Verschiedene Autoren Reisebilder von Goethe bis Chamisso - 1 Inhalt Briefe, im Jahre 1768 auf einer Reise durch England und Frankreich im Gefolge des Königs von Dänemark geschrieben   Helfrich Peter Sturz Briefe auf einer Reise nach dem Gotthard   Johann Wolfgang Goethe Wanderschaften und Schicksale   Johann Kaspar Steube Die Walachen Reisen eines Deutschen in England im Jahr 1782   Karl Philipp Moritz Schreiben aus Amerika nach Deutschland   Johann Gottfried Seume Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland   Johann Kaspar Riesbeck Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz im Jahre 1781   Friedrich Nicolai Briefe aus Paris, zur Zeit der Revolution geschrieben   Joachim Heinrich Campe Ansichten vom Niederrhein, von Barbant, Flandern, Holland, England und Frankreich im April, Mai und Junius 1790   Georg Forster Auszug aus einem Schreiben eines Reisenden an den Herausgeber dieses Journals   Johann Heinrich Merck Briefe, auf einer Reise aus Lothringen nach Niedersachsen geschrieben   Adolph Freiherr Knigge Kosmopolitische Wanderungen durch einen Teil Deutschlands   Georg Friedrich Rebmann Briefe über einige der merkwürdigsten Städte im nördlichen Deutschland   Garlieb Merkel Reise durch Schweden im Jahr 1804   Ernst Moritz Arndt Rom, Römer und Römerinnen   Wilhelm Müller Reise um die Welt   Adelbert von Chamisso Helfrich Peter Sturz Briefe, im Jahre 1768 auf einer Reise durch England und Frankreich im Gefolge des Königs von Dänemark geschrieben Paris, den 12. November 1768 Das Schauspiel der Moden belustigt in Frankreich mehr als irgendwo, weil es, wie die Bilder einer Zauberlaterne, abwechselt und nie so einförmig wird als unsre Nachahmung. Mancher deutsche Hof in seiner Gala sieht aus wie ein Assortiment Dresdner Puppen aus einer Form und von einer Glasur. Eine junge Französin ist ehrgeiziger; sie erfindet ihren Putz selbst oder ändert die Mode nach ihrer Gestalt und versteht mehrenteils ihren Vorteil. Auf einem Ball bei dem Prinzen Soubise sah ich alle junge Damen verschieden gekleidet; jede war auf eine eigentümliche Art aufgesetzt, garniert und verziert. Freilich wird ein neues Kopfzeug so ernsthaft untersucht wie ein neues Drama; und wenn manche Erfindung ihre Jahrszeit durchlebt, so fallen auch andere am Tag ihrer Geburt. Alles, was für den Nachttisch bestimmt ist, gehört hier ins Gebiet des Genies. Es gibt in Paris Artistes en fait de jupes à baleine und Artistes perruquiers. Die Akademie der Wissenschaften untersucht nicht immer Maschinen, um Pfröpfe aus Bouteillen zu ziehen Siehe Hogarth's »Mariage à la mode«. ; sie erhebt sich oft zu gemeinnützigern Gegenständen und ernennt Kommissäre, um einen neuen Lockenbau zu prüfen. Mir ist folgendes ehrenvolle Zeugnis bekannt: L'Académie ayant examiné les ouvrages du Sieur Garasse, Artiste coiffeur des dames, elle atteste la solidité de son tissu, reconnoit l'élégance de ses formes etc. applaudit à son zèle ingénieux. Leider hilft das Brevet dem Künstler nicht immer; man appelliert von der Akademie an eine Tänzerin. Ich ging gestern zu einer berühmten Modehändlerin, welche Puppen durch ganz Europa versendet. Hier sah ich mit Unmut ein Heer Automaten, furchtbarer für uns als ein gallisches Kriegsheer, weil es uns schon jahrhundertelang brandschatzt. Eine Puppe kam mir vorzüglich abgeschmackt vor. »Ist sie verkauft? « fragte ich. »Oui, Monsieur, elle est destinée pour le Nord, où l'on aime les couleurs singulières etc. le merveilleux.« – »Aber hat man sich in Paris je so gekleidet?« – »Eh, mon Dieu, non, Monsieur! Mais on a des magasins à vuider, il faux de la variété etc., il s'agit de satisfaire au goût de chaque nation.« Ich ward erbittert bei dem Gedanken, daß vielleicht bald die Puppe im Putzzimmer einer deutschen Prinzessin anlangt; daß sie dann den Hof und die Stadt umbildet und ganze Garderoben zum Trödel verurteilt; daß sie manchem Ehemann heimliche Seufzer, mancher modesiechen Frau ihren Schlaf kosten wird; daß sie Freundschaften trennt und Gallenfieber ausbrütet, diese mißgestaltete Brut der Phantasie eines elenden Weibes, das, von ihrem Boden herab, uns plündert und verspottet. Zum Teil sind wir durch die Anglomanie der heutigen Franzosen gerächt. Sie treffen überall auf wandelnde Riding-coats, in deren Falten ein gebrechliches, übel ebauchiertes, halb wieder aufgelöstes Wesen zappelt, oder auf englische Fuhrwerke, überthront von einem Kutscher aus der Titanen-Familie, der Streitrosse mit einer Donnerstimme lenkt; hintenauf haben sich noch ein paar Riesen gelagert; nebenher springt nicht selten ein furchtbarer Hund, und in einer Ecke des Kastens werden Sie das einballierte Restchen einer alten Familie gewahr - es jammert Sie des mit Ungeheuern umringten Pygmäen. Zu gleicher Zeit wimmelt's von Engländern hier, die durchaus Pariser Stutzern ähnlich sein wollen. Nichts ist hudibrastischer als ein nerviger Brite, wenn ihn sein Schneider französisch aufgezäumt hat und er sich bäumt und sträubt im ungewohnten Zeuge wie ein ungebrochnes Pferd im Schlittengeschirr. Sonderbar ist es, daß die Söhne der Freiheit sich knechtisch unter jede Mode bequemen und daß der untertänige Franzos immer eine Nationalverzierung anbringt. Er steckt in seinem Reitknechtshabit einen großen Blumenstrauß an die Brust, und hinter seinem Nacken schwillt der kleine englische Cadogan zur Größe eines Puddings. Wenn Miß ihren mit einer Rose geschmückten Chip-Hut auf die Mitte ihres braunlockigen Kopfs setzt, so hängt der Chapeau à l'anglaise schief auf der gepuderten Französin, und die Rose wird zur Girlande. Auch die gerühmten Kostümtrachten auf dem hiesigen Theater sind alle so durchfranzösiert, daß sie nicht mehr kenntlich sind. Ich schweige von meinen Landsleuten; ihre Mißgestalten belustigen mich nicht. Es geht mir nahe, manchen mit dem Clinquant aller Nationen ausstaffiert zu sehen wie einen von Europäern beschenkten Wilden; zu hören, wie man es belacht, daß ein ehrlicher Deutscher immer jede neue Torheit auf sich pfropft. Viele sind mit einer allgemeinen Musterkarte drapiert und tragen ihre Reisegeschichte auf sich herum; man kann ihnen, von ihrem Hut zu den Stiefeln, aus Italien, durch Frankreich, nach England folgen, und durch die bunte Lasur leuchtet oft eine herbe Grundfarbe von Studenteneleganz durch. Warum reisen wir nicht später, wann Kopf und Herz fester sind? Nun flattern wir in die Welt wie ein weißes Blatt, das jeder Tor mit seinem Wahnwitz befleckt, und oft mit unauslöschlicher Schrift. Ich preise unsre Landsmänninnen. Sie haben doch der Schminke widerstanden. Hier ist sie nicht mehr Koketterie, sondern notwendiger Teil des Anzugs. Neulich entlief mir eine Dame, im Begriff in den Wagen zu steigen, und rief mit aller Würde des tragischen Entsetzens: »Ah, grand Dieu! J'ai oublié mon rouge.« Nur verächtliche Dirnen ahmen in Frankreich durch das Rot die Farbe der Natur nach, une honnête femme met le rouge à tranchant. Sie trägt nämlich unter jedem Aug einen scharf abgeschnittenen karmosinfarbigen Fleck auf. Ich finde diese Flecken leidlicher auf einem lederfarbenen alten Gesicht als auf jugendlichen Wangen, weil sich auf jenem die Nuance sanfter vereinigt. Welchen Unsinn man nicht aus Gewohnheit erträgt! Wer zuerst seinen Kopf in einem Mehlsack herumkehrte und es wagte, in einer ehrbaren Versammlung zu erscheinen, würde zuverlässig dem Arzt empfohlen; und wir lachen über die Römerinnen und ihren Puder aus Goldstaub, über die schwarzen Zähne in Indien, über die gelben Finger in Ägypten? Ich sah ein Bild einer bekannten Schönheit aus der Zeit Ludwigs XIV., als Göttin der Liebe in einem Wagen von Tauben gezogen – mit einer Fontange. Das ging an im großen Jahrhundert des Geschmacks. Wie sehr muß alles Gefühl abarten, eh der wespenartige Leib unsrer Mädchen gefällt, eh wir uns mit den Reifröcken aussöhnen, die ein englischer Schriftsteller ein verkehrt angelegtes Festungswerk nennt! Als die Frau eines dänischen Konsuls die Gemahlin des Kaisers von Marokko besuchte, fühlte diese neugierig auf dem Reifrock herum und fragte voller Erstaunen: »Bist du das alles selbst?« Unsere Mütter hatten ihre Außenwerke, nicht viel scharfsinniger, hinten angebracht. Es sind noch Strafgesetze gegen den widernatürlichen Prachtgeschwulst übrig. In Franz des Ersten Zeiten ließ sich jeder ehrbare Mann barbieren, und nur die Stutzer trugen Bärte. Ich finde in einer Stelle des Ben Jonson, daß eine Tabakspfeife damals unter die Nippes eines zierlichen Herrn gehörte und daß man sie am weiblichen Nachttisch mit eben dem wichtigen Anstand wie jetzt eine Riechflasche herauszog. Als Madame de Motteville den Hof der Infantin und künftigen Gemahlin Ludwigs XIV. sah, war es Mode bei den spanischen Damen, die Brust zu bedecken und den Rücken zu entblößen. Es verdient, bekannter zu werden, daß vor einigen Jahren eine Französin, auf dem Spaziergang des Palasts von Orléans, mit lilafarbener Schminke erschien, und es ist unbegreiflich, daß der Versuch ohne Nachahmung blieb. Die Geschichte des Menschen ist oft dem Tageregister eines Bedlams ähnlich; sie erzählt die Visionen der Kranken. Was uns heut als Triumph des guten Geschmacks vorkömmt, sinkt vielleicht morgen zum Unsinn herab. Wir gähnen bei dem Witz unsrer Väter; merkt's euch, ihr Lustigmacher des Haufens, die ihr von Ewigkeit träumt! Paris, den l6.November 1768 Madame Geofirin, die ihr großes Vermögen gastfrei und edel genießt, gibt wechselsweise an Gelehrte und Künstler, zweimal die Woche, eine Tafel von mehr als zwanzig Gedecken und bittet jedesmal Fremde dazu; diese müssen ihr aber durch alte Freunde empfohlen sein. Hier wird man mit merkwürdigen Männern bekannt; Alembert, Helvétius, Marmontel, Mariette, Cochin, Soufflot, Vernet sind ihre gewöhnlichen Gäste. Es ist Sitte, daß jeder für seine Zeche eine Neuigkeit mitbringt; da trägt man Verse und Prose, Manuskripte und Bücher, Gemälde, Vasen und Büsten zusammen. Wir haben gestern Hamiltons hetruskische Gefäße, La Chappcs französiertes Siberien Dieser tiefsinnige Mann reiste auf einem Schlitten in wenig Monaten durch Siberien und lernte nicht allein Sitten, Gebräuche, Verfassung und Gesetze kennen, sondern beschrieb auch die Erdschichten einige Klaftern tief, in einer Strecke von viel tausend Wersten, und ließ, nach seiner Erzählung , in Frankreich russische Figuren stechen. , ein Blumenstock von Bachclier und einen Frauenskopf von Pigalle gerichtet. So eine Ausstellung wird Reiz und Nahrung des Geistes, man entfaltet und berichtigt die Begriffe des Schönen, der Kenner wird durch das Urteil einer solchen Versammlung geübt, so wie ihr Beifall den Künstler belohnt; ein Fremder erntet hier Unterricht, ohne Verschwendung und Ciceronen, im Genuß der gesellschaftlichen Fröhlichkeit. Von der Wirtin macht man sich in ändern Ländern ein seltsames Bild. Eine silbergraue Dame, die, ohne Geburt und ohne Bücher zu schreiben, Genies und Fürsten an sich zieht, muß, denkt man, entweder der erste Geist in der Nation oder vielleicht ihr Koch der größte Künstler sein. Allgemein glaubt man doch eine hochtrabende Preziöse zu finden, die für ihre Gerichte Weihrauch begehrt und in einem Kreise von Schmarotzern, durch flache Witzeleien, den Ton gibt. So schildert sie wirklich eine Legion erzürnter Skribenten, die niemals eingeladen werden; denn es gibt eine Gattung witziger Köpfe, welche andern lieber Unsterblichkeit als ein gutes Mittagessen gönnen. Ich erwartete wirklich etwas dergleichen und ward nicht wenig betroffen, als mich eine gutmütig-grämliche Matrone empfing, die sich weder ziert noch zurechtsetzt, ihr Gespräch mit keiner Redensart anhebt und gleich durch ihre runde Höflichkeit einnimmt. So bleibt sie im Umgang mit Bekannten und Fremden, und man wird nicht den entferntesten Anspruch auf Gelahrtheit gewahr. Bloß aus Neigung zum Schönen und Guten hat sie, von Jugend an, die Gesellschaft verdienstvoller Männer gesucht; ihr aufgeklärter Verstand wird von ihren Freunden nicht höher als ihre Tugend geschätzt; sie hat zwar viel geforscht und gelesen, aber nicht in der Absicht, um Systeme zu bauen und Blumen für den Vortrag zu sammeln; sondern Kraft und Geist, Philosophie des Lebens hat sie aus ihren Büchern geschöpft. Noch schweigt sie lieber, als sie mitspricht, und spottet oft selbst über ihre Unwissenheit, wenn sie Namen und Zeiten verwechselt und Kunstwörter unrichtig anbringt, ihre Sprache hat sich allerdings im Kreise scharfsinniger Menschen verfeinert; dennoch ist ihr Ausdruck weder erborgt noch gesucht; sie urteilt immer mit heller Vernunft, nimmt teil, begreift und übersieht verwickelte vielseitige Fragen; oft hört sie einer tiefen Untersuchung mit scheinbarer Gleichgültigkeit zu, sagt dann ihre Meinung mit wenig Worten, und man findet die Sache erschöpft. Sie scherzt mit einer ernsthaften Miene, hadert zuweilen mit einer launigen Wendung und versteht es, Verweise so anzubringen, daß man sie dafür noch lieber gewinnt. Neulich sagte sie dem Prinzen E., einem dreizehnjährigen muntern Knaben und Sohn der noch immer schönen Madame de Saches, weil er mutwillig war: » Que lorsqu'on est Prince, il faut être aimable, ou vous auriez tort d'être né dans ce rang. « - » Mais comment faire, Madame. « – » Soyez aussi poli et aussi sage, que votre Mère est belle, et nous vous aimerons. « Folgendes Urteil von dem schlüpfrigen Crébillon wird Ihnen gewiß nicht mißfallen. Es war die Rede von seinem neuen ehrbaren Roman, den Briefen de la Duchesse de R., die niemand liest, weil sie langweilig sind, obgleich alles züchtig und tugendhaft zugeht. » Ce polisson «, sagte sie, » vivoit autrefois dans une société de femmes libres, où il brilloit par la catinerie de ses propos: ses ordures lui ont fait une réputation; mais on est bien à plaindre, lorsqu'on n'a que cette vilaine sorte d'esprit. Vous voyez, que dans un âge plus mûr, il a voulu écrire comme un honnête homme, et il a fait un plat ouvrage. Un chaste roman de Crébillon est comme une épigramme sans pointe. « Ich sage nichts von ihrem moralischen Werte. Sie wird von allen ihren Bekannten und Hausgenossen geliebt, von den Armen angebetet; ihre Kasse ist allen Unglücklichen offen; sie unterstützt das bescheidene Verdienst und weiß ihm Schamröte und Dank zu ersparen. Ihre Wohnung allein verdient den Besuch eines lernbegierigen Fremden; sie enthält Meisterstücke französischer Künstler. Ihre Treppe wird von zwei marmornen Karyatiden von dem berühmten Saly getragen. In ihren Zimmern hängen die Gemälde der Korintherin und Athenerin und die opfernden griechischen Mädchen von Vien, welche Flipart in Kupfer gebracht hat. Sie besitzt herrliche Landschaften von Vernet, unter andern die Schäferin der Alpen, nach einer Erzählung von Marmontel, verschiedene Stücke von Vanloo und Greuze und alle Originalzeichnungen von Cochins Profilen berühmter jetzt lebender Männer. Unter den Fremden, welche man gewöhnlich hier antrifft, ist ein edler deutscher Prinz, der mich auf unsere Fürsten stolz machen würde, wären mir viele von dem Gehalte bekannt. Seine bescheidene Tugend wird, ohne mein Lob, hervordringen und glänzen, zur Ehre des Vaterlands. Alle vornehme Polen besuchen die Freundin ihres Königes. Wir sehen hier täglich den Prinzen Adam Czartoryski, der von den besten Menschen in Europa geschätzt wird. Einen beständigen Gast der Madame Geoffrin und meinen Liebling sondere ich mit Parteilichkeit aus; dies ist der Abt Galiani, ein Neapolitaner und Gesandtschaftssckretär seines Hofes. Ich kenne niemanden, dem man lieber begegnet, den man gieriger hört, der so unumschränkt herrscht in der besten Gesellschaft, ohne Mißvergnügte zu machen. Er hat wenig Damals nur ein statistisches Werk della moneta. Nun sind seine »Dialogues sur le commerce des grains« bekannt; und ich kenne noch ein kleines theatralisches Stück, »Der neue Sokrates«, das ohne seinen Namen herauskam. geschrieben; aber alles sollte man drucken, was seinen Lippen entfällt: denn es ist treffender Witz, Schlag auf Schlag, Spott, der nicht beleidigt, und Gelehrsamkeit und Menschenkenntnis, so leicht und spielend ausgegossen, als wär es alltäglicher Hausverstand. Was er sagt, ist so einzig und eigen gestempelt, daß man über die allerbekanntesten Dinge etwas nie Gehörtes erfährt; in seinem wunderbaren Gedächtnis erhält sich alles ohne Wandel und Abgang; er hat alles gelesen und durchforscht, von den Kirchenvätern an bis zu den Feenmärchen, und liest jetzt nichts mehr, wie er drollig versichert, als den Almanach; denn es ist, nach seiner Meinung, das einzige Buch, welches unwiderlegbare Wahrheit enthält. Von den Franzosen will ich ein andermal reden. Wer die Nation will schätzen und lieben lernen, muß dieses Haus nicht vorbeigehn. Die Hauptstadt vollendet den Mann von Geschmack, und hier ist die Auswahl der seltensten Geister, die Paris in seinem Umfang einschließt. Es ist nun schon allgemeiner Glaube, daß die Freundschaft der Madame Geoffiin den Ruf vorzüglicher Gaben bestätigt. Paris, den 20. November 1768 Wer Lust hat, einen Weisen zu sehen unter diesem sybaritischen Volke, der nahe sich ehrerbietig, wie man sich den Gängen der Akademie zu Platons Zeiten nahte, um fünf Uhr nachmittags den Zimmern der Mademoiselle de l'Espinasse, wo, in einem auserlesenen Zirkel, Alembert erscheint. Dies ist der Mann, der aus sich selber Fülle der Zufriedenheit schöpft, der, wie Cicero sagt, omnia sua in se posita esse, humanosque casus virtute inferiores putat. Er hat über den Wert der menschlichen Dinge seine Prüfung vollendet, die Grenzen unserer Erkenntnis umwandelt und bestimmt mit mathematischem Scharfsinn, wo Wahrheit und Träume sich scheiden. Wenn er, mit Bacons hellem Blick, alle Wissenschaften durchschaut, überall entdeckt, berichtigt, aufklärt, so übertrifft er den Briten durch seinen Geschmack, durch sein feines Gefühl des Schönen und durch die Unschuld seines Lebens. Er ist eher kalt als einladend; aber darum ist Gefühl eigener Würde nicht Stolz bei dem Mann, der sich auf der einmal erstiegenen Höhe fest hält. Strenge Wahl der Gesellschaft ist kein Eigensinn, wenn man das kurze Leben nicht vertändeln will unter leeren Köpfen, die ein Kompliment, wie ein Sonnenstrahl Mücken, herbeizieht. In dem Kreise seiner Freunde, unter Menschen, die er schätzt, ist er gütig, sanft, bescheiden; dann teilt er sich mit, hört sittsam zu, ergießt sich vertraulich und nimmt alle Herzen ein. Um die Gunst der Mächtigen buhlt er nicht, ob er sie gleich nicht zynisch verachtet; aber er glaubt, daß ein wahrer Gelehrter klüger ihren Umgang meidet, weil sich Freiheit nicht mit der notwendigen Ehrfurcht für ihre Launen vereinigen läßt. Einer lebt indes, der in allen Kampfspielen der Tugend pulverem colligit olympicum und Helden-, Bürger-, Dichter- und Weisheitskronen ersiegt hat. Friedrich schätzt ihn und schreibt ihm schönere Briefe, als Trajan dem Plinius schrieb, ohne dafür zu verlangen, daß er ihm eine Lobrede vorlese. Wenn Alembert von ihm, von seinem Aufenthalt in Sanssouci redet, so glänzt sein Aug, und sein Ausdruck erwärmt sich. »Man kennt«, sagt er, »diesen König allein durch seine Taten; die Geschichte wird sie nicht verschweigen; aber was er für die wenigen ist, die mit ihm leben, verkündigt sie nicht, wie er dann durch treffenden Witz entzückt, durch reine Vernunft unterrichtet, allen Gram und alle Wonne der Freundschaft teilt, zärtlich liebt und wiedergeliebt wird. So ein König«, spricht er, »steht für die Menschen und für die Menschenherrscher wie die Regel des Polyklet für alle Künstler da.« Katharinens Ruf und sein Entschluß, ihn abzulehnen, verherrlicht sie beide. Es war ihrer Tugend gemäß, für ihren Sohn einen Erzieher zu wünschen, den das Urteil von Europa, wie einst das Orakel den Sokrates, für den Weisesten erklärte; er aber überzeugt bescheiden, daß er nicht darein willigen durfte. »Warum sollt ich«, fragt er freundlich, »die Vertrauten meines Herzens, den Himmel meiner Jugend verlassen, um mich in ein entferntes Land zu verpflanzen, das mir ewig Fremde bleiben mußte? In meinem Alter hat der Geist schon unvergängliche Falten, der Geschmack wird unbiegsam. Ich würde nicht in Rußland gefallen; mir würde dort alles zuwider sein. Jetzt bin ich glücklich; soll ich's drauf wagen, ob ich's auch im Zwange der Höfe, unter tausend Gefahren, sein kann? Überfluß ist äußerst beschwerlich, wenn man nur gebrauchen und nicht verwalten mag. Pracht und Titel reizten mich nicht, oder ich hätte das Vertrauen der Kaiserin noch weniger verdient. Es ist wahr, die Philosophie ist alsdann nur schätzbar, wenn sie tätig wird; eigener Vorteil darf hier nichts entscheiden, und man sollte keine Neigungen hören, wenn's darauf ankommt, ausgebreitet nützlich zu sein; aber ich habe meine Kräfte geprüft: Alles, was ich in meinen Büchern lernte, ist ein wenig Wissenschaft und Genügsamkeit, nicht die schwere Kunst, Monarchen zu bilden.« Unter den Neuern erinnert sich niemand so lebhaft als er an die Weisesten unter den Römern. So stelle ich mir des Cicero Freund, den Q. Lucilius Baibus, vor Qui tantos progressus habebat in Stoicis, ut cum excellentibus in co genere Graecis compararetur. Cic. de Nat. Deor. L.I. . Er mag reden oder schreiben, immer ist es feste strenge Vernunft, Schlußfolge tiefer Untersuchung; nie wird man gewahr, daß er einkleiden will; er fällt nicht in den lehrenden Ton; er schimmert nicht, aber er leuchtet helle; sein Ausdruck ist männlich und stark; es ist immer der Stil, der sich genau zum Gegenstande schickt; er greift nicht nach den bunten Blumen, die man heutiges Tages über Gemeinsätze streut. Lesen Sie nur seine Vorrede zur Enzyklopädie, wie er da, mit Adlerflug, alles Wissen überschwebt und vereinigt, zu der edlen Absicht, das Glück des Menschen zu erhöhn. Als unser König die Akademie besuchte, las Alembert, wie es die Gewohnheit fordert, einen an ihn gerichteten Aufsatz vor, nicht im frostigen Lobrednerstil, sondern unter der Wendung, seine Wißbegierde zu preisen, war es Xenophon, der die Regenten unterrichtet. »Wahrheit«, sagt er, »ist allein unsers Fleißes, unserer Anstrengung wert; wenn ich eine neue Wahrheit in der Meßkunst finde, so vertausche ich sie mit keiner Freude, nicht mit der sinnlichen Wollust, nicht mit dem reineren Vergnügen, das ein Gedicht oder ein vollkommenes Schauspiel gewährt; denn meine Lust ist keine Täuschung; die Seele legt zu der Summe ihres Reichtums etwas Wirkliches hinzu. Wer mir«, fuhr er fort, »eine neue Pflanze zeigt, ist mir lieber als alle Dialektiker, die über Wahrscheinlichkeiten vernünfteln; denn was ist ihre Philosophie? eine Meinung über Meinungen.« Unter Männern dieser Gattung, und ihre Anzahl ist nicht klein, lernt man die Franzosen anders schildern, als es unsere schreiblustige Jugend gewohnt ist. Gesunde nervige Philosophie, aufgeklärte Menschenliebe erheben jetzt dreist ihre Stimmen. Die Nation tut Riesenschritte und bebt, im Patrioteneifer, nicht vor der Geißel des Despotismus zurück. Freilich fällt es auf, daß die Regierung Wahrheit verträgt und ihr nicht folgt, daß sie noch immer kleine Vorurteile heiligt und erkannte Rechte der Menschheit verletzt. Nach Voltairens, Alemberts, Diderots und Helvétius' Schriften ist es sonderbar, daß man in diesem Lande die Calas rädert, die Chalotais peinigt, jedem Verbrecher vor seinem Tode noch die Folter als eine Zeremonie beibringt. Man begreift nicht, wie man nützliche Bürger zwar staatsklug duldet, aber ihre Nachkommen gesetzlich für Hurenkinder erklärt, daß man immer noch Lettres de cachet ohne Namen, Billette für die Bastille, wie Theaterbillette, an die Minister austeilt und das Volk der Raubsucht der Finanz-Hermandad ohne Schutz überliefert. Aber die Aufklärung steigt nur allmählich empor; lange harrt sie in der niedern Gegend. Manche Staaten gleichen den Alpengebirgen; wohltätige Fruchtbarkeit weilt in der Mitte, und die Gipfel bleiben kahl. Paris, den 4. Dezember 1768 In dem Hause des Herrn Necker, Residenten der Republik Genf, versammelt sich sonntags eine gemischte zahlreiche Gesellschaft, welche eben darum nicht merkwürdig ist. Menschen, die sich wenig kennen, haben sich auch wenig zu erzählen; alle schwatzen, niemand unterhält sich. Man ist nirgends einsamer als im Gedränge. Aber jeden Freitag finden Sie daselbst di Francia il fiore, einen engern Zirkel, der Ihre Aufmerksamkeit verdient. Hier erscheint, im Verstande des Worts, der Schatten Colardeau, mit erloschenem Blick, ganz erschöpft durch Seelenwollust, Barthe, ein Feuerwerk im Witz, le gentil Bernard, der leise Sänger der Liebe, Dorat mit Girlanden en falbalas, der so gerne buhlte mit der Natur und dafür ein Opernmädchen erwischt hat, Suard, der in Perioden zimbelt; Thomas, jetzt abwesend, gehört mit dazu, ein Philosoph im Purpurmantel, dessen Rede Posaunenton ist. Dieses Kränzchen ist in Paris, was in einem mannigfaltigen Garten ein holländisches Blumenstück ist; es sind kleine, geschnörkelte Felder, eine Minute für das Auge blendend durch den Widerschein von Scherben und Glas. Hier wird nichtiger Stoff scharfsinnig durch üppige Kunst aufgestutzt; man arbeitet Blumen aus Federn und Stroh, baut Triumphbögen aus Zucker, schneidet Alpengegenden aus Postpapier und ergetzt sich an den Farben - einer Seifenblase. Ihre Meisterstücke sind elektrische Bildchen, mit Feuerfunken gezeichnet. Aber alle dergleichen Kampfspiele des Witzes, wo man sich in Prosa und Versen flache, klingende, honigsüße Dinge sagt, sind, wie sich Pope irgendwo ausdrückt, ein Gastgebot aus lauter Brühen, ewiges Kitzeln ohne Genuß, Wohlgerüche, welche die Nerven ermüden; nichts artet zu Nahrung und Kraft. Die Dame des Palasts hat die Kolonie aus Liliput in ihren Schutz genommen; aber sie ragt unter ihnen merklich hervor. Es ist eine verständige, würdige Frau, die bescheiden urteilt, richtig fühlt und in einer kalten Untersuchung mehr gefällt als im Epigrammengefechte. Mir kommt's vor, als ob sie, bloß zur Erholung, einmal in der Woche so ein Schattenspiel liebte. Nichts kontrastiert mehr in dem Kreise als der weise, tiefsinnige Necker, der wie eine hohe Eiche unter Maienblümchen dasteht. Dieser seltene Mann kam ohne Mittel nach Paris; durch Glück und Fleiß im Handel, vorzüglich aber durch seine Einsicht in die Symptomen des öffentlichen Kredits, durch seine Würdigung der Staatspapiere in verschiedenen Zeiten und Umständen hat er ein großes Vermögen erworben; endlich erhob ihn sein Ansehen zur ehrenvollen Stelle eines Ministers seines Vaterlandes. Wenige kennen wie er die Verfassung dieses Staats, wenige reden so unterrichtend über den Gang seiner Tätigkeit, über den Umlauf und die Erneuerung innerer Kräfte. Man hängt an seinem Munde, wenn er, lichthell, die Systeme verschiedener Minister entfaltet, sie aus ihren Epochen heraushebt, alsdann nach dem Bedürfnis ihrer Zeiten schätzt und ihre Fehler und Vorzüge abwiegt. Alles ruft jetzt schwärmerisch nach Handelsfreiheit; Necker, unbetäubt, zieht die Linie der Wahrheit zwischen Unordnung und Finanztyrannei, zeigt, wie man plündert und wie man erntet, und das alles kalt und ruhig, ohne zu widerlegen oder zu streiten, immer karg an Worten und reich an Geist. Sie verlangen mein allgemeines Urteil über die Franzosen. Ich kann nur Außenlinien zeichnen, nach der Gesellschaft, die ich besuchte; wer eine Nation darstellen wollte, in ihrem Wesen und Sein, müßte, mit mehr Menschenkenntnis, auch länger forschen als ich, aber auch nicht zu lange, weil sich endlich das Auge verwöhnt. Er müßte wenig Reflexionen liefern, sondern Rede, Handlung, Leidenschaft unter Verliebten, Kindern, Vätern, Gatten, unter Fürsten und Knechten, Gruppen aus der wallenden Natur, so würde anschaulich, wie sie miteinander das Leben genießen oder ertragen, wie sie leiden, wie sie sich freuen. Wir haben freilich ihr Theater und ihre Romane. Collés Lustspiele, der Frau Riccoboni Schriften sind Gemälde der heutigen Franzosen und treu wie Fieldings Bilder, aber nur für ihren Gebrauch. Dem Eingebornen fallen andere Züge und andere dem Ausländer auf; jener übersieht alltägliche Seltsamkeiten, welche diesem äußerst merkwürdig sind. Fehler werden aus Vaterlandsliebe verschleiert. Finden Sie, zum Beispiel, in ihren Schriften ihrer Gleichgültigkeit gegen alles Fremde gedacht, ihrer Unwissenheit ausländischer Sachen? Dennoch ist dies ein charakteristischer Zug, der, wenig seltene Männer ausgenommen, die ganze Nation unterscheidet. Ich war arg in meiner Erwartung getäuscht, als ich, auf das Wort unserer Kunstrichter, glaubte, daß wir in Paris wenigstens ebenso berühmt als in Leipzig sein. Sie kennen unsere Naturkundigen, unsere Meßkünstler, unsere Mineralogen, wohlverstanden, wenn sie lateinisch schreiben, sie verehren Leibniz und Hallern, sie versichern, daß Monsieur Gaucher (Gottsched) ein großer Mann gewesen sei; aber von unserer Literatur, von unserm Theater, von unsern Dichtern und Prosaisten wissen sie wenig oder nichts. Unser trefflicher Rabener macht, in seinem gallischen Kleide, eine abgeschmackte Figur. Satirischer Witz ist nicht zu verpflanzen; er ist geheftet an die Zeit, oft an die Provinz, wo er zu Hause gehört. Was in Sachsen tobendes Lachen erregt, wird Unsinn in der Übersetzung Z.B. in den Hofmeister-Briefen: Nota bene raucht Bremer . Il fume du Tabac de Brême, was soll da ein Franzos bei denken? . Geßners Idyllen haben, wie die Stimme der Natur, unverdorbene Mädchen und Jünglinge erweckt, die sie mit Tränen der Empfindung lesen; für die Meister vom Stuhl malt er zu fleißig. »Son travail«, sagen sie, »est trop leché; ce sont des détails trop minutieux; il n'a pas le coup d'œil de l'ensemble, et il ne saisit point ces traits frappants, qui transportent l'âme et intéressent le génie.« Und das klingt gut im Munde der Franzosen, wenn man ihre Verslein gelesen hat. Lessing ist als Fabeldichter bekannt, aber man führt von ihm nichts anders als seine »Furien« an. Wieland würde unstreitig gefallen; unter seinen dünndrapierten Mädchen war es möglich, die Malerei à la Gouache so leicht und luftig überzutragen, aber das will nicht gelingen; es kommt wie die bunten Kupferdrucke nach kolorierten Zeichnungen heraus; alles ist überladen und wird Sudelei. Dorat hat es mit der Selima versucht: Son teint est animé du plus frais coloris Et présente au Zéphyre, heureux de s'y méprendre, La pourpre de la rose et la blancheur du lis. So stellt sie sich dem Zephir dar, und der Glückliche weiß in der Verlegenheit nicht, ob er eine Rose oder eine Lilie gewahr wird; für den Deutschen ist sie ein geschminktes Ding, das wenig Neigung einflößt. Klopstocks Ruf verbreitet sich zwar, nur sein Name macht ihnen bange; keine französische Kehle würgt ihn heraus. Einige haben seinen »Adam« gelesen, wenige gefühlt und erreicht. »Sa manière«, sagen sie, »est noire et sombre. Il peut être sublime, mais il est trop abstrait. II s'est formé sur les Anglais.« Ich kenne den einzigen Diderot nur, der sich Gesänge aus dem »Messias« mühsam dolmetschen läßt und, durch das trübe Medium, die stille Erhabenheit des Dichters entdeckt. Überhaupt ist ihre Meinung von uns, wir wüßten alles, was andere wissen, aber wenig aus uns selbst, unser Geschmack sei ganz unbildbar, unsere Sprache zu rauh für die Dichtkunst. Um es zu beweisen, haben sie irgendein hartes Wort in Bereitschaft und gebärden sich dabei als im Kinnbackenzwang. Viele glauben ernsthaft, der König von Preußen schreibe darum allein in ihrer Sprache, weil es nicht möglich sei, sich im Deutschen en homme d'esprit auszudrücken. Seitdem Huber übersetzte und in einer edlen reinen Sprache Nationalgepräg zu erhalten wußte, kennt und beurteilt man die Deutschen besser; dennoch wird man noch nicht viel mehr von uns als von den Chinesen wissen. Es ist doch mißlich um den Ruhm, der von einem Pol zum ändern fliegt. Wieviel Unsterbliche gibt es nicht, die ihren Nacken an den Sternen reiben! Fünfzig Meilen von ihrer Heimat nennt man sie nicht; zehn Jahre später sind sie vergessen. Ein Engländer hat berechnet, daß monatlich in Großbritannien wenigstens dreißig große Männer sterben, die außer ihrem Kirchspiel der ganzen Erde unbekannt sind. Auch die Anglomanie wandelt leisem Schritts, als es manche Spötter versichern; man wird viereckige Kutschen, Cadogans und Reitknechtsüberröcke gewahr; man kennt die Schriftsteller aus der Zeit der Königin Anna; man erzählt, das britische Theater sei ein ekelhaftes Blutbad und ihre Verfassung ein anarchisches Volksregiment; alles andere schränkt sich auf ein paar Berichtigungen von Voltairens Formel ein. Le Nord – ist das Fleckchen Land von Hamburg bis Nova Zembla. Ein wohlerzogener Franzos, der sich eben nicht auf die Erdbeschreibung legt, stellt sich das ungefähr ein paarmal so groß als die Picardie vor. Viele haben mich hier so neugierig nach den Grönländern gefragt, als ob sie Haus an Haus bei uns wohnten Darum hat Herr Tremarec de Kerguelen dem Journal seiner Reise auf die isländische Küste eine Nachricht von den Samojeden angehängt (aus Müllers Sammlung russischer Geschichte), parce que c'est un peuple du Nord und müssen wohl dortherum wohnen. Der Nämliche fand, zu Bergen in Norwegen, ein Bild, das einen Bauer vorstellt, der einen Bären mit den Händen erwürgt (eine Fabel, die man den Kindern erzählt); er ließ es sauber in Kupfer bringen und schaltete es mit der Erläuterung ein: »Maniere de pendre les ours en Norvège.« . Ein Naturkundiger wollte allerlei von Pontoppidans Wasserschlange wissen und von dem Kraken, der einige Meilen groß ist. Gewöhnlich reisen die Franzosen nirgends hin als nach Italien; dort besehen sie Kirchen und Bilder, denn alle schwatzen über Schönheit und Kunst; wenige besuchen England in der neuern Zeit; überall kommt man ihnen untertänig mit ihrer Sprache entgegen; sie erfahren alles durch die zweite Hand, jeder Gegenstand ändert Gestalt und Farbe. Außerdem sind sie der bescheidenen Meinung, daß sie, mit ändern Völkern verglichen, ungefähr sind, was zu Perikles' Zeit die Griechen waren. Sie finden bei sich Überfluß; es verlohnt ihrer Mühe nicht, fremde Weisheit zu sammeln; daher schätzen sie am Ausländer weniger eigentümlichen Wert als jede Eigenschaft, die sie mit ihm teilen. Es ist ein elendes Verdienst, ihre Sprache gut und geläufig zu reden, und nichts erwirbt hier schleuniger Freunde als ce talent, wie sie es nennen. Also geht es langsam und beschwerlich mit dem Kreislauf der Wissenschaften zu; unter den Völkern tauscht sich Üppigkeit und Torheit viel leichter als Weisheit um; alle Eingänge sind durch hohe spanische Reiter versperrt. Religion, Erziehung, Vorurteile lagern sich überall in den Weg; aber es ist eine Frage, mein Freund, ob ein Volk, das sich einschränkt in vaterländische Grenzen, nicht geschwinder seine Bildung vollendet, ob es nicht an eigenem Gehalt, an Intensität gewinnt, was es an Ausbreitung verliert? Die gute Gesellschaft in Frankreich ist weichlich, sanft und gefällig. Wenn ein Mund sich öffnet in der größten Versammlung, so schweigen die ändern und horchen mit einem schmachtenden Blick. Selbst der Ton der Stimme ist leise, wie der eines wieder genesenen Kranken; man widerspricht nicht, man bittet um Belehrung; man entscheidet nicht, man vermutet nur; freilich wird nichts untersucht, nichts abgehandelt, man übergleitet die Oberfläche allein und faßt jedes Ding behutsam an bei seinen äußersten Enden. Bei dem allen ist der Umgang nichts weniger als tolerant. Eine ängstliche Furcht vor dem Lächerlichen herrscht despotisch über den Geist. Niemand wagt es, ein eigenes Wesen zu sein, jeder sieht sich nach einem Vorbild um, das im Besitz ist, den Ton zu geben. Also stimmt sich Wendung, Witz und Sprache durchaus zum ermüdenden Einklang. Wahrheit gefällt nur im Putze des Tags; man erträgt ein zierliches Geschwätz ohne Meinung, aber keine Weisheit ohne Schmuck; täglich wandeln Wörter aus dem Palaste zum Pöbel, täglich werden für die Genies andere gemünzt. Selbst die Gegenstände der Unterhaltung sind dem Eigensinn der Mode unterworfen; nun ist Staatsökonomie die Fabel im Drama und für die Episoden Wohltätigkeit. Es klingt lustig, eine junge Dame über den einzigen Impot und die Kornsperre mit vieler Salbung lispeln zu hören; mitunter drängt sich eine Geschichte aus den Affichen hervor, wie ein Sohn seinen Vater nicht verhungern lassen wollte oder wie ein Dorfpriester fünfzig Livres unter seine Gemeinde verteilt hat. Aber freilich sind wir gegenwärtig der Inhalt aller Gespräche. Ich höre täglich mit neuem Erstaunen, wie es in Dänemark hergeht und was sich im Hôtel de York Wo der König von Dänemark logierte. zuträgt, alles lauter gutgemeinte, wohlerzählte Begebenheiten, nur ist nicht eine Silbe wahr. Ein Wort gibt vielleicht unmerklichen Anlaß, und das wuchert gleich in einem französischen Kopfe, die Anekdote geht von Mund zu Mund, spitzt sich zu und rundet sich ab, endlich wird es mit Reimen verziert, damit es auf die Nachwelt komme - durch den Merkur. Gelehrte und Künstler von unstreitigem Wert werden ohne den Firnis der Welt nicht geschätzt; ihr Ruhm mag durch Europa erschallen, in Paris fragt man eher einen Haarbeutelschneider als ihre Wohnung aus. » Cet homme «, sagen sie, » a bien du mérite, mais c'est du baume dans un vilain vase. S'il est savant, tant mieux pour lui, mais non pas tant mieux pour les autres. « Seine Achtung nimmt im Verhältnisse zu, als er viel oder wenig zum Vergnügen der Unterhaltung beiträgt. Wenn sie also von einem berühmten Ausländer hören, so entsteht unmittelbar in ihrem Gehirn der Begriff, daß es der beste Gesellschafter von der Welt sein müsse. Bei der Gelegenheit kann ich Ihnen eine drollige Geschichte erzählen. Als Hume in Paris erwartet wurde, ging ihm sein Name voraus; alle guten Köpfe harrten ungeduldig, » parce que «, heißt es, » c'est un homme d'un esprit infini «. Kaum war er auf dem festen Lande, so kabalierte man schon in den ersten Koterien, um ihn früher, gewisser an sich zu ziehn. Es gelang einer eleganten Prinzessin, daß sie ihn haschte, den Wundermann, da sie es war, die ihn in den Zirkel der Welt einführen sollte. Man veranstaltete ein Abendessen, Karten flogen nach allen bekannten Cailletten, pour les inviter à un souper délicieux, où se trouverait Monsieur Ume. Nun erschien der trockne, launige Mann, der den Mund nicht auftut, wenn ihn nichts interessiert, und freute sich wohl in seinem Herzen über diese Cerealien, wo alle Weiber über ihn herfielen, um auszumachen, ob er ein Weib sei. Nichts blieb unversucht, um ihn zu elektrisieren; man sprach de ses charmants ouvrages, die niemand von ihnen lesen konnte, du génie profond de Messieurs les Anglais; umsonst, der Undankbare blieb einsilbig und kalt und gab nicht einen Funken von sich. Endlich zuckten sie betroffen die Schultern, blickten sich einander mitleidig an; den andern Tag flisterte man sich ins Ohr, que Monsieur Ume n'était qu'une bête. Ein Erzspaßvogel setzte hinzu: »Cet homme a fourré tout son esprit dans son livre.« Dennoch ist diese Forderung nicht ohne Vorteil in ihren Folgen. Weil man von den Gelehrten Lebensart begehrt, so bilden sie emsiger an ihren Sitten und lernen endlich die Manieren der Welt. Hier treffen Sie auf keine Karikaturen, die sich aus der Trödelbude verzieren, nicht auf die zynische Gattung, die, von Großen ernährt, ungezogen auf höhere Stände schimpft, keine dreiste Schreier, keine blöde Tropfen, weder Gestalten mit Palisadenanmut noch bewegliche kurzweilige Pantins. Hier verträgt sich leichter, einnehmender Anstand mit tiefer, ernsthafter Wissenschaft, und man kann Arabisch verstehen wie Reiske und dennoch unter den Hofleuten glänzen. Lassen Sie uns gerecht sein gegen dieses Volk. Es gibt würdige große Männer unter ihnen; sie sind ein freundliches, heiteres, gutmütiges Menschengeschlecht. Wir sollten manches von ihnen lernen; sie verdienen unsere Achtung und Liebe, und, was auf diesem Erdenleben ein nicht geringes Verdienst ist, ein Verdienst, das wir nicht wiedervergelten - sie belustigen uns. Johann Wolfgang Goethe Briefe auf einer Reise nach dem Gotthard Leukerbad, den 9., am Fuß des Gemmiberges In einem kleinen bretternen Haus, wo wir von sehr braven Leuten gar freundlich aufgenommen worden, sitzen wir in einer schmalen und niedrigen Stube, und ich will sehen, wieviel von unserer heutigen sehr interessanten Tour durch Worte mitzuteilen ist. Von Sierre stiegen wir heute früh drei Stunden lang einen Berg herauf, nachdem wir vorher große Verwüstungen der Bergwasser unterwegs angetroffen hatten. Es reißt ein solcher schnell entstehender Strom auf Stunden weit alles zusammen, überführt mit Steinen und Kies Felder, Wiesen und Gärten, die denn nach und nach kümmerlich, wenn es allenfalls noch möglich ist, von den Leuten wiederhergestellt und nach ein paar Generationen vielleicht wieder verschüttet werden. Wir hatten einen grauen Tag mit abwechselnden Sonnenblicken. Es ist nicht zu beschreiben, wie mannigfaltig auch hier das Wallis wieder wird; mit jedem Augenblick biegt und verändert sich die Landschaft. Es scheint alles sehr nah beisammen zu liegen, und man ist doch durch große Schluchten und Täler getrennt. Wir hatten bisher noch meist das offene Wallistal rechts neben uns gehabt, als sich auf einmal ein schöner Anblick ins Gebirg vor uns auftat. Ich muß, um anschaulicher zu machen, was ich beschreiben will, etwas von der geographischen Lage der Gegend, wo wir uns befinden, sagen. Wir waren nun schon drei Stunden aufwärts in das ungeheure Gebirg gestiegen, das Wallis von Bern trennt. Es ist eben der Stock von Bergen, der in einem fort vom Genfer See bis auf den Gotthard läuft und auf dem sich in dem Berner Gebiet die großen Eis- und Schneemassen eingenistet haben. Hier sind oben und unten relative Worte des Augenblicks. Ich sage: »Unter mir auf einer Fläche liegt ein Dorf«, und eben diese Fläche liegt vielleicht wieder an einem Abgrund, der viel höher ist als mein Verhältnis zu ihr. Wir sahen, als wir um eine Ecke herumkamen und bei einem Heiligenstock ausruhten, unter uns am Ende einer schönen grünen Matte, die an einem ungeheuren Felsschlund herging, das Dorf Inden mit einer weißen Kirche ganz am Hange des Felsens in der Mitte der Landschaft liegen. Über der Schlucht drüben gingen wieder Matten und Tannenwälder aufwärts, gleich hinter dem Dorfe stieg eine große Kluft von Felsen in die Höhe, die Berge von der linken Seite schlossen sich bis zu uns an, die von der rechten setzten auch ihre Rücken weiter fort, so daß das Dörfchen mit seiner weißen Kirche gleichsam wie im Brennpunkt von so viel zusammenlaufenden Felsen und Klüften dastand. Der Weg nach Inden ist in die steile Felswand gehauen, die dieses Amphitheater von der linken Seite, im Hingehen gerechnet, einschließt. Es ist dieses kein gefährlicher Weg, aber er sieht fürchterlich ans. Er geht auf den Lagen einer schroffen Felswand hinunter, an der rechten Seite mit einer geringen Planke von dem Abgrunde gesondert. Ein Kerl, der mit einem Maulesel neben uns hinabstieg, faßte sein Tier, wenn es an gefährliche Stellen kam, beim Schweife, um ihm einige Hülfe zu geben, wenn es gar zu steil vor sich hinunter in den Felsen hinein mußte. Endlich kamen wir in Inden an, und da unser Bote wohl bekannt war, so fiel es uns leicht, von einer willigen Frau ein gut Glas roten Wein und Brot zu erhalten, da sie eigentlich in dieser Gegend keine Wirtshäuser haben. Nun ging es die hohe Schlucht hinter Inden hinauf, wo wir denn bald den so schrecklich beschriebenen Gemmiberg vor uns sahen und das Leukerbad an seinem Fuß, zwischen andern hohen, unwegsamen und mit Schnee bedeckten Gebirgen, gleichsam wie in einer hohlen Hand liegen fanden. Es war gegen drei, als wir ankamen; unser Führer schaffte uns bald Quartier. Es ist kein Gasthof hier, sondern alle Leute sind so ziemlich, wegen der vielen Badegäste, die hieher kommen, eingerichtet. Unsere Wirtin liegt seit gestern in den Wochen, und ihr Mann macht mit einer alten Mutter und der Magd ganz artig die Ehre des Hauses. Wir bestellten etwas zu essen und ließen uns die warmen Quellen zeigen, die an verschiedenen Orten sehr stark aus der Erde hervorkommen und reinlich eingefaßt sind. Außer dem Dorfe, gegen das Gebirg zu, sollen noch einige stärkere sein. Es hat dieses Wasser nicht den mindesten schwefelichten Geruch, setzt, wo es quillt und wo es durchfließt, nicht den mindesten Ocker noch sonst irgend etwas Mineralisches oder Irdisches an, sondern läßt wie ein anderes reines Wasser keine Spur zurück. Es ist, wenn es aus der Erde kommt, sehr heiß und wegen seiner guten Kräfte berühmt. Wir hatten noch Zeit zu einem Spaziergang gegen den Fuß des Gemmi, der uns ganz nah zu liegen schien. Ich muß hier wieder bemerken, was schon so oft vorgekommen, daß, wenn man mit Gebirgen umschlossen ist, einem alle Gegenstände so außerordentlich nahe scheinen. Wir hatten eine starke Stunde über heruntergestürzte Felsstücke und dazwischengeschwemmten Kies hinaufzusteigen, bis wir uns an dem Fuß des ungeheuren Gemmibergs, wo der Weg an steilen Klippen aufwärts gehet, befanden. Es ist dies der Übergang ins Berner Gebiet, wo alle Kranken sich müssen in Sänften heruntertragen lassen. Hieß uns die Jahrszeit nicht eilen, so würde wahrscheinlicherweise morgen ein Versuch gemacht werden, diesen so merkwürdigen Berg zu besteigen: so aber werden wir uns mit der bloßen Ansicht für diesmal begnügen müssen. Wie wir zurückgingen, sahen wir dem Gebräude der Wolken zu, das in der jetzigen Jahrszeit in diesen Gegenden äußerst interessant ist. Über das schöne Wetter haben wir bisher ganz vergessen, daß wir im November leben; es ist auch, wie man uns im Bernschen voraussagte, hier der Herbst sehr gefällig. Die frühen Abende und Schnee verkündende Wolken erinnern uns aber doch manchmal, daß wir tief in der Jahrszeit sind. Das wunderbare Wehen, das sie heute abend verführten, war außerordentlich schön. Als wir vom Fuß des Gemmiberges zurückkamen, sahen wir, aus der Schlucht von Inden herauf, leichte Nebelwolken sich mit großer Schnelligkeit bewegen. Sie wechselten bald rückwärts, bald vorwärts und kamen endlich aufsteigend dem Leukerbad so nah, daß wir wohl sahen, wir mußten unsere Schritte verdoppeln, um bei hereinbrechender Nacht nicht in Wolken eingewickelt zu werden. Wir kamen auch glücklich zu Hause an, und während ich dieses hinschreibe, legen sich wirklich die Wolken ganz ernstlich in einen kleinen artigen Schnee auseinander. Es ist dieser der erste, den wir haben, und, wenn wir auf unsere gestrige warme Reise von Martinach nach Sion, auf die noch ziemlich belaubten Rebengeländer zurückdenken, eine sehr schnelle Abwechslung. Ich bin in die Türe getreten, ich habe dem Wesen der Wolken eine Weile zugesehen, das über alle Beschreibung schön ist. Eigentlich ist es noch nicht Nacht, aber sie verhüllen abwechselnd den Himmel und machen dunkel. Aus den tiefen Felsschluchten steigen sie herauf, bis sie an die höchsten Gipfel der Berge reichen; von diesen angezogen, scheinen sie sich zu verdicken und, von der Kälte gepackt, in Gestalt des Schnees niederzufallen. Es ist eine unaussprechliche Einsamkeit hier oben, in so großer Höhe doch noch wie in einem Brunnen zu sein, wo man nur vorwärts durch die Abgründe einen Fußpfad hinaus vermutet. Die Wolken, die sich hier in diesem Sacke stoßen, die ungeheuren Felsen bald zudecken und in eine undurchdringliche öde Dämmerung verschlingen, bald Teile davon wieder als Gespenster sehen lassen, geben dem Zustand ein trauriges Leben. Man ist voller Ahnung bei diesen Wirkungen der Natur. Die Wolken, eine dem Menschen von Jugend auf so merkwürdige Lufterscheinung, ist man in dem platten Lande doch nur als etwas Fremdes, Überirdisches anzusehen gewohnt. Man betrachtet sie nur als Gäste, als Streichvögel, die, unter einem ändern Himmel geboren, von dieser oder jener Gegend bei uns augenblicklich vorbeigezogen kommen; als prächtige Teppiche, womit die Götter ihre Herrlichkeit vor unsern Augen verschließen. Hier aber ist man von ihnen selbst, wie sie sich erzeugen, eingehüllt, und die ewige innerliche Kraft der Natur fühlt man sich ahnungsvoll durch jede Nerve bewegen. Auf die Nebel, die bei uns ebendiese Wirkungen hervorbringen, gibt man weniger acht; auch weil sie uns weniger vors Auge gedrängt sind, ist ihre Wirtschaft schwerer zu beobachten. Bei allen diesen Gegenständen wünscht man nur länger sich verweilen und an solchen Orten mehrere Tage zubringen zu können; ja, ist man ein Liebhaber von dergleichen Betrachtungen, so wird der Wunsch immer lebhafter, wenn man bedenkt, daß jede Jahrszeit, Tagszeit und Witterung neue Erscheinungen, die man gar nicht erwartet, hervorbringen muß. Und wie in jedem Menschen, auch selbst dem gemeinen, sonderbare Spuren übrigbleiben, wenn er bei großen ungewöhnlichen Handlungen etwa einmal gegenwärtig gewesen ist; wie er sich von diesem einen Flecke gleichsam größer fühlt, unermüdlich ebendasselbe erzählend wiederholt und so, auf jene Weise, einen Schatz für sein ganzes Leben gewonnen hat: so ist es auch dem Menschen, der solche große Gegenstände der Natur gesehen und mit ihnen vertraut geworden ist. Er hat, wenn er diese Eindrücke zu bewahren, sie mit andern Empfindungen und Gedanken, die in ihm entstehen, zu verbinden weiß, gewiß einen Vorrat von Gewürz, womit er den unschmackhaften Teil des Lebens verbessern und seinem ganzen Wesen einen durchziehenden guten Geschmack geben kann. Ich bemerke, daß ich in meinem Schreiben der Menschen wenig erwähne; sie sind auch unter diesen großen Gegenständen der Natur, besonders im Vorbeigehen, minder merkwürdig. Ich zweifle nicht, daß man bei längerm Aufenthalt gar interessante und gute Leute finden würde. Eins glaub ich überall zu beobachten: je weiter man von der Landstraße und dem größern Gewerbe der Menschen abkömmt, je mehr in den Gebirgen die Menschen beschränkt, abgeschnitten und auf die allerersten Bedürfnisse des Lebens zurückgewiesen sind, je mehr sie sich von einem einfachen, langsamen, unveränderlichen Erwerbe nähren; desto besser, willfähriger, freundlicher, uneigennütziger, gastfreier bei ihrer Armut hab ich sie gefunden. Leukerbad, den 10.Nov. Wir machen uns bei Licht zurechte, um mit Tagesanbruch wieder hinunterzugehen. Diese Nacht habe ich ziemlich unruhig zugebracht. Ich lag kaum im Bette, so kam mir vor, als wenn ich über und über mit einer Nesselsucht befallen wäre; doch merkte ich bald, daß es ein großes Heer hüpfender Insekten war, die den neuen Ankömmling blutdürstig überfielen. Diese Tiere erzeugen sich in den hölzernen Häusern in großer Menge. Die Nacht ward mir sehr lang, und ich war zufrieden, als man uns den Morgen Licht brachte. Leuk, gegen 10 Uhr Wir haben nicht viel Zeit, doch will ich, eh wir hier weggehen, die merkwürdige Trennung unserer Gesellschaft melden, die hier vorgegangen ist, und was sie veranlaßt hat. Wir gingen mit Tagesanbruch heute von Leukerbad aus und hatten im frischen Schnee einen schlüpfrigen Weg über die Matten zu machen. Wir kamen bald nach Inden, wo wir dann den steilen Weg, den wir gestern herunterkamen, zur Rechten über uns ließen und auf der Matte nach der Schlucht, die uns nunmehr links lag, hinabstiegen. Es ist diese wild und mit Bäumen verwachsen, doch geht ein ganz leidlicher Weg hinunter. Durch diese Felsklüfte hat das Wasser, das vom Leukerbad kommt, seine Abflüsse ins Wallistal. Wir sahen in der Höhe an der Seite des Felsens, den wir gestern heruntergekommen waren, eine Wasserleitung gar künstlich eingehauen, wodurch ein Bach erst daran her, dann durch eine Höhle aus dem Gebirge in das benachbarte Dorf geleitet wird. Wir mußten nunmehr wieder einen Hügel hinauf und sahen dann bald das offene Wallis und die garstige Stadt Leuk unter uns liegen. Es sind diese Städtchen meist an die Berge angeflickt, die Dächer mit groben gerißnen Schindeln unzierlich gedeckt, die durch die Jahrszeit ganz schwarz gefault und vermoost sind. Wie man auch nur hineintritt, so ekelt's einem, denn es ist überall unsauber; Mangel und ängstlicher Erwerb dieser privilegierten und freien Bewohner kommt überall zum Vorschein. Wir fanden den Freund, der die schlimme Nachricht brachte, daß es nunmehr mit den Pferden sehr beschwerlich weiterzugehen anfinge. Die Ställe werden kleiner und enger, weil sie nur auf Maulesel und Saumrosse eingerichtet sind; der Haber fängt auch an, sehr selten zu werden, ja man sagt, daß weiter hin ins Gebirg gar keiner mehr anzutreffen sei. Ein Beschluß war bald gefaßt: der Freund sollte mit den Pferden das Wallis wieder hinunter über Bex, Vevey, Lausanne, Freiburg und Bern auf Luzern gehen, der Graf und ich wollten unsern Weg das Wallis hinauf fortsetzen, versuchen, wo wir auf den Gotthard hinaufdringen könnten, alsdann durch den Kanton Uri über den Vierwaldstätter See gleichfalls in Luzern eintreffen. Man findet in dieser Gegend überall Maultiere, die auf solchen Wegen immer besser sind als Pferde, und zu Fuße zu gehen ist am Ende doch immer das angenehmste. Wir haben unsere Sachen getrennet. Der Freund ist fort, unser Mantelsack wird auf ein Maultier, das wir gemietet haben, gepackt. So wollen wir aufbrechen und unsern Weg zu Fuße nach Brig nehmen. Am Himmel sieht es bunt aus, doch ich denke, das gute Glück, das uns bisher begleitet und uns so weit gelockt hat, soll uns auf dem Platze nicht verlassen, wo wir es am nötigsten brauchen. Brig, den 10., abends Von unserm heutigen Weg kann ich wenig erzählen, ausgenommen, wenn Sie mit einer weitläuftigen Wettergeschichte sich wollen unterhalten lassen. Wir gingen gegen 11 von Leuk ab, in Gesellschaft eines schwäbischen Metzgerknechts, der sich hierher verloren, in Leuk Kondition gefunden hatte und eine Art von Hanswurst machte. Unser Gepäck war auf ein Maultier geladen, das sein Herr vor sich her trieb. Hinter uns, so weit wir in das Wallistal hineinsehen konnten, lag es mit dicken Schneewolken bedeckt, die das Land herauf gezogen kamen. Es war wirklich ein trüber Anblick, und ich befürchtete in der Stille, daß, ob es gleich so hell vor uns aufwärts war als wie im Lande Gosen, uns doch die Wolken bald einholen und wir vielleicht im Grunde des Wallis an beiden Seiten von Bergen eingeschlossen, von Wolken zugedeckt und in einer Nacht eingeschneit sein könnten. So flüsterte die Sorge, die sich meistenteils des einen Ohrs bemeistert. Auf der ändern Seite sprach der gute Mut mit weit zuverlässigerer Stimme, verwies mir meinen Unglauben, hielt mir das Vergangene vor und machte mich auch auf die gegenwärtigen Lufterscheinungen aufmerksam. Wir gingen dem schönen Wetter immer entgegen; die Rhône hinauf war alles heiter, und so stark der Abendwind das Gewölk hinter uns her trieb, so konnte es uns doch niemals erreichen. Die Ursache war diese: In das Wallistal gehen, wie ich schon so oft gesagt, sehr viele Schluchten des benachbarten Gebirges aus und ergießen sich wie kleine Bäche in den großen Strom, wie denn auch alle ihre Gewässer in der Rhône zusammenlaufen. Aus jeder solcher Öffnung streicht ein Zugwind, der sich in den innern Tälern und Krümmungen erzeugt. Wie nun der Hauptzug der Wolken das Tal herauf an so eine Schlucht kommt, so läßt die Zugluft die Wolken nicht vorbei, sondern kämpft mit ihnen und dem Winde, der sie trägt, hält sie auf und macht ihnen wohl stundenlang den Weg streitig. Diesem Kampf sahen wir oft zu, und wenn wir glaubten, von ihnen überzogen zu werden, so fanden sie wieder ein solches Hindernis, und wenn wir schon eine Stunde vorwärts gegangen waren, konnten sie noch kaum vom Fleck. Gegen Abend ward der Himmel außerordentlich schön. Als wir uns Brig näherten, trafen die Wolken fast zu gleicher Zeit mit uns ein; doch mußten sie, weil die Sonne untergegangen war und ihnen nunmehr ein packender Morgenwind entgegenkam, stillestehen und machten von einem Berge zum andern einen großen halben Mond über das Tal. Sie waren von der kalten Luft zur Konsistenz gebracht und hatten, da wo sich ihr Saum gegen den blauen Himmel zeichnete, schöne leichte und muntere Formen. Man sah, daß sie Schnee enthielten, doch scheint uns die frische Luft zu verheißen, daß diese Nacht nicht viel fallen soll. Wir haben ein ganz artiges Wirtshaus und, was uns zu großem Vergnügen dient, in einer geräumigen Stube ein Kamin angetroffen; wir sitzen am Feuer und machen Ratschläge wegen unserer weiteren Reise. Hier in Brig geht die gewöhnliche Straße über den Simplon nach Italien; wenn wir also unsern Gedanken, über die Furka auf den Gotthard zu gehen, aufgeben wollten, so gingen wir mit gemieteten Pferden und Maultieren auf Domodossola, Mergozzo, führen den Lago Maggiore hinaufwärts, dann auf Bellinzona und so weiter den Gotthard hinauf, über Airolo zu den Kapuzinern. Dieser Weg ist den ganzen Winter über gebahnt und mit Pferden bequem zu machen, doch scheint er unserer Vorstellung, da er in unserm Plane nicht war und uns fünf Tage später als unsern Freund nach Luzern führen würde, nicht reizend. Wir wünschen vielmehr das Wallis bis an sein oberes Ende zu sehen, dahin wir morgen abend kommen werden; und wenn das Glück gut ist, so sitzen wir übermorgen um diese Zeit in Realp in dem Ursner Tal, welches auf dem Gotthard nahe bei dessen höchstem Gipfel ist. Sollten wir nicht über die Furka kommen, so bleibt uns immer der Weg hierher unverschlossen, und wir werden alsdann das aus Not ergreifen, was wir aus Wahl nicht gerne tun. Sie können sich vorstellen, daß ich hier schon wieder die Leute examinieret habe, ob sie glauben, daß die Passage über die Furka offen ist; denn das ist der Gedanke, mit dem ich den ganzen Tag über beschäftigt bin. Bisher war es einem Marsch zu vergleichen, den man gegen einen Feind richtet, und nun ist's, als wenn man sich dem Flecke nähert, wo er sich verschanzt hat, und man sich mit ihm herumschlagen muß. Außer unserm Maultier sind zwei Pferde auf morgen früh bestellt. Münster, den 11., abends 6 Uhr Wieder einen glücklichen und angenehmen Tag zurückgelegt! Heute früh, als wir von Brig bei guter Tagszeit ausritten, sagte uns der Wirt noch auf den Weg, wenn der Berg, so nennen sie hier die Furka, gar zu grimmig wäre, so möchten wir wieder zurückkehren und einen andern Weg suchen. Mit unsern zwei Pferden und einem Maulesel kamen wir nun bald über angenehme Matten, wo das Tal so eng wird, daß es kaum einige Büchsenschüsse breit ist. Es hat daselbst eine schöne Weide, worauf große Bäume stehen und Felsstücke, die sich von benachbarten Bergen abgelöst haben, zerstreut liegen. Das Tal wird immer enger, man ist genötigt, an den Bergen seitwärts hinaufzusteigen, und hat nunmehr die Rhone in einer schroffen Schlucht immer rechts unter sich. In der Höhe aber breitet sich das Land wieder aus, auf mannigfaltig gebogenen Hügeln sind schöne nahrhafte Matten, liegen hübsche Örter, die mit ihren dunkelbraunen hölzernen Häusern gar wunderlich unter dem Schnee hervorgucken. Wir gingen viel zu Fuß und taten's uns einander wechselseitig zu Gefallen. Denn ob man gleich auf den Pferden sicher ist, so sieht es doch immer gefährlich aus, wenn ein anderer auf so schmalen Pfaden, von so einem schwachen Tiere getragen, an einem schroffen Abgrund vor einem herreitet. Weil nun kein Vieh auf der Weide sein kann, indem die Menschen alle in den Häusern stecken, so sieht eine solche Gegend sehr einsam aus, und der Gedanke, daß man immer enger und enger zwischen ungeheuren Gebirgen eingeschlossen wird, gibt der Imagination graue und unangenehme Bilder, die einen, der nicht recht fest im Sattel säße, gar leicht herabwerfen könnten. Der Mensch ist niemals ganz Herr von sich selbst. Da er die Zukunft nicht weiß, da ihm sogar der nächste Augenblick verborgen ist, so hat er oft, wenn er etwas Ungemeines vornimmt, mit unwillkürlichen Empfindungen, Ahnungen, traumartigen Vorstellungen zu kämpfen, über die man kurz hinterdrein wohl lachen kann, die aber oft in dem Augenblicke der Entscheidung höchst beschwerlich sind. In unserm Mittagsquartier begegnete uns was Angenehmes. Wir traten bei einer Frau ein, in deren Hause es ganz rechtlich aussah. Ihre Stube war nach hiesiger Landesart ausgetäfelt, die Betten mit Schnitzwerk gezieret, die Schränke, Tische, und was sonst von kleinen Repositorien an den Wänden und in den Ecken befestigt war, hatte artige Zieraten von Drechsel- und Schnitzwerk. An den Porträts, die in der Stube hingen, konnte man bald sehen, daß mehrere aus dieser Familie sich dem geistlichen Stand gewidmet hatten. Wir bemerkten auch eine Sammlung wohl eingebundener Bücher über der Tür, die wir für eine Stiftung eines dieser Herren hielten. Wir nahmen die Legenden der Heiligen herunter und lasen drin, während das Essen vor uns zubereitet wurde. Die Wirtin fragte uns einmal, als sie in die Stube trat, ob wir auch die Geschichte des heiligen Alexis gelesen hätten? Wir sagten nein, nahmen aber weiter keine Notiz davon, und jeder las in seinem Kapitel fort. Als wir uns zu Tische gesetzt hatten, stellte sie sich zu uns und fing wieder von dem heiligen Alexis an zu reden. Wir fragten, ob es ihr Patron oder der Patron ihres Hauses sei, welches sie verneinte, dabei aber versicherte, daß dieser heilige Mann so viel aus Liebe zu Gott ausgestanden habe, daß ihr seine Geschichte erbärmlicher vorkomme als viele der übrigen. Da sie sah, daß wir gar nicht unterrichtet waren, fing sie uns an zu erzählen: Es sei der heilige Alexis der Sohn vornehmer, reicher und gottesfürchtiger Eltern in Rom gewesen, sei ihnen, die den Armen außerordentlich viel Gutes getan, in Ausübung guter Werke mit Vergnügen gefolgt; doch habe ihm dieses noch nicht genuggetan, sondern er habe sich in der Stille Gott ganz und gar geweiht und Christo eine ewige Keuschheit angelobet. Als ihn in der Folge seine Eltern an eine schöne und treffliche Jungfrau verheiraten wollen, habe er zwar sich ihrem Willen nicht widersetzt, die Trauung sei vollzogen worden; er habe sich aber, anstatt sich zu der Braut in die Kammer zu begeben, auf ein Schiff, das er bereit gefunden, gesetzt und sei damit nach Asien übergefahren. Er habe daselbst die Gestalt eines schlechten Bettlers angezogen und sei dergestalt unkenntlich geworden, daß ihn auch die Knechte seines Vaters, die man ihm nachgeschickt, nicht erkannt hätten. Er habe sich daselbst an der Türe der Hauptkirche gewöhnlich aufgehalten, dem Gottesdienst beigewohnt und sich von geringen Almosen der Gläubigen genährt. Nach drei oder vier Jahren seien verschiedene Wunder geschehen, die ein besonderes Wohlgefallen Gottes angezeigt. Der Bischof habe in der Kirche eine Stimme gehört, daß er den frömmsten Mann, dessen Gebet vor Gott am angenehmsten sei, in die Kirche rufen und an seiner Seite den Dienst verrichten sollte. Da dieser hierauf nicht gewußt, wer gemeint sei, habe ihm die Stimme den Bettler angezeigt, den er denn auch zu großem Erstaunen des Volks hereingeholt. Der heilige Alexis, betroffen, daß die Aufmerksamkeit der Leute auf ihn rege geworden, habe sich in der Stille davon und auf ein Schiff gemacht, willens, weiter sich in die Fremde zu begeben. Durch Sturm aber und andere Umstände sei er genötiget worden, in Italien zu landen. Der heilige Mann habe hierin einen Wink Gottes gesehen und sich gefreut, eine Gelegenheit zu finden, wo er die Selbstverleugnung im höchsten Grade zeigen konnte. Er sei daher geradezu auf seine Vaterstadt losgegangen, habe sich als ein armer Bettler vor seiner Eltern Haustür gestellt, diese, ihn auch dafür haltend, haben ihn nach ihrer frommen Wohltätigkeit gut aufgenommen und einem Bedienten aufgetragen, ihn mit Quartier im Schloß und den nötigen Speisen zu versehen. Dieser Bediente, verdrießlich über die Mühe und unwillig über seiner Herrschaft Wohltätigkeit, habe diesen anscheinenden Bettler in ein schlechtes Loch unter der Treppe gewiesen und ihm daselbst geringes und sparsames Essen gleich einem Hunde vorgeworfen. Der heilige Mann, anstatt sich dadurch irremachen zu lassen, habe darüber erst Gott recht in seinem Herzen gelobt und nicht allein dieses, was er so leicht ändern können, mit gelassenem Gemüte getragen, sondern auch die andaurende Betrübnis der Eltern und seiner Gemahlin über die Abwesenheit ihres so geliebten Alexis mit unglaublicher und übermenschlicher Standhaftigkeit ausgehalten. Denn seine vielgeliebten Eltern und seine schöne Gemahlin hat er des Tags wohl hundertmal seinen Namen ausrufen hören, sich nach ihm sehnen und über seine Abwesenheit ein kummervolles Leben verzehren sehen. An dieser Stelle konnte sich die Frau der Tränen nicht mehr enthalten, und ihre beiden Mädchen, die sich während der Erzählung an ihren Rock angehängt, sahen unverwandt an die Mutter hinauf. »Ich weiß mir keinen erbärmlichem Zustand vorzustellend«, sagte sie, »und keine größere Marter, als was dieser heilige Mann bei den Seinigen und aus freiem Willen ausgestanden hat. Aber Gott hat ihm seine Beständigkeit aufs herrlichste vergolten und bei seinem Tode die größten Zeichen der Gnade vor den Augen der Gläubigen gegeben. Denn als dieser heilige Mann, nachdem er einige Jahre in diesem Zustande gelebt, täglich mit größter Inbrunst dem Gottesdienste beigewohnet, so ist er endlich krank geworden, ohne daß jemand sonderlich auf ihn achtgegeben. Als darnach an einem Morgen der Papst, in Gegenwart des Kaisers und des ganzen Adels, selbst hohes Amt gehalten, haben auf einmal die Glocken der ganzen Stadt Rom wie zu einem vornehmen Totengeläute zu läuten angefangen; wie nun jedermänniglich darüber erstaunt, so ist dem Papste eine Offenbarung geschehen, daß dieses Wunder den Tod des heiligsten Mannes in der ganzen Stadt anzeige, der in dem Hause des Patricii soeben verschieden sei. Der Vater des Alexis fiel auf Befragen selbst auf den Bettler. Er ging nach Hause und fand ihn unter der Treppe wirklich tot. In den zusammengefalteten Händen hatte der heilige Mann ein Papier stecken, welches ihm der Alte, wiewohl vergebens, herauszuziehen suchte. Er brachte diese Nachricht dem Kaiser und Papst in die Kirche zurück, die alsdann mit dem Hofe und der Klerisei sich aufmachten, um selbst den heiligen Leichnam zu besuchen. Als sie angelangt, nahm der Heilige Vater ohne Mühe das Papier dem Leichnam aus den Händen, überreichte es dem Kaiser, der es sogleich von seinem Kanzler vorlesen ließ. Es enthielte dieses Papier die bisherige Geschichte dieses Heiligen. Da hätte man nun erst den übergroßen Jammer der Eltern und der Gemahlin sehen sollen, die ihren teuren Sohn und Gatten so nahe bei sich gehabt und ihm nichts zugute tun können und nunmehro erst erfuhren, wie übel er behandelt worden. Sie fielen über den Körper her, klagten so wehmütig, daß niemand von allen Umstehenden sich des Weinens enthalten konnte. Auch waren unter der Menge Volks, die sich nach und nach zudrängten, viele Kranke, die zu dem heiligen Körper gelassen und durch dessen Berührung gesund wurden.« Die Erzählerin versicherte nochmals, indem sie ihre Augen trocknete, daß sie keine erbärmlichere Geschichte jemals gehört habe; und mir kam selbst ein so großes Verlangen zu weinen an, daß ich Mühe hatte, es zu verbergen und zu unterdrücken. Nach dem Essen suchte ich im Pater Cochem die Legende selbst auf und fand, daß die gute Frau den ganzen reinen menschlichen Faden der Geschichte behalten und alle abgeschmackten Anwendungen dieses Schriftstellers vergessen hatte. Wir gehen fleißig ins Fenster und sehen uns nach der Witterung um, denn wir sind jetzt sehr im Fall, Winde und Wolken anzubeten. Die frühe Nacht und die allgemeine Stille ist das Element, worin das Schreiben recht gut gedeiht, und ich bin überzeugt, wenn ich mich nur einige Monate an so einem Ort innehalten könnte und müßte, so würden alle meine angefangenen Dramen eins nach dem ändern aus Not fertig. Wir haben schon verschiedene Leute vorgehabt und sie nach dem Übergange über die Furka gefragt, aber auch hier können wir nichts Bestimmtes erfahren, ob der Berg gleich nur zwei Stunden entfernt ist. Wir müssen uns also darüber beruhigen und morgen mit Anbruche des Tages selbst rekognoszieren und sehen, wie sich unser Schicksal entscheidet. So gefaßt ich auch sonst bin, so muß ich gestehen, daß mir's höchst verdrießlich wäre, wenn wir zurückgeschlagen würden. Glückt es, so sind wir morgen abend in Realp auf dem Gotthard und übermorgen zu Mittage auf dem Gipfel des Bergs bei den Kapuzinern; mißlingt's, so haben wir nur zwei Wege zur Retirade offen, wovon keiner sonderlich besser ist als der andere. Durchs ganze Wallis zurück und den bekannten Weg über Bern auf Luzern; oder auf Brig zurück und erst durch einen großen Umweg auf den Gotthard! Ich glaube, ich habe Ihnen das in diesen wenigen Blättern schon dreimal gesagt. Freilich ist es für uns von der größten Wichtigkeit. Der Ausgang wird entscheiden, ob unser Mut und Zutrauen, daß es gehen müsse, oder die Klugheit einiger Personen, die uns diesen Weg mit Gewalt widerraten wollen, recht behalten wird. So viel ist gewiß, daß beide, Klugheit und Mut, das Glück über sich erkennen müssen. Nachdem wir vorher nochmals das Wetter examiniert, die Luft kalt, den Himmel heiter und ohne Disposition zu Schnee gesehen haben, legen wir uns ruhig zu Bette. Münster, den 12. Nov., früh 6 Uhr Wir sind schon fertig und alles ist eingepackt, um mit Tagesanbruch von hier wegzugehen. Wir haben zwei Stunden bis Oberwald, und von da rechnet man gewöhnlich sechs Stunden auf Realp. Unser Maultier geht mit dem Gepäck nach, so weit wir es bringen können. Realp, den 12. Nov., abends Mit einbrechender Nacht sind wir hier angekommen. Es ist überstanden und der Knoten, der uns den Weg verstrickte, entzweigeschnitten. Eh ich Ihnen sage, wo wir eingekehrt sind, eh ich Ihnen das Wesen unserer Gastfreunde beschreibe, lassen Sie mich mit Vergnügen den Weg in Gedanken zurück machen, den wir mit Sorgen vor uns sahen und den wir glücklich, doch nicht ohne Beschwerde, zurückgelegt haben. Um sieben gingen wir von Münster weg und sahen das beschneite Amphitheater der hohen Gebirge vor uns zugeschlossen, hielten den Berg, der hinten quer vorsteht, für die Furka; allein wir irrten uns, wie wir nachmals erfuhren; sie war durch Berge, die uns links lagen, und durch hohe Wolken bedeckt. Der Morgenwind blies stark und schlug sich mit einigen Schneewolken herum und jagte abwechselnd leichte Gestöber an den Bergen und durch das Tal. Desto stärker trieben aber die Windweben an dem Boden hin und machten uns etlichemal den Weg verfehlen, ob wir gleich, auf beiden Seiten von Bergen eingeschlossen, Oberwald am Ende doch finden mußten. Nach neunen trafen wir daselbst an und sprachen in einem Wirtshaus ein, wo sich die Leute nicht wenig wunderten, solche Gestalten in dieser Jahrszeit erscheinen zu sehen. Wir fragten, ob der Weg über die Furka noch gangbar wäre. Sie antworteten, daß ihre Leute den größten Teil des Winters drübergingen; ob wir aber hinüberkommen würden, das wüßten sie nicht. Wir schickten sogleich nach solchen Führern; es kam ein untersetzter starker Mann, dessen Gestalt ein gutes Zutrauen gab, dem wir unsern Antrag taten: Wenn er den Weg für uns noch praktikabel hielte, so sollt er's sagen, noch einen oder mehr Kameraden zu sich nehmen und mit uns kommen. Nach einigem Bedenken sagte er's zu, ging weg, um sich fertigzumachen und den andern mitzubringen. Wir zahlten indessen unserm Mauleseltreiber seinen Lohn, den wir mit dem Tiere nunmehr nicht weiter brauchen konnten, aßen ein weniges Käs und Brot, tranken ein Glas roten Wein und waren sehr lustig und wohlgemut, als unser Führer wiederkam und noch einen größer und stärker aussehenden Mann, der die Stärke und Tapferkeit eines Rosses zu haben schien, hinter sich hatte. Einer hockte den Mantelsack auf den Rücken, und nun ging der Zug zu fünfen zum Dorfe hinaus, da wir denn in kurzer Zeit den Fuß des Berges, der uns links lag, erreichten und allmählich in die Höhe zu steigen anfingen. Zuerst hatten wir noch einen betretenen Fußpfad, der von einer benachbarten Alpe herunterging, bald aber verlor sich dieser, und wir mußten im Schnee den Berg hinaufsteigen. Unsere Führer wanden sich durch die Felsen, um die sich der bekannte Fußpfad schlingt, sehr geschickt herum, obgleich alles überein zugeschneiet war. Noch ging der Weg durch einen Fichtenwald, wir hatten die Rhône in einem engen unfruchtbaren Tal unter uns. Nach einer kleinen Weile mußten wir selbst hinab in dieses Tal, kamen über einen kleinen Steg und sahen nunmehr den Rhônegletscher vor uns. Es ist der ungeheuerste, den wir so ganz übersehen haben. Er nimmt den Sattel eines Berges in sehr großer Breite ein, steigt ununterbrochen herunter bis da, wo unten im Tal die Rhône aus ihm herausfließt. An diesem Ausflusse hat er, wie die Leute erzählen, verschiedene Jahre her abgenommen; das will aber gegen die übrige ungeheure Masse gar nichts sagen. Obgleich alles voll Schnee lag, so waren doch die schroffen Eisklippen, wo der Wind so leicht keinen Schnee haften läßt, mit ihren vitriolblauen Spalten sichtbar, und man konnte deutlich sehen, wo der Gletscher aufhört und der beschneite Felsen anhebt. Wir gingen ganz nahe daran hin, er lag uns linker Hand. Bald kamen wir wieder auf einen leichten Steg über ein kleines Bergwasser, das in einem muldenförmigen unfruchtbaren Tal nach der Rhône zu floß. Vom Gletscher aber rechts und links und vorwärts sieht man nun keinen Baum mehr, alles ist öde und wüste. Keine schroffen und überstehenden Felsen, nur langgedehnte Täler, sacht geschwungene Berge, die nun gar im alles vergleichenden Schnee die einfachen, ununterbrochenen Flächen uns entgegenwiesen. Wir stiegen nunmehr links den Berg hinan und sanken in tiefen Schnee. Einer von unsern Führern mußte voran und brach, indem er herzhaft durchschritt, die Bahn, in der wir folgten. Es war ein seltsamer Anblick, wenn man einen Moment seine Aufmerksamkeit von dem Wege ab und auf sich selbst und die Gesellschaft wendete: in der ödesten Gegend der Welt und in einer ungeheuren, einförmigen, schneebedeckten Gebirgswüste, wo man rückwärts und vorwärts auf drei Stunden keine lebendige Seele weiß, eine Reihe Menschen zu sehen, deren einer in des ändern tiefe Fußtapfen tritt, und wo in der ganzen glatt überzogenen Weite nichts in die Augen fällt als die Furche, die man gezogen hat. Die Tiefen, aus denen man herkommt, liegen grau und endlos in Nebel hinter einem. Die Wolken wechseln über die blasse Sonne, breitflockiger Schnee stiebt in der Tiefe und zieht über alles einen ewig beweglichen Flor. Ich bin überzeugt, daß einer, über den auf diesem Weg seine Einbildungskraft nur einigermaßen Herr würde, hier ohne anscheinende Gefahr vor Angst und Furcht vergehen müßte. Eigentlich ist auch hier keine Gefahr des Sturzes, sondern nur die Lauinen, wenn der Schnee stärker wird, als er jetzt ist, und durch seine Last zu rollen anfängt, sind gefährlich. Doch erzählten uns unsere Führer, daß sie den ganzen Winter durch drübergingen, um Ziegenfelle aus dem Wallis auf den Gotthard zu tragen, womit ein starker Handel getrieben wird. Sie gehen alsdann, um die Lauinen zu vermeiden, nicht da, wo wir gingen, den Berg allmählich hinauf, sondern bleiben eine Weile unten im breitern Tal und steigen alsdann den steilen Berg gerade hinauf. Der Weg ist da sicherer, aber auch viel unbequemer. Nach viertehalb Stunden Marsch kamen wir auf dem Sattel der Furka an, beim Kreuz, wo sich Wallis und Uri scheiden. Auch hier ward uns der doppelte Gipfel der Furka, woher sie ihren Namen hat, nicht sichtbar. Wir hofften nunmehr einen bequemern Hinabstieg, allein unsere Führer verkündigten uns einen noch tiefern Schnee, den wir auch bald fanden. Unser Zug ging wie vorher hintereinander fort, und der vorderste, der die Bahn brach, saß oft bis über den Gürtel darin. Die Geschicklichkeit der Leute und die Leichtigkeit, womit sie die Sache traktierten, erhielt auch unsern guten Mut; und ich muß sagen, daß ich für meine Person so glücklich gewesen bin, den Weg ohne große Mühseligkeit zu überstehen, ob ich gleich damit nicht sagen will, daß es ein Spaziergang sei. Der Jäger Hermann versicherte, daß er auf dem Thüringer Walde auch schon so tiefen Schnee gehabt habe, doch ließ er sich am Ende verlauten, die Furka sei ein Schindluder. Es kam ein Lämmergeier mit unglaublicher Schnelle über uns hergeflogen; er war das einzige Lebende, was wir in diesen Wüsten antrafen, und in der Ferne sahen wir die Berge des Ursner Tals im Sonnenschein. Unsere Führer wollten in einer verlassenen, steinernen und halb zugeschneiten Hirtenhütte einkehren und etwas essen, allein wir trieben sie fort, um in der Kälte nicht stillezustehen. Hier schlingen sich wieder andere Täler ein, und endlich hatten wir den offenen Anblick ins Ursner Tal. Wir gingen schärfer, und nach viertehalb Stunden Wegs vom Kreuz an sahen wir die zerstreuten Dächer von Realp. Wir hatten unsere Führer schon verschiedentlich gefragt, was für ein Wirtshaus und besonders was für Wein wir in Realp zu erwarten hätten. Die Hoffnung, die sie uns gaben, war nicht sonderlich, doch versicherten sie, daß die Kapuziner daselbst, die zwar nicht, wie die auf dem Gotthard, ein Hospitium hätten, dennoch manchmal Fremde aufzunehmen pflegten. Bei diesen würden wir einen guten roten Wein und besseres Essen als im Wirtshaus finden. Wir schickten einen deswegen voraus, daß er die Patres disponieren und uns Quartier machen sollte. Wir säumten nicht, ihm nachzugehen, und kamen bald nach ihm an, da uns denn ein großer ansehnlicher Pater an der Tür empfing. Er hieß uns mit großer Freundlichkeit eintreten und bat noch auf der Schwelle, daß wir mit ihnen vorliebnehmen möchten, da sie eigentlich, besonders in jetziger Jahrszeit, nicht eingerichtet wären, solche Gäste zu empfangen. Er führte uns sogleich in eine warme Stube und war sehr geschäftig, uns, indem wir unsere Stiefeln auszogen und Wäsche wechselten, zu bedienen. Er bat uns einmal über das andre, wir möchten ja völlig tun, als ob wir zu Hause wären. Wegen des Essens müßten wir, sagte er, in Geduld stehen, indem sie in ihrer langen Fasten begriffen wären, die bis Weihnachten dauert. Wir versicherten ihm, daß eine warme Stube, ein Stück Brot und ein Glas Wein, unter gegenwärtigen Umständen, alle unsere Wünsche erfülle. Er reichte uns das Verlangte, und wir hatten uns kaum ein wenig erholt, als er uns ihre Umstände und ihr Verhältnis hier auf diesem öden Flecke zu erzählen anfing. »Wir hahen«, sagte er, »kein Hospitium, wie die Patres auf dem Gotthard; wir sind hier Pfarrherrn und unser drei: Ich habe das Predigtamt auf mir, der zweite Pater die Schullehre und der Bruder die Haushaltung.« Er fuhr fort zu erzählen, wie beschwerlich ihre Geschäfte seien, am Ende eines einsamen, von aller Welt abgesonderten Tales zu liegen und für sehr geringe Einkünfte viele Arbeit zu tun. Es sei sonst diese, wie die übrigen dergleichen Stellen, von einem Weltgeistlichen versehen worden, der aber, als einstens eine Schneelauine einen Teil des Dorfs bedeckt, sich mit der Monstranz geflüchtet; da man ihn denn abgesetzt und sie, denen man mehr Resignation zutraue, an dessen Stelle eingeführt habe. Ich habe mich, um dieses zu schreiben, in eine obere Stube begeben, die durch ein Loch von unten aufgeheizt wird. Es kommt die Nachricht, daß das Essen fertig ist, die, ob wir gleich schon einiges vorgearbeitet haben, sehr willkommen klingt. Nach neun Die Patres, Herren, Knechte und Träger haben alle zusammen an einem Tische gegessen; nur der Frater, der die Küche besorgte, war erst ganz gegen Ende der Tafel sichtbar. Er hatte aus Eiern, Milch und Mehl gar mannigfaltige Speisen zusammengebracht, die wir uns eine nach der andern sehr wohlschmecken ließen. Die Träger, die eine große Freude hatten, von unserer glücklich vollbrachten Expedition zu reden, lobten unsre seltene Geschicklichkeit im Gehen und versicherten, daß sie es nicht mit einem jeden unternehmen würden. Sie gestanden uns nun, daß heute früh, als sie aufgefordert wurden, erst einer gegangen sei, uns zu rekognoszieren, um zu sehen, ob wir wohl die Miene hätten, mit ihnen fortzukommen; denn sie hüteten sich sehr, alte oder schwache Leute in dieser Jahrszeit zu begleiten, weil es ihre Pflicht sei, denjenigen, dem sie einmal zugesagt, ihn hinüberzubringen, im Fall er matt oder krank würde, zu tragen und, selbst wenn er stürbe, nicht liegen zu lassen, außer wenn sie in augenscheinliche Gefahr ihres eigenen Lebens kämen. Es war nunmehr durch dieses Geständnis die Schleuse der Erzählung aufgezogen, und nun brachte einer nach dem andern Geschichten von beschwerlichen oder verunglückten Bergwanderungen hervor, worin die Leute hier gleichsam wie in einem Elemente leben, so daß sie mit der größten Gelassenheit Unglücksfälle erzählen, denen sie täglich selbst unterworfen sind. Der eine brachte eine Geschichte vor, wie er auf dem Kandersteg, über den Gemmi gehend, mit noch einem Kameraden, der denn auch immer mit Vor- und Zunamen genennt wird, in tiefem Schnee eine arme Familie angetroffen, die Mutter sterbend, den Knaben halb tot und den Vater in einer Gleichgültigkeit, die dem Wahnsinne ähnlich gewesen. Er habe die Frau aufgehockt, sein Kamerade den Sohn, und so haben sie den Vater, der nicht vom Flecke gewollt, vor sich her getrieben. Beim Absteigen vom Gemmi sei die Frau ihm auf dem Rücken gestorben, und er habe sie noch tot bis hinunter ins Leukerbad gebracht. Auf Befragen, was es für Leute gewesen seien und wie sie in dieser Jahrszeit auf die Gebirge gekommen, sagte er, es seien arme Leute aus dem Kanton Bern gewesen, die, von Mangel getrieben, sich in unschicklicher Jahrszeit auf den Weg gemacht, um Verwandte im Wallis oder den italienischen Provinzen aufzusuchen, und seien von der Witterung übereilt worden. Sie erzählten ferner Geschichten, die ihnen begegnen, wenn sie winters Ziegenfelle über die Furka tragen, wo sie aber immer gesellschaftsweise zusammen gingen. Der Pater machte dazwischen viele Entschuldigungen wegen seines Essens, und wir verdoppelten unsere Versicherungen, daß wir nicht mehr wünschten, und erfuhren, da er das Gespräch auf sich und seinen Zustand lenkte, daß er noch nicht sehr lange an diesem Platze sei. Er fing an, vom Predigtamte zu sprechen und von dem Geschick, das ein Prediger haben müsse; er verglich ihn mit einem Kaufmann, der seine Ware wohl herauszustreichen und durch einen gefälligen Vortrag den Leuten angenehm zu machen habe. Er setzte nach Tisch die Unterredung fort, und indem er, aufgestanden, die linke Hand auf den Tisch stemmte, mit der rechten seine Worte begleitete und von der Rede selbst rednerisch redete, so schien er in dem Augenblick uns überzeugen zu wollen, daß er selbst der geschickte Kaufmann sei. Wir gaben ihm Beifall, und er kam von dem Vortrage auf die Sache selbst. Er lobte die katholische Religion. »Eine Regel des Glaubens müssen wir haben«, sagte er, »und daß diese so fest und unveränderlich als möglich sei, ist ihr größter Vorzug. Die Schrift haben wir zum Fundamente unsers Glaubens, allein dies ist nicht hinreichend. Dem gemeinen Manne dürfen wir sie nicht in die Hände geben; denn so heilig sie ist und von dem Geiste Gottes auf allen Blättern zeugt, so kann doch der irdisch gesinnte Mensch dieses nicht begreifen, sondern findet überall leicht Verwirrung und Anstoß. Was soll ein Laie Gutes aus den schändlichen Geschichten, die darin vorkommen und die doch zur Stärkung des Glaubens für geprüfte und erfahrne Kinder Gottes von dem Heiligen Geiste aufgezeichnet worden, was soll ein gemeiner Mann daraus Gutes ziehen, der die Sachen nicht in ihrem Zusammenhange betrachtet? Wie soll er sich aus den hier und da anscheinenden Widersprüchen, aus der Unordnung der Bücher, aus der mannigfaltigen Schreibart herauswickeln, da es den Gelehrten selbst so schwer wird und die Gläubigen über so viele Stellen ihre Vernunft gefangennehmen müssen? Was sollen wir also lehren? Eine auf die Schrift gegründete, mit der besten Schriftauslegung bewiesene Regel! Und wer soll die Schrift auslegen? Wer soll diese Regel festsetzen? Etwa ich oder ein anderer einzelner Mensch? Mitnichten! Jeder hängt die Sache auf eine andere Art zusammen, stellt sie sich nach seinem Konzepte vor. Das würde ebenso viele Lehren als Köpfe geben und unsägliche Verwirrungen hervorbringen, wie es auch schon getan hat. Nein, es bleibt der allerheiligsten Kirche allein, die Schrift auszulegen und die Regel zu bestimmen, wonach wir unsere Seelenführung einzurichten haben. Und wer ist diese Kirche? Es ist nicht etwa ein oder das andere Oberhaupt, ein oder das andere Glied derselben, nein! Es sind die heiligsten, gelehrtesten, erfahrensten Männer aller Zeiten, die sich zusammen vereiniget haben, nach und nach, unter dem Beistand des Heiligen Geistes, dieses übereinstimmende große und allgemeine Gebäude aufzuführen; die auf den großen Versammlungen ihre Gedanken einander mitgeteilet, sich wechselseitig erbaut, die Irrtümer verbannt und eine Sicherheit, eine Gewißheit unserer allerheiligsten Religion gegeben haben, deren sich keine andre rühmen kann; ihr einen Grund gegraben und eine Brustwehr aufgeführet, die die Hölle selbst nicht überwältigen wird. Ebenso ist es auch mit dem Texte der Heiligen Schrift. Wir haben die Vulgata, wir haben eine approbierte Übersetzung der Vulgata und zu jedem Spruche eine Auslegung, welche von der Kirche gebilliget ist. Daher kommt diese Übereinstimmung, die einen jeden erstaunen muß. Ob Sie mich hier reden hören an diesem entlegenen Winkel der Welt oder einen Prediger in der größten Hauptstadt in dem entferntesten Lande, den ungeschicktesten oder den fähigsten; alle werden eine Sprache führen, ein katholischer Christ wird immer dasselbige hören, überall auf dieselbige Weise unterrichtet und erbauet werden: und das ist's, was die Gewißheit unsers Glaubens macht, was uns die süße Zufriedenheit und Versicherung gibt, in der wir einer mit dem ändern fest verbunden leben und mit der Gewißheit, uns glücklicher wiederzufinden, voneinander scheiden können.« Er hatte diese Rede, wie einen Diskurs, eins auf das andre folgen lassen, mehr in dem innern behaglichen Gefühl, daß er sich uns von einer vorteilhaften Seite zeige, als mit dem Ton einer bigotten Belehrungssucht. Er wechselte teils mit den Händen dabei ab, schob sie einmal in die Kuttenärmel zusammen, ließ sie über dem Bauch ruhen, bald holte er mit gutem Anstand seine Dose aus der Kapuze und warf sie nach dem Gebrauch wieder hinein. Wir hörten ihm aufmerksam zu, und er schien mit unserer Art, seine Sachen aufzunehmen, vergnügt zu sein. Wie sehr würde er sich gewundert haben, wenn ihm ein Geist im Augenblicke offenbaret hätte, daß er seine Peroration an einen Nachkommen Friedrichs des Weisen richte. Den 13. Nov., oben auf dem Gipfel des Gotthards bei den Kapuzinern Morgens um zehn Endlich sind wir auf dem Gipfel unserer Reise glücklich angelangt! Hier, ist's beschlossen, wollen wir stillestehen und uns wieder nach dem Vaterlande zu wenden. Ich komme mir sehr wunderbar hier oben vor; wo ich mich vor vier Jahren mit ganz ändern Sorgen, Gesinnungen, Planen und Hoffnungen, in einer ändern Jahrszeit, einige Tage aufhielt und, mein künftiges Schicksal unvorahnend, durch ein ich weiß nicht was bewegt, Italien den Rücken zukehrte und meiner jetzigen Bestimmung unwissend entgegenging. Ich erkannte das Haus nicht wieder. Vor einiger Zeit ist es durch eine Schneelauine stark beschädigt worden; die Patres haben diese Gelegenheit ergriffen, eine Beisteuer im Lande eingesammelt, ihre Wohnung erweitert und bequemer gemacht. Beide Patres, die hier oben wohnen, sind nicht zu Hause, doch, wie ich höre, noch ebendieselben, die ich vor vier Jahren antraf. Pater Seraphim, der schon dreizehn Jahre auf diesem Posten aushält, ist gegenwärtig in Mailand, den andern erwarten sie noch heute von Airolo herauf. In dieser reinen Luft ist eine ganz grimmige Kälte. Sobald wir gegessen haben, will ich weiter fortfahren, denn vor die Türe, merk ich schon, werden wir nicht viel kommen. Nach Tische Es wird immer kälter, man mag gar nicht von dem Ofen weg. Ja, es ist die größte Lust, sich obendrauf zu setzen, welches in diesen Gegenden, wo die Öfen von steinernen Platten zusammengesetzt sind, gar wohl angeht. Zuvörderst also wollen wir an den Abschied von Realp und unsern Weg hieher. Noch gestern abend, ehe wir zu Bette gingen, führte uns der Pater in sein Schlafzimmer, wo alles auf einen sehr kleinen Platz zusammengestellt war. Sein Bett, das aus einem Strohsack und einer wollenen Decke bestund, schien uns, die wir uns an ein gleiches Lager gewöhnt, nichts Verdienstliches zu haben. Er zeigte uns alles mit großem Vergnügen und innerer Zufriedenheit, seinen Bücherschrank und andere Dinge. Wir lobten ihm alles und schieden sehr zufrieden voneinander, um zu Bette zu gehen. Bei der Einrichtung des Zimmers hatte man, um zwei Betten an eine Wand anzubringen, beide kleiner als gehörig gemacht. Diese Unbequemlichkeit hielt mich vom Schlaf ab, bis ich mir durch zusammengestellte Stühle zu helfen suchte. Erst heute früh bei hellem Tage erwachten wir wieder und gingen hinunter, da wir denn durchaus vergnügte und freundliche Gesichter antrafen. Unsere Führer, im Begriffe, den lieblichen gestrigen Weg wieder zurück zu machen, schienen es als Epoche anzusehn und als Geschichte, mit der sie sich in der Folge gegen andere Fremde was zugute tun könnten; und da sie gut bezahlt wurden, mochte bei ihnen der Begriff von Abenteuer vollkommen werden. Wir nahmen noch ein starkes Frühstück zu uns und schieden. Unser Weg ging nunmehr durchs Ursner Tal, das merkwürdig ist, weil es in so großer Höhe schöne Matten und Viehzucht hat. Es werden hier Käse gemacht, denen ich einen besondern Vorzug gebe. Hier wachsen keine Bäume; Büsche von Salweiden fassen den Bach ein, und an den Gebirgen flechten sich kleine Sträucher durcheinander. Mir ist's unter allen Gegenden, die ich kenne, die liebste und interessanteste; es sei nun, daß alte Erinnerungen sie wert machen oder daß mir das Gefühl von so viel zusammengeketteten Wundern der Natur ein heimliches und unnennbares Vergnügen erregt. Ich setze zum voraus, die ganze Gegend, durch die ich Sie führe, ist mit Schnee bedeckt, Fels und Matte und Weg sind alle überein verschneit. Der Himmel war ganz klar, ohne irgendeine Wolke, das Blau viel tiefer, als man es in dem platten Lande gewohnt ist, die Rücken der Berge, die sich weiß davon abschnitten, teils hell im Sonnenlicht, teils blaulich im Schatten. In anderthalb Stunden waren wir in Hospenthal; ein Örtchen, das noch im Ursner Tal am Weg auf den Gotthard liegt. Hier betrat ich zum erstenmal wieder die Bahn meiner vorigen Reise. Wir kehrten ein, bestellten uns auf morgen ein Mittagessen und stiegen den Berg hinauf. Ein großer Zug von Mauleseln machte mit seinen Glocken die ganze Gegend lebendig. Es ist ein Ton, der alle Bergerinnerungen rege macht. Der größte Teil war schon vor uns aufgestiegen und hatte den glatten Weg mit den scharfen Eisen schon ziemlich aufgehauen. Wir fanden auch einige Wegeknechte, die bestellt sind, das Glatteis mit Erde zu überfahren, um den Weg praktikabel zu erhalten. Der Wunsch, den ich in vorigen Zeiten getan hatte, diese Gegend einmal im Schnee zu sehen, ist mir nun auch gewährt. Der Weg geht an der über Felsen sich immer hinabstürzenden Reuß hinauf, und die Wasserfälle bilden hier die schönsten Formen. Wir verweilten lange bei der Schönheit des einen, der über schwarze Felsen in ziemlicher Breite herunterkam. Hier und da hatten sich, in den Ritzen und auf den Flächen, Eismassen angesetzt, und das Wasser schien über schwarz und weiß gesprengten Marmor herzulaufen. Das Eis blinkte wie Kristalladern und Strahlen in der Sonne, und das Wasser lief rein und frisch dazwischen hinunter. Auf den Gebirgen ist keine beschwerlichere Reisegesellschaft als Maultiere. Sie halten einen ungleichen Schritt, indem sie, durch einen sonderbaren Instinkt, unten an einem steilen Orte erst stehenbleiben, dann denselben schnell hinaufschreiten und oben wieder ausruhen. Sie halten auch auf geraden Flächen, die hier und da vorkommen, manchmal inne, bis sie durch den Treiber oder durch die nachfolgenden Tiere vom Platze bewegt werden. Und so, indem man einen gleichen Schritt hält, drängt man sich an ihnen auf dem schmalen Wege vorbei und gewinnt über so eine ganze Reihe den Vorteil. Steht man still, um etwas zu betrachten, so kommen sie einem wieder zuvor, und der betäubende Laut ihrer Klingeln und ihre breit auf die Seite stehende Bürde sind einem hinderlich und beschwerlich. So langten wir endlich auf dem Gipfel des Berges an, den Sie sich wie einen kahlen Scheitel, mit einer Krone umgeben, denken müssen. Man ist hier auf einer Fläche, ringsum wieder von Gipfeln umgeben, und die Aussicht wird in der Nähe und Ferne von kahlen und auch meistens mit Schnee bedeckten Rippen und Klippen eingeschränkt. Man kann sich kaum erwärmen, besonders da sie nur mit Reisig heizen können und auch dieses sparen müssen, weil sie es fast drei Stunden heraufzuschleppen haben und oberwärts, wie gesagt, fast gar kein Holz wächst. Der Pater ist von Airolo heraufgekommen, so erfroren, daß er bei seiner Ankunft kein Wort hervorbringen konnte. Ob sie gleich hier oben sich bequemer als die übrigen vom Orden tragen dürfen, so ist es doch immer ein Anzug, der für dieses Klima nicht gemacht ist. Er war von Airolo herauf den sehr glatten Weg gegen den Wind gestiegen; der Bart war ihm eingefroren, und es währte eine ganze Weile, bis er sich besinnen konnte. Wir unterhielten uns von der Beschwerlichkeit dieses Aufenthalts; er erzählte, wie es ihnen das Jahr über zu gehen pflege, ihre Bemühungen und häuslichen Umstäde. Er sprach nichts als Italienisch, und wir fanden hier Gelegenheit, von den Übungen, die wir uns das Frühjahr in dieser Sprache gegeben, Gebrauch zu machen. Gegen Abend traten wir einen Augenblick vor die Haustüre heraus, um uns vom Pater den Gipfel zeigen zu lassen, den man für den höchsten des Gotthards hält; wir konnten aber kaum einige Minuten dauern, so durchdringend und angreifend kalt ist es. Wir bleiben also wohl für diesmal in dem Hause eingeschlossen, bis wir morgen fortgehen, und haben Zeit genug, das Merkwürdige dieser Gegend in Gedanken zu durchreisen. Aus einer kleinen geographischen Beschreibung werden Sie sehen, wie merkwürdig der Punkt ist, auf dem wir uns befinden. Der Gotthard ist zwar nicht das höchste Gebirg der Schweiz, und in Savoyen übertrifft ihn der Montblanc an Höhe um sehr vieles; doch behauptet er den Rang eines königlichen Gebirges über alle andere, weil die größten Gebirgsketten bei ihm zusammenlaufen und sich an ihn lehnen. Ja, wenn ich mich nicht irre, so hat mir Herr Wyttenbach zu Bern, der von dem höchsten Gipfel die Spitzen der übrigen Gebirge gesehen, erzählt, daß sich diese alle gleichsam gegen ihn zu neigen schienen. Die Gebirge von Schwyz und Unterwaiden, gekettet an die von Uri, steigen von Mitternacht, von Morgen die Gebirge des Graubündner Landes, von Mittag die der italienischen Vogteien herauf, und von Abend drängt sich durch die Furka das doppelte Gebirg, welches Wallis einschließt, an ihn heran. Nicht weit vom Hause hier sind zwei kleine Seen, davon der eine den Tessin durch Schluchten und Täler nach Italien, der andere gleicherweise die Reuß nach dem Vierwaldstätter See ausgießt. Nicht fern von hier entspringt der Rhein und läuft gegen Morgen, und wenn man alsdann die Rhone dazunimmt, die an einem Fuß der Furka entspringt und nach Abend durch das Wallis läuft, so befindet man sich hier auf einem Kreuzpunkte, von dem aus Gebirge und Flüsse in alle vier Himmelsgegenden auslaufen. Johann Kaspar Steube Wanderschaften und Schicksale Etwas über das Banat Das Temiswarer Banat, welches gegen Morgen an Siebenbürgen, gegen Abend und Mitternacht an Ungarn und gegen Mittag an Serbien grenzt, ist ein großer Teil des Dakischen Reichs, so nach der Eroberung des Kaisers Trajans Dacia ripensis, hingegen das heutige Siebenbürgen Dacia mediterranea und die Walachei und Moldau Dacia transalpina genannt wurde. Soweit die Geschichte reicht, waren seine ersten Bewohner Sarmaten, welche tapfre Nation mit ihren Nachbarn und vorzüglich mit den Scythotauren, welche die Erbauer von Taurunum, dem heutigen Belgrad, gewesen sein sollen, viele blutige Kriege geführt haben; allein in der Folge wurde es von Goten, Vandalen, Hunnen, Gepiden, Cumanen und Moravanen bewohnt, bis es erst an die Ungarn, zu Anfang des 15.Jahrhunderts an die Türken und nachgehends an das Haus Östreich kam, welches noch im Besitz davon ist. Beinahe dieses ganze Land ist mit großen Flüssen umgeben, denn die Donau scheidet es von Serbien, die Theiß und Marosch von Ungarn und die Szerna von einem Teil der westlichen Walachai, und das Innere des Landes wird durch die Bellarega, Temes, Persowa, Keres, Karasch, Pirda und den Beg bewässert. Ein nicht unbeträchtlicher Teil des Banats wird durch Moräste bedeckt; schon bei Kubin fangen sie an und ziehen sich längst der Donau und Theiß bis nach Szegedin, wo sie sich mit denen der Marosch vereinigen. Im Inneren des Landes fängt sich ein sehr großer bei dem Schiffahrtskanale an und reicht beinahe bis nach Groß Kikinda, und im Werschetzer Distrikte sind zwei andere, welche den Namen Ilancer und Alibonar führen, welche letzteren nur allein weit beträchtlicher sind als die Pontinischen in Italien; doch sind, seitdem das Land dem Hause Östreich unterworfen ist, die meisten ausgetrocknet, wozu der vom Feldmarschall Mercy angegebene Schiffahrtskanal, welcher die Wasser des Beg, so viele Moräste bildeten, aufnimmt, das meiste dazu beigetragen hat. Dieser Kanal ist eine der alten Römer würdige Arbeit, fängt sich bei Fascet, ohnweit der siebenbürgischen Grenze, an und reicht bis zu dem einige Stunden von Ungarn liegenden Flecken Groß Becskerek, so daß er vom Morgen gegen Abend beinahe das ganze Banat durchschneidet. Die höchsten Gebürge des Landes findet man in dem Mehadier und Karanseber Distrikte, so wie auch gegen Serbien und die westliche Walachei. Von diesem sind der Furluk, Märe, Mica, Flama, Maguri, Sarko, Galiano und Semnik die vornehmsten. Auf letzterem, welcher für den höchsten unter allen gehalten wird, trifft man einen Teich von sehr klarem Wasser an, welches viele Forellen enthält. Auch die Flüsse Nera und Temes, welcher letztere sich in unendlichen Krümmungen durch das ganze Banat windet und bei Leopoldova in die Theiß fällt, haben ihren Ursprung auf diesem Berge. Diese Gebürge sind nicht allein wegen der reichhaltigen Erze, so in den Bergrevieren Moravitza, Dognaska, Moldova und Saska gewonnen werden, sondern auch in Betracht der vielen Versteinerungen, Zähne von Elefanten und andern Tieren, so daselbst ausgegraben und gefunden werden, sehr merkwürdig. Die das Gebürge durchströmenden Flüsse führen viel Goldsand bei sich, welcher von den Zigeunern gesammelt wird. Gegen Morgen und Mittag bedecken ungeheure Waldungen das Gebürge, welche den Mehadier Distrikt und die Allmasch ganz einschließen, wie man überhaupt nur einige wenige Berge findet, die ganz von Waldung entblößt wären. Die ganze Klissura enthält nichts als Berge, unter welchen einer ist, der sich hinter dem Dorfe Ogradina erhebt und Tamantisches heißt, in welchem sich die in dem letzten Türkenkrieg so berühmt gewordene Veterans-Höhle befindet. Weil der etwa fünf Fuß hohe und kaum zwei Schuh breite Eingang hinunter in den Berg geht und überdieses ganz mit Dornen und Hecken verwachsen ist, so würde man solche ohne einen Wegweiser umsonst suchen. Es ist eine um einen großen, das ungeheure Gewölbe tragenden Pfeiler gehende sehr dunkle Höhle; denn sie hat weiter kein Licht, als was von der Höhe des Gewölbes durch eine runde Öffnung hineinfällt. Von den Wänden hängt sehr viel Toffstein herunter, welcher aber viel klarer als der in den Räuberhöhlen ist, auch schönes klares Wasser tröpfelt von den Wänden herab, welches sich in eine Grube verliert und unter der Höhle wieder heraus und in die Donau fließt. Nicht minder merkwürdig sind die unter dem Namen der Römerschanzen bekannten großen, sich auf zwanzig bis dreißig Meilen weit erstreckenden Erdwälle von folgender Bauart. Man sieht nämlich zwei sieben bis acht Schuh hohe Wälle, deren jeder auf beiden Seiten mit einem Graben versehen ist und die beide durch einen darzwischen laufenden dritten selbst voneinander getrennt sind. Der erste fängt sich ohnweit der Marosch bei Guttenbrun an, von da er in einer geraden Linie bis Fibis, wo sich zwei mineralische Quellen befinden, fortläuft, dann über Szernathas, Temiswar, Freydorf bei Sziget die Temes erreicht, ferner durch die große Ebene bei Omor und Denta bis nach Moravitz reicht, wo er sich in den großen Morast Alibonar verliert. Dieser Wall wird außer der Temes durch die Persowa und Pirda durch beschnitten. Ein anderer fängt sich nicht weit von Neu-Arad an und zieht sich über Theresiopel und Barathia nach Klein Becskerek, wo er sich ohnweit dem durch die Wasser des Beg verursachten Morast verliert. Ein dritter fängt bei dem Dorfe Neudorf an, geht über Greifenthal nach Schäswart, wo er von dem Beg und bei Traxina durch die Temes durchschnitten wird; von hier zieht er sich über Türkisch Stamon, Szerna, Bosniakpre, Perekutza, Buttin, Groß Scham durch das Werschetzer Gebiet nach Oraschetz, Grabenitz und erreicht bei Uipalanka fast die Donau. Noch ein anderer geht von der Marosch aus durch das ganze Banat bis nach Kubin. Alle diese und noch mehr andere, die nur drei bis vier Meilen lang sind, haben ihre Richtung von Mitternacht gegen Mittag und werden von den Einwohnern Römerschanzen genennet; es ist aber mehr als wahrscheinlich, daß diese Erdwälle von den Tataren aufgeworfen sind, denn diese und nicht die Römer hatten den Brauch, sich ihre Besitzungen durch dergleichen Wälle zu sichern. Das ganze Banat hat sehr vermischte Einwohner, nämlich Walachen, Raitzen, Neubanater, Deutsche, Italiener und Franzosen, ja sogar die Spanier haben sich ein Dorf erbauet, welches sie Neu-Biscaja genannt haben; doch sind die Walachen ohne Vergleichung die zahlreichsten. Dieses sind römische Kolonien, so unter der Regierung Trajans dahin versetzt worden sind, welches das slawische Wort Vlach, so ein Italiener heißt, und die Namen Rumugni, Rumugneski, die sie sich untereinander geben, sattsam dartun; noch mehr aber beweist ihre Sprache, daß sie würklich italienischen Ursprungs sind. Die Walachen Die Männer tragen ihre Haare über der Stirne in zwei gleiche Teile geteilt, welche auf beiden Seiten oftmals weit unter das Kann herabhängen. Viele betrachten es als Schönheit, dieselben in Knoten zu binden. Den Bart über der Oberlippe lassen sie fast alle wachsen, das Kinn aber gewöhnlich bis ohngefähr ins fünfzigste Jahr scheren, welchen Dienst sie sich einander wechselsweise mit ihren von den Zigeunern verfertigten Brotmessern tun; wenn sie aber ins Alter kommen, so lassen sie die Barte wachsen, welche oftmals bis auf ihren Gürtel herabhängen. Da ihre Popen keine Geburtsregister führen, so wissen sie niemals, wie alt sie sind, und wenn man daher einen alten Walachen fragt, wie alt er sei, so wird er etwa antworten: weil der Türke Temiswar innehatte, so war ich schon ein Knabe, der das Vieh hütete, oder: als der Kanal gegraben wurde, war ich eben alt genug, um heiraten zu können, und daraus kann sich dann der Fragende die Höhe seines Alters nach Belieben erklären. Unter dem weiblichen Geschlechte findet man oft Wohlgebildete, und nur sehr selten sieht man eine Pockennarbige unter ihnen, noch weniger solche, die durch diese Krankheit Schaden an den Augen oder an ändern Gliedern gelitten hätten, welches sie wohl ihrer ungekünstelten Erziehung zu verdanken haben mögen. Die Kleidung der Walachen besteht in einem sehr kurzen Hemde, welches sie nicht in die Beinkleider verbergen, sondern über dieselben herabhängen lassen, und in langen Beinkleidern, welche im Sommer von hänfenem, im Winter aber von weißem wollenen groben Tuche sind. Noch haben sie in der letztem Jahreszeit eine Art Mantel, die sie Kepperneck nennen und die aus einem länglicht viereckichtem groben weißen Tuche verfertigt und die Kragen anstatt der Tressen mit Abschnitzeln von rotem, blauem, gelbem oder ändern farbigem Tuche besetzt sind; im Regenwetter aber bedienen sie sich eines ändern, der ihnen, nichts kostet als die Mühe, ihn zu verfertigen: nämlich es sind lange Binsen, deren äußerste Spitzen sie an einem Bindfaden befestigen und so ganz frei herunterhängend sie besser vor dem Regen schützet als einer, den sie für Geld kaufen müssen. Ihre Füße beschuhen sie auch sehr einfach, erst wickeln sie solche in eine Art dicker wollener Zeuge, nehmen dann ein länglicht viereckichtes Stück an der Sonne gegerbten Leders, welches, auf allen vier Ecken umgebogen, auf den Seiten mit einem Messer durchstochen ist und durch diese Öffnungen Riemen gezogen sind, mit welchen sie solche um die Füße befestigen. Diese Art Schuhe nennen sie Oppinschen , und gleichen gänzlich denen, die man an den römischen Antiken siehet. Ein breiter Riemen, dessen Schönheit durch die größere oder kleinere Anzahl von messingenen Knöpfen bestimmt wird, welche ringsherum befestigt sind, hält ihr kurzes Hemde zusammen und dient ihnen zugleich dazu, ihre Messer und Gabeln daran zu stecken; vorne herunter hängt ihr Geldbeutel, Feuerstahl, Tabak und Zunder, welches die jungen Stutzer noch mit eisernen Kettchen und verschiedenen Schnuren Glasperlen vermehren. Den Kopf stecken sie in eine Pelzmütze, welche sie Clubutz nennen, da denn die Vornehmern welche von schwarzen Lammfellen haben; die Armem sind zufrieden, wenn sie solche nur mit einem Streif von schwarzen Lammfellen besetzen können. Die Kleidung der Frauenspersonen ist beinahe noch einfacher. Über ihr Hemde, das bis auf die Füße reicht, binden sie zwei Stückchen dunkelfarbig wollenes Zeug, welches mit einer Einfassung, mit langen, bis auf die Füße herabhängenden wollenen Faden von allerhand Farben besetzt ist. Diese beiden Läppchen binden sie mit einem wollenen Bande um den Leib; einige, die reicher sind, tragen vorne ein seidenes Läppchen, ja man hat einige wenige, die beide Schürzchen, vorne und hinten, von Seide haben. Außerdem tragen sie bei kaltem Wetter ein kurzes Korsett ohne Ärmel, welches ihnen wohl den Rücken, nicht aber die Brust warm hält, denn es ist durchaus ganz offen; auch gibt es einige, die im Winter einen langen Pelz von Lamms- oder Schaffellen tragen. Die Walachinnen sind zu Hause meistens barfuß, nur wenn sie in die Stadt oder in die Kirche gehen, haben sie kurze Stiefeln entweder von gelbem oder rotem Saffian, welche sie aber bei dem geringsten schmutzigen Wege ausziehen und sich, um ihre Hemden nicht zu besudeln, so hoch aufschürzen, daß sie oft weit mehr als die Waden sehen lassen. Da sie nicht die geringste Tasche haben, um etwas zu verbergen, so vertritt ihnen ihr Busen diese Stelle, worein sie alles tun, was sie nur immer kaufen; auch oft, wenn sie im Frühjahre einige junge Tauben oder Hühner zu Markte tragen, genießen diese das Glück, so lange in ihrem Busen zu sitzen, bis sie von jemandem erhandelt werden, der sie dann selbst herausnehmen kann, ohne daß sie etwas mehr dabei denken sollten, als daß man die Hühnerchen oder Täubchen herausnimmt. Solange sie ledig sind, gehen sie mit bloßen Köpfen oder geflochtenen Haaren, die Verheirateten aber bedecken sich an manchen Orten mit einer Art von gestreiftem Zeuge, auch zuweilen mit feiner Leinewand, welche sie so in Falten legen, daß es eine Art von Haube macht. Erwachsene Mädchen sowohl als verheiratete Frauen suchen ihre Reize durch den Putz zu erheben, welches die Mädchen durch ihre Haarflechten, in welche sie einige Schnuren grüner, roter, gelber und anderer farbichten Glasperlen mit einflechten, zu bewürken glauben; die ändern behängen ihre Kopftücher mit geringen Münzen, doch müssen es Silbermünzen sein, welches gewöhnlich Groschen oder türkische Aspers sind; doch gibt es auch hin und wieder einige, welche Kränze von Siebenzehnern oder Kopfstücken haben. Auch der Busen wird mit Geld, Korallen oder Glasperlen geschmückt, und die Zigeuner verdienen sich manchen Kreuzer für Ohrengehänge. Einige unter ihnen tragen auch auf ihren Jahrmärkten, Kirchmessen etc. Hemden, die mit buntem wollenem Garne, Seide und falschem Golde ausgenäht sind; ja ihre Eitelkeit geht so weit, daß die Mädchen, um auf ihren Bällen zu brillieren, oft die Geld- und Glasperlenschnuren gegen eine kleine Erkenntlichkeit von solchen borgen, die durch irgendeinen Umstand verhindert werden, an dem Tanze teilnehmen zu können. Dieses dient also zu einem deutlichen Beweise, daß sie auch Evens Kinder sind. In Ansehung der Religion bekennen sich die Walachen zum Christentume und hängen der griechischen Liturgie an; zwar findet man auch viele Katholiken sowie auch eine nicht un- beträchtliche Anzahl unierten Griechen unter ihnen; doch wollen sich die Proselyten, trotz aller Mühe, die sich die Missionaire geben, nicht recht mehren und kommen mit den ändern Nichtunierten gar nicht in Vergleichung. Die Walachen verheiraten sich gewöhnlich sehr jung, so daß manches Mädchen, noch ehe sie das dreizehnte Jahr vorüber hat, schon zur Ehe begehrt wird. Die Vertrauten des Jünglings, in Ansehung seiner Liebe, sind immer seine Eltern, welche, soferne sie ihm nicht schon eine Braut auserlesen haben, sogleich mit den Eltern des Mädchens in Unterhandlung treten. Hier wird nun um das Mädchen wie um ein anderes Grundstück gehandelt, und da es die Eltern des Bräutigams für bares Geld erstehen müssen, so kommen bei der Forderung die mindern oder mehrern Reize der Braut allemal mit in Anschlag, doch beträgt das Kaufpretium für rechte artige Mädchen gemeiniglich nicht mehr als dreißig bis vierzig Gulden, für die minder schönen ist es verhältnismäßig. Nach geschlossenem Kontrakte setzen sie eine Zeit zum Beilager fest, welche gewöhnlich nicht über zwei bis drei Wochen beträgt; sind diese verstrichen und die Braut hat wichtige Gründe, das Beilager zu verschieben, so wird ihr vom Bräutigam noch eine Zeit von vierzehn Tagen eingeräumt; allein nach Verfließung dieser zweiten Frist ist gewöhnlich die Diskretion des Bräutigams erschöpft, und die Zeremonie muß vollzogen werden. Trifft sich's, daß die Eltern die Braut versagen, weil ihnen der Bräutigam nicht gefällt oder um einen bessern Käufer abzuwarten, so geschieht es nicht selten, daß die Braut entführt wird, wo sie sich nicht weit zu entfernen brauchen, sondern wenn sie nur einige hundert Schritte mit dem Bräutigam gegangen ist, so lassen sie es den Brauteltern zu wissen tun, und man weiß keinen Fall anzuführen, wo das Mädchen nach einer Entführung einem andern zuteil geworden wäre; denn gewöhnlich wird es durch den Popen vermittelt, welcher durch ein Geschenk dazu erkauft wird. Sind die Brauteltern unerbittlich, so bleibt den jungen Leuten nichts übrig, als sich in einem andern Dorfe niederzulassen. Findet aber die Liebe kein Hindernis, so erscheint der Bräutigam am bestimmten Trauungstage, von seinen Eltern, Geschwistern und Freunden begleitet, vor dem Hause der Verlobten, tritt jedoch nicht über die Schwelle, sondern die Braut kommt mit verschleiertem Gesichte heraus, beurlaubt sich von ihren Eltern und Freunden unter vielen Tränen, welche sie zärtlich küsset, desgleichen auch die Anwesenden, und jeder, der ihr auf dem Wege bis zur Beselika (Kirche) begegnet, erhält einen Brautkuß. Dort knien sie vor dem Altare, den sie Anion Byma nennen, nieder und halten während der ganzen Zeremonie brennende Kerzen in den Händen. Die ganze Zeremonie selbst besteht in verschiedenen Gebets-, Einsegnungs- und Vermahnungsformeln, wovon diese: »Bula fia mic o mare, aggia com j est' aggia trebe si cigna«, die sonderbarste ist, die ich weder übersetzen noch viel weniger erklären mag. Nachdem die Braut den Ring erhalten und der Pope den Verlobten Kränze von wohlriechenden Kräutern und Blumen auf das Haupt gesetzt hat, so werfen die Reichern einige Kreuzer oder Silbergroschen, die Ärmern aber Nüsse, gedörrtes Obst und andere Kleinigkeiten unter die Leute aus. Nach Endigung der Trauung wird die Braut in das Haus des Gemahls begleitet, wo sie jedoch an der zubereiteten Tafel keinen Platz nimmt, sondern in Gesellschaft ihrer Freundinnen und Bekannten bleibt. Beim Weggehen wünscht jeder der Anwesenden der Braut Glück, Gesundheit und recht viele Kinder, welches sie allemal mit einem Kusse erwidert; worauf sie mit etwas Gelde beschenkt wird, das aber selten über ein Siebzehnkreuzerstück beträgt. Sobald sich der Mann alleine mit ihr befindet, so hält er ihr, ehe er sich seiner ehelichen Rechte bedient, eine kurze Vermahnung, in betreff ihrer Abhängigkeit von ihm, der Sorgfalt des Hauswesens und der Kinderzucht, so er von ihr erwartet. Auf dem zweiten Gastmahle, welches den folgenden Tag gegeben wird, sitzt die junge Frau mit zu Tische; während der Tafel kömmt die Mitgift der Braut an, welche im Banate gewöhnlich in Kühen und Schweinen besteht, doch bekommen sie auch gemeiniglich einen kupfernen Kessel, welches ihr einziges Stück Hausrat von Wert ist und das allemal der Knes (Schulze) mitnimmt, wenn sie die herrschaftlichen Gefälle nicht bezahlen können oder nicht bezahlen wollen, so daß derselbe oft seine ganze Stube voll Kessel hat, die aber von den in Rest Stehenden bald wieder eingelöst werden, da sie dieselben nicht einen Tag entbehren können. Bei der gewöhnlichen Mahlzeit der Walachen sitzen ihre Frauen nicht mit zu Tische, sondern speisen fast immer, ohne daß sie die Arbeit, mit der sie beschäftigt sind, dabei aus den Händen legen. Ihre gewöhnliche Speise besteht in Bohnen, die sie fast immer in dem Topfe, worinnen sie gekocht sind, auftischen, ohne sich die Mühe zu geben, solche erst in eine Schüssel zu tun; sie setzen sich um denselben herum, und ihre Simplizität geht so weit, daß eine Familie von sechs bis acht Personen nur einen Löffel braucht. Der Hausvater oder, in Ermangelung desselben, der älteste von den Gebrüdern hat das Recht, den ersten Löffel voll zu nehmen, den er nachgehends wieder in den Topf steckt, wo ihn dann der Folgende nimmt, und so geht es fort, bis die Reihe wieder an den ersten kommt. Wenn sie keine Fasten haben, so essen sie gerne Schweinefleisch, welches sie allem andern vorziehen, doch verzehren sie auch eine Menge Lämmer, die im Banate so wohlfeil sind, daß man eins, welches schon zwei bis drei Zoll lange Hörner hat, um zwölf bis sechzehn Kreuzer kauft. Es ist den walachischen Popen wohl erlaubt, zu heiraten, aber nicht mehr als einmal; wenn sie zur zweiten Ehe schreiten wollen, so müssen sie Verzicht auf ihre Popenstelle tun und sich ihrer Hände Arbeit nähren, welches wir an unserm Priester zu Katai gesehen haben, der, sobald seine Gemahlin starb, nicht säumte, sein Popenkleid abzulegen und sein Feld zu bauen, um eine andere Frau heiraten zu dürfen. Die Walachinnen gebären sehr leicht. Zwei oder drei Tage nach der Geburt können sie ihren Geschäften wieder vorstehen. Ihre Bänder werden gar nicht verzärtelt, denn gleich nach der Geburt werden sie zur Winterszeit in warmem, zur Sommerszeit aber in kaltem Wasser gebadet, welches sie täglich zwei- bis dreimal wiederholen. Von Windeln wissen sie nichts, eine Schachtel von Baumrinden, mit ein wenig Heu angefüllt, ist die Wiege für ihre kleinen Kinder; an dem Rande dieser Wiege bohren sie Löcher, durch welche sie eine Schnure ziehen, die über dem Kinde zusammenläuft und an einem Nagel an der Decke befestigt ist. Will das Kind aufwachen, so geben sie dieser Schachtel einen Stoß, wovon dieselbe lange Zeit in Bewegung bleibt und sie also nicht verhindert werden, ihre Arbeit fortzusetzen. Mehrmalen sieht man, daß eine Walachin, die Wiege mit dem Kinde auf dem Rücken, ihr Feldgeräte auf dem Kopfe, und den Rocken in das Band, das ihr Hemde und die Schürzchen zusammenhält, gesteckt hat und so den ganzen Weg bis ins Feld oder in den Weinberg spinnt. Zuweilen bedienen sie sich auch der Mulden, um ihre Kinder darein zu legen, welches zugleich ihr Back- oder Waschtrog ist. Ihre Kinder kriechen nackend auf dem Boden herum, bis sie von sich selbst laufen lernen, welches gar oft vor dem ersten Jahre geschiehet. Selten sieht man ein krankes Kind unter ihnen, und wenn allenfalls einem etwas fehlt, so kurieren sie es auf die einfachste Art. Aber zu bedauren sind die kleinen Kinder, wenn sie in der Fasten erkranken; denn sobald sie entwöhnt sind, darf ihnen die Mutter keine Milchspeisen geben, sondern auch die unschuldigen Kleinen müssen sich der Fasten unterwerfen. Die Kleidung der Kinder ist äußerst schmutzig, denn oftmals ziehen ihnen die Eltern ihr Hemde gar nicht aus, um es zu wechseln, sondern lassen ihnen, solches so lange tragen, bis es ihnen vom Leibe fällt. Nicht leicht wird eine Walachin warten, bis ihre Kinder von den natürlichen Pocken angegriffen werden, sondern sobald sie nur erfährt, daß es gutartige Pocken gibt, welche sie bubat al mare nennen, so werden den Kindern dieselben eingeimpfet, welches sie auf die einfachste Art verrichten. Sobald sie wissen, daß es keine bubat al mica, nämlich bösartige Pocken, sind, so kaufen sie um einen Kreuzer oder Poltracken Pockenmaterie, ritzen den Arm des Kindes ein wenig auf, lassen die Pockenmaterie hineinrinnen, binden es mit einem schmutzigen Lappen zu, und das ist alles, was sie dabei tun. Nicht im mindesten werden deswegen die Nahrungsmittel verändert; sich selbst überlassen, laufen die Kinder auf den Gassen herum, ohne daß sich die Eltern weder um die Blattern noch auch um das Fieber bekümmern. Sobald die Knaben nur ein wenig erwachsen sind, so werden sie zum Viehhüten angehalten, allein hier legen sie auch den Grund zu allen den Lastern, welche dem Hirtenleben eigen zu sein pflegen; sie fangen schon klein an zu stehlen und bringen es sehr bald zur Vollkommenheit; denn zuweilen sind die Knaben von sieben bis zehn Jahren geschickt genug, einen Bienenstock oder ein Lamm zu entwenden, bis sie es wagen, etwas Größeres zu unternehmen. Nicht selten geschieht es, daß einer, der zur Vollkommenheit im Stehlen gelangt ist, sich zu einer Räuberbande schlägt, welche mit ihrem Anführer, den sie Harambassa nennen, oft in ganzen Scharen herumstreifen und sich vorzüglich die Gebürge von Mehadia und Karansebes zu ihrem Aufenthalte wählen. Bei meinem Aufenthalte zu Mehadia trug sich's zu, daß ein solcher Trupp Räuber, durch einen Zigeuner geleitet, noch bei hellem Tage in die Stadt fiel. Sie kamen vom jenseitigen Gebürge über die Brücke des Flusses Bellarega, plünderten einen nahe an der Brücke wohnenden Raitzen namens Koska rein aus und schnitten ihm den Kopf ab, den sie in die Bellarega warfen. Seine Frau, die in Mehadia unter dem Namen der schönen Raitzin bekannt und die Tochter des Mehadier Protopopen war, machte Lärm, worauf der Harambassa einem seiner Leute befahl, ihr die Kehle abzuschneiden. Sei es nun, daß der Räuber, so diesen unmenschlichen Befehl erhielt, etwa ein Bekannter dieser Frau war oder aber, durch ihre Schönheit bewegen, Mitleid mit ihr hatte, genug, er nahm anstatt der Schneide den Rücken des Messers, tat, als ob er ihr die Kehle abschnitte, gab ihr zu verstehen, sich nicht zu regen, und steckte sie in ein leeres Faß. Es wurde hierauf Lärm im Orte, und die beim Obristlieutenant von Hübel stehende Schildwache feuerte ihr Gewehr ab, welches die beim Amte und bei der Kaserne auch taten. Da man nun im Anfange nicht wußte, ob es Feuers- oder Wassersnot oder ob es Räuber waren, so wurde der Feldwebel vom Regimente Caroli nebst einem Korporal, zwei Gefreiten und zehn Gemeinen zu patrouillieren ausgeschickt. Kaum entdeckten die Räuber Weißröcke, so gaben sie Feuer, erschossen den Korporal nebst zwei Gemeinen, und der deutsche Schornsteinfeger, der sich eben zu Mehadia befand, um die Schlote der kaiserlichen Gebäude zu fegen, und auch hinzugelaufen war, weil er glaubte, es wäre Feuer ausgekommen, wurde auch von ihnen getötet. Ehe noch die Compagnie von Caroli, denn mehrere lagen nicht da in Garnison, ausrückte, so waren sie wieder über die Brücke hinüber; man setzte ihnen bis in die Holzungen nach, ohne daß man nur einen von ihnen hätte erwischen können, bloß der Zigeuner, der ihnen zum Wegweiser gedient hatte, wurde aufgefangen und nach Weiskirchen zum Stabe geschickt, wo er, zur Belohnung für die den Räubern erwiesene Gefälligkeit, achtzig Stockschläge ad posteriora erhielt. Das gefährliche Mordgewehr der Räuber ist der an einem starken Stiel befestigte Ciacan, welches auf der einen Seite einen ordentlichen Hammer, die Rückseite aber ein gekrümmter Haken ist. Die Walachen tragen solche Ciacans zum Staat, deren Stiele mit Blei oder Messing umwunden sind. In den Gegenden des platten Landes hört man nicht soviel von Morden, desto mehr aber werden daselbst Viehdiebstähle begangen, und die Gefängnisse von Temiswar waren immer voll von diesem Diebsgesindel. In dem einzigen Sauwinkel , ohnweit dem Peterwardein-Tore, waren nur allein 103 Gefangene; jetzo aber sind die Arrestanten so verteilt worden, daß jedes der drei Komitate, in welche das Banat eingeteilt ist, seine ihm zufallenden Subjekte dieser Art selbst bewachen muß, und man hört jetzt in Temiswar nicht mehr so viele Ketten klirren als vor diesem. Die Walachen leiden die ihnen zuerkannte Todesstrafe mit außerordentlicher Gleichgültigkeit; denn kurz darauf, als das Banat dem Königreiche Ungarn einverleibt worden war, habe ich ihrer dreizehn auf einmal köpfen sehen, ohne daß die, welche unter dem Rabensteine gleiche Todesstrafe erwarteten, die mindeste Reue oder Furcht hätten blicken lassen; ja, drei von ihnen unterhielten sich von ihren begangenen Diebstählen, und ich hörte, daß der eine ganz kaltblütig sagte: »Tatul mea j este morit agia«, mein Vater starb des nämlichen Todes. Die Beichte vor ihrem Tode halten sie deswegen vor überflüssig, weil sie, wie sie sagen, doch der Todesstrafe unterliegen müßten. Da die Popen der Walachen selbst sehr unwissend sind, so kann man leicht denken, daß es das Volk noch weit mehr sein muß. Es ist wahr, man nimmt jetzt bei Abgang des Popen nicht mehr den Glöckner zum Priester, wie es ehedem oft der Fall war, sondern wer Anspruch auf Priesterwürde machen will, muß zu Neusatz studiert haben; doch habe ich zu Scuglie einen Popen gekannt, der schon sechs Jahre dieses Amt bekleidete und sich doch erst von einem ungarischen Notarium im Lesen unterrichten ließ. Die gemeinen Walachen und Raitzen glauben ihre Schuldigkeit getan zu haben, wenn sie das Kreuz machen und ihr »Gospodi po milie«, welches soviel heißt als »Gott stehe mir bei!«, hersagen können; doch gibt es einige wenige, die einmal des Jahrs beichten, das geschieht aber gewöhnlich nur alsdenn, wenn sie nicht viel gesündigt haben; denn weil sie die Popen nach Verhältnis der größern oder kleinern Anzahl von Sünden bezahlen müssen, so beichten sie lieber gar nicht, wenn sie davon eine große Menge begangen haben. Die Fasten der Walachen sind außerordentlich strenge. Nicht genug, daß sie sich des Fleisches enthalten müssen, sie dürfen auch weder Butter, Käse noch Eier essen, ja, die Walachen in dem Gebiete von Mehadia und Karansebes dürfen sich nicht einmal des Öls bedienen, weil es in Säcken von Schaffellen zum Markte gebracht wird. Ein Topf voll im Wasser gekochter Fasolen, eine Art Bohnen, in welchen sie einige Papricken spanischen Pfeffers tun, ist ihre gewöhnliche Fastenspeise. Sogar ihren Topf, worinne sie Fleisch gekocht haben, stecken sie so lange an die Zaunpfähle, bis die Fasten vorbei ist, da sie denn solche von neuem gebrauchen und die Fastentöpfe ihre Stelle einnehmen. Wenn ein Walache in der Fastenzeit einen Semliska (Brot von Weizenmehl) kaufen will, so muß der Bäcker ihm erst heilig versichern, daß keine Milch oder Unt (Butter) darinne sei, wodurch sie sogleich unrein würden, wenn sie solche speisen. Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, wie strenge sie ihre Fasten beobachten; denn da ich einmal von Katai nach Temiswar fuhr, um bei den Herrn von Haygel und Kircheser Geld für den Reisbau zu holen, so schickte ich, ehe ich die Stadt verließ, einen bei mir habenden Walachen zum Bäcker, um mir etwas Buttergebackenes zu holen. Vor dem Tore verweilte ich ein wenig in dem Gasthofe des Herrn von Kugler, wo ich dem Walachen einen Bouteille Wein reichen ließ, und als er mir sagte: »Domno non am pitto!« (Mein Herr, es fehlt mir am Brot!), so gab ich ihm, ohne an ihre große Fasten zu denken, etwas von der Butterware. Er ließ es sich recht wohl schmecken, bis ein Walache, der das Gebackene kannte, ihm zurief: »Kupil al draco! non stia tu ch' am bust mare?« (Kind des Teufels! weißt du nicht, daß wir die große Fasten haben?) Nun machte mir dieser Mensch die bittersten Vorwürfe, daß ich ihn habe unrein machen wollen, und fing an, sich dermaßen zu gebärden, daß ich glaubte, er würde unsinnig werden, und beruhigte er sich nicht eher, bis er die Speise wieder von sich gegeben hatte. – Ein andermal ritt ich von Mehadia bis Lapusnitzel; auf meinem Rückwege konnte ich bei Bedueck nicht über das Wasser kommen, welches durch einen Gewitterregen stark angelaufen war. Ich ging also zum Knesen , um mir von ihm ein Nachtlager auszubitten, der auch sehr erbötig war, mich nicht nur allein zu beherbergen, sondern auch Sorge für mein Pferd zu tragen. Gegen Abend merkte ich, daß mir außer der Versorgung meines Pferdes und des Nachtlagers noch ein wesentliches Bedürfnis mangele, nämlich eine Abendmahlzeit. Ich begehrte also, gegen bare Bezahlung, etwas zu essen; allein es war Fasten, und ob ich gleich alle meine Beredsamkeit verschwendete, um ihm begreiflich zu machen, daß ich an keine Fasten gebunden sei, so half es doch nichts, sondern alles, was ich zum Abendessen erhielt, war ein wenig Kisselitza , eine Art Brei oder Klöße von Kukuruzmehl, und drei auf den Kohlen gebratene Krebse. Wein und Raki bot mir der Knese eine Menge an; da aber noch niemals ein Tropfen Brandewein über meine Zunge gekommen ist und er den Wein in einem ledernen Sacke stehen hatte, so ließ ich mir einige Wassermelonen geben, woran man den Durst auch recht wohl löschen kann. Alle Fasttage der Walachen und Raitzen zusammengenommen betragen viel mehr als sechs Monate, denn außer der bust mar, welche acht Wochen dauert, haben sie noch die Fasten des heiligen Nikolaus, des Apostels Petri und die der Muttergottes, wovon die eine vier Wochen, die beiden andern aber vierzehn Tage betragen; und außerdem fasten sie das ganze Jahr hindurch alle Mittwochen und Freitage; auch die Kranken und Kinder sind nicht davon ausgenommen, denn, wie schon gesagt, wenn das Kind entwöhnt ist, so darf ihm die Mutter nichts von Butter, Eier oder Milch zu essen geben, und eine Rindfleischsuppe, die ich drei Tage vor Ostern einem kranken Walachen reichen ließ, wurde nicht angenommen, ohnerachtet er so krank war, daß er noch vor den Feiertagen starb. Von den Vorurteilen des ungarischen Pöbels, in Ansehung der Vampiren , sind die Walachen auch nicht frei, sondern fürchten sich außerordentlich vor ihnen. Auch glauben die Walachen, daß ihnen ein Unglück zustoße, wenn eine Frauensperson quer vor ihnen vorbeiginge. Deswegen geschieht es auch niemals, daß eine Walachin vor einer Mannsperson, wenn es auch nur ein Pursche von zwölf bis vierzehn Jahren sein sollte, vorübergeht, sondern sie verweilen so lange, bis sie hinter der Mannsperson weggehen können; man bemerkt aber wohl, daß diese Gewohnheit für das schöne Geschlecht kränkend ist, denn sehr viele, wenn sie eine Mannsperson kommen sehen, machen sich ein kleines Geschäfte und ziehen entweder ihre Schismen (Stiefelchen) aus oder an oder verbessern etwas an ihren Schürzchen oder nehmen sonst etwas vor, um sich so lange zu verweilen, bis die Mannsperson vorbei ist und sie ihren Weg fortsetzen können. Der Walache hat beinahe seinesgleichen nicht in Grausamkeit, Hartnäckigkeit und Zorn, wovon folgendes ein Beispiel abgeben kann. Da ich einst nebst dem Regiments-Büchsenmacher von Mehadia nach Temiswar auf der Diligence fuhr, so begegnete uns folgender Zufall: Als wir nach Cornia, die erste Poststation, kamen, unterhielten wir uns mit dem dasigen Postmeister, während daß er uns ein Frühstück zubereiten ließ. Unter ändern erzählte er uns, daß er einen sehr bösen Postknecht habe, den er doch aus der Ursache nicht entlassen könne, weil er bei ihm in Rest stünde, so daß er den Weg habe einschlagen müssen, sich von den Reisenden auch das Trinkgeld, welches gewöhnlich in einem Siebzehn- oder Zwanzigkreuzerstücke besteht, bezahlen zu lassen. Da wir keine Ursache hatten, an der Wahrheit zu zweifeln, so gaben wir ihm das Trinkgeld. Als wir nun fortfahren wollten, fragte uns der Postillion, ob wir dem Postmeister etwa das Trinkgeld bezahlt hätten, und sagte, wie wir es bejaheten: »Nun gut, so mag es mein Herr auch verdienen.« Der Postmeister, der dieses hörte, ergriff sein spanisches Rohr und gab ihm eine derbe Tracht Schläge, worauf er zwar versprach, uns zu fahren, zugleich aber eine uns unangenehme Bedingung, nämlich uns im Schlüssel So wird die ganze Poststation von Cornia bis Teregowa genannt; es ist dieses einer von den beträchtlichsten Pässen des Banats; auf einer Seite liegt ein tiefes Tal, in welchem ein wilder Strom sein Bette hat, auf der andern sind hohe Gebürge, welche nur einen Weg von wenig Schuhen übriglassen; kein Geschirr kann dem ändern ausweichen, und trifft sich's, daß sich mehrere einander begegnen, so ist es als Gesetz anzusehen, daß der, welcher die leichteste Ladung hat, den Karrn zerlegen muß, um ihn den Berg hinauf- oder hinunterzutragen, bis der andere vorüber ist. ins Wasser zu werfen, hinzusetzte. Mit dieser Erklärung war uns, wie leicht zu erachten, nicht gedient, und wir gaben also dem Herrn Postmeister zu verstehen, er möchte die Güte haben, uns einen andern Postillion zu geben. Er ließ also bald den Widerspenstigen durch seine Wache Dieser, wie so jeder andere Postmeister in den Gebürgsorten, hat zu seiner Sicherheit sechs Mann Wache vom illyrischen Grenzregimente bei sich. arretieren und schickte ins Dorf, um einen andern Walachen zu holen, der uns fahren sollte. Als dieser erschien, drohte ihm der Arrestant, ihn, wenn er uns fahren würde, nach seiner Befreiung aus dem Arreste ohnfehlbar zu erdrosseln. Dieser Mensch wollte, uns zu Gefallen, weder so bald noch auf diese Art sein Leben beschließen und ging also wieder nach Hause. Wir mußten noch ganzer zwei Stunden warten, bis er einen fand, der jene Drohungen nicht achtete, weil er vielleicht auch unter der Fahne eines Harambassa gedient hatte, wie der erstere, der acht Jahre ein Räuber gewesen war. Wir waren kaum einige hundert Schritte gefahren, so sahen wir den Arrestanten, der der Wache entsprungen war, wie ein wildes Tier uns nachsetzen. Da nun Cornia, wie alle Gebürgsorte, mit einem Zaune umgeben ist, dessen Gattertor von jedem Durchpassierenden auf- und wieder zugemacht werden muß, so sprang ich vom Postwagen, um solches aufzumachen, damit wir beim Durchfahren nicht aufgehalten würden; aber es ging nicht so geschwinde, als ich glaubte, und der Walache holte uns ein, ehe wir noch durch das Tor durchkamen. Er riß sogleich den Postknecht vom Bocke herunter und wollte den darauf sitzenden Büchsenmacher mit einem Ciacan auf den Kopf schlagen. Bei dem Geschrei meines Reisekompagnons wendete ich mich um, zog den Degen und ging auf den Walachen los; er ließ also den Büchsenmacher, wendete sich gegen mich und sagte, ob ich nicht wisse, daß es verboten sei, den Degen zu ziehen, besonders, da er mir als einer Militärperson keinen Schaden zu tun willens sei. Über diesem Wortwechsel kam die Wache dazu, der er entsprungen war, welche ihn aufs neue arretierte und ihm Fußeisen anlegte. Der Postmeister bat uns, mit umzukehren, um eine species facti aufzusetzen, mit welcher er den Walachen zum Stab nach Weiskirchen schickte, wo er achtzig Stockstreiche ad posteriora erhielt. Als wir wieder fortfuhren und vor seinem Gefängnisse vorbei mußten, so schäumte dieser Mensch vor Wut und sprang mit seinen Ketten dermaßen in die Höhe, daß wir glaubten, er würde sie zerbrechen und uns das zweite Mal verfolgen. Der Walache, den wir zum Postillion bekommen hatten, wußte nicht gut mit dem Fahren umzugehen, wir mußten daher, weil der Weg von Cornia bis Teregowa sehr gefährlich zu passieren ist, sehr viel ausstehen, bis wir den letzten Ort erreichten. Ohngeachtet dieser Wildheit und Hartnäckigkeit der Walachen haben sie doch auch ihre gute Seite. So ist zum Beispiel das ein schöner Zug von ihnen, daß sie niemals den Namen Gottes mißbrauchen. »So wahr mein Vater gestorben ist, so wahr ich gebeichtet habe, so wahr ich die Fasten gehalten«, sind alle ihre Beteurungen, wodurch sie die Wahrheit des Gesagten zu bestätigen suchen. Doch haben sie die garstige Gewohnheit, bei jedem Worte zu sagen: »Futtuts mortse«, mit welchem sie freilich eben nicht mehr sagen wollen als der schwedische Pöbel mit seinem »Dami Gebel« oder der holländische mit seinem »Godomi«. Ihr Gruß ist einfach, sagt aber weit mehr als unser leeres Wortgepränge; wenn sie jemandem begegnen, so sagen sie: »Sanatos et pace«, Gesundheit und Friede; gegen Vornehmere bezeugen sie ihre Ehrerbietung dadurch, daß sie ihnen die Hand küssen und dieselbe mit einer ehrfurchtsvollen Stellung an ihre Stirne drücken. Unter sich selbst nennen sie sich »moi«, sonst aber geben sie den Fremden den Titel »Szupugne« und »Domno«, dem schönen Geschlechte aber »Szupugnaza« und »Gongona«. Nicht leicht wird man hören, daß eine Walachin ihre Kinder mit Scheltworten mißhandelt, und wenn ja eine im äußersten Zorne die Worte ausstößet: »Cupilla al Draco« oder »sante cruce ti afecte«, Kind des Teufels oder das heilige Kreuz möge dich treffen, so sehen es die erwachsenen Kinder als einen Vorboten eines großen Unglücks an. Das Andenken an ihre Toten ist gewiß lebhafter als bei vielen andern Nationen. Sobald jemand stirbt, so wird der Todesfall sogleich durch Aushängung eines Tuches angekündiget; ist es eine ledige Person, so wird ein weißes, bei einer verheurateten aber ein rotes ausgehängt. Sie essen und trinken in der nämlichen Stube und verlassen den Leichnam nicht eher, bis er begraben ist. Bei jedem Glase Wein oder Raki wird des Toten Gesundheit getrunken und etwas davon auf den Leichnam geschüttet; sie beklagen sich über ihn, daß er sie verlassen habe, erzählen ihm alles, was sich noch an Lebensmitteln im Hause befinde, und äußern ihre Verwunderung darüber, daß er den Raki, Wein, Sprinza, Unt und Kukuruz nicht habe wollen aufzehren helfen. Ist der Verstorbene ein begüterter Mann, so werden einige Weiber gemietet, um bei der Leiche zu weinen, an deren Geschrei sich leicht abnehmen läßt, ob sie gut oder schlecht bezahlt worden sind, denn nach Verhältnis ihrer Bezahlung weinen sie mehr oder weniger. Den folgenden Tag wird der Verstorbene in seiner gewöhnlichen Kleidung in den Sarg gelegt, wo sie niemals vergessen, neben die Leiche Nüsse, Birnen, Äpfel, Zwetschen, Pfirschen, Weintrauben und anderes Obst, auch einige Büschel wohlriechender Krauter zu legen, so wie es die Jahrszeit mit sich zu bringen pflegt; ist es aber Winter, so legen sie dürres Obst hinein. Ist dieses geschehen, so gehen Freunde, Nachbaren und Bekannte mit zu Grabe, ja auch ihre Feinde dürfen sich nicht davon ausschließen, denn das ganze Dorf würde mit Fingern auf sie zeigen. Der Sarg wird allemal von den nächsten Freunden getragen, welche nicht ermangeln, die guten Eigenschaften des Verstorbenen anzurühmen. Neben dem Grabe wird der Sarg hingesetzt und mehrere brennende Lichter um denselben herum. Hier fangen sie alle an, erbärmlich zu weinen, welches sie desto mehr verdoppeln, je mehr sich der Pope dem Ende der Zeremonie nähert; die Weiber raufen sich die Haare aus und stellen sich ganz untröstlich. Ehe der Sarg zugemacht wird, welches allemal erst vor der Einsenkung geschieht, küssen alle Anwesende den Leichnam noch einmal, welches seine gewesenen Feinde desto inbrünstiger tun, damit er nach ihrer Meinung kein Vampir werden möge, um sie zu quälen. Der Pope ist der erste, der eine Handvoll Erde kreuzweise ins Grab wirft, welches alle Anwesenden nachtun, so daß der Leichnam sehr bald bedeckt ist. Nach der Beerdigung geht jeder stillschweigend ins Haus des Verstorbenen, wo sie das Leidessen verzehren, welches bei den Reichern darinne besteht, daß ein jeder ein Glas Wein oder Raki, einen Schnitt Brot und ein Stück Schweinefleisch bekommt, welches mit der Aussprechung des Wortes »pomana« dargereicht wird, worauf der, so es empfängt, antwortet: »Domne dzeu sa le jente sufflattul«, das heißt: Gott der Herr wolle ihn bei sich behalten, welches seine gewesenen Feinde mit vielem Ernste aussprechen, damit er ihnen nicht als Vampir das Blut aussaugen möge. Die Trauer der Walachen besteht darinne, daß sie für ein Altes ein ganzes Jahr, für Kinder, Brüder oder andere Verwandte aber nicht so lange mit bloßem Kopfe gehen, weder Regen noch Schnee, weder Frost noch Hitze kann sie dazu bewegen, ihr Haupt zu bedecken, und sie glauben ganz sicher, daß sie dadurch der Seele des Verstorbenen einen großen Dienst erzeigen. Die Wohlhabenden unterhalten zuweilen ein ganzes Jahr eine brennende Lampe auf dem Grabe des Verstorbenen. Den dritten, neunten und vierzigsten Tag, wie auch den dritten, sechsten und neunten Monat, auch am Jahrstage des Verstorbenen pflegen sie eine Wachskerze, ein Brot und eine Schüssel voll Kisselitza in die Kirche zu schicken, wovon jeder einen Löffel voll nimmt und für die Seele des Verstorbenen betet. Die Frauen unterziehen sich nicht der Trauer mit bloßem Kopfe, sondern glauben der Seele des Verstorbenen auf eine andere Art zu dienen. Sie gehen nämlich alle Sonn- und Feiertage auf den Gottesacker, knien auf das Grab des Verstorbenen, schütten etwas Wein oder Raki darauf, legen Brot und Fleisch darneben und laden ihn durch ihr Geschrei ein, mit ihnen zu essen, klagen ihm ihre Not, in die sie durch seinen Tod versetzt worden sind, und besingen mit trauriger Stimme die während seines Lebens genossene Glückseligkeit. Diese Trauergesänge stimmen sie auch an, wenn sie sich bei ihren Geschäften an den Tod ihres Gatten erinnern, und man wird nicht leicht durch ein walachisches Dorf gehen können, ohne eine Frau weinen oder singen zu hören. Die gewöhnlichen Klagen sind nur die: »Binterce sei morit? saracca la migna!« Ach ich Arme! warum bist du gestorben? – Sie drücken den Schmerz, den sie wegen seiner Beraubung empfinden, sehr lebhaft aus, so daß sie oft Mitleiden verdienen; sobald aber der Trauergesang geendigt ist, gehen sie wieder an ihre Arbeit, ohne sich etwas von ihrer vorigen Betrübnis merken zu lassen. Am Allerseelentage, welcher bei den Walachen und Raitzen allemal den Montag nach Ostern fällt, gehen alle Einwohner des Dorfes, von ihrem Popen begleitet, auf den Kirchhof, streuen daselbst Bohnen, Kuchen und andere Eßwaren auf die Gräber. Die Frauen tragen ganze Gefäße voll Weihwasser, mit welchem sie nicht allein die Gräber, sondern auch jeden, der sich ihnen nähert, besprengen. Viele bleiben bis in die Nacht daselbst und zünden Lichter auf den Gräbern an; die meisten aber kehren in Prozession in die Kirche zurück, in deren Bezirk sie sich mit Tanzen bis tief in die Nacht unterhalten. Karl Philipp Moritz Reisen eines Deutschen in England im Jahr 1782 London, den 5.Juni 1782 Endlich, liebster Gedike, bin ich einmal wieder in Ruhe, da ich meinen Koffer und meine Sachen vom Schiffe habe, das erst gestern morgen angekommen ist. Weil ich meinen Koffer nicht erst wollte nach dem Custom- oder Zollhause bringen lassen, welches sehr viele Umstände macht, so mußte ich an die Gerichtsdiener und Visitatoren, welche auf das Schiff kamen, bezahlen. Als ich aber den einen mit zwei Schillingen befriediget hatte, so protestierte der andre wieder gegen die Verabfolgung des Koffers, bis ich ihm ebensoviel gegeben hatte, und so auch der dritte, daß es mir sechs Schillinge kostete, die ich auch gern gab, weil es mir auf dem Customhause noch mehr würde gekostet haben. Gleich am Ufer der Themse befanden sich verschiedne Träger, wovon einer den großen und schweren Koffer mit erstaunlicher Leichtigkeit auf die Schulter nahm und ihn für zwei Schillinge so weit trug, bis wir eine Mietkutsche trafen, in welche wir ihn absetzten, und ich zugleich selbst mitfuhr, ohne weiter für den Koffer besonders zu bezahlen. Dies ist ein großer Vorteil bei den englischen Mietkutschen, daß es einem nicht verwehrt ist, mit sich zu nehmen, was man will: man erspart dabei doppelt soviel, als man einem Träger bezahlen müßte, und fährt selber mit. Die Antworten und Ausdrücke der gemeinen Leute sind mir hier wegen ihrer Kürze und Präzision oft schon sehr aufgefallen. Als ich mit dem Kutscher zu Hause kam, warnte ihn meine Wirtin, mir nicht zuviel abzufordern, weil ich ein Fremder sei. »Und wenn er auch kein Fremder wäre«, antwortete er, »so würde ich ihm nicht zuviel abfordern!« Meine Empfehlungsschreiben an einen hiesigen Kaufmann, die ich wegen der eiligen Abreise von Hamburg nicht mitnehmen konnte, sind nun auch angekommen und haben mir viele Besorgnisse wegen der Umwechselung meines Geldes erspart; ich kann dies nun wieder mit nach Deutschland nehmen und dort an den Korrespondenten des hiesigen Kaufmanns die Summe wiedergeben, die mir derselbe hier im englischen Gelde auszahlt. Sonst hätte ich meine preußischen Friedrichsdor nach dem Gewicht verkaufen müssen. Für einige holländische Dukaten, die ich während der Zeit ausgeben mußte, bekam ich nicht mehr wie acht Schillinge. Von dem Matrosenpressen hat hier ein Ausländer nicht das mindeste zu befürchten, vollends wenn er sich an keinen verdächtigen Orten finden läßt. Eine sonderbare Erfindung zu diesem Endzweck ist ein Schiff, das nicht weit vom Tower auf Tower Hill auf dem Lande steht und mit Masten und Zubehör versehen ist. Einfältigen Leuten, die etwa vom Lande kommen und hier stehenbleiben, um es anzugaffen, verspricht man, es für eine Kleinigkeit zu zeigen, und sobald sie darin sind, werden sie wie in einer Falle festgehalten und entweder nach Befinden der Umstände wieder losgelassen oder zu Matrosen weggenommen. Gar bequem deucht einem Fremden der mit breiten Steinen gepflasterte Weg an beiden Seiten der Straßen, wo man vor der entsetzlichen Menge von Wagen und Kutschen auf den Straßen so sicher ist wie in seiner Stube; denn kein Rad darf nur um einen Fingerbreit hinüberkommen. Indes erfordert es die Höflichkeit, eine Dame oder jemand, den man ehren will, nicht etwa, wie bei uns, immer zur Rechten, sondern an der Seite der Häuser (wall side), es sei nun übrigens die rechte oder die linke, gehen zu lassen, weil diese die bequemste und sicherste ist. Mitten auf der Straße wird man in London nicht leicht einen vernünftigen Menschen gehen sehen, ausgenommen, wenn man quer über muß, welches bei Charing Cross und andern Plätzen, wo sich verschiedne Straßen durchkreuzen, wirklich gefährlich ist. Sehr auffallend ist es, wenn man, besonders auf dem Strande, wo ein Kaufmannsgewölbe an das andere stößt und oft Leute von sehr verschiednem Gewerbe in einem Hause wohnen, die Häuser oft von unten bis oben mit großen, an aufgehängte Tafeln gemalten Buchstaben beschrieben sieht. Alles, was in dem Hause lebt und webt, prangt auch mit einem Schilde vor der Türe, und da ist in der Tat kein Schuhflicker, dessen Namen und Gewerbe nicht mit großer goldner Schrift von jedermann zu lesen ist. Es ist hier gar nichts Ungewöhnliches, hintereinander an den Türen zu lesen: Hier werden Kinder erzogen, hier Schuh geflickt, hier fremde Liqueurs verkauft und hier Begräbnisse veranstaltet. »Dealer in Foreign Spirituous Liquors« oder »Hier sind fremde Liqueure zu verkaufen« ist unter allen die häufigste Inschrift, die ich gefunden habe. Auch soll die Begierde zum Brannteweintrinken, besonders bei den gemeinen Engländern, außerordentlich weit gehen, und es ist eine englische Phrase, daß man von jemandem sagt, »he is in liquor« (er ist in Branntewein), wenn man bezeichnen will, daß er betrunken ist. Auch sind bei dem letzten großen Aufruhre, der noch jetzt immer der zweite oder dritte Gegenstand ist, worauf sich die gewöhnlichen Konversationen zu lenken pflegen, mehr Menschen bei den ausgeleerten Branntweinsfässern auf den Straßen als durch die Musketenkugeln der eingerückten Regimenter tot gefunden worden. Soweit ich diese paar Tage über London durchstrichen bin, habe ich, im ganzen genommen, nicht so schöne Häuser und Straßen, aber allenthalben mehr und schönere Menschen als in Berlin gesehen. Es macht mir ein wahres Vergnügen, sooft ich von Charing Cross, den Strand hinauf und so weiter, vor der Paulskirche vorbei, nach der Königlichen Börse gehe, wenn mir vom höchsten bis zum niedrigsten Stande fast lauter wohlgestaltete, reinlich gekleidete Leute im dicksten Gedränge begegnen, wo ich keinen Karrenschieber ohne weiße Wäsche sehe und kaum einen Bettler erblicke, der unter seinen zerlumpten Kleidern nicht wenigstens ein reines Hemde trüge. Ein sonderbarer Anblick ist es, unter diesem Gewühl von Menschen, wo jeder mit schnellen Schritten seinem Gewerbe oder Vergnügen nachgeht und sich allenthalben durchdrängen und stoßen muß, einen Leichenzug zu sehen. Die englischen Särge sind sehr ökonomisch gerade nach dem Zuschnitt des Körpers eingerichtet; sie sind platt, oben breit, in der Mitte eingebogen, und unten nach den Füßen zu laufen sie spitz zusammen, ohngefähr wie ein Violinkasten. Einige schmutzige Träger suchen sich mit dem Sarge, so gut sie können, durchzudrängen, und einige Trauerleute folgen. Übrigens bekümmert man sich so wenig darum, als ob ein Heuwagen vorbeiführe. Bei den Begräbnissen der Vornehmen mag dies vielleicht anders sein. Übrigens kömmt mir ein solcher Leichenzug in einer großen volkreichen Stadt immer desto schrecklicher vor, je größer die Gleichgültigkeit der Zuschauer und je geringer ihre Teilnehmung dabei ist. Der Mensch wird fortgetragen, als ob er gar nicht zu den übrigen gehört hätte. In einer kleinen Stadt oder Dorfe kennt ihn ein jeder, und sein Name wird wenigstens genannt. Die Influenza, welche ich in Berlin verließ, habe ich hier wieder angetroffen, und es sterben viele Menschen daran. Noch immer ist es für die Jahrszeit ungewöhnlich kalt, so daß ich mir noch täglich muß Kaminfeuer machen lassen. Ich muß gestehen, daß mir die Wärme von den Steinkohlen im Kamine weit sanfter und milder vorkömmt als die von unsern Öfen. Auch tut der Anblick des Feuers selbst eine sehr angenehme Wirkung. Nur muß man sich hüten, gerade und anhaltend hineinzusehen; denn daher kommen wohl mit die vielen jungen Greise in England, welche mit Brillen auf der Nase auf öffentlicher Straße gehen und reiten und sich also schon in ihrer blühenden Jugend der Wohltat für das Greisenalter bedienen, denn unter diesem Namen (the blessings of old age) werden die Brillen in den Läden verkauft. Ich esse jetzt beständig zu Hause und muß gestehen, daß meine Mahlzeiten ziemlich frugal eingerichtet sind. Mein gewöhnliches Gericht des Abends ist eingemachter Lachs (pickle salmon), den man mit Öl und Essig aus der Brühe ißt, eine sehr erfrischende und wohlschmeckende Speise. Wer in England Kaffee trinken will, dem rate ich, allemal vorher zu sagen, wieviel Tassen man ihm von einem Lot machen soll, sonst wird er eine ungeheure Menge braunen Wassers erhalten, welches ich mit aller Erinnerung noch nicht habe vermeiden können. Das schöne Weizenbrot nebst Butter und Chesterkäse halten mich für die spärlichen Mittagsmahlzeiten schadlos. Denn diese bestehen gemeiniglich aus einem Stück halb gekochtem oder gebratnem Fleische und einigen aus dem bloßen Wasser gekochten grünen Kohlblättern, worauf eine Brühe von Mehl und Butter gegossen wird; das ist wirklich die gewöhnliche Art, in England die Gemüse zuzurichten. Die Butterscheiben, welche zum Tee gegeben werden, sind so dünne wie Mohnblätter. Aber es gibt eine Art, Butterscheiben am Kaminfguer zu rösten, welche unvergleich ist. Es wird nämliche eine Scheibe nach der anderen so lang mit einer Gabel ans Feuer gesteckt, bis die Butter eingezogen ist, alsdann wird immer die folgende draufgelegt, so daß die Butter eine ganze Lage solcher Scheiben allmählich durchzieht: man nennt dies einen Toast . Vorzüglich gefällt mir die Art, ohne Deckbette zu schlafen. Man liegt zwischen zwei Bettlaken, wovon das untere die Unterlage einer leichten wollenen Decke ist, die, ohne zu drücken, hinlänglich erwärmt. Das Schuhputzen geschiehet nicht im Hause, sondern durch eine benachbarte Person, deren Gewerbe dies ist und die alle Morgen die Schuh aus dem Hause abholet und gereinigt wiederbringt, wofür sie wöchentlich ein gewisses erhält. Wenn die Magd unzufrieden mit mir ist, so höre ich zuweilen, daß sie mich draußen »the German«, den Deutschen, nennt, sonst heiße ich im Hause »the gentleman« oder der Herr. Das Fahren habe ich ziemlich eingestellt, ob es gleich lange nicht soviel kostet wie in Berlin, indem ich hier für einen Schilling über eine englische Meile hin und her fahren kann, wofür ich dort wenigstens einen Gulden bezahlen müßte. Demohngeachtet aber erspart man sehr viel, wenn man zu Fuße geht und sich mit Fragen zu behelfen weiß. Von meiner Wohnung in Adelphi bis an die Königliche Börse ist wohl so weit wie von einem Ende Berlins zum ändern, und bis an den Tower und St.Catharines, wodie Schiffe auf der Themse ankommen, ist wohl noch einmal so weit, und diesen Weg habe ich wegen meines Koffers, der noch auf dem Schiffe war, schon zweimal zu Fuße gemacht. Als ich den ersten Abend, wie es dunkel ward, zurückkam, erstaunte ich über die herrliche Erleuchtung der Straßen, wogegen die unsrige in Berlin äußerst armselig ist. Die Lampen werden schon angesteckt, wenn es noch beinahe Tag ist, und die Laternen sind so dicht nebeneinander, daß diese gewöhnliche Erleuchtung einer feierlichen Illumination ähnlich sieht, wofür sie auch ein deutscher Prinz hielt, der zum erstenmal nach London kam und im Ernst glaubte, daß sie seinetwegen veranstaltet sei. Den 9.Juni 1782 Heute habe ich in der deutschen Kirche in Ludgate Hill für Herrn Pastor Wendeborn gepredigt. Er ist der Verfasser der statistischen Beiträge zur nähern Kenntnis Großbritanniens. Dieses schätzbare Buch hat mir schon außerordentliche Dienste geleistet, und ich möchte einem jeden raten, der nach England reist, sich dieses Buch anzuschaffen, das um desto brauchbarer wird, weil man es bequem in der Tasche tragen und sich allenthalben daraus Rats erholen kann. Natürlicherweise hat Herr Wendeborn, der nun schon eine geraume Zeit in England lebt, mehr und besser beobachten können als alle diejenigen, welche durchreisen oder sich nur eine kurze Zeit dort aufhalten können. Wer dieses Buch beständig bei der Hand hat, dem wird schwerlich etwas Bemerkenswertes in und um London und überhaupt in der Verfassung des Landes entwischen. Herr Wendeborn lebt in New Inn bei Templebar in einer philosophischen, aber nicht untätigen Ruhe. Er ist beinahe nationalisiert, und seine Bibliothek besteht größtenteils aus englischen Büchern. Beiläufig muß ich erwähnen, daß er in dem großen Gebäude, welches New Inn heißt, seine Wohnung nicht gemietet, sondern gekauft hat: So ist es auch mit allen übrigen Wohnungen dieses Hauses, und ein solcher Käufer von einigen Stuben und Kammern wird wie ein Eigentümer betrachtet, der Haus und Hof hat, und besitzt das Recht, bei Parlamentswahlen seine Stimme zu geben, wenn er kein Ausländer ist, welches bei Herrn Wendeborn der Fall war, der dem ohngeachtet auch vom Herrn Fox besucht wurde, als dieser zum Parlamentsgliede für Westminster gewählt werden sollte. Eine sehr nützliche Maschine, welche in Deutschland noch nicht sehr bekannt ist, wenigstens nicht viel gebraucht wird, habe ich zuerst bei Herrn Wendeborn gesehen. Es ist diese eine Presse, wodurch, vermöge sehr starker Stahlfedern, ein beschriebnes Blatt Papier auf ein andres, unbeschriebnes, abgedruckt werden kann und man sich also die Mühe des Abschreibens ersparet und zugleich seine eigentümliche Hand vervielfältigen kann. Herr Wendeborn bedient sich derselben, sooft er Manuskript verschickt, wovon er eine Abschrift zurückbehalten will; Die Maschine war von Mahagoniholz und kam ziemlich teuer zu stehen. Vermutlich wegen des späten Aufstehens der Einwohner von London nimmt der Gottesdienst erst um halb eilf seinen Anfang. Ich hatte heute morgen Herrn Wendeborn verfehlt und mußte mich bei dem Türsteher vor der Paulskirche nach der deutschen Kirche erkundigen, worin ich predigen sollte; dieser wußte es nicht, ich erkundigte mich also in einer andern Kirche nicht weit davon, wo ich endlich zurechtgewiesen wurde und, nachdem ich durch eine Tür mit eisernen Stangen und einen langen Gang hinten hinausgegangen war, endlich nachgerade zu rechter Zeit in die Kirche kam, wo ich nach der Predigt eine Danksagung für die glückliche Ankunft unsers Schiffes in London ablesen mußte. Die deutschen Prediger gehen hier völlig wie die englischen gekleidet, in großen Priesterröcken mit weiten Ärmeln, worein ich mich ebenfalls einhüllen mußte. Herr Wendeborn trägt sein eignes, von Natur krauses Haar nach englischer Weise, das Toupet vorn heruntergekämmt. Die andern deutschen Prediger, die ich gesehen habe, tragen Perücken so wie auch viele englische Geistliche. Gestern habe ich unserm Gesandten, dem Grafen Lucy, meine Aufwartung gemacht, und die Simplizität in seiner Lebensart setzte mich in eine angenehme Verwunderung. Er wohnt in einem ganz gewöhnlichen schmalen Hause. Sein Sekretär wohnt oben, bei welchem ich auch den preußischen Konsul sprach, der ihn gerade besuchte. Unten an der Erde rechter Hand ward ich unmittelbar in das Zimmer Seiner Exzellenz geführt, ohne daß ich durch eine Antichambre gehen durfte. Er trug ein blaues Kleid mit rotem Aufschlag und Kragen. Bei einer Tasse Kaffee unterredete er sich mit mir über allerlei wissenschaftliche Gegenstände, und da ich ihm von dem großen Streit über den ηtazismus und Itazismus erzählte, erklärte er sich als ein geborner Grieche für den Itazismus. Verlangte darauf von mir, ihn ohne Umstände, wenn ich wollte, zu besuchen, ich würde ihm willkommen sein. Herr Leonhardi, der einige bekannte Stücke als die »Lästerschule« und andre aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt hat, lebt hier als Privatmann und gibt Deutschen im Englischen und Engländern im Deutschen mit vieler Geschicklichkeit Unterricht, auch verfertigt er gegen ein jährliches Gehalt den Artikel von England in der »Hamburgischen Neuen Zeitung« und ist Logenmeister einer deutschen Loge in London und Repräsentant aller deutschen Logen in England, welches Geschäft ihm mehr Mühe verursacht, als es ihm einträglich ist: denn alles wendet sich an ihn. Auch ich ward von Hamburg aus an ihn empfohlen. Er ist ein sehr dienstfertiger Mann und hat mir schon manche Gefälligkeit erzeigt. Er weiß sehr gut englische Verse zu deklamieren und redet die Sprache beinahe wie seine Muttersprache, auch ist er mit einer liebenswürdigen Engländerin verheiratet. Ich wünschte ihm das beste Schicksal von der Welt! Nun hören Sie denn auch etwas von dem berühmten und an so vielen Orten nachgeahmten Vauxhall Gestern habe ich Vauxhall zum ersten Male besucht. Aus meinem Logis in Adelphi Buildings hatte ich nicht weit zur Westminsterbrücke, wo immer eine große Anzahl von Böten auf der Themse befindlich ist, die jedem auf einen Wink zu Gebote stehen, der sich für einen Schilling oder Sixpence fahren lassen will. Von hier fuhr ich also die Themse hinauf nach Vauxhall, wo man im Vorbeifahren zur linken Seite Lambeth und den alten Palast des Bischofs von Canterbury liegen sieht. Vauxhall ist eigentlich der Name eines kleinen Dorfs, worin der Garten ebendieses Namens befindlich ist. Man zahlt beim Eingange einen Schilling. Ich fand beim Eintritt wirklich einige Ähnlichkeit mit unserm Berliner Vauxhall, insofern man Kleines mit Größerm vergleichen kann; wenigstens waren die Gänge nebst den Malereien am Ende und den hohen Bäumen, die zuweilen an der Seite derselben einen Wald ausmachen, denen zu Berlin so ähnlich, daß ich mich oft im Spazierengehen auf eine angenehme Art täuschte und vergaß, daß ich so weit von dieser Stadt entfernt war, insbesondere, da ich einige geborne Berliner als den Herrn Kaufmann Splittgerber nebst mehrern hier antraf, mit denen ich den Abend sehr angenehm zubrachte. Hin und wieder, besonders in einem der künstlichen Wälder in diesem Garten, wird man durch den plötzlichen Anblick der Bildsäulen von berühmten englischen Dichtern und Philosophen, als zum Beispiel Miltons, Thomsons und anderer, angenehm überrascht. Was mich am meisten freute, war die Statue des deutschen Tonkünstlers Händel, welche vorn beim Eingange in den Garten nicht weit vom Orchester befindlich ist. Dies Orchester ist unter einer Menge Bäume, wie in einem Wäldchen, sehr schön errichtet, und gleich beim Eintritt in den Garten schallt einem die Vokal- und Instrumentalmusik entgegen. Es lassen sich hier beständig weibliche Sänger hören. In der Nähe des Orchesters sind an den Seiten des Gartens kleine Nischen mit Tischen und Bänken, worinnen gespeist wird. Die Gänge vor denselben, so wie überhaupt im Garten, sind beständig gedrängt voll von Menschen aus den allerverschiedensten Ständen. Ich speiste hier mit dem preußischen Legationssekretär und Herrn Splittgerber nebst noch einigen gebornen Berlinern, und was mich am meisten wunderte, war die Frechheit der hiesigen unzüchtigen Weibspersonen, die zu halben Dutzenden mit ihren Kupplerinnen ankamen, welche sich für sich selber und für ihr Gefolge auf die unverschämteste Weise ein Glas Wein nach dem ändern ausbaten, das man ihnen nicht gut abschlagen durfte. Ein Engländer eilte sehr schnell vor unsrer Nische vorbei, und als ihn einer seiner Bekannten fragte, wo er hin wolle, sagte er auf eine so komisch-wichtige Art, die uns alle zu lachen machte: »I have lost my girl!« (Mein Mädchen ist mir aus dem Gesicht gekommen!) Es schien, als ob er es suchte, wie man einen Handschuh oder Stock sucht, den man irgendwo hat stehenlassen. Etwas spät in die Nacht sahen wir noch ein prächtiges Schauspiel in einem Teile des Gartens, wo nach aufgezognem Vorhange durch eine künstliche Maschine Auge und Ohr so getäuscht wurde, daß man einen wirklichen Wasserfall von einem hohen Felsen herab zu sehen und zu hören glaubte. Als alles im Gedränge hier hinrannte, entstand ein groß Geschrei: »Take care of your pockets!« (Nehmt eure Taschen in acht!), welches ein Zeichen war, daß einige Beutelschneider unter dem Haufen glückliche Handgriffe gemacht hatten. Vorzüglich gefiel es mir in der sogenannten Rotunde, einem prächtigen runden Gebäude im Garten, welches vermittelst schöner Kronleuchter und großer Spiegel auf das schönste erleuchtet war und rundumher mit vortrefflichen Gemälden und Bildsäulen prangte, mit deren Betrachtung man sich stundenlang auf die angenehmste Art beschäftigen kann, wenn man des Gewühls und Gedränges von Menschen in den Lustgängen des Gartens müde ist. Unter den Gemälden stellt eins die Übergabe einer belagerten Stadt vor. Wenn man dies Gemälde lange ansieht, so wird man bis zu Tränen dadurch gerührt; denn der Ausdruck des höchsten Elends, der an Verzweifelung grenzt, bei den Belagerten nebst der ängstlichen Erwartung des Ungewissen Ausgangs, und was der Sieger über die Unglücklichen beschließen wird, ist in dem Gesicht der um Gnade flehenden Einwohner vom Greise bis auf den Säugling, den seine Mutter emporhält, so wahr und natürlich zu lesen, daß man sich ganz vergißt und am Ende beinahe kein Gemälde mehr zu sehen glaubt. Auch hier findet man die Büsten vorzüglicher englischer Schriftsteller rundumher an den Seiten aufgestellt. So findet der Brite seinen Shakespeare, Locke, Milton, Dryden auch an den Plätzen des öffentlichen Vergnügens wieder und ehret da ihr Andenken. Selbst das Volk lernt diese Namen kennen und nennt sie mit Ehrfurcht. In dieser Rotunde ist auch ein Orchester, worin bei regnichten Abenden die Musik aufgeführt wird. Doch genug von Vauxhall! Ausgemacht ist es, daß die englischen klassischen Schriftsteller, ohne alle Vergleichung, häufiger gelesen werden als die deutschen, die höchstens, außer den Gelehrten, der Mittelstand, und kaum dieser, liest. Die englischen Nationalschriftsteller liest das Volk, wie unter andern die unzähligen Auflagen beweisen. Meine Wirtin, die nur eine Schneiderwitwe ist, liest ihren Milton und erzählt mir, daß ihr verstorbner Mann sie eben wegen der guten Deklamation, womit sie den Milton las, zuerst liebgewonnen habe. Dieser einzelne Fall würde nichts beweisen, allein ich habe schon mehrere Leute von geringerm Stande gesprochen, die alle ihre Nationalschriftsteller kannten und teils gelesen hatten. Dies veredelt die niedern Stände und bringt sie den höhern näher. Es gibt dort beinahe keinen Gegenstand der gewöhnlichen Unterredung im höhern Stande, worüber der niedre nicht auch mitsprechen könnte. In Deutschland ist seit Gellerten noch kein Dichtername eigentlich wieder im Munde des Volks gewesen. Aber es wird auch mehr für den Vertrieb der klassischen Schriftsteller, für wohlfeile und bequeme Ausgaben gesorgt. Man hat sie alle gebunden, in einer Folge in Taschenformat, und in welchem Format sie einer haben will. Ich habe mir für zwei Schillinge einen Milton in Duodez in niedlichem Franzband gekauft, der sich äußerst bequem in der Tasche tragen läßt. Auch scheint es mir eine gute Einrichtung zu sein, daß die Bücher, welche am häufigsten gelesen werden, größtenteils schon sehr sauber gebunden sind, wenn man sie kauft. Allenthalben auf den Straßen trifft man Antiquarien, die einzelne Stücke von Shakespeare und andre Kleinigkeiten für einen Penny, ja zuweilen für einen Halfpenny (einen Dreier nach unserm Gelde) verkaufen. Von einem solchen Antiquarius habe ich beide Teile vom »Vikar von Wakefield« für einen Sixpence oder halben Schilling (vier Groschen ohngefähr) gekauft. Wie aber unsre deutsche Literatur noch in England geschätzt wird, habe ich unter andern aus dem vorgedruckten Avertissement von einem Buche gesehen, das unter dem Titel »The Entertaining Museum« oder »Complete Circulating Library« sowohl eine Reihe aller klassischen englischen Schriftsteller als auch Übersetzungen von den berühmtesten französischen, spanischen, italienischen und selbst deutschen (even German) Romanen enthalten soll. Bei diesem Buche ist auch der wohlfeile Preis merkwürdig, wodurch die Bücher in England mehr unters Volk kommen. Damit (heißt es in dem Avertissement) jedermann imstande sein möge, dies Werk zu kaufen und sich allmählich eine sehr schätzbare Bibliothek anzuschaffen, ohne die Kosten gewahr zu werden, so wird wöchentlich ein Bändchen herauskommen, welches geheftet einen Sixpence (vier Groschen) und gebunden, mit dem Titel auf dem Rücken, neun Pence (sechs Groschen) kostet. Der 25. und 26. Band von diesem Werke enthalten den ersten und zweiten Teil vom »Landprediger von Wakefield«, den ich eben von einem Antiquarius gekauft habe. Die einzige Übersetzung aus dem Deutschen, welche in England vorzüglich Glück gemacht hat, ist wohl Geßners »Tod Abels«. Die Übersetzung ist dort weit öfter aufgelegt wie in Deutschland das Original. Man hat schon die achtzehnte Edition davon, und sie schreibt sich der Vorrede nach von einem Frauenzimmer her. Klopstocks »Messias« ist, wie bekannt, äußerst schlecht aufgenommen worden; freilich soll auch die Übersetzung darnach sein, ich kann sie hier nicht zu Gesicht bekommen. Herr Pastor Wendeborn hat eine deutsche Sprachlehre für die Engländer in englischer Sprache geschrieben, die gut aufgenommen ist. Nicht zu vergessen ist, daß die Schriften unsers Jakob Böhme sämtlich ins Englische übersetzt sind. London, den 13.Juni Sooft ich von Ranelagh gehört hatte, machte ich mir doch keine deutliche Vorstellung davon. Ich dachte mir darunter einen Garten, etwa von anderer Einrichtung wie Vauxhall, und wer weiß was. Gestern abend ging ich zu Fuße hinaus, um diesen Ort des Vergnügens zu besuchen, verirrte mich aber nach Chelsea, wo ich einen Karrenschieber traf, der mich nicht nur sehr höflich zurechtwies, sondern mich auch die Strecke, die wir miteinander gingen, unterhielt und sich von mir sehr viel von unserm King of Prussia erzählen ließ, nach welchem er sich sehr eifrig erkundigte, sobald er auf Befragen, was für ein Landsmann ich wäre, von mir hörte, daß ich ein königlich-preußischer Untertan sei. Ich langte also in Ranelagh an, und nachdem ich beim Eingange meine halbe Krone erlegt hatte, fragte ich nach der Tür zum Garten; man zeigte mir diese, und zu meiner großen Verwunderung trat ich in einen ziemlich unansehnlichen, schwach erleuchteten Garten, wo ich nur wenig Personen antraf. Es währte auch nicht lange, so wurde ich von einer jungen Lady, die da spazierenging und mir ohne Umstände ihren Arm bot, gefragt, warum ich hier so einsam ginge. Ich schloß nun, dies könne unmöglich das prächtige, gepriesne Ranelagh sein, als ich nicht weit von mir verschiedne Leute in eine Türe gehen sähe, denen ich folgte, um etwa dadurch wieder ins Freie zu kommen oder die Szene zu verändern. Aber welch ein Anblick, als ich auf einmal aus der Dunkelheit des Gartens in ein von vielen hundert Lampen erleuchtetes rundes Gebäude trat, das an Pracht und Schönheit alles übertraf, was ich noch dergleichen gesehen hatte! Alles war hier zirkelförmig: oben eine Galerie mit abgeteilten Logen und auf einem Teil derselben eine Orgel mit einem schön gebauten Chore, von welchem Instrumental- und Vokalmusik herunterschallte; unter dieser Galerie rundumher schön ausgemalte Nischen für diejenigen, welche Erfrischungen zu sich nehmen wollen; der Fußboden mit Teppichen belegt, in der Mitte desselben vier hohe schwarze Pfeiler, innerhalb welcher zierliche Kamine zur Zubereitung von Kaffee, Tee und Punsch angebracht sind und um welche in der Rundung mit allerlei Erfrischungen besetzte Tische stehen. Um diese vier Pfeiler drehet sich nun die ganze schöne Welt von London, im dicksten Gedränge spazierengehend, wie eine bunte Spindel herum. In dies Gedränge mischte ich mich zuerst. Und ich muß gestehen, daß die mannigfaltig abwechselnden Gesichter, wovon wirklich bei weitem die größte Anzahl von blendender Schönheit ist, nebst der Erleuchtung und der Größe, Majestät und Pracht des Orts und der beständig dabei fort tönenden Musik einen unbeschreiblich angenehmen Eindruck auf die Phantasie macht und daß einem, der dies zum erstenmal sieht, ungefähr so dabei zumute ist wie bei den Feenmärchen, die er in seiner Kindheit gelesen hat. Als ich des Gedränges und Herumgehens im Zirkel müde war, setzte ich mich in eine der Nischen, um einige Erfrischungen zu nehmen, und sähe aus dieser nun mit Muße diesem Spiele und Gedränge der fröhlichen sorgenfreien Welt zu, als ein Aufwärter mich sehr höflich fragte, was ich für Erfrischungen verlangte, und mir das Verlangte in wenig Minuten brachte. Zu meiner Verwunderung wollte dieser für die Erfrischungen kein Geld von mir annehmen, welches ich mir nicht erklären konnte, bis er mir sagte, daß alles schon mit der halben Krone beim Eingange bezahlt sei und daß ich nur befehlen dürfte, wenn ich noch etwas genießen wollte, ihm aber, wenn es mir gefiele, ein kleines Trinkgeld geben möchte. Dies gab ich ihm sehr gerne, weil ich für meine halbe Krone nicht soviel Höflichkeit und gute Bewirtung erwartet hatte. Ich ging nun auf die Galerie und setzte mich in eine der Logen, wo ich, wie ein ernster Weltbeschauer, auf das beständig im Zirkel sich umherdrehende Gewühl hinunterblickte und Sterne und Ordensbänder, französische Frisuren und ehrwürdige Perücken, das Alter und die Jugend, die Hoheit und den simpeln Mittelstand im bunten Gewimmel sich einander durchkreuzen sähe. Ein Engländer, welcher sich zu mir gesellte, zeigte mir da auf mein Befragen Prinzen und Lords mit ungeheuren Sternen, womit sie die übrige unansehnlichere Menge verdunkelten. Hier drehten sich andre im ewigen Zirkel herum, um zu sehen und gesehen zu werden; dort versammlete sich ein Trupp eifriger Dilettanten in der Tonkunst vor dem Orchester und schmauste mit den Ohren, indes andre bei den wohlbedienten Tischen auf eine reellere Art ihren lechzenden Gaumen erfrischten und noch andre, so wie ich, einsam auf der Galerie in dem Winkel einer Loge saßen, um über dies alles ihre Betrachtungen anzustellen. Nun machte ich mir noch einigemal das Vergnügen, allen diesen Glanz und Pracht auf wenige Augenblicke mit der Dunkelheit des Gartens zu vertauschen und mir die angenehme Überraschung zu erneuern, die mir mein erster Eintritt in das Gebäude verursachte. So brachte ich hier unter beständiger Abwechselung von Vergnügen einige Stunden in die Nacht zu, wo das Gedränge allmählich sich verminderte und ich dann auch eine Kutsche nahm und nach Hause fuhr. In Ranelagh schien mir die Gesellschaft ausgesuchter und feiner als in Vauxhall zu sein; denn von geringem Stande geht niemand hin, der nicht seinen besten Schmuck anlegt und es dadurch der feinen Welt gleichzutun sucht, wenigstens sah ich unter der ganzen Menge keinen, der nicht seidene Strümpfe getragen hätte. Die ärmsten Familien machen wenigstens jährlich einmal den Aufwand, sich nach Ranelagh fahren zu lassen, wie meine Wirtin versicherte, daß sie selbst einen Tag im Jahre festzusetzen pflegte, an dem sie ohnfehlbar nach Ranelagh führe, übrigens ist der Aufwand in Ranelagh nicht so groß wie in Vauxhall, wenn man auf die Erfrischungen sieht; denn wer im Vauxhall zu Abend essen will, wie es die meisten tun, dem kann leicht eine sehr spärliche Mahlzeit eine halbe Guinee kosten. Das Parlament Bald hätte ich vergessen, Ihnen zu sagen, daß ich schon im Parlament gewesen bin, und doch ist dies das wichtigste. Und wenn ich in England auch sonst nichts als dies gesehen hätte, so würde ich mich für meine Reise schon hinlänglich belohnt halten. Sowenig ich mich auch sonst um die politische Welt bekümmert habe, weil es bei uns wirklich nicht der Mühe wert ist, war ich doch sehr begierig, einer Parlamentssitzung mit beizuwohnen, und dieser Wunsch wurde mir sehr bald gewährt. An einem Nachmittage um drei Uhr, wo gemeiniglich die Sitzung anhebt, erkundigte ich mich nach Westminster Hall und wurde von einem Engländer sehr höflich zurechtgewiesen, wie denn dies überhaupt geschiehet, man mag fragen, wen man wolle, so daß man sich, wenn man nur einigermaßen der Sprache mächtig ist, mit leichter Mühe durch ganz London finden kann. Westminster Hall ist ein ungeheures gotisches Gebäude, dessen Gewölbe nicht von Pfeilern unterstützt wird; statt deren sind aber an beiden Seiten des Gewölbes große und unförmliche, aus Holz geschnittene Engelsköpfe angebracht, die dasselbe zu tragen scheinen. Wenn man durch diese lange Halle geht, so steigt man am Ende ein paar Stufen hinauf und kömmt zur linken Seite durch einen dunkeln Gang ins Haus der Gemeinen, das unten eine große doppelte Türe hat, und auf einer kleinen Treppe kömmt man zu der Galerie für die Zuschauer. Als ich das erstemal diese Treppe hinaufging und an das Geländer kam, sah ich hier einen sehr feinen Mann in einem schwarzen Kleide stehen, den ich fragte, ob ich auf die Galerie kommen dürfe. Er antwortete mir, ich müsse von einem Parlamentsgliede heraufgebracht werden, sonst könne es nicht geschehen. Da ich nun nicht die Ehre hatte, ein Parlamentsglied zu kennen und also mißvergnügt wieder die Treppe hinunterging, hörte ich mir etwas von »bottle of wine« nachschallen, das ich mir schlechterdings nicht erklären konnte, bis ich zu Hause kam und von meiner Wirtin hörte, ich hätte dem feingekleideten Manne eine halbe Krone oder zwei Schillinge zu einer Bouteille Wein in die Hand drücken sollen. Dies tat ich den folgenden Tag, wo mir derselbe Mann, der mich vorher abgewiesen hatte, nachdem ich ihm nur zwei Schillinge in die Hand gedrückt, sehr höflich die Tür öffnete und mir selber einen Platz auf der Galerie anwies. Und nun sah ich also zum ersten Male in einem ziemlich unansehnlichen Gebäude, das einer Kapelle sehr ähnlich sieht, die ganze englische Nation in ihren Repräsentanten versammelt: der Sprecher, ein ältlicher Mann mit einer ungeheuren Allongenperücke, in einem schwarzen Mantel, den Hut auf dem Kopfe, mir gerade gegenüber auf einem erhabenen Stuhle, der mit einer kleinen Kanzel viel Ähnlichkeit hat, nur daß vorn das Pulpet daran fehlt; vor diesem Stuhle ein Tisch, der wie ein Altar aussieht, vor welchem wiederum zwei Männer, welche Clerks heißen, schwarz gekleidet und in schwarzen Mänteln sitzen und auf welchem neben den pergamentnen Akten ein großer vergoldeter Zepter liegt, der allemal weggenommen und in ein Behältnis unter den Tisch gelegt wird, sobald der Sprecher von seinem Stuhle herabsteigt, welches geschieht, sooft sich das Haus in eine sogenannte Committee oder bloße Untersuchung verwandelt, während welcher er seine Würde als gesetzgebende Macht gewissermaßen ablegt. Sobald dies vorbei ist, sagt jemand zu dem Sprecher: Nun könnt Ihr Euch wieder hinsetzen! Und sobald der Sprecher seinen Stuhl besteigt, wird auch der Zepter wieder vor ihm auf den Tisch gelegt. An den Seiten des Hauses, rundumher unter der Galerie, sind die Bänke für die Parlamentsglieder, mit grünem Tuch ausgeschlagen, immer eine höher als die andre, wie unsre Chöre in den Kirchen, damit derjenige, welcher redet, immer über die vor ihm Sitzenden wegsehen kann. Ebenso sind auch die Bänke auf der Galerie. Die Parlamentsglieder behalten ihre Hüte auf, aber die Zuschauer auf der Galerie sind unbedeckt. Die Parlamentsglieder im Unterhause haben nichts Unterscheidendes in ihrer Kleidung; sie kommen im Überrock und mit Stiefeln und Sporen herein. Es ist nichts Ungewöhnliches, ein Parlamentsglied auf einer von den Bänken ausgestreckt liegen zu sehen, indes die andern debattieren. Einige knacken Nüsse, andre essen Apfelsinen oder was sonst die Jahrszeit mit sich bringt. Das Ein- und Ausgehen dauert fast beständig, und sooft jemand hinausgehen will, stellt er sich erst vor den Sprecher und macht ihm seinen Reverenz, gleichsam als ob er ihn, wie ein Schulknabe seinen Präzeptor, um Erlaubnis bittet. Das Reden geschiehet ohne alle Feierlichkeit: einer steht bloß von seinem Sitze auf, nimmt seinen Hut ab, wendet sich gegen den Sprecher, an den alle Reden gerichtet sind, behält Hut und Stock in einer Hand, und mit der andern macht er seine Gesten. Redet einer schlecht oder hat das, was er sagt, für die meisten nicht Interesse genug, so ist oft ein solches Lärmen und Gelächter, daß der Redende kaum sein eignes Wort hören kann, welches für diesen eine sehr ängstliche Lage sein muß; und dann hat es sehr viel Komisches, wenn der Sprecher auf seinem Stuhle, wie ein Präzeptor, zu wiederholten Malen Ordnung gebietet, indem er ausruft: »To order, to order!«, ohne daß eben viel darauf geachtet wird. Sobald hingegen einer gut und zweckmäßig redet, so herrscht die äußerste Stille, und einer nach dem andern gibt seinen Beifall dadurch zu erkennen, daß er »Hear him!« (Hört ihn!) ruft, welches denn freilich oft vom ganzen Hause auf einmal geschiehet und auf die Weise ein solches Geräusch verursacht, daß der Redende wiederum durch eben dieses »Hear him!« oft unterbrochen wird. Demohngeachtet ist dieser Zuruf immer eine große Aufmunterung, und ich habe oft bemerkt, daß einer, der mit einiger Furchtsamkeit oder Kälte zu reden anfängt, am Ende dadurch in ein solches Feuer gesetzt wird, daß er mit einem Strome von Beredsamkeit spricht. Weil alle Reden an den Sprecher gerichtet sind, so fangen sie sich immer mit Sir an, auf welche Anrede der Sprecher seinen Hut ein klein wenig abnimmt, ihn aber sogleich wieder aufsetzt. Dieses Sir dient denn auch oftmals, die Übergänge in den Reden zu machen, und ist ein gutes Hülfsmittel, sobald jemanden sein Gedächtnis verläßt. Denn während daß er Sir sagt und dabei eine kleine Pause macht, besinnt er sich auf das Folgende. Doch habe ich auch gesehen, daß einer am Ende eine Art von Konzept aus der Tasche ziehen mußte, wie ein Kandidat, der in der Predigt steckenbleibt: sonst werden die Reden nicht abgelesen. Diese Reden haben ebenfalls ihre Gemeinörter als zum Beispiel, worauf in diesem Hause immer vorzüglich Rücksicht genommen werden müsse, und dergleichen. Gleich am ersten Tage zeigte mir ein Engländer, der neben mir auf der Galerie saß, die vornehmsten Mitglieder des Parlaments als Fox, Burke, Rigby usw., die ich alle reden hörte. Es wurde debattiert, ob dem Admiral Rodney außer dem Lordstitel noch eine reelle Belohnung sollte gegeben werden; zugleich wurde Fox von dem jungen Lord Fielding vorgeworfen, daß er sich als Minister der Wahl des Admiral Hood zum Parlamentsgliede für Westminster entgegengesetzt habe. Fox hatte seinen Platz zur rechten Seite des Sprechers, nicht weit von dem Tische, worauf der vergoldete Zepter liegt; nun nahm er seine Stellung so nahe an diesem Tische, daß er ihn mit der Hand erreichen und manchen herzhaften Schlag darauf tun konnte, nachdem es der Affekt seiner Rede erforderte. Und wie er sich nun gegen den Lord Fielding verteidigte, indem er behauptete, daß er sich nicht als Minister, sondern bloß als Privatmann dieser Wahl entgegengesetzt und seine Stimme einem andern, nämlich dem Herrn Cecil Wray, gegeben habe, und daß der König, da er ihn zum Staatssekretär gemacht, keinen Tausch mit ihm eingegangen sei, wodurch er seine Stimme als Privatmann verlöre, welchen Tausch er nicht würde angenommen haben; und mit welchem Feuer und hinreißender Beredsamkeit er sprach, und wie der Sprecher auf dem Stuhle aus seiner Wolkenperücke ihm unaufhörlich Beifall zunickte und alles »Hear him! Hear him!« rief und »Speak yet!«, wenn es schien, als wollte er aufhören zu reden und er auf die Weise beinahe zwei Stunden nacheinander sprach, das kann ich Ihnen nicht beschreiben. Rigby hielt darauf noch eine kurze, aber sehr launichte Rede, worin er sagte, wie wenig der bloße Lords- oder Ladys-Titel ohne Geld zu bedeuten habe, und schloß mit der lateinischen Sentenz: »Infelix paupertas, quia ridiculos miseros facit!«, nachdem er vorher sehr fein bemerkt hatte, man müsse erst zu erfahren suchen, ob der Admiral Rodney nicht wiederum einige wichtige Prisen gemacht hätte, weil er alsdann eben keiner Belohnung an Gelde mehr bedürftig sein würde. Ich bin nachher fast alle Tage im Parlament gewesen und ziehe die Unterhaltung, die ich dort finde, den meisten andern Vergnügungen vor. Fox ist immer noch bei dem Volke sehr beliebt, ob man gleich unzufrieden darüber ist, daß auf seine Veranstaltung der Admiral Rodney zurückgerufen wird, auf den ich ihn doch selbst die stärkste Lobrede habe halten hören. Charles Fox ist schwärzlich, klein, untersetzt, gemeinhin schlecht frisiert, hat ein etwas jüdisches Ansehen, ist übrigens wohlgebildet, und die Politik sieht ihm aus den Augen: »Mr.Fox is cunning like a fox«, habe ich hier oft sagen hören. Burke ist ein wohlgewachsener langer, gerader Mann, der schon etwas ältlich aussieht. Rigby ist sehr korpulent und hat ein rotes starkes Gesicht. Sehr auffallend waren mir die offenbaren Beleidigungen und Grobheiten, welche sich oft die Parlamentsglieder einander sagten, indem der eine zum Beispiel aufhörte zu reden und der andre unmittelbar darauf anfing: »It is quite absurd« usw. Es ist höchst ungereimt, was der right honourable gentleman (mit diesem Titel beehren sich die Parlamentsglieder vom Unterhause) eben jetzt vorgetragen hat. Niemals aber sagt, der Einrichtung gemäß, jemand dem andern ins Gesicht, daß er zum Beispiel einfältig gesprochen habe, sondern er wendet sich, wie gewöhnlich, zu dem Sprecher und sagt, indem er diesen anredet, der right honourable gentleman habe sehr einfältig gesprochen. Sehr komisch sieht es aus, wenn zuweilen einer spricht und der andre die Gestus dazu macht, wie ich dies einmal bei einem alten ehrlichen Bürger bemerkte, der sich selbst nicht zu reden getraute, aber, indes sein Nachbar sprach, jede nachdrückliche Sentenz desselben mit einer ebenso nachdrücklichen Gestikulation, wobei sein ganzer Körper in Bewegung geriet, bezeichnete. Oft verirret sich der Gang der Debatten in einen Privatwortwechsel und Mißverständnisse untereinander; wenn dies zu lange dauert und man zu sehr von der Hauptsache abkömmt, so wird man endlich des Dings überdrüssig, und es entsteht ein allgemeines Rufen: »The question! The question!« Dies muß zuweilen öfters wiederholt werden, weil immer einer gegen den andern noch gern das letzte Wort haben will. Endlich aber kömmt es denn doch zum Stimmen, und der Sprecher sagt: »Wer für die Sache ist, der sage Ay, und wer darwider ist, sage No!« Dann hört man ein verwirrtes Geschrei von Ay und No untereinander. Und der Sprecher sagt entweder: »Mir deucht, es sind mehr Ay's als No's«, oder: »Es sind mehr No's als Ay's.« Dann müssen aber alle Zuschauer von der Galerie gehen, und das eigentliche Stimmen nimmt erst seinen Anfang. Die Parlamentsglieder schreien alsdann zu der Galerie hinauf: »Withdraw! Withdraw!«, bis alle Zuschauer entfernt sind. Diese werden solange in ein Zimmer unten an der Treppe eingesperrt und, wenn das Stimmen vorbei ist, wieder hinaufgelassen. Hier habe ich mich über den Mutwillen selbst bei gesitteten Engländern wundern müssen, mit welcher Gewalt sie sich wieder aus der Stube hinausdrängten, sobald nur die Türe geöffnet wurde, um die ersten zu sein, die wieder auf der Galerie ankamen. Auf die Weise sind wir zuweilen zwei- bis dreimal von der Galerie fortgeschickt und wieder hinaufgelassen worden. Unter den Zuschauern gibt es Leute von allerlei Stande, auch sind beständig Damen darunter. Ein paar Geschwindschreiber haben zuweilen nicht weit von mir gesessen, die auf eine etwas verstohlne Weise die Worte des Redenden nachzuschreiben suchten, welche denn gemeiniglich noch denselben Abend gedruckt zu lesen sind. Vermutlich werden diese Leute von den Verlegern der Zeitungen besoldet. Einige Personen gibt es, die beständige Zuschauer im Parlament sind und für eine ganze Sitzung eine Guinee an den Türsteher pränumerieren. Von den Parlamentsgliedern habe ich gesehen, daß einige ihre Söhne als junge Knaben schon mit in dies Haus und auf ihre Sitze nahmen. Es ist im Vorschlage gewesen, daß im Oberhause auch eine Galerie für Zuschauer errichtet werden solle. Dies ist aber nicht zustande gekommen. Auch geht es im Oberhause schon sittsamer und hofmäßiger zu. Wer aber Menschen beobachten und die abstechendsten Charaktere in ihren stärksten Äußerungen betrachten will, der gehe ins Unterhaus! Vergangenen Dienstag war Hängetag; es war aber auch zugleich eine Parlamentswahl. Eins von beiden konnte ich nur mit ansehen; ich zog denn, wie natürlich, das letztere vor, indem ich nur in der Ferne die Totenglocke jener Opfer der Gerechtigkeit läuten hörte. Jetzt beschreibe ich Ihnen also Eine Parlamentswahl Die Städte London und Westminster schicken jede zwei Mitglieder ins Parlament. Fox ist eins von den beiden Mitgliedern für Westminster; die erledigte Stelle des zweiten sollte besetzt werden. Und eben der Cecil Wray, welchen Fox statt des Admiral Hood, dem er entgegen war, vorgeschlagen hatte, wurde nun öffentlich gewählt. Zuweilen soll es bei solchen Wahlen, wenn eine Oppositionspartei da ist, blutige Köpfe setzen; hier war aber die Wahl schon so gut wie geschehen, weil diejenigen, die sich für den Admiral Hood beworben hatten, schon von freien Stücken zurückgetreten waren, da sie sahen, daß ihr Vorhaben nicht durchging. Die Wahl geschahe in Covent Garden, einem großen Marktplatze, unter freiem Himmel. Es war nämlich vor dem Eingange einer Kirche, die auch die Paulskirche heißt, aber nicht mit der Kathedrale zu verwechseln ist, ein Gerüst für die Wählenden gebauet, die in roten Mänteln und mit weißen Stäben auf übereinander errichteten Bänken saßen: ganz oben war ein Stuhl für den Präses; alles aber war nur von Holz und Brettern zusammengeschlagen. Vorn auf dem Gerüste, wo die Bänke aufhörten, waren Matten gelegt, und hier standen diejenigen, welche zu dem Volke redeten. Auf dem Platze vor dem Gerüste hatte sich eine Menge Volks und größtenteils der niedrigste Pöbel versammlet. Die Redner bückten sich tief vor diesem Haufen und redeten ihn allezeit mit dem Titel »Gentlemen« (Edle Bürger!) an. Herr Cecil Wray mußte vortreten und diesen Gentlemen mit Hand und Mund versprechen, seine Pflichten, als ihr Repräsentant im Parlament, auf das getreuste zu erfüllen. Auch entschuldigte er sich mit seiner Reise und Kränklichkeit, daß er nicht einem jeden unter ihnen, wie es sich gebühre, seine Aufwartung gemacht habe. Sobald er anfing zu reden, war die ganze Menge so still wie das tobende Meer, wenn der Sturm sich gelegt hat, und alles rief wie im Parlamente: »Hear him! Hear him!«, und sobald er aufgehört hatte zu reden, erschallte ein allgemeines Hurra aus jedem Munde, und jeder schwenkte seinen Hut und der schmutzigste Kohlenträger seine Mütze um den Kopf. Er ward nun von den Deputierten auf der Bühne förmlich gewählt und dem Volke in seiner neuen Würde von einem Manne vorgestellt, der in einer wohlgesetzten Rede ihm und dem Volke Glück wünschte. Dieser Mann hatte eine gute Ausrede. »He speaks very well!« sagte ein Karrenschieber, der neben mir stand. Kleine Knaben hingen sich an Geländer und Laternenpfähle, und als ob sie überzeugt wären, daß auch sie schon mit angeredet würden, hörten sie aufmerksam dem Redner zu und bezeugten am Ende auf gleiche Weise durch ein freudiges Hurra ihren Beifall, indem sie, wie die Erwachsenen, ihre Hüte um den Kopf schwenkten. Hier wachten alle Bilder von Rom, Coriolan, Julius Caesar und Antonius in meiner Seele auf. Und mag dies immer nur ein Gaukelspiel sein, so kann doch selbst eine solche Chimäre das Herz und den Geist erheben. O lieber Freund, wenn man hiersiehet, wie der geringste Karrenschieber an dem, was vorgeht, seine Teilnehmung bezeigt, wie die kleinsten Kinder schon in den Geist des Volks mit einstimmen, kurz, wie ein jeder sein Gefühl zu erkennen gibt, daß er auch ein Mensch und ein Engländer sei so gut wie sein König und sein Minister, dabei wird einem doch ganz anders zumute, als wenn wir bei uns in Berlin die Soldaten exerzieren sehen. Als Fox, der mitunter den Wählenden war, gleich anfänglich in seinem Wagen angefahren kam, ward er mit einem allgemeinen Freudengeschrei empfangen; zuletzt, nachdem der Akrus beinahe vorbei war, fiel es dem Volke ein, ihn reden zu hören, und alles schrie: »Fox! Fox!« Ich rief selber mit, und er mußte auftreten und reden, weil wir ihn hören wollten. Er trat denn auf und bekräftigte nochmals vor dem Volke, daß er schlechterdings nicht als Staatsminister, sondern nur als Privatmann bei dieser Wahl Einfluß gehabt habe. Nachdem nun alles vorbei war, so zeigte sich der Mutwille des englischen Pöbels im höchsten Grade. Binnen wenigen Minuten war das ganze bretterne Gerüste mit Bänken und Stühlen abgebrochen und die Matten, womit es bedeckt war, in tausend lange Streifen zerrissen, womit der Pöbel einen Zirkel schloß, in welchem Vornehme und Geringe gefangen wurden, was nur in den Weg kam, und so zog das Volk im Triumph durch die Straßen. Hier führt doch ein jeder, bis auf den Geringsten, den Namen Vaterland im Munde, den man bei uns nur von Dichtern nennen hört. »For my country I'll shed every drop of my blood!« sagt der kleine Jacky in unserm Hause, ein Knabe, der kaum zwölf Jahr alt ist. Vaterlandsliebe und kriegerische Tapferkeit ist gemeiniglich der Inhalt der Balladen und Volkslieder, welche auf den Straßen von Weibern abgesungen und für wenige Pfennige verkauft werden. Noch kürzlich brachte unser Jacky eins mit zu Hause, worin die Geschichte eines Admirals erzählt wurde, der noch tapfer kommandierte, als ihm schon beide Beine abgeschossen waren und er sich mußte emporhalten lassen. Die Verachtung des Volks gegen den König geht erstaunlich weit. »Our king is a blockhead!« hab ich wer weiß wie oft sagen hören, indem man zu gleicher Zeit den König von Preußen mit Lobsprüchen bis an den Himmel erhob. Dieser habe einen kleinen Kopf, hieß es, aber hundertmal soviel Verstand darin als der König von England in seinem ziemlich dicken Kopfe. Ja, bei einigen ging die Verehrung gegen unsern Monarchen so weit, daß sie sich ihn im Ernst zum Könige wünschten. Nur wunderten sie sich über die große Menge Soldaten, die er hält, und daß allein in Berlin eine so große Anzahl davon einquartiert sind, da sich in London, oder der eigentlichen City, nicht einmal ein Trupp Soldaten von des Königs Garde darf blicken lassen. Vor einigen Tagen habe ich auch den Zug des Lord-Mayors in London in einem ungeheuer großen vergoldeten Wagen gesehen, welchem eine erstaunliche Menge von Kutschen folgten, in denen die übrigen Magistratspersonen oder sogenannten Aldermänner von London sitzen. Doch genug für dieses Mal! Johann Gottfried Seume Schreiben aus Amerika nach Deutschland Halifax, 1782 Liebster Freund! Bleib zu Hause und verliere dich nicht weiter als bis an die Saale und Elbe. Es ist viel bequemer, die Abenteuer anderer hinter dem Ofen im Schlafrocke und der Nachtmütze zu durchblättern, als selbst nur den geringsten Anhang davon zu bestehen. Welcher Kakodämon mir ins Gehirne fuhr und mich von Leipzig wegjagte; kann ich mir bis diese Stunde nicht entziffern. So viel weiß ich wohl, daß ich ein Narr war; und doch wird mir's äußerst schwer, diese Narrheit zu bekennen oder nur zu bereuen. Aber ich bin bestraft, ich bin tüchtig angelaufen; und weiß der Himmel, durch welche Metamorphosen ich mich noch winden muß, um endlich den Hals zu brechen oder als Bettler zurückzukehren. Meines Lebens beste Jahre Weih ich dem Soldatenstand; Endlich bring ich graue Haare Mit mir in mein Vaterland – singt mein Kamerad K., der ebenso starke Sottisen gemacht hat als dein ehemaliger Busenfreund. Der alte Unglücksprophete, mein Rektor, hat mir das wohl gesagt, daß ich mit meinem albernen, störrigen und unbiegsamen Kopfe nicht weit kommen würde. Ob er sich nun wohl im wörtlichen Verstande geirrt hat, so empfinde ich doch nur allzu sehr, daß seine eigentliche Meinung wohl ziemlich wahr sein mag. Tut aber nichts, Bruder! Ich werde schon auch durch das bißchen Leben mit durchtrollen; ob auf Extrapost oder im Schubkarren, das ist im ganzen kein so großer Unterschied, wenn mich nur niemand eines Schurken zeihen kann. Willst eine kleine Erzählung von meinem Kreuzzuge haben? Das sollst du, mußt mir aber verzeihen, wenn du alles so misch- maschmäßig durcheinander findest. Denn du weißt wohl, daß ich gar kein guter Methodist und folglich eben nicht geschickt bin, ein sehr genauer und ordentlicher Beobachter durch alle Kleinigkeiten zu sein. Gleich einige Tage nach meiner Ausflucht, da ich nach Frankreich wandern wollte, fanden es die Hessen, da ich ganz unschuldig einen Schwanz von ihrem Gebiete auf der Frankfurter Straße passierte, nach ihrer Gewohnheit für dienlich, mich als einen Fremden ad saccum zu nehmen. Da hier kein Protestieren etwas half, mußte ich mir den Arrest gefallen lassen und mich bequemen, mit nach Ziegenhain zu schlendern, ein Teufelsnest, wo gewiß vor Zeiten eine Öffnung nach dem Styx muß gewesen sein; denn die ganze Atmosphäre ist noch so pestilenzialisch und das Wasser so avernisch, daß eine ekelhafte Art von Skorbut oder Fäulnis oder Krätze, wie man's nennen will, das Anteil fast des ganzen Transports wurde, die nur darinnen noch etwas glimpflicher als der jüdische Aussatz war, daß sie doch endlich wieder abheilte, wenn man in Gottes bessere Welt kam. Du weißt, daß ich immer ein Kerl war, der mit über den Graben springen durfte und der für seine Portion Leben eben nicht die zärtlichste Sorge trägt. Der Transport war ohngefähr 1500 Stück stark, und unter diesen entspann sich ein kleines Komplott von etwa 100 Mann, weil es niemanden behagen wollte, sich so ohne sein gegebenes Gutachten mit den armen Teufeln von Amerikanern zu schlagen, denen wir alle herzlich gut waren und alles mögliche Glück wünschten. Man hatte Lust, mich mit in die Entreprise zu flechten, und da mich meine Inkarzerierung selbst auch ziemlich mürrisch machte, war ich nicht ungeneigt, eine der ersten Rollen am Ruder zu spielen, wenn mich nicht ein Fuchs von einem preußischen Deserteur von der Artillerie, mein Kamerad und eine abgeschliffene Seele in dergleichen Fällen, gewarnet und zurückgezogen hätte. Ich entfernte mich also von den Sessionen, kam nicht in den Kriegsrat und weigerte mich schlechterdings, eine Feder anzusetzen, und entging dadurch der Verdrüßlichkeit, mich mit hängen zu lassen; denn ob man gleich überzeugt sein kann, man ist eine ehrliche Haut und kann, wenn man sonst kein Schurke war, mit gutem Gewissen in jene Welt absegeln, so ist doch diese Art von Luftschifferei bei weitem nicht die angenehmste und anständigste. Der Entwurf scheiterte; die Rädelsführer und Hauptpersonen, weil man ohnmöglich die ganze Menge setzen konnte, wurden gegriffen, und der Hof setzte mit exemplarischer Genauigkeit den abscheulichen Verbrechern ihre Strafen fest, vom Galgen an stufenweise herunter, bis zu der großen Gnade von zwei Tagen Gassenlaufen, jeden Tag zwölfmal, und nach K. in die Eisen. Wie froh war ich, daß mich der Katarakte nicht mit ergriff, obschon die armen Teufel so ehrlich in die Karre wandelten als wir nach Amerika. Alle die kleinen Begebenheiten unsers Marsches dir zu erzählen, dir zu schildern, wie algierisch wir bewacht, wie hart wir behandelt wurden und was für tragisch-komische Auftritte sich alle Tage ereigneten, würde mir unmöglich sein, wenn ich dir nicht ein großes, voluminöses Paket schicken wollte. Der Buchhalter Faucitt empfing uns bei Bremerlech auf der grünen Wiese, besichtigte jede Rotte mit dem Falkenauge eines verständigen Kaufmanns und ließ die Fracht einpacken. Der Faucitt ist dir gar ein drollichter Kauz, und ich hatte so recht meine Freude, das Kompendium der Überredungskunst zu betrachten, von dem überall soviel geplaudert wurde und noch jetzt geplaudert wird. Ich bin kein guter Porträtmaler und darf mich überhaupt ins Detail nicht einlassen, sonst wollte ich dir diese und jene Figur, die du aus Gerücht und Zeitungen kennst, etwas genauer zeichnen; und überdies muß man bei dergleichen Arbeiten ganz neutral sein und gar keine Galle haben, das bei mir jetzt eben nicht der Fall sein möchte. Wir hielten eine Schiffahrt wie andere Schiffahrten; segelten hinter den Orkaden herum, aus Furcht, die Franzmänner möchten uns erhaschen, wenn wir uns durch den Kanal unten in den Ozean wagten; und hier wurden wir so weit nordwärts getrieben, daß wir bei schon ziemlich hohen Sommer froren, daß uns die Zähne klapperten. Stürme hatten wir oft und einen sehr gefährlichen, wie man uns erst hernach gestund. Der oberste Aufsatz des Mittelmastes brach, zwei Segelstangen sprangen, verschiedene Segel und Taue zerrissen, daß es bei dem schlechten Wetter auf dem Schiffe aussähe wie in Rom, da die Gallier einquartierten. Solange aber noch der Kapitän auf dem Quaterdecke lärmte und die britischen Tritonen noch ihr »God damn« und »Give here the bottle« hören ließen, ließ ich mir's nicht zu Herzen gehen und sahe ganz stoisch zu. Es gab mitunter zuweilen ganz schnurrige Auftritte, wo man bei dem größten Spleen und den tiefsten Miseriis sich kaum des Lachens enthalten konnte. Großmann spricht in seinen »Sechs Schüsseln« vom Ausschuß der Europäer; mag im ganzen wohl so ziemlich recht haben. Es waren wunderliche Karikaturen an Geist und Leib aus allen Reichen von Europa auf unserm Zuge, und die verschiedenen Beschäftigungen der verschiedenen Subjekte, in einen soengen Raum zusammengekerkert, gaben zumal gegen Abend bei stürmischen Wetter den auffallendsten Kontrast, den man sich denken kann. Hier sangen ein paar: »Nun ruhen alle Wälder«, dort leerte eine Gesellschaft ihren letzten Rum aus; hier erzählte ein Abenteurer mit Bonzenweisheit ein Märchen aus »Tausendundeine Nacht«, dort betete eine Berliner Matrone von Pfuhl aus Schmolken ihr Abendgebet. Hier stunden etliche voll Furcht und Harren der Dinge, die da kommen sollten, dort zankten sich andere um ihr winziges Lager und pökelten zwischen Tornister und Matratzen sich wie schwedische Heringe zusammen. An jener Ecke gab ein Flügelmann seinen fünf Bettkameraden das Signal, sich ordentlich umzuwenden, und an dieser fluchten ein paar schwarze Husaren auf gut polnisch, daß der Kapitän verboten, Tobak unter dem Verdecke zu rauchen. »Daß dich der Hirsel!« schrie ein Bayer, »da nageln sie die Totenküste zu«, als man den Eingang mit Wachsleinewand feste zuschlug und die Wellen dumpf drüber hinstürzten. Ich sehe das Schrecken noch recht lebhaft, das uns an einer der Orkaden überfiel, als sich der Wind so schnell drehete und in den Segeln verwirrte, daß man sie nicht so geschwinde, als es nötig war, herumwenden konnte. Das Schiff schlug mit einem Stoß auf die Seite, und schon stürzte das Wasser zu den Kanonenlöchern herein. Da wir keinen sonderlich starken Sturm hatten, war das Schrecken desto plötzlicher und unvermuteter. Ich, als Menagemeister, war eben beim Tranchieren des Rindfleisches und konnte kaum geschwind genug alles in den Schnappsack werfen, um auf das Verdeck zu eilen. Hier fing alles an zu schreien, was Matrose war und was nicht Matrose war, noch viel mehr. Mit Todesangst auf dem Gesichte breitete ein gewesener Trödelmann aus Düsseldorf, zukünftiger Stückknecht bei unserer Artillerie, seinen linken Arm zitternd nach der ohngefähr eine halbe Meile entfernten Insel aus und rief, mit dem rechten fest am Bord geklammert: »Jesus, Maria und Joseph, bringt mich nur diesmal ans Land, ihr sollt alles, alles haben!« Alles war in Verwirrung, jammerte und verzweifelte, und es war mir selbst linkerseits unter dem Kommißhemde gar nicht wohl, bis der Kapitän mit eigner Hand ein halb Dutzend Taue kappte, die Segel herumschlugen und das Schiff sich wieder in sein gehöriges Gleichgewichte warf. Unsere Kost war erbärmlich genung und für einen deutschen Magen gewaltig unbehaglich. Pease and pork, and pork and pease, Erbsen und Speck und vice versa waren unser ewiges Traktament; aber der Speck war verdorben und die Erbsen ziemlich so alt als ich. Zuweilen hatten wir noch Habergrütze mit Baumöl und Pudding; aber nicht wie der des Lord-Mayors. Wasser und Mehl waren alle seine Ingredienzen, und doch war er unser bestes Essen, und eine Sumpflache wäre Nektar gegen unser Wasser gewesen, das wir in so geringem Maße erhielten, daß oft mancher seine Tagsportion in einer halben Stunde austrank und hernach bei den entsetzlichen Salzspeisen und der Salpeterluft dursten mußte wie ein Tantalus. Weiche und unmäßige Leute fielen auf diese Art dahin wie Fliegen und starben. Ich hielt mich immer stark und aufrecht, und du mußt meiner dir verkehrt und lakonisch scheinenden Lebensart doch gewiß das Lob geben, daß sie mäßig und ordentlich und vielleicht besser und diätmäßiger war, als ein Dutzend Äskulape sie mir vorschreiben konnten. Unsere Toten packten wir in einen Sack mit Steinkohlen und überlieferten sie so den Fischen; diese Art des Begräbnisses aber machte dem Kapitän vermutlich zuviel Aufwand; sie bekamen also an jedes Bein eine zwölfpfündige Kanonenkugel, und so traten sie ihre Fahrt nach der Tiefe oft im bloßen Hemde an. Ein solches Gemisch von Bosheit und Elend habe ich nie angetroffen als hier, und ich würde tagelang zu erzählen haben, wenn ich dir alles schildern wollte, was ich hier sehen mußte. Aber nicht durchaus; es gab edle Seelen, oft ein großes Menschenherz unter einem Rocke, wo du nur ein gemeines gesucht hattest, wie du oft ein gemeines, manchmal weniger als ein gemeines unter einem Kleide findest, das dich mehr erwarten hieß. Ich habe hier Charaktere von beiden Extremen kennengelernt, und ihre äußern Verhältnisse waren ebenso auffallend als ihre innere Verschiedenheit. Hier lagen in einer Bettstelle beisammen ein braunschweigischer Edelmann, ein gothanischer Postillion, ein hessischer Lieutenant und ein meinungischer Amtmann; dort ein Würzburger Mönch, ein französischer Adjutant, ein jenischer Student, ein Halberstädter Jäger und ein Wiener Kaufmann; versteht sich, alles gewesen und jetzt jedermänniglich Professores designati der hessischen Muskete. Ein trolliger Kontrast, und wenn ich dir die Schicksale verschiedener davon, die ich zu kennen Gelegenheit hatte, erzählen sollte, es würde dir bald lächerlich, bald weinerlich werden. Besonders war der Meinunger Amtmann, mein sehr guter Freund, ein eifriger Anhänger von Jakob Böhm, dessen Theosophie er mir brachte und gar höchlich empfohl, wenn ich Erleuchtung des Glaubens und geistiges Licht zu erlangen wünschte. Ich war aber so verblendet, ungelehrig und zum Proselyten verdorben, daß ich lieber eine Elegie aus einer alten Schwarte von Ovid las, weswegen er mich nur sein Weltkind zu nennen pflegte und doch immer mein beständiger, treuer und väterlicher Freund blieb. Ich würde mich zu weit verlieren, wenn ich besonders dir diesen Mann, seinen Charakter und seine Begebenheiten, soviel ich davon weiß, beschreiben wollte. Wir langten endlich nach siebzehn Wochen Herumkutschen ebenso jämmerlich wie Aeneas in Libyen in Halifax an; nur liefen uns nicht gleich die Hirsche in die Hände wie ihm, und keine gastfreundliche Dido bemühete sich, uns unsere ausgestandenen Gefahren und Mühseligkeiten vergessen zu machen. Wir kamen vielmehr aus dem Regen in die Traufe. Das Lager mit dem Schiffe verwechselt, war für uns grüne Helden, die kaum einen Zeltpflock gesehen, noch weniger ihn zu behandeln wußten, eine schwerere Arbeit, als dem Herkules, die Ställe auszumisten. Stelle dir eine Kohorte solchen Mischmasch vor, als wir waren, wovon kaum der zehnte einst ein Gewehr getragen und ein Zelt aufgeschlagen hatte, bisher in der größten Entfernung von allem, was Waffen hieß, gehalten, undd nun auf einmal mit Zucht und Ordnung, wie es der Kriegsdienst verlangt, ins Lager zu treten, und das noch dazu an einem Ort, denn die Engländer und Deutschen vor uns hatten natürlich die besten Plätze eingenommen, an einem Ort, der dem steinichten Arabien so ähnlich sahe als unser alter Tertius einem Pedanten; Zeltstangen und Zeltpflöcke aus dem Walde zu holen, wovon keiner wußte, wie sie aussahen. Das war ein schönes Gemälde von Trojanern! An verschiedenen felsichten Abhängen von Hügeln waren die Kompaniegassen hingekleckst, wie hebräische Punkte, daß man den größten Mathematiker hätte auffordern können, eine gerade Linie von zehn Ellen an den ganzen Korps zu finden. Gleich die erste Nacht kam ein orkanisches Donnerwetter, das eine entsetzliche Verwüstung unter den neuen Felsenbewohnern anrichtete. Mein Zelt war eben an einer Art von kleinen Defilee zu stehen gekommen, worein der ganze Vorrat von Regenwasser herunterstürzte und uns gar lieblich durch unsere Lagerstätte hinrollte. Ein Zeltpflock riß nach dem andern los, und wir zankten uns gar wirtlich, wer hinaus in den offnen Sturm schreiten sollte, ihn feste zu machen. Ein jeder fürchtete sich, sich umzudrehen und seine andere Seite auch vollends zu baden, bis ein Nordstoß endlich den ganzen Sack aufriß und wir da sub dio squalido gar nicht säuberlich beisammen krochen. Nun war geschwinder Rat dringend, und ein jeder legte Hand ans Werk, den geborstenen Pavillon so gut wie möglich bis auf den Morgen wieder zusammenzuflicken. Und als der Tag erschien, heil'ger Georg, wie sahe da unsere Karawane aus! Kaum zehn Zelter im ganzen Lager stunden unversehrt, und einige hatte der Sturm ganz bis in den Wald gejagt. Es wurde plötzlich eine Kälte zum Erstarren; das Wetter fragte nichts nach unserer Verwirrung. Da brauchte man nicht erst zur Arbeit treiben; wer nicht vor Kälte und Nässe zittern wollte, griff zu, die zerstörte Horde wieder in Ordnung zu bringen. Nun ging's an ein Exerzieren. Von meiner Personalität hatte man die vorteilhafte Meinung, ihr den hohen Posten eines Sergeanten anzuvertrauen. Da hättest du mich sehen sollen, als ich andere unterweisen sollte, wie artig ich junger unbärtiger Kriegspräzeptor dastund und selbst nichts wußte und wie die meisten unserer neuen Offiziere noch weniger verstunden als wir und die Rekruten. Hier half mir ein wenig Windbeutelei und die Unwissenheit der andern aus der Klemme. Ich war klug genug, mir einen alten graubärtigen Preußen vom Stechauischen Grenadieren zum Schlafkamerad zu verschaffen, der mich in kurzen heimlich so weit brachte, daß ich mich wenigstens nicht zu schämen brauchte, wenn man mich Herr Sergeant begrüßte; und jetzt glaubt der Oberste des Korps immer schon, daß ich ein Mann sei, der den Dienst mit Beobachtung treibt, Applikation zeigt, wie sein militärischer Terminus lautet, und dessen Beförderung er dem Regimente, zu dem ich stoße, empfehlen könne. Werden sehen! So leben wir denn hier ein Leben, das der Galeerensklave gar nicht beneiden wird, und was das Parlament weiter noch aus uns machen wird, will ich in Gelassenheit und Geduld erwarten. Überhaupt bin ich der Meinung, schlimmer, als es bisher gegangen ist, könne es schwerlich gehen; und dann habe ich noch Stoizismus genung, mich die Schnurren nichts anfechten zu lassen. Wie's hier aussieht? Hier ist eigentlich die Welt mit Brettern beschlagen; denn in der ganzen Stadt gibt es kein Haus, das etwas mehr von Stein als ein bißchen Kamin hätte; außer ein einziges, ein Gefängnis, das deswegen auch das Steinhaus genennet wird. Diese Stadt, die vor dreißig Jahren nur noch etliche Fischerhütten ausmachte, ist jetzt der Hauptort der Provinz; wenn's nur nicht gar der Hauptort der britischen Provinzen wird; die Aspekten lassen sich ziemlich so an. Wenn Menschen Felsen und Steine zu fruchtbaren Erdreich umschaffen könnten, so wäre diese Stadt ihrer vorteilhaften Lage nach eine von den glücklichsten der Erde. Die verschiedenen Inseln an dem Eingange des Meerbusens decken die Schiffe in dem Hafen gegen alle Stürme, und an die mit geringer Mühe angelegten Werfte können die größten Schiffe ungelichtet allezeit, ohne auf die Flut zu warten, sehr bequem anfahren. The king's dock yard zur Ausbesserung der Kriegsschiffe ist ein weitläufiges, sehr zierlich angelegtes Werk, in welchem jetzt als dem sichersten und festesten Orte französische Gefangene liegen. Die vielen sehr vorteilhaft angelegten Schanzen machen es auch ohne Wälle und Mauern äußerst schwer, dem Orte beizukommen; aber es wird sich wohl niemand einfallen lassen, auf einer feindlichen Botschaft hieherzugehen, weil ich in der Tat nicht wüßte, was man hier holen sollte. Das Fort Hall, die Grand Battery und die Georgeninsel mitten im Eingange sind beträchtliche Werke; das erste, die Passage aus dem Lande zu verwehren, und die beiden letzten mit sehr großen, meistens achtundvierzigpfündigem Geschütze besetzt, in der besten Lage, die Einfuhr des Hafens zu decken, ohne die vielen kleinen Schanzen an der See und landeinwärts. Die Stadt liegt an dem Abhange des Berges und gibt von weiten nach der Seeseite einen nicht übeln Anblick, der aber verschwindet, sobald man hineintritt. Denn da findet man die meisten Häuser sehr schlecht, keins über ein Stock hoch und mehrenteils nur ein Zimmer parterre. Die Straßen sind übel gepflastert und manchmal, zumal im Dunkeln, ganz halsbrechend. Die Fortifikationen und Blockhäuser, die Magazine, Offiziantenwohnungen und Baracken geben der Stadt noch das meiste Ansehen. Es ist nur eine englische und eine kleine deutsche Kirche da nebst einem katholischen Bethause. Es mag die Stadt ohngefähr sechstausend Einwohner haben; und ist wirklich zu verwundern, daß eine junge Kolonie in etlichen dreißig Jahren so hat wachsen können, an einem Orte, mit dem die Natur so stiefmütterlich umgegangen ist und der weiter nichts Einladendes hat als eine bequeme Lage zur Schiffahrt. Rundherum ist es unauflöslicher Fels und eine Wildnis, die sich nordwärts und südwärts über vierzig Meilen erstreckt. In diese armseligen Gegenden haben sich die ursprünglichen Einwohner des Landes zurückgezogen, da die Engländer für billig hielten, ihnen die beste Lage zum Fischfang und der Jagd abzunehmen und sich dieselben zuzueignen. Voll gerechten Unwillen steckten die Indianer rundherum den Wald in Brand, ein Einfall, den sie oft fremden Gästen entgegensetzten und welcher beinahe der jungen Kolonie sehr teuer zu stehen gekommen wäre. Sie mußte eilends flüchten und sich nach der ändern Seite des Meerbusens retten, wo sie auch sich lange Zeit aufhielt, ehe sie den Ort, wo jetzt die Stadt steht, wieder behaupten konnte. Man sieht noch viele Meilen weit rundherum die schrecklichsten Zeichen von diesem Brande, und es ist noch bis jetzt der fürchterlichste und ödeste Anblick, den ich in meinem Leben je gesehen habe. Stelle dir vor, Fels an Fels gegürtet, aus ihren Klüften gleich einem Wunder die dicksten Stämme hervorgetrieben, ehrwürdig und alt, wie die Sündflut, noch nie zu dem Eigentum eines Forstes abgemessen; diese Stämme, die ihre Jahre selbst schon niedersenkten, von der Flamme kreuzweis zusammengeborsten, den felsichten Boden schwarz gebrannt und mit Asche bedeckt und kaum alle zwanzig Schritte ein Gräschen sich hervordrängend. Zuweilen stehen noch einige Eichen aufrecht, die dem Feuer Trotz boten, bis eine Regennacht die immer um sich greifende Flamme dämpfte, traurige Bilder der angerichteten Verwüstung. Die Äste sind verbrannt und herabgestürzt, die Stämme, ohne Rinde und schwarz, heben sich melancholisch über den gewesenen Wald empor. Solche Szenen dauern meilenlang fort, hier und da von einem kleinen Landsee unterbrochen, in dessen Wasser die herabstürzenden Bäume fielen, die das Wilde und Schreckliche des Ganzen noch tiefer zeigen. Mit Urbarmachung des Landes beschäftigen sich sehr wenige, vermutlich abgeschreckt von den Schwierigkeiten, dem unbiegsamen Boden etwas abzuzwingen. Fast alles treibt Handel oder dahin einschlagende Geschäfte, daher man auch Steinkohlen wohlfeiler aus England brennen kann als Holz, womit doch sozusagen die ganze Gegend eingeschlossen ist. Du wirst begierig sein, auch etwas von den Eingebornen des Landes zu hören. Da sie der Gewalt weichen mußten, haben sie sich tief in die Wälder zurückgezogen und kommen in der Gegend der Stadt selten mehr an die Küste, um zu fischen, sondern treiben ihre Hantierung da, wo sie von keinen Europäern gehindert werden. Sie gehören vermutlich zu dem großen Stamme der Mahocks, sind sehr wohlgebaut, stark und ziemlich groß; denn ich habe noch keinen gesehen, der so klein als ich gewesen wäre, und ich bin denn doch auch noch kein Zwerg, da die Hessen mich unter ihr Gewehr zwangen und ich unter ihnen immer noch nicht der Kleinste bin. Die meisten unter ihnen sind ohngefähr sieben Zoll preußisches Maß, und nicht viele unter ihnen sind größer oder kleiner. Da sie jetzt nicht soviel Mißtrauen gegen die Europäer haben und ganz vertraulich zu ihnen kommen, ihre Fische und ihr Wild zu verkaufen, und da die englische Regierung nicht zugibt, daß einer von ihnen beleidiget werde, so zeigen sie, daß sie, gleich den meisten Wilden, eine sehr gute, freundliche und offenherzige Art von Menschen sind. Ihre Physiognomie ist zwar beim ersten Anblick nicht sehr einnehmend, aber ihr ehrliches, geselliges Wesen entdeckt sich in der ersten halben Stunde Umgang; dann sind sie so frei, so dienstfertig und so zudringlich, ohne doch unbescheiden zu sein, daß man unmöglich ihnen sein Mitleiden und seine Freundschaft versagen kann. Nicht daß einige unter ihnen zuweilen nicht kleine Ausschweifungen begingen, zumal im Trunke; denn dies ist jederzeit der Lieblingsfehler der Ungesitteten und also auch der ihrige, ob man schon bemerken kann, daß meistens eine gewisse Gutherzigkeit und Gastfreiheit damit verbunden ist, welches sowohl die alte als neue Geschichte bestätiget. Wenn also eine kleine Gesellschaft Indianer die Beute ihrer Fischerei und Jagd hier in der Stadt um einen sehr billigen Preis abgesetzt und ohngefähr einen spanischen Piaster gelöset haben, so ist ihr erstes größtes Geschäfte, sich sorgfältig nach Rum zu erkundigen, der ihr Nektar ist, und wenn ihnen dieser dann den Kopf ein wenig erhitzt hat, so fangen sie an, allerhand possierliche Fratzen zu machen; wollen trotz einem neapolitanischen Nobile mit den Europäern Conversationi halten, versuchen allerlei Mittel, sich deutlich zu machen, und fangen vor Mißmut an, recht lustig zu tanzen, wenn man sie nicht verstehen kann. Ihre Musik zu ihrem Ball ist ganz simpel; denn einige unter ihnen ergreifen die ersten besten Kiesel, schlagen damit den Takt und brummen ein Liedchen dazu, von dessen Text und Melodie man nicht das geringste vernehmen kann, und darnach tanzen und ergötzen sich die halb taumelnden Gefährten recht weidlich. Sie bringen oft Weiber und Kinder mit in die Stadt, und wenn dann irgend ihre Festlichkeit und das Räuschgen sie vergessen ließ, daß sie nicht in ihren Horden unter ihren Landsleuten waren, erlaubten sie sich oft einen Umgang öffentlich untereinander, den man bei gesitteten europäischen Nationen lieber allein und abgesondert genießt und der freilich den ehrbaren Engländerinnen etwas zu frei und indianisch schien. Seitdem aber der Gouverneur einige hat einziehen, setzen und bestrafen und ihnen das Unanständige von dergleichen Galanterien zeigen lassen, fangen sie an, auch bei ihren Lustbarkeiten sich ordentlich und unanstößig zu betragen. Jede ihrer kleinen Republiken hat gewöhnlich ihren Vorsteher und Obersten, dem sie sehr pünktlich gehorchen. Ein Berliner Tuchmachergeselle bekleidet den Posten einer solchen kleinen Majestät nicht weit von hier schon seit achtzehn Jahren, ist ganz unter ihnen nationalisiert und soll in großem Ansehen unter den übrigen Horden stehen. Wenn so ein Diminutivfürst in die Stadt kommt, unterscheidet er sich von den übrigen meistens durch einen Hut mit einer Art von Feder und einen Säbel. Die Kleidung der Wilden bestehet gemeiniglich aus einem Stücke Tuch, das sie so zu schneiden, zu legen und nähen wissen, daß es den ganzen Körper, Arme und alles bedeckt. Ihre Schuhe nähen sie aus einem einzigen Stücke Wildhaut ohne Sohlen, bloß über den Fuß und hinten an der Ferse zusammen, so daß jeder, sein eigener Schneider, Schuster und Modekrämer, sich in einigen Stunden seinen ganzen Anzug verfertiget, in dem er nun freilich keine Pariser Figur macht, aber doch den Ehrenpolacken, die in der Messe den Leipziger Brühl zieren, nicht viel nachgibt. Ein Kunststück aber sind ihre Boote von birkener Rinde, so symmetrisch gebaut, daß man den größten Naupegen auffodern könnte, ein ähnliches zu verfertigen. Die Bände, von den größten Bäumen abgeschälet, ist sehr zierlich zusammengenäht, die Nähte sind mit Pech ganz dicht versehen und die Seiten inwendig mit feinen dünnen Schindeln von dem nämlichen Holze ausgelegt und einige schmale Querbretter zum Sitzen und zugleich zur Befestigung des kleinen Fahrzeugs in so vortrefflicher Proportion angebracht, daß man nichts Niedlichers sehen kann. Und diese Kähne sind so leicht, daß ein einziger Mann einen derselben, der vier bis sechs Personen hält, auf die Schultern nimmt und ihn nach seiner Bequemlichkeit trägt, wohin es ihm gefällt. Es gehört aber eine ihnen eigene Geschicklichkeit dazu, sich derselben zu bedienen; denn ich habe englische Matrosen von einem Kriegsschiffe gesehen, die von dem Eigentümer die Erlaubnis erhielten, sich ein Vergnügen in einem dieser winzigen Schiffe zu machen. Aber kaum waren sie hundert Schritte in die See gerudert, so stürzte es um, und die Neptune lagen zu nicht geringer Ergötzung der Indianer in ihrem Elemente, waren auch nicht vermögend, sich wieder in das Canoe zu arbeiten, sondern mußten zurück nach dem Ufer schwimmen. Da ich mit meinen Kameraden mich jetzt, da wir wieder einen Schatten von Freiheit genießen, besonders mit der Jagd vergnüge, so kommen wir oft auf unsern kleinen Ausfällen unter die ehrlichen Wilden, die uns allezeit soviel Höflichkeit erzeigen, als wir nur von ihnen erwarten können. Ihre Hütten sind halb unter, halb über der Erde, sehr warm und für einen Sohn der Natur bequem genung. Da wohnen ganz vertraut die Familien beisammen; speisen, arbeiten, schlafen in einem Behältnisse. Ihre Lagerstätten sind Binzen, Moos und manchmal wollene Decken, die sie in der Stadt kaufen. Die Tracht des Weibes ist in nichts von der Mannskleidung unterschieden, als daß jener einen Hut, diese eine Art von Mütze trägt, die fast wie ein Zuckerhut gestaltet ist. Ein Stück Bärenschinken und Moosfleisch nebst Fisch und Vögeln von aller Art, die meisten an einem hölzernen Spieß gebraten, von dem sie die Mahlzeit verzehren und hernach ins Feuer werfen, sind ihre gewöhnlichsten Gerichte. Brot haben sie nur sehr selten, und nur zum Geschenke für ihre Kiemen nehmen sie solches zuweilen mit aus der Stadt. Sie verfertigen einen braunen Zucker von dem Safte eines Baums, der der Birke in etwas gleicht, und damit versüßen sie ihr Quellwasser, welches dann ihr liebstes Getränke nächst dem Rum ist; und in der Tat habe ich sowohl dieses als überhaupt ihre Mahlzeiten sehr nach meinem Geschmack gefunden. Da die Franzosen Herren in dieser Gegend waren, schickten sie von Quebec aus Missionairs, die Eingebornen zum Christentume zu bekehren, daher man zuweilen noch einige antrifft, die etwas französisch parlieren und, wenn sie den Ton der Glocken hören, an die Brust schlagen, das Kreuz machen und »Au nom de Dieu du père, du fils et du saint esprit« sehr andächtig hersagen. Dies ist aber auch alles, was man noch von ihrer Bekehrung bemerken kann; denn man trifft sonst keine Religionskenntnisse noch Gebräuche bei ihnen an. Ich habe aber auch nicht gefunden, daß sie Götzenverehrer sind, sondern sie zeigen, um Pflichten und Beteuerungen auszudrücken, aufs Herz und gen Himmel. Die Engländer haben sich bisher noch nicht in die Bekehrung der Heiden eingelassen; nur sehr wenige von ihnen verstehen etwas Englisch, daher man sich ihnen meistens durch Zeichen verständlich machen muß. Die Kolonie, die bloß aus Engländern und einigen Deutschen besteht, weiß sich der Gutherzigkeit dieser Indianer sehr zu ihrem Vorteil in dem kleinen Handel zu bedienen; doch findet man sehr selten, daß ein Indianer so vertraut mit einem Europäer würde, daß er sich mit ihm zu leben oder nur bei ihm auf einige Zeit zu arbeiten entschlösse. Man erzählt noch allerhand wunderliche Gewohnheiten von ihnen, aber du wirst vermutlich schon müde sein, meine Schreiberei zu lesen. Ich will also hier nur schließen und, wenn ich Gelegenheit habe, mit einem ändern Schiffe dir mehr dergleichen Sachen schicken. Leb wohl! Grüße die von meinen Freunden, die noch an mich denken! doch, die andern waren keine. Ich lese jetzt, aber mit vieler Richtigkeit, mit vielem Nachdruck, Vater Horazen. Mit mehr Energie, als mein Rektor hineinloben konnte, besonders meine jetzige Leibode: Angustam amice pauperiem. Warum? Ich mache alle Tage selbst den Versuch und bleibe dabei, daß eine solche Reise, eine solche Kampagne gar herrliche Kommentare über dergleichen Stellen sind: »insequitur clamorque virum stridorque rudentum«; male dir's einmal so lebhaft, als ich mir's denke! Ob ich aber meine kleine Erfahrung nicht gern mit einer warmen Stube, einem guten Schlafpelze, einem artigen Mädchen, einem einträglichen Dienstchen und seinen Appendixen vertauschte, das kann ich so stracks nicht bestimmen; vermutlich! Leb wohl. Johann Kaspar Riesbeck Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland Du forderst in deinem Brief viel zuviel von mir. Ich begreife wohl, daß dir besonders daran gelegen ist, diesen Hof und dieses Land genau zu kennen, weil, ohne unsre ehemaligen Verhältnisse mit Bayern in Anschlag zu bringen, das pfälzische Haus nach dem österreichischen und brandenburgischen jetzt das mächtigste in Deutschland ist oder doch seinen innern Kräften nach sein sollte und die Lage der Besitzungen desselben es in gewissen Umständen für unsern oder den kaiserlichen Hof äußerst wichtig machen könnte. Ich will tun, was ich kann; aber die Zeit, die ich hier zubringen will, ist zu kurz, um dir gänzlich genugzutun. Der hiesige Hof ist in einen so dicken, bunten und strahlenden Schwärm von Ministern, Räten, Intendanten und Kommandanten eingehüllt, daß es sich nicht wohl durchkommen, auch nicht wohl durchsehen läßt. Mit unserm hiesigen Minister, der ohne Zweifel seine Welt kennt, konnte ich noch keine besondere Bekanntschaft machen. Ich schildere dir also den Hof, wie ich ihn teils aus den Beschreibungen einiger ziemlich zuverlässigen Leute, teils aus meinen wenigen Beobachtungen kenne, die ich aber nur in einiger Entfernung machte. Insoweit der Hof in Verbindung mit dem Lande steht, da haben wir ja die öffentlichen Verordnungen und Anstalten, um ihn zu taxieren. Der Kurfürst hat das glücklichste Temperament. Er ist von sanftem, geselligem und munterem Charakter, gar nicht mißtrauisch und argwöhnend und zu Machtsprüchen und Gewalttätigkeiten so wenig aufgelegt, daß er, als einst eine Reformation an seinem Hofe zu Mannheim nötig war und er den entschlossenen Grafen von Goldstein zum ersten Minister von Düsseldorf berief, um mit Mut Hand an das Werk zu legen, er unterdessen eine Reise nach Italien machte, damit die Reforme durch das Bitten und Klagen der Abgedankten, denen er sich nicht zu widerstehn getraute, nicht hintertrieben würde. In seinen jüngern Jahren verleitete ihn eine etwas mißvergnügte Ehe, aus der er keine Kinder erzielen konnte, zu einigen nicht übertriebenen Ausschweifungen. Die Kinder, welche er von linker Seite hat, liebte er, wie ihre Mutter, so sehr, daß er sie mit schweren Kosten in den Grafenstand erhob. In seinen ältern Tagen öffnete nun seine weiche Gemütsart und vielleicht die Erinnerung seiner sehr verzeihlichen Fehltritte einer gewissen Frömmigkeit den Weg zu seinem Herzen, die an sich wohltätig für das Land wäre, wenn nicht zugleich durch sie den Pfaffen und Mönchen der Eingang offenstünde. Was seine Kenntnisse anbelangt, so soll er in verschiedenen Wissenschaften, besonders in den mathematischen, ziemlich bewandert sein und französisch, italienisch und englisch sprechen. Aber die Kunst ist eigentlich seine Sache. Er hat ihr sehr große Opfer gebracht. Seine Orchester und seine Oper sind nebst den Musiken zu Neapel und Turin das beste von der Art in Europa. Die prächtigen Sammlungen von Kupferstichen, Antiken und ändern Sachen sind ewige Denkmäler seiner Freundschaft mit den Musen. Ein Engländer soll ihm zu Mannheim das Kompliment gemacht haben, er verdiene ein Privatmann zu sein. Gewiß ist dies das beste, was sich über den Charakter dieses Fürsten sagen läßt. Ihm fehlt platterdings die Härte und Entschlossenheit, die unumgänglich nötig ist, um ein so wüstes Land wie Bayern umzuschaffen. Es fehlt ihm an richtiger Menschenkenntnis, und sein gutes Herz deutet alles zum Vorteil der Leute, die ihn umgeben. Seine Pfaffen sieht er alle im Licht seiner Frömmigkeit und Religion, mit welcher sie doch im Grunde keine wesentliche Verbindung haben, und so ist es sehr begreiflich, daß der liebenswürdigste Privatmann eben nicht der beste Regent ist. Wenn ich nun meine Augen von der Hauptperson abziehe und mich nach dem umsehe, der nach derselben und natürlich auch auf dieselbe den meisten Einfluß hat, so tappe ich im finstern herum und weiß nicht, wen ich greifen soll. Da ist ein Obristhofmeister, ein Finanzminister, ein Kanzler, ein paar Geheime Räte, ein Beichtvater, ein paar Weiber, die unter sich den Einfluß geteilt und sich den gegenseitigen Anteil garantiert zu haben scheinen. Wer die Sache bei Licht betrachten und dem Gang jeder Inttrige bis auf den Ursprung nachspüren könnte, der würde die eigentlichen Triebfedern der Hofmaschine ohne Zweifel in einer Kutte und in einem Cotillon finden, welche den Staat vermittelst der Geheimen Räte, des Kanzlers und der übrigen Herren mit Sternen und Bändern in die Bewegung setzen. Was die Pfaffen und Weiber, welche letztere hier zwar keinen unmittelbaren, aber doch einen sehr starken Einfluß auf den Regenten haben, für eine Wirtschaft zu treiben pflegen, wenn sie Meister sind, davon haben wir an unserm Hofe Beispiele genug gehabt. Aber so schlimm, wie sie es hier treiben, war es bei uns doch nie, wenn auch gleich hier nicht, wie an unserm Hofe geschehen, der Raub vieler Provinzen von der Grille einer Mätresse verschlungen wird. Es fehlte doch bei uns nie an entschlossenen Patrioten, die der bösen Wirtschaft entgegenarbeiteten und öfters zum Teil wieder gutmachten, was die andern verdorben haben. Aber einen Patrioten suchst du am hiesigen Hof vergebens, oder wenn du einen findest, so muß er seinen Patriotismus in stillen, unnützen Seufzern aushauchen. Von den herrschenden Grundsätzen der hiesigen Hofleute überhaupt genommen, weiß ich dir wenig zu sagen. Das augenblickliche Privatinteresse scheint die Richtschnur eines jeden zu sein. Wenn sie Grundsätze haben, so sind es gewiß die geschmeidigsten und biegsamsten von der Welt. – Wenn es sich von der Denkungsart einiger Untergeordneten, die ich kenne, auf die Höhern, mit denen sie in Verbindung stehn, schließen läßt, so haben verschiedene der Großen des hiesigen Hofes den abscheulichsten Unsinn zu ihrer politischen Theorie angenommen. Zum Beispiel die Religion sei nur für den großen Haufen, um ihn unter den Füßen behalten zu können. – Ein Hofmann müsse das Äußere der Religion mitmachen und sein Inneres für das Volk verschließen. – Die Menschen seien von Natur böse, zum Aufruhr, zu Veränderungen und zum beständigen Murren geneigt und nie zu befriedigen; man müsse sie daher unter einem beständigen Druck halten und ihnen die Kräfte zu handeln nehmen. – Viel Aufklärung sei dem Volk schädlich. – Die Großen hätten ihre Vorrechte über das Volk unmittelbar von Gott erhalten, sie seien dem Volk also keine Rechenschaft schuldig und über alle Verbindlichkeiten gegen dasselbe erhaben usw. – Doch, wie gesagt, das sind keine Grundsätze, sondern es ist elender Wahnwitz, den einige italienische Politiker zuerst in Ausübung gebracht, weil sie Machiavells »Fürsten« mißverstanden, den dieser große Schriftsteller in seinen »Anmerkungen über den Titus Livius« doch selbst so gründlich und deutlich widerlegt. Du wirst nun von selbst erachten, daß der hiesige Hof nicht viel hesser als der spanische und portugiesische bestellt sei. Mit den besten Absichten kann der Fürst nichts zum wahren Wohl seines Volks bewirken. Die Kanäle, wodurch sich der Regent seinen Untertanen mitteilen soll, sind verstopft. Unter der vorigen Regierung verkaufte der Minister die Stellen öffentlich, und nun werden sie am Spieltische vergeben. Man hat häufige Beispiele, daß Leute die gesuchte Beförderung nicht anderst erhalten konnten, als wenn sie und ihre Patronen an gewisse Damen eine gewisse Summe verloren. Alles ist hier feil. Vor zwei Jahren hätten einige Minister des hiesigen Hofes das halbe Bayern an Ostreich verkauft, wenn nicht der preußische und russische Hof und der zweibrückische Minister Hofenfels den Kauf hintertrieben hätten. Alle Entwürfe, welche dem Fürsten vorgelegt werden, haben nur geringernteils die gute Sache, größtenteils aber den Vorteil des Projektanten zur Absicht. Wie ist es möglich, daß ein Hof die zum Glück des Volks erforderliche politische Bildung und die Grundsätze haben kann, worauf der Wert einer Regierung beruht, wenn man bloß durch eine glänzende Geburt, durch Verwandtschaften, durch Geld, durch Weiber und Pfaffen zu den höchsten Ehrenstellen kömmt! – Nebst der Gutherzigkeit ist auch die Prachtliebe des Fürsten zum Übertriebenen geneigt. Die erstere verleitet ihn zu glauben, der Hof sei vielen Leuten und besonders dem Adel reichen Unterhalt schuldig, wenn sie auch gleich nichts zum Besten des Staats tun. Während daß sich viele andre Regierungen alle Mühe geben, die unbegründeten Vorrechte des Adels zu beschneiden, und ihn zwingen, sich bloß durch wirkliche Verdienste geltend zu machen, hält es der hiesige Hof für seine Pflicht, ihn in seinem geheiligten Müßiggang wie die Frösche der Latona oder die Gänse des Kapitols auf Kosten des Staats zu mästen. – Man geht jetzt mit dem Projekt schwanger, eine neue Provinz des Malteserordens mit vielen Millionen in Bayern zu errichten. Nicht das Verdienst, sondern bloß der Adel hat auf den Genuß dieser reichen Stiftung Anspruch zu machen. Ich weiß nicht, ob der christliche Vorsatz, den Sarazenen Abbruch zu tun, oder sonst eine besondre Vorliebe für diesen Orden den Kurfürsten auf den Einfall gebracht hat. Aber das ist gewiß, daß die Ritter die Zeit, welche sie in ihrem Noviziat auf der See oder vielmehr an den Spieltischen und bei den Schmausen auf der Insel Malta zubringen, zu Hause viel nützlicher für Bayern verwenden könnten. So wenig Vorteil von dieser neuen Malteserprovinz für den Staat abzusehen ist, so gewiß soll die Ausführung dieses Projekts beschlossen sein. Man beratschlagt sich nur noch, woher man den Fonds dazu nehmen soll. – Die Prachtliebe des Fürsten ist ebenso verschwenderisch mit den Staatsgeldern. Ich könnte dir hier zur Erbauung aus dem Hofkalender einige hundert Bedienungen benamsen, deren Verrichtungen insgesamt dir ein unauflösbares Rätsel sein würden. Es soll aber genug sein, dir zu sagen, daß sich der hiesige Hof zu zwei bis drei Rheinschiffen einen Großadmiral hält. Alles, alles ist hier durchaus auf den Schein angelegt. – Die Armee des Hofes besteht aus ohngefähr 30 Regimentern, die, ihrer nun angefangenen Ergänzung ungeachtet, doch noch keine 18000 Mann zusammen ausmachen. Wenigstens einen Vierteil derselben machen die Officiers aus, worunter auch mehrere Generalfeldmarschälle sind. - Die vielen Titel und die bordierten Westen der hiesigen Einwohner setzen einen Fremden nicht sicher, von ihnen angebettelt zu werden. Vorgestern beschaute ich die schöne Jesuitenkirche, und um nicht das Ansehn eines müßigen Anschauers zu haben, kniete ich zu einigen Leuten in einen Betstuhl. Sogleich rückte ein Mann, den ich nach seiner Kleidung für eine wichtige Person gehalten hätte, näher zu mir, bot mir eine Prise Tobak an, und nach einigen Anmerkungen über die Schönheit der Kirche fing er an, umständlich seine Not zu klagen und mich um ein Almosen anzusprechen. Das nämliche war mir schon in einer andern Kirche von einem sehr wohlgekleideten Frauenzimmer begegnet. Die Polizei, welche sich die Beleuchtung und Reinlichkeit der Stadt so sehr angelegen sein läßt, muß sich von den Dieben und Räubern an den Toren der Stadt Trotz bieten lassen und weiß dcu unzähligen hiesigen Bettlern keine Beschäftigung und kein Brot zu verschaffen. Dieser Mangel an wahren, durchgedachten und festen Grundsätzen, diese Scheinliebe, diese Verwirrung der Geschäfte durch die zu große Anzahl unbrauchbarer, unpatriotischer und müßiger Bedienten macht die Verordnungen des Hofes oft sehr widersprechend. Einige vom Hofe haben vielleicht zwischen Wachen und Schlafen den Beccaria gelesen oder doch von der Verminderung der Todesstrafen und Abstellung der Folter in Preußen, Rußland und Österreich gehört. Nun affektierte man hier auch diesen philosophischen Ton - es zeigte sich aber bald, daß es nur Affektation war. Die Diebe, Mörder und Straßenräuber mehrten sich so schnell und stark, daß eine Verordnung erschien, welche die ganze Blöße des Hofes an wahren Grundsätzen zeigte und worin gesagt wurde, »sosehr der Landesfürst zur Milde geneigt sei und so fest er sich vorgenommen gehabt habe, nach dem Beispiel andrer Mächte die Gerechtigkeit menschlicher zu machen, so habe er sich doch gezwungen gesehn, wieder strenge nach der Karolina, wie zuvor, hängen, rädern, spießen, verbrennen und foltern zu lassen«. – Aber warum hat die Milderung der strafenden Gerechtigkeit in Preußen, Rußland und Ostreich die Folgen nicht gehabt, die in Bayern das neue System wieder umwarfen? Aus keiner ändern Ursache, als weil benannte Mächte ein ernstliches, durchgedachtes und zusammenhängendes System in ihrer Regierung befolgen, der hiesige Hof aber dieses System bloß zum Schein geborgt hatte und seine übrige Wirtschaft mit dieser Philosophie nicht übereinstimmte. Man wußte hier nicht, wie in jenen Staaten, durch nützliche Beschäftigung der Müßiggänger das Land von herumstreifendem Gesindel rein zu halten. Man sorgte nicht dafür, durch gute Erziehung, mehrere Aufklärung, Verbesserung der Sitten und Ermunterung zum Arbeiten die Untertanen vom Stehlen und Rauben abgeneigt zu machen. – Und wenn dann auch der Hof bei Errichtung von Schulen und öffentlichen Arbeitshäusern für den müßigen Pöbel etwas hätte aufopfern müssen, so hätten ja die 6 Millionen Gulden, die man für das Malteserwerk wegwerfen will, zur Ersparung und Besserung vieler tausend Menschen nützlicher angelegt werden können. Diese prächtigen Opern, diese kostbaren Sammlungen von Seltenheiten, diese großen Paläste und Gärten, dieser unzählbare Schwarm von schimmernden Bedienten - macht nicht alles dem Hof den Vorwurf, daß das Eigentum seiner Untertanen in schlimmen Händen ist? – Ohne Zweifel werde ich Anlaß finden, dich an andern Orten an den hiesigen Hof einigemal zurückzuerinnern. Was die hiesigen Pfaffen betrifft, so liegen sie jetzt unter sich im Streit. Es sind die nämlichen Parteien, die in Frankreich durch ihre Verbitterung und Hitze gegeneinander soviel Aufsehens gemacht haben. Die Exjesuiten mit ihrem Anhang haben eine mächtige Stütze an dem Beichtvater des Kurfürsten, einem aus ihrem Mittel, und an der Spitze der Benediktiner stehn sehr reiche Prälaten, die sich mit ihrem Gelde durch die feilen Hofbedienten und Damen einen Weg in das Kabinett zu öffnen suchen. Wenn ich nicht irre, so gehören einige der letztern auch zum Korps der Landsstände. Aber bei der jetzigen Regierung, die so eifersüchtig auf ihren Sultanismus ist und die Landsstände als ihre Feinde betrachtet, gibt ihnen das wenig Gewicht, wie denn der Hof auch der Huldigung seiner Stände so lang als möglich auszuweichen sucht. Demungeachtet glaubt man, sie würden die Jesuiten noch unter die Füße bringen, weil das Geld hier allmächtig ist. Was der Staat dabei zu verlieren oder zu gewinnen hat, weiß ich nicht. Die Benediktiner sind zwar immer auch Mönche, aber wenigstens doch so eigensinnig und unverträglich nicht als ihre Feinde von der Gesellschaft Jesu. Diese Intoleranz der Jesuiten, welche schon seit langer Zeit Einfluß auf den Fürsten gehabt haben, hat der Pfalz am Rhein sehr viel geschadet. Die Reformierten machen wenigstens die Hälfte der Einwohner dieses Landes aus und haben verschiedene Friedensschlüsse und öffentliche Verträge zu ihrer Sicherheit. Sie sind in jedem Staat die besten Bürger, deren Religionslehren mit der gesunden Politik vollkommen übereinstimmen und deren Geistlichkeit mit der weltlichen Macht gar nicht im Streit liegt. Demungeachtet werden sie noch bis auf diesen Tag auf alle Art gedrückt, und der Hof scheint sich ein Verdienst daraus zu machen, diesen bessern Teil seiner Untertanen auszurotten, und geblendet von den Trugschlüssen seiner Pfaffen, betrachtet er ihn als Unkraut im Garten des Herrn. Die Heuchler verlarven ihren Verfolgungsgeist mit politischen Scheingründen und suchen den Fürst zu bereden, Einheit der Religion sei jeder Staatsverfassung so wesentlich als Einheit der Souveränität. Soeben les ich einen Kabinettsbefehl zur Unterdrückung eines kleinen, artigen und sehr unschuldigen Gedichtes gegen die Intoleranz. Es heißt darin, der Verfasser suche in dem erzkatholischen Bayern einen dem Staat sehr schädlichen Mischmasch von Religionen einzuführen. Sehe der Hof doch oder hätte er doch Augen, zu sehn, was dieser Mischmasch von Religionen in Holland für gute Wirkungen für den Staat hat und wie groß im politischen Betracht der Abstand zwischen dem durchaus katholischen Bayern und dem Lande sei, das etliche und dreißig Sekten zählt! Durch die nämlichen Scheingründe trugen die Jesuiten in Frankreich viel dazu bei, daß das Edikt von Nantes widerrufen wurde. Sie gewöhnten Ludwig den Vierzehnten von Jugend auf, die Reformierten als heimliche Feinde der Krone und des Staats zu betrachten, und dichteten diesen stillen Bürgern den Verfolgungsgeist an, den sie selbst in ihrem eignen Busen fühlten. Unser Hof hat nun einsehn gelernt, daß die Jesuiten ärgere Feinde Frankreichs waren als die Reformierten; aber während daß wir diesen Schritt so laut bereuen, während daß die Reformierten Hoffnung haben, unter Ludwig dem Sechzehnten ihre entrissene Religionsfreiheit wiederzuerlangen, während daß Necker an seiner hohen Stelle ein öffentlicher Beweis von den unjesuitischen Gesinnungen unsers Hofes ist, fährt man hier fort, die Reformierten auch von den niedrigsten Staatsbedienungen auszuschließen und auf alle erdenkliche Art zu unterdrücken. Die Natur rächt allzeit ihre gekränkten Rechte. Die verfolgten Ketzer fliehn aus der Pfalz und bauen die nordamerikanischen Wildnisse an, da unterdessen ein großer Teil von Bayern wüste bleibt, und mit allen seinen Finanzprojekten kann der hiesige Hof das nicht ersetzen, was er sich selbst durch seine Intoleranz schadet. Leb wohl. Ein Gemälde von bayrischen Charakteren und Sitten von Hogarth' Hand müßte äußerst interessant sein. In England sind die Extremen zwar auch nicht selten; aber Karikaturen, wie sie Bayern liefert, übertreffen alles, was man von der Art sehen kann. Du weißt, ich bin kein Maler, und wenn ich dir das Eigentümliche des Bayern in der Abstraktion gebe, so kann es natürlich das Leben nicht haben, welches ihm Hogarth in einer Gruppe oder Shakespeare in einem dramatischen Auftritt geben könnte. Doch ich will versuchen, was ich kann. Um methodisch zu verfahren – denn du glaubst nicht, wie sich in allen Dingen eine verwünschte Methode an mich hängt, seitdem ich deutsche Luft atme –, so muß ich dir erst den Körper des Bayern voranatomisieren, ehe ich zur Zergliederung seines geistigen Wesens schreite. – Im ganzen ist der Bayer stark von Leibe, nervicht und fleischicht. Man findet sehr viele schlanke und wohlgebaute Männer, die man in jedem Betracht schön heißen kann. Die roten Backen sind unter dem hiesigen Mannsvolk etwas seltener als in Schwaben, welchen Unterschied vermutlich der Wein und das Bier verursachen. Das Eigne eines Bayern ist ein sehr runder Kopf, nur das Kinn ein wenig zugespitzt, ein dicker Bauch und eine bleiche Gesichtsfarbe. Es gibt mitunter die drolligsten Figuren von der Welt, mit aufgedunsenen Wänsten, kurzen Stampffüßen und schmalen Schultern, worauf ein dicker runder Kopf mit einem kurzen Hals sehr seltsam sitzt, und in diese Form pflegt gemeiniglich der Bayer zu fallen, wenn er mehr oder weniger Karikatur sein soll. Sie sind etwas schwerfällig und plump in ihren Gebärden, und ihre kleinen Augen verraten ziemlich viel Schalkheit. – Die Weibsleute gehören im Durchschnitt gewiß zu den schönsten in der Welt. Sie fallen zwar auch gerne etwas dick ins Fleisch, aber dieses Fleisch übertrifft alles, was je ein Maler im Inkarnat geleistet hat. Das reinste Lilienweiß ist am gehörigen Ort, wie von den Grazien mit Purpur sanft angehaucht. Ich sah Bauernmädchen so zart von Farbe und Fleisch, als wenn die Sonne durchschiene. Sie sind sehr wohlgebaut und in ihren Gebärden viel lebhafter und runder als die Mannsleute. In der Hauptstadt kleidet man sich französisch oder glaubt wenigstens, französisch gekleidet zu sein. Die Männer lieben noch das Gold und die bunten Farben zuviel. Die Kleidung des Landvolks ist abgeschmackt. Der Hauptschmuck der Männer ist ein langer, breiter, oft sehr seltsam gestickter Hosenträger, woran die Beinkleider sehr tief und nachlässig hangen, vermutlich um dem Bauch, welcher der Hauptteil eines Bayern ist, sein freies Spiel zu lassen. Die Weibsleute verunstalten sich mit ihren Schnürbrüsten, welche grade die Form eines Trichters haben, hoch über die Brust und Schultern heraufsteigen und oben ganz schnureben abgeschnitten sind, so daß man gar keine Wölbung der Achseln und des Halses sieht. Diese steife Schnürbrust ist vorne mit großen Silberstücken verblecht und mit dicken Silberketten überladen. Die Hausmütter oder die, welche dem Hauswesen vorstehn, tragen an vielen Orten ein dickes Gebund Schlüssel und ein Messer an einem Riemen, die fast bis zur Erde reichen. Was den Charakter und die Sitten der Bayern betrifft, so können die Einwohner der Hauptstadt nicht anderst als sehr verschieden von dem Landvolk sein. Der Charakter der Münchner bliebe für mich ein Rätsel, und wenn ich auch noch viele Jahre hier wäre. Ich glaube mit allem. Grund behaupten zu können, daß sie gar keinen Charakter haben. - Ihre Sitten sind so verdorben, als sie es in einem Gewirre von 40000 Menschen sein müssen, die bloß vom Hofe leben und größtenteils auf Kosten desselben müßig gehn. Unter dem großen Adel gibt es, wie überall, ausgebildete und sehr artige Leute; aber überhaupt genommen ist er im ganzen Umfange des Wortes Pöbel, ohne alles Gefühl von Ehre, wenn nicht ein großer Titel und Bänder und Sterne ausschließlich Ehre heißen, ohne Erziehung und ohne Tätigkeit für den Staat, ohne alles Gefühl für sein Vaterland, ohne alle Empfindung von Großmut. Die meisten Häuser, von denen mehrere fünfzehnbis zwanzig- und einige wohl auch dreißig- bis vierzigtausend Gulden Einkünfte haben, wissen von gar keiner ändern Verwendung ihres Geldes und von keinem ändern Vergnügen, als welches Tisch, Keller, Spieltisch und Bette gewähren. Das Spiel hat schon viele gute Häuser hier zugrunde gerichtet. Das jetzt regierende Lieblingsspiel der Hofleute heißt Zwicken , seitdem aber der Finanzminister Hombesch die Besoldungen so erschrecklich zwickt , nennen sie es Hombeschen . – Viele Hofdamen kennen außer dem Bette keine andre Beschäftigung, als mit ihren Papageien, Hunden und Katzen zu spielen. Eine der vornehmsten Damen, die ich kenne, hält sich einen großen Saal voll Katzen und zur Bedienung derselben zwei bis drei Zofen. Sie bespricht sich halbe Tage lang mit denselben, bedient sie oft selbst mit Kaffee und Zuckerbrot und putzt sie nach ihrer Phantasie täglich anderst auf. Der kleine Adel und die eigentlichen Hofbedienten schleppen sich mit einer erbärmlichen Titelsucht. Ehe der jetzige Kurfürst hieher kam, wimmelte es hier von Exzellenzen, gnädigen und gestrengen Herren. Das Lächerliche der Titulatur fiel dem jetzigen Hof auf, weil sie zu Mannheim nicht üblich war. Es erschien eine Verordnung, welche deutlich bestimmte, wer Exzellenz, Euer Gnaden und Euer Gestrengen heißen sollte. Die, welche durch diese Verordnung entexzellenzt und entgnädigt wurden, und besonders die Weiber derselben, wollten verzweifeln. Zum erstenmal hörte man nun hier über Tyrannei klagen, von der man zuvor gar keinen Begriff zu haben schien, und der Hof hätte den gnädigen Herren ihr Brot, ihre bürgerliche Ehre und ihr Leben nehmen können, ohne sich diesen Vorwurf zuzuziehn. Der übrige Teil der Einwohner lebt bloß, um zu schmausen und der zyprischen Göttin zu opfern. Alle Abende ertönen die Straßen von dem Gesumse der Saufgelagen in den unzähligen Schenken, welches hie und da mit einem Hackbrett, einer Leier oder einer Harfe begleitet ist. - Wer nur ein wenig den Herrn machen kann, muß seine Mätresse haben; die übrigen tummeln sich um einen sehr wohlfeilen Preis auf den Gemeinplätzen herum. In diesem Punkt ist es auch auf dem Lande nicht besser. Als im Bayrischen Krieg einige Rekruten zu einem französischen Korps kamen, welches in der Gegend von Augsburg stand, fragte ein Gascogner einen seiner Landsleute, der schon eine Kampagne in Bayern mitgemacht hatte, wie es daselbst um ein gewisses Bedürfnis stünde. »Oh!« antwortete dieser, »in Bayern findest du das größte B.....l von der Welt. Da zu Augsburg ist der Eingang und zu Passau die Hintertüre.« – Ich habe die Anekdote von einem alten Offizier, und wenn sie gleich von einem Gascogner ist, so ist es doch sicher keine Gasconade. Das Landvolk ist äußerst schmutzig. Wenn man sich einige Stunden weit von der Hauptstadt entfernt, sollte man die Höfe der meisten Bauern kaum für Menschenwohnungen halten. Viele haben die Mistpfützen vor den Fenstern ihrer Stuben und müssen auf Brettern über dieselbe in die Ture gehn. Viel lieber seh ich die Strohdächer der Landleute in verschiedenen Gegenden Frankreichs als die elenden Hütten der bayrischen Bauern, deren Dächer mit groben Steinen belegt sind, damit die Schindeln nicht vom Wind weggetragen werden. So traurig das auch aussieht, so wohlfeil auch die Nägel im Lande sind und sooft auch von heftigen Sturmwinden halbe Dächer weggerissen werden, so läßt sich doch auch der reichere Bauer nicht bereden, seine Schindeln ordentlich nageln zu lassen. – Kurz, Liederlichkeit ist der Hauptzug des Bayern, vom Hofe an gerechnet bis in die kleinste Hütte. Mit dieser großen Liederlichkeit kontrastiert ein ebenso hoher Grad von Bigotterie auf eine seltsame Art. – Ich komme in eine schwarze Bauernschenke, die in ein Gewölk von Tobakrauch eingehüllt ist und bei deren Eintritt ich von dem Gelärme der Säufer fast betäubt werde. Meine Augen dringen nach und nach durch den dicken Dampf, und da erblicke ich mitten unter fünfzehn bis zwanzig berauschten Kerlen den Pfarrer oder Kaplan des Orts, dessen schwarzer Rock ebenso beschmiert ist als die Kittel seiner geistlichen Kinder. Er hält gleich den übrigen einen Pack Karten in der linken Hand und schlägt sie mit der rechten einzeln ebenso gewaltig wie die andern auf den kotichten Tisch, daß die ganze Stube zittert. Ich höre sie die abscheulichsten Schimpfnamen einander beilegen und glaube, sie seien im heftigsten Streit begriffen. Endlich schließe ich aus dem Gelächter, welches das Schimpfen und Fluchen bisweilen unterbricht, daß alle die »S...schw...nze, H...schw...nze« u.dgl.m. eine Art von freundschaftlichen Begrüßungen unter ihnen sind. Nun hat jeder sechs bis acht Kannen Bier geleert, und sie fodern nacheinander vom Wirt einen Schluck Branntewein, um, wie sie sagen, den Magen zu schließen. Der gute Humor verläßt sie, und nun seh ich auf allen Gesichtern und in allen Gebärden ernstliche Vorbereitungen zu einem Streit. Dieser fängt an auszubrechen. Der Pfarrer oder Kaplan gibt sich vergebens Mühe, ihn zu unterdrücken. Er flucht und wettert endlich so stark als die andern. Nun packt der eine einen Krug, um ihn seinem Gegner an den Kopf zu werfen, der andre lüftet die geballte Faust, und der dritte tritt die Beine aus einem Stuhl, um seinem Feind den Kopf zu zerschlagen. Alles schnaubt nach Blut und Tod. Auf einmal läutet die Abendglocke. »Ave Maria, ihr S...schw...nze«, schreit der Pfarrer oder Kaplan; und alle lassen die Werkzeuge des Mordes aus den Händen fallen, ziehn die Mützen vom Kopf, falten die Hände und beten ihr Ave Maria. Das erinnerte mich an den Auftritt von Don Quixote, wo er in der großen Schlägerei wegen dem Helm Mambrins und dem Eselssattel durch die Vorstellung der Verwirrung im agramantischen Lager auf einmal Friede machte. – Sowie aber das Gebet zu Ende ist, werden sie alle von der vorigen Wut wieder ergriffen, die nun um so gewaltiger ist, da sie auf einen Augenblick aufgehalten worden. Die Krüge und Gläser fangen an zu fliegen; ich sehe den Pfarrer oder Kaplan zu seiner Sicherheit unter den Tisch kriechen, und ich ziehe mich in das Schlafzimmer des Wirts zurück. Ähnliche Auftritte findest du auch in den Landstädten unter den Bürgern, Beamten, Geistlichen und Studenten. Alles begrüßt sich mit Schimpfnamen; alles wetteifert in Saufen, und überall steht neben der Kirche eine Schenke und ein B.... Ein braver Student auf der Universität zu Ingolstadt muß einen dicken Dornknippel und den Hut abgekrempt tragen, seine acht bis zehn Maß Bier in einem Sitz verschlucken können und immer bereit sein, sich wegen nichts auf das Blut herumzubalgen. Eine Gesellschaft solcher Braven kam daselbst auf eine Erfindung, die mit einem Zug den bayrischen Charakter in ein sehr helles Licht setzt. Sie fanden es sehr beschwerlich, bei ihren Saufgelagen vom Tische aufstehn zu müssen, um wieder von sich zu geben, was sie verschluckt hatten. Der Wirt mußte ihnen also einen Trog unter den langen Tisch anbringen lassen, worin jeder sein Wasser ließ, ohne sich von der Stelle zu regen. - Sehr seltsame moralische Karikaturen liefern die bayrischen Mädchen. Da wühlt ein Pfaff mit der Hand in einem schönen Busen, der zur Hälfte mit des Mädchens Skapulier bedeckt ist. Dort sitzt ein schönes Kind und hält in der einen Hand den Rosenkranz und in der andern einen Priap. Die fragt dich, ob du von ihrer Religion seiest, denn mit einem Ketzer wolle sie nichts zu schaffen haben. Jene hörst du mitten in der Ausgelassenheit von ihren geistlichen Brüderschaften, ihren gewonnenen und noch zu gewinnenden Ablässen und ihren Wallfahrten mit der Miene der Frömmigkeit sprechen, daß du ihr ins Gesicht lachen mußt. Der glänzendste Auftritt von der Art geschah in der berühmten Marienkirche zu Öttingen, wo ein reicher Pfaff vor dem Altar der wundertätigen Maria in der Nacht eine Jungferschaft eroberte, auf die er schon lange Zeit Jagd gemacht und die er nicht änderst als auf der Wallfahrt erbeuten konnte. Mit der Liederlichkeit und Andächtelei vereinigt das Landvolk eine gewisse wilde Tapferkeit, die oft sehr blutige Auftritte veranlaßt. Wenn sie eine Kirchweihe oder sonst eine öffentliche Lustfeier loben wollen, so sagen sie: »Da ging's lustig zu; es sind vier oder sechs tot- oder zu Krippel geschlagen worden«, und wenn es ohne Mord und Blut abläuft, so heißt das Fest eine Lumperei. – Im vorigen Jahrhundert und noch zu Anfang des jetzigen behaupteten die Bayern den Ruhm der besten deutschen Truppen. In der berühmten Schlacht bei Höchstädt standen sie noch und hielten sich für Sieger, als ihr Kurfürst, der an ihrer Spitze stand, die Nachricht bekam, daß die Franzosen auf dem ändern Flügel geschlagen wären. Unter Tilly und Mercy haben sie Wunder getan. Aber seitdem sich die Kriegszucht so sehr geändert hat, sind sie keine Soldaten mehr. Kein Volk kann mehr Abscheu gegen alles haben, was Zucht und Ordnung heißt, als die Bayern. Zu Parteigängern, denen das Rauben, Plündern und alle Ausschweifungen mehr erlaubt sind als den reglierten Truppen, mögen sie noch vortrefflich sein. Es ziehn wirklich gegen 1000 Pursche in verschiedenen Räuberbanden im Lande herum, die ohne Zweifel im Krieg ein sehr gutes Streifkorps sein würden. Man hat Beispiele, daß sich einige mit ihren kühnen Anführern bis auf den letzten Mann gegen das Militär verteidigt haben. Aber auch der ärmste Bauernjunge hält es für eine große Strafe, wenn er unter die reglierten Truppen seines Fürsten gezogen wird. Dagegen sind die Einwohner der Hauptstadt das weichste, furchtsamste und kriechendste Volk von der Welt, ohne alle Schnellkraft, und die oft ins Grobe fallende Freimütigkeit, welche noch der schönste Zug im Charakter des Landvolks ist, sucht man in der Stadt umsonst. Als die Münchner unter der vorigen Regierung zu den Füßen eines despotischen Ministers krochen und nur allenfalls im Dunkenl zu murren sich getrauten, äußerte das Landvolk sein Mißvergnügen mit einer Freiheit, die für den Despoten fast sehr schlimme Folgen gehabt hätte. Nur die unbegrenzte und unbeschreibliche Liebe der Bauern zu ihrem Fürsten konnte sie dazu bewegen, daß sie auf einen Befehl des Jägermeisters die Zäune ihrer Felder niederrissen, um das Wild darauf weiden zu lassen. Mit Entzücken sprachen sie von den guten Eigenschaften ihres Herrn; vergaßen aber seine Fehler nicht, sondern suchten sie zu entschuldigen und warfen ohne alle Zurückhaltung den schwersten Fluch auf die Bedienten desselben, und so gaben sie jedem Fremden ein treues Gemälde des Hofes, während daß die Tyrannen des Landes von den Einwohnern der Stadt in Zueignungsschriften von Büchern, in Gedichten und öffentlichen Unterredungen zum Himmel erhoben wurden. – Auch die jetzige Regierung und den Hof hörst du vom Landvolk viel richtiger beurteilen als von den Stadtleuten. Ich könnte weder vom Fürsten noch seinem Bedienten die geringste Nachricht einziehn, wenn ich nicht mit einigen fremden Künstlern bekannt wäre, die zum Hofe gehören und sich um den Zustand desselben mehr interessieren als die Eingebornen, die bei ihren Bierkrügen eilfe grad sein lassen. In Paris kennt jeder Schuhputzer alle Großen des Hofes; interessiert sich um ihr Privatleben so gut als um ihr politisches und lobt oder tadelt sie nach seinen Einsichten. Aber hier kannst du zu sehr vielen Hofräten und Sekretären kommen, welche von den Großen ihres Hofes platterdings nichts als den Namen kennen. Leb wohl. Ich bin auf einmal in einer ganz neuen Welt, Bruder. Sowie man über der böhmischen Grenze ist, erblickt man ein ganz anders Erdreich, einen andern Anbau, andre Leute und hört eine ganz andre Sprache. Zum erstenmal hört ich nun das gemeine Volk verständig deutsch sprechen; denn durch ganz Schwaben, Bayern und Östreich spricht man ein Jargon, das einer, der das Deutsch von einem Sprachmeister gelernt hat, ohne besondre Übung unmöglich verstehen kann. Nun bin ich erst in dem eigentlichen Deutschland. Nur ein kleiner Strich von dem Teil des deutschen Reiches, den ich bisher gesehn, nämlich der nördliche zwischen der Donau und dem Rhein in Schwaben, gehört zu dem alten Germanien, dessen Bewohner den Römern so förchterlich waren. Das übrige war alles nur erobertes Land und hieß Vindelizien, Rätien und Pannonien. Um die Zeiten Pipins und Karls des Großen waren aber auch hier die Grenzen Deutschlands beschränkt. Die Slawen hatten zuvor die Burgunder, Schwaben und andre deutsche Völker über die Elbe getrieben und sich ihrer Wohnsitze bemächtigt, so wie diese dann den Teil der alten Germaner, die an den Ufern des Mains und Rheins wohnten, nach Gallien trieben. Es war, als wenn damals die Völker eine Reihe Kugeln gewesen wären, die von Osten her einen Stoß bekamen und wo immer eine die andre in gerader Linie forttrieb. - In der neuern Geschichte, nämlich seit Luthers Zeiten, war Sachsen immer in jedem Betracht eine der vornehmsten Provinzen Deutschlands. In Rücksicht auf Literatur waren die Sachsen für die übrigen Deutschen das, was vor einigen Jahrhunderten die Florentiner für die andern Völkerschaften Italiens waren. - Doch ich bin zu voreilig. Alles das sollst du zu seiner Zeit umständlicher erfahren. Ich muß dir erst sagen, wie ich hieher gekommen bin und wie das Land aussah, durch welches ich kam. Der Teil von Böhmen, durch welchen unser Weg hieher ging, sieht ungleich schöner und reicher aus als der zwischen Prag und Östreich. Der Anbau ist, so wie das Land selbst, mannigfaltiger, die Menschen wohnen näher beisammen und scheinen geselliger zu sein. Hügel, Berge, Ebenen und Täler wechseln auf eine reizende Art miteinander ab, und der Weinstock, der jenseits Prag gar nicht zu sehen ist, bedeckt hier häufig die Abhänge der Berge. Wir sahen die waldichten Gipfel des sogenannten Erzgebirges, dessen höchster Rücken die Grenze zwischen Sacksen und Böhmen ist. Diese Berge sind auch nur von mittlerer Höhe und machen durch ihre Größe bloß deswegen einiges Aufsehn, weil von hier bis an die Mündung der Elbe und der Ostsee hin kein erhebliches Gebirge mehr ist. Die Leute, welche aus diesem niedrigen und ebenen Lande heraufkommen und hier zum erstenmal ein Gebirge erblicken, welches dieses Namens würdig ist, erheben ein großes Geschrei und glauben die Grundsäulen des Himmels gesehn zu haben, so wie das Riesengebirge auch seinen Ruhm bloß dem kleinen Maßstab zu verdanken hat, den die Leute, welche es in Ruf gebracht, von Gebirgen überhaupt hatten. In alten Zeiten machte man es mit dem Atlas, Olymp, Athos, Parnaß und andern Bergen ebenso. Moore will auf diesem Weg, den ich hieher gemacht habe, eine große Verschiedenheit der Fruchtbarkeit zwischen dem sächsischen und böhmischen Boden zum Vorteil des erstern bemerkt haben; allein ich fand grade das Gegenteil. Zuverlässig ist das Erdreich von Böhmen von Natur ergiebiger als jenes von Sachsen, wie denn dieses Land auch seinen beträchtlichen Teil seiner ersten Bedürfnisse aus jenem bezieht. Vorzüglich fruchtbar ist der Leutmeritzer Kreis, wodurch dieser Weg geht und mit welchem sich der angrenzende Teil von Sachsen gar nicht vergleichen läßt; aber der fleißigere Anbau ist auffallend, sobald man den Fuß auf sächsischen Grund und Boden gesetzt hat. Man wird gar bald überzeugt, daß die Verfassung dieses Landes dem Feldbau und Fleiß überhaupt günstiger ist als jene von Böhmen. Der Bauer verrät in der Bebauung seiner Felder mehr Überlegung und Verstand als der Böhme, und sein ganzes Äußeres bezeugt, daß er kein Sklave ist. Dresden hat eine stolze Lage und beherrscht auf allen Seiten eine vortreffliche Aussicht. Sie ist ohne Vergleich die schönste Stadt, die ich noch in Deutschland gesehen. Die Bauart der Häuser hat viel mehr Geschmack als die von Wien. Auf der langen und prächtigen Elbbrücke ist die Aussicht bezaubernd. Der Fluß, welcher bis auf einige Entfernung von der Stadt sehr eingeschränkt war, fängt sich an merklich auszubreiten und ist hier schon ein mächtiger Strom, welcher der Pracht der Stadt und Landschaft entspricht. Das Gebürge gegen die Lausnitz zu bietet einen majestätischen Anblick dar, und die teils wilden, teils mit Weinreben bepflanzten Berge längst dem Fluß hinab bilden ein ungemein schönes Perspektiv. Die Sitten und die Art der hiesigen Leute sticht mit den Deutschen, die ich bisher gesehen, noch stärker ab als die Schönheit der hiesigen Straßen und der Geschmack der Gehäude mit den Städten in Schwaben, Bayern, Östreich und Böhmen. Ein ungemein schöner Wuchs, sprechendere Gesichtszüge, eine gewisse Ründung und Leichtigkeit der Bewegungen, eine zuvorkommende Höflichkeit, eine durchaus bis auf die untersten Volksklassen herrschende Reinlichkeit und ein gewisses gesprächiges, zudringliches und einnehmendes Wesen muß jedem, der auf meinem Weg hieher kömmt, an den hiesigen Einwohnern stark auffallen. Es war ein unglücklicher Einfall, diese schöne Stadt zu befestigen, und unbegreiflich ist es, daß man, anstatt die Festungswerke sobald als möglich zu schleifen, sie noch verbessern will. So ausgesetzt, wie das Land ist, und in seinen itzigen Umständen, wo es sich in keine Fassung setzen kann, um in einer Fehde zwischen Östreich und Preußen die Neutralität zu behaupten, ist diese Stadt mehr als irgendeine in Gefahr, verwüstet zu werden. Das Andenken der Verwüstungen von 1758 und 1760 ist noch frisch genug, um der Regierung zur Warnung zu dienen. Die Stadt scheint nach der Größe ihres Umfanges nicht sehr bevölkert zu sein. Man schätzt die Anzahl der Einwohner auf 50000. So viel ist gewiß, daß sie seit dem Ausbruch des letzten Schlesischen Kriegs und dem Tod Augusts des Dritten fast einen Dritteil ihrer Einwohner verloren hat. Die Fremden und Einheimischen, welche die Stadt vor dieser Epoche kannten, wissen von der Abnahme derselben nicht genug zu erzählen. Die Kriegesverheerungen haben zu dieser Veränderung lang nicht soviel beigetragen als die Sparsamkeit des Hofes, welche auf eine große Verschwendung desselben erfolgte. Unter dem letztern Kurfürsten war der hiesige Hof vielleicht der glänzendeste in Europa. Man rechnet, daß bloß die Hofmusik, die Oper und das Ballett den Kurfürsten jährlich im Durchschnitt gegen 300000 Gulden sächsisch oder über 780000 Livres gekostet haben. Seine Tafeln, Jagden, Ställe usw. entsprachen vollkommen diesem Aufwand. Aus allen Ländern strömten Fremde hieher, um all die Herrlichkeit mit zu genießen. Dresden war im Norden der Mittelpunkt des Geschmacks und der feinen Lebensart. Das zahlreiche Gefolge des Hofes und der vielen Fremden machten den Umlauf des Geldes, die Künste und alles Gewerbe lebhaft. Unterdessen häuften sich die Schulden, wodurch sich aber der Kurfürst so wenig irremachen ließ, daß, als er in einer gewissen Oper das schöne Opferfeuer vermißt, welches sonst in einem Tempel zu brennen pflegte und mehrere hundert Taler kostete, und ihm der Intendant sagte, die heidnische Gottheit müßte sich für diesmal mit einem Feuer für zwanzig bis dreißig Gulden begnügen, weil kein Geld mehr in der Kasse sei, er doch den strengsten Befehl gab, daß bei der nächsten Aufführung dieser Oper wieder wie zuvor die vielen hundert Taler verbrennt werden sollten. Ein Hof, der auf diesen Ton gestimmt ist, hat selten gute Staats- und Verwaltungsgrundsätze. Die Minister werden, wie der Fürst selbst, von eitlem Glanz geblendet; wollen sich in der Welt eine bedeutende Miene geben; lassen sich in Unternehmungen ein, denen die durch die Verschwendung geschwächten Kräfte des Landes nicht gewachsen sind. Sie sind in einem gewissen Schwindel, worin sie weder ihre eigne Lage noch jene der ändern Mächte, mit welchen sie in Kollision kommen, genau ins Auge fassen können. Durch die allgemeine Verschwendung werden Untreue, Bestechung, Verrat und alle Laster begünstigt. Die wichtigsten Stellen werden erkauft, erschmeichelt, erhurt. Dieser wird Geheimer Staatsrat, weil er schön tanzt, und jener General, weil er die Flöte gut blaset. Das Verdienst wird unter dem Unterrock abgemessen, und die ganze Politik eines solchen Hofes ist gemeiniglich in der Sphäre eingeschlossen, welche die schöne Göttin zu Florenz mit der einen Hand bedeckt. Man ist einig, daß der König für seine Person nicht so sehr die Wollust als die Pracht geliebt; allein die skandalöse Chronik seiner Hof leute übertrifft vielleicht alles, was man von der Art kennt, und wenigstens hat er durch seine Prachtliebe die Ausschweifungen seiner Untergebenen begünstigt. In der Trunkenheit der Wollust ließ sich das Ministerium in einen Plan ein, von dem es kein Ende absehn konnte und worin es sich notwendig der Diskretion mächtigerer Höfe überlassen mußte, mit denen es sich gegen einen gefährlichen Nachbar verband. Vielleicht war dies eine der unpolitischesten Verbindungen, welche die Geschichte kennt. Man nahm die Partei von Rußland, welches für Polen so förchterlich war, schlug sich zu Östreich, welches ohnehin ein mächtigerer Nachbar war als Preußen, und wollte diesen Hof entkräften, der doch ganz allein imstand war, das Gleichgewicht in Deutschland zu erhalten. Man verstieß sich also auf drei Seiten gegen die erste Staatsmaxim eines Hofes, der im Gedränge andrer ist, nämlich nie die Partei des Stärkern, sondern allzeit jene des Schwächern zu nehmen. Doch man konnte damals nichts Vernünftiges von dem hiesigen Ministerium erwarten. Mitten in dem Taumel überfiel der König von Preußen das Land wie Karl der Zwölfte Polen unter August dem Zweiten. Die Armee, womit man so große Dinge tun wollte, 14000 Mann stark, ergab sich, ohne einen Schuß zu tun. Es sollen bei derselben einige Obristen Kastraten gewesen sein. Die derben Schläge des Königs von Preußen weckten sie nach und nach aus dem Schlaf auf. Die ganze Herrlichkeit, nur das ausgenommen, was die Minister zuvor für sich eingesteckt hatten, war wie weggeblasen. Nun ertönte ein Konzert von Schuldforderungen, Brandschatzungen, Lieferungen u.dgl.m., welches mit dem Bacchanalgetöse kurz zuvor einen schauerlichen Mißton machte. Alle Welt hielt das Land für verloren, und es wäre auch nicht zu retten gewesen, wenn nicht der unbeschreiblich tätige Geist der Nation seine Zuflucht zur Sparsamkeit und Industrie genommen hätte und nicht ebenso nüchterne und patriotische Minister ans Ruder gekommen wären, als trunken und feil die vorhergehenden waren. In einem meiner folgenden Briefe werd ich dir von dem itzigen Zustand des Landes umständlichere Nachricht geben. Eine von den Merkwürdigkeiten, wovon man hier am meisten Lärmen macht, ist das sogenannte Grüne Gewölbe im kurfürstlichen Schloß oder die eigentliche Schatzkammer. Einige wollten wissen, man habe Bedenklichkeiten, sie den Fremden zu zeigen, weil einige von den vielen Stücken, die im letzten Schlesischen Krieg in Holland versetzt worden, noch nicht eingelöset wären; allein man machte uns (ich war in Gesellschaft zweier russischer Edelleute) nicht die geringste Schwierigkeit, und der Mann, welcher sie uns zeigte, versicherte, daß alles wieder eingelöset sei. Die Sammlung ist immer sehr merkwürdig; ich glaube aber, die Schätze an den Höfen zu Wien und München geben ihr wenig nach, und ich müßte mich sehr betrügen wenn nicht die Schätze einiger Domkirchen, die ich gesehn, ihr die Waage halten sollten. – Die Gemäldegalerie, die Sammlungen von Antiken, Kupferstichen und Naturalien sind in meinen Augen ungleich merkwürdiger als das berüchtigte Grüne Gewölbe, wie dann die Gemäldegalerie unter die allerersten in Europa gehört. Sie zählt ohne die Pastellmalereien beinahe 1200 Stücke. In derselben ist die Geburt des Heilands von Correggio, welche man schlechthin »Die Nacht« nennt und für die beste Arbeit dieses Meisters hält, das merkwürdigste Stück. Es soll über eine halbe Million Livres gekostet haben. Einige ziehen ihm den heiligen Georg, auch von Correggio, noch vor. Dieses Stück sollte eigentlich Maria heißen, denn die Heilige Jungfrau ist die Hauptfigur, und der heilige Georg steht neben andern Heiligen neben ihr. – Von Carracci hat die Galerie kostbare Werke und sein bestes Stück. Es ist ein heiliger Rochus, der Almosen gibt. In Italien ist dies Stück unter dem Namen »Opera dell' Elemosina« bekannt. Je länger ich hier bin, Bruder, desto mehr glaube ich in meinem Vaterlande zu sein. Die Sitten der hiesigen Einwohner, ihre Lebensart, ihre Gebärden, Vergnügungen, der Ton ihrer Gesellschaften, kurz, alles versetzt mich nach Haus. Ich wünsche nur, daß unsre Damen, Fräulein und Mädchen auch so schön und frisch wären als die hiesigen. – Ich erinnere mich, daß eine Östreicherin, als einige Herren in einer Gesellschaft den Sächsinnen eine große Lobrede hielten, denselben zur Antwort gab: »Gebt uns nur so schöne und artige Männer, als die Sachsen sind, und dann laßt uns für das übrige sorgen.« Mit dem Essen und Trinken sieht es hier nicht so gut aus als in Süddeutschland. In diesem Punkt ist der Kontrast zwischen den Sachsen und den übrigen Deutschen, die ich bisher gesehn, so groß, daß man zu den Antipoden der letztern gekommen zu sein glaubt. Die Brühen sind hier so dünne, man hat so oft kalte und immer so schmale Küche, daß ich glaube, ein Wiener könne es hier in einem mittelmäßigen Haus nicht vier Wochen aushaken. Ich hatte schon mehr als eine Gelegenheit, zu bemerken, daß auch in den vornehmen Häusern eine Kärglichkeit in Rücksicht auf Küche und Keller herrscht, die man in Östreich und Bayern für eine Entehrung halten würde. Diese strenge Ökonomie erstreckt sich über alles, was zum innern Hauswesen gehört, und ich habe noch keine andre Art von großem Luxus bemerken können als die Kleidungen, worin der Aufwand im ganzen noch größer sein mag als in Süddeutschland. Alle vom Mittelstand, Frauen und Männer, sind hier nach der Mode gekleidet, und sie herrscht auch unter einem ansehnlichen Teil der untern Klasse, da hingegen zu Wien, München und anderen Orten sich bis tief in den Mittelstand hinauf noch eine gewisse Nationaltracht erhält. - Ich wohne bei einem Uhrmacher, dessen zwei Töchter ihre vollständige Toilette haben und täglich coeffiert werden; dagegen nehmen sie öfters abends mit einer Butterschnitte und allenfalls einem dünnen Schnittchen Schinken dazu vorlieb, welches Essen zusammen mir anfangs sehr auffiel. – Es sind vielleicht keine drei adelige Häuser hier, die zwanzig Pferde im Stall haben, und die Portiers, Kammerdiener u.dgl.m., die zu Wien eine so große Anzahl ausmachen, sind hier ziemlich selten. Man gibt wohl einem der Lakaien, so wie auch zu Paris Sitte ist, den Titel eines Kammerdieners; allein ein Kammerdiener zu Wien hat wenigstens noch einmal soviel Gehalt als ein hiesiger, obschon in Wien viel wohlfeiler zu leben ist. – Hier schämen sich die gnädigen Frauen nicht, sich in der Küche umzusehn, den Bedienten die Lichter, auch die Stümpfchen der Lichter vorzuzählen und auszurechnen, wie lange sie brennen müssen. Kurz, die Kleidungen ausgenommen, ist hier alles nach der strengsten Ökonomie abgemessen. Es sind auch der reichen Häuser hier sehr wenige. Kaum einer vorn inländischen Adel hat über 30000 Gulden Einkünfte, und die meisten der vornehmsten Häuser stehn zwischen zehn- und fünfzehntausend Gulden. Die Bürgerlichen klagen durchaus über Mangel an Geld, Teurung und geringen Verdienst. In Rücksicht auf den Zustand der Stadt, wie er unter dem letztern Kurfürsten war, mögen sie wohl Ursache zu klagen haben; allein ich hab noch keine Stadt in Deutschland gesehn, wo durchaus soviel Wohlstand herrschte wie hier. Man sieht ebensowenig Armut als übermäßigen Reichtum. Das Geld, welches im Umlauf ist, wird größtenteils durch bürgerliche Industrie in Bewegung gesetzt, und in diesem Betracht sticht Dresden mit München und ändern Städten Deutschlands, die bloß vom Hof und der Schwelgerei des Adels ihre Nahrung ziehn, stärker ab als in irgendeiner ändern Rücksicht. In dieser einzigen Stadt sind ungleich mehr Fabrikanten und nützliche Künstler als in ganz Bayern. Man verfertigt hier eine große Menge Rasche, Sarsche, Seiden- und Leinenzeuge, Tücher u.dgl.m. und treibt damit einen ausgebreiteten Handel durch ganz Deutschland. Eben deswegen, weil das Geld meistenteils durch Arbeit gewonnen wird, geht man sparsam damit um. Der Zustand, worin die Stadt unter dem letzten Kurfürsten war, ist eben nicht der gesündeste. Er gleicht dem Zustand eines Körpers, der zuviel Nahrung und keine Bewegung hat, um die Säfte in alle die gehörigen Kanäle zu verteilen und so leicht zu machen, daß keine Stockung entstehn kann. Einsichtige Bürger von hier, mit denen ich über diesen Punkt geredet, mußten gestehn, daß zu der Zeit, als der Hof in seinem größten Glanz war, unter einem gewissen Teil der Einwohner ungleich mehr drückende Armut herrschte als jetzt. Die Verschwendung der Großen hatte auch die Kleinern angesteckt, und die Leichtigkeit des Verdienstes verringerte den Wert des Geldes in den Augen des Besitzers. Ein großer Teil desselben strömte den Fremden zu, ohne erst durch eine beträchtliche Anzahl hiesiger Hände zu laufen. Schmeichler, Kuppler, Huren, Projektmacher, Tänzer, Sänger u.dgl.m. teilten die Beute des Hofes unter sich und schleppten den größten Teil davon aus dem Lande. Nur die, welche dem Hof nahe waren, genossen etwas Beträchtliches von dem Aufwand. Das übrige verlor sich unter den großen Haufen in so unzähligen und engen Kanälchen, daß mancher gar nichts davon empfand. Man sieht zu München offenbar, wie wenig auch der ungeheuerste Aufwand des Hofes für Pracht und Vergnügen die Einwohner der Residenzstadt wohlhabend und wahrhaft glücklich machen kann. Ich glaube gerne, daß es hier jetzt trauriger aussieht als vormals. Es ist auch sichtbar genug, daß der gute Humor und die Munterkeit, welche die Natur diesem Volk gegeben hat, öfters von einem gewissen Trübsinn umwölkt wird, der meistens durch die angewöhnte Sparsamkeit und den angestrengten Gewerbgeist verursacht wird. Ohne Zweifel hat man es dieser Bedächtlichkeit zu verdanken, daß man hier mehr wahres Vergnügen genießt als in irgendeiner ändern Stadt Deutschlands, die ich gesehn. Der große Haufen zu Wien, München usw. kennt keine andre Wollust, als sich den Bauch zu füllen, sich von dem Unsinn eines Harlekins kitzeln zu lassen und zu kegeln. Alle öffentlichen Gärten in den Wirtshäusern zu Wien sind zu Kegelbahnen angelegt, und ich erinnere mich, in einem einzigen Garten dieser Art gegen dreißig Bahnen gezählt zu haben. Hier weiß man aber das Vergnügen des Umgangs, der Freundschaft und Liebe zu schmecken. Man macht, wie bei uns, kleine Partien auf das Land und hat Gefühl für die mannigfaltigen Schönheiten der Natur. Auch unter dem Mittelstand herrscht Geschmack an Kunstsachen, und die Lektüre ist fast allgemein. Diese ist nicht wie in Süddeutschland bloß auf Komödien und fade Romanen eingeschränkt, sondern erstreckt sich auch über gute moralische, historische und andre Bücher von höherm Wert. Der Adel hält sich hier sogar für seine Gesellschaften einen eignen Leser. Ich glaube hier schon bestätigen zu können, was Pilati über den Unterschied der katholischen und protestantischen Deutschen sagt, nämlich daß bei diesen ein Junge von zwanzig Jahren mehr weiß als bei jenen mancher alte Gelehrte. Wenigstens ist mir hier der Unterschied so stark aufgefallen, daß ich glaubte, über die Pyrenäen aus Spanien nach Frankreich gekommen zu sein. Was man zu Wien in der Normalschule mit soviel Geklatsche erst in Aufnahme zu bringen sucht, das scheint hier schon vor einigen Menschenaltern getan worden zu sein. Ich besuchte vor wenig Tagen eine Landschule unweit der Stadt und fand ungleich mehr Ordnung und wahren Unterricht als in der besten Schule zu Wien. Die gemeinsten Leute verraten durchaus ungemein viel Kenntnis von den Dingen, die zur bürgerlichen Gesellschaft und zum sittlichen Leben gehören, dahingegen ein gemeiner Bürger in Süddeutschland, einige kleine Striche in Schwaben ausgenommen, in seinem eignen Zirkel fremd ist und nichts denkt, als wie er die Woche durch so viel Geld zusammenbringe, daß er am Sonntag schmausen könne. Zwischen dem Frauenzimmer ist der Abstich noch stärker als zwischen den Mannsleuten. Bei einer Schönen in Deutschland hast du nichts zu tun, als die Bettvorhänge auf- und zuzuziehn. Das Geschäfte ist so kurz und so ganz ohne Vor- und Nachgeschmack, daß ich in diesem Punkt ein Kyniker geworden wäre, wenn ich länger unter diesen Waldnymphen hätte bleiben müssen. Für mich hat keine andre Liebe einigen Reiz, als die zwischen der faunischen und platonischen schwebt und die Vater Ovid lehrt. Man heiße es Koketterie, Ziererei, Affektation, oder wie man sonst will. – Die sogenannten natürlichen Mädchen sind meine Sache nicht. Ich halte es mit Montaigne, der die Venus auch nicht änderst als in Gesellschaft der Musen und Grazien willkommen hieß, und die köstlichsten Augenblicke für mich sind die, wo das Fleisch den Geist noch nicht ganz überwältigt hat, sondern noch eine Art von Lustkampf unter ihnen obwaltet. Das hiesige Frauenzimmer ist ganz dazu gemacht, die körperliche und geistige Wollust zusammenzuschmelzen und den Ekel zu verbannen, der den bloß sinnlichen Genuß zu begleiten pflegt. Es hat nicht nur die Kenntnisse, die unmittelbar dazu beitragen, seine natürlichen Reize zu erhöhen, sondern auch sehr viel allgemeine Weltkenntnis und, was noch viel mehr ist, schöne Sitten. – Mit Ekel erinnere ich mich eines Auftrittes zu Wien, wo ich einen Bekannten, teils aus Gefälligkeit, teils um die Wirkungen der Keuschheitskommission zu sehn, an einen gewissen Ort begleitete. Ich war keine Minute da, so floh ich, was ich fliehen konnte. Die Yahoo, welche Gullivern bei den Houyhnhnms im Bad anfiel, kann keinen so großen Abscheu in ihm erregt haben, als ich über dem Anblick und dem Betragen dieser Kreaturen empfand. – Die Treue der hiesigen Weiber ist nicht so schwankend als jener zu Wien, und mit großem Vergnügen lernte ich hier verschiedne Muster von guten Gattinnen und Müttern kennen. Das Verdienst ist um so größer, da der Umgang ganz frei ist. Übrigens fehlt es an öffentlichen Gemeinplätzen der Wollust nicht. Hier gibt es wahre Ideale von Schönheiten. Schlank von Wuchs, frisch von Fleisch und Farbe, rund von Knochen und lebhaft in Gebärden hüpfen dir die Mädchen daher wie die junge Rehen, um mit Salomon zu sprechen, an den ich dich überhaupt verwiesen haben will, um dir von den übrigen Reizen dieser Mädchen und dem Eindruck, den sie machen müssen, durch Gleichnisse eine Vorstellung machen zu können; denn ich bin wirklich nicht dazu aufgelegt, dir ein dichterisches Gemälde davon zu geben, ob ich schon noch kein Frauenzimmer gesehen habe, das mich so leicht zu einem Hohenlied entzücken könnte als das hiesige. – Es scheint aber geschwinde zu verblühen, denn ich sah wenig Weiber von dreißig Jahren, an denen nicht die Spuren des Verwelkens sichtbar werden. Das heftige Temperament mag viel dazu beitragen, vielleicht aber noch mehr die schlechten Nahrungsmittel, verbunden mit der Sorge für das Hauswesen. – Die Bayerinnen mögen die Sächsinnen vielleicht in Qualität des Fleisches übertreffen; allein diese sind ungleich schöner von Bau, und ihre Gesichtszüge sind interessanter. Mit den Schauspielen verhält es sich hier wie mit allen öffentlichen Belustigungen, die einen Aufwand erfodern. Die Einwohner sind zu sparsam, als daß sie ein Vergnügen bezahlen sollten, welches ihnen der Hof ehedem umsonst gab und dessen Mangel sie sich durch eine gesellschaftliche Unterhaltung zu Haus leicht ersetzen können. Vor einigen Jahren war eine der besten und vielleicht die erste Schauspielergesellschaft von Deutschland hier. Der Prinzipal, Herr Seiler, hatte kein festes Engagement, besuchte bald die Messen zu Leipzig, bald andre benachbarte Städte, beschrieb sich Leute aus der ganzen Welt zusammen, so daß seine Gesellschaft gegen das Ende etliche und siebenzig Personen stark war, und gab für einen wandernden Theater-Entrepreneur ungeheure Gagen, wie er denn eine der ersten Sängerinnen Deutschlands, Madame Hellmuth, welche itzt erste Hofsängerin zu Mainz ist, mit 2000 Talern oder mehr dann 7800 Livres bezahlte. Demungeachtet hätte er diesen Aufwand leicht bestreiten können, wenn das hiesige Publikum und das zu Leipzig soviel Theaterliebe hätte als jenes in den Städten von Süddeutschland. – Im Vorbeigehn – dieses ist mir mehr als irgend etwas anders ein Beweis, daß die hiesige Köpfe heller sind als die zu Wien, München und anderen Orten. – Herr Seiler fand bei dem Publikum zuwenig Unterstützung, machte Schulden, wollte sein Glück am Rhein versuchen und ward endlich bankrutt. – Nun hat zwar der Hof ein Nationaltheater nach dem Plan des wienerschen errichtet. Er bezahlt die Glieder der Gesellschaft und hat die Einnahme; allein die Sparsamkeit des Publikums steht auch dieser Einrichtung im Weg, und sie ist in Gefahr, alle Augenblicke zu scheitern, wie sie dann der Hof auch gleich bei dem Ausbruch des letzten bayrischen Krieges aufhob. Bei dem geringsten Anlaß von der Art wird er es wieder so machen, und da tut er meines Erachtens sehr wohl daran. – Die Familienschauspiele, besonders unter Kindern, stehn hier in größerer Achtung als die öffentlichen. Einer der schönsten und stärksten Züge, wodurch sich die Sachsen von den Süddeutschen auszeichnen, ist ihre Vaterlandsliebe und ihre warme Teilnehmung an allem, was den Staat interessiert. Bis tief in den Mittelstand hinab ist hier jedermann über den Zustand des Landes und Hofes aufgeklärt. Hier hört ich zum erstenmal das Wort Vaterland mit Nachdruck und einem vernünftigen und edeln Stolz aussprechen. Das hiesige Frauenzimmer braucht wie das unsrige die Galanterie zu einem Sporn für die Männer. Es nimmt teil an den Gesprächen von Kriegen, Friedensschlüssen, Unterhandlungen und allem, was sich auf den Staat bezieht. Es lobt seine Officiers und Truppen und spricht mit großem Vergnügen von den Vorfällen, wo sie sich brav hielten. Die jungen Officiers empfehlen sich bei ihm, wenn sie sich eine eisenfresserische Miene geben, welches in meinen Augen eben nicht so unbedeutend ist. Mit Verachtung und Abscheu spricht es von den Ministern, die Verräter am Vaterlande waren. – Der König von Preußen ist schlecht bei ihm empfohlen; doch spricht es mit Bewunderung von seinen Taten und stimmt den Männern bei, daß man von jeher würde besser getan haben, wenn man sich zu ihm gehalten und nie die Partei von Östreich genommen hätte, gegen welches man hier, ungeachtet der Bedrängnisse, welche der König von Preußen das Land fühlen ließ, noch einen stärkern und allgemeinen Groll hegt als gegen diesen, die Person des itzigen Kaisers ausgenommen. Kurz, lieber Bruder, es ist mir, als wäre ich mitten unter meinen Landsleuten, wo die Teilnehmung am Zustand des Vaterlandes, an den öffentlichen Angelegenheiten und Vorfällen alle Gesellschaften beseelt und man sich fühlt. Die sächsischen Truppen sehen ungemein gut aus. Sie sind noch nicht so gut diszipliniert als die Östreicher und Preußen, aber auch nicht so steif. Sie gleichen den Engländern, die nur beim Angriff selbst Soldaten sind und sich außer dem Schlachtfeld nicht gerne ermüden lassen. Brav sind sie, was man brav heißen kann; allein heutzutage ist nicht viel mit der Bravour auszurichten. Man erzählt einen Zug von ihnen, der in den Augen eines kaiserlichen oder preußischen Kommandanten vielleicht lächerlich, aber in den Augen eines Menschenfreundes und Weltbürgers gewiß sehr liebenswürdig ist. - Die Officiers eines sächsischen Dragonerregiments, welches vor einigen Jahren bei der Armee des Prinzen Heinrich von Preußen in Böhmen stand, legten unter freiem Himmel zusammen den Schwur ab, daß jeder denjenigen von ihnen, den er in einem Treffen würde fliehen sehn, niederschießen sollte. – Seit einiger Zeit bemüht man sich, die Armee, welche ohngefähr 25000 Mann stark ist, auf preußischen Fuß zu setzen; allein bis itzt hat man es noch nicht weit mit dieser Reforme gebracht, und ich glaube, es wird so schwer damit halten, als wenn man die englischen Truppen an die preußische Taktik gewöhnen wollte. Friedrich Nicolai Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz im Jahre 1781 Ulm ist übrigens eine Reichsstadt, das heißt, obgleich darin eine Menge verständiger wackerer Leute sind, welche zum Teile auch genug die Welt gesehen haben, so herrscht doch daselbst ein gewisses steifes Zeremoniell, welches auch bei dem natürlichen, gutmütigen Frohsinne der Einwohner nie darf vergessen werden. Der Unterschied zwischen Patriziern und Bürgern, zwischen Ratsherren und Bürgern ist, bei allen Vorfällen des Lebens, in dieser Republik sehr schneiden d. Jeder wird in Gesellschaft nach seinem Range gesetzt und wird auch wenigstens schriftlich genau nach seinem Range unterschieden und genannt. Die drei Bürgermeister und zwei Alterherren werden Wohlgeborne Herrlichkeiten betitelt, die Ratsherren Hoch- und Wohlweise . Ein Bürger, der ein Handwerksmann ist, ist ein Ehrbarer, ein Kaufmann ein Edler und Fester In Nürnberg hat man das Prädikat Ehrbar und Fest , auch Ehrbar und Wohlfürnehm , auch Ehrbar und Fürnehm , wodurch ein Rang erwächst, der sich bis auf die Bezahlung der Ballenbinder bei den Leichenbegängnissen erstreckt. Ehrbar und Wohlfürnehm ist dabei eilf Kreuzerfürnehmer als Ehrbar und Fürnehm. Ehrbar und Wohlführnehm darf auch noch Aufwärter neben den Kutschen hergehen lassen, welches Ehrbar und Fürnehm keineswegs sich unterstehen darf. . Nimmt aber ein Sohn eines Ehrbaren oder eines Ehrbaren und Festen einen akademischen Gradus an, so wird er augenblicklich Hochedelgeboren tituliert, als ob der akademische Gradus etwas an seiner Geburt geändert hätte. Wohlgeboren , ein Prädikat, welches im nördlichen Deutschland nunmehr fast jeder Mensch bekömmt, der Manschetten trägt, gebührt in Ulm bloß den Patriziern; und wehe dem Unpatrizier, der es sich auch nur auf einem Billette wollte geben lassen! Bei Anzeigen von Hochzeiten, Kindtaufen und Leichen sind die Förmlichkeiten durch undenkliche Gewohnheit genau vorgeschrieben und werden ebenso genau beobachtet. Die ulmischen Dienstmädchen, welche alle dergleichen Anzeigen zu verrichten haben (denn nur in sehr wenigen Häusern hat man männliche Bedienten), tragen sogar zu jeder Art der Anzeige eine besondre Kleidung, so daß man es ihnen auf der Straße gleich ansehen kann, was für ein Kompliment sie anbringen wollen. Ein jedes Dienstmädchen zu Ulm muß daher eine so mannigfaltige Garderobe von verschiedener Art haben als wohl sonst nirgend in Europa. Im Hause eines Freundes veranlaßte man uns zu Gefallen, daß die Mädchen in allen diesen Trachten gekleidet erschienen, damit wir sie sehen konnten. Jedes ulmische Mädchen muß besitzen: Erstlich ein Mieder von farbigem Zeuge, zum Beispiel von grauem Barakan, zuweilen gar mit silbernen Tressen besetzt, über ein ziemlich unförmliches, vorn spitzes Schnürleib; dazu hat das Mädchen um den Hals einen großen breiten runden Kragen, ebenso wie ihn die Prediger in Augsburg tragen (in Ulm Kröß , das heißt Krause oder Gekröse genannt). Diese feierliche Tracht zieht das Mädchen an, wenn sie eine Entbindung ansagt, ein Hochzeitpräsent überbringt oder sonst irgendein fröhliches Kompliment zu machen hat. Zweitens ein schwarzes Kleid nebst einem Gürtel und ebendem großen breiten Kröß . Dies zieht sie an, wenn sie in die Kirche geht; dazu trägt sie eine Art von breiter Kopfhaube von Leinwand, in Ulm ein Schleier genannt, vorn mit einer Schnebbe. Drittens : Wenn sie selbst trauert oder für ihre Herrschaft eine Leiche ansagt , zieht sie eben das schwarze Kleid mit dem gedachten Schleier und Kröß an und hat dazu noch ein langes Fürtuch von Leinwand vorgebunden über den Mund und beinahe bis über die Nase, welches bis über die Knie hängt. Dieser Trauerlappen heißt eine Mummel (bei den Augsburger Mädchen ein Fürbinder ). Außerdem hat sie noch viertens zu gewöhnlichem Gebrauche einen Ohrlappen (beinahe Aurlappen ausgesprochen). Dieser ist von schwarzem Sammet und hinten offen, so daß die Haare gewunden und mit einer Nadel zusammengesteckt werden. Fünftens : eine Judenhaube ; sie ist von bunter Farbe und etwas größer als der Aurlappen , bedeckt auch den Hinterkopf, hat sonst aber die Form wie die schwäbischen Hauben in Augsburg. Zu noch feierlichem Gelegenheiten, und besonders im Winter, sechstens eine Bockelhaube . Diese hat nicht einen so großen Ausschnitt auf der Stirn wie die Judenhaube , hat oft eine ganz goldene Mütze, ebenso wie in Augsburg Im »Deutschen Museum« (Sept. 1776, 8.781) macht der Verfasser einer interessanten Abhandlung über die spanische Kleidertracht die Bemerkung, daß die besondern Kleidertrachten, welche man noch in unterschiedenen schwäbischen Reichsstädten findet, ursprünglich alte spanische, venezianische und genuesische Moden sind, die mit dem Flore der Handlung zu ihnen kamen und bei dem Verfalle derselben fast allein noch das Andenken jenes Zustandes erhalten. Hr. von Sterten (»Kunstgeschichte von Augsburg«, II. Teil, S.92) berichtet hingegen, diese Trachten, deren verschiedene Veränderungen er beschreibt, wären erst nach dem Dreißigjährigen Kriege aufgekommen. , und wird über einer leinenen Kopfbinde, mit Spitzen besetzt, getragen. Wenn nun zum Beispiel eine Frau ist entbunden worden, so ist schon vorher ein Verzeichnis aller Personen, denen der Vorfall soll angezeigt werden, gemacht, sauber abgeschrieben und in Goldpapier geheftet worden. Sobald die Frau entbunden ist, zieht die Magd ihren bunten oder mit Silber besetzten Staat an, tut ihr Kröß um den Hals, und nun wird ihr ein Student beigesellet, welcher das goldpapierne Verzeichnis in der Hand trägt; bei geringen Leuten bleibt der Student weg, weil er bezahlt werden muß. So wandern sie nach Anweisung des Verzeichnisses von Hause zu Hause. Der Student klingelt an (denn gewöhnlich sind die Haustüren verschlossen). Alsdann wird entweder die Tür geöffnet, oder weil man schon weiß, was es ist, kommt nur jemand an ein geöffnetes Fenster, und die Magd hebt nun auf der Straße, mit dem Gesichte nach dem Fenster gerichtet, ihren Spruch an, in dem breiten schwäbischen Dialekte: » Herr N.N. unn Frauu N.N. laßt anzoige, daß sie Gott erlöst unn erfreuut hat mit ein'm jungen Soh' « (oder Tochter ). Darauf wird denn der Magd ein Trinkgeld von vier bis vierundzwanzig Kreuzer gereicht Aus dem »Deutschen Museum« (1785, I.Band, S. 94) sieht man, daß auch, in Osnabrück diese Anzeige einer Entbindung durch eine Magd von Hause zu Hause und gegen ein Trinkgeld geschiehec. Ob die Magd dazu, so wie in Ulm, einen besondern feierlichen Anzug hat, weiß ich nicht. oder aus dem Fenster in einem Papierchen zugeworfen. Man sieht, kinderlose Paare haben viel Kosten in Ulm, ohne das Vergnügen zu haben, andere in Kosten zu setzen. Wird ein Todesfall angesagt, so zieht die Magd ihr schwarzes Kleid an, tut Schleier , Kröß und Mummel hinzu und sagt ihren Spruch auf eben die Art vor jedem angewiesenen Hause her. Aber für solche Trauerpost wird kein Trinkgeld bezahlt. Nach einigen Tagen kommt die vermummelte Magd mit dem Studenten nochmals, um den Tag anzusagen, wann die Leiche soll beerdigt werden; die Stunde ist bekannt, weil alle Leichen um ein Uhr begraben werden, das heißt nach dem Mittagsessen. Den folgenden Tag kommt auch noch der Hochzeitlader , um das Gefolge zur Leiche zu bitten. Alle diese Anzeigen werden mit keinem Trinkgelde erwidert. Die Hochzeitlader sind von der Obrigkeit bestellte Leute, deren Gewerbe ist, zu Hochzeiten und zu Leichen zu bitten und dabei alles in gehörige Ordnung zu bringen. Der vorzüglichste unter ihnen, dessen sich nur die vornehmen Leute bedienen, führt den Titel: der Reiche-Hochzeitlader . Das mühsamste und wichtigste Geschäft hat der Hochzeitlader bei Leichen , sonderlich bei denen, welche nicht von ganz geringem Stande sind. Es versteht sich, daß er alsdann in tiefer Trauer erscheint. Ein großes Leichenbegängnis in Ulm hat etwas so ganz Eigenes, daß ich meinen Lesern nähere Nachricht geben will von dem, was da üblich ist. Bei einer jeden Leiche ohne Unterschied sind sechs leidtragende Männer , sechs leidtragende Frauenzimmer (worunter auch unverheuratete sein können), beide aus den nächsten Anverwandten, gewählt und sechs leidtragende Mägde . Die sechs leidtragenden Männer sind schwarz, mit langen Mänteln, gekleidet, haben einen abgeklappten Hut aufgesetzt, an welchem vorn noch ein kleiner Lappen von schwarzem Tuche angenäht ist, das über die Augen hängt, so daß er sodann nur vor seine Füße sehen kann. Sie stellen sich am Beerdigungstage gegen ein Uhr in einem besondern Zimmer in einer Reihe ganz steif und fest nebeneinander Selbst bei den vornehmsten Leichen in Ulm wird kein Zimmer schwarz behangen. . In einem andern Zimmer setzen sich zu gleicher Zeit die sechs leidtragenden Frauen in schwarzer tiefer Trauerkleidung ebenfalls in einer Reihe dicht nebeneinander ; und ebenso sitzen auf einer Bank im Hausflure die sechs leidtragenden Mägde: alle, wie man leicht denken kann, mit der Mummel unter der Nase . Der Hochzeitlader, im langen Trauermantel, hält sich an der Türe des Hauses, um jeden Hereinkommenden zu beobachten und ihn entweder in seinem Verzeichnisse anzustreichen, damit er beim Abrufen weiß, wer da ist, oder, da es sehr gewöhnlich ist, daß Bekannte, oder bei vornehmen Leichen Klienten und Untergebene, auch ungebeten zur Leiche kommen, um einen jeden Nachkommenden nach seinem Range in das Verzeichnis einzutragen; denn bei der Leichenbegleitung geht alles aufs strengste nach dem Range. Wie aufmerksam der ehrliche Mann dabei sein und wie geschwind er schreiben und in größter Eile überlegen müsse, damit er niemand an seinem Range zuviel oder zuwenig tue, läßt sich leicht erachten.Schwerlich wird ein andrer Mensch in Europa oder in Schwaben bei Ausübung seines Amtes einen so sauren Tag und bei einer geringfügigen Sache so viel Verantwortung haben können als ein Hochzeitlader in Ulm bei Rangierung der Begleitung einer vornehmen Leiche; denn da ist ziemlich ganz Ulm zugegen. So wie, von ein Uhr an, die zur Begleitung kommenden Herren, alle in schwarzen Kleidern und Mänteln, nacheinander anlangen, werden sie in das Zimmer geführt, wo die sechs Leidtragenden stehen. Jeder gibt dem ersten Leidtragenden zuerst und so fort den ändern fünfen jedem die Hand und murmelt dazu bei jedem eine Kondolenz oder etwas Kondolenzähnliches, dreht sich um und geht nach einem andern Zimmer, oder wo sich sonst der Gelegenheit des Hauses nach die männliche Leichenbegleitung versammelt. Die zur Leichenbegleitung ankommenden schwarz gekleideten Frauen gehen auf gleiche Art zu den leidtragenden sitzenden Frauenzimmern und geben gleichfalls unter gehörigem Murmeln jeder die Hand. Aber in diesem Zimmer sind Stühle und Bänke gesetzt; denn die ulmische Gravität erlaubt doch, daß von den leichenbegleitenden Frauen den leidtragenden Frauenzimmern Gesellschaft geleistet und dabei etwas geschwatzt werde, doch, versteht sich, sehr traurig. Auch Frauen geringern Standes, gebeten oder nicht gebeten, statten bei Personen höhern Ranges auf diese Art den treuherzigen Händedruck nebst gemurmelter Kondolenz ab. Nur bei sehr vornehmen Leichen trauen sich die ganz gemeinen Bürgerfrauen nicht in das Zimmer der leidtragenden Damen, sondern bleiben auf dem Hausflure bei den sechs leidtragenden Mägden. Diese sitzen auf ihrer Bank im Hausflure, bis unter die Nase und bis unter die Knie eingemummelt , und nehmen von ihren ebenso eingemummelten Gespielinnen das Patschchen und das bißchen Kondolenzklatscherei an; denn aus jedem Hause, wo etwa die Herrschaft nicht kommen kann oder will, schickt sie wenigstens eine eingemummelte Magd, und aus manchem Hause, das den Verstorbenen nahe angeht oder es recht gut mit ihm meinet, kommen wohl Herr, Frau und Magd. Man kann sich leicht vorstellen, daß es auf dem Hausflure und auch wohl in den Zimmern sehr enge hergehen müsse und daß dem Leichenlader unter seiner großen Perücke und langem Trauermantel ziemlich heiß werden werde. Eine ulmische Leichenbegleitung ist gewiß übel daran, wenn am Tage der Beerdigung einer vornehmen Leiche der Vormittag schwül ist Es wird im Trauerhause nichts zu trinken oder zu essen gereicht, wie es in vielen deutschen Städten gewöhnlich ist. ; aber gnade Gott, wenn ein starker und anhaltender Platzregen einbricht, etwa eine halbe Stunde vorher, ehe die Leiche weggetragen werden soll, da sich dann die Leichenbegleitung rangiert. Denn sobald es dazu kommt, bewegen sich die sechs bisher stillgestandnen leidtragenden Mannspersonen von dem Platze, wo sie so lange standen, gehen etwas bedachtsam, damit sie wegen des schwarzen Lappens vor der Nase nicht fallen, und dabei langsam, traurig und einer nach dem andern , ohne geführt zu werden, zur Haustüre hinaus und stellen sich, dem Range ihres Leidtragens nach, dicht neben der Haustüre . Darauf ruft der Leichenlader mit erhabener Stimme einen jeden der Leichenbegleiter nach seinen Namen und Titeln und zufolge seines Ranges auf. Der Erstaufgerufene begibt sich zur Türe hinaus, verneigt sich vor jedem der Leidtragenden und schließt sich alsdann an sie an. So macht es jeder Aufgerufene, so daß jeder auf die Straße Heraustretende sich vor den schon da Stehenden verneigt und also die zuletzt kommenden geringen Personen weit zu gehen und sich viel zu verneigen haben, die vornehmem aber lange zu stehen und, wenn sie irgend höflich sind, auch sich viel zu verneigen haben, denn bei den vornehmen Leichen wird die Reihe zuletzt unabsehlich. Regen oder Hagel oder Sonnenschein mag kommen, alle müssen so lange stehen, bis alle Männer abgerufen sind. Während dieses hat das Chor der singenden Schüler ununterbrochen Sterbelieder gesungen oder, bei vornehmen Leichen, auch wohl geistliche Motetten und Arien; und weil das Piano dabei eben nicht sehr üblich sein soll, so muß der arme Leichenlader noch lauter abrufen, als die Schüler singen, damit er sich jedem verständlich mache. Er ruft jeden nach seinem Range ab, bis auf inklusive die Bürger, welche Zunftmeister sind, die nach dem Alter der Zeit ihrer angetretenen Zunftmeisterschaft folgen. Sind noch andere Bürger da, so sagt er, ermüdet und heiser: » Die Herren werden so gut sein, sich wegen der Begleitung zu vergleichen .« Diese komplimentieren sich sodann selbst einander, jeder nach seinem etwanigen Range, zur Türe hinaus und vor allen schon Stehenden vorbei. Indes hat sich der Leichenlader in das Gynäzeum begeben und ruft und ordnet nun alle begleitenden Frauen nach dem Range ihrer Männer ab, welche sich dann im Zimmer rangieren. Sobald der letzte leichenbegleitende Mann aus der Türe getreten und an seinen entfernten Platz gekommen ist, so setzt sich zuerst das singende Chor (das bei den vornehmsten Leichen 60 stark ist, bei den geringern weniger, wenigstens aber 20) in Bewegung. Darauf der Sarg, den bei Leichen mittlern Standes 24 Kandidaten und Studenten tragen, je zu 12, die sich ablösen. Sehr vornehme Leichen werden von einer Art von Ratsdienern oder Kanzleiboten getragen, doch nicht in roten Mänteln wie in Nürnberg und nicht in spanischer Tracht wie in Hamburg; und bei geringen bürgerlichen Leichen tragen auch wohl Bürger oder Handwerksgesellen. Nun sollte man denken, die Reihe von Männern, welche so lange auf der Straße gestanden und des Tages Hitze, Kälte oder Nässe ertragen hat, würde nun zuerst dem Sarge folgen. Keinesweges! Demselben folgen nun unverzüglich die eingemummelten Mägde , die sechs leidtragenden zuerst, zwei und zwei, und so alle ändern Mägde nebst den gemeinen Bürgerweibern, wofern sich, wie oben gemeldet, einige Weiber zu den Mägden gehalten haben. Darauf folgen alle Schüler der sieben Klassen des Gymnasiums, je zwei und zwei, darauf die Studenten in schwarzen Kleidern und langen Trauermänteln. Nun erst setzt sich die auf der Straße stehende männliche Begleitung in Bewegung. Die sechs Leidtragenden zuerst, einer hinter dem ändern, unbegleitet, darauf die andern, zwei und zwei, nach ihrem Range Die Prediger folgen unter den übrigen nach dem ihnen angewiesenen Range und können durch ihre Gegenwart weder die Feierlichkeit noch die Kosten vermehren wie in Nürnberg. . Darauf folgen die sechs leidtragenden Frauen, zwei und zwei, und darauf die begleitenden Frauen, nach dem Range ihrer Männer, zwei und zwei. Aber das beste ist, daß dieser ganze lange Kondukt nicht bis zum Grabe geht . Nur die Mägde und ihre Mummeln nebst den Schülern und Studenten gehen mit der Leiche zum Tore hinaus bis auf den Gottesacker. Wenn die Leiche nicht von ganz geringem Stande ist, trägt man sie erst durch das Münster ; ist's aber die Leiche eines Religionsherrn (das heißt eines Ratsherrn vom Konsistorium, die zu Kirchenpflegern gesetzt sind), so geht der Zug erst durch die Barfüßer- oder Garnisonkirche (wo die Leichenpredigten gehalten werden Auch wird nur in dieser Kirche am Tage eines Leichenbegängnisses geläutet, und zwar nur mit einer Glocke. ) und alsdann erst durchs Münster nach dem Gottesacker. Die begleitenden Herren und Frauen (die Leidtragenden nicht ausgeschlossen) kümmern sich um den Zug zum Gottesacker weiter gar nicht. Sie folgen der Leiche nur etwa eine oder zwei Straßen lang, je nachdem es ihr Weg zur Garnisonkirche und der darin zu haltenden Leichenpredigt erfordert; dahin gehet ihr Zug ab, sobald es sich schickt, und auch vorher gehen oft viele ab, welche die Leichenpredigt nicht hören mögen. Bloß bei geringen Leichen,welchen keine Leichenpredigt gehalten wird, folgt der Begleitungszug der Leidtragenden ganz bis zur Grabstätte. Also ulmische Bürger oder Bürgerinnen, wenn sie auch wer weiß wie vielen Leichenbegängnissen schon beiwohnten, wofern sie nicht etwa einer Leiche ohne Leichenpredigt gefolgt sind, haben nie eine Leiche begraben sehen. Ist nun die Leichenpredigt vorbei, so kehrt der ganze Zug derjenigen, die sie angehört haben, wieder nach dem Trauerhause zurück; die sechs leidtragenden Männer, einer hinter dem andern, führen den Zug, und alle andre folgen nach Rang und Würden, Paar hinter Paar. Im Trauerhause stellen sich die leidtragenden sechs Männer in ihrem Zimmer in die gehörige Reihe, und die sechs leidtragenden Frauenzimmer setzen sich so in dem ihrigen. Nun erfolgt von jedem Begleitenden an jeden Leidtragenden abermals das Händedrücken und Kondolenzmurmeln, womit die Zeremonie ihren Anfang genommen hatte; ebenso auch bei den Frauenzimmern: und nun geht jeder friedlich und wohlermüdet nach Hause. Meine Leser werden verzeihen, daß ich die ulmische Art der vornehmen Leichenbegleitung, eine Feierlichkeit, wobei sich, den jährlichen Schwörtag ausgenommen, gewiß die meisten Menschen versammeln, so umständlich beschrieben habe, und mögen sich damit trösten, daß ein solcher Leichenzug noch viel länger ist als die Beschreibung. Es schien mir die Form dieser Feierlichkeit original und einzig in ihrer Art, ob ich gleich hier feierlich erkläre, daß meine etwanige Unwissenheit in den Gebräuchen anderer Reichsstädte keiner einzigen, am wenigsten der löblichen Reichsstadt Nürnberg, deren Kirchenpfleger oder Leichenlader so herrliche Generakonti von Leichenbegleitungen machen können, an ihren auf irgendeine Art wohlerworbenen Vorzügen in Absicht auf die langweilige Originalität der Leichenbegleitungen auf irgendeine Art präjudizierlich sein soll. Zwischen Nürnberg und Ulm scheint ein wesentlicher Unterschied darin zu hegen, daß die Herren von Nürnberg die Feierlichkeit einer Leichenbegleitung hauptsächlich durch stärkere Bezahlung , die Herren in Ulm hingegen bloß durch einen langen Zug von ansehnlichen Personen zu verherrlichen suchen, welcher letztern Art, als frugaler und dem Hauswesen weniger schädlich, ich geneigt wäre den Vorzug zu geben. Indes seufzen doch vielleicht manche meiner Leser, es sei nun über den ulmischen Leichenzug oder über dessen Beschreibung: Quantum est in rebus inane! In Ulm wird die tiefe Trauer sehr lange getragen, und alle Hausgenossen, die geringsten nicht ausgenommen, müssen Trauerkleider erhalten. Im Jahre 1788 vereinigte sich eine Gesellschaft vernünftiger Patrioten durch eine gedruckte Anzeige, daß sie die lange Trauerzeit vermindern und nicht in schwarzen Kleidern, sondern nur die Mannspersonen mit einem Flore um den Arm und die Frauenzimmer mit einem bloßen schwarzen Bande am Kopfputze trauern wollten. Ich sah in den mitgedruckten Unterschriften von Leuten aller Stände besonders auch die Herren Professoren Kern und Miller , aber keinen Patrizier . Ich hoffe aber, es werden nachher mehrere einer so lobenswürdigen Vereinigung beigetreten sein. Ich wünsche nämlich, daß diese löbliche patriotische Vereinigung noch fortdauren möge. Es fällt einem Fremden in Ulm sehr auf, daß die innere Beschaffenheit der Zimmer und ihre Möblierung so sehr einfach ist, daß man sie fast schlecht nennen möchte. Auch bei ganz rechtlichen Leuten, bei Gelehrten usw. sah ich hölzerne Schemel, hölzerne Bänke in den Zimmern, höchstens einen Stuhl oder zwei von verschiedener Art. Dabei sieht man aber allenthalben so viel ruhige und frohe Gesichter, daß man bald merkt, der anscheinende Mangel an Bequemlichkeiten entstehe nicht aus Dürftigkeit, sondern sei bloß Landessitte. Es erscheint aus der ganzen häuslichen Einrichtung so deutlich, daß alles da ist, was sie brauchen, eben weil sie so wenig nötig haben. In jedem Gesichte sieht man so sehr die Züge der Zufriedenheit, daß man hier anschauend empfindet, der Mensch brauche wenig, um glücklich zu sein, wenn er sich selbst nicht erkünstelte Bedürfnisse macht. Im »Journale von und für Deutschland« (1785, 5. Stck., S.389ff.) stehen in den Bemerkungen eines preußischen Werbeoffiziers über verschiedene Reichsstädte sehr gute Bemerkungen eines Syndikus zu Kempten über die Art, wie man Reichsstädte beurteilen müsse, und über den Geist, der darin regieren soll. Er meint es mit den Reichsstädten (weil er selbst ein Bürger einer solchen Stadt ist) sehr gut und meint: »Man möchte lieber Hallers ›Fabius und Cato‹ auf die altväterische Simplizität in denselben anwenden, welche Anwendung fruchtbarer sein würde als die, welche bei der Lesung von Wielands ›Abderiten‹ von der Wahl des Zunftmeisters von Megara gemacht werden könnte.« Ich bekenne meine Sünde, daß mir die letzte Anwendung zuweilen eingefallen ist, wenn ich an manches voll der Geschichte, den Sitten und besonders auch von den Streitigkeiten der Räte und Bürger der Reichsstädte dachte, und daß mir die Anwendung des »Fabius und Cato« auf unsere deutsche Reichsstädte ganz neu war. Das kluge Zaudern eines Fabius oder das »Delenda est Carthago« des Cato kann doch auf sie wohl nicht angewendet werden! Wohl ihnen indes, wenn der weise Gemeingeist eines Fabius bei ihren Ratsherren so sehr herrscht, daß jeder von ihnen einen Minucius , durch den seine Macht verringert werden würde, dennoch, ohne Rücksicht auf sich selbst, zum Besten der Stadt zu unterstützen sucht! Wohl ihnen, wenn jeder Ratsherr, mit unerbittlicher Strenge, ein Cato Censor ist, um jeden Mißbrauch, jede Verschwendung des öffentlichen Guts ohne Ansehen der Person zu rügen und abzustellen! Mir sind freilich Beispiele solcher heroischen Tugenden in den Reichsstädten eben nicht bekannt, doch bin ich vielleicht in ihrer Geschichte zu wenig belesen, und es soll meine Unwissenheit oder Unachtsamkeit den Reichsstädten keine von den heroischen republikanischen Tugenden absprechen, welche der Verfasser des obengedachten Aufsatzes ihnen beizulegen scheint, wenn er Fabius und Cato auf sie anwenden will. Zwar vielleicht will er nur auf den Fabius deuten, unter dessen Namen Haller in dem angeführten Buche die aristokratische Regierung der Patrizier verteidigt und endlich auch seinen Cato darin einstimmen läßt Es verdient wohl die Rezension von Hallers »Fabius und Cato« in der »Allg. deutsch. Bibl.« (XXV. 2., S. 313) nachgelesen zu werden, deren Verfasser der weise Iselin ist. Besonders wenn man die jetzigen politischen Vorfälle in Frankreich dagegenhält, so möchte es fast scheinen, Iselin habe, vor 20 Jahren, über manche Fragen, die jetzt häufig vorkommen, schon im voraus seine Meinung gesagt. . In diesem Falle wünsche ich nur, daß jeder Patrizier, zum Besten seiner Vaterstadt, dem Bilde ähnlich sehe, welches Hallers Fabius von den Edeln macht, welche seine Republik regieren sollen, und daß ihre Kinder so erzogen werden, wie es Hallers Cato und der ihm gleichdenkende ulmische Bürger Afsprung verlangt. Besser als die Rückweisung auf Fabius und Cato gefällt mir die Bestimmung, welche der obengedachte Syndikus von Kempten den Reichsstädten anweiset. Er sagt sehr richtig, »stiller Genuß des ihnen beschiednen Teils von öffentlicher Glückseligkeit mache die Hauptsache aus«. Wäre in Ulm nicht der unglückselige politische Zwist zwischen Obrigkeit und Bürger entstanden, so scheint in Ulm allerdings der stille Genuß eines beschiedenen Teils von Glückseligkeit, ohne Unruhe und große Wünsche, vorzüglich zu Hause zu sein. Ja, ich wage es fast, aus dem allgemeinen Charakter der Bürger Ulms, soweit er mir bekannt ist, zu mutmaßen, es müsse doch wohl ein Mißverhältnis irgendeiner Art in der Regierung von Ulm vorhanden sein, weil sich sonst kaum begreifen läßt, wie ein so zufriedenes, mit so wenigem vergnügtes Völkchen mit seiner Obrigkeit unzufrieden sein könnte. Wekhrlin , der Schwaben ziemlich gekannt zu haben scheint (und folglich auch die Ulmer), ist der Meinung, die Schwaben wären sehr wenig von der politischen Verfassung ihres Landes unterrichtet; ihr Symbol bestehe nur in Religion und Steuern »Chronologen«, VI.Teil, S.89. . Allerdings zwei Gegenstände, die leicht viel Mißmut erwecken können und schon sehr oft erweckt haben. Mit ihrer Religion zwar scheinen die Ulmer ganz zufrieden zu sein! Der Charakter der Schwaben überhaupt ist oft auf die unbilligste Art mißgedeutet worden. In Wien nennt der Pöbel jeden Fremden aus Oberdeutschland einen Schwaben , wie ehemals der Pöbel in England jeden Fremden einen Franzosen , und denkt sich bei dieser Benennung einen armseligen,hülflosen Menschen, der zur Kaiserstadt kommen müsse, um gebackene Hendel zu sehen. Sehr allgemein und sogar sehr alt ist die Benennung der dummen Schwaben. Im »Wirttembergischen Repertorium« (III. Bd., S. 169) wird zugegeben, daß die Schwaben im Rufe einer »sehr späten Geistesreife, einer Ungeschliffenheit in den äußern Sitten und einer gewissen Plumpheit in den Fertigkeiten des Leibes und der Seele stehen«, und die Frage aufgeworfen: »Wie und wodurch gerieten sie allmählich in diese Verspottung?« Es wäre allerdings wohl wert, historisch untersucht zu werden, wann solche Beschuldigung ihren Anfang genommen und wie die Schwaben wohl haben zu einer Nachrede kommen können, welche durch nichts in ihrem jetzigen Charakter gerechtfertigt wird und wozu ich wenigstens, soweit meine Kenntnis der Geschichte reicht, keine Veranlassung finden kann. Daß die Schwaben eigentlich plumper oder ungeschliffener in Sitten oder weniger anstellig sein sollten oder daß bei ihnen Verstandeskräfte später reiften als bei ändern Deutschen und zum Beispiel bei ihren Nachbaren, den Bayern oder Franken, kann man auf keine Weise sagen. Man findet vielmehr unter den Schwaben viele scharfsinnige Köpfe und die zum Teile ihre Denkungskraft unter sehr ungünstigen Umständen entwickelt haben. Die Schwaben zeichnen sich im allgemeinen, soviel ich habe bemerken können, bloß durch eine unter dem gemeinen Manne mehr verbreitete Gemächlichkeit, Zufriedenheit und Ruhe aus. Dabei ist eine gewisse Treuherzigkeit und ein unbefangenes Wesen bei ihnen, das selbst nichts von Arglist hat und sie bei ändern auch nicht vermutet. Dieses äußert sich in Schwaben mehr als in ändern deutschen Provinzen, besonders beim weiblichen Geschlechte, durch eine gewisse Naivität , die freilich auch wohl öfter in Niaiserie ausartet. Vermöge dieses gutherzigen, zuvorkommenden Wesens, das sich selbst preisgibt, wenn der andere zurückhält, mag wohl mehrmals sein bemerkt worden, daß ein Schwabe seinen Vorteil nicht genau wahrnahm oder aber einen ändern einen Vorteil erhalten ließ, den er sich selbst hätte sichern können. Daher mag es wohl gekommen sein, daß man die Schwaben hat dumm nennen wollen; denn sonst ist offenbar diese Nation von der Natur gar nicht mit geringeren Verstandeskräften versehen als andere und hat vielmehr eine Menge vortrefflicher denkender Köpfe aufzuweisen. Eben aus dieser auffallenden Gutherzigkeit des schwäbischen gemeinen Mannes erkläre ich das allgemein bekannte Sprüchwort: Die Schwaben werden erst im fünfzigsten Jahre klug . Es geht nämlich nicht auf die spätere Entwickelung der Verstandeskräfte überhaupt, sondern auf deren spätere Anwendung im gemeinen Leben. Man bemerkte, daß ein Schwabe, der sehr oft durch seine angeborne Gutherzigkeit von ändern war überlistet worden, endlich durch lange Erfahrung aufmerksam genug gemacht ward, um sich durch seinen angebornen Verstand vor der Schlauigkeit anderer zu hüten. Ich weiß keine andere Herleitung zu finden; denn daß an sich die Geisteskräfte in Schwaben später reif würden als an ändern Orten, hat offenbar keinen Grund, aber man findet in Schwaben, wenigstens soweit ich dies Land gesehen habe, allenthalben die Leute aller Stände auffallend treuherzig und arglos in ihrem Betragen. Verschiedene Schriftsteller deuten darauf, daß im schwäbischen Kreise und in seiner sonderbaren Mischung von kleinen Herrschaften, Prälaturen, Reichsstädten usw. viel von dem Bilde des Mittelalters, von der confusione divinitus consecrata, welche man für das Unterscheidende der deutschen Reichsverfassung selbst hält, übrig sei. Es kann sein. Aber der unbefangene, zutrauliche Charakter der Einwohner Schwabens gibt auch ein lebhaftes Bild der ehemals so allgemein gepriesenen deutschen Treue und Redlichkeit, wovon auch Ulm seinen Anteil hat. Wekhrlin , an dem oben angegebenen Orte, läßt den Frauenzimmern in Ulm Gerechtigkeit widerfahren. Er nennt sie die Lesbierinnen unter den Schwäbinnen und erklärt diese Benennung näher in seiner etwas poetischen Schreibart, doch meines Erachtens richtig und treffend: »Ein schlanker harmonischer Wuchs, der nicht immer das Anteil schwäbischer Nymphen ist, eine leichte und gefällige Wendung und eine gewisse Zärtlichkeit der Seele unterscheiden die Ulmerinnen unter dem schwäbischen Frauenzimmer. Diese Eigenschaften sind's, welche dem Verfasser des »Siegwarts«, dem Lieblingsmaler des schönen Geschlechts, welcher hier wohnt, die Züge zum Bilde der Mariane und der Therese dargeboten haben.« Und ich setze hinzu, er fand diese Züge in seiner eigenen liebenswürdigen Gattin. Gewiß ist's, man findet bei den Schwäbinnen, besonders bei den Ulmerinnen – um einen Gallizismus zu gebrauchen – ein schönes Blut , etwas, das man in den Ländern, wo deutsch geredet wird, nirgend so allgemein findet als im Elsasse und in Schwaben, nächst dem in Ostreich. Die Schönheit der Frauenzimmer jedes dieser Länder hat einen besondern, eigentümlichen Charakter. Worin derselbe besonders bestehe, und besonders welche Schönheit einen Vorzug vor der ändern habe, bestimmen zu wollen würde sehr mißlich sein, und ich wage es nicht. Non nostrum est tantas componere lites! Niemand wird glauben, daß alle weibliche Personen in Schwaben schön sind, so wenig als im Elsasse oder im Östreich. Indes darf ich behaupten, daß, wenn eine Schwäbin schön ist, so ist sie reizend, und man wird selten ein schönes bedeutungsloses Gesicht finden. Dazu kommt, daß der Hauptcharakter des schwäbischen Frauenzimmers, besonders der Ulmerinnen, Zufriedenheit und Ruhe ist, mit einem sanften und holden Wesen begleitet. Es ist in dem Gesichte und in dem Blicke ihrer Augen, besonders der blauen, gewöhnlich etwas Anmutiges, Unschuldiges und Anmaßungsloses, das sich besser empfinden als beschreiben läßt. Es hat mir geschienen, als wären mir in Ulm mehr feinere weibliche Physiognomien aus dem Mittelstande vorgekommen als anderwärts. Das Prunklose und Einfache des Anzugs und die Häuslichkeit der Sitten, was sich in Ulm noch mehr findet als in Augsburg und in andern schwäbischen Städten, erhöhet noch diesen Charakter. Ich sah in Ulm ein junges schönes Weibchen, gekleidet in simpler weißer Leinwand, mit einer Schürze von buntem gedruckten Kattune, um ihr schönes jugendliches Gesicht ein sehr simples Häubchen, dem, wenn sie ausging, mit Beibehaltung der simplen Tracht nur bloß ein sehr simpler Hut substituiert ward. Sie verriet bei der ersten Unterhaltung feine Empfindung und Beurteilung, doch ohne alle Anmaßung. Dabei war sie mir sehr ehrwürdig, als ich sie antraf, auf einem Schemel an einem ganz schlechten Tische sitzend, mit häuslicher Nähterei beschäftigt und den Spinnrocken nebst der Spindel ihrer Magd neben ihr stehend. Ich will nicht sagen, als hätte ich diesen hohen Charakter der weiblichen schönen Einfalt allenthalben gefunden. Ich sah freilich auch genug weibliche Individuen, wo, wie oben gedacht, die schwäbische Naivität in Niaiserie überging, und manche gute breitliche Gesichter schwäbischer Hausfrauen, welche zu zanken verstanden, wenn's im Hause nicht ging, wie's gehen sollte, und die, wenn sie den Fremden bekomplimentierten und nötigten, ihre gutgemeinten Komplimente beinahe im Tone des Zanks ganz gutmütig herausschrien. Wahr ist auch, daß die Häßlichkeit der Gesichter in Schwaben einen ganz eigenen Charakter hat, der sich, soviel ich mich erinnern kann, in andern deutschen Ländern nicht findet. Es ist etwas Breites, etwas mehr Schlappes als Verzogenes in den schwäbischen häßlichen Gesichtern; besonders habe ich, soviel ich mich erinnere, nie sonst irgend als bei breiten, runzligen braunen Gesichtern so viel heitere Augen bemerkt. Auch ist nicht zu leugnen, daß die schwäbischen, auf den Seiten zugespitzten schwarzen Hauben, welche Frauen vom Mittelstande tragen, gewöhnlich das Gesicht ziemlich verstellen, so wie ich schon bei Augsburg meldete. Man trägt auch hier die harnischgleichen, mit silbernen Ketten (in Ulm Preisketten ) geschnürten Mieder wie in Augsburg; aber es schien mir fast, als ob die Ulmerinnen diesem Mieder schon eine leichtere, weniger steife Form gegeben hätten, so daß er ihren schönen Wuchs nicht so verstellt. Vielleicht kam es zum Teile auch mit daher, weil überhaupt die Ulmerinnen in ihrem Betragen und in ihrer zutraulichen Freundlichkeit etwas weniger Steifes hatten als ihre Nachbarinnen, die ich vorher gesehen hatte. Auf die häusliche Reinigkeit der Sitten wird nicht nur sehr gehalten, ungeachtet Amor, wie allenthalben, auch unter einer schwäbischen Judenhaube und einem spitzen Mieder seinen Unfug treiben wird. Im mittlern Jahrhunderte hatte Ulm, wie fast alle Städte in Deutschland, ein auf öffentliche Kosten errichtetes gemeines Frauenhaus , wobei zur Ehre der Abstinenz oder der Sparsamkeit der Ulmer damaliger Zeit die durch den Eifer der Sammler von Diplomen aufbewahrte Bitte einer solchen gemeinen Frau sehr bedeutend ist, worin sie den Rat um einen jährlichen Gehalt bittet, weil sie sich von ihrem übrigen Gewerbe nicht nähren könne. Dies ehemals ex providentia majorum besorgte Haus ist längst aufgehoben; und wenn daher jetzt ja eine Sünde dieser Art in Ulm geschehen sollte, ist sie längst nicht mehr konstitutionsmäßig. Im Gegenteile hat die providentia des jetzigen Jahrhunderts eine Art von Fiskal angesetzt, welcher auf alle Ausschweifungen dieser Art, besonders auf die sichtbaren, ein wachsames Auge haben muß. Er ist einer von den Boten oder Offizialen des Armenkastens und hat, als eine merkwürdige Person, zwei Amtsnamen. Er wird der Murrle oder der H...Schneider - ich weiß nicht, weshalb Schneider – benennet. Indes, was noch durch sein Amt ausgerichtet wird, ist, daß dem Armenkasten wegen bekannt gewordener Ausschweifungen dieser Art eine Geldstrafe gegeben werden muß, welche aber nicht allemal richtig soll bezahlt werden, wenigstens gewiß nicht von allen. Also recht viel richtet dieser ulmische Keuschheitswächter eben nicht aus; wenigstens hat er, der freilich auch nur ein bloßer lutherischer Ketzer ist, es nicht so weit bringen können als in Augsburg der heilige Narziß , welcher im vierten Jahrhunderte, als Augsburg kaum kann existiert haben, wie der fromme ExJesuit P. Leonhard Bayrer S. »Geschichte von Augsburg« (1785, 8.), 8.43, und P.Vogels S.f. »Legende der Heiligen«, II.Band, S. 195. berichtet, aus einer damaligen tüchtigen H..., der Afra , geschwind eine tüchtige Heilige machte, die unter dem Namen der heiligen Afra dem katholischen Teile von Augsburg immer noch so viele wunderbare Wohltaten zuwendet, obgleich ihr hölzernes Bild jetzt nicht mehr so aussieht, daß man es wahrscheinlich finden möchte, sie hätte ihr erstes Gewerbe mit einigem Erfolge treiben können. Solche Wunder geschehen jetzt nicht mehr. Sie wurden noch in dem gläubigen achten Jahrhunderte geglaubt, da der heilige Tosso (ja nicht Tasso zu lesen) eine wunderbare Wachskerze hatte, welche abends von selbst anfing zu leuchten und des Morgens von selbst verlosch, dabei sich nie verzehrte und sogar auch nicht einmal geputzt werden durfte. Dieses Wunder, welches mein obengedachter alter Gönner, P. Leonhard Bayrer , in seiner » Geschichte von Augsburg «, Seite 68, nach Würden rühmet, ist vermutlich abgeschafft worden, um die Zunft der Wachslichtzieher nicht ganz an den Bettelstab zu bringen. Warum aber das Wunder, daß aus den H... Heilige werden, trotz allen Murrle in und außer Ulm sich jetzt gar nicht mehr findet, da es doch jetzt so anwendbar sein und nicht, wie das Wunder des heiligen Tosso , jemand schaden würde, kann ich nicht entscheiden. Es wird vielleicht die beste Nachricht davon bei den P.P. Jesuiten zu St. Salvator in Augsburg als höchstgelebrten Leuten, welche unstreitig die Acta und Agenda Sanctoruni auf den Fingern abz ählen können, zu erfragen sein. Joachim Heinrich Campe Briefe aus Paris, zur Zeit der Revolution geschrieben Paris, den 9. August 1789 Das Glück, mein lieber T***, gerade jetzt in Frankreich, und zwar in der Hauptstadt dieses Landes, dem Geburtsorte und der Wiege der neugebornen französischen Freiheit, zu sein; gerade jetzt, da aller Welt Augen auf diesen Mittelpunkt der größten und merkwürdigsten dermaligen Weltbegebenheiten voll Bewunderung und Erstaunen gerichtet sind; gerade jetzt, da man hier aus dem dumpfen Zustande eines in langer schmählicher Knechtschaft verträumten Daseins zu einem Leben erwacht ist, welches die Brutusse und die Catos selbst mitzuleben sich nicht weigern würden; gerade jetzt, da alle Geister dieses Volks, bis in die niedrigsten Stände hinab, die Schranken ihrer ehemaligen kleinlichen und elenden Existenz wie Spinngewebe zerrissen und von Stund an sich zu einer Höhe der Empfindung und der Begriffe erhoben haben, zu welcher das blinzende Auge des Ausländers sie kaum begleiten kann – dieses Glück rechne ich dankbar und gerührt zu den vielfältigen unverdienten Begünstigungen, wodurch die Vorsehung mein unbedeutendes Leben, fast in jeder Periode desselben, auszuzeichnen für gut gefunden hat. Man fühlt sich hier, auch als bloßer Zuschauer schon, in allen seinen Empfindungen, an allen seinen Kräften und Fähigkeiten – ich weiß nicht wie – zugleich erhöht, zugleich mit veredelt; und wenn ich nicht merklich besser, nicht mit einem merklichen Zuwachs an Gemeingeist, an Mut, Kraft und Trieb zu jeder Handlung, welche Selbstvergessenheit und Aufopferungen erfodert, zu Euch zurückkehre, so hat die Schule, in der ich mich jetzt befinde, keine Schuld daran. Schon der bloße Anblick einer Ungeheuern, aus Menschen aller Stände, jeglichen Alters und beiderlei Geschlechts zusammengeflossenen Volksmasse, welche von einerlei patriotischen Freude wie von einerlei freundschaftlichen, brüderlichen und schwesterlichen Gesinnungen beseelt zu sein scheint, hat etwas menschlich Großes und Herzerhebendes. Aber wenn man nun vollends auf den öffentlichen Versammlungsplätzen dieser Stadt, den Tuilerien, dem Palais Royal, den Boulevards usw., in die sanft wallenden Wogen dieses menschlichen Ozeans sich selbst hineinstürzt, wie hier jeder, auch der fremdeste Fremdling, ungescheut und ohne alle Bedenklichkeit tun darf, und nun jene Vermischung und Zusammenschmelzung aller Stände, besonders des Militär- und Bürgerstandes, zu einer einzigen großen Bürgerfamilie in der Nähe beobachtet; sieht, wie nunmehr der gemeinste Bürger und der Mann, den Band und Stern bezeichnen, überall, wo beide als Menschen und nicht in ihren Amtsverhältnissen auftreten, zu völlig gleichen Paaren gehn, ohne Unverschämtheit auf der einen, ohne beleidigenden Stolz auf der andern Seite zu verraten; sieht, wie der Soldat des Vaterlandes – dies ist der Ehrentitel, den man hier jetzt der zur Bürgerschaft übergetretenen französischen Garde gibt – und der bewaffnete Bürger an Großmut und Dankbarkeit wie an gemeinschaftlicher Bemühung, öffentliche Ruhe und Ordnung nicht durch Bajonette, sondern durch Bitten und freundliches Zureden zu erhalten, miteinander wetteifern; sieht, wie dieses Zureden und jenes Bitten vollkommen hinreichend sind, einen vermischten Haufen von hunderttausend exaltierten Menschen in den Schranken der Ordnung und der Sittsamkeit zu erhalten; sieht, wie sogar die kleinsten Knaben, von dem hohen Bürgersinn und dem Freiheitsenthusiasmus ihrer Väter ergriffen, nach ihrer Weise bewaffnet und mit Fahnen und Trommeln versehn, in großen Scharen durch die Straßen ziehn und an der Erhaltung der Ordnung und Ruhe teilzunehmen scheinen; sieht, wie zu einer Zeit, da alle Gemüter in aufbrausender Gärung sind, da beinahe eine völlige Anarchie durchs ganze Reich herrscht und da die große, aus mehreren tausend Rädern zusammengesetzte furchtbare Maschine der ehemaligen Pariser Polizei gänzlich zertrümmert ist, gleichwohl überall, sogar beim größten Volksgedränge, alles so ruhig, so friedlich, so anständig und sittlich zugeht, daß man stundenlang dastehn und die wimmelnde Menge von lebhaften Empfindungen beseelter Menschen unverrückt im Auge behalten kann, ohne auch nur ein einziges Mal eine einzige unanständige oder gesetzwidrige Handlung zu bemerken, ohne auch nur ein einziges Mal ein beleidigendes, scheltendes oder zankendes Wort zu hören Dies ist während der ganzen vier Wochen, die ich in Paris zugebracht habe, ohne Ausnahme an jedem Tage der Fall gewesen. Ich. habe während dieser Zeit - besonders an feierlichen Tagen, z.B. am Ludewigsfeste – in den Tuilerien und von da bis nach dem Palais Royal und von da bis nach den Boulevards hinauf unübersehbare Massen von hunderttausend drängender und gedrängter Menschen aus allen Ständen anschwellen sehn; ich habe mich jedesmal bei Tage und bei Nacht bis in das dichteste Gedränge hineinzuarbeiten und einen Platz zu gewinnen gesucht, wo ich, durch Hülfe meiner körperlichen Länge, das Gewimmel und Getümmel weit und breit übersehen konnte; ich habe zu ändern Zeiten mich von dem Strome dieser wallenden Volksmenge selbst stundenlang geflissentlich fortreißen lassen: aber nie, nie – ich bezeuge es bei der Ehre eines wahrheitliebenden Mannes – habe ich in dieser ganzen Zeit irgendeine Äußerung von pöbelhafter Ungezogenheit, irgendeine Zänkerei, irgendeine Beleidigung in Worten oder Werken wahrnehmen können, ja, was noch auffallender klingen wird, ich habe in dieser ganzen Zeit meines Hierseins unter den Myriaden von Menschen, die ich auf den genannten öffentlichen Plätzen und Wandelbahnen, in den Schauspielhäusern, in den Kirchen usw. beobachten konnte, nie auch nur ein einziges Mal ein einziges solches Ding von Menschen bemerken können, als wir uns unter dem Namen eines französischen Kleinmeisters zu denken pflegen. Daß es dergleichen Dinger ehemals hier in Menge gegeben habe, ist eine ebenso notorische Tatsache als die, daß die französische Artigkeit allein alle Unordnungen und öffentlichen Ausbrüche von Unsittlichkeit ehemals nicht habe zurückhalten können. Daß ich also von jenen wie von diesen während der ganzen Zeit meines Hierseins niemals etwas bemerken konnte, so aufmerksam ich auch mich darnach umsah, muß ja wohl notwendig eine Folge der angefangenen wunderähnlichen Veredelung sein, welche das Gefühl errungener Selbständigkeit in dem Charakter dieser Nation allein bewirken konnte. Man sage also nicht, daß ich ein Lobredner der französischen Nation geworden sei: Es sind nicht die Franzosen, es ist die hohe menschliche Natur , die ich lobe, indem ich erzähle – was ich mit meinen Augen sahe –, wie diese Natur, in Franzosen wie in jedem andern Volk, sich auf den Flügeln der frei gewordenen Vernunft zu einer bewundernswürdigen Höhe von Vollkommenheit und Sittlichkeit erhebt, sobald die Fesseln, welche der Despotismus ihr angelegt hatte, zerbrochen sind. Voltaire hat recht: La liberte' que tout mortel adore, Donne a l'homme un couragc, inspire une grandcur, Qu'il n'eüt jamais trouve dans le fond de son coeur. ; wenn man, sage ich, dies alles, was jedem Abwesenden übertrieben und unglaublich klingen muß, hier mit eigenen Augen sieht, so oftmals wiedersieht, daß man es am Ende für kein Blendwerk, für keinen Traum mehr halten kann, so müßte man, meine ich, unter allen menschlichen Klötzen der Stumpfeste und fühlloseste sein, wenn man sich über dieses Erwachen der Menschheit zu einem so schönen, neuen und edlen Leben nicht oft bis zu Freudentränen gerührt fühlte. Welch ein Schauspiel für den, der für Menschenveredelung und Menschenbeglückung noch unverdorbene Sinne und ein warmes, teilnehmendes Herz für alles hat, was das Emporkommen der großen Adamsfamilie angeht! Welch ein Beispiel für das ganze übrige Europa und für alle, ihrer menschlichen Rechte und des göttlichen Ebenbildes, d.i. der menschlichen Würde und Selbständigkeit beraubte Menschen in allen fünf Weltteilen! Doch mögen alle, welche sich in dieser schmählichen und unglücklichen Lage befinden, bevor sie Frankreichs Beispiel übereilterweise sich zur Nachahmung aufstellen, vorher wohl erwägen, ob ihre Nation auf eine so gänzliche Umwälzung ihrer Verfassung auch schon ebenso vorbereitet sei? Ob der Volkscharakter und die Volkssitten sich bei ihnen schon zu dem nämlichen Grade von Menschlichkeit und Milde erhoben haben, den man in Frankreich bemerkt hat? Ob die Aufklärung über Menschenrechte und Bürgerpflichten sich bei ihnen schon ebenso durch alle Stände, bis zu dem untersten hinab, verbreitet habe, wie es dort der Fall war? Ob sie die über das wahre Interesse ihrer Nation und über die Natur und Beschaffenheit einer auf Vernunft und Recht gegründeten Verfassung wohlerleuchteten Köpfe ebenso, wie in Frankreich, schon bei Tausenden unter sich zählen und zugleich versichert sein können, daß diesen Köpfen nun auch Mut und Patriotismus genug beiwohne, um sich auf das erste Signal zur Freiheit sogleich an ihre Spitze zu stellen und mit Mäßigung und Einsicht zu vollenden, was mit Hitze und Entschlossenheit angefangen war? Ob ihre politische Lage in Europa mit der von Frankreich die nämliche sei, und ob sie also von benachbarten Despoten nicht Schwierigkeiten und Hindernisse zu besorgen hätten, welche die Franzosen bis jetzt noch nicht gefunden haben? Und vor allem, ob bei ihnen die allerunterste Volksklasse schon zu eben dem richtigen und feinen Gefühl von Ehre, Wohlanständigkeit und Gerechtigkeit ausgebildet und gereift sei, welches der Pariser Pöbel bei dieser Gelegenheit an den Tag gelegt hat und worüber jeder, der das vielleicht noch nicht bekannt gewordene Detail davon in der Folge dieser Briefe lesen wird, als über eine in der ganzen Geschichte noch nie erhörte Begebenheit notwendig erstaunen muß? Wehe der Nation, die, ohne diese nötigen Überlegungen angestellt zu haben, sich von einem unzeitigen Freiheitsenthusiasmus zu Schritten verleiten ließe, die sie in der Folge nicht behaupten könnte und die also nur dazu dienen würden, alle Greuel und Unmenschlichkeiten, welche bei allgemeinen Empörungen nie ganz vermieden werden können, in einem Lande zu veranlassen, wo die unmündige Menschheit einer auf Vernunft gegründeten Freiheit noch nicht fallig wäre! Man wird in der Folge dieser Briefe sehen, wie und wodurch die französische Nation zu ihrer nunmehr angefangenen politischen und moralischen Wiedergeburt mehr als irgendeine andere, die ich kenne – die englische ausgenommen – vorbereitet war. Wahrlich, der ärgste Despot, wäre er hier, um ein Augenzeuge von dem allen zu sein, und wäre sein von selbstsüchtigen und ehrgeizigen Begierden zusammengeschrumpftes und ausgedörrtes Herz noch der geringsten menschlichen und edelmütigen Aufwallung fähig – er würde, glaube ich, von einer unwiderstehlichen sympathetischen Gewalt ergriffen, sich geneigt fühlen, auf seine unrechtmäßige willkürliche Herrschaft – denn wo gab es jemals eine rechtmäßige? – freiwillig Verzicht zu tun, um des großen Anblicks, den ein frei gewordenes und dadurch auch zugleich moralisch wiedergebornes, veredeltes und beglücktes Volk gewährt, noch einmal, und zwar mit dem Zusatze von Vaterfreude zu genießen, den das Bewußtsein, der Urheber davon zu sein, notwendig mit sich führen müßte. Sie sagen, ich schwärme? Gut, mein Lieber; ich freue mich, daß ich bei einer solchen Veranlassung noch erwärmt werden kann, und bedaure den, der dazu nicht mehr fähig ist. Sie selbst, wie ich Sie kenne, würden, wenn Sie hier wären, mit mir in die Wette schwärmen. Um indes mich erst ein wenig abzukühlen, erzähle ich Ihnen unsere Einfahrt in Paris. Bei dieser ging es uns, wie es vor uns den meisten Reisenden zu gehen pflegte, die, wie wir, dieses Ungeheuer unter den Städten zum erstenmal besuchten; wir gerieten in Versuchung, wieder umzukehren. Schon eine Meile vor Paris fanden wir den für die Äcker bestimmten Straßenkot der Stadt, dessen Originalität in dem bekannten Gemälde von Paris so richtig beschrieben ist, an den Seiten der schönen Landstraße aufgeschüttet; und unsere leidenden Nasen zwangen uns, in Freund Merciers Ausruf einzustimmen: »Malheur à qui se trouve le voisin de ces dépôts infects!« Die hohen Ulmenreihen, welche diese Kunststraße beschatten, versperren dem Ankommenden die Aussicht und lassen ihn, außer dem erhabnen Dom des Invalidenhauses, von der ganzen ungeheuern Stadt nicht eher etwas sehen, als bis er die äußersten Häuser der Vorstadt berührt. Was uns hier zuerst in die Augen fiel, war ein großer Haufen zerlumpter Helden , die, zum Teil wenigstens, die Bastille hatten erobern helfen, nun aber, da es keine Bastillen weiter zu erobern gab, von dem engern Bürgerausschuß eine anderweitige Bestimmung angewiesen erhielten, damit sie nicht, aus Mangel an Beschäftigung und Nahrung, in den Geschmack des Eroberns und Bestürmens zur Unzeit kommen möchten. Die Zahl dieser spartanischen Helden soll sich auf 15 ooo belaufen. Man hatte, nach den ersten stürmischen Tagen der Revolution, ihrem patriotischen Eifer zwar alle Gerechtigkeit widerfahren lassen, sie aber nachher mit guter Manier aus dem Innern der Stadt in die Gegend von Montmartre und Menilmontant Zwei Anhöhen, an welche Paris sich mit seiner Nordseite lehnt. gelockt, ihnen da eine Bedeckung von bewaffneten Bürgern beigesellt und ihnen aufgetragen, das Erdreich zu ebenen, wofür man ihnen Brot und gutes Tagelohn reicht. Ich werde auf diese Helden in der Folge noch einmal zurückkommen; und ich sage Ihnen voraus, daß Sie dann die Benennung, die ich ihnen hier beilege, so komisch eben nicht mehr finden sollen. Die ersten Häuserreihen, durch die wir hinrollten, Hegen außerhalb der Barriere Paris hat nämlich schon lange keine Tore mehr. Seine ehemaligen Tore stehen jetzt als Triumphbogen oder Ehrenpforten mitten in der Stadt; und da, wo jetzt die Stadt aufhört, hat man, statt der Tore, bloß Schlagbäume angelegt, auf deren beiden Seiten man seit kurzem schöne steinerne Gebäude für die Akzise errichtet hat. und werden daher, ohngeachtet sie mit der Vorstadt zusammenhängen, noch nicht zur Stadt gerechnet, sondern unter dem Namen der kleinen Stadt (Villette) davon unterschieden. Dann folgte die Vorstadt - ich bin in diesem Augenblicke zweifelhaft, ob es die von St-Martin oder die von St-Denis war; und ich habe nicht Zeit, erst Erkundigung deshalb anzustellen. Es war nachmittags um zwei Uhr. Wir bedurften einer Erquickung; und da wir voraussahen, daß die Mittagsmahlzeit heute für uns wegfallen würde, so wollten wir vor unserm Eintritt in die Stadt uns wenigstens erst durch eine Tasse Schokolade oder Kaffee erfrischen. Wir fragten den Postillion, ob es in dieser Vorstadt ein Kaffeehaus gebe, und aufsein »Sans doute!« befahlen wir ihm, uns erst dahin zu bringen. Er hielt bald darauf vor einem Hause still, welches schon von außen einer gemeinen Bierschenke wie ein Tropfen Wasser dem ändern glich, und sagte: »Nous y voilà!« Wir stiegen aus. Aber Himmel! wie ward uns, da man uns eine dunkle und schmutzige Treppe hinauf, durch eine alte Polterkammer nach der andern, in den letzten Verschlag – das Wort Zimmer wäre hier viel zu edel –, in ein mit Staub bedecktes, mit einer alten, schmierigen und zerfetzten Tapete beklebtes und mit alten halbzerbrochenen und von Schmutz starrenden Möbeln versehenes Loch führte, worin zwei scheußliche Betten standen, welche noch die nämlichen Überzüge zu haben schienen, die sie zu Heinrich IV. Zeiten mochten erhalten haben! Alles, was wir hier sahen, besonders aber der Anblick der ekelerweckenden Damen dieses gräßlichen Kaffeehauses, brachte uns gar bald auf die schauerige Vermutung, daß der Ort, wo wir waren, den niedrigsten Ausschweifungen des untersten Vorstadtpöbels gewidmet sein müsse. Die Haare standen uns bei dieser Entdeckung zu Berge; wir eilten, so geschwind wir konnten, wieder hinunter, bezahlten den ungenossenen Kaffee und warfen uns, mit Ekel und Unwillen erfüllt, in den Wagen. Verstimmt durch dieses unangenehme Abenteuer, kamen wir endlich, nach einer langen Fahrt, aus der Vorstadt in die Stadt. Hier, dachten wir, würde uns nun auf einmal so viel Schönes und Großes jeder Art in die Augen fallen, daß das Andenken an den Ort des Greuels, dem wir entflohen waren, dadurch plötzlich und gänzlich verdrängt werden würde. Aber was war's? Wir kamen in Straßen, welche kaum so breit sind, daß zwei Wagen oder Cabriolets – denn das gewöhnlichste Fuhrwerk, welches man hier sieht, ist von der letztern Art – nebeneinander hinfahren können; und diese engen, schmutzigen oder, je nachdem die Witterung ist, mit Staub erfüllten Straßen fanden wir auf beiden Seiten mit alten, geschmacklosen Häusern bebaut, welche fünf bis sieben Stockwerke hoch emporragen und dann noch obendrein mit einer Menge hoher Schornsteine gekrönt sind, die, zu breiten Mauern verbunden, wie schroffe Felsenwände gen Himmel starren. Vom Himmel selbst kann man in diesen beklemmenden Straßen, welche tiefen Abgründen gleichen, nur jedesmal einen, kaum zwei oder drei Pariser Ellen breiten Streif erblicken; und man genießt in der Tiefe einiger dieser Schlünde des erfreulichen Anblicks der Sonne nur in den Tagen ihres höchsten Standpunkts, im Brach- und Heumonat, wann ihre Strahlen beinahe senkrecht fallen. Alle Erdgeschosse durch ganz Paris sind, fast ohne Ausnahme, entweder Kramläden oder offenstehende Werkstätte; und eine Menge Inschriften, deren Buchstaben eine halbe Elle lang sind, verkündigen den Vorübergehenden, was in jedem Hause verkauft oder gemacht wird. Dies – und die ungeheure Volksmenge, die sich durch diese Straßen preßt, und die zahllosen Ausrufer, welche tausenderlei Dinge feilbieten und mit ihrem unharmonischen Geschrei die Luft erfüllen und die Ohren gellen machen, zusamt den Gauklern, Taschenspielern und Marktschreiern, die an allen etwas freiem und geräumigeren Plätzen das Volk um sich her versammeln – gibt dem Ganzen die Gestalt eines Ungeheuern Jahrmarkts, welcher vom ersten Tage des Jahrs bis an den letzten dauert. Denken Sie sich eine der engsten und volkreichsten Straßen zu Braunschweig oder Frankfurt zur Zeit der Messen, und Sie werden eine ungefähre Vorstellung von dem täglichen Straßengewühl in Paris haben. Erst nach einer Fahrt von drei Viertelstunden erreichten wir das Ufer der fast mitten durch die Stadt fließenden Seine, und zwar an der Stelle einer Brücke, die wir an der Bildsäule Heinrichs IV . sogleich für Le Pont Neuf erkannten. Hier dehnte sich unser Horizont auf einmal, wenigstens stromauf- und abwärts, zu einer unbeschreiblich schönen und großen Perspektive aus, und der widerliche Eindruck, den der bis dahin von uns gesehene Teil der unförmlichen Riesenstadt auf uns gemacht hatte, lösete sich hier plötzlich in Bewunderung und Erstaunen auf. Unsere Blicke, unfähig, die ganze erhabene Aussicht auf beiden Seiten auf einmal zu umfassen, flogen, indem wir über die Brücke fuhren, gierig und wild von einer Seite zur ändern und hefteten sich endlich auf die Bildsäule des großen Heinrichs, an dessen Degengehenk, so wie an dem Zügel seines Pferdes, wir die französische Freiheitskokarde flattern sahen. Das Volk hatte sie ihm den Tag nach der Bastilleneroberung unter dem lauten Freudengeschrei: » Er ist von den Toten erstanden! Er lebt wieder unter uns! « angeheftet. Der Platz um diese Bildsäule her gibt jetzt eine der lehrreichsten Schulen für die Könige und für ihre Nachfolger ab. Alle Kronprinzen sollten hierher geschickt werden, um mit ihren eigenen Augen die Gerechtigkeit zu bemerken, mit welcher die unbestechliche Nachwelt über den Wert oder Unwert, über die Ehre oder Schande der Fürsten aus der Vorzeit richtet. Erst sollte man sie an den Fuß dieser Bildsäule führen und ihnen die Menge dankbarer und gerührter Menschen zeigen, welche jetzt – da das Gefühl für alles Gute, Edle und Große mit dem neuen Freiheitssinn hier zugleich erwacht ist – sich zu jeder Stunde des Tages vom Morgen bis an den Abend um dieses schon tausendmal von ihnen gesehene Denkmal des edelsten und besten unter ihren Königen zusammendrängen und ihre segnenden Blicke von dem Bilde des angebeteten Mannes lange nicht wieder loszureißen vermögen Wie sehr die Verehrung dieses guten Königs in eben dem Verhältnis zugenommen hat, in welchem man seine Nachfolger ihm an Kraft und Gesinnung, an Verstand und Herzen unähnlich werden sahe, davon kann unter andern auch folgende Anekdote zum Beweise dienen. Ein Armer lief hinter einem Manne her, der über die neue Brücke ging. »Gebt mir ein Almosen«, rief jener, » um des heiligen Petrus willen « – es war gerade der Petri-Paul-Tag –, » um des heiligen Paulus willen! « Umsonst. » Um der heiligen Muttergottes willen! « Umsonst. Unterdes waren sie bis an die Bildsäule Heinrichs IV. gekommen. » Um des großen Heinrichs willen! « schrie jetzt der Bettler; und der Angebettelte stand, griff in die Tasche und reichte ihm willig seine Gabe. ; dann sollte man unmittelbar darauf nach der Place Louis XV und von da nach der Place des Victoires oder nach der Place de Vendôme mit ihnen gehn und ihnen die ungeehrten, einsam und verlassen dastehenden Denkmäler Ludewigs XV. und des von seinen Schmeichlern umsonst für groß ausgeschrienen Ludewigs XIV. zeigen. Da würden sie nicht bloß sehen, sondern fühlen, ja beinahe mit Händen greifen können, was wahre Fürstengröße und Fürstenehre und was hingegen nur kurzes Blendwerk, nur optischer Betrug ist, der mit der Weihrauchwolke, worin die kleinen und unwürdigen Regenten von nichtswürdigen Kriechern eingehüllt werden, zugleich verschwindet. – Sie erwarten nun sicher nicht, mein lieber T***, daß ich Sie in ganz Paris herumführen, Ihnen eine örtliche Beschreibung davon machen und die sogenannten Sehenswürdigkeiten dieser unermeßlichen Stadt Ihnen der Reihe nach aufzählen soll. Aber wenn Sie das auch jetzt – ich weiß nicht wozu? – von mir erwarten könnten, so würde ich jetzt doch unfähig sein, Ihre Erwartung zu befriedigen. Was sind steinerne Paläste, was Tempel und Denkmäler an einem Orte, wo man jetzt eben damit beschäftiget ist, ein unvergängliches Ehrendenkmal unsers Jahrhunderts, das erhabene Gebäude einer auf Vernunft und Recht gegründeten neuen Konstitution zu errichten? Was sind tote Gemälde und Bildsäulen, rührten sie auch von den ersten Meistern der Welt her, zu einer Zeit, da man das große Schauspiel eines ganzen, der Sklaverei entronnenen Volks in den Momenten seiner politischen und moralischen Wiedergeburt beobachten kann, indem es eben damit beschäftiget ist, seine Ketten vollends abzustreifen, um nun das Ungeheuer, welches sie geschmiedet und ihm angelegt hatte – die willkürliche Alleingewalt –, selbst damit zu fesseln? Wer mag hier jetzt etwas anders sehen, oder wer, wenn er auch etwas anders sieht und zu sehen nicht umhin kann, mag von etwas anderem reden oder gar seinen abwesenden Freunden von etwas anderem schreiben als von diesem einigen großen Volksschauspiele, welches die ganze Seele des erstaunten Zuschauers unwiderstehlich auf sich zieht und festhält? Also weg mit allem, was Sie in dem »Sejour de Paris«, in den »Curiosites de Paris«, in dem »Guide des Etrangers« und in zwanzig ändern Kompilationen dieser Art umständlicher und vollständiger beschrieben finden, als ich es Ihnen beschreiben kann und mag! Nur zu einem einzigen Spaziergange nach einem und dem ändern, gerade jetzt vorzüglich sehenswürdigen Platz dieser Stadt muß ich Sie doch einladen, um Sie in den Stand zu setzen, sich das große Volksgewühl und die mannigfaltigen interessanten Schauspiele, welche unter demselben die Augen des Fremden, bei jedem Schritte, auf sich ziehn, ein wenig auszumalen und gleichsam als Zuschauer zu denken. Wir treten aus unserm Quartier, dem Hôtel de Moscovie , auf die Straße der kleinen Augustiner (Rue des petits Augustins), welche in gerader Richtung nach dem mittäglichen Ufer der Seine läuft. Das erste, was uns außer der hin und her wallenden Volksmenge auffällt, sind die vielen, dicht ineinandergeschobenen Menschengruppen, welche wir teils vor vielen Haustüren, wo entweder Bürgerwachstuben sind oder Bäcker wohnen, teils vor allen denjenigen Häusern erblicken, deren Mauern mit Affichen beklebt sind. Dieser Affichen oder Bekanntmachungszettel sieht man in allen Straßen, besonders an den beiden Seitenwänden aller Eckhäuser und an dem ganzen Gemäuer aller öffentlichen Gebäude auf den Quais und sonstigen freien Plätzen, eine so unzählbare Menge, daß ein rüstiger Fußgänger und geübter Schnelleser den ganzen Tag vom Morgen bis an den Abend herumlaufen und lesen könnte, ohne nur mit denjenigen fertig zu werden, welche man an jedem Tage von neuem ankleben sieht. Bald ist es der engere Ausschuß auf dem Hôtel de Ville, bald die bewaffnete Bürgerschaft überhaupt oder die eines besondern Distrikts insonderheit, bald sind es die Distriktsrepräsentanten in den sechzig Quartieren oder Distrikten der Stadt, welche Verordnungen und Benachrichtigungen für die Bürgerschaft anschlagen lassen; bald sind es andere Kommunen, Gesellschaften oder einzelne Personen, welche das Publikum durch Bekanntmachungszettel bald von diesem, bald von jenem, was geschehen ist oder geschehen soll, unterrichten wollen. Denken Sie sich, wie diese Publizität, diese Teilnahme aller an allem, auf die Entwickelung der menschlichen Seelenkräfte, besonders auf die Verstandes- und Vernunftausbildung der Leute wirken muß! – Vor jedem mit dergleichen Zetteln, die in großen Bogen mit großer Schrift gedruckt bestehn, beklebten Hause sieht man ein unendlich buntes und vermischtes Publikum von Lastträgern und feinen Herrn, von Fischweibern und artigen Damen, von Soldaten und Priestern in dichten, aber immer friedlichen und fast vertraulichen Haufen versammelt, alle mit emporgerichteten Häuptern, alle mit gierigen Blicken den Inhalt der Zettel verschlingend, bald leise, bald mit lauter Stimme lesend, darüber urteilend und debattierend. Zehn oder zwanzig Schritte weiter hin stößt man auf einen andern ebenso bunten und vermischten Haufen, der einen an die Mauer gelehnten Tisch mit einer kleinen Verdachung umgibt, worauf die fliegenden Blätter und Broschüren des Tages feilgeboten werden, welche zu ebender Zeit von vielen hundert Kolporteurs durch alle Straßen der Stadt nicht bloß dem Titel, sondern auch dem Hauptinhalte nach ausgeschrien werden. Ein Teil von diesen ausgerufenen fliegenden Blättern enthält Neuigkeiten, welche ganz aus der Luft gegriffen, aber gemeiniglich schon bei Tausenden verkauft sind, bevor ihre Unwahrheit erkannt werden kann. So unterhielten uns in der ersten Zeit unsers Hierseins die Kolporteurs acht Tage lang mit Begebenheiten, welche sich mit dem Msr. de Calonne par les und der Dame de Polignac ereignet haben sollten und woran doch kein wahres Wort war. Heute rief man »Le renvoi de Msr. de Calonne par les Anglois«, morgen »Les adieux de la nation angloise à Msr. de Calonne«, dann »Les remerciements des François à la nation angloise pourle renvoi de Msr. de Calonne«, dann »L'arrivée de Msr. de Calonne à Calais« usw. aus. Und Msr. de Calonne war und blieb doch immer in London. Auffallend und befremdend für den Ausländer ist hier der Anblick ganz gemeiner Menschen aus der allerniedrigsten Volksklasse, z. B. der Wasserträger, welche die Küchen aller Häuser der Stadt, wohin keine Wasserleitungen führen, mit dem unreinen Seinewasser versorgen – auffallend, sage ich, ist es, zu sehn, welchen warmen Anteil sogar auch diese Leute, die größtenteils weder lesen noch schreiben können, jetzt an den öffentlichen Angelegenheiten nehmen; zu sehn, wie sie ihre Eimer wohl zwanzigmal in einer und ebenderselben Straße niedersetzen, um erst zu hören, was der Kolporteur ausruft, oder was etwa einer von denen, welche vor den Bekanntmachungszetteln sich angehäuft haben, mit lauter Stimme abliest und was von ändern darüber geurteilt und vernünftelt wird; zu sehn – was ich mehrmals beobachtet habe –, wie vier, fünf oder sechs solcher armseligen Lastträger mit einem ihrer Kameraden, der den seltenen Vorzug besitzt, Gedrucktes lesen zu können, in Verbindung treten, ihre Liards zusammenlegen, sich dafür gemeinschaftlich eins der fliegenden Blätter oder der kleinen Broschüren des Tages kaufen und nun zwischen ihren Eimern oder sonstigen Lasten sich dicht zusammenstellen, um dem vorlesenden gelehrten Kameraden mit vorgehaltenem Ohre, starren Augen und offenem Munde zuzuhören. Mit Erstaunen bemerkte ich vor einigen Tagen, daß die Broschüre, welche ein solcher Straßenklub von Wasserträgern, Savoyarden und anderem Pariser Pöbel sich vorlesen ließ, einer von den Entwürfen der Déclarations des droits des Hommes war, welche einige Mitglieder der Nationalversammlung in Vorschlag gebracht hatten und drucken ließen, bevor die Versammlung darüber zu Rate gegangen war und entschieden hatte. Lastträger sich mit den Rechten der Menschheit unterhalten zu sehn: welch ein Schauspiel! Noch ehe wir das Ende der ersten Straße erreicht haben, ist uns sicher schon irgendein öffentlicher Aufzug - eine auf und ab gehende Bürgerstreifwache, eine auf- oder abziehende Wachtparade, bestehend aus einem Gemisch bewaffneter Bürger, Gardisten und anderer übergetretenen Soldaten von mancherlei Uniformen Gegen das Ende unsers hiesigen Aufenthalts verdrängte die neue Bürgeruniform, bestehend in einem blauen Rock mit weißen Aufschlägen, die mit einer roten Schnur eingefaßt sind, mit rotem stehenden Kragen, Achselquästen, weißen Ärmelaufschlägen und weißen Unterkleidern, nach und nach alle andere Kleider und Uniformen der Bewaffneten. - oder irgendeine feierliche Prozession begegnet, in dem bald les Filles du district, bald les Dames des Halles, die Trödelweiber, bald andere Damen, weiß gekleidet, mit Blumen geschmückt, mit Fahnen versehn und begleitet von den Hautboisten der Garde, von einer Bedeckung der Soldaten des Vaterlandes und bewaffneter Bürger, in deren Flintenläufen Blumensträuße stecken, womit die Damen sie beschenkt haben, nach der Kirche der heiligen Geneviève ziehn, um dieser Schutzpatronin der Stadt zum Dankopfer für die Befreiung des Vaterlandes und für die glücklich vollbrachte Revolution einen Blumenkranz zu bringen. Bald ist es eine besondere Gemeinheit oder Gesellschaft, z.B. les garcons de Perruquiers oder les garcons de Tailleurs usw., welche mit Musik und unter einer Bedeckung von Garde und bewaffneten Bürgern entweder nach dem Hause des Herrn de La Fayette oder nach dem Hôtel de Ville ziehn, um, auf erhaltene Erlaubnis, irgendeine Beschwerde vorzutragen und um die Abstellung derselben zu bitten, bald eine große feierliche Prozession eines ganzen Distrikts, der unter dem Geläute der Glocken und unter dem Donner der Distriktskanonen, von tausend und mehr Bewaffneten begleitet, nach seiner Parochialkirche marschiert, um für das Heil der bei der Bastilleneroberung gefallenen Bürger eine Seelenmesse unter militärischer Trauermusik lesen, eine Gedächtnisrede halten und eine milde Sammlung für die Witwen und Waisen der Erschlagenen anstellen zu lassen. Jetzt, nehme ich an, treten wir aus der Straße der kleinen Augustiner auf den Quai Malaquais, und die Szene verändert sich. Vor uns ist der schöne breite Strom, der in seinem tiefen Bett sanft dahingleitet; jenseits desselben das alte, von dem Pinsel der Zeit schon schwarz gefärbte Louvre nebst der Galerie des Louvres, welche kein Ende zu nehmen scheint; auf dem Strome selbst, und zwar links, die Königsbrücke (Pont Royal), rechts die neue Brücke ; diesseits des Stroms die Quais oder offenen Plätze am Strom, welche von lauter Palästen oder palastmäßigen großen Gebäuden begrenzt sind. Der Volksstrom teilt sich hier in zwei nach entgegengesetzter Richtung laufende Arme, indem die eine Hälfte der Königsbrücke zufließt, um von da in die Tuilerien und nach den Elysäischen Feldern hinzuströmen, die andere hingegen nach der neuen Brücke flutet. Wir folgen diesem letztern Arme, und indem wir uns links nach dem Quai de Conti drehen, sehen wir alle die großen Gebäude stromauf- und unterwärts, soweit das Auge reicht, besonders die große und prächtige Münze, mit Kupferstichen behangen, welche größtenteils die dermalige Revolution betreffen. Hier folgt abermals eine buntgemischte Gruppe von Zuschauern und Käufern auf die andere; und ohngeachtet diese Gruppen wegen des unaufhörlichen Wechsels der Hinzukommenden und Abgehenden einer steten Veränderung unterworfen sind, so scheinen sie doch, im ganzen genommen, vom Morgen bis an den Abend immer die nämlichen zu bleiben, ohne merklich vermindert oder vermehrt zu werden, gleich den vegetabilischen und animalischen Körpern, bei denen weder der unaufhörliche Abgang der verdunstenden noch der Ansatz neuer Teilchen, welche an die Stelle der abgegangenen treten, bemerkt werden kann. Jetzt kommen wir an den Ort, der in Ansehung der täglichen Volkszirkulation in Paris für das Herz dieser Stadt gehalten werden kann - ich meine die neue Brücke Wenn die Mouchards , d.i. die ehemaligen Polizeispions, den Auftrag hatten, einer Person aufzulauern, deren Wohnung unbekannt war, so stellten sie sich an diese Brücke; und hatten sie ein paar Tage lang hier umsonst sich nach ihm umgesehn, so versicherten sie zuversichtlich, daß diese Person nicht mehr in der Stadt sein könne. So sehr ist man hier überzeugt, daß jeder in Paris lebende Mensch diese Brücke, wo nicht täglich, doch innerhalb einiger Tage wenigstens einmal zu passieren sich nicht erwehren könne. . Hier gleicht der Zufluß und Abfluß der aus den beiden Hälften der Stadt sich über diese Brücke ergießenden Menschenmenge dem zwischen Felsenwände zusammengepreßten Rheinstrome bei Laufenburg. Auch rauscht und braust er hier wie dort; und es scheint mir gar nicht unwahrlich zu sein, daß einer, der mit verbundenen Augen auf diese Brücke geführt würde, alles Ernstes sich einbilden könnte, das Rauschen eines mit Heftigkeit dahinströmenden Gewässers zu hören. Die Täuschung wird vermehrt, wenn man in die Gegend eines auf diese schöne Brücke, zur Schändung derselben, gebauten Hauses kömmt, La Samaritane genannt, in welchem ein Triebwerk sich befindet, vermittelst dessen einige Wasserbehälter (in den Tuilerien, glaube ich) mit Wasser versorgt werden. Aus dem Gipfel dieses Hauses stürzt ein Wasserguß sich in ein darunter befindliches Becken herab, und das Rauschen dieses fallenden Wassers fließt mit dem Geräusch der vorüberwallenden Menschenmasse so genau zusammen, daß man das eine von dem ändern nicht unterscheiden kann. Jetzt sind wir hinüber; und nunmehr folgen wir, längst den Quais zur linken Hand, einer erstaunlichen Menge von Menschen, besonders aus der untersten Volksklasse, welche vormittags und nachmittags ihren Weg fast regelmäßig nach der Place de Grève, diesem seit vierzehn Tagen so weltberühmt gewordenen Platze, nehmen, wo das Verbrechen der beleidigten Volksmajestät an einem eisernen Reverberarme gebüßt wird. Wir kommen bei dem Grand Châtelet, einem bekannten Gerichtshofe und Gefängnis, vorbei. Auf dem Hofe desselben werden wir eines eisernen Gitters gewahr, dem alle Vorbeigehende sich mit zugehaltener Nase nahen, um hineinzugucken. Wir erfahren die Bestimmung dieses Lochs, La Morgue genannt, und hören, daß alle unbekannte Leichen verunglückter oder ermordeter Personen, welche innerhalb der Stadt im Wasser oder sonstwo gefunden worden, hier drei Tage lang zu jedermanns Ansicht ausgestellt liegen, ob vielleicht jemand seinen Anverwandten oder Bekannten darunter erkennen möchte. Man versichert uns, daß ehemals nicht leicht jemand an dieses Gitter trat, ohne wenigstens eine Leiche daselbst zu erblicken. Wir erblicken keine; und auch dies scheint ein Beweis zu sein, daß in dem frei gewordenen Paris jetzt mehr Ruhe, Ordnung und Sicherheit herrschen als vormals, da es von den Argusaugen der Polizei bewacht ward. Wir langen nunmehr bei der Place de Grève an und finden rundumher das Volk, aber ruhig, still und erwartungsvoll, in einem zwanzig bis fünfzig Mann hoch gedrängten weitem Kreise stehen und aller Augen teils auf die berühmte Reverberstange, teils auf die Tür des die eine Seite dieses Platzes begrenzenden Hôtel de Ville geheftet. Hier steht diese ungeheure Versammlung in ruhiger Erwartung der Begebenheiten, die sich möglicherweise ereignen können, und der Neuigkeiten, denen man aus dem Hôtel de Ville entgegensieht. Von einem Platze, welcher der erste und vorzüglichste Volksversammlungsort einer so ungeheuern Stadt ist, sollte man wohl vermuten, daß er schön, regelmäßig und groß sein werde. Aber nichts von alledem. Er ist vielmehr unregelmäßig mit unansehnlichen Häusern bebaut und nicht größer als ein gewöhnlicher Marktplatz von mäßigem Umfange. Zum Glück hat er sechs verschiedene Öffnungen in ebenso viele daraus ablaufende Straßen und hängt, nach der Wasserseite hin, mit den langen und ziemlich breiten Quais an der Nordseite der Seine zusammen. Wäre dieses nicht, so würde man bei der zweifachen, einander so ganz entgegengesetzten Bestimmung dieses Platzes – der zu Volksfesten und der zu Hinrichtungen Unter allen Ungehörigkeiten und Unmenschlichkeiten, deren die bisherige französische Kriminaljustiz überhaupt, und die parisische insonderheit, sich schuldig gemacht hat, ist diese wohl gerade nicht die kleinste, daß sie ihre oft so barbarischen und die Menschheit empörenden Hinrichtungen nicht nur mitten in der Stadt, sondern auch gerade auf demjenigen Platze vollziehen ließ, der bei Nationalfesten, z.B. an Krönungstagen usw., der Volksfreude gewidmet war. Schien man es hierbei nicht recht absichtlich darauf angelegt zu haben, das Volk an jedem menschlichen Gefühl des Mitleids und Erbarmens abzustumpfen und es an eine wilde huronische Grausamkeit und Unmenschlichkeit zu gewöhnen? Und ist es ein Wunder, wenn ein von seiner eigenen Obrigkeit so schrecklich mißgeleitetes, so zur Fühllosigkeit und Grausamkeit verwöhntes Volk es in der Verleugnung aller menschlichen Empfindungen endlich so weit brachte, daß es, wie man hiervon wirklich ein Beispiel erlebt hat, bei dem ersten Stoß, den ein zum Rade Verurteilter empfing, und bei dem Schmerzgeschrei, welches der Unglückliche zu gleicher Zeit erhob, applaudieren konnte? Aber ein Wunder aller Wunder ist es, daß ein solches Volk in den ersten Tagen seiner Empörung und in den Momenten seiner höchsten Wut sich soviel menschlicher und mitleidiger bei der Hinrichtung seiner verhaßtesten Feinde bewies als seine Obrigkeit, wenn sie kaltblütig und grausam den legalen Mord eines Menschen verordnete, von dem es in der Folge sich nicht selten zeigte, daß er – unschuldig gewesen war. – hier wohl nicht selten das nämliche Unglück schon erlebt haben, welches sich vor einigen Jahren auf dem viel geräumigern Platze, der Place de Louis XV, ereignete, wo bei einem daselbst gegebenen Feuerwerke ein so fürchterliches Volksgedränge entstand, daß nicht weniger als 1500 Menschen teils ihr Leben einbüßten, teils jämmerlich zerquetscht wurden. Das Hôtel de Ville stimmt zwar mit diesem unansehnlichen Platze, aber ebensowenig als dieser mit der Größe und Würde einer Hauptstadt überein, die an Umfang und Volksmenge den zweiten Rang in Europa behauptet. Das Stadthaus in Aachen, das in Tirlemont und Brüssel sind, wenigstens dem äußerlichen Ansehn nach, sehenswürdiger als dieses. Die berüchtigte Laterne, welche in diesen Tagen in allen Zeitungen durch ganz Europa genannt ward, ist nichts anders als eine in Form eines Kniegalgens an einem Eckhause dieses Platzes – worin Schokolade verkauft wird – befestigte eiserne Stange, an welcher ein Lichtscheinwerfer (eine Reverberleuchte) hängt. Von hier arbeiten wir uns nach der Straße St-Antoine durch, an deren Ende wir das ehemalige Bollwerk des französischen Despotismus, die Bastille , finden - diesen furchtbaren Schlund, der so manches unschuldige Schlachtopfer der Tyrannei verschlang, diesen Ort des Schreckens und des Jammers, den so manche heiße Träne benetzte und aus dessen tiefen und finstern Gräbern, mit lebendigen Leichen angefüllt, so mancher von Angst und Verzweiflung erpreßter Seufzer durch ungeheure Felsenwände und eiserne Türen zum Vater der Menschen, zum Richter der Könige emporstieg und um Rache schrie. Jetzt sind sie erhört, diese jammervollen Seufzer; die schauerige Burg liegt, wenigstens zum Teil schon, in ihren Ruinen da und wird nun bald vollends darin liegen. Da übrigens vorauszusehen ist, daß ganz Deutschland nächstens mit Bastillenbeschreibungen überschwemmt werden wird, so begnüge ich mich, Sie nur auf die Höhe und Dicke des noch stehenden Gemäuers aufmerksam zu machen Als ich die Bastille nach unserer Ankunft zum erstenmal sahe, betrug die Höhe, aus dem Graben gemessen, wenigstens noch 40 Fuß, und ohngefähr 30 Fuß hatte man schon davon abgebrochen. Ihr Gemäuer war also wenigstens 70 Fuß hoch gewesen, und die Dicke dieser Mauern betrug an einigen Stellen zwölf, an ändern bis auf achtzehn Fuß. und Sie dann in eine der beiden unterirdischen Grüfte Denn mehr als zwei solcher unterirdischen Gefängnisse habe ich hier nicht gesehn. Die sogenannten Vogelbauer , welche nebst den übrigen Gefängnissen nicht unter, sondern über der Erde waren, fanden wir schon zerschlagen. zu führen, deren Anblick hinreichen wird, Sie mit Grausen und Entsetzen zu erfüllen. Wir fangen in der Höhe des Erdgeschosses an hinabzusteigen; ein Mann, mit einem Lichte in der Hand, geht voran; wir glauben durch einen senkrechten Schacht in ein Bergwerk zu fahren, so enge, steil und finster finden wir die hinablaufende Windeltreppe. Ich bitte Sie, die Stufen zu zählen; Sie werden ihrer 43 finden. Jetzt kommen wir an die letzte eiserne Tür, welche das elendeste aller menschlichen Wesen, den unglücklichen Bewohner dieses Grabes, von allem, was menschliches Dasein, was Vergnügen und Glückseligkeit oder nur Trost im Leiden heißt, vielleicht für immer absondert. Die schreckliche Tür öffnet sich; wir treten in eine dumpfe, feuchte, mit mitternächtlicher Finsternis und mit pestilenzialischen Dünsten angefüllte Gruft, wohin, solange sie existiert, noch nie ein Strahl der Sonne drang, und erblicken die starke eingemauerte Kette, mit einem breiten und dicken eisernen Leibbande versehn, woran der Unglückliche, gleich einer wilden Bestie, angeschmiedet auf feuchtem, kalten und schmutzigen Boden lag. Der letzte, welcher hier lag und schmachtete und das Ende seines jammervollen Daseins herbeiflehte, hieß Dubarry . Er hatte seinen Namen, vermutlich mit den Nägeln seiner Hand, in die Mauer gekratzt; alles andere, was er auf ebendiese Weise auszudrücken gesucht hatte, ist zu unleserlich, als daß man einen Sinn herausbringen kann Auf einem von der Bastille nach dem Zeughause hin laufenden Walle standen, bei meinem Hiersein, noch die alten zerschlagenen Möbeln und Türen derselben aufgestellt, die mit Namen und Inschriften von ehemaligen Gefangenen fast ganz bedeckt waren. Aber alle diese Überbleibsel waren von der gerechten Wut des Volks so übel zugerichtet worden, daß es mir nicht gelingen wollte, noch etwas Zusammenhängendes, einen vollständigen Sinn Gewährendes herauszuklauben. Indes fand ich die Worte » Gott wird mich rächen! « (Dieu me vengera) und die von mehreren Gefangenen eingekritzelte Versicherung ihrer Unschuld auf vielen dieser Trümmern noch völlig leserlich. Auf einem der herumliegenden Bretter fand ich die Worte: » Wenn Linguets Denkschriften und Cagliostros ... mich nicht verführt hätten, so wäre ich ... « Das übrige war unleserlich geworden. Vielleicht, daß diese Inschrift vom Kardinal Rohan herrührte. . Und was hatte der Unglückliche getan, um zu einem so jämmerlichen und grauenvollen Zustande verdammt zu werden? Hatte er vielleicht den Staat verraten? War er ein Mordbrenner gewesen? Hatte er seinen Vater ermordet und den Busen seiner Mutter zerfleischt? Ach, wahrscheinlich nichts von alledem! Er hatte vielleicht nur, wie Bassompierre , in einer Gesellschaft von Freunden ein lustiges Wort über einen allmächtigen Pfaffen ausgesprochen Bassompierre saß hier dieses angeblichen Verbrechens wegen, dessen er sich gegen den vielfachen Verbrecher, den arglistigen, heuchlerischen, eiteln, ehrsüchtigen und grausamen Erzpriester Richelieu schuldig gemacht hatte, nicht weniger als zehn volle Jahre lang! oder, wie Romagne , ein scherzhaftes Sinngedicht auf eine königliche Lustdirne gemacht Auf die Pompadour nämlich. oder, wie der Graf von Lorges Dieser befand sich unter den noch lebenden Gefangenen, die am 14. Jul. aus der Bastille befreit wurden. Als man ihn herausführte, konnte man ihn lange nicht überzeugen, daß er in Paris wäre; er glaubte zu Vincennes gesessen zu haben. Er hatte in einer der unterirdischen Grüfte 32 Jahre verlebt. Sein Bart war ihm bis an den Gürtel gewachsen: er schien ein Erstandener aus der Vorwelt zu sein. Als man ihn einsperrte, ließ man ihm die Wahl, entweder seinen Drucker anzugeben und dann frei zu sein oder auf zeitlebens eingekerkert zu werden. Der edle Mann wählte ohne Bedenken das letztere, weil er dem Drucker versprochen hatte, daß er ihn nicht nennen wollte. Er duldete also 32 Jahr lang wie der ärgste Missetäter, weil er – tugendhaft gehandelt hatte. , seinen Unwillen darüber geäußert, daß die Pompadour ihre Kreaturen zu Ehrenämtern erhob, deren sie unwürdig waren. Für solche und ähnliche Verbrechen nämlich, die man Staatsverbrechen zu nennen die Stirn hatte, war die Bastille eigentlich bestimmt; und die Verurteilung zu dieser Gefangenschaft geschahe bekanntlich nicht durch richterlichen Spruch nach vorhergegangener öffentlichen Untersuchung und Bekanntmachung des angeblichen Verbrechens, sondern durch geheime Siegelbriefe (Lettres de cachet), diese furchtbaren Blitzstrahlen, welche von dem schimmernden Throne des Despotismus, wie aus einer von der Sonne bestrahlten Glanzwolke am blauen Himmel, oft ganz unerwartet herabschossen und das Haupt eines unschuldigen, ruhigen, gar nichts Arges ahnenden Bürgers trafen. Dies, dies war es eigentlich, was die Bastille zu einem Ort des Greuels und zum Gegenstand der Verwünschung nicht nur in Frankreich, sondern auch durch ganz Europa machte – die gesetzlose Willkürlichkeit nämlich, mit der man Schuldige und Unschuldige, ohne alles vorhergegangene rechtliche Verfahren, an diesen Ort des Jammers schleuderte, um sie hier auf viele Jahre, oft auf Lebenszeit lebendig zu vergraben oder wohl gar, wie es mehr als wahrscheinlich ist, sie zum Teil heimlich, durch Gift oder Strang, aus der Zahl der Lebendigen verschwinden zu lassen. Folgende beiden Billets, welche sich unter den aus der Bastille geretteten Papieren finden, scheinen die Wirklichkeit dieses orientalisch despotischen Verfahrens nur zu sehr außer Zweifel zu setzen: 1. Ein Billet des Hrn. v. S., Lieutenant-Général de Police, an Herrn Delaunay, Gouverneur der Bastille: Je vous envoie, mon cher Delaunay, lenommé F.C`est un trèsmauvais sujet; vous le garderez pendant huit jours, après lesquels vous vous en déférez. Unterzeichnet: de S. Note am Fuß dieses Billets, von der Hand des Hrn. Delaunay: Le Juin, fait entrer le nommé F. et après le temps fixé, renvoyé chez Msr. de S. pour savoir saus quel nom il vouloit le faire enterrer. 2. Ein Billet des Herrn Chevalier, vermutlich an den nämlichen Polizeidirektor: A la Bastille, le 13 Sept. 1772 Monsieur, J'ai l'honneur de vous envoyer ci-joint les trois papiers que j'ai communiqués au Sieur Billard ; avec la réponse que ce prisonnier y a faite. Plus vous trouverez, Monsieur, un paquet du Sieur Nerot. La tête du Sieur de la Riviere est toujours fort échauffée, et je commence à désespérer que sa pauvre tête puisse guérir sans qu'on lui fasse le remède . Je suis avec un profond respect, Monsieur, vôtre trés-humble et obéissant serviteur, Unterzeichnet: Chevalier. Auf den Rand dieses letzten Billets waren, vermutlich von der Hand des Lieutenant-Général de Police, die Worte ›à pendre‹ geschrieben, und so bezeichnet, war dieser Brief, statt einer Antwort, nach der Bastille zurückgesandt. Was konnte dies anders bedeuten, als daß die Arzenei, womit man den Kopf des armen Rivière zurechtzusetzen habe, der Strang sein solle? In einer der beiden unterirdischen Grüfte fand man am Tage der Eroberung der Bastille einen Toten. Ob derselbe eines natürlichen oder gewaltsamen Todes gestorben sei, scheint in jenen stürmischen Tagen ununtersucht geblieben zu sein. Genug von dieser greulichen Burg, an deren Stelle sich nun bald ein herrliches Denkmal der Erlösung von den Schrecknissen der willkürlichen Alleingewalt erheben wird! Georg Forster Ansichten vom Niederrhein, von Barbant, Flandern, Holland, England und Frankreich im April, Mai und Junius 1790 Antwerpen Endlich haben wir erfreuliche Sonnenblicke statt des ewigen Nebels und Regens, der uns das Vergnügen unserer Küstenfahrt ein wenig schmälerte. Nur in Dünkirchen lächelte die Sonne einmal zwischen den Wolken hervor, und diesen heitern Zwischenraum ließen wir nicht unbenutzt. In den fünf Tagen, die wir auf der Reise von Lille hierher zugebracht haben, sind uns indes so viele Gegenstände von mancherlei Art vor dem äußern und innern Sinne vorübergegangen, daß Du Dich auf einen langen Bericht gefaßt halten mußt. Wir ruhen hier aus, ehe wir von neuem unsere Augen und unsern Geist zur Beobachtung dieser großen Stadt anstrengen, die ihren Ruhm überlebt hat. Es gibt vielleicht keine Arbeit, welche so die Kräfte erschöpft als dieses unaufhörliche, mit aufmerksamer Spannung verbundene Sehen und Hören; allein wenn es wahr ist, daß die Dauer unseres Daseins nur nach der Zahl der erhaltnen Sensationen berechnet werden muß, so haben wir in diesen wenigen Tagen mehrere Jahre von Leben gewonnen. Der Weg von Lille nach Dünkirchen führte uns über Armentières, Bailleul, Cassel und Bergen. Es regnete beinah unablässig den ganzen Tag; allein ob uns gleich die Aussicht dadurch benommen ward, bemerkten wir doch, daß sie im Durchschnitt denen im Hennegau ähnlich bleibt. In Armentières hielten wir uns nicht auf, so gern wir auch die dortigen Leinwandbleichen in Augenschein genommen hätten, wo man bereits die wichtige Erfindung des französischen Chemikers Berthollet, mit dephlogistizierter Salzsäure schnell, sicher und unübertrefflich schön zu bleichen, in Ausübung gebracht haben soll. Die preußischen Bleichanstalten im Westfälischen folgen bereits diesem Beispiel, und selbst in Spanien wird diese Methode schon angewendet. In Bailleul hörten wir das Volk auf dem Markte schon wieder flämisch sprechen, und diese Sprache geht bis Dünkirchen fort. Das Französische in dieser Gegend ist ein erbärmliches patois oder Kauderwelsch; es ist nicht sowohl ein Provinzialdialekt als eine Sprache des Pöbels, der nicht seine eigene Muttersprache, sondern eine erlernte spricht. Die hiesige Menschenrasse ist groß und wohlgebildet; vielleicht bezieht sich die französische Redensart, im grand flandrin, auf diese Größe, wiewohl sie auch den Nebenbegriff des Tölpischen oder Ungeschickten mit sich führt. In allen diesen Städtchen tragen die Weiber jene langen Kamelottmäntel wie im Hennegau; nur daß wir unter vielen grauen auch einige scharlachfarbene sahen. Wir hielten unsere Mittagsmahlzeit zu Cassel (Mont-Cassel), das wegen seiner romantischen Lage auf einem Berge so berühmt, übrigens aber ein unbedeutender kleiner Ort ist. Im Sommer, an einem hellen Tage, wäre es fast nicht möglich, sich von diesem Anblick loszureißen. Die nächsten Hügel haben malerische Formen und sind ganz mit Wald gekrönt. Die unabsehlichen Gefilde von Flandern, Hennegau und Artois liegen ausgebreitet da und verlaufen sich in die dunkelblaue Ferne, wo nur die hohen Kirchtürme von Bergen, Dünkirchen, Fürne, Ypern und anderen Städten wunderbar hinausragen und ein Gefühl von Sicherheit und ruhiger Wohnung in dieser schattigen, mit unendlichem Reichtum abwechselnder Formen geschmückten Gegend einflößen. O dies ist das Land der lieblichen, der kühlen Schatten! Hier begrenzen die hochbewipfelten, schlanken Ulmen, Espen, Pappeln, Linden, Eichen und Weiden jedes Feld und jeden Weg, jeden Graben und jeden Kanal; hier laufen sie meilenweit fort in majestätischen Alleen, bekleiden die Heerstraßen oder sammeln sich in Gruppen auf den weiten Ebenen und den Anhöhen, um die zerstreuten Hütten und um die stillen Dörfer. Die Anmut, die Mannigfaltigkeit und Pracht dieser hohen, schöngestalteten Bäume verleiht den hiesigen Landschaften einen eigentümlichen Charakter. Der Teppich der Wiesen ist in diesen nassen Tagen herrlich grün geworden; die Weizenäcker schimmern mit einer wahrhaften Smaragdfarbe; die Knospen der Bäume wollen trotz dem kalten Hauch der Nordwinde ihren Reichtum nicht länger verschließen; die Kirsch- und Birn- und Äpfelbäume in den Gärten, die Pfirsich und Aprikosenbäume an den Mauern öffnen mitten im Regen ihre Blüten. Bei dieser üppigen Pracht des Frühlings entbehrten wir dennoch den Anblick der Dünen und des Meeres, den uns der Nebel neidisch verhüllte. Jener unermeßliche blaue Horizont, der sich an die Wölbung des azurnen Himmels anschließt, muß der hiesigen Aussicht eine erhabene Vollkommenheit geben, die nur in wenigen Punkten unserer Erde erreicht werden kann. Der Hügel, von welchem wir diesen Anblick genossen, scheint ein bloßer Sandhügcl zu sein, deren es hier mehrere gibt, die weiter durch das Artois in die Picardie hinein fortsetzen und vermutlich auf Kalk stehen. Vor Lille und in der dortigen Gegend findet man sehr weißen Kalkstein und in der Picardie bekanntlich, wie in England, Kreide. Die Schönheit der Landschaft war plötzlich, wie durch einen Zauber, verschwunden, sobald wir die kleine Festung Bergen (oder St. Winoxbergen) hinter uns gelassen hatten. Wir befanden uns auf einer niedrigen offenen Fläche, wo, außer einigen Reihen von abgekappten Weiden in allerlei Richtungen, sonst kein Baum und keine Hecke zu sehen war. Die ganze ungeheure Ebene stand auf Wiesen und Viehtriften und war längs dem Seeufer von nackten, weißen Sandhügeln, den sogenannten Dünen, umgeben. An einigen Stellen stach man Lehm zu Ziegeln, die sich gelb brennen lassen; übrigens aber schien uns alles öde und leer, zumal nach dem Anblick einer solchen Gegend, die wir eben verlassen hatten. Der Steindamm, auf welchem wir fuhren, war indes unverbesserlich, und bald erreichten wir das kleine, geschäftige Dünkirchen, welches, wie sein Name deutlich zu erkennen gibt, in den Dünen angelegt worden ist. Durch die Länge der Zeit und durch den Anbau ist aber alles dergestalt weggeebnet und abgetragen worden, daß man keine Erhöhung mehr gewahr wird und nur in einiger Entfernung zu beiden Seiten der Stadt die Hügel fortstreichen sieht. Die unregelmäßige Gestalt dieser Sandhaufen, die sich wie die stürmischen Wellen des Meeres, das sie bildete, dem Auge darstellen, höchstens aber vierzig Fuß in senkrechter Linie über die Wasserfläche hinausragen und mit einigen Pflänzchen spärlich bewachsen sind, gibt der Gegend etwas Befremdliches, Verödetes, Abschreckendes. Ihre Veränderlichkeit verursacht den Einwohnern dieser Küsten manche Besorgnis; die Winde können den Flugsand, woraus die Dünen bestehen, stellenweis ganz verwehen und eine Lücke machen, wo das Meer bei außerordentlichen Fluten leicht durchbricht, sich in die niedrige Fläche ergießt und den lebendigen Geschöpfen sowohl als dem Lande selbst das Dasein raubt. Wo diese fürchterlichen Katastrophen auch nicht erfolgen, sind wenigstens die angrenzenden Äcker und Wiesen dem Versanden ausgesetzt, welches sie auf ganze Jahrhunderte hinaus unbrauchbar macht. Nicht weit von Dünkirchen, auf der flandrischen Grenze, zeigte man uns ein merkwürdiges Beispiel von der Wirkung der Stürme. Ein Kirchturm stand im Sande vergraben, und nur seine Spitze ragte noch hervor. Das Pfarrhaus war gänzlich verschwunden, und man hatte sich genötigt gesehen, weiter östlich den Dünen das ganze Dorf neu anzulegen. Auch die Kaninchen, die in diesen Sandhügeln häufig graben und wühlen, tragen zur Schwächung dieser Vormauer gegen die See das ihrige bei. Wir hofften vergebens, beim ersten Anblick von Dünkirchen den Gegenstand der Eifersucht einer großen Nation an irgendeinem auffallenden Zuge zu erkennen. Die Stadt ist nichts weniger als glänzend, ob sie gleich 30000 Einwohner zählt, die mehrenteils von der Schiffahrt leben. Allein die Nähe der englischen Küste begünstigt hier den Schleichhandel und in Kriegeszeiten die Kaperei so sehr, daß England mehr als einmal auf die Vernichtung des Ortes bedacht gewesen ist und in seinen Friedenstraktaten mit Frankreich die Demolition des Hafens und der Festungswerke bedungen hat. Von seiten Frankreichs aber hat man diese Bedingung jederzeit unerfüllt gelassen, und im Grunde gibt es auch kein wirksames Mittel gegen den Schleichhandel, das einzige ausgenommen, dessen sich der Minister Pitt durch den Kommerztraktat bedient hat, die Herabsetzung der Zölle, wodurch der rechtmäßige Kaufmann einen reichlicheren Absatz gewinnt, indem das Risiko des Kontrebandiers zu groß wird. Dieser Traktat scheint wirklich schon auf den Wohlstand von Dünkirchen einige nachteilige Wirkungen zu äußern, wiewohl die vielen Fabrikanstalten es noch aufrechterhalten. Es sind hier verschiedene ansehnliche englische Handlungshäuser etabliert, und das reichste Comptoir im ganzen Orte gehört der irländischen Familie Conolly. Auch sieht man mehrere englische Kaffeehäuser, wo alles nach der in England üblichen Art eingerichtet ist und nichts als Englisch gesprochen wird. Eine der größten Fabriken, die Gerberei vor der Stadt, ist ebenfalls eines Engländers Eigentum. Gleich daneben liegt ein großes Glashaus, welches Flaschen von grünem Glase liefert. Einer von den wichtigsten Handelsartikeln in Dünkirchen ist der Wacholderbranntwein (genièvre), wovon ansehnliche Quantitäten nach England gehen und, weil noch immer eine sehr schwere Abgabe darauf haftet, mehrenteils auf verbotenem Wege hineingeführt werden. Dort, wie in den Niederlanden, hält man dieses Getränk für eine Panazee in Magenbeschwerden; ein Vorurteil, das schon manches Leben verkürzt hat. Vor diesem zog man allen Wacholderbranntwein aus Holland; jetzt destillieren ihn die Einwohner von Dünkirchen selbst, seitdem sie einige Holländer, die sich darauf verstanden, zu sich herübergelockt haben. Nicht minder wichtig für Dünkirchen ist die Raffinerie des Kochsalzes, welche gegen zwanzig Siedereien beschäftigt. Eine übelverstandene Geheimniskrämerei scheint jedoch bei den Eigentümern obzuwalten; denn man wies uns von zweien sogar mit einiger Ungefälligkeit zurück, wiewohl das ganze hiesige Geheimnis vermutlich nur darin besteht, daß man statt der viereckigen Pfannen runde braucht. Das Salz wird aus französischem Steinsalz bereitet und ist verhältnismäßig sehr wohlfeil. Man leitet das Seewasser unmittelbar in die Behälter, wo jenes Salz aufgelöset wird; allein diese Bequemlichkeit der Lage wird durch das Ungemach, an gutem Trinkwasser Mangel zu leiden, gar zu teuer erkauft. Keiner von den Brunnen ist nur erträglich, und die Einwohner müssen sich kümmerlich genug mit Regenwasser behelfen. Im Sommer ist daher Dünkirchen ein ungesunder Aufenthalt. Das Portal der Pfarrkirche hat mir dort gefallen. Ein schönes Fronton von richtigen Verhältnissen ruht auf einer Reihe prächtiger korinthischer Säulen; und wäre nicht die Füllung mit häßlichen, pausbackigen Engelsköpfen und steinernen Wolken verunstaltet und ständen nicht über den Ecken des Frontons ein paar verunglückte pastetenähnliche Türmchen, so wäre es wirklich mit dem einfachen »Deo S.«, statt aller Aufschrift, eines der schönsten, die ich gesehen habe. Die Gemälde von Reyns, Pourbus, Elias, Leys und Claaßens, die das Innere der Kirche verzieren, kann ich füglich mit Stillschweigen übergehen. Daß aber eine Stadt mit 30000 Einwohnern nur eine Pfarrkirche hat, ist ein trauriger Beweis von dem verkehrten Einfluß der Mönche, denen es hier an Klöstern nicht gebricht. Seit zwölf Jahren zum ersten Mal begrüßte ich hier wieder das Meer. Ich werde Dir nicht schildern können, was dabei in mir vorging. Dem Eindrucke ganz überlassen, den dieser Anblick auf mich machte, sank ich gleichsam unwillkürlich in mich selbst zurück, und das Bild jener drei Jahre, die ich auf dem Ozean zubrachte und die mein ganzes Schicksal bestimmten, stand vor meiner Seele. Die Unermeßlichkeit des Meeres ergreift den Schauenden finstrer und tiefer als die des gestirnten Himmels. Dort an der stillen, unbeweglichen Bühne funkeln ewig unauslöschliche Lichter. Hier hingegen ist nichts wesentlich getrennt; ein großes Ganze, und die Wellen nur vergängliche Phänomene. Ihr Spiel läßt nicht den Eindruck der Selbständigkeit des Mannigfaltigen zurück; sie entstehen und türmen sich, sie schäumen und verschwinden; das Unermeßliche verschlingt sie wieder. Nirgends ist die Natur furchtbarer als hier in der unerbittlichen Strenge ihrer Gesetze; nirgends fühlt man anschaulicher, daß, gegen die gesamte Gattung gehalten, das einzelne nur die Welle ist, die aus dem Nichtsein durch einen Punkt des abgesonderten Daseins wieder in das Nichtsein übergeht, indes das Ganze in unwandelbarer Einheit sich fortwälzt. Der Hafen von Dünkirchen ist klein, beinahe gänzlich durch Menschenhände gebildet und so seicht, daß er nur kleine Schiffe aufnehmen kann. Innerhalb desselben ist ein vortrefflich eingerichtetes Bassin, wo die Schiffe ausgebessert und neue vom Werft hineingelassen werden. Wir sahen und bewunderten die mechanischen Kräfte, wodurch man eine von diesen großen Holzmassen auf die Seite legte und ihr einen neuen Boden statt des ganz vermoderten gab. Die Sandbänke vor dem Eingang des Hafens und seine Krümmungen zwischen den Steindämmen (jetées) zu beiden Seiten gewähren den Schiffen vollkommene Sicherheit, sosehr sie ihnen auch das Ein- und Auslaufen erschweren. Die Dämme erstrecken sich weit ins Meer hinaus und bestehen aus eingerammelten Pfosten, die mit verflochtenem Strauchwerk oder sogenannten Faschinen verbunden sind und zwischen deren Reihen man alles mit Granit- und schwarzen Jaspisblöcken ausgefüllt hat. Auf jeder Seite des Hafens liegt eine kleine Schanze, welche den Eingang bestreicht. Es war jetzt Ebbezeit, und auf dem entblößten Sande lagen Seesterne, Meernesseln, Korallinen, Madreporen, Muscheln, Seetang, kleine Krebse, kurz, allerlei, was in den Fluten Leben hat, in Menge angeschwemmt. Insbesondere erstaunten wir über die vielen viereckigen, gehörnten kleinen Beutelchen von einer glatten, schwarzen, faserigen, lederartigen Substanz, die man Seemäuse nennt, ob sie gleich eigentlich die Hülsen oder Eierschalen der jungen Rochen sind. Wir beschäftigten uns einige Zeit mit der Einsammlung dieser Naturalien. Plötzlich umleuchtete uns die Sonne. Die düstre graue Farbe des Wassers verwandelte sich in durchsichtiges, dunkelbläuliches, auf den Untiefen blasseres Grün; die Brandung an den äußersten Sandbänken schien uns näher gerückt und brauste schäumend daher wie eine Schneelawine; große Strecken des Meeres glänzten silberähnlich im zurückgeworfenen Licht, und am fernen Horizonte blinkten Segel wie weiße Punkte. Eine neue Welt ging uns auf. Wir ahndeten in Gedanken das gegenüberliegende Ufer und die entfernten Küsten, die der Ozean dem kühnen Fleiße des Menschen zugänglich macht. Wie heilig ist das Element, das Weltteile verbindet! Die wiederkehrende Flut, die allmählich alle Sandbänke bedeckte, rief uns von unserm Staunen in den engem Kreis der menschlichen Geschäftigkeit zurück. Wir trockneten unsere eingesammelten Schätze am Feuer und machten uns zur Abfahrt nach Fürnen (Veurne) fertig. Ehe ich aber mit meiner Erzählung weitereile, will ich Dir mit zwei Worten das Theater beschreiben, das wir noch am Abend unserer Ankunft in Dünkirchen besuchten. Truppe, Orchester und Publikum - alles schien uns Karikatur. Das Parkett, der Balkon und fast alle Logen waren mit Offizieren angefüllt; denn es liegen hier zwei Regimenter in Besatzung. Von der lärmenden Konversation, die uns in den Ohren gellte, hat man keinen Begriff; man hätte denken sollen, morgen würde den Herren ewiges Stillschweigen auferlegt und hier bedienten sie sich zum letzten Mal der Ungebundenheit ihrer Zunge. Sobald die Vorstellung anging, ward es noch ärger; der ganze Schwarm sang oder heulte alle Arien der Operette nach. Zum Glück waren die Schauspieler so schlecht, daß es ziemlich gleichgültig sein konnte, wer uns die Zeit vertriebe. So urteilte aber das hiesige Publikum nicht; vielmehr schien es an dem Geplärr, den Gestikulationen und dem ziemlich derben Scherz seiner Histrionen großes Wohlbehagen zu finden. Ich glaube, dieser ungebildete Geschmack bezeichnete nicht bloß den Unterschied zwischen der Provinz und der Hauptstadt; die Verschiedenheit der Abstammung trägt gewiß auch das ihrige dazu bei. Die flämischen Organe sind um einige Grade gröber als die französischen, und, bekanntlich, je roher der Mensch, desto plumper muß die Erschütterung sein, die seine Sinne befriedigt. Mozarts und Paesiellos Kunst wird an die Midasohren verschwendet, die nur für Ditters' Gassenhauer offen sind. Ebenso unempfänglich bleibt ein schlaffes ungebildetes Publikum für das Talent eines Schauspielers, der die Natur in ihren zartesten, verborgensten Bewegungen erforscht und ihre Bescheidenheit nie überschreitet; wenn hingegen der Kasperl mit lautem Beifall Possen reißt oder, was noch ärger ist, ein mittelmäßiger Akteur die abenteuerlichen Verzerrungen und die schwülstigsten Deklamationen als echte dramatische Begeisterung geltend macht. Irre ich indes nicht, so sind die hiesigen Einwohner von manchem französischen Nationalfehler frei, ob sie gleich in Gesellschaft weniger glänzen; die ungezwungene Artigkeit ihrer südlichen Nachbarn gattet sich sehr angenehm zu ihrer eigenen Simplizität und Bonhomie und bildet zwischen den Flämingern und Franzosen eine Zwitterrasse, der man leicht die gute Seite abgewinnt. Die Barke nach Fürnen geht täglich um drei Uhr nachmittags auf dem Kanal von hier ab, durch eine ärmliche, wenig bebaute und fast gar nicht beschattete Fläche, über welche diesmal ein scharfer, kalter Wind hinstrich, der uns, trotz unseren Mänteln, ganz durchdrang. Dazu trug freilich die Gebrechlichkeit des Fahrzeuges viel bei. Der innere Raum desselben stand voll Wassers und erhielt den Fußboden beständig angefeuchtet; auch waren in der Kajüte alle Fenster zerschlagen, und der Wind hatte überall freies Spiel. Desto mehr bewunderten wir den Fleiß unserer Gesellschafterinnen, einer reichen Kaufmannsfrau aus Dünkirchen und ihrer achtzehnjährigen Tochter, die in einem fort strickten. Bei dem Dorfe Hoyenkerken befanden wir uns wieder auf flandrischem Boden und wurden von den Zollbedienten visitiert. Abends gegen neun Uhr traten wir zu Fürnen im Stadthaus oder vielmehr in der Conciergerie ab, welche fast durchgehends in allen flandrischen Landstädten ein Wirtshaus vorstellt. Wir hatten diesmal Ursache, mit unserer Bewirtung vollkommen zufrieden zu sein, und bezahlten die Ehre, auf dem Schlafzimmer unserer Reisegefährtinnen zu speisen, bloß mit der geduldigen Aufmerksamkeit, die wir ihrer Familiengeschichte widmen mußten. Das kleine Städtchen hatte am Morgen ein freundliches Ansehen; die Häuser verkündigten, ihrer altmodigen Bauart ungeachtet, einen gewissen Wohlstand, und die Straßen waren so breit und so reinlich gehalten, daß man es ihnen nicht anmerkte, welcher Handelszweig die Einwohner bereichert. Fürnen ist der größte Viehmarkt in Flandern, der die angrenzenden Provinzen von Frankreich mit fetten Ochsen versieht, und die Kastellanei, der dieser Ort seinen Namen gibt, hat die vortrefflichsten Weiden im ganzen Lande. Die umliegende Gegend wird von Kanälen nach allen Richtungen durchschnitten, und auf einem derselben schifften wir uns wieder nach Nieuwport ein. Unsere Barke war jedoch nicht besser als die von Dünkirchen, und selbst der Kanal hatte ein vernachlässigtes Aussehen, woraus man ziemlich sicher schließen darf, daß diese Reiseroute nur selten besucht wird. Der ärmliche Anblick von Nieuwport führte uns nicht in die Versuchung, so lange dazubleiben, bis die Barke nach Oostende abginge; wir mieteten lieber ein kleines Fuhrwerk mit einem Pferde, das unbehülflichste Ding, in dem ich je gefahren bin, und setzten unsere Reise zu Lande fort. In dem kleinen Hafen zählten wir nur fünfzehn Fahrzeuge von ganz unbedeutender Größe, die jetzt während der Ebbe insgesamt auf dem Sande trocken lagen. Der hiesige Handel ist übrigens so geringfügig, daß sich mitten am Tage fast niemand auf der Straße regte. Unter den Fischerhütten, aus denen das kleine Städtchen besteht, bemerkten wir kaum ein gutes Gebäude. Jetzt fuhren wir also über eine weite kahle Ebene, wo die Viehtriften, die Gräsereien und Wiesen mit einigen Äckern abwechselten. Die große Anzahl der umherliegenden, mit Gemüs- und Obstgärten umgebenen Dörfer bezeugte gleichwohl die starke Bevölkerung dieser Gegend von Flandern. Allein so nahe an den unfruchtbaren Dünen waren die Kühe auf der Weide sehr mager und klein, die Pferde kurzbeinig und von plumper Gestalt. Die kümmerliche Nahrung dieses Sandbodens scheint dem genügsamen Esel angemessener zu sein; auch sahen wir diese Tiere überall haufenweis am Wege und zu mehreren Hunderten auf den Marktplätzen in Dünkirchen und Oostende, mit den Erzeugnissen des Landes beladen. Wir hatten gelacht, als man uns in Brüssel erzählte, daß, wenn die Niederländer ihre Unabhängigkeit nicht mit Würde behaupten könnten, sowohl England als ein anderer Nachbar die Gelegenheit wahrnehmen dürfte, um ihnen das Schicksal ohnmächtiger und uneiniger Republiken zu bereiten, wovon dieses Jahrhundert schon mehr als ein Beispiel sah. Bei unserer Ankunft in Oostende aber schien uns der Anfang zur Ausführung schon gemacht und dieser Ort in eine englische Seestadt verwandelt. Das dritte oder vierte Haus ist immer von Engländern bewohnt, und nicht etwa nur Kaufleute und Mäkler, sondern auch Krämer und Professionisten von dieser Nation haben sich hier in großer Anzahl niedergelassen. Daher bemerkt man auch in den Sitten und der Lebensart der hiesigen Einwohner eine sichtbare Übereinstimmung mit denen der britischen Inseln, die sich auf den Hausrat, die Zubereitung der Speisen und die Lebensmittel selbst erstreckt. So wahr ist es, daß diese unternehmende Nation, die bereits den Handel der halben Welt besitzt, keine Gelegenheit unbenutzt lassen kann, um sich eines jeden neuen Zweiges, der etwa hervorsproßt, zu bemächtigen. Wo ihre Schiffe nicht unter ihrer eigenen Flagge fahren, müssen fremde Namen sie decken. Mit ihren Kapitalen und unter ihrem Einfluß handelt Schweden nach Indien und China, und indes Holland durch die Auswanderung so vieler reicher Familien, durch die nachteilige Verbindung mit Frankreich und eine Reihe von zusammentreffenden Unglücksfällen einen unheilbaren Stoß erlitten hat, indes Frankreichs Handel wegen seiner inneren Gärung darniederliegt, indes Dänemark ungeachtet eines fünfzigjährigen Friedens von seinen Administratoren zugrunde gerichtet ist und Spanien und Portugal durch Piastern und Diamanten weder reich noch mächtig werden können, blüht Englands Handel überall, umfaßt alle Weltteile und hat seit dem heilsamen Verlust der Kolonien einen unglaublich großen Zuwachs erhalten. Diese bewundernswürdige Tätigkeit ist so augenscheinlich das Resultat der bürgerlichen Freiheit und der durch sie allein errungenen Entwickelung der Vernunft, daß selbst die äußerste Anstrengung der Regierungen in anderen Ländern, dem Handel aufzuhelfen, bloß an den Gebrechen der Verfassungen hat scheitern müssen. Was ein Monarch für die Aufnahme des Handels tun kann, hat Joseph II. hier großmütig geleistet. Der Hafen von Oostende ist ein Denkmal seiner tätigen Verwendung für die Wohlfahrt der Niederlande; doch Vernunft und vernünftige Bildung konnte die Regentenallmacht nicht schaffen; das Gefühl von eigener Kraft und eigenem Wert, das nur dem freien Menschen werden kann, vermochte selbst Joseph nicht heraufzuzaubern. Oostende ist übrigens nur ein schlechter Ersatz für die geschlossene Schelde. Die Küste läuft in gerader Richtung, ohne Einbucht fort, und der Zugang zu dem Hafen wird durch viele Untiefen erschwert und unsicher gemacht. Zwischen zwei Dämmen sieht man die kleine, enge, unbequeme Öffnung, die nur bei gewissen Winden und nur mit der Flut zugänglich ist. Daher steht am Eingang, auf der Batterie, die ihn bestreicht, ein hoher Flaggestock errichtet, wo man eine Flagge ganz zuoberst wehen läßt, solange es hohes Wasser ist; bei halber Ebbe läßt man sie am halben Stocke herunter, und sobald das Wasser den niedrigsten Standpunkt erreicht, wird sie ganz eingezogen. Alsdann liegen die Schiffe beinahe trocken im Hafen. Wir zählten in allem nur vierzig Fahrzeuge, obgleich der Hafen eine weit größere Anzahl aufnehmen kann. Eigentlich ist er nur ein tief ausgegrabener Kanal mit einem dauerhaften pilotis zu beiden Seiten, zwischen welchem ein festes Geflecht von Strauchzäunen in vielen Reihen übereinander fortläuft. Dadurch sucht man zu verhindern, daß die Ebbe und Flut den Hafen nicht versande, indem sie den Sand vom Ufer mit sich fortreißt. Über jeder jetée stehen Baken aufgepflanzt, und links an der Mündung des Hafens dient eine Säule mit großen, klaren Laternen den Schiffenden des Nachts zum Merkzeichen. In den Hafen öffnen sich mehrere geräumige Bassins; allein bei allen diesen kostbaren Einrichtungen kämpft man vergebens mit den Schwierigkeiten der Lage, mit der geringen Tiefe, mit der unvermeidlichen Verschlammung und mit der Veränderlichkeit der Sandbänke längs der Küste. Oostende hatte nur einen glänzenden Augenblick; den nämlich, als es der einzige neutrale Hafen an der Küste war, als während des amerikanischen Krieges England, Frankreich und Holland wechselseitig ihren Handel der feindlichen Kaperei preisgeben mußten und des Kaisers Flagge allein unangefochten den Ozean beschiffte. Die Geschäftigkeit und der Wohlstand jenes Zeitpunktes verschwanden aber mit dem Friedensschlusse um so plötzlicher, da sie nicht sowohl Wirkungen der eigenen belgischen Betriebsamkeit als vielmehr täuschende Erscheinungen waren, welche fremde Kaufleute hier zuwege gebracht hatten. Auch die freie Schiffahrt nach Ostindien, welche Joseph II. diesem von ihm so sehr begünstigten Hafen trotz der holländischen Reklamation zusicherte, blieb so unbedeutend, daß sie auf den Flor von Oostende keinen Einfluß hatte. Ist es nicht erlaubt, bei jener widersinnigen Einschränkung des belgischen Handels, bei dem Verbot, nach Indien zu schiffen, bei der Verschließung der Schelde, über den Ton mancher Publizisten zu lächeln, die das heilige Wort Recht noch auszusprechen wagen? Diese unnatürliche Forderung der Holländer an ihre Nachbarn ist der siegreichste Beweis, daß die Eifersucht der Staaten, wo sie sich zur Übermacht gesellen kann, ohne Bedenken alle, selbst die evidentesten Rechte der Menschheit verletzt und alle Grenzen des Völkerrechts willkürlich überschreitet. Josephs Vorfahren mußten sich diese durch keinen Vorwand zu beschönigende Gewalttätigkeit gefallen lassen, weil das Schicksal es so wollte. Und wer forderte dieses unbillige Opfer? Wer verbot den Brabantern, auf ihren eigenen Flüssen in See zu fahren? Dasselbe Volk, das über Ungerechtigkeit schrie, als Englands Häfen ihm nicht offen blieben, das über Cromwells berühmte Navigationsakte, dieses Bollwerk des englischen Seehandels, die Welt mit seinen Wehklagen erfüllte. Die Geschichte ist ein Gewebe von ähnlichen Inkonsequenzen und Widersprüchen; die Verträge der Nationen untereinander, wie die der Fürsten mit ihren Untergebenen, sind fast nirgends auf natürliches Recht, auf Billigkeit, die der Augenschein und der gerade Verstand zu erkennen geben, gegründet; überall zwingt der Übermut des Mächtigeren dem Schwachen eine Aufopferung ab, die kein Mensch von dem andern zu fordern berechtigt ist und die dann auch nicht länger gelten kann, als die Gewalt fortdauert, welche sie ertrotzte. Wir wundern und ärgern uns, daß jedes Jahrzehent uns immer wieder dasselbe Schauspiel gibt, welches bereits seit Jahrtausenden die Völker entzweite: daß die Grenzstreitigkeiten, die man längst beigelegt glaubte, immer von neuem ausbrechen; daß die Federn der Diplomatiker und Staatsmänner unaufhörlich mit Deduktionen beschäftigt sind, worin man sich auf beschworene Verträge, auf anerkannte Vergleichspunkte und darin gegründete Ansprüche beruft; daß die streitenden Höfe zu einer subtilen Auslegungskunst, zu bequemen Retizenzen, zu schwankenden vieldeutigen Ausdrücken ihre Zuflucht nehmen und endlich doch den verworrenen Knoten mit dem Schwerte lösen. Allein die fruchtbare Quelle ihrer Mißhelligkeiten strömt unvermindert fort; und wer begreift nicht, daß sie nie versiegen kann, solange man von Friedenstraktaten, Verfassungen und Gesetzen ausgeht, die, weil sie nicht auf dem unerschütterlichen Grunde der allgemeinen vernünftigen Natur des Menschen ruhen, sondern Konvenienzen des Augenblickes oder Blendwerke politischer Sophismen sind, die Feuerprobe der Wahrheit nicht bestehen können? Keiner Nation, keiner Macht, keinem Stande wird tausendjähriger Besitz ein unveräußerliches Recht übertragen: die Ansprüche der Vernunft auf alle Menschenrechte dauren ewig und werden durch gewalttätige Übertäubung eher verstärkt als verjährt. Nach tausend und zehntausend Siegen der räuberischen Übermacht, die nur das Maß ihrer Ungerechtigkeit häufen, kehrt der wahre, dauernde Friede dann erst zurück, wenn jeder Usurpation gesteuert worden und jeder Mensch in seine Rechte getreten ist. Wir würden den Tyrannen verwünschen hören, der dem einzelnen Menschen das freie Verkehr auf offener Heerstraße, außer den Mauern seines Hauses oder den Grenzen seines Erbstückes untersagte; unser Gefühl empört sich wirklich, wenn wir nur von Verboten dieser Art lesen, die ein asiatischer Herrscher ergehen läßt, sooft es ihm gefällt, seine Herde von Beischläferinnen frische Luft schöpfen zu lassen. Wer indes zugeben will, daß eine despotische Gewalt rechtmäßig sein könne, dem ließe sich auch diese willkürliche Anwendung derselben als gesetzmäßig erweisen. Die Verordnungen der japanischen und chinesischen Kaiser, die von ihren Reichen alle Fremden entfernen, scheinen uns zwar elende Verwahrungsmittel einer feigen, mißtrauischen, kurzsichtigen Politik; allein wir bestreiten nicht das Recht dieser Despoten, innerhalb der Grenzen ihres Landes jedem Ausländer den Zutritt zu wehren oder zu gestatten. Hingegen das ausschließende Eigentumsrecht irgendeines Volkes zum Ozean ist eine so lächerliche Absurdität, daß der Übermut gewisser Seemächte statt einer Anerkennung ihrer Anmaßungen nur den Haß, den Neid und Groll der Nebenbuhler hat erregen können. Wo bleibt also nun der Schatten des Rechts, kraft dessen die Holländer ihren Nachbarn die Scheide verschließen und den Handel auf dem Meere verweigern durften? Der allgemeine Kongreß des Menschengeschlechtes müßte allenfalls einstimmig beschlossen haben, daß die Belgier ihre Flüsse von der Natur umsonst empfangen, daß der Ozean vergebens ihre Küsten bespült; doch, was sage ich, auch dieser Ausspruch würde noch ungerecht sein, wenn nicht zugleich ein Nationalverbrechen erwiesen werden könnte, das jene Ausschließung als Strafe oder vielmehr als Notwehr nach sich zöge. Ein solches Verbrechen aber, einer ganzen Nation gegen die ganze Menschengattung, worin anders könnte es bestehen als in einer gänzlichen Verkennung aller Rechte der Nachbarn; Das strafbare Volk müßte selbst entweder aus eigener Willkür oder im gemißbrauchten Namen der Gottheit die Welt unterjochen und ihre Bewohner unumschränkt beherrschen wollen, es müßte ein Volk von Eroberern oder von Priestern sein. Wie man einen Rasenden bindet, um nicht das Opfer seiner Wut zu werden, so sind auch alle Maßregeln erlaubt, welche die Selbsterhaltung gegen eine Gesellschaft von solchen Grundsätzen heischt; sobald sie fremdes Recht mit Füßen tritt, ist sie alles eigenen verlustig. Gegen die Römer, als sie nach der Alleinherrschaft über die bekannte Erde dürsteten, gegen Philipp II., gegen die Hildebrande und die Borgia sollte der allgemeine Völkerbund aufgestanden sein, ihre Schwerter und Zepter zerbrochen und ihren Mörderhänden Fesseln angelegt haben. Spaniens Ohnmacht zur Zeit des münsterischen Friedens drohte ja den europäischen Mächten mit keiner Universalmonarchie; die schwache Seele Philipps IV. durfte und konnte diesen Riesengedanken nicht denken. Allein das Schlimmste vorausgesetzt, so hatten doch die Belgier nicht verdient, statt ihres Herrschers zu büßen. Wenn also die unerbittliche Notwendigkeit ihnen damals eine stillschweigende Einwilligung in die Verschließung ihrer Flüsse abdrang, wird heute etwas anderes als dieselbe Furcht vor feindlicher Überlegenheit ihre Enkel abhalten können, ihr angebornes, nie zu veräußerndes Recht zurückzufordern und den schimpflichen Vergleich zu zerreißen? Ein zerrissener Vergleich, ein Riß im Westfälischen Frieden! Das sind freilich gräßliche Worte am Ohr des Aktenlesers, der über dieses Lesen seine Menschheit verwelken und verdorren ließ; allein wie mancher Schwertstich hat nicht schon das alte Pergament durchlöchert? Was die Potentaten von Europa einander garantierten, sollte freilich ewig dauern müssen; nur schade, daß die Erfahrung hier die Theorie so bündig widerlegt und jedem Fürstenvertrage keine längere Dauer verspricht als bis zur nächsten Gelegenheit, wo er mit Vorteil gebrochen werden kann. In der Seele der Politik ist ein Friedenstraktat vom Augenblick der Unterzeichnung an vernichtet: denn in diesem Augenblick hatte sie ihren Endzweck durch ihn erreicht. Gegen die Theorie selbst möchte der gesunde Verstand auch wohl erhebliche Einwendungen machen. Wie? es hätte nur der Übereinkunft etlicher hohlen oder schiefen Köpfe bedurft, um einem Volke den Gebrauch eines unteilbaren Elements einzuräumen und ihn dem andern abzusprechen? Dann könnte es wohl auch einem Friedenskongreß einfallen, diesem oder jenem Volke Luft und Feuer zu verbieten, oder ihm vorzuschreiben, wo und wenn es atmen solle? Doch es ist unmöglich, die Anmaßungen der Politiker hypothetisch weiter zu treiben, als sie wirklich in der Ausübung getrieben worden sind. Hat man sich doch allem, was der Menschheit heilig ist, zum Hohn nicht entblödet, in Friedensschlüssen vorzuschreiben, welche Modifikationen des Denkens und Glaubens erlaubt sein sollen! Es mag ein köstliches Ding um das Bündnis von 1648 sein, das doch bekanntlich den Ausbruch von zehn oder mehr blutigen Kriegen nicht verhindert hat; es mag einer gewissen Klasse von Menschen bequemer sein, den Krüppelbau der Politik auf seinem morschen Grunde fortzusetzen, als die ewigen Pfeiler, Natur und Vernunft , zu Stützen eines unerschütterlichen Friedenstempels zu wählen; einträglicher, den Stoff zu neuem Zwist und Kriege beizubehalten und die Beschlüsse der Unwissenheit und der Despotenarroganz für Quellen des Rechtes und Gesetzes auszuschreien, als jenes unselige Joch der Autoritäten abzuschütteln; nur hoffe man nicht, daß eine Gesetzgebung, der es an innerer Gerechtigkeit gebricht, aus Überzeugung befolgt werden könne; nur beschuldige man die Völker nicht des Mangels an Moralität, wenn sie Traktaten verletzen, deren Erhaltung einzig und allein auf Furcht und Eifersucht beruhte. Der Ozean ist keines Menschen Eigentum; er ist und bleibt allen gemein, die ihn benutzen wollen. Mit diesem »Refrain« will ich Oostende verlassen. Wir fuhren zu Lande nach Brügge. Bis an das Dorf Gessel sieht man immerfort jene kahle Fläche, die mit wenig Abwechselung für das Auge von den Dünen bis an die etwas höher gelegene Ebene von Flandern reicht. Zwischen Gessel und Jabick wechseln große Strecken Heide mit Eichen- und Buchengebüsch nebst einigen Fichten und einem reichlichen Vorrat von Pfriemen (Spartium scoparium); näher hin nach Brügge verdichtet sich der Eichenwald. Die Stadt ist von mittlerer Größe und nach altflämischer Art zum Teil sehr gut gebauet. Allein umsonst bemühten wir uns, in ihr die Spur des berühmten Handelsemporiums zu erblicken, das im vierzehnten Jahrhundert alle nordischen Nationen mit Waren des Luxus versorgte. Wir bestiegen die mit Recht gepriesene Barke, welche die Staaten von Flandern für die Fahrt nach Gent unterhalten. Hier vergaßen wir das Ungemach der bisherigen Reise; denn bequemer ist Kleopatra auf dem Cydnus und Katharina auf dem Dnepr nicht gefahren. Sowohl im Hinterteil als im Vorderteil dieses sehr geräumigen Fahrzeuges findet man eine schongetäfelte Kajüte mit großen Fenstern und weichgepolsterten Bänken. Die Reinlichkeit grenzt hier überall an Pracht und Eleganz. Eine dritte, noch geräumigere Abteilung in der Mitte diente den Reisenden aus der geringen Volksklasse zum Aufenthalt; daneben sind Küchen, Vorratskammern und Bequemlichkeiten aller Art zur Verpflegung der Passagiere angebracht. Das Kaminfeuer in unserer Kajüte verbreitete eine wohltätige Wärme, bei welcher wir in Erwartung der Mittagsmahlzeit unsere Anzeichnungen über das am vorigen Tage Gesehene ins reine brachten. Die Tafel wurde sehr gut und um billigen Preis serviert. Die Gesellschaft, die zuweilen fünfzig Personen stark sein soll, war diesmal zufälligerweise sehr klein und bestand aus einem Priester, einem Offizier der Freiwilligen von Brügge, einem französischen Nationalgardisten und Kaufmann aus Lille und einer Spitzenhändlerin aus Gent. Am Ton des flämischen Offiziers konnten wir sogleich abnehmen, daß er nicht zur aristokratischen Partei gehörte, die überhaupt in Flandern weder so viele noch so eifrige Anhänger als in Brabant haben soll. Die Ungezogenheit seiner Ausfälle gegen die Geistlichkeit, in Gegenwart eines dem Anschein nach bescheidenen Mannes von diesem Stande, konnte nur durch die Erbitterungen des Parteigeistes entschuldigt werden. Der Franzose hinterbrachte uns die Neuigkeit, daß der König von England nach Deutschland reisen würde, um seine Güter unweit Straßburg zu besehen. Wir versuchten es ihm begreiflich zu machen, daß vom Kurfürstentum Hannover die Rede sei; allein es war verlorne Mühe, seine geographischen Kenntnisse berichtigen zu wollen: Hamburg und Straßburg galten ihm gleich; genug, beide lagen jenseits der Allemagne françoise. Diese Unempfänglichkeit darf man indessen nicht geradezu Beschränktheit nennen; vielmehr ist sie nur die Folge jenes alles vor sich hinwerfenden Leichtsinnes, dem es so lächerlich scheint, in der Bestimmtheit gewisser für den jetzigen Augenblick nicht interessierender Begriffe ein Verdienst zu suchen, als wir die Verwirrung finden, die aus solchen Vernachlässigungen entspringt. Wir wissen freilich mehr und tun uns viel darauf zugute; allein ist es wohl eine Frage, wer von beiden an dem, was er hat, durch schnelle Verarbeitung und mannigfaltige Verbindung, der Reichste ist? Der Kanal ist sehr breit und wohl unterhalten; seine Ausgrabung zwischen den hohen Ufern muß große Summen gekostet haben. Anstalten dieser Art, die zuerst die Erhaltung des trocknen, dem Ozean abgewonnenen Landes, demnächst den Handel und zuletzt die Bequemlichkeit zur Absicht hatten, können nur nach und nach zu ihrer jetzigen Vollkommenheit gediehen sein. Fünf Pferde zogen uns in den stillen Gewässern dieses Kanals, ohne daß wir die leiseste Bewegung spürten. Der Wind begünstigte uns überdies, so daß wir ein großes Segel führten und in etwas mehr als sechs Stunden Gent erreichten. Hier standen schon mehrere Mietskutschen in Bereitschaft, um die Reisenden in ihr Quartier zu bringen. Gent ist eine große, schöne, alte Stadt. Ihre Straßen sind ziemlich breit, die Häuser massiv, zum Teil von guter Bauart, die Kirchen zahlreich und mit großer Pracht geschmückt. Alles scheint hier den ehemaligen Wohlstand der Einwohner und Spuren von dem jetzigen zu verraten; doch ist die Volksmenge, wie in allen niederländischen Städten, nach Verhältnis des Umfanges zu gering, und es fehlt überall an Betrieb. Der erste Anblick einer Stadt, wobei man so lebendig in verflossene Jahrhunderte und ihre Begebenheiten versetzt wird, hat gleichwohl etwas Einnehmendes, das zuweilen bis zur Erschütterung gehen kann. Ich wurde recht lebhaft an den Stolz Karls V. auf sein blühendes Gent und zugleich an die Tyrannenleidenschaft erinnert, womit er selbst dem Wohlstande desselben den tödlichsten Streich versetzte, als ich sein Standbild auf einer hohen Säule am Marktplatz erblickte. Als Kunstwerk betrachtet, macht es keinen vorteilhaften Eindruck. Der Kaiser steht wirklich sehr unsicher auf dieser gefährlichen Höhe; das Zepter und der Reichsapfel von ungeheurer Größe scheinen ihn völlig aus dem Gleichgewicht zu bringen; seine Knie sind gebogen, und bald möchte ich fürchten, er sei in Begriff herabzugleiten. Im Glanz der Abendsonne, welche diesen vergoldeten Koloß bestrahlte, konnte ich mich einer Reminiszenz aus Blumauers travestierter »Äneis« nicht erwehren; ich dachte an jenes Backwerk, wo der fromme Held zuoberst »ganz von Butter« stand. Es hat schon etwas Unnatürliches, Statuen auf den Dächern unserer Häuser anzubringen, die nicht, wie im Orient, zum Aufenthalt der Menschen eingerichtet sind; allein noch ungleich widersinniger scheint es, einen Menschen auf den Gipfel einer Säule zu stellen, den nur ein Verrückter oder ein Phantast, wie Symeon Stylites, bewohnen kann. Wenngleich die Alten uns das Beispiel solcher Denkmäler gegeben haben, so bin ich doch nicht der Meinung, daß wir ihrem Muster blindlings folgen sollen. Auch war bereits der gute Geschmack in Verfall geraten, als man zum Beispiel in Alexandrien auf die schöne Porphyrsäule die Statue des Kaisers Severus stellte. Die Aufmerksamkeit, die ein großer Mann bloß durch die Höhe seines Standortes erregen kann, ist sicherlich seiner nicht wert. Allerdings gibt es aber auch Fürsten in Menge, die man nicht hoch genug stellen kann, damit sich nur jemand ihrer erinnere. Die Nachwelt vergißt die Wohltaten, sie vergißt aber auch die Ungerechtigkeit der Regenten; wie wäre es sonst möglich, daß Kaiser Karl auf dieser Säule noch über den Köpfen einer so tief beleidigten Gesamtheit sicher steht? Für den philosophischen Geschichtsforscher verwandeln sich freilich unter solchen Umständen die Ehrensäulen in Denkmäler der Schande. Der Brand vom 14. und 15. November des vorigen Jahres hat in der Gegend des Schlosses fürchterlich gewütet. Viele der schönsten und prächtigsten Gebäude sind ein Raub der Flammen geworden, womit die Kaiserlichen damals die Stadt in einen Schutthaufen zu verwandeln drohten und ihren Vorsatz auch ausgeführt hätten, wenn das Regenwetter ihnen nicht so ungünstig gewesen wäre. Wenn es im Kriege erlaubt ist, sich aller Mittel ohne Unterschied gegen den Feind zu bedienen – ein Satz, der doch auch seine vielfältige Einschränkung leidet –, so gehörte es gleichwohl zu den unglücklichen Verkettungen des Schicksals; welches den verstorbenen Kaiser so rastlos verfolgte, daß sich unter den Befehlshabern seines niederländischen Heeres ein Mann befinden mußte, der eine entschiedene Neigung äußerte, die härtesten Maßregeln zu ergreifen, und dem das Blut seiner Mitbürger ziemlich feil zu sein schien. Jene schauderhafte Vernichtung von Brüssel, welche der Herzog von Ursel am 20. September 1787 so glücklich verhütet hatte, wollte jetzt der Erfinder dieses grausamen Anschlags mit Gent wirklieh beginnen. Es war nicht etwa ein zügelloser Pöbel, wie der parisische, der sich einen Augenblick vergaß und an einzelnen Opfern die tausendjährige Schuld seiner Unterdrücker rächte: deutsche Soldaten, denen die Flamänder noch vor kurzem die gastfreieste Pflege hatten angedeihen lassen, wurden hier von ihren Offizieren angeführt zur Plünderung ihrer Wohltäter, zur Einäscherung der Stadt und zum nächtlichen Kindermord. Die Ereignisse jener zwei schrecklichen Nächte sind von der gräßlichen Art, daß sie in der Geschichte der feudalischen Zerrüttungen nicht in das achtzehnte Jahrhundert zu gehören scheinen, daß sie neben den übrigen Atrozitäten, welche das Ungeheuer der willkürlichen Gewalt ausgebrütet hat, ihre Stelle verdienen Ich habe vor mir das Bulletin officiel van wege het Comité-Generael aengesteld binnen de stad Gant, unterzeichnet G.B. Schellekens, Greffier van het Comité-Generael der Nederlanden, d. 25.November 1789, 15 S. in Oktav, welches über die verschiedenen Vorgänge bei der Einnahme von Gent und der Vertreibung der Kaiserlichen einen umständlichen Bericht abstattet. . Neunundsiebzig Kinder und Erwachsene wurden von den Soldaten teils getötet, teils mit ihren Häusern verbrannt. Die Unmenschlichkeiten, die dabei vorgingen, mag ich nicht nachschreiben; aber sie gehören der Geschichte, welche der Nachwelt die folgenschwere Wahrheit beurkunden muß, daß, wenngleich die Aufwallungen der Ungebundenheit in einem lange gemißbrauchten Volke zuweilen in blutige Rache ausarten können, sie gleichwohl von der barbarischen Fühllosigkeit des rohen Söldners weit übertroffen werden. Traurig ist die Wahl zwischen zwei großen Übeln; allein es liegt schon in der Natur der Sache, daß die Folgen der Anarchie, wie schwarz die Mietlinge des Despotismus sie auch schildern mögen, nur Kinderspiele sind gegen die Schandtaten beleidigter Sklaventreiber. Ihre Erbitterung wird giftiger durch die vermeinte Kränkung ihrer Herrscherrechte; ihr Zweck ist nicht bloß Unterjochung, sondern zugleich Rache und Strafe; sie sind immer Krieger und Henker zugleich; sie zerstören und verwüsten aus Grundsatz und nach einem vorher bedachten Plan. Ich begreife jetzt, wie der Anblick solcher Greuel den Mut der Bürger und Freiwilligen bis zur Tollkühnheit entflammen mußte. Arberg verfehlte gänzlich seinen Endzweck und sah sich genötigt, unter Begünstigung der Nacht das Schloß zu räumen und seinen Rückzug anzutreten. Das kleine Patriotenheer, verstärkt durch die junge Mannschaft, die aus Courtray den Gentern zu Hülfe gekommen war und die Kaiserlichen von einem Tore vertrieben hatte, stürzte am 16., nachdem es, unter den Waffen stehend, dem im Portal der Nikolauskirche gefeierten Hochamte beigewohnt und sich durch die allgemeine Absolution zu seinem Unternehmen gestärkt hatte, mit unwiderstehlicher Gewalt auf die Kasernen los und erstieg die dort befindlichen Batterien. Buben von siebzehn Jahren stachen die Kanoniere über den Haufen, die mit brennender Lunte in der Hand das Geschütz gegen sie lösen wollten. Schon hatten sie das Tor erreicht und schleppten Holz zusammen, um die Kasernen in Brand zu stecken, als die östreichischen Offiziere unbewaffnet und mit entblößtem Haupt ihnen entgegengingen und sich zu Kriegsgefangenen ergaben. Die Flamänder waren in diesem leidenschaftlichen Augenblick besonnen genug, ihrem Unwillen, der so hoch gereizt worden war, zu gebieten. Sie nahmen ihre Feinde in Schutz, als hätten diese mit erlaubten Waffen und nur gegen Männer gefochten. Die Einwohner haben das Schloß demoliert, weil es nicht länger haltbar war; dagegen erfreute uns der Anblick vieler neuen Häuser, die bereits überall aus den Ruinen hoch emporstiegen und vom Reichtum der hiesigen Bürgerschaft ein gutes Vorurteil bei uns erweckten. Ich weiß nicht, war es diese zufällige Szene der Geschäftigkeit, oder lag es vielmehr wirklich im Charakter der Flamänder, daß wir uns gleich auf den ersten Blick einen günstigeren Begriff von ihnen als von ihren brabantischen Nachbarn abstrahierten. So viel ist wenigstens gewiß, daß diese Provinz, ob sie gleich weit später als Brabant gegen die Bedrückung der Regierung reklamierte, dennoch früher und mit mehr Entschlossenheit zu entscheidenden Maßregeln griff: daß sie zuerst sich zugunsten des Komitee von Breda und der Unabhängigkeit öffentlich erklärte, bei der Errichtung der freiwilligen Korps den größten Eifer bewies und an der völligen Vertreibung der östreichischen Armee den stärksten Anteil hatte. Eine Spur von Seelenadel konnte wirklich den Flamändern ihre freiere Verfassung aufbewahrt haben. In der Versammlung ihrer Stände sind der Geistlichkeit zwei, dem Adel zwei, den Städten drei und dem platten Lande ebenfalls drei Stimmen zugeteilt; dergestalt, daß der dritte Stand allemal sicher auf die Mehrheit rechnen kann, sobald es ihm ein Ernst ist, sich dem aristokratischen Einfluß zu entziehen. Die Wiederherstellung des Adels als eines votierenden Standes in der Staatenversammlung ist ein Werk der Revolution. Seit dem Anfange des siebzehnten Jahrhunderts hatte der flandrische Adel Sitz und Stimme verloren, weil er eine Zeitlang die ganze Macht der Stände usurpiert hatte. Da es ihm nicht gelungen war, unter der östreichischen Regierung seine Rechte wiederzuerlangen, so hatte er sich auf einem ändern Wege zu behaupten und sein Interesse dadurch zu sichern gesucht, daß er so viele seiner Mitglieder, als nur möglich war, zu Deputierten der größeren und kleineren Städte wählen ließ. Diese Einrichtung dauert noch fort und erklärt die eifrige Teilnahme der Staaten von Flandern an der in Brabant gegen die demokratische Partei so glücklich ausgeführten Verfolgung. Das Volk und die Bürger murren indessen über die Gefangensetzung des Generals van der Mersch und fordern laut von ihren Ständen, daß sie sich seiner gegen den Kongreß annehmen sollen. Das Raschere, das Entschiednere im Charakter dieses Volkes ist auch in den Gesichtszügen ausgedrückt, und wohlgebildete Männer sind uns in diesem Teile von Flandern häufiger als in Brabant vorgekommen; allein ihre Erziehung ist der brabantischen zu ähnlich, um uns hoffen zu lassen, daß sie mit ihrem Jahrhundert weiter als jene Nachbarn vorgerückt sein könnten. Auch hier gibt es keinen Namen, den man im übrigen Europa mit Achtung oder mit Bewunderung nennt. Zwar können ganze Völker bei dieser Mittelmäßigkeit glücklich sein, solange sie ruhig bleiben; doch wehe den Empörern, an deren Spitze kein größerer Mensch einhergeht! Auch unter dem hiesigen Frauenzimmer habe ich manches hübsche flämische Gesicht bemerkt, und in einem Buchladen glaubte ich an der Frau vom Hause das Ebenbild einer von Rubens' Frauen zu sehen; nur schade, daß diese schönen und zum Teil auch feinen Züge, dieses völlige Gesicht mit den großen, offenen braunen Augen, den starken Augenbrauen, der kleinen geraden Nase, den zarten, rosenroten Lippen und der durchschimmernden Röte auf dem lebendigen Weiß des Teints so stumm und seelenlos erscheinen und von jener Empfänglichkeit, die überall das Erbe des Weibes sein sollte, nichts verraten. Ferne sei es, daß ich hier die ausgebildeten Reize des ideenreichen Wesens fordern sollte, die nach den Umständen unmöglich hier anzutreffen sind; aber Seele könnte doch das Auge strahlen, leise, sanft und innig könnten auch ungebildete Mädchen empfinden. Von diesem allen zeigt das Äußere der Flamänderinnen keine Spur. Eine Schlaffheit des Geistes, die sich in Europa kaum abgespannter denken läßt, scheint sie für jeden Eindruck, der außer dem Bezirk des mechanischen Hausregiments und der ebenso mechanischen Religionsübungen liegt, durchaus unempfindlich zu machen. Wenn nicht die Nähe von England und Frankreich, der Handel von Oostende und die Fabriken, die aus jener besseren Zeit im Lande noch übriggeblieben sind, französische und englische Moden einführten, würde man es hier kaum merken, daß der Begriff des Putzes auf den Begriff des Schönen eine Beziehung hat. Die Beschreibung der öffentlichen Gebäude und Kirchen, die man aus so vielen Reisebeschreibungen kennt, wirst Du mir gern erlassen; ich schweige also von dem ungeheuren Rathause, von den dreihundert Brücken, die alle Teile dieser von Kanälen durchschnittenen Stadt verbinden, und selbst von der großen gotischen Masse der Kathedralkirche zu St. Bavo, mit den darangeklebten Stücken von griechischer Architektur, die den Eindruck ihrer Größe stören. Die Verschwendung von weißem und von schwarzem Marmor in dem Innern dieses Tempels würde mir indes aufgefallen sein, wenn mich nicht auf eine weit angenehmere Art die Kunst beschäftigt hätte. Die zahlreichen Kapellen enthalten einen Schatz von flämischen Gemälden der ersten Klasse, von denen ich Dir wenigstens ein paar bekannt machen muß, die für mich etwas Merkwürdiges hatten. Zuerst nenne ich die Auferstehung Lazari, ein Meisterwerk von Otto Venius, einem Lehrer des gepriesenen Rubens. Dieses in Absicht auf die Komposition sehr fehlerhafte Stück, dessen Umrisse zum Teil verzehrt, dessen Schatten schon ein wenig schwarz geworden und dessen Farben trocken sind, hat dennoch einzelne schöne Partien. Die Hauptfigur, der in der Mitte stehende Christus, ist wie gewöhnlich verfehlt; er ist kalt, jüdisch und uninteressant, seine Draperie ist schwer und ungeschickt geworfen, seine aufgehobene Hand ruft nicht, winkt nicht, segnet nicht. Lazarus liegt halb im Schatten, wirklich schön von Angesicht und Gestalt; er blickt edel und seelenvoll zu seinem Retter auf und ist ungleich besser als alles übrige koloriert. Seine Schwester Maria sitzt an seiner Gruft im Vordergrunde. Ihr Gesicht und die ganze Figur machen mit dem übrigen Bilde den merkwürdigsten Kontrast; denn ihre Züge, ihre Kleidung und das ganze Kostüm sind gänzlich aus der römischen Schule entlehnt. Man glaubt eine Madonna von Raffael kopiert zu sehen, so ruhig und doch so edel gerührt ist dieser schöne Kopf. Martha und Magdalena sind dagegen hübsche Flamänderinnen im kurzen buntseidenen Korsett. Petrus bückt sich, um dem Lazarus herauszuhelfen; sein blaues Gewand über dem breiten Rücken tut vortreffliche Wirkung. Die übrige Gruppe von Köpfen ist gar zu gedrängt voll und geht zu hoch in dem Bilde hinauf; auch fehlt es ihr an Auswahl. Du erinnerst Dich des schönen Sebastian von van Dyck in Düsseldorf. Hier ist einer von Honthorst, der viel Verdienst hat. Aus dem schönen Körper zieht eine schwarzgekleidete weibliche Figur die Pfeile aus. Sehr leicht ruht ihre Hand auf dem zarten verwundeten Körper; aber ihr Gesicht ist ohne Ausdruck, und mit eben den Zügen würde sie Spitzen waschen. Die Alte, ebenfalls ein gemeines Gesicht, empfiehlt Behutsamkeit mit Blick, Stellung und Hand. Das leidende Gesicht Sebastians ist edel und voll unbeschreiblicher Milde; sein Auge ist schön, sanft redend und voll Vertrauen. Die Farbengebung ist zwar nicht ganz natürlich, aber weich und von einem harmonischen, modesten Ton. Doch die Stellung des angebundenen, auseinandergedehnten Körpers zieht zuerst den Blick des Zuschauers auf sich, und man muß in der Tat unparteiisch das Verdienst hervorsuchen wollen, wenn dieser erste Eindruck nicht wegscheuchen und alle nähere Untersuchung verhindern soll. Daß die Künstler es nicht fühlen, wie diese Marter den Zuschauer leiden läßt und wie unmöglich es ist, mit einigem Gefühl ein solches Kunstwerk liebzugewinnen! Übrigens hat es mir wohlgetan, hier das Studium italienischer Meister und Honthorsts langen Aufenthalt in Italien zu erkennen; wo ich nicht irre, habe ich schon etwas von Michelangelo gesehen, woran mich die frei und fest gezeichnete Figur dieses Sebastians erinnerte. Der St. Bavo von Rubens hat mir ungleich weniger gefallen; das Stück ist in zwei Gruppen übereinander geteilt, wovon die unterste aus vielen ziemlich ekelhaft durcheinandergewundenen Figuren besteht. Links im Vordergrunde stehen ein paar plumpe Dirnen von Fleisch und Blut. Auch der Zeitgenosse von Rubens, der um den Ruhm eines großen Künstlers mit ihm wetteifernde Crayer, leistete mir hier kein Genüge. Die Kreuzigung, die man von ihm in der Bischofskapelle bewundert, ist schön koloriert, aber der Körper ist verzeichnet. Sein Hiob ist interessanter: er blickt auf voll Vertrauen, das sogar an Ekstase und Freude grenzt; dagegen hört er auch nicht, was sein Weib, eine sehr gemeine Hexe, ihm sagt. Von den drei Freunden sitzen zwei mit niedergebücktem Haupte und träumen, indes der dritte mit den Fingern spricht. Noch ein gepriesenes Gemälde dieses Meisters ist hier die Enthauptung des Täufers Johannes; aber welch ein Anblick! Eine zerrissene, unzusammenhangende Komposition, verwischte Farben, ein scheußlicher Rumpf und ein Bologneserhündchen, welches Blut leckt! Solch ein Gegenstand und solch eine Phantasie schicken sich füreinander, und um alles zu vollenden, gehört nur noch der Zuschauer dazu, der mit uns zugleich vor dem Bilde stand und voll Entzücken ausrief: »Ah quelle superbe effusion de sang!« Unter einer großen Anzahl von Gemälden, wovon die besten von Seghers, van Cleef, Roose und Pourbus gemalt sind, keines aber hervorstechende Vorzüge besitzt, halte ich ein uraltes Stück von den Gebrüdern van Eyck noch für nennenswert, weil es vielleicht das erste war, das in den Niederlanden mit Ölfarben gemalt wurde. Der Gegenstand ist aus der Offenbarung Johannis entlehnt: die Anbetung des Lammes. Der Komposition fehlt es, wie man es sich von jener Zeit vorstellen kann, sowohl an Ordnung und Klarheit als an Wirkung und Größe. Bei aller Verschwendung des Fleißes bleibt die Zeichnung steif und inkorrekt; Perspektive und Haltung fehlen ganz und gar; die Farben sind grell und bunt und ohne Schatten. So malte man aber auch in Italien vor Peruginos Zeiten, und was uns dieses Gemälde merkwürdig macht, ist daher nicht der Geist, womit es ersonnen und ausgeführt worden ist, sondern die wichtige Erfindung der Ölmalerei, die damals in den Niederlanden zuerst an die Stelle des so lange üblich gewesenen al Fresco trat, wenn sie auch in Deutschland bereits weit länger bekannt gewesen sein mag. Ich bin zwar weit entfernt, den Koloristen einen Vorzug vor den richtigen Zeichnern einräumen zu wollen; allein ich halte es wenigstens im Angesicht der Meisterwerke des flamändischen Pinsels für ein gar zu hartes Urteil, die Erfindung, worauf der ganze Ruhm dieser Schule beruht, mit Lessing um des Mißbrauchs willen, der damit getrieben worden ist, lieber ganz aus der Welt hin wegzuwünschen. Der Vorwurf einer üblen Anwendung, selbst einer solchen, welche völlig zweckwidrig ist, trifft wohl mehr oder weniger eine jede menschliche Erfindung; und wenn es nicht geleugnet werden kann, daß die Erlernung der beim Ölmalen erforderlichen Kunstgriffe manchen wackern Künstler mitten in seiner Laufbahn aufgehalten und in die Klasse der Mittelmäßigkeit geworfen oder gar vom rechten Ziel der Kunst entfernt hat, so bleibt es doch auch unbestritten, daß mit Ölfarben manches unnachahmliche Bild auf die Leinwand hingezaubert worden ist, dessen Schönheiten bei jeder ändern Behandlung verlorengegangen wären. Am Kolorit als solchem ist freilich so viel nicht gelegen; aber durch die Verschmelzung der Farbenschattierungen, welche nur ihre Vermischung mit Öl möglich machte, sind feine Nuancen des Ausdrucks erreicht worden, wodurch die Kunst selbst an Würde gewonnen hat und für den Psychologen lehrreich geworden ist. Der Wunsch, in den übrigen Kirchen, Klöstern, Prälaturen, auf dem Rathause und in den Privatsammlungen zu Gent den Denkmälern der flämischen Kunstepoche nachzuspüren, mußte für itzt der Notwendigkeit unseres Reiseplans weichen. Mit Tagesanbruch eilten wir durch die reichste Gegend von Flandern hieher nach Antwerpen. Der Weg ging über eine herrlich bebaute Ebene. Triften, Wiesen, Äcker und Heerstraßen waren mit hohen Bäumen und Gebüschen eingefaßt; der Steindamm war den größten Teil des Weges so gut wie im übrigen Brabant und Flandern. Die Vegetation schien indes kaum noch weiter vorgerückt, als wir sie in unserer milden Mainzer Gegend verlassen hatten; die Saaten allein prangten mit ihrem frischen Grün, und des Ölrettichs dichte, goldgelbe Blüten bedeckten oft unabsehliche Strecken. Das Erdreich war an vielen Stellen leicht und mit Sand gemischt, mithin gewissen Gattungen von Getreide vorzüglich angemessen. Überall sahen wir den Anbau zu derjenigen Vollkommenheit getrieben, wo bereits der Wohlstand der Einwohner durch ihren Fleiß hervorschimmert. Wie leicht müßte nicht hier, bei einer bessern Erziehung des Landvolkes und gehöriger Anleitung von Seiten der Gutsbesitzer, die Landwirtschaft mit der schwedischen und englischen wetteifern können! Allein es ist ja alles hier gleichsam darauf angelegt, den alten Vorurteilen einen Charakter heiliger Unfehlbarkeit aufzuprägen. Mit Erstaunen und Freude mußten wir indes einander bekennen, daß wir solche Flecken und solche Dörfer, als womit dieser Weg und die ganze Gegend gleichsam besäet ist, auf dem festen Lande noch nicht angetroffen hätten. Lokeren, St. Nikolas u. a. m. beschämen die Städte vom dritten und vierten Range, die man in anderen Ländern über ihresgleichen rühmt. Sie sind beinahe Viertelmeilen lang, durchaus von Backsteinen sauber erbaut, mit breiten Straßen, gutem Pflaster und Reihen von Bäumen wohl versehen. Ordnung und Reinlichkeit, die unverkennbaren Begleiter des Wohlstandes, herrschten im Innern der Häuser, und der treuherzige Ton der Bewillkommnung, den wir von den Einwohnern vernahmen, bestätigte uns in der guten Meinung von ihrer Wohlhabenheit. Wir fanden alle Hände mit der Verfertigung von grober Leinwand zu Segeltuch, Gezelten u. dgl. aus selbstgezogenem Hanf und Flachs beschäftigt. Dieser Anbau, nebst den darauf beruhenden Manufakturen und dem reichlichen Ertrage des Getreidebaues, scheint die Hauptquelle des hiesigen Reichtums zu sein. Eine halbe Meile vor Antwerpen verschwanden die Bäume, Gebüsch und eingezäunten Felder; die Gegend verwandelte sich in eine weit ausgebreitete »Lande«, eine kahle Ebene, wo Viehweiden und Wiesen aneinander grenzten und an deren Horizont wir ringsum beschattete Dörfer, in der Mitte aber Antwerpen in seiner imposanten Größe liegen sahen. Ein Wald von Türmen und vorzüglich der ungeheure gotische, wie Filigran gearbeitete Spitzturm, der Kathedralkirche ragte hoch empor; die Zitadelle auf einer kleinen Erhöhung vergrößerte und verschönerte diesen Anblick, und die Bewegung auf und ab segelnder Barken auf der Schelde, die wir zwischen ihren Ufern noch nicht sehen konnten, hatte etwas Zauberähnliches. Bald erblickten wir ihre gedemütigten Gewässer und seufzten von neuem über europäische Politik und europäisches Völkerrecht, Der schöne, herrliche Fluß ist, wie die Themse, zum Handel gleichsam geschaffen; die Flut steigt darin zwanzig Fuß hoch vor den Mauern der Stadt und verdoppelt alsdann seine Tiefe. Hier ist er nicht so breit wie der Rhein vor Mainz; aber er trägt wegen des beträchtlichen Steigens und Fallens keine Brücke. Etliche Meilen weiter hinabwärts breitet er sich aus zu eines Meerbusens Weite. Wir sahen einen Hafen, wo zweitausend Schiffe Raum finden würden, mit einigen kleinen Fahrzeugen besetzt. In wenigen Minuten führte uns ein kleiner Nachen von dem sogenannten Haupt (oder der Spitze) von Flandern hinüber in die Stadt. Johann Heinrich Merck Auszug aus einem Schreiben eines Reisenden an den Herausgeber dieses Journals Paris, den 13.Februar 1791 Wenn Sie, lieber Freund, nicht ganz die Fertigkeit verloren haben, meine Handschrift zu dechiffrieren, so empfangen Sie diesen Brief von mir, geschrieben vor meinem Kamine in der Straße – – – zu Paris. Lassen Sie sich's Ihnen von mir zum Troste gesagt sein, daß unter allen meinen klugen Landsleuten kein einziger ist, der diese Händel zu Paris in dem wahren Lichte und in dieser Entfernung gesehen hat wie Sie! Das ist nun freilich alles, was man zum Lobe eines Poeten sagen kann, wenn man ihm zugesteht, er habe Intervalle, so gut zu sehen wie die nüchternen Leute. Vielleicht sind Sie auch der einzige ihresgleichen in dieser Art, wie Ihnen Freunde und Feinde eingestehen müssen. Sie haben auguriert , aber nicht, wie ich, in der Nähe gesehen , daß die Schritte dieses Volks zum Ziele eilen. Lassen Sie sich's nun von mir als eine heilige Wahrheit gelten, daß die Konstitution steht und unwandelbar stehen wird . Sie können in dieser ungeheuren Stadt monatelang leben, ohne von dem Geringsten des Pöbels ein lauteres, viel weniger ungezogenes Wort zu hören. Sie können zu allen Stunden der Nacht in allen Straßen einen Brief lesen, Gold in Ihrem Hute tragen, ohne angetastet zu werden. Dieses hindert freilich nicht, daß zuweilen ein Jauner eine Brieftasche maust oder daß eine Hure in ihrem Winkel einen Fremden auszieht und nackend auf die Straße stößt. Ich rede bloß von der öffentlichen Sicherheit, von dem allgemeinen Frieden, von der politischen Ruhe, die jeder Bürger bei offenen Türen genießen soll. Alles, was Sie in unsern Blättern von Contre-Revolution lesen, ist entweder erkaufter Tadel oder Widerhall von dem, was alle Minister, von dem Grafen de M*** bis auf den Baron ***, den hier alle ehrlichen Leute auf gut italienisch Il Barone nennen, an ihre Höfe zu besserer Verdauung und Erhaltung der Lebenskräfte und Gemütsruhe überschreiben müssen. Auch rührt es teils daher, daß die herrschende Partei alle Gelegenheiten ergreift, das Volk alert zu erhalten, und ihm immer Gefahren vorspiegelt, worüber sie selber heimlich lacht. Sie wissen, alle Reisebeschreibungen sind nichts als Glaubensbekenntnisse und keine Axiome . Wenn Sie das Meinige über Paris wissen wollen, so nähert es sich sehr dem von Yorick ; und (nach der weiten Entfernung, die zwischen uns beiden befestigt ist) macht dieses Urteil Yorick keine Schande. Ihr Herr Sch. hat die Sachen hier in dem Lichte eines Neulings gesehen oder in dem von einem Romanschreiber. Das Palais Royal ist nichts als eine Schneider- und H...n-Boutique, die zusehends fällt und nicht länger halten wird als die Balken im ganzen Gebäude, die jetzo schon samt ihren Gewölbern zusammenbrechen. Wäre die Revolution nicht gekommen, so wäre das ganze Institut schon jenseits des Grabes, wie unsere Philanthropine. Sobald die politische Fermentation ihren Teig präzipitiert hat, so ist's mit dem Palais zu Ende, und man wird so wenig von ihm hören, als man jetzt bereits von seinem Stifter spricht, der beinahe so unbekannt lebt wie ich und dessen ganzer Hofstaat mit dem Herzog von M*** im geringsten nicht zu vergleichen ist. Der Duc de Penthievre und seinesgleichen sind alle dahin reduziert, daß ihr Haus nicht besser montiert ist als das von – irgendeinem mittelmäßig wohlhabenden hochgebornen Herrn in D. oder B. Nun stellen Sie sich den französischen Hof und diese ganze Stadt Paris vor, ohne einen einzigen Soldaten als bewaffnete Bürger , ohne Mönche , ohne Lakaien in Livreen , ohne Prinzen , ohne Advokaten , ohne H...n en titre usw. – das heißt, alle H... gehen zu Fuße, alle Lakaien sehen aus wie ehrliche Leute; wo noch hier und da ein Soldat kriecht, so ist's ein ehrlicher Schweizer ; wo ein Prinz erscheint, so ist's wie ein reisender Engländer usw. Der Hof ist wie eine Kapelle, die kein Geläute hat; die Hofleute sehen so hungrig aus wie die in C***; der Stall ist beinahe so klein wie der in ***, und wenn der König oder die Königin ausfährt, so macht es überall ebensowenig Sensation, als wenn meine Wenigkeit fährt. Kein Mensch rangiert sich, kein Mensch zieht den Hut ab, sondern jeder geht seiner Wege. Nun sehen Sie auf der ändern Seite die ganze Nation – die nach Besserung der Sitten dürstet, in allem Miste nach politischer Wahrheit scharrt, ihren Mangel an Prinzipien ahndet, ihre schlechte Erziehung wittert und nun nach allem, was sie doch wirklich zum Emporstreben geleistet hat, sich nicht, wie der gallische Hahn , zum ersten Wesen der Schöpfung ankräht, sondern eingesteht, daß sie noch vieles, vieles zu lernen hat. Man gibt hier ein Stück, »La Liberté conquise« oder »Die Eroberung der Bastille«, in Shakespeares Kostüm, wo aber zugleich die Moral, wie auf einem Schenktische, in tausend Farben- und Likörgläserchen aufgesetzt wird. Wenn Sie hörten, wie jede politische Sentenz zwei-, dreimal von den Akteurs wiederholt werden muß, bis das Publikum zufrieden ist, und wie am Ende vorm Geklatsche beinahe die Kanonen auf dem Theater nicht gehört werden! – Ich gehe allezeit hinein, nicht der Sache wegen, sondern mich am Feste dieses Volks zu laben, wo ich so mitschmause, als wenn der Vater des verlornen Sohnes alles hergegeben hätte, was er im Hause hatte. So ist in den Variétés »Esope à la cour«, der wenigstens vierzig Äsopische Fabeln hersagt, die alle in der größten Stille angehört und mit Jauchzen beklatscht werden. Wahr ist's, sie sind fast alle Meisterstücke der Diktion; aber gleichwohl vor zehn Jahren, ehe der Dämon der Moral in dieses Volk gefahren war, wäre Äsop mit seinen Fabeln zum Loch hinausgepfiffen worden. Natürlich hat sich die Volksmenge um vielleicht hunderttausend Menschen vermindern müssen, aber dem ungeachtet ist das Gedränge Tag und Nacht in Paris noch größer als zu Frankfurt auf einer Kaiserkrönung; und in den Tuilerien sind, wenn nur ein Sonnenblick ist, so viele Lustwandler als Einwohner in einer teutschen fürstlichen Residenz, und man sollte glauben, im Palais Royal würden alle Abend Gold und Indulgenzen umsonst ausgegeben, so läuft da alles untereinander. Der Zirkulation der Assignate ist sehr lebhaft; denn sie verlieren nur 5 p. c. gegen bares Geld, und gegen diesen Abzug können bei den Wucherern alle Tage Millionen in Gold und Silber erhoben werden. Keine Session der Nationalversammlung ist, wo nicht acht bis zehn Millionen geistliche Güter adjudiziert werden, die alle von Pächtern, reichen Landleuten und Gemeinden gekauft werden und sehr oft die Hälfte der Taxation übersteigen, ja sie nicht selten duplieren und triplieren. Es würde Sie, glaube ich, selber gefreut haben, wenn Sie neben mir gestanden und so zu verschiedenen Malen in der Cour de l'Extraordinaire die Papiere der Staatsschulden mit zwanzig bis dreißig Millionen hätten verbrennen sehen. Nach der vor acht Tagen von Mr. Camus übergebenen Bilanz haben sie dieses Jahr hundert Millionen weniger Ausgaben; und wiewohl noch das Staatsbedürfnis über fünfhundert Millionen jährlich heischt, so ist doch die sichre Perspektive da, daß nach der Extinktion der Leibrenten, das ist nach zwanzig Jahren, diese Ausgabe nur gegen zweihundert Millionen betragen wird. Nun setzen Sie hinzu die Morgenröte einer bessern Erziehung, die nahe Zirkulation der Prinzipien aller Arten von Kenntnisse durch alle Stände, die daher erwachsende Besserung der Sitten und in allem diesem das große Beispiel für ganz Europa, was der Mensch und die Menschen cumulatim vermögen. Adolph Freiherr Knigge Briefe, auf einer Reise aus Lothringen nach Niedersachsen geschrieben Heidelberg, den 17. Mai 1792 Kaiserslautern, wo ich die Nacht zubrachte, weil ich dort mit jemand zu reden hatte, scheint jetzt noch öder wie ehemals, seitdem die Kameralschule von da hierher nach Heidelberg verpflanzt worden ist. Bis Kaiserslautern läßt man zur linken Seite einige angenehme Ebenen liegen; von dort aus aber, bis nach Dürkheim, ist die ganze Gegend bergicht, aber höchst reizend. Dürkheim liegt auf einer dieser Anhöhen, und aus dem dort befindlichen Schlosse des Fürsten von Leiningen hat man eine angenehme Aussicht, die aber doch nicht zu vergleichen ist mit der, die in dem unfern von da gelegnen Städtchen Neustadt an der Hardt und in dem Dorfe Herxheim, wo der Baron von Reineck ein Gut hat, jeden bezaubert, der empfänglich für die Schönheiten der Natur ist. Sie kennen meine Vorliebe für die Pfalz; in diesem schönen Lande, und besonders in Freinsheim, Herxheim, Deidesheim und zu einer andern Zeit in Monzingen und Kreuznach, in Monsheim, in Weinheim, in Bretten und Zeizenhausen, habe ich glückliche, heitre Tage verlebt. Einst, von Kummer aller Art tief niedergebeugt und zum Mißmut hinabgesunken, machte ich eine Fußreise in der Pfalz umher, zur Zeit der Weinlese, und fand in den Armen teilnehmender Freunde, in dem Genusse unschuldiger ländlicher Freuden, in dem Anblicke der paradiesischen Naturszenen und in der freundlichen Aufnahme, die ich in der ganzen Nachbarschaft umher bei gastfreien, frohen Menschen genoß, den verlornen Frieden wieder. Ich wohnte bei Freunden, die in dieser der Fröhlichkeit gewidmeten Zeit so viel Zuspruch hatten, daß unsre jovialische Gesellschaft vielleicht mehr Wein des Tages über austrank, wie des Abends gekeltert wurde. Des Morgens nach dem Frühstücke ging die ganze lustige Bande hinaus zum Traubenlesen, die dann in großen Gefäßen auf Karren nach Haus gefahren wurden. Mittags speiste man mit so gutem Appetit, wie man ihn von Menschen erwarten kann, die sechs Stunden lang in freier Luft gearbeitet haben. Nachmittags ging wieder das Traubenlesen an; abends aber, wenn draußen nichts mehr zu schaffen war, zog man nach Hause. Da setzten sich dann die ältern Damen und Herrn zum Kartenspiele, und wir andern jungen Leute gingen hinunter in den Hof, wo die Kelter stand. Hier war ein Lämpchen aufgehängt, das zugleich den Arbeitern Licht gab und den kleinen Grasplatz erleuchtete, auf welchem wir, nach einer einzigen Geige, die ein alter Invalide aus dem Dorfe spielte, lebhafter und mit fröhlichem Herzen herumsprangen, wie wenn uns, im vergoldeten Saale, bei dem Scheine der Wachskerzen auf kristallnen Kronleuchtern des Kurfürsten Oboistenchöre die Ohren betäubt hätten. Das Haus war klein; nur während dieser Jahrszeit pflegte sich mein Wirt mit seiner Familie da aufzuhalten, und der Gäste waren viele; sie wurden zum Teil bei den guten Nachbarn einquartiert; auch behalf man sich, so gut es gehn wollte. Leute, die sich nie in ihrem Leben vorher gesehn hatten, schliefen, zuweilen zu zwei Paaren, in einem Zimmer. Des Morgens, wenn die ganze Gesellschaft sich zu gleicher Zeit ankleiden wollte, fand sich oft nicht ein Plätzchen, wo man ungesehn Wäsche wechseln konnte. Da stellte sich dann der, welcher diese Operation vorhatte, in eine Ecke, und die andern mußten, auf ein gegebnes Zeichen, sich mit den Gesichtern nach der gegenseitigen Wand hinkehren. So zwanglos verstrichen die kurzen Tage! Aber einen so leichten Ton im Umgange kennt man auch nur in den Weinländern; in den nördlichen Gegenden von Teutschland, wo Bier und Branntewein und eine Menge materieller Speisen und die feuchte Luft die Menschen träge, schwerfällig, mißlaunicht und bedenklich macht, da wird alles abgemessen und abgezirkelt, und während man sorgfältig überlegt, ob dieser oder jener kleine, unschuldige Schritt sich mit den unzähligen Konventionen und Rücksichten vereinigen läßt, entflieht der Augenblick des Genusses. Glückliche Pfälzer! und wieviel glücklicher noch würdet Ihr in Eurem Paradiese sein, wenn nicht die schwere Hand des –. Doch ich will mich nicht in politischen Betrachtungen vertiefen; es ist ja schon so oft und viel darüber geseufzt, gesprochen, geschrieben, gedruckt worden – auch werden sich die Zeiten ändern; ich gehe indessen nach Amerika. Mein erster Gang, als ich hierher nach Heidelberg kam, war zu meinem alten Freunde L*** R*** von St***. In seiner Gesellschaft habe ich diese Tage zugebracht und werde wohl bis in die künftige Woche hinein mich hier aufhalten. Vor meiner Abreise schreibe ich Ihnen noch einmal und wiederhole die Versicherung der herzlichsten Hochachtung, mit welcher etc. Heidelberg, den 20. Mai Ich unternehme es nicht, Ihnen die Schönheit der Gegend von Heidelberg zu schildern, die schon so manche Feder, so manche Zunge, so manchen Pinsel und so manchen Grabstichel in Bewegung gesetzt hat. Bezaubernd ist die romantische Lage dieser Stadt, an dem Ufer des lebhaften Neckers hingestreckt, der hier, aus dem freundlichen Neckertale hervor, zwischen einer doppelten Kettenreihe von schönen, majestätischen Bergen hindurcheilt. Diese Berge in so mannigfaltigen Formen, bald von Granitfelsen aufgetürmt, bald mit Weinstöcken besetzt, neben welchen man, auf schmalen Treppen, zu kleinen Lusthäusern hinaufsteigt; zwischendurch Obstbäume, Aprikosen, Mandeln; dann ein Wäldchen von Kastanien, die hier sehr gut reifen; auf dem Gipfel eines der Berge die Rudera einer Tempelherrn-Kapelle, von woher man mehr wie neunzig Städte und Dörfer zu seinen Füßen liegen sieht; gegenüber, diesseits des Flusses, die herrlichen weitläuftigen Überreste des durch Feindeshand und Wetterschlag zerstörten Schlosses; die dort von der Höhe herabgeschleuderte Hälfte des gesprengten Turms, in welchem vielleicht mancher unglücklicher Gefangner seine lästigen Lebenstage durchseufzt hat; und nun der Anblick von dem Altane dieses Schlosses hinab auf das Stadttor, in Gestalt eines alten Triumphbogens errichtet, auf die lange Stadt, mit ihren großen, zum Teil prächtigen öffentlichen Gebäuden und Klöstern, auf die neue, massive, kühne, mit königlichem Aufwande gebauete Brücke; endlich die ganze Gegend unterwärts, ehe man zwischen die Berge gelangt, die reizende Ebne nach Mannheim, Schwetzingen, Rohrbach etc. hin; jenseits des Ufers, längst der Bergstraße, die einladenden, freundlichen Örter Neuenheim und Handschuhsheim; oberwärts, wo das Tal enger wird, die Aussicht nach dem nahe gelegnen Neckergemünde; zu beiden Seiten aber, links das Stift Neuburg und weiter hinauf in dem Gebirge das Dorf Ziegelhausen mit seinen friedlichen, an rieselnden Bächen im Schatten des Waldes so heimlich auf eine halbe Meilenstrecke hin zerstreuet liegenden Häusern, Hütten, Feldern und Wiesen; diesseits des Ufers, in der wildesten Gegend, von dickem Gehölze umgeben, der Wolfsbrunnen, eine reiche Quelle, die aus dem Felsen hervorsprudelt, dann drei untereinander liegende Forellenteiche anfüllt, endlich aber, bei Schlierbach, sich in den Necker ergießt – das alles sind Gegenstände, die unwillkürlich zu sanften und hohen Empfindungen hinreißen. Es wird einem bald so leicht, so wohl und dann wieder so bange, so schauerlich um das Herz. Man fühlt sich gestimmt bald zu heitrer Laune und einfacher ländlicher Fröhlichkeit, bald zu erhabnen Schwingungen der Seele, zur staunenden Bewundrung und tiefen Anbetung, je nachdem man hier oder dort steht und wandelt, seine Augen hie oder dahin richtet. Es gibt Gegenden in Teutschland, die, wenn ich so reden darf, einen üppigern Anblick gewähren, wo Natur und Kunst gemeinschaftlich eine unermeßliche Tafel voll gehäufter Schätze vor uns hingelegt haben, wie zum Beispiel die Landschaft, welche man auf dem Schloßberge in Oppenheim, und die, welche man von Hochheim aus überschauet; aber keine vielleicht hat eine solche Mannigfaltigkeit von Gegenständen in den schönsten Kontrasten aufzuweisen wie die von Heidelberg. Es wimmelt jetzt hier von französischen Flüchtlingen, welche die gerettete Beute aus den Diebesmagazinen des vormaligen Despotismus im Auslande verzehren, den Preis der Lebensmittel verteuren und, zur Dankbarkeit für den Schutz, dessen sie sich erfreuen, ihren Beschützern mit Verachtung begegnen, den Ton angeben und die Jugend zu ausländischen Torheiten verleiten. Ich gönne ihnen nichts wie den Neckerwein, den sie hier trinken, denn der hat für mich etwas sehr Widriges, da hingegen die Weine, welche in andern Gegenden der Pfalz und in der Bergstraße wachsen, lieblich und gewürzhaft schmecken. Heidelberg war aber auch schon, ehe diese Fremdlinge sich hier einnisteten, bevölkert genug, obgleich einige Häuser, die zur Zeit, als die Stadt eine Residenz war, von den Großen des Hofs bewohnt wurden, leer standen. Das Personal der Universität, womit, wie ich Ihnen schon einmal erzählt habe, jetzt die hohe Kameralschule verbunden ist, und die Garnison beleben die Stadt. Auch tragen die Fabriken und Manufakturen, die ich in diesen Tagen an der Seite meines Freundes L*** R*** besehn habe, das ihrige dazu bei. Die beträchtlichste darunter ist die Seidenspinnerei. Das Verdienst der Anlage und Aufnahme derselben hat allein die Rigalsche Familie. Mit einem oder einem Paar Kesseln fing man an, und jetzt, nach ungefähr fünfundzwanzig Jahren, sind deren schon mehrere hundert im Gange, wobei eine mehr wie doppelt so große Anzahl Menschen, besonders arme Mädchen aus der Stadt und vom Lande, ihr Brot finden. Es ist eine Wonne anzusehn, wie diese, in langen offnen Galerien längst dem Garten hin, in der Reihe fröhlich ihre Arbeit treiben und dabei in Chören Lieder singen, die der gute Rigal für sie hat dichten und komponieren lassen. Und das ist kein Gebrülle, wie man es in den Spinnstuben und auf dem Felde im nördlichen Teutschlande hören muß, sondern ein harmonischer zweistimmiger und dreistimmiger Gesang von Mädchen, deren einige recht hübsch sind, aus reinen Kehlen mit Methode vorgetragen, wie denn überhaupt in der Pfalz die Musik, bis in den niedrigsten Ständen, in großer Vollkommenheit getrieben wird. Jedes pfälzische Dorf ist verbunden, eine bestimmte Anzahl Maulbeerbäume zu ziehn. Dagegen haben sie die sichre Aussicht, die Blätter in der Fabrik zu verkaufen, wo sie zu Fütterung der Würmer gebraucht werden. Ehemals verarbeitete man in Heidelberg viel seidne Stoffe, Strümpfe, Halstücher u. dgl. Man ist aber davon zurückgekommen und hat gefunden, daß es vorteilhafter ist, die Seide roh zu verkaufen. Von dieser Seide wird in Frankfurt, ihrer vorzüglichen Güte wegen, der Zentner mit neunhundert bis tausend Gulden, folglich um hundert Gulden teurer wie die italienische, bezahlt. Nahe an der Seidenspinnerei ist eine Wachsbleiche angelegt, und vor dem Mannheimer Tore wird viel Krapp gezogen, den man in der schön und zweckmäßig erbaueten Fabrik, nahe bei der Stadt, zur Farbe zubereitet. Vor dem Karlstore liegt die Lederfabrik, welche ansehnlichen Absatz hat; in der Stadt selbst werden noch papierne Tapeten von verschiedner Güte um billige Preise verfertigt; die Kattunfabrik und eine andre, in welcher Gobelin-Tapeten gewürkt wurden, sind eingegangen. Es ist jetzt eine Gesellschaft teutscher Schauspieler hier; ich habe mich verleiten lassen, einer ihrer Vorstellungen beizuwohnen, aber bis an das Ende konnte ich es darin nicht aushalten. Es wundert mich, daß die hiesigen Einwohner durch die Nachbarschaft des vortrefflichen Theaters in Mannheim ihren Geschmack so wenig verfeinert haben, daß sie geduldig ein schlechtes, unnatürliches Spiel, eine falsche Deklamation und Sprachfehler ohne Zahl ertragen können. Zwar, was die Sprache betrifft, so nimmt man es damit in den Rheingegenden so genau nicht. Die mehrsten Menschen hier schreien in einer Mundart, von der man nicht recht weiß, ob man sie für teutsch oder wofür sonst halten soll, und schreiben so inkorrekt, daß wahrscheinlich ein Dorfschulmeister in Sachsen sich keine solche Sprachfehler verzeihn würde, wie in dem ganzen Striche von Straßburg oder von Metz bis Kassel in Hessen haufenweise in den Werken der Schriftsteller, in gedruckten Verordnungen u. dgl. angetroffen werden. Es scheint auch, als hätten die Leute gar kein Gehör. Sie verwechseln ohne Unterlaß ö und e, ä und e, ü und i, eu und ei und akzentuieren ganz falsch. Auf ebendiese Weise verstümmeln sie auch die ausländischen Sprachen, und es ist sonderbar genug, daß man im nördlichen Teutschlande reineres Französisch redet wie an der Grenze von Frankreich. So legt man zum Beispiel in Lothringen, Elsaß, Saarbrück etc. immer das Gewicht auf die erste Silbe des Worts, welches der Rede eine unerträgliche Eintönigkeit gibt. Selbst in den französischen Infinitiven, die sich mit einem langen er endigen, und in den Wörtern, welche am Ende ein scharfes é haben, legen sie doch den Accent auf die erste Silbe, zum Beispiele in ramener, bonté usf. Der Direktor der hiesigen Schauspielergesellschaft selbst verwechselte immer mir und mich , dem und den . Mein Nachbar im Parterre, den ich darauf aufmerksam machte, versicherte mich (als wollte er mir einen Vorwurf über meinen Tadel machen), der Direktor sei doch ein sehr ehrlicher Mann. »Und was kümmert mich sein Privatcharakter?« erwiderte ich ihm: »Hier ist die Rede von seiner Kunst.« Das ist das Widrigste bei unserm Theaterwesen, daß Menschen ohne Erziehung, Kultur und Weltton das Schauspielerleben erwählen, um nachher Helden, Fürsten, Minister und Hofkavaliere vorzustellen, indes sie nur mit Leuten aus den niedrigsten Klassen umgehen. Und da nun in Teutschland die Erziehung und der Ton unter Personen von verschiednen Ständen, viel mehr wie in Frankreich und England, gegeneinander abstehen und ein Rang den andern so weit von sich entfernt hält, so kann ein Mann, der in der großen Welt lebt, unmöglich anders wie mit Widerwillen auf unsern Theatern solche Rollen darstellen sehn. Auch geben sich die Direktoren nicht einmal die Mühe, sich nach den üblichen Gebräuchen zu erkundigen. Trägt eine Exelangs oder Tirchleicht (denn so hört man auf unsem Theatern fast immer Exzellenz und Durchlaucht aussprechen) ein Ordensband, so hat sie es immer über dem Rocke hängen, als wenn ein großer Galatag bei Hofe gefeiert würde; im Zimmer setzen die Leute den Hut auf, und wenn der Fürst in »Emilia Galoti« mit Marinelli abgeht, muß jener sich die Tür selbst öffnen, und der Kammerherr läßt das geschehn. Die Tabaksdose ist das Hauptkennzeichen des vornehmen Mannes und muß aus der Not helfen, wenn man mit den Händen nirgends hin weiß. Soll der Hut unter dem Arme getragen werden, so legt man ihn, wie ein Pflaster, auf den Magen und kneipt nur eine Spitze davon mit dem hölzernen Ellenbogen. Der Stutzer sitzt in Gegenwart der Damen mit übereinandergeschlagnen Beinen da, und was dergleichen Unanständigkeiten mehr sind. Doch das alles möchte noch hingehn, wenn nur bei der Auswahl der Stücke Rücksicht auf den sittlichen Einfluß genommen würde. Da meinen aber die Herrn Direktoren, wenn nur keine Zoten darin vorkämen, so wäre alles gut. Ob aber unter ehrliche Bürgermädchen und Jünglinge romanhafte Begriffe, Hang zu Abenteuern und Intrigen verbreitet werden, darum bekümmern sie sich sehr wenig; allein die Polizei sollte sich desto mehr darum bekümmern. Morgen, mein Lieber! reise ich von hier über Darmstadt nach Frankfurt und hoffe dort einen Brief von Ihnen mit der angenehmen Versicherung zu finden, daß Sie nicht vergessen haben Ihren etc. Frankfurt, den 26. Mai Als ich im Begriff war, von Heidelberg abzureisen, und nur noch auf die Ankunft des Fuhrwerks wartete (denn ich habe keinen eignen Wagen mit auf die Reise genommen), wandelte ich in dem Vorhause des Gasthofs auf und nieder. Ein sauber gekleidetes hübsches junges Frauenzimmer trat herein, machte mir im Vorbeigehn eine anständige Verneigung und fragte dann ein paar Leute, die im Hofe standen, ob man ihr nicht eine Retourkutsche oder irgendeine andre Gelegenheit, um wohlfeilen Preis nach Frankfurt zu kommen, anweisen könnte. Man sagte ihr, der Herr dort stehe im Begriff, dahin zu reisen; man wisse aber nicht, ob er geneigt sei, jemand mitzunehmen. Ich hörte diese Unterredung in einiger Entfernung an und beäugelte nun noch einmal das Frauenzimmer, vom Kopfe bis zu den Füßen, indem ich erst mit mir selbst ausmachen wollte, ob ich ihr anständigerweise meine Gesellschaft anbieten könnte. Sie hatte indes auch den Kopf nach mir hingewendet und schien ihre Bescheidenheit um Rat zu fragen, ob sie mir die Bitte vortragen dürfte oder nicht. Ihre hellen, freundlichen blauen Augen hatten schon zur Hälfte den Antrag getan, als, mit Vorsatz oder durch Ungefähr, ein kleines, zierliches, in Atlas gekleidetes Füßchen schelmisch unter dem Rocke hervorblickte und mich vollends bestimmte, diesem Antrage auf halbem Wege entgegenzukommen. »Mademoiselle!« sagte ich, indem ich mich ihr näherte. »Ich habe einen zweisitzigen Wagen gemietet. Mein Bedienter hat Platz auf dem Bocke. Wenn ich es also wagen dürfte –.« – »Sie sind gar zu gütig«, erwiderte sie. »Ich fürchte, Ihnen beschwerlich zu sein; wollten Sie aber die Gefälligkeit haben, sehr gern würde ich einen Teil der Unkosten –.« – »Was reden Sie von Unkosten und Beschwerden? Wer würde nicht gern mit Ihnen durch die ganze Welt und, müßte es sein, sogar in jene Welt hineinreisen, sollte er dies Glück auch noch so teuer erkaufen?« – Sie verneigte sich und lächelte mit Anstand; der Kutscher kam bald, und wir fuhren ab. An einem schönen Frühlingstage durch die reizende Bergstraße zu fahren, den balsamischen Duft der Blüten einzuhauchen, nach allen Seiten hin die schönsten Gegenstände zu erblicken: hier eine Kettenreihe von Gebirgen, mit Weinstöcken und Obstbäumen und Wald in so malerischer Abwechselung besetzt; auf den Gipfeln alte zerstörte Ritterschlösser; dort die weite Ebene – ein unübersehbarer Garten! – und in der Entfernung die Städte und Dörfer. Bedarf es mehr, um das Herz zu sanften Empfindungen zu stimmen? Aber nun machen Sie vollends diese Paradiesfahrt an der Seite eines hübschen freundlichen Mädchens, in einem engen, zweisitzigen, geschlossenen Wagen, wo Sie bei jedem kleinen Stoße, den die Räder auf einem Steine machen, den der schadenfrohe Satanas nicht umsonst in den Weg gelegt hat, bei der kleinsten Bewegung Ihrer Arme der liebenswürdigen Nachbarin näher kommen, wo Sie den Anblick der romantischen Gegend durch das offne Seitenfenster nicht genießen können, ohne die hellen Strahlen aus einem Paar sanften, lieblichen Augen aufzufangen – so will ich doch sehen, ob Sie, bei aller Ihrer Philosophie, nicht anfangen sollten, heimlich mit den drei geistlichen Feinden zu kapitulieren. In solchen Bedrängnissen pflegt ein Mann von Ehre, von feinerm sittlichen Gefühle und der, wie ich, Achtung für das weibliche Geschlecht hat, verlegen um den Stoff zu einer Unterhaltung zu sein, die weder trocken und langweilig wird, noch einen gefährlichen sentimentalen Schwung nimmt. Einige bescheidne Fragen über den Zweck der Reise meiner Gefährtin halfen mich vorerst aus der Not, und ihre Geschichte, die übrigens nicht reich an Abenteuern war, reichte nebst einigen kleinen Episoden glücklicherweise hin, bis wir nach Heppenheim kamen, wo wir im Posthause ein leichtes Mittagsmahl verzehrten und eine Flasche Wein dazu ausleerten, den ich, seines gewürzhaften Geschmacks und der milden Fröhlichkeit wegen, in die er, mäßig getrunken, versetzt, Ihnen, wenn Sie einmal in diesen Gegenden reisen sollten, hiermit bestens empfohlen haben will. Meine Gefährtin war die Tochter eines Kaufmanns aus Offenbach, dem heitern Städtchen am Main, wo die edle Witwe des würdigen Kanzlers La Roche jetzt wohnt, die mit ihrer Feder zur Bildung ihrer weiblichen Leserinnen soviel beigetragen und den Gewinst ihrer Schriftstellerei auf so beneidenswerte Art verwendet hat, indem sie sich dadurch die Mittel erleichterte, einem durch schändliche Pfaffenkabale seines Amts entsetzten Gatten und ihren liebenswürdigen Kindern mehr Gemächlichkeit des Lebens zu verschaffen. In diesem Städtchen, sage ich, war meine Gefährtin zu Hause. Sie hatte eine Verwandtin in Heidelberg besucht und wollte nun zurück nach Offenbach reisen. Ihre Eltern und, fügte sie zutraulich hinzu, ihr Bräutigam, ein junger Fabrikant, würden sie in Frankfurt abholen. Dies war der einfache Stoff zu ihrer Geschichte, die sie, durch Einmischung kleiner Nebenumstände, Schilderungen und Bemerkungen, kunstlos, aber angenehm ausdehnte. Ich muß mir die Gerechtigkeit widerfahren lassen, zu bezeugen, daß mir's lieb war, zu hören, daß sie eine Braut wäre. Dies löschte nicht nur jeden Gedanken eines Abenteuers in mir aus und überzeugte mich, daß ich in keine verächtliche Gesellschaft geraten war, sondern es hob auch alle Verlegenheit, allen unrechten Zwang von meiner Seite auf, indem sie nun sans conséquence für mich wurde. Von ihrer Seite bemerkte ich keinen Schatten von falscher Zurückhaltung; sie war immer gleich heiter und zutraulich. Die Frauenzimmer in dem südlichen Teile von Teutschland sind in ihrem äußern Betragen viel gefälliger, obgleich darum nicht mehr und nicht weniger verderbt wie die in den nördlichen Gegenden. Sie sind lebhafter, ohne deswegen leichtfertiger zu sein, erlauben auch wohl im geselligen Umgange den Mannspersonen kleine, unschuldige Freiheiten, denen sie aber zu rechter Zeit Grenzen zu setzen wissen. In einigen Städten von Niedersachsen und Westfalen hat die äußere steife, hölzerne Sittsamkeit der Mädchen den Anstrich wahrer Grobheit. Sie wissen nicht, ob sie auf der Gasse unsern Gruß mit einer Verbeugung erwidern sollen oder nicht, weil sie fürchten, ein Dritter könnte glauben, sie ständen in sehr genauer Bekanntschaft mit uns. So dankt ein junges, unbedeutendes Mädchen einem Manne von Stande, der sie grüßt und der, wenn er nicht ihres Vaters Freund wäre, das kleine Geschöpf gar nicht bemerken würde, mit einem gnädigen Kopfnicken, das sie kaum einem Lakaien bieten sollte. Das ist nun freilich der Fall bei Frauenzimmern denen es an wahrer Lebensart, an Contenance fehlt; aber in den Rheingegenden und andern Teilen von Oberteutschland kommt diese ungezwungne Höflichkeit und gute Haltung aus einem unbefangenen Herzen und ersetzt den Mangel an feinerer Kultur. Auf der Reise von Heppenheim bis Darmstadt war unsre Unterhaltung nicht sehr lebhaft; das gute Kind schlief fast den ganzen Weg hindurch; es war vermutlich früher wie gewöhnlich aufgestanden, denn wahrlich! Sie würden mir unrecht tun, wenn Sie mir schuld gäben, ich hätte sie durch Stillschweigen oder langweilige Gespräche in den Schlummer gewiegt. Vielmehr war unser Dialog anfangs recht beseelt und wie unter nahen Verwandten oder Leuten, die sich seit viel Jahren kennen. Bei der Frage des Kellners im Gasthofe in Darmstadt, ob wir ein zweischläfriges Bette oder zwei einschläfrige beföhlen, errötete die kleine Braut; ich antwortete statt ihrer und gab sie aus Scherz für meine Nichte aus. Wir speisten abends an der Wirtstafel, wo ich Gelegenheit hatte, mein Ansehn als Oheim geltend zu machen, indem ich, durch ein paar ernsthafte Worte, meine Gefährtin von den Zudringlichkeiten eines jungen Offiziers befreite. Es sieht jetzt in Darmstadt viel lebhafter aus wie zu den Zeiten des vorigen Landgrafen; der jetzige hat seinen Hofstaat und das Militär vermehrt und sorgt für die Verschönerung der Stadt. Aus Gefälligkeit gegen das junge Frauenzimmer trat ich hier in Frankfurt im »Goldnen Löwen« ab, wo sie ihre Verwandten erwartete. Sie waren schon da und haben sie nun mitgenommen – feine, gute Leute; nur der Bräutigam wollte mir nicht gefallen; ich ihm auch nicht, wie ich glaube, denn er eilte gewaltig, mit seiner Braut fortzukommen, als diese sich ein wenig aufhielt, um mir noch einmal zu danken. Ihren freundschaftlichen Brief, mein Bester! erhalte ich in diesem Augenblicke, auch einen von unserm M***, worüber ich Ihnen nächstens mehr sagen will; heute bin ich nicht dazu aufgelegt, denn mit diesen angenehmen Briefen zugleich empfing ich die Nachricht von dem Tode meines vieljährigen Freundes *** in ***. Ich wußte, daß er sehr krank war, doch hoffte ich ihn noch einmal in meinem Leben wiederzusehn. Dies verändert ein wenig meinen Reiseplan. Frankfurt verlasse ich schon morgen wieder; es ist mir hier zu geräuschvoll; die bevorstehende Kaiserwahl zieht eine Menge Fremde hierher und in die benachbarten Bäder. Pyrmont, Meinberg und Nenndorf werden diesmal wenig besucht werden, und das bewegt mich, nach einem von diesen Örtern zu gehn; denn ich liebe nicht das Getümmel da, wo man Gesundheit und Gemütsruhe holen will. Noch kann ich nicht bestimmen, von woher ich Ihnen zuerst schreiben werde; wo ich aber auch bin, da bleibt Ihnen die herzlichste Hochachtung und Freundschaft gewidmet von Ihrem etc. Georg Friedrich Rebmann Kosmopolitische Wanderungen durch einen Teil Deutschlands Hier bin ich denn nun angekommen, lieber Carl, in der großen Stadt Berlin, diesem Schauplatz menschlicher Pracht und menschlichen Elends, diesem Vereinigungspunkt, wo äußerster Reichtum und äußerste Armut durcheinander und nebeneinander sichtlich sind und wo linker Hand in der vergoldeten Karosse der Herr im Galakleid besorgt ist, eine halbe Million mit Geschmack zu vergeuden, während rechter Hand dicht an ihm ein armes Mütterchen das letzte Jäckchen um einige Groschen ins Pfandhaus trägt, um sich einige Dreier zu einem Bissen trocknen Brotes zu erwerben. Mein Gefühl, unter dieser Menge allein zu sein, ist wieder in seiner ganzen Fülle erwacht. Kein Wesen, dem ich lieb bin, ist um mich als mein treuer Pudel, der schmeichelnd seinen Kopf auf meinen Fuß legt und es so lebhaft als ich zu fühlen scheint, daß er hier fremd ist. Zwischen dir und mir, mein Teurer, fließen schon der Rhein, der Main, die Elbe, die Havel und die Spree, und wenn mir's übelgehen, wenn ich deiner bedürfen sollte, so bin ich doch wohl nicht mehr, wenn du auch mit Extrapost mir zu Hülfe eilen wolltest. – Wie widersprechend doch unsre Gefühle, unsre Wünsche sind! Wie oft wünscht ich mich unter einen großen, fremden Menschenhaufen, wo niemand wüßte, wer ich wäre, wo niemand meinen Namen kennte. Und jetzt gibt es Augenblicke, wo ich mich in das kleine Landstädtchen zurücksehne, wo jeder Bube auf der Straße das Register meiner Jugendsünden am Finger herzuzählen vermag. Es ist ein sonderbarer Gedanke, Carl, unter einer Menge gleichartiger Wesen zu sein, die kein Interesse an mich knüpft, wenn es nicht bar bezahlt ist, und die den Grad ihrer Achtung gerade nach der Korpulenz meines Beutels abmessen. Es ist sonderbar, lieber Carl, daß dies Gefühl der Fremdheit durch so unendlich kleine Modifikationen am auffallendsten und selbst mehr als durch große Verschiedenheiten bemerkbar wird. Der Unterschied in der Zurichtung der Speisen, in den Betten, in Aushängezeichen der Gasthöfe, und was dergleichen Kleinlichkeiten mehr sind, tragen soviel dazu bei, dir bemerken zu machen, daß sich alles um dich verändert hat, als wichtigere auffallende Dinge, eben, weil sie dich in so unendlich viel Bequemlichkeiten des Lebens zu unbemerkbaren Abänderungen zwingen, die dir zuwider sind, bis du dich allmählich daran gewöhnst. Daher denn die Menschen, die überall ihren Sorgenstuhl mit sich schleppen und wenigstens, wie Hawser Trunnion , ihr Kastell nach ihrer Lebensweise einrichten möchten. Daher das Sehnen nach Menschen, die uns im Grunde entbehrlich sein würden, die wir nicht lieben, aber bloß – gewohnet sind. Inzwischen ist man in den ersten Augenblicken und Tagen, die man an einem fremden Orte zubringt, nicht zum Beobachten und noch weniger zum Beschreiben geneigt. Die Aufmerksamkeit teilt sich in so viele kleine, unendlich verwirrte Zweige, daß alle Eindrücke, die großen ins Kleine und die erhabenen ins Kindische, verschwimmen und man nicht imstande ist, das krause Gewirr in einer gewissen Deutlichkeit wiederzugeben. Erwarte daher ja nicht, daß ich mein unüberlegtes Versprechen, dich schon in gegenwärtigem Briefe mit meinen Beobachtungen und Bemerkungen in Berlin zu unterhalten, erfülle, zumal ich dazu notwendig in Ruhe sein müßte. Zwar habe ich mir schon ein Quartier gemietet, allein ich werde es morgen wieder verlassen. Weil dich die Geschichte meiner Einmietung und die Beschreibung meines Quartiers vielleicht unterhalten möchte, so höre denn einen hübschen Beitrag zur Geschichte meiner Unvorsichtigkeiten. Unter der unendlichen Menge chambres garnies, die an der Post, als dem Schwarzen Brett von Berlin, ausgeboten werden, wählt ich mir gleich nach meiner Ankunft die erste beste und beschloß, um ja recht sicherzugehen, sie gleich zu mieten und nur eine Nacht im Hotel de Rôme zuzubringen. Die Gasse gefiel mir nicht, i nu, dacht ich, sie ist einsam, desto besser. Zwei hübsche Mädchen, die eine stille Familie auszumachen schienen, akkordierten mit mir auf die Miete des Zimmers um einen Louisdor monatlich, ohne daß es mir einfiel, in ihre Versicherung, daß das Zimmer schön und gut möbliert sei, ein Mißtrauen zu setzen. Nun zog ich ein und war wie aus den Wolken gefallen, als ich zwei Porträts Friedrichs des Großen, davon das eine die Fragmente eines ehemaligen Küchenfensters bedeckte, einen Schrank, der bei jedem Tritt donnerte, weil ihm zwei Füße fehlten, einen ähnlichen Tisch und ein paar Pagoden auf dem Ofen erblickte, die man für Frösche oder für Heiligenbilder ansehen konnte. Meine schönen Hausbesitzerinnen waren Töchter eines bankerott gewordenen und geflüchteten Juden, und in den ersten Stunden hatte ich schon alle Ursache zu glauben, daß sie die Eigenschaften ihrer Nation nicht verleugneten, denn ich mußte von einigen Kleinigkeiten, die ich holen ließ, ungeheure Prozente abgeben. Meine Aufwärterin war das leibhafte Konterfei der Alten aus der Räuberhöhle im »Gil Blas«. Eine Woche, oder vielleicht ein Monat, möchte doch auszuhalten sein, dacht ich und hatte gleich den ersten Tag Gelegenheit zu bemerken, daß neben, oben und unter mir nichts als Freudenmädchen wohnten, die mir gleich in der Frühstunde des nächsten Tages eine eben nicht delikate Debatte zu hören gaben, welche sie mit einem Offizier wegen einer Verkürzung ihres verlangten Honorars vom Fenster auf die Gasse herab führten und die mich sehr belustigte, da die Gründe beider Parteien sehr ins Detail ausgeführt wurden. Ich war zwar schon entschlossen, keine Sonne mehr über mein Haupt in diesem Zimmer untergehen zu lassen; nun kam aber eine alte Ambassade, die mich für den Betrügereien meiner Hausleute warnte und mich zu gewissen »Mamsells« einlud, die gar schöne, liebe Mamsells sein sollten. Jetzt ist's hohe Zeit, dacht ich, beschloß, die Warnung zu benutzen, die ich doch wohl der Eifersucht zweier Spekulanten auf meinen Beutel zu verdanken haben mochte, ohne in die Falle zu gehen, und zog mit Verlust meiner unvorsichtig genug vorausbezahlten fünf Taler in ein trefflich möbliertes Zimmer Unter den Linden, das mich nur einen Taler mehr kostet. Erlaube mir, dich inzwischen mit meiner Reisegeschichte von Potsdam bis hieher zu unterhalten. Da ich auf der Journalière fuhr, so bekommt meine Reisebeschreibung doch einige Ähnlichkeit mit einer empfindsamen Reise, zu deren Ingredienzen bekanntermaßen seit Yoricks Zeiten immer eine Diligence oder etwas dergleichen gehört. Gedankenlos und in eine Menge abenteuerlicher Pläne und Phantasien vertieft, fuhr ich ein gutes Stück Weges und würde wahrscheinlicherweise weder meine Gefährten noch sonst irgendeinen äußern Gegenstand meiner Betrachtung gewürdigt haben, wenn nicht eine halbe Stunde von Potsdam eine Stimme halb kläglich, halb freundlich gerufen hätte: »Mais, mon Dieu, vous m'étouffez!« – Diese gefahrverkündende Exklamation bewürkte, daß ich mich umsah und gewahr wurde, daß ich, ohne es zu wissen und zu wollen, eine hinter mir sitzende weibliche Gestalt in eine Wolke von Tabaksdampf eingehüllt hatte, die, wenn auch die Gefahr des Erstickens bloß eine figürliche Redensart war, dennoch immer einem zweibeinichten Geschöpf ohne Federn, das nie auf Universitäten oder in Wachtstuben gewesen ist, Unbequemlichkeit genug verursachen konnte. Gott bewahre, daß irgendeine zu meiner Erhaltung oder Wohlbehaglichkeit nicht durchaus notwendige Handlung die Bequemlichkeit oder auch nur das Vergnügen eines meiner Nebengeschöpfe mit meinem Willen stören sollte! – Zwar bin ich keineswegs gesonnen, mir ein Auge, ein Ohr oder sonst ein wichtiges Glied meines Körpers ausreißen oder abschneiden zu lassen, und wenn es alle Mätressen, Beichtväter, Minister und Fürsten in der ganzen Welt noch so sehr ärgern sollte; allein eine mehr oder weniger gerauchte Pfeife Tabak hat auf mein Wohlsein so geringen Einfluß, daß es barbarisch sein würde, irgend jemand dadurch auch nur eine Minute lang zu kränken, es müßte denn gerade in einer unglücklichen Minute ein Kakodämon über mir schweben oder das Geschöpf, dem ich im Wege stehe, von der Art sein, daß es mir Vergnügen macht, ihm im Wege zu stehn. Und beinahe wäre dies in der gegenwärtigen Lage der Fall gewesen. Nimm ein Drittel Arglist, ein Sechstel widerlicher Freundlichkeit, ein Sechstel Reliquien ehemaliger Wollüste und vier Zwölftel zusammengesetzter böser Neigungen, Lüste und Begierden, und stelle dir eine Gesichtsbildung vor, der alles dieses in unverkennbaren Zügen eingedrückt ist, so hast du das Porträt der Dame hinter mir. Du weißt, lieber Carl, daß ich glaube, daß die Nase A. gar wohl einem ehrlichen Manne und die Nase B. einem Schurken zugehören könne, wenn auch der Schnitt der erstem mit Cartouches und derjenige der zweiten mit Götzens von Berlichingens Nase genau übereinkommen sollte. Aber beim ersten Anblick dieser Gesichtsform glaubte ich einen Stich des Seelenmalers Chodowiecki mit der Unterschrift »Die Kupplerin« zu erblicken. Dies verkündigten mir die neunundneunzig Falten ihres Gesichts, das Kolorit ihrer Wangen, die Kontur des spitzen Kinns und die Haltung des Ganzen, noch mehr aber ein junges Mädchen, das ihr zur Seite saß und deren Gesicht eine gewisse namenlose Besorgnis ausdrückte, die sich dann einstellt, wenn man etwas unternommen hat, von dessen gutem Ausschlag man noch nichts weniger als vergewissert ist. Hinter beiden Donnen hatte ein Mann in einem braunen Kleide Posto gefaßt, dessen Haupt mit einer weißen Perücke geschmückt war und dessen Augen, Gott weiß! ob von Seufzern über die Sünden der Welt oder von andern Ursachen, eine gewisse gläserne Röte erhalten hatten. An seinem Finger spielte ein prächtiger Brillant. Im Hintergrunde figurierte ein guter Tropf von Kandidaten, dem man es auf den ersten Anblick ansah, daß er in Athen vom Ostrazismus nichts zu fürchten gehabt hätte und auch in unsern kultivierten Staaten die für jene republikanische Purganz substituierten Mittel der ewigen Einkerkerung oder der Aqua tofana nicht zu scheuen Ursache haben möchte. Das Gespräch dieser erst beschriebenen Personen betraf keinen geringern Gegenstand als die Sünden der Welt und in specie die Sünden von Berlin. Hier hast du einige Fragmente davon. Der Mann mit der Perücke: Mich soll's verlangen, wo das alles noch am Ende hinaus will. Lange kann's nicht mehr Bestand haben. Keine Gottesfurcht, keine Rechtschaffenheit ist mehr in der Welt. Alle Tage wird es schlimmer und schlimmer. Der Kandidat andächtig : Jawohl! Der Mann mit der Perücke: Der geistliche Stand wird verachtet, die Religion gelästert, der Glaube ist ein Spott. Unsre Jugend besucht, statt der Gotteshäuser, die Teufelshäuser – Gott sei bei uns! Die Kupplerin: Gott sei bei uns! Der Kandidat: Gott sei bei uns! Der Mann mit der Perücke: : Der Ehestand wird nicht heiliggehalten, der Mann hat eine andere neben der Frau, die Frau einen andern neben dem Mann. Oh, Sodom! Sodom! Die Kupplerin: I nu, Jugend hat nicht Tugend. Erlaubte Vergnügungen... Der Mann mit der Perücke: : Der Mensch tut nicht, was für Gott recht ist. Es gibt Schwachheiten, von denen wir alle, so lange wir im Leibe wallen, nicht frei sind. (Die rechte Hand bewegt sich allmählich gegen die linke des Mädchens, die die Augen um einen Zoll auf die andere Seite wendet.) Der Kandidat mit einem tiefen Seufzer : Nicht frei sind. (Meine Hand langte mechanisch nach der Tabakspfeife.) Der Mann mit der Perücke: : Menschliche Schwachheiten waren das Erbteil unsrer ersten Eltern. Aber die Verachtung der heiligen Religion und ihrer Diener! Hebet die Augen auf und schauet nach Frankreich! da sieht man die Folgen! Mein Heiland, hilf! Der Kandidat: Jawohl, mein Heiland, hilf! Die Kupplerin vermutlich, um den Blicken der Gesellschaft eine Diversion zu machen, zu mir : Werden unsre Leute wohl bald in Paris sein? (Ich blies stillschweigend die Asche aus meiner Pfeife. Des Alten Hand bewegte sich um zwei Zoll näher zu der Hand des dickbesagten Mädchens, und sein Fuß mit der tombaknen Schnalle schien dem ihrigen einen leisen Druck zu geben.) Die Kupplerin während sie dem Alten einen Blick gab, der ungefähr soviel hieß als: nur weiter, zum Kandidaten : Der Herr Kandidat haben neulich eine schmucke Predigt gehalten, jedermann ward davon erbaut. Der Kandidat mit einem Schafskopfgesicht : Hm! Hm! Zieht mit Wohlgefallen seine Krause hervor. Die Gnade des Herrn ist in den Schwachen mächtig. Der Alte: Aber Sie haben auch ein Muster vor sich, über dem die Gnade des Lammes sichtbarlich waltet. Der gelehrte Herr Pastor W***. Die Kupplerin: Der fromme Mann! Der Kandidat: Der gelehrte Mann! Der Alte: Oh, daß die Jugend solche Predigten hörte! Rückt immer näher zum Mädchen . Daß sie, die sich so gern zum Unglauben... Der Kandidat indem er sich in eben dem Maße von dem Mädchen entfernt, als der Alte sich ihr nähert : Zur Unkeuschheit... Der Alte : Hm! Hm! Zum Unglauben neigt, die Predigt gehört hätte, die der fromme Mann neulich hielt! »Pust mir man die Sonne aus«, sprach er, »pust man! Nicht wahr, ihr könnt nicht? Seht, ebenso müßt ihr die Wahrheit der Gottheit Christi stehnlassen.« Die Kupplerin : Wie schön, wie kräftig! Der Kandidat : Wie trefflich, wie überzeugend! Immer ein wenig seitwärts rückend. Die Kupplerin indem sie sich so breit wie möglich macht und vor die Mamsell im Hintergrunde rückt, um die Avancen des Perückenmannes zu decken, zu mir: Werden Sie sich lange in Berlin aufhalten? (Meine Pfeife dampfte wieder.) Der Kandidat mit sichtlichen Zeichen des Entsetzens: Hebe dich weg, Satanas! »Schwerenot«, erschallte plötzlich eine Stimme im Hintergrunde: »Wet het denn der Herr man, det er nicht stille seet? Globt er man, det ihn dat Mädchen beesen wird? Und er, ohler Sünder, meen ich, kann ooch 'nmal ruhig blieven.« Der zeitige Inhaber dieser Stimme war ein alter Invalidenoffizier, der bisher im hintersten Winkel des Wagens, allem Anschein nach, geschlafen und deswegen niemands Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, weswegen wir ihn auch, als eine stumme Person, in unserm Verzeichnis gar nicht aufgeführt haben. So wie aber in verschiednen neuen Original-Schau- und Trauerspielen das meiste Interesse des Stücks in den stummen Personen und Statisten liegt, so entwickelte auch diese kräftige Apostrophe den ganzen Gang des Liebesromans, denn der Perückenmann wollte seinen Leichnam wieder in eine dezente Stellung setzen, verlor aber das Gleichgewicht und riß das Mädchen zugleich gegen den Kandidaten hin, der ein so mörderliches Geschrei erhob, daß mein Pudel ihn bei der Wade zu packen für gut fand, aus welchen verschiedenen Zusammensetzungen eine lächerliche Gruppe entstand, die mir viel Vergnügen machte. Die Blicke sämtlicher interessierten Personen sprachen ohngefähr wie folgt: Der Perückenmann: Daß dieser Teufel von Invaliden wachen muß, während ich hätte schwören wollen, er schliefe fest. Nun, ein andermal mehr! Der Kandidat : Der Herr sei gelobt, daß er mich von den fleischlichen Anfechtungen befreite, die mir die Nähe dieses Weibes verursachte, daß er diese sündliche Greuel zerstört hat. Sela! Die Mamsell : Verwünscht! daß mir der alte Kerl entgehen mußte. Nun, er hat angebissen und soll tüchtig bluten, denn er scheint reich zu sein. Die Kupplerin : Sei ruhig, Mädchen! er kommt wieder. Hättest dein Spiel immer auch mehr verstecken können. Aber der alte Krieger hatte einen so garstigen Strich durch die Rechnung gemacht, daß weder care Mama noch ihr Töchterchen wieder einige Haltung ins Ganze bringen konnten. Indes hörte ich doch, daß beim Aussteigen der alte Fromme, der unterdessen die Miene eines Mitglieds der Gesellschaft zur Beförderung der reinen Lehre angenommen hatte, dem Mütterchen ein paar Worte ins Ohr raunte, die wahrscheinlich auf die Vollendung der angefangnen Szene Bezug haben mochten. Nahe vor Berlin hatt ich noch das Vergnügen, den reichen Juden Ephraim vor seinem Landhause zu sehen, der sich eben dadurch, wodurch viele arme Schelme sich an den Galgen brachten, ein Vermögen von einigen Tonnen Golds erwarb, weil er – zünftig war. Wohl dem, dacht ich, der über irgend etwas, sollte es auch die Befugnis sein, dummes Zeug zu sagen, ein Privilegium hat. In meinem nächsten Brief sollst du mit mir, lieber Carl, eine große Tour durch Berlin machen. Ruhe indessen aus, denn du wirst ziemlich müde werden, und vergiß nicht deinen Freund etc. Ich habe mir vorgenommen, guter Carl, das neue Palmyra, dessen Paläste aus einer öden Sandwüste hervorsprangen, erst im allgemeinen zu durchwandern und dir einige Rechenschaft von seinem Äußern zu geben, ehe ich zum Innern übergehe. Es hält leichter, die Bewohner, Lebensart und Sitten einer Stadt näher zu beobachten, wenn die toten, leblosen Gegenstände die Aufmerksamkeit nicht mehr teilen. Du magst dich also gefaßt machen, heute mit mir einen großen Weg durch die schönen Plätze Berlins zu machen, ehe wir denn auch den häßlichen Teil besuchen. Gleich bei der Einfahrt, von Potsdam aus, überrascht den Reisenden der prächtige Anblick der langen und königlichen Leipziger Straße. Hart am Tore befindet sich ein großes Achteck, in dessen Mitte man dann die treffliche Ansicht einer Reihe von Häusern genießt, die man anderswo Paläste nennen würde, einen Anblick, der sich mit einem Obelisk und einer etwas niedrigen Kirche schließt. Diese Straße ist bei weitem die reinlichste in Berlin, und während die prächtigen Equipagen in der Mitte dahinrollen, hat der Fußgänger auf den Nebenwegen Platz, sich ungehindert mit der großen Menschenmasse fortzudrängen. Schade, daß bei diesen Gebäuden meist dem Geschmack zuviel auf Kosten der Festigkeit gefrönt ist und daß das Innere dem Äußern nicht ganz entspricht. So schön sich die grün und weiß abwechselnden Steine, die Menge von Basreliefs und Statuen ausnehmen, womit fast jedes auf eine eigene Art geschmückt ist, so sind sie doch nicht für die Ewigkeit gebaut, und ich fürchte immer, mit der Zeit könnte manche steinerne Venus oder Grazie vom dritten Stockwerk oder dem schönen Dach herabstürzen und dem betrachtenden Fußgänger Nasenbluten oder Kopfschmerz verursachen. Du weißt, daß der König mit seinem Bauen außerordentlich schnell zu Werke ging und Gebäude hervorzuwinken liebte, die freilich wie Feenschlösser entstanden, aber auch wie Feenschlösser einst verschwinden möchten, wenn der gefräßige Zahn der Zeit sie erst recht zu benagen beginnt. Inzwischen benimmt der traurige Gedanke an die Vergänglichkeit dem entzückenden Genuß der Gegenwart nichts, und diese Straße gehört unter diejenigen, wo ich, auch nachdem mir der Anblick schöner Paläste schon ziemlich alltäglich war, noch an manchem schönen Tage, wenn sich das Ende der Reihe in einen dünnen Nebel verlor, stille stand, um dem entzückenden Genuß der reizenden Ansicht vollen Raum zu geben. An der Leipziger Straße liegt auch der Dönhoffische Platz, einer der schönsten in Berlin, dem die Paraden des Militärs, denen man auf Ruheplätzen unter Bäumen zusehen kann, eine angenehme Lebhaftigkeit geben. Die Friedrichsstraße, welche vom Oranienburger bis zum Hallischen Tore reicht, zeichnet sich nicht sowohl durch ihre Schönheit als durch ihre Länge aus, denn ein mittelmäßiger Fußgänger hat wohl eine gute Stunde nötig, um von einem Ende bis zum andern zu kommen. An Schönheit wird sie von der gleichfalls langen Wilhelmsstraße um vieles übertroffen, desto vortrefflicher sind aber wieder zwei Plätze, der Wilhelmsplatz und der Gens d'armes-Markt. Auf dem Wilhelmsplatze, wo sich das Ordenspalais des Prinzen Ferdinand , das Palais des Ministers Grafen von Finkenstein unter so vielen beinah gleich schönen Palästen kaum auszuzeichnen vermögen, befinden sich an den vier Ecken die mit Gitterwerk eingefaßten Statuen der für ihren König gefallenen Generale, Keith, Winterfeld, Schwerin und Seydlitz, von karrarischem Marmor. Wenn je etwas den Heldengeist einer Nation nähren kann, so sind es solche Auszeichnungen, die auf den gemeinen Soldaten ungefähr die Würkung tun mögen, wie die ausgehängte Tafel eines Kollekteurs »Hier sind 30 000 Taler gewonnen worden« auf den Lotteriespieler. Es mißfiel mir jedoch an diesen Statuen das Abstechende, daß zwei der Helden im antiken und zwei im modernen Kostüme vom Bildner vorgestellt worden sind. Der Gens d'armes-Markt ist, nach meinem Gefühl, unstreitig der schönste öffentliche Platz in Berlin und von ungeheurem Umfang. Die Straßen, welche man von ihm aus gewahrt, sind die schönsten und regelmäßigsten, und kein widriger Gegenstand, kein Gebäude, das Armut oder Kleinlichkeit verrät, stört den schönen Anblick. In seiner Mitte stehen die französisch- und die deutsch-reformierte Kirchen und zwischen beiden das Schauspielhaus. Die beiden Kirchen haben die prächtigsten, schönsten und geschmackvollsten Türme in Berlin, welche nach dem Modell der Kirche Maria maggiore und minore auf dem Platz del popolo zu Rom gebaut und mit unübertrefflichen Basreliefs, nach Chodowieckis und Meils Zeichnungen, geziert sind. Der eine dieser Türme wurde beim Bau etwas übereilt und stürzte daher unter der Arbeit wieder ein, so daß die neue Aufführung viele Kosten verursachte. Dennoch war der Bau in nicht völligen drei Jahren vollendet, und die Kosten betrugen nicht mehr als ungefähr hunderttausend Dukaten . So wußte der große Friedrich Ökonomie und Prachtliebe zu vereinigen. Auf einem kleinen Umweg gelange ich zum königlichen Schloß, das sich von der Vorderseite gegen die sogenannte Schloßfreiheit zu besser ausnimmt als gegen den sogenannten Lustgarten, aber von der Spreeseite vollends gotisch aussieht. Diese Verschiedenheit der Fassaden ist hauptsächlich daher entstanden, weil mehrere Baumeister an dem ungeheuren Gebäude arbeiteten. Seine Größe kannst du dir schon daraus vorstellen, wenn ich dir anführe, daß es zwei Höfe enthält, deren jeder größer ist als der Marktplatz in einer mäßigen Landstadt. Der Lustgarten dient bei Tage zu einem angenehmen Spazierweg der schönen Welt und bei Nachtzeit zum Tummelplatz der feilsten und verächtlichsten weiblichen Geschöpfe in Berlin, die hier gemeinen Soldaten und Trunkenen die Überreste ihres Leichnams anbieten. Reizend ist die Aussicht auf die Spree, wo die Masten der Treekschuyten emporragen und die Flaggen im Winde spielen. Und nun kommt man über eine Brücke auf das Nonplusultra in ganz Berlin – die Lindenstraße. Damit ich hier nicht wieder in Verlegenheit komme, von einzelnen Gebäuden zu reden, wo ich dir den Eindruck des Ganzen schildern möchte, will ich die vorzüglichsten Paläste und öffentlichen Gebäude hier gleich anführen. Das Palais des Prinzen Heinrich , welches von Bauverständigen sehr gelobt werden soll, gab zu einem artigen Bonmot Friedrichs Anlaß, der davon sagte: Es sähe oben einem Freudenhaus, in der Mitte einer Kirche und unten einem Pferdestall ähnlich. Das Passende dieses Vergleichs beruht darauf, daß die obern Fenster klein und viereckicht, die mittlern groß und oben oval und die untern, tief an der Erde, quer-länglicht und klein sind. Das Palais des Kronprinzen zeichnet sich durch nichts Besonders aus, und die längste Seite desselben geht nicht auf den Platz, sondern auf eine Seitenstraße. Das Zeughaus ist nach dem Opernhaus das vortrefflichste und sicher das massivste und festeste Gebäude in Berlin. Rings um dasselbe stehn umgestürzte Kanonen, mit Ketten verbunden, über dem mächtigen Portal und an den Seiten sieht man die vortrefflichsten Trophäen und Insignien der furchtbar-herrlichen Größe des Siegers, der über Leichen einherschreitet – Sinnbilder der gräßlichen Majestät des Helden. Aber im Hofe und an der Hinterseite (oh, ich möchte den Baumeister für den göttlichen Gedanken küssen) hat Schlüter die grausen Larven der Reue mit dem Schlangenhaar, Sterbende, die letzte Miene von schrecklicher Anstrengung verzerrt, den Heroen gegenübergesetzt. Jeder Ausdruck ist meisterhaft, man wird vom triumphierenden Einzug des Siegers plötzlich aufs Schlachtfeld unter die Leichen und die heulenden Verwundeten versetzt und schaudert zurück, wo man vorher bewundernd staunte. Als die Russen in Berlin waren, faßten sie den furchtbaren Gedanken, diese Masse mit Pulver zu zersprengen, und konnten kaum durch die dringendsten Vorstellungen von diesem Unternehmen, das den Untergang von halb Berlin nach sich gezogen hätte, zurückgebracht werden. Das schönste Gebäude in Berlin ist, nach dem Urteil aller Bauverständigen, das Opernhaus. Seine edle Fassade, mit der einfachen Überschrift »Fridericus Rex Apollini et Musis«, macht einen unbeschreiblichen Eindruck, und man fühlt sich in die schöne Zeit zurückversetzt, wo die Denkmäler republikanischer Größe entstanden, aus deren Trümmern wir unsre Kunst schöpften. Gleich dem Opernhaus gegenüber ist die Königliche Bibliothek, ein verschnörkeltes, verkünsteltes Gebäude, bei dessen Anblick sich mir immer wider Willen die Idee eines Nürnberger Schranks aufdrang. Desto einfacher und schöner ist aber die zwischen beiden innestehende Rotonde oder Katholische Kirche, nach dem Modell des Pantheons gebaut. Ihre Simplizität gefällt ungleich mehr als die vielen Statuen und verschränkten Säulen der Bibliothek. Weiter hinaufkommt das Gebäude der Akademie, an deren Hinterseite auch die Ställe der Gens d'armes sind. – Als ihr erster Präsident noch ein Hofnarr und sein Nachfolger ein Untier war, den Friedrich Wilhelm in einer Tonne begraben ließ und die Geistlichkeit von Potsdam zwang, diesem Tonnenbegräbnis beizuwohnen, wer hätte wohl geglaubt, daß sie unter Friedrichs Regierung einen solchen Grad von Vollkommenheit erlangen würde? Das Palais des Grafen von Schulenburg, des Markgrafen von Schwedt, der Madam Ritz u. a. m. übergehe ich hier und führe dich sogleich wieder in die Lindenstraße, die schönste und breiteste in Berlin neben der Leipziger. Sie endigt sich mit dem königlichen, nach dem Propyläum zu Athen erbauten Brandenburger Tor. Unter den Linden, einer doppelten Allee, findest du nun, zumal sonntags, die schöne Welt von Berlin in ihrem vollen Glanze. Nebenan rollen bezahlte und unbezahlte Equipagen nach dem neuesten französischen und englischen Geschmack, vor und neben ihnen springen Laufer, Heiducken und Mohren mit den raschen Pferden um die Wette, und in den mit Geländern eingefaßten Alleen wallen Herren und Damen in der möglichsten Eleganz, um zu sehen und gesehen zu werden, junge Offiziere gehn in Reihen, Freudenmädchen werfen ihre Netze aus, Spitzbuben und Spieler spekulieren, Cicisbeos, die gerade vakant sind, suchen sich aufs beste zu produzieren, um eine neue Verbindung einzugehen, Juden und Mäkler rennen und laufen, um gegen teure Prozente manchen hier sichtbar zu machen, wobei sie im Vorbeigehen manchen Elegant in Anspruch nehmen zu wollen scheinen, und zwischen diesem glänzenden Gewimmel drängt sich ein armes Bürgerweib mittendurch, um ein Jäckchen beim Trödler zu versetzen und ihren hungernden Kleinen eine Suppe dafür zu kochen. Hier ist es nun unter der gehenden Welt beinah unmöglich, den Friseur vom Hofrat, den Kaufmannsdiener vom reichen Bankier, den Kammerdiener vom Kammerherrn und noch weniger die Geheimrätin von der Trödlerin zu unterscheiden. Du siehst eintausend Puppen, nach den Kupfern des Modejournals geformt, sich vorüberdrehen und ein anderes Tausend an ihre Stelle treten. Das Ganze gleicht einer lärmenden Prozession, davon sich der größte Teil durch das Atheniensische Tor in den nahen Tiergarten wälzt; Gruppen sammeln und zerstreuen sich, man lacht, man winkt sich, man streitet rings um dich, und alle diese Töne mischen sich mit dem Rasseln der Kutschen und dem Geschrei der Kutscher, mit dem Zanken der Obstweiber und der Kuchenhändler, die hier ihre Ware feilbieten, mit dem Geklapper der Spornen der Gens d'armes und mit dem Gemurmel des entfernten Schwarmes in ein betäubendes Ganzes. Laß dir auf dem nämlichen Schauplatz noch eine Szene anderer Art aufstellen, die ich oft genoß und die mir noch mehr Vergnügen gewährte als die jenes lärmenden Gedränges. Versetze dich im Geist mit mir in einer heitern Mondnacht auf den geräumigen großen Platz am Eingang der Linden. Hinter dir liegt der große, schwärzlichere Palast des Prinzen Heinrich; vor dir macht das Opernhaus mit der Rotonde und der Bibliothek ein treffliches Quadrat, und der Mond beleuchtet magisch die kolossalischen Statuen am Eingang des ersten und das runde, glänzende Dach der zweiten. Links blickst du über die blinkende Spree auf das ungeheure Schloß, das nebst einigen Türmen und einigen im Winde flatternden Wimpeln der Spreeschiffe der Mond gleichfalls in ein liebliches Halbdunkel stellt, und rechts schimmert dir durch eine Reihe prächtiger Gebäude zwischen den Wipfeln ehrwürdiger Linden das schneeweiße, prächtige Tor in sanftem Marmorglanz entgegen. Das Gewimmel des Tags ist verschwunden, öde Stille herrscht ringsumher, die bloß zuzeiten durch einzelne schallende Fußtritte der Runde oder das Geschrei der Wachen unterbrochen wird, du hörst sogar das Plätschern der nahen Spree. – Freund, die Gegenwart versank vor mir, ich fühlte mich zurückgesetzt in Jahrtausende, die mit dem Strom der Zeit vorüberbrausten, und rief: »Palmyra«, bis mich ein vorübertaumelnder Berliner, mit einem Freudenmädchen am Arm, aus dem schönen Traum weckte. Noch einen kleineu Weg magst du heute mit mir über die Hundebrücke, von der in seiner Jugend Seydlitz in die Spree setzte, um den König zu überzeugen, wie schwer ein Kavalleriste gefangenzunehmen sei, und die Lange Brücke nach der Königsstraße machen. Diese Brücke ziert die vortreffliche, von Schlüter gegossene Statue des Großen Kurfürsten, und welches Symbol meinst du wohl, das der Künstler gewählt habe, um die Größe seines Helden zu bezeichnen? – Gefesselte Menschen, die mit dem Ausdruck des wütenden Schmerzes in ihre Ketten zu beißen scheinen. Trotz der Schönheit der Bildsäule möcht ich sie in die Spree stürzen sehen, weil sie den unglücklichen Gedanken nährt, daß die Größe sich auf das Unglück und die Fesseln anderer gründe. Die untern kolossalischen Bildsäulen tragen noch die Spuren von Säbelhieben der wilden Russen, die ihre Wut an den armen – Sklaven ausließen, weil die Sieger glaubten, daß ihre Landsleute dadurch vorgestellt werden sollten. Du wirst dich hier an eine ähnliche, in Paris vorgefallene Geschichte erinnern, wo der preußische Gesandte an einem unter Ludwig XIV. Bild gefesselten Weltteil Ähnlichkeit mit den Zügen des Königs Friedrich Wilhelm zu entdecken glaubte und der Kopf deshalb mit einem andern vertauscht werden mußte. Die Königsstraße wird an Lebhaftigkeit, an ewigem Rollen der Karossen, die sich hier durchkreuzen, von keiner andern übertroffen und hat eine ziemliche Länge. Sie schließt sich mit der Königsbrücke, von welcher aus man eine schöne Aussicht auf die Stadt zu beiden Seiten der Spree vor sich hat. Die Mieten sind in dieser Straße sehr teuer. Im großen ist sie, was die Schloßgasse in Dresden im kleinen ist. Eine andere Brücke gegen Monbijou, das Lustschloß der Königin, hin ist mit trefflichen Statuen geziert, unter welchen mir ein Herkules sehr gefiel. Sie sind von einem Schüler der Akademie verfertigt. Sehr gern besuchte ich diese Brücken des Abends, wenn die Laternen anfingen zu brennen. Die vielen Lichter an den Seiten, die sich in der Spree spiegeln, die Pyramiden, welche die Laternen auf Pfeilern in der Ferne bilden, geben einen angenehmen Anblick. Aber, aber! – – Nach zehn Uhr kommen alte, häßliche Weiber und gießen links und rechts mit gellendem Geplätscher die Unreinigkeiten von 167 000 Menschen in die Spree, die, zumal in den Kanälen, einer Mistpfütze gleicht. Ich glaube, es würde ungleich besser sein, wenn man die Anlegung heimlicher Gemächer erlaubte, als daß täglich die Ausgießung der – – –stühle die Luft vergiftet. Den Mühlendamm, den ewigen Jahrmarkt von Berlin, die Mohren-, die Neue, die Klosterstraße und die ungeheure Menge anderer Straßen in dem schönen Teil Berlins magst du selbst besuchen, wenn du einmal hieherkommst. Da ich nächstens einen Spaziergang in den Tiergarten mit dir vornehmen will, so kannst du inzwischen immer von dem heutigen ausruhen. Schlafe also so wohl, als ich es gegenwärtig willens bin. Ehe wir den Tiergarten besuchen, magst du erst mit mir einen Augenblick bei den grünen Weiden des Weidendamms verweilen, die an Schönheit und Größe in Deutschland schwerlich übertroffen werden möchten. Es ist labend, mitten im Gedränge einer großen Stadt ein ländliches Plätzchen zu treffen, wo man sich zur Abwechslung einmal in Gedanken auf die lieblichen Fluren eines grünen Dörfchens zu versetzen vermag. Nun aber gerade durch das schöne Brandenburger Tor, an dem doch, meinem Gefühl nach, der mittlere Eingang ein wenig weiter sein sollte als die übrigen, in den schönen Tiergarten. Wenn ich diesen auch nicht, mit dem Verfasser der Briefe eines reisenden Franzosen, allen englischen Gärten, die ich noch sah, vorziehen möchte, so bleibt doch ausgemacht, daß er ein sehr schöner Park ist und um so mehr gefällt, da ihn rings Sandwüsten umgeben. Es fehlt ihm nicht an den interessantesten Partien jeder Art, lichtes und dunkleres Grün, Fichten und Platanusbäume wechseln lieblich miteinander, und man mag sich nun in den Strom der Spaziergänger mischen oder auf einem einsamen romantischen Plätzchen seinen eignen Gedanken nachhängen wollen, so kann man in dem beinah eine halbe Meile langen Wald für jede Laune Befriedigung finden. Kolossalische Statuen des Herkules und des Apollo, die ein Frömmler einst aus heiliger Andacht verstümmelt hatte, schmücken den Eingang. Nun hat man die Wahl, ob man der großen Allee folgen oder lieber sich in einen mit Tannensträuchen bedeckten Gang verlieren will, der – für liebende Paare geschaffen scheint. Mag man nun irgendeinen Pfad betreten, so gelangt man bald an das Lustschloß Bellevue, vor welchem die berühmten Zelten, der Berliner täglicher Spaziergang, stehen. Diese Zelten sind nun nichts anders als niedlich eingerichtete Tabagien, die nach der Reihe von verschiedenen Menschenklassen besucht werden, so daß in den links gelegenen die vornehmere und weiter rechts die mittlere und geringere Welt befindlich ist. Hier genießt man eine recht niedliche Aussicht auf die Spree und das am jenseitigen Ufer gelegene Dorf Moab, das gleichfalls stark von Berlinern besucht wird. In diesen Tabagien kann man die Berliner Galanthommes und galante Damen, die windige Klasse von Referendaren bis zum Friseur mit seinem Freudenmädchen und den ehrbaren Berliner Bürger mit seinem Weib und seiner Tochter nach Herzenslust beobachten und belauschen. Verfolgt man den Weg durch den Tiergarten weiter, so kommt man endlich durch eine Allee nach Charlottenburg. Eine gerade Straße von Lusthäusern und Tabagien verschiedener Klassen führt endlich zu dem Schloß, das auf allen Seiten – eines Königs würdig ist. Rings um dasselbe steht wieder eine Reihe von Statuen, von denen aber die meisten durch die Russen verstümmelt worden sind. Der Garten ist zwar im französischen Geschmack angelegt, aber wenig verschnitzelt und hat mitunter treffliche schattichte Alleen. Noch schöner sind die Partien in dem Garten bei dem hier befindlichen Palais der Madame Ritz. – Daß mir bei seiner Betrachtung gerade der widrige Gedanke an die Verhältnisse der Belohnungen des Verdiensts in dieser Welt aufsteigen mußte! Welcher Künstler, welcher Gelehrte, und vereinigte er die Talente Pygmalions und Raffaels, die Verdienste Homers und Wielands, kann ohne besondere Begünstigung des Schicksals sich je auf ein Landhaus wie dieses Rechnung machen! Hast du den Tiergarten und Charlottenburg gesehen, so sind dir auch alle Schönheiten der Natur um Berlin bekannt, denn außerdem stößt man auf nichts als öde, traurige Sandwüsten, deren Staub jedem ins Gesicht fällt und alle Lust benimmt, sich in diesen arabischen Wüsten begraben zu lassen. Und nun gehe mit mir aus diesen paradiesischen Gegenden zurück nach dem von mir so getauften traurigen Berlin . Alle die schönen Straßen, durch die ich dich bisher führte, waren aus der Neustadt und Friedrichsstadt gewählt. Mancher Fremde geht wohl aus Berlin, ohne mehr als diese besucht zu haben, aber ich finde es immer billig, den Bildern der Pracht auch Bilder des Elends entgegenzustellen. Wir wollen miteinander die lange Friedrichsstraße durchgehen, die sich, zumal bei Nacht, wegen der beinah unabsehlichen Laternenreihen so schön ausnimmt. Vor dem schönen Teile derselben, so wie vor dem niedlichen Häuschen der Madame Schupitz, wandeln wir vorbei und befinden uns, nach einer starken halben Stunde, am Ende derselben, unweit des Tors. Wenn jemand einen Fremden durch den Schlag einer Zauberrute hieher versetzte und ihn fragte, wo er sich zu befinden glaube, so würde er wohl eher auf ein mittelmäßiges Dorf als auf eine Königsstadt raten. Nun aber erst vollends die Stralauer Vorstadt! Blicke noch einmal zurück auf jene Paläste, blicke auf die geputzten Spaziergänger und dann schnell, ohne dein Auge zu wenden, hieher! Hieher auf die jämmerlichen Hütten, die den halbnackten Bewohnern den Einsturz drohen, auf Menschen, die unter schnarrenden Strumpfwürkerstühlen mit Mühe durch ununterbrochne sitzende Arbeit sich vom Hungertode zu retten vermögen, auf verkrüppelte Kinder, schmutzig und blaß – kurz, auf lauter Gegenstücke, die ein feindseliger Zauberer dir auf jene Bilder der Pracht und des Reichtums vors Auge gestellt zu haben scheint. An jenem Ende der Stadt betäubte dich das Rasseln der Karossen, hier hörst du nur das Seufzen einer Mutter, die für ihre Kleinen kein Brot hat, oder höchstens die einförmige Melodie eines geistlichen Liedes, die den Magen zur Ruhe lullen soll – dort stauntest du über die prächtige Livree des Laufers, hier muß eine arme Familie die Materialien dazu um einen unglaublich geringen Preis verarbeiten, damit der Kaufmann dem Müßiggänger, der seinen Bedienten mit Aufwand einer Summe kleidet, wovon diese arme Familie ein Jahr lang lebt, desto leichter und länger Kredit geben kann – die Federn, die auf der Promenade vom Kopf der stolzen Fabrikantin herabwehten, triefen vom Schweiße dieser Unglücklichen, deren vielleicht jeder in dieser Woche einige gehoffte Groschen weniger erhält, damit jene dann am Sonntage desto leichter einige Louisdors verspielen kann – hier verkauft eine verzweifelnde Mutter ihre einzige Tochter ins Freudenhaus, weiht sie zum Opfer des Lasters, um Brot auf einige Wochen zu haben, während Unter den Linden die Kupplerin das durch den Menschenhandel gewonnene Geld mit einem bezahlten – – – durchbringt. Oh, Freund! jene Paläste in eine und die Tränen dieser Unglücklichen in die andre Schale, welche wiegt schwerer, die des menschlichen Glücks oder die des menschlichen Elends? Und hier ist das verborgene, tiefversteckte Elend der dem Äußern nach so prunkenden Mittelklasse noch nicht mit gezählt! Ich bin, wahrlich! nichts weniger als Empfindler, aber ich habe ein menschliches Herz und sehe bis auf diesen Tag, soviel Mühe ich mir auch gegeben habe, nicht ein, warum gerade der Mann, der sechzehn Ahnen zählt, oder der, dessen Großvater es vielleicht gelang, seine Mitmenschen um einige Millionen zu betrügen, von dem Augenblick an, da er das Licht der Welt erblickt, Anspruch auf Glück und auf die ausschließenden Mittel , zu Erdenglück zu gelangen, haben soll, während hundert andre, vom nämlichen Augenblick an, zu unübersehbarem Elend bestimmt zu sein scheinen und ihnen auch die Mittel, sich emporzuschwingen, verschlossen sind. Dies Mißverhältnis möcht ich doch wohl nicht gerne für ursprüngliche Bestimmung halten, und ehe ich glaube, daß es absolut unverbesserlich ist, möcht ich doch lieber glauben, daß es hypothetisch (d. h. durch unsere Verfassung) unverbesserlich geworden sei. Den theologischen Gemeinspruch, daß in jener Welt die Ordnung der Dinge umgekehrt werden solle, will ich mir verbitten, denn wenn ich ihn auch von Herzen gerne ganz unangetastet lasse, so sehe ich doch immer nicht ein, warum Glück in jener Welt Unglück in dieser voraussetzen müsse! – Die Leute, die ihn so gern im Munde zu führen pflegen, bringen ihn gewöhnlich dann erst zum Vorschein, wenn sie satt sind, und vergessen bei einem vollen Magen die Abgeschmacktheiten, die sich, wenn man ihn unrecht anwendet, daraus folgern lassen. Kurz, es ist ein elender, seichter Gemeinplatz, der bei einer Verdauungspfeife gebraucht wird, um den Hülflosen abzuspeisen, statt daß man darauf bedacht sein sollte, tätig für ihn zu sein, ein Satz, der das wahre religiöse und biedere Mitleidsgefühl einschläfert und wobei der Unglückliche die Antwort geben könnte, die ein Missetäter einem Geistlichen, der ihn wegen des baldigen Plätzchens in Abrahams Schoß beneidete, naiv genug in den Weg warf: »Ehrwürdiger Herr, wie gern trete ich ihnen den Platz morgen ab!« Was diesen Unglücklichen die Fristung ihres Lebens in dem teuren Berlin noch einigermaßen erleichtert, ist die Gelegenheit, ihre Kinder in den verschiedenen Fabriken zu mancherlei Verdienst anhalten zu können. Leider! aber verliert die Moralität der Armen mehr dadurch, als die wenigen Groschen wert sind, die sie verdienen. Hier, unter Kindern mancherlei Alters, sitzen erwachsene Dirnen, meist schon von Grund aus verdorben, neben Mannspersonen, mit allen Lastern vertraut, hier fällt der giftige Mehltau der Verführung auf das Herz der unschuldigen Kleinen, sie hören über Unzucht, sehen – – – – Oh, Freund! wie fiel es mir aufs Herz, als mir ein ehrlicher Bürger so trocken sagte: »Alle Mädchen, die in ihrer Jugend in diesen Fabriken arbeiten, werden – – –« So hat selbst diese nützliche, menschenfreundliche Einrichtung ein Gegengewicht, das ihrer guten Seite die Waage hält. Auch in der guten, alten Stadt Berlin, auf dem Werder, in dessen obern Stockwerken meist die stillen Gichtelianer wohnen, in Alt-Kölln wird es dem Fremden, der durch die königliche Leipziger Straße gleich zuerst mit den Schönheiten Berlins vertraut wurde und in seinem Sinn ganz Berlin nach diesen beurteilt, nicht gefallen. Ob es gleich hier nirgends an schönen Gebäuden fehlt, so lehnen sie sich doch meist an niedrige oder räucherichte Nachbarn an, ihre Höhe verursacht eine Düsternheit, die widerlich ist. Nimm hiezu noch den Umstand, daß der Morast in allen Straßen bei dem geringsten Regenwetter Schuhe tief liegt. Es ist unmöglich, daß die zu Wegschaffung des Kots bestimmten Wägen zu dem Endzweck angewendet werden, wozu sie angeschafft sind, sonst wäre dieser Grad der Unsauberkeit unmöglich, ob sich gleich freilich im übrigen begreifen läßt, daß eine Stadt wie Berlin, die nicht, wie z. B. Dresden, mit unterirdischen Kanälen versehen ist, nicht immer reinlich sein kann. – Daher tragen denn auch die Berliner vernünftigerweise jahraus, jahrein Stiefeln, denn wer einmal Schuhe anziehen will, muß sich auch notwendig fahren lassen. Selten, daß man bei trocknem Wetter Unter den Linden oder im Lustgarten ein paar Spaziergänger mit Strümpfen und Schuhen antrifft. Auch alles Chapeaubasgehn ist hier durch einen, wie mich dünkt, vernünftigen Gebrauch ganz außer Mode, und der Verfasser der Wanderungen durch Deutschland hat ganz recht, wenn er sagt, daß in Dresden an einem Tage mehr Chapeaubas zu finden seien als hier im ganzen Jahre. Nächstens mehr! Garlieb Merkel Briefe über einige der merkwürdigsten Städte im nördlichen Deutschland Seit drei Tagen bin ich denn im deutschen Amsterdam herum. Ich habe diese Zeit größtenteils dazu angewandt, die Stadt zu durchirren, und zwar nicht bloß aus topographischer Neugier. Nein! Es ist gut, sich in Rücksicht des Örtlichen zu orientieren, ehe man den Bewohnern näher tritt: es trägt viel dazu bei, sie schneller kennenzulernen. Das Ungewohnte in der Lage und der Bauart einer Stadt bereitet auf das Neue vor, das man in dem Charakter, den Sitten, der Lebensweise ihrer Bewohner finden wird. Nur zu oft hab ich in ihrer Denkungsart die genaueste Übereinstimmung mit dem Äußeren ihres Wohnortes gefunden. Wenn die Außenseite eines Menschen für die Ankündigung seines Inneren gelten kann, so ist noch öfter dieses der Widerschein seiner Umgebungen. Nur großen Seelen ist es verliehen, dem Einflusse derselben, wenigstens bis zu einem gewissen Grad, zu widerstehen: – aber man muß in seinen Schlüssen vorsichtig sein. Wollte ich z. B. nach dem Äußeren Hamburgs von seinen Bürgern urteilen, so würde ich nicht viel Gutes von ihnen erwarten: und doch bin ich gewiß, daß ich sehr vieles finden werde. Von welcher Landseite man auch in die Stadt treten mag, immer kommt man in weite, luftige, schön bebaute Gassen, in denen das lebendige Gewimmel der Industrie bei dem Fremden tausend angenehme Empfindungen erweckt. So muß ein aufgeklärtes und wohlhabendes Volk wohnen, das seines Reichtums zu genießen weiß, denkt man: – aber nicht lange! Kaum hat man Zeit gehabt, sich seinem Wohlbehagen zu überlassen, so sieht man sich in enge, krumme Gäßchen verwickelt, auf deren Pflaster vielleicht seit Jahrhunderten kein Sonnenstrahl herabgelangt ist, wo man in tiefem Kote watet und ein erstickender Gestank die Brust beklemmt. Selbst die lebhafte Geschäftigkeit, weit entfernt, noch angenehm zu sein, wird hier beängstigend, wird immer mehr ein Bild der menschlichen Gesellschaft überhaupt, wo jedermann seine ganze Kraft aufbieten und beide Ellenbogen fleißig brauchen muß, um fortschreiten zu können. Hier verdrängt mich ein insolenter Karrenschieber von dem Trottoir mitten in den Schmutz der Gasse. Zehn Schritte weiter begegnen sich zwei Wagen: der eine muß über die Gasse hin dicht an die Häuser rücken, wenn der andere vorüberfahren soll, und den Fußgängern bleibt nichts übrig, wenn sie den Rädern entgehen wollen, als sich mit dem Rücken an die Mauern zu lehnen oder eine Treppe hinaufzufliehen. Demungeachtet hat ein Spaziergang durch Hamburg viel Angenehmes. Das Gemische der uralten und neuen Stadtteile, die Ungleichheit des Bodens, die verschiedenen Häusergestalten, die nirgend so mannigfaltig sind als hier, wo jeder seiner Phantasie folgen konnte, selbst das verwickelte Durcheinanderschlingen der Gassen und Gäßchen, gibt einer Promenade durch sie etwas Romantisches. In manchen Gegenden glaubt man, indem man um eine Ecke biegt, nicht etwa nur in eine ganz andere Stadt, nein, aus einem Jahrhundert in das andere getreten zu sein: so abstechend ist die Aussicht. Ich gehe eine lange, weite Gasse voll Prunkgebäude hinab; plötzlich hört sie auf und stellt mich an einen ziemlich steilen Abhang, wo ich in einen anderen Teil der Stadt wie in ein Tal herabsehe; oder an einen Kanal, über den oft keine Brücke führt; oder sie schlägt sich in einem ziemlich spitzen Winkel und fast in entgegengesetzter Richtung, zwischen armseligen, schwarzberäucherten Hütten, wieder zurück. Ein andermal schleicht man ängstlich beklemmt durch ein Labyrinth schmaler, halb unterirdischer Gäßchen, die kaum ein ellenbreites Fragment vom Himmel erblicken lassen, und – steht unvermutet am Ufer eines weiten Bassins, auf dem Lastboote und Kähne durcheinanderwimmeln, oder auf einem schönen weiten Marktplatze, wo Tausende von Menschen sich nebeneinander hindrängen. Mit neuem Mut geht man über ihn hin und – muß eine Stiege hinan, um wieder auf eine Straße zu gelangen. Sie sehen, an Plan und Regelmäßigkeit ist bei der Erbauung Hamburgs nicht gedacht worden, und die Geschichte der Stadt zeigt, daß es auch gar nicht geschehen konnte. Mit einer kleinen, kaum sichtbaren Hülle ausgestattet, schlüpft die Schnecke aus dem Ei. Sie nährt sich, sie wächst, und wie ihr Körper sich ausdehnt, gerinnt sein Schleim zum Häuschen; – unregelmäßig, punkt- und strichweise; jetzt in einem schmalen Ringe, jetzt in einem breiteren, aber immer gerade so, wie dessen der verlängerte Körper bedarf. Da haben Sie die Entstehung Hamburgs, die seine Gestalt erklärt und entschuldigt. Als Karl der Große, etwa im Jahre 779, mit seinem Heere bis zu den Ufern der Elbe durchgedrungen war, erbaute er in der Nachbarschaft des jetzigen Hamburgs, vielleicht in dem Bezirk desselben, eine Burg, die er Hochbuchi nannte und mit einer fränkischen Kolonie besetzte. Sie sollte ihm dazu dienen, teils die Einfälle der feindlich gesinnten Jüten zu erschweren, teils die Sachsen selbst im Gehorsam zu erhalten und den Mönchen, die er zur Verbreitung des Christentums dorthin schickte, einen sicheren Wohnplatz zu gewähren. Die treffliche Lage des Ortes zur Fischerei und zum Handel und der Schutz, den man sich von der nahen Burg versprach, bewog viele der bekehrten Sachsen selbst, sich auf den Elbinseln anzubauen, und die einzeln stehenden Fischerhütten verwandelten sich in einen Flecken. Die Wilzen, die Jüten, die Normänner zerstörten ihn zu wiederholten Malen. Die Franken entflohen; selbst der Bischof von Hamburg verlegte seinen Sitz nach dem sicheren Bremen: aber immer versammelte Liebe zur Heimat die alten Eingeborenen wieder auf der Brandstätte, und die Gewinnsucht führte ihnen ganze Scharen neuer Ansiedler zu. Sie befestigten ihren Flecken selbst nach jeder Zerstörung kunstreicher: endlich war er stark genug, den Angriffen der ungeübten Belagerer zu widerstehen, und nun konnte die plastische Kraft der Industrie ungehindert aus dem gesicherten Kern die jetzige Stadt entwickeln. Der umschlossene Bezirk wurde bald für die Menge der zuströmenden neuen Bürger zu enge: denn als im 11. und 12. Jahrhundert Handels- und Kunstfleiß unter den Deutschen erwachte, jeder Freie durch den ersteren Reichtum, die Sklaven durch den letzten Freiheit zu erlangen suchten, drängte sich alles nach den Städten, in denen man Sicherheit gegen die Gewalttätigkeiten des Adels fand. Bald entstand eine neue Stadt unter den Mauern der alten: aber sobald jene beträchtlich genug war, die Operation zu verdienen, warf diese einen Teil ihres Walles nieder und nahm sie in ihren Bezirk auf, wo sich die Ackerleute und Gärtner in Brauer, Fabrikanten und Kaufleute, die Hütten in Speicher verwandelten. Das Gewerbe wuchs, und ein benachbarter Holm ward bebaut: auch um ihn zog man den schirmenden Wall, und so ging es von Jahrhundert zu Jahrhundert fort. Auf diese Art, meine Freundin, erwuchs Hamburg zu seiner jetzigen Ausdehnung. Daher sein wildes Straßengewirre und daher die sonderbare Erscheinung, daß man mitten in der Stadt auf Plätze stößt, die Tore genannt werden. Auf mancher Gasse haben nämlich dreimal Stadttore gestanden, und jetzt ist sie von allen weit entfernt. Fast in jedem Jahrhundert schob man sie weiter hinaus, und doch war bald wieder eine neue Vorstadt entstanden, deren Aufnahme in die Stadt selbst die Grenze derselben plötzlich in deren Mittelpunkt verwandelte. Trug man dabei irgendeine Sorgfalt für die Bequemlichkeit der Bewohner, so bestand sie darin, daß man die alten Stadtgräben und die eingeschlossenen Arme des Stroms schiffbar machte, wo sie es noch nicht waren, damit die Schiffe und Barken ihre Waren unmittelbar in die Vorratshäuser selbst abliefern könnten. Der Boden war an manchen Orten morastig: ihn zu verbessern, legte man neue Gräben an, und wo Schiffe nicht hinkonnten, schoben und ruderten sich wenigstens Kähne fort. Keine Gelegenheit ward versäumt, einen neuen Wasserschnitt in den Körper der Stadt zu tun, da jeder Handel neue Bequemlichkeit gab. Selbst vormalige Kloakengossen wurden in Kanäle verwandelt, und zu manchen Speichern schwimmen die Boote beinahe nur auf Spülichtwasser herbei. Fast ganz Hamburg liegt jetzt, wie Venedig, auf Inseln. Selbst die Namen der Straßen erinnern unaufhörlich daran, daß die Stadt dem Gewerbefleiß ihre Existenz verdankt; ja sind gewissermaßen, wenn man sie mit dem Alter der Gassen, die sie führen, vergleicht, bleibende Denkmäler von der stufenweisen Umwandlung des Hauptgewerbes der Stadt: denn fast alle sind von Gewerben hergenommen. Man findet Fischer-, Brauer-, Pelzer-, Wandbereiter-, Caffamacherstraßen; aber freilich auch eine Rosen- und eine Lilienstraße, von – eine Probe des wohlgemuten Pöbelwitzes – von dem entsetzlichen Gestank, der in ihnen zu herrschen pflegt. Über jeden Umstand weiß der eingeborene Hamburger Rechenschaft zu geben; von jedem Platz, jeder Ecke fast hat er eine historische Merkwürdigkeit zu erzählen. Das ist eine Eigentümlichkeit kleiner Republiken, wo jeder ungewöhnliche Vorfall eine Angelegenheit des ganzen Staates wird. Sollte er auch nur einen einzelnen treffen, so ist doch dieser einzelne als selbständiges Glied des Ganzen wichtig, und sein Schicksal bewirkt neue Einrichtungen und Gesetze. In den größeren Freistaaten hingegen, wo der einzelne Bürger, im Verhältnisse zu dem Ganzen, zu unbedeutend ist; in Monarchien vorzüglich, wo der Wille des Fürsten seinen festen Gang hinschreitet, ohne sich, in der Regel, um die Freuden oder Leiden der Untertanen zu bekümmern; wo die Gesetze oft nur von der Laune des Souveräns ausgehen und noch öfter nur sein Bestes bezwecken: da ist dem Volke die Vorzeit ein leeres Blatt, und die Gegenwart bleibt es; da kann man die Geschichte nur in den Archiven studieren. In Republiken lebt sie im Munde und Herzen der Enkel und Urenkel fort und regelt oft die Gegenwart und die Zukunft. Ich fürchtete es wohl, meine Freundin, indem ich den vorigen Brief abschickte, daß er Ihnen nicht sehr interessant sein würde, und Ihre Bemerkung, daß er Ihrem lebhaften Zirkel nicht lange zum Gespräch gedient habe, war mir nicht unerwartet. Gleichwohl bin ich gezwungen, Ihnen heute einen zweiten von ähnlichem Inhalte zu schicken, denn noch immer beschäftige ich mich mit dem Äußern der Stadt und wage kein Wort über die Bewohner. Ihre Reihe wird kommen, bis dahin aber bitte ich Sie, vorliebzunehmen. Ich führte Sie letzthin durch die Straßen umher: ebenso sonderbar wie das Gewirr derselben ist das Gemische der Häusergestalten. Ein reicher Bürger, der vor vierhundert Jahren eines Hauses bedurfte, türmte mit gotischer Schwerfälligkeit eine ungeheure Steinmasse auf, setzte seinen Namen oder sein Wappen, in Stein gehauen, über oder neben die Tür – und seine Urenkel schmausen vielleicht noch in dem unförmlichen Steinhaufen, den er wölbte. Damals war Brauerei das Hauptgewerbe der Stadt, daher hat das Gebäude weite Keller und einen ungeheuren Flur, der zum Aufbewahren der Tonnen diente und an dem oben eine Galerie herumgeht, von der man in ziemlich enge Wohnzimmer gelangt. Nebenan steht ein anderes Haus, das zwei Jahrhundert jünger ist. Handel aller Art war damals Hamburgs Flor: seine Besitzer wohnen parterre oder eine Treppe hoch in weiten Gemächern; aber unten sind feste Gewölbe und oben zwei- oder dreifache Böden zum Aufbewahren der Waren. Damals war der Platz an den Kanälen kostbar, und eine Bürgerpflicht, über die der Magistrat strenge hielt, war, so wenig Platz als möglich am Ufer einzunehmen. Alle Häuser sind daher sehr schmal und haben dafür eine ungeheure Tiefe. Sie kehren nur die Giebel, von denen Windeseile herabhängen, der Straße zu und haben, wie es mit ihren Erbauern selbst war, keine Prunkseite. Doch jenes Gebäude da ist erst seit kurzem hingesetzt: es trägt das Gepräge des luxuriösen Zeitalters. Es wendet, wie die Gebäude der Residenzen und wie oft ihre Bewohner selbst, den Vorübergehenden eine stattliche, breite, schön verzierte Fassade zu und – hat oft fast gar keine Tiefe. Nur in den vornehmsten Gassen der älteren Stadtteile und in dem neuen Michaelis-Kirchspiel sieht man mehrere Prunkgebäude nebeneinander; in den übrigen Teilen der Stadt ist alles sehr bunt gemischt. Hier schwelgt ein Mann, der vielleicht eine Million besitzt, in einem so weiten Gebäude, daß er es trotz seines überflüssig großen Hausstandes nicht ausfüllen kann, und in dem das Möblement eines einzelnen Zimmers viele tausend Mark kostet. Neben ihm bewohnt ein anderer Bürger die halbe Flur seines Hüttchens und hat jeden Stock desselben zu besonderen Wohnungen, Säle nennt man sie, eingerichtet, die keine Gemeinschaft untereinander haben und zu denen man unmittelbar von der Straße zwei oder drei Stiegen hinaufklettern muß. Dort hat sich gar eine Kolonie freier Reichsbürger, die gerade nur nicht arm und elend genug sind, ins Armenhaus aufgenommen zu werden, in eine Reihe von Kellern eingenistet. Fast kein Strahl der Sonne gelangt zu ihnen, aber wohl, bei anhaltendem Regen, der Abfluß des überströmenden Gassenkotes: ja, in manchen Gegenden dringt sogar bei hoher Flut das Wasser der Elbe ein. Da ist die Dürftigkeit, am Mittag bei einer trüben Lampe voll Rüböls, geschäftig, den Bissen Brotes zu erwerben, nach dem ein halbes Dutzend bleicher Kinder hungern! Man versicherte mich, es gäbe Menschen, die in dieser traurigen Unterwelt geboren, erzogen und Greise geworden und zuweilen in einer Reihe von Jahren nicht aus ihr emporgestiegen wären, die Sonne zu sehen. Von emsigen Hausmüttern, die für einen Haufen von Kindern zu sorgen haben, von sitzenden Handwerkern, vorzüglich von chronischen Kranken, von denen diese Höhlen wimmeln, schien es mir wahrscheinlich, und noch mehr als das, wenn ich die Beschaffenheit dieser Wohnungen des Elends erwäge, die fast eine unterirdische Stadt bilden. Lange Gänge führen durch sie hin. In einer Stadtgegend steigt man eine zerbrochene Stiege in sie herab und kommt in einer ganz anderen wieder herauf. Mich schauderte, wenn ich durch sie hindurchging und mir dachte, daß man ein ganzes Leben in diesen dumpfigen, kalten, ekelhaften Gräbern verbringen könnte. Die süße Fabel der Kindheit, der süßere Roman des Jünglingsalters – was für eine Gestalt, welchen Inhalt mögen sie hier haben! Auch unter diesen bleichen, elenden Geschöpfen treibt die jugendliche Phantasie ihr Gaukelspiel, flüstert die Liebe ihre entzückende Lüge, ermannt die Freundschaft zu Opfern. – Meine Einbildungskraft erliegt der Anstrengung, sich den Stoff dazu, die Möglichkeit zu denken, und doch ist es so: die Unglücklichen sind ja Menschen wie wir. Eine einzige Stiege sondert sie von uns: – aber welch ein Abstand, wenn man die Seele eines von ihnen durchschauen, seine Vorstellungs- und Empfindungsart mit der jenes Reichen vergleichen könnte, der eben in einem glänzenden Kabriolett, das er sich aus London mitbrachte, vorüberrollt, von einem Dejeuner, bei dem Witz und Freude mit dem Champagner wetteiferte, zu einem noch lebhafteren, reicheren Diner in seinem Gartenhause. Ihre Begriffe von der Welt, glaube ich, müßten so sehr voneinander abweichen wie die eines Maulwurfs, der vor dem Licht, zu dem er sich wider Willen heraufwühlt, schmerzhaft die kleinen Augen zublinzt, und die eines Adlers, welcher der aufgehenden Sonne ungeduldig entgegenrauscht: – doch halt! Ich vergesse, daß nicht Adler allein, daß auch Molkendiebe sich im Sonnenstrahle sömmern und daß ein starker Geist sich auch über das Elend hinwegschwingen kann zu einer heiteren Ansicht des Lebens. Oft indes, wenn ich an einem Eingang jener Unterwelt vorübergehe, kann ich mich nicht enthalten, in philanthropische Deklamationen auszubrechen. Gute Hammonier, denke ich oft; gute Hammonier! Licht und Luft seid ihr wenigstens allen euren Mitbürgern schuldig! Werft sie nieder, die unnützen Mauern, die euch doch gegen die Habgier keines Mächtigen sichern. Schafft euren Brüdern Raum, daß sie hervorgehen können aus ihren Gräbern und zum mindesten Gesundheit, sollt es auch nur in bretternen Hütten sein, atmen! Je höher der Reichtum und der Glanz eures Staates steigt, je mehr beide Fremde herbeilocken, ein desto höherer Teil eurer nützlichsten Bürger ist gezwungen, lebendig unter die Erde zu schlüpfen. Monarchen, die immer zu arm sind, erbauen ihren besoldeten Würgern Kasernen und glauben ihre Residenzen damit zu verschönern. Sollt es zu teuer sein, ähnliche Sorge für eure Mitbürger zu beweisen, ihnen für ebendas Geld, das sie für ihre Höhlen bezahlen, Wohnungen zu verschaffen, in denen sie ihre Kinder wenigstens im Sonnenscheine erziehen können? »Vielleicht«, sagte mir ein Freund, dem ich diese Gedanken mitteilte, »wäre es selbst in lukrativer Hinsicht keine üble Spekulation, denn das Bauen scheint jetzt lange nicht so kostbar und schwierig zu sein, als es in vorigen Jahrhunderten mag gewesen sein. Damals war das Erbauen eines Hauses der letzte Gebrauch, den ein Bürger von dem Wohlstande machte, an dem er dreißig oder vierzig Jahre gesammelt hatte. Die Vorstellung, daß seine Urenkel noch auf demselben Platze der Frucht seines Fleißes genießen würden, begeisterte ihn, und er baute so dauerhaft, so schwer: – es kostet seinen Nachkommen ungeheures Geld, die Mauern nur wieder fortzuschaffen. Jetzt verfährt man anders. Man bedingt mit dem Baumeister, ob das Gebäude zwanzig oder dreißig Jahre bewohnbar bleiben soll, und in kurzem steht es da. Ich gehe durch eine Gasse und ärgere mich, sie durch Ziegelhaufen und Gerüste beengt zu sehen. Nach drei Wochen zwingt mich ein Geschäft, denselben Gang zu machen, und ich ängstige mich zum voraus: aber die Steinhaufen sind verschwunden, und hohe Mauern blicken durch die Gerüste. Nach anderen sechs Wochen führt mich wieder mein Weg vorüber: Gerüste und alles ist weg, und ein modisch dekoriertes Haus steht in schönster Vollendung da.« Man muß die Mauern selbst besehen, um das Wunder zu begreifen. Die meisten sind gerade nur dick genug, um nicht zusammenzustürzen, und zwei Drittel der Vorderwand sind Glas und Türen. Dafür gewähren aber diese Gebäude auch im Sommer keinen Schutz gegen die Hitze und sind bei einer etwas heftigen Winterkälte nicht zu erwärmen. Bei den Gastmahlen zittert die zusammengebetene Gesellschaft, vor Kälte braun, der Tafelzeit im weiten Prunksaale entgegen. An anderen Tagen lassen dann auch reiche Leute nur die notwendigsten Zimmer heizen, und von der Hand der Natur zusammengedrängt, bildet sich dann, selbst in den modernsten Wirtschaften, etwas, das einem Familienzirkel ähnlich sieht. – »Aber nur ähnlich«, sagt mein Freund. Trikolor ist der Faden, den die Parze uns spinnt. Das Silbergrau der Gleichgültigkeit ist seine Grundfarbe; aber indem er entsteht, sprengt die Freude ihr helles Rot darauf und der Gram sein nächtlich-dunkles Blau. Oft auch fließen die Farben zusammen und bilden das Violett der sanften Empfindung oder das schillernde Ungewiß der Leidenschaft – aber jetzt, meine Freundin, jetzt zieht mir die Göttin eine lange graue Strecke von der Spindel. Traurig irre ich unter Menschen umher, die mir fremd sind und es wahrscheinlich, bei ihrer kalten Langsamkeit, immer bleiben werden. Und – eine widerlichere Stadt, als Hamburg in diesen Herbsttagen ist, können Sie sich nicht denken. Wohin man blickt, sieht man Gegenstände, die zum dumpfen Mißmute stimmen. Die ganze Stadt scheint ein geweihter Tempel der schlaffen Langeweile. Eine dichte Dunstmasse hängt über ihr und stürzt bald in Regengüssen, bald in ungeheuren Schneelasten herab: die ganze Atmosphäre ist Sumpf, und man sagt mir, daß sie es um diese Jahreszeit hier zuweilen ganze Monate bleibt. Gestern mußte man am Mittage Licht anzünden, um die Tafel, an der ich speiste, sichtbar zu machen. Ein Windstoß verjagte in der nächsten Minute eine einzelne Wolke vor der Sonne, und man sah die Flammen der Lichter nicht mehr: aber bald schloß sich die Wolkendecke wieder und ließ uns arme Sumpfbewohner mit dem geschärften Gefühl unseres Elends zurück. Die Eingebornen Hamburgs plätschern zwar wohlgemut durch den Schmutz ihrer engen Gassen hin, aber die Fremden gehn mit verstörten Gesichtern und mutlos umher. Wenn in den Herbstmonaten hier nicht häufige Selbstmorde vorfallen, so kommt es wohl daher, daß die morastige Luft den Einatmenden unverzüglich die schlaffe Froschnatur mitteilt, die ihr angemessen ist, und ihnen mit der Lust zum Leben auch die Kraft, es zu endigen, raubt. Ihr armen Kellerbewohner! Ich ertrage kaum den Gedanken an euch in diesen Tagen der Trübsal. Der Schmutz der hamburgischen Gassen ist permanent: keine Jahreszeit, keine Witterung schafft ihn fort. Da das Pflaster meistenteils in morastigen Boden eingesenkt ist und da es in den meisten Straßen den ganzen Tag von einer fast ununterbrochenen Reihe von Wagen zusammengerüttelt wird, dauert auch die Trockenheit, welche die heiterste Sommernacht oder der Frost verursachte, nur bis zum Öffnen der Tore, dann – wahrlich, das Drängen und Treiben in den engen Gassen ist ein Beweis von der Lebendigkeit der Industrie, es ist wert, einmal gesehen zu werden; aber daß man, wie so viele Fremde tun, auch dann in Hamburg leben kann, wenn man seinen Wohnort wählen darf, das begreife ich nicht! Der Schmutz der Straßen und die Wassermasse in der Luft sind noch nicht das Schlimmste. Da alle Arten von Gewerben in der Stadt getrieben werden, die Luft nicht zirkuliert und der Nebel die übelriechenden Dünste nicht aufsteigen läßt, atmet man Pesthauch, wohin man kommt. Ich eile aus einer Straße weg, durch die ein Heer von Ochsen galoppiert und wo es nach Mist und rohem Fleisch roch, in eine andere, wo mir das hundertfach gefärbte Wasser eines Grabens den Magen umwendet, in eine dritte, wo Heringe und gegerbte Felle die Luft verpesten. Man könnte eine Karte der Stadt nach den verschiedenen Gestanksarten illuminieren: kein Plätzchen bliebe weiß. Will man, wenn die Sonne auf eine Stunde die Dunstmasse zerstreut hat, der freien Luft genießen, so muß man auf den Wall, der wirklich eine der weitläufigsten und schönsten Promenaden im nördlichen Deutschland ist. Unter alten, dickbelaubten Bäumen geht, reitet oder fährt man hin und genießt dabei einer immer wechselnden, immer reizenden und lebendigen Aussicht. Hier glaubt man in einen ungeheuren Garten hinabzusehen, der nur zur Zierde mit Hecken und Zäunen durchschnitten und mit Häusern versehen ward; dort schleicht die Bille und die Alster durch fette Wiesen hin; dort wogt die Elbe majestätisch fort, von tausend Booten und kleinen Schiffen durchfurcht; da liegen auf einer weiten Ebene einzelne Häuschen und Dörfer in malerischer Zerstreuung umher; da prunkt die auf Hamburgs Wohlstand gepfropfte Schmarotzerpflanze, die von seinem Überflüsse selbst zur schönen Stadt gediehen ist, Altona, mit seinen Türmen und den kleinen, zu Häfen bereiteten Krümmungen des Stromes: in jeder Bucht desselben drängen sich Schiffe zusammen. Hier ist der Wall zu Ende, und ich staune in Hamburgs Häfen herab. Es hat zwei derselben, den einen für die Fluß-, den anderen für die Seeschiffe: beide werden zu gleicher Zeit mit den Toren geschlossen. Viele hundert Schiffe von allen Nationen Europas, die nur eine Küste besitzen, liegen hier beisammen: mit jedem günstigen Wind segeln mehrere ab oder kommen an. Der Reichtum, der Glanz der einzelnen Stadt, die sie bewirken – oh, das sind Nebendinge! Ich sehe das kostbarste Kleinod, das Heiligtum der deutschen Nation. Durch dieses Bassin vorzüglich wird es an das Interesse aller Weltteile geknüpft, empfängt seine Industrie Leben. Nicht Niederlagen des deutschen Handels allein, Quellen der Kultur, Verbindungsorgane mit allen Völkern der Erde, das Kostbarste, was Deutschland besitzt, sind die Hansastädte. Gleichwohl – welch ein Schimpf! – sieht man sie oft von jedem Volke oder Fürsten nach Willkür brandschatzen. Nie ist der deutschen Nation ein größerer Hohn gesprochen worden als durch die Mißhandlung Hamburgs während des jetzigen Krieges, indes alle Fürsten, von einem Ende Deutschlands zum anderen, unter Waffen standen. Doch ich breche ab! – Ich will ja nicht politisieren. Bis zur Rührung interessant ist mir der Wall an heiteren Sonnabenden. Dann geht die ganze hamburgische Judenkolonie, mit ihren besten Kleidern angetan, hier spazieren: Weiber und Mädchen mit dem höheren orientalischen Stempel der Schönheit, großen, glühenden Augen, der antiken, idealen Form der Nase, ohne tiefe Einbiegung an der Wurzel, dem üppigen Wuchs der schwarzen Locken; Männer, mit Mienen voll Grämlichkeit und heimlichen Grolls; das Gepräge erzwungener Niedrigkeit in jedem Aufblicken, jeder Bewegung; Kinder, die schon das Gefühl des ungerechten Druckes zu haben scheinen, den ihre Väter erdulden müssen und dem sie selbst entgegenwachsen! In allen Gesichtern liegt freudenlose Förmlichkeit, scheue Fremdheit, sobald ein Christ an ihnen vorübergeht. Voll Verachtung meiden die meisten Christen an den Sonnabenden diese Promenade, und mit furchtsamer Bedenklichkeit sah ich manche Juden jedem von ihnen nachblicken, der ihnen hier noch zufällig begegnete. Sie wissen, daß fast nie ein Paar derselben an ihnen vorübergeht, ohne sich höhnische Bemerkungen, oft nicht einmal leise genug, um überhört zu werden, zuzuflüstern. Deutsche! Wenn einst die Zeit die ärmliche Form zerschlägt, die euch jetzt noch zu dem Gleichnisse eines Volkes zusammenhält: – welches Los euch erwarten mag, es kann nie härter sein als das, welches ihr an diesen Armen verschuldet. Nach einer langen Reihe von Jahrhunderten zwingt ihr sie, den Rechten nach, noch Fremdlinge in ihrem Vaterlande zu bleiben; und indes fast alle anderen Nationen entscheidende Schritte tun, um sie endlich einmal ihrem Staatskörper ganz einzuverleiben, macht ihr es ihnen noch streitig, auf euren Promenaden oder in euren Wirtshäusern zu erscheinen! In Frankfurt a. M. ist es noch jetzt den Juden verboten, die Promenade der Christen zu betreten. In Hamburg verbot ein Gastwirt ihnen im Jahre 1798 durch die Zeitungen, zu ihm zu kommen. – Gestehen Sie, meine Freundin, wenn die Deutschen in nichts Selbständigkeit zeigen, so tun sie es wenigstens in ihrer Beharrlichkeit in Vorurteilen und Fehlgriffen. Von dem Charakter der Hamburger will ich Sie heut unterhalten. »Wie, nach einem kaum dreiwöchentlichen Aufenthalte bei denselben?« Ja, länger darf ich es nicht aufschieben, wenn ich nicht die Fälligkeit verlieren soll, es zu tun. Sie selbst, meine Freundin, haben mir gestanden, es sei Ihnen oft begegnet, daß Sie nach einer Unterredung von einer halben Stunde einen Menschen richtiger würdigten als nach einem fortgesetzten Umgang von einem Monate, und Sie haben sich darin nicht geirrt. Man sollte die ersten Eindrücke festhalten, wenigstens nicht ohne sorgfältige Prüfung ihre Resultate verwerfen: sie sind der Ausspruch des Gefühls, das in der Regel zuverlässiger ist als der Verstand. Wir stimmen uns allmählich zu den Menschen, mit denen wir umgehen, hinauf oder herab; sie kommen uns dabei auf halbem Wege durch eine ähnliche Modifikation entgegen, und so verlieren wir, durch zu große Nähe, die Fähigkeit, sie ganz zu überblicken. Was von einzelnen Menschen in dieser Rücksicht wahr ist, gilt noch in viel höherm Grade von dem Charakter einer ganzen Stadt. Von allen Seiten werden wir in derselben mit verwandten Eindrücken bestürmt: wie sollte uns das, was uns anfangs fremd und merkwürdig war, nicht bald alltäglich werden? – Auch bedarf an sich der Charakter eines einzelnen Volkes keines tiefen Studiums. Bei jedem findet man im Grunde doch den allgemeinen Menschencharakter wieder: nur die Art, ihn zu äußern, ist bei den verschiedenen Nationen verschieden; denn die durch Verfassung, Wohlstand, Religion und Lebensweise bewirkten Modifikationen bleiben immer nur auf der Oberfläche. Hamburg war die erste Republik, die ich kennenlernte, mit welchen Erwartungen betrat ich sie! Die großen Eindrücke, welche die Geschichte der griechischen und römischen Republikaner einst in der Jugend auf meinen Geist gemacht hatten, waren mir so lieb gewesen, daß ich sie selbst ins männliche Alter noch unverwischt hinübergebracht hatte, und immer führte das bloße Wort eine erhabene Idee vor meine Seele. Unter Republikanern dachte ich mir Menschen von hoher Selbständigkeit des Geistes und Charakters, die in der bestimmten Entschlossenheit, mit der sie die kleinste und die größte Handlung begingen, sichtbar wurde. – Wie könnte es anders sein? Sind es doch nur Gesetze, die sie in irgendeiner Rücksicht beschränken, und selbst diese haben ihre Gültigkeit nur daher, daß das Volk sie für weise erkennt und will, daß sie gelten. – Kraftvolle Menschen dachte ich mir: sie haben ja freien Spielraum, jeden Keim, der in ihnen liegt, zu entwickeln. – Menschen mit frischem, keckem, aber auch mildem, freundlichem Sinne, die stets ihre eigenen Ansprüche geltend zu machen wüßten und stets bereit wären, die gegründeten Ansprüche anderer anzuerkennen! Ihnen ist ja wohl, und ihr Wohlsein hängt nur von ihnen selbst ab: wie sollten sie nicht zu allem, was auf Erden groß und vornehm heißt, unbefangenen Blickes hinaufsehen: » Verdienst du, daß wir dich achten?« – zu allem, was unter ihnen steht, mit dem Gefühl: »Es ist nicht gut, daß dein Bruder dein Knecht sei und daß er darbe, indes du schwelgst!« – Bürger endlich im edelsten Sinne des Wortes, die so innig ihre Verbindung mit dem Ganzen fühlen, daß jeder Unfall desselben ihnen ein häuslicher schiene, den abzuwenden ihnen kein Opfer zu groß, ihr Leben selbst nicht zu teuer wäre. Ob die Hamburger meine Erwartungen täuschten? Nun, Griechen und Römer fand ich nicht in ihnen, nicht einmal etwas, das den neuen Republikanern unseres Zeitalters ähnlich sah; ich sah ein fleißiges Völkchen, das in dem Gleis des Herkommens ruhig fortschreitet, unermüdet erwirbt und genießt und übrigens wenig Empfänglichkeit für politische Dinge hat, außer insoweit sie seine Neugier reizen oder auf seinen Handel Einfluß haben. Ich gestehe Ihnen, das verstimmte mich anfangs gegen dasselbe: aber bei näherer Untersuchung fand ich denn doch so viel Schätzbares an ihm, daß ich es nur mit Bedauern verlassen werde. Die glänzenden Eigenschaften des Republikaners treten nur in den Zeiten der Drangsal hervor, und die Hamburger haben, Dank sei es ihrem Glück, seit langer Zeit keine Veranlassung gehabt, sie zu zeigen. An den großen politischen Ereignissen Anteil zu nehmen, ist ihr Staat zu unbedeutend; ihre Freiheit wird durch die Eifersucht der Fürsten gegeneinander vor allen Beeinträchtigungen gesichert, und im Innern der Stadt herrscht seit 1712 die vollkommenste Ruhe. Nun gut, sagte ich zu mir, so will ich denn untersuchen, wozu diese den Republikaner macht; ich will den Löwen schlafen sehen: – denn aus der jetzigen Schlaffheit dieses Völkchens schließen, daß es keiner Anstrengung, keiner Erhabenheit fähig sei, hieße sich sehr übereilen. Der Charakter der einzelnen Menschen ist von so weitem Umfang der Modifikationsfähigkeit als ihre Stimme. Weil jener Mann mit Frau und Kindern nur spricht ; berechtigt uns das zu glauben, er könne nicht auch singen, schreien, brüllen, wenn die Veranlassung sich findet? Ich beobachtete, sobald sich mein erstes Mißvergnügen gelegt hatte, die Hamburger genauer. Hier haben Sie in ein paar Zügen, was ich fand. Handlung und Industrie jeder Art sind die Hauptangelegenheiten des kleinen Staates; von ihnen hängt sein Gedeihen, ja seine Existenz ab: wie sollten sie in demselben nicht als das Erste und Wichtigste auf Erden betrachtet werden? Wer sich in denselben auszeichnet, wen sie bereicherten, den belohnt Lebensgenuß und Ehre aller Art, Ansehen und Gewicht im Staat: sie sind das Verdienst, das zu allem Wünschenswerten führt. Kein Wunder also, daß alle Klassen von Bürgern zum Erwerbsfleiße erzogen werden und daß den Hamburgern Tätigkeit die erste Tugend, Gewinn das höchste irdische Glück scheint. Der Fleiß der Hamburger ist gediehen. Wohlhabenheit herrscht hier bis zum letzten Sackträger herab. Allem hat sie ihr Gepräge aufgedrückt, und selbst die kleinste Scheidemünze erinnert durch ihr reines Silber, daß man sich im Sitz des Reichtums befinde. Sogar den Eingebornen kann das nicht alltäglich werden, da die Armut mancher Nachbarn von Hamburg und der Fremden, die hier zusammenströmen, so sehr mit seiner Wohlhabenheit kontrastiert. Wir wollen es ihnen also nicht übelnehmen, wenn sie immer noch in ihrem Herzen die Deutschen in Hamburger – d.h. Achtungswerte – und Butenmieschen – d.h. Armselige – teilen sollten; wir wollen ihnen Dank wissen, daß sie es wenigstens im Gespräch nicht mehr tun. Gelehrte und Künstler versammeln sich in Menge zu ihnen, um an ihrem Wohlleben teilzunehmen, sind stets bereit, ihnen ihre Dienste zu weihen, wenn sie einem Gnadenstrahl des Paktolus, aus dem sie so nach Willkür schöpften, auf jene herabzuschießen erlauben: warum sollten sie nicht die vornehme Miene der Gönner annehmen, da sie es wirklich sind? Es wäre wohl sehr inkonsequent, wenn der Hamburger den berühmten oder betitelten Fremden, der nur einmal bei ihm essen oder etwas durch ihn gewinnen will, ebenso hochachtungsvoll aufnehmen wollte als den reichen Fremden, mit dem er wichtige Geschäfte macht. Zu dem Gefühl seines Reichtums und seines Werts durch denselben gesellt sich das seiner Rechte. Er hängt von niemand ab als von den Gesetzen und seinem Fleiß. Die Beamten seiner Stadt sieht er so an, als wenn sie in seinem Solde stünden: er ehrt sie ihrer Geschäfte wegen, fürchtet aber ihre Gewalt nicht. Auswärtige Fürsten sind ihm nur insofern wichtig, als sie seinen Handel stören könnten, aber ihre Betitelten und Bebänderten – wehe dem von ihnen, der sich besinnen wollte, auch nur dem Karrenschieber aus dem Wege zu gehn. Trotz der goldenen Babiole auf seiner Brust – der schmutzige Republikaner im Bierrausch sieht in ihr nichts als ein Abzeichen, dergleichen der Postillon am Arme trägt – würde er sich der Gefahr aussetzen, eine sehr fühlbare Erinnerung zu erhalten. Wehe ihm, wenn er es in der Gesellschaft wagt, im Vertrauen auf seine verdienten, erschmeichelten oder erkauften Würden einen hohen Ton anzunehmen! Er würde Derbheiten anhören müssen, die er nicht weitererzählen möchte und die ihm das Verdienstliche der Bescheidenheit sehr einleuchtend machen würden. Das Bestehen des allgemeinen Glücks – das fühlt der Hamburger sehr lebhaft – hängt von dem Bestehen der Verfassung, der Abmachungen und Verträge ab, die er zugleich mit einem großen Teile seiner Reichtümer von den Vorfahren ererbte. Mit diesen überkam er auch eine Menge von Gebräuchen, Sitten, Meinungen. In den Augen des Ungebildeten sind der verdienstvolle Mann und der besetzte Mantel, den er vielleicht tragt, nur ein Wesen. Die Abänderung eines unbedeutenden Gebrauchs würde daher den unteren Bürgerklassen Hamburgs ein Riß in der Staatsverfassung scheinen, und eifersüchtig wachen sie darüber, daß keine getroffen werde. Im Grunde ist es sehr heilsam, daß sie über das Zusammenbleiben aller Stücke ihrer Erbschaft halten: es sind kostbare Kleinode darunter, das wissen sie, aber sie selbst verstehen sich nicht darauf, sie herauszufinden. Fingen sie einmal an zu veräußern, wer weiß, ob sich nicht Schlauköpfe fänden, die ihnen die kostbarsten Edelsteine für Straß abschwatzten! Der Magistrat respektiert weislich diese Denkungsart und beobachtet mit größter Gravität Dinge, über die er heimlich lacht. Vorzüglich zu den ungeistigen Beschäftigungen des Handels erzogen und zeitlebens in denselben befangen, hatte der größte Teil der Hamburger weder Gelegenheit noch Zeit, sich zum Bedürfnisse feinerer Genüsse zu bilden. Das Hauptgeschäft seines Lebens ist Erwerben; und wenn er davon ermüdet ist, wer kann es ihm verdenken, wenn er zu der Art von Genüssen greift, welche die wenigste Anstrengung kostet und am nächsten liegt, zu den Freuden der Tafel? Sollte er nicht eben mäßig in denselben sein – man erinnere sich der dicken, erschlaffenden Atmosphäre, die über Hamburg steht und die in den morastigen Environs, den Gräben und Kanälen, von denen die Stadt durchschnitten ist, ihren Grund hat, und auch die Notwendigkeit dieser Erscheinung ist erklärt, das heißt, wie bei den meisten Dingen, die fehlerhaft scheinen, entschuldigt. » Man kann es nicht vermeiden!« – welche moralische Rüge verstummt nicht vor dieser Antwort? Die Hauptzüge im Charakter der Hamburger waren also Tätigkeit im Erwerben, Gefühl ihres Wertes und ihres Wohlseins, Bewußtsein ihrer Rechte, Anhänglichkeit an dem Hergebrachten, bei dem sich ihre Väter wohlbefanden, und Liebe zum sinnlichen Genuß. Freilich haben diese Eigenschaften, wie fast alle in der Welt, zwei Namen, und übelgelaunte Reisende haben sie zuweilen Gewinnsucht, Geldstolz, Grobheit, breiten reichsstädtischen Philistersinn und Schlemmerei genannt: doch Hamburg hat seine Patrioten, die solche Richter heimzuleuchten wußten. Diese behaupteten auch, eine solche Schilderung habe einen zweiten Namen, nämlich den eines neidvollen Pasquills. – Ich mag nicht um Namen zanken: mir gefällt dieses Völkchen mit seinen prononcierten Menschlichkeiten, obgleich ich nicht lange bei demselben leben möchte. – Das Roß scharrt und stampft, weil es Mut und Kraft besitzt: – (es versteht sich, daß ich hier, wie in der ganzen Schilderung, nur von dem großen Haufen spreche.) – Der Hamburger tut breit, weil ihm wohl ist, und genießt, weil er Sinn und Vermögen dazu besitzt. Möchtet ihr beides noch lange, recht lange in Ruhe können, gute Hammonier! Der Anblick einer kräftig blühenden Wiese, eines Baumes von gesundem Wuchs, eines starken, wohlgemuteten, lebhaften Tieres tut einem wohl: sollte die Betrachtung einer Menschenmasse von kraftvollem Selbstgefühle weniger Genuß gewähren? Erlauben Sie mir immer, noch etwas bei dem hamburgischen Volk zu verweilen und Ihnen einige Züge seines Charakters, die mir eben eingefallen, mitzuteilen. Sie haben einen zu hellen Verstand, um nicht die rohe Form jeder Äußerung um ihrer schätzbaren Ursache willen zu verzeihen und auch an Kleinigkeiten das edlere Gepräge zu schätzen. Neugierig ist das Volk hier wie überall, und da es keine andern Schauspiele bezahlen kann oder mag, als die im wirklichen Leben vorfallen, so hält es streng über sein Recht, diese zu sehen. Selbst jeder häusliche Vorgang, der einen besondern Aufputz verlangt, gehört zu dieser Art von Spektakel: es wäre gefährlich, dem Volk den Zutritt zu einer in der Form geputzten Leiche oder einem in Parade hängenden Ochsen zu versagen. Wenige Tage nach meiner Ankunft starb ein allgemein geschätzter Prediger. Er lag acht Tage im Leichenputz, und während dieser Zeit strömte das Volk in einem ununterbrochenen Zuge ins Haus. Nur mit Mühe konnte eine an die Tür gestellte Wache das zu ungestüme Zudringen mäßigen; ja, der Sohn des Verstorbenen bekam Händel, als er endlich, um neun Uhr abends, das Haus verschließen wollte. Ich glaubte, daß es Liebe zu dem so lange verehrten Beichtvater sei, was die Menge zusammenbrächte, aber ich betrog mich: es war keine Spur von trauernder Rührung zu bemerken. Die Wartenden sangen vor der Tür schmutzige Lieder; die Hereingelassenen sagten lachend Zoten, indes sie vor der Leiche standen, und als bei eingebrochener Nacht niemand mehr Zutritt haben sollte, kündigte ein Herauskommender es dem Volke mit den Worten an: »De Pott is aff!« – ein Ausdruck, der beim Kegeln gewöhnlich ist und heißt: Das Spiel ist aus. De Pott oder der Topf jeder Art spielt überhaupt eine wichtige Rolle in der hamburgischen Pöbelsprache: er ist hundertfaches Symbol, nur gewöhnlich in einem Sinne, der mir hier jede Anführung verbietet. Wir wollen es nicht vergessen, daß die Natur den Demant in eine rauhe, unscheinbare Kiesel- oder Tonhülle versteckt. An ungebildeten Menschen äußern sich auch die schätzbarsten Eigenschaften auf eine rohe Weise. Mir wenigstens schien die dreiste Zudringlichkeit des Pöbels nur eine ihm eigentümliche Äußerung des Bewußtseins seiner Rechte, dessen kraftvoller Keckheit der gebildete Kosmopolit sich freut, obgleich er ihr gern aus dem Wege geht. – Folgender Zug beweist, daß die unteren Bürgerklassen Hamburgs sich auch gegen ihre Oberen, wo sie ihnen unrecht tun wollen, geltend zu machen wissen. Auch die Brauerknechte bilden, wie ich schon in einem vorigen Briefe anmerkte, eine Korporation. Nach einem alten Privilegium stand in einer Kirche die Bank derselben ganz vorn. Das Kollegium der Oberalten, das dicht hinter ihr saß, fand einst für gut, diese Ordnung zu ändern und seine Bank vor jene zu setzen. In einem anderen als einem republikanischen Staate hätte das für keinen Eingriff in Rechte, sondern für eine gnädige Verordnung gegolten, denn die Oberalten sind die Vorsteher der Bürgerschaft. Nicht so in Hamburg. Die Brauerknechte versammelten sich, setzten feierlich ihre Bank wieder an ihren Platz und die der Oberalten unbeschädigt auf den Kirchhof hinaus, da sie keine Verpflichtung zu haben glaubten, die Sitze anderer zu ordnen. Man war so weise, keinen neuen Versuch zu machen, um seinen Willen durchzusetzen. – Der Vorgang scheint unbedeutender, als er ist. Indem die Brauerknechte den lächerlichen Stolz ihrer Oberen in einer Kleinigkeit brachen, zeigten sie, was bei wichtigeren Anlässen von ihnen zu erwarten sei – zeigten sie eine Denkungsart, die der sicherste Garant für eine Verfassung ist. Mit dem Gefühl seiner Rechte verbindet der gemeine Hamburger das seiner glücklichen Unabhängigkeit, und weder Rang noch Titel verblendet ihn darüber. Der Sohn eines Karrenschiebers war entlaufen und hatte unter dem Militär eines benachbarten Fürsten Dienst genommen. Persönlicher Mut, vielleicht auch nur glücklicher Zufall, machte ihn in einigen Jahren zum Offizier, und als solcher kam er nach Hamburg, seinen Vater zu besuchen. Vier Karrenzieher, Quartierleute heißen sie hier, bilden gewöhnlich eine Gesellschaft, deren Vorsteher vorn zwischen den Stangen zieht und daher der Stangenherr heißt. Auf diesem Ehrenposten traf der Offizier seinen Vater, eben im Begriff, eine Last in Bewegung zu setzen. Der Anblick seines Sohnes bewog ihn, haltzumachen; aber bald entzog er sich den Liebkosungen desselben, besah ihn von oben bis unten und rief: »Ha, du bist was Rechts in deiner bunten Jacke! Geh, Range! Wärst du hiergeblieben, könntest du auch schon Stangenherr sein!« – und er schob fort. Noch ein Zug von dem edelmütigen Selbstgefühl des Hamburger Volkes, und zwar aus einer Menschenreihe, der man sonst am wenigsten edleren Stolz zuzutrauen pflegt: von einem alten Weibe. Die Hauptbestimmung des Weibes in der Gesellschaft ist ihre jugendliche Blüte, und mit dieser welkt, von ihrem häuslichen Kreise abgesehen, in der Regel alles Vorzügliche an ihr hin. Bei ihrer zarten, weichen Natur pflegt jede Runzel der Stirn bis in die Seele zu dringen, und gewöhnlich ist eine Frau im sechzigsten Jahr ebensowenig an Geist und Herzen als am Körper dasselbe Wesen mehr, das sie im achtzehnten war: – um desto schätzbarer sind dann an ihr solche Beweise des feineren Gefühls, wie der folgende ist. Man hält in Hamburg streng über Ordnung in den Kirchen. Jeder Stand, ja jedes Glied des Kirchspiels fast hat seinen angewiesenen Platz, und die Aufsicht über das Ganze führen – alte Weiber. Auf jedem Chor, in jedem Gange ist ein solches stets bereit, jedem mit anständiger Höflichkeit eine Bank anzuweisen und zu öffnen, aber auch mit einer fürchterlichen Zunge jedes Vergehen gegen die gute Ordnung zu rächen. Man scheut diese Cerberen so sehr, daß ich nirgend einen anständigeren, ruhigeren Gottesdienst gesehen habe als in Hamburg. – Ich ging an einem Feiertag auf einen Chor der Michaeliskirche. Die alte Aufseherin stand auf, sobald ich hereintrat, und bot mir einen Stuhl an; ich schlug ihn aus, weil ich nicht gekommen war, den Prediger, den ich als einen ganz alltäglichen Wortmacher kannte, zu hören, sondern das Innere der Kirche zu sehen. Sie erbot sich durch Gesten, mir eine Bank zu öffnen: ich schüttelte mit dem Kopfe. Sie trug mir ihren eigenen Sitz an, von dem man wirklich eine recht gute Ansicht hatte: ich weigerte mich, und sie setzte sich ohne Umstände wieder hin, bewachte mich aber genau. Ich bot ihr ein Trinkgeld, um sie für ihren guten Willen zu belohnen. »Nee«, antwortete sie, »wenn he nich sitten geit, krieg ik nischt.« (Nein, wenn er sich nicht setzt, so gebührt mir nichts.) Es versteht sich, daß ich mir nun eine Bank öffnen ließ, und als ich einige Minuten gesessen hatte, nahm sie freundlich mein Geschenk an. Indem ich gestern nachmittags in der Nähe einer Kirche hinwandelte, tönte plötzlich über meinem Kopfe ein dumpfer Glockenklang. Ich sah mich nach jemand um, der mir eine Erklärung darüber geben könnte, als ein verwirrtes, widerliches Geblöke in der Kirche meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Ich eilte hinzu, drängte mich durch einen Volkshaufen und war im Begriff, meinen Fuß über die Schwelle zu setzen, als ein Mann mich am Arme zurückriß und vor mir niederdeutete. Mit Schrecken sah ich, daß ich im Begriff gewesen war, in ein offenes Grab zu stürzen. Man hatte quer vor der Tür den Boden aufgerissen. Jenseits der Gruft stand eine Gruppe Knaben und johlte ein Begräbnislied, und aus dem Innern der Kirche nahte sich ein Haufen Männer mit schwarzen Mänteln, großen Räderkragen, pausenden Pluderhosen und einem Degen an der Seite. Sie trugen den Sarg und schwankten von einer Seite zur anderen, langsam, gleichsam im Takte, mit so kurzen Schritten einher, daß sie bei jedem kaum eine Handbreit vorrückten: das, sagte man mir, kündige eine vornehme Leiche an. – Endlich hatten sie die Gruft erreicht. Der Sarg ward herabgelassen, ein Prediger warf eine Handvoll Sand auf ihn, die schwarzen Männer hielten ihre befransten Hüte vors Gesicht, man tat ein Gebet, und alles eilte lärmend und lachend davon, zurück ins Gedränge des Lebens, um vielleicht in wenigen Tagen bei einer ähnlichen Szene die stumme Hauptrolle zu spielen. Der Leichtsinn, der die Menschen in den Stand setzt, unaufhörlich über Gräbern hinzutändeln, ist vielleicht die köstlichste Mitgift, die sie aus den Händen der Natur empfingen, aber wie soll man den Unsinn lebhaft genug brandmarken, der noch immer die Versammlungsorte des Volks mit Leichen pflastert und es wissentlich an dem Orte vergiftet, wo es zusammenkommt, seine Pflichten zu lernen. Ist es denn nicht genug an euren engen Gassen, euren Kanälen voll faulenden Wassers, an den tausendfach gemischten mephitischen Dünsten, die aus jedem Winkel eures ineinandergeschobenen Häuserhaufens aufdampfen, ohne, wie zu schwere Nebel, über eure Giebel emporsteigen zu können? Ist es nicht genug an dem Atem der 130 000 Menschen, die hier auf einem engen Punkt zusammengedrängt sind, daß durchaus die aufwachsende Generation noch alle die giftigen faulen Dünste einsaugen muß, in welche sich die alternde auflösen wird? Hamburger, kaum ist es möglich, in eurer Stadt ohne Ekel zu atmen! Was für Gründe ersinnt sich der Anhänger des sogenannten Bocksbeutels nicht, um nur zu tun, wie seine Väter taten! Unsere Vorfahren, sagt man, begruben ihre Leichen in den Kirchen und wurden alt dabei. Bedenkt ihr denn aber nicht, wieviel andere lebenkürzende Sitten und Genüsse sie weniger hatten? Bedenkt ihr nicht, daß eure Kirchen, bei jeden fünfundzwanzig Jahren, die ihr zurückseht, um eine ganze Generation weniger giftig waren? Ja, schlagt eure Chroniken auf, ihr werdet mit Erstaunen sehen, wie oft ansteckende Seuchen im Volke wüteten, die bloß eure bessern Heilanstalten vermindert haben und die vielleicht ganz verschwinden würden, wenn ihr ganz vernünftig handeln wollet. – Der Nürnberger Magistrat verbot schon 1541 das Begraben in der Stadt; in Hamburg hingegen, an dem Ort, der mit allen kultivierten Ländern der Erde in Verbindung steht, wo zehntausend Fremde beständig im Gehen und Kommen sind, der also der Sitz der aufgeklärtesten Sitten sein sollte, übt man die Scheußlichkeit beinahe schon drei Jahrhunderte länger. Natürlich muß sie, da die Kirchhöfe und Gewölbe schon unzähligemal überfüllt worden sind, oft sehr empörende Vorfälle veranlassen. Fehlt es an Raum, so nimmt man ohne Bedenken die Särge wieder hervor, wirft mehrere Leichen nackt in ein Grab, stampft sie zusammen und bedeckt sie dann wieder mit Erde, so gut es gehen will. Ein Handwerker, erzählte man mir, der vor ein paar Jahren sein Kind in einem Sarge von Mahagoniholz hatte begraben lassen, fand die Leiche wenige Tage nach der Bestattung in einem Winkel des Kirchhofs hingeworfen. Er erhob eine Klage, aber es war, nur mit einiger Nachlässigkeit, nichts geschehen, als wozu man sich durch die Not schon längst berechtigt glaubte. Seine ganze Genugtuung bestand darin, daß er den Körper noch einmal auf einen anderen Gottesacker durfte beerdigen lassen. – Das Holz der Särge, wenn es kostbar ist, wird von den Totengräbern an die Tischler verkauft, und so kann es leicht geschehen, daß der Sohn an einem Tische spielt, der aus dem Sarg seines Vaters gemacht ist. Verdient irgend etwas den Namen des Bocksbeutels, so ist es die Abgeschmacktheit des Begrabens in der Stadt. Nicht mehr das Vorurteil, nur noch das Ansehen des Herkommens und der Eigennutz erhalten sie im Schwange. Schon seit einigen Jahren sind Gottesäcker außerhalb der Stadt angelegt: auch haben schon mehrere aufgeklärte Patrioten Leichen aus ihrer Familie dort begraben oder sich Gewölbe errichten lassen, aber man muß reich sein, um in diesem Stück in Hamburg vernünftig handeln zu können. Die Kirche, in der die Leiche sonst hätte begraben werden müssen, fordert alles, was sie erhalten hätte, wenn es wirklich geschehen wäre; jede andere Kirche, an welcher der Leichenzug vorübergeht, erhält gleichfalls eine bestimmte Summe, und das Grab muß noch besonders bezahlt werden. So ist die gesunde Vernunft zu hoch verpönt, als daß ein Armer ihren Befehlen folgen könnte. – Es ist von der Aufklärung des Magistrats und der Kirchenvorsteher zu hoffen, daß dieser so leicht abzuhelfende Übelstand bald wird gehoben werden. Man brauchte ja nur einen Vertrag zwischen den Kirchen zu errichten und jeder einen eigenen außerstädtischen Kirchhof beizulegen. Ernst Moritz Arndt Reise durch Schweden im Jahr 1804 Beim Erwachen traf ich meinen freundlichen Wirt, den Herrn Inspektor Sparmann, und erfuhr von ihm, daß heute mittag der Komminister von Undersåker in einer zahlreichen Gesellschaft nach Handöl, unweit der norwegischen Grenze, reisen, dort Gottesdienst für die Lappen halten, auch ein lappisches Paar zusammensprechen werde. Welch ein Fund für mich, der so gern die Lappen sehen wollte! Mein Entschluß war sogleich gefaßt, die Karawane zu vermehren. Weil aber das Fahren auf diesem Wege unmöglich ist, so setzte ich mich sogleich auf den Rinderstaat und ließ meinen Wagen und mein Gepäck bei dem Herrn Pastor S., wohin mich Herr Sparmann begleitete und wo ich vorher ein fröhliches Mittagsmahl einnahm. Um 2 Uhr nachmittags war mein Skjutspferd gesattelt vor der Türe, und man hoffte, ich werde wahrscheinlich die ganze Gesellschaft beim Zoll in Dufve treffen und dann morgen in Gemeinschaft mit ihr die Reise weiter fortsetzen können. Den 8. Juli. Reise von Undersåker bis Dufveby 3¼ Meilen. Stationen: Undersåker bis Stamp i Gärde ¾ M. – St. bis Åre 1¼ M. – Å. bis Dufveby 1¼ Meile. Ich trabte wie einer, der Eile hat, rasch fort. Alles ist hier Fjällgegend. Ich ritt im hohen Gebirg, das sich hie und da mit lieblichen Tälern senkt und unter sich einen brausenden Strom im Grunde hat. Es war ein lustiger Sonntag, und der Mut quoll mir in der Brust auf, sowie mein Gaul weitertrabte. In Åre, einem Dorfe und einer Annexkirche von Undersåker, hart unter Åreskuta, war es sehr lustig. Da waren zwei Kindtaufen gewesen, und die ganze Gemeine war noch munter beim Trunke, und ich mußte teilnehmen. Welch ein muntres genialisches Volk, und welch ein nettes, gerüstetes Volk zugleich! Wie viele schöne Weiber und Mädchen sah ich hier, wie viele große, schlanke Männer! Wohlgewachsen sind die Jemten vor vielen andern und haben viel Niedliches und Leichtes in ihren Gesichtern, obgleich nicht die großen Züge des Westmanländers und Dalkarls. Nach allem, was ich von Normännern gesehen habe, sind sie wahre Halbbrüder derselben, so wie Jemtland gewiß zuerst von Norwegen aus bevölkert worden ist. Dieselbe Gewandtheit des Leibes, dieselbe Weichheit und Freundlichkeit in den Zügen, denselben Ton in der Sprache, der vielen gleichen und ähnlichen Wörter nicht zu gedenken, die aber auch durch die lange Verbindung, worin Jemtland bis zum 17.Jahrhundert mit Norwegen stand, gekommen sein könnten. Sie sind auch in Hinsicht der Harmonie und Gesinnung mit den Normännern sehr einig und haben wegen des vielen Verkehrs fast eine nähere Berührung mit ihnen als mit den umliegenden schwedischen Provinzen. Drontheim sehen sie gleichsam als ihre Stadt an und nennen ganz norwegisch das Reisen dahin fara til byn, so wie die Normänner selbst Byemen, Byamen bei ihnen heißen müssen. Ich war hier mitten unter ihnen bei dem Kindelbier (barnöl) und ritt nachher mit einer großen Karawane von ihnen bis Dufvetull. In Jemtland reitet fast alles auf Sätteln und Quersätteln; Männer, Weiber, Jungfrauen, Mütter mit ihren Kindern – alles saß zu Pferde und trabte lustig neben mir und vor mir her, und mit mehreren freudigen Amazoninnen ging ich mit meinem raschen Grauschimmel, den ich in Åre erhielt, ein Wettrennen ein, wo ich bald siegte, bald besiegt ward. Munter trabte ich so mit ihnen auf das Zollhaus in Dufve zu und band dort einstweilen meinen Gaul an. Welche Frömmigkeit dieser Menschen! Manche haben 5 bis 6 Meilen zur Kirche, und doch sind sie fleißig da. Der ganze Weg war von Kirchenreiterei bedeckt, und doch gehen manchen von ihnen drei Tage darauf; sie reiten den Sonnabend aus und kommen erst den Montag mittag zu Hause. Mein Pferd hatte ich angebunden; freundlich empfing mich der Besitzer des Hauses, Herr Zollinspektor Granbom. Einen Teil unsrer Handölsgesellschaft traf ich da, den Komminister Herrn Lars Festin von Undersåker mit einer hübschen Tochter und einem Sohn, der Gymnasiast in Hernösand ist, zwei Bruksinspektoren und verschiedene Nämndemän, die alle in verschiedenen Geschäften nach Handöl wollten. Ich gesellte mich sogleich zu dem Komminister und ward liebreich zu einem Mitgliede seiner Familie aufgenommen. Wir saßen hier bis Sonnenuntergang in guter Gesellschaft, aßen und zechten weidlich, denn zu mehreren Flaschen Wein wurden zwei Bowlen Punsch geleert; dann zog ich mit Herrn Festin eine halbe Meile weiter bis Dufveby, wo ich mit ihm und seiner Familie in einem Baurenhause Quartier nahm. Hier bei Dufve ist der Grenzzoll für alles, was aus Norwegen kömmt und dahin will. Bei Dufveby ist eine alte Schanze, die aber seit 70 Jahren öde liegt. Sie sollte bei dem Strom den sogenannten Dufvesund, diesen Grenzpaß Jemtlands, decken. Von hier geht nämlich der Weg durch Skördalsporten auf Levanger in Norwegen, zu dessen äußerstem Dorfe Suhl man ungefähr 5 Meilen von hier hat. Dieser Weg ist nicht bloß für Reiter, sondern selbst für leichtes Fuhrwerk brauchbar, doch nur mitten im Sommer. Im Winter gibt es manche bequeme Wege durch die Hällöffnungen über Ströme und Seen, worüber der Frost Brücken wirft. Das kleine Hemman Sta, eine Viertelmeile von Dufveby, ist das letzte Dorf auf diesem Wege, doch wohnen hie und da weiter hinauf einzelne Kolonisten, die für den Dienst der Reisenden Pferde halten und tapfer, brav und hülfreich in jenen gefährlichen Gegenden sein sollen, wie es der schwedischen Nation allenthalben eigen ist. Man hat für die Reisenden auf diesem Bergwege sogenannte Fjällstugor erbauet, kleine Gebäude mit einigen heizbaren Zimmern und großen Ställen, zugleich mit Holz und Heu versehen; auch als Håll werden sie gebraucht. Es gibt drei derselben, und die jemtischen Bauern haben sie zuerst für sich selbst bei ihren vielen Reisen nach Norwegen eingerichtet. Bei Mastuga, der zweiten in der Ordnung, ist Stallraum für 200 Pferde. Die Bewohner dieser Stugor heißen wohl Fjällstugukarlar und bekommen von der ganzen Provinz von jedem Rauch eine Stänne Gerste (ein Achtel des pommerschen Scheffels) als Lohn. Ihr Geschäft ist, die Reisenden mit Quartier, Holz, Wärme und Wasser zu bedienen. Auf mehrere Meilen sieht man hier keinen Wald oder Strauch, desto gefährlicher ist der Schnee und Sturm in den schlimmen Monaten. Die Häuser bei Skallstuga, der höchsten von allen, werden oft ganz mit Schnee bedeckt, daß die Reisenden davon oft nicht mehr als die Schorsteine sehen. Fast jedes Jahr liegen die Schneebänke dort so hoch, daß die Bewohner sich durchminieren und durch gewölbte Gänge unter dem Schnee ihren Ausgang und Eingang zum Hause machen müssen. In einer halben Stunde können ihre Brunnen und Quellen so verschneien, daß sie nicht dazu kommen können. Dann muß ein Kerl den ganzen Tag arbeiten und zum Dienst der Reisenden Schnee auftauen. Im Sommer kann man den Weg ganz allein ohne alle Beschwerde reisen, nur daß man von Skallstuga sich einen Begleiter nach Suhl in Norwegen nehme. Das erste Merkwürdige, was ich in Dufveby traf, war der lappische Bräutigam, der hierher gereist war, ein Anker Branntwein für den Hochzeitschmaus einzukaufen, und der nun darauf rechnete, mit der Karawane zurückreisen zu können. Ich werde nachher noch von dem ehrlichen Thomas Thomasson sprechen müssen. Sonst waren in unserm Bauerhofe an 15 Normänner, teils Reisende, teils Kontrebandiers und Schacherer, wie das an den Grenzorten herumstreift; und von der Kirchenreiterei von Åre und Undersåker blieben wohl an sechs Familien hier stecken. – Das verteilt sich allenthalben bei den Nachbaren am Wege und zieht mit dem Morgen weiter. Man braucht die Gastlichkeit nicht anzusprechen, sondern sie versteht sich allenthalben, wohin man kömmt, von selbst, weil der Wirt sich bewußt ist, daß er an jeder Stelle ebenso Gast sein würde und möchte als diejenigen, welche ihn durch ihren Zuspruch ehren. In unsrer Stube lagen drei Bauerfamilien auf einer Streu, ich und der junge Festin in einer Art Alkoven und Vater und Tochter zusammen in einem hohen Bette. Aus unserm Fenster sah ich unter dem Dorfe das liebliche Tal und den lustigen Fluß. Ein herrlicher Wasserfall stürzt in manchen Fällen eine Höhe von 300 Fuß vom Gebirge in den Strom. Dieser machte die Abendmusik, bis wir entschlummerten. Bloß diese Seite des Stroms, welche wechselnd gegen Osten und Süden liegt, ist bebaut; die andere zeigt nur Wald und hie und da einige grüne Alpenwiesen. Hier hingegen stößt fast Wohnung an Wohnung. Korn ist wenig, desto mehr Wiesen, Hopfen, Kartoffeln, liebliche grüne Alpenhügel und Büsche, welche eine Unendlichkeit von flüggen Krammetsvögeln, Drosseln und Staren belebt. Wer sollte glauben, daß es vier bis fünf Meilen von den Grenzfjäll, mitten unter hohen Schneebergen, so freundlich und sommerklar sein könne! Schönere Natur als dieses Bergtal kann man sich kaum denken, besonders die erste halbe Meile um Undersåker und Nyland, wo der Strom in mehreren Krümmungen und mit einem mächtigen Wasserfall durch Felsen hinbraust. Bei Åre ist er weiter und gleicht einem Sacke, heißt dort auch Åreszö. Äußerst romantisch liegt gleich hinter dem Zoll der alte Hügel, wo einst Dufveschanze war; jetzt ist er dicht bewachsen mit Büschen und hohen Tannen. Den 9.Juli. Reise von Dufveby bis Handöl 4 Meilen. Es ging heute nicht mit Extrapost, wie es in den meisten Provinzen Schwedens gehen kann, wenn man will, sondern teils die Größe unsrer Karawane und das viele Auf- und Abpacken, teils die Seen, die in Boten passiert werden mußten, teils auch der Proviant und die Gerätschaften, die mitgenommen werden mußten, endlich die Lust der Gesellschaft, die an den meisten Stellen eine längere Zeche und Mahlzeit hielt, als billig hätte sein sollen, alles dies war schuld, daß der größte Teil des Tages so verreist ward. Als ich erwachte, so war ein Schmidt, ein Tischler und der Küster noch mit von unsrer Gesellschaft. Diese sollten für Handöls Feierlichkeiten an den Tempelbau des Herrn die letzte Hand legen. Außer ihnen war noch eine Nämnd da, welche zu einer Hausschau und zu Taxationen mitzog. – Die Geschichte des Tempelbaues ist diese. Der Magister Festin als Komminister von Undersåker ist Pastor der Lappen, die mit ihren Renen in diesem Kirchspiele und den nächsten Grenzen wohnen. Im Winter, wo sie mit ihren Herden näher sind, kommen sie in die ordentlichen Kirchen, im Sommer pflegt er einmal oder zweimal zu ihnen näher nach den Fjäll zu reisen, Katechisation, Kommunion, Taufen und Hochzeiten auf einmal abzumachen. Dies geschah bisher, wie es konnte, in einer Scheune oder im Baurenhause, und man hatte für die Bequemlichkeit der Lappen in Undersåkerssocken dazu besonders Handöl ausersehen. Unser wackrer Komminister fand eine solche Stätte unwürdig des Gottes, der sich in jenen Alpengegenden so gewaltig verkündigt, er erregte den Enthusiasmus der Fjällappen und der umwohnenden Schweden, ein Zusammenschuß kam zustande, eine kleine Kapelle ward gebaut, und jetzt nimmt er Handwerker und Helfer mit, um das letzte zu vollenden. Um 7 Uhr waren die verschiedenen Pferde da, welche wir bestellt hatten, bald kamen auch unsre Freunde von gestern, welche bei dem Herrn Granbom übernachtet hatten; man fing an zu satteln und aufzupacken. Aber diese Arbeit war lang. Alles Handwerksgerät, was zum Kirchenbau gebraucht werden sollte, Hochzeitgeschenke, Proviant, Meßgewänder und Kelche mußten zierlich in Packsättel zusammengeschnürt und auf Pferde gelegt werden. Diese gingen als ein langsamer Zug voran, dann ritten wir Honoratioren und die übrigen Handölsfahrer, etwa 20 Mann hoch, und zu uns versammelte sich eine Menge Reiterei, die von dem gestrigen Kirchenzuge noch übrig war. Um halb 10 Uhr ward der Zug mobil, und wir setzten etwa 50 Pferde stark über die Fähre bei Dufvesund. Von da erreichten wir bald das Gütchen Sta, wo ein reicher Bauer wohnt, dessen Bruder einer der reichsten Kaufleute Drontheims ist. Dieses Sta ist das letzte Dorf am Wege nach Norwegen, obgleich die in den letzten 30 Jahren höher hinauf angelegten Nybyggen wohl endlich diese Ehre alt machen werden. Den Namen Sta hat es erhalten, weil hier vormals alles Rast hielt und sich erholte, ehe die höhere Fjällreise, wo jetzt die Stugor sind, angetreten ward. Es liegt sehr anmutig auf einem Birkenhügel und hat einen Graswuchs, über dessen Reichtum man erstaunt; sein Besitzer hält 70 Kühe. Nicht weit von diesem Sta liegt ein hoher Berg über dem Wege, aus Sand und Kalksteinen bestehend; dort findet man in einzelnen Tafeln und selbst an den Wänden noch eine Menge Namen tapfrer Krieger aus Karls des Zwölften Zeit. Als die Schweden 1718 hier einrückten auf Drontheims und Norwegens Eroberung, machten sie das alte Halt, freudig erkletterten viele den Berg und schnitten ihre Namen und ihre Hoffnungen ein, nicht ahndend, daß des großen Karls Fall bei Friedrichshall auch ihr Verderben werden sollte. Gleich von Sta ging unser Weg westlich ab von der norwegischen Straße und verwandelte sich sogleich in Wald und Geklüft und enge Fußsteige, worin aber die jemtischen und norwegischen Pferde trotz den Maultieren der Apenninen und der Sierra Morena sicher und lustig traben. Wir kehrten zuerst bei einer kleinen Stelle im Walde ein, welche Ryeberg heißt, wo einige Pferde umgetauscht wurden und alles aus- und eingepackt ward. Von da hatten wir noch eine halbe Meile bis an den Tångsee; hier gingen die Pferde zurück, und wir ruderten unter Gesang und Klang beinahe eine halbe Meile über den See bis Tångböle, ein kleines niedliches Dörfchen. Einige Pferde mit dem Gepäck hatten einen schlimmen und viel weitern Reitweg links um den See gemacht. – In Tångböle ward wieder geschmauset wie an allen Stellen, wohin wir kamen. Sogleich bei unsrer Ankunft ward der Tisch gedeckt, und Laxöring und Rör, zwei treffliche Lachsarten, von welchem der letzte dem Brachsen etwas ähnelt, ward sogleich gekocht und gebraten aufgetragen, der schönen Milch, des frischen Alpenkäses, geräucherten Elen- und Rindfleisches nicht einmal zu gedenken. Auch im Genuß des Biers und Branntweins mußte man sich munter erweisen, um den Wirt zu ehren. Ich habe den heutigen Tag gewiß bloß aus einem Gefühl der Pflicht meine 8 Sup genommen, deren Glut der Regen unsrer letzten Fahrt wieder abkühlte. O Rousseau, hier ist noch mehr als in den Alpentälern die alte Einfalt und Unschuld und Kraft einheimisch. Welche liebe einfältige Menschen! Wie klein und jämmerlich stand ich vor ihnen, den man einen Gebildeten nennt! Mein Geld brauchten und wollten sie nicht – elendes Geld, wodurch der Reiche jeden zum Sklaven machen zu können glaubt –, nicht einmal das Skjutsgeld für mein Pferd wollten sie nehmen, waren auch durchaus nicht zu bewegen, die gesetzmäßigen 12 Schillinge anzunehmen; nicht mehr als 8 Schillinge für die Meile konnte ich ihnen aufdringen. Auch hier nahm das Aus- und Abladen, das Umsatteln und Umpacken zwei volle Stunden hin, dann trabten wir rasch durch Sumpf und Wald nach Wallarne, einem kleinen Dorfe, das in gerader Linie von Handöl, dem Ziel unsrer Wallfahrt, etwa 7 / 4 Meilen, über den See aber, den man befahren muß, anderthalb Meilen entfernt liegt. Dieses Dörfchen wie die vorigen liegt in einer fruchtbaren See- und Wiesengegend. An dem höchsten Wiesenhügel stehen Monumente zum Trauerandenken der erfrornen Tapfern, die hier herum zu Tausenden umkamen und begraben liegen. Ich will ihre Geschichte erzählen, wie sie ein Zeitgenosse durch den Mund seines Sohnes Hagström berichtet, welcher 1749 Jemtland durchreiste und beschrieb. Das nördliche schwedische Heer, das in Verbindung mit dem südlichen 1718 Norwegens Eroberung vollenden sollte, hatte seinen Feldzug glücklich angetreten und von Drontheim und dem ganzen nördlichen Norwegen Besitz genommen. Siehe, da kam der Trauerbote vom Tode des Königs, und mit diesem sank auch aller Mut des Volks. Sie dachten nur auf den Rückzug und traten ihn nur zu schnell an. Ihr Zug ging mit dem Schluß des Jahrs aus Tydale in Norwegen westlich um die Fjäll, die unter dem Namen Snasahögar bekannt sind, nach Handöl in Jemtland, ein Fjällweg von 8 Meilen. Den Neujahrstag 1719 gingen sie zuerst auf die Fjäll. Kaum waren sie darauf, als der schwerste und äußerste Untergang ihnen mit dem neuen Jahre entgegenkam. Plötzlich stieg von Nordwesten ein fürchterlicher Sturm auf, der den ganzen Himmel in eine Schneewolke hüllte und die Erde unter unendlichen Schneemassen begrub; zugleich war die Kälte so schrecklich, daß man in diesen Gegenden fast nie ihresgleichen erfahren hat. Das Volk, das sich mit der ganzen Welt geschlagen hätte, solange Karl der Zwölfte aufrecht stand, ward hierüber fast verzagt und gleichsam dumm im Kopfe. Kein Holz war hier auf manche Meilen, um Feuer anzuzünden und sich zu erwärmen, Gesichter und Hände schwollen auf von der schnellen Kälte, ein Teil der Mannschaft erkrankte und starb sogleich den ersten Abend. Die Nacht des 2. Januars schlugen sie ihr Lager mitten in den Fjäll auf an einem kleinen Talsee. Bei der nächsten Morgendämmerung, als die Reise weiter fortgesetzt werden sollte, fand man einige hundert Erfrorne, von welchen ein Teil aufrecht nebeneinander standen, als wenn sie lebten; aber wenn man sie ein wenig anstieß, taumelten sie tot hin, gleich umgestürzten Säulen. Das Ungewitter hielt mit gleicher Heftigkeit an, beides mit Kälte und Schnee, indessen ward die Reise fortgesetzt. Unterwegs fiel der eine nach dem ändern hin, Reiter und Fußknechte, so daß die Leichen haufenweise am Wege lagen, auf welchem sie marschiert waren. Artillerie und Bagage, Schlitten und Pferde blieben hie und da stehen, nachdem die Mannschaft totgefroren und ein Teil lebendig eingescharrt war, so daß sie wegen Mattigkeit und Entkräftung sich nicht wieder aus dem Schnee hervorkratzen konnten, sondern jämmerlich umkamen, wo sie saßen oder sich ein Lager gemacht hatten. Um den Abend gegen den 3.Januar lagerte sich die Mannschaft auf einem kleinen Strom, welcher Enaelf heißt und von den Fjäll nach Handöl fließt. Hier mußte auch die dritte Nacht der größte Teil des Heers in gleichem Elende ausharren, denn wegen des gewaltigen Ungewitters stand das Volk wie in einer dicken Wolke, so daß niemand den Weg finden oder nur 20 Schritte vor sich sehen konnte. Der eine Wegweiser, welcher dem Heere von Norwegen folgte, starb in der ersten Nacht, der andre war mit den Vortruppen ausgezogen. Hier mußte man unter bloßem Himmel liegen und die fürchterlichste und schneidendste Kälte ausstehen. Hier halfen auch die besten Kleider wenig, und Feuer hatte man nicht, sich zu erwärmen. Wie menschlich, wie mitleidig auch der eine für den andern empfinden mochte, wer sollte den vielen Schwachen und Hinfälligen beistehen? Alle waren in gleicher Not, und die zärtlichsten Gefühle erstarrten bei der grimmigen Kälte und der Todesgefahr, die einen jeden umfing. Setzte einer sich nieder, sich auszuruhen und zu schlafen, so ergriff ihn die Kälte so schnell, daß er kaum imstande war, aufzustehen und sich mit Arbeit zu erwärmen. Derjenige, der sich beständig in Bewegung erhielt, stand sich am besten; aber um das zu können, mußte man seltene Leibeskräfte haben. Einige jemtische Soldaten wußten, daß Enaelf nach Handöl fließt. Sie hauten daher Löcher in das Eis und nahmen das Fließen des Wassers von den norwegischen Fjäll durch diese Elf als einen neuen Wegweiser nach Jemtland. Von diesem dritten Nachtlager trennte sich die Mannschaft auf zwei verschiedenen Wegen. Ein Teil folgte der Elf nach Handöl, der andre ging über das Fjäll Snasahögar und kam von da endlich durch einen Wald zu einem Dorfe in Jemtland. Die der Elf nachgingen, kamen aber nicht zugleich an, ja manche waren 4 bis 6 Nächte auf den furchtbaren Fjäll; manche verirrten sich ganz von dem großen Haufen und kamen also um. Als endlich die Mannschaft in Handöl anlangte und von da in Wallarne, wo sollten sie in den wenigen Wohnungen unterkommen? Die meisten waren halb tot, wie konnten sie einquartiert und gepflegt werden? Täglich fiel eine Menge wie die Fliegen hin, sowohl auf den Wegen als in den Quartieren. – Der Erzähler schließt endlich mit diesen Worten: Der Regimentsfeldscher Pehr Hagström, mein seliger Vater, der mit auf dieser gefährlichen Fahrt war, berichtete mir oft, daß er bei der Rückkehr von Norwegen manche Tonnen füllte mit den abgesägten Händen und Füßen, die auf den Fjäll erfroren. Unser Gepäck ging von Wallarne an den See Ann, wo es in ein großes Boot geladen ward; für uns waren zwei andere bereit. Es regnete lustig, dazu mußten wir durch einen Sumpf an den See hinan waten und lange stehen, ehe alles flott und mobil werden konnte. Zuletzt lag es noch an dem armen lappischen Bräutigam, daß es nicht schneller abstieß. Das Boot, worin ich war, wollte ihn aus einem pöbelhaften Aberglauben unsers Schiffers nicht einnehmen, das andere war schon weit voraus, mußte also wieder zurückkommen und sich seiner erbarmen, wenn er nicht im Regen und Sumpf ferne von der Stelle seiner Sehnsucht auf eine andere Gelegenheit harren sollte. Der Komminister hielt eine Strafpredigt über unsern Ruderer; aber wenn diese etwas wirkte, so mußten wir Unschuldigen sie mit büßen, denn der Himmel goß seinen Wasservorrat fürchterlich auf unsre Köpfe herab. Wir hatten anderthalb Meilen nach Handöl wegen einer verdrießlichen Landspitze, die tief in den See hineinläuft und um welche wir rudern mußten. Kleine Inseln, schwimmende Bäume, Enten, wildes Gebirg und Schneeberge ringsumher brachten Mannigfaltigkeit genug in die Fahrt, auch widersetzten wir uns durch das sthenische Mittel des Scherzes und Gesanges dem schlimmen Einflüsse der Nässe, die uns bis an das Mark drang. Endlich liefen wir ersten in die kleine Enaelf ein, deren ich bei den vorigen Trauergeschichten erwähnte. Das andere Boot hatte sich von uns getrennt und wollte einen andern Weg nehmen, aber es mußte nahe am Lande hinsteuren, ehe es zur Elf kam, und ward fest. Die Männer mußten alle aussteigen und einige hundert Schritt bis an den Gürtel im Wasser waten und das Boot und die Weibsen schieben. Die Szene war komisch genug, im Grunde aber wurden sie nicht viel nasser, als wir schon waren. Wir warteten, bis sie loskamen, und landeten endlich zusammen etwa 500 Schritt von Handöl. Ich blieb in des wackern Komministers Familie in einem Bauernhause, die übrigen verteilten sich in zwei andere, so nahe bei uns, daß wir in zwei Minuten alle miteinander Kommunikation haben konnten. Wir bekamen ein großes Zimmer, worin die Flamme schon hell loderte, als wir ankamen, denn es war recht kalt bei dem Regen, und der Nordwest wehte von den Schneebergen. Alles lagerte und trocknete sich um das Feuer, bald stand auch das Mahl, aus den herrlichsten Fischen, frischer Milch, Renzungen und dem Gewöhnlichen bestehend, auf dem Tische. Wir ließen es uns wohl schmecken, philosophierten über die wichtige Frage, ob es besser sei, daß es so regne oder daß uns bei zierlicher Hitze die Mücken stächen, bis endlich die Lappen kamen und ein mir wenigstens ganz neues Leben anfingen. Sie hatten der Hochzeit und des Gottesdienstes wegen ihre Renar weiter abwärts von den Fjäll getrieben und waren zum Teil schon gestern angekommen. Zum Quartier hatten sie teils eine große Scheune gemietet, teils lagen sie bei den Bauern um die Feuerherde in den Stuben; auch war in dem größten Bauerhause die Hochzeit bestellt. Der Reihe nach kamen nun die Braut und ihre nächsten Verwandten und grüßten den biedern Komminister, ihren geistlichen Vater, den sie auch nicht anders als Far lill (Väterchen) nennen. Ich hatte noch ein Stündchen vor dem Zubettgehn meine Freude an ihnen. In dem Zimmer uns gegenüber bei unserm freundlichen Wirt blieben mehrere von ihnen; da waren auch unser Küster und die Tempelbaumeister einquartiert. Sie hielten lustig zu mit Trinken nach dem Regen und wurden untereinander so laut, daß unser erster Schlaf verjagt ward. Es ward ein förmliches Gezänk; ich sprang auf und trat zu ihnen. Siehe, da standen der Küster und ein reicher Lapp namens Anders Olsson wie ein Paar rotglühende Puter einander gegenüber und fluchten weidlich. In meinem Leben habe ich keine so närrische Szene gesehen, noch mehr gelacht. Der Küster, halb biblisch, halb pedantisch, mischte Reines und Unreines zusammen und goß es bald als glühende Kohlen, bald als eine schmutzige Wasserlauge über des lappischen Renommisten Haupt. Am lustigsten waren die Hauptflüche, die immer den Schluß machten. Der Lappe hatte den kräftigen Wunsch: På näfverskor skall du lefva och dö, du hund (Auf Schuhen aus Birkenrinde sollst du leben und sterben, du Hund), diese tragen nämlich nur die Ärmsten. Der Küster aber, der sich und des Lappen Zustand vergaß, wünschte ihm, daß grünes Gras auf seiner Schwelle wachsen möge, das Glücklichste, was einem Hirten gewünscht werden kann. – Nach langem Toben kamen sie zur Ruhe und wir wieder zu unserm Schlaf. Den folgenden Morgen war es wieder trüb und finster. Es war dies der Tag der Vorrüstung. Der Prediger mit seinen Handlangern gingen zum Kirchenbau, und ich ließ mir ein Pferd satteln und ritt um 10 Uhr aus, indem des Bräutigams Bruder, Ol Thomasson, und der junge Lars Festin als Führer und Freunde mir zur Seite marschierten. Es galt nämlich die lappische Wirtschaft, ihre Hütten und Herden zu besehen. Der Hochzeit wegen hatten sie ihr meistes Vieh von den höheren Fjäll näher nach Handöl getrieben, und wir hatten nur eine Reise von 5 / 4 Meilen, um unsre Wünsche zu befriedigen. Aber welche Reise und welche Reiterei! Mein Aristokratismus des Reitens war hier lächerlich genug, und ich kam mir fast so vor wie der Mann, der in der bodenlosen Sänfte auf eignen Füßen spazierte. Genug hatte ich als ein rüstiger Fußgänger auch gegen das Reiten protestiert, aber mein Wirt drang mir das Pferd auf, und aus bloßer Artigkeit ritt ich und setzte meine Beine und mein Leben dran. Zuerst ritt ich einen hohen Berg hinan, dann ging es über Fjällfläche, Steine und Sümpfe. Zweimal stürzte ich auf den Steinen, zehnmal mußte ich in den Morästen absteigen und dem einsinkenden Pferde freieren Atem zum Herausspringen lassen. So ward ich bespritzt und beschmutzt, während meine Gesellen ganz ruhig den besten Fußweg über Bäche, Baumstämme und Steine wählten. Ich war heute ein rechtes Bild des nichtigen Vornehmseins und mußte lächeln, wie meine Gesellschaft durchaus nicht wollte, daß ich neben ihnen herginge und das Pferd leitete. Der Himmel hing mit dichten Nebeln über uns und stäubte kleinen Regen, nicht 20 Schritt sahen wir vor uns. So ging der Weg über viele Bäche und Schneewasser zwischen Handöls- und Snasafjäll hin. Das letzte war dicht mit Schnee bedeckt, und der Nordwest wehte empfindlich kalt herab auf uns. Unser Ol Thomasson ward bei dem Nebel etwas irrig über den Weg zu den Hütten, als er meinte, daß wir etwa der Stelle nahe sein müßten. Da warf er sich auf den Bauch und gebrauchte einige Sekunden seine Nase und rief dann freudig, die Herde könne nicht weit sein. Kaum waren wir auch einige hundert Schritt weiter gegangen, so sahen wir die Hütten, und die Herde selbst verkündigte sich durch ihr widerliches Blöken: Äh, äh, ein Laut, der ganz der Anfangsmodulation des Froschquäkens gleicht, wenn man sich dieses verdreifacht denkt. Es war für uns die glücklichste Zeit, denn eben war die ganze Herde von ungefähr 900 Tieren zum Melken eingesperrt. Auf diesem Weideplatze hart unter Snasahögar waren fünf Hütten aufgeschlagen. Solche Hütten sind permanent an mehreren Stellen, besonders an solchen, wo reicher Graswuchs und im Winter viel Renmoos ist. Es ist unglaublich, in welchem üppigen Wüchse hier unter den Schneebergen das Gras steht, auch Birken kränzen noch alle Bäche, so daß die Lappen auch wegen der Feuerung nicht verlegen sind. Ol Thomasson führte uns der Reihe nach in allen Hütten herum, wo nur einige Knechte und Mägde und etwa ein Dutzend Kinder heim waren; die übrigen, die noch zu diesem Zirkel gehören, sind alle in Handöl, um morgen mit zu hochzeiten. Es fing hier aus einer dicken Wolke, die sich um das nahe Fjäll zog, fürchterlich an zu regnen; wir schlugen also, bis es vorüber war, etwa anderthalb Stunden in einer Hütte unser Quartier auf. Feuer brannte noch in der Mitte, neue Zweige wurden zugelegt, und wir alle lagerten uns rundherum nach der Seite hin, wo es am wenigsten rauchte. Ol Thomasson war kaum im Stillen, so schnarchte er schon in der Mitte seiner drei Hunde, unbesorgt um uns, die sich über das Lappenleben und die lappischen Geschichten unterhielten. Wie sieht eine solche Hütte aus? Sie ist aus aufgerichteten armdicken Stangen konisch aufgesetzt, deren Spitzen oben in einem Büschel zusammengestellt, mit Reisig durchflochten und mit Rasen, Walmar und Näfver belegt sind. Die Vermögenden pflegen die ganze Hütte, besonders die Winterhütte, mit Walmar zu bedecken. Oben ist eine Öffnung, woraus der Rauch zieht, welche aber, wenn der Wind es gebietet, zuweilen nach der Seite hin gemacht wird. Statt der Türe ist eine niedrige Öffnung, wohinein man kriecht, auch sie mit Walmar verhängt. Eine solche Koje hat unten etwa zwei Mannslängen im Durchmesser und ist eine bis anderthalb Mannslängen hoch. In der Mitte brennt das beinahe ewige Feuer, das im Winter wegen der Kälte nicht gern fehlen darf und im Sommer wegen der Mücken selbst bis in die Nacht unterhalten wird. Rundumher sind manche gegerbte Renfelle ausgebreitet, worauf man sich setzt und hinstreckt; mit wärmeren Renfellen und anderm Pelzwerk decken sie sich für den Schlaf zu. Die Hunde, als ihre treuesten Gesellen, liegen zu halben Dutzenden immer zwischen ihnen und ihren Kindern. Mich dünkte, daß diese Tiere ganz die Physiognomie der öden und wilden Gegend, worin sie leben, und den trüben und stummen Ausdruck ihrer Herren angenommen haben. An einer besonderen Stelle stehen die Küchengeräte, Körbe und andere Gefäße. Welche Sauberkeit und Kunstfertigkeit in diesen Arbeiten! Wie gern hätte ich davon etwas zur lieben Heimat mitgenommen, wenn ich hätte hoffen können, es ganz zur Stelle zu schaffen! Die niedlichsten Milchgefäße, Eimer und Schalen schneidet der Lappe aus Birkenmaser, alles bis auf die Handhaben aus einem Stücke, manches mit hübschen Ranken und Tierfiguren; nettere Körbe von allerlei Form habe ich nie gesehen, Körbe, die mit dem vollsten Recht auf der Toilette der ersten Aspasia Europens und des üppigsten Schwelgers stehen könnten; auch die Löffel aus Renhorn sind sauber und mit allerlei figürlichem Schnitzwerk. Die Lappen könnten diese Fertigkeit in allerlei netten Holzarbeiten zu einem wirklichen Handelserwerb gebrauchen, der lange und heitere Sommer könnte ihnen dazu Muße genug geben; aber um einen Erwerb, der Mühe und Arbeit kostet, kümmern sie sich nicht sehr, und selbst die Ärmsten leiden lieber Not, als daß sie zu ähnlichen Arbeiten, die außer dem Kreise ihres gewöhnlichen Lebens zu liegen scheinen, greifen sollten. Sie haben den Sinn der meisten nomadischen Völker, nur für das nächste Bedürfnis und den unmittelbaren Gebrauch zu arbeiten. Als der Regen aufgehört hatte, weckten wir den schnarchenden Ol, er zündete sich ein Pfeifchen an, und wir gingen aus, um die große Herde und das Melken etwas näher zu besehen. Diese Herde war in einem Gehege eingesperrt, welches die Lappen zu solchem Behuf nahe bei den Hütten aus Pfählen und großen verschränkten Zweigen machen, gern an einer Stelle, die Bäume hat, damit sie die Tiere beim Melken anbinden können. Es waren hier ungefähr 900 Tiere, meist Kühe und Kälber; viele Ochsen und überjährige Kälber lassen sie draußen frei gehen und treiben sie nur beim Abzuge nach einer andern Alpe wieder mit der ganzen Herde zusammen. Obgleich die Rene zahm sind, so halten sie doch nicht gern zum Melken still, wollen sich nicht einmal nahe kommen lassen; die Lappen und ihre Mädchen müssen also als echte römische retiarii ihnen das Seil über die Hörner zu werfen suchen. Sie tun dies wirklich mit einer erstaunlichen Geschicklichkeit und werfen einen langen Strick auf 10 bis 15 Schritt so genau, daß sie unter drei Malen nur einmal den Kopf des Tiers verfehlen. Sobald sie es so gefaßt haben, wird es an einen Baum gebunden und gemelkt. Da die Tiere ihre Kälber bei sich haben, so ist ein Viertelmaß das äußerste, was ein Tier Milch gibt, gewöhnlich aber viel weniger. Aber diese Milch ist außerordentlich fett, viel fetter als Ziegenmilch, und gerinnt beinahe sogleich, wann sie gemolken ist. Unser Ol kochte uns davon, betete dann mit uns vor der Schale, aß zuerst einige Löffel voll und ließ dann die Schale rund gehen. Ich muß sagen, von drei, vier Löffel voll, die ich nahm, ward ich übersatt, obgleich der Geschmack sehr würzig und lieblich ist. Das Ren ist ein zu schönes Tier und zu oft beschrieben, als daß ich es noch rühmen sollte. Aber welche Mühe und Plage, es zu hüten und zu warten! Von allen Nomaden ist sein Besitzer und Hirt unstreitig der mühseligste. Nur die Gewohnheit kann solches Leben lieb machen, und doch hängen die meisten Lappen, wie alle halb wilde und halb barbarische Menschen, mit einer unbeschreiblichen Liebe an dem Leben der Väter. Sie sehen die Bequemlichkeiten der Schweden, genießen sie zuweilen in ihrer Gesellschaft, beneiden sie wohl gar darum, aber sobald es auf die Frage ankommt, das unstete, schmutzige und räucherige Leben ihrer Hütten gegen ein anderes zu vertauschen, bleiben sie hartnäckig bei dem alten. Manche Lappen haben 10000 bis 20000 Rtlr. Vermögen. Wenn diese auch für den Leib einiges besser haben können als die andern und mehr und besseren Tabak rauchen und Branntwein trinken können als jene, so sind sie ihnen in allem übrigen doch völlig gleichgestellt. Bis jetzt aber hat man noch kein Beispiel, daß ein solcher Lappmagnat abtrünnig und durch Erwerbung eines Grundstückes und im bürgerlichen Leben einem Schweden gleich geworden wäre. – Denn welch ein Leben! Heute war es doch mitten im Sommer, aber hier zwischen den Schneebergen regnicht und schneidend kalt. Bis über die Hüften waren die ledernen Hosen und Jacken der Melkenden und Hirten durchnäßt. So müssen sie den ganzen Tag, bis sie abgelöst werden, und oft die noch kältere Nacht der Herde folgen; haben sie Ruhe, so werfen sie sich naß, wie sie sind, am Feuer hin und trocknen sich, indem sie zwischen den Hunden schnarchen. Aber der Sommer mit seinen langen Tagen ist trotz des Schnees, der Regen- und Hagelschauer dieser Alpen, welche nicht selten kommen, ein wahres Elysium, wenn man an ihren Winter denkt. Acht Monate im Schnee, und von diesen vier in langer Finsternis - wie schrecklich würde es dem scheinen, den die Gewohnheit nicht von Kindheit auf dazu erzogen hätte! Und wenn diese schlimme Zeit kömmt, wo die andern, welche unter dem Nordstern wohnen, mehr ausruhen von ihrer Arbeit, so bedarf der Lappe doppelter Tätigkeit. Dann ist der Vielfraß am hungrigsten, der Wolf am räuberischesten, dann ist er selbst wegen der Nahrung seiner Tiere oft in Verlegenheit. Doppelt so viele Hirten und Hunde müssen dann in Bewegung sein, und das Vieh kann die lange Nacht nicht an einem sichern Orte zur Ruhe getrieben werden, sondern muß, eben weil das Futter sparsamer ist, auch selbst um die Mitternacht draußen sein, um durch die Zeit den Mangel zu ersetzen. Der Wolf ist alsdann fürchterlich; die Tiere, und selbst die Hirten, wittern ihn schon von ferne, und oft soll es fast unmöglich sein, die Herde zusammenzuhalten, welche gerade durch die scheue Flucht sich den Zähnen des mörderischen Diebes aussetzt. Öl bemerkte, daß der Wolf in langen Zeiten so fürchterlich nicht gewesen und so viele Verheerungen angerichtet habe als die ersten fünf Jahre nach dem letzten schwedisch-russischen Kriege. Man meint, das Waffengetöse in Finnland habe viele von seinem Geschlecht nach Westerbotten und den Lappmarken getrieben. Auch der Jerf oder Vielfraß ist den Lappen ein arger Feind und bestiehlt ihnen als Dieb gar häufig ihre Vorräte von Fleisch und Milch. Nach unsrer Tafel besah ich noch das Innere aller Hütten, ihre Geräte, die Milch- und Käsewirtschaft und die Art, ihr Fleisch aufzubewahren, dessen sie freilich jetzt nicht viel haben. Der verständige Ol mußte mir viel erzählen und erklären und die Kinder und Großmütter alle vorführen. Endlich gab ich seinen Kindern einige Achtgroschenstücke, und wir traten die Rückreise wieder an, die auf demselben Wege und unter denselben Abenteuern ganz glücklich gemacht ward. Das einzige Neue, was ich aber nur sehr flüchtig sah, war ein Biber in einem Bache unweit Handöl. Um 7 Uhr war ich wieder zu Hause, und bald kam auch der Komminister mit seinen Gesellen vom Tempelbau zurück, und wir hielten nach den Strapazen und Arbeiten des Tages eine lustige Abendtafel. Dann machte ich mit meinem lieben Freunde, dem braven Bruksinspektor, bei den Kupfergruben Åreskutas noch eine kleine Abendexkursion. Dieser war mit einer ganzen Nämnd und seinem Freunde, dem wackern Länsman Huß, hieher gekommen, um Inventur über einen Teil des Dörfchens Handöl aufzunehmen. Handöl nämlich mit vielen Hemman und Wäldern ist für die Kupfergruben Jemdands angeschlagen und gehört noch jetzt der Gesellschaft, die im Besitz der Åreskutagruben ist. Auch hier bei Handöl ward 1738 auf Kupfer gebrochen, und wir besahen die Gruben, bei welchen der Zug zu den Renen und Lapphütten hart vorbeistrich. Sie liegen jetzt öd, der Inspektor aber meint, daß man noch wohl einmal wieder versuchen wird, ob eine verständigere und methodischere Arbeit nicht etwas Besseres und Ergiebigeres leisten werde, als die Unkunde und Sorglosigkeit der Zeit, worin man das Werk angriff, möglich machte. Jetzt ist der berühmte Berghauptmann Polheimer hier, welcher lange bei den Steinkohlenbrüchen in Schonen gearbeitet hat, und bereiset und untersucht diese Gruben. Man verspricht sich viel von dieser Reise für neue Brüche und bessere Einrichtung und Bearbeitung des Ganzen. Unser Weg ging zu den Talksteinbrüchen, die unter dem Namen Handöls Tälgstenbrott in ganz Schweden bekannt sind. Sie liegen südlich etwa tausend Schritt vom Dorfe. Wir setzten über die brausende Handölself, gingen längs derselben auf nassen Wiesen und klimmten dann durch die träufelnden Bäume auf einem schlüpfrigen Pfade einen schroffen Berg hinan, wo man 15 bis 20 geöffnete und bearbeitete und manche unverständig verschüttete und mit Gestein und Grieß bedeckte Gruben findet. Der Talkstein, der sich leicht hauen läßt, ist grünlicht und grau mit feinen grünen Streifen, zum Teil sehr schön. Nie ist der Bruch desselben methodisch betrieben, sondern immer auf ungefähr. Jeder Bauer oder Torpare von Handöl sieht sich eine Stelle aus und fängt an zu brechen und zu hauen, wie es ihm dünkt und wie er es versteht. An Sorge für die Zukunft und ordentliche Arbeit wird dabei gar nicht gedacht. So zerstören sie die besten Gruben durch Fälle und Verschüttung. Die Bauern hauen aus dem Talkstein allerlei Gefäße, Schalen, Töpfe, Pfannen zum Hausgebrauch; vorzüglich aber wird er zu Öfen gebraucht, die an Farbe und Dauer gleich vortrefflich sind. Durch ganz Norrland bis in die südlichen Provinzen wird damit Handel getrieben, und mancher Bauer nimmt jährlich über hundert Rtlr. dafür ein. Bei einer besseren und planmäßigem Behandlung müßten diese Brüche aber auch weit mehr abwerfen. Von hier gingen wir über das Gebirg an den hohen Wasserfall der Handölself, die sich uns schon von ferne mit ihrem Brausen ankündigte. Welch ein Schauspiel! Trollhätta und Elfkarleby, was würdet ihr sein, wenn dieser Strom euer Wasser hätte? Doch halte ich diesen Wasserfall für den erhabensten, den ich in Schweden gesehen habe. Die Höhe des ganzen Falles ist wenigstens 350 Fuß und der schroffe Sturz an zwei Stellen 50 bis 60. Auch jetzt war die Fülle des Wassers da, wegen der vielen Regen der letzten 14 Tage und des Schmelzens des Schnees im Gebirg; aber wie muß es im Anfange des Frühlings so ganz anders sein! Man sieht dies an dem ungeheuren Felsenbette des Stroms, in dessen einem Teile, wo sonst hohe Wogen sich strudeln, ich trocknen Fußes am Fall stand. – Wir standen hier beide ein halbes Stündchen, die untergehende Sonne malte tausend Regenbogen, und fröhlich und triefend und naß gingen wir heim. Der Rest des Abends bis gegen die tote Mitternacht ward unter den Lappen verlebt. Ich unterhielt mich mit ihnen und traktierte meinen Freund Öl Thomasson und das Brautpaar mit Juxt; so nennen sie den Branntwein: das einzige lappische Wort, was ich behalten habe; es klang zu oft in meine Ohren, als daß es nicht endlich festgesessen hätte. Alle diese Lappen sprechen übrigens nebst ihrer Muttersprache auch schwedisch und norwegisch, und meine Unterhaltung mit ihnen war natürlich in der schwedischen Sprache. Sie sprechen ziemlich richtig, aber ohne Akzent, und singen und pfeifen widerlich, was sie auch in der eignen Sprache tun. Es ist ein wahres Zischeln und Pfeifen, wie die kraftlosen Stimmen der Homerischen Helden und Heldinnen in der Unterwelt. Halb betrunken sangen einige von ihnen auch kleine Weisen in der eignen Sprache vor mir ab. Es geht mit sehr schnellem Abspringen des Tons und endigt immer sehr klagend, indem sie die letzten Töne traurig dehnen. Die Nacht ward heute sehr schön mitten im sausenden Regen. Nie habe ich die Schneeberge in der Abend- und Nachtglut und mit dem meteorischen Widerschein derselben von ihren weißen Gipfeln so magisch und gespenstisch gesehen. Indessen der Regen, mein alter Feind, war mir doch sehr unlieb, obgleich alle sich glücklich priesen, hier kalte Tage zu erleben. Kein Ort ist nämlich so verrufen wegen seiner Mücken als Handöl. An warmen Tagen soll ihre Plage ganz unerträglich und unvermeidlich sein. Mein wackrer Vater Komminister wenigstens konnte sich deswegen zu unserm Wetter nicht genug Glück wünschen. Diese verdrießlichen Tierchen, deren Bekanntschaft ich freilich schon gemacht hatte, deren ganze Furchtbarkeit ich aber erst bei meiner Rückreise aus Jemtland nach Helsingland kennenlernen sollte, sind fast unsichtbar klein und fliegen an warmen Abenden und Morgen, auch oft bis um die Mitternacht in so dichten Haufen, daß die Luft davon verfinstert scheint. Mund und Nase hat man fast bei jedem Atemzuge davon voll. Nicht bloß Hände und Gesicht sind ihrer Wut ausgesetzt, sondern bei ihrer Kleinheit dringen sie unter die Rockärmel und selbst unter das Hemd und zerbeißen einem die Arme bis an die Schultern. Man nennt sie gewöhnlich Härkrankor, in der Kunstsprache ist ihr Name culex cinereus abdomine annulis fuscis octo. Ihr Stich ist äußerst giftig, hier sollen Zickel und Lämmer zuweilen an den Beulen sterben, die von ihren Stichen anschwellen. Man pflegt diese Tiere, so wie die Pferde, an den empfindlichen und am meisten ausgesetzten Stellen ordentlich mit einer Salbe zu bestreichen. Dieser Feind ist ihnen in diesen Gegenden so fürchterlich, daß sie im Sommer oft die höchsten Fjäll hinanklettern und sich auf Schneebänke flüchten, wo er sie wegen der Kälte und des Windes, der gewöhnlich von denselben wehet, verlassen muß. Auch die Menschen, die draußen etwas anders zu tun haben, als sie wegzuscheuchen, salben sich mit einer Mischung von Fett und Teer Gesicht und Hände. Besonders sind sie dazu gezwungen, wann sie auf die Heuernte ausziehen; deswegen tragen die, welche barfuß gehen, doch immer einen Halbstrumpf bis über die Knöchel. Den eilften Julius war der Hochzeittag, mir einer der interessantesten Tage, den ich in meinem Leben gehabt habe. Das Aufputzen des Brautpaars nahm den größten Teil des Morgens hin, lächerlich und komisch genug. Der junge Komminister hatte den Bräutigam und seine niedliche Schwester die Braut unter den Händen, die sich nun weidlich mußten in den Haaren zausen lassen. Und was kam heraus? Der ehrliche Thomas Thomasson sah, als das Meisterwerk vollendet war, ganz wie ein ehrlicher Gärtner oder Weber aus, der bei uns mit seinem Feinsliebchen zur Trau stehen soll. Ein langer Zopf war ihm angedreht, der tief über das Kreuz hinabhing, die Schläfe deckten gleich Schanzkörben ein paar mächtige Locken, und die Scheitelhaare waren mit dem Kamm zu einem gehörigen Wulst zusammengewirrt, alles mit Pomade ordentlich auf- und eingestrichen und mit Gerstenmehl gebührlich gepudert; übrigens steckte er vom Kopf bis zu den Füßen in schwedischen Sonntagsbaurenkleidern, trug einen grauen Rock mit runden silbernen Knöpfen, eine rote kalmankene Weste, ein schwarzes seidenes Halstuch, blaue Beinkleider und Strümpfe und zierliche Schuhe mit großen silbernen Schnallen. Das Tragische abgerechnet und die Miene und Haltung des Leibes, die zu solchen Kleidern ganz fremd standen, kleidete es unsern Thomas gar nicht übel, da er einer der größten und wohlgebildetsten Lappen ist. Aber seine Braut war ein häßliches Schätzchen, klein und dürr, die völligste Lapp-Physiognomie, mit trüben, triefenden Äuglein und krumm und schief gleich einem Fiedelbogen in ihren hochzeitlichen Kleidern, Geschmeiden und Juwelen einhertretend, welche meistens aus der Garderobe und von der Toilette ihrer Ausstaffiererin geliehen waren. Als ich an diesen Geschichten und den übrigen lappischen Hochzeitgästen mich satt gesehen hatte, machte ich mich zur Kirche. Es war 9 Uhr, und der erste Akt des langen heutigen Gottesdienstes war vorbei, nämlich der der Einweihung des Heiligtums und der Erde umher zum Empfang christlicher Leichen. Die kleine hölzerne Kapelle war für eine Versammlung von 150 Personen immer geräumig genug, mit netten, lichten Fenstern und von einem Bauermaler mit blauen und weißen Streifen – wahrscheinlich die einzigen Farben, die er besaß – an mehreren Stellen bunt verziert. Durch den Eifer des Predigers war gestern das ganze Innere ausgebaut. Bänke, Altar, Kanzel waren an einem Tage fertig geworden, alles ganz gut, zum Teil zierlich, wie es nämlich hier sein kann. Das Altar und die Kanzel hatte er von Frösön bekommen; sie waren einstweilen nur als Lückenbüßer festgemacht: auch der mystische Vogel, der Repräsentant des zarten und geistigen Lebens, fehlte nicht über dem Haupte des Predigers, obgleich ihm der eine Flügel zerbrochen war und die Würmer hie und da schon seinen Leib angeschnitten hatten. Auch er hatte mit den übrigen Verzierungen des Heiligtums in einer alten Kapelle in Frösöns Kirche gelegen und war für sein Zeitalter allerdings hundert Jahre zu alt. Eben als ich eintrat, begann die Beichte der Lappen und umwohnenden Schweden und darauf das Katechisieren der lappischen Jugend, welches anderthalb Stunden bis gegen eilf Uhr währte. Ich freute mich über die verständige Methode des braven Festin, der den begreiflichen Verstand so klar und einfach ausfragte und aussprach, noch mehr wunderte ich mich über die Fertigkeit und Gewandtheit der Jugend. Freilich unter den Lappen in den nördlichen Kirchspielen Schwedens sind hie und da Schulmeister angestellt, sie kommen im Winter auch oft zu den ordentlichen Kirchen, aber wie manche Monate müssen sie aller geistigen Speise entbehren! Und doch wußten die meisten hier ihre Lektion auswendig und konnten, was viel mehr sagen will, leicht und treffend Erklärungen und Antworten darüber geben. Festin lobte sie auch im Angesichte der Schweden, als die da in ihren Wildnissen und auf den nackten und öden Gebirgen mehr nach Gott fragten als sie, die doch der Gaben der Erde und der Freuden und Bequemlichkeiten des Lebens weit reichlicher genössen. Hierauf war Begräbnis. Eine lappische Leiche ward zuerst in die neue Erde eingesenkt und von allen Anwesenden unter den Augen des offenen Himmels ein rührendes Lied gesungen. Diese Handlung war für mich sehr erschütternd. Es schien mir, als stehe der Tod mit allen seinen Gebärden und Trauerbildern rings um mich her, in so vielen Menschengesichtern spiegelte er sich ab. Hoch und stolz und mit freierem Blick standen die edlen Schweden da; aber die Lappen – es ist unbeschreiblich, mit welchem Ausdruck sie die finstre Grube ansahen. Das Melancholische und Tragische, das fast schon in ihren Mienen liegt, drückte sich nun in voller Gewalt aus – die kleinen schwachen Gestalten, das Öde und tief Mystische ihrer Stirnen und Augen, welche Bilder diesem ernsten Bilde des Lebens gegenüber! Die Leiche kam 7 Meilen weit und war vier Wochen alt. Auch über andere Verstorbene, die zum Teil in Norwegen begraben worden, aber zu Undersåkers Gemeine gehörten, brachten sie die Zeugnisse norwegischer Prediger mit, so wie diese und jene andere Zeugnisse beibrachten, daß sie hie und da in anderen Kirchspielen kommuniziert und dem Gottesdienst beigewohnt hätten. Nach der Trauer ging es zur Freude. Ein hübsches Sommerlied, »Den blomstertid är kommen« (Die Blumenzeit ist kommen), ward angestimmt; dann hielt Herr Festin eine einfältige und verständige Predigt über die Gründung der Kirche Gottes auf Erden, und daß allenthalben, auf den fruchtbarsten Feldern und in Wüsten und auf Schneebergen, wo mehrere sich zur gemeinschaftlichen Andacht versammeln, der Tempel des Herrn gebauet und seine Ehre würdig gefeiert werde. – Nach der Predigt kam der erste Akt an den Bräutigam; er öffnete seine Tasche, und eine Menge Schillinge wurden hervorgeholt. Mit diesen ging er rund und drückte jedem der Anwesenden, den er besonders ehren wollte, einen in die Hand, um ihn nachher auf dem Altar zu opfern und ihm besonders kräftig zu seinem Hausstande zu gratulieren. Man sollte denken, jeder könne ja aus seinem eignen Säckel ein Scherflein opfern; aber diese Sitte ist hier, wie einige meinen, aus einem Wahn entsprungen, der jetzt meistens veraltet ist, als könne man den Neuvermählten mit fremdem Gelde etwas Schlimmes antun, mit dem eignen aber, was der Bräutigam in die Hand gebe, sei die Macht des Bösen verschwunden. Nachdem der Bräutigam diesen Umlauf gehalten, ward das Paar ordentlich und christlich zusammengesprochen, ein kräftiges Lied gegen Asmodi den Bösen und alle andre Eheteufelei ward angestimmt, wir gingen und opferten, wir gingen und gratulierten und zuletzt – wir gingen und schmausten. Nicht doch. Erst mußten wir noch zwei Kinder taufen sehen, ein lappisches und ein schwedisches. Welch ein Unterschied in der Physiognomie und auch in der Größe der Kinder! Doch war das lappische 5 Wochen, das schwedische 14 Tage alt, letztes aber beinahe doppelt so schwer. Hier ward ein zweifaches Barnöl gegeben, und wir Fremdlinge alle mußten es mithalten. Unter allen diesen Geschichten war es 3 Uhr geworden. Da erst ward die Gesellschaft in dem hochzeitlichen Zimmer versammelt. Dieses war groß und geräumig in dem Baurenhause neben meinem Quartier und hielt, als man die Gesellschaft musterte, etwa 40 Lappen beides Geschlechts und 20 Schweden, worunter wir Honoratioren mitgerechnet wurden. Braut und Bräutigam setzten sich unter einem Ehrenhimmel, der mit einem weißen Laken, mit goldnen Flittern und Bändern verziert, über ihren Sitzen gewölbt war; ihre Namen standen mit großen Buchstaben an der Wand geschrieben. Neben ihnen nahm der Prediger und seine Tochter Platz, und so wir andern der Reihe nach. Zuerst ward ein Anbiß genommen, bestehend aus Renzungen, Renkäse und einem Schluck Juxt. Dann folgten die verschiedenen Gerichte dicht aufeinander, Gerichte, welche die Lappen bei allen Hochzeiten haben sollen. Die erste Schüssel bestand aus köstlichem Fisch, dem Rör oder Alpenlachs, und aus einer Art Forellen, deren Namen ich vergessen. Darauf folgte eine Suppe, Renmilch und Renkäse, die mir herrlich schmeckten, dann ein frischer Renbraten und endlich zum Schluß Butterbrot und der zweite Sup. Mit den mancherlei Gesundheiten aber, die in Branntwein und starkem Bier getrunken wurden, zog sich die Tafel doch über zwei Stunden aus. Der Schenkdiener war der gute Ol Thomasson, mein gestriger Begleiter, der größte, hübscheste und munterste von allen anwesenden Lappen, der sich heute durch gute Einfälle und Aufmunterung der Gäste seines Bruders besonders auszeichnete. Dieser lustige Skänkesven war beweglich und allgegenwärtig jedem zur Hand, wußte auch mit allen Dingen zierlich und sittlich umzugehen. Unser Prediger rühmte ihn als den bescheidensten und tüchtigsten aller Lappen, die er je gekannt; er ist deswegen auch bis zum Nämndeman unter den Lappen avanciert, obgleich er keiner der reichen ist, sondern nur etwa 15o Rene hat. Die Lappen aßen besonders gierig Brot und schlürften Branntwein wie die Fliegen Milch, weil er ihnen nicht immer geboten wird. Juxt, Juxt klang es an allen Ecken des Zimmers wider, Juxt schlürfte die zahnlose Alte, Juxt die Knaben und Mädchen von 12, 14 Jahren mit unauslöschlicher Begierde. Endlich ward die Tafel aufgehoben, nachdem der Prediger laut das Gratias gesprochen hatte und das Bettleiten (Sängledning), die letzte Hochzeitzeremonie, erfolgte. Mitten in der Stube ward ein Kissen hingelegt, die beiden Neuvermählten knieten nieder, die Gäste stellten sich im Kreise, der Geistliche segnete sie noch einmal ein, und darauf sangen wir alle ein letztes Glücks- und Segenslied auf ihre Köpfe herab, und die letzten Händedrücke besiegelten noch einmal die oft gesungenen, gesprochenen, gedrückten und getrunkenen Glückwünsche. Sie standen auf, und die Gesellschaft zerstreute sich auf einige Stunden, die einen hierhin, die andern dorthin. Mehrere Lappen und Lappinnen aber, satt und des süßen Juxtes voll, warfen sich im Zimmer an den Wänden auf alle viere hin und schnarchten unter Hunden und Katzen und dem Getümmel der Bleibenden ihren kurzen seligen Schlaf aus. Wilhelm Müller Rom, Römer und Römerinnen Rom, den 23. August 1818 Ich reise in wenigen Tagen nach Florenz ab. Die Gesellschaft eines Freundes vermag mich zu dem Entschlüsse, Rom ein paar Wochen früher zu verlassen, als es mein alter Plan bestimmt. Die Zeit, die ich dadurch gewinne, soll dem Wasserfalle von Terni, dem Dome von Orvieto, dem Sacro Convento zu Assisi, den Malerwerken von Perugia und anderen Ruhepunkten auf dem Wege nach Florenz gewidmet werden, der an Naturschönheit und Kunstreichtum selbst in Italien nicht leicht seinesgleichen finden dürfte. Wir gedenken wohl einen Monat auf unsrer Reise zu verstreifen, die in gerader Straße nicht mehr als vier bis fünf Tage wegnimmt. Aber so mögen unsre Koffer reisen. Mein Gemälde des römischen Lebens ist kaum in seinen Grundzügen vollendet. Nebengruppen, Hintergründe, die Luft, die Tinten des Kolorits sind nur hie und da flüchtig angedeutet: und woher in der Ferne die Farben und Formen nehmen, es auszuführen? Ich will daran nicht denken, mein Freund, und die wenigen Stunden, die ich den Vorbereitungen der Abreise entwenden kann, wohlgemut der lieben Arbeit schenken. Vielleicht auch, daß die Erinnerung mir so lange klar und warm aus Rom nachfolgt, bis ich den letzten Strich getan habe. Wir haben das römische Leben selbander nach vielen Richtungen und Neigungen durchstrichen, wir haben es in einzelnen Äußerungen und Erscheinungen am liebsten beobachtet: laß uns nun auch wieder einmal nach seinem Mittelpunkte schauen, mein lieber Freund, damit wir uns nicht etwa verirren. Die meisten Fremden ärgern sich an der moralischen Nacktheit des römischen Lebens und schelten sie Frechheit und Schamlosigkeit. Bei uns möchte sie das auch sein: unser umwölkter Himmel, unsre dicke Luft, unser Eis und Schnee treiben den Menschen mit seinen Empfindungen, Worten und Taten aus der freien Natur vorsichtig und bedenklich in Umzäumungen und Mauern zurück. Das nordische Kind, eingeschnürt und eingepuppt, atmet vielleicht, wenn es im Winter geboren worden ist, in den ersten sechs Monaten seines Lebens keinen frischen Lufthauch, sieht keinen hellen Sonnenstrahl, keinen klaren Äther, und wenn es endlich einmal aus der dumpfig warmen Ammenstuhe in die freie Natur hinaustritt, so tut sie ihm wehe, und es zieht sich schreiend vor ihr zusammen. Das römische Kind kann mit dem ersten Blicke aus der Mutter Schoße hinaus in den blauen Himmel schauen, der sich allenfalls durch zerbrochene Fensterscheiben zu der Wochenstube hereindrängt. Mit unbedecktem Gesichte wird der Neugeborne zur Taufe getragen, vor der Türe sitzend, säugt ihn die Mutter, und wenn er eine Strafe verdient hat, wird er in die Stube gesperrt. Halb nackt lernt er im Winter die Sonne, im Sommer den Schatten suchen, im Freien spielt er seine Spiele, und im Freien beginnt auch seine Arbeit: auf den Straßen wird gehämmert, gehobelt, genähet, gekocht und gebraten, auf den Plätzen gekrämert und gemäkelt. Auf der Straße stehend, sendet er die Seufzer seines Herzens, die Töne seiner Laute in das offene Fenster seiner Schönen hinein. Und wenn der Tod ihn aus der hellen Welt nach dem dunklen Grabgewölbe ruft, so liegt er noch auf dem letzten Gange in offener Bahre, das Antlitz gegen das volle Tageslicht gekehrt. Dieser innige ununterbrochene Umgang mit der freien Natur gibt dem römischen Volke eben jene Freiheit und Offenheit, jene Klarheit und Nacktheit in Wort und Tat, die gegen die sittliche und gesellige Herkömmlichkeit des verhüllten Nordens so schroff absticht. Sie ist uns besonders im Gespräche mit Frauen und Mädchen auffallend und anfangs zurückstoßend. Denn wir dürfen keinen deutschen Maßstab der Seelenkunde anlegen, um in Rom aufrichtige Unbefangenheit von unverschämter Frechheit zu unterscheiden. Die römische Unschuld hat noch klare und bestimmte Worte, wo die nordische errötet, stammelt, die Augen niederschlägt, verstummt. Ich möchte Dir gern einige Beispiele anführen, mein Freund, aber schwarz auf weiß nehmen sich solche Offenherzigkeiten gar zu schwarz aus. Sparen wir sie also zu mündlicher Mitteilung auf. Ich erinnere Dich nur an die Erklärung der Albanerin von dem Geheimnisse der offenen und geschlossenen Hand auf der Haarnadel Siehe den vierten Brief. , die hier eine Stelle finden könnte. Die Freiheit der römischen Unterhaltung geht so weit, daß oft in einem gemischten Kreise von Männern und Frauen Gegenstände berührt werden, die bei uns nur unter Vertrauten eines Geschlechts in Anregung kommen können. Die italienische Sprache begünstigt die Nacktheit des Gesprächs und unterscheidet sich in dieser Hinsicht sehr bestimmt von der französischen, deren Zweideutigkeiten viel verhüllter, freilich aber auch desto lüsterner sind. Die Natur des Himmels ist es auch, die dem Italiener seinen seligen Leichtsinn, seine Sorglosigkeit und Nachlässigkeit eingeboren hat. Goethe spricht in seinen Fragmenten aus Italien so wahr und klar über diesen Gegenstand, daß ich ein paar Seiten daraus abschreiben muß, wenn ich mich weitläuftiger ausbreiten will. Der Italiener sorgt und schafft nur für heute und morgen, und darin ist er tätig, unverdrossen, wenn auch zuweilen etwas unbehülflich. Was er ersorgt und geschafft, genießt er flugs am nächsten Ruhetage, und sofort geht es wieder an die Arbeit. Krämern, Mäkeln und Hausieren sind die Lieblingsgeschäfte des Volkes, das zu zünftigen Handwerken keine Ausdauer und zum Müßiggange kein Vermögen hat. Rom und Neapel wimmeln von solchen Leuten, denen man keinesweges den Geist der Industrie absprechen kann. Aber freilich, sagt Goethe, keine nordische Industrie, die nicht allein für Tag und Stunde, sondern am guten und heitern Tage für den bösen und trüben, im Sommer für den Winter zu sorgen hat. Dadurch, daß der Nordländer zur Vorsorge, zur Einrichtung von der Natur gezwungen wird, daß die Hausfrau einsalzen und räuchern muß, um die Küche im Winter zu versorgen, daß der Mann den Holzvorrat, das Futter für das Vieh nicht aus der Acht lassen darf, werden die schönsten Tage und Stunden dem Genüsse entzogen und der Arbeit gewidmet. Einen großen Teil des Jahres entfernt man sich gern aus der freien Luft und verwahrt sich in Häusern vor Sturm, Regen, Schnee und Kälte: unaufhaltsam folgen die Jahreszeiten aufeinander, und jeder, der nicht zugrunde gehen will, muß ein Haushälter werden. Denn es ist hier gar nicht die Frage, ob er entbehren wollte. Er darf nicht entbehren wollen, denn er kann nicht entbehren: die Natur zwingt ihn zu schaffen, vorzubereiten. Gewiß haben die Naturwirkungen, welche sich in Jahrtausenden gleichbleiben, den Charakter der nordischen Nation bestimmt. Dagegen beurteilen wir die südlichen Völker, mit welchen der Himmel so gelinde umgegangen, zu strenge aus unserm Gesichtspunkte. Jawohl. Da schreien die nordischen Fremdlinge in den sechs, acht Winterwochen, die sie nur als kalt empfinden, weil sie schon italienischen Sommer genossen haben, über die großen Stuben mit den offenen Kaminen, über die lecken Fensterrahmen, über die kühlen Matratzen und seufzen nach Eis und Schnee, Ofenrauch und Federqualm. Was würden sie für ein Paradies aus dem schönen Lande machen! Aber die welschen Taugenichtse und Faulenzer nehmen ihre gute Lehre nicht an. Kaum einmal den Segen des Kartoffelbaues lassen sie sich gefallen, und wenn sie uns die heilige Frucht vorsetzen, sagen sie wohl gar spottend: »Ecco mele tedesche!« Sie selbst aber wollen nicht recht anbeißen und bleiben lieber bei ihrer Polenta , ihren Feigen mit Käse und ihren eingesalzenen Fischen. Es ist wohl wahr, was Schiller sagt, daß der Bettler an der Engelspforte glücklicher lebt als wir im kalten Norden, und zwar nicht allein darum, weil er das ewig einzige Rom sieht . Er genießt , während im Norden der Mittelstand noch mit den Bedürfnissen kämpft. Aber was verlangt er auch zum Genüsse? Lebensfülle, Gesundheit und Heiterkeit gab ihm der Himmel, sein Erwerb ist seine Freude, eine Laute oder eine Pfeife, oder er reihet Rosenkränze aus bunten Beeren und läßt sie vom Heiligen Vater einsegnen, oder er betet für die Seelen im Fegefeuer; und wenn der Tag einmal einträglich gewesen ist, so vergißt er aller Leerhändigen, die er überwunden und vielleicht bald wieder zu überwinden hat, und geht in das Puppenspiel oder in die Osterie. Nur zu dem Karneval legt er einige Groschen zurück, und während die Staatskarossen mit den glänzenden Masken im Corso auf und ab rollen, springt er, in bunte Lappen genähet, mit Pritsche und Schellenhut durch die Gassen von Trastevere und singt: Godete, Giovinotti, Spendete allegramente, Or non si guarda niente: È tempo di goder. Ma quando vien Quaresima, Mancando li danari, Facendo gran Lunari, Dovrete digiunar. Schlußverse eines Volksliedes aus dem Karneval 1818. Den 24. August Immer und ewig Spiel und Fest, Ohrenweide und Augenlust, und alles in raschem, gesetzlichem Wechsel – so lebt das fröhliche Volk der Siebenhügelstadt, und sie, die verwaiste Staatenmutter »The Niobe of nations« nennt sie Lord Byron in »Childe Harold's Pilgrimage«. , blickt tiefsinnig aus ihren dunklen Bogen auf das bunte Gewimmel herab. Ich will es versuchen, Dir eine Übersicht des römischen Lustkalenders zu geben. Die Kirche hat ihre glänzenden Feste darin verzeichnet und die Regierung ihre feierlichen Antritte und Abschiede, Preise und Strafen, jede Jahreszeit ihre Frucht und ihr Geschäft, ja selbst der Tod muß in buntem Pompe der unersättlichen Schausucht dienstbar werden. Wenn der Kavalier des Morgens an die Toilette seiner Dame tritt und um ihre Befehle für den Tag bittet, so wird sie ihn fragen, was es heute gebe. Dann sagt er seinen Pläsierkatalog auf: zuerst vielleicht eine musikalische Messe in S. Ignazio, dann der gewöhnliche Spaziergang im Corso, nach Tische etwa ein Ballspiel in der Villa Borghese, darauf eine öffentliche Sitzung in der Academia Teverina, ein Konzert, ein Lustspiel, in der Nacht Conversazione oder gar Illumination zu Ehren einer neuen Kardinalswahl. Die Hauptvcrgnügungen wechseln nach Jahreszeiten oder Kirchenordnungen. Das Jahr beginnt und schließt mit dem Weihnachtsmarkte, gleich darauf werden die Spaziergänge und Lustfahrten im Corso und auf dem Monte Pincio voller und glänzender als bisher, denn der Karneval ist im Anzuge. Hat dieser ausgetobt, so geben die Fastenpredigten Gelegenheit zu heimlichen Zusammenkünften und öffentlichen Versammlungen; denn die Theater sind geschlossen. Im März fährt und wandert man drei Sonntage hintereinander nach der Peterskirche, um die Maritozzi einsegnen zulassen. Diese gewundenen Kuchen, aus gewöhnlichem Semmelteig und mit einigen Rosinen zusammengebacken, werden alsdann an allen Straßenecken verkauft, besonders aber in der Nähe der Peterskirche. Es ist Sitte und Pflicht der Männer, ihren Frauen oder Geliebten an diesen drei Märzsonntagen einen solchen Kuchen zu kaufen und ihn in der Peterskirche weihen zu lassen. Die reicheren Herren geben noch einen Schmaus dazu, der jedoch immer nur ein Maritozzo genannt wird. Gleich hinterdrein ist die heilige Woche mit ihren Illuminationen, Prozessionen, Gesängen und Kanonaden Die Kanonen werden auf S. Angelo abgefeuert, während der Papst von der Loggia der Peterskirche herab den Segen über das Volk ausspricht. der Gegenstand der allgemeinen Unterhaltung. Nach Ostern werden die Schauspielhäuser wieder eröffnet. Am Johannistage ist Blumenmarkt auf dem Platze S.Giovanni in Laterano. Dann steht der Corso verödet, und auf dem Monte Pincio braucht nicht gesprengt zu werden: Kutschen, Reiter und Spaziergänger sind aus diesem Stadtviertel wie verbannt. Bald darauf zieht die Kuppelerleuchtung der Peterskirche und das Feuerwerk auf S. Angelo die schaulustige Menge nach dem Vatikan und an die Tiberufer. Am nächstfolgenden Sonntage beginnen die Fochetti auf dem Mausoleum des Augustus und vier Wochen später die Stiergefechte und die Überschwemmungen der Piazza Navona. Im Oktober feiert das Volk die Weinlese am Monte Testaccio, und die Vornehmen fahren vor der Porta Pia auf und nieder und steigen in den Vignen und Villen ab, um den frischen Most zu prüfen. Du wirst mir ohne Zweifel entgegnen, daß Du in diesem Wechsel der Feste und Lustbarkeiten keine besondere Eigentümlichkeit Roms vor andern großen Städten erkennen möchtest. In Paris, Wien und London ist deren vielleicht noch eine reichere Auswahl, und die Leute werden dort nicht weniger aufgelegt sein, sie zu genießen. Aber wie man sie genießt, mein Freund, darin liegt das Unterscheidende. In Rom erscheint die Festfreude als ein wesentlicher Bestandteil des Volkslebens und fast ohne individuelle Willkür, als ein Bedürfnis, das die Kirche und der Staat anerkennen und befriedigen helfen, als ein allgemeines Eigentum, und nur ein Sonderling kann ungezwungen sich seines Anteils daran begeben. Bei uns hingegen ist fast jedes öffentliche Fest und Schauspiel ein Gegenstand des Luxus und dem Geschmacke und Vermögen einzelner Klassen und Alter angepaßt; die meisten sind daher Vorrechte des Reichtums geworden, und wo der Ärmere mitgenießt, fühlt er sich entweder untergeordnet, was seine Freude niederhält, oder die seltene Lust berauscht ihn, und er vergißt sich und was sein ist und erntet lange Reue aus kurzer Zerstreuung. Der Römer hat einen vortrefflichen Takt im Genusse: hingegeben und rücksichtslos und doch immer bewußt und anständig. Wir armen Nordländer! Wenn wir einmal den Wein der Freude in vollen Zügen kosten, so steigt er uns in den Kopf, und wir schlafen oder zanken und prügeln uns. Der Römer genießt ihn mit dem täglichen Brote, und je mehr er trinkt, desto besser er ihm schmeckt. Wo gibt es noch eigentliche Volksfeste im gebildeten Norden? Deutschland fing vor einigen Jahren an, ein neues zu feiern. Aber man blies die Jubelfeuer auf unsren Bergen aus, noch ehe sie recht hell und hoch aufloderten. Gebe Gott, daß mit ihnen nicht eine andere Flamme erloschen ist, die sich nicht so leicht wieder entzünden läßt wie jene! Nunmehr zelebriert man den Tag der Leipziger Schlacht, wo er noch in Deutschland zelebriert wird, mit Paraden und Manövern und einem Dejeuner bei einer Hoheit oder einer Exzellenz. Warum gönnt man dem Volke nicht die unschädliche Täuschung, daß es auch noch einige Ursache habe, diesen Tag zu feiern? Woher diese traurig ernsten Betrachtungen in dem lustigen Rom ? Die Ruinen lehren Weltgeschichte, mein Freund, und die Vergangenheit beleuchtet Gegenwärtiges und Zukünftiges mit warnender Fackel. Rom, den 30. August Heute habe ich Abschied genommen. – Auf Wiedersehen, mein Rom ! – Morgen vor Sonnenaufgang reisen wir. Es ist schon Mitternacht, aber ich kann nicht schlafen, so voll und schwer ist mir das Herz. Setze Dich zu mir, mein Freund, und laß uns miteinander plaudern, bis der Wagen vor der Türe rasselt. Die Lampe flackert hoch und hell in dem letzten Öle, und der alte Oste, mein Nachbar, hat ein paar Foglietten seines besten Albanerweines zum Abschiedstranke herübergebracht. »Wenn Sie wieder nach Rom kommen und ich lebe noch, so sollen Sie dieselbe Sorte zum Willkommen trinken«, sagte er dabei. »Ich lege ein kleines Fäßchen für Sie zurück.« – Omen accipio, Bacche! Wie man sich von seinen alten Freunden trennt, so habe ich in den letzten Tagen meine liebsten Plätze, Ruinen, Kirchen und Villen besucht: sie ergriffen mich tiefer als im ersten Anblicke, sie waren dem Auge so neu und doch dem Herzen so treu! Ich mußte mich losreißen, um nicht zu weich zu werden. So lebt denn wohl, Götter und Göttinnen des Vatikans, Kolosseum, Pantheon, du auch, alte Basilika mit deinen Zederbalken und deinem schimmernden Säulenwalde Die Kirche des heiligen Paulus vor dem von ihr benannten Tore. , ihr Pinien der Villa Pamfili, ihr Zypressen des Monte Mario und du, graue Pyramide des Cestius! Soll ich es Dir gestehen, mein Freund: Als ich heute über die Gräber ging, die den Fuß des alten Mausoleums mit grünen Hügeln und weißen Marmortafeln umkränzen, konnte ich mich des Wunsches nicht erwehren, einst an dieser Stätte zu ruhen. Der Tod verliert hier seine Schauer: die Pyramide erzählt von dem Untergange der ewigen Weltbeherrscherin Rom nannte sich selbst die Ewige Stadt . und bedeckt mit ihrem Schatten alle die kleinen Trauermale und Denksteine umher, aber Becherklang, Tanz und Gesang schallt aus den Tabernen des Scherbenberges herüber und verscheucht die schwarzen Gespenster der Nacht. Von der Pyramide ging ich längs dem Tiberufer und über das Forum nach dem Corso zurück. Es mochte eine halbe Stunde vor Ave Maria sein, und die Wagen und Spaziergänger zogen sich aus der Straße über die Piazza del Popolo den Monte Pincio hinauf. Ich folgte traurig der fröhlichen Menge. Der grüne Berg glänzte von bunten Sonntagskleidern, und wenn man der gewundenen Straße von unten hinauf mit den Augen nachging, so glaubte man eine festliche Wallfahrt vor sich zu sehen. Wie oft habe ich diese Gänge durchschritten, wie oft auf diesen Bänken gesessen und über die Ewige Stadt hinabgeschauet, wenn die untergehende Sonne aus Pinien und Zypressen ihre letzten roten Lichter über die Kuppeln und Turmspitzen streuete! Ich kenne die Gesichter und Kleider, die an mir vorüberstreifen, ich weiß, wer aus den Wagen steigen wird, die vor dem Schlagbaume halten, und morgen wandelt und rollt die bunte Gesellschaft unverändert durch dieselben Gänge, und kein Auge vermißt mich. Ich mußte noch einmal alle Punkte der Aussichten aufsuchen, nach der Villa Borghese hinab und weiter hinaus bis an das Sommerhaus des Raffael, dann nach der roten Villa Poniatowsky und immer wieder über die Stadt bis an die Pinien und Zypressen ihrer Hügel. Ich weiß nicht, wie jeder Baum, jeder Strauch mir heute so bemerkenswert schien und wie die Gestalten und Gruppen der Lustwandler mich so malerisch und bedeutend ansahen. Diese geschlossenen Staatskarossen mit den gepuderten Köpfen an den Fenstern, diese leichten offenen Kaleschen mit den grünverschleierten Engländerinnen und jene große Römerin, ganz allein mit ihrer Schönheit und ihrem Stolze in dem altväterischen reich vergoldeten Familienwagen. Dazwischen ziehen die violetten Buben aus den Seminarien, geführt von ihren schwarzen Aufsehern, in geordneter Schar einher, und die jungen Abbaten, an einem Arm eine Mutter, an dem andern eine Tochter, freuen sich, daß sie nicht mehr in solcher Ordnung spazieren müssen. Auch einige Rotstrümpfe schimmern durch die Menge, und die Hüte fliegen rechts und links vor ihren Tritten. Weiter hin durchbricht ein englisches Reitpferd mit einigen Seitensprüngen die ruhige Alltäglichkeit, und die Mägde mit den Kindern auf den Seitenbänken schrecken auf und schreien: »Ah, che brutto Inglesaccio!« Die Beschreibung heitert mich auf, mein Freund, und ich bedarf der guten Laune; darum vergib mir die Geschwätzigkeit. Schelte mich kindisch! Du bist nichtin Rom gewesen. Vielleicht wechseln wir bald die Rollen. Darum will ich mich nicht scheuen, Dir zu erzählen, daß ich kaum ohne Wehmut mein Glas Eis in dem Kaffeehause, auf dem Gipfel des Hügels, genießen konnte, weil ich immer dabei denken mußte: Es ist das letzte an dieser Stelle. Die Sonne eilte zum Untergange. Hinter den Zypressen des Monte Mario schwamm sie in einem goldenen Meere, und gegenüber hingen ihre letzten Lichter auf den Pinien der Villa Borghese. Die Berge von Tivoli und Frascati, mit ihren weißen Häusern und Villen, lagen klar und dunkelblau im Morgen, und gegen Abend dampfte die Gegend in schimmernden Nebeln. »Che bell' Ave Maria!« sagten die Römer, die nicht leicht von Naturschönheiten sprechen, und standen still. Der Feuerball sank hinunter, aber purpurne Strahlen schossen aus seinem Bette empor und bildeten eine neue Sonne. Die Glocken fingen an zu läuten, es ward ruhig unter der Menge, und die Frommen zogen die Hüte ab und bewegten die Lippen: »Ave Maria!« Gute Nacht, mein Freund, zum letzten Male in Rom gute Nacht! Möge die Erinnerung an Italien sich wie der Purpur und die Rosen dieses letzten römischen Ave Maria über die trüben Nebel meines nordischen Lebens breiten! Adelbert von Chamisso Reise um die Welt »Zur Erforschung einer nordöstlichen Durchfahrt« sind Worte, die die »Entdeckungsreise von Otto von Kotzebue in die Südsee und nach der Beringsstraße« an der Stirne trägt. Nun aber segeln wir nach Norden, der Beringsstraße zu, und es dünkt mich an der Zeit zu sein, euch, die ihr mir bis jetzt auf gut Glück gefolgt seid, ohne zu wissen, wohin die Reise ging und was sie beabsichtigte, nachträglich über den Hauptzweck derselben und den Plan, nach welchem er verfolgt werden sollte, die Aufklärungen zu geben, die ich selber nur nach und nach erhalten hatte. Die Sommerkampagne 1816 sollte einer bloßen Rekognoszierung gewidmet sein. Ein Hafen, ein sicherer Ankerplatz für das Schiff, sollte in Norton-Sound oder, noch besser, im Norden der Straße aufgefunden werden, von wo aus mit Baidaren und Aleuten Dreisilbig: A-le-ut. So spreche ich das Wort mit den Russen aus. Meine Jungen, die in Klein-Quarta sitzen, wissen es freilich besser und verweisen es mir. – Daß es zweisilbig A-leut heißen muß, weiß jedes Kind. , diesen Amphibien dieser Meere, den eigentlichen Zweck der Expedition anzugreifen der zweiten Sommerkampagne vorbehalten bliebe. Früh sollten wir dann in Unalaschka eintreffen, wo unsere Ausrüstung für das nächste Jahr von dem Beamten der Russisch-Amerikanischen Kompagnie beschafft werden sollte: Baidaren, Mannschaft, Mundvorrat für dieselbe und Dolmetscher, welche die Sprachen der nördlichen Eskimos verstünden. Diese Dolmetscher würden von Kodiak bezogen werden müssen, wohin von Unalaschka aus einen Boten auf dreisitziger Baidare die Küsten der Inseln und des festen Landes entlang zu senden, je später im Jahre, desto fahrvoller und unzuverlässiger sei. Deshalb durften wir uns jetzt nicht verspäten. Die Zeit des nordischen Winters sollten wir dann in Sommerlanden verbringen, teils der Mannschaft die erforderliche Erholung gönnen, teils anderwärtigen geographischen Untersuchungen obliegen, dann im Frühjahr 1817, nach Unalaschka zurückkehrend, daselbst, was für unsre Nordfahrt vorbereitet worden, uns aneignen und, sobald das nordische Meer sich der Schiffahrt eröffnete, den »Rurik« in den vorbestimmten Hafen fahren, sichern und zurücklassen und mit Baidaren und Aleuten zur Erforschung einer nordöstlichen Durchfahrt so weit nach Norden und Osten zu Wasser oder zu Lande vordringen, als es uns ein gutes Glück gestattete. – Wenn die vorgerückte Jahreszeit oder die sonstigen Umstände unserer Unternehmung ein Ziel gesetzt, sollten wir die Rückfahrt über Kamtschatka antreten und auf der Heimkehr noch die fahrvolle Torresstraße untersuchen. Wahrlich, es war zweckmäßig, zu Entdeckungen im Eismeer die Söhne des Nordens und ihre Fahrzeuge zu gebrauchen. Nur mißlich war es, die ganze Hoffnung des Gedeihens auf den einzigen Wurf nur einer Kampagne zu setzen, die ein ungünstiges Jahr vereiteln konnte. Aber mit Beharrlichkeit möchten am füglichsten von Unalaschka aus durch Aleuten und wenige rüstige, abgehärtete Seemänner, welche nur die erfoderlichen Ortsbestimmungen vorzunehmen befähigt wären, die letzten Fragen zu lösen sein, welche die Geographie dieser Meer-und Küstenstriche noch darbietet. Die Sommerkampagne 1816, deren Ergebnis in der Karte vorliegt, die Herr von Kotzebue von dem nach ihm benannten Sunde mitteilt, hat, was von ihr erwartet werden konnte, auf das befriedigendste geleistet. Der Kotzebues-Sund, ein tiefer Meerbusen, der im Norden der Straße unter dem Polarkreise in die amerikanische Küste eindringt und dessen Hintergrund beiläufig einen Grad nördlicher und unter gleicher Länge liegt als der Hintergrund von Norton-Sound, bietet den Schiffen im Schutze der Chamisso-Insel den sichersten Ankerplatz und den vortrefflichsten Hafen dar. Herr von Kotzebue hat im Jahre 1817 darauf verzichtet, Vorteil von seiner Entdeckung zu ziehen, um weiteren Entdeckungen in das Eismeer entgegenzugehen. Was der Romanzowschen Expedition aufgegeben war, ist seither von den Engländern verfolgt worden, und Kapitän Beechey mit dem »Blossom« hat in den Jahren 1826 und 1827 von diesem selben Hafen aus einen Teil der amerikanischen Küste im Eismeer aufgenommen. Ich kehre zu unserer Nordfahrt zurück. Ihr Zweck war die Geographie. Wir haben zwar mit den Eingebornen, den Bewohnern der St.-Laurenz-Insel, den Eskimos der amerikanischen Küste, den Tschuktschi der asiatischen, häufig verkehrt; doch haben wir mit und unter ihnen nicht gelebt. Die Karte und der Bericht von Herrn von Kotzebue, das Zeichenbuch des Malers, das er in seinem »Voyage pittoresque« offenhält, werden belehrender sein als mein dürftiges Tagebuch. Übrigens, was ich über diese Völker mongolischer Rasse zu sagen gewußt, habe ich am Schlüsse des Aufsatzes, den ich den Nordlanden in meinen »Bemerkungen und Ansichten« gewidmet habe, in wenige Worte zusammengedrängt. Am 17.Juli 1816 liefen wir aus der Bucht von Awatscha aus und hatten am 20. Ansicht von der Beringsinsel, deren westliches Ende sich mit sanften Hügeln und ruhigen Linien zum Meere senkt. Sie erschien uns im schönen Grün der Alpentriften; nur stellenweise lag Schnee. Von der Beringsinsel richteten wir mit günstigem Winde unsern Kurs nach der Westspitze der St.-Laurenz-Insel. Wir waren in den dichtesten Nebel gehüllt; er zerteilte sich am 26. auf einen Augenblick; ein Berggipfel ward sichtbar; der Vorhang zog sich wieder zu. Wir lavierten in der gefährlichen Nähe des nicht gesehenen Landes. An diesem Tage war die Erscheinung einer Ratte auf dem Verdeck ein besorgniserregendes Ereignis. Ratten sind auf einem Schiffe gar verderbliche Gäste, und ihrer Vermehrung ist nicht zu steuern. Wir hatten bis jetzt keine Ratten auf dem »Rurik« gehabt; war diese in Kamtschatka an unsern Bord gekommen, konnten auch mehrere schon in den untern Schiffsraum eingedrungen sein. Eine Rattenjagd ward auf dem Verdeck als ein sehr ernstes Geschäft angestellt, und drei Stück wurden erlegt. Es ist von da an keine mehr verspürt worden. Am 27. steuerten wir auf das Land zu, das uns im heitersten Sonnenschein erschien, sowie wir in seiner Nähe aus der Nebeldecke des Meeres heraustraten. Zwei Boote wurden zu einer Landung ausgerüstet. Indem wir nach dem Ufer ruderten, begegneten wir einer Baidare mit zehn Eingebornen. Wir verkehrten mit ihnen, nicht ohne wechselseitig auf unserer Hut zu sein. »Tabak! Tabak!« war ihr lautes Begehren. Sie erhielten von uns das köstliche Kraut, folgten unsern Booten freundlich, fröhlich, vorsichtig und leisteten uns beim Landen in der Nähe ihrer Zelte hülfreiche Hand. Die hier am Strande aufgerichteten Zelte von Robben- und Walroßhäuten schienen Sommerwohnungen zu sein und die festen Wohnsitze der Menschen hinter dem Vorgebürge im Westen zu liegen. Von daher kam auch eine zweite Baidare herbei. Unser verständiger Aleut, der eine längere Zeit auf der amerikanischen Halbinsel Alaska zugebracht, fand die hiesige Völkerschaft den Sitten und der Sprache nach mit der dortigen verwandt und diente zu einem halben Dolmetscher. Während der Kapitän, der in ein Zelt geladen worden, den Umarmungen und Bestreichungen sowie der Bewirtung der freundlichen tranigen Leute, die er mit Tabak und Messern beschenkte, ausgesetzt blieb, bestieg ich allein und unbefährdet das felsige Hochufer und botanisierte. Selten hat mich eine Herborisation freudiger und wunderlicher angeregt. Es war die heimische Flora, die Flora der Hochalpen unserer Schweiz zunächst der Schneegrenze, mit dem ganzen Reichtum, mit der ganzen Fülle und Pracht ihrer dem Boden angedrückten Zwergpflanzen, denen sich nur wenige eigentümliche harmonisch und verwandt zugesellten. Ich fand auf der Höhe der Insel unter dem zertrümmerten Gesteine, das den Boden ausmacht, einen Menschenschädel, den ich unter meinen Pflanzen sorgfältig verborgen mitnahm. Ich habe das Glück gehabt, die reiche Schädelsammlung des Berliner Anatomischen Museums mit dreien nicht leicht zu beschaffenden Exemplaren zu beschenken: diesem von der St.-Laurenz-Insel, einem Aleuten aus einem alten Grabmal auf Unalaschka und einem Eskimo aus den Gräbern der Bucht der Guten Hoffnung in Kotzebues- Sund. Von den dreien war nur der letztere schadhaft. Nur unter kriegerischen Völkern, die, wie die Nukahiwer, Menschenschädel ihren Siegestrophäen beizählen, können solche ein Gegenstand des Handels sein. Die mehrsten Menschen, wie auch unsere Nordländer, bestatten ihre Toten und halten die Gräber heilig. Der Reisende und Sammler kann nur durch einen seltenen glücklichen Zufall zu dem Besitze von Schädeln gelangen, die für die Geschichte der Menschenrassen von der höchsten Wichtigkeit sind. Wir erreichten gegen zwei Uhr nachmittags das Schiff und verbrachten, in den tiefen Nebel wieder untergetaucht, noch den 28. und den Vormittag des 29. in der Nähe der Insel, um deren westliches Ende wir unsern Kurs nahmen. Am Abend des 28. hob sich die Nebeldecke, das Land ward sichtbar, und wir erhielten auf drei Baidaren einen zahlreichen Besuch der Eingebornen, in deren Führer der Kapitän seinen freundlichen Wirt vom vorigen Tage erkannte. Nach vorgegangener Umarmung und Reiben der Nasen aneinander wurden Geschenke und Gegengeschenke gewechselt, und ein lebhafter Tauschhandel begann. In kurzer Zeit waren wir alle und unsere Matrosen reichlich mit Kamlaiken versehen. Die Kamlaika ist das gegen Regen und Übergießen der Wellen schützende Oberkleid dieser Nordländer, ein Hemde mit Haube oder Kapuze, aus der feinen Darmhaut verschiedener Robben und Seetiere verfertigt; die Streifen ring- oder spiralförmig wasserdicht mit einem Faden von Flechsen von Seetieren aneinandergenäht; die Nähte zuweilen mit Federn von Seevögeln oder anderem verziert. Die gröbste Kamlaika muß für die geübteste Näherin die Arbeit von mehreren, von vielen Tagen sein – sie wurden ohne Unterschied für wenige Blätter Tabak, soviel wie etwa ein Raucher in einem Vormittag aufrauchen könnte, freudig hingegeben. Die sonderbare Sitte des Tabakrauchens, deren Ursprung zweifelhaft bleibt, ist aus Amerika zu uns herübergekommen, wo sie erst seit beiläufig anderthalb Jahrhunderten Anerkennung zu finden beginnt. Von uns verbreitet, ist sie unversehens zu der allgemeinsten Sitte der Menschen geworden. Gegen zwei, die von Brot sich ernähren, könnte man fünf zählen, welche diesem magischen Rauche Trost und Lust des Lebens verdanken. Alle Völker der Welt haben sich gleich begierig erwiesen, diesen Brauch sich anzueignen: die zierlichen, reinlichen Lotophagen der Südsee und die schmutzigen Ichthyophagen des Eismeeres. Wer den ihm einwohnenden Zauber nicht ahnet, möge den Eskimo seinen kleinen steinernen Pfeifenkopf mit dem kostbaren Kraut anfüllen sehen, das er sparsam halb mit Holzspänen vermischt hat; möge sehen, wie er ihn behutsam anzündet, begierig dann mit zugemachten Augen und langem, tiefem Zuge den Rauch in die Lungen einatmet und wieder gegen den Himmel ausbläst, während aller Augen auf ihm haften und der nächste schon die Hand ausstreckt, das Instrument zu empfangen, um auch einen Freudenzug auf gleiche Weise daraus zu schöpfen. Der Tabak ist bei uns hauptsächlich und in manchen Ländern Europas ausschließlich Genuß des gemeinen Volkes. – Ich habe immer nur mit Wehmut sehen können, daß grade der kleine Anteil von Glückseligkeit, welchen die dürftigere Klasse vor den begünstigteren vorausnimmt, mit der drückendsten Steuer belastet werde, und empörend ist es mir vorgekommen, daß, wie zum Beispiel in Frankreich, für das schwer erpreßte Geld die schlechteste Ware geliefert werde, die nur gedacht werden kann. Wir hatten am 29. Ansicht vom Nordkap der Insel, einer steilen Felsklippe, an welcher sich eine Niederung anschließt, worauf Jurten der Eingebornen gleich Maulwurfshaufen erschienen, von den Hängeböden umstellt, auf denen, was aus dem Bereich der Hunde gehalten werden soll, verwahrt wird. Es stießen sogleich drei Baidaren vom Lande ab, jegliche mit beiläufig zehn Insulanern bemannt, die, bevor sie an das Schiff heranruderten, religiöse Bräuche vollbrachten. Sie sangen eine Zeitlang eine langsame Melodie; dann opferte einer aus ihrer Mitte einen schwarzen Hund, den er emporhielt, mit einem Messerstich schlachtete und in das Meer warf. Sie näherten sich erst nach dieser feierlichen Handlung, und etliche stiegen auf das Verdeck. Am 30. erhellte sich das Wetter; wir sahen am Morgen die Kingsinsel; bald darauf das Kap Wales, die Gwozdews-Inseln – welche vier vereinzelt stehende Felsensäulen in der Mitte der Straße sind – und selbst die asiatische Küste. Cook hatte nur drei der vorerwähnten Felsen gesehen; der vierte, die Ratmanow-Insel von Kotzebue, ist eine neue Entdeckung von diesem. Wir fuhren durch die Straße, auf der amerikanischen Seite in einer Entfernung von beiläufig drei Meilen vom Ufer, nachmittag gegen die zweite Stunde. Ich habe hier eine Frage zu beantworten, die in den Gedanken der Wissenschaft den unaufhaltsamen Fortschritt der Zeit und der Geschichte bezeichnet. – Ihr Starren, die ihr die Bewegung leugnet und unterschlagen wollt, seht, ihr selber, ihr schreitet vor. Eröffnet ihr nicht das Herz Europas nach allen Richtungen der Dampfschiffahrt, den Eisenbahnen, den telegraphischen Linien und verleihet dem sonst kriechenden Gedanken Flügel? Das ist der Geist der Zeit, der, mächtiger als ihr selbst, euch ergreift. – Gauß aus Göttingen zuerst fragte mich im Herbst 1828 zu Berlin, und die Frage ist seither wiederholt an mich gerichtet worden, ob es möglich sein werde oder nicht, die geodätischen Arbeiten und die Triangulierung von der asiatischen nach der amerikanischen Küste über die Straße hinaus fortzusetzen. Diese Frage muß ich einfach bejahend beantworten. Beide Pfeiler des Wassertores sind hohe Berge, die in Sicht voneinander liegen, steil vom Meer ansteigend auf der asiatischen Seite und auf der amerikanischen den Fuß von einer angeschlemmten Niederung umsäumt. Auf der asiatischen Seite hat das Meer die größere Tiefe und der Strom, der von Süden in die Straße mit einer Schnelligkeit von zwei bis drei Knoten hineinsetzt, die größere Gewalt. Wir sahen nur auf der asiatischen Seite häufige Walfische und unzählbare Herden von Walrossen. Die Berghäupter mögen wohl die Nebeldecke überragen, die im Sommer über dem Meere zu ruhen pflegt; aber es wird auch Tage geben, wie der 30. Juli 1816 einer war. Als die Niederung der amerikanischen Küste sich über unsern Gesichtskreis zu erheben begann, schien ein Zauberer sie mit seinem Stabe berührt zu haben. Stark bewohnt, ist sie von Jurten übersäet, die von Gerüsten und Hängeböden umringt sind, deren Pfeiler, Walfischknochen oder angeschlemmte Baumstämme, die Böden, die sie tragen, überragen. Diese Gerüste nun erschienen zuerst am Horizonte im Spiele der Kimming (Mirage) durch ihr Spiegelbild verlängert und verändert. Wir hatten die Ansicht von einer unzählbaren Flotte, von einem Walde von Masten. Wir verfolgten jenseit der Straße die Küste nach ONO in möglichster Nähe des Landes in fünf bis sieben Faden Tiefe. Das Land war bis auf wenige Punkte auf den Höhen des Innern frei von Schnee und begrünt. Wir ließen am Morgen des 31. die Anker vor einem Punkte fallen, wo das niedre Ufer sich außer Sicht verlor, als sei da die Mündung eines Flusses oder der Eingang eines Meerarmes. Wir landeten unserm Ankerplatz gegenüber und befanden uns auf einer schmalen, flachen Insel, die, wie die Barre eines Flusses, einen breiten, durch die Niederung sich ergießenden Wasserstrom halb absperrte: die Sarytschews-Insel und die Schischmarew-Bucht von Kotzebues Karte. Die Tiefe in der Mitte der breiteren NW-Einfahrt betrug acht Faden, und der Strom setzte, bei steigender Flut, landeinwärts. Auf der Insel Sarytschew umringten uns alle Täuschungen der Kimming. Ich sah eine Wasserfläche vor mir, in der sich ein niedriger Hügel spiegelte, welcher sich längs des jenseitigen Ufers hinzog. Ich ging auf dieses Wasser zu; es verschwand vor mir, und ich erreichte trocknen Fußes den Hügel. Wie ich ungefähr den halben Weg dahin zurückgelegt, war ich für Eschscholtz, der da zurückgeblieben war, von wo ich ausgegangen, bis auf den Kopf in die spiegelnde Luftschicht untergetaucht, und er hätte mich, so verkürzt, eher für einen Hund als für einen Menschen angesehen. Weiter vorschreitend, dem Hügel zu, tauchte ich mehr und mehr aus derselben Schicht hervor, und ich erschien ihm, verlängert durch mein Spiegelbild, länger und länger, riesig, schmächtig. Das Phänomen des Mirage zeigt sich übrigens auch auf den weiten Ebenen unserer Torfmoore, zum Beispiel bei Linum, wo ich es selbst beobachtet habe. Man sieht es in vertikaler Richtung und kann die Bedingungen, unter welchen es entsteht, an weiten, sonnenbeschienenen Mauerflächen (zum Beispiel an den Ringmauern Berlins außerhalb der Stadt nach Süden und Westen) am bequemsten studieren, wenn man allmählich das Auge bis dicht an die Mauer nähert. – Wenn sich das Land über den Horizont erhebt, wie sich der Seemann auszudrücken pflegt, ist die Linie, die für den Horizont gehalten wird, der näher dem Auge liegende Rand einer von der untern Schicht der Luft gebildeten Spiegelfläche; eine Linie, die wirklich tiefer als der sichtbare Horizont liegt. Ich glaube, daß diese Täuschung in manchen Fällen auf astronomische Beobachtungen Einfluß haben und in dieselben einen Irrtum von fünf und vielleicht mehreren Minuten bringen kann. – So müßte man dann den Mirage nebst der Deviation der Deklination der am Bord beobachteten Magnetnadel zu den Ursachen rechnen, die in den Polargegenden der Genauigkeit der astronomischen Beobachtungen und Küstenaufnahmen entgegenstehen. Die Deviation (vergleiche Flinders, Roß, Scoresby usw.) war schon zur Zeit unserer Reise zur Sprache gekommen. Ich glaube nicht, daß Herr von Kotzebue in dieser Hinsicht den Mirage oder die Deviation beachtet hat. Wir waren bei Jurten gelandet, welche die Menschen verlassen hatten. Nur etliche Hunde waren zurückgeblieben. Wir benutzten die Gelegenheit, die festen Winterwohnsitze dieser Menschen kennenzulernen. Herr von Kotzebue hat I, S.152, eine dieser Jurten beschrieben. Plan und Aufriß würden belehrender gewesen sein. Eine Kammer von zehn Fuß ins Gevierte, die Wände sechs Fuß hoch, die Decke gewölbt, im Scheitelpunkt ein mit einer Blase verschlossenes viereckiges Fenster. Das Gebäude von Balken aufgeführt, die nach dem Innern abgeflacht. Der Tür gegenüber eine anderthalb Fuß erhöhte Pritsche als Schlafstelle, das Dritteil des Raumes einnehmend. Längs der Wände verschiedene leiterähnliche Hängeböden zur Aufstellung von Gerätschaften. Die Türe, eine runde Öffnung von anderthalb Fuß Durchmesser, in der Mitte der einen Wand. Maulwurfsgängen ähnliche, mit Holz belegte Stollen, die nur in einigen Teilen zum Aufrechtstehen erhöht sind, ziehen sich zwischen der innern Kammertür und dem äußeren Eingange, der, drei Fuß hoch und viereckig, sich zwischen zwei Erdwällen nach SO eröffnet. Aus dem Hauptgange führt ein Nebenzweig zu einer Grube, worin der Wintervorrat, fußgroße Speckstücke, verwahrt wird; dabei Siebe mit langem Stiele, um den Speck herauszuholen. Hauptgebäude und Zugänge von außen mit Erde überdeckt. Während unsers Aufenthaltes auf der Insel fuhr eine Baidare der Eingeborenen unter Segel aus dem Meere zu dem SW-Eingange in die Bucht und kam uns landeinwärts im Osten aus dem Gesichte. Zwei Männer, jeder auf einsitziger Baidare, kamen vom festen Lande, uns zu beobachten, waren aber nicht heranzulocken. Die einsitzige Baidare ist diesen Völkern, was dem Kosaken sein Pferd ist. Dieses Werkzeug ist eine schmale, lange, nach vorn lang zugespitzte Schwimmblase von Robbenhäuten, die auf ein leichtes hölzernes Geripp gespannt sind. In der Mitte ist eine runde Öffnung; der Mann sitzt mit ausgestreckten Füßen darin und ragt mit dem Körper daraus hervor. Er ist mit dem Schwimmwerkzeuge durch einen Schlauch von Kamlaikastoff verbunden, der, von gleicher Weite als die Öffnung, dieselbe umsäumt und den er um den eigenen Leib unter den Armen festschnürt. Sein leichtes Ruder in der Hand, seine Waffen vor sich, das Gleichgewicht wie ein Reiter haltend, fliegt er pfeilschnell über die bewegliche Fläche dahin. – Dieses bei verschiedenen Völkerschaften nur wenig verschieden gestaltete Werkzeug ist aus Reisebeschreibungen und Abbildungen genug bekannt, und es haben sich uns in den Hauptstädten Europas Eskimos damit gezeigt. – Die große Baidare hingegen, das Frauenboot, ist dem schweren Fuhrwerk zu vergleichen, das dem Zuge der Nomaden folgt. Als wir gegen Abend wieder an das Schiff fuhren, ruderten uns drei Baidaren der Eingebornen nach, jede mit zehn Mann bemannt. Sie banden mit dem einen Boote an, welches zurückgeblieben war und worauf der Kapitän, der Leutnant Schischmarew und nur vier Matrosen sich befanden. Die Eskimos, welche das Feuergewehr nicht zu kennen schienen, nahmen eine drohende Stellung an, enthielten sich jedoch der Feindseligkeiten und folgten dem Boote bis an das Schiff, auf welches zu kommen sie sich nicht bereden ließen. Wir folgten der immer niedern Küste in unveränderter Richtung, bis wir am l. August gegen Mittag uns am Eingang eines weiten Meerbusens befanden. Das Land, dem wir folgten, verlor sich im Osten, und ein hohes Vorgebürge zeigte sich fern im Norden. Der Wind verließ uns; wir warfen die Anker; der Strom setzte stark in die Öffnung hinein. Die Ansicht der Dinge war vielversprechend. Wir konnten am Eingang eines Kanales sein, der das Land im Norden als eine Insel von dem Kontinente trennte und die fragliche Durchfahrt darböte. Um wenigstens einen Hügel zu besteigen und das Land von einem höheren Standpunkte zu erkunden, ließ Herr von Kotzebue ans Land fahren. Hier, auf dem Kap Espenberg seiner Karte, besuchten uns die Eingebomen in großer Anzahl. Sie zeigten sich, wie es wackern Männern geziemt, zum Kriege gerüstet, aber zum Frieden bereit. Ich glaube, daß es hier war, wo, bevor wir ihrer ansichtig geworden, ich allein und ohne Waffen auf meine eigene Hand botanisierend unversehens auf einen Trupp von beiläufig zwanzig Mann stieß. Da sie keinen Grund hatten, gegen mich, den einzelnen, auf ihrer Hut zu sein, nahten wir uns gleich als Freunde. Ich hatte als hier gültige Münze dreikantige Nadeln mit, wie man sie in Kopenhagen, dem Bedürfnisse dieses selben Menschenstammes angemessen, für den Handel mit Grönland vorfindet. – Das Öhr ist eine unnütze Zugabe; zum Gebrauche wird es abgebrochen und der Faden von Tierflechse an den Stahl angeklebt. – Ich zog meine Nadelbüchse heraus und beschenkte die Fremden, die sich in einen Halbkreis stellten, vom rechten Flügel anfangend, der Reihe nach jeden mit zwei Nadeln. Eine wertvolle Gabe. Ich bemerkte stillschweigend, daß einer der ersten, nachdem er das ihm Zugedachte empfangen, weiter unten in das Glied trat, wo ihm die andern Platz machten. Wie ich an ihn zum zweiten Male kam und er mir zum zweiten Male die Hand entgegenstreckte, gab ich ihm darein anstatt der erwarteten Nadeln unerwartet und aus aller Kraft einen recht schallenden Klaps. Ich hatte mich nicht verrechnet: alles lachte mit mir auf das lärmendste; und wann man zusammen gelacht hat, kann man getrost Hand in Hand gehen. Mehrere Baidaren folgten uns an das Schiff, und da ward gehandelt und gescherzt. Den Handel scheinen sie wohl zu verstehen. Sie erhielten von uns Tabak und minder geschätzte Kleinigkeiten, Messer, Spiegel usw.; aber lange Messer, welche sie für ihre kostbaren Pelzwerke haben wollten, hatten wir ihnen nicht anzubieten. Wir erhandelten von ihnen elfenbeinerne Arbeiten, Tier- und Menschengestalten, verschiedene Werkzeuge, Zieraten usw. Der Wind erhob sich gegen Abend aus Süden, und wir segelten nach Osten in die Straße hinein. Am Morgen des 2. hatten wir noch im Norden hohes Land, im Süden eine niedrige Küste und vor uns im Osten ein offenes Meer. Erst am Abend stiegen einzelne Landpunkte am Horizont herauf und vereinigten sich und zogen eine Kette zwischen beiden Küsten. Nur eine Stelle schien der Hoffnung noch Raum zu geben. Das Wetter ward uns ungünstig; wir fuhren erst am 3. August durch einen Kanal zwischen einem schmalen Vorgebürge des Landes im Norden und einer Insel und warfen an gesicherter Stelle die Anker. Die Ufer um uns waren Urgebürge; die Aussicht nur im Norden noch frei. Diese Stelle zu untersuchen, ward am 4. eine Exkursion mit Barkasse und Baidare unternommen, und bald schloß sich um uns eine Bucht, die nach Norden und Osten in angeschlemmtes Land eindringt; die Ufer abstürzig von beiläufig achtzig Fuß Höhe, die Rücken sanft wellenfaltig zu einer unabsehbaren nackten, torfbenarbten Ebene sich dehnend. Wir bivouakierten die Nacht unter der Baidare und kehrten am 5. bei ungünstigem Wetter zu dem Schiffe zurück. Die Hoffnung blieb noch, die Mündung eines Flusses zu entdecken. Am 7. ward eine zweite Exkursion nach der Bucht im Norden unternommen; am 8. schlug uns ein Sturm nach unserm Bivouak wieder zurück. An diesem Tage entdeckte Eschscholtz, der, während wir anderen weiterzudringen versuchten, westwärts längs des Ufers dem Urgebürge und dem Ankerplatze zu zurückging, die sogenannten Eisberge, denen die mit dem Norden und dem Reisen im Norden nicht Vertrauten fast zuviel Aufmerksamkeit geschenkt zu haben scheinen. Ich habe Beechey über dieses Eisufer sorgfältig gelesen und geprüft und kann doch nicht anders, als einfach bei der Ansicht beharren, die ich in meinen »Bemerkungen und Ansichten« ausgesprochen habe. Entweder war in den Jahren von 1816 bis 1826 die Zerstörung des Eisklintes schnell fortgeschritten und hatte die Grenze von der Eisformation und dem Sande erreicht, oder ihre Wirkung hatte die Verhältnisse, die uns noch deutlich waren, bemäntelt. Die ruhige Lagerung in waagerechten Schichten, die an der Eiswand deutlich zu erkennen war, läßt meines Erachtens die Vorstellung von Beechey nicht aufkommen. – Die Zeugnisse scheinen mir darüber übereinstimmend Ich bitte hier zu vergleichen, was ich in der »Linnaea«, 1829, T. IV, p. 58 und folg., gesagt habe, und die p. 6l angeführten Auktoritäten. , daß in Asien und Amerika unter hohen Breiten das angeschlemmte Land nirgends im Sommer auftaut; daß, wo es untersucht worden, dasselbe bis zu einer großen Tiefe fest gefroren befunden worden ist und daß stellenweise das Eis, oft Überreste urweltlicher Tiere führend, als Gebürgsart und als ein Glied der angeschlemmten Formation vorkommt, mit vegetablischer Erde überdeckt und gleich anderem Grunde begrünt. (Ausfluß der Lena und des Mackenzie River, Kotzebue-Sund.) Wo aber die Erde den alten Kern zutage zeigt, da mögen andere Temperaturverhältnisse stattfinden und unter gleichen Breiten mit der Eisformation Quellen anzutreffen sein. Ich zweifle nicht, daß die Mammutzähne, die wir hier sammelten, aus dem Eise herrühren; die Wahrheit ist aber, daß die, welche uns in die Hände fielen, bereits von den Eingeborenen, auf deren Landungs- und Bivouakplatze wir selber bivouakierten, aufgelesen, geprüft und verworfen worden waren. Ist es aber das Eis, welches die Überbleibsel urzeitlicher Tiere führt, so möchte es älteren Ursprungs sein als der Sand, in dem ich nur Rentiergeweihe und häufiges Treibholz angetroffen habe, dem völlig gleich, das noch jetzt an den Strand ausgeworfen wird. Daß dieses Eisufer sich zwischen dem Urgebürge und dem Sande erstreckt, ist auch nicht zu übersehen. Ich hatte mehrere Bruchstücke fossilen Elfenbeines gesammelt und sorgfältig beiseite gelegt: – damit wurde in der Nacht das Bivouakfeuer unterhalten. Ich mußte froh sein, nachträglich noch den Hauer, den Molarzahn und das Bruchstück zu finden, die ich dem Berliner Mineralogischen Museum verehrt habe. Schildwacht habe ich dabei stehen und selber die Last bis in das Boot tragen müssen. Jede Hülfe und selbst ein schützendes Wort wurde mir verweigert. Der Hauzahn, der mir einerseits zu dick und andererseits zu wenig gekrümmt schien, um dem Mammut anzugehören, ist doch von Cuvier in seinem großen Werke auf meine Zeichnung und Beschreibung hin dieser Art zugeschrieben worden. Die Bucht, worin wir waren, erhielt den Namen Eschscholtz; die Insel, in deren Schutz der »Rurik« vor Anker lag, den meinen. (Sie ist in meinen »Bemerkungen und Ansichten« ungenannt.) Sowohl auf der sandigen Landzunge, auf welcher wir bivouakierten, als auf der urfelsigen Insel war die Variation der Magnetnadel durchaus unregelmäßig. Auf Exkursionen wie diese hatte meine Sekundenuhr von Schunigk zu Berlin die Ehre, Chronometerdienst zu tun; selbst ihrer nicht bedürftig, hatte ich sie dem Kapitän zum Gebrauch ganz überlassen. Nach zweitägigem Bivouak, wobei uns das englische Patentfleisch (frisches Fleisch und Brühe in Blechkasten eingefüllt, die ohne leeren Raum zugelötet sind) sehr guten Dienst geleistet hatte, kehrten wir am dritten Tage, am 9. August morgens, zu dem Schiffe zurück. Während unserer Abwesenheit hatten uns die Eingeborenen auf zwei Baidaren einen Besuch zugedacht, der aber nach dem Befehl des Kapitäns nicht angenommen worden war. Der Hintergrund von Kotzebues-Sund ist unbewohnt, und man findet an dessen Ufern nur Landungs- und Bivouakplätze der Eingeborenen. Ein solcher findet sich zum Beispiel auf der Chamissos-Insel und ein anderer bei den Eisbergen der Eschscholtz-Bucht; diesen besuchen sie vielleicht hauptsächlich nur, um Elfenbein zu sammeln. Es regnete am 10. August; nachmittags klärte sich das Wetter auf, und wir gingen unter Segel. Es blieb uns ein Teil der südlichen Küste zu untersuchen. Wir warfen die Anker, als es dunkelte, und wurden von Eingeborenen besucht. Wir nahten uns am 11. einem hohen Vorgebürge (das Kap »Betrug« der Karte), von welchem aus etliche Baidaren an uns ruderten. Zwischen diesem Vorgebürge und dem nördlich von ihm liegenden Kap Espenberg fand sich die niedrige Küste von einer weiten Bucht ausgerandet. Die Tiefe des Wassers nahm ab; wir warfen die Anker und trafen sogleich Anstalten, ans Land zu fahren. Dort ließ sich die Mündung eines Flusses erwarten. – Es war schon spät am Nachmittag; ein dichter Nebel überfiel uns und zwang uns, an das Schiff zurückzukehren. Wir bewerkstelligten am 12. früh die beabsichtigte Landung, aber die stark abnehmende Tiefe des Wassers erlaubte uns nur auf einem sehr entfernten Punkte, beiläufig sechs Meilen vom Schiffe, anzufahren. Ein Kanal, der sich durch die Niederung schlängelt, ins Meer mündet und in welchen der Strom landeinwärts hineinzusetzen scheint, beschäftigte den Kapitän. Ich fand ihn, wie ich von einer botanischen Exkursion zurückkehrte, mit einem Eingeborenen, von dem er einige Auskunft über die Richtung und Beschaffenheit jenes Stromes zu erhalten sich bemühte. Dieser Mann, der mit seiner Familie allein sein Zelt hier aufgeschlagen hatte, war mit seinem Knaben, kampffertig, den Pfeil auf dem Bogen, dem Kapitän entgegengetreten, als sich dieser mit vier Mann Begleitung gezeigt. Er hatte sich entschlossen, mutig und klug benommen, wie einem tapfern Mann gegen Fremde geziemt, die ihm an Kraft überlegen sind und deren Gesinnung er verdächtigen muß. Der Kapitän, indem er seine Begleiter entfernte und allein ohne Waffen auf ihn zuging, hatte den Mann beschwichtigt, und Geschenke hatten den Frieden besiegelt. Der Eskimo hatte ihn gastlich unter seinem Zelte aufgenommen, wo er sein Weib und zwei Kinder hatte; doch schien ihm nicht heimlich bei den zudringlichen Fremden zu werden. Ich maßte mir auch hier mein altes Dolmetscheramt an; ich stellte mich pantomimisch, als ruderte ich den Strom landeinwärts, und fragte den Freund mit Blick und Hand: wohin? und wann? Er faßte sogleich die Frage und beantwortete sie sehr verständig: – Während neun Sonnen rudern, während neun Nächte schlafen, Land zur Rechten, Land zur Linken - dann freier Horizont, freies Meer, kein Land in Sicht. – Ein Blick auf die Karte berechtigt zu der Vermutung, daß dieser Kanal, mit dem sich der Strom der Schischmarew-Bucht vereinigen mag, nach dem Norton-Sound führen kann. Sobald es unserm Freunde gelang, von uns abzukommen, brach er sein Zelt ab und zog mit seiner Familie an das entgegengesetzte Ufer. Wir aber richteten uns für die Nacht ein, am Fuß eines Hügels zu bivouakieren, der mit Grabmälern der Eingeborenen gekrönt war. Die Toten liegen über der Erde, mit Treibholz überdeckt und vor den Raubtieren geschützt; etliche Pfosten ragen umher, an denen Ruder und andere Zeichen hangen. Unsere habsüchtige Neugierde hat diese Grabmäler durchwühlt; die Schädel sind daraus entwendet worden. Was der Naturforscher sammelte, wollte der Maler, wollte jeder auch für sich sammeln. Alle Gerätschaften, welche die Hinterbliebenen ihren Toten mitgegeben, sind gesucht und aufgelesen worden; endlich sind unsere Matrosen, um das Feuer unseres Bivouak zu unterhalten, dahin nach Holz gegangen und haben die Monumente zerstört. – Es wurde zu spät bemerkt, was besser unterblieben wäre. Ich klage uns darob nicht an; wahrlich, wir waren alle des menschenfreundlichsten Sinnes, und ich glaube nicht, daß Europäer sich gegen fremde Völker, gegen »Wilde« (Herr von Kotzebue nennt auch die Eskimos »Wilde«) musterhafter betragen können, als wir allerorten getan; namentlich unsere Matrosen verdienen in vollem Maße das Lob, das ihnen der Kapitän auch gibt. – Aber hätte dieses Volk um die geschändeten Gräber seiner Toten zu den Waffen gegriffen: wer mochte da die Schuld des vergossenen Blutes tragen? Die Ankunft einer zahlreichen Schar Amerikaner, die von der Gegend des Kap »Betruges« auf acht Baidaren anlangten und ihr Bivouak uns gegenüber aufschlugen, beunruhigte uns während der Nacht. Ihre Übermacht gebot Vorsicht; wir hatten Wachen ausgestellt und die Gewehre geladen. Wir nahmen gegen sie die Stellung an, in der sich kurz zuvor einer von ihnen gegen uns gezeigt hatte. Einem lästigen Besuch auszuweichen, ließ der Kapitän noch bei Nacht das Bivouak abbrechen und zu den Rudern greifen. Aber es war die Zeit der Ebbe, und das Meer brandete über Untiefen, die wir bei hoher Flut nicht bemerkt hatten. Der Kapitän scheint unsere Lage für sehr mißlich gehalten zu haben. »Ich sah keinen Ausweg, dem Tode zu entrinnen«, das sind seine Worte. Ich war freilich auf der Baidare, die nur geringerer Gefahr ausgesetzt gewesen sein mag. Indes setzte der anbrechende Tag unserer Verlegenheit ein Ziel, und wir erreichten, nicht ohne große Anstrengung von seiten der Matrosen, wohlbehalten das Schiff. Wir lichteten am 13. August die Anker, nachdem wir noch den Besuch von zwei Baidaren der Eingebornen empfangen. Wir näherten uns dem hohen Vorgebürge, das auf der Nordseite den Eingang des Sundes begrenzt. Eine wohlbewohnte Niederung liegt vor dem Hochlande und vereinigt die Bergmassen, die von der See her als Inseln erscheinen mögen. Der Hauptzweck unserer Sommerkampagne war befriedigend erreicht, und wir setzten hier unsern Entdeckungen ein Ziel. In die Nebel wieder eintauchend, durchkreuzten wir das nördlich der Straße belegene Meerbecken zu der asiatischen Küste hinüber, längs welcher wir hinausfahren wollten, um dann in die St.-Laurenz-Bucht im Lande der Tschuktschi einzulaufen. Wir hätten vielleicht die Zeit, die wir in der St.-Laurenz-Bucht verbracht, auf eine Rekognoszierung nach Norden anwenden können und sollen, welche Rekognoszierung bei günstigen Umständen erfolgreicher ausfallen konnte als bei ungünstigern die beabsichtigte zweite Kampagne. Der Südwind blies fortwährend und verzögerte unsere Fahrt; die Tiefe des Wassers nahm zu, die Temperatur nahm ab, und auch das Meer ward in der Nähe der winterlichen asiatischen Küste kälter gefunden. Wir lavierten in der Nacht vom 18. zum 19. gegen Wind und Strom, um zwischen dem Ostkap und der Insel Ratmanow durch die Straße zu kommen; und am Morgen, als wir die Höhe der St.-Laurenz-Bucht erreicht zu haben meinten, waren wir noch am Ostkap und nicht vorgeschritten (dreißig Faden ist die größte Wassertiefe, die auf der Karte verzeichnet ist). Da ein Lichtblick durch die Nebel uns das Vorgebürge erblicken ließ, steuerten wir dahin, warfen gegen Mittag die Anker in dessen Nähe und fuhren sogleich in zwei Booten an das Land. Die Tschuktschi empfingen uns am Strande wie einen Staatsbesuch, freundschaftlich, aber mit einer Feierlichkeit, die uns alle Freiheit raubte. Sie ließen uns auf ausgebreitete Felle sitzen, aber luden uns in ihre Wohnungen nicht ein, die weiter zurück auf dem Hügel waren. Nach empfangenen Geschenken folgten uns ihrer etliche, und darunter die zwei Vornehmern, an das Schiff. Diese, bevor sie an Bord stiegen, schenkten dem Kapitän jeder einen Fuchspelz und kamen dann furchtlos mit ihrem Gefolge herauf. Herr von Kotzebue, der sie in seine Kajüte zog, wo ein großer Spiegel sich befand, bemerkt bei dieser Gelegenheit, »daß die nordischen Völker den Spiegel fürchten, die südlichen hingegen sich mit Wohlgefallen darin betrachten«. Wir benutzten einen Hauch des NO, der sich am Nachmittag spüren ließ, um sogleich unter Segel zu gehen. Walrosse, die wir am vorigen Tage einzeln gesehen, bedeckten, wie wir das Ostkap umfuhren, in unzählbaren Herden das Meer und erfüllten die Luft mit ihrem Gebrüll; zahlreiche Walfische spielten umher und spritzten hohe Wasserstrahlen in die Höhe. Wir steuerten bei Regen und Nebel nach der St.-Laurenz-Bucht. Am 20. mittags, als wir eben vor dem Eingange derselben waren, klärte das Wetter sich auf, und wir ließen um drei Uhr die Anker hinter der kleinen sandigen Insel fallen, die den Hafen bildet. Vom nächsten Ufer, auf welchem die Zelte der Tschuktschi den Rücken eines Hügels einnahmen, stießen zwei Baidaren ab, in deren jeder zehn Mann saßen. Sie näherten sich uns mit Gesang, hielten sich aber in einigem Abstande vom Schiffe, bis sie herbeigerufen wurden und dann ohne Furcht das Verdeck bestiegen. Wir trafen Anstalt, selber ans Land zu fahren, und unsere Gäste, mit unserer Freigebigkeit zufrieden, folgten uns. Sie ruderten auf ihren leichten Fahrzeugen viel schneller als unsere Boote und belustigten sich, unsere Matrosen vergeblich mit ihnen wetteifern zu sehen. Moorgrund und Schneefelder in der Tiefe; wenige seltene Pflanzen, die den alpinischen Charakter im höchsten Maße tragen. Die Hügel und Abhänge zertrümmertes Gestein, worüber Felsenwände und Zinnen sich nackt und kahl erheben, schneebedeckt, wo nur der Schnee liegen kann. – Starres Winterland. Es waren zwölf der Zelte von Tierhäuten, groß und geräumig, wie wir noch keine gesehen. Ein alter Mann hatte Auktorität über die Völkerschaft. Er empfing aufs ehrenvollste den Gast, dessen Erscheinung ihm jedoch bedrohlich scheinen mochte. Die Tschuktschi sind in ihren Bergen ein unabhängiges Volk und nicht geknechtet. Sie anerkennen die Oberherrschaft Rußlands nur insofern, daß sie den Tribut auf den Marktplätzen bezahlen, wo sie zu wechselseitigem Vorteil mit den Russen handeln. Einer der aus Kamtschatka mitgenommenen Matrosen, der etwas Kariakisch sprach, machte sich hier notdürftig verständlich. Der Kapitän teilte Geschenke aus und weigerte sich, welche anzunehmen, was diesen Leuten seltsam bedünkte. Er wollte nur frisch Wasser und – etliche Rentiere. Rentiere wurden versprochen, aber sie aus dem Innern zu holen würde ein paar Tage Zeit kosten. Man schied zufrieden auseinander. Ich kann einen Zug nicht unterschlagen, der mir zu dem Bilde dieser Nordländer bezeichnend zu gehören scheint und aus dem namentlich der Gegensatz hervorgeht, in welchem sie zu den anmutsvollen Polynesiern stehen. Einer der Wortführer bei der vorerwähnten wichtigen Konferenz, während er vor dem Kapitän stehend mit ihm sprach, spreizte, unbeschadet der Ehrfurcht, die Beine auseinander und schlug unter seiner Parka sein Wasser ab. Alle Anstalten waren getroffen, um am andern Tage eine Fahrt in Booten nach dem Hintergrunde der Bucht zu unternehmen. Das Wetter war am 21. ungünstig, und die Partie ward ausgesetzt. Die Tschuktschi aus Nuniago in der Metschigmenskischen Bucht (wo einst Cook gelandet) kamen auf sechs Baidaren, uns zu besuchen. Sie ruderten singend um das Schiff, an dessen Bord sie dann zutraulich stiegen. Sie stifteten Freundschaft mit den Matrosen, und ein Glas Branntwein erhöhte ihre Fröhlichkeit. Sie bezogen Bivouak am Strande, wo wir sie am Nachmittag besuchten und ihren Tänzen zusahen, die für uns wenig Reiz hatten. Wir vollführten am 22. und 23.August mit Barkasse und Baidare die beabsichtigte Exkursion, deren Ergebnis in die Karte von Herrn von Kotzebue niedergelegt ist. Das Innere der Bucht ist unbewohnt. Am Ufer, wo wir am ersten Tage Mittagsrast hielten, erhielten wir etliche Wasservögel und zwei frisch getötete Robben von tschuktschischen Jägern, die anfangs die Flucht vor uns ergreifen wollten, aber durch unsere Geschenke uns zu Freunden wurden. Die Vögel versorgten unsern Tisch; die Robben ließen wir liegen, um sie am andern Tage an Bord zu nehmen. Da sie aber während der Nacht, wahrscheinlich von Füchsen, angefressen worden, verschmähten wir sie ganz. Im Hintergrunde der Bucht, wo wir unser Bivouak aufschlugen, hatte sich die Ansicht des Landes und der Vegetation nicht verändert. Die Weiden erhoben sich kaum etliche Zoll über den Boden. Die Felsen um uns waren von weißem, kristallinischem Marmor. Es fror Eis während der Nacht. Gegen Mittag am Schiff angelangt, ward uns die Nachricht, daß unsere Rentiere angekommen. Wir fuhren ans Land, sie in Empfang zu nehmen. Etliche waren geschlachtet, die andern ließen wir vor unsern Augen schlachten. Das Renfleisch ist wirklich eine ganz vorzügliche Speise; aber wie köstlich schmeckt es nicht, wenn man eine lange Zeit hindurch zur Abwechslung vom alten Salzfleisch nur tranige Wasservögel oder ähnliches gekostet hat! Ich vergaß unsere Robben, die des Bisses eines Fuchses halber verworfen zu haben mir eine vorurteilsvolle, sträfliche Verschwendung geschienen hatte. Die Tschuktschi zerlegten in diesen Tagen einen Walfisch auf der sandigen Insel; sie boten uns Speckstücke an, aber wir begnügten uns mit unserm Renfleische. Am Abend besuchten uns noch neue Ankömmlinge. Auf einer der Baidaren befand sich ein Knabe, dessen possenhaftes Mienenspiel mit etlichen Tabaksblättern belohnt wurde. Ermutigt durch den Erfolg, war er an Affenstreichen unerschöpflich, die er mit ursprünglicher Lustigkeit aufzuführen nicht ermüdete, immer neuen Lohn begehrend und einerntend. Das Lachen ist auch unter diesem Himmel, wie Rabelais treffend sagt, das Eigentümliche des Menschen, wenn nämlich der Mensch noch unabhängig seiner angebornen Freiheit sich erfreut. Wir werden bald auf Unalaschka die nächsten Verwandten dieser fröhlichen Nordländer antreffen, die das Lachen gänzlich verlernt haben. Ich habe sehr verschiedene Zustände der Gesellschaft kennengelernt und unter verschiedenen Gestaltungen derselben gelebt; ich habe Nachbarvölker gleiches Stammes gesehen, von denen diese frei und jene hörig genannt werden konnten: ich habe nimmer den Despotismus zu loben einen Grund gefunden. Freilich bedingt ein Freibrief, ein Blatt Papier, noch nicht allein die Freiheit und ihren Preis, und das Schwierigste, was ich weiß, ist der Übergang von der anerzogenen Hörigkeit zu dem Genuß der Selbständigkeit und Freiheit. Wir wollten am 25. August unter Segel gehen; ungünstige Winde, Windstillen und Stürme hielten uns bis zum 29. im Hafen. Es ereignete sich am 28., daß einer der hier bivouakierenden Fremden Gewalt gegen einen unserer Matrosen brauchte und ihm mit gezücktem Messer eine Schere entriß. Einer der ansässigen Tschuktschi sprang schnell hinzu und ergriff den Täter, den, als die Sache zur Sprache kam, sein Chef bereits bestraft hatte. Er wurde dem Kapitän gezeigt, wie er büßend in engem Kreise unablässig in gleicher Richtung gleich einem Manegepferd laufen mußte; und der Vorfall hatte keine anderen Folgen, als uns zu zeigen, daß unter diesem Volke eine gute Polizei gehandhabt werde. Wir liefen am 25. August 1816 frühmorgens aus der St.-Laurenz-Bucht aus und erduldeten am selben Abend einen sehr heftigen Sturm. Wir richteten unsern Lauf nach der Ostseite der St.-Laurenz-Insel, die der Kapitän aufnehmen wollte. Die Nebel vereitelten seine Absicht, und wir segelten am 31. vorüber, ohne Ansicht vom Lande zu haben. Untiefen machen die Fahrt auf der amerikanischen Seite dieses Meerbeckens gefährlich. – Wir steuerten nun nach Unalaschka. Am 2. September hatten wir den in diesen Meerstrichen seltenen Anblick der aufgehenden Sonne. Am 3. kam ein kleiner Landvogel (eine Fringilla) auf das Schiff, und ein Wasservogel (ein Colymbus) lieferte sich uns in die Hände und ließ sich greifen. Nachmittags ward vom Mastkorb die Insel St.Paul fern im Westen gesehen, und wir fuhren am Morgen des 4. an St. George vorüber, die uns ebenfalls im Westen blieb. Uns erfreute unerwartet an diesem Tage der Anblick eines Schiffes. Wir holten es ein und sprachen mit ihm. Es war ein Scunner der Russisch-Amerikanischen Kompagnie, der Pelzwerke von St.Paul und St.George geholt hatte und nach Sitcha bestimmt war. Wir machten den Weg zusammen nach Unalaschka. Die Nacht war stürmisch und dunkel, und dabei leuchtete das Meer, wie ich es kaum schöner zwischen den Wendezirkeln gesehen. An den vom Kamm der Wellen bespritzten Segeln hafteten die Lichtfunken. Am Morgen des 5. waren wir in Nebel gehüllt und das andere Schiff nicht mehr zu sehen. Wir wußten uns in der Nähe des Landes und konnten es nicht sehen und konnten uns auf unsere Schiffrechnung nicht verlassen. Nachmittags wallte der Schleier auf einen Augenblick auf; wir sahen ein hohes Land, und sogleich war es wieder verschwunden. Wir lavierten die Nacht hindurch. Am Morgen des 6. September hatten wir ein herrliches Schauspiel. Ein dunkler Himmel überhing das Meer, die hohen zerrissenen, schneebedeckten Zinnen von Unalaschka prangten, von der Sonne beschienen, in roter Glut. Wir mußten den ganzen Tag im Angesichte des Landes gegen den widrigen Wind ankämpfen. Unendliche Flüge von Wasservögeln, die niedrig über dem Wasserspiegel schwebten, glichen von fern niedrigen schwimmenden Inseln. Zahlreiche Walfische spielten um unser Schiff und spritzten in allen Richtungen des Gesichtskreises hohe Wasserstrahlen in die Luft. Diese Walfische rufen mir ins Gedächtnis, was ich einst von einem genialen Naturforscher ins Gespräch werfen hörte. Der nächste Schritt, der getan werden muß, der viel näher liegt und viel weiter führen wird als die Dampfmaschine mit dem Dampfschiffe, diesem ersten warmblütigen Tiere, das aus den Händen der Menschen hervorgegangen ist – der nächste Schritt ist, den Walfisch zu zähmen. Worin liegt denn die Aufgabe? Ihn das Untertauchen verlernen zu lassen? Habt ihr je einen Flug wilder Gänse ziehen sehen; und ein altes Weib gesehen, mit einer Gerte in der zitternden Hand ein halb Tausend dieser Hochsegler der Lüfte auf einem. Brachfeld treiben und regieren? Ihr habt es gesehen und euch über das Wunder nicht entsetzt; was stutzt ihr denn bei dem Vorschlag, den Walfisch zu zähmen? Erziehet Junge in einem Fjord, ziehet ihnen einen von Schwimmblasen getragenen Stachelgurt unter die Brustflossen, stellt Versuche an! Wahrlich, beide Meere zu vereinigen und die Entfernung zwischen Archangelsk und St.Peter und Paul auf acht bis vierzehn Tage Zeit zu verringern ist wohl des Versuchens wert. – Ob übrigens der Walfisch ziehen oder tragen soll, ob und wie man ihn anspannt oder belastet, wie man ihn zäumt oder sonst regiert und wer der Kornak des Wasserelefanten sein soll, das alles findet sich von selbst. Am 7. September 1816 brachte uns ein günstiger, aber schwacher Wind in den Eingang der Bucht, woselbst er uns zwischen den hohen Bergen der Insel plötzlich gebrach, so daß wir uns in einer ziemlich hülflosen Lage befanden, da dort kein Anker den Grund findet. Aber der Agent der Kompagnie, Herr Kriukow, kam uns mit fünf zwanzigruderigen Baidaren entgegen und bugsierte uns in den Hafen. Wir ließen um ein Uhr die Anker vor Illiuliuk, der Hauptansiedelung, fallen. Das Dampfbad war vorsorglich für uns geheizt. Herr Kriukow, verpflichtet durch den Befehl der Direktoren der Kompagnie in St.Petersburg, die Forderungen des Herrn von Kotzebue zu erfüllen, war in allem gegen ihn von einer unterwürfigen Zuvorkommenheit. Von den wenigen Rindern, die auf der Insel sind, wurde sogleich eines für uns geschlachtet, und unsere Mannschaft ward mit frischem Fleische, Kartoffeln und Rüben versorgt, dem einzigen Gemüse, das hier gebaut wird. Die Forderungen des Herrn von Kotzebue bestanden in folgendem: eine Baidare von vierundzwanzig Rudern, zwei einsitzige und zwei dreisitzige Baidaren verfertigen zu lassen; fünfzehn gesunde starke Aleuten mit ihrer ganzen Ammunition für das nächste Frühjahr bereitzuhalten; Kamlaikas von Seelöwenhälsen für die sämtliche Mannschaft bis zu derselben Zeit zu beschaffen und sogleich einen Boten nach Kodiak abzufertigen, um dort durch den Agenten der Amerikanischen Kompagnie einen Dolmetscher zu erhalten, der die an der nördlicheren Küste Amerikas gesprochene Sprache verstünde und übersetzen könnte. Die gefahrvolle Sendung zu übernehmen, fanden sich drei entschlossene Aleuten bereit. Die dreisitzige Baidare ist nach dem Muster der einsitzigen gebaut, nur verhältnismäßig länger und mit drei Sitzlöchern versehen. Darin läßt sich ein Europäer, der in Aleutentracht mit Kamlaika und Augenschirm (gegen das Bespritzen der Wellen) den mittleren Sitz einnimmt, von zwei Aleuten fahren. Ich selber habe mich an einem schönen Sonntagsmorgen im Hafen von Portsmouth zur unendlichen Lust der Engländer auf die Weise in einer solchen Baidare fahren lassen. Am 8.September morgens lief der »Tschirik«, der Scunner, den wir zur See gesehen, in den Hafen ein. Ein Preuße aus der Gegend von Danzig, Herr Binzemann, war Kapitän desselben. Ein Preuße, der Kapitän eines zwischen Unalaschka und Sitcha fahrenden Scunners der Russisch-Amerikanischen Kompagnie geworden ist, hat in der weiten Welt wohl manches erduldet und erlebt, wovon einer nichts träumt, der in seinem Leben nicht weiter gekommen als etwa von den unteren Bänken der Schule bis auf das Katheder. Herr Binzemann hatte nur ein Bein; das andere war ihm auf einem Schiffe, das er kommandierte, durch das Platzen einer Kanone zerschmettert worden. Er, der als Kapitän auch Schiffsarzt an seinem Borde war, ließ sich das nur noch an einigem Fleische hängende Glied von einem Matrosen mit dem Messer abkappen und verband sich dann den Stummel mit einem Pflaster von – spanischen Fliegen!! Diese improvisierte Kurmethode eines ohne Unterbindung der Arterien amputierten Gliedes ward durch den besten Erfolg gekrönt, und die Heilung ließ nichts zu wünschen übrig. Ich habe diese Geschichte hier aufzuzeichnen mich nicht erwehren können, weil dieselbe nebst den Berichten, die uns Mariner von den chirurgischen Operationen der Tonga-Insulaner mitteilt, die Ehrfurcht, die ich für die Chirurgie, als den sehenden Teil der Heilkunde, von jeher gehegt, zu erschüttern beigetragen hat. Es ist uns ein längerer Aufenthalt auf dieser traurigen Insel verhängt. Nach einem flüchtigen Blick auf das Elend der geknechteten, verarmten Aleuten und auf ihre selbst unterdrückten Unterdrücker, die hiesigen Russen, verbrachte ich die Tage auf den Höhen schweifend, welche die Ansiedelung bekränzen, und ließ die anziehenden Gaben der Flora mich von den Menschen ablenken. Eschscholtz herborisierte seinerseits. Wir hatten erprobt, es sei besser, uns auf dem Lande zu trennen, da wir uns ohnehin auf dem Schiffe genugsam hatten. Am 10. war das Fest des Kaisers, und ich borge zu dessen Beschreibung die Worte des Herrn von Kotzebue, I., S.167. »Den 11.September. Zur Feier des Namenstages des Kaisers gab Herr Kriukow gestern der ganzen Equipage am Lande ein Mittagsmahl, und nachmittags begaben wir uns in eine große unterirdische Wohnung, wo eine Menge Aleuten zum Tanz versammelt waren. Ich glaube gewiß, daß ihre Spiele und Tänze in früherer Zeit, als sie noch im Besitz ihrer Freiheit waren, anders gewesen sind als jetzt, wo die Sklaverei sie beinahe zu Tieren herabgewürdigt hat und wo dieses Schauspiel weder erfreulich noch belustigend ist. Das Orchester bestand aus drei Aleuten mit Tamburins, womit sie eine einfache, traurige, nur drei Töne enthaltende Melodie begleiteten. Es erschien immer nur eine Tänzerin, welche ohne allen Ausdruck ein paar Sprünge machte und dann unter den Zuschauern verschwand. Der Anblick dieser Menschen, welche mit traurigen Gebärden vor mir herumspringen mußten, peinigte mich, und meine Matrosen, welche sich ebenfalls gedrückt fühlten, stimmten, um sich zu erheitern, ein fröhliches Lied an, wobei sich zwei von ihnen in die Mitte des Kreises stellten und einen Nationaltanz aufführten. Dieser rasche Übergang erfreute uns alle, und selbst in den Augen der Aleuten, welche bis jetzt mit gebückten Häuptern dagestanden, blitzte ein Strahl der Freude. Ein Diener der Amerikanischen Kompagnie (Promischlenoi), welcher als rüstiger Jüngling sein russisches Vaterland verlassen und in dieser Gegend alt und grau geworden war, stürzte jetzt plötzlich zur Türe herein und rief mit gefalteten, zum Himmel erhobenen Händen: ›Das sind Russen, das sind Russen! O teures, geliebtes Vaterland!‹ Auf seinem ehrwürdigen Gesichte lag in diesem Augenblick der Ausdruck eines seligen Gefühles; Freudentränen benetzten seine bleichen, eingefallenen Wangen, und er verbarg sich, um seiner Wehmut sich zu überlassen. Der Auftritt erschütterte mich; ich versetzte mich lebhaft in die Lage des Alten, dem seine im Vaterlande glücklich verlebte Jugend jetzt in schmerzlicher Erinnerung vor die Seele trat. In der Hoffnung, im Schoße seiner Familie ein sorgenfreies Alter genießen zu können, war er hergekommen und mußte nun, wie viele andere, in dieser Wüste sein Leben enden.« Die Russisch-Amerikanische Handelskompagnie weiß durch Geldvorschüsse, die sie denen leistet, welche unternehmenden Geistes sich unter solchem Verhältnisse ihrem Dienst widmen, sie unter ihrem Joche zu erhalten. Dafür ist gesorgt, daß sie die Schuld zu tilgen nimmer vermögend werden, und, wie Friedrich von seinem Militär gesagt haben soll: »Aus der Hölle gibt es keine Erlösung.« Wir hatten Wasser eingenommen, die Arbeiten waren vollendet, und alles war am 13.September 1816 bereit, am andern Morgen mit Tagesanbruch die Anker zu lichten. Die Nacht brach ein, und Eschscholtz, der in die Berge botanisieren gegangen war, blieb aus und kam an das Schiff nicht zurück. Ich werde, sollte ich auch der Gefahr mich aussetzen, albern zu erscheinen, von der einzigen Begebenheit Meldung tun, wobei ich auf der ganzen Reise in Gefahr geschwebt zu haben mir bewußt bin. Kein Mensch hat Notiz davon genommen, kein Mensch hat es mir gedankt, und hier ist zum ersten Male die Rede davon. Der Kapitän beorderte mich mit etlichen Matrosen und Aleuten, den Doktor im Gebürge zu suchen, wo er sich beim Botanisieren verirrt haben mußte. Ich begehrte, daß uns ein Paar Pistolen mitgegeben würden, um Signalschüsse machen zu können; es ward aber nicht beliebt. Ich führte meine Leute zu dem Absturz hin, der in den Bergkessel hinaufführte, den ich durchsuchen wollte. Die Matrosen meinten, man könne da nicht hinaufklettern. Als ich aber, der ich diesen Paß gut kannte, oben war, folgten mir alle, und wir erreichten von der innern Seite auf sanfterem Abhange die Felsenzinnen, deren Kamm ich verfolgen wollte. Da erscholl vom »Rurik« ein Kanonenschuß, der uns zurückrief. Ich überließ es nun meinen Aleuten, uns den richtigsten Weg von der Höhe, die wir erreicht hatten, zum Strande zu führen. Ich ward zu einer Schlucht geführt, die, vom schmelzenden Schneewasser eingerissen, von dem höchsten Felsenkamme, worauf wir standen, steil, fast senkrecht zum Meere abfiel. Ich nahm, wie sich's gebührt, die Vorhut, und einzeln, wie auf einer Leiter, folgten mir die andern nach; daß Steine rollten, war nicht zu vermeiden; wie in pechfinsterer Nacht ich und meine Leute, wir alle mit heiler Haut hinuntergekommen sind, habe ich später nicht begreifen können, wann ich zu dieser Schlucht hinaufgeschaut habe. Als ich mit den Matrosen am Bord anlangte, war der Doktor schon lange da, ich konnte ruhig zu Bette gehen; ich schlief noch, als wir den 14. September 1816 schon unter Segel waren.