Alexis / Hitzig Der neue Pitaval Eine Sammlung der interessantesten Criminalgeschichten aller Länder aus älterer und neuerer Zeit Herausgegeben vom Criminaldirector Dr. J. E. Hitzig und Dr. W. Häring (W. Alexis) Zehnter Theil, zweite Auflage F. A. Brockhaus, 1859 Vorwort Das große Intriguentrauerspiel »Don Antonio Perez und die Prinzessin Eboli«, von 1578-1612 spielend, ist vielfach behandelt und beleuchtet worden; aber auch nachdem wir nach Mignet's archivarischen Forschungen in seinem Werke »Antonio Perez et Philippe II.« die bis dahin geltenden historischen Actenstücke und Relaciones des Perez selbst überarbeitet hatten, sind historische Kritiker wieder in die Fundgruben der Archive gedrungen, ohne doch die großen Lücken ganz gefüllt und die dunkeln Geheimnisse ganz erhellt zu haben. Ueber die Katastrophe selbst, deren wahre Motive und das Ineinandergreifen der verschiedenen Räderwerke der Intrigue, der politischen wie der persönlichen, webt sich noch ein Schleier, den wol Niemand ganz fortheben wird. Zu unserem Zwecke sind indessen die kriminalistische Thatsache und das historische und persönliche Interesse klar genug dem Leser entgegengetreten. Des Entsetzenden, Haarsträubenden über Acta und Urtheile, welche im Namen der Gerechtigkeit und Religion decretirt worden, ist überviel auch in dieser Geschichte, um es nicht mit dem Heißhunger der Entrüstung zu lesen, zu bedauern aber, daß dem Haupthelden ein sittlicher Charakter fehlt, um das Tragische auch zu erheben. Mehrere Dichter hatten es versucht den Gegenstand zu behandeln; Stoff, Motive, Katastrophen, großartige Situationen sind überreich; immer aber mußten sie die Feder wieder weglegen, weil die Rührung der Reinigung entbehrte. Der Fall: Der Kerker von Edinburg , verdankte sein Entstehen dem interessanten Sittenromane Walter Scott's, welchen er unter dem Namen »The heart of Lothian« herausgab und der ein Eigenthum der ganzen gebildeten Welt ist und hoffentlich es bleiben wird. Der historische Grund – die eigenmächtige Selbstjustiz der Stadt Edinburg gegen den Kapitän Porteus und deren Folgen – ist aber, abgesehen von allem Romantischen, ein Act von politischer Bedeutung und Interesse. Die Schlieffen und die Adebar sind ein kostbares Juwel aus der kriminalistischen Raritätenkammer des Mittelalters, nicht ein Act haarsträubender Grausamkeit, sondern ein rührendes Stilleben der Zustände, unter dem unsere Vorfahren sich Recht und Gerechtigkeit bildeten. Der Fall: Bathseba Spooner , ist eine Mordbegebenheit aus Amerika, wie sie in allen Ländern sich zutragen mag, aber mit merkwürdigen, frechen oder naiven Zügen, die an rohe Naturzustände erinnern, und mit einem erschütternden Schluß. Die Gattenmörderin von außerordentlicher Schönheit, seltenem Muth, Ausdauer und Kraft des Geistes, starb mit einem ungeborenen unschuldigen Kinde! Man hatte ihr nicht geglaubt, als sie sich schwanger angab und sie war zu stolz gewesen zu bitten! Für die Einwohner der freien Staaten Nordamerikas (von Chandler mitgetheilt) ist die Geschichte außerdem von Bedeutung; sie spielt in seinen großen Freiheitskampf hinein und politische Motive spielen bei der Anklage mit; Bathseba war Royalistin. Der Gattenmord (1838) vom Notar Peytel , in Südfrankreich verübt, ist nur eine widerwärtige Criminalgeschichte, widerwärtiger, weil wahrscheinlich mehr die Eitelkeit als Herzensdrang einen jener Zeit berühmten Schriftsteller, Balzac, hinleitete aus dem Mörder einen Märtyrer zu machen. Die schöne Würzkrämerin ist noch eine Reliquie aus den Acten des alten Pitaval, eine Sittengeschichte ihrer Zeit aus Paris, die, ohne sittlichen Grund und Boden, in ihren reichen Begebenheiten einem vollständigen Romane frivoler Art ähnlich sieht. Karl Grandisson und Die Goldprinzessin , zwei in Deutschland merkwürdige Erscheinungen aus der gemeinen Criminalistik, sind aus den Acten geschöpft. Beide Verbrechen, Beispiele wie auch in unserm Vaterlande verwegene Betrüger den Glauben des großen und auch des feinen Publicums täuschen, und eine Zeit lang in Ansehen und Ehren sich erhalten können. Der freche Posträuber Grandisson, der in Heidelberg in den bessern Kreisen als gebildeter, seiner Liebenswürdigkeit und Wohlthätigkeit wegen geschätzter Gesellschafter lange Jahre lebte, ein glänzendes Haus bildete, und seine Kinder durch Hauslehrer erziehen ließ, während er auf Reisen ausging und – sein Metier, die Postwagen durch Einbruch bestahl, Schätze häufte, daß er Mehreren als ein Krösus galt – lebt in jenen Gegenden noch heute in der Erinnerung. Nur die damalige unruhige Kriegszeit in Deutschland machte möglich, daß der Verbrecher so viele Jahre sein Wesen ungestört treiben konnte. Die Goldprinzessin ist die berüchtigte Henriette Wilke , welche durch einige Monate eine feenartige Erscheinung in Berlin bildete. Das Merkwürdige bleibt, daß sie nicht aus der Fremde kam, und nicht durch den Glanz ihrer Erscheinung und des vermeinten Reichthums bestach, sondern, ein sehr mäßig von der Natur ausgestattetes Mädchen, in Berlin in dürftiger Stellung lange Jahre gelebt hatte, und sogar in der Familie, in welcher sie gewohnt, als Lügnerin wohl bekannt war. Dennoch ward es ihr möglich ihr unglückliches Opfer zu umstricken, zu schröpfen und gänzlich wie ein Vampyr auszusaugen, und möglich, aus den mäßigen Mitteln der einfältigen alten Frau einen Glanz des Reichthums zu entfalten, der das Volk bethörte und selbst Verständige irre machte. Und das Motiv? »Nur Eitelkeit und Prahlerei.« – Wie Henriette, oder richtiger Pauline Henriette Wilke im Zuchthaus durch Aufmerksamkeit, Fleiß und Geschick sich ausgezeichnet, ist in der Erzählung berichtet. Sie hatte sich in letzter Zeit der damals herrschenden Partei, welche in den Gefängnissen für das Himmelreich zu säen und ernten suchte, zu nähern gesucht. Nach ihrer Freisprechung benutzte sie die Bekanntschaft und hoffte durch die Frommen einen neuen einträglichen Handel zu bereiten. Bald aber aufs Neue als grobe Betrügerin entdeckt, überführt und eingesperrt, starb sie bald im Gefängniß. W. Häring. Don Antonio Perez und die Prinzessin Eboli 1578 -1612 Philipp II. hatte viel von einem jungen Spanier, Don Antonio Perez, dem Sohne des Gonzalo Perez, Staatssecretair unter seinem Vater Karl V., gehört, der nicht allein seine Studien zum großen Theil im Auslande gemacht, sondern auch schon an fremden Höfen durch seine Würde und sein einnehmendes Wesen Aufsehen erregt hatte. Auch sein Minister, der Fürst Ruy Gomez, hatte ihm einen vortheilhaften Bericht über den jungen Aragonesen abgestattet; der König wünschte ihn zu sehen und in seine Dienste zu ziehen. Philipp's Wünsche waren Befehle für seinen Diener. Für Antonio Perez war aber Das, was Anderen als das höchste Glück gegolten hätte, ein Gegenstand mancher Bedenken. Sein Vater kannte aus eigner Erfahrung den glatten Boden der Hofgunst, zumal an einem castilianischen Hofe und unter einem Fürsten wie der zweite Philipp. Er hatte den Sohn seiner Liebe – Antonio war in einer außerehelichen Verbindung mit Donna Juana De Escobar erzeugt, aber nachher durch ein kaiserliches Rescript legitimirt worden – zwar zuerst in Alcala studiren lassen, dann aber zur Fortsetzung seiner Studien nach Löwen und Venedig geschickt. Gleich dem Vater seines aragonesischen Landsmannes Serveto, sah er für seinen Sohn kein Glück im Vaterlande voraus, wenn gleich nicht aus denselben Gründen. Antonio mußte gehorchen; aber wie er selbst versichert, trat er in den Hofdienst mit weniger Ehrgeiz als Besorgniß. Ja als schwebe ihm das Schicksal vor, das seiner warte, will er mehrmals Versuche gemacht haben, vom Hofe und seinem Dienste wieder loszukommen. Aber Philipp schätzte seine Talente und liebte, so viel ein Philipp lieben konnte, seinen Umgang. »Antonio Perez, von Ruy Gomez in den Staatsdienst gezogen«, berichtet ein italienischer Zeitgenosse, »ist bescheiden in seinem Auftreten, liebenswürdig und hat viel Ansehen und Kenntniß. Durch seine angenehme Art und Weise versteht er den übeln Eindruck zu besänftigen und zu verstecken, den Philipp auf so Viele durch seine Zurückhaltung, sein Hinhalten und seine Knauserei hervorbringt. Er ist so geschickt und fähig, daß er der erste Minister des Königs dereinst ohne Zweifel werden muß. Antonio ist schmächtig, von zarter Gesundheit, in seinen Privatangelegenheiten nicht in bester Ordnung, nicht gleichgültig gegen seinen Vortheil und dem Vergnügen ergeben. Schmeicheleien und Geschenken ist er durchaus nicht unzugänglich.« Statt ihn von sich zu lassen, zog der König ihn immer fester und enger an sich. Er erhob den jungen Mann, »der so lebhaften Geistes war, einen so einschmeichelnden Charakter besaß, nie Gewissensscrupel im Dienste seines Herrn empfand, der überall Mittel und Wege fand, eifrig arbeitete und kräftig und elegant zugleich schrieb«, zu der Würde, welche sein Vater schon bekleidet, zum Staatssecretair mit einem sehr ausgedehnten Wirkungskreise, sowol in der Civil- als in der Kriegsverwaltung. Perez besonderes Geschäft aber war, bei Dechiffrirung der Depeschen Das zu trennen, was dem Staatsrathe vorgelegt werden sollte, von Dem, was zur Privatkenntniß und eigenen Entscheidung des Königs vorbehalten war. Somit ward er der Mitwisser, gewissermaßen der alter ego des Königs in seinen Geheimnissen und Intriguen. Es fehlt nicht an Zeugnissen dafür, daß der junge Antonio Perez, von dieser Gunst geblendet, sich überhob. Er benahm sich selbst gegen den gefürchteten Herzog Alba, der an der Spitze einer Gegenpartei stand, von der wir später reden werden, übermüthig; mit ihm am Tische des Königs würdigte er ihn keines Wortes. Eine solche Arroganz, so weniges Maßhalten im Glücke, der außerordentliche Luxus, der in seinem Haushalt, für Andere beleidigend, herrschte, seine Lust am Spiel, sein ausschweifendes Leben, seine Verschwendung, die ihn nöthigte, die Hand gegen Jeden zu öffnen, der sich mit Bittgesuchen an ihn wandte, erweckte ihm natürlich viele, zuerst geheime Feinde, die aber später, als seine Ungnade entschieden war, mit unverhohlenem Grimm sich der Zahl seiner Verfolger anschlossen. Aber seine Gunst währte lange beim Könige; das Vertrauen desselben zu Perez schien unbegrenzt und der Staatsdiener ward zum persönlichen und Leibdiener seines Fürsten. Wir erzählen hier zunächst die beiden Fäden der Intrigue, welche das nachfolgende Trauerspiel einleiteten, so wie man sie nach den bisherigen Nachrichten aus Perez eigenen Schriften als, wenn nicht für durchaus wahr hielt, doch als der Wahrheit am nächsten kommend. Die uns Deutschen so wohlbekannte Prinzessin Eboli , Anna aus dem alten Hause der Mendoza und Gattin des Fürsten und Ministers Ruy Gomez, glänzte damals als ein Stern erster Schönheit und von bezauberndem Geiste an dem spanischen Hofe. Philipp II. war nicht gefühllos für ihre Reize geblieben, ohne einen andern Widerstand zu finden, als den sein eigener stolzer, finsterer Charakter ihm entgegensetzte, der vor dem Schein erschrak, seiner Würde etwas zu vergeben. Für Frauen, welche nicht in Art gewöhnlicher Maitressen großer Fürsten ihren Stolz darein setzten, vor aller Welt im Sonnenlicht der Gunst ihre Schande zu zeigen, war dieser König ein Liebhaber, wie sie ihn nur wünschen konnten. Er war in seinen Liebesintriguen so verschwiegen wie in denen seiner verrätherischen Politik. Der Gatte der Prinzessin, obgleich Spanier, Fürst, von altem Adelsgeschlecht, fühlte nichts von Eifersucht, wo ein König die Reize seiner Gattin der Bewunderung würdigte. Aber zu einem solchen Verhältniß gehörte ein besonderer Vertrauter. Antonio Perez ward dazu gewählt. Er hinterbrachte dem Fürsten Ruy Gomez den Wunsch und Willen des Königs, der sofort seiner Gattin die Ehre und das Glück seines Hauses mittheilte und bei der schönen Frau auf keine Schwierigkeiten stieß. Perez hatte das Ehrenamt, die Prinzessin heimlich in die Gemächer des Königs zu führen. Obgleich das eigentliche Geheimniß, bei den Verhältnissen so hochstehender Personen, und an einem Hofe, wo die Wände Ohren haben, nicht lange behütet werden konnte, federten Ceremoniel und Anstand doch gewisse Rücksichten nach wie vor, und Antonio Perez, der Staatssecretair, behielt das wichtige Amt, die Zusammenkünfte des Königs und der Prinzessin zu besorgen. Ein reicher Lohn fehlte ihm nicht für diese Verdienste. Aber die Versuchung für den jungen und liebenswürdigen Mann, wenn er die schöne junge Frau in der Stille der Nacht in die Arme des Königs führen mußte, war zu groß. Seine Blicke oder Seufzer, oder seine kühneren Worte wurden von der glühenden Spanierin verstanden, und die Prinzessin belohnte Antonio Perez Dienste endlich mit einem köstlicheren Solde als der König. Ihr Ehrgeiz war vielleicht befriedigt, für den Dienst in den Armen des alternden, finstern Wüstlings und Tyrannen verlangte ihr Herz oder ihre Sinnlichkeit nach einer Entschädigung. Nach den neuesten Ermittelungen, von denen wir alsbald reden werden, und die vieles neue Licht in die dunkle Geschichte gebracht haben, kann der Roman, wie er hier erzählt ist, in Zweifel gestellt werden, nicht aber die doppelte Thatsache, daß die Eboli Philipp's Maitresse gewesen und Perez ihr begünstigterer Liebhaber. Wir fahren inzwischen in der Darstellung der Verhältnisse fort, wie bisher daran geglaubt wurde. Die Sache blieb lange ein Geheimniß, der König hegte keinen Argwohn. Es war um jene Zeit, daß Philipp's II. natürlicher Bruder, Karl's V. Bastard, der berühmte Feldherr Don Juan d'Austria, mit dem Könige in mehren Punkten in Uneinigkeit gerieth. Don Juan, in den Niederlanden commandirend, foderte, daß die spanischen und italienischen Truppen von dort zurückberufen würden. Zu diesem Zwecke hatte er seinen Secretair Escovedo nach Madrid geschickt, welcher mit Eifer die Sache betrieb. Perez war entgegengesetzter Ansicht und drang mit der seinigen durch. Escovedo, wüthend darüber, suchte sich zu rächen. Es gelang ihm, hinter das Geheimniß zwischen der Eboli und seinem Gegner zu kommen, und er versäumte nicht, den König von seiner Entdeckung in Kenntniß zu setzen, in der gewissen Hoffnung, daß dieser Umstand seinen politischen Gegner unfehlbar stürzen müsse. Seine Rechnung war zwar richtig, aber nicht vollständig. Philipp vergab und vergaß kein Vergehen gegen seine Person; aber er war ein kaltblütiger Rechenmeister, der bei jeder Operation nach vielen Richtungen hin arbeitete und, wenn er einen Schlag führte, gern zwei Gegner damit traf. Philipp verbarg die Flamme, welche Escovedo's Entdeckung in ihm entzündet hatte; er verbarg sie für den Augenblick und noch lange nachher. Sein Betragen gegen Antonio Perez ward das Meisterstück seiner Verstellungskunst. Aber an einem Hofe wie der des zweiten Philipp, wo Wort, Blick und Bewegung in beständiger Erstarrung von Devotion verharren mußten, rächte sich die Natur oder sie erholte sich von dieser Beschränkung, indem sie die Wahrnehmungskraft der Sinne schärfte. Nichts geschah im Stillen, nichts wurde so im Verborgenen gesprochen, daß nicht ein Widerhall, ein Widerschein davon zu Denen gelangte, die es betraf, oder nicht betraf. Perez und die Prinzessin Eboli wußten, daß ihr Verhältniß dem Könige verrathen war und sie strengten alle ihre Kräfte an, um den Schein der Unschuld vor ihm zu behaupten. Es gelang ihnen – glaubten sie! Und nun ging ihr ganzes Bestreben dahin, sich an dem Angeber zu rächen und Escovedo als einen äußerst gefährlichen Mann darzustellen, der, im vollen Vertrauen seines Herrn, ja ihn beherrschend, nicht ablasse, Don Juan d'Austria anzurathen, daß er sich selbst zum Könige der Niederlande erhebe. Jeder Funke ausgestreuten Verdachtes fand in Philipp's Brust seinen Zunder. Er nährte ihn aber vorsichtig, daß nicht ein Luftzug den Funken unzeitig zur Flamme anfache. Der Verdacht gegen Escovedo fand einen nur allzuvorbereiteten Boden. Philipp fürchtete den Mann, welcher auf den offenen Sinn seines Bruders einen so bedeutenden Einfluß übte, er haßte ihn. Schon früher hatte der König sich Beweise verschafft, welche ihn über Escovedo's gefährliche Thätigkeit außer Zweifel setzten. Er hatte im Namen seines Herrn in Frankreich und Italien Verhandlungen angeknüpft. Don Juan foderte nicht allein durch seinen Abgesandten die Rückberufung der spanischen Truppen aus den Niederlanden, sondern er selbst foderte immer dringender Geldsendungen und die Rückkehr seines Secretairs, den man unter allerhand Vorwänden in Madrid zurückhielt. Philipp zweifelte nicht mehr an ehrgeizigen Entwürfen, mit denen sein Bruder umginge; aber die Seele dieser Entwürfe konnte nur der kühne, unverdrossene, unbestechliche Escovedo sein. Ihn zurückzusenden war deshalb gefährlich; ihn länger zurückzuhalten, war mislich, da Don Juan, der auch schon zu fürchten anfing, immer dringender auf die Rückkehr bestand. Arretiren konnte der König denselben nicht lassen; die Folgen dieses Schrittes wären nicht abzusehen gewesen. Es blieb dem Despoten, der es nicht gerathen fand, einen offenen Bruch mit einem Bruder zu wagen, welcher die Meinung der Welt für sich hatte und ihm ein Werkzeug schien, das sich noch leiten ließ, also kein Ausweg übrig, als den verdrießlichen, verhaßten und gefährlichen Mann zu verderben. Aber der Entschluß, Escovedo zu verderben, erschütterte nicht im mindesten den andern Entschluß, auch seinen Gegner Perez zu verderben. Nur war jener dringender, dieser konnte aufgeschoben werden; es eröffnete sich ihm sogar die Aussicht, den Einen zum Verderben des Andern zu gebrauchen und die Möglichkeit, ihn in dem Unternehmen, oder dessen Folgen, untergehen zu sehen. Aber sein Racheplan ging weiter. Die Liebe für die Eboli, wenn man da von Liebe reden kann, war seit jener Entdeckung dem Hasse gewichen, oder dem gekränkten Stolze, daß eine Spanierin die Gunst ihres Königs mit einem Diener theilte. Auch der Untergang der ungetreuen Maitresse war beschlossen, und sollte oder durfte mit dem Sturze des Einen oder Beider von selbst erfolgen. Philipp trug Antonio Perez auf, Escovedo zu ermorden. Perez, in seinen später in Frankreich herausgegebenen Relaciones erzählt die Geschichte in folgender Weise. »Der König, welcher täglich neue Proben von Escovedo's Verräthereien erhielt und ihn nicht mehr zu Don Juan d'Austria, der ungestüm auf seine Rückkehr drang, zurücklassen konnte, ließ Antonio Perez eines Tages im Escurial zu sich rufen. Es war das Garderobezimmer, wo alle die kostbaren Möbel und Schmucksachen für die königlichen Zimmer zusammengebracht waren. Sobald Perez eingetreten war, schloß Philipp selbst sorgfältig die Thüre. Perez war mit Mappen und Papieren angekommen, ob er sich gleichwol sagen mußte, daß die Audienz beim Könige in einem so ungewöhnlichen und entferntgelegenen Zimmer nicht zur Absicht habe, daß über gewöhnliche Staatsgeschäfte conferirt werde. Auch hieß Philipp ihm die Papiere fortlegen und ging mit ihm, anfangs unter gleichgültigen Gesprächen, im Zimmer auf und ab. Endlich ging er zur Sache über und hub an: »»Antonio Perez, ich habe schon seit lange mit Schmerzen das Treiben meines Bruders mit angesehen, oder besser des Juan d'Escovedo's, wie auch das seines Vorgängers Juan de Soto. Ich habe darüber nachgedacht, daß wir auf der Stelle zu einem Entschluß kommen müssen, oder es ist zu spät. Nun finde ich unter allen Umständen kein anderes Auskunftsmittel, wohlverstanden, wir dürfen die Sache nur als ein Auskunftsmittel betrachten, als daß man Juan d'Escovedo verschwinden läßt. Denn ließe ich ihn nur verhaften, so würde mein Bruder in denselben Zorn gerathen, als wenn ich mich völlig von ihm befreite. Ich habe mich deshalb zum Letztern entschlossen und will keinem Andern als dir die Ausführung meines Willens übertragen, dir, der mir schon so viele Proben seiner Treue und seiner Geschicklichkeit im Dienen gegeben, und der, völlig vertraut mit seinen Ränken, auch die Gegenmittel weiß, ihn zu überlisten. Aber aus den Gründen, die dir bekannt sind, ist es nöthig, rasch zu handeln.«« Antonio Perez' Herz schlug lebhaft bei einem solchen Vorschlag. Er erwiderte: »»Sennor! ein solches Zeichen des Vertrauens von Seiten Eurer Majestät rührt mich bis in mein tiefstes Herz; aber vergönnen Eure Majestät mir auch, aus meinem Herzen mit offener Hingebung zu sprechen. Ich betrachte Eure Majestät als in dieser Angelegenheit selbst betheiligt, wiewol Dero Weisheit meinen König auch inmitten der schwersten Kränkungen ruhig und besonnen erhalten wird. Möglich auch, daß ich selbst, aus Unwillen und Entrüstung über solche Kränkungen, die meinem König und seiner Krone widerfuhren, persönlich gereizt und auch Partei in dieser Sache bin. Demgemäß halte ich es für rathsam, die Angelegenheit einem Dritten, Unbetheiligten vorzulegen, um sie zu beurtheilen, gutzuheißen und uns über den Ausgang zu versichern. Sonst stehe ich in Allem und Jedem zu Eurer Majestät Verfügung. Ich habe keinen andern Willen als den meines Königs, und bin bereit, Alles zu vollziehen, was er mir befiehlt.«« »Der König erwiderte: »»Antonio Perez, wenn dein Vorschlag nichts Anderes bezweckt, als einen Dritten hineinzuziehen, weil du es nicht allein wagen willst, so stimme ich ein. Soll er aber nur seinen Rath über meinen Entschluß abgeben, so bedarf ich dieses Dritten nicht. Wir Könige handeln wie die großen Aerzte bei geringeren Kranken. In schwierigen und dringenden Fällen nehmen sie von Niemand Rath an als von sich selbst; obgleich sie bei gewöhnlichen Krankheiten recht gern den Rath ihrer Collegen hören. Du magst mir glauben, denn ich rede von Sachen, die meine Profession sind; in solchen Angelegenheiten ist ein Rath weit mehr gefährlich als nützlich.«« »Philipp schwieg; Antonio Perez verstand ihn. Aber er hütete sich, dem Könige zu verstehen zu geben, daß er ihn verstünde. Dies gebietet oft die Klugheitsregel Königen gegenüber, hier gebot es ihm die eigene Sicherheit. Antonio Perez schien nicht zu verstehen, daß Philipp durchaus nicht die Dazwischenkunft eines Dritten wünsche; um deshalb drang er darauf, daß noch ein Dritter in der mislichen Angelegenheit hinzugezogen werde. Er schlug dazu vor den Marques De Los Velez , Don Pedro de Fayardo; dieser sei ein Mann voller Ergebenheit gegen seinen königlichen Herrn, der zu handeln wisse, Winke verstehe, um zu schweigen. »Der König ging endlich darauf ein, vielleicht weil er nicht anders konnte. Der Marques de Los Velez ward in das Vertrauen gezogen und sein Rath über die Ausführung des Beschlusses erfodert. Vielleicht geschah es (von Philipp's Seite), um sich selbst während dieses Aufschubs in seinem Entschlusse aufrecht zu erhalten, wie es wol natürlich ist, wenn man von einer Leidenschaft oder einem heftigen Verlangen gestachelt wird; oder es geschah um des Marques willen, damit er, den Eifer und die Ungeduld sehend, mit der man schon von den Mitteln der Ausführung sprach, keine Schwierigkeiten erhebe, den Entschluß selbst durch seinen Rath zu billigen.« Des Königs Entschluß ging durch im Rath der Drei. Der Marques Los Velez stimmte ein, Antonio Perez' Gewissen fand sich beruhigt, das Todesurtheil über d'Escovedo war gesprochen und – er starb durch Meuchelmord. So Antonio Perez in seinen Relaciones, welche, auch in Verbindung mit den anderweitigen Nachrichten, große Lücken und Dunkelheiten zurückließen, sowol über die Katastrophe selbst, als über deren wahre Motive, insbesondere aber über das Ineinandergreifen der verschiedenen Räderwerke der Intrigue, der politischen wie der persönlichen. Nach Mignet 's neuesten Forschungen und Ansichten, welche er in seinem Werke Antonio Perez et Philippe II. niedergelegt hat und die das Product der eifrigsten Studien in den Archiven und Bibliotheken Madrids, des Haags u. s. w. sind, stellt sich das darum nicht weniger verwickelte Sachverhältniß wie folgt: Bis zur Zeit dieser Geschichte etwa stritten zwei Parteien an Philipp's Hofe um die Herrschaft, d. h. den Einfluß auf die Entschlüsse des Königs. An der Spitze der einen, der strengeren, stand der Herzog von Alba, auf der entgegengesetzten Ruy Gomez de Silva, Prinz von Eboli; jener stolz und fest, dieser geschickt und klug. Beide waren im Rath immer entgegengesetzter Ansicht, eine Plage für Die, welche beim Könige etwas nachsuchten. Wer sich Alba's Geneigtheit und Zustimmung erworben hatte, konnte versichert sein, daß Ruy Gomez gegen ihn stimmen werde, und umgekehrt. Es lag in Philipp's System, diesem Balancirspiel seiner Diener, ohne es zu stören, zuzublicken, obschon es oft in offenbare Feindseligkeiten überging. Doch neigte er mehr zu Gomez, der ihm länger und seiner Person näher diente, auch in seinen Formen ein bequemerer Rathgeber war. Ruy Gomez und seine Partei stimmte in Bezug auf die Niederlande zu versöhnlichern Maßregeln, Alba zum Gegentheil. Dieser siegte; aber nach seiner blutigen und fruchtlosen Henkermission dahin, die Spanien unerschwingliche Summen kostete und den Abfall eines großen, reichen Landes drohte, kam die Gegenpartei wieder auf, und obgleich Ruy Gomez schon 1573 gestorben war, blieb sie, als eine compacte Phalanx, aus den Schülern seiner Politik bestehend, am Ruder. Zu dieser Partei gehörten Antonio Perez und Juan Escovedo gleichmäßig; beide Geschöpfe, Schüler, des verstorbenen Prinzen Eboli. Zu ihr gehörte auch Don Juan d'Austria, der die Partei durch seine großen Siege draußen, zu Land und Wasser, in Spanien über ihre Gegner erhob. Ihre hauptsächlichsten Glieder waren außerdem der Erzbischof von Toledo (Don Gasparo de Quiroga), der schon erwähnte Marques de Los Velez und außer Antonio Perez auch der andere Staatssecretair Mateo Vasquez. Diese Partei herrschte, fast mit gänzlicher Beseitigung der Alba'schen, bis zum Jahre 1579. Don Juan d'Austria war von seiner Partei nach den Niederlanden geschickt worden, um wieder gut zu machen, was Alba verdorben hatte und Requesens nicht wieder herstellen können. Aber es war schon allzuviel verdorben. Flamänder und Brabanter hatten sich mit den Holländern und Zeländem verbunden zur Aufrechthaltung ihrer alten Rechte gegen das spanische Joch, und Wilhelm's von Oranien Klugheit und Einfluß hatte die Pacification von Gent (8. November 1576) zu Stande gebracht, durch welche 17 Provinzen sich aufs engste zu gegenseitigem Schutz und Trutz verbanden und unter Bedingungen, welche die Oberherrschaft des Königs von Spanien zu einer fast nur nominellen herabsetzten. Don Juan d'Austria's Lage, als er ankam, war, diesem entschieden ausgesprochenen Willen und dieser Macht der verbundenen protestantischen und katholischen Provinzen gegenüber, eine peinliche. Er durfte und konnte nur unterhandeln, weil der Wille des Königs und seiner Partei jetzt vor neuen Gewaltsmaßregeln zurückschreckte und ihm selbst die Macht über seine Truppen fehlte, welche, auf ihren rückständigen Sold vergeblich wartend, bis zum äußersten Punkt der Meuterei gediehen waren. Als Unterhändler aber stand er schwach, ein Fremder, einer compacten, mächtigen Verbindung gegenüber, welche den Vertrag bereits nach ihrer eigenen Willkür niedergeschrieben hatte. Für jeden Feldherrn und Fürsten wäre die Lage, in welcher Don Juan sich befand, eine peinliche gewesen, was mehr für den Eroberer von Tunis, den Besieger der Mauren in Granada, den Sieger von Lepanto, den kühnen, ritterlichen, hochstrebenden Sohn Karl's V., auf dessen Angedenken bei den Flamändern Don Juan zu seinem Vortheil so viel bauen durfte. Er, dessen Ehrgeiz nach einem eigenen Throne ausblickte, konnte, in Luxemburg an der Grenze mit seinen wenigen Truppen eingepreßt, mit gebundenen Händen, nichts wirken. Schritt für Schritt mußte er sich in Alles fügen, was die Stände der vereinigten Provinzen dictirten, er, der hingesandt war, sie der Krone Spanien wieder zu unterwerfen, er, der, wenngleich mit edlerem, doch mit demselben Feuereifer als sein königlicher Bruder Philipp für Aufrechthaltung aller alten Rechte des Katholicismus entbrannt war, mußte sich die Antwort gefallen lassen: die Stände würden ihn erst dann als des Königs Statthalter anerkennen, wenn er alle spanischen Truppen von ihrem Gebiet fortzöge, die von Alba errichteten Citadellen schleifen lasse und für Herstellung aller alten Rechte der Provinzen sorge! Er hatte in Alles willigen müssen, die Pacification von Gent war bestätigt worden, aber – er konnte auch nicht sein Wort halten, ihm fehlte das Geld, um die Truppen zu bezahlen, die er entlassen, die er fortschicken sollte. Wir übergehen Begebenheiten, die der Geschichte allein angehören. Es kommt hier nur darauf an, seine persönliche Lage, seine persönliche Stimmung zu schildern. An Den, welchen er für seinen Freund im Rathe des Königs hielt, an Perez, hatte er am 21. December geschrieben: »Ich bin doch am Ende nur ein Mensch, und was soll ich allein unter so vielen andringenden Verwickelungen, wenn ich Keinen habe, auf den ich mich verlassen kann, besonders wenn Escovedo mir fehlt... Wahrhaftig, ich lege mich um Mitternacht zum Schlafe und stehe bei Kerzenlicht um 7 Uhr auf, ohne daß ich weiß, ob ich den Tag über Zeit finden werde zum Essen oder was sonst dem Leibe noth thut. Und schon kostet es mich drei Fieberanfälle. Ich bin in Verzweiflung, wenn ich mich hier wie verkauft sehe, und mit so wenig Leuten, und ohne einen Real, und weiß, mit welcher Langsamkeit man da unten bei Allem zu Werke geht.« Don Juan foderte Geld; Geld um die Truppen zu bezahlen, Geld zu Krieg oder Friede, Geld zur Erhaltung seiner Ehre, und seinen Vertrauten Don Juan d'Escovedo hatte er nach Spanien geschickt, um diese Forderung zu unterstützen. Aber Escovedo war übereifrig; in seinem Eifer ging er bis zur Beleidigung. In einem Briefe an Philipp nannte er dessen Politik: »eine lumpige«. Der König schrieb Dies mit einer bittern Bemerkung an Perez. Perez war wirklich noch Escovedo's Freund; er ermahnte ihn, um Gottes willen in dieser Art nicht fortzufahren, wenn er nicht Alles beim Könige verderben wolle; und mit vollem Recht. Philipp nannte gegen seinen Vertrauten Escovedo's Schreiben: »ein blutiges Papier« und mit allen Zeichen des innern Verdrusses sagte er: »Das sind mir Früchte aus Italien und Flandern... Wenn er mir mit lauter Stimme Das gesagt hätte, was er mir geschrieben, so weiß ich wirklich nicht, ob ich die Fassung behalten hätte.« Perez versuchte den Freund zu entschuldigen, die beleidigende Aeußerung sei doch aus einem achtbaren Eifer hervorgegangen. Philipp antwortete ohne Zorn, aber seitdem war Escovedo der Gegenstand seines geheimen Hasses. Escovedo verließ darauf Madrid und kehrte zu dem dringend nach ihm verlangenden Don Juan zurück; aber ohne Geld. Neuer Streit wegen Entlassung der Truppen und auf welchem Wege, zu Lande oder zur See? Letzteres wünschte Don Juan, die Stände protestirten dagegen, weil sie eine Hinterlist, eine Expedition gegen die Seeprovinzen fürchteten. Sie erneuerten die Pacification von Gent durch die Union von Brüssel (9. Januar 1577). Endlich mußte Don Juan einwilligen, die Truppen zu Lande nach Italien abführen zu wollen, wozu denn die Stände das nöthigste Geld hergeben wollten. Dieser Vertrag, das sogenannte »ewige Edict«, ward am 12. Februar 1577 unterzeichnet. In einem Briefe Don Juan's an Perez von diesem Zeitpunkt (16. Februar) nennt er sich einen »unglücklichen Menschen«, einen Verlorenen, weil er eine so lange vorausüberlegte und so wohleingerichtete Unternehmung im Stich lassen müsse. »Ich weiß nicht mehr, an was ich denken soll; das Beste wäre, mich in irgend eine Einsiedelei zurückzuziehen. Ich bin so geschlagen von diesem Schlage, daß ich lange Stunden hinbrüte, ohne zu wissen, was ich eigentlich denken soll.... Ich bin jetzt ebenso unnöthig hier, als ich zu anderer Zeit durch meine Gegenwart hätte nützen können.... Ich bin nicht für die Leute hier gemacht und die Leute sind nicht für mich gemacht (de ningun modo soy para entre estas gentes, y mucho menos son ellas para mi)... Ich sage es gerade heraus, besser als hier noch länger verweilen, als gerade nöthig ist, um eine andere Person zu wählen, ergreife ich jeden Ausweg, selbst den, Alles zu lassen wie es ist, und bei Euch zu erscheinen, wenn man mich am wenigsten erwartet, und sollte ich auch dafür bis aufs Blut bestraft werden, sollte ich auch, Sennor Antonio, den Dienst des Königs preisgebend, meinen eignen Untergang dadurch verwirken und mich verurtheilen und richten lassen zur Warnung für einen so großen Fehler. Seid gewiß, darin ist eigentlich nichts Schlimmeres, als einen Unterthanen zu verlassen, der so unterwürfig war, und den man in der Hand hatte, indem man ihn dahin auswies, wohin sein Herr es verlangte.« Don Juan rieth, es klingt wie Ironie, aber war Ernst, statt seiner wieder eine Frau, entweder die Kaiserin oder die Herzogin von Parma zur Statthalterin zu ernennen; selbst aber bat er, mit seinen Spaniern (6000 Fußvölkern und 2000 Reitern) statt nach Spanien, nach Frankreich ziehen zu dürfen, um Heinrich III. zur Besiegung der Hugenotten zu verhelfen. Es galt ihm mit diesem abenteuerlichen Vorschlage nichts, als die Schande seines Abzugs zu bemänteln, wiewol sein Secretair Escovedo in seinen Briefen dem Vorschlage noch einen andern Schein zu geben suchte: wenn Don Juan der Sache des Katholicismus in Frankreich den Sieg verschaffe, so sei dies auch ein mittelbarer Sieg gegen die Ketzer in den Niederlanden, welche die Nachwirkung des Ersteren unfehlbar empfinden müßten. Zu gleicher Zeit strebte aber Don Juan, im Mismuth über seine Lage, nach einem ganz anderartigen Ersatz für die demüthige Rolle, die er gespielt. In einem Briefe Escovedo's an Perez (3. Februar 1577) vertraute Jener Diesem, daß seine Hoheit (Don Juan) verzweifelnd, als Feldherr noch etwas zu wirken, nur die Ehren und Rechte eines Infanten von Spanien zu erlangen wünsche. Als solcher denke er in den Rath von Spanien zu treten, dort die alte Ruy Gomez'sche Partei zu verstärken und mit ihr die Angelegenheiten des Königreichs zu leiten. Escovedo mit seinem ungestümen Eifer drückte diese Absicht unvorsichtig genug in einem zweiten Briefe (7. Februar) an Perez aus: »...Wenn das gelingt, muß unsere Meinung im Rathe die Oberhand gewinnen. Der Plan, von weitem eingeleitet, und wenn man hinzunimmt, was uns förderlich sein könnte, muß gelingen; habt deshalb keinen Zweifel. Wenn Ihr und Los Velez jede gute Gelegenheit ergreift, die viele Arbeit zu bedauern, die auf den Schultern des Königs ruht und ihm Sorgfalt anzuempfehlen für seine Gesundheit, von der das Heil der Christenheit abhängt, dann werde ich noch weiter gehen und ihm ohne Umschweife sagen, aus diesen Gründen, und angesehen die außerordentliche Jugend des Prinzen, seines Sohnes, sei es gut, daß er Jemand habe, der ihm die Last (des Regierens) trage, und nachdem ich ihm gehörig den Scharfblick, die Klugheit und Treue gerühmt haben werde, die Seine Hoheit in den Angelegenheiten hier entwickelt, erscheint er von selbst als diejenige Person, der dieser Posten gebührt, und als Derjenige, wie die Schrift sagt, den Gott dem Könige zur Belohnung für seine Frömmigkeit als einen Stab für sein Alter habe zugeben wollen.« Nicht minder dringend schrieb Don Juan selbst dieserhalb an Perez. Er beschwor ihn, Alles aufzubieten, daß er, aus den Niederlanden fort, nach Madrid komme; dort wolle er es ihm, als sein bester Freund, vergelten. »Im Bündniß mit Euch, Velez und Quiroga, wird es mir nicht allein gelten, Euch aufrecht zu erhalten, sondern auch alle unsere Feinde anzugreifen, und als meinen Feind betrachte ich Jeden, der es von einem Freunde ist wie Ihr.« Diese Briefe wurden von Escovedo und Don Juan im Vertrauen an Perez geschrieben, und Perez theilte sie in demselben Vertrauen seinem Könige mit, vor dem er nichts verbarg. Ja Philipp hatte ihm eigens den Auftrag ertheilt: diese Correspondenz zu führen, in die Ansichten der Beiden einzugehen, die Miene anzunehmen, als rede er ihnen beim Könige das Wort; ja er hatte ihm erlaubt: sich recht freimüthig über seine eigene, höchste Person auszudrücken, um auch ihnen Muth und Lust zu machen, Alles, was ihnen auf dem Herzen lag, abzuwälzen, und Perez – gehorchte, wie er selbst in seinem Memorial gesteht, diesem Auftrage mit einer unverschämten Unterwürfigkeit. »Ich weiß sehr wohl, was meine Pflicht und mein Gewissen anlangt, daß ich hierin nur Das thue, was ich muß, und ich bedarf keiner andern Theologie, als der meinigen, um es zu verstehen.« Der König erwiederte ihm: »Meine Theologie sieht die Sache gerade so an, wie die deinige, und findet, daß du nicht allein gethan hast, was du solltest, sondern daß du auch vor Gott und Menschen gesündigt hättest, wenn du es anders gemacht.« Philipp, auf diese Weise von den geheimsten Gedanken seines heißblütigen, misvergnügten Bruders und seines noch ungestümern Rathgebers unterrichtet, empfand begreiflicherweise keine Lust, ihn zurück zu berufen und am Hofe in nächster Nähe, oder in seinem Rathe zu sehen, um sich von ihm beherrschen zu lassen. Perez mußte ihm daher schreiben, daß der König durchaus nicht darauf eingehen wolle, und daß es ihm und seinen Freunden unmöglich gewesen, den Starrsinn des Monarchen zu beugen, der nun einmal glaube, daß es nur dem Prinzen gelingen könne, die aufrührerischen Provinzen zu Ordnung und Gehorsam zurückzuführen. In einem der meisterhaftesten Briefe, in welchem er Escovedo die Unmöglichkeit auseinandersetzt, in der Sache zu Gunsten Don Juan's weiter vorzugehen, und namentlich die Unklugheit, es rasch thun zu wollen, wodurch Alles verdorben werde, übt er die Täuschung so weit, daß er sich selbst mit dem Benehmen seines Königs und Gönners unzufrieden stellt, um des Prinzen volles Vertrauen zu gewinnen. Mit welchen Gefühlen mag Philipp II. Perez' Brief an Escovedo überlesen haben, worin es heißt: »Wolle Gott, daß eines Tages Ihr und ich Velez' und Sesa's Plätze inne haben! Aber hüten wir uns, jemals diesem Manne (Philipp II.) zu verrathen, was wir wünschen, denn dann würden wir es nie erreichen (pero no lo mostremos a esto hombre jamas que lo deseamos). Der einzige Weg zum Ziel ist, ihn zu überreden, daß die Dinge ganz nach seinem Willen gehen und nicht nach dem Sr. Hoheit.« An den Rand des Concepts dieses Briefes hatte der König mit seiner kleinen Handschrift die Worte geschrieben: »So ist dieser Artikel gut, und was du darin sagst, ist auch gut.« (Este capitulo ha muy bien assi y lo que decis' en el tambien.) Daß ein König wie Philipp II. einen Bruder wie Don Juan d'Austria nicht in seiner Nähe wünschte, war begreiflich, sagten wir, auch wenn nicht alle die kühnen abenteuerlichen Plane, welche Perez, unmittelbar zu seiner Rechtfertigung, diesem Prinzen beimißt, in seinem Kopfe gespukt hätten. Don Juan sollte nach der Eroberung von Tunis daselbst ein eigenes Königreich haben gründen und sich zum König mit Beistimmung des Papstes erklären wollen. Der Beweis für diese Anschuldigung ist nicht geführt. Aber nachdem die Ausführung unmöglich geworden, weil Tunis wieder in die Hände der Türken gefallen war, hatte der Sieger von Lepanto einen noch kühneren, uns chimärisch klingenden Plan entworfen. Nach Unterwerfung der Niederlande wollte er in England landen, die ketzerische Königin vom Throne stoßen und sich selbst als katholischer König auf denselben setzen. Eine Vermählung mit der noch gefangenen Maria Stuart ward dabei in Aussicht gestellt. In Rom war man von dem Plane entzückt und suchte ihn durch Fürsprache und Versprechungen zu unterstützen; in Madrid hatte er Philipp's despotische Eigenliebe verletzt und Alba ihn geradezu für eine Thorheit erklärt. Aber jetzt, wo es galt, den aufgebrachten und verzweifelnden Prinzen von der Rückkehr ab und mit einer Lockspeise hinzuhalten, ward wieder von fern auf die Möglichkeit einer Ausführung hingedeutet. Den abenteuerlichen Condottierezug Don Juan's nach Frankreich durfte Philipp nicht gestatten, und hatte den besten Grund dafür darin, daß Heinrich III. selbst eine solche Unterstützung gar nicht verlangt habe. Don Juan fügte sich; Perez selbst lobt in einem Briefe »diesen wahren Ritter voller Ehrgefühl und Eifersucht seine Pflicht zu erfüllen, der Alles thue, nur um seinem Könige zu dienen«. Don Juan fügte sich, aber seine Lage ward unerträglich. Geneckt, beleidigt, von Misgunst, Verrath umgeben, falsch rechnend, als er durch edles Vertrauen Vertrauen kaufen wollte und in gerechter Besorgniß, in dem Brüssel, wohin er sich fast ohne Mannschaft freiwillig unter seine Gegner begeben, von den feindlichen Parteigängern aufgehoben zu werden, sah er sich endlich genöthigt, selbst zu den Waffen zu greifen. »Die Insolenz der Uebelgesinnten wächst ins Unglaubliche«, schreibt er an Philipp. »Von den Ständen geht es aus, die Großen nehmen Theil, das Volk ist gewonnen. Rückkehr ist nicht mehr möglich; Alles stürzt zusammen. – Wenn diese Leute hier selbst die Schuldigen sind und gar nichts mehr auf Eure Majestät Gnade geben, so muß der Krieg ein anderer werden, als er bisher war. Er muß mit ihrem eigenen Gelde geführt werden und nicht mit dem anderer Länder. Wer das Uebel veranlaßt, muß es bezahlen. Feuer und Blut über sie, und möge Eure Majestät mich walten lassen.« Um Hülfe, die Rückkehr der Truppen, Rath und Geld in dieser kritischen Lage sich zu verschaffen, sandte Don Juan zum zweiten Male seinen Escovedo nach Spanien. Philipp II. war über diesen lästigen Besuch höchst aufgebracht. Er misbilligte nicht allein die Absendung, sondern Don Juan's ganzes Verfahren, den Friedensbruch, weil er sich nicht für stark genug zum Kriege hielt. Aber die Umstände waren stärker als sein Wille, der Trotz, die offenen Unternehmungen der Flamänder und Brabanter gegen seine Autorität, ihr Bündniß, welches sie mit Elisabeth von England schlossen, zwang ihn endlich, Don Juan die Erlaubniß zur offenen Gewalt zu geben. Und der junge Feldherr ergriff die Waffe mit Glück; seine Lage hatte sich bald völlig geändert, und mit Ungestüm foderte er in seinen Briefen, daß man Muth fasse, daß man Holz ins Feuer werfe, während es noch brenne. »Läßt man diese Gelegenheit wieder verstreichen, dann soll der König nicht mehr daran denken, Herr von Flandern zu bleiben, auch nicht von seinen andern Reichen, denn er findet keinen Beistand mehr, weder bei Gott noch bei den Völkern. Das ist die Wahrheit; wer ihm Anderes sagt, täuscht ihn. Ich habe es ihm gerade heraus geschrieben und was ich sonst denke ... ich habe vielleicht mehr gesagt, als man wünschte. ... Das nicht zu sagen, halte ich für einen Verrath. ... Jetzt aber, meine Herren, bedarf es des Geldes und des Entschlusses. Wir haben jetzt hier Gelegenheit, unsere Sache glänzen zu lassen, weil wir fechten können, und unser Herr wird Sieger sein. Darum, Escovedo, Eifer, Eifer und schnell zu mir zurück!« Und im Augenblick, wo dieser Brief in Madrid ankam, ward Escovedo auf offener Straße daselbst ermordet, und es leidet keinen Zweifel, daß Philipp II. ihn ermorden lassen. – Warum? Der politische Meuchelmord war in jener Zeit nichts Ungewöhnliches; er hat sogar seinen wissenschaftlichen Vertheidiger gefunden. Auch dieser Mord ward so vertheidigt. Philipp's II. Beichtvater, Diego de Chaves, schrieb im September 1589 an Perez: »Nach meiner Ansicht von den Gesetzen kann der weltliche Fürst, welcher dergestalt die Macht hat über das Leben seiner Unterthanen und Vasallen, daß er es ihnen aus gerechter Ursach und durch Urtel und Recht nehmen darf, dies auch ohne dieses thun (lo puede hazer sin el) weil die Förmlichkeiten allüberall und was sonst zu einem Proceß gehört, für ihn nichts weiter als Gesetze sind, von denen er dispensiren kann. – – Es ist daher keine Verschuldung von Seiten eines Vasallen, wenn er auf Befehl seines Souverains einen andern Vasallen desselben umbringt; weil man denken muß, daß der Fürst diesen Befehl um einer gerechten Ursache willen gegeben hat, weil man nach ernstlichen Grundsätzen annehmen muß, daß eine solche allen Handlungen des Souverains zu Grunde liegt.« Nach dieser Theorie handelte Philipp II., und es ist nicht das einzige Mal, daß er so gehandelt hat. Aber auch er mußte vernünftige, mächtige Beweggründe haben. Perez gibt sie laut und deutlich in seinen Schriften an, in dem Memorial, welches er später dem Gerichtshofe von Aragon übergab, und in den Relaciones welche er noch später in Frankreich drucken ließ: Don Juan d'Austria's ehrgeizige Entwürfe hatten den König beunruhigt: sein Plan zu einem Königreiche Tunis; der, sich auf den Thron von England zu setzen; dann, als er diesen aufgeben und selbst aus den Niederlanden sich zurückziehen müssen, sein heftiges Verlangen, mit den spanischen Truppen in Frankreich einzudringen, wo er in nächster Verbindung mit dem factiösen Hause der Guise gestanden; endlich sein ungestümer Wunsch, zum Infanten von Spanien erklärt zu werden, um im Rathe des Königs das Reich zu beherrschen. – Escovedo, Don Juan's rechte Hand, sein Rathgeber, die Seele aller seiner Entwürfe, sagt Perez, sei noch weiter gegangen. Der Plan desselben sei gewesen, wenn sie Herren von England geworden, sich auch Spaniens mit Gewalt der Waffen zu bemächtigen. Von Santander aus, wo Escovedo um die Gouverneurstelle eines festen Schlosses sich beworben, habe er über Asturien, gleich den alten Spaniern gegen die Mauren, die Halbinsel erobern wollen. Zu diesem Zwecke sei ein geheimes Bündniß zwischen ihm und den Guisen in Frankreich abgeschlossen gewesen unter dem Namen eines: »Bundes zur Vertheidigung beider Kronen.« Perez spricht als Vertheidiger seiner selbst; es mußte ihm darauf ankommen, die Schuld, welche Escovedo in den Augen des Königs haben konnte, zu vergrößern, um seine eigene, so bereitwillig dem Könige seinen Mordarm geliehen zu haben, vor der Welt zu verkleinern. Die Mehrzahl der Beschuldigungen gegen Don Juan hat die Geschichte als unerwiesen beseitigt. Für seine Absicht auf Tunis fehlen alle Beweise, und wenn er einst von einem Königreich daselbst geträumt hätte, war dies eine Vergangenheit, die nicht mehr in Betracht kommen konnte. Der Entwurf, England anzugreifen, war als Plan im Cabinet des Königs schon lange berathen worden, wie er denn später zu einer weit ungünstigern Zeit, 1588, und zu Spaniens Verderben, zur That wurde. Aber wenn ihn der Gedanke, daß der hochfahrende Prinz nach dem glücklichen Ausgange sich selbst zum Könige des Inselreiches erheben könne, beunruhigte, so würde ein Philipp Mittel gefunden haben, im rechten Augenblicke dagegen zu handeln; der Augenblick, wo Don Juan kaum der Niederländer sich erwehrte, war aber gewiß der allerungeeignetste, um deswillen vor ihm und seinem Rathgeber zu zittern. Der unsinnige Plan, den Perez Escovedo unterschiebt, eventualiter auch Spanien für seinen Prinzen zu erobern, scheint aber rein aus der Luft gegriffen und hat kaum einen Anhalt in einzelnen, Escovedo in der Hitze entfallenen Aeußerungen, welche Perez künstlich zusammenlas. Allerdings war es Don Juan's brennendes Verlangen, in Frankreich einfallen zu dürfen, aber nur, weil er einen unübersteiglichen Widerwillen gegen einen längern Aufenthalt unter den Flamländern und Brabantern empfand und irgend einen glänzenden Streich ausführen wollte, der die Schande seines Rückzuges verdecke. Aber zur selben Zeit begnügte sich der Kaisersohn, der sich nach Thronen umschaute, mit dem kleinen Wunsch, als Infant von Spanien im Rathe des Königs zu sitzen und einigen gesetzlichen Einfluß auf die Regierung auszuüben. In allen diesen wechselnden Wünschen erscheint eine unruhige, ehrgeizige Natur, aber kein Empörer und Verschwörer und kein Seigneur, dessen Entwürfe so gefährlich gewesen wären, um einen Philipp zum Meuchelmorde gegen den Rathgeber desselben zu veranlassen. Am allerwenigsten zu der Zeit, wo Escovedo ermordet wurde. Don Juan dachte nicht mehr an das wieder verlorengegangene Tunis, auch in dem Augenblicke weder an England, Frankreich, noch an den Infantenstuhl im Rathe von Castilien, seine ganze ritterliche Seele ging wieder auf beim Schall der Trompete, beim Rasseln der Pauke in den Niederlanden, wo er im Dienst seines Königs neue Lorbern zu erwerben hoffte. Um deswillen hatte er Escovedo nach Spanien geschickt, nicht für ihn, sondern zu Gunsten seines königlichen Herrn bei demselben zu negociiren. Und doch hätte grade jetzt in Philipp Furcht und Haß in dem Maße gegen den Unterhändler sich steigern sollen, daß er sich zum Meuchelmorde entschloß, von dem gar kein Vortheil für ihn entsprang? Und doch war es so. Ein Philipp II. darf nicht mit dem Maßstabe, der für Andere paßt, gemessen werden. Ein Funke Verdacht genügte, um eine verzehrende Flamme in seinem argwöhnischen und furchtsamen Gemüthe anzufachen; nur ließ er ihn lange glimmen. Philipp hegte Besorgniß vor seinem warmblütigen Bastardbruder und haßte seinen Unterhändler, dessen rücksichtsloser Ungestüm seine Würde verletzte. Auf Escovedo's Brief aus Santander (v. 21. Juli) schrieb er, nach Perez' Angabe, eigenhändig die Worte: »Schon nähert sich uns der Streich, der uns treffen soll; es ist nöthig, uns gegen Alles vorzusehen und alle Eil anzuwenden, ihn zu beseitigen, ehe er uns umbringt.« Und doch ward Escovedo erst acht Monate nach diesem Briefe umgebracht! Wer verzögerte die Ausführung? – Aller Wahrscheinlichkeit nach nur des Königs innigster Vertrauter, Antonio Perez, dessen Freundschaft für Escovedo noch nicht erloschen war, für den er fortwährend das Wort geredet, dessen Ungestüm er vor dem Könige als lobenswerthen Eifer mehr als einmal entschuldigt hatte. Perez versuchte den aufzückenden Ingrimm seines Herrn zu besänftigen, indem er seinen Argwohn zu beschwichtigen wußte. Das Motiv lag nahe, auch wenn man nicht geneigt ist, dasselbe in den edlern Gefühlen einer wirklichen Freundschaft zu suchen. Escovedo und Don Juan gehörten zu Perez' Partei. Jenes Gunst, dieses Beistand konnten ihm von wesentlichem Vortheil für die Folge werden; er durfte einen solchen Beistand nicht umsonst fahren lassen. Welcher neue Umstand, welche neue Motive änderten aber dieses Verhältniß und bestimmten Perez, der damals Philipp's innigstes Vertrauen besaß, den Blitzstrahl gegen Escovedo, welchen er geschickt bis da aufzuhalten gewußt, loszulassen, daß er ihn zerschmetterte? – Hier müssen wir von der Politik, welche so bedeutend bis da in diesen Criminalproceß hineinspielte, zu seinen romanhaften Theilen übergehen, welche von nicht minderem Einfluß auf denselben sind. Aus Beider seltsamem Zusammenfluß wuchs er zu der räthselhaften Größe an, deren Lösung erst jetzt dem neuesten Forscher, Mignet, gelungen scheint. Man hatte neuerdings an der allgemeinen Annahme gezweifelt, daß Perez mit der Eboli in einem Liebesverständniß gelebt; erst jüngst erklärte Ranke die Sache für einen erfundenen Roman, aus allgemeinen Gründen, welche hier anzuführen überflüssig ist, da sie durch Mignet's thatsächliche Ermittelungen widerlegt sind. Der Staatssecretair Antonio Perez lebte zu jener Zeit mit der Prinzessin Eboli, über deren Verhältniß zum Könige ebenso wenig ein Zweifel obwaltet, in einem sehr innigen Liebesverhältniß. Die noch vorhandenen Proceßacten in der Untersuchung gegen Perez geben darüber eine so vollständige Auskunft, als man sie nur verlangen kann, wenn man nicht an der Gewissenhaftigkeit der vielen darüber vernommenen, beeideten Zeugen einen durch nichts motivirten Zweifel erheben will. Die Eboli war Philipp's Maitresse; Perez stand mit der Eboli und die Eboli mit ihm in einer sträflichen Verbindung; aber Escovedo hat nicht aus Rache gegen Perez dieses Verhältniß dem Könige entdeckt, und dieser, wenigstens nicht allein, um deswillen Perez grausam verfolgt; sondern Perez, in Furcht, daß Escovedo, der dieses Verständniß mit der Eboli entdeckt hatte, dasselbe dem Könige verrathen werde, reizte des Königs alten Zorn gegen Escovedo und veranlaßte den Mordbefehl, und nachdem über dieses Sachverhältniß dem Könige die Augen aufgingen, entzündete sich in Philipp der nachhaltige, folgenreiche Ingrimm gegen den Mann, der so lange sein vollstes Vertrauen genossen und es in der Art mißbraucht hatte. Dies sind Mignet's Schlüsse, welche durch folgende größtenteils aus den Acten geschöpfte Data unterstützt werden. Das Verhältniß Philipp's II. zur Prinzessin Eboli war weder in Madrid, noch im Auslande, ein Geheimniß, obgleich es in den Schranken des spanischen Anstandes vor officieller Verlautbarung geschützt wurde. Es bestand schon sehr lange vor der Katastrophe, von der wir reden; daß Perez der Unterhändler gewesen, ist weder ermittelt noch widerlegt. Ruy Gomez, Anna Mendoza's Prinzessin Eboli Gatte, wußte nicht allein darum und billigte es, sondern die Vermuthung liegt sehr nahe, daß seine dauernde Gunst und seine Macht ihre Quelle, wenigstens ihre Stütze in dem Bündniß seiner Frau mit seinem Könige gehabt haben. Ein Sohn der Eboli, der Herzog von Pastranna, galt für Philipp's Kind. Die Prinzessin, obgleich einäugig, galt doch für eine vollkommene Schönheit. Sie war geistreich und stolz, leidenschaftlich und entschlossen; unwiderstehlich, wo sie bezaubern wollte, war sie geboren, um heftige Leidenschaften zu erwecken. Ein spanischer Schriftsteller schrieb von ihr: »Durch das Blut, das in ihren Adern stoß, durch ihre Schönheit und als Erbin eines so edeln Hauses, war sie eine der gesuchtesten Heirathspartien.« Perez nennt sie in seinen Werken: »einen Edelstein, umfaßt mit allen Blumen natürlicher Anmuth und allen Glücksgütern.« Anna Mendoza, 1540 geboren, war 1578 bereits in ihrem 38. Jahre und einäugig. Dies schienen für den genannten Historiker Gründe, warum er an der Wahrheit eines Liebesverhältnisses mit Perez zweifeln müsse. Wenn aber auch die Erfahrung nicht dafür spräche, daß Frauen von 38 Jahren noch vollen Liebeszauber ausüben mögen, so ist doch auch nicht erwiesen, daß Perez' Verhältniß zur Eboli sich nicht schon aus früheren Jahren herschreibe. Daß dieses Verhältniß damals wirklich bestanden, bekundeten im Proceß viele Zeugen, von denen folgende die bedeutendsten. Der Erzbischof von Sevilla, Don Rodrigo de Castro, bekundete, daß Perez sich der Sachen der Prinzessin stets bedient, als wären es seine eigenen, und daß diese hinwiederum tausend werthvolle Dinge ihm geschickt habe. – Eine Dame, Donna Cathalina de Herrera, hatte eines Tages gehört, wie Escovedo der Prinzessin lebhafte Vorstellungen machte, welches unangenehme Gerede über Perez' häufige Besuche bei ihr im Publicum umginge. Die Eboli war aufgestanden und hatte ihm stolz erwidert: Simple Edelleute hätten sich nicht darum zu kümmern, was die Frauen der Granden thäten. Damit hatte sie ihm den Rücken gekehrt und das Zimmer verlassen. Noch viele Zeugen bestätigten die häufigen Besuche Perez' im Hause der Prinzessin, und daß dieselben auch nach Escovedo's Tode fortgedauert hätten. Donna Beatrix de Frias bekundete: wie das Aergerniß so groß geworden, daß mehre angesehene Edelleute, nahe Verwandte der Prinzessin, den Beschluß gefaßt, Antonio Perez zu tödten. Einer derselben, der Marquis de la Febera, gab eine sehr umständliche und naive Kunde darüber. »Nicht genug mit seinen häufigen, anstößigen Besuchen, führte Perez die Prinzessin auch ins Theater und blieb dort viele Stunden mit ihr zusammen. Eines Tages wollte der Marquis sie besuchen, aber ihre Kammerfrau Bernarda Carrera, ließ ihn an der Thür warten und nicht hinein, weil Perez bei der Prinzessin wäre; »»was der Marquis höchst anstößig fand««. Einer seiner Diener sah oft zu sehr verdächtiger Stunde Perez aus ihrem Hause kommen; und er selbst sah noch weit Schlimmeres. Um deshalb kam 'er auf den Gedanken, Perez aus der Welt zu schaffen, und beredete sich deshalb mit dem Grafen Cifuentes, der auch nicht mehr zur Prinzessin ging, weil ihm deren Vertraulichkeit mit Perez sehr sträflich erschien. Am grünen Donnerstage ging der Marquis in die Kirche, um Gott zu bitten, daß er ihm den Gedanken aus dem Sinn schlüge, Perez umzubringen. Aber dieser Gedanke verfolgte ihn doch immer, wenn er sich daran erinnerte, daß die Prinzessin ihn einmal gefragt, ob er nicht wisse, daß Antonio Perez der Sohn ihres Mannes, des Fürsten Ruy Gomez de Silva sei (!?) und daß er es nur aller Welt sagen möchte. Der Zeuge fügte auch hinzu, daß man im ganzen Hause der Prinzessin nur von ihrer Intrigue mit Perez sich in die Ohren flüstere, und er halte es für außer allem Zweifel, daß sie es gewesen, die Escovedo umbringen lassen, weil er zu ihnen gesagt: das ginge so nicht langer an.« Mehr als acht Zeugen sagten aus, das sei der allgemeine Glaube in der Stadt und im Lande: »daß Escovedo nur um deswillen umgebracht worden, weil er die Ehre des Prinzen Ruy Gomez vertheidigen wollen, dessen Diener er ehedem gewesen.« ^ Nach Escovedo's Tode führte die Eboli sehr verfängliche Reden. Zur oben erwähnten Donna Beatrix de Frias sagte sie: »Escovedo hatte eine böse Zunge und sprach sehr übel von vornehmen Damen. Die Mönche, die in Santa Maria predigen, hatte er einmal sogar aufgefodert, anzügliche Sachen zu sagen, von denen ich selbst vielen Verdruß hätte haben können.« Nach Escovedo's Tode fragte die Eboli jene Donna Beatrix, was man denn dazu sage, und fügte hinzu: »Sie behaupten ja, ich hätte ihn ermordet.« Beatrix fuhr auf: »Jesus, Ihre Gnaden, wie können Sie so was sprechen!« Sie erwiederte: »Ja, ich sage Euch, die Leute seiner Frau behaupten, daß ich es gethan!« Rodrigo de Morgado, Antonio Perez' Page und sein Vertrauter, dem er nichts verbarg, zugleich der Unterhändler zwischen ihm und der Prinzessin, hatte im Vertrauen zu seinem Bruder, welcher vor Gericht als Zeuge auftrat, Folgendes mitgetheilt: Escovedo habe einst Dinge zwischen Perez und der Prinzessin gesehen, die ihm nicht recht schienen. Das habe ihn heftig verdrossen und er habe es rund heraus gesagt. Eines Tages betraf, er Beide sogar in unehrbarer Stellung im Bett oder auf dem Sopha. (luntos en la cama, o en estrado en cosas deshonestas.) Da rief er aus, das könne er nicht länger dulden, und er müsse darüber dem Könige Rechenschaft geben. Die Prinzessin erwiderte ihm darauf höhnisch: »Escovedo, thut, wie's Euch gefällt, aber ich liebe mehr Antonio Perez' A .... als den ganzen König!« Diese Zeugen bekunden mehr als die Existenz des Liebesverhältnisses zwischen Perez und der Eboli, auch das Interesse, vielleicht die Notwendigkeit für Beide, daß der gefährliche, ungestüme Mitwisser ihres Geheimnisses von der Welt verschwinde. Ein Zeuge, Geronimo Diaz, sagte mit Bestimmtheit aus, daß zu Anfang d. J. 1578, als Escovedo sich in die Intriguen zwischen Perez und der Prinzessin Eboli gemischt, die Freundschaft zwischen beiden Männern erkaltet und Perez daran gedacht habe, sich von ihm zu befreien. Zur selben Zeit erhielt Diego Martinez, Perez Haushofmeister, den Auftrag, die Ermordung Escovedo's zu besorgen.– – Im Auftrage des Königs. Dieses steht fest; aber wie Perez dies angefangen, darüber schweigen die Nachrichten: ob er nöthig hatte, neues Feuer anzuschüren oder ob er nur den Zaum, die Schranken zurückzuziehen brauchte, mit denen er den schon großen Haß des Königs bisher gehemmt? Zu seiner Unterstützung liefen damals immer neue drängende Briefe Don Juan's ein, mit dem Refrain: »Geld, mehr Geld und Escovedo!« Philipp's Geduld war erschöpft. In seinem Memorial sagt Perez, daß in einer geheimen Berathung mit dem Könige nochmals alle Anschuldigungen gegen Don Juan vorgenommen wären, und am Schluß, gewissermaßen der geheime Urtheilsspruch gegen Escovedo, heißt es: »Aus allem diesen schien hervorzugehen, daß man irgend einen großen Entschluß zu fürchten habe, und daß die Ausführung irgend eines großen Schlages den allgemeinen Frieden und die Ruhe der Staaten Seiner Majestät trüben, ja den Prinzen Don Juan selbst in seinen Untergang verwickeln könne, wenn man den Secretair Escovedo noch länger bei ihm ließ.« Nur der Marquis de Los Velez ward noch zu Rathe gezogen, und auch er billigte das Urtheil, das durch Meuchelmord executirt werden solle. Ja Velez sprach sich, nach Perez' Angaben, mit einer merkwürdigen Entschiedenheit aus: »Mit der Hostie im Munde wolle er, so Jemand ihn frage, welches Leben wichtiger sei, daß man es zum Opfer bringe, das Escovedo's oder das irgend eines Andern, welche am meisten angeschuldigt wären, laut und feierlich betheuern, daß Escovedo geopfert werden müsse.« Perez erhielt den Mordauftrag, den Philipp aus Staatsgründen zu geben glaubte, den der Henker empfing und gegen einen alten Freund ausführte, aus persönlicher Rache oder Besorgniß, daß dieser Freund ihn verrathen oder verderben könne! Ein Handbillet des Königs ward für ihn die Beglaubigung. Es lautete: »Gewiß geziemt es, den Tod Verdinegro's (wie Philipp Escovedo in dieser Angelegenheit benannte) zu beschleunigen, bevor er etwas thut, was wir dann nicht mehr im Stande sind zu hindern; denn er wird nicht einschlafen, noch von seinen Gewohnheiten ablassen. Handle denn und thue es mit Eile, damit er uns nicht ermordet.« Die Ausführung der Mordthat hatte ihre Schwierigkeiten. Zuerst ward Gift versucht, dann erst das Stilet. Perez geht in seinem Memorial kurz darüber weg. Desto ausführlicher berichtet sein Page Antonio Enriquez darüber in den Proceßacten. Seine Aussage verdient als treuer Spiegel einer sittlich tief verderbten Zeit, und mit welcher Naivheit, ja Sorglosigkeit, man bei einer solchen That zu Werke ging, wenigstens in ihren Hauptzügen hergesetzt zu werden: »Ich stand eines Tages unbeschäftigt im Zimmer, als Diego Martinez, der Haushofmeister meines Herrn, mich fragte, ob ich nicht einen Mann aus meiner Provinz kenne, der gern Jemandem einen Messerstich versetzen würde. Er fügte hinzu: dabei wäre etwas zu verdienen, man würde gut bezahlen, und wenn der Tod auch darauf folge, so schade es auch nicht viel. Ich antwortete, ich würde mit einem Maulthiertreiber von meiner Bekanntschaft darüber sprechen, was ich denn auch that, und der Maulthiertreiber erklärte sich dazu bereitwillig. Später gab mir Diego in etwas umwickelten Reden zu verstehen, daß man die betreffende Person tödten müsse, daß sie von Ansehen wäre und unser Herr die That selbst billige. Als ich das hörte, erklärte ich, so wäre das kein Geschäft für einen Maulthiertreiber, sondern man müsse den Auftrag bessern Leuten ertheilen. Und da sagte mir Diego Martinez, die Person, welche umgebracht werden solle, käme häufig in unser Haus, und wenn man ihm etwas ins Essen oder Trinken thun könnte, so solle man es thun, denn das wäre das beste Mittel, das sicherste und das geheimste. Also entschloß man sich dazu und beeilte nun die Sache. »Inzwischen reiste ich ab nach Murcia. Vorher sprach ich wieder mit Martinez, der mir sagte, ich könnte in Murcia gewisse Kräuter finden, die zu Dem sehr tauglich wären, was wir vor hätten, und er gab mir eine Liste von diesen Kräutern mit. Ich sammelte auch wirklich diese Kräuter, und schickte sie an Martinez, der sich indessen einen Apotheker aus Molina in Aragon kommen lassen. In meiner Wohnung destillirte, dieser Apotheker, in Martinez' Gegenwart, den Saft aus diesen Kräutern. Um die Probe anzustellen, gab man von dem Product einem Hahn, aber es that ihm nichts, und nun sah man, daß es nichts werth war. Der Apotheker ward zurückgeschickt und bezahlt. »Einige Tage darauf sagte mir Martinez, daß er nun im Besitz eines gewissen Wassers wäre, vortrefflich, um es Einem einzugeben, daß Antonio Perez sich Niemandem anvertrauen wolle als mir allein, und daß ich bei einer Mahlzeit, die unser Herr auf dem Lande geben werde, nur nöthig hätte, von dem Wasser in Escovedo's Glas zu gießen, der nämlich auch unter den Gästen sein werde, und um dessen willen alle die früheren Versuche angestellt worden. Ich antwortete, nur wenn mein Herr selbst es mir beföhle, könnte ich mich dazu verstehen, Jemanden sterben zu lassen. Da rief mich der Staatssecretair Antonio Perez eines Abends zu sich aufs Land, und sagte mir, wie viel ihm daran läge, daß der Staatssecretair Escovedo stürbe, und daß ich ihm an dem bestimmten Tage während der Mahlzeit den Trank eingeben sollte, und ich möchte mich über die Art der Ausführung mit Martinez verabreden, indem er noch sonst schöne Worte hinzufügte, wie er mich belohnen und schützen wolle. »Ich war damit sehr zufrieden und verständigte mich mit Martinez, wie wir die Sache ins Werk setzen wollten. Die Ordnung für die Mahlzeit war so: Sobald man durch die Mittelhalle ins Haus trat, fand man im ersten Saale zwei Schenktische, den einen für die Schüsseln, den andern für die Flaschen und Gläser, von wo man den Gästen zu trinken brachte. Aus dem gedachten Saale, zur linken Hand, ging man in den, wo die Eßtische standen und dessen Fenster auf das Feld hinausgehen. Zwischen diesem Eßsaal und dem, wo die Schenktische standen, war ein kleiner viereckiger Raum, der als Durchgang oder Vorzimmer diente. Während der Mahlzeit sollte ich nun dafür sorgen, daß, so oft der Secretair Escovedo zu trinken verlangte, kein Anderer als ich es ihm bringe. »So hatte ich denn Gelegenheit, ihm zweimal zu trinken zu geben, indem ich zweimal in seinen Wein das vergiftete Wasser goß, das Diego Martinez immer bereit hielt, wenn ich durch das Vorzimmer ging, und ich goß jedesmal ungefähr so viel davon zum Weine, als eine Nußschaale füllen würde, wie mir befohlen war; und als die Mahlzeit zu Ende war, ging der Secretair Escovedo fort, die Andern aber blieben, um zu spielen, und der Secretair Antonio Perez ging einen Augenblick hinaus und traf mich und den Haushofmeister in einer der Hofstuben, wo wir ihm Bericht abstatteten über die Quantität Wasser, die in das Glas des Secretairs Escovedo gegossen worden, worauf er denn auch hinein ging um zu spielen. Man hörte aber nachher, daß der Trank gar keine Wirkung gehabt hätte. »Einige Tage nachher, daß dieses so verunglückt war, gab der Secretair Antonio Perez ein zweites Mittagsmahl, in dem Hause, welches Cordon genannt wird und damals dem Grafen de Puñonwo unter anderen Gästen wieder der Secretair Escovedo und auch Donna Juana Coello, Perez' Frau, zugegen waren. Jedem wurde eine Schale, ich weiß nicht mehr ob mit Milch oder Creme, hingestellt, und in die für Escovedo schüttete man ein Pulver, das wie Mehl aussah. Ich gab ihm auch Wein, der mit demselben Wasser, wie bei der Mahlzeit neulich, versetzt war. Dieses Mal wirkte das Pulver besser, denn der Secretair Escovedo wurde recht krank, ohne die Ursache zu errathen. »Während dieser Krankheit fand ich Mittel, daß einer meiner Freunde, ein Sohn des Capitain Rubio, des Gouverneurs der Herrschaft Melfi, der früher Haushofmeister bei Perez gewesen, daß also dieser Sohn, nachdem er Page bei Donna Juana Coello gewesen und jetzt Küchenjunge in den königlichen Küchen, eine Freundschaft schloß mit dem Koch des Secretair Escovedo, welchen Ersteren er jeden Morgen sah. Demnächst, als man einst dem Kranken eine besondere Suppe bereitete und jener Küchenjunge gerade allein in der Küche war, streute er rasch von dem Pulver, was Diego Martinez ihm gegeben, ungefähr einen Fingerhut voll hinein. Als der Secretair Escovedo von dieser Nahrung genommen, fand sich, daß sie Gift enthielt. Eine seiner Sklavinnen, der die Bereitung der Suppe übertragen war, wurde auf diese Anzeichen augenblicklich festgenommen, und man hing sie auf dem Platze von Madrid auf, ohne daß sie schuldig war. »Da nun der Secretair Escovedo allen diesen Schlingen entgangen war, schritt Antonio Perez zu einer andern Manier: d.h. wir sollten ihn eines Abends mit Pistolenschüssen, mit dem Stilet oder Stoßdegen tödten, und das ohne Aufschub. Ich reiste deshalb in mein Geburtsland, um dort einen meiner vertrauten Freunde aufzusuchen und ein Stilet mit feingeschliffener Klinge mir zu verschaffen, eine Waffe, die weit besser ist als eine Pistole, um einen Menschen umzubringen. Ich reiste mit der Post und man gab mir Wechselbriefe von Lorenzo Spinola aus Genua mit, um in Barcelona einiges Geld zu erheben, was ich auch that.« Hier berichtet Enriquez umständlich, wie er in das Complot einen seiner Brüder, Namens Miguel Bosque, eingeweiht, unter Versprechungen reicher Geschenke und Verwendungen von Seiten Perez'; wie sie in Madrid am selben Tage angekommen seien, wo man Escovedo's Sclavin aufknüpfte; wie Diego Martinez, während seiner Abwesenheit, zum nämlichm Zwecke aus Aragon zwei Männer kommen lassen, Namens Juan de Mesa und Insausti; wie am andern Morgen nach seiner Ankunft Diego Martinez sie alle Vier zusammenkommen lassen, und auch den Küchenjungen Juan Rubio, und zwar außerhalb Madrid, um über die Mittel und Wege zur Mordthat zu berathen; wie sie endlich darüber einig geworden und Diego Martinez ihnen einen Degen verschafft habe, der sehr breit und bis an die Spitze canellirt gewesen, um damit Escovedo zu tödten, und ihnen überdem Jedem einen Dolch gegeben; und wie Antonio Perez während dessen, in der heiligen Woche, nach Alcala abgereist wäre, ohne Zweifel in der Absicht, um allen Argwohn von sich abzuwenden, der aus Escovedo's Ermordung erwachsen könnte. »Es war nun unter uns ausgemacht, fährt Enriquez wörtlich fort, daß wir uns jeden Abend auf dem kleinen Platze bei San Jago versammeln sollten, von wo wir auf die Lauer nach der Seite hinausgingen, von welcher der Secretair Escovedo kommen mußte. Das geschah denn auch. Insausti, Juan Rubio und Miguel Bosque sollten ihn erwarten, Diego Martinez, Juan de Mesa und ich sollten in der Nähe spatzieren gehen, für den Nothfall, daß Die, welche es mit ihm zu thun hatten, der Hülfe bedürften. Am Pfingstmontag, am 31. März, zögerten Juan de Mesa und ich länger als sonst, uns nach dem bezeichneten Orte zu begeben, dergestalt, daß, als wir auf dem Platze ankamen, die vier Anderen schon fortgegangen waren, um dem Secretair Escovedo aufzupassen. Während wir nun so umher streiften, Juan de Mesa und ich, kam von der Seite ein Lärm und Geschrei, man hätte Escovedo ermordet. Wir zogen uns da eiligst in unsere Wohnungen zurück. Als ich bei mir eintrat, fand ich schon Miguel Bosque im bloßen Rock, er hatte seinen Mantel und seine Pistole verloren, und Juan de Mesa fand ebenso an seiner Thüre Insausti, der auch seinen Mantel verloren hatte und den er dann in seiner Wohnung verbarg.« Diese Aussage des Pagen Enriquez wurde durch die des Haushofmeisters Diego Martinez bis auf alle Einzelheiten bestätigt, als derselbe im Lauf des Processes und nachdem Perez das Geständniß abgepreßt worden, zum Bekennen sich verstand. Insausti war der eigentliche Mörder gewesen. Mit dem Degen, den Diego Martinez ihm gegeben, hatte er das Opfer auf einen Stoß durchbohrt. Sie warfen das Mordwerkzeug nachher in die Mistgrube des Hauses, in welchem sie wohnten. Noch in derselben Nacht erfuhr Antonio Perez die glückliche Ausführung durch Juan Rubio, der nach Alcala eilte. Seine Freude, daß Niemand ergriffen worden, wurde indessen bald getrübt durch das ungeheure Aufsehen, welches der Mord, begangen an einem Secretair des Königs, durch ganz Madrid verursachte. Die Alcalden waren schon vor Tagesanbruch in voller Thätigkeit, und am folgenden 1. April waren alle Thore besetzt, um Jeden zu verhaften, der sich aus dem Staube machen wollte. Jeder Wirth mußte die Namen der Fremden, die er beherbergte, der Polizei angeben. Perez, der nach Madrid geeilt war, hatte unsägliche Mühe, seine Helfershelfer zu verbergen und den Nachforschungen der Behörden, der Wuth der Familie Escovedo's eine ruhige Miene entgegenzusetzen. Der König, dem er seine Lage klagte, sagte ihm: »Sprich mit Klugheit und so wenig als möglich; sie werden dir Tausenderlei sagen, nicht um zu sprechen, sondern um zu versuchen, auch dich zum Sprechen zu bringen. Verdruß ist da unvermeidlich, aber man muß darüber weggehen, und thue es mit aller Verstellungskunst und Geschicklichkeit, deren du fähig bist.« Endlich nach 19 Tagen, am 29. April 1578, war es Perez gelungen, sämmtliche Mordgehülfen aus Madrid zu entfernen. Sie gingen, reich belohnt, zum Theil mit königlichen Anstellungen, nach Neapel und Sicilien. Wie Don Juan d'Austria in Flandern die Nachricht von der Ermordung seines Vertrauten aufnahm, ist unbekannt. Die Archive enthalten keine Nachrichten darüber. Nur im Augenblick, wo Philipp die Mörder gegen Escovedo schickte, schrieb er ihm auf seine dringenden Gesuche einen Brief folgenden zweideutigen Inhalts: »Ich werde Sorge tragen, daß man den Secretair Escovedo alsbald abfertige (despachar) und in Allem, was Du sonst mir für ihn schreibst, sowol deswegen, als über Das, was er verdient, so werde ich Alles beschließen, wie es unter diesen Umständen angemessen ist.« Man darf annehmen, daß Don Juan der wahre Grund der Ermordung nicht unbekannt blieb. Nach des Pagen Enriquez Aussage sprach man in Italien und im ganzen Auslande nur davon, daß es Perez gewesen, der ihn tödten lassen, weil Escovedo sein Liebesverhältniß mit der Eboli entdeckt habe. Don Juan, ohne Hülfe von Spanien, seinen klugen, mächtigen und übermüthigen Feinden gegenüber, von Gram und Krankheit verzehrt, hauchte 1588 am 1. October seine Heldenseele aus. Seine letzten Briefe an den König, von einer zum Herzen sprechenden Wärme und Wahrhaftigkeit des Gefühls, scheinen auch einen Philipp endlich, wenn nicht gerührt, doch von seinem Irrthum überzeugt zu haben. Als er ihm endlich die erbetene Hülfe zu senden sich bereit erklärte, war es zu spät. Doch diese lichten Züge in einer trüben Zeit, die uns Mignet hinzeichnet, gehören nur der großen Geschichte an. Wir kehren zu den persönlichen Bezügen unserer Helden zurück, und stellen die Thatsachen zuerst so auf, wie sie nach der bisherigen Annahme für richtig gelten, das Sachverhältniß, wie es nach Mignet's Forschung sich herausstellt, darauf folgen lassend. Philipp's Rachegefühl war mit Escovedo's Tode nicht befriedigt; langsam, ruhig und mit der vollkommenen Arglist seines Charakters schritt er in seinem Plane weiter, auch den dienstwilligen Verräther und die ungetreue Geliebte zu opfern. Die Gelegenheit bot sich von selbst. Es war in dem düster schweigenden Madrid ein öffentliches Geheimniß, daß Antonio Perez' Hände mit D'Escovedo's Blute gefärbt waren. Philipp selbst (sagt Perez) veranlaßte durch vertraute Winke Escovedo's Witwe und Kinder, gegen ihn Klage zu erheben. Die Unglücklichen gingen den König mit lauter Klage an gegen Antonio Perez, der den Tod ihres Vaters und Gatten veranlaßt, und in ihre Klagen mischte sich schon eine Andeutung, daß auch die Prinzessin Eboli bei dem Morde betheiligt sei. D'Escovedo's Sohn betheuerte zugleich, daß, wenn man dem Könige etwa Zweifel gegen die unverbrüchliche Treue seines Vaters eingeflößt, dies ein unwürdiger Betrug gewesen. Das Spiel, welches Philipp von nun an spielte, steht, wenn es sich so verhält, wie Perez es vorgibt, vielleicht einzig da in der Geschichte politischer Intriguen. Wie voller arglosen Vertrauens theilte er noch am selben Tage, wo sie eingegangen, die Klage seinem getreuen Antonio Perez mit, natürlich ohne den Schein auf sich kommen zu lassen, daß er selbst sie veranlaßt. Antonio Perez aber hatte alte Feinde, die nicht in die Geheimnisse dieses Spiels eingeweiht waren, die aber die Gelegenheit nicht verstreichen lassen wollten, ihren Gegner zu stürzen. Sie drangen lebhaft in den König, Gerechtigkeit zu üben, ohne Ansehen von Stand und Person. An der Spitze der persönlichen Gegner stand der zweite Staatssecretair des Königs, Don Mateo Vasquez . Er hoffte nicht allein in die Stelle eines ersten Staatssecretairs, sondern auch in die Gunst einzurücken, deren Perez sich bis da erfreute. Aber noch war der Augenblick nicht gekommen, wo Philipp offen seinen Günstling durfte fallen lassen, so heftig er es auch wünschte. Perez war noch die Möglichkeit gegeben, sich zu rächen, indem er den geheimen Mordbefehl bekannt machte. Es galt dem Könige noch Alles, aus den Gemüthern den Gedanken zu verbannen, daß er den geringsten Antheil am Tode des Vertrauten seines Bruders habe. Es kam aber noch ein anderes Motiv hinzu, in Philipp's ganzer Politik, in seinem eigensten Charakter begründet. Während sein Vater Karl V. in allen Dingen nach eigener Meinung entschied, richtete sich der weit despotischere Philipp nach der Meinung Anderer. Geizig auf seine Herrschaft, war er doch eigentlich trägen Geistes, wenig erfinderisch und unentschlossen. Er wußte Alles, er bearbeitete Alles, er regierte Alles, aber er bedurfte dazu der Zeit und der Ansichten Anderer. Um nicht betrogen zu werden, duldete er nicht allein, er förderte und begünstigte die Intriguen, den Haß seiner Günstlinge untereinander. So hatte er, wie wir wissen, durch 20 Jahre – von 1558 bis 1579 – zwei rivalisirende Parteien an seinem Hofe, in seinem Ministerrath unterhalten, zwischen denen er Vertrauen und Macht theilte. So glaubte er sicherer zu gehen. Jeder war der Verräther der verrätherischen Ansichten des Andern. Perez durfte ihm nicht allein noch schaden, er konnte ihm auch noch nützen. Philipp mußte daher ganz den Schein des alten, vertraulichen Verhältnisses zwischen sich und seinem Getreuen aufrecht erhalten. Es galt ihm, daß Perez selbst noch glaube, es sei Alles beim Alten. Er theilte ihm daher täglich alle Schritte in vollkommener Offenheit und Vertraulichkeit mit, welche seine Feinde gethan, ihn zu verderben. Er lieh ihnen nur sein Ohr, um sie auszuhorchen, zu täuschen und dabei auf den Schutz seines Günstlings bedacht zu sein. Der König und sein Staatssecretair schienen in so vollkommenem Einverständniß, daß sie sich auch fortwährend schrieben, um sich gegenseitig über Das zu berathen, was man in der Angelegenheit thun müsse. Einige dieser Briefe hatte Perez gerettet, und, wenn sie echt sind, verbreiten sie Lichtes genug über die dunkle Angelegenheit. Einer der Vertrauten des Günstlings, Bartholomeo de Santago, schreibt ihm am 12. April 1578: »Ihr seid überzeugt, daß ich zu Eurem Dienst thue, was mir nur möglich ist, und ich will Euch heute eine Probe davon geben, was es mich auch koste. Mir scheint es, ich thäte sogar unrecht, wenn ich Euch von Dem nicht in Kenntniß setzte, was ich gestern mit angehört. Gestern Abend belauschte ich das Gespräch dreier Cavaliere im königlichen Palast. Wäret Ihr davon schon andererseits in Kenntniß gesetzt, so übe ich doch nur die Pflicht, die ich mir selbst auferlegt habe. Der Eine sagte zu den beiden Andern: »»Wißt Ihr denn, was jetzt vorgeht? Seit zwei Tagen spricht man nur von der Geschichte mit Antonio Perez. Escovedo behauptet, daß er es sei, der seinen Vater ermordet hat.«« – Jeder sprach dann darüber auf seine Weise. Ich hatte mich wie ohne Absicht dem Kamin genähert, um den sie standen, und Der, welcher eben gesprochen, zog mich ins Gespräch und wiederholte gegen mich Dasselbe, was er eben den Andern gesagt. Er fügte hinzu: Mateo Vasquez wisse noch weit mehr davon und beschäftige sich sehr lebhaft mit der Sache. – Es ist sehr möglich, erwiderte ich, daß Mateo Vasquez weit mehr davon weiß als ich, oder Jemand sonst; aber was ich weiß, ist, daß Antonio Perez während der heiligen Woche in Alcala war, wie er jedes Jahr zu thun pflegt; daß das traurige Ereigniß grade in dieser Woche stattfand und daß Don Gasparo de Robles grade bei ihm war, als man ihm die Nachricht brachte. Ich weiß auch, daß Antonio Perez auf der Stelle abreisen wollte, um alle nöthigen Maßregeln zur Ergreifung des Meuchelmörders zu treffen. Gasparo de Robles hat es mir selbst gesagt. Gasparo sagte ihm noch, er möge sich nur selbst in Acht nehmen, denn es verlaute, daß man auch ihn aufs Korn genommen, und daß Warnungen da wären, wie die Meuchelmörder es auf Beide abgesehen hatten. – Ich wiederholte ihnen noch sehr viel Anderes, was Robles mir gesagt hatte, und damit brach die Unterhaltung ab. Ich glaube, daß man anderwärts noch mehr von der Sache weiß. Wie dem auch sei, mich beunruhigen diese Gerüchte von ganzem Herzen, weil sie Euch viele Sorge und Verdruß verursachen müssen. Auf alle Fälle bitte ich Euch, nehmt Euch in Acht, und ich flehe zu unserm Herrn und Heiland, daß er Euch schützen und bewahren möge. P. S. Verbrennt doch auf der Stelle diesen Brief des allertreuesten Eurer Diener« Perez, statt ihn zu verbrennen, sandte den Brief sofort an den König. Auf denselben schrieb er mit seiner Hand folgende Zeilen: »Dies hat die Person an mich geschrieben, deren Name darunter steht. Tag um Tag erhöht es meine Sorgen. Es würde gut sein, mit einem raschen Schritt dieser Geschichte ein Ende zu machen, vorausgesetzt, daß es, aus mir unbekannten Motiven, Eurer Majestät nicht etwa von Nutzen wäre. Aber selbst in diesem Fall sollte ich meinen, daß man noch andere Mittel anwenden könnte, die Euer Majestät und zugleich auch mich weniger einer Gefahr aussetzten.« Der König schickte den Brief zurück und schrieb am Rande: »Glaube mir, was mich am meisten eine Ausgleichung wünschen läßt, das ist mein Wille, mich mit dieser Angelegenheit zu beschäftigen, welche, das hoffe ich, sich nur glücklich enden kann. Ich bin halb todt, denn diese Nacht hat mir mein Fuß so viel Schmerzen gemacht wie seit zwei Tagen nicht; aber ich schmeichle mir, daß es ohne Folgen sein wird. Inzwischen empfehle ich Dir, wohl auf Dich Acht zu haben.« War dies Verstellung, so war sie mit satanischer Meisterschaft ausgeführt. Solche Güte, Vertraulichkeit, ja Zärtlichkeit konnte aber in einem Philipp II. nur das Product des Verstandes sein. Ein anderer Brief Antonio Perez' an den König, bezüglich der Eingaben in Betreff Escovedo's Tod, lautete: »Meines Erachtens dürfen die Eingaben heute noch nicht an den Präsidenten abgehen, ohne daß ich zuvor gehört werde. Ich bitte Euer Majestät, dies zu erwägen, oder wenn der König sie absendet, darf der Präsident nichts vornehmen, bis er Das gehört hat, was ich ihm zu sagen habe. Aber es wäre besser, wenn Euer Majestät selbst mit ihm dieser Tage spräche. Was mich anlangt, so würde ich mich schon mit ihm auseinandersetzen und würde ihm meinen Plan sowol als die Eingaben erklären, wenn Euer Majestät es billigt.« Der König antwortete darauf: »Mir scheint es, daß man nicht länger zögern darf, dem Präsidenten die Eingaben zu überreichen, und zwar aus den Gründen, die Du selbst mir heute auseinandergesetzt hast. Aber es wird gut sein, es nicht eher zu thun, als bis Du zurück bist, auch selbst wenn Du nach Azeca gereist wärest, damit Du Zeit hättest, vorher darüber mit dem Präsidenten zu reden. Wenn Dir, wie ich es vorschlage, angemessen scheint, so laß es mir sagen, daß ich es bei meiner Ankunft in Esparaosa erfahre. Ich billige es, daß Du Deinen Plan dem Präsidenten mittheilst und ihm die Eingaben erklärst, wie Du es mir vorgestellt hast.« Mußte nicht bei solchem Ton seines Monarchen gegen ihn Perez immer sicherer werden? Sein Plan war, die Justiz, was ihn selbst beträfe, gegen sich loszulassen, daß sie ihre Kräfte an ihm versuche, aber keine Verfolgung gegen die Prinzessin Eboli, sowol wegen ihres Geschlechts als Ranges, zu dulden. Dem König versicherte er, daß aus dem Processe keine üblen Folgen erwachsen könnten; denn der Beweis werde ganz unmöglich sein, daß er den Mord befohlen, weil keiner der eigentlichen Thäter ergriffen worden und gar kein Zeugniß sonst gegen ihn existire. Philipp war damit zufrieden, aber er nahm den Schein an, als sträube er sich dagegen, seinen Günstling den Gerichten zu überliefern. Dieser Widerstand, dies Zaudern aber eben war es, was Perez' Feinde nur immer mehr stählte, und Vasquez. hörte nicht auf, dem Könige in den Ohren zu liegen, daß er den Scandal nicht länger dulden dürfe, einen Mörder ungestraft in seiner nächsten Nähe umhergehen zu lassen. Endlich schien der König Antonio Perez' Bitten gleichwie den Vorstellungen seiner Gegner nachzugeben. Er erlaubte ihm selbst auf seine Anklage anzutragen, und Perez begab sich mit allen den Eingaben, welche täglich beim Könige gegen ihn und die Prinzessin Eboli einliefen, zu Don Antonio de Pazos, dem Präsidenten des Rathes von Castilien, welcher damals in Spanien die oberste richterliche und administrative Behörde war, mit einer so ausgedehnten Machtvollkommenheit, daß sie eigentlich sich nur an dem königlichen Willen brechen konnte. Aber Philipp's Wille war es doch noch nicht, daß es schon jetzt zu einer eigentlichen Untersuchung komme. Seine Pläne gingen in die Zukunft hinaus; jetzt wollte er noch laviren. Er veranlaßte ins Geheim den Präsidenten des Rathes von Castilien, den genannten Don Antonio de Pazos, daß er mit Escovedo's ältestem Sohn sprechen und ihm von der förmlichen Klage abreden solle, die für ihn selbst gefährlich ausschlagen könne, wenn er keine gültigen Beweise gegen so hochstehende Personen, wie Antonio Perez und die Prinzessin Eboli, vorbringen könne. Don Pedro d'Escovedo, der in der That gar keine andern Beweise hatte als seinen subjectiven Verdacht und die Reden und Zuflüsterungen der Feinde des verhaßten Günstlings, stand darauf auch wirklich von der Klage ab. Nicht so Mateo Vasquez, den der König gleichfalls durch Antonio de Pazos anscheinend überreden lassen, sich doch in Ruhe zu begeben. Philipp wußte, daß dies hier nur Oel in die Flamme gießen heiße. Mateo und Antonio's übrige Feinde konnten ihm nie die Gunst des Königs vergeben, und je mehr dieser, grade in solcher Krisis, sich gnädig, besorgt um ihn zeigte, um so mehr mußte ihre Wuth gegen ihn wachsen. Alles dies (sagt Antonio Perez) lag in Philipp's arglistigem Plane. Wenn auch nun Escovedo's ältester Sohn zum Schweigen gebracht war, so doch nicht die andern Verwandten desselben. Ihre täglichen, immer dringenderen Vorstellungen häuften sich auf dem Tische des Königs, und Antonio Perez selbst hielt diesen Zustand der Ungewißheit nicht mehr aus. Er kam auf seinen alten Vorsatz zurück und drang darauf, daß entweder Gericht über ihn gehalten werde, oder der König ihn aus seinen Diensten entlasse, damit er sich vom Hofe zurückziehen und endlich den Schutz und die Ruhe finden könne, die, so lange die Gunst des Königs ihn ehre und hebe, aber nicht beschütze, er schmerzlich vermisse. Philipp wollte weder das Eine noch das Andere; er nahm die Miene an, ohne Perez' Dienste nicht leben zu können. Es kam darüber sogar zu Streitigkeiten zwischen ihnen, wie man aus mehren Briefen des Königs an Perez ersieht. Der König gab ihm sein Wort als Cavalier, ihn nie zu verlassen, unter der Bedingung, daß er hinwiederum auch ihn nie verlasse. Philipp zog selbst die Eboli ins Spiel; sie mußte ihn bitten und überreden, am Hofe zu bleiben. Beiden versprach er dafür große Belohnungen. Mit diesem Geschäft eines Unterhändlers zwischen beiden Personen ward eine sehr ehrwürdige Person betraut, der Cardinal-Erzbischof von Toledo, Don Gasparo de Quiroga, der sich für den König und seine gegebenen Versprechungen verbürgen mußte! Antonio Perez fühlte sich aber um deshalb nicht wohler als vorher. Wie hell und schön man ihm auch den Himmel vormalte, sah er doch nur zu deutlich die Wolken, die ihn wieder verdunkelten. In einem Briefe, den er eines Tages in geheimen Angelegenheiten an den König richtete, schloß er mit den Worten: »Ich fürchte, Sennor, daß meine Feinde einst den Augenblick benutzen werden, wo ich nicht auf meiner Hut bin, um mir den Dolch in die Brust zu drücken, und daß, Euer Majestät Güte und Geduld misbrauchend, es ihnen einmal gelingen wird, sie zu täuschen. Ich spreche nicht ohne Grund so; denn ich weiß, sie hören nicht auf zu wühlen.« Der König schickte ihm den Brief zurück und schrieb auf den Rand: »Was Das betrifft, was Du hier andeutest, so habe ich Dir schon sonst gesagt, daß Du nicht bei guter Laune sein mußt; aber glaube mir, wie sie auch wühlen mögen, das wird ihnen zu nichts helfen. Uebrigens kannst Du versichert sein, daß ich nichts Anderes gehört habe, als was ich Dir schon gesagt und gezeigt habe.« Auch die Eboli, aufs heftigste von ihren gemeinschaftlichen Feinden angegriffen, war von Angst und Besorgniß ergriffen und führte lebhafte Klagen beim Könige. Philipp versuchte Alles, sie zu beschwichtigen und stellte anscheinend Versuche an, sie sowol als seinen Perez mit ihren Feinden, namentlich mit Mateo Vasquez, auszusöhnen. Dieses Spiel hatte Monate gedauert, als plötzlich im Juli 1579 ein furchtbarer Ernst daraus zu werden und der König seine Maske der Freundschaft für den Staatssecretair wie für die Prinzessin plötzlich abzuwerfen schien. Das wiederholte Andringen so Vieler, den Tod d'Escovedo's zu rächen, habe plötzlich, hieß es, den Entschluß im Könige gereift. Eines Tages kam er aus dem Escurial nach Madrid und befahl: den Antonio Perez, seinen Staatssecretair, und die Anna de Mendoza, Prinzessin von Eboli, zu verhaften. In einer Nacht, am 28. Juli 1579, ward dieser Verhaftsbefehl an beiden Personen vollzogen. Philipp hatte nur zwei Vertraute bei diesem Schritte gehabt, seinen Beichtvater, den Frater Diego de Chaves und den Grafen Barajas, Oberintendanten des Haushalts der Königin, Anna von Oestreich. Letzterer war ein vertrauter Freund des Mateo Vasquez. Beide aber waren unbekannt mit den Mysterien in dieser Sache und wußten nichts um den wahren Grund des Todes, den Escovedo gefunden. Ebenso wenig wußte der Präsident des Rathes von Castilien, Antonio de Pazos, der doch sonst in das Vertrauen des Königs gezogen war, etwas davon. Im Publicum, wo die Begebenheit das größte Erstaunen erregte, schrieben die Einen sie dem noch immer fortdauernden Verhältniß zwischen Perez und der Eboli zu, welches den König herabwürdige; die Andern der Absicht, den Verdacht abzuwenden, welchen d'Escovedo's Tod hervorrief, und der sich schon mehr und mehr dem Throne näherte. Auch ein Philipp, dem seine Granden sich nur zitternd näherten, vor dem seine Minister das Knie beugten, auch der absolute zweite Philipp hatte Rücksichten zu nehmen. Eine Prinzessin Eboli konnte nicht verhaftet werden, ohne daß man eine Art von Rechenschaft darüber ablegte. Noch in derselben Nacht ihrer Verhaftung schrieb Philipp an den Herzog von Infantado, einen ihrer Verwandten: »Mein lieber Vetter (als Grand von Spanien), Ihr kennt ohne Zweifel die Meinungsverschiedenheiten und Zwistigkeiten, welche zwischen Antonio Perez und Mateo Vasquez, meinen Geheimschreibern, obwalten, in welche die Prinzessin Eboli leider verwickelt ist, eine Dame, der ich stets die Achtung erwiesen, welche sie aus vielen Gründen verdient, so um ihrer Familie willen, wie als Gattin Ruy Gomez', der mir, wie Euch bekannt, mit solcher Treue und Ergebenheit gedient hat. Um nun die Ursache dieser verdrießlichen Zerwürfnisse kennen zu lernen und wo möglich ihnen abzuhelfen, und mit dem Wunsche, daß alles Dieses mit dem geziemenden Anstande geschehe, hatte ich meinen Beichtvater Diego de Chaves beauftragt, der des vollsten Vertrauens bei mir genießt, mit der Prinzessin in meinem Namen zu sprechen, ihre Klagen gegen Mateo Vasquez anzuhören und den Grund derselben zu erforschen. Um meinen Absichten gemäß zu handeln und die Sache recht zu ergründen, hatte er sich an verschiedene Personen gewandt, die sie ihm namhaft gemacht, und da er hier nicht die nöthigen Aufschlüsse erhielt, besprach er sich abermals auf das ernsthafteste mit der Prinzessin selbst, ganz nach meinen Anweisungen, um sie zu überreden, daß sie von ihren rachesüchtigen Gefühlen ablasse und zwischen Antonio Perez und Mateo Vasquez die gute Harmonie wieder eintrete, die meinem Dienste und ihnen Allen fördersam ist. Aber mit Schmerzen mußte ich hören, daß die Prinzessin in ihrem Eigensinn beharrte und gegen jede Aussöhnung sich sperrte. Mehrmals hat mein Beichtvater mit ihr darüber gesprochen und sie zu bewegen versucht, daß sie meinen Wünschen nachgebe, die nur Gerechtigkeit wollten. Da ich nun nicht allein sah, daß ich auf diese Weise nicht zu meinem Ziele kam, sondern daß auch ihre ganze Handlungsweise meinen Absichten entgegen war, so sah ich mich genöthigt, sowol in meinem Interesse als in dem der Versöhnung, die ich will, sie in dieser Nacht gefangen nehmen und in die Festung Pinto einsperren zu lassen. Ich hielt es für angemessen, Euch davon in Kenntniß zu setzen, der Ihr so nahe mit ihr verwandt seid, damit Ihr die Beweggründe meiner Handlung kennt und Euch überzeugt haltet, daß Niemand mehr als ich ihre Ruhe wünscht, sowie das Glück ihres Hauses und die Beförderung ihrer Söhne.« Dieses Schreiben ist datirt: Madrid, den 29. Juli 1579. In demselben Sinne schrieb der König auch an den Herzog von Medina Sidonia, einen andern Verwandten der Prinzessin. Zwei an sich unbedeutende Umstände, welche aber zu Philipp's Charakteristik beitragen, sind uns bezüglich auf diese Verhaftung erhalten worden. Als man dem Könige beide Verhaftsbefehle zur Unterschrift in jener Nacht, wo die Arrestation erfolgen sollte, überbrachte, corrigirte er sie mit eigener Hand und ließ sie wieder umschreiben, weil – ein ceremonieller Fehler begangen war. Der Secretair Mateo Vasquez, der zweite in der Rangordnung, war vor Antonio Perez, dem ersten Setretair, aufgeführt worden. Dies durfte nicht sein! In der Stunde selbst, wo die Verhaftung vorgenommen werden sollte, begab sich Philipp in eine Kirche, die dem Hause der Prinzessin Eboli gegenüber lag. Er wollte mit eigenen Augen, unbemerkt, die Arretirung und Schmach der einst von ihm Geliebten mit ansehen. Ein Beweis allerdings der Leidenschaftlichkeit, welche ihn bewegte. Als er in seine Gemächer zurückkehrte, legte er sich nicht mehr zu Bett, sondern man sah ihn bis 5 Uhr Morgens in heftiger Aufregung in seinem Zimmer auf- und abgehen. Antonio Perez war der Gatte einer Frau, welche ihm mit treuer aufopfernder Anhänglichkeit liebte, der Donna Juana Coello . Am Morgen des folgenden Tages begab sich der Cardinal von Toledo, im Auftrag des Königs, zu der betrübten Gattin und versicherte sie im Namen seiner Majestät: sie solle sich keiner Sorge hingeben, weder für das Leben noch die Ehre ihres Gatten. Er blieb eine geraume Zeit bei ihr, mit Trostgründen sie aufrichtend: Alles, was geschehen, sei nur zum Besten ihres Gatten selbst geschehen, um ihn den allergrößten Unannehmlichkeiten zu entheben. Antonio Perez' Gefängniß war ein ehrenvolles, im Hause eines der Alcalden des Hofes. Er blieb hier vier Monate. Der eigene Beichtvater des Königs, Diego de Chaves, besuchte ihn nach 14 Tagen und versicherte ihm mit lachendem Munde: »Ihre Krankheit wird nicht tödtlich sein.« Wenn man diesen Besuch mit dem des Erzbischofs von Toledo bei Perez' Gattin zusammennahm, so konnte man doch kaum an eine Ungnade denken. Der ganze Hof war darüber erstaunt und in Ungewißheit, wie man die Sache nehmen solle. Ja der König schrieb selbst an den Alcalden, daß er seinen Gefangenen mit aller Sorgfalt behandeln solle, auch möge er, zu seiner Zerstreuung, ihm seine Kinder zuführen. Antonio Perez selbst war davon unterrichtet. Ein Diener des Alcalden zeigte ihm alle Briefe des Königs an seinen Herrn. Als Perez krank wurde, erhielt er die Erlaubniß, in seinem eigenen Hause als Gefangener zu bleiben. Hier besuchte ihn im Auftrage des Königs Rodrigo Manuel, ein Capitain der Garde, um von ihm das Gelöbniß entgegenzunehmen, daß er allem Haß und aller Rache gegen Vasquez entsage und fortan in Friede und Eintracht mit ihm leben wolle. Perez gab dies eidliche Gelöbniß, und wer mochte nun noch zweifeln, daß Alles beigelegt und der ehemalige Günstling wieder in Gnaden aufgenommen sei? Doch blieb er noch gegen acht Monate als Gefangener in seinem Hause. Aber man zog die Wache, die anfänglich bestellt war, zurück, er durfte in die Messe gehen, spatzieren gehen, Besuche empfangen, aber – keine Besuche machen. Was sollte das heißen? Der König reiste inzwischen selbst nach Portugal, um von dieser neuen Eroberung Besitz zu nehmen, und schriftliche Verhandlungen, die durch die Hände der Staatssecretaire gingen, fanden nach wie vor zwischen dem Fürsten und seinem Gefangenen statt. Darüber vergingen nicht Monate, sondern Jahre. Um aus dieser beängstenden Ungewißheit zu kommen, sandte Perez mehre vertraute Personen an den König, um ihn zu einem Entschluß hinsichts seines Schicksals zu bewegen. Philipp empfing auch wirklich den Pater Rengifo, einen alten, sehr würdigen Geistlichen, mehrmals in Lissabon, er hörte seine Vorstellungen zu Gunsten Perez' ruhig an, aber dennoch geschah nicht das Geringste. Endlich sandte Perez seine eigene Gattin nach Lissabon; er hatte zuvor deshalb mit dem Präsidenten des Rathes von Castilien, Antonio de Pazos, darüber Rücksprache genommen. Aber Philipp, sobald er davon hörte, gab Befehl, die weibliche Abgesandte unterweges gefangen zu nehmen. Sie wurde noch auf dem Meere, zwischen Aldea Gallega und Lissabon arretirt. Damals im achten Monat einer Schwangerschaft, ergriff sie der Schreck so, daß sie auf dem Meere eine falsche Niederkunft hatte. Der mit dem Verhaftbefehl beauftragte Alcalde führte sie nach Aldea Gallega zurück und unterwarf sie in einer dortigen Herberge einem sehr scharfen Verhör, ob sie auf Befehl ihres Mannes und mit welchem Auftrage reise. Mit dem Protokoll darüber eilte der dienstpflichtige Beamte, seiner Belohnung gewiß, zum Könige nach Lissabon. Aber Philipp nahm das Papier aus seiner Hand, und ohne den Alcalden oder die Schrift eines Blickes zu würdigen, warf er es in das Kaminfeuer und ließ es verbrennen. Bestürzt entfernte sich der Alcalde und wagte nie mehr den Mund hinsichts Antonio Perez' zu öffnen, noch ward er darum jemals befragt. Aber dem Pater Rengifo trug Philipp auf, Antonio's Gattin zu verkünden, daß sie unverweilt zu ihrem Gatten zurückkehren möge. Er solle sie versichern: »daß er ihr als König verspräche, und er ihr sein Wort als Cavalier gebe, die Angelegenheit ihres Mannes, sobald er nach Madrid zurückgekehrt sei, zu beendigen.« – Der König sprach diesmal nicht selbst mit Rengifo, sondern die Worte gingen durch den Mund des Rodrigo Vasquez, der später den Proceß gegen Antonio leitete. Rengifo sah jedoch die schriftliche Ordre des Königs, in welcher diese Worte verzeichnet waren. Nach Mignet war Antonio Perez nach Escovedo's Ermordung auf dem Gipfel seines Einflusses und der Gunst bei dem Könige gelangt. Es war der Augenblick, wo Portugal mit der Krone Spaniens vereinigt werden sollte. Er leitete schon die politischen Angelegenheit mit Italien, wie die flandrischen; auch das Departement für Portugal ward ihm übergeben. Perez war Philipp jetzt mehr als je unentbehrlich. Im Uebrigen stimmen die neueren Ermittelungen in den wesentlichen Zügen mit dem oben Angeführten. Perez' Feinde, Vasquez, sein College, der schon lange nur mit geheimem Grimm den überwiegenden Einfluß desselben ertragen, an der Spitze, waren unverdrossen, die Familie Escovedo zur gerichtlichen Verfolgung gegen den Mann aufzureizen, den das Gerücht als Mörder nannte, und ihre Anklagen berührten auch die Prinzessin Eboli. Philipp hörte gütig in einer Audienz Escovedo's Sache an, und versprach ein gerechtes Gericht, wenn die Sache dazu angethan wäre. Er war zufrieden, daß der Verdacht nur ein Werkzeug traf und von dessen Urheber sich ablenkte, aber er scheute das gerichtliche Verfahren, welches mehr Licht in die Sache bringen konnte, als er ertragen durfte, und spielte ganz das Doppelspiel, dessen Perez ihn beschuldigt. Er horchte mit anscheinendem Vergnügen auf Vasquez' Denunciationen und hinterbrachte Alles, was er gehört, sofort seinem Perez. »So lange ich lebe, sagte er ihm, hast du nichts zu fürchten. Andere mögen wechseln, glaube mir, ich werde nicht wechseln. Wenn du mich in dieser Beziehung studirt hast, wirst du erkannt haben, dessen bin ich gewiß, daß ich nicht gern wechsele.« – Der dritte Mitwisser ihres Geheimnisses, Los Valez, war gestorben. Der König sagte zu dem darüber betrübten Freunde: »Du und ich verlieren viel; indeß hoffe ich, daß du weniger verlierst, weil ich dir niemals fehlen werde.« Aber Philipp that doch nichts, ihn aus seinen immer wachsenden Aengsten zu befreien. Perez, die Gefahr richtig voraussehend, hatte keine Ruhe mehr, er bot dem Könige seine Entlassung an. Philipp weigerte sich, sie anzunehmen. Nun trug Perez selbst darauf an, daß er vor Gericht gestellt werde, vorausgesetzt, daß die Prinzessin Eboli nicht mit in den Handel gezogen würde; sich selbst wolle er schon vertheidigen, da alle Beweise fehlten. Philipp, unschlüssig, zweifelnd, verwies die Sache an den genannten Antonio Pazos, Präsidenten von Castilien. Dieser, in das Geheimniß gezogen, übernahm es, Escovedo's Sohn von der Klage abzubringen. Er verkündete ihm, daß der König richten werde ohne Ansehen der Person, stellte ihm aber die Gefahr vor, ohne schlagende Beweise zwei Personen von diesem Ansehen anzuklagen. und betheuerte ihm zuletzt auf sein Priesterwort (Antonio Pazos war Bischof), daß die Prinzessin und Perez so unschuldig wären als er selbst ! Der treue Diener seines Herrn und – seines Gottes – erkannte keine Schuld darin, wenn der Diener des Königs auf dessen Geheiß meuchelmordet. Wir kennen die spanische Loyalitätstheorie des 16. Jahrhunderts aus Calderon's und Anderer Dramen, welche freilich von der aus dem Jahrhundert des Cid so abweicht als von den heutigen Rechtsbegriffen. Escovedo's Sohn beschied sich auf dies gewichtige Wort und trat von seiner Klage zurück. Aber Antonio Vasquez beschied sich nicht, und stellte einen andern Ankläger aus der Escovedischen Familie. Philipp befand sich in einer höchst peinlichen Lage. Die hochmüthige Eboli beklagte sich über die Frechheit, die man ungestraft übe, auch ihre Person anzuschuldigen: »Man ist so weit gegangen, schreibt sie an den König, auszusprechen, daß Perez den Escovedo meinetwegen getödtet habe, und daß er solche Verpflichtungen gegen mein Haus habe, daß er es wohl thun müssen, wenn man es von ihm gefodert. – Wenn diese Leute ihre Frechheit und Unehrerbietigkeit so weit treiben, dann ist es Euer Majestät Pflicht, als König und als Edelmann ein Exempel zu statuiren, das widerhalle bis dahin, wo man sich diese Beleidigungen erlaubt hat. Wenn Euer Majestät mich nicht so verständen und zugäben, daß das Ansehen meines Hauses unterginge mit dem Glanz und Glück meiner Ahnen und mit der Gunst, welche der Fürst, mein Gatte, so wohl verdient hatte, wenn Euer Majestät die Dienste derselben, sage ich, auf diese Weise belohnen wollten, dann hätte ich wenigstens, indem ich so zu Ihnen rede, wie ich rede, Das erfüllt, was ich Dem schuldig bin, was ich bin. Ich bitte Euer Majestät, mir diesen Brief zurückzusenden, indem dieser Brief nur an einen Edelmann gerichtet ist, auf dessen Discretion ich vertraue, mit dem ganzen tiefen Gefühl der mir widerfahrenen Beleidigung.« – Zugleich foderte sie die Bestrafung Matheo Vasquez', dieses »maurischen Hundes«. Des Königs peinliche Lage steigerte sich. In seinem Cabinet war ein offener Krieg ausgebrochen. Die Eboli klagte gegen Vasquez und brachte Zeugen ersten Ranges vor wegen der ihr widerfahrenen Beleidigung; Perez und Vasquez hetzten sich selbst in Staatsangelegenheiten; es kam zu Injurien, und Vasquez warf Perez den größten Schimpf an den Hals, den es damals in Spanien gab: »er sei nicht von reinem Blute«. Perez flog zum Könige, foderte Rache, oder daß ihm vergönnt werde, sie selbst zu nehmen. Philipp versprach und zauderte, und half sich wie immer, indem er die Sache in die Länge zog. Auch Vasquez war ihm ein bequemer Diener, und er trug seinem Beichtvater Diego de Chaves auf, die Parteien zu versöhnen. Vergebens. Perez, im Vorgefühl seines nahen Falls, schrieb an seinen Herrn: »Ich sehe, nachdem ich mit meinen schwachen Talenten meinem Herrn gedient und eine Treue ohne Grenzen ihm bewiesen, daß mein böser Stern siegt, während diesem Andern Alles gelingt, trotz seiner zahllosen Fehler und seiner Beleidigungen gegen eine große Dame und einen Mann, der nur nützlich sein wollte, und der (leider) ohne es zu sein, sich nur so bloßgegeben hat, wie ich gethan.« Sein böser Stern siegte wirklich. Matheo Vasquez war es gelungen, dem Könige Zweifel und Argwohn gegen die Rechtlichkeit Perez' in Ausübung seiner Verwaltungsämter beizubringen, und er war es, der ihm zuerst seines Günstlings geheime und innige Verbindung mit der Prinzessin Eboli aufdeckte. Philipp glaubte, und sah sich darüber »enttäuscht, daß ihn Antonio Perez getäuscht in der Art und Weise, wie er ihn dazu bewog, zu thun, wie geschehen.« (Desengañade de que le avia engañado el dicho Antonio Perez.) Er beschloß, sich von Perez loszumachen, als von einem abgenutzten Werkzeuge und zugleich einem gefährlichen Nebenbuhler. Er berief an des Marquis Los Velez' Stelle einen bis jetzt zurückgesetzten Staatsmann, den Cardinal Granvella aus Rom. Noch mußte Perez die Berufungsordre contrasigniren. Am Tage von Granvella's Ankunft erhielt der Alcalde des Hofes, Alvaro Garcia de Toledo am 29. Juli 1579 den Befehl, Antonio Perez zu verhaften, was noch in derselben Nacht um 11 Uhr geschah. Die Eboli, welche auf die Versöhnungsvorschläge des Beichtvaters de Chaves stolz geantwortet hatte, daß eine Dame wie sie auf nichts eingehen könne mit einem Menschen, wie der, von welchem es sich handle, und daß eine Beleidigung, wie die, welche sie erfahren, es ihr am wenigsten gestatte, hatte inzwischen mildere Saiten aufgezogen; selbst zur Aussöhnung geneigt, hatte sie auch Perez bestimmt, sich in das Unvermeidliche zu fügen. Aber zu spät; der Tag, den er dazu bestimmt, den ersten Schritt zu thun, war schon der erste Tag seiner Gefangenschaft. Zur selben Stunde derselben Nacht ward auch die Eboli aufgehoben und nach der Festung Pinto gebracht. Damit hörte die Herrschaft der alten Partei des Fürsten Eboli auf, die noch mit einer gewissen Milde die Angelegenheit der Monarchie gelenkt hatte; an ihre Stelle kam das Ministerium Granvella, welches, zum Theil durch die Umstände getrieben, einen ganz andern Weg einschlagend, Spaniens letzte Freiheiten gewaltsam zu Grabe trug und den Ruin seiner Macht, dem Auslande gegenüber, vorbereitete. Unter Granvella's Regierung war die erste Handlung: daß auf den Kopf des Prinzen von Oranien ein Preis von 30000 Ducaten gesetzt wurde! Alles Uebrige, auch von Perez' Verhaftung, Behandlung und den Verheißungen, die ihm gemacht wurden, wird durch die neuen Ermittelungen nicht verändert. Während Perez noch mit einer gewissen Rücksicht behandelt wurde, verfuhr man mit unverhältnißmäßiger Strenge gegen die Prinzessin Eboli. In dem Briefe eines Franzosen noch vom 13. Januar 1580 heißt es: La princesse d'Evoli est toujours en même état observée et traitée avec toute la rigeur possible. Die Gefangenschaft (in der Festung Pinto) und die üble Behandlung übten bald ihren nachtheiligen Einfluß auf den Gesundheitszustand der Gestürzten aus. Zu Anfang 1581 wurde sie so gefährlich krank, daß die Aerzte versicherten, ihr Leben sei in Gefahr, wenn sie länger in der Festung bleibe. Ihrer Verwandten dringenden Vorstellungen beim Könige gelang es endlich, den Befehl zu erwirken, daß sie aus der Festung auf ihre Güter nach Pastranna gebracht wurde. Der Aufenthalt hier ward ihr als Exil angewiesen, eine spanische Formel der absoluten Justizhandhabung, die sich bis auf die Gegenwart erhalten hat. Auch der Herzog von Alba, seit der Expedition in den Niederlanden in Ungnade, lebte im Exil, um erst später unter dem neuen Ministerium wieder zur Thätigkeit berufen zu werden. Für die Eboli ging die Sonne des Glückes nicht wieder auf, nicht einmal ein Strahl der Hoffnung brach für sie durch die Wolken, welche immer finsterer den politischen Horizont ihres Vaterlandes umzogen. Der Rest ihres Lebens war sehr traurig. Der König, an den sie umsonst als Cavalier appellirt hatte, nahm ihr auch die Verwaltung ihrer Güter und erlaubte ihr nicht einmal, Besuche zu empfangen. Ihr eigener Sohn, der Herzog von Pastrana, trennte sich, empört wegen ihres Verhältnisses zu Perez, von der Mutter. Laut und ungebührlich sprach er gegen sie, und der Zwist zwischen Beiden soll so weit gegangen sein, daß, wie der Präsident von Castilien dem Könige berichtete, der Sohn einst der Mutter mit dem Tod gedroht habe. Nichts desto weniger fanden zwischen den beiden Gefangenen und Unglücksgefährten, der Prinzessin und Perez, noch immer geheime Mittheilungen statt. Der König trug deshalb Antonio Pazos' auf, durch Spione der Sache auf den Grund zu kommen und wenn dem so wäre, alle Mittel anzuwenden, die Communication unmöglich zu machen. Der Despot fürchtete indeß, daß auch seine Mittel gegen die Schlauheit eines aufgebrachten, tief verletzten Weibes nichts fruchten würden. Er schlug deshalb einen andern Weg ein, er versprach der Eboli, ihr alle ihre Güter, Ehren, seine Gunst und Gnade wieder zu schenken, wenn sie ihm ihr ritterliches Ehrenwort gebe (palabra de cavallero! assi se la pidió siendo dama), daß, wenn sie in Freiheit und ihren früheren Zustand eingesetzt wäre, nie und nimmermehr mit Antonio Perez eine Verbindung unterhalten wolle. Die Eboli antwortete ausweichend, was Philipp nicht genügte, und, sagt Perez ausdrucksvoll: »der König wandte sich wieder um, um fortzuschlafen in seiner Lethargie der Rache und seinem angebornen Mistrauen.« Anna Mendoza, Prinzessin Eboli, starb am 2. Februar 1592 im 52. Jahre im Exil, gestraft ohne Untersuchung, Gericht und Urtheil. Wir kehren zu Antonio Perez zurück. Plötzlich hatte sich die Scene geändert. Der König sprach wieder davon, er müsse Gerechtigkeit üben. Jetzt war aber nur die Rede von Unterschleifen. Philipp befahl eine Untersuchung über die Verwaltung der öffentlichen Gelder in Bezug auf Perez und mehrer anderer Staatssecretaire. Ein solches Gericht hieß in Castilien ein Juicio de visita. Die Untersuchung geschah ganz geheim, und nach verschiedenen Ermittelungen ward Perez angeklagt: er habe Unterschleife begangen, die Staatsgeheimnisse verrathen und das Vertrauen des Königs gemisbraucht, indem er den Depeschen, die er vom Könige zum Chiffriren erhielt, Einiges hinzugesetzt und Anderes davon genommen habe. Perez vertheidigte sich mit Zurückhaltung. Er ging in die Details nicht ein, wie er sagte, aus Achtung für seinen Herrn und König. Zugleich schrieb er privatim an Philipp, um ihm, was er ausgesagt, mitzutheilen und um seine Vermittelung in einer Sache zu bitten, welche des Königs Autorität angriffe. Unter den Untersuchungsrichtern war auch der schon öfters erwähnte Beichtvater des Königs. Diesem zeigte er verschiedene Briefe und Billette Philipp's, die er noch in Händen hatte, in welchen der König ihm befahl: in den von den Ministern ihm überreichten Depeschen gewisse Dinge abzuändern, wegzulassen, hinzuzufügen, und sie so einzurichten, daß sie im Rathe zu dem bestimmten Zwecke dienlich wären. Der Beichtvater, welcher entweder wirklich von den Geheimnissen bis da nichts wußte, oder sich doch die Miene gab, als wisse er nichts davon, fühlte doch sogleich, welche Unannehmlichkeiten aus der Bekanntwerdung dieser Stücke erwachsen könnten. Er empfahl deshalb Perez, sie nicht zu seiner Vertheidigung vorzubringen, und lieber sich aller Vertheidigung zu enthalten. Er versicherte dabei sowol Perez selbst als dessen Gattin, daß man durchaus nicht die Absicht habe, ihn zu verurtheilen, und daß alle diese Demonstrationen nichts wären, als eine bloße Formalität. Perez vertheidigte sich zwar auch später in seinen in Frankreich herausgegebenen Relaciones gegen den ersten Vorwurf der Unterschleife nicht ohne Geschick und mit vielen Wahrscheinlichkeitsgründen; man ist indeß nicht geneigt, so allmächtigen Günstlingen mächtiger Herrscher, welche sich noch dazu so willfährig zu entehrenden Diensten hergeben, eine große Integrität zuzutrauen, wo es nur pecuniäre Verhältnisse gilt. Bisher war man indeß des Glaubens, daß diese Anklage nur eine willkürlich aufgegriffene, mit oder ohne Grund, gewesen, um den Mann zu verderben, den man von der Seite, wo eine wahrhafte Schuld ihm anklebte, ernsthaft anzufassen noch immer Bedenken trug. Wie sich die Sache, nach Einsicht der noch erhaltenen Proceßacten, anders gestaltet hat, davon unten. Gegründeter erschienen bisher die beiden andern Beschuldigungen. Don Pedro d'Escovedo hatte zwei Briefe vorgebracht, die Antonio Perez an seinen ermordeten Vater geschrieben. In dem einen theilte Perez ihm mit, was in dem Rathe des Königs, bezüglich auf Don Juan d'Austria, gesprochen war. In dem andern hatte er ausdrücklich gegen Don Juan d'Austria und d'Escovedo gesagt: daß er gewisse Stellen in mehren Briefen, die Don Juan an den König, seinen Bruder, geschrieben, unterdrückt, andere hinzugesetzt und das Ganze zugestutzt habe! Ohne Beobachtung der gesetzlichen Förmlichkeiten ward ein Urtheil des Inhalts gesprochen: Antonio Perez solle durch zwei Jahre seiner Aemter entsetzt bleiben, eine Geldbuße von gegen 30000 Dukaten Werth zahlen, zwei Jahre in eine Festung gesperrt und nachher acht Jahre entfernt von der Residenz des Königs bewacht werden. Die Perez später zugestellte Acte besagte weiter nichts, als daß Seine Majestät ein Juicio de visita über die Verwaltung mehrer seiner Secretaire anbefohlen, unter andern auch über die des Antonio Perez, und daß, nachdem die dazu ernannten Richter ihn zu der und der Strafe verurtheilt, es dem Antonio Marquez, dem Secretair der Commission, aufgetragen worden, ihm, dem Perez, die über ihn verhängte Strafe zu eröffnen. Diese Acte war mehr als formlos. Sie war von einer fremden Hand geschrieben und ohne Unterschrift eines der ernannten Richter oder des Königs, wie es doch üblich und wie die den andern Secretairen mitgetheilten Acten beglaubigt waren. Auch konnte Antonio Perez niemals, wie oft er auch darum einkam, eine beglaubigte Abschrift erhalten. Die Sentenz ward niemals publicirt; einer der in der Commission sitzenden Richter erklärte, daß er niemals in der Sache mit abgestimmt habe, und die Person, welche die Acte für Perez unterzeichnet hatte, erklärte, daß sie es nur auf ausdrücklichen Befehl gethan. Die Execution dieses formlosen, noch nicht publicirten Urtheils sollte in dem Augenblicke stattfinden, wo der König nach Aragon abreiste. Ein Alcalde erschien vor Perez' Hause. Dieser war zweifelhaft, was er zu thun habe; er besorgte noch Aergeres. Während er den Alcalden mit Worten hinhielt, sandte er einen vertrauten Diener an den Erzbischof von Toledo, sich Raths zu erholen. Der Diener kam eilends wieder und in Gegenwart des Alcalden gab er ihm durch Finger- und Zeichensprache zu verstehen, was der Prälat geantwortet. Da sprang plötzlich Antonio Perez aus einem Fenster und flüchtete sich in die Kirche von St. Justus. Aber auch dies Asyl half ihm nichts; Philipp's Wille war diesmal mächtiger als das Heiligthum der Kirche. Man riß den Flüchtling mit Staub bedeckt unter dem Kirchendach hervor, und führte ihn nach der Festung Torrejon. Es entspann sich darüber später ein langer Streit zwischen der geistlichen und weltlichen Justiz. Der geistliche Fiscal drang auf die Bestrafung der beiden Alcalden, weil sie die Freiheit der Kirche verletzt hätten. Sie wurden auch verurtheilt, aber Philipp zwang den Rath von Castilien, dies Urtheil zu cassiren. Zu gleicher Zeit wurden alle seine Papiere und sein Vermögen mit Beschlag belegt, aber erst 20 Tage nach seiner Verhaftung ward ihm jene Acte in der Festung publicirt. So ward ein Urtheil gegen einen nicht einmal flüchtigen Verbrecher zur Vollstreckung gebracht, noch ehe es ihm bekannt gemacht war. Widersprüche über Widersprüche. Der König erlaubte seiner Frau, mit ihren Kindern den Gefangenen in der Festung zu besuchen. Die Bewachung wurde milder. Man hob auch das Sequester auf sein Vermögen auf, man – gab ihm auch alle seine Papiere zurück! Aber es war nur eine List, man wollte ihn glauben machen, daß der König es wirklich nicht böse mit ihm meine. Plötzlich foderte man ihn auf, alle Briefe und Handbillets, die er vom Könige erhalten, einzureichen. Wahrscheinlich hatten sich viele, und muthmaßlich die wichtigern, auf die es ankam, unter den mit Beschlag belegten Papieren nicht vorgefunden. Wenn man so mild gegen ihn verfuhr, daß man ihm seine sämmtlichen Scripturen nach einer flüchtigen Durchsicht zurückreichte, konnte er doch kein Arg haben, die Briefe seines königlichen Herrn demselben zu überantworten, zumal, da man die Versicherung hinzufügte, daß er, zum Preise für seine Willfährigkeit hierin, von nun ab vor aller weiteren Verfolgung geschützt bleiben solle. Aber Antonio Perez war hinlänglich gewitzigt. Er glaubte keinen Versprechungen mehr; er weigerte sich standhaft, auf den Vertrag einzugehen und gab die Briefschaften nicht heraus. Man schritt zu ernsteren Maßregeln. Auch für diese schien es nothwendig, einen Vorwand aufzustellen. Man behauptete, er habe nach Aragon fliehen und als geborener Aragonese die Fueros seines Vaterlandes anrufen wollen, nach denen kein Eingeborener vor andere Richter und Gesetze gestellt werden durfte als die Aragons. Er ward enger eingesperrt und bewacht. Seine Frau und seine Kinder schleppte man gefangen nach Madrid, die jüngsten von diesen waren kaum vier Jahre alt. Man ging so weit in der Strenge, daß man der Donna Juana den von ihr erwählten Beichtvater verweigerte und ihr nur einen zusandte, den ihre Richter ausgewählt. Man drohte ihr, sie auf Lebenszeit bei Wasser und Brot einzusperren. Wieder wurden seine Güter mit Beschlag belegt, confiscirt und öffentlich versteigert. Man drohte ihm mit ewigem Gefängniß und mit unerhörten Grausamkeiten gegen sein Weib und seine Kinder. Der Graf Barrejas und der Beichtvater des Königs erhielten das ehrenwerthe Amt, die arme Frau zu erschrecken. Aber Donna Juana de Coallo bewies sich in heldenmäßiger Standhaftigkeit und erklärte, keinen andern Weisungen Folge leisten zu wollen, als die ihr Mann, mit seinem Blute geschrieben, ihr übersende. Perez schrieb endlich und sie gehorchte. Donna Juana übersandte durch einen Getreuen zwei Kästchen an den Beichtvater Don Diego de Chaves nach Monzon, wo dieser sich damals aufhielt. Sie begleitete die Sendung durch einen Brief, in welchem sie dem Geistlichen schrieb: die Kästchen enthielten die Rechtfertigung ihres Gatten, er möchte einige der Papiere bewahren, die zur Zeit für sie und ihren Gatten von Nutzen sein könnten. Der Beichtvater empfing beide Cassen wohlverschlossen und versiegelt. Er öffnete sie weder, noch wollte er die Schlüssel annehmen, welche der Diener ihm überbrachte, sondern befahl diesem, sie auf der Stelle dem Könige selbst zu überbringen. Philipp ließ diesen auch wirklich vor sich, hörte ihn an und empfing mit eigenen Händen die betreffenden Schlüssel. Antonio Perez' Leiden wurden um deswillen nicht geringer. Donna Juana ward aber aus dem Gefängniß entlassen und erhielt von dem zurückkehrenden Diener einen Empfangschein von der Hand des Beichtvaters, in welchem er versprach: »daß er an Niemand, wer es auch sei, diese Papiere verabfolgen werde und daß darin auch keine Zeile fehlen sollte.« Noch oftmals später wiederholte er in mündlicher Unterhaltung laut und unumwunden diese Versicherung gegen die unglückliche Gattin. Eines Tages, wo sie sich lebhaft über ihr Unglück beklagte und über die immer erneuten Verfolgungen, deren Opfer ihr Gatte würde, trotz aller vom Könige gegebenen Verheißungen, und ihn bat, da ihre Willfährigkeit nun doch nichts geholfen, ihr die Papiere zurückzugeben, rief der Beichtvater aus: »Donna, wenn man den Sennor Antonio Perez noch mehr quält, so werde ich in die Mitte dieses Platzes treten und wie ein Rasender schreien; ich werde alle Mysterien dieser Geschichte enthüllen und Euch die Papiere zurückgeben.« Der König kam aus Aragon zurück. Abermals einige Aenderung im Schauspiel. Antonio erhielt etwas mehr Freiheit, bald darauf ward er sogar nach Madrid geführt und in eines der besseren Häuser der Stadt gebracht. Hier blieb er wieder 14 Monate, aber nur zur Hälfte als Gefangener. Er empfing Besuch, und es kamen – beinahe der ganze Hof, die Granden, die höchsten Beamten des Staats. Während dieser Zeit führte er wieder einen Briefwechsel mit dem Könige, der seine Briefe gern zu empfangen schien und sie immer selbst aufbewahrte. Perez bat um die Vergunst, in der heiligen Woche den Gottesdienst besuchen zu dürfen. Man gewährte es ihm unter allerhand seltsamen Formeln. Während dieser Woche durfte Perez frei ausgehen. Die in den Intriguen und Geheimnissen des Hofes wohlunterrichtetsten Personen waren darüber erstaunt und wußten nicht, was sie dazu sagen sollten. War er das Opfer einer Kabale, oder ein Verbrecher, gegen den man nicht den Muth hatte, offen zu verfahren? – Während dieser Zeit erneute die treue Gattin alle irgend möglichen Anstrengungen, um das Loos ihres Mannes zur günstigen Entscheidung zu bringen; aber alle scheiterten an dem unerklärlichen Schweigen des Despoten. Selbst die Fürbitten seiner Schwester, welche Donna Juana zu gewinnen gewußt, vermochten nichts über ihn. Allen war und blieb Philipp's Benehmen ein Räthsel, das sich nur immer mehr den Blicken verschleierte. Der Ausgang zeigte, daß er schon damals Perez' Verderben beschlossen hatte und daß es nahe bevorstand, aber er schien niemals ruhiger und gütiger. Da sagte einst der Cardinal von Toledo zu Perez' ältester Tochter: »Empfiehl deinem Vater, er soll heiter sein; ich werde ihn dieser Tage besuchen und mit ihm durch die Stadt spazieren gehen.« Durfte ein so hochgestellter Prälat und Günstling des Königs das wagen, wenn er nicht Winke dazu von seinem Gebieter hatte, und zwei Monate nach diesem Tage lag Antonio Perez – auf der Folter. – Rodrigo Vasquez, sein Richter, sagte einst im Gespräch zu Jemand, der ihn über die seltsame Lage des ehemaligen Günstlings befragte: »Was soll ich Euch darüber sagen? Bald drängt mich der König und drückt mir die Hand, bald hält er mich zurück, daß ich nicht fortschreiten kann. Ich kann's nicht rathen und enträthseln, was da vorgeht zwischen dem Könige und seinem Unterthanen.« Perez' Feinde waren nun allen Ernstes besorgt, daß der vormalige Günstling in seine vorige Stellung und seinen Einfluß zurückkehren dürfte. Wenn der durch das Urtheil anerkannte Unterschleif, Verrath und die Verfälschung der Staatspapiere ihm so hinging, wenn der König darauf noch mit ihm Briefe wechselte, wenn er noch so gütig gegen ihn sein konnte, so war Alles zu fürchten, und man mußte Alles wagen, um dem gefürchteten Ereigniß und seiner Rache zuvorzukommen. Da ward plötzlich wieder die Klage wegen Escovedo's Tod erhoben. Diesmal keine allgemeine, auf Vermuthungen gegründete Denunciation, sondern der Sohn des Ermordeten, Pedro d'Escovedo, reichte eine förmliche Anklage gegen ihn als Mörder seines Vaters ein. Philipp gab seine Zustimmung, und man darf annehmen, daß er es nicht allein bereitwillig that, sondern daß er auf diesen Schritt gerechnet, daß er ihn erwartet, daß er sein Plan war. Früher hatte er sich widersetzt, aus sehr begreiflichen Ursachen; jetzt, nachdem er Perez' sämmtliche Briefe in Händen hatte, womit wollte der Unglückliche nun beweisen, daß er nur als Werkzeug der Politik des Königs gehandelt? Antonio Perez, als neuerdings kriminell Angeklagter, ward mit großem Geräusch aus Madrid nach der Festung Pinto gebracht. Erst nach 2[1/2] Monat ward er wieder nach Madrid zurückgeführt; obgleich der Befehl dazu schon früher gegeben war, der Richter hatte es verzögert, muthmaßlich auf des Königs Befehl. Bei den Verhören gab Perez wie vorhin ausweichende Antworten; er beobachtete das strengste Schweigen über Alles, was vor und nach Escovedo's Ermordung zwischen ihm und dem Könige vorgefallen war. Auch noch während dieses Processes dauerte der Briefwechsel zwischen Antonio Perez und dem Könige fort. Jener berichtete diesem über Alles, was vorging und die Mittel, die seine Feinde anwendeten, ihn zu verderben. Der König suchte ihn zu beruhigen. In einem der königlichen Billette, welche Perez später in Aragonien zu seiner Vertheidigung vorwies, ermunterte ihn Philipp: »sich über nichts zu beunruhigen, was man auch vornähme; daß er nur mit derselben Zurückhaltung wie bisher antworten möge; er seinerseits werde ihn nicht verlassen, und er könne dessen gewiß sein, daß die Leidenschaften nichts gegen ihn ausrichten sollten.« Buchstäblich standen darin die Worte: »Erinnere dich wohl, daß Niemand wissen darf, daß dieser Tod auf meinen Befehl erfolgt ist.« Ja in diesen Briefen ist so viel ausgesprochen, daß, wenn sie vor die Richter gekommen wären, Perez nicht allein freigesprochen worden, sondern auch seine Verfolger vor ihm hätten zittern müssen. Philipp amusirte sich in kalter Grausamkeit bei den Hoffnungen, die er seinem ehemaligen Günstlinge hinhielt und die er nie in Erfüllung gehen lassen wollte, Perez' Feinde dagegen zitterten vor dem Gedanken, daß alle ihre Arbeit umsonst, daß es ein abgekartetes Spiel zwischen dem Könige und dem Angeschuldigten sein möge, zu ihrem Verderben; und Philipp mochte sich auch vielleicht über diese Angst amusiren. Aber die Feinde ließen darum von ihrem Eifer nicht ab, sondern verdoppelten ihn. Rodrigo Vasquez erlaubte sich Willkürlichkeiten der ärgsten Art. In 10 Tagen sollte der Angeklagte auf die aus 10 Jahren angehäuften Klagen antworten, ohne daß man ihm die Anklageacte selbst mittheilte. Seinen Advocaten gab man nur Bruchstücke daraus und auch diese nicht schriftlich, sondern man ließ sie ihnen flüchtig durch einen Schreiber vorlesen mit Verschweigung der Namen der Zeugen. So war es möglich und wahrscheinlich, daß mehre der Zeugen, auf deren Zeugniß hin er verurtheilt werden sollte, unter seinen eigenen Richtern saßen. Er durfte weder die Zeugen anfechten noch die Richter verwerfen. Seine Protestationen gegen Rodrigo Vasquez selbst, der unzweifelhaft von persönlicher Feindschaft gegen ihn geleitet wurde, blieben ganz vergebens. Während dieser Instruction prüften der Beichtvater Diego de Chaves und Rodrigo Vasquez die in den zwei Kästen enthaltenen Briefe, welche Perez' Gattin früher ausgeliefert hatte. (Man fragt sich hier: warum hatte Philipp diese für ihn gefährlichen Documente, nachdem sie einmal in seinen Besitz gerathen waren, nicht ganz vernichtet? – Aber noch zweifelhafter wird die Frage: Warum schrieb er überhaupt, nachdem die Sache so weit gediehen war, noch so verfängliche Briefe an seinen tief von ihm gekränkten Günstling, wie der oben angeführte, mit Ausdrücken, durch welche er sich völlig bloßstellte und gewissermaßen in seine Macht gab?) Die beiden Commissare brauchten einen Mönch als Secretair, im Uebrigen beobachteten sie das allertiefste Geheimniß über Das, was sie fanden. Der Beichtvater schrieb nach dieser Prüfung, und da er sah, daß Perez nur, um dem Könige zu gefallen, in seinem Leugnen hinsichts der Theilnahme an Escovedo's Tode verharrte, folgenden Brief: »Sennor! Wohl kennend die Sorge und Angst, denen Ihr wie auch Eure Familie seit so langer Zeit fast erliegt, habe ich bei mir darüber nachgedacht, ob es nicht den Grundsätzen der christlichen Milde gemäß gehandelt wäre, wenn ich Dem einen Rath ertheilte, welcher ihn von mir nicht fodert. Endlich habe ich mich entschlossen, es zu thun, und ich denke nun so: da Ihr einen gebieterischen Entschuldigungsgrund für die Handlung habt, die man Euch vorwirft, so thätet Ihr am besten, einfach Das, was man Euch fragt, einzugestehen , und damit ein Ziel zu setzen allen Euern Verfolgungen; weil darin der Grund von Allem liegt, was Ihr leiden müßt, und weil übrigens Jeder für sich selbst antworten muß. Gott schenke Euch tausend Jahre und gewähre Euch die Gesundheit und Ruhe, deren Eure ganze Familie bedarf. Ich will hier nicht den ganzen Schmerz aussprechen, den diese Geschichte mir verursacht, weil Gott, unser Herr, es weiß und selbst der König, unser Gebieter. San Lorenzo, Residenz des Königs (dem Escurial) am 3. September 1589. Frater Diego de Chaves.« Antonio Perez berieth sich darüber mit dem Erzbischofe von Toledo. Dann schrieb er wieder an den Beichtvater: er möge doch wohl bedenken, was er ihm rathe. Wenn er sich selbst verdamme in einem so ernsten Falle, wo ohnedem nicht einmal hinreichende Anzeigen da wären, nur um ihn zu verhaften, so hieße das gegen sein Gewissen handeln und gegen das Interesse der Sache selbst. Uebrigens könne er, nach reiflichem Erwägen, Dasjenige nicht erklären, was der König ihm zu verschweigen befohlen. Wenn übrigens Alles darauf hinausliefe, Escovedo (den Sohn) zu befriedigen, so wünsche er lieber, daß das auf seine Kosten geschehe, als daß er dadurch die Geheimnisse und die Autorität Seiner Majestät compromittire und unschuldige Dritte; indem der König ihm befohlen, um nicht zu sagen ihn gebeten, es nicht auszusprechen, daß dieser Tod auf seinen Befehl und Willen stattgefunden, und daß er in jeder Hinsicht lieber mit Escovedo in einen Vergleich sich einlassen wolle. Er empfing darauf einen zweiten Brief vom Beichtvater, dessen einen Theil wir schon oben mittheilten, ihn hier aber, des Zusammenhangs wegen, nicht auslassen können. »Ich empfing Euern Brief vom 10. d. M., die Antwort auf den meinigen und habe von Neuem über Das, was ich Euch schrieb, nachgedacht, wie Ihr es wünschtet. Ich denke aber noch immer, daß es am einfachsten und zweckdienlichsten sei, um alle Eure Leiden und Verfolgungen aufhören zu machen, daß Ihr ganz offen und ehrlich erklärtet, was wahr ist, nämlich Eure Theilnahme an Escovedo's Ermordung; auch daß Ihr eben so ehrlich sagtet, auf welchen Befehl Ihr gehandelt, ohne doch von den Beweggründen zu sprechen, die man gehabt haben könnte, Euch diese Handlung zu befehlen, ohne Einzelheiten zu geben noch sonstige Anzeichen. Ihr antwortet mir darauf, daß ein Mann, der Weib und Kinder hat, sich ein Gewissen daraus machen muß, sich selbst und die Seinigen durch sein Geständniß zu verdammen, wenn er vor sich selbst und der Gerechtigkeit unschuldig ist. Die Sache ist allerdings ernst genug, daß sie auch von meiner Seite eine ernsthafte Prüfung in Anspruch nimmt. So beharre ich denn dabei, als guter Christ und nach den gewissenhaftesten Erwägungen, daß der Rath, welchen ich Euch nach Dem, was ich aus dem Munde der Sennora Juana Coello und durch die Papiere, welche sie mir überliefert, vernommen, ertheilte, ganz der heiligen Religion und der gesunden Vernunft gemäß ist. Sein Zweck ist, Euch zu verhindern, daß Ihr keinen Meineid vor der Justiz begeht, noch, für den Fall, daß Ihr ihn schon begangen hättet, daß Ihr in dieser Sünde beharrtet. Weit entfernt davon, daß dieser Weg für Euch und unschuldige Dritte eine ungerechte Verdammung herbeizöge, ist es im Gegentheil das Mittel, Eure Unschuld glänzen zu lassen und Euch zu retten, gleich wie auch die Anderen; denn Diego Martinez, der Eine von ihnen, schmachtet gleich Euch seit seiner Verhaftung in strengem Kerker nun schon durch mehre Jahre und erleidet grausame Verfolgungen, weil er diese Wahrheit nicht eingestanden hat. Darum gebe ich Euch diesen Rath nach der Vorstellung von dem Gesetzen, die ich mir mache. Hat nicht der weltliche Fürst, im Besitze voller Macht über das Leben seiner Unterthanen und Vasallen, und in der Berechtigung, ihnen dieses Leben aus gutem Grunde und in Folge einer Verurtheilung zu nehmen, hat, sage ich, derselbe nicht auch die Machtvollkommenheit, dieses ohne vorangängiges Zeugenverhör zu thun? Denn was bedeuten vor seinen königlichen Prärogativen die Spitzfindigkeiten und die Formalitäten der gerichtlichen Proceduren? Er kann sich immer davon dispensiren. Aber wenn er irgend einen Grund hat, die gewöhnlichen Formalitäten zu vernachlässigen, so ist darum kein Grund da, daß auch der Vasall, der etwa auf seinen Befehl einen Andern getödtet hätte, sich auch davon losmache, weil man vor dem Rechte präsumiren muß, daß dieser Befehl nicht ohne gerechte Ursachen kann gegeben sein, wie das ja der Fall ist bei allen Handlungen des Fürsten. Daher, wo kein Vergehen ist, kann auch keine Rede sein von Strafe und Züchtigung. Daraus mögt Ihr den Schluß entnehmen, daß in diesem Falle, wenn Ihr die Wahrheit erklärt, Niemand Euch verdammen wird. Im Gegentheil, Ihr enthüllt Eure Unschuld und die Eurer Mitangeklagten, von denen die Einen auf der Flucht, die Andern, wie wir den Schmerz haben, auch Euch zu sehen, im Gefängniß sind. Es wird Euch genügen, die Wahrheit zu erklären, um alle diese Unglücksfälle auszugleichen und diese Sache damit zu beenden. Der König wird damit Escovedo Genüge gethan haben, der von ihm so hartnäckig und mit allen Mitteln, die er auftreiben kann, Gerechtigkeit gegen Euch foderte, was eben Seine Majestät nöthigte, den Proceß gegen Euch zuzulassen. Wolltet Ihr dann Eure Erklärungen gegen Seine Majestät richten, so würde man Euch zu schweigen zwingen, und man würde Euch aus Madrid fortschaffen, um Euch zu lehren, wo es zu schweigen sich ziemt, ohne den Grund dieser Maßregeln zu erklären; denn es ist eine Sache, die Ihr ja nicht berühren müßt, wie ich Euch schon gesagt habe. Alles, was ich Euch jetzt schreibe und gestern schrieb, ist mir einzig und allein von meinem Mitgefühl für Eure Leiden eingegeben, und ich thue es nicht, um Euch irgend in Eurem freien Willen beschränken zu wollen. Aber auch wenn Euch mein Rath nicht annehmbar schiene, so glaube ich doch, daß der Weg, den Ihr einschlagen wollt und bis zu Ende behaupten möchtet, Euch noch weniger nutzen dürfte, weil der Richter von den wahren Verhältnissen unterrichtet und überzeugt sein muß, sowol durch die Geständnisse, welche er aus dem Munde der Donna Juana Coello als auch durch den Grafen Barajas erhalten hat. Unter diesen Umständen wird er sich vielleicht mit wenigen Zeugnissen begnügen, und die, welche er hat, dürften mit der Zeit noch wachsen, in Anbetracht, daß die Justiz, welche einmal die Sache unter Händen hat, der Mittel ist, Euch sowol als die Andern durch tausenderlei Chicanen zu quälen und Euer Gefängniß und Eure Leiden noch um ein Bedeutendes zu verlängern. Das andere Mittel, was Ihr andeutet und was zum Zweck hatte, mit Escovedo sich zu verständigen, scheint mir gut. Der Name des Königs darf dabei nicht genannt werden, denn ihm ist die ganze Geschichte, was den Vater und den Sohn betrifft, bis an den Hals gewachsen. Wenn es Euch also gelänge, hier Frieden zu schließen, so wäre das unter allen Umständen vortrefflich. Unser Herr bewahre und geleite Euch zum Guten. San Lorenzo vom Escurial. Fray Diego de Chaves.« Auch diese wichtigen Briefe, welche ein so merkwürdiges Licht auf den Charakter des Beichtvaters und auf sein Verhältniß zu Philipp werfen, wurden von Antonio Perez bei seinem nachfolgenden Proceß in Aragon und zwar im Original producirt. Die von dem Beichtvater mit so teuflischer Schärfe und einschneidenden und einschmeichelnden Worten aufgestellten Doctrinen fanden übrigens auch schon damals Widerspruch, nicht allein die Geistlichkeit verwarf sie, sondern selbst die Inquisition. Ein Prediger hatte zu Madrid, in einer Predigt, die er in der Kirche von St. Hieronymo in Philipp's Gegenwart hielt, gesagt: »daß die Könige eine absolute Macht hätten über das Leben und die Güter ihrer Vasallen.« Er ward deshalb von der Inquisition vor Gericht gestellt. Außer andern Strafen, die man ihm auflegte, ward er verurtheilt: öffentlich, in derselben Kirche und unter allen bei gerichtlichen Acten herkömmlichen Ceremonien zu widerrufen. Er bestieg die Kanzel, sagte, er habe Das und Das gepredigt auf diesem Stuhle, und nun nahm er es als eine irrige Aufstellung zurück. »Denn, fügte er hinzu, indem er von einem Papiere ablas, die Könige haben keine andere Macht über ihre Vasallen, als diejenige, die ihnen durch göttliche und menschliche Gesetze gegeben, und nicht nach ihrer absoluten Willkür .« Der Beichtvater mußte doch nicht ganz ohne Wissen und Willen des Königs gehandelt haben; denn Perez' Anschlag einer Privatausgleichung mit Escovedo's Sohn ging durch. Dieser nahm ein Bußgeld für seinen ermordeten Vater an und empfing wirklich 20000 Dukaten. Von wem? – Perez' sämmtliches Vermögen war confiscirt und in seinem Gefängniß fehlten ihm selbst die nöthigsten Lebensbedürfnisse. Aber Perez' Lage änderte sich darum nicht. Rodrigo Vasquez, d'Escovedo's Verwandter, wurde wüthend über die Ausgleichung. In seinem Ingrimm schrieb er an den König einen Brief, worin er ihm sagte: »Wenn Se. Majestät nunmehr in Folge der Ausgleichung zwischen Perez und Escovedo in die Entlassung des Gefangenen willige, so hieße Das, dem Gerüchte neue Nahrung geben, welches im Publicum umginge und die höchste Person als den Urheber der Mordthat zu bezeichnen wage. Im Interesse ihrer eigenen Autorität müsse die Majestät sich zeigen und Antonio Perez befehlen, daß er die Ursachen und Beweggründe des Mordes ausspreche.« Er fügte buchstäblich hinzu: »Sennor! man gibt Antonio Perez zu verstehen, daß der Meuchelmord durch den Proceß nicht bewiesen ist; wiewol die Beweise mir genügen, wenn ich zu urtheilen hätte. So bitte ich denn Euer Majestät, an mich ein Billet zu richten, welches ich ihm zeigen könnte, in folgender Art abgefaßt: »»Sage dem Antonio Perez, daß er sehr wohl weiß, daß ich es bin, der ihm befohlen, Escovedo umzubringen, um der Ursachen willen, die er kennt, und die ich ihm hiermit befehle, zu erklären.«« Und Philipp zürnte nicht über die Zumuthung. Er schrieb das Billet und es ward dem Angeklagten vorgezeigt. Die Räthsel dieses Processes überbieten sich von beiden Seiten. Wenn derselbe König drei verschiedene Befehle an seinen ehemaligen Günstling erlassen konnte, die freilich alle auf sein Verderben hinausliefen, so fragt man sich andererseits, wie war es möglich, daß ein mit solchem Grimm Verfolgter, ein gefallener Günstling noch so viel Freunde haben und an einem Hofe, wie der Philipp's, daß er so lange sich über Wasser erhalten konnte, daß er dem Grimm solcher Feinde trotzte, daß er im engsten Kerker mit Allem vertraut war, was draußen vorging? Man fragt sich, wenn Philipp ihn verderben wollte, er, der vor keinem Mittel zu seinem Zwecke zurückschreckte, selbst nicht vor dem Meuchelmorde, wie wir sehen, weshalb diese endlos lange Procedur gegen eine Person, die er in seinen Händen hatte? Warum fand sich grade kein Dolch für Perez' Brust, und wenn dies mislich war bei dem Aufsehen, welches die Sache gemacht, warum kein langsam wirkendes Gift, welches auf anscheinend natürliche Weise ihn von dem verhaßten und dem gefürchteten Mitwisser seiner Geheimnisse befreite? War sein Zweck, ihn langsam zwischen Hoffnung und Verzweiflung zu Tode zu martern, war es diese Qual der Ungewißheit, womit er den Treulosen bestrafen wollte? Aber noch unbegreiflicher erscheint, daß Perez trotz der Gewalt und List, mit der man ihm seine Papiere entlockt, deren noch immer aufbewahren, deren nachmals in Aragon noch so viele und wichtige vorzeigen konnte, ja daß Philipp und seine Anhänger ihn durch ihren Briefwechsel mit immer neuen für des Königs Sache gefährlichen Documenten versehen konnten? Welche wunderbare Macht schwebte über dem Gestürzten? Hielt man ihn für so fest umgarnt, daß man es nicht für nöthig hielt, die Gewalt anzuwenden, welche ihn zwänge, sein Letztes herauszugeben, was ja selbst jetzt noch in gesetzlichen Staaten mit Verfassungen gegen politische Verbrecher geschieht? Und doch gelang es ihm, zu entfliehen? Hielt man ihn für so fest umstrickt und hermetisch verschlossen, während doch Communicationen mancherlei Art mit seinen Freunden dem Hofe und dem Könige bekannt sein mußten? Ein Trost für die Humanität entspringt aus der dunkeln Geschichte, daß es Menschenrechte gibt, gegen die selbst ein Philipp und seine Polizei und seine Inquisition mit Vorsicht agiren mußten, daß selbst ein so vollendeter Despot vor Rücksichten sich beugen mußte und seine Foltern, Kerker, seine Polizei, Inquisition, seine Henker, sein Geld und seine Arglist nicht ausreichten, einen einzelnen Menschen spurlos zu erdrücken. Es gab schon damals und in jenem finstern Spanien eine Meinung, vor der auch der Tyrann leise erschrak. Perez hatte Freunde, aufrichtige und berechnende. Ein Günstling, mit dem man solche Umstände machte, konnte sich immer wieder einmal erheben; die Klugheit, die Furcht nöthigten also auch die Hofleute zu Rücksichten. Ihre Stellung mag freilich schwierig genug gewesen sein. Andererseits erhoben aber auch bedeutende Personen ihre Stimmen für ihn. Der päpstliche Nuncius erklärte laut seine Meinung, daß er das Verfahren unverantwortlich finde. Der Erzbischof von Toledo ging zum Beichtvater des Königs und verhehlte ihm nicht, daß er es für ebenso thöricht als inconsequent halte. Eines Tages rief er sogar laut aus: »Sagt Perez und seiner Frau, sie sollen nicht immerfort das Wort Gerechtigkeit in den Mund nehmen; sie sollen nur um Barmherzigkeit bitten!« Vergebene Mühe. Perez war dem Untergange geweiht. Der Richter Rodrigo Vasquez hatte das Bille des Königs, und Perez sollte sich darüber erklären. Perez hatte nun, wie angeführt, drei verschiedene Weisungen von seinem Könige, wie er sich erklären solle. In den erstern Briefen von seiner Hand befahl ihm der König, zu leugnen und nicht zu erklären, daß der Mord auf sein Geheiß erfolgt sei. Philipp's Beichtvater empfahl ihm im Gegentheil, er solle bekennen, auch daß er auf Befehl gehandelt und nur über die Motive schweigen, die er nicht berühren dürfe. Nach dem königlichen Briefe, den Rodrigo Vasquez ihm zeigte, sollte er aber den Mord eingestehen, daß er auf Königs Befehl erfolgt sei und aus welchen Gründen gegen den Vertrauten Don Juan d'Austria's. Perez hatte also die Wahl; aber getreu den ersten Befehlen, die er direct von seinem Herrn erhalten, leugnete er, bei dem Morde betheiligt zu sein, dessen Beweggründe ihm auch unbekannt wären. – Jetzt erkannten die Richter auf die Folter. Die Qualen des Marterbettes entrissen ihm das Geständniß. Man erfuhr nicht mehr als man schon wußte. Der Licenciat Juan Gomez sammelte die Worte, die ihm unter dem Stöhnen und den Wehlauten entschlüpften, während Rodrigo Vasquez in einem anstoßenden Gemach das Resultat abwartete. Als der Licenciat ihm das Niedergeschriebene vorlas, rief der alte Richter so laut, daß der Gemarterte es hören konnte: »Grade wie der König es mir gesagt hat.« Antonio Perez verbarg sich keinen Augenblick die Folgen seines erpreßten Geständnisses. Er kannte Philipp, er rechnete so wenig auf Gnade und Schonung, als auf die Erfüllung des königlichen Wortes. Er hatte sich selbst als schuldig bekannt, er hatte den König als Mitschuldigen, als Urheber angegeben. Das war ein Majestätsverbrechen, es blieb es vielleicht auch dann, wenn er beweisen können, was er gesagt. Man mußte die Beweise von ihm fordern. Er konnte keine geben. Und hätte er Briefe, die er gerettet, vorgezeigt,so wäre er auf's Neue um deswillen verfolgt worden, weil er nicht alle seine Schriften auf das Verlangen des Königs an dessen Beichtvater abgeliefert hatte. Er hatte also nichts vor sich, als die Aussicht auf Gefängniß, Martern und Verfolgungen, die nur sein Tod beenden konnte. So richtete er alle seine Gedanken und Kräfte auf die einzige Hoffnung, die ihm blieb, auf eine Flucht, und sie gelang ihm durch Vermittelung treuer Freunde und seiner Gattin. Die Vorstellung der Vorgänge bis hier ist Perez' Relationen gefolgt. Mignet's Forschungen in den Archiven widersprechen ihnen zwar nicht im Wesentlichen, werfen aber doch manches neue Licht auf die Sache. Am lebhaftesten nahm der Präsident von Castilien Antonio Pazos sich seines ehemaligen Freundes an. Sein Herz konnte die namenlosen Leiden des Unglücklichen während der langen Ungewißheit nicht ertragen. Mehr als einmal drang er in der rührendsten Sprache in den König, Perez' Qualen zu enden, durch eine Gewißheit, entweder ihn richten und verurtheilen zu lassen, oder ihn in volle Freiheit zu setzen. – Philipp antwortete ausweichend nach seiner Natur: »Wenn die Sache von der Art wäre, um einen öffentlichen Proceß zu erlauben, so würde er vom ersten Tage an eingeleitet sein; nun, da man nicht anders handeln konnte, als geschehen ist, muß man für den Augenblick so fortfahren.« – In kleinlich verdrießlicher Weise beklagte er sich darüber, daß Perez in seinem Hause immerfort Karten spiele, daß, wenn er ausgehe (zur Zeit der ihm vergönnten Freiheit), es in Begleitung von 26 Pagen geschehe, die, zum Theil bewaffnet, ihn wie eine Leibwache umgäben. Und allerdings hatte Perez seine Aufführung nicht mit gehöriger Klugheit eingerichtet. Eine bewaffnete Begleitung, wenn er ausging, konnte bei der Wuth seiner Feinde nöthig scheinen, aber gefangen in seinem Hause, führte er dort sein üppiges Leben fort. Während des Winters 1581 hatte er sogar im Theater eine prachtvoll tapezirte Loge gemiethet, und seine Spielpartien waren zu ungeheuern Einsätzen. Die Untersuchung wegen Unterschleife erscheint dadurch schon motivirt. Ein Zeuge sagte: er habe mehr Aufwand gemacht als irgend ein Grande von Spanien, und von seinem Vater hatte er notorisch nichts geerbt. Sein Mobiliar allein war für 140000 Dukaten angekauft. Daß er ungeheure Bestechungen angenommen, namentlich von Denen, welche Aemter suchten, ward durch viele Zeugen dargethan. 4000 Dukaten hatte er für das Commando der italienischen Infanterie von dem Aspiranten erhalten. Andreas Doria zahlte ihm eine jährliche Pension, um sein Interesse beim Könige zu wahren. Auch andere italienische Fürsten erkauften seine Gunst zu hohen Preisen und versicherten, doch Vortheil dadurch zu haben. Während dieses ersten Processes waren zwei Vertraute von Perez plötzlich gestorben: Pedro de la Hera, sein Astrolog, den er bei allen seinen Unternehmungen consultirte, und Rodrigo Morgado, sein Unterhändler mit der Eboli, und Derjenige, welcher der letzten anstößigen Scene mit derselben beigewohnt haben sollte. Die Brüder beider Todten glaubten, daß Perez sie durch Gift aus dem Wege geschafft, weil sie zu viel wüßten. Ebenso schnell starben im Auslande die meisten der andern Mordgesellen hin, welche Escovedo getödtet. Als auch Miguel Bosque, des Pagen Antonio Enriquez' Bruder, plötzlich in Catalonien starb, erweckte dies in Jenem einen solchen Verdacht und die Furcht, daß er nun an die Reihe kommen würde, daß auch er, dazu von einem Verwandten Escovedo's aufgemuntert, sich nunmehr zu dem Zeugniß entschloß, welches vorhin mitgetheilt ist. Ein Umstand, der dieses sowol als dasjenige Morgado's in seiner Glaubwürdigkeit etwas schwächen könnte. Es war erst, nachdem Enriquez sich gestellt, daß der Criminalproceß wegen Escovedo gegen Perez eröffnet ward. In dem Urtheil wegen Unterschleifs ward er auch zum Ersatz aller der enormen Geschenke verurtheilt, welche er von der Eboli erhalten, ein Spruch, gegen den er sich aufs heftigste beklagte. Bei dem Criminalproceß leugnete Perez' Haushofmeister, Diego Martinez, der inzwischen eingefangen war, auf das hartnäckigste sowol jede eigene als auch die Theilnahme seines Herrn an der Ermordung. Auch mit dem Pagen Enriquez confrontirt, blieb er dabei und überhäufte diesen mit Vorwürfen, als einen falschen Zeugen, als selbst mit Blut aus früheren Händeln befleckt. Umsonst bestrebte sich der Richter Rodngo Vasquez, die andern Zeugen, den Apotheker und den Küchenjungen Rubio herbeizuziehen. Perez hielt sie durch seine Agenten in Aragon fest, wo die catalonische Justiz nichts zu sagen hatte. Charakteristisch ist's aber, wenn wir hören, wie man einen Criminalgefangenen von dieser Bedeutung und den seine Richter so gern verderben wollten, damals bewachte. Es ermittelte sich, daß er in einem Gefängniß von 16 Gemächern saß, welche von zwei Alguazils so wenig bewacht werden konnten, daß er durch zwei Nebenthüren bequem Ein - und Ausgang fand und sogar bei Tage auf der Straße gesehen ward! Dies ward geändert und Perez in Fesseln gelegt, die ihm aber, gegen eine gute Caution, wieder abgenommen wurden! Als er indessen, aller Rathschläge des Beichtvaters Chaves und des neuerlichen Briefes des Königs ungeachtet, beim Leugnen verharrte, schritt man, bevor man zur Folter sich entschloß, zu strengeren Mitteln. Er ward streng bewacht, durfte mit Niemand sprechen, selbst nicht mit den Alguazils; er ward angekettet und zwei Eisenstangen wurden an seine Füße gelegt. Auch die Drohung der Folter brachte ihn nicht zum Sprechen. Man schritt darauf sofort zu derselben. Sein Protest dagegen, erstens weil er ein Hidalgo sei, zweitens weil seine Gesundheit durch ein eilfjähriges Gefangniß so angegriffen wäre, daß er sie nicht überstehen könne, ward verworfen. Das Protokoll über die Folter ist erhalten; wir lassen uns nicht auf seine schrecklichen Details ein. Nackend, bis auf dünne Unterhosen, auf die Leiter gespannt, mußte er die Qual der Schnur aushalten. Bis zum vierten Ruck schrie er nur: »Jesus, ich habe nichts zu sagen, ich kann nur sterben auf der Folter, ich kann nichts sagen, ich sterbe.« Als seine Schmerzen fürchterlicher wurden, schrie er: »Ich weiß ja nichts, man bricht mir den Arm. Beim lebendigen Gott, mein Arm ist hin. Die Aerzte wissen es. Ach Herr, bei der Liebe Gottes .. mein Arm .. lebendiger Gott .. Sennor Juan Gomez, Ihr seid doch Christ, mein Bruder, bei Gottes Barmherzigkeit, Ihr tödtet mich, ich weiß doch nichts!« – Erst beim achten Ruck schrie er um Gnade, er wolle Alles sagen, man möge ihn losbinden und ankleiden. Dann bekannte er: daß er der Urheber des Mordes gewesen und aus welchen Staatsgründen derselbe erfolgt sei. Es sind dieselben, die in seiner Relation und dem Memorial aufgeführt, und die zur Genüge in dieser Darstellung erzählt sind. Er ging bis in die kleinsten Einzelheiten, »weil, wie es lautet, man ihn auffoderte, zu beweisen und zu belegen die Wahrhaftigkeit der Beweggründe, die er dem Könige vorgetragen, um Escovedo sterben zu lassen. Er erwiederte, alle seine Papiere wären ihm fortgenommen – – in ihnen würden sich Beweise genug finden für Das, was er Seiner Majestät erklärt. Er würde auch noch sehr viel glaubwürdige Personen gefunden haben, welche den ganzen Vorgang bekunden könnten; da nun aber 12 Jahre seit Escovedo's Tode verstrichen, fehlten dieselben jetzt. Im Uebrigen sei dies eine Sache, wo der Unterthan sich ganz seinem Fürsten unterwerfen müsse.« Andern Tags, als er hörte, daß sein Herr gestanden, bekannte auch Diego Martinez, und seine Aussage stimmte mit der des Pagen Enriquez. Mit Hülfe Donna Juana's de Coello, Gil de Mesas' und eines aragonesischen Edelmannes, seines Verwandten, entkam Antonio Perez in der Kleidung seiner Frau aus den Mauern des Gefängnisses. Kaum auf der Straße, begegneten ihnen Gerichtspersonen. Der Freund neben ihm eilte auf diese zu, um mit ihnen ein heiteres Gespräch anzuknüpfen, während Perez hinter ihm zurückblieb, als wäre er sein Diener. Glücklich erreichten Beide darauf den Platz, wo Gil de Mesa die Pferde in Bereitschaft gestellt, und nahmen ihren Weg nach Aragon. Ein anderer Freund von Perez, Mayorini, ein Genfer, reiste mit mehren Wagen und Begleitung hinter ihm her, um überall die Postpferde wegzunehmen und sie zu ermüden, im Fall, daß man ihnen auf diesem Wege nachsetzen sollte. Donna Juana aber trat, als der Tag anbrach, aus dem Zimmer zu den Wächtern und bat sie, sich ruhig zu verhalten, damit ihr Mann nicht gestört werde, der nach einer unruhigen Nacht erst jetzt eingeschlafen sei. Erst als der Schlaf ihnen zu lange dauerte, traten sie ein und entdeckten, daß ihr Gefangener ihnen entflohen sei. Als Philipp davon Nachricht erhielt, sandte er sogleich mehre Personen dem Gefangenen nach, aber auf dem Wege nach Frankreich; denn dorthin konnte seiner Meinung nach Perez nur geflohen sein, und dort nur glaubte er ihn fürchten zu müssen, wenn er seine Geheimnisse bekannt mache. Die tugendhafte Juana de Coello ward augenblicklich in strenges Gefängniß gesperrt und selbst gegen die unschuldigen und kleinen Kinder des Entflohenen entlud sich der Haß des Despoten. Juana war abermals schwanger. Die Mehrzahl ihrer Kinder waren im Gefängniß geboren! Wenn Antonio Perez' Eigenschaften als ränkemachender Günstling, als Kuppler für seinen Fürsten und sei es als bestellter Meuchelmörder und Privatscharfrichter desselben, oder als Mordurheber aus Privatinteresse das Interesse für seinen Charakter in soweit schwächen, daß die ganze Größe der gegen ihn geübten Schändlichkeit keinen reinen und ungemischten Eindruck der tragischen Theilnahme für ihn hervorbringt, so macht sich dafür dieses Gefühl bei den Leiden und dem Heroismus seiner unschuldigen Familie desto mehr geltend. Juana Coello hatte Alles versucht, das Schicksal ihres Gatten zu mildern. Unablässig hatte sie den königlichen Beichtvater bestürmt, sich für ihren Gatten bei seinem königlichen Beichtkinde zu verwenden. Aber ihre Klagen und Verwendungen waren umsonst geblieben. Am Abende vor dem Tage, wo Perez auf die Folter gespannt werden sollte, stürzte sie nach dem Kloster St. Dominico, wo sie und auch Chaves Verwandte hatten. Sie erneute ihr Andrängen bei dem mächtigen Beichtvater. Als er unbeweglich blieb, erhob sie ihre gerungenen Hände zum Heiligen über dem Altare, und Gott zum Zeugen anrufend, flehte sie um Gerechtigkeit. Chaves schien einen Augenblick betroffen und blaß. Plötzlich aber nahm er sich zusammen, rief laut die Diener heran, welche Donna Juana mitgebracht, und hieß sie augenblicklich die Priorin, Donna Juana's Schwestern und seine eigenen Nichten rufen. Als diese sich versammelt hatten, sagte er wieder mit ruhigem Tone: »Frau Priorin, die Sennora Donna Juana wollte meinen Stolz und mein Gewissen durch ihre heftigen Vorwürfe beunruhigen. Sie hat Gott angerufen zum Richter und ihn um Gerechtigkeit gebeten wegen ihres Unglücks und gegen mich. Mich verwundert es nicht, was sie spricht oder thut, mich nimmt mehr Das Wunder, was sie nicht spricht und nicht thut. Aber was kann ich mehr thun? Ich habe zum Könige gesprochen, daß sein Gewissen ihn verpflichte, die Angelegenheit des Sennor Antonio Perez schleunigst zu beenden und dieser Donna ihren Mann wieder zu geben. Bei der nächsten Beichte werde ich ihn bitten, einen Entschluß zu fassen.. Was kann ich mehr thun, Sennora?« »Was du mehr thun kannst?« rief glühenden Blickes die Spanierin. »Ihm die Absolution verweigern, wenn er nicht im Augenblicke seine Ungerechtigkeit wieder gut macht, und du, du kannst umkehren in deine Zelle. Da wirst du dem Himmel weit näher sein, als wo du jetzt bist. Als Beichtvater bist du höchster Richter; der König ist der Schuldige und ich bin sein unglückliches Opfer. Und hat er auch eine Krone auf seinem Haupte, du bist doch weit größer als er im Gerichtsstuhl der Beichte. Also hast du auch das Recht, ihn zu rügen.« Der Beichtvater verstummte und schien verwirrt. Eine würdige Tochter dieser Mutter war Donna Gregona. Das junge Mädchen, ein halbes Kind noch, aber in der Schule des Unglücks reif geworden, war ebenso lebhaft thätig gewesen, für ihren Vater zu wirken. Als Alles vergebens war, hatte sie einen letzten, verzweifelten Schritt gewagt. Am selben Tage, wo ihre Mutter den Beichtvater aufsuchte, hatte sie ihre beiden jüngern Brüder an die Hand genommen und war in Begleitung eines Oheims in Rodrigo Vasquez's Haus gedrungen. Nachdem sie ihn eine Weile angeklagt wegen der Versprechungen, mit denen er sie hinhielt, sagte sie: »Nun habe ich's gesehen, daß Ihr nur meine Leichtgläubigkeit täuschen wolltet. O das ist wol eine sehr schwere und ruhmwürdige Aufgabe, ein armes, junges Mädchen zu betrügen! Da Ihr nun einmal einen unersättlichen Durst habt nach unserm Blute, bin ich mit diesen unschuldigen Geschöpfen hier, damit Ihr trinken möget nach Lust. Trinkt denn, sättiget Euch einmal an unserm Blute, aber damit setzet ein Ziel unsern Qualen. Macht fertig, endet mit uns. Wir stehen hier Alle vor Euch.«. Der siebenzigjährige Greis war betroffen; so hatte noch Niemand, am wenigsten ein kaum aufgewachsenes junges Mädchen, zu ihm gesprochen. Vergebens suchte er sie zu beruhigen. Immer lauter, immer heftiger rief sie: »Hört uns, hört uns an! hebt unsere Klagen, oder trinkt dieses unschuldige Blut und räumt mit uns auf. Reißt die Seelen aus den Leibern dieser Unglücklichen hier, welche, gealtert in Schmerzen seit ihrer frühen Kindheit, nichts weiter wollen, als was ich auch will, das Ende ihrer Leiden.« Alter und Haß hatten Vasquez' Herz stumpf gemacht gegen Töne, die aus solchem Munde unter Seufzen und Schluchzen hervorgebracht, selbst Steine hätten rühren sollen. Mit Befriedigung hören wir, daß es auch in Spanien und unter der unmittelbaren Herrschaft eines Philipp noch muthige Geister gab, die sich nicht scheuten, öffentlich ihr Urtheil über das unerhörte Verfahren auszusprechen. In der eigenen Kapelle des Königs, in Gegenwart einer großen Anzahl Hofleute, predigte einige Tage nach Perez' Tortur ein Franziskanermönch über die Eitelkeit und Vergänglichkeit aller Fürstengunst: »Weshalb, meine Brüder, darein Euren Stolz setzen, daß Ihr sclavisch im Gefolge der Fürsten einherzieht? Seht Ihr denn nicht, wie thöricht es ist? Habt Ihr denn keine Augen für die Gefahr, in der Ihr lebt? Seht Ihr denn gar nichts? – – Habt Ihr nicht diesen Mann gesehen, der gestern auf dem Gipfel der Gunst stand, und heute auf der Marterbank lag, und ohne daß er weiß, weshalb man ihn seit so vielen Jahren so grausam verfolgt? Was sucht Ihr, was hofft Ihr? – – Ich spreche zu Euch, meine Brüder, mit einer Freimüthigkeit, die Euch erstaunt, aber es ist eine Pflicht, die mein Geist mir auferlegt. Ich weiß, daß ich keinen andern Vortheil davon ziehen werde, als daß man mich von diesem Hofe verjagen wird, sowie manche Andere; aber mich kümmert es nicht mehr, als Euch vielleicht die Wahrheiten kümmern, die heute ans meinem Munde ftießen.« Mehre Hofleute bekundeten später, diese Worte gehört zu haben, und ausgemacht ist, daß mehre Prediger, unter ihnen ein Frater Francesco de Torres, unter Philipp's Regierung vom Hofe verbannt wurden, weil sie den König bei mehren Gelegenheiten öffentlich wegen Nichtachtung der Rechte seiner Unterthanen getadelt hatten. Auch Philipp's Hofnarr, Onkel Martin genannt, übte sein Privilegium. Am Tage, wo Perez' Flucht bekannt wurde, trat er wie verwundert vor den König und rief: »Sennor, wer ist denn der Antonio Perez, dessen Flucht so allgemeine Freude verursacht? Da er gewiß ohne Schuld war, muß mein König sich doch recht über sein Glück freuen!« Eben wie Perez' Flucht Freude, hatte die Nachricht von seiner Tortur ein allgemeines Entsetzen erregt, das nirgends größer war, als am Hofe selbst. Welcher Günstling durfte nicht für sich zittern, wenn einem Antonio Perez, den Alle mit Neid betrachtet, Das widerfahren war? Jetzt erst murmelte man laut, und das in den Vorsälen des Palastes, daß Philipp Perez' Theilnehmer gewesen. Ein vornehmer Hofmann rief mit Entrüstung aus: »Der Verrathe des Unterthanen gegen seinen Fürsten hat man viele gesehen, aber daß ein Fürst seinen Unterthanen verrathen hat, war noch nicht vorgekommen.« Nach zwölfjähriger Gefangenschaft, Verfolgung und Qualen hatte Antonio Perez den freien Boden seines Vaterlandes wieder betreten, frei wegen der den Aragonesen verbrieften und beschworenen Privilegien. Leidend an den Nachwehen seiner Tortur, denn beide Arme waren gelähmt, hatte er schon in dem Grenzstädtchen Calatayud liegen bleiben müssen. Aber schon nach 10 Stunden kam der königliche Befehl ihm nach, der seine Verhaftung foderte. Er war nicht an die Behörden, sondern an eine Privatperson gerichtet, der man vorstellte, von wie wichtigen Folgen für den königlichen Dienst es sei, ihn lebendig oder todt einzufangen. Perez floh in das Dominicanerkloster. Man achtete das Asyl aber nicht, man ergriff ihn und sperrte ihn als Gefangenen in eine Zelle dort ein. In der Stadt erhob sich der Unwille über diese Rechtsverletzung, und schon hier war es nahe daran, daß ein Aufstand sich erhob. Perez schrieb einen Brief an den König, in einer Sprache, die, wo ein Herz war, zum Herzen, wo der Verstand unbenommen war von blinder Leidenschaftlichkeit, von eingewurzeltem Hasse, zu diesem hätte reden müssen. Umsonst blieb dieses wie mehre folgende Schreiben, in denen Perez in der unterwürfigsten Sprache eines getreuen Dieners und Unterthans seinen Herrn von einer Verfolgung abzurathen suchte, die nur zur Enthüllung seiner eigenen Schande ausschlagen konnte. Philipp wiederholte den Verhaftsbefehl, unter dem Angeben, es bedürfe näherer Ermittelungen über Escovedo's Tod. Aber Escovedo's Familie hatte sich mit ihm vertragen; nach den Fueros von Aragon konnte er also nicht anders zur Untersuchung gezogen werden, als wenn der König als fiskalischer Ankläger auftrat. Perez rief das Privilegium der Manifestados an, d. h. er appellirte als Aragonese von dem Gericht des Königs an das des Justicia von Aragon. Er ward nach Saragossa geführt und in das Gefängniß des Königreichs oder der Freiheit , wie es hieß, gesetzt. Die Gefangenen desselben waren geschützt vor der Gewalt des Königs und nur dem Justicia unterworfen. Nur Diejenigen wurden darin aufgenommen, welche sich freiwillig gestellten und die Gesetze des Königreichs Aragon und seine Privilegien anriefen. Ihre Privilegien hier waren, daß sie nicht auf die Folter gebracht und gegen juratorische Caution in Freiheit gesetzt werden konnten. Selbst Der, welcher auswärts schon zum Tode verurtheilt worden, hatte das Recht, sich hier zu gestellen, und der Justicia von Aragon hatte das Recht, zu untersuchen, ob die Verurtheilung nicht gegen eines der Fueros von Aragon verstoße. Der Justicia war ein unabhängiger Richter, eine Art nationalen Volkstribunes, denn seine Machtvollkommenheit war nicht allein juridischer, sondern auch administrativer Art. Er war der Vermittler zwischen dem Könige und dem Volke und der bestellte Wächter der Fueros. Eine uralte Einrichtung des aragonesischen Volkes, seit der Vertreibung der Mauren, war sie der Stolz desselben und ward mit Eifersucht gehütet. Der Justicia konnte auf sein eigen Dafürhalten und mußte auf den Antrag eines Jeden aus dem Volke erklären: daß der König oder seine Minister und Beamten ihre Gewalt misbrauchten, daß sie die Verfassung und Privilegien des Königreichs verletzten. War diese Erklärung gegeben, so hatte er das verfassungsmäßige Recht, auch die Gewalt der Waffen gegen den König aufzurufen, was mehr gegen dessen Diener und Officiere! Besagte doch ein Artikel der aragonesischen Verfassung, daß das Volk, wenn der König dessen Privilegien verletzte, einen andern erwählen könne, selbst wenn er kein Christ wäre! Und jeder neue König, auch Philipp, hatte, entblößten Hauptes, vor der Krönung die Worte des Großjusticia anhören müssen: »Wir, die wir so viel sind, als du, und mehr können, als du, wir machen dich zu unserm Könige, unter der Bedingung, daß du unsere Privilegien achtest, wo nicht, nicht.« Weiter auf diese wunderbare, den stolzen Freiheitssinn der Aragonesen athmende Verfassung (auch gegen die Uebergriffe des mächtigen Justicia war gesorgt durch eine alljährige Untersuchungscommission der Cortes und durch die Bestimmung, daß nur ein Hidalgo , niemals einer der ricos hombres , der nachmaligen Granden, Justicia werden konnte) einzugehen, ist hier nicht der Ort; aber das Volk hütete bis zu Philipp's II. Zeiten diese Verfassung, so alt wie ihr Königthum selbst, mit argwöhnischen Augen und dem ganzen Eigensinn und der ganzen Feuerglut seines Charakters. Selbst die Scharten, welche diese Verfassung unter Karl V. erlitten, hatten nur dazu gedient, die Eifersucht aufs Neue zu beleben. Genügt es doch, um den ganzen Grad heiliger Verehrung zu begreifen, in welcher die Constitution gehalten ward, an die eine bekannte Stelle im Eingang eines dieser Fueros zu erinnern, wo es heißt: die Unfruchtbarkeit des Bodens und die Armuth seiner Bewohner wären so groß, daß sie das Land verlassen würden, um anderswo sich niederzulassen, ohne die Freiheiten, deren sie sich erfreuten und deren Genuß sie an den armen Boden fessele. Vergebens ging der König Philipp die genannte Deputation des Königreichs Aragon, den Rath, welcher den Justicia umgab, an, Perez auszuliefern und nach Madrid zu schicken. Der allmächtige Philipp sah sich also genöthigt, klagbar zu werden vor dem Justicia von Aragon gegen seinen eigenen Staatssecretair; er schickte eine Anklageakte und von den bisherigen Proceduren nach Saragossa, was ihm, zweckdienlich schien; Anderes behielt er zurück. Die Anschuldigung nahm jetzt die Wendung: 1) Antonio Perez habe den Escovedo tödten lassen, indem er sich fälschlich des königlichen Namens bedient; 2) er habe ihn selbst verrathen, indem er die Geheimnisse des Staates verrathen und die Depeschen geändert, und 3) er sei davon gelaufen. Noch ein Mal schrieb Perez an den König, er stellte ihm die Gefahr, die auf sein eigenes Haupt zurückfalle, vor, wenn er ihn zwinge, zu seiner Rettung die Briefe vorzubringen, die er in Händen habe. Er sandte damit einen Geistlichen nach Madrid, der Philipp beweisen sollte, wie er sich rechtfertigen müsse und könne. Der König hörte den Prior an, er prüfte die Briefe, er schien milden Gedanken Raum zu geben. Aber absichtlich ward die Sache in die Länge gezogen, in der Hoffnung, daß Perez die von den Gesetzen Aragons streng vorgeschriebenen Fristen, in denen ein Angeschuldigter sich rechtfertigen kann, versäumen möchte. Perez war so klug wie seine Verfolger, er ließ sich nicht überlisten. Kurz vor Ablauf der gefährlichen Frist schritt er zu dem letzten, für ihn verzweiflungsvollen Schritte, er legte dem Gericht des Justicia alle ihm gebliebenen Papiere vor. Es waren Briefe des Königs; andere von ihm an den König gerichtet, Concepte, im Namen des Königs aufgesetzt und mit Marginalien desselben; Briefe Don Juan d'Austria's an Perez und Antworten darauf; Briefe des Juan d'Escovedo; einige im spanischen Originale, andere in Chiffern mit der Uebersetzung; auch Briefe des königlichen Beichtvaters und ein eigener, Alles zusammenfassender Aufsatz, das berühmte: Memorial del hecho de su causa . Es wurde fast zur selben Zeit eingereicht, wo Philipp in Madrid ein bizarres Todesurtheil gegen Perez publiciren ließ, wonach er zum Galgen geschleift und aufgehängt werden sollte. Nach dem Memorial erschien Perez' Rechtfertigung so schlagend, daß Jedermann sich verwunderte, wie es möglich, das der kluge Philipp es so weit habe kommen lassen können. Philipp hatte die Schwäche, an den Referenten des Processes zu schreiben und ihn um seine Meinung über den Ausgang des Processes zu befragen. Sie lautete: daß seiner Ansicht nach Perez nur freigesprochen werden könne. Die fiscalische Anklage wurde sofort zurückgenommen (am 20. Septbr. und 18. August), aber die Ausdrücke, unter denen es geschah, setzten alle Welt noch mehr in Verwunderung: »Der König bescheide sich dieser Sache, alle seine Rechte sich bewahrend, um sie wieder da vorzubringen, wo es ihm gut scheinen werde. Aber er erkläre zugleich, daß Antonio Perez ihn beleidigt, sich überdem vergangen und seine Gnade verwirkt habe, und wiewol es ihm leicht sei, Beweise gegen die von Perez vorgebrachten Documente zu führen, so wolle er es doch nicht thun aus Rücksicht für mehre ausgezeichnete Personen.« In diesem merkwürdigen Documente voll gleißender Sprache, wagt selbst ein Philipp II. zu sagen: »Ich habe die Wahrheit immer beschützt und muß sie beschützen, wie es meine Pflicht als König ist .«!!! Aber auch nach einer solchen Kränkung öder Demüthigung, welche der absoluteste Despot seiner Zeit von den Gerichten seines eigenen Landes erfahren, beschied er sich nicht in Stolz oder kluger Großmuth. Perez sollte nicht freikommen. Noch ein Mal trat der König als Criminalankläger vor dem aragonesischen Gerichtshofe gegen seinen Diener auf. Anfänglich war beabsichtigt, ihn nur der Vergiftung seines Astrologen Pedro de la Hera und seines Stallmeisters Nodrigo de Morgado anzuklagen; aber die Aerzte waren zu gewissenhaft, das Gutachten auszustellen, was man wünschte. Sie erklärten, Einer wie der Andere wären eines natürlichen Todes, an einer bekannten Krankheit gestorben. Nun klagte der König 5 fünf Tage später Perez wegen derselben Vergehungen an, über welche er in dem Juicio de visita gerichtet worden. Zu diesen uns im Allgemeinen bekannten Klagepunkten kam nun noch eine Beschuldigung, welche der Sache eine Wendung gab, die in der Folge von Wichtigkeit wurde: Antonio Perez habe, so oft Neuigkeiten aus Frankreich angekommen wären, welche für den König jenes Landes günstig gelautet, sich immer sehr gefreut, sich aber hingegen betrübt, wenn sie ungünstig für ihn gewesen; demnächst, daß er die Absicht gehabt habe, nach Béarn oder gar nach Holland zu gehen, oder in andere, dem katholischen Könige feindlich und protestantisch gesinnte Lande. Bei dem Gerichtsverfahren über diese Anschuldigung wurden ganz die Formen gebraucht, welche der klagende Theil vorschrieb. Perez vertheidigte sich würdig: über den letzteren Anklagepunkt habe er gar nichts zu sagen. Gott sei Zeuge und Richter der Kränkungen, welche Menschen ihm zufügten, indem sie sich zu Richtern seiner Gedanken und geheimen Wünsche aufwürfen, deren Herr und Richter er allein bleiben müsse. Ueber die andern Punkte habe er genug in der Procedur in Castilien ausgesagt und bewiesen; er habe nichts hinzuzufügen, wenn er nicht abermals Entdeckungen vorbringen wolle, die aufs Neue den Zorn der Mächtigen auf ihn herabziehen müßten. Aufs kräftigste protestirte er gegen dieses neue Verfahren: seine Richter möchten doch wohl überdenken, was sie thäten. Endlich möchten sie den Beleidigungen gegen den König ein Ziel setzen und nicht immerfort von ihm Rechenschaft über dieselben Dinge fodern. Da er schon in Castilien deswegen verurtheilt worden, so sei es unerhört, wegen ein und desselben Vergehens ihn zwei Mal zu richten. Nach den Fueros Aragons könne eine solche Verfolgung gar nicht Platz greifen. Wenn er aber alle Papiere, die über jene Angelegenheiten sprächen, nach seinem natürlichen Rechte sich zu vertheidigen, so gut es ginge, vorbringen wollte, so würden Geheimnisse von der größten Wichtigkeit und andere sehr zarte Sachen enthüllt werden. Um dies zu vermeiden, aber doch zu beweisen, daß er nur die Wahrheit sage, erbiete er sich, der ihm vom Könige dazu ernannten Person im Geheimen alle die darüber sprechenden Documente vorzulegen. Wolle man keins von beiden, dann, im Interesse seiner Frau und seiner sieben Kinder, werde er sich gezwungen sehen, auch vor Gericht alle diese Papiere vorzulegen, welcher Schade auch daraus dem Könige, der Autorität desselben und dritten Personen, und welcher Scandal allüberall daraus erwachse. Aller Gewaltmittel Philipp's ungeachtet, war es Perez doch gelungen, mehre Privatbriefe des Königs vor ihm zu verstecken oder bei Seite zu schaffen, die hinreichten, um ihn auch in diesen Punkten von Schuld frei darzustellen. Er ließ auch Copien davon an mehre vertraute Anhänger des Königs in Aragon gelangen, um durch sie Philipp zur Rücknahme seiner Anträge zu vermögen. Doch kam es nicht dazu, denn der unermüdliche, kluge Mann griff nach einem neuen Mittel der Vertheidigung. Er behauptete, der König von Spanien habe gar kein Recht, nach der aragonesischen Verfassung wegen dieser Vergehen ihn zu richten. In Aragon bestand für den König allerdings das Recht, seine Diener nach Wohlgefallen wegen ihrer Uebertretungen richten zu lassen; es hatte einen historischen Ursprung. In den ersten Zeiten des Königthums dort soll ein König, als er sah, wie die Nation sich alle Freiheiten vorbehielt und ihm so wenig Macht ließ, gesagt haben: »Aber welche Macht bleibt mir denn über meine Diener und Beamte?« – Man antwortete ihm: »Was die anlangt, so macht mit ihnen, was Ihr wollt.« – Auf diese Bestimmung der Fueros hatten sich die Procuratoren des Königs gestützt: Auch in Aragon hat der König, und grade kraft der Fueros, die Macht, seine Diener wegen Uebertretungen in ihrem Dienste richten zu lassen, wie ihm gefällt. Da nun Antonio Perez als Staatssecretair ein Diener des Königs sei, und in der Pflicht der Treue gegen seinen Herrn gefehlt, könnte er gradesweges von seinem Könige wegen der Unterschleife und Veruntreuungen gerichtet werden. Antonio Perez führte nun aus, daß seine Stelle als Staatssecretair ein öffentliches Amt und keine Hausdienerschaft sei, als welche die Bestimmung der Fueros allein gemeint habe. Ueberdies sei er Staatssecretair des Königs für das Königreich Castilien gewesen, wogegen der König einen besondern Staatsdiener für Aragon habe, gegen welchen allenfalls jene Bestimmung Gültigkeit haben möchte. Demnächst beschwerte er sich laut über die Nachlässigkeit und den Mangel an Energie des Justicia von Aragon, daß er nur die Einleitung eines solchen Verfahrens zugelassen. Er führte Klage darüber vor den Siebzehn, welche die stehende Deputation des Königreichs bildeten, und die Siebzehn erklärten auch wirklich, daß die Anklage wegen Unterschleif und Veruntreuung gegen Antonio Perez nicht Platz greifen könne, und der König demzufolge gar kein Recht über ihn habe. Philipp ergrimmte; aber auch ein Philipp II. durfte noch nicht wagen, offen, ohne einen scheinbaren Vorwand, die bestehende Verfassung und ihre Vertreter anzugreifen. Er sann auf ein neues Mittel – er wollte ihn der Inquisition überliefern. Abermals tritt der Proceß in ein neues Stadium. Dies war schwierig; der geschmeidige Günstling hatte bis dahin dem Anschein nach sich eher alles Andere zu schulden kommen lassen, als theologische Meinungen und ketzerische Tendenzen. Aber der Wille eines intriguirenden Despoten wie Philipp weiß Flecken auch auf dem frisch gefallenen Schnee zu entdecken. Perez, so muß man annehmen, hatte um jene Zeit, nach der für ihn günstigen Entscheidung der Siebzehner, einen Plan zur Flucht entworfen, weil sein Antrag, ihn auf sein Ehrenwort zu entlassen, abgelehnt worden. Mit seinem Freunde Mayorini, der ihm schon zur Flucht nach Aragon behülflich gewesen, hatte er eine neue Flucht nach Béarn verabredet. Das Geheimmß war indeß zu Vielen vertraut gewesen, sodaß der Plan im Augenblick der Ausführung gescheitert war. Dieser Umstand ward von Philipp's Agenten zur Anklage vor der Inquisition benutzt. Indem man unter Perez' Mitgefangenen und Dienern Zeugen suchte und gewann, fand man endlich gegen ihn den Stoff zu einer Denunciation. Der Regens der königlichen Audiencia schrieb am 19. Februar 1591 an den Inquisitor Molina! »Man hat entdeckt, daß Antonio Perez mit Juan Francisco Mayorini das Complott geschmiedet, sich miteinander nach Béarn und andere Orte Frankreichs zu begeben, wo sich Ketzer finden , mit der Absicht, Das zu thun, was Ihr aus den Declarationen der Zeugen, von denen ich Euch authentische Copien übersende, entnehmen möget. Und da es sich hier um eine Sache handelt, welche Gottes und der Sache des Königs zum größten Nachtheil gereichen könnte, habe ich für nöthig erachtet, Euch Alles mitzutheilen, damit Ihr und Eure Collegen davon Kenntniß nehmet und die Sache wohl erwäget: Der Regens Ximenez de Aragues.« Die beigefügten Anklagen lauten im Allgemeinen: »Antonio Perez und Juan Francisco Mayorini hatten daran gedacht, aus ihrem Gefängniß auszubrechen, indem sie dabei geäußert, sie wollten nach Béarn gehen zu dem Vendôme (so ward Heinrich IV. im damaligen Curialstil des spanischen Hofes genannt; man gewährte ihm nicht einmal den Titel eines Königs von Navarra) und seiner Schwester (Katharina von Bourbon) oder in andere Theile des Königreichs Frankreich, wo sie viele Ketzer finden, Feinde Seiner Majestät; daß sie auch hofften, dort wohl empfangen und aufgenommen zu werden, weil Perez die Staatsgeheimnisse kenne und sie enthüllen könnte; daß sie auch diesen Aeußerungen noch andere beigefügt, nicht weniger sträflich oder minder verletzend gegen die Majestät unseres Königs, und entschlossen wären, ihm alles mögliche Uebel zu verursachen.« Die Zeugen waren: Don Juan Luis de Luna, ein aragonesischer Edelmann, ein Gefangener des Königreichs. Er hatte Mayorini sagen gehört: wenn er auch entschlüpfen könne, werde er es doch nicht allein thun; aber er würde nicht zaudern, es mit Perez zu thun, weil der ihn zum Prinzen von Béarn führen werde, und das könne ihm viel Geld einbringen. Ein anderer Zeuge hatte aus Mayorini's Munde ungefähr Dasselbe gehört. Diego Bustamente, seit 18 Jahren in Perez's Dienst, hatte seinen Herrn äußern gehört: wenn seine Appellation nicht wirke, wolle er nach Frankreich gehen, um von Madame von Béarn (Katharina von Bourbon, Heinrich IV. Schwester, seine Vicekönigin über Béarn und Navarra, während Heinrich's Abwesenheit) ein Asyl sich zu erbitten; er wolle dann dahin gehen, wohin die Prinzessin ihn schicke. Zu diesem Zwecke habe Perez durch ihn eine geheime Correspondenz mit Mayorini, der in einem andern Zimmer saß, gepflogen. Eines Tages habe Perez ihm, dem Diener, aufgetragen, an den Grafen! (Mayorini) zu schreiben: er solle nun endlich zeigen, was er könne, und wenn er auch den Teufel zum Beistand anrufe. Doch sei diese Aeußerung seines Herrn wol nur eine Plaisanterie gewesen. Zu einem andern seiner Diener, einem Holländer, Namens Wilhelm Stars, habe er eines Tages gesagt: wenn er nach Frankreich gehe, wolle er ihn auch mit einem Auftrage in sein Vaterland schicken, nämlich an seinen Oheim, daß er ihm ein Schiff ausrüste, mit welchem er nach Holland überschiffen könne. Dies, nicht mehr, waren die Anklagepunkte, um deren willen Antonio Perez der Inquisition wegen Ketzerei übergeben werden sollte! – Llorente, der die Acten zuerst vor Augen hatte, versichert es und Mignet hat nicht mehr herausgefunden. Vielleicht hätte man ihn darum nicht verdammen können, aber, wenn man ihn einmal erst in Händen hätte, so hoffte man schon mehr aus ihm zu erpressen oder in ihn hinein zu pressen. Es galt fürs erste, ihn auf ewig der Freiheit zu berauben, und ihm erst dann das Leben zu nehmen, wenn man irgend einen scheinbaren Grund dafür finde. Der Präsident der Audiencia, Ximenez d'Aragues, handelte, ganz als devoter Diener des Königs und im Einverständniß mit dessen Statthalter in Aragon, dem Marquis d'Almenara, dem er sogleich seine Berichte abstattete. Die Inquisitoren von Saragossa waren der erwähnte Don Alonzo Molina de Medrano und Don Juan Hurtado de Mendoza, letzterer ein naher Verwandter d'Almenara's, aber ein Mann von ruhigem Charakter und wenig zur Stelle eines Verfolgers geneigt, weshalb er so viel als möglich sich zurückzog und noch während dieses Processes sich in eine andere Provinz versetzen ließ. Molina war der Mann, wie Philipp ihn brauchte, ein Intriguant, depravirt und nach einem Vischofshut begierig. Kaum daß er die erwähnten Schriften erhalten, als er, ohne sie dem Tribunal der Inquisition in der Stadt mitzutheilen, dieselben sofort nach Madrid sandte und sich Verhaltungsbefehle vom Generalinquisitor Quiroga, dem Cardinal von Toledo, erbat. Dieser selbe Prälat, welcher während Perez' Leiden in Castilien sich so theilnehmend gegen ihn bewiesen und den Perez, merkwürdigerweise, auch noch nach seiner Errettung in Frankreich nicht genug loben kann, erscheint hier nur als das gefällige Werkzeug seines königlichen Feindes. Er schrieb an das Inquisitionstribunal von Saragossa, daß in dieser Angelegenheit der Inquisitor Molina ganz allein die Zeugen vernehmen und die Inquisitoren demnächst die Aussagen ohne die sonst übliche Zuziehung der Diöcesanen und der Rechtsbeistände prüfen und mit ihren Anträgen nach Madrid senden sollten. Nachdem gegen 10 Zeugen, dieser Vorschrift gemäß, vernommen und ihre Aussagen dem Generalinquisitor nach Madrid übersandt worden, zog nicht dieser, dem es zukam, sondern Diego de Chaves, der noch gefälligere Beichtvater des Königs, vier Punkte heraus, die als Grund der Anklage gegen Perez, und vier, die gegen Mayorini ihre Dienste thun sollten. Mayorini, um diesen in voraus, abzuthun, hatte, wenn er im Spiel verlor, den unanständigen Fluch oder Ausruf gebraucht, dessen die Italiener in übler Laune sich zu schulden kommen lassen: pote de Dio oder pota de Madona ! Weiter konnte man gegen ihn nichts vorbringen, aber der Ausdruck ward als ketzerische Blasphemie herausgehoben, was zu seiner Einkerkerung genügte, und man hoffte, indem man seinen Proceß mit dem gegen Perez in einen Topf würfe, ein befriedigendes Resultat zu gewinnen. Gegen Perez entwarf der Qualificator, d. h. der von der Inquisition ernannte Theologe, um aus Schriften und Handlungen die irrgläubigen Meinungen der Verdächtigten zu constatiren, diesmal des Königs Beichtvater selbst, folgende Propositionen mit ihren Qualificationen: Erste Proposition, aus Bustamente's Aussage entnommen. Als Jemand zu Perez sagte: er solle doch nicht übel von Don Juan d'Austria sprechen, erwiderte er: »Nachdem mir der König den Vorwurf gemacht, daß ich den Sinn der Briefe, die ich geschrieben, verkehre und die Geheimnisse seines Geheimrathes verriethe, so ist es nicht anders als recht und mir erlaubt, mich zu rechtfertigen, ohne daß ich auf irgend Jemand deshalb Rücksicht zu nehmen hätte, und wenn Gott, der Vater, mich hindern wollte, so würde ich ihm die Nase abschneiden, weil er es zugelassen, daß der König sich gegen mich so wenig als loyaler Cavalier gezeigt. « Hieraus folgende Qualifikation: »Dieser Ausdruck ist nicht allein eine Blasphemie, scandalös und alle frommen Ohren beleidigend, sondern schmeckt auch nach der Ketzerei der Waldenser, welche annehmen, daß Gott der Vater auch einen Leib habe. Man kann es auch nicht in der Art zu seinen Gunsten auslegen, daß man sage, Christus habe doch einen Leib, und daher auch eine Nase, weil er sich zum Menschen gemacht; denn es ist ausgemacht, daß es sich hier von der ersten Person der allerheiligsten Dreieinigkeit handelt, welche der Vater ist.« Zweite Proposition aus Juan de Basante's Auslassung entnommen. Antonio Perez rief eines Tages in seinem Schmerz über die traurige Lage, in der er sich befand, zornig aus: »Ich möchte bald nicht mehr an Gott glauben. Man möchte sagen, er schläft, während sie mir den Proceß machen. Wenn er nicht zu meinen Gunsten ein Wunder thut, so fürchte ich, allen Glauben zu verlieren.« Die Qualification daraus: »Diese Rede ist scandalös, fromme Ohren beleidigend und der Ketzerei verdächtig, weil sie annimmt, daß Gott schlafen könne, auch hat sie einen innigen Zusammenhang mit der vorigen, welche andeutet, daß Gott einen Körper habe.« Dritte Propvsition, entnommen aus Diego de Bustamente's zweiter Aussage: Eines Tages rief Perez, von Kummer und Angst gepeinigt, wie das öfters kam, besonders wenn er sich in den Sinn rief, was seine Frau und Kinder für ihn leiden müßten, aus: »Was ist Das nun! Gott schläft, oder Alles, was man uns von ihm erzählt, ist eine Täuschung. Gibt es denn wirklich einen Gott?« Die Qualification theilte diesen Satz in drei Theile: »Der erste Theil riecht nach Ketzerei, denn er leugnet, daß es eine Vorsehung in Gott gebe und daß er sich um die Dinge dieser Welt kümmere. Der zweite Und dritte sind geradezu Ketzereien.« Vierte Proposition, aus derselben Aussage entnommen. Antonio Perez, gereizt durch die Ungerechtigkeit, die man, nach seiner Ansicht, gegen ihn beging, und insonderheit dadurch, wie verschiedene Personen, die, ihrem Charakter nach, anders hätten handeln sollen, sich gegen ihn betrugen, und doch um deswillen in der allgemeinen Achtung nicht verloren, rief eines Tages aus: »Ich fluche dem Schooß, der mich genährt hat. Heißt das katholisch sein? Wenn Das wäre, glaubte ich nicht mehr an Gott!« Die Qualifikation: »Der erste Theil ist scandalös; der zweite blasphemirend, beleidigend für fromme Ohren und, verbunden mit dem Vorangegangenen, der Ketzerei verdächtig, da es den Gedanken andeutet, als sei Gottes Dasein ein Betrug.« So die Anklagen. Es scheint überflüssig, heute ein Wort darüber zu verlieren; aber auch damals konnten die hier incriminirten Reden, und selbst vor dem Inquisitionstribunal, nicht als strafbare Verbrechen gelten, denn die Instruction für die Inquisitionsgerichte, datirt vom 17. Juni 1500, Sevilla, sagt im 5. Artikel ausdrücklich: »Desgleichen, wenn die Inquisitoren zuweilen verhaften lassen um geringfügige Dinge und die keine eigentliche Ketzerei sind, angesehen, daß es sich nur um Worte handelt, die eher Blasphemien sind als Ketzereien und nur ausgestoßen in der Wuth oder im Zorne, so verordnen wir, daß fortan Niemand um solcher Ursach halber verhaftet werde.« Außerdem bestimmte die Instruction von Toledo, von 1498: »Auch befehlen wir den Inquisitoren, mit Klugheit zu Werke zu gehen, wenn es sich darum handelt, Jemanden zu verhaften, auch die Arrestation nicht eher zu verfügen, als nachdem man genügende Beweise des Verbrechens der Ketzerei gegen den Verdächtigen gesammelt hat.« Was kümmerten einen Philipp II. diese klaren Bestimmungen von Gesetzen, die er überhaupt nur zu seinen politischen Zwecken anrief? Niemand in Spanien glaubte an die Möglichkeit einer Ketzerei bei Antonio Perez, und die Inquisition war nur die gefällige Dienerin des Despoten in einer ihr vielleicht gleichgültigen Angelegenheit, um in andern, die sie näher angingen, dem König sich geneigt zu machen. Man erklärte, daß man genügende Beweise des Verbrechens der Ketzerei gegen Perez und Mayorini gesammelt, weil sie eine Correspondenz mit der Prinzessin von Béarn gepflogen, einer Ketzerin; weil sie in dieses ketzerische Land fliehen wollen, oder nach Holland, einem ganz protestantischen Lande; weil sie Heinrich IV. Glück und Erfolg gewünscht und daß er auf Frankreichs Thron möge erhoben werden gegen den Wunsch des Papstes. Zum Ueberfluß beschuldigte man Perez der Magie und Zauberei, und somit gehöre er vor die Inquisition, und seine Appellation an den Großjusticia von Aragon müsse suspendirt bleiben, bis sein Proceß vor dem Inquisitionstribunal abgeurtheilt wäre. Der oberste Inquisitionsrath von Spanien, unter dem Vorsitz des Großinquisitors, billigte nach kurzer Prüfung diese Resolution und verordnete am 21. Mai, daß beide Angeschuldigte in die geheimen Gefängnisse der Inquisition abgeführt würden. Diese Maßregel sollte schnell und geheim ins Werk gesetzt werden. Der Courier flog in zwei Tagen von Madrid nach Saragossa, und schon am 24. Mai erschien der Alguazil vor dem Thore des Gefängnisses des Königreichs Aragon und foderte die Auslieferung der beiden Gefangenen. Der Castellan des Gefängnisses aber erklärte: das könne nicht geschehen ohne einen Specialbefehl des Großjusticia von Aragon oder eines seiner Lieutenants. Augenblicklich schrieben die Inquisitoren an die Lieutenants des Justicia: sie sollten ihnen die beiden Gefangenen ausliefern bei Vermeidung der Excommnnication, einer Geldstrafe von 1000 Ducaten und anderer Nachtheile, und zwar binnen 3 Stunden: »sintemalen das Fuero der Manifestation kein Hinderniß abgeben könne, denn es finde auf einen Proceß wegen des Verbrechens der Ketzerei keine Anwendung; falls dies aber behauptet werde, so widerriefen und annullirten sie, die Inquisitoren, hierdurch eine solche Auslegung des Fuero, dieweil es ein Hinderniß würde für die freie Ausübung der Pflichten des heiligen Tribunals.« Der Groß-Justicia, Don Juan de la Nuza, empfing dieses Schreiben in öffentlicher Sitzung, im Beisein seiner fünf Lieutenants, welche seinen Rath ausmachten, und aller Officiere seines Tribunals. Aber diese Feierlichkeit gab ihm nicht den Muth, der Foderung zu widerstehen. Einer der Lieutenants mußte sich in das Gefängniß begeben und die beiden Gefangenen dem Alguazil gegen Quittung überliefern. Ganz in der Stille wurden sie, Jeder in einem besonderen Wagen, nach der Aljaferia, dem ehemaligen Schlosse der maurischen Könige, das, außerhalb der Mauern gelegen, jetzt der Inquisitionspalast war, gebracht. Auch dieses Verfahren war den Gesetzen und dem Herkommen entgegen. In mehren namhaften ähnlichen Fällen hatte auch die Inquisition sich vor dem Privilegium der Fueros zurückziehen müssen. Aber es waren ganz besondere Umstände vorangegangen, welche den Conflict des Groß-Justicia und der die Rechte Aragons vertretenden Deputation mit der Inquisition dieses Mal sehr kitzlich machten. Ein anderer Spanier, Antonio Gomir, der auch im Gefängniß der Manifestados saß, war von der Inquisition abgefodert worden. Der damalige Lieutenant des Groß-Justicia, dem die Prüfung der Sache übertragen war, verweigerte, im Einverständniß mit den andern Mitgliedern seines Collegiums; die Auslieferung. Die Inquisitoren excommunicirten den Lieutenant, und als seine Collegen sich desselben annahmen, auch diese. Die Excommuninrten appellirten an den Papst. Dieser verwies sie an den Großinquisitor. Darüber starb der Papst und die Appellation an den anderen hatte noch immer keine eigentliche Wirkung gehabt. Inzwischen war der mitexcommunicirte Groß-Justicia gestorben und die Inquisitoren untersagten das kirchliche Begräbniß. Die Deputation des Königreichs ließ ihr Oberhaupt dafür einbalsamiren, um den Körper, nach Beendigung des Streites, ordnungsmäßig begraben zu können. Nach langen Verhandlungen in Rom, die ihnen schon über 50000 Dukaten gekostet, erhielten sie denn auch endlich durch ein päpstliches Breve die Gestattung des Begräbnisses, welches 1573 mit großer Feierlichkeit begangen war. Inzwischen war die Hauptfrage unentschieden geblieben und sollte 1585 von den Cortes von Aragon in der Stadt Monzon ausgemacht werden. Hier waren denn viele Klagen über die Eingriffe der Inquisition vor dem Könige angebracht worden, und man hatte kein anderes Auskunftsmittel gefunden, als daß Schiedsrichter, von beiden Theilen gewählt, sich zu verständigen suchen sollten; wenn es nicht gelänge, sollte man an den Großinquisitor gehen; führe auch dies nicht zum Zwecke, sollten Commissarien nach Rom sich begeben. In diesem Stadium lag der alte Streit, als Perez' Fall eintrat. In jenem stand der König anscheinend außer der Partei, in dieser Sache war er Partei mit der Inquisition, und Perez hatte gegen beide zu kämpfen. Der Justicia des Königreichs Aragon, der mit Mühe die alten Rechte gegen die Inquisition, wo Philipp nicht als Partei gegen ihn auftrat, zu erhalten gesucht, durfte nicht so ohne Weiteres die Partei der Gegner durch den König verstärken. Man wußte, daß zur selben Zeit, wo die Befehle an die Inquisitoren von Saragossa angelangt, auch andere vom Grafen von Chinchon, Philipp's Minister, an den Marques d'Almenara gelangt waren, und daß dieser hierauf ein geheimes Gespräch mit dem Groß-Justicia gepflogen, in welchem er ihn bestimmte, in diesem Falle keinen Gebrauch vom alten Rechte zu Gunsten der Angeschuldigten zu machen! Aber Perez' Freunde ließen sich nicht einschüchtern. Sie bearbeiteten das Volk: Das heiße ein Bruch der Privilegien des Königreichs. Lasse man ein Mal zu, daß Jemand, der sich dem Gericht ihres Groß-Justicia unterworfen, in ein anderes Gefängniß und auf Befehl einer andern Autorität geschleppt werde, so sei es um die Fueros des Landes geschehen! Das Wort Fuero hatte eine magische Kraft in Aragon. Erinnerte man sich doch, welchen Widerstand schon die Einführung der Inquisition unter Ferdinand dem Katholischen veranlaßt, wie man damals schon darin einen Bruch und Eingriff in die alten, verfassungsmäßigen Freiheiten gewahrte; und jetzt galt es, das noch Gerettete angreifen und retten. Aber ehe man zum Aeußersten schritt, zu einer öffentlichen Demonstration, versuchte man noch einen gesetzlichen Weg. Antonio Perez' Rechtsbeistände erschienen vor dem Zalmedina von Saragossa, einer Art Friedensrichter, aber mit ausgedehnter juristischer Machtvollkommenheit, und trugen auf eine Untersuchung gegen die Denuncianten und Zeugen an, welche Antonio Perez' Anklage vor dem Inquisitionstribunal bewirkt, indem diese ganze Angelegenheit auf Intriguen und Corruption beruhe. Sie forderten, daß der Zalmedina, Galacian Cerdan, darüber ad futuram rei memoriam die betreffenden Personen vernehmen lasse. Dem Antrage wurde gewillfahrtet. Das Resultat war gewichtig, denn die ganze Anklage, wie frivol sie auch schon an und für sich erscheint, fiel dadurch zusammen. Einer der Zeugen erklärte: daß er durch den Alcalden des Gefängnisses (Antonio Lopez de Ores) und die Diener des Marques von Almenares vermöge Versprechungen, Geschenke und Drohungen zu seinem Zeugnisse bewogen worden. Man habe ihm ein Billet des Inquisitor Molina vorgezeigt, um ihm Muth zu machen, und ein Papier, welches er unterzeichnen sollen. Er that es, ohne den Inhalt zu kennen, und nachher erst las man ihm vor, was er auszusagen und zu beeiden hätte. Indem er, um seinem Gewissen zu genügen, die Aussage zurücknahm, erklärte er, Antonio Perez nicht einmal von Person zu kennen! – Einem Zeugen, der sich bei einem Aufstande im Gefängnisse vergangen, hatte man Verzeihung und Freiheit versprochen, wenn er aussage, daß Perez den Aufstand angestiftet habe. Noch andere Zeugen bestätigten diese Intriguen, indem man mit ihnen ebenso verfahren. Diese Ermittelungen blieben, wie man sich denken kann, kein Geheinmiß; die Entrüstung in Saragossa wuchs. Perez hatte Mittel gefunden, als er in das Inquisitionsgefängniß abgeführt wurde, seinen Freund Diego Fernandez de Heredia davon zu benachrichtigen. Dieser und Andere säumten nicht, die Nachricht in der Stadt zu verbreiten. Das Volk sammelte sich, angestachelt durch die Mehrzahl des höheren und niederen Adels, der es mit Perez hielt, und lief durch die Gassen mit dem Geschrei: »Sie verletzen unsere Fueros!« - »Tod den Verräthern!«- Man umringte das Haus des Marques von Almenara, der als die Seele der Intrigue gegen den unglücklichen Perez, wenigstens als der Hauptagent des Königs galt. Vergebens suchte der Justicia das Volk zu besänftigen. Es drang mit seinen Leuten zugleich in das Haus, schleppte den Marques hinaus und mißhandelte ihn dermaßen, daß er nach 14 Tagen an den Folgen seiner Verwundungen starb. Die Haufen zogen darauf vor den Paläst des Erzbischofs, dann vor den des Vicekönigs, des Bischofs von. Teruel, mit Feuer und Tod drohend, wenn sie nicht bewirkten, daß Perez und Mayorini freigelassen würden. Zu etwa Dreitausend verstärkt, rückten sie endlich vor die Aljaferia selbst und schworen hoch und theuer, das Haus mit allen Inquisitoren zu verbrennen, wenn sie nicht auf der Stelle die Gefangenen herausgäben. Da erschienen mehre vornehme Edelleute, der Herzog von Villa-Formosa, die Grafen Aranda und Morata, der Erzbischof Vicekönig und Andere, und suchten zwischen dem Volk und den Inquisitoren zu vermitteln. Der Vicekönig ging mit den beiden genannten Grafen selbst in das Schloß, und nach mehren heftigen Verhandlungen erschien er mit den Gefangenen wieder an der Thür. Lauter Jubel empfing sie. Man wollte Perez auf ein Pferd nöthigen, um ihn im Triumphzug durch die Stadt zu führen. Mit Mühe gelang es dem Erzbischof, ihn in einen Wagen zu bringen, der ihn in das Gefängniß der Manifestation zurückführte. Dieser erste Sieg des Volkes gegen die Inquisition, d. i. gegen Philipp's Politik, ward am 21. Mai errungen. Molina hatte nur nach äußerstem Widerstreben und nur mit Einlegung eines Protestes nachgegeben. Den Berichten über den Tumult an das obere Inquisitionsgericht waren schon verschiedene Zeugen vorausgeeilt, Agenten und Anhänger Almenara's, die ihr Leben bei der Volkserhitzung in Saragossa nicht mehr für sicher hielten. Der Aufstand erschien danach in Madrid natürlich in den schwärzesten Farben und als geleitet von den ersten Notabilitäten des aragonesischen Adels, als dem Grafen Aranda, Morata, den Baronen Barboles (Don Diego de Heredia), De Biescas und Sallen (Don Martin de la'Nuza), De Purroy (Don Juan de la Luna), De la Leguna, die sämmtlich das Volk unter dem Vorgeben, daß ihre Fueros verletzt wären, in Aufstand gebracht hätten. Die Inquisitoren verloren indessen, auch unter den Schrecken eines wüthenden Volkes, nicht den Muth. Sie hatten ja nur gesetzlich gehandelt, indem sie zwei Angeschuldigte auf den schriftlichen Befehl des Großjusticia aus dem Gefängnisse des Königreichs in das ihre abgeführt, und eine Bulle Pius' V. vom 1. April 1569 verordnete: daß Diejenigen, welche sich der Execution eines Befehls der Inquisition widersetzten, als Begünstiger und selbst verdächtig der Ketzerei gerichtet werden sollten. Deshalb foderten sie öffentlich die Theilnehmer an dem Tumulte auf, sich freiwillig anzugeben und andere Schuldige anzuzeigen, um auf diese Weise auf Begnadigung Anspruch zu machen. Die Deputirten des Königreichs erklärten dagegen, auf den Rath der Juristen, daß sich Niemand vor der Excommunication zu fürchten habe, da Alles, was geschehen, nur zur Aufrechthaltung der Fueros geschehen wäre, und daß die Kirche selbst so schwere Rügen auf Die schleudere, welche die geheiligte Verfassung angriffen oder ohne Vertheidigung sie angreifen ließen. Irgendwie mußte die Erhitzung der Gemüther abgekühlt werden. Die Deputirten von Aragon ernannten 13 Juristen, um zu untersuchen, ob der Proceß gegen Perez dem heiligen Officium oder dem Gericht des Groß-Justicia zustehe. Diese Juristen erklärten sich anfänglich entschieden zu Gunsten des Letzteren, ja es sei eine offenbare Verletzung der Rechte und der Verfassung von Aragon, wenn die Inquisition sich der Sache bemächtigen wolle. Aber Menschenfurcht, Bestechung oder Intrigue, wie sie diesen ganzen politischen Proceß durchädern, machten sich auch hier geltend. Eine vorsichtige Partei, welche gern Aragons Privilegien wollte erhalten wissen, aber doch auch fürchtete, offen gegen einen so mächtigen König wie Philipp aufzutreten; Patrioten vielleicht, welche mit regstem Eifer für ihre Rechte und Freiheiten wachten, aber erkannten, daß Aragon zu Ausgang des 16. Jahrhunderts zu schwach sei, im Kampfe, nicht mehr mit einem castilianischen Könige, sondern dem Beherrscher eines Weltreiches, zu siegen, daß darum ein offener Bruch vermieden werden müsse, diese vermittelnde Zwischenpartei fand einen Ausweg, welcher wenigstens den Schein retten sollte. Plötzlich änderten auch die 13 ihre Gutachten dahin ab: daß, weil Perez eine geheime Correspondenz mit dem Könige von Frankreich, einem Ketzer, geführt, es der Inquisition allein zustehe, darüber zu erkennen, indem es Religionsangelegenheiten wären! Allerdings hatten die Inquisitoren ihre Machtvollkommenheit überschritten, weil sie die Manifestation des Angeklagten annullirt , wozu Niemand auf der Erde ein Recht habe, als der König in Uebereinstimmung mit den Cortes; wenn aber die Inquisitoren vom Groß-Justicia es erlangt hätten, daß ihnen die Gefangenen ausgeliefert würden, und das Privilegium der Manifestation während der Untersuchung suspendirt bleibe, so könne man ihre Person denselben überlassen, ohne daß dadurch die Gesetze von Aragon verletzt würden, Man legte dieses den Gesetzen und dem Herkommen Aragons so ganz widerstrebende Gutachten besonders dem vielleicht schon altersschwachen Groß-Justicia zur Last. Er mußte sich rechtfertigen lassen, weil er einmal in Perez' Auslieferung gewilligt hatte; aber auch die Mehrzahl des Adels und selbst eine Anzahl von Perez' Freunden erklärten sich für dieses Auskunftsmittel. Die Form war doch gerettet, wenn auch das Wesen verloren ging. Denn Perez, interimistisch der Inquisition ausgeliefert, war so schlimm daran, als wenn er definitiv ihr übergeben war! Der Intriguenkampf dauerte indeß von beiden Seiten fort. Die Volkspartei, schwächer an Mitteln, war stärker durch ihre Zahl. Auch die Presse ward damals schon zu Hülfe gerufen und in vielen Pamphleten, die man überall austheilte, viele aus Perez' Feder, bittersatirische, heftig anklagende, aufstachelnde, wurden die geheimen Drohungen und Intriguen der Gegner denuncirt und das Volk ermahnt, für seine Fueros aufzustehen. Perez selbst, wohlgeübt in solchen Kämpfen, hatte inzwischen, obwol vom Fieber geschüttelt, das die Aufregung veranlaßt, und im Kampf mit Feinden und Freunden, den Muth nicht verloren. Wer siegen will, muß angreifen, und er ging von der Defensive zur Offensive über. Den Lieutenant Micer Torralba, einen seiner Richter, verklagte er bei den Siebzehn wegen der gegen ihn verübten notorischen Ungerechtigkeit und Heftigkeiten. Torralba ward verurtheilt zur Amtsentsetzung und Verbannung aus Aragon. Sieben Stimmen hatten sogar für den Tod votirt. Die Siebzehn aber waren der höchste Gerichtshof für das Königreich. Niemand, selbst der König nicht, durfte von ihren Sprüchen appelliren; durchs Loos erwählt waren sie somit ein starkes Glied der Verfassung und der Schutz gegen Die, welche sich über den Druck seiten der Lieutenants oder ihrer untergebenen Beamten zu beklagen hatten. Ja diese zur Rechenschaft zu ziehen, war ihre eigentliche Bestimmung und Befugmß, eine Macht, die selbst dem Könige nicht zustand. Dieser Urthelsspruch der Siebzehn setzte das Siegel der Autorität auf die Theilnahme, welche das aragonesische Volk Perez' Sache bis da gewidmet hatte, er rechtfertigte gewissermaßen das Vorangegangene, er erklärte und leitete ein Das, was es von da ab für ihn that. Ihn zu unterstützen war längst nicht mehr allein Sache seiner Freunde, es war durchaus Volkssache geworden, an der alle Stände Theil nahmen. Die Aragonesen durften den Unglücklichen nicht mehr verlassen, der sich unter ihren Schutz gestellt, nachdem er von seinem Könige 12 Jahre aus einem Gefängniß ins andere geschleppt worden und Alles erduldet hatte, was eine politische Verfolgung von Gehässigem und Grausamem an sich tragen mag, eine Verfolgung, die nicht ihn allein, sondern auch die unschuldigen Kinder und die beklagenswerthe, treue Gattin aufs härteste traf. Und was konnte denn dieses Antonio Perez' Verbrechen sein? So mußte das Volk, so durfte jeder Vernünftige denken, der in Castilien bald um dieses, bald um jenes beschuldigt worden, den man endlich, mitten in seinen Ketten und Banden, theilweise das Vertrauen seines Königs hatte wieder gewinnen sehen; den Philipp wieder in wichtigen Staatssachen zu Rathe gezogen, um ihn gleich darauf unter einer neuen Anschuldigung abermals mit der grausamen Laune der Tyrannei zu quälen. Entweder war er schuldig oder unschuldig; in beiden Fällen hatte er das Recht, zu fodern, daß man ihn nicht länger im Gefängniß schmachten lasse, daß man ihn richte. Auf keinen Fall durfte der aragonesische Stolz dulden, daß man ihn seinem Verfolger ausliefere. Welche Wichtigkeit auf der andern Seite Philipp, durch seine kritische Lage dem Ausland gegenüber damals noch genöthigt, mit den rebellischen Aragonesen zu laviren, auf die Sache legte, geht aus seinen Briefen an den Civilgouverneur von Aragon, Don Juan de Herera, hervor, den er anwies, allen seinen Credit aufzubieten, damit Perez verdammt würde, wie es auch sei, wenn nicht zu ewigem Gefängniß, so doch wenigstens auf eine Reihe von Jahren, weil man in diesem Falle schon Mittel finden würde, neue Anschuldigungen gegen ihn vorzubringen, um ihn nach und nach auf immer im Kerker festzuhalten. In einem dieser Briefe setzte der König mit eigener Hand hinzu: »Wenn alles Das, was er ihm aufgetragen, nicht zu erlangen wäre, so möge er wenigstens dahin wirken, daß Perez nicht gestattet werde, das Königreich Aragon zu verlassen, denn das sei die Hauptsache. « Wie konnte das besser geschehen, als daß er der Inquisition überliefert ward? Der Urtelsspruch der Siebzehn hatte nur in einer Nebensache zu Perez' Gunsten entschieden; in der Hauptsache bestand nach den Gutachten der Rechtsgelehrten zu Recht: daß das Privilegium der Manifestation suspendirt bleiben und Perez dem heiligen Officium, unbeschadet der Privilegien Aragons, ausgeliefert werden solle. Und doch wagte man nicht, den Spruch offen zu vollziehen. Perez' Protestationen, daß eine Suspension der alten Privilegien so gut wie eine Annullation sei, fruchtete zwar nichts, denn mit dem aragonesischen Volke durfte man nicht scherzen. Man schlug daher den Weg der Intriguen und der Gewalt zugleich ein. Philipp II. zeigte auch hier seine Kunst, zu warten. Als wisse er nichts von dem Antheil, den jene Großen an Perez' Befreiung genommen, schrieb er an den Herzog von Villa Hermosa, an die Grafen Aranda, Moreta, und Andere die verbindlichsten und liebenswürdigsten Briefe, um sie aufzufodern, daß sie mit ihrem ganzen Einfluß auf ihre Verwandten und Freunde die königlichen Behörden unterstützen möchten. Schon war es ausgemacht, daß die Inquisitoren noch einmal die Auslieferung der Gefangenen fodern sollten, aber ohne herausfodernde Sprache und Drohungen, sie sollten ihre Anfoderung allein auf die Suspension der Wirkungen des Privilegiums begründen, als Perez, die drohende Gefahr wohl kennend, abermals einen Fluchtversuch machte. Schon hatte er, drei Tage feilend, die Gitterstäbe seines Fensters durchbrochen, als ein falscher Freund und Mitgenoß, Juan de Basenta, ihn einem Jesuitenpater, Romano, verrieth. Die Flucht ward vereitelt. Am nächsten 20. August sollte nunmehr die Verhaftung erfolgen; aber die Miene des Volkes war zu drohend. Man entschloß sich deshalb, zuvor die Consistorien des Königsreichs zu berufen, um die Stimmung und die Mittel zu prüfen; die Consistorien aber waren eine Versammlung aller Corporationen so weltlicher als geistlicher Art, um im Conferentialwege über streitige Angelegenheiten sich zu berathen und Entschlüsse zu fassen. Im Hause des Vicekönigs kam diese Conferenz zusammen; alle Notabilitäten des Reiches erschienen, zum unverhohlenen Misvergnügen der großen Mehrheit der Nation. Sie sah darin keinen andern Zweck, als einen Bruch der Fueros. Die Mitglieder erschienen wie zu einem polnischen Reichstage gerüstet, die Großen in Mitte ihrer wohlbewaffneten Vasallen, und alles Das, um – zwei Menschen aus einem Gefängniß in ein anderes zu bringen! Aber die Wirkung schlug fehl. Als man die Notabeln in Waffen einrücken sah, griff auch ganz Saragossa zu den Waffen. Der Lärm wurde groß. Das Volk erfüllte Gassen und Plätze mit Geschrei und Waffenklang, und die alten Kriegsfahnen flatterten von beiden Seiten in den Lüften. Des großen Schaugepränges ungeachtet, kam es indeß zu nichts. Zwar drang der König mit Höflichkeit auf eine Entscheidung, zwar boten mehre Große ihre ganzen Mittel an und wollten Gewalt mit Gewalt vertreiben, während Andere ängstlicher vorschlugen, man solle Perez ausliefern, um durch dieses Opfer die Fueros zu retten; aber – die Rücksichten siegten. Man beschloß, und zwar einstimmig, einen neuen Aufschub, bis zum 29. September, in Hoffnung, daß bis dahin die Hitze des Volkes sich abgekühlt haben werde. Keine Mittel wurden unversucht gelassen, die Einen zu erschrecken, die Andern zu beschwichtigen; das Volk aber antwortete: Gegen die Gesetze werde es nichts unternehmen, wenn man aber Etwas gegen seine Fueros unternehme, werde es für seine Freiheiten zu sterben wissen. Inzwischen starb der Großjusticia Don Juan de Nuza, und sein Sohn folgte ihm in der Würde. Der König aber sammelte ein ansehnliches Heer unter dem Commando Alonzo's de Vargas an der Grenze Castiliens und Aragons, mit dem ostensibeln Zwecke einer Expedition gegen Frankreich; in der That aber nur, um die Gefangensetzung der beiden Männer zu bewirken. Der Tag der Entscheidung brach an, Don Ramon Cerdan, der Militairgouverneur von Saragossa, hatte alle Vorsichtsmaßregeln getroffen. Gegen zweitausend Bewaffnete waren es, auf die er rechnen konnte. Ihrerseits hatten die Inquisitoren eine gute Anzahl ihrer Familiaren, der sogenannten Miliz Christi, Freiwilliger, die zu ihrem Dienst sich geweiht und dafür großer Privilegien sich erfreuten, aus den benachbarten Städten nach Saragossa kommen lassen. Achthundert Mann und einige Cavalerie ward auf dem Marktplatz und in den Straßen umher aufgestellt. Die übrigen mußten schon in der vorangehenden Nacht auf den Straßen patrouilliren. Alles schien am Morgen in Ordnung, das ergrimmte Volk beobachtete ein finsteres Schweigen. Als der Rath zusammen saß, begaben sich die Officiere der Inquisition dahin und überreichten ihren schriftlichen Antrag, gemäß dem Gutachten der dreizehn Juristen abgefaßt, daß man ihnen Antonio Perez und Mayorini überliefere. Nur wenige Räthe widersprachen, durch große Mehrheit ward, wie es längst voraus abgemacht war, der Beschluß gefaßt, sie ihnen auszuliefern. Der Vicekönig, Bischof von Teruel, ein Lieutenant, ein Abgeordneter, zwei Geschworene begaben sich nun mit einem großen bewaffneten Gefolge und allen Insignien ihrer Würde, in Begleitung der Diener der Inquisition, nach dem Gefängniß. Auch der Herzog von Villa Hermosa, die Grafen Aranda, Morato und andere Herren hatten sich angeschlossen; es ward nichts versäumt, um die Abfoderung so feierlich als möglich zu machen und dadurch dem Volk zu imponiren. Bei der Abfoderung im Gefängniß wurden alle Formalitäten auf das genaueste beobachtet. Perez wurde von demselben Alcalden herabgeholt, welcher die falschen Zeugen gegen ihn früher instruirt hatte. Der Lieutenant sprach mit lauter Stimme: »Die Herren Inquisitoren fodern, daß man ihnen Antonio Perez und Juan Francisco Mayorini ausliefere aus Gründen, den heiligen Glauben betreffend. Sie haben es erwirkt, daß man ihnen diese betreffenden Personen überläßt, demgemäß deren Appellation suspendirend.« – Perez entgegnete: was denn aus seinem Recht der Appellation werden solle, was doch allem Andern vorginge, ebenso wie das Recht, erst gehört und dann gerichtet zu werden? – Man entgegnete ihm, er habe sich nicht zu beklagen, denn es seien alle Formen der Gesetze, beobachtet worden. Dann kam Mayorini; Beide wurden in Ketten gelegt und Jeder in einen besonderen Wagen gesetzt. Diese Formalitäten hatten ziemlich viel Zeit gekostet. Während der Bischof Vicekönig aus einem benachbarten Hause mit seinem Gefolge der Procedur zusah, hatte sich eine ungeheure Volksmenge gesammelt, bis dahin schweigend. Jetzt als die Thore des Gefängnishofes sich öffnen sollten mit den Wagen, in ihnen die Gefangenen, mit ihrer Freiheit meinten die Aragonesen mit ihren Rechten, brach der lang verhaltene Unmuth hervor. Martin de la Ruza , Perez' Freund, ein glühender Anhänger seiner aragonesischen Freiheit, brach das Schweigen. Er führte den ersten Schlag, indem er einen der Officiere der Gerechtigkeit niederwarf. Das Signal war gegeben, der Funke hatte gezündet. »Es lebe die Freiheit!« rief es aus tausend Kehlen, und der Ruf brauste durch die ganze Stadt. Bald war der Kampf allgemein, vor dem Gefängniß, in den Gassen, auf dem Markte, wo der Gouverneur, die Truppen, die Cavalerie stand. Man focht mit blanken Waffen und Feuergewehr. Aus seinem Versteck brach Gil de Mesa, der alte Freund und Anhänger von Perez, hervor, und stellte sich an die Spitze der Volkshaufen, die auf dem Markt den Gouverneur und seine Macht angriffen. Nach heftigem Widerstande flohen die Truppen, endlich, nach einem verzweifelten Kampf, auch der Gouverneur mit den Herren. Der Wagen des Ersteren ward in tausend Stücke zertrümmert. Er selbst floh mit mehren Großen in ein Haus in der Nähe des Gefängnisses. Es ward belagert, man schoß mit Arkebusen hinauf und aus den Fenstern heraus. Da schleppte das Volk die Trümmer des Wagens vor das Gebäude und zündete sie an. Um nicht zu verbrennen, mußten die Eingeschlossenen durch die Schornsteine, die Fenster, mit Gefahr ihres Lebens ihre Rettung suchen. Auf Seiten der Inquisition und der Behörden wurden in diesem Kampfe über 200 Personen getödtet oder verwundet, darunter der Zalmedina von Saragossa und mehre angesehene Personen. Auch die Vertheidiger der Fueros zählten viele Opfer in einem Gefecht, welches des Ruhmes würdig schien, den Saragossa in alter und neuer Zeit durch den Muth seiner Bürger in der Geschichte sich erworben. Daß aber nicht allein das niedere Volk mit einigen vornehmeren Anführern daran Theil genommen, bewies der allgemeine Jubel nach dem Siege. Alle Fenster, die Thüren zu den Balconen wurden aufgerissen, man schwenkte Fahnen, man wehte mit den Tüchern. Es war ein Sieg des Nationalgefühls, der Freiheit, nicht zu theuer erkauft mit dem Blute, das noch auf der Straße rauchte, aber ein Sieg des Augenblicks, der mit der Freiheit für immer bezahlt werden sollte. Die Diener der Inquisition und des Königs, die noch im Hofe des Gefängnisses eingeschlossen sich befanden, waren inzwischen in der äußersten Angst. Einige versuchten, ihre Waffen fortwerfend, zu fliehen, andere foderten ihren Gefangenen auf, sich zu zeigen, um die Wuth des Volkes, das laut ihren Namen rief, zu beschwichtigen. Anfangs weigerte sich Perez, weil er Verrath fürchtete, dann foderte er, daß man ihm die Ketten abnehme. Als er sich endlich am Fenster zeigte, wollte der Jubel kein Ende nehmen. Diese Sprache war für die Inquisitoren zu deutlich, als daß sie es länger für gerathen fanden, an dem Orte zu verweilen; einer nach dem andern entschlüpfte wie er konnte. Am Ende baten die Gefangenwärter, die fast allein zurückgeblieben waren, Perez und seinen Gefährten, nur hinunter zu gehen, um das Volk zu besänftigen, damit es sie nicht Alle ermorde. Perez aber verweigerte es, er wollte eine schriftliche Acte darüber haben, damit es nicht heiße, daß er eigenmächtig das Gefängniß verlasse. Doch war kein Notar, keine obrigkeitliche Person zu finden, die eine solche Schrift aufsetzen konnte; die noch da waren, hatten den Kopf verloren. Endlich mußten auch die wenigen von den Beamteten, die zurückgeblieben waren, ihn ersuchen, doch zum allgemeinen Besten von seiner Freiheit Gebrauch zu machen. Man besorgte, daß das Volk auch alle übrigen Gefangenen in Freiheit setzen könne. Endlich gab Perez nach und erschien durch eine kleine Seitenpforte vor dem ergrimmten und jubelnden Volke, das drauf und dran war, das Gefängniß zu erbrechen und Alles niederzumachen. Der Enthusiasmus, ihren Helden gerettet zu sehen, ließ sie die Rache vergessen. Aber es war kein Held, dessen Anblick zur Begeisterung hinriß. Krankheit und Leiden hatten unverkennbar ihren Stempel ihm aufgedrückt; er war blaß, sein Gang unsicher. Entblößten Hauptes zeigte er sich dem Volke, ihm seinen Respect und Dank zu zeigen, und man umringte ihn mit Betheuerungen der Liebe und Theilnahme, mit der Versicherung, er solle sich nicht mehr fürchten, unter ihren Armen sei er in Sicherheit, wobei sie ihre entblößten Arme über dem Kopfe schwangen. So ward er in das Haus des Diego de Heredia geführt, wo er aber noch keine Ruhe fand, sondern immer von Neuem den sich vorüberwälzenden Haufen am Fenster zeigen mußte. Da erst fiel es dem Volke ein, daß auch Mayorini noch zu befreien sei. Man stürzte nach dem Gefängniß, aber da war weder Kerkermeister noch Gefangenwärter. Man erbrach die Thüren und ließ ihn heraus. Freudenschüsse, Gesang, Jubelgeläut überall, aber dazwischen, wie eine Mahnung des Kommenden, wallte eine Procession von Mönchen um, vor sich tragend die Monstranz, das Crucifix und Reliquien, und mit lauter Stimme singend: »Paz, señor; misericordia, dios señor!« – Das Volk hörte die ernsten Mahnstimmen mit einigem Schauer an, seine Hitze kühlte sich ab, und der Tag des Sieges und der Rettung verging ohne irgend einen Exceß, der nicht zur Sache gehörte. Aber für den Geretteten war in der Stadt keine dauernde Rettung. Schon wenige Augenblicke, nachdem er sich in Heredia's Hause erholt hatte, zog er öffentlich mit Gil de Mesa, einem Freunde und zwei Dienern, begleitet abermals vom Jubelrufe des Volkes, aus dem Thore. Unterweges mußte er alle Begleiter, bis auf Gil de Mesa, wieder verlassen, mit dem er sich in die Gebirge flüchtete. Nachdem er hier mehre Tage umhergeirrt, ohne Obdach und Speise, erfuhr er, daß der Gouverneur, obgleich selbst noch krank von dem Auftritte in Saragossa, ihm auf der Spur sei. Er mußte sich entschließen, nach Saragossa zurück zu kehren, Martin de Nuza's Rath billigend, daß ein Verfolgter wie er sich leichter in einer volkreichen Stadt als in den Schluchten eines Berges verstecken könne. In Martin de Nuza's eigenem Hause fand er dieses Versteck. Martin zeigte sich bei Tage wie gewöhnlich, an öffentlichen Orten, Abends leistete er dem Freunde Gesellschaft und besprach mit ihm, was zu thun sei. Entdeckt ward er nicht, aber man vermuthete seine Anwesenheit. Die Macht der Behörden, wenigstens die der Inquisitoren, schien wieder hergestellt; die siegende Volkspartei hatte sich ja mit Perez' Befreiung genügen lassen. Man stellte Haussuchungen bei allen bekannten Freunden des Entflohenen an. Der an Martin's Stelle eingetretene Inquisitors – Molina selbst war schon nach Madrid gegangen, um den Lohn für seine Dienste einzuernten – Don Antonio Morejon versuchte Unterhandlungen mit Don Martin, der um Perez' Aufenthalt wissen mußte. Er verhieß ihm, wenn Perez sich freiwillig stelle, solle es ihm gut gehen. Don Martin aber foderte eine bestimmte Zusicherung, daß Perez, wenn sein Proceß beendet wäre, nicht mehr nach Madrid geschleppt werde. Von der Aljaferia herab, dem Inquisitionsschloß vor den Thoren der Stadt, die mit Truppen besetzt war, wurden die Unterhandlungen mit Don Martin de Nuza gepflogen, doch ohne ihn zu täuschen. Nur zu bald erkannten Perez' Freunde, daß man auf nichts mehr ausginge, als seinen Aufenthalt zu entdecken, oder die Zeit hinzuhalten bis Alonzo Vargas mit seinem Heere anrücke. Ein aufgefangener Brief des Inquisitors Morejon setzte sie über dessen Absichten ins vollste Licht. Derselbe rieth dem Könige, nicht länger mit der offenen Gewalt zu zaudern, weil sonst die Aragonesen zu einem Widerstände sich rüsteten, welcher einen längern blutigen Krieg veranlassen könne. Er nannte ihm die Namen der Seigneurs, welche Perez in seinem Gefängnisse besucht, den Spion, welcher ihm zum Theil ihre Gespräche hinterbracht, den Lohn von 100 Ducaten, den er ihm dafür gezahlt, der diesem aber nicht hinlänglich scheine, und daß er selbst, Morejon, für die außerordentlichen Dienste, welche er in dieser Angelegenheit geleistet und noch leiste, wol auch eines angemesseneren Lohnes werth sei, wobei er nicht undeutlich merken ließ, daß sie mit dem Erzbisthum Toledo nicht zu hoch bezahlt würden. – Für Antonio Perez' Charakteristik, den wir bis da nur als Dulder, und wo er handelnd aufgetreten, nur als schlauen Intriguanten oder in nicht lobenswürdiger Dienstunterthänigkeit zu seinem Fürsten erblickt, ist eine Mittheilung des Inquisitors wichtig. Er rieth dem Könige, Perez' Gattin und Kinder in recht enger Haft zu halten, denn das sei es, was ihm die meiste Pein verursache. Ja sein Spion hatte die Worte aus Perez' Munde gehört: »Hab' ich denn nicht Unrecht, daß ich mich nicht ruhig Dem unterworfen, was man mit mir will, damit endlich die Leiden meiner Frau und Kinder ein Ende nehmen?« Zur Charakteristik der Gegner des Unglücklichen ist der Brief gleichfalls charakteristisch. Morejon wie Molina, beide Diener der Inquisition, handelten nur im eigenen Interesse, nur um vom Könige Gunstbezeigungen zu erhalten. Molina hatte eine ansehnliche Rathsstelle im Rath über die geistlichen Ritterorden erhalten Morejon hatte nicht seine Pflicht, sondern ein Erzbisthum im Auge. Aber die Angelegenheiten gewannen bald ein viel ernsthafteres Ansehen. Es konnte Niemand mehr verborgen bleiben, daß die Truppen unter Alonzo de Vargas einen Einfall und Angriff in das Königreich Aragon beabsichtigten. Es galt die offenbare Vernichtung der heiligen Fueros Aragons. Waren sie Philipp doch schon längst ein Dorn im Auge, ein Hinderniß seiner Plane gewesen! Dies weckte jedes Gemüth aus der Schlaffheit und Erstarrung, alle Geister, wie auch sonst getrennt, schienen einig. Auch die Obrigkeiten und Seigneurs, welche bis da aus Schwäche mit der Hofpartei es gehalten, erschraken und gingen in sich; sie fingen an ihren Fehler zu bereuen, es war die höchste Zeit, Maßregeln gegen die dringende Gefahr zu ergreifen, und man that es in voller gesetzlicher Form. Eine große Anzahl Personen von allen Ständen kamen bei der Deputation des Königreiches ein, daß sie Protest einlege gegen solche Verletzung der Privilegien seines Großjusticia und seiner Lieutenants, als dasjenige Tribunal, welches souverain und absolut über alle Streitigkeiten zu entscheiden hatte, welche zwischen dem Könige von Aragon und seinen aragonischen Unterthanen sich erhöben. Die Deputirten des Königreichs zogen die Männer des Gesetzes zu Rathe, und nach deren Gutachten ging ihr Antrag an das Tribunal des Justicia dahin: daß der Justicia das Volk zu den Waffen rufe und gegen diejenige castilianische Armee marschire, an deren Spitze Don Alonzo de Vargas sich Aragon nähere, und zwar in Kraft des zweiten Fuero de generalibus privilegiis regni Aragonum. Sie waren in vollem gesetzlichen Rechte. Dieses Fuero bestimmte, daß Niemand das Recht habe, fremde Truppen über die Grenzen von Aragon zu führen, noch mit bewaffneter Hand irgend eine Jurisdiction zu üben, noch Jemand gefangen zu setzen, noch irgend eine Greuelthat, welche es auch sei, zu vollbringen, selbst dürfe er nicht einmal ein Feld mit Olivenbäumen abhauen lassen. Alle Könige Aragons mußten dies Privilegium bei ihrem Regierungsantritt beschwören, alle hatten es beschworen, auch Philipp II. Bei aller seiner zur Schau getragenen Frömmigkeit scheute er sich aber niemals ein Königliches Wort zu brechen, wenn es zu seinem Vortheil war. Und doch hatten selbst die Päpste diese Fueros bestätigt und die strengsten Strafen gegen Die ausgesprochen, welche sie zu verletzen wagten. Von dem Tribunal des Großjusticia ward die Sache nicht minder ernst und mit Beachtung aller Formalitäten und jeder Rücksicht für das Recht und die Würde des Königs geprüft. Man vernahm Zeugen darüber, in welcher Absicht Vargas an den Grenzen stehe, und erst nachdem bewiesen war, daß der Feldherr in einer Proclamation an seine Soldaten ihnen freie Plünderung versprochen, wenn sie nur die Klöster und Kirchen schonten, entschied das Tribunal dahin, daß der Justicia die Waffen ergreifen dürfe und die Aragonesen gegen die castilianische Armee aufbrechen sollten. Aber bevor man dazu schritt, versuchte man noch ein in unsern Augen und Verhältnissen seltsames Mittel. Der Geist der Gesetzlichkeit hielt sich streng an den Buchstaben. Ein Todesurtheil ward gegen den Feldherrn und seine Armee gefällt. Officiale und Notare wurden nach seinem Hauptquartier gesandt, es ihm zu publiciren, mit der Androhung, daß es vollstreckt werde, wenn er es wage, die Grenze zu überschreiten. Als Don Alonzo die Abgesandten nicht vor sich lassen wollte, erklärten sie, so würden sie das Urtheil an die Thüren schlagen. Darauf wurden sie empfangen und der Feldherr entließ sie mit der Bescheinigung der Insinuation seines Todesurtheils, ohne ihnen etwas anzuhaben. Jetzt erst rüstete man sich ernsthaft in Saragossa und dem ganzen Königreich. Der Justicia erhielt eine Art Regentengewalt, er berief ein Heer aus dem allgemeinen Aufstande, ernannte Generale und andere Officiere, meist aus den ersten Seigneurs des Landes, die willig ihre Bestallungen annahmen. Eine derselben, an Don Martin de la Nuza, hat sich noch erhalten, und zeigt, wie auch hierin der formelle, ordnungsmäßige Gang einer wohleingerichteten Regierung beobachtet ward. Deputirte durchreisten das Land, die allgemeine Bewaffnung anzuordnen, was kaum nöthig schien. Auch von allen Kanzeln ertönte der Aufruf, für das Vaterland zu kämpfen oder zu sterben. Die Nationalfahne von Sanct Georg, nur bei solchen wichtigen Angelegenheiten gebraucht, ward entfaltet und Hülfe nachgesucht bei den stehenden Deputationen von Catalonien und Valencia, die sich gegenseitig mit denen von Aragon zur Absendung von Hülfstruppen verpflichtet hatten, für den Fall, daß eines oder das andere Reich angegriffen würde. Alles vergebliche Arbeit. So laut und glänzend der Anfang, so still, kläglich, schmählich der Ausgang. Zwar zog der Justicia aus Saragossa mit großem Pomp und Heere, mit Schlachtmusik und rauschenden Fahnen und umtummelt von der Mehrzahl des aragonesischen Adels, darunter der Herzog von Villa Hermosa, der Graf Aranda und viele der Großen, welche am 24. September die Partei des Hofes und der Inquisition genommen; aber schon am zweiten Tage wurden die Meisten andern Sinnes. Der Rausch, der Traum, war ausgeschlafen. Was sollte das bündigste Recht gegen die Willkür eines Despoten helfen, was vermochte das kleine Aragon gegen das große Spanien, was das Aufgebot des Landsturms einer Provinz, wie auch fanatisirt von Freiheitsliebe und Haß, gegen Philipp's wohlorganisirtes und bewaffnetes Kriegsheer? Nicht in den engen Straßen Saragossa's, nicht aus den hohen Häusern und hinter Mauern, auf offenem Felde sollten diese Volkshaufen Philipp's' Artillerie und taktisch geleitetem Fußvolk und Reiterei die Spitze bieten! – Einer nach dem Andern von den Seigneurs schlich davon und entfloh, den Andern es überlassend, wie sie sich herausziehen wollten. Es war kein Heer mehr da. Auf der andern Seite focht Philipp hier wie überall nicht mit den Waffen allein, sondern auch mit teuflischer List. Als wisse er nichts von der Theilnahme mehrer vom Adel an den früheren Vorfällen, schrieb er an diesen und jenen Großen, um ihnen zu danken für ihr loyales Benehmen auch bei den beklagenswerthen letzten Ereignissen. Sein Feldherr Alonzo aber schrieb an Andere: daß sie darauf bauen dürften, wie er seinen Marsch durch Aragon nur mit dem Ziele nach Frankreich richte, auf dem Wege werde er, höchstens zwei oder drei Personen züchtigen, um sie Ehrfurcht vor dem Gesetz zu lehren. Aber nie habe er im Sinn gehabt, die Fueros, oder die Freiheiten Aragons anzutasten; er sei im Herzen mehr Aragonese als irgend wer, und er bitte Gott, ihn vor solchen Gelüsten zu bewahren. – Diese Versicherungen täuschten Niemand. Aber den Muth zum Widerstand hatte man aufgegeben, man setzte sein Vertrauen auf die Flucht, auf das Verborgensein. Es war kein Heer, es war kein Widerstand mehr da. Vargas zog in Saragossa ein. Noch behielt er die Sanftmuthsmaske vor. Ja auf Befehl des Königs publicirte er in den benachbarten Provinzen die gütigen und versöhnlichen Gesinnungen des Monarchen: die Flüchtlinge möchten zurückkehren, Philipp werde ihnen nicht die Strenge seines Angesichts zeigen und nur die Urheber des Aufstandes bestrafen. Auch begnügte man sich im Anfange damit, einige Wenige zu arretiren und einen Preis auf Perez' Kopf zu setzen. Nur zu Viele, die sich für nicht schuldig hielten, sondern, daß sie nicht mehr gethan, als ihrem Eifer und ihrer Pflicht nachgekommen zu sein, gingen in die Falle. So kehrten der Herzog von Villa Hermosa, der Graf Aranda zurück. Auch der Groß-Justicia, Don Juan de la Nuza, der wirklich nicht mehr gethan, als daß er streng den Vorschriften der uralten Verfassung seines Landes gehorsamt, vielleicht mit innerer Bangigkeit, und nur durch die Umstände gedrängt, vertraute, kehrte zurück und übergab sich seinen Feinden. Das Netz ward zugezogen, Philipp warf die Maske ab. Gomez Vasquez erschien als königlicher Befehlshaber in Saragossa mit dem Befehl, den Groß-Justicia, den Herzog von Villa Hermosa und den Grafen d'Aranda sofort zu verhaften, dem ersten binnen 24 Stunden den Kopf abschlagen und die Andern dahin schaffen zu lassen, wo es dem Könige gut dünken würde. Don Juan de la Nuza ward arretirt im Augenblick, wo er aus der gewöhnlichen Rathsversammlung ging. Als er in den Wagen stieg, setzte sich sogleich ein Jesuit mit hinein, um ihn zum Tode vorzubereiten. Durch den Beichtiger erfuhr er also zuerst, daß er verurtheilt war! Beim Eintritt in sein Gefängniß sagte man ihm militairisch officiell, daß er sterben müsse. »Wie? Wer hat das Urtheil ausgesprochen?« – Der König selbst, lautete die Antwort. Einige Zeilen, an Alonzo de Vargas gerichtet, die man ihm vorwies, lauteten: »Beim Empfang dieses arretirst du Don Juan de la Nuza, Justicia von Aragon. Handle so, daß ich die Nachricht seines Todes, zugleich mit der seiner Verhaftung erhalte. Du wirst ihm auf freiem Platze den Kopf abschlagen lassen, und diese Worte soll man ausrufen: Also ist die Gerechtigkeit, so der König, unser Herr, verordnet hat gegen diesen Cavalier, wegen des Verbrechens des Hochverraths und des Aufrufs zur Empörung, wie auch daß er die Fahne des Königreichs erhoben hat gegen seinen König. Deshalb ist es, daß der König befiehlt, daß ihm der Kopf abgeschlagen werde, seine Güter confiscirt und seine Häuser und Schlösser zerstört von Grund aus. Wer ein solches Verbrechen begangen, der werde so bestraft!« Das die ganze Form des Urtheils: ein Streifen Papier mit des Königs Unterschrift. Umsonst rief der Unglückliche, daß er nur von den Cortes, die vom Könige und dem Königreiche versammelt worden, gerichtet und verurtheilt werden könne. Die Diener der Gewalt hatten darauf keine Antwort, als vielleicht ein mitleidiges Lächeln. Ohne weitere Formalitäten ward er auf den Marktplatz geführt, wo man in der Schnelligkeit ein Schaffot aufgeschlagen, und im Angesicht des Volkes enthauptet. Erst der laute Schrei des Ausrufers sagte Vielen, daß etwas schon geschehen war, was sie vorhin als eine baare Unmöglichkeit würden bestritten haben. So starb der letzte Justicia von Aragon, und mit ihm diese Würde, eine der merkwürdigsten, die je vom menschlichen Scharfsinn erfunden wurden zur Beschirmung der Rechte und Freiheiten des Unterthanen gegen die Willkürmacht in einer Monarchie; eine Würde, von der wir in allen Verfassungen der alten Zeit und des Mittelalters nichts Aehnliches finden; denn an Machtvollkommenheit, zugebilligt durch positive, klare Gesetze, stand der Justicia weit über den Volkstribunen der Römer; eine Würde mit einer Macht verbunden, die vielleicht mit einem Königthum im vollendeten Sinne sich nicht vertrug, gewiß wenigstens nicht mit der Idee des modernen Staates, weil einer Persönlichkeit (und nicht der durch die Fiction der Geburt geheiligten monarchischen) eine uns gefährlich dünkende Macht anvertraut war; aber eine Würde, die durch mehr als dreihundertjährigen Bestand ihre Tüchtigkeit und Wirksamkeit in dem aus Bürgerkriegen erwachsenen Feudalstaate sich bewährt hatte. Mit der absoluten Monarchie eines Philipp II. vertrug sie sich nicht mehr; auch unter seinen Nachkommen kam sie nicht wieder auf. Auch in der neuesten Geschichte, wo der Freiheitssinn und die alte Tapferkeit der Aragonesen wieder in großen blutigen Zügen sich in deren Tafeln eingeschrieben hat, ist die Würde nicht wieder ins Leben gerufen worden. Sie paßt um Vieles nicht zur Gegenwart; auch um deswillen nicht, weil sie eine antike Tugend und Selbstverleugnung fodert, damit die Würde auch von moralischer Autorität unterstützt sei, Eigenschaften, in denen der aus langen Sklavenketten rasch emporgerissene Spanier seine große Vorzeit noch immer beneidet, ohne mit ihr zu rivalisiren. Don Juan de Nuza's Körper ward noch mit allen seinem hohen Range gebührenden Ehren zur Erde bestattet; seine Güter wurden consfiscirt, sein Haus der Erde gleich gemacht. Der Herzog von Villa Hermosa und der Graf d'Aranda wurden in zwei verschiedene Schlösser gesperrt, wo man sie sechs Monat später sterben ließ. Dies hinderte aber nicht, sie doch für loyale und treue Unterthanen Seiner Majestät des Königs zu erklären. Philipp ließ sie, um seiner eigenen Ruhe willen, sterben, um ihrer Familien willen restituirte er ihre Ehre, als sie ihm nicht mehr schaden konnten. Nachdem die Schleusen so geöffnet, ergoß sich seine Rache über Alle; von den Höchsten ging er zu den Niedrigsten über, bis zu Denen, welche auch nur den geringsten Antheil am Aufstande genommen. Sie traf die Rechtsgelehrten, weil sie ihr Gutachten dahin gegeben, daß man die Waffen gegen die Castilianer ergreifen dürfe; die Deputirten, weil sie, ihrer Pflicht getreu, vor dem Justicia die Wünsche und die Furcht des Volkes vertreten hatten, die Lieutenants, weil sie nach den Fueros Recht gesprochen. Obrigkeiten, der Adel, auch Geistliche wurden verfolgt, selbst solche darunter, welche angerathen, Perez der Inquisition auszuliefern. Ihre Häuser wurden zerstört, ihre Güter confiscirt, ihre Schlösser geschleift. Noch mehr, auch deren Mütter, Gattinnen, Kinder mußten für die Thaten der Verwandten leiden; ihre Güter und ihr Vermögen wurden, wie auch durch die Gesetze gesichert, confiscirt, wenn überhaupt dort noch von Gesetzen die Rede sein konnte, wo die von Aragon positiv jede Confiscation untersagten. Und noch mehr: die Zeugen, welche bei der Untersuchung vor dem Zalmedina ihre Aussage gegen Perez zurückgenommen, wurden vor das Inquisitionsgericht gestellt, und zu 6 Jahr Galeeren und 200 Peitschenhiebe verurtheilt; der Zalmedina, welcher als Richter seine Pflicht erfüllt, zu 6 Jahren Festungsstrafe in Oran. Außerdem ward nicht er allein, sondern auch seine Söhne für unfähig erklärt, je ein Amt zu verwalten. Der ausgestoßene und verurtheilte Lieutenant Torralba ward in alle Ehren eingesetzt. Und noch mehr des moralisch Empörenden: Nach solchen Greueln konnte Philipp in Publicationen seine Milde rühmen! Er konnte eine Amnestie proclamiren, in welcher er Allen Gnade verhieß, bis auf Diejenigen, welche er ausnehme. Es waren aber nicht allein Alle, welche das geringste Maß von Schuld trugen, sondern auch alle Unschuldige, die ihm misfielen. Das war die Saat von Willkür, Ungerechtigkeit, Despotismus, von frecher Verhöhnung der verbrieften und natürlichen Menschenrechte, welche, von Philipp ausgesäet; so reiche Früchte an Unwissenheit, Aberglauben, Elend und Demoralisation jeder Art in der spanischen Nation getragen, eine Saat, die bis auf die Gegenwart furchtbar gewuchert hat. In Erfüllung war gegangen der Wunsch der alten Königin Isabella, die einst geäußert: »O, daß die Aragonesen doch einmal aufständen, um eine Gelegenheit zu haben, ihre Fueros zu zerstören!« Antonio Perez war nicht mehr Zeuge dieser Schreckenstage in Saragossa's Mauern. Zwei Tage vor Vargas' Einzug hatte er, verkleidet, am 10. November 1591, die Stadt verlassen. Der ihn hinaus ließ, Don Martin de la Nuza, blieb selbst zurück, theils um nicht durch seine Abwesenheit die Flucht seines Freundes zu verrathen, theils um durch seine Anwesenheit den wankenden Muth der Bürger aufrecht zu erhalten, was an ihm war. Don Martin war ein hochgeachteter Mann. Am Morgen nach Perez' Entweichung hatte er offen vor den versammelten Consistorien gesprochen: Niemand möge sich täuschen über Das, was ihnen bevorstände. Er selbst wolle seine Maßregeln nach ihrem Entschlusse fassen. Wollten sie Saragossa vertheidigen, so biete er Gut und Blut dar für die gerechte Sache. Wenn nicht, wolle er sich auf sein Schloß in den Bergen zurückziehen. Im letztern Falle bat er noch, daß man die Thore für Alle öffne, welche sich entfernen wollten. Man war zu muthlos und geschlagen, um anders zu antworten, als durch die schweigende That. Man schloß die Thore auf für Die, die fliehen wollten. Don Martin zog selbst aus zu Roß, an der Spitze seiner Freunde, begleitet durch ein Ehrencomitat aller Corporationen, die einen solchen Mann mit Schmerzen von sich scheiden sahen. Da wiederholte er ihnen, was er schon vor den Consistorien gesagt: Wenn er ihnen nützen können, wäre er gern in ihrer Mitte gestorben; aber die allgemeine Sache sei zu einem solchen Zustand von Schwäche und Jammer gediehen, daß das nicht mehr heiße, als mit Schande sterben wollen. Wie es nun stehe, müsse er Allen rathen, nur auf ihre Sicherheit bedacht zu sein, und auf keine Gerechtigkeit in diesem Augenblick von Wirrniß und Erregung zu rechnen. Don Martin fand seinen Freund an der Grenze Aragons. Perez hatte mit Gil de Mesa traurige Tage in den Höhlen der Felsgebirge verbracht, von Brot und Wasser lebend, in der Nacht von der Kälte gemartert. Er nahm Beide in sein Bergschloß auf, von wo – uns freilich unbegreiflich – neue Unterhandlungen zwischen dem Könige und Perez stattfanden. Man versprach Perez: daß er ganz zu seiner Zufriedenheit gerichtet werden solle; daß man seine Frau und Kinder, wenn er sich ergebe, weniger eng einsperren, auch ihnen Bequemlichkeiten zuwenden und ihnen Alles geben wolle, was ihnen nöthig wäre. Wie mußten sie bis da behandelt sein! Die unschuldigen kleinen Kinder waren, jedes besonders, eingesperrt gehalten worden. Es fehlte ihnen das Allernöthigste zum Lebensunterhalt. Don Martin de la Nuza kam mit seinem Freunde überein, daß es für sie am gerathensten sei, Spanien ganz zu verlassen. Perez sandte Gil de Mesa mit einem Briefe an Heinrich's IV. Statthalterin und Schwester, Katharina von Bourbon,, nach Navarra, um ein Asyl für sich zu erbitten; es ward ihm bereitwillig zugestanden. Das Executionsheer, welches Perez aufsuchen sollte, war schon auf dem Marsch nach den Bergen unter der Anführung zweier sehr anrüchiger Personen – eines Schleichhändlers und eines verurtheilten Empörers, denen Beiden Philipp und die Inquisition Gnade und hohen Lohn zugestanden, wenn sie des Gefürchteten sich bemächtigten – als Perez in stürmischer Jahreszeit, von zwei Dienern begleitet, den sauern Weg über die Pyrenäen antrat. Gedrückt von schweren physischen und moralischen Leiden, die seine Gesundheit untergraben hatten, schleppte er sich mühsam zu Fuße, in der Mitte der Nacht über die beschneiten Berge. Ermattung und Frost bewältigte ihn oft so und die Wege waren so schlecht, daß er an manchen Stellen nicht weiter konnte; er mußte sich tragen lassen auf den Armen seiner beiden Gefährten. Als Schäfer verkleidet, kam er endlich, am 26. November, in Pau an, fand seinen Gil de Mesa, und bei der Prinzessin die wohlwollendste Aufnahme, königliche Freigebigkeit und den Trost, den nur ein menschliches Wesen einem solchen Leidenden gewähren konnte. Bald folgte ihm auch Martin de la Nuza. Er hätte sich in den Bergen auf seinen Schlössern vertheidigen können; er wollte nicht unnütz Blut vergießen und das unglückliche Land nicht um seinetwillen die Schrecken eines Bürgerkrieges büßen lassen. Aber an der Grenze hatte er noch eine Zusammenkunft mit den beiden oben erwähnten Anführern der Executionstruppen gehabt. Sie knirschten vor Wuth, daß Perez ihren Nachstellungen entgangen, und wagten noch einen Versuch der Güte, Perez zu einer freiwilligen Rückkehr unter lockenden Bedingungen zu bewegen. Perez hatte Philipp's Versprechungen endlich zur Genüge kennen gelernt. Er widerstand der Lockung. Einige Zeit nachher machten die Verbannten, denn es waren Viele Martin gefolgt oder vorangegangen, einen Einfall in Spanien. Er mislang, trotz der Unterstützung, welche die Prinzessin von Béarn auf Heinrich's IV. Beistimmung ihnen gewährte; Philipp's Schreckensregierung hatte den Stolz und den Muth entwaffnet. Ihre Zahl war beim Vorrücken nicht gewachsen. Alonzo de Vargas' Macht umzingelte sie, die Mehrzahl der Unglücklichen wurde gefangen. Von den Angesehenen entkam fast nur Martin de la Nuza, ihr Anführer. Don Diego de Heredia, Don Juan de Luna, Ayerbe, Riego Perez und noch viele edle Aragonesen, wurden gefangen, litten auf der Folter, um ihre Mitschuldigen zu nennen, und endeten unter dem Henkerbeil, oder erdrosselt am Pfahl der Garrota. Ihre Köpfe wurden in Saragossa an das Haus der Deputation des Königreichs, an Brücken und Thore angenagelt, und blieben dort, gräßliche Schreckbilder für Alle, die noch Lust hatten, für Recht und Freiheit aufzustehen, so lange der christliche König Philipp II. in Spanien lebte und regierte. Es ward still in Aragon. Mit Aragons Freiheiten war Philipp's Rache nicht gesättigt, obwol es eine Beute war, auf die er beim Beginn des Kampfes mit seinem Staatssecretair schwerlich gerechnet und gehofft. Er wollte, er mußte ihn persönlich verderben. Er und die Inquisitoren dungen Meuchelmörder; man versprach ihnen Begnadigung wegen früherer Mordthaten, Geld, Anstellung, Ehren, je nachdem sie Perez tödteten, oder lebendig nach Spanien lockten. Einer, dieser von Philipp ausgesandten Banditen ward in Bordeaux ergriffen und bekannte. Nur Perez' Fürbitte bei der Prinzessin von Béarn rettete ihm das Leben. Dieses und die folgenden Beispiele, wie Philipp seine Justiz durch Banditen im Auslande executiren wollte, sind nicht blos Angaben von Perez selbst; sie werden auch von Mignet als erwiesene Thatsachen noch mit mehren Umständen aufgeführt. Wie nöthig Perez des Schutzes bedurfte, beweist auch der Umstand, daß Heinrich IV. ihm anfangs 50 Bewaffnete als Wache und tägliche Begleitung zulegte; später waren täglich zwei Schweizersoldaten zur Bewachung seiner Person commandirt. Man rechnete auf Perez' galante Neigungen. Eine sehr schöne Dame aus Béarn sollte ihn in Pau in ihre Stricke locken und in der Nacht seinen Verfolgern übergeben oder ermorden lassen. Sie war auf den Antrag eingegangen, man weiß nicht recht weshalb, aber ihr Herz siegte über den Reiz der ungeheuern, ihr verheißenen Belohnung. Bald sterblich in Perez verliebt, war sie selbst es, die ihm den Anschlag entdeckte und sich ihm mit Allem, was sie besaß, zu seiner Unterstützung darbot. Bei seinem spätern Aufenthalt in England wurden zwei Irländer gehängt. Man fand in ihren Taschen den Auftrag, Perez umzubringen, unterzeichnet von Philipp's Agenten. Diese Waffen, seiner Feinde sich zu entledigen, waren in jener Zeit keine ungewöhnlichen. Man liest in dem Journal l'Estoile, was unter Heinrich's IV. Auspicien erschien, daß am 6. Januar 1596 ein Spanier auf dem Greveplatze gerädert ward, als der Absicht überführt, Antonio Perez zu ermorden. Dieser Spanier war Don Rodrigo de Mur, Baron de la Penilla, einer der begnadigten Verbrecher und Schleichhändler, welche die Executionstruppen gegen Perez in den aragonesischen Bergen anführten. Vor seinem Tode bekannte er, daß er von Don Juan de Idyaquez, Philipp's II. neuem Minister, gedungen worden. Heinrich IV. empfing natürlich mit offenen Armen den ehemaligen Staatssecretair seines politischen Todfeindes, der im Besitz aller Staatsgeheimnisse desselben, alle Listen, Hinterlisten und Mittel kannte, mit denen Philipp gegen ihn und seine Feinde operirte. Die französischen Schriftsteller behaupten, daß der tief ergrimmte Perez diesen Auszeichnungen ebenso wenig als dem sehr natürlichen Rachegefühl widerstanden habe. Sie datiren Heinrich's wachsende politische Macht und sein endliches Uebergewicht über seine Feinde von der Zeit her, wo Perez ihn in Besitz der spanischen Staatsgeheimnisse gesetzt habe. Antonio Perez selbst hat immer gegen diese Zumuthung protestirt, selbst noch auf dem Todtenbette; er habe, wie auch von dessen Tyrannen gekränkt, sein Vaterland niemals einem Fremden verrathen. Philipp wüthete gegen ihn nach wie vor durch Grausamkeiten gegen seine Familie und durch ohnmächtige Verdammungen, welche die Inquisition gegen Percz schleudern mußte. Denn dieser sein Proceß vor der Inquisition als Ketzer ward, sobald der bürgerliche Krieg beendet war, mit unglaublichem und uns lächerlichem Eifer fortgesetzt. Wir wollen nicht unsere Leser mit allen den faselnden Anklagepunkten ermüden, die Zorn, Ingrimm und Ohnmacht gegen ihn zu Tage brachten, und nur einige andeuten. Man wollte ihn durchaus zum Abkömmling eines getauften Juden machen, der als rückfälliger Ketzer vor langen Jahren verbrannt worden. Zu diesem Zwecke übte man das Unrecht, Alle des Namens Perez in Aragon von jüdischem Ursprung zu stempeln; obwol dies so wenig gelang als Perez eigene Abstammung von daher nur einigermaßen glaubwürdig zu machen. Alle seine in Zorn und Mismuth ausgestoßenen Reden, alle seine Schriften, die er in Frankreich drucken ließ, wurden in der Art zu Ketzereien qualificirt, wie wir dies schon aus dem früheren Proceß kennen. Unter den 43 Artikeln warf ihm der siebente insbesondere vor: »daß er den Vendôme (Heinrich lV.) gelobt und gesagt, daß die Königin von England, der Großherzog von Florenz und selbst der Papst Sixtus V. Heinrich geneigt wären und ihn zum König von Frankreich wünschten, weil er die Eigenschaften eines guten Fürsten besitze; daß er diese Politik für vernünftig erklärt und daß alle Fürsten Italiens wohlthäten, wenn sie seine Sache unterstützten, um Philipp's II. Macht zu schwächen und die Heinrich's zu kräftigen, welcher wohl verdiene, der Herrscher der ganzen Welt zu werden.« – Ja er hatte sogar, wie der 18. Artikel ihm zum Verbrechen machte, gesagt: wenn er der nächsten Versammlung der Cortes zu Monzon beiwohnen sollte, würde er die Vernichtung des Inquisitionstribunals in Vorschlag bringen, weil es eine empörende Ungerechtigkeit sei, zu sehen, wie es diejenigen Spanier als Ketzer bestrafe, welche nichts weiter gethan, als Pferde ausführen nach Frankreich, Ausdrücke, welche sehr deutlich Perez' Geneigtheit andeuteten, die Ketzer zu unterstützen, und nach den Bullen des heiligen Vaters, alle Diejenigen, welche den Feinden der heiligen Kirche Zufuhr schaffen, mit Excommunication belegt würden. Und dies sind noch die gewichtigsten jener albernen Beschuldigungen, denn die eine, die ihn naturwidriger Geschlechtssünden beschuldigte, an und für sich durch nichts bewiesen, scheint schon durch seinen galante Charakter und durch seine nebenher musterhafte Ehe, in welcher er sieben Kinder erzeugte, ebenso widerlegt wie die Präsumtion, daß er ein Ketzer sein dürfe, weil er von Juden abstamme, nur im Gehirn eines von Wuth verblendeten Inquisitionsrichters entsprungen sein konnte. Am 15. Februar 1592 hatten die Inquisitoren Antonio Perez für flüchtig erklärt. Durch einen Anschlag an die Metropolitankirche von Saragossa hatten sie ihn vorgefordert, binnen Monatsfrist sich zu seiner Verantwortung zu gestellen, eine selbst den Gesetzen der Inquisition zuwider ungebührlich kurze Frist, wenn auf eine Ungesetzlichkeit mehr oder weniger hier etwas ankäme. Da Perez nicht erschien, trug der Fiscal am 18. August darauf an, ihn in contumaciam zu verurtheilen. Am 20. October wurde, unter Bestätigung des höchsten Gerichtshofes, vor einem Collegium von 20 Richtern das Endurtheil dahin gefällt: daß Perez als förmlicher Ketzer, als überführter Hugenot, als halsstarrig Unbußfertiger zur Todesstrafe verurtheilt werde, sobald man ihn fange. Inzwischen ward er in effigie, das San Benito um den Hals, mit 79 andern lebendigen Schlachtopfern der Inquisition, verbrannt. Diese Unglücklichen, aus dem Aufstande von Saragossa, waren zum größten Theil nicht mehr der Ketzerei schuldig als Perez. Die weltliche Gerechtigkeit hatte in Folge der Amnestie ihr blutiges Schwert niedergelegt, aber es waren Viele aus dem Volk übrig geblieben, mit denen man fertig werden wollte. Der Scheiterhaufen erstickte ihre Klagen. Das Autodafé dauerte von acht Uhr Morgens bis neun Uhr Abends. Perez' Bild, in Rauch aufgehend, schloß dieses Fest. Seine Güter waren schon confiscirt; aber das gräßliche Urtheil erreichte ihn doch noch an einer Stelle, wo er verwundbar war. Zu seinen Kindern und Kindeskindern brandmarkte es seinen Namen mit ewiger Schmach Hinsichts dieser lautete es: «Auch erklären wir die Söhne und Töchter besagten Antonio Perez, wie auch seine Nachkommen in männlicher Linie, für unfähig, irgend ein Amt, Stelle oder Würde zu besitzen und bekleiden, sei es geistlich oder weltlich, ein wirkliches Staats- oder Ehrenamt; erklären ferner, daß sie nichts am Leibe oder an sich tragen sollen von Gold, Silber, Perlen, Edelsteinen, Korallen, Seide, Camlot oder feinem Tuche; daß sie nicht zu Pferde reiten sollen, noch Waffen tragen, noch irgend etwas thun und vornehmen, was durch die allgemeinen Gesetze und die der heiligen Inquisition Denen untersagt ist, die sich mit ihnen in gleicher Lage befinden.« . Als alle Teilnehmer des aragonesischen Aufstandes bestraft schienen – auch Martin de la Nuza, der später unvorsichtiger Weise noch einmal in sein Vaterland zurückgekehrt war und seinen Kopf auf dem Schaffot lassen müssen – erschien ein allgemeines Gnadenedict Seitens der Inquisition für Diejenigen, welche entfernt dabei betheiligt, mit einer Rüge belegt gewesen und nun reumüthig um ihre Begnadigung einkommen wollten. Mehr als 500 Personen meldeten sich – um welcher Vergehen willen?! Die Einen thaten es: nur um ihr Gewissen zu beruhigen, das ihnen übrigens nichts vorwarf. Ein Arzt: weil er Antonio Perez in seinem Gefängniß als Patienten besucht. Ein Notar und Advocat: weil er in Geschäftsangelegenheiten ihn bedient hatte. Eine Frau: weil sie geschrieen, als Perez ins Gefängniß abgeführt wurde: »Der arme Unglückliche! Nachdem sie ihn so lange im Gefängniß schmachten gelassen, haben sie noch nicht den Ketzer herausgefunden!« – Ein Garkoch: weil er während Perez' Gefangenschaft Speisen für ihn gekocht, die sein Diener für ihn holte. – Ein Kaufmann: weil er Blei, Kugeln und Pulver Jedem verkauft, der in seinen Laden trat; zwar an die Leute der Inquisition im Schlosse der Aljaferia, aber auch an Die, welche die Waffen gegen das castilianische Heer ergriffen hatten. Ja ein Mitglied der Deputation des Königreiches kam zum Palast der Inquisition und beugte sein Haupt, um Verzeihung bittend, daß er vor den Repräsentanten des Reiches seine Meinung geäußert seiner Pflicht gemäß, und sein Votum abgegeben! Das war der Anfang einer neuen Zeit, eines Absolutismus mit dem Heiligenschein der Religion sich umkränzend, eines usurpirten, göttlichen Rechts der Könige, von dem das angefeindete Mittelalter nichts gewußt. Dieses freie stolze Mittelalter hatte sich überlebt, es mußte einer Uebergangsepoche zu einer andern Freiheit Platz machen. Sie ward eine furchtbar lange für Spanien! – Doch wird nicht vergessen, uns aufmerksam zu machen, daß auch damals noch einzelne freie, kräftige Stimmen für die Menschenrechte sich erhoben, und, wie bei der früheren Gelegenheit, gerade aus dem geistlichen Stande. Der Dr. Gregor de Aretin, Vicar der Parochie zu St. Paul in Saragossa, rief, als er vernahm, daß ein anderer Priester gegen 200 Personen das Abendmahl verweigert, weil sie von der Inquisitionsrüge sich noch nicht losgemacht: »Der Priester ist ein Ignorant. Mögen Alle, und wer an der Revolution Theil genommen, zu mir kommen, ich werde ihnen mit Vergnügen die Absolution ertheilen und ohne mich vor Jemand zu fürchten.« Er büßte die freie Rede in den Kerkern der Inquisition mit Hunderten Anderer, die nichts verbrochen: als daß sie geäußert: sie würden, wenn der Prinz von Asturien in den Cortes erscheine, ihm nur dann als Thronfolger huldigen, wenn er die Fueros wieder in ihr Recht einsetze. Die Kerker, die Festungen Spaniens, blieben während Philipp II. Leben angefüllt mit Schuldigen und Unschuldigen. Dort schmachtete noch lange nach der Prinzessin Eboli, Donna Juana Coello und ihre Kinder. Vergebens strengte Heinrich IV. alle seine politischen Kräfte und Verbindungen an, um ihre Freiheit für Perez zu erhalten. Das Loos seiner Familie blieb für ihn der schmerzlichste Stachel seines kummervollen Lebens, den weder die Ehren und Auszeichnungen, die Heinrich IV. und Elisabeth von England ihm zukommen ließen, noch die eigene unüberwindliche Lust zu galanten Zerstreuungen abzustumpfen vermochten. Wie er in diesem letztern Punkte verrufen war, zeigt der Brief einer englischen Dame, der Mutter des berühmten Francis Bacon, welche an ihren zweiten Sohn Anton voll Entsetzen schrieb: »Ich habe mehr Mitleid mit deinem Bruder, als er selbst mit sich hat, wenn ich weiß, daß er in seinem Hause, seinem Wagen, diesen mit Blut befleckten Perez hat, den hochmüthigen, ungöttlichen Menschen, einen zügellosen Verschwender, der, fürchte ich nur zu sehr, durch seine Gegenwart unsern Herrgott erzürnen wird, daß er seinen Segen, die Ehre und Gesundheit, von meinem Sohne abziehen wird ... Ein Elender wie der hat niemals deinen Bruder geliebt, als blos wegen seines Ansehens und um auf seine Kosten zu leben.« – In London war es, wo Perez zuerst 1594 seine Relaciones unter dem angenommenen Namen Raphael Peregrino herausgab. Ein Werk, welches Philipp's II. moralischem Ansehen in Europa einen letzten Stoß versetzte. Es ward sofort ins Holländische übersetzt, damit die Niederländer sähen, wie Philipp seine eignen Diener belohnte, und, am Beispiel der Aragonesen, wie er Die bestrafe, welche für ihre Rechte und Freiheiten aufzustehen gewagt. Philipp's Haß war demnach, wo möglich, noch im Wachsen und es war jetzt, daß er die erwähnten beiden Irländer, Perez zu ermorden, absenden ließ. Zugleich suchte er, durch Zwischenhändler ihn der Königin Elisabeth verdächtig zu machen. Wenn wir, nach den Vorangängen seiner öffentlichen Laufbahn, an ein sittliches Fundament seines Charakters mehr als zu zweifeln berechtigt sind, wenn die Aeußerungen über Heinrich's IV. Regententugenden und Regentenberuf, die ihm von der Inquisition vor Allem vorgeworfen wurden, und die allerdings eine klarere Einsicht in die Weltverhältnisse bekunden, als man sie von einem depravirten Günstlinge erwarten sollte, wenn endlich sein vertrauter Umgang mit Heinrich IV., mit Staatsmännern wie Sully, Leicester, Essex, noch nicht hinreichen, ihn über seine Vergangenheit, als durch das Unglück geläutert, zu erheben, so zeigen ihn wenigstens seine Briefe an und über seine Familie als einen Mann, in dem weder die Niederträchtigkeit seines Hofdienstes, noch die Intriguen, denen er diente, um sich ihrer zu bedienen, die heiligsten menschlichen Gefühle erstickt haben. Er gewinnt als Gatte, Vater unsere ganze volle Theilnahme. Er sorgt für Gattin und Kinder, wie er kann, er ertheilt ihnen Rath, wie sie ihre traurige Zeit benutzen sollen, wie ihre Gesundheit pflegen. Vor Allem ist seine Liebe auf die zwar älteste, aber noch im zartesten Jugendalter schon allen Entbehrungen und Härten des Schicksals ausgesetzte Tochter Donna Gregoria gerichtet. Sie war durch die Grausamkeit ihres Peinigers von der Mutter getrennt; selbst halb Kind mußte sie Mutterstelle an den jüngern Kindern vertreten. So vieler Sorge und der feuchten Luft in einem Festungsthurme erlag diese junge Heroine. Mit Philipp's II. Tode, 1598, schien endlich die Härte des Schicksals nachzulassen und ein Hoffnungsstern für ihn aufzugehen. Philipp III. begnadigte alle Diejenigen, welche noch wegen des Aufstandes in Aragon litten. Donna Juana Coello und ihre Kinder waren freigelassen und durften eine Klage erheben gegen den Gouverneur Rodrigo Vasquez, der seine schwere Hand die unglückliche Familie fühlen lassen. Der über 80jährige Heuchler entging den Folgen des Processes durch seinen Tod. Aber Antonio Perez selbst, was er sehnlichst wünschte, zu gestatten, seine Rückkehr, so weit ging des absoluten Königs Macht in Spanien nicht mehr. Die Inquisition gestattete es nicht. Der Dolch des Meuchelmörders, der so oft gegen Perez' Brust gefehlt, traf den König, der ihm seinen Schutz geweiht, in dessen Dienst, vermittelnd gegen ihn und Elisabeth, er die Luft des Hofes und der Intriguen wieder eingeathmet, ohne die er nicht leben konnte. Er hatte sie aber auch in diesem Doppeldienst zwischen Frankreich und England wieder in einer Art eingeathmet und an beiden Höfen eine solche Doppelrolle gespielt, daß er an beiden am Ende die Achtung verloren. Ränke machen war ihm zur andern Natur geworden, und selbst der von der Folter Gebrochene fand und suchte nirgends Ruhe als in neuen diplomatischen Intriguen. Man traute, man glaubte ihm nicht mehr, und suchte seiner Dienste sich zu entledigen. Der Minister Villeroy sagte von ihm: »Es ist wahr, daß seine Leiden ihn nicht weiser und discreter gemacht haben, als er in seinem Glücke war.« Er ward seinen Gönnern in England wie in Frankreich am Ende zur Last, und selbst seine Pension ward ihm zurückbehalten, die von Heinrich IV. selbst nach dem heutigen Geldwerth überreich ihm gewährt war, aber nie zu seinen Bedürfnissen ausgereicht hatte. Doppelt verlassen, unglücklich sich (1610) in Frankreich fühlend, wandte der Flüchtling neue Anstrengungen an, die Erlaubniß zur Rückkehr zu erhalten. Er supplicirte in den allerdemüthigsten Briefen, klagend, daß ihm, der vor Kurzem noch über eine Rente von gegen 20000 Dukaten geboten, selbst die Mittel zum täglichen Brote fehlten. Der Erzbischof der canarischen Inseln, selbst Rath der Inquisition, verwandte sich dafür, aber Alles vergebens. Das Verdammungsurtheil der Inquisition von 1592 bestand zu Rechten. Von allen Freunden verlassen, legte er sich auf die Schriftstellerei und auf das Gebet. Er besuchte täglich die Kirche, und einige seiner Staatsschriften, die er jetzt herausgab, enthalten Lichtblicke, die den einst tiefblickenden Staatsmann verrathen. So rieth er dringend Spanien an: die Unabhängigkeit der Vereinigten Provinzen Hollands anzuerkennen; seine seit 1588 zerstörte Marine wieder herzustellen und – er wagte auszusprechen, daß für Spanien kein Heil aus der Entdeckung und Eroberung seiner Colonien erwachsen sei! Er ermahnt den Minister Lerma, nicht den reichen Klerus und den unersättlichen Ehrgeiz des Adels vor Allem zu berücksichtigen, sondern für das Volk zu regieren, welches nichts fodere, als strenge Rechtspflege, gleich für Alle, und eine gute Verwaltung! So predigte er mit wahrem Ernst gegen die Willkürherrschaft: »Weil ich die Erhaltung der Königreiche wünsche, wünsche ich die Erhaltung der Könige, und weil ich die Erhaltung der Könige wünsche, wünsche ich, daß die Könige sich in den erlaubten Grenzen halten. – Er spricht von einem ernsten Rathe Philipp's II., der einst zu ihm prophetisch gesagt habe: »Señor Antonio, ich fürchte sehr, wenn die Menschen sich nicht mäßigen, und wenn sie fortfahren, sich zu Göttern auf Erden zu machen, daß Gott nicht am Ende, dieser absoluten Könige überdrüssig, sie stürzt und der Welt eine andere Form gibt. « Da starb Perez selbst, von Alter, Armuth, Krankheit und Schwäche niedergeworfen, am 3. November 1611, in seinem 72. Jahre, in der Fremde. Sein treuer Gil de Mesa schrieb das Testament nieder, welches er ihm dictirte. Seine sechs überlebenden Kinder, mit ihrer kranken Mütter, versuchten nunmehr eine Revision seines Processes zu erlangen. Die traurige Geschichte dieser ihrer Kämpfe mit der furchtbaren Macht der Inquisition würde einen neuen Rechtsfall liefern, wenn der Gegenstand unsere Aufgabe sein könnte. Vergebens waren anfänglich alle ihre Anstrengungen, vergebens die schlagendsten Zeugnisse von ihnen zum Beweise dargebracht, daß ihr Vater als guter Katholik gelebt und gestorben, von der Sorbonne, den angesehensten Theologen und Juristen in Paris, vom päpstlichen Nuncius daselbst, ja ein Breve des Papstes selbst vom 26. Juni 1607, welches ihn von allen über ihn ausgesprochenen Censuren freisprach. Auch sein in rührender Sprache abgefaßtes Testament, worin er den Kindern nichts als seine Ehre vermachte, zeigte ihn ohne Erfolg vor den Inquisitoren als guten Katholiken. Perez' Kinder waren in die äußerste Armuth versunken und die Inquisition durfte nicht bekennen, daß sie geirrt habe. Nur die Gunst des Königs und minder vorurtheilsvolle Beisitzer des obersten Inquisitionsgerichts, welches nicht mehr den Befehlen eines Philipp II. zu gehorchen hatte, vermochte endlich, daß auf den Antrag eingegangen würde. Auch da erhoben sich noch unendliche Schwierigkeiten und eine ungebührliche Verzögerung. Kein Advocat wollte anfänglich die Sache der heruntergekommenen Familie annehmen, man stieß Perez' ältesten Sohn, Gonzalo Perez, der als Bevollmächtigter der Familie handelte, verächtlich fast von der Schwelle des Gerichts, man machte es ihm zum Verbrechen, daß er anständig gekleidet erscheine, für den Sohn einer gebrandmarkten Familie zieme sich das nicht. Die Zeugen aus der Ferne konnte er, wegen Geldmangels, nicht citiren lassen. Trotz der Zeugen aus der Nähe, die alle günstig aussagten, fiel das Erkenntniß des Inquisitionstribunals zu Ungunsten der Antragsteller aus. Es mußte von dem unparteiisch die Sache betrachtenden obersten Gerichte erst umgestoßen werden, und da erst, nachdem der Proceß am 21. Februar 1612 begonnen, wurde unterm 1. April 1615 von dem letzteren erklärt, daß Antonio Perez nicht von einem Juden abstamme, nicht Ketzer gewesen, daß sein Andenken gereinigt werde und seine Kinder und Nachkommen in ihre Rechte wieder eingesetzt würden, und fähig Ehrenstellen im Staate zu bekleiden. Selbst dieser, durch eine Randbemerkung von des Königs Hand gebilligte Entscheid erlitt noch lange Verzögerungen, bis er die gehörige Rechtsform durch das Inquisitionstribunal von Saragossa erhielt. Der Kerker von Edinburg 1736 - 1737 Wir sahen in dem vorigen Falle, wie Aragon seine uralten Rechte und Freiheiten verlor, weil es, auf dieselben sich stützend, einen Angeklagten und Verfolgten vor der Willkür und Tyrannei schützen und seinen gesetzlichen Richter ihm erhalten wollte. Es war ein Act der Gewaltthätigkeit, gegen die kein anderer Recurs ist, als vor das Forum der Geschichte, die denn auch längst über diesen Fall ihr Urtheil abgegeben hat. Aber über die Rechtsfrage, in welche, bei einem geordneten Rechtswesen, der merkwürdige Fall gestreift hätte: ob ein ganzes Gemeinwesen rechtlich für die Schuld seiner Mitglieder aufzukommen hat, ob, angenommen, daß die Mehrzahl der Bürger einer Stadt, einer Provinz, sich gegen das bestehende Gesetz vergangen, die Uebertretung einer Generation die Strafe auch der folgenden Generationen rechtlich nach sich ziehen, ob also eine Corporation ihre alten Rechte für alle Zeit verwirken könne, weil die zur Zeit lebenden Mitglieder durch Misbrauch ihre eigene Berechtigung verwirkten? – über diese Rechtsfrage blieb der Proceß noch lange schwebend und er schwebt eigentlich noch heute, weil er keinen Richter finden konnte, als die Gewalt. Die Theorie, welche die Negative behauptete, vermochte nicht aufzukommen gegen die Praxis, welche sich auf die ultima ratio der Mächtigen stützte. Aber diese Praxis, im weitern Sinne, hat in gesitteten Staaten ihre eigenen Vergehungen in der Regel wieder gut gemacht, indem die in einer Zeit und von einer Generation entzogenen Rechte meistens in und unter den folgenden, bei einer Wendung der Verhältnisse wieder erstattet wurden. Durch alle politischen Revolutionen seit dem Ausgange des Mittelalters bis in die neue Zeit spielten diese Processe fort, in Rußland wie in England; nur die Formen waren verschieden. Wenn dort der alte Freistaat Nowgorod seine Rechte und Freiheiten, unter Blut, Brand und Leichen, unter der eisernen Hand des Despotismus, einbüßte, so war es im Grunde nur dieselbe Frage und dieselbe Ungerechtigkeit, durch welche der Stadt London unter den letzten Stuart's ihre Charte entrissen ward. Die Civilisation ging im Unrecht manierlicher zu Werke, und da sie in sich eine heilende Kraft hat, ward es sehr bald wieder ausgeglichen, während das untergegangene Nowgorod, wenn noch das Bewußtsein seines Leidens in ihm leben sollte, auf den Proceß von Jahrhunderten warten muß, bis mit der Cultur das Gefühl des gesetzlichen Rechtes das große Land erobert hat, in dessen Mitte, einst ein reiches Juwel, es jetzt eine Trümmerstadt liegt. Aber auch in Großbritannien hatte die Restitution der alten Corporationsrechte, welche in Folge der glorwürdigen Revolution eintrat, kein schirmendes Princip festgestellt. Alle Städte Englands hatten ihre Charten, die sie dem Throne freiwillig zu Füßen legen mußten, wieder erhalten, das hinderte aber nicht die neuen Gewalthaber, dieselben, welche kraft der Revolution das Regiment führten, ähnliche Unbilden, wie die gestürzten Stuart's zu begehen, und, um der Vergehen Einzelner willen, die Hand nach den verbrieften Rechten einer Corporation auszustrecken, deren Macht ihnen unbequem war, die ihren Unwillen erregt hatte. Nur war der Begriff der Gesetzlichkeit schon so weit in der Nation vorgeschritten, daß keine Form verletzt werden durfte, und der Widerstand war so mächtig, daß der Sturm seine Kraft verlor und seine Wirkungen sehr gedämpft wurden. Der nachfolgende Fall, kein Criminalfall im speciel- leren Sinne, findet nur als Anhang des vorigen politischen Processes hier Aufnahme; im größeren Publicum ist er indessen durch die meisterhafte Bearbeitung, welche Walter Scott ihm in seinem Romane: »Das Herz von Midlothian« (deutsch: Der Kerker von Edinburg) ange- deihen ließ, schon bekannt. Auf diese mit classischer Ruhe gehaltene Darstellung eines Dichtwerks darf auch der juristische Referent verweisen; es wäre da nichts hinzuzusetzen und nichts hinfortzunehmen, als was jeder Leser von selbst als dem Stamm der Dichtung angehörig erkennt. Die Grundsätze der Staatspolitik, was den Handel anbetrifft, lagen zu Anfange des 18. Jahrh. in ihrer Kindheit; was nicht zu verwundern, da über ein Jahrhundert vergehen mußte, ehe nur das Bewußtsein unter den Erweckteren der Nation erwachte, daß man einen langen, engherzigen Traum geträumt. Die Staatsweisheit überbot sich in ängstlichen Restrictivmaßregeln, in Gängelung, Ueberwachung und Verboten. Darin war kein Unterschied zwischen Whigs und Tories, zwischen dem Oranier, den Hannoveranern und den Stuarts. Das Volk dagegen betrachtete diese Maßregeln als einen Druck der Willkür, die Wächter des Gesetzes als seine Feinde, gegen die ein offener und geheimer Krieg durch das Naturgesetz erlaubt, durch die Moral nicht verboten sei. Namentlich in dem damals mannich fach gedrückten und verletzten Schottland, das noch aus tausend Wunden grausamer Verfolgungen aus den bürgerlichen und Religionskriegen blutete, hatte sich der Geist der Widersetzlichkeit in den Widerstand gegen die Zollgesetze geflüchtet. Schottland war zur Union mit England gezwungen worden, seine Kaufleute sahen in derselben den Ruin ihres Handels zu Gunsten des schon so reichen Englands, sie betrachteten den Schmuggel- handel als einen erlaubten Act der Selbsthülfe; Schottlands buchtenreiche Küsten waren wie von selbst dazu geschaffen, das arme Volk, welches sie bewohnte, war von selbst den Schleichhändlern verbündet, es fand seinen guten Erwerb dabei. – Ueber alle diese Verhältnisse sind Scott's frühere Romane die deutlichsten und sichersten Commentare. Die Wohlgesinntesten, Angesehensten, Loyalsten und Frommen sahen, wie er versichert, in der Begünstigung des Schleichhandels nichts Unrechtes, nur etwas Verbotenes. Die Gefahr lockte die Kühnen, der Gewinn Alle. Vergebens hatte das neue Parlament im Jahre 1736 ein neues Gesetz erlassen, um den Schleichhandel zu ver- hindern; es kümmerte das Volk in Schottland wenig, was die gesetzgebende Versammlung in London, wo ihr Land so stiefmütterlich vertreten war, für Recht erklärte. Es wurde nach wie vor geschmuggelt, und blutige Kämpfe fielen an den Küsten zwischen den Grenzwächtern und den Schleichhändlerbanden vor, auf deren Seite das Volk jederzeit stand, sei es durch thätige Beihülfe oder indem es die Waaren verbarg und den Fliehenden durchhalf. Im Herbste jenes Jahres war ein gefährlicher Schleichhändler, der gefangen und dem Gesetze verfallen war, hingerichtet worden. Die Execution veranlaßte einen heftigen, blutigen Aufstand John Porteous , der die Stadtwache befehligte, war ein sehr unpopulairer Mann. Von rohen und schlechten Sitten, brüskem Wesen, dem Trunk ergeben und auch im Uebrigen ein Charakter, der nicht auf Achtung Anspruch machen konnte, ließ er sich von den Schimpfreden des Pöbels zum Zorn verleiten. Es kam so weit in den Thätlichkeiten, daß der Hauptmann seinen Leuten zu feuern befahl. Dies geschah, ohne daß die vom Gesetz vorgeschriebenen Förmlichkeiten beachtet wurden, und hatte die traurigsten Folgen. Die Soldaten gehorchten blindlings ihrem erhitzten Anführer und feuerten in die Volkshaufen. Mehre, und gerade unschuldige Personen, verloren das Leben, andere wurden verwundet. Dieser Frevel durfte nicht hingehen; das vergossene Blut schrie zu laut, die Ankläger traten vor, und Porteous ward arretirt, der Proceß gegen ihn eingeleitet und nach einer vollständigen Untersuchung, bei der es nicht an Zeugen fehlte, ward der Uebertreter des Gesetzes für schuldig erklärt und zum Tode verurtheilt. Der Tag der Hinrichtung war schon angesetzt, der 7. September 1736. In Edinburg und der Umgegend betrachtete man die Execution als einen Act der Nothwendigkeit sowol als der Gerechtigkeit, da es galt, durch ein Blutopfer den Schmerz und die furchtbare Aufregung des Volkes zu besänftigen, und gar keine Gründe vorlagen, Porteous' Verbrechen in einem milderen Lichte zu betrachten. Auch waren alle Vorbereitungen getroffen, als für Alle unerwartet ein Courier aus London eintraf, welcher den königlichen Befehl überbrachte, daß die Hinrichtung auf sechs Monate verschoben werden solle, was dem Wesen nach soviel als eine Begnadigung war. Welche Motive die Königin, die von Georg II. bei seiner Abreise nach Hannover zur Regentin ernannt worden, zu dem Schritte bestimmt, blieb unbekannt, aber bei der Volksstimmung konnte nichts Unglücklicheres geschehen als dieser Gnadenact. Ganz Edinburg erblickte darin nur eine Verhöhnung seiner Gefühle, seiner Rechte. Die Diener der Gewalt sollten auch die Schranken, welche das Gesetz ihnen stellte, ungestraft überschreiten dürfen, wo es Bürgerblut vergießen galt. Wenn selbst ein Porteous ungestraft davon kam, welche Bürgschaft blieb den Bürgern, dem Volke, daß die Excesse der Gewalt nicht immer schreiender wurden? Man erinnerte sich, daß in letzter Zeit schon mehre Militairpersonen, welche in Schottland wegen Vergehen in vollkommen gesetzlicher Weise zum Tode verurtheilt waren, begnadigt worden; also hatte es den Anschein, als wolle man das schon so stiefmütterlich behandelte Land mit bewußter Absicht einer zügellosen Soldateska preisgeben. Die Wirkung der Nachricht durchzuckte elektrisch die ganze Bevölkerung, der Eindruck auf das niedere Volk war aber unbeschreiblich. In allen Kreisen betrachtete man sie als einen Schimpf, der Nationalehre zugefügt, im niedern Volke aber insbesondere erregte sie eine Wuth, der zuerst die Worte fehlten. Jede Hinrichtung ist für dasselbe ein Festtag, ein Ereigniß, das es herausreißt aus den Schranken der Alltäglichkeit. Nun sollte ihm einmal Recht widerfahren gegen einen gefürchteten, verhaßten Unterdrücker; es sollte leiden sehen einen von Denen, die ihm soviel Herzeleid verursacht, und den ärgsten unter ihnen. Die Verwandten der vielen Verwundeten und Getödteten hatten mit ihren Erzählungen von dem Blutbade alle Gemüther so entzündet, daß Jeder die Strafe als eine Genugthuung für sich selbst betrachtete. Und dies Schauspiel war vereitelt, die Hinrichtung sollte aufgeschoben, der Verbrecher später begnadigt, wahrscheinlich entfernt, ihrer Rache entzogen werden! Das konnte man nicht dulden. Wie der allgemeine Wille zum Entschluß wurde, wie so schnell, so geheim, mit einer so merkwürdigen Uebereinstimmung berathen und gehandelt wurde, wer die Rädelsführer, die Anführer waren, ist nie ermittelt worden. Aber das stillschweigende Urtheil des Volkes lautete: daß der Hauptmann John Porteous an demselben Tage und auf dieselbe Art, wie die Richter das Todesurtheil ausgesprochen, hingerichtet werden müsse. Das Volk wollte das Gesetz vollziehen, dem königlichen Einspruch zum Trotz. Bei Einbruch der Nacht füllten sich die Gassen und Plätze der Stadt mit Volkshaufen. Es blieb still wie vorher, aber jede Gruppe schien durch verborgene Anführer geleitet, die in vollkommener Uebereinstimmung handelten. Es war etwa gegen 10 Uhr, als die verschiedenen Haufen sich nach den Thoren der Stadt bewegten. Die Wachen an denselben waren zu schwach, ihnen Widerstand zu leisten; auch scheint es dort zu keinen Contentionen gekommen zu sein, denn die Haufen begingen eigentlich nichts Ungesetzliches; sie verrammelten nur die schon geschlossenen Thore noch fester, damit die in der untern Stadt liegenden Truppen nicht in die Oberstadt, welche ihnen ohnedies gesetzlich abgesperrt war, eindringen könnten. Fast zu gleicher Zeit wurden von anderen Haufen die Stadtwachen überfallen und entwaffnet und die Executionstruppe erschien vor dem Gefängniß der Stadt, erbrach die Thüren und riß den unglücklichen Hauptmann Porteous, nach kurzer Freude, die ihm der königliche Befehl bereitet, aus seiner Zelle, wohin, konnte ihm kein Zweifel sein. Auch die Mehrzahl der andern Gefangenen benutzte die Gelegenheit zu entwischen. Porteous ward nach dem Platze, wo die Hinrichtungen stattfanden, gerissen, und in Ermangelung eines Galgens, der nicht so schnell aufgerichtet werden konnte, knüpfte man ihn an einer Färberstange auf. Nachdem er ausgelitten und kein Lebenszeichen mehr von sich gab, war das Werk vollbracht, die Rache befriedigt, dem Gesetze Genüge gethan. Ohne Tumult, ohne andere Ausschweifungen, zerstreuten sich die vielen Tausende ruhig in die Straßen, in ihre Wohnungen. Nach wenigen Stunden war es todtenstill in Edinburg, als wäre die Ordnung nie unterbrochen gewesen, und nur die Leiche des Hauptmanns an der Färberstange und das erbrochene und leere Gefängniß blieb als corpus delicti zurück. Spätere Untersuchungen ergaben, daß die städtische Obrigkeit nicht so unthätig bei der Sache sich benommen, als es den Anschein hatte, aber ihre Kräfte hatten nicht ausgereicht, einzuschreiten; sie waren an dem passiven Widerstande der Massen gebrochen. Dagegen stellte sich ebenso klar heraus, daß hier ein vollständiger wohlüberlegter Plan zum Grunde gelegen. So rasch, so in der Stille, so übereinstimmend handelt selten oder nie eine von wilden Zorngefühlen aufgeregte Volksmasse; so ruhig, ohne Geschrei, Plünderung, ohne Excesse des Muthwillens oder des Eigennutzes, wird sich ein roher Pöbelhaufe nach dem Gelingen einer solchen That nicht wieder zerstreuen. Der eigenthumslose Haufe war einen Augenblick Herr der Stadt, aber man erfuhr von keinem Eingriff in Anderer Eigenthum, nicht einmal von andern Ausbrüchen des Zorns, vom Jubelgeschrei befriedigter Rache. Es war das stille Werk einer wohlüberlegten, consequenten Strategik, alle Handelnden erschienen nur als Agenten, Werkzeuge, aber das Haupt fehlte und aller Nachforschungen einer strengen Untersuchung ungeachtet war es nicht zu finden. Wie man die Sache in London, als sie dort bekannt wurde, ansehen mußte, spricht für sich selbst. Am Hofe war das Aufsehen über die unerhörte Frechheit der Edinburger kaum geringer, als vorhin das in Edinburg, da man, von der königlichen Begnadigung erfuhr. Das königliche Ansehen war verletzt, verhöhnt. Ein Tumult, ein Aufstand, in welchem ein königlicher Statthalter erschlagen worden, hätte nichts so Beleidigendes an der Stirn getragen, als diese kalte und gewaltige Verhöhnung der Autorität der Krone. Das Volk hatte ihr Begnadigungsrecht angetastet, was doch bisher in allen Parteikämpfen unangerührt geblieben, selbst unbestritten. Ob die Königin Regentin früher aus eigenem Impuls, aus Regungen weiblichen Mitleids die Begnadigung für Porteous ausgesprochen, oder ob es ein Act der Politik gewesen, zu dem sie durch ihr Ministerium veranlaßt worden, ist nicht ausgemacht. Jetzt aber war es eine Sache, welche beide, das persönliche Gefühl und die Würde der Königin und zugleich die Autorität ihrer Regierung, des Ministeriums, angriff. Es durfte nicht so hingehen; die gewöhnlichen Strafmaßregeln schienen den Beleidigten nicht auszureichen. Zumal nicht bei den obwaltenden Verhältnissen. Im ganzen Königreiche waltete dazumal ein Geist des Ungehorsams ob, der sich in Tumulten und offenen Aufständen kund gab, welche allerdings auf gewöhnlichem Wege und durch Anwendung der gesetzlichen Mittel zu bewältigen gewesen wären. Der Verwaltung fehlte aber einerseits die moralische Kraft, auf der andern stand auch die Regierung selbst, das Haus Hannover, den vertriebenen Stuarts gegenüber, obgleich bereits 46 Jahre seit deren Austreibung verstrichen waren, und der vierte Regent aus den neuen Dynastien auf dem Throne saß, noch nicht vollkommen fest. Den Zeiten großartiger Aufregung und Opfer für die Freiheit war eine geistige Mattigkeit, es waren kleinliche Kämpfe um Parteiinteressen gefolgt. Es fehlte dem Regenten, den Ministern, den Parteiführern an moralischer Kraft, an einem Bewußtsein ihrer Stellung. Die wahrhaft großartige Entwickelung des englischen Parlaments, die Stahlschmiede der englischen parlamentarischen Freiheit, trat erst weit später beim Ausbruch der amerikanischen Revolution ein. Nur einem solchen Zustande von geistiger Entkräftung, dem Mangel an nationalem Selbstvertrauen beim Eindringen von französischer Philosophie und Poesie, ist es zuzuschreiben, daß 10 Jahre nach dem Zeitpunkte, von dem wir reden, und 60 Jahre nach der Verjagung des zweiten Jacob die Legitimistenpartei es noch zu einem Aufstande, wie der unter Karl Eduard, und zu einem Erfolge, bis zu dem der Schlacht von Culloden bringen konnte. In Schottland waren die Verhältnisse noch besonders modificirt. Die Wunden, welche die mit Schmerzen und Kämpfen bewirkte Union dem Volksgefühl geschlagen, waren noch nicht vernarbt. Wie sollte es auch sein, wenn der Schotte daran zurückdachte, daß die ganze Nation sich gegen diese Verbindung gesträubt, daß alle Parteien, auch die sonst in Todhaß sich gegenüber standen, in diesem Punkte verschlungene Arme gemacht, daß die Cavaliere und die Volksfreunde, schottische Tories und Whigs, die legitimistischen Feudalfamilien mit den von ihnen gehaßten und sie hassenden Puritanern, in deren äußersten, fanatischesten Sekten, ja daß Cameronianer, Cavaliere, der Bürgerstand, die Kaufleute, und selbst die wenigen Katholiken und Episcopalen mit der ganzen schottischen Kirche, das ist die Masse des Volks, in Einklang mit seinen Notabilitäten in allen Richtungen, gegen die Union aufgetreten waren, daß Schottland an der Schwelle des Bürgerkrieges gestanden, englische Regimenter sammelten sich schon an der Grenze; wenn – sagen wir – der Schotte daran dachte und sich dann ins Gedächtniß zurückrief, daß dieser ganze Widerstand ebenso großartig als vergeblich gewesen, denn 20000 Pf. Sterling, welche der königliche Commissarius aus London zu rechter Zeit sich herübersenden lassen, hatten ihn vollständig überwunden. Mit 20000 Pf. Sterling hätte England das schottische Parlament erkauft, daß es seinen eigenen Tod votirte. Die Erinnerung an diese Schmach, dieses Selbstaufgeben seiner von den Vorältern ererbten, von ihnen durch tausendjährigen blutigen Kampf gegen England bewahrten Selbständigkeit und Freiheit nagte noch an der Nation, an den Einzelnen. Sie waren verkauft, und noch war ihnen die Ueberzeugung nicht gekommen, daß der Kaufpreis doch ein höherer war als die 20000 Pf. Sterling, mit denen sich die Parlamentsführer bestechen ließen, daß nämlich Schottlands Blüte in Handel, Landescultur, Wissenschaft und Kunst aus dieser Verschmelzung erst sich entwickeln sollten. Selten ist eine Opposition so entschieden, so einstimmig, so heftig, so beredt gewesen, selten hatte sie in dem Maße für sich altes Recht, nationale Gefühle, kluge Berechnung, Billigkeit und den gesunden Menschenverstand, und nie ist Alles, was man damals' darüber dachte, schrieb und fürchtete, so zum Gegentheil ausgeschlagen. Aber die Schotten dachten, wie gesagt, damals noch anders, in Allem, was von Seiten der Regierung und des Parlamentes geschah, erblickten sie gehässige Nachstellungen; die Engländer und die Regierung in Allem, was in Schottland vorfiel, den Versuch, sich aus dem Koppeljoche loszumachen. Die Untersuchungen in Edinburg hatten zu keinem Resultate geführt. Der natürliche Schluß war, daß die Gerichte und Behörden dort nichts finden wollen, der nächstfolgende, daß sie Grund hatten, die Sache in ihrem Dunkel zu belassen und daß die Hauptschuldigen sich in ihrer eigenen Mitte finden dürften. Bei der nächsten Parlamentssitzung brachte Lord Carteret die Sache im Oberhause zur Sprache. Er zählte alle die Tumulte und Aufstände her, die letzthin in den verschiedenen Theilen des Königreichs stattgefunden; keiner derselben sei indeß eine so schreiende Beleidigung, eine so arge Widersetzlichkeit gegen den Willen und die Ansichten der Regierung als die gegen den Capitain Porteous verübte Ermordung. Die öffentliche Ordnung, der Friede des Reiches sei gebrochen, und in der Art, wie das Verbrechen mit Vorbedacht und äußerm Anstande ausgeführt sei, liege die höchste Gefahr für die Zukunft, wenn Regierung und Parlament nicht mit aller ihnen zu Gebote stehenden Macht einschritten. Nicht das Volk allein, sondern auch Bürger von Edinburg mußten bei dem Verbrechen mit gewirkt haben; dafür spreche eben jene Ordnung bei der nächtlichen That, dann aber insbesondere der Umstand, daß, wiewol eine Belohnung von 200 Pf. Sterling für Den ausgesetzt worden, der einen Theilnehmer am Tumult angebe, bis jetzt auch noch nicht eine einzige Person angegeben worden. Er schloß weiter, daß auch die Behörden und der Magistrat der Stadt Edinburg dabei im Spiel gewesen sein müßten. Sein Antrag ging auf die strengste Untersuchung deshalb und eventuell darauf: daß der Stadt ihre Charte genommen werde. Der Antrag ward vom Herzog von Newcastle und dem Earl von Ilay unterstützt. Doch zweifelte der Letztere schon: ob man einer Stadt ihre Gerechtsame nehmen dürfe, wenn es auch erwiesen wäre, daß ihre Magistratspersonen sträflich gehandelt. Das Haus der Lords beschloß: daß die Magistratspersonen von Edinburg, so wie auch verschiedene Andere, von denen man Auskunft über die streitige Angelegenheit bekommen dürfte, vor das Oberhaus geladen werden sollten. – Ferner: daß eine Adresse an den König zu erlassen, welche den Wunsch ausspräche, daß sämmtliche Berichte und Papiere, die über den Tod des Hauptmann Porteous sprächen, dem Hause zur Durchsicht vorgelegt würden. Die Papiere wurden vorgelegt, die Zeugen kamen an; unter ihnen drei schottische Richter. Man wollte gründlich und mit Beachtung aller Formen verfahren. Es erhub sich daher eine Debatte darüber, wie diesen drei Richtern der ihnen gehörige Platz anzuweisen sei: ob sie, wie gewöhnliche Zeugen, an der Schranke zu verhören, ob an dem Tische, oder ob sie, ihrer Würde gemäß, auf dem Wollsack sitzen sollten? Einige schottische Lords sprachen eifrig für das Letztere: die schottischen Richter müßten das Recht haben, zunächst den Richtern von England zu sitzen. Nach einer hitzigen Debatte ward dieser Antrag verworfen und beschlossen: daß die schottischen Richter gleich den andern Zeugen vor der Schranke des Hauses, aber in ihren Amtsroben zu erscheinen hätten. Endlich ward eine Bill eingebracht, welche den mehr allgemeinen Antrag des Lord Carteret dahin motivirte: Daß der zeitige Lord Prevost von Edinburg, Alexander Wilson, Esquire, wegen seines Benehmens während des Aufstandes in gedachter Stadt, für unfähig erklärt werde, irgend eine Anstellung in der Magistratur von Edinburg, noch in irgend einer Stadt des vereinigten Königreiches zu bekleiden; daß besagter Alexander Wilson in gefängliche Haft zu bringen; daß das Corps der Stadtwacht (Municipalgarde) von Edinburg aufzulösen; und endlich: daß die Thorflügel des Thores, genannt Unter Bow- Port, auszuheben und fortzuschaffen, damit die Communication der Oberstadt mit den untern Stadttheilen, wo die königlichen Truppen im Quartiere liegen, frei werde. Mit Heftigkeit trat der Herzog von Argyle als Opponent gegen diese Bill auf. Er erklärte: das Verfahren, was man einschlage, sei so verkehrt, hart und übereilt, daß man in der Geschichte des englischen Parlaments keinen Vorgang finden werde, der diesem nur im Entferntesten gleiche. Es sei nicht ein Act der Gerechtigkeit, sondern eines parlamentarischen Unwillens, durch ein Gesetz ex post facto eine vorangängige That zu strafen, nicht nur an einer einzelnen Person, sondern an einer ganzen Corporation. Weshalb neue Gesetze machen für Verbrechen, über die, nach den bestehenden, auch die untern Gerichtshöfe vollkommen entscheiden könnten? Sollten daher der Lord Prevost von Edinburg und die Bürger dieser Stadt nach den Bestimmungen der vorliegenden Bill eine Strafe büßen, so würden sie büßen als Märtyrer durch ein grausames, ungerechtes und phantastisches Verfahren. Als er, Argyle, in dem schottischen Parlamente gesessen, sei der Unionsvertrag abgeschlossen worden, welcher bestimme, daß die Privilegien der königlichen Städte ebenso unangetastet durch die Union bleiben, als die Religionsverhältnisse. Das heißt: kein folgendes Parlament von Großbritannien habe ein Recht, das Bestehende umzuändern. (Diese Grundsätze, hier liberaler Seits gegen die Macht der Krone vorgebracht, wurden, wenn wir uns recht erinnern, auch beim Kampfe gegen die Reformbill geltend gemacht; das britische Parlament habe kein Recht, die vertragsmäßig verbrieften Rechte Schottlands umzuändern. Dann wäre Schottland durch den Unionsvertrag zu ewiger Stabilität verdammt gewesen, da kein schottisches Parlament mehr existirte, noch derselben Acte zufolge existiren konnte, welches das einmal Beschlossene umändern können.) So beredt und warm der schottische Pair die Sache seines Landes führte, drang er nicht durch. Das Ministerium Walpole hatte eine Majorität hinter sich, welche, durch keine moralischen Gründe aus ihrer Festung zu schlagen war. Auch darin ging im Laufe des vorigen Jahrhunderts, eine unverkennbare Aenderung zum Bessern vor. Die Bill ward hinuntergeschickt ins Haus der Gemeinen. Hier aber entspann sich einer der heftigsten Kämpfe. Die Untersuchung über alle Umstände, welche der Ermordung des Hauptmann Porteous vorangingen und sie begleiteten, ward auf das Allersorgfältigste und bis in die kleinsten Details geführt, und nachdem alle möglichen Zeugen aufgerufen und vernommen waren, ergab sich für die Unbefangenen Folgendes als Resultat, wiewol man auch bei dieser Untersuchung auf den eigentlichen Kern der Sache zu dringen, aufgeben mußte. Keiner der eigentlichen Bürger und Freisassen von Edinburg schien bei dem Aufstande betheiligt. Als Theilnehmer desselben erschienen hauptsächlich Landbewohner, die von den Verwandten der Umgekommenen aufgeregt worden. Sie fanden aber bereitwilligen Beistand und Anhang in den Lehrburschen der Handwerker und allen Vagabunden und Gesindel, das sich in den Straßen der Stadt umtrieb. Es ward dargethan, daß der Lord Prevost mehre Vorkehrungen getroffen hatte, um das Unglück zu vermeiden, was er voraussehen können. Er war auch in der Nacht selbst auf den Straßen erschienen, und in seinem Versuche, die Leute zur Ruhe zu bringen und sie zu bewegen, daß sie auseinander gingen, war er Gefahr gelaufen und hatte sich nicht gescheut, von ihnen thätlich beleidigt zu werden. Es schien, daß, wenn er gefehlt, es mehr aus Mangel an Geistesgegenwart und Erkenntniß der rechten Mittel geschehen, als aus Mangel an ernstem Willen, den unglücklichen Porteous zu retten. Ferner war ermittelt, daß Lindsay, das Parlamentsmitglied für Edinburg, noch während des Aufruhres sich in Person zum General Moyle begeben, dem Befehlshaber der Truppen in Schottland, ihn von dem Aufstande unterrichtet und inständigst gebeten habe, daß er augenblicklich mit seinen Soldaten zu Hülfe komme. Auch hatte Lindsay ihm versprochen, seine Truppen in die Stadt zu führen. Aber das Ansuchen des Parlamentsmitgliedes ward von dem General abgewiesen, weil er keine schriftliche Anweisung deshalb von den städtischen Behörden vorweisen könne. Lindsay hatte eine solchaber weder in der allgemeinen Verwirrung erhalten können, noch hätte er sich mit einer solchen durch das ergrimmte Volk hinausgewagt. Sämmtliche schottische Mitglieder boten ihr Aeußerstes auf, um ihre Hauptstadt zu vertheidigen. Auch wurden sie von mehren der angesehensten Häupter der damaligen englischen Opposition unterstützt. Lord Polewarth erklärte: wenn irgend ein ehrenwerthes Mitglied ihm nachwiese, daß auch nur eine von den Anschuldigungen gegen den Lord Prevost und die Stadt Edinburg erwiesen sei, er augenblicklich der Bill seine Beistimmung geben wolle. Jedes Mitglied möchte aber die Hand an's Herz legen und sich fragen, ob es, wie jetzt, zu Gunsten der Bill stimmen würde, wenn die Sache nicht Edinburg beträfe, sondern die Stadt London, York oder Norwich; ob sie da nicht fodern würden, daß jeder Punkt der Anschuldigung vollständig und unwiderlegbar vorher erwiesen wäre? Warum denn anders, da es nun die erste Stadt Schottlands betreffe? So erschien also auch vor dem Parlamente der Kampf als der zwischen zwei eifersüchtigen oder misgünstigen Nationalitäten, und in diesem Sinne ward er von der Mehrheit des englischen Parlaments entschieden. Das Ministerium war, wie gesagt, seiner Majorität gewiß. Es ließ einige Amendements und Milderungen zu, und so umgeändert ging die Bill durch, und erhielt die königliche Beistimmung. Ihre Resultate sind für Edinburg in der Praxis nicht weiter drückend geworden und der Porteousstreit könnte nur als ein letztes Aufflammen der politischen Rivalität der vereinten Königreiche erscheinen, wenn nicht acht Jahre später der romanhafte und anfangs mit wunderbarem Glück gekrönte, letzte Versuch der Stuarts eingetreten wäre, in welchem ein Theil der schottischen Bevölkerung durch Parteinahme für den Prätendenten die Unbilden zu rächen suchte, welche sein Vaterland vermeintlich von Seiten der englischen Regierung erduldet hatte. Die Schlieffen und die Adebar um 1470 In der Stadt Colberg, in Pommern an der See, waren vor Alters zwei Geschlechter die gewaltigsten: die Schlieffen und die Adebare (Adebar). Am Ausgang des funfzehnten Jahrhunderts lebten aus den beiden Geschlechtern zwei junge Männer in solcher Freundschaft miteinander, daß sie wie Brüder galten. Der von den Adebar hieß Benedictus und hatte des nachmaligen Bischofs zu Kamin Schwester zur Ehe. Der Andere von den Schlieffen hieß Niclas. Beide genossen aller Ehren guter Bürger und Edelleute. Eines Abends waren sie miteinander in froher Gesellschaft, wo der Wein die Köpfe erhitzt haben mochte. Niclas Schlieff ging zu guter Zeit vor dem Anderen heim und legte sich, da er müde war, zu Bette. Etwa eine Stunde darauf kehrte auch Benedictus Adebar nach Hause, und es scheint, daß Beide in einem Hause gewohnt, wo nicht in einer Stube geschlafen haben. Der Adebar klopfte an die Thür, und Schlieff, der aufwachte, hörte gleich, daß es der Freund war. Er sprang im Hemde auf, um ihn einzulassen. Aber Adebar, als er es hörte, wollte ihn, vielleicht in einer Weinlaune, erschrecken. Er stach also mit seinem Schwert durch die Thüre. Niclas Schlieff sah es nicht in der dunkeln Stube, und da er hastig nach der Thür stürzte, um dem Freunde zu öffnen, lief er ins Schwert. Er schrie laut, doch öffnete er noch die Thür und sprach zum Adebare: Benedict, du hast mich hart erstochen! Da erschrak Adebar und that, was an ihm, daß er dem armen Freunde helfe. Er verband ihm, oder, wie es heißt, er verstopfte ihm die Wunde, so gut er mochte, und bat und flehte ihn an, daß er's »aus keinem bösen Gemüthe, sondern aus Fürwitz gethan«. So führte er den Verwundeten in der Stille zum Arzte, der ihn verband. Aber Schlieff fand sich sehr übel, »er vertrauete sich nicht lebendig zu bleiben«. Da nahm er alle seine Kraft zusammen und warnte seinen Bruder und Freund, daß er nicht in der Stadt bleiben, sondern schnell daraus weichen müsse, denn: »wenn seine (des Schlieffen) Freundschaft ihn erhaschete, müßte er wieder sterben, welches er ihm denn nicht gerne gönnte.« Adebar war sehr unglücklich, daß er also wider allen seinen Willen seinen guten Gesellen und liebsten Freund in Todesgefahr gebracht und sich selbst in große Sorge. Und wie der Freund sagte, mußte es geschehen. Doch wich er nicht aus der Stadt, ob er es gleich in der Nacht noch gekonnt; er mochte nicht fort von dem Sterbenden und versteckte sich nur. Niclas Schlieff starb bald an der Wunde, die tödtlich gewesen, und sobald er todt war, suchte seine Freundschaft, an der es nun war, den Todten zu rächen, mit allem Eifer nach Dem, der ihn getödtet. Sie finden ihn und setzen ihn ins Gefängniß. Adebar's Freundschaft nahm nun auch die Sache auf sich und that, was an ihr war, um die Sache in Güte zu vertragen. Benedictus' Schwestermann, Dr. Martinus Carit, der nachmalige Bischof von Kamin, that »viel Bitte und Mühe um Adebar, daß er möchte auf gebührlichen Abtrag loswerden«. (Das heißt, er bot den Schlieffen nach der altgermanischen Sitte das Blutgeld an, daß sie ihr Recht sich abkaufen ließen und von ihrer Verfolgung abstünden. Eines der letzten Beispiele, die wir wenigstens in der Rechtspraxis von diesem uralten Herkommen finden; bei kleineren Vergehen in den untersten Classen der bürgerlichen Gesellschaft mag es noch öfters vorkommen.) Aber die Schlieffen wollten ihr Recht und keine Abfindung. Sie zogen Benedict Adebar vor das Gericht, das feierlich gehegt ward, und die Richter fanden gegen ihn das Todesurtheil. Erst nachdem er verurtheilt war, erklärten die Schlieffen: »nun wollten sie ihn losgeben, damit daß man sage, daß sie ihm das Leben geschenkt hätten.« Nun aber wollte Adebar und seine Freundschaft es nicht annehmen, denn sie meinten: ein Verurteilter wäre des Lebens nicht weiter werth. Benedict Adebar trat vor die Richter und Schöppen und die anklagende Sippschaft hin und erklärte offen und freien Muthes, er wolle viel lieber bei seinem guten Gesellen und Bruder, dem erschlagenen Schlieff, sein, denn so länger leben. Und damit war der Proceß abgethan, sein Urtheil war gefunden, er hatte die Gnade des Anklägers nicht angenommen, eine andere gab es nicht, noch hätte sie der Verurtheilte angerufen. Also mußte Benedict Adebar sterben; aber nicht als ein Missethäter. Der Nachrichter und seine Diener durften ihn nicht anrühren, sondern er ging gutwillig den letzten Weg, und der gesammte Rath von Colberg und die ganze Stadt begleitete ihn, »und Alle betrübten sich seinethalben«. Adebar's Schwester, die Aebtissin war im Jungfrauenkloster zu Colberg, trat ihm am Thore mit einem Crucifix in der Hand entgegen und sprach mit fester Stimme zu ihm: er solle auf Gott trauen und in seinem Glauben sterben. So kam der Zug aus dem Thore hinaus und ging nach dem Kirchhof. Weil er kein Missethäter war, war ihm vergönnt worden, daß er nicht auf der Richtstätte, sondern auf einem Kirchhof sich den Kopf abhauen lasse. So geschah es. Diese einfache, rührende Criminalgeschichte, die uns Cantzow in seiner Pomerania aufbewahrt hat, nehmen wir nicht als eine den von uns erzählten Fällen ebenbürtige, vielmehr als ein merkwürdiges Gegenstück, als die Reliquie von Rechtserscheinungen und einem Rechtsverfahren auf, welches uns als das gerade Widerspiel zu dem unseren erscheint. So spiegelt sich, nach Ausgang des funfzehnten Jahrhunderts, noch kurz vor der Reformation, in dieser Geschichte die germanische Vorzeit wieder in ihrer rührenden und unbeholfenen Kindlichkeit der Begriffe von Recht und Unrecht, Begriffe, die nach den unsern zum hellen Unrecht wurden; aber das starke und gläubige Geschlecht fügte sich in einem Gehorsam darunter, der durch stumme Willigkeit erhebend wird. Nicht die Absicht macht in allen rohen Völkern das Verbrechen, sondern der Fatalismus der That. Der Freund muß den Tod des Freundes büßen, nicht wegen des unvorsichtigen Spieles mit dem Schwert, sondern weil es sein Schwert war, in das der Freund rannte. Wer Menschenblut vergießt, deß Blut muß wieder vergossen werden, gleichviel ob es aus böser Absicht, schwerer Verschuldung oder nur aus einer Nachlässigkeit geschah. Diesem Fatum unterwirft sich der Thäter ohne Murren. Aber die Vergeltung ist nicht Sache der bürgerlichen Gesellschaft, des Staates, der Obrigkeit; das Leben des Einzelnen gehört ihm und seiner Familie. Deren Aufgabe, Ehrenpflicht ist es, für das geraubte Leben, für das vergossene Blut ihres Blutsfreundes Rache zu nehmen. So sehen wir hier in einem germanisirten Lande, spät ins Mittelalter hinein, noch einen Anklang an die Blutrache. Der Richter muß das Leben des Thäters dem gekränkten Kläger zusprechen, aber in dessen Berechtigung ist es, wie zur Heidenzeit, das Blutgeld, die Abfindung, die Compensation dafür anzunehmen. Die Familie weigert sich, sie will ihr volles Recht, und dem Angeklagten kommt es nicht in den Sinn, es ihr zu bestreiten. Als die Freundschaft ihr Recht hat, will sie es erlassen, als ein Geschenk dem Gerichteten sein Leben wieder geben. Nun aber will er es nicht, er fühlt sich ehrlos dadurch, daß er vor Gericht gestanden und verurtheilt worden, er will nicht das entehrende Gefühl eines geschenkten Lebens, das Gefühl der Unfreiheit, das, dem freien Germanen fürchterlicher war, als der Tod. Darum geht er in den Tod, freiwillig, freudig, unter dem Bedauern Aller, der Freunde, Feinde und der Gleichgültigen. Aber es geht nicht anders, es ist Alles in der Ordnung, es muß so sein, und daher fügt sich Jeder darein wie in die Schläge des Schicksals, die kein Sterblicher abzuwenden vermag. Erinnert sich der Leser des Lesurques'schen Falles nicht unwillkürlich an denselben, und findet er nicht eine merkwürdige Parallele und doch zugleich einen moralisch schlagenden Gegensatz zwischen den beiden Nothwendigkeiten, die hier und dort ein für unsere Begriffe schreiendes Unrecht zum Recht erhoben? Bathseba Spooner 1778 In dem Orte Brookfield im Staate Massachusetts sieht man noch heute ein altes Haus stehen, das ernste und trübe Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit erweckt. Es ist ein einfaches, aber großes und ehrwürdiges Gebäude, zwei Stock hoch und nach der Mode jener Zeiten erbaut, wo man in seiner Lebensweise mehr die Behaglichkeit als den äußern Schein zu Rathe zog. Es liegt an der Nordseite einer alten Straße von Brookfield nach Worcester. Vor dem Hause stehen alte, ehrwürdige Ulmen. l Das Haus hat nicht mehr Putz und Farbe, die Einflüsse von Wetter und Zeit sind augenfällig, und bald wird es zur vollständigen Ruine werden. Ein Gespensterhaus könnte es für die neue Welt sein, so um sein altergraues, wettergepeitschtes Ansehen, als um die blutigen Erinnerungen, die sich daran knüpfen. Sie sind vollständig documentirt, aber auch die Sage hat sich ihrer schon bemächtigt, obwol hier nur von einer Vergangenheit von kaum siebenzig Jahren die Rede ist. Wenn Gespenster darin umgingen, könnte man eine wunderschöne Frau sehen, mit männlich stolzem, kaltem Blicke, einen schönen Jüngling, halb noch Knabe, der ihre Schritte verfolgt, Blutflecke im Schnee, einen Brunnen, aus dem eine bleiche, blutende Gestalt aufsteigt, Banditen, wilde Kriegsgesellen, die hinter der Mauer in ihren Raub sich theilen, und dann wieder, die schöne Frau zu Roß, wild über die Haide fliegen und endlich auf einem Karren, blaß, stumm, aber noch immer stolzen Blickes, den letzten Weg zum Gerichte fahren. Bei näherer Betrachtung löst sich freilich diese Poesie in eine sehr nüchterne, alltägliche, ja widrig gemeine Mordbegebenheit auf, wie sie in allen Ländern sich zutragen mag; und doch mit merkwürdigen, wir wissen nicht ob frechen oder naiven Zügen, die an rohe Naturzustände erinnern. Für den Amerikaner aber ist die Geschichte von großer Bedeutung; sie spielt hinein in seinen großen Freiheitskampf, politische Motive spielen, wenn nicht bei der That, doch bei der Anklage mit, und sie ist ein erstes, schändliches Verbrechen, welches das kaum gewobene weiße Kleid seiner Freiheit mit Blut befleckte. In jenem Hause wohnte im Jahre 1778 Joshua Spooner mit seiner Familie, ein wohlhabender Kaufmann, der sich aber von den Geschäften zurückgezogen, er wie seine Frau von guter Abkunft. Er hatte den Abend des 1. März in der Schenke des Wirthes Cooley, die unfern von jenem Hause lag, mit Freunden verbracht und war schon zu guter Zeit aufgebrochen, um sich in seine Wohnung zu begeben. Wie verwunderte sich der Wirth, als am Morgen des 2. März ein Diener aus dem Spooner'schen Hause nach seinem Herrn fragte, derselbe sei in der Nacht nicht nach Hause gekommen und seine Frau und Familie wären in großen Sorgen. Einige Nachbarn liefen darauf sogleich zu Mistriß Spooner, die sie in großer Bekümmerniß fanden. Man suchte in der Nähe des Hauses nach und bemerkte in dem niedergetretenen Schnee sehr bald die Fußtritte mehrer Personen, die nach dem Brunnen führten. In diesem Brunnen fand man den Leichnam Joshua Spooner's, mit Wunden bedeckt und verstümmelt. Die vorläufige gerichtliche Untersuchung stellte am folgenden Tage fest: »daß am Abende des 1. März, etwa um 9 Uhr, Joshua Spooner, zurückkehrend von seinen Nachbarn, nahe vor seiner eigenen Thüre verbrecherischer Weise von mehren Schurken überfallen, niedergeschlagen worden mit einem Knüttel, verwundet und in seinen eigenen Brunnen geworfen, worin Wasser war, von der Jury unbekannten Personen«. Die Familie des Ermordeten weigerte sich, mit Ausnahme seiner kleinen Tochter, den Leichnam anzusehen. Seine Frau legte endlich, auf das dringende Verlangen Eines von der Jury, ihre Hand auf seine Stirn, und rief aus: »Armer kleiner Mann!« Der Mord erregte außerordentliches Aufsehen. So unruhig die Zeiten waren, so viel Blut auch in dem Bürgerkriege floß, ließen die Schrecken eines solchen Meuchelmordes sich doch nicht verwinden. Einem friedlichen Bürger, in einer abgelegenen Stadt, war von Bösewichtern aufgelauert, drei Schritt vom eignen Hause war er meuchelmörderisch niedergestreckt worden! Das war unerhört! Alles strengte sich an, den Mördern auf die Spur zu kommen. Einige Nachbarn erinnerten sich, daß zwei Leute, früher britische Soldaten, die von General Burgoyne's Armee desertirt waren, zu verschiedenen Zeiten, aber kurz vor Spooner's Tode, sich in dessen Hause hatten blicken lassen. Der Selige hatte unverhohlen sein Misbehagen über die Anwesenheit derselben ausgedrückt und gegen Mehre sich geäußert, daß er ihnen keine ehrlichen Absichten zutraue. Man spürte diesen Leuten nach. Einer von ihnen hatte zu Worcester im Zustande der Trunkenheit Kleidungsstücke zur Schau getragen, welche man als solche erkannte, die Spooner angehört. Beide wurden darauf verhaftet, aber mit ihnen auch ein sehr junger Mensch, Ezra Roß , erst 18 Jahre alt, aus Massachusetts gebürtig, der früher im Freiheitsheere gedient hatte und mit der Spooner'schen Familie nahe befreundet war. Die Aussagen der drei Verhafteten in Verbindung mit anderen Umständen hatten einen starken Verdacht erzeugt, daß Spooner's Familie selbst nicht so ganz unkundig hinsichts des Mordes sein dürfe, als sie die Miene annahm. Beide Ehegatten hatten in Unfrieden gelebt. Demnächst wurden Mistriß Spooner selbst, eine Dienstmagd und zwei Diener des Hauses verhaftet. Welche Wichtigkeit man der Sache beilegte, zeigt ein Artikel in der damaligen Zeitung the Boston Independent Chronicle vom 12. März: »In der Nacht des ersten dieses Monats ward ein entsetzlicher Mord an der Person des Mr. Joshua Spooner zu Brookfield begangen. Nach der langen Vorbereitung zu schließen, der Zahl der dabei betheiligten Personen (nicht weniger als 7 sind angeschuldigt) und der Art und Weise, wie sie ihr Verbrechen verübt, muß man annehmen, daß es das außerordentlichste Verbrechen sei, welches je in Neu-England begangen worden .« Diese Wichtigkeit gab aber zumal der persönliche Charakter und Stand der Hauptangeschuldigten dem Falle. Bathseba Spooner, die Witwe des Ermordeten, stammte aus einer der angesehensten Familien des Landes. Ihr Vater, Timotheus Ruggles, war einer der ausgezeichnetsten Rechtsgelehrten, der die wichtigsten Aemter bekleidete. Er war auch Militair, General. Sein politischer Einfluß war groß gewesen. In einer der ersten Versammlungen, welche über die Rechte der Colonien, dem Könige und Parlamente gegenüber, verhandelten, hatte er als Delegat von Massachusetts dem Beschlusse sich widersetzt, eine Adresse an den König zu erlassen, wonach die Colonien gegen jede Steuer protestirten, die nicht in ihren eigenen Versammlungen gebilligt worden. Nach Massachusetts zurückgekehrt, war er deshalb vom Hause der Repräsentanten und dem Sprecher gerügt worden; aber in treuer Anhänglichkeit an den König verharrend, sah er sich endlich genöthigt, sein Vaterland zu verlassen, und seine bedeutenden Besitzungen wurden confiscirt. General Ruggles hatte ein seinem Reichthum entsprechendes üppiges Leben geführt, weit über die Sitte jener Tage hinaus. In seinen Ställen standen 30 Pferde; zur Jagd hatte er einen Park von 20 Acres umzäunt, und viele Koppeln Hunde waren stets zum Vergnügen seiner zahlreichen Gäste bereit. Beim Ausbruch der Revolution mußte er allen diesen Herrlichkeiten den Rücken kehren. Ein härteres Schicksal stand ihm in seiner Familie bevor; dennoch überwand er alle diese Schläge des Schicksals und starb erst 1795, ein achtzigjähriger Greis. Von seinen 7 Kindern lebten einige noch in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts. Seine außerordentlichen Fähigkeiten, seine hohen Würden, sein Reichthum, die frühere Achtung, die er genossen, halfen ihm nichts, als die Parteileidenschaften erwachten und die Freunde der Freiheit und des Vaterlandes in ihm einen unbeugsamen Royalisten erkannten. Es half ihm auch nichts, daß er es ehrlich meinte. Wer gegen die Sache der Freiheit war, war ein Verräther, sein Name wurde verabscheut. Die Tochter eines solchen Mannes als gemeine Meuchelmörderin verhaftet, und noch dazu das Lieblingskind des Generals! Das Aufsehen war ungeheuer, und die unsinnigsten, übertriebensten Gerüchte über das Verbrechen liefen um, die noch zum Theil heute als Sagen im Munde des Volkes sich erhalten haben. Bathseba war das sechste Kind des Generals, im Jahre 1746 geboren, also zur Zeit der Mordthat etwa 32 Jahre alt. Sie war Mutter von 3 Kindern, einem Sohne und zwei Töchtern, und, wie sich später ergab, abermals schwanger. Unzweifelhaft hatte sie alle Vortheile der Erziehung genossen, welche damals in der Provinz jungen Damen ihres Standes nur gewährt werden konnten. Sie war außerordentlich schön, von imponirendem Wuchs und reizender Gesichtsbildung, aber ihre Sinnesart war hochfahrend und gebieterisch. Von weiblicher Anmuth und Sitte, den größten Reizen ihres Geschlechts, soll sie nichts besessen haben. Ihre Ehe, die etwa 12 Jahre gedauert, war unglücklich, weil die Temperamente beider Ehegatten zu verschieden waren. Spooner war ein schwacher Mann. Sie, ein Weib von markiger und energischer Natur, deren Leidenschaften auch im elterlichen Hause nie gezügelt worden, konnte unmöglich eine ernste und tiefe Neigung für einen Gatten empfinden, der nicht einmal fähig schien, das Hausregiment zu führen. Man erzählt, daß auch das Beispiel ihrer Vettern sie nichts Besseres lehren konnte. Auch diese führten, trotz des Kinderreichthums derselben, eine unglückliche Ehe; auch hier herrschte die Frau. Nach einer Sage ließ sie, nach einem heftigen Streit mit ihrem Manne, dessen Lieblingshund schlachten und servirte ihm denselben als Braten bei Tische. Sie hatte ihren Gatten nicht ermorden lassen, aber da er als Royalist Amerika verließ, blieb sie freiwillig daselbst zurück. Bathseba Spooner hat nie ein vollständiges Bekenntniß ihrer That und Schuld abgelegt. Wir entnehmen aus der Anklage und den Zeugenermittelungen im Voraus hier den muthmaßlichen Zusammenhang. Ihre häuslichen Zwiste hatten dermaßen überhand genommen und waren so heftig geworden, daß ihre Abneigung gegen den Gatten in Abscheu überging. Eine andere sündhafte Neigung kam hinzu, und in der Blindheit ihrer Leidenschaft verlor sie alle Selbstbeherrschung. Einige Monate vor Spooner's Tode war ein junger Mensch in das Haus gekommen, und unter Umständen, welche die wärmste Theilnahme der ganzen Familie für ihn erwecken mußten. Ezra Roß, der Sohn achtbarer Aeltern, hatte schon als sechzehnjähriger Knabe die Waffen ergriffen und mit vier Brüdern für die Sache der Freiheit und des Vaterlandes gefochten. Nach dem ersten Feldzuge war er ernstlich krank in Spooner's Haus gebracht worden. Seine Frau pflegte ihn; er erfuhr jede Art von Freundlichkeit. Von da ab war er ein willkommener Gast im Spooner'schen Hause; die Vertraulichkeit zwischen der Gattin und dem jungen Menschen wuchs höchst wahrscheinlich bis zu einem sträflichen Umgange, obgleich ihr Mann nichts davon gemerkt zu haben scheint. Wenigstens dauerte auch seine Freundlichkeit gegen den jungen Roß nach wie vor fort. Ein Veteran aus jener Zeit, den Chandler, unser Berichterstatter, noch persönlich gesprochen, erzählte ihm, er habe Ezra Roß und Bathsetba Spooner häufig zusammen in die Wälder reiten gesehen. Sie war eine ausgezeichnete Reiterin. Es war das schönste Paar, das man auf feurigen Rossen durch die Wildniß konnte fliegen sehen. Zwischen Beiden wurden unzweifelhaft Plane berathen, ihren Ehegatten aus dem Wege zu räumen. Roß aber scheint bedenklich, säumig gewesen zu sein. Sie ward von wilder Ungeduld, Leidenschaft, Haß angetrieben, vielleicht auch von der Furcht, daß ihr Mann das Verhältniß zu früh entdecken möchte. Unzufrieden mit Roß' Zaudern und Bedenken, entschloß sie sich, allein zu handeln. Bis zu welcher blinden, leidenschaftlichen Wuth sie sich gesteigert, geht aus den unüberlegten Mitteln hervor, durch welche sie sich selbst und ihre Helfershelfer ins unvermeidliche Verderben stürzen mußte. Sie befahl ihrer Dienerin, den ersten besten britischen Soldaten, der dem Hause vorübergehen möchte, hereinzurufen. Ungefähr einen Monat vor dem Morde, während Spooner abwesend war, gingen auch wirklich zwei englische Soldaten von Burgoyne's gefangener oder aufgelöster Armee auf dem Wege nach Springfield an dem Hause vorüber, Jonas Buchanan und William Brooks. Das Mädchen lud sie ein, einzutreten, und sie blieben durch zwei Wochen wohlaufgenommen, wohlverpflegt. An und für sich hatte diese Aufnahme nichts besonders Auffälliges. Die Soldaten des gefangenen Heeres litten außerordentlichen Mangel, wie die Amerikaner versichern, weil es auch den Landbewohnern am Nöthigsten gebrach. Daß einzelne Bürger Einzelne der Darbenden gastlich aufnahmen und pflegten, konnte als Handlung der Mildthätigkeit gelten; wenn die Briten Ueberläufer waren, als Handlung des Patriotismus. Man darf aber annehmen, daß Bathseba sie nur als willkommene Werkzeuge ihrer wilden Wuth empfing, bewirthete und ihnen schmeichelte, daß sie auch nicht zauderte, sie mit ihrer Absicht bekannt zu machen und bei den Maraudeuren williges Gehör fand. Als Spooner von seiner Reise zurückkehrte, war er gar nicht über diese neuen Gäste erfreut; er verhehlte nicht seine Meinung. Seine Befürchtung mußte nicht gering sein, denn er bat einen Nachbar, doch bei ihm die Nacht über im Hause zu bleiben, und hieß dem Buchanan und Brooks am nächsten Tage ihrer Wege gehen. Sie gingen auch scheinbar, hielten sich aber in der Nähe des Hauses versteckt. Hier erhielten sie von Mistriß Spooner heimlich ihre Speise. In der Nacht vor dem Morde kam auch Ezra Roß wieder ins Haus; ob zufällig oder absichtlich, bleibt unentschieden, doch kann man bezweifeln, daß er Buchanan und Brooks früher gesehen hat. Dies ist der Zusammenhang, den man mit einiger Gewißheit annehmen kann; das Uebrige, charakteristisch genug, beruht auf den zersplitterten Aussagen der Zeugen und den Eingeständnissen der Mitangeklagten. In der nächsten Sitzung des oberen Gerichtshofes, abgehalten zu Worcester im April 1778, fand die Groß-Jury eine gerechte Anklage, sage gegen Buchanan, Brooks, Roß und Mistriß Spooner wegen Mordes, und die Untersuchung begann sofort. Die Anklage lautete: daß William Brooks aus Charlestown, Jonas Buchanan, eben daher, und Ezra Roß aus Ipswich am ersten Tage des März 1778 einen Anfall gemacht auf Joshua Spooner aus Brookfield; daß Brooks ihn niedergeschlagen und mit seinen Händen und Füßen ihm unterschiedliche, tödtliche Wunden versetzt, in Folge deren er augenblicklich starb, und daß Buchanan und Roß zugegen gewesen, »helfend, beistehend, begünstigend, aufmunternd und unterstützend besagten Brooks«, und daß: Bathseba Spooner mit thätig gewesen vor der That, indem sie »aufgefodert gedungen, begünstigt, gerathen und die Mittel und Wege verschafft«, daß der Mord begangen werde. Alle Angeklagte erklärten sich für nicht schuldig; es ward daher zur Zeugenvernehmung geschritten, deren eine sehr große Zahl von der öffentlichen Anklage gestellt und vernommen ward. Wir theilen hier die wichtigsten Aussagen mit. Jonathan King, ein Arzt, hatte den Sonntag Abend des l. März in der Schenke von Cooley, die etwa [1/4] (englische) Meile von Master Spooner's Wohnung entfernt war, mit dem Letztern verbracht. Spooner war schon zwischen 8 und 9 Uhr Abends fortgegangen. Am andern Morgen hörte er, daß man ihn todt aus seinem Brunnen gezogen. Er ritt eilends nach dem Hause, sah die Leiche und entdeckte im Gesicht über der Nase und an der Schläfe mehre Wunden. Der Schädel war 1[1/2] Zoll lang eingeschlagen. Dieser Zeuge war es, welcher über das seltsame Benehmen der Witwe, als man sie auffoderte, die Leiche zu berühren, und ihre noch seltsamere Aeußerung nachher, das oben schon Angeführte, berichtete. Der Wirth der Schenke, Ephraim Cooley, bekundete ungefähr Dasselbe. Spooner war an diesem letzten Abende seines Lebens, welchen er in Cooley's Schenke verbracht, sehr aufgeräumt gewesen. Nachdem ihm die Meldung von Spooner's Verschwinden gemacht worden, überschlich den Wirth eine Ahnung, und er lief auf der Stelle mit 6 Andern nach dem Hause desselben. Mistriß Spooner antwortete auf die Frage: ob ihr Mann zu Hause sei: Nein! und schrie laut auf. Cooley suchte im Schnee umher, und indem er einen zusammengefegten Haufen mit dem Stock durchsuchte, fand er darin einen Hut, den er als Spooner's Hut erkannte. Auch seine Frau mußte ihn dafür erkennen. Inzwischen war aber schon die Leiche im Brunnen gefunden worden. Als der Zeuge später mit der jungen Witwe nach Worcester ging, sprach sie ganz unbefangen über die Sache und äußerte unverhohlen, daß hier ein Mordanschlag zum Grunde liege. Sie selbst fing mehrmals davon an, weinte aber jedes Mal dabei. Im Wirthshause von Walker, wahrscheinlich in Worcester, wurden schon am folgenden Montage die drei Complicen entdeckt und gefangen. Die Aussagen der Zeugen hierüber und über die außergerichtlichen Geständnisse der Verbrecher sind sehr undeutlich und abgebrochen in den alten Verhandlungen enthalten. Man sieht, daß mehre Zeugen die Thäter dort überraschten und zum Theil sehr wichtige Geständnisse von ihnen erhaschten, die aber nur in indirecter Rede in Art von Marginalvermerken aufgezeichnet sind. Ein Joshua Whitney sah Brooks dort, der eine Uhr in der Tasche und ein Paar Silberschnallen in den Schuhen hatte. In einer obern Kammer fand er Ezra Roß, der zitterte und sehr erschrocken schien. Als er wieder herunterkam, zeigte ihm ein Negermädchen die Taschenuhr und sagte ihm, Brooks hätte sie ihr gegeben. Es war die Uhr, welche der selige Spooner getragen. Die Silberschnallen an Brooks' Schuhen trugen die Anfangsbuchstaben von Spooner's Namen. Roß sagte zu ihm, er verlange nach einem Geistlichen, denn er sei wirklich schuldig an diesem Verbrechen, aber er habe nicht den ersten Streich geführt. Er habe nur geholfen und beigestanden. Als sie dann noch weiter über Spooner's Ermordung sprachen, sagte Roß – er würde Alles bekennen, wenn der Geistliche käme. – Roß sagte – er hätte Spooner's Jacke und Hosen erhalten; seine eigenen habe er Brooks gelassen, weil sie blutbefleckt gewesen. In seinem Taschenbuche fand der Zeuge 4 Zehnpfund-Noten und 3 Acht-Dollarscheine. Das Uebrige, sagte er, gehöre ihm. Auch sagte er, habe er an sich genommen Spooner's Hosenstrümpfe, sein Hemde und seinen Steckbeutel. Der Zeuge Whitney scheint als eine Art bürgerlicher Policeibeamten bei der Verhaftung thätig gewesen zu sein. Von einem andern Zeugen wird er Capitain genannt und theilt Befehle aus. Noch mehre Andere bekunden Dasselbe, was Whitney ausgesagt, mit einigen unbedeutenden Modificationen und Zusätzen. Einer findet bei Roß und Brooks auch das Pferd, welches Spooner und seine Frau früher geritten. Auch Spooner's Witwe scheint bei dieser Gelegenheit schon verhaftet zu sein, wenigstens ist sie mit in Worcester und in der Walker'schen Taverne. Sie wirft die Aeußerung hin: Wenn sie den Leuten nur Auge in Auge blicken dürfe, würde sie schon Genugthuung geben; das seien aber die Folgen von schlechter Gesellschaft. Noch dunkler hinsichts der Darstellung und der Zeitgründe, aber äußerst charakteristisch bezüglich der Persönlichkeiten, ist die Aussage einer Mary Walker, entweder der Tochter oder der Frau des Wirthes Walker, bei welchem die ganze Compagnie später eingefangen ward. Der Zusammenhang ergibt, daß Mary nur von einer vorangehenden Zeit, von der Woche vor dem Morde sprechen kann: Am Donnerstag Abend sah sie Brooks und Buchanan bei ihrer Mutter, und nachdem Beide eine Weile dort gewesen, traten Mistriß Spooner und ein junger Mann in die Thür. Mistriß Spooner fragte nach Sergeant Buchanan und gab ihm dann einen Brief, der, wie sie sagte, von ihrem Grenadiere komme. »Der Inhalt des Briefes war, daß er mit ihm zusammentreffen wolle, um auf den Hügel zu gehen.« Bald darauf kam sie (die Spooner) von Doctor Green zurück mit dem Vorgeben: sie hätte ein Stück Tuch ihm zu geben vergessen, welches seines wäre. »Sie sagte zur Zeugin: sie wolle für sie stricken, weil sie ihrer Augen wegen nicht nähen könne« (?). Sie blieb da zwei Stunden. Buchanan und Brooks waren dort die ganze Zeit, und sie blieben dort bis Sonntag Vormittag. Mistriß Spooner war oft bei ihnen. Sergeant Buchanan schrieb da verschiedene Briefe, er sagte, sie wären an ihre (der Spooner) Diener, – Brooks lehnte oft seinen Kopf an Mistriß Spooner's Nacken und öfters schlang er seine Hände um ihre Taille . Als die Zeugin dies bemerkte, sagte Mistriß Spooner: »Laßt Euch das nicht Wunder nehmen; Billy (Brooks) hat in meinem Hause gelebt und ist so närrisch auf mich, als wäre ich seine Mutter.« – Die Zeugin sah, wie Buchanan Pulver in 18 Papierstücke eintheilte. Sie (wer?) hatten über ein krankes Kind zu Brookfield gesprochen. Sie (die Spooner) fragte Buchanan, wann er gehen wolle? Sie sagte, sie wolle durch ihn einen Brief besorgen, und dann sagte sie, sie wolle einen Brief an Negros schreiben; es werde Niemand etwas zu Leide geschehen, daß sie an ihren Vater schreibe. Buchanan war sehr traurig, daß Mistriß Spooner nicht kam. (Wann?) Am Sonnabend Nachmittag kam sie, und nachdem sie nun in der Kammer mehre Minuten miteinander gewesen, ging sie fort noch am selben Nachmittage. Beim Weggehen sagte sie: »Morgen Nacht um 11 Uhr; denkt daran, Sergeant!« Er antwortete: »Morgen Nacht um 11 Uhr.« In der nächsten Nacht vom Sonntage auf den Montag, fährt dieselbe Zeugin fort, kamen Brooks, Buchanan und Roß zurück, und früh am Morgen sagten sie ihr: die Wache von Springfield wäre auf ihrer Hetze und in Brookfield sei Haussuchung überall. – Mistriß Spooner traf sie zu Leicester und sagte ihnen davon. Die Zeugin fragte Roß, ob er jemals Mistriß Spooner gesehen? Er antwortete: seines Wissens kenne er sie nicht, aber er habe Herrn Spooner gesehen und sei mit ihm nach Lancaster geritten. Roß schien am Sonntag (?Montag) sehr betrübt. Die Zeugin fragte, was ihn denn so betrübt mache? – Er ging im Zimmer auf und ab, lehnte den Kopf an die Wand und sagte: »Grundes genug!« – Sergeant Buchanan gab ihr ein Hemde und bat sie, die Manchetten abzutrennen, was sie auch Hat. Brook erzählte ihr, Mistriß Spooner habe ihm ein Hemde und auch ein Paar Strümpfe gegeben. Buchanan blutete am Montag Morgen. Die Negerin Prüdence bestätigte diese Aussage im Wesentlichen. Mit unbegreiflicher Dreistigkeit hatte Mistriß Spooner die in der Walker'schen Taverne versteckten Soldaten aufgesucht, und damit nicht genug, hatte sie sogar ihre beiden Schwesterkinder, die Söhne des Dr. Green, ein Mal mitgebracht, obgleich sie zu dem Einen sagte: er habe hier nichts zu suchen, er möchte lieber nach Hause gehen und sehen, was seine Mutter mache. Sergeant Buchanan bot ihr sein Schnupftuch an. Mistriß Spooner erwiderte: »God dam, das Schnupftuch, das will ich nicht anrühren.« Als sie ein ander Mal kam, sagte ihr Brooks, Buchanan sei krank. Sie ging dann zu ihm in die Kammer hinauf und blieb dort eine Weile. – Als Brooks und Buchanan am Sonntag in der späten Nacht flüchtig zurückkehrten, sprachen sie davon, sie wären beinah ergriffen worden, wenn sich nicht ein Freund gefunden hätte. Ihr Anzug war sehr verstört. Andere Zeugen erkannten die Kleidungsstücke, Uhren, Schnallen, welche man bei den Soldaten gefunden, für die an, welche Spooner getragen, und bekundeten, daß jene mehre Wochen vor Spooner's Tode in dessen Hause gelebt und von der Frau verpflegt worden. Andere, daß in der Mordnacht auch Roß im Hause gewesen. Reuben Olds war der Mann, welchen Spooner nach seiner Rückkehr ersucht, bei ihm zu bleiben, weil ihm die Gesellschaft beider Soldaten verdächtig vorkam. Spooner bat ihn, auch ein Mal in die Küche hinauszusehen, was die Leute trieben? Reuben that es. Hier hörte er Buchanan ausrufen: »Und wer ist denn der alte Kerl (Spooner)? Er soll sich nicht unterstehen, mir viel zu sagen. Es möchte ihm nicht gesund sein. Denn für zwei Kupferstücke schmisse ich ihn in den Brunnen.« – Am nächsten Morgen sagte Mistriß Spooner zum Zeugen: sie werde schon ihren Plan durchsetzen. Er dachte: sie meine damit, daß sie zu ihrem Vater gehen wolle. Loved Lincoln berichtete Aehnliches von Spooner's Verdruß über den Anblick der ungebetenen Gäste in seinem Hause. »Was wollt Ihr hier?« hatte Spooner den Sergeant Buchanan gefragt. – Wir wollen uns wärmen. – »Ihr mögt heute noch an meinem Herde sitzen bleiben bis Morgen; aber nachher laßt mich Euch nicht wieder finden.« Bald darauf hörte er Buchanan äußern: Wenn Spooner mich zu Nacht aus der Thür wirft, will ich sein Leben haben bis die Sonne aufgeht. – Später hatte Mistriß Spooner zum Zeugen gesagt: Roß habe sich ihres Mannes Hosen und Jacke genommen. Die vollständige Aussage war die Alexander Cumings', der seit der Zeit, wo Burgoyne's Truppen durch das Land zogen, als Diener im Hause aufgenommen war. Vor andern Gerichten würde man ihn kaum als Zeugen aufgenommen, sondern als Mitschuldigen, wenigstens als Mitwisser, zur Untersuchung gezogen haben. Als ihr Mann auf Reisen war, foderte Mistriß Spooner Cumings auf, alle englische Soldaten, die vorüberzögen, zu ihr ins Haus zu laden. Sie war die Tochter eines Royalisten, in der Auffoderung mochte nicht mehr liegen, als eine Sympathie für die Kämpfer der Sache, welcher ihre Familie zugethan war, oder ein Trotz gegen die öffentliche Meinung, der ihrem männlichen, eigensinnigen Charakter entsprach. Etwa 14 Tage vor der Mordthat wurden Brooks und Buchanan im Hause aufgenommen. Sie blieben den ganzen Tag da und aßen zu Mittag. Der Sergeant Buchanan frühstückte auch mit der Hausfrau besonders. Vor den Ohren dieses Zeugen, ihres Dieners, sagte die Spooner zu Buchanan: sie wünschte, ihr Mann wäre aus dem Wege; sie könnte nicht mit ihm leben. – Buchanan erwiderte: er wünsche auch, daß er aus dem Wege wäre. Buchanan und Brooks blieben auch noch im Hause, als Mistriß Spooner einmal verreist war. Als Spooner von seiner Reise zurückkam, hörte der Zeuge, wie Brooks und Buchanan sagten: sie wollten es versuchen, Spooner aus dem Wege zu schaffen. Auch zu seinem Diener äußerte Spooner: er möchte Brooks nicht im Hause haben; ihm gefielen des Mannes Blicke nicht. Er foderte seine Frau auf, sie solle sie fortschicken, und wenn sie es nicht thäte, werde er nach der Behörde schicken. – Am nächsten Morgen fand der Zeuge die Beiden in der Scheune. Dort blieben sie 2 Tage und 2 Nächte versteckt. Mistriß Spooner brachte ihnen Lebensmittel; ein Mal mußte auch er es thun auf ihren Befehl. Am Donnerstag Morgen gingen sie nach Worcester. In der Nacht vom Sonnabend auf den Sonntag fand er plötzlich den jungen Ezra Roß in der Milchkammer. Roß sagte ihm: er solle es an Spooner nicht verrathen, daß er hier wäre. Auch am nächstfolgenden Sonntage ward Roß in der Milchkammer versteckt gehalten. – Als er, Spooner, in die Cooley'sche Schenke gegangen, kamen auch plötzlich Buchanan und Brooks zum Vorschein. Brooks flüsterte ihm zu, er möge Mistriß Spooner rufen. Er lehnte es ab; Brooks hatte ihm kurz vorher gesagt: Spooner solle in der Nacht nicht lebendig nach Hause kommen. Der Zeuge ging wieder ins Haus und fand die Frau in der Küche. Er sagte ihr nichts, aber er ging in seine Kammer, legte sich zu Bett und – schlief, etwa 2 und ½ Stunde. Dann erst will er aufgewacht sein; es roch ihm nach verbrannter Wolle. Er zog sich an und fand im Sprechzimmer Brooks, Buchanan, Roß und Mistriß Spooner bei einander. Sie fragten ihn, was er so erschrocken aussehe? Sie untersuchten Kleidungsstücke. Roß zog gerade Spooner's Jacke und Hosen an. Die Hausfrau hieß ihn mit der Hausmagd Sarah Stratten hinauf in die Kammer gehen, um ihres Mannes Kleider herunterzuholen. Die Stratten brachte auch die schwarzen Hosen. Buchanan hatte schon ein Hemde von Spooner am Leibe. Mistriß Spooner sagte: sie würde Brooks ein Hemde und ein Schnupftuch geben; was auch geschehen sein mußte, denn vor des Zeugen Augen wurden Brooks ganz blutige Hosen ins Feuer geworfen. Dann nahm Mistriß Spooner ihres Mannes Geld aus der Blechbüchse, die in einem Mahagonikasten stand, ohne Zweifel um es zu vertheilen, und wahrscheinlich sollte der Zeuge nicht dabei sein. Sie bat ihn darauf, etwas Wasser zu holen, um Spooner's Schnallen zu waschen; dann solle er sie haben. Er antwortete, er wolle sie nicht haben, aber er und die Stratten gingen doch an den Brunnen. Allein sie konnten den Wassereimer nicht in den Brunnen hinunterbringen. – Die Spooner fragte ihn: warum er denn nicht Wasser bringe? – Er antwortete: er glaube Master Spooner liege im Brunnen. – Sie sagte kurz: es sei nicht wahr! – Die Stratten kam nun heulend und schreiend herein und rief und griff nach einer Bibel. Der Zeuge sagte noch mehr aus. Seine Herrin hatte ihm vor einem Monat den Wunsch ausgedrückt, er solle Spooner ermorden; sie wollte auch dann einen ganzen Mann aus ihm machen. Jetzt sagte Buchanan wie höhnisch zu ihr: »Hättet Ihr denn gedacht, daß der Mann den Quark auf sich nehmen würde?« – Der Zeuge fragte Mistriß Spootter: ob sie Herrn Spooner die Kehle abgeschnitten hätten? Sie antwortete: »Nein, sie haben ihn nur niedergeknufft.« Noch mehr. Schon in der Nacht, als Mistreß Spooner fortreiste, schüttete Roß einiges Scheidewasser in Grog, um den Mann damit zu vergiften. Roß versicherte später der Hausfrau, er habe keine Gelegenheit, den Trank ihm einzugeben, gefunden. Spooner scheint, nach einer Andeutung, eine Ahnung davon gehabt zu haben, daß man ihn vergiften wollen. Als die Mörder nach der That und Theilung fortgingen, schüttelten Buchanan und Mistriß Spooner die Hände und Jener sagte: »In 14 Tagen sehen wir uns wieder.« – Früh am andern Morgen ging Mistriß Spooner aus freien Stücken an den Brunnen und sagte: sie hoffe, er wäre im Himmel. Da erst befahl sie dem Zeugen, zu Pferd zu steigen, nach der Schenke zu reiten und nach ihrem Manne zu fragen. Am Brunnen vorhin hatte sie geäußert, sie wünsche nur, daß er auch in den Brunnen gestürzt wäre. Eine andere Zeugin, Asa Bigelow, wollte ein förmliches, außergerichtliches Eingeständniß aus dem Munde der Hauptangeklagten gehört haben. Als der Vormann der ersten Untersuchungsjury ihr erklärt, sie müsse ins Gefängniß, habe die Spooner bekannt: daß sie die Leute zu dem Morde gemiethet; sie hätte ihnen 1000 Dollars versprochen und 200 schon ausgezalt. Die Magd Sarah Stratten, ziemlich im selben Verhältniß zu ihrer Herein und deren That wie Alexander Cumings, bekundete im Wesentlichen, namentlich in allen den Theilen, wo sie schon in Cumings' Aussage als mitbetheiligt erscheint, Dasselbe, was Jener ausgesagt. Wenn es aber schon unbegreiflich erscheint, daß die Mörderin drei Mordhelfer und Banditen in Dienst genommen und außerdem zwei Dienstleute zu Mitwissern hatte, so tritt in Sarah's Aussage ein noch merkwürdigerer Umstand hervor. Außer diesen vielen Mitwissenden waren nämlich in jener Mordnacht noch 2 Personen in dem Hause eingekehrt, ein Gray und noch Jemand, dessen Namen die Zeugin sich nicht entsann. Während sie, die Magd, Roß und Buchanan das Abendbrot in deren Zimmer brachte, soupirte Mistriß Spooner mit diesem Gray wie mit willkommenen Gästen! – Als Sarah Herrn Gray zu Bette leuchtete (wahrscheinlich nach der Mordthat?), zeigte ihr Mistriß Spooner eine Geldbüchse. Sie faßte sie bei der Hand und flüsterte ihr zu: sie hoffe, Master Spooner sei nun im Himmel! Im Schlafzimmer der Fremden mit Gray angekommen, lag dessen Reisegefährte schon im Bette und anscheinend im tiefen Schlafe. Als sie wieder unten war, hieß Mistriß Spooner sie die schwarzen gestrickten Hosen ihres Mannes holen. Sie ging hinauf, konnte sie aber nicht finden. Dann sah sie, wie Mistriß Spooner Geld austheilte; Buchanan hatte eine ziemliche Portion Papiergeld in der Hand. Alsdann ward Alexander Cumings fortgeschickt, um Wasser zu holen, und sie mußte ihn begleiten. Es ging ganz so her, wie der andere Zeuge es berichtet. Einen Theil der übrigen Nacht hatte sie mit Mistriß Spooner verbracht, die immerfort seufzte und stöhnte. Sarah drohte, sie müsse zu den Nachbarn gehen und ihnen Alles erzählen; da versprach ihr die Spooner: wenn sie schweige, wolle sie es ihr gut bezahlen, und immer wieder rief Mistriß Spooner aus, sie hoffe, daß ihr Mann im Himmel sei. Als die Männer fortgingen, hatte die Hausfrau ihnen noch Geld gegeben. Als die Zeugin Brooks fragte: was er denn dabei zu thun gehabt, antwortete er: » Seine Zeit ist gekommen.« Roß war am Sonnabend Abend vorher mit Spooner's Pferde zurückgekehrt und hatte vorgeblich sich um deswillen versteckt gehalten, weil er den Rücken des Pferdes wund gescheuert; da wünsche er nicht, daß Herr Spooner ihn zu Gesicht bekomme. Noch mehre andere Zeugen wußten von dem heimlichen Versteck der beiden Regulairen (Soldaten der britischen Armee) in der Scheune; daß die Spooner ihnen Lebensmittel hingeschickt; daß sie die Zeit vor dem Morde wie stumpf und dumpf gewesen; daß auch Roß am Sonntage sich dort verborgen gehalten; daß die Spooner mehrmals (vor dem Morde) den Wunsch ausgestoßen: daß ihr alter Bogus im Himmel wäre! – Einige wollten in ihren außergerichtlichen, halben Geständnissen der That die Aeußerung gehört haben: wenn's nicht um ihren lieben Jungen wäre, so hätte sie ja den Mord nicht begangen. – Dann hatte sie betheuert: sie wolle lieber zehn Mal den Tod leiden, damit nur nicht die Stratten und der Alexander büßen müßten; denn die wären unschuldig. Zum Constabler hatte sie gesagt: »Wenn's nur nicht darum wäre, wollte ich meinem Richter wol ins Gesicht sehen«, und: »Das konnte auch nur geschehen, weil Roß in unserem Hause krank war.« – Zum Wirth Cooley hatte sie geäußert: sie werfe Niemand etwas vor; denn Das sei alles ihr Thun; die Stratten und Alexander wären unschuldig. Endlich trat der Friedensrichter William Joung mit einem Protokoll hervor, welches er sogleich nach der ersten Verhaftung aufgenommen. Vor ihm hatten alle vier Angeschuldigte bekannt, und zwar ganz freiwillig. Brooks, Buchanan und Roß gestanden: daß sie Joshua Spooner umgebracht, und auf Anstiften der Mistriß Spooner. Desgleichen hatte Mistriß Spooner eingeräumt, daß sie in den Mord gewilligt. – Als Spooner am Abende der Mordnacht in den Hof seines Hauses trat, ward er angefallen, gleich darauf getödtet und in den Brunnen geworfen. Die vier Personen trafen sich darauf im Hause, wo Mistriß Spooner unter den Verbündeten einen Theil von ihres Mannes Kleidung, dessen Schmucksachen und eine beträchtliche Summe Geldes vertheilte. Gleich darauf hatten Alle das Haus verlassen. Dies waren die Beweise gegen die Angeschuldigten. Entlastungszeugen für dieselben scheinen gar nicht aufgetreten zu sein. Außer mehrfach wiederholten, außergerichtlichen Eingeständnissen von mehr oder minderem Werthe, Zeugnisse zwar nicht über die That selbst, aber über Umstände, welche ihr vorangingen und ihr folgten, so gewichtig, vollständig, eins in das andere eingreifend, von Zeugen abgelegt, gegen deren Glaubwürdigkeit nicht einmal ein Zweifel vorgebracht worden, Aussagen und Zeugnisse von Indicien unterstützt und in Übereinstimmung mit dem Thatbestande selbst, daß eine Verurtheilung der Angeschuldigten außer allem Zweifel war und die Verteidigung kaum einen Boden gewinnen konnte. Sie ward indessen von Levi Lincoln, einem ausgezeichneten Juristen, welcher später, unter Jefferson's Präsidentschaft, zu den bedeutendsten Staatsämtern erhoben ward, mit Geschick geführt. Der Vertheidiger konnte weder Zweifel gegen den Thatbestand des Verbrechens oder die Thäterschaft der Angeschuldigten im Allgemeinen erheben, noch in einer Sprache reden, die das Gefühl bestechen durfte. Die Defension mußte sich auf rein juristische Definitionen der gesetzlichen Ausdrücke über Mord, Anstiftung, Complicenschaft u. s. w. beschränken, daß auf die nach englischen Rechtsbegriffen wenig oder nichts bedeutenden Eingeständnisse der Verbrecher nichts zu geben sei, auf denen doch ein großer Theil des Beweises beruhe, u. s. w. Nachdem er so wenigstens hinsichts des jungen Ezra Roß die prämeditirte Absicht eines Mordes gegen Spooner einigermaßen bei Seite gedrängt, versuchte er die Vertheidigung der Hauptangeklagten und Anstifterin der Mordthat. Welchem Leser dürfte nicht ein Zweifel beschlichen haben, ob Bathsetba Spooner bei vollkommen gesundem Verstande gehandelt? Einen verhaßten, verachteten Mann will sie aus dem Wege schaffen, sei es aus Leidenschaft für einen Andern, aus unwiderstehlicher Abneigung, aus Rache oder Furcht, immer kann es doch nur geschehen sein mit der Absicht, mit der Hoffnung, glücklicher, unabhängiger, frei zu werden. Kein Zug verräth eine Märtyrerlust, mit ihrem Opfer und für dasselbe unterzugehen. Aber könnte eine racheglühende, eifersüchtige Spanierin, ein von dämonischer Leidenschaft verblendetes Weib südlicher Himmelsstriche unvernünftiger, rasender handeln, als diese Tochter des kalten Nordens, eine Anglosächsin, eine Bewohnerin des frommen, puritanischen Staates Massachusetts, die Tochter reicher, hochgebildeter und hochangesehener Aeltern, selbst gebildet, wohlhabend, wegen ihrer Schönheit bewundert und die Mütter dreier Kinder? Alles Das schließt nicht aus, daß sie nicht aus Liebe oder Haß sich ihres Mannes auf verbrecherische Art entledigen wollen. Aber ihre Handlungsweise erscheint als baare, nackte Unvernunft, als eine so kindische Sorglosigkeit oder als ein so frecher Trotz gegen alle Verhältnisse, daß wir dafür keinen Begriff haben. Sie will den Mann umbringen, und daß, als sie bei dem Ersten, den sie darum angeht, Bedenken oder Widerstand findet, sie sich an Andere wendet, daß ihre Hast, ihr Eifer in furchtbaren Progressionen sich steigern, möchte in ihrer subjectiven Natur liegen; aber daß sie nun den Ersten Besten aufgreift, daß sie, wie von einem Vernichtungsfieber geschüttelt, alle Vorsicht, alle Rücksichten, alle Scham abstreift und rein dumm handelt, will seine Erklärung, die wir in dem Gegebenen nicht finden, und die selbst die Phantasie sich schwer denken kann. Sie fodert ihre Dienstleute auf, alle Nachzügler des britischen Heeres zu ihr ins Haus zu locken. Möglich, daß diese für gefährliches Gesindel damals galten, das zu solcher Schandthat sich sofort bereit finden würde. Aber nachdem sie Buchanan und Brooks gewonnen, was wäre natürlicher gewesen, als, sie mit Mitteln versehen, dem verreisten Ehegatten nach- oder entgegenzusenden, damit sie ihn im Walde, in der Wildniß, auf einsamer Straße ermordeten? Die Straßen sind nach solchen Kriegen unsicher. Aller Verdacht wäre von ihr abgewandt gewesen. Statt dessen nimmt sie die wüsten Gesellen ins Haus, nicht heimlich, vor aller Welt. Sie scheinen dort wie die Freier der Penelope geschaltet zu haben. Sie lebt in ungestörter Vertrautheit mit ihnen, mit dem Einen frühstückt sie, den Andern besucht sie auf seiner Kammer und sitzt neben seinem Bette. Zu wie Vielen spricht sie es aus: sie könne mit ihrem Manne nicht leben, man solle ihn ihr fortschaffen. Mit Gift ist es nicht gegangen. Er kommt zurück. Sie verbirgt die gedungenen Mörder durch einige Tage, auch da ohne alle Vorsicht, und allein vor dem Manne. Nun aber hat sie an den Beiden nicht genug, sie läßt auch ihren jungen Liebhaber kommen; er muß sich mit den Soldaten in eine Banditenrotte stellen. Nichts wird heimlich getrieben, nichts kann sie von dem Vorhaben abbringen; selbst der Besuch von Fremden läßt sie den Vorsatz auch nicht um einen Tag aufschieben. Aber ehe es noch geschehen, wissen auch ihre Dienstboten, daß es geschehen wird und wann. Sie bindet diese weder durch Eid, Drohungen, noch durch besondere Geschenke zur Verschwiegenheit. Sie sagt ihnen nur, sie kann nicht mit dem Mann mehr leben, er muß fortgeschafft werden; sie wünscht ihn in den Himmel. Ja mehr noch, auch diese Dienstboten hat sie aufgefodert, ihn bei Seite zu schaffen, unbekümmert, ob sie nicht den Mann warnen, sie verrathen werden. Fünf Mitwisser, fünf von ihr Beauftragte, unter denen sie sich höchstens auf Einen verlassen kann! Auch jetzt noch wäre doch wol eine Gelegenheit gewesen, den Mann vom Hause fortzulocken, um auf der Straße, in einem anderen Gehöft ihn niederstoßen, den Leichnam in eine Grube, in ein fließendes Wasser werfen zu lassen. Statt dessen läßt sie ihn von der Schenke ins Haus zurückkehren und in ihrem eigenen Hofe umbringen und in den eigenen Brunnen werfen! Und während Schnee auf dem Boden liegt, der jede Spur von selber zeigt. Damit nicht genug, kommen die Mörder in der Nacht zusammen, und in Gegenwart der Dienstleute werden sie für ihre Mühwaltung bezahlt. Auch Das noch nicht genug, sie vertheilt auch noch die Kleider und Pretiosen des Mannes an die Banditen; diese machen in ihrer Gegenwart Toilette bis auf Hemde und Hosen, und nur die blutbefleckten hielt man für angemessen zu verbrennen, wobei man aber einen Gestank macht, der die Schlafenden erweckt! Was aber ist der Gestank gegen die Kleider, die Kleider eines Ermordeten, welche die Mörder sich anlegen, um allen Spürhunden die Witterung zu geben, Tonnen und Fähnchen auf dem Wasser, den Schiffern zur Warnung: hier ist Untiefe! – Etwas wenigstens geschieht des Scheins wegen: man schickt am Morgen nach der Schenke, um nach dem Manne zu fragen; aber weder sind die Spuren im Schnee vertilgt, noch die Blutflecken am Brunnen abgewaschen; noch ist der Leichnam so im Brunnen versenkt, daß die Leute nicht auf den ersten Versuch denselben darin finden. Die Mörderin hat sich die Nacht durch damit begnügt, zu stöhnen und weinen und zu rufen: »Nun ist er im Himmel!« Und ist Das nicht auch ein Zeichen gestörten Sinnes, nicht daß sie die Leiche nicht berühren will, sondern ihr Ausruf: »Armer kleiner Mann!« und daß sie den Mördern nach Worcester nachläuft, sie in der Schenke aufsucht, eine Vertraulichkeit von Seiten Brooks sich gefallen läßt, die, mit andern Umständen verbunden, den Schluß erlaubt, daß sie ihre Gunst nicht für den hübschen Ezra Roß allein aufgespart, sondern die nichtsnutzigen Gesellen auch in anderer Art, als durch Geld und Kleidungsstücke, bezahlt hat? Kurz ein buntes Durcheinander von Verworfenheit, Gemeinheit, Einfalt bis zur Dummheit, und dies Alles nicht einmal durch Ausbrüche einer großartigen, sinnlichen Leidenschaftlichkeit erklärt! – Es ist objectiv Alles vorhanden, um auf eine Störung der geistigen Fähigkeiten der Verbrecherin schließen zu lassen, aber der subjective Beweis fehlt. Er fehlt in den Acten, wie sie uns erhalten sind, es ist aber auch anzunehmen, daß er damals gefehlt haben wird, sonst würde die Verteidigung diese Waffen nicht unbenutzt haben liegen lassen. Daß Verbrecher bis zur Tollheit consequent unvernünftig und ihrem eigentlichen Zwecke entgegenhandeln, ist kein Beweis einer geistigen Unfreiheit, welche die Ahndung vor dem Gesetze ausschlösse. Jenes waren die Schlüsse, welche sich einem Jeden, der die Geschichte liest, von selbst darbieten werden. Aus dem Vortrage des Vertheidigers entnehmen wir Folgendes: Alles, was man von ihr und über sie gehört, sei das Kriterium einer thörichten oder gestörten Person. Geboren in hohem Stande, wohlerzogen, wohlgebildet, Gattin, Mutter, in glücklichen Vermögensverhältnissen, was könne sie da zu dem verabscheuungsnwürdigen Verbrechen gedrängt haben? – Welches Ende konnte es nehmen? – Was konnte sie hoffen vom Tode des Mannes? Sie raubte den Kindern ihren Vater und Beschützer, sich selbst einen Gatten (?), sie lastete auf sich allein die ganze Sorge für die Familie, noch dazu mit einem sehr geschmälerten Einkommen. Wenn sie ernsthaft an die Zukunft dachte, konnte sie nicht an die Ausführung der That gehen, und wenn sie daran ging, konnte sie dann als im Besitze ihrer Vernunft angesehen werden? – Wenn sie mit ihrem Manne nicht länger es aushielt, was hielt sie denn ab, sich von ihm zu trennen, zu ihrem Vater zu gehen, dessen Lieblingskind sie war, zu ihrem Bruder, ihren andern Freunden? – Dort bei ihrem einnehmenden Aeußern, ihrer Geschicklichkeit, hätte sie galante Liebhaber in ihre Netze ziehen können, wie sie Lust hatte, ganz Andere, als den Burschen Roß, die sich für ihren Stand und ihre Stellung im Leben geschickt hätten. – Die Hoffnung, etwas unentdeckt, ungestraft thun zn können, sei die Lockung zur Sünde. Konnte sie diese Hoffnung hegen? Wo war hier ein Plan, die That zu verbergen, ein ersonnenes Märchen, sie auf Andere zu schieben, eine vorausbedachte Rettung und Flucht? Wo konnte sie auf Verschwiegenheit von Seiten fremder, unzuverlässiger Menschen rechnen, da sie selbst, schon vor der That, ihre Absicht ausplauderte, da sie in einer öffentlichen Schenke die Mordgesellen aufsuchte und laut vor Andern die Zeit der Mordthat mit ihnen verabredete? Ja, sie hatte zu Mehren gesagt: ihr Mann werde eine große Reise antreten, ob Jemand sei, der sein Gut pachten wolle? – Das Austheilen der feinen Kleidungsstücke und Prätiosen des Ermordeten an die gemeinen Kerle, damit sie dieselben vor allen Leuten trügen, sei kaum weniger unvernünftig, als wenn sie mit großen Buchstaben an ihre Stirn geschrieben hätte: die Mörder des Master Spooner! Wenn dann ihre Ausführung unvernünftig war, eine solche, die unmöglicherweise von einer Person geleitet sein konnte, die beim Gebrauch ihrer Sinne war, so ist Das der beste Beweis eines gestörten Gemüthes, welchen die Verhältnisse leiten können. Denn wie sollte der Zustand eines Gemüthes erkannt werden, als durch die Ausführung, durch die Handlungsweise, die Thaten der Person? Die Geschworenen handelten wie unsere Richter handeln würden. Der Beweis genügte ihnen nicht, um der sinnlos Handelnden die Zurechnungsfähigkeit abzusprechen. Sie sprachen das Schuldig über alle vier Angeklagte, und der Oberrichter sprach das Todesurtheil über sie aus. Während der 16stündigen Verhandlungen blieb Mistriß Spooner ganz ruhig. Ja sie schien vollkommen gleichgültig auch als der Urteilsspruch gefällt wurde. Ihre Haltung war stolz, ihre Miene verschlossen, kein Aufzucken, kein Murmeln. Der Tag zur Hinrichtung war auf Donnerstag, den 4. Juni festgesetzt. Im Kerker zu Worcester schienen die drei Männer wie völlig durch ihr Loos gebrochen. Sie erklärten laut die Gerechtigkeit des Urtheils und gaben sich sogar mit Entzücken dem geistlichen Tröste hin. Vor ihrem Tode machten sie ein vollständiges Bekenntniß, welches im selben Jahre zu Worcester gedruckt erschien. Es lautet: »Wir, Jonas Buchanan und William Brooks, verließen am 8. Februar 1778 Worcester, um nach Springfield auf Arbeit zu gehen. Als wir an Spooner's Hause vorüberkamen, rief uns Alexander Cumings herein, den wir auch für einen britischen Soldaten hielten. Nachdem wir eine Zeit lang am Feuer gesessen, sagte er uns, sein Herr wäre vom Hause fort, aber er wolle seine Herrin rufen, die hatte große Vorliebe für Alles, was zur Armee gehöre, denn ihr Vater sei darin, und noch einer ihrer Brüder. Er rief sie auch; sie kam herab und schien froh auszusehen. Sie fragte uns, woher wir kämen? Wir sagten es ihr, und daß wir nach Canada gingen, da ich, Buchanan, dort meine Familie gelassen hätte. Darauf ordnete sie ein Frühstück für uns an, und als es fertig war, wurden wir aufgefodert, in ihr Wohnzimmer zu treten. Wir waren nicht wenig darüber verwundert, denn wir fühlten uns schon gut genug aufgenommen, wenn sie uns in der Küche etwas zufließen ließ. Indessen frühstückten wir Alle miteinander. Da das Wetter sehr schlecht war, wurden wir aufgefodert, zu bleiben, bis es sich aufkläre. Da wir nur wenig Geld hatten, so blieben wir gern. Aber das Wetter blieb schlecht, so blieben wir den Tag und die Nacht. Ich, Buchanan, bin nicht sicher, ob es am ersten Tage oder am zweiten war, daß sie mir sagte, als wir unter uns waren, daß sie und ihr Mann nicht gut stimmten, daß er nach Princeton gereist sei und sobald nicht wiederkehren werde – daß wir nicht fortgehen sollten, bis das Wetter schön würde, indem gerade damals viel Schnee fiel. »Wir sagten gern ja und blieben nun von Tag zu Tag, indem wir erwarteten, daß Master Spooner zurückkommen werde. Mistriß Spooner wurde sehr frei in der Unterhaltung mit mir, Buchanan . Eines Tages sagte sie mir, sie erwarte eigentlich, daß Master Spooner gar nicht zurückkehren werde, da ein gewisser Master Roß mit ihm abgereist sei, der eine Unze Gift mit sich hatte; die wollte er, wie er ihr versprochen, ihrem Manne bei der ersten, besten Gelegenheit beibringen. »Das muß Einem wol seltsam vorkommen, daß sie gegen einen ganz Fremden ein solches Geständniß machte. Sie sagte uns zu gleicher Zeit, wir sollten nur bleiben, um zu warten, ob Master Spooner zurückkäme oder nicht. Da blieben wir denn auch und hatten nie besser Quartier, wenig bekümmert darum, welchen Köder uns der Verführer legte. Wir waren damals gerade in einer Stimmung, danach zuzuschnappen, ohne Furcht Gottes vor unfern Augen; nein, wir hatten ihn ganz vergessen. »Nachdem wir auf die Weise 10 bis 12 Tage dort geblieben, so weit ich mich entsinnen kann, kam ihr Mann zurück, und da er uns sah, fragte er, wer wir wären? Sie sagte ihm, ich (Buchanan) wäre ein Vetter von Alexander Cumings. Er kümmerte sich nun anfangs nicht weiter darum, aber wie er zu seinen Nachbarn umher ging, mußte er wol hören, wie lange wir schon dort wären, und wahrscheinlich erfuhr er auch in der Schenke, wie viele Maaße Branntwein er zu bezahlen habe, seitdem er abgereist war. Wie Dem nun sei, wie er Abends nach Hause kam und uns noch da sah, so wünschte er, daß wir Augenblicks uns auf und davon machten. Wir baten nur, er möchte uns bis Morgen lassen. Endlich bewilligte er es uns, wir könnten die Nacht durch noch am Herde bleiben. »Er war nun in der Wohnstube und Mistriß Spooner war zu Bett gegangen. Da kam Einer, Namens Reuben Old, in einem Geschäft zum Master Spooner, und bald darauf kam er zu uns raus und sagte uns, Master Spooner habe Furcht, daß wir ihn berauben würden, denn er hätte einen großen silbernen Löffel verloren und ein gut Theil seines Zinngeräth. Das verdroß uns, denn wir waren uns bewußt, daß wir keinen Gedanken hatten, ihn zu bestehlen. Hätten wir Das gewollt, da hätten wir so viel Gelegenheit gehabt, als Einer nur wünschen kann. Den Löffel fand er, wo er ihn hingelegt, und sein Zinn fehlte ihm auch nicht; Cumings zeigte es ihm. »Master Spooner stieg die Treppe hinauf und brachte die Büchse herab, worin er sein Geld hatte, und legte sich auf den Flur zum Schlafen, die Büchse unter, dem Kopfe. Alles, was Spooner sagte oder that, das hinterbrachte uns Reuben Old, und während Spooner schlief, setzte er sich zu uns ans Feuer in der Küche, und wir waren Alle recht lustig miteinander. Was Reuben Old von mir, Buchanan, vor Gericht ausgesagt, als hätte ich vor ihm gesagt, ich wollte Master Spooner um 2 Kupferstücke in den Brunnen werfen, das ist falsch. Am Morgen, da sich keine schickliche Gelegenheit bot, Mistriß Spooner zu sehen, um von ihr Abschied zu nehmen, so gingen wir, Buchanan, Brooks und auch Cumings zu Mistriß Stratten in die Scheune, um dort den Tag zuzubringen, bis wir eine Gelegenheit fänden, Mistriß Spooner Lebewohl zu sagen. Dort blieben wir den besten Teil des Tages. Nachdem Cumings von Mistris Spooner 5 Thaler erhalten, um seinen vermeinten Vetter damit zu tractiren, gingen wir in Cooley's Schenke und tranken, und von da in Doctor Foxcroft's Schenke, wo wir blieben, bis Cumings kam und aussagte, Master Spooner sei zu Bett gegangen. Da kehrten wir nach dem Hause zurück, kriegten unser Abendbrot und Branntwein, schlichen uns dann in die Scheune und blieben dort die Nacht über. Am Morgen wurde uns Frühstück in die Scheune geschickt. Und da Mistriß Barry und Mistriß Tufts den Tag vorher dagewesen waren und mich zu sehen gewünscht hatten, so sagte ich, Buchanan, ich wolle hingehen und sie besuchen. Mistriß Spooner sagte, sie wollte auch dahin gehen, und so geschah es denn. »Wir, Buchanan und Brooks, gingen, und wir Alle (mit Mistriß Spooner) blieben bei Green's (Verwandte der Spooner) und tranken da bis spät. Einige Schritte davon (doch wol beim Fortgehen) sagte sie, sie hätte ein Schnupftuch einem britischen Soldaten gegeben, der mit mir (Buchanan) einige heftige Worte gewechselt, und darauf stieg Brooks zu Pferde und ritt fort, und sie und ich, wir gingen nach Hause. Brooks verirrte sich auf dem Heimwege und kam erst einige Zeit nach uns. Aber er brachte das Schnupftuch nicht mit, denn der Soldat hatte gesagt, er wolle es nicht ausliefern, bis er Mistriß Spooner selbst sähe. Auch die Nacht blieben Buchanan und Brooks in der Scheune. Am Morgen gingen wir in Master Gilbert's Schenke, und als wir hinaustraten, kam Cumings uns auf einem von Spooner's Pferden entgegen. Er sagte uns, sein Herr wäre in die Schenke gegangen und seine Herrin wünsche, wir sollten nun ins Haus kommen. Das thaten wir auch und kriegten unser Abendbrot. Die Nacht verbrachten wir in der Schenke und am Morgen ließ sie uns sagen, ihr Mann wäre über Land gegangen, um Hafer einzukaufen. »Der Bursche Parker (?!) hatte Brooks vorgeschlagen, wenn er kommen wollte und Master Spooner treffen und ihn selbst, bei ihrer Rückkehr, dann wolle besagter Parker ihm helfen, Spooner das Leben zu nehmen. (Wörtlich übersetzt. Der Bursche Parker war in der Untersuchung bis da nicht vorgekommen; also noch ein intendirter Complice! Es gewinnt den Anschein, als wäre es eine allgemein bekannte Sache gewesen, daß Mistriß Spooner ihren Mann wollte todtschlagen lassen, und daß ordentlich dazu Freiwillige aufgerufen wurden.) Wir gingen nun, heißt es weiter, aus der Scheune in das Haus, und fanden, daß er fortgegangen war; da blieben wir denn den Tag über und ließen es uns wohl sein bei Essen und Trinken. »In der Abenddämmerung kam Master Spooner nach Hause, sodaß wir leicht hätten überrascht werden können. Aber wir hörten ihn doch die Thür aufdrehen, und Brooks sprang in den Keller, ich aber hielt mich an die Hinterthür, bis er ins Wohnzimmer ging. Dann schlichen wir hinaus und wieder in die Scheune, wo wir den ganzen folgenden Tag blieben. Erst in der Nacht, als Master Spooner im Bette lag, schickte man nach uns und ließ uns ins Haus holen, wo wir Abendbrot und Branntwein erhielten, um uns zu einem andern Plane aufzumuntern, den Cumings und Parker – die für jetzt der Strafe entgangen sind – dem armen Brooks vorschlugen. Nämlich wir alle Drei sollten die Treppe hinaufgehen und Brooks sollte ihm da das Leben nehmen. Dafür sollte er 1000 Dollars erhalten, Master Spooner's Uhr, seine Schnallen und von seiner Garderobe so viel, daß er eine vollständige Kleidung hätte. Aber Brooks hatte nicht das Herz dazu. Mistriß Spooner sagte, sie hätte nicht gedacht, daß er so schwachherzig wäre. »Wäre Das geschehen, dann hatten wir ihn augenblicklich in den Brunnen geworfen, so wie wir ihn aus dem Bett genommen. Denn die Frau bemerkte: man würde dann denken, er sei hineingefallen, während er in der Nacht Wasser trinken wollen. »Am nächsten Morgen brachte uns Cumings Frühstück. Er benachrichtigte uns, es sei von ihr ein neuer Plan entworfen, der so sei: Entweder Cumings oder Parker solle Master Spooner melden, eins seiner Pferde wäre krank, wenn er dann in die Scheune käme, ihn zu überfallen, todtzuschlagen und unter die Pferdehufe zu legen, damit die Leute glauben sollten, wenn sie ihn fänden, die Pferde hätten ihn umgebracht. Brooks aber sagte zu Parker, er möge Das dem Herrn nicht bestellen, sondern der Frau sagen, er hätte es bestellt, aber der Herr wolle nicht hinübergehen. »Parker that so. Wir blieben wieder den ganzen Tag und die ganze Nacht in der Scheune; auch den nächstfolgenden Tag, der ein Sonntag war. Sie kam über Nacht zu uns. Wir sagten ihr nun, nächsten Morgen würden wir fortgehen. Sie bat uns, wir möchten's doch nicht thun. Aber wir wollten nicht länger bleiben. Wir machten uns also auf den Weg nach Springfield. Unterweges nahmen wir Arbeit an bei einem Schmied. Ich, Buchanan, arbeitete dort 3 Tage; aber da sich für Brooks nichts Rechtes fand, machten wir uns auf den Weg nach Worcester, um von da nach Hause zu kehren. »Als wir eines Mittags am Spooner's Hause wieder vorüber kamen, grüßten wir Mistriß Spooner und sagten ihr, wohin wir gingen. Sie sagte uns, sie würde uns am folgenden Tage nachkommen, um ihre Schwester in Worcester zu besuchen; sie freue sich, daß wir so in der Nähe Arbeit gefunden hätten. Auch sagte sie, daß sie zwei Geldnoten hätte, eine von 20 Pfund und eine von 300 Dollars, die wolle sie einzuwechseln suchen; davon sollte ich, Buchanan, 100 Dollars haben, um mir zu kaufen, was ich wünschte. »Aber wir blieben doch die Nacht wieder in der Scheune und gingen erst am Morgen nach Worcester. Sie kam uns noch selbigen Tages nach und suchte uns, nach der Verabredung, bei Walkers auf. Sie trat herein und blieb da eine gute Zeit, und gab mir, Buchanan, eine Banknote, so viel Zeug, als zu einem Hemde nöthig, und 6 oder 7 Dollars, indem sie sagte, das käme Alles von M'Donalds, einer ihrer Bekannten. Dann ging sie, ihre Schwester zu besuchen und sagte uns, wir möchten nur warten, bis sie zurückkomme. Das thaten wir denn auch, und sie kehrte am Freitag Morgen um 10 Uhr zurück und blieb bei uns bis Nacht. Sie sagte mir, Buchanan, sie hätte nicht mehr Papiergeld, als was sie mir gegeben. Aber sie bat mich, ich möchte ihr doch etwas Gift verschaffen, um es Master Spooner eingeben zu können. »Da verschaffte ich mir denn an dem Tage eine Drachme Calomel und vertheilte sie in 20 Papiere. Am Morgen wollte ich ihr das eine geben; sie sagte mir aber, sie würde ihm nie eins eingeben. Sie ging zu ihrer Schwester spät Abends und kam zu uns des Morgens, so um 10 Uhr. Ich trat an die Thür; sie wollte aber nicht hereinkommen, sondern bat mich, zu ihr nach Master Nazro's Laden zu kommen, dort wolle sie für uns Draht kaufen (mit dem Brooks ein Geschäft betreiben wollte), da wir selbst nicht Geld genug dazu hatten. Sie fragte uns, wann wir denn wieder durch Brookfield kommen wollten? Ich sagte ihr, wenn sie wach bleibe, wollten wir Montags Nacht um 11 Uhr ansprechen. Sie sagte, sie wolle uns erwarten. »Ich trennte mich da von ihr und sandte Brooks nach dem Laden. Aber als er ihr nachging, sah er, wie sie an der Thür vorüber ritt, und ging deshalb nicht hin. Wir blieben nun bei Walkers bis Sonntag Nachmittag und verließen dann Worcester. Um 8 Uhr Abends waren wir vor Spooner's Hause. Wir sahen Mistriß Stratten am Brunnen. Buchanan sprach mit ihr. Sie sagte ihm, es wäre Gesellschaft im Hause; aber sie wolle es Mistriß Spooner wissen lassen, daß wir da wären. »Mistriß Spooner kam auch heraus und sagte uns, daß ein Master Roß im Hause wäre, der ein Paar geladene Pistolen hätte, und er hätte ihr versprochen, er wolle Master Spooner umbringen, sobald er aus der Schenke nach Hause käme. Nun wünschte sie, wir möchten doch hereinkommen, was wir auch thaten. Master Roß zeigte uns eine Pistole und sagte uns, Master Spooner solle durch die noch in der Nacht sterben. Entweder Brooks oder Buchanan aber sagten, das würde die Nachbarschaft aufwecken. »Brooks sagte nun, wenn Roß ihm helfen wolle, dann wolle er ihn niederschlagen. Darüber wurde man nun einig, und im Wohnzimmer wurde eine kleine Luke frei gehalten, um zu sehen, wenn er käme. Mittlerweile ward uns ein Abendbrot von Mistriß Stratten gebracht. Erst setzte man uns einen Flipp vor (Getränk aus Bier, Branntwein, Zitrone und Zucker) und dann etwas Rum, und dabei sahen wir umschichtig aus der Luke. Wir sind ganz gewiß, die Stratten mußte Alles wissen, was vorging. Darüber mag denn nun das Publicum entscheiden. Endlich sahen wir Master Spooner kommen, und das war denn die Zeit für den Teufel, um seine Macht zu zeigen über Die, welche Gottes vergessen hatten. »William Brooks ging hinaus und stand innerhalb der kleinen Thür, die in die Küche führte, und als Master Spooner durchging, schlug er ihn nieder mit der Faust. Er wollte noch sprechen, als er stürzte. Brooks aber hielt ihn an der Kehle, und zum Theil strangulirte er ihn. »Roß und Buchanan kamen nun heraus. Roß zog Spooner's Uhr heraus und gab sie an Buchanan. Brooks und Roß nahmen die Leiche auf und warfen sie in den Brunnen, den Kopf zuerst. Aber ehe sie ihn fortschleppten, zog ich, Buchanan, ihm die Schuhe aus. Doch ergriff mich der Schrecken des Gewissens bald genug. Ich ging dann ins Haus und traf Mistriß Spooner im Wohnzimmer. Sie schien erschrecklich verwirrt. Augenblicklich ging sie nun hinauf und holte die Büchse mit dem Gelde. Da sie keinen Schlüssel hatte, foderte sie mich auf, sie zu zerbrechen, was ich auch that. Zur selben Zeit kamen auch Roß und Brooks herein. Sie gab zwei Noten, von 400 Dollars jede, an Roß, um sie zu wechseln und das Geld an Brooks zu geben. Aber sie fanden noch mehres Papiergeld (243 Dollars), welches Brooks empfing, und die Noten wurden dafür zurückgegeben. Zugleich gab sie aber auch an Roß 4 Noten, jede von 10 Pfund, um sich Camlot zu einem Reiteranzuge zu kaufen. Roß gab Brooks seine Weste, Hosen und ein Hemde. Sie ging darauf und brachte Roß eine Weste, Hosen und Hemde aus ihres Mannes Kleidern. Als sie sich umgekleidet hatten, gab sie mir, Buchanan, 3 Acht-Dollarscheine und fragte mich, wann wir uns wiedersehen würden. Ich sagte: in vierzehn Tagen; Gott aber hat es gefallen, daß wir uns eher wiedersehen sollten, und in einer schrecklichen Lage. Wären wir nur Alle augenblicklich des Todes niedergefallen und zur Hölle gesandt, so wäre Gott doch gerechtfertigt und wir wären mit Rechten verdammt. »Um 11 Uhr in der Nacht machten wir uns auf nach Worcester. Um 4 Uhr Morgens erreichten wir Mistriß Walker's Haus. Mary Walker und ein Negermädchen waren drinnen. Wir sagten ihnen eine gehörige Portion Lügen, um unsere plötzliche Rückkehr zu erklären. Am Morgen gingen wir ans Trinken, um die Gedanken an die schreckliche That wegzutrinken. Wir blieben den ganzen Tag dort, um in der Nacht uns auf den Weg zu machen, aber es hat Gott gefallen, es anders zu fügen. Denn Brooks, trunken, ging hinunter in Master Brown's Schenke. Als er da Master Spooner's Uhr zeigte und die Leute ihn mit Silberschnallen sahen, wurden sie argwöhnisch auf ihn u. s. w.« Dieser Bericht ist wahr, dafür bürgt seine Naivheit; es ist nur nicht die Wahrheit, nach der wir verlangen. Das psychologisch Unbegreifliche erscheint danach nur noch unbegreiflicher. Die dürren Thatsachen, welche der Sergeant aufgefaßt, sind freilich entsetzlich, es sind aber nur die Knochen eines Gerippes ohne Gelenke, geschweige denn, daß man den Blutumlauf gewahrte, oder die Seele, die diesen anomalen Körper bewegte. Das Weib und ihre That steht nach wie vor als ein Räthsel vor uns da: Wenn ein geistiger Funke in ihr gelebt, der einigermaßen ihrer höhern Stellung im Leben entsprach, so ist diese Gemeinschaft und Vertraulichkeit mit solchen Gesellen, wie Buchanan's Schrift sie uns schildert, ebenso unerklärlich, als sie uns schon als eine Strafe für ein Wesen erscheinen kann, das, wir wissen nicht auf welchen Wegen, so aus der Art schlagen konnte. Seine Erzählung ist trocken; wie es von einer gemeinen Seele bei seinem geistigen Bildungsgrade zu erwarten, haftet die Auffassung an den unbedeutendsten Aeußerlichkeiten, während sie über das Wesentlichste hinwegspringt. Zur Charakteristik der Zeit, der Menschen, der That selbst, ist sie aber, ihrer unbeholfenen Weitschweifigkeit ungeachtet, von Interesse, weshalb wir sie unverkürzt mittheilten. Wie die Todesgefahr über dem Haupte des erkorenen Opfers ihm unbewußt Wochen lang schwebt, wie er umgarnt ist von der Banditenbande, an ihrer Spitze die treulose Gattin und mit ihr eine ganze Hausgenossenschaft, wie er jetzt durch einen Giftbecher des Reisegefährten, jetzt durch Erdrosselung im Bette, jetzt im Stalle, jetzt durch einen Pistolenschuß umgebracht werden soll, und nur der fehlende Muth, den letzten Entschluß zu fassen, ihn zeitweilig rettet, das könnte an einen andern, interessanten Fall unseres Pitaval, »Die Mörder auf Reisen« , erinnern, wo das Todesurthell längst gesprochen war über das arglose und hülflose Mädchen, aber Wochen und eine Entfernung von Berlin bis Augsburg dazu gehörte, um es in einer günstigen Stunde zur Ausführung zu bringen. Buchanan, ein Schotte von Geburt, Sergeant von Burgoyne's Armee, ein Mann von 30 Jahren, »von angemessener Bildung«, wie es heißt, und schmuckem Aeußern, und Brooks, ein Engländer, gemeiner Soldat in derselben Armee, 27 Jahre alt, hatten Beide rein als Banditen, des Geldes wegen gehandelt und gemordet. Anders war es mit Roß, der, fast noch ein Knabe, Sohn geachteter Aeltern, wohlerzogen und, wie es scheint, von einem sonst guten Charakter war. Hier darf man annehmen, daß Leidenschaft, Verführung mit im Spiele waren, daß er möglicherweise daran gedacht hat, die von ihm bewunderte, geliebte schöne Frau aus einem argen, drückenden Verhältnisse zu erretten. Ueberhaupt vermissen wir hier in der Untersuchung ein Etwas, das uns auch bei andern englischen Criminalprocessen entgeht, ein Etwas aus der Vorgeschichte, worauf die Motive der That sich stützen können. Wer war Spooner? Wir erfahren nichts von ihm, als daß er ein schwächlicher, möglicherweise kleiner, verdrießlicher Mann war, von beschränkten Gemüths-, vielleicht auch physischen Fähigkeiten, worauf der Ausdruck der Spooner deutet, als sie die Stirn der Leiche berühren mußte: »Armer kleiner Mann!« Aber gegen einen solchen pflegt ein so stolzes, ausgelassenes, alle Schranken überschreitendes Weib nicht in Todeshaß auszubrechen; sie verachtet ihn, aber sie ermordet ihn nicht. Es wird ihr ein Spiel sein, ihm zum Trotz, ihren Launen und Lüsten nachzugehen. Wo brauchte ein Weib von dieser Charakterfestigkeit eines Schutzes, einer Rettung gegen einen solchen Mann; und doch muß, kann man die Sache kaum anders betrachten. Wenn der ermordete Spooner nicht ein Haustyrann gewesen, oder wenigstens etwas Widerwärtiges, Drückendes in seinem Sein und Wesen gehabt, so läßt sich nicht begreifen, wie seiner Frau die Hülfe, der Beistand fast von selbst und von allen Seiten entgegenkam, bis dahin, daß sich ein ganzer Hausstand zu seiner Vernichtung verschworen, und wenn nicht selbst dabei bethätigte, doch wußte, was vorging und dazu schwieg, aus dem Wege ging, ja nicht einmal flüsterte und Winke gab. Ohne diese Annahme läßt sich psychologisch das Verhältniß in dem Hause gar nicht erklären ohne die andere Annahme, zu der uns aber gar nichts berechtigt, daß eine völlige moralische Depravation, eine Auflösung aller sittlichen, religiösen und Rechtsbegriffe in der Gesellschaft damals geherrscht habe. Zm Gegentheil, Massachusetts war noch das Land der puritanischen Heiligen, wo der Buchstabe des Gesetzes in voller, erschreckender Gültigkeit war. Selbst Bathseba Spooner war nicht davon emancipirt. Indem sie ihren Mann umbrachte, tröstete sie sich damit, daß er nun im Himmel sei. Wie dem auch sei, so viel ist gewiß, daß der junge Ezra Roß allein, und die größte Theilnahme beim Publicum in Ansprache nahm. Er hatte lange gezaudert, ehe er den Verführungen der schönen Frau in dieser Beziehung nachgab; es war augenscheinlich, daß er nicht zu dem eigentlichen Complot gehörte, daß er erst später, vielleicht zufällig zu der Ausführung hinzugekommen war, was freilich nicht ausschließt, daß er doch selbst schon früher mit dem Vergiftungsplane umgegangen war, und mit derselben Rohheit und Gemeinheit wie die Andern, während die Leiche noch warm war, in deren Kleider sich theilte. Seine bejahrten Aeltern reichten eine rührende Bittschrift ein, in der sie für das Leben ihres geliebten Sohnes, der Stütze ihres Alters, baten. Die Familie hatte sich ganz der Sache der Patrioten gewidmet. Von 17 Kindern waren ihnen nur sechs Söhne und drei Töchter geblieben, und von diesen sechs Söhnen hatten fünf die Waffen ergriffen für die Sache der Freiheit, darunter auch der unglückliche Ezra, der mit Washington nach dem Süden marschirt war. So herzerschütternd der Ton der Bittschrift lautete, hatten die Aeltern jedoch keine andern Gründe für ihn als seine Dienste für das Vaterland, seine Jugend, die in die Stricke eines arglistigen, verführerischen Weibes gefallen, seinen anfänglichen Widerstand gegen ihre Plane und seine tiefe Reue und Buße. Die Obrigkeit fand diese Gründe nicht genügend, um auch nur die Art der Strafe zu verwandeln, obgleich auch die Geistlichkeit seiner Parochie sich für ihn verwandte. Seine Hinrichtung ward zum Act der Erbauung für Viele, und der Tag, an dem sie erfolgte, ward in seiner Gemeinde als ein Bet-, Buß- und Fasttag gefeiert. Aber der eigentliche Gegenstand des allgemeinen Interesse dieser schauerlichen Tragödie blieb das Weib, welches die eigentliche und alleinige Urheberin derselben war. Der bejahrte Geistliche von Worcester besuchte sie täglich und sie besprach mit ihm in freiester Art ihre That, aber sie konnte nicht dahin gebracht werden, die Gerechtigkeit des Urtheils anzuerkennen. Die Zeugen hätten ihr Unrecht gethan, sie habe wohl über die Sache nachgedacht, aber niemals gedacht, daß sie zur Ausführung kommen würde. Sie habe sogar eingelenkt, als sie gefunden, daß die Leute es ernst meinten. Sie schien dem Geistlichen verhärtet und alles Gefühls ermangelnd, indem sie nicht einmal von ihrer eigenen schrecklichen Lage gerührt war. Sie verlangte keine Theilnahme von Andern und wies sie sogar entschieden zurück; vollkommen sich bewußt, daß sie der Gegenstand des allgemeinen Abscheues sei, wollte sie ihm durch Verachtung und Gleichgültigkeit begegnen. Ihr ganzes Streben ging um deswillen dahin, sich darauf vorzubereiten, daß man kein Zeichen weiblicher Schwäche an ihr bemerke. Doch bemerkte sie gelegentlich gegen ihren Seelsorger, daß sie mehr fühle als sie ausdrücken könne. Nur in einem Punkte zeigte sie sich ängstlich besorgt. Sie erklärte – sie fühle und habe die Ueberzeugung, daß sie bald werde Mutter werden. Augenblicklich ward ein Antrag gestellt, daß die Hinrichtung verschoben werden möge. Der Geistliche Macrardy unterstützte ihn, bezüglich aller Verurtheilten, mit Nachdruck, damit sie Alle besser vorbereitet dem Tode entgegengehen möchten. Seiner schriftlichen Eingabe fügte Mistriß Spooner eigenhändig die Worte hinzu: »Dieser Antrag ist auf mein dringendstes Ersuchen gestellt.« Die erste Bitte, zu der sie sich verstand! Der Rath schob die Hinrichtung um einen Monat auf, und der Sheriff erhielt den Befehl, die nöthigen Schritte zu thun, die das Gesetz in solchen Fällen vorschrieb. Demgemäß ward eine Jury erwählt, bestehend aus zwei Hebammen und 12 Matronen, um die Untersuchung vorzunehmen. Ihr Verdict lautete: Die Gefangene sei nicht schwanger. Diese beruhigte sich aber nicht dabei, sondern kam mit folgendem Gesuche ein: »Möge es Euer Gnaden gefallen (mich anzuhören): Mit wahrhafter Dankbarkeit erkenne ich die Gunst an, die mir letzthin bezüglich des Aufschubs Meiner Strafe gewährt worden. Ich muß noch einmal um die Erlaubniß bitten, demüthig zu Ihren Füßen zu liegen und Ihnen vorzustellen, daß, wiewol die Jury der Matronen, welche meine Sache untersuchen sollten, nicht zu meinen Gunsten gesprochen haben, ich doch fest davon überzeugt bin, daß ich schwanger bin, und schon über vier Monate hinaus; und daß das Kind, welches ich unter dem Herzen trage, gesetzlich erzeugt ist. Es ist mein ernster Wunsch, daß man mich schonen möge, bis ich entbunden worden. Demüthig bitte ich Euer Gnaden, unbeschadet meiner großen Unwürdigkeit, meine beklagenswerthe Lage mitleidsvoll in Betrachtung zu ziehen. Das Wesen, was ich unter meinem Herzen trage und dessen Lebenszeichen ich deutlich wahrnehme, hat keinen Theil an den Sünden Derjenigen, die es trägt, und hat, sei es mir erlaubt, dies auszusprechen, ein Recht auf die Existenz, die Gott angefangen hat, ihm zu geben. Euer Gnaden menschliche, christliche Grundsätze müssen, dessen bin ich überzeugt, Ihnen selbst den Wunsch eingeben, lieber ein Leben zu retten, auch in solchem kleinsten Zustande, als es zu zerstören. Gestatten Euer Gnaden mir deshalb, Sie mit allem dringendsten Ernste noch einmal zu ersuchen, mir einen fernern Zeitaufschub zu bewilligen, damit wenigstens volle und gute Gelegenheit sei, in der Sache zu einer Gewißheit zu kommen, um was ich denn, schuldiger Maßen, während der kurzen Zeit meines mir noch übrigen Lebens, bete und bitte.« Hat die Verurtheilte diese Eingabe selbst verfaßt, woran kein Grund zu zweifeln vorliegt, so zeigt sie uns die Verbrecherin in einem Bildungsgrade, welcher das Räthsel ihrer Aufführung statt zu lösen nur noch schwieriger macht. – Der Rath gestand die Bitte nicht zu. Maccardy selbst kam noch einmal mit einer dringenden Vorstellung ein: er sei der festen Ueberzeugung, daß die Matronen sich geirrt. Die zwei Hebammen, welche die Untersuchung geleitet, und eine der Matronen aus der Jury begleiteten eine Eingabe des Dr. Green, Bathseba's Schwager, mit einem schriftlichen Gutachten, daß sie jetzt glaubten, die Spooner sei wirklich schwanger. Aber zwei andere Matronen aus derselben Jury bekundeten, auf eine zweite Untersuchung, daß ihre Meinung unverändert bliebe. – Der Rath blieb unerbittlich und setzte den Tag der Hinrichtung an. Bathseba Spooner hörte die Ankündigung mit vollkommener Ruhe an; aber sie verharrte auf ihrer Angabe, sie sei sicher, daß sie sich nicht getäuscht, und, wenn sie gestorben, möge man ihren Leichnam untersuchen. Der 2. Juli 1778 war der Tag der Hinrichtung der vier Verbrecher. Eine ungeheure Menschenmasse drängte sich hinzu; auch aus den entferntesten Gegenden. Aehnliches hatte man im Staate Massachusetts nie erlebt. Ja die Obrigkeit hielt außerordentliche Anordnungen deshalb für nöthig, z. B. verordnete sie, daß die Pocken-Hospitäler verschlossen würden, damit kein Neugieriger daraus unter die Menschenmasse sich dränge und die Ansteckung vermieden werde. Die ungeheure Aufregung unter den wogenden Volksmassen bildete einen merkwürdigen Gegensatz gegen die anscheinende Ruhe der Frau, welche der eigentliche Gegenstand der Aufmerksamkeit war. Ja Bathseba erschien noch ruhiger als bisher, nur in sich gekehrter, nachdenkender. Ihren Glauben an den Heiland der Welt, und daß sie von ihm auch ihr Heil erwarte, bekannte sie Denen, die sie umgaben. Wenige Monate ehe sie ihre Zelle verließ, ward sie getauft. Nach den Gebräuchen jener Tage ward dann vom Geistlichen Maccarty eine Predigt vor allen Gefangenen gehalten. Die Spooner aber konnte ihr, »wegen großer körperlicher Gebrechlichkeit« an dem Tage nicht beiwohnen, Unter einer Begleitung von hundert Bewaffneten wurde die Verurtheilte endlich Nachmittags um 1[1/2] Uhr auf den Richtplatz hinaus gebracht. Die drei Soldaten gingen zu Fuß; Mistriß Spooner ward, wegen ihrer außerordentlichen Schwäche, in einer Chaise gefahren. Die Procession ging feierlich und ohne alle Störung vor sich, aber gerade im Augenblick, wo sie den Platz erreichte, brach eins der allerfürchterlichsten Gewitter los, dessen die ältesten Einwohner sich entsinnen konnten. Der Himmel ward buchstäblich schwarz. »Das war eine furchtbare halbe Stunde. Das laute Rufen der Officiere und Beamten inmitten einer Volksmasse von 3600 Köpfen: »»Platz gemacht! Platz da!«« das scheue Vordrängen der Pferde, das Kreischen und Jammergeschrei der Weiber in dem Tumult und der Verwirrung, die Verdammten langsam vorschreitend nach den verhängnißvollen Bäumen, ihre Särge ihnen vorangetragen, das Zucken der Blitze, die wie Feuermassen sich entluden und die dunkle Nacht plötzlich erhellten, gefolgt von lauten Donnerschlägen; alles Dies zusammengenommen, war eine Verschwörung der Natur und alles Dessen, was der Mensch Entsetzliches aufbieten kann. Schien es doch, als habe der Schöpfer solche Schrecken zur Bestrafung der Uebelthäter hervorgerufen, welche auch die verstocktesten Herzen erweichen können.« Endlich war es überwunden. Roß, Buchanan und Brooks bestiegen, nachdem ihnen das Todesurtheil vorgelesen war, das Gerüste. Roß betete laut; die beiden Andern still für sich. Die Spooner durfte bis zum letzten Augenblicke, ihrer Hinfälligkeit wegen, im Wagen sitzen bleiben. Man sah, wie sie oft anmuthig sich zu Dem und Jenem neigte, den sie früher gekannt. Als auch sie gerufen wurde, stieg sie mit einen sanften Lächeln vom Wagen und dann, nicht ohne Anstrengung, mit Knien und Händen sich helfend, die Leiter hinauf. Als die Gesichter der Verurtheilten verhüllt und Alles fertig war, bekannte die Spooner zum ersten Male: ihre Strafe sei gerecht. Sie faßte den Sheriff an der Hand und sagte: »Mein werther Herr, ich bin bereit. In weniger Zeit erwarte ich, in der Seligkeit zu sein, und nur wenige Jahre werden verstreichen, bis ich Euch und meine andern Freunde wieder zu sehen hoffen kann.« Am Abende noch des Tages ward, wie sie es gewünscht, ihre Leiche von Wundärzten secirt und untersucht. Man fand einen wohlausgebildeten männlichen Fötus von fünf Monaten. Zu spät ward entdeckt, daß ein großer, humaner Grundsatz, der in den Gesetzen aller civilisirter Nationen Gültigkeit hat, bei ihrer Hinrichtung verletzt worden Die Ausnahme in favorem prolis . Keine Handlung des Fanatismus unter der Regierung der blutigen Maria von England ist mehr mit Recht verabscheut worden, als eine an einem Weibe auf der Insel Guernsey verübte Grausamkeit. Ein schwangeres Weib wurde verbrannt. Als durch die Heftigkeit der Flamme das Kind am Pfahl aus der Mutter Leibe sprang und von den Nebenstehenden aufgegriffen ward, schleuderte man es, nach einer kurzen Berathung der Priester, die dem Autodafé assistirten, wieder in's Feuer, als eine Ketzerbrut. – So Blackstone. – Chandler vertheidigt das Verfahren des Rathes von Massachusetts keinesweges, aber er legt es dem noch ungeordneten Gemeinwesen der meisten amerikanischen Staaten während des Revolutionskrieges zur Last. . Die allgemeine Bestürzung war unbeschreiblich. Die Erbitterung gegen die Mörderin war bis da fast ohne Grenzen gewesen. Es wirkte Vieles zusammen: die Scheußlichkeit des Verbrechens und der Motive; der politische Haß und das Vorurtheil gegen ihre Familie – hatte doch ihr Vertheidiger die Geschworenen warnen zu müssen geglaubt, daß ihr Abscheu gegen die Tochter des Royalisten und Verräthers bei der Beurtheilung des Criminalfalls nicht mitsprechen dürfe –; ihre anscheinende Gleichgültigkeit, ihr Trotz, ihre offen zur Schau getragene Verachtung gegen das Publimm; sie hatte nicht um ihr Leben gebeten; sie weigerte sich auch, darum zu bitten. Ihre Angabe, daß sie schwanger sei, war allgemein bis da als die List eines ränkevollen Weibes angesehen worden, um nur den Tag ihrer Leiden noch aufzuschieben. Alles Das änderte sich nun, als das Gesetz in seiner ganzen Strenge an ihr vollzogen war, als man sich zuerst mit Entsetzen zuflüsterte, dann für gewiß wußte, ihre Angabe sei wahr gewesen, und das Schwert der Gerechtigkeit habe ein unschuldiges Kind getroffen. Jammer, Reue, Verwünschungen, aber nicht mehr gegen die Verbrecherin, machten dem Abscheu gegen dieselbe Platz. Jede Mutter, welche die Spooner sterben gesehen, schauderte bei der Erinnerung; welche Gefühle mögen die Matronen, welche zweimal das Verdict abgegeben hatten, beschlichen haben! Es wird die Vermuthung ausgesprochen, daß nicht allein Unwissenheit und Vorurtheil, daß auch Bosheit im Spiel gewesen sein könne! – Der Schrecken und das Entsetzen gingen in Mitleid über. Sie war so ruhig zum Tode gegangen, so friedlich war ihr Ende, daß man fast vergaß, wie tief ihre Hände in Blut getaucht gewesen. Lange ward die Geschichte des Trauerspiels Abends an den Feuerherden erzählt und wieder erzählt, und über ihre Leiden als Mutter, ihre außerordentliche Schönheit, ihren Muth, Ausdauer, die Kraft ihres Geistes, ward beinahe die Scheußlichkeit ihrer That vergessen. Peytel 1838 Der junge Notar Peytel, der sich vor Kurzem erst in Belley in Südfrankreich niedergelassen und verheirathet hatte, machte mit seiner Gattin gegen Ende October 1838 eine Vergnügungsreise nach Mâcon. Sie fuhren in eigenem Wagen, nur von einem Diener, Louis Rey, begleitet. Um Mitternacht am 1. November wurden mehre Einwohner von Belley durch Lärm, Pochen und Geschrei erweckt. Peytel war zurückgekommen, er war es, der überall heftig anpochte, schrie, den ganzen Ort in Allarm zu bringen suchte und alle Symptome der entsetzlichsten, physischen und moralischen Aufregung verrieth. Er schrie, alle Aerzte der Stadt sollten ihm zu Hülfe kommen, ehe er noch den Grund gesagt, weshalb er ihre Hülfe ansprach, und man konnte noch an einen plötzlichen Wahnsinn des immer heftigen, leicht aufregbaren Mannes denken, als er endlich in abgebrochenen Worten das Unglück mittheilte, welches ihn in diesen Zustand versetzt habe. Seine Gattin liege hingestreckt, sterbend in seinem Wagen. Auf der Straße nach Lyon habe sein schändlicher Diener sie durch einen Schuß ermordet; er, in der ersten Wuth, habe den Mord durch Mord auf der Stelle vergolten. Auch Louis Rey liege nun blutend am Wege. Man stürzte aus den Häusern, der Wagen stand auf der Straße. Man fand, wie Peytel es ausgesagt. Die junge Frau lag in dem Fuhrwerk ohne Lebenszeichen. Ihr ganzer Körper träufte, als wenn man sie ins Wasser getaucht hätte. Das Gesicht blutete wie von einer schweren Wunde. Ihre Röcke waren bis über das Knie aufgestreift, sodaß Beine und Füße, trotz der kalten und regnerischen Witterung, ganz entblößt lagen. Ein Arzt, der sie untersuchte, erklärte, daß hier jede Hülfe zu spät komme. Sie sei todt und erstarrt. Den Körper des Dieners fand man später auf der Straße in seinem Blute schwimmend. Auch er war todt. Den Bericht, welchen Peytel, nachdem er einigermaßen zur Besinnung gekommen war, vor den Behörden abstattete, genügte denselben wenig und erregte sehr bald einen Verdacht gegen ihn selbst. Mit Uebergehung dieser seiner ersten Aussage über den Vorfall, stellen wir sogleich diejenige her, welche er später vollständig vor Gericht ablegte. Auf der Rückkehr von seiner Vergnügungsreise verließ er am 31.Oct. Mâcon, etwa um 11 Uhr Morgens. In Bourg kam er um fünf Uhr Abends an, und fuhr um sieben weiter, um die Nacht durchzufahren. Die Reisenden passirten Roussillon. Mann und Frau saßen im Wagen, der Diener vor ihnen, der die Pferde lenkte. Die Wolken standen drohend am Himmel; der Regen fing schon an zu tröpfeln. Die Scenerie des Weges ist nicht ohne Bedeutung; wir schicken sie deshalb nach der Beschreibung des Schriftstellers Balzac, des spätern Vertheidigers des Angeklagten, hier voraus. Von der kleinen Stadt Ambêrieux aus, südostlich von dem Fluß Ain, beginnt die große Alpennatur, durch die sich die Straße von Bourg nach Belley, an der savoyischen Grenze; schlängelt. Sie steigt von jenem Orte aus allmälig über einen langen Bergrücken, der den Ingenieuren wie von selbst zur Führung einer Straße hingestreckt scheint. Sie führt an einem kleinen See vorüber mit grünblauem Krystallwasser wie die meisten Alpenseen, mit hohen jähen Felsufern, ohne Geländer und Brüstung, die, wie Balzac meint, von selbst zu einem Verbrechen einladen. Die Berge bilden hier einen weiten, schauerlichen Kessel. Aber, nicht hier ward der Mord verübt, sondern erst einige Flintenschüsse vor dem Ziel der Reise, vor dem Städtchen Belley. Nachdem sie ungefähr 500 Schritte die Brücken von Auderet, über den Fluß Furens, hinter sich hatten – so Peytel's Angabe – und den minder steilen Theil des Berges Darde zurückgelegt, rief Peytel seinem Diener, welcher munter darauf losfuhr, zu: nun möge er heruntersteigen und bis zur Höhe des Berges zu Fuß nebenher gehen. Gerade in dem Augenblicke blies der Wind sehr heftig und ein starker Regen ergoß sich. Peytel hatte sich in den Winkel des Wagens, zur rechten Seite, gedrückt. Seine Frau hatte sich dicht an ihn geschmiegt und schlief, ihren Kopf auf seine linke Schulter lehnend. Plötzlich hörte Peytel den Knall eines Feuergewehres; auch das Aufblitzen des Pulvers hatte er, einige Schritte von sich entfernt, bemerkt. Zu gleicher Zeit hatte seine Frau aufgeschrieen: »Ach mein armer Mann, nimm deine Pistolen!« Im selben Augenblicke wurde das Pferd unruhig und trabte fort. Peytel sah eine Gestalt nebenher auf dem Wege laufen. Er hatte sein Pistol ergriffen und auf die Gestalt aus dem Wagen gefeuert. Noch wußte er es nicht, noch hatte er keine klare Besinnung, aber die Ueberzeugung durchschauerte ihn, daß seine Frau getroffen sei. Es war ja Alles das Werk des Moments. Da sprang er von der einen Seite aus dem Wagen, seine Frau stürzte sich von der andern Seite heraus. Peytel faßte wieder die Gestalt ins Auge. Es war sein Diener. Er schoß die zweite Pistole auf ihn ab, aber ebenso vergebens als die erste. Wüthend flog, stürzte er auf ihn los und versetzte ihm von hinten Schläge mit einem Hammer. Der Getroffene wandte sich jetzt um zur Gegenwehr, er erhob die Pistole, um auf seinen Herrn zu schießen; dieser aber, schneller als er, traf ihn so mit dem Hammer, daß der Mörder, ehe er noch die Pistole abschießen konnte, auf sein Gesicht zu Boden stürzte. Peytel verließ ihn, anscheinend ohne Leben. Jetzt zu seiner Frau. – Er rief. Keine Antwort. Er lief nach allen Seiten hin, er fand sie nicht. Endlich stürzte er nach der Brücke von Auderet zurück. Dort entdeckte er sie. Sie lag im Wasser, kalt, erstarrt ohne Lebenszeichen. Er zog sie mit Anstrengung aller Kräfte auf die Böschung des steilen Ufers. Er versuchte sie aufzurichten, auf den hohen Rand zu tragen; aber seine Kräfte versagten ihm. Er fiel selbst auf die Unglückliche, und hatte alle Mühe, sie nur wieder aus dem Wasser zu ziehen. Da fiel ihm ein, daß in der Nähe ein Haus sei. Er stürzte hin, klopfte; es kostete Mühe, ehe er Jemand erweckte. Er mußte seinen Namen nennen, ehe man ihm öffnete, ehe man sich entschloß, ihm zu folgen, um zu helfen. Endlich ruft der Sohn den Vater, einen Schmied, und Beide folgen ihm an den Fluß. Er ist nicht mehr im Stande, hinunter zu steigen. Die Beiden finden den Körper und erklären ihm, es sei der Körper einer Todten. Peytel ist von dem Augenblick an außer Stande, selbst Hand anzulegen, etwas zu thun. Die Beiden tragen die Leiche herauf. Sie holen den Wagen mit dem durchgegangenen Pferde zurück, sie heben die Leiche hinein. Kaum reichen seine Kräfte aus, daß er selbst in den Wagen steigt, und neben dem Leichnam der theuern Gattin Platz nimmt. Doch ergreift er die Zügel und fährt langsam des Weges. Er erinnerte sich, noch etwas auf dem Wege liegen gesehen zu haben, was er für einen Stock hielt, aber es war die Peitsche seines Dieners. Bald darauf scheut sein Pferd. Eine andere Leiche lag im Wege. Im Ingrimm will er Wagen und Pferd darüber wegtreiben; aber die Andern lassen es nicht zu. So kam er in Belley an. Die Erzählung Peytel's erregte, kaum daß sie aus seinem Munde war, einen großen Verdacht gegen ihn selbst. Schon die Art, wie er sie vortrug, seine Affecte, die an Affectirtheit grenzten und doch von innerer Kälte zeugten, die Declamationsweise, sprachen nicht für die Wahrheit. Die Unwahrscheinlichkeit der Erzählung grenzte an die Unmöglichkeit. Wie hätte der Diener Louis Rey eine solche That wagen dürfen, zwei Büchsenschüsse von der Stadt entfernt, auf der großen Straße? Er, ein Einzelner, die Frau seines Herrn erschießen, in Gegenwart ihres Ehegatten; er neben dem Wagen laufend, während Beide drinnen saßen? Wenn er die Mordabsicht gehegt, so würden sich ihm viel bessere, sicherere Gelegenheiten dargeboten haben. Und weshalb? Es fehlte auch nur die Spur eines Motivs. Es war keine Rache, es konnte kein Raubmord beabsichtigt sein. Peytel selbst wußte auch nichts anzugeben, als daß er mit Rey unzufrieden gewesen, daß derselbe ihn übervortheilt habe. Wenn er auch eine Entdeckung, Bestrafung, ein Fortjagen gefürchtet, so würde ein sonst tadelloser, ruhiger Mensch nicht um deswillen die Gattin seines Herrn umgebracht haben. Daß wilde Begierde in ihm gegen die junge Frau erwacht gewesen, daß eine umgekehrte Potiphargeschichte ihn in Raserei versetzt, ward von keiner Seite behauptet. Auch konnte er seinen Herrn dadurch nicht zu tief kränken wollen, da es bekannt war, daß dieser, obgleich erst seit kurzem verheirathet, mit seiner jungen, erst 21jahrigen Frau in einer keinesweges glücklichen Ehe lebte. Dieser Umstand führte ganz natürlich auf den Verdacht, daß Peytel selbst der Mörder sei, daß er sich ihrer entledigen wollte. Man wußte von vorangegangenen heftigen Scenen, auch daß Beide ihr Testament gemacht, und Jeder den Andern zum Erben eingesetzt hatte. Die Gemordete war im fünften Monat schwanger; dem Ehemann mochte die Aussicht auf eine Erbschaft lieber sein als auf einen Erben. Man traute ihm diese verbrecherische Neigung zu; von stolzem, auffahrendem, dünkelhaftem Wesen, war er nicht beliebt, als fremder Eindringling in diese Gegend sogar verhaßt. Er fand sich, trotz des entgegengesetzten Scheines, in drückenden Verhältnissen. Man erzählte sich von früheren Unterschleifen, die er begangen, daß er nur mit Mühe und Noth die Erlaubniß erhalten, als Notar zu praktiziren. Er war in der Meinung des Publicums ein Mann, zu dem man sich einer solchen That versehen konnte, und da bald noch mehre andere verdächtigende Indicien hinzukamen, mußte mit seiner Verhaftung verfahren und die Untersuchung gegen ihn eingeleitet werden, welche ihrer Zeit ein außerordentliches Aufsehen erregte und so viel Licht über die Sache brachte, daß die Geschworenen ihr Verdict ohne Gewissensbangigkeit abgeben konnten; wiewol das Räthselhafte dieses Criminalvorfalls dadurch nicht vollständig gelöst ist, und der mysteriöse Schleier, der darüber ruhen blieb, das Interesse für den Fall noch sehr gesteigert hat. Zu Bourg, vor den Assisen de l'Ain, ward der Proceß am 26. August 1839 verhandelt. Peytel's Persönlichkeit erregte, wie immer, die gespannteste Aufmerksamkeit. Er war klein. Seine schwarzen Haare, nach hinten zurückgestrichen, ließen eine große und hohe Stirn sehen; ein dicker Bart umgab als Ringkragen Kinn und Backen eines etwas von den Blattern gezeichneten Gesichtes. Seine Physiognomie, ohne besonders auffällig zu sein, hatte nichts Wildes, vielmehr einen Ausdruck von Pfiffigkeit und Sanftmuth. Er war blaß, sichtlich bewegt durch die Zurufe und Verwünschungen, die ihm auf seinem Wege zu Ohren gekommen waren. Aber er gewann allmälig seine Fassung und Ruhe wieder, sein Gesicht färbte sich und durch Kopfnicken grüßte er einige Bekannte, die er unter den Zuhörern bemerkte. Er erschien in einem eleganten ganz schwarzen Anzüge, wie es bei Angeschuldigten der höhern Stände in Frankreich zur Sitte geworden. Die Anklageacte berührte nichts, was nicht schon erwähnt wäre oder durch die folgenden Zeugenaussagen zur Sprache kam. Die Zeugnisse über sein bisheriges Leben, seine Verheirathung und die möglichen Motive beschäftigten zuerst das Gericht. Peytel war 35 Jahre alt. Er hatte die Rechte studirt, einige Zeit in Paris gelebt, dann sich um einen Notariatsposten in Mâcon beworben. Die Kammer der dortigen Notare hatte ihn aber nicht zulassen wollen: wie der Angeschuldigte behauptete, weil er nicht die gehörigen Stadien vorher durchgemacht, indem er nur 15 Monate bei dem Notar Cornaton gearbeitet, und überdem weil er sich mit andern Arbeiten beschäftigt und besonders die Literatur ihn etwas von den Notariatsarbeiten abgeleitet gehabt. Die Vermuthung, daß man ihn zurückgewiesen, weil sich Zweifel hinsichts seiner Aufführung erhoben, wies er mit Entrüstung von sich. Es sei Verleumdung. Nie habe man ihm deshalb Vorwürfe gemacht, nie wenigstens, daß sie zu seinen Ohren gekommen. Wäre das der Fall gewesen, so würde er sich zu rechtfertigen gewußt haben. Seine ermordete Gattin, Mademoiselle Felicia Alcazar, hatte er bei deren Schwager, einem Herrn von Montrichard, kennen gelernt. Er hatte schriftlich bei ihrer Mutter um ihre Hand angehalten, nachdem er im voraus mit ihrem Schwager sich darüber verständigt. Man hatte ihm vorgeworfen, daß er, um die Mutter zur Einwilligung zu bewegen, seine Vermögensumstände für besser angegeben, als sie waren. Er behauptete, er habe sie eher zu gering angegeben. Aber er hatte im Heirathscontracte angeführt, daß er seine Notariatsstube vollständig bezahlt habe, während er noch 18000 Francs schuldete. »Also eine Lüge!« – Peytel mußte hierauf schweigen. Felicia Alcazar hatte einige Abneigung gegen die Heirath gezeigt. Am Hochzeitstage selbst sollte es zu heftigen Zwistigkeiten zwischen beiden Verlobten gekommen sein. Peytel konnte nichts darauf erwidern, als daß er sich der Sache nicht entsinne und es auch nicht glaube. Aus der Vorinstruction – Zeugen scheinen vor Gericht darüber nicht weiter vernommen worden zu sein – ergaben sich noch vielerlei Andeutungen eines heftigen und oft wiederkehrenden Zerwürfnisses. Vor den Augen des Publicums erschien Peytel voller Rücksichten und Achtung gegen seine Frau; im Hause war er von einer außerordentlichen Heftigkeit gegen dieselbe und flößte ihr nur Schrecken ein. Seine Wuth, sein Aufbrausen war dann von einer Art, daß sie oft ihre Seele Gott empfahl. In Peytel's Papieren hatte man merkwürdige schriftliche Declarationen der Verstorbenen gefunden, in denen sie ihm abbat. Es hatte den Anschein, als habe er zur Zeit, wo er noch, was ihn verdächtigte, vernichten oder bei Seite schaffen konnte, gerade diese Papiere absichtlich zurückgelassen, damit sie den Richtern in die Hände fielen. Er gab darüber die Auskunft: »Meine Frau führte sich schlecht auf. Ich machte ihr Vorwürfe, ich drohte ihr mit einer Erklärung; darauf schrieb sie freiwillig diese Erklärungen.« Man hielt ihm vor: das Unrecht, oder die Thorheiten, welche seine Frau begangen, wären gewiß nur leichter Art gewesen, wie sie denn darauf zu so feierlichen, förmlichen Erklärungen gekommen sei, als: »Ich bitte und flehe dich an noch ein letztes Mal ... Ich beschwöre dich bei der Asche meines Vaters ... Wenn ich mich gegen diesen feierlichen Schwur vergehe, so mögest du mich einsperren, wo es dir gefällt.« – Es sei ganz unglaublich, daß eine junge Ehefrau um geringfügiger Albernheiten und Ungezogenheiten willen zu einer solchen Sprache sich gezwungen fühlen dürfte. – Peytel wußte darauf nichts zu erwidern: er sei zu angegriffen, verwirrt, er könne sich jetzt nicht darüber erklären. Ueber dieses seltsame Verhältniß werden wir durch die gerichtlichen Verhöre nicht besser unterrichtet. Der Vertheidiger Balzac gibt uns einige Winke. Er sagt: Felicia Alcazar fehlte alle Erziehung. Ihre Unordnung, ihr Ungehorsam, ihr Widerstand gegen alle seine Wünsche waren keine angenehme Mitgift für ihren Ehemann. Denke man, wie ein Mann von heftigem Temperamente, unfähig, seine Aufwallungen zu bemeistern, dessen Ehrgeiz war, sich in der ersten Gesellschaft des Landes, wo er eingebürgert, oben auf zu erhalten, sich zusammennehmen mußte, um seine Ungeduld und Entrüstung bei ihrem ungebührenden Benehmen zurückzuhalten, seine Vorwürfe zu unterdrücken und immer neue Vergehungen zu verzeihen, die bei einer jungen, erst seit wenigen Monaten verheiratheten Frau schwer genug sind! Schlecht erzogen, aber keineswegs blöde, doch verlegen bei ihrer Kurzsichtigkeit, immer gezügelt und, kaum losgelassen, wieder albern und vordreist, war ihre Leitung für ihn eine harte Aufgabe. Schon zwei Monate nach ihrer Verheirathung hatte er seine Frau aufgefodert, ihr Testament zu machen, und zwar zu seinen Gunsten. Junge Eheleute pflegen, ehe sie Kinder haben, darin nicht so hastig zu sein. Er erwiderte, er habe selbst sein Testament gemacht, weil – er ein sehr unruhiges Pferd gehabt! Als seine Frau dies erfahren, habe sie auch das ihre machen wollen; er habe sie dazu nicht gedrängt, sie sei bei ihm ganz frei gewesen. Noch weniger Auskunft gaben die Verhandlungen, wie sie uns vorliegen, über ein mögliches Motiv, welches Peytel's Diener zur Mordthat könnte bewogen haben. Er hatte Louis Rey erst im Juli desselben Jahres in seine Dienste genommen. »Meine Frau drängte mich sehr dazu, ihn zu nehmen,« heißt es, ohne daß auf diese Worte weiter Bedeutung gelegt wäre. Peytel konnte oder wollte nichts weiter anführen, als daß er sich über mehre Veruntreuungen desselben zu beklagen gehabt. Auf die Erwiderung des Präsidenten, daß die Instruction herausgestellt, wie Louis Rey ein durchaus rechtschaffener Bursch gewesen, sagte Peytel: »Aber ich hatte mich doch über ihn zu beklagen;« und er gab keine andern Vermuthungen an, als daß Rey ihn berauben wollen. Ueber die Lustreise Ende Dctobers nach Mâcon wissen wir aus dem Obigen die Hauptumstände, wie Peytel selbst sie erzählt; Zeugen waren bei der Mordthat nicht zugegen. Diejenigen, welche über die Vorfälle nachher ein Zeugniß ablegen konnten, stimmten mit Peytel's Angaben überein. Es waren aber Zeugnisse über einige Nebenumstände, die ihn schwer verdächtigten. Peytel war Abends um 5 Uhr in Bourg angekommen, aber erst um 7 Uhr weiter gefahren. Das war sehr spät für eine so rauhe Jahreszeit und bei einem beschwerlichen Gebirgswege. Peytel gab als Erklärung dafür: weil er zuerst der Absicht gewesen, in Bourg zu übernachten, dann aber habe er sich besonnen, daß den Tag darauf ein Festtag sei, wo er seine Geschäfte auf der Präfectur nicht besorgen könne; weshalb er sich entschlossen, die Nacht durch zu fahren. In Bourg hatte man ihn gesehen seine Pistolen laden? Es sei geschehen, eben weil er die Nacht durch fahren wollen. – Zu Roussillon sollte seine Frau sehr lebhaft gewünscht haben, daß sie dort übernachteten. Er bestritt es; gerade sie habe gedrungen, weiter zu reisen. Der Präsident versicherte, daß das Gegentheil durch die Vorinstruction erwiesen sei. Nach jener Erzählung von der tragischen Katastrophe, die Peytel in abgerissenen Worten gegeben, schien er wie von einer furchtbaren Aufgabe erschöpft, und sank auf die Bank nieder. Der Präsident faßte die Unwahrscheinlichkeit, ja materielle Unmöglichkeit, die in dieser Angabe enthalten seien, zusammen. Um Peytel zu berauben, habe der Diener den Mord begehen sollen! Aber er hätte nicht allein unklug, sondern mit einem unglücklichen Leichtsinn gehandelt. Denn er hatte nichts zur Flucht vorbereitet, er war ohne Geld, ohne Pässe, Papiere. Er hätte doch auch an den Fall denken müssen(?), wo ihm die That nicht gelang, und sich vorsehen, wie er dann mit heiler Haut davon komme. Selbst im Falle, daß ihm die That gelungen, wäre für den Rauber und Mörder wenig Erfolg abzusehen gewesen. Peytel führte sieben Geldsäcke mit sich; diese sind schwer; auf welche Weise, wohin hätte er sie fortschaffen sollen? Die Grenze war zwar nahe, aber stark besetzt; die Aufsicht im Savoyischen ist überall hin streng, besonders aber nach dem liberalen Frankreich zu. Er, ein einzelner Mann, mußte, um sein Verbrechen zu vollbringen, zwei Personen umbringen, und dazu hatte er, wie ermittelt worden, nur eine Pistole, nicht einmal zum Succurs einen Dolch, ein Messer. Eine Pistole, einmal abgeschossen, ist ein nutzloses Werkzeug. Auch das Ringen mit einem jungen und kräftigen Mann wäre ein thörichtes, verderbliches Unternehmen gewesen. Nach dem ersten Schuß sollte der Diener, nach Peytel's Aussage, die Flucht ergriffen haben; aber statt sich links oder rechts in die Wälder zu werfen, welche ihm einen sichern Zufluchtsort gestatteten, hielt er sich auf der breiten Straße, er läuft gerade vor ihm her, auf die Gefahr hin, einem Reisenden zu begegnen, der ihn anhalten kann. Noch unbegreiflicher erscheint es, daß Peytel den vor ihm Fliehenden allüberall eingeholt haben sollte. Louis Rey war jung, kräftig, schlank und hoch gewachsen. Wenn er schon einen Vorsprung hatte und Peytel mußte erst nach seinen Pistolen greifen, diese aufziehen, abschießen und dann vom Wagen herunterspringen, wie sollte er den jungen Menschen, welcher ohne Zweifel ebenso schnell als er lief, so erreichen, daß er ihn mit dem Hammer treffen konnte, und das in so geringer Entfernung von dem Orte des ersten Angriffs? Peytel hatte auf alles Dieses nichts zu erwidern, als daß er leicht beweglich sei, gut laufen könne, und daß er glaube, sein Diener habe in einem seiner Beine ein, Hinderniß gehabt, er wisse nur nicht, in welchem. Wenn er, Peytel, nach dem ersten Schusse, der seine Gattin niedergestreckt, Zeit gehabt, seine Pistolen zu ergreifen, sie zu spannen und zu schießen, und er doch den Diener schon in so geringer Entfernung eingeholt, so sei es ja möglich, daß der letztere eine Zeit lang nicht geflohen sei und ihn erwartet habe. Auf Befragen erklärte Peytel nochmals, seine Frau habe auf der linken Seite des Wagens gesessen, mit ihrem Kopf auf seiner, Peytel's, linken Schulter gelehnt, der Diener aber lief auf der rechten Seite des Wagens. Dann aber hätte der Mörder, über ihn, Peytel, hinweg in den Wagen, und auf seine Frau schießen müssen! Noch mehr: Die Pistole muß fast mit der Mündung ihr Ziel berührt haben; denn man fand die Augenwimpern und Augenbrauen vom Pulver angesengt oder ganz verbrannt. Um diese Wirkung hervorzubringen, hat die Pistole etwa drei Zoll vom Kopfe des Opfers abgedrückt werden müssen. In diesem Falle hätte aber der Meuchelmörder auch seinen Arm geradezu auf die Brust des Ehegatten lehnen müssen. – Diese Unwahrscheinlichkeit grenzt schon an Unmöglichkeit, wenn man an Peytel's anderweitiger Aussage festhält. Noch mehr: Die Leichenschau hatte ergeben, daß die Gemordete von zwei Pistolenkugeln getroffen worden. Ja diese zwei Kugeln waren von zwei Seiten und in verschiedener Richtung eingedrungen. Die eine war von oben nach unten gegangen, die andere horizontal, die eine von rechts nach links, die andere von links nach rechts; dergestalt, daß beide Kugeln bei ihrer entgegengesetzten Richtung sich möglicher Weise hätten treffen können. Hiernach ist es über allen Zweifel, daß der Mord das Werk zweier Schüsse gewesen. Diese beiden Kugeln konnten nicht bei einer Ladung und aus einem Kugelrohr hervorgehen, und der Mörder hatte nur einmal geschossen und nur eine Pistole! Was antwortete Peytel darauf? – Es gäbe seltsame Combinationen in der Wirkung der Feuerwaffen! Seine Frau hatte, seiner Aussage zufolge, nachdem der erste und einzige Schuß gefallen, ausgerufen: »Ach mein armer Mann, nimm deine Pistolen!« Das war aber nach dem Bericht der Sachverständigen unmöglich. Die Kugeln hatten das Nasenbein zerschmettert. Hiernach konnte sie, ein Mal getroffen, auch nicht ein einziges bestimmtes Wort mehr sprechen. Die ermordete Frau hatte aber noch mehr gethan, nachdem sie erschossen war. Sie hatte sich, so lautete wenigstens Peytel's erste Aussage, nach seiner Ankunft in Belley – nachdem der Schuß gefallen, aus dem Wagen gestürzt und war davon gelaufen, um erst am Rande des Wassers in dasselbe hineinzustürzen! – Im Verhör änderte Peytel seine Aussage. Er habe das nie als ein Factum angeführt, welches er selbst mit Augen gesehen, sondern als seine sehr natürliche Vermuthung. Peytel war, als er nach Hülfe rief, die Straße zurückgelaufen, nach dem Hause des Schmieds. Auf diesem Wege wollte er auch seinen Wagen wieder gefunden haben, 600 Schritte von dem Orte des Mordanfalls. Es wäre aber höchst seltsam gewesen, wenn das Pferd, nach einem solchen Vorfall, statt im Trabe gerad' aus zu laufen, nach Belley, wo sein Stall war, plötzlich aus freien Stücken Kehrt gemacht und die kaum zurückgelegte Reise von Neuem angefangen hätte! Peytel meinte, es könne wol von selbst Kehrt gemacht haben; möglich aber auch, daß seine Frau, als sie aus dem Wagen gesprungen, an den Zügeln gerissen und dem Thiere eine falsche Richtung gegeben habe. Als er die Frau angeblich aus dem Wasser zog, will er sie an dem grünen Abhange etwas auf die Seite niedergelegt haben; er hielt sie nur für ohnmachtig, nicht für todt. Durch die Untersuchung hatte sich aber ergeben, daß er sie mit dem Gesicht gegen die Erde niedergelegt. War dies geschehen, um sie schneller wieder zu sich zu bringen? Peytel entschuldigte sich, daß er nicht gewußt, was er gethan. Der Richter bemerkte, daß schon der Instinct, das Gegentheil davon zu thun, ihn gelehrt haben müsse. Er antwortete: »Mein Instinct war, sie aus dem Wasser zu ziehen, und das habe ich gethan.« Auch die sorglose Art, wie er sein verwundetes Weib in den Wagen werfen lassen, halb nackt, die Röcke weit zurückgestreift, deutete sowol darauf, daß er überzeugt sein mußte, nicht eine Ohnmächtige, wofür er sie zu halten noch immer vorgab, sondern einen todten Körper neben sich zu haben, als auf eine entsetzliche Roheit und Gleichgültigkeit gegen eine Gattin, die ihm eben auf eine so gräßliche Weise entrissen war. An der Stelle, wo der Leichnam des Dieners lag, hatte man nicht allein die Pistole gefunden, mit welcher derselbe angeblich auf die Frau geschossen, sondern auch ein Stück zerknülltes, graues Papier, und die schwere Decke, welche ihm während des Regens als Mantel gedient. Er mußte diese also um die Schultern geschlungen gehabt haben, als Peytel's Hammerschläge ihn niederstreckten. Dennoch wäre der verwegene Raubmörder, der mit nichts bewaffnet war, als einer Pistole, der zu einer so gefährlichen That der ganzen Spannkraft seines Körpers, der ganzen Leichtigkeit der Bewegungen bedurfte, vom Wagen mit der schweren Decke herabgesprungen, einer Decke, die er noch dazu mit der einen Hand beständig festhalten mußte, damit sie nicht herabfiel. So geht der Mörder an sein Werk. Peytel hatte keine andere Rechtfertigung dafür, als die Decke sei möglicher Weise vom Wagen heruntergefallen. Der Verdacht, den die Anklage ausgesprochen, war: daß die größere Pistole, welche beim Leichnam des Dieners gefunden worden, Peytel zugehört, daß er dieselbe, um seine Erzählung zu unterstützen, absichtlich neben die Leiche des Dieners geworfen, und daß das graue Papier die Hülle gewesen, in welcher er das Mordwerkzeug bis zum entscheidenden Augenblicke verborgen gehabt. Nach der Benutzung habe er den Umschlag fallen lassen. Es scheint bei diesem Processe Vieles in der Voruntersuchung abgethan worden zu sein, was man, gegen sonstige Gewohnheit, nachher bei den Assisen nur historisch aufführte, ohne die Zeugen deshalb noch einmal zum Erscheinen in dem entfernten Bourg zu nöthigen. Natürlich waren dies nur Umstände, auf die bei Beurtheilung der Sache kein besonderes Gewicht gelegt wurde. So hatte man die betreffende Pistole nach Lyon geschickt. Ein Trödler erkannte sie als eine Pistole, welche er selbst in seinem Magazin gehabt und an Jemand verkauft; an wen entsann er sich nicht, wol aber, daß er Peytel öfters in seinem Magazin gesehen, was dieser auch nicht bestritt. Die Mehrzahl der vor den Assisen vernommenen Zeugen konnte nur über Nebenumstände berichten, über Peytel's früheres Leben; sie waren nur Vertreter der Meinung über ihn im Publicum, und da sie meist der Familie seiner ermordeten Gattin angehörten, nicht ganz unverdächtigt wegen Theilnahme, Mitgefühl und Voreingenommenheit. Das Gutachten der Aerzte war sehr entschieden. Es lautete: »Beide Verwundungen zeigten eine verschiedene Richtung und verschiedene Merkmale. Die Wunde an der linken Seite der Todten, die horizontal von der Linken nach der Rechten ging, hatte eine ziemlich regelmäßige Gestalt; die Haut ringsum hatte ihre natürliche Farbe behalten. Um die Verwundung an der rechten Seite, die von Oben nach Unten und von der rechten nach der linken Seite ging und von einer unförmlichen Kugel hervorgebracht war, war die Haut schwarz und überstreut mit eingedrungenen Pulverkörnern, welche von einander etwa einen Zoll entfernt waren. Diese Körner, die bei einem Schuß aus einiger Ferne sich nothwendiaer Weise ausbreiten müssen, waren auf einen ziemlich engen Raum zusammengedrängt. Die Wimpern waren verbrannt, die Augenbrauen aber nur noch ein schwarzer Staub, den man mit dem Finger abrieb. Aus diesen Wahrnehmungen ziehen wir den Schluß, daß beide Wunden durch zwei verschiedene Schüsse hervorgebracht sind, und daß der eine von ihnen fast mit der Mündung des Gewehrs am Kopfe selbst abgefeuert worden. Denn wäre es nur eine Abfeuerung des Gewehrs mit zwei Kugeln gewesen, so hätte die kleine Entfernung von der Pistolenmündung und der Wunde an der rechten Seite nicht gestattet, daß die Kugeln so weit auseinander gingen, als der Befund gezeigt hat. Uebrigens näherten sich die Kugeln in ihrem Ziele, statt sich zu entfernen. Desgleichen waren wir der Ansicht, daß der Tod des Opfers augenblicklich, oder doch wenigstens sehr bald nach dem Schusse erfolgen müssen, und daß der Schuß auf der rechten Seite ihn zunächst zur Folge gehabt hat.« Befragt, ob sie glaubten, daß die Dame Peytel durch ein Ertränken könne ums Leben gekommen sein, erklärten sie, daß ihre Kleider zwar durch und durch naß gewesen, aber weder Lunge noch Magen Anzeichen einer solchen Todesart an sich getragen. Nach der Verwundung habe übrigens die Ermordete weder aus dem Wagen steigen, noch deutliche Worte sprechen können. Wenn die erste Wunde ihr auch gestattet, noch einige unarticulirte Laute zu äußern, so habe doch die zweite dies ganz unmöglich gemacht. Als Sachverständiger über die Wirkung der Schüsse ward auch noch ein Artillerieofficier vernommen. Zuvörderst erklärte derselbe, daß die kleinen Pistolen, welche Peytel bei sich geführt, die Wunden und übrigen Merkmale, welche der Leichnam der Gemordeten an sich getragen, nimmermehr verursacht haben könnten. Der Schuß, wenn er die Pulverkörner, wie hier bemerkt, in die Haut eintreiben sollen, habe höchstens 4 Zoll, die Mündung von dem Kopfe entfernt, losgefeuert werden müssen; um die Augenhaare zu verbrennen, gebe er als höchste Entfernung eine von 6 Zoll zu. Durch einen Ricochetschuß hätten nimmermehr solche Verwundungen entstehen können, als die Aerzte sie beschrieben. Diese ganze Annahme sei aber auch an und für sich nicht zulässig. Es wären am Wagen durchaus keine Merkmale sichtbar, noch die Einrichtung des Wagens danach angethan gewesen. Die Wunden selbst hätten, aller Wahrscheinlichkeit nach, nur mit der großen Pistole beigebracht werden können. Die Reden der Advocaten boten weniger von dem Interesse, welches minder wichtige Rechtsfälle in Frankreich schon um der aufgewandten Beredtsamkeit willen berühmt gemacht hat. Diese erhielt der Fall, der freilich schon durch die Persönlichkeit des Angeschuldigten und das Räthselhafte der That die allgemeine Neugier erregt, erst durch die Vertheidigung eines namhaften Schriftstellers. Die Jury sprach, nach einer kurzen Berathung, das Schuldig aus, und der Gerichtshof die Todesstrafe über Peytel. Während das Cassationsgesuch des Verurtheilten eingereicht wurde, trat der Schriftsteller Balzac als sein Vertheidiger durch eine besonders herausgegebene Schrift vor dem großen Publicum auf; ein Verfahren, was man ihm so verdacht hat, wie von Kobbe dessen Intervention für den Raubmörder Ramcke. Wir haben uns und unsere entgegengesetzte Ansicht in dem Bericht über diesen Fall ausgesprochen S. d. Fall Ramcke. Neuer Pit. Th. VIII. . Wo es das theuerste Gut eines Menschen retten gilt, das Leben eines Verurtheilten, hat nach unserer Ansicht Jeder, der sich von seiner Unschuld überzeugt hält und die Fähigkeit zutraut, das Wort für ihn zu führen, auch das moralische Recht dazu. Bei Balzac kam noch der Umstand hinzu, daß Peytel ihm früher in Paris befreundet gewesen. Wie schwer oder leicht auch das Gewicht der von Balzac vorgebrachten Gründe sei, verdanken wir doch seiner Schrift einige Einblicke in die persönlichen Verhältnisse, welche in der Mittheilüng der gerichtlichen Verhandlung uns entgingen. Balzac, der Peytel in Paris kennen lernte, schildert ihn als einen Mann von sanguinischem Temperamente, lebhaft, von sich eingenommen, mit einer großen moralischen und physischen Kraft begabt, leidenschaftlich, unfähig seine ersten Aufwallungen und Gedanken zu bekämpfen, stolz, in einem gewissen eitlen Streben weit über die Wahrheit hinausgehend, wenn er einen ausgesprochenen Satz festhalten wollte, aber – von Herzen gut . Er macht es der Untersuchung zum Vorwurf, daß sie mit Vorurtheil sein ganzes vergangenes Leben durchwühlt habe, um die Wurzel zu einem Verbrechen zu finden, welches ihr sonst nicht wohl erklärlich gewesen wäre. Er verallgemeinert diesen Vorwurf gegen die Gerichte, gegen die öffentlichen Ankläger, daß sie nur die Thaten und Begebenheiten aus einem abgeschlossenen Leben herausgriffen, welche der That entsprächen, nach deren Motiven sie suchen, während alle übrigen, denen widersprechenden, Handlungen, Gedanken unbeachtet von ihnen bei Seite geworfen würden. Balzac rügt, daß die öffentliche Anklage Peytel Habsucht und Geldgier vorwirft, weil er ein Verbrechen begangen haben soll, dessen Motive sie nur in diesem Hange finden kann, und sein nächstes Bemühen ging deshalb dahin, auszuführen, daß er sich keine Unredlichkeit in seinem Leben zu schulden kommen lassen, und daß die deshalb verbreiteten Gerüchte von der Böswilligkeit seiner Gegner erfunden oder präparirt worden. – Wir glauben diese Punkte seiner Vertheidigung für unsere Leser übergehen zu können. Die subjectiven Ansichten von der Rechtlichkeit eines Menschen können sehr verschieden sein, und wären auch die Gründe, welche die Notariatskammer zu Mâcon bestimmten, ihn in ihre Reihen nicht zuzulassen, wie es den Anschein hat, keine vor ernsterer Prüfung Stich haltende, so mag uns das eine Factum ebensowenig eine entgegengesetzte Ansicht über ihm beibringen, womit Balzac seinem Freunde den Stempel der Rechtlichkeit aufdrücken möchte, nämlich daß, als in einer großen Kasse, die er zu Lyon zu verwalten gehabt, bei der Abnahme 1000 Francs gefehlt, er dieselben sofort aus seiner Tasche ersetzt, obwol bald nachher der Irrthum sich herausgestellt und von den Revisoren die 1000 Francs wirklich vorgefunden wären. – Wichtiger ist die Bemerkung, daß er sich selbst nicht für schuldig gehalten haben könne. Ein der Unredlichkeit wirklich Bezüchtigter, der nicht im eigenen Bewußtsein eine starke Stütze gefunden, würde ausgewandert sein, anderswo sein Glück zu versuchen. Das Factum, daß er dies nicht gethan, sondern in nächster Nähe von dem Mâcon, wo er jene Rüge erfahren, sprächen deutlich dafür, daß er sich von derselben nicht getroffen gefühlt. Und die Probe dafür: daß er, der Rüge der Notare in Mâcon ungeachtet, doch als Notar in Belley aufgenommen worden. Irrthümer möge und werde er begangen haben; in einer christlichen bürgerlichen Gesellschaft sei es aber grade Aufgabe, den irrenden Jünglingen Mittel und Zeit zu gewähren, von ihren Irrthümern sich los zu machen, und was sie schlecht gemacht, wieder gut zu machen. Balzac tadelt, daß bei der Untersuchung nicht strenger darauf gedrungen wäre, die einzelnen Acte anzugeben, welche seinem früheren Leben den Vorwurf der Unredlichkeit oder Taktlosigkeit zugezogen. Er macht hierbei eine eigenthümliche Bemerkung: »Man weiß gar nicht, wie ein Verdacht der Unredlichkeit, die Anschuldigung eines unordentlichen Lebens oder einer solchen Geschäftsführung auf die Geschworenen von Wirkung sind. Fehler in dem Soll und Haben vergeben sie nicht. Ein Angeklagter, der in seinen Rechnungen eine gehörige Bilanz gezogen hat, erscheint ihnen sehr selten als schuldig. La Ronciere's Schulden fielen ungeheuer schwer ins Gewicht bei seiner Verurtheilung ... Siehe den Fall La Ronciere. Neuer Pit. Th. VI. Mehr durfte ein Franzose nicht sagen über einen durch die Jury abgeurtheilten Fall, als Balzac hier gethan, ohne sich selbst einer Anklage auszusetzen. . Ein Weinhändler, sein ehemaliger Schulcamerad, hatte gesagt: er würde Peytel auf Credit auch nicht eine Flasche Wein verabfolgen lassen. Dieser Umstand sollte auf die Geschworenen von großem Einfluß gewesen sein, aber die Anführung war ein Scherz. Der Kaufmann in Mâcon brauchte Peytel keine Flasche Wein verabfolgen zu lassen, weil Peytel selbst in Mâcon Weinberge besaß! Dagegen hatte Peytel seit 12 Jahren ein und denselben Schneider, den er wie der wohlrangirteste Bürger bezahlte; aber dieser Schneider, Buisson, in Paris, reichte ihm die Rechnungen nur alle drei Jahre zur Saldirung ein, d. h. wenn er tausend Thaler zu erhalten hatte. Der Schneider, ruft Balzac, ist das Kriterium des Credites eines jungen Mannes . Balzac selbst gibt ihm hinsichts seines Aufenthaltes in Paris, in den Kreisen der Literaten, das Zeugniß, daß er ein von der Verschwendung und dem Leichtsinn entferntes Leben geführt, und, statt Geld zu borgen, eher Geld an Freunde ausgeliehen habe, oft mit der Gefahr es zu verlieren. Ein Avanturier verspiele nicht sein, sondern Anderer Geld. Ja der Schriftsteller und Defensor geht in dem Eifer der Vertheidigung hinsichts grade dieses Punktes der Rechtlichkeit seines Schützlings so weit, daß er wieder anklagt. Er fragt: Ihr Obrigkeiten und Richter, seid Ihr denn, bei Ausübung Eures Amtes, von allen den Gesetzen befreit, denen wir andere Bürger unterliegen? Jemand öffentlich des Schwindels beschuldigen, gibt diesem das Recht zu einem Injurienproceß. Der Injuriant hat nicht einmal das Recht, den Beweis zu führen, daß seine Anführung wahr sei; er wird ohne Gnade verurtheilt. Hat nun die öffentliche Anklage ausnahmsweise das Privilegium, eine Person der Schwindelei zu bezüchtigen, ohne verpflichtet zu sein, den strengen Beweis darüber zu führen? Wo sie es thut und nicht beweisen kann, begeht sie da nicht ein Unrecht, ein Verbrechen, während die Privatperson in der Regel nur eine Uebereilung begangen hat, wofür sie bestraft wird? – Eine Frage ernster Art, die über die Grenzen dieses Processes hinausgreift. Noch existirt in keinem Gesetzbuch ein Gesetz, welches den unschuldig Verdächtigten, Angeklagten, und den Dulder um fremde Schuld in integram zu restituiren auch nur den Ansatz nähme! Peytel stand in Belley in üblem Geruche, dies ist ein Factum, welches unbestreitbar aus den Proceßverhandlungen hervorgeht. Balzac gibt sich Mühe, den Grund davon nicht in den falschen oder wahren Gerüchten über seine frühere Aufführung zu suchen, sondern, in seiner speciellen und allgemeinen Stellung als ein Fremder aus Paris zu dem Provinzialen. Der Wucher erschöpft das Departement de l'Ain an der savoyischen Grenze. Dies zu beurtheilen, zu würdigen, wisse Niemand besser als der Notar. Peytel habe das Uebel sofort erkannt und alle seine Anstrengung darauf verwandt, die Last der unnatürlich hohen Zinsen zu verringern. Er habe dadurch vielen Einzelnen geholfen; das aber seien arme Landbauern, deren dankbare Stimme über der anderen Last ihrer sauren Arbeit verhalle. Die Vermögenden, die vom Wucher gelebt, wären insgesammt seine Feinde geworden; sie hätten ihn mit ihrem Haß, ihren Anschuldigungen verfolgt. Wenn einmal ein Pariser mit scheelen Augen in einer Provinzialstadt angesehen werde, so sei er verloren. Er sei der Gegenstand ununterbrochener boshafter Bemerkungen, Beobachtungen und Anschuldigungen; was er thue, werde ihm übel ausgelegt. So hätten Viele in der Provinz im Concubinat gelebt, wegen der großen Kosten der Heirathscontracte. Deshalb habe er sich gegen den Bischof erboten, für die Armen die Heirathscontracte gratis auszufertigen, um die Sittlichkeit zu fördern. Sofort habe man ihn der religiösen Heuchelei und des Jesuitismus beschuldigt. Um ihn bei den Liberalen anzuschwärzen, hieß es, noch als er im Gefängniß saß, er habe keine Messe versäumt; um die Devoten von der Theilnahme abzuschrecken, man habe abscheuliche Dinge und Schriften bei ihm gefunden, die von einer zügellosen Unsittlichkeit sprächen! So stand Peytel seinem Publicum gegenüber; da fand das tragische Ereigniß statt. »Einige Büchsenschüsse von der Stadt Belley entfernt, um 11 Uhr Abends auf der großen Straße, werden zwei Personen gemeuchelmordet, die Frau und der Diener. Eine Person überlebt den Vorfall. Auf einer von den Douaniers, der Grenze wegen, streng bewachten Straße, in geringer Entfernung von einem Flusse, wo die Leute Nachts heimlich fischen, zwischen dem Dorfe Rothonod und der Meierei la Bâty, nur 50 Schritte entfernt von dem Hause eines Schmiedes, will es der Zufall, daß gar kein Augen- und Ohrenzeuge zweier furchtbarer Mordthaten auftritt. Die Mordthaten sind übrigens vollführt mit einer oder zwei Pistolen und einem Hammer, welche Werkzeuge sämmtlich zum Gepäck der Reisenden gehören. Endlich nimmt der Ueberlebende die Verantwortlichkeit wegen des einen Menschenmordes auf sich. In Mangel vom andern muß man Peytel glauben, zumal wenn seine Erzählung Alles erkärt und die öffentliche Anklage, nichts erklärend, ans Absurde streift.« (!?) Ohne Grund und Ursach einen Mord begehen, verrathe eine Schwäche, Krankheit, eine Verirrung des Verstandes, die bei Peytel anzunehmen nichts Veranlassung gebe. Also habe man nach einem Grund, einem Interesse suchen müssen. Seinen Dienstboten, einen armen Findling, umzubringen, da ein Motiv zu finden, sei auch dem raffinirendsten Scharfsinn nicht möglich gewesen; also habe die Anklage herausgefunden, daß er seine Frau umgebracht, und demnächst den Diener, um die That zu verbergen. Eine Frau könne man, nach den traurigen Grundsätzen unserer socialen Verhältnisse, nur umbringen, um ihr Vermögen zu erben, aus Abscheu, und um, in ehebrecherischer Liebe zu einer andern, sie los zu werden! – Um ein Motiv zu haben, seine Frau, ihres Vermögens wegen, umzubringen, sei es, nach Balzac's Ansicht, nothwendig, daß Peytel arm, verschuldet gewesen. Balzac rechnet nun aus, daß Peytel's Immobiliarvermögen, mit Hinzuschuß dessen, was er von seiner Mutter zu erwarten, an 97000 Francs betragen habe. Mit Hinzurechnung seines Mobiliars und andern beweglichen Vermögens, so wie seiner Einnahme, sei er ein Mann von 114000 Francs. Felicia Alcazar's Mitgift habe sich dagegen nur auf 60000 Francs belaufen. Wenn im Heirathscontract die Gütergemeinschaft zu Gunsten des Ueberlebenden bedungen worden, so sei dies auf ausdrückliche Zustimmung der Mutter der jungen Frau geschehen, weil man ihr begreiflich gemacht, daß diese mehr dabei gewönne, als ihr Mann. Demnach habe Peytel durch den frühern Tod seiner Frau schon nach dem Heirathscontracte wenig Vortheil für sich zu erwarten gehabt. Auch in Folge des Testamentes habe er, nach Abzug Dessen, was der Mutter zufiel, nur 8311 Francs 48½ Centimen gewinnen können. – Und um 8311 Francs 48½ Centimen sollte er seine Frau umgebracht haben! Nun aber war Peytel's Frau schwanger. In drei Monaten wäre sie niedergekommen. Starb sie, so hätte er dieselben Vortheile wie vom Morde gehabt, brachte sie ein Kind zur Welt, so wäre der im Testament der Mutter, der Madame Alcazar, reservirte Theil durch das Kind ihm anheimgefallen; außerdem hätte er durch das Kind einen Anspruch auf den vierten Theil des Vermögens seiner Großmutter erworben! – Er habe demnach unklug gerechnet, wenn er um des Vortheils willen sein Weib umgebracht. Sollte aber das Motiv der Abscheu gegen seine Frau gewesen sein? – Der Abscheu war aber auf Seiten der Frau gegen den Mann. Peytel suchte sie auf, und sie floh ihn; dies gehe aus allen Zeugenaussagen hervor. Ein Mann, der seine Frau nicht mag, suche eine oder mehre andere auf. Hierüber schweige aber die Anklage; Peytel habe in Belley ein ganz vorwurfsfreies Leben geführt. Ja er sei gut gegen Felicia gewesen, und habe von ihrer Entbindung, der er mit Sehnsucht entgegengeblickt, eine vortheilhafte Veränderung für ihren Charakter erwartet. Ein Brief an seine Mutter drücke seine Freude, seine Hoffnungen aus. Sein ganzes Trachten sei gewesen, die Eintracht, eine geordnete Wirthschaft herzustellen. Die Anklage stelle ihn als stolz, übereitel, voller wilder Leidenschaften dar, deshalb von seiner Frau verachtet. Wenn dies der Fall gewesen, so hätte ein Mann wie er, Alles daran setzen müssen, ihren Widerwillen zu überwinden, ihr einen anderen Begriff von sich beizubringen. Durch den Mord konnte er sie nicht anders machen. Wer, wie er, sich an der pariser Civilisation abgetrieben (s'est frotté) wisse andere, sicherere Mittel. Eine Nebenbuhlerin wirke alsdann Wunder. Demnächst geht Balzac die verhängnißvolle Reiseroute, die zur Sprache gekommenen Indicien durch. Wenn Peytel ausgereist gewesen, in der Absicht, seine Frau unterweges umzubringen, weshalb habe er denn die lockende Gelegenheit der Localität hinter Bourg verabsäumt, und die That erst kurz vor dem Ort ihrer Bestimmung ausgeführt, wo die angegebenen Hindernisse die Ausführung erschwert und so leicht zur Entdeckung geführt hätten? Wo ein Schmied und sein Sohn ganz in der Nähe wohnen, wo die diebischen Fischer die Nächte durch auf den Kähnen, wo die Douaniers hinter allen Büschen auf der Lauer nach Schleichhändlern liegen, wo außerdem ein Dorf, ein Vorwerk in nächster Nachbarschaft sind und aus dem nahen Belley jeder späte Wanderer als einem Bekannten ihm begegnen kann? Weshalb nicht die That vollbracht an jenem Alpensee, wo er mit einiger Anstrengung seine beiden Opfer und den Wagen und das Pferd in den tiefen See hinabstürzen und auf immer habe verbergen können? (Weshalb begeht ein schlauer Verbrecher, der seine That vielleicht Jahre lang erwogen, vorausbedacht, im Augenblick der Ausführung, im Affect der Wuth und der Furcht, Verstöße, die ein Einfältiger vermieden hätte?) Er habe doch nur nöthig gehabt, ein Opfer zu tödten? Weshalb habe er sich die schwere Aufgabe aufgeladen, zwei Menschen zu ermorden, da es ihm doch nicht an Gelegenheit könne gefehlt haben, mit der Frau allein zu reisen? Die Chancen im Kampf mit Zweien wären immer zu Ungunsten des einen Angreifenden. Hätte er sie ersäuft, so hätten die Sachverständigen schwerlich am Leichnam die Hand Dessen entdeckt, der sie ins Wasser stieß. Wäre in jenem mysteriösen Kampfe, ruft Balzac ebenfalls mysteriös aus, Peytel von Louis Rey erschlagen worden, so würden heute unfehlbar zwei Häupter auf dem Schaffote fallen. Sicherlich, es gäbe kein Mittel, Madam Peytel und Louis Rey vor der Verurtheilung, vor dem Tode zu schützen. – – Wenn nun aber Louis Rey und Peytel Beide geblieben wären und Felicia Alcazar wäre allein lebend, die beiden Leichen neben sich im Wagen, in Belley eingetroffen, würde sie nicht angeklagt worden sein, den Tod des Gatten und des Dieners in einem furchtbaren Duell veranlaßt zu haben?« Balzac drang auf eine neue Instruction, weil Untersuchung und Urtheil fehlerhaft seien. Er rügt, daß jene nicht auf der Stelle auf der Straße die Fußtritte der drei handelnden Personen, gleich wie den Eindruck der Räder im Boden beobachtet und festgestellt habe; wie weit die Fußtritte Louis Rey's vom Wagen ab zu entdecken gewesen; ob Felicia Alcazar's Fußtritte vom Wagen ab bis zum Flusse zu verfolgen gewesen, ob sie allein gegangen, oder in Begleitung? Balzac's Intervention und Vertheidigung gehören wesentlich wenn nicht zu diesem merkwürdigen Processe selbst, doch zur Geschichte desselben; ein Proceß, der zum Theil noch heut mit einem Dunkel bedeckt ist. Wir mußten sie daher wenigstens im Auszuge mittheilen. Abgesehen von ihrer Nachhaltigkeit wirft sie verschiedene Lichter und Schatten auf Verhältnisse, die nach den dürren Auszügen aus den gerichtlichen Verhandlungen uns unklar blieben. Die Beurtheilung ihrer Kraft überlassen wir dem Leser; ihre Wirkung auf das französische Publicum hat sie verfehlt. Man warf, vielleicht mit Unrecht, Balzac vor, daß nur Eitelkeit ihn dazu getrieben, daß er, um ein anderer Voltaire zu werden, sich einen andern Jean Calas aufgesucht habe, ohne die Unschuld zu finden. Das Fundament seiner Vertheidigung wird der Zubilligung keines Vernünftigen entbehren: daß er nämlich die Persönlichkeit eines Angeschuldigten gegen das Vorurtheil in Schutz nimmt, welches aus allen Handlungen seines ganzen Lebens nur die Umstände heraussucht, die, allein betrachtet, ihn in ungünstigem Lichte und demnach als einen Menschen darstellen, zu dem man sich eines Verbrechens versehen könne. Hierin wird nur zu oft gefehlt. In wie weit es ihm gelungen, kann Niemand aus der Ferne beurtheilen. Noch mislicher ist dies hinsichts des versuchten Beweises, daß er von dem Morde keinen Vortheil gehabt, es also an einem Motiv gefehlt. Aus der Beurtheilung der berühmtesten, vielfach durchgesprochenen Criminalfälle, wie der des Fualdes, Fonk's, sahen wir, wie schwierig es ist, in verwickelten Vermögensverhaltnissen eine klare Anschauung der Sachlage vor Gericht zu gewinnen. In diesem Falle scheint aber darüber vor dem Gericht nichts ermittelt, und wir müßten Balzac's außergerichtlichen Berechnungen ohne weiteren Beweis Glauben schenken. Den Gerichten scheint es aber, bei Vorlage der anderweitigen Thatsachen und Indicien, auf eine solche Ermittelung auch nicht angekommen zu sein, und, angenommen, daß es Balzac gelungen wäre, Peytel's Persönlichkeit weiß zu brennen und selbst auch die Motive des pecuniairen Interesse wegzuschieben, so scheitert doch seine Vertheidigung an der Macht der Anzeigen, die vor einem Spruchecollegium wahrscheinlich nur eine außerordentliche Strafe bewirkt hätten, aber schwerlich der moralischen Ueberzeugung der Richter, daß er schuldig sei, nicht genügt hatten. Entweder der Diener oder der Herr hatte die Frau umgebracht, eine dritte Möglichkeit war nicht gegeben. Jedes Motiv beim Diener fehlte, alle Wahrscheinlichkeit sprach dagegen; es war, unter den gegebenen Verhältnissen, kaum möglich, die That als von ihm verübt sich zu denken. Beim Herrn waren zwei Motive denkbar, Zorn, Widerwille, Abscheu und Interesse. Daß ein Mann seines Standes um einen Vortheil von 8000 Francs seine Frau ermorden solle, ist zwar nicht wahrscheinlich, aber nicht unmöglich, wenn andere Affecte hinzukommen. Der Gegenbeweis, daß er so reinen Charakters sei, daß er darum nicht morden könne, ist nicht geführt. Es steht fest, die Ehe war unglücklich, sie war, wie freilich alle Ehen in Frankreich, eine Conventionsehe, nach Berechnung, nicht nach Neigung und Prüfung der gegenseitigen Stimmungen und Charaktere geschlossen. Sie haßte und fürchtete ihn, er verachtete sie und mußte oft seinen gewaltigen Unwillen über die unerzogene, alberne, dreiste (nach einer Andeutung möchten wir auch glauben häßliche) Frau überwinden. Er wollte seiner Bildung gemäß in den ersten Gesellschaften glänzen und, sein eigener Vertheidiger gesteht es, ihr Benehmen mußte ihn erröthen machen. Daß der Wunsch in ihm aufstieg, ihrer los zu werden, ist bei einem Mann seines Charakters und ohne tiefere sittliche Grundsätze begreiflich; daß es in ihm zum Entschluß, zur That wurde, gehört dem Seelenproceß an, über den der Richter selten einen vollständigen Aufschluß gewinnt. Ihm genügt der Beweis der That und dieser ist durch eine Reihe von Indicien zur moralischen Gewißheit geführt. Allerdings streifen wir auch hier an das Gebiet des Unwahrscheinlichen, welches Balzac vorzugsweise heraushebt, aber das Unwahrscheinliche schließt nirgends die Wirklichkeit aus. Von einem klugen Manne scheint es kaum begreiflich, daß er nicht klüger zu Werke ging, aber der Klügste irrt im Affect, und der Klügste fällt durch eine zu fein gesponnene Intrigue durch. Dadurch, daß er sich selbst mit kleinen Terzerolen bewaffnete, und mit einem verborgenen größeren Pistol, welches er nachmals neben der Leiche des Dieners hinwarf, den Mord vollbrachte, glaubte er den Verdacht von sich abzuwenden, und grade diese Vorsicht verrieth ihn. Es ist eine schwierige Aufgabe, sich zu denken, wie er es über sich nahm, zwei Personen zugleich zu ermorden, und auf einer großen Landstraße, wo er jeden Augenblick überrascht werden konnte. Man hatte keine Spur gefunden, daß ein Widerstand stattgefunden. Es sind aber Einzelzüge in seiner eigenen Darstellung, welche uns Winke geben, Einzelzüge aus der sinnlichen Natur, welche nicht erfunden werden. Seine Frau, sagt er, schlief, an seine Schulter gelehnt. Wenn nun auch der Diener auf dem Vordersitz geschlafen hätte? Man kann nicht anders annehmen, als daß er ihn zuerst erschlagen; denn würde derselbe nicht, wenn er den Schuß hinter sich gehört, der seiner Herrin das Gehirn zerschmetterte, aufgesprungen, vom Wagen gestürzt sein, geholfen haben, oder davongelaufen sein? Es hätte einen Kampf gegeben, in dem Peytel schwerlich so gesiegt, wenigstens nicht ohne Spuren desselben davongekommen wäre; denn Louis Rey war jung, frisch, größer als Peytel. Wahrscheinlich sah er ihn vor sich nicken, mit einem Hammerschlage von hinten betäubte er ihn, dann schoß er der noch schlaftrunkenen Gattin von oben in den Schädel. Möglich, daß alsdann der Diener halb zur Besinnung gekommen, daß er heruntergesprungen, daß Peytel ihm gefolgt und ihm den Rest gegeben. Die Gattin lebte noch, als er zurückkehrte, er lud noch einmal und endete ihre Qualen durch den Schuß in die linke Seite des Kopfes. Der halbe Versuch, nachher sie ins Wasser zu stürzen, bleibt freilich, wenn auch nicht unerklärlich, doch unerklärt, wie noch vieles Andere in diesem Processe. Das Cassationsgesuch ward verworfen. Auch die Gnade des Königs, an die Balzac durch seine Schrift appellirt, indem er zum Schlusse sagt: »Peytel hat in den Händen Dritter zwei Briefe niedergelegt, die nur Demjenigen gezeigt werden sollen, von dem seine Begnadigung abhängt«, blieb aus. Es zweifelten Wenige an seiner Schuld, und Viele erwarteten sein offenes Bekenntniß vor der Hinrichtung. Aber Peytel blieb standhaft bis zum letzten Gange im Leugnen. Auch da glaubten noch Viele, daß er dieses nur als eine Aufgabe des Heroismus zur Ehre der Seinigen betrachte, gleichwie auch Castaing noch auf dem Schaffot seine Unschuld behauptete. So starb er fest und ruhig. Das Gerücht ging indeß, daß er seinem Beichtvater ein vollkommenes Bekenntniß abgelegt habe. Die schöne Würzkrämerin 1681-1701 Eine junge reizende Frau, in Paris wohlbekannt unter dem Namen der schönen Würzkrämerin, ward von ihrem Ehemann wegen Ehebruchs belangt. Das Gericht decretirte auf die schlagenden Indicien ihre Verhaftung. Da producirte Gabriele Perreau einen schriftlichen Erlaubnißschein ihres Mannes, der ihr gestattete, Ehebruch zu treiben, so viel sie wolle. Auf Grund dieses Attestes appellirte Gabriele an das Parlament, und es hub ein Proceß an, welcher, merkwürdig sich ausspinnend, der pariser feinen Welt ein ungemeines Interesse gewährte und lange Zeit über das Modegespräch bei Hofe und in der Stadt blieb. Wie viele hatten die reizende Gabriele schon als junges Mädchen in dem Laden ihres Vaters, in der Straße St. Honoré, gekannt! Auch in der Handlung ihres Mannes, Louis Semitte , war sie kein verborgener und unbelauschter Schatz geblieben. Zwei angesehene und reiche Banquiers von Paris, Goy und Auger, hatten sich in ihre Gunst getheilt und keine Verpflichtung empfunden, ein Geheimniß über ein Vergnügen zu bewahren, welches sie vielleicht schon dadurch für hinlänglich bezahlt erachteten, daß sie Gabriele's Mann ihren Credit eröffnet und mit geholfen, ihn zu einem sehr wohlhabenden Manne zu machen. Also schon der Persönlichkeit der Frau wegen war der Proceß interessant. Für die blasirten Pariser erhöhte das Interesse aber noch der Charakter des Mannes. Ein Spießbürger der Rue St. Honoré, ein echter Epicier, erhob den lächerlichen Anspruch, eine liebenswürdige und ausgezeichnet schöne Frau, die er als Kaufmann den Augen des Publicums doch nicht verbergen konnte, für sich allein besitzen zu wollen. Aber unerhört war es, daß dieser selbe Mann sich ein schriftliches Attest ablocken lassen, in welchem er der Frau die Untreue erlaubte! Welche Erklärung man diesem Schein auch geben wollte, daß Semitte im Ernst ihn ausgestellt, oder nur im Scherz, so war die Sache in beiden Fällen neu und pikant, sie vollendete das Bild des Philisters, welcher Ausdruck dem Begriff des pariser Epicier sich allenfalls nähert. Daß ein solcher seiner Frau factisch die besprochene Erlaubniß gestattete, fand man in der Ordnung, daß er es aussprach und niederschrieb, überraschend und ergötzlich; daß er aber nachher noch den Eifersüchtigen zu spielen wagte, erschien gleich einem Lustspiel aus dem Leben, wie es die Phantasie der Dichter auf den Bühnen nicht hinzuzaubern verstände. Sei es aber auch nur ein Scherz, eine List der Frau gewesen, so war das aufgeführte Lustspiel um deswillen nicht weniger unterhaltend: der Mann hatte sich übertölpeln lassen, die Frau wagte, einen solchen Erlaubnißschein vor Gericht und aller Welt vorzuzeigen, und der Mann fürchtete nicht die Schande, den Spott und das Gelächter, er klagte doch über Etwas, worüber kein feiner Franzose klagen würde, und ließ den Schein sich entgegenhalten, der in der Wirklichkeit etwas so Unerhörtes war, als in der Dichtung Shylok's Blutschein. Das Charakterbild des Epiciers war damit vollendet, sei es nun Scherz oder Ernst, der zum Grunde lag; kein Dichter konnte noch einen Zug hinzusetzen. Mit gleichem Interesse wie die Gesellschaft nahmen die Juristen sich der Sache an. Es ward ein Proceß, in dem sie mit wahrer Lust und Liebe allen Aufwand von Gelehrsamkeit und Scharfsinn aufboten und alle Bestimmungen des römischen Rechts über die Rechte der Ehegatten, die gesetzlichen Präsumtionen hinsichts der Kindererzeugung u.s.w. aus den Pandekten hervorsuchten; vielleicht weil Processe der Art durch die pariser Sitten zu einer Seltenheit geworden und sie die Gelegenheit nicht ungenützt wollten vorübergehen lassen, das reiche Material einmal zu benutzen, vielleicht auch, weil Gabriele's Gönner und Freunde tief in ihre Beutel griffen, um der Freundin oder des Scandals willen. Es ward ein Proceß der Juristen unter sich; diesmal werden uns die Leser daher auch in Spitzfindigkeiten derselben folgen müssen, wie gern wir auch in andern Fällen sie dieser Mühe entheben. Louis Semitte war ein wohlhabender Bürger und als Gewürzkrämer sogar reich geworden, nachdem er früher als Bediente bei einem vornehmen Herrn sich die Mittel zu seinem ersten Etablissement erspart. Um den Bedienten ganz vergessen zu machen, hatte er sogar den Detailhandel ganz aufgegeben, eine königliche Bedienstung sich erkauft und trieb den Handel nur noch im Großen, wobei der offene Credit, den beide genannte Banquiers ihm eröffnet, ihm nicht wenig half. Sein Ehrgeiz verlangte aber noch mehr. Er wollte auch vor der Gesellschaft glänzen durch eine schöne Frau, und seine Augen fielen auf die allbewunderte Tochter des Kaufmann Perreau in der Rue St. Honoré. Sie wird uns geschildert als ein Mädchen von vollkommener Schönheit, dem reizendsten Wuchse, dem anmuthvollsten Benehmen und bezauberndem Witze. Pitaval erzählt uns als einen Beweis seiner Verliebtheit, daß Semitte, als er sich um ihre Hand bewarb, mit der Mitgift von 4000 Livres zufrieden gewesen, ja: »er wäre mit dem Mädchen allein zufrieden gewesen, auch wenn sie ihm gar nichts mitgebracht hätte.« Gabriele war erst 16 Jahre alt; sie »fühlte, daß sie zum Gefallen gemacht sei«. Die Ehe schien im Anfange glücklich; nur durch einige eifersüchtige Grillen des Mannes ward bisweilen die Seligkeit getrübt. Der Mann hatte damals noch keinen Grund. Der Banquier Goy kam häufig in Semitte's Haus, um Geschäfte mit ihm abzumachen. Die Besuche drängten sich, anscheinend mit den Geschäften; sie erfolgten endlich fast jeden Tag. Gabriele's Reize hatten ihre Zaubermacht auf ihn ausgeübt. Ihr Hang zu Liebeshändeln war noch nicht entwickelt, aber der Trieb war da; sie war eine gelehrige Schülerin, und die unausstehlichen Eifersüchteleien des Mannes, der bis da gar kein Recht dazu gehabt und muthmaßlich kein Mann war, der auf die Dauer Achtung und Liebe einflößen konnte, wirkten zu Gunsten des reichen und feinen Verführers. Gabriele war bald den Schülerjahren entwachsen. Der Genuß und seine Heimlichkeit schürte das schlummernde Feuer ihrer Sinnlichkeit an; sie ward bald eine vollendete Kokette. Auch der andere Banquier, mit dem ihr Mann Geschäfte machte, fand sich häufiger und mit denselben Absichten im Hause ein. Auch er ward freundlich angesehen, erhört, ein angenommener Liebhaber. Beide Begünstigte hielten es für angemessen, untereinander kein Geheimniß von ihrer Eroberung zu machen, sondern sich in dieselbe zu theilen, um nöthigenfalls ihre Rechte, dem Ehemann gegenüber, zu verbergen und zu hüten. Aller Vorsicht ungeachtet, merkte Semitte bald, daß er jetzt wirklichen Grund zur Eifersucht habe. Er legte sich aufs Lauschen, er wollte Beweise. Dazu mußte er seinen Unmuth verschlucken; aber dies ward ihm am allerschwierigsten. Er wünschte nicht in der lächerlichen Gestalt eines eifersüchtigen Ehemanns aufzutreten, aber, eine kleine verdrießliche Seele, ging ihm die Kraft der Selbstüberwindung ab. Ehe er sich überzeugt hatte, um mit dem ganzen Zorn im Rechte des Ehemanns aufzutreten, überließ er sich nur zu oft seiner Laune, seiner Verstimmung. Er brummte, grollte, haderte und warf Anspielungen hin, die in solchen Verhältnissen nichts fruchten, als die Verstimmung zu nähren und dem Gegentheil Waffen in die Hand zu geben. Ein pikantes Gassenlied ward damals in Paris durch alle Gassen abgeleiert, welches mit dem Refrain schloß: Sie verstehen mich wohl. Der Refrain war in Aller Munde, er wurde bei jeder Gelegenheit, passend oder unpassend, angewandt. Semitte und Gabriele zogen sich wieder eines Tages auf, halb Ernst, halb Scherz. Sie neckte ihn mit seiner Eifersucht, die er doch endlich einmal eingestehen sollte. »Ich weiß doch, du bist nicht der Mann, der mich wie Der und Der (die sie nannte) machen ließe, Sie verstehen mich wohl.« Semitte, noch in der Grille, seine Eifersucht zu verbergen, setzte den Spaß fort. Er wäre wie Einer ein Mann von Welt, versetzte er, und in dem Punkte so gleichgültig, daß er ihr sogar eine schriftliche Erlaubniß geben wolle. – Das ist leicht gesagt, erwiderte sie achselzuckend, ich weiß, du wagst es doch nicht. – Ich weiß, daß ich es thue, sagte er, und in einer Laune ergriff er ein Stück Papier, das auf dem Tische lag, und schrieb darauf Folgendes: »Ich, Endesunterschriebener, erlaube meiner Frau, mit Jedem, wen sie will, sich einzulassen. Sie verstehen mich wohl. So geschehen, Paris den 4. Januar 1688.« Die Frau entriß ihm das Papier, lachte laut auf und flog damit aus dem Comptoir in ihre Stube hinauf. Semitte rief ihr nach: »Sei keine Närrin; wirf den Zettel ins Feuer!« Gabriele versicherte ihrem Mann, sie habe den dummen Wisch verbrannt; sie hatte ihn aber sorgfältig verschlossen. Im Besitz dieses Papiers stieg ihr Uebermuth. Sie überließ sich ganz ihrer zügellosen Begierde, besuchte ohne Vorsichtsmaßregel ihre beiden Liebhaber und empfing deren Besuche. Ihr schien es jetzt unnöthig, noch einen Schleier über ein Verhältniß zu werfen, gegen welches der Ehemann in Folge seiner schriftlichen Erklärung nichts mehr einwenden dürfe. Semitte gingen die Augen auf. Er ward aber auch auf eine andere, für ihn sehr empfindliche Art daran erinnert, daß seine Frau nicht mehr sein alleiniges Eigenthum sei, und krank, ergrimmt, reichte er eine Klage wider sie beim Lieutenant Criminel wegen ihres ehebrecherischen Lebens ein. Gabriele Perreau war zu ihrem Vater geflüchtet. Die ersten vernommenen Zeugen bekundeten aber so viel, daß der Richter schon nach diesen Aussagen ihre Verhaftung decretirte. Gabriele appellirte an das Parlament von Paris. Ein Arrêt desselben änderte das erste Decret dahin ab, daß sowol die Frau als ihre zwei Liebhaber sich persönlich zum Verhöre stellen sollten. Die Untersuchung ward dem Chateletgerichte übertragen. Die Verteidigung der Angeklagten ging in eine förmliche Gegenklage über; man sieht, daß sie in der Wahl ihrer Advocaten sehr wohl berathen war. Semitte, hieß es, sei bei diesem ehelichen Zwiste der allein Schuldige. Er sei bis zur Habsucht eigennützig und ausschweifend. Beides seien die Motive zur Anklage seiner unschuldigen Ehefrau; getrieben von ihnen habe er seine Ehre geopfert. Er sei wohlhabend, er habe eine ansehnliche Mitgift von seiner Ehefrau erhalten; durch gute Geschäfte und die Wirthlichkeit der Frau wäre das Vermögen der Eheleute noch um ein Bedeutendes gewachsen. Dennoch sei der Zweck seiner Klage kein anderer gewesen, als ihr Eingebrachtes und ihren Antheil an dem gemeinschaftlichen Vermögen unter dem Scheine des Rechtes an sich zu ziehen. Der Eigennutz allein wäre vielleicht nicht eine hinlängliche Triebfeder gewesen zu einem so unerklärlichen Verfahren. Aber er habe zeither ein ausschweifendes Leben geführt und sich nicht damit begnügt, außer dem Hause und auf die ekelhafteste Art seinen Begierden nachzugehen, sondern auch im Hause seine beiden Dienstmägde, die Semitte als Zeuginnen aufgeführt, zu Beischläferinnen gehabt. Die eine, Jeanne Plisson, ward von Madame Semitte fortgejagt, als sie ihren Ehemann mit ihr auf frischer That ertappte. Catharine Labée, die andere, sei noch jetzt die Beischläferin des Klägers. Weil er selbst auf diese Weise gegen die Pflicht und Treue gesündigt, sei Semitte auch dem Verdachte zugänglicher geworden. Ein Ehemann, der sich selbst einer lüderlichen Lebensweise hingegeben, schließe aus der eigenen oder der Schwäche derjenigen Personen, die sich ihm hingegeben, auf die Schwäche der Gattin. Er komme auf natürlichem Wege zur Einbildung, daß die beleidigte Frau trachten werde sich zu rächen, und, sich selbst Gerechtigkeit verschaffend, mit Untreue vergelten; denn sie kann nicht, wie der Mann (nach den damaligen französischen Gesetzen) die Züchtigung der Obrigkeit gegen die Galanterien des Mannes anrufen. Ein Mann, mit solchen Vorstellungen im Kopfe, betrachte nun jeden wohlgebildeten Mann, der sein Haus betritt, als einen natürlichen Rächer der Gattin, und die er selbst ins Haus geführt, sehe seine Furcht an, als von der Frau hereingelockt. Wer so, ohne edleres Schamgefühl, die Liebe einer Dienstmagd der zärtlichen Zuneigung seiner schönen Gattin vorziehe, könne leicht von der Untreue zur Gleichgültigkeit, und von der Gleichgültigkeit zur Verachtung übergehen. In solchem Falle sei die Liebe allerdings nicht so stark, daß sie die Eifersucht hervorrufen könne. Ein solcher Ehemann lasse der Frau gern alle mögliche Freiheit, um auch seinerseits frei seinen Neigungen nachgehen zu können. Wenn er eifersüchtig schiene, geschehe dies mehr, um Gelegenheit zu haben, die ihn mit Recht treffenden Vorwürfe auf den andern Theil abzuwälzen. Eifersucht, sonst die Wirkung übermäßiger Liebe, entspringe hier aus einem Mangel an Achtung. Ein Mann, der sich selbst so in Haß und Wuth hineingeredet, schreite von Phantasien zu Erfindungen, er ersinne Geschichten, vergrößere kleine Vorfälle, vervielfältige, was ein Mal geschehen, bis er falsche Zeugen aufstelle, oft die lüderlichen Personen selbst, mit denen er gesündigt, um das Erlogene sich und Andern glaubhaft zu machen (?). Ein sprechendes Zeugniß gegen Semitte's Charakter, seine Denk- und Handlungsweise, sei der Schein, den er seiner Frau ausgestellt; ein Document, welches gewiß nicht seines Gleichen habe. Gabriele Perreau (fahren die Vertheidiger fort) sei überzeugt gewesen, daß ihr Ehemann ihr Das nicht erlauben könne, was Religion und Ehe ihr untersagten, daß, wenn er sie auch von ihren Pflichten gegen ihn lossprechen könne, er doch nicht der Macht sei, von Dem sie loszumachen, was sie Gott und sich selbst schuldig sei. Weit entfernt daher, sich weder durch die Erlaubniß, noch durch das Beispiel ihres Mannes zu ähnlichen Ausschweifungen für berechtigt zu halten, habe sie den Schein nur bewahrt, um einen schriftlichen Beweis in Händen zu haben, wie wenig ihr Gatte ihre Zuneigung achte und wie gerecht die Klagen wären, welche sie so oft in den Busen ihrer Freunde ausgeschüttet gehabt. Diese Klagen seien der wahre Quell des ärgerlichen Processes. Gabriele wäre von ihrem Gatten als lästige Aufpasserin betrachtet worden, die man sich gern vom Halse schaffen wollte; der Mann, um mehr Freiheit zu haben, seine Magd und Concubine, um im Hause ganz als Frau zu walten. Catharine Labée, die Dienstmagd, sei es, die das Gemüth des Klägers durch Hinterbringungen und Aufhetzereien in seine jetzige Stimmung versetzt. Semitte, närrisch in diese Person verliebt, hätte mit Freuden alle diese Verdächtigungen aufgenommen. Beide hätten sich darauf an Rabulisten gewandt, welche, hier reiche Beute witternd, mit Gier auf den Proceß losgefahren wären und den vor dem äußersten Schritte aber noch schwankenden Mann durch die vorgehaltene Lockspeise völlig gewonnen, daß er durch das Resultat des Processes die Mitgift der Frau an sich reißen und der alleinige Eigenthümer des gemeinschaftlichen Vermögens werden könne. Semitte klagte aber seine Frau nicht allein der Untreue und Ausschweifungen an, sondern daß auch er selbst in Folge derselben angesteckt worden. Diese schändliche Anschuldigung sei durch keine Zeugen erwiesen (wie sie denn überhaupt schwer zu erweisen); wäre aber das zum Grunde liegende Factum, die Ansteckung, wahr, so sei die Vermuthung dafür, daß der Mann der Urheber der Krankheit sei. Er räume ein, er sei angesteckt; dies müsse die Frau zu ihrem Besten acceptiren, und sie habe ein Recht, Alles, was zu ihrem Vortheil gereicht, daraus zu folgern. Da Semitte seine Frau wegen Ehebruchs anklage, und positiv mit den Herren Goy und Auger, so müßten doch auch diese beiden Banquiers, die nach seiner Angabe mit Gabriele in genauester Verbindung gelebt, von derselben Krankheit angesteckt sein, möge dieselbe nun von der Frau dem Manne, oder vom Manne der Frau mitgetheilt worden sein. Zur Substancirung seiner Klage müsse er angeben, wann er angeblich von seiner Frau angesteckt worden; demnächst, wann die beiden Banquiers mit ihr Umgang gepflogen haben sollten, und endlich demzufolge darthun, daß auch diese beiden Herren angesteckt seien. Dieses sei nothwendig, wenn er den Beweis ihres verbotenen Umgangs mit seiner Frau führen wolle; wiewol selbst der Nachweis, daß jene zu der Zeit an einer solchen Krankheit gelitten, noch kein Beweis dafür sei, daß sie dieselbe von Gabriele mitgetheilt erhalten, da nichts die Möglichkeit abschneide, daß sie auch durch Berührung und Umgang von einer andern Seite her inficirt worden. Wenn aber zu der Zeit die beiden Banquiers nicht von der Krankheit behaftet gewesen, so sei schon dadurch die Falschheit seiner Behauptung dargethan, und die ganze Klage zerfalle in sich, da nach derselben der vermeintliche Ehebruch nur auf Gabriele's Umgang mit Goy und Auger beruhe. Bis jene Ermittelung zu seinen Gunsten ausgeschlagen, streite die Präsumtion gegen ihn: er hat einen lüderlichen Lebenswandel geführt, er hat eine Magd im Hause zur Concubine, er hat durch Ausstellung des Scheins den Beweis geführt, daß alle Empfindungen der Ehre in seiner Brust erstickt sind; eheliche Liebe und Treue sind ihm so gleichgültig, daß er seine Gattin bevollmächtigt, Jeden, wen sie will, zum Liebhaber zu nehmen und nach Gefallen mit demselben zu wechseln. Also wäre er, wie die Sachen stehen, schon nach allgemeinen Grundsätzen abzuweisen; das römische Recht enthalte aber ganz positive Bestimmungen, nach welchen seine Klage zurückgewiesen werden müsse. Semitte habe geklagt, weil er gewußt, daß beim Verbrechen des Ehebruchs der Mann den Vortheil hat, Ankläger seiner Gattin sein zu können, ohne befürchten zu müssen, von der Frau wieder angeklagt zu werden. Aber er habe vergessen, daß eine Ehefrau nach römischem Rechte zwar ihren Mann wegen seiner Ausschweifungen nicht geradezu anklagen dürfe, daß sie aber ein Recht habe, sie zur Verteidigung ihrer selbst geltend zu machen. L. 13 §.5 sqq. ad leg. Jul. de adult. laute: Judex adulterii ante oculos habere debet et inquirere, an maritius pudice vivens, mulieri quoque bonos mores colendi autor fuerit. Periniquum enim videtur esse, ut pudicitiam vir ab uxore exigat, quam ipse non exhibeat. »Der Richter muß bei der Untersuchung eines Ehebruchs wohl ins Auge fassen und nachforschen, ob auch der Mann keusch und züchtig gelebt und so der Frau ein Beispiel guter Sitte gegeben. Denn es scheint sehr unbillig, daß der Mann von seiner Frau die Keuschheit fodere, die er selbst nicht übt.« Gesetzt nun – aber ihre Vertheidiger behaupten fast das Gegentheil – daß Gabriele Perreau so schwach gewesen, wie man sie anschuldigt, so müsse dieses Gesetz ihr zu Hülfe kommen; Semitte, als selbst einem lüderlichen Leben ergeben, habe schon dadurch sein Recht verwirkt, sie anzuklagen. Um seine Anklage zu vernichten, sei nicht nöthig, daß er selbst den Ehebrecher bei der Gattin eingeführt, nicht nöthig, daß er ihr die schriftliche Erlaubniß ertheilt: sich Jedem preiszugeben, nicht nöthig, daß er es mündlich oder durch stillschweigende Einwilligung gethan, es genüge schon, daß er durch sein böses Beispiel seine Frau der Gefahr ausgesetzt, verführt zu werden. Das römische Recht enthalte aber noch zwei andere Gesetze, welche noch deutlicher den vorliegenden Fall vorsähen. L. 47 sqq. So1ut. matr. laute: Cum mulier viri lenocinio ad ulterata fuerit, nihil ex dote retinetur Cur enim improbet maritus mores, quos aut ipse corrupit, aut postea probavit? »Wenn ein Weib durch die Kupplerei des Mannes zur Ehebrecherin wird, darf er von der Mitgift nichts zurückbehalten. Denn weshalb rügt ein Ehemann den sittlichen Fehltritt, den er entweder selbst veranlaßte oder doch nachher billigte?« – Ferner: Si vir, infamandae uxoris suae causa, adulterum subjecerit, ut ipse deprehenderet; et vir, et mulier adulterii crimine tenentur, ex senatus consulto, de ea re facto. L. 14. §. 1 sqq. ad leg. Jul. de adult. »Wenn ein Mann, um seine Frau in Unehre zu bringen, selbst den Ehebrecher zu ihr läßt, damit er sie auf der That ertappe, dann ist der Mann ebensowol als die Frau des Verbrechens des Ehebruchs schuldig nach dem deshalb erlassenen Senatusconsulte.« Die Anwendung dieser Gesetze springe in die Augen. In diesem Falle sei aber der Mann allein der Verbrecher, weil die Gattin nicht in die Schlinge gefallen, die er ihrer Tugend gelegt. Sie sei unschuldig in Beziehung auf das Publicum, aber noch mehr in Beziehung auf ihren Mann, weil sie ihm den Schimpf nicht angethan, den sie ihm nach seinem Willen anthun sollen. Semitte müsse mit seinem Antrage vor einem französischen Gerichte mit weit mehrem Rechte zurückgewiesen werden, als es, in ähnlichem Falle, einst vor einem römischen geschehen können. Denn bei den Römern war der Ehebruch ein öffentliches Verbrechen, auf dessen Bestrafung Jeder dringen konnte, Ehemann, Verwandte und endlich jeder Bürger. Dort wäre, wenn die Facta richtig, die Frau als Ehebrecherin, der Mann wegen des Verbrechens des lenocinium bestraft worden. Nach dem Herkommen im dermaligen Frankreich könne aber, insofern aus dem Ehebruch kein öffentliches Aergerniß hervorgegangen, nur der Ehemann denselben verfolgen. Aber nicht allein durch sein schlechtes Beispiel sei er nach dem frühern Gesetze, sondern auch nach den letztallegirten durch die der Frau ertheilte Erlaubniß, ihren Lüsten nach Gefallen sich zu überlassen, durchaus unfähig geworden, gegen seine Frau zu klagen. Da Semitte selbst demnach ausscheide, habe Niemand dazu ein Recht, indem der königliche Fiscal nur dann seine Stimme erheben könne, wenn es zur Unterstützung des klagenden Ehemanns geschehe. Wo dieser ausscheide, müsse jede Verfolgung wegfallen. Beiläufig, und moralisch betrachtet, wie kann ein Mann, der selbst auf seine Ehre verzichtet, noch von Verletzung derselben reden und Genugthuung deshalb fodern? Ferner griff der Vertheidiger die ganze Beweisführung des Klägers an, indem er zuerst nachzuweisen suchte, daß sämmtliche von ihm gestellte Zeugen als unglaubwürdig und verdächtig erschienen. Es begegnet uns hier, wie in so vielen anderen durch Pitaval mitgetheilten Processen, daß wir von diesem factischen Theil der Proceßgeschichte erst aus den Memoiren der Advocaten, und zwar denen des Gegentheils, Kunde erhalten. Das Versehen läßt sich nicht wieder gut machen. Jeanne Plisson und Catharine Labée, die beiden Mägde in Semitte's Hause, bekundeten zwar von den angeblichen Ausschweifungen ihrer Herrin, aber zugleich gestanden sie ihre eigene Schande. Sie waren, nach ihrem eigenen Geständniß, der Frau behülflich, ihren Ehemann zu betrügen und sich dem strafbaren Vergnügen hinzugeben. Die Plisson erhielt, nach ihrer Aussage, vom Banquier Goy Geld, damit sie ihm die Stunden anzeige, wo Semitte nicht zu Hause war. – Nachdem Gabriele und Goy einig geworden, habe sie abermals von Letzterem Geld erhalten und ihn darauf eines Morgens, als ihr Herr vom Hause entfernt gewesen, in das Schlafzimmer ihrer Frau gebracht, als diese noch im Bette lag oder doch erst im Ankleiden begriffen war. Sie habe, so oft beide Verliebte im Schlafzimmer beisammen gewesen, an der Thür Wache gestanden, damit sie nicht vom Manne überrascht würden. Schlug die Stunde, wo er kommen mußte, so habe sie ihnen ein bestimmtes Zeichen gegeben. Mehre Male habe sie indeß das Zeichen umsonst gegeben, die Entzückten hätten sich nicht trennen können; dann sei sie ins Zimmer hineingetreten und habe den Banquier und ihre Frau in Stellungen gefunden, welche die Ehrbarkeit zu beschreiben verbiete. Einige Male sei aber Semitte zu schnell zurückgekehrt; dann habe sie Goy in ihrer Kammer oder sonst in einem Winkel versteckt, bis der günstige Augenblick sich fand, ihn hinauszulassen. Hinsichts Auger's habe sie ungefähr Dasselbe ausgesagt, mit dem Bemerken, daß beide Nebenbuhler sich nie zusammen getroffen, was auf ein stilles Einverständniß deute. Zuletzt sei die Sache dem Ehemanne denn doch aufgefallen, und da er, richtig, vermuthet, daß die Liebeshändel nicht ohne Beihülfe der Magd stattfinden könnten, habe er diese, die Zeugin, fortgejagt. Nach ihr trat Catharine Labée in Dienst. Diese schöpfte anfangs keinen Verdacht, noch ward sie von der Hausfrau in die Geheimnisse eingeweiht. Die wiederholten Besuche der beiden Banquiers erschienen ihr nicht verfänglich, da sie wußte, daß Beide nahe Freunde des Hausherrn waren, viele Geschäfte mit ihm hatten, auch oft als seine Gäste von ihm zu Tisch gebeten wurden. Endlich fing sie aber doch an Verdacht zu schöpfen wegen der langen, geheimen Unterredungen, welche auch ihre Frau mit ihnen pflegte. Sie bemerkte, daß ein gewisser Francois Bertrand Briefe hin und her trug. Es kam ihr sonderbar vor, daß, wenn Semitte auf seinem kleinen Hofdienst in Versailles war, die Frau eine Kutsche kommen ließ, Wein, Speisen und Erfrischungen hineinpackte und abfuhr; sie erfuhr nicht, wohin. Wenn sie ohne dergleichen Vorrath abfuhr, gab sie dem Kutscher Befehl, am Hause des einen oder andern Banquiers zu halten. Ein anderes Mal sah sie beide Banquiers in einem Wagen ankommen; ihre Frau stieg ein und sie fuhren ab. Es war Morgens früh und erst spät Abends kam Gabriele von der frohen Landpartie zurück. Als man merkte, daß die neue Magd heller sah, als man wünschte, bewarb man sich auch um deren Gunst und erkaufte sie mit gutem Gelde. Catharine erfuhr Alles und ward Wächterin und Spionin gleich der frühern Jeanne Plisson. Sie hörte, sah, that Dasselbe; ja, weil die Zusammenkünfte zwischen den Liebhabern und der Frau jetzt später am Tage erfolgten, mußte sie mehrmals, ehe der Mann zurückkam, in aller Eil das bei der Unterredung in Unordnung gerathene Bette wieder in Ordnung bringen. Francois Bertrand, der dritte Zeuge für den Ankläger, war Semitte's Bediente oder mehr Laufbursche; er hatte die Geschäftsgänge zu besorgen und mußte daher oft zu Goy und Auger. Beide Herren fanden es daher angemessen, durch ein gutes Stück Geld ihn auf ihre Seite zu bringen. Er spielte, während er officiell in seines Herrn Diensten ausging, den heimlichen Liebesboten, und bekannt mit den Geheimnissen und Geschäften beider Theile fiel es ihm nicht schwer, für jeden Gang Vorwände und Ausreden zu finden. Er bestellte und arrangirte auch die ländlichen Orgien; er schaffte die Miethskutschen, die feinen Lebensmittel und Erfrischungen dazu. Gewöhnlich gingen die Partien nach dem Boulogner Hölzchen. Er servirte, und wenn man seiner nicht mehr bedurfte, hieß man ihn sich in die Büsche verlieren. Aber mit der Zeit setzte man diese Vorsicht und Zurückhaltung außer Acht. Man war einmal vergnügt, man scheute sich nicht, es zu zeigen und Andern einen Theil daran zu gönnen. Man ließ den geschickten Diener mit an der Tafel auf dem grünen Rasen essen und trinken; man scheute sich auch nicht, in seiner Gegenwart den Ergüssen der Zärtlichkeit sich zu überlassen, und endlich ging man so weit, daß man, ohne seine Gegenwart zu beachten, sich allen Genüssen der Liebe und Wollust hingab. Die Vertheidigung fragte: wenn man die Aussagen der drei Hauptzeugen überlese, die man doch, ohne die Schamhaftigkeit zu verletzen, nicht ganz nachschreiben könne, was man von Zeugen halten solle, die sich nicht scheuten, solche Dinge von und gegen sich selbst auszusagen? Die Zeugen erschienen als Complicen des Ehebruchs, ja gewissermaßen noch sträflicher als die leichtsinnige Frau, da sie geständlich dieselbe zweien Wollüstlingen verkauft und in gewisser Art einen Handel mit ihren Reizen getrieben hätten. Die Infamie brandmarke Negocianten dieser Art, und schon nach der allgemeinen Rechtsregel: Nemo creditur, propriam allegans turpitudinem, könnte ihren Aussagen vor Gericht kein Glaube geschenkt werden. Ueberdies vernichteten sich diese Zeugenaussagen schon durch ihre eigene Uebertreibung. Sei eine solche Scene, wie Bertrand deren schildere, denkbar: daß eine gebildete Frau mit gebildeten Männern sich nicht entblöde, in Gegenwart eines gemeinen Burschen und Dienstboten sich den äußersten Handlungen der Schamlosigkeit hinzugeben, und ohne einmal sich vorher der Treue, Anhänglichkeit und Verschwiegenheit des Dieners versichert zu haben? Sei es denkbar, daß eine kluge, eine schlaue Frau ihre gesammten Dienstboten, einen nach dem andern, ohne Weiteres zu Vertrauten solcher Heimlichkeiten werde gemacht haben, deren Bekanntwerden sie ins Unglück und Verderben stürzen mußte? Die allerfrechste, ausschweifendste Frau werde doch, so lange sie noch in der Gewalt des Mannes ist, gewisse Rücksichten beobachten und könne sich nicht, ohne Scham und Zurückhaltung einer so grenzenlosen Lüderlichkeit überlassen, als Gabriele nach den Berichten der Zeugen gethan haben sollte. Gesetzt, diese Dinge wären wirklich Wahrheit, so wären sie doch so unwahrscheinlich, daß jede Obrigkeit und jeder Richter daran zweifeln müsse. Die Zeugenberichte wären aber nicht allein ihrem Inhalt nach, sondern auch nach ihrer Form verdächtig. Dies gehe schon aus der Ordnung, der Reihenfolge hervor; sie wären nach gewissen Stufen so systematisch gegliedert, daß man die Composition merke, den Unterricht, der vorangegangen. Auch die wenige Verschiedenheit erweise sich als vorsätzlich, als eine Künstelei. So sei es auffällig, daß jeder Zeuge nur von einer Thatsache zeuge, kein einziges Factum werde von zwei Zeugen zugleich bekundet. Man habe vielmehr Jedem eine verschiedene Rolle zugetheilt und diese Rolle mit Fleiß und Kunst verschieden einzurichten gesucht. Während einerseits diese Veranstaltung durchblicke, sei andererseits der Beweis, auch zugegeben die Glaubwürdigkeit der Zeugen, nicht rechtsbündig geführt, da für jede Thatsache, die ein besonderes Verbrechen begreife, nur ein Zeuge auftrete, jeder also eine besondere Geschichte erzähle, von der der Andere nichts weiß. Ein Jeder beweise also nichts als die Wahrheit: daß die Zeugen sämmtlich Lügner wären. (!?!) Eine gelehrte und witzige Vertheidigung, offenbar mit Liebe für die pikante Sache entworfen und der Absicht, der Advocaten Scharfsinn leuchten zu lassen; man kann sich aber des Gedankens schwer erwehren, daß ein satirischer Dämon hindurchblickt. Daß der Vertheidiger an die Wahrheit seiner Aufstellungen selbst nicht geglaubt haben kann, ergibt sich aus dem Verlauf der Sache. Semitte's Advocat bestritt alle Motive, welche der Advocat der Verklagten seinem Clienten untergeschoben: den schmuzigen Eigennutz und die Absicht, sich einer lästigen Beobachterin zu entledigen, um seinen eigenen sündhaften Vergnügungen ungestörter nachhängen zu können. Ein Gegenbeweis sei aber unnöthig, da der Beweis dafür nicht geführt, sondern das Ganze ein Gewebe leerer Anführungen und Verleumdungen sei. Wir übergehen die sentimentalen Versicherungen über Semitte's tugendhaften Charakter, seine aufrichtige Liebe und Hochachtung für ein durch Gaben des Geistes ebenso wie durch Schönheit und Anmuth ausgezeichnetes Weib. Seine Aufführung in seinem ganzen Ehestande, seine Aufmerksamkeit, Gefälligkeit gegen die Gattin, und die Seelenmartern, die er über ihre Vergehungen empfunden bis zu der Zeit, wo er sich gezwungen sah, ihre Untreue öffentlich bekannt zu machen, seien die sichersten Bürgen für die Reinheit seiner Sitten. (?) – Das Gegentheil von Allem, wodurch die untreue Gattin ihre Klage unkräftig machen wolle, sei in Paris notorisch. Der unglückliche Ehemann habe kein anderes Motiv zur Anstellung seiner Klage gehabt, als die Ausschweifungen seiner Frau, und – die Publicität, welche dieselbe in Paris erlangt. Er habe seine Ehre retten müssen. Zwar nur ein bescheidener Bürger, der seinen Verhältnissen nach nur im engern Kreise seiner Freunde und Kunden bekannt gewesen, sei leider sein Name durch die Lebensart seines Weibes schon in ganz Paris bekannt geworden. Ein öffentlich bezeichneter Hahnrei, sei es ihm Pflicht gewesen, durch einen Schritt, der ohne Aufsehen nicht zu machen war, Das von Ehre zu retten, was noch gerettet werden konnte. Er wollte nicht, er durfte es nicht dulden, daß sein Haus einer zweiten Messaline zum Tummelplatz diene. Er hatte eine noch näher liegende Pflicht dazu, eine Tochter, von seiner Frau in einer Zeit geboren, wo sie noch nicht vom Pfade der Tugend abgewichen war. Er durfte das Kind nicht länger das entsetzliche Beispiel einer solchen Mutter sehen lassen. Die Gegenanschuldigungen, welche Gabriele gegen ihren Mann vorbringt, wären erdichtet. Daß sie selbst nicht viel darauf gäbe, beweise die Production des Scheines, durch welchen ihr Mann angeblich den Ehebruch in beliebiger Art ihr gestatte. Die Entstehung dieses Scheines sei ermittelt; er war das Product einer Schäkerei. Daß Gabriele ihn aufbewahrt, daß sie ihn vor Gericht vorgezeigt, daß sie ernsthafterweise glauben können, sich damit gegen den Zorn und die Rache ihres Gatten schützen zu können, spreche für eine Verirrung ihres Verstandes, die man ihrer ausgelassenen Sinnlichkeit zuschreiben müsse, und für ein durchaus verdorbenes Herz. Was den allgemeinen Einwand gegen die Zeugen betreffe, daß ihre Aussagen in einer zu richtigen Folge, auf einander geordnet und die Geschäfte, die sie berührten, in allen Theilen zu genau zusammenhingen, daß der Eine von einem Umstande rede, von dem der Andere nichts aussage, und ihre Aussagen zusammengenommen doch ein vollkommenes Gemälde darstellten, so sei dies wol einer der sonderbarsten Einwände, welche je vor einem Gerichte gemacht wären. Weil die Wahrheit sich zu treu in den Zeugenaussagen abspiegele, solle sie nicht wahr sein! Der Einwand bedürfe keiner Entgegnung. Ebensowenig der noch auffälligere: daß, was die Zeugen über ihre moralische Unverschämtheit ausgesagt, zu unverschämt sei, als daß es wahr sein könne. In der Regel trieben allerdings wollüstige Weiber die Frechheit nicht so weit; doch habe es Messalinen zu verschiedenen Zeiten gegeben. Endlich sei nach der Praxis ein Ehebruch auch schon dann als erwiesen anzunehmen, wenn die Wahrheit eines jeden Actes, woraus die Untreue zu entnehmen, auch nicht durch das Zeugniß zweier Personen dargethan sei, aber die mehren durch Indicien und einzelne Zeugen dargethanen Acte zusammenstimmten. Desgleichen seien Hausgenossen, Domestiken, ja selbst Helfershelfer bei diesem Vergehen, vermöge seiner geheimen Natur, als vollgültige Zeugen zuzulassen. Hier sei der Fall, wo das Zeugniß solcher Mitschuldigen nothwendig werde. Wenngleich die beiden Mägde bei dem Verbrechen hülfreiche Hand geleistet, so seien doch einmal Bediente zum Gehorsam bestimmt; man müsse sie daher entschuldigen, wenn sie die Aufträge einer ehebrecherischen Herrschaft nicht von der Hand wiesen, sondern deren Willen nachkämen. Die Sache war wirklich notorisch. Das Erkenntniß des Chateletgerichts vom 17. Februar 1693 konnte daher im Wesentlichen Niemand befremden. Gabriele Perreau ward für hinlänglich überführt erklärt, mit Goy und Auger einen strafbaren Umgang gepflogen zu haben. – Strafe: sie sollte in ein Kloster oder anderes geistliches Haus gebracht werden, welches der Eheman benennen würde, und dort durch zwei Jahre eingesperrt bleiben. Nach Ablauf dieser Frist stehe es beim Manne, ob er sie wieder zu sich nehmen wolle. Wolle er nicht, so sollten ihr nach Verlauf dieser zwei Jahre die Haare abgeschnitten werden und sie ihre ganze übrige Lebenszeit daselbst verbleiben. Demzufolge ward sie für verlustig erklärt ihres ganzen Eingebrachten, ihres Antheils am gemeinschaftlichen Vermögen und jedes ihr mit dem Heirathsvertrage zuwachsenden Vortheils. Dasselbe Arrêt bestimmte hinsichts der Banquiers Goy und Auger, daß Beide vor Gericht zu fodern wären, dort wegen ihrer anstößigen Lebensweise einen öffentlichen Verweis zu erhalten hätten, ihnen jede fernere Gemeinschaft mit Gabriele Perreau bei Strafe untersagt werde und sie überdies jeder eine Geldbuße von 1000 Livres zum Besten der Unterhaltung der Chateletgefangenen zu entrichten hätten und dem Ehemann Semitte wegen aller ihm verursachten Schäden und Unkosten aufzukommen wären. Aber auch Semitte ward mit einem Strafantheil bedacht, weil er durch Schrift und Unterschrift des Ehebruchsscheines einen Verstoß gegen Anstand und gute Sitten begangen. Der seiner Frau entzogene Vermögensantheil ward nicht ihm, sondern ihrer und seiner Tochter zugesprochen. Gabriele appellirte natürlich. Gegen die Appellation (d. h. doch wol nur gegen ihre aufschiebende Wirkung) that Semitte Einspruch und erlangte ein Arrêt, welches Gabrielen befahl, sich ins Parlamentsgefängniß zu begeben, und zugleich den beiden Banquiers, sich vor dem Parlamente zu stellen. Gabriele sah, daß sie vor Gericht gegen ihren erzürnten Ehemann nichts durchsetzen werde; sie legte sich daher auf Unterhandlungen und auf List. Durch ihre Mutter und eine ihrer Freundinnen, die Dame Pasdeloup , ließ sie ihren Mann um seine Einwilligung ersuchen, daß sie sich freiwillig in ein Kloster ihrer Wahl begeben dürfe und er dann für ihren anständigen Unterhalt sorgen möge. Semitte antwortete mündlich, er sei damit zufrieden. Gabriele aber fürchtete, daß, der Appellation ungeachtet, das vorige Urtheil bestätigt werden würde, daß ihr Mann dann die Wahl des Klosters habe, in welches er sie einsperren könne, daß er gewiß nicht das bequemste und angenehmste für sie aussuchen und nach zwei Jahren ihr gewiß unbarmherzig die Haare werde vom Kopfe scheeren lassen. Sie traute daher der mündlichen Einwilligung nicht ganz und versuchte, sich eine zu Recht beständige zu verschaffen. Sie ging deshalb am 16. März zu einem Notar und erklärte hier zu Protokoll: daß sie ihrer Appellation unbedingt entsage, und daß der vielbesprochene Ehebruchserlaubnißschein von ihrem Ehemanne nur im Scherz geschrieben worden, nur so zu verstehen sei, und daß derselbe allen Ernstes geglaubt habe, sie hätte ihn längst verbrannt. Aber das ganze Manoeuvre war nur eine List. Sie wußte, oder hatte gehört, daß eine Versöhnung, wäre sie auch nur augenblicklich, den gegen sie erhobenen Ehebruchsproceß sofort aufheben und ganz zu Ende bringen könne, insofern die Versöhnung nur vor dem Gerichte zu erweisen sei. Sie hoffte und sann auf eine solche Gelegenheit. Die Notariatserklärung sollte eine erste Schlinge für den armen Ehemann sein und vor Allem ihr Zeit gewinnen. Um sich aber nicht selbst in dieser Schlinge zu fangen, begab sie sich fast im selben Athem, wo sie jene Erklärung öffentlich vor einem Notar ausgestellt, zu einem zweiten und stellte hier im Geheim eine andere des Inhalts aus: daß sie gegen Alles, was sie im Protokoll des ersten Notars gesagt, protestire, als nur durch den Drang der Umstände ihr abgelockt. Semitte aber war durch ein so langes Aufziehen hin länglich gewitzigt, er kannte die Listen seiner Frau, und als er das erste Notariatsinstrument eingehändigt erhielt, protestirte er sofort, ebenfalls vor einem Notar, mit der Erklärung dagegen: er werde sich nicht im Geringsten daran kehren, sondern zu gehöriger Zeit und am rechten Orte darauf antworten. Gabriele's Absicht war, irgendwo mit ihrem Manne zusammenzutreffen und ihn durch die Macht ihrer Reize zu einem Schritte zu bewegen, der für eine Aussöhnung gelten konnte. Nachdem verschiedene Versuche ihr mislungen waren, ward ein künstlicher Anschlag entworfen. Ihre Freundin Pasdeloup sollte Semitte unter einem scheinbaren Vorwande zu sich rufen lassen. In der Stube, in welche man ihn führen würde, wollte Gabriele plötzlich aus ihrem Versteck hervorstürzen, unter Thränen ihrem Ehemann und Verfolger um den Hals fallen, mit der schluchzenden Stimme der Verzweiflung ihn um Verzeihung bitten. Ihre Seufzer, Thränen, Blicke und Küsse, der Druck ihrer feinen Arme müßten ihn allmälig erweichen, seine Sinnenlust erwecken. Ein Ruhebett war in der Nähe an die Wand gestellt. Er mußte in ihre Arme sinken, sie traute es sich zu. Aber neben dem Bette war eine unscheinbare Klingelschnur angebracht. In dem Augenblick, der keinen Zweifel über die wirklich erfolgte Versöhnung lassen könne, wollte sie an der Klingel reißen. Ein von ihr gewonnener Polizeicommissair sollte dann mit zwei Zeugen in die Stube stürzen und sofort eine Registratur über eine Situation, die keine andere Auslegung erlaubt, aufnehmen. Der Anschlag mißlang; die Pasdeloup empfand Bedenken, als er zur Ausführung kommen sollte und weigerte ihre Beihülfe. Gabriele sah sich genöthigt, im Kloster der Benedictinerinnen ihren Aufenthalt zu nehmen. Die Absperrung hier war nicht zu streng. Der Banquier Goy fand Mittel und Wege, zu seiner Maitresse zu dringen. Semitte erfuhr es, und hielt es nach seiner Pflicht als Ehemann angemessen, sich darüber bei der Priorin zu beschweren, worauf der Büßerin eine abgeschlossenere Zelle angewiesen ward. Aber ihm schien das für das zügellose Weib noch immer nicht zu genügen. Er drang daher darauf und erhielt am 27. September 1693 ein zweites Arrêt vom Parlament, worin die Vollstreckung des erstern befohlen (!) und zugleich verfügt ward: Gabriele solle aus dem Kloster in das Parlamentsgefangniß gebracht werden; auch sollten Goy und Anger sich davor nun wirklich gestellen. Gabriele ward abgeholt und eingesperrt. Kein Ausweg, der den Proceß verschleppen konnte, ward von ihr unversucht gelassen. Sie trat abermals als Anklägerin in einem Zwischenverfahren auf. Sie beschwerte sich in einer weitläufigen Schrift über die harte Behandlung und den Schimpf, den man ihr auf dem Wege vom Kloster nach dem Parlamentsgefängnisse angethan; ihr Mann sei der Urheber. Das Parlament wies indeß diese Intervention als zu keinem Proceßverfahren geeignet ab. Unermüdlich in Listen und Anschlägen kam sie aber immer mit neuen Anträgen ein. Bald verlangte sie von der Klage losgesprochen zu werden und daß ihr Mann in 10.000 Livres Entschädigung verurtheilt, daß die von ihr vor einem Notar gegebene Erklärung vernichtet werde, bald erklärte sie, daß sie von allen Gegenklagen und Foderungen abstehe, denn sie habe ihrem Manne vergeben und sich völlig mit ihm ausgesöhnt. Gabriele stand nicht mehr allein da, sie hatte unter den Gefangenen des Parlamentsgefängnisses einen Rathgeber und Freund gefunden, der auf ihre und die Geschichte ihres Processes von Einfluß wurde, einen in Sitten und Lebensart dem ihrigen verwandten Charakter. Eustach le Noble, so hieß dieser Gefangene, war ein Mann, der seiner Zeit als Schriftsteller und öffentlicher Charakter viel, wenn auch nicht viel Gutes, von sich zu reden machte. Von altem Adel, in den glücklichsten Vermögensumständen, in der angesehenen Stellung als Generalprocurator zu Metz, hatte er sich doch Fälschungen in eigennütziger Absicht erlaubt, die entdeckt wurden und seine Verhaftung und Verurtheilung zur Folge hatten. Gegen das Erkenntniß, das ihn zur Kirchenbuße und zu neunjähriger Verbannung verurtheilte, hatte er damals gerade appellirt und befand sich deshalb im Parlamentsgefängnisse in Paris. Le Noble's ganzes Leben war eine Kette von Ungefügigkeiten, Unordnung, Lüderlichkeit, Ausschweifungen und genialen Impulsen. Oft in der Schule der Trübsal, doch nie gebessert, im Besitz von Geld und Vermögen, aber immer Verschwender und daher darbend, brachten seine Gelegenheitsschriften, historischen Abhandlungen, z. B. über die Republiken »Holland« und »Genua«, über »die Münzen der Alten«, über »das wahrhafte Geburtsjahr Christi« – »Uebersetzungen der Psalmen in Prosa und Versen, nebst Betrachtungen dazu«, den Buchhändlern große Summen ein, während er selbst in seinen letzten Lebenstagen von wöchentlichen Almosen eines Louisd'or lebte, den ihm der damalige Polizeilieutenant d'Argenson auszahlte, und als er 1711 starb, auf Kosten des Kirchspiels begraben werden mußte. – Ein periodisches Werk Le Noble's: »Politische Unterhaltungen über die Begebenheiten gegenwärtiger Zeit«, hatte eine Zeit lang wegen mehrer glücklichen Einfälle, aber auch trivialer Späße und Angriffe einen guten Fortgang. Aber es stieß die feinere Welt bald ab durch den gemeinen Ton, in den der Autor verfiel und der nur zu deutlich nach den Gesellschaftskreisen schmeckte, in die er durch seine Lebensweise versunken war. Doch ward ihm die Ehre, daß seine sämmtlichen Werke nach seinem Tode noch in 20 Bänden gesammelt erschienen. Auch die deutsche Literatur kann solche »Genies« nach dem populairen Ausdrucke aufweisen, es hat sich aber noch Keiner eine solche Ueberschrift unter sein Bildniß selbst verfertigt, wie Le Noble, der, auf seinen Adel und Namen anspielend, schrieb: Nobilitas si clara dedit nomenque genusque, Clarior ingenio, nobiliorque micas. Infida fortunae sic spernens tela malignae Per scopulos virtus saepius astra petit. Ein solcher Mann war wie vom Schicksal für die reizende, witzige, intriguante und kecke Gabriele zum Genossen ausersehen. Von einer imponirend schönen Gestalt, dem liebenswürdigsten Benehmen, einem lebhaften Kopfe, der anmuthigsten Redegabe, voller Lebhaftigkeit, sprühendem Witz und schlauer Unternehmungslust, und ebenso sittenlos und ohne Grundsätze wie Gabriele, mußten beide Personen, schon durch ihre Schönheit und den lebhaften Blick in den Gefängnißräumen sehr bald sich begegnen, finden und verständigen. Die schöne Würzkrämerin war nämlich nicht mit den andern Frauen ein- und abgeschlossen. Sie saß in demjenigen Quartier des Gefängnisses, welches la Pension genannt wurde und dessen Bewohner die Freiheit hatten, mit den andern Gefangenen nach Wohlgefallen Umgang zu haben. Gabriele und Le Noble fanden und verstanden sich. Das Gefängniß ward für Beide ein Pathmos. Er ward ihr Liebhaber und Advocat. In Allem, was sie von jetzt an unternahm und that, war er die Seele und das Werkzeug. Aber ihr Verhältniß hatte, ehe sie sich dessen gewärtigt, solche Folgen, auf welche Beide am wenigsten gerechnet. Sie befand sich in der Lage der Herzogin von Berry, und Alles kam ihr darauf an, aus ihren Blay herauszukommen, ehe es ruchbar würde. Deshalb ihre neue Eingabe, daß sie mit ihrem Manne ausgesöhnt sei, daß sie es beweisen wolle, und die Bitte, bis zum Austrage des Processes sich in ein Kloster oder zu ihren Vettern begeben zu dürfen. Ein glücklicher Zufall wollte, daß der Referent ihres Processes, der Parlamentsrath Le Nain, eines Tages die Gefängnisse besichtigte; Gabriele fand Gelegenheit, sich ihm zu Füßen zu werfen. Ihre Schönheit, ihre Thränen rührten den Mann des Gesetzes, er brachte ihre Sache außer der Ordnung zum Vortrag und bewirkte ein Arrêt vom 15. Juli 1694, welches Gabriele Parreau die Erlaubniß gewährte, sich in ein Kloster oder in die Wohnung ihrer Aeltern zu begeben, um von dort aus binnen drei Monaten den Beweis beizubringen, daß die Aussöhnung mit ihrem Mann wirklich erfolgt sei. (!) Dennoch ward ihre Absicht nicht ganz erfüllt. Semitte stand immer auf der Wacht. Er brachte es durch Gegenvorstellungen dahin, daß die ihr im Arrêt gestattete Wahl wieder zurückgenommen und Gabriele in das Kloster Unserer lieben Frauen gebracht wurde. Aber Le Noble hielt Wacht auf der andern Seite. Im Parlamentsgefängniß war der Gerichtsdiener Boursier durch ihn gewonnen. Dieser gewann für ihn die Tochter einer Hebamme, welche erstere ebenfalls im Gefängnisse saß, und diese ihre Mutter. Die Mutter, Hebamme, mußte sich unter irgend einem Vorwande als Kostgängerin im Kloster Unserer lieben Frauen einschleichen. Für die geheime Niederkunft Gabriele's war also gesorgt. Es kam nunmehr nur darauf an, für die Wegschaffung des neugeborenen Kindes Sorge zu tragen, was bei der strengen Bewachung des Klosters mehr Schwierigkeiten hatte. Gabriele's Muhme, Katharina Passy, ward in das Geheimniß und das Complot gezogen. Sie mußte, als die Zeit der Niederkunft herannahte, täglich am Kloster vorbeigehen und Acht haben, ob nicht aus einem bestimmten Fenster ein bestimmtes Zeichen heraushänge. Am 14. September 1694 erschien der Stab mit dem Tuche am Fenster und die Passy begab sich ins Kloster, um mit einer andern Kostgängerin desselben, die gleichfalls in das Geheimniß eingeweiht war, zu sprechen. Die Paideck, so war deren Name, erschien im Sprachzimmer, das neugeborene Kind verhüllt mit sich bringend. Es ward auf die Drehscheibe gelegt, die Passy empfing es und trug es fort. Das Kind ward bald darauf in der Stille unter dem Namen des Chevalier de Saint George getauft. Saint George hieß eine Baronie, welche Le Noble ehedem besessen. Die Pathen waren der Ehemann der Passy, ein gewisser Tachon und eine Nichte des Gerichtsdieners Boursier, die Vertraute bei Le Noble's und Gabriele's Liebeshandel. Der Proceß schlängelt sich noch in so vielfachen Windungen hin, daß wir aller Aufmerksamkeit bedürfen, den Hauptfaden nicht zu verlieren; es wird daher räthlich, manche Nebenpunkte im Voraus abzumachen. Pitaval erzählt uns die obige Geschichte der Niederkunft im Kloster und der Fortschaffung des Kindes so, wie man sie nach dem endlichen Schluß des Processes als ermittelt betrachten muß. Gabriele Perreau mußte sie dagegen nach ihrem Operationssysteme gänzlich in Abrede stellen, wovon des Weiteren die Rede sein wird. Er liefert alsdann die Beweise im Voraus, einmal daß Gabriele wirklich im Kloster niedergekommen, dann daß Le Noble sich gegen die Ammen als Vater des Kindes bekannt; wir halten es indeß nicht für nöthig, ihm auf diesen Nebenpfaden zu folgen, die alle auf die große Straße zu einem bestimmten Ziele zurückführen. Als Gabriele noch im Parlamentsgefängnisse saß, und selbst im Kloster, war sie bescheidener aufgetreten. Dort gestand sie, daß sie schwanger sei, aber es sei von ihrem Manne, der sich mehrmals zu ihr geschlichen; hier widersprach sie nicht geradezu, als die züchtigen Nonnen ein Aergerniß daran nahmen und verlangten, daß eine solche Person fortgeschafft werden solle. Sie war an beiden Orten noch nicht sicher, ob sie ihre Niederkunft würde verheimlichen können. Kaum war sie indeß dieser Sorge durch die geschickte Fortschaffung des Kindes entledigt, als sie auch den Verdacht ganz vertilgen wollte. Sie reichte am 6. October 1694 eine neue Klageschrift beim Parlamente ein: daß ihr Mann ehrenschänderische Nachrichten auf ihre Rechnung ausstreue, nämlich sie sei schwanger gewesen, als man sie ins Kloster gebracht, und dort entbunden worden. Demnächst foderte sie Schadenersatz für ihre gekränkte Ehre. Was Gabriele von jetzt ab in dieser Angelegenheit that, war nur Das, was Le Noble beschlossen hatte. Er leitete ihre Verteidigung, ihre Angriffe, er führte sie aus, und gab der Sache mit einer Frechheit und Unverschämtheit eine Publicität, die uns schwer erklärlich ist, aber einen Beitrag zur damaligen Sittengeschichte liefert. Die vor ganz Paris Prostituirte gab eine Druckschrift heraus (natürlich von Le Noble verfaßt). In derselben heißt es: »Im verwichenen Junius dieses Jahres (1694) fing Herr Semitte an, überall bekannt zu machen, seine Frau sei schwanger ... Da die Frau von Bretinieres, die Oberin des Klosters, für Vorurtheile sehr empfänglich, auch überdies für ihren Nutzen nicht unempfindlich ist, so kostete es besagtem Manne wenig Mühe, sich durch Geschenke von Zucker, gebrannten Wassern und andern Ausbeuten seines Ladens bei ihr in Gunst zu setzen. Er sagte ihr sodann, er werde seine Frau unter ihre Aufsicht geben, allein er müsse ihr auch melden, daß er gewiß wisse, seine Frau sei schwanger, und sie möge wohl Acht geben lassen, daß nicht etwa eine Hebamme heimlich ins Kloster gebrächt würde. Um auch der Oberin diese giftige Lästerung recht glaubwürdig zu machen, bediente er sich, auf Anrathen seines Procurators, der verabscheuungswürdigen List, und ließ durch gewisse Leute auch den Nonnen jenen schimpflichen Verdacht in die Köpfe setzen, und diese eröffneten nicht nur der Oberin Das, was sie dachten, sondern verbreiteten auch die eingebildete Schwangerschaft ihrer Kostgängerin mit ihren geläufigen Zungen so sehr, als sie konnten. Die Schrift lehrt uns, daß nichts heftiger sei, als der Zorn eines Weibes; allein man kann wohl sagen, daß die Lästersucht einer Nonne, die sich einmal vom Wege der christlichen Liebe entfernt hat, die heftigste Leidenschaft ist, die gefunden werden kann. Als der rechtliche Beistand der Frau Semitte von dieser boshaften Kabale Nachricht erhielt, vermochte er seine Clientin am 6. October, beim Parlamente ein Memorial einzureichen, worin sie anführte: es hätte ihr Ehemann schon seit drei Monaten das unwahre Gerücht verbreitet, sie sei schwanger; auch der schwache Kopf der Oberin sei von dieser verleumderischen Nachrede eingenommen worden, und sie hätte sich zum Werkzeuge der weitern Ausbreitung brauchen lassen. Indeß sei nichts ungegründeter als diese Beschuldigung, und es läge ihr, unter den Umständen, worin sie sich jetzt befände, Alles daran, die Welt vom Gegentheil zu überzeugen, und da sie mit der Nonne, die sie so verlästere, nicht länger unter einem Dache bleiben könne, so bäte sie, in ein anderes Kloster gebracht zu werden, oder die Erlaubniß zu erhalten, bei ihren Aeltern zu leben; auch hoffe sie, daß das Parlament die Gnade haben und ihren Ehemann zu einem solchen Ehrenersatz verurtheilen werde, der jener von ihm erlittenen groben Beschimpfung vollkommen angemessen sei ... Dies war also der Augenblick, in welchem die Kabale in Verwirrung gebracht, der Ehrenschänder niedergeschlagen wurde, und alle bösen Künste des Herrn Semitte verunglückten. Jetzt sah er sich in der Enge – er mußte reden und sich erklären. Und was sagte er denn in diesem entscheidenden Zeitpunkte? Kann wol Jemand glauben, daß ein solcher frecher Verleumder, daß der Mann, der seiner Gattin Ehre auf das Schimpflichste angriff, die Wahrheit gezeuget haben sollte? – Und doch that er das, und sein Advocat erklärte in seinem Namen vor dem versammelten Parlamente, im Angesichte der Richter und vor den Augen des Publicums: er habe niemals gesagt oder gedacht, daß Frau Semitte schwanger sei. Hier hätte diese unglückliche Frau auf einer fürchterlichen Genugthuung bestehen können; allein sie begnügte sich an einem so feierlichen Geständnisse, und war viel zu gut gesinnt, als daß sie die Sache wider ihren Verleumder aufs Aeußerste treiben wollte.« Die saubere Schrift enthielt noch verschiedene Beilagen. In der einen redet ein angeblicher Benedictinermönch der Priorin in ihr Gewissen, daß sie der Wahrheit um Christi willen die Ehre geben und von der höllischen Lästerung gegen die unglückliche, verleumdete Frau abstehen solle. Es galt Le Noble, die Bigotten durch fromme Redensarten für seine Geliebte zu interessiren. Für das große Publicum gab er als Beilage einen Brief, den angeblich Gabriele an ihren Mann geschrieben haben sollte. »Mein zärtlich geliebter Gatte! »Wenn Du auch immer hartnäckig fortführest, mich zu verfolgen, so kann ich doch jenes heilige Band nicht vergessen, das uns vereinigt, und jemehr Du Dich bemühest, es zu zerreißen, desto eifriger suche ich, es noch fester zu verknüpfen. Könnten meine Martern mir endlich Dein Herz wieder gewinnen, so wollte ich sie mit größtem Vergnügen erdulden. Allein, bester Mann, muß es denn sein, daß Du mich immer tiefer zu unterdrücken suchest, je sehnlicher ich trachte, mich mit Dir von ganzem Herzen wieder auszusöhnen? Haben denn meine Leiden Dich noch nicht ermüdet? Ich habe ein schimpfliches Urtheil anhören müssen, habe meiner Appellation, so wie Du gewollt, entsagt; habe mich in das Kloster begeben, das Du gewählt hattest; Du hast mich ein zehnmonatliches Gefängniß aushalten, hast mich den bittern Kelch trinken lassen, in einem äußerst erniedrigenden Zustande vor meinen Richtern erscheinen zu müssen; Du hast mir in dem Kloster, wo ich jetzt bin, die geringsten Bedürfnisse versagt, hast eine neue schimpfliche Nachrede wider mich ausgebracht, und mich dadurch den Verfolgungen einer unbarmherzigen Oberin preisgegeben: und doch wollte ich alle diese herzergreifenden Drangsale für nichts achten, wenn ich Deine Liebe dadurch erkaufen könnte. »Selbst das Parlament hat Mitleid mit Deiner so sehr verfolgten Gattin, und durch die Gerechtigkeit, die es mir widerfahren läßt, gibt es Dir deutlich genug zu erkennen, daß Dein hartes Verfahren wider mich ihm verhaßt sei, auch zeigt jede seiner Verfügungen zwischen uns, daß es keinen andern Endzweck habe, als jene Ruhe und Einigkeit, die wir so lange Zeit haben entbehren müssen, bei uns wieder herzustellen. Gott selbst will unsere Aussöhnung; unsere Tochter, das Unterpfand unserer Zärtlichkeit, fodert uns dazu auf, und Dein Nutzen, der mir stets theuer ist und sein wird, verlangt einen solchen Schritt. Ich werfe mich also hiermit in Deine Arme; öffne sie, mein Geliebter, und empfange eine Gattin, die blos lebt, um Dir in Allem, was Du von ihr fodern kannst, gefällig zu sein. »Wäre ich auch wirklich die Verbrecherin, wofür mich die Welt, nach Deinem Willen, ansehen soll, würden alsdann nicht die Leiden, die Du mich so reichlich hast erfahren lassen, meine Vergehungen gebüßt haben, und sollte mein aufrichtiges Verlangen, Dir Genugthuung zu leisten, nicht Deinen Zorn entwaffnen? Laß uns also, liebster Gatte, alles Vergangene vergessen. Laß uns Dem zu Fuße fallen, der uns täglich weit größere Sünden vergibt. Ich bitte ihn unaufhörlich, daß er Dein Herz erweichen möge, und eben jetzt, da ich inbrünstig für Dich zu Gott gebetet habe, wage ich es, Dir diesen Brief zu schreiben, ehe noch die Sache weiter geht. »Ich habe den Beweis unserer geschehenen Aussöhnung, der mir, wie Du weißt, rechtskräftig nachgelassen worden ist, blos deshalb noch nicht angetreten, weil ich wünsche und hoffe, Du werdest Dich zu einer nochmaligen, herzlichen und aufrichtigen Aussöhnung bereit finden lassen. »Es liegt also blos an Dir, mein theurer, ewig geliebter Mann; mit thränenden Augen beschwöre ich Dich, laß meine Hoffnung nicht vergebens sein. Befiehl mir Alles, was Du willst, ich werde Dir gehorchen, wenn Deine, meine und unserer Tochter Ehre gesichert ist. »So gewiß ich mir auch schmeicheln kann, daß das Urtheil gerechter Richter endlich für mich ausfallen werde, daß die bösen Anschläge Deiner Rathgeber scheitern müssen, so bin ich doch bereit, Alles aufzuopfern, um den Frieden wieder zu erlangen, um den ich Dich anstehe. Gewähre, liebster Mann, diesen Frieden einer Gattin, die, ungeachtet der äußersten Strenge, mit der Du sie behandelst, dennoch leben und sterben wird als Deine Dich liebende, gehorsame und getreue Dienerin Marie Gabriele Perreau.« So wurde also die Presse damals entweiht, in Privatprocessen die Stimme des Publicums zu gewinnen und zu verführen. Dagegen scheint die Censur nichts einzuwenden gehabt zu haben. Diese und andere Schriften in dieser Sache sind aber ein Zeichen, welche Theilnahme dieselbe im Publicum erregt haben mußte, und was es auch schon damals galt, die öffentliche Stimme für sich zu gewinnen. Dagegen kann man sich der Vorstellung nicht erwehren, daß Le Noble, von einem diabolischen Kitzel getrieben, durch die Schrift nicht sowol die Angelegenheit seiner Geliebten bessern wollen, sondern daß er mehr darauf ausging, ihren Ehemann an den Pranger zu stellen. So erzählt er eine Anekdote von dem Advocaten Audoyer, der Semitte bediente. »Ich bitte um Vergebung, meine Herren,« hatte dieser einst zu einigen Advocaten gesagt, »daß ich Sie einige Zeit warten ließ; ich hatte einmal mein Vieh bei den Hörnern und konnte es nicht sogleich fahren lassen. Ich bin mit dem Hahnrei Semitte bei seinen Richtern gewesen.« – Gabrielens Beschwerden gegen die Priorin des Klosters wurden so heftig, daß man, durch ein Arrêt vom 22. October 1694, ihr abermals gewährte, und sie in ein anderes Kloster, dasjenige, in welchem sie bei ihrer ersten Verhaftung gewesen, hinüberschaffen hieß. Aber ehe dieses Arrêt in Ausführung kam, gelang es ihr, zu entfliehen. Sie hatte allüberall keine Lust mehr am Klosterleben und sehnte sich nach dem vollen Genuß der Freiheit. Am 4. December 1694 war sie entschlüpft. Ihre erste Handlung war eine neue kühne List. Es galt ihr Alles, die Versöhnung mit ihrem Manne glaublich zu machen. Die Deduction, daß sie erfolgt sei, überließ sie ihrem Buhlen, der mit seiner Feder ebenso schnell fertig wurde, als mit seinem Gewissen. Sie nur hatte ihn mit Details, mit einzelnen Acten zu versehen, auf denen er bauen, an die er sich stützen konnte. Der Pastetenbäcker Buguet, dessen Laden in dem Hause war, in welchem Semitte wohnte, hatte im ersten Stockwerke eine Wohnstube, welche an Semitte's Schlafstube stieß. Buguet war schon früher, oder jetzt, von Gabrielen ins Vertrauen gezogen. Er gewährte ihr in seiner Stube einen heimlichen Aufenthalt, damit sie, nach dem entworfenen Plane, am andern Morgen, sobald Semitte ausgegangen, mittels eines Nachschlüssels sich in dessen Zimmer begeben könne. Hier wollte sie sich schnell entkleiden und in das Bett des Mannes legen. Dann sollte Jemand, der im Complot war, sich auf der Straße von Gerichtsdienern verfolgen lassen. Er sprang in das Haus, er versteckte sich dort, die Gerichtsdiener mußten Haussuchung halten, dabei Semitte's Stube mit Gewalt öffnen und Gabrielen im Bette ihres Mannes finden, die dann empört aufgeschrieen hätte, was man sich unterstände! Sie habe die Nacht in den Armen ihres rechtmäßigen Mannes geruht, der nur eben aufgestanden und seinen Geschäften nachgegangen sei. Semitte's Spürhunde hatten indeß Gabrielen beim Pastetenbäcker eintreten sehen. Er, jeder List von ihrer Seite gewärtig und stets auf seiner Hut, kehrte mit einem Policeicommissair und Notar in sein Haus unter großem Lärmen zurück und Gabriele mußte nicht allein ihren Plan aufgeben, sondern sich noch glücklich schätzen, daß sie unter dem Schleier der Nacht entschlüpfen konnte. Indeß war Semitte jetzt in die äußerste Wuth versetzt, er wollte auch Die verfolgen, welche seiner ehebrecherischen Frau Vorschub geleistet, selbst Die, welche ihr zur Flucht aus dem Kloster behülflich gewesen, und bereitete deshalb Klagen vor gegen Gabrielens Schwager Alix und den Ehemann ihrer Muhme Passy, besonders gegen Letztern, welcher ihre Flucht aus dem Kloster mit 10 bewaffneten Männern unterstützt und geschützt haben sollte. Diese ernsthaften Maßregeln erschreckten auch ein so freches Weib, wie Gabriele war. Sie hielt es gerathen, auf einige Zeit vom großen Schauplatz zu verschwinden. Ihre abenteuerlichen Reisen durch Flandern, wo sie Le Noble's Schriften verkaufte, und entweder davon, oder was wahrscheinlicher, von ihren Reizen lebte, sind nur theilweise bekannt geworden. Aber schon im April 1695 war es Le Noble gelungen, aus dem Parlamentsgefängnisse zu entwischen. Er hielt sich in Paris verborgen und ließ seine Geliebte gleichfalls dahin kommen. Unter verschiedenen, immer wechselnden, Namen bezogen sie hier verschiedene Wohnungen, immer als Mann und Frau lebend. Einmal hießen sie Herr und Madame de l'Isle, ein anderes Mal Herr und Frau v. Noyers. Am 24. August 1696 kam Gabriele mit einem zweiten Kinde von Le Noble nieder, einer Tochter, welche in der Taufe (27. August) die Namen: Catharina Louise, Tochter von Eustach le Gentilhomme (Eustach Le Noble) Ritter, Herrn von Noyers und Marie Le Brun, seiner Gattin, empfing. Auch der Name Noyers war eine Anspielung; Le Noble hatte vor Kurzem eine Posse: die Nußbäume (les Noyers) herausgegeben. – Die Versicherung Pitaval's, daß diese Geburt und Taufe nachmals durch verschiedene Zeugen, die Pathen, die Kirchenbücher und Anderes bewiesen wurde, wird uns genügen. Aber gleich nach der Geburt und Taufe verließen und änderten sie schon wieder Namen und Wohnung. Wir finden sie im Hause eines Herrn Cuvier 1697 unter dem Namen Herr Le Brun des Bois und Gattin. Mehre Zeugen berichteten auch hier über das Zusammenleben der Beiden. Einer Hebamme erschien das Benehmen der jungen Frau, als sie von ihr zu Rathe gezogen wurde, so frech, daß sie ihre Verwunderung nicht verbergen konnte. Gabriele erwiderte: »Ich sehe wohl, meine liebe Frau, daß Sie nicht gewohnt sind, mit Damen von Stande umzugehen.« Im April 1697 ward Le Noble entdeckt, verhaftet und abermals ins Parlamentsgefängniß gebracht. Gabriele mußte nach Lyon verschwinden, bis es Le Noble gelang, nach einer demüthigenden Buße wieder auf freien Fuß zu kommen, worauf er nach wie vor mit seiner Geliebten als Mann und Frau lebte. Inzwischen hatte Semitte, schon am 8. März 1697, ein Arrêt erhalten: daß seine Frau, sobald man ihrer habhaft werde, sofort ins Zuchthaus gebracht werden solle. Aber seine Kundschafter hatten lange Zeit vergeblich nach ihr gesucht, da, wenn sie endlich die Spur entdeckt, sie ein leeres Nest fanden und die Verfolgte unter einem andern Namen in einem entfernten Stadttheil ein neues Leben anfing. Endlich ward sie in einer Garküche als eine Madame Destournelle, die eines Processes wegen aus Lyon gekommen, am 6. October 1698 ergriffen und ins Zuchthaus gebracht. Da aber Semitte auch wegen der neu hinzugekommenen Ausschweifungen seiner Frau eine Untersuchung verlangte, sollte sie abermals, und desgleichen Le Noble ins Parlamentsgefängniß gebracht werden. Dies kam Beiden höchst ungelegen. Gabriele war gerade zum dritten Male schwanger; nach diesen Präcedentien war es fast unmöglich, ihre Niederkunft vor den Augen der Obrigkeit und ihres Mannes zu verbergen. Le Noble wagte Gewalt. Mit einem Trupp von ihm bezahlter und bewaffneter Leute wollte er auf dem Wege vom Zuchthaus nach dem Parlamente die Gerichtsdiener überfallen und Gabrielen befreien. Aber Semitte war auch darauf vorbereitet. Auch er ließ die Zahl der Gerichtsdiener verstärken und bewaffnen und Le Noble mußte den Angriff aufgeben. Gabrielens Schwangerschaft konnte kein Geheimniß sein. Als sie im Gefängniß entbunden ward, hatte Semitte schon durch ein neues Arrêt dafür gesorgt, daß das Kind, abermals eine Tochter, welches am 7. April zur Welt kam, ohne Vaters Namen, als Anna Catharina in einer Kirche des Parlamentskirchspiels getauft würde. Le Noble war der Verhaftung entgangen. Aus seinem Verstecke schleuderte er neue Pamphlets in die Stadt, als gebe es für Paris keinen wichtigern Gegenstand als den Ehebruchsproceß zwischen dem Würzkrämer Semitte und seiner Frau. Was später vor Gericht durchgefochten werden sollte, ward in diesen Druckschriften schon für das Publicum als sichere Thatsache aufgestellt: daß Semitte der wahrhafte Vater aller seit diesem ärgerlichen Processe mit Gabrielen erzeugten Kinder sei, daß er aber in unnatürlichster Verstockung seines Herzens allen Vatergefühlen Hohn spreche und die Kinder als Bastarde, von seiner Frau im Ehebruch erzeugt, darzustellen suche, um der heiligsten Pflichten, welche die Natur uns auferlegt, sich zu entäußern. Bestimmt ward ihm vorgeworfen, daß das am 24. August 1696 zu Paris geborene Kind, getauft am 27. unter den Namen Catharina Louise, unter dem fingirten Vatersnamen eines Eustach le Gentilhomme, nicht allein sein Kind gewesen, sondern daß er dasselbe noch oben ein durch seine Magd und Beischläferin bei Seite schaffen, vor die Thür eines Schuhmachers aussetzen und später ins Findelhaus bringen lassen! – Als Probe der Sprache, welche dieser freche Abenteurer zu führen wagte, hier nur eine Stelle. »Die Thränen dieses unschuldigen weggesetzten Kindes flehen zu Gott um die Rechte seiner Geburt, die ihm die Beischläferin seines Vaters entrissen hat, und die ächzende Stimme der Mutter erbittet diese Rechte von ihren Richtern. Gott, der, nach dem Rathe seiner unerforschlichen Weisheit, oftmals den Verbrecher bei aller vermeinten Klugheit blind macht, hat auch hier es so gefügt, daß dieser widernatürliche Vater selbst ganz unwidersprechliche Beweise von der Geburt dieses Kindes hat an die Hand geben müssen. Sollte also die menschliche Gerechtigkeit bei den Klagen einer Mutter, die ihr unterdrücktes Kind zurückfodert, taub sein? Sollen Seufzer dieser bekümmerten Mutter und dieses unglücklichen Kindes erstickt werden? Soll das Verbrechen eines ausschweifenden Mannes und einer lüderlichen Vettel unbestraft bleiben? Necare videtur non tantum is, qui partum perforeat, sed et is, qui abjicit ... Die Gattin des Semitte ist in Gegenwart ihrer Schwestern und mehr als zehn anderer Personen entbunden worden; sie hat ihr Kind öffentlich taufen lassen und über hundert Leute haben die Taufhandlung mit angesehen; hat man aber wol je gesehen, daß eine Ehebrecherin ihre Niederkunft so öffentlich abgewartet hat? Ist wol jemals die Frucht ehebrecherischer Ausschweifungen auf so eine Art zur Taufe gebracht worden?« Wenn es, woran wir keinen Grund zu zweifeln haben, in ganz Paris bekannt war, daß Le Noble Gabrielens Liebhaber und der Vater ihrer Kinder war, so scheint die Zurücksetzung aller Scham und Schande in diesen Behauptungen freilich unglaulich, wenn man nicht annimmt, daß es diesem depravirten Genie mehr darum zu thun gewesen, seinen satanischen Witz spielen zu lassen gegen den armen Hahnrei und seine fruchtlosen Anstrengungen, vor einer erbärmlichen Gerichtsbarkeit sein Recht zu erlangen. Endlich überreichte Gabriele Perreau am 20. Juni 1699 eine neue Eingabe (natürlich von Le Noble verfaßt und von ihm zugleich als Druckschrift publicirt), in welcher sie außer andern ihren Hauptantrag dahin richtete: »um rechtliches Gehör wider das Arrêt, in welchem untersagt worden, den Namen des Vaters ihrer am 7. April zur Welt gebrachten Tochter in das Taufregister einzuschreiben, vielmehr hoffe und erwarte sie, daß dem Parlamente gefällig sein werde, die in dem Arrêt besagte Anna Catharina und eine andere am 24. August 1696 geborne Tochter, Namens Louise Catharina, bei ihrem Stande und Namen, als wahre und eheliche Kinder von Louis Semitte und Gabriele Perreau, seiner Frau, zu schützen und zu erhalten, auch den Vater dahin anzuweisen und zu verurtheilen, daß er ihnen den gehörigen Unterhalt reichen solle, und diese Kinder unter unmittelbaren obrigkeitlichen Schutz zu nehmen. Auch bäte sie, daß Louise Catharina aus dem Findelhause genommen werden möge, nicht weniger die Veranstaltung getroffen werde, daß die Taufregister des Kirchspiels, wo diese zwei Kinder getauft worden, in Beziehung auf sie, abgeändert, und die Namen von Louis Semitte und Gabriele Perreau an die Stelle derjenigen, die durch Semitte's Bosheit eingeschrieben worden, gesetzt werden mögten; auch würde ihr Ehemann alle verursachten Unkosten zu bezahlen schuldig sein .« Die Klägerin gründete ihren Antrag auf drei Momente: Erstens: Semitte's Verfolgungen gegen seine Frau hätten keine andere Quelle als seine Ausschweifungen. Er habe sie früher geliebt, geachtet, dann sei er ihrer satt, sie sei ihm widerwärtig, verhaßt geworden; darum habe er sie von sich gestoßen. Aber, zweitens: sobald er sie wieder gesehen, sei auch seine sinnliche Neigung wieder erwacht. Trotz seines Hasses, seiner Verfolgungen habe er keine Gelegenheit unbenutzt gelassen, wieder mit ihr Umgang zu pflegen, daher seien alle von ihr inzwischen zur Welt gebrachten Kinder seine Kinder, die Frucht einer zeitweiligen Aussöhnung zwischen den Ehegatten. Drittens: streite dafür schon, auch ohne Beweise, die gesetzliche Präsumtion, das römische Gesetz: pater est, quem justae nuptiae demonstrant. Die Kinder einer verheiratheten Frau haben in den Augen des Gesetzes keinen andern Vater als den Ehemann der Mutter. Wir übergehen den ersten Punkt, die Anschuldigungen gegen Semitte's Lebenswandel, die in ekelhaften Erörterungen sich ergehen, welche aber um so weniger von Bedeutung sind, als sie vom Gegentheil sämmtlich in Abrede gestellt und nicht bewiesen worden. Aber sobald Semitte nach einer Abwesenheit von einiger Zeit seine Gattin wieder gesehen, sei sie in seinen Augen eine neue Eroberung gewesen. Doch kaum daß er seiner erhitzten Einbildungskraft durch den Genuß Genüge geleistet, als der vorige Haß sich wieder eingestellt habe. Es galt nun, für die Geschichte dieser zeitweiligen Aussöhnung bestimmte Momente und Beweise aufzuführen. Im März 1693 hatten, sagt Gabriele, beide Eheleute eine Zusammenkunft bei der schon erwähnten Freundin Pasdeloup. Sie speisten zusammen in einer Gesellschaft von 4–5 Personen, tranken sich gegenseitig Gesundheit zu und stießen mit den Gläsern an. Nach der Mahlzeit umarmte der Mann seine Frau in Gegenwart aller Anwesenden. Thränen flosen aus seinen Augen. Beide gingen darauf in das Schlafcabinet des Pasdeloup, blieben dort länger als eine Stunde eingeschlossen und als sie zurückkehrten, sah Jedermann, daß das Bette in Unordnung war. Semitte gab Gabrielen zwei Louisd'or – sagt Gabriele! – und führte sie am Arm in ihre Wohnung. Sie hätten später in demselben Hause noch mehre Zusammenkünfte der Art gehabt. Semitte war zum Entschluß gekommen, seine Frau wieder zu sich zu nehmen. Nur sollte sie ihrer Appellation gegen das Erkenntniß des Chatelet entsagen und erklären, daß der Zettel, worin er ihr die Erlaubniß ertheilt »Sie verstehen mich wohl!« von ihm nur zum Scherz geschrieben sei. Die unglückliche Gabriele Perreau hoffte, aber zweifelte – sie unterschrieb den Schein, den ihr Mann aufgesetzt und durch die Pasdeloup ihr zugestellt – aber sie protestirte sogleich vor einem Notar dagegen. Als sie ihrem Manne den erstern Schein in seine Wohnung brachte, küßte und liebkoste er sie, sie mußte mit ihm zu Mittag essen und nach Tische erfolgte abermals eine Schäferstde wie im Hause der Pasdeloup. Weide wurden darauf einig – sagt Gabriele – daß es am besten sei, wenn sie einstweilen in ein Kloster gehe, bis der Lärm, den ihr Proceß gemacht, sich gelegt habe. Sie that es am 17. März 1693. Semitte besuchte sie dort mehr als einmal, unterhielt sich mit ihr aufs zärtlichste, küßte sie durchs Gitter und umarmte sie an der Pforte, und das in Gegenwart der Priorin und anderer Klosterfrauen. Vor seiner Abreise nach Flandern nahm er im Kloster förmlich von ihr Abschied, umarmte sie wieder und versprach ihr, nach seiner Rückkehr sie wieder ins Haus zu nehmen. Aus Flandern schrieb er ihr einen Brief, von anderer Hand zwar, aber von ihm unterzeichnet. Aber aus Flandern zurückgekehrt, war wieder die Liebe verraucht, der Haß loderte auf, die Verfolgungen fingen aufs Neue an. Dies dauerte bis zum Ocber 1695. Da war auch sein Haß wieder verraucht, er bekam dilucida intervalla seines Eifersuchtsfiebers (so Le Noble's Sprache) und spielte bei Herrn Alix, Gabrielens Schwager, darauf an, er si bereit, sich mit seiner Gattin wieder auszusöhnen, wenn sie aus Flandern (wohin sie geflüchtet) zurückkehren wolle. Sie kam zurück. Beide Ehegatten hatten verschiedene Zusammenkünfte bei Alix. In Folge dieser versöhnlichen Zusammenkünfte ward sie schwanger und brachte am 24. August 1695 ein Kind zur Welt. Le Noble, damals 200 Lieues von Paris, in der Provence, entfernt, könne daher unmöglich der Vater desselben gewesen sein. Ueber die folgende Aussöhnung, die vorgefallen sein sollte, als Gabriele zum zweiten Male in Verhaft gebracht wurde, geht die Schrift kurz hinweg. Dagegen führt sie eine vierte und letzte umständlicher auf. Die Unterhandlungen begannen am 6. Juni 1698 und dauerten bis Ende Juli. Der Beweis sei, – weil Gabriele am 7. April 1699 von einem Kinde entbunden worden! Geht man von diesem Zeitpunkte bis zum 7. Juli 1698 zurück, so seien es volle sieben Monate. – Ein anderes Indicium für diese Aussöhnung: daß die Zusammenkünfte zwischen den getrennten Eheleuten im Guerin'schen Hause stattgefunden, welche ganz auf Semitte's Seite gestanden und durch ihre Hülfe die Verhaftung am 6. Oct. 1698 zu Stande gebracht. Da Gabriele wußte, daß ihr Gatte einen Verhaftbefehl gegen sie in Händen hatte, da Guerin's seine Anhänger waren, würde sie sich blindlings in deren Hände geliefert haben, würde sie sich 25 Mal binnen zwei Monaten in deren Haus begeben haben, und in den Tagen und Stunden, wo ihr Mann dort war, wenn sie nicht auf eine völlige Aussöhnung mit demselben gerechnet hätte? Dies die Ausführung über den zweiten Punkt, die angeblich eingetretene Versöhnung. Da uns Pitaval, wie in der Regel, keine Acten mittheilt, so müssen wir uns, was den geführten Beweis anlangt, mit der Anführung des klägerischen Theiles begnügen, später die Gegenanführung mit demselben Vertrauen oder Mistrauen anhören, und dann unser eigenes Urtheil aus der Vergleichung beider und dem ergangenen Urtheil schöpfen. Aber ungleich wichtiger als dieser, sei es nun bewiesene oder noch zu beweisende Umstand ist das dritte Moment, der Rechtsgrundsatz, der seit dem römischen Recht unter allen gebildeten Nationen Eingang gefunden hat: pater est, quem justae nuptiae demonstrant. Die Ehe ist der Beweis der Vaterschaft. Ein Kind in der Ehe geboren gilt für das Kind des Vaters. Der Mann mag immerhin zweifeln, auf wie starke Gründe gestützt, als es auch sei, das Gesetz glaubt an seiner Stelle und überhebt ihn der Mühe, seinen Zweifel zu untersuchen, denn auf welches Resultat er auch komme, das Gesetz hat das seine schon ausgesprochen. Schon die Möglichkeit – sagt Gabrielens Anwalt– daß ein Ehemann mit seiner Gattin ehelichen Umgang gepflogen haben könne, ist hinlänglich, die in der Ehe zur Welt gekommenen Kinder bei den Rechten ihrer Geburt zu schützen. Der nicht widersprochen Umstand, daß die letzte von Gabriele Perreau geborene Tochter, Anna Catharina, ohne Vatersnamen (höchst unrechtmäßiger Weise, obgleich auf Parlamentsbefehl) getauft, von derselben während der noch bestehenden Ehe zur Welt gebracht worden, sei hinreichend, daß sie vor dem Gesetz als die rechtmäßige Tochter von Louis Semitte, dem angetrauten Ehemann ihrer Mutter, gelten müssen. Gesetzt, alle Richter der Welt wollten ihr heut ihre eheliche Geburt absprechen, so würde sie doch später und zu jeder Zeit von jedem gewissenhaften Richter solchen wider das gemeine und das französische Recht ergangenen Richterspruch anfechten und umstoßen können. Angenommen selbst, sie sei des ehebrecherischen Umgangs mit Le Noble oder einem Andern, überführt, und selbst zu der Zeit, wo sie ihre Kinder empfangen haben konnte; angenommen, sie hätte selbst den Ehebruch eingestanden und gegen ihre Kinder erklärt, daß der Ehebrecher deren Vater sei; ja angenommen, dieser genannte Ehebrecher hätte die Kinder für die seinen und durch eine förmliche Urkunde erklärt oder zu Erben eingesetzt, – so würde alles Das den festen angenommenen Grundsatz nicht umstoßen. Zu Gunsten der Kinder bliebe die Annahme bestehen: ihr Vater ist der rechtmäßig angetraute Mann ihrer Mutter. Diese gesetzliche Annahme, die durch vielfache richterliche Entscheidungen, durch die Gutachten der berühmtesten Juristen festgehalten und bekräftigt ist, lasse sich nur dadurch umstoßen, wenn der Ehemann nachweise: daß er physisch unvermögend, oder daß es durch andere Umstände physisch unmöglich sei, daß er seiner Gattin in der bewußten Zeit habe ehelich beiwohnen können. Ohne diese positiven Nachweise könne nicht die größte Macht auf Erden, kein richterlicher Ausspruch, ja nicht die Machtvollkommenheit des Königs den während der Ehe von der Gattin zur Welt gebrachten Kindern ihre eheliche, rechtmäßige Geburt entreißen. Und wollten tausend Arrêts, eines immer feierlicher als das andere, sie für Bastarde erklären, so könnten diese Kinder selbst, wenn sie selbständig geworden, ihre Rechte geltend machen und die tausend Arrêts umstoßen lassen. Dieser uralte römische Grundsatz, zum Heil des Familienlebens und des Staates aufgestellt, um die störende Ungewißheit zu entfernen, werde im christlichen Staate noch insbesondere durch die Würde des Sacraments unterstützt, die nicht erlaube, zu vermuthen, daß sich Jemand unterfangen werde, dessen Heiligkeit zu verletzen, die unverbrüchlichste Bündigkeit des feierlichsten aller Verträge, wodurch die Vermuthung ausgeschlossen wird, daß die wechselseitige Treue beider Ehegatten, der Hauptpunkt des Vertrages, wankend sei. – – Im Munde eines sitten- und ruchlosen Vagabunden, desselben Ehebrechers, welcher den unglücklichen Würzkrämer zum Hahnrei gemacht und die von ihm erzeugten Kinder demselben aufdringen will, klingen diese von Religiosität duftenden Tugendphrasen wie ein fürchterlicher Hohn. Und wol auch überall, wenn man diese Bedeutung der Ehe mit der pariser Auffassung derselben im Zeitalter Ludwig XIV. vergleicht. Und doch ist dies der stärkste Punkt in der Vertheidigung und dem Angriffe; der Grundsatz, wie er auch dem Gefühl und der Wahrheit widerstreiten mag, stand und steht noch heute fest, eine unheilige Fiction, an die das Gesetz sich klammert, um Wirrwarr und Zerwürfnisse zu vermeiden, die zu schlichten und zu ordnen es sich selbst nicht Stärke genug zutraut – eine Reihe merkwürdiger Fälle, in welchen französische Gerichte so zu Gunsten der ehelichen Geburt entschieden, wurden von Gabrielens Advocaten heraufcitirt. In einem derselben fand sich: Eingeständniß der Mutter zum Nachtheil der Kinder, Aufenthalt der Frau außer dem Hause ihres Mannes; bösliche Verlassung sogar verbunden mit Diebstahl; Niederkunft 11 Monate nach der Trennung vom Manne; ununterbrochene Wohnung der Mutter bei ihrem Liebhaber; freie Erklärung dieses Liebhabers, daß er Vater des im Ehebruch erzeugten Kindes sei und ein Vermächtniß für dieses Kind, – und dennoch erhielt das gerichtliche Erkenntniß das eheliche Geburtsrecht des Knaben aufrecht. Semitte's Vertheidiger hatte die Aufgabe: die verschiedenen angeblichen Aussöhnungen zu widerlegen und demnächst zu deduciren, daß jener gesetzliche Grundsatz bei der besondern Bewandtniß des gegenwärtigen Falles keine Anwendung finde. Denn auf den ersten Punkt, die Widerlegung der angeblichen eigenen Ausschweifungen des Ehemanns, welche die Frau veranlaßt haben sollten, endlich zur Wiedervergeltung zu schreiten, ließ er sich gar nicht ein, weil: sie nicht allein durch nichts erwiesen wären, sondern Gabriele auch nicht einmal den Beweis sich vorbehalten. Diese ganze Anschuldigung erschien als leer und aus der Luft gegriffen, um in der Verzweiflung aus Mangel an Gründen bei Vertheidigung einer ungerechten Sache doch ein Fundament zu finden. Der angeblichen Aussöhnungen sollten vier vorgefallen sein. Die erste im Jahre 1693. Semitte sollte da zum Entschluß gekommen sein, seine Frau wieder zu sich zu nehmen, nachdem er verschiedene vertrauliche Zusammenkünfte mit ihr gehabt, und dieser Entschluß sollte bis zu seiner Rückkehr aus Flandern gedauert haben. Im Anfange, was voraus zu bemerken ist, hatte Gabriele im Proceß nichts von dem Kinde erwähnt, welches am 16. September 1694 innerhalb der Klostermauern zur Welt gekommen war. Sie hatte sich damals geschmeichelt, daß ihre Niederkunft für Semitte ein undurchdringliches Geheimniß geblieben. Erst als sie erfahren, daß er auch davon Nachricht bekommen, stellte sie die Behauptung auf, daß er ihr im Parlamentsgefängnisse verschiedene Besuche gemacht und das Kind die natürliche Folge dieser Besuche wäre. Im Gefängniß mußten diese wirkungsreichen Besuche stattgefunden haben, sonst stimmte nicht der Zeitpunkt der Geburt und der Empfängniß. Aber den Beweis, daß Semitte sie im Gefängniß besucht, mußte sie in Ermangelung aller Zeugen, wie man sich auch darum bemüht, aufgeben. Diese eine Vaterschaft blieb also im Ungewissen schweben. Dagegen hatte sie vor der erfolgten Versöhnung jene wirren Geschichten aufs umständlichste erzählt; von dem Mittagsessen bei der Dame Pasdeloup, der Entfernung mit ihrem Mann nach der Mahlzeit, dem in Unordnung gefundenen Bette, den zwei Louisd'or, welche er ihr für die Schäferstunde in die Hand gedrückt u. s. w. Solche umständliche und sonderbare Angaben dürften doch nicht aus der Luft gegriffen sein; es waren so viele bekannte Personen als Zeugen genannt, daß man wenigstens auf einen Fonds von Wahrheit rechnen konnte, der nur von der phantasiereichen Frau und ihrem spitzfindigen Geliebten anders ausgeschmückt und gedreht worden. Aber sämmtliche von ihr benannte Zeugen, die Pasdeloup, deren Ehemann, ein Herr Poussay de Fontenay und eine Demoiselle Croizat, wußten nicht mehr als Folgendes. Pitaval gibt es als Resumé! »Nachdem das Chatelet das erste Urtheil gesprochen hatte, ließ Gabriele Perreau ihren Gatten bitten, er solle sie doch nicht einschließen lassen, sondern sie in ein Kloster bringen, wo sie Zeit Lebens bleiben wolle. Semitte schlug diese Bitte ab. Hierauf ließ sie ihm abermals hinterbringen, sie wolle ihrer Appellation entsagen, wenn er ihr den Aufenthalt in einem Kloster bewilligen würde. Er antwortete Denen, die diese Botschaft ausrichteten: Sucht mir ein Kloster für sie aus, und macht alsdann, daß ich gar nicht mehr von diesem schändlichen Weibe reden höre. Eines Tages warf sie sich ihm vergebens zu Füßen und wollte um Vergebung bitten, allein er stieß sie mit Gewalt zurück. Sie suchte die Pasdeloup dahin zu bringen, daß sie ihr eine Unterredung mit ihrem Manne verschaffe, sie einige Minuten allein lasse und alsdann zurückkommen solle: sie wolle sodann in dem Augenblicke, da die Pasdeloup in die Thüre treten würde, ihren Mann umarmen. Sie versprach für diese Gefälligkeit fünfzig Louisd'or. An dem Tage, da sie in das Kloster ging, kam ihr Mann zur Pasdeloup und wollte dieser das Kostgeld für seine Frau aufs erste Quartal geben und sie bitten, selbiges im Kloster zu bezahlen. Wider Vermuthen fand er seine Frau noch da mit einigen andern Personen bei Tische sitzen. Als die Perreau ihren Mann hineintreten sah, stand sie auf und weinte, er hingegen sagte weiter nichts, als: das Weinen sei jetzt vergeblich, sie habe in ein Kloster verlangt und nun habe sie auch weiter nichts zu thun, als so geschwind wie möglich hinein zu gehen. Ehe sie sich auf den Weg ins Kloster machte, wollte sie ihn noch einmal umarmen, allein er sträubte sich und stieß sie von sich. Da sie im Kloster war, beschwerte sie sich, die Matratze, die er ihr ins Kloster geschickt, sei sehr schlecht, und er bekümmere sich gar nicht um sie. Er antwortete den Personen, die mit ihm von diesen Beschwerden redeten: sie sei ein schlechtes Weib, und die Sachen, die er ihr ins Kloster gegeben, wären für sie noch viel zu gut; er würde sich lieber aufhängen lassen, als sie wieder zu sich nehmen, und möge überhaupt gar nicht mehr von ihr reden hören.« Aber als sie im Kloster war, sollte er sich aufs zärtlichste mit ihr unterhalten, sie durchs Gitter geküßt und an der Pforte noch einmal umarmt haben; die Priorin und die andern Klosterfrauen hätten es gesehen. Die Priorin und die Nonnen, darüber vernommen, erzählten: »Semitte sei eines Tages im Sprachzimmer gewesen und habe sich mit dem Gesichte dem Gitter genähert, sogleich habe seine Frau ihn küssen wollen. Die Nonnen hätten ihm hierauf stark zugesetzt, daß er sich mit ihr aussöhnen solle, allein er hätte damals und bei mehren Gelegenheiten ausdrücklich zu erkennen gegeben, er würde sie nimmermehr wieder annehmen, sondern verlange einen rechtlichen Ausspruch. Niemand im Kloster hätte jemals gesehen, daß er sie oder sie ihn geküßt, auch hätte Niemand ein Wort von einer Aussöhnung von Semitte gehört. Er hätte eines Tages Holz für sie anfahren lassen, und sei selbst mit ins Kloster gekommen. Da nun das Klosterthor eröffnet worden, um den Wagen hereinzulassen, wäre sie nebst der Oberin da gestanden, und diese hätte zu ihr gesagt: Umarmen Sie Ihren Gatten! Sie wäre auch, zu Folge dieses Befehls, auf Semitte zugegangen und habe ihn umarmen wollen, allein er hätte sie von sich gestoßen. Auch hätte sie sich im Kloster vielmals beklagt, daß sie verschiedene Briefe an ihn nach Flandern geschrieben, er ihr aber niemals geantwortet hätte.« Endlich hatte Gabriele zwar allerdings einen Brief aus Flandern producirt, den eine Flamländerin, Namens Louret, die mit Branntwein handelte, an sie geschrieben, worin sie die Empfängerin versicherte, sie habe im Herzen ihres Gatten Empfindungen neuer Zärtlichkeit für sie entdeckt und hoffe bald eine völlige Vereinigung zwischen den Gatten zu bewirken; aber der Brief und die Briefschreiberin erschienen gleich apokryphisch und im besten Falle konnte der Brief nichts beweisen. So stand es mit dem Beweise für die erste Aussöhnung. Wir mögen über die folgenden kürzer hinweggehen. Le Noble wollte zur Zeit, wo das zweite Kind aus der ehebrecherischen Verbindung empfangen sein mußte, fern von Paris in der Provence gelebt haben. Er hatte aber den Alibibeweis nicht geführt; im Gegentheil ergab sich aus verschiedenen von ihm ausgestellten Quittungen, daß er um jene Zeit in Paris im Versteck gelebt, auch kaum sich aus der Stadt entfernt gehabt. Die Zusammenkünfte Semitte's mit seiner Frau bei deren Schwager Alix stellten sich als reine Erdichtungen heraus, denen selbst jeder scheinbare Beweis abging. Wenn eins der Kinder, welche die Perreau während ihres vagabundirenden Lebens erzeugt, wirklich die Frucht einer Aussöhnung zwischen ihr und dem Gatten gewesen, warum hätte sie denn nöthig gehabt, Schwangerschaft und Geburt so sorgfältig zu verbergen? Hätte sie nicht vielmehr ihre Schwangerschaft überall freudig bekannt machen und nichts sich eifriger angelegen sein lassen müssen, als die Geburt ihres Kindes anzukündigen, ein Unterpfand der Liebe, welches ihr die Vergebung alles Vergangenen sicherte? Würde sie dann noch immer incognito mit Le Noble aus einer Wohnung in die andere, aus einer Namensmaske in die andere gezogen sein? Würde sie nach ihrer Niederkunft abermals nach Lyon und andere Orte auf Abenteuer ausgezogen sein? Würde sie, zuletzt wieder in Verhaft gebracht, im Verhör am 23. Februar 1699 angegeben haben, sie hätte weiter kein Kind als das, mit welchem sie eben schwanger ging? Würde sie bis ins Jahr 1700 gewartet haben, ihre zwei frühern Entbindungen einzugestehen? – So würde wenigstens keine Frau handeln, die sich mit ihrem Ehemann vollkommen ausgesöhnt hat. Das am 7. April 1699 im Gefängniß zur Welt gekommene, ohne Angabe eines Vaternamens, auf Befehl des Parlaments getaufte Kind sollte die Frucht einer vierten Aussöhnung sein. Neun Monate zurückgerechnet, sei diese Aussöhnung vermittelst vielfacher Zusammenkünfte der Ehegatten im Guerin'schen Hause erfolgt. Aber diese Zusammenkünfte hatten nicht stattgefunden. Die Guerin und ihr Mann, welche einen offenen Laden hielten, wußten zwar, daß Semitte um jene Zeit öfters zu ihnen gekommen, Gabriele und er hätten sich aber niemals, weder von ungefähr, noch auf Verabredung bei ihnen getroffen. Gabriele war nachmals in ihren Laden getreten; da Semitte dies wußte, hatte er später, bei seiner Rückkehr vom königlichen Hoflager in Versailles, die Guerin's gebeten, ihre Wohnung auszuforschen, was auch geschehen, worauf ihre Verhaftung erfolgt wäre. – Die Ehebrecherin und ihr Beistand mußten nun das Zeugniß der Guerin'schen Eheleute verdächtigen; sie konnten aber keine Beweise aufführen, daß sie unzuverlässigen und schlechten Charakters wären, im Gegentheil hatte sie sich selbst dadurch dem Zeugniß derselben unterworfen, daß sie darauf provocirt. Aus den früheren Versuchen der lüderlichen Gabriele, bei der Pasdeloup und beim Pastetenbäcker Buguet eine Zusammenkunft mit ihrem Manne zu erschleichen, entspringe übrigens der Verdacht, daß sie auch bei Guerin's ein solches Zusammentreffen, oder wenigstens den Schein desselben zu ertrotzen versucht. Der Umstand, daß sie, ohngeachtet sie gewußt, daß Semitte einen Verhaftsbefehl in der Tasche hatte und mit Guerin's befreundet war, sich bei den letztern öfters blicken lassen, werde wenigstens daraus erklärt, ohne daß man dem Vorgeben der Ehebrecherin darum Glauben zu schenken brauche, daß dies ein Zeichen ihres Glaubens und Vertrauens gewesen wäre. Semitte's Anwalt zieht hieraus den Schluß: daß Semitte vom Augenblick an, wo seine Frau ihr Haus verließ, sich nicht wieder mit derselben ausgesöhnt habe. Hören wir indeß ihn selbst sprechen, in der Stelle, wo er die Beschuldigungen gegen den sittlichen Charakter seines Clienten der Frau zurückgibt. Es sind kräftige Pinselstriche zur Zeichnung des sittlichen Charakters jenes goldenen Zeitalters. Le Noble hatte behauptet: nur schwarzgallichte Eifersucht sei der Grund des von dem Gatten gegen die Gattin erhobenen und mit so unnatürlicher Consequenz verfolgten Processes, während in guten Stunden Hochachtung und Liebe mit jenen Anfällen gewechselt habe. »Was? ruft der Advocat Gillet, Eifersucht für Gabriele Perreau, die erklärte Beischläferin von Auger, Goy, Le Noble und hundert Andern? Für dieses schandbare Weib, bei dem die lüderlichsten Jünglinge von Paris und Lyon ihre Lust büßten; diesen ekelhaften Auswurf des Parlamentsgefängnisses und der Garnison zu Dornik; Hochachtung – für Gabriele Perreau, für ein Weib, deren Verstand zu nichts als Betrug und Intriguen geschärft ist, deren Seele die schmuzigste Wollust befleckt, und deren Herz so viele schändliche Leidenschaften völlig verdorben haben: für dieses Weib, deren Körper noch mit dem schändlichen Aussatze behaftet ist, den sie der unglücklichen Frucht ihrer ehebrecherischen Ausschweifungen, dem im Kloster geborenen Kinde, mittheilte? »Was? Liebe in dem Herzen dieses Mannes für Gabriele Perreau, diesen unglücklichen Brand, der das Feuer der Zwietracht in seiner Familie angezündet hat; diese Betrügerin, diese Taschenspielerin, die immer aufpaßte, ihn zu überraschen und zu hintergehen; die ihre Thränen, ihre Freundlichkeit, ihre falschen Liebkosungen blos anwendete, um ihre Untreue, ihre unverschämten Entwürfe zu bedecken; diese berüchtigte Ehebrecherin, die ihn so öffentlich verunehret, zum Märlein der Nation gemacht und sein ganzes Vermögen zu Grunde gerichtet hat; diese Furie, die seine Ehre mit den schwärzesten Lästerungen antastete und sogar einen Versuch machte, ihn durch eine teuflische Schrift dem schmählichsten Tode zu überliefern, ja die sich nicht scheute, öffentlich zu sagen, sie würde noch Feuer und Schwert wider ihn brauchen? – –« Die letztere Anspielung bezog sich auf ein Memorial ohne Unterschrift, welches Le Noble dem Könige zugehen lassen. Semitte wird darin begangener Blutschande, Unterdrückung eines Kindes und des Kindermordes beschuldigt. Le Noble ging darin so weit, anzudeuten, Semitte hätte sich sogar des Verbrechens der beleidigten Majestät im höchsten Grade schuldig gemacht. Der Verfasser der Schrift ward indeß ermittelt, und die Schrift blieb für den Denuncirten glücklicherweise ohne Wirkung. Le Noble's Eifer in der Verfolgung dieser Sache bleibt indessen immer räthselhaft. Ein Charakter seiner Art verfolgt wol schlechte Dinge mit allen Mitteln und allem Ungestüm, in der Ausdauer läßt er jedoch nach, wo ihm keine sittlichen Motive zum Grunde liegen können, und sobald die Erreichung des Zweckes ihm keine besondern Vortheile mehr verspricht. War seine Liebe für eine öffentliche Person, wie Gabriele geworden, wirklich von so nachhaltiger Leidenschaft, oder interessirte er sich so für die mit ihr erzeugten Kinder, die er doch zum Theil aussetzen ließ, um für sie Alles zu wagen, oder endlich gewährte ihm die Sache an und für sich weil sie schlecht, kitzlich und gefährlich war, weil es galt, mit Rabulistenkunst die natürlichsten Dinge zum Gegentheil zu verdrehen, eine so besondere Lust, daß er seine ganze Kraft, Zeit und Talent ihr opferte? Eine Aussöhnung war nicht erwiesen, aber der Grundsatz damit nicht umgestoßen: daß der Gatte der Vater aller von seiner Ehefrau erzeugten Kinder bleibt, so lange nicht erwiesen ist, daß er überhaupt zeugungsunfähig ist, oder zur Zeit der Zeugung der Ehefrau nicht beigewohnt haben könne. Auch diese Regel muß wie eine jede Ausnahmen haben, deducirt der Anwalt. Ohne eine solche würde sie den Ausschweifungen der Weiber ein weites Feld eröffnen; sie würden darin eine sichere Freistatt wider den rächenden Arm der Obrigkeit finden. Auch überführt, verurtheilt, dürften sie nur, wie Gabriele Perreau, davon laufen, sich so viel Kinder als möglich, verschaffen lassen. Je größer deren Zahl, um so mehr wären sie gesichert, ihre ehebrecherische Lebensart ungestraft treiben zu können.(!) Wenn je wo, tritt eine solche Ausnahme hier ein. Das Parlament selbst hatte schon darauf erkannt, als es verfügte, daß die letztgeborene Tochter der lüderlichen Gabriele nicht auf des Vaters Namen getauft werden sollte. Auch das römische Recht läßt schon Fälle zu, wo der Beweis des Gegentheils gegen den Grundsatz pater is est, quem nuptiae demonstrant, stattfindet. Im Titel der Digesten: de his, qui sui vel alieni juris sunt, heißt es: Sed mihi videtur, quod et Scaevola probat, si constat, maritum aliquamdiu cum uxore non concubuisse, infirmitate interveniente, vel alia causa , vel si ea valetudine pater familias fuit, ut generare non possit, hunc, qui in domo natus est, licet vicinis scientibus, filium non esse . »Doch scheint es mir, und auch Scävola ist der Meinung, wenn bewiesen wird, daß der Ehemann schon seit geraumer Zeit seiner Frau nicht ehelich beigewohnt, entweder weil eine Krankheit, oder eine andere Ursache ihn daran hinderte, oder weil er überhaupt von solcher körperlicher Beschaffenheit war, daß er nicht mehr Kinder zeugen kann, daß alsdann das Kind, welches sein Weib im Hause zur Welt bringt, mit Wissen der Nachbarn, nicht für das seinige zu halten.« Demnächst führte der Anwalt den Satz aus, daß eine wegen Ehebruch verurtheilte Frau alle Rechte der Ehe verliere, und zwar so, daß, außer dem Bande des Sacraments (nach katholischen Grundsätzen) ihren Mann weiter nichts an sie binde, und also Beide, die Unauflösbarkeit des Sacramentes abgerechnet, in Ansehung der bürgerlichen Befugnisse nicht mehr Mann und Frau wären. Eine Frau, des begangenen Ehebruchs überführt und deshalb verurtheilt, kann in Beziehung auf die bürgerlichen Wirkungen der Ehe nicht mehr als Ehefrau betrachtet werden. Der Verlust aller durch die Ehe erlangten Rechte ist ein Theil der Strafe für ihren Bundbruch; sie verliert nicht nur ihr Eingebrachtes, ihr Leibgedinge, den Antheil am gemeinschaftlichen Vermögen und jeden andern Vortheil, der ihr nach dem Ehecontract zustände, sondern auch alle Rechte der ehelichen Genossenschaft, der gemeinschaftlichen Wohnung und des Ehebettes. Wenn jene Vermuthung, aus welcher die Regel pater is est, quem justae nuptiae demonstrant entspringt, ein Vorzug und ein Vorrecht der Ehe ist, so muß demnächst eine Ehebrecherin dieses Vorrecht verlieren. Jener blinde Glaube des Gesetzes ist angenommen zur Beförderung der Ruhe im Hause, zur Sicherheit in den Familien; der Grundsatz ist ein Schutzbrief für den Stand der Kinder. Er versichert ihnen, nebst den Familienrechten, auch die eines Bürgers im Staate, deren sie durch den Eigensinn, die Grille eines Vaters, einer Mutter jeden Augenblick könnten verlustig gehen. Schon die Sittlichkeit, die Achtung, die ein Mensch dem andern schuldig ist, verlangt, daß man einen Ehebruch nicht vermuthe, wie man allüberall Tugend und Rechtlichkeit, nicht aber Laster und Ausschweifungen präsumirt. Hat aber eine Frau einmal ihre Pflicht vergessen, ist der vollbrachte Ehebruch rechtserfoderlich erwiesen, dann kann man nicht mehr blindlings glauben, daß ein darauf von ihr zur Welt gebrachtes Kind das Kind des Ehemannes sei. Es tritt vielmehr gerechte Ursache zur Furcht ein, daß es die Frucht einer Vergehung sei; die Vermuthung streitet nicht mehr zu ihrem Vortheil. Die Vermuthung konnte ja nur auf Wahrscheinlichkeit begründet sein, und die Wahrscheinlichkeit entsprang aus der Natur der ehelichen Genossenschaft überhaupt, welche eine innige Vereinigung zwischen Mann und Frau, dieselbe Lebensart, ein Beieinanderwohnen bedingt. Daran denkt das Gesetz, wenn es ausspricht: daß der Ehemann, der immer bei seiner Frau gewesen, kein Gehör verdient, wenn er ein von ihr zur Welt gebrachtes Kind nicht für das seinige erkennen will. Es muß also ein wirkliches Beisammenwohnen, ein bleibender Aufenthalt vorhanden sein, wenn die Rechtsregel Gültigkeit haben soll. Wenn nach dem Gesetz, bei sonst einträchtiger Ehe, lange Abwesenheit oder abgesonderte Wohnung hinreichen, die Vermuthung zu entkräften, und dem Gegenbeweise die Thür aufschließen, wie vielmehr wird dies bei einer uneinträchtigen und factisch getrennten Ehe der Fall sein, ja einer, wo der Mann durch richterlichen Spruch berechtigt ist, sein Weib von sich zu stoßen und einsperren zu lassen. Nach dem Wortlaut der römischen Gesetze schränkt sich der Gegenbeweis gegen die Regel auf zwei Punkte ein: auf natürliches Unvermögen (valetudo) oder physische Unmöglichkeit (absentia). Die letztere muß aber nach ihrem Sinne verstanden werden, und es finden sich selbst in den Gesetzstellen die abgesonderte Wohnung und das getrennte eheliche Leben erwähnt. Im gegenwärtigen Falle ist aber mehr, es ist eine vom Richter befohlene, eine legale Trennung vorhanden, die alle Verbindlichkeiten der Ehe auflöst, das eheliche Band zerreißt und verursacht, daß eine Vermuthung nicht mehr Platz greift, die sich nur allein auf das Bestehen dieses Bandes gründet. Demnächst gilt nach Annahme der bewährtesten Rechtsgelehrten jener Grundsatz nur für die während des noch zu vollen Rechten bestehenden ehelichen Bandes geborenen und erzeugten Kinder. Die drei Kinder der Gabriele Perreau, von denen die Rede ist, wurden aber sämmtlich nach dem Urtheile, welches beide Eheleute von einander trennte, empfangen und geboren. So steht im Princip fest, daß jener Grundsatz, eine schützende Mauer vor dem Heiligthum der Ehe, bei den hier gegebenen Bedingungen von selbst zusammenfällt; aber er wird durch den positiv gegebenen Fall von Gabrielens lüderlichem Leben, ihrem Herumziehen und Zusammenhalten mit Le Noble in Grund und Boden erschüttert. Alle Welt wußte: sie ist seine Concubine, ein freches, bis auf die untersten Stufen der Gemeinheit herabgesunkenes Weib; ihr unverschämtes, lüderliches Leben, ihre Intrigue mit ihrem Liebhaber Le Noble gegen den unglücklichen, verspotteten Ehemann sind der Gegenstand des allgemeinen Gespräches. Wäre es der Rabulistenkunst dieses verworfenen Menschen gelungen, seine und ihre Bastarde dem unschuldigen Ehemann aufzudringen, daß er sie als seine Kinder annehmen, erziehen und zu Erben einsetzen müssen, so wäre das materielle Unrecht im Verhältniß noch gering gewesen gegen das moralische; unter der Form der Gesetzlichkeit wäre es eine Verspottung, ein Hohn gegen Sitte und Gesetz gewesen. Wir können nicht anders glauben, als daß Le Noble nur aus diesem Gesichtspunkte die Sache betrieb. Die Aufgabe, dem Gesetz, den Richtern und der Sitte eine Nase zu drehen, war ihm die Hauptsache; mit Tugendfloskeln, mit frommen Sprüchen, eine niederträchtige, offenkundig verwerfliche Sache vertheidigen. Der mit aller Welt verfallene, in sich zerrissene Mensch, wollte sich an der gesetzlichen Ordnung rächen, die ihn ausgestoßen hatte. Sonst, wenn es ihm um die Sache selbst Ernst gewesen, wenn er mehr gewollt, als sie hinziehen, und die Richter durch seine Kunststücke aufziehen und persifliren, würde er vielleicht anders, vorsichtiger, bescheidener aufgetreten sein. Sein Pathos, seine Betheuerungen von Gabrielens Tugend und Schamhaftigkeit tragen die Hörner des Schalkes zu deutlich an der Stirn. Nebenher wollte er einen Gewinn, möglicherweise durch Einschüchterung einen erträglichen Vergleich; war es ja auch nicht unmöglich, wenigstens nicht vor einem französischen Parlamente, daß der von ihm allegirte Buchstabe des Gesetzes doch durchdrang und Gabriele den letztern Proceß gewann. Gewiß aber wollte er etwas in seiner Lage Wichtiges gewinnen, was ihm vollkommen gelang, Aufsehen, und durch das Aufsehen Ruf und Geld. Der scandalöse langwierige Handel ward für ihn zu einer Goldgrube. Er überschwemmte die Buchläden mit immer neuen und neuen kleinen Druckschriften über den Proceß seiner Geliebten; sie wurden gekauft, verschlungen, und Le Noble und Gabriele lebten mehre Jahre lang von der Publication ihrer eigenen Schande und von der Spottlust der Pariser über den unglücklichen Ehemann. Welche Einblicke in eine Zeit, wo mehr als sechs Jahre lang die Pamphlets über den Criminalproceß gegen eine lüderliche Weibsperson die Hauptstadt Frankreichs, und unter Ludwig XIV. – und in welcher politischen Epoche! – so beschäftigen und interessiren konnten! Wem noch ein Zweifel obschwebte, was Le Noble wollte, dem wird er verschwinden, wenn er seine doppelte Stellung als Advocat und Schriftsteller vergleicht. Als jener nannte er in Bittschriften, Defensionen und andern Proceßschriften Semitte: einen Träumer, der sich närrischen Einbildungen hingebe, um sich zu quälen; einen kranken Mann mit dem Eifersuchtsfieber behaftet, der seine schlimmen, aber auch seine guten Stunden habe; einen Narren, dessen Unsinn seine Ebbe und Fluth, seine intervalla lucida und obscura habe; einen unnatürlichen Vater, der seine eignen Kinder verleugne und verstoße. – Als Schriftsteller kann er aber zur selben Zeit diesen selben Semitte nicht lächerlich genug als Träger seiner offenkundigen Schande darstellen, da titulirt er ihn: »Herr Cornificius« – »Seigneur vom Ingberkasten« – »Marquis vom Pfeffersack« – »gehörnter Zimmetreiter« – »Hanswurst von der Wurstbüchse«. Eine seiner Brochuren, die Semitte allein zum Gegenstande hatte, führte den Titel: »Die vier Haimonskinder, oder die Findelkinder, ein Büchlein, welches wunderseltsame Betrachtungen über das weisheitsvolle Betragen des berühmten Cornificius enthält und zugleich zeigt, wie derselbe durch Herumschüttelung des Füllhorns, dessen wahrer Besitzer er ist, das sonderbare Glück gehabt hat, zwoo schöne kleine Nymphen herauszubringen, die ihm gleichen wie zween Tropfen Wasser.« – In einem andern Sendschreiben, an Semitte gerichtet, sagte er: »Ein solcher Mann muß schlechterdings kein Gehirn im Kopfe haben, der Dasjenige entdeckt, woraus er ein ewiges Geheimniß machen sollte, und nichts dadurch erlangt, als daß das Publicum auf seine Kosten sich lustig macht.« – Diese Frage wird manchem Leser von selbst aufgestoßen sein. Die Erklärung seines Vertheidigers: »Semitte hätte bei den Ausschweifungen eines solchen Weibes nicht gleichgültig bleiben können, wenn er nicht selbst hätte wollen infam und für den Unterhändler dieses Wollustteufels in weiblicher Gestalt gehalten werden«, befriedigt uns nicht vollkommen. Sie könnte doch nur für den ersten Theil des Processes gelten, bis er durch einen Richterspruch ihrer ledig war. Daß er sie später auf Schritt und Tritt verfolgen ließ, rechtfertigt sich in unsern Augen erst dann, als er der Besorgniß sein muß, daß ihre inzwischen geborenen Kinder ihm aufgebürdet werden dürften. Aber gewiß wird selten ein Epicier von Paris zu ähnlichem Rufe gekommen sein, selten aber auch ein Schriftsteller zu ähnlichen Zwecken sein Talent vergeudet haben. Endlich, am 1. December 1701, sprach das pariser Parlament das Schlußurtheil in dieser so lange hingezogenen Sache: Gabriele Perreau ward verurtheilt, zwei Jahre im Zuchthause von Paris, in genauer Verwahrung zu bleiben. Während dieser Zeit sollte es ihrem Mann freistehen, sie zu besuchen und nach Gutbefinden auch wieder zu sich zu nehmen. Wenn er dies innerhalb zweier Jahre nicht gethan, sollte ihr das Haar abgeschnitten und sie auf Lebenszeit im Zuchthause eingesperrt bleiben. Semitte sollte für sie jährlich 150 Livres zu ihrer Unterhaltung zahlen, und zwar aus dem Vermögen der Verbrecherin, wenn dieses nicht zureichte, aus seinem eigenen. Gabriele ward aller Anrechte auf ihr Eingebrachtes, ihr Leibgedinge, den Antheil ihres gemeinschaftlichen Vermögens u. s. w. für verlustig erklärt. Dasselbe sollte ihrer und Semitte's minderjährigen Tochter zufallen. Auch das Parlament war der Ansicht des Chatelet, daß Semitte sein Anrecht darauf durch den berüchtigten Erlaubnißschein verwirkt habe. Das von Gabrielen im September 1694 zur Welt gebrachte, als Charles de Sainct Georges ins Taufregister eingetragene Kind, so wie ihre beiden Töchter, die im August 1696 und im April 1699 geborenen und Catharina Louise und Anna Catharina getauften Töchter, wurden für Bastarde und im Ehebruch erzeugte Kinder erklärt und ihnen untersagt, Louis Semitte's Namen zu führen. Le Noble und auch die Banquiers Goy und Auger(!) wurden auf drei Jahre aus Paris, dessen Vorstädten und Weichbilde verwiesen und jeder mit 50 Livres gestraft, und Alle zur Erstattung der Kosten an Semitte verurtheilt! Le Noble ward auferlegt, die benannten drei Kinder so lange zu erhalten und erziehen, bis sie im Stande wären, ihr Brod selbst zu verdienen. Die in seinen Schriften (doch nur in den Acten?) wider Semitte gebrauchten ehrenrührigen Ausdrücke sollten vertilgt werden. Semitte fand sich nicht gemüßigt, seine Frau nach Ablauf der zwei Jahre wieder zu sich ins Haus zu nehmen. Sie blieb auf Lebenszeit eingesperrt; dagegen trat jene gewöhnliche Verwandlung ein, aus der Buhlerin ward eine Betschwester, und Gabriele starb zwar im Zuchthause, aber als vollendete Maria Magdalena. Karl Grandisson 1814 In der Nähe von Heidelberg erregte in einem wenig von Reisenden besuchten Landstädtchen an einem Frühlingstage des Jahres 1802 die Ankunft eines herrschaftlichen Reisewagens großes Aufsehen, und was darauf folgte, ward für den kleinen Ort zu einer wirklichen Begebenheit, von der man noch lange Jahre nachher sprach. Der Reisewagen, der vor dem ersten Gasthofe hielt, war nämlich von einer Eleganz, wie man sie hier von den deutschen durchreisenden Fremden selten gesehen hatte. Das Leder war mit Silber beschlagen, silberne Laternen waren am Bock angebracht, und große neue Koffer, von der feinsten Arbeit, hinten aufgeschnallt. Das Ehepaar, welches ausstieg, um im Gasthof zu übernachten, entsprach in Kleidung, Blick und vornehmem, aber leutseligem Wesen dem Prunk und dem Reichthum der Equipage. Er eine edle Gestalt von gewinnenden Zügen, sie eine jugendlichschöne Frau mit einem ungemein gütigen und gefälligen Gesichtsausdruck. Beiden sah man eine gereifte Weltbildung an. Sie führten zwei kleine, allerliebste Kinder mit sich. Um den Gasthof hatte sich eine Masse Neugieriger gesammelt, und nicht allein aus dem niedern Volke, sondern auch Honoratioren bewunderten die Schönheit und den Reichthum des Wagens und der andern Herrlichkeiten. Die Leute blieben auch nachdem die Herrschaften in das Haus getreten, vor der Thüre stehen, um zu erfahren, was solche Reisende wol veranlaßt, in so früher Stunde schon hier ihr Nachtquartier aufzuschlagen. Der fremde Herr ging aus. Aber wohin ließ er sich führen? Nicht zum Amtmann, nicht zum Geistlichen; zu einem ganz unbedeutenden, kaum beachteten Menschen, zu einem Bruder des Apothekers im Orte, welcher erst vor kurzem aus der Fremde zurückgekehrt war. Was konnte solch ein Herr dort wollen? Warum ging er selbst zu ihm; warum ließ er ihn nicht zu sich rufen? Die ganze Versammlung vor der Gasthofsthür folgte ihm nach der Apotheke, und der Auflauf der Neugierigen vor derselben war noch im Wachsen. Viele drängten sich ein, die Uebrigen konnten die Rückkehr des glücklichen Menschen, den der Fremde zum Führer gewählt, kaum erwarten, um den noch neugierigern Frauen, Schwestern, Töchtern daheim Auskunft über das Mysterium zu bringen. Endlich war der Herr nach dem Gasthof zurückgekehrt, endlich hatte man hier seinen Führer erhascht, umringt, dort den Apotheker, und das Siegel ihrer Lippen gelöst. Am Abende wußte das ganze Städtchen Folgendes. Der Fremde war aus Dänemark, ob ein geborener Däne, wußte man nicht; aber als steinreicher Handelsherr daselbst zu Hause. Er hatte viele Schiffe in See, und Comptoirs in verschiedenen Ländern, durch welche er, besonders in Schweden und Rußland, einen ausgebreiteten Handel mit Eisen, Hanf, Flachs und andern Dingen trieb. Nach dem Städtchen aber war er des – Essigs wegen gekommen. Der Apotheker desselben betrieb eine nicht unbedeutende Essigfabrikation, und der Bruder desselben hatte auf seinen Wanderungen mit ihm darüber gesprochen. Herr Grandisson, wie der reiche Handelsherr hieß, hatte sich dessen erinnert, und wollte beim Durchreisen mit dem Apotheker etwas Näheres über sein Geschäft erfahren. Also seinem Essig verdankte das Städtchen die Ehre des Besuches dieses ausgezeichneten Fremden; aber einem andern Umstande sollte es die seines längern Verweilens daselbst verdanken. Die Gattin des Fremden, eine Protestantin, war auf ihrer Reise von einem Kinde entbunden worden. Weil in der Stadt, wo dies geschehen, kein protestantischer Geistlicher war, hatte die Taufe aufgeschoben werden müssen. Da hier im Städtchen, wie der Fremde zufällig im Gespräch mit dem Apotheker erfahren, ein reformirter Prediger war, beschloß er, in dem freundlichen Orte Halt zu machen, und die Taufe seines Kindes zu vollziehen. Dies geschah denn auch, eine neue Ehre für den Ort. Einer seiner Mitbürger ward zu Gevatter bei dem Kinde des reichen Dänen gebeten. Grandisson gab ein Fest und mehre Feste, und die Einwohner beeiferten sich, was in ihren Kräften stand, das liebenswürdige, edle Paar wieder zu bewirthen und ihnen den Aufenthalt so angenehm als möglich zu machen. Denn was konnte für das Städtchen interessanter und vortheilhafter sein, als wenn er recht lange durch seine Anwesenheit die Monotonie ihrs Daseins unterbrach? Herr Grandisson hatte Sinn für schöne Gegenden und angenehme Geselligkeit. Er leugnete nicht, daß er die Absicht habe, sich wenigstens einstweilen in Deutschland friedlich niederzulassen, wenn der Ort seinen Neigungen für die Reize der Natur und den Umgang entspreche. Ihre Hoffnung, daß der edle Mann ihren Ort selbst wählen dürfe, mußten die Bewohner desselben indessen bald aufgeben, da die Familie des Prediger Z...., welche sich aufs Innigste den liebenswürdigen Gästen angeschlossen, sie auf die Reize des nahen Heidelberg aufmerksam gemacht hatte. Es gibt nur ein Heidelberg, versicherten die beiden Söhne des Predigers, und der Däne überzeugte sich davon bei einer Landpartie, welche er mit der Gattin dahin unternahm. Der Entschluß stand bald fest. Grandisson's zogen, nach einem herzlichen, rührenden Abschiede von dem freundlichen Orte, nach Heidelberg, und mietheten sich hier in einem der Häuser ein, welche sich an der Lehne des Schloßberges erheben. Aus den Fenstern der Vorderseite hatten sie die entzückende Aussicht auf das Neckarthal; mit wenigen Schritten aus der Hinterthür und aus dem Garten fand der Däne die Natureinsamkeit des Bergwaldes und wandelte unter den Trümmern der erhabensten Schloßruine der Vorzeit. Der jüngere Sohn des Prediger Z...., schon verheirathet, und dessen Frau, die ein inniges Freundschaftsbündniß mit Madame Grandisson geschlossen, mietheten sich in demselben Hause ein. Auch sein älterer Bruder, noch Candidat der Theologie, obgleich schon gegen 30 Jahre alt, war fast beständig zum Besuch bei Grandisson's, besonders von dem sanften Liebreiz der Frau und ihrer hinreißenden Unterhaltungsgabe gefesselt. Das glückliche Leben dieser befreundeten Seelen, die sich hier zu einander gefunden, gefördert durch sorgenlose Lage und den Zauber der Natur, ward indessen bald durch einen verdrießlichen Umstand gestört. Sie hatten eigentlich sehr eingezogen gelebt und wenig die Aufmerksamkeit der Heidelberger auf sich gezogen, als eine höchst unangenehme Diebstahlsgeschichte sie ins allgemeine Gespräch verwickelte. Grandisson war bestohlen worden. Nach seiner gerichtlichen Angabe fehlten ihm in seiner Schatulle, die aus 4000 holländischen Ducaten, 1030 Stück französischen Laubthalern, 450 Stück brabanter Kronen, 60 Louisd'or und einiger Scheidemünze bestanden, hundert Ducaten nebst Silbergeld, im Ganzen an Werth 800 rheinische Gulden. Sie konnten ihm nur entwendet sein. Der Verdacht fiel auf ein 16jähriges, bis dahin unbescholtenes, Dienstmädchen, welches Madame Grandisson für ihre Kinder angenommen. Die Brüder Z.... waren es, welche diesen Verdacht erregten und nährten. Zur Ueberzeugung zu gelangen, bediente man sich keiner löblichen Mittel! Sie ward scharf beobachtet. Man ließ einmal den Schlüssel in der gedachten Schatulle stecken und verbarg sich, während sie im Zimmer war. Als auch dies zu keinem Resultate führte, machte man eine Spazierfahrt, hielt plötzlich in einem Walde an, nahm sie bei Seite und inquirirte hier mit einer unziemlichen Heftigkeit gegen das arme Mädchen. Vergebens sank sie auf die Knie, ihre Unschuld betheuernd, der jüngere Z.... drohte ihr, wenn sie nicht auf der Stelle bekenne, mit dem Zuchthause. So brachte man aus ihr das Geständniß heraus, wenn sie es ja gethan haben sollte, sei es unwissend geschehen, indem Jemand sie habe unglücklich machen wollen, und ihr vielleicht das Geld in ein Bündelchen schwarzer Wäsche, das sie ihren Aeltern gebracht, versteckt habe. Nach Hause zurückgekehrt, zwang man das Mädchen, dieses Bekenntniß schriftlich und in einem Briefe an ihre Aeltern zu wiederholen. Sie mußte sie auffodern, das ihnen gebrachte Geld herauszugeben. Die unglückliche Mutter fiel bei Empfang des Briefs in Ohnmacht. Der kranke Vater leugnete, sowie seine Frau, irgend etwas von der Sache zu wissen. Man wandte sich an die Polizei. Die Haussuchung ergab nichts. Als man das Haus schon wieder verlassen wollte, bemerkte der ältere Z...., daß ja ein Korb mit Lumpen in der Nebenkammer undurchsucht geblieben. Bei der Untersuchung fand man jetzt einen Ducaten darin. Auf Grund dieses einen Ducatens und des Briefes wurden Mutter und Tochter in Verhaft gebracht; der Krankheitszustand des Vaters machte seine Arretirung unmöglich. Aber das Mädchen widerrief beim Verhör auch jenes so bedingt gegebene Geständniß, und erzählte unter Thränen, in welcher Art man es ihr im Walde erpreßt, und daß der ältere Z.... ihr den verrätherischen Brief unter den furchtbaren Drohungen in die Feder dictirt habe. Die Gerichte hatten keinen Zweifel, jenes Geständnisses als erzwungen und daher als ungültig zu betrachten. Indessen traten alsbald mehre Umstände heraus, welche einen furchtbaren und dringenden Verdacht auf den ältern Z...., den eigentlichen Denuncianten selbst, warfen. Wir wissen nicht, ob der Charakter dieses Candidaten der Theologie in der Art bekannt war, daß man sich böser Dinge von ihm versah; aber schon sein Benehmen bei der Haussuchung war dem Richter auffällig. Dazu kam: Z.... hatte seit einigen Tagen ungewöhnlich viel ausgegeben. Am Tage, wo die Ducaten entwendet sein sollten, hatte er in einem öffentlichen Vergnügungsorte die Familie Grandisson bewirthet. Zum Wirthe hatte er bei der Bezahlung gesagt, er möge Grandisson die Ducaten, mit denen er zahlte, nicht sehen lassen. Grandisson selbst hatte er aufgefodert: beim kostspieligen Schlendrian der Justiz des Landes die Sache nicht weiter zu betreiben. Endlich noch ein dringendes Indicium gegen einen Zweiten, welches aber erst später an den Tag kam. Der jüngere Z...., welcher, wie wir wissen, mit seiner Frau in demselben Hause mit Grandissons wohnte, hatte eine Dienstmagd, Therese. Sein Bruder foderte dieselbe auf, in dem schon früher durchstöberten Strohsacke der angeschuldigten Kindermagd noch einmal nachzusuchen. Therese fand nun auf den ersten Griff einen Frauenhandschuh, in welchem 48 Ducaten steckten. Als sie dieselben dem ältern Z.... einhändigte, bat er sie, es zu verschweigen, daß er ihr diese Nachsuchung befohlen, und händigte die Ducaten Grandisson ein. Als Therese diese Anzeige machte, hatten sich indessen die Verhältnisse schon geändert. Die Familie Z.... war der über ihrem Haupte drohenden Gefahr durch eine freiwillige Anzeige zuvorgekommen. Der jüngere Z.... gestellte sich vor dem Gerichte und meldete, daß ein Brief seines unglücklichen Vaters ihm so eben angezeigt, wie sein älterer Bruder sich zu dem Diebstahl bekannt. Er sei aber schon entwichen. Die Anzeige ward durch einen Brief des Predigers Z.... bekräftigt. Grandisson erklärte sich befriedigt, da er das Geld zurückerhalten, und das Kindermädchen ward mit ihrer Mutter sofort in Freiheit gesetzt. Der jüngere Z.... bezahlte sämmtliche Gerichtskosten und gab sich, in Verbindung mit seiner Familie, alle Mühe, die weitern gerichtlichen Schritte in dieser Sache zu hintertreiben. Aber da die Thatsache eines Diebstahls, und ein außergerichtliches Geständniß des Thäters vorlag, das Verbrechen nun nicht mehr als Hausdiebstahl zu betrachten war, mußten die Gerichte, in ihrer Eigenschaft als Wächter der öffentlichen Sicherheit und Rächer begangener Verbrechen, Steckbriefe gegen den entwichenen Candidaten Z.... erlassen. Da wandte sich der Prediger Z.... mit einer zweiten Eingabe an dieselben, wodurch die schon verwickelte Sache eine völlig neue Gestalt gewann. Er überreichte einen Brief seines ältesten Sohnes, datirt von Amsterdam, in welchem derselbe erklärte, im Begriff nach Philadelphia sich einzuschiffen, nunmehr Licht über die ganze Sache verbreiten zu wollen: Die 100 Ducaten aus Grandisson's Vermögen habe er allerdings erhalten, aber nicht entwendet. Er sei von einer glühenden, unaussprechlichen Liebe zu Madame Grandisson fast verzehrt worden. Während einer kurzen Abwesenheit des Mannes hätten seine Leiden, die Verzweiflung seiner bis da hoffnungslosen Leidenschaft das Herz der Frau gerührt. Er habe schon am Ziele seiner höchsten Wünsche gestanden, als die plötzliche Rückkehr des Ehemannes ihn gestört. Da gab er das kleine Fest an dem öffentlichen Orte. Es ging schwelgerisch zu. Herr Grandisson betrank sich dermaßen, daß er nach Hause geleitet werden mußte. Seine Gattin schien von einem innern Abscheu gegen einen Mann, welcher sich so aufführte, erfüllt; ihre Liebe zu dem jungen Manne wuchs. Nachdem Beide ihn zu Bette gebracht, trat die Dame mit ihrem Entschlusse hervor: sie könne nicht mehr mit ihrem Manne leben, sie liebe den jungen Z.... unaussprechlich, sie wolle mit ihm entfliehen. Der Candidat wandte nun seine Armuth ein. Da rief sie aus: »Du bist arm, ich aber bin reich. Mein Mann hat mir erst dieser Tage 1000 Ducaten geschenkt. Sie bot ihm davon 100 Stück an; er weigerte sich lange, endlich siegte – die Liebe. Er ward glücklich. Ob durch das Geld oder die Liebe, oder durch Beides zugleich, war in dem Briefe nicht deutlich ausgesprochen. Er leugnete in demselben seine schändliche Intrigue gegen das arme Kindermädchen durchaus nicht. Alles aber sei nur geschehen, um die Ehre der Geliebten zu retten. Sein Vater erbot sich, ihn zu gestellen, wenn er einen Freigeleitsbrief für den Sohn erhalte. Dies ward nicht angenommen, um so weniger, als auch diese Aussage, abgesehen von dem Widerspruch mit der früheren, manches Unwahrscheinliche enthielt. Denn nach dieser Erzählung wollte er die Ducaten von der Dame Grandisson erst nach jenem Feste aufgedrungen erhalten haben, während er, der ganz dürftig war, schon beim Feste den Wirth unter einer verdächtigen Aeußerung mit Ducaten bezahlte. Ueberdem enthielt sie eine Anschuldigung gegen eine Dame, gegen deren Ruf gar nichts constirte. Also wurden die Steckbriefe erlassen; jedoch ohne Frucht, wie denn überhaupt in dieser verwickelten Sache auch später nicht viel mehr aufgeklärt wurde. Die frühere fast romanhafte Freundschaft zwischen den Grandisson's und dem jüngern Z.... und seiner Frau hatte sich jedoch in Folge jener Begebenheit in Haß und bittere Feindschaft aufgelöst. Beide blieben aber in demselben Hause am Bergabhange wohnen und Herr Grandisson setzte seine einsamen Spaziergänge und Naturstudien fort. Eines Tages kam er blaß, sichtlich verstört davon zurück. Er pflegte jeden Morgen in die Schloßruine zu steigen und dort zu seiner Gesundheit und Erquickung aus einer der mit Stein eingefriedigten Quellen einige Gläser frischen Wassers zu trinken. Während er heut dort unter den Ruinen gesessen, fiel ein Schuß aus einem der halb verschütteten, unterirdischen Gänge, eine Kugel zischte an seinem Kopf vorbei und streifte den obern Theil seines runden Hutes. Er machte sofort davon Anzeige bei den Gerichten und sprach geradezu seinen Verdacht aus, daß der Schuß eine Folge des tödtlichen Hasses zwischen ihm und dem jüngeren Z.... sei. Es fehlte an allen Beweisen und Indicien; die Gerichte konnten nicht einschreiten. Grandisson's Gefühl war aber durch Das, was ihm in Heidelberg begegnet war, so verletzt, daß er nicht länger an dem ihm sonst so lieben Orte, weilen konnte. Nach ordnungsmäßiger Anmeldung bei der Polizei verließ er mit seiner Gattin und der ältesten Tochter die Stadt. Die jüngere war in Heidelberg gestorben und begraben worden. Man hatte daselbst die aufrichtigste Theilnahme für das doppelte herbe Mißgeschick der liebenswürdigen Familie empfunden. Ob etwas Wahres an der Beschuldigung des Candidaten gegen Madam Grandisson gewesen, hatte Niemand erfahren. Die tief gekränkten Gatten hatten seitdem in Zurückgezogenheit, aber anscheinend in vollkommener Einigkeit gelebt. Gewiß ist, daß sie vor dem Publicum nicht an Achtung verloren hatten. Dies bezeugten zwei elegische Gedichte, worin ein Heidelberger Dichter die theilnehmenden Gefühle der Stadt für beide Gatten an den Tag legte. Sie reisten nach Straßburg, um dort, wie sie angaben, einstweilen ihren Wohnsitz zu nehmen. Später erfuhr man gelegentlich, daß die Familie sich nach Nancy und von dort nach Dijon begeben. Sie waren dem Heidelberger Publicum aus den Augen entschwunden. Eine Reihe ereignißvoller Jahre hatte, auch zu einer Zeit, wo die Fremden noch nicht in der Anzahl wie jetzt nach Heidelberg strömten, die Erinnerung an die Familie Grandisson ganz in den Hintergrund gedrängt, als dieselbe im Winter 1810 plötzlich wieder in jener Stadt erschien. Auch jetzt traten die Grandisson's in früherm Glanze auf. Eine höchst elegante Equipage, kostbare Pferde, ausgesuchte Rothschimmel davor, seine Koffer, die geschmackvollste, feinste Tracht. Nachdem sie einige Tage in dem ersten Gasthofe luxuriös verweilt, dann, auf Andringen eines früheren Bekannten, als dessen Gäste in seinem Hause, entschlossen sie sich, ihr Domicil abermals in dem geliebten Heidelberg aufzuschlagen, zu nicht geringer Freude ihrer dortigen, angesehenen Bekannten. Die Aufnahme von Fremden war seit der französischen Zeit in der Stadt schwieriger geworden, indessen genügten ihre Papiere der Polizei vollkommen; und wäre das auch nicht der Fall gewesen, so fehlte es nicht unter den angesehensten Einwohnern Heidelbergs an Bürgen, die aus früheren Jahren Herrn Grandisson als einen durchaus unbescholtenen und wohlhabenden Mann empfahlen. Sie hatten ihr Quartier im Hause eines Apothekers aufgeschlagen, und schienen fast allein der Erziehung ihrer Kinder zu leben. Madame Grandisson besonders widmete sich fast allein derselben. Sie nahm die angesehensten Geistlichen und besten Lehrer zum Privatunterrichte an, und lebte, vielleicht eingedenk der bösen Nachreden aus der Zeit ihres frühern Aufenthaltes, sehr eingezogen. Oeffentliche Orte besuchte sie gar nicht mehr. Sie machte zwar Besuche und empfing sie wieder, suchte sich aber von einem nähern Umgange fern zu halten. Am meisten sah man sie noch bei kleinen Spaziergängen in den reizenden Umgebungen der Stadt. In der Unterhaltung vermied sie, über ihre und ihres Mannes Verhältnisse zu sprechen, erwähnte aber gern der weiten und schönen Reisen, die sie gemacht. Ihr Gatte zeigte sich umgänglicher. Er besuchte öffentliche Orte und ließ sich auch gern in Gespräche ein. Hier konnte ein seiner Beobachter bemerken, daß er gern prahle. Lobte man seine Rothschimmel, so hatte er in seinem Gestüt deren weit bessere. Fand man seinen Wagen außerordentlich schön, so hatte er in Petersburg einen noch weit eleganteren stehen; ein anderer war in London in Arbeit, und würde beide übertreffen. Kam man im Gespräch auf das Sinken der Staatspapiere, so machte Grandisson eine eigene, schmerzlich lächelnde Miene; er hatte auch einige 50,000 Gulden und mehr, er wußte selbst nicht genau wieviel, darin placirt. Indessen fiel diese Ruhmredigkeit in Heidelberg nicht auf; man war gewohnt, reiche Familien dort zu sehen, und Grandisson selbst war vor Jahren als sehr reicher Mann daselbst erschienen und seine Erscheinung jetzt zeigte nichts weniger als ein Abnehmen seiner Vermögensumstände. Und wer wollte dem Manne eine kleine Ruhmredigkeit verargen, der so liebenswürdig und dienstfertig war? Schienen zwar diesmal die glänzenden Festlichkeiten und Schmausereien in seinem Hause weggefallen zu sein – man durfte annehmen, der erwachsenden Kinder wegen – so war er außer dem Hause die Zuvorkommenheit selbst gegen Jeden, mit dem er in Berührung trat. Er wußte für Alles Rath, war mit der uneigennützigsten Bereitwilligkeit zu jeder Besorgung erbötig, und wußte, besonders in Allem, was den Luxus betraf, die besten Adressen. Seine Equipage stand jedem seiner Bekannten zu Diensten, und nicht zu Spazierfahrten allein, sondern er drang sie ihnen sogar zu kleinen Reisen auf. Nur Etwas fiel auf. Grandisson war Kaufmann, was er keinen Hehl hatte, aber mit andern Kaufleuten sprach er nie von seinem Geschäft, und ebensowenig von seinem eigentlichen Domicil und seiner Herkunft. Nur wenn das Gespräch ihn dahin drängte, ließen hingeworfene Aeußerungen vermuthen, daß er bei einem großartigen Schmuggelhandel betheiligt sei. Das umschloß dazumal nichts, was seinen Charakter verdächtigen konnte. Zur Zeit der Franzosenherrschaft und Continentalsperre konnte dieses Geschäft sogar als Patriotismus gelten. Dagegen führte er, der reiche Kaufmann, der Equipagen, Pferde, Güter in allen großen Städten besaß, fast gar keine, wenigstens keine kaufmännische Correspondenz. Ferner bezog er seine Gelder weder durch Wechsel noch durch baare Rimessen. Dafür war er alle Augenblicke auf Reisen. Aber mit diesen Reisen sah es auch wieder besonders aus. Er sprach sehr viel davon, wenn sie noch in Aussicht standen; bald wollte er nach Brüssel, Königsberg, Paris, Kopenhagen, aber plötzlich war er abgereist und hatte Niemandem etwas davon gesagt, während er ebenso unerwartet wieder eintraf, ohne viel von der Reise zu sprechen. Uebrigens erfuhr die heidelberger Localpolizei nichts von diesen Reisen, oder vielmehr da sie nach den gesetzlichen Bestimmungen keine Fremdenpässe ertheilen durfte. Grandisson zog seine Pässe von der Regierungsbehörde, die in der Regel auf sechs Monate lauteten. Ueber drei Jahre lebten die Grandisson'schen Eheleute ruhig, geachtet und anscheinend glücklich in Heidelberg. Auch die sehr Wißbegierigen gaben sich mit der Vermuthung zufrieden, daß die Quelle seines großen Reichthums und zugleich der Grund seines Geheimhaltens darüber ausgebreitete Contrebandegeschäfte wären. Doch kam auch noch eine andere Vermuthung hinzu, über die hinwegzugehen, man indeß jener Zeit für gerathen hielt. Da Grandisson einige seiner Reisen nach den großen Truppenbewegungen jener Kriegszeit zu richten schien, auch einige Mal mit französischen Officieren abreiste und wiederkehrte, so mochte er wol einer der französischen Emissaire sein, von denen damals Deutschland wimmelte; Grund genug, sich mit ihm in wenn auch entfernter Freundlichkeit zu halten. Grandisson war wieder verreist, als im Jahre 1814 ein Schreiben des Thurn- und Taxisschen Oberpostamtes aus Frankfurt am Main vom 7. April, gerichtet an den Stadtdirector Pfister in Heidelberg, eintraf, welches plötzlich ein neues und trauriges Licht auf die Person des merkwürdigen Fremden warf. Dem Schreiben waren verschiedene Requisitorien an Polizeibehörden, deren Berichte u. s. w. beigefügt, aus denen wir nun den Inhalt in Kürze angeben. Der Thurn- und Taxissche Postwagen war innerhalb zweier Jahre auf der großen Tour zwischen Frankfurt und Eisenach zwei Mal bestohlen worden, indem wohlverwahrte und verschlossene Geldkisten, die im Innern des Wagens angebracht gewesen, verschwunden waren. Das erste Mal, am 13. October 1812, waren auf diese Weise sämmtliche nach Frankfurt bestimmte Geldpackete, das zweite Mal, am 14. Februar 1814, aus dem Wagen von Frankfurt nach Eisenach ein Packet mit 4947 Fl. 20 Xr. entwendet worden. Der Verdacht fiel auf einen bestimmten Passagier, dessen der Conducteur und mehre Andere sich wohl entsannen, der aber, nach den Ermittelungen deshalb, jedesmal unter einem andern Namen gereist und eingeschrieben war. Bei jenem ersten Diebstahl war er unter dem Namen Griesbach in der Postwagencharte eingezeichnet. Griesbach war auf der Tour plötzlich verschwunden; aber erst nach der Ankunft der Post in Frankfurt war der Diebstahl entdeckt. Als man im Februar 1814 bei der Ankunft in Eisenach den zweiten Diebstahl entdeckte, entsann man sich, daß der Reisende, welcher unter dem Namen Walter eingeschrieben gewesen, mit jenem Griesbach vor zwei Jahren eine Aehnlichkeit gehabt, die auf eine Identität schließen lasse. Bei weitern Nachforschungen ergab es sich, daß derselbe Walter schon am 7. Februar d. J. auf einer Reise von Frankfurt nach Cassel unter einem andern Namen und dann unter einem wieder andern, nämlich als Schloßbrück , am 12. von Cassel nach Frankfurt zurückgereist sei. Am 24. kam der nämliche Passagier unter dem Namen Rose von Fulda in Frankfurt an, zeichnete sich im dortigen Pariser Hofe als Kaufmann Groß aus Karlsruhe in's Fremdenbuch ein, und fuhr am folgenden Tage in Gesellschaft zweier, angeblicher französischer Employés mit einem Lohnkutscher nach Heidelberg. Wäre dieser beständige Namenwechsel nicht schon verdächtig gewesen, so war es das Betragen dieses Griesbach und Walter während der Reise. Die Fahrposten hielten damals lange auf den Stationen an; die Reisenden stiegen gern zur Erholung aus, und wurden auch dazu genöthigt. Die verdächtige Person zögerte aber nicht allein, sondern mußte auch oft durch die Conducteurs daran nachdrücklich erinnert werden. Während der Conducteur mit Abgabe und Uebernahme der Posteffecten beschäftigt war, sah man diese Person fast nie in den Gaststuben bei den anderen Passagieren. Oft fand man ihn ganz allein am Wagen stehend, wo er ohne Erlaubniß die Thüre zu öffnen versuchte. Den geheimen Nachforschungen der verschiedenen, darum requirirten Polizeibehörden war es indeß gelungen, den Faden noch weiter zu spinnen. Es fand sich, daß dieselbe, vielnamige, aber von Allen mit denselben Kennzeichen angegebene Person am 18. Februar zu Eisenach im Gasthofe zum Anker unter dem Namen Grandisson gewohnt, und ein Packet mit 50 Gulden unter eigener Adresse nach Heidelberg auf die Post gegeben hatte. Dieses Packet war in Heidelberg richtig an Madame Grandisson abgeliefert worden. Das Signalement des verdächtigen Passagiers stimmte aufs genaueste mit der Persönlichkeit des in Heidelberg so wohlbekannten Herrn Grandisson überein. Außerdem wollte der Conducteur, von dessen Wagen das letzte Packet entwendet worden, den Menschen, auf den er Verdacht hatte, in Heidelberg selbst gesehen und es schon damals laut geäußert haben. Der Stadtdirector war auch von diesen Verdachtsgründen so vollkommen überzeugt, daß er, des Ansehens, Rufes und Reichthums des Fremden ungeachtet, sofort zur Captur geschritten wäre, wenn Grandisson sich zur Zeit in Heidelberg befunden hätte. Eine andere Frage war es: ob er darauf auch seine Gattin sofort einziehen dürfe? – Jene alte Geschichte, die ihren Ruf antastete, war längst vergessen; vielleicht hatte ein notorisch nichtswürdiger Mensch sie nur ersonnen, um sich selbst zu retten. Ihr jetziger Ruf war der einer bescheidenen, liebenswürdigen Dame, die in der Häuslichkeit, nur ihren Kindern lebend, jedes Aufsehen vermied. Wenn ihr Mann ein Verbrecher war, mußte sie es sein? Konnte er nicht auch sie, wie so viele Andere getäuscht haben? Zwar schien sie, bei einer ermittelten Anfrage, über die lange Abwesenheit ihres Mannes etwas verlegen, aber sie machte nicht die geringste Anstalt, selbst abzureisen. Ward sie plötzlich arretirt, so mußte es ihr Mann erfahren, ja auch nur ein vorschneller Schritt konnte sie veranlassen, ihn zu warnen, und alsdann war die Hoffnung, einen gewiß so gewitzigten Verbrecher einzufangen, vereitelt. Das Gericht beschloß deshalb, einstweilen nichts zu thun, als die Dame mit aller Vorsicht beobachten zu lassen. Die Entdeckungen folgten sich indessen rasch. Von Seiten des frankfurter Oberpostamtes war ein Brief der Madame Grandisson an ihren Gatten unter dessen wahrer Adresse, poste restante nach Würzburg gerichtet, eingefangen worden. Die Gattin übersandte in diesem Briefe ihrem Mann ein anderes Schreiben, welches inzwischen an ihn eingegangen und von ihr eröffnet war. Ihr Brief hatte fast nur auf dieses Schreiben Bezug, welches mit dem Namen Ludwig Fischer unterzeichnet war und sie durch seinen räthselhaften, geheimnißvollen Charakter offenbar in die größte Unruhe versetzt hatte. So heißt es in ihrem sonst minder bedeutenden Schreiben: »Seitdem ich diesen Brief gelesen, bin ich wahrlich krank; unfähig, etwas zu thun und zu denken; meine Ruhe ist dahin; ich bitte Dich, schreibe mir; kein Schlaf wird meine Augen decken, bis ich eine Antwort erhalten habe, Wer ist dieser Teufel? Was will er? Kenne ich ihn? Noch einmal, schreibe mir sogleich, beruhige mein bekümmertes Herz; denn sieh, ich habe Niemanden, dem ich meinen Kummer entdecken könnte; ich muß ruhig scheinen, damit meine Kinder nicht fragen: Was fehlt dir? – Komm bald zurück in die Arme Deines Dich wahrhaft liebenden und bekümmerten Weibes.« Der mysteriöse, mit Ludwig Fischer unterzeichnete Brief war aus Bornheim bei Frankfurt vom 10. März 1814 datirt. In demselben kommen, nach einigen allgemeinen Stellen, folgende dunkle und verdächtige Stellen vor. »Doch erfolgte eine gewisse Trennung, deren Ursache mir ein Geheimniß, für Sie aber daran erinnerlich wird, wenn Ihnen den Namen Denett bemerke; ein Päckchen fallen lasse, und mit dem Ellenmaße, das auf dem Tische lag, an den äußersten Theil, und vermittelst des Fußes an den Tisch wälze. So unbestimmt auch diese Erklärung ist, und eigentlich auf nichts deutet, so muß sie Ihnen doch an etwas erinnern, das Ihnen nicht angenehm ist. Die übrigen Vorfallenheiten, die ich mit überzeugenden Beweisen darbringen kann, lasse ich verschleiert, bis ich meine Bitte mit einem gewissen Erfolg gekrönt sehe.« Weiter heißt es: »Ich will Ihnen daher etwas an Ihr sonst edles Herz legen, und im vollsten Vertrauen meine Lage schildern. »Sie, Herr Grandisson (wo Sie im Grund anders, und wenn ich nicht irre, Grandjean heißen, und aus der Gegend von Straßburg gebürtig sind; doch was thut der Name zur Sache?) können mit ruhigem Gewissen Ihre holländischen Dukaten, die Sie von Ihrer lieben Frau Gemahlin erhalten haben, arbeiten sehen, und haben sich um das Leiden der Menschheit nicht zu bekümmern; allein meine 14,000 Gulden, die mit saurem Schweiß von meinem Herrn Vater verdient, haben mir die Einquartierungslasten geraubt, und sind bis auf wenige hundert Gulden aufgezehrt. Ich verlange nicht wie ein Bettler, sondern nur den beiläufigen Werth desjenigen, was Sie kennen ... Erkennen Sie dieserhalb meine Vorstellungen für gerecht, und thun Sie, was Sie billig finden. Sie dürfen glauben, daß ich die reinsten Beweise besitze ... »Ich unterschreibe mich mit fremdem Namen, damit der Brief nach seinem Erbrechen bestimmt von Ihnen gelesen werde. – Schreiben Sie unter untenstehender Adresse (Ludwig Fischer) an mich, so müssen Sie sich des Ausdrucks Poste restante bedienen, und unter dieses noch p p p machen, damit, wenn ich, weil ich anders heiße, als Ludwig Fischer, nachfrage, mir der Brief eingehändigt wird. – Schreiben Sie mir aber nicht, so dürfen Sie so gewiß versichert sein, als Gott einst meine Seele richtet, daß ich laut auftreten muß, und das werden Sie, um Ihrer Ehre und Ansehens willen, gewiß nicht verlangen. – Sie sind nun überzeugt, daß ich Jahre lang stillschwieg; allein Ihre eigene Vernunft wird Ihnen sagen, daß man bei solchen Fällen nicht ehender sprechen kann, als bis man die gehörigen Beweise hat. Haben Sie einst nach der Billigkeit gehandelt, so werden Ihnen solche, von mir selbst zernichtet, zurückgeschickt, und folglich stirbt die That einst mit uns selbsten ab. Ich werde Ihnen noch mehreremal schreiben, ohngeachtet es Ihnen nicht lieb ist, wenn man Ihnen schreibt. Ich nenne mich u.« Aus diesem Briefe erfuhr man den möglicherweise wahren Namen Grandisson's: Grandjean; daß er aus der Gegend von Straßburg gebürtig sein dürfte; daß er früher in Gemeinschaft mit dem Schreiber, oder so, daß es zu dessen Kunde gelangt, ein Verbrechen begangen, oder doch eine ehrenrührige Handlung, deren Bekanntwerden für ihn verderblich sein mußte, und auf die hinaus Jener sich Erpressungen erlauben durfte. Hinlängliche Verstärkung des Verdachtes gegen Grandisson, obgleich die Möglichkeit nicht ausgeschlossen blieb, daß irgend ein Schurke dies Manoeuvre, wie es oft geschieht, angestrengt, um, die Wissenschaft geringfügiger Umstände benutzend, einen Dritten in Angst und Schrecken zu setzen; aber gegen Grandisson's Frau ging nicht allein daraus nichts hervor, sondern eher das Gegentheil. Der anonyme Schreiber nannte ihren Namen mit Ehren, er bezeichnete sie als eine Dame mit eigenem Vermögen, von dem, nach seiner Ansicht, ihr Mann lebte, und die Frau selbst erschien durch die dunkeln, ihr ganz unverständlichen Andeutungen des Schreibers nur in Angst und Schrecken versetzt. Gegen sie durfte der Richter also jetzt weniger als vorher einschreiten. Dafür ward Alles angestrengt, von ihren sonstigen Handlungen und namentlich ihrer Correspondenz etwas in Erfahrung zu bringen. Grade dieses letztere ward indeß durch Madam Grandisson's Vorsicht hintertrieben. Sie benutzte zu ihren Briefen fremde Siegel, sie brachte und ließ keinen Brief selbst oder durch ihre Domestiken auf die Post bringen, sondern ersuchte den Geistlichen oder den Gymnasialprofessor, der ihrer Tochter Unterricht gab, um die Gefälligkeit. Endlich ward doch einer dieser Briefe aufgefangen. Er war vom 1. und 4. Mai und gewährte dem Richter endlich einen hellen Blick in die Verhältnisse zwischen Frau und Mann und dazu einen Wink, der zur vollsten Entdeckung und der Katastrophe führte. Der Hauptinhalt des Briefes lautete dahin: »Es sind heute 13 Tage, daß du mich verließest, und noch habe ich keine Nachricht von dir. Ich hoffe aber doch, daß du glücklich bei die Deinigen angekommen bist. »Schreibe mir die Nummer vom Hause, wo ich meine Briefe hin adressiren soll; das Uebrige weiß ich recht gut. »Höre: ich habe überlegt, wie wäre es, wenn ich meine Sachen fest einpackte, und sie Hrn. Kleh zu verwahren gäbe, und nur das Notwendigste mit mir nähme, bis ich bestimmt wüßte, wo ich bliebe; denn ich muß erst wissen, wie ich mir da gefalle, und ich glaube schwerlich, daß ich zu die Deinigen passe: Ihre Roheit, Unersättlichkeit; ich habe es noch in frischem Andenken. »Höre! noch eins: Miethe mir doch lieber gleich eine Wohnung, bei brave, honette Leute, damit, wenn ich ankomme, ich bei dir sein kann; denn es taugt selbst für dir nicht, daß du bei die Deinigen wohnst. Bei die Deinigen will und werde ich keineswegs, sogar nicht eine Nacht, wohnen. Leb wohl!« Der Zauber einer edlen Bildung, welcher Madam Grandisson umschwebte, war damit versunken; sie erschien, wenigstens zum Theil in die Geheimnisse ihres Mannes eingeweiht, und ging damit um, ihre Sachen einzupacken und aus Heidelberg zu entweichen. Von jetzt ab ward sie nur um so eifriger beobachtet. In ihrem Wesen bemerkte man keine Veränderung, sie hatte keine Ahnung, daß ihr Brief aufgefangen sei, und beschäftigte sich in der Stille mit dem Einpacken ihrer Effecten. Ungleich folgenreicher aber war der Brief durch einen Wink, den er zur Verfolgung Grandisson's selbst gab. Die äußere Adresse lautete: »An Herrn Prinz in der Königsstraße zu Berlin.« Das war aber nur ein Umschlag. Auf dem eigentlichen Briefe stand als Adresse: »Mademoiselle Caroline wird ersucht, diesen Brief an ihren Herrn Bruder Karl abzugeben.« Grandisson war also in Berlin, er hatte dort eine Schwester; in Berlin durfte man ihn suchen, und ein Requisitorium des Frankfurter Oberpostamtes ging an die berliner Polizeibehörde ab. Beim Kaufmann Prinz in der Königsstraße in Berlin diente eine unverehelichte Caroline Grosjean, die unzweifelhafte Adressatin des Briefes, die Schwester des gesuchten Verbrechers. Der in dem Fischer'schen Briefe erwähnte Name Grandjean war also wahrscheinlich nur eine Entstellung des Namens Grosjean. Ein damit beauftragter Polizeiagent erkundigte sich bei ihr nach ihrem Bruder Karl, und sie räumte ein, daß er gegenwärtig in Berlin sei, wollte sich aber auf weiter nichts einlassen, bis Jener den erwähnten Brief vorzeigte. Caroline erkannte die Handschrift ihrer Schwägerin und erbot sich nunmehr, den so beglaubigten Mann zu ihrem Bruder zu führen. Der Agent aber war allein. Als Reisender habe er den ersten Augenblick benutzt, sagte er, um sich nach der Adresse zu erkundigen, müsse aber nun in seinen Gasthof zurück, wo er viele Geschäftsbesuche erwarte und es wäre ihm lieber, wenn Caroline ihm ihren Bruder am Nachmittag zusende. Der genau aus Frankfurt und Heidelberg signalisirte Mann stellte sich im Gasthof »Zum Kronprinzen« auch richtig ein. Er blieb der unbefangene Gentleman, als der Agent ihm sagte, daß er aus Heidelberg komme, ihm einen Gruß seiner Frau zu bestellen habe und die Versicherung geben könne, daß die Seinigen sich wohlbefänden. Als Jener ihm aber den Brief überreichte, griff er in sichtlicher Angst danach, drückte ihn, nach flüchtiger Durchlesung mit dem Daumen ganz dicht zusammen und schob ihn in die Tasche. Der Agent erkannte, daß Grosjean sich selbst für verrathen ansah. Er schlug ihm daher vor, sich mit ihm nach einem andern Orte zu begeben, wo er sich näher erklären könne. Man ging. Als Grosjean vor der Thür zu entrinnen versuchte, traten ihm zwei Polizeibeamte in den Weg. Von dem Augenblicke an machte er keinen Versuch mehr weder zum Widerstande noch zur Flucht, sondern folgte wie ein Mann, der sich mit Resignation seinem Schicksal ergibt und nur den äußern Anstand zu beobachten strebt, den Beamten nach der Stadtvoigtei. Doch zog er unterwegs unbemerkt ein Rasirmesser aus der Brusttasche und ließ es in die Beinkleider gleiten. In der Stadtvoigtei sogleich untersucht, fand man das Messer und nahm es ihm sammt seiner Baarschaft über 10 Thaler an Gelde fort. Es ergab sich, daß der Gefangene bereits seit 8 Tagen bei dem Victualienhändler Grosjean unangemeldet gewohnt und daselbst einen eigenen Reisewagen untergebracht hatte. Außer dem Wagen wurden gerichtlich in Beschlag genommen: 50 Thaler Preußisch Courant, 54 französische Thaler, etwa 22 Louisd'or, 1 Carolin, 3 russische Silbermünzen, einiges Scheidegeld und 2 dänische Obligationen von 1000 und 500 Gulden; außerdem eine goldene Repetiruhr und einige Pretiosen. Man hoffte wol, nach seinem gelassenen resignirten Benehmen auf das freiwillige Geständniß eines Verbrechers, dessen Bildung ihm selbst sagte, wie bei so dringenden Indicien ein halsstarriges Leugnen nichts fruchte; als man aber am andern Morgen die Thür zu seinem Gefängniß mit einiger Mühe öffnete, sah man sich in jener Erwartung getäuscht. Der Gefangene konnte keine Bekenntnisse mehr vor einem irdischen Richter ablegen. In huckender Stellung saß er mehr als daß er hing, mit seinem Taschentuche an dem Thürpfosten der Kammer erdrosselt. Der Schluß war richtig, daß er sich für verloren gegeben; die Art, wie er den Selbstmord vollbracht, zeugte von einer außerordentlichen Willensstärke. Den Hauptverbrecher hatte die Strafe durch seine eigene Hand ereilt, es kam nunmehr nur darauf an, seine Mitschuldigen zu entdecken und zu ergreifen. Aber auch diese berliner Mittheilungen genügten dem heidelberger Gerichte noch nicht, um gradezu gegen die Witwe des Verbrechers einzuschreiten. In solches Ansehen hatte sie durch den Zauber ihrer Persönlichkeit, durch die treue Sorgfalt für ihre Kinder sich zu setzen gewußt. Der Director Pfister suchte sie in ihrer Wohnung auf. Er schien nur zu einer gelegentlichen Rücksprache mit ihr wegen ihres Mannes gekommen. Mit allem Anstand und Höflichkeit, aber mit sichtlicher Verlegenheit erwiederte sie, er sei verreist, sie wisse nichts vom Zweck der Reise, er sei über die Zeit fortgeblieben, sie sei selbst in großer Sorge. Noch immer zu schonender Rücksicht geneigt, ersuchte der Richter die Dame, sich mit dem Amtsschreiber nach dem Gerichtshause zu begeben, wo man ihre Aussagen zu Protokoll nehmen müsse. Ohne ein Wort des Widerspruchs zog sie mit völliger Ruhe ihre Handschuhe an, nahm einen Shawl um und ging; beim Abschiede von ihren Kindern verrieth sie keine wahre Rührung. Die Kinder, von Pfister befragt, weinten, sie wußten nichts. Die Unschuld stand auf ihren Gesichtern. Sie wurden der Pflege des Gymnasialprofessors, der ihren Unterricht bis da geleitet, anvertraut, die Wohnung ward versiegelt und die Inventur des gesammten Mobiliars aufgenommen. Als die Frau auch vor Gericht in ihrem Leugnen verharrte, ward sie in einer Chaise nach dem Criminalgefängniß abgeführt. Die Inquisition begann, man drang schärfer in sie. Nachdem ihr eine Unterredung mit dem Stadtdirector unter vier Augen abgeschlagen war, erklärte sie endlich: das wisse sie, ihr Mann heiße nicht eigentlich Grandisson, sondern Grosjean, weiter nichts. Aber wie heißen Sie? – Sie rieb sich die Stirn. »Mein Gott, wie heiß' ich doch!« Endlich kam die Antwort heraus: »Ich heiße Meinersin und bin aus Breslau.« Nach langem Hin- und Herfragen und Drängen blieb das Resultat dieses ersten Verhörs: ihr Vater sei in Breslau Regimentssporer gewesen. Ihr Mann, aus Berlin gebürtig, wo sein Vater eine Wollspinnern betrieben, habe sie in Breslau kennen gelernt, sich mit ihr vergangen und sie darauf geheirathet. Er habe in Berlin noch einen Bruder, der dort Victualienhändler sei; auch zwei Schwestern, eine dritte in Frankfurt an der Oder. Sonst wisse sie nichts, auch nicht wo Grosjean jetzt sei. Die Geständnisse auch der folgenden Verhöre kamen nur stoßweise heraus. Sie war mit ihrem Manne, der viele große Handelsgeschäfte getrieben, weit umher gewesen. Sie wisse gar nicht, warum er die Narrheit gehabt, seinen eigentlichen Namen zu ändern; in Hamburg hätten sie doch noch unter seinem wahren gewohnt, aber als sie nach Petersburg reisten, hätte er sich plötzlich Grandisson genannt, und von da ab diesen falschen Namen behalten. Endlich zeigte man ihr ihren Brief mit der Adresse an den Kaufmann Prinz. Sie mußte bekennen, ihn geschrieben zu haben; sie konnte dabei nicht stehen bleiben, sie mußte mehr bekennen. Schon vor längerer Zeit hatte sie durch den Lehrer ihrer Kinder, den Gymnasialprofessor, erfahren, daß es mit ihrem Manne schlimm stehen müsse; es heiße, daß er, wenn er zurückkehre, arretirt werden solle. Da wird, ungefähr vor 4 Wochen Nachts, etwas ans Fenster ihrer Schlafstube geworfen. So kündigte sich ihr Mann gewöhnlich an, wenn er Nachts von seinen Reisen zurückkehrte. Ihre Ahnung hatte sie nicht betrogen. In ihrer Todesangst theilte sie ihm, was sie erfahren, mit, und beschwor ihn, nicht sie und ihre Kinder in Schimpf und Schande zu bringen, und sich sogleich zu entfernen. Er wollte es auch auf der Stelle thun, durch einen zufälligen Umstand verhindert, blieb er jedoch noch bis zur folgenden Nacht in ihrer Kammer versteckt und entfloh dann mit der Anweisung, ihm nach Berlin zu schreiben. Seitdem hatte sie ihn nicht wieder gesehen. Einmal im Zuge des Bekennens schien nun ihre Zunge sich von selbst zu lösen. Sie fühlte sich gedrungen, aufrichtig zu sprechen. Ja, ihr Mann war ein schlechter Mensch und Bösewicht. Er hatte schon früher einmal gesessen, zu Berlin im Zuchthause; aber sie hatte es erst in Erfahrung gebracht nach ihrer Verheiratung. – Er blieb auch nachher ein schlechter Mensch. Sie wußte, daß alles Geld, was sie ausgegeben, gestohlenes Geld war. Sie hatte es längst gewußt, war aber, wie es heißt, »nicht mehr im Stande, eine andere Partie zu ergreifen.« – Noch weiter ging ihre Wissenschaft: das Geschäft und die Quelle des großen Erwerbes ihres Mannes war – die Postwagen zu bestehlen. Immer als Passagier mitfahrend, benutzte er die Gelegenheiten; jedoch war er dabei stets allein, und handelte nur für sich. Sie wollte ihn gewarnt, gebeten haben, davon abzulassen. Er erwiderte: »Auf den Postwagen trifft's nur die großen Herren. Denen schadet's nichts; sie machen's auch nicht besser.« Als sie ihn das letzte Mal gebeten, zu fliehen, damit er sie und die Kinder nicht in Schimpf und Schande bringe, hatte er geantwortet: »Wenn sie mich bekommen, so bringe ich mich um, durch mich kommst du doch nicht in Schimpf und Schande.« Sie wußte noch nichts von dem Tode ihres Mannes; in einer Aufwallung von Bitterkeit setzte sie hinzu: »Und nun hat der Hundsfott doch nicht Wort gehalten.« Wenn sie hier um eine Stufe von dem sittlichen Bildungsgrade, den sie bisher zu behaupten gewußt, herabsank, so suchte sie sich wieder dadurch zu heben, daß sie das Gericht bat, ihre Lebensgeschichte schriftlich aufsetzen zu dürfen. Demnach reichte sie einen Aufsatz ein, dessen Hauptinhalt folgender ist: »Ich war von sechs Geschwistern, worunter zwei Stiefbrüder, die Jüngste. Nach dem frühen Tode meines Vaters übernahm der jüngere derselben dessen Geschäft. Er verschaffte uns sämmtlich eine gute Erziehung, ließ uns dies dagegen bitter entgelten; auch meine ältere Schwester benutzte die Gelegenheit, ihre üble Laune an mir auszulassen. Ich mochte ungefähr sechzehn Jahre alt sein, als ich meinen Mann, damals Tafeldecker beim Generale von Dolfs, kennen lernte. Ein Jahr etwa hatte diese Bekanntschaft gegen meiner Mutter und meines Stiefbruders Willen gewährt, als ein unglücklicher Zufall sie zur Einwilligung nöthigte, und ich ward sein Weib. Ich liebte meinen Mann, und lebte einige Monate sehr glücklich, als mit einmal, Gott! meine Glückseligkeit schrecklich zerstört ward. Eines Tages, da mein Mann mit seinem Herrn zur Revüe verreist war, vernahm ich von des Kammerdieners Frau zu meinem Schrecken, daß dem General, ich weiß nicht mehr wie viele tausend Thaler entwendet worden. Bei des Generals Zurückkunft wurden der Kammerdiener mit seiner Frau, und einige Tage hierauf mein Mann arretirt. Nach Verlauf einiger Tage wurde ich in's Verhör berufen; zitternd, daß kaum meine Füße mich tragen konnten, erschien ich. Nach einigen andern Fragen ward ich befragt: Ob ich wisse, daß mein Mann schon einmal wegen eines dergleichen Vergehen im Zuchthause gesessen habe? O, das war für mich Arme zu viel! Ich sank ohnmächtig von meinem Sessel, ward wieder zu mir gebracht, und ging betäubt nach Hause. Meine durch meines Mannes Arretirung erkrankte Mutter weinte mit mir; mein Stiefbruder überhäufte mich mit Vorwürfen, in den Blicken meiner Schwester sah ich Schadenfreude. Der General, zu dem ich berufen ward, schlug mir Trennung von meinem Manne vor; meine Mutter redete mir zu, und ich war schon halb geneigt, als ein von meinem Manne abgeschickter Prediger mir mein Unrecht vorhielt , und mich in sein Gefängniß führte. Ich sah seinen Jammer, seine Leiden, und versprach Alles zu thun, um sie zu lindern. Es wurde mir erlaubt, ihn täglich zu besuchen, und nach meiner Niederkunft (ich war damals schwanger), entschloß ich mich, sein Gefängniß mit ihm zu theilen. O! er war glücklicher als ich; er hatte ein treues Weib, das sich seiner annahm; ich habe Niemanden! Selbst, wie es scheint, meine Kinder kümmern sich nicht um Diejenige, welche Alles für sie aufopferte. Mein Mann kam frei; ich eilte mit ihm zu meiner Mutter; sie starb einige Tage nachher; der Gram hatte ihr Herz gebrochen. Einsam und verlassen stand ich nun da, und entschloß mich, mit meinem Manne zu seinen Aeltern nach Berlin zu reisen. Dort fing mein Mann das Geschäft seines Vaters an. Fünf bis sechs Jahre lebten wir ruhig, sogar glücklich. Er war fleißig; ich trug das Meinige dazu bei. Da meines Mannes Bruder ihm anlag, bei ihm in Hamburg zu wohnen, begleitete ich ihn mit unsern zwei Kindern dahin. Ich erkrankte, und ein hitziges Gallenfieber durchwühlte meine Glieder. Nach meiner Genesung schlug mein Mann mir Kopenhagen als künftigen Aufenthaltsort vor. In Kiel schifften wir uns ein, und kamen in einigen Tagen, eine kleine Seekrankheit ausgenommen, glücklich an. Nach einigen Wochen reiste mein Mann in Geschäften nach Hamburg, und versprach, auf das Allerlängste in einem Monat wieder zurückzukommen; nahm alles Geld mit, und ließ mir nur einen einzigen Thaler zurück. Den Tag darauf reiste ich, abermals schwanger, mit meinen jetzigen Wirthsleuten auf's Land. Einige Monate vergingen mir, von diesen guten Menschen gepflegt, ohne alle Nachrichten von meinem Manne. Mein Unglück zu vermehren, erhielt mein Wirth, der Koch bei einem Grafen war, seinen Abschied; denn nun erklärte mir meine Wirthin, daß sie mich nicht länger bei sich behalten könne. Ohne Obdach, ohne Geld, hatte ich nicht einmal soviel, nach Kopenhagen zurückzureisen, um dort meine Effecten zu verkaufen. Mein Wirth aber streckte mir die Reisekosten und noch einige Thaler vor. »In Kopenhagen nahm mich meine frühere Wirthin wieder auf. Eine im nämlichen Hause wohnende Dame, der ich mich entdeckt, brachte mich, nachdem ich alles Entbehrliche verkauft, bei einer Doctorswitwe unter. Da jedoch meine Niederkunft nahe, miethete ich mich in einem Spitale ein, kam dort nieder, verließ nach meiner Entbindung aber dies Haus wieder. Ich erkrankte von Neuem, entdeckte mich dem Doctor, und kehrte aus dem Hause der Witwe, wo ich nun wegen meines Kindes alle Tage Verdruß erlebte, zu meiner früheren guten Wirthin zurück. Ich war eben genesen, als mit einmal, gegen mein Vermuthen, mein Mann erschien. Er versprach, mich alle Mühseligkeiten vergessen zu machen, und schiffte sich mit mir nach Petersburg ein. Das Eis hinderte unsere Weiterfahrt, wir mußten in Ballesport, einem kleinen Hafen, landen, zu Lande nach Reval reisen, logirten daselbst einige Monate in einem Privathause, und setzten dann unsere Reise nach Petersburg fort; schifften uns aber, da meines Mannes Vorhaben, eine Fabrik dort anzulegen, mislang, schon nach einigen Monaten wieder ein. »Nach diesem brachte mich mein Mann nach Baireuth (?). Dort kam ich mit einer zweiten Tochter nieder, und mein Mann kaufte seinen Wagen, unerachtet meiner Bitte, es nicht zu thun, da ich kein Dienstmädchen hatte, meine Kinder mühsam selbst auferzog, welches sich zu seinem Aufwande nicht schickte. Er verreiste abermals; wie lange er ausblieb, weiß ich nicht. Bei seiner Zurückkunft mußte ich gleich mit ihm abreisen. Von Baireuth brachte er mich nach Lindau am Bodensee. Da blieben wir aber nicht lange und reisten nach ...., (dem Landstädtchen, wo Grandisson's zuerst erschienen), wo ich mein Kind taufen ließ. Dann wohnten wir hier in Heidelberg. Von da reisten wir nach Straßburg, dann nach Nancy, wo ich noch drei Kinder bekam, meinen Sohn Eduard und eine Tochter, welche mir dort starb; so daß mir, da ich meine Mathilde schon früher in Heidelberg verloren, noch Eduard und seine Schwester blieben. – In Dijon trennte ich mich auf einige Jahre von meinem Manne wegen seines groben Betragens gegen mich. Er mußte mir die Hälfte von Allem, was da war, abtreten, und ging mit unserm Sohne nach Berlin. Nach einiger Zeit verließ ich Dijon, und wohnte ein Jahr in Auronne bei einem Marine-Offizier. »Wie ich an allen diesen Orten lebte, ruhig, still und arbeitsam, und wie es mein einziges Bestreben war, mir einige Talente zu erwerben, um meiner Tochter eine gute Erziehung zu geben, daß wir unabhängig leben könnten, ist Gott bekannt. Ich erhielt öfters Briefe von meinem Manne; auch war er selbst noch einmal in Dijon gewesen, um mich zu überreden, mit ihm zu gehen; ich ging aber nicht. Dennoch bestimmte mich die unendliche Sehnsucht nach meinem Sohne noch einmal zur Wiedervereinigung. Wir reisten zusammen nach Rastadt; von da zum Abholen meines Sohnes nach Berlin. Nachdem wir uns einige Monate dort aufgehalten, kamen wir zum zweiten Male nach Heidelberg, wo ich endlich an diesen Ort des Schreckens gebracht worden bin. »Im Angesichte Gottes betheure ich, daß ich nie an einem Verbrechen theilgenommen, und mich keines schuldig gemacht ; ich bin unglücklich; aber nicht schlecht. Ich habe einzig für meine Kinder gelebt, um sie zu rechtschaffenen Menschen zu bilden. Ich hatte mich von der ganzen Welt zurückgezogen; ich gehörte nicht unter sie; war unglücklich, ohne es sagen zu dürfen. »Ich bitte Sie, Herr Director, auf meinen Knien, befreien Sie mich aus diesem Aufenthalte des Schreckens und der Verzweiflung. Ich habe nicht einmal Thränen mehr für mein Unglück. Sie sind Vater; lieben Ihre Kinder; Sie können urtheilen, wie schrecklich es ist, von ihnen getrennt zu sein. Geben Sie mich meinen Kindern und meine Kinder mir wieder! Vier Tage sind verflossen; heute ist der fünfte, wo ich sie nicht gesehen habe. Lassen Sie mich meine Kinder sehen; ich beschwöre Sie bei Gott! – – – »Heute ist der neunte Tag, daß ich hier schmachte. Ich habe nie, das weiß Gott! ein Verbrechen begangen; keine Uebelthat belastet meine Seele. – – »Heute ist der zehnte Tag, und noch bin ich hier. Ich bitte Sie im Angesichte Gottes, der auch in diesen Kerker sieht; verbessern Sie meine Lage; lassen Sie mich meine Kinder sehen. Erlauben Sie, Herr Director, daß ich mich mit etwas beschäftigen darf; ich bin ungewohnt, so müßig zu gehen. Geben Sie mir eine Arbeit, was Ihnen gefällig ist.« Nach den bisherigen Ermittelungen und diesen Geständnissen wäre über Grandisson's, alias Grosjean's, Straffälligkeit, wenn er noch zur Strafe gezogen werden können, kein Zweifel gewesen. Desgleichen schien daraus hervorzugehen, daß er der gefährliche Abenteurer und Dieb ganz auf eigene Hand gewesen, der keine Helfershelfer gehabt mit Ausnahme der passiven Theilnahme der Frau. Ueber den Grad dieser Passivität mußte die Untersuchung mehr Licht sich zu verschaffen ihre nächste Aufgabe sein lassen, um die Straffälligkeit der einzigen, jetzt noch angeklagten, Person zu ermitteln; wonächst die Untersuchung, mehr im Interesse der Wissenschaft und der civilrechtlichen Folgen (da die Bestohlenen ihre Rechte geltend zu machen anfingen, und aus dem gestohlenen Gute eine kleine Masse sich bildete) auch auf den ganzen Complex der verbrecherischen Thätigkeit des Todten sich zu wenden hatte, eine Untersuchung, bei der eine Unmasse von Indicien und Thatsachen herauskam, von denen wir nur eine gedrängte Uebersicht später geben werden. Hier muß uns zuvörderst die hinterbliebene, lebendige Complicin interessiren, und die Frage, ob sie nach ihren Geständnissen und den Ermittelungen als solche anzusehen sei? Sie hatte von der verbrecherischen Thätigkeit ihres Mannes gewußt, sie hatte von deren Früchten mitgezehrt; sie wußte, daß sie und ihre Familie ihr Leben vom Diebstahl fristeten. Aber sie erschien nach ihren Aussagen, und das bisher Ermittelte widersprach dem nicht, mehr als eine Märtyrin der ehelichen Treue gegen einen verbrecherischen Gatten. Sie hatte davon erst Nachricht erhalten, nachdem ihr Ehebund geschlossen war. Es konnte als ein Act heroischer Pietät erscheinen, daß sie dennoch von dem nun Unglücklichen sich nicht trennen wollte. Sie hatte ihn gewarnt, gebeten, daß er von dem schändlichen Gewerbe ablasse; sie hatte ihre Kinder vortrefflich erzogen und war die stillste, häuslichste wirthlichste Frau gewesen, die Tugend aufs Höchste steigernd, daß sie auch einem solchen Mann noch in unterwürfiger Treue, ja Liebe anhing. Konnte es Pflicht für sie sein, ihn anzugeben oder ihn zu verlassen, wodurch er dem Verderben, sie und ihre Kinder der Schmach verfielen und aller Existenz beraubt wurden? Konnte ein Gesetz von einer Mutter solche Selbstverleugnung fodern? Und wenn das Gesetz es foderte, so doch nicht die Moral. Und wenn sie auch gegen die gesündigt, so hatte sie diesen Fehl durch die langen qualvollen Jahre, in steter Angst verbracht, gebüßt. «Die Untersuchung führte aber doch auf etwas mehr. In ihrer schriftlichen Erzählung war eine große Lücke; von Petersburg war sie plötzlich nach Baireuth versetzt. Bei den Verhören ergab es sich, daß sie von Petersburg nach Emden, von da nach dem Haag und Amsterdam gereist waren. Von hier aus schien Grosjean seine systematischen, industriellen Postreisen erst begonnen zu haben. Von deren Erfolg wollte sie nichts wissen. Erst in Baireuth bei Anschaffung des kostbaren Wagens schien ihr Gewissen erwacht, als sie dem Manne wegen der Anschaffung desselben Vorwürfe machte. Er erklärte: »Das geht dich nichts an; es ist genug, daß ich für dich sorge. Wenn es dir nicht gefällt, magst du gehen, wohin du willst.« Sie beruhigte sich. Zu sehr »alterirt« wollte sie ihn nie gefragt haben, auf welche Art er die Postwagendiebstähle begehe; nur sei sie versichert, daß er es immer allein vollbracht. Er habe ihr selbst nicht getraut, und das Geld meist an verschiedenen Orten vergraben, ohne ihr dieselben zu nennen. Nach Heidelberg hatte er 6000 Gulden mitgebracht, und davon nur zwei Jahre gelebt; sie würde, rühmte sie sich, viel länger damit gewirthschaftet haben. Später habe er dann von seinen Reisen noch immer etwas mehr Geld mitgebracht. Der Grandisson'sche Hauslehrer, ein Professor am dortigen Gymnasium, hatte es, bald nach der Verhaftung der Frau, für seine Pflicht gehalten, ein versiegeltes, schweres, dem Anscheine nach, Geld enthaltendes Packet dem Gerichte zu überliefern, welches die Grandisson ihm zum Verwahren übergeben. Befragt, ob sie nichts von Geld oder Geldeswerth bei Seite gebracht oder bei Jemandem hinterlegt habe, leugnete die Verhaftete es anfänglich. Schärfer befragt, gestand sie das Factum ein. In dem Päckchen waren an Werth 2500 Fl. in doppelten sächsischen und preußischen Friedrichsd'or, dann zwei goldene Dosen, ein in Gold gefaßtes Damenportrait und einige Schaumünzen. Die Grosjean kannte sehr genau den Inhalt, ihr Mann hatte es ihr bei der Zurückkunft von seiner vorletzten Reise zum Aufheben gegeben; sie gestand, »daß sie natürlich gewußt«, daß ihr Mann das Geld nicht auf rechtliche Weise erworben und sie hatte es weggegeben: »damit es bei einer etwaigen Visitation nicht gefunden werde«. Sie gestand, daß ihr Mann ihr öfters von Reisen, auch außer dem nöthigen Gelde zum Betriebe der Wirthschaft, Sachen mitgebracht, »von denen sie gleich gewußt, daß er sie gestohlen habe«. Z. B. einmal ein ganzes Pack Strümpfe, nachdem er ihr und der Tochter kürz vorher mehre Dutzend gekauft. Sie brauchte also die Strümpfe nicht. Er sagte ihr: »Hebe sie nur auf, wenn du sie auch nicht brauchst.« Und sie hob sie auf! Die Zeugnisse ihrer Bekannten in Heidelberg waren sehr günstig für die Frau. Der Professor und Hauslehrer und der Prediger, dem die Kinder zum Religionsunterrichte übergeben waren, konnten sie als Mutter nicht genug rühmen, wie sie für das Wohl und die gute Erziehung der Kinder besorgt gewesen, wie denn Sohn und Tochter unverdorben, sittlich und fleißig wären. Auch ihr vorletzter Hauswirth rühmte sie wie ihren Mann. Als er aber einst bestohlen worden, wo (wie nachher angeführt werden wird) kein Anderer als der Mann der Thäter sein konnte, hatten beide Eheleute den Verdacht auf die Leute im Hause zu werfen gesucht. Die Verhaftete hatte ausgesagt, ihr Mann sei oft sehr geheimnißvoll gegen sie gewesen, und habe sich in einem Kabinet eingeschlossen gehabt, und sie habe nie hineingehen dürfen. Die beiden Grandisson'schen Dienstmädchen und ihr letzter Hauswirth bekundeten dagegen: die Eheleute seien in dem Cabinet häusig beschäftigt gewesen, sie hätten auf den Schlüssel dazu ein besonderes Augenmerk gehabt, und beim Ausgehen, wenn er sich nicht sogleich vorgefunden, ängstlich danach gesucht. In dem Cabinet verwahrte Grandisson, wie anderweitig ermittelt ist, die gestohlenen Effecten und feilte außerdem Nachschlüssel. Sie wollte nichts von den von ihrem Manne sich beigelegten falschen Namen, bis auf den Grandisson, wissen. Man zeigte ihr einen Paß, ausgestellt für den Negocianten Charles Grandisson aus Stettin, und seiner Ehefrau Rose, geborene Müller, aus dem Haag gebürtig, zu Auxonne in Frankreich wohnhaft. Dieser Paß führte ihre Unterschrift mit dem angenommenen, falschen Namen. Sie wußte nichts darauf einzuwenden, als daß ihr Gatte ihn wahrscheinlich ausstellen lassen und ihr dann vorgelegt habe, mit der Weisung, einen Namen darunter zu schreiben, den er ihr genannt. Sie habe nichts Uebles dabei gedacht. Noch ein zweiter Paß mit denselben falschen Angaben fand sich vor. Sie erkannte, gefehlt zu haben, daß sie sich als aus Holland gebürtig angegeben. Unter ihres Mannes in Berlin weggenommenen Papieren fand man mehre Briefcouverts mit der Adresse: An Madame Grandisson in Heidelberg. Sie waren augenfällig zu Geldsendungen an sie im Voraus eingerichtet, denn verschiedene Geldsummen waren darauf notirt, als: mit 120 Fl., zwei mit 500 Fl., eins mit 800 Fl. und ein letztes mit 820 Fl. Aber alle diese Adressen waren von ihrer eignen Hand geschrieben. Ihre Antwort, daß sie diese Couverts im Voraus für ihren Mann schreiben müssen, weil er eine sehr schlechte Hand schrieb, konnte man gelten lassen; aber dann mußte sie ja den Zweck seiner Reise im Voraus kennen, sie mußte erwarten, wo nicht wünschen und hoffen, daß er unterweges Gelegenheit zu fetten Diebstählen finden werde, um ihr diese bedeutenden Geldsendungen machen zu können. Hierauf hatte sie keine andere Antwort, als daß es doch möglich gewesen, daß ihr Mann noch anderswo Geld ausstehen gehabt! Man hatte ein graues Säckchen voll gefeilter Schlüssel und Feilen schon am Tage der Verhaftung unter der Matratze ihres Bettes gefunden, und dies Bette pflegte sie, nach der Versicherung der Magd, immer selbst zu machen. Auch bekannte sie, daß ihr Mann, der diese Schlüssel wahrscheinlich in dem Kabinet zugefeilt, ihr den grauen Sack bei seiner letzten, heimlichen Anwesenheit in Heidelberg zum Aufbewahren zugestellt habe. Auch hatte sie, worauf mit einem merkwürdigen Eifer inquirirt ward, aus den von ihrem Manne entwendeten Servietten die Zeichen ausgetrennt und neue eingezeichnet, um die Entdeckung des gestohlenen Gutes zu erschweren. Ihre Ausrede war, zu jeder Reise habe sie dem Manne Servietten aus der Wirthschaft mitgegeben; er habe aber in der Regel dafür andere zurückgebracht, welche sie dann als einen Ersatz der ihren betrachtet und umgezeichnet habe. Die Zeugnisse von auswärts über die Ausführung der Grandisson lauteten sehr verschieden. Aus Baireuth schrieb man, daß, weil ihr Weißzeug und Silber mit einem fürstlichen oder adeligen Wappen versehen gewesen, man vermuthet, daß sie von hoher Abkunft und von ihrem Manne entführt worden. Sie sei sehr schön, gut, brav und tugendhaft gewesen, über des Mannes häufige Reisen sehr bekümmert, und als er den kostbaren Wagen bestellte, habe sie ihre Unzufriedenheit über die unnöthige Verschwendung deutlich an den Tag gelegt. Eine liebende, treue Gattin, habe sie sich noch besser als Mutter gezeigt und sei aus Baireuth unter Thränen geschieden. Dagegen schrieben die französischen Behörden aus Nancy und Dijon, welche ihm, Grandisson, ein merkwürdig günstiges Zeugniß abstatteten, daß, wenn er sich bisweilen melancholisch gezeigt, wahrscheinlich das zügellose Leben seiner Gattin daran Schuld gewesen, welche, während seiner Abwesenheit, ganz ungescheut einen ihrer Verehrer besucht und ihren schamlosen Verkehr mit demselben nichts weniger als geheim gehalten habe. Als man ihr im letzten Verhöre den Tod ihres Mannes mittheilte und wie er selbst die strafende Hand an sich gelegt, brach sie in Thränen aus und war tief erschüttert. Aber mit Ruhe erklärte sie, nachdem die erste Bewegung vorüber, daß sie nun auch nichts mehr über die Verbrecherlaufbahn des Verstorbenen anzugeben wisse. Mehr ward nicht gegen sie ermittelt. Mit Offenheit bekannte sie, sie habe geflissentlich mitgewirkt, ihren Mann den Händen der Obrigkeit zu entziehen. Sie glaube nicht, daß ein Gesetz existire, welches von einer Frau fodere, daß sie ihren Ehemann in die Hände der Obrigkeit liefere. Wenn auch das nicht, so erscheint nach diesen Geständnissen ihre Passivität bis an die äußerste Grenze zur thätigen Beihülfe hinaus geführt. Das Lüstre eines Heroismus fällt hinweg. Freilich als ängstlich besorgte Frau, daß es einmal plötzlich herauskommen möchte, warnt sie gelegentlich den Mann, von dem schmachvollen Leben abzustehen; aber das scheinen mehr Gewissensblasen gewesen zu sein, welche dann und wann aus dem Sumpf der Trägheit und Sünde instinktartig aufstiegen um die belastete Brust zu beschwichtigen, als daß diese Regungen zu einer eigenen sittlichen Willensthätigkeit geworden wären, sich aus diesem Sündenknäuel loszumachen. Die Liebe zu ihrem Manne war zugleich mit der Achtung längst entschwunden. Sie ließ sich in Baireuth von ihm sagen: Geh, wenn du willst, ich halte dich nicht. Sie mag auch wol einige Mal Anstalt gemacht haben, sich von ihm zu trennen. Darauf deutet die mysteriöse Geschichte mit dem Candidaten Z...., darauf ihr selbst von den französischen Behörden gerügtes zügelloses Leben zu Dijon, was sie in ihrer Autobiographie zu bestätigen scheint, indem sie sagt, ein Jahr in Auronne bei einem Marineoffcier gewohnt zu haben. Das sittliche Band ihrer Ehe war längst getrennt und zerrissen; wenn es anscheinend durch die Aelternliebe für ihre Kinder wieder zusammengeknüpft wurde, so war der eigentliche Leim doch die gegenseitige Bequemlichkeit und der beiderseitige Vortheil. Er bedurfte einer schönen und liebenswürdigen Frau, um die Scheinrolle zu spielen, welche vor der Welt seinen wahren Charakter verbarg, und sie einer bequemen Existenz, an welche sie durch eine so lange Reihe von Jahren gewöhnt worden. Hätte er plötzlich aufhören wollen, zu stehlen, um mit ihr zu betteln, so wäre ihr Gefühl schwerlich dadurch befriedigt worden. Statt Anstrengungen bewiesen zu haben, aus der Schmach sich zu befreien, Anstrengungen, die zu einer sittlichen Wiedergeburt geleitet hätten, that sie mehr als der passive Gehorsam gegen den Mann foderte, um ihm in seinem Sündenbetriebe behülflich zu sein. Sie verbarg seine Nachschlüssel, sie schrieb für ihn Briefcouverts im Voraus, damit er den künftigen Raub ihr bequemer zusenden könne; sie versteckte und gab auswärts zur Verwahrung einen ansehnlichen Theil desselben, das Geldpacket, um es den Gerichten zu entziehen, und endlich, das Schlimmste, – war sie nicht unbetheiligt, wenn es galt, den Verdacht des Diebstahls auf fremde Personen zu wälzen. Das war mehr als Passivität, es war eine Aktivität, welche die Moral selbst von einer heroischen Treue gegen einen geliebten Mann nicht fodern wird. Auch die frühere Geschichte, in welcher die Familie des Prediger Z.... verwickelt gewesen, kam bei der Untersuchung wieder in Anregung. Man scheint aber mit besonderer Zartheit, in Rücksicht auf die sonst achtbare Familie, darüber hinweggegangen zu sein. Der damalige Candidat Z.... war aus der Pfalz längst entschwunden, aber in einem andern Lande, wahrscheinlich unter einem andern Namen, wie sein Vater, der Prediger, unvorsichtiger Weise verrieth, zu Ehren und Ansehen gediehen. Der Inquirent hielt sich nicht berechtigt, durch Aufrührung einer fast verschollenen Sache, einen jetzt geachteten Mann einen leichtsinnigen Jugendstreich schwer büßen zu lassen, und begnügte sich damit, daß der ehemalige Candidat Z .... die geständlich, ob durch Entwendung oder Schenkung aus dem Grandisson'schen Besitz acquirirte Summe, insoweit sie nicht damals schon zurückgezahlt war, jetzt in die Masse zurückerstattete. Nach dem jetzt Ermittelten durfte man annehmen, daß seine damalige, letzte Angabe die richtige gewesen. Er hatte sich in ein Liebesverhältniß mit der Dame Grandisson eingelassen; sie mochte daran gedacht haben, mit dem jungen Manne aus ihren sie drückenden Verhältnissen zu entfliehen und ihm die Ducaten als Mittel zum Zweck auch schon zu einer früheren Zeit aufgedrungen haben, als er in seinem Briefe angab. Das erkennende Gericht, das Hofgericht zu Mannheim, erkannte die Straffälligkeit der Witwe an, scheint aber auf die mildernden Gründe zu Gunsten einer vielgeprüften Gattin Rücksicht genommen zu haben, als es in seinem Urtheil vom 25. September 1815 die: Johanne Rosine Grosjean , geborne Meiners aus Breslau, wegen Antheils an den von ihrem Ehemann verübten Diebstählen zu zweijähriger Zuchthausstrafe verurtheilte. Das Gericht über den Todten war inzwischen durch mühselige Ermittelungen und weitläufige Correspondenz fortgesetzt worden, ohne zu einem ganz befriedigenden Resultate zu führen. Nur die Gewißheit erhielt man, daß Grosjean, alias Grandisson, seine Thaten immer allein vollbracht, mit großer Geschicklichkeit, einem seltenen dauernden Glücke und nebenher mit einer an Manie grenzenden Leidenschaftlichkeit für das Stehlen. Demnächst die an Gewißheit streifende Vermuthung, daß eine große Anzahl gefährlicher Postdiebstähle und anderer Entwendungen, in einer langen Reihe von Jahren in verschiedenen Ländern verübt und nicht entdeckt, von ihm begangen worden. Er erscheint, seine Thaten zusammengenommen, als einer der gemeinen Verbrecher, die nichts liegen lassen können. Sein Treiben von früher Jugend an war das eines Diebes, wie unsere Gefängnisse und Zuchthäuser davon zu Hunderten aufweisen. Daß er sich zu seiner eigenen Rechtfertigung eine Art Princip zurechtlegte, erfahren wir aus der Angabe seiner Frau, zu der er sagte: auf den Postwagen träfe es nur die großen Herren, denen schadete es nicht, sie machten's auch nicht besser. Auch dies ist nichts Ungewöhnliches; jeder Dieb macht sich eine ähnliche Rechtfertigung. Uebrigens blieb er diesem Principe nicht einmal getreu, denn er griff zu, wie wir sehen werden, wo er etwas fand. Daß er dem Kitzel nachgab, die Rolle eines vornehmen und reichen Mannes zu spielen und die Genüsse des feineren Weltlebens zu theilen, ist eben so wenig eine Seltenheit. Es ist dabei ebenso viel Genußsucht als Berechnung, da er unter dieser Hülle, wenn sie geschickt angebracht war, den Verdacht von seiner eigentlichen Thätigkeit am besten ablenkte. So sehen wir ihn mit besonderer Vorliebe in Baireuth beschäftigt, seinen eleganten Reisewagen anfertigen zu lassen. Zum silbernen Beschlage desselben gab er Laubthaler, silberne Kaffeekannen, Gabeln, Messer, Vorlegelöffel, Salzfässer u. s. w. her. Damit verschwand das corpus delicti früherer Diebstähle und es entstand für ihn ein Document seines Reichthums und seiner Respectabilität. Abenteurer seiner Art eignen sich auch fremde Sprachen an. So soll er mit Fertigkeit französisch, englisch und holländisch gesprochen haben. Aber daß er in Heidelberg, einer Universitätsstadt, durch lange Jahre, und bei einem zweimaligen Aufenthalt als feiner, gebildeter Mann, die bessere Gesellschaft um sich sehen konnte, ohne durch vorblitzende Züge innerer Rohheit und Gemeinheit zu enttäuschen, oder auch nur einen Verdacht zu erregen, daß man seine Abreise als eine Calamität für die Stadt bedauerte, daß man ihn durch Gedichte feiern konnte, könnte verwundern, wenn wir in dem Zeugniß der französischen Behörden aus Nancy und Dijon, wo er sich viele Jahre aufgehalten, nicht eine Bestätigung dafür erhielten, daß der gemeine Dieb sich äußerlich einen feinen, undurchdringlichen Schönheitsfirnis umgelegt habe. Hier erschien er als ein trefflicher Gatte und Vater, dessen Wesen zwar etwas Räthselhaftes an sich gehabt, der aber nicht zur geringsten Klage oder zu einem schlimmen Verdacht Anlaß gegeben. »Er war, heißt es, mit so vortheilhaftem Aeußern begabt, sein Benehmen so freimüthig und offen, sein Betragen so rechtlich, seine Sitten waren so sanft und sein Benehmen so delicat, daß er allen Personen, mit denen er in Beziehung gestanden, Vertrauen und Interesse einflöste. Er war sehr splendid, lebte höchst anständig, jedoch ohne Verschwendung, dabei äußerst geregelt. Lecture und Umgang mit einigen rechtlichen Beamten füllten allein seine Mußestunden aus. Nur wenn er von seinen häufigen Reisen zurückkehrte, schien er nachdenkend und trübsinnig. Diese Melancholie schrieb man der unverzeihlichen Aufführung seiner Frau zu.« Wenn Franzosen einem Ausländer, und einem Deutschen, damals ein solches Lob spendeten, darf man sich nicht wundern, wenn er auch in seinem Vaterlande die feinere Gesellschaft bezaubern und täuschen konnte. Unter seinen Papieren fand man das Empfehlungsschreiben eines französischen Generals, worin er Armateur und Rentier genannt wird. Man konnte auch aus anderen Papieren nicht bezweifeln, daß er während seiner langen Verbrecher-Laufbahn an verschiedenen Orten eine bedeutende Rolle gespielt und sich die Achtung höherer Standespersonen erworben hatte. Eine angesehene Familie in einer fürstlichen Residenz drückte in ihren Empfehlungsbriefen für Grandisson nicht allein selbst die innigste Verehrung für ihn aus, sondern daß auch die regierende Familie von ähnlichen Gefühlen für den reichen, edlen, liebenswürdigen Mann erfüllt gewesen . Aber uns fehlen alle Fingerzeige über die von ihm durchgemachte Schule. Sein Taufschein gab ihn an als am 22. August 1763 zu Weilburg geboren. Seine Aeltern, die eine Zeugfabrik gehabt, waren mit ihm nach Berlin gezogen. Hier, sagte sein Bruder, der Victualienhändler Grosjean, aus, habe er die Friseurprofession erlernt, aber er habe sich früh von den Geschwistern getrennt und sei nur einige Mal in Berlin wieder erschienen, wo er dann eine vornehme Rolle gespielt, einmal als großer Kaufmann in Weingeschäften, ein drittes Mal sei er arretirt worden. Mehr wollte dieser Bruder nicht von ihm wissen. Aus den von Breslau aus mitgetheilten Polizeiacten ergab sich zwar, daß er 1791 wegen des beim General von Dolfs verübten großen Diebstahls (in der Biographie seiner Frau erwähnt) wegen ermangelnder Beweise nicht habe gestraft werden können, daß er aber, damals 24 Jahre alt und in Dolf's Diensten als Tafeldecker, schon 8 Jahre früher, im 16. Jahre, zu Berlin wegen eines unter erschwerenden Umständen verübten Diebstahls, zu 4jähriger Zuchthausstrafe verurtheilt worden. Die berliner Gerichte bestätigten, daß er als Friseur daselbst an dem englischen Gesandten einen bedeutenden Diebstahl verübt. In Hamburg, wo er später in Condition gestanden, hatte er seinem Herrn, einem Edelmann, 3000 Mark entwendet, und war deshalb, doch fruchtlos, mit Steckbriefen verfolgt worden. Von da ab erfuhr man wenig oder nichts von seinen größern, kühnen Unternehmungen, die er meistens im Auslande vorgenommen und sich dabei gebildet haben dürfte. Die Fülle von holländischen Ducaten, mit denen er in Heidelberg erschien, möchte sich aus jenem Lande herschreiben. Die Oberpostamtsbehörde zu Frankfurt am Main machte aus ihren Registern eine ganze Reihe von Postwagendiebstählen aus den Jahren 1800 - 1811 namhaft, wo die Vermuthung dafür sprach, daß Grandisson sie begangen. Bei einem derselben grenzte sie an Wahrscheinlichkeit. Es fuhr nur ein Passagier in dem Wagen, sein Signalement stimmte mit dem des später bekannten Diebes, er nannte sich Walter, entfernte sich plötzlich von der schon bezahlten Tour mit Extrapost und bei der Ankunft der Fahrpost an ihrem Ziele fehlten über 1100 Gulden. Bei Vernehmung der Conducteure und Vergleichung der Postcharten ergab sich, daß derselbe Passagier auf derselben großen Tour von Frankfurt nach Leipzig immer verschiedene Namen geführt, als Griesbach, Schloßbrück, Grandisson, Groß, Walter, Rose, Desselmann, Brandes . In Baireuth hatte er als Grandis gelebt. Noch andere größere Diebstähle, an Mitreisenden gewöhnlich verübt, indem er mit ihnen gemeinschaftlich Extrapost nahm, übergehen wir als Tropfen in ein Meer gethan. Nur als Curiosum: Ein Kaufmann, der auf diese Weise mit ihm gereist, fand aus seinem eröffneten Koffer 105 Friedrichsd'or entwandt, dafür aber 9 Preuß. Thaler als Ersatz hineingethan! Mit einem jungen Edelmann aus Wien reiste er 1809 gemeinschaftlich von Frankfurt nach Leipzig. Unterweges in Weißenfels bemerkte der Edelmann den Verlust seiner ganzen Reisekasse, 33 Louisd'or 6 Ducaten, die im Sitzkasten des Wagens verschlossen gewesen. Nur Grandisson konnte sie genommen haben, der, als man in Erfurt einen Spaziergang machte, nicht daran Theil nehmen wollte und allein im Wagen zurückgeblieben war. Aber wer wagte auf ihn Verdacht zu werfen, als er in Weißenfels mit einem verächtlichen Lächeln seine Taschen leerte, 300 Louisd'or auf den Tisch schüttete und den Reisenden ersuchte, zehn Stück als Darlehn anzunehmen, um damit seine Reise nach Berlin zu bestreiten. Er warf den Verdacht auf den Kutscher! Um alle Zweifel über die Großartigkeit des Grandisson'schen Geschäftsbetriebes zu heben, fand man, außer dem von seiner Frau im Bette aufbewahrten Sack mit Dietrichen und Feilen, im Abtritt seiner letzten heidelberger Wohnung einen Bund von 16 Hauptschlüsseln. Später wurden in Eisenach, gleichfalls aus dem Abtritt des dortigen Wirthshauses zum Anker, wo Grandisson nach dem letzten Postdiebstahl gewohnt, 24 verdächtige Schlüssel vorgezogen, von denen einer die Schlösser des Postwagens, auf dem der Diebstahl erfolgt war, öffnete. Aber man fand auch in dem schon erwähnten Kabinette eine große Quantität von Zwetschenbranntwein, Essig, Cognac, Thee, Muscaten, Piement, Pfeffer, Senf, Mandeln, Rosinen, Reis, Perlengerste, Kaffee, Pfropfen, Schwämme! In diesem Kabinette waren nur gestohlene Sachen, und seine Frau hatte gar kein Hehl, daß alle diese Specereien von ihrem Manne entwendet worden und zwar – ihrem eignen Hauswirthe! Hier stoßen wir auf etwas Neues, was Zweifel hervorriefe, wenn es nicht durch die Acten beglaubigt wäre. Dieser großartige Räuber, der durch alle Welt reiste, um durch Erbrechung der Postwagenkasten Capitalien zu stehlen, zu dem Zwecke, als vornehmer Mann in seinem Hause zu leben und zu erscheinen , vergreift sich auch an Specereiwaaren, welche im Verhältniß zu seinen gewöhnlichen Erbeutungen von gar keinem Werthe sind. Er, der sich den kostbaren mit Silberbeschlag versehenen Wagen nach seiner Angabe mit dem gestohlenen Silber künstlich anfertigen läßt, um letzteres verschwinden zu machen; er, der das Silberzeug, welches in seinem eigenen Hause war, in Augsburg bestellt und bei Heller und Pfennig richtig bezahlt hatte, brauchte in seiner Wirtschaft, wie die Zeugen aussagten, viele Specereiwaaren, aber sie hatten nie bemerkt, daß die Grandisson's dergleichen einkauften! Er stiehlt Kaffee und Zucker und – bei seinem eigenen Hauswirth! Er, der kluge Mann, der seine Kunst über ein Vierteljahrhundert so geschickt ausgeübt, daß er seit der Meisterschaft nie ertappt worden, setzt dermaßen die Klugheitsregel gewöhnlicher Diebe außer Acht, daß er in seiner nächsten Nähe, in seinem Hause und seinem Hauswirth Gegenstände entwendet und aufbewahrt, die sich schwer transportiren lassen und so leicht eine Entdeckung herbeiziehen können! Warum das? – Wir hätten keine Antwort dafür, wenn sie nicht in den folgenden Thatsachen läge. Seine Frau war wegen dieser unnützen Diebstähle aufs äußerste ängstlich und unzufrieden. Sie fragte ihn einst, was sie denn mit den vielen Specereien anfangen solle, die, sich in der Kammer häuften und die sie doch in der Wirtschaft nicht brauche? Er sagte: »Verkaufe sie an unsern Hauswirth.« An den Bestohlenen die gestohlene Sache verkaufen wollen , und unter diesen Umständen, grenzte, wenn Grandisson es nicht ironisch gemeint, an Wahnsinn! Aber er stahl seinem Wirthe auch Taback, wenn er verreiste. Mit seinem früheren Wirthe einst auf einer Vergnügungsreise begriffen, übernachteten Beide in zwei Zimmern, die durch eine Thür verbunden waren. Am Morgen vermißte der Wirth seine goldene Repetiruhr mit Kette, um deren Wiedererlangung er alle mögliche Schritte, wiewol vergeblich, that. Grandisson hatte sie gestohlen und nicht für nöthig gefunden, sie zu verkaufen. Vielmehr war es dieselbe, die man ihm noch 1814 in Berlin bei seiner Verhaftung abnahm, und sie kam nach langem Zwischenbesitz, Reisen und Jahren an den rechten Eigenthümer zurück. Eine solche Uhr an sich zu tragen, verräth eine Kühnheit, die an Vermessenheit grenzt. Aber er steckte auch silberne Löffel in den Wirthshäusern ein, wo er einkehrte, wo er und seine Familie bekannt waren. Vier derselben, die er dem Wirth in Darmstadt entwandt, fanden sich noch in seiner Wirthschaft vor. Er stahl auch Strümpfe für seine Familie, wenn sie deren brauchte oder auch nicht brauchte; 65 Paar einem Handelsmann in Frankfurt gestohlen, fanden sich gleichfalls bei der Haussuchung noch vor. Diese Strümpfe requirirte derselbe Mann, von welchem der mysteriöse, Ludwig Fischer unterzeichnete, Brief herrührte, welcher zuerst dem heidelberger Gericht eine Spur angab, um den Verbrecher zu verfolgen. In dem offenen Laden des Handelsmanns zu Frankfurt war der reiche Herr Grandisson vor drei bis vier Jahren mehrmals vorgesprochen, um mehre Waaren zu kaufen, die er redlich bezahlte. Aber um diese Zeit waren dem Kaufmann auch viele Handschuhe, Strümpfe und Anderes fortgekommen. Zwar war nur Grandisson damals im Laden gewesen, aber wie konnte er nur einem Gedanken Raum geben, daß der immer reiche Handelsherr, der viele Schiffe zur See hatte, in der Hamburger Bank allein 200,000 Mark baar liegen, der feinste Mann von der Welt, der als ein Fürst im Gasthofe logirte und mit der reichsten Equipage vor seiner Thür hielt, daß dieser Handschuhe und Strümpfe entwenden könne? Der Kaufmann erzählte ihm von seinem Verlust und Grandisson hatte lakonisch erwidert: »Man sagt nicht umsonst die Waare , d. h. man muß die Sachen wahren !« Aber dennoch hatte ein anderer Bekannter, und nach dieser Warnung gesehen, wie Grandisson, mit dem Rücken an den Ladentisch gelehnt, mehre Handschuhe weggenommen und in die Rocktasche practicirt hätte. Man stellte ihn darauf auf die Probe. Richtig erfaßte er von vier Päckchen, die zu dem Experimente hingelegt waren, eines und steckte es unter den Rock auf die Brust. Als er merkte, daß man ihn beobachtet, wandte er sich nach der Thür: »Was es so stark schneit!« Als der Kaufmann aber zustürzen wollte: »da vorne schneit es auch«, trat eine angesehene Kundin in den Laden, welcher der Kaufmann seine Aufmerksamkeit wenigstens auf einen Augenblick widmen mußte, und diesen benutzte Grandisson, das Päckchen auf den Boden fallen zu lassen, mit der Elle auf dem Ladentisch es weit von sich zu schieben und eilig fortzugehen. In die Strümpfe war der Name Deneffe gewebt. Auf diesen Vorfall bezog sich die Deutung in dem Briefe des Handelsmannes, der übrigens nicht der erste gewesen, aber wie die andern ohne Erfolg blieb. Zu seiner Frau hatte Grandisson einst, in Bezug auf diese Mahnbriefe, gesagt: »Deshalb kannst du ruhig sein, der Kerl ist noch weniger werth als ich!« Und er trug die gestohlenen Strümpfe ruhig fort. In seinem Nachlaß in Berlin fanden sich noch drei Paar davon. Genug zur Charakteristik eines Diebes, dem das Stehlen so zur andern Natur geworden, daß er nichts liegen lassen konnte, der, wenn er im Ueberfluß war, auch Geringfügiges nicht verschmähte und den das unerhörte Glück so erhoben hatte, daß er, die gewöhnlichsten Klugheitsregeln außer Acht lassend, um Dinge, die keinen Werth für ihn haben konnten, sich der Gefahr der Entdeckung aussetzte. Seine Frau drückte dem durch ihre Versicherung das Siegel auf: das sei ihr das Allerpeinlichste an ihm gewesen, daß er nicht mehr aus Armuth oder Mangel, sondern gestohlen habe, nur weil er es nicht lassen können. Der Thäter lag als Selbstmörder verscharrt unter dem Sande im fernen Berlin, seine Witwe büßte ihre Schuld im Zuchthause zu Bruchsal ab. Es blieben von der einst gerühmten, gefeierten, Familie Grandisson in Heidelberg nichts als die unglücklichen Kinder, eine wunderbar traurige Erinnerung an das gastliche Haus, und ein Gantproceß über. Ein Concursproceß über das Vermögen eines notorischen Straßendiebes, der dieses Gewerbe ein Menschenalter hindurch getrieben, ist in unserer Criminalpraxis gewiß eine seltene, eigenthümliche Erscheinung. Indessen betrug die Activmasse durch Versteigerung des Mobiliars, der Wäsche, des Silberzeugs, der Equipage u. s. w. mit Einschluß des baar vorgefundenen Geldes doch gegen 7000 Gulden, unbeschadet derjenigen Effecten, welche von ihren Besitzern in natura reclamirt wurden. Dahin gehörte ein sehr interessantes, in Gold gefaßtes Portrait einer sehr jungen Dame, rothwangig, blauäugig, mit dunkeln Haaren á la Titus, weißem, stark ausgeschnittenem Kleide mit kurzen Puffärmeln, blauer Bandschärpe und einem blauen Bouquet von Vergißmeinnicht. Der regierende Herzog von Sachsen-Gotha vindicirte dasselbe als ihm zugehörig. Es war auf dem Postwagen von Gotha nach Frankfurt fortgekommen. An dieser traurigen Erbschaft, über welche die Bestohlenen als Gläubiger sich streiten mochten, hatten die unglücklichen Kinder keinen Antheil. Zwei wohlerzogene Kinder, der Knabe schon Gymnasiast, das Mädchen wegen ihrer Sittsamkeit und Anmuth beliebt, bis da gefeiert als die Kinder glücklicher, reicher Aeltern, hatten mit einem Male Alles verloren, ihr Vermögen, ihre Aeltern, ihr Ansehen und mehr als Das – der Fluch eines gebrandmarkten Namens haftete auf ihnen für alle Zeiten. Die allgemeine Theilnahme über ein so grausames Schicksal scheint sofort für die Unschuldigen erwacht zu sein. Der berühmte Criminalist, Stadtdirector Pfister, Inquirent in dieser Sache, verschaffte der Tochter Mathilde, wie er sagt, »eine angemessene, ihr selbst erwünschte Versorgung«. Ihres Bruders Eduard nahm sich »ein hochherziger deutscher Prinz an, und sorgte für seine Erziehung«. Zuweilen fühlen wir uns, wenn eine Geschichte schon zu Ende ist, gedrängt, zu fragen: was wird nun weiter daraus? Aber eine Darstellung, die so abgeschlossen hätte, daß auch die Phantasie nichts weiter zu bilden fände, wäre in der Kunst wie in der Wissenschaft über ihre Aufgabe hinausgeschritten. Etwas muß der Phantasie immer zu ergänzen, etwas Räthselhaftes wird vielleicht bei jeder Gewißheit zurückbleiben. Hier bleibt Jedem überlassen, sich zu fragen, wie war das Wiedersehen zwischen Kindern und Mutter, nachdem diese ihre kurze Zuchthausstrafe überstanden, und wenn jene in Kenntniß, Sitte und Tugend fortschritten, wenn das dunkle Bild des Vaters allmälig aus ihren Augen verschwand, in welcher Art begleitete sie auf einer ehrenvollen Lebensbahn nicht das Bild ihrer Mutter, sondern diese Mutter selbst, die Trägerin einer Erinnerung und einer Schmach, unter der nicht bisweilen zu erliegen nur der höchsten geistigen Erhebung oder dem Leichtsinn möglich, ist. Die Soldprinzessin 1836 An den Jahren 1835 und 1836 waren wol Wenige in Berlin, die nicht von der Goldprinzessin gehört hatten. Wer sie nicht selbst gesehen, hatte sich doch von Andern erzählen lassen, wie sie aussah. Der allgemeine Gegenstand der Unterhaltung, beschäftigte sie die höhern Kreise der Gesellschaft und war doch noch mehr Gegenstand der Neugier, der Bewunderung und des Staunens in den untern. Wenn ihr Wagen durch die Straßen rollte, raunte man sich zu: dort kommt sie. Wenn er vor einem Hause, einem Laden hielt, sammelten sich Neugierige in ehrerbietiger Entfernung, aber auch die umliegenden Fenster öffneten sich, und selbst Personen, welche sonst dem Kitzel für Wunderdinge mit ungläubiger Miene oder einem verächtlichen Achselzucken begegnen, widerstanden doch nicht, einmal den Kopf hinaus zu stecken, um zu erfahren, wie denn das Wunderkind aussah. Man hat die Bemerkung gemacht, daß Berlin, gleich andern großen Städten, wo viel Müßige sind, wenn nicht alljährig, doch Jahr um Jahr, zur Auffrischung aus dem Alltagsleben, einer allgemeinen Nahrung aus dem Reiche des Wunderbaren bedarf, und wenn dieses Bedürfniß recht lebhaft geworden, bietet der Stoff sich von selbst dar. Es wäre nicht ohne Interesse, die Geschichte dieser Chimären, Hoaxe, wie der Engländer sie nennt, zu sammeln und in historischer Reihenfolge aufzuschreiben; wenn auch nur zum Belege dafür, daß die großen Wahnbilder, welche im Mittelalter Länder und Völker in Aufruhr brachten, mit unseligen, doch zuweilen auch heilsamen Folgen, in der modernen Zeit nicht ganz ausgegangen sind, daß Luft- und Dunstgestalten vielmehr noch immer strichweise eine Wirkung auf die Massen ausüben, die unsere Vernunft nicht erklären kann, als wolle so das von der Kritik geächtete Mysterium sich rächen. Wir erinnern nicht sowol an das Choleragespenst, den Wahnglauben von den inficirten Brunnen, der, von Petersburg und Moskau bis Madrid sich erstreckend, uns auf einen Augenblick aus unserer gewöhnten Civilisation in die finstersten Zeiten des Mittelalters versetzte. Wir erinnern nur an die kleinen Spukbilder der Phantasie, die neckend von Ort zu Ort ziehen, wie das von der Dame mit dem Todtenkopf. Sie tauchen aber auch in anmuthigerer, schalkhafter Gestalt auf, wie die Geschichte von der schönen Henriette, oder auf dem Gebiete der Visionen, der Panaceen und für die Menschheit allgemein heilsame Erfindungen. Somnambule, Clairvoyante, kluge Schäfer müssen in einem Reigen mit Tänzerinnen, Sängerinnen oder Hochstaplerinnen den Heißhunger der Blasirten, Müßigen nach dem Pikanten befriedigen. Und die Verständigen werden mit fortgerissen. Die Goldprinzesin in Berlin schien zu den Spukgestalten schalkhafterer Art zu gehören; sie war ein anmuthiges Märchen. Denn daß hinter ihrer Erscheinung eine Mystification ruhe, behauptete die Kritik, die mitten im Fanatismus der Illusionen in Berlin thätig ist, schon bald nach ihrem Auftreten. Es war zu auffällig. Aufgetaucht, man wußte nicht wie, entfaltete die junge Dame einen Glanz und Aufwand, der den Neid erregte. In der elegantesten Equipage fuhr sie durch die berliner Straßen und Spaziergänge, anfänglich mit gemietheten Pferden und Wagen, bald darauf mit eigenen. Wenigstens hatte sie zwei schöne Pferde gekauft, deren Furagelieferung allein monatlich über 50 Thaler kostete und – bezahlt wurde. Außerdem mußten für eine gleiche Summe noch täglich zwei Pferde bei einem Fuhrherrn zu ihrer Disposition stehen. Sie hatte anfangs mit bescheidenen Wohnungen sich begnügt, bald miethete sie größere, kostbarere, eine ganze Villa, zuerst in Charlottenburg, dann im Thiergarten. Sie meublirte sie selbst mit den ausgesuchtesten Gerätschaften. Sie hielt einen Livreebedienten, der sehr im Vertrauen seiner Herrin zu stehen schien, einen Kutscher, Köchin, Dienstmädchen und – eine Gesellschafterin! Man sah diese Equipage und die Dame mit ihrer Begleiterin Tag für Tag auf den Straßen; im Winter war sie fast alle Abende im Theater. Sie hielt Stunden lang vor den besuchtesten Modeläden und kaufte dort kostbare Zeuche, Bijouterien, Uhren, silberne Leuchter, Geschirr, auch Kunstsachen. Die Goldprinzessin war bald die gefeiertste Kundin für die Kaufleute, von ihnen aufgesucht, mit Anerbietungen, Anliegen bedrängt. Aber nicht von diesen allein. Mit den Wagenfabrikanten stand sie noch im lebhaftesten Verkehr. Sie tauschte ihren Wagen mehrmals auf deren Vorstellungen ein, um immer den elegantesten zu haben, und diese Fabrikanten und Kaufleute machten mit der liebenswürdigen Dame doppelt gute Geschäfte; sie war nicht schwierig im Handel und producirte dem Publicum die neuesten Moden. War doch ihre Equipage vor den Kaufläden schon zu einer Schaustellung geworden. Zugänglich, freundlich, verschaffte sie Dem und Jenem, der Capitalien bedurfte, dieselben, wenigstens hieß es so, und die Armen umlagerten ihre Thüre mit mündlichen und schriftlichen Bittgesuchen. Es verlautete, sie gibt Allen. Man sprach von Reisen, die sie nach Brüssel, London unternommen; gewiß wußte man, daß sie mehrmals nach Hamburg und in die böhmischen Bäder gefahren war. Nach Karlsbad und Prag fuhr sie mit vier Pferden Extrapost. Von dort aus hatte sie reiche Geschenke mitgebracht, und auch in Berlin machte sie sehr kostbare, an silbernen Kronleuchtern, Uhren, Gemälden an ihre Bekannten. Der Gattin eines reichen jüdischen Banquiers, mit welcher sie früher in Verbindung gestanden, hatte ein Wagen beim Sattler Konrad sehr gefallen; die Banquierfrau stand mit ihm deshalb in Unterhandlungen. Als die Goldprinzessin dies erfuhr, kaufte sie den Wagen schnell für 1500 Thaler und bot ihn der Dame zum Geschenk an. Das Geschenk ward abgelehnt, die Geschichte aber Verlautbarte. Sie hatte Bekannte, das wußte man, aber ihr eigentlicher Umgang entsprach doch dem Glänze nicht, mit dem sie auftrat. Sie kam in keine Gesellschaft, was man in der fashionabeln Sprache so nennt, noch sah sie Gesellschaft bei sich. Dies konnte den Verdacht gegen sie bestärken, und der Grund, der dafür angeführt ward, war nicht geeignet, ihn zu schwächen. Man sagte, und Einige versicherten es, sie sei die Braut eines reichen brasilianischen Grafen – Villamor , der sich in Hamburg, Brüssel oder Baden in sie verliebt, mit ihr verlobt und sie jetzt reisen und in Berlin verweilen lasse, um sich für die höheren Kreise, in die er sie einführen wolle, auszubilden. Nach Andern war es ein überaus reicher Senator in Hamburg, dessen Name damals viel in Berlin aus Grund einer andern Heirathsangelegenheit genannt wurde. Auch deutsche Grafen, ja sogar Fürsten hatten die Ehre, als Verlobte der interessanten Fremden genannt zu werden. Indessen hatte doch der Brasilianer die meisten Stimmen für sich. Daher ihr ungeheurer Reichthum, – sie sollte oft Weisungen von ihrem Bräutigam erhalten, sich von ihren früheren ökonomisch bürgerlichen Begriffen zu emancipiren und mehr auszugeben, als sie that – daher aber auch ihre anderweite Zurückhaltung von der Gesellschaft. Der brasilianische Graf kannte entweder die berliner Gesellschaft nicht, oder – er wollte seine Braut aus der Ferne beobachten und prüfen. – Henriette Wilke , diesen bescheidenen Namen führte die reiche Dame, war nicht schön; wenigstens lag in den gewöhnlichen Zügen ihres sonst regelmäßig hübschen Gesichtes nichts von einem ungewöhnlichen Zauber, der auf den ersten Blick fesseln kann. In den Gesellschaften, wo sie früher gesehen worden, galt sie für unbedeutend. Wie konnte ein reicher Graf sich so sterblich in sie verliebt haben, daß er mit so ungeheuern Kosten die junge Dame zum Heirathen sich erziehen ließ? Dafür wußte der Volksmund eine ausreichende Erklärung: Henriette hatte einen blendendweißen Teint und in's Röthliche streifende blonde Haare; Graf Villamor war ein Mulatte, oder gar ein Schwarzer. Man weiß, welche brennende Leidenschaft die Farbigen für weiße Frauen entzünden kann. Weiße Haut ist in Amerika Adel, Schönheit; der Farbige, auch reich, auch Graf, ist ein Wesen niederer Art, der seine Blicke zu keiner einheimischen weißen Schönheit erheben darf. Er muß Länder suchen, wo dieses Vorurtheil nicht herrscht. Wer an die andern weißen Bräutigams, Senatoren oder Grafen, glaubte, wußte von einer so abschreckenden Häßlichkeit derselben, daß es schon für eine Art Opfer galt, wenn ein einigermaßen wohlgebildetes Mädchen sich entschloß, ihnen die Hand zu reichen. Alle diese Umstände erschienen als dringende Indicien, daß man einen weiblichen Glücksritter, eine Avanturiere vor sich habe. Es sprechen aber auch ebenso viele Indicien dagegen : Henriette Wilke war keine Fremde, Unbekannte. Sie war ein berliner Kind, oder vielmehr aus Charlottenburg gebürtig. Von armen Aeltern, nachdem sie früh Vater und Mutter verloren, hatte eine sehr geachtete wohlhabende Familie, bei der ihre Großmutter als Wirthschafterin diente, sich ihrer angenommen und ihr eine Erziehung geben lassen, die über ihren Geburtsstand hinausging. Sie war von einem Familienmitgliede zum andern übergegangen, überall mehr als eine Pflegetochter, denn als Dienstbote behandelt. Nachdem sie als Bonne in einer jüdischen Banquierfamilie eine Zeit verbracht, auch hier dem Familienkreise näher stehend als es in der Regel bei Bonnen der Fall ist, war sie zu einer alten, unverheiratheten Dame nach Charlottenburg gezogen, von der noch viel die Rede sein wird, eine bejahrte Dame, die selbst des besten Rufes genoß, aus einer angesehenen Familie, mit ihr schon durch ihre Aeltern bekannt, und mit der sie, man wußte nicht in welchen Verhältnissen, aber doch auf dem vertrautesten Fuße lebte. Schon die Namen aller dieser Familien und das Ansehen, dessen sie sich in Berlin erfreuten, waren für sie eine gewisse Bürgschaft, wenigstens in so weit, daß die Polizei keinen Anlaß hatte, sie mit lästigen Fragen und einer strengen Beobachtung zu verfolgen. Ihre Person, ihr Herkommen waren bekannt, und sie machte keinen Hehl daraus. Nur die Quelle ihres Reichthums war unbekannt; da aber nirgend die Spur eines großen Diebstahls, einer Betrügerei sich zeigte, da Niemand gegen sie Klage erhob, nicht einmal Verdächtigungen einliefen, so war kein Grund vorhanden, um deshalb gegen sie einzuschreiten, weil sie mehr ausgab, als man vernünftigerweise annehmen durfte, daß sie eingenommen habe. War die Polizei auch nicht verpflichtet, zu glauben, daß sie einen reichen Brasilier zum Bräutigam habe, so war sie doch auch nicht berechtigt, es zu bezweifeln. Ueberdem, wenn sie eine Abenteuerin gewesen, was konnte der Zweck ihres Auftretens sein? – Sie drängte sich nicht in die Gesellschaft reicher und vornehmer Familien, wie Personen dieses Gelichters thun, um die Gelegenheit zum Diebstahl und Betruge abzulauschen, sie lebte eigentlich ganz isolirt. Die Personen, mit denen sie sich zunächst umgeben, waren durchaus nicht gefährlicher Art. Ihr Bediente, ein unverdächtiger Mann, hatte früher bei den achtbarsten Herrschaften, zu deren Zufriedenheit, in Diensten gestanden. Ihre Gesellschafterin war eine gebildete Dame, die Tochter eines ehemaligen höhern Justizbeamten, eines akademischen Lehrers und namhaften Schriftstellers seiner Zeit. Hier war also alles Licht ohne Schattenseiten; denn auch als die Polizei aufmerksam wurde, fand sie auch keine Spur einer verdächtigen Verbindung zwischen Henrietten und gefährlichen Subjecten. – Und wen hätte sie betrügen sollen und um was? – Dummköpfe um Geld und Güter? – Sie sagte ja selbst, daß sie persönlich nichts im Vermögen habe, daß sie Alles der Großmuth ihres Bräutigams verdanke. Durch ihre Reize konnte sie Niemand ins Garn locken wollen, da sie sich als Braut eines angesehenen Fremden ausgab, der jeden Augenblick kommen und sie abholen konnte. Außerdem traf sie auch nicht der leiseste Verdacht eines unsittlichen Wandels. Ihr ganzes Auftreten hatte vielmehr etwas Bescheidenes. Während sie ihre Gesellschafterin mit Ketten und Federn ausschmückte, ging sie verhältnißmäßig einfach gekleidet, doch in kostbaren Stoffen. Was sie kaufte, bezahlte sie baar, sehr hoch; man kann eher nach den spätern actenmäßigen Ermittelungen annehmen, daß sie betrogen ward. Sie nahm, was ihr gefiel, sie fragte wenig nach dem Preise, und die Verkäufer wußten den Glanz des Reichthums, den sie um sich verbreitete, und die Wahrnehmung, daß das Geld, als etwas Neues, leicht in ihrer Hand saß, zu ihrem Vortheil auszubeuten. Sie war auch außerordentlich wohlthätig. Die Armen, die ihre Thür belagerten, gingen nie mit leeren Händen fort. Sie gab nicht groschen-, thalerweis, sondern ihre einzelnen Almosen gingen bis in die Hunderte. So rettete sie einen verarmten Edelmann durch eine solche außerordentliche Gabe. Erst als der Ruf ihrer Großmuth sich durch die Stadt verbreitete und die Hülfsbedürftigen von nah und fern sich scharenweis zu ihr drängten, sah sie sich zu Einschränkungen, zu ernstern Prüfungen genöthigt. Auch in dieser Absicht sah man sie umherfahren. Ihre Kutsche hielt vor den Thüren der Armuth, und sie hörte die Bitten der Preßhaften selbst an, oder schickte ihre Gesellschafterin an deren Krankenlager. Selten oder nie fuhr sie ohne Gabe fort, wenn gleich diese Gaben allmälig kleiner wurden. Einer heruntergekommenen Familie hatte sie Hülfe versprochen, um wieder einen Erwerbszweig anzufangen, wenn die Verhältnisse sich so fänden, wie sie dieselben vorgestellt. Die Verhältnisse fanden sich wirklich so, sie konnte aber nun nur 10 Thaler senden. Es geschah mit einem in edlem Stile abgefaßten Begleitschreiben: die Hülfe jedes Menschen, auch dessen, dem das Glück anscheinend vor Allem lächle, sei eine beschränkte, im Uebrigen müsse man Gott vertrauen und Den walten lassen, der unser bester Rath und Helfer sei. Sie schämte sich ihrer armen Verwandten nicht; auch vor deren Thüren hielt oft ihr Wagen. Sie ging zu ihnen hinein, häufiger ließ sie dieselben zu sich herauskommen und pflog mit ihnen von ihrem Wagensitz aus freundliche Gespräche. Würde eine Glücksritterin das gethan, namentlich so öffentlich sich als Verwandte armer Leute aus den niedrigsten Ständen vor aller Welt gezeigt haben? Alles dies sprach allerdings für sie. Und gegen zwei Jahre schon hatte diese Sache gedauert; der Glanz ihrer Erscheinung hatte sich nicht gemindert. Warum will man die einzige gegebene Erklärung nicht annehmen? Warum will man etwas Merkwürdiges und Ungewöhnliches für ein Märchen erklären, wo doch sonst keine andere vernünftige Erklärung ausreicht? Dies war die vorherrschende Stimme im Publicum geworden. Ihre Wohlthaten waren von den Armen laut gepriesen worden; man dürfte sich daher nicht wundern, daß nicht allein Diejenigen, welche für das Wunderbare schwärmen, sondern auch die andern Gemüther für sie und ihre Wahrheit eingenommen waren. Von dieser Seite hörte man die Besorgniß aussprechen: Wenn der brasilianische Graf nur nicht das arme Mädchen sitzen läßt! Andere von kritischem Sinne ließen sich dagegen durch keine Argumente ihren Zweifel ausreden. Sie hörten mit sarkastischem Lächeln die Lobpreisungen der bekannten Unbekannten und antworteten darauf: daß ein Krug nur so lange zu Wasser geht bis er bricht, und der Tag werde schon eintreffen, wo die Polizei die bewunderte Prinzessin abholen werde. Unter den gläubigern oder den sanfteren Gemüthern, die keinen Zweifel hegten, befand sich der Besitzer einer bekannten großen Meubelhandlung in Berlin, Schröder. Die Wilke hatte in seinem Magazin bedeutende Ankäufe zu ihrer Einrichtung gemacht. Sie hatte Alles baar bezahlt; er hielt sie für reich, und hatte sich eines Tages die Frage erlaubt: ob sie, die über so große Capitalien gebiete, auch ihm wol zur Vergrößerung seines Geschäftes einige tausend Thaler verschaffen könne? Die Wilke erwiderte, wenn sie majorenn würde (sie war 23 Jahre alt), wäre sie gern bereit, es ihm selbst zu geben; doch wolle sie auch inzwischen sehen, ob sie es ihm vielleicht bei einer guten Freundin, deren Vermögen disponibel wäre, verschaffen könne? Schon am folgenden Tage kam die Wilke von selbst zu Schröder und eröffnete ihm, daß ihre mütterliche Freundin, die Demoiselle Niemann in Charlottenburg, gern bereit sei, ihm 5000 Thlr. und nur zu 4% und ohne weitere Sicherheit zu seinem Geschäft zu leihen. Das Geld aber liege in Pfandbriefen gegen aufgenommene 500 Thlr. irgendwo deponirt. Diese Pfandbriefe auszulösen, bedürfe sie aber grade dieser Summe und wenn Schröder dieselbe vorstrecken wolle, könne das ganze Geschäft alsbald abgemacht werden. Schröder erkundigte sich nach dem Ruf und den Umständen der alten Niemann, und nachdem er nur Vorteilhaftes und ganz Beruhigendes über dieselbe erfahren, ging er selbst nach Charlottenburg und händigte die 500 Thlr. der alten Dame in Gegenwart der Wilke ein. Die 5000 Thlr. sollte er nun in einigen Tagen erhalten. Aber schon Tags darauf kam die Wilke wieder zu ihm: die Einlösung der Pfandbriefe lasse sich erst gegen Zahlung von 1000 Thlr. bewirken; die Niemann müsse daher noch 500 Thlr. haben; dagegen verspreche sie ihm statt der 5000 Thlr. ein Darlehn von 8000 Thlr. Schröder ließ sich, nach einigen Verhandlungen, auch zur Zahlung der zweiten 500 Thlr. bewegen, doch nur nachdem er die zuverlässigsten Nachrichten über die Solidität der Niemann eingezogen. Dieselbe verpflichtete sich dagegen schriftlich, ihm am 28. Juni 1836 ein Capital von 8000 Thlr. zu leihen und die 1000 Thlr. zurückzuzahlen. Statt des Geldes kam abermals die Wilke zu ihm, und verkündete ihm, daß die Niemann sein Glück machen wolle. Sie habe sich mit ihrer Familie vereinigt, und statt 8000 Thlr. wolle sie ihm 20,000 Thlr. leihen, um den höheren Betrag der Pfandbriefe einzulösen, bedürfe sie aber noch 500 Thlr. Schröder wollte nicht; ein abermaliger Besuch bei den beiden Damen stimmte ihn indeß um. Er zahlte die dritten 500 Thlr. und dafür sollte ihm am 10. Februar ein Capital von 20,000 Thlr. ausgehändigt werden. Der 10. Februar verstrich, aber das Geld kam nicht. Statt dessen die Antwort: daß er am nächsten Montag wenigstens 8000 Thlr. erhalten sollte. Am Montag erschien die Wilke, ohne Geld, aber mit der Nachricht, daß, da der Banquier ihrer Freundin die versprochene Zahlung nicht geleistet, werde sie es von einer andern Bekannten entnehmen. Schröder glaubte – wie sollte er die schon gezahlten 1000 Thlr. verloren geben! – er glaubte auch so weit, daß er der Wilke noch 100 Thlr. zahlte, die sie zur Einlösung bedürfe. Auch über diese letzte Einzahlung von 100 Thlr. erhielt er, bei einem neuen Besuche, von der Niemann einen Schein, und der 13. Februar ward jetzt als Zahlungstag bestimmt. Aber noch am selben Tage erfuhr Schröder, daß andere Personen, namentlich ein Futterhändler in Charlottenburg, aus den Händen der Wilke von den Cassenscheinen erhalten, welche er ihr oder der Niemann zur Einlösung der Pfandbriefe gegeben. Ja für einen der Scheine von 300 Thlr. hatte die Wilke zwei Pferde gekauft. Er stürzte nach Charlottenburg und traf die Wilke und ihre Gesellschafterin Alfrede bei der Niemann. Auf seine heftigen Vorwürfe antwortete auch mit Heftigkeit die Gesellschafterin: er urtheile voreilig, ihm könne es doch ganz gleich sein, ob die Wilke ihre Privatschulden mit dem von ihm geliehenen oder mit ihrem eigenen Gelde ausgezahlt habe; die Wilke selbst schien zuerst verlegen, später empört. Die heftige Scene endete mit einer Aussöhnung, welche die Gesellschafterin bewirkte. Schröder ließ sich bereden, noch bis zum 27. Februar zu warten. Als auch am 27. Februar kein Geld kam, erwuchs bei Schröder eine sehr begreifliche Angst. Er ging zur Polizei. Der damalige Präsident Gerlach fand keinen Grund gegen die Wilke und noch weniger gegen die anerkannt unbescholtene und wohlhabende Demoiselle Niemann, die noch dazu Eigenthümerin in Charlottenburg war, einzuschreiten, und auch der berühmte Polizeirath Duncker mußte von seiner entgegengesetzten Ansicht abstehen, als die Wilke sich vollkommen gegen ihn legitimirt hatte. Schröder blieb nichts übrig als gegen die Niemann klagbar zu werden. Inzwischen verständigte man sich. Schröder beschränkte seine Foderung auf die Rückzahlung der 1600 Thlr. und auf ein kleines Capital von 8000 Thlr. Beides ward ihm zugestanden. Damit er aber kein weiteres Mistrauen hegen solle, foderte die Wilke die Demoiselle Niemann auf, ihm wenigstens das Geld zu zeigen, welches er erhalten solle. Die Niemann holte aus ihrem Schrank ein versiegeltes Packet mit der Aufschrift: 10,000 Thlrn. in pommerschen Pfandbriefen. Schröder verlangte die sofortige Uebergabe, die Wilke, die immer für die Niemann das Wort führte, erklärte, daß dies wegen Familienverhältnisse nicht anginge, er könne die Pfandbriefe erst am 30. März erhalten. Auch am 30. März erhielt er noch nicht sein Geld. Aber die Wilke kam mit ihrer Gesellschafterin zu ihm, und erklärte ihm: daß dieselben Familienverhältnisse auch jetzt es der Niemann noch immer unmöglich machten, ihr Versprechen zu erfüllen. Zu seiner vollkommenen Sicherheit und damit er keinen Verdacht schöpfe, händigte sie ihm aber Namens der Niemann das versiegelte Packet mit den 10,000 Thlrn. in Pfandbriefen ein, jedoch mit der Aufgabe: dasselbe erst am 5. April zu öffnen, wenn bis da keine anderweitige Zahlung erfolgt sei, die Pfandbriefe zu versilbern, 1600 Thlr. für sich zurückzubehalten, 8000 Thlr. als Darlehn anzunehmen und den Ueberrest der Niemann zurückzuerstatten. Alle Theile schienen nun befriedigt. Zwar hatte Schröder den Versuch gemacht, die Erlaubniß zur Oeffnung auf den 2. April schon zu erwirken; aber als er scherzhaft gedroht, es auch ohne Erlaubniß zu thun, hatte die Gesellschafterin, Demoiselle Alfrede, ihm das Unziemliche dieser eigenmächtigen Handlung ernsthaft vorgestellt: es würde dies die gute Niemann aufs äußerste beleidigen; sie halte ihn aber für einen so ehrlichen Mann, daß sie des Vertrauens sei, er werde es nicht thun. »Aber am 5. werde ich die Oeffnung in Gegenwart von Zeugen vornehmen«, erwiderte Schröder. Bei dieser Aeußerung schien die Wilke und ihre Gesellschafterin sichtbar befangen. Am 4. April ersuchte die Wilke den Schröder, das Packet bei der Niemann in Gegenwart ihrer Verwandten zu eröffnen. Schröder versprach es zwar, ging aber am 5. statt dessen, auf polizeiliche Anweisung, zu einem Notar, der die Siegel erbrach und statt der 10,000 Thlr. in Pfandbriefen in dem Couverte nichts fand, als – mehre Bogen leeres Papier. So war das Räthsel denn mit einem Scherenschnitt bloßgelegt. Ein Betrug lag vor, der weit mehr ahnen ließ. Aber wer waren die Betrogenen, wer die Betrüger? Von jenen erschien auf dem Platze nur der Möbelhändler Schröder, dessen 1600 Thlr. aber unmöglich zu dem Aufwande der Wilke ausgereicht hätten, auch waren sie erst in letzter Zeit von ihm entlockt worden. Woher kamen ihr die Mittel zu ihrer Verschwendung bis dahin? Und war denn die Wilke die alleinige Betrügerin? Sie hatte ja nur als Vermittlerin für die Demoiselle Niemann gehandelt, diese hatte das Geld empfangen, diese darüber Verschreibungen ausgestellt, diese das Packet mit leerem Papier in ihrem Besitz gehabt und es Schröder gezeigt und später zugestellt. Die Gesellschafterin Alfrede hatte am lebhaftesten zu Schröder's Täuschung das Wort geführt. Also erschien auf den ersten Blick hier ein ganzes Complot weiblicher Schwindler, welche insgesammt sofort hätten verhaftet werden müssen. – Dies geschah aber nicht, und mit Recht, wie sich bald ergab. Die Auflösung, die kaum einer gerichtlichen Untersuchung bedurfte, erfolgte schon auf polizeilichem Wege, und so schnell, als der Betrug lange und mit unglaublichem Glücke geführt worden. Ehe wir zu dieser Auflösung schreiten, gehen wir neun Jahre zurück, um die Hauptpersonen in der Tragikomödie kennen zu lernen. Das überwiegende Interesse an diesem Rechtsfall ist ein psychologisches. Man muß die Persönlichkeit der Betrogenen kennen, um das kühne, leichtsinnige und schamlose Intriguenspiel zu begreifen, welches jedem mit dieser Individualität nicht Vertrauten ganz unglaublich erscheinen mußte. In Charlottenburg lebte in ihrem eigenen Hause eine 70jährige, unverheirathete Dame, die wir Niemann genannt haben. Es wäre möglich, daß ihre achtbaren, noch lebenden Verwandten durch Nennung des Namens bei einer ohnedies für sie traurigen Erinnerung unangenehm berührt würden. Auch die jetzt verstorbene Demoiselle Niemann war eine durchaus achtbare, ganz unbescholtene Dame. Tochter eines längst verstorbenen Kriegs- und Domainenrathes, lebte sie von den Einkünften des ihr eigenthümlich zugehörigen Hauses und einem Vermögen von gegen 12,000 Thlrn., welches sie in Staatspapieren und Pfandbriefen selbst in Verwahrung hatte. Sie lebte, von der Welt zurückgezogen, still und häuslich und genoß, weil sie Niemand wehe that und alle rechtlichen Verbindlichkeiten gewissenhaft erfüllte, die allgemeine Achtung, verbrauchte aber, bei ihrer großen, dem Rufe nach an Geiz grenzenden Sparsamkeit nicht alle Einkünfte, sodaß ihr Vermögen im Verlauf der Jahre noch anwuchs. Sie galt für sehr reich. Man konnte sie, auch wie die spätere Untersuchung ergab, nicht für eigentlich schwachsinnig erklären; aber das Alter, die Zurückgezogenheit von der Welt, hatten sie, die immer beschränkten Verstandes war, schwach gemacht. Während sie, wie das häufig bei so ganz zurückgezogen lebenden ältlichen Frauen der Fall ist, mistrauisch war gegen ihre nächsten Verwandten, deren Aufmerksamkeiten und Liebesbeweise erwartend, und doch gelegentlich darin nur Zeichen einer klugen Berechnung und Speculation auf die Erblasserin fürchtend, immer gekränkt in ihrem Selbstgefühl, eigensinnig im Kleinen, konnte sie ohne Ahnung von den Ränken und Listen, die in der Welt wirklich vorkommen, ihr Vertrauen fremden Personen zuwenden, die sie nicht kannte, also auch nicht fürchtete, wenn diese in glücklichen Momenten ihre Lieblingsneigungen und Schwächen zu benutzen wußten. Pauline Henriette Wilke war ihr von ihrer Geburt an wohl bekannt, als Tochter eines Hausdieners bei einer nahen Verwandten. Die Niemann hatte bei ihr Pathenstelle vertreten und sich schon früh für das Kind interessirt, besonders als eine andere Dame, die sich ihrer Erziehung aus Mitleid angenommen, die Niemann auf dem Todtbette gebeten, nun ferner die Sorge für dieselbe zu übernehmen. Pauline war auch wirklich, nach dem Tode der Madame Sanderath, bei der Niemann aufgenommen worden, bis sich eine Stellung für sie als Bonne in einer reichen Banquierfamilie in Berlin fand. Das freundschaftliche Verhältniß änderte sich auch jetzt nicht, vielmehr hinterbrachte Pauline der alten Dame Alles, was sie erlebt, und erzählte ihr von den Herrlichkeiten in dem reichen Hause, den Spazierfahrten, welche sie mit der Familie gemacht, und manchen interessanten und – vornehmen Bekanntschaften. Pauline hatte auch die der Fürstin Radziwill gemacht. Diese erlauchte Prinzessin, aus königlichem Geblüt, war wegen ihrer Leutseligkeit, ihrer Bildung und ihres Wohlthätigkeitssinnes bekannt. Daß sie sich einer jungen, angenehmen Waise annahm, hatte nichts Auffälliges; sie hat sich vieler derselben angenommen und für deren Erziehung und Fortkommen Sorge getragen. Pauline Wilke hatte eine Erziehung über ihren Stand hinaus empfangen, sie war schon in den letzten Jahren an Kenntnissen und Weltbildung sehr vorgeschritten; für die in ihrer Einsamkeit eingeschüchterte alte Dame konnte sie eine ebenso liebenswürdige, als imponirende Erscheinung sein. Die Fürstin hatte Paulinen, auf deren Bitte, ganz in ihren Schutz genommen, um ihr bei einer auf Staatskosten zu errichtenden Schulanstalt eine Stellung zu verschaffen. Hierzu aber war, hatte die Fürstin erklärt, ein gewisser Fonds erfoderlich; vielleicht dürfte die Niemann denselben für ihre Pathe hergeben. Die Niemann, um das Glück Paulinens zu begründen, gab 500 Thaler, welche diese mit Dank annahm, um sie der Fürstin zu überbringen. Das innige Verhältniß zwischen der Pathe und dem Pathenkinde wuchs dadurch. Voll Dankbarkeit besuchte Pauline ihre Wohlthäterin nur noch öfter, sprach mit Lebhaftigkeit über die Schule, daß sie auf Veranstaltung des Ministers Maaßen (Finanzminister) jetzt examinirt worden, daß man sich über ihre Fähigkeiten gewundert hatte, daß ihre Anstellung unzweifelhaft sei, die Fürstin Radziwill aber gewünscht habe, daß Pauline noch etwas reise, um sich zuvor auszubilden. Pauline reiste auch wirklich fort, und während ihrer Abwesenheit in Hamburg empfing die Niemann einen ersten eigenhändigen Brief von der Prinzessin Radziwill. Da die Correspondenz zwischen der Fürstin und der alten Dame späterhin sehr lebhaft wurde, können wir nur einige dieser charakteristischen Briefe mittheilen, halten es aber doch für angemessen, diesen ersten (soweit er sich aus den von Staub und Alter angefressenen Actenstücken herstellen läßt) als den Anfang derselben hier ganz herzusetzen, obwol er an Interesse manchen der folgenden nachsteht. »Werthgeschätzte Mademoiselle Niemann. »Erlauben Sie, daß ich Sie so nennen darf, denn ein Vertrauen verdient das andere. Ich wollte Ihnen nur zu wissen thun, daß die Sachen der Schulübernahme, unserer guten Jettchen betreffend, jetzt ganz (in Ordnung) sind, und daß Sie, gute Mademoiselle Niemann, die Sparkassenbücher, sowie die 100 Thaler vom Schuldepositorium am 1. October eigenhändig werden ausgeliefert bekommen. Empfangen Sie meinen, des Schulraths und der Stadt allerherzlichsten Dank; denn durch Ihre große Güte, liebe Mademoiselle, haben wir etwas Großes zu Stande gebracht. Das Mädchen hat einen außerordentlichen gescheidten Kopf, hellen Verstand, sodaß man bedauern muß, daß es kein Mann ist . Was besser für König und Vaterland wäre! – – »Unser gutes Jettchen befindet sich jetzt in Hamburg bei Herrn Humbert; indeß wir erwarten sie alle Tage zurück. Wir haben nämlich noch eine kleine Schwierigkeit zu überwinden. Wir hatten nämlich die 500 Thaler zum Schulfonds bestimmt, allein es haben sich doch noch einige Ausgaben eingefunden, auf denen wir nicht gerechnet hatten, sodaß uns jetzt noch 250 Thlr. übriggeblieben sind; der König, der mit dieser unserer Unternehmung außerordentlich zufrieden ist, und den Unternehmungsgeist des jungen unschuldigen Kindes bewundert und anstaunt, wünscht aber, daß der Fonds um 400 Thlr. vermehrt werden möchte, sodaß er doch aus 650 Thlr. bestehe; der König erbietet sich, alle halbe Jahre 6 Procent zu erstatten, damit diese Summe sobald als möglich abgetragen werden kann: So werde ich nun von Sr. Majestät, unserm gnädigen Könige, beauftragt, Sie, beste Mademoiselle, zu fragen, ob Sie bereit wären, dem Staate zu diesem Unternehmen auch diese Summe noch auszuzahlen. Der König bewundert Ihre Liebe und Güte und beauftragt mich, Ihnen zu sagen, daß er gern Höchstselbst Sie mit einem eigenhändigen Schreiben beehrt haben würde, wenn sich Se. Majestät nicht in Teplitz befänden. Der Herr Justizminister Maßen (!Es ist stark, daß die Fürstin Radziwill nicht einmal den Justiz- vom Finanzminister zu unterscheiden weiß!) wird Ihnen im Namen Sr. Majestät des Königs sobald als möglich seine Aufwartung machen, weil der König wünscht, daß diese Sache nur durch Sie, gute Mademoiselle Niemann, durch mich, durch (Name, der nicht zu lesen) und durch ihm abgemacht werden soll; weil es dann eine königliche Schule ist, und nicht allein dem Staate, sondern auch der jungen Unternehmerin einen unberechenbaren Nutzen einbringen kann. So habe ich nun den Antrag Sr. Majestät an Sie, beste Mademoiselle, ausgerichtet und hoffe im Vertrauen zu Gott und Ihre Liebe, daß das Unternehmen gesegnet sein möge. Sie erwarten Ihr Jettchen ganz gewiß, ihr erster Gang ist dann zu (Ihnen?), sowie sie aus dem Postwagen steigt, fährt sie nach Charlottenburg, bitte, aber ihr nichts vom Könige zu sagen, der König will durch ein eigenhändiges Schreiben überraschen, zeigen Sie ihr auch nicht diesen Brief, sondern sagen ihr, ich wäre bei Ihnen gewesen und hätte mit Ihnen darüber gesprochen. Wollen Sie nun gütigst des Königs Bitte erfüllen, so schreiben Sie gefälligst am Minister Maaßen ein Paar Zeilen, siegeln Sie die Staatsschuldscheine gut zu und geben Sie Beides der Jettchen und sagen Sie ihr, daß sie dies gleich zum Minister Maaßen bringt – – (eine unleserliche Zeile) denn wohl gute Mademoiselle Niemann, der Himmel segne Sie, ich werde nächstens so frei sein und Sie besuchen Jettchen soll mich den Tag zuvor bei Ihnen anmelden. Louise Fürstin Radziwill Königl. Hoheit.« Wie hätte die alte, gerührte Dame einer fürstlichen Bitte, vorgetragen in einem so mehr als leutseligen Briefe, widerstehen können! Ihr Herz war erweicht, ein Acker, fruchtbar gemächt für weitere Aussaat. Sie that, um was sie gebeten war, schrieb an den Minister Maaßen, siegelte die 400 Thlr. ein und händigte ihrem Jettchen, das zu rechter Zeit kam, den Brief ein. Bald darauf erhielt sie durch deren Vermittelung auf einem 15 Silbergroschen Stempelbogen folgende Quittung: »Ein Königlich preußisches Schuldepositorio bescheinigt hiermit, daß es von Demoiselle Henriette Niemann aus Charlottenburg 900 Thlr. (schreibe neunhundert Thaler) in Staatsschuldscheinen gegen 12 Procent Zinsen jährlich geliehen bekommen hat. Berlin den 9. August 1834. Ein Königl. Preuß. Schuldepositorium. Unterschrift der Schulvorsteherin H. L. P. Wilke. Maaßen Staatsminister.« Wenn noch ein Zweifel in der alten Dame obgewaltet hätte, müßte ein solches Document ihn vollständig beseitigt haben. Es war auf einem Stempelbogen, der Name eines Ministers stand darunter, ihr Jettchen hatte es schon als Schulvorsteherin mit unterzeichnen müssen und ihr waren 12 Procent Zinsen versprochen. Aber Pauline (oder Jettchen, so ward sie gewöhnlich genannt) mußte sich weiter ausbilden, sie mußte weiter reisen. Eine Gräfin Osten Sacken, eine specielle Freundin der Fürstin Radziwill, nahm sie mit nach Frankreich und England. Doch kehrte sie schon Anfang October 1834 zurück, nachdem sie ihrer Pathe von Hamburg aus geschrieben, daß sie auf einem Schiffe in der Nähe dieser Stadt die Bekanntschaft des Grafen Villamor gemacht und sich mit demselben verlobt habe. Ihre Erzählungen bei der Rückkehr flossen über von Seligkeit und Entzücken. Wie reich hatte der großmüthige Graf sie beschenkt; von seinem Gelde konnte sie eine eigene Wohnung miethen, eine bessere Einrichtung sich beschaffen. In einem halben Jahre wollte er sie abholen. Die Fürstin Radziwill hatte sich dahin geäußert, daß dem Könige der Graf Villamor bekannt sei. Aus der Schule dürfte nun wohl nichts werden. Pauline Wilke fuhr nun häufig zur Fürstin Radziwill, wo sie auch die Bekanntschaft des Königs Friedrich Wilhelm III. machte, eine für sie und die alte Niemann höchst einflußreiche Bekanntschaft, von der wir demnächst reden wollen. Zuvor müssen wir indeß die minder hohe mit der Fürstin Radziwill noch näher ins Auge fassen. Die alte Dame war ohne ihr Wissen und Willen in eine Correspondenz mit der edlen Fürstin gerathen, die immer inniger werdend, endlich in eine Art von Freundschaftsbund zwischen Beiden, die sich nur aus ihren Briefen kannten, ausging. Die Briefe der Fürstin athmen sämmtlich eine Güte und Herzlichkeit, die auch in Romanen selten vorkommt, sich oft in weiblicher Schwatzhaftigkeit ergeht, doch aber auch hier und da ihre reellen Zwecke hat. So heißt es in dem einen (sie sind meistens ohne Datum): »Meine gute, liebe Niemann, allemal freue ich mich, wenn mein Paulinchen mir einen Brief von Ihnen bringt. Aber gute Niemann, warum sagen Sie mir so vielen Dank für das, was ich an Sie zu thun schuldig bin, waren Sie denn nicht gegen mich so liebevoll und freundschaftlich! Das werde ich Ihnen nie vergelten können.« Die Prinzessin verspricht ihr dafür nächstens Moirée zum Sophaüberzuge. Zum Schluß aber bittet sie, wenn die Niemann Pfandbriefe von verschiedenen kleineren Summen habe, ihr dieselben zu schicken, sie werde ihr dafür andere zum Silberbetrage »durch Fräulein von Langen (ihre Hofdame) zurückschicken. Fräulein von Langen möchte Sie so gern einmal sprechen.« Die Prinzessin schüttete aber auch ihr Herz vertrauensvoll gegen die neue Freundin aus, sie machte sie zur Mitwisserin ihres Kummers. »Meine gute, liebe Mamsell Niemann, wie könnte ich es wol länger anstehen lassen, Ihnen zu sagen, was für ein freundschaftliches Gefühl ich für Sie beste Seele in meinem Herzen trage! Sie nehmen an all meinen Schicksalen einen so innigen, so ungeheuchelten Antheil und ich sollte Ihnen meine Dankbarkeit dafür nicht an den Tag legen? Gerne wäre ich schon zu Ihnen gekommen, meine Beste, um an Ihrer Seite, an Ihrem theilnehmenden Herzen meinen Kummer auszuschütten, allein meine Umstände wollen es mir nicht erlauben, auch eine Fürstin kann sich in einer traurigen Lage versetzt sehen, in einer solchen Lage, die sie Niemanden beschreiben darf, sondern ausharren muß, bis Gott sie ändert! – Unser Jettchen ist eine glückliche Braut! Wohl ihr, sie verdient es, glücklich zu sein, sie ist ohne Falsch und ein gutes Kind, die kleinen Faseleien habe ich von Herzen verziehen! Jetzt meine liebe Freundin will ich Ihnen Lebewohl sagen, bald werde ich einmal bei Ihnen sein, leider ohne mein Kind: schreiben Sie mir ein Briefchen und schicken Sie's mir durch das gute Jettchen, nicht mit der Post, indem ich die Briefe von der Post nicht selbst öffne, ich erwarte ihn mit Sehnsucht, könnte ich Sie doch nur erst sprechen, ich fuhr eines Tages vorbei und sah Sie mit einigen Damen vor der Thür stehen, ich wäre gern ausgestiegen, aber ich wollte Sie nicht stören, indeß ich habe keine Ruhe, bald werde ich bei Ihnen sein und mir Ihre Freundschaft ausbitten. »Noch einmal leben Sie wohl, meine gute Mamsell Niemann, und erfreuen Sie bald mit einem Brief Ihre Sie aufrichtig liebende Freundin Louise de Radziwill.« Ueber diesen seltsamen Brief mit der deutungsvollen Stelle: »Auch eine Fürstin kann sich in einer traurigen Lage versetzt sehen« gab Pauline der alten Dame auf deren Befragen eine für die Niemann allerdings zuerst überraschende Aufklärung: die Fürstin liege mit ihrem Bruder, dem wohlbekannten Prinzen August, in einem Processe wegen Brillanten. Deshalb befinde sie sich in Geldverlegenheiten und gebrauche grade 700 Thlr., die sie nirgend auftreiben könne, wenn die Niemann ihr dieselben nicht verschaffen wolle. Daß die edle Fürstin in einer solchen Lage sich befand, geht auch aus andern Briefen derselben an ihre Freundin hervor, die, beiläufig gesagt, wie die meisten Damenbriefe ohne Datum sind. In dem einen heißt es: »Daß Sie betrübt sind, liebe Gute, kann ich mir sehr gut denken und es Ihnen nicht verargen, denn es geht mir ebenso, ich muß mir das meinige erbetteln , und habe es vor Weihnachten nicht zu erwarten. Ich möchte gern reisen, auch hierzu weigert der Eigensinn des Monarchen mir zu zahlen.« Die gute Niemann half der Prinzessin aus ihrer Noth, indem sie derselben 700 Thlr. durch die Wilke übersandte, und es war dies nicht das letzte Mal. Die Correspondenz zwischen Beiden drehte sich von nun an um die drückenden Verhältnisse der Fürstin, um ihre Dankbarkeit, um ihre Geschenke, die sie der Niemann sandte, um ihre Wünsche, die edle Dame doch endlich einmal persönlich zu sehen, Wünsche, deren Realisirung aber immer etwas in den Weg trat. Da heißt es denn: »Von der Dankbarkeit Ihres Herzens bin ich fest überzeugt und es thut mir weh, wenn Sie mir danken für das, was ich Ihnen zu geben schuldig bin. Die Reihe zu danken ist an mir.« – Die Prinzessin »nimmt sich die Freiheit«, der Niemann etwas von ihrem Weihnachtstische zu schicken. Dann heißt es im Briefe weiter: »Auch war ich so frei, für Sie, meine Gute, Thibet zu kaufen zu einem Oberrock, allein Jettchen ist so eigensinnig dieses Zeug nicht mitzunehmen, denn sie sagt Sie möchten sonst glauben, sie hätte mir gesagt dieses Zeug für Sie zu kaufen, was doch der Fall nicht ist; Ich bin auf Jettchen entsetzlich böse, denn ich will meinen Willen durchsetzen, sie soll es Ihnen übergeben. Was sagen Sie zu unserm guten Monarchen, er meint es so gut mit Sie und spricht so gern von Ihnen, er hat Ihren Herrn Bruder, den Bergcommissarius, den Sie am liebsten haben, die Sache anvertraut, bitte aber Jettchen nicht zu sagen, daß ich Ihnen dies geschrieben. Denn sie ist mit dem König sehr vertraut, was mir sehr viel Freude macht. Ende Mai wird der Graf Villamor hier sein, er wird sie überraschen, meine Freude ist groß. – Was mögen Sie von mir denken meine gute Niemann, so oft habe ich versprochen Sie zu besuchen, oder Sie zu mir kommen zu lassen, indeß der passende Augenblick war immer noch nicht da doch bald wird er erscheinen. – Dann wollen wir manches Stündchen uns von den Bildern der Vergangenheit erzählen die noch so lebhaft vor Augen stehen. – Nur meine Elise fehlt dann – – Bitte Paulinchen den Kopf zu waschen, schicken Sie mir bald eine Antwort durch das liebe Mädchen.« Es hatte nicht an mancherlei Störungen dieses schönen Verhältnisses von anderweits her gefehlt. Nicht daß die Familie der alten Dame von deren Verbindung mit der Fürstin Radziwill oder der spätern mit dem Monarchen mehr als dunkle Andeutungen erfahren (allein durch Paulinens scherzhaftes Gelüst und Eitelkeit, denn mit loyaler Gewissenhaftigkeit beobachtete die Niemann, wie ihr anbefohlen, das unverbrüchlichste Schweigen); aber das immer engere Zusammenhalten ihrer Schwester und Tante mit Pauline Wilke hatte dem Bruder und den Nichten Besorgniß eingeflößt. Es fehlte nicht an Winken, Warnungen, Reibungen. Die Nichten konnten es nicht verbergen, daß Paulinens Anwesenheit bei der Tante sie in Unruhe versetzte, die von derselben ihnen übersandten kleinen Geschenke waren ihnen ein Aergerniß, es gab Verstimmungen, Reibungen. Auch von diesen häuslichen Verhältnissen hatte die gütige Prinzessin Notiz genommen; auch hier griff sie als wahre Freundin rächend, tröstend ein. Da heißt es in einem Schreiben: »Nun aber meine Freundin ein Wörtchen über meine Pauline, die mir jetzt mein Alles ist. Wie weh thut es mir, daß sie um Ihre lieben Nichten so kummervolle Tage verleben muß, wie traurig ist ihr Aufenthalt in Karlsbad gewesen (wohin sie damals eine Badereise gemacht) und wie grausam von Beiden ... (der zurückgebliebenen Schwester und Mutter ihrer Gesellschafterin Alfrede) sie nicht zu trösten und gut zu sprechen. Jene ihre (deren?) Liebe für Friedrikchen (?) ist grenzenlos. Was thun ... 's für Kabale und Hinterlist und nur aus Habsucht. Prüfen Sie doch selber, liebe treue Niemann. Sehen Sie doch zu, daß Sie das alte ehemalige Verhältniß wieder herstellen können und dringen Sie darauf, daß Pauline die Geschenke, die den beiden Damen bestimmt waren, abliefert, denn eben dies ist es, was ihr melancholisch macht. Genaue Nachrichten über Ihre Fräulein Nichten haben mir sie in einem schönen Lichte kennen gelernt, und ich glaube besser als Sie sie selbst kennen, da Ihnen rechtschaffene Leute zur Schilderung fehlten. Sagen Sie meiner Pauline, sie möchte nicht glauben was sie neulich gehört, es wäre nicht kalter, stolze... der die beiden Damen beherrschte, es wäre der treue biedere Sinn der Niemann'schen Familie, durch welchen sie den ersten ihrer Urväter noch ehren. (?) Gräßliche Verleumdung ist hier im Spiel von einer Seite, wo sie es gar nicht ahnten. Beachten Sie aber keine glatten Worte, eben diese sind es, die so gefährlich sind. Thun Sie mir die Liebe und sorgen Sie für meine Pauline, denn sie ist mein Alles! und meine Freude; sobald ich zurückkehre, treffe ich mit ihrer Umgebung eine Veränderung.« – In einem andern Briefe heißt es: »Mit Ihrem Herrn Bruder kann ich wahrhaftig gar nichts anfangen, als Ihnen nur den Rath geben, daß Sie ihn nach vier Wochen ganz kühl behandeln, ebenso wie er (thut oder verdient?) nur auf solche Weise können Sie – – ihm zeigen, daß Sie keine Wünsche haben. Mein Name würde in seinem Munde eben solchen Affront erleiden, wie – – also über Alles Verschwiegenheit .« Wie unglücklich die gütige Prinzessin war, daß immer Hindernisse einer persönlichen Zusammenkunft zwischen ihr und der alten Dame in den Weg treten mußten: »Die Prinzessin der Niederlande wird heute erwartet, und da sind sämmtliche Damen vom Hofe bestellt selbige in ihrem Palais zu bewillkommnen. Sie, gute Niemann, werden mir die Freude machen, am Mittwoch ein Täßchen Kaffe bei mir zu trinken, und dabei soll uns Niemand stören. Paulinchen weiß noch von gar nichts, bitte ihr auch ja nichts zu sagen, denn das liebe Kind würde sich gewiß grämen.– – – Was sagen Sie zur Beleidigung, die Pauline wieder hat erleiden muffen. Das liebe Mädchen hat viel zu kämpfen!« Solche familiaire Briefe wurden dann durch andere Briefe erwidert, in denen die gute alte Dame nicht Worte genug für ihre gerührte Dankbarkeit und Beschämung zu finden wußte, wovon die Concepte (und auch die Originale!) sich ziemlich vollständig in den Acten wiederfinden. Ihr Charakter erscheint uns darin von einer ehrenwertheren Seite: »Gott legt den Menschen Prüfungen auf (schreibt sie der Prinzessin, welche kurz vorher ihre Tochter verloren hatte), die wir mit Vertrauen zu ihm ertragen müssen, indem er die schöne Hoffnung des Wiederfindens in unsere Herzen gelegt hat, welches uns die Beruhigung gibt, daß sie für uns nicht verloren seien, sondern in einer bessern Heimath als verklärte Engel wieder begrüßen werden. Gott wolle Ew. Königl. Hoheit mütterliche Trauer auch darin lindern. – Die Verwandlung mit Paulinens Schicksal war mir sehr überraschend, es soll mir freuen wenn es zu ihrem Glück ist, oft ist es der äußere Glanz nicht; will nur wünschen daß ihr Gegenstand recht gut mit ihr meint, es ist ein starker Entschluß von ihr, so weit in ein fremdes Land zu gehen, wo sie Niemand kennt. Es scheint daß sie zu etwas außerordentliches bestimmt ist ; ich hätte gewünscht, daß sie sich Ew. Königl. Hoheit früher entdeckt hätte, da lediglich Höchstdieselben den Weg zu ihrem Glücke bereitet haben.« Der Glaube in der alten Dame war übrigens erst durch Zeit und Umstände gewachsen. Zu Anfang schien es doch ihr selbst überraschend und kaum glaublich, daß ein so einfaches Mädchen wie ihre Pauline nicht allein Zutritt, sondern auch ein solches Vertrauen bei der Fürstin und in so kurzer Zeit sich erworben haben sollte. Während Paulinens erster Reise nach Hamburg hatte sie deshalb mit der Post zwei Briefe an die hohe Dame gerichtet, in denen sie, dunkel auf die Verhältnisse anspielend, um eine Audienz bat. Das erste Mal ward ihr dieselbe abgeschlagen, weil die Fürstin krank sei, auf den zweiten erhielt sie unterm 10. November 1834 folgende Antwort von der Hofdame der Fürstin, Fräulein von Langen: »Ew. Wohlgeboren muß ich im Auftrag Ihrer Königl. Hoheit sagen, daß ihr leider der Brief, den Sie ihr geschrieben, ganz unverständlich ist. Die Prinzessin weiß nicht, wen Sie unter Jettchen verstehen, auch hat sie nichts erhalten, wie Sie es zu vermuthen scheinen. Sie ersucht daher Ew. Wohlgeboren, ihr deutlicher auseinanderzusetzen, welcher Art Ihr Anliegen ist und wer Jettchen ist. , Mit u.« Ein solches Schreiben hätte der Niemann vielleicht die Augen geöffnet, aber ehe sie es empfing, war Pauline von ihrer Reise zurückgekehrt. Sie kam plötzlich, wie in Affect zu ihr in die Stube mit der Nachricht: eben habe die Prinzessin Radziwill einen reitenden Jäger zu ihr geschickt und ihr sagen lassen, sie sei in hohem Grade darüber aufgebracht, daß die Niemann sich erdreiste, direct durch die Post Briefe an sie zu schicken und in Briefen, die, wenn sie auf diesem Wege ankämen, auch durch andere Personen erbrochen würden, von ihren gegenseitigen Verhältnissen zu sprechen. Dadurch werde ein Geheimniß veröffentlicht, dessen gewissenhafte Bewahrung Se. Majestät der König ausdrücklich verlangt habe. Sie, die Niemann, möge sich nicht wieder unterfangen, sei der ausdrückliche Befehl der hohen Frau, so wenig dem allerhöchsten Vertrauen des Königs zu entsprechen. Diesmal wolle sie noch den gethanen Schritt vergeben; die Fürstin habe sich aber nicht anders zu helfen gewußt, als zur Täuschung höchstihrer Umgebungen ihre Verwunderung auszusprechen und ihr schreiben zu lassen, als wisse sie von dem ganzen Verhältnisse nichts. Erst nach diesem Auftritte kam der Brief der Hofdame an. Nur wer ein Auge und Ohr in den geheimsten Zimmern der prinzlichen Hofhaltung hatte, konnte die Sendung des Briefes und seinen Inhalt vorauswissen. Durfte sie nun auch an der Wahrheit von Allem, was Pauline ihr mittheilte, zweifeln? Und was wollten jetzt alle Warnungen, die verdeckter oder offener Weise von ihren Nichten kamen, bedeuten? Was die Notiz, die im Briefe einer dieser Nichten vorkommt: daß, als Jemand, der dem Dinge mistraute, sich beim Portier des Radziwill'schen Palais nach den Besuchen der Fraulein Wilke bei der Fürstin erkundigt und gefragt habe, ob sie denn wirklich zu jeder Stunde aus und ein ginge, wie sie behaupte? dieser Portier halb verächtlich, halb entrüstet geantwortet: Wie man sich denken könne, daß eine solche Person bei seiner Fürstin Zutritt habe! – Alles dies war Verleumdung, schändliche Verleumdung, angestiftet von ihren nächsten Anverwandten, die das Mädchen von ihr entfernen wollten. So hatte dieser eine von der Niemann selbständig gewagte Schritt, die Wahrheit zu erfahren, zur unmittelbaren Folge, daß ihr Glaube immer fester wurde. Die hohe Verehrung, welche sie für die Fürstin Radziwill hegte, die tiefste Ehrfurcht und Liebe, mit welcher ihr loyales Gemüth für den König erfüllt war, hielten sie von nun ab gefesselt und untersagten ihr, irgend etwas zu wagen, welches bei diesen hohen Personen ein Misfallen erregen könne. Bis zu welchem Grade diese Devotion der alten Dame ging, werden wir später sehen. So stand Pauline Wilke's Verhältniß zur Fürstin Radziwill nach den Angaben der Niemann. Nicht so deutlich ist dasjenige, in welchem sie zum Könige Friedrich Wilhelm III. stand. Es ist bekannt, daß dieser Fürst, der bei einer spröden, ja herben Maske, von einem nichts weniger als passiven Humanitätsgefühl tief durchdrungen, in der verschwiegenen Ausübung desselben seine Lust fand, daß er in der Stille Wohlthaten im ausgedehntesten Maße austheilend, auch eine besondere Erholung darin suchte, als Pater Familias, deutscher Hausvater, in einem kleinen Kreise guter Vertrauter zu walten und zu beglücken. Den harmlosen Intriguen, welche in diesen kleinen Kreisen unter Anleitung eines alten erprobten Dieners spielten, hat man mit Unrecht eine schlimme Bedeutung gegeben. Wenn die Sinnlichkeit überhaupt in diesen Kreisen eine Rolle mitspielte, so war es doch nur eine Nebenrolle, sie war weder der Zweck, noch durfte sie frech auftreten. Dem Könige galt es, sich von der Last der Regierungssorgen und der ihm noch unangenehmeren Repräsentation unter jugendlich vergnügten frischen Gesichtern und Gemüthern frei zu sehen. Er erging sich dort als Mensch, seine Lust war zu beglücken, sein Herz trieb ihn dazu. In den Jahren, wo die stürmischen Leidenschaften vorüber sind, wollte er als geliebter Vater unter lieben Kindern, die Herzen der Andern erfreuend, sein eigenes erfreuen. Man hat viel von einer Camarilla gesprochen, die sich in diesen Kreisen gebildet; so war es wenigstens die unschuldigste Camarilla, die je existirt; sie beschränkte sich darauf, in der Coulissenwelt kleine Einschiebungen zu bewirken, Tänzerinnen, Schauspielerinnen zu Rollen, Gehaltserhöhungen zu verhelfen. Wenn es hoch kam, wurden hier die Seufzer eines unglücklichen Liebespaars erwogen, und eine Braut, die nicht heirathen konnte, erhielt eine Aussteuer, ein Officier, der, lange verlobt, umsonst auf einen Zuschuß gehofft, die Anweisung darauf aus der königl. Chatoulle. Manche Gunst ist den einzelnen Glücklichen, die hier Zugang fanden, von der Huld des Fürsten zugeflossen, Niemandem ein Schade, oder nur eine Zurücksetzung; am wenigsten aber äußerten sich die Wirkungen auf die höheren Kreise des Staatslebens. Wenige Monarchen wußten mit ähnlichem Takt die eigenen Liebhabereien von Dem zu sondern, was ihre Pflicht, was das Bedürfniß des Staates erforderte. Aber wer eine Thür zu diesen Kreisen offen fand, hielt sein Glück für gemacht; der günstige Augenblick, wenn er ihn zu erwarten, zu fassen verstand, blieb nicht aus für ihn. Schon es glauben zu machen, daß man dort zugelassen, aufgenommen sei, galt Manchem für ein Stück der Klugheit. Die Wilke hatte den guten König bei der guten Fürstin Radziwill kennen gelernt; er hatte ein Wohlgefallen an ihr gefunden; er hatte sie oft gesehen; sie war in seinem Palais gewesen und hatte fortwährend dort Zutritt; er interessirte sich für sie und ihren Schulplan; später für ihre Verlobung, die er billigte, für ihren Bräutigam, den Grafen Villamor, den er kannte, wenigstens dem Rufe nach; sie durfte ihn »Papa« nennen, eine vertrauliche Benennung, die der König, dem allgemeinen Glauben nach, gern von den jungen Mädchen, für die er sich interessirte, hörte, eben wie sie auch die Fürstin Radziwill nur »Mama« nannte. Dies Alles hatte die Niemann von Paulinen gehört, und sie durfte es glauben, denn es war nichts Unerhörtes, es war vielmehr in der Ordnung, sobald Pauline wirklich das Glück gehabt, dem Könige bekannt zu werden und ihm zu gefallen, sei es durch ihre Anmuth, Frische, Witz, Natürlichkeit. Der König wollte in diesen Kreisen nichts, was Prätensionen machte, nichts Gelehrtes, Geistreiches, Vornehmes, der Zauber der Natur, des gesunden Menschenverstandes, der Schalkheit, der Herzensgüte zog ihn an. Wer ihn so gewonnen hatte, für den mochte er sich so bis in die Details seines Familienlebens interessiren, als wir es von der Fürstin Radziwill in den Paulinischen Briefen sehen. Aber die Vertraulichkeit oder Theilnahme des Königs wuchs bis ins Unglaubliche. Und darüber blieb Pauline die Erklärungen schuldig, oder die alte Dame erinnerte sich mehr der Brücken, welche vom ersten Wohlgefallen bis dahin führten. Von Dem, was jener Zeit im Publicum über die Wundergeschichte erzählt wurde, daß die Wilke sich einmal als Geliebte, einmal als Tochter des Königs gegen die Niemann ausgegeben, findet sich in den Acten keine Erwähnung. Genug, nachdem die Niemann schon sehr viel Geld zu verschiedenen Malen hergegeben, um den neuen Schulfonds zu dotiren, ward sie zu Opfern für noch größere Dinge gewürdigt. Pauline Wilke wußte vom Könige, daß es seine Absicht sei, ein Capital von einigen seiner Unterthanen aufzunehmen, um die sonst nöthige Erhöhung der Abgaben zu vermindern, und erklärte der Niemann, daß Seine Majestät von ihrem bekannten loyalen Charakter erwarte, daß sie nicht anstehen werde, wie sie zum Besten der Schulen von dem Ihrigen hergegeben, auch zum Besten des Ganzen ein Capital vorzuschießen. Fast zur selben Zeit empfing sie auch folgende Cabinetsordre: »Wir von Gottes Gnaden Friedrich Wilhelm III. König von Preußen ec. ec. »Thun der Mlle. Ch. Niemann hierdurch kund und zu wissen, daß Wir ihr für so viele Uns in treuer Freundschaft geleistete Dienste, wieder einen Freundschaftsdienst erzeigen wollen. Wir haben nämlich beschlossen, Ihnen die Abgaben, die Sie auf Ihrem Grundstücke und Aeckern erlegen möchten, abzuerlassen, und Sie werden denn daher solcher vom 1. Januar 1834 enthoben, und hierüber vom Polizeipräsident Gerlach eine Bescheinigung erhalten. Bitte aber bis dahin Niemandem von dieser Sache, sei es auch den nächsten Blutsverwandten, etwas wissen zu lassen. Unsere kleine Gesandte wird Ihnen wiederum eine dringende Bitte von Uns ans Herz legen, die Wir nicht gern zu Papier bringen möchten. Leben Sie wohl und noch lange zum Wohl meiner Unterthanen. Ich verharre Ihr in Freundschaft Ihr Friedrich Wilhelm.« Die mündliche Bitte betraf ein Capital. In Unterwürfigkeit übergab die dadurch hochgeehrte Darleiherin ein Capital aus ihren Staatsschuldscheinen an die »kleine Gesandtin«, um es dem Könige einzuhändigen. Aber der König brauchte immer mehr Geld. Nachdem die Niemann ihre Staatsschuldscheine fortgegeben hatte, kamen ihre Pfandbriefe an die Reihe, und als auch diese zu Ende waren, ward sie bewogen, auf ihr Haus in Charlottenburg zuerst 4000, dann noch 3000 Thaler aufzunehmen – wahrscheinlich über den Werth des Hauses, Alles – für ihren König. Sie oder Pauline Wilke empfing darüber gegen zwölf Briefe des Königs oder Kabinetsschreiben, alle eigenhändig, – denn von diesem Geheimniß durfte Niemand wissen – und sie sind interessant genug, wenn nicht für die Geschichte des verewigten Monarchen, doch für die Geschichte der Zeit, und was in ihr noch geglaubt werden konnte, um hier in ihrer ganzen Gestalt Platz zu finden. »Unserer lieben treuen Niemann Unser herzliches Willkommen! »Zuerst Unserer guten Niemann Unseren herzlichen Dank für die 3000 Thaler, die richtig in Unsere Hände gekommen sind, nicht im Stande sind Wir, Euch diese Gefälligkeit zu lohnen, wie sichs gebüret. Euch aber nach Euer Verdienst zu lohnen, schwöre ich, betheuern Wir Euch hiermit. Im Vertrauen auf Eure unbegrenzte Liebe und Gefälligkeit wagen Wir noch eine Bitte: Wäre es Euch wol möglich, Uns Euer Capital noch bis zum 1sten Januar in Händen zu lassen, worauf Wir Euch bei der Wiederkehr von Fräulein Pauline Wilke in vier Wochen 1000 Thaler auszahlen werden. Die Schulden der Elberfelder Feuerkasse haben die Gebrüder Rothschild unternommen zu decken. Der Kassenschaden darf nicht publicirt werden, d. h. müssen Wir Gelder aufnehmen, so fordern Wir denn auch das Capital der Fürstin Radziwill. Erhalten zu eben diesem Zweck. »Willigen Sie ein, Unsere gute Niemann, so lassen Sie Uns bald durch wenige Zeilen wissen. Wir gehen nach Kalisch , Werden aber nur kurze Zeit dort sein. Wir bitten Euch aber, auch hierin, wie schon in den andern Angelegenheiten, die größte Verschwiegenheit zu beobachten, besonders gegen Eure Verwandte . »Lebt wohl, gute Getreue, zürnt uns nicht, bei Unserer Rückkehr sprechen Wir Euch persönlich Unsern schuldigen Dank aus, noch einmal lebt wohl, behaltet in gutem Andenken Euern Euch wohlgewogenen König Friedrich Wilhelm.« »Bewahret diesen Brief als Sicherheit, als Pfand Eures Vermögens von 16,000 Thaler (in Unsern Händen), so auch die 3000, die Ihr auf Euer Grundstück aufgenommen.« »Unserer treuen vielgeliebten Niemann Unseren herzlichen herzlichen Gruß! »Wir freuen Uns herzlich zu hören, daß es Euch, Unsere gute Niemann besser geht, und daher sind Wir gesonnen, Euch am Freitag oder Sonnabend auszuzahlen und zwar auf Unserem Palais zu Berlin. Wir würden es eher gethan haben, wäre Uns nicht ein treuer Freund abberufen worden, was Uns in tiefste Trauer versetzt hat. Gute Niemann, die Zinsen von Eurem Capital wollen Wir Euch gern in Staatsschuldscheinen auszahlen, es fehlen uns deren, haben Sie doch die Güte, Ihren Bruder darum durch ein Paar Zeilen ersuchen zu lassen, weil er selbst Uns gesagt, daß er welche hat, wenn Noth am Mann sein sollte. Pauline wird Ihnen sagen, wie Sie es anfangen sollen, da Wir sie gestern schon durch der Fürstin Radziwill Königl. Hoheit davon in Kenntniß haben setzen lassen. »Lebet wohl, ich erwarte Euch Freitag! Euer wohlgeneigter König Friedrich Wilhelm. »Gott grüß Euch, liebe gute getreue Niemann! Unzähliche Male haben Wir schon gewünscht, Euch kennen zu lernen und Euch bei Uns zu sehen! Was werdet Ihr von Uns denken, gute Niemann. Sie halten Uns für keinen gerechten Monarchen, doch Gott sei bei Uns, am Montag sollt Ihr es erfahren, daß Wir dennoch Einer sind. Montag Nachmittag, gute liebe Niemann, fahret hin zu unserer Cousine, der Frau Fürstin de Radziwill, trinkt dort Kaffee und kommt von da zu Uns mit Pauline. Die Fürstin ist auf Euren Besuch eingerichtet. Colmann könnt Ihr nicht eher kündigen, als am 1sten April, so ist es gerichtlich ausgemacht. Der Hermann dort ist eher ausgezahlt worden, als am Mittwoch oder Donnerstag. Am Dienstag kommen Sie noch einmal zu mir und zwar mit Ihrem Herrn Bruder, mit welchem ich sehr unzufrieden bin. Dafür zufriedener mit Sie. Eine zweite Niemann gibt es nicht, auch bringen Sie morgen Ihre Hausjungfer mit. Pauline oder Fräulein können – – – Bitte aber, sich übermorgen gegen 5 Uhr bei Uns einzufinden, nicht später. Uebermorgen werde ich Euch einen Brief, einen sogenannten Abbitte-Brief Eures Herrn Bruders überreichen. Ihr werdet bestimmt Alles von ihm wissen, wie er sich gegen Uns benommen und gewiß werden Wir dann Eure Verzeihung schon erhalten haben. »In – – sehen wir uns. Euer Euch wohlgewogener König Friedrich Wilhelm.« »Unserer lieben und getreuen Niemann Hiermit Unsere treue Freundschaft! »Nicht wahr, Unsere gute Niemann, Sie sind sehr böse auf Uns, daß Wir die Geldaffairen nicht einmal beendigen, allein mit dem besten Willen, es läßt sich nicht thun. Wir mögen es anfangen, wie Wir wollen. Verloren gegangener Staatsschuldscheine wegen muß die Austheilung der neuen Coupons noch einige Zeit Aufschub erleiden, was Uns Höchstselbst unangenehm ist. Doch Unsere treue Niemann trage dieserhalb keine Angst, Ihr Capital liegt in Unsern Händen, und gewiß so sicher wie in den Ihrigen! Ja, es würde Uns erstaunt wehe thun, wenn Wir hören würden, daß Unsere treue Niemann um Ihres Gutes wegen in Aengsten wäre! Gott soll mich strafen, wenn ich böse Absichten hegen wollte, nein, ich bin ein guter König und bin gerecht, ich werde auch gut und gerecht bleiben, bis mir Gott einst die Krone abfordern wird! Bitte meine treue Niemann, mir zu antworten, wenn es Ihnen keine Mühe macht. »Ihr Ihnen bis an's Ende seiner Tage wohlgeneigter König Friedrich Wilhelm.« »Berlin, den 23/11. »Wir thun Euch, Unsere vielgeliebte Pauline, hierdurch kund, daß Wir einige von den niedern Staatsschuldscheinen der Dlle. Niemann die Coupons wechseln lassen. Wir würden es gern sehen, wenn Ihr, Unsere liebe Pauline, versuchtet, heute eine mitzunehmen, damit ich sehe, ob man Euch gleich abfertigen wird, Ihr müßt aber den zu 5 Prozent fordern, Beneke hat ihn bei Seite gelegt. Dlle. Niemann kann Ihnen einen geben, was für einer es ist, sorget ja für die Fürstin ihre Papiere, sie verläßt sich ganz auf Euch. Wir haben für Unsere Niemann 14 zu 5 Procent angekauft. Dreizehn haben Wir uns besorget, Alles gut und zu beider Zufriedenheit. Euer König Friedrich Wilhelm.« »Unseren herzlichsten Gruß und die innigsten Wünsche für Dero dauernde Gesundheit zuvor! Wohl haben Sie Ursache, gute treue Niemann, bös und zornig auf Uns zu sein, doch Gott sei mein Zeuge, daß Wir nie schlechte Absichten zum Grunde hatten. »Leider müssen Wir noch einmal, aber zum letzten Mal aufschieben. Sonnabend Nachmittag, eher kann ich Sie nicht sehen, hielten Wir dann nicht Wort, dann sind Wir nicht würdig, von der Erde getragen zu werden. Sie haben viel, ja sehr viel für Uns gethan und gewirkt , nie können Wir Dank genug für Sie haben, doch wie als Mensch Wir danken können, werden Wir Ihnen danken, dazu möge Gott Uns helfen. Nun bitten Wir herzlich, Pauline keine Vorwürfe zu machen. Es ist nicht ihre Schuld. Das Nähere wird sie Ihnen erzählen. Sie weiß Alles. Sie wird Alles in Ordnung bringen. »Halten Sie Uns immerhin für ungerecht, Wir sind überzeugt, daß Sie am Sonnabend Ihr strenges Urtheil über das zurücknehmen. Viel Aerger und Verdruß haben Wir durch Ihren Herrn Bruder gehabt, besonders bei der Aufnahme von 1000 Thaler – – –, den Gott möge selig haben. Noch einmal, treue Niemann, sein Sie Uns nicht böse, ich bitte Sie darum; zürnen Sie nicht Ihrem Ihnen wohlgeneigten König Friedrich Wilhelm.« »Unsere gute Niemann! »Ihren Pfandbrief von 8000 Thaler haben Wir richtig empfangen, auch dabei versprochen, Ihnen Staatsschuldscheine dagegen zu schicken, doch Wir ließen Ihnen am Donnerstag sagen, Uns noch einen desgleichen von 1000 Thaler zu übersenden, Sie sollen dann am Sonnabend zu Uns kommen und das Ihrige in Empfang nehmen. Durch Paulinchens Ungehorsam aber hat sich die Sache wieder verzögert. Wir sind ob diesem Ungehorsam sehr erzürnt. Lassen Sie sich dies genauer erklären und ertheilen Uns dann genauen Bescheid hierüber, was der Sache zum Grunde liegt. Wir haben bis jetzo väterlich gehandelt und werden nie aufhören, es fernerhin zu thun. Euer wohlgewogener König Friedrich Wilhelm.« Berlin, den 21. December. »Unserer vielgetreuen Niemann versichern Wir hiermit Unsere Liebe und Wohlwollen! Zu Unserem Bedauern haben Wir gehört, daß Ihnen die Fahrt nach Berlin ein Unwohlsein zugezogen hat. Gott gebe, daß es bald beendet ist. Wir wollen Euch hierdurch bekunden, daß Wir gesonnen sind, Euch nicht allein dies der Jettchen geliehene Capital in Staatsschuldscheinen zurückzuliefern, sondern auch das der Fürstin und Uns geliehene. Da aber jetzt die neuen Coupons zu Wege gebracht werden müssen, so sind Wir entschlossen, Euch diese noch zu besorgen, da dies doch für Euch viele Umstände verursachen würde. Zu den übrigen Staatsschuldscheinen, die Ihr noch habt, werden Wir das noch hinzuschicken, damit der kleine Banquier nur abschreiben darf. Bitte, meine treue Niemann, Uns in ein Paar Zeilen zu schreiben, ob Unser Wille Euch gefällt. Zu Mittwoch bitten Wir Uns ein Schreiben von Euch, durch Unsere kleine Schatzmeisterin aus. »Gott erhalte Euch und schenke Euch frohe und zufriedene Festtage und fanget mit einem eben solchen Herzen das neue Jahr an, dies ist der aufrichtige Wunsch Eures Euch wohlgewogenen Königs Friedrich Wilhelm.« »Einen schönen guten Morgen, meine gute Niemann! Ich habe ein großes Hokus-Bokus gemacht, am Sonnabend war ich so zerstreut, daß ich gar nicht wußte, wie Uns der Kopf stand, lade Sie anstatt zum Dienstag den Montag und haben statt morgen übermorgen geschrieben. Entschuldigen Sie mich durch ein Paar Zeilen bei meiner Cousine, bitte, ihr auch meinen Brief mitzuschicken. Befolgen Sie morgen all meine Bitten streng, bleiben Sie wohl, und gesund, damit morgen unser Vorhaben keinen Aufschub leidet, denn Wir sind in der heiligen Wochen. Mittwoch müssen Sie schon so gut sein, noch einmal zu mir kommen und bringen Sie an diesem Tag die Marie Schubert mit, damit sie sich bedankt. Ihr Sie treu liebender König Friedrich Wilhelm.« »Also auch Sie, meine vielgeliebte Pauline, sind im besten Wohlsein wieder eingetroffen. Was Ihr Schreiben anbetrifft, so habe ich es eigenhändig erbrochen und auch selber gelesen, aber mit Verdruß, man merkt, daß Politik bei Ihnen mit im Spiel ist, daher benutzt man diese Gelegenheit, wo Wir Hohe im Trubel leben, und sucht durch einen Vormund Ihnen politische Geheimnisse zu entlocken. Lassen Sie sich nicht schrecken, wählen Sie einen Vormund, er sei, wer er sei. Verrathen Sie aber die Geheimnisse Ihres Königs und Ihrer Fürstin und Wohlthäter nicht. Fräulein ......., eine eben so kluge als berathene Person, wird Ihnen gewiß rathen und fürsprechen. Witzleben hat Verräther gespielt , er hat seinen Lohn, gehen Sie also so vorsichtig als möglich und nennen Sie durchaus keine hohe Person. Fräulein ..... werde ich dann ihre Bemühung hoch anrechnen. Vor allem muß die gute Niemann sehen, daß sie die 3000 Thaler zurückliefert, welches mich von einem groben Verdruß befreit. Nostiz wird Ihnen Bescheid darüber geben, dies muß aber vor dem 1sten geschehen. Ich befinde mich in der größten Verlegenheit. Grüßen Sie die gute Niemann, sie soll ihrem König nicht zürnen und ihm noch einmal zu Gefallen leben. In ein Paar Tagen werde ich ihr ein Schreiben übersenden. Gehen Sie gleich nach Empfang dieser Zeilen zu Nostiz und zögern Sie keine Minute. Sprechen Sie mir dann jeden ihrer Wünsche aus, nur durch Erfüllung derselben kann ich ihr danken. Ihr Ihnen wohlwollender König Friedrich Wilhelm.« Auch der König hatte in dieser Correspondenz die unglückliche Angewöhnung der Damen, seine Briefe selten zu datiren, so daß wir nicht gewiß sind, ob sie in der historischen Reihe aufeinander folgen. Wenn auch Mehres in diesen Cabinetsschreiben undeutlich ist, so spricht doch der Gesammtinhalt deutlich genug. Der König ist wie die Fürstin Radziwill mit Allem, was in dem Hause der alten Dame vorgeht, vertraut, er kennt alle Klatschgeschichten, den Zwiespalt der Familie, auch er warnt vor den Verwandten, er kennt die einzelnen Gläubiger und Schuldner der Niemann, er gibt ihr guten Rath, wie sie mit ihnen verfahren soll, er scherzt unmuthig über die kleinen Unarten der liebenswürdigen Abgesandtin, er schreibt mit derselben holdseligen Popularität und ist endlich eben so dienstfertig und ebenso in Geldbedrängnissen als die Fürstin Radziwill. Zur Erklärung einzelner Stellen hier nur: daß Pauline der Niemann bei Abfertigung der Pfandbriefe gesagt hatte, sie wären schon verloost, aber der König wolle sich der Mühe unterziehen, die Sache wieder in Ordnung zu bringen; daher die seinen Anweisungen, wie sie die Papiere bei der Kasse präsentiren und zurückfodern solle. Was die Elberfelder Bedrängniß, in der sich der gute König befand, anlangt, so war die Niemann davon auch durch ein Schreiben der Fürstin Radziwill unterrichtet, wo es heißt: »Paulinchen hat Ihnen gewiß schon von der Elberfelder Feuerkasse gesagt, und daß der gute König Willens ist, Ihr und mein Capital zu gebrauchen, bis zum ersten Januar, daß er Ihnen aber bei Paulinchens Zurückkunft aus Karlsbad 1000 Thaler Zinsen auszahlen will, dies wird er Ihnen schriftlich geben, auch daß er durch Herrn P. Rother die 3000 Thaler, die Sie auf Ihrem Hause aufgenommen haben, erhalten hat, willigen Sie aber nicht ein, fordern Sie mit Gewalt Ihr Capital, dann mache ich es auch so. Diesen Gefallen thun Sie mir noch, ich bitte Sie herzlich darum.« Die Niemann war jetzt ohne alles disponible, ja eigentlich ohne alles Vermögen, und erhielt nicht einmal Zinsen, weil immer etwas dazwischen kam, wenn der König ihr die Papiere zurückerstatten wollte. Jetzt sollte sie es erhalten, ehe der König nach Töplitz ginge, dann, wenn er zurückkehrte; dann hinderte der Besuch in Kalisch, dann sollte sie es zum 1. Januar 1836 haben. Sie drang nun auf Rückzahlung, mehrmals, auch recht kurz und dringend. Wir lesen, wie der König sich selbst für einen unwürdigen König erklärte, wenn er es nicht wiedergebe; aber die Schuld war zu schwer für ihn, er konnte nur vertrösten. Endlich erhielt die Niemann vom Könige durch die Wilke eine verschlossene Mappe mit dem dazu gehörigen Schlüssel, in welcher sich ihr Geld in Papieren befände. Aber zugleich ward ihr die Weisung ertheilt, daß sie sich ja nicht unterstehen solle, die Mappe zu öffnen, als bis der König selbst ihr den Zeitpunkt bestimmen werde. Er werde deshalb, wenn er gekommen, den Kammergerichtsrath Ballhorn zu ihr schicken. Aber der Kammergerichtsrath Ballhorn wurde krank, und so zog sich auch dieser ersehnte Zeitpunkt von Woche zu Woche hin. Demoiselle Niemann war stärker in ihrem Vertrauen und nicht von der weiblichen Neugier geplagt, wie König Blaubarts Frauen. Obgleich sie den Schlüssel in Verwahrung hatte, obgleich die Wilke ihr gesagt, sie werde sich überrascht finden, wenn sie die Mappe öffne, denn der König habe sie königlich für ihr Vertrauen belohnt und anstatt der l9,000 Thaler, welche sie im Ganzen dem Staate geliehen, werde sie gegen 50,000 Thaler in Papieren finden, widerstand sie der Versuchung und öffnete nicht. Der Luxus und Aufwand, den die Wilke machte, stach sehr auffällig von dem bescheidenen Haushalt der alten Dame ab, aber dies konnte das Band der Eintracht zwischen Beiden nicht stören. Die Niemann war so von ihrer Pathe eingenommen oder so durch das Glück bezaubert, welches ihren Liebling hob und trug, daß sie auch ihrerseits Alles that, ihr gefällig zu sein und das Leben angenehm zu machen. Sie glaubte ja dadurch nur ihrem König gefällig zu sein. Nicht allein mit ihrer Familie hatte sie sich um deshalb überworftn und mistrauisch von denselben zurückgezogen, sondern sie stiftete auch Versöhnung, wo ihre junge Freundin in Zwist mit anderen ihrer Bekannten gerathen war, z. B. mit ihrer Gesellschafterin und deren Familie. Es kam ihr nie in den Sinn, daß Pauline ihren Aufwand mit dem von ihr entnommenen Gelde bestreite. Sie war mit Allem zufrieden, sie glaubte Alles, was Pauline ihr sagte, sie folgte ihr in unterwürfiger Befangenheit in allen ihren wechselnden Angaben über den Quell ihres Vermögens und in den Sprüngen ihrer Phantasie, welche ihr neue Lebensplane eingaben. Anfänglich glaubte sie, daß ihr Geld von den Geschenken des Grafen Villamor herrühre, auch von einem Lotteriegewinnst, welchen Pauline in Hamburg gemacht haben wollte; später hatte sie es von »Mama« (der Fürstin Radziwill), dann von »Papa« (dem Könige) erhalten. Dies war auch nöthig, denn mit einem Male schienen die Heirathsplane mit dem Grafen Villamor in den Hintergrund zu treten. Er zögerte vielleicht zu lange, Brasilien war ihr zu fern, und sie hatte einen neuen Bräutigam, einen Adjutanten des Königs, Grafen von Witzleben , eine Partie, mit welcher der König anfänglich sehr zufrieden war. Sie blieb ja im Lande und in seiner Nähe. Sie hatte schon kostbare Ringe mit ihm gewechselt, die sie der alten Dame zeigte. Nur die Fürstin Radziwill war, wie wir aus einem ihrer Briefe ersehen, mit der Partie nicht einverstanden. Es heißt darin: »In Paulinchens Verlobung willige ich nicht ein, wie Sie schon wissen werden. Der Herr Graf von Witzleben ist – (der Grund am Rande des Papiers ist hier abgerissen). Ich habe einen Besseren für Paulinchen. – Thun Sie mir den Gefallen und verwahren den Ring noch acht Wochen.« – Späterhin ging die Partie auseinander, weil – der Graf von Witzleben, der Adjutant des Königs! sich eines Hochverraths schuldig gemacht hatte! Die Niemann glaubte Alles: auch daß ihr König, der bekanntlich in seinen Privatfinanzen stets, was man nennt, sehr wohl arrangirt war, immerfort Geld bedurfte, daß er, um der Elberfelder Assecuranzkasse beizuspringen, nöthig habe, eine Privatperson anzusprechen, daß er nie sein Wort halten konnte, das Geliehene zurückzuerstatten, daß es ihm nicht einmal möglich war, die Zinsen aufzubringen. Ja sie glaubte, als sie heftig wenigstens auf die Zinszahlung drang, daß Pauline ein Recht habe, was ihr streng untersagt war; denn diese öffnete jetzt mit dem Schlüssel die geheimnißvolle Mappe und nahm ein Papier, angeblich 1000 Thaler heraus, um es zu diesem Zwecke zu versilbern, und sie blieb noch beim Glauben, als auch aus dieser Versilberung und Zinszahlung nichts wurde. Und während die alte Dame schon die Entziehung ihrer Einkünfte schmerzlich zu empfinden anfing, fuhr ihre Pathe, das Glückskind, mit vier Pferden Extrapost, einer Gesellschafterin und Bedienten in den böhmischen Bädern umher und machte Ausflüge nach Prag. Ihre Briefe athmen Seligkeit über das freie wonnige Leben. Sie macht angesehene Bekanntschaften, sie sieht, besucht Alles, kauft ein und genießt das Leben wie die sorgenfreieste Person von der Welt. Geschenke werden gekauft, Einrichtungen für ihre Wohnung bestellt. Der Melnecker Wein schmeckt ihr besonders, sie will davon und eingemachte Forellen nach Berlin mitbringen, sonst aber nichts, ihre Verwandte und Freunde haben schon genug von ihr erhalten. Dafür aber überschüttet sie mit Erzählungen, Klatschereien und Liebesversicherungen ihre theure Niemann. Wie nur ein liebenswürdiges, unschuldiges Mädchen, das zum ersten Mal auf Reisen ist, berichtet sie Alles den Lieben nach Hause oder läßt es durch die Gesellschafterin schreiben. Alles, das Geringste, ist ihr von Wichtigkeit, sie erzählt die Sagen und Märchen des Karlsbader Thales, und wie sie von den Andern Glauben fordert, erscheint sie selbst gläubig. Man könnte eine verlorene Romandichterin in ihr bedauern. Auch dort, welche vornehme Bekanntschaften hat sie gemacht, die Tochter der Herzogin von Berry hat ihr Kußhände zugeworfen, wo sie sie nur erblickte, der und jener Prinz war erfreut, sie zu sehen, zu sprechen, und leider mußte sie nur Rücksichten nehmen, dem lieben »Papa« um den Hals zu fallen, der grade in Töplitz war. Die Geldbedrängniß des Königs ward immer größer, das Geld immer knapper. Die 63jährige Magd der Niemann hatte ersparte 275 Thaler Staatsschuldscheine in Verwahrung liegen bei ihrer Herrin. Befragt, ob auch sie dieselben dem Könige leihen wolle gegen gute Verzinsung und eine angemessene Belohnung, willigte sie gern ein. Eine Köchin sollte die Ehre haben, ihrem Könige Geld zu leihen und dabei noch gewinnen! Sie willigte gern ein, warum sollte sie das nicht wagen, was ihre Herrschaft mit solcher Bereitwilligkeit that? Sie ward der Ehre gewürdigt und in das Geheimniß unter Angelöbniß tiefster Verschwiegenheit gezogen. Aber auch außerdem mußte sie der Wilke Geld borgen, etwa 30 Thaler von ihren Ersparnissen. In der letzten Zeit borgte diese überdies von ihrer Gesellschafterin, ihrem Bedienten; bei ihrer Verhaftung fand man nicht einen Thaler baares Geld vor! Inzwischen hatte sich die Angelegenheit mit dem Möbelhändler angesponnen. Der Anfang war, wie derselbe ihn angegeben, er wünschte ein Capital zur Vergrößerung seines Geschäfts, die Wilke versprach es ihm zu besorgen. Um Neujahr 1836 theilte Pauline ihrer mütterlichen Freundin mit, daß der König die Absicht habe, dem Möbelhändler Schröder ein Capital von 8000 bis 10,000 Thaler vorzuschießen, damit dieser im Stande sei, die Ausstattung für den Prinzen von Hessen-Darmstadt zu bewirken. Der König wolle indeß das Versprechen nicht im eigenen Namen geben, und wünsche, daß seine immer bereite Freundin, die Niemann, statt seiner mit ihrem Namen vertrete. Die loyale Unterthanin war auch wirklich dazu bereit, obgleich sie diesmal nicht einmal eine schriftliche Zeile vom Könige erhielt; so fest war in ihr die Ueberzeugung, daß die Wilke nur der Mund des Monarchen sei. Die weitern Verhandlungen gingen so vor sich, wie sie oben nach den Angaben Schröder's erzählt sind. Er konnte das Geld nicht bekommen, er mußte erst 500, dann noch zwei Mal 500 und endlich 100, in Summa 1600 Thaler vorschießen, damit – der König seine versetzten Pfandbriefe einlösen könne! Davon war die Niemann fest überzeugt. Sie selbst empfing die ersten 1500 Thaler aus Schröder's Händen, quittirte darüber und übergab sie Paulinen, um sie dem Könige nach dem Palais zu überbringen. Daß dies wirklich geschehen, war für sie über allen Zweifel. Aber der König löste nicht aus und zahlte nicht Und Schröder wurde mit seinem Drängen sehr unangenehm, und ihr war es zur heiligen Pflicht gemacht, von dem wahren Verhältniß, von dem wirklichen Darleiher nichts zu verrathen. Pauline vertröstete von Tag zu Tag, daß die Summe für Schröder nächstens vom Palais eingehen werde. Als indeß die Ungeduld der unglücklichen Alten, die nicht allein über die empfangenen 1600 Thaler quittirt, sondern auch die schriftliche Versprechung des großen Capitals gegeben, immer größer ward, sagte die Wilke, sie wolle ihrer Freundin helfen. Sie ließ sich die verschlossene Mappe des Königs geben, die doch nur der Kammergerichtsrath Ballhorn öffnen sollte, schloß sie auf und nahm ein Packet heraus, welches sie mit fünf Siegeln versah und die Aufschrift machte: »10,000 Thaler in Pommerschen Pfandbriefen für Herrn Schröder in Berlin.« Dieses Packet, von dessen der Aufschrift entsprechendem Inhalt die Niemann fest überzeugt war, ward dem Möbelhändler zuerst gezeigt, wie oben erzählt ist, dann von der Wilke ausgehändigt und der Termin zur Oeffnung bestimmt, der immer weiter hinausgerückt ward, weil kein Geld kam. Erst am 5. April, dem letzten Termine, kam die Wilke mit einer seltsamen Aeußerung zur Niemann: Se. Majestät der König sei im höchsten Grade unwillig gewesen, daß sie, die Wilke, jenes Packet dem Schröder überliefert. In diesem Packete befänden sich nämlich leere Papiere und nicht Pfandbriefe . Se. Majestät hatten beabsichtigt, künftighin in die Stelle dieses leeren Papieres Staatsschuldscheine zu legen, und hegten nun die Besorgniß, daß Höchstihr Name beim Oeffnen des Packets compromittirt werden könnte. Nun komme Alles darauf an, den Schröder noch zu bestimmen, daß er noch bis zum 9. April warte, bis wohin der König gewiß das Geld auftreiben werde. Aber Schröder ließ sich eben so wenig bestimmen, als die Niemann auch jetzt nach dieser Entdeckung in ihrem festen Glauben erschüttert wurde. Schröder machte bei der Polizei, nachdem er noch einmal zu einem letzten Versuche nach Charlottenburg gestürzt war und wenigstens ein letztes schriftliches Anerkenntniß des Schuldverhältnisses von der Niemann ertrotzt hatte, Anzeige und das Ungewitter brach herein. Der Polizeirath Dunker erschien plötzlich in Charlottenburg. Die Wilke mußte, wenn sie einigermaßen mit ihren Gedanken zu Rathe gegangen war, darauf vorbereitet sein. Von einer so gewandten, listigen Person hätte man doch auch erwarten sollen, daß sie sich, wenn nicht auf eine Rettung, doch auf Ausflüchte müßte vorbereitet haben. Aber nichts davon. Als gedankenloses Kind des Augenblicks überließ sie sich dem Moment und seinen Eingebungen und die Spannkraft ihrer Phantasie schien mit einem Male versiegt. Damals war zur eigentlichen und nächsten Kunde der Polizei nichts gekommen, als der an Schröder verübte Betrug. In diesem erschien, wie die Sachen lagen, die alte Demoiselle Niemann als wissentliche Betrügerin, als Hauptthäterin, die Wilke nur als Gehülfin, wahrscheinlich auch die Gesellschafterin Alfrede als solche. In den Befugnissen und gewissermaßen auch in der Pflicht des Polizeibevollmächtigten hätte es also gelegen, sich aller drei Personen zu versichern und sie verhaften zu lassen, um der Sache auf den Grund zu kommen, und jede Verschleppung und Durchsteckerei zu verhüten. Es gehörte Duncker's psychologischer Scharfblick dazu, hier zu sondern und, indem er die eigentliche und allein Straffällige zum Bekenntniß nöthigte, zwei durch den verübten Betrug und durch ihre Leichtgläubigkeit schon hartgestrafte Frauen vor der Beschimpfung einer Arrestation zu bewahren. Die Wilke leugnete, aber schwankte; die Niemann, die wir so schwach gesehen, erhob sich zu einer merkwürdigen Stärke in ihrem Glauben, sowol der Polizei als den Gerichten gegenüber. Schon hatte Duncker aus geschickten Kreuz- und Queerfragen richtige Blicke in das wahre Verhältniß geworfen, schon sagte er der alten Dame auf den Kopf zu, daß sie betrogen worden, daß die Pflicht der Verschwiegenheit, die sie vorschütze, ihr zum Verderben gereichen werde, da er sich alsdann in die Notwendigkeit versetzt sehe, sie zu verhaften, als sie ihm erwiederte: »Man mag mich für eine Betrügerin halten; ich weiß, ich bin es nicht. Man mag mich ins Gefängniß bringen und es schmerzt mich sehr, meine äußere Ehre gefährdet zu sehen, ich lasse mich aber getrost arretiren. Ich werde mein Geheimniß nicht verrathen, ich darf es nicht, und wenn es auch mein Leben mir kosten sollte. Sie, Herr Polizeirath, scheinen ein guter Mann zu sein und versichern, Sie könnten nicht anders handeln; ich will aber wünschen, daß Sie später selbst nicht bereuen, was Sie an mir thun und daß Sie sich nicht schaden . Ich weiß, daß ich wieder zu Ehren komme, ich habe einen Beschützer und Erretter, den ich nicht nennen werde, der aber meine Befreiung gewiß in wenigen Tagen erwirken kann und wird.« Noch hatte Pauline Wilke die Frechheit, in Duncker's Gegenwart darauf zur Niemann zu sagen: »Sie müssen am besten wissen, liebe Niemann, ob Sie Ihr Geheimniß dem Herrn Polizeirath offenbaren dürfen. Es thut mir leid, daß Sie zu mir nicht offen genug gewesen sind, um mich in den Stand zu setzen, selbst zu wissen, was ich sagen kann und soll. Hätten Sie mir doch gleich gesagt, was Sie vorhatten, wie viel Gelder Sie besaßen und woher Sie dieselben bekommen haben! Nun habe ich immer nur nach Ihrem Willen gehandelt und kann deshalb selbst über nichts weiter Auskunft geben.« Die Niemann erwiderte darauf: »Sei ruhig und ängstige Dich nicht, mein Kind; ich verrathe nichts und bewahre unser Geheimniß.« Pauline Wilke war nicht so stark; sie legte schon vor dem Polizeirath ein ziemlich vollständiges, außergerichtliches Geständniß ab. Derselbe veranlaßte hierauf noch am selben Tage eine gerichtliche Vernehmung der alten Niemann. Auch hier erklärte sie zuerst: »Wo ich mein Geld habe, ist ein Geheimniß, welches ich nicht verrathen darf.« Erst auf die dringende Vorstellung des Richters, daß es Geheimniß auch in den Acten bleibe, erklärte sie zitternd: »Ich habe es dem Könige in Verwahrung gegeben, er hat es, 12,000 Thlr., durch Pauline Wilke von mir fodern lassen; Pauline Wilke hat Sr. Majestät selbst auf dem Palais dieses Geld übergeben.« Hierauf folgte die Geschichte, die wir kennen, in ihren Grundzügen, und sie schloß mit den Worten: »Ich bin ganz fest von der Redlichkeit der Pauline Wilke überzeugt, weil es unmöglich ist, daß sie die Handschrift von so hohen Personen, wie Sr. Majestät des Königs und der Fürstin Radziwill nachgemacht haben kann!« Die Gerichtspersonen registrirten: Die Niemann erscheine in einem so hohen Grade von der Wilke eingenommen, daß sie nichts vom Glauben an ihre Redlichkeit abbringen könne. Ueber jede Miene von Ungläubigkeit, welche sie in den Gesichtern der Gerichtspersonen zu finden glaubte, ward sie entrüstet und forderte förmlich Verantwortung, weil die Ehre der Wilke dadurch gekränkt werde. Endlich – die Wilke hatte jetzt erst das Bekenntniß abgelegt, daß sie auch sämmtliche Briefe der Fürstin Radziwill und des Königs selbst geschrieben – mußten ihr die Augen aufgehen. Mit dem Ausdruck des natürlichsten und tiefsten Schmerzes rief sie aus: »Wenn das so ist, da bin ich hintergangen. Ach Gott, ich bin um mein ganzes Vermögen betrogen!« Und so war es. Die unglückliche Alte war durch ihr blindes Vertrauen nicht allein um ihr ganzes Vermögen gebracht, zur Bettlerin geworden und auf die Mildthätigkeit derselben Verwandten hingewiesen, deren Warnungen sie mit Entrüstung und verächtlich von sich gewiesen, mit denen sie durch die Intriguantin in ein gespanntes, feindliches Verhältniß versetzt worden, sondern überdem hatte sie sich zu einer schriftlichen Verpflichtung gegen den Möbelhändler Schröder verleiten lassen, der sie, von allen Mitteln entblößt, nicht mehr nachkommen konnte, ja sie hatte sich der nahen Gefahr ausgesetzt, als Betrügerin zur Untersuchung gezogen und gestraft zu werden. Wie diese Verbindlichkeit gelöst, oder wie sie derselben überhoben worden, ist uns weder bekannt, noch gehört es hierher. Dagegen beschäftigte eine andere Frage zur Zeit als diese Geschichte so großes Aufsehen erregte, die Gemüther in Berlin: ob nämlich der König der bejammernswerthen Dame, als Trost für ihre Leiden, als Belohnung für ihre mehr als loyale Aufopferung und blinde Unterwürfigkeit in seinen angeblichen Willen, ihr eine kleine Pension für die wenigen, ihr noch übrigen Lebenstage aussetzen werde? Ein Theil des Publicums hielt dies für gewiß, und menschlich betrachtet wäre es bei Friedrich Wilhelm's III. mildthätigem Charakter, der dem Leidenden, wo seine Mittel dazu ausreichten, gern, am liebsten im Stillen half, nichts Ungewöhnliches gewesen, zumal da die Geschichte fast unter seinen Augen, in seiner nächsten Nähe, in seinem geliebten Charlottenburg, vorgefallen war. Andererseits aber sprach ein zu gewichtiger Grund dagegen, welcher, so viel bekannt, veranlaßte, daß die Bitten deshalb entschieden abgewiesen wurden. Es wäre eine Aufmunterung für Betrüger geworden, den Namen des Königs zu mißbrauchen, wenn es bekannt geworden, daß der König sich verpflichtet halte, den Schaden zu ersetzen, der durch Mißbrauch seines Namens den Betrogenen erwachsen. Es ist die Pflicht jedes Bürgers, sich vorzusehen, und eine blinde Loyalität, die auf die Winke und Wünsche des Monarchen lauscht, ohne eigene Prüfung, ist auch im Codex einer absoluten Monarchie nirgend als Tugend verzeichnet; im Gegentheil kann in einem christlich gesitteten Staate aus solcher Unterwürfigkeit schon gegen die Athemzüge der Macht ein unermeßliches Unheil entstehen. Eine solche Loyalität begünstigen und aufmuntern, lag dem strengrechtlichen Sinne Friedrich Wilhelm's III. fern. Dann aber fragte sich: ob, selbst subjectiv betrachtet, die Aufopferung der alten Demoiselle Niemann als tugendhaft betrachtet werden konnte? Abgesehen von den dunkleren Gerüchten, daß die Wilke ein minder ehrenvolles Verhältniß zum Könige gegen ihre Wohlthäterin fingirt, so gab sie doch nicht, ohne an das Nehmen zu denken. Daß der Minister Maaßen ihr 12 Procent für ihr Capital bewilligte, und der König bei der Rückgabe es mehr als verdoppeln wollte, vertrug ihr Patriotismus und ihre loyale Hingabe. Wer denkt nicht unwillkürlich bei diesem merkwürdigen Proceß aus der Gegenwart an die Halsbandgeschichte ? Es sind hier wie dort dieselben Wunder von Leichtgläubigkeit und dieselben Motive. Der Cardinal Rohan schenkte in eben der Art den von der Lamotte geschmiedeten Briefen der Königin und ihren persönlichen Hinterbringungen Glauben, als die Niemann den von der Wilke fabricirten und ihren Fabeln. Waren jene feiner geschmiedet, war die Intrigue mit mehr Wahrscheinlichkeit und Beachtung der Verhältnisse angelegt, so war verhältnißmäßig, wenn man die Weltbildung, die Kenntnisse, den Geist und die mehre Vertrautheit des Betrogenen mit dem Hofleben in Anschlag bringt, der Betrug doch gröber und unglaublicher als die Täuschung einer alten, kränklichen Jungfer, die, einsam und verschlossen, nichts von der Welt wußte, sah, hörte, und doch einen ewigen Zug der Menschen- und besonders der Frauennatur nicht verleugnen konnte, den Hang nach dem Wunderbaren, als der eigenen Eitelkeit schmeichelnd. Die Niemann wie Rohan wurden von einer ungeheuern Eitelkeit zu einem blinden Glauben getrieben. Eine Fürstin ihre intime Freundin, ein König, der von ihr Geld borgte und sein Herz gegen sie aufschloß, das war mehr der Seligkeit für den Stolz der Alten, als des blasirten Rohan's galante Hoffnung, den Haß einer schönen Königin in Liebe und Gunst zu verwandeln. Ihre Vertheidigung zu den Acten war einfach und natürlich. Sie hatte nie die Handschrift des Königs noch die der Fürstin Radziwill gesehen. Sie hatte kein Mißtrauen gegen die Wilke, die ihr als Pathe, als mütterlicher Freundin, als Wohlthäterin zum innigsten Dank verpflichtet sein mußte! Wie konnte sie es als möglich denken, daß gerade diese Person sie so hintergehen, als ein Vampyr so an ihrem Herzblute saugen könne? Ihr vor fürstlichen und königlichen Personen in Ehrfurcht erstarrendes Gemüth hielt es für absolut unmöglich, daß Jemand, und am wenigsten ein so junges Mädchen, auf der keine Schuld bis da haftete, es sich unterfangen können, die Handschrift ihres Königs nachzuahmen, ein solches Majestätsverbrechen zu begehen. Sie berief sich ferner darauf, daß sie sich nie um Staatsangelegenheiten gekümmert, nie etwas von den dahin einschlagenden Verhältnissen gewußt, und daß die Wilke nie in Verlegenheit gekommen, sondern stets mit der größten Bestimmtheit und Sicherheit ihre Angaben gemacht; auch daß sie auf die mehrfachen Verdächtigungen durch die Verwandten der Niemann und Andere nie die geringste Verlegenheit gezeigt, sondern immer mit völliger Ruhe geantwortet habe. Da ihr die tiefste Verschwiegenheit zur heiligsten Pflicht gemacht war, konnte und mochte sie mit Niemand darüber sprechen, und so war es möglich, daß sie so lange in ihrer Täuschung bleiben konnte. Es bedarf nicht der Erwähnung, daß jede Rüge und Untersuchung gegen diese arme Betrogene unterblieb; sie war härter gestraft als ein Gericht sie strafen können. Ihre ganze äußere Existenz war vernichtet, und wenn die Alte noch Sinn dafür gehabt, mehr als Das. Ihr Alles, woran ihre Hoffnungen, Träume, ihre Eitelkeit, ihre Liebe zum Leben sich gerankt, war mit einem Male ausgerissen. Sie hatte eine Natter an ihrem Herzen genährt und geliebkost, die ihren letzten Blutstropfen ausgesogen, und nun, statt Bedauern für ihren Schmerz, ihr Unglück zu empfangen, hatte sie nichts als Lächeln und Gespött zu erwarten. Auch gegen ihre Gesellschafterin Alfrede war kein Grund, einzuschreiten. Auch sie war benommen von der Vorstellung von Paulinens Rechtlichkeit, vielleicht auch vom Zauber des Wunderbaren, der selbst nach manchen bittern Störungen oder Weibergeklätsch nicht entwichen war. Mit dem edlen Eifer, oder Leichtsinn, mit dem Frauen sich oft für Dinge interessiren, die sie nicht verstehen, die aber ihr Gefühl angeregt haben, trat sie als Kämpferin für die Unschuld ihrer Gebieterin auf, glücklicherweise ohne sich für dieselbe in Geldsummen und durch Handschrift zu verbürgen. Nur Pauline Wilke blieb als Schuldige übrig. Alle einzelne Spuren, auf Mitschuldige deutend, die man emsig verfolgte, führten irre. Alles, was sie war, war sie durch sich selbst, Alles, was sie erreicht, verdankte sie ihrem eigenen Genius; es finden sich nicht einmal, mit einer einzigen Ausnahme, Andeutungen, daß sie Lehrmeister gehabt, lebende oder todte. Von ihrer Lectüre geschieht nirgend Erwähnung. In einem violettseidenen Kleide, einem bunt brochirten Atlastuche, in seinen weißen Strümpfen und gestickten Parisern wurde dieselbe Pauline Wilke ins Stadtvoigteigefängniß abgeliefert, um mit gemeinen Frauen in ein und derselben Stube zu verweilen, die wenige Monate vorher mit vier Pferden Extrapost in Karlsbad eingezogen war und durch ihren Luxus, ihre Ausgaben und Vergnügungspartien die reichsten und vornehmsten Besucher des Badeorts ausgestochen hatte, in deren Gesellschaft umherzufahren angesehene Fremde sich zur Ehre und Vergnügen rechneten. Ihr Glücksstern war erblichen, um nicht wieder aufzuleuchten. Bis heute hat sie die Gefängnißmauern nicht wieder verlassen. Einige Blätter weiter, wo jene ihre kostbare Kleidung verzeichnet steht, finden wir schon ihre Bitte um etwas neue Wäsche; aber der Bericht darunter zählt so weniges Weißzeug als in Beschlag genommen auf, daß man vermuthen muß, sie habe, wenn es ihr nicht gestohlen worden, in den letzten Jahren bereits das Nöthigste veräußert, um nur zu leben! Vor dem Richter scheint alle ihre intriguante Kraft entwichen. Sie macht ein vollständiges Bekenntniß, zuerst zaudernd, auf die ernsten Fragen räumt sie indeß Alles ein. Mit weiblicher Schlauheit und Eitelkeit sucht sie hier und da Einiges zu beschönigen, weniger das Verbrecherische, als was sie in ungünstigem Lichte, als thöricht und unwissend darstellen könnte. Die Reihe ihrer unerlaubten Handlungen ward also durch die Untersuchung aufs vollständigste dargestellt, ohne daß wir nöthig haben, sie, nach der obigen Geschichtserzählung, noch einmal zu wiederholen. Es kamen noch einzelne versuchte Betrügereien zur Sprache, die ihr nicht geglückt und gegen die große, an der Niemann und dem Schröder verübt, unbedeutend, gegen die moralisch schändliche, am Sparpfennig einer armen alten Dienstmagd begangen, fast indifferent erscheinen. Das Maß ihrer Schuld war voll, und es kam deshalb auch nicht darauf an, ihre verdächtigen Reisen nach Hamburg strenger zu verfolgen, als geschehen. Auch dort war sie schon durch ihre Verschwendung der Polizeibehörde aufgefallen und hatte einmal wenigstens die Weisung erhalten, fortzugehen. Ob sie mit Sporen an den Füßen ausgefahren, einen Jockei als Vorreiter, und Cigarren im Munde, wie ein dortiger Wirth, bei dem sie gewohnt, behauptete, sie aber in Abrede stellte, thut zur Sache nichts, und würde nur zu ihrer Charakteristik einen Zug mehr liefern. Als ermittelt ist nur anzunehmen, daß sie einem Schiffscapitain, für ein werthloses Geschenk von exotischen Früchten oder Spielereien, eine Tabackspfeife für über 10 Ducaten kaufte und schenkte, daß sie einen Platz zur Ueberfahrt nach Havre bezahlte, aber nicht mitfuhr, weil das Wetter stürmisch wurde und der Muth ihr ausging, woraus sie für ihre berliner Freunde die interessante Geschichte machte, daß das Schiff bei Cuxhaven gescheitert und mit 50 Passagieren untergegangen, sie also durch eine besondere Fürsorge des Himmels gerettet sei, in Summa, daß sie auch in der Hansestadt ihre prahlerische Rolle, aber ungeschickter auf dem fremden Terrain, gespielt hat, ohne doch daselbst erweislich und wahrscheinlich Betrügereien vorgenommen zu haben. Es bleiben Zweifel, wie oft, in welcher Absicht und mit wem sie in Hamburg und Ludwigslust gewesen, die durch die Untersuchung nicht vollständig erledigt scheinen. Um eine Strafe und deren Maß zu finden, bedurfte es indeß hierfür keiner weitern Ermittelung, da das Resultat wenigstens gefunden war, daß sie bei diesen Hamburger Reisen nicht, wie es anfänglich schien, in Gemeinschaft mit andern Schwindlern gehandelt. Und was war das Motiv eines so großen, mit solcher Ausdauer von einem jungen Mädchen verübten Betruges? – Nichts von Habsucht, Eigennutz, Rachsucht oder andern Leidenschaften, durch eine mächtige Sinnlichkeit angeregt. Diese, wie gesagt, spielt in ihrem Leben und ihrer Rolle gar nicht mit, bei der Untersuchung ward sie als unbefleckte Jungfrau erfunden! Es war ursprünglich nur der Kitzel, auch einmal zu glänzen und als vornehme Dame das Leben – zu genießen? Nicht ganz. Die Genußlust kam als Nebensache hinzu, das Principale war die Lust zu scheinen . Die Verbrecherin selbst gibt darüber den einfachsten Aufschluß in ihrer Aussage vom 4. Mai 1836: »Zu den Betrügereien gegen die Niemann bin ich dadurch gekommen, daß ich durchaus keine Lust hatte, mir durch Conditioniren bei andern Leuten meinen Unterhalt zu verschaffen. Da ich selbst kein Vermögen besaß, kam ich auf den Gedanken, mir die Mittel zu einem selbständigen Leben durch Schwindeleien zu verschaffen. Als ich auf die Art erst einmal von der Niemann Geld erhalten hatte, wurde ich durch die Leichtigkeit, mit der ich das Geld von ihr erhielt, nur aufgemuntert, darin weiter fortzufahren. Anfänglich, und bis zu der Zeit, wo ich sah, daß die Niemann Geld auf ihr Grundstück aufnehmen mußte, hielt ich sie für sehr reich und glaubte, es machte auch keinen großen Schaden, wenn ich ihr von ihrem Ueberfluß abzapfte. Erst als sie auf ihr Haus mußte eintragen lassen, um das Geld zu bekommen, merkte ich, daß sie kein Vermögen mehr besäße, aber da war ich nun einmal drin, und konnte nicht mehr zurück.« Befragt, ob sie denn aber nie weiter gedacht, und daß ihr Betrug entdeckt werden müsse, antwortete sie mit völliger Unbefangenheit: »Mir ist nie der Gedanke gekommen, daß mein Verfahren entdeckt werden könnte, und ich habe auch nie daran gedacht, daß meine Betrügereien doch einmal ein Ende nehmen müßten, und daß ich dann nichts hätte, wovon ich meinen Lebensunterhalt bestreiten könnte. – Ich habe Alles, was ich von der Niemann und Andern erhalten, ausgegeben, um meinen Hang, als große Dame in der Welt zu leben, ausführen zu können. Ich habe sehr viel Geld gebraucht, für meine Reisen, Wagen, Pferde, Dienstpersonal, für Geschenke an Reiche, für Almosen an Bedürftige, sodaß ich begreiflicher Weise nichts übrig behielt, als die paar Sachen, die man noch bei mir gefunden hat.« In dieser einfachen Darstellung dürfte die ganze Wahrheit ihres Seins und Treibens ausgesprochen sein. Zwar berichtete Duncker auf mehre Erkundigungen bei Paulinens Verwandten und frühern Bekannten, daß sie »von Jugend auf ein höchst lügenhaftes und freches Mädchen gewesen«. Bei den gerichtlichen Vernehmungen hat sich aber ein anderes Resultat herausgestellt. Alle Zeugen, die sie früher gekannt, bekunden, daß sie an ihr eine stille, ruhige Person bemerkt; ein hervorstechender Zug sei ihre Gutmüthigkeit gewesen. Diese bezeugt auch ihre Gesellschafterin und ihr Bediente. So charakterisiren sie desgleichen ihre Verwandte, die sie von früh auf gekannt. Man hatte sie immer für gut und ordentlich gehalten und keine Anlage zum Lügen wahrgenommen. Dagegen hätten sie wol gedacht, daß man ihr eine für die Verhältnisse, in denen sie zu leben bestimmt war, zu gute Erziehung gegeben habe. Diese habe ihrem Leichtsinn Nahrung gegeben und den Hang zum vornehmen Leben in ihr erweckt. Und spricht sich nicht Dasselbe in der ganzen Geschichte ihres Glanzlebens aus? Es ist das Leben eines Schmetterlings, die Gedanken reichen nicht weiter, als im Sonnenschein zu spielen und von einer Blume zur andern zu flattern; ohne Sorge, ohne Vorausbedacht, daß nach dem Tage die Nacht eintreten muß. Ein von Jugend auf ränkesüchtiges Gemüth, eine freche Natur spinnt weiter gehende Plane. Davon hier auch keine Spur; im Gegentheil gehorcht Pauline Wilke nur dem Augenblick, und wenn sie im Juni ihre Hand nach den verbotenen Kirschen ausstreckt, ist ihr Sinn weit davon entfernt, schon an die Aepfelernte im October für den Winter zu denken. Die Gelegenheit macht Diebe, aber auch Speculantinnen ihrer Art; sie fangen klein an, durch Umstände und Glück fortgerissen, wagen sie sich an Größeres. Die Lust zur Intrigue wächst mit deren Gelingen, endlich ist ihnen das Spiel ebensoviel werth, als der Gewinn ist, den sie daraus ziehen; sie können nicht mehr ohne dasselbe leben. Ein Zeuge erklärte, er habe sie immer für eine gutmüthige, aber auch für eine beschränkte Person gehalten. Wie ihre Einbildungskraft, so entwickelte sich auch ihre Fähigkeit zum Intriguiren. Sie hatte den Glanz, die Annehmlichkeit des vornehmen Lebens kennen gelernt, sie wollte nicht mehr dienen, das ist das Fundament, was feststeht. Aus einer Bonne wollte sie sich gern zu einer Gesellschafterin, einer Freundin ihrer Herrin erheben. Die Begünstigte, die Vermittlerin eines Königs ward sie erst, nachdem sie die Freundin, das geliebteste Schooßhündchen einer Fürstin geworden, und die Braut von Grafen und Herren erst da, als ihrem Ehrgeiz der Posten einer Schulvorsteherin nicht mehr genügte. Wie ihre Phantasien Zug um Zug mit dem Glauben, den ihre Lügen fanden, mit dem Gelingen ihrer Listen, wuchsen und anschwollen, ist uns in den Acten nicht erzählt. Die Richter, mit Anderm beschäftigt, fanden keinen Anlaß, diesen psychologischen Entwickelungsproceß genauer zu verfolgen, und sie selbst, stets nur mit der Gegenwart, höchstens mit der nächsten Zukunft sich beschäftigend, noch weniger Vergnügen, dieser Vergangenheit sich so zu erinnern, daß wir eine vollständige Geschichte ihrer Entwicklung erhalten könnten. Aber in einer kleinen Nebenintrigue, die zu keinen Resultaten für den Richter führte, sind uns Züge geliefert, welche Lichter auf ihren Charakter werfen, die unsere Anschauung desselben rechtfertigen. Im Hause des Banquiers, wo sie als Bonne in Diensten stand, hatte man durchaus keine Klage gegen sie während eines fünfvierteljährigen Dienstes. Sie galt wie überall für ein ordentliches, sittsames Mädchen, und ward nur entlassen, weil man eine französische Bonne nehmen wollte. Aber sie hing sich auch nach der Zeit an die Familie und entzückte durch kleine Aufmerksamkeiten, namentlich die Mutter ihrer frühern Herrin, die für dergleichen empfänglich war. Sie schickte zu den Geburtstagen Kuchen mit Namenszügen, zu Weihnachten saubere Stickereien. Die Geschenke wurden erwidert durch seidene Kleider, durch ein Paar brillantene Ohrringe und dergl. So erhoben kam die Wilke fast täglich zu ihrer früheren Herrschaft wieder ins Haus, jetzt ein willkommener Besuch, denn sie war die angenehmste Gesellschafterin für die ältere Dame, welche der geselligen Heiterkeit gern opferte. Ihre Erzählungen, ihre Enthüllungen unterhielten und entzückten. Für diese Gläubigen war sie aufgenommen im Hause einer Baronin Dankelmann, aber nicht als Bonne, nicht als Gesellschafterin, sie war die – heimliche Braut des Sohnes der Familie, des Grafen Cäsar von Dankelmann. Sie selbst war ein uneheliches Kind des Herzogs von Modena! Sie rühmte sich des Umgangs mit den höchsten Personen (in diesem Kreise aber blieb die Fürstin Radziwill fort), besonders der vortrefflichen Prinzessin Wilhelm. Heirathspartien fehlten ihr gar nicht. Ein anderer gewisser Graf umschwärmte sie und ließ nicht ab, ihr seine Hand anzubieten, aber sie konnte sich nicht entschließen, den »Lump« zu heirathen. Ihr besonderer guter Freund war der Herzog Karl von Mecklenburg- Strelitz, der ihr nicht allein zu ihrem Geburtstag den prächtigen Wagen, in dem sie fuhr, sondern auch – sein Lustschloß Monbijoux (an der Spree, aber in der Mitte von Berlin) geschenkt hatte! (Beiläufig hätte der Prinz hier mehr verschenkt, als er verschenken konnte, da er Monbijoux nur als ein ihm zuertheiltes Palais bewohnte; worauf es natürlich bei den Geschenken der Wilke nicht ankam.) – Noch mehr, oder wenn man will weit weniger: die Dame, welche an ihrer Gesellschaft so vielen Gefallen gefunden, hatte ihr einst eine Flasche Cardinal geschenkt, um sie ihrer Großmutter mitzubringen. »Wissen Sie, wer den Cardinal getrunken hat? rief die Wilke triumphirend am andern Tage. – Der Prinz August; er ist bei mir gewesen.« – Hier opferte das leichtsinnige Mädchen also selbst den Schein einer Tugend, die sie besaß, ihrer Eitelkeit, als Begünstigte eines durch seine galanten Neigungen bekannten Prinzen zu glänzen. – Uebrigens kannte sie überall ihre Leute, um ihre Lügen nach der Werthschatzung derselben von den Dingen und Verhältnissen einzurichten. Erst als die Frau des Banquiers erfuhr, daß Pauline Schulden habe, kam sie auf den Gedanken, daß sie geprahlt habe und ihre Aussagen sich in Wahrheit nicht so verhielten! Da fuhr sie zur Gräfin Dankelmann und erfuhr von derselben, daß ein Graf Cäsar Dankelmann gar nicht existire, also nicht Bräutigam der Wilke sein könne; worauf der Wilke das Haus verboten wurde. Pauline versprach einst dem Friseur der Dame 100 Thlr. wenn er ihr wieder eine Zusammenkunft mit derselben verschaffe, worauf eine solche und eine Art Versöhnung auch im Garten von Monbijoux wirklich stattfand und Pauline viel weinte u. s. w. Wer erkennt hier nicht den Muthwillen eines jungen, eitlen Mädchens, das sich in Aufschneidereien gefällt, und ohne besondern Zweck unsinnige Prahlereien vorbringt; je mehr ihr geglaubt wird, um so Tolleres und Abgeschmackteres. Das sind Erscheinungen, die Jeder, der viel unter Menschen kam, an bekannten Personen gefunden haben wird, ohne um deswillen die Gefängnisse der Criminalverbrecher durchsuchen zu müssen. Die Wilke selbst erklärte sich deshalb: es habe so ziemlich Alles seine Richtigkeit, so wie der Zeuge es vorgegeben. Nur weil die Dame ihren Erzählungen Glauben geschenkt, sei sie mit ihr, der ehemaligen Bonne, spazieren gefahren, und es hätte ihr doch viel Vergnügen gemacht, mit ihr spazieren zu fahren. »Warum hat sie dergleichen geglaubt! Ich hatte keine andere Absicht dabei, als mir einen Spaß zu machen.« Sie wollte zu diesen Lügen hauptsächlich durch eine verstorbene Freundin Emilie A.....g angeregt sein, die sie dringend aufgefodert hatte, die eitle und stolze Närrin mit Lügen zu unterhalten und ihr etwas Tüchtiges aufzubinden. Diese Erklärung klingt sehr wahrscheinlich. Die Niemann in ihrer altjüngferlichen Aengstlichkeit und Abgeschiedenheit konnte ihren wohlgeordneten Lügen aus Unkenntniß mit der Wirklichkeit und loyaler Unterwürfigkeit Glauben schenken; die lebenslustige Banquierfrau, weit mehr vertraut mit dem Gange der Welt, hätte schärfer blicken müssen, und doch glaubte sie. Hier kitzelte Pauline ihre Eitelkeit, oder die Schadenfreude plagte sie, die, wie sie meinte, eitle und aufgeblasene Frau zu mystificiren. Geld, oder gar Capitalien ihr zu entlocken, war nicht wol möglich, es galt nur einer Lust fröhnen, der sie nicht widerstehen konnte, und sie gab sich ihr rücksichtslos hin. Dies wird auch durch die letzte Anführung vom Cardinal und dem Prinzen August bestätigt. Ein junges Mädchen, welches sich in höhere Kreise hineinschwindeln und auf Achtung Anspruch machen wollte, hätte nie gewagt, sich zu rühmen, daß der Prinz August sie besucht und bei ihr Cardinal getrunken habe. Pauline Wilke spielte übrigens die wohleingelernte Rolle noch im Gefängnisse fort. Mit in einem Fingerhut gesammeltem Blute – wie sie behauptet, aus dem Daumen einer Mitgefangenen – schrieb sie auf ein entwandtes Blatt Papier Folgendes: »Eure Majestät unser allergnädigster König wollen huldvoll entschuldigen daß eine alte 70 jährige Person es wagt vor Allerhöchst Dero Thron eine Bitte zu legen. Von Ew. Majestät allbekannten Herzensgüte und Milde fest überzeugt hege ich schon im Voraus die feste Hoffnung daß Ew. Majestät sie mir erfüllen werden. – Ew. Königl. Majestät wird nicht unbewußt sein, wie vor einiger Zeit ein junges Mädchen mit Namen Wilke sowohl in Berlin, als auch in Charlottenburg, ihrem Wohnorte viel Aufsehen unter den Einwohnern erregte, weil sie von niederer Herkunft war und durchaus gar kein Vermögen besaß. Mit einem Mal trat sie auf, besaß ein Vermögen, lebte danach, theilte aber besonders reichlich davon unter den Armen aus, welches ihr die Liebe und Theilnahme Tausender zuzog. Auch hat sie sich nie einen Tadel oder Vorwurf zu Schulden kommen lassen, in Hinsicht eines schlechten lüderlichen Lebenswandels . – Doch jetzt machte es ein Umstand nöthig, daß es ans Licht kommen mußte, wo sie dies Vermögen herbekommen hatte. Dies junge Mädchen war von Jugend auf nie an Abhängigkeit gewöhnt, denn sie wurde erzogen beim verstorbenen Geheimrath – – –, hernach von dessen Schwagerin, nach deren Tode ihr nichts übrig blieb, als bei anderen Leuten ihr Fortkommen zu suchen. Der Zufall führte sie zu mir nach Charlottenburg; ich bin ihre Pathe, sie suchte Zuflucht bei mir, ich schenkte ihr häufig bedeutende Summen Geldes , welches in ihr vorzüglich den Grund zu einem leichtsinnigen Charakter legen mußte. Dies freudenvolle Leben gefiel ihr, sie suchte von dieser Zeit an sich in den Besitz meines Vermögens von 18,000 Thlr. zu bringen, dadurch daß sie mir vorspiegelte, sie stehe mit Ew. Königl. Majestät in Verbindung, Ew. Königl. Majestät wünschten dies Vermögen zu besitzen und brachte mir auch Schreiben von Ew. Majestät die sie aber selbst ausgefertigt hatte. – Jetzt befindet sich dies junge Madchen in criminalischer Haft und Untersuchung , was, mich tief, tief schmerzt und mich alte Person dem Tode nahe bringt , da ich die eigentliche Schuld bin mit meinem Gelde in ihr diesen Leichtsinn gebracht zu haben. Ew. Königl. Majestät Name ist gemißbraucht, doch allerhöchst Dero Gnade, die so manchem Uebelthäter schon das Leben schenkte, läßt mich mit fester Zuversicht hoffen, daß Ew. Königl. Majestät auch an diesem jungen Mädchen das Wort der Gnade und Milde werden ergehen lassen! ich bin alt, so lange ich noch leben werde, wird Gott mir durchhelfen , auch verlassen mich meine Verwandte, die vermögend sind, nicht; ich habe ihr vergeben was sie mir gethan hat, mein Tod würde es sein, wenn die Strafe an ihr vollzogen würde, die ihre Richter jetzt über sie verhängen. Ich werfe mich daher mit festem Vertrauen auf Ew. Königl. Majestät Gnade zu allerhöchst Dero Füßen und flehe Ew. Königl. Majestät an, diesem jungen Mädchen zu vergeben, die schwere Strafe von ihr zu nehmen und die Thüren ihres Kerkers zu öffnen! O! Ew. Majestät ich bitte Sie um Gotteswillen allerhöchst dieselben wollen mein Flehen erhören und mir die letzten Stunden meines Lebens durch dieses Gnadenwort versüßen! Um die Wunden und das Blut Jesu bitte ich Ew. Königl. Majestät um Erfüllung meiner Bitte! In tiefster Demuth verharre ich Ew. Königl. Majestät u. s. w. – – Niemann.« Darunter stand: »Liebe gute Alfrede, nur diese Zeilen können uns alle wieder in Ruhe bringen. Die Niemann muß dies wörtlich abschreiben und Sie gute Alfrede müssen diese Zeilen dann dem König im Namen der Niemann selbst abliefern, sollten Sie aber den König nicht persönlich zu sprechen bekommen, wozu Sie sich bei Müller melden müssen, so binden Sie Müller dies Schreiben auf die Seele und bitten um schleunige Antwort, denn es gilt ein Menschenleben zu retten! oder sehen Sie zu, daß Sie die Liegnitz sprechen können. Doch wahrscheinlich wird der König die Bitte das erste Mal nicht gewähren können, dann verabsäumen Sie ja nicht zum zweiten und dritten Mal zu schreiben, aber nur so, daß jedes Schreiben sich auf obigen Brief bezieht ; ja keine Erwähnung von meinem früheren Verhältnis, auch nicht bei einer persönlichen Unterredung; wenn Sie eine solche haben sollten, dann bitten Sie ja herzlich für mich; sagen Sie daß meine Reue groß wäre und ganz in Melancholie überginge. Das Uebrige wird Ihnen Gott eingeben. Die Niemann ist keinesweges um ihr Vermögen , sobald ich frei bin, ist sie in Besitz desselben, und wir alle glücklich; ich wollte keinen Verrath begehen, darum leide ich jetzt unschuldig; ich durfte mich nicht anders benehmen, ich durfte nicht anders handeln, ich redete stets die Wahrheit zur Niemann; glaubt die Niemann, daß dies Unwahrheiten sind und zeigt sie diesen Brief, so bin ich in drei Wochen todt und Alles ist unglücklich, denn ich sterbe unschuldig, mit meinem Gott bin ich versöhnt, ich sehne mich nur nach seiner Wohnung. Befolgen Sie alles pünktlich und wir sind glücklich. Die Niemann soll sich nicht grämen, was ihr versprochen ist, kriegt sie, nur ich muß frei sein; sie muß nur nicht nachlassen mit Bitten beim König, sie soll die Gerichte nur thun lassen, was sie wollen, sie soll nur ruhig sein, nur Verschwiegenheit über diesen Brief gegen Jedermann. Pauline.« Der Inhalt bedarf keiner Erklärung. Die Sache ward durch eine Mitgefangene verrathen, der Zettel bei einer andern, als sie aus dem Gefängniß entlassen ward, vorgefunden. Die Schrift blieb natürlich ohne Wirkung, zeigt aber von ihrem Muth und ihrer Gewandtheit, die Intrigue auch aus den Mauern des Kerkers heraus fortzuspinnen; aber in welcher Art mußte das junge Madchen die alte Dame mit ihrem Lügengewebe umgarnt gehalten haben, daß sie auch jetzt an die Möglichkeit dachte, sie noch einmal zu täuschen und dahin zu bringen, daß sie sich für die Person beim Könige verwandte, welche sie um ihr Alles gebracht. Das erste Erkenntniß erschien am 21. Mai 1836. Nach preußischen Gesetzen ward der Betrug nur durch eine Geldstrafe im doppelten Werthe der Summe, um die der Verbrecher Jemand übervortheilt, und erst im Unvermögensfalle mit einer gleich abzuschätzenden Leibesstrafe gebüßt. Dieses Duplum schätzte der erkennende Richter auf 42,450 Thlr. und arbitrirte, bei dem notorischen Unvermögen der Wilke, dafür unter Anführung der verschiedenen Verschärfungsgründe eine 12jährige Strafarbeit. In zweiter Instanz ward dieses Urtheil vom Kammergericht bestätigt. Den polizeilichen Antrag, die Betrügerin auch wegen der beleidigten Majestät zur Untersuchung zu ziehen und zu bestrafen, hatte das erkennende Gericht nicht berücksichtigt. Wir glauben mit Recht. Es war kein Animus dem thörichten Mädchen beizumessen, weder den Landesherrn noch die andern hohen Personen zu beleidigen. Nur aus Eitelkeit und Prellerei handelte sie, und bediente sich dabei, ohne Rücksicht und Nachdenken, der Mittel, die ihr in den Sinn kamen. Was hatte diese gedankenlose Ephemere mit Politik zu thun, als, was ihr davon aufstieß und im Sinn blieb, zu ihren Zwecken zu gebrauchen. Wie man nicht Injurien begehen kann, ohne die Absicht zu beleidigen, sollte man auch die Majestät nicht beleidigen können, ohne daß der Wille und die Absicht der Verunglimpfung dargethan wäre. Hier streitet sogar die Vermuthung dagegen! Im Zuchthause, früher zu Spandau, jetzt in Brandenburg, wird die Aufführung der Verurtheilten so gelobt wie früher, ehe sie den Verbrecherweg betrat. Sie beschäftigt sich mit Stickereien, die vortrefflich sein sollen. Ein vor einigen Jahren für sie eingereichtes Begnadigungsgesuch mußte indeß zurückgewiesen werden, da gar keine Gründe obwalteten, eine so gefährliche Betrügerin früher zu entlassen. Auch wenn der Zeitpunkt ihrer Loslassung kommt, darf diese nicht eher nach dem Erkenntniß erfolgen, als bis der Vorgesetzte der Anstalt sich überzeugt hat, daß sie durch die erlittene Strafe wirklich gebessert worden und, im Stande sich ehrlich zu ernähren, ihre Freilassung der öffentlichen Sicherheit nicht mehr schädlich sei.