wollten mich um Klaras willen dem Paradiese weihen, mein Freund. Ich spreche Sie frei und danke Ihnen für diesen Augenblick. Ich hasse Sie nicht.« »Nicht ich,« rief James weinend und an den Hals des Lehrers fliegend. »Nicht ich,« setzte Georg edel entschlossen bei und drückte ihm die Hand, »alles, was wir um uns sehen, ist Gottes Werk, und so auch die Handlungen der Menschen, und auch so Ihr gutes, aber zum Unsegen bestimmt gewesenes Herz! Gott hat uns schwer geprüft; aber ist es nicht auch seine Schickung und sein Friede, daß wir uns hier zusammenfinden? Ich verzeihe, ich vergesse, ich hasse nicht Sie ; was jedoch den Orden betrifft, der ...« »O, mein Herr!« bat Pater Münzner weich, »auf mich allein die Schale Ihres Zorns! Ich habe niemand angeklagt, als mich allein. Ich habe zu büßen. Die Fremden, die Unschuldigen verschone Ihr Unwille. Ich dächte, der Geist der Duldung stände dem Protestanten wohl an. Verdammen Sie nur den, der das Ueble mit seiner Hand getan.« Georg nickte ihm zu, ging zu dem Senator und gab ihm seine Hand. Schüchtern reichte er die Linke an Justine, die errötend, aber gerne sie annahm. »Ich schwöre es,« rief er, »euch nie zu verlassen, meine Lieben, so lange das Geschick uns in der Irre, auf wüstem Meer des Lebens treibt. Laßt uns alle enge zusammentreten, vereint durch Not, durch Friede, durch Versöhnung. Liegt nicht das Elend hinter uns in der Alten Welt, und kann nicht das Glück aufs neue hier uns aufblühen?« Sein Blick traf auf Justine. Er las in ihren Augen Freude und Vertrauen, »Gib mir deine Tochter, wenn du heimgehst, Vater!« sagte er zu dem Senator, und dieser legte die Hände des Brautpaares weinend ineinander. James hatte den Mut, seinen Landsmann glückwünschend zu umarmen, und Münzner teilte die hier stattgefundene Versöhnung und ihre Folgen dem Priester Franzisko und seinem Neffen mit. »In diesem Tale,« sagte er, »wäre für die Leute ein stilles Glück zu hoffen, bis die Außenwelt wieder für sie zugänglich wird. Dürfen sie aber auf Ihren Schutz rechnen, mein Vater?« »Jesus ist die Liebe und der gute Hirt,« antwortete Franzisko, »wer tugendhaft ist, wohnt gut in diesem Tale, und – wenn der den Portugiesen entflohene Mann nur unsere Felsengrenzen nicht verläßt, so ist er sicher immerdar.« »Beim heiligen Jakob!« versetzte Fernandez, an seinen Säbel schlagend, »ich beschütze ihn selbst, weil er brav sein muß, da die schöne Deutsche ihn liebt, für welche ich gerne meine altspanische Ritterlichkeit bewähren möchte!« So geschah es also, daß sie in dem kleinen Staat des guten Jesus in den Wildnissen eingebürgert wurden. Die Einwohner, ein harmloses Volk, aus allen Farben zusammengewürfelt, teils vom Unglück hierher verschlagen, teils im stillen Tal erwachsen, schlossen sich bald an die fremden Brüder an. Ein Haus von schlankem Rohre wurde denselben gebaut. Die Nahrung gab ihnen Vater Franzisko aus dem Vorrathause der Gemeinde, bis ihre Felder, ihre Bäume Früchte tragen würden; er gab durch seine Bemühung dem Senator das Köstlichste: die Gesundheit wieder. Die Seelenruhe des Mannes beförderte seine Heilung, und ehe achtundzwanzig Tage vergingen, so strich er schon mit seiner Tochter und mit Georg durch die freundlichen Fluren um die Kolonie. Die Liebe des Paares verjüngte seinen Geist, und, ungeduldig aufbrausend, wiewohl gutmütiger als in der verwichenen Zeit, sagte er zu seinen Kindern: »Ihr liebt euch; ihr wollt es nicht verhehlen! Warum wird mir nicht das Glück, euch verbunden zu sehen? Warum hat Franzisko noch nicht den Segen über euern Bund ausgesprochen? Ein Patriarch könnte es nicht besser, als dieser edle Mann.« Justine und Georg sahen sich an, ernst, einverstanden, drückten des Vaters Hand und die Tochter sprach: »Nicht hier, mein lieber Vater! Hier herrscht nicht unser Glaube, und den Lockungen der andern Kirche seit langem widerstrebend, soll auch nicht die Einsamkeit den Sieg über mich erringen.« »Nicht ewig,« redete Georg, »wird uns das Geschick an diesen Boden fesseln; ich ahne es, wir werden meine Heimat sehen und dann, Vater, dann knüpfen wir dort das Band vor dem unsichtbaren Gotte.« Der Senator schlug beschämt die Augen nieder und Justine, um seine Verlegenheit zu endigen, setzte schonend bei: »Wie wollen Sie auch, daß ich glücklich sei, so lange noch ein Mann in unserer Nähe lebt, den die Leidenschaft beim Anblick dieses Bundes elend machen würde?« Sie zeigte auf James, der unfern vorüberging, sinnend, brütend, gesenkten Hauptes, ohne sich umzusehen. »Sie waren ihm hold, beste Jungfer!« sagte Georg, ihm nachblickend. »Der Unglückliche, daß er diesen Lichtblick seines Lebens nicht für sich gewann!« »Zu meinem Frieden!« antwortete Justine. »Angezogen und zugleich abgestoßen von ihm, danke ich den Ränken, zu welchen ihn seine Erzieher verleiteten, meine Ruhe. Ich hasse die Falschheit, und nur redliche klare Besonnenheit kann mein Herz gewinnen. Darum rechnen Sie, mein bester Herr, auf dieses, wenn es Ihnen angenehm ist, und vor allem, lassen Sie uns samt und sonders auf baldige Erlösung nach der Heimat hoffen. Denn, nicht zu leugnen, daß hier in diesem Frieden, dieser Stille, nur ein geschmückter Kerker zu schauen ist.« Justine sprach wahr. Franzisko übte, seinen Verhältnissen gemäß, die strengste Despotie; mit Wachen war das Tal umstellt, niemand sollte das Tal verlassen, auf die Fremden wurde das wachsamste Auge gehalten; besonders auf den Jesuiten, dessen Gewand, das er hartnäckig behielt, einen größeren Verdacht erregte, als die portugiesische Uniform, die Georg abgelegt hatte, um kein Aergernis zu geben. Und gerade Münzner mußte es sein, der plötzlich aus dem wohlgehüteten Gefängnisse entwich, ohne es selbst zu ahnen. Bei all dem herzlichen Vergessen, das die Freunde ihm bewiesen, war der Stachel in seiner Brust zurückgeblieben. Er konnte sich nicht heimisch unter diesen Menschen fühlen. Seine Gewissenhaftigkeit trieb ihn, da der Senator genesen war, wieder nach dem heimatlichen Boden, vor die Schranken seines Provinzials. Der stille Kummer, worin sich James verzehrte, machte sein Herz bluten. Es quälte ihn, diesen Unfrieden eines geliebten Jünglings mit ansehen zu müssen. Botanik, eine Lieblingswissenschaft seiner jüngern Jahre, bot ihm Zerstreuung und Genuß. Er entfernte sich von den Landsleuten; er kletterte tagelang an dem Gestein der Höhen, durchkroch die Furchen des Talbodens. Die Wächter waren seiner Wanderungen gewöhnt worden. Dem schlichten einfachen Manne mißtraute keiner mehr; sie ließen von ihrer Achtsamkeit nach, und so kam es, daß der Pater sich eines Nachmittags, von seiner Forschbegierde verleitet, weiter verstieg als sonst, und sich mit einem Male hoch über den Wachtposten erblickte. Die herrliche Flora, die um ihn erblühte, führte ihn weiter. Die Waldpflanzen boten ihm einen blumigen Pfad, der ihn mehr und mehr verlockte, und, wie das Kind der Lockung süßer Früchte folgt, so folgte hier der Mann, dessen Herz sich seit langem wieder einer ruhigen Freude hingab, dem Streben seiner Wißbegierde. Aber immer weiter war er gegangen. Der Wald hatte sich hinter ihm mit tausendstämmiger Wehrmauer zugeschlossen. Nur der Laut der Vögel sprach zu dem Wandernden; nur die Furche, die von der mächtigen einsamen Schlange durch da« Gras gezogen wird, war sein Pfad, und endlich dämmerte es schon unter den hohen Bäumen, als er Halt machte und auf den Rückweg bedacht wurde. Wo jedoch diesen finden? Kein Sonnenstrahl mehr, noch kein Stern, grüne duftige Waldnacht allein. Münzner versuchte sein Heil, indem er aufs Geratewohl einen Seitenpfad einschlug, wo von ferne eine schwache Helle aufzudämmern schien. Je weiter er ging, je tiefer die Dämmerung wurde, je deutlicher wurde der helle Punkt; er blitzte auf, eine Feuerflamme redete zum Auge des Wanderers. Er förderte seine Schritte. Auf feuchtem Grunde an hochwachsenden, üppiggeblätterten Sumpfstauden vorüber, immer auf das Ziel zu, das die Gegenwart von Menschen verriet. Mochte das Raubgetier um und um in der Ferne heulen und krächzen; er verfolgte die Spur. Schon erkannte er einen flammenden Holzstoß, Menschen um denselben gelagert. Seine Annäherung, von dem rauschenden Gestrüpp verraten, erregte die Aufmerksamkeit der Lagernden. »Wer da!« rief eine portugiesische Zunge, und der Pater sah die Mündung einer Flinte gegen ihn gerichtet. »Ein Verirrter!« antwortete er, und im Nu umgab ihn die Schar der Aufspringenden; ein Dutzend von Männern in braune, grobe Mäntel gehüllt, mit herunterhängenden Hüten auf dem Kopfe, Säbeln an der Seite und Musketen in der Faust. Einer von ihnen, der unter dem Mantel eine Uniform sehen ließ, mit den Galonen eines Offiziers, fragte gravitätisch, daß die Zigarre zwischen seinen Zähnen nicht erlösche, woher der ehrwürdige Vater komme und wohin er wolle. Auf die unbestimmte Antwort Münzners, daß er sich verirrt habe, schüttelte der Offizier ungläubig den Kopf, küßte indessen den Pater die Hand und erwiderte: »Ihre Aussage ist dunkel, Ew. Hochwürden. Ich muß Sie ins Hauptquartier schaffen lassen, da Sie mir nicht angeben wollen, wo Ihr Wohnort ist.« »Ins Hauptquartier?«– »Nach la Guasta; einige Stunden von hier entfernt. Sie werden gefällige Leute daselbst finden, mein Vater.« – »Aber mit welchem Rechte?« – »Ich bin Soldat, hochwürdiger Herr. Das entschuldige mich. Miguel und du, Olao, nehmt eine Fackel mit euch und führt den ehrwürdigen Herrn zu Sr. Exzellenz, dem Brigadier,« »Welche Behandlung, da ich hier nur Schutz für diese Nacht suchte!« »Befehl, hochwürdiger Herr! Geben Sie uns Ihren priesterlichen Segen, wenn es Ihnen gefällig wäre!« Die ganze Truppe senkte sich auf die Kniee. Münzner tat das Verlangte, und nachdem ihm noch von allen aufs inbrünstigste Hand und Kleid geküßt worden war, mußte er sich auf den Weg machen. Der Offizier bot ihm Zigarren und einen Tropfen Wein zur Erfrischung. Niedergeschlagen und geärgert verweigerte Münzner beides und folgte den Soldaten, die alle ersinnliche Ehrfurcht und Frömmigkeit gegen ihn bewiesen, ihn jedoch nicht aus den Augen ließen, die gespannte Flinte im Arme haltend. So verging die Nacht auf gefährlichem, halsbrecherischem Wege. Das Morgenlicht fand den Verhafteten auf der steilen und öden Bergplatte la Guasta. Abgründe ringsum; in der Tiefe Wälder; ein dürftiges Wachthaus bot ein Obdach; aber der sonst öde Ort wimmelte von gelagerten Soldaten einiger Milizenkompanien, Strauchdieben ähnlicher, als geregelten Kriegern; in abgetragenen Röcken und zerrissenen Schuhen. Die durchlöcherten Hüte, niedergekrempt, saßen verwegen auf den ölglatten, schwarzen, hängenden Haaren, und das olivengelbe Gesicht wurde furchtbar und drohend durch die großen, schwarzen Feueraugen und den unordentlich gehaltenen Schnauzbart. Spielend, schlummernd, plaudernd lagen sie am Boden um Trommel und Fahne, die Waffen in Pyramiden zusammengestellt; sowie sie des nahenden Geistlichen ansichtig wurden, flogen die Hüte herunter, die Mannschaft lag auf den Knieen, und die Benediktion war das erste, was sie verlangten. In dem Augenblicke traten zwei Männer unter den Eingang des Wachthauses. Ein hoher Offizier, wie das Kleid verriet, und der Ungestüm, mit welchem das Militär aufsprang, ihm die Honneurs zu machen; dann ein Vater der Gesellschaft Jesu, der sehr verwundert schien, einen Bruder vor sich zu sehen. Münzner war erstaunt über dieses Zusammentreffen, das, in Mitte so vieler Waffen, einen bedeutenden Zweck zu haben schien. Der Sergeant Miguel berichtete. Der Brigadier näherte sich dem Pater Münzner bescheiden und fragte ihn: »Wollen Sie nicht aufrichtiger gegen uns sein, als gegen den Leutnant des Vorpostens, mein Vater? Sie sind, wie aus allem zu schließen, unbekannt in diesen unwegsamen Gegenden, und jede Ausflucht, die Sie ersinnen möchten, uns über diesen Punkt zu täuschen, würde vergebens sein. Wären Sie etwa bekannter in der Region, nach welcher wir unsern Marsch gerichtet haben? in dem Tale des guten Jesus in den Wildnissen? Münzner erschrak. Die Ahnung vom Verderben seiner Freunde schoß durch seinen Kopf. Entschlossen, nichts zu verraten, leugnete er, ohne jedoch einen Vorwand zu finden, der seine Existenz in diesen Landen beschönigen konnte. »Ich wiederhole Ihnen, mein Vater,« fuhr der Brigadier gemessen, ernst, aber immer höflich fort, »daß Sie Ihre Lage verschlimmern. Wir lassen uns nicht täuschen. Sie möchten sich die Folgen selbst zuzuschreiben haben. Woher kommen Sie? die nächste Mission liegt noch ferne von hier, und Ihr Gesicht scheint dem hochwürdigen Vater Assistenten der Missionobern zu St. Sebastian gänzlich unbekannt? Gestehen Sie, daß Sie ein Einwohner der wider des Königs Willen und Gottes Erlaubnis errichteten Kolonie in den Wildnissen sind.« Münzner wollte sich auf sein Leugnen beschränken. Der Pater Assistent durchbohrte ihn mit den Augen, ohne ein Wort zu reden. Der Brigadier fuhr stolz und schneidend fort: »Es ist wahrscheinlich, daß die spanische Krone die aufrührerische Niederlassung auf Don Juans Eigentume begünstigt, und Väter der Gesellschaft Jesu aus ihrem Paraguay herübersandte, dieselbe zu regieren, möglich indessen auch, daß Sie das Kleid und die Tonsur bloß als Maske tragen, um verbrecherische Späherränke darunter zu verbergen. Mindestens sollten Sie Ihre Lektion besser gelernt haben. Wenn Sie, wie Sie vorgeben wollen, zu Santa Catalina als Vikar stehen, wie kömmt es, daß Sie hier aufgehalten werden konnten? Man pflegt keine botanische Wanderung auf fünfzig Leguas in der Runde anzustellen. Diese Gründe werden mich bewegen, Sie nach St. Sebastian abführen zu lassen, woselbst alles klar werden soll.« Münzner bückte sich schweigend, sich in sein Schicksal ergebend. Der Pater Assistent winkte indessen dem Brigadier verstohlen zu, nahm den Doktor bei der Hand, fühlte ihn in ein einsames Gemach des Wachthauses und sagte hier zu ihm: »Mein verehrter Mitbruder im Herzen Jesu! Ich habe Sie durchschaut und bescheide mich, die Gründe ihres Betragens zu tadeln, weil ich dieselben gefunden zu haben glaube. Ihr Name, Ihre Verrichtung?« Münzner nannte sich, seine Heimat, sein Profeßhaus, seine Sendung nach Amerika. Der Assistent lächelte zufrieden und sagte: »Ihr Name ist mir bekannt, das Haus Minhao zu St. Sebastian führt ihn in seinen Registern und Korrespondenzen. Ich fasse Vertrauen zu Ihnen, wie unsere Pflichten es wollen. Sie drücken sich aber nicht klar aus. Seit Ihrer Entfernung aus der Savanna unfern Dominica bleibt eine Lücke, die Sie nicht ausfüllen wollen. Wenn Sie dem Soldaten allein nicht Rede stehen wollten, kann ich's nicht schelten. Das Volk mit dem Degen nimmt häufig das Prä vor unserm Stande und Beruf. Mir gegenüber ist es ein anderes. Sie sollen wissen, daß ich auf Befehl des hochwürdigen Paters General zu Rom mich hierher verfügt habe. Längst haben wir Kunde von dem ›guten Jesus in den Wildnissen,‹ und den dort herrschenden Usurpatoren. Teils aber, um die spanische Krone in ihrer Unwissenheit zu lassen, teils aus Mangel an energischer Unterstützung unsers Statthalters, ließen wir die Einverleibung jener Gemeinden in den Schoß derer Missionen, die uns mit Fug und Recht gehören, dahin stehen. Endlich ist der Augenblick gekommen. Hinreichende Mannschaft unter dem Kommando eines Brigadiers begleitet mich. Wir stehen an den Pforten jenes lichtscheuen Staats, um ihn für den König und den Orden zu behaupten. Zwei Kundschafter des elenden Franziskaners, der dort regiert, sind in unsere Hände gefallen. Das Geheimnis unsers Anrückens ist unverletzt. Wir sind im Besitz aller nötigen Weisungen. Aus Ihrem Munde, dem eines Gebildeten, Vertrauten, wünsche ich nun den obigen Aufschluß zu erhalten. Weigern Sie sich noch, und stempeln sich dadurch als einen Teilnehmer jener Usurpation? als einen Verräter an den Interessen unserer Gesellschaft?« »Mein Vater!« unterbrach ihn Münzner mit lebhaftem Unwillen bei der letzten Frage, »das Wohl unsrer heiligen Gesellschaft geht mir über alles, bin ich gleich das unwürdigste ihrer Glieder.« »Sie sind zu bescheiden,« versetzte der andere mit schmeichelnder Ueberredung, »es hängt nur von Ihnen ab, auf der Stelle ein sehr Würdiges zu werden, indem Sie in meinem Wunsche den des gesamten Ordens befriedigen.« »O, mein Vater,« rief Münzner bewegt, »erlassen Sie mir diese Notwendigkeit. Ich müßte Dankbarkeit und Freundschaft mit Füßen treten. Ich bin ein einzelner schwacher Mensch; ich kann Ihres Unternehmens Fortgang nicht aufhalten; aber Sie bedürfen meiner ebensowenig, um es zu beschleunigen.« »Sind Sie ein Bruder der heldenmütigen Kongregation aus der der kühne und kluge Jakob Lainez, der glaubensstarke Xaver hervorging?« fragte der Pater Assistent mit dem Tone des Vorwurfs, »Wollen Sie eitle Privatverhältnisse vorschützen, wo die Gesellschaft von Ihnen ein so geringes Opfer, ein paar Worte, fordert? Sind Sie der Sprache der Vernunft und der Bruderliebe unzugänglich, so folgen Sie der Stimme des Gehorsams. Bei Ihrem Gelübde, Pater Xaver. Ich stehe hier an der Statt unsers würdigsten Generals und befehle Ihnen, mir ohne Umschweife alles mitzuteilen, was Sie wissen.« Der Befehl erschütterte den Pater Xaver aufs äußerste. Eine grimmige Verachtung gegen den hartherzigen Gebieter war sein erstes Gefühl; Ehre, Furcht vor den beschworenen Statuten seines Ordens, das darauf folgende. Einen bittern Kampf aushaltend zwischen dem Vorteil der Freunde und dem gelobten Gehorsam, erblaßte er bei dem Siege des letztem. Was ihn aufrecht erhielt, war die Betrachtung, daß ja ohnehin die Kolonie bereits in den Händen der Bedränger sei, und daß seine Aussagen nur versöhnend, nicht verschlimmernd wirken konnten. »Die Kundschafter, von denen Sie sprachen, mein Vater, haben Ihnen bereits entdeckt?« Der Pater Assistent nickte gespannten Blicks mit dem Haupte. »So bin ich bereit, Ihnen der pflichtschuldigen Gehorsam und Demut zufolge, nicht länger das Wenige zu verhalten, was ich weiß.« Der Verhörende begann seine Fragen. »Sie begriffen so gut als alles: die Lage, die Einwohnerzahl, die Regierungs- und Religionsform, die militärische Stärke, die Produkte der Kolonie zum guten Jesus.« Münzner wurde von einer Frage zur andern gezogen, mit dem subtilen Scharfsinn, der schon zum voraus aus den funkelnden Augen des Assistenten sprach. Der Jesuit notierte sich Namen und Zahlen in dem Taschenbuche und drang darauf, den Weg nach der versteckten Gemeinde deutlich angegeben zu wissen. Als nun Münzner mit der Behauptung der eigenen Unwissenheit hervortrat, und der Assistent immer dringender, immer härter wurde, so entschlüpfte dem staunenden Pater, nachdem er ungefähr die Himmelsgegend angegeben, nach welcher der ›gute Jesus‹ lag, die Frage: »Aber wie ist es möglich, mein Vater, daß die gefangenen Emissarien Franziskus – als Eingeborene des Tals – Ihnen nicht die genaueste Auskunft gegeben haben sollen?« Der Pater Assistent antwortete nicht, aber wohl stürmte der Brigadier zornrot in das Gemach. »Sehen Sie die Folgen Ihrer Langmut, mein Vater?« rief er wie wütend, »hätten Sie doch zugegeben, daß meine Soldaten die Hunde von Topinambous, von elenden Indianern, mit brennenden Lunten zum Geständnis peinigten! Nun erfahren wir von den verdammten Spionen Franziskos keine Silbe mehr. Sie haben sich in ihrem Loche mit der Zunge erstickt und spotten unsrer, kalt und steif, wie sie sind!« »Richtig, Ihro Exzellenz,« versetzte der Assistent lächelnd und kaltblütig, »die Bursche haben ihren Lohn dafür, und, wenn sie selbst schweigen, so redete doch der gute Pater hier um so mehr!« Triumphierend wies er dem Brigadier die Schreibtafel hin. Dieser riß die Türe auf und rief hinaus: »In Ordnung, Soldaten! Die Sache hat sich gewendet! Wir ziehen nicht ab!« Münzner, die Bosheit seiner Handlungsweise durchschauend, sank aus die Bank und verhüllte sein Gesicht. »Sie haben mich bitter getäuscht!« sagte er, »ich bin nun der einzige Verräter. Jene Wilde, die für ihren und ihrer Freunde Herd starben, sind Heilige geworden!« »Ihr blasphemiert!« rief ihm der Pater Assistent zu. »Eurer schwachherzigen Tücke setzte ich erlaubte List entgegen. Simson gebrauchte sie auch gegen die boshaften Philister. Ihr habt die Gesellschaft und den Heiland durch Euer Benehmen beleidigt. Ihr lebtet im Einverständnis mit dem Rebellen im Tale, mit den Untertanen des Franziskaners! Ich wittre eine schwere Schuld in Euerm Leben. Ich werde dafür sorgen, daß Ihr plötzlich nach St. Sebastian gebracht werdet, um in unserm Hause abzuwarten, was über Euch beschlossen werden dürfte. Mindestens ist's unsre Pflicht, solch heuchelnd Unkraut wieder nach Europa zurückzuwerfen, woher es uns gekommen.« Er verließ den Pater Münzner in der trostlosesten Lage und ließ wirklich ein kleines Kommando beordern, das ihn auf der Stelle nach St. Sebastian führen sollte. Münzner wollte nun noch das letzte tun: um Schonung seiner Freunde, um gütige Behandlung seines Pflegesohnes bitten. Der Assistent verschloß seine Ohren vor ihm. Er wurde einsam bewacht. Erst nach mehreren Stunden, nachdem Botschaft von der Vorhut, die sich nach der, von Münzner bezeichneten Richtung, vorwärts begeben hatte, angekommen war, daß man von einem wohl verborgenen, noch nie entdeckten Klippenhügel das Tal überschaue und Häuser darin unterscheide, machten die Truppen, die heute unverrichteter Sache den Rückmarsch hatten antreten sollen, da ihnen Lebensmittel ausgegangen, Aufbruch. Im selben Augenblicke wurde Münzner auf das ledige Maultier eines Marketenders gesetzt und auf den, dem »guten Jesus« entgegengesetzten Pfaden, fortgebracht. Mit welchen Gefühlen er die lange Reise antrat? Mutiger, mit hochschlagender Brust, mit Durst nach eingebildeten Schätzen, ging die Mannschaft des Brigadiers weiter, aber stille, behutsam, vorsichtig. Der Abend senkte sich nieder, als die Soldaten nach unsäglichen Mühen an den Rand des Talkessels gelangten und von den Höhen auf die stille Kolonie niederblickten. Die jenseits postierten Wachen gewahrten die furchtbaren Fremdlinge und Alarmschüsse durchzitterten die Luft. Rings um die Wachtpostenkette ging der Feuerlärm. Bald wimmelte es im Tale. Die rüstigen Leute liefen aus Höfen und Häusern zusammen. Waffen glänzten überall. Noch standen die Portugiesen unschlüssig, keines dienlichen Pfades ansichtig, der sie in Masse herunterführen möchte. Da wollte das Unglück, daß Montehol, der kühnste Kletterer aus Trazos-Montes, ein aufspringendes Wild verfolgend, sich längs den Felsen hinabwarf und in den vorsichtig verborgenen, von einem Wachthause verschlossenen Hohlweg geriet, der in die Talschluchten führt. Der unerschrockene Bursche schrie laut seinen Kameraden zu. Einige Schüsse aus den Schießscharten des Wachthauses streckten ihn nieder, aber – in seinem Blute schwimmend, von den Kugeln der Feinde zerfleischt, rief er, bis sein Leben verlosch: »Hierher! Milizen! Hierher! Es lebe der König und Portugal!« Der willkommene Ruf hatte Erfolg. Die Menge stürzte sich in den Hohlweg, nicht aufgehalten von den mörderischen Schüssen, die geübte Hände hinter der Wehrmauer nach ihnen richteten. »Im Namen der Jungfrau Maria und aller Heiligen!« schrien die Soldaten und der vorarbeitende Trupp der Schanzgräber mit den Beilen in der einen und der Pike in der andern Faust, stürzten wie die Löwen auf das Tor des Verhaues, während ihre Hintermänner mit Granaten das Dach des Hauses in Brand steckten. Der Hohlweg war gedrängt voll von Stürmern, und diesem Andrang, wie dem Brande und den Axthieben der Pioniere mußten endlich Gatter, Angel und Riegel weichen. Der Wachtposten Franziskos war in zögerndem Rückzuge begriffen, und vom Tale herauf kam ein ansehnlicher bewaffneter Haufe, und aus großen Standröhren schossen die gegenüberstehenden Wachen und trafen nicht selten. Aber so günstig das Feuergewehr den Angegriffenen diente, so mutig sie unter der Anführung des tapfern Fernandez stritten und die Angreifer aufhielten, sie mußten ihrem Ungemach erliegen. Der Brigadier kommandierte donnernd, während seine ersten Reihen feuerten, den übrigen, die Bajonette auf die Musketen zu setzen. Es geschah; im Nu teilten sich die Schützen; die Rotten der mit dem fürchterlichen Flintendolch Bewaffneten warfen sich auf die Feinde; die neue, in diesen Tälern noch nicht gekannte Waffe tat in ihrer unwiderstehlichen Gewalt Wunder des Schreckens. Zerstreut und von panischer Furcht befallen kehrten sich Franziskos Leute zur Flucht. Die Fahne mit dem Kreuze, in der Faust ihres hingestreckten Trägers, blieb in den Händen der Sieger, die, über Waffen und Leichen wegschreitend, im Sturmmarsch das Tal betraten und sich den Häusern näherten. Vor den drohenden Bajonetten, vor den streifenden Seitenbanden der Schützen, rettete sich, wer konnte. Flammen gingen im Tale auf. Keiner der Krieger Franziskos hielt mehr das Feld. Weiber und Kinder, entwaffnete Flüchtlinge, warfen sich in den Staub, küßten des Brigadiers, des Jesuiten Füße, bettelten um Gnade. Während diese Szene des Schreckens vorging, hatte sich Franzisko mit vielen Weibern und Greisen und einigen treuen Anhängern in eine Schlucht gerettet, die, in mannigfachen Windungen das Gebiet durchschneidend, und endlich, Waldströme und Sümpfe dem Forscher entgegensendend, nach den spanischen Besitzungen führt. Unter den mit dem Priester Fliehenden befand sich Müssinger, seine Tochter und James, den Georg gebeten hatte, nicht von der Seite seiner Freundin zu weichen. Er selbst wollte, ob streitend, ob beobachtend, sehen, wie sich alles gestalten würde. Unter schützenden Felsen, auf ihren dürftigen Habseligkeiten ruhend, erwarteten die Flüchtlinge Nachricht von dem Schauplatze des Gefechts, dessen Schüsse, vom Echo verdoppelt, zu ihren Ohren drangen, früher als ein belebendes oder entmutigendes Wort. Endlich erschien Georg, von dem Fernschusse eines Portugiesen an der Achsel gestreift, und brachte keinen Trost. Endlich erschien Fernandez, schwerer verwundet, mit dem Rest seiner Leute, und brachte die bare Nachricht des Unglücks. »'s ist aus mit uns!« rief er dem Oheim zu, »rettet Euch, Don Franzisko! Die schurkischen Portugiesen haben den Sieg durch ihre niederträchtigen Musketenspeere errungen. Hierher sollen sie jedoch nicht dringen. Diesen Paß verteidigen wir bis zu unserm Tode. Was mir aber das gallige Blut zum Herzen drängt, daß es bersten möchte vor ohnmächtiger Wut, ist, daß der Jesuit, der schändliche Deutsche, uns verraten hat. Er wurde seit gestern vermißt, und die scharfen Augen meiner Jäger haben ihn im Hintertreffen der Portugiesen neben dem Brigadier gesehen!« »Münzner?« riefen alle seine Landsleute, »wäre es möglich?« Georg nickte schweigend. James sprang aber, von edler Ungeduld ergriffen, auf, und sprach: »Welche Verleumdung! Mein Pflegevater ein Verräter? Nein! er lügt, wer das behauptet!« »Junger Mensch!« zürnte ihm Fernandez drohend zu, »Ihr vergeßt, daß ich einen Säbel trage, der –!« »Der dem Dienste des Ganzen jetzo geweiht sein muß!« fiel Franzisko ein, herbeitretend; »in einem unnützen Kampfe um eines Wortes willen, soll sich Euer Blut nicht verspritzen, meine Freunde!« Die Streitenden schwiegen beschämt vor der mahnenden Stimme des ehrwürdigen Alten. Zugleich ließ sich ein bedeutender Lärm in dem Lager der Flüchtlinge hören. »Die Feinde?« fragte Franzisko, und das alte Soldatenfeuer blitzte aus seinen Augen, während seine Hand nach einem Säbel griff. »Nicht doch, Oheim;« versetzte Fernandez, »der tapfre Neger Pablo hält mit seinen Schwarzen Wache am Eingange dieser Talschlucht. Die gegen ihre ehemaligen Zwingherren Erbitterten haben geschworen, eher zu sterben, als sich überwältigen zu lassen. Ich weiß im übrigen von einem Entsprungnen, daß die Portugiesen das Eindringen in diesen unbekannten engen Paß vermeiden werden, bis ihr Nachtrab angelangt sein wird.« Ein Bewaffneter brachte die Nachricht, die ausgestellten Wachen hätten auf den Höhen gegen Osten einige Fremde in europäischer Kleidung ergriffen und sie herbeigeführt. »Hätten uns die Elenden umzingelt?« fuhr Fernandez auf und ließ die Fremdlinge heranbringen. Vier sonnverbrannte Gesichter, in unscheinbarer Kleidung steckend, mit metallnen heiligen Bildern auf den Hüten und Rosenkränzen um den Hals; ohne Waffen, wie sie der Soldat trägt; bloß mit Messern, eisenbeschlagenen Stöcken und Feuerzeugen versehen. Aber nicht die Gestalten, nicht die Gesichter verrieten Spanier oder Portugiesen; ihre Sprache, ein unbeholfenes Kastilisch, zeigte vollends die in der europäischen Halbinsel völlig Fremden an. Sie brachten einen Paß, von dem Statthalter des Königs, zu St. Sebastian, vor, in dem sie als irländische Bergwerksleute angegeben waren, die auf Befehl der Regierung von Brasilien das Innere dieses Landes zu durchstreifen hätten, um nach edlen Erzen zu forschen, oder nach Demantgruben. Mündlich berichteten sie, über einen Gebirgsstock gewandert zu sein, und sich in den unermeßlichen Geländen verloren und verirrt zu haben, bis der Zufall und das Schießen, das sie vernommen, sie hierhergeführt. Franzisko, ihren Aussagen nicht mißtrauend, begnügte sich, sie zu fragen, ob sie portugiesische Truppen gesehen, und – auf ihre desfallsige Verneinung – sie unter einige Aufsicht zu stellen. Von dem unglücklichen Fürsten der Wildnis weggehend, begegneten die Fremden dem Master Georg. Befremdet blieb dieser, den ersten ansichtig werdend, stehen. Auch jenem fiel des Amerikaners Antlitz auf. »Georg Birsher!« rief er plötzlich. »Harry! Harry Haverly,« entgegnete der andere nicht minder freudig, und sie schüttelten sich treuherzig die Hände. »Du hier? « fragte Harry englisch und mit beflügelten Worten, »wir glaubten dich vom Hai verschlungen!« »Ach, Bruder!« entgegnete Georg, »wie steht's zu Neuyork?« »In Hülle und Fülle. Ich verließ es erst vor einigen Monden, Dein Kompagnon führt, unerschütterlich deiner Rückkehr vertrauend, die Geschäfte fort, und das Glück hat seine Bemühungen tausendfach belohnt.« »Aber du, mein Freund?« »Verrate mich nicht an diese Menschen. Gib vor, daß du mich in Irland kennen lerntest. Klugheit! reinen Mund! ein andermal mehr.« Die Wächter der vorgeblichen Irländer nötigten sie, weiter zu gehen, und führten sie an einen abgelegenen, von den übrigen getrennten Platz. Fernandez hatte von ferne ihr Zusammentreffen mit Georg angesehen und sprach zu seinem Oheim: »Die fremden Leute haben unserer Kolonie Unheil gebracht. Alle sind mir als Portugals oder Spaniens Spione verdächtig. Wollen wir abwarten, daß sie uns – den Feinden so nahe – vollends verderben? Standrecht über sie. Wir wollen nicht ungerächt mindestens untergehen.« »Junger Mann! wohin verleitet dich dein Zorn?« fragte der Alte verweisend. »Soll ich den letzten Schimmer meiner Patriarchengewalt mit einem Verbrechen besudeln? Laß uns lieber die Nachtzeit benutzen, um auf spanisches Gebiet zu flüchten. Santa Dominica nimmt uns unter verändertem Namen auf, und wir dürfen daselbst auf Ruhe hoffen.« »O unglücklicher Ausgang schöner Pläne!« seufzte Fernandez. »Das Unglück soll uns jedoch in jenen fremden Gästen nicht weiter begleiten. Wir lassen sie zurück. Schuldig, werden sie bei unsern Feinden Schutz und Hilfe – unschuldig, Gottes bessern Beistand finden.« Der Greis, von Fernandez' Argwohn ergriffen, willigte in dessen Wunsch und ließ die Anstalten zum nächtlichen Aufbruch in geheimster Stille vornehmen. Georg kehrte indessen nach der Höhle zurück, worin Müssinger und seine Tochter seiner mit peinlicher Ungeduld warteten. James stieß auf ihn. In der Dämmerung bemerkte Georg, daß der Jüngling seine portugiesische Uniform angelegt hatte. »Wohin in diesem Aufzuge?« fragte Birsher staunend, »wollt Ihr Euch von den Unsern erschießen lassen?« »Verzeiht, Herr, daß ich Euer Kleid nahm,« entgegnete James ein wenig heftig, »aber mir brennt's auf der Seele, daß Doktor Münzner ein Verräter sein soll. Ich will trotz Tod und Teufel hinüber, um zu erfahren, ob Fernandez wahr sprach – ob er log,« »Wie, Sir White? Unter die Feinde?« »Dies Kleid schützt mich und die Nacht. Und gelte es mein Leben, ich muß mich überzeugen, ob mein Pflegevater der Bösewicht ist, wofür man ihn ausgeben möchte. Lebt wohl, Mr. George, Ich bringe gute Botschaft, oder keine mehr in diesem Leben, Grüßt dann Justine von mir ... sagt ihr ... doch nein! sagt ihr nichts ... und seid glücklich!« »James! reißt Euch das Feuer der Leidenschaft von hier? Was habt Ihr vor?« Georg hatte gut ihm nachrufen; schon war er im steigenden Dunkel verschwunden. Auf geheimen, Thymian duftenden Pfaden kletterte James zum Ausgang der Schlucht hinab, und kroch, leise wie eine Schlange, an dem Hinterhalt der Negerpartei vorüber. Unfern an einem niederrauschenden Bache stand der Vorposten der Feinde, die es nicht wagen mochten, ohne Verstärkung in die Schlucht einzudringen. Rings an den Höhen brannten ihre Wachtfeuer. Mitten im Tale loderte ein Haus in vollen Flammen: Franziskos bescheidene Wohnung. Die meisten Soldaten des Piketts waren dem Brande zugekehrt, und James glitt durch Stauden und hohes Gras an dem Zelte vorbei, ohne bemerkt zu werden. Neben dem Bache sich haltend und in tiefes Dunkel verschleiert, näherte er sich den Hütten. Vor ihren Türen standen die zurückgebliebenen Einwohner, mit Schmerz und Händeringen auf die Trümmer ihres bisherigen bescheidenen Glückes sehend. Um den Betplatz war die größte Menge versammelt, und viele Soldaten standen, teils bewaffnet, teils in bequemer Ruhe, umher. Der Pater Assistent, begleitet von dem Brigadier und den Pionieren, fühlte hier ein merkwürdig Schauspiel auf. »Nieder mit dem Bilde, das hier die Heiden unserm Heiland zu Hohn und Spott errichtet haben!« rief er mit wilder Begeisterung, in seiner Hand selbst ein Beil schwingend, »nieder mit dem Götzenbilde eines wahnsinnigen Opferdienstes! Der elende Franziskaner hat euch, ihr Verblendeten, nur vorgespiegelt, daß diese Riesengestalt euern Erlöser vorstelle; er hat aber den Teufel hinein gebannt, wie die heidnischen Mexikaner in den gräßlichen Huitulopochtuli! Vergebung der Sünden dem, der mit tätiger Hand hier angreift, wie ich! Nieder mit dem Zauberblendwerk des verruchten Bettelmönchs!« Er führte den ersten Streich nach dem Bilde des Erhabenen, dessen Jünger er sich doch prahlend selbst nannte, und zwanzig Fäuste wüteten wie der Blitz gegen die ehrwürdige Gestalt. Sie sank zerstückt in den Rasen. Ihre Trümmer flogen in das wilde Feuer des angezündeten Hauses, das der schadenfrohe Soldat mit allem erdenklichen Mutwillen, samt dem Garten, verwüstete, weil seine Hoffnung, Schätze darin zu finden, vereitelt worden war. An stillen Tugenden war das Tal reich gewesen, an Gold und Edelsteinen ärmer als das Grab. James, obgleich von dem empörenden Auftritte, den er mit angesehen, unwillig erregt, wie von dem rohen Geheul, womit die Soldaten, um das Feuer tanzend, das unsinnige Fest beschlossen, fühlte eine wohltuende Empfindung in seiner, von der Unschuld seines Pflegers überzeugten Brust. »Ich wußte es ja wohl!« sagte er zu sich selbst. »Irren mochte er in seinem Leben, ein Schurke war er nie; und in der Tugend Frieden schied seine Seele, wenn ihn auch ein Raubtier, ferne von unsrer Hilfe, zerfleischte!« Mit zufriedenem Herzen machte er sich auf den Rückweg, unfähig, dem Soldatentumulte länger zuzusehen. Seine Eile erregte indessen Verdacht. »Warum läuft der Kamerad?« fragten sich zwei vorüberstreifende Portugiesen, und »Halt!« rief eine Patrouille dem Eiligen zu. Der Korporal hielt ihm die Pike vor. »Wo ist dein Quartier? Dein Posten?« »Dort beim Pikett, ihr Leute!« »Bist unbewaffnet, Patron, und ein Ausländer?« – »Welche Fragen!« – »Halt da! das Feldgeschrei!« – »Die Jungfrau und alle Heiligen,« antwortete James auf gut Glück. »Gefehlt! halt! du bist ein maskierter Bursche; ein Spion! halt ein!« Man ergriff den Entdeckten. In seiner Bestürzung kam eine englische Verwünschung über seine Lippen. »Heda!« rief ein alter Soldat, der einst auf einem englischen Schiffe gefangen gelegen, »das ist englisch, meine Freunde, die Ketzersprache! Bindet den unchristlichen Jungen!« – »Aber – meine Brüder ...!« – »Der Satanas ist dein Bruder!« fuhr ihn der Korporal an, »ich bin aber entweder verrückt, oder du bist der Deserteur, dessen Steckbrief uns auf dem Marsche hierher mitgeteilt wurde.« – »Sennor Korporal!« – »Aha, nun wird er höflich. Beim heiligen Täufer! Seht selbst, Kameraden! Groß, schlank: dunkle Haare, ernsthafter und kecker Blick, ohne Schnauzbart, ein Engländer! Er ist's, wir haben die achttausend Rees verdient, die auf seinen Fang gesetzt sind!« »Wie?« fragte James, über Georgs drohende Zukunft erschrocken, nachdem der Jubel der geldhungrigen Soldaten sich gelegt hatte? »Ihr sucht den Engländer? Ein Preis ist auf seinen Kopf gesetzt?« »Ja, beim heiligen Jakob!« hieß die Antwort, »wir hätten nicht nachgelassen, dich zu suchen, Ausreißer, damit ein Beispiel gegeben werde.« – »Mein Gott!« seufzte James für sich, »Georg in dieser Nähe, in solcher Gefahr? und Justinens Verzweiflung ...? Freunde!« setzte er schnell und entschlossen hinzu, »das Schicksal und die Reue überliefert mich euren Händen. Was wird mit mir geschehen?« – »Ei, die Exzellenz wird dich zu deinem Regiment schicken, Bereite dich indessen zum Letzten. Hättest du bloß der Fahne und dem König den Eid gebrochen, kämst du mit Prügeln davon, aber du hast deinen Fähnrich geschlagen, und das kostet dir das Leben!« James schauderte. »So macht es denn kurz,« sagte er kalt und resigniert, »führt mich zu eurem Kommandeur! ich bin derjenige, den ihr sucht!« Vergnügt und lärmend brachten ihn die Soldaten nach dem Quartiere des Brigadiers. Mitten in der Nacht brachte ein aus den Banden entsprungener Neger die Nachricht von des Jünglings Geschick, und wie er sich darein ergeben, in Franziskos Lager. »Wohl bekomm's dem Ueberläufer!« sagte Fernandez trocken, und kümmerte sich weiter nicht darum, mit wichtigern Angelegenheiten beschäftigt. Einen bei weitem tiefern Eindruck machte die Kunde der Begebenheit auf Georg, auf den Senator; einen unbeschreiblich bittern auf Justine. »James!« rief sie, mit dem ihr eigentümlichen Scharfsinn erratend, wie alles so gekommen, »wißt ihr denn, meine Lieben, daß er sich für unser Wohl hingegeben? O wie diese Tat ihn so glänzend aus dem zweideutigen Nebel seiner Vergangenheit hervorhebt! Wie wohltuend diese Kunde in ihrer Bangigkeit zu meinem Herzen spricht!« – »Wäre es möglich?« sagte der Senator, während Georg nachsinnend und betrübt vor sich hinstarrte, »wäre er dazu berufen, sich immer für die zu opfern, die seinem Herzen weh taten? die seinen liebsten Hoffnungen ein Hindernis waren? er dazu bestimmt, Georg von einer drohenden Gefahr zu retten?« »Gewiß, gewiß!« versetzte Justine mit leuchtendem Auge, »zweifeln Sie nicht, mein Vater, sonst leugnen Sie den Edelmut in der Menschenbrust! Die wildeste Gefahr droht uns. Wenn morgen die Feinde dieses Tal erstürmt, wenn sie Georg gefangen hätten, auf welchen ihre Blicke gerichtet waren? Jetzt glauben sie ihr Opfer zu halten. Jetzt ist ihre Aufmerksamkeit beruhigt. Jetzt können wir hoffen, während der mutige James hingeht, um für den dankbarsten Freund in das Gefängnis zu treten.« »Sagen Sie, den Todesplatz!« rief Georg mit heftiger Bewegung in ihre Rede, »Gefängnis büßt nicht das Vergehen gegen den knechtischen Gehorsam, das ich verübte. Darauf steht der Tod!« Justine wurde fast ohnmächtig. Krampfhaft packte sie Georgs, des Vaters Hände. »Der Tod?« stammelte sie. »Entsetzlich! Gräßlicher als ich je gefürchtet! Den Tod? Herr Georg! Für uns soll er sterben? Nein! das dürfen wir nicht zugeben! Vom Arrest hätte ihn Fürsprache, einst vielleicht unser Geld, endlich gewiß die Zeit befreit ... aber den Tod leiden? Nein! nein! guter James! es müßte kein Tropfen warmen Bluts in unsern Adern rinnen, wenn wir hier noch zögern könnten! Kommen Sie, Vater! kommen Sie, Herr Birsher!« »Wie? wohin?« fragten beide staunend. Das mutige Mädchen fuhr aufgeregter fort: »Hinüber ins portugiesische Lager, zu den Füßen des Kommandanten; ihm alles zu entdecken, bei ihm um des armen Mannes Freiheit zu betteln! Doch nein,« setzte sie bei, »ihr Männer versteht die Sprache der Bitte nicht; ihr seid nicht tätig, nicht stark in eurer trägen Betrübnis. Das Unglück rührt euch nicht, wie es das Weib ergreift! Bleibt! ich will gehen! allein! unbeschützt, unbewacht! Es müßte kein Gott über uns leben, wenn ich nicht zum Befehlshaber dränge! Ich kann freilich nicht wimmern, nicht weinen, nicht schmeicheln; ich habe es nie gelernt; aber der Wahrheit wird der Kommandant nicht widerstehen, und der Portugiese wird die Ritterlichkeit gegen Damen nicht verlernt haben!« »Tochter!« rief Müssinger, sie zurückhaltend. »Was wollen Sie beginnen?« ermahnte Georg. »In tiefer Nacht? Des Wegs unkundig? Durch unsre und des Feindes argwöhnische Posten? Der Tod lauert auf Sie. Sie betrüben uns durch diesen Entschluß zum Sterben!« Justine warf einen sehr ernsten Blick auf ihn und entgegnete: »Monsieur, ich verstehe Sie nicht, ich werde an Ihrem Herzen irre. Wissen Sie nicht mehr, daß James meinen Vater gerettet? daß er mich über Land und Meer geführt hat? mich, Ihre Braut? er, der mich liebte? auf dessen Liebe ich jetzt erst stolz werde? Zu diesem allen mögen Sie wissen, daß ich ihm herzlich gut war, daß ich ihn jetzt doppelt ehre, nachdem so vieles ausgeglichen, nachdem er diese Heldentat begonnen! Und Sie, der starke, besonnene Mann, Sie, den ich vorzog aus Ueberzeugung, Sie können mir verwehren ... ?« »Weil ich besonnen bin,« fiel Georg gekränkt und heftig ein, »wenn Sie an meinem ehrlichen Herzen zweifeln sollten!« »Justine!« bat der Senator mit all der Lebendigkeit, die ihm sonst zu Gebote gestanden, »wenn du die Worte des Freundes nicht hörst, so vernimm die des Vaters. Was Georg Birsher nicht sagt, muß ich sagen. Deine heftige Begeisterung führt dich und uns ins Verderben! Geh' hin! verrate durch deine vergebliche und unbesonnene Fürbitte deinen besten Freund, deinen Bräutigam. Weihe ihn dem Tode, weil er an dir hing, und nicht weiter vor seinen Widersachern floh. James Unschuld muß an den Tag kommen. Sein Regiment wird ihn nicht erkennen, seine Täuschung entdecken, die Menschlichkeit des Statthalters ihn mit leichter Strafe belegen. Alles wird dann gut, und des Jünglings Bewußtsein versüßt ihm tausendfach die Haft. Du willst das gefährliche Spiel umkehren. Um den wenig bedrohten Freund zu retten, schleppst du den biedern Georg ins Grab; Georg, den du achtest und ehrst – Georg – dessen Weib du werden sollst – Georg, den du liebst, innig liebst – wenn sich auch dein Gefühl hinter die Maske der gleichgültigen Förmlichkeit flüchtet.« Justine stand wie eine Bildsäule, mit niedergeschlagenen Augen. »Nicht so hart!« bat Georg den Vater. Müssinger fuhr jedoch, wie oben, fort: »Ich weiß, daß ich dein Herz verwunde; aber es ist von Erz und muß stark berührt werden, soll die reine Glocke wohltätigen Klang geben. Sieh, Justine, welchen Jammer du mir bereitest. Ich habe alles verloren: Habe, bürgerliche Ehre, mein eigenes Bewußtsein. Alles gut zu machen, habe ich nur dich. Von der Heimat, dem lieblosen Weibe und meinen Gütern geschieden, ist mein einzig Glück noch in der Hoffnung auf deinen Ehebund gegründet, Willst du durch den raschen, unüberlegten Schritt uns alle verderben? Dich zur Beute des Soldaten – ihn« auf Georg deutend, »zum Schlachtopfer, und mich zum verwaisten Greis machen?« Die heftige Rede erschütterte die Tiefen in Justinens Brust. Eine Flut von Tränen schoß aus ihrem Auge, sie warf sich an des Senators Brust und schluchzte: »Vergeben Sie, grausamer Vater, ich hatte das nicht bedacht! Ich bin ja nicht böse; um Gottes willen; wie möchte ich, ohne zu schaudern, daran denken, den Herrn hier zu opfern, der mir so – wert, so achtbar ist? Glauben Sie das von mir?« setzte sie fragend und zu Birsher gewendet, bei, und mitten durch den Schmerz ihres Antlitzes zuckte ein anmutiges Lächeln, das Georgs trüben Ernst besiegte, daß er ihre Hand ergriff und sagte: »Bewahre mich der Allmächtige, daß ich solches von meiner Braut glauben könnte. Diese Stunde hat von der Vortrefflichkeit Ihres Hetzens ein neues Zeugnis gegeben, und für James bin ich unbesorgt, denn aus den Wolken hat der Herr Ihren – den heiligsten – Schmerz gesehen. Des jungen White Angedenken folge Ihnen unverkümmert in meine Heimat! Fern sei es von mir, es zu verwischen, meines Retters Gedächtnis, und wenn wir zur Heimat gelangen, und wenn Gold seine Fesseln brechen kann; mein ganzes Vermögen sei nicht zu viel, die Riegel seines Kerkers aufzuschließen; mein Haus nicht zu klein, den Vertriebenen auf ewig aufzunehmen!« »Nicht also, Herr Birsher,« sagte Justine gemäßigt, »es sei uns eine Freude, in der Ferne sein Glück zu begründen; doch in unserer Familie weile er nicht. Ich würde Sie und mein eigen Gefühl beleidigen, wollte ich, indem ich dieses sage, einer eingebildeten, unmöglichen Schwäche mißtrauen. Ich bin eisern fest und eisern treu, mein Herr! aber James würde unglücklich sein, und – Sie werden sehen, ich müßte seinen Charakter nie gekannt haben, oder er schlägt unsern Antrag rund aus dem Felde, ginge es ihm noch so schlimm.« »Es ist beinahe sonderbar,« versetzte Müssinger mit leichtem Lächeln, »daß wir hier so ernsthaft bereden, wie wir das Glück eines Menschen machen wollen; und uns selbst umschließt ja noch die Wüste, uns selbst blüht nicht die Hoffnung, jemals in den sichern Port von Neuyork zu gelangen ... wir selbst sind eher dem Schicksale unterworfen, unter der Portugiesen Säbel zu fallen, als jemals frei zu werden! Der gute, arme Münzner ist uns wahrscheinlich auf dem Wege zum Himmel vorangegangen, und uns fehlt noch die Heimat!« »Ach, da« süße Vaterland!« seufzte Georg in seinem vaterländischen Idiome. »Gesegnet sei es!« antwortete ihm eine Mannesstimme in denselben Lauten. Georg erkannte beim Schimmer der Laterne den Landsmann und Schulfreund, Harry Haverly. Dessen Gefährten traten vorsichtig und leise auch herbei. »Gott sei gedankt, daß ich euch hier finde,« fuhr Harry fort, »das weissagt uns ein gutes Glück, das wir nicht gehofft.« »Was soll die rätselhafte Rede?« fragte Georg entgegen. »So wißt ihr denn nicht,« sagte Harry, daß seit länger als einer halben Stunde der alte Bettelmönch mit seiner ganzen Schar in aller Stille abgezogen? Vor einigen Minuten kam, nachdem sich unsere Wache verloren, ein Neger, der uns die Kunde brachte, unsere Bande löste und sich eiligst davon machte. Wir gingen aufs Geratewohl umher, beratend, was wohl anzufangen sei, als ich das englische Wort hörte, das mein Herz erbeben machte. Wie kommt es jedoch, daß ihr nicht zu den Abgezogenen gehört?« »Man hat uns mit Vorbedacht zurückgelassen!« entgegnete Georg nach einigem Ueberlegen, »ins Himmels Namen denn! Wer bis hierher half, wird auch weiter helfen.« »So ist denn das Unglück noch nicht müde, uns zu verfolgen!« brach der Senator mit Unwillen aus. Justine beruhigte ihn durch ihren Mut. »Mein lieber Vater!« sagte sie, »folgten wir denn bisher dem Glücke? Welches war unser Los im Gefolge jenes alten Priesters? Flucht und Verfolgung; wie vor dem Einfall der Portugiesen ein Zwang, der dem freien Herzen widersteht. Wir sind uns jetzt selbst überlassen. Bessern konnten wir nicht anvertraut werden; mit uns wird der Herr sein! Vater! Herr Birsher! fassen Sie einen Entschluß, wie er sich auch gestalte; vergessen Sie in mir das zartere Weib. Ich werde alles unternehmen, weil es gilt, meinen schwachen Vater zu unterstützen.« »Der Entschluß sollte nicht schwer fallen,« meinte Harry Haverly, »wir vier bieten unsre Hände zur schnellsten Flucht, wenn Sie es nicht vorzögen, nach dem portugiesischen Lager zu gehen, oder den Einmarsch der Soldaten in dieses Tal zu erwarten, der sich nach Tagesanbruch nicht verzögern dürfte. Es steigen Raketen aus dem benachbarten Tale auf, ohne Zweifel ein Zeichen für nachrückende Truppen.« »Nein! nicht zu den Portugiesen!« riefen Justine und der Senator mit besorgten Blicken auf den gefährdeten Georg. »So folgen Sie uns,« entgegnete Harry Haverly, »wir haben triftige Gründe, die Bekanntschaft jener Herren zu fürchten. Unsere Papiere und unsere Sendung sind nicht die richtigsten. Wir sind die Agenten einer Handelskompanie, die sich gebildet, um die spanischen und portugiesischen Besitzungen, die so sorgfältig vor uns geheim gehalten worden, zu erforschen und zu erwählen, wie hoch sich im besondern der Reichtum an Metallen und edlen Steinen belaufen möge. Wir sind alle von Neuyork und kehren dahin zurück, weil wir hier die Grenzen unserer Mission berührten. Ist es Ihnen gefällig, meine Freunde, unserem Trupp sich anzuschließen, so verbürge ich eine gute, fast bequeme Reise an den Strand. Die größere Zahl macht größern Mut, und einem Landsmann samt seinen Freunden zu helfen, ist unsere Pflicht.« »Ihr seid falsche und unrichtige Gesellen,« sagte hierauf Birsher mit gerunzelter Stirne, »mit Spähern und Paßfabrikanten, und in Katholiken vermummten Protestanten habe ich nicht gerne zu tun, ich mag's euch nicht verhehlen. Da jedoch Gottes Hand uns so sichtlich hier zusammenfügte, mag's geschehen, wie du meinst.« »Eine große Ehre, wackerer Georg!« erwiderte Harry Haverly lachend, »du warst von jeher ein steif und altklug gehender Bursche. Du siehst jedoch, daß dein gerader Gang dich nicht um ein Haar breit weiter brachte, als uns die Schlangenlinie. Wir sind dem Sittenprediger nicht böse, und denken, er werde zu besserer Einsicht kommen.« »Wollen wir uns auf den Weg machen, so denke ich, wir tun es alsobald!« rief Müssinger ungeduldig, »Auf, meine jüngern Freunde! Wenn mein altes Herz nach Freiheit dürstet – wo bleibt eure Sehnsucht?« Alle erklärten sich bereit. »Werden Sie nicht zu schwach sein, allein zu gehen, mein Vater?« fragte Justine, »stützen Sie sich auf meinen Arm. Ich ermüde nicht unter dieser Last.« »Lasse mich!« antwortete Müssinger. »Ich fühle mich stark; Glieder, Herz und Gewissen frei und leicht. Sollte ich dennoch ermatten, ein Blick aus meine beherzte Tochter würde mich schnell kräftigen.« Von den Streiflichtern des nahenden Morgens geführt, betraten die Wanderer die Pfade, auf welchen die Neuyorker Diamantenspione hergekommen waren. Haverly wußte mit ziemlicher Bestimmtheit den Weg zurück zu finden. Die Schwierigkeiten häuften sich nach und nach. Mühen und Bedürfnisse wurden fühlbar. Alles jedoch überwand der menschliche Mut im Verein mit der gütigen Natur. Hatte ein steiniger Absturz die Füße der Wanderer gelähmt und ihre Geduld erschöpft, flugs breitete sich ein herrlicher Wiesenteppich aus, sie zu versöhnen. Hatte glühende Sonne ihren Scheitel versengt, schnell erstanden vor ihnen duftende hallende Schatten des Waldes. Quälte sie Hunger, die nächsten Büsche gaben wohlschmeckende Früchte; peinigte sie der Durst, der nächste Fels gab einen silbernen Quell. Sie flohen die Nähe wilder Menschenhorden, das wilde Tier ging ihnen aus dem Wege, und von Tag zu Tag wuchs ihr Vertrauen und ihre – selbst des verwundeten, von Justinens Hand gepflegten Georgs – Kraft. Da stiegen sie endlich hernieder aus den Gebirgen in die Täler, in das trauliche Dorf, in die stille Pflanzerwohnung, wo neben dem Fleiß, der Genügsamkeit und der Frömmigkeit, auch die Gastfreundschaft zu Tische sitzt, und als sie an die erste Kirche kamen, wurden ihre Gefühle noch milder und erhebender. Die Protestanten standen entblößten Hauptes, mit andächtigen Mienen, vor dem Tempel der feindlichen Religionspartei, die Gegenwart des Allmächtigen, dem sie zu danken hatten, in diesen Räumen, wie in ihren eigenen Kirchen, ahnend. Der Senator betrat allein das kleine Gotteshaus, warf sich nieder vor dem schlechten Bilde des Altars; er war, wie das Kirchlein, der heiligen Klara geweiht. Hier betete er zu dem Ewigen mit Worten, hier in Gedanken und Gefühlen zu der Klara, die er auf Erden gekannt, die er in dem Himmel verehrte. Hier gewann er neues Vertrauen auf eine leitende Vorsehung; hier nahm er Abschied von dem Kultus, dem er nur kurze Zeit, im Verborgenen, angehört. Denn ihm bedünkte, als ob Klaras Stimme aus den Wolken riefe: »Dein Unglück begann, seit du falsch gegen mich gewesen. Du hast gebüßt, und der Glaube, den du damals leichtsinnig gelogen, hat dir die Buße recht schwer gemacht. Ermutige dich jedoch, tritt aus dem Kreise, der dich nur wie ein Zauber umschließen konnte. In meiner seligen Wohnung ist nur eine Wahrheit. Getrost! wir werden uns wiederfinden. Aus der Kirche getreten, warf sich Müssinger an der Tochter, des Eidams Brust und sagte heftig, aber gerührt: »Nehmt mich jetzt hin, meine Kinder. Ich bin jetzo wieder ganz der eurige geworden. Nehmt den Bettler hin und macht mich wieder reich im Abglanz eurer Liebe!« Nun ging es im Fluge vorwärts, denn in einem von bevölkerten Ortschaften entlegenen Meierhofe fanden die Herren Haverly und Kompanie ihre Wagen, mit rüstigen Pferden bespannt. Immer mehr dem Uferlande sich nähernd, jauchzten die Reisenden ihrem Ziele entgegen. Kein gefürchteter Alkade – sie bückten sich alle vor dem Namenszuge des königlichen Statthalters auf dem zweifelhaften Passe – hinderte die Fahrt. Nirgends ein Soldat von dem Milizenregimente, in welchem Georg hatte dienen, die Messe besuchen und leiden müssen. Unverrückt ging eben und gerade der ersehnte Weg. Dort lag endlich der Hafenort, umspült von schäumender Meeresbrandung. Dort flatterten die Wimpel des vertrauten Amerikanerschiffs. Keine Zeit wurde verloren. Die Agenten schlossen ihre Berichte, die Schiffer ihre Fässer und Kisten. Birsher führte triumphierend Braut und Vater auf das erwünschte Fahrzeug. »Hier ist schon Heimatsboden!« rief er fröhlich, und alle dankten dem Lenker über den Sternen, als der letzte Ballen, der letzte Passagier an Bord gekommen. Die Anker wurden gelichtet, die Flaggen aufgezogen, und hinaus in das ruhige Meer trieb der von siegreichen Hoffnungen befrachtete Kiel. Die See war gnädig, wie der Himmel es bisher gewesen. Die Fahrt war mit Segen bekränzt. In kurzer Zeit wurde die Strecke zum Asyle zurückgelegt. Endlich, an einem lieblichen Morgen, kaum hatte die Sonne die Nebel überwunden, riß sich die Ansicht einer freundlichen Stadt vor den entzückten Reisenden auf. Hier die Reede, dort der Flaggenturm; hier die Festung mit ihren Fahnen und blinkenden Waffen, dort die lebendigen Landungsplätze; Gewimmel von Schiffen um sie her, wehende Wimpel, blendende Segel; die Kanonen donnern von Schiff und Kastell, »Hurra!« rufen die ungeduldigen Matrosen. »Neuyork!« ruft Georg Birsher, und drückt frohlockend, und allen förmlichen Zwang vergessend, die geliebte und liebende Justine an die Brust. Stadt, Festung, Hafen und das darin webende Volk, ankerhaftende Schiffe und bewegliche Meereswellen nimmt der Edle zu Zeugen des Eides, den er ablegt, seine Liebe glücklich zu machen – und Georg Birsher hat nie sein Wort gebrochen! Es waren mehrere Jahre verflossen, als sich eines Abends, bei noch funkelndem Sonnenglanze, mehrere Reiter dem Dorfe Santa Dominica näherten. Drei derselben, bewaffnete Diener, wie es schien, blieben ehrfurchtsvoll hinter dem Vorausreitenden, der, ein junger Mann, mit vernarbtem, kriegerischem Gesichte, eine goldverzierte Uniform unter dem schlichten Mantel bergend, bald schnell ritt, die Gegend wie mit begeisterten Augen überschauend, bald langsam, den trüben Blick zu Boden schlagend. Die Diener schwiegen, wie die von Arbeitern leeren Felder, und der Herr sprach leise mit sich selbst. »Dort liegen die neuen, muntern Hütten!« sagte er, »der Ort, den ich, auf la Guasta, in dem Tale des guten Jesus stehend, mit klopfendem Herzen herbeiwünschte; er ist da. Werde ich ihn wieder froh verlassen, den ich froh und ahnend betrete? Da sind die bekannten Wege; dort steht die Kirche, dort liegt des Pfarrers Hof! Ehrwürdiger Luis! Wo bist du, du mein Tröster?« Der edle Mann war heimgegangen. Frische Tamarinden, die er so sehr geliebt, beschatteten sein Grab mit leichtem Blättergewebe. Unter dem Tore seiner ehemaligen Wohnung stand ein anderer: ein Geistlicher, mit vornehmem, flachem Gesichte; rauchte seine Zigarre, grüßte den Reiter herablassend, und sendete ihm, da dieser betrübt vorüberzog, eine Dienerin nach, ihn zur Herberge einzuladen. Die Magd trug abiponische Züge. Der Offizier redete mit ihr. »Wo ist Euer Pfarrer Luis?« – »Dort!« antwortete das Weib, und deutete gen Himmel und nach dem Kirchhof. Des Reiters Auge wurde naß. »Ich habe nichts mit eurem jetzigen Pfarrer zu schaffen,« sagte er, wiewohl milde. »Danke ihm, mein Kind, in meinem Namen und sage du mir, wo ich die schöne Ines finden mag. Sie ist aus deinem Stamme, wie mir bedünkt.« – »Ines, Herr? Wir heißen alle Ines.« – »Die Tochter euers Kaziken, die einst verlorne Misinga?« Das Weib zeigte nach einem seitwärts liegenden, hübschen Meierhofe, von Palmen umweht. »Fragt dort nach Misinga, Herr!« sagte die Magd und ging gleichmütig davon. Der Reiter trieb das Pferd; in einer Minute stand er am Gatter des Hofs; ein Mann kam freundlich entgegen, lüftete den Strohhut. »Fernandez Vereira!« rief der Ankömmling, vom Pferde springend. »Sennor White!« antwortete der andere und bot ihm freundlich die Hand. »Ihr hier? Ihr da?« wiederholten beide einigemal, und in den schattigen Vorsprung des Gebäudes, zu herrlichem Weine, zog den Offizier der Meier. »Die Flucht aus Aegypten bekam mir wohl, sagte er zu dem Besucher; wir verbargen uns hier, unter den Flügeln des wackern Luis. Mein Vater erhielt in der Folge seine Begnadigung und löschte dann seine Lampe, Ich bin hier geblieben, ein schlichter Bauer, und mir würde zu dem Glücke meines Lebens nichts fehlen, hätte ich den lieben Vater, hätte ich den Pfarrer Luis noch, die beide fast an einem Tage ins ewige Vaterland gingen.« »Beneidenswerter!« entgegnete James, schwermütig seine Hand drückend. »Mich Armen flieht das Glück, wenn's mich auch noch mit mehreren Goldgalonen bekleidete. Ich hatte mich für Freund Georg hingegeben. In San Sebastian wurde meine List entdeckt. Der Kommandeur, gerührt und menschlich, gab mir schnell die Freiheit, und der Statthalter, eine Tat bewundernd, die doch so natürlich war, verlieh mir den Rang eines Sergeanten. Meines Pflegers, meiner Hoffnungen in der Alten wie in der Neuen Welt beraubt, schlug ich ein und trug die Hellebarde heldenmütig für den König, den ich nicht kenne, für das Land, das ich nicht liebe. Es war aber von jeher mein Los gewesen, das tun zu müssen, dem mein Herz widerstrebte, und die Erlösung von des Lebens Fesseln suchte ich in dem kriegerischen Stand. Auch diese Hoffnung trog. In den Gefechten mit den widerspenstigen Eingebornen suchte ich den Tod und fand Rang und Ehre. Ich bin Kapitän geworden, könnte alle Freuden des Lebens genießen, verschmähe sie, und suche sie hier – Hunderte von Meilen von St. Sebastian entfernt – in der Erinnerung an eine schmerzlich-süße Zeit. Ich finde jedoch nur Gräber!« »Auf ihnen wächst das Gras, wie einst aus den unsrigen,« bemerkte Fernandez, »laßt indessen auch Gras über den Argwohn und Verdacht wachsen, den ich vorzeiten gegen Euch und Eure Freunde hegte. Ich habe Eure Handlungen würdigen und weiser sein gelernt ... Was ist aus diesen Freunden geworden, mein biedrer Herr?« »Mein Pflegvater ist nach Deutschland zurückgekehrt,« versetzte James seufzend, »zu spät, als schon Soldatenpflicht mich band, erfuhr ich es. Ich hätte ihn nie verlassen. Der Senator lebt bei seinen Kindern in Neuyork, wie ich vernahm; und glücklich, wie es heißt, hat sich aller Los gestaltet. Ach, wie wünsche ich es ihnen! Mag mir der Himmel zürnen, wenn er nur Justinen lacht. In ihrer und ihres Gatten Tugend liegt der Segen, nicht in Birshers Reichtum, nicht in Müssingers Banknoten, die –« »Die er verlor,« fiel Fernandez ein, »Luis' Verwendung nützte nicht. Die Väter des Kollegiums zu Assumption leugneten das Leben des Senators, prunkten mit dem Testamente, und haben, es zu vollstrecken, die Sennora Müssinger zu Cordova bei den Karmeliterinnen einkleiden lassen,« »Justine?« fragte James ganz bestürzt, »ich falle aus den Wolken! Ist's ein Scherz oder ein unbegreifliches Rätsel?« »Eine begreifliche Bosheit,« antwortete Fernandez mit verächtlichem Achselzucken, »wenn es wahr ist, was Vater Luis behauptete, daß das Provinzialat zu Cordova eine Französin, die Euch hierher begleitet, und sich in der Mordnacht auf dem Schiffe der Jesuiten gerettet, gezwungen habe, unter dem falschen Namen der Sennora Müssinger in jenes Kloster zu treten.« »Abscheulich!« »Und nicht zu bezweifeln. Luis verleumdete nicht und war selbst nach Cordova gereist. Die Überzeugung, daß weder Müssinger noch seine Tochter jemals wiederkehren würden, ihre Ansprüche zu behaupten, die Begierde nach den bedeutenden Summen des Testaments waren die Triebfedern, und die schwere Ordensregel hindert das arme Schlachtopfer der trügerischen Willkür auf ewige Zeiten, ihre Beschwerden öffentlich zu machen!« »O! so hat auch diese, in den Netzen, die sie weben half, befangen, ihre Strafe gefunden!« sagte James, nachdenkend vor sich hinstarrend, »der Fluch, der diese Werkzeuge verfolgt, läßt in mir fast nicht die Hoffnung aufkommen: raubt mir fast den Mut, Euch mein verständiger Fernandez, nach der schönen Ines, der Tochter des abiponischen Oberhauptes zu befragen.« »Ines? des Kaziken Tochter? Was führt Euch zu dieser Frage?« »Ich bin des Einsiedlerlebens zu St. Sebastian müde geworden. Dort habe ich kein Herz gefunden, mit dem ich, was das Schicksal mir gab, teilen möchte. In Paraguay hat mir einst von Glück geträumt – von einem Glücke, das ich schnöde abgewiesen, um eines Schattens willen, der zerfloß; um einer Hoffnung willen, die entschwand. Freund, ich will offen gegen Sie sein, mich redlich aussprechen, Misinga-Ines hat mich einst geliebt, mir's gestanden. Das Andenken ihrer Unschuld, ihrer liebenswürdigen Neigung, ist lebendig vor mich hingetreten. Wie mich einst, durch rätselhaften Traum verkündet, das Bild der Versagenden in die Gebirge lockte, weit von der Gewährenden weg, so zog mich jetzo das Bild dieses holden Indianerkindes über Berg und Tal, Strom und Savanne. Hier soll ich es finden. In Eurem Hause soll ich seinen Aufenthalt erfahren. O sagt ihn mir. Bei Ines allein kann mein Herz gesunden; das wunde an einem liebenden. Zu ihren Füßen will ich die Güter des Lebens niederlegen, sie beschwören, mein eitles Glück mit mir zu genießen; ihr Gatte sein, von ihr beweint hinübergehen!« Er hatte im Feuer der Rede Fernandez' Hand ergriffen, dessen Stirne sich verdüsterte, während sein offenes Auge eine bekümmerte Freundlichkeit aussprach. Langsam entzog der Spanier dem Bittenden die Hand, stand auf, schlug sinnend die Augen gegen die Decke, überlegte einen Moment, während James' Blicke bittend an den seinigen hingen, und sagte hierauf mit ernstem aber bewegtem Tone: »Kommen Sie mit mir, Sennor, ehe ich Ihnen antworte.« James erschrak vor diesem Tone. »Sie sprechen wie ein schauerliches Orakel!« sagte er bange, »soll ich Ihnen zu einem Grabe folgen? zu den Wohnungen Ihrer Väter? Ach! der Mut des Soldaten besteht nicht vor solchem Anblicke!« Statt einer Antwort winkte ihm Fernandez noch einmal, schweigend, zu folgen. Mit Anstrengung, mit ahnendem Widerwillen tat es der Kapitän. Sie gingen durch das Haus, nach einem reizenden Gebüsch, das den Hofraum begrenzte. An blühenden Algaroven und Mondblumen vorüber, traten sie vor eine stille dunkle Laube. Auf dem Rasensitz darin ruhte ein schöner als alle Blumen blühendes Weib. Es schlummerte, und an seiner Brust hing mit geschlossenen Augen ein lächelnder Säugling. »Ines!« seufzte leise – denn seine Brust vermochte, zusammengeschnürt, keinen lauten Ton zu geben – der Kapitän und fuhr erbittert gegen sein Geschick, beschämt vor dem Glücklichen, zurück. »Mein Weib!« sagte Fernandez leise und schonend. Er wollte hingehen und die Schlummernde wecken. Mit Riesenkraft sich ermannend, riß ihn James von der Stelle weg, »Um aller Heiligen willen!« bat er außer sich, »haltet ein, Fernandez. Stört nicht ihren Frieden, mehrt nicht meinen Schmerz. Den offenen Augen dieses Engels müßte ich unterliegen. Nennt ihr meinen Namen nicht, damit sie glücklich sei. Ich bin fertig mit den Freuden der Erde. Lebt wohl! Hinaus in die Savannen, in die Felsgebirge, mit der Handvoll Staub, die zertreten werden mußte, um die Blumen fremden Doppelglücks zu treiben!« Er schwang sich wie rasend, ohne auf Fernandez' Zureden zu hören, auf sein Roß, und die Diener hatten Mühe, dem Zurückeilenden zu folgen, so spornte er das Tier, so trug ihn der Wind. Die vor die Hütte tretenden Abiponer, der Tage ihrer wilden Kraft sich wohlgefällig erinnernd, priesen den unerschrockenen Reiter; er holte aber nicht ihr Lob, er sah nicht mehr die Gräber der Freunde, nicht mehr die Pracht der Felder, und wilder als die Tiere der Heide, die vor ihm stehen, ritt er mit dem Staubwirbel, mit den Wolken der Nacht um die Wette; aber, allenthalben auf seinem Rosse hinter ihm, saß der dunkle brennende Schmerz. Der Pater Xaver Münzner an den Hochwolhlgebornen Herrn Baronet James White, Major unter dem 2. Milizen-Regimente zu St. Sebastian. Aus dem Profeßhause, im Jahre 1738. »Auf die Adresse gehört der Titel; in der Rede gebrauche ich ihn nicht bei dir, mein geliebter Sohn. Konnte doch der Majorrang dich meinem Herzen nicht näher bringen. Könnte ich dir doch mit dem demütigsten »Sie« nicht die Hälfte der Freude ausdrücken, die dein Brief in meine Einsamkeit brachte; oder den Dank dafür. Schreibe es daher meiner Nachlässigkeit, meiner Gleichgültigkeit nicht zu, daß diese Antwort erst nach mehreren Jahren erfolgt. Bis heute haben Zeit und Raum mich verhindert, mit dir zu reden; wovon in der Folge ein Mehreres. Zuerst von dir, mein Sohn! Ich habe Freude an dir, denn du dienst einem frommen Könige, der das Irdische geringer schätzt, als das Ewige, und, um ein vollkommener Salomo zu sein, nur mit dem heiligen Vater zu Rom mehr Frieden halten sollte. Du bist vom niedern Stande zu einem glänzenden heraufgestiegen, und die Würdigkeit ist in dir belohnt worden; freue dich dessen, denn in der Welt muß Macht und Ansehen sein, und dem Diener des Königs, wie dem Könige selbst, gebührt Ehrfurcht, so lange beide vor Gott wandeln, und nicht aus den Grenzen ihres Rechts treten; widrigenfalls sie natürlich und leider den ursprünglichen Rechten ihrer Untergebenen verfallen müssen. Das ist nicht von dir zu fürchten. Du bist gottgefällig, ein milder Herr. Woher also der Unfriede, der dich quält? Das Gefühl, so man Liebe zum Weibe nennt, ist freilich ein blindes, wie es auch bereits die Poeten und Bildner des Altertums in Figuren und Gedichten dargestellt haben; aber dein Alter, guter James, sollte schon ein hellsehendes sein. Wohl getan ist's, zu freien, sagt ein heiliger Mann, aber besser, es zu lassen. Zwecklose Liebe ist jedesmal sogar verwerflich. Danke dem Himmel, daß er dich von der Protestantin riß, sie hätte deine Seele verderbt; danke ihm, daß er die Indianerin dir nahm, denn sie verehrt den Heiland und die Mutter wie eine Götzendienerin, und kennet den ewigen Vater nicht. Ich kann auch nicht glauben, daß in der Tat dein Herz noch bluten sollte, ob dieser eingebildeten Wunden. Du bist zu vernünftig dazu, und es möchte nur ein Selbstbetrug sein, der dich mit Kummer beschwert. Ich halte dafür, daß diese Bekümmernis eine Buße sei, die dir der gnädige Vater auferlegte, weil du nicht getan nach seinem Befehl und deinem Versprechen. Du fühltest dich freilich nicht geschickt, in unsere Gesellschaft zu treten; ich selbst – bereuend gestehe ich's – redete dir zu einer Zeit das Wort, da ich in deinen Glauben mich verwickelt hatte und vor deinem Widerwillen schauderte. Ich armer einfältiger Mensch! Dem gereizten Herzen eines Jünglings ohne Ziel vertraute ich – nichttrauend der Macht und der Gnade unsers Erlösers, der auch das widerspenstigste – ja, das unwürdigste der Gefäße zu heiligen vermag. Gedenke Sauls, der ein Held des Glaubens wurde, nachdem er dessen Feind gewesen. Darum hat der Herr Plage über dich gesendet, die nur eine aufrichtige Reue haben kann, und die Lossprechung vom Gelübde, die dir, um der Buße willen, nicht der General unsers Ordens, nicht der heilige Vater zu Rom versagen werden. Gehe darüber mit dir zu Rate und meide den Stand der Ehe, damit du wenigstens in diesem Punkte dem Herrn geweiht bleibest. Du wirst dann den Frieden gewinnen. Deine Leiden führen mich von selbst auf das bewundernswerte Schicksal, das uns alle betroffen hat; auf die unerforschlichen Wege der Vorsehung. Auch der Leichtsinn der Lainez hat seinen Lohn gefunden, aber – wie aus allen Züchtigungen des Himmels das Heil erwächst, so wird auch sie in ihrer gottseligen Schwesterschaft daran nicht immer verzweifeln dürfen. Meine Seele endlich hat ausgelitten durch die Gnade des Höchsten und die Bemühungen eines würdigen Mitbruders, der mein Beichtvater geworden ist. Irrtum und Zweifel waren meine Verbrechen und die Ursachen meiner Schmerzen. Sieh, lieber James! Ich war ein lenksamer, gehorchender Mann bis zu der Stunde, da mich Gott und meiner würdigen Obern Wille zu einer Sendung berief, der meine Kräfte nicht gewachsen sein konnten, da ich vom Pfade abirrte. Ich bin nie gehässig gewesen; ich habe nie den Neid empfunden, nie eine Verfolgung angestiftet. Ein reines Wohlwollen für alle Menschen beseelte mich. Ich war – ein Fünfziger – noch ein gutmütiges Kind, aber ein schwaches. Der Schwester letzte Bitte zu erfüllen, nahm ich's über mich, den Senator und seine Tochter selig zu machen. Sie verdienten's, diese Menschen: aber mein Uebermut hat sie und mich verdorben. Was ich an ihnen zu tun begann, wagte ich für mich, zu meiner eigenen Zufriedenheit zu tun, und dieses war mein Vergehen gegen die Pflicht, nur für den Zweck des Allgemeinen zu arbeiten, nur im Sinne und zum Vorteil des Ganzen, der heiligen Gesellschaft, der ich angehöre, zu wirken. Daher alle folgende Uebel, mit denen uns der Herr heimsuchte, zu dessen größerer Ehre allein wir handeln sollen, den ich aber vergaß, um eigener Schöpfung Behagen zu finden. So wie ich tätig für mich selbst wurde, trat ich aus des Ordens Schranken, und mußte dann, wie ein aus seiner Bahn geworfener Stern, meinem Schicksale folgen. Das ist mir erst seit einigen Jahren klar geworden, da mein Irrtum geschwunden war, der in Europa schon begonnen, der sich in der Neuen Welt ausgewachsen. Ach, jene neue Welt war auf dem Punkte, mich gänzlich von der Mutter loszureißen. Jenem gefährlichen Boden entkeimt auch Gefahr für eine schwache Seele! Man glaubt, dort mit hellen Augen zu sehen, wie Gott die herrlichsten Gaben der Natur an Christen und Heiden spendet, gleichsam ohne Unterschied; wie der blindeste Götzendiener ruhig stirbt, wie nur der frömmste Diener des Herrn. Man gerät leicht in Versuchung, zu glauben, diese Unchristen möchten selig werden, wie wir; man möchte zweifeln an dem, was die Satzungen der Kirche sagen. Aber, indem man zweifelt, reißt uns schon der Strudel der Verderbnis mit fort, und, hätte mich nicht das Pflichtgefühl erhalten, auch ich wäre untergegangen. Von dem Senator fürchte ich dieses und wünsche, du könntest mir das Gegenteil berichten. Denke dir, wie schmerzlich es für mich sein müßte, den Mann, um dessen Seligkeit ich fast die meinige geopfert hätte, wieder versinken zu sehen! Und dennoch kann ich nichts anderes hoffen! Ich, das Werkzeug, wollte sein selbständiger Retter sein, und nur zu wahrscheinlich ist's, daß eben darum mein wichtiges Werk in Staub zerfallen muß, Justine – das vielleicht berufene und erwählt gewesene Mädchen – scheint verloren. Ihr Starrsinn hätte sich vielleicht unter die Gesetze der mildesten Kirche gebeugt; aber, verbunden mit dem Amerikaner Birsher, der – ein klares, aber kaltes Gestirn – seine Bahn zieht, gibt sie keine Hoffnung mehr! Wer weiß indessen, was die Zukunft verbirgt? Der Herr hat Justine, den Senator und Herrn Birsher großen Prüfungen unterworfen. Sie haben in Wildnissen die Entbehrung und Genügsamkeit kennen gelernt; sie haben unter wütenden Heiden die Nichtigkeit des Lebens eingesehen; sie haben Fassung und Geduld geübt; sie konnten bemerken, welchen Segen in barbarischen Regionen unsere ehrwürdige Kirche durch ihre ehrwürdigste Gesellschaft verbreitet. Ihrer heiligen Schutzengel Schuld ist's nicht, wenn dieser gute Same nicht in der Folge gute Früchte trägt. Manchmal, lieber James, ist mir zu Mute, als müßte ich übers Meer hinstiegen, wo sie, die Leute, die ich immer noch liebe, wohnen; als müßte ich, von der feurigen Apostelzunge entflammt, zu ihnen reden, sie überzeugen ...! aber – Gott will es nicht, meinem früheren Uebermute zur gerechten Strafe. Ich beuge mich daher seinem Willen, und würde, wäre ich selbst ein kleiner Vogel, nicht durch die Stäbe meiner Fenster entfliehen! Ach, James, ich sehe jetzt erst, daß ich schrieb, was ich dir verheimlichen wollte, und was ich – vielleicht um in deinem Mitleiden zu schwelgen – nicht mehr ausstreichen mag. So wisse es denn: Sie haben mich gefangen gesetzt, und werden mich freilassen, wenn einmal der Provinzial es gut heißt. Sie haben mir bewiesen, daß ich die geheime Gemeinde und den Orden bloß gegeben; daß ich jenes Unternehmen zerstört, daß ich dich der Gesellschaft abwendig gemacht, daß ich pflichtwidrigen Gedanken und Worten Raum gegeben, daß ich dieselben verbreitet. Ich mußte endlich alles zugeben, und danke von Herzen meinen Vätern und Brüdern die milde christliche Strafe; sie konnten dem alten Sünder da« Kleid nehmen, und haben's nicht getan, sie konnten mich verstoßen, oder in einen feuchten Kerker, dunkel und schaurig, sperren, und sie haben mich behalten; ich sitze in einer warmen Zelle; leibliche Speise bringt mir der gute Litzach, der – Witwer und kinderlos geworden – unser Pförtner ist. Geistlichen Trost bereitet mir mein ehrwürdiger Beichtvater. Ich sehe freilich sonst keinen Menschen, aber dafür meinen innern; ich höre kaum etwas von der Welt, aber – ist's denn auch der Mühe wert? Während im Reiche Polen und Sachsen und Frankreich der Krieg brennt, wohne ich im stillsten Frieden, lese die Bücher geistlicher Autoren, die Lebensbeschreibungen der heiligen Märtyrer und unsrer Ordenslichter, und denke zuweilen über die Seele hinaus an dich und an Müssinger, dann an meine guten Eltern und die arme Klara über den Sternen, und endlich an die Zeit, da ich sie alle dort oben wiederfinden werde. Wenn ich meinen Beinen glaube, die – der gewohnten Bewegung ermangelnd – mir dann und wann den nötigsten Dienst versagen, so dürfte bald die Hülle fallen; noch schlägt jedoch das Herz gesund, und der Geist brennt hell genug, dein Bild vor meine trübem Augen zu bringen. Der Brief, den du mir durch den Kaufmann gesendet, hat, vermittelst des guten Litzachs, den Weg in meine Klausur gefunden; insgeheim; denn dazumal lebte der alte Superior noch, der mich zu meinem Heil unter der strengsten Aufsicht hielt. Dieser Brief war mein Labsal, meine tägliche Erquickung am Morgen und am Abend; du bist ja der einzige Mensch, der mich liebend mit der Außenwelt – ach, mit der fernsten – zusammenhält! Empfange daher auch liebend diese Zeilen, die mir, zu schreiben, der neue Superior – ein stiller Mann von vielem Kummer und Leiden – erlaubt und zu befördern versprochen hat. Vielleicht ist dieser Brief, an dem meine zitternde Hand schon eine Woche schreibt, mein letzter Pulsschlag an dich; verzeihe also dem alten Vater die weitschweifige Länge. Wenn ich jedoch noch tausend Worte hinzusetzen wollte, sie würden alle heißen: Sei glücklich! ich liebe dich! ich bete für dich! Xaver.« Dieses Schreiben eines nicht minder geliebten, einem grausamen Los verfallenen Mannes, der mit kindlicher Unbefangenheit und Hingebung sein Los duldete, es sogar, in blinder Pflicht versinkend, gerecht nannte, erschütterte im tiefsten Gefühle den Empfänger. Sich den Fesseln des Dienstes entreißend und den reinsten Sohnespflichten Gehör gebend, verließ James Brasilien, kam nach Lissabon, ging, mit Empfehlungen des Patriarchen versehen, nach Rom, erbettelte vom Jesuiten-General und vom Papste des Pflegevaters Freisprechung, brachte sie nach dem Profeßhause, wo der Unglückliche schmachtete. Er hatte schon ausgelitten. Er hatte sich, müde und getröstet im Glauben – in die Erde gelegt. James fand ein Vermächtnis vor, das ihm gehörte: das in den letzten Jahren viel durchlesene Brevier des Verstorbenen. Für den Senator hatte Xaver das wohlgetroffene Bild der verewigten Klara, das bisher an seinem Bette gehangen, bestimmt. Dieses Bild gelangte – eine Aussaat von vielen Tränen – in die rechten Hände. Den Namen des Baronets und Oberstleutnants James White fand man später auf der Liste der in der Schlacht bei Culloden für den Prätendenten gefallenen Offiziere. Ende.