Theodor von Kobbe und Wilhelm Cornelius Wanderungen an der Nord- und Ostsee   2 Teile in 1 Band [Erste Abtheilung]   Vorwort Der geistvolle Karl Simrock darf mit vollem Rechte in seiner Einleitung zu dem romantischen Rheinlande sagen, dass er auf dem literarischen Theilungscongress des weiland heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation mächtige Freunde gehabt haben müsse, da man ihm gerade das allerkostbarste Stück davon auf den Teller gelegt habe; und nur darin hat er Unrecht, dass er in seiner Bescheidenheit den kleinen Umstand vergisst, dass unter den deutschen Sängern nicht leicht ein würdigerer Prätendent für dieses literarische Reichslehen gefunden werden konnte. Mit diesem Gedanken können wir andern armen Schelme uns schwerlich trösten, denen allerdings, wie unser Poet weiter sagt, im Vergleich zu seinem Kernantheile, nur die Schalen zugefallen sind. Und wer von allen könnte diese traurige Wahrheit mehr für sich in Anspruch nehmen, als derjenige, dem die Aufgabe gestellt ist: über die nebelverdüsterten Sanddünen der Nordsee und über die von Haide, Sumpf und Moor durchzogenen Flächen – in denen die grünen Wiesenteppiche der Marschen mit der homerischen Fülle schwerwandelnder, krummgehörnter Rinderschaaren und erdstampfender Rossherden spärliche Oasen bilden, – das Zauberlicht einer Romantik auszugiessen, deren Keimen, ach! in dieser Prosagegend Deutschlands nur ein kümmerliches Dasein unter der ringsum starrenden Schnee- und Eisdecke vergönnt ist! Aber sei dem wie ihm wolle. Weisheit ist: in's Unabänderliche sich schicken; höhere Weisheit noch: darin nicht nur gute Seiten überhaupt, – die ja nirgend fehlen – aufzufinden, sondern vielmehr selbst in dem anscheinend Nachteiligen einen Vortheil, im scheinbaren Verlust den reinen Gewinn zu erkennen. Wer viel hat, dem wird viel gegeben, ist ein wahres Wort. Aber, wem viel gegeben ist, von dem wird viel gefordert , ist ein nicht minder wahres. Wäre mir die Krone des Rheinlandes bei dieser Theilung der deutschen Erde zugefallen, ich hätte sprechen müssen: Sie ist mir zu schwer, ich kann sie nicht tragen, sucht Euch dafür ein würdigeres Haupt unter den hunderten und aber hunderten, die besser ihrer Last gewachsen als ich. Mit der Fülle des Stoffs vermag nur der Meister zu schallen, die Goldhaufen eines Reichs nur die tiefste Einsicht zu verwalten, aber die kleine Scheidemünze des täglichen Erwerbs im kleinen Kreise wohl zu verwenden, und – um das Bild nicht todt zu hetzen, den spärlich und karg sich bietenden Stoff mit Liebe zu behandeln ist auch ein Verdienst, wenn gleich geringere Gaben dazu gehören. Von Herzen gönnen wir also unserm Mitarbeiter seine Freude, die doch nur in dem gerechten Bewusstsein seiner Kraft ihre Wurzel hat. Möge es uns nur gelingen einem in malerisch und romantischer Hinsicht von der Natur mehr als stiefmütterlich behandelten Theile Deutschlands wenigstens einige Aufmerksamkeit der geneigten Leser zuzuwenden. Und dieser Norden ist ja meine Heimath. Die Liebe zur Heimath gleicht aber jener Elternliebe, die an dem am mindesten begabten Kinde nur mit so innigerer Neigung hängt, und dessen liebenswerthe Eigenschaften mit um so grösserer Zärtlichkeit hervorhebt. Mag dies zugleich zur Entschuldigung dienen, wenn ich bei meiner Schilderung Manches in den Kreis der Darstellung ziehe, was vielleicht dem Einen oder dem Andern etwas vom Centrum seitab zu liegen scheint. Jener Violinspieler, der sein Streben nach europäischer Virtuosität als fruchtlos erkennen musste, tröstete sich doch wenigstens damit, dass er im Aplomb des Auftretens und der Verbeugung alle lebenden und todten Virtuosen übertreffe. Lieber Leser: wolltest Du dem guten Geiger diese Schadloshaltung verübeln? Endlich habe ich noch einen Gedanken in petto , den ich Euch hoffentlich plausibel zu machen gedenke. Die neun Provinzen meiner Mitchurfürsten von Georg Wigand's Gnaden haben des Pittoresken und Romantischen in Hüll' und Fülle. Allzuviel ist aber überall ungesund, und so denke ich, wird es für das Ganze eher ein Vortheil als ein Schaden sein, wenn daneben auch die derbe Realität des Hamburger Rindfleisches und seiner Porter- und Austerkeller zu ihrem Rechte gelangt, und der kräftige Wellenschlag unserer Nordseebäder und die ganze praktische Materialität unserer Küstenländer Eure, von der »mondbeglänzten Zaubernacht« der mittelalterlichen Romantik des berg- und burgbekränzten Rheinlandes, Schwabens und Frankens angegriffenen Nerven wieder erfrischt. Und auch an Romantik soll's, so Gott will! nicht fehlen. Das weltdurchschweifende Seeleben unserer Nordseelande bietet mancherlei Ersatz für das berg- und wald-umschlossene Stillleben der romantischen Parthieen Mitteldeutschlands, und die braunen und verwegenen Theerjacken auf den Schiffen und Bollwerken unserer Nordseehäfen sind die ächten Söhne jener Freibeuter, die Meere durchstreiften, und Niemanden über sich erkannten als den Himmel und seine Sturmwolken, denen ihr Muth gleich wie dem Feinde Trotz bot. Wo aber auch diese Gestalten verschwinden, da mögen die historischen und statistischen Notizen aushilfsweise eintreten, und die Aufmerksamkeit des forschenden Lesers zu gewinnen suchen. Da habt Ihr das Programm der »Festlichkeiten« oder wenn Ihr wollt, die Charte, die ich beim Antritt meines Regiments Euch verleihe. Hoffentlich soll sie eine Wahrheit werden, wo nicht, so hoffe ich, Niemand wird mir nachsagen, dass mein Wille Schuld daran gewesen. Helgoland Diese merkwürdige Felseninsel der Nordsee, welche hoch emporragend seit Jahrtausenden den Kampf mit den Wellen besteht, wird uns schon in sehr frühen Nachrichten genannt. Ein alter nordfriesischer Schriftsteller, Peter Saxe, glaubt sogar, der Dichter Virgil habe an dem Hofe des Kaisers Augustus von dem Meerwunder gehört und Gelegenheit genommen, die Insel in seinem Gedichte (Aeneide I. v. 159) zu beschreiben. Dass Tacitus Helgoland gemeint habe, als er von der Insel Hertha redet, wird durch spätere Zeugnisse fast zur Gewissheit erhoben. Er redet von dem Dienste der Göttin im Ocean, zu welchem sich sieben Suevische Völkerschaften, unter diesen die Angeln und Variner, verbunden hätten. Man hatte diese Insel vorzüglich deshalb in der Ostsee gesucht, weil man sich nicht berechtigt gehalten hat, die Sitze der Angeln bis zur Nordsee zu erstrecken. Allein neuere Untersuchungen, niedergelegt in Michelsen's und Asmussen's Archiv, haben gezeigt, wie das Volk der Angeln weit ausgebreiteter gewesen, als man bis dahin angenommen hatte. Die ersten Heidenbekehrer, Willibrod und Lüdger , machen im achten Jahrhundert eine Beschreibung von dem Götzendienst und dem Zustand Helgolands, welche ganz mit dem, was Tacitus von seiner Insel erwähnt, übereinstimmt. Wir finden hier wieder die geweihten Thiere, welche im Umkreise des Tempels weideten und die Niemand berühren, und die heilige Quelle – aus der man nur schweigend Wasser schöpfen durfte. Diese Quelle, das einzige süsse Wasser der Insel, findet sich auf dem Vorlande und wird in der Brennerei eines Einwohners, Jasper Bufe, verwendet. Woher der Name der Insel abzuleiten sein dürfte, ist streitig. Als die Heidenbekehrer kamen, soll sie nach einem hier verehrten Götzen » Fosetisland « benannt sein. An den Namen Helgoland knüpfen sich mehrere Sagen, namentlich eine der merkwürdigsten des skandinavischen Alterthums. Der König von Lethra, Helgo , war im sechsten Jahrhundert an der sächsischen Küste gelandet, wo die streitbare und stolze Fürstin Olufa herrschte. Sie entzog sich den Bewerbungen des Königs, als dieser aber mit Gewalttätigkeiten drohte, wich sie scheinbar der Uebermacht. Sie gab ihre Einwilligung und stellte die Hochzeitsfeier an, an dem festlichen Tage aber sorgte sie dafür, dass Helgo berauscht und darauf sein Kopf geschoren, mit Pech und Theer bestrichen, er aber dann in einem Sack auf sein Schiff gebracht wurde. Als er erwachte und sich seinen Leuten in solcher Gestalt zeigte, erschien auch die Fürstin mit einem so ansehnlichen Heere, dass Helgo die Ausbrüche seiner Rache zurückhalten musste. Beschämt zog er sich zurück, nach einiger Zeit aber erschien er wieder an der Küste. Er vergrub einige Kostbarkeiten in einem Walde und bestach einen Knecht der Olufa, seine Herrin von diesem Schatze zu unterrichten. Sie folgte der Lockung, liess sich verleiten in den Wald zu gehen, wo Helgo sie auffing, sie auf sein Schiff nahm und sie nicht eher entliess, bis er ihrer überdrüssig geworden. Olufa gebar eine Tochter, Ursa , welche sie insgeheim bei einem Bauern am Strande erziehen liess. Helgo besuchte oft diese Küste; er traf hier das liebliche Mädchen; als sie kaum ihr zwölftes Jahr erreicht hatte, nahm er sie mit sich und heirathete sie. Als sie ihm schon einen Sohn, den nachmals so berühmt gewordenen Rolf Krake , geboren hatte, sah Olufa das Werk ihrer Rache vollführt; sie unterrichtete ihre Tochter von dem Verhältnisse, in welchem sie lebte, nöthigte sie Helgo zu verlassen und verheirathete sie wieder an einen König von Schweden. Als Helgo sein Unglück erfuhr, soll er sich selbst erstochen haben. Von diesem Könige nun leiten Einige den Namen Helgoland ab. Nicht ohne Zusammenhang mit der Sage von Olufens Tochter Ursa steht die Ueberlieferung, Helgoland sei nach einem dort befindlich gewesenen Nonnenkloster, St. Ursula , benannt. Die heilige Ursula soll hier mit ihren 11,000 Amazonen gelandet sein als es noch ein grosses schönes Land war, die Leute aber so gottlos gewesen sein, dass wegen ihres Betragens gegen die Jungfrau das Land versunken, abgerissen und alles versteinert sei. Dem Ritter Bertram Rogewisch wurden sogar noch die Fusstapfen der tanzenden Jungfrauen gezeigt. Helgoland war lange ein Hauptsitz friesischer Seeräuber. Hier hausete der wilde König Radbod ; Jahrhunderte nach ihm soll ein Seeräuber, Namens Eilbert , von seiner Lebensweise abgelassen haben, völlig bekehrt und endlich sogar Bischof geworden sein, das Christenthum auf der Insel hergestellt und hier ein Kloster gegründet haben. Vom Kloster Rabodsburg, von Hainen und Tempeln ist keine Spur mehr, und mögen sie einst gestanden haben, längst sind sie versunken in die Tiefen des Meeres. Helgoland halte einst einen weit grösseren Umfang und hing wahrscheinlich, in einer Zeit, die der cimbrischen Fluth voranging, mit dem festen Lande zusammen. Der Statthalter Heinrich Ranzau erzählt, Helgoland habe früher sieben Kirchen gezählt, von denen in seiner Zeit nur noch eine vorhanden. Das Verzeichniss der Harden und Kirchen in Nordfriesland von 1240 führt noch drei Kirchspiele, ein Kloster und die Spuren dreier heidnischer Tempel an. Gegenwärtig besteht Helgoland nur aus der Klippe von Keuper-Mergel und einer Sandinsel. Die Fluth durchbrach im Jahre 1720 die schmale Erdenge und machte die nur eine Viertelmeile vom Felsen liegende Düne zur Insel. Seit 1653 hat Helgoland immer mehr abgenommen; damals ward der Umfang noch zu einer kleinen Meile angegeben, im Jahre 1720 betrug er nur 9200 Fuss. Zufolge der Sammlungen, welche ein Amtmann in Jever, Römer Sedichius, der im siebzehnten Jahrhundert lebte, hinterlassen haben soll, hätte Kaiser Heinrich III. zu Utrecht im Jahre 1050 Helgoland, »das Sassen Eiland« Aellum, dem Grafen Johann von Oldenburg geschenkt Es ist diese Angabe jedoch weder beglaubigt noch wahrscheinlich, und man kann wohl annehmen, dass Helgoland später das Schicksal des übrigen Nordfrieslands getheilt hat, demnach einen Bestandteil des Herzogthums Schleswig ausmachte. Im Jahre 1808 nahmen die Engländer die Insel ein; sie ward 1814 im Kieler Frieden an England abgetreten. Auf Helgoland gilt das jütsche Low, aber nur in Erbfällen, nach welchem, wenn die Eltern ohne Testament verstorben sind, die Töchter nur halb so viel erben wie die Söhne. Die Ehegatten leben in Gütergemeinschaft; nach dem Tode des einen kann der überlebende Theil gezwungen werden, mit den Kindern zu theilen, erhält dann aber, ausser der Hälfte, noch Best-Kindes, Sohnes Theil. Die Erbtheilung ist indessen seit Menschengedenken nur im Jahre 1828 verlangt , und zwar von einer auf Helgoland verwittweten Engländerin, welche eine üble Wirthschafterin gewesen sein soll. Die Söhne werden mit dem fünfundzwanzigsten, die Töchter mit dem einundzwanzigsten Jahre grossjährig. Eine frühere Volljährigkeitserklärung ( venia aetatis ) kommt selten vor, und hat den Rath, welcher sie aus eigner Machtvollkommenheit verfügt hatte, vor einigen Jahren in grosse Verlegenheit gesetzt. Den Müttern gebührt ohne Weiteres die gesetzliche Tutel, und kann ihnen nur aus sehr bewegenden Ursachen genommen werden. Die Helgolander haben keine stillschweigenden Hypotheken, dagegen ein Schuld- und Pfandprotokoll, in welchem die eingetragenen Forderungen nach ihrer Priorität gelten. Auffallend ist es, dass bei einer Bevölkerung von 2800 Einwohnern, die noch dazu in sehr dürftigen Umständen leben, so wenige Concurse erkannt werden. Diese pflegen erst nach dem Tode des Schuldners auszubrechen, dem man bis an sein Lebensende Nachsicht angedeihen zu lassen pflegt. Pfändungen werden nur zur Beitreibung von Predigergefällen vollzogen. Advokaten giebt es auf der Insel überall nicht. Der Rath besteht aus sechs Mitgliedern, von denen Einer das Protokoll führt. Die Rathmänner entscheiden in allen Sachen erster Instanz, bilden auch das Polizei- und Kriminalgericht, können aber, vermöge der schlechten Beschaffenheit ihres Gefängnisses, nicht höher als auf fünftägigen Arrest erkennen. Einen Helgolander, der einem Mädchen Gewalt angethan, haben sie vor etwa dreissig Jahren mit ewiger Verbannung bestraft, aus der eine Rückkehr nach Helgoland freilich wohl unmöglich ist. Uebrigens ist der letzte Todtschlag hier im Jahre 1719 von einer Frau an einer andern begangen. Damals ist das Urtheil in Kopenhagen ermittelt, und auch hier unfern der Kirche auf dem Hengstplatze vollzogen. Auch Diebstähle sind hier unerhört, sie beschränken sich lediglich auf die Entwendung einiger hölzerner Latten, die Kälte und Armuth im strengsten Winter veranlassen. Die jährliche Einnahme jeglichen Rathmannes beträgt etwa 460 Mark, doch behauptet man, dass dem Rathmann Block, auf dem hauptsächlich die Last aller Geschäfte ruht, eine besondere Gratifikation von England zu Theil wird. Von Ueberschuss der Revenuen, welche die Pupillen beziehen, begleicht ihnen der geringe Antheil von ein Sechstel Procent, welcher aber bis jetzt noch nicht eingefordert ist. Die Haupteinnahme der Helgolander Obrigkeit hängt davon ab, ob Gott den Strand segnet, da diese Behörde alsdann die Vertheilung des Bergelohns leitet und dafür ihre Quote berechnet. Zwei Male im Jahre wird Gericht gehalten, in welchem jeder Bescheid fünf Mark Hamburger Geld kostet. Die Gebühr für jede ausserordentliche Session beträgt zehn Mark. Von dem unstudirten, aber mit den Rechten wohl bekannten Rath wendet sich das Rechtsmittel der Appellation an den Gouverneur, der, weil er der deutschen Sprache unkundig, im Jahr 1839 noch in englischer Sprache entschied, gewöhnlich aber konfirmatorisch erkannte. Von hier geht die weitere Berufung nach England, an die Königin oder vielmehr an das Kolonialamt und an dessen präsidirenden Minister. Die Helgolander bilden ein originelles, imposantes Völkchen. So viele Köpfe man auf der weiten Insel erblickt, so viele Männer im moralischen Sinne des Wortes sieht man auch. In jeden ist ein fester Charakter eingegraben, ein tiefer Lebensernst liegt auf aller Gesicht; sie kommen Einem zuweilen vor wie politisch religiöse Flüchtlinge, ihre körperlichen Bewegungen, die Art und Weise sich auszudrücken, sind die eines würdevoll vornehmen, durch manches Unglück gebeugten Mannes. Oft erschienen sie mir wie Königssöhne, welche von einer grossen Insel ausgezogen sind, und Fürstentöchter entfernter Länder sich geholt haben, die aber, zurückgekehrt, den grössten Theil ihrer unermesslichen Insel durch einen bösen Geist weggezaubert sehen, und nun mit ihren schönen Weibern auf dem übriggebliebenen Felsblock zu plebejischer Arbeit und plebejischem Mangel verurtheilt sind. Da hilft kein süsses Schmeicheln der Frauen, welche willig die Last des Tages tragen; bei seinem Anbruch verlässt der Helgolander sein Lager und starrt bis zur einbrechenden Nacht in das weite Meer, als ob er den Moment erwarte, wo der Zauberer die geraubte Insel wieder emportauchen lässt, damit auch er seiner Frau einen würdigen königlichen Sitz, das Erbtheil der Väter, bieten könne. In der That treiben die Helgolander ein solches dolce far niente , wie dies die Italiäner nur immer unter ihrem milden Himmel thun mögen. Wenn sie nicht mit ihrem Fischfange und ihrem Lootsengeschäft zu thun haben, starren sie den ganzen Tag in das weite Meer hinein und dulden es mit orientalischer Ruhe, dass ihre armen Weiber und Kinder, namentlich auch die kleinen Mädchen, alle häuslichen Arbeiten, ja sogar die Tagelöhnerdienste, ausschliesslich verrichten, und auf diese Weise selbst den Unterhalt der Männer erwerben. So schleppen die armen Frauen jetzt sämmtliche Mauersteine, welche zu einem Bau unfern des Leuchtthurms verwandt werden sollen, hinauf. Acht dieser Backsteine ist eine gewöhnliche Tracht, doch werden die kleinen Mädchen sogar angelernt, wenigstens einen zu tragen. Uebrigens finden die Helgolanderinnen ein solches Joch billig und gerecht. »Unsere Männer,« pflegen sie zu sagen, »wagen Leib und Leben auf der See für uns, es ist daher billig, »dass wir die Zeit, da sie auf der Insel leben, für ihre Ruhestunden »ansehen, in denen ja jeder Moment sie zu ihrem grossartigen und lebensgefährlichen Beruf wieder entbieten kann.« Die Helgolanderinnen sind von seltener Schönheit und trotz der Arbeit, welche sie in den zartesten Kinderjahren zu beschäftigen anfängt, von zierlicher, ich möchte sagen, vornehmer Bildung. Da es nur wenig vermögende, aber auch wenig unverheirathete unter ihnen giebt, so kann man sicher annehmen, dass nirgends mehr Ehen aus reiner Liebe geschlossen werden als hier. Jede Neigung der Helgolanderinnen trägt den Charakter von Egmonts Klärchen oder des Käthchens von Heilbronn. Die früh geschlossene Ehe verändert nicht die schwärmerische Verehrung, die unbedingte Hingebung der freudig gehorchenden Braut. Gleichwohl will es mir vorkommen, als ob diese Liebe der Helgolanderinnen von ihren Gatten nicht in demselben Maasse erwiedert werde; mag dies zum Theil in dem egoistischen Charakter der Männer, welche durch eine unbedingte Klärchenliebe zu leicht ermüdet weiden, oder auch in dem baldigen Verblühen der jungen Frauen liegen. Diese traurige Metamorphose hat wenig Ausnahmen und es ist in der That auffallend, wie schnell, fast wie in einer Raimundschen Zauberoper, sich meistens diese Verwandlung zeigt. Indessen konkurriren hiefür mehrere Gründe; schnell auf einander folgende Wochenbetten der neu Vermählten, die schwere Männerarbeit, welche auf ihre zarten Schultern gelegt wird, die unzureichende Nahrung, welche gewöhnlich nur aus getrockneten Fischen und Kartoffeln besteht, vor allen Dingen aber die Herzensangst, welche die jungen Frauen ergreift, wenn ihre Männer im Wellengebraus mit dem menschenmörderischen Sturm kämpfen. Alle diese Umstände tragen gewiss das Ihrige dazu bei, um so früh die Blüthen der Schönheit von den rosigen Helgolanderinnen abzustreifen. Helgoland Helgoland ist von Hamburg in gerader Richtung 20 1/3 geographische Meilen, von Cuxhaven 7 2/3 Meilen entfernt. Durch die Krümmungen des Fahrwassers wird diese Entfernung an 4 – 5 Meilen vergrössert. Der nächste Punkt der Küste am Ausfluss der Eider ist 7 Meilen, die Insel Neuwerk und Wangerog 6 Meilen und Norderney 8 Meilen von Helgoland entfernt. – Die Reise von Hamburg dorthin und wieder zurück wird gewöhnlich auf den Dampfschiffen in zwölf Stunden zurückgelegt, und wird diese Tour häufig als Lustreise von Hamburgern am Sonnabend unternommen, welche sich am Sonntag auf Helgoland erlustiren und am Montag nach Hamburg zurückkehren. Das ganze Fährgeld hin und zurück beträgt nur 15 Mck. Hamburger Courant. Die Insel ist jetzt ¼ Meile lang, hat einen Umkreis von 13,800 Fuss und 1/12 Meile in der grössesten Breite. Vor dem nordöstlichen Rande der Klippe liegt ein flaches Vorland, aus röthlichem Thone und Rollsteinen bestehend, von der Gestalt eines Dreieckes, dessen längste, dem Felsen zugewandte Seite ungefähr 1000 Fuss lang, gegen den niedrigsten Theil des Felsens 15 Fuss ansteigt, und am nordöstlichen Strande durch ein Pfahlwerk gegen Abspülungen geschützt ist. Dieses Vorland wird auch » Unterland « genannt, während der Felsen das » Oberland « heisst. Das Unterland ist mit dem Oberlande durch eine vortreffliche Treppe von 173 Stufen, auf Kosten der englischen Regierung, verbunden, die wegen Steilheit des Felsens den einzigen Weg zu demselben darstellt. Der grössere Theil des Städtchens liegt mit der Nicolauskirche auf dem nordöstlichen Vorgebirge am niedrigsten Theile des Felsens und nimmt sich mit seinen rothen Dächern recht hübsch aus. Oestlich von dem Unterlande liegt, etwa 300 Ruthen von demselben entfernt, in der Richtung von Norden nach Süden, eine Düne oder Sandinsel, etwa 20 Fuss über der Meeresfläche. Hier ist auch der Badestrand. Höchst interessant ist die Fernsicht auf dem Oberhände, nicht nur dem Schiffer, sondern auch dem Meteorologen, welchem das fernste Meer der Spiegel des Firmaments wird. Oft erscheint der Himmel gleichförmig bedeckt und ist es doch nur für den Standpunkt des Beobachters, für den die Wolkenschichten wie Soffiten auf der Bühne sich decken, und doch von einander getrennt sind. Diese Oeffnungen des Himmels spiegeln sich nun auf dem Meere ab, und des Meeres Blinken , wie es die Schiffer bezeichnend nennen, an der Nordkante oder an einer andern verkündet eine Aufheiterung in jener Himmelsgegend, die sonst am Firmamente noch nicht sichtbar ist. Der Sternhimmel überrascht den Bewohner des südlichen Deutschland, wenn er ihn lehrt, wie er so viel nördlicher gekommen ist, und weil beschwerlicher das Haupt nach hinten beugen muss, um den Polaris zu sehen, wenn die nördlichen Gestirne sich auffallend über den Horizont erheben, während die südlichen verschwinden; wie niedrig steht Saturn im Scorpion, und Jupiter mit Mars in der Jungfrau, während er hier die Capella wieder findet, die ihm im Süden schon entschwunden war. Doch ist der Himmel über dem Meere dunstiger und lässt nur die grössten Sterne und Sternschnuppen sehen, so wie er am Tage nur graublau erscheinen kann. Das nächste Meer gewährt noch durch Farbe und Brandung eine Uebersicht des seichten Meeresgrundes, dessen höhere Theile jetzt abgespült, einst die grössere Ausdehnung der heutigen Insel ausmachten. Diese ist auch historisch unleugbar, und nur über das Maass derselben in den verschiedenen Jahrhunderten, so wie über die Bevölkerung wird gestritten. Noch bis zum Jahre 1720 war das Land – de lun – mit der Düne – de halm – und der Wittkliff (weissen Klippe) verbunden; damals wurden sie durch einen Sturm getrennt, und seitdem die Wittkliff dem Meeresboden gleich gemacht. Des Geographen Meyer Helgoland von 1649 hatte eine grössere Ausdehnung, wenn gleich die Masse der heutigen widerspricht; der Flamberg oder Flaggenberg auf dem höchsten nordwestlichen Punkte, der Kirchhof und die Radbodsburg an der östlichen Seite sind hinweggerissen, so ist auch die Südspitze mit Wachhaus und älterem Mönch weggespült; denn nur der Kusberg bei der Sapskuhle, der Bredtberg mit dem von den Hamburgern 1763 erbauten Feuerthurme und der Moderberg mit dem Pulverhäuschen sind noch vorhanden, und nahe genug ist ihnen der Rand des Felsens gerückt. Nagen Sturm und Wellen, Frost und Thauwetter das ganze Jahr sichtbar an dem mürben Felsen, und bedrängen ringsum seine senkrechten Wände bis auf die östliche Seite, wo, wie bereits erwähnt, eine Schutthalde das Gestade des Unterlandes bildet, so ist diese allmählige Zerstörung auch seit Erhebung des Gebirges über die Meeresfläche thätig gewesen. Jetzt ist der Felsen auf der nordwestlichen Seite noch 200 Fuss hoch. Gerade gegen diese und die Westseite muss die Insel aber eine grössere Ausdehnung gehabt haben und auch noch höher gewesen sein, denn hier war seit Jahrtausenden der Angriff von Wind und Wellen am thätigsten und wirksamsten. Das Streichen der Felsmasse geht nämlich in einem Bogen gegen Nordwest, die ehemals horizontal abgesetzten Schichten erhielten durch das hebende Urgebirge im Fallen von Westen nach Osten einen Winkel von etwa 25 Grad. Diese starke Abdachung begünstigte auf der östlichen Seite die Bildung einer Schutthalde, das jetzige Vor- und Unterland, und jener gegenüberliegenden Düne; auf der westlichen Seite dagegen, wo die Schichten den Wellen entgegen sich aufrichten, jene fortdauernde Zerstörung ihres Fusses und das Nachstürzen der obern Massen, deren Schutt stets aufgelöst und weggespült wurde. Nach der Meyerschen Karte ist die hypothetische Ausdehnung der Insel am grössten gegen Osten, und wäre also in dieser Richtung am frühsten das Meer über grosse Strecken herrschend geworden; da doch die Zerstörung des Meeres von Westen her am grössten ist. Mau muss also annehmen, dass entweder eine solche Ausdehnung der Insel nach Osten nie Statt gefunden hat, oder dass sie nur in einem Flachlande bestanden, das bei abnehmendem Schutze durch die westlichen rothen Felsen auch viel rascher vom Meere verschlungen wurde. Die westliche Ausdehnung, wo der Fels auch noch höher war, nahm ab, Süd- und Nordwesthorn näherten sich durch die verminderte Längenausdehnung, der Schutz des Vorlandes und der Dünenbildung verlor sich mehr und mehr, bis endlich beide getrennt wurden, und jetzt ein Kanal zwischen beiden liegt, der in der Nähe der Insel durch das Vorland in einen » Norder- « und » Süderhafen «, letzterer für die Fischerboote, und Schaluppen, abgetheilt wird. Rechts oder nördlich von der Treppe befindet sich eine Einsenkung der Schichten. Von der Nordwestspitze bis zur Südspitze zählt man auf der westlichen Seite 22 Einschnitte oder Buchten und 25 Hörner. Hier bildeten sich durch das Ausspülen weicher Massen Höhlen und Felsenthore (Junggatt, Mörmersgatt), deren äussere Theile sie waren. Am merkwürdigsten unter ihnen ist der sogenannte Hengst, nämlich die gleichfalls freistehende Nordspitze, deren Fuss wieder zu mehreren Pfeilern ausgespült ist, wie die Füsse eines kolossalen Elephanten, wozu eine kindliche Phantasie die Felsmasse ausbilden kann. Zur Zeit der Ebbe ist es auch möglich eine Wanderung zu Fusse um die Insel zu machen, mithin ragen dann noch mehr Schichtenköpfe der früher abgespülten Massen aus dem Meere und geben dem Grunde das Ansehen eines frisch gepflügten Feldes, das aber schon mit Algen und Tangen bewachsen ist. Die Möglichkeit des Herabfallens der Felsstücke, des Ausgleitens auf den immer trocknenden Steinen, oder der Ueberraschung durch die Fluth macht indessen eine solche Wanderung gefährlich. Gerade dieser Umstand zieht aber junge Damen, die auf dieser Wunderinsel mit Gefahren zu spielen bald interessant genug finden, an, die Wanderung zu machen und sollten auch hie und da Strümpfe und Schuhe ausgezogen werden müssen. Nirgends wird es deutlicher, was bunter Sandstein sei, als hier bei dem Anblick dieses ringsum abgefressenen rothen Felsens des eigentlichen Helgolands mit seinen gelblich oder grünlich weissen Schichten eines schiefrigen Thones, der sich so leicht zerbröckelt und auflöst. Gegen Osten und Nordost folgen auf den bunten Sandstein und die Klippen des rothen Wassers mit gleichen Strichen von Süden nach Nordwesten, Klippen eines Keupersandsteins (grau mit Malachit und Kupfergrün), auch gediegenem Kupfer, dann jene des Lias oder grauen Mergelschiefers, in welchem über 14 Arten von Ammoniten in Schwefelkies verwandelt, gefunden werden, meistens A. Maeandrus , dessen Glieder oder Wirbel auch einzeln vorkommen und von der dortigen Jugend Katzenpfoten genannt werden. Die von Schwefelkies durchdrungene Kohle gehört auch dieser Klippenabtheilung an, eben so die Gryphiten. Im Uebergang von dieser zur Kreide liegen die Gypsstücke, von denen der vorkommende Fasergyps herrührt. Echiniten ( Spatangus ), Belemniten und halb durchscheinender Kalkspath gehören der östlichen und mächtigsten Schichte der Wittkliff (weissen Klippe) an, die aus Kreidekalk besteht. Von dieser rühren die meisten Geschiebe und Trümmer auf der Düne her, die fast ohne Ausnahme von Pholaden durchbohrt sind, deren Schalen sieh noch im Innern befinden; eben so die braunen Feuersteinknollen, aber auch der jaspisartige rothe Feuerstein. Der Sand der Düne bedeckt wohl die Fortsetzung der nördlichen Kreidefelsen, die mit Tangen und Algen bewachsen, zur Zeit der Fluth dem Meere eine violette Färbung geben, zur Zeit der Ebbe aber hie und da über dem Meeresspiegel hervortreten und eine reichliche Ausbeute von Korallen, Patellen ( P. pellucida ), Seesternen und Taschenkrebsen ( C. Pagurus , rothbraun, C. Maenas , grün) gewähren. Granit giebt es häufig als Geschiebe auf der Düne und dem Unterlande; auf dem Plateau des Felsens, in der Nähe des alten Feuerthurms liegt selbst ein grösserer Granitblock, wie sich solche in der Oldenburgischen und Hannoverschen Haide finden, mit dem er auch gleichen Ursprung zu haben scheint, auf welchen sich am Ende auch die Granite im Kanal zurückführen lassen. Weiss ist der Sand der Düne und erhebt sich in mehreren Hügeln auf 60 bis 70 Fuss über das Meer, zwischen denen an einer Stelle selbst eine Wassersammlung in einer Brunnenfassung vorkommt. Sie erstreckt sich wohl 1600 Schritte in die Länge und 400 in die Breite. Das westliche Gestade ist das flachere und ohne Rinnen und Löcher, weit hinaus sich sanft vertiefend, der beste Badestrand, der sich wünschen lässt. Weit genug ist der nördliche Theil, den die Damen benutzen, von dem südlichen der Herren entfernt. Die Hügel sind bedeckt mit einigen Sandgräsern, worunter Psamma arenaria das gewöhnliche ist; am Strande wächst die lilaroth blühende Schötchenpflanze ( Kakile maritima ) mit ihren salzig saftigen gelbgrünen Blättern, und Salsola kali . Und wie steht es denn auf der eigentlichen Insel mit den Kindern Florens, wenn man von den zahlreichen Arten der Tangen und Algen, die auf den Klippen, unter der Oberfläche wachsen, absieht, und wovon die Fluth am Strande einen Wall anhäuft, der meist aus Laminaria digitata besteht und nicht den angenehmsten, wenn auch heilkräftigen Geruch verbreitet? Einheimische Bäume giebt es auf dem sonst fruchtbaren Boden des Helgolander Felsenplateau's keine, längst sind der Hain des Fosetes und andere Waldungen mit ihrem Felsengrund in das Meer versunken und nur ein höchster Punkt, der wegen des mächtigen ungehinderten Windes gewiss von jeher kahl war, ist am längsten übrig geblieben. Ihn bedeckt ein kurzes Gras mit den gewöhnlichen, dort sehr zerstreut liegenden Blümchen des gelben Labkrauts, der Schafgarbe, des Löwenzahns, der Massliebe, des weissen Klees, Hahnenfusses, dreier Arten von Wegerich, auffallend darunter der kleine Strandwegerich ( Plantago maritima ) und das sogenannte Seegras ( Acmeria vulgaris ). oder er ist angebaut mit Kartoffeln, selten mit Hafer oder Gerste, und hinter den Häusern zu Gärten benutzt. Am Rande der Kartoffeläcker und auf den brach liegenden finden sich die gewöhnlichen Unkräuter und die gelben Blumen eines Hederichs, an den Wegen auch Erdrauch, zwei Arten Disteln, Klettenkraut ( Arctium ), Käsepappel, Wolfsmilch, in den Sapskuhlen auch Sumpfbinsen und Gänserich ( Potentilla reptans ), in den Spalten des Felsens unter den genannten auch Küchenkohl ( Brassica oleracea ) und Kamillen; in den Gärten blühen Rosen, Georginen und auch viele andere Zierpflanzen, stehen am häufigsten Hollunderpflanzen ( Sambucus nigra ), dann auch im Garten des ersten Predigers, Herrn Langenheim, ein Maulbeerbaum, ein Aprikosenbaum, häufiger sieht man junge Pappeln und Akazien, auch den Blasenstrauch ( Colutea arborescens ), Johannisbeeren und Stachelbeeren; es wachsen sehr gedeihlich alle Arten Kohl, Bohnen, Möhren, diese und Bärenklau ( Heracleum spondylium ) auch wild, Zwiebeln, Lauche und Salat. An Wänden und Lauben klettert die wilde Rebe ( Hedera quinquefolia ) hinauf. Ist die Pflanzenwelt einfach, so ist es die Thierwelt noch mehr. Fliegen sind häufig in den Wohnungen, Bienen selten, stechende Mücken giebt es keine; Luft und Wohnungen sind rein und ohne quälende Insekten; einige Tagfalter, die gewöhnlichen rothen und weissen, der Rostkäfer, einige Laufkäfer ( Carabus ), selbst auf der Düne zwei Arten Marienkäfer ( Cocinella ), keine Reptilien, kein Sperling, keine Schwalbe, doch alle Arten Möven und Strichvögel. Die Bewohner der See sind nicht aufzuzählen, weil die Nordsee nicht allein Helgoland angehört; Mäuse, Ratten, Hunde und Katzen habe ich keine gesehen; auch braucht man hier keine Pferde und die Stelle der lasttragenden Esel versehen die Helgolanderinnen. Zwei Kühe und etwa hundert magere Schafe müssen, an einen Nagel angebunden, im Freien das Gras immer kurz erhalten; der Mangel lehrt letztere auch Kartoffelkraut, Gemüseabfälle und selbst vorgeworfene Fischreste verzehren. Sie versehen die Insulaner mit Milch. Dass Nahrung und Luft, Temperatur und Feuchtigkeit dem Menschen sehr zuträglich sind, bezeugt das kräftige Aussehen der Helgolander und ihrer von allen Fremden rühmlich genannten Mädchen. Das Klima ist jenes der Nordsee in dieser nicht beträchtlichen Entfernung von der Küste. Südwest- und Nordwestwinde sind vorherrschend und bedingen mit der wenig unter 13 Grad und wenig darüber temperirten See, massige Wärme im Sommer und mässige Kälte im Winter. Ist die Sommerhitze auf dem Continent gegen Osten und Süden gross, dann sind die westlichen Strömungen über die See auch heftig und geben der Insel einen kühlen regnerischen Sommer. Erst im September, wenn der Sommer zu Ende geht und die nördlichen Winde wegen der längeren Tage im Norden noch nicht tief genug gegen Süden vorgedrungen sind, ist das Wetter beständiger und die Heiterkeit bei massiger Wärme von 12° mittlerer Temperatur anhaltender. Herbst und Winter sind meist nebelig und trübe, selten giebt es anhaltend heitere Kälte, die übrigens immer geringer ist als jene auf dem nahen Continent und Schnee und Eis wenig dauerhaft macht; also ist der Winter mild, Schnee bleibt nicht liegen und Eis kennen die Helgolander nur als Treibeis aus der Mündung der Elbe und Weser; darum ist auch das Grün des Landes unvergänglich, das ganze Jahr gilt: » Grön is dat Land, Rohd is de Kant, Witt is de Sand .« Gewitter sind selten und sie bringt meist der Süd- und Südwestwind. Starke Regengüsse verursacht der Kampf des Nordostwindes mit dem Südwestwinde. Die mittlere Temperatur ist nahe an 7 Grad Reaumur. In der That entgeht man hier dem heissen Sommer des Continents und empfindet regnerische rauhe Witterung im August in Hamburg weit mehr, als ähnliche auf Helgoland, wo das Meer die Lufttemperatur mildert. Wem trockne Hitze und Kälte wehe thun, der ziehe nach Helgoland und athme die kräftige, salzige Luft, die keine grosse Temperaturdifferenzen kennt, er wird sich wohl und leicht fühlen, doch ist sie für eigentliche Lungenkranke zu rauh, die es aber auch hier nicht giebt. Die Helgolander selbst wissen wenig von Krankheit und würden es noch weniger wissen, wenn sie sich nicht bloss von Fischen und Kartoffeln nährten. Der englischen Regierung gereicht zur besondern Ehre, was sie für die im Ganzen höchst dürftigen Insulaner thut. Nicht genug, dass sie vor einigen Jahren eine neue Treppe, welche Oberland und Unterland verbindet, zu dem Preise von tausend Pfund Sterling, und einen Leuchtthurm gebaut hat, welcher viele tausend Pfund gekostet haben soll; in diesem Jahre ist abermals der Bau eines neuen Schulhauses und zweier Predigerwohnungen ausverdungen, welcher unter Leitung eines englischen Ingenieurs beschafft werden soll, und ohne die Materialien, welche England auch noch hergiebt, zu 41,250 Mark veranschlagt ist. Victoria hat keinen Sechsling von Helgoland, und doch verziert sie es wie einen Tambourmajor des Meeres, oder sie behandelt das Eiland wie einen Delinquenten, der seinem Tode entgegengeht, dem sie die Henkermahlzeiten der letzten drei Jahrhunderte angedeihen lässt. Die Anlage eines Hafens mit Steinwällen aber, die Helgoland vielleicht vor einem Untergange schützen könnten, dürfte indessen selbst für die englischen Finanzen eine zu grosse Aufgabe sein. Der Badearzt der Insel, der Doctor von Aschen, ist ein sehr unterrichteter und erfahrner Arzt, welcher auf an ihn ergehende Anfragen sehr gerne Bescheid ertheilt. Die Seebadeanstalt ist erst seit 1820 eingerichtet und hat einen sehr guten Fortgang. Der Genuss der Seeluft ist hier reiner und kräftiger als auf den übrigen Inseln, welche Badeanstalten haben, keine Etiquette genirt die Gäste, welche sich dafür auch selten zu grösseren Versammlungen im Conversationshause reuniren, sondern sich gewöhnlich in kleinere Zirkel scheiden. Im Conversationshause, wo ein Fortepiano steht, wird gewöhnlich den ganzen Morgen musicirt. In mehreren Häusern der Insel ist table d'hôte , welche im Durchschnitt bescheidenen Ansprüchen entspricht. Das Fleisch bekommen die Helgolander grösstentheils von der schleswigschen Küste und vornämlich von Husum. Am theuersten sind die Bäder, welche (die Ueberfahrt nach der Düne mit eingeschlossen) auf Ein Mark zu stehen kommen. – Indessen kann man für sechs Mark täglich alle anständigen Bedürfnisse als Badegast bestreiten. In der Saison wird hauptsächlich der Dorsch gefischt, der Hummer häutet sich alsdann und darf vom 14. Juli bis zum 14. September nicht gefangen werden. Makrelen werden häufig auf den Tisch gesetzt, der Schellfisch wird aber weiter entfernt, in der See, gewöhnlich nur im Frühjahr, gefischt. Der Dorsch ist hier übrigens viel kleiner als in der Ostsee. Ueberhaupt stimmen die Namen der Fische hier nicht mit denen in den Compendien der Naturgeschichte. Man isst hier » Haifische « und » Störe «, die letztern sind nur halb so klein wie ein Heering. Der Fischfang trägt den Helgolandern übrigens kaum das trockene Brod für ihre Lebensnothdurft ein, da sie mit den an der Elbe, also Hamburg und Altona näher wohnenden Fischern, vornämlich mit den gewandten Blankenesern, concurriren, und oft, bei contrairem Winde, ganz faul gewordene Ladungen über Bord werfen müssen. Wenn einst bei Hamburg eine Eisenbahn mündet und die Seefische durch ganz Deutschland versandt werden können, wird dieser Nahrungszweig der Insel freilich einen bedeutenden Aufschwung erhalten. Zwei Umstände sind es vor allen, ein physischer und ein moralischer, die in Helgoland hervortreten. – Die vom Continent entfernte Lage mitten im Meere und die grossartige Erscheinung dieses Felseneilandes, der Reichthum an Form und Farbe, der stets neue Bilder vor das entzückte Auge führt und der dadurch hervorgerufene Einfluss auf das Gemüth. Dass der Seeluft, dem Seebad andere Kräfte einwohnen, als der Luft des festen Landes, den Bädern im süssen Wasser, das wussten schon die Alten und die Neuen sind eben daran, den Kreis ihrer Erfahrungen hierüber bedeutend zu erweitern. Jene Kräfte müssen um so entschiedener hervortreten, je reiner und unverfälschter sie sind. An der Küste sind die Kräfte gemischt und getheilt. Mutter Erde und Gott Neptun liegen im Kampfe. Nicht alle Winde bringen dort Seeluft und wer weiss, welchen Einfluss die süssen Wasser der Küste und der Landwolken auf die Salzfluthen ausüben! Wie ungetrübt ist dies Alles auf Helgoland! Der Wind mag kommen, woher er will, er fühlt Seeluft herbei, eine weite Fläche trennt das Eiland von der nächsten Küste, die das Auge nicht mehr erreichen kann. Der Felsen selbst erzeugt keine tellurischen Kräfte, ein Schiff mit Hochbord liegt er mitten im Meere, auf den der Wechsel der irdischen Atmosphäre nicht herüberdrängt. Sie bewahrt hier die ihr eigentümliche Gleichmässigkeit in Temperatur und Feuchtigkeit viel constanter. Sodann welchen Reiz bietet Helgoland einem für Naturschönheit offenen Gemüthe! Statt der einförmigen Dünenküste erhebt sich der bunte Sandstein mit der grünen Decke schroff aus der See und drüben schimmert die Düne herüber, eines dem andern zur Zierde und jedes in anderer Beleuchtung immer wieder anders, dazu das Kommen und Gehen der Schiffe, die Helgolander Lootsen und ihr lustig Gewerbe. Eine andere Welt ist dem Bewohner des Festlandes aufgeschlossen, tausendfältig wird das Gemüth angeregt. Jeder Sonnenaufgang im Meere ist eine neue Schöpfung, jeder Sonnenuntergang schliesst dort ein ganzes Drama voll erhabener und erhebender Gefühle ein, und davon sollte der Leib unberührt bleiben? Alltäglich sehen wir, wie die Freude das Antlitz verkläret, wie der Neid so widerlich sich ausprägt, wie die Schamröthe in tausend kleine Gelasse das Blut treibt und eine ganze Kette voll der gewaltigsten Eindrücke sollte spurlos am Körper vorübergehen! Mögen das Philister glauben, deren Herz zu ist, die mit sehenden Augen blind sind, Helgoland schafft durch seine stillen Wunder. Wem aus der Mutter Erde, aus dem Alltagsleben die Dämonen erwachsen, die seine Ruhe stören, der fliehe vor ihnen nach dem Felseneiland. Ein kräftiger Herkules hebt es den geplagten Erdensohn über die Region des tellurischen Spukgeister hinauf. Beide adjuvantia sind in allen Krankheitsfällen von Werth, und würden die Helgolander Seebäder überall, wo sie angezeigt sind, kräftig unterstützen. Bald kommt dabei mehr die reine Seeluft in Betracht, wie in Drüsenleiden, bei Affectionen der Schleimhäute und langwieriger Heiserkeit, bald mehr der physische Eindruck, wie in zahllosen Nervenleiden, für welche Helgoland so recht eigentlich geschaffen scheint. Gegen die Zustände gereizter Nervenschwäche mit erethischem Blutsysteme, die vielfachen hypochondrischen und hysterischen Uebel, die mannigfachen von den Nerven ausgehenden Schmerzen und Lähmungen, die Verstimmungen des Gemüthes, überhaupt die sogenannten dynamischen Störungen, in denen es weniger auf materielle Ausscheidungen ankommt, gegen diese leistet Helgoland Grosses. Es muss noch eine dritte Classe von Krankheiten namentlich aufgeführt werden, die freilich zum grossen Theil unter die zweite zu subsumiren ist, nämlich so viele aus der dunkeln Region der Ganglien stammende Leiden, die bald mehr als Hämorrhoidalleiden, als plethora abdominalis , bald mehr als rein nervöse Formen auftreten, Schlaf und Heiterkeit rauben und die, zumal beim weiblichen Geschlecht, so manches zum Frohsinn geschaffene Leben unterwühlen. Alles vereinigt sich in Helgoland, um erfolgreich dagegen anzukämpfen und gewiss helfen hierzu, ausser der unmittelbaren Wirkung des Seebades, der Aufenthalt in der reinen Seeluft und die wohlthuenden physischen Einflüsse mit. Das weibliche Gemüth ist empfänglicher dafür und wirkt auch wohl kräftiger auf den Körper zurück. Die ungewöhnlich grosse Zahl Damen, welche hier Hülfe suchten und finden, liefert den kräftigen Beweis, was Helgoland in diesen Fällen leistet. Sie sind es, die an den erhabenen Naturscenen sich am meisten erfreuen; die, wenn die Boote schaukeln, mit ihrem Muthe manchen Herrn beschämen; ihnen wird dafür eine vorzugsweise segensreiche Wirkung zu Theil. Als Lootsen haben die Helgolander einen grossen Ruf, da sie kühn, zuversichtlich und nüchtern sind. Das Lootsenwesen ist auf Helgoland förmlich organisirt. Jeder, der Zutritt zu der Gesellschaft finden will, muss 24 Jahre alt sein und sich einem Examen unterwerfen, das freilich grösstentheils nur das Auswendigwissen eines Lootsenkatechismus in Helgolander Sprache erfordert. Nach dessen Bestehung erhält er eine Medaille oder den sogenannten Lootsenpfennig. Sobald ein fremdes Schiff die Hülfe der Lootsen erheischt, entscheidet das Loos. Die zur Fahrt Berufenen erwählen einen Offizier, dem unbedingt Folge geleistet werden muss. Der Erwerb wird von allen Lootsen getheilt, mithin wird dem einzelnen Theilnehmer der grössten Gefahren oft nur sehr mittelmässig vergolten. Ein gewisser Herr Siems, nicht der, dessen Wienbarg in seiner vortrefflichen Schrift, beiläufig gesagt, der besten, welche über Helgoland geschrieben ist, gedacht hat, sondern ein Vetter desselben, ein gescheuter und liebenswürdiger Mann, welcher sich einer hohen Achtung auf der Insel erfreut, hat mir erzählt, wie bei heftigen Stürmen die Weiber der auf der See umher schaukelnden Lootsen, rasenden Mänaden gleich, zu ihm kommen, Trost und Beruhigung, ja selbst ihre Männer von ihm fordernd. Da giebt es denn freilich manche Bürger'sche Leonore, die auf ihren im nassen Element verschwundenen Wilhelm umsonst harret, und, wenn er nicht wiederkehrt, aus Liebe und Verzweiflung des Leibes ledig wird. Diese Erzählung veranlasste mich, gemeinschaftlich mit dem einzigsten Helgolander Dichter, dem ehemaligen Schiffskapitain Hans Frank Heykens , eine Idylle zu komponiren, welche die Gefahren eines Seesturms für die rettenden Helgolander darstellt. Sie mag hier ihren Platz mit ihrer Uebersetzung finden, und bemerke ich nur, dass sie, wie mehrere andere meiner Notizen über Helgoland, meinen Briefen über diese Insel, nebst poetischen und prosaischen Versuchen in der dortigen Mundart, Bremen 1840, Verlag von Wilhelm Kaiser, mit Bewilligung des Herrn Verlegers entnommen ist. Sie ist am besten geeignet, um die dritte Zeichnung » Helgoland im Seesturm « zu versinnlichen. Helgoland En Tweskenspröek änner en Sköel Luatsen uhn dü Harrews bi Üppassen wanner Skeppen uhn Secht köhm. Ein Gespräch zwischen einer Anzahl Lootsen im Herbst, beim Aufpassen, ob Schiffe zu Gesicht kommen. A (es Offziar) . Dü Locht socht ütt es wan dü Harrewsstürmer nig füre sen. A (als Offizier) . Die Luft sieht aus, als ob die Herbststürme nicht ferne sind. B. Dät latt so, dät skin, es wenn wie Julang dät Wedder nig ha skell watt et nä es, dü Locht wart tjock en fochtig. B. Das lässt so, es scheint, als wenn wir am Abend nicht das jetzige Wetter haben werden, die Luft wird dick und feucht. C. Dät ohleng Stäck, wat alle Harrews war kiart. C. Das alte Stück, so alle Herbst wiederkehrt. D. Doch mannigmal met Ännerskeet. D. Doch manchmal mit Unterschied. E. Iwen es vergingen Juar, da hidd wi bet Uttgungen October gudd Wedder. E. Eben wie im vorigen Jahr, da hatten wir bis Ausgang Octotober gutes Wetter. F. En vör tau Juar, watt hidd wi da? F. Und vor zwei Jahren, was hatten wir da? G. Oh! da wiar, nog iar dü October ütt wiar, Skeppen en Mensken nuggen verlässen. G. O, da waren, noch ehe der October zu Ende war, Schiffe und Menschen genug verloren. A. Ha swuart wäret üp dät Weeter! A. Wie schwarz wird es auf dem Wasser! B. Dät wart en swahr Kääk. B. Das wird ein schweres Schauer. C. Nä mutt dü Skeppen herm Trallwerk all wegg. C. Nun müssen alle Nebensegel des Schiffs fort. D. Diar bleft et nigg bi, dü Reffen mutt uhn dü Mastsayels. D. Dabei bleibt es nicht, die Mastsegel müssen noch gerefft werden. E. Nagerad muar Winn, det skell well üpp en Sturm üttlop. E. Nach gerade mehr Wind, das soll wohl auf einen Sturm auslaufen. F. De Locht bräckt jam uhn dü nohrelk Kant, diar kom en Blink von Dach, velucht wen wie en Sturm ütt Nohren. F. Die Luft bricht sich an der Nordseite, da kommt ein Schein zu Tage, vielleicht bekommen wir einen Sturm aus Norden. G. A! dü halt nig lahng uhn, stronn Heeren rechte nig lahng. G. Bah! der hält nicht lange an, gestrenge Herrn regieren nicht lange. A. Ja, wan Alles tu Grünn en Buddem layt, welk stahnt dan wär ab? A. Ja, wenn alles zu Grund und Boden liegt, wer steht dann wieder auf? B. Diar jahnmal duad es, dü hatt er weesen. B. Wer einmal todt ist, der ist da gewesen. C. Es dog Skad om Skepp en Gudd, en vör all om Menskenleben. C. Es ist doch Schade um Schiff und Gut, und vor Allen um Menschenleben. D. En Skepp uhn Secht, uhn dü Nordkant van di Blink! (Dü Uhren altomahl likakker:) En Skepp, en Skepp! D. Ein Schiff in Sicht! an der Nordseite, aus der Helle! (Die Andern allzumal zugleich :) Ein Schiff! ein Schiff! A. Maak hast met Lottsmitten dat dät Skepp Help went! A. Macht schnell mit dem Loosen, damit das Schiff Hülfe erhält. B. En Sieler off en Rudder? B. Ein Segel- oder Ruderboot? A. En Rudder. Met en Sieler kann wi vör acht Reffen nig tunn. A. Ein Ruderboot. Mit einem Segelboot kann man vor acht Reffen nicht stehn. B. Denn mut wi gau wees iar dät Skepp uhn dü Barleng ihn komt. B. Dann müssen wir schnell sein, ehe das Schiff in die Brandung kommt. A. Es alle Man hier? dann ley dü Riahmen turecht. A. Sind alle Leute zur Hand? die Ruderstangen zurecht. B. Wi senn hir all sästein. B. Wir sind hier alle sechszehn. A. Dann uhn Gotts Nahmen förwuass. A. Dann in Gottes Namen vorwärts. B. Dat Skepp sien Flagg wayt. B. Des Schiffes Flagge weht. A. Ick low, he wayt verkiart. Wenn die Flagge verkehrt weht, so ist dies ein Zeichen der Noth. Der Jüngste von allen sitzt auf der vordersten Ruderbank. A. Ich glaube, sie weht verkehrt. B. O hey! dann es ho uhn Nüad. B. O weh! dann ist es in Noth. A. Dann ru tu, Manntjes! hahl ütt, om Skepp en Gudd, en Mensken tu bergen! A. Dann rudert zu, Leutchen! holt aus, damit Ihr Schiff und Gut und Menschen bergt. C. Dät Skepp es uhn dü Barleng, dät skell harr hol diar där tu köhmen. C. Das Schiff ist in der Brandung, es wird hart halten, da durch zu kommen. A. Diar komt en holl Tidd jüm uhn, – liat ley wör. A. Da kommt eine hohle Brandung gegen an. Lasst liegen vorne. H. Ley es. H. Es liegt. A. Liat dü diar Stärtsee nog awer gung, dann mutt wi där dü Barleng hen statt. (Alltumahl:) Uhn Gotts Namen. A. Lasst die letzte Sturzwelle noch vorüber, dann müssen wir durch die Brandung hinsetzen. (Allzusammen:) In Gottes Namen. A. Nä es et en siecht Tidd, Manntjes! Hura! där dü Barleng hen! (Alltumahl:) Hura! Om en gudd Vertienst A. Nun ist eine schwache Brandung, Leutchen! Hurrah! durch die Brandung hin! (Allzusammen:) Hurrah! auf guten Verdienst! B. Dät Skepp sien Mastsayel slayt en Stücken. B. Die Mastsegel des Schiffes zerschlagen in Stücke! C. Dü Maskwuat es Sprüngen. C. Die Mastschote ist gesprungen. D. He hett kehn Skepps Macht muar. D. Das Schiff hat keine Macht mehr.   B. (tu A) . Watt fange wi uhn? B. (zu A). Was fangen wir an? A. Uhn Burr, je ar je liewer, wie mutt ny en siecht Tidd passe om uhn Bürr tu köhmen. A. An Bord, je eher je lieber, wir müssen auf eine schwache Brandung achten, um an Bord zu kommen. B. Dan mutt wi dü hier bös Tidd awergung liat, dü See es allmächtig gröw, dät skell swöhr hol uhn Burr tu köhmen. B. Dann müssen wir hier die starke Welle übergehen lassen, die See geht allmächtig stark, es wird schwer halten, an Bord zu kommen. C. Wi mutt en skell uhn Burr, dät Skepp es uhn Sinken, si jüm nig, dat all dät Wulk uhn dü Pump es? C. Wir müssen und sollen an Bord, das Schiff ist im Sinken, seht Ihr nicht, dass alle Mannschaft an der Pumpe ist? A. Stopp vor, skone Mastbeenk. Passe üp et Vörlog. Ru to, allerweegen. A. Stark rudern vorne, halt an Mastbank. Pass' auf's Vortau. Rudert zu. Von allen Seiten. A. (Recht but Skepp rabt A tu dü Captain,) Die nunmehrigen Anreden und Antworten geschehen (bis zu den drei Sternen) in einem Küstenplattdeutsch, dessen die meisten Schiffer kundig sind. Wo kummt de Reis von dann? A. (Dicht beim Schiff ruft A dem Capitain zu.) Wo führt Euch die Reise her? Capitain. Von Brasilien. Captain. Von Brasilien. A. Wo geith de Reis na to? A. Wohin geht Eure Reise? Capt. Na Hamborg. Capit. Nach Hamburg. A. Is hee ock unner Karantähn? oder häit hee ehnen reinen Gesundheitspass? A. Steht Ihr auch unter Quarantaine? Oder habt Ihr einen reinen Gesundheitspass? Capt. Mien Papieren sind rein, ick heff keen Karantähn. Capit. Meine Papiere sind rein, ich habe keine Quarantaine. A. Worin besteit de Ladung? A. Worin besteht die Ladung? Capit. In Koffe und Zucker. Capit. Aus Kaffee und Zucker. A. Will Hee Lootsen hebben, oder is nog besonders Help von Nöden? A. Wollt Ihr Lootsen haben, oder ist noch besondere Hülfe vonnöthen? Capit. Dat se'et Jih wull, datt ick nog besonders Help hebben mot, da min Volk von lange anholende Arbeit aff is, un ick dessfalls nig allehn Lootsen, sondern ohk Arbeitslüd' benödigt bin. Capit. Das seht Ihr ja wohl, dass ich noch besondere Hülfe haben muss, da meine Mannschaft von langer anhaltender Arbeit entkräftet ist, und ich desfalls nicht allein Lootsen, sondern auch Arbeitsleute benöthigt bin. A. Hätt He' sien Anker un Tauen nog vullständig? A. Habt Ihr Anker und Taue noch vollständig? Capit. Nä, ick helf man ehn mehr an, mine best Anker un Tau heff ick opp de Nordküst verlahren un darto is min Schipp schwahr leck. Capit. Nein, ich habe nur eins noch, meine besten Anker und Taue habe ich an der Nordküste verloren und dazu ist mein Schiff schwer leck. A . Vorlangt Hee denn, dat wi mit alle Mann bi Em blievt? A. Verlangt Ihr denn, dass wir mit der ganzen Mannschaft bei Euch bleiben? Capit. As Jih mien Schipp un God retten könnt, ja wull. Capit. Wenn Ihr mein Gut und mein Schiff retten könnt, »jawohl.« A. Na, denn betalt Hee, falls wie Sien Schipp und God glücklich in en seekern Hafen bringt, uns, vör söstein Persohnen un de Schluppe, fifdusend Mark Kurant. A. Na, dann bezahlt Ihr, falls wir Euer Schiff und Gut glücklich in den Hafen bringen, uns, für sechszehn Personen und die Schaluppe, fünftausend Mark Courant. Capit . Gott bewahr, dat is fähl Geld. Capit. Gott bewahre, das ist viel Geld. A. Nich to fähl, wi wagen ock us Leben un laaten uns von Fro un Kinner afköpen, A. Nicht zu viel, wir wagen auch unser Leben und lassen uns von Frau und Kind abkaufen, um Sien Schipp un God un Minschen to bargen. Capit. Na, ick will betalen, wat recht is. Capit. Nun, ich will bezahlen, was recht ist. A. Stell, hohl dü Mütt. A. Still, halt das Maul. C. Wat is recht? Wenn Hee mit Sien Schipp erst glücklich binnen is, denn kriegt de Schiffmaklers Em faht, denn is da nicks wäsen as moye Wedder un klare Luft, un ehn ohle Fro har Em binnen bringen kunnt. C. Was ist recht? Wenn Ihr erst glücklich mit Eurem Schiffe binnen seid, dann kriegen die Schiffsmäkler Euch zu fassen. Dann ist da nichts gewesen, als schönes Wetter und klare Luft, und eine alte Frau hätte Euch binnen bringen gekonnt. Capit. Laat et denn opp gode Männer ankahmen, wat de utspräcken, schall uns beidersiedig recht sihn; um de Wahrheit to seggen, kann ick min Journal ja vörwiesen. Capit. Lasst es denn auf gute Männer ankommen, was die aussprechen, soll uns beiderseitig recht sein; um die Wahrheit zu sagen, kann ich mein Journal ja vorweisen. A. Obglik wi sehr oft karglich von gode Männer Utsprahk betahlt worden sind, so wöllt wi düttmal nog wedder uhs Leben bi Em wagen. Sehr hart un schmartfull is et uns aber, dalt Jih uhs Land im Sommer nig kennt, un wi in Harfst un Winter nicks als Nothhelpers sien möht. A. Obgleich wir sehr oft kärglich durch guter Männer Ausspruch bezahlt worden sind, so wollen wir diesmal doch wieder unser Leben für Euch wagen. Sehr hart und schmerzvoll ist es uns aber, dass Ihr unser Land im Sommer nicht kennt, und wir im Herbst und im Winter nichts als Nothhelfer sein müssen. Capit. Dat liggt buten mien Kraft, genog, Jih hebbt nu öwer mien Schipp un God to befehlen. Maakt, dat Jih glücklich damit binnen kahmt. Capit. Das liegt ausser meiner Kraft, genug, Ihr habt über mein Schiff und Gut zu befehlen. Macht, dass Ihr glücklich damit binnen kommt. A *** (tu sien Manskap). De Halleften uhn de Pump, un de Halleften rechte Sayels ab, wuar um Euer Schiff und Gut und Menschen zu bergen, ja am Basten passe, dan wat nog önner Raa es, det is terreven. Du uhnt Ruhr stühre Südwest, om jäpp Weeter to wenne, dan mut wi Natthowen ihn, en dar dü Wahl Siele twesken det Lunn en dü Hallem dör. A (zu seiner Mannschaft). Die Hälfte an die Pumpe, und die Hälfte richtet Segel auf, wo sie am Besten passen, denn was noch unter dem Raa ist, das ist zerrissen. Der Mann am Ruder steure Südwest, um ein tiefes Wasser zu finden, dann müssen wir in den Nordhafen, und durch die Meerenge zwischen Land und Düne. B. Wat teenkst dü denn, skell wi uhn Südhowen tu Anker gung en nem en Anker en Tayw muar vant Lun uhn Burr? B. Was meinst Du denn, sollen wir im Südhafen zu Anker gehn? und einen Anker und ein Tau von Helgoland an Bord nehmen? A. Nähn, de Winn es Nohren, wi mütt met iahns na de Ellew tu lense am binnen tu köhmen. A. Nein, der Wind ist Nord, wir müssen eilig nach der Elbe zu lenzen, um binnen zu kommen. B. Dan awerfalt üs dü Nagt iar wi en Howen wenn. B. Dann überfällt uns die Nacht, bevor wir den Hafen finden. A. Dätt mutt diar üp uff, datt dü Locht heno met Sännenänergang omklahrt, en dü Führen där köhm, dät Luad mutt aber konterwierig gung. A. Das muss darauf hin, dass die Luft sich mit Sonnenuntergang aufklärt, und die Leuchtfeuer durchkommen. Das Loth muss aber immerwährend gehn. B. Wan dät aber so junk bleft, en wü si us twungen uhn dü Ellew tu ankern, wat dan? wi han man iahn Anker en Tag, en dät bü Sturmwedder. B. Wenn das aber so dick bleibt, und wir uns gezwungen sehen in der Elbe zu ankern, was dann? wir haben nur einen Anker und ein Tau, und das bei Sturmwetter. A. A! watt? wan dü Hemmel deelfallt, ley wi diar all änner. A. Ei was? wenn der Himmel niederfällt, liegen wir Alle darunter. B. Nä, dann uhn Gotts Nahmen. B. Nun denn, in Gottes Namen! A. Stühre Süd-Süd-Ost! Lick twesken dät Lun en dem Hallem dör. A. Steure Süd-Süd-Ost! gerade zwischen Insel und Düne durch. E. Fräsk Vulk bü dü Pump! E. Frische Mannschaft an die Pumpe! D. Well, Maath! D. Wohl, Kamerad. A. Spöre Jüm ock datt dät Weeter männert? A. Spürt Ihr, dass das Wasser sich mindert? E. Nähn, det is noch All det Sallewske, diar es nog immer tree en huallew Futt Weeter uhnt Skepp. E. Nein, das ist noch immer das Nämliche, da ist noch immer drei und ein halb Fuss Wasser im Schiff. A (tu dü Mann uhnt Ruhr). Stühre Süden, om dü Stört von dü Ahd Ahd, die Südspitze der Sandinsel, welche Helgoland gegenüber liegt. Eine Sturzwelle zertrümmert hier einen Dreimaster. tu mieden. A (zum Mann am Ruder). Steure Süd, um die Sturzwelle der Ahd zu meiden. B. Sönn er gudd Tagen fast uhn dü Rudder? B. Sind die Tauen gut fest im Ruderboot. C. Ihrenfast. C. Eisenfest. B. Well, det es ock nödig, dann wann dat Skepp störrt, mütt dü Rudder uhs Liffberger wees. B. Nun, das ist auch nöthig, denn wenn das Schiff stürzt, muss das Ruderboot unser Lebensretter werden. A (tu dü Mann uhnt Ruhr). Stühre Süd-Ost en Süden, lick tu, es dü noyst Woy na de Ellew. A (zu dem Mann am Ruder) Steure Süd-Ost und Süd. Gerade zu ist der nächste Weg in die Elbe. B. Na, wi skell Day nugg tu korrt köhmt. B. Ja, wir werden Tageslicht genug zu kurz kommen. A. Dät es nigg tu ännern, wi mutt et nem es et kommt. A. Das ist nicht zu ändern, wir müssen es nehmen, wie es kommt. B. Dät Lun bejunket uhn de Kääk. Wi mutt üp fiev Glees »Glees«, halbe Stunde. luade. B. Helgoland wird vom Wetter verdunkelt. Wir müssen bei dem fünften Glase sondiren. A. Ja, uhnt sösst Glees senn wü vör dü Grünn. A. Ja, bei dem sechsten Glase sind wir an der Untiefe. B. En dann es et Nagt. B. Und dann ist es Nacht. A. Liat üs man iarst diar iahu üp nem, dan wen wi muar Mudd. A. Lass uns nur erst einen darauf nehmen, dann kriegen wir mehr Muth. B (tu all de Uhren). Prost üp moy Wehr en klar Hemmel! (Alltomal.) Dat jiehw Gott! B (zu allen Andern). Prosit, auf gutes Wetter und klaren Himmel! (Allzusammen.) Das gebe Gott! Föhr Grosse Erinnerungen an ungeheure Naturereignisse der Vorzeit knüpfen sich an den Anblick der zerrissenen Inselgruppe der Westsee. So wird der Theil des nordischen Oceans genannt, welcher die westliche Küste der cimbrischen Halbinsel bespült und aus dessen Grunde vor vielen kleinen Inseln besonders die beiden grössern, »Föhr« und »Sylt«, sich erheben. Diese Inseln hatten in der Vorzeit nicht allein unter sich, sondern auch mit dem festen Lande Verbindung. Einst soll ein langer Landstrich von Jütland bis nach Schottland hinaus gereicht haben, die Wellen haben ihn verschlungen, ein Ueberbleibsel davon ist das grosse Jütsche Riff, jene Dünenreihe, welche längs der Westküste sich hin zieht, den Seefahrern Gefahr bringt, aber dazu gedient hat, dass hinter derselben, in den Tiefen der Binnengewässer, das eingedrungene Seewasser in Ruhestand getreten ist. Dadurch hat das Marschland sich gebildet; nur wo der Wellenschlag zu stark ist, hat keine Marschbildung Statt finden können; deshalb zeigt sich diese so wenig an der Jütschen Küste, wie an der Westseite der Friesischen Eilande. Bis zur zweiten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts hatte Nordfriesland, wozu auch Föhr gehörte, eine ganz andere Gestalt. Die durch ihre Landesbeschreibung so bekannt gewordenen Schriftsteller des siebzehnten Jahrhunderts, Caspar Dankwerth und Johann Meier, haben eine Karte dieser Gegend von Klein- oder Nordfriesland geliefert, welche die Gestaltung derselben um das Jahr 1240 angiebt. Meier benutzte ein altes Verzeichniss der Friesischen Kirchen; nach Anleitung dieses Verzeichnisses befuhr er die Küsten fleissig mit alten erfahrenen Leuten; die Erinnerung an die Verheerungen der Fluthen war tief eingeprägt bei den Insulanern und gewiss vom Vater auf den Sohn vererbt. Es ist demnach kein Grund vorhanden, Meier's Karte den Glauben zu versagen, geognostische Beobachtungen und geschichtliche Nachweisungen haben auch dazu gedient, jene vielfach angefeindeten Angaben zu retten und zu bewahrheiten. So sind gegenwärtig nur noch drei Kirchen auf Föhr, eine vierte, die »Hanum« hiess, ist vergangen, die Spur des Kirchdorfs ist jedoch in einem Orte zu finden, der gegenwärtig »Oevenum« heisst und von den Alten »Hevhanum« genannt wurde. Die Werften eines zu dieser Kirche gehörigen Dorfes »Steinsolt« führen noch diesen Namen, an ein untergegangenes Dorf »Ribbel« erinnert noch der »Ribbelstieg« , ein Weg, der auf der Bodexumer Geest nach der Nicolaikirche führt. Die Trennung von Föhr und Sylt durch Fluthen war schon 1216 geschehen, also, dass beide Inseln, wie der alte ostfriesische Geschichtsschreiber »Heimreich« sagt, nicht wieder an einander gehängt werden mögen. Lange aber trennte nur noch ein schmales fliessendes Wasser die beiden Inseln und nach einer alten Sage hat man zur Ebbezeit von Föhr nach Sylt zu Fusse gehen können. Die Fluth in der Neujahrsnacht 1362 schied die Inseln für immer. Föhr und die jetzige Insel Amrum werden in der Urkunde von 1240 noch als »Osterharde« aufgeführt. Nach Amrum wandern zur Ebbezeit noch oft Fussgänger, desgleichen von Föhr nach der Widingharde des Amtes Tondern. Im Südwesten Föhr's liegt die Inselgruppe der Halligen. Als die grosse Fluth des Jahres 1634 die Insel Nordstrand zerriss, entstanden aus dem grössern Eilande die beiden grössern Inseln »Pellworm« und »Nordstrand.« Diese wurden mit grossen Kosten eingedeicht; eilf kleinere Inseln blieben als Halligland offen liegen. Die Erdfläche dieser Halligen besteht aus einem aufgeschlemmten, fetten Kleiboden, sie erhebt sich nicht mehr als drei bis vier Fuss über den Stand der gewöhnlichen Fluth, und die Häuser sind auf Werften, Erdhügeln von 12 bis 14 Fuss Höhe, die weder Bollwerk noch Bestickung mit Stroh haben, erbaut. Das Erdreich trägt hier kein Korn, es wächst kein Baum, es blüht keine Blume, keine Quelle bietet klares Wasser, kein Vogel singt; nur schrillende Wassermöven in zahlloser Menge umkreischen diese Erdflecke, die unbelebt und finster im todten Weltmeere liegen. Ein ebener grüner Rasen bedeckt diese Eilande; eine hohe Fluth überströmt sie stets, deshalb kann kein Korn hier gebaut werden. Auf diesen Erdhügeln wohnte ein friedliches Schiffervolk, alte Einfalt der Sitten, frommen Glauben und hohen Muth der Friesischen Väter bewahrend. Die Fluthen des Februars 1825 vernichteten dies stille Dasein auf eine Weise, dass man anfangs Bedenken trug, für die Herstellung der kümmerlichen Wohnsitze Sorge zu tragen. – Auch auf Föhr, welche Insel zur Hälfte aus Marsch, zur Hälfte aus Geest besteht, bewohnte man in frühern Zeiten Werften in der Marsch. Seit der Mitte des sechszehnten Jahrhunderts sind diese Wohnungen verlassen worden: damals war die Bedeichung der Insel bereits geschehen. Sie deckt Föhr an drei Seiten; im Süden schützt das hohe Geestufer, den besten Schirm aber geben, da wo die Westsee ihre stärkste Gewalt ausüben könnte, die Inseln Amrum und Sylt. Es ist also nur die Geest in der südlichen Hälfte der Insel gegenwärtig bewohnt; sie ist hoch. Ueberschwemmungen nicht ausgesetzt, aber mager und heidicht. Der Name Föhr wird gewöhnlich von dem Worte, welches auf eine Ueberfahrt hindeutet, abgeleitet; von Einigen auch von dem friesischen Worte »För« , so viel als Schutz bedeutend, womit Förlun , Vorland, in Verbindung steht. Richtiger ist wohl die neuerdings aufgestellte Vermuthung, das zu Grunde liegende Wort, »Far, Vare« , beziehe sich auf Seeraub Vargur und Wickunger bedeutet das Nämliche: Räuber, viele Orte an den Küsten haben solche Bezeichnung vom Seeraube, so die Faroer, Lindesfare an der Küste Northumberlands, das uralte Warthunga oder Wardingborg, selbst Helgoland, von Einigen Ferria genannt. Föhr liegt kaum eine Meile vom festen Lande entfernt; die Ausdehnung von Süden nach Norden beträgt eine Meile, von Osten nach Westen etwas mehr. Die Zahl der Einwohner mag sich gegenwärtig wohl auf 6000 belaufen. Ausser dem Flecken Wyck sind sechszehn Dörfer auf der Insel: Boldixum, Wrixum, Oevenum, Midlum, Alkersum, Nieblum, Goting, Burghum, Witzum, Heddesum, Uittersum, Dunzum, Oldsum, Klintum, Tüftum und Süderende. Diese Dörfer gehören zu den drei Kirchen: St. Nicolai, St. Johannis und St. Laurentii. Die Johanniskirche steht in Nieblum, die Nicolaikirche, zu welcher Wyck gehört, an der Grenzscheide der Dörfer Wrixum und Boldixum. Föhr wird in zwei ungefähr gleich grosse Hälften, in Osterland und Westerland getheilt. Osterland mit Wyck gehört zum Herzogthum Schleswig, Westerland seit 1400 zum Königreich Dänemark. Der bedeutendste Ort auf Föhr ist der in der Zeichnung vor uns liegende Flecken Wyck . Auf einem hohen Sandufer sieht der vom festen Lande Kommende, den die Fähre von Dagebüll nach der Insel führt, in einer Länge von sechszehnhundert Fuss eine freundliche Reihe von Häusern, die eine Allee vom steilen Ufer trennt. Diese Reihe bildet mit der im Norden anstossenden Hauptstrasse einen rechten Winkel. Ein Ort Wyck wird schon auf Dankwerth's Karte von 1240 angeführt; hier hatten an einer Bucht Fischer ihre Hütten sich gebaut. Der jetzige Flecken ist erst 1602 entstanden. Als 1634 die Fluthen viele Halligen zerstörten, begaben die Einwohner sich nach Föhr und bevölkerten Wyck. Im Jahre 1658 hatte Wyck 36 Wohnungen und 172 Einwohner; im Jahre 1757 schon 181 Wohnungen. Die höchste Volkszahl mag 772 Seelen betragen haben. Die Fleckensgerechtigkeit ist dem Orte am 13. April 1703 verliehen worden. Bis zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts diente ein Vorland, welches »Salzgras« genannt wurde, den Einwohnern zum Hafen. Als eine Verschlickung diese Stelle unbrauchbar machte, suchte der Einwohner Johann Feddersen um eine Octroi zur Anlegung eines Hafens nach; das damals zu Stande gebrachte Werk wurde aber durch die Fluth von 1717 zerstört. Ein zweiter 1763 unternommener Hafenbau hatte gleichfalls nur einige Jahre, nur so lange der damalige Gerichtsvogt Boye Lohsen lebte, und eifrige Sorge dafür trug, Bestand. Mit vielen Kosten ward endlich 1806 ein dauerhafter Hafen erbaut, der bis dahin sich bewährt hat und die Schiffe gegen alle Stürme zu sichern vermag. Entfernteren ist Wyck durch die dort 1829 gegründete Badeanstalt bekannter geworden. Der Gründung ging eine Fehde über den Werth der Ostsee- und Nordseebäder, geführt vor dem Publicum von zwei ausgezeichneten Männern Holsteins, dem Professor Hegewisch und dem Kammerherrn von Warnstedt, voran. Die Wortredner für Föhr suchen dem Seebad daselbst einen grössern Werth beizulegen, als irgend einem andern Bade der Nordsee. Wenn man in Norderney nur 250 Gran salziger Bestandteile findet, so ergiebt ein gleiches Gewicht Wasser bei Föhr 270 bis 300 Gran. Das Bad hat sich bewährt bei rachitischen Uebeln, bei Lähmungen, Gicht und Rheumatismus, bei Scropheln, bei Fehlern der Sinnesorgane und bei Nervenübeln. Die Stelle, wo kalt gebadet wird, ist ungefähr eine Viertelstunde vom Flecken entfernt. Man fährt für wenige Schillinge dorthin, um nicht vorher zu sehr erhitzt zu werden und geht am Strande oder über Wiesenland zurück. Die Badekutschen sind nach dem Muster der Englischen bequem und gut eingerichtet. Der Meeresgrund ist reiner, feiner Sand; ohne Steine, sicher und nur allmählig sich abdachend. Zu warmen Bädern ist im Flecken selbst in der Nähe des Wirtschaftsgebäudes eine Anstalt eingerichtet. Die Fremden logiren bei den Einwohnern des Fleckens in reinlichen freundlichen Wohnungen. Ein Zimmer pflegt wöchentlich nur 4 Mark 8 Schill. zu kosten. Der Badearzt daselbst, bekannt durch eine kurze, aber geistvolle Brochure über die Insel, ist der Doctor und Physicus G. Eckhoff, ein Bruder des in Holstein so berühmten Itzehoer Arztes. Uebrigens sind die Finanzen der Badekasse sehr drückend, und ohne Unterstützung, die jetzt sehnlichst vom König erwartet wird, sieht die Sache wegen der rückständigen Schulden misslich aus. In früheren Zeiten war Schifffahrt der vorzüglichste Erwerbzweig der Einwohner. Schon im vierzehnten Jahrhundert waren die nordfriesischen Seeleute weit berühmt in Europa. Seit dem siebzehnten Jahrhundert widmeten die Schifffahrer sich grösstenteils dem Wallfischfang und waren auf Holländischen und Englischen Schiffen gern gesehen, auch oft zu Commandeuren und Harpunirern genommen. In den Jahren von 1720 bis 1769 war das Verhältniss der Seefahrenden zu der Volksmenge wie 1 zu 5. Die Weiber betrieben die Landwirtschaft; sie führten und leiteten den Pflug, sie eggten und säeten und besorgten die Heu- und Kornerndte. Wenn das Frühjahr herannahte, verliess der grösste Theil der Einwohner männlichen Geschlechts, selbst Knaben von zehn und Greise von achtzig Jahren, – die Insel, und kehrte im Herbst mit dem erworbenen Verdienst zurück. Schon mehrere Wochen vor der Abreise sah man die Hausgenossen der Abreisenden beschäftigt mit Instandsetzung alles dessen, was zur Reise erfordert wurde. Die Seefahrer wurden von den Ihrigen, begleitet von Predigern und Beamten, auf die Schiffe geführt; man winkte ihnen vom Ufer und von den Höhen Grüsse und Lebewohl zu, bis man sie aus den Augen verlor. Die sehnlich erwarteten Tage ihrer Rückkehr waren Jubelfeste für die Insel. Seit dem nordamerikanischen Kriege wurden Kauffahrteyschiffe mehr als Grönlandsfahrt üblich; seit dem Kriege, der 1807 mit England ausbrach, ging dieser Nahrungszweig grösstentheils ein, dagegen wurden die Föhringer viel zur Bemannung der königlichen Kanonenböte verwendet. Eine vorherrschende Neigung für das Seeleben ist noch immer in den Erinnerungen der Alten, in den Lebensplanen der Jugend geblieben, im Allgemeinen ist aber gegenwärtig der Ackerbau vorherrschende Beschäftigung geworden, besonders seitdem die Theilungen der Gemeinheiten und die Verkopplungen, mit denen 1770 der Anfang gemacht wurde, von der Regierung eifrig betrieben und, nach Besiegung der anfangs dagegen herrschenden Vorurtheile, durchgeführt sind. Im Herbst 1840 sind allein an verschiedenen Kornarten für über 60,000 Thlr. ausgeführt. Die Lebensweise der verschiedenen Völker übt einen so entschiedenen Einfluss auf die Sinnesart, dass man oft die grösste Verschiedenheit bei den Nachbarn des nämlichen Stammes findet. Vorherrschende Eigenschaft des Seemanns sind Biederkeit, Geradheit, freilich oft in der Uebertreibung misfällige Erscheinungen, im Allgemeinen Tüchtigkeit, ohne welche der Seefahrer seinen Platz nicht zu füllen vermag. Noch ist der alte Menschenschlag auf Föhr kennbar, noch ist der Geist nicht erloschen, der den Insulaner weit in den Ocean trieb und den er zurückbrachte, und noch in den nächsten Geschlechtern wird man mehr den einstigen Seemann, als den nunmehrigen Ackerbauer finden. Treue und Redlichkeit galt hier vor einigen Jahren noch so hoch, dass man die Schlösser der Thüre fast für unnöthig hielt. In Betreff der Sittlichkeit findet man auf Föhr den auffallenden Gebrauch zu rügen, welcher hier »Corteln« wie Kiltgang in der Schweiz und »Fenstern« auf der Insel Fehmern genannt wird. Gegen solche nächtliche Zusammenkünfte junger Leute beiderlei Geschlechter wurden schon vor ungefähr hundert Jahren vergebens Verordnungen erlassen. Die Insulaner sprechen vier verschiedene Sprachen, das alte Friesische, das Föhringsche (eine Mischung, die besonders nach 1634 entstand, als viele Fremde von andern Inseln der Westsee einwanderten), das Dänische und das Deutsche. Die Trachten hatten bis auf die neueste Zeit viel Eigenthümliches, jetzt siegt auch hier Mode über Volkssinn und Volkstracht. Die Wohnungen sind zwar alle auf der Geest, jedoch nahe bei den Marschländereien erbaut. In jedem Dorfe findet man stattliche Häuser mit freundlichen Gärten. In diesen trifft man Fruchtbäume, sonst ist die Insel baumleer. Seit 1748 haben die Einwohner einen Entenfang angelegt; die hier gefangenen wilden Enten werden Schmennen genannt. Zum Robbenfang ziehen mehrere Bewohner auf die nahe belegenen Sandbänke. Austern kann man zur Ebbezeit am abgelaufenen Strande greifen. Föhr ist ein Ueberbleibsel des alten Nordfriesland. Hier hatte sich bis auf die neueste Zeit das Altfriesische in Sprache, Sitte und Tracht am Längsten erhalten. Die Föhringer halten ihre Sprache, welche dort verschieden von der Neufriesischen gesprochen wird, für das ursprünglich Friesische, sich selbst für die Nachkommen der alten Cimbern, die zurückgeblieben, als der grosse Zug ihrer Landsleute nach Italien geschah. Von der ältesten Zeit sind uns keine Nachrichten überliefert. Aus dem fernsten Alterthum findet man hier, wie auf Sylt, eine Menge von Todtenhügeln. Es hat aber an sorgsamen Händen gefehlt, welche daraus Gewinn für die Alterthumskunde hätten ziehen können und seit der Verkoppelung sind die meisten Ueberbleibsel unter Spaten und Pflug verschwunden. Alte Sagen reden von einem Tempel des Jupiter auf der Insel, dessen Stätte Dankwerth auch nicht unterlassen hat, auf seiner Karte von 1240 nachzuweisen. Gewiss waren manche Föhringer mit auf dem Zuge der Angelsachsen nach Britannien; merkwürdig ist es, dass eine in England übliche Geldart noch in alten Hebungsregistern der Insel vorkommt. Föhr theilte das Schicksal des alten Nordfrieslands, über welches früher die Könige von Dänemark Hoheit übten; seit dem vierzehnten Jahrhundert ergaben sich die Friesen dem Holsteinschen Grafenhause. Westerlandföhr gehörte dem mächtigen Geschlecht der Lembeck, die auch sonst noch grosse Güter im Herzogthum Schleswig besassen. Claus Lembeck war Oberhauptmann des 1340 ermordeten Grafen Gerhard des Grossen. Er diente auch dessen Sohne Heinrich und zeigte sich lange als entschlossener Feind des Königs Waldemar IV. Nachmals trat er auf die Seite des Königs und wurde Reichsmarschall in Dänemark. Es entstand aber zwischen dem König und ihm Misshelligkeit; Waldemar IV., welcher ein sehr jähzorniger Herr gewesen, wollte Claus Lembeck in siedendes Wasser werfen lassen; der Reichsmarschall ward zeitig gewarnt und entfloh. Er begab sich nach Föhr und legte hier bei dem davon benannten Dorf Burgsum eine Burg an, um sich gegen den König zu schützen. Die Burg war in der niedrigsten Gegend der Marsch erbaut, damit der Ritter sich von dort leicht auf seine Schiffe retten konnte. Noch erkennt man die Spuren der Burg mit einem breiten Graben; auf der Burgstelle ist ein Brunnen, der zu jeder Jahreszeit schönes kaltes Wasser enthält. König Waldemar erschien selbst auf Föhr, er belagerte Claus Lembeck und hoffte, ihn durch Hunger zur Uebergabe zu zwingen; dieser entfloh aber mit einem kleinen Boote und entkam nach Widdingharde. Seine Nachkommen verpfändeten im Jahre 1400 Westerlandföhr für 5000 Mark Silber oder 40,000 Reichsthaler an die Königin Margaretha. Das Pfand wurde nicht eingelöset und dieser Theil von Föhr, zum Stift Ripen gelegt, blieb auch seitdem immer bei Dänemark. Westerland machte eine Birkvogtei des Stiftsamts Ripen, Osterland dagegen eine Landdrostei des Amts Tondern aus und gehört zum Herzogthum Schleswig. Die beiden Landestheile sind in Ansehung der Communalverwaltung und Rechtspflege völlig getrennt. In den Gerichten findet man die alten Volksgerichte der freien deutschen Stämme vollständig erhalten. Es steht den Einwohnern frei, das Volksgericht oder das Erkenntniss des Landes- und Gerichtsvogtes zu wählen. An Ansetzung des Schatzes und der Steuer nehmen die Repräsentanten der Landschaften Antheil. Alles Land ist freies Eigenthum, adlige Besitzungen giebt es nicht auf der Insel. Föhrs spätere Geschichte hat nichts von politischen Veränderungen oder Ereignissen aufzuweisen. Nur der fortwährende Kampf mit den Elementen, von welchen die Insel umwogt wird, giebt eine Unterbrechung der immer gleichen Einförmigkeit des insularischen Lebens. Am Furchtbarsten seit unvordenklicher Zeit sahen unsere Tage eine Erneuerung des alten Kampfes mit den Wellen. Zwei Tage hatte ein heftiger Wind geweht, als dieser in der Nacht des 3. Februars 1825, als gerade Springfluth eintrat, zum Orkan ward. Um Mitternacht erhob sich plötzlich die See 16 bis 17 Fuss über die Mittelfluthen. Deiche und Fluthen wurden an mehreren Stellen weit überstiegen und bald erfolgten mehrere Grundbrüche im Norden und Westen der Insel. Die See stürzte sich in das Land und überschwemmte die ganze Marsch, wie auch einen bedeutenden Theil der niedern Geest. Um fünf Uhr Morgens hatte die Westsee Besitz von etwa ¾ der Oberfläche Föhrs genommen. Häuser, welche nicht höher gebaut waren als die Fluthen von 1817 und 1818 gereicht hatten, wurden weggerissen, ganzen Familien blieb kein anderer Ausweg als Rettung durch Durchwaten nach höher belegenen Stellen. Den ganzen Tag über behielt die See ihren Stand; selbst im Flecken Wyck erfolgte ein Durchbruch des Spülkogs im Hafen. Am Morgen des 4. Februar sah man vor Föhr die Verwüstungen, welche der Sturm auf den Halligen angerichtet hatte. Auf mehreren Werften waren die Wohnungen ganz vertilgt, auf andern erblickte man bloss das übrig gebliebene Stenderwerk. Man schickte Böte mit Lebensmitteln umher und brachte einen Theil der Geretteten nach Föhr. Wangeroge Wangeroge hat seinen Namen von dem Küstenstriche »Wangerland«, mit dem es einst verbunden war. Die grossen Cimbrischen Fluthen, welche zwei Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung grosse Strecken von den Nordseeküsten abrissen und durch weitere Vertiefung der Strömung eine Menge selbstständiger Inseln bildeten, mögen auch Wangeroge zur Insel gemacht haben. Die Endung »Oge«, welche sich bei mehreren nahe liegenden Inseln (Langeroge, Spikeroge) wiederfindet, heisst soviel als Auge. Denn Augen des Meeres nannten die Friesen diese Inseln. – Eye heisst im Englischen, wahrscheinlich aus dem Angelsächsischen oder Friesischen, das Auge. Vgl. G. W. v. Halem »die Insel Norderney«, 1822, S. 22. So wäre Norderney soviel als Norderoge. Der Wangeröger selbst nennt seine Insel nur das »Eiland«, altfriesisch »Euland«, d. h. Wasserland, während Andere diesen Namen von den Eiern der Seevögel ableiten, die sich auf dieser Inselgruppe in zahlloser Menge finden. Die Insel Wangeroge, welche gegenwärtig ohngefähr fünf bis acht Minuten breit, und von Westen nach Osten eine Stunde lang ist, hatte vor fünfhundert Jahren einen wohl zehnfach grösseren Umfang. Um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts finden wir ihre Rhede bedeckt mit Raubschiffen des kühnen friesischen Häuptlings Edo Wiemken, und die Thürme ihrer beiden Kirchen zur Aufbewahrung der Beute und Gefangenen dienend, die der wilde Seekönig den Holländern abgenommen. Denn diesen Myn heers hatte er ewigen Hass geschworen, seitdem ihn die List eines holländischen Kaufmanns in Gefangenschaft gelockt, aus der ihn nur ein, für jene Zeiten ungeheures Lösegeld von 14,000 baierschen Gulden, losgekauft hatte, die seine Unterthanen aufbringen gemusst hatten. Endlich überfielen die Holländer Wangeroge. Sie verbrannten die Dörfer und äscherten die Kirchen ein, nachdem sie alles rein ausgeplündert; die wenigen auf der Insel befindlichen wehrhaften Männer wurden erschlagen, Weiber, Kinder und Mägde gefangen weggeschleppt. Zwar erholte sich die Insel allmälig von diesem Unglück, die Kirchen wurden wieder aufgebaut und Ackerbau und Viehzucht, die der fruchtbare Boden ausserordentlich begünstigte, verbunden mit den Vortheilen des Seeraubes, stellten bald die alte Wohlhabenheit wieder her. Allein wiederholte kriegerische Ueberfälle und vor Allem die Gewalt des Meeres, welches durch die immer weiter vorrückenden Deiche des gegenüberliegenden Festlandes mit stets anwachsender Gewalt gegen die Nord- und Westseite, die fruchtbarsten und kultivirtesten Theile der Insel, getrieben wurde, vernichteten langsam, aber sicher das Gewonnene. Heftige Nordweststürme zerrissen die Sanddünen, welche die blühenden Felder des Kirchdorfs Oldenoge , im Norden der Insel, schützten, und bald wälzte die wilde See ihre sturmgepeitschten Fluthen hoch über den Wohnungen der unglücklichen Bewohner. Nicht besser erging es bald darauf dem westlichen Kirchdorf. Die Einwohner, erzählt Dr. Chemnitz, der verdienstvolle Badearzt der Insel, in seiner kleinen Schrift: »Wangeroge und das Seebad« , sahen sich gezwungen, ihre Häuser bei Zeiten abzubrechen, und sie weiter südostwärts hinter den neu entstandenen Dünen wieder aufzubauen. Bald darauf ward die verlassene Stätte sammt der Kirche ein Raub der Wellen. Noch im Jahr 1760 waren zur Ebbezeit die Trümmer der Kirchen und die Abtheilungen der Aecker zu sehen; im Jahre 1806 noch ganz deutlich die Brunnen und Häuserstellen und selbst vor zwanzig Jahren noch eine Menge von Backsteintrümmern. Gegenwärtig sind auch noch diese letzten Spuren verschwunden, die Fluth bietet dem Auge nur Wasser und die Ebbe gelbweisse platte Sandflächen dar. Als Ersatz für die beiden Kirchthürme, die den Seefahrern als Signale gedient hatten, erbaute Graf Johann von Oldenburg zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts einen länglich viereckigen, über 200 Fuss hohen Thurm mit zwei Seiten- und einer hohen Mittelspitze. Auf der letzteren brannte zur Nachtzeit eine grosse eiserne, mit Rüböl gefüllte Lampe, die ihren Schein durch 48 Fenster weit hinaus auf das Meer warf. Ausser der oben erwähnten Bestimmung, die jetzt durch einen eignen Leuchtthurm ersetzt ist, hatte der Thurm, oder hat er noch vielmehr, zwei andere. Das obere Stockwerk nämlich diente als Verwahrungsort des Strandgutes, auch wohl als Gefängniss, das mittlere aber bildet die Kirche, in welcher noch, vor gar nicht langer Zeit, der Pastor jedes Mal im Schlussgebete Gott die Bitte vorlegte, »dass er den Strand segnen« d. h. recht viel Schiffe in der Nähe stranden lassen möge. Denn was von solchen die Wellen an das Ufer trieben, oder die Insulaner auftischten, war gute Prise. In neuester Zeit fand man dies Gebet unchristlich und schaffte es ab. Gegenwärtig hat übrigens die Regierung das Strandrecht an sich gezogen, und während früher die Einwohner noch ein Drittel des Betrags erhielten, nimmt jetzt der Vogt Alles für herrschaftliche Rechnung, nur die Pastorei wird in Gelde entschädigt. Eben so compendiös wie der Thurm war auch die Verwaltung der Insel eingerichtet. Denn der Vogt, welcher sie repräsentirte, war nicht nur die höchste und alleinige Justiz- und Polizeiperson, sondern auch zugleich der einzige Kaufmann und Gastwirth auf der Insel. Und wenn die Burschen des Winters in seiner Trinkstube Händel anfingen, die mit blutigen Köpfen endeten, so verwandelte sich flugs der Schenkwirth in Schaarwache, Zeuge und Richter, und der Process war jedenfalls auf diesem Wege der kürzeste, der sich denken lässt. Bei dem gedachten Thurmbau, dessen Kosten ohne Fuhren und Frohnen über 24,000 Thaler betrugen, wurden übrigens verschiedene römische Münzen und Aschenkrüge gefunden, woraus denn der schon erwähnte Monograph von Wangeroge folgert, dass Germanicus mit seiner vom Sturm übel zugerichteten Flotte sich hier eine Zeitlang aufgehalten haben möge. Nach allen jenen Verwüstungen war indessen die Insel um die Mitte des sechszehnten Jahrhunderts, zur Zeit des noch im gesegneten Andenken seines Volkes lebenden Grafen Anton Günther von Oldenburg, sehr verschieden von ihrem jetzigen verödeten Zustande. Ihre Breite betrug damals noch ¼, ihre Länge 1-½ Meile. Statt der jetzigen öden, von Sanddünen umgebenen Fläche, deren spärliche Vegetation kaum für ein Paar hundert Schafe die nothdürftige Nahrung gewährt, boten ihre reichen Wiesengründe (deren Pracht der damalige Pastor Johann Hoffmann in seinem »geistlichen Ehrengedächtniss von Wangeroge« preiset) die üppigste Weide für zahlreiche Heerden, die man sogar vom gegenüber liegenden Festlande nach der Insel hinüber brachte, um sie hier zu mästen. Eine noch vorhandene Karte der Insel vom Jahre 1730 verzeichnet über 200 Matten üppige Weide und 70 Matten geringere. Allein von da an nahm die Insel in dem Maass an Umfang ab, als sich die Eindeichungen an der Küste des Festlandes gegenüber vermehrten. Es schien, als wolle sich das Meer für das ihm dort Entrissene hier schadlos halten. Vorzüglich richtete es seine Angriffe gegen den Norden und Westen der Insel, deren Bewohner endlich, als bei dem allmäligen Verschwinden des fruchtbaren Landes die Viehzucht aufhören musste, mehr und mehr in die grösste Armuth geriethen. Ja die ganze Insel verdankte ihre Erhaltung nur den Bemühungen des Fürsten Friedrich August von Anhalt-Zerbst , in dessen Besitz Wangeroge mit der Herrschaft Jever durch russische Vermittlung gelangt war. Um die Gefahr abzuwenden, welche durch die gänzliche Vernichtung des Eilandes für das feste Land entstehen musste, verwandte er auf die Erhaltung der Insel die grösste Sorgfalt. An den Stellen, wo stürmische Winde und hohe Wasserfluthen Oeffnungen und Verstäubungen verursacht hatten, wurden quer gegen den Windstrich in schlängelnder Richtung aus belaubtem Strauchholz geflochtene Zäune befestigt, um den Sand aufzufangen und den Verlust wieder zu ersetzen. Zur Anlage neuer, oder zur Erhöhung alter Sanddünen, die den einzigen Schutz des Eilandes bilden, pflanzte man Strohdocken mit dem Kopf in den Strand, damit sich an dem obern rauhen und breiten Ende der Sand sammeln konnte. An der dem Festlande zugekehrten Seite (Wadseite – Wad heisst der seichtere Meerstrich), zwischen der Insel und dem Festlande hatte dies Erfolg, nicht so auf der dem heftigeren Wogendrange ausgesetzten Nordseite. Am wirksamsten erwies sich zur Befestigung und Erhöhung der Dünen die Anpflanzung des Helmt oder Sandhafers (Elymus europaeus) , ein hohes binsichtes Seegras, welches auf dem Seesande wild wächst, und oft durch seine zwanzig Ellen lang in einander vernarbten, mit unendlich vielen Fasern und Häkchen versehenen Wurzeln den Sand festhält. Zu gleichem Zwecke dienten Anpflanzungen von Seestrandsdorn und Bitterweide. Dagegen zerstörte eine einzige Sturmnacht zwei, an gefährlichen Orten der Nordseite mit grossen Kosten aufgeführte Querdeiche so vollständig, dass am nächsten Morgen auch jede Spur davon verschwunden war. Auch Anpflanzungen von Tannen, Pappeln und Heckensträuchern, die derselbe Fürst veranstaltete, gediehen zwar anfangs, wurden aber bald theils im Flugsande begraben, theils von der See weggespült, und im Jahre 1776 verschwand der letzte Strich fruchtbaren Wiesenbodens. Da ihnen der Boden, der sie ernährte, so entzogen wurde, sahen sich die Wangeröger auf das Meer angewiesen. Auch hier bewährte sich die Fürsorge des Fürsten. Nur wenige Einwohner besassen Schiffe zur Seefahrt. Der Fürst schoss denen, die sich darum bewarben, zinsfrei die nöthigen Kapitalien vor, und erliess oft die Rückzahlung gänzlich. So ward der Grund zu dem jetzigen Wohlstande der Insel gelegt, deren Bewohner gegenwärtig über dreissig Seeschiffe besitzen, mit denen sie Frachten für Bremen und Hamburg, nach der Ostsee, Holland, England und Frankreich verführen. Im Jahre 1806 ward die Insel nebst der ganzen Herrschaft Jever auf Napoleons Befehl dem neuen Königreich Holland einverleibt, und nun ward Wangeroge ein Hauptpunkt des Schleichhandels, den die Engländer von Helgoland aus über Wangeroge und die Jeversche Küste hin zu eröffnen wussten. Der gutmüthige König Ludwig, welcher sich dem Kontinentalsystem seines Bruders nur mit grössem Widerstreben angeschlossen hatte, begünstigte diesen Schmuggelhandel, der für die Insel ausserordentliche Vortheile abwarf. Aber im Jahre 1810, wo die Franzosen nach Occupation des Herzogthums auch die Insel besetzten, ward diese Art des Erwerbes höchst gefährlich. Eine Batterie schweren Geschützes beherrschte die Meerespässe und eine starke Besatzung gab den strengen Gesetzen Nachdruck. Um die verborgenen Englischen Waaren, welche mit unglaublicher Verwegenheit immer noch von Zeit zu Zeit eingeschmuggelt wurden, aufzufinden, durchgruben die Douanen die Sanddünen, und konfiszirten das Gefundene. Viele Familien verliessen damals sammt ihren Wohnungen die ihnen so theure Heimathinsel, um dem Hungertode zu entgehen. Im Frühjahr 1813 mussten zwar die Franzosen die Insel und die ganze Umgebung verlassen, allein nur zu bald kehrten sie wieder zurück, sperrten alle männliche Bewohner in den Kirchthurm ein, und erzwangen von ihnen durch die Drohung, den Thurm in die Luft zu sprengen, die Angabe einer verborgenen Waarenniederlage. So verloren die Armen in wenigen Minuten die mühsam erworbenen Früchte ihres gefahrvollen Gewerbes. Zwei Schiffer, die zu voreilig und zu laut ihre Freude über die kurze Befreiung von den verhassten Unterdrückern an den Tag gelegt, wurden vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen. »Zu bewundern ist es übrigens,« bemerkt hier Chemnitz, »dass während dieser Regierung, wo kein Prediger noch Schullehrer sich auf der Insel befand, deren Wohnungen, so wie die Kirchen zu militärischen Zwecken gebraucht wurden, dennoch die Insulaner die Reinheit ihrer Sitten und Eigenthümlichkeiten erhielten.« Mit dem Ende des Jahres 1813, wo die Franzosen die Insel verliessen, und diese, sammt dem ganzen Herzogthum Oldenburg wieder ihren angestammten Herrscher erhielt, begann auch das Wiederaufblühen des Wohlstandes auf dem kleinen Eilande. Prediger, Schullehrer und Vogt wurden wieder eingesetzt, die Kirche hergestellt, eine Austerbank in der Nähe der Insel angelegt, neue Häuser aus Backsteinen – die alten bestanden zumeist aus getrockneter Schlammerde ( Kleie ) – erbaut, und im Jahre 1819 das Seebad vom Herzog Peter Friedrich Ludwig eingerichtet. Schon früher hatten Fremde die Insel zu diesem Zwecke besucht, und die letzte Anhalt-Zerbstische Regentin zu Anfang dieses Jahrhunderts ihr zu diesem Gebrauch eine Badekutsche und ein Zelt geschenkt. Allein die darauf folgenden Kriegsjahre vernichteten diese Anfänge des Seebades, welches jetzt durch eine zwanzig Jahre unausgesetzt thätige Fürsorge der Regierung mit den vorzüglichsten seiner Art wetteifert, und in vieler Beziehung und namentlich hinsichtlich seines Badestrandes, seiner Luft und des gemüthlichen Zusammenlebens der ohne Zwang und steife Etiquette nur Eine Familie ausmachenden Badegäste übertrifft. Die Oberaufsicht über Küche und Oekonomie ist der umsichtigen und liebenswürdigen Gattin des wackern Badedirectors, des Geheimen Hofraths Westing , anvertraut, und hat sich bis jetzt nach dem Urtheil aller Kenner bei weitem des Vorzugs vor ihren Nebenbuhlerinnen in den benachbarten Seebädern erfreut. Der letzte furchtbare Schlag traf die Insel während der grossen Wasserfluthen des Jahres 1825, welche auch die Schutzdeiche des Festlandes durchbrachen und meilenweite Strecken des fruchtbarsten Marschlandes in eine öde Wüstenei verwandelten, Häuser und Stallungen zertrümmerten, ja, manche sammt Grund und Boden fortrissen und weithin wieder absetzten, Schiffe über die Deiche weit in das Land hinein schleuderten und hunderte von Menschen und zahlreiche Heerden in den Fluthen begruben, oder die auf Deichtrümmer Geretteten vor Hunger und Kälte umkommen liessen. Die Gewalt des Wasserschwalles, der von Norden her auf die Insel einstürmte, durchriss die hohen Sanddünen, verschlang Gärten und Wiesen und den Kirchhof an der Nordseite, zertrümmerte den festen Feuerthurm (Feuerbaake), und schleuderte die Trümmer bis in die Mitte der östlichen Dünen. Noch jetzt sind zwei Stellen dieses Einbruchs durch eine Lücke in den Dünen bezeichnet. Die Gärten wurden an die Wadseite verlegt, und obschon der fruchtbare Kleiboden jetzt bis auf die letzte Spur unter einer mehrere Fuss hohen Sanddecke verschwunden ist, so gedeihen doch in diesen kleineren, zum Schutz gegen die Ueberstäubung mit Plankenzäunen von Schiffstrümmern umgebenen Gärten, bei einiger Pflege, die Gemüse und Küchengewächse vortrefflich. Auch Obstbäume, z. B. die portugiesische Kirsche, erhalten sich, wenn sie vor den Winden geschützt sind, was freilich nur an wenigen Stellen möglich ist. Die Anlagen, welche das Conversationshaus umgeben, der Vogtei- und Predigergarten beweisen dies. Die Insulaner selbst aber haben für Baumpflanzungen und Gartenanlagen wenig Sinn und scheuen die nöthige Mühe. Gegenwärtig besteht die Insel aus lauter wellenförmig sich hebenden und senkenden Sandhügeln und Niederungen. Die ersteren erhöhen sich gegen das Ostende hin mehr und mehr. Der höchste befindet sich am Nordstrande. Von ihm übersieht man auf der einen Seite die rauschende Nordsee, die fernen Inseln Spikeroge, Langeroge und an hellen Tagen taucht selbst Helgolands rother Felsblock am Horizonte, dem scharfen Auge auch unbewaffnet erkennbar, hervor. Nach Osten hin bietet sich zur Ebbezeit der Anblick einer unabsehbaren Sandfläche, die uns in die Afrikanische Wüste versetzt, und deren Stille nur von dem fernen Rauschen des Meeres und dem heisern Schrillen der Möven und Seeschwalben unterbrochen wird. Südlich und westlich erblickt man die ganze Insel mit ihren Häusergruppen und Thürmen, die Küsten des Festlandes mit ihren Mühlen und grün umbuchten Häusergruppen, das Wad (Watt), die Rhede, die zur Zeit ungünstiger Winde mit zahlreichen Schiffen bedeckt ist, zu denen man während der Ebbe fast trocknen Fusses gelangen kann. Die äussersten Dünen sind nur mit Helmt (Strandhafer) bewachsen, und die spärlich umgrünten Kuppen sind von weissgelblichen Sandwellen umschlossen, auf deren fester Kruste man oft kaum die Spur der Tritte bemerkt. Die mehr innerhalb liegenden Hügel überdeckt ein spärlicher Rasen, der nur in den tiefen Thalschluchten und Gründen zu einem dichteren reich beblümten Teppich anwächst. Diese Dünengegend ist das Ziel gemeinsamer Spaziergänge oder Fahrten der Badegesellschaft. Auf den Hügeln oder in den Thälern lagern sich die bunten Gruppen; von den höchsten Kuppen wehen die Fahnen und Flaggen, erschallt Musik und Hörnerklang, und schreckt die silberweissen Seeschwalben und die grauen Möven von ihren Nestern, die dann hoch über den bunten Gruppen der Friedensstörer ihrer einsamen Oede, schillernd und blitzend im Sonnenglanze, ihr melancholisches Schrillen ertönen lassen; bis mit der sinkenden Sonne die Gesellschaft aufbricht und zu Wagen, zu Esel oder zu Fuss den Heimweg ins Dorf antritt. Diese Seevögel, Möven, Seeschwalben und einige Landvögel sind das einzige Wild, welches die Insel bietet. Die wilden Kaninchen, die auf den benachbarten Inseln Langeroge und Norderney sich so zahlreich finden, sind auf Wangeroge von dem früher hier stationirten Militär und später von den Insulanern ausgerottet. Auch die Zahl der Möven hat sich sehr vermindert, da die Insulaner ihren Eiern nachspüren, deren Schaalen sie an Badegäste verkaufen. In den Niederungen zwischen der Ostdüne und dem am Westende gelegenen Dorfe linden die Schaafheerden der Insulaner, so wie ein halbes Dutzend Kühe und die vier Pferde des Vogts, die einzigen auf der Insel, die zum Transport der Reisenden und ihres Gepäcks an die Fährschiffe, so wie zu Spazierfahrten dienen, ihre Weide, die gegen das Dorf hin, wo die Hügel allgemach verschwinden, mit weissblumigem Klee geschmückt ist. Die Zahl der Häuser des Dorfs beträgt, mit Ausschluss einer im Jahre 1832 von einem Oldenburger Kaufmann in der Mitte der Insel angelegten Salzsiederei, gegenwärtig 56, zu welchen die Gebäude des alten und neuen Conversations- und Logirhauses gehören. Das Dorf selbst liegt auf der höchsten Sandfläche, deren Veränderlichkeit durch Wind und Sturm man mittelst künstlicher Vorrichtungen, Bestickung des Bodens mit Stroh, Besäung mit Grassamen, und Belegung mit festen Kleiboden, überwunden hat. Backsteinerne Fusssteige führen seit 1821 durch alle Sandgassen des Dorfs. Die Häuser selbst haben, trotz der in Folge des Seebades seit zwanzig Jahren herbeigeführten Veränderungen, dennoch an Bauart und Einrichtung manches Eigenthümliche. Freilich sind sie jetzt nicht mehr mit Stroh, sondern mit Ziegeln gedeckt; von den drei Thüren, die ehemals hineinführten, und von denen jedes Mal die dem Winde abgewandte geöffnet wurde, findet man jetzt meistens nur noch eine an der West- oder Südseite, und die ehemalige grosse altsächsische Hausflur, die über 2/3 des ganzen Hausraumes einnahm, und in deren Mitte das gastliche Feuer des niedrigen Heerdes loderte, ist jetzt zum grossen Theil zu Logirzimmerchen verwendet. Auch giebt es schon ausser den herrschaftlichen Gebäuden des Lorgirhauses mehrere moderne, von Speculanten erbaute Wohnhäuser. Beim Eingange in ein ächtes Insulanerhaus, das noch einige Züge seiner charakteristischen Physiognomie bewahrt hat, tritt man durch einen kleinen fast ganz zu Schlafstellen benutzten Vorraum, der indessen zuweilen auch fehlt, sogleich in die Küche, die jedoch für die Insulaner, zumal während der Badezeit, auch als Wohn- und Schlafzimmer dient. Der Rest der Familie schläft, wenn alle Zimmer vermiethet sind, entweder in dem bezeichneten kleinen Vorflur oder auf dem Dachboden. An der Küche befinden sich die Eingänge zu zwei bis drei Stuben, deren hölzerne braune und holzgetäfelte, mit Gardinen verhangene Bettverschläge, so wie die zwischen den beiden Bettverschlägen befindliche Schrankthür durchaus das Ganze als eine Kajüte erscheinen lassen. Eine hängende Wanduhr mit hell geputzten Messingketten und Geräthen, bunte Tassen und Gläser auf Oefen und Schränken, bunte grobe schwarze Bilder, meist Holländische Naturschönheiten, Lustschlösser, oder auch Seehäfen, Schlachten und Scenen aus dem alten und neuen Testament darstellend, an deren Stelle leider! seit den letzten Jahren schlechte Steindrucke mit modernisirten Rahmen zu treten – beginnen, bilden neben einem kleinen Spiegel den Hauptschmuck und die Luxusgegenstände der Wohnung. Die breiten zweischläfrigen und dreischläfrigen Betten, ein Paar Holz- oder Schilfstühle und ein bunt gemalter Holztisch vervollständigen das Ameublement. Eine Kommode, ein Sopha und ein Kleiderschrank oder auch nur Kleiderrechen gehören zu den Seltenheiten und Luxusgegenständen, deren Existenz auf den Wohnungslisten eigends aufgeführt ist und den Miethpreis erhöht. An der einen Seite des Hauses, oder wenn dasselbe, wie oft, von zwei Familien bewohnt ist, an beiden, befinden sich die kleinen Schaafställe, welche früher unmittelbar an die Küche gränzten. Fast jedes Häuschen ist von einem kleinen eingefriedigten Gemüsegarten oder einem grünen Rasenplätzchen umgeben. Auch Blumen zieren diese Duodezgärtchen. Die grösseren Gartenplätzchen liegen ostwärts, ausserhalb des Dorfs, dem Leuchthurme zu, und sind durch Erdwälle und Plankenzäune gegen die Uebersandungen geschirmt. Obgleich die ganze Insel aus Sand besteht, so ist doch die Unbequemlichkeit des Staubes der sandigen Gegenden des Festlandes, (man denke an Berlin und seine Umgebungen), so gut wie gar nicht vorhanden. Denn der Meersand ist äusserst grobkörnigt, frei von der feineren Auflösung des Eisensteines oder Raseneisens, die der gewöhnliche Landsand mit sich führt. Auch weht er am Strande, namentlich der von Ebbe zu Ebbe abtrocknet, beständig horizontal nahe dem Boden entlang, bis er irgend einen festen Körper berührt, der ihn anzieht. So sind die Dünenhügel entstanden, und oft bemerkt man, dass sich um einen Stock oder Reisholzzweig am andern Tage der Anfang einer Sanddüne gebildet hat. Auch ist, wie wir schon sahen, der Dünensand bei weitem nicht so unfruchtbar, wie der Sand des Festlandes, wie das die Floren von Wangeroge und Norderney lehren, welche man bei Chemnitz findet und die alle Erwartung übertreffen. Norderney Norderney ist eine ostfriesische, in der Richtung von Osten nach Westen in der Nordsee, unter 50° 42' 30" nördlicher Breite und 24° 49' östlicher Länge liegende Insel, die jetzt zum Königreich Hannover gehört, einen Umfang von drei Stunden, eine Länge von 1 ½ Stunde und einen Flächeninhalt von 1/6 Quadratmeile hat. Im Südwesten dieser Insel liegt das Fischerdorf gleichen Namens, das an 180 einstöckige Häuser und gegen 700 Einwohner zählen lässt. Der Boden besieht, wie der von Wangeroge, aus Seesand, der einige Schuhe tief unter sich Kleierde wahrnehmen lässt, die unter sich wieder Sand als Urboden zeigt. Den allergrössten Theil des Bodens bilden Dünen, die an der Nordseite zur Schutzwehr gegen den starken Andrang der See eine vierfache Reihe formiren und am Westende das Dorf in sich schliessen. Nur mit vieler Mühe haben die Bewohner einen kleinen, zunächst an ihre Wohnungen gränzenden Theil des Bodens urbar gemacht, da theils die Versandung, theils die häufig wehenden Ost- und Nordwinde jedes Gedeihen der Vegetation hindern. Die freundlich aussehenden, von Backsteinen gebauten und mit Ziegeln gedeckten Häuser bilden Strassen, stehen einzeln und sind zum Theil mit urbar gemachtem Lande umgeben, auf welchem einige Gemüse, als Bohnen, Erbsen, Erdtoffeln, Mohrrüben und selbst versuchsweise etwas Getreide, gezogen werden, welche Produkte jedoch bei weitem nicht zum Unterhalte für die sehr mässig lebenden Einwohner hinreichen. Um diese kleinen Terrains produktiv zu erhalten und vor dem Versanden zu bewahren, sind sie mit Erdwällen umgeben. Ackerbau und Viehzucht können nicht getrieben werden, und kaum finden einige Kühe und Schaafe das nothwendige Futter auf den östlich gelegenen Angern. Elsen, Pappeln und Weiden, die zur Bildung herangepflanzt sind, und nur zu Sträuchern sich ausbilden, gedeihen bis zu einer gewissen Höhe, und jeder Sprössling, der weiter als 12 bis 15 Fuss über die Erde hervorragt, stirbt ab. Die Flora besteht aus See- und Sandpflanzen, als aus: Salicornia, Plantago maritima, Erythraea ramosissima, Chenopodium maritimum, Eryngium maritimum , mehreren Carex-, Fucus-, Elymus-, Arundo- und Triticum -Arten. Ausserdem findet man hier noch: Trifolium fragiferum und hybridum, Hieracium umbellatum, Sonchus arvensis, Galium verum, Rosa pimpinellifolia, Salix repens, Pyrola, Achillea millefolium, Ononis hircina, Centaurium minus und einige andere Pflanzen auf dem Anger zwischen den Dünen. (Vergleiche das sehr lesenswerthe Büchlein: »Die Seebäder auf Norderney, Wangeroge und Helgoland«, von Doctor Adolph Leopold Richter.) Die Fauna der Insel besteht aus mehreren Arten von Seevögeln, besonders verschiedenen Möven, Seeschwalben, Strandläufern, Becassinen, Berg- und wilden Enten, Kaninchen in grosser Anzahl, welche den Jagdfreunden das Vergnügen einer eigentümlichen und seltenen Jagd in reichem Maasse gewähren. Von den Meerbewohnern sind es hauptsächlich die Delphine, Seehunde, viele Fischarten, Medusen, Seeigel, Seesterne und verschiedene Muschelthiere, die sich am Strande und in der Nähe der Insel aufhalten. Die Auster ist das ganze Jahr hindurch in Norderney zu bekommen, da sie von der ganz nahe gelegenen, ihrer trefflichen Austern wegen berühmten Insel Borkum bezogen wird, und können Liebhaber dieser eben so nahrhaften, als leicht verdaulichen Leckerei hier täglich ihr Verlangen darnach für einen mässigen Preis befriedigen. An süssem Wasser fehlt es der Insel nicht; es ist weich und etwas in das Gelbliche spielend, aber ohne alle schädliche Beimischung. Richter räth allen denen, welche sehr an den Genuss dieses Getränkes gewöhnt sind, etwas Spirituoses beizumischen. Was über den Charakter der Einwohner von Wangeroge gesagt ist, gilt auch von denen der Insel Norderney. Der Fremde kann hier seine Habe und Gut dreist bei offenen Fenstern liegen lassen und braucht nicht besorgt zu sein, wenn er keine Schlösser an den Thüren der Stuben und des Hauses findet. Die Bewohner sollen sehr alt werden, besonders die Männer, bei denen der Aufenthalt auf der See sehr viel zur Befestigung der Gesundheit beiträgt, wenn sie nicht verunglücken, was häufig geschieht, wie die vielen hier lebenden Wittwen beweisen. Viele leben und sterben ohne ärztliche Hülfe und bedienen sich bei vielen Krankheiten des hier wachsenden Wermuths. Merkwürdig ist es, dass sowohl auf Norderney, wie auf Wangeroge und insbesondere die Helgolander sich selten zur Heilung ihrer scropholösen Kinder, und in solchen Fällen, wo dasselbe specifisch wirkt, des ihnen so nahe liegenden Seebades bedienen. Eine Helgolanderin, Mutter eines solchen Kindes, meinte: »das Seewasser halte die Gesunden wohl gesund, aber helfe nur fremden, nicht einheimischen Kranken.« Nach Mittheilungen des Norderneyer Badearztes, des Herrn Doctor Bluhm, Nachfolger des berühmten, zu frühe verstorbenen Medizinalraths von Halem, kommt dort bei den Frauen sehr häufig der Magenkrebs vor und ist die Ursache ihres Todes. Als Grund dieser sonst so seltenen Krankheit giebt Bluhm mit Recht die Lebensart der Frauen an, insofern durch den vielen Genuss der getrockneten und gesalzenen Fische ein stets gereizter Zustand im Magen unterhalten und der hiermit verbundene grosse Durst durch Trinken starken Thees, dessen reizende Eigenschaft man weder durch Zucker noch durch Milch zu mildern sucht, gelöscht wird. Schon frühzeitig kündet sich die allmälig entwickelnde chronische Entzündung durch Magenkrämpfe, Magenschmerzen u. s. w. an, bis dieselbe endlich die krebshafte Desorganisation nach sich zieht. Norderney kann mit Recht das vornehmste und glänzendste Seebad der Nordsee genannt werden. Der erste Gebrauch des Seebades in Norddeutschland fällt in den Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts. Denn obgleich in England schon um die Mitte desselben die königliche Familie Georg's II. auf Anrathen der Aerzte die Meerbäder gebraucht und der englische Arzt Russel im Jahre 1770 in seinem Werke de usu aquae marinae in morbis glandularum , das Seebad als Heilmittel empfohlen hatte, so war dasselbe dennoch in Deutschland noch in den achtziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts für die ärztliche Praxis durchaus unbekannt. Neue Erfindungen gingen damals noch im Menuetschritte von einem Lande zum andern. Auch in Südeuropa scheint das Baden in der See als Heilmittel unbekannt gewesen zu sein. Wenigstens findet sich z. B. in Göthe's italiänischer Reise keine Spur davon. Lichtenberg war es zuerst, der im Göttingschen Kalender von 1793 den Deutschen etwas von den Einrichtungen des Englischen Seebades zu Deal erzählte und dabei die Frage aufwarf: »warum Deutschland noch kein öffentliches grosses Seebad habe?« Das älteste Deutsche Seebad ist Doberan, gestiftet im Jahre 1794, unter Leitung des auch durch seine Schriften auf diesem Felde bekannten Professors Vogel. Einige Jahre später ward Norderney zum Seebade eingerichtet, dann Helgoland und seitdem mehrten sich die Badeorte an den Küsten der Ost- und Nordsee fast von Jahr zu Jahr, doch sind die drei genannten die besuchtesten. Norderney kann von der Küste des Continents aus zu Wasser und zu Lande erreicht werden. Das Letztere wird durch die Ebbe möglich gemacht, während welcher Zeit das Wasser so bedeutend abläuft, dass die l¾ Meilen breite Strecke zwischen der Insel und der Küste, das sogenannte Watt, auf der am höchsten liegenden Stelle fast ganz trocken gelegt wird, und die Badegäste zu Wagen und zu Pferde, und wenn sie nasse Füsse nicht scheuen, selbst zu Fuss auf die Insel mit grosser Bequemlichkeit gelangen. Wer es vorzieht, die Reise zu Lande durch das Watt während der Ebbe zu machen, wird dann vom Hylgenrydersyl aus durch einen zuverlässigen beeidigten Strandvogt, der als Wegweiser dient, die Löcher und Balgen genau kennt, und vor jeder Gefahr sichert, begleitet. Während der Fluthzeit muss man das Watt zu Schiffe passiren, und embarquirt man sich zu diesem Zweck am Fährhause zu Norddeich, eine halbe Stunde von der ostfriesischen Stadt Norden. Die Badezeit beginnt mit dem 1. Juli und endet mit dem 15. September. Zum Baden in offener See ist der West- und Nordweststrand bestimmt, und zwar der erstere für die Damen, der letztere für die Herren. Beide Badeplätze liegen in geringer Entfernung vom Dorfe, der Herrenstrand etwas weiter als der Damenstrand, welchen letztern man von den am entferntesten gelegenen Häusern in sechs Minuten, von den nächstliegenden in zwei Minuten erreichen kann. Des ebenen, sich ganz allmälig vertiefenden Sandbodens Festigkeit ist so gross, dass ein Wagen, der während der Ebbezeit über ihn fährt, kaum eine merkbare Spur hinterlässt. Man badet hier nur einmal täglich, zur Zeit der steigenden Fluth, weil dann der Wellenschlag das Bad am kräftigsten macht. Der Eintritt derselben ist auf einer öffentlich im Conversationshause und an den Badeplätzen angeschlagenen Tabelle angegeben und wird ausserdem täglich durch das Aufziehen von rothen Flaggen angezeigt. Da die Fluth, welche binnen 24 Stunden zwei Male mit der Ebbe wechselt, täglich um etwa 50 Minuten später als am vorhergehenden Tage eintritt, so müssen sich ganz natürlich die Badezeit und das Mittagsessen hiernach richten. Zur Aufrechthaltung der Ordnung in der Reihefolge unter den Badenden ist die Einrichtung getroffen, dass ein Jeder bei der Ankunft am Badeplatze sein im Conversationshause gelösetes Badebillet abgiebt, seinen Namen auf eine dazu bestimmte Tafel schreibt, und eine Nummer empfängt, welche die Reihefolge bestimmt. Die Nummern werden der Folge nach laut abgerufen, sobald die Badekutsche leer ist. Um Niemand unter der Unachtsamkeit Eines oder des Andern leiden zu lassen, wird die Nummer desjenigen, welcher beim mehrmaligen Abrufen derselben nicht erscheint, sofort übergangen, und folgt sogleich die nächste Nummer. Auch ist ein Jeder gehalten, sich persönlich auf dem Badeplatze einzuschreiben, oder es auch durch einen Andern erst dann thun zu lassen, wenn er selbst auch bereits am Strande sich befindet. Für die Damen ist die Anordnung getroffen, dass sie eine Nummer auf eine bestimmte Badekutsche erhalten, so dass etwa 3 oder 4 auf eine Badekutsche angewiesen sind; diejenige von ihnen, welche zuerst kommt, kann, wenn diese Badekutsche gerade leer ist, sie sogleich beziehen. Bei der Ankunft mehrer zu gleicher Zeit bestimmt die Reihefolge. – Selten hat man nöthig lange zu warten, da die Zahl der Badekutschen sehr gross ist. Das war freilich in dem bewegten Jahre 1830 noch nicht der Fall, in welchem, da das Schutzdach abgebrochen oder umgeweht war und die Damen oft, lange im Regen warten mussten, bis sie in eine Kutsche schlüpfen konnten, unter dem schönen Geschlecht der haute volée eine Revolution ausbrach. Einige der Dämchen hatten nämlich, aufgemuntert durch ihre Kammerkätzchen, nicht immer auf dem strengen Wege Rechtens, sich der Badekutschen bemächtigt, und sogar den grossen Nummern durch Auslöschen der ersten Zahl ihren Vorspann gewonnen. Vergebens hatte der damalige liebenswürdige Badecommissair, ein Graf Wedel, diesem Unfug zu steuern gesucht, die Badewärterinnen weigerten den ferneren Dienst und wenn man ihnen täglich eine Pistole geben wollte. Da fiel Wedel auf ein originelles Mittel. Er postirte einen alten Hirten dicht hinter der letzten Düne, welche vor dem Badestrand der Damen liegt, keinen Ludwig an Höflichkeit, keinen Paris an Bestechlichkeit, mit dem Auftrage, sobald ein Streit unter den Damen entstehe, auf den Ruf der Badewärterin von seiner Höhe herunter zu steigen und den Strandrichter zu machen. Kaum war dies Edict bekannt, so vertrugen sich die Damen wieder wie die Engel. Den Vereinigungspunkt für die ganze Gesellschaft giebt das im südwestlichen Theile der Insel im geschmackvollen Style erbaute Conversationshaus ab, dessen 130 Fuss lange Façade in der Mitte eine Colonnade von 8 Säulen zeigt, welche die nach beiden Seiten sich ausdehnenden Flügel mit einander verbindet und eine Säulenhalle bildet, zu welcher eine breite, zu beiden Seiten mit geschmackvollen hohen Candelabern aus Gusseisen gezierte Treppe hinauf und zu dem Haupteingange der Gebäude führt. Der grosse freie Raum vor dieser Façade besteht aus grünem Rasen, den Blumenbeete, eine grosse Schaukel und ein Sonnenzeiger zieren und ein Bosquet begränzt. Das Gebäude selbst ist nur der Geselligkeit geweihet, und enthält daher gar keine Logis, mit Ausnahme der Wohnungen für einen Theil des königlichen Verwaltungspersonals in einem hintern Flügel. Der ganze übrige geräumige Theil des Ganzen umfasst einen 70 Fuss langen, 30 Fuss breiten und 19 Fuss hohen Tanzsaal, an welchen 2 eben so lange Speisesäle nebst einem Entréezimmer stossen, aus dem man in 5 andere auf der andern Seite des Vestibules gelegene geräumige Zimmer gelangt, deren Erstes als Frühstücks- und Restaurationszimmer für diejenigen dient, welche nicht vorziehen, unter der Säulenhalle, oder in der nach dem Bosquet hin gelegenen, von Weinlaub umschatteten Veranda ihren Appetit zu befriedigen. Leider ist auch hier ein dem Hazardspiel geweihter Saal. Es ist dies um so trauriger, als sich sonst die Seebäder vor den übrigen Bädern eine verhältnissmässige Einfachheit in Einrichtungen und Lebensweise zu erhalten gewusst haben, während die Quellenbäder meist die Sammelplätze des raffinirtesten Luxus, und in vieler Hinsicht aus Gesundheits- zu Pestbrunnen der Ausschweifung geworden sind. Wer Baden-Baden unter Chabert's und später unter Benazet's Regiment, Wiesbaden u. d. m. kennt, wird sich freilich in den Seebädern und namentlich auf Wangeroge in den Naturzustand zurück gesetzt sehen. Die Spartanische Einfachheit auf Priesnitzens Gräfenberg und in dessen Kolonieen fangen bereits an, gegen den Sybaritismus der übrigen Bäder eine eben so notwendige als heilsame Reaction zu äussern, die nicht nur den letzten, sondern auch in manchen Beziehungen den Seebädern zu Gute kommen muss. So wäre auch hier z. B. eine Vereinfachung des allzureich besetzten und darum kostspieligen Mittagstisches zu wünschen. Dadurch würde nicht nur die Badegesellschaft sich mehr concentriren und zu einem für die Unterhaltung und das gemeinsame Vergnügen sehr förderlichen Ganzen sich vereinigen, sondern auch der für wirklich Leidende sehr empfindlichen Unbequemlichkeit des übermässig langen Sitzens bei Tische abgeholfen werden. Unmittelbar an die Hinterseite des Conversationshauses, welche gegen Süden liegt und mit Obstbäumen und Wein en espulier bekleidet ist, von denen der letztere zugleich zur Beschattung einer freundlichen Veranda dient, stösst das Bosquet, dessen schattige Gänge und Sitze einen sehr angenehmen Aufenthalt für die hier zwei Male täglich zahlreich zusammenströmenden Badegäste gewähren. Des Morgens um 11 Uhr lockt die treffliche Musik des aus Prager bestehenden, stark besetzten Orchesters hierher, und des Nachmittags vertheilt sich die schöne Welt hier in vielfachen Gruppen, um den Kaffee im Freien einzunehmen und bis zur Strand-Promenadeabendstunde zu verweilen. Eine höchst interessante Erscheinung für die Badegäste bildet zuweilen das Leuchten des Meeres, von dem man eben so wenig anzugeben vermag, als woher der eigentümliche Geruch des Meeres entsteht. Von dem Aufenthalte so vieler lebender und abgestorbener organischer Wesen im Meere lässt sich vermuten, dass demselben ausser diesen noch eine Menge animalischer und vegetabilischer Stoffe mitgetheilt werden, welche die Chemie noch nicht darzustellen vermochte. – Von den Schriften, welche über Norderney erschienen, sind hauptsächlich zu empfehlen: Dr. Karl Mühry, über das Seebaden und das Norderneyer Seebad, welche auch bei der Ausarbeitung dieses Aufsatzes benutzt ist, und »die Seebade-Anstalten auf der Insel Norderney.« Von Dr. J. L. Bluhm, königlichem Hofmedicus zu Norderney. Bremen 1840, bei Wilhelm Kaiser, zweite Auflage. Bremerhaven Frau von Stael sagt irgendwo: Sur notre vieille terre il faut du passé . (Auf unserer alten Erde bedarf man etwas der Vergangenheit.) Von dem Grund und Boden, auf dem jetzt Bremerhaven erbaut ist, meldet indessen die Geschichte nichts, als dass die Schweden, (1673) beim Ausfluss der Geeste, eine kleine Stunde von Lehe, eine Vestung anlegen liessen, um welche zugleich eine Handelsstadt sich bilden sollte. Der Ort hiess Karlsburg, oder Karlsstadt. Der Schwedische Oberste Melle legte zehn Bollwerke an und König Karl IX. stellte den künftigen Bürgern die Zusicherung bedeutender Vorrechte aus. Schon zwei Jahre nach ihrer Entstehung wurde die Vestung von den damals einbrechenden verbündeten Feinden zur See und zu Lande belagert und ging wegen Mangel an Holz, Salz und Leuten verloren. Ein Uebelstand bei der Anlage war es gewesen, dass leicht Mangel an Wasser entstehen konnte, da die Weser hier schon Brakwasser (süsses mit salzigem gemischtes) führt. Zudem konnte die Vestung von der Südseite bestrichen werden. Gleich darauf ward die Vestung geschleift; die wenigen bürgerlichen Häuser wurden abgebrochen und Gerichtshaus und Schule zu Lehe wurden davon erbaut. Eine Schanze blieb noch, welche aber später besonders durch die Wasserfluth 1717 zerstört ist, und der Strom hat seitdem an völliger Vertilgung der Karlsburg gearbeitet. Karl XII. hatte bei seinem Regierungsantritt noch den Plan gehabt die Vestung wieder aufzubauen, ( cf. Geschichte und Landesbeschreibung der Herzogthümer Bremen und Verden, von Peter von Kobbe.) Einer Sage zufolge soll der Rath von Bremen, als die Schweden hier eine Burg anlegen wollten, einen Spuk veranstaltet haben, der die gläubigen Schweden vermocht haben soll, von ihrem Plane abzustehen. Es soll ein Annotationsbuch eines Schwedischen Unteroffiziers existiren, welcher der Zeit den Bau leitete, und täglich, was passirte niederschrieb, und darin soll stehen: »Diese Nacht zeigten sich wieder Geister (oder Gespenster), so dass die Posten es verlaufen mussten.« Angeblich ergiebt sich aus den Rathsrechnungen jener Zeit, dass die Gespenster von Bremen für jene Rolle bezahlt sind. Der Umstand, dass der ganze Seehandel der freien Hansestadt Bremen seit dem Amerikanischen Kriege die veränderte Gestalt dahin angenommen hatte, dass die transatlantische Richtung desselben in den Vordergrund getreten war, wodurch denn ein bedeutender Theil aller früheren nur auf den Betrieb Europäischer Seeschifffahrt berechneten Hülfsanstalten desselben mangelhaft und für das vermehrte Bedürfniss unzureichend erscheinen musste, so wie die jährlich zunehmende Versandung der Weser, hatten schon seit mehren Jahren in Bremen die Gründung einer neuen Schiffs- und Havenanstalt wünschenswerth gemacht, zu deren Anlegung sie freilich eines Territorii im Oldenburgischen oder Hannoverschen bedurften. Wollen gleich Sachverständige behaupten, dass eine desfallsige Verständigung mit Oldenburg noch mit mehr Vortheilen für Bremen hätte verbunden werden können, da am linken Weserufer die etwaige Verschlammung des Flusses durch Anlegung von Kanälen im Oldenburgischen Stedingerlande unschädlicher gemacht werden, auch der Transithandel leichter durch das Oldenburgische als von jenseits der Weser in das Innere von Deutschland geführt werden kann, so hätte ein solches Project doch schwerlich bei dem damaligen Herzog Peter von Oldenburg Eingang gefunden. Bremen unterhandelte deshalb mit Hannover, als mit dem mächtigsten angränzenden Staate, dessen Bedürfnissen, so weit es derselbe von einer eignen grossen Seehandelsstadt zu erwarten berechtigt war, es vollkommen zu entsprechen schien. Das Gebiet des Amtes Bremerhaven wurde demnächst in Folge eines Staatsvertrages zwischen der Krone Hannover und der freien Hansestadt Bremen vom 11. Januar 1827, dessen Ratificationsurkunden am 10. April desselben Jahres ausgewechselt wurden, acquirirt. Der Uebergang des Bremerhaven-Districts geschah am 1. Mai 1827. Die Grösse des abgetretenen Gebiets beträgt im Ganzen 357 Morgen 3 Quadratruthen 29 Quadratfuss Kalenberger Maass, wofür Bremen im Ganzen die Summe von 77,200 Thalern 40 ¾ Grote in Golde bezahlte. Die Hannoveraner haben sich die Hoheit in Bremerhaven, namentlich die Militärgewalt vorbehalten, deren Ausfluss auch das Recht der Conscription ist. Allein Bremen verliert dadurch wenig, weil es im Fall eines allgemeinen Krieges zur Selbstverteidigung von Bremerhaven unfähig sein würde. Die übrigen einzelnen Elemente der Hoheit, Gesetzgebung, Steuer, Justiz und Verwaltung hat Bremen, wogegen denn auch viele Vortheile, welche durch die neuerbaute Stadt dem ihr benachbarten Theile des Königreiches Hannover erwachsen, unverkennbar sind. – Vor dem Aussenhafen liegt an der Seite, wo die Geest in die Weser sich mündet, eine Hannöversche Batterie, das Fort Wilhelm, dessen Kanonen die Weser bestreichen. Es hat 14 Kasematten und ist für eben so viele Geschütze eingerichtet, kann in Kriegszeiten 200 Mann fassen, besitzt aber keine brauchbare Cisterne. Der Boden, erst von Seiten Bremens eingedeichtes, bis dahin als Wiese benutztes, und völlig unbewohntes Marschland, besteht aus sogenannter Kleierde, die zwar wegen des geringen Lehmgehalts zum Ziegelbrennen untauglich befunden ist, doch enthält sie viel Humus, und ist daher äusserst fruchtbar. Beim Ausgraben des Hafenbassins stiess man an einigen Stellen auf sogenannten Knick, eine in der umliegenden Marschgegend hin und wieder vorkommende, aus Lehm und Sand bestehende Erdart von bläulicher Farbe, die selbst mehre Jahre der Luft und dem Frost ausgesetzt, doch alle Vegetation ausschliesst. Eine nähere, nicht uninteressante Kunde des Bodens in einer grösseren Tiefe verschaffte der freilich gänzlich verunglückte Versuch zum Bohren eines artesischen Brunnens, bei welchem man bis auf eine Tiefe von 165 Fuss vordrang. Die ersten 52 Fuss bestanden in Marschboden, zuweilen, besonders nach unten zu, mit etwas Moor vermischt; dann folgten 42 Fuss Triebsand, und unter diesem eine dünne, nur etwa 1 Fuss haltende mit Sand vermischte Moorschicht. Hierauf kamen 18 Fuss Triebsand und darunter eine ähnliche Marschschicht; unter dieser wieder 18 Fuss Triebsand auf einer 5 Fuss starken Schicht Fussgerölle oder Kies liegend, darunter 23 Fuss Triebsand auf einer 2½ Fuss dicken Unterlage von harter Thonerde ruhend, der Triebsand mit kleinen Steinen oder Kies vermischt, folgte. In diese Schicht war man 7½ Fuss tief eingedrungen, als das Springen einer Röhre allen weitern Versuchen ein Ende machte. Der Bau des Hafens wurde von dem Baurath von Ronzelen, einem Holländer, geleitet, einem ausgezeichnet geschickten Manne, welcher die Wasserbaukunst in seinem Vaterlande theoretisch und praktisch erlernt, daselbst auch schon mehre wichtige Arbeiten ruhmvoll ausgeführt hatte. Schon im Jahre 1826 hatte er das Terrain der alten Karlsstadt, als das günstigste wegen der unmittelbaren Nähe der Weser und Geeste, zur Anlegung eines Hafens ermittelt. Im Jahre 1827 wurde die Arbeit den Mindestfordernden unter Aufsicht des Herrn v. Ronzelen übertragen. Sofort wurde zur Ausführung geschritten und diese mit solcher Energie und Kraftanstrengung durchgeführt, dass das Werk bei einem Personal, das freilich oft 900 bis 1000 Menschen betrug, wobei auch mehre hundert Pferde verwendet wurden, nach Verlauf von reichlich drei Jahren beendigt war. Manche Schwierigkeit musste bei diesem Bau mit vieler Kraftanstrengung überwunden werden, da der nasse Erdboden die Baugruben der Fundamente schnell wieder mit Wasser füllte, so dass, allein um die Zimmer- und Maurerarbeiten an dem Fundamente der Schleuse im Trocknen ausführen zu können, über zwei Jahre lang täglich 60 Pferde beschäftigt waren, die Wasserpumpen stets in Thätigkeit zu erhalten. Wäre den Unternehmern die Beschaffenheit dieses Terrains von Anfang an genügend bekannt gewesen, würden sie ohne Zweifel, statt dieser kostbaren Vorrichtung mit mehr Vortheil sich einer Dampfpumpen-Maschine bedient haben; dass der Boden aber ganz aufgeschwemmt und mit Wasser gesättigt sei, fand sich erst als man die oben gedachten Versuche zur Anlegung eines artesischen Brunnens machte. Die Moorschichten veranlassten bei dem Bau der Schleuse wiederholt Erdfälle und Ausweichungen der Erdwände in grossem Maassstabe, und es war sehr schwierig, den Schleusenboden gegen das Auftreiben zu schützen, das durch den heftigen Seitendruck veranlasst ward. Die Schleuse wurde innerhalb des vorhandenen Schutzdeiches angelegt, und, nachdem dies geschehen war, musste noch ein Aussenhafen durch das Watt vom Deiche bis zur Weser, in einer Länge von 900 bis 1000 Fuss gegraben werden. Da das Schlickwatt so weich war, dass man mit Leichtigkeit eine Stange von 20 Fuss Länge mit einer Hand einstecken konnte, mussten die Ufer dieses Aussentiefs mit Faschinen und hölzernen Vorsätzen so weit eingefasst werden, dass sie Erddämme von 10 bis 12 Fuss Höhe tragen konnten. Ungeachtet dieser Vorkehrungen wichen die Ufereinfassungen an manchen Stellen bedeutend aus, welches nicht zu vermeiden war, da das Faschinenbett in der breiartigen Schlickmasse nicht genug verankert werden konnte. Späterhin ist das Erdreich unter den Ufern durch die darauf gelegten Erdwälle so fest geworden, dass die Faschinenwerke in den Bermen weggenommen und statt ihrer, massive Mauern haben aufgeführt werden können, die bei den vorhandenen Schwierigkeiten zwar mit grosser Mühe, aber doch vollständig haben hergestellt werden können und dem Aussenhafen eine dauernde Festigkeit versprechen. Die Steinböschung oder die äussere Bekleidung, die den Aussenhafen vor Beschädigungen von der Weser her schützen muss, ist, obgleich mit grosser Beschwerlichkeit, auf eine äusserst solide Weise mit behauenen Granit- und Sandsteinen ausgelegt und mit Cement ausgefugt; sicher sucht man vergebens am ganzen Nordseeufer, von der Jütschen bis zur Französischen Küste, eine so schöne und dauerhafte Arbeit. Der Boden der Schleuse wurde 20 Fuss tief unter gewöhnlich hohem Wasser angelegt, und die Mauern derselben sind 13 Fuss über diesem Wasser aufgeführt: sie misst 39 Fuss im Lichten und hat eine Kammer, in der 2 bis 3 Schiffe von der grössten Gattung liegen können. Da der Aussenhafen vermöge der daselbst statt habenden starken Anschlickung bald verschlammen würde und die erforderliche Tiefe in demselben durch gewöhnliches Baggern nicht würde erhalten werden können, hat der Baurath v Ronzelen es für nöthig gefunden, in dieser Schleuse Fächerthüren Fächerthüren sind zweiflügelige, an einer Drehsäule befestigte Thüren, bei denen der eine Flügel gerade so viel länger ist, dass er bei gleichem Wasserdruck den kürzeren gegen das mit bedeutendem Gefälle durchströmende Wasser schützen kann. anzubringen, um mit Hülfe des zuvor erhöhten Binnenwassers von Zeit zu Zeit einen Spülungsprocess vorzunehmen und dadurch die im Aussenhafen sich lagernden Schlicktheile wegzuschaffen. Diese Einrichtung ist, wie, die Erfahrung gezeigt hat, von grossem Nutzen, nämlich durch eine von dem genialen Ronzelen erfundene Kratzmaschine mit Stromflügeln, die nur während des Spülens in Thätigkeit gesetzt wird und grosse Wirkung thut. – Der jetzige Ort Bremerhaven erhob sich rasch nach einem regelmässigen Plane. Ursprünglich wurden 250 Anbauplätze, jeder zu 4800 Quadratfuss ausgemessen, von denen jetzt nur noch wenige unbebaut sind, da die Zahl der Einwohner sich schon auf ungefähr 2200 beläuft. An öffentlichen Gebäuden von Bedeutung besitzt Bremerhaven nur das geschmackvolle, am Quai gelegene Bremerhaus, worin sich die Dienstwohnungen des Amtmanns und des Hafenmeisters befinden. Auffallend ist es, dass diese Kolonie des gottesfürchtigen Bremens sich noch keiner Kirche erfreut, und dass die Bremerhavener vorläufig in dem benachbarten Lehe eingepfarrt sind. Die Häuser sind sämmtlich neu erbaut und haben deshalb ein freundliches Aeussere; ihre Grösse richtet sich nach den Bedürfnissen ihrer Bewohner, im Ganzen bestehen sie häufiger nur aus einem Erdgeschoss als aus mehreren Etagen, fast jedes der bessern besitzt eine gewölbte Cisterne zum Auffangen und Bewahren des Regenwassers, da es bis jetzt noch nicht gelungen ist eine Quelle zum Trinkwasser aufzufinden, und dasselbe von dem eine Viertelstunde entfernten Bremerlehe herbeigeschafft werden muss. Die Kosten des Bremerhavens betrugen, da derselbe 1832 als vollendet anzusehen war, ungefähr 602,000 Thaler, die ferneren zur Unterhaltung des Hafens verwandten bis zum Jahre 1840 etwa 13,500 Thaler, wogegen die Einnahmen sich in jener Zeit etwa auf 108,000 Thaler beliefen. Die jährlichen Unterhaltungskosten werden mit der Zeit abnehmen, während die Einnahme präsumtiv wenigstens so erwächst, dass die letzte die ersten decken wird. Das Amt ist ein Untergericht. Seine Competenz in Civilsachen geht bis 300 Thaler, inzwischen kann es Arreste und dergleichen, wegen Gefahr beim Verzuge, zu jeder Summe anlegen. Als Criminalgericht ist das Amt zur Führung aller Untersuchungen berechtigt, kann nur eine Geldstrafe bis zu 50 Thalern und bis zu drei Monat Gefängniss erkennen. Sobald es sich um eine schwerere Strafe handelt, sendet es die zum Urtheil instruirten Acten dem Obergericht in Bremen zur Entscheidung ein. Bremerhaven liegt übrigens im 26. Grad 15 Min. östlicher Länge und 53. Grad 23 Min. nördlicher Breite nach dem Meridian von Ferro, etwa fünf Meilen von der See mit einer concaven Biegung des Ufers, so dass das Fahrwasser, welches dicht an demselben vorbeiströmt, vorerst eine Verschlammung nicht befürchten lässt. Der Binnenhafen kann etwa 80 bis 100 Seeschiffe fassen, und wird, wie man sagt, eine Vergrösserung desselben beabsichtigt. Er wird, sobald die Dunkelheit eingetreten, durch eine hinreichende Anzahl Laternen beleuchtet, von Wächtern bewacht und durch eine gehörige Anzahl Sprützen vor Feuersgefahr möglich bewahrt. Von dem Marktplatz führt eine von Ronzelen sehr haltbare, auf Holländische Manier angelegte Klinkerchaussee nach der Hannoverschen Gränze. Wenn übrigens Bremerhaven nur zu oft an die unpoetischen neu erbauten Städte Nordamerika's erinnert, so giebt gerade dieser Umstand, eine solche transatlantische Probestadt in unserm Deutschland zu sehen, dem Ort etwas Piquantes. Fast märchenhaft erscheint uns das Ganze, wie Traum-Gebilde die Abwechselung in dem Leben und Treiben. Und wie sehr sich ein solcher Anblick zu einer romantischen Auffassung eignet, mögen die nachfolgenden Bilder aus der Feder eines bereits verstorbenen Bremer Schriftstellers zeigen. Auf die Ruhe des Winters, wo es einige Monate bei Stockung der Schifffahrt – der Seele des Ganzen – eintönig dahin geht, folgt im grellsten Contraste mit kaum beginnendem Vor-Frühlinge in steigendem Maasse der lebendigste, vielseitigste Verkehr. Dann eröffnet sich bald wieder die kaum geschlossene Schifffahrt, und wo früher Alles stille Ruhe athmete, beginnt plötzlich ein rüstiges Arbeiten, Rennen und Jagen, Eilen und Hasten, Wagen und Gewinnen, Wogen und Treiben Tag und Nacht; darein erschallt aus hundert Kehlen der taktmässige Gesang beschäftigter Matrosen. – Sie sehnen sich hinaus in ihr Element und putzen ihr schwimmendes Ross, wie zum Jagen das seine ein munterer Reiter. Alles ist nun lebendig geworden, und wir glauben ein ungeheures Uhrwerk vor uns zu haben mit tausend inneren und äusseren Bewegungen, aufgezogen durch irgend einen unsichtbaren Meister. Bald mischt sich in das geschäftige Getreibe die Ankunft zahlloser Auswanderer, Leute aus den verschiedensten Gegenden, schon nach dem Ausdruck ihrer verbrannten Physiognomien; voll alter Schmerzen und neuer Hoffnungen in den Gesichtern. Männer und Weiber, Kinder und Greise, alle, hinfällige Ur-Mütter und Säuglinge, Fremdlinge jedes Alters und Geschlechts, durchziehen schaarenweise unsere Strassen, oder sie liegen zu Haufen auf den Schiffen im Hafen. Sie scheinen den letzten Eindruck des deutschen Vaterlandes in langen Zügen einschlürfen zu wollen, um lange daran zu zehren; denn auf immer wollen sie es verlassen. Durch Zufall zusammengeführt, fremd einander bisher, verbindet das gleiche Loos der Auswanderung sie Alle zu einer grossen Familie. Welche Bilder treten uns da vor die Augen! Hier ein Jüngling, wie zu den Zeiten der Minnesänger, mit der Cither, auf offner Strasse, rücksichtslos, weil Niemand ihn kennt, um ein Mädchen seiner Wahl werbend, welches schon vor Beginn der Weltfahrt er zur Gefährtin gewinnen möchte; bald mit ihr zusammengeführt, weil die Gemeinsamkeit ihres Schicksals auch diesen Bund vermittelt. Dort eine Gruppe: Vater mit Söhnen und Enkeln. Im Antlitz des Alten der Schmerz eines verlorenen Lebens; ihn trägt und hält nur noch der Ausdruck des frischen Lebensmuths und der Hoffnung seines Sohnes; sein Labsal ist die Unbefangenheit kindlicher Freude und Unschuld im Blicke der Enkel. Alte Mütterchen, mit thränenschwerem Auge, häuslich sorgsam ohne Haus, pflegsam, ohne bleibende Stätte; Vögeln ähnlich, denen Buben das Nest zerstörten. Armes Volk! grösstentheils einem Triebe folgend, den es selbst nicht kennt. Armes Volk mit Hoffnungen, deren Erfüllung vielleicht weiter und weiter von ihnen weicht, je näher ihrem Ziele das schwankende Schiff sie trägt! – Da rollen blitzende Equipagen heran; Alles läuft und gafft: es sind die Rheder aus unserer Mutterstadt. Sie erwarten die Heimkehr ihrer beflügelten Schiffe, in halber Frist, wie sonst. Hier und dort richtet sich ein Fernrohr: wer erkennt im weiten Ocean helle Punkte? Ein alter Schiffer steht da, schneeweissen Haares; aber mit dem Auge des Falken eine Wette ausbietend: er erkenne die »Clementine«. Keiner gewahrt einen Punkt am Horizonte; die Menge lacht ihn aus, Andere schütteln das Haupt. Es vergehen einige Minuten, und man sieht den Hafenmeister dem Alten beifällig die Hand reichen. Noch eine Weile, und mehrere Stimmen ertönen: ein Schiff segelt an! Nun dauert's nicht lange, und der ganze Trupp des versammelten Seevolks ruft wie aus einer Kehle: ein Schiff, ein Schiff! Bei dem Fernrohre erschallt's: die »Clementine!« – Auf einmal heisst's: noch andere Schiffe seien im Ansegeln; man erkennt nun auch den »Theodor Körner«, die »Meta«, den »Gustav« und den »Pfeil«, der sie alle überholt. Fünf Schiffe, kaum der Vollendung ihrer Hinreise nahe gewähnt, kehren gesegnet heim zum sichern Hafen. O, Leben und Jubel die Fülle! – Unterdess ist von der Mutterstadt das Dampfschiff Bremen angekommen. Hunderte entsteigen ihm in schmucke Böte. Alles stürzt dahin, die Ankömmlinge zu mustern. Rheder und vornehme Auswanderer sind darunter. Zwei Muster, hohen geistigen Blicks, vergeistigt mehr noch durch den Ernst der letzten Fahrt im Vaterlande, treten an's Land; hier in der Fremde liebend geleitet und empfangen von Bekannten und Freunden, die sie früher nie gesehen: es sind die von Maltitz , bekannt genug in deutschen Landen, Vater und Sohn. – Es ist Abend geworden. Man hat ferne Fahrzeuge erblickt; aber keins kam näher. Nun deckt Finsterniss den Strom, das Meer. Bald erhebt sich ein Sturm, vielleicht drohet ein Orkan. Leuchten fliegen dem Hafen entlang; ein Lootsen-Kutter muss hinaus in die Nacht. Dort sieht man Leute geschäftig, ihr Schiff zu rüsten; eilig, doch mit der Ruhe des Todes im Antlitz. Es sind die Männer, die nie eines Sarges bedürfen, denn von Geschlecht zu Geschlecht sterben sie im Meer; und das wissen sie. – Andere Scenen erscheinen, wenn der Morgen graut. Der Wind ist günstig geworden und der »Copernikus« will die Anker lichten. Seine Passagiere, des langen Harrens ungeduldig, stehen erwartungsvoll auf dem Verdeck. Sie müssen hinunter, weil sie die Zurüstung der Segel hindern. Aber eine Mutter am Ufer ruft noch nach ihrem Sohne, ihn zu umarmen. – Das Schiff ist nun glücklich aus dem Hafen geholt; es gelangt weiter, die Segel schwellen sich; hundert Tücher entflattern dort in den Lüften, noch einmal den Abschieds-Gruss zu winken. Da stehn sie am Lande truppweise; sie erwiedern den Gruss mit ihren Tüchern; Thrähnen entstürzen ihren Augen. Weiter und weiter geht das Schiff; ihm folgen vom Lande nur noch stumme Blicke, stille Wünsche. Die Umstehenden verlieren sich. Doch ein Einzelner ist bis zuletzt geblieben; schweigend geht nun auch er seines Weges, einsames stilles Feld suchend. – Von jenem Schiff dort, es ist die »Elise«, die Prächtige, dem Hafen schon glücklich entkommen, hört man wildes Geschrei. Es lag auf der Rhede, des günstigen Windes gewärtig, als ein Boot sich ihm nahte, Polizei-Offizianten ihm zuführend. Das Signalement eines Steckbriefes in der Hand, mustern sie auf dem Deck die Auswanderer. Ein Mann, allbeliebt in ungeahnter Verstellung bei den Gefährten zur Reise, wird erkannt, den Armen der Gattin und Kinder entrissen, und als politischer Vergehen Beschuldigter einsam zurückgeführt im Boote. – In alle jene Bilder, die sich in stets veränderten Zügen unserm Blicke darbieten, mischen sich die charakteristischen Nationalitäten, welche aus den Schiffsmannschaften der verschiedensten und entferntesten Länder uns entgegentreten. Russen, Engländer, Franzosen, Schweden, Spanier, Amerikaner, Holländer, Neapolitaner, Dänen, Belgier; und aus gemeinsamem deutschen Vaterlande Hamburger, Lübecker, Preussen, Oesterreicher, Oldenburger, Hannoveraner, Mecklenburger und Bremer, – Alle, trotz der Gleichheit ihres See-Lebens, von verschiedener Eigenthümlichkeit, vollenden ein Gemälde, welches gleichartig vielleicht nirgend sonst noch einmal gefunden wird. – Denn ganz anders bilden sich die Züge, wo dieselben Elemente, wie die obigen, in einer Stadt, etwa wie Hamburg, zusammentreffen. – So eine Weltstadt, grossartig in Allem, lässt in ihrem Gewühle von Hunderttausenden das Frappante jener kleinen Scenen mehr verschwinden, gleich einzelnen Diamanten im Schmucke einer Kaiserkrone. – Aber Bremerhaven, an sich beschränkt und einfach, fasst und hält diese bunten Erscheinungen zusammen, wie der leichte Goldreif die wundersamen Reflexe eines á jour gefassten Edelsteines. Bremen Vielleicht ist Bremen schon eine von den vier und neunzig germanischen Städten, deren Ptolomäus, der Geograph, unter dem Namen Phabiranum erwähnt, welches Einige wieder von den Worten »Fahr« und »Pramen« (letzteres bedeutet in Niedersachsen an manchen Orten »Fährschiff« ) ableiten wollen. Gewiss ist der Ort alt, da er bereits um das Jahr 788, als Karl der Grosse den Entschluss fasste, dort ein Hochstift zu gründen, schon bewohnt war. Um jene Zeit kommt der Name »Bremon« schon in Urkunden vor. 1) Ansichten der freien Hansestadt Bremen und ihrer Umgebungen, von Doctor Storck, 1822, ein höchst interessantes und empfehlungswerthes Werk. 2) Wegweiser durch Bremen und seine Umgebungen. 1839. Die Ost- und Nordsee. Der erste Bischof Willehad, ein englischer Priester sassischer Abstammung, erbaute hier eine hölzerne Kirche, wo jetzt der Dom steht. Zuerst dem Erzstifte Köln untergeordnet, wurde, da Ludwig der Fromme es für nöthig fand, ein noch nördlicheres Bisthum zu errichten, Bremen im Jahre 858 mit Hamburg zu einem Erzbisthum vereinigt, jedoch blieb es der gewöhnliche Sitz der Prälaten. Hierdurch entstanden zwischen beiden Domkirchen grosse Streitigkeiten, welche erst im Jahre 1223 und zwar zu Gunsten Bremens entschieden wurden, und das Erzstift, welches zu Bremen blieb, hatte nun 2 Kathedralen und 2 Kapitel; jedoch sollten, zur jedesmaligen Wahl, drei Domherren von Hamburg zugezogen werden. Der Erzbischof erhielt indessen vom König Otto I., dass der zu Bremen sitzende kaiserliche Potestat abberufen und keiner wieder eingesetzt wurde, wodurch der Grund zu der bischöflichen Autorität in dieser Stadt, die 934 ihren ersten Magistrat und grosse Privilegien erhielt, gelegt wurde. Doch mussten die Bischöfe die erworbenen kaiserlichen Gerechtsame durch Kastenvögte verwalten und ausüben lassen. Bremen gedieh unter dem Krummstabe vortrefflich. Der hohe Geist des Erzbischofs Adalbert 1043, seine Prachtliebe, Gastfreundschaft, Freigebigkeit, Freundlichkeit, sein scherzhaftes und herablassendes Wesen, zog aus allen Ländern Fremde heran, welche Bremen natürlich auch einen bedeutenden Handelsverkehr bereiteten. Vorzüglich aus dem fernen Norden, von Island, Grönland, selbst von den orkadischen Inseln, wurden Abgeordnete hier gesehen, welche ihn um Lehrer des Christenthums baten. – Adalbert hatte sich vorgenommen, kein Herzog, kein Graf, noch irgend eine Person solle eine Gerichtsbarkeit in der Stadt haben, auch nannte er, vielleicht in dem Gefühl, den Pabst des Nordens zu spielen, sein Bremen : »parvula Roma« (Klein-Rom). Die Bremer nahmen eifrigen Antheil an den Kreuzzügen. Als in der langen Belagerung von Accon Krankheiten unter den Kreuzfahrern überhand nahmen, da spannten Bremer und Lübecker gemeinschaftlich ein Segel zum Zelte aus, nahmen Kranke auf, verpflegten sie, und dies war der kleine Anfang des deutschen Ritterordens. Otto von Karpen, der nach des Chronisten Zeugniss, seines Gleichen nicht im gottseligen Wandel hatte, ein Bremer Bürger, war zweiter Ordensmeister. Dreissig Jahre früher, 1158, geschah die Gründung der Stadt Riga, durch Bremer, welchen Umstand noch ein Schlüssel, den Riga, wie Bremen im Wappen führt, bezeugt. Unter dem Erzbischof Gerhard kam der Stedinger Kreuzzug zu Stande. Die Friesen, welche seit dem zwölften Jahrhundert nicht allein der Bremischen Diöcese unterworfen, sondern auch Unterthanen und Zehntpflichtige waren, wurden von den Burgmännern der benachbarten weltlichen und geistlichen Herren, welche den Vortheil, der im Aufblühen ihrer Unterthanen lag, unweise verkannten, durch Uebermuth und Frechheiten zu Thätlichkeiten gereizt, welche in eine völlige Empörung ausbrachen, als ein Priester, 1230, einer Friesischen Edelfrau den ihm zu gering scheinenden Beichtpfennig in einer Hostie zurückgegeben hatte, deshalb aber von dem Manne der Beleidigten erschlagen war. – Erst nach vierjährigem Kampf mit Bremen und Oldenburg theilten beide Staaten die Beute des besiegten Volks. Nachdem Bremen 1243 die Freiheit von jeglichem Zoll von dem Grafen von Oldenburg erlangt hatte, trat es 1284 zur Hansa. Allein die Macht der Stadt wurde durch innere Unruhen geschwächt. Diese, sowie die eigenmächtigen Handelsunternehmungen nach Flandern und die Seeräubereien des berüchtigten Bremer Piraten, Hollmann , veranlassten die Ausstossung Bremens aus der Hansa im Jahre 1361. Die Wiederaufnahme geschah jedoch bald. In demselbigen Jahre segelte ein Schiff mit fünfzig Kriegsleuten unter dem Bürgermeister Berend von Dettenhusen mit der hansischen Macht gegen den König von Dänemark. Der Rath hatte seine Leute gleichförmig gekleidet, damit man sie desto besser erkennen könne, vielleicht die erste geschichtliche Spur einer Uniformirung. Graf Heinrich von Holstein, wegen seiner Tapferkeit der Eiserne genannt, der Stadt-Rittmeister, lobte vorzüglich die Tapferkeit dieser Bremer Mannschaft, welche ihrer Stadt vornämlich wieder die frühere Stellung in der Hansa verschaffte. Die innern Zwistigkeiten dauerten indessen fort; die Anhänger einer Parthei, der sogenannten grande cumpanie , welche hatte unterliegen müssen, vereinigten sich mit dem Erzbischofe, dem sie zur Erlangung von Rechten über die Stadt behülflich zu sein versprachen. An der Spitze dieser Verräther stand der Seeräuber Johann Hollmann und der Bürgermeister Johann von der Tiever. Mehre der gutgesinnten Bürger mussten vor ihnen entfliehen. Sie eilten nach Delmenhorst zu dem Grafen Casten, mit dessen Hülfe sie Bremen wieder einnahmen und sich an den Verräthern rächten. Hollmann wurde getödtet und sein Körper zum Fenster hinausgehangen. Der riesengrosse Leichnam erregte Entsetzen. Bei diesem schrecklichen Anblick sank sein Weib nieder, genas eines Kindes und starb. Der Bürgermeister Johann von der Tiever wurde an seiner eignen Thür, neben der Holzpforte, an einem eisernen Haken aufgehängt (1366). Den innern Kämpfen folgten alsbald auswärtige Fehden, zuerst gegen die Verdensche und Lüneburgische Ritterschaft, entstanden durch die sonderbare Behauptung, der Erzbischof sei ein Zwitter, sodann gegen die Grafen von Oldenburg und Delmenhorst und eine bedeutendere gegen die Friesen (1418). Die meisten fielen mehr oder weniger günstig für die Bremer aus, welche, kaum dass diese Kriege beendet, schon gegen die Häuptlinge des Budjadingerlandes, und dann wider die Friesen ziehen mussten. Hier erregt das Schicksal der Gebrüder Dedo und Gerold das grösste Interesse. Die Häuptlinge von Stadtland und Esens hatten gewiss ungern zugeben müssen, dass die Bremer zur Sicherung ihres Handels die Fredeburg baueten. Nur die Noth hatte ihre Einwilligung, so wie das Versprechen, ferner die Schifffahrt der Bremer nicht zu stören, ja sogar zu fördern, erzwungen. Neue Versuche und Bruch des gegebenen Wortes zogen einen Krieg nach sich (1418); diesem folgte eine kurze Ruhe. Aber einige Jahre später vereinigten sich fast alle Friesen, um die Burg zu zerstören. Am Abend S. Cosmä und Domiani naheten sich, ohne die Hauptschaar abzuwarten, des verstorbenen Lubke Onnekens, Häuptlings von Esens, beide Söhne, Dedo und Gerold, mit vier und zwanzig Friesen und zwanzig deutschen Schützen. Es gelang ihnen, die Aussenwerke zu zerstören und den Befehlshaber in der Burg, der zum Fenster hinaus die Seinen ermunterte, zu tödten; sie konnten aber nicht der ganzen Burg Meister werden. Die Besatzung lief aus den Häusern zusammen, schoss aus den Thürmen herab auf die Friesen; die Hülfe kam nicht, Viele waren verwundet; sie benutzten die Dunkelheit der Nacht, um sich zu verstecken. Als der Morgen kam, rieth der jüngere Bruder zur Rückkehr. »Der nächtliche Ueberfall,« sprach er, »hat uns nicht so weit gebracht, dass wir den Burgfrieden gewonnen hätten. Es ist besser, wir versuchen es ein andermal.« Seine vernünftige Rede fand kein Gehör. Feigheit wurde ihm vorgeworfen. »Gut,« sprach Gerold, »meinen Rath habt ihr gehört. Uebrigens thue ich, was ihr thut.« Sie begannen wieder zu stürmen. Bald aber sahen die Friesen, dass die deutschen Schützen mit der Besatzung von Uebergabe redeten, dass im selben Augenblick die Wurdener zu Hülfe gezogen, und sich schon der Brücke näherten. Dedo war nach der Brücke gestürzt, gab das Zeichen zum Abzug, aber von Innen wurde den Zuziehenden gerufen, sie möchten eilen. Da war alle Rettung hin. Die Friesen wurden sämmtlich gefangen, und nach Bremen gebracht. Man führte die Gefangenen alsbald hinaus zum Tode. Dedo, der ältere Bruder, ward zuerst enthauptet. Gerold nahm das Haupt des geliebten Bruders und küsste in innigster Wehmuth den bleichen Mund. Viele des Raths sahen dies nicht ohne Rührung, es regte sich die Neigung, dem herrlichen trauernden Jüngling das Leben zu schenken. Ihn zum Bürger in Bremen zu gewinnen, wäre vielleicht ein Mittel gewesen, die Streitigkeiten zwischen Bremen und den Friesen zu stillen. »Bleibe bei uns in Bremen,« sprachen sie, »verheirathe Dich unter uns, Du magst Dir eine angesehene Bürgertochter zum Weibe wählen, und ein geehrter Mann unter uns sein.« Der Jüngling hob sein Haupt empor, blickte sie stolz an und sprach: »Ich bin ein edelfreier Friese, Eure Pelzer- und Schuhmachertöchter sind nicht für mich. Wollt Ihr mir aber das Leben schenken, so will ich Euch ein halb Scheffel voll Gulden geben.« Das stolze Wort gefiel jüngeren Rathleuten, und machte sie geneigt, sein Erbieten anzunehmen; aber Arend Balleer, ein alter Rathmann, sprach: »Nicht so, der wird nimmer den Kuss auf seines Bruders todte Lippen vergessen. Ihr habt nie etwas Gutes von ihm zu gewarten.« Da ging auch der hochherzige Gerold zum Tode; ihm folgten zwanzig Friesen, die wurden auf's Rad gelegt. Die Deutschen wurden begnadigt um ihres Verraths an den Friesen willen. Der grausame, obwohl kluge Balleer wurde später von einem Friesen erschossen. Die Haupthelden der Friesen, Ocko Kenen und Focko Ukena, griffen nach beendigter Fehde mit den Bremern sich unter einander an. Der erste, mit Oldenburg, Braunschweig und Bremen verbündet, erlitt 1426 eine furchtbare Niederlage bei Deterden, wobei selbst der Bremische Erzbischof gefangen wurde. Der Bürgermeister Johann Vassmer bewirkte die Auslösung desselben und den ersehnten Frieden. Partheiungen im Innern, wegen deren sie 1427 wieder aus der Hansa gestossen ward, setzten die Stadt in die misslichste Lage. Johann Vassmer, welcher friedliche Aussöhnung des aus der Stadt entwichenen und mit Bundesgenossen anrückenden Rathes mit dem zurückgebliebenen versuchen wollte, ward auf seiner Reise von Stade zum Grafen von Oldenburg am sechsten Juni 1430, in der Nähe von Reckum, von einem Fleischer erkannt, und den Gerichtsboten, die ihm der über sein Bemühen ergrimmte Rath nachgesandt, verrathen. Den andern Morgen um sechs Uhr ward er in die Stadt gebracht, und in ein unterirdisches Criminalgefängniss gesetzt. Vergebens erschien Rixa, Gräfin von Delmenhorst, Erzbischofs Nicolaus Mutter, eingedenk jenes durch Vassmer ihrem von Focko Ukena gefangenen Sohne erzeigten Dienstes, auf dem Rathhause und bat herzlich um die Loslassung Vassmers. Weder ihr Geschlecht, noch ihr Rang, noch ihr ehrenvolles Alter, noch, dass sie den Erzbischof in ihrem Schoosse getragen, konnte auf die Leidenschaftlichkeit Eindruck machen; der Rath gab nur Vassmers Knecht los. – Am folgenden Dienstag wurde Vassmer ohne Untersuchung gebunden auf den Markt vor das, durch den erzbischöflichen Vogt und zwei Beisitzer (einer derselben, Johann von Minden, war Vassmers Schwiegersohn) aus dem Rath gehegte Blut- oder Nothgericht geführt, und Klage gegen ihn erhoben, dass er und sein Sohn an der beschwornen Eintracht meineidig geworden. Umsonst versicherte Vassmer seine Unschuld, das silbergelockte Haupt, ergraut unter den Sorgen für das Wohl des Staats, ward durch das Richtschwert von dem Körper getrennt. Vassmers Gattin wollte zur Ruhe der Seele des unschuldig Gemordeten Vigilien und Seelenmessen feiern lassen. Die auch durch seinen Tod noch nicht versöhnte Wuth des neuen Raths untersagte ihr nicht allein die Erfüllung der frommen Pflicht, sondern zog auch ihr Vermögen ein. Schmerz und Herzeleid zogen sie und ihre Töchter, deren einige schon mit dem Brautkranze geschmückt waren, dem theuern Gatten und Vater bald nach in die Gruft. Allein die Vergeltung blieb nicht aus. Der Sohn des Ermordeten, Heinrich, zog an Kaiser Siegmunds Hof, klagte den Rath an und forderte Genugthuung. Die Stadt ward in die Acht und Oberacht erklärt, Bremen auch verurtheilt, dem Kläger sein väterliches Vermögen zurückzugeben und alle Unkosten zu vergüten. Dem Andenken seines Vaters wurde ein Altar geweiht und eine ewige Seelenmesse gestiftet und auf Vassmers Leichenstein die in ihrer Einfachheit vielsagende und rührende Inschrift gesetzt: » Hier ligt de unschuldige Vassmer. « Die Acht wurde erst nach grossen Geldopfern wieder aufgehoben. Ehe noch die Vassmersche Angelegenheit beseitigt war, vertrugen sich der alte und neue Rath – so nannte man beide Partheien, durch Vermittlung des Erzbischofs und benachbarter Fürsten und Städte (1433). Das damals errichtete Grundgesetz der Stadt, die neue Eintracht, ist das noch heut zu Tage gültige. Der Artikel 2 enthält die merkwürdigen Worte: »So denn ein vollmächtiger Rath, wie er von je gewesen, fortan zu ewigen Tagen seyn und bleiben solle.« Fortwährend beschäftigten indessen nach dieser Zeit noch auswärtige Kriege die Stadt. In einem derselben gegen den Grafen Gerhard von Oldenburg wurden die Bremer, auf einem Zuge durch das Oldenburgische, in's Moor zurückgedrängt, und mussten sich hier sämmtlich ergeben. Sämmtliche Wagen und das Geschütz wurden gefangen, fünftausend Mann getödtet, oder versanken im Morast. Dies war die grösste Niederlage, welche die Bremer je erlitten. Der Platz heisst noch bis auf diesen Tag » die Bremer Taufe. « Im Jahre 1522 trat Bremen zur protestantischen Kirche über, welches dasselbe in allerhand Fehden verwickelte, es namentlich in eine feindliche Stellung gegen den Erzbischof brachte. Der katholische Gottesdienst im Dom hörte jetzt ganz und für immer auf; wenn auch gleich später das Domkapitel, das indessen grösstentheils protestantisch geworden, zurückkehrte. Inzwischen entstanden manche innere Unruhen in der Stadt. Verringerung der Bremer Bürgerviehweide, welche im Jahr 1032 durch die Gräfin Emma von Leesum der Stadtgemeinde geschenkt worden, ward von der dem Rathe feindlichen Parthei zum Anlass genommen und die zur Schlichtung dieser Angelegenheit gewählte Deputation von 40 Bürgern, nachdem sie noch 64 hiezu gewählt, (die Hundert und vier) stellten, weit entfernt, Ruhe und Ordnung zu verschaffen, sich an die Spitze der Volksparthei. Dies regte die unruhigen Köpfe nur noch mehr auf und riss, den Rath unterdrückend und sogar zur Flucht nach Bederkesa veranlassend, alles Regiment an sich. Die schändliche Ermordung des Rudolph von Bardewisch, Comthur des deutschen Ordens, von dem verbreitet war, dass in seinen Händen die wahre Urkunde sei, welche die Gränzen der Bremer Bürgerviehweide bestimme, bleibt ein Schandfleck in der Geschichte jener Zeit. Johann Kremer stiess ihn auf Verlangen des wahnsinnigen Volkes in dem Thurm zur heiligen Geistkirche, wo sich Rudolph nicht länger vertheidigen konnte, da der Thurm schon von Karthaunen halb zusammengeschossen war, trotz des Anerbietens des um Gnade Flehenden, der Stadt sein ganzes Vermögen zu schenken, unbarmherzig nieder. – Als indessen ihres willkürlichen, ungesetzlichen Schaltens müde, die rechtlichen Bürger von den Hundert und Vier abfielen, gelang es dem Rath, wieder in die Stadt, wo er mit dem grössten Jubel aufgenommen wurde, sowie zu seinen früheren Rechten zu kommen. In Folge der von den Hundert und Vier bewirkten Vertreibung des Domcapitels, ward die Stadt, die zu dem schmalkaldischen Bund übergetreten war, vom Kaiser und Bischof in die Acht erklärt, befehdet und belagert, vor welcher Noth sie aber, da das Ungewitter sich zuerst über Magdeburg entlud, der 1552 von Moritz erzwungene Passauer Vertrag bewahrte. Bremen wurde, gegen einige Opfer, die es bringen musste, von der Reichsacht frei. Die Lehnsherrlichkeit über Esens und Wittmund musste an den Kaiser abgetreten und Mitunterhaltung des kaiserlichen Kammergerichts angelobt werden. Gegen Ende des sechszehnten Jahrhunderts störten theologische Streitigkeiten, in denen der Prediger Hardenberg, Senior der meistens protestantisch gewordenen Domherren, die bedeutendste Rolle spielte, auf's Neue die Ruhe. Im Jahre 1555 beginnend, nahmen sie bald einen politischen Charakter an. Die Anhänger der Lehre Zwingli's gewannen die Oberhand, und 77 Jahre blieb der Dom geschlossen; erst der letzte Bischof Bremens, ein Sohn des dänischen Königs, Christian's IV., liess denselben wieder öffnen und führte den lutherischen Gottesdienst darin ein. Unter ihm kam das schon secularisirte Erzstift Bremen an Schweden, durch Krieg gewonnen und durch den westphälischen Frieden bestätigt. Noch war die Stadt nicht als Reichsstadt anerkannt. Zwar wurde sie 1640 zum Reichstage berufen und im westphälischen Frieden ihre Freiheiten und Gerechtigkeiten in geistlichen und weltlichen Sachen mit der völligen Reichsunmittelbarkeit bestätigt. Doch sah sie sich in dem Vergleich mit Schweden zu Habenhausen 1666 zu dem Versprechen genöthigt, ihr Sitz- und Stimmrecht auf dem Reichstage, wenn derselbe zu Ende gegangen sein würde, aufzugeben. Da derselbe indess seitdem permanent blieb, so behielt sie ihren Sitz und ihre Stimme, und 1731 gestand ihr endlich das Haus Braunschweig-Lüneburg, als nunmehriger Besitzer des Herzogthums Bremen, die Reichsfreiheit völlig zu. Ihre übrigen Verhältnisse mit Braunschweig regulirte sie in dem Vertrage von 1741, worin sie das Amt Blumenthal, das Gericht Neuenkirchen und die Meier und Köther auf dem Düvelsmoore abtrat. 1803 wurde ihre Unmittelbarkeit aufrecht erhalten und der Deputationsrecess sicherte ihr alle fremdherrliche Gerichtsbarkeiten in der Stadt, die Güter des Bremer Stifts und die Dörfer Hastedt, Schwachhausen und Wahr zu, auch sollte zu ihren Gunsten der Elsflether Zoll, weshalb sie bereits im Anfange des 17. Jahrhunderts eine langwierige Fehde geführt und sich 1652 sogar die Reichsacht zugezogen hatte, aufgehoben werden. Im Jahre 1806 wurde Bremen zuerst von den Franzosen besetzt. Aber 1810 schlug sie Napoleon, nachdem derselbe im Anfange des Jahres noch die Unabhängigkeit der Handelsstädte erklärt hatte, zu dem neu errichteten Departement der Wesermündungen, und suchte zwar den Verlust ihrer Unabhängigkeit mit dem Titel einer guten Stadt und der Fixirung der Departementalautoritäten in ihren Mauern zu versüssen, indessen wurde durch diese Maassregel ihr Handel ganz vernichtet und ihr Wohlstand auf das Tiefste erschüttert. Als Napoleon 1812 aus Russland zurückkehrte, äusserte sich bald die Freude darüber in Bremen, von dem der Kaiser selbst sagte: ma bonne ville de Brème est la plus mal intentionnée de tout mon empire . Strenge Maassregeln von Seiten der französischen Behörde waren die nächste Folge. Zum Glück erhielt sich dieser Zustand nur wenige Jahre, schon 1813 befreiete sie die Leipziger Schlacht von der französischen Usurpation, und der Wiener Kongress gab sie 1815 dem deutschen Bunde als freie Stadt zurück. Sie hat sich seitdem bemüht die nöthigen Abänderungen in ihrer Constitution herbeizuführen, und sich ihrem vormaligen Wohlstande durch weise Verfügungen zurückzugeben. Auch ist 1821 die Aufhebung des Elsflether Zolls wirklich erfolgt, und die neue Weserconvention von 1823 verspricht ihrem Handel auf dem Strome eine gesicherte Existenz. – Die Verfassung dieses Freistaates hat gegenwärtig einen ganz demokratischen Zuschnitt, ist aber noch nicht völlig regulirt; man arbeitet gegenwärtig an einer neuen Constitution, und ist in Folge eines gemeinsamen Beschlusses vom achten Februar 1831 von Rath und Bürgerschaft ein gemeinschaftlicher Ausschuss niedergesetzt, um eine neue Verfassung zu entwerfen. Im Mai 1837 ist ein Entwurf vom Senat im Convent vorgelegt, ohne dass eine definitive Annahme erfolgt wäre. Die gesetzgebende Macht ist bei der Gesammtheit der Bürger, dem sogenannten Bürger-Convente. Diese theilt sich in den Senat (»Rath«) und »die Bürgerschaft«. Jener ist die ausübende und verwaltende Behörde, zusammengesetzt aus vier Bürgermeistern, die halbjährlich im Präsidium wechseln, vier und zwanzig Senatoren, von denen acht Kaufleute, sechszehn Gelehrte sind, und aus zwei Syndiken. Der Senat ist indess nicht allein Administrativ-, sondern auch zugleich die einzige Justiz-Behörde, allerdings ein Uebelstand, der zu manchem Missbrauche Anlass geben kann. Früher ergänzte der Rath sich selbst, zu welcher Zeit indess eine Menge von Verwandtschaftsgraden ausgeschlossen wurden; jetzt, nach freiwilligem Verzichte auf dies Recht von Seiten des Senats, wählt bei einer Vacanz die Bürgerschaft zwölf aus ihrer Mitte, von denen vier durch das Loos bestimmte mit vier Senatoren zusammen drei Candidaten vorschlagen, aus denen der Senat Einen wählt. Zwischen Rath und Bürgerschaft, in gewisser Weise das Organ dieser, steht das Collegium der Aeltermänner , eine Corporation der angesehensten Kaufleute, die sich selbst ergänzt und zwei Rechtsgelehrte als Syndici hat. Das Collegium hat ein eignes Versammlungshaus, den Schütting und in diesem ein eignes Archiv. Die herrschende Religion ist die protestantisch-evangelische. Die Zahl der Katholiken ist verhältnissmässig sehr unbedeutend. Juden dürfen in der Stadt gar nicht wohnen, sie leben grösstentheils in dem aus dem Osterthore gelegenen Hastedt , eine halbe Stunde von Bremen. Die Stadt ist in fünf reformirte Kirchspiele eingetheilt, die Vorstädte in zwei. Die Lutheraner haben nur eine specielle Kirche, den Dom, der ohne bestimmte Parochialgränze die ganze lutherische Gemeinde, soweit dieselbe sich nicht zu den einzelnen Pfarrkirchen hält, an denen meistens ein lutherischer Prediger mit zwei reformirten angestellt ist, umfasst. – Was das Gebiet anbetrifft, so bilden die Flecken Vegesack und Bremerhaven jeder ein eignes Amt, in dem der Amtmann die untere Gerichtsbarkeit ausübt. Für die übrigen Dörfer sind als Verwaltungsbehörde zwei Senatoren, die » Landherren «, committirt; ihr Recht müssen die Bauern bei den städtischen Gerichten suchen. Bremen liegt unter dem 26° 28' 6'' östlicher Länge und 53° 4' 48'' nördlicher Breite, 8 bis 10 Meilen vom Ausflusse der Weser in die Nordsee. Durch die Weser wird die Stadt in zwei Hälften getheilt, wovon die grössere an der rechten Seite des Flusses die » Altstadt «, die an der linken die » Neustadt « genannt wird. Zwischen beiden befindet sich an der östlichen Seite eine Landzunge, »der Theerhof«, welcher die Weser in zwei Arme theilt, in »die grosse« und in »die kleine« Weser. Zwei gleichnamige Brücken, »die grosse«, an der Seite der Altstadt, »die kleine« an der Neustadt, verbinden diese beiden Theile der Stadt, zwischen denen ausserdem noch mehre Fähren zur Communication dienen. Die grosse Weserbrücke ist jetzt abgerissen und wird neu gebaut, der starke Eisgang, welcher sich in den letzten Jahren um Vieles vermehrt hat, erfordert die festesten Grundlagen und die solideste Ausführung. Sachverständige versichern daher, dass das Werk einen Zeitraum von drittehalb Jahren erfordern wird. Man hat unterhalb dieses Platzes eine Nothbrücke geschlagen, welche indessen in dem Augenblicke, da diese Zeilen geschrieben werden, vom Untergange bedroht, und durch Wasser und Eisgang für die Passage der Wagen unfähig gemacht ist. Seit dem Jahre 1827 pflegt die Weser bei rasch eintretendem Thauwetter und namentlich im Frühling, einen aussergewöhnlichen gefahrdrohenden Stand zu erreichen, wovon wahrscheinlich die sehr vervollkommneten Abwässerungsanstalten an der obern Weser die Schuld tragen. Sie leiten das Regenwasser rasch in die Weser, während es früher keinen Zutritt zu derselben hatte, und in den Niederungen langsam verdunstete. Auch die Einengung des Strombettes, um es behufs der Schifffahrt zu vertiefen, mag nicht wenig dazu beitragen, den Ablauf des Wassers zu hemmen und dies um so mehr, wenn gleichzeitige heftige Winde aus Nordwest, oder Springfluthen die Fluthen bis zur Stadt hinauf treiben. – Durch den hohen Stand der Weser entstehen dann oftmals Deichbrüche, durch welche auf der einen oder andern, oder auch beiden Seilen eine grosse Strecke des niedrigen Landes überschwemmt wird. Die Stadt Bremen hat eine Länge von 6600 Fuss auf der rechten, von 5700 Fuss auf der linken Seite der Weser, und eine Breite von 4200 Fuss. Mit den Vorstädten hat sie über 8000 Häuser und etwa 49,000 Einwohner. Sie hat mit Frankfurt, Lübeck und Hamburg die 17. Stelle auf der Bundesversammlung, im Plenum eine eigne Stimme. – Das Contingent der Stadt besteht aus 485 Mann Infanterie, zur zweiten Division des 10. Armeecorps gehörig. Die Cavallerie ist 60 Mann stark, die Caserne in Hastede, eine halbe Stunde von der Stadt. Die Offiziere werden, wie von den übrigen Hansestädten, aus solchen jungen Portepeefähndrichen ernannt, welche auf der Oldenburger Militairschule gebildet und dort erzogen sind. – Der Handel Bremens scheint fortwährend im Zunehmen zu sein, namentlich wird sein Tabaksmarkt als der vorzüglichste in Deutschland gepriesen. Das Weingeschäft hat durch die Verbreitung des preussischen Zollverbandes sehr gelitten, wie dasselbe auch durch den hannoverisch-oldenburgischen Zollverein in seiner Thätigkeit sehr gehemmt wird. Die Schiffsrhederei vermehrt sich auf eine auffallende Weise und ist ein sicherer Zeuge für die Ausbreitung des Handels. Am 1. Januar 1841 betrug die gesammte Anzahl der bremischen Seeschiffe 198, worunter 1 Grönlandsfahrer und 4 Südsee-Wallfischfänger, in Summa von 26,890 Lasten, und sind zur Zeit noch 10 Schiffe im Bau begriffen, deren Namen bereits bestimmt, von 1590 Lasten. – Diese 208 Schiffe halten mithin im Ganzen circa 28,500 Lasten. Wer auf der rheinischen Strasse nach Bremen kommt, betritt hier zuerst die Neustadt. Das Auge ruht hier auf nichts Altem, der ältern Geschichte Angehörigem, weil hier Häuser und Kirchen aus neuerer Zeit herrühren bis die Weserbrücke erreicht wird. Hier entfaltet sich denn der ganze Anblick der alten Hanse- und kaiserlichen Stadt. Weit in die Weser hinab und hinauf drängen sich hohe massive Häuser, zum Theil in alterthümlicher Gestalt dicht an den Fluss, und aus der Häusermasse hervor steigen die Kirchtürme. Man hat den Bremern oft Philistrosität und Spiessbürgerlichkeit vorgeworfen und namentlich haben sie in neuerer Zeit in ihrem Landsmann »Beurmann« einen erbitterten Feind gefunden, welcher mit vielem Witz die Schwächen derselben persiflirt hat. Die Phrase: »baren tagen (geboren und erzogen) Bremer Kind« , wird nicht ohne Selbstgefälligkeit von ihnen ausgesprochen, wogegen der im übrigen Norden gang und gäbe Ausdruck: »Ick bin keen Bremer« , einen freiwilligen Verzicht auf jene Ehre auszudrücken scheint. Allein Bremen hat auch manche Vorzüge vor den übrigen Deutschen und namentlich vor den Handelsstädten. Rechtschaffenheit, Thätigkeit, Patriotismus, der die meisten Staatsämter, welche zum Theil mit den schwierigsten Arbeiten verbunden sind, unentgeltlich verwaltet, Religiosität und ein fast fabelhafter Wohlthätigkeitssinn, den auch die grosse Menge der Wohlthätigkeitsanstalten und milden Stiftungen bekunden, zeichnen seine Bürger vorteilhaft aus. Junge Kaufleute werden auf den Bremer Comptoiren am gründlichsten gebildet, ihr Betragen wird hier mehr als an andern Handelsplätzen überwacht, wenn gleich der leidige Speculationsgeist aus der Erziehung der Handelsbeflissenen in den letzten Jahren eine gehässige Erwerbsquelle gemacht hat, und die meisten der jungen Leute ihre Lehrjahre theuer bezahlen müssen. Die Bremer scheuen keine Kosten, um sich die besten Kanzelredner zu verschaffen, doch sind die Streitigkeiten zu beklagen, welche in der neuern Zeit, zum Aergerniss des wahren Christenthums, unter den Geistlichen selbst vorgefallen und durch den Druck vielfältig verbreitet sind. Die lutherischen Domprediger stehen in keiner Verbindung mit den reformirten, auch die Gemeinden bleiben so von einander abgesondert, dass es begreiflich wird, wenn eine junge Dame, auf die Frage, ob sie Dräseke, welcher damals an der reformirten St. Ansgarii-Kirche angestellt war, oft höre? erwiederte: »Verzeihen Sie, wir gehören zum Dom.« So tragen auch die Kinder des lutherischen Waisenhauses andere Aufschläge und Kragen wie die des reformirten, weshalb jene die gelben , diese die rothen genannt werden. Musik, die Freundin des religiösen Cultus, wird in Bremen hoch in Ehren gehalten, die kirchliche steht unter der Leitung des vortrefflichen Organisten Riem . Dagegen hat die dramatische Kunst bis jetzt wenig Unterstützung gefunden, die meisten Schauspieldirectoren haben sich in Bremen nicht halten können, selbst nicht der vortreffliche Künstler Gerber , der den Bremern das beste Theater hinstellte, was sie je besessen. Indessen scheint auch für die Bühne der Geschmack erwachen zu wollen, und ist der Neubau eines glänzenden Schauspielhauses neuerdings beschlossen. Bremen ist die Vaterstadt vieler ausgezeichneter Männer. Heeren und der kürzlich verstorbene Astronom Olbers waren Bremer, der jetzige Bürgermeister Smidt ist anerkannt als ein ausgezeichneter Diplomat, der als Mensch und Jurist gleich vorzügliche Doctor Droste , so wie der scharfsichtige Richter Meier verdienen vorzugsweise als Zierden des Senats genannt zu werden. Auch die Namen Heineken und Gröning haben in Bremen einen guten Klang. Zu den Sehenswürdigkeiten Bremens dürften zu zählen sein: 1) Der Dom , dessen Grund nach dem Muster des Kölner vom Erzbischof Bezelin im Jahre 1043 gelegt ist. Die Länge des Doms beträgt 297 Fuss, seine Breite 124 Fuss, die Höhe 102 bis 105 Fuss. Derselbe ist an äusseren Verzierungen weniger reich als die meisten übrigen Monumente gothischer Baukunst, aber imponirt durch seine edle Einfachheit. Die Gemälde, welche sich in demselben befinden, sind sämmtlich nur mittelmässig. Das neue Altarblatt ist eine Copie nach Raphaels berühmter Kreuztragung Christi: » Lo spasimo di Sicilia «, zu Rom von einem deutschen Künstler Banse in Auftrag eines früheren Bremer Bürgers angefertigt. Der junge Künstler, der es am besten vielleicht beurtheilen konnte, fand das Bild zu dunkel gerathen, und stürzte in Verzweiflung darüber sich in die Tiber. Von dem grossen Votiv-Gemälde an der Orgelseite, das jüngste Gericht von Berichau , auf dem der Teufel blau angelaufen ist, schreibt sich das Bremer Sprichwort her, dass der lutherische Teufel blau sei . – Der Dom liegt südlich an dem Domshofe, an der untern Seite prangen die besuchtesten Gasthöfe, unter denen besonders der » Lindenhof « sich auszeichnet, Schaers Caffeehaus im neuesten französischen Geschmack eingerichtet, das Museum, weiter hinauf die Bremer und Preussische Post, das Stadthaus mit der Hauptwache, gegenüber das Waisenhaus. – Vor demselben ist in dem Pflaster zwischen dem eigentlichen Platze und der Kirche ein blauer Stein mit einem Kreuze darauf eingemauert, zur Bezeichnung der Stelle, auf welcher am 21. April 1831 die Giftmischerin Gesche Margarethe Gottfried , geborne Timm, hingerichtet wurde, welche ausser vielen andern nicht todeswürdigen Verbrechen, überführt und geständig gewesen: ihre beiden Eltern, ihre drei Kinder, ihren ersten und zweiten Mann, ihren Bruder, ihren Bräutigam und sechs andere Personen durch Gift getödtet zu haben. Zu beklagen ist es, dass ihr geistvoller Untersuchungsrichter, der Senator Droste , sich noch nicht veranlasst gefunden hat, diesen höchst merkwürdigen Criminalfall für den Druck zu bearbeiten. 2) Das Rathhaus mit seinem berühmten Keller. Das Auge des Kunstkenners wie des Verehrers des deutschen Mittelalters ruht mit gleichem Wohlgefallen auf diesem schönen Gebäude. Der Bau begann im Jahre 1405 und ward fünf Jahre später beendigt. Die Arkaden so wie die übergebauten drei Giebel nach der Marktseite zu, welche Form dem Rathhause Aehnlichkeit mit dem zu Brüssel giebt, stammen aus viel späterer Zeit, aus dem Jahre 1612, in welchem sie von den Steinmetzen » Lüder von Bentheim « und Johann Stelling angelegt wurden. Im Jahre 1824 wurde das ganze Gebäude restaurirt, wobei man mehrere störende Anhängsel fortschaffte. Die grossen Statuen an der Südseite des Hauses sind nicht schlecht gearbeitet, besonders gut aber die Postamente derselben. Es sind sieben Kurfürsten und ein Kaiser. Vortrefflich sind die einzelnen kleinen Ausschmückungen der Gallerie bis ins Feinste ausgeführt. Diese Basreliefs sind meist allegorische Figuren. Leicht erkennt man den Handel, die Zeit und die Liebe . Letztere, in dem Felde über dem vorletzten Bogen, unter dem Bilde einer Henne mit ihren Küchlein, ist das Wahrzeichen Bremens für die Handwerksburschen. Im untern Theile befinden sich die Canzleien, die Untergerichtsstube und das Archiv. Die Wendeltreppe führt zunächst auf die grosse Vorhalle, wo von den neu erwählten Senatoren der Rathseid geleistet und auch Bürgerconvent gehalten wird. Der Bremer Rathskeller, welcher in den letzten Jahren durch die Bemühungen des verdienten Aeltermanns Bechtel um Vieles verschönert ist, hat, namentlich auch durch Hauff 's Phantasieen, einen europäischen Ruf gewonnen. Das grössere allgemeine Zimmer besitzt eine akustische Merkwürdigkeit. Sobald jemand nämlich in der einen Ecke leise redet, hört und versteht man dies ganz genau in der entgegengesetzten, während ein in der Mitte Stehender nichts davon vernimmt. – Die kleinen abgetrennten Kämmerchen (Priölken), etwa für 7 bis 8 Personen eingerichtet, sind sehr traulich. Der älteste Wein vom Normaljahre 1624 – ist in einem Fasse, »die Rose« genannt, aufbewahrt, und führt seinen Namen von der unter der Decke des Gewölbes gemalten Blume. Diese Rose trägt die Umschrift: Cur Rosa flos Veneris Bacchi depingitur antro? Causa, quod absque mero frigeat ipsa Venus. (Warum pranget in Bacchus Grotte die Rose der Venus? Nun, weil ohne den Wein ja selber die Liebe erkaltet.) Ueber der Thüre stehet die Warnung, dass, so wie Amor dem Harpocrates die Rose, die Blume der Venus, geschenkt habe, damit ihr Thun geheim bleibe, so auch in diesem Keller eine Rose abgebildet sei, als Sinnbild, dass ein in demselben in Weinlaune gesagtes Wörtchen nicht ausserhalb müsse weiter erzählt werden. Endlich erklärt ein Doctor Düssing in wohlgesetzten lateinischen Distichen, dass, da die Rose nur alte Weine enthalte, Bacchus selbst auch nur ein alter Gott sei, hier auch nur alten Leuten der Zutritt zu gestatten, junge Leute aber wegzuweisen seien. Dieser Wein wird nicht verkauft, sondern nur auf Bescheinigung des Arztes an schwache Kranke vergeben, oder vom Senat verschenkt. Man giebt statt dessen den fast eben so alten Wein aus den sogenannten »zwölf Aposteln«, von denen das Fass »Judas Ischarioth« das beste ist. Um in den besondern Keller zu gelangen, in welchem die zwölf Apostel der Rose liegen, und davon zu kosten, bedarf man der Erlaubniss eines der Bürgermeister, welche indessen leicht ertheilt wird. Im Uebrigen hat sich auch in Bremen die Vorliebe für ältere Rheinweine sehr verloren, man zieht jüngere Jahrgänge, die noch mehr Zuckerstoff enthalten, jenen als schmackhafter vor. Westlich vom Rathhause steht auf dem Markte, welcher ungefähr eine Länge von 200 Fuss und eine Breite von 180 Fuss hat, der steinerne Roland, 18 Fuss 5 Zoll hoch, früher bunt, mit Gold verziert, seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts grau angestrichen, daher man auf seinem Mantel auch den Löwen und Hund, die sich jeder um ein Stück Fleisch streiten, nebst der Inschrift: »een jeden dat syne« kaum mehr herausbringt. Dieser Roland, einer der schönsten Norddeutschlands, hält in der Rechten ein Schwert, und in der Linken den Schild mit dem kaiserlichen Wappen und den Reimen: »Vryheit do ik au openbar, De Carel unn mannig Vorst vorwahr Deser Stadt gegeben hat, Des danket Gode is min rath.« Der lange Mantel, welcher bis auf die Füsse herabhängt, deutet das Gewand eines Friedensrichters an, die Handschuhe auf Marktfrieden und Marktgerechtigkeit, das blosse Schwert in der Hand zeigt auf die Criminalgerichtsbarkeit, oder das der Stadt anvertraute Recht des kaiserlichen Blutbannes. Zu seinen Füssen liegt zu noch deutlicherem Zeichen ein enthaupteter Missethäter; die eisernen Knielinge waren ein Theil der Rittertracht; der geschorne Bart Mode bei den sächsischen Vornehmen; das entblösste Haupt zeigt den Respekt gegen des Kaisers Majestät. – Wahrscheinlich ist schon 1035, zur Zeit Conrad IL, die erste hölzerne Rolandssäule errichtet als Zeichen der Marktfreiheit und des Königsbannes. Daher auch sein Platz auf dem Markte. Zu Hollmann's und Johann von Tiever's Zeiten wurde diese erste hölzerne Statue in der abergläubigen Hoffnung verbrannt, damit die Freiheit der Stadt genommen zu haben. Derselbe Glaube hat sich bis auf die neuesten Zeiten fortgepflanzt und glaubt noch mancher in Bremen, dass in dem Rathskeller ein kleiner Reserve-Roland aufbewahrt sei, damit die Stadt keine 24 Stunden dieses Palladii beraubt sei, von dem die Sage ihre Freiheit abhängig macht. So wurde auch zu den Füssen des Roland der französische Adler vom Volk nach Vertreibung der wälschen Gäste zerschlagen. – Der jetzige Roland ist 435 Jahr alt; im Jahre 1450 für 170 Bremer Mark (600 Thlr. Gold) errichtet. Doch eine ausführlichere Beschreibung der übrigen Gebäude und öffentlichen Plätze Bremens dürfte das vorgesteckte Ziel dieser Beschreibung überschreiten. Wir verweisen deshalb auf den bereits citirten, von uns mehre Male benutzten ausführlichen Wegweiser durch Bremen, und machen nur noch auf den Wall aufmerksam, wo die früheren Befestigungen der Stadt in wahrhaft reizende Anlagen verwandelt sind, und die angenehmste Promenade bilden. Sie sind aus der schöpferischen Hand des genialen Altmann, welcher später auch den Hamburger Wall angelegt hat, hervorgegangen. Auf das Mannichfaltigste wechseln hier reizende Partien ab, bald Rasen, und bald Blumen und Baumgruppen. Sehr lobenswerth ist die Bremer Pietät, dass die Kinder Florens dem siebenten Gebot empfohlen bleiben und es zu den seltensten Fällen gehört, wenn der Bremer Wall bestohlen wird. – Der Stadtgraben und die Windmühlen erhöhen das Lebendige der Landschaft. – – Hamburg Aus ärmlichen Fischerhütten ist die herrliche Stadt hervorgegangen, welche am Ausflusse der Alster in die Elbe daherprangt. Am Harn, dem waldbekrönten Anger, baute Karl der Grosse eine Burg zum Schutze gegen die Wenden, und unter deren Schirm eine aus Eichstämmen gezimmerte Kirche. Die wendischen Wilsen zerstörten zwar schon im Jahre 810 die Burg, sie ward jedoch bald hergestellt. Nur der heutige Berg, die Schmiedestrasse, der Fischmarkt, der Domplatz machten damals das Gebiet der Burgstadt aus; südwärts war das Land an der Elbe unbedeicht, im Norden die Alster, im Westen und Osten wilder Wald. Wo Karl der Grosse seine Burg hatte bauen lassen, errichtete (1037) der Erzbischof Bezelin die Wiedeburg, an der Nordseite des heutigen Fischmarktes; zu gleicher Zeit baute Herzog Bernhard ein anderes Schloss, später die alte Burg benannt, zum Unterschied von der neuen Burg, die dessen Sohn Ordulf erbaute. Zwei andere Schlösser wurden in König Waldemar's II. Zeit errichtet, die eine im heutigen Eichholze, die andere unweit des Dorfes Schiffbeck. Der erzbischöfliche Sitz ward 1223 für beständig von Hamburg nach Bremen verlegt, das Domcapitel aber ist erst im Jahre 1802 aufgehoben und der Dom mit Zubehör von dem Landesherrn des Herzogthums Bremen an Hamburg abgetreten. Hamburg, in Stormarn belegen, theilte durch Jahrhunderte die Schicksale Nordalbingiens, die Ueberfälle der Wenden, die Unruhen zur Zeit Heinrich des Löwen und die Bewegungen, welche die Könige Knud und Waldemar herbeiführten. Vom Grafen Albrecht von Orlamünde erkaufte die Stadt (1223) ihre Freiheit; an die Stelle des fürstlichen Vogts und seiner Schöffen trat ein eigner Rath der Bürger, in späterer Zeit der hochedle, hochweise Senat genannt. Er besteht aus 4 Bürgermeistern und 24 Senatoren; drei der ersteren müssen Doctoren, eilf der letzteren Gelehrte sein. Dem Senate zugeordnet sind 4 Syndici, welche dem Bürgermeister (der Magnificenz genannt wird) im Range folgen, und bei den Verhandlungen eine berathende Stimme führen. Die Verwaltung der Stadtgelder ist 1563 dem Senate entzogen und einem Ausschüsse von Bürgern ( Kämmereibürgern ) übertragen. Seit dem Recesse von 1410 ist der erbgesessenen Bürgerschaft Antheil an Regierung der Stadt zugesichert. Die Veranlassung dazu gaben die Händel, welche ein Bürger, Hein Brand , erregte. Dieser Mann, an dessen Namen noch eine Gasse, die Brandtwiese, erinnert, hatte den Herzog von Sachsen-Lauenburg, welcher mit sicherm Geleite nach Hamburg gekommen war, wegen einer Geldforderung mit vielem Ungestüm gemahnt. Der Herzog klagte und der Rath liess Hein Brand in's Gefängniss nach dem Wieserthurm bringen. Der Verhaftete glaubte sich nur seines Rechts bedient zu haben; die Bürger schrien über Gewaltschritte, befreiten Hein Brand aus dem Gefängnisse, und schickten aus den verschiedenen Kirchspielen sechzig erbgesessene Bürger, welche bei den weitem Verhandlungen gegenwärtig sein sollten. Bei dieser Veranlassung bedungen sie sich besondere Rechte aus, namentlich, dass ohne Zustimmung der erbgesessenen Bürgerschaft nichts Wichtiges unternommen, auch keine neue Abgabe auferlegt werden darf. An der Spitze dieses Collegiums der Sechziger und der später hinzugekommenen Hundert Achtziger stehen 15 Oberalle, drei aus jedem Kirchspiel gewählt. Die Grafen von Holstein aus dem Schauenburger Hause zeigten sich der Stadt stets sehr freundlich. Sie betrachteten sie nicht als ihre Landstadt; Adolf IV. stiftete ein Dominikanerkloster und das Franziskanerkloster St. Maria Magdalena. Was sie nicht dem Wohlwollen der Grafen dankten, erhielten sie oft durch deren Schwäche. Der Graf Adolf V., welcher zu Zeiten in Pinneberg residirte, pflegte gar fleissig zur Stadt einzureiten, und sich bei gefüllten Humpen im Rathskeller gütlich zu thun. Eines Abends hatte er sich beim Zechen verspätet, und musste, da die Thore bereits verschlossen waren, innerhalb der Stadtmauern übernachten. Da soll ihn ein in der Nähe des Kellers wohnender Rathmann eingeladen haben, den Spätabend bei ihm zu verbringen; bei köstlicher Tafel fand sich auch ein Bürgermeister, nebst noch einigen Rathsherren ein. Dem weinbeschwerten Grafen ward die Bitte vorgetragen, das kleine Bäumlein, welches sich vom Millernthor bis zu dem Bache, der sich bei Altona in die Elbe ergiesst, befindet, der Stadt zu schenken; der trunkene Graf fand dabei kein Bedenken, mit dem Pokal in der Linken, drückte er mit der Rechten das an seinem Schwert befindliche Siegel auf die Schenkungsacte, die sofort angefertigt war. So kam der Hamburger Berg, das jetzige Kirchspiel St. Pauli, an die Stadt. Mehr geschichtlich begründet ist der Verkauf, durch welchen die Stadt von Graf Adolf VI. (1283) die Waldgegend, wo jetzt die freundliche Kette der Dörfer Ham und Horn liegt, erstand. Dreizehn Jahre später wurde für diesen Bezirk eine Kirche des Hospitals St. Georg erbaut, welches Gasthaus zur Aufnahme aussätziger Kreuz- und Seefahrer errichtet war. Bald nachher überliessen die Grafen die Dörfer Eilbeck, Barmbeck und die Alster den Hamburgern. Als räuberische Edelleute von Lienau und Stegen das Alsterwasser durch einen Damm hemmten, so dass der Fluss weder befahren werden, noch Mühlen treiben konnte, zogen die Städter gegen die Raubschlösser und zerstörten sie. Nach Erwerbung der Alster ward das Gebiet der Stadt bald sehr erweitert. Es entstand eine Neustadt auf höherem, trocknem Grunde. Die Katharineninsel, der Brook und der Wandbereiterbrook, im vierzehnten Jahrhundert noch theils von der Elbströmung überschwemmt, theils morastig, wurden bewohnbar gemacht. Der Gewalt der Wellen wurden Dämme entgegengesetzt, so entstanden die Kayen und die Deichstrasse. Ein grosser Uebelstand aber ist es fortwährend geblieben, dass der niedere Stadttheil nicht durch Sicherheitsdämme geschützt werden kann, so dass Häuser und Keller bei ungewöhnlichem Stande der Elbe stets der Gefahr, überschwemmt zu werden, ausgesetzt sind. Befestigungen der Stadt aus dem dreizehnten Jahrhundert haben der Strasse des »alten Walles« den Namen gegeben, nachdem 1549 die Befestigungen weiter hinaus, bis zum »neuen Wall«, ausgedehnt sind. Im Jahre 1342 wurde das lieblich belegene Pfarrdorf » Eppendorf « vom Grafen Adolf VII. verkauft. Derselbe Graf überliess Hamburg den ganzen Billwerder und Ochsenwerder. Den benachbarten Moorwerder erkauften die Hamburger 1311 von den Herzogen von Braunschweig-Lüneburg, und legten hier ein Schloss, die Moorburg , an. Kostbare, schwer zu erhaltende Dämme schützen Moor-, Bill- und Ochsenwerder gegen die Gewalt der strömenden Elbe; der Name des lieblichen Dorfes Allermöhe deutet darauf hin, mit welcher Mühe man die blühenden Saatfelder, die fruchtbeladenen Baumgruppen, die üppigen Wiesen und lachenden Triften aus Moor und Sumpf geschaffen hat. Am wichtigsten waren zwei Erweiterungen des Stadtgebietes 1393 und 1420. Den Rittern von Lappe wurde im erstgenannten Jahre das Schloss Ritzebüttel nebst Umgegend abgekauft, und hier ein städtisches Amt gebildet. Im gemeinschaftlichen Kampfe mit Lübeck ward 1420 das Städtchen Bergedorf mit den sogenannten Vier-Landen (Corslak, Altengamm, Neuengamm und Kirchwerder) erworben. Diese Gegend gehörte sonst den Herzogen von Lauenburg. Hamburgs Handel und Schifffahrt ging von geringen Anfängen aus. Der erste Ursprung war die Fischerei; die Innung der Fischer ist die älteste der Stadt, der Fischmarkt der älteste Markt. Durch die Kreuzzüge wurden diejenigen Städte bereichert, welche am Ufer eines schiffbaren Stromes oder am Seegestade lagen. Hamburg brachte früh auf eignen Schiffen seine Leinewand nach Italien, auch Barchent, gewebte Wollenzeuge und Tücher wurden ausgeführt; und Hamburgisches Bier war weit berühmt. Seit der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts bildete sich die deutsche Hansa. In einem Vertrage mit Lübeck, den See- und Landräubereien mit vereinten Kräften zu wehren, über beider Städte Handel und Flor gemeinschaftlich Rath zu pflegen, und sich gegen jeglichen Feind zu schützen und zu vertheidigen, werden schon sechsundfunfzig Städte dieser Verbindung genannt. Nachtheilig auf den Seehandel wirkten zu Ende des vierzehnten Jahrhunderts die Vitalienbrüder. In den Kriegen, welche der Calmarischen Union vorhergingen, hatten sich in Mecklenburg Freiwillige gebildet, welche Stockholm zur See mit Lebensmitteln (Victualien) versehen wollten. Von der dänischen Macht versprengt, legten sie sich seitdem auf Seeraub und trieben diesen in der Nordsee besonders von Helgoland aus. Kauffahrer, die dem Raubgeschwader in die Hände fielen, mussten sich mit schwerem Gelde lösen oder die schrecklichsten Misshandlungen erdulden. Endlich gelang es einer Flotte, welche die Hamburgischen Rathsherren Simon von Uetrecht und Nicolaus Schock anführten, bei Helgoland die Schiffe der Vitalienbrüder zu verbrennen. Ihr Anführer, der Wismarer Claus Störtebecker, wurde mit Einhundert und funfzig seiner Räuber gefangen nach Hamburg geführt, wo Alle auf dem Grasbrook enthauptet wurden (1402). Im Innern der Stadt bildete sich die Verfassung, von der es zweifelhaft blieb, ob sie eigentlich aristokratisch oder demokratisch sei, immer weiter aus, grösstentheils Veränderungen in Folge von Unruhen erleidend, wie namentlich bei den Händeln, die Heinrich von Loh erregte. Der Versuch einiger ritterlichen Geschlechter, die nach Hamburg gezogen waren, wie die van Bargen , von Buxtehude , de Witte , von Lüneburg , ein Patriziat, wie solches in Lübeck bestand, zu bilden, misslang. Die Einführung der Reformation veranlasste zwar einige Unruhen, war jedoch schon 1529 beendet und in einem eigenen Recesse angenommen. Von den Kirchen Hamburgs ist die grosse Michaeliskirche, mit einem Thurm von 456 Fuss Höhe, erst hundert Jahre nach der Reformation erbaut, vom Baumeister Sonnin im vorigen Jahrhundert, als ein Blitzstrahl die Kirche zerstört hatte, wieder hergestellt. Der dreissigjährige Krieg berührte Hamburg nicht unmittelbar. Kurz vor Ausbruch desselben schreckte ein Meerungeheuer, welches sich in der Elbe bei der Teufelsbrücke zeigte. – Die am Strande versammelte Menge sah aus der Elbe ein Wesen auftauchen, gestaltet wie ein Pferd mit einem Schweinekopfe; aus dem weitgeöffneten Rachen sah man vier ungeheure Fangzähne hervorragen, der stiere Blick des Ungeheuers soll kaum zu ertragen gewesen sein. Kugeln, die man auf das Unthier abschoss, prallten, ohne Schaden zu thun, von dem Panzerfelle ab, und das Wesen versank wieder unverletzt in die Fluthen. Um die nämliche Zeit zeigte sich auch der ewige Jude in Hamburg, wie auch in Holstein und Schleswig. Er hielt eine öffentliche Unterredung mit dem Dr. Paul von Eitzen. Interessant würde es sein, die verschiedenen Nachrichten der Chroniken über den Betrüger zu sammeln, welcher diese Rolle angenommen hatte. In Hamburg war er der Erste seines Glaubens, welcher dort verweilte; kein Jude hatte bis dahin noch die Erlaubniss gehabt, in der Stadt zu übernachten. Bald aber nach Ahasverus zogen sie ein, zuerst portugiesische Juden, die aus ihrem Vaterlande vertrieben waren und nach manchen Schwierigkeiten die Erlaubniss erhielten, sich in Hamburg niederzulassen. Man hatte sogar bei auswärtigen Universitäten angefragt, ob man mit gutem Gewissen Juden in einer Stadt aufnehmen könne, wo die reine evangelische Lehre im Schwange sei. Der Verfall der Hansa wirkte eher vortheilhaft, als nachtheilig auf Hamburgs Wohlstand, indem nun manche schädliche Zunftfesseln fielen. Mit weisem und umsichtigem Sinne sorgte man für Erweiterung und Verschönerung Hamburgs. Schleusen, Brücken, neue Thore, ganze Strassen wurden angelegt. Die Benennungen der Gassen haben sich oft sonderbar in der platten niederdeutschen Mundart gebildet. So ward aus der Kathedralstrasse ein Katrepel , aus St. Petersort ein Speersort , von den Sammtbereitern, den » Caffamachern «, die dort wohnten, ist die Caffemacherreihe benannt. Als Holstein aus dem Besitze der schwachen Grafen von Schauenburg an die Könige von Dänemark übergegangen war, suchten diese mit mehr Nachdruck die Hoheit über Hamburg aufrecht zu erhalten. Besonders heftig waren die Händel in Christian's IV. Zeit. Das Reichsgericht hatte 1618 Hamburg entschieden für reichsfrei erklärt. Zur Störung des Handels erbaute der König die Vestung Glückstadt . In Christian's V. Zeit suchten zwei Hamburger, Jastram und Snitger , ihre Vaterstadt vom Reiche abzusondern und eine für sich bestehende, unabhängige Republik zu gründen. Die Dänen wollten diese Plane zu ihrem Nutzen wenden, und Hamburg unterwerfen. Sie belagerten die Stadt, allein Braunschweig, Brandenburg und Schweden nöthigten zum Rückzuge und die beiden Volksführer endeten auf dem Richtplatze (1686). Seit 1768 wurden die Streitigkeiten mit Dänemark und Gottorp wegen Ausübung des reichsstädtischen Stimmrechts völlig gehoben. Im Frühjahre 1801 erfolgte auf kurze Zeit eine Besetzung der Stadt durch die Dänen; 1803 geschah ein Grenztausch mit Dänemark; 1806 nahmen die Franzosen Hamburg in Besitz; 1810 ward die Stadt dem französischen Reiche einverleibt. Unerträglich war der Druck, unnennbar waren die Leiden der Stadt; als die Fremdherrschaft dem völligen Zerfall nahe war, ward noch die Umgebung der Stadt zur Einöde, um Eckmühls militairische Plane zu fördern. Ein Rath- und Bürgerschluss vom 27. Mai 1814 stellte die alte Verfassung wieder her, und im folgenden Jahre ward Hamburg für eine der vier freien Städte des deutschen Bundes erklärt. Bei dem vorherrschenden kaufmännischen Interesse ist Hamburg nie ein Sitz der Musen geworden. Als berühmt galt um die Mitte des vorigen Jahrhunderts der Dichter Friedrich von Hagedorn, als Gelehrter um die nämliche Zeit der Professor des Gymnasiums Richey . Eine üble Berühmtheit erlangte der Prediger Melchior Götze (um 1770), als orthodoxer Zelot und als Eiferer gegen Thaliens Tempel, welche 1741 in Hamburg zuerst durch Schönemann eröffnet waren und seit 1786 durch Schröder allgemeines und dauerndes Interesse in Hamburg gewannen. Als Schriftsteller haben im Auslande einen Namen gewonnen: Busch, Reimarus, Baron Vogth, Gurlitt, Zimmermann, Domherr Meyer, der jetzige Bürgermeister Bartels, Präzel, Bärmann, Töpfer besonders als Lustspieldichter, und Lebrun . Gegenwärtig lebt Gutzkow, einer unserer geistvollsten Schriftsteller, in Hamburg. – Der bekannte Veit Weber, eigentlich Leonhard Wächter, verstarb hier vor einigen Jahren. Otto Speckter ist durch seine geistvollen Zeichnungen bekannt. Hamburg liegt im 53° 52' 51" nördlicher Breite und 27° 33' 2" östlicher Länge. Die Alster scheidet den südwestlichen Theil der Stadt von dem nordöstlichen; über sie führen 11 Brücken. Der grössere nordwestliche Stadttheil stösst mit den 3000 Fuss langen Vorsetzen vom Baumhause bis zum Stintfang an den Hauptarm der Norderelbe, wo der Rummelhafen und Niederbaum, oder der Hafen für Seeschiffe, zur Zeit der Ebbe 8, 12, an einigen Stellen 30 Fuss tief belegen ist; er ist von einem Pfahlwerke umgeben und wird zur Nachtzeit von einem schwimmenden Flosse umschlossen. Die Stadt ist von Fleethen (Kanälen) durchschnitten, über welche 84 Brücken führen. Namentlich im Sommer verpestet ein abscheulicher Gestank nicht selten die Luft, indessen wird das Klima Hamburgs von den Aerzten als gesund geschildert, viele Leute erreichen hier ein hohes Alter, wenn gleich die allgemein vorherrschende bleiche Gesichtsfarbe der Einwohner das Gegentheil erwarten lässt. – Hamburgs Bevölkerung betrug im Jahre 1817 111,729 Köpfe, worunter etwa 3000 Katholiken, 4000 Reformirte, 6000 Juden, 500 Mennoniten und Herrnhuther und der Rest Lutheraner oder zu andern geringern Sekten gehörig. Die Einwohnerzahl beträgt jetzt schon mehr als 130,000. Eine grosse Verminderung erlitt sie in der französischen Zeit, wo Davoust Alle, welche sich bei der bevorstehenden Belagerung nicht verproviantiren konnten, mehr als zehntausend, aus der Stadt trieb. Eine so freundliche Aufnahme den Flüchtlingen auch allenthalben, und namentlich im Holsteinischen, widerfuhr, so fanden die meisten der Vertriebenen doch in der Fremde ihren Tod, und sahen das befreite Hamburg nicht wieder. Es ist nicht schwer, in Hamburg das Bürgerrecht zu bekommen, Keiner wird hier um Meinungen verfolgt. Die Polizei in Hamburg ist musterhaft, kein noch so verschmitzter Gauner vor ihr sicher, während der ehrliche Mann, unangefochten von Spionen und Auflauerern, ein freies Wort, soweit es namentlich die Hamburgischen Verhältnisse selbst betrifft, nicht zu scheuen hat. – Vor allen Dingen verdienen die Löschanstalten, und der Eifer, womit solche betrieben werden, ein unbedingtes Lob. Nur dadurch gelingt es gemeiniglich, dem Feuer, selbst wenn es in den fast allen Spritzen unzugänglichen Twieten (Zwischenstrassen), deren Hamburg 24 zählt, ausbricht, gar bald Einhalt zu thun. Furchtlos und geschickt fliegen die Brandofficianten auf die Dächer, über welche sie mit grosser Gewandtheit die Spritzenschläuche leiten. Nicht selten werden die Braven ein Opfer ihrer Menschenliebe, von denen hier vor Allen ihr Chef, Johann Georg Repsold , genannt werden mag, dessen Name jetzt ein Ehrendenkmal bei der Sternwarte und die darauf befindlichen Worte verherrlichen: »Bekämpfend die Feuersbrunst, von Trümmern zerschlagen.« Die Stadt Hamburg mit ihrem Gebiete bildet durch den Grundvertrag des deutschen Bundes ein Mitglied desselben mit völliger Souveränetät; sie hat in der engern Versammlung gemeinschaftlich mit den übrigen drei freien Städten die 17te Stimme, im Plenum eine eigne, und wird daselbst durch einen ihrer Syndiken repräsentirt. Zugleich mit den übrigen freien Städten besitzt sie ein gemeinschaftliches Oberappellationsgericht, steht mit den Städten Lübeck und Bremen noch in den alten Verbindungen der Hansa, unterhält theils für sich allein, theils mit den andern Hansestädten gemeinschaftlich Gesandte und Consuln an 27 Orten, wogegen fast alle europäische Mächte Minister und Geschäftsträger zu Hamburg haben. Als Bundescontingent stellt Hamburg 1100 Mann Infanterie und gegen 200 Mann Kavallerie. Die Artillerie hat Oldenburg gegen Entschädigung zu liefern übernommen. Mit den freien Städten Bremen und Lübeck, dann mit Oldenburg bildet es die 3te Brigade der 2ten Division des zehnten Armeecorps, welche, zufolge einer seit acht Jahren bestehenden Convention, von einem gemeinschaftlich ernannten General befehligt werden. Der Ersatz des Offiziercorps geschieht durch junge Leute, welche auf der Militairschule zu Oldenburg gebildet sind, wo sich stets 4 Hamburgische Fähndrichs, behuf ihrer Vorstudien aufhalten. Die Bürgergarde, 12,000 bis 15,000 Mann stark, besteht aus dem Generalstabe, 2 Compagnien Artillerie, 8 Bataillonen Fussvolk, einem Jägerbataillon und einer Escadron Reiter; Alles auf das Beste uniformirt, einexercirt und bewaffnet. Ausserdem besteht eine vollständig uniformirte und bewaffnete Nachtwache, unter Aufsicht von zwei Senatoren, zwei Oberalten und zwei Kämmereibürgern; sie ist 500 Mann stark und unter zwei Compagnien vertheilt. Auch die Spritzenleute werden regelmässig besoldet. – In früheren Zeiten war der General der Hamburger immer ein Ausländer mit dem Titel: »Excellenz« . Das Wappen ist ein mit drei Thürmen von Silber versehenes offenes Thor mit einem Fallgatter, in Roth, auf der Flagge stehen die drei rothen Thürme in Weiss. Nach dem ersten Artikel des Hauptrecesses von 1712, der Grundlage der Hamburger Verfassung, ist das höchste Recht und die höchste Gewalt beim Rathe und bei der erbgesessenen Bürgerschaft, beide unzertrennlich verbunden. Es ist demnach ein bürgerlicher Freistaat, auf den aber keins der Prädikate oligarchisch , aristokratisch oder demokratisch passt, obgleich auch hier die Elemente eines jeden bald stärker, bald schwächer hervortreten, wie dies von jeder menschlichen Einrichtung wohl unzertrennlich ist. Es giebt zu Hamburg keine privilegirten Familien oder Stände, keine erblichen Würden, durchaus keinen Adel; jeder christliche Bürger, gleichviel, welcher Secte er angehöre (die Juden, die übrigens völligen Schutz geniessen, sind von den Staatswürden und der erbgesessenen Bürgerschaft ausgeschlossen), kann gegen Entrichtung von 40 bis 150 Mark Courant für den Fremden, und nur 20 Mark für den Sohn eines Bürgers, Bürger, und wenn er Kaufmann oder graduirter Rechtsgelehrter ist und die erforderlichen Eigenschaften besitzt, auch Mitglied des Senats werden. Die Volksklasse, die kein Grundeigenthum, mithin keinen Antheil an der Gesetzgebung hat, besitzt übrigens völlig gleiche Rechte mit den Erbgesessenen. Der Staatsschatz oder die Kämmerei ist sowohl von der gesetzgebenden, als vollziehenden Gewalt völlig unabhängig. Zwar bewilligt die erbgesessene Bürgerschaft, was gezahlt, der Senat oder die vollziehende Gewalt verordnet, wie das Gezahlte verwendet werden soll, aber keine beider Gewalten bekommt davon einen Pfennig in die Hände, sondern Ausgabe und Einnahme fliesst in den Kämmereischatz, der die Einzahlung erhebt und mit Argusaugen darüber wacht, dass jeder verwilligte Pfennig auch richtig verwendet werde, wie vorgeschrieben ist. Der edle, hochedle, hochweise Rath besteht in zweierlei Gliedern: in senatu et de senatu . In senatu sind, wie bereits oben erwähnt, 4 Bürgermeister (3 graduirt und 1 Kaufmann) und 24 Senatoren oder Rathsherren (11 graduirt, 13 Kaufleute). Die Rathsglieder de senatu bestehen aus 4 Syndiken, welche eine berathende Stimme bei den Verhandlungen führen, und dem Range nach, wenn sie im Amte sind, gleich nach den Bürgermeistern eintreten, aus dem Protonotar, dem Archivar und den beiden Sekretären, welche 4 letztere Glieder ohne alle Stimmen sind, aber sämmtlich graduirt sein müssen. Ueberhaupt gilt der Doctortitel in Hamburg viel, der gemeine Mann kennt keinen höhern, ja selbst der mittlere Bürger würde im Zweifel einen fremden Minister mit der Anrede: »Herr Doctor!« hinlänglich geehrt zu haben glauben. Ursprünglich zur Bedienung des Senats, besonders aber der Bürgermeister bestimmt, formiren die Reitendiener eine aus sechszehn Mitgliedern bestehende privilegirte Brüderschaft. Gegen eine nicht geringe Vergütung überliefern sie die Todten der Erde, worauf sie, bei dem schweren Ankauf der Brüderschaft, von 12, 16 bis 20,000 Mark, von der Stadtkämmerei angewiesen sind, und gegen einen Theil der Bürger hierin, wie bei der Hochzeitsaufwartung, ein gewisses Zwangsrecht üben. – Der Reitendiener ist, in seinen zwölffältigen Funktionen, ein wahrer Proteus, von sich immer umwandelnder Gestalt und Form. An zwei Tagen des alten Herkommens, wo ein feierlicher Umritt gehalten wird, – ferner als Eilboten des Raths zum Rapport bei Vorfällen in der Stadt, – als Eskorte von Rathsdeputationen ausser derselben, – als Begleiter eines Verbrechers zum Tode, sieht man ihn als Kavallerist, daher sein Name, reitender Diener , – von martialischem Ansehen, im ledernen Koller, mit Karabiner, Pistolen und Degen bewaffnet. Am Rathhaus erscheint er zur Aufwartung des Raths, und als Trabant der Bürgermeister, in einem langen blauen, reich mit Silber galonirten Mantel, den Degen an der Seite. Als Hochzeitsbitter, Die Kosten der Begräbnisse in Hamburg sind enorm hoch; man erinnert sich selbst aus den neuern Zeiten, dass die Bestattung eines Bürgermeisters und seiner Frau, die Beide bald hintereinander starben, 26,000 Mark gekostet haben soll. Vorschneider und Aufwärter dabei, trägt er ein nicht minder reich verbrämtes Kleid. Als Leichenbitter und Trauermann beim Leichenzuge tritt er ihm voran, wohl frisirt, Chapeaubás, im langen schwarzen Mantel. Als Leichenträger endlich, sieht man ihn mit seinen Collegen dem Leichenwagen paarweise folgend, in einer Stutzperücke, mit einem schwarzen tuchenen breitgeründeten Hut, breitem krausgefaltetem weissem Halskragen, sehr kurzem faltigen schwarzen Mantel, weiten schlotternden Hosen und umgürtetem Degen. Der Charakter der Hamburger ist im Allgemeinen liebenswürdig zu nennen; sowohl unter den Reichen, wie beim Mittelstande und dem Pöbel ist eine gewisse bonhomie , wie ein Trieb zur Thätigkeit vorherrschend; selten belästigt hier den Fremden ein Bettler. Die Stadt hat musterhafte Armenanstalten und Wohlthätigkeitsvereine in Menge. Ungerechter Weise hat man den niedern Volksklassen Grobheit vorgeworfen, während man sie höchstens einer gewissen Derbheit bezüchtigen kann. Der geringste Karrenschieber antwortet höflich und belehrend auf eine freundliche Frage, wie ein Pariser; dahingegen kennt der Pöbel nicht leicht Maass und Ziel, wenn er einmal aufgeregt ist, wie dies sich neuerdings noch in den Angriffen gegen den Mässigkeitsverein ausgesprochen hat, zu welchen freilich einige, Begünstiger des letztern durch mehre unüberlegte Schritte Veranlassung gegeben haben sollen. Nirgend herrscht mehr Gastfreiheit als in Hamburg, wenn man gleich das Genossene durch die bettelhafte Einrichtung hoher Trinkgelder an die Domestiken bezahlen muss. Die Mittagstafel wird gewöhnlich nach der Börse gehalten. Dem Diner folgt häufig eine Partie Whist, und dieser nicht seilen eine wohlbesetzte Abendtafel. Die Elbe liefert Lachse, die Nordsee Austern und Hummer, die Ostsee Dorsche, Holstein Rindfleisch und Karpfen, die einem einzigen Gutsbesitzer jährlich 6000 Thaler einbringen sollen, Lüneburg Wildpret, Westphalen Schinken. Dem Seehandel verdankt der Tisch russischen Kaviar, westindische Schildkröten, köstliche Südfrüchte und die besten Weine Portugals und Frankreichs. Das Hamburger Rauchfleisch ist berühmt; es kommt grösstentheils von den kleinen jütschen Ochsen, welche bei einer Schwere von nur 4 bis 500 Pfund das zarteste Fleisch liefern. Die Gasthöfe sind theuer, wo sie eine schöne Aussicht, wie am Jungfernstieg, darbieten. Mit Vorsicht bediene man sich der Lohndiener beim Ankauf von Waaren, da diese über die Verkäufer gewöhnlich ein Zwangsrecht auf Herausgabe einer Quote der Kaufsumme ausüben. Streit am Jungfernstieg scheint der König der Gastwirthe geworden zu sein. Er hat gewaltige Hinterhäuser angebaut, und wird einen glanzvollen Speisesaal eröffnen. Seine Bedienung soll aber auch musterhaft sein und die Rechnungen möglichst billig. Der Mann verfolgt das richtige Princip, nicht auf einmal reich werden zu wollen. Unter den Kaffeehäusern zeichnen sich vor allen die beiden Pavillons des Herrn Durst am Jungfernstieg aus, auch macht Herr Eisfeld in der Restauration des Theaters so viel Glück, dass er zu gleichem Zweck ein Haus in der Dammthorstrasse eröffnet hat, wo auch geschlossene Gesellschaften gegeben werden können. Dem Theater gegenüber befindet sich die Restauration des Herrn Schindler, dessen interessante Frau im In- und Auslande einst unter dem Namen der » schönen Mariane « weit und breit bekannt war. Seit einigen Jahren sind in Hamburg Omnibusfahrten eingerichtet, welche für den geringen Preis von vier Schillingen alle Viertelstunden bis zur Palmaille in Altona und in den Sommermonaten bis zu Rainville's Garten fahren. An den meisten öffentlichen Plätzen stehen Droschken, jeder Kutscher derselben muss die Verordnung wegen der Preise stets bei sich und an einem sichtbaren Orte in der Droschke angeheftet haben. Hat Jemand Anlass zu Beschwerden über den Droschken-Kutscher, so bemerke man sich die Nummer der Droschke, und mache die behufige Anzeige auf dem Stadthause, wo die Beschwerde untersucht und nach den Umständen die angedrohte Strafe verfügt werden wird. Die Preise betragen: für eine Stunde in der Stadt   1 Mark 4 Schll. für eine halbe Stunde do.   – 10 Schll. für einen Weg in der Stadt   – 8 Schll. Es kann in diesen wenigen Blättern keine vollständige Topographie Hamburgs geliefert werden, wir müssen uns daher darauf beschränken, dem Leser einige der vorzüglichsten Merkwürdigkeiten der dritten Stadt Deutschlands, mit besonderer Berücksichtigung der anliegenden Zeichnungen, aufzuzählen. Schön und erhaben ist der Anblick, den Hamburg demjenigen bietet, der sich ihm von der Hannoverschen Küste naht. Altona fliesst mit der Königin der Hanse in Eins zusammen, und nimmt sich noch majestätischer wegen seiner höhern Lage, als Hamburg aus. Die Elbe ist mit grünen Inseln übersäet, Thürme und Schiffsmasten starren hervor. Die nach dem Hannoverschen zurückkehrenden Milchever sind bald im Rücken verschwunden, immer näher kommt man dem grossen Edelstein Norddeutschlands. Ueberall Leben und Thätigkeit, oder, wie an Feiertagen eine heilige Sabbatruhe, wo die Schilfe aller Nationen in ruhiger Eintracht zur Ehre des Höchsten flaggen, und man im ganzen Hafen fast kein Geräusch vernimmt. – Desto verschiedeneres Getöne durchzittert die Luft an den Werkeltagen, wo sich aus den Sprachen und Flüchen aller Seevölker ein unsichtbarer Babylonischer Thurm bildet. Ueberall Lebendigkeit; hier beschämt der Mensch durch sie den Bienenkorb, wie den Ameisenhaufen. Die Dampfschiffe landen bei dem Hamburger Berge, die übrigen Fahrzeuge passiren den Baum beim Blockhause und betreten Hamburg, nachdem sie eine Treppe erstiegen haben, welche dicht vor dem Baumhause Mehrere Notizen über die Localiläten Hamburgs sind der besten Quelle, dem Address-Buch von 1841, entnommen. mündet. Dieses, ein Gebäude im holländischen Style, von Hans Hamelau erbaut, verdient wegen der herrlichen Aussicht auf den Hafen, die Elbe und die Elbinseln, welche dem Auge auf den Altanen sich darbietet, von allen Fremden, gesehen zu werden. Es wird von einem Wirthe bewohnt und ist der vielbesuchte Versammlungsplatz von Geschäftsleuten, Schiffskapitainen aller Nationen u. d. m. Für den Beobachter ist es ungemein interessant, die vielen Ankommenden und Scheidenden hier zu betrachten. Wiedersehn und Abschied sieht man hier im ewigen Wechsel, bald fliessen Wonnethränen der Freude, bald bittere Zähren des Abschiedes. Unvergesslich bleibt mir der Anblick eines neunzigjährigen Greises, der hier einen grossen Theil seiner, jenseits der Elbe domicilirten Nachkommenschaft, wahrscheinlich das letzte Mal in seinem Leben, segnend entliess. Die schönste Ansicht, welche Hamburg aufzuweisen hat, bietet ohne Frage der Jungfernstieg , welcher in den alten und neuen eingeteilt wird. Den letzteren Beinamen empfing dieser, besonders von allen ausländischen Reisenden gepriesene und mit Recht berühmte, inmitten der Stadt, an dem fast seeähnlichen doppelten Alster-Bassin gelegene Spaziergang durch seine Verlängerung längs der linken Alsterseite bis zur neuen Esplanade und dem trefflichen Wallgarten. Verschönert noch durch die Reihe neuer, in gutem Geschmack errichteten Häuser, gewinnt der neue Jungfernstieg wegen der freien und luftigeren Lage den Vorrang vor dem alten ; daher man ihn auch an allen Tageszeiten von den Spaziergängern am Meisten besucht findet. Würde er einst auch auf der rechten Seite, wie schon früher der Plan war, – nach Wegräumung und Versetzung des Werk- und Armenhauses (Zuchthauses) an einen schicklicheren Platz, – bis zu dem Wallgarten verlängert, so würde dieser schöne städtische Spaziergang unstreitig als einzig in seiner Art genannt zu werden verdienen. Im Sommer liegen auf dem Alsterbassin stets bedeckte Fahrzeuge bereit für Diejenigen, welche die Alster beschiffen, oder das schöne Harvstehude, dessen herrliche Baumpartien 1813 glücklich der Zerstörung entgangen sind, besuchen wollen. – Die Farbe des Alsterbassins, als ob es von Veilchen gefärbt sei, oder, als ob der Himmel beim Abspiegeln sein Blau darin zurückgelassen habe, erinnert lebhaft an den Bodensee. Eine Badeanstalt ladet Sommer und Winter zur Erfrischung der Glieder ein; den angenehmsten Anblick gewährt eine Anzahl Schwäne, welche, wenn ich nicht irre, in Folge eines Legats, das eine alte Dame ausgesetzt hat, hier gehegt werden, im Sommer das Bassin in stiller Majestät durchrudern, aber selbst zur Winterzeit durch ihren kräftigen Flügelschlag sich so viel Terrain, wie sie bedürfen, frei vom Ehr zu erhalten wissen. Von den ältern Strassen sind, den Neuenwall , die Admiralitätsstrasse und den Steinweg ausgenommen, die meisten enge, finster, krumm und schmutzig zu nennen; unter den neuen zeichnet sich vorzüglich die Esplanade aus. Diese ist die neue, schnurgerade, regelmässige und ungemein heitere Gasse auf dem vorigen Terrain des abgetragenen Walles zwischen dem Dammthore und der grossen Alsterbrücke (Lombardsbrücke genannt), welche man in allem Betracht, den berühmten Gassen, »Bellevue« in Cassel und »schöne Aussicht« in Frankfurt am Main, wenn auch nicht gleich, doch zunächst stellen darf. Die Strasse ist 870 Fuss lang und 165 Fuss breit. In der Mitte läuft ein dreifacher Spaziergang mit vier Reihen Ulmen bepflanzt, zwischen zwei parallelen Fahrgassen hin. Die Häuser sind in gutem und meistens gleichförmigem Style erbaut und haben aus den Hinterfaçaden und ihren zierlichen Gärtchen über den öffentlichen Spaziergang hinaus eine treffliche ländliche und zugleich belebte Aussicht auf die Umgegend des Dammthores und den kleinen See der Aussenalster. Die neue Börse wird im Laufe dieses Jahres, in Folge des Raths- und Bürgerbeschlusses vom 27. October 1836, nach dem auf dem Adolphsplatze neu erbauten Local verlegt werden. Sie nimmt einen Flächenraum von 249 Fuss Länge und 178 Fuss Breite ein. Die Fronte derselben ist gegen den Adolphsplatz gekehrt. An allen vier Seiten finden sich geräumige Eingänge zu dem für das Börsenpublikum bestimmten Raum, welcher sich nur 2 Fuss 6 Zoll über das Niveau der Gasse erhebt. – Nach Art der Pariser hat diese einen 127 Fuss 5 Zoll langen, 69 Fuss 9 Zoll breiten und 76 Fuss hohen Raum, in der Mitte des Gebäudes belegen, welcher durch grosse, aufrecht stehende Fenster von oben erleuchtet ist, und an welchen sich, von allen vier Seiten, 25 Fuss hohe Bogengänge anschliessen. Der auf diese Weise für das Börsenpublikum gebildete freie Raum enthält im Ganzen 28,000 Quadratfuss. An den Seiten dieses Raums befinden sich, mit demselben in Verbindung stehend, 20 Makler-Comptoire und Geschäftszimmer, von welchen 12: 102 Quadratfuss, 6: 200 Quadratfuss und 2: 500 Quadratfuss gross sind. Zwei Haupttreppen und zwei Nebentreppen führen nach der zweiten Etage über den Arcaden. Ein 14 Fuss breiter, gegen den grossen Saal offener Corridor übergiebt denselben hier auf allen vier Seiten, und neben demselben befinden sich die Commerzbibliothek, sechs Säle und Zimmer für den Gebrauch der Commerz-Deputation, ein grosser Saal von 70 Fuss Länge und 41 Fuss Breite und ausserdem 14 kleinere Säle und Zimmer, bestimmt zu Versammlungen der Kaufmannschaft in speciellen Zwecken, zu Conferenzen, zu Auctionen von Actien u. s. w., zur Lektüre und Conversation von Abonnenten. Für die Bequemlichkeit und Annehmlichkeit ist mit möglichster Berücksichtigung gesorgt; es liegt im Plane, das Gebäude im Winter zu erwärmen, und des Abends zweckmässig zu erleuchten. Die Zugänge sind so eingerichtet, dass kein Zugwind Statt finden kann. Eine Aufmerksamkeit von Seiten des Fremden dürfte ferner verdienen das Waisenhaus , eines der vorzüglichsten, grössten und schönsten Gebäude der Stadt, mit einer Kirche, belegen in der Admiralitätsstrasse. Die Anstalt unterhält jetzt etwa 500 Kinder, von denen die jüngsten unter sieben bis acht Jahren auf dem Lande in der Kost sich befinden; das Rathhaus, ein grosses, sehr altes, massives Gebäude, mit dem jedoch wiederholt verschiedene Veränderungen vorgenommen, und dessen ehemals gothisch gewölbten Säle im Jahre 1814 moderner gestaltet wurden; das allgemeine Krankenhaus, bei der Lohmühle, in der Vorstadt. Diese grosse, ursprünglich für tausend Kranke bestimmte, jetzt aber mit einer grössern Anzahl derselben belegte Anstalt, bildet ein längliches Viereck, dessen längere Seite 702 Fuss 8 Zoll, die kurze 330  Fuss beträgt. – Es ist dies Institut eine der grössten Zierden Hamburgs. Reinlichkeit, gewissenhafte Pflege der Kranken, billige Preise für Unbemittelte, so wie die bewährte Geschicklichkeit seiner Aerzte, stellen dieses Hospital den besten Europas, nach dem Urtheil aller Kunstverständigen, gleich. Als die schönsten Gebäude Hamburgs dürften übrigens diejenigen anzusehen sein, welche für Hamburgs öffentliche Bildungsanstalten auf dem Domplatze errichtet sind. Diese Gebäude nehmen einen Flächenraum von 215 Fuss Breite und 313 Fuss Tiefe ein. Die Hauptfronte ist dem Speersort zugekehrt. Von hier aus betrachtet, liegt zur linken Seite die Gelehrtenschule, zur rechten die Realschule; beide Gebäude sind durch Arcaden verbunden. Den Hintergrund des Schulhofes bildet das Bibliothekgebäude, in welchem sich zugleich die Hörsäle des Gymnasiums befinden; es ist auf beiden Seiten des Hofes durch Arcaden mit den beiden Schulgebäuden vereinigt; diese haben jedes am Speersort eine Breite von 44 Fuss und eine Länge von 173 Fuss, sind mit gewölbten Kellern versehen und über denselben zwei Stockwerke hoch. – Der gegenwärtige Bestand der Bibliothek beträgt 140,000 Bände gedruckter Bücher und 5000 Handschriften. Es sind viele Incunabeln vorhanden, ausserdem sind Literaturgeschichte, Geschichte, Archäologie, Philologie und die Naturwissenschaft ziemlich gut besetzt. Den Besuch des Fremden verdient vor allen Dingen das Museum für Gegenstände der Natur und Kunst des Oberalten Röding , bei dem Deichthorwall. Dieses Cabinet vereinigt die schönsten und seltensten Gegenstände aus allen Reichen der Natur (über 200 Säugethiere, gegen 800 Vögel, 228 Amphibien, 300 Fische, über 10,000 Conchylien u. s. w.). die in systematischer Ordnung, mit eben so viel Geschmack, als Zweckmässigkeit, in einem grossen Saale (von 100 Fuss Länge und 27 Fuss Breite) aufgestellt sind. In einem zweiten Zimmer (von gleicher Grösse) befindet sich eine Sammlung von Kunstgegenständen verschiedener Art, von Alterthümern, Waffen, Münzen, namentlich vaterstädtischen u. dgl., eine Sammlung von Kupferstichen, vorzüglich alter Meister aller Schulen, besonders der alten Deutschen, und eine naturhistorische Bibliothek. Das Museum ist jeden Sonntag, Dienstag und Sonnabend (während der Monate Juli, August und September täglich) von 10 bis 1 Uhr geöffnet. In den Monaten December, Januar und Februar ist es geschlossen. Die Erklärung der mannichfachen Gegenstände nimmt eine halbe Stunde nach der Eröffnung ihren Anfang und dauert bis zum Schluss. Cuvier, Alexander von Humboldt, Tilesius, Lichtenstein, v. Martius, Oken und andere grosse Naturforscher haben eingestanden, dass dies Privatmuseum zu den ersten Europas gehöre. Das Cabinet optischer Panoramen des liebenswürdigen Herrn Professor Suhr enthält eine bedeutende Anzahl von demselben, oder dessen Brüdern mittelst kostspieliger Reisen an Ort und Stelle nach der Natur aufgenommener, mit dem grössten Fleiss und vorzüglicher Kunst aufgeführter, Panoramen der schönsten Gegenden der Welt und merkwürdiger Werke der Baukunst, welche ungeteilten Beifall gefunden haben. Die Ausstellung ist an den Winterabenden von 6 bis 9 Uhr, Königsstrasse No. 34. Das neue Schauspielhaus in der Dammthorstrasse ist im Jahre 1827 von einer Gesellschaft Actionisten erbaut. Das Gebäude hat die Tiefe von 196 Fuss und ist 135 Fuss breit; der Zuschauerraum, in Kreisform gebildet, hat im Durchmesser 72 Fuss und die Höhe desselben beträgt, von der Mitte aus gerechnet, 60 Fuss. Drei Bogenreihen erheben sich über einander und die Gallerie ist mit einer flachen, auf 16 Säulen ruhenden Kuppel geschlossen. Der Zuschauerraum möchte, wenn das Haus mässig gefüllt ist, 2200 Personen fassen, und als höchste Norm eine Anzahl von 2500 Personen anzunehmen sein. Ueberall tritt dem Beobachter Freundlichkeit und Eleganz entgegen, doch soll das Haus an einigen akustischen Mängeln leiden. Nachdem sowohl der geniale Lebrun und jetzt auch der verdienstvolle Schmidt von der Direction abgetreten sind, ist dieselbe den Herren Mühling und Cornet anvertraut worden. Schon seit mehreren Jahren thut ein zweites Theater in der Steinstrasse, woselbst in den Wintermonaten Vorstellungen Statt finden, dem ersten einen nicht unbedeutenden Abbruch. Der Director, Herr Maurice, ein Franzose, muss jedenfalls seine Leute zu halten wissen, denn sie verlassen ihn selten, kommen, wenn sie abgehen, auch wohl wieder. Die Direction hat sich zur Regel gemacht, nur Lustspiele, Vaudevilles, Operetten und Localstücke zur Aufführung zu bringen; in diesem Wirkungskreis befriedigt sie die Gesellschaft vollkommen, und hat, namentlich im Niedrig-Komischen, manche vorzügliche Künstler aufzuweisen. Parodien und Localpossen werden vor einem zahlreichen Publikum mit grossem Beifall aufgeführt, und erleben beliebte Stücke nicht selten in Einem Winter 40 bis 50 Wiederholungen. Es ist nur zu bedauern, dass der Zuschauer- wie der Bühnenraum so sehr beschränkt ist, so dass auf den meisten Komödienzetteln angekündigt werden muss, dass alle Logen bereits vermiethet sind. Bei der immer mehr zunehmenden Theilnahme für dieses Theater wird daher bald eine Verlegung oder Vergrösserung des Schauspielhauses nothwendig werden. Im Sommer spielt die Gesellschaft vor dem Steinthor in St. Georg, in einem Local, das »Tivoli« heisst, und auch Eigenthum des Herrn Maurice ist. Die Vorstellungen werden hier im Freien, in einem anmuthigen Garten, über welchem sich auch eine Rutschbahn befindet, gegeben. Um Einförmigkeiten zu vermeiden, ist auch für mancherlei andere Vergnügen gesorgt: interessante und ergötzende Darstellungen von Seiltänzern, Jongleurs und dergleichen Künstlern wechseln mit den dramatischen zweckmässig ab. Im Winter wird in Tivoli ein Gewächshaus, nebst Orangerie dem Publikum eröffnet, und erfreut sich fortwährend einer grossen Frequenz. Das eine sehr bedeutende Anzahl von Pflanzen aller Art und aller Länder enthaltende Gewächshaus ist ungefähr 70 Fuss breit und 36  Fuss tief; die Orangerie aber, geschmückt mit prächtigen Orangen- und Citronenbäumen, ungefähr 80 Fuss lang und 40 Fuss breit. Ausser diesen Tempeln Thaliens befinden sich noch mehrere in den Vorstädten. Liebhabertheater, die auch Eintrittspreise nehmen, Sterne, nicht erster Grösse, zeigen sich hie und da am künstlerischen Horizont, verschwinden aber wieder, so schnell, wie sie entstanden. Ich entsinne mich aus meiner Schülerzeit eines Theaters auf dem Pferdemarkt, das auf einem niedrigen Boden erbaut war, wo ein Dilettant auf dem Klavier das ganze Orchester ergänzte. Hier wurden nur Tragödien und Ritterschauspiele gegeben, bei deren Katastrophen fast kein Auge der Zuschauer thränenleer blieb. Die Gesellschaft, aus Professionisten bestehend, spielte nur am Sonntag, aber dann auch gewiss, und das tragische Schicksal der beiden besten Actricen, welche am Montage verbrannten, verhinderte nicht die Aufführung der » Maria Stuart « am nächsten Sonntage, wenn gleich der Kassirer den Billets kaufenden Zuschauern, wegen des Statt gehabten Unglücks, eine billige Nachsicht gegen die noch nicht routinirten Ersatzdamen empfahl. Ein anderes Theater war im Bäckerbreitengang, der Eintritt kostete nur zwei Schillinge, halb so viel, wie bei dem obenerwähnten. Man gelangte in das Heiligthum vermittelst einer Leiter, durch eine Luke, auf welche sich beim Anfang der Vorstellung der an 400 Pfund schwere Kassirer stellte, so dass bis zum Fallen des Vorhangs Keiner weder aus- noch einpassiren konnte. Wasserkünste, welche das Wasser durch alle Gassen der Altstadt treiben, giebt es drei. Zwei sind beim Jungfernstieg am Oberdamm, und die dritte ist beim Graskeller am Niederdamm. Seit mehreren Jahren besteht eine höchst gemeinnützige Anstalt, welche die Bewohner der Neustadt mit schönem Wasser versorgt. Dies ist das Verdienst des Oberalten Georg Ehlert Bieber. Als eine der vorzüglichsten Zierden Hamburgs ist noch der botanische Garten, vor dem Dammthore , welcher unter besonderer Leitung des Professors Lehmann steht, anzuführen. Es werden zum Behuf der Saamen- und Pflanzen- Mittheilung ausgedehnte Verbindungen im Auslande unterhalten, und die für den Verkehr nach allen Gegenden der Welt so günstige Lage der Stadt macht es möglich, den Garten mit seltenen Gewächsen aller Art zu bereichern, wovon die Doubletten zu sehr billigen Preisen, zum Besten der Anstalt durch den botanischen Gärtner, Herrn Inspector Ohlendorff, verkauft werden. Der Garten hat besonders in den letzten Jahren einen ungemein beträchtlichen Zuwachs von schönblühenden und interessanten Gewächsformen erhalten, worunter selbst viele ganz neue Gattungen und Arten sich befinden. Seitdem durch Rath- und Bürgerschluss die Entfestigung verordnet worden, hat sich der vormalige Festungswall mehr und mehr bis zu der jetzigen vortrefflich vollendeten Ausbildung einer der anmuthigsten und gemütlichsten Garten-Anlagen gestaltet. Sowohl durch den Wechsel seiner innern malerischen Punkte, als auch durch die Aus- und Uebersichten der jenseits des Stadtgrabens sich bildenden ländlichen Partien, stellt sich nun der vormalige unfreundliche Festungswall als ein anziehender Volksgarten heraus. – Die alten Aussenwerke des Glacis sind geebnet; und überall mit Alleen, Baumgruppen u. s. w. bepflanzt. Diese Anlagen, vereint mit den freundlichen Hainen der Friedhöfe und dem üppig herangewachsenen botanischen Garten, bilden, vom Wallgarten abgesehen, die köstlichsten malerischen Land-Ansichten. – Der vormalige Stadtgraben ist seiner Breite nach halb ausgedämmt, und erscheint jetzt gleich einem sich friedlich dahinschlängelnden Strom; die vormaligen eckigen Bastionen sind abgetragen, gerundet, und, sowie der Unterwall mit Fusspfaden durchzogen, mit Baum- und blühenden Gesträuch-Gruppen und anderen malerischen und duftenden Pflanzungen, wie auch mit Schattengängen und Sitzen besetzt. Von allen diesen Anlagen am Unterwall zeichnet sich diejenige unweit des Millernthores aus, wo der Pfad mit roth und weiss blühenden Akazien so dicht besetzt ist, dass er gleichsam eine fortlaufend schattige und duftige Laube bildet. Viele dieser treulichen Partien des Wallgartens bieten dem Landschaftsmaler die zu Landschaftsgemälden vollkommen geeigneten Ansichten. Die auf diese Weise trefflich vollendete Elbhöhe des vormaligen Walles am Millernthore liefert eine Muster-Partie, nach welcher das grosse Ganze dieser Stadt-Umfassung seit dem Jahre 1815 gestaltet, nunmehr, in ihrem anziehenden Reize erscheinend, vollendet worden. Im Auftrage der Bau-Commission hatte der nun verstorbene, geschickte Kunstgärtner Herr Altmann, aus Bremen, damals die Plane zu dem Wallgarten entworfen und nach der Genehmigung sie, von Jahr zu Jahr mit der Anlage fortschreitend, ausgeführt. Vor allen bleibt die obenbenannte Elbhöhe der schönste Punkt derselben. Was Kunst und Geschmack, was Kenntniss des Malerischen und des dem Oertlichen Angemessenen, bei solchen Natur-Anlagen, Schönes, Gefälliges, Anziehendes und Vollendetes anzuordnen und auszuführen vermag, ist hier, so weit die Lokalität es zuliess, geschehen. Dies Alles wirkt mit der Lage dieses Garten-Hügels am Elbstrome, mit der Aussicht auf seine Inseln und auf das gegenseitige Ufer, dann mit der Umsicht gegen Altona und in die weiten Landgegenden umher, zusammen, um diese sehenswerthe, grossartige und malerische Anlage an schönen Tagen zu einem Sammelplatze aller Klassen des hamburgischen Publikums zu eignen. Eine ähnliche schöne Partie ist die auf der Wallhöhe am Dammthore, wo sich dem Blick eine überaus freundliche Stadt- und Land-Ansicht der beliebten Umgegend dieses Thores, der Esplanade, der Spaziergänge, Pflanzungen, Gärten u. s. w. bis an den See der Aussen-Alster eröffnet. Einen nicht weniger schönen Blick auf diese Gegend der Stadt, der Vorstadt St. Georg und der beiden Alster-Bassins liefern die mit malerischen Pflanzungen besetzten und mit Schlangengängen durchzogenen vormaligen Bastionen zu beiden Seiten der neuen grossen Alsterbrücke (Lombardsbrücke), und noch vorzüglicher der folgende Wallhügel, sonst Vincent, jetzt Alsterhöhe benannt, dem sich, nach der Steinthorgegend, längs dem sich dort bildenden südlichen Thale, eine Obstbaum-Pflanzung anschliesst, deren geschützte Lage ein fröhliches Gedeihen verspricht. An dem Fahrwege längs dem Alster-Bassin, und weiterhin, erheben sich in doppelten Reihen die schönen Pyramidal-Formen italienischer Pappeln, eine grüne, den Fahr- und Fussweg beschattende Laubwand in der Perspective bildend. Der höchste Punkt des Wallgartens ist die Höhe jenseits des Steinthores. Sie erhebt sich bedeutend über alle vorgenannten Hügel, und beherrscht daher eine am weitesten ausgedehnte Umsicht; doch sind die Ansichten von jenen Höhen abwechselnder, gemütlicher, malerischer. Ein sehr glücklicher Gedanke war es, dass die Stadtbehörde die vorhin bemerkten Wallhöhen von ihren veralteten Bastionen-Namen befreit, und ihnen neue eigenthümlich passende Local-Namen gegeben hat, nämlich: Elbhöhe (statt des keinen Sinn habenden Namens Stintfang), Alsterhöhe (statt Vincent) und Altmannshöhe (statt Sebastianus). Man gab der letztern diesen Namen zum Gedächtniss des bereits erwähnten, verstorbenen, um den Wallgarten sehr verdienten Kunstgärtners, Herrn Altmann. Die neuen Benennungen sind auf kleinen ehernen Tafeln auf diesen Höhen bemerkt. Auf dem Platze der abgetragenen und geebneten Bastion David, unweit der grossen Alsterbrücke, steht Büsch's Ehrendenkmal , ein Obelisk, woran das Profilbildniss Büsch's und ein allegorisches Basrelief von Bronze befindlich sind. Die Inschriften der Vorder- und der Rückseite sprechen die einfach schönen Worte aus: »Dem Freunde des Vaterlandes, Johann Georg Büsch « – » Von seinen dankbaren Mitbürgern«. Die beiden Seitentafeln deuten das Geburts- und Sterbejahr des Verewigten an. Das Basrelief stellt eine Opferhandlung dar. Auf einem mit den Genien des Todes und der Unsterblichkeit dekorirten Altar giesst die Bürgerliebe die Opferschale aus. Sie ist als ein jugendliches Weib gestaltet, das die als Maurerkrone geformten Burgthürme des Hamburger Wappens auf dem Haupte trägt. Ihr gegenüber steht, als Sinnbild der aufgewachsenen Generation, ein Knabe mit dem Opfergefäss. Im Gefolge der Opfernden sind zwei allegorische Figuren, die der Staatswirthschaft und Handlung, und die der, besonders den mathematischen Wissenschaften verwandten Gewerbe. Beide tragen Opfergeräthe, und, zur Bekränzung des Altars, Laubgehänge. – Die übrigen Verzierungen sind von carrarischem Marmor; Sockel und Postament aus den schönsten inländischen Granitblöcken geformt. Der Obelisk selbst ist von röthlichem Sandsteine. Die ganze Höhe beträgt zwanzig Fuss und sieben Zoll. – Zwischen Hamburg und Altona erhebt sich, ausserhalb des Millern- (Altonaer-) Thores, mit einer Kirche und einer Armenschule, die Vorstadt St. Pauli , früher der »Hamburger Berg« genannt. Alle diese Gebäude sind erst nach der französischen Zeit, die keinen Stein auf dem andern liess, neu erbaut. Sehenswerth sind hier: das Wirthshaus des Herrn Harten, Joachimsthal genannt; ferner, die Elberholung und Elbhalle . Im Sommer besonders gewähren die hier befindlichen Marionetten-Theater, Kunstreiter und Seiltänzer, Wachsfiguren-Cabinette, Menagerien, Caroussel u. s. w. dem grössern Publikum eine viel benutzte angenehme Unterhaltung. Sehr zweckmässig ist es, dass unter dem Patronate des Senator Dammert die Buden auf dem Hamburger Berg niedergerissen werden, und jedes Genre ein stehendes Local bekommt, nach einem vorgezeichneten Plane. Das St. Pauli-Theater steht schon unter Dach, und soll allerliebst sein. An den Elbufern sind eine Menge Tanzsäle errichtet, wo sich das Schiffsvolk von allen Nationen einfindet. Der Anblick eines solchen wilden Festes hat einen jungen Oldenburger Dichter, Herrn Heinrich Lambrecht , zu einer lebhaften poetischen Schilderung desselben begeistert, welche ich hiermit den von mir redigirten, wenn gleich von den meisten Zeitschriften bestohlen werdenden, wenig verbreiteten humoristischen Blättern entnehme: Es rauscht Musik; die Geige klingt, Es tönt die Klarinette, Hell durch die sanftern Klänge dringt Das Schmettern der Trompete. Es schwenken sich in raschem Tanz. In ihren weiten Hosen, Im offnen Saal, beim Lichterglanz, wildlärmende Matrosen. Matrosen sind's von Engeland, Von Portugal, von Spanien, Von Frankreich, von dem dän'schen Strand. Von Russland, von Italien; Die hocherglüht von Tanz und Wein In wilder Freude springen, Und um die Dirnen, schlank und fein, Kühn ihre Arme schlingen. Hier tanzt der Jack, der wilde Tom, Der schöne Alessandro; Der Iwan dort, der Guillaume. Der feurige Fernando. Und jeder spricht nach seiner Art, Und lässt sich sorglos gehen; Erzählt von mancher lust'gen Fahrt, Was er gethan, gesehen. Der eine hat manch' wilde Jagd Geführt mit den Bukanern, Der andre manchen Strauss gewagt Mit wilden Indianern. Der schlug mit Negern sich herum, Der küsste eine Wilde, Der fing den Strauss, so schön wie dumm, Auf glühendem Gefilde. Der war auf Java, Sumatra, Der sah den Ganges fluthen, Der in dem heissen Afrika Ein Menschenopfer bluten. Doch Alles schwand im raschen Flug. Wie luft'ge Traumgebilde, Bald wieder fort ihr Schiff sie trug, Wo laut die Woge brüllte. Und ungewiss ihr Fahrzeug treibt Auf sturmgepeitschten Wellen, Und ob es unzertrümmert bleibt, Ob Klippen es zerschellen, Sie wissen's nicht, doch sehn sie kühn Dem Schicksal in die Augen; Wo Stürme brausen, Blitze sprühn, Da kann die Furcht nicht taugen. Sie ringen kühn mit Sturm und Fluth, Nichts kann ihr Herz erschüttern, Nichts brechen ihren festen Muth; Der Seemann darf nicht zittern. Doch weil ihr Leben stets bedroht, Nur wie am Faden hänget; Aus jedem Wellensturz der Tod Sich lüstern an sie dränget; – So trinken sie, wo's möglich ist, Die Lust in vollen Zügen, Wer weiss, ob sie nach kurzer Frist Nicht schon im Meergrund liegen. Wer weiss, ob nicht der gier'ge Hai Schon wetzt für sie die Zähne, Ob nicht die feuchte Wasserfei Nach ihrer Lieb' sich sehne. Drum eh' die Woge sie zurück Treibt von dem sichern Strande, Erhaschen sie das flieh'nde Glück Am flatternden Gewande. Wie springt der Jack, wie jauchzt der Tom, Wie froh singt Alessandro, Wie jubeln Iwan und Guillaume, Wie feurig küsst Fernando! Es eilt die Nacht bei Becherklang, Bei Spiel und wilden Küssen, Bei tollem Jubel und Gesang Dahin auf flücht'gen Füssen. Der Morgen dämmert in die Höh' – Da eilen fort sie schnelle: Denn »Frau Elisa« sticht in See, Und »Jungfrau Isabelle«. Ausser der täglichen Verbindung mit Harburg unterhält Hamburg eine regelmässige Dampfschifffahrt mit Helgoland, Itzehoe und Magdeburg. Eine Londoner Compagnie lässt zwischen Hamburg und London das ganze Jahr hindurch jeden Mittwoch und Sonnabend Morgens früh eines von Hamburg und eines von London abgehen, und führt zugleich die reguläre Briefpost. – Die beiden niederländischen Dampfschiffe, » Willem de Eerste «, 800 Tonnen gross und 160 Pferde-Kraft, und » de Beurs van Amsterdam «, 600 Tonnen gross mit Maschinen von 120 Pferde-Kraft, beide niedrigen Drucks, fahren zwischen Amsterdam und Hamburg. Diese Dampfschiffe gehen von primo März bis primo November, den 5ten, 10ten, 15ten, 20sten, 25sten und 30sten jeden Monats von Amsterdam und von Hamburg ab, nehmen auch zugleich Passagiere nach Cuxhaven mit und wieder zurück, sind auf das Eleganteste und Bequemste für 60 Passagiere eingerichtet, und hat man alle mögliche Sorgfalt angewandt, denselben die Ueberfahrt (welche in der Regel in 30 bis 36 Stunden geschieht) so angenehm als möglich zu machen. Nach Magdeburg gehen bis jetzt drei Dampfschiffe: Leipzig, Hamburg und der englische Courier genannt. Die beiden ersten derselben, an Form und Grösse einander gleich, sind jedes mit Niederdruck-Maschinen von 60 Pferde-Kraft versehen, und enthalten einen schöngeschmückten Salon (worin Fortepiano und andere Musik-Instrumente, Notensammlung, kleine Bibliothek, Zeitungen und Spiele), reich decorirte Privat-Cabinette, diverse Cajüten, sowie abgesonderte Schlafgemächer mit einer grossen Anzahl guter Betten und alle nur mögliche Bequemlichkeiten für Passagiere. Ein Gleiches findet bei dem mit Niederdruck-Maschinen von 70 Pferde-Kraft versehenen, in England ganz von Eisen erbauten dritten Dampfschiffe, »der englische Courier«, Statt, und ist dasselbe durchgängig so prachtvoll eingerichtet, dass es in jeder Hinsicht die ausgedehntesten Wünsche aller Reisenden vollkommen befriedigt. Vorstehende schnellfahrende Dampfschiffe legen die Tour stromaufwärts von hier nach Magdeburg im Sommer gewöhnlich binnen 1½ und 2 Tagen, und stromabwärts von da hierher in einem Tage, mit Inbegriff des Aufenthalts, zurück, und befördern dabei zugleich Personen nach, wie von allen unterwegs belegenen Elbstädten, so wie auch Pferde und Wagen mitgenommen werden. Zahllose und geschmackvolle Villen mit den reizendsten Gärten umgeben Hamburg von allen Seiten. Wer nur irgend so viel Mittel aufzubringen vermag, acquirirt oder miethet zu der städtischen eine ländliche Wohnung, um dort den Samstagnachmittag und den Sonntag mit seiner Familie zuzubringen. Unter den lieblichsten Gegenden auf Hamburgischem Gebiet sind vor allen das ländlichste Harvstehude, ein Lieblingsort Hagedorns, das freundliche Eppendorf, das romantische Wohldorf, das imposante Eimsbüttel, und in weiterer Entfernung die Vierlande, berühmt durch ihre Milch und Erdbeerenfelder, so wie ausgezeichnet durch ihre Tracht, namentlich durch die weibliche. Oberkleid, Rock und Strümpfe der Vierlanderinnen sind meist violett oder braun mit dunklern Bändern, das Mieder roth und grün, – unter ihrem Strohhute fallen reiche Haarzöpfe herab, und das Gesichtchen voll Farbe und Gesundheit sieht naiv und unschuldig drein. Von den dänischen benachbarten nicht an der Elbe liegenden Dörfern ist das freundliche Wandsbeck, wo alljährig ein Pferderennen, und Poppenbüttel mit seinen Eichen zu merken. Altona Man weiss nicht zwei bedeutende Städte auf verschiedenem Landesgebiete zu nennen, welche so nahe belegen bei einander sind, wie Hamburg und Altona . Letzteren Namen all zu nah hat auch der Volkswitz gegeben, obgleich die Gegend schon früher nach einem Bache Altenau genannt ward. Zu Anfang des vierzehnten Jahrhunderts war Altona noch eine Weidetrift, die zur Vogtei »Ottensheim« oder »Ottensen« gehörte. Als die evangelische Lehre in Hamburg Eingang fand, verliessen mehrere katholische Glaubensbrüder die Stadt, und siedelten sich in Ottensen an, von wo aus sie ihren bisherigen Geschäftsverkehr noch fortwährend betrieben. Zu ihnen gesellten sich mehrere andere Ansiedler, die aber noch alle nach Hamburg zur Kirche sich hielten. Die Hamburger klagten viel über diese allzunahe Niederlassung von Geschäftsleuten aller Art; als daher die Ortschaft 1547 abbrannte, wendeten sie sich an den Drost Barner in Pinneberg, und trugen darauf an, dass Altona nicht wieder aufgebaut werden möge. Allein weder der Drost, noch der Graf von Schauenburg, beachteten diesen Antrag. Der Ort ward mit vieler Sorgsamkeit neu aufgebaut, und blühte zum Verdruss der Hamburger zu bedeutendem Wohlstande empor. Diese verordneten deshalb 1548, dass kein Einwohner ihrer Stadt auf zwei Meilen in der Runde irgend ein Zeug oder Geräthe verfertigen lassen solle. Dadurch entstanden oft Thätlichkeiten zwischen der Stadt und dem Pflanzorte, und ein Drost in Pinneberg äusserte einst, die Altonaer würden besser an der türkischen, als an der Hamburgischen Grenze wohnen. Sehr wichtig für Altona, welches 1604 ein Flecken und 1664 eine Stadt wurde, war die Aufnahme, welche flüchtigen Religionsverwandten aus den Niederlanden, Katholiken, Reformirten, Mennoniten und Juden, seit 1601 gestattet wurde. Der Unfug, den diese Juden mit Hausiren trieben, ward der Stadt Hamburg bald sehr lästig. Als nach Aussterben der Grafen von Schauenburg zu Pinneberg (1640) Altona an den König von Dänemark fiel, ward es noch mehr Augenmerk, das Aufblühen der Stadt zu begünstigen. Ein entsetzliches Unglück verhängten im Januar 1713 die Schweden unter Steenbock über die Stadt, durch Verbrennung derselben. Ausser drei Kirchen blieben nur 30 Häuser verschont. – Seitdem suchte man durch vermehrte Privilegien dem Orte wieder aufzuhelfen, eine glückliche Rivalität mit Hamburg war jedoch nicht zu erreichen. Man zählt gegen 24,000 Einwohner und gegen 5000 Wohnungen. Die Stadt hat einen Oberpräsidenten; der Magistrat besteht aus zwei Bürgermeistern, zwei Stadtsecretairen und vier Senatoren. Zur städtischen Gerichtsbarkeit gehören die Dörfer Ottensen und Neumühlen . Die Stadt hat gutes Strassenpflaster, Gassenerleuchtung, gute Polizei, musterhafte Brandanstalten, ein Zuchthaus mit einer Kapelle, zwei evangelisch lutherische Kirchen, eine der deutsch und holländisch Reformirten, eine Mennoniten-, eine Brüder-, eine katholische Kirche, eine Synagoge der deutsch-polnischen, und eine der portugiesischen Juden. Dem hiesigen Oberrabiner sind alle Juden Schleswigs und Holsteins, die zu Glückstadt ausgenommen, unterworfen. Die Stadt besitzt ferner ein Waisenhaus, welches gegen 70 Zöglinge hat, verbunden mit einer Armenindustrieschule. Die gräflich Reventlauische Armenstiftung hat gegen 80 Präbendisten. Ausser 2 Krankenhäusern und einer Unterrichtsanstalt für Hebammen, findet man hier ein anatomisches Collegium und ein Vaccinationsinstitut; ein Lombard, ein 1799 von Privatpersonen errichtetes Institut zur Belohnung treuer Dienstboten, welches jährlich an des Königs Geburtstag Prämien austheilt und mit einer Sparkasse verbunden ist. Es ist hier eine Centraladministration der Schleswig-Holsteinischen patriotischen Gesellschaft, ein Museum, eine Vereinigung angesehener Einwohner zu wechselseitiger Mittheilung und zum gemeinschaftlichen Vergnügen, eine nicht unbedeutende Bibliothek, eine Turnanstalt und ein Schauspielhaus. Das 1736 gestiftete Gymnasium, Christianeum genannt, hat 1771 eine neue Einrichtung erhalten und jetzt 9 Lehrer. Der jetzige Oberpräsident von Blücher, ein Neffe des unsterblichen Feldherrn, wurde wegen seiner Verdienste um Altona, namentlich wegen Erhaltung der Stadt, während der französischen Occupation und Belagerung Hamburgs, von dem Könige von Dänemark in den Grafenstand als » von Blücher-Altona « erhoben. Zu jener Zeit wandte der damalige Director des Gymnasii, Struve , die bekannten Virgilschen Verse: Superet modo Mantua nobis, O Mantua! nimium vicina miserae Cremonae. sehr passend parodirend, auf das bedrängte Altona an, indem er auf die Etymologie von » Allzunah « anspielte: Superet modo Altona nobis, O Altona! nimium vicina misero Hamburgo. Möge uns Altona erhalten bleiben! O Altona! all zu nahe dem unglücklichen Hamburg. Uebrigens hat Altona, trotz dem, dass es ausser der Dänischen Zolllinie liegt, nie mit Hamburg sich messen gekonnt, weshalb es Heine nicht unwitzig zu den Sehenswürdigkeiten Hamburgs rechnet. Wöchentlich wird im Dänischen die Zahlenlotterie gezogen, und zwar nur alle drei Wochen in Kopenhagen, an den übrigen Dienstagen in Altona, woselbst auch seit einigen Jahren die Nummern aus dem Glücksrade genommen werden, welche sonst eine Ziehung in Wandsbeck lieferte. Der Zudrang zu solchen Ziehungen ist ungeheuer gross, namentlich von Hamburg aus, von wo aus sich die Menge durch alle Thore drängt, um sich noch vor der Ziehung mit Lotterieloosen, die beim Eingang fast an allen Fenstern ausgeboten werden, zu versorgen. Der Anblick dieser Collecten erinnert in der That an Gänge, wo allenthalben die Spinnen ihre Netze ausgesponnen haben. – Vergebens hat Hamburg seinen Bewohnern das Spielen im Dänischen Zahlenlotto bei Zuchthausstrafe verboten, es scheint jetzt dahin gekommen zu sein, die Winkelcollecten in Hamburg zu toleriren, damit das Geld nicht aus seinem Weichbild gehe, obgleich, wenn sich einmal besondere Glücksfälle ereignen, diese Winkelentrepreneurs sich nur zu oft als unzahlungsfähig zeigen. Ein Engländer, der vor mehren Jahren eine bedeutende Summe gewann, wollte sich nicht mit 75 Procent, dem ganzen Vermögen der erschrockenen Bankhalter, begnügen, klagte und ging natürlich ganz leer aus. – Unter der väterlichen Regierung des jetzigen Königs steht zwar eine Aufhebung des Lottos zu hoffen, welches indessen ein bedeutendes Deficit in den Finanzen, und die Brodlosigkeit einer Unzahl bei diesem Institute angestellten Menschen herbeiführen würde. Eine sehr schöne Strasse in Altona ist die Palmaille, berühmt durch die herrliche Allee, welche diese breite Gasse bis zum Ende nach Ottensen durchläuft, und dabei den reizendsten Anblick auf die Elbe leiht. Der Rainvillsche Garten gewährt diesen noch unbeschränkter; eine vortreffliche, aber sehr theure Restauration, welche hier angelegt ist, macht diesen Platz nicht selten zur Reunion der reichen Altonaer und vorzüglich der Hamburger, welche dort häufig Diners, Soupers und Bälle geben. Dicht davor befindet sich der Ottenser Kirchhof, auf welchem Klopstock mit seiner Meta unter einer schönen Linde ruht. – Längs der Elbe hin, bis Blankenese, wechseln die anmuthigsten Gegenden, mit den schönsten Gartenhäusern reicher Hamburger und Altonaer geziert, ab. Hier ist besonders der Bauersche Garten und die ehemalige Besitzung des vor einigen Jahren verstorbenen, als Oeconom, Schriftsteller und vor allen Dingen als Menschen ausgezeichneten Baron Vogths in Flottbeck zu bemerken, so wie eine im Geschmack der englischen Landhäuser gebaute Wohnung des Herrn Richard Godeffroy , und der Kunstgarten des Herrn James Booth . Von früheren Zeiten her haben hier viele berüchtigte und berühmte Menschen ihren Aufenthalt gehabt, z. B. Joh. Christ. Edelmann, Johann Conrad Dippel, Johann Otto Glüsing, Stanislaus de Lubianitz, Ann. Mar. v. Schurmann, Joh. Bernh. Basedow, Joh. Aug. und Joh. Christ. Unger, Phil. Gabr. Hensler und Heinrich von Gerstenberg, der bekannte Verfasser des Ugolino. Unter den jetzt in Altona Lebenden dürfte besonders der als Astronom bekannte Etatsrath Schumacher zu erwähnen sein, so wie der edle und geistvolle Wienbarg , der sich, ausser mit der Redaction der kritischen Blätter der Hamburger Börsenhalle , so wie mit seinen andern literarischen Arbeiten, auch zum Theil mit der Herausgabe des Altonaer Merkurs beschäftigt, einer der ältesten deutschen Zeitungen, welche übrigens in den letzten Jahren ungemein an innerm Werthe zugenommen hat. Altona hat nur einen einzigen guten Gasthof, den des Herrn Danker, zum Holsteinischen Hause am Rathhausmarkt. Die früheren Hotels in der Palmaille sind eingegangen, woran die Nähe Hamburgs wohl die grösste Schuld tragen mag. Kuxhaven und Neuwerk Am Ausflusse der Elbe in die Nordsee, in dem der Stadt Hamburg gehörenden Amte Ritzebüttel, liegt der Flecken Kuxhaven , dessen Lage sowohl für den hamburgischen Handel, als auch zur Anlegung eines Seebades sehr brauchbar und bewährt befunden ist. Er gehört zum Kirchspiel Döse, enthält jetzt 150 Häuser und 1200 Einwohner, liegt 14 Meilen von Hamburg und 9½ Meilen von Helgoland entfernt, in einer sehr fruchtbaren Gegend, wogegen das Klima wegen der rauhen und kalten Seewinde der Vegetation nicht günstig ist. Einst gehörte das ganze, ungefähr 1 Quadratmeile grosse Amt Ritzebüttel zum Lande Hadeln und war eine Besitzung der Herren von Lappen , eines adeligen und reichsfreien Geschlechts, welches im Erzstifte Bremen sehr angesehen war. Die Ritter von Lappen zeigten sich indess nach dem damals herrschenden Unwesen, zur See in eben solchem Grade als Störer des Handels und des friedlichen Verkehrs, wie ihre ritterlichen Genossen sonst zu Lande aus dem Stegreifleben ein Gewerbe machten. Hamburg sah sich demzufolge veranlasst, mit den Vorstehern des Landes Wursten einen Vertrag zu schliessen, um den Uebermuth der Lappen zu zügeln, wodurch auch sie genöthigt wurden, einen Vergleich einzugehen und da sie unbeerbt starben, im Jahre 1393 das Schloss Ritzebüttel mit der Umgegend an Hamburg abzutreten, nachdem ihnen eine Abfindungssumme von 2000 Mark ausbezahlt worden war und ihr Lehnsherr, der Herzog Erich von Sachsen, diesen Vergleich genehmigt und auf alle seine lehnsherrlichen Ansprüche verzichtet hatte; demzufolge auch der Herzog Franz Julius im Jahre 1630 mit seinen Vindications-Anträgen beim Reichshofrath, weil Ritzebüttel vor Zeiten ein Lehngut seiner Vorfahren gewesen sei, zurückgewiesen wurde. Seitdem ist es im ruhigen Besitze Hamburgs geblieben, und durch Bauten und zweckmässige Einrichtungen für den Handels- und Privatverkehr zugänglicher geworden. Bei Sturm und Eisgang finden die Schiffe hier einen sichern Zufluchtsort und die oft in grosser Zahl aus allen Welttheilen zusammentreffenden Fremden eine gefällige und freundliche Aufnahme. Ein Telegraph versendet in wenigen Minuten die für den Staat und die Bewohner Hamburgs eintreffenden wichtigen Nachrichten in die Hauptstadt; Dampfschiffe aus England, Holland, Frankreich und Amerika erleichtern die Communikation mit Hamburg, und ein seit dem Jahre 1816 zweckmässig eingerichtetes Seebad, worüber zwei Werke vom Amtmann und Senator Abendroth, Hamburg 1815 und 1837, erschienen sind, trägt sehr viel dazu bei, Kuxhaven zu erweitern und immer mehr in Flor zu bringen, nachdem jetzt die traurigen Folgen ungünstiger Naturereignisse, welche Deichbrüche und Ueberschwemmungen, epidemische Fieber und Missernten veranlassten, glücklich überwunden und durch die fürsorgliche Thätigkeit des Amtmanns Abendroth, nicht ohne erhebliche Opfer wieder ausgeglichen sind. – Die Telegraphenlinie zwischen Hamburg und Kuxhaven hat 8 Stationen, nämlich in Hamburg und Altona, Köterberg bei Blankenese, Stade, Klindtberg bei Hechthausen, Dobrock, Otterndorf und Kuxhaven. Der Mechanismus ist sehr zweckmässig eingerichtet und so vereinfacht, dass auch längere Sätze mit der grössten Leichtigkeit sehr rasch mitgetheilt werden können. Obgleich der Nutzen und das Bedürfniss eines solchen Telegraphen für den Handel und die Schifffahrt schon vor 50 Jahren nachgewiesen und empfunden ward, ist er doch erst vor vier Jahren auf Actien errichtet und es hat sich schon gezeigt, dass die Erleichterungs- und Unterhaltungskosten viel weniger betragen, als der effective Nutzen, der dadurch herbeigeführt wird. Wie gross dieser Nutzen aber noch bei kriegerischen Ereignissen, die von der See her verkündet werden können, sowohl für die Stadt Hamburg, als auch für einzelne Geschäftsmänner und Familien steigen kann, ist gar nicht zu übersehen und zu berechnen. Nur scheint es wünschenswerth, dass diese Telegraphenlinie noch bis Helgoland, längs der Holsteinischen Küste, fortgeführt wird, da oftmals im Jahre Schiffe auf eine Zeitlang verhindert werden, in die Elbe bis nach Kuxhaven einzulaufen. Die Anlegung eines Seebades in Kuxhaven war gleichfalls schon im vorigen Jahrhundert zur Sprache gebracht, aber erst der Nutzen und der gute Erfolg anderer Seebade-Anstalten musste vorangehen, um auch diesen Plan zur Ausführung zu bringen. Diese Anstalt stand bis zum Jahre 1838 unter einer Bade-Direction, die aus dem Amtmanne, dem Commandeur der Marine und den Badeärzten bestand, seit der Zeit aber existirt ein Seebad-Verein, der aus einigen Beamten und Aerzten zusammengesetzt ist. Der Einwand, der wohl gegen die Wirksamkeit dieses Seebades geäussert wird, dass die Elbe dort noch zu sehr mit süssem Wasser aus den Flüssen Holsteins und des Herzogthums Bremen geschwängert sei, verliert durch den Umstand sein meistes Gewicht, dass jede Fluß kräftiges, salziges Seewasser in grosser Menge aus der nahen See in die Elbe ergiesst, daher auch zu dieser Zeit die eigentlichen See-Bäder genommen werden müssen. – Für alle möglichen Bequemlichkeiten ist dort genügend gesorgt und mehrere Badeplätze bieten Gelegenheit, wie man es wünscht, bei stärkerem oder schwächerem Wellenschlage zu baden; die warmen Seebäder, so wie die Douche, Dampf-, Regen-, Sturz- und Tropf-Bäder werden in den Badehäusern genommen und auf Verlangen die erforderlichen Betttücher, Badehemden und Handtücher dort gereicht. Neuwerk Wichtiger aber noch, als alle diese in Kuxhaven befindlichen Einrichtungen, ist das Merk- und Warnungszeichen, welches vor reichlich 500 Jahren auf der nahe dabei belegenen Insel Neuwerk für Seefahrende errichtet ist und schon vielen Tausenden in finstern stürmischen Nächten Gut und Leben erhalten hat. Diese Insel enthält nur 70 Morgen eingedeichtes Marschland, ist aber von gefährlichen Sandbänken umgeben und der Eingang zur Elbe, selbst für kundige Lootsen, bei neblichtem und dunklem Wetter so schwer zu finden, dass Keiner das Warnungszeichen, das beim Einsegeln zur rechten Seite liegen bleiben muss, entbehren kann. Im Jahre 1299 erhielten die Hamburger vom Herzoge Johann II., dem dermaligen Landesherrn von Hadeln, die Erlaubniss, hier einen Leuchtthurm zur Beförderung der Schifffahrt anzulegen und die nöthigen Steine dazu aus dem Lande Hadeln zu holen. Weil aber der Thurm damals grösstenteils von Holz erbaut werden musste, wurde er schon 1372 durch Unachtsamkeit ein Raub der Flammen. Der neue, dauerhafter hergestellte Thurm ist von 14 Fuss dicken massiven Mauern, viereckig gebaut, auf jeder Seite 45 Fuss breit und über 100 Fuss hoch. In demselben hat der Vogt seine Wohnung, 40 Fuss hoch über dem Erdboden, und unter demselben befinden sich geräumige Magazine, um die geborgenen Güter von gestrandeten Schiffen, deren hier dennoch leider jedes Jahr, besonders auf der zwei Meilen weit vorspringenden Sandbank Scharhörn, mehrere ein Raub der Elemente werden, aufzunehmen. Eine Batterie von 10 Kanonen dient dazu, die erforderlichen Salutschüsse zu thun und zu erwiedern. Zur Ebbezeit kann man vom festen Lande zu Fuss und zu Wagen nach der Insel kommen, wobei man jedoch einige Baljen passiren muss, die jährlich durch die Ebben und Fluthen einige Veränderungen erleiden und durch Zeichen kenntlich gemacht werden. Das weitere Fahrwasser nach der See zu ist durch Tonnen bezeichnet, deren Lage und Richtung den Lootsen genau bekannt ist. –     Ein Theil der Abdrücke der zweiten Ansicht von Norderney trägt die unrichtige Unterschrift » Nondaney «, welchen Fehler man gütigst entschuldigen und berichtigen wolle. Zweite Abtheilung.   Einleitung Wohl Niemand wird in Abrede stellen können, dass bei der vorliegenden Eintheilung unseres deutschen Vaterlandes in zehn malerische und romantische Sectionen, offenbar dem die schwierigste Aufgabe zugefallen sei, der die sparsam und in weiten Zwischenräumen von Gottes Hand ausgesäeten malerischen und romantischen Schönheiten der weiten Ostseeküste in den engen Rahmen von sieben bis acht Druckbogen zusammenfassen soll. Und wenn ich nun dennoch aus aufrichtiger Liebe zum Meeres- und Heimathstrande keck die Hand an dieses schwierige Wagniss lege, so sei es mir erlaubt, mit wenigen Worten grossen Erwartungen, wie sie durch frühere reichhaltigere und mannichfaltigere Sectionen dieses Werkes erweckt sein möchten, bescheiden vorzubeugen. Der Charakter der deutschen Ostseeküste, deren Grenzen, beiläufig gesagt, schwer zu bestimmen sein möchten, ist im Allgemeinen weder malerisch, noch romantisch. Meist flach und eintönig, kalt und rauh, kahl und sandig, hält dies Land keinen Vergleich aus mit dem warmen und farbenreichen Süden unseres Vaterlandes. Es kann sich weder im Reichthum an Naturschönheiten, noch an grossen historischen Erinnerungen mit dem Rhein, mit Schwaben, mit Thüringen oder mit dem Harze messen. Eine Quadratmeile ist dort reicher, als hier eine ganze Provinz. Arm, wie alle flachen Länder, an originellen poetischen Sagen der Vorzeit, beginnt auch die Geschichte hier erst mit dem zweiten Jahrtausend, mit der Einführung des Christenthums; und die Geschichte wird erst zuverlässig mit dem Emporblühen der Städte, mit der Gründung der Hansa. Was diese Gegend Grosses, aber auch einzig Grosses, zugleich Niederbeugendes und göttlich Aufrichtendes besitzt, ist das Meer. Im Meer und hart am Meer liegen die wenigen malerischen Naturschönheiten des Landes. Im Meere liegt Rügen, das liebliche Eiland, mit seiner reizend räthselhaften heidnischen Vorzeit. Meist nur auf dem Meer und hart am Meer, zumal in den einst mächtigen und von Königen gefürchteten Städten, geschah, was Grosses und Ruhmwürdiges aus der Vorzeit dieses Landes auf die Nachwelt gekommen ist. Das Meer, das ewige Anschauen, das Bekämpfen und Bemeistern dieses majestätischen und wunderreichen Elementes ist es, was hauptsächlich den in Gottergebenheit muthigen, ruhigen, offen und frei gesinnten Charakter der Küstenbewohner durch alle Jahrhunderte bildete. Und dieses Volk der Küstenbewohner, das unter seiner rauhen Schale einen so gesunden Kern in sich trägt, ist es hauptsächlich, was das Reisen, zumal die Wanderung, an dieser weiten Küste lohnt und interessant macht. Daher erwarte der Leser mehr eine Schilderung des originell und scharf ausgeprägten, wenn auch durch Cultur noch weniger polirten Menschenschlags, als eine topographisch-statistische Beschreibung des meist alltäglichen Landes; mehr eine Profilzeichnung, als ein ausgemaltes Bild; mehr einen Abriss der hellen lebendigen Gegenwart, als der dunklen abgestorbenen Vergangenheit. Nur mit dem flüchtig skizzirenden Crayon des Landschaftsmalers und nicht mit dem ausführenden, verschönernden und deckenden Pinsel kann und will ich mich befassen. Der Heimath mit ganzer Seele zugethan, bin ich niemals blind gewesen für die Vorzüge anderer Gegenden Deutschlands, und ich werde niemals von Pommern im Superlative reden, wenn der Positiv vollkommen genügt. Das weite, hier tausendfach gespaltene Feld der Geschichte nach Gebühr würdigend, werde und muss ich mich des engen Raumes wegen auf das beschränken, was sich mit dem Charakteristischen des Volks, mit dem Malerischen und Romantischen des Landes in ungezwungene Verbindung bringen lässt, und wird sich bei Städten wie Königsberg, Lübeck, Danzig, Stralsund und Colberg gewiss Gelegenheit genug zu interessanten historischen Rückblicken finden. Schweigen, weniger sagen als man weiss, ist ohnehin schwieriger als Wortmacherei, und dieser Tugend des Schweigens muss ich mich hier befleissigen. Möchte sich doch, zum Lohn für mich, nur ein schwacher Abglanz jener Fröhlichkeit und Jugendfrische in diesen Blättern spiegeln, die bisher auf gar mannichfaltigen Wanderungen mir immer treue Gefährten waren! Ausmarsch »Herr Ewald! Sie sollen schleunigst zum Herrn General kommen!« rief an einem schönen Morgen der Sergeant Lewandowsky aus dem Innern des Festungshofes an mein Gitterfenster hinauf, das seit sieben Jahren meine Weltanschauung begrenzte. Was mochte das sein? Was konnte der General so früh von mir wollen? Ich fuhr in die Kleider. In drei Minuten stand ich, den keuchenden Sergeanten hinter mir, vor der hochedlen Greisengestalt meines mir immer väterlich gesinnten Commandanten. Er hielt in seiner Rechten ein grosses entfaltetes Schreiben, seine Augen glänzten in Thränen, und er mass mich von der Sohle bis zum Scheitel. »Da! lesen Sie selber!« sprach er und legte seine zitternde Hand auf meine Schulter. Was mochte das sein? Himmel! es war die Freiheit! Die Freiheit für den Freund und mich, die sieben Jahr in Jugendkraft und Ungeduld immer vergebens erharrte selige Freiheit. Die Freiheit durch Urtel und Recht. Ich stürzte fort. Ich sah und hörte nicht. Ein dicker Hauptmann wollte mich theilnehmend umarmen. Ich wich ihm aus und umarmte statt seiner erst einen Baum, denn den dicken Hauptmann würde ich in meiner Freude todt gedrückt, oder doch bedeutend beschädigt haben. O! wer nicht in den lebensfrohen zwanziger Jahren sieben Jahr schwer gefangen sass, weiss nicht, was Freiheit ist, weiss nicht, was es heisst, wieder Herr seines Willens und seines Stubenschlüssels zu sein. »Wir sind frei! Frei durch Urtel und Recht,« rief ich dem Freunde zu. Er warf Pinsel und Palette weg und stürzte in meine Arme. »Fort! fort! zum Heimathland, zum Meeresstrand!« jubelten wir Beide. Die Ranzel wurden geschnürt. Wir waren fertig. Wir wollten fort. Da sah Einer den Andern fragend an. Konnten wir so plötzlich von diesem, wenn auch finstern, Aufenthalte scheiden, in welchem wir zu Männern gereift, in welchem wir die ernste, die wahre Anschauung des Lebens gewonnen? Nein. Byrons Worte im Gefangenen von Chillon fielen mir ein: Und als nun wirklich Männer kamen, Die meine Fesseln ab mir nahmen, Da war's, als ob mein Kerker sei Mir eine theure Siedelei; Als ob die Männer jetzt nur kämen, Der zweiten Heimath mich zu nehmen. – – – – Ja! meine Ketten waren werth mir jetzt. Gefangenschaft! wie wirkst Du wunderbar! Denn, als in Freiheit ich nun ward gesetzt, Mein Abschiedswort ein tiefer Seufzer war! Wir blieben noch. Ein gutes Wort, an den General gerichtet, erwirkte eine Zusammenkunft mit den leider noch zurückbleibenden Leidensgefährten. In einer der grossen Kasematten ward beim edlen Rheinwein der Tage gedacht, die uns in Freud' und Leid dahin gegangen. Manch' Lied voll Muth und Hoffnung war heut' zu singen erlaubt, und als die Stimmung am fröhlichsten war, nahmen wir die Ränzel wieder auf und schieden. Tücher wehten uns Segen nach, und Kinder, deren Herzen ein Gefangener besonders leicht gewinnt, zogen in Menge eine weite Strecke mit uns und wollten uns nicht lassen. Als wir allein waren, zog Jeder schweigend seines Wegs, denn wohl Jeder gedachte der Seinen und ihrer harrenden Liebe. Ewald trällerte im Takt des frischen Wanderschrittes folgendes Liedchen: Wer durfte wohl nicht schauen       Des Jünglings Blick und Tritt, Wenn er aus fernen Auen       Beränzelt heimwärts schritt? Für sich er selig plaudert,       Und schlendert wie der Bach, Bei keiner Blum' er zaudert,       Bei keinem Finkenschlag! Des Schönen viel erreichet       Sein Blick auf Höh'n, im Thal, Doch nichts von Allem gleichet       Der Kindheit Ideal. Es lächelt manches Städtchen       Dem jungen Wandersmann, Es schaut manch schönes Mädchen       Ihn holderröthend an; Doch wie ihr Blick auch brennet,       Wie blühend ihr Gesicht, Der, die er seine nennet,       Der Einz'gen gleicht sie nicht. Und mit des Stromes Eilen,       So sehnsuchtsvoll zum Strand, So zieht er ohne Weilen       Zum Meer, zum Heimathland. Schön war am Neckarstrande       Der Frau'n- und Sängerkreis, Man singt in keinem Lande       So schön der Freiheit Preis. Schön war am Rhein das Leben,       Voll Lieb' und voll Gesang, Voll Freundschaft und voll Reben,       Voll Rechts- und Freiheitsdrang. Schön war es, zu betreten       Der Schweizer freie Höh'n, Bei jedem Schritt zu beten:       Gott! Deine Welt ist schön! Doch zehnfach schön ihm schimmert       Die Heimath jetzt so hehr, Und seine Seele wimmert:       Wo ist mein blaues Meer? »Wo ist mein blaues Meer?« wiederholte tiefaufathmend der Maler. »Es ist doch eigen, Ewald, mit der Liebe, mit der Leidenschaft für das Meer! Auch aus Dir, dem Weitgereisten, spricht stärker als nach den Menschen die Sehnsucht nach dem Meer, nach dem Rauschen der Wellen, das die Träume des Knaben gewiegt. Sonderbar! Statt dass wir Beide, um der Heimath auf kürzestem Wege zuzueilen, längst hätten links über die Weichsel gehen sollen, schlagen wir uns immer mehr rechts, als wollten wir statt nach Pommern, nach Königsberg.« Dahin steht auch mein Sinn,« sprach Ewald. »War ich einmal der Heimath lange fern, so könnt' ich mich niemals entschliessen, den kürzesten Weg zu wählen, wenn links und rechts mir noch unbekannte Gegenden lagen. So auch jetzt. Ost- und Westpreussen, die Weichsel-Niederung, Städte wie Königsberg und Danzig sind mir noch völlig fremd, und ich würd' es mir ewig zum Vorwurf machen, diesem Theile des Vaterlandes so nahe gewesen zu sein, und ihn nicht beachtet zu haben. Hab' ich aber diese Gegenden durchwandert, dann kann ich sagen: ich kenne Deutschland. Das heisst: So weit die deutsche Zunge klingt. Und Gott im Himmel Lieder singt. Von Königsberg bis Basel und von Hamburg bis Wien liegt dann keine Stadt von Bedeutung, durch deren Thore und Strassen ich nicht fröhlich gezogen wäre. Wandern ist die Poesie des Lebens. Nur so lange der Mensch wanderlustig ist, ist er jung und frisch an Leib und Seele, und ein beneidenswerthes Geschöpf Gottes. Drum lass uns wandern!« »Ja! lass uns wandern!« rief der Maler. »Ein langes gemeinschaftliches Schicksal hat mich mit Bruderliebe an Dich gefesselt. Ich ziehe mit Dir, so weit Du willst. Eltern, die unsrer harrten, und deren Tage Gott plötzlich beschliessen könnte, haben wir ja Beide nicht mehr. Die so unsrer harren sind jung und frisch, und können nun wohl noch so viel Wochen warten, als sie lange Jahre vergebens nach uns ausgesehen haben. Nach langer Entbehrung wollen wir im seligen Gefühl der Freiheit den Ostseestrand entlang pilgern und die frische erquickende Seeluft einathmen. Du wirst Stoff zu Liedern, ich zu Bildern finden.« Während wir so schwatzten, hatten wir einen schönen, schattigen Wald durchzogen, aus welchem ein Mückenschwarm uns tanzend und summend sein freundliches Geleite gab, und erreichten, als es Abend ward, das auf einer Insel im See Barlowitz recht anmuthig gelegene, aber sonst höchst ärmliche Städtchen Stuhm. Die Bewohner Stuhm's vererben vom Vater auf den Sohn die Eigenthümlichkeit, dass sie am Donnerstage vor Pfingsten kein Feuer anmachen, weil an diesem Tage die Stadt fünf mal in einem Jahrhundert fast gänzlich abbrannte. Wir besahen hier die Ruinen einer bereits 1246 zerstörten und nachher unzähligemal wieder erbauten und wieder zerstörten alten Ordensburg, und machten die beiweitem freundlichere Bekanntschaft eines jungen Arztes, der, wie ein Wunderdoctor verehrt, aus weiter Ferne von den Vornehmsten und Geringsten um Rath und Hülfe angefleht wurde. Eine ältliche, sehr vornehme Dame, die wir in Begleitung einer Gesellschafterin von frappirender Schönheit im Gasthofe trafen, redete mich mit den Worten an: »Denken Sie sich, mein Herr! dieser Doctor lässt mich unter Kranken und Lahmen aller Art fast eine Stunde im Vorzimmer warten, und als ich ihm sagen lasse, ich sei die Frau von ...., lässt er bedauern, dass so viele Patienten sich früher bei ihm gemeldet, als ich. Das ist zu arg.« Die Dame liess im höchsten Zorn anspannen und fuhr von dannen, leider in ihrer Gesellschafterin das Malerischste mit sich nehmend, was ich am Weichselstrande gesehen. Als wir später den braven Doctor fragten, ob er kein Mittel wisse, sieben verlorne Jugendjahre uns zurück zu geben, schüttelte er schmerzlich sein Haupt und empfahl uns Ränzel und Wanderstab, Liedes- und Becherklang als Präservative ewiger Jugend für noch rüstige, elastische Naturen. Wir zogen nun wohlgemuth mit der Weichsel und Nogat zum Strande. Wir sahen das über alle Beschreibung liebliche Marienburg, das wie das Bild eines zarten blonden Mädchens im Gedächtniss des Wanderers lebt und von dem zu reden er sich scheuet, weil er fürchtet, kein Ende zu finden. Wir zogen durch die von Fruchtbarkeit strotzenden Niederungen. Wir sahen und bewunderten die mächtigen Nogat- und Weichsel-Dämme, durch deren Aufschüttung der deutsche Orden erst diese früher morastigen Niederungen für den nun so reichlich lohnenden Ackerbau gewonnen, und erinnerten uns, dass es besonders Meinhard von Querfurt war, der hier vom Jahr 1288–98 segensreich wirkte und sich durch diese Dämme ein ewiges Denkmal setzte. Solche durch Nettigkeit und Sauberkeit der Wohnungen sich überall kundgebende Wohlhabenheit, so heitere Gesichter, solch glattes munteres Vieh war uns im deutschen Norden fast noch nicht vorgekommen. Tausendfach bedauerten wir, dass es uns nicht erlaubt war, auf diesen gesegneten Landstrich, ja selbst nicht einmal auf das historisch und architektonisch so höchst merkwürdige Marienburg so viel Zeit und Aufmerksamkeit zu verwenden, als wir wünschten. Indessen die schweizerartig gebauten allerliebsten Häuser mit den Vorhallen, Gallerien und Ueberbauten, aus welchen oft ein schelmisches rundes Mädchengesicht hervorschaute, veranlassten doch manchen Einspruch, manches Gespräch. Wir fanden Bauerntöchter von gewandter Bildung mit sittigem Anstande am stattlichsten Flügel, und ein freundlich Wort rief die modernsten und lieblichsten Lieder ins Leben. Wir liessen uns erzählen von der wunderbaren Ergiebigkeit des Bodens und von den Schrecknissen der Ueberschwemmung, wenn, wie im vorigen Jahre, die wilde Nogat durch die angstvoll bewachten Dämme bricht. Man schilderte uns mit glücklicher Beredsamkeit das Gewühl und Lärmen, den herzzerreissenden Jammer, wenn die unaufhaltsam gierige, Alles verschlingende Fluth in dunkler kalter Nacht die sorglos Schlummernden überrascht. Uns überlief ein Schaudern, und wir priesen glücklich die Sicherheit der Menschen am Meeresstrande. Aber wie der Nil befruchtet, wo er überschwemmt, so geschieht's auch hier. Nur selten lässt die Ueberschwemmung bedeutende Versandungen zurück. Die fortgerissenen Wohnungen erstehen schöner wieder, und die Spuren der Verwüstung verschwinden schnell, wo, wie hier, Einer dem Andern gern hülfreiche Hand leistet. Selten bei dem Reichthum und Ueberfluss, meist aber bei der Wohlhabenheit, bei dem guten Auskommen wohnt die Zufriedenheit, und bei der Zufriedenheit wohnt gottesfürchtiger, rechtschaffener Sinn. Den fanden wir auch hier. Nicht nur die Bibelsprüche an den Häusern, sondern das Thun und Lassen der Menschen reden davon Zeugniss. Sie geben dem bedürftigen Wanderer, bevor er darum bittet, und kein Bauer der Weichselniederung vergisst bei seinem Einschnitt des Armen, der da kommt, um auf seinem Felde die Nachlese zu halten. Die Hungel- oder Hungerharke, die in Pommern und Mecklenburg leider noch florirt, ist hier völlig unbekannt. Wir zogen nun durch Fischau, das in der letzten polnischen Revolutionszeit durch das nothwendig erschienene grausame Hinopfern vieler übergetretenen Polen eine so traurige Berühmtheit erlangt hat, und nachdem wir im Kruge zur lahmen Hand des merkwürdigen Namens wegen uns noch einen Erfrischungstrunk hatten geben lassen, erreichten wir, immer auf schöner Chaussée in einer stattlichen Pappelallee zwischen den üppigsten Wiesen dahin schlendernd, das von aussen so unscheinbare, im Innern aber so überaus freundliche, helle, heitere Elbing Ein wahres Labyrinth von sieben bis acht Stockwerk hohen mächtigen Kornspeichern umgab uns als die imponirendste Vorstadt, die irgend eine See- und Handelsstadt aufzuweisen vermag, und ich fürchte nicht zu übertreiben, wenn ich die Zahl dieser Gebäude auf hundert schätze. Sie haben fast alle Namen, und allerlei oft recht ergötzliche Bilder und Schildereien versinnlichen ihre Benennung. Bedenkt man aber, wie seit geraumer Zeit der Handel Elbing's und, mit Ausnahme Stettin's, fast aller Preussischen Ostseestädte gegen sonst darniederliegt, und wie erst seit drei Jahren sich eine Belebung gezeigt hat, die sehr wahrscheinlich als eine kurze, keine glückliche zu nennen sein wird, weil sie überall den Speculationsgeist zu grossem Capitalaufwande für Schiffsbauten verleitet hat, so ergreift den patriotischen Wanderer schon in der Vorstadt ein gerechtes Bangen für die Zukunft Elbing's . Und es steigert sich dies Bangen, wenn der Wanderer über die Brücke in die Stadt selbst gelangt, die breiten aber leeren Strassen und die grossen stattlichen Häuser sieht, die er fast geschenkt bekommen kann, wenn er die Lasten und Abgaben davon bezahlen will. Es ist hier nicht der Ort und Raum zu politischen Betrachtungen, aber als eine ausgemachte traurige Wahrheit kann nicht oft genug gesagt werden, dass auf der einen Seite Russland mit seiner Sperre, auf der anderen Dänemark mit seinem himmelschreiend drückenden und ungerechten Sundzoll die Mörder des Wohlstandes der einst so blühenden Ostseestädte sind. Schweden ist mit gutem Beispiel vorangegangen, um den Sundzoll zu bekämpfen und wegzuräumen. Preussen ist, erst spät die Wichtigkeit der Sache erkennend, nachgefolgt; Russland aber, das allein hier durchgreifen könnte, hat bis jetzt seine Mitwirkung versagt. In der »Stadt Berlin«, am schönen grossstädtischen Friedrich Wilhelms-Platze, fanden wir gutes Quartier. Die Gebäude, die diesen grossen von Linden umgebenen und mit Rasen und Blumen geschmückten Platz einschliessen, sind hübsch, modern und dem Auge wohlthuend, jedoch ohne architektonische Bedeutung, wie denn überhaupt Elbing wohl den Namen einer interessanten, sehr hübschen und klaräugigen, minder aber den einer historisch oder architektonisch merkwürdigen Stadt verdient. Unter den öffentlichen Gebäuden ist keines einer besonderen Erwähnung werth, und auch unter den sieben fast thurmlosen Kirchen ist keine von hervorragender Bedeutung. Von der Kirche »zum Leichnam Jesu« geht die Sage, dass sie ihre Erbauung folgendem Wunder verdanke. Im 15. Jahrhundert brannte die Kirche zu St. Georgen in Elbing ab. Als man den Schutt hinwegräumte, fand man das Büchslein unversehrt, in welchem das heilige Altarssakrament verwahrt wurde, und zum Gedächtniss dieser wunderbaren Erhaltung baute, wie die Chroniken berichten, Hellwig Schwang diese neue Kirche zur Ehre des heiligen Leichnams Jesu. Diese Sage, welche andrer Orten schon Jahrhunderte früher hundertfältig vorkommt, mag als Beleg meiner in der Einleitung ausgesprochenen Behauptung dienen, dass fast alle hier vorkommenden Sagen matter und nachgebildeter Art sind. Unter den Privathäusern Elbing's sind allerdings manche, die, was den bunten gothisch sein sollenden, oft sehr barocken Zuschnitt der hohen schmalen Giebel betrifft, denen von Danzig und Lübeck sich an die Seite stellen können. Auch hier findet man jene Vorsprünge und umgitterten Ballustraden, die fast jedem Hause das Ansehn einer kleinen Festung geben und die in den verschiedenen Städten verschiedene Namen führen. Im Allgemeinen aber sieht man dem heitern Elbing an, dass es zu jenen Ostseestädten gehört, die, zwar früh gegründet, erst in späteren Jahrhunderten zur Entwickelung und Blüthe gelangten. Eine feste Burg, Namens Elbing, ward zwar schon im Jahr 1235 hart am Haff vom Markgrafen Heinrich von Meissen erbaut, jedoch gleich darauf von den erbitterten heidnischen Preussen wieder zerstört. Im Jahr 1237 ward dann mit Hülfe Lübecker Kaufleute entfernter vom Haff die Stadt Elbing da, wo sie jetzt steht, gegründet, und mit Lübischem Stadtrechte bewidmet, während in Culm und fast in allen übrigen Städten Preussens das Magdeburger Stadtrecht galt, oder als Muster diente. Elbing's Name wird als Hansastadt schon im Jahr 1295 in den Urkunden der Hansa genannt, jedoch die Stadt that sich nie besonders hervor und erscheint überall nur als Bundesmitglied letzten Ranges. Reich, wie fast alle die Ostseestädte, an milden Stiftungen und unantastbaren Capitalien begann die höchste Glanz-Periode Elbing's erst spät nach dem Erlöschen der Hansa, und hauptsächlich erst, als Friedrich der Grosse, eifersüchtig auf den Handel Danzigs, das damals noch unter Polnischer Oberhoheit stand, Elbing so ausserordentlich begünstigte. So ward von ihm z. B. der Weichselzoll bei Fordon angelegt, welcher von den nach Danzig fahrenden Schiffen sechsfach höher, als von den nach Elbing segelnden bezahlt werden musste, und bei Neufahrwasser liess er von allen Danziger Schiffen abermals einen bedeutenden Seezoll erheben. Auch der Binnen- und Landhandel Danzigs ward durch Friedrich den Grossen zu Gunsten Elbing's auf jegliche Weise beschränkt. Strombauten wurden in der Weichsel vorgenommen, um ⅔ ihres Wassers nach Elbing und nur ⅓ nach Danzig zu leiten, und endlich wurde durch Ausgrabung des Kraffohl-Canals, der die Nogat mit dem Elbingflusse vereinigt, dem Handel Elbing's solcher Vorschub geleistet, dass Danzig fast auf die Hälfte seiner früheren Bedeutung herabsank und sich nicht eher wieder hob, als bis es 1793 der Preussischen Monarchie einverleibt wurde. Aus dieser bedeutenden, leider kurzen Periode schreibt sich hauptsächlich der Wohlstand und die Mehrzahl der nun meistens leer stehenden grossen Speicher und stattlichen Kaufhäuser Elbing's her. Am andern Morgen war Markttag, an welchem die kleinste der Städte Leben und Farbe zu gewinnen pflegt. Wir gingen durch die freundlichen Strassen an das Bollwerk. Bald hier, bald dort zog uns ein Haus zu näherer Betrachtung an. Hier schmückten die in Stein gehauenen Bildnisse sämmtlicher römischer Kaiser den Hausgiebel eines reichen Tuchhändlers, dort waren es Rosetten und Giebel-Verzierungen von buntglasirten Backsteinen, die unser Auge beschäftigten. Am Bollwerk, am Fisch- und Töpfermarkt war viel Gewühl und Geschnatter reinlich geschürzter, rundarmiger Mädchen, die ihr meist volles schönes Haar nur halb unter einem weissen Mützchen verborgen trugen. Die Mundart aber dieser freundlichen Mädchen oder Marjellen , wie sie hier und in ganz Ost- und Westpreussen genannt werden, ist keineswegs liebenswürdig. Reich an Gurgellauten, sprechen sie meist E wie A aus, und sagen Allbing statt Elbing . Auch die sonderbaren Participialbildungen, gekiefer für gekauft, geforben für gefärbt, geschumpfen für geschimpft u.s.w., hören sich hier höchst eigenthümlich an. Wir stiegen nun, weil's Frühstückszeit, und weil wir die Stadt gründlich und somit auch ihrem unterirdischen Werthe nach kennen lernen wollten, in etliche Weinkeller hinab, allwo man uns mit Rheinwein zweifelhaft, mit altem veritablen Portwein aber trefflich bediente. Keinem zu Liebe und Keinem zu Leide! Aber dieser im bescheidenen Dunkel des Kellers lebende Portwein schien mir einer der bedeutendsten und interessantesten Geister Elbing's zu sein. Ein junger Mann, der ganz so aussah, als ob er die Welt gesehen, setzte sich zu uns. »Sie werden mit meiner Vaterstadt nicht zufrieden sein,« begann er. »Ich bin es auch nicht. Es ist mir hier zu todt. Heute vor acht Tagen ging ich noch in London an der Themse spazieren. Das Dampfschiff, das Sie vielleicht schon gesehen haben, das erste und einzige, welches Elbing je besass, war just in London fertig geworden und lag zur Abfahrt bereit. Plötzlich erwachte Sehnsucht nach der Heimath, überwog alle Rücksichten. Wie Sie auch hier sehen, ohne weiteres Hab' und Gut, ohne einem Menschen ein Wort zu sagen, bin ich auf den Flügeln der »Schwalbe«, so heisst das Dampfschiff, in die Arme meiner Eltern geflogen. Und nun, da ich hier bin, da ich alle meine Lieben gesund weiss, nun möcht' ich wieder fort. Wissen Sie was? König Friedrich Wilhelm IV. wird sich in diesen Tagen in Königsberg huldigen lassen. Da wird's Leben geben. Die Schwalbe macht morgen ihre Probefahrt dahin. Die Gesellschaft wird zahlreich und mannigfaltig sein. Sie, meine Herren, kommen mir aber auch nicht als Freunde der Traurigkeit vor. Lassen Sie uns zusammen nach Königsberg fahren, und Sie sollen mich einen Narren nennen, wenn Sie sich langweilen. Oeffentliches, Kunst- und wissenschaftliches Leben ist hier in Elbing, so zu sagen, erst im Werden begriffen. Ausser dem »Elbinger Anzeiger,« der unter den obwaltenden Verhältnissen Lob und Anerkennung verdient, existirt kein Organ der Oeffentlichkeit. Berühmte oder auch nur merkwürdige Talente haben wir nicht. Ebenso wenig historische Merkwürdigkeiten von Bedeutung, wenn man nicht etwa der am 6. März 1521 durch den deutschen Ordenshauptmann Moritz Knöbe versuchten Ueberrumpelung der Stadt und der wackeren Vertheidigung der Bürger anerkennend gedenken will, die den schon in's Thor gedrungenen Feind durch Zertrümmerung des Thorgewölbes erschlugen. Mit dem Feinde ging auch das sonst merkwürdig gewordene Thor zu Grunde. Das Theater, wie auch die höchst rühmenswerth versuchte Kunstausstellung werden heute geschlossen, und die schönste Tochter Elbing's, meine blondgelockte Jugendgespielin, ist verreist; also was wollen Sie und was soll ich noch hier? Sie erlauben mir wohl, dass ich Sie heute noch mit den wenigen, aber recht hübschen Vergnügungsorten Elbing's bekannt machen darf, und morgen früh dampffahrten wir zusammen nach Königsberg.« Diese Art der Anrede erschien uns so originell, dass wir auf den Vorschlag eingingen. Die Umgebungen Elbing's, in die uns unser neuer Freund nun führte, bieten, obgleich im Allgemeinen wiesenreich, fruchtbaren, niederländischen Charakters, manche recht hübsche ruhig groteske Wald- und Strandpartien, zumal in der Gegend von Tolkemit, Sukase und Cadienen dar, die wir hier nur zum Besuch empfehlen, nicht aber beschreiben wollen. Nachdem wir Abends im Theater noch Gelegenheit gehabt, die Flora Elbingensis , auch ohne Botaniker zu sein, würdigen und schätzen zu lernen, und nachdem wir abermals bestätigt gefunden, welch ein dankbares Publikum mittelmässige Schauspieler immer in Städten mittlerer Grösse finden, waren wir den Abend bei Sang und Klang noch recht vergnügt, und begaben uns am andern Morgen schon sehr früh auf das bereits ungeduldig schnaubende und brausende Dampfschiff. Ruine von Schloß Balga Das frische Haff Elegant gebaut und schnell dahinfliegend, zeigte sich das Dampfschiff seines Namens würdig. Unter dem Jubel einer grossen Volksmenge, die sich an den Ufern des schmalen Fahrwassers neugierig versammelt, glitten wir auf den bescheidenen Wellen der klaren Elbing in die gelben Fluthen des frischen Haffs. Kaum hier angelangt, erhob sich der gleich anfangs uns contraire Wind zu solchem Sturm, dass es Spülwasser in Menge gab, die zahlreiche bunte Gesellschaft die Cajüte und das Dampfschiff die Küste der frischen Nehrung suchen musste, um sich hier mit allem Kraft-Aufwande langsam gegen den Wind anzuquälen. »Das ist die Opposition des frischen Haffs gegen die Neuerung, gegen die Herrschaft der Dampfkraft, meine Herren,« rief unser Elbinger Freund. »Kommen Sie jetzt in die Cajüte, dort giebt es mehr Stoff für Ihr Skizzenbuch, als an der ganzen Küste des Haffs. Nettelbeck, der Colberger Patriot und vielgewiegte Seemann, pflegte im Aerger über das beschwerliche Fahrwasser die Ostsee eine Entenpfütze und das frische Haff einen Vogelnapf zu nennen, und ich muss gestehn, solche Empörungskraft hätt' ich dem Bischen sonst so stillen und süssen Wasser nicht zugetraut. Sehen Sie, Maler, sehen Sie dort den alten bärtigen Krieger, der uns vor einer halben Stunde noch glauben machen wollte, dass er see- und kugelfest sei, wie ihm die Mütze in die Augen gleitet, wie ihm sein Kinn immer länger wird, wie er die Pfeife weglegt, sich gelinde schüttelt und nun jener alten Matrone unzart an die Brust sinkt, die das Diesseits schon längst im Glauben an das Jenseits aufgegeben hat. Bemerken Sie ferner, wie still und kleinlaut der erst auf Deck so laute in Champagner reisende Sänger geworden ist, wie matt er seine Blicke noch zu jener Brünetten gleiten lässt, die anscheinend unbewusst auf der Schulter des schnarchenden jungen Forstmannes entschlummert ist. Und alle die Officiere, die jungen Kriegshelden, wie blass, wie landeroberungssüchtig sie aussehen. Kommen Sie, Maler, setzen Sie sich zu mir auf die Cajütentreppe, den da, der den Mund so weit auf und die Hände gefaltet hält, den müssen Sie mir zeichnen.« Während unser Elbinger Freund so sprach, und der Maler skizzirte, tobten die Wellen mit furchtbarer Vehemenz immer gegen die wohlgefügten Cajütenfenster an. Die Damen schrieen hell auf, steckten die Köpfe weg, und einige wurden durch die immer wieder aufs Neue befürchtete Gefahr des Eindringens der Wogen auf den vernünftigen Gedanken gebracht, wieder aufs Verdeck zu gehen und den empörten Elementen ruhig ihre theilweise schöne Stirn zu zeigen. Sie vergönnten mir, ihr Begleiter zu sein. Es hielt anfangs schwer, den Damen jenen nachgebenden Schritt beizubringen, der hier, wie so oft im Leben, für sie durchaus nothwendig war. Ein lebhaftes, zerstreuendes Gespräch, ein gutes Beefsteak und ein Glas ächten, nie genug zu empfehlenden Porters thaten dann Wunder der Heilkraft. Der Sturm ward auch allmälig wieder zum galanten Wind und windigen Galan, entführte vom Hute einer meiner Damen einen schon lang umkoseten grünen Schleier, mit dem nun die Möven höchst ergötzlich ihr Spiel trieben, und gestattete uns dann den qualvoll langweiligen Strand der frischen Nehrung zu verlassen und uns mehr auf die Mitte des Haffs zu begeben. Wir hatten bereits links Trebbenau, rechts das waidumkränzte Kloster Cadienen und das Städtchen Tolkemit, das reichlich lohnenden Fisch- und Vogelfang treibt, passirt, als plötzlich unser Elbinger Freund, das Glas in der Linken, die Flasche in der Rechten, aus der Cajüte hervorsprang und sein »Aufgeschaut! aufgeschaut!« in die nun heiteren Lüfte schrie. »Unter den wenigen Merkwürdigkeiten,« begann er, »welche das frische Haff in seinen nächsten Umgebungen aufzuweisen hat, nimmt Frauenburg, das hier rechts vor uns liegt, einen nicht unbedeutenden Platz ein. Abgesehen davon, dass Frauenburg der Sitz des Bischofs von Ermeland ist, und der Name der Stadt wahrscheinlich früher Liebfrauenburg hiess, weil man jene ziemlich hochgelegene Domkirche höchst wahrscheinlich zu Ehren unserer lieben Frauen erbaute, so liegt auch eben in jener hochgelegenen Kirche mit sechs unbedeutenden Thürmchen jener weltberühmte Astronom Nicolaus Copernicus begraben, der zu Thorn im Jahr 1473 geboren wurde und allhier als Domherr zu Frauenburg den 11. Junius 1543 seelig verblich. Seine mannigfachen Verdienste um Himmel und Erde dürfen, wie so manches Andere, als bekannt vorausgesetzt werden. Dieses Glas zu seinem Angedenken! Copernicus war nicht der Letzt', Der Weisheit viel im Weine fand, Er dacht': ein Trank, der mich ergötzt, Macht mir auch heller den Verstand. Drum trank er Wein mit heitrer Stirn, Und fertig seine Lehr' er hatt', Dass unsre Welt, wie sein Gehirn, Sieh drehe wie ein Wagenrad.« Er sprach, er trank und warf das Glas, wie ein zweiter König von Thule, in die Wogen des Haffs. »Jene Domkirche aus Backsteinen, im einfach-edlen hochstrebenden Styl des 16. Jahrhunderts erbaut, ist wohl mehr durch Tradition und dadurch, dass sie das Grab eines so lobesamen Mannes, wie Copernicus, umschliesst, als durch ihre Bauart berühmt geworden. Im Innern hoch, hell, harmonisch und erhebend construirt und reich an guten Gemälden und mancherlei Merkwürdigkeiten, imponirt ihr Aeusseres durchaus nicht, wiewohl sie von der Landseite gesehen, wenn man das frische Haff im Hintergrunde hat, durch ihre Lage ein recht freundliches Bild gewährt. Von dieser Seite hat sie auch Dominicus Quaglio gemalt, und befindet sich das Bild im Stadt-Museum zu Königsberg. Eine frühere Domkirche ward hier, wie uns Chroniken berichten, bereits unter dem Ermländischen Bischofe Heinrich II. (1265–1300) erbaut, im Kriege zwischen Sigismund I. von Polen und dem Hochmeister Markgraf Albrecht völlig niedergebrannt, und dann zu Anfange des 16. Jahrhunderts die jetzige Domkirche erbaut. In jenem sich wie ein hoher dünner Fabrikschornstein erhebenden viereckigen Thurme soll Copernicus seine Conversationen und Liebäugeleien mit den Sternen getrieben haben, und dem Wanderer, den das Loos trifft, durch Frauenburg pilgern zu müssen, wird auch noch das Haus gezeigt, darinnen dieser Weise lebte, trank und starb. Dort, weiter hinten ragen die Thürme von Braunsberg, einer an Ausdehnung und Volkszahl nicht unbedeutenden Stadt, von der sich jedoch wenig berichten, wohl aber loben lässt, dass seine Bürger, wie dies überall sehnlich gewünscht wird, ruhig und fleissig, zahlungsfähig, anspruchslos und zufrieden sind, und mit Getreide, Garn und Leinwand einen nicht unbedeutenden Handel treiben. In historischer Hinsicht aber ist zu bemerken, dass hier bei Braunsberg, im Jahre 1273, die Preussen, d. h. zunächst die Bewohner Nathangens, Ermlands und Poggesaniens von den deutschen Ordensrittern, mit Hülfe Markgraf Dieterich 's von Meissen, grausam auf's Haupt geschlagen wurden, und dass 1520 am Neujahrstage die Stadt durch den Hochmeister Markgrafen Albrecht überrumpelt und die in der Pfarrkirche versammelte Bürgerschaft zur Anerkennung der Ordensherrschaft gezwungen ward. Wieder etwas höher und mehr rechts in's Land hinein gelegen, erblicken wir das Städtchen Heiligenbeil, welches für jetzt im Innern nicht näher kennen zu lernen wir eben auch nicht betrübt sein dürfen, weil sich überall ihres Gleichen finden. Den interessanten Namen aber soll die Stadt, der Sage nach, davon führen, dass das Beil, mit welchem der heilige Adalbert , der Apostel und Heidenbekehrer Preussens, getödtet wurde, über das Haff geschwommen und an der Stelle an's Land getrieben sei, wo nachher diese Stadt erbauet worden. Nach einer andern Sage aber stand hier eine heilige Eiche, welche Waidewuttis, der erste König der Preussen, selbst geheiligt hatte, und die im Winter wie im Sommer grünte und Schatten gab. Im Schatten dieser Eiche wohnte und wurde verehrt Gorcho, der Gott des Essens und des Trinkens, dem hauptsächlich nach glücklich vollendeter Ernte grosse Feste gegeben wurden. Anselmus aber, der Ermländische Bischof, predigte gegen solche Abgötterei, und ermahnte das Volk, die Eiche umzuhauen. Und da nun auf seinen Befehl der Christen Einer den ersten Hieb gegen die Eiche that, siehe, da schlug das Beil um und verwundete den Christen so, dass er auf der Stelle starb. Da frohlockten die Heiden und die Christen entsetzten sich. Anselmus aber ergriff nun heiligen Eifers voll selbst die Axt, und hieb frisch in die Eiche, befahl dann Feuer herbeizubringen und verbrannte den Baum sammt dem Götzen zu Asche, die ein Raub der Winde wurde. An der Stelle aber liess er eine Stadt erbauen, die er Heiligenbeil nannte, und die zum Gedächtniss dieses Ereignisses noch heute ein Beil im Wappen führt. So weit die Sage; hier etwas links von Heiligenbeil haben wir wieder interessante historische Gewissheit. Hier liegt Carben, von wo aus der grosse Kurfürst im Januar 1679 seine weltberühmte Schlittenfahrt begann, indem er sein gesammtes Heer, den alten Derflinger an der Spitze, zu Schlitten, in bitterlichster Kälte, über's frische Haff nach Königsberg und von hier ohne Ross über Labiau wieder zu Schlitten über's Curische Haff bis zur Mündung der Gilge den Schweden auf den Hals führte, und diese aufrieb, ehe sie zur Besinnung kommen konnten. »Jetzt aber,« rief unser Elbinger Freund mit erhöhter Stimme, »merken Sie auf, meine Herren und Sie, Freund Maler, nehmen Sie Ihr Skizzenbuch zur Hand. Hier, wo die Ufer einen Versuch machen, sich kühn und malerisch zu erheben, präsentirt sich uns, als mächtige durch Ausbesserungen in neuerer Zeit gut erhaltene Ruine, das alte Balga, früher eine der bedeutendsten Ordensburgen und Comthureien Preussens. Bevor es von dem deutschen Orden 1239 erobert und zu einem Haupt-Zeughause gemacht wurde, führte es als heidnische Burg den Namen Honeda, und leistete lange hartnäckigen Widerstand. Nach der Entfernung des Ordens aus Preussen wurde Balga ein herzogliches Amt. Das Ordensschloss zerfiel nach und nach und fand erst später angemessene Beachtung. Sein Inneres hat, wie die meisten Ruinen dieser Gegend, wenig Bemerkenswerthes, und sein Aeusseres versinnlicht uns die von unserm Maler entworfene Zeichnung. Hier bei Balga war es auch, wo 1240 Herzog Otto von Braunschweig dem deutschen Orden zu Hülfe kam und einen glorreichen Sieg über das versammelte Heer der Ermländer und Nathanger erfocht. Und blicken wir nun links, so sehen wir, wie hier im grellsten Contraste dem Bilde der Abgestorbenheit und düstern Vorzeit ein Bild des regsten Lebens und heitersten Gegenwart entgegenlacht. Hier liegt blitzend im Glanz der Sonne das mastenreiche Pillau, weit und breit die gastlichste und freundlichste der Seestädte. Wer es noch sah, schied mit dem Wunsche des Wiedersehens. Unter Pillau's Dächern wohnt hoher, freier, muthiger Mannessinn, stets bereit, für den Nächsten das Leben in die Schanze zu schlagen. Schlank und weiss, und hellen weithin strahlenden Auges, wie Pillau's Leuchthurm, sind Pillau's Töchter, und das rothe Fähnlein oben am Leuchthurm warnet in gleicher Weise den Schiffer und den Wanderer auf seiner Huth zu sein. Pillau! du lieblicher Ort, mit weissen Häusern unter grünen Bäumen, mit tüchtigen Männern und freundlichen Töchtern, Pillau, lebewohl, wir sehen uns wieder!« – Während unser Elbinger Freund so im Anschaun Pillau 's verloren, in eine Art von Begeisterung gerieth, musste ich das Bedauern des Malers theilen, dass das so lachend daliegende Städtchen für unser Skizzenbuch durchaus kein Bild geben wollte. Es war zu flach. Es fehlte an Kirchen und bedeutenden Gebäuden. Der Leuchtthurm, eine Windmühle, eine Art von Sternwarte und das Eingangsthor zur Festung bildeten, ausser dem dichten Mastenwalde des Hafens, die einzigen hervorragenden Punkte der langen am Haff sich hinziehenden bunten Häuserreihe. Unser Dampfboot hatte inzwischen wieder etwas rechts geschwenkt, und das Städtchen Brandenburg , hart am Ufer des Haffs belegen, und fast nur von Fischern bewohnt, war unsern Blicken näher gekommen. Das Städtchen führt seinen Namen vom Markgrafen Otto von Branndenburg, der es 1263 gründete. Wie die ganze Gegend hier zur Zeit der Einführung des Christenthums der blutigen Schlachten und verheerenden Kriegszüge gar viele erlitten, so wurden auch hier in der Nähe von Brandenburg bei Tocarben im Jahr 1273 die Preussen von den Ordensrittern unter Markgraf Dieterich von Meissen furchtbar geschlagen und ihrer tapfersten Führer beraubt, indem solche theils ruhmvoll auf der Wahlstatt blieben, theils schimpflich gefangen und gehangen wurden. Bemerkenswerth möchte noch sein, dass Brandenburg die Vaterstadt des Georg Sabinus , eines tüchtigen Staatsmannes und Gelehrten des 16. Jahrhunderts, ist. Er studirte zu Wittenberg, erwarb sich Melanchthon's Freundschaft und ward dessen Schwiegersohn. Markgraf Albrecht ernannte ihn zum ersten Rector der 1544 zu Königsberg neu begründeten Universität. Königsberg Als wir kaum noch ein Viertelstündchen über die nun spiegelglatten von der Abendsonne schön vergoldeten Fluthen des Haffs hingeglitten waren, gewahrten wir schon die Tonnen, die das Fahrwasser zur sichern Einfahrt in den Pregel hier bezeichnen, und alsbald glänzte uns auch am Horizont das stattliche Königsberg mit seinem ehrwürdigen Schlosse und seinen zahlreichen, wenn auch nicht eben bedeutenden Thürmen entgegen. Wir fuhren links an Holstein, einem der beliebtesten und belebtesten Vergnügungsorte, vorbei. Die zahlreichen anwesenden Gäste hatten sich hier hart am Ufer aufgestellt, und als unser Dampfschiff, die Schwalbe, eleganten Fluges vorbeischoss, ward es mit Hurrahruf und Hüteschwenken begrüsst und wir verfehlten nicht, dies jubelnd zu erwiedern. Von Holstein nach Königsberg führt zur Linken des Pregels eine schöne fast immer von Spaziergängern, Reitern und Equipagen belebte Chaussee, und zur Rechten ziehen sich grosse üppige Wiesen bis unter die Wälle des Forts Friedrichsburg . Ein Theil dieser fruchtbaren Niederungen wird der nasse Garten genannt. Ist das Leben auf dem Pregel vor Königsberg auch nicht entfernt mit dem auf der Themse und Elbe vor London und Hamburg zu vergleichen, so gewährt es doch ein höchst interessantes Bild und entfaltet die ganze Eigenthümlichkeit des bunten, lauten, rührigen und jodelnden Treibens einer Seestadt. Besonders originell und auffallend erscheinen dem Fremden die schwimmenden polnischen Colonien, die, von Juden bemannt, mit ihren oft 200 Fuss langen Fahrzeugen oder Flössen, Wittianen genannt, hier zahlreich aneinander gedrängt liegen und durch ihren Handel mit Getreide, Holz, Flachs etc. nicht wenig zum lebendigen Verkehr beitragen. Königsberg selbst gewährt aus der Ferne, von der Wasserseite, wie überhaupt von allen Seiten gesehen, nur eine gewöhnliche thurmreiche Stadtansicht. Die Umgebungen sind flach aber fruchtbar, farbenreich, und wenn man sie von Höhenpunkten überblickt, dem Auge wohlthuend, weil sie vielfach durch Wasser belebt sind. Ausser dem Schlosse, das uns hier seine westliche Fronte mit dem Moskowitersaale zukehrt, erheben sich noch sieben Thürme aus der grossen Häusermasse, die aber weder durch besonders edle noch durch grossartige Formen das Auge zu fesseln vermögen. Dagegen fühlt sich bei der Anschauung Königsberg's der Geist mächtig angeregt! Was hat diese Stadt zu allen Zeiten geleistet und gelitten! Welche grosse Beispiele zur Nachahmung hat sie der Welt gegeben, und welche grosse und tüchtige Männer hat sie geboren und herangebildet! Männer wie Kant, Herder, Hamann, Dinter, J. Werner u. A. haben hier gelebt und gelehrt, und Männer wie Bessel, Burdach, Herbart, Jacobi, Rosenkranz, Vogt u. A. leben und lehren noch jetzt hier zum Heile der im Lichte fortschreitenden Menschheit. In diesen engen, unköniglichen Strassen Königsberg's war es, wo Friedrich Wilhelm III. zur Zeit des unglücklichen Krieges, im schlichten Ueberrocke vom Schicksal schwergebeugt einherging, und durch leutseliges Wesen sich Aller Herzen gewann. Hier war es, wo Fichte reden durfte, freier wie in Berlin, frei, wie in Preussen Keiner vor ihm und nach ihm geredet hat. Hier war es, wo Männer und Patrioten, wie Stein, W. v. Humboldt, Niebuhr, Schön, Nicolovius, Stägmann u. A., im Stillen das Werk der Vaterlandsbefreiung vorbereiteten, und hier war es endlich auch, wo zu allen Zeiten die Rechte des Volks überwacht und muthig vertreten wurden. Schon bei der Huldigung Friedrich Wilhelm's I. am 10. September 1714 äusserten die Stände zu Königsberg: »dass man ja dem allmächtigen Gotte seine Verheissungen vorhalten dürfe, ohne seine Allmacht zu beeinträchtigen, ebenso sollte es auch des Königs Majestät nicht ungnädig deuten, wenn sie ihn an die von seinen Vorfahren bewilligten Privilegien und Verheissungen erinnerten. Fasset alles zusammen! Königsberg ist an Geist und Gesinnung ein unschätzbares Juwel im nordischen Städtekranz. Königsberg ist die Stadt, die ihre Schwestern fragen darf: wer unter Euch hat in der Zeit der Schmach und Gefahr Schmerzen wie ich erlitten und Opfer wie ich gebracht? Königsberg ist die patriotischste der Städte und die ehrwürdigste der Mütter im Norden, denn sie hat den Tugendbund und durch diesen die Unabhängigkeit des Vaterlandes geboren. Weniger tröstlich aber ist ein Blick auf den jetzigen materiellen Zustand Königsberg's. Durch seine isolirte vom Mittelpunkte Preussen's und Deutschland's fast abgesperrt zu nennende Lage ohnehin schon sehr im Nachtheil, ist nun auch sein einst so blühender Handel mit Polen, Curland und den übrigen russischen Provinzen durch die Grenzsperre Russland's völlig vernichtet. Wenn sonst die Universität eine der blühendsten war und von den reichen Söhnen Curland's und Polen's besucht ward, die Leben und Geld hierher brachten, so studiren hier jetzt fast durchgängig nur die Söhne der nach und nach mittellos gewordenen Provinz, oft nicht 400 an der Zahl. Auch das literarische Leben Königsberg's ist, abgesehen von den tüchtigen wissenschaftlichen Bestrebungen seiner Gelehrten, höchst unbedeutend. Die grosse an Wissen und Talenten so reiche Stadt hat ausser ihrer kleinen, löschpapiernen, wohlbeprivilegirten Zeitung kein Journal, kein Organ, das dem übrigen Deutschland über das isolirte Leben und Treiben Königsberg's Nachricht geben könnte. Versuche, die mit dem »Luftballon«, »den Ostseeblättern« etc. gemacht wurden, scheiterten nicht an dem bekannten regen Sinn der Königsberger für Oeffentlichkeit, sondern an der materiellen Mittellosigkeit der Stadt und Provinz. Königsberg hat wenig von der Pracht und geräumigen Regelmässigkeit neuerer grossen Städte. Nur wenige Plätze, wie z. B. der Königsgarten beim Theater und etwa die sogenannte Vorstadt, eine grosse stattliche Strasse, möchten damit zu vergleichen sein. Enge Strassen und hohe Giebelhäuser sind auch hier wie in allen älteren Ostseestädten vorherrschend, aber die Stadt ist, wenige Strassen, wie die charakteristische Kneiphöfische Landgasse oder den ächthanseatischen Löbenicht , ausgenommen, weit entfernt, das originelle Gepräge Danzig 's oder Lübeck's zu erreichen. Unser Landungsplatz am Pregelquai führte uns gleich so ziemlich in den lebendigsten Theil der Stadt, in die Nähe der Börse, wo Königsberg dem Fremden, zumal dem Binnenländer, unstreitig am meisten imponirt. Eine Dampfschifffahrt hat, vor allen übrigen Arten zu reisen, den Vorzug, dass man, weder ermüdet noch bestäubt, weder hungrig noch durstig, sogleich aufgelegt ist zum Schlendern und zum Beschauen. Wir suchten jetzt nur einen Ort, unsere Ränzel abzulegen, um dann sogleich unsere Promenade zu beginnen. Jedoch ein solcher Ort war nicht so rasch zu finden. Alles war besetzt, man forderte unverschämter Weise für ein Nachtlager einen Louisd'or, denn übermorgen sollte des Königs Einzug sein, und ohne den glücklichen Zufall, der einen Freund in meine Arme führte, hätten wir wohl sämmtlich unter Gottes freiem Himmel campiren können. »Mein Gott!« rief unser Elbinger Freund aus, »ich kenne Königsberg nicht wieder! Die Menschheit hier hat sich mindestens verzehnfacht, und zum Ueberfluss ziehen auch noch die Wälder in die Stadt, die engen Strassen noch enger zu machen. Kinder, ich fürchte, hier wird's viel Gedränge, wenig zu essen und am Ende eine ungeheure Zeche geben.« Wir begannen nun unsere Promenade und gingen über die grüne Brücke in den sogenannten Kneiphof, ein Stadttheil, der zwischen zwei Pregelarmen eine Insel bildet und ausser manchen alterthümlichen Häusern den Dom, die Universität, den Junkerhof und das Kneiphöfische Rathhaus umschliesst. In beiden letztern Gebäuden befinden sich sehenswerthe Säle im Roccoccostyl. Wir hielten uns aber für jetzt hier nicht weiter auf, sondern suchten über das schlechte Pflaster eiligst hinweg das Schloss zu erreichen, um von dessen fast 300 Fuss hohem Thurme zunächst eine Uebersicht über Stadt und Umgegend zu gewinnen. »Königsberg,« nahm unser Elbinger Freund wieder das Wort, »ist wie Rom auf sieben Hügeln erbaut und auf dem höchsten derselben liegt, wie billig, das Schloss. Die Stadt ward, wie Sie wissen, im Jahr 1255 durch Ottokar König von Böhmen im Walde Twangste gegründet und im Jahr 1257 ward auch von ihm der Grund zu diesem confusen colossalen Gebäude gelegt, welches nach jeder Seite hin dem Beschauer ein anderes Gesicht zeigt und die Bauart von fünf Jahrhunderten repräsentirt. Die Nordseite, besonders jene Hälfte, worin sich die Zimmer des geheimen Archivs befinden, ist die merkwürdigste, indem sie fast noch unverändert so erhalten ist, wie sie vom deutschen Orden erbaut wurde. Eine genaue Erzählung, wer dann später dies Stück und jenes Ende angebaut habe, erlassen Sie mir gütigst, oder wenn es Sie interessirt, so schlagen Sie gefälligst Dr. Faber's höchst gründliche Geschichte und Beschreibung von Königsberg nach. Ich meines Theils fühle mich nur gedrungen, Sie noch auf den westlichen Flügel aufmerksam zu machen, der, was die originelle Verwendung seiner grossen Räumlichkeiten betrifft, wohl schwerlich seines Gleichen haben möchte. Die unterirdischen Gewölbe nämlich dienen zu einem Weinkeller , auf diesem ruht die Schlosskirche, und hoch über den Gewölben derselben befindet sich ein Tanz- und Ball-Local, der Moskowitersaal . Dort, im südlichen Flügel, befindet sich die Wohnung des Ober-Präsidenten v. Schön, eines Mannes, der die höchste Verehrung des ganzen Landes besitzt und im höchsten Masse verdient. Die anderen Theile enthalten ausser den Geschäfts-Localen der Regierung und des Consistoriums die königlichen Gemächer, die aber, aufrichtig gesagt, kaum die Mühe des Beschauens lohnen, und daher füglich unberücksichtigt bleiben. Ich möchte bei Beschauung des Schlosses am liebsten wieder meiner alten Neigung zur Gründlichkeit folgen und zuerst in die Tiefen des Blutgerichts hinabsteigen. Aber, das ist gefährlich! Denn das Blutgericht ist ungeachtet seines schauerlichen Namens nichts Anderes, als eine gar trauliche Cabinetsbibliothek der edelsten Blutstropfen, die der Weinstock jemals vergossen, und Kenner, wie wir, laufen Gefahr, sich so darin zu vertiefen, dass sie sich nicht wieder an's Tageslicht finden. Drum schnell die Höhe gewonnen! Schnell auf den Thurm!« Eine fast sechs Fuss lange Castellanstochter führte uns auf 255 Stufen hinauf. Oben pfiff der Wind bedeutend, aber die Aussicht nach allen Himmels-Gegenden und zumal die Uebersicht der zu unsern Füssen gelagerten Stadt, die, in Laub und Blumen fast eingehüllt, ein Bild des regsten Lebens bot, war lohnend und überraschend. Die Schlosskirche hat wenig Merkwürdiges; man sieht hier die Wappen der 1701 vom König Friedrich I. creirten ersten Ritter des schwarzen Adler-Ordens aufgehängt. Der Moskowitersaal wurde der nahen Huldigung wegen neu hergestellt und sah fürchterlich zerstört aus. Es ist ein ungeheurer Raum von 150 Schritt Länge und 33 Schritt Breite. Die Höhe ist verhältnissmässig sehr niedrig und beträgt kaum 19 bis 20 Fuss. Nun stiegen wir, weil's Abend werden wollte, in's Blutgericht hinab. Welch' Leben, welch' Gewühl war hier! Man sah nur heitre selige Gesichter! Schon in der Vorhalle trafen wir Freunde, die die Sorgen des Lebens auf Champagner-Propfen an die Decke schnellten. Ein Fass war der Tisch, und Fässchen dienten als Stühle. Wir aber forschten nach tiefster Spur und stiegen in's eigentliche Verliess hinab, das, von der Treppe überschaut, einen höchst eigenthümlichen Eindruck macht. Aeltere Leute scheuen die Temperatur hier als feucht und kalt, und so sind denn die langen Tische meist nur von der frohen, das Romantische liebenden Jugend besetzt. Mächtige Fässer decken den Hintergrund und die vom Gewölbe herabhängende Tag und Nacht brennende Lampe giebt der immer belebten Scene eine wahrhaft Rembrandt'sche Beleuchtung. Wer aber malt unsere Freude und unser Erstaunen, als wir die Leidensgefährten, die wir noch gefangen glaubten, hier in traulicher Runde beisammen fanden? König Friedrich Wilhelm's IV. Amnestie hatte sie alle dem Leben wieder gegeben, und beim edlen Rheinwein feierten sie nun hier das Fest ihrer Auferstehung, mit Jubel und Gesang. Der Kreis erweiterte sich, Guitarren wurden herbeigeholt, Solo-, Quartett- und Chorgesang wechselten mit einander, hallten herrlich wieder in dem hohen Gewölbe und die Freude erreichte den Gipfel. Da schlug einer der Freunde eine Wasserfahrt beim Mondenschein auf dem herrlichen Schlossteich vor, die mit stürmischem Beifall angenommen wurde. Just als es 9 Uhr schlug und von der Gallerie des Schlossthurms nach guter alter Sitte die Melodie eines frommen Liedes geblasen wurde, ordneten wir unsern Zug im Schlosshofe. Voran zog unser Elbinger Freund, ihm folgten die Guitarristen, diesen die Sänger und den würdigen Beschluss des Zuges machten die Männer, die die Weinkörbe trugen. Unser Elbinger Freund war in seiner rosigsten Laune. Er fingirte höchst täuschend den Gang eines Trunkenen und sang dazu folgendes Liedchen, das er uns später noch so oft vorsingen musste, bis wir es Alle auswendig wussten, und Julius Sincerus es als Frachtgut für sein Danziger Dampfboot benutzen konnte. Grad' aus dem Wirthshaus nun komm' ich heraus, Strasse, wie wunderlich siehst Du mir aus!? Rechter Hand, linker Hand, beides vertauscht, Strasse, ich merk' es wohl, Du bist berauscht! Und welch' ein schief Gesicht, Mond, machst denn Du?! Ein Auge hast Du auf, ein's hast Du zu: Du wirst betrunken sein, das seh' ich hell, Schäme Dich, schäme Dich, alter Gesell! Und die Laternen erst, was muss ich sehn?! Können ja alle nicht grade mehr stehn; Wackeln und fackeln die Kreuz und die Quer, Scheinen betrunken mir allesammt schwer! Alles im Sturme rings, Grosses und Klein, Wagt' ich darunter mich nüchtern allein? Das scheint bedenklich mir, ein Wagestück, Da geh' ich lieber in's Wirthshaus zurück. Wir waren durch den östlichen Flügel des Schlosses an der Hauptwache und der Statue Friedrich's  I. vorbei in die Französische Strasse gezogen, von wo wir durch das Haus eines Freundes auf den Schlossteich gelangten. Was wäre Königsberg ohne seinen Schlossteich? Dieses stille grüne Gewässer, das auf höchst anmuthige Weise von hohen ehrwürdigen Linden und Kastanien, freundlichen Gärten, Altanen und Lauben eingeschlossen ist, weckt und nährt zum guten und besten Theil die zarten und poetischen Gefühle der Bewohner Königsberg's. Hier liegt eine kleine warme Gemüthswelt mitten in der grossen kalten Region des Verstandes. Hier erhält an schönen Sommerabenden der Nordbewohner eine leise Ahnung von dem Leben im Süden. Hier schwärmen die Verliebten; hier schwimmen Schwäne; hier scheint der Mond am schönsten; hier jagen Königsberg's Lyriker nach Bildern und Gedanken. Unsere Fahrt war eine der schönsten und begünstigsten, die wohl jemals auf dem Schlossteich gemacht wurden. Die Nacht herrlich, klar und warm, wie selten. Unser Sängerchor, namentlich unser Männerquartett, meisterhaft und fast leidenschaftlich zum Singen aufgelegt. Der Schlossteich belebte sich immer mehr; eine Gondel nach der andern stiess vom Ufer, eine kleine Flottille bildete sich förmlich und der Strahl des Mondes beleuchtete manche liebliche Frauengestalt, die mit kleinen weissen Händen unsern Sängern Beifall klatschte. Da erscholl von einer unübertrefflichen Tenorstimme folgendes Liedchen: Eh' Gott das Weib gebildet, der ganzen Schöpfung Preis, Da waren alle Rosen wie Lilien licht und weiss, Doch, als des Weibes Busen die Rosen überbot, Da schämten sich die Rosen und wurden rosenroth. Da schuf er ihre Wangen der Morgenröthe gleich, Da wurden viele Rosen vor Aerger wieder bleich, D'rum ist an weissen Rosen, wo sie auch immer stehn, Von ihrer frühern Röthe noch jetzt die Spur zu sehn. Dieses Lied machte den Beschluss der unvergesslichen Fahrt, und seelenvergnügt zogen wir nun in unsere Quartiere. Am andern Morgen in aller Frühe umkreisten wir Königsberg auf seinen herrlichen Wallpromenaden, und schlenderten unter schönen Alleen von Linden, Quitten, Pappeln und Buchen fröhlich dahin. An der Sternwarte , der Werkstätte des grossen Bessel , die auf dem höchsten Punkte des Walles liegt, überraschte uns eine herrliche Aussicht. Wir überschauten hier den belebten Pregel in allen seinen Windungen bis zum Haff. Da zum morgenden Einzuge des Königspaares nun schon alles festlich bereitet war, so zogen wir vor, unsere Promenade durch die Stadt diesmal am Brandenburger Thore zu beginnen und so den mit Blumen und Guirlanden aller Art geschmückten Weg bis zum Schlosse zu verfolgen. Dieses Königsberger Brandenburger Thor war dem berühmten Berliner durch allerlei Decorationen täuschend ähnlich gemacht und gewährte, zumal in der Ferne, einen überraschenden Anblick. Ueber den sogenannten Haberberg , eine Strasse, die aus lauter militairischen Gebäuden besteht, gelangten wir nun an der Haberberger Kirche vorbei in die breiteste und stattlichste Strasse Königsberg's, in die Vorstadt. Sie hat sehr schöne Häuser aufzuweisen und ist sehr belebt, hauptsächlich ist sie der Mittelpunkt des Verkehrs der Juden, deren recht hübsche Synagoge sich auch hier befindet. In der Nähe der Haberberger Kirche wurden wir auf eine Pumpe aufmerksam gemacht, die die abenteuerlich bunte Figur des Schusters Hans von Sagan trägt, welcher, der Sage nach, im Jahr 1370 die schon weichenden Ordensritter durch sein kühnes Ergreifen der Fahne zum Siege führte. Durch das grüne Thor, dessen hübschen Thurm wir schon immer vor Augen gehabt, traten wir nun in die Kneiphöfische Langgasse , die noch am meisten ihre originelle Eigenthümlichkeit bewahrt hat. Die hier durchgängig an allen Häusern befindlichen, mit Gittern und Bildhauerarbeiten verzierten balkonartigen Vorsprünge heissen hier Wolme , die bei schönem Wetter, zumal im Sommer, förmlich das Familienzimmer bilden und zum Kaffeetrinken, Lustwandeln, Plaudern und Bekritteln der Vorübergehenden benutzt werden. Diese Strasse, auf so italienische Weise meist von Damen, und oft von schönen, belebt, gewährt dem Fremden ein überraschendes Bild. Wir gelangen jetzt auf den mit Bäumen und Blumenbeeten geschmückten altstädtischen Kirchenplatz, dessen Hintergrund eine Reihe nicht bedeutender Giebelhäuser bildet, über welche das Schloss imponirend hervorragt, und wenden uns dann nach dem Löbenicht. Diese Strasse zeichnet sich durch ihre 6–7 Stock hohen Giebelhäuser und durch ihr düsteres fast beklemmendes Aeussere aus. Rasselnde schwere Brauerwagen und ein süsser Malzgeruch kündigen sie als den Sitz der einst ihres Bieres wegen sehr berühmten Löbenicht 'schen Brauer an. Wer Königsberg genau besehen will, wie dies unsere Absicht war, der wird finden, dass die Ausdehnung der Stadt nicht geringe und das Sehenswerthe darin nicht auf einen engen Raum zusammen gedrängt ist. Wir wollen deshalb auch den Leser nicht mehr mit Aufzählung der vielen Strassen und Gassen ermüden, sondern uns möglichst kurz auf die Sehenswürdigkeiten selbst beschränken. Wir begaben uns jetzt nach den zahlreichen grossen Speichern am Pregel und gelangten über die Insel Venedig (auch Klapperwiese genannt) in den Philosophengang , der ein Lieblingsspaziergang Kant's war, und von Hippel , als Königsberger Stadtpräsident, angelegt worden ist. Später verfehlten wir auch nicht, in der Prinzessinnenstrasse im Vorbeigehen das einstöckige gelbe Häuschen zu betreten, welches über der Hausthür die Inschrift trägt: Immanuel Kant wohnte und lehrte hier von 1785 bis 12. Februar 1804. Jetzt wohnt ein Zahnarzt in dem Hause und hart daneben ist eine Badeanstalt, die uns gute Dienste that. Sind in einer Stadt auch keine an sich bedeutende und merkwürdige Gebäude vorhanden, so ist es doch üblich und auch wohl nicht mehr als Schuldigkeit, dass der Fremde diejenigen, die nun einmal die bedeutendsten und merkwürdigsten im Orte sind, gehörig in Augenschein nehme. So besahen wir denn auch den Dom, der im Jahr 1333 im einfachen gothischen Style ohne alle Arabeskenverzierung zu bauen angefangen worden ist. Man sieht dem Gebäude an, dass es später an Sinn und Mitteln fehlte, das Werk so solide zu vollenden, als es begonnen war. Von den beiden Thürmen, die den Dom schmücken sollten, ist nur der eine im Bau begonnen und später gewaltsam zugespitzt und vollendet worden, so dass die Höhe des Thurmes durchaus in keinem Verhältniss zu der beträchtlichen Länge und Breite des Domes steht. Das Innere dagegen imponirt sehr. Die Gewölbe sind kühn und hoch, und eine schöne Pfeilerperspective, die bis zum Altar geht, bietet sich den durch das etwas niedrige Portal Eintretenden überraschend dar. Eine höchst malerische Beleuchtung erhält das Gebäude durch die bunten Glasscheiben. Unter den vielen Holzsculpturen sind manche werthvoll und näherer Betrachtung würdig. Schade nur, dass die Kirche, wie die meisten protestantischen in Deutschland, mit Familiengrabmälern und prunkenden Inschriften überladen ist. Wenn man auf dem Domplatze steht, gewahrt man rechts vom Dom eine Pappel-Allee und links eine Mauer mit zwei halbverwitterten Steinportalen, über welche hohe, prächtig gewölbte Linden hervorragen. Hier ist der Eingang zur Albertina , zur Universität. Es sind alte baufällige Gebäude, in denen sich die Hörsäle befinden, und über kurz oder lang möchten wohl Neubauten durchaus nothwendig werden. Hart an den Dom schliesst sich die Stoa Kantiana , ein gewölbter, nach vorne offener Gang, in welchem Immanuel Kant begraben liegt. Wer nun noch Zeit und Lust zu wissenschaftlichen Anschauungen und Vergleichungen hat, der versäume nicht das zoologische Museum , den botanischen Garten und die Bibliothek näher in Augenschein zu nehmen. Um das erstere hat sich besonders der jetzt in Petersburg lebende Naturforscher von Baer , um die letztere Rosenkranz verdient gemacht. Als ein Curiosum der Bibliothek ist die silberne Bibliothek bemerkenswerth, eine Menge alter theologischer Bücher, welche Herzog Albrecht in prächtig gearbeitete mit Silber beschlagene Deckel binden liess. Im Stadt-Museum befinden sich, ausser vielen Marterbildern der ältern italienischen und niederländischen Schule, mehrere treffliche Werke neuerer Meister. Zuerst muss genannt werden: die betende Römerin von Maes , dann Genrebilder von Pistorius, Köhler, Sonderland, Bürkel u. A. , Architekturgemälde von Quaglio u. A. , wie auch Landschaften und Viehstücke von Kaiser, Hess, Simmler u. A . Man ist mit Erbauung eines neuen Museums beschäftigt, und die Bemühungen des Kunst-Vereins , um den sich August Hagen besondere Verdienste erwirbt, verdienen alle Anerkennung. Kein Kunstfreund aber versäume die Kunst-Handlung von Voigt \& Fernitz in der Junkerstrasse zu besuchen, denn sie ist eine der brillantesten Kunsthallen in ganz Deutschland und umfasst ein sehr vollständiges sehenswerthes Lager. Schliesslich sei nun noch des am Königsgarten gelegenen Theaters gedacht. Es ist mit seiner langgestreckten fensterlosen Fronte ein curioses Gebäude, das man eher für einen Reitstall, der Licht von oben erhält, als für ein Theater halten könnte, welches Licht und Aufklärung nach unten verbreiten soll. Die Anordnung des Innern ist dagegen stattlich und fast prächtig zu nennen. Eine seltsame Einrichtung aber ist, dass die königliche Loge den höchsten Civil- und Militair-Beamten freien Zutritt gewährt und dass der Staat hierfür nicht etwa der Direction, sondern den Actionairen eine Entschädigung zahlt. Wir besuchten das Theater selten, sondern brachten unsere Abende, wenn wir nicht in Privat-Cirkeln waren, entweder im Café national am Paradeplatz, oder im Café Siegel in der französischen Strasse zu, allwo wir zu jeder Zeit gute wohlunterrichtete Gesellschaft, zahlreiche Journale und gute Bewirthung fanden. So weit von Königsberg. Schade, dass Plan und Raum dieses Werks nicht gestatten, von der Huldigung, von jenen Tagen des höchsten Glanzes und der freudigsten Hingebung und Hoffnung, ausführlich zu reden! Der nicht genug zu lobenden Gastlichkeit und Zuvorkommenheit der Königsberger hatten wir es zu danken, dass wir als Fremde aus weiterer Ferne besonders berücksichtigt wurden, zu allen Festlichkeiten bereitwilligst Zutritt erhielten, und dadurch Gelegenheit fanden, ausgezeichnete und merkwürdige Männer, wie Schön, Humboldt, Dunin, Hatten, Brünneck, Wegnern, Bessel, Jacobi, Auerswald u. A. häufig zu sehen und zum Theil näher kennen zu lernen. Als etwas grausenhaft Romantischen aber muss ich hier noch jener von den Zeitungen nicht besprochenen Unterbrechung des Huldigungs-Actes gedenken. Ein wahnsinniges Weib in einer weissen Haube schrie nämlich plötzlich aus einem vergitterten Fenster des Erdgeschosses im Schlosse, just als der Kanzler v. Wegnern die Stände zum Schwur aufrief und die lautloseste Stille herrschte: »Schwöret nicht, schwöret nicht, schwöret nicht den Königen der Erde, sondern nur dem Herrn der Könige und der Dreieinigkeit!« Die Störung ward rasch unterdrückt, das Fenster zugeschlagen, und das Weib, wie man sagt, eine Muckerin, entfernt. Das Samland, jenes zwischen dem Frischen und Curischen Haff gelegene ziemlich gleichseitig viereckige Küstenland, war als die Haupt-Fundgrube des Bernsteins schon bei den Phöniziern berühmt, und es wäre hier vielleicht der Ort, – aber es fehlt der Raum, – um anzuführen, was Herodot, Strabo, Plinius, Timaeus u. A. über den Bernstein und dessen Vaterland berichtet haben. Auf die im Ganzen sehr mässigen Naturschönheiten dieses Landes aber, ist eigentlich erst in unsern Tagen, seitdem Seebäder, namentlich bei Damen, fast zur Leidenschaft geworden sind, die Rede gekommen. Eine grosse Anzahl der meist nackt und kahl in Sandschluchten daliegenden Küstendörfer ist zu Badeorten umgeschaffen und dadurch das Bedürfniss erwacht, Partien zu machen und schöne, minder öde Punkte aufzusuchen. So ist denn auch das Samland, zumal für Königsberg, eine Art von Schweiz geworden, in der die Jugend ihre Wanderlust befriedigt und, meist im Sande watend, ihre Beine kräftigt. Ja, es sind Reisebeschreiber und Wegweiser entstanden, denen es nicht darauf ankommt, den Galtgarben (einen 146 Fuss über die benachbarten Ebenen hervorragenden Hügel) mit dem Rigi zu vergleichen. So wollen wir's nicht treiben. – Das wald- und seenreiche Samland , im Innern meist frisch und fruchtbar, an seinen Küsten, hauptsächlich gegen Norden, reich an Sand und schroffen Uferhöhen, verdient zwar alle Berücksichtigung, indessen, es ist nicht eigenthümlich und grossartig genug, um eine viel Zeit raubende Fusswanderung mit gutem Gewissen anrathen zu können. Der wirklich lohnenden Punkte sind am Ende nur drei oder vier, die ziemlich weit auseinander liegen. Wir gehen also hier nicht zu Fuss. Ein mächtiger Leiterwagen, mit 4 Postpferden bespannt, steht bereit; ein fideles Völkchen von zwölf Köpfen, mit Liederbüchern, Proviant und Weinflaschen wohl ausgerüstet, besteigt ihn; der Postillon bläst, und raschen Trabes geht es zum Rossgärtner Thor hinaus, denn nur so lässt sich das Samland vernünftig bereisen. Die Schenken oder Krüge sind meist fürchterlich, und Wein ist kaum dem Namen nach darin bekannt. Wir fahren über Moditten und Serappen zunächst nach dem Galtgarben, dem Mittel- und höchsten Punkte der das Samland durchziehenden Höhen. Er erhebt sich 353 ½ Fuss über den Spiegel der Ostsee und, wie schon gesagt, nur 146 Fuss über die benachbarten Ebenen. Fast ganz mit Eichen und Birken bedeckt, auf der Süd- Ostseite sehr steil, auf der Süd-Westseite sanft abgedacht, gewährt er eine weit umfassende Aussicht über das ganze Samland. Auf der Spitze des Galtgarbens, der auch der Rinauer Berg genannt wird, steht ein grosses Kreuz aus Gusseisen zur Erinnerung an den Krieg und die Helden der Jahre 1813–15, um dessen Errichtung sich im Jahr 1818 der als Dichter und politischer Schriftsteller bekannte Kriegsrath Scheffner verdient gemacht hat, der in der Nähe des Kreuzes begraben liegt. Am 18. October und 18. Juni pflegen sich hier die Studenten von Königsberg zu versammeln und das Gedächtniss dieser Schlachttage durch weithin leuchtende Freudenfeuer und himmelan jubelnde Vaterlandsgesänge festlich zu begehen. Seitwärts von diesem Denkmale erhebt sich auf einer Hügelkuppe ein grosser Grabhügel, aus welchem zwei junge Eichen emporschiessen. Dieser Hügel ist mit einer Gedächtnisstafel versehen, welche die Inschrift trägt: Den Tausenden, die für das Vaterland einst starben, Dem Staat und Fürsten Heil, sich Lob und Dank erwarben. 1818. Der hiesige Bergwächter besitzt ein sehr gutes Fernrohr, mit dessen Hülfe man, da der Wald ringsum zweckmässig gelichtet ist, bei klarem Wetter die herrlichsten Fernsichten geniessen kann. Gegen Osten sieht man weit über Königsberg und den Pregel hinaus. Wälder und Wiesen, freundliche Landsitze und Dörfer liegen hier in malerischer Gruppirung frisch und lachend vor uns. Gegen Westen sieht man über waldbewachsene Hügel und viele Ortschaften bis an's frische Half und gewahrt die Städte Fischhausen und Pillau und das Schloss Lochstädt . Wir fuhren nun, fast immer an waldbewachsenen Hügeln entlang, durch die ansehnlichen Ortschaften Kumehnen und Pobethen, und gelangten endlich bei Neukuhren an die Nordküste Samlands. Hier bei Neukuhren, einem hart an der See gelegenen netten kleinen Badeort, um dessen Verschönerung sich besonders der General-Pächter der Bernsteinfischerei, Herr Douglas, verdient gemacht hat, beginnen die Ufer bedeutend, mannigfaltig und zum Theil schroff und malerisch zu werden. Nachdem wir uns durch ein Seebad erfrischt, unternahmen wir verschiedene Streifereien an der Küste entlang und machten auch einen Spaziergang nach dem tief im Waldthale gelegenen sogenannten Borstensteine, einem, wie man sagt, durch den Blitz gesprengten ungeheuren Felsblocke. Mit dem Nachtlager in Neukuhren hatten wir alle Ursache zufrieden zu sein. Am andern Morgen fuhren wir über Wangenkrug, Lapehnen und Sassau, alles Badeorte oder doch Wohnungen für Badegäste, nach Rauschen . Dieses ziemlich ansehnliche, meist von Fischern bewohnte, Dorf liegt am sogenannten grossen Mühlenteich, welcher ringsum von nunmehr meist ganz kahlen Hügeln eingeschlossen ist. Den Weg zur sonst vortrefflichen Badestelle müssen die Badegäste über den beschwerlich zu ersteigenden sandigen Seeberg nehmen, weshalb hier in neuerer Zeit förmliche Bretterstiege und Treppen angebracht sind. Früher sollen herrliche Laubwaldungen von den Höhen herab den Teich und Ort beschattet haben, und es ist sehr zu bedauern, dass hier das Schöne so gänzlich von dem Nützlichen verdrängt wurde. Von hier aus liessen wir den Wagen vorausfahren und betraten alsbald singend und jauchzend den herrlichen, fast majestätisch zu nennenden Warnicker Forst, hier gewöhnlich die Jürge genannt. Die Stubbenitz und die schönsten Laubwaldungen des Harzes sind kaum damit zu vergleichen. Hier ward uns der Begriff eines Urwaldes klar. Hirsche und Rehe sprangen uns über den Weg, die wir im ersten Augenblick für Elennthiere zu halten versucht waren, denn auch Bären und Wölfe würden uns in diesem Walde durchaus einheimisch vorgekommen sein. Ein kleiner Bach, den wir verfolgten, führte uns mehr und mehr dem Seeufer zu an den Rand der sehenswerthen Gausupschlucht, durch welche sich dieser kleine Bach in's Meer ergiesst. Gebahnte Fusswege führen neben dieser Schlucht an dem hier reich mit Gesträuchen und herrlichen Bäumen bewachsenen, etwa 150 Fuss hohen Seeberg an's Ufer hinab, wo die See sich uns in imposanter Wellenbrechung an den hier zahlreich gelagerten Felsblöcken präsentirte. Wir nahmen hier abermals ein Seebad, ergötzten uns an dem selten in der Ostsee so kräftig vorkommenden Wellenschlage, und setzten dann unsere Fusswanderung, nach einem im Grase eingenommenen Frühstück, durch den herrlichen Forst fröhlich fort. An zahlreichen Hünengräbern, die hier Kapurnen genannt werden, vorüber, gelangten wir nach der Oberförsterei Warnicken und hatten somit den Glanzpunkt des Samlandes erreicht. Zwei herrliche, mit reichen Laubwaldungen schön bewachsene Schluchten, die sich zum Meer erstrecken und die schönste Partie des Forstes, den sogenannten Park, umschliessen, bilden diesen überraschenden Glanzpunkt. Die grösste und schönste dieser Schluchten ist die Wolfsschlucht, die kleinere, mehr kahle und sandige die Fuchsschlucht genannt. Gebahnte Wege und Treppen führen überall die steilen Wände der Schluchten hinan. In der Wolfsschlucht hüpft sogar bei nasser Jahreszeit in kleinen Wasserfällen ein Bach dem Wanderer zur Seite und begleitet ihn plaudernd zum Meer. Den höchsten Punkt des Ufers bildet rechts die Jägerspitze mit dem Belvedere, einem neben zwei Buchen ziemlich frei und luftig dastehenden Lusthäuschen. Eine bequeme Treppe führt aus der Wolfsschlucht zu dieser Höhe hinauf. Der Wanderer befindet sich hier 180 Fuss über der Meeresfläche und geniesst der herrlichsten Fernsicht über das unendlich scheinende Meer. Indessen so ergreifend und so grossartig wie von Stubbenkammer herab, ist der Anblick lange nicht. Warnickens Eigentümlichkeit und unübertroffene Schönheit besteht in seinem herrlichen, üppigen, wilden Forste, in seinen tausendjährigen Eichen und in seiner reichen Botanik. Deswegen versäume der Wanderer ja nicht, das Floraplätzchen, den Präsidentensitz, den Schiessplatz, die schöne Eiche, die grosse Linde und die Fuchsspitze zu besuchen. Die Ufer Warnickens sind, weil sie meist nur aus Sand und Lehm bestehen, sehr der Veränderung unterworfen. Jährlich kommen bedeutende Einstürze vor, weshalb denn auch der Strand sehr steinig und zum Badeplatz nicht geeignet ist. Wenn der Kreuzdorn, der hier viel am Ufer wächst, eine schnell wuchernde Pflanze wäre, so könnte dieser vielleicht mit der Zeit eine Schutzwehr gegen die vernichtenden Unterwühlungen des Meeres bilden. Versteinerungen und Bernstein werden hier selten gefunden, weil sie in den ziemlich weit in's Meer sich erstreckenden Steinlagern theils aufgehalten, theils zertrümmert werden und somit nicht an den Strand gelangen können. Zum Theil durch mühsam geschaffene Getreidefelder, meist aber durch traurige Sanddünen führte uns nun unser Weg nach dem grössten der hiesigen Stranddörfer, nach Gross-Kuhren, welches höchst eigentümlich an den Wänden einer grossen durch die Gewalt der Elemente hier gebildeten Sandschlucht gelegen ist. Das Dorf, meist nur von Fischern bewohnt, ist ärmlich und schmutzig, und gewährt mit seiner trostlosen Umgebung nur einen traurigen Anblick. Wir erstiegen die gegen Norden gelegene kegelförmige Sandkuppe, den Zipfelberg , und übersahen von hier landeinwärts die Schluchten der Dörfer Finken und Klein-Kuhren , seewärts die steilen Strand-Ufer von Wachbudenberg und Brüsterort . Die Natur ist hier öde und todt, und das Auge kann, so weit es schweift, nichts Erfreuliches erreichen. Selten zeigt sich ein Segel. Kein Schiff hat an dieser städtelosen Küste etwas zu suchen, aber manches fand hier schon seinen Untergang. Ist der Wind nördlich, dann sieht man die Leute der Bernsteinpächter mit Harken und Säcken am Strande auf- und abziehen, denn gerade hier ist die bedeutendste Bernsteinbeute an der ganzen Nordküste des Samlandes. Ist aber Wind und Wetter dem Fischfange günstig, dann gewinnt der Strand hier reges Leben; dann kommt Alt und Jung aus den Hütten, arbeitet an den Netzen und Böten, und mit Sang und Jubel geht es in die See. Zu bewundern bleibt es, wie bei so ärmlicher Nahrung hier noch ein so kräftiger Menschenschlag gedeiht. Getrocknete Fische müssen oft Monate lang die Stelle des viel zu theueren Brodes ersetzen, und Fleisch ist den Armen kaum dem Namen nach bekannt. Ja selbst ihr Trinkwasser müssen sie, da Brunnen hier fehlen, kümmerlich in Cisternen sammeln und sparsam verwenden. Ein Fusspfad führte uns nach Klein-Kuhren , welches ganz so wie Gross-Kuhren an den Ufern einer sandigen Schlucht erbaut ist, die einem oft mächtig und gefährlich anschwellenden Mühlenfliesse den Ausfluss in die See eröffnet. In der Nähe dieses ziemlich reinlich und wohlhabend aussehenden Dörfchens sind ergiebige Bernsteingräbereien, die aber leider die Zerstörung der Ufer nach sich ziehen und bereits die Lage des Dorfes gefährdet haben. Hart am Dorfe erhebt sich der aus reinem Flugsande bestehende 195 Fuss hohe Wachbudenberg . Er bildet die höchste Spitze des samländischen Ostseeufers und gewährt eine weite Fernsicht an beiden Ufern entlang in's Meer und in's Land hinein. Der Hausenberg und Galtgarben bilden erfreuliche Höhenpunkte in dem sonst eintönigen Panorama der Landpartien, denn der Anblick des Meeres ist überall und ewig neu und erfrischend für das Auge. Durch die Finken 'sche Trift gelangten wir nun auf sehr sandigem Wege nach Brüsterort , jener von Steinlagern umgebenen für die Schiffer so höchst gefährlichen Landspitze. Es war gegen Abend stürmisch geworden, und das Meer tobte fürchterlich. Die Möven überschlugen sich kreischend in der Luft, tauchten keck und höhnisch in die hochaufbrausenden Meereswogen und liessen sich, die Beute im Schnabel, mit ruhig gespreizten Flügeln vom sausenden Sturme an's Land tragen. Die Bakenwächter zogen an den Gerüsten die grossen Laternen mit messingenen Hohlscheiben empor und sendeten so das rettende Licht dem irrenden Schiffer in die Nacht hinaus. Je mehr Licht, je mehr Heil! Die Preussische Regierung soll Willens sein, an die Stelle der unzureichenden Laternenbaken hier nächstens einen stattlichen Leuchtthurm erbauen zu lassen. Je mehr Licht, je mehr Heil! Müde und ziemlich durchgeweht suchten und fanden wir in der Mühle zu Finken ein leidliches Unterkommen für die Nacht. Die Reste des Flaschenkellers wurden zu einer Bowle verwendet, die wir fröhlich leerten und darnach herrlich schlummerten. Der Weg, den wir am anderen Morgen an der Westküste des Samlandes zu verfolgen hatten, bot noch weit weniger Abwechselung als der gestrige an der Nordküste, und hatte noch das Unangenehme, dass er sein Bestes uns zuerst gab und später immer langweiliger wurde. Wir passirten Gross-Dirschkeim , ähnlich wie Gross-Kuhren in einer Schlucht gelegen, und gelangten bei Gross-Hubnicken an die ergiebigste Bernsteinküste der ganzen Ostsee. Hier, wie auch zu Palmnicken , finden sich noch Spuren förmlicher Bernsteinminen, welche hier in den Jahren 1782–86 mit einem Erfolge, der die Kosten deckte, angelegt wurden. Ein später bei Kraxtepellen gemachter Versuch misslang durch Erdstürze, und wird seitdem der Bernstein, hier schlechtweg Stein genannt, nur in Gruben und am Strande gesucht. Als wir am Hausenberge vorbeifuhren, regte sich in Einigen von uns die Lust ihn zu besteigen und den Warnicker Forst in seiner ganzen Ausdehnung zu überschauen; indessen unseres gestrigen Sandwatens und des geschmolzenen Proviantes eingedenk, fiel die Abstimmung dahin aus, dass Pillau so rasch als möglich erreicht werden müsse. Die Pferde thaten in dem tiefen Sande ihr Möglichstes. Bei Teukitten zogen die Ruinen von St. Adalbert , der ersten christlichen Kirche in Preussen, unsere Aufmerksamkeit auf sich. Hier soll, der Sage nach, einst der böhmische Märtyrer Bischof Adalbert seinen Tod von heidnischer Hand gefunden haben. Der Ordensmarsehall Ludwig von Lause baute zum Gedächtniss dieses Märtyrertodes im Jahr 1422 eine Kapelle, auf deren Ruinen jetzt ein von der Gräfin Wielopolska gestiftetes eisernes Kreuz mit der Inschrift steht: Bischof St. Adalbert starb hier den Märtyrertod 997 für das Licht des Christenthums. Wielopolska 1831. Dem frischen Half nun wieder nahe gekommen, präsentirt sich uns die alte Ordensburg Lochstätt , welche im Jahr 1264 erbaut wurde. Sie liegt etwa 80 Fuss über dem Spiegel des frischen Halls und gewährt, von einigen Bäumen umgehen, in dieser kahlen Gegend einen ganz freundlichen Anblick. Ueber Fischerhütten hinweg zeigt sich das hier zwischen Pillau und Königsberg ausserordentlich von Schiffen und Booten belebte Haff, welches rechts von den Sandhügeln der frischen Nehrung begrenzt ist. So wie jetzt bei Pillau , so war in frühester Zeit die Durchfahrt aus dem Haff in's Meer hier bei Lochstätt, zu deren Schutz diese Ordensburg erbauet ward, und die Spuren dieses sogenannten Tiefs, welches 1311 zu versanden anfing, sind noch jetzt deutlich zu sehen. Als dieses Lochstätter Tief 1395 völlig versandet war, bildete sich eine neue Durchfahrt, Balga gegenüber, und als diese 1510 ebenfalls versandete, entstand die jetzige bei Pillau. Lochstätt ist ausser Marienburg fast die einzige der alten Ordensburgen hier im Laude, die bis auf den heutigen Tag sich einiger Pflege und Fürsorge zu erfreuen hatte. Im Aeussern unbedeutend, ist es im Innern zu Privatwohnungen eingerichtet, insofern immer noch sehenswerth, als es dem Fremden einen Begriff von der soliden Bauart und praktischen Einrichtung, namentlich was Küche und Keller betrifft, der allen Ordensburgen giebt. Auch die Kapelle zu beschauen, darf der Fremde nicht versäumen. Als Beweis, wie die alten Ordensritter gereimt haben, führt sie die Inschrift: Maria, gute, Hab' uns in Deiner Hute! Ein schöner Forst, der Heegewald , nahm uns nun auf. Dieser Forst ist der Haupt-Vergnügungsort der Pillauer und wird auch das Paradies genannt. Im Waldkruge, der auch wohl Pilzenkrug heisst, liessen wir den Pferden noch Brod und Wasser geben, denn von hier bis Pillau geht es ununterbrochen durch den tiefsten Sand. Vor Alt-Pillau, einem fast ganz vom Flugsande begrabenen Dorfe, macht sich eine für die Schiffer des frischen Haffs erbaute Landmarke durch ihre gothische Bauart mit drei Thurmspitzen weit und breit bemerkbar in dieser Sandwüste. Der Anblick des freundlichen Pillau aber, das nun plötzlich mit seinen grünen Anpflanzungen, seinen Masten und flatternden Wimpeln vor uns lag, machte uns all' den Sand und all' die schlechten Wirthshäuser vergessen, die wir hatten passiren müssen. Wie freundlich und sauber sich Pillau präsentirt, ist schon oben erwähnt worden, wo wir's vom Haff aus erblickten. Gewöhnlich wird aber mit Pillau der Begriff einer selbstständigen See- und Handelsstadt verbunden, wie z.B. Memel und Elbing solche sind, und diese Ansicht müssen wir berichtigen. Pillau ist kein Stapelplatz für Ein- und Ausfuhrartikel, ist nicht der Sitz von Speculanten, die Millionen in Korn anlegen und für eigene Rechnung und Gefahr Schiffe bauen und in See gehen lassen. Pillau ist der Hafen von Königsberg, genauer noch gesagt, das Abrechnungs- oder Clarirungs-Comptoir aller der Schiffe, die in's Haff gehen oder aus dem Haff kommen. Aus diesem Grunde sind hier fast von allen Nationen Consulate, und aus diesem Grunde ist Pillau nicht eine finstere Stadt mit hohen Giebelhäusern, die 6 und 7 Kornböden über einander repräsentiren, sondern es ist ein offenes freundliches Städtchen, mit breiten Strassen, worin unter meist niedrigen Dächern Handelsleute, Schiffer, Mäkler, Steuerbeamte, Lootsen u. s. w. friedlich bei einander wohnen. Unser Einzug, zwölf junge Männer auf einem Leiterwagen, erregte einiges Aufsehen in dem stillen Pillau. Als wir im Wirthshause uns gesäubert und erfrischt hatten, durchschlenderten wir Stadt und Festung, die beide so freundlich und einladend sind. dass es sich nicht beschreiben, wohl aber ahnen lässt, wenn man bedenkt, dass wir hier zwei Freunde fanden, die, trotz dem, dass sie hier viele Jahre hatten unfreiwillig zubringen müssen, und trotz dem, dass sie nun ebenfalls amnestirt waren, sich hier so von der Liebenswürdigkeit Pillau's gefangen und gefesselt fühlten, dass sie es noch nicht zu verlassen vermocht hatten. Pillau's Geschichte ist kurz und einfach. An der Stelle des jetzt so blühenden, von 3000 glücklichen Menschen bewohnten Städtchens stand vor etwa 200 Jahren nur ein kleines Bretterhaus, worin die Lootsen bei Winterzeit die Seetonnen verwahrten, die Lootsen selbst aber wohnten in Alt-Pillau, wo sich auch die Pfundbude zur Erhebung des Seezolles befand. Als Gustav Adolph 1626 an dieser Stelle landete, liess er hier ein Blockhaus mit Schanzen und Gräben und mit Baracken für die Besatzung aufführen und legte so den Grund zur Festung und zur Stadt, indem die Fischer nun veranlasst wurden, ihre Hütten zum bessern Absatz ihrer Fische in der Nähe der Soldatenbaracken aufzuschlagen. Unter dem grossen Churfürsten ward dann der Plan zu einer Festung ernstlich aufgefasst, und die Quadern eines Theils des alten Ordensschlosses Balga wurden zur Grundlegung verwendet. Pillau erhielt 1701 die Jahrmarkts- und 1725 die Stadtgerechtigkeit. Friedrich der Grosse wollte die Festung eingehen lassen und in wenigen Jahren war sie so vollständig versandet, dass man über die Thore und Wälle bequem weggehen konnte. Friedrich Wilhelm II. liess sie 1700 wieder aus dem Sande herausgraben und vollständig herstellen. Geschichtlich bemerkenswerth ist noch, dass Pillau von dem grossen Churfürsten in den 1670ger Jahren zum Concentrationspunkte seiner grossen Seehandels- und Colonisationspläne gemacht wurde. Unter der Leitung des holländischen Kaufmanns Raule wurde hier eine Flotille von 3 Fregatten zu 20 Kanonen und 10 kleineren Kriegsschiffen zusammengebracht, grosse Kauffahrer wurden in Pillau erbaut und nun sollten Colonien erobert, directe Verbindungen mit Ost- und Westindien angeknüpft und bedeutender Wallfisch- und Häringsfang betrieben werden. Schade, dass uns der Raum nicht gestattet, über das interessante Schicksal der Raule 'schen Pläne uns ausführlicher auszulassen. Die mit grossen Kosten auf der Küste von Guinea erworbenen und zur Last gewordenen Besitzungen Preussens wurden endlich an die holländische Compagnie für 7200 Ducaten und 12 Neger verkauft. Zu diesem Entschlusse ward Friedrich Wilhelm I. durch die Erfahrung gebracht, dass seinem Vorfahren die Brandenburgischen Ducaten, welche aus dem von Preussischen Schiffen eingebrachten Goldsande der Küste Guinea's geprägt worden, mindestens das Stück zwei Ducaten gekostet hatten. Nachdem wir nun die hübschen Plantagen und Vergnügungsorte durchschlendert hatten und an den schönen Hafen gekommen waren, den die Russen erbauten, als sie Pillau im siebenjährigen Kriege inne hatten, bestiegen wir den schlanken Leuchtthurm, um von seiner Zinne das prachtvolle Schauspiel eines Sonnenuntergangs zu geniessen. Der Abend war herrlich und das Meer glatt wie ein Spiegel. Das Tagewerk im Hafen war vollbracht, und das lachende Städtchen lag still und lautlos zu unsern Füssen. Da stimmten plötzlich unsere Sänger einen ihrer schönsten Gesänge an, das Lied: Stimmt an mit hellem hohem Klang,       Stimmt an das Lied der Lieder, Des Vaterlandes Hochgesang,       Das Waldthal hall' es wieder. (vom alten Claudius); und als die kräftigen Töne dieses choralartigen Gesanges über die Stadt dahin in's Meer wogten, o zu welch malerischem Bilde gestaltete sich da die Stadt und wie innerlich romantisch ward es uns auf unserm Thurme. Hunderte von Fenstern öffneten sich da unten im Glanz der Abendsonne und aus gar manchem blickte ein freundlicher Mädchenkopf mit grossen klaren Augen zum Leuchtthurm hinauf. Und als sie unter uns die hohen kräftigen Gestalten ihrer beiden langjährigen Gefangenen erblickten, die sich, der eine als Lehrer, der andere als Arzt in der Zeit der Cholera so allgemein beliebt in Pillau gemacht hatten, da erwachte, wie es schien, für uns Alle ein günstiges Vorurtheil, und eine freudige Bewegung gab sich hier und dort durch Nicken und Tücherschwenken kund. Ich forderte unsern Maler scherzhaft auf, Pillau in dieser malerischen Anschauung zu skizziren. Dem armen Jungen waren aber gleich Manchem unter uns die Thränen in die Augen getreten, und mit wehmüthigem Kopfschütteln gestand er die Unzulänglichkeit der Kunst. Manches Lied noch tönte glockenklar in die lauschende Stadt hinab und erst als die Sonne hüpfend in's Meer zu sinken und der Heerdrauch der Kamine zu schwinden begann, verliessen wir innig bewegt den Leuchtthurm. Das Städtchen war lebendig geworden. Unsere Sänger hatten so gefallen, dass der Bitten von schönen Lippen gar manche kamen und nicht zurück gewiesen werden konnten. So wurden denn in der herrlichen Nacht noch verschiedene Ständchen gebracht, die gewiss in Jedem unter uns schöne Erinnerungen zurück gelassen haben. Am andern Morgen erfolgten die freundlichsten Einladungen, und wir lernten die Gastlichkeit und die Weinkeller der Pillauer von der liebenswürdigsten Seite kennen. Die frische Nehrung Nach frohen Stunden, die wir in Pillau in Gesellschaft edler Männer und Frauen verlebt, erfolgte die Trennung. Die meisten der Freunde kehrten nach Königsberg zurück, unser Elbinger Freund ging zu Schiff nach Elbing und der Maler und ich fassten den kühnen Entschluss, den nächsten Weg über die frische Nehrung nach dem stattlichen Danzig einzuschlagen. Oeder und trostloser als diese frische Nehrung giebt es wohl keinen Landstrich auf Gottes weiter Erde. Diese Düne, auf welcher oft meilenweit keine Ziege ihr Leben fristen könnte, macht auf den denkenden Menschen einen erschütternden Eindruck. Kein Baum, kein Strauch, kein Schatten, kein Wirthshaus ringsum zu schauen. Nichts hörbar, als das ewige Klagestöhnen der Wogen; nichts sichtbar, als See und Sand; und der Sand so bodenlos, dass der Wanderer, um nicht stecken zu bleiben, sich an den Saum des Meeres flüchten muss, und hier nun weder eines Menschen Spur vor sich findet, noch hinter sich zurück lässt, denn das Meer, das ewig bewegliche und gierige, leckt ihm die liebe Menschenspur unter der Fusssohle weg. Fällt nun noch gar der Schatten des Wanderers in's Meer, so sieht er auch diesen nicht und es kann sich wohl ereignen, dass ihn Gefühle à la Peter Schlemihl beschleichen. Zum Glück für uns hatte der Berusteinpächter allhier, ein colossaler alter Mann, der sich Herr Lieutenant nennen liess, ein Fuhrwerk, dessen wir uns für den Preis von sieben Thalern bis Bodenwinkel bedienen durften, allwo wieder Gras- und Menschenwuchs zu gedeihen beginnt. Während angespannt wurde, besahen wir uns die bedeutenden Bernsteinvorräthe des Herrn Lieutenants, die hier nach Verschiedenheit des Werthes theils in Schubladen, theils in grossen Kornsäcken aufbewahrt wurden. Scherzweise fragte ich den Herrn Lieutenant, ob ich die grösseren Bernsteinstücke, die ich heute am Strande finden würde, zum Andenken behalten dürfe? Der alte Mann warf einen schlauen Blick durch's Fenster, und als ersah, dass der Wind landabwärts stand, gab er lächelnd seine Einwilligung. Auf einem mit drei Pferden bespannten Leiterwagen ging's nun fort, und unser Rosselenker fuhr den Wagen gleich so keck und schief in die See hinein, dass zu unserer Rechten Ross und Rad kaum zur Hälfte zu sehen war, während zu unserer Linken beide kaum vom Wasser berührt wurden. Anfangs sahen wir uns curios einander an. Indessen anders lässt sich hier mit Fuhrwerk gar nicht durchkommen. Das ewige Stampfen der Rosse im Wasser, das dadurch verursachte Spritzen, das Mahlen der Räder und das monotone Geräusch der dicht hinter uns sich zischend ausstreckenden Meereswellen, dies Alles führt eine Art von Betäubung und Schlafsucht herbei, die gewöhnlich nur durch ein lebhaftes Gespräch bemeistert werden kann. Wir sollten jedoch noch anderweitige Unterhaltung finden. Der Wind war nämlich unbemerkt nordöstlich geworden und vermöge meines scharfen Auges gewahrte ich auf dem sonst spiegelglatten Strandsaum, oft hunderte von Schritten vorweg, kleine bräunlich schimmernde Anhöhen, die ich stets für Bernstein, unser Rosselenker aber immer lächelnd für sogenannte Flottborke hielt, bis ich vom Wagen gesprungen war und ihm den köstlichen Bernstein unter die Nase gehalten hatte. Als ich nun aber immer öfter vom Wagen sprang und die vermeintliche Flottborke zu immer grösseren Bernsteinstücken wurde, da übermannte den getreuen Knecht doch die Liebe für das Wohl seines Herrn, und mit den Worten: »Ne! bei dieser Fuhre thut der Herr Lieutenant kein gut Geschäft machen,« sprang er mit vom Wagen, suchte früher zum Ziele zu kommen und da ihm dies nie gelang, gab er sich nicht eher zufrieden, als bis ich ihm den ganzen Fund bis auf ein Stück, das sich trefflich zur Cigarrenspitze eignete, eingehändigt und ihn seiner braven Gesinnung wegen verdientermassen belobt hatte. Als aber diese köstliche Unterhaltung vorbei war, seufzten wir abwechselnd über den qualvoll öden Strand. Hier und in der Mark müsste der Mensch am leichtesten Philologie studiren und nebenbei melancholisch werden können. Traurige Schiffstrümmer und hin und wieder ein Rudel kleiner schnellfüssiger Strandläufer waren die einzige Staffage der immer trostloser sich ausdehnenden, hier und dort zur Befestigung mühsam mit Strandhaber bepflanzten Sanddünen. Und dennoch haben talentvolle Maler, wie Friedrich u. A., auch solche Gegenden zu ergreifenden Bildern zu benutzen gewusst. Wir hatten wölfischen Hunger bekommen und freuten uns kindisch, als wir eine Hütte sahen. Unser Kutscher belehrte uns aber schmerzlich, dass das nur ein menschenleeres, nunmehr überflüssiges Grenzhaus zwischen Ost- und Westpreussen sei und erbot sich, sein Butterbrod zur vorläufigen Beschwichtigung des Hungers mit uns zu theilen. Darauf wieder ein Haus und wieder kein Wirthshaus, keine Menschenwohnung, sondern nur eine leere Wachbude und endlich, endlich! nur ein armer barmherziger Krug, in welchem nur noch ein Bund geräucherter Flundern und ein kleiner Rest Brod vorräthig war. Ueber das versandete Dorf Schmergrube hinweg und durch einen hier ausserordentlich wohlthuenden duftigen Kiefernwald hindurch, erreichten wir mit einem recht herzlichen »Gott sei Dank!« Bodenwinkel, wo wir bei braven, vielgewiegten Seeleuten, die sichtlich im Wohlstande lebten, ein gutes Abendbrod und treuliches Nachtlager fanden. Danzig Wie Königsberg in intellectueller Hinsicht die erste und achtbarste der preussischen Ostseestädte ist, so steht das alte stattliche Danzig in historischer und architektonischer, in malerischer und romantischer Bedeutung durchaus voran, und was seinen Handel betrifft, so ist Danzig noch jetzt der erste Getreide-Markt der Welt, namentlich hinsichtlich seiner Weizen-Ausfuhr, und im Allgemeinen hat ihm erst in ganz neuester Zeit das mächtig aufblühende Stettin den Rang der ersten preussischen See- und Handelsstadt streitig gemacht. Als Festung ist Danzig die bedeutendste der Ostsee und überhaupt eine der grössten und wichtigsten Europa's. Unter allen Städten Norddeutschlands, selbst Cassel und Dresden nur theilweise ausgenommen, hat Danzig die schönste Lage und Umgebung; es hat unter allen deutschen Städten, mit Ausnahme Nürnberg's und einiger rheinischer Städte, das originellste, am schärfsten ausgeprägte Gesicht und in keiner Stadt vergegenwärtigen uns die Gebäude so verständlich die Geschichte und den Geschmack ihrer Zeit, wie dies Danzig thut, denn seine Strassen sind nur Lapidarzeilen, die das Aufblühen und den Verfall der Hansa kurz und bündig berichten. Dies Alles mit der höchst interessanten schnellwechselnden Geschichte Danzig's zusammengefasst, bietet des Stoffes so ungeheuer viel, dass ich fast verzagen und das aushelfende Beispiel Gustav Schwab 's befolgen möchte, indem er in der Wanderung durch Schwaben sagt: »von Stuttgart erwarte der Leser hier keine ausführliche Beschreibung. Für dieses Bedürfniss haben gelehrte und populaire Werke zur Genüge gesorgt; aus ihnen auch nur das Allerwesentlichste auf einige Seiten zusammendrängen zu wollen, wäre ein vergebliches Unterfangen.« Diese Worte finden auf Danzig buchstäbliche Anwendung. Wer sich genau über diese Stadt belehren will, nehme die gelehrten Werke von Gralath , Curicke , Ranisch , Duisburg und die populairen Schriften von Johann Hasentödter (die Danziger Reimchronik), von Löschin , H. Döring und A. Schopenhauer zur Hand. Ich meines Theils kann und darf mich durch sie von dem mir selbst vorgezeichneten Wege nicht ableiten lassen, wenn ich überhaupt die schwere Aufgabe lösen soll, auf 7–8 Druckbogen ein Bild der Ostseelande von Königsberg bis Kiel zu entwerfen. Danzig liegt imponirend und anmuthig zugleich mit seinen hohen lichtgrünen Wällen, nicht, wie gewöhnlich geschrieben steht, an der Weichsel , sondern an der Mottlau und Radaune . Erstere fliesst mitten durch die Stadt, theilt sich in der Stadt in zwei gleich wasserreiche Arme, die sich noch in der Stadt wieder vereinen, dadurch die Speicherinsel bilden und so zugleich der Stadt das malerischste Ansehen durch das regeste Seeleben und den bunten Mastenwald verleihen, der hier überall über und durch die pittoresken Häusergruppen der Stadt hervorragt. Im Westen schliessen beträchtliche Höhen die Stadt ein, die, wie der Bischofs- und Hagelsberg, den bedeutendsten Theil der Festung ausmachen, und im Norden, Osten und Süden ist Danzig von üppigen Wiesen und fruchtbaren Niederungen umgeben. Den schönsten Ueberblick über die Stadt hat man, entfernter, von den sogenannten »drei Schweinsköpfen«, näher, von einer Höhe nordwestlich vom Bischofsberge, von wo unsere Ansicht von Danzig aufgenommen ist. Die Ausdehnung der Stadt ist sehr bedeutend und schwierig in ein Bild, geschweige denn in einen handgrossen Stahlstich zu bringen. Es ist daher rein unmöglich, dass das Bild auch nur entfernt die Schönheit der Lage Danzigs ahnen lassen kann. Der Blick über die thurmreiche Stadt und die hinter ihr glänzend strömende Weichsel hinweg in die unendliche, von Schiffen und Dampfböten belebte See hinaus, ist über alle Beschreibung schön. Und wer vermöchte vollends ein Bild von dem terrestrischen Phänomen des furchtbaren See-Dünen-Durchbruchs zu geben, den die Weichsel bei erschwertem Eisgange, in der Nacht vom 31. Januar zum 1. Februar 1840, bei Neufähr bewerkstelligt hat und bei dessen Regulirung und Eingrenzung wir noch jetzt unzählige Menschen beschäftigt fanden? Nirgends fühlt sich die menschliche Kraft und Kunst ohnmächtiger, als vor der Majestät der empörten Elemente. Danzig liegt paradiesisch in einem Garten. Die Stadt ist mit ihrer reizenden Umgebung lange nicht so berühmt, als sie es verdient, und lohnt weit besser als das Samland und fast so gut als die Insel Rügen eine weite Reise aus dem flachen Pommern oder der sandigen Mark. Findet sich hier auch keine so grotesk-romantische Partie wie Stubbenkammer, so ist hier dagegen gar viel Schönes und Unerwartetes, was Rügen nicht hat, und Danzig selbst hat noch von jeher die Reisenden aller Nationen höchst angenehm angesprochen. Danzigs Umgebung vereinigt Reize und Naturschönheiten, wie man sie sonst nirgends in Deutschland vereinigt findet. Es verschmilzt hier das Grossartige der Meeresanschauung und des Seelebens auf eine überaus wohlthuende Weise mit belebten Strömen, bewaldeten Höhen, lieblichen Thälern, Landseen und Dorfschaften, in welchen stilles, romantisches Fischer- und Landleben mit Hammerwerken und lautem rührigen Fabriktreiben wechselt, so dass man, je nachdem man auf einem der Höhenpunkte das Auge weidet, bald im Samlande, bald auf Rügen, bald in Thüringen, bald im Harze oder in den Ausgangsthälern des Schwarzwaldes zu sein glaubt. Am besten überzeugt man sich von der Wahrheit dieser Behauptung auf dem hohen Carlsberge bei Oliva, wenn man auf der einen Seite das unendliche Meer, auf der andern das überaus romantische Freudenthal und Schwabenthal vor sich liegen hat, aus welchen das helle Glockengeläut der Heerden, vereinigt mit dem dumpfen Getöse der Hammer- und Mühlenwerke, melodisch herauftönt. Wer dies zu schauen und zu hören, und dabei engherzige undeutsche Gesinnungen zu hegen vermag, der gehe auf die frische Nehrung, weine eine Thräne über sich, und warte dort, fern von aller menschlichen Gesellschaft, ab, bis sie zu Bernstein wird geworden sein. Alexander von Humboldt hat irgendwo Danzig das zweite Neapel genannt. Jedenfalls kann der kühne Ausspruch dieser Autorität die Einladung zum Besuche Danzigs nur verstärken. Bevor wir uns nun zur Beschauung der Stadt anschicken, werfen wir einen Blick auf die Geschichte Danzigs. Der Name Danzig, lateinisch Gedanum , polnisch Gdansk , kommt schon im 10ten Jahrhundert urkundlich , der Sage nach freilich schon vor Christi Geburt, vor. Der heilige Adalbert soll schon 997 hier in Gidania, als in einem bedeutenden Orte, viele Heiden getauft haben. Im Jahr 1209 ward die Stadt von Waldemar II. von Dänemark erobert; 1223 wurden jedoch die Dänen wieder von den Pommern unter Svantepolk III. vertrieben, und etwa um's Jahr 1245 trat Danzig in den Hansabund, in welchem es als dritte Stadt eine bedeutende Rolle spielte. An Brandenburg 1271 einmal verpfändet, fiel sie 1275 wieder an Pommern zurück, gerieth 1309 unter die Herrschaft des deutschen Ordens, und nun begann eine bewegte Zeit. Die Stadt nahm tapfer Theil an den Fehden des Ordens, brachte grosse Opfer, welche aber von Seiten des Ordens mit Undank, mit Verrath und Mord gelohnt wurden. Heinrich Reuss von Plauen hatte als Comthur der Stadt Danzig sich schmähliche Bedrückungen erlaubt, denen die Bürgermeister der Stadt, Conrad Letzkau und Arnold Hecht an der Spitze, sich muthig widersetzten. Da liess sie der Comthur am Palmsonntage 1411 zum Mittagsmahle laden und schändlich ermorden. Drauf hatte Danzig von 1416 bis 1426 der Drangsale viele zu bestehen. Volksaufruhr, Ueberschwemmungen, furchtbare Kälte, alles versengende Hitze, Hungersnoth und eine daraus entstehende, über 50,000 Opfer verschlingende Pest folgten nach einander. Des Bündnisses mit dem deutschen Orden überdrüssig, welches der Stadt 1431 neue Verheerungen in ihrem Gebiet durch den Polenkönig Jagello , und 1433 eine Hussitenbelagerung unter Czepsko zugezogen hatte, sagte sich Danzig 1454 vom Orden los, und begab sich, mit Vorbehalt seiner Privilegien und fast vollständig republikanischer Verfassung, unter den Schutz Polens, auf dessen Thron damals Casimir III. sass. Nunmehr mächtig emporblühend, hatte es wieder mit neuen Bürgerunruhen unter Martin Kogge und Gregor Matern zu kämpfen und manche Angriffe des Ordens, der sich der Stadt wieder bemeistern wollte, zurückzuschlagen. Dann begannen 1526 die Reformationshändel, die erst 1556 für die Protestanten günstig endeten. Unter Polens Schutz aber blieb Danzig, unzähliger Streitigkeiten und Belagerungen ungeachtet (namentlich unter Stephan Bathory , den es als König nicht anerkennen wollte), 340 Jahre lang in freiester Verfassung. In die Kriege Polens gegen Schweden mitverflochten, hatte Danzig abermals 1626 unter Gustav Adolph und 1703 und 1704 unter Karl Xll. harte Belagerungen. Brandschatzungen, Plünderungen und Verheerungen seines Gebiets und zwischendurch wieder viele innere Unruhen, wie z. B. die Strauch 'schen Religionshändel, zu bestehen. Als dann die Stadt 1734 den verfolgten Stanislaus Lecszinsky in Schulz nahm, musste sie sich nach ruhmvollster Gegenwehr, durch Hunger gezwungen und halb eingeäschert, den Russen ergeben. Der Handel Danzigs aber, der zur See hauptsächlich in der Mitte des 16ten, zu Lande, d.h. zu Strom hauptsächlich in der Mitte des 17ten Jahrhunderts seinen höchsten Glanzpunkt erreicht hatte, sank hauptsächlich im siebenjährigen Kriege und erhielt den Todesstoss 1772 bei der ersten Theilung Polens. Die Stadt verlor Vorstädte und Hafen, und somit ihren ganzen Wohlstand an Preussen, und Friedrich der Grosse wusste nun der Zölle und Chikanen so viele, dass der Stadt nach der zweiten Theilung Polens 1793 nichts anderes übrig blieb, als sich völlig dem Preussischen Scepter zu unterwerfen. Dies geschah den 4. April 1793, aber nicht ohne langes blutiges Widerstreben der Bevölkerung, der die alte, wenn auch etwas bocksbeutelige republikanische Verfassung theuer geworden war, und nicht ohne Vorbehalt einiger wesentlicher Privilegien. Als romantisch ist der Aufstand bemerkenswerth, den der Gymnasiast Bartholdy am Grünendonnerstage des Jahres 1797 gegen die Preussische Regierung nicht ohne Eclat und Pistolenschüsse versuchte. Danzigs Handel nahm unter Preussens Scepter für kurze Zeit bis zum Jahr 1806 und 7 einen glänzenden Aufschwung; dann aber begannen für die oft geprüfte Stadt die fürchterlichsten Drangsale durch französische Blockaden, durch Einäscherung der Vorstädte und fruchtlose Gegenwehr. Die Stadt musste sich am 27. Mai 1807 dem Marschall Lefévre ergeben, und welche empörenden Bedrückungen sie von nun an sieben Jahre lang unter Rapp 's Gouvernement zu dulden hatte, ist weltbekannt, und keine Feder ist im Stande, die hier verübten Gräuel treu genug vor's Auge zu führen. Erst am 2. Januar 1814 schlug für Danzig die Erlösungsstunde und es gewann nun Zeit über die Zerrüttung seines Wohlstandes, seines Handels und über seine Kriegsschuldenlast, die fast 40 Millionen Gulden betrug, traurige Betrachtungen anzustellen. Wandern wir nun durch eines der schönen Thore in die Stadt und wählen wir zu unserm Eintritt das schönste, das hohe Thor, welches mit Löwen und Wappen prächtig geschmückt unter vielen Inschriften auch die Worte trägt: Justitia et pietas regno- rum omnium fundamentum, von welchen scherzweise behauptet wird, dass der gemeine Mann, der hier leider sehr der Unmässigkeit ergeben ist, nur die zweite Zeile zu lesen wisse und sie dahin übersetze: dass Rumm die Hauptsache im Leben sei. Alle Bemühungen der hier wie in Königsberg üppig wuchernden fromm scheinenden Gesellschaften haben hiergegen bis jetzt wenig gefruchtet. Begeben wir uns dann zunächst in den besten Gasthof, in's Englische Haus in der Brodbänkengasse, wo wir neben guter Bewirthung eine an sich merkwürdige Bauart und Hauseinrichtung, und daneben kunstreiche Täfelungen, theils gute, theils curiose Gemälde, Wandschränke und Raritäten aller Art finden. Von hier haben wir nur noch wenige Schritte bis zu der sich längs der Mottlau hinziehenden langen Brücke und wir stehen im Mittel- und Glanzpunkte Danzigs und seines Volkslebens. Hier gleiten Flösse, Böte und Segel aller Art auf und ab; hier werden Schiffe, unter jodelnden Gesängen in allen Sprachen, gelöscht und befrachtet; und auf den Schiffen und der Speicherinsel giebt sich das Treiben aller seefahrenden Nationen in seiner ganzen eigentümlichen Kraft und Rohheit kund. Hier ist, was besonders bemerkenswerth, die enge Wasserstrasse, durch welche England fast zwei Drittel seines ungeheuren Waizen-Bedarfs bezieht, und für Getraide, Holz und Wolle musste es in den letzten Jahren fast all sein gemünztes Gold nach dem Continent, und zunächst nach den Ostseehäfen schicken. Wer von Danzigs Getraide-Ausfuhr sich einen übersichtlichen Begriff verschaffen will, der muss im Frühjahr die Waizenhaufen sehen, die vor der Stadt längs der Weichsel unter Gottes freiem Himmel aufgeschüttet liegen, wenn zur Speicherung weder Zeit noch Raum vorhanden ist. Es sind natürlich sichere Leute zu Wächtern bestellt, die bei Regenwetter getheerte Segel über das Getraide breiten müssen. – Das Volksleben ist aber besonders rege und interessant am Krahnthor und Höckerthor , wo zu all dem Gewühl, Gejodel und Gekreisch der theerigen Rothjacken noch die grossartigen Zungenschlachten der Weiber kommen. Berlin ist, wie in manchem, so auch im Schimpfen gross; hier aber wird es übertroffen. Hier sollten Schriftsteller wie Glasbrenner, Lenz und Lyser ihre Studien machen. Hier giebt es Stoff zu Genre- und Guckkastenbildern. Hier sind blaue Nasen, heisere Stimmen, haarige Fäuste und symmetrischgeflickte Hosen, wie sie Berlin seit dem Tode seines letzten Eckenstehers nicht mehr aufweisen kann. Wer aber Maler ist, oder sonst Schlägereien mit und ohne obligate Messerstiche liebt, der muss an die Schiffswerfte am Kielgraben gehen; schöner findet er sie nur auf dem Hamburger Berge. Hier sind auch wie dort Boutiquen, deren Inneres dem Pinsel wie der Feder widerstrebt. Und doch muss man den Matrosen in diesen Boutiquen sehen. Er steigt oder taumelt nach halbjähriger beschwerlicher Reise an's Land. In den Taschen seiner theerigen Jacke oder in ein Taschentuch gebunden trägt er den ungeheuern Schatz seines ersparten Monatsgeldes, oft 70 bis 80 Thaler. Schon jetzt lauern auf ihn die rothgetünchten Töchter der Lust. Aber sie kirren vergebens. Seine Begierde ist gross, doch seine Eitelkeit ist noch grösser. Er will fäschen erscheinen. Sein erster Gang ist zum Tuchhändler oder Trödler. Er kleidet sich fein vom Scheitel bis zur Sohle. In der hübschen blauen Jacke mit blanken Knöpfen, und entsprechenden Beinkleidern, mit dem schief aufs Ohr gedrückten blanken Hut, der baumelnden Uhrkette und dem leicht um den Hals geworfenen seidenen Tüchlein geht er nun, wohin? in die Boutiqen. Hier ist er selig, wird er angebetet. Jeder kann trinken was er will, er bezahlt Alles und wirft zum Beweise dessen eine Handvoll Geld ungezählt auf den Tisch. Er ist ein Gott, – so lang er Geld hat. Ist der Beutel aber leer und steht er nach des Wirths Behauptung schon an der Tafel, so wird sein Grog immer dünner, sein Mädchen immer kälter, sein Wirth immer gröber; er fängt Händel mit ihm an, zieht sein Messer, wird überwältigt, und auf die Strasse geworfen. Nun taumelt er wieder zum Trödler, verkauft Kleider und Uhr, wenn ihm letztere nicht inzwischen gestohlen oder vom Boutiquen-Wirth zurück behalten ist für ein Spottgeld; erlustiret sich noch einmal, das heisst: er tanzt, er säuft, er spielt, fängt Schlägerei an, wird wieder hinausgeworfen und geht dann in der alten bequemen Theerjacke wieder wohlgemuth an Bord, isst heute Grütze, morgen Erbsen, alle drei Tage gesalztes Fleisch, und liest gewissenhaft jeden Morgen und Abend ein Capitel aus der Bibel, oder lernt einen der Gesänge auswendig, die seine alte Mutter daheim ihm mit einem wollenen Faden gezeichnet hat. Entarteter als der Danziger Matrose und Lazzaroni kann der Mensch, zumal der deutsch redende, schwerlich gedacht werden, und wehe dem Fremden, der am Hafen oder an der Mole spazierend, sich durch die Pechfaust eines solchen Kerls verdutzen lässt, wenn er ein ungebührliches Begehren stellt. Die Frechheit und Raufsucht dieser Menschen kennt gar keine Grenzen. Nach der Runde durch die Speicherinsel gehen wir über die grüne Brücke durch das grüne Thor und gelangen auf den höchst imposanten langen Markt , der den Glanzpunkt der architektonischen Merkwürdigkeit Danzigs bildet. Gleich rechts zeichnet sich unter hohen Giebelhäusern durch eine schöne gothische, mit Statuen reichverzierte Façade und drei mächtig hohe und breite Bogenfenster der berühmte Artushof aus. Die herrliche, besonders im Innern sehenswerthe Marienkirche ragt mit ihren einfachen Thürmen über den Artushof aus dem Hintergrunde hervor, und das rechtstädtische Rathhaus vollendet mit seinem zwar sehr bunten, doch auch edel und schön geformten reichvergoldeten Thurme die malerische Ansicht dieses, auch mit einem kunstreichen Neptunsbrunnen geschmückten, originellen Marktplatzes. Diese Ansicht war aber schon so oft von tüchtigen Künstlern gezeichnet, vervielfältigt und sogar schon sehr künstlich in Kork geschnitten worden, dass wir es vorzogen, etwas Neues zu liefern und die schwierige Zeichnung der Langgasse , mit dem Rathhausthurme in seiner ganzen Schönheit im Hintergrunde, zu unternehmen, welche das beiliegende, Bild darstellt. Diese Langgasse , die vornehmste und frequenteste Strasse der ganzen Stadt, vergegenwärtigt uns am treuesten und schönsten den bunten Charakter Danzigs. Hier, wie fast überall, hohe, schmale, oft nur ein Fenster breite Häuser, die alle complet wie Glasschränke aussehen, in denen oft recht hübsche lebendige, schäkrige Wesen zu schauen sind. Hier, wie fast überall, enge Passage, meist unter grünen Bäumen, die theils die Strasse, theils die oft prächtigen, mit Sphinxen und Löwen verzierten, nach Laune und Willkür oft weit vorspringenden, Beischläge beschatten, auf welchen vielleicht schon oft ein reicher Handelsherr lustwandelnd sein Morgenpfeifchen rauchte, während im Gewühle des Markttages vor seiner Thür die Wagen aneinander fuhren, und Menschen und Vieh beschädigten. Die Regierung hat diesen Uebelstand erkannt und durch den berühmten Schinkel in Erwägung ziehen lassen. Den alten Häusern können und dürfen die Beischläge nicht genommen werden, indessen bei allen Neubauten müssen sie unterbleiben. Breite Strassen, eigentliche Märkte und freie Plätze sind ausser dem Langenmarkt und Kohlmarkt , an welchem das Theater liegt, gar nicht vorhanden. Die sogenannten Märkte führen ihre Namen nach dem, was auf ihnen feil geboten wird, ebenso sind fast alle Strassen nach den Handel- und Gewerbetreibenden genannt, die früher fast ausschliesslich darin wohnten und zum Theil zur grossen Bequemlichkeit der Käufer noch jetzt dort beisammen anzutreffen sind. Das Innere des historisch höchst interessanten Artushofes, der früher nur zu sang- und klangreichen Trinkgelagen benutzt wurde und jetzt zu einer prosaischen Kornbörse herabgesunken ist, liefert nach meiner Ansicht einen Beleg mehr für die Prahlsucht und Geschmacklosigkeit der reichen Handelsherrn der Vorzeit, so oft es sich um Kunstsachen handelte. Sie kauften nicht was schön, sondern was selten und theuer war. Barockeres Zeug von Bildern und Sculpturen steht nirgends als hier im Artushofe beisammen, und dies gerade macht die Aufsuchung dessen, was wahren Kunstwerth hat, interessant. Auf's Einzelne können wir uns leider hier nicht einlassen. Manches, was hier aufbewahrt wird, verdient nur deshalb Berücksichtigung, weil es von Danziger Meistern herrührt. Oelbilder, wie Diana im Bade von Actäon überrascht, dem zur Strafe dafür bereits ein veritables Hirschgeweih von 24 Enden aus dem Kopf gewachsen ist, hängen hier hart neben Christus- und Madonnenbildern. Wer diese Behauptungen bewährt und sich zugleich überrascht sehen will, der sehe das jüngste Gericht von Anton Möller (1603) und umarme nachher, ohne etwas übel zu nehmen, den ungeheuern Kachelofen, der rechts in der Ecke des Saales steht, während die dicke weisse Marmorstatue Augusts III. gegenüber die linke einnimmt. Der Bau des Artushofes soll 1370 begonnen und 1379 vollendet worden sein. Der Saal ist hoch und schön, eine von vier Granitsäulen getragene herrliche kühle Trink- und Jubelhalle, wie die Alten sich denn überhaupt auf dergleichen meisterhaft verstanden, und kann ich nicht umhin, beim Anblicke der Schenktische hier an die Rinne des steinernen Schenktisches im grossen Remter zu Marienburg zu erinnern, die den beim Schenken überfliessenden Wein wieder in den Keller zurückleiten musste. Man denke, wie die Alten gepichelt haben müssen, dass es sich solcher kostspieligen Anstalten verlohnen konnte. Wer sich nun auch überzeugen will, dass die Danziger bis heute noch als ehr- und freiheitliebende Bürger, die ihrer Väter werth, den Wein zu schätzen wissen, der thue wie wir, und steige, wenn er den krebsrothen Livreen des Artushofes ein Trinkgeld gegeben hat, links in den Rathskeller hinab, der an Höhe und Ausdehnung der Gewölbe sich zwar lange nicht mit dem Stralsunder, Bremer und Lübecker Rathskeller messen kann, dessen geistiger Gehalt aber, der hier, wie überall, den Ausschlag giebt, vortreffliche Weine umfasst. In unsrer guten Väter Hallen Lass Jedermann sich's wohlgefallen! lauten hier die Begrüssungsworte über dem Flaschenkeller, aus welchem ein muskulöser Lübecker jedem Durstigen reichlich und mit beiden Händen spendet. Ich liebe diese Lübecker. In allen grössern Weinlagern an der Ostsee findet man fast nur die markigen Söhne dieser ältesten Hansestadt, die das Amt des Küpers und Ganymedes verwalten, und es ist, als ob die Bordeauxweine, die man hier am besten und meisten trinkt, nur aus einer so kunstverständigen Lübecker Hand gedeihlich fliessen und munden wollten. Und weil wir nun einmal vom Weine reden, so muss ich noch einer äusserst behaglichen Weinstube, der sogenannten Wolfsschlucht erwähnen, die sich dicht neben dem höchst sehenswerthen alten Zeughause in der Joppengasse befindet. In dieser Schlucht nun, wo so leicht hinein und so schwer herauszufinden ist, wollen wir den Leser beim guten Wein und fidelen Wirth seinem Schicksal überlassen. Hier mag er durch das grosse Fenster in den käfigartigen Hof schauen und den Adler mit dem Fuchs bedeutungsvolle Blicke wechseln sehen; hier mag er die Tapeten und die kunstreiche Täfelung betrachten, grosse Krebse essen und nebenbei nachdenken, ob es klüger sei, Dr. Gotthilf Löschin's zwanzig Bogen starke Beschreibung von Danzig bei Samuel Gerhard in der Langgasse zu kaufen, oder abzuwarten, ob Gott nicht sonst noch hilft und vielleicht einen Freund sendet, der Geduld genug besitzt, mit ihm alle Strassen und Gebäude Danzigs zu durchlaufen und ihm ihre Höhe und Breite, ihr Alter und ihre Erbauer genau anzugeben. Uns fehlt nicht die Geduld und nicht der gute Wille, sondern nur der Raum hierzu. Die Beschauung der St. Marienkirche mit ihren Gemälden, Kunstwerken und Curiositäten kann nicht genug empfohlen werden. Das Gewölbe ist herrlich. Leider aber ist das ganze Innere des schönen Gebäudes durch allerlei Chöre und Ankleckse an den Pfeilern, sowie durch Tausende von klapprigen Kirchenstühlen verunziert. Im Kirchenstuhl des hochweisen Raths befindet sich sogar ein comfortabler Kachelofen, als Beweis, dass der Magistrat von Danzig sein Prädicat nicht mit Unrecht führt. Wer's glauben mag, dem sei erzählt, dass in diesem Kirchenstuhl einst Peter der Grosse , im Incognito eines vornehmen Herrn, an der Seite des regierenden Bürgermeisters die Predigt anhörte. Als der Klingelbeutel sich aus der Ferne vernehmen lässt, greift der Bürgermeister in die Tasche und legt einen Ducaten vor sich hin. Peter langt zwei hervor. Der Bürgermeister, eifersüchtig, drei. Peter sechse. So steigern sie sich bis an's Ende ihrer Baarschaft. Da naht sich der Klingelbeutel natürlich zuerst Sr. Magnifizenz, dem regierenden Bürgermeister von Danzig. Er wirft den ganzen Goldhaufen hinein. Peter aber opfert mit spitzen Fingern einen Ducaten und steckt alles Uebrige wieder in die Tasche. – Gläubigen Gemüthes aber wird man, wenn das junge Mädchen, die hier die Führerin macht, das zu Stein gewordene Brod zeigt, oder uns bei den Bildern und Schnitzwerken die Namen van Eyck und Michael Angelo genannt werden. Im Hause des Glaubens gilt kein Widerspruch. Sehenswerth sind auch noch die Catharinen- und Johanniskirche, das schon erwähnte alte Zeughaus, das schöne neue Gymnasium, die Rathsbibliothek und das Schauspielhaus. Danzigs Bewohner, obgleich ihrer Hauptbedeutung nach Kaufleute, die sonst nicht eben die eifrigsten Freunde der Künste und Wissenschaften zu sein pflegen, haben sich in dieser Beziehung in neuester Zeit vorteilhaft ausgezeichnet. Danzig hat zwei Gymnasien, viele liberal geöffnete zum Theil ausgezeichnete Bibliotheken, mehrere Münz- und Naturalien-Cabinette, Sternwarten; eine Gemälde-Sammlung in der Handels-Akademie, einige kleine hübsche Privatgallerien, sowie auch verschiedene Vereine zur Beförderung der Wissenschaften und Gewerbe. Erst im Jahr 1836 hat sich ein sehr thätiger Kunstverein aufgethan; es existirt eine besondere Gesellschaft zur Unterstützung talentvoller Jünglinge und daneben eine Unzahl von theils sehr bedeutenden Stipendien für unbemittelte Studenten. Freischulen, Hospitäler und Stiftungen aller Art sind in Menge vorhanden und ist dies sehr erklärlich, wenn man bedenkt, dass die Stadt jährlich fast 300,000 Thaler Einkünfte hat, ein Territorium von 15½ Quadrat-Meilen besitzt und somit grösser und bedeutender ist, als manches souveraine deutsche Fürsten- oder Herzogthum. Zum Gebiete der Stadt gehört die Höhe , der äusserst fruchtbare Danziger Werder , der waldige, wildreiche, bessere Theil der frischen Nehrung und die freilich sehr unfruchtbare Halbinsel Hela mit dem gleichnamigen Fischerstädtchen, das durch seinen hohen schönen Leuchtthurm bekannt ist. Danzig hat manche tüchtige Talente in die Welt gesetzt und sind bemerkenswerth: der Astronom Johann Hevelius , der Arzt Oelhafius , der Geograph Cluver , der Physiker Fahrenheit , der Historiker Uphagen und die Künstler Chodowiecki, Schlüter, Möller und Ranisch . Auch der Stifter der Schlesischen Dichterschule Martin Opitz war in Danzig geboren. Und welch ein gesunder deutscher Sinn sich hier erhalten hat, das ist besonders schön bei der am 25. Juli 1840 stattgefundenen Gutenbergsfeier ans Licht getreten, die vielleicht eine der würdigsten in Deutschland war. Im Verlage des hiesigen sehr thätigen Buchhändlers Gerhard erscheinen drei Tagesblätter, eine still verbreitete religiöse Wochenschrift, eine wenig gelesene politische Zeitung auf sehr schönem Papier und das weit verbreitete Dampfboot, redigirt von Dr. Lasker , eines der besten Provinzialblätter unserer Zeit. Zur Rundreise durch die heitern herrlichen Umgebungen der Stadt bieten sich dem Fremden viel bequeme und billige Gelegenheiten zu Wasser und zu Lande dar, und wollen wir Jedem so freundliche liebe Begleitung wünschen, als uns zu Theil wurde. Da man das Schönste immer bis zuletzt lassen soll, so machten wir zuerst die Fahrt auf der Schute nach der niedlichen kleinen Festung Weichselmünde , die schon 1379 zuerst als hölzernes Blockhaus gegründet ward und von deren Thurm man eine schöne Aussicht über den Ausfluss der Weichsel und das mastenreiche Schifferstädtchen Neufahrwasser hinweg in's Meer geniesst. Neufahrwasser bietet wieder interessante, meist nur zu grelle Bilder des Matrosenlebens dar. Von hier ist der Spaziergang nach den sehenswerthen Riesenbauten der Steinmolen äusserst lohnend und überraschend. Eine zweite sehr hübsche Partie führt über Alt-Schottland und Ohra , allwo eine sehenswerthe Kirche sich befindet, nach dem höchst romantisch gelegenen Dorfe Kahlbude , 2 Meilen von Danzig. Hier sind kleine Wasserfälle, rauschen Mühlen und Hammerwerke, und man glaubt sich plötzlich in den Harz oder nach Thüringen versetzt. Auf dem Rückwege durch die Gemüsegärten ist die Aussicht von den drei Schweinsköpfen sehr zu empfehlen. Ein dritter allerliebster Spaziergang führt über den Stolzenberg durch Schiddelkau nach Ottomin . Die Gegend macht hier durch die Lieblichkeit des von waldigen Hügeln umgebenen Sees, in dem sich eine reizende kleine schattige Insel befindet, den Eindruck eines der grossartigsten englischen Parks. Wer aber rüstiger Fussgänger ist, der lasse sich die paar Meilen nicht verdriessen und wandere durch herrliche duftige Waldungen, an lachenden Seen vorüber, nach dem jetzt aufgehobenen Karthäuserkloster Marienparadies . Dies Kloster, schon 1370 von dem pommerellischen Fürsten Mestvin II. gegründet, liegt 640 Fuss hoch über der Meeresfläche und wer sich die Wolken als Alpen im Hintergrund hinzuzudenken vermag, der befindet sich hier wahrhaft in der Schweiz. Wie oft aber werden in der Schweiz Wolken für Alpen und Alpen für Wolken angesehen! Die kundigsten Führer verfallen häufig in diesen Irrthum. Die bei weitem schönste und reichste Tour aber, die der Fremde sich jedoch selten bis zuletzt aufspart, ist die nach Oliva . Durch eine herrliche Doppelallee, von dickbelaubten holländischen Linden, kommen wir zuerst nach Langenfuhr , von wo zwei Wege nach zwei gleich schönen Punkten, nach Königsthal und Heiligenbrunn und nach dem Johannisberge führen. In Königsthal und Heiligenbrunn wähnen wir uns in eine der lieblichsten Gegenden Frankens oder der Pfalz versetzt, wir vermissen nur die, in der Idee so höchst poetische, Nähe des Weinstocks, der in der Ferne und in Massen gesehen, bekanntlich kein sonderlich malerischer Schmuck für die Berge ist. Die Aussicht vom Johannisberge ist entzückend, wird von Vielen für die schönste um Danzig gehalten, und ist jedenfalls die weiteste und mannigfaltigste. Der Blick überstreift hier unzählige Ortschaften, verfolgt in weiter Strecke die dem Meere zuströmende schiffbeladene Weichsel, umfasst die Häfen von Danzig, Weichselmünde und Neufahrwasser und gewährt ein ausserordentlich frisches und lebendiges Bild. Um die hiesigen geschmackvollen Anlagen hat sich der im Jahr 1809 verstorbene Kaufmann Labes verdient gemacht. Herrliche Waldpartien bietet das nahgelegene Jäschkenthal , und in dem terrassenförmigen Fromm'schen Garten, wie auch in dem mitten im Walde gelegenen Schröderschen Etablissement findet man immer gute Gesellschaft. Von Langenfuhr führt der Weg, fortwährend an freundlichen Häusern vorüber, durch Hoch- und Leg-Striess nach dem Kloster Oliva, von welchem eine Abbildung diesem Werke beiliegt. Die Kirche soll sammt dem Kloster nicht öfter als siebenmal bis auf den Grund abgebrannt, und schon 1170 zuerst von Subislav von Pommern erbaut worden sein. So aber, wie wir die Kirche hier abgebildet sehen, ist sie im Jahr 1579 bis 1581 restaurirt und seitdem nicht wieder vom Brande heimgesucht worden. Der Baustyl dieses ehrwürdigen Gotteshauses, das nach Aufhebung des Klosters zur katholischen Parochialkirche des Fleckens geworden, ist edel, und was das Innere betrifft, majestätisch zu nennen. Nicht verunziert durch Chöre und klapprige Kirchenstühle, stimmt das herrliche auf hohen schlanken Säulen ruhende Gewölbe den Eintretenden feierlich. Vierzig Altäre, eine der grössten und schönsten Orgeln der Welt, wenige, aber meist schöne, ihres Platzes würdige Gemälde und einige durch Architektur oder historische Bedeutung merkwürdige Kapellen und Grabmäler bilden den Schmuck dieses Hauses des Herrn. In einem prächtigen Grabmale aus schwarzem Marmor, nahe an der Kanzel, ruhen die Gebeine der Pommerellischen Fürsten, deren Bilder die Wände eben nicht schmücken, denn sie haben durchaus keinen Werth. In einem der Kreuzgänge erinnert ein Denkstein daran, dass auf dieser Stelle, bei dem im Jahre 1660 als Beendigung des 30jährigen Krieges geschlossenen Frieden, die betreffenden Gesandten die unterschriebene Friedensurkunde auswechselten. Aehnlich wie in der Danziger Marienkirche wird auch hier ein zu Stein gewordenes Brod gezeigt, das zu mehrerer Sicherheit an einer Kette liegt. Aus der Kirche begeben wir uns in den schönen, an überraschenden Anlagen, Aussichten, Wasserpartien und Abwechselungen aller Art ausserordentlich reichen königlichen Schlossgarten, der in früherer Zeit mit dem angrenzenden Palais die Residenz der Aebte von Oliva bildete, deren zwei letzte auch zugleich Bischöfe von Ermland waren. Dieser Garten ist mit lobenswerther Liberalität Allen und Jeden geöffnet. Ersteigen wir nun den ganz nahe gelegenen Carlsberg. Anmuthige, durch Gebüsch und Waldung sich hinschlängelnde Pfade, führen uns, an freundlichen Ruheplätzen, Grotten und Eremitagen vorüber, bequem hinauf, jedoch nicht ohne häufig zum Sitzen und Umschauen einzuladen. Den Gipfel des Berges schmückt ein chinesisches Lusthäuschen, von dessen Balkon wir nun aus einer Höhe von etwa 350 Fuss und in einem Umkreise von 5 Meilen im Halbmesser, das reichste und grossartigste Panorama überschauen, das diesseits der Elbe in Deutschland existirt, und dessen wir früher schon erwähnt haben. Hier im Anschauen des unendlichen Meeres und der treuen ewig grünenden Erde, ist einer der glücklichen Punkte der Welt, wo tief-fühlende Menschen ihre Bewunderung durch Schweigen, Narren und Phantasten aber durch unaufhörliches Plappern zu erkennen geben. Man lese in der Schweiz, am Rhein, im Harz, auf Rügen, hier und aller Orten die Fremdenbücher, wenn man kann. Als Begründer der schönen Anlagen des Carlsberges aber ist der letzte Abt von Oliva, Fürst Johann Carl von Hohenzollern, dankbar zu nennen. Von Oliva schlagen wir nun links den Weg nach dem romantischen Freudenthal und Schwabenthal ein, und wir glauben uns in der That plötzlich nach dem Süden Deutschlands versetzt. Hier liegen malerisch gruppirt am Fusse der bewaldeten Hügel die Hammer- und Mühlenwerke, deren romantisches Rauschen und Pochen wir schon auf dem Carlsberge vernahmen. Der nahe an der Chaussee vor einer waldigen Anhöhe sehr schön gelegene Gasthof Hochwasser gewährt nun wieder fast das Bild einer wohlhabenden schlesischen Meierei, und so ist hier interessanter Wechsel ohne Ende. Die erwähnte waldige Anhöhe gestattet einen herrlichen Blick auf das Meer, und in wenigen Minuten sind wir nun in dem lieblichen, stets sehr besuchten Seebade Zoppot . Unter den grösseren Bädern der Ostsee möchte Dobberan das vornehmste und raffinirteste, Swinemünde mit Häringsdorf das practischste, Putbus das schönste, das lieblichste, und Zoppot das traulichste und wohnlichste zu nennen sein. Den Kern und Stamm der hiesigen Badegäste bilden die biedern Danziger. Sie haben gewissermassen ihre familienrunden Thee- und Kaffeetische nur etwas weiter vor die Thüre gestellt und sind in Zoppot, ganz wie in Danzig, zu Hause. Luxuriöse fürstliche Pracht ist hier nur selten, desto öfter aber höchst solider bürgerlicher Wohlstand zu sehen. Weil sich aber jeder hier in seiner Häuslichkeit so wohl fühlt und der Rouées und wandernden Abenteuerer hier nur sehr wenige sind, weil der Magnet dieses Geschmeisses, die öffentliche Spielbank, hier fehlt, so macht der Wirth des geräumigen, schönen Salons, welcher nach gewöhnlichen Begriffen den Sammelplatz der Badewelt eigentlich täglich bilden sollte, in der Regel sehr schlechte Geschäfte. Will man die schöne Welt hier sehen, so muss man die Allee auf und ab spazieren und, wenn man etwas hoch gewachsen ist, sich das Bücken nicht verdriessen lassen, denn nur wenn man unter die etwas tief heruntergeschlagenen Zelte vor den Hausthüren sieht, kann man die liebenswürdig häuslichen und freundlichen Töchter der guten Stadt Danzig erblicken. Vor kaum zwanzig Jahren war Zoppot, wie die meisten Badeorte der Ostsee, nur ein ärmliches Fischerdorf, zu dem weder Steg noch Weg führte und jetzt ist es ein lachender einladender Sitz des Wohlstandes und der Gastlichkeit, der traulichste, wohnlichste Badeort der Ostsee. Pommern Nachdem wir somit Danzig und seiner Umgebung so viel Aufmerksamkeit gezollt, als uns der Raum gestattet, betreten wir das viel genannte und wenig gekannte Pommerland . Fürchte Niemand hier eine berichtigende statistisch topographische Beschreibung dieser grossen Tabula rasa anhören zu sollen. Das Land ist flach und Gott ist gross auch auf der Fläche. Damit ist über das Land eigentlich Alles gesagt. Wir haben es hier aber zunächst mit dem Volke zu thun, das, unscheinbar wie sein Boden, einen sehr soliden reichlich lohnenden Werth in sich trägt, wenn ihm nur die richtige Behandlung zu Theil wird. Meist aber existiren von diesem Volke und seiner Bildungsstufe noch Ansichten, wie Kotzebue und Consorten, seligen Andenkens, sie durch lächerliche Theaterfiguren stabil gemacht haben, und diese einigermassen zu berichtigen, wäre hier wohl sehr passend, aber es fehlt der Raum. Ich lasse statt dessen Thomas Kanzow's höchst naives Urtheil über die Pommern und Micräl's Bemerkung hierzu folgen. Thomas Kanzow sagt: Dies Volk ist jetzt ganz deutsch und sächsisch, ausgenommen, dass in Hinterpommern auf dem Lande noch etliche Wenden und Kassuben wohnen. Es ist viel höflicher und frommer geworden, als es bei der Wenden Zeit gewesen; aber doch hats, beides von den Wenden und vom gestrengen Himmel, darunter sie wohnen, noch viele Grobheiten an sich. Denn es hält wenig oder nichts von Studiis und freien Künsten, darum hats auch nicht viel gelehrter Leute, wiewol es sehr feine Ingenia hat, wie man an vielen spüret, wenn sie nur dazu gehalten würden; aber ihr Gemüth steht nur danach, etwas zu erwerben. Demnach zeucht der junge Adel, so fromm sind, hin und wieder an Fürstenhöfe oder in Kriege; die andern aber, die der Ehren nichts achten, rauben auf den Strassen, oder stossen sonst heimlich den reichen Bauern aus, und hats immerzu Mühe und Noth, dass die Fürsten und Landschaft das Land vor ihnen sicher behalten können. Die in den Städten aber geben sich ganz zu seewärts oder zu Kaufenschaft und Handwerken, und trachten stets nach neuen Dingen. Aber der gemeine Mann und Bauerschaft dieses Landes ist sehr faul und unnährig, die ungern arbeiten, es treibe sie denn die grosse Noth, und wenn sie oft sehen oder ermahnet werden, dass sie des Ihren besser gebrauchen und geniessen könnten, kehren sie sich vor Faulheit nichts daran. Darum leben sie auch zum mehreren Theil an vielen Orten von der Hand in den Mund, wie man sagt. Der Adel ist in Vorjahren auch nicht sehr fleissig und vorsichtig auf die Nahrung gewesen, aber itzund in kurzen Jahren sind sie es angeworden und ist, weil das Land gestanden, der Adel darin so reich und mächtig nicht gewesen, als itzund. Das Volk aber ist durchaus sehr frässig und zehrisch, und mag ihnen eine leichte Ursache vorfallen, dass sie grosse Unkosten thun. Denn, wird ein Kind geboren, so haben die Weiber ihren Prass; wirds getauft, so bittet man die Gevattern und nächsten Freunde dazu; gehet die Frau wieder zu Kirchen, thut man gleicher Gestalt. Wenn eine Hochzeit wird, so bittet man Freunde und Fremde zu, prasset drei, vier, fünf und bisweilen mehr Tage aus und aus, und schenkt dem Bräutigam und der Braut nichts. – – Stirbt einer, so ists an etlichen Orten gewöhnlich, dass man diejenigen, so bei der Begräbniss gewesen, zu Gaste ladet und ihnen flugs aufschuzzet. Ist der Todte etwas gewesen, so lässt man ihm ein Seelbad nachthun, dass die armen Leute baden, und man ihnen Brod und Bier giebt. Darnach bestellt man für sich und die Freundschaft auch ein Bad, und baden auch und halten einen guten Prass. Item es ist kein hoch Fest im Jahr, als Ostern, Pfingsten, Weihnachten, Fastnacht, man holt in den Städten und Dörfern Brüderschaften und Gilten, bei acht oder mehr Tagen, welches alles mit Fressen und Saufen ausgerichtet wird. Also, es komme einer zur Welt, und wenn er in der Welt ist und wieder von der Welt scheidet, so muss geschlemmet und gedemmet sein. Und man soll sich nicht verwundern, dass sie bei den Todten so guter Dinge können sein, denn in den Städten und Dörfern, wenn sie einen zu Grabe geleiten, so suchen sie keine schwarzen Kleider dazu, sondern je besser und bunter sie sie haben, sonderlich die Frauen, je lieber sie sie anthun. Sie übernehmen sich auch sehr mit Kleidung und Geschmuck, also dass nun unter dem Adel bei den Männern Sammet und seiden Gewand, und bei den Weibern Silber- und Güldenstück, Perlen und grosse güldene Ketten gar gemein ist. So setzen ihnen die Bürger auch frisch nach, und heben gleich auch an, Sammet, Perlen und Gold zu tragen. Und denen wollen die Bauern nichts nachgeben, und tragen nun Englisch und ander gut Gewand, je so schön als ehemal der Adel oder Bürger gethan haben, uud übersteigen sich so hoch damit, dass sie es von dem Ihren übel können ausrichten. Darum steigern sie alle Waare so hoch, dass nun allerley viel theurer ist, als es pflegte zu sein und die gute Zeit gar untergehet. Ach, wo ist die gute Zeit geblieben, da die Fürsten zu ihren höchsten Ehren nur einen scharlachroten Rock und etwa ein Sammet Wambs und ein Paar Leidischer Hosen hatten, wie ich noch aus einem alten Register gesehen, dass Herzog Wartislaf nur gehabt. – Aber jetzt ist zu besorgen, dass die Pracht der Kleider und der Uebermuth und das leckrige, weichliche Leben wird leider die alte Pommersche Art, beides an Stärke und Sitten, sehr verarten; denn kein gefährlicher Ding ist zur Tugend, Mannheit und Kraft des Menschen, denn leckere Wohltage und Pracht. Doch sei dies genug beklagt, es wird der Pflug den Stein noch wohl finden . Ferner ist das gemeine Volk, sonderlich auf dem Lande, sehr abstörrig gegen Fremde und herbergt nicht gern, und wenn's einen schon herbergt, lässt es einem ungern, was man bedarf, wenn man gleich doppelt geben wollte. – Es ist das Volk mehr gutherzig als freundlich, mehr simpel denn klug, nicht besonders wacker oder fröhlich, sondern etwas ernst und schwermüthig. Sonst ists ein aufrichtig, treu, verschwiegen Volk, das die Lügen und Schmeichelworte hasst, bittet sich untereinander gern zu Gaste und thut einem nach seiner Art und Vermögen gern gütlich. – Die Pommern sind durchaus grosse, wohlerwachsene, starke Leute, und männlichen Gemüths, doch sind sie trägen Zornes, darum treiben sie nicht leichtlich Krieg, und werden eher bekriegt, denn dass sie es anfangen sollten. Sie sind aber zu Kriege, beides zu Wasser und Lande, gerüstet und geschickt, und wenn es ihnen vonnöthen thut, sich der Feinde zu erwähren, sind sie unerschrocken und heftig, aber sobald der erste Grimm über ist, sind sie wohl wieder zu stillen. In Vorzeiten haben sie nur leichte Pferde und Rüstung gebraucht, wie die Franken; jetzt aber haben sie schwere frische Gäule und ganze Kürasse, mehr zum Stand als auf die Flucht gerüstet, führen Riemenspiesse, kurze breite Schwerter und Streithammer. Das Fussvolk hat nur einen Panzer oder Rücken und Krebs, führen zum mehrern Theil Reutlinge (Messer), Hellebarden und Schweinspiesse. – Der Bauern Wesen ist nicht durchaus gleich. Einige haben ihr Erbe an den Höfen, darauf sie wohnen. Dieselben geben ihre bescheidene Zinse und haben auch bestimmten Dienst. Diese stehen wohl und sind reich. – Aber mit den andern ists nicht so; die haben an den Höfen kein Erbe und müssen der Herrschaft so viel dienen, als sie immer von ihnen haben wollen, und können oft über solchen Dienst ihr eigen Werk nicht thun, und müssen derhalben verarmen und entlaufen. Und ist von denselben Bauern ein Sprichwort, dass sie nur sechs Tage in der Woche dienen, den siebenten müssen sie Briefe tragen u. s. w. Micrälius bemerkt nun hierzu: »Wenn dieser alte redliche Pommer, der dieses geschrieben, jetzund sollte aufstehen und sehen, wie alles umgekehret, und wie die Pommern an gelehrten Leuten zwar anjetzt keinen Mangel haben, aber dagegen alle Materie zur Pracht in diesem Kriege verloren und das Land so sehr verderbet ist, dass die Leckerbissen sich in diesen Kriegen gar wieder verloren, dass kaum der liebe Brodkorb mehr übrig ist, und ein Huhn nicht um einen Groschen, sondern wohl um einen halben Gulden oder halben Thaler und ein Schock Eier nicht um vier Märker, sondern wohl für vier Gulden zur Bezahlung gesuchet und doch nicht gefunden werden: was meinest du, würde er wohl sagen? Aber: »Die gute Zeit ist hin, die böse ist vorhanden u. s. w.« Hat man jetzund Mangel an Aufenthalt des Leibes, so hat Gott die vorige Verschwendung seiner Gaben einmal mit den allgemeinen Landstrafen heimgesuchet. Hat der Bauer jetzund nicht einen Trunk Bier, da er sich mit labet, so gedenke er, wie er vor diesem auf einer Hochzeit, Kindelbier, Kirchgange, oder Pfingstgilde mit seinen Nachbaren im Dorfe wohl zehn, zwanzig und mehr Tonnen Bier durch die Gurgel gejagt hat. Also gehe ein jeder Stand, Bürger und Edelmann, zurück in sein Leben: er wird Ursache des Mangels im Lande allenthalben finden.« * Seitdem dieser »alte redliche Pommer Micrälius«, – welcher in seiner Dedication an den Stralsunder und Stettiner Magistrat sagt: »denn wie sollten Stralsund und Stettin nicht eben das in Pommern sein, was Sparta und Athen in Griechenland!« – sich zur Ruhe gelegt, sind abermals fast zwei Jahrhunderte vergangen und wie ganz anders sieht es jetzt wieder in Pommern aus! Um vom Boden, als von der Wurzel, auszugehen, so ist jetzt ein Morgen Land mehr werth, als damals eine Hufe. Wohlstand, Bildung, Handel und Gewerbe haben einen mächtigen Aufschwung gewonnen und des unvergesslichen Ober-Präsidenten Sack wahres Wort: »aus Pommern kann und muss noch ein zweites Pommern werden«, bewährt sich mit jedem Tage mehr. Fassen wir aber, abgesehen von den bekannten Fortschritten der Cultur, den Charakter, die Denkungsart der Pommern in's Auge, so ist hierin keine wesentliche Veränderung vorgegangen. Gerade, derb, treuherzig-einfältig, nichts weniger als verschmitzt, bibelfest, treu, gastfrei, grob, bequem, dem Lügen und Laufen sehr ab- und dem Essen und Trinken sehr zugeneigt, so sind die Pommern noch heute. Was aber die »Gelehrten und feinen Ingenia« betrifft, deren Micrälius erwähnt, so hat schon Melanchthon der Pommern höchst rühmlich Erwähnung gethan, wozu ihm wohl Johannes Bugenhagen , sein treuer Freund und Mitkämpfer im grossen Reformationsstreite, die gegründeteste Veranlassung gegeben hat. Leichte Mühe aber ist es eine Reihe tüchtiger Männer als geborene Pommern aufzuführen, die sich in der Geschichte und Literatur einen berühmten Namen erworben haben. Schwerin und Winterfeld , die beiden Unzertrennlichen, die beiden Kleiste , E. M. Arndt, Adelung, Ahlwardt, Fernow, Kosegarten, Lappe, Mohnike, Ramler, Rühs, Rudolphi, Spalding u. A. sind Männer, auf welche Pommern immerhin stolz sein darf. Ueberdies hat Pommern dem russischen Reiche auch noch zwei Kaiserinnen gegeben, Katharina II. und die Gemahlin des Kaiser Paul wurden beide zu Stettin geboren. Der Name des Landes Pommern oder Pomeren stammt aus dem Polnischen ( Po morze ), heisst weiter nichts als das am Meer gelegene Land und erinnert uns daran, dass Pommern früher sehr lange Zeit zum grossen Theil unter polnischer Botmässigkeit stand. Von Danzig über Neustadt kommend berühren wir zuerst den allerhintersten und traurigsten Theil von Pommern, Pommerellen genannt. Die Einwohner sind hier fast noch mehr Wenden und Kassuben als Deutsche und grösstenteils katholisch, während sonst die ganze Provinz sehr streng und leider fast bigott-protestantisch ist. Lauenburg ist die erste pommersche Stadt, die wir betreten; sie liegt mit einer alten Schlossruine und mit epheubewachsenen Thoren ziemlich romantisch am Flüsschen Leba und wird daher in alten Chroniken gewöhnlich Lebenburg genannt. Von hier suchen wir eiligst über Lupow nach Stolpe zu gelangen. Der Weg hierher ist furchtbar langweilig. Stolpe aber präsentirt sich als ein durch Ackerbau, Schiffahrt und Lachsfang wohlhabendes Städtchen, und manche seiner Giebelhäuser sehen recht schmuck und stattlich aus. Die Beschauung der Kirchen bot hier, wie in den meisten hinterpommerschen Städten, nichts Bemerkenswerthes dar. Rügenwalde, das durch seine Gänsebrüste ziemlich bekannt geworden, lassen wir rechts liegen und passiren nun den Gollenberg, den Chimborasso Hinterpommerns. Dieser etwa 300 Fuss hohe, zum Theil mit Wald bestandene Sandberg, trägt auf seiner Spitze ein Denkmal zum Gedächtniss der in den Jahren von 1813 bis 1815 gefallenen pommerschen Vaterlandssöhne. Wir geniessen von hier aus eine weite, dem Auge wohlthuende Aussicht über Meer und Land, und rollen dann den Gollenberg hinab, in die helle, freundliche, modern und regelmässig gebaute Stadt Cöslin . Wenn Stolpe noch lebhaft an Danzig und die Hansa erinnert, so erinnert Cöslin an Berlin und seine Schnapsläden. Cöslin, eine Stadt von etwa 7000 Einwohnern, war ehemals stark befestigt und mit hohen thurmreichen Mauern umgeben. Im Jahre 1718 brannte sie fast bis auf dem Grund ab und Friedrich Wilhelm I. liess sie nach dem Vorbilde der Berliner Friedrichsstadt wieder aufbauen. Zum Gedächtniss dessen steht auf dem grossen schönen Marktplatze die Bildsäule dieses Königs, welche die Inschrift trägt: Fridericus Guilhelmus I. Coslinum incediis deletum restauravit 1724. Die Umgebungen Cöslins sind leider sehr morastig und ungesund, und als höchst komisch ist bemerkenswerth, dass diese Hauptstadt Hinterpommerns, wie Stuttgart, die Hauptstadt Schwabens, an einem winzigen Flüsschen liegt, das den Namen Nesebach führt; was übrigens nebenbei gesagt, nicht die einzige Aehnlichkeit zwischen Pommern und Schwaben ist. Ausser seinen geraden Strassen, in denen man viele Beamte spazieren gehen sehen kann, bietet Cöslin nichts Bedeutendes dar, wir können uns also um so mehr beeilen, nach der historisch so merkwürdigen, in der preussischen Geschichte so gross dastehenden Stadt Colberg zu kommen. Diese Stadt, von aussen sehr unansehnlich und kaum als Festung zu erkennen, verdankt ihre feste Lage weniger der Kunst, als der Natur. Ringsum von Morästen umgeben, führen nur schmale, leicht zu verteidigende Dämme bis an die Thore der Stadt, die im Innern wieder, ähnlich wie Stolpe, uns die spitzen Giebelhäuser und die altertümliche Bauart der Hansa vor's Auge führt. Colberg, an der schiffbaren Persante gelegen, wurde im 7jährigen Kriege bekanntlich dreimal belagert, und im Jahre 1806 war sie neben Graudenz die einzige Festung in Preussen, welche den Franzosen nicht in die Hände fiel. Der damalige Kommandant von Colberg, der Oberst von Loucadou, ein feiger Patron, wurde durch den edlen Gneisenau ersetzt, als sich die Trümmer der bei Jena aufgeriebenen preussischen Armee, und zunächst die Trümmer des Hohenloheschen Corps nach Colberg ranzionirten, und sich Preussens Macht eigentlich auf Pommern und Ost- und Westpreussen reducirte. Mehr aber als diese Trümmer der Armee verdankt der Staat die Erhaltung dieser Festung den patriotisch gesinnten Bürgern Colbergs, unter denen sich hauptsächlich der Schiffer Nettelbeck, der schon die russische Belagerung im 7jährigen Kriege mit erlebt hatte, ruhmvoll und nachahmungswerth ausgezeichnet hat. Ja, man kann behaupten, dass Colberg das moralische Bollwerk Preussens war, dass an dem, was Gneisenau in Colberg und Schill mit seinen kühnen Reitern in der Umgegend von Colberg vollbrachte, sich nicht nur der moralische Muth der Provinz, sondern auch der Glaube der ganzen Monarchie an die Wiedergeburt Preussens, in dieser traurigen Zeit aufrecht erhalten hat. Schill's Reiter waren es, die bei Arenswalde den Marschall Victor gefangen nahmen, gegen welchen Blücher aus der französischen Gefangenschaft eingelöst wurde. Mit solchen historischen Reflectionen waren wir an den Markt in den Gasthof zum deutschen Hause gelangt. Als eine besondere Merkwürdigkeit wurde uns das gegenüberstehende Haus gezeigt, in welchem, noch vor wenigen Wochen, der Erzbischof Dunin als Gefangener gelebt hatte. Die der Huldigung vorangegangene Amnestie hatte auch ihm die Freiheit wiedergegeben. Bei unserem Spaziergange durch die Stadt fiel uns zunächst das mitten auf dem Markt stehende, nach Schinkel's Entwurf im gothischen Styl erbaute Rathhaus auf. Es schien uns für die Stadt fast zu gross und prächtig und der Markt hat eigentlich durch die Erbauung desselben aufgehört ein Markt zu sein, und ist zu vier Strassen geworden. Dennoch aber schien uns in dieser prächtigen, einer festen Burg ähnlichen Curia ein schönes Bild, eine königliche Anerkennung der braven aufopfernden Gesinnung der Bürger Colbergs zu liegen. Links von diesem Rathhause zeigte man uns das schmale Giebelhaus, in welchem der Patriot Nettelbeck lebte und starb. Der jetzige Besitzer dieses Hauses ist ein Branntweinbrenner, der, seltsam genug, Achilles heisst. Er soll einen sehr feinen Liqueur brennen, doch konnten wir uns nicht entschliessen zum Gedächtniss Nettelbeck's einen Schnaps zu trinken. Hinter dem Rathhause trägt das Haus eines Kaufmanns die Inschrift: Hier ward Rammler geboren 1725. Ein weiterer Spaziergang durch die Strassen Colbergs belehrte uns, dass die Bürger hier hauptsächlich von Ackerbau, Viehzucht und Branntweinbrennerei leben. Auch Seefahrt und Fischerei ist nicht unbedeutend, hauptsächlich werden Lachs und Neunaugen von hier verschickt. Colberg, sehr nahe an der offenen See gelegen, wird auch in neuerer Zeit als Seebad fleissig benutzt und an den bedeutenden Salinen vorüber und durch die historisch merkwürdige Maikule, eine waldbewachsene Schlucht, gingen wir an den Strand, um uns durch ein Seebad zu erfrischen. Die See ging sehr hoch und schlug mit solcher Macht die Wellen in die Persante hinein, dass es für heute jedem Fahrzeug unmöglich gewesen wäre, die See zu gewinnen. Hierbei sahen wir die Nothwendigkeit ein, welche den Staat vermocht hat, zum Schutze des Fahrwassers den Bau einer grossen Mole zu beginnen. Auf dem Rückwege versuchten wir bei den Salinen eine Ansicht des historisch so merkwürdigen Colbergs zu zeichnen. Wir haben aber leider das Bild, als gar zu kahl und unmalerisch, diesem Werke nicht beigeben können. In Hinterpommern zu reisen ist keine Kleinigkeit. Eine einzige Chaussee hat das Land nur, und ist man von der einmal ab, so hält es schwer wieder hinaufzukommen. Dies in Erwägung ziehend entschieden wir uns bald in der Wahl, die uns gestellt war, entweder über den alten Bischofssitz Cammin direct nach den Halbinseln Wollin und Usedom, oder über Naugard und Stargard nach Stettin zu gehen, allwo wir uns wieder in mehr als einer Verbindung mit der cultivirten Welt erachten durften. Der Umstand, dass bei Stargard das grosse Manöver des pommerschen Armeecorps stattfand, was uns ein höchst buntes Leben und Zusammentreffen mit vielen Freunden hoffen liess, entschied uns für die letzte Tour. Traurigere Städtchen als Cörlin und Plate, das eine grosse Schlossruine aufzuweisen hat, die wir jetzt passirten, möchten wenige zu finden sein. Von Naugard, dem grossen Zucht- und Besserungshause, lässt sich, als von einer traurigen Notwendigkeit, auch nicht viel Freudiges erzählen, und so erreichten wir, über Massow fahrend, das noch die Spuren eines alten Rittersitzes an sich trägt und für Pommern ziemlich romantisch aussieht, das in fruchtbarer Gegend belegene Stargard . Das Innere der Stadt machte auf uns zunächst den Eindruck einer grossen Kaserne, die augenblicklich im höchsten Glanze und grössten Jubel begriffen war. 26,000 Mann Militair waren in und um Stargard versammelt; denke man sich hierzu die Menge der Neugierigen, die zum Theil aus weiter Ferne herbeigeeilt, die Tausende von Equipagen aller der Landstände, und Gutsbesitzer, die hier versammelt waren, um den König und die Königin zu begrüssen, so wird man zugestehen müssen, dass solcher Glanz und solch Gewühl nicht leicht wieder in Hinterpommern möchte gesehen werden. Stargard, von einem der gesegnetesten Landstriche Hinterpommerns, dem sogenannten Waizacker, umgeben, liegt an der schiffbaren Ihna nicht weit von dem Madusee, einem der grössten Landseen in Hinterpommern. Im Jahre 1220 war Stargard noch ein offner Flecken, und wurde bald darauf vom Herzog Barnim I. durch Gräben, Wälle und Mauern zur Stadt erhoben. Im Jahre 1300 trat Stargard in den Bund der Hansa und trieb einen beträchtlichen Handel. Von den Ringmauern sind noch einige bedeutende Thürme übrig, die harte Kämpfe bestanden haben, und von denen der Eine, wegen der Menge des um ihn vergossenen Blutes noch heute das rothe Meer genannt wird. Ausserdem ist die Marienkirche sehenswerth und einige Thore zeichnen sich durch ihre bedeutende Höhe aus. Die Stadt bewahrt in ihrer Chronik das Gedächtniss eines Mannes, der nicht unwerth ist neben dem römischen Consul Brutus genannt zu werden. Dieser Mann war der Bürgermeister Johann Appelbaum, welcher seinen Sohn, der sich eines strafbaren Verbrechens schuldig gemacht hatte, aus eigener Amtsgewalt hinrichten liess, um nicht die Schande der Untersuchung und Verurteilung zu erleben. Die früheren bedeutenden Gräben und Wälle der Stadt sind in neuester Zeit zu überraschend schönen Spaziergängen geworden, und ein Rundgang um die Stadt bietet dem Maler, namentlich was alte Gebäulichkeiten betrifft, manche hübsche Motive dar. Beachtenswerth und für den Maler interessant ist auch die Tracht der Bewohner des Waizackers , namentlich der Weiber. Sie hat viel Verwandtes mit der der Altenburgerinnen, nur sind die Röcke etwas weniger kurz und die Farben viel greller und knallender. In dem oben erwähnten Madusee befinden sich Murenen, eine Fischart, von der man eigentlich nicht begreift, wie sie nach Pommern gekommen sei. Die Sage erklärt dies folgendermassen: Ein leckerer Abt hatte dem Teufel für ein Gericht solcher Fische, die er ihm präcise bis zum nächsten Mittag um 12 Uhr liefern sollte, seine Seele verschrieben. Als nun aber die Stunde nahte, wo der Teufel mit den Murenen kommen konnte, überfiel den Abt Heulen und Zähnklappern und er theilte seinem Küster sein Bündniss und seine Angst mit. Dieser, als ein schlauer Patron, wusste gleich Rath, stieg auf den Thurm und stellte die Uhr um eine Stunde weiter. Als nun der Teufel, nach seiner Meinung, um 12 Uhr mit den Fischen über den See geflogen kam, sah er mit Schrecken, dass die Uhr schon 1 sei, und liess die Murenen in den See fallen, in welchem sie sich seit der Zeit zahllos vermehrten. Als das grosse Manöver mit alle den Festlichkeiten, die die Huldigung mit sich brachte, vorbei war, – mit der genauen Beschreibung wollen wir den Leser nicht belästigen – eilten wir mit der zahllosen Menge nach Stettin. Nicht leicht kann eine Post in grösserer Verlegenheit gewesen sein, als die Stargarder in diesen Tagen. Tausende von Offizieren und Dignitäten aller Art wollten um jeden Preis mit Schnell- und Extrapost befördert sein und, obgleich fast stündlich Schnellpostenzüge abgingen, war es doch nicht möglich allen Anforderungen zu genügen. Auf einem grossen Frachtwagen, der mit 7 bedeutenden Strohsäcken belegt war, wurden wir unserer 14 an der Zahl in sehr bunter Gesellschaft und im fürchterlichsten Platzregen, weil es so unser Wille war, nach Stettin befördert. Fast fortwährend hatten wir, vor, neben und hinter uns, die pommerschen Landwehr- und Infanterie-Bataillone zu Begleitern, und mehrere unserer Reisegefährten erlebten den Triumph, dass ihnen, als beliebten Offizieren, ein donnerndes Hurrah mit auf den Weg gegeben wurde. Stettin So zogen wir nun über Altdamm, gewisserrmassen ein Vorwerk und eine Vorstadt von Stettin, in die Hauptstadt Pommerns ein, und unsere Erscheinung, 14 durchnässte Reisende kümmerlich auf einem Frachtwagen zusammengeduckt, mochte einen grellen Kontrast zu dem festlichen Einzuge bilden, den der König wenige Stunden vorher bei hellem Sonnenschein durch die mit Blumen und Guirlanden geschmückten Strassen gehalten hatte. Alle Fenster waren noch von Damen und Zuschauern bunt besetzt, und mehr als ein schallendes Gelächter sagte uns, dass wir eine höchst komische Figur in diesen Festlichkeiten spielten. Mit Mühe und Noth fanden wir noch in den 3 Kronen ein Unterkommen, wechselten die Kleider und schlenderten, da das Wetter sich aufklärte, nun wohlgemuth durch die Strassen. Stettin gewährt vor allen preussischen Ostseestädten das erfreulichste Bild der grössten Regsamkeit und des neu aufblühenden lebhaftesten Handels. Von der Natur ausserordentlich durch seine Lage begünstigt, hat es seit 20 Jahren selbst Danzig überflügelt und steht im Begriff mit den Hansestädten Lübeck, Bremen und Hamburg zu concurriren, und, was Preussen betrifft, binnen Kurzem durch die entstehenden Eisenbahnen die ausschliessliche Einfuhr aller überseeischen Bedürfnisse an sich zu ziehen. Ganz ausserordentlich ist in der letzten Zeit der Werth aller Häuser und Grundstücke hier in dem Maasse gestiegen, als er in allen übrigen preussischen Ostseestädten gesunken ist und noch immer sinkt. Alljährlich steigen fast in allen Strassen neben den kleinen schmalen Giebelhäusern stattliche 3- und 4stöckige Gebäude im modernen Style empor; und es ist nur zu beklagen, dass Stettin als Festung keiner grösseren, räumlichen Ausdehnung fähig ist. Die Oder, welcher Stettin hauptsächlich sein reges Leben verdankt, fliesst mitten durch die Stadt, und wird der auf dem rechten Ufer belegene Stadttheil die Lastadie genannt. Dorthin, als in den Mittelpunkt alles Treibens, begeben wir uns zuerst, und sehen hier mit Staunen, so weit vom Meere entfernt, die grössten Seeschiffe, deren viele wohl alle Theile der Welt gesehen und befahren haben. Hier sind von grossen Gebäuden das neue Packhaus und das Seglerhaus bemerkenswerth. Am Bollwerke entlang kommen wir dann auf den weissen Paradeplatz, allwo die vortreffliche Marmor-Statue Friedrich des Grossen, durch Schadow's Meisterhand aus den alleinigen Mitteln der Provinz, als ein Zeichen der Dankbarkeit, errichtet steht. Erwähnt zu werden verdient, dass selbst die Franzosen während der Belagerung von 1813, als ein Bombardement zu befürchten war, vor dieser Statue so viel Achtung hatten, dass sie dieselbe mit einer schützenden Wölbung überdeckten. Von hier begeben wir uns die Louisenstrasse hinab, die fast durchweg nur stattliche Gebäude aufzuweisen hat, nach dem Rossmarkte, wo eine im Verfall begriffene Wasserkunst zugleich Aufmerksamkeit und Bedauern erregen möchte. Wenden wir uns jetzt zum Schlosse, so haben wir ein altes grosses Gebäude vor uns, von welchem uns zwar Chroniken berichten, dass dasselbe 1575 von einem italienischen Baumeister aufgeführt worden sei, von dem aber jetzt Niemand weiss, in welchem Style es eigentlich erbaut wurde; denn so unzählige Veränderungen hat man nach den Bedürfnissen der späteren Zeit damit vorgenommen. Die grossen inneren Räume desselben werden theils durch die Königliche Regierung und das Oberlandesgericht, theils durch Kapellen für den französisch-reformirten und katholischen Gottesdienst, theils durch Exercirsäle und in neuerer Zeit durch die Wohnung des Ober-Präsidenten benutzt und ausgefüllt. Augenblicklich ist das alte Gebäude abermals neuen Reformen unterworfen. In einer der Kapellen befindet sich vor dem Altare die fürstliche Gruft, in welcher die Gebeine mehrerer Pommerschen Herzoge und Herzoginnen ruhen. Fremden wird, als etwas Ausgezeichnetes, ein Gemälde gezeigt, welches den feierlichen Einzug Herzog Bogislaw's in Venedig darstellt, als er von seiner Wallfahrt nach Jerusalem zurückkehrte, und als eine Curiosität ist im grossen Schlosshofe die Uhr bemerkenswerth, welche im Chifferblatt ein colossales Gesicht darstellt, das mit jedem Perpendikelschlage die Augen verdreht. Nicht weit von hier befindet sich die Jacobikirche, die zwar mitten in der Stadt, aber dennoch sehr versteckt gelegen, ein höchst düsteres Ansehen und unschönes Aeussere hat. Das Innere ist jedoch grossartig und imponirt durch die schöne Wölbung des Schiffes. Sehenswerth ist das schöne Altarbild, die Kreuzesabnahme darstellend, als ein Werk eines hiesigen Malers, des Herrn Längerich; auch eine schöne Orgel gereicht der Kirche zur Zierde. Wer die Mühe nicht scheut, den Thurm zu ersteigen, wird sich durch eine herrliche Aussicht über das weite Oderthal und alle die belebten Gewässer und angebauten Ufer belohnt finden. Von hier begeben wir uns in das neue Börsengebäude , welches von dem Reichthum und dem Geschmack der hiesigen Kaufmannschaft ein gleich ehrenvolles Zeugniss giebt. Obgleich wir bisher unserm Vorsatz: von den Festlichkeiten der Huldigung, die wir fast in allen diesen Städten mit erlebten, wenig zu berichten, ziemlich treu geblieben sind, so können wir doch nicht umhin, die sinnige Art und Weise zu rühmen, mit welcher Stettin alle seine Empfangsfeierlichkeiten und ganz besonders hier im Börsenhause, wo die Kaufmannschaft dem König ein Fest gab, angeordnet hatte. Zwischen grossen Transparenten, welche am Eingange der Börse den Flor des Handels und der Schiffahrt andeuteten, standen für den König die Begrüssungsworte: » Dein Geist belebt, was vorwärts strebt !« und der König, der schon als Kronprinz immer eine besondere Vorliebe für Stettin hatte, soll diesen Lobspruch sehr freundlich aufgenommen haben. Nächst der Börse ist noch das neue Gymnasium sehenswerth, welches die Inschrift führt: Juventuti bonis artibus crudiendae 1832. Machen wir nun einen Spaziergang um die Wälle, wozu eine Erlaubnisskarte des Kommandanten nöthig ist, so gemessen wir freundliche Ueberblicke über die Stadt und den schiffreichen Strom, und kommen an zwei Thoren vorüber, welche durch ihre eigenthümliche, mit kriegerischen Emblemen reich geschmückte Bauart unsere Aufmerksamkeit mit Recht auf längere Zeit in Anspruch nehmen. Franz Kugler sagt in seiner pommerschen Kunstgeschichte: »König Friedrich Wilhelm von Preussen liess diese beiden prächtigen Thore, das Berliner und das Anclamer Thor genannt, bauen, deren reiche und kräftig gehaltene Decoration zu den schönsten Zierden der Stadt gehört, wie ihnen denn auch nur wenige Festungsthore, selbst nicht die sehr berühmten von Verona, an Schönheit voranstehen dürften.« – Durch die vor dem Anclamer Thore liegende freundliche Plantage gelangen wir in den Logengarten, von dessen Balkon sich der freundlichste Totalanblick der Stadt darbietet. Von hier aus ist das diesem Werke beiliegende Bild von Stettin gezeichnet worden. Das Gebäude rechter Hand, das mit seinem stumpfen Thurme die Stadt weit überragt, ist die oben erwähnte Jacobikirche, und das fast damit zusammenhängend scheinende thurmreiche weite Gemäuer ist das ebenfalls schon beschriebene alte Schloss. Indem ich dies schreibe, kommt mir zu meinem wahren Schrecken die durch Hubert Binder's Kunstverlag in Leipzig gestochene Zeichnung von Stettin zu Gesicht, und ich ersehe daraus, dass der Stecher, um es sich bequem zu machen, nicht weniger als 3 Thürme am Schloss und an der Kirche völlig unberücksichtigt gelassen hat. Dies im Werke selbst öffentlich zu rügen, bin ich meinem Reisegefährten, dem Landschaftsmaler Bernhard Peters, zu seiner Rechtfertigung schuldig und verbunden. Stettin hat in seinem Logengarten einen sehr hübschen Vereinigungspunkt der eleganten Welt, und wer Freund von weiteren Spaziergängen ist, darf nicht versäumen, die sehr schön gelegenen Orte Grabow und Frauendorf zu besuchen. Der Weg dorthin führt durch die Vorstadt Unterwik und an den Schiffsbauplätzen vorüber, und hat aus diesem Grunde allein schon für den Reisenden, der noch keine im Bau begriffenen Schiffe sah, viel Interessantes. Grabow selbst aber enthält viele freundliche Landhäuser und ist noch besonders merkwürdig dadurch, dass hier, in dem nun verschwundenen herzoglichen Lustschlosse, der Aberglaube sein letztes trauriges Opfer fand. Im Jahre 1620 nämlich wurde hier die schöne Sidonia von Bork der Hexerei wegen angeklagt und nach grässlichen Foltern öffentlich verbrannt. Frauendorf bietet Gelegenheit zu einer weiteren hübschen Wasserpartie, die an lieblichen, oft höchst malerisch bebauten Ufern vorüber führt und nicht genug empfohlen werden kann. Den Chroniken zufolge waren die Ufer der Oder auch hier ununterbrochen mit Wein bepflanzt, und Cosmus von Simmern will im Jahre 1616 an der Tafel des Herzogs Philipp zu Stettin sowohl alten als neuen Wein getrunken haben, welcher bei der Stadt in solcher Menge gewachsen sei, dass nach der Aussage des herzoglichen Marschalls über 100 Ohm gepresst worden wären. – Auch ein Spaziergang nach dem nahe gelegenen Fort Preussen ist zu empfehlen. Werfen wir nun noch einen historisch-statistischen Rückblick auf Stettin, so stand vor kaum 1000 Jahren hier, wo jetzt das regste Leben herrscht, ein Fischerdorf und eine wendische Burg, in der den heidnischen Göttern, dem Triglaf und Swantevit, blutige Opfer gebracht wurden. Bereits im 13ten Jahrhundert scheint Stettin stark befestigt gewesen zu sein, und Gustav Adolph legte 1630 den Grund zu der jetzigen Ausdehnung der Festung; 1677 wurde sie dennoch vom grossen Churfürsten erobert, und nach 2 Jahren den Schweden wieder zurückgegeben. 1713 wurde sie von den Russen belagert und heftig beschossen, und 1720 kam sie an Preussen. Leider aber gehört auch Stettin zu jenen in der Geschichte gebrandmarkten Festungen, die sich 1806 ohne Widerstand und Schwertstreich den Franzosen ergaben. Stettin zählt jetzt über 30,000 Einwohner und treibt mit etwa 150 eigenen Seeschiffen einen jährlich bedeutend zunehmenden Handel. Zu den hier jetzt lebenden interessanten Männern gehören: der Dichter Ludwig Giesebrecht, der Componist Löwe und der Genremaler Most, deren Bekanntschaft zu machen wir so glücklich waren. Rühmenswerth ist noch anzuerkennen, dass der hiesige Kunstverein sich die Unterstützung junger talentvoller Maler nach Kräften angelegen sein lässt. Wer wie wir ein Freund von gutem bairischen Bier und durch das Auf- und Absteigen der bergigen Strassen Stettin's müde und durstig geworden ist, der versäume nicht an der Grapengiesser- und Breitenstrassenecke bei dem dort wohnenden Uhrmacher ein Glas ächt bairisches Bier zu trinken; man findet hier stets gute und heitere Gesellschaft. Wir trafen es so glücklich, dass am andern Morgen in der Frühe ein Dampfschiff nach Swinemünde abging, und versäumten nicht, zur rechten Zeit uns am Bord der eleganten Kronprinzessin einzufinden. Die Glocke läutete, die Taue wurden gelöst und unter dem Aufwirbeln des Rauches und dem Rauschen der Räder begann die Fahrt, erst langsam, dann immer brausender und schneller. Die schönen Punkte Grabow, Bredow, Züllchow, das liebliche Frauendorf, welches stufenartig unter dichten Baumgruppen am Abhänge hinaufsteigend liegt, Gotzlow, Cavelwiese, Stolzenhagen u. A. treten uns nun nochmals vor's Auge, und die Fahrt hat, bis wo die Ufer flacher und endlich ganz flach werden, in der That etwas Reizendes. Interessant ist es, wie am frühen Morgen aus den Uferdörfern die Landbewohner mit Bedürfnissen aller Art in kleinen Kähnen nach Stettin eilen und nun ihre liebe Noth haben, an dem Dampfschiff, welches das schmale Fahrwasser fürchterlich in Bewegung bringt, glücklich vorbeizukommen. Die Glocke des Schiffes giebt dann das warnende Zeichen und die Kähne suchen das schützende Ufer zu gewinnen. Nachdem wir links an der Stadt Pölitz, rechts an den Dörfern Camelshorst, Langenberg u. A. vorbeigesegelt, wird endlich am Oderkruge, der als einzelnes Haus auf dem linken Ufer liegt, der Strom so enge, dass das Dampfschiff kaum Raum für seine Bewegung gewinnt; bald aber erweitert sich das Fahrwasser, wir gelangen durch den sogenannten Dammansch in das Papenwasser, an welchem die Stadt Stepnitz sichtbar wird, und fahren dann in die grosse weite Fläche des Haffs, welches sich in einer Ausdehnung von 14 bis 15 Quadratmeilen vor uns ausbreitet. Aus diesem Bassin strömt die Oder durch drei Mündungen, welche die Inseln Usedom und Wollin bilden, in's Meer, durch die Peene, an Wolgast vorüber, bei Peenemünde, durch die Swine bei Swinemünde, und endlich durch die Diwenow bei Cammin. Da wir nach Swinemünde wollen, müssen wir den mittleren der drei Ströme befahren, und das Fahrwasser ist hier so bedeutend, die Fahrt oft so stürmisch und schwankend, dass man wähnt, sich auf offener See zu befinden, während hier doch überall der Tod nur im süssen Wasser zu finden ist. Am linken Ufer des Haffs, dort wo das Papenwasser aufhört, erblicken wir Ziegenort, weiterhin Neuwarp und rechts in bedeutender Entfernung ragen die Thürme des alten Wollins hervor, ist der Einfluss der Swine erreicht, so ist links Caseburg, rechts, weiter hinauf, Pritter bemerkbar, und es währt nun nicht lange mehr, so erscheint uns Swinemünde, als eine bescheidene Häuserreihe mit zahllosen Masten voll flatternder Wimpel festlich geschmückt. Bevor wir uns nun zur näheren Beschreibung von Swinemünde und dem davon unzertrennlichen Häringsdorf wenden, müssen wir einen allgemeinen Blick auf das Land, auf die Inseln Wollin und Usedom werfen; denn hier ist der Boden der romantischen Sagen von Julin, Wineta und der Jomsburg. Die uns rechts gelegene Insel Wollin wird durch die Swine von Usedom und durch die Diwenow von Hinterpommern getrennt und ist etwa 4½ Quadratmeilen gross. Der Boden ist hauptsächlich sandig, zum Theil lehmig und fast durchweg bergig. Die Berge hier haben aber das Eigentümliche, dass sie wandern. Der Wind weht oft nach Gutdünken einen Sandberg hierhin, den andern dorthin. Dennoch sieht man auch hier, namentlich entfernter von der Meeresküste, Wiesen, Wälder und Felder recht üppig gedeihen, und die Heuwerbung ist hier sehr bedeutend. Die einzige Stadt der Insel ist die uralte Wendenburg Wollin, mit etwa 3000 Einwohnern, die sich von Fischerei, Seefahrt und Schiffbau nähren. Einige wollen in dieser Stadt die geringen Ueberreste der berühmten, einst so volkreichen und mächtigen Handelsstadt Julin erkennen, und jedenfalls ist diese Annahme von allen den schönen romantischen Sagen, die wir, unserer Pflicht gemäss, gleich näher in Erwägung ziehen werden, am richtigsten. Die uns links gelegene Insel Usedom, die wir mit Swinemünde betreten, ist bei weitem schöner, grösser, bebauter und volkreicher als Wollin. Sie ist vom Wasser höchst abenteuerlich zerkerbt und läuft an einigen bereits sehr schmalen Erdzungen Gefahr, zerrissen zu werden. Die Insel zerfällt dadurch in sich wieder in unendlich viele Halbinseln, welche Winkel genannt werden, von denen der Wolgaster, der Lieper und der Zechiner Winkel die hauptsächlichsten sind. Der Wolgaster Winkel mit der waldreichen Halbinsel Gnitz hat schöne frisch-kräftige Partien und ist ein Paradies für Freunde der Jagd. Da wir nur die romantischen Kostenpunkte der Insel in Augenschein zu nehmen Willens sind, so sei hier nur bemerkt, dass ausser Swinemünde, das wir bereits erreicht haben und bald näher betrachten werden, noch ein Städtchen Usedom existirt, das sehr alt ist, und ehemals, bevor es im Jahre 1473 ganz niederbrannte, gross und volkreich war. Wenden wir uns nun zu den romantischen Sagen von Wineta, Julin und der Jomsburg, so ist dies ein Punkt, der den Gelehrten schon sehr viel Kopfbrechens verursacht hat. Die älteren pommerschen Geschichtschreiber erzählen nämlich einstimmig, dass auf der Nordküste von Usedom eine Stadt Namens Wineta, etwa am Fusse des Strekelberges, gelegen habe, die eine der grössten und volkreichsten in Europa gewesen und endlich durch Uneinigkeit der Bürger und Ergiessung des Meeres zu Grunde gegangen sei. Helmoldus und Crantzius , und nach ihnen Micrälius, wissen unendlich viel von ihrem grossen Handel und Reichthum zu erzählen. Die Thore der Stadt sollen von Erz und Glockengut, und Silber soll so gemein gewesen sein, dass man die gewöhnlichsten Gerätschaften daraus verfertigt habe. Ja, Micrälius sagt: »und siehet man noch heutiges Tages bei stillem Wetter im Meere, Damerow gegenüber, eine halbe Meilweges vom Ufer, wie die Gassen in einer schönen Ordnung liegen; und das Theil alleine dieser Stadt, so man unter dem Wasser sehen kann, ist grösser als der Begriff der Stadt Lübeck anzusehen.« Bei aller Vorliebe für das Romantische, zumal in Pommern, müssen wir uns doch auf die Seite derer schlagen, die da behaupten, dass Wineta nie existirt habe und der Name nur aus einer Verwechslung mit Jumne , welches Jomsburg bedeutet, entstanden sei. Steine liegen da, wo Wineta gestanden haben soll, allerdings in Masse und der beste Beweis dafür ist, dass die prächtige Swinemünder Mole grösstentheils aus Steinen, die von hier geholt wurden, erbaut worden ist. Aber diese Steine sind ursprünglich nicht von Menschenhand als Fundamentsteine zu Kirchen und Rathhäusern, wie die Chronikenschreiber und nach ihnen Consistorialrath Zöllner und Pastor Meinhold behauptet haben, gelegt worden, sondern die Allmacht Gottes, die das Fundament des Meeres nach keinem Zöllner'schen Grundriss zu legen beliebte, hat sie wie eine Handvoll Sand dahin geworfen, damit dereinst nach Jahrtausenden die segensreiche Swinemünder Mole mit leichterer Mühe daraus erbaut werden könne. Friedrich Furchan , der zu wenig bekannte Sänger des Heldengedichtes Arkona , sagt sehr treffend: »Es ist wohl als ausgemacht anzusehen, dass Wineta nur aus einer Verwechslung des Namens Jumne bei Adam von Bremen (welches mit Jomsburg gleichbedeutend) entstanden ist, dass also nur ein arger Irrthum den Glauben an die wunderbare Stadt so lange und ernstlich hat fortpflanzen können. Auch haben Localuntersuchungen schon vor mehr als dreissig Jahren dargethan, dass nicht versunkene Strassentrümmer, sondern Züge eines Felsenriffes im Grunde des Meeres an jener Stelle sich befinden, die man für die Stätte des versunkenen Wineta hat ausgehen wollen. Wenn sonst die Poesie gern das Reich der dunklen Sagen zu beleben sucht, so schien es doch in diesem Falle an der Zeit, einem so eigensinnigen Märchen, das sich in das Gebiet der Geschichte trotzig hat eindrängen wollen, auch einmal einen poetischen Tod zuzufügen. – Und Furchau singt im 4ten Gesange S. 74: »Wineta ist ein lockend irrer Traum,« Spricht Rugebold , »und falsch die süsse Kunde, Denn keine Stadt stand je auf diesem Raum, Doch Steine liegen dort im Meeresgrunde, Wohin ich oft die reichen Schiffe locke: Sie folgen gern dem glänzend bunten Schein, Sie scheitern dann am scharfen Felsenblocke, Und ohne Müh' sind ihre Schätze mein. Jetzt sollst du selbst das Spiel der Kräfte schauen, Die täuschend dort Wineta's Thürme bauen.« Rugebold ist nämlich in diesem Epos ein Zauberer, der mit seinem Reisegefährten Granza von Arkona nach der Jomsburg segelt. Granza glaubt an der Küste von Usedom Wineta zu sehen und ruft aus: Wineta ! Ich sehe dort die erzerbaute Mauer, Der Thürme Dach, das hocbgewölbte Thor: O hätt´ ich schon die edle Stadt erreichet, Der keine sonst an Lust und Schätzen gleichet. Diesen Wahn nun zu zerstören und seinen obigen Worten Gewicht zu geben, öffnet Rugebold mehrere mit Dampf gefüllte Schläuche: –es steigen Die Dünste auf und ab, geschäftig hebt Sich Thurm an Thurm, die hohen Mauern zeigen Der Thore viel, im langen Zuge dehnet Sich, schiffereich, des Hafens grader Bau, An den sich breit des Marktes Halle lehnet; Es scheint, als stehn die Waaren dort zur Schau, Es ist, als ob der Menschen bunte Haufen Für reiches Geld Geräth und Früchte kaufen. Als Granza hoch erstaunt das Wunder schaut Und Glaub' und Blick im heissen Zweifel streiten, Ruft Rugebold und lachet höhnend laut: »So werden einst die Weisen später Zeiten Die reiche Stadt, die niemals war, beschreiben.« In Ansehung Julin's aber dürfen wir mit Gewissheit annehmen, dass das jetzige Wollin zur Zeit seiner Blüthe diesen Namen trug. Micrälius , der treuherzige, mehr gläubige als glaubwürdige Pommer, meldet über Julin's Flor und Untergang: »Von Julino haben wir schon etwas Nachricht im vorigen Buche gegeben, und ist dieselbe insonderheit nach Winetä Untergang eine berühmte, ja die grösseste Stadt in ganz Europa geworden, wie Adamus Bremensis saget. Denn aller Handel, der zuvor bei Wineta war, ward theils nach Wissby in Gothland, theils nach Julin geleget. Und ist Julin so mächtig geworden, dass sie grosse Kriege geführt, und Suenottonem, den König aus Dänmark, wohl dreimal gefangen davon gebracht hat. Wie volkreich sie gewesen, erhellet daraus, dass, da Bischoff Otto sie endlich zum christlichen Glauben beredete, sich bei 22,000 Menschen zur Taufe angegeben haben. Aber kurz nach Bischoff Otto's Abschied sind die Julinischen wiederum vom christlichen Glauben abgefallen, und da sie im Anfang des Sommers alter Gewohnheit nach ein heidnisch Fest mit Fressen und Saufen feierten, und einen alten verlegenen Götzen wiederum hervor suchten, und denselben mit grossem Frohlocken in der Stadt herum trugen, und dabei Christum aufs heftigste verlästerten, ist, wie die pommerschen Chroniken vermelden, Feuer aus der Luft in die Stadt gefallen, hat sie angezündet, und in Grund verbrannt, dass sie ganz zu nichte geworden ist. Und ob sie wohl wieder daran baueten, ist sie doch nie zu vorigen Kräften gekommen, sondern Gottes Hand ist schwer über sie immerfort geblieben, bis auch endlich im Jahr 1170 Waldemar, König von Dänemark, durch die Divenow mit einer ansehnlichen Schiffarmee auf sie zuging, sie unversehens überfiel, plünderte, und aufs neue verbrannte. Und ist nachmals eine geringe Stadt Wollin , da kaum zwei oder drei hundert Bürger anjetzo wohnen mögen, nicht weit von dem vorigen berühmten Julin erbaut worden.« Die Entstehung des Namens Julin erklärt Micrälius nach älteren Chroniken daher, dass die Römer bis hieher vorgedrungen seien und eine Säule zu Ehren und zum Gedächtniss des Julius Cäsars aufgerichtet hätten. Dadurch sei dann viel Zulauf der Leute, gleichsam ein öffentlicher Markt und endlich gar eine feine ansehnliche Stadt entstanden, die sich auch wohl Königen hätte widersetzen dürfen. Cramerus aber, ein anderer Chronikenschreiber, will wissen, dass Wollin , oder Volinum auf Polnisch, von den Ochsen den Namen habe – schliesst Micrälius. Ganz anders aber verhält es sich mit Jomsburg , welches eine uralte, von den Dänen unter Anführung des Palnatoke angelegte Seeräuber-Colonie war, die von Waldemar dem Grossen zerstört wurde. Diese lag aber weder auf Uesedom, noch auf Wollin, sondern an der Preussischen Küste. Genau aber die Stelle zu bezeichnen, ist schwer. Die Heimskringla-Sage und andere alt-nordische Sagen thun der Jomsburg ausführlich Erwähnung. Alle neueren Geschichtsforscher aber schlüpfen leicht darüber hinweg und meist findet man sie nur allgemein, als an der wendischen oder preussischen Küste belegen, bezeichnet. Furchau , dem wir auch hier den gesundesten Blick zutrauen wollen, sagt in dem obenerwähnten Gedicht Arkona : Vor langer Zeit an Preussens Küste war Von Palnatoke's starkem Arm gegründet Die Heldenstadt, wo tapfrer Kämpfer Schaar Zum ew'gen Krieg durch Schwüre sich verbündet Noch immer kam aus vielen fremden Landen Gen Jomsburg's Schloss der jungen Krieger Zahl. Die dort des Muthes heil'ge Muster fanden. Die streng geübt im hohen Waffensaal Und fest bewährt in edlen Kriegessitten, So hohen Ruhm als reichen Schatz erstritten Ein fest Gesetz verband die Krieger dort; Kein Jüngling ward zum mächt'gen Bund gezählet. Den makellos nicht jedes Kämpfers Wort Nach harter Waffenprüfung frei erwählet; Nie durft' ein Weib zur Heldenstadt sich wagen, Gemeinsam war der Beute reiches Gut; Der Helden Tod, die wilder Kampf erschlagen. Versöhnte nur der Rache heisses Blut. So stand der Bund in hohem Kriegesruhme, Doch schwur er ew'gen Krieg dem Christenthume. Kehren wir nun aus der dunklen Zeit der Sage zur hellen Gegenwart zurück, so erblicken wir in Swinemünde eine blühende Hafenstadt, in der noch kein Haus ein hundertjähriges Alter nachweisen kann. Die Stadt liegt in grosser Ausdehnung, jedoch sehr geringer Breite an dem weiten Bassin des Swinestroms, den man an seiner Mündung durch zwei mächtige Steindämme eingeengt hat, damit er an Kraft gewinne und dem ewig andrängenden Sande den Eingang in den Hafen verwehre. Die Strassen Swinemünde's sind gerade und breit, jedoch ungepflastert; die Häuser sauber, freundlich, einstöckig und meist mit Erkern versehen. Die Bäume, so hier fast vor allen Thüren stehen, sind gewöhnlich in steifem holländischen Geschmack kasten- oder kugelförmig beschnitten, doch soll ganz kürzlich ihr Coiffeur in seinem Berufe gestorben sein, indem er von der Leiter gestürzt, als er just wiedereinmal gotteslästerlicher Weise die Werke Gottes verbessern wollte. An Gebäuden ist eigentlich nichts Merkwürdiges vorhanden. Eine eigene, höchst ärmliche, Kirche hat Swinemünde erst seit dem Jahre 1792. Bis dahin mussten die Einwohner nach dem benachbarten Dorfe Westswine zur Kirche gehen. Das Rathhaus ist mit einem Thürmchen geschmückt, dem einzigen, welches Swinemünde aufzuweisen hat, und von diesem herab werden jeden Sonntagmorgen drei Verse irgend eines bekannten Liedes zur Erbauung der Einheimischen und Fremden geblasen. Als recht geschmackvoll ist der etwa 80 Fuss lange und 40 Fuss breite Cursaal in dem 1826 erbauten Gesellschaftshause zu nennen. Unmittelbar vor diesem Gesellschaftshause ist der Anlandeplatz für die von Stettin und Copenhagen kommenden Dampfschiffe. An diesem Theile des Bollwerks, an dem sich das meiste Leben der Stadt concentrirt, liegen auch gewöhnlich die russischen mit kaiserlicher Pracht ausgestatteten Dampf- und Kriegsschiffe, die hier oft Monate lang bleiben und den Swinemiindern zwar viel Geld, aber auch viel Ungeziefer und viele Betrunkene bringen. Die Sprachen aller handeltreibenden europäischen Nationen hört man an diesem Bollwerke reden, und im Frühjahr hat das Leben hier in der That etwas Grossartiges. Von der See wird die Stadt durch einen frischen Erlenwald, die Plantage genannt, getrennt, durch welchen Fahr- und Fusswege nach allen Richtungen, meist nach der Küste zu den Badeplätzen hinabführen, die, wie schon angedeutet; sehr rühmenswerth sind, obgleich mitunter der Einwand gemacht worden ist, dass wegen der nahen Ausströmung der Swine das Wasser oft noch von den wenigen Salztheilen verliere, welche die Ostsee ohnehin nur mit sich führt. Die ganze Einwohnerschaft, Doctor und Apotheker an der Spitze, sträubt sich jedoch hiergegen ganz gewaltig und der Einwand ist und bleibt auch sehr nichtig. Zum Gedeihen der neuen Badeanstalt aber, um die sich Männer, wie Sack, Kölpin und Böhlendorf so verdient gemacht haben, wäre zu wünschen, dass in den Preisen für Miethe und andere Bedürfnisse eine Ermässigung eintreten möchte. Die Industrie der Einwohner dieses kleinen Ortes speculirt gegenwärtig zu sehr auf die kurze Badezeit, sucht die Gäste oft gar zu sehr zu schröpfen und ist es daher kein Wunder, dass sich die Badegäste mehr und mehr nach dem ohnehin viel schöner und zum Baden bequemer gelegenen Häringsdorf begeben. Swinemünde hat keine öffentliche Spielbank und deshalb allein schon halte ich es einer warmen Empfehlung werth. Gesellige Vereinigungspunkte, die sich fast auf den Balkon des Gesellschaftshauses und den Spaziergang am Bollwerk beschränken, könnten dagegen mehr vorhanden sein. An hübschen Punkten in der Umgebung ist Swinemünde reich. Das nahe gelegene Hafendorf Ostswine gewährt eine herrlich weite Sicht in die See und die verschiedenen Wartthürme, Baaken und Flaggenstangen, von welchen herab und durch welche die Lootsen alle in Sicht kommende Schiffe signalisiren, und alsbald darauf in See stechen, um die Ankommenden sicher in den Hafen zu geleiten, führen dem Fremden höchst interessante und originelle Bilder vor's Auge. Unter den Landpartieen, die von Swinemünde aus gemacht werden müssen, ist der nächste schöne Punkt der Golm , ein mit herrlichen Buchen bestandener Hügel. Auf seiner Höhe trägt er eine Art von Halle, aus der man eine entzückende Aussicht über Land, Meer und Binnenwasser, über Wiesen, Felder und Wälder hat. Dieser Berg beschliesst den Bergrücken, der sich durch das Innere der Insel zieht, oder, wenn wir weiter nach Südost eine Fortsetzung finden, so ist doch hier ein weites Thal, das fast nur Wiesen und Torfland umschliesst. Hart bis an die Küste erstreckt sich gegen Norden der Wald über Berg und Thal, und darüber hinaus zeigt sich das Meer in seiner Majestät. Deutlich sieht man hier die rothen Dächer von Swinemünde und alle die Masten und Segel der eiligen Schiffe. Den krummen Lauf der Swine kann man aus dem Haff bis in's Meer verfolgen und bei klarem Wetter sind auch die Thürme des uralten Wollin's sichtbar. Unstreitig ist der Golm der schönste Sichtpunkt der Insel; hier ist der Wechsel in Land und Meer am buntesten und kecksten. Alles trägt den ernsten nordischen Character der Ruhe und Tiefe. Es ist keine lachende Landschaft; man sieht keine Hirten gelagert oder auf der Weide ihr Vieh treiben; hört keine Schalmeien, sieht keine muntern Landmädchen und Buben, die nach der Fidel springen und sich des Lebens freuen, nein, hier sind nur dunkle Wälder, die hin und wieder durch lichtgrüne Wiesen durchbrochen werden, auf denen nicht etwa stattliches Vieh frei in Heerden weidet, sondern auf denen man hin und wieder ein Pferd oder einen Ochsen, oder auch ein Paar, mittelst eines Strickes mit einem Hinterfuss an einen Pfahl gebunden findet, auf dass sie nicht mehr fressen, als ihnen gut ist. Tiefe blaue Landseen und alte ehrwürdige Eichen aber giebt es in Menge, die dem Wanderer in's Ohr rauschen, dass es hier zuweilen sehr ernst zugegangen sei, wenn der kalte Sturm aus Norden oder Nord-Ost über die Ostseefläche brauset. Fahren wir nun am Strande weiter entlang, so gelangen wir nach einer halbstündigen Fahrt nach Häringsdorf , das gar lachend und einladend in malerischer Unordnung mit seinen weissen Häusern das bergige Ufer bedeckt. Freundlicher, als hier, kann der Ruhe und Heilung Suchende nirgends aufgenommen werden. Näher an's Meer kann der Mensch seine Schlafstelle nicht aufschlagen, als es hier der Fall ist. Auf dem höchsten der Hügel, auf welchen Häringsdorf zerstreut liegt, steht in junger grüner Anpflanzung das Traiteurhaus , von welchem man wieder durch zwei weite Schluchten nach Nord-Ost und Nord-West eine herrliche Fernsicht über das Meer geniesst. Gegen Norden liegt das Traiteurhaus durch einen waldbewachsenen Hügel geschützt, von dessen Höhe man bei klarem Wetter die steilen Ufer Mönchguts erblickt. Alljährlich entstehen auf dieser Hügelgruppe mehr und mehr Häuser in höchst buntem Geschmack, die theils von Swinemündern, theils Auswärtigen aus Speculation und Liebhaberei hier erbaut werden. Der kürzlich verstorbene Professor Klenze, der Dichter Wilibald Alexis und der Schauspieler Devrient waren und sind noch jetzt Besitzer solcher reizend gelegenen Häuser. Seinen Namen trägt dies neue Seebad von dem Umstande, dass die Bewohner des ehemals sehr ärmlichen Fischerdörfchens auf der Höhe, wo jetzt das Traiteurhaus steht, den letztverstorbenen König von Preussen und die Fürstin von Liegnitz zum Frühstück mit frischen in Salz und Wasser gekochten Häringen regalirten. In Folge dieses Frühstücks gab der König dem Dörfchen den Namen Häringsdorf. Die Lebensweise ist im Ganzen hier sehr billig. Für 20 bis 30 Thaler kann man für die ganze Badezeit eine ländlich hübsche Wohnung mit zwei Betten haben. Wer ungestört nur der Natur, seiner Gesundheit und einem engeren gebildeten Kreise von Badegästen leben will, muss nach Häringsdorf gehen. Weiter nordwestlich an der Küste hinauf ist nun noch der bei Coserow hart an der See belegene, etwa 120 Fuss hohe Strekelberg bemerkenswerth, welcher den höchsten Punkt der Insel Uesedom bildet. Sein Scheitel trägt nur mühsam angepflanztes Weidengestrüpp, spärlich wachsenden Strandhaber und eine dreieckige, etwa 30 Fuss hohe Baake, als Signal und Warnungszeichen für fern ansegelnde Schilfe. Früher soll der Berg ganz mit Wald bestanden gewesen sein und ein für ferne Sichten über Land und Meer begeistert gewesener Oberförster hat ihn, wie die Sage geht, unbarmherzig niederstrecken lassen. Die Aussicht ist nun freilich nach allen Seiten unermesslich und mancher Fremde, der von hier das weite Meer und alle die Küsten- und Inselgruppen überschaut, mag dies dem seligen Oberförster schon im Stillen gedankt haben. Nicht aber so das landeinwärts am Fuss des ewig umstürmten Berges gelegene Kirchdorf Coserow. Dieses arme Dorf, das früher einen vortrefflichen Lehmboden gehabt haben soll, liegt gegenwärtig ganz im Sande, und so oft der frische Nord-Ost dem an Sand unerschöpflichen Strekelberg über das kahle Haupt fährt, wird es aufs Neue damit überschüttet. Vom Strekelberge aus erblicken wir auch die Eilande Ruden und die patriarchalische Greifswalder Oie . Auf dem Ruden , und nicht, wie es gewöhnlich heisst, auf Rügen, betrat Gustav Adolph zuerst den deutschen Boden, kniete er nieder und bat Gott um Beistand, als er es für seine Pflicht hielt, der Glaubensfreiheit und dem Lichte der Reformation mit dem Schwerte zu Hülfe zu kommen. Der Ruden wie die Oie sind traurige kahle Sandinseln, die kaum ein paar Kühe ernähren können. Die hier bei den Signalen und Leuchtbaaken wohnenden Lootsen müssen ihre Lebensmittel fast sämmtlich vom Festlande beziehen. Vom Strekelberge nun noch weiter nordwestlich die gänzlich öde Küste Uesedoms zu besuchen, wäre Tollheit, und wir schlagen daher über Damerow, Zinnovitz und Bannemin den nächsten Weg nach der Wolgaster Fähre ein. Mit Wolgast, das in der Nähe der Peenemündung belegen und wohl die älteste Stadt Pommerns ist, betreten wir denjenigen besten Theil von Pommern, der früher fast zwei Jahrhunderte hindurch zu Schweden gehörte und erst 1815 an Preussen kam. Schon zu Anfange des zwölften Jahrhunderts war Wolgast als starke Festung gefürchtet. Etwa um's Jahr 1190 ward sie von den Dänen zerstört und 1191 begann der Wiederaufbau. Zur Zeit, als Pommern in drei Theile zerfiel, in das Land Stettin, das Land Wolgast und das Bisthum Cammin, war Wolgast die Residenz der Linie dieses Namens, und wird von den Chronikenschreibern das Schloss, von dem jetzt nur noch die Keller und sehr geringe Trümmer zu sehen sind, als sehr bedeutend geschildert. 1675 ward es von den Brandenburgischen Truppen gänzlich zerstört. Ausser seinen beiden Kirchen, der Petri- und der zwölfeckigen Gertraudskirche , die einfach tüchtige Gebäude sind, hat Wolgast jetzt nichts mehr von architektonischer Merkwürdigkeit aufzuweisen. Dagegen aber verdient es Ruhm und Anerkennung wegen seiner sehr bedeutenden Schiffahrt und Kornausfuhr, deren neuesten grossartigen Aufschwung zunächst die Thätigkeit und Umsicht eines einzigen Mannes, des Commerzienraths Homeyer , in's Leben gerufen hat. Was andere grössere Städte und kaufmännische Corporationen erst lange in Berathung zogen, setzte er, schnell entschlossen, aus eigenen Mitteln in's Werk. Er liess aus England ein Dampfschiff kommen, um seine zahlreichen Schiffe, selbst beim conträrsten Winde, in See bringen zu können, und liess zum grossen Theil auf eigene Kosten die Chaussee von Wolgast nach Mökow zum Anschluss an die grosse Berliner Chaussee in's Werk setzen. Solcher Männer nur ein Dutzend in Pommern und des alten Oberpräsidenten Sack schon oben angeführte Prophezeiung: » aus Pommern muss noch ein zweites Pommern werden !« ginge hundert Jahre früher in Erfüllung. Durch die schönsten Waizenfelder nähern wir uns jetzt über Mökow, an Wrangelsburg An diesem historisch berühmten Namen eilen wir mit Fleiss schnell und schweigend vorüber; denn von der einst hier an Wald und Wasser gewiss recht hübsch und frisch gelegenen Burg Wrangels ist nichts weiter als der Name übrig geblieben. Erst vor wenig Jahren wurden die Ruinen als schöne behauene, zum Theil mit allerlei närrischem Zeug verzierte, Steine zu Fundamenten für Kuh- und Schafställe und andere solide Bauten auf gut pommerisch verwendet. vorüber, dem alten pommerschen Musensitze Greifswald Diese überaus hübsche, freundliche, wohlhabende Stadt liegt am schiffbaren Ryck, nur eine halbe Meile von der See entfernt. Sie ist von einem Abte des Klosters Eldena gegründet und etwa 1233 mit Mauern umgeben und zur Stadt erhoben worden. Wie es heisst, war dem Kloster Eldena von der Freigebigkeit der ehemals fast souverainen Grafen von Gützkow ein grosser Wald geschenkt worden, dessen Reste noch heutiges Tages unter dem Namen Elisenhain ein Hauptvergnügungsort der Greifswalder sind. Zu seiner Zeit erstreckte sich der Wald von Eldena bis Greifswald und war von solcher Dichtigkeit, dass ein alter Mönch prophezeite: »Sollten je die Thürme Greifswald's von Eldena aus gesehen werden können, so würde nicht nur Greifswald's, sondern der ganzen Erde Untergang sehr nahe bevorstehen.« Hätte der Mönch doch nur den Untergang des Klosters prophezeit, so könnte man glauben, er habe geahnt, dass derselbe Geist, welcher äusserlich durch Lichtung der Wälder Licht schaffe, auch die Menschheit so weit aufklären werde, dass sie das finstere Pfaffen- und Klosterwesen zum Lande hinausjage. Das Kloster zu Eldena liegt in Trümmern, und nur die Ueberreste unterirdischer Gänge, welche früher von dem Kloster aus in das Greifswalder Rathhaus und dessen Weinkeller geführt haben sollen, verrathen, welche Verbindung die Mönche mit ihrer Pflanzstadt unterhielten. Das heutige Greifswald aber ist der Brennpunkt für die spärlichen Strahlen pommerscher Cultur und Intelligenz, der Nerv Pommerns, durch den es von den geistigen Regungen und Bewegungen der Aussenwelt afficirt wird. Universität, Gymnasium, Oberlandesgericht, Hofgericht, Kreisgericht, Garnison, Handel, Schiffahrt u. s. w. bewirken ein reges und vielseitiges Leben in dieser Stadt und sind die Ursache, dass Greifswald im Laufe der Jahre eine ganz andere Physiognomie gewonnen und aus einer mittelalterlichen, durch hohe Giebelhäuser und enge Strassen verfinsterten Stadt ein freundlicher, regelmässig und modern gebauter Ort geworden ist und noch täglich mehr wird. Eben dies rege geistige Leben und der sich hin und wieder, namentlich in Anlagen und Verschönerungen der Stadt, unverkennbar kundgebende Kunstsinn seiner Einwohner haben der Stadt den Namen Hyld-Athen verschafft ( Hylde ist ein zweiter Name des Flusses Ryck). Die hiesige Universität wurde 1455 von Herzog Wartislaw , genau genommen aber von dem Bürgermeister Rugenow , Die Bürgermeister der grösseren Städte Pommerns hatten in früherer Zeit häufig mehr Macht und Ansehen, als die Herzöge von Pommern. dem ersten Rector der Universität, gestiftet. Durch Stiftungen und Schenkungen aller Art wurde sie so reich dotirt, dass ihre jährlichen Einkünfte auf 50 bis 60,000 Rthlr. geschätzt werden. Da in der sogenannten Schwedenzeit die Universität oft kaum 50 Studenten zählte, so war es sprichwörtlich geworden, dass jeder Student der Universität jährlich tausend Thaler koste, und es soll auch lange Zeit üblich gewesen sein, jeden neu ankommenden Studenten am Thore zu fragen, ob er auch Stipendien und Freitische annehmen wolle, denn selbstständige Leute, die aus eigenen Mitteln lebten, würden hier nicht zugelassen. Das bekannte Tres faciunt collegium soll hier in Greifswald entstanden sein. Obgleich nun, was die Frequenz betrifft, die Universität sich auch bis heute noch nicht recht aufgeschwungen hat – die juristische Facultät zählte vor kurzem drei Studenten – so haben hier doch zu allen Zeiten, in allen Fächern, tüchtige Männer gelehrt, und es ist nur zu bedauern, dass hier dem Rufe der Celebrität auch stets der Abruf nach Berlin, Halle und andern grösseren Universitäten auf dem Fusse folgt. Oft schon ist von gänzlicher Aufhebung der Universität und ihrer Zusammenschmelzung mit Berlin die Rede gewesen. Indessen, es müssen wohl alte Pergamente vorhanden sein, die die Ausführung dieses Planes verhindern. Am zahlreichsten ist noch immer die medizinische Facultät hauptsächlich von Westphalen besucht, die sich vielleicht durch den Namen eines Berndt oder Schulz, oder, wie Andere behaupten, durch die derbe dem westphälischen Schinken und Pumpernickel zunächst verwandte neuvorpommersche Kost, die ihnen hier an Freitischen durchaus gut, reichlich und unentgeltlich geliefert wird, angezogen fühlen. Unter den Juristen sind die Professoren Gesterding, Schildener, v. Tigerström und Barkow, unter den Theologen Kosegarten und Matthies, unter den Philosophen Schömann, Stiedenroth, Hornschuch und Grunert hervorzuheben. Von Dichtern und Schöngeistern hat dieser Musensitz gegenwärtig nichts aufzuweisen, und wenn die Dichterin und Gräfin Ida Hahn-Hahn hier auch zu Zeiten wohnhaft und heimisch ist, so verlebt sie ihre Tage doch meist unter einem ihrer glühenden Phantasie günstigeren Himmelsstrich. Als ein höchst anspruchloser Mann von vielseitigem Wissen und mannigfachen Talenten ist der Dr. Fr. v. Hagenow bemerkenswerth, der vermittelst seiner ausgezeichneten Karten der sicherste Führer durch Pommern und Rügen geworden ist. Unter den Gebäuden Greifswald's ist zunächst die Nicolaikirche, hauptsächlich ihrer einfach edlen inneren Ausschmückung wegen, sehenswerth. Auf's Einzelne können wir uns leider hier nicht einlassen. Die Greifswalder sind auch von dem ansehnlichen Thurm dieser Kirche sehr entzückt. Wir sind aber der Ansicht, dass derselbe, obgleich sehr hübsch und zierlich, als Thurm eines Gotteshauses, viel zu bunt, phantastisch und spielwerkig sei, und nichts von der edlen imponirenden Einfachheit besitze, die, trotz aller gothischer Schnörkel und Zierrathen, uns in Kirchthürmen älterer Zeit entgegen tritt. Der Thurm der Nicolaikirche zu Stralsund, der ziemlich aus derselben Zeit des 14ten Jahrhunderts stammt, ist viel edler, harmonischer, man möchte sagen: erhebender construirt; der Greifswalder Thurm macht den Eindruck einer colossalen schön gedrechselten Schachfigur, und würde dem Stralsunder oder dem Danziger Rathhause zur schönsten Zierde gereichen. – Das Universitätsgebäude, 1751 erbaut, ist nach einem im Vergleich zu grösseren Musensitzen grossartigen Plane ausgeführt, und hat an einem mit Linden besetzten Platze zwischen der St. Nicolai- und Jacobikirche eine angenehm überraschende Lage. Sehenswerth ist die Aula, mit den Bildern früherer Kanzler und Protektoren verziert. In den beiden obern Geschossen der ganzen Breite, Tiefe und Höhe nach befindet sich der Bibliotheksaal, würdig ausgeschmückt im Geschmacke des Zeitalters. Die Zahl der Bücher ist etwa 60,000; mancherlei Kostbarkeiten und Reliquien vergangener Zeit locken den Reisenden. Die Seitenflügel des Gebäudes dienen zu Hörsälen, zur Aufbewahrung der vollständigen anatomischen Sammlungen und Präparate, so wie der Instrumente zur Anatomie; ein schöner Saal ist den Sitzungen des Senats und des Conciliums bestimmt. Eine grosse Zahl von Portraits der früheren Professoren, mit dem Stifter Heinrich Rugenow beginnend, und mit Unterbrechung fortgeführt bis auf das heutige Lehrercollegium, schmückt mehrere Räume. Das ausgezeichnete naturhistorische Museum ist in einem entlegenen, eleganten Gebäude aufgestellt. Im Atrio des vorderen Einganges hat der dankbare Sinn einer neueren gelehrten Generation ein aus Wolgast gerettetes Wappenbild eingemauert; im Vordergiebel prangt in Stein gehauen der Königl. Preuss. Wappenadler; nach der Südseite dagegen, über dem anmuthigen und wohlbepflanzten botanischen Garten, blickt, von gehelmten wilden Männern getragen, der Schild der Greifen herab, unverändert im Wechsel der Dinge, während Schwedens Löwe und Napoleon's Adler nach einander wichen. – Das grösste Gebäude in der hier zunächst gelegenen Strasse ist das neu erbaute Lokal des Oberappellations- und Hofgerichts. Nehmen wir nun noch auf dem Markte die drei schönen alten Giebelhäuser und gegenüber das Rathhaus mit einem ansehnlichen Weinkeller in Augenschein, so hätten wir, ausser der Saline, den höchst eleganten, fast zu grossartigen Stadtthoren; wovon eines, das Steinbecker, nach dem Muster des Berliner Brandenburger erbaut ist, und ausser dem Logengarten und den sehr schönen Wallpromenaden, nichts mehr zu berücksichtigen; können also somit in eines der drei hübschen alten Häuser, bei der Wittwe Engel, einsprechen und daselbst ein vortreffliches Glas Rothwein trinken. Zum Logiren aber ist allen Fremden das deutsche Haus bestens zu empfehlen. Unter den Umgebungen Greifswald's verdienen nun zunächst die landwirthschaftliche Akademie Eldena , und Wyck , als der eigentliche Hafen der Stadt, Berücksichtigung. Beide sehr interessante Punkte liegen hart am Ausflusse des Ryck in's Meer, dessen Bucht hier der Greifswalder Bodden genannt wird. Ruine des Klosters Eldena Vermittelst einer sogenannten Treckschuite begeben wir uns jetzt auf gut holländisch den Ryck hinab, setzen jedoch unsern Landschaftsmaler gleich links bei den Salinen ab, um erst von hier aus, als von einem besonders günstigen Punkte, die gute Stadt Greifswald zu portraitiren, und uns später nach Eldena zu folgen. Wyck , das uns zur Linken liegt, ist ein reinliches freundliches Dorf, das zunächst von meist wohlhabenden Schiffern und Fischern bewohnt wird, und ausserdem, dass es zum Hafen und Seebad der Greifswalder dient, nichts Bemerkenswerthes aufzuweisen hat. Anders aber verhält es sich mit Eldena , das von vornherein einen höchst angenehmen, unerwartet malerischen Eindruck auf den Fremden macht. Neben den einfachen ländlichen Hütten sind hier, seit das Amt Eldena zu einer landwirthschaftlichen Akademie erhoben wurde, viele sehr stattliche Gebäude im mannigfaltigsten Geschmack entstanden, und wer Eldena seit zehn Jahren nicht gesehen hat, kennt es schwerlich wieder. Und wenn nun vollends aus Eldena's alter Klosterruine einer von den Klosterbrüdern, die sich so schlecht auf's Prophezeien verstanden, aus dem Grabe käme, und sähe und hörte, wie statt des Klosterzwanges hier jetzt die akademische Freiheit herrscht, wie statt der Weihrauchfässer hier die Bowlen dampfen und statt des Ave Maria jetzt das Gaudeamus igitur erklingt, der würde sich wundern und wahrscheinlich gerne gleich wieder schlafen legen. Trotz der höchst günstigen Lage und mannigfaltigen Bodenbeschaffenheit hat sich, so viele pecuniaire Anstrengungen auch gemacht wurden, die Akademie doch nicht jenes zahlreichen Besuches zu erfreuen, der mit vielleicht zu grosser Sicherheit erwartet wurde. Theils ist hieran wahrscheinlich das etwas sehr theuere Leben und hauptsächlich wohl der Umstand Schuld, dass der frühere Director, der eigentlich zur Einrichtung der Akademie berufen war, sehr plötzlich seine Stellung aufgab und als ein sehr beliebter Lehrer fast zwei Drittel der derzeitigen Akademiker mit sich nahm. Wenden wir uns jetzt zu der alten Klosterruine, die als ein Prachtstück pommerscher Landschaftsmotive mit Recht auf eine Abbildung für unser Werk Anspruch zu machen hatte, so sehen wir in ihr die klassische Stätte, von welcher sich sowohl das Christenthum als auch die deutsche Bildung überhaupt über Neuvorpommern verbreitet haben. Vor etwa 633 Jahren stifteten die Fürsten von Rügen hier mit reichen Belehnungen ein Cistercienserkloster, und die Aebte dieses Klosters stifteten wieder die Stadt Greifswald. In dieser entstand dann die schnell erblühende und segensreiche Früchte tragende hohe Schule, die nicht wenig zum Siege der Aufklärung und Reformation beitrug, durch welche aber das Kloster fast spurlos in Schutt und Trümmer sank, die erst in neuester Zeit ein dankbarer, für das Schöne und Malerische empfänglicher Sinn aus Gestrüpp und Wildniss ans Tageslicht gefördert hat. Aus diesen Trümmern, welche unser Maler mit vielem Geschick uns glücklich zur Anschauung gebracht hat, lässt sich auf den bedeutenden Umfang und auf die frühere Zierlichkeit des Münsters schliessen. Die Verwüstung dieses Klosters geschah im 30jährigen Kriege, abwechselnd von den Schweden und den Kaiserlichen, und die Universität Greifswald, die bereits unter Boislav XIV. in den Besitz sämmtlicher Klostergüter kam, liess erst 1827 die Ruinen säubern und aufräumen und mit einer kleinen Pflanzung von Laubbäumen umgeben. Wenn auch, ausser der Thurmgiebelwand der Kirche, wenig Malerisches mehr von der Ruine vorhanden, so ist sie dennoch unter allen früheren pommerschen Klöstern die bedeutendste Ruine, weil die Erbitterung der Schweden im dreissigjährigen Kriege sie fast sämmtlich bis auf den Grund zerstört hat, und später sogar die zum Theil noch übrigen Mauern und Fundamente zur Anlegung von Branntweinbrennereien und andern für nöthig erachteten Gebäuden verbraucht worden sind. In der That, es wird dem Beschauer schwer, hier und an anderen Orten die Anklage gegen den in Hinsicht auf Alterthümer hier herrschenden gedankenlosen Stumpfsinn nicht nur der Vorzeit, sondern namentlich des vorigen und jetzigen Jahrhunderts zu unterdrücken. Mehr als die Wuth der Feinde hat der Eigennutz der Einheimischen die zum Theil gewiss malerischen Trümmer ehrwürdiger Burgen und Klöster zerstört. Von den Klöstern zu Stolpe, Pudagla, Hiddensöe und dem einst so stattlichen Kolbatz ist fast nichts mehr übrig und die Trümmer der pommerschen Herzogsburgen sind erst vor kaum 30 Jahren für den Preis der Abtragung der Steine verkauft worden und nur die Keller hat man bestehen lassen, weil sie sich trefflich zur Aufbewahrung von Häringstonnen eigneten. Bevor wir Greifswald und dessen gesegnete Umgegend verlassen, um uns über Stralsund nach dem schönen Rügen zu wenden, müssen wir eines wenig gekannten, aber nichts destoweniger sehr merkwürdigen Dorfes gedenken. Dieses Dorf heisst Conerow , und hat sich zunächst durch die Anhänglichkeit seiner Bewohner an den heldenmüthigen König Carl XII. in der Pommerschen Geschichte einen Namen erworben. Als König Carl in Bender war, und dort unter den Türken Gefahren und Drangsale aller Art zu bestehen halte, hörten die Bauern von Conerow: wie seine Noth bereits so hoch gestiegen sei, dass er seine Lieblingspferde habe erschiessen lassen müssen, um mit deren Fleisch die wenigen Getreuen, die, mit ihm von den Türken eingeschlossen, wie Löwen kämpften, am Leben zu erhalten. Alsobald machte sich einer der Bauern, Peter Müsebeck mit Namen, zu Pferde auf den Weg nach Bender, steckte links und rechts in seine grossen Stiefeln was er nur irgend an Gold mit Hülfe sämmtlicher Bauern hatte auftreiben können, und brachte so dem Könige, wenn auch nicht durchgreifende Hülfe, doch einen rührenden Beweis von der treuen Anhänglichkeit seiner Pommern. Man erzählt, dass Carl XII., der sonst nicht leicht weich wurde, durch das Erscheinen Peter Müsebeck's wahrhaft erschüttert gewesen sei, und ihm befohlen habe niederzuknien, damit er ihm den Ritterschlag ertheile. Dessen aber hat sich Peter Müsebeck erweislich nicht bequemt, sondern dem Könige zu verstehen gegeben, dass es ihm als Bauer gar wohl um's Herz sei, und wenn der König ja was thun wolle, so möge er sämmtliche Bauern von Conerow für ewige Zeiten aller Steuern los und ledig erklären. Dies hat der König Carl XII. denn auch in der That gethan, ein Document darüber ausgefertigt und in das grosse Wachssiegel desselben, wie man erzählt, einen Theil seines Schnurrbartes mit dem Petschafte, welches er am Handgriffe seines Degens trug, eingesiegelt. Dieses Document ist auch von der preussischen Regierung, wie man sagt, bis auf den heutigen Tag respectirt worden. Auf der erst seit wenigen Jahren bestehenden Chaussee begeben wir uns jetzt über die Dörfer Kowall, Reinberg und Brandshagen, immer das Meer und die Insel Rügen zu unserer Rechten sehend, nach dem alten berühmten, mit seinen stattlichen Thürmen weit über Land und Meer hinausragenden Stralsund Wer im Volk wüsst' nicht zu sagen, Wo mein altes Stralsund liegt? Seine stolzen Thürme ragen, Wo der kühle Belt sich wiegt; Wo die schöne Jungfrau Rügen Sich zum starken Pommern sehnt. Sich an seine Brust zu schmiegen Ihre weissen Arme dehnt, Wo das Meer, das dunkelblaue, Drum so ruhig zieht vorbei, Dass sich Stralsund drin beschaue Und erkenn': wie schön es sei. Stralsund's Thürme sind Gedanken, Einfach, aber hoch und kühn; Wie Gebet hinauf sie ranken Und das Herz zum Himmel zieh'n. Durch das Frankenthor, in welchem Carolus XII. nach seinem Ritt von Bender in einer jetzt nicht mehr sichtbaren Mauernische mit geschwollenen Beinen so lange rasten musste, bis seine Ankunft ordnungsgemäss dem regierenden auf's höchste überraschten Bürgermeister gemeldet worden war, – denn dieser und nicht etwa der Militair-Commandant bewahrt noch heutiges Tages während der Nacht die Schlüssel der Festung, – gelangen wir in die Stadt, welche fast jeder Fremde mit grossen Erwartungen betritt und mit geringer Meinung verlässt. Unter allen Städten der Ostsee hat Stralsund bis auf die neueste Zeit, nur mit Lübeck und Danzig hierin wetteifernd, die glänzendste Vergangenheit, die hochherzigste, tapferste Gesinnung und die hierdurch sich errungene beneidenswertheste Selbstständigkeit aufzuweisen. Gegenwärtig aber ist sie kaum noch ein Schatten von ehedem; von ihrer Selbstständigkeit hat sie wohl oder übel das Wesen geopfert und den Schein behalten. Die Schlüssel der Festungsthore werden noch jeden Abend um 9 Uhr durch einen Unteroffizier und zwei Mann Wache vom Commandanten dem regierenden Bürgermeister übersendet, aber die Zoll- und Münzfreiheit, das Recht der Selbsterhebung der Accise und andere, reellen Nutzen bringende, Privilegien sind dahin. Stralsund , von dessen einst so berühmten Festungswerken jetzt wenig oder gar nichts mehr zu sehen, ist zunächst durch seine Lage fest, indem es von der einen Seite durch die Meerenge Gellen und von der anderen durch drei grosse Teiche, den Knieper-, Franken- und Triebseerteich, eingeschlossen wird, und somit eigentlich nur vermittelst dreier Zugbrücken mit dem Festlande zusammenhängt. Erst in ganz neuester Zeit sind am Triebseerthor ernstliche Anstalten zur Wiederherstellung der Festung getroffen, und Viele wollen hierin Vorsichtsmaassregeln gegen den möglicherweise plötzlich erwachenden Länderheisshunger des jetzt mit Preussen so eng befreundeten Russlands erblicken. Stralsund wurde im Jahr 1209 durch Jaromar I., Fürsten von Rügen, unter Dänischer Hoheit gegründet und zwar zunächst, um durch diese Festung seine Besitzungen diesseits der Meerenge besser gegen die Pommerschen Herzoge schützen zu können. Die Stadt wurde gleich anfangs mit deutschen Colonisten bevölkert und ihren Namen trägt sie von der Meerenge Sund , an der sie liegt, und von der nahe gelegenen Insel Strale , die heutiges Tages Dänholm heisst. Stralsund hatte von seinem ersten Beginn an viele Gefahren zu bestehen. Schon im Jahre 1212 brannten die Pommerschen Herzoge sie bis auf eine einzige Kirche nieder, in welche Jaromar sich mit den Bürgern zurückgezogen hatte, die sich von hier aus muthig und erfolgreich vertheidigten. Nach dem Wiederaufbau der Stadt, der erst 1230 als beendet anzusehen, erhielt Stralsund eine deutsche Stadtverfassung und wurde 1234 von Witzlav I. mit Lübischem Rechte und mancherlei Freiheiten bewidmet. Bald gedieh die Stadt durch Handel und Verkehr zur See zu solchem Flor, dass sie den Neid aller übrigen Ostsee-Städte und sogar Lübeck's erregte, so dass die Lübecker sie 1238 bei Nacht überfielen, fast ganz zerstörten und die angesehensten Bürger gefangen wegführten. Die Lübecker wurden jedoch durch Fürst Witzlav gezwungen, die Gefangenen loszugeben und den Schaden zu ersetzen, und der Fürst beschenkte die Stadt noch mit neuen Vorrechten und Besitzungen. 1277 ward Stralsund abermals durch die Lübecker erobert und niedergebrannt; indessen die Bürger bauten ihre Häuser mit von den niederländischen Städten geliehenem Gelde wieder auf, und vergrößerten die Stadt um ein Bedeutendes. 1284 vereinigte sich Stralsund mit Lübeck, Rostock, Wismar, Greifswald, Riga und Wisby zu der nachmals so berühmten und mächtigen Hansa und bildete mit den vier zuerst genannten Städten den sogenannten Wendischen Bund, in welchem Stralsund eine sehr hervorragende Rolle spielte. Stralsunds Macht und Bedeutung stieg jetzt so rasch empor, dass, als es etwa ums Jahr 1316 mit seinem eigenen Herrn, dem Rügischen Fürsten Witzlav IV., in Zwist gerieth, es sich mit Hülfe der Pommerschen Herzoge seiner und der mit ihm verbündeten nordischen Könige auf das Ruhmvollste erwehrte. Nach Entsetzung der Stadt griffen die Stralsunder den Fürsten selbst an, eroberten und zerstörten seine Burg Rugigard (jetzt Rugard ) und machten ihn fast ganz von sich abhängig. Als im Jahre 1325 mit Witzlav IV. das Geschlecht der Fürsten von Rügen ausstarb, brachte es Stralsund aus Dankbarkeit für den geleisteten Beistand dahin, dass die Stadt sammt dem ganzen Fürstenthum Rügen den Herzog von Pommern zum Landesherrn erwählte und dadurch dem deutschen Reiche einverleibt wurde. Der jetzt folgende Zeitraum von 1325 bis 1522 war der der höchsten Blüthe und Macht Stralsunds. Fast nur dem Namen nach, sagt Fabricius in seiner Verfassung und Verwaltung der Stadt Stralsund S. 3 sq., war die Stadt dem Herzoge unterworfen. Vom Zolle und der Landfolge hatte sie sich zu befreien gewusst, so dass sie Steuern, Ehrengeschenke und Soldaten nur bittweise zuweilen gab; das Münzregale besass und übte sie im vollsten Umfange; und als sie gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts auch die Gerichts-Vogtei (niedere und hohe Gerichtsbarkeit in bürgerlichen und peinlichen Rechtssachen) über die Stadt und alle der Commune oder einzelnen Bürgern gehörige Landgüter, erst pfandweise, sodann aber durch Erbkauf, erworben hatte, wonächst sogar die Appellationen nicht an den Herzog, sondern an den Rath zu Lübeck und von da an den Kaiser gingen, war alles Recht des Herzogs auf die Orbare, Eine Art Schutz- oder Grundgeld, als Anerkennung der Landesherrlichkeit. den Huldigungseid und das Patronat über die oberste Pfarrherrnstelle beschränkt. Selbst das Recht des Krieges und Friedens, Bündnisse mit auswärtigen Mächten zu schliessen, und sich, im Falle der Herzog ihre Privilegien kränke, einen andern Schutzherrn zu wählen, stand der Stadt zu, und nur unter ihrem Geleite konnten der Landesherr und andere Reichsfürsten in Stralsund einreiten. Ausserdem genoss sie auch vieler Vorrechte im ganzen Herzogthume; in der Landschaft hatte sie den ersten Rang vor allen übrigen Städten, die Insel Rügen durfte alle Landeserzeugnisse nur nach Stralsund zum Verkauf bringen; vom Seehandel und bürgerlichen Gewerbe war das platte Land ausgeschlossen; Missethäter und selbst adelige Strassenräuber durfte die Stadt auch ausserhalb ihres Gebietes (Böre) verfolgen und bekämpfen, und die Bürger genossen im ganzen Lande Freiheit von allen herzoglichen Zöllen. Als mächtiges Mitglied der Hansa endlich, nahm die Stadt an allen Privilegien und Monopolen des Bundes in den nordischen Reichen und England, namentlich auch an der Freiheit vom Sundzolle Antheil, und auch selbstständig waren ihr besonders in Dänemark und Schweden bedeutende Vorrechte eingeräumt. Schon mit dem Anfange des 16ten Jahrhunderts begann Stralsund, dessen Einwohnerzahl damals auf wenigstens 40 bis 50 Tausend sich belaufen mochte, von dieser Höhe herabzusteigen. Die veränderten Wege des Welthandels, das erobernde Vorschreiten der Russen, wodurch das Comptoir in Nowogrod und der Handel in den Orient verloren ging, und die beständigen Zwiste zwischen Dänemark und Schweden wirkten höchst nachteilig auf den Verkehr der Hansa. Ein Krieg gegen König Johann, durch des Letzteren tyrannische Eingriffe in ihre Rechte veranlasst, brachte dem ganzen Bunde wie den einzelnen Städten unersetzlichen Schaden und stürzte sie in Schulden. Dazu kam, dass in Pommern gerade ein kraftvoller Fürst herrschte, Bogislav X., der das ganze Herzogthum allein besass, und seine Gewalt eifrig und mit Erfolg zu vermehren bemüht war. Dies Alles, mit der bald darauf beginnenden Reformation zusammenwirkend, führte Unruhen und Umwälzungen im Innern Stralsund's herbei, welche mit längerer oder kürzerer Unterbrechung ein Jahrhundert fortdauerten und dadurch eben den folgenden Zeitraum, bis zum Erlöschen des einheimischen Fürstengeschlechtes, als den für die Ausbildung der Stadtverfassung besonders wichtigen uns bezeichnen. Bisher hatte alle Gewalt fast allein in den Händen des Rathes gelegen, nur in seltenen Fällen wurden die erbgesessenen Bürger zusammengerufen und befragt, und die Alterleute des Gewandhauses (der vornehmsten Kaufmannszunft), aus welchen der Rath sich gewöhnlich ergänzte, wurden als die regelmässigen Vertreter der Bürgerschaft und als Vermittler zwischen ihr und dem Rathe angesehen. Einzelne Aufstände in der vorigen Periode waren unterdrückt worden, ohne eine Aenderung hierin herbei zu führen. Jetzt, als Handel, Verkehr und Reichthum allmälig abnahmen, der Rath sich unläugbar viele Unrechtlichkeiten zu Schulden kommen liess, und die neuen Ideen Luther's alle Gemüther mächtig aufzuregen anfingen, benutzte Roloff Moller, der junge, feurige und ehrgeizige Erbe eines vertriebenen Bürgermeistergeschlechtes diese Umstände und die dadurch erzeugte Unzufriedenheit vieler Bürger, um sich emporzuschwingen. In einem Aufstande zwang er den Rath, einen aus der Bürgerschaft gewählten Ausschuss von 48 Männern gleichsam als äusseren Rath Antisenatus werden die Acht und Vierzig häufig in lateinischen Schriften genannt. neben sich anzuerkennen, und diesem wurden die umfassendsten Rechte eingeräumt, so dass der Rath ihm fast untergeordnet war. Anfänglich schafften diese Acht und Vierzig manches Gute, – wie sie denn namentlich sogleich die Kirchenverbesserung einführten, – und auch selbst nach Moller's Sturz, der sich in einem neuen Aufstande 1524 zum Bürgermeister hatte ernennen lassen, aber schon nach zwei Jahren in's Exil wandern musste, blieben sie bei Macht und Ansehen. Allein als die Besten und Einsichtsvollsten unter ihnen nach und nach in den Rath gekommen waren, und in der neu ergänzten Zahl eine immer wildere Demagogie sich geltend machte, brachten sie die Stadt an den Rand des Verderbens. Nach Stralsunds Vorgange hatte sich nämlich in mehreren der Wendischen Städte ein Volksregiment gebildet, das weit willkürlicher schaltete, als der Rath es jemals gethan, und so herrschten in Lübeck namentlich Georg Wullenweber und Marx Meyer als unumschränkte Tyrannen. Diese wollten 1533, nach dem Tode des Königs Friedrich's I. von Dänemark und Norwegen, unter dem Scheine, als drängen sie auf Wiedereinsetzung des entthronten Christjern, beide Reiche der Hansa unterwerfen, und veranlassten dadurch den unter dem Namen der Grafenfehde bekannten Krieg. Ein durch Wullenweber und die 48 in Stralsund angezettelter Aufstand zwang den Rath an diesem Kriege Theil zu nehmen, welcher Blut und Geld in reichem Maasse kostete und in seinem unglücklichen Verlaufe die Städte bis auf's Aeusserste brachte. Der schlimme Ausgang dieses Unternehmens stürzte 1537 die Acht und Vierzig, an deren Meisten der Rath eine nicht edle Rache nahm, und der frühere Zustand der Dinge ward wiederhergestellt; allein die Bürger hatten sich daran gewöhnt, eine Vertretung zu haben, und so berief der Rath selbst, in der durch die grossen Kriegsschulden herbeigeführten, immer drückender werdenden Geldverlegenheit, zwischen 1550 und 1560, hundert Männer aus der Bürgerschaft, welche die nöthigen Steuern und Auflagen bewilligen sollten. Diese, obwohl vom Rathe selbst ausgewählt, waren indessen weit entfernt, nur gehorsam Ja zu sagen; sie deckten vielmehr die Missbräuche in der Verwaltung des städtischen Vermögens schonungslos auf, und forderten, dass sowohl diese Verwaltung, als auch die Wahl der 100 Männer selbst, der Bürgerschaft überantwortet werden solle. Jahrzehende verflossen in gegenseitigen Demonstrationen und theilweisen Bewilligungen. 1595 (16. Decbr.) kam zwar ein Vertrag (Recess) zu Stande; allein eine papierne Verfassungsurkunde, wenn sie auch noch so trefflich gewesen wäre, konnte die versiegten Erwerbsquellen nicht wieder öffnen, konnte die Schulden der Stadt nicht tilgen, konnte nicht Wohlstand und Reichthum in die Häuser der Bürger zurückführen. Dies waren jedoch die Hoffnungen gewesen, womit die Bürgerschaft sich geschmeichelt hatte, und als sie diese nicht erfüllt sah, schob sie, in der vorigen Täuschung verharrend, die ganze Schuld auf den Recess. Es ward von Neuem daran geändert und, wie man dreist sagen darf, gebessert; denn Rath und bürgerschaftliches Collegium, beide waren durch stete Uebung bei der langen Dauer des Kampfes an Einsicht und Umsicht erstarkt, und namentlich im Rathe sassen jetzt Männer, die den höchsten Aemtern gewachsen und ihrer würdig gewesen wären. Also nach abermals 16 Jahren ward man endlich über alle Punkte einig, und am 23. Decbr. 1611 war der neue Recess nun bis auf die Untersiegelung fertig, als ein schon lange gefürchtetes gewaltthätiges Einschreiten von aussen her das ersehnte Ziel noch wieder in die Ferne hinausschob. Stralsund war die erste pommersche Stadt, welche die Kirchenverbesserung eingeführt hatte; seit 1522 war hier die reine Lehre gepredigt, und 1525 eine evangelische Kirchen- und Schulordnung vom Rathe und den 48 errichtet worden, wahrscheinlich die früheste in ganz Deutschland. Da die Herzoge damals noch katholisch waren, und die Stadt überdies nicht zum pommerschen Bisthume Cammin, sondern zum Schwerinschen Sprengel gehörte, so machte es sich von selbst, dass die bischöfliche Gewalt auf die Stadtgemeine überging, und diese auch im Besitz derselben verblieb, als zehn Jahre darauf (Treptower Landtag 1534) das ganze übrige Herzogthum die Reformation annahm. Diese kirchliche Selbstständigkeit, – Stralsund hatte seine eigenen Superintendenten und sein eignes Consistorium, – war den Fürsten ein Dorn im Auge, und ebenso verdross es sie, dass der Rath die Appellation an das herzogliche Hofgericht in Wolgast nicht verstattete; beide Punkte waren das ganze 16te Jahrhundert hindurch ein Zankapfel zwischen dem Landesherrn und der Stadt, welche ihrerseits wieder mannigfache Beschwerden über Eingriffe in ihre Handelsprivilegien zu führen hatte. Bei der Gerechtigkeitsliebe der meisten Herzoge war es jedoch zu keiner Gewaltthätigkeit gekommen; die Stadt schützte ihren Besitz, und die Processe lagen beim Reichskammergerichte. Jetzt aber regierte den Wolgastischen Landesantheil, wozu Stralsund gehörte, der eigenmächtige und ränkesüchtige Philipp Julius, kaum 26 Jahre alt. Ein siebenjähriger Knabe, als sein Vater starb, war er von den Hofschranzen erzogen, dem Trunke ergeben, und ein Werkzeug derer, die seinem Ehrgeize schmeichelten. Nur nach langem Widerstreben hatte Stralsund ihm während seiner Minderjährigkeit gehuldigt, und auch deshalb schon auf die Stadt erbittert, waren ihm die innern Zwistigkeiten derselben höchst willkommen, ja er that Alles, um sie zu nähren und den Bruch zwischen Rath und Bürgerschaft zu erweitern. Als jetzt dieser Streit seinem erwünschten Ende zu nahen schien, ward der Herzog gewaltthätiger, fiel in der Stadt Güter ein, die er plünderte und verbrannte, und wusste zugleich eine Verteidigung mitgewaffneter Hand, so wie die Untersiegelung des schon fertigen Recesses, durch seine Partei unter den Bürgern zu hintertreiben. Der Rath verklagte ihn auf Landfriedensbruch beim Reichskammergericht, allein am 3ten Februar 1612 ritt er selbst in Stralsund ein, wies die zu seiner Bewillkommnung abgeschickte Deputation des Rathes ab, und verlangte, dass der Rath, die Alterleute und die Hundertmänner, jedes dieser drei Collegien einzeln und abgesondert, sich über den von ihm vorgelegten Vergleichsentwurf, (worin ihm alle seine Prätensionen eingeräumt, die Beschwerden der Stadt aber niedergeschlagen waren,) sogleich erklären solle. Die standhafte Weigerung des Rathes und der Alterleute reizte ihn noch mehr, – er zuckte sogar das Schwert, – und nun rief er, mit Hintansetzung aller drei Körperschaften, die 4 Quartiere (Stadtviertel) zusammen, setzte jedem derselben einen Worthalter vor, und liess durch diese seine Propositionen bewilligen. Noch einmal kam er im folgenden Monate wieder, entsetzte die tüchtigsten Rathsmitglieder ihrer Stellen, Unter den Abgesetzten waren auch Steinweg und Krauthoff, die sich nachher als Bürgermeister während Wallenstein's Belageruug einen geschichtlichen Namen erworben haben nahm den Alterleuten die Wortführung im Hundertcollegium, und verfuhr durchaus als Tyrann, ohne sich im mindesten an die Strafbefehle des Kaisers zu kehren, welche der Rath ausgewirkt hatte und ihm selbst, während seiner Anwesenheit in der Stadt, furchtlos einhändigen liess. Trotz aller dieser Gewaltschritte richtete Philipp Julius auf die Dauer doch nichts aus, seine Angriffe scheiterten an der felsenfesten Beharrlichkeit des Rathes, der erzwungene Vergleich ward für nichtig erklärt, und nach mehrjährigen Unruhen musste der Herzog sich endlich der Entscheidung seiner Streitigkeiten mit der Stadt durch einen Austrag gefallen lassen. Er selbst bemannte 12 Mitglieder der Landschaft (Prälaten, Ritter und Bürgermeister), und aus diesen wählte der Rath 7 Personen aus, welche als Schiedsrichter endlich einen billigen Vergleich vermittelten (den 11. Juli 1615), worin der Stadt fast alle bisher besessene Rechte bestätigt wurden. Dies ist der Erbvertrag. Beinahe zu derselben Zeit wurde nun auch Rath und Bürgerschaft über die Stadtverfassung mit einander einig, und auf die Grundlage des Recesses von 1611 ward ein neuer Vertrag gebauet, der Bürgervertrag, welcher am 8ten Februar 1616 untersiegelt und vom Herzoge bestätigt wurde. So ward denn endlich Friede nach Aussen und im Innern hergestellt, auch den Gewandhaus-Alterleuten, welchen der Bürgervertrag ihre alten Rechte hinsichtlich der Wortführung für die Bürgerschaft entzogen hatte, wurden diese grossentheils zurückgegeben (16. November 1624), und die Früchte des wiedergekehrten Vertrauens zwischen Obrigkeit und Gemeine bewährten sich bald darauf 1628 in der Vertheidigung der Stadt gegen die Schaaren des Herzogs von Friedland. Die Wallenstein'sche Belagerung bietet den höchsten, aber auch den letzten Glanzpunkt in Stralsunds Geschichte. Der letzte Zeitraum vom Westphälischen Frieden (1648), durch welchen Stralsund und Vorpommern unter Schwedische Herrschaft kam, bis 1815, wo wir unserm jetzigen preussischen Königshause zufielen, zeigt dem Geschichtsforscher wenig Erfreuliches. Die innere Verfassung der Stadt liessen Schwedens Könige ziemlich ungekränkt, Eine Ausnahme macht freilich, dass Gustav IV. Adolph der Stadt die Jurisdiction über ihre Güter und den zu ihr gehörenden Landbezirk (Stralsundisches Commissariat) eigenmächtig entriss. Auch das Schwedische Recht sollte eingeführt werden, aber die Vollziehung dieses Befehls wurde durch den Einbruch der Franzosen verhindert. und die Eingriffe einzelner Statthalter und öfters angeordneter Immediat-Commissionen wurden auf dem Wege Rechtens zurückgewiesen, ja selbst manches Gute wurde in vertragsmässiger Weise eingeführt; allein in allen andern Beziehungen litt die Stadt ungeheuer. In alle Kriege Schwedens verwickelt, musste Pommern, und namentlich Stralsund fast immer das Bad bezahlen. Nach der Schlacht bei Fährbellin ward die Stadt vom grossen Churfürsten 1678 weit über die Hälfte eingeäschert und zur Capitulation gezwungen; und nach zwei Jahren (1680), als der Wiederaufbau noch nicht vollendet war, wirkte eine zufällig ausgebrochene Feuersbrunst fast noch verheerender, wie das Brandenburgische Bombardement. Zum Lohne für die gegen Schweden bewiesene Anhänglichkeit, – die Stadt hatte sogar das ihr vor der Einnahme gemachte Anerbieten, sie zur Reichsstadt zu erheben, zurückgewiesen, – nahm der König, als er nach dem Frieden von St. Germain wieder in Stralsunds Besitz kam, der Stadt ihr Befestigungsrecht, ihr Zeughaus und gegen eine geringe Summe Geldes auch ihre gesammte Artillerie. Im nordischen Kriege erfolgte 1715 wieder Bombardement und Eroberung, und wenn im siebenjährigen Kriege auch die Stadt selbst nicht in feindliche Hände fiel, so litt sie doch bedeutend an ihren Gütern. Das letzte Viertel des vorigen und der Anfang des jetzigen Jahrhunderts bilden einen verhältnissmässig glücklicheren Zeitabschnitt; Handel und Gewerbe hoben sich, die bis unter 10,000 herabgesunkene Einwohnerzahl wuchs wieder und Wohlstand und Reichthum kehrten zurück; allein die Schrecknisse und Leiden der französischen Besetzungen von 1807 bis 1813 zerstörten fast Alles wieder. – Wir haben uns bei der Geschichte und Verfassung der Stadt Stralsund fast länger aufgehalten, als es der Raum gestattete. Es ist dies aber geflissentlich geschehen, weil einestheils die Geschichte der Stadt als eine der interessantesten und originellsten der Ostseestädte und anderentheils die Verfassung derselben als verwandt und maassgebend zu betrachten ist für die Städte Rostock, Wismar und Lübeck, die wir jetzt noch zu besuchen haben. Stralsund ist von enger, winkeliger Bauart, hat fast durchgängig nur schmale, hohe Giebelhäuser, die, ähnlich aber weniger prächtig als in Danzig, mit allerlei Bollwerken und Kellerhälsen verschanzt sind, und die sich zum Verdruss der Fuhrleute und Fussgänger sehr arrogant und naseweis in die Strassen hineinerstrecken. Zu allem Ueberfluss fliesst auch noch der Rinnstein in der Mitte, und im Winter sind manche Strassen nur mit Lebensgefahr zu passiren; und werden deshalb Beinbrüche nicht zu den Stadtneuigkeiten gerechnet. – Begeben wir uns jetzt die Frankenstrasse hinauf auf den neuen Markt , so haben wir hier die St. Marienkirche, als eine der merkwürdigsten pommerschen Kirchen, deren Bauart dem 15ten Jahrhundert angehört, in Augenschein zu nehmen. Manche sind zwar der Meinung, dass dieses herrliche Gebäude zum grossen Theil bereits im 14ten Jahrhundert entstanden sei. Eine Vergleichung der verschiedenen Nachrichten, die uns Chronikenschreiber von den vielfältigen Einstürzen und Beschädigungen des Gebäudes hinterlassen haben, zeigt jedoch deutlich, dass von der im 14ten Jahrhundert erbauten Kirche durchaus nichts mehr vorhanden sein kann. Kugler , in seiner pommerschen Kunstgeschichte, ist ganz derselben Ansicht und weiset das Nähere nach. Der neue Markt war in Verbindung mit der hier angrenzenden Haakstrasse der Schauplatz des Beginns jener blutigen Katastrophe, welche durch Schill's Ueberrumpelung der französischen Besatzung im Mai 1809 herbeigeführt wurde. Schill, der den Oberst Candras bereits bei Dammgarten völlig geschlagen hatte, sprengte mit wenig Reitern in die Stadt, nahm hier auf dem Markte dem Commandanten den Degen und zugleich das Wort ab, dass er keine Feindseligkeilen mehr gegen Schill und seine ihm auf dem Fusse folgende Schaar begehen wolle. Schill sprengte wieder zum Thore hinaus; liess seine Truppen mit Hurrah an sich vorüber defiliren und als er wieder auf den Markt zurückkehrte, fand er verräterischer Weise sämmtliche Strassenecken mit Kanonen besetzt; die Dächer der Häuser abgedeckt und von hier und aus allen Fenstern waren Hunderte von Büchsen und Flinten auf seine Schaar gerichtet. Der fürchterlichste Kampf begann, und ward nur dadurch für Schill siegreich beendet, dass ihn ein ehemaliger schwedischer Artillerie-Lieutenant, mit Namen Peterson, vom sogenannten Catharinenberg aus durch das jetzige Gymnasium den Weg in den Rücken des Feindes führte, was zur Folge hatte, dass sämmtliche Franzosen an den Kanonen niedergehauen oder gefangen genommen wurden. Nehmen wir nun noch den alten Markt und hier zunächst die schöne Nicolaikirche und das sehr bedeutende, mit sieben Thürmen gothisch verzierte Rathhaus in Augenschein, welches letztere im Innern, ausser einem sehr bedeutenden Saal, worin die sogenannte Löwen'sche, nicht eben sehenswerthe, Kunstkammer befindlich; und einem sehr schönen prächtig gewölbten Weinkeller, wenig Merkwürdigkeiten enthält, so bleibt uns nur noch das Knieperthor, wo Schill den General Carteret vom Pferde hieb; die Fährstrasse, wo Schill am 27. Mai 1809 fiel; und das Bohnstädt'sche Haus in der Badenstrasse, in welchem die Anecdote von Carl XII. und der Bombe gespielt haben soll, als historisch merkwürdig; und das Ressourcen-Gebäude, als für das hiesige sociale Leben maassgebend, zu besuchen übrig. In diesem Ressourcen-Gebäude, welches für eine Stadt, wie Stralsund, sehr bedeutend ist, befindet sich ein kleiner Saal, in welchem in recht guten Wandgemälden die Bildnisse von 13 verschiedenen schwedischen Regenten der näheren Betrachtung werth sind. Auffallend jedoch ist im Vergleich zu den hier vorhandenen zahlreichen Spieltischen die kleine Anzahl von Zeitungen und Blättern, die diese Gesellschaft zu ihrer Belehrung und Unterhaltung für nöthig erachtet, und nicht leicht möchte noch in Deutschland eine zweite Stadt von 16,000 Einwohnern gefunden werden, in der z. B. »die allgemeine Augsburger Zeitung« nur dem Namen nach bekannt ist. Aeusserst freundliche Gärten, Spaziergänge und sehr bequeme Seebäder besitzt Stralsund unmittelbar vor dem Knieperthore. Ein Spaziergang zu diesem Thore hinaus, führt uns gleich links in den recht hübsch am Knieperteich gelegenen Casinogarten, der den Sommer hindurch von den Mitgliedern der Ressource und von den durch diese einzuführenden Fremden fleissig besucht wird. Als höchst charakteristisch für die deutschen Ostseestädte tritt aber auch hier das tagtägliche Kartenspiel hervor. Während die Frauen und Mädchen sich im Freien nach Möglichkeit am Theetisch und Strickstrumpf Unterhaltung zu verschaffen suchen, sitzen die Männer unter Dach und Fach, gegen jeden Sonnenstrahl wohl gesichert, im dicksten Tabaksdampf, und spielen, heut wie gestern, Whist und Boston. Selten nur werden weitere Spaziergänge von Mann und Weib und Kind gemeinschaftlich unternommen, und eine, gar nicht fern, recht hübsch am Meere gelegene Plantage, der sogenannte Brunnen, ist wenig besucht. Wir setzen aber unsern Spaziergang dorthin fort und begeben uns auf den Knieperkirchhof, um hier den einfachen Grabhügel Schill's in Augenschein zu nehmen. Länger als ein Vierteljahrhundert haben die Gebeine dieses kühnen, unglücklichen Helden, während sein Kopf schmählicherweise in der Bibliothek eines Arztes zu Leyden in Spiritus zur Schau stand, hier durchaus unbeachtet mitten im Fahrwege des Kirchhofes gelegen, und nur bei Nacht war es dem bessern Gefühl einiger deutschdenkender Männer vergönnt, diesen Skandal zu beseitigen und den jetzt vorhandenen, etwas rechts vom Wege verlegten, Grabhügel zu errichten. Derselbe trägt auf einer Platte von Gusseisen mit goldenen Buchstaben die Inschrift: Magna. Voluisse. Magnum. Occubuit. Fato. Jacet. Ingens. Litore. Truncus. Avolsumque. Caput. Tamen, haud. Sine. Nomine. Corpus. Seit der edle Mohnike das Zeitliche gesegnet, ist Stralsund der grössten Zierde seiner literarischen Notabilitäten beraubt. In der Nähe Stralsunds, in der Hütte zu Pütte, lebt still und glücklich, mit Gott und aller Welt in Frieden, der als Mensch, als Lehrer und Dichter gleich achtungswerthe, wenn auch in der Heimath wenig beachtete Liedersänger Carl Lappe , der Verfasser des herrlichen » Nord oder Süd «. Als historisch merkwürdig und für die patriotische Gesinnung der Stralsunder ehrenvoll, ist noch der Art und Weise zu gedenken, in welcher hier die Erinnerung an die ruhmreiche Befreiung von der Wallenstein'schen Belagerung alljährlich gefeiert wird. Am Morgen des Jahrestages werden die Bürger durch feierliche Posaunentöne, die von allen Thürmen erschallen, geweckt, und an die Bedeutung des Tages erinnert. In allen Kirchen ist Gottesdienst und die Grossthaten der Väter werden zur Lehre und Nacheiferung der Nachkommen von den Kanzeln verkündet. Alle Strassen sind festlich mit Blumen und Fahnen geschmückt, und Nachmittags beginnt, wenn Wind und Wetter es anders zulassen, eine Segelfahrt um die nahe gelegene Insel Dänholm, von wo die Stadt hauptsächlich von den Feinden bedroht war. Oft nehmen viele hundert Fahrzeuge Theil an dieser Fahrt. Auch das hier noch alljährlich, splendider und ausgedehnter als sonst irgendwo, stattfindende Vogelschiessen, ist eigentlich nur ein Erinnerungsfest an die berühmte und ruhmreiche Wallenstein'sche Katastrophe, und gewissermassen eine fortgesetzte Schiessübung der von jeher als tüchtige Schützen bekannten Stralsunder Bürger. Wie grosses Gewicht seit alten Zeiten auf die Wehr- und Waffenfähigkeit jedes einzelnen Bürgers gelegt wurde, geht daraus hervor, dass noch jetzt nach dem Gesetz Niemand Stralsundischer Bürger werden kann, der nicht ein Schiess- und Seitengewehr sein nennt und in diesem Waffenschmuck in die Hand des Bürgermeisters den Bürgereid ableistet. O Stralsund! alte Burg im Norden, Du, einst der Ostsee Stolz und Zier! Was warst Du, und was bist Du worden? Was wird in Zukunft noch aus Dir? Siehe: Schill und seine Schaar von W. Cornelius, welches so eben die Presse verlässt.] Weitere Vergleichungen zwischen sonst und jetzt, zwischen Stralsunds früherem und jetzigem Wohlstande, wollen wir aus mancherlei Gründen hier nicht anstellen und uns heiteren Sinnes und mit guter deutscher, langmüthiger Hoffnung aufs Besserwerden zu freundlicheren Anschauungen nach Rügen wenden. Zum Abschied aber noch ein Liedchen: Stralsundischer Lakonismus. »Ei! so schlag' der Teufel drein! »Ihr Stralsunder wollt mir trutzen? »Was? Ihr nehmt kein Kriegsvolk ein? »Wart'! will Euch den Hals schon stutzen! »Besinnt Euch! morgen, heute noch »Bestürm' ich Euer Ratzenloch!« Also dräuet zornentbrannt Friedland Stralsunds Senatoren, Die die Bürgerschaft gesandt; Doch, er dräuet tauben Ohren; Denn Stralsunds Consul ruhig spricht: »Herr Wallenstein! wir thun das nicht!« »Nun, so zahlt!« brüllt Wallenstein, »Zahlt mir hundert Tausend Thaler, »Muss für Euch ein Bettel sein, »Seid ja sonst so grosse Prahler.« Doch Stralsunds Bürgermeister spricht: »»Herr Wallenstein, wir zahlen nicht!«« »Nun, so sollt Ihr Ochsen dann,« Kreischet Friedland, »all verderben, »Dass aus Euern Fellen kann »Meine Schaar sich Stiefel gerben.«Doch Bürgermeister Steinweg spricht: »»Herr Wallenstein, wir glauben's nicht!«« Aus den Liedern v. W. Cornelius. Cap Arkona auf Rügen   Insel Rügen Ich hatte mich wie ein Kind darauf gefreut, mich hier auf diesen glücklichen, so heiss geliebten Rügenschen Fluren, wo auf siebzehn deutschen Quadratmeilen bis heute noch keine Kanone, keine Druckpresse und kein Censor existirt, so recht in Lied und Lust herumzutummeln. Ich wollte alle prosaischen Grossen und Zahlen des Lebens bei Seite werfen und nur einzig und allem jener schönen Tage gedenken, wo ich mit der ersten Liebe im Herzen und dem ersten Ranzelchen auf dem Rücken durch dies liebliche Eiland pilgerte. Es hatten sich zu einem recht hübschen Liederkranze alle die schönen Erinnerungen vielfältiger Reisen, die ich als Knabe, Jüngling und Mann durch Rügen gemacht, gestaltet, und nun tritt mir plötzlich die Prosa des Lebens in der Gestalt des sonst so freundlichen Verlegers entgegen und spricht: Halt! nicht mehr als 8 Bogen oder 16 Formen! Der Verleger gebeut. Der Schriftsteller muss sich in die eisernen 16 Formen fügen und mit zitternder Hand der schlanken immergrünenden Tanne seiner schönsten Erinnerungen die Krone abbrechen. Fiat! Denkt die Lust Euch, sieben Jungen Wandern in das Rügenland, Sind dem Classenstaub entsprungen, Stürzen jubelnd an den Strand. »Heda, Fährleut', nicht so träge! Commandirt das wilde Heer, »Rührt Euch Kerls, sonst setzt es Schläge, »Hebt die Beine nicht so schwer!« Doch die Alten-Fähr'schen Leute Bleiben stets, wie ehedem, Werden nie des Zeitgeists Beute, Bleiben grob und sehr bequem. Diese Leute von der Alten Fähre haben drei Jahrhunderte gebraucht, um einzusehen, welche enorme Vortheile ein Segelboot vor einem Ruderboote gewährt. Gewöhnlich wird Rügen schon von Swinemünde aus mit dem Dampfboot besucht. Die Reisenden landen bei Putbus, sehen sich hier um, machen am andern Morgen die Tour nach Stubbenkammer, kehren am dritten Tage nach Swinemünde zurück und glauben Rügen gesehen zu haben. Dem ist aber nicht so. Wer freilich seinen Maassstab für das Schöne und Romantische vom Rhein und aus der Schweiz mitbringt und für die Eigenthümlichkeit und Einfachheit eines Völkchens, wie das auf Mönchgut und Hiddensöe keinen Sinn hat, der freilich würde nicht gut thun, sich mit uns auf die Wanderschaft zu begeben, die wir jetzt von der Altenfähre aus beginnen wollen. Wer Glück mitbringt, der stolpert hier über Bernstein, Sonst aber möcht' das Suchen sehr überflüssig sein. Mancher ist schon mit der Idee nach Rügen gewandert, dass hier alle Thürschwellen und Pferdekrippen von Bernstein seien, dieses aber ist ein Irrthum. Wir gehn drei bis vier Meilen tapfer in's Land hinein auf den Marktflecken Gingst zu und merken eigentlich keinen Unterschied zwischen Pommern und Rügen. Unsere Füsse treten abwechselnd auf Sand und Lehm, und unsere Blicke ruhen abwechselnd auf Grün und Blau, auf Saaten und Wellen, nirgends ist ein Berg, eine Ruine oder auch nur ein verwünschtes Schloss, höchstens nur ein verwachsenes Hünengrab zu sehen, und Tausende haben hier schon ausgerufen: »Na! das hätt ich mir denn doch schöner gedacht!« In Gingst, wo gewöhnlich Nachtquartier gemacht wird, ist auch nichts mehr als eine alte Kirche und ein Dutzend leerer Storchennester zu sehen, und die Romantik lässt sich nicht eher bei den Haaren herbeiziehen, als bis wir entweder von Schaprode aus einen kühnen Stich durch die See nach der Insel Hiddensöe machen, wo die Menschen noch halb im Naturzustande, in Höhlen und Schwalbennestern leben, und sich fast nur von geräucherten Fischen nähren, oder bis wir über die waizenreiche Halbinsel Wittow hinweg Altenkirchen , die Ruhestätte Kosegartens , und von hier aus das Vorgebirge Arkona , die nördlichste Spitze unseres deutschen Vaterlandes, erreichen. Und nun stehn wir auf Arkona, Wandrer, küsse diesen Strand! Und du küssest dann die Stirne deinem alten Vaterland! etc. Das Vorgebirge Arkona erhebt sich an einigen Stellen sehr schroff und steil etwa 200 Fuss über die Meeresfläche. In früheren Zeiten strandeten hier viele Schiffe, leider zu Nutz und Frommen der Einwohner, denn es erschien nicht als Raub, sich mit dem Hab und Gut der Verunglückten zu bereichern. Noch vor wenig Jahren hiess es im Kirchengebet auf Hiddensöe und Wittow: Gott segne den Strand! Durch die Preuss. Regierung ist nun hier ein schöner Leuchtthurm mit grossen Kosten erbauet, und auch die Stelle im Kirchengebet abgeschafft worden. Dennoch passirt hin und wieder Unglück, und der hier angestellte Leuchtthurmwärter Schilling ist schon von verschiedenen Regierungen, für edle aufopfernde Rettungen aus Gefahr, mit Orden belohnt worden. Nun, Freund Schilling, edler Ritter, Sprich, was meinst du zu dem Rath: Dass dein Weib uns, wie's Gewitter, Frisch ein halb Dutz Enten brat'? Schilling sprach: »es sei darum, »Entenbraten ist nicht dumm!« Ferner dann, Herr Ritter, haben Wir den noch viel heissern Wunsch: Recht gemüthlich uns zu laben An recht heissem Seemannspunsch. Schilling sprach: »es sei darum, »Seemannspunsch ist auch nicht dumm.« Und nun setz' dich, edler Ritter, Mit dem Dänenorden her, Und erzähl', wie Sturmgewitter Bis zum Grund durchwühlt das Meer. Schilling sprach: »es sei darum, »Solch Gewühl ist auch nicht dumm.« »Gott der Herr liess mir's gelingen,« – Sprach er – »im verwich'nen Jahr, »Dass ich durft' dem Tod' entringen »Eine dän'sche Seemannsschaar. »Seht: dass die nicht kamen um, »Solch' Gefühl ist auch nicht dumm!« Mit Schilling lässt es sich beim Glase Punsch schon ein Stündchen plaudern, und an Enten und anderen Geflügel zum Braten ist auch selten Mangel, denn sein Posten bringt ihm auch eine kleine Revenue dadurch, dass sich fast jede Nacht, durch das blendende Licht gelockt, eine Menge Geflügel an den ungeheuer dicken Spiegelgläsern des Leuchtthurms die Schädel einrennt und von ihm am andern Morgen todt am Boden gefunden wird. Zu historischen Rückblicken haben wir leider wenig Raum und Zeit mehr. Hier stand der Tempel Swantevits , der im Jahr 1168 von den Dänen zerstört wurde. Hier war einer der Hauptkampfplätze, auf welchem das Christenthum, leider durch Feuer und Schwert, statt durch Lehre und Liebe, erst im 12ten Jahrhundert den Sieg über das Heidenthum davontrug, wie solches sehr schön und ausführlich in Fr. Furchau's Arkona nachzulesen ist. Wer nicht schwindlich ist, mag, wenn er sich an der herrlich weiten Aussicht über das Meer satt gesehen hat, noch das nun verlassene Adlernest in der Felskluft am Burgwall betrachten, in welches eine kecke Hand zwei runde weisse Feuersteine so geschickt geworfen hat, dass man sie für zwei Adlereier zu halten versucht ist. Wenden wir uns nun rechts den Strand entlang, der Schabe und Jasmund zu, so gelangen wir zunächst in das kleine, allerliebst gelegene Fischerdörfchen Vitte , von dem gleichfalls eine Abbildung diesem Werke beiliegt. Hier hielt unter Gottes freiem Himmel der Dichter Kosegarten seine berühmten Uferpredigten; ein Gebrauch, der noch heutiges Tages, zur Zeit des Häringsfanges, stattfindet, indem die armen Fischer, die für das ganze Jahr auf den Erwerb dieser kurzen Zeit angewiesen sind, dann nicht gut eine Meile Weges zur Kirche gehen können, sondern bei der Hand sein müssen, wenn die Häringszüge sich nahen. Hier dient dann Gottes Himmel zum Gottgeweihten Dach, Hier ist das Meer die Orgel, so ruft die Herzen wach. Höchst komischer Weise soll es aber einmal passirt sein, dass inmitten einer solchen Uferpredigt sich ein grosser Häringszug an der Küste verspüren liess, und die guten Fischer in grösster Unruhe dem Pastor allerlei Zeichen gaben, die Predigt doch so rasch als möglich zu schliessen, und worauf er dann mit grösster Salbung mit den Worten geschlossen: »Nun, so erfülle denn der Herr Euere Herzen mit Häringen und Euere Netze mit Gnaden. Amen!« – Vitte Die Schabe , die wir nun passiren müssen, um von Wittow nach der Halbinsel Jasmund zu gelangen, erinnert lebhaft an die frische Nehrung bei Danzig, nur, dass sich hier eher ein Ende absehen lässt. Auf Jasmund angelangt, passiren wir das Schloss Spyker , welches ausser dem, dass es vom schwedischen General Wrangel 1630 erbaut wurde, nichts sonderlich Merkwürdiges hat. In dem nahegelegenen Bobbin war früher, im Besitz des alten würdigen, freundlichen Pastors Francke, eine sehr hübsche Sammlung rügischer Alterthümer, die hauptsächlichste Ausbeute aller in den hiesigen Hünengräbern stattgefundenen Nachgrabungen. Leider ist sie dem Vaterlande nicht erhalten worden, sondern ein reicher Engländer hat sie, wie man sagt, für eine Handvoll »Lausegold« mitgenommen. Einige Entschädigung bietet uns hierfür freilich der Gastwirth Schepeler in Sagard, der mit der Eigenschaft eines äusserst fleissigen Sammlers und Conservators auch die wünschenswertheste Beredtsamkeit und Lehrfähigkeit für jeden Allerthumsbegierigen verbindet. Wir müssen aber für jetzt eilen, nach Stubbenkammer zu kommen, und haben nur noch just so viel Zeit den Todtenfeldern bei Quoltitz , dieser fast unübersehbaren Masse von heidnischen Gräbern, einige Aufmerksamkeit zu schenken. Ganz Rügen ist zwar mit solchen Heiden- und Heldengräbern fast wie übersäet, meist aber erheben sie sich nur einzeln in der Gestalt einer Glocke, was ein Zeichen ist, dass hier nur die Asche einer Leiche in einer Urne beigesetzt wurde. Anders ist es aber mit den grossen Begräbnissstätten, wie hier bei Quoltitz , bei Krakow , bei Ralswiek, Lancken u. s. w. Hier ruhen Tausende bei einander unter ungeheueren Felsblöcken, die, Gott weiss durch welche ungeheuere Hebekraft, hier über- und nebeneinander gewälzt wurden. Hier zu sprengen und nachzugraben möchte wohl eine kostspielige, aber sicher reichlich lohnende Arbeit sein, für die aber leider hier noch wenig Sinn vorhanden ist. Kleine Stubbenkammer auf Rügen Wir nahen uns jetzt dem herrlichen mächtigen Buchenforst, der die Stubbenitz genannt ist. Rufen wir uns die alten tausendjährigen Sagen vom Herthadienst, der hier mit seinen grausigen Opfern stattgefunden haben soll, mit den Worten des Tacitus recht lebhaft in's Gedächtniss, dann gehört wahrlich nur wenig Phantasie und durchaus kein wie heute den Buchenforst durchsausender Abendwind dazu, um uns recht feierlich, ja schauerlich zu stimmen. Tacitus sagt: »Auf einer Insel des Oceans giebt es einen heiligen keuschen Hain, und es ist nur den Priestern gestattet, den darin stehenden heiligen Wagen zu berühren, welcher mit einem Gewande bedeckt ist. Wenn dieser Priester die Gegenwart der Göttin im Heiligthume wahrnimmt und darauf ihrem von Kühen gezogenen Wagen nachfolgt, dann giebt es frohe Tage und Feste an den Orten, die ihrer Gegenwart geweiht sind. Kein Krieg wird geführt, keine Waffe erhoben, alle Eisenwehr ist verwahrt; nur dann sind Friede und Ruhe bekannt und geliebt, bis eben der Priester die Göttin, satt vom Umgange mit Sterblichen, dem Tempel wiedergiebt; dann werden Wagen und Gewänder, ja die Gottheil selbst, wenn man dies glauben will , in einem verborgenen See abgewaschen und derselbe See verschlingt die Sclaven (Sclavinnen), welche diesen Dienst verrichtet haben.« Treten wir nun zunächst zu dieser von Tacitus beschriebenen Stelle, zu der sogenannten Herthaburg und dem Herthasee . Die Herthaburg, ein halbringförmiger, etwa 100 Fuss hoher, aussen und innen dicht mit Buchen bestandener Erdwall, war, was man auch von der Herthasage halten mag, unstreitig eine alte Tempelwehr und ist unverkennbar ein Werk von Menschenhand. Man kann sich beim Anblick dieser schauerlichen und doch schönen Schlucht inmitten dieser Opferruine, in der Nähe dieses ewig ruhigen, schwarzen und unermesslich tiefen, so zirkelrund und zierlich von Buchen eingefassten See's kaum des Gedankens erwehren: dass hier der Ort sei, wo einst, gleichviel wie und wann, im Dienste des Aberglaubens von Priesterhand Verbrechen und Betrug aller Art verübt wurden. Düster, still und schaurig bist du, Herthasee , Stimmst mich ernst und traurig, wenn ich zu dir geh'. Ruhe, wie im Grabe, theilst du ringsum mit, Selbst der keckste Knabe naht mit leisem Schritt. Selbst geschwätz'ge Frauen ehren deine Ruh, Flüstern, wie mit Grauen, leise, leis' sich zu. Hoch von düstern Bäumen engumschlossen rund, Zeigst nur Himmelsräumen du den schwarzen Grund. Ew'ge Todtenstille nimmer von dir wich, Weder Frosch noch Grille wagt zu regen sich. Keine Fische tanzen auf der glatten Fluth, Keine Wasserpflanzen strahlen Farbengluth. Alles schwarzumdüstert, alles schmerzverstummt! Selbst kein Rohrhalm flüstert und kein Käfer summt. Keine Welle spület an des Ufers Rand, Und kein Lufthauch kühlet mir der Wangen Brand. See! du machst mich grauen, See, du bist ein Grab! Ja, die schönsten Frauen schlangst du einst hinab! Drum, weil du verschlungen solche Poesie, Drum ist dir verklungen jede Melodie! So muss man der schauerlichen Empfindungen hier in der That durch eine etwas gewaltsame Wendung Herr zu werden suchen. Es ist Abend geworden und wir ersteigen den höchsten Punkt der Herthaburg, um hier von einer hübschen Ruhebank aus die Sonne bei Arkona in's Meer sinken zu sehen. Ach! wie oft ist hier zugleich mit der Sonne in's Meer eine Thräne der Rührung aus schönen Augen zur Erde gesunken! Wie oft ist, Dank dir, o Gott! mir einzelnem Sterblichen schon diese schönste Anschauung deiner Schöpfung zu Theil geworden! – Doch, es wird kalt, eilen wir zum Schweizerhäuschen zu gelangen, um morgen früh von der Höhe des Königsstuhles, vom Gipfel der Rügenschen Schönheiten, das herrliche Schauspiel eines Sonnenaufgangs zu gemessen. Herr Behrendt, der Wirth, nimmt seine Gäste freundlich auf und weiss sie nach guter Bewirthung noch sehr angenehm zu überraschen. Nach eingenommenem Abendessen ersuchte er uns, ob wir nicht noch ein bischen auf den Königsstuhl gehen wollten? »Mein Gott, was sollen wir da?« war unsere Antwort. »Es steht ja weder Mond noch Stern am Himmel, und wir riskiren Hals und Beine zu brechen.« »Das hat nichts zu sagen, meine Herren,« erwiederte er, »folgen Sie mir nur,« und somit schritt er mit einer Laterne voraus. Auf dem Königsstuhle angelangt, sahen wir eigentlich nichts, als die stockfinstere Nacht und den Herrn Behrendt mit seiner Laterne. »Sehen Sie gefälligst dort hinüber, meine Herren, und gedulden Sie sich nur noch einen Augenblick!« Damit klatschte er in die Hände und uns gerade gegenüber, jenseit einer mächtigen tiefen Schlucht, ergoss sich von der halbsenkrechten Kreidewand plötzlich ein ungeheuerer Feuerstrom, der die Schlucht, den Wald, die weissen Kreidewände, den Meeresstrand, unsere nächste Umgebung, kurzum Alles, in eine so wunderbar schöne überraschende Beleuchtung setzte, dass es rein unmöglich ist, durch Worte den Eindruck zu schildern, welchen dieses Zauberstück auf uns machte. Es war, als ob ein Lavastrom des Vesuvs sich plötzlich nach Stubbenkammer verirrt habe. Ein lautes Bravo schallte weithin durch die Nacht, und wir begaben uns nun auf die andere Höhe, jenseit der Schlucht, um hier den natürlichen Grund dieser zauberähnlichen Erscheinung zu erforschen. Herr Behrendt hatte durch einen seiner Knechte am Abhange der Schlucht ein grosses Quantum Holz zu Kohlen brennen und dann plötzlich die ganze Gluth die halbsenkrechte Kreidewand hinabgleiten lassen. Kein Fremder, der Stubbenkammer besucht, möge sich dies überaus schöne Schauspiel entgehen lassen. Am andern Morgen ward uns nach erquickendem Schlafe der schönste klarste Sonnenaufgang zu Theil, der hier, der Seenebel wegen, sehr zu den Seltenheiten gehört. O, lieber Leser! hier wär's nun wohl an der Zeit zu zeigen, ob ich's auch wohl verstände: einen Sonnenaufgang gehörig mit O! und Ach! zu schildern. Ich will aufrichtig sein und ehrlich bekennen, dass ich das nicht verstehe, und dass ich der Ansicht bin, dass Alles, was Menschen in dieser Hinsicht bisher geliefert haben, Pfuschwerk ist und jämmerlich zu Schanden wird, sobald der liebe Herrgott nur mit einer seiner goldenen und silbernen Lettern am Himmel erscheint. Sieh, lieber Leser, du stehst hier neben mir auf dem Königsstuhl, auf der 500 Fuss hohen steilen Kreidewand. Vor uns liegt das tiefblaue unendliche Meer, an dessen scheinbarem Rande unser Herrgott sein Schöpferauge aufschlägt und die Welt mit Licht erfüllt. Du und ich, und alles Gewürm der Erde, ist zu schwach, diesen Lichtglanz zu ertragen und dem Herrn fest in's Auge zu sehen, und wir sollten uns anmaassen wollen, diesen Sonnenaufgang, dies Erwachen des Herrn, gleich einem Bühnenschauspiel, mit elendem, abgenutztem Wortkram zu beschreiben? Nein! kommet, schauet, betet an und gehet schweigend von dannen! – Möge hier ein kleines Gedicht seinen Platz finden, das ich als Knabe beim ersten Besuche Rügens auf dem Königsstuhle niederschrieb. Wenn du hier bist der Königsstuhl , bin ich der König jetzt, Denn, wer nicht blind ist, wird ja sehn, dass ich mich drauf gesetzt. Und wer nicht blind ist, wird auch sehn: dass alle Majestät Dir, grosser Gott im Himmelsthron, nicht an die Ferse geht. Der Du in Deiner hohlen Hand das Meer, die Schöpfung trägst, Und mit dem König einst den Wurm als sein Ernährer pflegst; O Herr, vor Deiner Majestät fühlt sich mein Lied so schwach, Für Deine Grösse hab' ich nichts, nichts als ein leises: Ach! Nachdem wir zum Strand hinab gestiegen und von hier die imposante Massenhaftigkeit und kühne Formbildung der mit grünen Buchen gekrönten Kreidefelsen bewundert haben, verlassen wir Stubbenkammer und haben nun die Wahl, falls Wind und Wetter günstig sind, zu Wasser die Fahrt an den malerischen Wischower Klinken vorbei nach Sassenitz oder zu Lande über das herrliche Hoch-Selow durch die Prora und über den Schanzenberg nach der Granitz und nach Putbus , dem lieblichsten aller Seebäder, zu gelangen. Wer durch die Prora wandert, steig' links den Berg hinan, Wo seinem Blick sich bietet, was Niemand malen kann. Dann schreit' er breiten Weges nach Rügens Fürstenpark, Und ist's kein Eldorado, so ist's doch auch kein Quark. Bedenkt: vor 30 Jahren war alles Hirschrevier, Jetzt jagt schon in Palästen der König Pharo hier. Doch wissen dies die Hirsche dem Fürsten herzlich Dank, Sie stehn jetzt an der Krippe, Im fürstlichen Thiergarten. die Jäger an der Bank. Es schlug seit tausend Jahren das Meer hier Wellen schon, Doch warm darin zu baden, das ward erst später Ton. Jetzt strömt in Marmorwannen des Meeres salz'ge Fluth, Und manchem gelben Leibe that der Contrast schon gut. Sonst standen hohe Eichen, wo Pavillon's jetzt stehn, Jetzt könnt Ihr, wenn Ihr Kenner, auch in's Theater gehn. – Doch, Freunde, Scherz bei Seite, mein Putbus ist ein Ort, Der seines Gleichen suchet, das glaubet mir auf's Wort. Ich habe Deutschlands Bäder nun allesammt geschaut, Und preis' vor den Gepries'nen das Ungepries'ne laut. Ich preis' es dem Zufried'nen mit sich und mit der Welt, Auch dem, der um des Klanges durch's Fenster wirft sein Geld. Sie finden beide Wege für ihres Herzens Ruh, Doch nur der Erst' gewinnet, der Zweite der setzt zu. Schaut: rechts die weissen Häuser und links das frische Grün, Mir lacht das Heiz im Leibe, darf ich durch Putbus ziehn. Hier lässt sich Wohlstand schauen und Prellerei ist fern. Das zeugt für brave Bürger und für den braven Herrn. Schloss Puttbus Putbus macht einen ausserordentlich freundlichen Eindruck. Nehmen wir unser Absteigequartier im Hotel de Bellevue, bei Herrn Kagelmacher, so haben wir, zum Fenster hinausschauend, ein Panorama vor uns, das schon oft mit dem Meerbusen von Sorrent verglichen worden ist, und, in der That, die Aussicht hier über den Rügenschen Bodden, mit der lieblichen Insel Vilm und den pittoresken Ufern Mönchguts ist ergreifend schön, jedoch sehr schwer in ein Bild zu bringen, weshalb wir auch davon abstehen mussten, durch diese Ansicht unser Werk zu bereichern. Putbus ist unbedingt der lieblichste Erholungs-Badeort, der in ganz Norddeutschland zu finden ist. Unser Gasthof liegt am Cirkus, einem hübschen, mit englischen Gartenanlagen gezierten Platze. Das grösste der ihn umgebenden Gebäude ist das Königliche Pädagogium, das sehr besucht und als eine vorzügliche Bildungsanstalt für junge Leute gepriesen wird. Auch das Schauspielhaus und das grosse Logirhaus sind bemerkenswerth, doch ist im Ganzen die Bauart mehr oberflächlich elegant, als wirklich schön und solide. Erstens fehlt es hier an gutem Baumaterial, und zweitens sieht man fast allen Gebäuden an, dass sie mit einer gewissen, billigen, Schöpferhast in's Leben gerufen wurden. Die Krone des Ganzen ist aber der herrliche Park , einer der schönsten in Deutschland, und hier giebt sich der edle Geschmack des Fürsten höchst überraschend kund. Alles ist hier hübsch und sinnig angelegt, und das Meer begünstigt alle Schöpfungen und Pflanzungen auf das erfreulichste. Saftiger und frischer, als hier, ist der hierher verpflanzte englische Rasen auch in seiner Heimath nicht zu schauen. Das imposante Schloss des Fürsten Putbus hat eine reizende Lage und haben wir es des hübschen Vordergrundes wegen vorgezogen, auf unserm Bilde eine hintere Ansicht von demselben zu geben. Das Innere des Schlosses ist höchst elegant und bedauern wir wegen Mangels an Raum keine ausführlichere Beschreibung der darin sehenswerthen Kunstschätze, Bilder und Curiositäten geben zu können. Die übrigen im Park malerisch zerstreuten Gewächs- und Treibhäuser, Pferdeställe, die Reitbahn, der grosse Speisesalon und der Pavillon, in welchem Fortuna ihr Unwesen am Roulet und Pharotische treibt, sind hübsche, leichte, ihrem Zweck entsprechende Gebäude. Schade, dass Putbus, ungeachtet seiner grossen Anmuth, von Jahr zu Jahr weniger als Badeort besucht wird. Vielleicht würde der Ort sehr rasch in Aufnahme kommen, wenn der Preussische Hof ihn hin und wieder mit seinem Besuche beehren würde, was schon lange vergeblich der Wunsch seiner Bewohner war. Putbus ist reich an den herrlichsten lohnenden Ausflügen zu Lande und zu Wasser. Der Vilm, die Granitz mit ihrem herrlichen neuen Jagdschlosse, der Rugard bei Bergen und das durch seine charaktervollen Bewohner so merkwürdige Mönchgut bieten Partieen dar, eine immer schöner als die andere. Glücklich der Mann, der jährlich nur 4 Wochen in Putbus und seiner Umgebung zubringen dürfte! Wir machen zu Segelboot rasch einen Abstecher nach Mönchgut . Die ländlich hübsche Weidenallee, die uns nach dem eleganten, im antiken Styl erbauten Badehause führt, führt uns zugleich nach dem Hafen von Lauterbach , wo eine kräftige Mönchguter Lootsengestalt im segelfertigen Boot bereits auf uns wartet. Der Wind ist günstig, die Luft klar und die Aussicht nach allen Seiten hin entzückend. Wir landen und haben nun als reizende Aussichtspunkte das Thiessower Höft , die Höhe bei Gross-Zicker und das Vorgebirge Peerd zu besuchen. Hier zeigt sich das buntzerfetzte Inselland Rügen in seinen abenteuerlichsten Umrissen, hier sind der Erdzungen, Buchten und Haken so viele, dass das Auge Mühe hat den Zusammenhang herauszufinden. Mehr aber noch, als dies eigenthümlich schone Naturbild, verdient das hier lebende Völkchen die Aufmerksamkeit des Fremden. Gross, kräftig, breitschulterig, dunkelhaarig und von charakteristischer Gesichtsbildung haben die Mönchguter sich Sprache, Sitten, Kleidung und Gebräuche Jahrhunderte durch unverändert bewahrt und es kommt fast nicht vor, dass ein Mönchguter sein Grab anderswo als auf Mönnichgaud oder in der weiten See findet. Sie sind nur Lootsen und Fischer. Ackerbau, Weberei und alle übrige Handthierung ist Sache der Weiber. Giebt's nichts zu lootsen und zu fischen, giebt's keinen Seehund zu jagen, so liegt der Mönchguter auf dem Bauche, schaut in die See und raucht seine Pfeife. Den Soldatenrock hasst er wie die Hölle, und er verstümmelt sich freventlich, um nur nicht Soldat zu werden. Er heirathet nur eine Mönnichgauderin , und die Weiber haben sich hier sehr weise in diesem Punkte emancipirt. Sie haben nämlich das Recht, so bald sie ein Erbe (d. h. im Allgemeinen Geld ) besitzen, sich ihren Mann selbst zu wählen. Dies heisst Freijagd oder: »na Enen utstellen« (nach Einem ausstellen). Solch ein heirathslustiges Mädchen pflegte früher ihre Schürze vor die Thüre zu hängen. Auf dieses Zeichen zogen dann die jungen Bursche der Reihe nach vorüber und das Mädchen stand lauschend hinter der Thüre. War der, den sie still im Herzen trug, dabei, so sprang sie hervor und zog ihn in ihr Haus; war er nicht dabei, so ging sie, wie noch heut' so manches gute Mädchen, in ihre Kammer und weinte. Mädel! wirst zwanzig alt! Mädel 's ist Zeit! Peter kehrt nicht so bald, dass er dich freit! Häng' deine Schürz' vor's Haus, such dir'n Andern aus, Mädel 's ist Zeit! Mädel hängt Schürz' vor's Haus, Mutter's so will, Hochzeit mit Tanz und Schmaus, Mädel bleibt still, Hochzeitstag über's Jahr legt man sie auf die Bahr, Mutter's so will! Die Kleidung der Mönchguter ist bei beiden Geschlechtern fast durchgängig schwarz und stets roth gefüttert. Die Männer tragen einen breitkrämpigen Hut, eine weite Jacke von selbstgewebtem Zeuge, dazu gewöhnlich zwei paar Beinkleider und über diese noch eine weite leinene Fischerhose, die wie ein Schurz um die Beine flattert. Die Kleidung der Weiber ist höchst abenteuerlich und mit Worten schwer zu versinnlichen. Auf dem Kopfe tragen sie, fast wie die Tyrolerinnen im Innthal, eine hohe kegelförmige Mütze, zu der 2 Ellen Basch und ein Pfund Wolle nöthig ist. Ehefrauen und Jungfrauen unterscheiden sich durch Bänder an der Mütze. Das Kleid ist stets schwarz, und nur der seltsame Busenlatz erhält je nach den verschiedenen Feierlichkeiten eine Verzierung von Roth, Gold oder Silber. Auffallend sind bei diesem hochstämmigen, naturkräftig hochgesinnten Völkchen die ausserordentlich niedrigen Wohnstuben, Dünsen genannt. Oft können die riesigen Bewohner kaum aufrecht darin stehen und hieraus und aus dem Leben in den meist sehr niedrigen Schiffsräumen ist hauptsächlich der gebückte Gang der Mönchguter zu erklären. Ueber Sellin und durch den schon erwähnten herrlichen Granitzer Forst , in dem Kieküber ein besonders lohnender Punkt, treten wir nun zu Lande die Reise nach Bergen oder eigentlich nach dem Rugard an. Denn Bergen ist ein Städtchen, ländlich und offen wie Tausend andere, aber der Rugard ist der Hochaltar von Rügen, ist der Punkt, von dem man nach gemachter Rundreise durch das Inselland alle die tausend Halbinseln, Landengen und Buchten nochmals überschaut und in Gedanken durchschweift. Aber, lieber Leser, denke Dir keinen Rigi, keinen Brocken! Eine breite Allee führt Dich von Bergen unmerklich und durchaus nicht ermüdend den Berg, der eigentlich nur ein Burgwall ist, hinauf und Du stehst hoch genug, um zu Deinen Füssen das ganze buntzerrissene Land, das Du durchpilgert, die weite See, den pommerschen Sund mit den Städten Stralsund, Greifswald, Wolgast und die Inseln Usedom, Ruden und Oie malerisch und oft in der herrlichsten Beleuchtung liegen zu sehen. Hier stand, der Sage zufolge, einst das alte Residenzschloss der Fürsten von Rügen. Hier warf sich der Dichter Kosegarten oft begeistert nieder und dichtete jene schwungreichen, wenn auch oft bombastischen und hyperbolischen Oden, durch die er das fernere Deutschland zuerst auf die Schönheiten Rügens aufmerksam machte. Hier ist auch Ernst Moritz Arndt als munterer Knabe umhergesprungen, denn er ist auf Rügen zu Schoritz geboren, und hat hier jene kräftige, an's Herz greifende Sprache gelernt, in der er später seine Lieder zum Heile des grossen gesammten Vaterlandes sang. Neben dem Rugard ladet noch eine gar lieblich mit Laubwaldung bestandene Höhe, der sogenannte Raddas , zum Spaziergange ein, und wir kehren über denselben in die Stadt zu Herrn Hasper am Markte zurück, um etwas zu essen, denn zu sehen giebt es in Bergen, ausser einigen recht hübschen neugierig freundlichen Gesichtern, rein gar nichts. Eilen wir also auf dem geradesten Wege Stralsund zu gewinnen, von wo morgen früh uns ein Dampfschiff nach Dobberan und Rostock bringen wird. Das Städtchen Garz, die vormals alte Fürstenburg Carenza , lassen wir links liegen, weil Wenn durch Garz Ihr reisen wollt, Garz am Thor Euch bittet: Dass in Garz Ihr nicht so tollt, Garz Euch sonst verschüttet. Garz ist Rügens ält'ste Stadt, Garz vor Alter zittert. Garz auch einst ein Pflaster hatt', Garz! jetzt ist's verwittert!! Garz war enmals Fürstenburg, Garz hiess sonst Carenza , Garz fiel später gänzlich durch, Garz, ohn' Influenza. Garz, du hast kein hübsch Gesicht, Garz, so finstre Augen, Garz, drum kannst du zum Gedicht Gar und ganz nicht taugen. Wir sind wieder auf der Alten Fähre. Stralsund liegt im Glanz der Abendsonne vor uns, und zwingt uns nochmals zur Anerkennung seiner schönen majestätischen Lage. So verlassen wir das gastlichste und vielleicht auch glücklichste Ländchen der Welt. Auf Rügen geht selten ein Mensch hungrig zu Bette. Wer kein Brod hat, geht zu seinem Pastor und der muss geben, weil er hat, und weil ihm Jeder mathematisch beweisen kann, dass seine Speisekammer immer gut gefüllt ist. Und wenn – was auch passirt – ein Greifswalder Student kein Geld hat und nur halbwege Boston spielen, auch zur Noth ein Lied singen und einen Walzer tanzen kann, so marschirt er zum ersten besten Pächter, fährt mit diesem zur Partie zu dem und dem Nachbar, lebt drei, vier, auch sechs und acht Wochen so, bis sein Wirth ihn vierspännig wieder in die Musenstadt fahren lässt. Der heilige Damm bei Dobberan Dobberan Das Dampfschiff Stralsund, das die Reise nach Dobberan gewöhnlich in 6–8 Stunden zurücklegt, war sehr besetzt. Wir zählten über achtzig Männer, fast durchweg Oekonomen, die sich nur von Vollblut, Hochedel, Merino, Rapp, Waizen u. dergl. unterhielten. Der Himmel sah aus, als ob er jeden Augenblick den Oekonomen seine älteste und höchst gründlichste Methode der Vliesswäsche expliciren wolle. Aber wir hatten, wie ich sehr bald bemerkte, einen Talisman an Bord, der es zu Regen und Sturm nicht kommen liess. Unter all den rauchenden, lebhaft disputirenden Männern sass in reizender Schüchternheit eine höchst liebenswürdige kleine Frau an der Seite ihres Gatten. So oft das Wetter loszubrechen drohte, hob sie ihre schönen blauen Augen halb ängstlich, halb bittend nach oben und siehe: die Wolken theilten sich, der Himmel verlor die Courage zum Donnern und zum Blitzen und wurde zuletzt so galant, dass er der schönen kleinen Frau einen Sonnenstrahl zu Füssen legte, und ihr erklärte, dass er einzig um ihrer Anmuth willen die den Oekonomen zugedachte Explication der besten Vliesswäsche unterlassen wolle. So, Ihr undankbaren Männer, wendet, oft Euch unbewusst, ein liebes Weib schweres Ungewitter von Euch ab. – Die Fahrt längs der pommerschen Küste, dem Dars , ist zum Sterben langweilig und wird hierin nur von der nächstfolgenden mecklenburgischen übertroffen. Hätte der Zufall, der mir stets günstiger als das Schicksal war, – wenn nicht beides eins und dasselbe ist – mich nicht an die Seite der schönen Frau geführt, ich wäre gestorben vor Langerweile, denn wer kann 8 Stunden lang von Oekonomie sprechen hören, wenn er sie nicht übt und nichts davon versteht? Endlich hiess es: der heilige Damm ! der Badestrand von Dobberan, und vor uns schimmerten in heller Beleuchtung mit grünem Hintergründe die weissen beflaggten Gebäude, wie unser Bild sie darstellt. Etwa noch eine kleine Viertelmeile vom Strande mussten wir die Anker werfen und alsbald stiessen nun vom Lande Böte und kleine Schaluppen ab, um die Passagiere an's Land zu setzen. Alles stürzte nun landbegierig kopfüber, kopfunter in die Fahrzeuge. Schnell waren sie voll. Wir, die Letzten, mussten mit unserer schützenden schönen Frau in eine wahre Nussschale steigen. Und nun, als ob Neptun es auf einen recht dummen Streich abgesehen hätte, so erhob sich jetzt plötzlich, als wir vom Schiffe abgestossen, ein solcher Sturm, dass in der That unser Boot jeden Augenblick umzuschlagen drohte. Nie sah ich, der ich manche Seefahrten gemacht, das Vertrauen und die Fassung in einem schönen Frauengesichte so muthig und göttlich kämpfen und doch endlich in Thränen und in Jammer nach den Kleinen daheim ausbrechen; und zum erstenmale in meinem Leben fühlte ich meinen Arm in Todesangst umklammert in einem Augenblicke, wo die Gefahr allerdings nicht mehr wegzuraisonniren war. Indessen, wir landeten glücklich mit einem recht herzlichen »Gott sei Dank«, jedoch auch mit dem Vorsatze, uns nie wieder auf solche Art ausschiffen zu lassen. Dobberan hat denselben Fehler, wie Putbus. Es liegt viel zu weit vom Strande, von der sonst herrlichen Badestelle. Mit raschen Pferden hatten wir eine gute halbe Stunde zu fahren, ehe wir den in einem herrlichen Waldthale gelegenen eleganten, freundlichen Ort erreichten. Die breite schöne Chaussee führt an den üppigsten Feldern vorüber, es starrt hier alles von Fruchtbarkeit. Von den der Stadt zunächst gelegenen Höhen, dem Buchen- und Jungfernberge , wie auch von Dietrichshagen, geniesst man hübsche Aussichten über Meer und Land. Besonders lieblich ist auch die Ansicht Dobberans vom sogenannten Amerikagehölz . Der Ton des Badelebens ist hier, wie schon früher angedeutet, sehr vornehm, adelstolz, raffinirt, einförmig und nicht eben zur Erholung geeignet. Doch muss rühmend anerkannt werden, dass der Grossherzog selbst mit dem besten Beispiele an der Verbesserung dieses Tones arbeitet. Ueberall erscheint er schlicht und einfach, ohne alle Abzeichen, in bürgerlicher Kleidung. Der Morgen geht in Dobberan mit der weiten Fahrt zum Strande und mit dem Bade hin. Nach dem Diner im grossen Salon versammelt sich die Gesellschaft auf dem Kamp vor dem Salon. Hier hört man Musik und trinkt Caffee, tritt hin und wieder an die Bank im Logirhause, die hier alljährlich im Roulett und Faro gute Geschäfte macht, geht dann in's Theater, welches die hübsche Inschrift trägt: »Erkenne Dich selbst!« und somit ist es Abend geworden, um wieder zum Essen in den Salon gehen zu können. Das ist das Leben hier einen Tag und alle Tage. Ich für mein Theil möchte um keinen Preis die ganze Saison so zubringen. Die Dobberaner Kirche, recht versteckt und malerisch gelegen, ist, so wie die alte Klosterruine, im gothischen Styl erbaut und der näheren Betrachtung würdig, und ausser manchen Curiositäten findet man darin höchst abenteuerliche und ergötzliche Grabschriften. Die neueren Gebäude Dobberans sind zwar, wie das grossherzogliche Schloss, recht elegant, aber nicht imponirend zu nennen. Man sieht dem ganzen Ort an, dass er nicht planmässig angelegt, sondern erst nach und nach entstanden ist. Machen wir von hier aus einen kleinen Abstecher nach dem 2 Meilen entfernten Rostock Diese Stadt macht auf den Fremden einen äusserst wohlthuenden Eindruck. Theils an Danzig, mehr noch an Lübeck erinnernd, hat sie doch auch manches von der modernen Art Stettins und es ist ein gewisses Bewusstsein von Würde und Wohlhabenheit, das sich in diesen hohen hellfenstrigen Giebelhäusern ausspricht. Die Strassen sind nicht zu enge, sind reinlich, sind belebt, Handel und Wandel giebt sich darin kund. Wein, Tabak und alle überseeischen Producte sind steuerfrei, gut und billig, und wo der Deutsche gut trinken und rauchen kann, da erträgt er manches mit heiterem Gesichte. Die Verfassung der Stadt ist fast dieselbe, die wir in Stralsund kennen gelernt, und ihre Privilegien werden, dem Grossherzoge gegenüber, mit vielem Freimuth vertreten und festgehalten. Als Universität ist Rostock mehr eine Curiosität als ein Ding von Bedeutung, und mancher Rostocker stirbt, ohne in seinem Leben einen Studenten gesehen zu haben. Begeben wir uns auf den Markt, so sehen wir ein bedeutendes, von recht mannigfaltig verzierten hohen Giebelhäusern eingeschlossenes Viereck, unter denen sich der »Gasthof zur Sonne« und der »Schleudersche Gasthof«, die beide zur Einkehr zu empfehlen sind, und beide überraschend schöne grosse Tanzsäle enthalten, bemerkbar machen. Das bedeutende, mit sieben Thürmchen und sieben Eingängen geschmückte Rathhaus nimmt fast eine ganze Seite des Marktes ein, und sieben Strassen führen von hier theils zum Hafen, zum Ufer der Warnow, theils durch stattliche alte Thore in's Land. Gehen wir dann die Blutstrasse hinab, die besonders schöne alte Giebelhäuser enthält, so gelangen wir zum Blücherplatze, wo unter grünen Bäumen die Schadow 'sche Statue Blücher's , des derbsten aller Mecklenburger, mit der bekannten Goethe'schen Inschrift steht. Hiernächst sind noch die Marien- und Jacobikirche, in ersterer liegt Hugo Grotius begraben, der Zwinger und die beiden Giebelhäuser am sogenannten Schilde der Beschauung werth. Lohnend ist auch ein Spaziergang auf den beträchtlich hohen Wällen, die mit sammt den Mauern und Thoren einen Begriff von Rostocks früherer Festigkeit geben. Einen äusserst lieblichen Strand- und Badeort besitzt Rostock in seinem Hafen Warnemünde . Dahin strömt denn auch im Sommer vermittelst eines Dampfschiffes die ganze schöne Welt der Stadt, und unter den Zelten vor den Thüren der spiegelblanken Fischerhäuser sitzen am Caffeetische bei häuslicher Arbeit, ähnlich wie in Zoppot, die lieblichen Töchter der Rosenstadt, denn urbs rosarum ist der lateinische Name Rostocks. Wismar, das von seiner früheren Bedeutung und Berühmtheit, die es als Hansestadt und später noch unter schwedischer Regierung bis 1803 besass, wenig mehr als seine Lage, durch welche es sich zu einem der trefflichsten Seehäfen eignet, übrig behalten hat, bietet dem Fremden wenig Bedeutendes dar. Eine Fahrt durch den Hafen nach der ziemlich beträchtlichen Insel Poel ist ganz amüsant, und der grosse Park des Herrn v. Brokdorf hat schöne Partien und eine hier nicht so reich erwartete Vegetation. Die Stadt selbst ist freundlich und wird es immer mehr; die alten finstern Gebäude stürzen ein und neue treten in ihre Stelle; theils erinnert uns Wismar an Elbing, tbeils an Greifswald. Wismar besitzt einen herrlichen Marktplatz und in einer seiner Kirchen das Grab des schwedischen Feldherrn Wrangel . Wenn es allgemein bekannt ist, dass die Mecklenburger mit den Pommern in Allem sehr nahe verwandt, und beide Stämme als sehr grob verschrieen sind, so ist es auffallend, mit welcher Höflichkeit und Dienstfertigkeit man hier überall beschieden und zurecht gewiesen wird. Die Landstrassen, die noch gar sehr im Argen liegen, bringen den Fremden oft in die Notwendigkeit, sich zu verirren, und mir ist dies sogar mit Extrapost passirt, wo ich dann recht Gelegenheit hatte, die tiefgewurzelte Gutmütigkeit dieses Volkes kennen zu lernen. – Und so nähern wir uns nun durch fruchtbare Felder, aber auf holprigen Wegen, dem alten heiligen Lübeck, wie es die Dichter, dem »Venedig des Nordens«, wie es selbst ferne Chronisten nannten. Die imposante Gruppe der sieben stattlichen Hauptthürme der Stadt tauchen aus blauer Ferne empor, wir gewahren, näher und näher kommend, die die Stadt umgebenden Gewässer und die grünen hohen Wälle mit ihren prächtigen Linden- und Buchenalleen. Es treten auch die vielen kleinen schlanken Thürme des Rathhauses, die bewimpelten Masten der Seeschiffe und die Giebel mancher Hauptgebäude deutlich hervor, und nicht mehr lange, so stehen wir auf dem Marktplätze von Lübeck , den uns unser Bild vergegenwärtigt, stehen wir auf einem Boden, der so reich an grossen Erinnerungen und Merkwürdigkeiten aller Art ist, dass ein deutsches Herz vor Freude zittert, darin zu schwelgen, zugleich aber auch in seiner angeborenen Pietät es für Sünde hält, auf wenig Seiten das schildern zu wollen, was Folianten in den Jahrbüchern der Weltgeschichte gefüllt hat. Ich habe dich, lieber Leser, an das Ziel unserer Reise geführt. Tummle dich nach Herzenslust in dem ehrwürdigen Lübeck herum. Gerne wär' ich dein Begleiter. Dies verbieten mir aber sechzehn eiserne Formen. Nimm also mit dem guten Willen vorlieb. Vielleicht treffen wir bald einmal wieder zusammen, denn So lang noch Odem in der Brust, Lass' ich nicht Lied und Wanderlust!   Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.