Isabella Braun Gesammelte Erzählungen Zweiter Band Guten Abend! Vier Erzählungen für die Jugend Die blinde Großmutter sieht's ja nicht! I. Was Valentin der Großmutter versprechen mußte Wie ruhig und klar der Starnberger See daliegt! Alles, was er widerspiegelt, gewährt ein freundliches Bild: die herrlichen Bäume, die zierlichen Villen, die Boote, Segelschiffe, Badehäuschen und die Roseninsel, von der zu beiden Seiten ein smaragdgrüner Streifen sich ins Gewässer hineinzieht. Doch so ist's eben heute beim Sonnenschein, der in Millionen Fünkchen auf dem See tanzt und den Schnee der Bergeshäupter wie Silber glänzen läßt. Wenn aber die schwarzen Wolken am Himmel jagen, der Sturmwind heult und der Donner kracht, wenn die Blitze herabfahren, als ob sie alles in den Grund bohren wollten: dann gerät auch der See in wilden Aufruhr, die Wogen bäumen sich und werfen die Boote gleich einem Spielballe umher. Jetzt beginnt ein gewaltiger Kampf zwischen der Natur- und Menschenkraft. Braune, sehnige Arme schwingen das Ruder und bahnen sich den Weg. Aber bisweilen gelingt's nicht. Der See ist ebensogut ein Friedhof wie das Plätzchen neben der Kirche, nur ruhen die Schläfer viel tiefer als unter den Erdhügeln mit Kreuzen und Grabsteinen, worauf die Namen stehen. Dort aber ist, nachdem der Sturm sich gelegt hat, jede Spur verschwunden. In den Herzen der Überlebenden allein bleibt der Name unvertilgbar eingegraben, und solch einem Grabstein gleicht die Großmutter, von der diese Geschichte erzählt. Auf den waldigen Ufern des westlichen Teiles steht eine Menge kleiner Häuser, bald zerstreut, bald dicht beisammen, und zwei davon gleichen einem Zwillingspaare; sie gehören aber auch zwei Brüdern. In dem einen wimmelt es von Kindern, um die Eltern geschart; in dem anderen lebt nur eine alte Frau mit ihrem Enkel Valentin, einem frischen, munteren Buben. Seine Mutter liegt schon lange auf dem Gottesacker und sein Vater im See. Vor acht Jahren hat dieser während eines furchtbaren Gewitters in den Wellen sein Grab gefunden, hernach schwankte das leere Boot auf dem Wasser, und der Bruder des Verunglückten holte es heim. Wie es leer und herrenlos nachschwamm, glich es einem Sarge, und die dumpfen Ruderschläge gaben das Grabgeläute. In dem Hause kniete die alte Großmutter vor dem Bette des kleinen Valentin und weinte sich die blöden Augen vollends blind. Eine Weile weinte der Bube wohl auch mit; dann aber vergaß er den Schmerz und sagte jedem, der es hören wollte, ohne Traurigkeit: » Mein Vater ist ertrunken, und meine Großmutter ist blind .« Die beiden hingen aneinander und blieben beisammen, obwohl der andere Sohn sie zu sich nehmen wollte. Aber darauf ging die alte Frau nicht ein, es war ihr zu unruhig unter den vielen Menschen, anfangs hatte sie noch einen Schimmer von Augenlicht, genügend, um für das Hauswesen sorgen zu können, und als es mehr und mehr schwand, konnte Valentin ihr bereits beistehen; ihre heranwachsende Enkelin Elisabeth sprang auch helfend herzu, brachte das Essen, stickte die Wäsche, wusch und säuberte alles mit flinker Hand, so vergingen die Jahre, bis Valentin zur Schule mutße. Er lernte mit allem Eifer, um der blinden Großmutter bald vorlesen zu können, damit sie nicht mehr so traurig und nachdenklich mit gefalteten Händen im Lehnstuhle sitze. Schon im ersten Schuljahre bekam er einen Preis - es war ein dickes Gebetbuch. Die Alte hatte ihm bei der Prüfung zugehört, und Freudenzähren waren aus den blinden Augen über die Furchen des Antlitzes geflossen, wenn ihr Bub' so frisch und schnell antwortete, sobald er gefragt wurde, oder ein anderer ins Stocken geriet. Als er sein Preisbuch in Empfang genommen, vergaß er alles um sich her und lief schnurstracks auf seine Großmutter zu,- dann gingen sie Hand in Hand mitsammen heim. Obwohl es bereits Abend war, begann er der Ordnung nach auf der ersten Buchseite zu lesen: »Gebet am Morgen.« Dann kam in jeder freien Stunde alles an die Reihe, was ein Menschenherz von der Wiege bis zum Grab erfüllt, und die Blinde saß mit gefalteten Händen dabei, denn sie hatte alles erlebt. Valentin las aus dem großen Buche die Tauf-, Hochzeit- und Totengebete, die Danksagungen für glückliche Ereignisse, die Trostsprüche in Kummer, das Sündenbekenntnis, und was sonst noch solch ein Gebetbuch enthält, vieles verstand er freilich nicht, aber er dachte: »Die Großmutter versteht's schon und der gefällt's auch; ich seh's ihr an.« Ja, die Großmutter war ihm lieb und füllte beinahe sein Herz aus. Ihretwegen ließ er sich kein Wort des Lehrers und Pfarrers entschlüpfen, damit er alles wieder erzählen könnte; ihretwegen war er auch unerschöpflich in Fragen, wenn er etwas nicht begriffen hatte, und blieb beim Lehrer zurück, während die anderen Buben hinausstürmten und jubelten: »Juchhe, die Schule ist aus!« Er bekam aber auch im zweiten Jahre ein Preisbuch mit jenen rührenden Geschichten von »Christoph Schmid«, welche die Jungen und Alten so gerne lesen. Jetzt wurde es vollends vergnüglich in der Fischerhütte. Valentin hätte am liebsten den ganzen Tag gelesen und die Alte ihm zugehört; aber das ging aus mancherlei Gründen nicht an. Er ersetzte der Großmutter die Magd, dem Pfarrer den Laufbuben, um Lebensmittel aus der Nachbarschaft herbeizuholen, und verdiente sich dadurch manch Stücklein Geld zu seiner Kleidung. Dann mußten die Geschichten auch für die langen Winterabende ausreichen, und im Sommer zog es den Knaben fast unwiderstehlich hinaus an den See. Ja, der See , er hatte es dem Buben angetan! Die Liebe zum See war ihm angeboren, mit ihm gewachsen: ob das Wasser in klarer Ruhe dalag oder hoch aufwallte, ob man es mit dem Boot durchschneiden konnte, oder ob es einen festen Eisspiegel bildete. Die Furcht vor dem See war ihm unbekannt, obgleich sein Vater auf dem Grunde lag, ebensowenig wie er sich vor dem Gottesacker fürchtete, in dessen Schoße seine Mutter schlief. Jede freie Minute zog es ihn zum Ufer, und freudig blickte er auf das Boot mit des Vaters Namen, seinem eigenen. Wenn nur die Großmutter seit des Vaters Tod nicht solche Furcht vor dem See gehabt hätte! Sie zitterte jedesmal, wenn ihr Sohn den Buben mit sich hinaus nahm und lächelnd sagte: »Der Valentin ist von der richtigen Art, ein echter Fischerbub'! Die meinen dagegen sind nur Landratten.« Dann überkam sie eine Todesangst, und Valentin mußte ihr hoch und heilig geloben, vor seinem zurückgelegten 15. Lebensjahre niemals allein in den See hinauszurudern! Mit gesenktem Blicke und zögernd gab er das Versprechen, aber innerlich tat's ihm weh. Dann tröstete er sich: »O, die Zeit vergeht schnell! Bin ich nur einmal 15 Jahre alt, dann Juchhe!« Inzwischen fuhr er um so fleißiger mit dem Vetter hinaus, um die Fremden überzusetzen durch die Kreuz und Quere. Ihr Boot war überall zu Hause am oberen und am unteren Ende, in Starnberg und Seeshaupt, sowie an allen Zwischenstationen und Landungsplätzen. Valentin konnte so gut rudern und steuern wie der Vetter selbst. Seine Brust und seine Arme erstarkten dabei, das hübsche Knabengesicht glühte und bräunte sich bis in das Haar, sein ganzer Körper gewann auch an Gelenkigkeit. Wenn sie aber zum Fischfang hinausfuhren, konnte er stundenlang schweigen . Es erfordert alle Achtsamkeit zu einem guten Fang, seitdem das Dampfschiff die Ruhe der Fische unablässig stört. Anfangs des Frühjahrs gab's spärliche Beute, das rote Regenwasser war noch vorhanden, der Seestand zu hoch. Aber bald gingen ansehnliche Bodenrenken von mehreren Pfunden ins Garn, auch zweijährige Riedlinge und kleine, junge Züngeln . Wenn aber der Tag sich auch ungünstig anließ, hatte Valentin dabei niemals Langweile, es gab so vielerlei zu beobachten: wie das Wasser Bläschen warf und die verborgenen Insassen verriet, wie die tanzende Mücke von einem Fische weggeschnappt wurde, die Möve über dem See kreiste und gleich einem Pfeil auf ihre Beute herabschoß; wie die lang gezogenen Wellen, eine nach der anderen, daher kamen und plätschernd ans Boot schlugen, aufgejagt vom fernen Dampfschiffe; wie der klare Spiegel alles zurückwarf; wie die Farbe mit jeder Stunde wechselte; wie der Wind sich drehte und die Berge einen Mantel anzogen oder gar aufleuchteten im Scheidegruß der Sonne. Trotz ihrer beständigen Angst um Valentin hörte die Großmutter gerne davon erzählen, denn sie war auch eine Fischerstochter; sie liebte den See nicht weniger als ihr Enkel. Und dennoch dachte sie beständig: »Nein, um Gottes willen, nein! Der Bub' darf kein Fischer werden!« Oftmals, wenn Großmutter und Enkel beisammen saßen, machte sie allerlei Pläne und Vorschläge, was er werden sollte. Denn Valentin hatte die Wahl; ein kleines, wohl angelegtes Vermögen gab ihm die Mittel an die Hand, jedes Lehrgeld zu bezahlen. Sie sagte: »Wie wär's, was denkst du zum Schreinerhandwerk? Handwerk hat einen goldenen Boden, heißt's mit Recht im Sprichwort. In Starnberg gäb's einen guten Meister; dann wärst nicht weit fort und könntest alle Sonn- und Feiertage herüber kommen.« Der Knabe schüttelte den Kopf und sagte, nachdem sie geendet, kleinlaut, daß er hierzu keine Lust habe. »Aber ein Maurer, Valentin!« riet die Alte. »Du könntest dann auch solch schöne Landhäuser bauen, von denen du mir beständig erzählst, die jetzt um den See entlang wie aus dem Boden aufsteigen. Zuerst baust du für die Herrschaften, und zuletzt für dich selbst eines.« Nun fuhr der Bub' in die Höhe und rief: »Als ob unser Haus nicht gut genug wäre, es ist ein richtiges Fischerhaus! Die anderen gefallen mir nur so gut, weil sie schön zu unserem See stehen!« Da lächelte die Blinde wohlgefällig vor sich hin und schwieg. Ein anderes Mal rückte sie mit einem neuen Vorschlag heraus: »Valentin, was denkst zu einem Zimmermann? Du könntest auch Flöße und Schiffsboote machen!« – Jetzt trat eine Pause ein; dies gab ihm zu denken. Nach einer Weile murmelte er unzufrieden: »Da dürft' ich am Land bleiben und hätte das Nachsehen, wenn die Käufer mit meinem Schiff davon ruderten. Nein, Großmutter, wenn ich 15 Jahre alt bin, dann« – Die Alte unterbrach ihn, sie wußte, was er sagen wollte; deshalb entgegnete sie: »O Valentin, denkst nicht daran, was deinem Vater geschehen ist?« Der Knabe schlang den Arm um ihren Hals und sagte beschwichtigend: »Deshalb muß es mir nicht auch passieren. Der Vetter rudert täglich hinaus und kommt täglich wieder heim: der Zimmermann Andres, der ist vom Dachstuhl gefallen und liegt im Gottesacker, wie mein Vater im See.« Nun sagte die Alte: »O Bub', wenn du gar nicht vom See lassen kannst, so geh' auf ein Dampfschiff, da passiert dir nichts!« Der Knabe fuhr zornig empor und rief: »Ich? solch ein Rotkittel werden? Ich, auf ein Dampfschiff, das den armen Fischern ihr Brot vom Munde wegstiehlt, das die Fischerei zugrunde richtet? Der Vetter erzählt mir oft genug, wie schön es in seiner Jugend gewesen ist, wo er den »Seetaler« in die Zunftkasse gelegt hat. Gewimmelt hat's auf dem See von Booten aller Art, von Einbäumen und Segelschiffen, und niemals hat man das Netz oder die Angel leer aus dem Wasser gezogen. Daß es jetzt um die Fischerei so schlecht steht, kommt allein vom Dampfschiff.« Die Blinde lächelte wohlgefällig über den Unwillen ihres Enkels und sprach: »Gerad' wie sein Vater! so gut und so zornig!« Ein andermal rückte sie mit dem Vorschlag heraus: »Valentin, du liest so gern und wirst in der Schule immer der Erste, willst nicht selbst ein Schulmeister werden?« Nun leuchtete des Knaben Gesicht beim Gedanken an all die vielen, schönen Bücher, die er beim Schullehrer gesehen. Ja, vor dem Schullehrer hatte er gewaltigen Respekt. Aber, aber – Schulehalten all den Buben, die das Ende tagtäglich nicht erwarten konnten? Und dann mußte er auch fort von der Alten in die Stadt zum Studieren, fort vom See und den Bergen und sein eigenes vom Vater ererbtes Boot anderen überlassen. Diesmal sagte er fest und ruhig: »Großmutter, es bleibt dabei, wenn ich 15 Jahre alt bin, werd' ich ein Fischer, sagt kein Wort mehr dagegen.« Da nickte sie vor sich hin: »Art läßt nicht von Art!« Aber auf dem Angesichte stand die Sorge geschrieben, ihre zitternden Finger schlossen sich noch enger um den Rosenkranz; er sah die Lippen sich zum Gebete regen und wußte, um was sie bat. Da neigte er sich zu ihr und sagte beschwichtigend: »Sorgt Euch nicht, Großmutter! Ich hab's Euch hoch und heilig versprochen, daß ich mich nicht leichtsinnig in Gefahr begebe.« Die Alte erhob ihr gefurchtes Antlitz zu dem Enkel und sagte dann schluchzend: »O Valentin, ich muß dir's aufs Wort glauben, sehen kann ich's ja nicht! Aber denk' auch immer daran, was du mir versprochen hast.« II. Wie der Valentin zum Gespött seiner Kameraden wurde. Wenn Valentin sich schon durch die Lust zum Lesen von den übrigen Buben absonderte, gab es noch eine andere Ursache, seine eigenen Wege zu wandeln. Vor Jahren war die Blinde erkrankt, und Valentin hatte um ihr teures Leben gezittert. Als der Arzt kam, blickte er flehend und vertrauend zu diesem empor und schlich beim Weggehen ihm nach, indem er leise fragte: »Herr, muß sie sterben?« Der Arzt legte beruhigend die Hand auf des Knaben Haupt und erwiderte: »Ich glaube, sie bleibt am Leben, wenn du sie bei jedem Wetter hinausführst, aber nicht nur bis zur nächsten Bank; sie muß Bewegung haben, sie ist's gewohnt von Jugend auf, und beim alleinigen Herumsitzen schaut sie immer in ihre Unglücksnacht hinein. Sorg', daß sie an etwas anderes denkt und herzlich lacht; das ist für sie besser als jede Medizin. Aber ich will ihr nichtsdestoweniger etwas Heilsames verschreiben.« Die Blinde genas bald darauf, und Valentin hätte anfangs beinahe in seinem Eifer des Guten zu viel getan. Dann aber wählte er verständig je nach Tageszeit und Witterung die Wege. Es ist Abend und nahe dem Sonnenuntergang. Die Alte sitzt auf einem Hügel nächst dem Baumstamme und schattigem Gebüsche. Valentin steht neben ihr und blickt hinaus auf den See. Auch die Alte hat ihr blindes Angesicht dahin gerichtet; es tut ihr so wohl, die kühle Seeluft darüber hinstreichen zu lassen. Ein über das andere Mal ruft der Knabe: »O, Großmutter, heut' ist's eine helle Pracht! Mitten durchs Wasser geht ein goldiger Streifen, als ob's im Grund brenne.« »Und das Gebirge?« fragt die Blinde. »Der Heimgarten , der Herzogenstand und die Benediktenwand sind blau wie der Himmel; jetzt, jetzt röten sie sich, aber die Zugspitze und der Karwendel schauen schneeweiß darüber her. Jetzt, Großmutter, werden auch diese immer rötlicher, und das ganze Ufer von Almanshausen bis Seeshaupt und Bernried ist ganz wie mit Feuer übergossen.« Die Alte nickt und fügt bei: »Ja, und es ist, als ob die Schloßfenster von Ammerland brennten.« »Seht Ihr's denn, Großmutter?« fragte« Valentin ganz erstaunt. Sie entgegnete lächelnd: »Ich seh' nun alles mit deinen Augen, Bub'! Wenn du mir so erzählst, kommt mir alles wieder, was ich ehedem gesehen und in meiner Dunkelheit beinahe vergessen hab'.« An einem Sonntagsmorgen führte Valentin die Großmutter durch die schattigen Parkanlagen an das niedere Seeufer. Wie schön blüht der einfache und gefüllte Weißdorn in purpurroten Röslein! Holunderbüsche und Goldregen verbreiten Duft und Farbenglanz, und die Vögel singen von allen Zweigen. Das ist erquickend für die Alte, und was ihr der eine Sinn versagt, ersetzt Valentin durch sein Geplauder. Dicht am Ufer steht eine Bank, sie setzen sich, und die Blinde fragt: «Wo sind wir jetzt?« »Gerad' der Roseninsel gegenüber!« antwortete Valentin. »Wörth,« verbessert die Alte und fährt in ihrer Rede fort: »Zu meinen Zeiten hat die Insel Wörth geheißen. Ich bin oftmals über die Brücke hinübergegangen.« Valentin rief: »Es ist aber keine Brücke da, man darf nur mit Eintrittskarten hinüber und muß sie beim Rentamt in Starnberg holen!« »Weiß schon,« sagte zustimmend die Alte. »Zu meinen Zeiten hat die Insel noch dem Kugelmüller gehört, und der hat dort Bier ausgeschenkt. Am Feste Peter und Paul zur Kirchenzeit, wo das Haus leer gestanden, ist Feuer ausgebrochen und hat alles bis auf den Grund niedergebrannt. Aber der Kugelmüller wird wohl dabei gut weggekommen sein, denn unser König Max hat ihm die Insel abgekauft und hat ihr den Namen »Roseninsel« gegeben.« Nun rief der Knabe: »Das ist auch ihr richtiger Name, Großmutter! Ich habe mit dem Vetter viel Fremde im Boot hinübergeführt und bin mit ihnen hineingekommen. Denkt Euch, alle Sorten von Rosen gibt's da! Sie wachsen sogar an den Bäumen hinauf und hängen wie Kränze an der Schloßtür. Das Sommerhaus hat Säulen aus Rosen, und um sein spitzes Dach ist ein Kranz davon gewunden. O, Großmutter, wenn Ihr's nur auch sehen könntet!« »Seh's ja deutlich mit deinen Augen, guter Bub'! Aber der See und die Berge sind sich gleich geblieben. Gelt, das glitzert! Ich merk's am Sonnenschein, der in mein Gesicht brennt.« »Ja, Großmutter, stellenweis; aber dann wieder hat der See dunkle Flecken.« Da nickte die Alte und sagte: »Wirst sehen, das gute Wetter dauert nicht mehr lang. Mich reißt's auch in den Füßen; beides sind schlechte Wetterzeichen. Gewiß ist das Gebirg' ganz nah'?« »Ja, Großmutter, man erkennt beinahe jede Felswand.« Weil nun der Knabe so treu an der Großmutter hing, ihr bei der Arbeit half, ihr vorlas und sie sorgsam umherführte, widerstand er jedem verlockenden Zuruf seiner Kameraden, mit ihnen zu spielen, und antwortete: »Hab' nicht Zeit, muß bei meiner Großmutter bleiben!« Da spotteten sie: »Laßt ihn, er hängt lieber am Rockzipfel der Alten!« Ein anderer rief: »O, wir sind ihm zu gering, er will oben hinaus und studieren; darum guckt er immer in seine Bücher, sogar auf dem Weg!« Ein dritter rief ihm zu, wenn er solches tat: «Valentin, fall' nit hin!« und bald schrieen diesen Spottnamen ihm alle Buben nach. Da wallte die Zornesglut in ihm auf; er ballte die Fäuste, aber er bezwang sich und dachte an die schönen Geschichten und ihre guten Lehren in seinen Preisbüchern. Für was standen sie dort, wenn man es ihnen nicht nachmachte? Einmal trat die Versuchung verlockend an ihn heran. Fischmeisters Georg sagte: »Fahr' mit nach Leoni hinüber! Der König ist im Schloß Berg, schau', die blauweiße Fahne flattert auf dem Turm, und sein kleines Dampfschiff kommt eben einher; vielleicht fährt er auf die Roseninsel, und wir kriegen ihn zu sehen.« Valentins Wangen glühten in freudiger Erregung, und er fragte: »Rudert uns dein Vater hinüber?« Da lachte dieser und rief: «Was brauch' ich meinen Vater dazu, das können wir zwei so gut wie er!« Jetzt erlosch das Freudenfeuer in Valentins Gesicht, er wandte sich ab und sagte: »Fahr' allein!« Dann ging er eilig davon, weil er sich zu bekennen schämte: »Die Großmutter hat's verboten.« Höhnend schaute ihm Georg nach und erzählte den anderen, der Valentin hatte nicht so viel Mut, wie in seinem kleinen Finger stecke. Ein andermal forderte ihn Mesners Joseph zum abendlichen Gebetläuten auf. Sie wollten mitsammen tüchtig die Stränge ziehen, daß der Klang weithin über den See töne. Wie gern wäre Valentin dabei gewesen, das war nichts Verbotenes! Aber er entgegnete mit finsterer Miene: »Ich hab' meiner Großmutter versprochen, heimzukommen, sie wartet!« – Dieser antwortete: »Was schadet's ihr denn? Meine Mutter und Großmutter warten oft auf mich und sind noch nie davon krank geworden; komm'!« Aber Valentin rief zornig: »Laß mich!« und fort lief er, dieses Mal im stillen vor sich hin weinend. Ein Knabe, der ihm begegnete, sah ihn weinen und erzählte es den anderen. Da lachten und höhnten alle aufs neue: »Er hat keinen Mut, er kann nur ein finsteres Gesicht machen, das ist alles, wir wollen ihm morgen nach der Schule aufpassen und ihm einen Spott antun!« - »Ich bin dabei!« rief Bergbauers Bonifaz, einer der größeren Knaben. »Mich wird der Hasenfuß erst recht fürchten! Paßt einmal auf!« III. Valentin verschafft sich Ruhe und gewinnt dadurch einen Freund. Die Nachmittagsschule war eben beendet und die Kinderschar hinausgestürmt, als ob sie etwas Hochwichtiges vorhabe. In der Stube tanzten noch sonnenbeschienen die aufgewirbelten Staubwölkchen um den Lehrer und Valentin, der zurückgeblieben war, das alte Geschichtenbuch gegen ein neues umzutauschen. Es hatte eine gute Weile angestanden, und der Knabe verließ mit seiner ›Rosa von Tannenburg‹ das Schulhaus. Er konnte es nicht erwarten, ihre Bekanntschaft zu machen, und schaute also in das Buch hinein, denn nunmehr mußten sich längst alle Knaben verlaufen haben. Dabei entging ihm ein lauernder Haufen, der sich hinter einem Busche im freien Felde draus versteckt hatte; denn ringsum herrschte tiefe Stille. Plötzlich aber stürzte er über einen vorgestreckten Knabenfuß, und aus der Mitte der wilden Rotte tönte es höhnend: »Valentin, fall' nit hin!« Dieser aber fuhr auch sogleich in die Höhe und stand dem großen Bonifaz gegenüber. Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, stürmte er gegen ihn an, die übrigen Knaben traten zurück, um Valentins Niederlage mit Triumphgeschrei zu feiern. Doch es kam anders, als sie so sicher und zweifellos erwartet hatten. Valentins Arme umschlangen den Gegner wie eine Schraube. Vergebens wand sich dieser; immer dichter ging's dem großen Buben zu Leibe, immer rascher drehten sie sich im Kreise, und als nun gar der große Bonifaz auf dem zu Boden gefallenen Buche herumtrat, fuhr eine Wut in den kleinen Valentin, daß er sich doppelt anstrengte und seinen Gegner aufs Gesicht niederwarf, worauf er ihn fest zur Erde drückte. Da standen sie alle wie angewurzelt, überrascht und erstaunt. Valentin aber schrie im Übermaß des Zornes: »So, jetzt kennt ihr mich!« und ohne sich auch nur umzublicken, nahm er sein Buch und schritt von dannen. Immer noch lag Bonifaz danieder und regte kein Glied. Da wurde es den Buben angst und bange. Einer lief spornstreichs fort, um Bonifazens Mutter, die Bergbäuerin, zu holen, und jedem, dem er begegnete, rief er zu: »Der Valentin hat den Boni umgebracht.« Inzwischen hatten die Knaben diesen mit aller Gewalt in die Höhe gehoben, nicht wissend, ob er lebendig oder tot sei. Seine beiden Hände waren vor das Gesicht gepreßt, und Blut rann zwischen den Fingern hervor. In sprachlosem Schrecken rannten sie auseinander und schrieen der herbeikommenden Bäuerin solch unverständliche Worte zu, daß sie aufs schlimmste vorbereitet sein mußte. Als sie nun ihren Buben so elend zugerichtet, aber doch am Leben fand, verwandelte sich der Schmerz in Zorn; sie erfaßte des Sohnes Hand und rief: »Gleich gehst mit mir zum Lehrer, damit er den Valentin, seinen Duckmäuser, kennen lernt.« Bei jedem Schritt steigerte sich ihr Zorn, denn es hatte sie längst verdrossen, daß Valentin ihrem Bonifaz in der Schule voran war und auf der Prüfung die Antwort gab, bevor dieser dazu den Mund öffnete. Der Lehrer hatte bereits die Schreckensnachricht gehört und trat im Hofe den beiden entgegen. Die Bäuerin vermochte den großen Buben kaum vorwärts zu bringen, sei es, daß er zu schwach war oder sich vor dem Lehrer fürchtete. Immer noch hielt er die eine Hand vors Gesicht; nun aber zog die Mutter sie weg und rief: »Da schauen S' einmal meinen Buben an, wie ihn der saubere Valentin zugerichtet hat!« Der Lehrer erschrak wirklich bei diesem Anblick; doch kaum fühlte Bonifaz sich frei, als er zum Brunnen sprang, mit beiden Armen pumpte, sein Gesicht unter den Wasserstrahl hielt, und das noch einmal, dann zum dritten und vierten Male, hierauf schüttelte er das Wasser von sich und trat fest wie ein wackerer Bub' vor die beiden, indem er, zum Lehrer gewandt, sagte: »Ich bin selber an allem schuld, Herr Lehrer! Ich hab' keine Ruh' gegeben und den Valentin verhöhnt, er hätte keinen Mut, und hab' ihn angegriffen. Er aber hat mich heimbezahlt und niedergeworfen. Daß ich auf einen Stein gefallen bin, ist nicht seine Schuld; aber es bedeutet nichts, da schauen S' her! Ich bitt' um Verzeihung, Herr Lehrer, ich will's nimmer tun, und wir wollen den Valentin künftig in Ruh'lassen!« Da lächelte der gute Mann, nickte freundlich mit dem Kopfe und sprach: »Geh' nochmal zum Trog, Bonifaz, deine Nase blutet immer noch.« Dann sagte er zur Bäuerin: »Es ist doch ein richtiger Bub', Euer Bonifaz! Wer seinen Fehler einsieht und offen bekennt, hat Verstand und Herz auf dem rechten Fleck. Ich rat' Euch, laßt den Bonifaz und Valentin gute Kameraden werden; wie 's allen Anschein hat, passen die beiden gut zusammen, besser, als Ihr glaubt.« Auch die Großmutter daheim hatte ihren Schrecken. Der kleine Barthel ihres Sohnes war ganz atemlos angekommen, um ihr zu berichten, der Valentin habe den Bonifaz umgebracht, ganz oder halb, etwas sicheres wisse man noch nicht. Da wankte sie allein vor das Haus, um auf ihren Enkel zu warten. Sie vernahm langsame, zögernde Tritte und rief dem Heimkehrenden entgegen: »Valentin, Valentin, um Gottes willen, was hast getan!?« Nun erwachte sein Selbstgefühl, und er sagte mürrisch, aber keck: »Nicht so was Arges, Großmutter. Ich hab nur den Buben gezeigt, daß ich ihr Gespött nicht verdiene und auch den Stärksten zwingen kann, wenn ich will. Jetzt werden sie einmal Ruhe geben!« Die Blinde war noch keineswegs beruhigt und entgegnete: »O, wenn dem Bonifaz etwas widerfahren ist, hängt uns der reiche Bergbauer einen Prozeß an, und wir dürfen von Haus und Hof wandern, und dich sperren sie ein!« Da ertönte hinter Valentin ein Gelächter; der betrübte Knabe fühlte sich von rückwärts gepackt und lag alsogleich auf dem Grase, über sein emporschauendes Gesicht beugte sich das gutmütig fröhliche seines versöhnten Feindes, welcher rief: »Jetzt ist's ehrlich heimbezahlt und abgemacht ohne Prozeß. Gelt du, wir sind von nun an die besten Kameraden von der Welt, wir halten zusammen, und alle wissen's auch, daß du zu uns gehörst, wenn du auch mit deiner Alten umhergehst.« IV. Wer gewinnt die Oberhand? Eines Nachmittags führte Valentin die Großmutter in den nahegelegenen Possenhofener Wald. Es lag drückende Schwüle auf der Natur; aber zwischen diesen herrlichen Buchen, Tannen und Fichten waltete erquickende Kühle. Da und dort rastete die Blinde auf den gastlich angebrachten Bänken, und so gelangten sie ohne Ermüdung zum Sommerhaus, welches auf einem Waldesvorsprung in den See hinausragt. Hier gesellten sich Bonifaz und Fischmeisters Georg zu ihnen. Die Großmutter freute sich, daß ihr Valentin nun nicht mehr wie früher so allein bei ihr sein mußte und immer gute Gesellschaft hatte; dabei erheiterte und belustigte sie sich selbst an dem Geplauder oder Spiel der Knaben. Das Dampfschiff fuhr vorüber; sein Rauschen und Pusten schlug an das Ohr der Blinden, und plätschernd kamen die Wogen zum Ufer. Hoch empor spritzte der weiße und grünliche Schaum von den Rädern, die Sonne spielte mit allen Farben darin, und lange noch zeigte die Wasserfurche den zurückgelegten Weg. Segelboote, beflaggte Kähne kreuzten einander, denn jeder suchte Kühlung auf dem Wasser. Es gab liebliche Bilder, wenn die buntfarbigen Tücher und Kleider der Damen sich abspiegelten und das ganze Ufer auf dem Kopf zu stehen schien. Nun ertönte ein fernes Rollen von rückwärts. Die Blinde fuhr empor und sagte: »Komm, Valentin, wir wollen uns auf den Weg machen, es donnert.« Dieser erwiderte: »Nein, Großmutter, es donnert nicht, es fährt nur ein Wagen ins Schloß.« Nach einer Weile rollte es wieder, und das kam gewiß nicht von Wagenrädern, es kam aus dem dichten Gewölk, das sich über Oberpöcking zusammengezogen hatte, während vor ihren Blicken das jenseitige Ufer, der Wald und das Schloß von Almanshausen von der Sonne beleuchtet herüberglänzten. Jetzt kam das Gewitter eilends näher, dem Donner folgte plötzlich ein gewaltiges Rauschen in den Bäumen. Die Alte rief ängstlich: »Valentin, ist's noch Zeit daß wir heimkehren?« Aber der Knabe war taub für ihren Ruf: der wogende See fesselte ihn wie mit Zauberkraft, und er bog sich über die Brüstung, um weit hinauszuschauen. Ein tüchtiger Sturm war im Anzuge. In das Rauschen der Zweige und Blätter mischte sich das Brausen des Orkans, das Plätschern der Wellen am nahen Ufer, die gewaltigen Ruderschläge der gegen sie ankämpfenden Boote, das Schnauben des Dampfschiffes. Anstatt jedoch zu erschrecken und zu zagen, jubelte Valentins Herz. Immer wieder kehrte er sich zur Großmutter, uneingedenk ihrer traurigen Erinnerungen, und rief: »Jetzt ist die Mitte des Sees kohlschwarz!« »Ja, ja, die Wolken werden oberhalb auch nicht anders sein! Gott steh' allen auf dem Wasser bei! Das gibt ein böses Wetter, sogar vor meinen blinden Augen ist's feuerhell!« ergänzte die Alte und faltete die Hände. Und so war es auch. Schauerlich brausten von zwei Seiten die Wolken gegeneinander, mit grellem Lichte folgten die Blitze dem rollenden Donner. Der Sturm wühlte im See und warf die Wogen empor, eine über die andere, und nun öffnete der Himmel seine Schleusen: ein Wolkenbruch stürzte in das Wasser herab und fegte durch die Luft. Während des Sturmes standen die drei Knaben am Geländer des kleinen 5ommerhauses und klammerten sich an, um nicht fortgerissen zu werden. Dabei schrieen sie zur Blinden zurück, aber ihre Stimmen verhallten im Geheul des Seesturmes. »Sogar das Dampfschiff kommt nur mehr langsam durch! Der Sturm hat den »Maximilian« in die Mitte genommen! Die Passagiere sind alle in den Kajüten; die Wellen schlagen bis zum Verdeck hinauf!« »Um Gottes Barmherzigkeit Willen! Dort treibt ein Segelboot umher! Sie haben das Segel eingezogen, aber ihre Ruder können nichts ausrichten. Kein Schiffer ist dabei; es sind nur drei Stadtfräulein, die es unseren Dirnen nachmachen.« »Jetzt ist Wasser im Boot! Es geht tief! Seht nur, wie händeringend sie um Hilfe bitten!« »Valentin, komm' her zu mir!« ertönte es aus dem angsterfüllten Herzen der Großmutter. Aber der Knabe hörte und sah nichts als den Sturm, die Wellen und das Boot. »Sie gehen unter, wenn ihnen keiner zu Hilfe kommt!« rief Georg. »Dort, dort kommt eines! Jetzt ist's verschwunden! Nein – es ist wieder oben! – Die kecke Annaliese! Hurra!« »Von drüben kommt noch eins! Aber was nützt's? Sie sind alle zu weit ab! Gott sei uns gnädig! Der Blitz ist senkrecht ins Wasser gefahren, dicht daneben! Nun gerät das Boot auch noch in die Wellen des Dampfschiffes. Es muß schon voll Regenwasser sein! Hört ihr den jämmerlichen Hilferuf?« sagte Valentin. Es ist eine Schand', so dazustehen; ich schäm' mich vor der Annaliese und gar noch recht vor unserem Herrgott!« rief Fischmeisters Georg. »Ich auch!« ächzte Valentin. »Komm' mit, drunten liegt mein Boot, mit einem Katzensprung sind wir dort!« »Valentin, Valentin, denk' an deinen Vater!« flehte die Großmutter. Georg war bereits davongeeilt, und Valentin wollte ihm folgen, als diese Mahnung ihn erreichte. Nun blieb er stehen, sein Gesicht glühte, er sagte mit zitternder Stimme: »Großmutter, laß mich fort, ich kann nicht bleiben, ich halt's nicht aus!« Diese aber flehte: »Bleib', bleib'! Andere willst du retten, aber deine blinde Großmutter, die niemand hat als dich, willst du darüber zugrunde richten! Erbarme dich meiner, ich sterbe vor Angst, wenn du gehst!« Es klang so bittend, so jammervoll aus diesem alten, von Kummer heimgesuchten Herzen, daß Valentin langsam zurückkehrte, aber nicht mehr zum Geländer, sondern zur Bank, wo die Blinde saß. Krampfhaft umfaßte sie des Knaben Hand, und er fühlte ihr Zittern. Bonifaz dagegen hatte den Posten nicht verlassen und schrie jubelnd: »Der Georg ist vom Land gestoßen! – Er zwingt's! – Der Sturm läßt etwas nach! – Peter kommt von rechts, aber Georg ist um sechs Ellen voran! Die Annaliese erlahmt, sie kann nicht weiter, der Sturm hat ihr das Ruder weggerissen!« Valentin stöhnte laut, und seine Finger wanden sich unter jenen der Großmutter. »Der Peter wendet sich und kommt der Annaliese zu Hilfe!« rief Bonifaz. »Das Segelboot, wie steht's mit dem?« schrie Valentin. »Unser Georg ist dicht daneben! – Noch ein paar Ruderschläg'! Er hat's erreicht, juchhe! Aber 's ist allerhöchste Zeit. Die Stadtfräulein steigen zu ihm herüber, und ihr Boot ist gar nicht mehr zu sehen, das Wasser reißt's fort.« Valentin fühlte seine Hand befreit. Er eilte ans Geländer, und die beiden Knaben jubelten in Wind und Regen hinaus, während die Blitze sie umzuckten und der Donner rollte. Die Alte atmete erleichtert auf und wandte das Gesicht mit fast seligem Lächeln nach ihrem Enkel, der heute sein Opfer der Kindesliebe dargebracht hatte. Der Sturm tobte sich allmählich aus, der Regen strömte ruhiger hernieder, und sogar ein greller Sonnenstrahl drang zwischen den dünner gewordenen Wolken hervor, sodaß ein wundervoller Regenbogen sich zu gestalten begann. Nach einer Viertelstunde spannte er sich über Schloß Berg, und jenseits glänzten Wald und Wiese im Frühlingsgrün. »Valentin, können wir noch nicht heimgehen?« fragte die Alte, und beide wendeten sich gegen den Wald. Valentin blickte freilich oftmals zurück, und die Blinde ahnte nicht, wie sehnsüchtig es den Knaben nach dem Landungsplatze zog, wie gar so gerne er mit Georg gesprochen hätte. Auf dem Heimwege sagte sie noch: »Ich danke dir, Bub'! Jetzt weiß ich gewiß, daß du Wort hältst und ich dir vertrauen kann.« Am späten Abend kamen Bonifaz und Georg wieder zu dem Kameraden, denn es gab etwas zu berichten und zu zeigen. Georg hatte als Retterlohn von einer der Damen ihre Uhr erhalten. Valentin betrachtete sie wohlgefällig und sagte freudig: »'s ist wohl verdient und ich gönn' dir die Uhr. Aber daß du sie gerettet hast, darum beneid' ich dich! Wäre meine Großmutter nicht gewesen ...« Er hielt inne und dachte: »Ich bin ja nun bald 15 Jahre!« Dann kehrte er besänftigt zur Großmutter aufs Hausbänkchen zurück. Valentin überschaute den Horizont und die Berge, dann rief er: »Wir bekommen wieder schlechtes Wetter! Eine Woche schön und zwei Wochen dafür schlecht! Da werden die Städter wohl daheim und die neuen, schönen Häuser leer bleiben.« V. Die Wunder des Meeres. Valentins Befürchtung schwand mit den vorüberziehenden Wolken. Kaum hatte die Sonne wieder einige Tage geschienen, so brachte auch die Eisenbahn Scharen von Sommerfrischlern und füllte alle Häuser Starnbergs. Das Dampfschiff verteilte die übrigen am linken und rechten Ufer bis zu den Höhen hinauf, sogar in die kleinsten Häuser. Auch in Valentins Nachbarschaft gab es Sommergäste. Die Familie eines Professors bezog am l. August mit Beginn der Ferien eine solche Villa. Gab's darin auch wenig Raum, so lag ja ringsum die grüne Wiese, der Wald und im Hintergrunde die blaue Gebirgskette, tief unten der blinkende See. Valentin hatte mit lebhaftem Interesse aus der Ferne die Ankömmlinge beobachtet, denn es befanden sich dabei zwei Knaben, nicht viel älter als er selbst. In den ersten Tagen waren sie wenig zu Hause und durchstreiften die Gegend nach rechts und links. Dann aber blieben sie länger auf dem Hügel, riefen sich Oskar und Günter und verweilten auf den Hausbänken, wo sie lasen. Bei diesem Anblicke kam Valentin immer näher, und der Zufall oder die Neugier führte ihn häufig dort vorüber. Am fünften Tage stand eben die Köchin unter der Tür, als er vorbeiging. Sie rief ihm zu: »Bist du vielleicht der Valentin, der Botengänge macht?« »Ja!« war seine freudige Antwort, und mit einem Sprunge folgte er dem Rufe. Er wurde nun förmlich gedungen, sich morgens und abends einzufinden, um das Nötige zusammenzutragen. Anfangs nahmen Oskar und Günter keine Notiz von dem Fischerjungen und sahen ihn über die Achsel an. Einmal aber tat Valentin, freilich in anderer Art, das gleiche: er blickte verstohlen den beiden Knaben über die Schultern, als sie auf dem Hausbänkchen saßen, die Köpfe zusammensteckten und in einem Buche blätterten. Er stieß einen Schrei des Entzückens aus bei dem anblick von See-Ungeheuern, Muscheln und Korallen und lief nicht davon, als Oskar und Günter sich rasch zu ihm wandten und ihn erstaunt fragten: »Was willst du hier?« Valentin stotterte: »Verzeihen Sie, aber es ist gar so schön!« und er faltete unwillkürlich seine Hände. Da lächelte Oskar, denn das Buch war sein Eigentum, auf das er nicht wenig stolz war. Freundlich sagte er: »Willst's ansehen, Bub'?« und er schlug die Blätter auseinander, während Valentin seine leuchtenden Blicke darein versenkte. Günter, der Ältere, erklärte: »Das sind die Wunder des Meeres! « und nun ging es hin und her mit Fragen und Antworten. Immer stellte Valentin Vergleiche an zwischen seinem See und diesem Meere, und während die Studenten ihm Ausschluß gaben, empfingen auch sie Belehrung und Aufschluß über das Gewässer vor ihren Augen und schlossen schnell Kameradschaft, denn sie dachten, Valentin sei zu brauchen. Dieses Buch verdrängte alle anderen, die der arme Fischerknabe je gelesen hatte, und obwohl die Studenten ihm noch viele andere Bücher zeigten, begehrte er stets von neuem die ›Wunder des Meeres‹. Einmal wagte er die Frage, was es kosten möge, und erschrak über den hohen Preis. Dennoch überlegte er, wo er ging und stand, ob sein Botenlohn für zwei Monate nicht zum Ankaufe des Buches ausreiche. Aber er fuhr zusammen und errötete, denn dieses Geld gehörte ihm eigentlich nicht mehr, weil er darüber schon verfügt hatte. Die Großmutter brauchte notwendig einen Winterrock, und in Gedanken hatte er ihn bereits gekauft, hatte sich ihre Freude ausgemalt, sich herzlich mit ihr gefreut und jetzt – was wollte er tun? Das Buch, das prächtige Buch: er hätte es gar zu gerne besessen! Täglich verweilte Valentin länger bei der Professorsfamilie, – er hatte sich dort völlig heimisch gemacht. Alle hatten ihn gern, jedem war er nützlich. Der Vater fand Wohlgefallen an dem aufgeweckten Knaben, der für jegliche Belehrung Interesse zeigte. Die Mutter erfreute sich an dessen bescheidenem, gesittetem Benehmen und war beruhigt, wenn er ihre Söhne bei den mancherlei Ausflügen begleitete; diesen selbst wurde er geradezu unentbehrlich bei den neuen Vergnügungen des Fischfangs und Bootfahrens, denn Valentin hatte seinen Vetter gebeten, sie mitbringen zu dürfen. Es waren aber auch echte Professorskinder, und so machte es ihnen bei schlechter Witterung Vergnügen, dem staunenden Fischerknaben ihre Bücherschätze zu zeigen und ihre eigene Gelehrsamkeit auszukramen. Darüber vergaß er alles andere und bemerkte gar nicht, daß zwei Menschen von Tag zu Tag trauriger und stiller wurden: die Großmutter und Bonifaz. Viele Stunden saß die Blinde nunmehr einsam auf dem Hausbänkchen und schaute in ihre Nacht und schmerzliche Vergangenheit hinein. Sie wäre den ganzen Tag und Abend so dagesessen, wenn nicht Bonifaz seines Kameraden Stelle eingenommen, sie hinausgeführt hätte. Aber der vernachlässigte Freund grollte in seinem Herzen, schalt über Valentin und die Stadtherren und war kein sehr erheiternder Gesellschafter. Dann blieb er bei der Alten meist bis zu Valentins Heimkehr. Sobald dieser anrückte, verfinsterte sich das treuherzige Gesicht, und ohne Wort oder Gruß rannte er von dannen. Einmal hielt ihn Valentin fest und fragte: »Boni, was ist's mit dir? Was fehlt dir? Sag's!« Dieser aber machte sich mit Gewalt los und rief: »Was geht's dich an? Bleib' bei deinen Stadtbuben!« Da wurde Valentin zornig und schrie ebenso heftig: »Es sind junge Herren, daß du 's weißt!« Nun drehte sich Bonifaz um und höhnte wie ehedem: »So, junge Herren! Nun, gleich und gleich gesellt sich gern. Herr Valentin – fall' nit hin!« Der verspottete Knabe empfand einen tiefen Schmerz und ging langsamen Schrittes zur Großmutter. Als diese ihm erzählte, wie gut der Bonifaz sei, wie er sie umhergeführt und ihr die Zeit vertrieben habe, schwand aller Verdruß und Groll; er war seinem Kameraden wieder von Herzen gut und dachte: »Ich will's ihm nachher treulich vergelten!« Die schöne Ferienzeit entschwand bei so viel Vergnügen sehr rasch und war bereits zur Hälfte abgelaufen. Oskar und Günter hatten mit Valentin die ganze Umgebung des Starnberger Sees durchstreift; nur eines steckt ihnen noch im Kopfe: allein mit Valentin beim Vollmond in den See hinauszurudern. Bereits war seit ihrem Landaufenthalt Vollmond gewesen, sie hatten sich heimlich aus dem Haus geschlichen, hinab ans Ufer, um das herrliche Schauspiel zu genießen. Die große, orangegelbe Scheibe stand gerade über der Rottmannshöhe, und ihr zauberhaftes Licht zog eine breite Straße im See bis hinüber ans Ufer. Auf dieser Lichtstraße zu fahren, in diesem Glanz sich zu schaukeln, das kam ihnen vor wie ein Märchen aus ›Tausendundeine Nacht‹. Ja, diese eine Nacht wollten sie erleben und gern auf die anderen tausend Nächte verzichten. Während sich die Mondessichel abrundete, sprachen Oskar und Günter beständig mit Valentin davon und fachten auch seine Begierde mehr und mehr an. Jetzt war der Mond voll; aber Valentin kam immer wieder mit seiner Antwort: » Ich hab's der Großmutter versprochen, ich darf nicht ohne den Vetter hinausfahren! « Nur klang es von einem zum anderen Mal unsicherer, leiser. Seine neuen Freunde machten ihm alle erdenklichen Vorschläge und Vorstellungen: daß er besser und sicherer rudere als irgendeiner, daß keine Gefahr dabei sei. Valentin fuhr zornig empor: »Als ob ich mich fürchtete ! Es ist ja nur wegen der Großmutter!« Nun wiederholte Günter des Fischerknaben oft gebrauchtes Wort: »Sie sieht's ja nicht! « Valentin dachte: »Wahr ist's! Sie sieht's ja nicht! Ein Unglück kann auf dem ruhigen See nicht geschehen, und wenn die Großmutter keine Angst hat, ist's einerlei, ob ich im Bett lieg' oder auf dem See fahre!« In der nächsten Nacht ließ ihm die Erinnerung an die Vorstellungen der Professorssöhne keine Ruhe. Der Schlaf floh ihn, er schlich heimlich aus dem Bett zum Fenster und sah in das Mondlicht hinein. Bisher hatte er um diese Zeit geschlafen und von all der wundersamen Herrlichkeit nichts geahnt. Es zog ihn mit Gewalt hinaus, und er öffnete das Fenster. Die Großmutter erwachte von diesem Geräusch und rief: »Valentin, ist's schon Tag?« Der Knabe antwortete: »Nein, Großmutter, schlaft ruhig weiter, scheint nur der Vollmond, und ich hab' mir ihn betrachtet!« Dann schlich er in sein Bett zurück. Während dieser ganzen Nacht wuchs die Versuchung und war bis zum Morgen größer geworden als seine innerliche Kraft des Widerstandes. Am nächsten Tage fand er die beiden Studenten wieder vor den Wundern des Meeres , und sie lasen ihm vor, bis er ganz bezaubert davon wurde. »Wenn das meine Großmutter nur auch hören könnte!« dachte er und plötzlich wagte er die Bitte, ihm das Buch für ein paar Tage zu borgen. Selbst erschrocken über diese Kühnheit, senkte er das Haupt und bemerkte nicht den raschen Austausch von Blicken zwischen den beiden Brüdern. Oskar sagte: »Nein, borgen tu' ich dir's nicht! Aber weißt du was: kauf' mir's ab !« Da stotterte Valentin: »Woher das Geld nehmen?« »Kauf's ohne Geld!« rief Oskar und fügte mit Flüstern bei: » Rudere uns heute nacht in den See hinaus! Das ist der Preis für mein Buch .« Valentin wurde bleich und blieb zuerst sprachlos; um so lauter, um so heftiger redete sein Herz. »Nun?« fragte Günter und hob das heiß ersehnte Buch in die Höhe. Oskar rief: »Greif' zu oder du hast's zum letztenmal gesehen. Ich werf' es bei Almanshausen hinab und du müßtest ein kecker Taucher sein, um es vom Grund zu holen!« Jetzt tobte und hämmerte sein schwaches Herz und pochte: » Die Großmutter sieht's ja nicht !« Laut aber sprach er: »Gebt mir das Buch! Heute nacht um halb 12 Uhr könnt' ihr mich am Landungsplatz treffen!« Günter lachte: »Heute nacht die Fahrt und morgen früh das Buch! Abgemacht!« Die beiden streckten ihm die Hand hin, und Valentin schlug ein . VI. Die blinde Großmutter hat's doch gesehen! Valentin wandelte tagsüber wie im Traume und vermied seine Großmutter, bereitwilliger noch als sonst dem Ruf der Köchin folgend, welche ihm einen Auftrag erteilte, der ihn lang vom Hause fernhielt. Als er endlich heimkam, sagte die Großmutter: »Es muß schon spät sein, führ' mich in die Kammer, und dir wird die Ruh' auch gut tun, armer Bub'!« Wäre die Großmutter nicht blind gewesen, sie hätte sich über Valentins verlegenes Aussehen gewundert. Mit größter Sorgfalt geleitete er sie über die schmale Treppe in ihre Schlafkammer, kniete neben dem Bett auf den Boden, stützte seine Ellbogen auf den Stuhlsitz und verrichtete fast gedankenlos das gebräuchliche Nachtgebet. Er kam nicht einmal zum klaren Bewußtsein, als er die Worte sprach: »Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel!« Dann ging er in die Nebenstube, wo sein Lager stand und warf sich mit seinen Kleidern aufs Bett. Es verstrich kaum eine Viertelstunde, als er die gleichmäßigen Atemzüge der schlafenden Großmutter vernahm. Über seine Augen kam jedoch kein Schlummer. Deutlich drang der Glockenschlag durch die lautlose Nacht zu ihm herüber, und immer ungeduldiger harrte der Knabe des spät aufgehenden Mondes. Endlich erhellte sich die Kammer, aber er zögerte, durch die Stube der Großmutter zu schleichen. Ihm war's, als ob sie sich bewegt und seinen Namen gerufen habe. Da flüsterte der Versucher: »Das ist gerade recht, schleich' hinaus, und hört sie dich, dann sag': Hier bin ich, du hast mich gerufen!« Gedacht, getan. Der Mondschein beleuchtete auch das Lager der Großmutter, und ihr altes, liebes Gesicht erschien dabei so bleich wie im Tode. Da zögerte der Knabe; doch sein Versucher flüsterte: »Sie warten am Ufer, geh'!« Und Valentin ging. Geräuschlos verließ er das Haus und trat in den Zauberkreis einer Vollmondsnacht. Als nun aber die Turmuhr Mitternacht schlug, überkam ihn doch ein Grauen; ihm war's, des Vaters seliger Geist schwebe durch den Mondschein über dem See, – und so schrak er zusammen beim Anblick zweier Gestalten. Da rief ihm Günter entgegen: » Valentin, wo bleibst so lang? « Nun eilten sie zum Landungsplätze und bestiegen das Boot. »Mach' das Schiff los!« rief Oskar ungeduldig. Valentin löste es vom Pfahle und schlug mit beiden Rudern in die mondbeleuchtete Flut, daß es in dem aufspritzenden Wasser schimmerte. Da saßen sich die Knaben gegenüber, gleichsam in das Märchenreich versetzt. Die Nacht ist nicht für alle Wesen zum Schlummer geschaffen, seltsame Stimmen klangen durch die Stille. Ein Rauschen ging durch die Binsen, Frösche und Unken quakten, das Käuzchen rief kläglich dazwischen, ein Schrei tönte durch die Luft, der schwarzweiße Fischervogel schwirrte wie ein Pfeil hernieder, im Wasser plätscherte es, und hoch empor mit seiner Beute und hinüber zum Land entfloh der Räuber. Wie im Takte klang der Ruderschlag, und das Boot schwamm durch die leicht gekräuselte, glänzende Wasserstraße. Alles ringsumher schien in Gold und Silber verwandelt: der Kiel des Nachens, die beiden Ruder, die Tropfen, die davon herabspritzten. So fuhren sie eine Zeitlang umher und dann hielten sie. Zwei junge Herzen pochten voll Entzücken, denn was sie erlebten, übertraf ihre Erwartung. Einer aber, Valentin, konnte zu keinem ungestörten Genusse gelangen. Immer aufs neue schaute er zum Hügel und zum verlassenen Häuschen empor, wenn es der Mond recht hell beleuchtete, war's ihm, als ob es brenne. Dann plötzlich überkam ihn die Angst: »Ich hab' die Tür offen gelassen! Wenn ein Dieb sich hineinschliche und die Großmutter ermordete! Oder wenn sie vielleicht aufgewacht wäre, nach mir gerufen und mich dann in meinem leeren Bette gesucht hätte!« Die Angst schnürte ihm das Herz zu. Er vernahm nichts mehr vom Geplauder seiner Genossen, sondern wandte plötzlich das Boot heimwärts, obgleich Oskar und Günter noch lange nicht genug hatten an der Mondscheinfahrt. Da schlug es 2 Uhr, und sie erschraken über die späte Stunde. Wie schön klang der Ruderschlag! Die Studenten hätten gern dazu gesungen, aber Valentin sagte flehend: »Der Nachtwächter hört's, und wir werden verraten. Halb 3 Uhr war's, als sie landeten, stillschweigend den Hügel emporstiegen, einander zum Abschied die Hände reichten und Oskar flüsterte: »Morgen bekommst du die \>Wunder des Meeres\<. Du hast's verdient!« Valentin seufzte, ihm war's, als ob er etwas ganz anderes verdient hätte, und des Buches verlockender Reiz entschwand. Nachdem seine Befürchtung sich als unbegründet erwiesen und er die Großmutter schlafend gefunden hatte, ging er zu Bette. Aber kein Schlummer überzog seine Augen. Da vernahm er fast stöhnend der Blinden Ruf nach ihm. sogleich sprang er zu ihrem Lager und fragte: »Was ist's, Großmutter, fehlt Euch etwas?« Jetzt erwachte sie, erhob sich im Bette, tastete mit beiden Händen umher, bis sie den Enkel fand, und sagte: »Gott sei Dank, Valentin, daß du da bist. Ich hab' so ängstlich von dir geträumt. Morgen erzähl' ich's dir. Jetzt geh' wieder in dein Bett und schlaf' weiter!« Bald lagen beide im tiefsten Schlummer. Valentins gesunde Natur holte das Versäumte reichlich nach. Es bedurfte heute des Weckrufs der Großmutter: »Valentin, es hat schon das erstemal zur Kirche geläutet. Steh' auf, 's ist Sonntag!« Nun sprang er mit beiden Füßen zugleich aus dem Bette, wusch sich so kräftig, als ob es gelte, sich von jeder Schuld zu reinigen, kleidete sich sonntäglich, führte dann seine blinde Großmutter zur Kirche und kniete andächtig betend neben ihr. Nach dem Gottesdienste winkten Oskar und Günter ihm zu. Er verstand gar wohl, was es zu bedeuten habe, deshalb übergab er die Großmutter dem Bonifaz und bat, daheim auf seine Rückkehr zu warten, es gäbe etwas Neues. Valentin dachte nämlich an sein Buch und freute sich auf die Überraschung des Kameraden. Sein Ausbleiben dauerte eine lange Weile, Boni war ungeduldig geworden und fortgegangen. Die Alte saß gesenkten Hauptes im Lehnstuhle und fuhr bei Valentins raschem Eintritt erschrocken empor, indem sie fragte: »Bist du 's, Kind? Glaub' fast, ich hab' wieder geträumt! Der dumme Traum von heut' nacht will mir gar nicht aus dem Sinn. Horch' einmal, was ich geträumt hab'!« Der Knabe entgegnete fröhlich: »Recht so, Großmutter! Erzählt mir Euren Traum, hernach erzähle ich Euch meine Neuigkeit,« und er setzte sich auf die Eckbank neben dem Tisch, der Alten gegenüber. Die Großmutter begann: »Mir ist's gewesen, als ob ich wieder deutlich sehen könnt', und du bist vor mir leibhaftig gestanden wie dein Vater selig als Bub'. Da ist's in meinem Traum Nacht geworden, finster und still. Ich hab' nichts von dir gesehen, aber gemeint, du seiest nebenan in der Kammer. Auf einmal hör' ich schleichende Tritte, hör' die Stiege krachen, hör' die Haustür gehen und dann Mitternacht schlagen; zwölfmal hab' ich gezählt, alles nur im Traum, und dabei hab' ich gebetet: Alle guten Geister, lobet Gott den Herrn! Denn ich hab' mich schier gefürchtet und denken müssen, dein Vater sei ja auch dabei. Und wie ich so denk' im Schlaf, hör' ich rufen: » Wo bleibst so lang, Valentin? « und dann ist mir der Angstschweiß ausgebrochen, wie eben jetzt.« Die Alte schwieg, wischte sich die Stirne mit der Schürze, Valentin aber zitterte, und seine Schuld preßte ihm die Brust zusammen. War's wirklich ein Traum oder hatte die Großmutter doch gewacht? Nun fuhr die Blinde in ihrer Erzählung fort: »Ich denk' in meiner Angst: Der Vater holt seinen Buben, er zieht ihn zu sich hinab in den See, und ich ruf': »Herr Gott, hab' Mitleid mit einem armen Weibe! Und ich schrei' im Traum so laut, daß ich von meinem eigenen Geschrei erwache. Jetzt hab' ich gehorcht und gehorcht auf deinen Atemzug; aber du bist im ersten Schlaf gelegen, wo man nicht so leicht erwacht; ich bet' also ein Vaterunser und schlaf' darüber ein. Doch der Traum fängt von neuem an. Mir ist's, als hört' ich rufen: » Mach' das Schiff los! « Die Großmutter schwieg, und Valentin unterdrückte mühsam ein Stöhnen; denn: »Valentin, wo bleibst so lang?« und »Mach' das Schiff los!« hatten Günter und Oskar gerufen. Er rutschte von der Bank herab auf die Kniee, erhob seine gefalteten Hände, richtete die Augen in banger Erwartung auf die Großmutter, und Träne um Träne rann über seine Backen. Die Alte fuhr fort: »Da war mir's, als ob ich mit meinem eigenen toten Sohne um sein lebendiges Kind ringen müßte. Ich konnte mich aber nicht regen, ich lag wie festgebunden und rufe wieder laut: Valentin! und erwach' zum zweiten Male. Wieder horch' ich und vernehm' keinen Atemzug, und jetzt nützt alles Beten nichts mehr, die Angst ist übermächtig. Da denk' ich: Stehst auf, gehst hinein in seine Kammer und fühlst, ob er in seinem Bett liegt!« »Großmutter, seid Ihr aufgestanden!?« schrie Valentin mit Herzensangst. Sie schüttelte langsam den Kopf und erwiderte: »Nein, Bub, nein! Ich hab' zu mir selbst gesagt: schäm' dich, so mißtrauisch und argwöhnisch zu sein! Wohin käm's bei deiner Blindheit, wenn du nimmer vertrauen wolltest auf solch einen braven, guten, gehorsamen Buben, der mir nie ein Leid getan hat, der« – »Großmutter! Großmutter!« tönte es jetzt immer näher, und auf seinen Knieen rutschte der Knabe herbei, bis er sein in Tränen gebadetes Gesicht in ihrem Schoße barg. »Was ist dir nur, Kind?« fragte sie erschrocken, und er schrie förmlich: »Alles ist so, wie Ihr's geträumt habt, Großmutter, nur das vom Vater nicht! Ich bin mit dem Oskar und Günter auf dem See um Mitternacht beim Mondschein gefahren! Ich bin nicht in meinem Bett gelegen! Verzeiht mir nur dies einzige Mal, sonst bricht mir das Herz vor Reue und Scham!« Die Alte schwieg. Ihre Hände zitterten auf dem Haupte des Knaben, und dieser weinte nun laut. Dazwischen tickte die Schwarzwälder Uhr und erzählte der Blinden eine ähnliche Geschichte aus der Kindheit des toten Vaters, wie er auch einmal ungehorsam gewesen war und dann reuig vor ihr gekniet hatte. »Ich hab's ihm verziehen, und doppelt brav ist er hernach geworden!« flüsterte sie. Der Knabe hatte diese Worte vernommen und auf sich bezogen. Er richtete sich empor und rief: »Ja, Großmutter, seid barmherzig und verzeiht mir! Gewiß, ich will dann doppelt brav werden.« »Ich verzeih' dir, Kind!« sagte die Alte mit bewegter Stimme. Dann fügte sie sanft und milde hinzu: »Ich hätt' nicht so eigennützig sein und dir etwas verbieten sollen, was andere deines Alters tun und was kein Unrecht ist. Valentin, künftig rudere in Gottes Namen in den See hinaus, aber denk' an deine Großmutter und daß du ihr einziges Augenlicht bist. Dein Schutzengel sei mit dir. Amen! – Und jetzt, Bub', erzähl' mir alles aufrichtig.« Der Knabe atmete wieder, von Schmerz befreit, auf, er zog den Fußschemel heran und berichtete von der Mondscheinfahrt. Zum Schluß brachte er sein Buch und wollte gleich etwas daraus vorlesen. Aber die Blinde schüttelte verneinend ihr Haupt und sprach: »Es ist und bleibt ein Sündenlohn .« Valentin schaute ganz erschrocken drein, dachte nach und dann legte er traurig das Buch beiseite. Die Großmutter sagte nach einer Weile: »Über unserem Geplauder hab' ich ganz vergessen, daß du gewiß bei den Professorsleuten etwas zu besorgen hast.« »Ja, Großmutter!« antwortete Valentin. Dann nahm er das Buch unter den Arm, ging nochmal zur Blinden, reichte ihr die Hand und rief freudig: »Ich komm' aber gleich wieder, damit Euch die Zeit nicht lang wird und Ihr nimmer an den bösen Traum denkt.« Als Valentin dort anlangte, wies ihn die Köchin mit einem bedeutungsvollen Blicke in des Herrn Stube. Bescheiden klopfte er an und trat ein, bei der Tür stehen bleibend. Oskar und Günter standen dort und wagten nicht, den Kopf zu heben, denn der Vater hatte eben seinen strengen Verweis beendet und sagte nun: »Jetzt bittet den Valentin um Verzeihung, daß ihr ihn verführt habt!« Der Knabe kam ihnen jedoch zuvor und rief mutig: »Nein, Herr Professor, ich bin schuld, ich hab' das Buch haben wollen, und das Buch hat mich verführt! Darum bringe ich's dem Herrn Oskar zurück!« »Wack'rer Junge!« sagte der Professor und fügte hinzu: »Dem Oskar gehört das Buch nicht mehr; wenn du es also nicht behalten willst, so gib es mir. Aber ich merk', du hast noch etwas zu sagen; nur frei heraus mit der Sprache!« »Gnädiger Herr, ich möcht' nur bitten, jagen Sie mich deswegen nicht fort! Ich hab' von Oskar und Günter so viel gelernt, wir sind zusammen so lustig gewesen, und jetzt nimmt's solch ein böses Ende!« Tränen rannen über Valentins Wangen; er küßte des Professors Hand. Dieser war gerührt von des Knaben Treuherzigkeit und rief lebhaft: »Hoffentlich lernen meine Söhne von dir, wie man ein begangenes Unrecht erkennt und bereut. Seid nunmehr die übrige Zeit recht brav und fröhlich beisammen!« – Valentin war noch nicht fertig. Er blickte fragend empor, bis der Professor sagte: »Was hast noch auf dem Herzen, Valentin?« Dieser bat: »Darf der Bonifaz nicht auch dabei sein? Er ist mein bester Kamerad und hat so gut für meine Großmutter gesorgt. Herr Professor, er ist viel braver als ich!« Dieser lächelte und sagte: »Recht so! und vergeßt die alte, blinde Großmutter auch nicht!« Nun sprangen die Knaben fröhlich in den Sonntagsmorgen hinein, holten den Bonifaz und gingen alle mitsammen zur Blinden, um ihr den guten Ausgang zu erzählen. Am Nachmittag gab sie ihren vereinten Bitten nach, ließ sich zu ihres Sohnes Boot führen und nach langer, langer Zeit wieder fuhr sie auf dem See, gerudert von ihrem Enkel Valentin. Nur zu bald kam der Abschied, denn die Ferien gingen zu Ende, und die Professorsfamilie mußte in die Stadt zurückkehren. Valentin erhielt von der Frau Professorin fünf blanke Guldenstücke zum Winterrock für die Großmutter; der Professor aber reichte ihm das verhängnisvolle Buch mit den Worten: »Das ist mein Geschenk, der Lohn für die wackere Kameradschaft.« Valentins Gesicht glühte vor Freude, als er des Professors Hand küßte und seinen Dank stammelte. Er konnte sich das Vergnügen nicht versagen, einen Blick in das teure Buch zu werfen. Dort, auf dem ersten weißen, ehedem leeren Blatte stand nun, von des Professors eigener Hand geschrieben: Fahr' kühn hinaus mit deinem Kahn Auf dieses Lebens Ozean! Ein guter Wind sei dein Begleiter Und über dir der Himmel heiter! Im Sturm und in finst'rer Nacht Komm dir zu Hilfe Gottes Macht; Nach seinem Leuchtturm mögst du schauen Mit unverwandtem Gottvertrauen! Verschließ' dein Aug' zu keiner Zeit vor dieses Meeres Herrlichkeit! Der Wunder gibt's in reicher Fülle Und Perlen in der Muschel Hülle. Nur sei und bleib' auf steter Hut Mit frommem Sinn und starkem Mut, Daß jenseits du vom Ozeane Auch sicher landest mit dem Kahne! Der Haussegen. I. Der langgezogenen, bläulichen Alpenkette gegenüber steht auf grünen Matten, abseits vom Marktflecken und durch einen klaren, schilfumsäumten Forellenbach getrennt, ein stattliches Haus. Der wohlgepflegte, parkähnliche Garten, der große, von Glasscheiben und Vorhängen umschlossene Balkon, die mit Blumen und wilden Reben umrankte Veranda, sowie die vollständige Sauberkeit des Hofraumes lassen deutlich erkennen, daß es kein bäuerlicher Besitz, sondern eine Villa im Gebirgsstile sei, eben diejenige mit dem »Haussegen«. Wer kennt nicht die verschiedenen Arten dieses frommen Gebrauches? Bisweilen ist es ein am Giebel angebrachter Vers, dann wieder ein großes, geschnitztes Kruzifix in der Stubenecke oder in goldener Umrahmung. Die oben bezeichnete Villa hat jedoch eine andere, bewegliche Art, in jedem Raume abwechselnd waltend, und jetzt eben erscheint dieser Haussegen auf der Veranda. Von einem erwachsenen Fräulein geschoben rollt ein Korbwagen durch die Haustür, und darin sitzt aufrecht ein achtjähriges Mädchen mit klugen, braunen Augen, vollen Wangen, rosigen Lippen, blühender Gesichtsfarbe: kurz gesagt, ein Bild der Gesundheit und des kindlichen Frohsinns. Nun steht der Wagen. Die große Schwester läuft ab und zu, bringt dies und jenes, bis eine reiche, eigene Welt sich um das Kind gestaltet hat. Es braucht nur die Hände nach rechts und nach links zu strecken, und in seinem Bereiche sind Bilderbücher, Puppen, bunte Wolle oder Bänder, Nadel, Faden, Schere; es braucht nur die Augen aufzuschlagen, da hüpft auch schon Sisi dicht an die Stäbe des Käfigs und pipst, da erhebt sich die weiße Katze aus ihrer schläfrigen Ruhe und schleicht heran, da sitzt aufrecht mit erhobenen Pfötchen der kleine Rattenfänger Monkei. Aber warum entsteigt das Kind nicht dem engen Raume und springt in den weiten Garten hinaus, der ein noch schönerer Spielplatz ist? Warum läßt es sich von der Schwester bedienen und holt sich nicht selbst alles aus Feld und Haus? Ach, trotz des gesunden Aussehens fehlt der Kleinen doch etwas: die Füße sind beinahe gelähmt! Aber wir wollen nicht klagen. Wer weiß, ob sie ohne dieses Gebrechen der Haussegen geworden wäre! Bevor ich hiervon weiter erzähle, muß ich in die Vergangenheit zurückgreifen und von den Eltern der beiden Mädchen berichten. Sie besaßen einen ganzen Schatz von Glück: Schönheit, Jugend, Gesundheit, vornehme Geburt, hohe Amtsstellung, die Gattin ein hübsches eigenes Vermögen, und eben war dazu ihr erstes Kind geboren, freilich ein Mädchen, denn weil das alte Adelsgeschlecht auszusterben drohte, wurde ein Knabe als künftiger Stammhalter sehnlich erwartet. Doch man gab diesem Mädchen den Namen Gabriele , eingedenk der alten Sage, dann folge gewiß bald ein Knabe darauf. Mehrere Jahre ließ jedoch dieser Knabe auf sich warten, und als nun gar der Majoratsherr plötzlich starb und Gabrielens Vater an dessen Statt die Familiengüter übernahm, steigerte sich natürlich das Verlangen nach diesem Stammhalter, und der Jubel war unbeschreiblich groß, als man ihn mit nächstem erwarten durfte. Doch während der Zeit des Erwartens zogen schwere Sorgenwolken über ihre Häupter. Die Majoratsgüter waren gänzlich verschuldet, Äcker, Wiesen, Wälder in vernachlässigtem Zustande, die sämtlichen Gebäude ganz baufällig; von einer Woche zur anderen mehrten sich die übernommenen Verpflichtungen. Anstatt ein reicher Mann geworden zu sein, verarmte der Besitzer vielmehr, denn seinen einträglichen Staatsposten hatte er beim Antritt der Majoratsgüter niedergelegt. Kummer und Ärger zehrten an seiner Gesundheit, und er fühlte, daß er diese Kämpfe und Arbeiten unmöglich zum glücklichen Ende bringen könne. Da fürchtete er sich förmlich vor der Ankunft seines Stammhalters. Und – er blieb aus! Dagegen erschien ein rundes, gesundes Mädchen, weil aber für den Ankömmling bereits der erbliche Name Franz bestimmt war, trug man ihn auf das Mädchen über und taufte es Fränzchen . Und jetzt schon, wo es nichts als schlafen oder Grimassen schneiden konnte, wurde das kleine Ding der Haussegen; war ja doch der Vater befreit von der Sorge für seinen Stammhalter. Nun stand er oftmals vor der Wiege und beobachtete das körperliche und geistige Erwachen des Kindes und dachte wieder an etwas anderes als an Schulden und Geld, wenn die Arbeitsleute in die Stube drängten und ihm den heißen Kopf noch heißer schrieen, horchte er plötzlich auf die feine Kinderstimme, sprang auf, machte sich gewaltsam »eine Gasse« und ließ alle stehen, um ins Kinderzimmer zu eilen und nachzuschauen. Wenn er zurückkehrte, hatte sich der Kopf abgekühlt, und wie sein Kind vom Weinen zum Lächeln übergegangen war, lächelte auch er und dachte: »Was kümmert es mich, ob das alte Majorat zugrunde geht! Ich besitze ja keinen Stammhalter, und mein eigenes Leben wird es schon noch ausdauern.« Aber solange man noch lebt, muß man ein schützendes Dach über seinem Haupte haben, und das Schloßdach gewährte nicht den mindesten Schutz. Die Gutskasse war leer; somit griff er zum Vermögen seiner Frau, um die nötigen Ausbesserungen zu machen. Doch es wurden deren so viele nötig, daß es bald gänzlich in dem alten, nunmehr wieder stattlichen Schlosse stak, wohl verbrieft und pünktlich eingetragen. Natürlich gab dieses dem Gutsherrn viel zu denken, verscheuchte ihm Schlaf und Appetit und machte ihn wortkarg. Er wurde von Tag zu Tag bleicher und magerer; alles reizte ihn und trieb den gefürchteten roten Fleck auf seine hohlen Wangen. Die achtjährige Gabriele schlich bei seinem Eintritt aus dem Zimmer, um in Hof und Garten ungestört zu springen, zu jubeln und zu spielen. Selbst die Gattin sah ihn forschend an, ob sie dieses oder jenes vorbringen dürfe, ohne ihn zu reizen. Nur ein Wesen im Hause fürchtete ihn nicht und fragte nicht das mindeste nach seiner finster bewölkten Stirne: das kleine, nunmehr zweijährige Fränzchen. Bereits begann es in jener nur den Eltern verständlichen Sprache, mit Weglassung aller unbequemen Laute, zu reden. Sein erstes Wort war zärtlich und liebkosend: »Papa!« Dann kam, begleitet vom fragenden Mienenspiel, noch dazu: »Wo Papa?« Die Fingerchen lockten ihn von weitem, die Arme streckten sich nach ihm aus, in welcher Umgebung er auch weilen mochte; bei seinen Gehversuchen fiel es in seinem Liebeseifer nicht selten, um ihn rascher zu erreichen, und wenn er dann erschrocken herbeisprang, lachte es ihm entgegen. Überhaupt verstand es sich besser auf das Lachen, als auf das Weinen; es leuchtete um das Kind der Sonnenschein von Glückseligkeit. Sobald die Kleine in des Vaters Nähe kam, war er gleichsam vergoldet von diesem Sonnenschein, der die finsteren Wolken zerteilte. Die Gattin sorgte eifrig dafür, daß es oftmals geschah. Sie hatte bisher vergebens alle erdenklichen Mitttel angewendet. Da der Arzt auf eine reichlichere Ernährung drang, forschte sie in den alten mütterlichen Kochbüchern nach den dort angegebenen Speisen, die so wundersam wirkten. Er lächelte bei ihrem Anblicke und belud seine Teller damit. Doch nach einem Versuche schob er sie wieder beiseite und seufzte. Da brachte die Mutter eines Tages Fränzchen mit zu Tische, und das schmeichelnde Ding rutschte alsbald vom Sessel auf Papas Knie. Es griff mit unersättlichem Kinderappetit nach allem, und wenn er sich nicht beeilte, war sein Teller unversehens leer. Aus väterlicher Fürsorge beeilte er sich nun erstaunlich, und weil Fränzchen ihn so sehr liebte, schob es ihm noch jeden zweiten Bissen in den Mund. Aber noch anderweitig mußte die Kleine dienen. Der Verwalter benützte die Anwesenheit des Kindes und die heitere Stimmung des Vaters zu Vorschlägen, die auf Hindernisse und Bedenken stießen und doch ausgeführt werden mußten; die Untergebenen wählten solche Augenblicke, um eine Ungeschicklichkeit oder ein Versehen einzugestehen, wenn er aber zu lange am Arbeitstisch gesessen, lenkte die besorgte Gattin die Gedanken des Kindes auf Papa hin, und dann trippelte Fränzchen eilig fort. So leise die Schritte einher kamen, so leise das Kind anklopfte: es wurde doch gehört und herein gerufen. Dann war's vorbei mit der Arbeit, mit Sorgen und Verdruß! Dann mußte er spielen mit seinem Kinde, sei es in der Stube oder im Garten; dann mußte er alle zerbrochenen Dinge »ganz machen«. Von Tag zu Tag entfaltete sich das Kind lieblicher, und wer in seine Nähe kam, wußte Geschichten davon zu erzählen. Es gab so viele Züge der Herzensgüte zu berichten; wie Fränzchen seine Puppen so mütterlich hegte und pflegte, sie niemals herumzerrte, sondern sanft ins Stühlchen setzte, ihre Kleider glatt strich und ihnen dann alle selbst empfangenen Lehren wiederholte; wie es erschrak, wenn eine seinem Arm entschlüpfte und auf die Stirne fiel; wie es dann so zärtlich diese Stirne küßte, bis es nicht mehr wehe tat. Man erzählte, wie die Kleine herbe Reuetränen weinte, weil sie unvorsichtig die weiße Katze getreten und das zerkratzte Händchen ohne Klage verbarg; wie so zärtlich sie die Schwester umhalste und mit Innigkeit sagte: »Gute Schwester, gute Gabriele!«; wie fest sie das Händchen auf die Lippen drückte, um den Kuß weit hinauszuwerfen; wie rasch sie alles bemerkte, wenn der Mama etwas entglitt, und wie sie eilig danach trippelte, es aufzuheben; wie ihr angeborner Ordnungssinn kein Stäubchen duldete; wie sie jedes Tier und jede Blume schonend und sanft berührte; wie sie Papas faltenreiche Stirne rieb und dabei schmeichelnd ermahnte: »Gut sein, Papa! nit bös Gesicht machen!«; wie sie fast scheu auf seine bleichen Wangen schaute, mit beiden Händen in die rote Rübenbrühe fuhr, damit seine Wangen färbte und triumphierte: »Nun is Papa sön, wie Mama!«; wie sie für Sisi den Zucker vom Munde nahm, und es schmeckte doch so gut; wie sie jedem die Hand entgegenstreckte, arm und reich, und jedem gab, was es verlangte; wie sie so flehentlich »bitte« und »danke« sagen konnte und wie sie niemals zögerte, einzugestehen, daß »Fränzi bös 'wesen, nun aber gut sein wolle«! O, es gab hundert Dinge gegenseitig zu berichten, und immer länger weilte der kranke Mann nach Tische bei seinem Lieblinge, seinem Augentroste, seinem Haussegen, wie er einmal das Kind selbst nannte, indem er beifügte: »Was fingen wir nur an ohne sie! Wir vermöchten vor dunklen Sorgen den Himmel nicht zu sehen!« Und als ob er nicht ungerecht gegen Gabriele sein wollte, sagte er noch: »Fränzchen bedarf ja unser auf Schritt und Tritt; aber mein braves, großes Mädchen steht bereits wacker auf eigenen Füßen.« Ja, das Kind war des Mannes letzte Freude und entlockte sogar noch den sterbenden Lippen ein Lächeln. Als alle an seinem Lager standen, als die Kleine, nichts ahnend von dem bitteren Ernste dieser Stunde, nach dem goldblinkenden Sterbkreuze die Hand ausstreckte, segnete er damit sein Kind, entzog es ihm und flüsterte wehmütig lächelnd: »Für mich – das Kreuz, – für dich – der Segen.« Dann schloß er seine Augen für immer; das Lächeln aber blieb auf den Lippen. Ja, der Vater hatte sein Fränzchen mit dem Kreuz gesegnet, wie wir bald erfahren werden. II. Viele Tage lang war die Mutter krank vom Schmerze und den Nachtwachen, sie wollte nicht einmal ihre Kinder sehen. Als sie dann wieder im schwarzen Traueranzuge auf dem Sofa lag und Fränzchen im gewöhnlichen weißen Wollkleide an der Hand ihrer Schwester hereintrippelte, so unbewußt des Vorgefallenen, wendete sie sich zur Wand, um ihre hervorstürzenden Tränen zu verbergen. Die beiden Mädchen blieben scheu und erschrocken stehen, und als die Mutter immer noch nichts sagte, zupfte Fränzchen am Kleid der Schwester und flüsterte: »Mama schläft, komm', fort, fort!« Dann küßten sie der Mutter schlaff herniederhängende Hand und eilten in den Garten. Die Mutter aber war froh darüber, weil sie jetzt ungestört ihrem Schmerze nachhängen konnte; sie tat es immer mehr und mehr und wurde immer stiller und in sich gekehrter. Die Kinder aber liefen ab und zu, vom Garten ins Zimmer, hinaus und wieder hinein. Fränzchen erzählte der Mama vom Sonnenschein, von den Hühnern, den Spatzen, von hundert Geschöpfen und Dingen, und bekam als Antwort nur ein Lächeln. Da wandte es sich zu Gabriele und sagte heimlich: »Die Mama hört nichts mehr!« Ein anderes Mal, als sie ihr eine Blume brachten und die Mutter ebenfalls lächelte, aber die Blume nicht einmal ansah, flüsterte es wieder: »Die Mama sieht nichts,« und zog seine Schwester aus dem Gemach. Ja, draußen war's freilich schöner und heller. Die Oktobersonne verrichtete Wunder der Vergoldung an allen Gegenständen, besonders an den langen Silberfäden, die sich durch die Luft zogen, ohne daß man entdecken konnte, wo sie befestigt waren. Sie umwoben jeden Strauch und Baum, ja sogar die eigene Hand und das Gesicht. Ganz plötzlich erwachte in Fränzchen eine Erinnerung. Welches dreijährige Kind hätte je den Christbaum vergessen, besonders einen solchen, wie Fränzchen ihn gesehen hatte, vom Boden zur Decke strebend, durchzogen von Gold- und Silberfäden, die alle zum Gipfel hinaufreichten, wo der Weihnachtsengel mit den goldenen Flügeln thronte! Nun fragte die Kleine plötzlich: »Gabriele, woher kommen diese Fäden und wer spinnt sie?« Die Schwester antwortete: »Das sind Marienfäden. Im Himmel droben spinnt die Mutter Gottes sie fürs Hemdchen des Jesuskindes; denn weißt du, bald wird's Weihnacht; dann aber kommt das Christkind wieder vom Himmel herab zu uns.« Weihnacht, Jesuskind, Himmel, Christbaum! – unerschöpflich für Kinderfragen. Fränzchen wollte alles genau willen, und Gabriele strengte ihre Phantasie aufs äußerste an, um die Fragen zu beantworten. Die Kleine mochte gar nicht mehr fort von diesen Himmelsfäden; die trauernde Mutter sah ihre beiden Kinder immer seltener und versenkte sich immer mehr in ihren Schmerz. Nach drei Wochen ging's jedoch mit dem »Altweibersommer«, diesen letzten schönen Herbsttagen, zu Ende. Da kam die Mutter zum erstenmal wieder zu Tisch. Er war gedeckt wie ehedem; nur des Schloßherrn Lehnstuhl stand nicht an seinem Platze, sondern in der Nische. – Fränzchen hatte bisher nicht nach dem Vater gefragt; jetzt aber schaute es sich suchend um und rief, indem es nach dem Lehnstuhle deutete: »Wo ist Papa?« Eine lautlose Pause entstand, Gabriele blickte ängstlich nach der Mama. Endlich sagte diese: »Fränzchen, Papa ist im Himmel droben.« – »Wann kommt er wieder herab?« fragte das Kind mit der Miene sehnender Erwartung. Die Mutter schüttelte das Haupt und antwortete mit einem tiefen Seufzer: »Papa ist für immer fort; vom Himmel kommt keiner wieder.« – Aber Fränzchen wußte das besser. Es erwiderte geheimnisvoll und triumphierend: »Warte nur, er kommt schon wieder! Das Christkind kommt ja auch!« – Dann, wie auf eine plötzliche Eingebung, fügte es bei: »Er ist nur zum Christkind gegangen, um unsere vielen Sachen zu bestellen. Mama, geh du auch in den Himmel und hol' ihn ab!« Gabriele erschrak, die Mutter dagegen lächelte wehmütig und sagte: »Nein, nein, vom Himmel darf niemand mehr herab als das Christkind und die Engelein. Soll ich auch in den Himmel gehen, wie Papa?« Bei diesen Worten überkam Fränzchen eine Angst. Es rutschte von seinem Sessel auf den Schoß seiner Mutter, schlang die beiden Arme um deren Hals und rief mit von Tränen halb erstickter Stimme: »Nein, nein – nicht fortgehen, da bleiben! – bitte, Mama, da bleiben!« Auch Gabriele, die den Sinn dieser Worte viel besser verstanden hatte, war zur Mutter getreten. Vier Kinderarme hielten sie umschlungen; zärtliche Küsse bedeckten die beiden Wangen; die liebenden Herzen pochten aneinander, und die trauernde Witwe empfand wieder den süßen Reiz des Lebens. Ja, sie mußte bei ihren Kindern bleiben, nicht allein mit dem Leibe, auch mit dem Herzen, mit dem Geiste, und sie raffte sich auf, beschwichtigte die Kinder und lenkte ihre Gedanken aufs liebe Christfest, indem sie sagte: »Natürlich muß ich hier bleiben; wer würde sonst die Lichter am großen Baume anzünden?« – Dann gab sie dem Bedienten ein Zeichen, und er schob den Lehnstuhl herbei. Jetzt setzten sie sich alle zu Tische, Gabriele sprach wie gewöhnlich das Gebet, und hierauf jubelte das Fränzchen mit einem Blick auf die Mama im Lehnstuhl: »Jetzt bist du der Papa und die Mama!« Von diesem Tage an war die Mutter wie umgewandelt; ihr »Haussegen« hatte diese Umwandlung vollbracht. Nur das schwarze Kleid mahnte noch an die vorangegangene Trauerzeit, sie aber plauderte, scherzte, spielte, arbeitete mit ihren beiden Kindern, als ob sie wirklich Papa und Mama in einer Person vorstelle. Fränzchen rief nun triumphierend: »Jetzt hört und sieht Mama wieder!« Besonders aber tat die Schloßfrau viel Heimliches in einer Stube, auf deren Tür ein Weihnachtsengel angebracht war. In der Kinderstube versah Gabriele das Amt einer Gouvernante, und wenn die Lust am Spiele nachließ, kamen kurze Verslein zum Auswendiglernen an die Reihe. Jetzt gerade hieß es: Ein Auge ist, das alles sieht, Was in der ganzen Welt geschieht, und Gabriele erklärte, es sei das Auge Gottes, das vom Himmel herabschaue. In einer wundervollen Mond- und Sternennacht blickte die Mutter sinnend hinaus, Fränzchen stand vor ihr auf dem Fenstersims und tat desgleichen. Die Scheibe des Mondes war voll und goldglänzend, einen zauberhaften Lichtschein um sich verbreitend; ganz in seiner Nähe aber schimmerte ein großer Stern. Da streckte Fränzchen den Finger aus und rief jubelnd: »Ein Auge ist, das alles sieht, was in der ganzen Welt geschieht! Jetzt weiß ich's! Der Mond ist das Auge Gottes, und der Stern ist Papas Auge, denn er ist ja im Himmel beim lieben Gott. Gabriele, komm' her, sieh' nur, Papas Auge und Gottes Auge!« Die Mutter war tief ergriffen von der Auffassung ihres Kindes; während die beiden jubelten und Gabriele ihr Schwesterlein in diesem Glauben noch bestärkte, faltete die Witwe betend ihre Hände und blickte lange, lange zum Himmel empor, ja sie flüsterte sogar: »Ein Auge ist, das alles sieht, was in der ganzen Welt geschieht.« Von diesem Tage an war Papas Andenken wieder lebendig geworden in Fränzchens Geist; immer sprach es von ihm, was er getan und gesagt. Jeden Abend wollte es die beiden Augen sehen. Zur Zeit des Neumondes war es sehr beunruhigt, und in einer sternenlosen Nacht fragte es fast traurig: »Ist Papa böse auf Fränzchen?« Denn es hatte allerdings am Tage einiges Mißgeschick mit seinen Spielsachen gehabt und war dabei dem Rufe der Mutter nicht gleich gefolgt. Ja, die beiden Kinder wandelten unter dem Auge Gottes und dem ihres verklärten Vaters; Gabriele fühlte sich durch die beständige Mahnung ebenfalls in jener heiligen Nähe. Sogar die Witwe empfand himmlischen Trost und überirdische Kraft. Obwohl sie es besser wußte als ihre Kinder, obwohl Mond und Sterne für sie nur leuchtende Gestirne blieben, schaute sie doch lieber als je zuvor zum Sternenhimmel empor und verkehrte dabei im Geiste mit ihrem Gatten. Sie wollte aber die Poesie ihres Kindes um so weniger stören, als dieses dadurch Papas Andenken bewahrte und so vertrauensselig ihm ins goldene Himmelsauge blickte und ihm auftrug, dieses und jenes dem lieben Gott oder den lieben Engelein, den anderen kleinen Sternen zu sagen. Diese liebliche Kinderpoesie tat allen wohl und erhellte die Trauerzeit, daß man kaum etwas von ihr spürte. Sie war der »Haussegen«, und dieser war von Fränzchen ausgegangen. So kam das Weihnachtsfest heran mit all seiner wundersamen Freude, und es schien wirklich, als ob der himmlische Christmarkt seine Gaben ausgebreitet, als ob ein Auge, das alles sieht, die Herzenswünsche eines jeden im Schlosse erspäht hätte. III. In täglich sich erneuernder Fröhlichkeit entflohen den Kindern die Wintermonate mit Hilfe der Spielsachen, die das Christfest so reichlich beschert hatte; sogar ein Handschlitten befand sich darunter. Wenn die Sonne auf dem Schnee blitzte, daß Garten und Park einem Feenreiche glichen, so stieg Fränzchen, in ein Pelzmärtelkind verwandelt, in den Schlitten, den Gabriele dann unermüdlich weiter schob. Der Gärtner sorgte schon für eine glatte Bahn, und seine beiden Jungen standen lauernd am Wege, und weil sie ihr verlangen nicht deutlicher vorzubringen wagten, wieherte der Hans hinter dem Baume hervor. Gabriele verstand ihn nur zu gern; sogleich sah sie neben Fränzchen, und dahin sausten sie, zuerst einspännig, aber bald mit einem schellenbehängten Zweigespann, wenn sie heimkehrten, rosige Gesundheit im Gesichte, und vieles zu erzählten wußten, tat ihnen die Mama leid, daß sie nicht auch im Schlitten Platz hatte; aber Fränzchen rief: »Ich sitze auf dem Bock! Mama, bitte, fahre mit uns!« – Da gab sie Befehl, den großen Schlitten herzurichten, und nun fuhr sie mit ihren Kindern aus, zuerst ohne Ziel, dann zum alten Pfarrer, um ihm für die hundertfachen Beweise der Teilnahme zu danken; aber auch die Nachbarn hatten es nicht daran fehlen lassen, und so wurden die Schlittenfahrten auch zu diesen ausgedehnt. – Bald kam wieder heiterer Verkehr ins schloß, und die Kinder fühlten sich unsäglich beglückt, was einen rosigen Widerschein auf die Mutter warf. So verstrich der Winter; es regten sich die ersten Frühlingsahnungen in der Erde, und die Luft war absonderlich weich: aber dies bekam dem kleinen Fränzchen lange nicht so gut wie die Schneeflocken; das Kind verspürte eine beständige Müdigkeit, stundenlang saß es im Stühlchen, spielte mit Puppen und wollte nur Verschen lernen. Weil Fränzchen aber rosig aussah und schon beim Erwachen den Tag, die Mutter und jeden anlächelte, achtete niemand darauf, und als es eines Tages sagte: »Der Fuß da ist so ungeschickt, er will immer umkippen,« lachte Gabriele nur und erwiderte: »Und meine böse Hand macht einen Klecks um den anderen.« Bevor diese Veränderung der Schloßfrau bemerkbar wurde, trat ein Ereignis ein, das sie gänzlich von ihren Kindern abzog. Genau nach Ablauf eines halben Jahres – als ob es ausgerechnet und abgewartet worden wäre - kam ein Brief des neuen Majoratsherrn, eines unbekannten Vetters, ein sehr höflicher, mit schönen Redensarten geschmückter Brief, der nur mit verblümten Worten auf seine Rechte und die Absicht, sie nunmehr geltend zu machen, hinwies und mit der Ankündigung schloß, daß er am nächsten Sonntage persönlich der Witwe seine Ehrfurchts-Bezeugungen darbringen werde. Es war, als ob Fränzchens Mutter aus einem Traume erwachte; daran hatte sie bisher nicht gedacht. Ja freilich, der Vetter war in seinem vollen Rechte, aber dieser glatte, höfliche Brief berührte sie kälter als ein Eisklumpen, welcher Wärme zurückläßt, wenn auch eine brennende. Die rauhe, schmucklose Wahrheit mit der Beigabe eines mitfühlenden Wortes hätte ihr dagegen wohlgetan. Jetzt suchte sie nach den Familiendokumenten und studierte sie. Alles hatte seine Richtigkeit: nach Ablauf eines halben Jahres trat die Gutsübergabe ein, die Witwe bezog ihr ausgesprochenes Wittum und nach weiterem Ablauf eines halben Jahres hatte sie das Schloß mit der Parkvilla, einem mit Geißblatt, wildem Wein und Rosen umzogenen Hause, zu vertauschen. Von diesem Tage an, wo sie das Dokument gelesen, wandelte sie in Gedanken dahin, denn sie kam sich heimatlos vor. Am Sonntage traf auch richtig der neue Majoratsherr ein: artig, förmlich, wie sein Brief, aber erkältend bis ins tiefste Herz. Sein freundliches Lächeln hatte keinen Glanz, seine zierliche Verbeugung keine Natürlichkeit, und als er Fränzchen auf die Stirne küßte, wischte es darüber weg. Gabriele hielt sich ferne, die Mutter aber saß so steif in ihrem Stuhle, als ob sie bereits fühle, sie sei hier nicht mehr daheim, sondern zu Gaste. Nach Tisch unternahm der junge Herr Baron, geführt vom Bedienten, einen Gang durch das Schloß vom Keller bis zum Speicher. Er sprach wenig, aber seine Blicke streiften voll Mißbehagen die altmodischen, da und dort ausgebesserten Tapeten und die noch altmodischeren und verblichenen Möbel. Er hatte nur dafür einen Blick, nicht aber für die Sorgfalt, die sich überall kundgab, nicht für die gründliche Reparatur des alten Schlosses. Am nächsten Tage erschien der neue Majoratsherr in der Kanzlei des Inspektors, um anzukünden, daß er eine Woche hier verweilen, die Bücher durchgehen und alles in Augenschein nehmen werde. So geschah's. Dann kam der Herr Baron mit umwölkter Stirne zu Tische, am Ende der Woche verlangte er auf seinem Zimmer zu speisen, und eines Tages brachte der Diener dessen Karte mit einem kalten Abschiedsgruße, während der Wagen aus dem Hofe rollte. Bald darauf stand der Inspektor bleich und zitternd vor seiner ehemaligen Herrin und erstattete Bericht von der Gutsübernahme. Dabei rollten schwere Tränen über die Wangen des treuen Mannes. Wie unermüdlich hatte sich der Selige geplagt, gesorgt; wie hatte er gekämpft und nicht geruht, bis alles in guten Stand gekommen war: Schloß, Scheune, Ställe, Viehzucht, Feld, Wiese, Garten, Wald! Er hatte sein eigenes und seiner Frau Vermögen hineingesteckt und nichts herausgenommen; das erntete nun der neue Majoratsherr! Und doch war dieser unzufrieden mit allem, entrüstet über die eingetragene Schuldsumme, die der Witwe gehörte, und war mit der Androhung eines Prozesses geschieden. Eigenen Tadel hätte der alte Diener ertragen, aber die Beschimpfung seines edlen Herrn im Grabe überstieg seine Kraft, sodaß der lang verschlossene Tränenquell sich öffnete. Die Witwe aber stand da, wie zu Stein verwandelt. Es brauchte lange, um sie aus dieser Erstarrung zu reißen. Dann aber wollte sie fort, in die Hauptstadt, und dort mit ihren Kindern ganz im Verborgenen leben. Auf ihr Geheiß reiste der Inspektor schon am nächsten Tage dorthin und mietete eine stille, bescheidene Wohnung; schon nach zwei Wochen hatten sie die Heimat verlassen und waren dorthin übergesiedelt. Alles war der Witwe gleich einem beunruhigenden, wirren Traum erschienen, erst in der Ruhe kam sie zum klaren Bewußtsein. Nun aber lagerte sich über ihr Gemüt eine Öde und Abgespanntheit, daß sie stundenlang müßig im Lehnstuhle ruhen konnte. Ihre Stadtwohnung war im Vergleich zu dem Schlosse sehr eng, Wohn- und Kinderzimmer stießen dicht aneinander. Lautlose Stille herrschte meistens in diesen beiden Räumen; denn Gabriele besuchte nun ein Institut, und Fränzchen pflegte ja so artig mit seinen Puppen zu spielen, daß es sonst niemand zu seiner Unterhaltung brauchte. Eines Tages drang aber durch diese Stille ein seltsamer Ton an das Ohr der Mutter. Sie horchte: fast keuchende Atemzüge! Zu Tod erschrocken eilte sie ins Nebenzimmer. Dort saß Fränzchen in seinem Stühlchen, viel bleicher als früher, ohne Puppe, ohne Spielzeug, schwer aufatmend, aber dabei freundlich auf die hereintretende Mama mit den großen Augen blickend. »Mein Fränzchen, mein Kind, mein Liebling, was fehlt dir?« rief die Mutter und kniete bereits neben dem Stuhle. Das Kind antwortete: »Mama, ich glaube, das Kleid ist mir zu eng; bitte, häkle es auf, ich kann nicht atmen!« Mit zitternder Hast entkleidete die Witwe ihr Fränzchen, hob es auf den Schoß, legte es an die Brust und horchte auf die schweren, fast keuchenden Atemzüge. Dann klingelte sie dem Dienstmädchen, nannte den Namen des berühmtesten Arztes der Stadt und befahl, ein Fenster zu öffnen, frische Luft hereinzulassen; ja sie befahl so vielerlei, daß eine Anordnung der anderen widersprach, wie es in der Angst und Verwirrung zu geschehen pflegt, bis endlich der erste Auftrag, den Arzt zu holen, zur Ausführung kam. Inzwischen sagte die Mutter: »Ja, es ist hier in der Stadtwohnung zu eng und stickicht für dich, du bist an frische Luft gewöhnt, und ich ließ dich so alleine sitzen, um meinen Gedanken nachzuhängen. Aber es soll anders werden, mein Herzchen; wir wollen spazieren gehen.« Doch das Kind unterbrach sie, fast ängstlich flehend: »Nicht spazieren gehen, Mama; mein Fuß tut so weh, der böse Fuß da.« Bittere Vorwürfe quälten die Seele der Mutter. Von alledem hatte sie nichts gewußt, nicht darauf geachtet, es wohl überhört. Nun war alle Sorge nichts, gar nichts mehr gegen diese. Was kümmerte sie das Schloß, der Majoratsherr, der Prozeß! Ihr Fränzchen überwog alle Schätze der Welt. Der Arzt kam, untersuchte die Kleine, erklärte das Übel als einen tuberkulösen Krankheitskeim und schloß mit den Worten: »Wir müssen das Blut zu verbessern suchen und das Kind aufs Land, ins Gebirge bringen. Getrost! ich habe schon weit schlimmere Fälle sich zur Gesundheit entfalten sehen. Aber wir beide, Sie und ich, dürfen nichts versäumen und nicht müde werden; wir beide müssen mit Gottes Hilfe das Kind retten; denn es ist in Gefahr!« Zu Fränzchen wieder zurückgekehrt, neigte sich der freundliche Arzt zu seiner kleinen Patientin und sagte: »Fränzchen, wollen wir gute Freundschaft schließen?« Und sogleich lächelte der Mund, es streckte ihm beide Händchen entgegen, nickte mit dem Kopfe und sagte ein kräftiges »Ja«. Der Arzt faßte die Händchen und fragte: «Dann wirst du also die Säftlein, die ich dir verordne, trinken und das Mäulchen nicht verziehen, damit es immer so freundlich bleibt? O, ich will schon etwas Süßes hineinmischen!« »Ja – oder auch etwas Bitteres!« ergänzte bereitwillig die Kleine. »Und den unartigen Fuß darf ich auch in die Kur nehmen und artig machen, damit er wieder gehen kann; wir müssen ihn einwickeln.« »Ja!« sagte Fränzchen herzhaft, und dann war die gegenseitige Freundschaft geschlossen und mit einem Kuß besiegelt. Von jetzt ab begann ein ganz verändertes Leben in diesem Hause. Die Mutter schwebte gleichsam wie ein Sonnenstrahl durchs Kinderzimmer und blieb dort mit ihrer Wärme und Heiterkeit. Fränzchen war nie allein und nie mehr ohne Gespielin; die Mama war immer um dasselbe. Nur eines Tages übertrug sie Gabriele die Pflege, während sie das vorhin erwähnte, vom Arzte ausgesuchte Landhaus mietete, zunächst dem Gebirge und doch auch wieder nahe bei der Stadt, um den ärztlichen Beistand schnell zur Hand zu haben. Und als es völlig Frühling geworden war, hatten sie sich daselbst bereits angesiedelt. Aber augenblicklich war die Besitzung nichts Besseres als ein Bauernhof, höchstens für die Sommermonate geeignet. Es mußte geändert und, wenn die Lage sich als zuträglich erwies, gekauft, der Prozeß mit dem Majoratsherrn mußte gewonnen werden! Alle geistigen Eigenschaften der reich begabten Frau erwachten bei diesem Gedanken, alle Energie ihres Wesens stählte sich zur unbesiegbaren Kraft. Und als der Arzt auf die Notwendigkeit hinwies, für den Winter ein südlicheres Klima zu wählen, war sie fest entschlossen, mit eigenen Augen auf ihr gutes Recht zu sehen, den Advokaten anfeuernd und alle die Gesetze studierend, die sie schützen konnten. Sie selbst aber mußte sparen, um genug Geld für ihre Kinder zu haben; sie selbst mußte gesund, heiter sein, um ihre beiden Kinder zu lehren, zu beglücken, zu pflegen. Der Arzt hatte ja gesagt, Heiterkeit sei auch ein Hilfsmittel für gesundes Blut. Auf diese Weise war die Mutter wieder geheilt, geistig und körperlich, und zwar durch ihr krankes Kind, das der Vater sterbend mit dem Kreuze gesegnet und den »Haussegen« genannt hatte. IV. Alles kam zu gutem Abschluß, zwar nicht schnell, nicht in Monaten, aber doch in Jahren: der Prozeß wurde gewonnen, die Baronin gelangte in den ungeschmälerten Besitz ihres Vermögens, in den Bezug ihres ansehnlichen Wittums. Sie besah nun Mittel genug, um die Stadtwohnung als Absteigequartier behalten, in Meran überwintern, das Landhaus kaufen, es umbauen, Garten und Park anlegen zu können, wie es bereits oben geschildert wurde. Und Fränzchen? Nach der Reihe will ich nun berichten, wie es Fränzchen ging. »Ging?« Das Wort paßt eigentlich nicht, denn Fränzchen ging nicht einen schritt vorwärts. Der rechte Fuß verlor jede Gelenkigkeit, es zeigte sich eine stets zunehmende Anschwellung des Knöchels ohne irgendeine äußere Veranlassung durch Stoß oder Fall. Wieder wurde der Arzt herbeibeschieden, aber das Kind weinte nicht, wie es Kinder gewöhnlich bei Nennung dieses gefürchteten Namens tun; sie hatten ja bereits Freundschaft geschlossen. Fränzchen lächelte ihm entgegen, und als er sich zu seinem Bette niederbeugte, schlang es beide Arme um seinen Nacken, um sich aufzurichten, ohne den schmerzenden Fuß zu bewegen. Der Fuß wurde gründlich untersucht; es tat weh, aber die Patientin hielt tapfer aus. Jetzt sprach der Arzt: »Was sagst du dazu, Fränzchen, wenn wir mitten im Sommer »Winter spielen« und Eis darauf legen?« - »Ja!« erwiderte es mit seinem kurzen, zustimmenden Tone und Kopfnicken, ertrug die Eisüberschläge mit Heiterkeit und machte seine Späße dazu, indem es zum gesunden Fuß sagte: »Du mußt Haus hüten und darfst nicht mit aufs Eis.« Aber auch diese Kur half nichts. Nun wurde der Fuß eingewickelt, vergipst; es durfte ihn nicht bewegen, es durfte sich in seinem Bette nicht rühren. Dennoch gingen der Kleinen weder Geduld noch Späße aus. Sie betrachtete den Fuß wie ihre Puppe und redete beständig mit ihm. Eines Tages fragte der Arzt: »Was macht das arme Füßchen?« und sie antwortete: »Es ist ja kein armes Füßchen, man hat es sehr lieb und bedient es wie einen Prinzen.« Von nun an nannte sie den kranken Fuß ihren »Prinzen« und alle - Doktor, Mama, Gabriele, die Zofe und sie mit eingeschlossen – bekamen Hofämter zugeteilt, wie sie aus einer Märchenerzählung gelernt hatte. Obwohl sie wieder leicht aufatmete und gleich einer Rose erblühte, obwohl der Fuß weniger schmerzte, konnte sie doch nicht auftreten. Sie verbrachte den ganzen Tag im bequem eingerichteten und durch einen Druck beweglichen Rollstuhle. Auf diese Weise hatte sie das siebente Lebensjahr erreicht, fast nie getrennt von ihrer Mutter. Wer zum Besuche kam, wurde in die große Wohnstube, Fränzchens eigene Welt, geführt. Man glaubte in einem Gewächshause zu sein, wo zwischen Blumen und Gesträuchen Sisi herumflog, unbelästigt vom Hündchen Monkei, das seine Kunststücke bereitwilligst machte. Da gab es allerlei zu sehen: einen Teich von Farnkräutern umsäumt, in welchem Gold- und Silberfische schwammen, einen Park mit Ruhebänkchen für die Puppen, sogar ein zweistöckiges Puppenhaus und noch vielerlei Gegenstände zu Spiel und Gebrauch. Obwohl also Fränzchen sich in den Lehrjahren der Kindheit befand, hatte der Arzt jede geistige Anstrengung verboten; dennoch lernte es in anderer Weise beständig, wenn Gabriele aus dem Institute nach Hause kam, glänzten ihr Fränzchens Augen fragend entgegen, und es rief: »Erzähle mir etwas von der Schule!« Diese setzte sich dann zum Schwesterchen und wiederholte alles, von Weltgeschichte, Geographie, der Natur und was sie in den Büchern gelesen, wie eifrig mußte Gabriele aufgemerkt haben, wie klar mußte es in ihrem Geiste haften, um es dem Verständnisse des Kindes anzupassen! O, es waren viel schönere Geschichten, als jene, die Gabriele bisweilen vorlas von schlimmen Knaben und Mädchen, über die sich Fränzchen wunderte und betrübte. Aber diese »Märchen« – so nannte das Kind alle Erzählungen von Kaisern, Königen, Rittern und fremden Tieren – die waren sehr schön! Und weil dies alles der kranken, kleinen Schwester so gut gefiel und sie dabei lernte, ohne zu lernen, verdoppelte Gabriele Aufmerksamkeit und Fleiß, und weil sie daheim stets alles wiederholte und auf Fränzchens Bitten immer aufs neue erzählte, haftete es fest in ihrem Geiste, nachdem die anderen Zöglinge es längst vergessen hatten, und Gabriele nahm dadurch in der Schule den ersten Platz ein. Dies kam nur vom »Kleinen Haussegen«. Aber noch in anderer Weise spürte Gabriele diesen Haussegen an sich. Sie war durch die erwähnten Erfolge ein etwas ehrgeiziges Mädchen geworden und dürstete nach Lob, das sie reichlich zu verdienen strebte. Kaum hatte sie also ihre Erzählungen beendet, als sie auch schon zu den Hausaufgaben eilte und neben Fränzchens Rollstuhle schrieb oder auswendig lernte. Das Kind war viel zu jung, um die Wichtigkeit dieser Sache zu begreifen, es störte also durch Fragen oder Bitten. Da hieß es: »Gabriele, bring mir Sisi im Käfig,« – »Gabriele, ich möchte trinken,« – »Gabriele, Monkei scharrt an der Türe, laß ihn doch herein,« – »Gabriele, bist du noch nicht fertig?« Eben zerbrach sich das fleißige Mädchen den Kopf über einem schwierigen Rechnungsansatz und meinte, auf der Spur zu sein, als solch eine Bitte alles zerstörte. Da rief es ärgerlich wie niemals zuvor: »Laß mich doch einmal in Ruhe, du Plagegeist!« Fränzchen verstummte; es weinte nicht, aber es war erschrocken über dieses seltsame, böse Wort. Totenstille herrschte. Gabriele konnte jetzt ungestört nachdenken, und dennoch ging's nicht: sie mußte scheu nach Fränzchen blicken, das regungslos im Stuhle saß und nicht einmal die Mama bemerkte, die währenddem eingetreten war. In weiser Mutterliebe für ihre beiden Töchter sagte diese jetzt nichts. Alss aber Fränzchen immer noch schwieg, fragte sie leise, zu ihm herabgebeugt: »Was ist meinem Fränzchen?« Und nun legte die Kleine das Haupt an der Mutter Brust; das innere Weh brach gewaltsam los, und sie rief unter Schluchzen: »Mama, ich bin solch ein Plagegeist, o, solch ein Plagegeist!« Gabriele war augenblicklich an ihrer Seite. O, sie hatte über das rasche Wort ja bereits eine quälende, vorwurfsvolle Reue empfunden. Die liebe Kleine mit ihrem Leiden, das sie so heiter und geduldig ertrug, sollte eine Plage für andere sein! Sie schlang die beiden Arme um ihr Schwesterchen, von der anderen Seite kamen die beiden Arme der Mutter,- zwei Lippen küßten die linke und zwei die rechte Wange, und nun brach Fränzchen, noch schluchzend, in ein glückseliges Lachen aus, und es regnete Liebkosungen und Schmeichelworte. Die Mutter brauchte keine Predigt zu halten, denn von dieser einfachen Szene ging der Segen über Gabriele aus, ihre Geduld trotzte jeder Unterbrechung. Aber auch Fränzchen hatte etwas gelernt: ein Blick auf die im Nachdenken versunkene Gabriele scheuchte das fragende Wort von den bereits geöffneten Lippen. Es sah verstohlen hin, bis die günstige Zeit gekommen war und es dann jubelnd rufen konnte: «Bist du fertig, Gabriele?« Aber noch andere, außerhalb des engen Familienkreises, standen unter dem Einflusse dieses »Haussegens«. Cilli, das ländliche Stubenmädchen und zugleich Fränzchens Zofe und Wagenschieberin, besaß manche bildungsfähige Eigenschaft, und die Baronin ließ es nicht an Geduld fehlen, das junge Mädchen anzuleiten. Es gab freilich viel zu ermahnen und zu verzeihen, aber schließlich hieß es immer: »Alles will ich vergeben, nur nicht Lug und Trug, diese Wurzeln der Schlechtigkeit. Beim ersten Vorkommnis solcher Art verläßt du mein Haus.« Dieser großen Fehler hatte sich Cilli niemals schuldig gemacht; die übrigen stammten mehr aus Unwissenheit und Leichtsinn als aus bösem Willen. Nur was im Katechismus verboten war, galt ihr als Sünde. Darunter befand sich nichts von einer Ausrede, vom Horchen, Plaudern, Neugierde, und wie derartige schlechte Angewöhnungen heißen. Nur wenn die Sonne höherer Erkenntnis dem Gewissen leuchtet, gewahrt man sie, gleichwie der feine Staub erst sichtbar wird im Sonnenglanze. Eines Nachmittags hatte die Baronin mit Gabriele einen notwendigen Ausgang zu machen und ließ Fränzchen in Cillis Obhut. Es bedurfte keiner besonderen Überwachung, Cilli konnte in und außerhalb des Zimmers ihre Geschäfte besorgen, Fränzchen verstand es trefflich, allein zu spielen, und saß heute vor seinem großen Puppenhause, emsig beschäftigt, es neu einzurichten und ein Gastzimmer instand zu setzen. Es besaß ja so viele kleine und große Puppen wie der Marionettenkasten des Schauspielers. Da gab es eine Mama und einen Papa, Kinder und Gespielen, eine Köchin und eine Zofe, und zu Weihnachten waren auch Gäste angekommen, für die Platz gemacht werden mutzte. Da saß es also seelenvergnügt, auf seinem Schoße aber spann und schnurrte die weiße Mülli, während Monkei voll Eifersucht über diesen Vorzug emporblickte, alle paar Minuten aufwartete und bittend das Kätzlein zu verdrängen suchte. Wie schon bemerkt, glich die große Stube einem Gewächshause und einem Raritätenladen zugleich; denn es standen auf Gestellen und Schränken allerlei Vasen, Kästchen, Gläser, Büsten, kurz alles, was in das Reich der Nippsachen gehört und Fränzchen Vergnügen machte. Cilli hatte schon manchen Blick der Neugierde darauf geworfen. Doch sie durfte die schönen Sachen nicht einmal abstäuben; dies tat die Baronin selbst, um nichts in Gefahr zu setzen. Besonders ward Cillis Neugier durch ein vergoldetes Kästchen angelockt, das erst seit wenigen Tagen dort neben dem Wappenkelche stand und – wie wunderbar! – Musik aufspielte, ohne daß eine Hand es berührte. Nachdem ein Stückchen beendet war, schwieg es eine kurze Weile, dann ging's von neuem an und zwar ganz anders! Cilli hatte nachts davon geträumt und es sich in den Kopf gesetzt, das Kästchen bei nächster Gelegenheit zu untersuchen; eine günstigere als eben jetzt gab es nicht, Fränzchen saß hinter dem Puppenhause, und der Orangenbaum stand auch noch dazwischen. Sie schlich also zum Gestelle, streckte sich auf den Fußspitzen, weil sie etwas klein war, nahm das Kästchen herunter, öffnete den Deckel und sah nun sonderbare Walzen mit Stiftchen, wie gerne hätte sie diese angerührt! Aber – aber – wenn plötzlich die Musik begänne und Fränzchen es merkte? In diesem Augenblicke, wo es hieß: »Soll ich, oder soll ich nicht?« vernahm sie Tritte und stimmen auf der Treppe, und in der Angst stellte sie zitternd das Kästchen auf den Platz; weil sie aber nicht hinaufreichte, stieß sie an den Pokal, und kling! kling! lag er auf dem Boden. Monkei fuhr bellend empor, Mülli sprang von Fränzchens schoß mit einem Satz in die Mitte der Stube. In diesem hochpeinlichen Augenblicke öffnete sich auch die Türe, die Baronin und Gabriele blieben wie festgewurzelt stehen, und jene rief: »Mein kostbarer Wappenpokal! Cilli, was hast du getan? Mädchen, bist du stumm geworden? so antworte doch!« Jetzt atmete die arme Sünderin tief auf und stotterte: »Die Katze, die elende Katze!« und trieb das unschuldige Tier, um nur selbst zu entwischen, aus der Stube. Ja, es war die Katze gewesen; Gabriele hatte mit eigenen Augen den Sprung gesehen. Traurig hoben beide die Glasscherben auf. Der Familienpokal, aus dem bei ihrer Hochzeit, bei Gabrieles und Fränzchens Geburt und manchen Festen Gesundheit getrunken worden war! »Glück und Glas, wie bald bricht das!« seufzte die Baronin; sie hob die Trümmer mit dem Wappen sorgfältig auf, dann klingelte sie dem Stubenmädchen und hieß es die Splitter zusammenkehren. Cilli erschien so zaghaft und teilnehmend, als ob die Sache sie selber anginge, und brachte, ihrer Gewohnheit zuwider, kein Wort über ihre Lippen. Die Baronin aber sagte: »Daß mir die Katze nie mehr in das Zimmer kommt!« Damit war die Sache abgetan. Nun erst fragte die Mutter: »Wo ist Fränzchen? Was? so mäuschenstill vor seinem Puppenhaus, die Hände im Schoße? Du hast wohl geschlafen? Nicht? Was ist dir denn?« Doch Fränzchen antwortete nichts und saß immer noch da wie in einem Banne. Die Mutter hielt es für Schrecken über das vorgefallene; aber es war etwas anderes, etwas noch Unklares im Geiste des Kindes. Die Glasscherben klirrten darin, Und darauf hörte es Monkeis Gekläff und fühlte die Mülli vom Schoß herabspringen, erst nachdem es geklirrt hatte. Nein, die gute weiße Mülli war nicht die Verbrecherin; wie hätte sie auf seinem Schoße spinnend das Unheil anstiften können! Und doch war sie angeklagt von Cilli angeklagt! Und doch war sie hinausgejagt und für immer aus der Stube verbannt worden! O, wie weh dieses dem Kinde tat! es hatte solches Erbarmen mit der verleumdeten Mülli. Plötzlich stand es klar vor Fränzchen: Cilli hatte es getan! Aber jetzt wuchs das Weh und die Angst. Dann hatte Cilli gelogen und sie mußte aus dem Hause! Cilli war so arm und so gerne da, und Fränzchen hatte Cilli lieb! Aber was hatte die Mutter gesagt? Lug und Trug seien die Wurzeln aller Schlechtigkeit. O arme Cilli und arme Mülli und armes Fränzchen und arme Mama, die keinen Familienpokal mehr besaß und jetzt auch noch Cilli fortschicken mußte! Der Zufall oder die Fügung Gottes wollte es, daß der Garteninspektor aus der Stadt kam, um neue Anordnungen zu treffen, weshalb die Baronin mit Gabriele ihn begleitete. Cilli wurde zu Fränzchen gesendet, weil das Wetter feucht und trübe war, nicht passend zu einer Gartenfahrt für die Kleine. Cilli war in ihrem Leichtsinn überglücklich, so gut durchgekommen zu sein, und trat scherzend zu Fränzchen. Aber bei ihrem Anblicke brach der verhaltene Jammer des Kindein ein solch heftiges Schluchzen aus, daß Cilli verwirrter vor der Kleinen stand als kurz zuvor bei den Scherben des Pokals. »Ha. ja, was ist's denn nun?« fragte sie und faltete die Hände. Fränzchen schluchzte mit aller Anstrengung die Worte: »Cilli, nicht die Katze, – du hast den Pokal herabgeworfen! – du hast gelogen – du mußt fort – aus dem Hause! – Und meine arme Mülli darf nicht mehr in die Stube! O Cilli!« und dabei hob Fränzchen die nassen Augen und die gefalteten Hände empor zu dem Mädchen. Cilli aber stand da wie vernichtet, und plötzlich fiel ihr der oft vernommene Spruch ein, den Fränzchen stets beim Anblicke des Mondes zu sagen pflegte: »Ein Auge ist, das alles sieht, was in der weiten Welt geschieht.« Niemand hatte ihre Tat gesehen, und doch war sie aufgekommen und die Lüge dazu! Und Fränzchen hatte sie nicht verraten, jetzt aber würde es dieses wohl tun, denn es klang ihr in die Ohren: Du mußt fort! Wie vernichtet von all diesem sank Cilli vor dem Rohrstuhle auf die Kniee und rief: »Und nun werden Sie es der Mama sagen! O, Fräulein Fränzchen, ich muß fort aus dem Hause!« Aber das Kind erwiderte kopfschüttelnd: »Nein, ich sag's nicht; ich verklage nicht!« – Nach einer kurzen Pause rief sie fröhlich: »Cilli, sag' du's!« Ich will bitten, daß dir die Mama verzeiht; aber sagen – weißt du – muß man ihr gar alles! Sie verzeiht dir, sag's nur, und dann darf auch die Mülli wieder ins Zimmer!« Cilli erhob sich von ihren Knieen, weinend, aber schwankend, ob sie um Verzeihung bitten, es darauf ankommen lassen oder nur gleich auf und davon laufen sollte. Da streckte Fränzchen die Hand nach ihr aus, und jetzt öffnete sich die Tür, und die Baronin kam, um etwas zu holen. Fränzchen rief ihr entgegen: »O Mama, komm', komm'! Cilli hat dir etwas zu sagen! Bitte, Mama, sei so gut!« Und Cilli gestand gesenkten Hauptes: «Ich hab gelogen! Ich hab' das Glas herabgeworfen, nicht die Katze!« Das letzte Wort glich fast einem Schrei, so heftig brach die Angst hervor. »Mama, Cilli wird nie mehr lügen!« gelobte Fränzchen. Die Baronin stand eine weile schweigend zwischen den beiden. Dann wischte sie sich eine Träne aus den Augen, beugte sich zu ihrem Töchterchen, küßte es und sagte dann zu Cilli: »Ist das dein heiliger Ernst? Willst du künftig die Wahrheit reden, selbst wo sie dir Nachteil bringen kann?« – »Ja, gnädige Frau, ich will's!« sagte Cilli mit fester Stimme und leuchtenden Blicken, die sich zu Fränzchen kehrten, »verzeihen Sie mir das eine Mal, gnädige Frau!« »Es ist dir verziehen! Jetzt geh' und hol' die weiße Mülli herein! Man muß auch gerecht sein gegen ein Tier.« Cilli eilte fröhlich von dannen und suchte die Katze, die sich in einem Winkel verkrochen hatte. Jetzt trug sie Mülli zärtlich auf den Armen, streichelte sie für die Schläge, welche sie ihr zur Bestätigung des begangenen Verbrechens zugeteilt hatte, und brachte sie im Triumphe auf Fränzchens Schoß. Ja, der »Haussegen« hatte wieder gewirkt an Cilli und den anderen Dienstleuten, die diesen Vorgang durch das tief gerührte, dankbare Mädchen erfuhren. Aber beim hellsten Lichte fehlen auch niemals die Schatten, und eines Tages sah die Mutter solch einen Schatten auf ihr Fränzchen fallen. Das Kind ordnete mit seiner gewöhnlichen Pünktlichkeit die verschiedenen Spielsachen und verhielt sich dabei ganz schweigend. Da fragte die Mutter: »Ei, Fränzchen, warum so still?« Es antwortete: »O Mama, ich rede heimlich mit den Puppen, und sie antworten mir auch heimlich.« Die Baronin mochte denken, es wäre besser, wenn ihr Kind mit Kindern spielte, wo Rede und Gegenrede stattfindet, als nur mit Puppen und Menschen, die ihm stets den Willen täten, sie sagte also: »Wie wär's, wenn ich dir eine laut redende Gesellschaft einlüde? Es gibt genug nette Kinder deines Alters hier, Mädchen und Knaben.« Fränzchen entgegnete ganz schnell und entschieden: »O bitte, nein, Mama, ich brauche keine Gespielen; ich habe niemals Langeweile! Du bist immer da, und dann kommt Gabriele; ich habe Cilli, die Puppen, die Spielsachen; ich habe die Mülli, den Monkei und Sisi und die Blumen.« »Aber Fränzchen,« erwiderte die Mutter, »wir sind keine Kinder.« »Ihr seid mir lieber als Kinder; ich mag nicht mit Kindern spielen.« »Und warum nicht, kleines, dummes Fränzchen?« »Weil sie doch nicht bei mir bleiben und weit fortlaufen; weil sie untereinander zanken und alle meine Spielsachen in Unordnung bringen oder gar zerbrechen.« Da sagte die Mutter mit sehr ernster Miene: »Ei, Fränzchen, das gefällt mir nicht von dir? es ist selbstsüchtig! Man nennt es Selbstsucht; das ist aber eine Sünde und eine häßliche Eigenschaft. Ich will es dir besser erklären. Man darf nicht immer an sich selbst denken, was einem angenehm oder bequem ist, sondern man muß im Gegenteile denken, was anderen wohl tut, was anderen bequem ist. Und sag' mir einmal, Fränzchen, bringst du nicht auch Unordnung in deine Spielsachen? Zerbrichst du nicht auch hie und da etwas? – Nun wohl, was geschieht hernach? Du stellst wieder Ordnung her, und das zerbrochene Spielzeug wird ebenfalls hergestellt. Ist's denn ein so großer Unterschied, ob das Übel durch andere oder durch dich geschieht? Ich dächte fast, das letzte ist ärgerlicher, weil uns die eigenen Ungeschicklichkeiten näher angehen als die fremden, willst du dir etwas davon merken, Fränzchen? Du horchst ja so begierig auf!« Fränzchen erwiderte in seinem entschiedensten Tone: »Ja, Mama!« Die Baronin war durch diesen »Schatten der Selbstsucht« etwas besorgt geworden, weil man keinen Flecken an einem kostbaren Gegenstande sehen will. Sie mußte den ganzen lag über daran denken, und die Sorge störte ihre sonst treffliche Nachtruhe. Ihr Lager befand sich in einem großen, aus alter Zeit stammenden Himmelbett mit geschnitztem Wappen, und das kranke Kind lag immer neben ihr in diesem weiten Räume; ein Nachtlicht verbreitete genügende Helle im Gemach. In dieser Nacht wurde ihr Schlaf öfters unterbrochen; da jedoch Fränzchen so ruhig neben ihr lag, verhielt sie sich ebenfalls ruhig, um das Kind nicht zu wecken. Doch einmal konnte Sie dem Verlangen nicht widerstehen, sich leise emporzurichten, um ihr schlafendes Kind zu betrachten. Aber Fränzchen schaute die Mama mit offenen, freundlichen Augen an, lächelte ihr entgegen und schlang die beiden Arme um sie, indem es sagte: »O Mama, heute dauert die Nacht einmal wieder lang!« »Wieder lang?« entgegnete die Mutter verwundert und setzte bei: »Hast du nicht geschlafen?« »Nein, Mama, ich bin ganz wach schon lange, lange!« »Aber, liebes Kind, warum hast du mich denn nicht geweckt?« »Warum sollte ich dich wecken, Mama? Mir fehlt ja nichts, und es ist so gut, zu schlafen. Ich gab mir immer alle Mühe, recht ruhig zu sein.« »Immer, Fränzchen? Soll dies heißen, daß du öfters in der Nacht mit offenen Augen daliegst?« »Ja, Mama, aber mir tut nichts weh! Komm', schlaf' wieder ein!« Die Mutter nahm ihren Liebling in die Arme und schloß kein Auge, bis sie die langsamen, regelmäßigen Atemzüge der schlafenden an ihrer Brust fühlte. Morgens beim Erwachen sagte Fränzchen: »Aber heute nacht war's gut!« Das Kinderleben besteht aus kleinen Begebenheiten, wie auch kleine Samenkörner ausgestreut werden, aus denen zur Sommerszeit die nährenden Halme erwachsen. Solch eine Kleinigkeit verscheuchte noch vollends den gefürchteten Schatten. Tante Frida kam oftmals aus der Stadt zum Landbesuche, denn sie hatte alle lieb, die Mutter und ihre Kinder, Aber Fränzchen war doch ihr besonderes Augenmerk, und so brachte sie ihm jedesmal eine liebe Überraschung. Dieses Mal kam eine neue Puppe zum Vorscheine, die allerdings eine Ähnlichkeit mit Fränzchen besaß: rosige, runde Wangen, freundlichen Mund, dunkle Augen, die sich rasch bewegten, und gleiches Haar. Dazu war sie genau angekleidet wie Fränzchen, und, o Wunder! in einem eigenen Puppenkoffer lagen alle Kleider, Tücher, hüte, wie das Kind sie besaß. Tante Frida sagte: »Das bist du, die Dame deines Hauses. Sitz nur gleich auf das Sofa des Salons!« Das war eine große, große Freude, solch ein herrlicher Gedanke! Der konnte nur der Tante Frida in den Kopf kommen! Von jetzt an brachte Fränzchen die eigene Person und die Puppe nicht mehr auseinander; ja wenn diese gestoßen wurde, hätte sie Schreien mögen, und wenn Gabriele ihr etwas unsanft das Haar kämmte, fuhr Fränzchen mit beiden Händen gegen ihren eigenen Kopf und bat: »Zaus' mich nicht so!« Beim stets wechselnden Spiele kam es Fränzchen nun eines Tages in den Sinn, für seine Puppenkinder eine Gouvernante zu nehmen, und es wählte aus seinem Vorrate ein solid aussehendes Fräulein. Noch am selben Nachmittag sollte das »Fräulein«, wie es kurzweg genannt wurde, eintreffen, und es mußte für dieses ein Zimmer ausgewählt und eingerichtet werden. Es entstand nun die Frage, wohin man das Fräulein logieren solle. Gabrieles Vorschlag ging aufs Mansardenzimmer; Fränzchen war jedoch nicht einverstanden: es sei zu entfernt von der Kinderstube und die Treppe zu steil und unbequem. Dann meinte Gabriele, neben der Rüche wäre noch ein Stübchen: aber Fränzchen erwiderte beinahe entrüstet: »Wo es immer nach dem Essen riecht? Puh! Das Fräulein muß ein besseres Zimmer bekommen!« »Aber es ist kein anderes mehr da!« versicherte Gabriele. Plötzlich rief Fränzchen: »Ich hab s! Ich überlasse dem Fräulein mein schönes Vorzimmer! Das wird ihm aber gefallen!« »Wo empfängst du sodann deine Morgenbesuche?« gab die Schwester zu bedenken, und die Dame des Hauses erklärte: »Ich kleide mich morgens schneller an als bisher und gehe vom Schlafzimmer in den Salon. Die Mama hat einmal gesagt, man dürfe nicht immer nur an sich und seine eigene Bequemlichkeit denken.« Beim nächsten Besuche der Tante Frida ging es schon stark gegen den Herbst. Und wieder spannten sich die glänzenden Silberfäden durch die Luft, und wieder kam über Fränzchen das selige Weihnachtsgefühl, denn es lebte noch in der Nähe des Kinderhimmels voll Glauben an die höhere Abstammung der Weihnachtsgaben. Seine schönsten Spielsachen waren ja nichts gegen eine schlichte Kleinigkeit vom Christkind. Zu der letzten Weihnachtszeit hatte es sich über einen bekannten, bereits im Kaufladen gesehenen Gegenstand höchlich verwundert und die Mutter ihm die Erklärung gegeben, das Christkind erteile bisweilen den Menschen solche Aufträge, besonders aber, daß man die armen Kinder in seinem Namen zu Weihnachten bescheren solle. Sie wollte deshalb mit Tante Frida ebenfalls eine solche Armenbescherung herrichten; Gabriele und Fränzchen sollten dazu eingeladen werden. Man könne den Armen alte Kleider, Schuhe, Tücher und was nächstens abgelegt werde, geben und alles dieses zuvor hübsch ausbessern, bügeln und putzen. Das war ein jubelnd aufgenommener Vorschlag, von jetzt an gab es Beschäftigung in Hülle und Fülle, sodaß die »Dame des Hauses« gelangweilt dasaß und das »Fräulein und die Kinder« einmal die ganze Woche über nicht aus dem Bette kamen. Nebst der Arbeit war Fränzchen ängstlich besorgt, seine Kleider zu schonen, weil diese im Winter abgelegt und mit zur Bescherung genommen werden sollten. Es weinte bitterlich über einen unvorsichtig hineingebrachten Fettfleck und kannte nur durch dessen rasche Entfernung wieder getröstet werden. Doch sein liebevolles Christkindherz verlangte nach einer wirklichen, eigenen Spende. Es bat die Mutter, alle seine Puppen, die nicht zur Familie und zum Hause gehörten, gleichfalls opfern zu dürfen, damit die armen Kinder auch ein Spielzeug hätten; es wollte gewiß keine anderen dafür; die Puppenfamilie brauche so wenig eine Gesellschaft wie sie, Gabriele und Mama. Und so kam's! Und so gab's eine echte, selige Gnadenzeit. Nur Glanz strömte um die Familie, kein Schatten legte sich dazwischen. Aber auch mit Fränzchens Fuß hatte es sich bedeutend gebessert. Die vor Jahren ausgesprochene Hoffnung des Arztes war in Erfüllung gegangen, und er erinnerte die Baronin an die Worte: »Ich habe schon schlimmere Fälle sich zur vollen Genesung entwickeln sehen; nur dürfen wir beide die Geduld nicht verlieren.« Niemals war sie den beiden abhanden gekommen, aber auch der kleinen Patientin selbst nicht. Anfangs ging sie am Arm der Mutter, dann mit dem Stocke allein durchs Zimmer, und alle im Hause jubelten darüber, später ging sie auf der ebenen Landstraße, während der Rollwagen nebenher fuhr für den Fall einer Ermüdung. So glücklich sah die Kleine dabei aus und sie grüßte alle Kinder, und alle grüßten sie. Alle wichen aus ihrem Wege, und wenn ein wilder Knabentroß sich balgte, löste sich bei ihrem Herannahen der Knäuel, sie zogen die Mützen und grinsten einen freundlichen Gruß; hatte sie etwas zu Boden fallen lassen, So rauften sich förmlich die Knaben um die Ehre, es aufheben und Fränzchen nachtragen zu dürfen, und manches kleine Mädchen bot ihm einen Blumenstrauß. Für Fränzchen war so vieles neu; darum blieb es gern bei Handwerkern stehen und beobachtete scharf. Am besten gefielen ihm die Schnitter in Feld und Au, und manchmal lag es auf einem Heuhaufen, emporblickend in den Äther, wo abends die Sterne und der Mond hervorkamen, und lauschend auf den Vogelsang und die Stimmen der Natur. Die Mutter störte Fränzchen nicht und gönnte ihm diese lebensvolle Poesie. So war Fränzchen 9 Jahre alt geworden und durfte auch allein in Hof und Garten gehen. Eines Tages folgte auf Regen Sonnenschein, solch ein prächtiger, lieber Sonnenschein, daß er sogar die stehen gebliebenen Pfützen vergoldete. Fränzchen trieb sich im Hof umher und kam zu solcher Pfütze. Da wandelte es unbezwinglich die seltsamste Kinderlust an, hineinzupatschen, bis es tüchtig emporspritzte. Es tat's, es spritzte so tüchtig, daß seine beiden vorher glänzenden Schuhe mit Rot förmlich überdeckt waren. Nie vorher empfundener Jubel erfüllte das Kindesherz, und es lief, so eilig es vermochte, zur Mutter, zeigte ihr die beschmutzten Schuhe und rief: »O sieh nur, Mama, jetzt kann ich's machen wie die anderen Kinder!« Und die Mutter weinte vor Freude! Sie hätte am liebsten die kotigen Schuhe so, wie sie waren, in den Schrank gestellt zum Andenken, daß ihr ehedem lahmes Kind »herumpatschen« konnte. Aber sie sagte doch mit weiser Mäßigung ihrer Freude: »Fränzchen, einmal und nicht wieder!« Und das Kind verstand sie und antwortete: »Ja!« Das ist die wahre und einfache Geschichte vom »Haussegen«. Möge Gott ihn fürderhin bewachen, damit er eine lange Lebenszeit fortdauere und sich immer schöner und reicher entfalte! Das arme Studentlein. I. »Guten Morgen, Veit, wie geht's dem Baptist? Ich krieg ihn ja gar nicht mehr zu sehen seit der Vakanz!« Also sprach der leutselige Pfarrer zu seinem Taglöhner, der im Garten arbeitete. Dieser zog ehrerbietig die schwarze Zipfelkappe ab, stieß die Schaufel in die Erde und seufzte schier, als er antwortete: »Dank für die Nachfrag', Hochwürden; aber mit dem Buben ist es ein wahres Kreuz!« Der Pfarrer stutzte anfangs verwundert, dann aber entgegnete er fast lächelnd: »Nun, nun, wird so arg nicht sein! War ja immer ein fleißiger Bub', der Baptist, und brav auch dazu.« Veit kratzte sich hinter den Ohren und sagte: »Will gerad' nicht sagen, daß der Baptist was Unrechtes tut; aber ein Kreuz ist's und bleibt's! Da sind ihm beim vielen Lernen die Bücher in den Kopf gefahren und – glaub' ich – der Hochmut auch noch dazu, studieren will er; ein Herr will er werden, wie Ihr, Hochwürden; vor den Büchern will er hocken, statt zu arbeiten, zu hauen und zu graben, und er ist groß' und stark, ich könnt ihn notwendig genug brauchen. Aber er stellt sich dabei so dumm an, daß es ein Graus ist.« Veit schwieg, und der Pfarrer zog nachdenklich mit seinem Spazierstocke allerlei Querstriche durch den Sand. Endlich sah er empor und sagte rasch: »Nun, Veit, so laßt ihm halt seinen Willen und macht einen Studenten aus ihm!« Veit fuhr ganz erstaunt und erschrocken zusammen, denn diese Antwort hatte er am allerwenigsten erwartet. Er entgegnete zögernd: »Ja, um Gottes willen, Hochwürden, woher soll ich denn das Geld nehmen? Ihr wißt ja selbst, daß ich mit meinen zwei Händen kaum so viel verdiene, als wir brauchen, und ich hab' drauf gerechnet, daß mir der Bub' bald hilft. Statt dem soll ich ihn gar in die Stadt schicken und für ihn bezahlen, Bücher kaufen und weiß Gott, was alles noch? Zudem sagt das Sprichwort: Schuster, bleib' bei deinem Leisten! Es gibt vornehme Leute genug, die ihre Kinder studieren lassen müssen, und ich hab' mir sagen lassen, daß die im Leben nimmer vorwärts kommen; wie würd' es erst mit meinem Buben gehen!« Das war eine lange Rede für den armen Veit gewesen; er atmete tief auf und wischte sich die Stirne mit der Zipfelkappe. Der Pfarrer lächelte aber immer noch und entgegnete: »Nun, Veit, wir wollen sehen, was da zu machen ist. Schickt den Baptist morgen früh zu mir!« Drauf brach er die Unterredung schnell ab, grüßte den Taglöhner und schritt gedankenvoll weiter. Am anderen Morgen stand Baptist mit klopfendem Herzen in des Pfarrers Studierzimmer, denn der Vater hatte ihm gesagt: »Geh' nur hin; der Herr wird dir den Kopf zurechtrücken.« Aber Veit hatte sich in des Pfarrers Absicht völlig getäuscht, und das merkte auch der Knabe sogleich, als er den alten Herrn behäbig in seinem gepolsterten Lehnstuhle sitzen sah, das runde Käpplein etwas schief auf die Seite geschoben, worunter ihm das allerfreundlichste Gesicht entgegenlächelte. Der Pfarrer wollte nämlich klar sehen, ob Baptist wirklich einen ernstlichen Trieb und gute Fähigkeiten zum Studieren besitze. Er teilte nicht die Ansicht vieler Leute, daß die einen studieren müßten, weil der Vater ein Amt, Geld und Ansehen habe, und die anderen davon ausgeschlossen seien des Standes und der Armut wegen; denn er wußte, daß die Talente im Himmel ohne Ansehen des Ranges verteilt werden und daß ein reiches Herrlein oft schlecht, hingegen ein armes Bauernbüblein gut dabei wegkomme, und so auch umgekehrt. Er selbst war so ein blutarmer Bub' gewesen und hatte noch nicht vergessen, wie es ihm nicht Rast noch Ruh' gelassen, bis er endlich doch ein Student geworden war. Baptist stand also mit klopfendem Herzen vor dem Pfarrer. Aber seine Augen leuchteten frohmütig, als nun das Verhör begann, der alte Herr ihm die Mühseligkeiten des Studierens schilderte und die Not und Plage, die eines so armen Bürschleins warteten. Nichts vermochte ihn zu entmutigen, und der Pfarrer teilte bald die Zuversicht und Freudigkeit des elfjährigen Knaben. Es wurde beschlossen, daß der Versuch gemacht werden und Baptist alle Tage ins Studierzimmer kommen solle; der Pfarrer selber wollte sein Lehrmeister werden. Mit lautem Jubel kehrte Baptist nach Hause zurück und rief dem Vater schon von weitem entgegen: »Ich darf studieren, der Pfarrer hat's gesagt und er will mich selber unterweisen!« Da schüttelte Veit bedenklich den Kopf, kratzte sich heute noch öfter als gewöhnlich hinter den Ohren, aber er sagte nichts; unzeitige Worte waren seine Sache nicht; er sparte sie so gut wie das Geld. Inzwischen suchte der Pfarrer seine alte Grammatik hervor, wischte den langjährigen Staub davon ab und lächelte oft still vor sich hin. Denn es fielen ihm tausend Geschichten aus seiner Studienzeit ein, und die lustigen schwammen oben auf; denn er war ein grundfröhlicher Herr. Dann aber versenkte er sich selbst wieder in die fast vergessenen Anfangsgründe des Latein, und oft war ihm wunderlich genug dabei zumute wie in alten Tagen. Des anderen Morgens begann der Unterricht. Der Pfarrer war ein gründlicher Lehrer, und Baptist riß Aug und Mund auf vor lauter Achtsamkeit. Es ging vortrefflich, und als die Unterrichtsstunde vorüber war, freuten sich alle beide schon auf die nächste Lehrstunde, und jener liebevolle und feste Bund, welcher Lehrer und Schüler vereinigt, war bereits zwischen ihnen geschlossen. Mit dankbarer Freude küßte Baptist des Pfarrers Hand, und dieser legte sie dann wie im Segen auf des Knaben Haupt. Am selben Nachmittag suchte der Pfarrer den Taglöhner wieder im Garten auf und redete ihn folgendermaßen an: »Nun, Veit, ich denk', es wird halt doch sein müssen, daß wir den Baptist zum studieren schicken.« Veit sah zur Erde und entgegnete: »Euer Wort in Ehren, Hochwürden, aber das seh' ich nicht ein.« »Hört mir aufmerksam zu, Veit,« fuhr der Pfarrer in seiner unterbrochenen Rede fort, und der Taglöhner horchte: »Jeder Mensch bringt, wenn er auf die Welt kommt, seinen Beruf mit; wird man älter, dann merkt man's. Bei einigen geht's Hand in Hand mit dem Vater weiter, bei anderen bleibt's zurück oder lauft's voran. Glücklich ist nur derjenige, der auch den rechten Beruf wirklich ergriffen hat, und die Eltern haben die Schuldigkeit, ihre Kinder dabei zu leiten oder sie doch nicht zu verhindern, wie ich nun fest glaube, hat der Baptist einen ganz ausgemachten Beruf zum Studieren, nicht weil er gescheit ist, denn auch unter dem Bauern- und Bürgerstande braucht man gescheite Leute, sondern weil er in den Büchern lebt und schwebt. Nun sagt Ihr ja selbst, daß er sich bei Euren Arbeiten ungeschickt anstelle; gewiß aber gibt er einen guten Studenten ab: also – was bleibt Euch übrig? Ihr müßt den Buben studieren lassen!« Diese Auseinandersetzung schien dem Taglöhner allerdings einzuleuchten, aber die andere Frage, wie das einzurichten sei, das war die harte Nuß zum Knacken. Auch dafür wußte der Pfarrer Rat; er sagte: »wir wollen den Buben auf die Probe stellen. Hält er bei seiner Vorbereitung tapfer aus in Fleiß und Talent, dann will ich fürs übrige Sorge tragen. Kümmert Euch weiter nicht darüber, Veit, und werft Eure Sorge auf den Herrn da oben, der wird's recht machen.« Veit war nun zufrieden und ging auf des Pfarrers Absicht getrost ein. Aber so leicht wie den Stadtkindern, die Zeit und Ruhe in Hülle und Fülle haben, wurde es dem armen Baptist doch nicht gemacht. Wenn er seine Aufgabe lernen oder schreiben sollte, wußte ihm mittendrin die Mutter ein notwendiges Geschäft, der Vater rief ihn zu sich, die Geschwister ließen ihm keine Ruhe; bald fehlte es am Papier, bald an Tinte und Federn. Er mußte sich die Zeit fürs Lernen vom Schlafe abstehlen. Bei der frühesten Morgenstunde sprang er schon aus seinem Bette; sein liebes Buch hatte neben ihm geruht, und er trug es nun mit sich in jedes Versteck, das er finden konnte, wenn am Sonntage seine Kameraden in großer Gesellschaft zum Anger zogen und dort jubelten, daß die Luft davon widerhallte, sah er ihnen ohne allen Mißmut nach und blieb zu Hause bei seinem Buche. Alle diese Schwierigkeiten und Hemmnisse machten ihm das Lernen nur noch lieber, und er gewöhnte sich frühzeitig an Ernst und Ausdauer. Immer kam er völlig vorbereitet in die Unterrichtsstunde, und als nun der Herbst heranzog, der Storch sein Nest verließ und die Zugvögel eine andere Heimat suchten, da mußte auch unser Baptist das Vaterhaus verlassen. Die Mutter hatte ihn so gut als möglich ausgestattet und der Dorfschneider im Auftrage des Pfarrers ein Röcklein nach dessen eigenem Rockmuster angefertigt. Da stand nun der kleine Student trotz aller Hoffnung doch recht traurig. Die Geschwister weinten; die Mutter fuhr sich zum öfteren mit dem Schurzzipfel über die Augen; der Vater trug stillschweigend die kleine Kiste aufs Wägelein, um nicht beim Abschied zu sein, und rief fast rauh: »Macht nicht so lang, 's ist Zeit!« Der Pfarrer spendete noch gute Ermahnungen; Nachbarn und Kameraden riefen: »Adieu!« und nun rollte das Wägelein fort, daß es bald den Nachschauenden aus dem Gesichte verschwunden war. Der Pfarrer hatte für seinen Schüler die beste Vorsorge getroffen. Er selbst bestritt den Mietzins des kleinen Stübchens, und seine Freunde und Bekannten hatten ihm das Versprechen gegeben, durch Kosttage und Monatgelder das arme Studentlein unterstützen zu wollen. Er trug viele Empfehlungsbriefe in seiner Tasche und auch ein kleines Beutelein mit Geld, das ihm die alte Haushälterin, des Pfarrers Schwester, eigens genäht, gefüllt und zugesteckt hatte. Und nun, Glück auf, junger Bergknappe, im Schachte der Wissenschaft! II. Baptist war nun nach mehrstündiger Fahrt bereits in seinem gemieteten Stüblein eingezogen, der Vater aber hatte den Heimweg angetreten. Das Häuschen, in dem er freundliche Aufnahme gefunden, gehörte einer armen Schuhmachersfamilie. Es befand sich in einer sehr engen Seitengasse, die aber nur aus einer Reihe Häuser bestand, die andere war durch einen langen Zaun vertreten, der schöne Gärten einschloß. Da mochte es im Frühjahr und Sommer ganz schön sein; jetzt aber hatten die Bäume ein kahles Aussehen; nur noch wenige Blätter hielten sich an den Zweigen fest, teils von Herbstnebeln eingeschrumpft, teils fahl und verwelkt. Die auf dem Boden zerstreut umherliegenden roten und gelben Blätter waren von unbarmherzigen Fußtritten zertreten; alles bot ein Bild der Zerstörung. Baptists Stüblein war so winzig klein, wie etwa die Gnomen im Bergesschoße sie haben mögen. Kaum, daß die kurze und schmale Bettlade Platz fand; statt des Tisches und Stuhles aber mußte Baptists Kiste dienen, und der übrige Raum war eben groß genug, um sich ankleiden und umdrehen zu können. Baptist brauchte auch keine größere Stube, denn ein Ofen zum Einheizen befand sich nicht drinnen und wäre durch den Mangel an Holz auch vollkommen überflüssig gewesen,- also mußte er in den Wintermonaten eine Unterkunft in der Familienwohnstube suchen, wo ihm auch ein Platz am Tische und zunächst an der Lampe ausgemacht war. Baptist verbrachte den Rest des Nachmittags vor seiner lieben Kiste, in der er herumkramte. Es wurde ihm dabei fast stolz und dann wieder abwechselnd weh und traurig zumute. Früher hatte er nie ein Eigentum gehabt, und er kam sich mit seiner eigenen Kiste ganz reich, auch schon wie ein Herrlein vor. Dann aber gemahnte ihn alles an die Heimat, an die Sorgfalt der Mutter, und daß er sie alle mitsammen lang, lang nicht mehr sehen werde und daß er hier ganz einsam sei. Er verglich die rundliche Gestalt, die gutmütigen Kugen und die ländliche Sprache seiner Mutter mit der großen, mageren Schusterin, die in schrillem Tone dem einen oder anderen der Kinder rief und die er oft nicht recht verstand. Da wurde es ihm schwer und bang im Herzen, und er war froh, wie er ins Bett kriechen und alles verschlafen konnte. Der Schlummer ließ auch nicht lange auf sich warten; ein mitleidiger Traum führte ihn zu Vater, Mutter, den Geschwistern, und der ehrwürdige Pfarrer lächelte ihm Mut ins Herz. Als er erwachte, kostete es ihn Mühe, sich in seinem Stüblein zurechtzufinden. Endlich war ihm alles klar, und er sprang fröhlich aus dem Bette, denn heute sollte ja das rechte Studieren, freilich vorerst nur mit der Aufnahme beginnen. Nachdem er seine Frühstückssemmel gegessen hatte, ging er die Gasse entlang, die gerade in den weiten Platz vor dem Studiengebäude auslief. Viele Knaben seines Alters scharten sich hier zusammen; er kannte keinen und getraute sich nicht näher zu treten. Dann folgte er ihnen unbeachtet in das Haus und in das Studienzimmer. Der Professor war ein noch junger und sehr freundlicher Mann, der die ihm bekannten Schüler mit einigen Worten begrüßte und die fremden gleich zutraulich zu machen wußte. Unser Baptist zog sein Brieflein hervor, das ihm der Herr Pfarrer zur Empfehlung mitgegeben hatte, und reichte es dem Professor errötend dar; dieser erhob die Augen vom Blatte, betrachtete seinen neuen Schüler wohlgefällig und sagte scherzend: »Nun, kleiner Student, lern' nur so fleißig weiter, wie du daheim angefangen hast!« Diese Rede tat dem fremden Knaben wohl, und er hätte seinem Professor gern die Hand geküßt, wie er sonst beim Pfarrer getan hatte; aber er getraute sich nicht; tat es ja keiner der übrigen Knaben. Sein Herz hing bereits an dem freundlichen Professor, und alle Scheu war entschwunden. Bald war die herkömmliche Feierlichkeit der Klasseneröffnung zu Ende. Baptist trat nun mit viel schwererem Herzen den Weg an, um in den fremden Häusern seine Empfehlungsbriefe abzugeben. Das Städtlein war nicht groß, und überall konnte man ihm die erbetene Auskunft geben. Es war auch nicht so prächtig; aber gegen die Hütten seines heimatlichen Dorfes kamen ihm diese Häuser doch wie Paläste vor. Da pochte sein Herz gewaltig in Scheu, und er kam aus der Verlegenheit gar nicht mehr heraus. Es ging damit schon an, wenn er die Stiegen emporsprang; vor der Gangtür blieb er oft stehen, ehe er anläutete, nur um zu Atem zu kommen. Die Mägde, die ihm öffneten, sah er meist für die Frauen, die Bedienten für die Herren an und bückte sich im tiefsten Respekt vor ihnen, daß er nicht selten tüchtig ausgelacht wurde. Hie und da erging es jedoch noch übler. Man ließ ihn unbeachtet stehen oder empfing ihn mit groben Worten, sodaß er augenblicklich unverrichteter Sache wieder davonlief. Drang er nun bis zur Herrschaft selbst durch, dann hatte er gelungenes Spiel; seine treuherzigen, blauen Augen, das frische Aussehen, die blond gelockten Haare, sein bescheidenes Wesen gewannen rasch alle Herzen, und manche Mutter fühlte ein Bedauern mit dem Knaben, der schon in jungen Jahren so einsam in die fremde Stadt ziehen mußte. Endlich waren auch diese sauren Gänge überstanden, und Baptist hatte auf seinem Blättchen für alle sieben Tage verschiedene Kosthäuser verzeichnet; da und dort bekam er auch gleich zum Antritte ein Monatgeld, womit er seine übrigen Auslagen bestreiten sollte. Als er heute in sein Stüblein kam, zog er mit Heißhunger die unterwegs gekaufte Wurst hervor und verzehrte sie nebst einem Stücklein Brot. Dann nahm er sein lateinisches Buch zur Hand, um sich für den morgigen Anfang vorzubereiten. Auf die schule war ihm nicht mehr angst, desto banger machte ihm aber der Gedanke, morgen zum ersten Male in einem vornehmen Hause essen zu müssen. Dennoch fürchtete er sich dabei weit mehr vor der Dienerschaft als vor der Herrschaft. »Wie wird dir's da gehen!« flüsterte sein schüchternes, beklommenes Herz. Und es ging dem armen Jungen anfangs in den fremden Häusern mit ihren fremden Sitten allerdings etwas mißlich. Meistens durfte Er entweder am Familientische, oder, war die Zahl der Familienglieder groß, mit den Knaben an einem eigenen Tischlein essen. Da wußte er oft nicht, wie er mit Messer und Gabel zurechtkommen, dieses und jenes zum Munde bringen sollte. Er schielte zu seinem kleinen Nachbarn hinüber und bestrebte sich, es ihm nachzutun. Dies fiel aber meist ungeschickt aus, die Gabel entfiel seiner Hand, ein lautes Gelächter erscholl auf seine Kosten, und seine Wangen glühten vor Beschämung. Auch kamen Speisen auf den Tisch, die er zuvor nie gesehen oder gekostet hatte. Aus Besorgnis, wieder eine Ungeschicklichkeit zu begehen, dankte er und ging oftmals nur halb gesättigt fort. Baptist hatte aber des Tages nur diese eine Mahlzeit; denn seine Kasse reichte nicht weiter als für ein Stückchen Abendbrot. Dies genügte dem elfjährigen Magen (und wie begehrlich ist ein solcher!) manchmal nicht, und er mußte sich hungrig zu Bette legen. Doch das störte seinen heiteren Sinn nicht, und allmählich ging es ihm auch bei seinen Kosttagen besser. Er lernte städtische Sitten und Gewohnheiten kennen, die Knaben gewannen ihn lieb, und bei allen war er seines bescheidenen Wesens halber wohl gelitten. Die Hausväter erkundigten sich nach seinen Zensuren, und da kam es nicht selten vor, daß Baptist zum Beispiel für die eigenen Kinder dienen kannte. Gleich bei der ersten schriftlichen Arbeit hatte sich gezeigt, daß der Bauernbube, wie ihn seine Mitschüler nannten, wohl unterrichtet sei und »etwas los« habe. Sie bekamen allmählich Respekt vor ihm, besonders da er keinen durch Anmaßung verletzte und jedem gefällig war, wenn es ihm auch ein klein wenig schaden brachte. Der Professor merkte dies wohl und hatte seine Freude an dem munteren Burschen. Oft sah er ihm nach, wie er auf dem Heimwege sich die harmlosen Neckereien gefallen ließ und hinwiederum auch manchen Puff austeilte, ohne aber einem ernstlich wehe zu tun. Baptist kam nie unvorbereitet in die Schule, und wenn alle übrigen einmal bei der Aufgabe, die hie und da zu groß ausfiel, stockten, Baptist glich stets einem geübten Reiter, der fest in seinem Satte! sitzt, auch wenn es über Stock und Stein geht, hätte der Professor erst gewüßt, mit welchen Hindernissen der Knabe zu kämpfen habe, er hätte ihn wirklich bewundert. Wie schon erwähnt, war die allgemeine Wohnstube zugleich sein Lernzimmer. Immer und immer erscholl der Hammer des Meisters oder der Gesellen; bald klopfte der eine, bald der andere das Leder. Dazwischen plauderten sie miteinander, oder ein Nachbar kam des Abends, oder die Kinder schrieen und weinten, daß man sein eigenes Wort nicht verstand. Da saß unser Baptist oft ganz verwirrt da, steckte in jedes Ohr einen Finger, nur um nichts zu hören; aber alles reichte nicht aus, die lateinischen Wörter wollten nicht in den Kopf hinein. Da versagte er sich oft sein Abendbrot und kaufte dafür eine Kerze, die er in aller Frühe heimlich anzündete, um im kalten Stübchen noch die Aufgabe zu lernen, wie gut kam es ihm nun zustatten, daß er von frühester Kindheit auf nicht verwöhnt, sondern abgehärtet worden war und daß er schon bei seiner Vorbereitung zu Hause mit allen Hindernissen zu kämpfen gehabt hatte! Wenn er aber dann einen guten Platz, ja oftmals gar den ersten errang, dann jubelte sein Herz in wahrer Glückseligkeit. Er dachte sich schon über das ganze Jahr hinüber und malte sich die Freude aus, wenn er nun mit einem schönen Preise zu den Eltern und zum Pfarrer hintreten durfte. So schwand Monat um Monat unter Freuden, Mühen und Entbehrungen; das Frühjahr hatte sich bereits eingestellt, und die Gärten prangten im Blütenschmucke. Da freute sich Baptist über die frühen, hellen Morgenstunden, sprang beim ersten Sonnenstrahl aus dem Bette und konnte nun ganz ungestört lernen. Jetzt tat er es allen zuvor, und seine Kameraden, die mit ihm um den Platz stritten, sagten oft halb im Ärger, halb im Scherz: »Bauernbub', dich soll der Kuckuck holen!« Aber sie hatten ihn nichtsdestoweniger gerne, bis auf einen, der unserem armen Baptist, wie sich zeigen wird, das Ende des Schuljahres bitter und sauer machte. III. Unter den Familien, die unserem Baptist allwöchentlich Kost verabreichten, befand sich auch die des Kaufmanns Weichbrunner . Der einzige Sohn dieser Familie hieß Albert, war Baptists Mitschüler und mit ihm fast im gleichen Alter. Es war ein gar eigentümlicher Junge, wenig umgänglich und gesprächig mit den anderen Knaben; er ging steif daher wie ein Soldat und drehte den Kopf nur langsam, wenn er seinen Namen rufen hörte. Ebenso steif und pedantisch war er auch in seinen Arbeiten; sie zeichneten sich durch Sauberkeit aus, aber es mangelte ihm das eigentliche Talent. Verschlossen, eitel, ehrsüchtig und neidisch wie er war, wurde er gemieden und nur heimlich mit dem Namen »Haarzopf« bezeichnet. Er mochte auf diese Benennung wohl schon gekommen sein und betrachtete also die Knaben samt und sonders als seine Feinde. Dies zog die bereits bestehende Kluft immer weiter, und des Professors Ermahnungen verhinderten nur die offenen Feindseligkeiten. »Laßt den Haarzopf laufen!« sagte einer zum anderen, und so kam es auch; niemand schien ihn zu beachten. So verschieden Baptist auch von Albert war, tat er doch alles, ihm seine Freundschaft zu bezeigen. Er half ihm bei seinen Aufgaben, machte ihn auf manchen Fehler aufmerksam und bedachte dabei gar nie, ob es ihm nicht selber zum Nachteile gereiche. Aber obgleich Albert die angedeuteten Fehler heimlich verbesserte, schien er doch jedesmal darüber eher beleidigt als froh zu sein. Als Baptist bei der Versetzung ihn jedesmal überholte, wurde er gegen ihn so neidisch und unfreundlich, daß er ihn gar nicht mehr offen ansehen konnte; ja er nannte ihn sogar einen undankbaren Buben, was Baptist sehr schmerzte. «Ich kann deinetwegen doch nicht weniger lernen!« sagte er einmal fast weinend. »Ich lerne ja nicht, um dir voranzukommen, sondern weil's uns der Professor aufgegeben hat. Ich will ihn aber bitten, daß er dich jedesmal voransetzt.« Da fiel ihm Albert mit glühendem Gesichte in das Wort: »Das laß bleiben, sag' ich dir, oder du betrittst unser Haus nimmer!« Baptist schwieg, aber es war ihm jedesmal am Samstag schon wieder auf den Freitag bang, an welchem Tag ihn das Essen bei Alberts Eltern traf. Er merkte es gar wohl, daß dieser ihn angeklagt habe; gar nichts konnte er mehr recht tun, und es setzte jedesmal scharfe Verweise ab; ja der Vater zeigte sogar offenbares Mißtrauen in Baptists Ehrlichkeit, als einmal ein Federmesser abhanden gekommen war, das man trotz alles Nachsuchens nicht entdecken konnte. Es traf sich auch, daß Albert mit einem Mitschüler in Streit geriet, wie es zu geschehen pflegt, nahmen die anderen Knaben Partei, und Albert stand mutterseelenallein da. Baptist, der die Ursache des Streites wohl kannte, aber unmöglich auf Alberts Seite zu treten vermochte, schlich sich davon. Dies hielt ihm des anderen Tages Alberts Mutter vor, der freilich die ganze Sache höchst unrichtig dargestellt worden war. So hatte Baptist manche Demütigung zu erleiden, und er dachte wohl an den guten Herrn Pfarrer, der ihm seine Laufbahn so dornenvoll ausgemalt hatte. Aber bald waren diese Unannehmlichkeiten wieder vergessen; Baptist fühlte sich glücklich und noch keine Minute bereute er, ein Studentlein, wenn auch so ein recht blutarmes, geworden zu sein. Die schöne Pfingstzeit war herbeigekommen, und der herrlichste Sonnenschein beleuchtete die beiden Feiertage. Baptist erinnerte sich lebhaft an die früheren Jahre, wo er den lustigen Gebrauch der Dorfjungen mitgemacht hatte und als Pfingstritter, mit dem Papierhelm voll Hahnenfedern, auf dem stattlich ausstaffierten Steckenpferde von Haus zu Haus geritten war. Hui, wie ließ man das Rößlein ausschlagen! Welche Seitensprünge gab es da, welche Neckereien hielt man in Bereitschaft, daß die Dorfmädel lachend davonsprangen und doch wieder herzukamen, um den possierlichen Spaß mit anzuhören! Baptist hatte heute seine lateinischen Brocken alle vergessen, nur der Pfingstspruch, der ihm so manches Gröschlein eingetragen, summte immerwährend in seinem Kopfe herum. Alls er, versunken in diese ländlichen Erinnerungen, zu seinem Fenster hinaus und auf die Straße hinab sah, schrie er laut auf vor Freude, denn am Anfang der Gasse stand wahrhaftig und leibhaftig der lange Michel , Nachbars Michel, des reichen Bauern Sohn, freilich nochmal so alt wie er selber, mit dem er daheim aber doch so oft ins Feld gefahren war und die Kühe gefüttert hatte. Da stand er und schien nach ihm zu fragen und sich nicht auszukennen. »Michels Michel, da bin ich; siehst mich denn nicht?« schrie und winkte ihm Baptist zu. Endlich sprang er die Stiege hinab, die Straße entlang, bis er vor Michel stand, der über seinem Haupte ein Päcklein tanzen ließ. »Woher kommst, Michel, kommst von daheim? Was macht der Vater und die Mutter und der Herr Pfarrer und der Schullehrer und die Gretl und –« »Nun, nun,« lachte Michel, »halt nur ein mit deinen Fragen; die kann ich doch nicht alle auf einmal beantworten. Da nimm das Tüchel, es gehört alles dir, was drin ist; deine Mutter schickt's dir, und meine Bas hat noch das Hutzelbrot dazu getan. Du sollst dir's schmecken lassen, hast schon lang nichts solches mehr gegessen, armer Bub'! Siehst ja ganz zusammag'studiert aus.« Während dieser Rede hatte Baptist das Tüchlein geöffnet. Da lagen ein safrangelber Kirchweihkuchen, ein Hutzellaibchen, Apfel- und Birnschnitz' in Menge. Michel sah dem Knaben wohlgefällig zu, wie er einen Schnitz um den anderen in den Mund steckte. Er selber zog aus der Seitentasche seiner Jacke das kurze Tabakspfeiflein, stopfte es, hielt es im Munde, während er Feuer schlug, und dampfte dann in langen Zügen, daß es fast ein Gewölk bildete. »Nun, was treiben wir denn heute nachmittag?« fuhr Michel fort, »weißt was, du gehst mit mir spazieren, dahin, wo's lustig ist und wo man recht viel Stadtleut' sieht.« Baptist lächelte vergnüglich. So hatte er doch auch ein fröhliches Pfingsten, obwohl ganz anders als ehedem, und einen Kameraden aus der Heimat; dies war das Beste. Michel versprach, sich den Weg zu merken und ihn Schlag 3 Uhr nach der Vesper abzuholen. Baptist aß heut' vor lauter Freude und wohl auch infolge der verzehrten Schnitze sehr wenig, obwohl es bei dem Herrn v. Thalmann einen köstlichen Pfingstbraten gab. Er konnte den Schluß der Mahlzeit kaum erwarten und stand schon lange vor 3 Uhr unter seiner Haustür, ein Spazierstöcklein, das heißt ein selbstgeschnittenes, in der Hand. Unter lautem Jubel sprang nun Baptist seinem langen Kameraden entgegen, und Fragen und Antworten wechselten so rasch, daß sie schon am Ende des Städtleins standen, ehe sie es gewahrten. »Nun, wohin?« fragte Michel. »G'rad' aus, da am Wasser hinab,« antwortete der Knabe. »Dieser Weg führt an einem Wäldchen vorbei über eine herrliche Wiese; da wirst schauen, was wir für geputzte Leute antreffen, alles untereinander, Herrschaften und Dienstboten, und diese sehen oft noch vornehmer aus als jene; ferner Bürgersleute und auch Soldaten, Gesellen, Kinder und Bettelleute obendrein; nur keine Bauern mit so schöner, gold'ner Troddel auf dem Hut nebst dem Blumenstrauß; solche Bauernburschen wie du sind hier rar.« Michel lachte, nahm seinen Hut herab und betrachtete ihn wohlgefällig. In solch heiterer Stimmung waren sie immer weiter gegangen, und die Zeit entschwand unter Plaudern und Schauen den beiden wie auf Windesflügeln. Endlich nahm Michel sein rotes Tüchlein hervor, wischte sich die Stirne und sagte: »Aber wie's heute heiß macht! Ich bin schon so durstig, g'rad' zum Verschmachten. Schau', dort am Ende des Wäldleins ist ein Wirtshaus: da kommt mir's ganz heimisch vor; weißt was, da kehren wir ein und trinken miteinander einen Krug voll.« Baptist entgegnete: »Nein, Michel, beileibe nicht! Uns Studenten ist's verboten, ins Wirtshaus zu gehen! Gelt, wenn mich der Pedell erwischte –« »Was ist denn das für einer?« fragte Michel neugierig. »Nun, der die Studenten einsperrt, wenn sie die Statuten übertreten.« »Sei mir still mit deinen ausländischen Worten,« entgegnete Michel lachend; »ich hab' noch nie gehört, daß es verboten sei, zu trinken, wenn's einen durstet, als in die Hitz' hinein; und wir wollen uns schon abkühlen. Wenn wir aber getrunken haben, gehen wir gleich wieder und legen uns dann in den kühlen Schatten hier bei dieser Staude; da gefällt mir's auch besser als auf der Wirtsbank, wo man nichts reden und kaum schnaufen kann, ohne daß man es ringsum hört.« Baptist war damit zufrieden, und gleich darauf standen sie vor dem Wirtshause. Ein schäumender Bierkrug ging von einem zum anderen, aber so sehr sie der Trunk auch labte, so löschte er doch den Durst nicht; es war gerade wie Öl ins Feuer gegossen. Da mußte mit einem zweiten Kruge nachgeholfen werden. Immer noch stehend leerten sie auch diesen. In diesem Augenblicke ging Albert mit seinem Vater auf der Wiese an dem Wirtshaus« vorbei und hörte deutlich, wie Baptist zu Michel sagte: »Aber nun hab' ich wahrhaftig einen Dusel; das Bier hat mich noch heißer gemacht, und es schwindelt mir ordentlich.« Michel lachte und sagte: »Du bist mir der Rechte! Komm' nur, wir gehen auf unseren schattigen Platz, da legen wir uns gestreckter Länge hin, und da kannst du meinetwegen schlafen.« Sie gingen miteinander weiter und führten ihr Vorhaben aus. Baptist hängte sein Röcklein auf einen Ast und legte sich neben Michel ins Gras. Dieser rauchte wieder sein Pfeifchen dabei und blies dem Knaben die Wolken in die Augen. »Ist jetzt das auch was Gutes?« fragte Baptist. »Nun, versuch's einmal,« entgegnete Michel und steckte dem Knaben die Pfeifenspitze in den Mund. Baptist tat ein paar Züge, hustete und wurde von Michel ausgelacht. Da wollte er ihm zeigen, daß er es schon besser könne, und dampfte so tüchtig darauf los, daß er ganz in Wolken eingehüllt war. Ohne daß Baptist ihn bemerkte, schritt Albert wieder auf dem Rückwege an den beiden vorbei und zeigte seinem Vater den rauchenden Knaben. Dieser schüttelte den Kopf und sagte: »Das ist noch zu früh, hör', Albert, laß dir das nicht einfallen, sonst reden wir miteinander im bösen Ernst.« Sie schritten weiter und als sie ans Ende des Wäldchens kamen, begegneten sie dem Pedell. Der Kaufmann winkte ihm und sagte: »wenn Sie noch einige hundert Schritte weiter gehen, finden sie ein sauberes Früchtlein, das zuerst im Wirtshause wacker dem Kruge zusprach und nun darauf losraucht, als ob er 20 Jahre und darüber auf dem Rücken hätte.« Der Pedell war ein etwas mürrischer Alter, weil er von den großen Studenten täglich allerlei Schabernack erduldete, sodaß er mit ihnen in beständigem Hader lag. Diese Anzeige kam ihm nun wie gerufen. Er beeilte seine Schritte und langte eben an der bezeichneten Stelle an, als der arme Baptist seinen ersten Rauchversuch büßte. Der schnelle Trunk in die Hitze (er war ohnedem an das Bier nicht gewöhnt), dazu noch das viele Sprechen und schließlich das Rauchen hatten ihn in eine bitterböse Lage versetzt, weshalb er dem Pedell gar nicht antworten konnte. Michel verschlimmerte die Sache noch, indem er ziemlich grob dazwischen fuhr und nicht begreifen wollte, daß dies alles den fremden Mann etwas angehe. Da zog der Pedell sein Notizbüchlein hervor und schrieb etwas hinein. Nach einiger Zeit erholte sich Baptist wieder, aber die Pfingstfreude war dahin, vor seinen Augen stand unbeweglich der Alte, den er immer so gefürchtet hatte. Michel begleitete ihn noch nach Hause und nahm Abschied von ihm, da er morgen in aller Frühe in die Heimat zurückkehren wollte. »Grüß mir den Vater und die Mutter – und den Pfarrer,« fügte er unter Tränen bei. Ach, diese Tränen galten nicht so sehr der Heimat, als vielmehr der Angst vor dem, was er im Geiste kommen sah. So schieden die beiden. Michel eilte, denn am Himmel zog sich ein Gewitter zusammen, Baptist blickte traurig in die Wolken; es kam ihm vor, als ob sie ein Vorzeichen eines anderen Gewitters seien, das sich über seinem Haupte grau und schwer zusammenzog. Der Knabe hatte sich nicht getäuscht. IV. Die Pfingstfeiertage waren vorüber, ohne daß Baptist eine weitere Mahnung an jenen Nachmittag erhalten hätte. Schon glaubte er, gnädig durchgeschlüpft zu sein, hatte er ja niemals den Alten geneckt, nie sich den losen Streichen der anderen beigesellt! Dieses Bewußtsein ließ ihn leicht aufatmen, und als er am Mittwoch in der Kirche kniete, dankte er Gott aufrichtig für sein Glück. Doch diese Freude sollte sich bald in ein banges Gefühl verwandeln. In dem Klassenzimmer befand sich an der Wand eine schwarze Tafel, die zu allerlei Aufzeichnungen, guten und bösen, diente. Augenblicklich gewahrte er daselbst seinen Namen nebst der Vemerkung, daß er sich um 11 Uhr im Rektorat einzufinden habe. Was sollte dies anders bedeuten, als eine Untersuchung wegen seines sonntäglichen Wirtshausbesuches, obgleich sein Gewissen ihm gar keine Vorwürfe machte! »Ich werde dem Herrn Rektor alles haarklein erzählen,« sagte er zu sich und suchte damit sein bange klopfendes Herz zu beschwichtigen. Aber trotzdem klopfte es immer lauter und lauter. Es war ihm nicht anders, als wühle ein ganzer Ameisenhaufen in seiner Brust. Diese unbeschreibliche Unruhe quälte ihn dermaßen, daß er heute zu keiner Aufmerksamkeit fähig war. So fest er auch das Auge auf den Professor richtete, gleich schweifte es wieder zur schwarzen Tafel, als ob er stets daselbst etwas zu lesen hätte und es nicht sein eigener, ihm so wohl bekannter Name wäre, der dort geschrieben stand. Fort war alles Gelernte aus seinem Kopfe; die schwarze Tafel hatte alles verschlungen. Er hörte wohl des Professors Worte, doch es lag für ihn kein Sinn darin; er hätte Hebräisch auch nicht weniger verstanden. Ein einziger Gedanke, eine einzige Furcht hatte ihn gänzlich in Beschlag genommen, und als ihn der Professor über die gegebene Aufgabe ausfragte, sah er ihn ganz verwirrt an. Dieser wiederholte die Frage; Baptist suchte nach der Antwort in seinem Kopfe – hatte er doch alles so gut gelernt! Vergebens! es war darin so leer wie in der Brottruhe des Bettlers. Da schüttelte der Professor den Kopf ganz bedenklich; sollte Baptist wirklich auf einmal leichtsinnig geworden sein? Die Angaben des Pedells, auf die er kein großes Gewicht gelegt hatte, stimmten höchst verdächtig mit der gegenwärtigen Lage zusammen. Zum ersten Male in seinem Leben fuhr er den Knaben rauh an und fügte der Weisung, sich zu setzen, den Befehl bei, nach beendeter Klasse zum Herrn Rektor zu gehen. Da saß nun Baptist ganz niedergedrückt, ganz gedemütigt, den Kopf in die Hand gestützt, verstohlen schweiften viele Blicke auf ihn, denn er war von allen Mitschülern geliebt. Baptist fühlte diese Blicke, obgleich er sie nicht sah: sie kamen ihm wie Pfeile vor, die aus verborgenem Hinterhalte auf ihn abgeschossen würden. Ihm zunächst saß Albert. Er allein von allen Knaben schien gar nichts von Baptists gedrückter Stimmung, die sich fast der halben Klasse mitgeteilt hatte, zu merken. Steif und gerade wie immer saß er da, die Augen auf den Professor gerichtet, stets bereit, ruhig und klar zu antworten. Er sah nicht rechts und nicht links, lächelte weder in Schadenfreude, noch gab er ein leises Zeichen des Mitgefühls kund. Er antwortete heute offenbar am besten von allen, und es schien, als ob er noch keinen Blick auf die verhängnisreiche schwarze Tafel gesendet hätte, so saß er da, das Muster eines wackeren Schülers. Für Baptist schienen heute die Minuten zu schleichen, nur als es gegen 11 Uhr war, kam es ihm plötzlich vor, als hätten sie Flügel angelegt. Die Schüler strömten hinaus; Baptist nahm langsam seine Bücher, schnallte sie in den Riemen und ging gesenkten Hauptes von dannen. Vor der Tür stand der Pedell; er verstand seine Blicke, und ein flehender Gegenblick drängte dessen drohendes Wort zurück. Sie gingen miteinander die langen Gänge entlang; die Schritte hallten auf dem gepflasterten Boden, daß Baptist davor erschrak; es war gar so einsam und so still. Endlich stand er vor dem strengen Rektor, einer so seltenen Erscheinung für die kleinen Studentlein, wie ehemals die fränkischen Könige für das Volk: nur bei festlichen Gelegenheiten oder bei solchen, wie eben jetzt, war der Rektor zu sehen. Es war ein lieber, milder, guter Herr; aber die Verhältnisse brachten es mit sich, daß er öfters die strenge Seite herauskehren mußte. Heutzutage wollen schon gar oft die kleinsten Bürschlein die Herren spielen; wollen alles besser wissen als erwachsene Leute und übergescheit sein. Da tut es wirklich not, daß strenge Zucht einschreitet und man die kleinen Gesellen, wie man zu sagen pflegt, mit dem Daumen niederdrückt. Der Rektor aber, der für den geregelten Gang einer ganzen Anstalt zu sorgen hat, muß gehörigen Ernst in sein Angesicht legen, so mild gegen jugendliche Fehler auch das Herz schlagen mag. Solche Überzeugung hatte auch dieser gute Herr gewonnen, und darum sah Baptist eine ernste Miene, als jener sprach: »Was muß ich von dir hören? Du entheiligest das hohe Pfingstfest, indem du in Wirtshäusern herumziehst, trinkst, rauchst – du, ein blutjunges Büblein, alles den Vorschriften unserer Studienanstalt entgegen, und dazu noch in Gesellschaft eines rohen, ungesitteten Bauernburschen, eines – « Da war alles vergessen, was Baptist sich zur Rechtfertigung ausgesonnen hatte. Michel, sein guter, ehrlicher Michel, sein Landsmann – wurde angegriffen, und das seinetwegen, dem er den Pfingsttag gewidmet hatte, statt mit lustigen Kameraden des eigenen Alters umherzuschwärmen! Ihm war, als ob seine ganze Heimat verlästert würde, brennendes Rot stieg in seine Wangen; sein Herz klopfte in Mut; er unterbrach fast unehrerbietig den Rektor, wendete sich gegen den Pedell, der ihm zur Seite stand, und sagte: »Mit Verlaub, Herr Rektor, der Pedell da hat Sie angelogen: der Michel ist ein recht braver, ordentlicher Mensch.« Da blickte der Rektor verwundert auf den Knaben und winkte dem Pedell Stillschweigen zu. »Knabe,« sagte er, »ich denke, ehe wir über die Sache weiter reden, lernst du Schweigen und Demut hinter den engen vier Wänden, welche deiner warten. Hätte ich über deinen Fleiß und dein Betragen nicht so gute Nachrichten eingezogen, du dürftest dein Wanderbündelein ergreifen und wieder zu deinem Michel heimziehen.« Der Rektor sah bei diesen Worten milde und gütig in des Knaben Augen, und diese wurden dabei feucht in Reue über seine ungeziemende Antwort, die ihm in der Hitze entfahren war. Er beugte sich nieder auf die Hand des Rektors, küßte sie und ging dann gesenkten Blickes wieder durch die langen Gänge, immer weiter, weiter, bis sich ihm eine Zelle öffnete – das kleine Studentengefängnis. Die Tür wurde hinter ihm zugeschlossen, und er war allein. Jetzt brach er in ein lang zurückgehaltene Schluchzen aus und weinte, bis er nicht mehr weinen konnte. Das hatte ihm die Brust erleichtert; aber nun fing er an, zu denken, daß er eben doch nicht hätte die Statuten übertreten sollen, ein kleiner, erster Fehler führe ja immer weiter; und dann dachte er, was sie zu Hause sagen würden, wenn sie ihn da sitzen sehen könnten; und dann schämte er sich vor ihnen und hatte gar keine Freude mehr an dem Wiedersehen. Endlich schlug er seine Bücher auf und wollte lernen; aber es ging nicht; immer kamen die alten Gedanken. Es wurde düsterer im Zimmer; kein Sonnenstrahl fiel mehr herein, und nun fing auch sein Magen an zu rebellieren. Er hatte ja bereits seit 28 Stunden nichts mehr als ein Stücklein Brot und heute früh eine winzig kleine Semmel über die Lippen gebracht. Immer stärker nagte der Hunger; es war ihm, als ob ein Wurm da drinnen in seinem Magen die Semmel noch vollends aufzehre. Da tröstete er sich mit der Hoffnung, doch bald erlöst zu werden, und dann konnte er ja noch etwas zu essen bekommen. Freilich hatte er nur noch 13 Kreuzer; aber der Monat nahte sich ja bereits dem Ende, und lieber wollte er sich das Frühstück versagen als diesen Hunger noch länger ertragen. Die Erlösungsstunde kam wirklich; der Pedell öffnete die Tür und zeigte ihm mit kurzen Worten an, er hätte morgen 12 Kreuzer Einsperrgebühren zu entrichten. Dies war ein Donnerschlag für den Knaben. 12 Kreuzer! und 13 hatte er nur. Beinahe kam ihm das Weinen wieder; doch er nahm sich mannhaft zusammen und dachte: »Trag' deine Strafe« – grüßte den Pedell freundlich und ging. Dann kaufte er um einen Kreuzer schwarzes Brot, ließ es sich gut schmecken, wickelte die übrigen 12 Kreuzer ein und war ganz guter Dinge,- er fühlte sich ordentlich erleichtert, die Strafe überstanden zu haben. Am anderen Morgen konnte er recht kindlich fromm beten; dies tat ihm ganz wohl; es mußte statt des Frühsiücks gelten. Dann gab er demütig und bescheiden sein Strafgeld ab, setzte sich neben Albert in seine Bank und war wieder der ehemalige wackere Baptist. Sein Professor hatte eine wahre Freude an ihm und gab ihm heute genug Gelegenheit, die gestrige Scharte auszuwetzen. Alle Mitschüler teilten seine Freude, und eine lustige Bewegung herrschte in den Reihen. Nur Albert saß wieder da, steif, ernst, teilnahmlos. Hatte ihn gestern Baptists Schande nicht berührt, so ließ ihn heute auch dessen Ehre völlig ruhig. Es zeigte sich in seinen Blicken weder Neid noch Teilnahme. Als die 5chule zu Ende war und alle hinausstürmten, trat Albert vor Baptist und sagte: »Meine Eltern trugen mir auf, dir mitzuteilen, daß du morgen nicht zum Essen kommen sollest und die anderen Freitage ebensowenig. Die Ursache wirst du schon selbst wissen.« Dann ging Albert ruhig weiter. Baptist stand da wie versteinert. Solch eine Schande hatte er sich zugezogen, daß man ihm den Kosttag entzog? – »Gewiß weiß es jedermann in der ganzen Stadt; alles sieht dich darum an!« dachte der arme Knabe. Da fiel es ihm zentnerschwer aufs Herz, was Herr v. Breitenbach, wo er heute einen Kosttag hatte, von ihm denken, wie er ihn empfangen würde. »Nein, um keinen Preis geh' ich hin!« flüsterte sein Ehrgefühl. »So, willst du verhungern?« entgegnete stürmisch sein Magen, der bereits seit zwei Tagen hatte fasten müssen. In seinem Entschlüsse schwankend, ging Baptist mutterseelenallein an der Häuserreihe dahin; es war ihm unmöglich, heute mit einem Kameraden über gleichgültige Dinge zu reden. Je näher er dem Hause kam, wo er essen sollte, desto höher wuchs die Scheu, und als er unter der Haustür stand, kamen ihm die Steine ganz glühend vor, sodaß er einen raschen Satz machte und eilends weiter schritt. Er getraute sich gar nicht, den Kopf zu drehen; es könnte ihn leicht jemand vom Erkerfenster aus erkennen, ihm rufen, und er fürchtete in diesem Augenblicke nichts ärger als dieses. Baptist war so rasch gegangen, daß er kaum zu Atem kommen konnte. Nun befand er sich auch bereits außer der Stadt und hielt in seinem Lauf inne. Vor ihm wogten die beinahe schon reifen Ährenfelder, die ihre gefüllten Halme beugten. Die Schmetterlinge flatterten von einer Blume zur anderen und nippten von der süßen Honigkost; auch die Bienen und Wespen summten umher und trugen Speise ein. Alles war fröhlich und sättigte sich an der offenen Tafel, welche Mutter Natur für ihre Millionen Geschöpfe bereit hält. Im ganzen weiten Kreise war nur einer, der hungerte, und dieser eine war ein Knabe, fast noch ein Kind – unser Baptist. Wehmütig blickte er auf die goldgelben Ähren, auf diesen reichen Brotvorrat. O, wie sehnte er sich nur nach einem, wenn auch kleinen Stücklein Brot! Da gewahrte er einen grauen Grenzstein; er ging weiter und setzte sich darauf, denn es wollte ihm vor Hunger fast übel werden. Zum ersten Male in seinem ganzen Leben dachte er ans Sterben. »Gestern kein Mittagsmahl, heute keines und morgen also wieder keines! O, ich werde den heutigen Tag nicht überleben, und wenn auch – morgen geht's dann um so gewisser zu Ende.« Das waren Baptists Gedanken, und je mehr der Hunger nagte, um so düsterer wurden sie. Inzwischen stieg auch eine leise Hoffnung auf, und dann sagte er zu sich: »O, wenn ich jemals wieder etwas zu essen bekomme, wie bedächtig will ich das tun! Nie mehr will ich gedankenlos die Speisen verschlingen, sondern das Glück der Sättigung recht genießen. Hätte ich jetzt nur ein wenig von all den Sachen, die ich gar nicht mehr gemocht habe, die mir zu gering gewesen waren!« Aber all sein Denken machte ihn nicht satt; von Minute zu Minute wurde er noch hungriger, und dann kamen der Gedanken immer mehr und sie wurden immer trauriger, bis er endlich sich bereits tot da liegen und seine Eltern und Geschwister bitterlich weinen sah. Nun war jede Selbstbeherrschung zu Ende, und er brach selber in ein überlautes Schluchzen aus. Er nahm sein Sacktüchlein herfür, hielt es vor die Augen und weinte da hinein so recht, recht bitterlich. Es war ein trauriges Bild, das Büblein, mitten von Ähren umgeben, auf dem Steine sitzend. Dies mochte einem Spaziergänger aufgefallen sein. Er trat näher; der weiche Rasen machte seine Schritte fast unhörbar, und so stand er vor dem Knaben, ohne daß dieser ahnte, er sei nicht mehr allein. Zitternd fuhr er zusammen, als zwei Hände ihm die seinen mit dem durchnäßten Tüchlein vom Auge zogen; ein Stich fuhr durch seine Seele, wie er den Rektor erkannte. Als er aber den milden Blick liebevoll fragend auf sich gerichtet sah, kam es ihm vor, als sei eben jetzt erst die Sonne hellfunkelnd aufgegangen. »Warum weinst du und sitzest da auf dem Steine, während andere sich's schmecken lassen, Knabe?« fragte der Rektor in weichem Tone. Er mochte fast den Zusammenhang gefunden haben, denn aus den ersten Blick hatte er Baptist erkannt und sich der gestrigen Szene erinnert. Augenblicklich fühlte der Knabe, daß hier Güte und Mitleid herrsche, und sein Herz schloß sich auf in kindlichem Vertrauen. Oft durch wiederkehrendes Schluchzen unterbrochen, erzählte er alles, vom Pfingstsonntag angefangen bis zum gegenwärtigen Augenblicke. »Komm', komm',« hatte inzwischen der gute Rektor gesagt, den Knaben bei der Hand ergriffen und ihn weiter geführt. Als sie vor dem ersten Hause des Städtchens standen, hielt er inne, zog sein eigenes Taschentuch hervor und sagte: »So, Baptist, jetzt wisch' deine Augen ab, daß man dir das Weinen nicht ansieht; heute bist du mein Gast, hörst du's?« Baptist tat, wie ihm geheißen, und lachte zwischenhinein; denn es ist ja wohl bekannt, daß Kinder das Lachen und das Weinen in einem Säcklein beisammen haben. Bald darauf saßen der Mann und der Knabe beim Mittagessen. Baptist dachte daran, was er sich vorgenommen hatte: langsam und mit köstlichem Wohlbehagen genoß er die vorgelegten Speisen. Nun sprudelte seine ganze kindliche Heiterkeit hervor gleich einem Quellchen, das sich aus der Fessel des Eises losgewunden hatte, und bis das Mittagessen vorüber war, saß er fest in der väterlichen Zuneigung des guten Rektors. Dieser entließ ihn zur Nachmittagsschule, sagte aber: »Nachher kommst wieder zu mir herauf, Baptist; ich habe noch ein paar Worte mit dir zu reden.« Hei! wie froh und glücklich heute unser Baptist in der Schule war! Albert sah erstaunt und mißbilligend auf ihn; der Professor aber lachte ihm einigemal freundlich entgegen. Als Baptist zum Herrn Rektor kam, sagte dieser: »Weißt was? Schnür' dein Bündelchen zusammen und trag' alles herüber zu uns ins Seminar; dann bedankst du dich schön bei deinen Wohltätern, denn du sollst künftig bei uns bleiben. Für den Rest dieses Jahres besorg' ich die Auslage und für später erwirke ich dir einen Freiplatz. Kommt der Michel dann wieder in die Stadt,« setzte er lächelnd bei, »dann muß er dich bei mir abholen.« Baptist wußte sich vor Glückseligkeit kaum zu fassen. Er tat alles, was ihm geheißen ward, in einem gewissen Freudentaumel. Allen Bekannten auf der Straße erzählte er sein Glück, und niemand freute sich mehr darüber als sein Professor. Die Schustersleute, die den kleinen, friedlichen Hausgenossen lieb gewonnen hatten, freuten sich zwar auch, waren aber doch auf eigene Rechnung traurig, und die kleinen Kinder wollten ihn nicht fortlassen. Baptist wurde im Seminar recht froh und freundlich begrüßt. Die einen kannten ihn bereits, und die anderen wurden ihm bald von Herzen gut. Darunter befand sich zu oberst – der Pedell. Er tat ihm alles zulieb und zeigte ihm nie mehr eine mürrische Miene. Baptist aber sprach für manchen Angeklagten ein Fürwort, und dies trug auch wieder gute Früchte. Der arme Student brachte am Ende des Schuljahres den ersten Preis und das beste Schulzeugnis mit nach Hause. Freudestrahlend empfing ihn der Pfarrer und sagte zu Veit, als er die Bücher durchblätterte: »Nun, Veit, ist's noch ein Kreuz mit dem Buben?« Der Veit sah freilich mit Vaterstolz auf seinen Baptist, sagte aber nichts darauf, denn, wie gesagt, viel Worte waren seine Sach' nicht. Für Baptist aber war und blieb gesorgt. Das Komplott. Eine Geschichte aus Johannas Instituts-Erinnerungen. Die lang ersehnte Zeit ist gekommen: ich bin befreit vom Institutszwange! Ich bin daheim und gehe sogar in Gesellschaften. – Schön ist es allerdings, wieder bei den Eltern und Geschwistern zu sein. Es macht mir auch Vergnügen, mich nach der neuesten Mode zu frisieren und zu kleiden und mich dann im großen Spiegel zu betrachten. Und dennoch gedenke ich mit einer Art Zärtlichkeit des einförmigen Institutsanzuges und des winzigen Kalenderspiegelchens, das einen Sprung durch die Mitte und einen in der Ecke hatte; ja, ich blicke mit etwas Heimweh und Sehnsucht in die Zeit meiner dortigen Gefangenschaft zurück, wie lustig waren die Späße, wie geringfügig die Kümmernisse, wie lieb hatten uns die Lehrerinnen und wie schnell war eine teilnehmende Freundin zur Hand! Ich spreche nunmehr in Gedanken mit jeder und locke sogar den alten, verhöhnten, dicken Troll . Vor meinem Geiste steht das liebe, unvergeßliche Bild, unser Institut, unser Sankt Zeno. »Aus dem bläulichen Dufte der Bergkonturen – und dem silbernen Schleier der Alpenfluren – grüßt herüber ein Erdenfleckchen, ein gottgesegnetes Taleckchen, das in seines Friedens Glück und Stille daliegt wie eine leibhafte Idylle, eine Wiege, gewiegt vom Untersberg und Staufen, wiegend und werdend einen fröhlichen Kinderhaufen. Und mitten drunter, schaltet mild und munter, lehrend und klärend, wehrend und gewährend, die Meisterin und Begeisterin: die Präfektin .« Bei Erwähnung dieser Verse, mit denen wir einst unsere liebe Lehrerin feierten, gedenke ich einer Begebenheit, die klar vor meiner Erinnerung steht und die ich nun wahrheitsgetreu erzählen will. I. Mein Institut ist reizend gelegen, von den Fenstern des umfangreichen Gebäudes hat man einen weiten Blick auf Berge, über Auen und Wälder, und der erste Schritt aus der Klosterpforte führt in drei aneinandergrenzende Gärten. Aber wir verbringen daselbst nur die Zwischenstunden; des Abends und an Vakanznachmittagen geht's hinaus, paarweise, angeführt und geleitet. Das ist ganz hübsch für gewöhnlich; doch bisweilen regt sich der Freiheitssinn unbändig in den großen Mädchen, »Keinen Schritt allein, als ob wir kleine Kinder wären! Als ob wir etwas Böses beabsichtigten, als ob wir nicht selbst auf uns acht geben könnten!« rumort es in den rebellischen Köpfen, und eines Tages verbanden wir Großen uns zu einem Komplotte, bei nächster Gelegenheit die Überwachung abzuschütteln, um den Beweis zu liefern, daß man uns Vertrauen schenken könne. Die Gelegenheit zur Ausführung dieses Komplotts ergab sich bald mit dem Namenstage unserer Oberin. Solche Feste sind im einförmigen Institutsleben wahre Jubeltage. Da gibt's Theater, Konzerte, lebende Bilder, Extraspeisen und -getränke; man legt die Uniform ab und zieht ein weißes Ballkleid an. Wenn nun zu solcher Festfeier auch noch die Liebe den Takt schlägt, dann geht's eine Woche lang in gehobener Stimmung. Allerdings fallen einige Lehrstunden aus; aber während die Bücher ruhen, arbeitet das Gemüt umsomehr. »Wie soll dieser Tag gefeiert werden?« Das war längst die große, alle Gedanken bewegende Frage. Endlich war man in der Hauptsache übereingekommen, und zur Ausführung sollten als Festkomitee aus jeder Klasse zwei gelost werden. Wir berechneten, daß damit den »Großen« ein Übergewicht zufalle, und hofften auf die Gunst eines glücklichen Griffes bei den Kleinen. Es fügte sich auch beinahe wunderbar nach unseren Wünschen; die Fingerchen zogen, wo unsere Augen verlangend weilten, und das Dutzend bestand aus den lebhaftesten Köpfen sowie aus den nachgiebigsten Gemütern. An die Spitze des Unternehmens ward ich berufen, als Namensschwester der Frau Oberin. Nun begann ich mein Amt damit, den Kleinen unseren Plan vorzutragen, und natürlich stimmten sie mit hochwichtiger Miene bei, als ob er ihren Köpfen entsprungen wäre. Als kleines Festgeschenk war ein in Leder gebundenes Buch zur Eintragung der Hauschronik erwählt und bereits bestellt worden. Die Komiteemitglieder sollten nun in ihren Klassen die Beiträge sammeln, denn wir durften es nicht vom Gelde der Eltern, sondern sollten es vom eigenen Taschengelde bezahlen, das wir am Ersten des Monats erhielten, Ach, und wir waren bereits am 22. angelangt, dazu noch in der Erdbeerzeit! Ferner hatte eine Dichterin der sechsten Klasse den Festprolog verfaßt; er war von den meisten auswendig gelernt worden, und es blieb nur noch zu entscheiden, wer ihn am schönsten vortrüge. Dann fehlten noch die Blumenkränze und die Laubgewinde, alles übrige war unter der Leitung der Musiklehrerin und Präfektin bereits aufs beste eingeübt worden. Aber was ist alles ohne Überraschung? In ähnlicher, fast gleicher Art war jedes Namensfest gefeiert worden. Dieses Mal sollte etwas Besonderes dabei sein, und wir hatten auch etwas hierzu Geeignetes: ein vierjähriges Kindchen, das noch nichts lernte, nicht bei uns wohnte, selten mit uns spielte, sondern sich gänzlich in Obhut der Frau Oberin befand. Irenchen war uns gerade deshalb das »Märchenprinzeßlein«, der allgemeine Liebling, und somit auserwählt, beim Feste eine Rolle zu spielen. Da die Oberin viel kränkelte, sollte Irenchen als Engel gekleidet ihr eine Schale mit Kräutertrank überreichen und hierzu ein kurzes Sprüchlein sagen. Aber diese Einübung mußte zur Verhütung des Ausplauderns auf den spätesten Termin verlegt und die Kleine hierzu in unsere Gewalt gebracht werden. Dies bildete noch einen Teil unseres Komplottes. Der Augenblick zur Ausführung war gekommen; ich sollte den Gang zur Präfektin antreten. Von den Blicken meiner Mitverschworenen begleitet, schritt ich anfangs keck und rasch den langen Gang dahin. Allmählich trat ich leiser auf, meine Finger spielten mit dem Brustlatze der Schürze, wie ich zu tun pflegte, wenn ich in Verlegenheit geriet; und als ich bei der Tür ankam, hing er auch, der Stecknadel ledig, herab. Seufzend bemerkte ich dies Zeichen meiner Mutlosigkeit; aber indem ich mich suchend nach der Stecknadel bückte, gewann ich Zeit, mich wieder aufzuraffen. Alles in bester Ordnung! Ich klopfe, lausche und öffne auf das gerufene »Herein!« die Tür. Wie unzählige Male war ich mit freudepochendem Herzen, ohne jegliche Furcht und Scheu vor dieser Tür gestanden, denn in unserem Institute herrschte die größte Gemütlichkeit! Offen und vertrauend konnten wir alles sagen und wußten im voraus, daß unsere Wünsche auch ein geneigtes Ohr fanden. Aber die heutige Bitte hatte eben einen dunklen Hintergrund. Ich gab mir alle Mühe, recht unbefangen das bisher Verabredete und Geschehene vorzutragen und rückte nun mit der Bitte heraus, uns das Irenchen zu verschaffen und – und – und – uns zu gestatten, uns, dem Festkomitee, allein mit Irenchen heute nachmittag in das nahe »Kirchholz« zu gehen, dort Blumen zu pflücken, Kränze zu flechten und die Gedichte einzuüben. Alles dieses hatte ich mit gesenktem Blicke gesprochen; mein Herz pochte rascher in der lautlosen Pause. Ich glaube, unsere Präfektin war etwas überrascht und bedurfte Zeit, sich die Sache zurechtzulegen, um den eigentlichen Grund zu erforschen. Nach einer Weile drückte und ängstigte mich dieses Schweigen, und ich schaute verstohlen empor; aber ihr Blick erfaßte den meinigen. Jetzt war ich verraten und verloren; jetzt gab's für mich kein Versteckensspiel mehr. Dieser Blick hatte seit fünf Jahren mein Inneres viel zu gründlich erforscht und kennen gelernt. Sie sprach: »Gut! Ihr mögt den ganzen Nachmittag zu diesem Zwecke frei haben. Nenne mir die auserwählten Komiteemitglieder, damit ich ihre Namen verzeichne und den Klassenlehrerinnen Mitteilung mache! Sie ergriff ein Blättchen Papier nebst Bleistift und schrieb, während ich diktierte. Da schmunzelte sie bisweilen und bemerkte: »Ei, wie das Los euch günstig war! Man hatte keine zweckdienlichere Wahl treffen können.« Dann überlas sie: »Sechste Klasse: Du, Johanna, als Befehlshaberin und dir zur Seite Marie Huber, die stets Nachgiebige, Sanfte. Fünfte Klasse: Maximiliane Forster, die Poetin, und Hermine, die Schwärmerin. Vierte Klasse: Karoline Padour, der Spaßvogel, und Anna Bayer, der Neckgeist. Dritte Klasse: Therese Sutor und Jenni Weinhard, zwei Arbeitsbienen. Zu guter Letzt die kleinen Handlanger, die nicht mitzureden haben: Wilma, Stanzi, Luka und Berta, aber diese hat etwas Husten und ich setze wenigstens vorläufig Irenchens Namen an deren Stelle.« Ich triumphierte, aber etwas zu früh, denn nun folgte der Nachsatz: »Fräulein Fanni mag euch ganz allein begleiten. Sie war vor zwei Jahren selbst noch Zögling und versteht sich somit am allerbesten auf eure Pläne. Sie wird nicht störend, sondern vielmehr behilflich sein.« Das Blut schoß mir ins Gesicht, nicht, als ob ich gegen Fräulein Fanni eingenommen gewesen wäre; aber unser Komplott, unser Komplott, das Höhnen und Spötteln der Mitschülerinnen über mein gescheitertes Unternehmen! Es tobte in mir vor Aufregung, als ob ich bereits ein großes Unrecht begangen hätte. Der prüfende Blick haftete fest auf mir, ich fühlte ihn über meine gesenkten Mundwinkel streifen. Dann fragte die Präfektin: »Du schweigst, Johanna? Was ist dir nicht recht? Offen heraus mit der Sprache! Nur eine schlechte Sache ist mutlos.« Das half mir, und ich rief im Tone des Ärgers, der mit jedem Satz an Erregtheit zunahm: »Warum dürfen wir nicht ohne Begleitung gehen? Immer und immer werden wir überwacht wie kleine Kinder, und sechs von uns sollen nächstens in die Welt treten. Aber hier erscheint schon das Wäldchen , hundert Schritt vom Hause, gefährlich! Ja, daheim werden uns die kleineren Geschwister beim Ausgang anvertraut, und hier sind wir nicht verständig genug, um mit den Kleineren Blumen zu pflücken, Kränze zu flechten und Verse einzuüben! Es ist gerade, als ob wir beständig eine Missetat im Schilde führten! Nein, dieses Mißtrauen, dieser Zwang ist unerträglich.« Mein Zorn hatte sich dermaßen gesteigert, daß ich in Tränen ausbrach; die Präfektin aber schwieg und ließ mich weinen. Zornestränen halten nicht lange an, und als sie versiegt waren, ich mir jedoch Mühe gab, ein paar gewaltsam herauszudrücken, weil mich die lautlose Stille bereits beunruhigte, sagte sie: »Schau' empor, Johanna, und mir ins Auge! Gut; ich will dir deine unartigen Worte weiter nicht anrechnen, sondern nehme an, du brennst vor Verlangen, den Beweis zu liefern für dich und deine Altersgenossen, daß eure Erziehung in diesem Hause gelungen und beinahe vollendet sei. Doch ich habe es nicht mit dir allein zu tun und muß auch erst noch wegen Irenchen sehen. Kommt alle um 3 Uhr zu mir, das Weitere wird sich – so oder so – finden.« Ich küßte meiner guten Präfektin beschämt und gerührt die Hand und fühlte das Unrecht, so heftig gesprochen zu haben, tiefer als zuvor bei der längsten Strafpredigt. Dann lief ich mit strahlendem Gesichte über den langen Gang; meine Blicke verkündeten den Harrenden einen sicheren Erfolg, und wie nun einmal die Jugend ist, wir hielten alles bereits für gelungen. Jede bekam noch den Auftrag, den letzten Sturm auf die Geldbeutelchen zu machen und das Eingesammelte in die eigene Tasche zu stecken. Zur anberaumten Stunde gingen wir alle paarweise den Gang entlang zum Zimmer unserer Oberlehrerin. Ich klopfte bescheiden an – – lautlose Stille! – Nach einer Weile klinkte das Schloß, die Tür öffnete sich von innen, es erschien die Präfektin, Irenchen an der Hand haltend und sagte freundlich: »Tretet ein!« Da standen sie also unter meiner Einführung, vorne die Kleinen, hinter ihnen die Großen, gleichsam als Schutzwache. Unsere Lehrerin sprach: »Johanna hat mir eure Pläne und Wünsche mitgeteilt; ihr wollt der guten Frau Oberin Freude und Überraschung bereiten, und das kann ich nur loben, sie verdient's um euch, Aber ihr wollt auch dabei den Beweis liefern, daß ihr keiner Überwachung bedürfet, sogar die Kleineren überwachen könnt, und ihr Vorderen da wollt den Größeren gehorchen?« Wir nickten alle zustimmend, die einen und anderen bestätigten es auch mit leiser Bejahung, und die Präfektin sprach weiter: »Ein schöneres Geschenk, als diesen Beweis eurer gelungenen Erziehung könntet ihr der Frau Oberin nicht machen. Nun, wir können's ja probieren, denn im nahen Wäldchen seid ihr nicht der geringsten Gefahr ausgesetzt.« In unserer Versammlung regte sich's sogleich wie zum Abmarsch, aber die Lehrerin sagte: »Gemach, gemach, die Hauptsache kommt erst! Johanna, dir übergebe ich Irenchen. Kann ich mich fest auf dich verlassen?« Ich sprach beinahe wörtlich, wie es in der Biblischen Geschichte heißt: »Ich stehe gut für sie! Wenn ich das Kind nicht zurückbringe, will ich mein Lebtag daran die Schuld tragen.« Diese Worte waren fast deklamatorisch in der Begeisterung aus meinem Munde gekommen. Als meine Blicke sich zu Irene wandten, streiften sie Anna Bayers Gesicht, aus dem Neckerei mir entgegenlächelte. Ich verstand sie und hätte sie am liebsten dafür in die Seite gestoßen, aber dies war nicht der geeignete Moment, auch sprach die Präfektin: »Wie ich an euren Waldkleidern sehe, habt ihr euch bereits fertig gemacht. Wohlan, so geht in Gottes Namen! Ihr hört die Turmuhr schlagen, und du, Johanna, besitzest eine Taschenuhr. Punkt 6 Uhr geht's auf den Heimweg; ich erwarte euch an der Pforte.« Wir umringten sie und küßten ihre beiden Hände, ich aber griff nach Irenchen. Nun ging's fort, nicht mehr paarweise, sondern in Hast, um die nötigen Sachen als Körbchen, Bindfaden, Messer, Scheren, Bänder, Papier zusammenzuschleppen und von den anderen Abschied zu nehmen. Aber hierzu fand sich keine Gelegenheit. Die weise Verordnung unserer Präfektin hatte bereits alle Zöglinge mit ihren Lehrerinnen zu einem gemeinsamen Ausfluge entlassen. Ich rief am Ende des Ganges: «In längstens zehn Minuten seid ihr alle im Sprechzimmer!« II. Alle waren pünktlich: ein guter Anfang! In zwei Gruppen geteilt, wanderten wir dahin. Wenige Schritte vom Hause blieben wir stehen und schauten zum Fenster der Präfektin empor. Ja, dort stand sie und lächelte uns freundlich zu. Wir schwenkten Tücher, die einen warfen in der Fröhlichkeit ihrer Herzen zärtliche Kußhände, die anderen hüpften und jauchzten, ich aber ergriff Irenchens Hand und legte meine Linke wie im Gelöbnisse auf die Brust. Dann marschierten wir vorwärts, und durch die Reihe hörte man, wie gut unsere Präfektin doch sei und wie lieb wir sie hätten. Natürlich, sie hatte uns ja soeben den Willen getan. Ich ging mit Irenchen und Marie Huber zuletzt. Wir entwickelten unsere Pläne für den Nachmittag, während die Mädchenstimmen gleich dem Bienenschwarm surrten oder ein glockenhelles Gelächter dazwischen tönte. In meiner Hand krabbelte es, als ob sich darin etwas losmachen wollte, und ich gewahrte in Irenchens großen Augen ein Verlangen nach der Spitze des Zuges. In diesem Augenblicke sprang die neunjährige Lukretia zurück. Sie glich immer den lachenden, tanzenden Sonnenstrahlen; es gab für sie keine Wolke, keinen Ernst; selbst durch ihre Tränen brach in der nächsten Minute die Lustigkeit, und auch in der Kirche durften wir sie nicht anblicken, um nicht zum Lachen verleitet zu werden. Dabei war sie so gutmütig, so rosig und lieblich, der kleine Quälgeist, und der Liebling aller Lehrerinnen. Luka ergriff Irenchens freie Hand, neigte sich schmeichelnd zu ihr und sagte: »Komm', wir tanzen und springen voran, ich weiß die allerschönsten Plätzchen, wo man die Blumen nur so mit beiden Händen ausreißen darf.« Ich fühlte die kleine Patschhand sich gewalttätig von der meinen loswinden, widerstand aber und sprach liebkosend: »Gelt, Irenchen, du bleibst lieber bei mir?« »Nein, nein,« schüttelte das Köpfchen, und die kleinen fünf Finger krabbelten wie Ameisen zwischen meinen großen. Da flüsterte mir Marie Huber zu: »So laß sie doch nur!« und eh' ich's mir versah, sprang Luka mit ihr dahin, drehte sich aber um und machte gegen mich die spottende Gebärde des Rübenschabens mit den Zeigefingern der beiden Hände. Ich schwieg verdrossen, und Marie wandte sich deshalb zu Maxi und Hermine, während meine Augen zu den Kleinen vorwärts schweiften. Ich bemerkte, wie sich nun alle um Irenchen drängten, wie jedes ihre Hand haben wollte; ich hörte einen Schrei – einen Hilferuf? – und nahm sogleich einen Anlauf. Aber Marie hielt mich am Kleide zurück, und auch die anderen murmelten untereinander, ja, ich hörte das Wort »unausstehlich«. Die gute, sanfte Marie gesellte sich sogleich wieder zu mir und beschwichtigte meinen Ärger wie meine Besorgnis, indem sie sagte: »Was soll ihr denn vor unseren Augen geschehen? Wir wollen ja alle unsere Freiheit genießen, die Kleinen wie die Großen. O, atme nur tief auf, Johanna, wie gut ist die Luft, wie prächtig der Nachmittag!« Da drang auch von der Spitze des Zuges das Kinderliedchen zu uns: Fuchs, du halt die Gans gestohlen, gib sie wieder her, Sonst wird dich der Jäger holen mit dem Schießgewehr! Nun hatten wir auch schon das Wäldchen erreicht. Es zieht sich an einem Hügel empor; oben führt ein breiter, neu angelegter Fahrweg vorbei, der wieder von Wald begrenzt ist; das Ganze gleicht einer Parkanlage voll lieblicher Ruheplätze, bald eingeschlossen und versteckt, bald wieder mit freier Aussicht auf den Kirchturm mit der Uhr und die reizende Landschaft. Wuchernder Efeu, Farnkräuter, Blumen, Rasen und Moos begünstigten unser Unternehmen. Wir hatten schon im voraus den Lagerplatz gewählt und waren in diesem Punkte völlig einig. Dort legten und warfen wir unsere Siebensachen ab und halfen alle zusammen, Tücher auf den Rasen zu breiten, um vor Käfern und Ameisen geschützt zu sein. Ein großer Baum gewährte Schatten; um jedoch eine malerische Wirkung, hervorzubringen, kletterte Karoline mit Hilfe der anderen etwas empor und spannte ihren roten Schal zwischen die Zweige. Ein wahrhaft magischem Licht ergoß sich über unsere Gesichter durch die schräg darauf fallenden Sonnenstrahlen, und nun drängte sich eines an das andere, um dort hingestreckt zu liegen, und eines um das andere stieß Worte der Bewunderung aus. Aber der Raum war viel zu eng für das Dutzend, besonders bei der malerischen Stellung, die Hermine und Maxi einnahmen. Da rief Luka in ihrer sprudelnden Heiterkeit, indem sie ihren Sonnenschirm aufspannte und ihn wirbelnd drehte: Herbei, herbei! Ins Lager Nummer Zwei! Zugleich schleuderte sie ihren Schirm in das Gebüsch; er drehte und senkte sich herab und lag wie ein Dach auf den schwankenden Zweigen. Da erhob sich ein allgemeiner Jubel unter dem kleinen Volke; sie liefen samt und sonders nach ihren Schirmchen, heißa, juchhei! tönte es, während sie in die Höhe flogen und in verschiedenen Stellungen sich lagerten. Nur die Kleine Stanzi war zur Seite stehen geblieben und hielt ihr Schirmchen fest zwischen den Händen. O, es war auch kein gewöhnliches, sondern der Mama abgeschmeichelt, von rosa Seide und weiß gefüttert, freilich bereits etwas morsch und durchsichtig, aber doch des Kindes Stolz. Als Lukas rasch sich drehende Augen die jüngere Schwester erblickten, fuhr sie gleich einem Brausewind auf sie los, entriß ihr das Schirmchen, spannte es auf, hielt es gegen die Sonne und rief, zu dem Baume gewendet: »Dagegen ist euer grellroter Schal nichts!« – Ein kühner Schwung – ritsch! tönte es. Da saß das rosa Schirmchen festgespießt auf einem dürren Zweige. Lautlose Stille – allgemeine Erhebung auch vom Lager Nummer Eins – Tränen und Schluchzen der armen Stanzi. Auch Luka ist einen Moment erschrocken; doch im nächsten springt sie zur weinenden Schwester und tröstet mit eindringlichem Mienenspiel. »Wie magst du nur so weinen um den alten Schirm! Sei froh, jetzt bekommst du einen neuen!« Ein schallendes Gelächter begleitete diesen Trost. Das war mir zu viel, wie überhaupt die ganze vorhergegangene Szene, die ich als Zeitvergeudung betrachtete. Ich machte meinem Ärger Luft und rief: »Wie mögt ihr nur über Lukas beständigen Übermut lachen! Und du, Kleine, schäme dich, so etwas zu denken, geschweige denn es zu sagen! Ich dulde es nicht, denn Fräulein Fanni, deine Lehrerin, würde es auch nicht dulden.« Luka glühte im ganzen Gesichte, sei es, daß der Erfolg ihrer Tat sie doch erschreckt hatte oder daß die Zurechtweisung sie ärgerte. Keck, beide Hande in die Seiten gestemmt, stand sie vor mir und sagte halb weinend: »Du bist aber nicht Fräulein Fanni! Du hast mir nichts zu sagen, der Sonnenschirm geht dich gar nichts an, der gehört meiner Schwester und nicht dir, gelt, Stanzerl?« Ich wollte wie ein Truthahn auf sie losfahren; aber die Gefährtinnen umdrängten mich mit Beschwichtigungen, und Karoline rief von der Seite her: »Laßt doch den albernen Streit und holt lieber Blumen zum Kranzflechten!« »Ja, fort, holt Blumen und Blätter und Farnkräuter!« tönte es aus dem Munde der Größeren. Das war eine Mahnung zur rechten Zeit und alles andere schien darüber vergessen. Luka und Stanzerl hüpften voran, Jenni und Wilma erfaßten Irenchens beide Hände und zogen sie mit sich fort. Dies taugte nicht in meinen Plan; ich mochte das Kind nicht aus den Augen lassen und ermahnte also: »Irenchen, Irenchen, da bleiben, her zu mir!« Die Kleine machte ein betrübtes, enttäuschtes Gesicht, aber ihr Händchen wollte sich doch von den Führerinnen loswinden. Vergebens, fort flogen sie mit ihr. Da sprang ich vom Rasen empor, um ihr zu folgen. Doch Marie stand an meiner Seite, legte ihren Arm in den meinigen und sagte beschwichtigend: »Johanna, laß sie laufen und lustig sein!« Ich erwiderte: »Sie soll aber ein Verschen lernen.« »Zu den beiden Zeilen ist immer noch Zeit, wenn sie vom Herumlaufen müde zurückkehrt und gerne sitzen bleibt. Jetzt würde sie nicht auf dich achten.« Ich aber rief in meiner Erregung: »Du hast gut reden! Du bist nicht für sie verantwortlich! Aber ich, ich habe gesagt: »Wenn ich sie nicht wieder zurückbringe, will ich« – Ich konnte meinen Satz nicht vollenden. Karoline war herbeigesprungen und hatte meine Nasenspitze ergriffen, indem sie rief: »Ei, ich wollte meinen Augen nicht trauen, ein echtes Stumpfnäschen, ohne israelitische Krümmung.« Dann machte sie die jüdische Redeweise nach und sagte: »Hätte ich gemeint nach deinem Worte, daß du abstammest von unserem Volke, von Vater Abraham, Isaak und Jakob!« Jetzt brachen alle in schallendes Gelächter aus, während mir die Tränen in die Augen kamen. Maxi sah es, und mir war's, als hörte ich sie zu Hermine sagen: »Wenn das so fortgeht, gibt's einen regnerischen Nachmittag.« – »Und Gewitter,« ergänzte diese. Nun sprang Therese herbei und schwang einen Reif um mein Haupt mit den Worten: »Zur Arbeit, zur Arbeit!« Und alle rüsteten sich dazu; ich wurde von Marie unter den Baum gezogen, und dann schrie Maxi in den Wald hinein: »Holla ho! Herbei mit Blumen!« – »Holla ho!« tönte es zurück; in wenig Minuten sprangen die Kinder mit gefüllten Körbchen und Schürzen herbei, schütteten den Inhalt vor uns aus, liefen ab und zu, und das Kranzflechten begann, indem ein Teil die Blumen in Sträußchen ordnete und der andere sie an die Reife band. Die frohen Stimmen der Kleinen drangen bald aus der Nähe, bald aus der Ferne zu uns, und Irenchen jubelte am lautesten. Luka hatte schon ein paarmal ihre Schürze vor mich hin ausgeleert und war schmeichelnd mit ihrer Hand an meiner Wange herabgefahren. Es entstand ein heiteres Hin- und Herplaudern, bis Hermine sich zu mir wandte und sagte: »Erzähl' doch einmal recht ausführlich, wie du nur alles durchgesetzt hast, Johanna!« Ich glühte längst vor Verlangen, es zu tun. Im Eifer wiederholte ich nicht nur das von mir Gesagte, sondern auch das Hinzugedachte. Während meiner Erzählung war ich aufgesprungen und begleitete sie mit lebhaften Gebärden. Dann schloß ich mit dem Rufe: »Und so habe ich's durchgesetzt! Es lebe der kühne Mut und die Freiheit!« Anna Bayer erhob sich feierlich, trat vor mich hin, verbeugte sich tief und sagte mit angenommenem Ernste: »Dafür wird dein Name groß sein im Institute und auf dem ersten Blatte der Chronik stehen!« Mein Gesicht flammte bereits wieder, denn ich verstand den Spott. Aber Marie blickte fast ängstlich auf mich und dann bemerkte sie in ihrer lieben, sanften Weise: »Ja, Johanna verdient allen Ernstes unseren Dank. Wie sollen wir ihn nur gleich ausdrücken?« Maxi hatte eben ein kleines Kränzchen für Irene als Gesundheitsengel vollendet. Sie trat damit vor mich hin und sang: Wir winden dir den Jungfernkranz Mit veilchenblauer Seide; Wir führen dich zu Spiel und Tanz, Zu Glück und Liebesfreude! Sogleich hatten sich die übrigen angeschlossen und sangen im Chore: Schöner, grüner, Schöner, grüner Jungfernkranz! Veilchenblaue Seide, Veilchenblaue Seide! Der Gesang tönte in den Wald hinein und lockte äugenblicklich die anderen herbei. Eines ergriff das andere beim Arm, die Kranzflechterei ruhte, es wurde getanzt und gesungen, bis die Wangen glühten und eines um das andere erschöpft auf den Rasen fiel. Nun stöhnte Wilma: »Mich durstet zum Verschmachten!« Sogleich stimmte Luka ein: »Mich hungert zum Verhungern!« Stanzl machte den Vorschlag: »Soll ich das Vesperbrot auspacken?« Ich zog meine Uhr aus dem Gürtel und bemerkte: »Erst halb 4 Uhr, also noch nicht Zeit. Auch haben wir noch nicht das geringste zustande gebracht. Eilt fort zur Arbeit, dann erst wird gegessen!« Doch die Kleinen rührten sich nicht von der Stelle, und Wilma murrte: »Wenn mich hungert, dann eß ich, und wenn ich müd' bin, dann ruh' ich aus. Da gibt's nichts zu befehlen und nichts zu gehorchen.« Plötzlich trat Maxi vor sie hin und deklamierte mit hohem Pathos: Gehorsam ist des Weibes Pflicht auf Erden, Das strenge Dulden ist ihr hartes Los. Durch schweren Dienst muß sie geläutert werden; Die hier gedienet, ist dort oben groß. Wilma, die sich bereits auf den Vesperschmaus gefreut hatte, rief nun ärgerlich und enttäuscht: »Das paßt ja gar nicht auf uns! wir sind keine Weiber, sondern Kinder!« und Anna bemerkte neckend: »Was würde der Dichter sagen, wenn er dich hörte? Du wirfst die Adjektive wie Kraut und Rüben durcheinander. Studiere den Schiller besser, bevor du ihn zitierst!« Doch Karoline sprach mit angenommenem Ernste: »Das ist einer Dichterin der Neuzeit doch wohl erlaubt! Alles muß jetzt verbessert werden, nicht wahr, Maxi?« Ein Zornesfunken sprühte aus deren Augen. Wie ein Pfeil vom Bogen schoß sie mitten durch unsere Reihen in den Wald hinein, und wir sahen ihr erstaunt und schweigend nach; Hermine aber folgte ihr ins Gebüsch. Nun riefen alle durcheinander: »Unausstehliche Empfindlichkeit!« – »Warum müßt ihr aber immer necken?« – »Ei, sollen wir uns den Mund zuleimen?« – »Ihr beide seid an allem schuld!« Jenni wandte sich zu Therese und sagte beinahe flüsternd: »Arbeitsbienen seien wir? Du, ich verspüre Lust, alle meinen Stachel fühlen zu lassen. Sie verdienen nichts Besseres!« »Und ich will gleich bei den zweien dort damit anfangen!« entgegnete diese. Doch Karoline und Anna hatten sich mißmutig entfernt, und die beiden machten sich schmollend über die Kränze her, während die Kleinen wieder davonsprangen. Ich seufzte. Dies war also unser schöner, freier Nachmittag! Dies die Erfüllung unserer Sehnsucht! Meine Augen schweiften nach der sanften Marie, um bei ihr Rat und Trost zu holen. Auch sie war vom Schauplatze verschwunden. Ich ging in das Wäldchen, nach ihr zu suchen. Etwa hundert Schritte entfernt, gewahrte ich unter einem Baume die beiden Freundinnen. Hermines Arm hielt Maxi umschlungen, deren Haupt an der Brust ihrer Trösterin ruhte und deren Hände mit dem Taschentuche die Augen trockneten. Tränen, statt Freude! Und über uns in den Zweigen jubilierten die Vögel, der Sonnenschein vergoldete jedes Blatt, jedes Blümchen lächelte, jeder Halm wiegte sich behaglich im linden Säuseln des Zephirs, alle Wesen fühlten die Wonne des Lebens – nur wir vergeudeten den Nachmittag! Lauschend blieb ich stehen. Da vernahm ich Hermines Worte: »Vergiß doch jenes unglückliche Zitat und denke lieber an Schillers Verse: Wem der große Wurf gelungen, Eines Freundes Freund zu sein! Erneutes Schluchzen, erneutes Umschlingen mit beiden Armen, und dann Maxis begeisterte Antwort: Ja, wer auch nur eine Seele Sein nennt auf dem Erdenrund! Und wer's nie gekonnt, der stehle Weinend sich aus diesem Bund! Jetzt stand mir das Weinen nahe. Auch ich war heute schon gekränkt und bespöttelt worden; aber keine Freundin hatte mich getröstet; ich suchte nach der meinigen – vergebens! Und so schlich ich mich fort mit der Sehnsucht im Herzen, weit, weit weg zu sein. Ich war in entgegengesetzter Richtung tiefer in den Wald gegangen und erblickte, an einen Baumstamm gelehnt, mir den Rücken zugekehrt – Marie Huber. Was fesselte sie hier? Was trieb sie da? Ich gewahrte keine Bewegung ihrer Hände; regungslos, das Haupt erhoben und an den Baumstamm gelehnt, blickte sie hinaus. Ja, es war der Mühe wert: ein liebliches Landschaftsbild breitete sich hier aus, und himmlischer Friede schien darüber gegossen. Leise Naturstimmen aus Moos, Gras und Halm vermischten sich mit den lautschmetternden aus den Zweigen; in der Ferne erklang das Dengeln einer Sense, dann wieder tönte die Glocke einer weidenden Kuh: Friede, Freude, Arbeit schien diese vereinte Melodie zu verkünden. Ich verstand nun, was Marie hier gesucht und gefunden hatte: den Frieden . Jetzt traten mir die Tränen in die Augen, denn es regte sich in meinem Herzen der Vorwurf, daß auch ich in die süße Harmonie des Friedens einen Mißklang gebracht hatte. Eben wollte ich zu Marie hineilen und ihr mein übervolles Herz ausschütten, als ich unsere Namen rufen hörte: »Maxi, Hermine, Marie, Johanna, kommt, kommt! Irenchen!« »Was ist's mit Irenchen?« Plötzlich stand die vergessene Pflicht wieder vor mir, und ich eilte fort, ohne mich nach Marie umzusehen. III. Als ich beim Sammelplatze anlangte, traten eben auch Hermine und Maximiliane von der entgegengesetzten Seite herzu, und mein forschender Blick gewahrte einen Mädchenknäuel, aus dem ein wahres Bienengesumme drang; von Irenchen jedoch konnte ich nichts entdecken und rief mit gepreßter Stimme ihren Namen. »Da bin ich!« tönte es mir aus der Gruppe glockenhell entgegen, und die Kleine kam mit erhobenem Arm auf mich zu, indem sie mit kindlichem Jubel rief: »Schau' mal, Johanna, was ich gefunden hab'!« Ich mußte lächeln über diese Freude. Es war ein bleierner Ring, mit bunten Glassteinen besetzt. Wahrscheinlich hatte ihn ein Dorfkind auf dem Gang zur Schule durch dies Wäldchen verloren. Aber ich wußte aus der eben erst gemachten Erfahrung, daß Kinder verschiedenen Alters auch verschiedene Interessen und Freuden haben, und daß, wenn man zum Vergnügen versammelt sei, man auch jedem sein Vergnügen lassen müsse. Ich behielt also meine Gedanken für mich und zeigte gleichfalls Bewunderung und Verwunderung, indem ich den Ring in die Hand nahm und ihn genau betrachtete. In der Mitte befand sich ein Kreuz aus roten Steinchen, eines, das die linke Seite des Querbalkens bildete, war ausgebrochen. Ich äußerte meine Vermutung, daß es ein Kreuz vorstelle, aber Wilma rief: »Nein, nein, es ist ein Hammer! Anna Bayer kennt ihn! Sag's ihnen, Anna!« Diese nickte mir mit ihrem Schelmenblicke zu und erklärte mit angenommenem Ernste: »Ja freilich, das ist ein Hammer, das Abzeichen der Gnomen oder Bergmännlein. Halt' ihn nur recht in Ehren, Irenchen, denn es ist ein Talisman! « Jetzt riefen die Kleinen: «Was ist denn ein Talisman?« Anna, die nicht sehr geläufig im Definieren war, stotterte ein wenig und sagte dann: »Nun, das soll euch Maxi erklären. Sie ist nicht umsonst die Erste in der Definitionsklasse. Ihr gebührt diese Ehre.« Maximiliane Forster wurde rot; sie dachte wohl daran, wie man sie noch eben wegen ihres ungenauen Zitates geneckt hatte. Sie zögerte. Da legte Marie Huber sanft ihre Hand auf deren Schulter und bat: »Ja, ja, sage du es: Was versteht man eigentlich unter dem Worte Talisman?« Diese herzliche Aufforderung wirkte vortrefflich, und mit der Deutlichkeit eines Konversationslexikons erklärte sie: » Talisman ist ein arabisches Wort und bedeutet soviel wie Abzeichen, unter dem Einflüsse gewisser Sterne oder Konstellationen aus Metall oder Stein gegossen, weswegen sie auch Konstellationsringe heißen. Dadurch haben sie die Kraft erlangt, ihre Besitzer vor Unglück zu bewahren.« Nachdem Maxi geendet hatte, drückten die Blicke der Großen Bewunderung wegen dieser klaren Definition aus, während die Kleinen den gefundenen Talisman, wie sie den Ring nannten, mit Scheu und Ehrfurcht betrachteten. Anna rief aufs neue mit verstelltem Ernste: »Schnell ein Band her, damit ihn Irenchen am Halse trage!« Sogleich suchte jedes nach einem solchen. Ich aber hatte bereits mein Medaillon von einem blauen Samtbändchen losgeknüpft, fügte den bleiernen Ring hinein und hing ihn der Kleinen um den Hals. Hermine nickte mir zu und sagte: »Nun, Johanna, bist du auf einmal all deiner Angst und Sorge los und ledig. Es kann deinem Benjamin nichts mehr zustoßen.« Eine Stunde zuvor hätte mich dieser harmlose Scherz verdrossen und gereizt; jetzt aber streifte er mich nur wie ein Lüftchen, das mit den Haaren spielt und sie ein wenig zaust; der Scherz hatte seinen Freipaß erhalten. Nach dieser Episode fuhren die beiden Arbeitsbienen umher, und während sie die halb vollendeten Kränze schwangen, begaben wir uns alle ohne Befehl auf die früher eingenommenen Plätze. Die Kleinen waren schon etwas müde; Blumen zur Genüge waren vorhanden, und so lagerten sie sich rings um die Großen, Sträuße darreichend oder auch an einer Brezel knuppernd, ohne daß ein Verweis sie störte. Ich fühlte mich zum ersten Male an diesem Nachmittage befriedigt. Irenchen saß ja auch zu meinen Füßen und blickte alle Augenblicke mit Stolz auf seinen Ring. Die Kleinen erzählten mit unendlicher Wichtigkeit, daß Irenchen den Ring zwischen einer Gruppe von Farnkräutern entdeckt, Stanzi ihn aufgehoben und wieder fallen gelassen und Wilma ihn schließlich erobert habe; doch keines tastete Irenchens Besitz an, weil sie der Liebling aller war. Da der Ring Veranlassung gewesen war, die ganze Schar zu vereinen, beutete Marie diesen Umstand aus, um sie auch beisammenzuhalten, und wandte sich zu Anna mit der Frage: »Wie verhält sich's denn eigentlich mit deinen Gnomen, Wichtelmännchen oder mit deinem Meister Rübezahl? Erzähl' einmal!« Diese entgegnete: »Untersberger Männlein, wenn ich bitten darf. Die andere Sorte von guten Geistern ist mir unbekannt, aber jene kenne ich, weil ich ein echtes Reichenhaller Kind bin. Von Meister Rübezahl weiß ich vollends gar nichts, desto mehr von Kaiser Karl dem Großen.« Stanzi lachte und rief: »Von dem wissen wir auch genug. Es ist unsere Aufgabe für übermorgen.« Doch Anna Bayer fiel ihr ins Wort und entgegnete: »So ist's nicht gemeint.« Und dann verkündete sie mit feierlicher Stimme und ausdrucksvollem Vortrag: »Ich meine Karl den Großen, der als Geist nach tausend Jahren noch umgeht.« Bei dem Worte »Geist« rückten die Kleinen schon etwas gruselnd zusammen, aber die Begierde, von ihm zu hören, war nur gewachsen, und Wilma flehte dringend darum. Anna sprang auf einen Baumstumpf, die Hände ruhten, die Augen blickten auf sie, denn sie war berühmt durch ihr spaßiges Mienenspiel, und in solcher Weise wurde auch die Erzählung gewürzt. Sie begann: »In dem kolossalen Marmorpalaste, der Untersberg genannt, befindet sich seit mehr als tausend Jahren die Hofburg Seiner Kaiserlichen Majestät Carolus Magnus. Der uralte Herr schläft meistens an einem steinernen, runden Tisch sitzend, und sein weißer Bart ist so lang, daß er ihn zur Bequemlichkeit dreimal um die Tischplatte gewunden hat. Des Kaisers Hofgesinde und Dienstpersonal besteht aus unzähligen Zwerglein; weil sie aber beim schlafenden Gebieter wenig zu tun haben, machen sie sich in der weiten Umgegend ein Pläsier, bald mit einer Wohltat, bald mit einem Schabernack. In des Kaisers Namen belohnen sie die Guten und bestrafen die Bösen. – Nun, grabbelt's keiner im Gewissen?« Wilma rief: »Bis zu uns herüber werden sie wohl nicht kommen!« Doch Anna sah sie geheimnisvoll an und bemerkte: »O, frag' nur die Leute droben im Klosterhof; die wissen dir genug Geschichten von ihnen zu erzählen. Es sind eigentlich gute und lustige und gerechte Kerlchen. Bald flicken sie der Bäuerin die zerbrochenen Töpfe, bald wetzen sie dem Bauern die Sense, bald versalzen sie der Köchin die Suppe, bald strafen sie die schlimmen Buben, damit es der Lehrer nicht zu tun braucht.« In diesem Augenblicke ertönte durch die Waldesstille ein sonderbarer, fremd klingender Ruf und Jenni fragte: »Was war das? Habt ihr's gehört?« Karoline nahm eine erschrockene Miene an, um ja keine Gelegenheit zur Neckerei vorübergehen zu lassen, und rief: »Alle guten Geister, lobet Gott den Herrn!« Doch Marie sandte ihr einen verweisenden Blick zu und erklärte: »Es wird jemand auf dem neuen Weg dort oben vorübergegangen sein; erzähle weiter, Anna!« Ich rief: »Ja, erzähle! Aber ihr anderen regt die Finger zur Arbeit, sonst kommen die Zwerglein wirklich.« Anna fuhr weiter: »Es sind eigentlich nette Bürschlein mit langem, silberweißem Barte. Sie stecken in einer grauen Kapuze, die Nebelkappe heißt, denn sobald sie diese über den Kopf ziehen, verschwinden sie vor den Blicken der Menschen wie im Nebel. Es könnte zum Beispiel ganz dicht einer an deiner Seite stehen, Stanzerl, und du wüßtest nichts davon.« Die Kleine sprang bei diesen Worten mit lautem Schreckensruf empor; aber Anna beruhigte sie: »Sei doch nicht albern! Dir täten sie ja nichts zuleid, sondern brächten vielleicht ein neues Sonnenschirmchen von einer Hofdame Kaiser Karl des Großen. Wenn ich aber die Luka wäre und sogar während des Tischgebetes Unsinn triebe und die anderen zum Lachen verleitete, ja dann!« Die lustige, rosige Luka sah nun doch erschrocken darein, und es zuckte etwas sonderbar um ihren Mund. Hermine gewahrte es und sagte heiter: »Heute sind wir aber samt und sonders Musterkinder, sonst befänden wir uns nicht ohne jegliche Überwachung hier im Walde. Wir haben nichts zu fürchten und wissen nun genug von den wohlehrwürdigen Zwergen. Ich schlage vor, wir gehen zur Tagesordnung über, nämlich zur Deklamationsprobe, um endlich zu bestimmen, wer morgen das Festgedicht vorzutragen hat. Hierauf muß Irene den Engelsspruch lernen.« Maximiliane sprang empor, denn sie war die Dichterin und hierbei also am meisten beteiligt. Dann trat sie vor mich hin und sagte: »Und du empfängst als Oberin die Glückwünsche. Dein schwarzes Kleid paßt eben gut zum Ordensgewande. Schnell her mit reinen Taschentüchern!« Der Vorschlag wurde mit Entzücken aufgenommen. Da stand ich umringt von allen. Die eine umwickelte mir Stirn und Wangen mit blütenweißen Tüchern, die andere legte eines als Pelerine um meine Brust und befestigte es mit Stecknadeln auf beiden Schultern. Mit zwei kleinen Taschentüchern wurden meine Ärmel umwunden, und zuletzt noch mußte meine eigene schwarze Schürze als Schleier dienen. Ich kam mir selbst wie umgewandelt vor, und die Herrschaftsgelüste, die in meiner Brust eine kurze Weile geschlummert hatten, erwachten bedeutend. Auch die anderen fanden sich in ihre Rollen und küßten mir ehrfurchtsvoll die Hände, was ich ohne Weigerung geschehen ließ. Da stand ich nun in ruhiger Würde und erwartete den poetischen Glückwunsch. Maximiliane hatte ihr Gedicht hervorgezogen und rief ihrer Freundin Hermine. Diese trat vor mich hin und deklamierte in ihrer vielleicht etwas zu gefühlvollen Ausdrucksweise: Zur Mutter kommen ihre Kinder Bei jedem Feste lustbewegt. Dein edles, liebes Herz nicht minder Uns mütterlich entgegenschlägt. Drum kommen auch die Kinder alle Voll Lieb' und voller Lust zu dir; Sie feiern heut' im Liederschalle Dich mit der Kränze reicher Zier. Karoline, die währenddem ihrer Freundin Anna heimlich etwas zugeflüstert hatte, unterbrach jetzt den Vortrag, drängte sich durch die Gruppe und rief: »Laßt mich an die Reihe, ich kann's noch gefühlvoller!« Dann begann sie mit affektierter Nachahmung: Die Mutterlieb' ist angeboren Und in des Menschen Herz gesenkt. Auch dich hat Gottes Huld erkoren Und diesem teuren Haus geschenkt, Weil zarte Liebe dich durchquillet, Ein unversiegter, reiner Quell, Der jeden Durst der Seele stillet, Und immer, immer ist zur Stell'. Ich bemerkte, daß während des Vortrages das Blatt Papier in Maxis Händen zitterte; ich sah Hermine in hohem Grade beleidigt ins Gebüsch treten, ich hörte das Gelächter der übrigen; aber ich schwieg in meiner angenommenen Würde. Da sprang Wilma herbei und rief: »Ich kann's auch, ich sag' die dritte Strophe! Hört einmal!« Und im Leierton plauderte sie: O blick' umher im ganzen Kreise, Und was ich sage, wird dir klar: Die zärtlich off'ne Kinderweise Stellt sich in jedem Auge dar. Nicht eines weicht in Scheu und Bangen Vor deiner Mutterhand zurück; Die Freude glänzt auf allen Wangen, Und in den Mienen schwebt das Glück. Ich gab mir die größte Mühe, meinen Ernst zu bewahren, während die anderen kicherten. Wilmas Beispiel wirkte verführerisch. »Jetzt komm' ich an die Reihe!« – »Nein, ich!« – »Ich kann's noch besser!« riefen gleichzeitig Jenni, Luka und sogar die gesetzte Therese, indem sie sich vordrängten. Das war doch zu viel. Ich wollte eben abwehren, als Maximiliane wutentbrannt alle zur Seite stieß und mit glühendem Kopfe vortrat, indem sie rief: »Das duld' ich nicht! Mein Gedicht ist nicht zum Spotte da! Ich lass' es nicht auf diese Weise mißhandeln!« Und ohne jede fernere Unterbrechung zu beachten, sprach sie die folgenden Strophen schön und gefühlvoll, wirklich musterhaft: Wo Liebe waltet, kann nicht fehlen Der Segenswunsch an diesem Tag, Und deiner Kinder warme Seelen Sind gleich dem blütenreichen Hag, Wo süßer Duft zum Himmel steiget An jedem Morgen als Gebet Und Gott sich freundlich niederneiget, Ein Engel durch die Reihen geht. O möcht' ein Engel zu dir schweben Ans Lager hin bei nächt'ger Ruh', Dir einen sanften Schlummer weben, Dir flüstern süße Träume zu! O möcht' er deine Kräfte stärken Aufs neu' bei jeder Morgenstund', O möcht' er dir bei allen Werken Auch seine Hilfe geben kund! Von deines eig'nen Raumes Schwelle Durchzieh' er dann das ganze Haus; Er trete leis' in jede Zelle Und teile Himmelsgaben aus! Doch auch vor unser'n Seelen halte Er schützend eine heil'ge Wacht, Daß sich dein treues Werk entfalte Und sei zu gutem Schluß gebracht! Das ist der Kinder frommer Segen, Dir dargebracht im Festgedicht; Doch manche Wünsche noch sich regen, Sie finden nur die Worte nicht. Gott mög' in uns're Seelen schauen Und lesen in des Herzens Schrein! Ihm wollen wir sie anvertrauen Mit Zuversicht auf ihn allein! Ich hatte schon vor dem Schlusse gegenseitige Zeichen bemerkt. Jetzt schlug Anna klatschend die Hände zusammen; die anderen taten ein gleiches und zwar auf so lebhafte Weise, als ob sie aus ihren Händen Feuer klopfen wollten. Die gute, leicht besänftigte Maximiliane nahm es, wie sich auf ihrem freundlichen Gesichte zeigte, als ehrlich gemeinte Anerkennung. Doch nur zu bald sollte sie enttäuscht werden. Wilma ergriff das für Irenchen fertig geflochtene Kränzchen, legte es auf einen dürren Zweig, trat vor sie hin und sagte: »Da dich niemand krönt, so setz' dir selber den Dichterkranz aufs Haupt!« Wie von einer Natter gestochen, fuhren Maxis Hände zurück; ebenso schnell aber ergriff sie den Kranz, schleuderte ihn von sich und rief in höchster Entrüstung unter einem Strom von Tränen: »Hohn und Spott! Ist das mein Lohn für alle Mühe, die ich mir für euch gegeben, weil keine einen erträglichen Vers zusammenbrachte?« Jetzt trat Anna hervor und rief: »Nicht so hochmütig, wenn ich bitten darf! Du zitierst immer Verse, die auf andere zielen, jetzt will ich ein Zitat auf dich losschießen. Als ich neulich zur Präfektin wollte und du bei ihr warst, drang deutlich an mein Ohr: Allesamt seid untereinander untertan und haltet fest an der Demut! Denn Gott widersteht den Hoffärtigen; nur den Demütigen gibt er seine Gnade. Hat das etwa auf dich gepaßt? He?« Ein Gemurmel ging durch die Gruppe, das bald zum lauten Geschrei wurde. In Maxis Gesicht aber malte sich Beschämung und Entrüstung. sie brach in krampfhaftes Schluchzen aus und entfloh in den Wald. Auch mein Zorn war höchlich entflammt, und ich rief: »Anna, das ist abscheulich! Das geht über jeden erlaubten Scherz, das ist Verrat! Augenblicklich eile ihr nach und hol' sie zurück!« Aber Anna sah mich trotzig an. Aufgeregt durch das Bewußtsein, über die Schnur gehauen zu haben, sowie über die tadelnden Stimmen, schrie Anna: »Ich lasse mich von dir nicht hofmeistern! Die Verkleidung macht dich nicht zu unserer Oberin, daß du 's nur weißt! Mein Sacktuch her!« »Das meine auch!« ertönte es mehrstimmig aus der Gruppe, und sogleich riß ich alles mit Ungestüm von mir, es zur Erde schleudernd. Zornig wollte ich nun gleichfalls enteilen, als ein sonderbarer, fremd tönender Laut durch den Wald drang. Ich blieb wie festgebannt stehen, jedes verstummte, jedes lauschte, alle rückten sich näher. Wieder! War es ein Mensch? War es ein Tier? Ein durchdringender, wilder Schrei - ein lautes Schluchzen – ein Gewimmer – dicht vor unseren Ohren. Stanzi war neben mir auf die Kniee gesunken. Wir starrten furchtsam ins Gebüsch, es teilte sich, und wir sahen eine arme, herumwandernde Zigeunerfamilie vor uns. Ein Blick auf die Gruppe zeigte es: die Mutter mit dunklem Haar und brauner Gesichtsfarbe, in bunte Fetzen gehüllt, ein Kind im Arme; der siebenjährige, nur mit schmutzigem Hemd bekleidete Knabe, wild und scheu im Ausdrucke des Gesichtes. Ja, es waren Zigeuner, und jetzt ertönte von neuem der sonderbare, tierische Laut von der Straße herab. Dort stand ihr Eselskarren, und dort am Baum lehnte der Mann, seine Pfeife rauchend. Aber der Anblick vor uns war geradezu Erbarmen erregend. Der Knabe schrie und weinte; vor Hunger? vor Schmerz? Seine hohlen Wangen sprachen von dem ersten, sein blutender Fuß von dem zweiten. Als die Zigeunerin sich unter dem Baume niederließ, wußten wir nichts mehr von Furcht. In sanfter, zärtlicher Weise beschwichtigte sie bald das Gewimmer des Kindes, bald das unbändige Geschrei des Knaben, und trotz der fremden Laute verstanden wir diese, allen bekannte »Muttersprache«. Luka hatte auch den wilden Aufschrei des Knaben verstanden, ihre Brezel vom eigenen Munde zurückgezogen und reichte sie ihm einladend hin. Doch die wilde Scheu schrie noch stärker als der Hunger. Er schlug nach ihr, stieß mit dem Fuße wie ein Füllen und verkroch sich unartig hinter dem Baum. Jenni bot nun der Mutter ihren Kuchen; diese nahm ihn mit feuchtem Dankesblicke, wandte sich zu ihrem Buben, und seine weißen Zähne wühlten gleich darauf in dem Leckerbissen. Nun war das Zeichen gegeben. Alle Hände packten die Körbe aus und rüsteten vor dem Zigeunerlager das Mahl. Jeder eigene Hunger schien völlig gestillt beim Anblick des fremden. Jenni kehrte mit einem wassergefüllten Becher aus dem Walde zurück; Therese kniete neben dem Knaben, der nach Stillung seines Hungers zahm wurde und ihr willig den blutenden Fuß überließ. Wilma reichte ihr Taschentuch hin; nun wurde er gewaschen und eingebunden. Doch als Hermine diese Waschung auch über das Gesicht ausdehnen wollte, empfing sie einen Schlag und fuhr lachend zurück. Alle Zwietracht war vergessen; nur Mitleid, Friede, Heiterkeit glänzte in den Mienen. Jetzt trat Karoline zu mir und sagte flüsternd: »Johanna, was meinst du?« Gab es der Geist mir ein? Ich verstand, was sie meinte, und griff nach dem Geld in der Tasche. Karoline sprach weiter: »Ich verzichte auf meinen Teil beim Namenstagsgeschenk; aber es ist so wenig. Dürfte ich wohl?« »Ich verantworte es bei meiner Klasse; ich tu' 's!« war meine Antwort. Maxi stand neben uns. Sie legte ihren Arm vertraulich in jenen Karolinens; sogleich kam Anna herbei und umschlang die kurz zuvor Gekränkte. Und nun kamen alle; es wurde großer Rat gehalten, und Marie gab den Ausschlag, indem sie bemerkte: »Es ist nur eine andere Form des Geschenkes an die Oberin. Wir schenken das Geld in ihrem Namen den Armen.« Nun rief Wilma: »Johanna soll es einsammeln und der Zigeunerin überreichen; sie vertritt ja heut' die Stelle der Frau Oberin.« Dieses Wort übergoß mich mit der Röte tiefer Beschämung, denn mein Gewissen mahnte mich, daß ich im Laufe des Nachmittags nur zu häufig die »Oberin« gespielt hatte und zwar in allem Ernste von meiner Seite. Ich schob es Marie zu, doch diese entgegnete, daß der erste Gedanke von Karoline komme. Aber auch sie errötete und sagte leise: »Ich verdiene solche Freude nicht. Maxi, du mußt's überreichen; du bist so gut und freundlich.« Wir schoben nun diese voran, und sie neigte sich zu der Zigeunerin mit dem beredten Blicke ihrer Augen und gab ihr den Schatz. Ja, es war ein Schatz für die Arme! Verwirrt blickte sie darauf und dann fragend zu uns empor. Wir nickten ihr bejahend zu; sie fiel auf die Kniee, kroch uns nach, küßte unsere Kleider und Hände und strömte über in Dankesworten ihrer fremden Sprache. Es war uns allen wundersam glücklich zumute. Der ganze Wald schien uns verklärt, und wir hätten gern mit Jauchzen eingestimmt in den Sang der Vögel. Das Glück trieb die Frau von hinnen zu ihrem Manne, und der Knabe hinkte auf seinem gesunden Beine einher. Oftmals wendeten sie sich dankend nach uns zurück, bis sie im Gebüsche verschwanden und erst wieder oben auf dem Wege zum Vorschein kamen. Wir beobachteten ihre Unterredung mit dem Manne. Der aber zog seinen Hut vom schwarzen Haare und neigte das Haupt gegen uns. Dann hörten wir das Gerassel der Wagenräder, und wir waren wieder allein. IV. Eine gehobene, fröhliche, friedliche Stimmung lag auf aller Mienen. Ich zog meine Uhr aus dem Gürtel und rief erstaunt: »Denkt euch, schon 5 Uhr! Nur noch eine Stunde!« Allgemeine Überraschung! Jedes lief ungeheißen auf seinen Platz, alle Hände waren beschäftigt. Ich forschte nach Maxi, welche verstohlen das weggeschleuderte Kränzchen suchte und hierauf es mit den Fingern zurechtzupfte; dabei sah sie ganz traurig aus. Dieser leise Mißton in der hergestellten Harmonie und Freude tat mir leid. Ich begann etwas zagend: »Aber wir haben ja noch gar nicht bestimmt, wer von uns morgen das Festgedicht vortragen soll. Ich wüßte schon, wer?« und meine Augen deuteten auf Maxi. »Was meint jedoch ihr? « Anna sprang bei diesen Worten empor, eilte auf sie zu, erfaßte ihren widerstrebenden Arm, zog sie vorwärts und rief: »Diese da, und keine andere!« Ein paar schwere Tropfen rollten langsam über Maxis blühende Wangen. Anna mochte sie mißverstehen und flüsterte bittend: »Bist du mir immer noch böse? O bitte, verzeih' mir, sonst kann ich mein Lebtag nicht mehr lachen und necken.« Da folgten immer mehr Tränen aus Maxis Augen, und sie schluchzte fast. » Dir böse? O nein, mir und meiner Heftigkeit und Empfindlichkeit bin ich ganz allein böse.« Dann hob sie, gegen uns gewendet, die Hände auf und bat: »Verzeiht mir alle!« Da brach die Rührung aus den ohnedem erweichten Herzen. Wir eilten auf sie zu, wir reichten und drückten ihr die Hände, und manche Hand suchte eine andere, und mancher Druck bat leise: »Verzeih' mir!« Hierauf rief ich fröhlich, indem ich mir die Augen wischte: «Jetzt aber ist's für heute genug mit aller Traurigkeit! Die Hauptsache ist auch in Ordnung, und die Reihe kommt nunmehr an dich, Irenchen; du mußt dein Sprüchlein lernen. Komm' schnell her zu mir!« Doch kein Irenchen antwortete. Alle Köpfe wandten sich suchend nach dem Kinde. Ich rief wiederholt: »Wo bist du, Irenchen?« – Keine Antwort. – »Irene! Irene!« tönte es von allen Lippen ins Gebüsch hinein. – Alles blieb still. Jetzt liefen einige fort. Man vernahm ihren Ruf in der Ferne – endlich kehrten sie allein zurück. Ich aber stand da, unfähig zu sprechen, mich zu regen, in namenloser Angst und Bangigkeit, wie gelähmt an Geist und Körper. Da trat Marie in den Kreis und fragte: »wer hat die Kleine zuletzt gesehen?« Einige Augenblicke lang blieb alles stille. Keines hatte auf das andere geachtet während der vorhergegangenen Ereignisse. Endlich sagte Konstanze: »Sie ist neben mir gestanden, als Wilma den Vers hersagte.« Ein Stich fuhr mir durchs Herz; das war lange her. Doch Luka rief: »O, sie war noch da, als die Zigeuner ankamen!« und Jenni bestätigte: »Sie hat sich vor dem unartigen Buben gefürchtet und sich hinter mich versteckt.« »Die Zigeuner!« Dieses Schreckenswort jagte das Blut gegen mein Herz, und ich gedachte aller Geschichten von Kinderraub, die ich jemals gelesen hatte. Halb in Verzweiflung sank ich unter den Baum und stöhnte: »Ja, die Zigeuner!« Da sprach Marie heute zum erstenmal mit verweisender Stimme: »Aber, Johanna, wie kannst du so etwas denken! Leute, die eben von uns Wohltaten empfangen haben, sollten es mit einem Verbrechen vergelten?« Ich senkte beschämt und sogar etwas getröstet die Augen. Dann rief Marie mit ruhiger Entschiedenheit: »Kommt alle her, wir wollen verabreden, was zu tun ist!« Alle folgten ihrem Rufe, und sie sagte: »Wir wollen Irenchen suchen, ihr Kleinen aber lauft nicht weiter fort als in Hörweite und kommt immer wieder daher, damit man nicht, wenn man die eine gefunden hat, die andere suchen muß.« Hierauf bezeichnete sie jedem die Richtung. Alle liefen spornstreichs fort, Marie neigte sich noch mit einem Kusse zu mir und ging dann auch in den Wald. Da saß ich nun allein in namenloser Herzensangst. Meine Phantasie glich der losgelassenen Meute, die dem flüchtigen Wilde nachjagt: sie verfolgte das vermißte Kind von Gefahr zu Gefahr. Bald sah ich einen spitzen Dorn ihren Fuß verwunden und sie hilflos in das Gestrüpp sinken; bald erblickte ich sie am Rande des Abgrundes; bald fand ich sie in den rohen Händen eines Vagabunden; und so ersann ich Geschichte um Geschichte und fühlte mich geistig und leiblich gemartert. Darein mischten sich bittere Vorwürfe, daß ich dies anvertraute Gut so leichtsinnig außer acht gelassen hatte, während die Zigeuner mein Interesse beschäftigten. Es klang mir der Vers ins Ohr: »Tue stets die nächste Pflicht!« Und beschämt senkte sich mein Haupt zur Brust. Nein, diese Untätigkeit vermochte ich nicht länger zu ertragen! Wie gut hatten es dagegen die anderen, die Irene suchten, sie durften wenigstens handeln! Ich wollte ihnen nacheilen; aber sie konnte inzwischen zurückkehren und wieder fortlaufen, um uns zu suchen. Nein, ich mußte auf meinem schweren Posten bleiben, so allein, ohne Trost! Sehnsüchtig forschte ich nach Marie, und mein Herz machte ihr Vorwürfe, daß sie mich in dieser bangen Leidensstunde verlassen habe. Da sprang Wilma herbei. Ich gewahrte in ihrer erhobenen Hand das blaue Band meines Medaillons. Neuer Schrecken erfaßte mich! Mir war's, als vernähme ich die biblischen Worte: »Sieh' einmal, ob es nicht der Rock deines Sohnes sei!« Ich sprang ihr entgegen und rief: »Wo hast du es gefunden?« Wilma vermochte kaum einzelne Worte aus ihrer keuchenden Brust zu pressen. Ich hörte nur: »An einer Haselnußstaude!« – »Aber wo? Wo?« drängte ich und zitterte vor Ungeduld, während Wilma nach Atem rang und dann erklärte: »Wo die zwei Pfade sich teilen nach oben – nach unten.« »Wo der Balken über dem Abgrund liegt!?« schrie ich entsetzt, und Wilma beschwichtigte: »Aber der Haselstrauch steht ja oberhalb des Scheideweges.« Ich sank zur Erde, vergrub mein Angesicht in das Gras und weinte bitterlich. Wilma gab sich alle Mühe, mich zu beruhigen, und duldete, daß ich sie von mir hinwegschob. Ein Geräusch dagegen ließ mich emporfahren: Luka und Stanzi kamen gelaufen, und diese rief so frohlockend, als ob sie Irenchen bereits an der Hand führte: »Ein Bauernjunge hat sie gesehen auf dem Weg zum Klosterhof.« Doch Luka widersprach ihr mit ungewohntem Ernste: »Er hat aber gesagt, es sei ein Knabe aus der Stadt mit weißen Beinkleidern und kurzen Haaren.« Stanzi, die sonst so Bedächtige, rief dagegen: »Kein Knabe aus der Stadt hat am Werktage weiße Hosen an. Es war Irenchen, und weil ihre Haare kurz geschoren sind, hielt er sie für einen Buben.« »Dann muß man ihr nachgehen!« rief ich und wollte forteilen, als Jenni kam und berichtete, ein Bauernweib habe ein kleines Mädchen auf dem Weg zum Institute gesehen und die Beschreibung passe auf Irene. Karoline hörte bei ihrer Rückkehr diese Vermutung und zeigte sich augenblicklich bereit, diesen Weg zu gehen. Ich hielt sie ängstlich am Kleide, denn eine neue Furcht gesellte sich zur alten. »Die Frau Oberin! Wenn sie es hört, stirbt sie vor Schrecken! Das ganze Institut gerät in Aufregung! O, laßt uns zuvor alles versuchen!« Nun kam Anna und rief: »Keine Spur, es ist, als ob sie in die Erde gesunken wäre!« Wie das gute Mädchen aber meine Kümmernis gewahrte, sprach sie tröstend: »So beruhige dich doch! Sie wird gewiß in Sicherheit sein! Bedenke nur: Was soll ihr am hellen Tage geschehen? Wir leben ja nicht auf einem Erdteile, wo es Löwen, Tiger und Schlangen gibt.« Ich schrie auf: »Aber Kupfernattern! Oh! sie ist tot! Ja, gewiß hat eine Kupfernatter sie gebissen!« Nein, es gab keinen Trost für mich. Auch das bestgemeinte Wort vermehrte nur meine Angst. Dies erkannten alle und gingen lieber fort, um mir durch die Tat beizustehen. Wieder war ich allein, und wieder steigerte sich von Minute zu Minute die Angst, bis sie zum Schmerze wurde und ich alles verloren gab. Ich brach förmlich unter ihm zusammen. Da fühlte ich mich sanft von zwei weichen Armen umschlungen; ich blickte auf und sah Hermine an meiner Seite. Mit zärtlichem Tone bat sie: »Komm', leg' deinen heißen Kopf an meine Brust, ruh' dich aus! Denk': Wo die Not am größten, ist die Hilfe am nächsten!« Und sie zog mich an sich wie eine Mutter ihr krankes Kind. Da lag ich nun und fühlte ihr Herz pochen, so schwesterlich, so mitleidsvoll. Sie trocknete mit ihrem Tuche mein tränenfeuchtes Gesicht, sie küßte mich auf die Stirne. Ihr linker Arm wankte nicht unter der Last, und immer wieder flüsterte sie: »Vertraue nur, hoffe nur!« Wieder ein Geräusch! Ich fuhr empor; es war nur ein herabfallender dürrer Zweig, vielleicht von einem Eichhörnchen losgebissen, doch meine Nerven und mein Gehörsinn waren überreizt. Ich schlich ins Gebüsch. Dort bewegte sich etwas, und ich winkte Hermine. Lauschend standen wir Arm in Arm. Jetzt vernahmen wir deutlich: »Liebes Jesuskind, such' das Irenchen und bring' es der Johanna! Liebe Schutzengelein, behütet es und geleitet es zurück!« Wir erkannten die Stimme und traten näher. Dort, mitten im Gebüsch versteckt, kniete die kleine Konstanze und betete. O, wie mich das ergriff! Ich hatte bis zu diesem Augenblicke nicht beten können mit meinem unruhigen Herzen. Nun sank ich neben ihr auf die Kniee und stöhnte: »Mein Heiland, hilf! Strecke deine Hand aus, ich sinke unter im Schmerz und in der Angst!« Hermine zog mich sanft empor und flüsterte: »Ist dir's jetzt leichter?« Und ich fühlte mich wirklich so ermutigt, daß ich ihr ein Ja zulächelte. Dann ergriff ich Stanzis Händchen, und wir gingen zum Sammelplatz zurück. Vereint saßen wir eine Weile dort. Keines sprach eine Silbe. Gleich Meeresstille war es über uns gekommen. Ob es lange gedauert hat, weiß ich nicht; denn in meinem Herzen begannen die Wellen sich bereits wieder zu regen. Da – was war dies? Wir sprangen gleichzeitig empor. Fernes, seltsames Hundegebell, kurz und rauh tönend; fast erstickt im Fetthalse, drang an unser Ohr. Wir kannten es, wir hatten oft genug darüber gelacht. Es klang nicht wie Geheul, es klang beinahe lustig. Und wie der Pfeil vom Bogen schossen wir nach dieser Richtung. »Troll, dicker, alter Troll! Wo du bist, da ist gewiß Irenchen!« So riefen und dachten wir. »Bell' noch einmal, alter Troll!« Und er bellte von neuem, kaum hörbar; wir aber hörten es und rannten dahin. V. Doch weshalb, möchte man fragen, erweckte in unseren Herzen Trolls Gebell solch eine sichere, freudige Hoffnung? Troll, alter Troll, ich kenne dich ja schon lange, schon aus deiner Jugendzeit! Damals war er der gutmütige, muntere Spielgefahrte aller Institutskinder; er begleitete sie auf jedem Spaziergange, und kaum verließ die Schar das Haus, so war er gewiß in der Nähe, als ob er sich auf die Uhr verstände und an der Pforte gewartet hätte. Sogar im Schlafsaale durfte er hie und da übernachten in seiner Eigenschaft als Mäusefänger. Obgleich er oftmals geneckt, gezupft, davongejagt wurde: er vergalt niemals Böses mit Bösem, kaum daß er zu knurren wagte. Doch unser Troll nahm zu nicht nur an Jahren, sondern auch an Umfang, und allgemach sprangen ihm die lustigen Mädchen zu schnell, er mußte zurückbleiben und sich auf den Garten beschränken. Fast alle seine Jugendgefährten hatten das Institut verlassen, die neu eintretenden Zöglinge dagegen verlachten den dicken Troll, er sank herab zum Kinderspott. Als dieses unsere Frau Oberin gewahrte, lockte sie das alte, treue Tier zu sich, und er wurde ihr Begleiter auf den langsamen Spaziergängen und ihr beständiger Zimmergenosse. Dazu kam nun auch Irenchen, und der alte Kinderfreund wedelte lustig mit dem Schweiflein, leckte ihr die Hand und ward ihr unzertrennlicher Gefährte. War unsere sichere Hoffnung auf Trolls Gebell nicht erklärlich? Wie sollte er ohne ganz besondere Ursache so weit vom Hause weg, den Hügel herauf kommen? Wir sprangen also in vollster Zuversicht dahin und kaum gelangten wir an einen Seitenpfad, als Luka glühend vor Freude uns entgegenrannte und rief: »Habt ihr's gehört? Das ist kein anderer Mensch als Troll!« Nun konnten wir wieder lachen. Ja, Trolls Gebell war für uns ein »menschliches« Trostwort! Luka blieb nicht vereinzelt. Von allen Seiten kamen die Mädchen, und jedes rief: »Habt ihr's gehört?« Ich rannte natürlich allen voran. Plötzlich hielt ich inne – alle taten das gleiche. Das laute Schlagen meiner Pulse verminderte den Gehörsinn. Ich horchte. Ein feines Stimmchen – ein Keuchen – zwei andere Stimmen – näher, näher – ganz nah', nur verdeckt durchs Gebüsch – und heraus wackelte zuerst Troll, dann erschien wirklich Irenchen zwischen unserer Präfektin und Marie Huber. Wir schrieen sie an; was wir schrieen, weiß nur Gott im Himmel; denn es waren Dank- und Freudenrufe, und er hat's gewiß so aufgenommen. Ich stürzte zuerst auf die Kleine zu und drückte sie an mich, dann wurde sie von allen gedrückt, daß Troll zu knurren begann; der weite Weg und das Bergsteigen mochte ohnehin seine Laune verschlechtert haben. Sogleich sprang Karoline auf das fette Tier los, hob es auf den Arm, streichelte seinen Rücken, gab ihm gute Worte, und der alte Hund mochte wie manche Menschen ein Gefühl der Verjüngung empfunden haben, denn er schmiegte sich an das Mädchen und blickte mit seinen braunen Augen fast zärtlich empor. Wir wanderten dem Sammelplatze zu, Hermine aber rief: »Aber wie ist denn alles so gekommen?« Die Präfektin antwortete: »Das Kann euch Marie am besten erzählen.« Von uns dazu gedrängt, berichtete sie nun: »Als ihr euch zum Aufsuchen verteilt hattet und ich nicht wußte, wohin mich wenden, kam mir der Gedanke, kein Mensch könnte dies so gut wie Troll mit seinem Instinkt. Und – und – ich wollte es auch dort im Hause sagen, damit man nicht erschrecke, uns aber Hilfe leiste, wir sind ja zu jung und unerfahren. Ich vertraute mich natürlich unserer Lehrerin an, und dann machten wir uns beide auf den Weg. Troll wackelte zuerst gegen unseren Sammelplatz; aber er schnüffelte umher und war unschlüssig und lief in alle Seitenwege, kehrte wieder um, und wir standen ratlos. Plötzlich aber trollte er auf einem Pfade weiter, und obwohl 's aufwärts ging, lief er rascher. Dann begann er sogar zu bellen und mit dem kurzen Schweif zu wedeln; dennoch sahen wir von Irenchen keine Spur. Jetzt standen wir auf einem ausgehauenen Plätzchen, wo die Holzhauer sich eine elende Hütte errichtet hatten, die halb zerfallen dalag und von abgebrochenen Tannenästen überdeckt war. Troll umkreiste sie schnüffelnd, dann verschwand er darin. Wir hörten einen Aufschrei – aber es war Irenchens Stimme. Als wir eindrangen, rieb sie sich die verschlafenen Augen, und Troll leckte ihre Händchen. So haben wir sie aufgefunden, und jetzt wißt ihr alles.« Ich schlich mich an Mariens Seite und schob meinen Arm in den ihren. Mein Herz machte mir Vorwürfe, daß ich auch ihr unrecht getan hatte. Statt jedes Wortes zog ich ihre Hand empor und küßte sie zärtlich. Ihr Blick aber schien zu sagen: »Arme Johanna, was hast du ausgestanden!« Jetzt strömten die Kinderherzen von dem Verlangen über, ihre Erlebnisse zu erzählen, und unsere Lehrerin erfuhr so ziemlich alles, ganz besonders aber die Zigeunergeschichte. Auf diese Weise gelangten wir endlich zum Sammelplatz, als eben die Turmuhr schlug. »Dreiviertel vor sieben!« rief die Präfektin und fügte bei: »Schnell eure Sachen eingepackt, alles zusammengesucht, nichts vergessen! Es hängen ja sogar Baum und Strauch voll von Tüchern und Schirmen. Wo aber sind eure Kränze und Gewinde?« Wir standen sprachlos, beschämt vor ihr und bückten uns nach den halb vollendeten Reifen. Therese hob schüchtern das kleine Kränzchen auf, das war alles vom langen Nachmittag! Es wurde nichts darüber gesprochen, und wir traten den Heimweg an. Wie verschieden war er von unserem Auszuge! Zuerst entstand ein Gedräng um die beiden Arme unserer Lehrerin; jedes wollte sich einhängen, jedes bat, auch an die Reihe zu dürfen. Sie hatte mir Irene zugeschoben, wofür ihr meine Blicke dankten. Seltsam aber gruppierten sich die anderen. Karoline und Anna gingen zu Maxis beiden Seiten in vollster Aussöhnung, und Luka hatte Mariens Hand ergriffen mit entschlossener Bereitwilligkeit, recht ruhig heimzuwandeln. Die Eßglocke läutete, als wir bei der Pforte anlangten. Ehe die Präfektin uns verließ, untersagte sie vorerst jede Mitteilung an die übrigen Zöglinge und bestellte uns alle auf 8 Uhr zu sich. Dann ging sie mit Irenchen und Troll ins Zimmer der Frau Oberin. Während des Essens sah ich mit Staunen, wie meine Gefährtinnen sich die Suppe und den Braten schmecken ließen und sogar zur doppelten Portion ihre Teller bittend darreichten. Freilich waren sie um ihr Vesperbrot gekommen; mir aber fehlte der Appetit gänzlich. Nachdem das Gebet gesprochen war, gingen sie bis 8 Uhr in den Garten; ich hatte meinen Entschluß gefaßt und schritt schon jetzt den Gang hinauf zum Zimmer der Präfektin. Meine Seele fühlte sich so schwer belastet, daß es mich zu einem offenen Bekenntnis drängte. Ich stand in weit größerer Schuld als die anderen; denn ich war es gewesen, die zuallererst gegen die beständige Überwachung rebelliert und die Mitältesten zum Komplott verleitet hatte. Ich war es, die in deren Kreis herrschen wollte; ich war es, die sich vermaß, die Kleineren wohl zu überwachen und Irenchen wie ein anvertrautes Kleinod zu behüten. O, wie beschämt mußte ich auf den Nachmittag zurückblicken! Und zum Schlusse, wer brachte Irenchen zurück? Nicht ich – der alte, dicke, verhöhnte Troll! Ich erkannte mein Unrecht, und das verhalf mir zu dem Mute, vor meine Lehrerin mit ehrlichem Bekenntnisse zu treten; nur mußte es allein mit ihr geschehen, bevor die anderen kämen, auf daß die Irregeleiteten bereits entlastet erschienen. Ich stand wieder an der Tür und pochte schüchtern an; es tönte »Herein!« So leise, so traurig, als ob die Rufende mich bereits durch die verschlossene Tür erschaut hätte. Da stand ich nun, unfähig, ein Wort hervorzubringen. Vor mir, in ihrem »Sorgenstuhle«, saß die Präfektin, in Nachdenken versunken, wie jederzeit, wenn die Sorge um uns sie niederbeugte. Sie schaute empor, aber sie fragte nicht: »Was willst du, Johanna?« Sie kannte mich bis in die Seele hinein und bot mir schweigend die Hand. Die stumme Sprache ergriff mich gewaltiger, als hundert strenge Worte vermocht hätten. Ich trat hinzu, ich sank neben dem Stuhle nieder auf meine Kniee, ich ergriff die mir entgegengestreckte Hand, ich beugte mein Gesicht darüber und weinte bitterlich. Eine Weile ließ sie es geschehen und mich ausweinen. Dann sagte sie nur: »Armes Kind, rede dir den Kummer vom Herzen weg! Wie kam alles?« Nun erzählte ich, weit zurückgreifend und übergehend auf den heutigen Nachmittag. Ich verflocht in mein Bekenntnis Gedanken und Empfindungen; aber ich war redlich bemüht, keine der Mitschülerinnen hinein zu verwickeln, und so zögerte ich bisweilen, und es entstanden einige Lücken. Aber sie unterbrach mich nicht mit Fragen. Das Geplauder auf dem Heimwege und die gründliche Kenntnis unserer verschiedenen Charaktere hatten ihr alles so klar gemacht, als ob sie unsichtbar dabei gewesen wäre. Als ich zu Ende war, legte sie nur ihre Hand auf mein Haupt und sagte: »Der Anfang aller Besserung ist die Erkenntnis und der Schmerz über unsere Fehler. Gedenke in dieser Stunde an das Wort unseres Heilandes: Geh' hin im Frieden und sündige hinfort nicht mehr!« Ich ergriff tief bewegt und gerührt aufs neue ihre Hand und küßte sie so zärtlich, als ich je die Hand meiner Mutter geküßt hatte. Jetzt schlug es dumpf und feierlich vom Kirchturme 8 Uhr, und auf dem Gang erklangen die gedämpften Tritte meiner Schuldgenossen; ich aber erhob mich von den Knieen und trat in den Schatten des Bücherschrankes. Da standen sie alle mit gesenkten Blicken, und die Präfektin begann: »So also sehen wir uns wieder?! Eine traurige Heimkehr nach fröhlichem Auszug! Ich weiß alles durch euer offenherziges Geplauder und Johannas Bekenntnis. Ihr seid traurig, das sehe ich euch an, aber ich bin es nicht minder! Ihr möchtet lieber weinen – ich auch!« Es entstand eine Pause, wir drückten unsere Taschentücher vor die Augen und erstickten das Schluchzen. Es ging uns allen tief zu Herzen, daß unsere Lehrerin traurig bis zum Weinen war. Dann fuhr sie fort: »Ihr wolltet den Beweis einer guten Erziehung liefern, und wie schlecht ist er ausgefallen! Soll mir das nicht bitter wehe tun nach all meiner angewendeten Sorgfalt? Ich schäme mich vor euren Eltern.« Da brach der Sturm in unseren Herzen los; wir hatten Mühe, unseren Schmerz nur so weit zu mäßigen, daß wir die ferneren Worte verstanden: »Das Sprichwort heißt nicht umsonst: Hochmut kommt vor dem Falle. Ihr Großen waret vom Hochmut verleitet, als ihr behauptetet, keiner Überwachung mehr zu bedürfen, im Gegenteile, die Kleinen überwachen zu können; und ihr Kleinen waret ebenfalls vom Hochmut verleitet, als ihr ihnen den Gehorsam versagtet. Ihr meintet alle, ohne Überwachung fröhlicher zu sein, und nun stellt einmal den Vergleich an: Wie fröhlich und friedlich waren bisher eure überwachten, geleiteten Ausflüge! Wo sind die gewundenen Kränze zum morgigen Feste, der Zweck eures Ausfluges? Ich sehe nichts davon! Nur eines, eines wirft den versöhnenden Glanz auf den traurigen Nachmittag: Eure Barmherzigkeit gegen die Zigeuner .« Da wagte Therese zu sagen: »Nun haben wir aber kein Geschenk für die Frau Oberin.« Bei diesen Worten erhob sich unsere Lehrerin; ihr Gesicht zeigte einen fast glücklichen Ausdruck, indem sie rief: »Ihr habt im Gegenteil ein großes, erfreuendes Geschenk: das Vergelt'sgott der Zigeuner! Dieses bringt morgen dar!« Wir atmeten wie von einer schweren Last befreit auf. Jenni sagte zweifelnd: »Werden die anderen Zöglinge aber damit zufrieden sein?« Die Präfektin entgegnete: »Es ist ja nur eine andere Form des Geschenkes, und alle haben teil daran. Ich werde es ihnen schon erklären. Jetzt aber geht zu eurem Abendgebet und betont im Herzen die Worte: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldnern!« Wir drängten uns nun um sie; jedes küßte zu wiederholten Malen die gute, sanfte Hand, die uns so mütterlich geleitet hatte. Lukas Augen waren glänzend und groß; sie schlug sie in früherer Furchtlosigkeit auf und sagte: »Bitte, Fräulein, wohin dürfen wir morgen zur Namenstagsfeier spazieren gehen? Und dürfen auch alle Lehrerinnen uns begleiten?« Die Präfektin schüttelte ob dem raschen Übergange zur Fröhlichkeit, weil wir taten, als ob nichts geschehen sei, lächelnd das Haupt und erwiderte: »Darüber wollen wir noch schlafen.« Anderen Tages versammelten wir uns alle zur feierlichen Gratulation, und Maximiliane trug ihr Festgedicht seelenvoll und doch demütig einfach vor. Wir waren davon ergriffen und näherten uns dann einzeln etwas schüchtern mit leeren Händen der Frau Oberin, neben der Irenchen stand. Sie wußte bereits das Vorgefallene und sagte in ihrem liebevollen Tone: »Ich danke euch, liebe Kinder, eine größere Freude hättet ihr mir gar nicht bereiten können.« Plötzlich entstand ein leises Gekicher: der dicke, alte Troll, um den Hals unseren kleinen Blumenkranz, wackelte herein und kroch zu den Füßen der Frau Oberin. Nachmittags gingen wir mit allen Lehrerinnen spazieren und waren ganz glücklich und fröhlich.