Tiernovellen 1908 »Je mehr ich den Menschen kennen lerne, desto lieber habe ich meinen Hund.« Schopenhauer. Inhalt Vorwort Wilhelm Bölsche: Die Eintagsfliege Alfred de Musset: Die Geschichte einer weißen Amsel Gottlieb Conrad Pfeffel: Biographie eines Pudels Guy de Maupassant: Coco Frederik van Eeden: Eine kleine Krabbe und die Gerechtigkeit Holger Drachmann: Der kleine Hund Fritz Lapidoth: Lore Barend Canter: Ein Tag aus dem Leben eines Mopses Iwan Turgenjeff: Mumu, das Hündchen des Taubstummen Alexander L. Kielland: Torfmoor Treu Lawrence Sterne: Die Maulesel Hans Christian Andersen: Das häßliche junge Entlein Rudolf Presber: Die Lady mit der Katze Maurice Maeterlinck: Beim Tode eines jungen Hundes Vorwort Tiergeschichten – ein ganzer Band, in dem die handelnden Personen Tiere sind. Erst das zwanzigste Jahrhundert konnte genug Stoff für eine Sammlung bieten, in der die Tiere Geschichten von menschlicher Tragweite erleben. Nicht, daß nicht frühere Zeiten auch ihre Tiergeschichten gehabt hätten. Aber der niederländische Mönch, der den Reinicke Fuchs erdachte, hatte ganz andere Absichten als die Beschreibung der Tiere. Ihm lag es an einer Satire gegen die Kirche, und da er selbst von dieser Kirche lebte, erfand er eine Form, die er jederzeit ableugnen konnte. Dasselbe Ziel, dem Menschen eine Lehre zu geben, indem sie ihm ein wenig schmeichelhaftes Spiegelbild vorhielten, hatten auch die Fabeldichter des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts. Die Tierseele, wie wir sie zu verstehen glauben, hatte darin nur eine symbolische Bedeutung. Daß einige Tierliebhaber sich rein menschlich oder wie der englische Humorist des achtzehnten Jahrhunderts, Sterne, sentimentalisch mit jenen Wesen abgaben, die man noch weit unter die Sklaven und nicht sehr viel über Baum und Stein rangierte, beweist nichts gegen die allgemeine Anschauung. Pfeffels Biographie eines Pudels und der kleine Abschnitt aus Sternes Tristram Shandy mögen für solche frühen Deutungen der Tierpsyche als Beispiel dienen. Sie sind aber eine Ausnahme. Die wirklich intime Beobachtung der Tierseele setzt erst mit der modernen Revision unserer naturwissenschaftlichen Anschauung ein und dem damit Hand in Hand gehenden Naturalismus der Kunst. Der moderne Mensch ist bescheidener als der früherer Zeiten in bezug auf seine Sonderstellung auf dieser Erde. Die Wissenschaft hat bei den Bienen Staatenwesen angetroffen, die noch von keiner menschlichen Gesellschaft in dieser reinen Vollkommenheit erreicht sind. Als drittes Moment für die Erweiterung des literarischen Anbaus der Tiergeschichten kommt die Schärfung unseres sozialen Gewissens in Betracht. Wir haben für jene Geschöpfe, die uns dienen und ihre Freiheit für die paar Brocken einbüßen, die wir ihnen mit der Geste der Großmut hinwerfen, damit sie uns durch ihren Tod nicht vorzeitig das Geschäft verderben, mit der Zeit ein stärkeres Verantwortungsgefühl bekommen. So begannen wir zunächst bei unseren Haustieren auf die Gebärde der Freude und die Gebärde der Leiden zu achten. Am Ende entdeckten wir dann auch in ihrem Blick eine Seele. Und wie einträglich wurde erst das Studium jener Vierfüßler und Vögel, die draußen in der Freiheit sich ihre Tierinstinkte noch unverdorben und in ihrer ganzen ursprünglichen Schönheit erhalten haben. Die Gebirgswelt hatte noch für Goethe etwas Grausiges in ihrer Eintönigkeit. Wir meinen ihre einsamen Reize besser zu verstehen. So sehen wir auch in der Stellung unserer Vorfahren zu ihren schweigsameren Genossen des Erdenlebens heute nur das vorschnelle Urteil des selbstgefälligen Menschenverstandes. Wir glauben nicht, daß die Tiere, weil wir ihre Sprache nicht verstehen, keine Verständigungsmittel untereinander haben. Fleißige Beobachter haben sogar im Krächzen der Krähen allein bis zu zwölf verschiedene Tonfolgen unterschieden, die ebensoviel ganzen Sätzen unserer Sprache gleichkommen dürften. Doch hat die Seele denn nichts als die Sprache sich kundzutun, sind nicht öfters auch der Blick des Menschen und seine Geste, die Anmut seiner Bewegungen und der Ausdruck seiner ganzen Gestalt bessere Verkünder seines innersten Wesens als Worte, hinter denen die Überlegenen ihre Gefühle klug verbergen, während die echten starken Empfindungen nur zu oft durch sie verkleinert werden. Seit wir in der Seele das unendliche Reich des Unbewußten entdeckt haben und unser höchstes Ziel das Aufgehen der Einzelseele in der Allseele geworden ist, wissen wir, daß die Tierseele ebenso wie die Pflanzenseele, ebenso wie die Seele dieser Erde, teil an jener großen Weltseele haben. Unsere Fernrohre haben uns so viel wunderbare Welten draußen im Weltall gezeigt, daß wir von neuem berechtigte Zweifel empfinden, ob denn der Mensch wirklich die Krone der Schöpfung ist. Und wie der träumerische Reichtum der Kinderseele uns nicht länger verborgen bleiben konnte und der ungebrochene Stolz unserer Kleinen, der sich noch nicht in tote Sitten und Katzbuckeleien vor Mammon und Würde fügen gelernt hat, so ahnen wir auch in den Tieren einen engeren Zusammenhang mit der Mutter Natur und ein Geborgensein ihrer Weisheiten in den Weisheiten der ewigen Gesetze, denen der Mensch in kleinlichem Besserwissenwollen so oft davonläuft, auf die Unfehlbarkeit seines Verstandes bauend. »Kreaturen ohne Selbstbewußtsein führen den Willen der höchsten Vernunft ganz aus,« sagt Emerson. »Diese Macht gibt den Tieren ihre Wahrheit. Ihre Handlungen sind die Äußerungen eines unbeirrten richtigen Instinktes.« Wenn der Dichter also die Natur in ihrer reinsten Erscheinung darstellen will, und welcher Dichter erkennte in solch einer Schilderung nicht die höchsten Aufgaben der Poesie, ihre ganze symbolische Kraft mit einbegriffen, dann brauchte er nur die dem Weltwillen um so viel näherstehenden Tiere zu beobachten und ihr Leben poetisch zu erklären. Gibt es etwas Rührenderes als die stoische Ruhe eines Pferdes, das seinen Dienst mit dem Gleichmut des Philosophen versieht und so wenig Teil an der Habsucht oder der üblen Laune seines Herrn hat! Gibt es etwas Drolligeres als die verschmitzte Schlauheit eines Dackels, der die Schwächen seines Herrn für seine eigene Behaglichkeit ausnützt, oder etwas Heroischeres als die Mutterliebe eines Schwalbenpaares! Kann sich die Poesie romantischere Stoffe ersinnen als sie das Vagabundentum eines Foxterriers erlebt, oder etwas Sentimentaleres als die Vorstellungen eines Esels sein mögen, wenn er einmal seinen eigenen Kopf durchsetzt. Auf Schritt und Tritt begegnen wir einer Konsequenz im Leben und Empfinden der Tierwelt, die, wenn wir sie nur der Menschheit zum Beispiel hinsetzen, den kühnsten Verherrlichungen menschlichen Heldentums nichts nachgeben. Die Beschaulichkeit des Orientalen hat von jeher den Tieren eine Art höherer Intelligenz zugesprochen, die ihnen Mutter Natur freigebiger als dem ungehorsamen Menschengeschlecht zufließen läßt. Es sei nur an die indischen Fakire erinnert. Die christliche Religion aber war immer darauf aus, den Menschen von diesem Zusammenhang abzulenken, um ihn in ein ganz persönliches Verhältnis zu Gott hinüberzuleiten. Aber am Ende werden auch wir Gottes Offenbarungen und seine Weisheit allein in der Natur suchen und jene Religiosität zu üben lernen, die das natürliche Leben rings um uns als die höchsten Gesetze Gottes verstehen und sich mit ihnen in Einklang zu setzen bestrebt ist. W.M. Wilhelm Bölsche Die Eintagsfliege Aus: Wilhelm Bölsche, »Liebesleben in der Natur«. Verlag von Eugen Diederichs, Jena. »Und so lang du das nicht hast, Dieses: Stirb und Werde! Bist du nur ein trüber Gast Auf der dunklen Erde.« Goethe. Es ist ein milder Sommerabend am Fluß. Dumpfe Schwüle brütet über dir. Elektrisches Zucken huscht an einer fernen Wolkenbank. Wie eine drohend rote Mohnblüte hängt der Mond über den dunkelnden Wassern. Das ist die Auferstehungskunde eines seltsamen Geschlechts. Lautlos, geisterhaft erheben sich aus dem Strom winzige, zarte Gestalten, – so zart und durchsichtig, als wäre jede nur aus einem kleinsten Stäubchen farblosen Lichtes gewebt. Erst sind es ein paar, die sich verflattern, im schwülen Dunst verlieren, – dann mehr, viele – dann wie wenn die graue Flut ein blütenschwangerer Frühlingsbaum würde, der unendliche schneeige Blumenblättchen von sich in die Lüfte treibt, – Tausende, Myriaden. Vom fernen Kirchturm, über die verträumten Felder, schlägt es neun Uhr. Als liege in der Stunde eine magische Gewalt, so reißt es alle diese kleinen Wesen herauf über den schweren, zähen Spiegel der Flut in die offene heiße Abendluft hinein ... silberne Flügelchen glänzen auf, wehen wie Perlmutterschleier, versinken, verschwimmen ineinander im Gedränge zu weichen, vom erstarkenden Mondlicht funkelnd zusammengeschmolzenen Wolke, die das düstere Wasser überhellt, als strahle sie selber eigenes Licht ... immer weiter wallt die Wolke dahin, sie rollt über die ganze Stromesbreite, – auf das Ufer, wo die Erlen schlafen, regnet es wie unendliche mondhelle Flocken, hängt sich an die schwarzen Zweige wie leuchtender Schaum ... Schaum, aus dem Aphrodite, die Liebesgöttin, steigt. Denn all diese schwärmenden Elfen der Gewitterstunde sind Insekten vom Schlage der Eintagsfliegen im Stadium letzter Lebensverklärung durch den allbeseligenden Liebesrausch, im Begattungssturm, der die Krone ihres ganzen Daseins ist ... Jede dieser tanzenden Bacchantinnen im Silberduft da oben hat eine lange Arbeitszeit als Individuum hinter sich. Als häßliche, gefräßige Larve hat sie seit zwei, drei Jahren im Schlamm oder Ufersand des Flusses ihr Wesen getrieben, fressend, anschwellend, sich häutend, ein wilder, rücksichtsloser Räuber trotz ihrer Kleinheit, der mit zähester Energie Tag um Tag für seine Erhaltung als Individuum gekämpft hat. Die Zeit war lang genug, daß das kleine, ruppige, bissige Vieh sich allerlei Übung im Lebenskampfe erwerben konnte. Immer in Gefahr, immer in der Not, selber gefressen zu werden oder Hungers zu sterben, hat es sich mit äußerster Anstrengung endlich doch durchgedrückt und behauptet, bis ein gewisses Maß der Lebensfülle, ein gewisser Höhepunkt individueller Artung erreicht war. Da auf einmal, an diesem schwülen Augustabend, gegen die neunte Stunde, ein Riß im ganzen Dasein, wunderbarer als Tod, eine Auferstehung in neue Form, in ein neues Element, in einen gänzlich veränderten neuen Zweck ... Jähe letzte Häutungen wandeln den Körper aus der Larvenform, die dem Leben in der Wassertiefe angepaßt war, zu jener kristallhellen Sylphengestalt, die vom Mondlicht jetzt gebadet statt von der trüben Flut wie flüssiges Silber über die Welle sprüht. Verschwunden ist mit dem alten Leibe der oberste Zweck des alten Lebens, die Nahrungsaufnahme; der zarte geflügelte Körper des neuen Wesens besitzt gar keine brauchbaren Kauwerkzeuge mehr. Die Jahre des Raubens, Würgens, Verschlingens mit ihrem verheerenden Kampfe sind auf einmal zu nichts verweht. Aber neue Organe sind dafür da und regen sich verlangend an dem durchsichtigen Elfenleibe: die Organe der Liebe. Und das Leben, wie lang oder kurz es nun noch währen mag, hat einen neuen Zweck. Über das Individuum greift er hinaus. Diese im Mondesduft aufschillernde Wolke federleichter, beflügelter Luftwesen ist kein Heer von Einsiedlern mehr, die in der Tiefe unten nur ein Zufall an denselben Ort gebannt zu haben schien, die aber jeder für sich hartnäckig ihren Weg gingen oder ihre selbstgewählte Zelle behaupteten und die sich gegenseitig höchstens die Nahrung fortschnappten ... wie durch die Gewitterwolke dort neben dem roten Mond die Elektrizität in wallenden Schauern zuckt, so wallt durch diese ganze Wolke schwebender Insekten ein einziges unsägliches Verlangen nach Vereinigung, Verschmelzung des eigenen Individuums mit einem zweiten in überströmendem, alle Einzelheit und Endlichkeit in die Gemeinschaft und Unendlichkeit der Gattung hinüberschmelzendem Liebesglück ... alle wollen zwei werden und in der Inbrunst dieses Wollens werden die Einsiedler zu einer seligen Wolke selbstloser Geselligkeit ... immer neue Brüder und Schwestern tauchten auf aus dem schwarzen Schlund, hinauf in die Herrlichkeit der Gewitterluft und der Mondverklärung – und in den Lüften, im betäubenden Wirbel der unzählbaren Menge greift sich Paar um Paar und vollzieht unter allen Seligkeitsschauern, die dieser winzige, blumenzarte Organismus für einen Moment vollkommenster Erlösung und Harmonie bis zur Neige ertragen kann, den großen Akt des neuen Zweckes: die Begattung. Über die heißen, nach dem Tau des Gewitters lechzenden Felder tönt von neuem die Dorfuhr, es ist zehn Uhr. Der Liebessturm der Insekten ist jetzt auf seinem Höhepunkt. In der Fläche des Stromes bilden die aufsteigenden und versinkenden Elfen weiße Lichtinseln, die sich unablässig lösen und wieder erneuern. Auf die Uferwege wirbelt die Wolke wie das dichteste Schneegestöber. Du selbst als einsamer Wanderer bist im Augenblick davon umhüllt, bedeckt, daß du dir mühsam deinen Weg bahnen mußt. Ein Boot verschwindet unter dem lebendigen Schleier. Auf den Stufen, die zu ihm hinabführen, wimmelt es mehrere Zoll hoch, Schicht um Schicht wirft sich im Taumel des Fliegens, des Luftatmens, des Zueinanderfindens und der stürmisch ausgelösten, lähmenden Wollust darauf. Aber inmitten der aufstrebenden Bewegung ist auch schon eine absinkende merkbar. Paar um Paar hat sein Werk vollbracht. Ein Augenblick der Seligkeit und der Lenz ist hin. Nun wirbelt es abwärts wie welkes Laub. Das Weibchen wirft die befruchteten Eier in den Strom und stirbt als Opfer, als sei der arme weiche Sylphenleib zu Tode getroffen durch allzuviel Glück, Liebesfreuden und Mutterfreuden in der Spanne eines einzigen kurzen Augenblicks. Fern verweht davon durch den ersten Lufthauch, der von der Gewitterwolke kommt, geht aber gleichzeitig auch das Männchen ein, getötet vom Blitz der Liebe, der alle seine Sinne auf ihr höchstes trieb, aber sie auch für immer fortnahm in diesem Sturm und das ganze schwache Leben zerbrach im Moment, da alle seine Saiten ihre gewaltigste Melodie absangen in nie vorher erreichter Harmonie ... Der erste ferne Donner rollt. Der Wind fällt leise singend in die Uferbinsen. Elf Uhr. Der Elfenspuk ist aus. Myriaden weißer Leichen hat die ruhelos sich dahinschiebende schwarze Stromfläche aufgesaugt, hinabgeschwemmt, ein Festmahl für die kleinen Silberfische der Tiefe. Die letzten schwachen Nachzügler, schon vom Tode gezeichnet, wird der Regen niederschlagen. Zwei Stunden – und der ganze Hochzeitsrausch ist dahin, alle Zwecke des neuen Wesens sind erfüllt bis über die Neige, bis in den Tod. Und mitten in das Bacchantenfest hinein mäht dieser Tod, Garbe um Garbe, bis das letzte glitzernde Silberstäubchen von der alten heimatlichen Flut wieder zurückgenommen und mit der Strömung fortgetrieben ist in die tiefe Nacht hinein. Selige Kreatur, sagt ein alter Grieche, – sie hat so rasch gelebt, daß außer dem Tode kein eigener Schmerz sie mehr erreichen, kein Anblick eines fremden sie betrüben konnte. Zwei Stunden. Aber in diesen zwei Stunden eines Gewitterabends ist die Gattung wieder weitergegeben auf Jahre hinaus. Die befruchteten Eier, – lautlos in der Wassertiefe versunken wie die tausend Liebesleichen, aber selbst keine Leichen, sondern lebendigsten Lebens voll, – sie werden sich in geheimnisvollem Werdegang zu neuen Larven gestalten. Und nach Jahren dann abermals Auferstehung, Bacchantensturm, Liebeserfüllung und Opfertod. Zwei Stunden. Aber in diesen zwei Stunden hat sich ein Schauspiel wiederholt, auf das Jahrmillionen schauen. Die Eintagsfliege ist älter als du, älter als der Mensch. Ihr Hochzeitsreigen schwillt herauf durch die Unendlichkeiten der Erdgeschichte. Sie hat das blaue Meer der devonischen Urzeit schon gesehen, da noch kein Berg wie heute stand, kein Fluß wie heute floß. Sie war dabei, als der lebendige Wind noch in den Wäldern baumhoher Farne und Schachtelhalme brauste, die jetzt als schwarze Kohle unsern Herd erwärmen. Eine weiße, im Mondlicht aufglimmende Lichtwolke wie heute sind diese liebedurstigen Elfen aus den Wassern aufgeblüht in der schicksalsreichen Jurazeit, da der Ichthyosaurus schwamm und der Reptilvogel Archäopteryx durch die Lüfte flatterte. Und ihr wunderbarer Erdentraum blieb der gleiche, als an Stelle der Palmfarne und Araukarien jener Juraperiode über ihren Strom der Fichtenhain der Tertiärzeit seine Äste hing, Äste, von denen als goldenes Harz niedertränte, was später verhärtet Bernstein geworden ist und dir in seinem Innern noch heute oft den Sylphenleib einer uralten Eintagsfliege zeigt. Erst in dieser Tertiärzeit begann der Mensch. In all den Jahrtausenden seines Emporganges, von der wilden Steinzeit neben Mammut und Höhlenbär bis zu den höchsten Weihestunden aufgrünender Weltkultur, hat ihn am einsamen Strom, am stillen Bach dieser ewig gleiche Kreislauf der Eintagsfliege begleitet. Sie schwärmte in zwei Stunden einer Mondnacht auf, als er am Euphrat zuerst in den Sternen las, als er am Nil über das Mysterium des Lebens sann, als er am Ilissos eine höhere, lichte Welt aus Rhythmus und Marmor schuf zum Ersatz für diese Welt des Kummers und der Dunkelheit. Und immer dasselbe. Immer dieses Ersterben der Individuen für die Art, dieser gleiche Sinnentaumel, zusammengedrängt auf eine winzige Spanne Zeit, dieser jähe, dunkle Wandel der Zwecke ... Jahrtausende, Jahrmillionen, Zeiträume, in denen die Sternbilder sich verschieben, in denen das Wandern der Sonne im Weltraum, die Eigenbewegung der Fixsterne, die leisen, über ungeheure Zeiten verteilten Wandlungen der Erdbahn und Erdstellung sichtbar wie große Marksteine werden: und alle zwei, drei Jahre in dieser unabsehbaren Folge zwei Stunden, in denen das Schicksal einer Gattung wie ein Wurfball geschleudert von einer Generation zur folgenden fliegt. Zwei Stunden, in denen das Individuum fast im Augenblick seines Todes noch Weltgeschichte wird und in eine Kette greift, die aus Urtagen der Schöpfung, zwischen verschollenen Märchenwäldern, fremden Ungetümen, längst verglühten oder weggewanderten Sternen, fort und fort sich heraufschiebt bis auf diesen Tag. Die Eintagsfliege denkt nicht. Sie erwacht, taumelt, beseeligt sich und stirbt. Aber du, der einsame, späte, unendlich hoch verstiegene Epigone all dieser niederen Tierheit, stehst am Ufer und starrst den kleinen blassen Liebesleichen nach und sinnst, – sinnst dem Geheimnis nach in diesem Liebestanz und Totentanz ... was ist die Liebe? Alfred de Musset Die Geschichte einer weißen Amsel Deutsche Übertragung von Heinrich Lautensack. Aus: Alfred de Musset. Band IV, Erzählungen. Verlag von F. A. Lattmann, Goslar-Leipzig. I. O, es ist ruhmreich, aber es ist auch mühselig, hienieden eine Ausnahme-Amsel zu sein! Ich bin absolut kein Fabeltier; der große, feine Buffon hat mich beschrieben. Aber ach, ich komme so sehr selten vor und bin so außerordentlich schwer zu finden. Wollte der Himmel, ich wäre ganz und gar nicht! Mein Vater und meine Mutter waren zwei rechtschaffene Leute. Sie wohnten seit Jahren in einem alten moorerdigen Garten. Und es war eine Musterwirtschaft. Hübsch dicht und warm in unserm Strauch, legte meine Mutter regelmäßig dreimal das Jahr ihre Eier, die sie sodann unter einem Dauerschläfchen mit wahrhaft patriarchalischer Frömmigkeit ausbrütete, während mein Papa, schon in den Würdenjahren und immer noch sehr tüchtig und sehr feurig, den ganzen Tag um sie her auf Beute aus war und ihr schöne Insekten heimbrachte, die er aber stets und geschmackvoll genug an ihrem hintersten Endchen zu erwischen wußte, um sie seiner Frau nicht zu verleiden. Und wenn dann die Nacht kam, versäumte er, bei angenehmen Wetter, nie, das Weibchen mit einem Lied zu regalieren, daß die ganze Nachbarschaft entzückt war. Nie hatte ein Zwist, nie hatte das mindeste Wölkchen dies traute Vereinigtsein gestört. Und da, ich war noch kaum zur Welt gekommen, als mein Erzeuger, das erste Mal in seinem Leben, anfing, üble Laune zu haben. Trotzdem ich anfangs nur ein verdächtiges Grau zur Schau trug, wollte er aus mir weder die Färbung noch das Talent seiner vielköpfigen Nachkommenschaft heraussehen können. »Ein scheußlicher Balg,« sagte er des öftern und sah mich scheel an; »wo der Lausbub wohl überall hineinkriechen muß, in allen Morast und in jeden Haufen Dreck, den er auftreibt, um immer so abscheulich und so ekelhaft bespritzt zu werden.« »Ach, du lieber Gott!« antwortete da meine Mutter, die in dem alten Napf, daraus sie das Nest gemacht hatte, immer zu einer Kugel aufgerollt war. »Siehst du denn nicht, Männchen, daß das von seinem Alter kommt? Bist du in deiner Jugendzeit denn nicht selber so ein süßer Taugenichts gewesen? Laß unser Amselchen nur erst groß werden. Dann sollst du einmal sehen, wie schön das geworden ist. Es gehört mit zu den besten, die ich überhaupt gelegt habe.« Bei aller Verteidigung war sich meine Mutter keinen Augenblick im Unklaren; sie sah, wie mein unglückseliges Gefieder, diese Monstrosität, ausschlug; aber sie war darin, wie alle Mütter sind; die hängen an solchen Kindern, gerade weil sie von der Natur verschimpfiert sind, just wie wenn die Schuld bei der Gebärerin läge oder wie wenn die im vorhinein gut machen wollte, was das Schicksal an ihnen einst sündigen wird. Als die Zeit meiner ersten Mauserung kam, verfiel mein Vater ganz in Nachdenken und betrachtete mich mit aller möglichen Sorgfalt. Wie meine Federn abfielen, behandelte er mich noch gütig und gab mir sogar selber die Stopfnudel, wie ich, fast splitternackt, in einer Ecke, vor Kälte mit dem Schnabel klapperte ... Aber sobald als meine erstarrten Floßfedern sich mit neuen Flaum bedecken wollten, mit jedem weißen Federchen mehr, das er auftauchen sah, geriet er in eine solche Wut, daß ich fürchtete, er würde mir nie wieder, so lang ich lebe, das Fell abwollen. Ach, ich hatte doch keinen Spiegel! Ich ahnte nicht, was ihn so wütend machte und fragte mich, wieso der beste aller Väter zu mir so unendlich wild sein konnte. Eines Tages, als ein goldener Sonnenstrahl und mein wachsender, gewachsener Pelz, als die beiden mir wider Willen das Herz in Freude versetzt hatten und ich so herumflatterte, fing ich leider, leider, zu meinem Unglück zu singen an. Aber bei der ersten Note, die bis zu meinem Vater drang, fuhr der wie eine Rakete in die Luft. »Was, was.. was hör ich da?« schrie er. »Pfeift eine Amsel so, oder pfeife ich so, oder pfeift man überhaupt so?« Und ließ sich nah bei meiner Mutter mit schrecklicher, wie mit geschlagener Fassung nieder und sagte: »Unglückliche ...! wer hat dir das ins Nest gelegt, wer?« Bei diesen Worten schoß meine Mutter entrüstet aus ihrem Napf in die Höhe, nicht ohne sich an einem Fuße weh zu tun; sie wollte reden, aber ein Schluchzen erstickte sie, und sie fiel halbohnmächtig zur Erde. Ich sah sie schon sterben und warf mich entsetzt und vor Furcht bebend vor meinem Vater auf die Knie. »Vater, Vater!« sagte ich, »wenn ich falsch pfeife und wenn mein Federkleid nicht richtig ist, laßt es Mutter nicht entgelten! Ist es denn ihre Schuld, wenn mir die Natur eine Stimme wie die Eurige weigerte? Ist es ihre Schuld, wenn ich keinen so schönen Gelbschnabel wie Ihr habe und kein so schönes schwarzes Gewand à la française , das zusammen Euch das Ansehen eines eierkuchenschlingenden Kirchenvorstehers gibt? Wenn der Himmel aus mir ein Monstrum wollte und eins daran schuld sein soll, laßt mich wenigstens den einzigen Unglücklichen sein!« »Darum handelt sich's nicht,« sagte mein Vater. »Was erlaubst du dir für eine blödsinnige Art zu pfeifen? Wer lehrte dich, so ganz gegen Sitte und Gesetz drauf los zu schmettern?« »Ach, mein gestrenger Vater,« antwortete ich sehr kleinlaut, »ich pfiff, wie ich konnte ... wie mir der Schnabel stand. Und das ... weil ich mich freute, daß schönes Wetter ... und vielleicht, weil ich zuviel Fliegen gestopft habe.« »So pfeift man nicht in meiner Familie,« versetzte mein Vater, der außer sich schien. »Seit Jahrhunderten pfeifen wir von Vater auf Sohn, und wenn ich nachts meine Stimme erschallen lasse, hab du wohl acht, wie im ersten Stock ein alter Herr und unterm Dach eine junge Grisette ihre Fenster aufmachen und mir zuhören. Genügt es nicht, die scheußliche Farbe deiner blödsinnigen Federn vor Augen zu haben, als ob du mit Mehl gepudert wärst wie ein Jahrmarktpickelhering? Wenn ich nicht der gutherzigste aller Amselpapas wäre, hätt' ich dich schon hundertmal gerupft, so sehr, wie ein Huhn am Spieß.« »Gut, gut!« rief ich aus, voller Empörung über diesen ungerechten Vater, »wenn's so ist, verehrter Herr, und weiter nichts ist, will ich von Euerer Nähe ausziehen und Euern Blicken diesen unglücklichen weißen Schwanz schenken, daran Ihr mich den ganzen Tag zerrt. Ich geh fort, Verehrter, ich fliehe. Ihr habt genug andere Kinder, die Euch in Euerem Alter trösten sollen ... Mama legt alle Jahr dreimal! Ich geh weit von hier, um Euch dies Grausen zu ersparen, und vielleicht« – fing ich zu schluchzen an – »finde ich im Küchengarten des Nachbarn oder in den Dachrinnen ein paar Regenwürmer oder ein paar Spinnen, um dies traurige Leben weiterleben zu können.« »Wie du willst,« versetzte mein Vater, der nicht daran dachte, davon gerührt zu werden. »Wenn ich dich nur nicht mehr sehe! Du bist nicht mein Sohn. Du bist keine Amsel.« »Bitte? Bitte, was bin ich denn dann?« »Ich weiß nicht. Aber du bist keine Amsel.« Nach diesen niederschmetternden Worten ging mein Vater mit langsamem Schritt davon. Meine Mutter stand tiefbetrübt auf und hinkte nach ihrem Napf, um sich auszuweinen. Ich aber, verstört und verzweifelt, flog so gut ich konnte davon und setzte mich, wie ich es voraussagte, auf die Dachrinne eines Hauses in der Nachbarschaft. II. Mein Vater brachte soviel Grausamkeit auf, mich mehrere Tage in dieser abscheulichen Situation zu belassen. Trotz seiner Heftigkeit hatte er ein gutes Herz, und an den scheuen Blicken, die er zu mir heraufwarf, sah ich wohl, daß er mir gern verziehen und mich zurückgerufen hätte. Und meine Mutter gar sah immerwährend zu mir empor, die Augen nichts als Zärtlichkeit, ja, sie wagte es zuweilen, mich mit kleinen klagenden Schreien anzurufen. Aber meine schauderhafte weiße Befiederung flößte ihnen unwillkürlich immer wieder einen solchen Abscheu und einen solchen Schrecken ein, daß ich mir sagen mußte: Da ist keine Rettung, absolut keine ... »Ich wäre überhaupt keine Amsel?« wiederholte und wiederholte ich mir. Und wahrhaft! Bei der Morgentoilette, wie ich mich im Wasser der Dachrinne abgebildet sah, erkannte ich nur zu genau, wie wenig ich meiner Familie ähnelte. »Gütiger Himmel!« wiederholte und wiederholte ich, »sag mir doch, was ich bin!« Eine Nacht, als es sehr stark regnete und ich, vor Hunger und Trübsinn ausgemergelt, just einschlafen wollte, setzte sich neben mich ein Vogel. Der war noch nasser, blasser und magerer, als ich es für möglich gehalten hätte. Ungefähr von meiner Farbe, soviel ich dies durch den Regen, der uns überschwemmte, sehen konnte; aber am ganzen Leibe kaum genug Federn, daß man einen Spatzen damit hätte bekleiden können, und aber größer und dicker und stärker als ich. Zu allererst dachte ich, das sei ein durchaus armseliger und elender Vogel; aber er bewahrte bei all dem Unwetter, das seinen Kopf, der wie geschoren schien, zerarbeitete, eine Miene, einen Stolz und Hochmut, der mich entzückte. Ich machte ihm bescheidenerweise eine tiefe Verbeugung, die er mit einem Schnabelhieb vergalt, der mich beinah vom Dach geworfen hätte, als er aber sah, wie ich mich am Ohr kratzte und zerknirschten Herzens zurückwich, ohne ihm auf seine Art das geringste herauszugeben, fragte er mich mit einer Stimme, die ebenso heiser war als sein Schädel kahlköpfig: »Wer bist du?« »Ach, Euer Gnaden,« antwortete ich, und fürchtete schon einen zweiten Paradehieb, »ich habe keine Ahnung. Ich meinte, ich sei eine Amsel, aber man hat mich davon überzeugt, ich bin keine.« Meine also schlichte Antwort und mein ehrliches Gesicht interessierten ihn. Er kam nahe, und ich mußte ihm meine Geschichte erzählen, was ich mit der ganzen Traurigkeit und mit aller Demut tat, wie sich's für meine Lage und die gemeine Witterung gehörte. »Wenn du eine Ringeltaube wärst wie ich,« sagte er zu mir, nachdem er mich angehört hatte, würden dich die Albernheiten, derentwegen du dich betrübst, nicht einen Augenblick genieren. Wir reisen. Das ist unser Leben! Wir haben sehr wohl unsere Liebschaften. Aber ich weiß, wer mein Vater ist! Die Luft zerschneiden, den Raum durchkreuzen, tief zu unsern Füßen Berg und Tal, das Himmelsblau selber atmen und nicht die Ausdünstungen der Erde, und wie ein Pfeil auf ein gezeichnetes Ziel zuschießen und das mit absoluter Unfehlbarkeit, das ist unser Vergnügen und unser Beruf. Ich lasse an einem einzigen Tag mehr Weg hinter mir, als ein Mensch in zehn!« »Mein Ehrenwort, mein Herr,« sagte ich ein wenig beherzter, »Sie sind ein Wandervogel.« »Das gilt mir gleich, ich kümmere mich um nichts,« sagte er. »Ich habe keine Heimat. Ich kenne nur drei Dinge: Reisen, Frau und Kinder. Wo mein Weib ist, da ist mein Vaterland.« »Aber was haben sie denn da? Was Ihnen um den Hals hängt? Das ist ja ein zerknitterter alter Haarwickel!« »Das sind Papiere von Bedeutung!« tat er sich wichtig. Ich bin augenblicklich auf dem Weg nach Brüssel. Ich bringe dem bekannten Bankier *** eine Nachricht, wodurch die Rente eine Baisse von einem Franken achtundsiebzig Centimes erleidet.« »Gerechter Gott!« rief ich aus. »Ein herrlicher Beruf, Ihr Beruf! Und ich bin sicher, dies Brüssel ist eine äußerst interessante Stadt! Würden Sie mich nicht mitnehmen? Da ich da ja doch keine Amsel bin, bin ich vielleicht ein Täubchen.« »Wenn du eine Taube wärst,« versetzte er, »hättest du mir den Schnabelhieb gleich zurückgezahlt!« »Aber natürlich, Herr! Ich werde ihn Ihnen schon ersetzen! Keinen Streit um so eine Lappalie! Da fängt der Tag an und das Wetter hat aufgehört. Ich beschwöre Sie, lassen Sie mich mit! Ich bin verloren. Ich habe nichts auf der Welt. Wenn ich nicht mit darf, bleibt mir nur noch das eine: ich stürze mich in die Dachrinne da ...« »Gut! Los! Folg, wenn du kannst!« Einen letzten Blick auf den Garten, wo meine Mutter schlief. Und zwei Tränen kugelten mir aus den Augen. Aber der Wind und der Regen nahmen sie mir fort. Ich breitete die Flügel und hin gings. III. Ich hab's schon gesagt, meine Flügel waren noch nicht stark genug. Während mein Führer wie der Wind hinflog, ging mir aller Atem aus. Ich hielt mich ja wohl einige Zeit, aber bald ergriff mich ein so heftiger Schwindel, daß ich fast ohnmächtig wurde. »Ist's noch weit bis hin?« fragte ich ganz schwach. »Nein,« sagte er, »das ist Bourget. Wir haben nur mehr sechzig Stundenmeilen zu machen.« Ich nahm noch einmal allen Mut zusammen, weil ich doch kein begossenes Hühnchen abgeben wollte. Und ich flog noch eine Viertelstunde. Aber dann wars mit einemmal aus. »Herr, Herr,« lallte ich, »könnte man nicht für einen Augenblick einhalten? Ich habe einen entsetzlichen Durst ... ich verschmachte ... wenn wir uns auf einen Baum niederließen ...« »Geh zum Teufel! Du bist doch nur eine Amsel!« sagte der Ringeltäuberich voller Wut. Und ohne nur den Kopf umzudrehen, setzte er die rasende Fahrt fort. Ich aber fiel betäubt und blind in ein Kornfeld nieder. Ich weiß nicht, wie lange ich so lag. Als ich wieder zu mir kam, war das erste, das mir einfiel, das Wort des Täuberichs: »Du bist doch nur eine Amsel,« hatte er gesagt. – O, meine teueren Eltern, dachte ich, ihr habt euch also getäuscht! Ich kehr zu euch zurück, ihr müßt mich als euer wahres und legitimes Kind anerkennen und ihr sollt mir meinen Platz im Laub unter dem Napf meiner Mutter wiedergeben. Ich bemühte mich, mich aufzurichten. Aber die Erschöpfung von der Reise und der Schmerz, den mir der Sturz verursachte, lähmten mir alle Gliedmaßen. Kaum war ich auf meinen Füßen, wurde ich von neuem schwindlig und sank um. Der schreckliche Gedanke an Tod und Sterben bemächtigte sich bereits meines Geistes, als ich durch Kornblumenblau und wilden Mohn her zwei liebreizende Gestalten auf mich zukommen sah. Die eine war eine kleine sehr gesprenkelte und außerordentlich kokette Elster, die andere eine rosafarbene Turteltaube. Die Turteltäubin blieb einige Schritt vor mir sehr züchtig und voller Mitleiden mit meinem Unglück stehen, indes die Elster auf die artigste Weise der Welt zu mir hertänzelte. »Du guter Gott, was machen Sie da, armes Kindchen?« fragte sie mich mit ihrer mutwilligen und wie Silber tönenden Stimme. »Ach, Frau Marquise,« redete ich sie an, und das verdiente sie zumindest zu werden, »ich bin ein armer Teufel von einem Reisenden, den sein Postillon auf dem Weg liegen ließ ... und eben dabei, Hungers zu sterben.« »Heilige Jungfrau, was sagen Sie da?« antwortete sie. Und allsogleich hüpfte sie dahin und dorthin, unter den Büschen, die uns umgaben, ging dahin und kam von dorther, und brachte mir eine Menge Beeren und Früchte herbei und schichtete sie zu einem kleinen Haufen bei mir, unter Fragen und Fragen: »Aber wer sind Sie? Woher kommen Sie? Das ist eine unglaubliche Geschichte! Und wohin wollten Sie? Allein und so jung auf Reisen, denn sie kommen gerade von der ersten Mauser!« »Was treiben Ihre Eltern? Von woher sind Sie? Wie können die Sie allein in solcher Verfassung gehen lassen? Da stehen einem wahrhaft die Federn zu Berge!« Während sie redete, hatte ich mich ein wenig von der Seite aufgerichtet und aß mit großem Appetit. Die Turteltäubin stand unbeweglich und sah mich mit Mitleiden an. Und da sah sie auch, wie mein Kopf mit einemmal ganz kraftlos zurücksank, und wußte, daß ich Durst litt. Vom Regen zur Nacht war ein Tropfen auf einem Gauchheilhalm geblieben. Sie nahm ihn äußerst besorgt mit ihrem Schnabel auf und brachte ihn mir, ganz frisch. Gewiß, wenn ich nicht so krank gewesen wäre, hätte sich eine so vornehme und zurückhaltende Dame niemals einen ähnlichen Schritt gestattet. Ich wußte noch nicht, was Liebe ist, aber mein Herz klopfte mächtig. Zwischen zwei verschiedenen Wallungen: ein unsagbarer Reiz. Meine Speisenmeisterin war so lustig, meine Mundschenkin so mitteilsam und süß, daß ich wünschte, bis in alle Ewigkeit so frühstücken zu können. Leider aber hat alles ein Ziel, sogar der Appetit eines Genesenden. Als die Mahlzeit zu Ende und meine Kraft zurückgekehrt war, stillte ich die Neugierde der kleinen Elster und erzählte ihr meine Leiden, wieder so aufrichtig, als ich es die Nacht dem Ringeltäuberich erzählt hatte. Die Elster lauschte mit mehr Aufmerksamkeit, als man ihr zutrauen mochte. Die Turteltäubin schenkte mir entzückende Zeichen tiefen Mitfühlens. Aber als ich den springenden Punkt meiner Leiden berührte, das Ungewisse, wer ich denn sei, rief die Elster: »Spaßen Sie? Sie und eine Amsel ...! Sie und eine Ringeltaube ...! Pfui! Sie sind eine Elster, eine ganz richtige und eine sehr nette Elster!« Und gab mir einen leichten Schlag mit dem Flügel: einen Klapps mit dem Fächer. »Verzeihen Marquise,« antwortete ich, »mir ist, als hätte ich für eine Elster eine Farbe, eine ...« »Eine russische Elster, mein Lieber, Sie sind eine russische Elster! Sie wissen nicht, daß die weiß sind? Armer Kerl, so wenig Ahnung ...« »Aber, Gnädigste,« sagte ich, »wie kann ich eine russische Elster sein, wenn ich, wie Sie wissen, in einem alten Napfscherben in jenem Moor geboren ...« »Doch Kindchen! Durch die Russeninvasion doch...! Oder meinen Sie, daß Sie der einzige sind? Vertrauen Sie sich mir an; ich mach das; ich nehme Sie sofort mit mir und zeige Ihnen die schönsten Sachen von der Welt.« »Bitte wo, meine Gnädigste?« »In meinem grünen Palast, mein Süßer. Das Leben sollen Sie sehen! Sie sind noch keine Viertelstunde lang Elster, passen sie auf, und werden schon von nichts anderm mehr sehen wollen. Wir sind uns an die Hundert ... aber keine von den großen Dorfelstern, die auf der Landstraße betteln ... sondern sehr vornehm, aus guter Gesellschaft, schön gefranst, schmuck, und nicht größer als fausthoch. Jede von uns trägt just sieben schwarze Tupfen und fünf weiße Tupfen. Das ist nicht anders, und alles andere verachten wir. Die schwarzen Tupfen besitzen Sie ja nicht, das ist richtig, aber Sie werden durch Ihre Russenabstammung bestehen. Unser Leben teilt sich aus zwei Aufgaben: Konversation und Toilette. Von morgens bis mittag machen wir Toilette, und von mittags bis abends treiben wir Konversation. Ein jedes von uns sitzt auf einem Baum, der so hoch und alt als möglich ist. Mitten im Wald steht ein ungeheurer Baum, der ist, ach, unbesetzt. Die Wohnung weiland König Elsterich X., dahin geht unsere seufzerreiche Wallfahrt. Aber abgesehen von dieser kleinen Bitternis verbringen wir sonst unsere Zeit aufs wahrhaft angenehmste. Unsere Frauen sind nicht alberner als unsere Ehemänner eifersüchtig sind. Aber unsere Lustbarkeiten sind züchtig und ehrbar, weil unsere Gefühle so nobel sind als unsere Reden, frei und heiter. Unser Stolz kennt keine Grenzen. Ein Häher oder sonst eine Kanaille, die sich da an uns heranmachen will, wird aufs erbarmensloseste zerzupft. Nichtsdestoweniger sind wir die gutmütigsten Leute der Welt, und all die kleinen Piepmätze und die Meisen und die Stieglitze, die bei uns im Buchholz wohnen, finden uns immer hilfsbereit, wir speisen und beschützen sie. Nirgends ist wohl die Unterhaltung lebhafter und eifriger als in unserm Kreis, aber ebenso gibt's wohl nirgends weniger Nachrede und Verleumdung. Wir haben auch sehr fromme Alte unter uns, die den ganzen Tag Vaterunser beten; aber die windigste unserer jungen Basen kann so dicht und streifend als sie nur will an der strengsten Witwe von Stand vorbeigehen, ohne den leisesten Schnabelhieb befürchten zu müssen. Mit einem Wort: wir leben dem Vergnügen, dem Anstand, der Unterhaltung, der Ehre und dem Putz.« »Das ist äußerst schön, Gnädigste,« versetzte ich. »Und ich wär ein Stoffel, wenn ich dem Rate einer Persönlichkeit, wie Sie sie darstellen, nicht unbedingt folgen würde. Aber ehe ich die Ehre und das Glück habe, mit Ihnen zu kommen, erlauben Sie mir bitte, bitte, ein Wort an das beste Fräulein hier.« »Gnädiges Fräulein,« wandte ich mich da an die Turteltäubin, »sagen Sie mir unumwunden, ich beschwöre Sie, bin ich wirklich eine russische Elster?« Bei dieser Frage senkte die Täubin das Köpfchen und wurde blaßrot wie Lottens Strumpfband. »Aber mein Herr,« sagte sie, »ich weiß nicht ... ich vermag nicht ...« »Bei allen Himmeln, mein gnädiges Fräulein, reden Sie! An meinem Kleid ist nichts, das Sie verletzen könnte ... im geraden Gegenteil. Sie kommen mir alle beide so reizend vor, daß ich schwöre, ich biete Herz und Fuß derjenigen von Ihnen an, die es nimmt, von dem Augenblick ab, da ich weiß, ob ich eine Elster oder sonst was bin. Denn,« sagte ich nun ein wenig leiser zu dem jungen Mädchen, »wenn ich Sie ansehe, komme ich mir, ich weiß nicht wie, so turteltaubengleich vor ... und das quält mich besonders ...« »Aber wahrhaftig,« sagte die Täubin und errötete noch mehr, »ich weiß nicht, ob es von der Sonne ist, die durch den roten Mohn fällt, aber Ihr Gefieder scheint mir einen leisen Teint, einen leisen Stich ...« Sie wagte es nicht, bis zu Ende zu reden. »Über die Verlegenheit!« rief ich nun. »Wie soll ich wissen, woran ich mich zu halten habe? Wie soll ich mein Herz einer von Ihnen schenken, wo es so grausam zerrissen wird? Sokrates! Was für eine erhabene, aber was für eine schwer zu befolgende Lehre hast du uns gegeben, wenn du sagtest: ›Erkenne dich selbst!‹« Seit dem Tage, da das unglückselige Lied meinem Papa so sehr auf die Nerven gefallen war, hatte ich keinen Gebrauch mehr von meiner Stimme gemacht. In diesem Augenblick aber fiel es mir ein, ich mußte mich ihrer bedienen, um endlich zur Wahrheit zu kommen. Teufel, dachte ich bei mir, wenn mein Papa mich schon bei der ersten Strophe an die Luft gesetzt hat, ist es das mindeste, daß die zweite von inniger Wirkung auf die Damen sein wird. Ich verbeugte mich also artig, wie um gütige Nachsicht, des ausgestandenen Regens wegen, und ging erst an ein wenig Pfeifen, dann Gezwitscher, dann zu Läufen und Trillern über, und schrie endlich aus vollem Halse wie ein spanischer Mauleseltreiber bei richtigem Wind. In dem Maße wie ich sang, entfernte sich die kleine Elster von mir, erst überrascht, dann betäubt, voller Schrecken und nicht ohne einen Ausdruck tiefer Langeweile. Sie ging im Kreis um mich, recht, wie eine Katze um den heißen Brei. Ich sah die Wirkung und wollte es bis auf die Spitze treiben, aber die Marquise ward immer unruhiger, je mehr ich mich heiser schrie. Nachdem sie so fünfundzwanzig Minuten meine musikalische Kraftleistung ausgehalten hatte, hielt sie es nicht länger, sie lief mit Geschrei davon, nach ihrem grünen Palast. Die Turteltäubin aber war gleich bei der ersten Note tief eingeschlafen. Eine staunenswerte harmonische Wirkung, dachte ich da. O Heimat! Napfscherben meiner guten Mutter! Zu euch, zu euch zurück! Je eher, desto besser! In dem Augenblick, als ich mich davonmachte, erwachte die Turteltäubin. »Adieu,« sagte sie, »du ebenso artiger wie langweiliger Unbekannter! Ich heiße Gourouli; vergiß mich nicht!« »Schöne Gourouli,« antwortete ich, »Sie sind lieb, lieblich und süß. Leben und sterben könnt ich für Sie. Aber Sie haben Ihren Stich ins Rosenrote, und soviel Glück ist nie für mich!« IV. Die klägliche Wirkung meines Singens betrübte mich. »Ach, Musik, ach, Poesie!« rief ich immer wieder, wie ich so auf Paris zuflog, »wie wenige sind es, die euch verstehen!« Da stieß ich mit dem Kopf an den Kopf eines andern Vogels, der genau meinen Weg hatte, nur umgekehrt. Der Stoß war so heftig und plötzlich, daß wir alle beide auf den Wipfel eines Baumes niederfielen, der zum Glück für uns da war. Nachdem wir uns erst ein wenig geschüttelt hatten, betrachtete ich den Neuankömmling und dachte, nun gäb es eine Schlägerei. Da sah ich zu meiner Überraschung, daß er weiß war. Er hatte einen wenig größeren Kopf als ich und an der Stirn eine Art Federbusch, so daß er wie ein komischer Held aussah. Dazu trug er den Schwanz sehr hoch und schien von großer Gutmütigkeit. Er war übrigens, das sah ich wohl, zu keinerlei Zank aufgelegt. Wir redeten einander äußerst höflich an, traktierten uns gegenseitig mit Entschuldigungen und fingen dann eine Unterhaltung an. Ich war so frei, nach seinem Namen zu fragen, und wo er denn her wäre. »Ich wundere mich,« sagte er, »daß Sie mich nicht kennen? Sind Sie nicht einer der Unserigen?« »Wirklich, Herr,« sagte ich, »ich weiß nicht, wer ich bin. Jedermann fragt mich und sagt mir ganz dasselbe. Als ob die ganze Welt eine Wette auf mich gesetzt hätte.« »Sie haben gut scherzen,« sagte er. »Sie mit Ihrem Federkleid können mir nichts weiß machen. Sie sind ein Kollege. Sie gehören unbedingt zu jener illustren und berühmten Gesellschaft, die der Lateiner ??? cac=uata nennt, der Wissenschaftler Kakatoës , und der gemeine Sprachgebrauch Katakois .« »Das ist schon möglich, Herr, wahrhaftig. Tun Sie nicht, wie wenn ich es nicht wär und seien Sie so gut, mir zu sagen, mit wem ich die Ehre habe.« »Ich bin der große Dichter Kakatogenus,« sagte der Unbekannte. »Ein mächtig weitgekommener, die Kreuz und die Quer, bis in fremde Lande. Ich dichte nicht seit gestern, meine Muse hat Leidensfälle genug überstanden. Ich habe unter dem sechzehnten Ludwig gezirpt, Herr, für die Republik gekrächzt, dem Kaiserreich adelig zugesungen, die Restaurationsjahre diskret gelobt, und mich zuletzt sogar bemüht, mich den Ansprüchen dieses geschmacklosen Jahrhunderts zu unterwerfen. Man kennt meine feingebauten Distichen, hohen Hymnen, schnellenden Dithyramben, frommen Elegien, langhaarigen Dramen, kraushaarigen Romane, gepuderten Possen und glatzköpfigen Tragödien. Mit einem Wort, ich schmeichle mir, den Tempel der Musen mit einigen neuen und galanten Blumengehängen ausgeschmückt zu haben, und seine Zinnen und seine Arabesken um einiges vermehrt ... Was wollen Sie? Ich bin freilich alt geworden, aber ich reime immer noch fest drauf los, und wie ich hier vor Ihnen sitze, brüte ich eben über eine Dichtung in einem Gesang, nicht weniger als sechs Zeiten lang ..., aber da sind wir mit den Köpfen zusammengefahren. Übrigens, wenn ich Ihnen irgend nützen kann ..., ich bin zu jedem Dienst gern bereit.« »Ach, mein bester Herr, wenn Sie das könnten!« erwiderte ich. »Ich bin eben in einer großen dichterischen Verlegenheit. Ich wage nicht zu behaupten, ich wär ein Dichtersmann, und vor allem kein so großer wie Sie,« sagte ich und verbeugte mich dabei, »aber ich bin von der Mutter Natur mit einem Stimmband ausgestattet, das mich juckt, ob ich nun lustig oder traurig bin. Die Wahrheit zu gestehen, ich habe keine Ahnung von den Regeln.« »Ich habe sie vergessen,« sagte Kakatogenus. »Kümmern Sie sich nicht darum.« »Aber das ist so eine ekelhafte Sache,« erwiderte ich. »Meine Stimme wirkt auf die, die sie hören, ungefähr genau so, wie die eines ganz gewissen Jean de Neville auf seinen ... Sie wissen, was ich sagen will?« »Ich weiß,« sagte Kakatogenus. »Ich hab diese eigentümliche Wirkung an mir selber erfahren. Die Ursache kenn ich nicht; aber die Wirkung ist unbestreitbar.« »Nun sehen Sie, mein Herr. Sie, der Nestor der Dichtkunst, wüßten Sie vielleicht ein Mittel gegen dieses entsetzliche Übel?« »Nein,« sagte Kakatogenus. »Ich habe nie eins auftreiben können. Ich habe mir in meiner Jugend die erdenklichste Mühe gegeben, weil man mich nämlich immer ausgepfiffen hat. Aber heute denk ich absolut nicht mehr daran. Ich glaube, das Publikum hat den Abscheu nur, weil es noch andere Leute liest als uns: daher die Verwirrung.« »Ich denke auch so. Aber Sie werden mir recht geben, mein Herr, wie hart das für einen Menschen mit ehrlichen Absichten ist, wenn die Leute, sowie er auch nur Miene macht, loszulegen, ausreißen. Würden Sie so freundlich sein und mich anhören und mir aufrichtig Ihre Meinung sagen?« »Sehr gern,« sagte Kakatogenus, »ich bin ganz Ohr.« Ich fing sofort zu singen an und konstatierte mit großer Befriedigung, daß Kakatogenus nicht ausriß und nicht einschlief. Er sah mich starr an und von Zeit zu Zeit nickte er wie zustimmend mit dem Kopf und ließ etwas wie ein beifälliges Gemurmel hören. Aber ich sah dann bald, daß er gar nicht zuhörte, sondern über seiner Dichtung brütete. Und einen Augenblick, da ich Atem holen mußte, benutzte er die Pause und sagte mit einemmal: »Ich hab ihn doch gefunden, den Reim!« Und er lächelte und wackelte mit dem Kopfe. »Das ist Nummer sechzigtausendsiebenhundertundvierzehn, aus diesem meinem Hirnkasten! Und da wagt man es, zu behaupten, ich würde alt! Ich werde das den lieben Kollegen vorlesen! Ich werde es Ihnen vorlesen! Und wir wollen sehen, was sie dazu sagen werden!« Und er flog auf und davon. Und hatte ganz auf mich vergessen. V. Mein mit meiner Enttäuschung zurückgelassen, blieb mir nichts übrig als den Nest des Tages darauf zu verwenden und geradenwegs nach Paris zu fliegen. Leider wußte ich den Weg nicht. Meine Reise mit der Ringeltaube war zu wenig angenehm gewesen, als daß ich eine bestimmte Erinnerung davon behalten hätte. So wandte ich mich statt geradeaus nach links auf Bourget zu, und als mich die Nacht überraschte, mußte ich ein Unterkommen im Morfontainer Walde aufsuchen. Alles ging zu Bett, als ich ankam. Die Elstern und die Häher, die bekanntlich die unleidlichsten Schlafgenossen sind, schimpften einer auf den andern. In den Büschen piepten die Spatzen unaufhörlich und stießen einander. Km Wasser stolzierten zwei Reiher sehr nachdenklich auf ihren langen Stelzen, zwei Pantoffelritter, die geduldig auf ihre Gemahlinnen warteten. Riesige Raben schwangen sich schlaftrunken hoch auf die höchsten Bäume und näselten ihr Abendgebet. Tief unten machten verliebte Meisen noch in den Sträuchern aufeinander Jagd, während ein struppiger Grünspecht seine Leute in einer Baumhöhle verbarg. Eine Horde Waldspatzen kam von den Feldern her, eine wirbelnde Rauchwolke und stürzte sich auf ein Bäumchen, das sie über und über bedeckten. Buchfinken, Grasmücken, Rotkehlchen schienen auf vorspringenden Zweigen wie die Glaskristalle an Kronleuchtern, von allen Seiten Stimmen, die deutlich sagten: »Komm, Frau! – Komm, komm, Töchterchen! – Komm doch, o Schöne! – Hierher, Liebling! – Da bin ich, mein Guter! – Guten Abend, Gnädige! – Adieu, ihr Freunde! – Schlaft süß, Kinderchen!« Welche Situation für eine keusche Jünglingsseele, in einer solchen Herberge zu nächtigen! Ich geriet in den Versuch, mich einigen Vögeln meiner Größe anzuschließen und sie um Nachtquartier zu bitten. – In der Nacht, dachte ich, sind alle Vögel grau. Und übrigens, was verbricht man an den Leuten, wenn man ganz hübsch ruhig bei ihnen schläft? Ich flog zuerst nach einem Wassergraben, wo Stare waren. Sie machten ihre Nachttoilette mit ganz besonderer Sorgfalt. Und ich sah, daß die meisten von ihnen vergoldete Flügel und polierte Nägel hatten: das waren die Dandies des Waldes. Es waren sehr nette Leute, die mich gar nicht beachteten. Aber sie schwätzten so eitel, erzählten sich von ihren Streichen und ihrem »Schwein« so abgeschmackt und rieben sich so plump aneinander, daß ich unmöglich länger bleiben konnte. Ich setzte mich dann auf einen Zweig, wo ein Dutzend verschiedener Vögel der Reihe nach dasaß. Ich nahm bescheiden das äußerste Ende ein, in der Hoffnung, daß es gestattet wurde. Unglücklicherweise hatte ich eine alte Taube zur Nachbarin, die dürr wie ein verrosteter Wetterhahn war. Als ich mich ihr näherte, waren die wenigen Federn, die ihren Rücken bedeckten, ihre einzige Sorge. Sie tat so, als ob sie sie putzen wollte, aber sie hatte zuviel Angst, daß ihr eine davon ausging. So ließ sie sie nur Revue passieren, ob auch alle noch da waren. Kaum hatte ich sie mit einem Flügelende gestreift, als sie sich majestätisch aufrichtete. »Was tun Sie denn da, Sie?« sagte sie und verzog den Schnabel wie eine mythische Jungfer. Und sie stieß mich mit dem Ellbogen und warf mich mit solcher Kraft herunter, daß es einem Packträger alle Ehre gemacht hätte. Ich fiel ins Heidekraut, drin eine Haselhenne schlief. Nicht einmal meine Mutter in ihrem Näpfchen hatte einen solchen Ausdruck von Seligkeit an sich. Sie war so rundlich, so vergnügt und saß so bequem auf ihrem dreifachen Bauch, daß man sie wohl für eine Pastete hätte halten können, von der die Rinde abgegessen ist. Ich legte mich ganz verstohlen neben sie. Sie wird schon nicht aufwachen, sagte ich bei mir, und auf jeden Fall kann so eine gute dicke Mama nicht sehr bösartig sein. Sie wars auch wirklich nicht. Sie machte die Augen halb auf und sagte mit einem Viertelsseufzer: »Du genierst mich, Kleiner, geh weg.« In diesem Augenblick rief man mich. Krammetsvögel waren es, auf einem Vogelbeerbaum, die mich zu sich hinaufwinkten. – Endlich einmal ein paar mitleidige Seelen, dachte ich. Sie machten mir Platz und lachten wie blödsinnig. Ich schob mich fein zwischen diesen Haufen Federn, gleichwie ein Billetdoux in einen Muff. Aber ich merkte bald, die Damen hatten mehr Weintrauben gegessen, als vernünftig ist. Sie konnten sich kaum auf den Zweigen halten, und ihre unziemlichen Witze, ihr ewiges Kichern und ihre schlüpfrigen Lieder trieben mich fort. Ich begann zu verzweifeln und wollte mich in einem ganz versteckten Winkel schlafen legen, als eine Nachtigall zu singen anfing. Alles war still auf einmal. Ach, was für eine reine Stimme und wie süß gar ihre Traurigkeit! Sie störte den Schlaf der anderen nicht im mindesten, ihr Gesang war wie ein Wiegenlied. Kein Mensch dachte daran, sie schweigen zu heißen, keine Seele fand es schlimm, daß sie zu so einer Stunde sang, ihr Vater prügelte sie nicht, und ihre Freunde nahmen nicht Reißaus. »Nur ich soll nicht glücklich sein!« rief ich aus. »Fliehen wir aus dieser grausamen Welt! Ich will mir lieber meinen Weg im Finstern suchen, auf die Gefahr hin, von einer Eule erwischt zu werden, als mich hier durch den Anblick fremden Glücks zerreißen zu lassen!« Und ich machte mich wieder auf den Weg und fuhr lange Zeit auf gut Glück herum. Beim ersten Tageslicht sah ich die Türme von Nôtre Dame. In einem Augenblick war ich da und ich brauchte nicht lange, um unsern Garten wiederzufinden. Ich flog schneller wie der Blitz ... o Gott, er war leer ... Ich rief umsonst nach meinen Eltern. Niemand antwortete mir. Der Baum meines Vaters, der Busch meiner Mutter, der teure Napf, alles war weg. Die Axt hatte alles zerstört, wo einst die Allee stand, darin ich geboren, lagen jetzt nur an hundert Reisigbündel. VI. Erst suchte ich meine Eltern in allen Gärten ringsum. Aber das war verlorene Müh. Sie waren zweifellos nach einem entfernten Viertel verzogen. Und ich würde nie wieder von ihnen hören. Ich war schrecklich betrübt, und ich setzte mich auf die Dachrinne, wohin mich der Zorn meines Vaters zu allererst verbannt hatte. Da verbrachte ich Tage und Nächte, mein trauriges Schicksal beweinend. Ich schlief nicht mehr, ich aß kaum mehr. Ich war nahe daran, vor Gram zu sterben. Eines Tages lamentierte ich wie gewöhnlich. Und ganz laut: »Also bin ich weder eine Amsel, da mich mein Vater ja gezaust hat; noch ein Ringeltauber, da ich hinfiel, als ich nach Belgien wollte; noch eine russische Elster, da die kleine Marquise sich die Ohren versperrte, sowie ich nur den Schnabel auftat; noch eine Turteltaube, da Gourouli, das gute Gouroulichen, zu meinem Singen schnarchte wie ein Mönch; noch ein Papagei, da mich Kakatogenus nicht anhören wollte; noch überhaupt irgendein Vogel, da man mich zu Morfontaine mutterseelenallein schlafen ließ. Und doch habe ich Federn auf dem Leibe und Füße und Flügel. Ich bin absolut kein Monstrum, da ist Gourouli Zeuge und sogar die kleine Marquise, denen ich genügend gefiel. Durch welch unsagbar Geheimnisvolles bilden diese Federn, diese Flügel und diese Füße kein ganzes Tanzes, dem man einen Namen geben kann. Sollte ich nicht zufällig ...« Ich wollte mich also weiter beschweren, als mich zwei Hausmeisterinnen unterbrachen, die auf der Straße zankten. »Zum Teufel!« sagte die eine der beiden zu der andern, »wenn du dein Maul hältst, mache ich dir eine weiße Amsel zum Präsent!« »Gerechter Gott!« rief ich aus, »das ist meine Sache. O Vorsehung! Ich bin der Sohn einer Amsel und ich bin weiß: das ist, ich bin eine weiße Amsel!« Man muß zugeben, diese Entdeckung konnte meine Ansichten wohl umkrempeln. Statt weiter zu lamentieren, brüstete ich mich, schritt stolz die Dachrinne entlang und sah sieghaft in die Welt. Das ist eine Sache, sagte ich bei mir selber, eine weiße Amsel zu sein – das gibt's nicht alle Tage, das findet man nicht hinter jedem Esel her. War ausgezeichnet, daß ich mich kränkte, nicht meinesgleichen zu finden: das ist das Schicksal des Genies, das ist mein Schicksal! Ich wollte die Welt fliehen ... ich werde sie in Bewunderung versetzen! Da ich ein Vogel ohnegleichen bin, dessen Dasein die gemeine Welt verleugnet, muß mein ganzes Benehmen ein solches, entsprechendes sein: so gut wie der Phönix! Und ich muß auf alles übrige Geflügel herabsehn. Ich muß mir die Memoiren des Alfieri kaufen und die Gedichte des Lord Byron; so wertvolle Nahrung wird mich mit edlem Stolz erfüllen, den ungerechnet, den Gott mir mitgegeben hat. Das alles muß noch zum Prestige meiner Geburt hinzu! Die Natur hat eine wahrhafte Seltenheit mit mir geschaffen; ich werde ein Mysterium aus mir machen. Eine höchste Gunst soll es sein und eine höchste Ehre mich ansehn zu dürfen. – Wie denn? fügte ich leise hinzu, wenn ich mich geradewegs für Geld sehen ließe? Pfui, unwürdiger Gedanke! Ich werde ein Gedicht machen, wie Kakatogenus, aber nicht in einem Gesang, sondern in vierundzwanzig Gesängen, wie alle großen Männer. Nein, nicht genug, es müssen deren achtundvierzig werden, mit Fußnoten und einem Anhang! Das Weltall muß erfahren, was ich bin. Ich werde schon nicht ermangeln und in meinen Versen meine große Einsamkeit beklagen, aber so, daß mich die Glücklichsten noch beneiden sollen. Da mir der Himmel ein Weibchen verweigert hat, werde ich schauderhaftes Zeug über die aller andern zu sagen wissen. Ich werde beweisen, daß alles zu grün sei, außer die Weinbeeren, die ich esse. Die Nachtigallen sollen sich fein in acht nehmen; ich werde darlegen, daß zweimal zwei vier ist, ihre Lamentos Herzdrücken verursachen und ihre Ware Schund ist. Ich muß Charpentier aufsuchen. Ich will mir zuerst eine mächtige literarische Position schaffen. Es soll etwas wie ein Hof um mich sein, nicht nur von Journalisten, sondern wirklichen Autoren und sogar weiblichen Schriftstellerinnen. Ich werde der Rachel eine Rolle schreiben, und wenn sie sie nicht spielen will, werde ich ihr zeigen, ihr Talent sei geringer als das der ältesten Provinzschauspielerin. Ich gehe nach Venedig und werde am großen Kanal mitten in dieser Feenstadt den prächtigen Dogenpalast mieten, der pro Tag vier Pfund und etliche Sous kostet. Dort will ich mich von den Erinnerungen inspirieren lassen, die Byron, der Verfasser des Lara noch übriggelassen hat. Aus tiefster Einsamkeit heraus will ich die Welt mit einer Sintflut von Kreuzreimen überschütten. Und zu Strophen von Spencer meine gewaltige Seele als Unterlage hergeben. Alle Meisen werden seufzen müssen, alle Turteltauben girren, alle dummen Gänse in Tränen schwimmen und die ältesten Nachteulen aufheulen. Aber der Liebe werde ich unerbittlich und ganz unzugänglich sein. Man soll mich umsonst bedrängen, umsonst beschwören, Mitleid mit den Unglücklichen zu haben, die durch meine hohen Gesänge verführt wurden. Ich werde auf alles das nur mit einem »Pfe!« antworten. O Übermaß des Ruhmes! ... Meine Manuskripte werden mit Gold aufgewogen werden, meine Bücher über alle Meere verbreitet, Ansehn und Reichtum an meine Fersen geheftet sein! Ich aber ganz kalt, inmitten des Gemurmels der Menge! Mit einem Wort, ich werde eine vollkommene weiße Amsel sein, ein wahrhaft exzentrischer Schriftsteller, gefeiert, verzärtelt, bewundert, beneidet, aber ein absoluter Brummbär und Grobian. VII. Sechs Wochen etwa, und mein erstes Werk war in die Welt gesetzt. Und wie ich es mir vorgenommen hatte, eine Dichtung in achtundvierzig Gesängen. Natürlich gab's da einige Nachlässigkeiten, infolge der ungeheuren Fruchtbarkeit, aus der heraus ich es geschrieben. Aber ich dachte, der Leser von heute, der die schöne Literatur aus Zeitungen bezieht, wird mir schon keinen Vorwurf machen. Ich hatte einen Erfolg, der meiner würdig, das heißt, der ohnegleichen war. Das Werk handelte von niemand anderem als von mir. Ich war darin der Mode des Tages gefolgt. Ich erzählte meine frühen Leiden mit einer hinreißenden Albernheit. Versetzte den Leser in tausend Familieneinzelheiten von berückendstem Interesse. Die Beschreibung des Napfes meiner Mutter füllte nicht weniger als vierzehn Seiten an. Da war eine Aufzählung aller Fugen, Löcher, Beulen, Sprünge, Splitter, Buckel, Flecke, Farben und Reflexe; ich zeigte das Innere, das Äußere, die Ränder, den Boden, die Seiten und alles Schiefe und alles Gerade, und wie ich auf den Inhalt zu sprechen kam, siehe, da hatte ich sowohl die Gras- wie die Strohhalme, das trockene Laub wie die kleinen Holzstückchen, das bißchen Kiessand wie die paar Tropfen Wasser, die Reste von Fliegen wie die gebrochenen Maikäferbeine, die darin waren, studiert; eine entzückende Schilderung ... Nur glauben Sie ja nicht, daß ich das so in einem Atem hingesetzt hätte. Es gibt Leser, die unverschämt genug wären, das alles einfach zu überspringen. Ich hatte das fein ab- und auseinandergeteilt und es da und dort in die Erzählung hineingeschoben, damit nur nichts verloren ginge. So, daß stets im interessantesten und dramatischsten Moment plötzlich fünfzehn Zeilen Napfschilderung kamen. Das ist, mein ich, eines der größten Geheimnisse der Kunst, und ich geize absolut nicht damit; mag davon profitieren, wer immer will ... Ganz Europa war vom Erscheinen meines Buches ab gebannt. Es verschlang die geheimen Offenbarungen, die ich ihm mitzuteilen geruhte. Wie auch sonst? Ich berichtete nicht nur alles das getreulich, das sich an meine Person knüpfte, ich gab dem Leser obendrein noch ein erschöpfendes Bild all der Träumereien, die mir seit dem zweiten Monat meines Lebens durch den Kopf gegangen waren. Und an der schönsten Stelle hatte ich eine Ode eingeschaltet: als Dotter im Ei gedichtet. Übrigens ist noch wohl zu beachten, daß ich auch nicht verabsäumte, so im Vorübergehen das große Sujet zu behandeln, das heute die ganze Welt bewegt: die Zukunft der Menschheit. Das Problem hatte mich interessiert, ich arbeitete es in einem freien Augenblick ein wenig grob zu einem Intermezzo aus ... zur allgemeinen Befriedigung. Täglich erhielt ich gereimte Komplimente, Glückwunschbriefe und anonyme Liebeserklärungen. Was Besuche angeht, hielt ich mich streng an meine Vorsätze. Meine Tür stand jedermann geschlossen. Nur einmal mußte ich bei zwei Fremden eine Ausnahme machen, die sich als meine Verwandten ankündigen ließen. Der eine war eine Amsel aus Senegall, der andere eine chinesische. »Ach, mein Herr,« sagten sie und umarmten mich zum Ersticken, »eine wie große Amsel Sie sind! Und wie so ausgezeichnet Sie in Ihrem unsterblichen Gedicht das tiefe Leid des verkannten Genies gespiegelt haben! Wären wir es nicht schon gewesen, wären wir es durch Sie sicher geworden! Wie so sehr sympathisieren wir mit Ihren Schmerzen und mit Ihrer hohen Verachtung der gemeinen Welt! Wir, Herr, wir kennen die geheimen Leiden, die Sie besungen haben, aus uns selbst! Da haben Sie zwei Sonette, die wir gedichtet haben, das eine zum andern, und die wir Sie hinzunehmen bitten!« »Und hier wäre außerdem,« sagte der Chinese, »noch eine Vertonung einer Stelle aus Ihrer Vorrede ... von meiner Frau ... die die Absicht des Autors in wundervoller Weise wiedergibt.« »Meine Herren,« sagte ich, »so weit ich urteilen kann, scheinen Sie von großem Herzen und leuchtendem Geist. Aber verzeihen Sie die Frage. Woher kommt diese Ihre Melancholie?« »O, mein Herr,« sagte der aus Senegall, »sehen Sie mich an, wie ich gebaut bin. Mein Gefieder bietet freilich einen ganz angenehmen Anblick, es ist schön und glänzend entengrün. Aber mein Schnabel ist zu kurz und meine Beine sind zu lang, und sehen Sie nur den lächerlichen Schwanz! Meine Proportionen sind ganz falsch. Ist das nicht zum Teufelholen?« »Und erst ich, mein Herr,« sagte der Chinese. »Mein Pech ist noch fürchterlicher. Der Schwanz meines Kollegen ist wie ein Rohrbesen und fegt nur so hin; aber auf mich zeigen die Gassenjungen mit Fingern, indem ich überhaupt keinen habe.« »O, meine Herren,« sagte ich, »Sie tun mir in der Seele weh. So peinlich es sein mag, zu wenig oder zuviel zu haben, ist das noch keine Wichtigkeit. Gestatten Sie mir, zu bemerken, daß im Botanischen Garten verschiedentliche Persönlichkeiten sind, die Ihnen ähnlich sehen und die schon lange dort wohnen – in aller Seelenruhe ... ausgestopft! Es genügt nicht, daß eine Schriftstellerin schamlos sei, um ein gutes Buch zu schreiben. Gleicherweise wird aus einer Amsel, die vor Unzufriedenheit platzt, deswegen noch lange kein Genie. Ich bin einzig in meiner Art und das betrübt mich. Ich habe vielleicht Unrecht, aber das ist mein Recht. Ich bin weiß, meine Herren. Werden Sie auch so, und wir wollen sehen, was Sie zu sagen haben.« VIII. Aber aller Entschluß und alle erkünstelte Ruhe machten mich nicht glücklich. Was ich nun war, schien mir nicht weniger mühevoll zu sein als alles, wodurch ich's geworden. Und mich befiel ein Grauen, wenn ich dachte, daß ich nun mein ganzes Leben in diesem Zölibat hinleben müsse. Die Wiederkehr des Frühlings insbesondere marterte mich auf den Tod und ich sank von neuem in tiefste Traurigkeit, als etwas Unvorhergesehenes über mein ganzes Leben entscheiden sollte. Es ist klar, daß meine Schriften über das Ärmelmeer hinüber bekannt wurden, und daß sich die Engländer um das Buch rissen. Die Engländer reißen sich ja um alles, außer um das, was sie begreifen ... Ich erhielt einen Brief aus London, von einer jungen Amselin: »Ich las Ihre Dichtung,« schrieb sie, »und die Bewunderung reifte in mir den Entschluß, Ihnen meine Hand und mein Leben anzubieten. Gott hat uns füreinander geschaffen! Ich bin wie Sie, ich bin eine weiße Amsel...« Man kann sich meine Überraschung und meine Freude vorstellen. Eine weiße Amsel, sagte ich mir, ist's möglich? Ich bin also nicht allein auf der Welt. Sofort schrieb ich an meine schöne Unbekannte und zwar so, daß sie mit Leichtigkeit ersehen konnte, wie sehr mir ihr Vorschlag gefiel. Ich bestürmte sie, nach Paris zu kommen, oder mir zu erlauben, daß ich hin zu ihr flöge. Sie antwortete mir, sie würde lieber zu mir kommen, ihre Eltern langweilten sie, sie würde nur noch einige Angelegenheiten regeln und ich solle sie baldigst sehen. Und sie kam wirklich einige Tage darauf. O Glück, sie war das schönste Amselchen der Welt und noch weißer als ich. »O Fräulein,« rief ich, »oder vielmehr Madame, denn ich betrachte Sie jetzt schon als meine rechtmäßige Gemahlin, wie ist es möglich, daß ein so reizendes Geschöpf auf Erden ist, ohne daß der Ruf von seiner Existenz bis zu mir kam? Ich segne die Leiden, die ich erlitten, und die Schnabelhiebe, die mir mein Vater austeilte, da der Himmel mir einen so unerhofften Trost bereitete! Bis zu diesem Tage wähnte ich zu ewiger Einsamkeit verdammt, und das war offen gesagt, eine schwere Last. Aber je mehr ich Sie ansehe, fühle ich in mir alles Zeug zu einem Familienvater. Nehmen sie ohne Aufschub meine Hand, lassen Sie uns auf Englisch heiraten! Ohne allen Bimbam! Und nach der Schweiz auswandern ...« »Nicht also,« antwortete da die junge Amselin. »Ich wünsche unsere Hochzeit mit allem Pomp und dazu alles, was an Amseln in Frankreich ein bißchen von Geburt ist, feierlich geladen. Leute unseres Schlages sind es ihrer Ehre schuldig, nicht so wie die Katzen auf der Dachrinne zu heiraten. Ich habe einen Vorrat von Banknoten mitgebracht. Verschicken Sie die Einladungen. Gehen Sie zu Ihren Kaufleuten und knausern Sie mir nicht mit Erfrischungen.« Ich gehorchte blind den Befehlen der weißen Amsel. Unsere Hochzeitsfeierlichkeiten geschahen in einem tödlichen Luxus: zehntausend Fliegen wurden verspeist. Den Hochzeitssegen erteilte Hochwürden Vater Kormoran, Erzbischof in partibus . Ein glänzender Ball beschloß den Tag. Nichts fehlte mir mehr zu meinem Glück. Je tiefer ich in das Wesen meiner reizenden Frau eindrang, um so größer wurde meine Liebe zu ihr. In diesem kleinen Persönchen vereinigten sich alle Mustereigenschaften des Leibes und der Seele. Nur ein bißchen spröde Zierpuppe war sie. Aber ich schrieb das dem Einfluß des Londoner Nebels zu und zweifelte nicht, daß die französische Luft diese Kleinigkeit beseitigen würde. Nur eines beunruhigte mich ernsthafter. Das war eine Art Heimlichtuerei. So ab und zu. So sonderbar. Und rücksichtslos, wie sie sich da mit ihren Zofen einschloß. Und stundenlang Toilette machte. Nach ihrer Behauptung ... Ehemänner lieben solche Phantastereien in ihrer Häuslichkeit nicht. Es passierte mir wohl zwanzigmal, daß ich bei meiner Frau anklopfte, ohne daß mir aufgemacht ward. Das quälte mich grausam. Unter anderem beharrte ich eines Tages mit derart schlechter Laune darauf, daß sie nicht anders als nachgeben konnte und mir ein wenig vorschnell aufmachte, nicht ohne sich über meine Zudringlichkeit zu beklagen. Ich sah beim Eintreten eine große Flasche stehen, mit einer Art Kleister aus Mehl und Spanisch-Weiß darin. Fragte meine Frau, was sie mit dieser Apothekerware anfinge. Und da sagte sie mir, das sei ein Opiat gegen Frostbeulen. Es schien mir schon nicht ganz richtig. Aber wie kam ich eigentlich dazu, einem so süßen und gescheiten Weibchen zu mißtrauen, das sich mir mit einer solchen Begeisterung und soviel Aufrichtigkeit hingegeben hatte? Ich wußte anfangs nicht, daß meine Inniggeliebte eine Frau der Feder war; nach einiger Zeit gestand sie es mir ein und zeigte mir das Manuskript eines Romans, der nach Walter Scott und Scarron zugleich war. Man kann sich meine freudige Überraschung denken. Nicht nur, daß ich eine unvergleichliche Schönheit mein eigen nannte, ich war auch noch sicher, daß mir die Genossin in jedem Punkt kongenial war. Welch eine Eroberung! Von dem Augenblick ab arbeiteten wir zusammen. Während ich meine Dichtungen verfaßte, schrieb sie bogenweise, riesweise herunter. Ich las ihr meine Verse laut vor, aber das störte sie nicht im mindesten am Weiterschreiben. Sie legte ihre Romaneier mit einer Leichtigkeit, die der meinigen gleichkam. Dabei wählte sie immer die dramatischsten Stoffe. Vatermorde, Entführungen, Blutvergießen. Sie verstieg sich bis zu reinen Beutelschneidereien, verfehlte aber nie, im Vorbeigehen die Regierung anzugreifen und Amselemanzipation zu predigen. Mit einem Wort, ihr Geist bewältigte mühelos, ihre Schamhaftigkeit spielend. Ohne eine Silbe zu streichen. Ohne jeden Entwurf. Der Typus einer schriftstellernden Amsel. Einmal, als sie ihrer Arbeit mit einem unerhörten Feuer oblag, sah ich, daß sie in großen Tropfen schwitzte. Und ich war ganz erstaunt, als ich sodann auf ihrem Rücken einen großen schwarzen Klex sah. Sie schien erst ein wenig erschrocken, ja, verdutzt. Aber als eine Dame von Welt war sie bald darüber hinweg und wurde wieder königinnengleich wie sonst. Und sie sagte mir, das sei ein Tintenfleck, in den Augenblicken der Inspiration eine sehr üble Angewohnheit von ihr. Sollte meine Frau sich färben? fragte ich mich da im stillen. Der Gedanke ließ mich nicht mehr schlafen. Der Kleistertopf fiel mir neu ein. – »Himmel, Himmel, was ein Argwohn!« rief ich aus. »Sollte dieses göttliche Geschöpf bloß eine Malerei sein und bloß Mörtel? Sollte sie sich lackieren, um mich zu täuschen? ... Ich wollte eine Geistesschwester, das einzig für mich geschaffene Wesen an mein Herz drücken und habe doch nur Mehlpappe geheiratet?« Von diesem entsetzlichen Zweifel verfolgt, beschloß ich, mich freizumachen. Ich kaufte ein Barometer und verfolgte begierig, ob schlecht Wetter würde. An einem zweifelhaften Tag wollte ich meine Frau ausführen und mit ihr die Probe auf die Regenlauge anstellen. Aber es war Mitte Juli und schauderhaft schönes Wetter. Das vorgeschminkte Glück und das angestrengte Schreiben hatten meine Nerven angegriffen. Naiv wie ich war, begegnete es mir nun unterm Arbeiten öfter, daß das Gefühl den Gedanken überwältigte und ich in der Erwartung eines Reimes zu weinen anfing. Meine Frau hatte das sehr gerne: jede männliche Schwäche entzückt den weiblichen Hochmut. Eines Nachts, als ich ganz nach dem Rezept Boileaus an einer Verbesserung feilte, tat sich mein Herz auf. »O, du!« sagte ich zu meiner geliebten Amselin, »du, allein und zumeist Geliebte! Du, ohne die mein Leben ein Traum wäre, du, von der mir ein Blick, ein Lächeln die ganze Welt ist, mein Herzschlag du, weißt du, wie sehr ich dich liebe? Wenn ich einen banalen, von andern Dichtern längst abgenutzten Gedanken in Verse bringen will, brauche ich nur ein wenig Nachdenken und Aufmerksamkeit, und ich habe die Worte. Aber woher soll mir der Ausdruck dafür kommen, wie deine Schönheit auf mich einwirkt? Alle Erinnerung an all meine einstigen Leiden bringt mir nicht ein Wort auf, das mein Glück mit Namen nennen könnte! Ehe du zu mir kamst, war ich einsam wie ein ausgestoßener Waisenknabe, heute ist meine Einsamkeit die eines Königs. In diesem schwachen Leibe, der an dich erinnert, bis der Tod ihn zertrümmert ... in diesem kleinen entzündeten Gehirn, drin ein eitler Gedanke gärt, ... weißt du, mein Engel, begreifst du, meine Schönste, daß nichts sein und werden kann, das nicht dir gehört? Hör, was mein Gedanke dir sagt, und fühl, wie viel meine Liebe größer ist! O, daß mein Genie eine Perle und du Kleopatra wärest!« Indem ich so faselte, weinte ich auf meine Frau hernieder, und sie färbte sichtbar ab. Mit jeder Träne, die aus meinem Auge rollte, erschien ein Federchen, nicht ganz schwarz, sondern mehr rotgelb (ich glaube, sie hatte sich früher schon einmal anders gefärbt). Nach einigen Minuten Schluchzen und Klagen hatte ich einen Vogel vor mir, der entkleistert, entmehlt, absolut der gewöhnlichsten und gemeinsten Amsel gleich sah. Was tun? Was sagen? Wie verhalten? ... Da half kein Vorwurf mehr. Das wäre ja wohl Scheidungsgrund genug gewesen ... aber die Schande auch noch öffentlich werden lassen? War es so nicht gerade Unglück genug? Ich machte mich auf und davon, fort, fort, raus aus der Schriftstellerlaufbahn, in eine Wüste, wenn möglich, niemals jemanden mehr sehen und so wie Alkest suchen. ... Die fernste Küste, wo man in Wahrheit weiße Amsel ist! IX. Ich floh unter lautem Weinen. Und flog mit dem Wind, dem Führer der Vögel, nach dem Morfontainer Wald und setzte mich auf einen Zweig. Diesmal schlief alles schon! – Welche Ehe, sagte ich bei mir, mit allem Drum und Dran! Sicher geschah es in bester Absicht, daß das arme Kind sich weiß machte. Aber ich bin ebenso zu beklagen als sie rotgelb ist. Die Nachtigall sang noch. Allein, im Schweigen der Nacht, erfreute sie sich aus vollem Herzen der Wohltat, die Gott an ihr getan und die sie den Dichtern so teuer macht. Die Stille, die sie umgab, ward ausgefüllt mit ihren Gefühlen. Und ich widerstand der Versuchung nicht länger und flog hin zu ihr und sprach zu ihr: »Wie glücklich du doch bist! Du singst nicht nur, so oft du magst, und singst so schön, und alles lauscht dir. Du hast auch Weib und Kinderchen, dein Nest, deine Freunde, ein weiches Kopfkissen aus Moos, den Vollmond und keine Zeitungen. Rubini und Rossini sind nichts gegen dich. Du wiegst den einen auf und inspirierst den andern. Auch ich habe gesungen, o du, und es war erbärmlich. Ich habe Worte aneinandergereiht und aufgestellt wie Bataillone preußischer Soldaten und Abgeschmacktheiten ineinander verwoben, während du im Walde wohntest. Kann man dein Geheimnis wissen?« »O ja,« antwortete mir der Nachtigallmann. »Meine Frau ist mir langweilig. Ich mag sie absolut nicht. Ich bin in die Rose verliebt. Sadi, der Perser, hat davon erzählt. Ich schreie mich die ganze Nacht für sie heiser, aber sie schläft und hört mich nicht. Ihr Kelch ist jetzt geschlossen, und sie wiegt einen alten Käfer darinnen. Und morgen früh, wenn ich vor Schmerz und Aufregung zu Bett gehe, da tut sie sich wieder auf und weiht einer Biene ihr Herz.« Gottlieb Conrad Pfeffel Biographie eines Pudels Einleitung. In einem der großen Seen, welche unsere Sternseher im Monde bemerken, liegt eine Insel, die seit Jahrtausenden zum Elysium für die Schatten der Hunde, dieser treuen Gefährten der Menschen, bestimmt ist. Die ernste Dogge und das schmeichlerische Windspiel, der cholerische Pommer und der drollichte Pudel vereinigen sich hier in brüderlichen Gruppen, aus denen selbst das alberne Möpschen und der sybaritische Bologneser nicht ausgeschlossen sind, weil sie, wie der Domherr und der Stutzer, mit ihrer sublunarischen Hülle die angemaßten Privilegien ihrer Kaste zurücklassen. Einst war ein solches Kränzchen an dem blumigten Ufer des Sees versammelt, als der Schatten eines ihrer Brüder, von einer Silberwolke getragen, in einer nahen Korallenbucht anlangte. Der Ankömmling wurde mit emsiger Freude bewillkommt und schwebend in den bunten Zirkel eingeführt. Als er sich von der süßen Ermattung der Überfahrt erholt hatte, sprach der Aldermann des Klubs zu ihm: »Bruder, die Gesetze unserer Republik legen dir die Pflicht auf, uns die Geschichte deiner irdischen Pilgrimschaft zu erzählen; wir sind begierig, sie anzuhören.« »Meine Geschichte,« antwortete der Schatten mit heiterer Miene, »ist keine von den alltäglichen. Hätte ich, wie jetzt, die Gabe der Vernunft und der Sprache, oder, wie so manche Gecken und Gauner der Unterwelt, meinen Biographen gehabt, so würde die Epopee meines Lebens mit Didotschen Lettern auf Subskription gedruckt, und durch Pinsel und Grabstichel auf Sonnenfächern und in Almanachen verewigt worden sein. Doch mein Heldentum kam mich teuer zu stehen, und machte mir oft zu wenig Ehre, als daß ich mich hier, wo alle Täuschung aufhört, damit brüsten sollte. Wenn indessen meine Geschichte dem Zirkel meiner neuen Freunde eine angenehme Stunde machen kann, so werde ich es nicht bereuen, der Ritter eines Romans gewesen zu sein.« Mit lüsterner Ungeduld lagerte sich die Gesellschaft um den Fremdling her, und er erzählte an der Seite des Dekans, was die folgenden Blätter enthalten. Erstes Kapitel. Ich ward in dem freien Germanien unter der Regierung eines gekrönten Philosophen geboren, der die großen Soldaten und die kleinen Windspiele mit gleicher Leidenschaft liebte. Meine Mutter war die Favoritin eines ehrlichen Schusters, dessen Haus sie bewachte. Sie gehörte zum unvermischten Geschlecht der Pudel, und da auch ich ein echter Pudel geworden bin, so muß mein Vater wohl auch ein Pudel gewesen sein. Mehr weiß ich nicht von ihm zu sagen, und habe diese genealogische Lücke mit vielen Adamskindern, mit und ohne Ahnentafeln, gemein, bei denen die Rubrik: Väter in den Kirchenbüchern weiß bleiben würde, wenn es nicht hergebrachte Sitte wäre, den Baum auf ein Geratewohl auszufüllen. Meine zierliche Gestalt und mein pechschwarzer Balg zogen die Blicke eines Grenadiers auf sich, der bei meinem Hausherrn im Quartier lag; er bot ihm einen meerschaumenen Pfeifenkopf für mich an, und diesem Pfeifenkopfe hatte ich es zu danken, daß ich nicht wie meine drei Brüder oder Schwestern gleich nach meiner Geburt ersäuft wurde. Als ich zum erstenmal meine Augen öffnete, fand ich mich an der vollen Zitze meiner Mutter, die mich freundlich anblickte und mir das Gesicht leckte. Bisher glich mein Dasein einem dunkeln Traume; der Anblick und die Liebkosungen meiner Mutter erregten in mir das erste Gefühl der Freude. Da ich ihr einziger Säugling war, so mußte ich notwendig gedeihen, und meine Liebe zu meiner guten Amme wuchs so wie mein Bewußtsein mit jedem Tage. Als ich die vierte Woche meines Lebens zurückgelegt hatte, wurde ich entwöhnt und gegen den meerschaumenen Pfeifenkopf in bester Form ausgewechselt. Lafleur , so hieß mein Patron, der vor zwanzig Jahren ohne Regimentspaß aus Frankreich verreist war, legte mir den Namen Joli bei, den ich, ohne Ruhm zu melden, täglich mehr rechtfertigte, und ließ mir in keinem Stücke etwas abgehen. Über seinem Kommißbrot und seinen Kartoffeln vergaß ich in kurzem die Muttermilch, und da der wohlhabende Schuster mich bisweilen zur Tafel zog, so mangelte es mir auch nicht an Gelegenheit, meine jungen Zähne an saftigen Knochen zu üben. So verstrichen mir die Flitterwochen meiner Kindheit, auf welche bald eine ernsthaftere Periode folgte. Man urteile, wie mir zumute war, als Herr Lafleur mich eines Tages beim Schopfe faßte und mich aufrecht an eine Mauer stellte. Diese Positur war mir zu fremd und zu lästig, als daß ich nicht augenblicklich mein Gleichgewicht auf den Vorderfüßen gesucht hätte; allein mein Mentor wußte den Hang der Natur jedesmal durch ein Stäbchen zu hindern, womit er mir auf die Pfoten klopfte. Kurz, nach einem achttägigen Unterrichte konnte ich gerade wie ein Bolzen an der Wand stehen, und nun legte man mir einen Fliegenwedel in den Arm und schmückte mein Haupt mit einer papiernen Grenadiermütze. Doch damit war meine pädagogische Laufbahn noch lange nicht geendigt. In Zeit von einem Jahre lernte ich unter manchem Seufzer und manchem Puffe mit demütiger Grazie aufwarten, ins Wasser gehen, das Verlorne suchen, die bedeckten Köpfe entblößen, und für den großen Friedrich sowohl als für Monsieur Lafleur über den Stock springen. So beschwerlich mir mein Noviziat wurde, so reichlich ward ich nach Vollendung meiner Studien für meine ausgestandenen Mühseligkeiten belohnt. Jeder Zuschauer, vor dem ich in den Wirtshäusern und Bierschenken meine Künste machen mußte, gab mir etwas zu naschen, und wenn mein Herr und Meister mich auf die Hauptwache brachte, nahmen die gutherzigen Soldaten den Bissen aus dem Munde, um mir ihn zuzuwerfen. Mit einem Worte, Joli ward von jedermann geliebkost und das ganze Städtchen erscholl von seinem Lobe. Zweites Kapitel. Beinahe ein Jahr erhielt sich meine Zelebrität; alsdann aber fing ich nach und nach an, in Vergessenheit zu geraten, weil ich der Neugier des Publikums keine frische Nahrung anbieten konnte. Um diesem Übel abzuhelfen, ging mein schlauer Mentor wirklich mit dem schauerlichen Projekt um, mir einige neue Kunststücke einzubläuen, als ein glücklicher Zufall ihn und mich dieser Arbeit überhob. Es war Jahrmarkt in unserm Städtchen, und Lafleur benutzte diese Gelegenheit, um mich vor den fremden Gästen an allen Ecken und Enden zu produzieren. Meine Talente fesselten die Aufmerksamkeit eines Marionettenspielers, der auf dem Marktplatze seine Bude aufgeschlagen hatte. Er machte einen Anschlag, mich seinem dramatischen Apparate beizugesellen und kaufte mich von meinem bisherigen Gebieter um zween Dukaten. Noch am nämlichen Tage mußte ich seinem hölzernen Hanswurst zum Buzephal dienen, als er in seiner Begleitung mit der Trommel durch die Stadt zog, und den hohen Gönnern seines Theaters eine extralustige Haupt- und Staatsaktion ankündigte. In den Zwischenakten mußte ich meine Schwänke machen, und wurde beinahe ebensosehr beklatscht, als mein Nebenbuhler mit der roten Jacke und dem zugespitzten Hute. Nach einigen Tagen brachen wir unseren Musentempel ab und verfügten uns in kleinen Märschen nach einem böhmischen Flecken, wo wir Halt machten. Hier erwartete mich eine klägliche Katastrophe. Mein neuer Patron ließ mich auf einmal alle meine Talente auskramen. Zuletzt hielt er mir einen Stock vor und sprach: »Heida, Joli, springe für den Kaiser!« Ich, der ich nur gewohnt war, für den König zu springen, und gar nicht wußte, was ein Kaiser für ein Ding war, rührte mich nicht und ließ mir den Befehl zum dritten Male wiederholen, ohne die mindeste Anstalt zu einer Kabriole zu machen. Diese Halsstarrigkeit setzte das ganze Parterre in Bewegung. Mein Prinzipal wurde als ein Feind des Staats von einem patriotischen Schuhflicker bei den Haaren von der Bühne gezogen, und ich würde ohne Zweifel ein Schlachtopfer meines politischen Irrtums geworden sein, wenn ich nicht in der allgemeinen Verwirrung ein Mittel gefunden hätte, durch eine Hintertür zu entwischen. Ich hing noch zu wenig an meinem neuen Herrn, um mich in seine Herberge zu flüchten. Ich ergriff vielmehr die günstige Gelegenheit, mich in Freiheit zu setzen, und lief spornstreichs dem Felde zu, wo ich mich in einem Weizenacker versteckte, der mich vor allen Nachstellungen schützte. Drittes Kapitel. Ich brachte die ganze Nacht in meinem Asyl zu; des folgenden Morgens nötigte mich der Hunger, es zu verlassen. Ich richtete meinen Zug nach einem Dorfe, das ich in der Ferne wahrnahm, und kehrte voller Zuversicht in der ersten besten Schenke ein, die am Wege lag. Wie groß war mein Erstaunen und meine Freude, als ich bei meinem Eintritt in die Stube meinen Pädagogen Lafleur erblickte, der bei einem Glase Bier hinter dem Tische saß und dem Wirte die Geschichte seiner Desertion von den Preußen erzählte. Er erkannte mich ebensoschnell, als ich ihn erkannte; ich sprang in seine offenen Arme und leckte seine braunen Wangen, indes er mich bei meinem Namen nannte und an sein Herz drückte. Der Wirt und die Wirtin staunten uns wechselseitig an, und als sie mich mit gierigen Blicken ein Brot verschlingen sahen, das auf dem Tische lag, ward ich von ihnen und meinem Freunde um die Wette für meine lange Diät schadlos gehalten. Nach der Mahlzeit machten wir uns auf den Weg, und langten nach zween Tagen in Prag an, wo Lafleur seine Haut von neuem verkaufte. Er ermangelte nicht, meine alten Collegia mit mir zu wiederholen; und da er nun einen weißen Rock trug, so war sein erstes Geschäft, mich für den Kaiser springen zu lehren. Dieser Name hatte sich meinem Gedächtnisse zu tief eingeprägt, als daß es viele Mühe gekostet hätte, mir das neue Manöver beizubringen. Meine Talente trugen ihm manchen Kreuzer ein, und ich würde der glücklichste Pudel von der Welt gewesen sein, wenn seine neidischen Kameraden mich nicht angefeindet und oft gar mißhandelt hätten. Lafleur sah es und erwartete nur eine Gelegenheit, um mich ihrem Grolle zu entziehen. Diese blieb nicht lange aus. Ein Landjunker, der nach Prag gekommen war, um für seine Söhne einen Hofmeister zu suchen, aber keinen für die sechzig Gulden finden konnte, die er zu seinem Gehalte bestimmte, wollte ihnen wenigstens einen Gesellschafter mitbringen, und tat sich mächtig viel auf seine Spekulation zugute, als ich ihm von meinem Mentor um sechs Gulden erlassen wurde. Die gnädige Frau und die hochadelige Familie machten große Augen, als sie statt eines Professors in partibus einen Pudel aus dem Wagen springen sahen; ich darf aber ohne Prahlerei sagen, daß wenigstens die kleinen Jungen mit dem Tausche herrlich zufrieden waren; zumal nachdem der gnädige Papa sein Verfahren durch einen praktischen Beweis meiner Verdienste legitimiert hatte. In wenig Tagen ward ich, meiner bürgerlichen Abkunft ungeachtet, wie das jüngste Kind des Hauses angesehen. Die Junkerchen ätzten mich von ihren Tellern und betteten mir in ihrer Kammer. Mein Mäcen aber ließ mir ein stattliches messingenes Halsband mit seinem Wappen und der Inschrift verfertigen: Ich, Jolli, habe die Gnade, Seiner Hochfreiherrlichen Exzellenz, dem Baron von Behbok anzugehören. Viertes Kapitel. Ein altes Sprichwort sagt: Nichts ist schwerer zu ertragen, als gute Tage. Der Müßiggang und das Wohlleben, das ich nun zween Monate bei meinem erlauchten Gönner genossen hatte, erzeugten in mir den mutwilligen Einfall, mit einem seiner Hühnerhunde schön zu tun, und was noch schlimmer war, mich von dem Burgherrn bei dem klaren Scheine des lieben Mondes in einer meiner galanten Zusammenkünfte betreten zu lassen. Unmöglich läßt sich der Ingrimm des Junkers über meinen angeblichen Frevel beschreiben, »Ha, Kanaille!« rief er, indem er mich mit Füßen trat, »du willst die Ehre meiner Diana beflecken? Es würde ein sauberes Gezücht zum Vorschein kommen, wenn ich dir nicht Einhalt täte. Holla, Nimrod!« so hieß sein Hofjäger, »sperre mir das Rabenaas bei Wasser und Brot ins Loch, bis ihm der Kitzel vergangen ist.« Nimrod verrichtete den Auftrag mit so vieler Genauigkeit, daß ich einem Totengerippe ähnlich sah, als nach einer achttägigen Kasteiung die junge Herrschaft durch einen Fußfall meine Loslassung erflehte. Nun war mir freilich der Kitzel vergangen, und ich brauchte mehr als einen Monat, bis ich meine vorige Munterkeit wiedererlangte; was ich aber nicht wieder erlangen konnte, war die Gnade seiner Exzellenz. Diese hatte ich auf immer verscherzt und bemerkte nur allzuwohl, daß er mich nur seiner Kinder wegen beibehielt. Ihre Liebkosungen entschädigten mich für die Abneigung ihres Vaters, und ich fing an, seine Launen mit stoischer Gleichgültigkeit zu ertragen, als ich zum zweitenmal ein Märtyrer meiner Weichherzigkeit wurde. An einem schönen Herbstmorgen begleitete ich meine jungen Herren auf einem Spaziergange in ein nahegelegenes Wäldchen. Ein geheimer Instinkt führte mich zu einem Busche, in welchem ich eine lebendige Kreatur entdeckte. Dieser Anblick fesselte alle meine Sinne, und ich hörte nicht auf zu winseln und zu bellen, bis die kleinen Junker, die mir vergebens gepfiffen hatten, mit vorwitziger Ungeduld herbeiliefen. Sie fanden in dem Busche ein neugeborenes Kind, das auf einem armseligen Strohkissen lag, und durch sein wehmütiges Ächzen sein Dasein bejammerte. Das Herz der Knaben war verwildert, aber nicht gefühllos. Der ältere nahm das Kind auf seine Arme und eilte, von seinem Bruder begleitet, mit seiner Beute triumphierend nach dem Schlosse. Die gnädigen Eltern saßen gerade beim Frühstück, als der Zug, bei dem ich nicht dahinten blieb, in den Familiensaal eintrat. Beide Knaben erzählten in froher Begeisterung, was ihnen begegnet war, und der jüngere ermangelte nicht, meiner, als des Urhebers dieses glücklichen Fundes, mit Ruhm zu erwähnen. Er hatte noch nicht ausgeredet, so schmiß der gnädige Papa seine lange Pfeife in eine Ecke und rief mit brüllender Stimme: »Ihr Teufelsbraten, was habt ihr getan? Meint ihr denn, ich solle alle Bastarde des Gaues großfüttern? Habe ich nicht schon zwei auf dem Brote, die in meinem Gebiete gefunden wurden? Ihr hättet den Balg sollen liegen lassen. Und du, verdammtes Vieh!« fuhr er fort, indem er mich mit dem Blicke des Zerberus durchbohrte, »warte, ich will dich für deinen Samariterdienst belohnen.« Wie ein zündender Blitz fiel er auf seinen Stutzer, und dieser Augenblick würde mein letzter gewesen sein, wenn nicht, eben da er anschlug, Nimrod mit einem Hasen die Türe geöffnet hätte. Ich ersah diesen glücklichen Moment, und flog wie ein Pfeil zum Loche hinaus. Fünftes Kapitel. Ich setzte über Zäune und Gräben, und sah mich nicht eher um, als bis ich mich in einem Hohlwege befand, aus dem ich nichts mehr als die Spitze des Schloßturms erblicken konnte. Hier legte ich mich an einer Quelle nieder und kühlte meine lechzende Zunge mit einem Labetrunke. Von Müdigkeit, und noch mehr von der ausgestandenen Todesangst erschöpft, sank ich in einen tiefen Schlaf, aus dem ich erst am hohen Mittage durch einen reisenden Handwerksburschen aufgeschreckt wurde, der sich bei der Quelle niederwarf, um seine dürftige Mahlzeit zu halten. Er zog ein Kreuzerbrot und ein Stück Käse aus der Tasche, und erregte dadurch meinen Appetit. Ich setzte mich auf meine Hinterkeulen und bat mich so demütig bei ihm zu Gaste, daß er sich keinen Augenblick bedachte, seine kalte Küche mit mir zu teilen. Da jeder Weg mir recht war, der meine Flucht begünstigte, so drang ich mich meinem neuen Wohltäter zum Reisegefährten auf. Denn ungeachtet die Geographie keinen Teil meiner gelehrten Erziehung ausgemacht hatte, so sah ich doch gar wohl ein, daß seine Marschroute mich immer weiter von der furchtbaren Burg meines Tyrannen entfernte. Unterwegs benutzte ich jeden Anlaß, um dem guten Kerl gefällig zu sein; der Wind warf ihm seinen Hut vom Kopfe, ich hob ihn wieder von der Erde auf und präsentierte ihm denselben mit einem so guten Anstande, daß er von nun an ein Finanzprojekt auf meine Talente gründete. Zu diesem Ende drehte er solange an dem Vorlegeschlosse meines Halsbandes, daß es ihm endlich gelang, mich von diesem aristokratischen Schmucke zu befreien. Ich bezeugte ihm meinen Dank durch einen Purzelbaum, den selbst Monsieur Lafleur beklatscht haben würde, und konnte nicht aufhören, mich zu schütteln, und, gleich einem Missetäter, der vom Pranger befreit wird, die Angeln meines Nackens in Bewegung zu setzen. Mein Kumpan warf das Halsband in eine Pfütze, doch nicht ohne zuvor die Inschrift gelesen und sich meinen Namen gemerkt zu haben. Ungefähr sechs Tage waren wir ganz traulich miteinander fortgepilgert, als wir ohne weiteres Abenteuer die Stadt Dresden erreichten. Es war Mittag, die Schornsteine rauchten, und aus den Küchenfenstern eines stattlichen Gasthofes duftete uns ein so süßer Geruch entgegen, daß wir beide zu gleicher Zeit einen mächtigen Hang verspürten, dieses Laboratorium des Wohllebens näher zu besichtigen. Wir wanderten geradeswegs in die Küche, wo wir den Sohn des Wirts, einen rüstigen Jüngling von achtzehn Jahren, in voller Arbeit antrafen, einen ungeheuern Truthahn vom Spieße zu ziehen. Mein Gefährte bot mich ohne weiteres dem jungen Menschen zum Verkauf an, und ließ mich, um seine Ware anzupreisen, einige meiner Kunststücke machen, die er mir unterwegs abgelauscht hatte. Der Handel war noch nicht geschlossen, als der Wirt in die Küche trat. Mein Spießgeselle vergaß den Hut vor ihm abzunehmen; mit der Behendigkeit eines Vogels schwang ich mich empor und riß ihm den Deckel vom Kopfe. Dieser Zug meiner feinen Lebensart entschied mein Schicksal. Der Wirt erhandelte mich für einen harten Taler, gab meinem Begleiter noch ein Stück kalten Braten in den Kauf, und warf mir zum Willkommen die abgeschälten Überbleibsel einer Schöpsenkeule vor, die ich mir trefflich schmecken ließ. In wenig Tagen vergaß ich meine ausgestandenen Drangsale, und meine lockigte Hülle, die mir während meiner Wanderschaft sehr weit geworden war, begann sich allmählich wieder auszufüllen. Ich bot all mein Genie auf, um mich bei meiner neuen Herrschaft in Gunst zu setzen, und war in wenig Wochen der Hahn im Korbe. Sechstes Kapitel Zum zweitenmal ließ ich mich durch mein Glück verblenden. Nicht zufrieden mit den Emolumenten der Küche und mit den leckeren Resten der Wirtstafel, geriet ich einst in die schwere Versuchung, einen prächtigen Karpfen vom Roste wegzufischen. Einige Augenblicke bekämpfte ich zwar diesen leichtfertigen Einfall – es war mir aber nicht möglich, meiner Lüsternheit zu widerstehen, und ich war im vollen Genusse der verbotenen Frucht begriffen, als mein Herr mich auf der Tat ertappte. Mit schäumender Wut ergriff er einen Bratspieß und drosch damit so unbarmherzig auf mich los, daß, wenn sein Sohn mir nicht zu Hülfe geeilt wäre, ich meine Naschhaftigkeit mit meinem Leben gebüßt haben würde. Indessen wurde ich, zur innigen Freude eines im Hofe angeketteten Pommers, mit Schimpf und Schande zum Gasthofe hinausgepeitscht, und das sämtliche Gesinde bekam den strengsten Befehl, mich unter keinem Vorwande wieder über die Schwelle zu lassen. Mit schwerem Herzen und gesenktem Kopfe, wie ein reuiger Sünder, verließ ich eine Stadt, wo so mancher meiner Brüder meinen Wohlstand beneidet hatte und beschloß, meine Schmach in einem einsamen Winkel zu verbergen. Der Zufall, oder vielmehr die unsichtbare Hand der Rache beförderte meinen Vorsatz. Sie führte mich in einem armseligen Dörfchen vor die Hütte eines Nagelschmieds, der mit seinem Weibe auf einer Bank saß und sein Vesperbrot verzehrte. Indem ich nun vor ihn trat und ohne Umschweife um eine Zehrung supplizierte, sagte der rußigte Zyklope zu seiner Hälfte: »Sieh einmal, Hanne, den vierschrötigten Pudel an. Der könnte uns, Gott straf mich, unsern seligen Spitz ersetzen.« »Hast recht,« antwortete das Weib, »allein er mag wohl schon seinen Herrn haben.« »Ei was!« versetzte der Kaspar, »wir wollen ihn indessen immer behalten.« Hiermit reichte er mir ein Stück von seinem Gerstenbrote zum Handgelde; die Frau holte einen Strick aus der Stube und ehe ich mich's versah, war ich in der Werkstätte angebunden. Sobald der Mann an die Arbeit zurückkehrte, stellte er mich in ein Rad, in welchem ich immer vorwärts gehen, und so den Blasebalg treiben mußte. Anfänglich wollte ich zwar protestieren: allein Meister Kaspar versetzte mir mit dem Hammerstiel ein paar so derbe Hiebe, daß ich ohne weiteres meinen Beruf erkannte, und vermöge meiner natürlichen Gelehrigkeit, unter dem Namen Mohr, meinen Vorgänger, den seligen Spitz, in kurzem noch übertraf. Nun führte ich im genauesten Verstande das Leben eines Galeerensklaven: vom Morgen bis zum Abend trieb ich mein Rad, und um meine Kräfte zu ersetzen, wurde mir Habergrütze und Gerstenbrot aufgetischt. In meinen Feierstunden mußte ich einen sechsjährigen Buben meines Meisters auf mir reiten lassen, und wenn ich mein Mißvergnügen durch Murren oder Schnappen an den Tag legte, wurde ich mit Prügeln zum Gehorsam verwiesen. Sechs Wochen harrte ich in diesem Ofen der Trübsal aus; endlich aber war meine Geduld erschöpft. An einem Sonntage, da das Ehepaar sich nach der Kirche begeben und mich mit meinem kleinen Henker in die Stube gesperrt hatte, übermannte mich die Verzweiflung. Ich bahnte mir mit dem Kopfe einen Weg durch ein Fenster, das nach der Straße ging, und raffte den ganzen schwachen Überrest meiner Kräfte zusammen, um meinem Zuchthause zu entfliehen. Indessen wäre es meinem Zwingherrn leicht gewesen, mich einzufangen, wenn er meine Flucht hätte ahnen können. Ich hatte in meinem verwünschten Rade das Laufen verlernt, und erst nach einer Stunde erlangte ich den freien Gebrauch meiner Beine wieder, die mich in einem scharfen Trabe nach einem Meierhofe trugen, wo meine spektralische Gestalt hinreichte, um mir bei dem gutherzigen Pächter ein Mittagsmahl und ein Obdach auszuwirken. Siebentes Kapitel Am folgenden Morgen machte ich mich, mit neuer Kraft ausgerüstet, schleunig auf den Weg, weil ich mich noch immer fürchtete, von meinem nachjagenden Herrn aufgespürt zu werden. Ich vermied daher die Landstraße und folgte einem Fußsteige, der mich endlich einem Dorfe zuführte, das an einem Bache lag. Am Eingange desselben erblickte ich eine hübsche junge Bäuerin, die am Ufer des Baches kniete, und mit heiterer Miene einige Windeln wusch. Ein holdes Mädchen von vier bis fünf Jahren saß bei ihr im Grase; es hatte ein paar gebratene Kartoffeln in seinem Schürzchen und eine in der Hand, die es eben zum Munde führte. Ich näherte mich dem Kinde mit der freundlichen Zutätigkeit eines Schmarotzers. Aber der Schrecken über meine Erscheinung und die Furcht für sein Frühstück preßten ihm dennoch einen lauten Schrei aus. Die Mutter drehte den Kopf und las meine friedfertige Gesinnung in meinen Augen. »Fürchte dich nicht, Lieschen,« sagte sie, »er tut dir nichts; das arme Tier ist hungrig, gib ihm eine von deinen Kartoffeln.« Lieschen gehorchte und reichte mir eine, die ich ihm so sittig als ich nur konnte, aus dem Händchen nahm und an seiner Seite verzehrte. Nun war die Mutter mit ihrer Wäsche fertig, und hing sie in einer kleinen Entfernung an ein Seil auf, das sie an Obstbäumen befestigt hatte, während dieser Arbeit wollte Lieschen das Geschäft der Mutter nachahmen; es kroch näher an das Ufer und bückte sich in das Wasser, um sein Schnupftuch zu waschen. Der Kopf wurde dem armen Kinde zu schwer, es stürzte in den Bach, ohne einen Laut von sich zu geben; ich sah es fallen, sprang ihm nach und hielt es lange genug über dem Wasser, um der Mutter, die auf das Geräusch herbeiflog, Zeit zu lassen, mir die teure Beute abzunehmen. An dem mütterlichen Busen erholte sich das Kind bald wieder, und als sie sich aufmachte, um es nach Hause zu tragen, sah sie nach mir und rief mir mit liebreicher Stimme zu: »Komm mit, lieber Pudel, so lange ich lebe, sollst du Brot bei mir haben.« Es gibt eine Sprache, die alle Tiere verstehen; Mieke redete diese spräche. Ich war mit mir selber zufrieden, und folgte ihr mit fröhlichen Schritten in ihre Wohnung, während sie ihr Kind auskleidete, erzählte sie ihrem Manne meine Tat; dies geschah mit einer Wärme, der das kalte Herz des Dreschers nicht widerstehen konnte; er warf mir einen Blick des Beifalls zu, und meine Adoption wurde genehmigt. Achtes Kapitel Ein ganzes Jahr lebte ich bei meiner guttätigen Bäuerin, zwar nicht im Überflusse, aber in einer glücklichen Mittelmäßigkeit, und wenn mir bisweilen die Dresdner Fleischtöpfe in den Sinn kamen, so durfte ich mich nur an meinen Balgentreterdienst erinnern, um mein Schicksal zu preisen. Die erkenntliche Mieke warf mir oft ein Schinkenbein oder eine Speckschwarte zu, die ihr Mann dem Hofhunde bestimmt hatte, und so wie Lieschen heranwuchs, erneuerte sie bei ihr das Andenken der Wohltat, die sie mir verdankte. Ich hoffte bei diesen guten Seelen meine Tage zu endigen; allein das Verhängnis hatte es anders beschlossen. Mieke starb in ihrem dritten Wochenbette, und ehe sechs Monate vergingen, legte sich ihr Witwer eine andere Gehülfin bei, deren erster Anblick mich schon nichts Gutes ahnen ließ. Es war eine lange, hohläugige Figur, deren Miene der ganzen Welt den Krieg ankündigte und deren Herz keine andere Leidenschaft kannte, als den Geiz. Kaum hatte sie festen Fuß im Hause gefaßt, so versäumte sie keine Gelegenheit, mich ihrem Manne als einen lästigen Faullenzer vorzumalen. Jeden Bissen, den Lieschen mir zusteckte, verfolgten ihre Blicke bis in meinen Magen, und sie ermangelte nie, der Tischgesellschaft zu demonstrieren, daß jede Brosame, die ich genieße, ein Diebstahl sei, der an den Hühnern und Tauben, ja selbst an der ungleich nützlicheren Katze verübt würde. Dieser Maxime zufolge wurde mir mein Unterhalt täglich schmäler zugemessen; allein meine Liebe zu Lieschen ertrug den Mangel ohne Murren, und wenn ich mit dem frommen Mädchen das Grab ihrer Mutter besuchte, das sie beinahe jeden Morgen mit Blumen und Tränen schmückte, so kamen wir immer gestärkt, ja sogar fröhlich nach Hause. Eines Tages fiel es der boshaften Stiefmutter ein, ihr nachzuschleichen und uns über unserm stillen Totenopfer zu überraschen. Mit knirschender Wut riß sie das Mädchen von dem Grabe hinweg, und als ich meine kleine Freundin verteidigen wollte, versetzte sie mir mit einer derben Rute, die sie unter der Schürze hervorzog, ein paar so unglückliche Hiebe über die Augen, daß ich von ihr ablassen und mich unter einen Leichenstein verkriechen mußte. Nun fielen die Streiche auf das arme Kind, das sie mit sich fortschleppte, und ich hörte das abscheuliche Weib die Worte ausstoßen: »Hätte nur der verfluchte Hund dich ersaufen lassen! Es wäre kein Schade um dich gewesen.« Nichts als das Bild der leidenden Unschuld konnte mich bewegen, nach dem Bauernhöfe zurückzukehren. Ich tat es, sobald mein Schmerz ausgetobt hatte und ich die Augen wieder öffnen konnte; allein kaum ließ ich mich unter dem Torwege blicken, so sah ich auf ein Signal der Harpye, die an einem Fensterchen lauschte, ihren Mann und die beiden Knechte, mit Dreschflegeln und Mistgabeln bewaffnet, gegen mich anrücken. Lieschen lief ihrem Vater mit aufgehobenen Händen nach; allein er war taub bei ihrem Flehen. Ich winkte dem kleinen Engel noch ein wehmütiges Lebewohl zu, und rettete mich durch eben das Wasser, aus welchem ich sie gerettet hatte. Neuntes Kapitel Ich floh in einen dichten Wald und verbarg mich in eine hohle Eiche, nicht vor meinen Verfolgern, diese hatte ich nicht mehr zu fürchten, sondern vor der ganzen Welt, der ich auf ewig entsagen wollte. Ich beschloß, in dieser Wildnis unabhängig und unbemerkt als ein Einsiedler zu leben; allein ich vergaß in meinem Plane den Artikel des Proviants und mein Magen erinnerte mich noch vor dem Einbruche der Nacht so gebieterisch daran, daß ich genötigt ward, meine Klause zu verlassen, um diesen Gedächtnisfehler wieder gutzumachen. Ich drang immer tiefer ins Dickicht und gelangte endlich auf einen kahlen Rasenplatz, der mir ein gar seltsames Schauspiel darbot. Dreißig bis vierzig Männer, Weiber und Kinder mit verbrannten Gesichtern und zerfetzten Kleidern von allen möglichen Editionen waren um ein großes Feuer versammelt, an welchem gesotten, gebraten, gespielt und geschmaucht wurde. Ich legte in meinem Sinne Beschlag auf das Gerippe einer Gans, die ein altes Mütterchen mit einem Medusenkopfe an einem Spieße umdrehte, und näherte mich der hochansehnlichen Gesellschaft mit ehrerbietiger Schüchternheit. »Je, zum Teufel!« so lallte mir plötzlich eine hohle Stimme entgegen, »den Pudel sollt ich kennen. Ja, bei meiner armen Seele, er ist's! Joli, Joli! Kommen wir hier wieder zusammen?« Da es mir nicht schwer fiel, in der Person des Redners, selbst nach einer vierjährigen Trennung, meinen ehemaligen Marionettenprinzipal zu erkennen, so legte ich ohne Bedenken das Inkognito ab, und machte ihm alle die Liebkosungen, die ich fähig hielt, das Andenken meiner Hedschra bei ihm zu vertilgen und mir seine Protektion zu erwerben. Meine Politik war überflüssig; der Histrio gab mir mein Bewillkommnungskompliment mit Wucher zurück und sprach zur Gesellschaft: »Brüder, dieser Hund ist Goldes wert; er wird uns bei unseren Kreuzzügen die wichtigsten Dienste leisten.« Er sprach's und ergriff einen Hasen, der neben ihm lag, rief mich bei meinem Namen und warf ihn, so weit er konnte, in eine Hecke. Mit der Schnelligkeit eines Falken schoß ich darauf zu, brachte das Wildbret zurück und legte es meinem Gebieter zu Füßen. Ein allgemeines Händeklatschen krönte meine Heldentat, und alle Zuschauer beeiferten sich um die Wette, mich ihrer Gastfreundschaft zu versichern. Während der Mahlzeit wurde eine Expedition auf den folgenden Tag verabredet, und da ich hörte, daß die Landjunker und die Bauern, die meines Hasses so würdig waren, dabei hauptsächlich in Betracht kamen, so kitzelte sich meine Misanthropie an dem Gedanken, daß ich doch endlich auch einmal die unbekannte Wollust der Rache schmecken würde. Die Unternehmung wurde glücklich ausgeführt. Indes das alte Mütterchen mit dem Medusenkopfe einem jungen Gänsehirten eine schöne, reiche Braut weissagete, machte ich Jagd auf die Herde und brachte meinem Prinzipal, der hinter einem Baum lauerte, in fünf Minuten drei Prisen, die er in seinen Schnappsack steckte. Wenige Tage darauf wurde der Hühnerhof eines Burgherrn heimgesucht, und die Gesellschaft hatte meiner Geschicklichkeit ein paar Kapaunen und einen ausgemästeten Truthahn zu danken. Kurz, es verging beinahe keine Woche, da ich nicht mit neuen Lorbeeren gekrönt in unser Standquartier zurückkam, und nicht nur von meinen Waffenbrüdern, sondern auch von unsern Damen mit Gunstbezeigungen überhäuft wurde. Man legte mir den Zunamen Kartouche bei; man hielt mir eine Maitresse, man rechnete mich bei der Tafel für eine Person, der nicht etwa die verschmähten Reste des Schmauses, sondern die fettesten Bissen zuteil wurden. Meine Verdienste strahlten auf meinen Herrn zurück, und als das Haupt unserer Bande an einem nicht ganz natürlichen Steckflusse starb, ward er einmütig zu seinem Nachfolger erwählt. Mit einem Worte, nie hat ein Pudel in höhern Ehren und in einem bessern Futter gestanden, als ich in den acht Monaten, die ich als Adjutant eines Zigeunerhauptmanns verlebte. Auch vergaß ich in meiner Herrlichkeit alle meine Freunde und Feinde, nur das einzige Lieschen konnte ich mir nicht aus dem Sinne schlagen, und es träumte mir oft, als ob ich dem lieben Kinde die Hand lecken wollte, aber mit einem mitleidig traurigen Blicke von ihr abgewiesen würde. Zehntes Kapitel Unsere Streifereien brachten endlich die Justiz gegen uns in Harnisch, und die benachbarten Herrschaften vereinigten sich in aller Stille, um unsern Wald zu umzingeln und ein allgemeines Treibjagen gegen uns anzustellen. Wie groß war unsere Bestürzung, als an einem schönen Morgen aus allen Ecken des Forstes Truppen und bewaffnete Bauern auf unser Lager losstürmten. Die mutigsten unserer Spießgesellen setzten sich zur Wehr, die übrigen suchten zu entwischen, und wurden größtenteils mit den Weibern und Kindern gefangen. So viel konnte ich mit flüchtigem Auge aus der Ferne bemerken; denn ich muß bekennen, daß ich bei der ersten Salve für rätlich fand, mich in das innere Gehölz zurückzuziehen. Ich hielt mich bereits für geborgen, als ein Bauer, der in mir vermutlich den rechten Arm des Generals erkannte, mir eine Ladung Hagel nachschickte, die verschiedene blutige Merkmale auf meinem Felle zurückließ. Zum Glücke blieben meine vier Beine unversehrt und leisteten mir so treffliche Dienste, daß ich in wenig Minuten, ferne vom Schlachtgetümmel, eine Felsenhöhle erreichte, die wohl früher einem Wolfe zum Raubneste diente, und nun meine Bußzelle, wo nicht gar mein Grab werden sollte. Ich überließ mich den traurigsten Betrachtungen, und hatte volle Zeit, ihnen nachzuhängen, weil meine Wunden mich über acht Tage in einer so harten Gefangenschaft hielten, daß ich mich bloß von den Schwämmen, die in meiner Grotte wuchsen, und von den Schnecken nähren mußte, die an ihrem Eingang vorüberkrochen. Endlich konnte ich mein Siechbett verlassen und mein Brot wieder in der weiten Welt suchen; allein es war, als ob das Brandmal der Ächtung auf meiner Stirne stünde. Ich schweifte sechs Wochen in der Irre herum, bot mich einem Leiermann, einem Kesselflicker und einem Scherenschleifer zum Leibeigenen an, ohne mehr als einen augenblicklichen Unterhalt bei ihnen zu finden. Ich war so tief gesunken, daß ich mich in die Werkstätte meines Nagelschmieds zurückwünschte, und sie gewiß aufgesucht haben würde, wenn nicht meine Wanderungen mich ferne von den Ufern der Elbe bis an den Ursprung des Isters hinausgeschleudert hätten. Es blieb mir also nichts übrig, als mich dem Strome des Zufalls zu überlassen, der mich eines Tages vor ein prächtiges Kloster führte, an dessen Pforte ein Laienbruder die sogenannte Bettelsuppe austeilte. Ein ganzes Rudel von zerlumpten Gästen drängte sich hinzu, und ich wagte es, mich unter die Postulanten zu mischen. Ich bemerkte unter ihnen die Vettel mit dem Medusenkopfe, die mich immer vorzüglich begünstigt und sich kurz vor unserer Niederlage von der Gesellschaft verloren hatte; sie war es, die mir meine Leda, so hieß meine Maitresse, in die Arme führte, und den galanten Einfall hatte, mich für sie springen zu lehren. Nun hatte sie das Amt einer Sybille mit dem einer Betschwester vertauscht, das sie durch einen ungeheuren Rosenkranz beurkundete, und als eine ehemalige Pfaffenköchin meisterhaft ausübte. Ich flehte sie demütig um Schutz an. »Ei, willkommen, lieber Joli,« sagte sie, indem sie mich streichelte und mir ein Stück Bettelbrot reichte. Die Umstehenden murrten über diese Entweihung des Klostergutes und verklagten sie bei dem schwarzen Truchsesse. »Ihr wißt nicht, ehrwürdiger Bruder,« sagte sie zu diesem, »was das für ein verständiger Pudel ist. Verschafft mir sogleich eine Audienz bei Seiner Hochwürden; Eure Gefälligkeit soll Euch nicht gereuen.« Sie sprach in einem so zuversichtlichen Tone, daß der Halbmönch kein Bedenken trug, ihr zu willfahren. 2r kam mit einem günstigen Bescheid zurück, und ich wurde mit dem Mütterchen vor den Abt geführt, der ein dicker, schwerhöriger Bonze war. Die alte Hexe küßte den Saum seiner Kutte, und überreichte mich ihm als einen Tribut ihrer frommen Ehrfurcht. Zu gleicher Zeit ließ sie mich meine Künste machen, die ihr alle bekannt waren und mehr als einmal das Zwerchfell des infulierten Faultiers erschütterten. Zum Beschlusse hielt sie mir ihren Pilgerstab vor, und nachdem ich für den Kaiser gesprungen war, befahl sie mir auch, ich weiß nicht, ob aus Mutwillen oder aus alter Gewohnheit, für Leda zu springen. Ich tat es mit bewunderungswürdiger Behendigkeit; der Prälat, der Pater Beda hieß, verstand das Weib unrecht und glaubte, die Kabriole gelte seiner Hochwürden. Nun war mein Glück gemacht; er nickte mir seinen gnädigen Beifall zu, beschenkte das Mütterchen mit einem Gulden und einem Amulett, und empfahl mich der Obsorge des Bruders Koch, welcher nicht ermangelte, mir eine so reiche Portion vorzusetzen, daß ich, der ich tags zuvor Gefahr lief, Hungers zu sterben, jetzt beinahe an einer Indigestion zerplatzt wäre. Elftes Kapitel. Mein Glückswechsel hatte auch einen wohltätigen Einfluß auf meine Duenja. Seine Hochwürden befahlen, ihr wöchentlich einen Batzen und ein Roggenbrot zu reichen, und ich versäumte keine Gelegenheit, ihr meinen Dank durch die wärmsten Liebkosungen zu bezeigen. Mein Prälat ließ mich nicht von seiner Seite; Weizenbrot und Braten waren meine gewöhnliche Nahrung, und der gutherzige Mann beklagte es oft, daß ich ihm nicht mit seinem Niersteiner Bescheid tun konnte. So oft wir fremde Gäste hatten, und dieses geschah beinahe täglich, mußte ich die Gesellschaft beim Nachtische mit meinen Gaukeleien belustigen, und die Szene jedesmal mit einem Luftsprunge für Vater Beda beschließen. So verstrich mir abermals ein Jährchen in Hülle und Fülle, und da ich meinen hohen Prinzipal täglich zu Chore begleitete, so setzte ich mich dadurch in einen Geruch der Heiligkeit, der meinem Glücke eine ewige Dauer zu versprechen schien. Allein ich war bestimmt, ein Spielball seiner Laune zu sein. Am Namensfeste Seiner Hochwürden, das durch ein prächtiges Bankett gefeiert wurde, besuchte ihn auch eine alte Äbtissin aus der Nachbarschaft, und begleitete ihren Glückwunsch mit dem Geschenke eines kleinen niedlichen Windspiels, das selbst der große Friedrich nicht verschmäht hätte. Eine Galantrie von einer so ehrwürdigen Hand konnte meinem Prälaten nicht anders als höchst willkommen sein; da aber mein Rival nichts gelernt hatte, als sich krümmen und schmiegen, so blieb ich noch eine Zeitlang am Brett, und hatte bloß die Kränkung, mit ihm die Leckerbissen teilen zu müssen, die bisher meine ausschließliche Kompetenz gewesen waren. Nach und nach aber erfrechte sich der eingedrungene Speichellecker, mich von meinen Schüsseln zu verdrängen; hieraus entstanden mancherlei kleine Fehden, wobei ich zwar immer die Oberhand, aber auch immer Unrecht behielt. Die Reliquien eines Fasans, die der unverschämte Günstling mir entreißen wollte, machten meiner Geduld ein Ende. Ich behauptete mein Seniorat mit so vielem Nachdruck, daß Prinz Zephyr, so hieß mein Gegner, über dem Wortwechsel ein Ohr dahinten ließ, und mit gräßlichem Geheul sich unter die Kutte Seiner Hochwürden flüchtete. Nun war mir der Stab gebrochen; Beda zitterte vor Zorn, gab mir, seines Zipperleins uneingedenk, ein paar kräftige Tritte, und wälzte schon wirklich mein Todesurteil von den Lippen, als ein fahrender Poet, der ihm in Hexametern einen Zehrpfennig gefordert, und, weil er ihn heiliger Vater nannte, einen Platz an der Tafel erhalten hatte, Seine Heiligkeit ersuchte, mich ihm zu überlassen. Der rachgierige Prälat glaubte mich nicht härter bestrafen zu können, als wenn er mich dem Meistersänger schenkte, dessen hohle Backen und polyphemischer Appetit mir einen langsamen Hungertod prophezeiten. Er bewilligte dem Supplikanten seine Bitte, und kaum hatte dieser seinen Götterschmaus mit einem Gläschen Maraschino beschlossen, so mußte ich mein Exil antreten und eine Freistätte verlassen, in welcher ich die ruhigsten Tage meines Lebens zugebracht hatte. Zwölftes Kapitel. Mit schwermütigen Schritten schlich ich neben meinem neuen Gebieter her, der mich vergebens durch Pfeifen und Schnalzen aufzuheitern suchte. Gegen Abend langten wir in einer schwäbischen Reichsstadt an, wo wir ein Dachstübchen im Hause eines Buchdruckers bezogen, bei dem mein Patron das Amt eines Korrektors bekleidete. Theudulf, so hieß mein Barde, war ein geschworner Feind aller französischen Namen; er vertauschte daher den meinigen mit dem Namen Hektor und proklamierte mich zum Wächter seines Kastells. Er überließ mir eine seiner alten Stutzperücken zur Matratze, und da sein Abendschmaus in einer Pfeife Tabak bestand, so bewirtete er mich mit einem petrifizierten Stück Brot, das er aus seiner Tasche hervorholte. Diese Mahlzeit machte einen schrecklichen Kontrast mit der Tafel meines Prälaten, und gab mir einen traurigen Vorgeschmack von der Kost, die mich bei dem Priester des Apollo erwartete. In der Tat war sie noch weit elender als bei meinem Zyklopen, und wenn Theudulf mich nicht wöchentlich zwei- bis dreimal mit ins Bierhaus genommen hätte, wo er eine Akademie von Küstern und Buchdruckern präsidierte, die mir nicht selten eine Scheibe Mettwurst oder eine Butterbemme darreichten, so würde ich in wenig Wochen den Tod des Ugolino gestorben sein. Einst ward er auf eine Hochzeit gebeten, die er besungen hatte, und ließ mich aus Bescheidenheit zu Hause. Zwölf Stunden harrte ich auf seine Zurückkunft, und zwölf Stunden hatte ich zuvor schon gefastet. Endlich überwältigte mich der Hunger; ich sprang voll Verzweiflung auf den Tisch und packte das erste beste Manuskript an, das mir unter die Zähne kam. Ich hatte bereits mehrere Bogen verschlungen, als Theudulf in die Stube trat. Der Becher des Hymenäus hatte sein Blut bereits erhitzt, und nun brachte mein Anblick den Vulkan zum völligen Ausbruche. Mit dem Grimme einer Löwin, der man ihre Jungen raubt, sprang er auf mich los, und indem er mich vom Tische herabschleuderte, rief er in einem Tone, den noch keine menschliche Kehle ausstieß: »Ha, Bestie, was tust du? Mein Nationaltrauerspiel – das Meisterstück meiner Muse! – Stirb, Ungeheuer!« fuhr er fort, indem er sein Federmesser nach mir zückte; »doch nein, dein schwarzes Blut soll meine Hand nicht besudeln, das Schwert der Gerechtigkeit muß deinen Frevel rächen.« Hierauf durchblätterte er die Reste des Manuskripts. »Zween Akte sind vernichtet, und du konntest es dulden, Melpomene, daß das Busenkind deines deutschen Sophokles in der Wiege erstickt ward? Doch es war meine Schuld, ich selbst habe das Heiligtum den Hunden preisgegeben.« Stillschweigend warf er nun seine Kleider von sich und legte sich zu Bett. Ich schmiegte mich in einen Winkel, fest entschlossen, meinem Schicksale nicht auszuweichen, noch ein Leben zu verteidigen, daß mir nie so sehr als in meinem poetischen Hungerturme zur Last geworden war. Dreizehntes Kapitel. Es war schon hoch am Tage als Sophokles erwachte; kaum war er in seine Hülse gekrochen, so warf er einen stieren Blick auf die Rudera seiner Unsterblichkeit, knüpfte mir einen Strick um den Hals und stieg mit mir die vierzig Stufen hinunter, die unsere luftige Residenz von der Gasse trennten. Hier fragte er nach der Wohnung des Scharfrichters, die wir nach einem kurzen Zuge erreichten, den ich als meine letzte Wallfahrt betrachtete. »Da, Herr Freimann,« sprach Theudulf im Hereintreten, »bringe ich Euch einen tollen Hund, dem Ihr sein Recht antun werdet.« Der Scharfrichter betrachtete mich mit kritischer Aufmerksamkeit; seine Miene flößte mir Vertrauen ein, ich legte mich mit freundlichen Blicken zu seinen Füßen, schwenkte meinen Schwanz gleich einer Friedensflagge und leckte ihm die Schuhe. »Der Hund ist nicht toll, Herr,« sagte der Scharfrichter, »dafür setze ich meinen Kopf zum Pfande.« Theudulf: »Freilich ist er toll! Hat er mir nicht gestern eine unschätzbare Urkunde gefressen?« Scharfrichter: »Hättet Ihr ihm Brot zu fressen gegeben, so würde er vermutlich kein Papier gefressen haben; doch es ist mir leicht, Euch von der Wahrheit zu überführen.« – Hier nahm der Freimann sein Waschbecken von dem Tische und setzte es mir vor. Ich trank es bis auf die Hälfte aus. – »Da seht Ihr, daß ich recht hatte, ein toller Hund säuft nicht.« Theudulf: »Er ist toll, sage ich, und soll sterben.« Scharfrichter: »Ihr mögt mir selber toll sein; was soll ich das arme unschuldige Tier totschlagen? Doch,« setzte er nach einer kurzen Pause lachend hinzu, »wenn ich es ja tun soll, so bezahlt mir vor allen Dingen sechs Batzen; dies ist die Taxe.« Theudulf, der keine sechs Batzen in seinem Vermögen hatte, ergriff die Türe und brummte im Hinausgehen: »Dafür mögt Ihr das Rabenaas selbst behalten.« Ich fühlte gar keinen Beruf, ihn zu begleiten, sondern erhob mich auf meine Hinterbeine und machte meinem Retter die liebreichsten Dankbezeugungen. Er befreite mich von meinem Stricke, und setzte mir die Reste seines Frühstücks vor, die mir um so willkommener waren, da ich seit meiner papiernen Mahlzeit keinen Bissen genossen hatte. Ich war noch damit beschäftigt, als ein grauer Invalide in die Stube trat. »Herr Doktor,« sprach er zum Scharfrichter, »man sagt mir, daß Ihr ein guter Mann seid, der den armen Leuten gerne hilft. Ich habe im Kriege den Gebrauch einer Hand und mein rechtes Auge verloren. Nun fängt seit einigen Wochen das linke auch an dunkel zu werden, und ich fürchte ebenfalls darum zu kommen. Möchtet Ihr mir nicht etwas geben, das mich alten, verlassenen Mann vor diesem Unglücke bewahren kann?« Bisher hatte ich über meinem Schmause keine Notiz von dem Patienten genommen; nun war ich fertig, und das erste, was mir an ihm auffiel, war seine Stimme. Ich trat ihm näher und erkannte mit einem unbeschreiblichen Gefühle meinen Mentor Lafleur, ungeachtet Alter und Elend ihn für jedes andere Auge unkenntlich gemacht hätten. Mit lautem Jubel sprang ich an ihm hinauf, küßte seine eingefallenen Wangen, und hörte nicht auf, ihn zu liebkosen, bis er auch mit seinem halben Auge seinen getreuen Joli erkannte. Der Scharfrichter, der bisher ein stummer Zuschauer der Szene war, feierte sie mit einer Träne, schenkte dem alten Krieger ein Gläschen Augenwasser und obendrein einen Almosen. Dieser blieb unbeweglich vor ihm stehen, und ich schmiegte mich fester an seine dürren Beine. »Ich verstehe Euch,« sagte der Freimann; »Ihr wünscht Euern alten Freund wiederzubesitzen. Ihr sollt ihn haben; ich fürchte ohnehin, daß Ihr bald einen Führer brauchen werdet.« Vierzehntes Kapitel. Mit einem Vergnügen, für das selbst meine neue Sprache keinen Ausdruck hat, begleitete ich meinen grauen Pflegevater durch die Straßen der Stadt, wo er sich vor den Häusern und von den Vorbeigehenden seinen kümmerlichen Unterhalt erbettelte. Er teilte mit mir jeden Bissen Brot, jedes Überbleibsel von Zugemüse, womit die Hand des Mitleids die hölzerne Schüssel füllte, die ich ihm nachtrug. Nur um seinetwillen kränkte mich der Mangel, den wir bisweilen leiden mußten, und die Härte der Reichen, die uns von ihrer Türe scheuchten. Die Liebe des guten Alten gegen mich wuchs mit jedem Tage; das Unglück hatte sein Herz mürbe gemacht, und es jener gesetzten Frömmigkeit geöffnet, die den Dulder mit dem Schicksal aussöhnt und ihm den Mut gibt, bis ans Ende auszuharren. Nach einigen Monaten traf die Prophezeiung des Freimanns ein: Lafleur kam gänzlich um sein Gesicht, und ich wurde sein Führer. An einer dünnen Schnur, wozu hätte er eines Strickes bedurft, schritt ich langsam vor ihm her, und schützte seinen Fuß vor den Steinen, und seinen Körper vor den Stößen der noch gefühlloseren Menschen. Eine Strecke von fünf bis sechs Meilen war der Schauplatz unserer Wanderungen. Die Almosen fielen nun etwas reichlicher, und wenn die Quelle versiegen wollte, so holte ich einige meiner Kunststücke hervor, welche oft mehr als der Anblick eines leidenden Bruders auf die Gemüter wirkten. Unsere Pilgrimschaft führte uns einst auf die Kirchmesse eines Landstädtchens, wo eine ergiebige Ernte zu hoffen war. Ich übertraf mich selbst in meinen Exerzitien, und der vergnügte Lafleur war eben beschäftigt, eine Handvoll Kupfermünzen, die sie ihm einbrachten, aus dem Hute in die Tasche zu stecken, als ein wohlgekleideter Junge, der sich überall vorandrängte, und besonders mit mir zufrieden schien, mich durch Vorhaltung einer Semmel von ihm wegzulocken suchte. Ich wandte meinen Kopf weg und sah meinen hülflosen Meister an, um jenen zur Wohltätigkeit gegen ihn zu bewegen; allein der Bube hatte sich in den Kopf gesetzt, mich entweder in seine Gewalt zu bekommen, oder doch den armen Blinden zu necken. Er trat mir näher und schnitt mit einer Schere meine Leitschnur entzwei, die er anfaßte, um mich wegzuführen. Länger konnte ich meinen Zorn nicht ersticken; ich fiel dem kleinen Bösewicht an die Beine und riß ihm ein Stück Fleisch aus der Wade. Nun entstand ein allgemeiner Auflauf, der Junge schrie wie ein Mordbrenner und wurde fortgetragen. Ich blieb neben meinem Freunde stehen, und sei es Furcht oder Beifall, niemand machte Miene, mich zu bestrafen. Allein in wenig Minuten sah ich zween Stallknechte in scheckigten Röcken heraneilen. Es waren die Diener der Rache des regierenden Bürgermeisters, dessen einziges Söhnchen der kleine Satan war, den ich gebissen hatte. Beide Trabanten waren mit Flinten bewaffnet, und der vorderste hatte sich auf wenige Schritte genähert. Ich hätte fliehen können; allein ich schmiegte mich nur fester an meinen Meister. Dieser, der aus den Reden der Umstehenden die Gefahr vernahm, die mir drohte, beugte sich über mich hin und flehte um mein Leben, allein umsonst: der Sklave drückte los, und eben die Kugel, die mir durch den Kopf fuhr, durchbohrte meinem alten Freunde die Brust. »Legt ihn in mein Grab,« waren seine letzten Worte, und zugleich die ersten, die ich mit meinen neuen Sinnen hörte. Unsere Schatten wollten sich küssen, als jeder durch eine unwiderstehliche Kraft hinweggerückt wurde. Im Auffliegen rief der Geist meines Freundes mir zu: »Wir werden uns wiederfinden.« Beschluß »Ja, das werdet ihr!« rief mit einmütiger Stimme die ganze Gesellschaft, welche die Geschichte des neuen Gastes mit stummer Rührung angehört hatte. Nun wiederholten sie ihm mit verdoppelter Wärme ihre brüderlichen Grüße, und der Aldermann des Klubs, es war Argus, der Hund des Ulysses, schüttelte ihm mit sympathetischer Treuherzigkeit die Pfote und sprach: »Bravo, Bruder! Wir werden Freunde werden.« Guy de Maupassant Coco Autorisierte Übersetzung von Friedrich von Oppeln-Bronikowski. In der ganzen Gegend hieß das Pachtgut von Lukas »der Meierhof«. Warum, wußte man nicht. Ohne Zweifel verknüpften die Bauern mit diesem Wort die Vorstellung von Wohlstand und Größe; denn das Pachtgut war entschieden das stattlichste, üppigste und bestgeordnete in der Umgegend. Der riesige Hof war von fünf Reihen prächtiger Bäume umgeben, welche die empfindlichen, kurzstämmigen Obstbäume gegen den vollen Wind der Ebene schützten. Lange Gebäude mit Ziegeldächern bargen das Futter und das Korn; schöne Viehställe, aus Feldsteinen erbaut, Pferdeställe für dreißig Pferde standen auf dem Hofe, und das Wohnhaus, ein roter Ziegelbau, glich einem kleinen Schlosse. Die Düngerhaufen waren gut gehalten; Wachthunde hausten in Hundehütten, und Schwärme von Federvieh tummelten sich in dem hohen Grase. Jeden Mittag setzten sich fünfzehn Personen, die Herrschaft, Knechte und Mägde, an den großen Küchentisch, auf dem die Suppe in einem großen, blaugeblumten Steinguttopf dampfte. Das Vieh, Pferde, Kühe, Schweine und Schafe, war fett, sauber und wohlgepflegt; und Meister Lukas, ein großer, etwas beleibter Mann, machte dreimal täglich die Runde, beaufsichtigte alles und dachte an alles. In einer Ecke des Pferdestalles erhielt ein uralter Schimmel sein Gnadenbrot. Die Frau des Besitzers wollte ihn bis zu seinem natürlichen Tode ernähren, weil sie ihn aufgezogen und stets behalten hatte, und weil sich für sie Erinnerungen an ihn knüpften. Ein fünfzehnjähriger Bursche, namens Isidor Duval, kurz Zidore genannt, sorgte für diesen Invaliden, gab ihm zur Winterszeit sein Maß Hafer und sein Heu und mußte ihn im Sommer viermal am Tage an einer anderen Stelle der Küste anpflöcken, damit er reichlich frisches Gras fand. Das Tier war fast gelähmt und hob nur mit Mühe seine steifen Beine, die an den Knien dick und über den Hufen geschwollen waren. Sein Fell, das nie mehr gestriegelt wurde, glich langem Menschenhaar, und seine langen Wimpern gaben seinen Augen ein trauriges Aussehen. Wenn Zidore den Schimmel zur Weide führte, mußte er ihn an seinem Strick ziehen, so langsam ging er; und der Bursche, der gebückt vor ihm herkeuchte, fluchte dem alten Klepper und ärgerte sich, daß er ihn pflegen mußte. Die Leute vom Pachthofe, die den Zorn des Burschen gegen Coco sahen, belustigten sich darüber und redeten Zidore immerfort auf das Pferd an, um ihn zu ärgern. Im Dorfe nannte man ihn Coco-Zidore. Der Bursche war wütend; er fühlte, wie in seiner Brust das Verlangen aufkeimte, sich an dem Pferde zu rächen. Er war ein magerer Junge, hochbeinig, sehr schmutzig, mit dichten, harten, borstigen Haaren. Er machte einen stumpfsinnigen Eindruck, stotterte und sprach nur mit großer Anstrengung, als ob die Gedanken sich in seiner schwerfälligen Halbtierseele nur mit Mühe entwickelten. Schon lange verwunderte er sich, daß man Coco behielt; es ärgerte ihn, daß für dieses unnütze Tier etwas angewendet wurde, von dem Augenblick an, wo es nicht mehr arbeitete, schien es ihm unrecht, es noch zu füttern, ja empörend, Hafer zu verschwenden, teuren Hafer für diesen lahmen Klepper. Und oft sparte er an dem Futter, gegen den Willen von Meister Lukas, und schüttete dem Pferde nur ein halbes Maß vor. Desgleichen knauserte er mit Heu und Stroh. Und in seinem wirren Rinderhirn wuchs ein Haß, der Haß eines habgierigen, verschlagenen, rohen und feigen Bauern. Als es wieder Sommer wurde, mußte er den Schimmel von neuem nach der Küste bringen und seinen Platz wechseln. Der Weg war weit. Der Bursche zog allmorgendlich mit seinem schweren Schritt durch das Korn; er war jedesmal wütender. Die Leute, die auf den Feldern arbeiteten, schrien ihm zum Spaß zu: »He, Zidore, empfiehl mich Coco.« Er gab keine Antwort; aber er brach sich unterwegs einen Stecken von der Hecke, und sobald er den Pflock des alten Schimmels versetzt hatte und dieser zu weiden begann, näherte er sich ihm voller Tücke und peitschte ihn in die Kniekehlen. Das Tier versuchte zu entfliehen, auszuschlagen, den Hieben auszuweichen, und lief am Ende seines Strickes im Kreise herum, wie auf einem Hufschlag. Der Bursche schlug es wütend, während er hartnäckig hinterdreinlief, die Zähne vor Grimm aufeinanderbeißend. Dann ging er langsam fort, ohne sich umzudrehen, während das alte Pferd ihm nachblickte, mit schlagenden Flanken und atemlos von dem Traben. Und es bückte seinen knochigen weißen Kopf nicht eher wieder zu Boden, als bis es die blaue Bluse des Bauernjungen in der Ferne verschwinden sah. Da die Nächte warm waren, ließ man Coco jetzt im Freien nächtigen, draußen, jenseits des Waldes am Rande der Schlucht. Zidore kam allein, nach ihm zu sehen. Der Junge machte sich auch ein Vergnügen daraus, den Schimmel mit Steinen zu werfen. Er setzte sich zehn Schritt von ihm auf einen Abhang und beschäftigte sich eine halbe Stunde damit, von Zeit zu Zeit einen scharfen Kieselstein nach dem Gaul zu werfen, der vor seinem Feind angekettet stand und nicht wagte zu weiden, bevor er verschwunden war. Aber stets blieb der eine Gedanke dem Geiste des Burschen gegenwärtig: »Warum dieses Pferd, das nichts mehr leistet, noch ernähren?« Ihm deuchte, daß der Schinder den andern ihr Futter stahl, daß es den Menschen ihre Habe stahl, die Güter des lieben Gottes, daß er ihn selbst bestahl, ihn, Zidore, der arbeitete. Fortan verringerte er täglich den Grasfleck, den er dem Pferde zur Weide gab, indem er den Pflock, an dem der Strick befestigt war, nur wenig verrückte. Das Tier litt Hunger, magerte ab und kam herunter. Zu schwach, um seine Fessel zu zerreißen, reckte es sich den Hals aus nach dem hohen, grünen, glänzenden Gras, das dicht vor ihm stand, und dessen Duft ihm entgegenschlug, ohne daß es herankonnte. Eines Morgens hatte Zidore einen Einfall: Cocos Weideplatz gar nicht mehr zu verändern. Er hatte es satt, für dieses Gerippe so weite Wege zu machen. Trotzdem ging er hin, um sich an seiner Rache zu weiden. Das Tier betrachtete ihn unruhig. Er schlug es an diesem Tage nicht mehr. Er umkreiste es, die Hände in den Hosentaschen. Er machte sogar Miene, es wo anders anzupflöcken; doch er steckte den Pfahl wieder in das alte Loch und ging fort, von seiner Erfindung entzückt. Als der Schimmel ihn fortgehen sah, wieherte er, um ihn zurückzurufen; doch der Bursche begann davonzulaufen und ließ Coco allein, ganz allein in seinem Tale, fest angebunden und ohne einen Grashalm in seiner Reichweite. Vom Hunger getrieben, suchte das Pferd das üppige Grün zu erreichen, das es mit seinen Nüstern berührte. Es warf sich auf die Knie, streckte den Hals aus und reckte seine breiten, triefenden Lefzen vor. Alles umsonst. Den ganzen Tag lang erschöpfte sich das alte Tier in vergeblichen, furchtbaren Anstrengungen. Der Hunger, der es verzehrte, war doppelt wütend angesichts all des Grünfutters, das sich bis zum Himmelsrand dehnte. Der Bursche kam an diesem Tage nicht wieder. Er trieb sich im Walde herum, um Nester auszunehmen. Am nächsten Morgen kam er wieder. Coco hatte sich vor Erschöpfung hingelegt. Beim Anblick des Jungen stand er wieder auf, in der Erwartung, nun einen andern Platz zu bekommen. Doch der Bauernjunge rührte den ins Gras getriebenen Pflock überhaupt nicht an. Er kam nur näher, besah sich das Pferd, schmiß ihm eine Erdscholle ins Gesicht, die auf seinem weißen Fell barst, und zog pfeifend wieder ab. Der Schimmel blieb stehen, solange er ihn noch erblicken konnte; dann legte er sich wieder auf die Seite und schloß die Augen: er fühlte wohl, daß seine Versuche, das nahe Gras zu erreichen, umsonst wären. Am nächsten Tage kam Zidore nicht. Als er am übernächsten Tage erschien, lag Coco noch immer am Boden. Er sah, daß er tot war. Da blieb er vor ihm stehen und blickte ihn an, zufrieden mit seinem Werke und doch auch erstaunt, daß es schon zu Ende war. Er stieß den Kadaver mit dem Fuß an, hob eines seiner Beine hoch und ließ es wieder fallen, setzte sich darauf und blieb so sitzen, ins Gras stierend und ohne einen Gedanken im Kopfe. Er kehrte nach dem Pachthof zurück, sagte aber nichts von dem Vorgefallenen; denn er wollte sich während der Zeit, die er sonst mit dem Umstellen des Pferdes verbracht hatte, herumtreiben. Am nächsten Tage ging er wieder hin. Raben flogen bei seinem Nahen aus. Zahllose Insekten liefen auf dem Kadaver herum oder umschwirrten ihn. Als er heimkehrte, erzählte er den Vorfall. Das Tier war so alt, daß niemand sich wunderte. Der Besitzer sagte zu zwei Knechten: »Nehmt eure Spaten und grabt ein Loch, da wo es liegt.« Und die Männer verscharrten das Pferd an derselben Stelle, wo es verhungert war. Und das Gras wuchs dicht, grün und kräftig, genährt von dem armen Pferdekörper ... Frederik van Eeden Eine kleine Krabbe und die Gerechtigkeit Autorisierte Übersetzung von Else Otten. Von dem sandigen Strande aus ragen zwei Steindämme ins Meer hinein. Es sind Seeköpfe, aus schwarzen Steinen erbaut. Wenn die Flut kommt und das Meer aufs höchste steigt, deckt das Wasser sie beinahe ganz; doch während der Ebbe liegen sie trocken. Auf diesen schwarzen Steinen saß ein Mensch, und das Wasser umspielte ihn von allen Seiten. Er schaute über das langsam heraufrollende Wasser hinweg. Es war still und warm. Die Wellen waren klein, und träge kamen sie daher, kaum daß sie sich die Mühe nahmen, sich leicht zu kräuseln, – und schlugen dann, plumps! ermattet auf den Strand hin. Geduldig wartete der dunkelgrüne Tang auf das Steigen des Wassers. Einige bildeten einen dicken, sammetartigen Teppich, die größeren breiteten ihre flachen, bräunlichen Blätter aus, die Flut erwartend, die nun bald kommen mußte. Langsam, langsam stieg das Wasser. Bei jeder Welle schlug es ein wenig weiter über die Steine und schoß hastig zwischen den Spalten und Klüften hindurch, beim Rückschnellen luftig-weißen Schaum zurücklassend mit großen Blasen, die eine nach der andern in der Luft zerrannen. Und dankbar richteten sich die Algen auf, wenn das Wasser sie erreichte und ihre lederartigen Blätter wieder anschwellen und nach stundenlanger Trockenheit neu erglänzen ließ. Da lebten zahllose kleine Seetiere zwischen den Algen. Muscheln hielten ihre Schalen fest geschlossen, bis die See kam, und in dem Wasser, das von der vorigen Flut her noch in den Klüften zwischen den Steinen zurückgeblieben, verbargen sich kleine Garnelen und Krabben – alle, alle die wachsende Flut erwartend. Zu Füßen des einsamen Menschen lag eine kleine, tote Qualle. Halb lebend noch war sie von den Wellen auf den Stein geschleudert und dann von der brennenden Sonne völlig getötet worden. Der schlüpfrige, durchsichtige Körper war verschrumpelt und matt geworden. Der einsame Mensch neigte sich, um das seltsame Tier zu betrachten. Es war noch schön, von bläulicher Färbung, durchsichtig wie ein Edelstein, und auf dem leichtgewölbten Rücken wurden regelmäßige braune Streifen in der Form eines Sternes sichtbar. Ja, das war eine schöne, kleine Qualle gewesen, als sie noch umherschwamm in der großen See. Doch nun war sie tot und nichts mehr als ein rundliches Häufchen bläulichen Schleims, das die stets wiederkehrende See nicht mehr zu beleben vermochte. Da kam eine kleine, graue Krabbe behutsam aus dem dunkeln Spalt zwischen den Steinen hervor. Lange, lange hatte sie dort geduldig wartend gesessen, – doch nun mußte das Wasser bald kommen, meinte sie, und so wagte sie es, leise und vorsichtig mit kleinen Schrittchen aus ihrem Versteck hervorzukriechen. Denn sie hatte die tote Qualle schon eine geraume Zeit vor dem Eingang ihrer Höhle liegen sehen, und tote Quallen sind die köstlichste Speise, die sich ein junges Krabbchen denken kann. Langsam krabbelte sie weiter über den dichten Teppich grüner Algen, flaumig, wie das Moos im Walde, – eins, zwei, eins, zwei, schräglinks auf die kleine Qualle zu. Nach jedem Schritt hielt sie einen Augenblick inne, um zu überlegen. Der Mensch, der auf dem Steine saß, schaute weit über die heranrollenden Wogen hinaus nach der großen Sonne, die am Horizonte unterging. Das war für den Menschen ein prächtiger Anblick. Die kleine Krabbe indessen fand es gar nicht schön, sie hatte so weit noch nie geschaut. Sie sah mit ihren beiden schwarzen Äuglein nach der Qualle: das war ein schöner Anblick. Auch achtete sie des Menschen nicht, der dort saß, er war zu groß, als daß sie ihn schauen konnte. »Ob die Flut wohl bald kommt?« fragten die Algen, »wir werden so trocken, – wir müssen sterben.« »Die Flut kommt stets,« sagte die kleine Krabbe im Vorübergehen, – und den flachen Leib hoch auf ihren kleinen Beinchen aufrichtend, ging sie gravitätisch ihres Weges, schräglinks, auf die kleine Qualle zu. »Aber die Flut kommt nicht,« seufzten wiederum die Algen; »es dauert so lange, – noch nie hat es so lange gedauert.« »Dumme Zweifler,« sagte die Krabbe. »Ich ärgere mich über euch. Würdet ihr denn noch am Leben sein, wenn die Flut auch nur ein einzigesmal ausgeblieben wäre? Wer hat denn für euch gesorgt, für euch und euer Geschlecht, für all die Algen und all den Tang, der auf den Steinen wächst? Wollt ihr undankbar sein gegen das Wasser, das stets dann zurückkommt, wenn ihr beinah im Sterben liegt? Glaubt ihr denn, daß das große Wasser, das uns am Leben erhält und ernährt und tränkt, jetzt plötzlich seine Kinder in Dürre und Elend wird umkommen lassen? Ihr törichten Algen, ihr seid zu klein, um die große Gerechtigkeit des Wassers zu begreifen. Es kennt unsere Bedürfnisse und weiß um unsere Not, es gibt uns Feuchtigkeit, wenn wir verschmachten und führt uns Nahrung zu. Befraget die Muscheln, die sitzen still an den Steinen und rühren sich nicht. Doch wenn sich ihre Schalen öffnen, strömt die Nahrung herein, die ihnen das Wasser bereitet. Denn das Wasser ist gut und weicht nicht ab von seinen Wegen, – das Wasser ist gerecht und gibt einem jeden, was das Seine ist. Schande über die Undankbaren, die ihm nicht vertrauen!« Die kleine Krabbe hatte nach ihrer langen Rede gerade vor der kleinen Quelle haltgemacht. Und nachdem sie ausgeredet, ging sie auf den verlockenden kleinen Fleck zu, den sie sich während des Sprechens bereits ausgesucht. Da packte sie mit ihren festen Scheren ein Stückchen, zog es nach sich hin und begann mit den kleinen, beweglichen Kiefern lustig daran zu nagen. Ruhig und mit Wohlbehagen; denn sie war die einzige Krabbe ringsumher, und den Menschen sah sie nicht. Die Algen schwiegen beschämt, und die kleine Krabbe aß gierig weiter, dankbar dem großen Wasser, das ihr ihre Nahrung bereitet. Da blickte der Mensch auf aus seinem grübelnden Sinnen; denn die Sonne am Horizont war hinter den Wolken verschwunden, war langsam herabgesunken wie ein großer Tropfen flüssigen Feuers. Und der Mensch schaute vor sich hin zwischen die Steine und gewahrte die kleine Krabbe bei ihrem leckeren Mahl. Eine weile sah er ihr andächtig zu, allein die kleine Krabbe sah ihn nicht. Da gab der Mensch einen wunderlichen Laut von sich. »Brr!« rief er aus, »wie ekelhaft!« Und noch bevor die kleine Krabbe recht begriffen, was geschehen, flog ihr Mittagsmahl plötzlich aus ihren Scheren heraus und plumpste ein Endchen weiter in die See hinein. Hätte sie nicht zur rechten Zeit losgelassen, so wäre sie mitgeschleudert worden. Jetzt sperrte sie in zornigem Erstaunen ärgerlich die Scheren auf und spähte umher, um zu entdecken, wer ihr diesen Streich gespielt. »Wer tat das?« fragte die Krabbe, »das ist unrecht. Es war meine Nahrung.« Ein langes, fleischfarbenes Etwas näherte sich ihren Scheren. Es war eine Menschenhand; aber unglücklicherweise wußte das die Krabbe nicht. »Tatest du das? Warte nur,« sagte sie, »dich werde ich kriegen,« und mit einem jähen Ruck schloß sie die scharfen Scheren. Das sollte ihr aber schlecht bekommen; sie flog noch weiter als ihre kleine tote Qualle – aber nicht in die See, sondern auf den lockeren, trocknen Sand, weit, weit fort von den Wellen. Sie kam flach auf den Rücken zu liegen und lag eine Weile wie betäubt. Endlich gelang es ihr mit vieler Mühe, sich umzudrehen und wieder auf den Füßen zu stehen. Sie sah recht erbärmlich aus; denn der kleine feuchte Körper und die langen Beinchen waren mit tausend und abertausend trocknen Sandkörnern bedeckt. Was sollte sie nun beginnen? »Ist das gerecht?« fragte die kleine Krabbe. »Ist das gerecht? Wo ist die See? – Ich will wissen, ob das gerecht ist. Es war meine Nahrung. Die See wird mir recht geben. – Wo ist die See? Wüßte ich nur, wo die See ist! Ich will mein Recht,« sagte die kleine Krabbe. Hastig begann sie zu laufen. Eins, zwei, eins, zwei – mit hohen, schwebenden Schritten. »Wo ist die See?« fragte sie, »wo ist die See?« Doch die Muscheln um sie her waren tot und trocken, weiß gebleicht von der Sonne und antworteten nicht. Welch ein Glück, der Sand wurde feuchter. Die See kam näher. Ein sterbendes Fischlein lag am Strande. »Bring mich zur See,« seufzte es, »ich bin ein junger Hering – und liege im Sterben.« »Ist das meine Schuld?« fragte die Krabbe ärgerlich, »ich habe genug mit mir selbst zu tun. Ich suche die Gerechtigkeit.« Ein Endchen weiter stand eine Möwe dicht bei den Wellen. Andächtig schaute sie zu, ob die See nicht etwas Leckeres an den Strand spülen würde – kein Fischlein oder Würmchen entging ihren Blicken. »Die wird mir helfen,« dachte die Krabbe und rief schon von weitem: »Das Recht, das Recht! – Ich suche die See und die Gerechtigkeit. Man hat mir meine Nahrung geraubt und mich an den Strand geworfen. Die See soll mir mein Recht geben.« Die Möwe wandte schnell den schlanken Hals – und blickte mit einem Auge auf die Krabbe, die näher krabbelte. Ruhig wartete sie, bis diese ganz dicht herangekommen, jeder ihrer Bewegungen mit Spannung folgend. »Recht!« rief die kleine Krabbe, »meine Nahrung!« Schräglinks lief sie gerade auf die Möwe zu. Die Möwe sagte nichts, ließ sie nur ganz dicht herankommen. Und dann, schnapp! – bohrte sich der scharfe Schnabel in den Rücken der kleinen Krabbe. »Gerechtigkeit!« rief diese noch – und im nächsten Augenblick schon lag sie am Boden – und die Möwe riß die Eingeweide aus dem aufgehackten kleinen Leibe. Die See war gestiegen und bedeckte die schwarzen Steine völlig mit ihren krausen, schäumenden Wogen. Die geduldigen Muscheln öffneten ihre Schalen und ließen das labende Naß einströmen, – die schwanken Algen reckten sich in der Flut, und wogend schwankte das geschmeidige Grün in dem frischen, wühlenden Wasser. »Seht, seht!« sagten sie leise, »wir sind schlecht gewesen. Ist das gute Wasser nicht gekommen, um uns zu laben? Ja, die kleine Krabbe hatte recht, das Wasser ist gerecht und gedenkt seiner Kinder.« Holger Drachmann Der kleine Hund Aus: Holger Drachmann. Kärntner Novellen. Autorisierte Übersetzung aus dem Dänischen. Leipzig, G. H. Meyer. Mein Freund, der Bezirksarzt, war zugleich Eisenbahnarzt und hatte als solcher früh und spät unter den armen Leuten in den engen Tälern und an den Bergabhängen zu tun. Eines Tages kam er zu mir und sagte: »Du, man hat nach mir telegraphiert, drei Stationen von hier, wo der Triglav sich am imponierendsten zeigt – und wo übrigens weder Hund noch Katze zu sehen ist, kaum einige Menschen. ... Willst du mit?« »Ist vielleicht dem Triglav schlecht geworden?« fragte ich. Der Triglav ist bekanntlich der wildeste und steilste Berg der ganzen Alpenkette, die sich vom südlichen Teile Kärntens nach Krain hinein erstreckt, wo die Slovenen wohnen, wo es voll ist von Sagen und Märchen und Romantik – wo es aber nur äußerst wenige Wohnungen und Menschen gibt. Ich änderte rasch meinen scherzenden Ton. Der Arzt sah ernst drein. Er war ein guter Mensch mit einem weichen Herzen; er liebte die Natur, ein Glas Wein, Blumen, kleine Vögel und kleine Kinder – und es handelte sich eben um das Kind eines Bahnwärters, das vom Morgenzuge auf dem hohen, schmalen Geleise drinnen zwischen den öden Bergen überfahren worden war. Wir fuhren denn zusammen mit dem Mittagszuge ab. Zuerst gings über die Schlitza-Schlucht, dann durch die Sprengungen, Tunnels ein und aus, und auf Krümmungen, wo kein Lokomotivführer, selbst mit dem spähendsten Blick, um die Felsenecken sehen kann. Und wenn wir an den kleinen Wärterhäuschen vorübersausten, und ich die schwarzhaarigen oder weißgelockten »kleinen Bahnwächter« längs der Abhänge in beängstigender Nähe des Geleises zur Rechten und eines Abgrundes zur Linken sitzen sah, da mußte ich darüber nachdenken, wie eine gnädige Vorsehung im Grunde genug damit zu tun hat, diese kleinen Wesen am Leben zu erhalten. Denn der Vater stand unbeweglich wie eine steinerne Säule auf seinem Posten und schulterte seine kleine rote Fahne oder streckte sie von sich, und die Mutter konnte man im Vorüberfahren drinnen im Hause mit Kochen oder mit den noch kleineren Bahnwächtern beschäftigt sehen. Zu einem solchen Hause kamen wir, als wir hielten und aus dem warmen Coupé stiegen, wo wir nicht besonders viel miteinander gesprochen hatten. Die wilden Felsen um uns herum glühten in der Sonne; alles briet förmlich und schnappte nach Luft; nur das Echo des Zuges, der wieder lärmend weiterfuhr, rollte mit dumpfen Stöhnen durch das enge Tal hinab; und dort, am Ende des öden, waldigen Talstriches, ragte der zackige Triglav empor mit seinen schneegekrönten Spitzen, kalt und unfruchtbar, eingeschlossen in seiner eigenen dräuenden Größe, nur Gemsenjägern und wahnwitzigen Touristen zugänglich; im übrigen aber unzugänglich für das Mitgefühl mit dem Wohl und Weh lebender Wesen. Ein Stück Herrschergeschichte, versteinert im Laufe der ungeheuren Zeiten. Wir wechselten einige Worte mit dem Vater. Er war durchfurcht vom Regen und Schnee der Nächte, verbrannt von der Sonne des Tages. Sein strenges, einförmiges Pflichtleben stand in diesen Zügen geschrieben, und es war nur für den sehr aufmerksamen Blick ein Beben um seinen Mund zu erkennen, als er in aller Kürze die notwendigsten Fragen des Arztes beantwortete. In der Tür stand eine Schar Kinder – ganze sechs bis sieben Stück – und die Mehrzahl von ihnen hielt bei der Ankunft der Fremden die eine Hand im Munde und die andere nach hinten. In der Küche saß die Mutter vor dem Herd, den Kopf über den Säugling an der Brust gebeugt. Sie blickte auf, als wir eintraten; der Ausdruck war gleichsam verwischt durch das vorhergegangene Weinen – und dann auch durch die Muttersorgen für diese ganze Reihe. Sie deutete nach der Tür an der einen Seite – und beugte sich wieder zu dem Kleinen nieder. Der Arzt trat ein. Ich blieb draußen im ersten Raum. Die Kinder umringten mich, aber sehr scheu. Sie schienen, mit Ausnahme etwa des ältesten kleinen Mädchens, nicht recht darüber im Reinen zu sein, was eigentlich geschehen war, oder jedenfalls, was drinnen vorging. Umso ängstlicher lauschte ich nach jedem Laut von drinnen. Und ich machte mir beinahe schon Vorwürfe, daß eine gewisse Wißbegierde, oder wie man's nennen soll, mich wieder einmal an einen Ort geführt hatte, wohin doch eigentlich nur der Arzt gehörte. Kein Laut von drinnen..., wofür ich beinahe dankbar war. Ich richtete einige Worte an die Frau – aber sie schüttelte den Kopf. Ich teilte unter die Kinder einige Kreuzer aus, und die ganze Schar verschwand augenblicklich durch die Tür, in deren Öffnung die große Landschaft mit ihrem grellen Licht und den tiefen Schatten aus der Ferne auf mich starrte, wie ein Bild durch seinen Rahmen. Ich hatte bemerkt, daß dem Arzte ein kleiner Hund – ein kleiner, dunkler Rattler mit abgestutzten Ohren – ins Zimmer hinein gefolgt war. Nun kam der Arzt heraus, der Hund aber blieb drinnen. Er sagte mir auf Lateinisch: »Das kleine Mädchen ist tot!« Das Weib erhob sich und starrte ihn an. Er sagte ihr etwas in jenem Gemisch von Kärntnerdialekt und Slovenisch, das ich nur schwer verstand. Sie weinte laut und trocknete sich mit den Windeln des Säuglings ab. Er streichelte ihr, freundlich wie er immer war, den Kopf und sagte, daß das Kind jetzt versorgt sei, daß es nicht habe leiden müssen, und daß sie, die Mutter, ja noch eine ganze Schar da draußen habe, so daß sie sich schon trösten könne. Seine gute Absicht war merkbar genug. Das Weib versuchte ein wenig zu lächeln; allein es ward doch ein Weinen daraus. Und nun ging sie mit dem Arzte hinein – während ich stehenblieb mit meinen Gedanken über das Mutterherz, über den Raum, den es für alle die Kleinen hat – und über die Beschaffenheit des Trostes, den ein Mann da geben kann – selbst ein so freundlicher und gutherziger Mann wie der Arzt. Wir mußten noch einige Stunden hierbleiben, bis der Nachmittagszug uns zurückführte. Durch die kleine Begebenheit, durch die große Natur, durch das Gemeinsam-Menschliche, das alle treffen kann, gleichgültig unter welchen Verhältnissen und Umgebungen – war ich mit meinem Interesse völlig an diese armen Leute geknüpft worden. Auf der Heimfahrt machten wir, der Arzt und ich, aus, daß wir übermorgen zum Begräbnis des Kindes wieder hinauskommen wollten. Und während wir unsere Zigarren anzündeten – gleichsam um etwas fortzurauchen und zu blasen – sagte der Arzt zu mir in seinem sanften Österreichisch: »Du! Hast du den kleinen Hund bemerkt? Na ja – siehst du – als ich bei dem Kinde stand und es untersuchte...« – »Erzähle mir nicht davon!« bat ich. – »Wie du willst! Übrigens war augenblicklich eine Gehirnerschütterung eingetreten – totale Besinnungslosigkeit, verstehst du! Aber wie ich so dastehe, kommt das kleine Beest, jämmerlich winselnd, und bohrt sich zwischen meine Arme hinein und leckt mir das Blut von der Hand – und leckt das Blut vom Kopfe des kleinen Mädchens – und wollte nicht fort, sondern blieb im Bette liegen, immer winselnd und schleckend ... Und das Weib erzählte mir dann, daß der Hund ihnen gehöre, und daß er immer nur um das kleine Mädchen gewesen und durchaus nicht zu den anderen Kindern gegangen sei – und daß er zuerst längs des Bahngeleises gelaufen kam und den Vater aufmerksam machte, als das Unglück hinter der ersten Kurve geschehen war ... Das kleine Vieh! Ja, du kennst meine Meinungen über die Tiere!« – Ich kannte sie! Wir kamen jetzt heim und mußten natürlich sogleich ins Wirtshaus »Zum alten Gelbfuß«, wo das Ereignis mit einigen Gläsern alten Landweines hinuntergespült wurde. – Am Tage des Begräbnisses kamen wir wieder hinaus. Es war trübes Wetter; die Berge standen, gleichsam wie tot, noch gefühlloser als sonst, in einem Halbbogen um uns herum und schienen die kleine Kapelle, die mit ihrem umzäunten Friedhof ganz allein auf einem isolierten Felsen emporragte – über 600 Meter von und über dem Bahnwächterhause entfernt – völlig zu erdrücken. Ein schwüler, warmer, feuchter Wind, hier und da mit einem feinen Staubregen vermischt, strich von den Bergen auf uns zu, während wir mit dem Stocke in der Hand den holprigen Steig hinaufstolperten. Weißgraue Wolken, langen Büscheln abgekratzter Wolle gleich, kamen längs der rauhen Wände des Triglav dahergeglitten. Bald waren die schneebedeckten Gipfel dicht verschleiert – dann leuchteten sie wieder hervor mit einem harten, kalten Glanz. Der gewaltige Berg stand vor uns – alle anderen Umgebungen drückend und überwältigend, während wir selbst an der Tür des armseligen, kleinen Friedhofes standen, wo das tote Kind begraben werden sollte. Wir waren ganz allein. Nein, ein altes Mütterchen öffnete uns die Tür. Und jetzt sahen wir auch einen Mann den geschlängelten Steig heraufkommen, vorgebeugt, mit einer Last auf dem Rücken. Es war der Vater; er trug den kleinen Sarg. Aus der niedrigen, kleinen Tür der Kapelle – hier war alles klein, mit Ausnahme der hohen Berge – trat ein Priester, barhaupt, mit dunklem, kurzgeschnittenem Haar; ein blasses Gesicht, ohne irgendeinen bestimmten Ausdruck. Er nahm ein Gebetbuch aus der Tasche, las daraus etwas mit lauter Stimme, sprengte einige Tropfen Wasser auf den kleinen Sarg – aus einer Schale, welche das alte Weib ihm hinreichte – und hierauf senkte der Vater selbst den Sarg in die kleine Vertiefung hinab – denn ein Grab zu graben, erlaubte wohl kaum der Boden; und wir drei Männer schaufelten, so gut wir konnten, Erde und Sand darüber, bis der Sarg bedeckt war. In diesem Augenblick kam der kleine Hund durch die Tür gelaufen. Er meldete seine Anwesenheit durch ein schwaches Winseln und begann sogleich in der Erde zu schnobern und zu kratzen. Der Vater versuchte ihn wegzujagen; der Doktor rief und lockte ihn... Er lief wohl für einen Augenblick weg, kehrte aber ebensoschnell wieder um und legte sich auf die eben aufgeworfene Erde, die kleine, schwarze Schnauze zwischen den Vorderpfoten, während ein klagendes Winseln uns zugleich verstehen ließ, daß er wohl wußte, wer da unten verwahrt war. »Er kommt schon nach, wenn er hungrig wird!« meinte der Vater – beiläufig die einzigen Worte, welche er geäußert hatte. Hierauf gingen wir wieder den Steig hinunter. Ich kehrte jedoch um. Ich mußte noch einmal diesen Friedhof sehen mit den wenigen zerstreuten Kreuzen und einfältigen Inschriften – die kleine, ich möchte fast sagen »liebenswürdige« Kapelle – und dann das große, erdrückend öde Gebirgs-Amphitheater ringsherum, über welchem die Nebel sich zu einem traurigen und schweren Regen zu vereinigen drohten. Das alte Weib sperrte eben die Kapellentür zu. Das Begräbnis war ja vorüber – und es kamen zunächst wohl keine weiteren Besucher hierher. Der Blick des Weibes aber war gleich dem meinigen auf den Hund gerichtet, der unverändert in derselben Stellung lag. Die Alte schüttelte den Kopf, zuckte die Achseln und sagte: »Ach, ja, ja; das arme, kleine Geschöpf!« Ob damit der Hund oder das Kind gemeint war, weiß ich nicht. Aber als ich jetzt den ersteren rief, drehte er ganz wenig den Kopf und sandte mir einen gar wundersamen Blick zu: Mensch, siehst du denn nicht, daß ich hier liege und wache bei dem, was mir am teuersten war im Leben... Das alte Weib pflegte jeden Wochentag nach Tarvis zu kommen. Als ich ihm zufällig begegnete, erzählte es mir, daß der kleine Hund tot im Friedhof oben gefunden worden sei. »Er ist vor Trauer und Hunger verendet,« meinte die Alte. Und der Doktor bestätigte es. Fritz Lapidoth Lore Aus dem Holländischen von Else Otten. Zum erstenmal in meinem Leben sollte ich ein Testament abschließen. Mein Kollege, ein Hilfsreferendar im Notariat hatte mir bereits erzählt, daß Fräulein Balders unter den Mandanten unseres Chefs, des Notars Wilhelmus Hendrikus Baselius, wie wir ihn in unseren Gesprächen nannten, zu den Sonderlingen gerechnet werde. Vierzehnmal hatte sie, die kaum Fünfzigjährige, bereits testiert, obgleich ihr niemals etwas widerfahren war, das, vom rein notariellen Standpunkt aus, eine so oftmals wiederholte Änderung ihrer letzten Verfügung erfordert hätte. Sie war bekannt als eine durchaus nicht vermögenslose alte Jungfer, zu deren Gunsten wir bereits mehrere Hypotheken abgeschlossen hatten, und deren in einer der belebtesten Straßen Amsterdams gelegenes Haus jährlich eine hübsche Rente abwarf. Wiederholt schon von spekulativen Heiratskandidaten und vermeintlichen Erben heimgesucht, war die gute Dame allmählich zu der Überzeugung gelangt, daß eine uneigennützige Freundschaft nur bei Tieren zu finden sei. Und so hatte sie denn mit allen möglichen Individuen aus dem Tierreich Freundschaft geschlossen und abwechselnd für Kanarienvögel, Hunde, Katzen und weiße Mäuse geschwärmt, während sie bei all diesem Getier anfangs eine aufrichtige, völlig selbstlose Liebe vermutete, ward sie eines schönen Tages völlig ernüchtert. Dies pflegte stets zu geschehen, nachdem sie diese oder jene Tiergattung hinlänglich beobachtet hatte, da Tiere nun einmal etwas auffälliger eigennützig sind als Menschen. Jedes Tier verkörperte in ihren Augen einen Erben, und zwar den Neffen, der es ihr geschenkt hatte. Solange sie also für ihren Kanarienvogel schwärmte, wurde der freundliche Spender, »Neffe Johannes«, in ihrem jüngsten Testament am reichlichsten bedacht. Die Zuneigung, die sie für den Vogel empfand, kam dem Neffen zugute und würde ihm, nach Fräulein Balders Tode, sogar noch Jahre lang zugute gekommen sein, wenn der Kanarienvogel am Leben blieb und nicht – inzwischen in Ungnade fiel. Aber das geschah, und es dauerte denn auch nicht lange, bis der Spender enterbt ward. Fräulein Balders konnte aber nicht mehr ohne Tiere leben. Daher schenkte ihr ihr Neffe Jakobus einen echten, kleinen »Puck« und ward daraufhin zum Universalerben ernannt. Der Affenpinscher wandelte indes allzubald auf schlechten Wegen, blieb Tage und Nächte aus, forderte Fräulein Balders Entrüstung und Eifersucht heraus und gab durch sein leichtfertiges Betragen Veranlassung dazu, daß auch Neffe Jakobus enterbt wurde. So waren nacheinander verschiedene Neffen Erben und dann wieder Ex-Erben geworden, bis Fräulein Balders endlich mit einem Papagei beglückt wurde. Der Fall gestaltete sich dadurch außerordentlich schwierig und verwickelt, daß der Geber, ein alter Marineoffizier, starb, kurz nachdem »Lore« ihren Einzug in das Baldersche Haus gehalten. Wer würde nun zum Universalerben ernannt werden? Niemand, wie es anfangs schien. Fräulein Balders erklärte ihr letztes Testament für ungültig und es wollte fast scheinen, als werde sie sterben müssen, ohne ihren »letzten Willen« niedergeschrieben zu haben. Solange Lore gesund und munter blieb, dachte Fräulein Balders nicht über die Zukunft des Tieres nach. Als aber der Papagei, während eines schlechten, feuchtkalten Winters, ein wenig zu kränkeln anfing und weniger sprach, schrie und lachte als sonst, legte sich die Tierfreundin mehr als einmal ängstlich die Frage vor: Wer wird sich um Lore kümmern, wenn ich einmal nicht mehr da bin und das Tier alt und häßlich geworden ist? Und sie begann nun genau zu beobachten, wie sich sämtliche Neffen und Nichten, die sie besuchten, dem Tiere gegenüber verhielten. Sie ersann alle möglichen Listen, um herauszufinden, wie dieser oder jener wirklich über ihren Liebling dachte; denn natürlich heuchelten sie alle das größte Interesse und eine übertriebene Sympathie für Lore. Von jedem einzelnen der Besucher bekam Lore was Leckeres; niemals aber nahm der Papagei von zwei Schmeichlern die Kakaobohne oder den Zucker in derselben Weise an. Während er bei dem einen gierig nach dem Dargebotenen griff, nahm er es dem andern so zart und behutsam wie möglich aus der Hand. Fräulein Balders versuchte nun festzustellen, welche Gebärden bei Lore auf die größte Liebe schließen ließen, und nachdem sie dieses schwierige Problem einigermaßen zu ihrer Zufriedenheit gelöst hatte, ließ sie den Notar Baselius kommen, um ein neues Testament aufzustellen, und zwar zugunsten einer mittellosen Nichte, die unter der Bedingung, daß sie den Papagei bis an dessen Lebensende mit mütterlicher Liebe pflegen müsse, zur Universalerbin eingesetzt wurde. Die arme Nichte ahnte nichts von dieser Verfügung und fuhr indessen fort, Lore zu verziehen und zu verhätscheln. Doch der von allen Menschen verwöhnte Papagei hatte seine Launen. Eines Tages biß er seine Freundin in den Finger; das Blut strömte über seinen Schnabel, und wütend darüber, daß er so besudelt wurde, flog der Papagei, heftig mit den Flügeln schlagend, durch seinen eleganten Käfig, während er an den Gitterstäben rüttelte und vor Wut laut schrie. Fräulein Balders, die fürchtete, ihr Liebling werde einen Schlaganfall bekommen, erkrankte vor Angst, war wütend auf ihre Nichte und erklärte ihr jüngstes Testament für null und nichtig. Darauf vermachte sie ihr Vermögen einem Neffen, der niemals auf Lore geschimpft haben würde, selbst dann nicht, wenn der Papagei ihm ein neues Paar Handschuhe zerrissen hätte. So löste der eine den andern als Fräulein Balders' Erbe ab. Das Merkwürdigste von allem aber war es doch, daß der Papagei anfing, die ganze Familie, auch seine Herrin, zu tyrannisieren, viel zu lange schon hatte ihm ein jeder alles von den Augen abgelesen und ihn dadurch vollständig verdorben. Indessen begann sowohl Fräulein Balders Besorgnis, wie auch die Habgier der Erben in eine Vergötterung des abscheulichen Tieres auszuarten. Der Papagei ward despotisch und um so despotischer, weil niemand genau wissen konnte, was ihm angenehm und in welchem Augenblick ihm beizukommen war. Sie behandelten Lore wie die Fetischdiener ihre als Gottheiten verehrten und angebeteten Vogelscheuchen; man betrachtete den Papagei mit heimlichem Entsetzen und näherte sich ihm dennoch mit großer Vertraulichkeit und Leutseligkeit. Man studierte so eingehend wie möglich seine Kehllaute, seine Art und Weise zu pfeifen, sich in seinem Käfig herumzudrehen usw. Und der eine verschwieg dem andern ängstlich, was er auf diesem Gebiete Neues erfahren. Die Erbschaftsspekulanten versuchten auf alle mögliche Art und Weise, Lore in gute Laune zu versetzen. Sie übten sich an anderen Papageien im geschickten Krauen und waren eifrig bemüht, Lore möglichst hübsch vorzupfeifen, damit der Papagei zum Mitschreien verführt werde. Und der Papagei schaute sich ringsum mit seinen fahlen, gelblichen Augen, um etwas zu suchen, was ihm mißfiel. Denn allmählich ward das Tier sich seiner Macht bewußt und merkte sehr wohl, daß man zitterte, wenn es über die Farbe eines Hutes oder einer Krawatte in Wut geriet, – und das machte ihm Spaß. Denn es war empfänglich geworden für jene Art der Huldigung, die die Despoten mit einem hämischen Lächeln oder einem spöttischen Kräuseln der Oberlippe entgegenzunehmen pflegen. Sogar Fräulein Balders konnte sich angesichts dieses tyrannischen Vogels eines heimlichen Grauens nicht erwehren. Sie hatte so oft schon seinetwegen die Bestimmungen über ihren letzten Willen geändert, hatte es schon so trefflich gelernt, ihre kleinen Freundschaften und Neigungen von Lores wechselnden Launen abhängig zu machen, daß sie sich nicht mehr als die Besitzerin des Tieres, ja kaum noch als die Besitzerin ihres Vermögens fühlte. Die alte Jungfer selbst verfügte nicht mehr über ihr Geld; nicht sie erklärte das eine Testament nach dem andern für ungültig, sondern ihr war's, als sei es der Papagei, der bald diesem bald jenem den Titel eines Universalerben verlieh. Und sie begann sich vor dem von zwanzig Familienmitgliedern vergötterten Tier, vor seinem Geschrei, seinem Flügelschlagen und seinen gelblichen Augen zu fürchten. Und es schien ihr, als hasse der Papagei sie, nun, da er merkte, daß sie vor ihm zitterte. So kam Fräulein Balders denn auf den Gedanken, den tyrannischen Vogel lieber sofort an eines der Familienmitglieder zu verschenken. Sobald sie aber Lore mit diesem Gedanken anblickte, schien der Papagei ihr Vorhaben zu erraten, und dann las sie in seinen gläsernen Augen die Drohung, daß sie sterben müsse, sobald er das Haus verlassen habe. Sie litt nämlich an einem Leberleiden, das ihr täglich mehr Beschwerden und Schmerzen verursachte. Und in jenen Augenblicken tödlicher Angst hörte sie stets den Papagei in seinem Käfig umhertanzen und immer und immer wieder rufen: »Erstick – halt deinen Schnabel – erstick – halt deinen Schnabel ...« Später meinte dann Fräulein Balders, das Tier könne halt nicht wissen, was es sage. Als sie es jedoch in dem Augenblick, da sie glaubte, daß ihre letzte Stunde geschlagen, wiederum jene fürchterlichen Worte herausschreien hörte, glaubte sie, der leibhaftige Teufel sei in den Papagei gefahren und bedrohe sie nun, bereit, sie zur Hölle zu schleppen. Sie hatte jetzt solche Angst vor Lore, daß sie an ihr Vorhaben, den Papagei aus dem Hause zu entfernen, gar nicht mehr denken konnte. Ab und zu betete sie wohl noch für seinen baldigen Tod, und gewiß hatte sie nun dem Verwandten, der es gewagt hätte, ihn auf geschickte Art und Weise zu vergiften, ohne Zögern zu ihrem Universalerben ernannt. Allein daran dachte natürlich kein Mensch. Im Gegenteil, jeder beunruhigte sich mehr als nötig, wenn Lore einmal etwas weniger vergnügt war als gewöhnlich. Fräulein Balders merkte es nur allzugut, daß ihr eigener Gesundheitszustand viel weniger Teilnahme erregte als der des entsetzlichen Vogels. Der armen Person ward es in der Seele zuwider, daß man zu ihrem Tyrannen so freundlich und zuvorkommend war. Die Schmeichelworte, die man ihm zuflüsterte, flößten ihr Widerwillen ein, und in ihren Augen ward der Papagei nach und nach so häßlich, daß die kleinen Komplimente, die man ihr nach wie vor über das Tier sagte, sie wütend machten. War sie denn wirklich Monate lang das Opfer einer derartig unverschämten Schmeichelei und Liebedienerei gewesen? Im Gegensatz zu früheren Zeiten ward ihr jetzt der Verwandte am teuersten, der am schlechtesten mit Lore umging und den Papagei am meisten mit Hut oder Krawatte reizte. Wiederum wurden Testamente aufgesetzt und widerrufen; im Bureau des Notars Baselius wettete man bereits auf den geschicktesten Erben. Der Zufall mußte entscheiden, wer endlich in den Besitz des Nachlasses gelangen sollte. Es war das erste Testament, das ich abschließen half. Fräulein Balders ging nun endlich, nachdem sie bereits so viele Testamente gemacht, ihrer letzten Stunde entgegen. Wir saßen an ihrem Bett; der Notar, mein Freund, der Hilfsreferendar und ich. Gleichsam im Traum und vor Erregung zitternd, hörte ich, wie jemand eintönig und tonlos folgendes verlas: »Am sechsten November habe ich, Wilhelm Heinrich Baselius, im Hause des Fräulein Elisa Balders, in Gegenwart von Zeugen, dieses Testament unmittelbar nach dessen Verlesung unterzeichnet.« Der Notar Baselius konnte nicht weiter sprechen; niemals werde ich den fürchterlichen Eindruck vergessen, den ich in jenem Augenblick empfing. In seinem glänzenden Käfig flatterte der Papagei, vor Ungeduld und Wut darüber, daß so viele fremde Menschen im Zimmer waren, wie rasend umher und rief in einem fort mit seiner kreischenden Stimme: »Erstick – halt deinen Schnabel – erstick – halt deinen Schnabel!« Zuerst hatte der Notar gefragt: »Wäre es nicht besser, wenn wir das Tier aus dem Zimmer entfernten, mein gnädiges Fräulein?« Da aber hatte sich Fräulein Balders mit einem Ruck aufgerichtet und mit einem scheuen Blick auf den Käfig in ernsthaftem Ton geantwortet: »Nein, ich darf ihn nicht fortbringen lassen; er will nicht fort.« Darauf hatte dann einer von uns das anhaltende Rasen des Tieres leise belächelt. »Lachen Sie nicht, mein Herr!« rief sie. »Lachen Sie um Gottes willen nicht! Es ist der Teufel –« Der Notar zuckte die Achseln und fuhr dann fort zu lesen: »... Ich ernenne zum Universalerben, unter der Bedingung, daß er meinen Papagei Lore gut versorgen wird ...« Fräulein Balders richtete sich halb auf. »Erstick – halt deinen Schnabel – erstick – halt deinen Schnabel!« rief der Papagei nun wieder, wütend darüber, daß vorgelesen ward. »Sie irren sich, Herr Notar. Es muß heißen: er ... er.... erwürgen. Jawohl, Herr Notar, bitte – erwürgen.« Wir sahen einander einen Augenblick starr an und trauten unseren Ohren nicht. »Bitte, Herr Notar – erwürgen.« Der Notar machte eine Randbemerkung und verlas darauf möglichst schnell den Schluß. Er fürchtete, Fräulein Balders könne noch, bevor sie unterschrieben, der nahenden Krisis anheimfallen. Der Papagei schrie, je länger desto lauter und schriller, flog in seinem Käfig umher und rüttelte mit seinem Schnabel an den eisernen Stäben. Und Fräulein Balders war gerade noch imstande, zu unterzeichnen und den erforderlichen Zusatz hinzuzufügen. Dann kam der fürchterliche Schmerz und ihre armen, alten Glieder krampften sich zusammen. Der Arzt löste uns am Krankenlager ab. Aber noch auf der Treppe hörten wir, das Gejammer der Sterbenden übertönend: »Erstick – halt deinen Schnabel – erstick – halt deinen Schnabel!« Barend Canter Ein Tag aus dem Leben eines Mopses Aus dem holländischen Manuskript übertragen von Else Otten Am frühen Morgen, während er auf einem Stück altem Packleinen in der Nähe des Ladentisches lag, wo er die Nacht stets zubrachte, weil er so wachsam war, hörte er ein leises Geräusch an der Tür. Er richtete den Kopf auf, bellte, horchte noch schärfer, vernahm draußen die schlürfenden Schritte von ein paar Holzpantinen, kläffte noch einmal, um merken zu lassen, daß er da war, und schlummerte dann wieder ein, indem er seine Nase wiederum unter der Hüfte wärmte und, den Rücken krümmend, die Wärme des Leinens genoß. Ein wenig später hörte er ein leises Klopfen gegen die kleine Seitentür, was sich mehrere Male wiederholte und dann von dem langgezogenen Schrei eines Menschen gefolgt wurde. Diesmal bellte er nicht, sondern sprang auf, schüttelte sich, lief mit behenden Schritten seiner vier Pfoten über die Holzdiele des Ladens nach der Tür, stemmte die Vorderpfoten gegen das Paneel, schwänzelte und blickte mit freundlichen Augen hinaus nach den wenigen Vorübergehenden, die ihm irgendein liebes Wort sagten. Er warf noch einen Blick in die leere Straße, ging dann in das Hinterzimmer, sprang auf einen Stuhl, so daß er aus dem Fenster auf den kleinen Platz sehen konnte, und wartete so eine halbe Stunde auf den dienenden Geist, der sogleich erscheinen mußte. Als er das Dienstmädchen im Wohnzimmer entdeckte, kläffte er leise, schwänzelte, fuhr sich mit den beiden Vorderpfoten an der Schnauze entlang, sprang vom Stuhl, lief nach der Seitentür und wartete dort auf das Mädchen. Als sie die Tür geöffnet hatte, sprang er an ihr empor, beschnüffelte ihre Pantoffeln, die nach dem Boden rochen, wo die geräucherte Wurst hing, drückte, als er die freundlichen Worte des Mädchens hörte, den Kopf fest an ihr Kleid, ließ sich streicheln und lief dann vor ihr her nach der Haustür, wartend, bis sie diese öffnete. Dann schoß er auf die Straße, sog gierig die frische Morgenluft ein, kläffte freudig einen Milchwagen an, der vorüberfuhr, und schnupperte dann die Straße entlang, wo er ein Plätzchen suchte ... Darauf lief er weiter, beschnüffelte die Ecken der Häuser, um so die Besuche zu erkennen, die Freunde oder Freundinnen hier oder dort gemacht, und freute sich seines Lebens – und so gelangte er endlich bis zu dem an der Ecke gelegenen Schlächterladen, wo, wie er wohl wußte, oft etwas Gutes zu holen war: ein Knochen, ein wenig Fett, ein kleines Stückchen Fleisch. Die schwarze, feuchte Nase dicht am Boden, schnupperte er, suchte eine Spur, und siehe da, bei der Gosse lag ein kleines Stückchen Fleisch und ein wenig weiter ein Knochen, ein großer Knochen. Er aber konstatierte, nachdem er ihn beschnüffelt, einen merkwürdigen Geruch von Verdorbensein und Desinfektionsmitteln, schüttelte den Kopf und lief von dem Knochen weg, sah sich aber noch einmal um, fand es seltsam, einen Knochen zu sehen und ihn nicht zwischen die Zähne zu nehmen, lief wieder zurück und schnüffelte noch einmal: nein, er war nicht zu genießen! Und jetzt nur rasch weiter nach einer kleinen Seitenstraße, wo in der Frühe stets ein Kehrichteimer stand, in dem sich manche Leckerei finden ließ. Und dann reckte er sich am Kehrichteimer empor, wühlte mit der Schnauze in der Asche herum, breitete die Vorderpfoten weit aus, reckte den Kopf mühsam über den Rand, stellte sich auf die kleinen Zehen der Hinterpfoten und suchte so nach den Spuren von etwas Gutem, Leckerem. Die Nase umschnüffelte Brocken alten Brotes – er fraß niemals Brot und Gemüseabfälle – und dann suchte er weiter und entdeckte hier den Geruch einer seltsamen, scharfen Flüssigkeit, und dort den süßen Duft von Fleisch ... o ... o ... o ... er hatte den Tritt eines scharfen Menschenfußes gefühlt ... o ... o... mitten in die Seite... er war zurückgesprungen, war dem großen, schwarzen Stiefel neben ihm entwichen wie einem starken, bissigen Tier, und war heulend davongeeilt ... Und er lief und lief und blickte sich ängstlich um, ob der Stiefel auch nicht mitlief, und verlangsamte endlich seinen Schritt und sah dann ein Freundchen, das vor seinem Stall saß. Freundchen, ein kleiner, gelber Bastarddachs, hatte ihn schon entdeckt, kam im Galopp auf ihn zu, und dann gab's eine kleine Begrüßung mit der Nase und einen kleinen Pseudokampf, und dann rannte er weiter und Freundchen ihm nach bis an die Brücke, die Freundchen nie zu überschreiten wagte, und nun blieb der Mops wieder allein bis zu dem kleinen Steinpfahl, den er kannte, und den alle Hunde aus der Gegend kannten, und er machte es wie alle Hunde und schnüffelte an dem Pfahl und erkannte so Freunde und Freundinnen, die dagewesen waren usw.... Aber plötzlich hörte er ein Schnauben hinter sich und sah einen großen, braunen Hund, einen ganz großen, und er war ängstlich schnell davongeflüchtet, aber der große Hund hinter ihm her, und er hatte endlich nicht mehr weiter gekonnt und sich auf den Rücken geworfen und alles geduldig über sich ergehen lassen. Und dann der große Hund wieder weg und Mops auch wieder weg, schnell trippelnd nach Hause zurück mit klopfendem Herzen, bei großem Schrecken oder großer Angst klopft das Herz auch bei Hunden und Katzen mit heftigeren Schlägen, und noch ganz verschüchtert... immer weiter getrabt nach Hause, wieder an dem gelben Freundchen vorbei, das ein Endchen mittrabte und dann stehenblieb und ihm mit fragenden Augen nachblickte. Beim Kehrichteimer wich er scheu zur Seite, beim Schlächter aber war die Angst schon vergessen, und wieder fand er den großen Knochen. Nochmal schnuppern... wie war es nur möglich, ein großer Knochen und nicht zu genießen ... er konnte es nicht glauben, leckte daran, versuchsweise ... nein, er war wirklich nicht zu genießen ... und jetzt nach Hause. Die Ladentür war schon auf, und der große Mann, der nach Fisch roch und da den ganzen Tag stand, sein guter Freund, war inzwischen gekommen. Und er sprang an dem großen Freund empor und schwänzelte mit seinem kleinen Schwanz und hörte leise, freundliche Worte: »Ist es jetzt da, das gute Tier, ist Möpschen da? Komm du nur, Möpschen, komm, du bist ein guter Hund ...« und Möpschen sah ihn an mit glänzenden Äuglein und erzählte ihm mit seinen Äuglein von all dem Schrecklichen, das ihm widerfahren, von dem Tritt, den ihm ein schlechtes, grausames Menschentier in die Seite gegeben, und von dem großen, großen wilden Hund an dem steinernen Pfahl, und von dem Knochen, der nicht zu genießen war .... Jetzt ging Möpschen hinein; denn der große, nach Fisch riechende Mann gibt nur um die Mittagszeit Wurstabfälle, und es war noch sehr früh und darum jede weitere Freundlichkeit vergeblich. Er stieß mit der Nase die mit grünem Stoff bezogene Zwischentür auf, lief die Treppe hinauf und setzte sich geduldig wartend vor eine Tür, hinter der eine alte Frau wohnte, die ihm gute Milch zu geben pflegte. Aber er mußte warten, bis die aufgestanden war. Mit gespitzten Ohren und wachsam geöffneten Augen lauschte er auf jedes Geräusch hinter der Tür. Jetzt war es noch ganz still ... er hörte nur das Ticken der Standuhr ... so, jetzt mußte sie kommen ... es dauerte wohl lange ... aber die Milch war dafür auch so schön süß... die Stückchen Brot drin aß er nicht... aber er nahm sie in die Schnauze und sog sie aus... halt, jetzt hörte er wieder Lärm drinnen... Mops kratzte leise mit der rechten Vorderpfote ... und nochmal... und noch mal ... ja, das war die liebe Stimme.... »Ist mein Möpschen da ... ist mein süßer, lieber, kleiner Mops da ... warte du nur, mein kleines Möpschen ... die Frau kommt ... da ist sie schon, da ist sie schon,« und die Tür wurde um einen Spaltbreit geöffnet, und er zwängte sich hinein und tat furchtbar froh und war sehr freundlich; denn hier gab's gute Milch und niemals Schläge, und hier durfte er alles tun, was er wollte ... und er springt an dem alten Frauchen empor, und sie hebt ihn auf – er nicht bange, altes Frauchen tut ihm nie etwas ... und er streckt das rote Zünglein heraus und beleckt dem alten Frauchen das Kinn und die Backen und den Mund und wird dann wieder sanft hingestellt mit lieben Worten. Und dann springt er auf einen Stuhl, um gut sehen zu können, was altes Frauchen macht ... und er sieht die weiße Kanne und hört das Klirren des kleinen Napfes und das Fließen des kleinen Milchstrahls, und er sieht ferner, wie ein kleines Stückchen Zucker hineingebröckelt wird und ein kleines Stückchen Brot. Und immerfort spricht altes Frauchen ihm freundlich zu und er schwänzelt und schnuppert mit der feuchten Schnauze und springt vom Stuhl, um rasch ihren Pantoffel zu lecken und dann schnell wieder auf den Stuhl zurück, damit er die Milch nicht aus dem Auge verliert. Und langsam nimmt Frauchen die kleine Schüssel wieder in ihre blaurote, magere Hand und er, schwapp! vom Stuhl herunter und stößt gegen die alte, langsame Hand und leckt jetzt, schlicke-schlack, die süße Milch auf ... und hört jetzt nicht mehr auf ihre Worte ... schlicke-schlack ... schlicke-schlack ... schlicke-schlack, süße Milch trinken bis sie alle ist und Stückchen Brot aussaugen und dann Näpfchen wieder rundherum auslecken .... Und altes Frauchen ansehen, mit begehrlichen Augen, die umherblicken, aber sie nicht versteht ... Menschen sind dumm ... dumme, große Tiere, die die Hundesprache und die Hundebegierden und den Hundeblick nicht verstehen .... Und dann setzt sich das alte Frauchen vor's Fenster mit ihrer Tasse in der Hand, und er springt auf ihren Schooß und streckt sich behaglich hin, und sie gießt ein paar Tropfen auf die Untertasse und läßt sie ihn ablecken ... Es schmeckt nicht so gut wie die süße Milch ... es ist so ein komischer Geschmack von Kräutern dabei ... aber doch auch von süßer Milch, und darauf ist Möpschen mollig warm auf dem Schooß eingeschlafen .... Aber nach einem Weilchen weckt die alte Frau ihn und setzt ihn behutsam nieder mit freundlichen Worten, und er legt sich knurrend und maulend auf ein Fußkissen und sieht zu, was sie weiter treibt. Und wieder gießt sie Milch in den Napf, aber diesmal nicht für Mops, sondern für die graue Katze, die mit hohem Rücken schmeichelnd auf das alte Fräulein zukommt, und setzt den Napf auf den Boden und geht zur Tür hinaus, fort aus dem Zimmer. Und Mops gleich auf die Schüssel los und schlack, schlack, schlack, die Milch von der Katze weggeleckt und die weggestoßen und die Katze wütend. Aber Mops nicht bange, er weiß wohl, daß er es mit ihr aufnehmen kann, knurrt nur leise, bellt, und mit einem Sprung ist die Katze weg und sitzt auf dem Fensterbrett und starrt mit grünen Verachtungsaugen auf Mops, der schlick, schlack, die Schüssel leerleckt und sich dann an die Tür setzt und wartet, bis das Fräulein zurückkommt. Und als er das alte Frauchen schlürfenden Schrittes herbeikommen hört, er ihr entgegen und an ihr emporgesprungen und wieder freundliche Worte: »Ist er denn da, der gute – liebe, süße – Hund – ist es denn mein Mops, mein süßes Möpschen ... ja, ja ...« Und sie sieht die Katze auf dem Fenstersims und neben ihr den leeren Napf und sagt: »hat Kätzchen auch ihre Milch aufgeleckt ... gutes Kätzchen auch ... und sie streichelt die Katze, die einen hohen Rücken macht und sie mit ihren grünen Augen ansieht und damit auszusprechen versucht, wie böse der Mops gewesen ist, aber Menschlein versteht die Katzenaugensprache auch nicht, und altes Frauchen, das sieht, wie Mops nun auf sie zukommt und ihren Pantoffel leckt, sagt: »Gutes Möpschen ... ja, du bist auch gut ... bist du eifersüchtig aufs Kätzchen? ... Komm du nur, mein gutes Moppelchen, du sollst noch Milch haben ...« Und wieder gießt sie einen weißen Strahl in die kleine Schüssel und wieder macht Möpschen mit verschmitzten, zugekniffenen Augen schlick, schlack; aber es hat nun keinen Durst mehr und kann nicht mehr trinken und leckt noch einmal langsam an der weißen Flüssigkeit und geht dann knurrend ab ... und der Mops läßt die Milch stehen; denn jetzt möchte das Möpschen etwas Reelles, etwas Festes zu fressen haben, ein gutes Stück Fleisch oder einen Knochen, um daran zu knabbern, und Kätzchen schleicht leise zu der verlassenen Schüssel mit dem Restchen Milch und beginnt mit ihrem seinen, weichen roten Züngelchen den Rest der Milch von Möpschens Überfluß abzulecken. Altes Frauchen will Mops wieder auf den Schoß nehmen, aber Mops will fort, – denn jetzt ist es des Schlachters Stunde, und der Schlächter riecht so gut nach Blut und nach Fleisch, und er gibt ihm Knochen und ein kleines Stückchen Fleisch, und Mops kratzt jetzt an der Tür. Und altes Frauchen steht auf und öffnet sie ihm mit freundlichen Worten ... »Muß gutes Möpschen raus? Ja, ja, ist mein gutes Möpschen, so gut gezogen ... ja, ja, geh du nur, du gutes Tier ...« Und jetzt Mops rasch zur Tür hinaus und die Treppe hinunter und die Tür mit der Nase aufgestoßen und an dem langen, grauen Mann emporgesprungen, und dann hinaus und sich vor die Tür gesetzt in die Sonne und dann auf den weißen Mann gewartet, der so gut riecht nach Blut und nach Fleisch ... Aber Mops ist unruhig, Floh auf dem Rücken ... Nase über den Rücken gestoßen und mit der Zunge gesucht und versucht, mit Zähnen Floh zu beißen; aber der Floh weg und sitzt unter dem Bauch und Möpschen kratzt nun mit der hinteren Pfote und darauf Floh wieder weg und er ruhig. Schlächter gekommen und aus dem Korb Stückchen Fleisch und Knochen gegeben und Mops Fleisch verschlungen – happ – happ – happ – und mit dem Knochen im Maul davongelaufen nach dem Plätzchen unter dem Ladentisch, und da liegt Mops nun ruhig im Halbdunkel in seinem Neste aus Packleinen, den Knochen zwischen den Vorderpfoten und nagt und nagt, bis der Knochen ganz ratzekahl ist, und dann setzt er die Zähne an den Knochen und nagt und beißt weiter, bis der Knochen ganz zersplittert, und dann ist Möpschen müde und schlummert ein und ruht sich aus. Aber um zwölf Uhr wacht er auf und wartet noch halb schlafend auf das bekannte Geräusch von dem knisternden Papier, aus dem das Butterbrot des grauen Mannes zum Vorschein kommt, und dann geht er gleich schwänzelnd auf den grauen Mann los und setzt sich neben ihn und sieht nach dem Kopf von dem großen Menschentier und sieht nach dem Maul, das sich bewegt und nach den Klauen, die das Brot festhalten, und sieht dann, wie die Haut abgezogen wird von kleinen Scheiben rotem Fleisch; aber das Fleisch geht ins Menschenmaul, und nur die Haut ist für Mops ... Aber da mit einemmal faßt sich das graue Menschentier mit der Hand nach dem Hals und kneift die Finger zusammen und Mops bittet mit gierigen Augen um kleine Hautstückchen; aber der graue Mann gibt ihm plötzlich einen Tritt und sagt böse Worte: »Der verd ... te Hund hat Flöhe!« und Mops weicht rasch aus. Aber er spürt keinen Schmerz von dem Tritt und bleibt in respektvoller Entfernung stehen und ist ganz verwundert über die ungewohnte Unfreundlichkeit des grauen Mannes ... Und wieder läuft er schwänzelnd zurück; aber doch blickt er scheu auf den Stiefel, und der Stiefel rührt sich, wie ein großes, schwarzes Tier, und wieder läuft Mops hastig fort und jetzt zur Tür hinaus und rennt draußen schnüffelnd an der Gosse entlang. Und so geht Mops den ganzen Tag umher, nach Leckerbissen suchend und schnuppernd und schnüffelnd, und des Abends spät schläft er ein auf dem Packleinen unter dem Ladentisch und fängt an zu träumen und seufzt leise. O ... o ... o ... er ist in einem süßen Traum, in einem Hundehimmel mit einer großen Schüssel, voll mit rotem Fleisch und feinen Knöchelchen ... o ... o ... o ... und keine Flöhe und keine großen Hunde ... und keine Menschentiere mit großen, schwarzen Stiefeln, vor denen Hündchen stets auf der Hut sein muß ... o ... o ... o ... gutes Tier träumt von Milch und von Knochen und von Fleisch und vom guten, alten Fräulein ... und weint dann ganz leise im Schlaf ... o weh ... o weh ... er fühlt noch immer den Schmerz von dem Tritt, den er schon am frühen Morgen dicht bei der Brücke von dem grausamen Menschentier in die Seite bekommen ... Iwan Turgenjeff Mumu, das Hündchen des Taubstummen Deutsch von L.A. Hauff. Aus »Zwei Erzählungen« von I. S. Turgenjeff. Verlag von Otto Janke, Berlin. In einer entlegenen Straße Moskaus wohnte eine verwitwete Dame, umgeben von einem zahlreichen Hausgesinde, in einem grauen Hause mit weißen Säulen, Entresol und bedecktem Balkon. Ihre Söhne waren im Dienst in Petersburg, ihre Töchter verheiratet. Selten ging sie aus und verlebte einsam die letzten Jahre ihres traurigen Alters. Ihr Tag war schon lange verflossen, trüb und freundlos, ihr Abend aber war schwärzer als die Nacht. Die merkwürdigste Person in ihrem ganzen Hausgesinde war Gerassim, der Portier, ein Taubstummer von mächtiger Gestalt. Die Herrin hatte ihn vom Gut mitgenommen, wo er allein in einer kleinen Hütte, getrennt von seinesgleichen, gewohnt und für den besten Frohnbauern gegolten hatte. Mit einer ungewöhnlichen Kraft begabt, arbeitete er für vier, und es war ein Vergnügen, zu sehen, wie die Arbeit unter seinen Händen gedieh. Die beständige Schweigsamkeit verlieh seiner unermüdlichen Arbeit eine feierliche Würde. Er war ein prächtiger Bauer, und wäre sein Gebrechen nicht gewesen, so hätte ihn jedes Mädchen gerne geheiratet. Aber nun führte man Gerassim nach Moskau, kaufte ihm Stiefel, einen Kaftan für den Sommer und einen Pelz für den Winter, gab ihm einen Besen und eine Schaufel in die Hand und machte ihn zum Portier. Sein neues Leben mißfiel ihm anfangs sehr. Von Jugend auf war er gewöhnt an Feldarbeiten und Landleben. Durch seinen Sprachfehler den Menschen entfremdet, wuchs er stumm und kräftig auf, wie ein Baum auf fruchtbarer Erde ... In die Stadt versetzt, begriff er nicht, was mit ihm vorging. Er grämte und wunderte sich wie ein junger Stier, den man eben von der Weide genommen und in einen Eisenbahnwagen geführt hatte, und welcher jetzt unter Rauch und Funken und zischenden Dampfwolken unter Gepolter und Pfeifen mit Sturmeseile fortgebracht wird, Gott weiß, wohin. Gerassim erschienen seine Obliegenheiten in seiner neuen Stellung wie Scherz nach der schweren Feldarbeit. In einer halben Stunde war er mit allem fertig. Dann stand er oft mitten im Hof und starrte die Vorübergehenden mit offenem Mund an, als ob er von ihnen Aufklärung über seine rätselhafte Lage erwartete. Zuweilen aber verkroch er sich plötzlich in eine Ecke, schleuderte Besen und Schaufel weit von sich, warf sich mit dem Gesicht auf die Erde und lag stundenlang regungslos auf der Brust, wie ein gefangenes Raubtier. Aber der Mensch gewöhnt sich an alles, und so gewöhnte sich endlich auch Gerassim an das Stadtleben. Er hatte nicht viel Arbeit. Sein Amt war es, den Hof rein zu halten, zweimal täglich ein Faß voll Wasser herbeizuführen, Holz für die Küche und das Haus herbeizuschaffen und zu spalten, keine Fremden ins Haus zu lassen und nachts zu wachen. Und er erfüllte seine Pflichten mit Eifer. Niemals lag ein Spänchen oder Scherben auf dem Hof umher; wenn einmal sein Wagen mit dem Wasserfaß bei Tauwetter im Schlamm stecken blieb, so schob er nur ein wenig mit der Schulter, und nicht nur der Wagen, sogar das Pferd rührten sich von der Stelle. Wenn er Holz spaltete, erklang sein Beil wie Glas, und die Späne flogen nach allen Seiten. Und er hielt scharfe Wache. Seitdem er einmal in der Nacht zwei Diebe gefangen und ihnen die Köpfe so zusammengestoßen hatte, daß man sie nachher kaum noch auf die Polizei zu führen brauchte, stand er in der ganzen Nachbarschaft in großem Respekt. Mit der übrigen Dienerschaft stand Gerassim nicht gerade auf freundschaftlichem Fuß – denn sie fürchteten ihn – aber er kannte sie und sah sie für die seinigen an. Sie verständigten sich mit ihm durch Zeichen. Er verstand sie und führte alle Aufträge genau aus. Aber er kannte auch seine Rechte, und niemand hätte gewagt, seinen Platz bei Tisch einzunehmen. Überhaupt hatte Gerassim ein strenges, ernstes Wesen und liebte die Ordnung in allem. Selbst die Hähne wagten nicht, in seiner Gegenwart sich zu raufen. Wenn er so etwas sah, gleich ergriff er den Schuldigen am Bein, schwang ihn ein halbes Dutzend Mal in der Luft im Kreis herum und warf ihn fort. Auf dem Hofe hausten auch Gänse. Aber die Gans ist bekanntlich ein würdiger und bedachtsamer Vogel. Gerassim empfand Achtung für sie, sah nach ihnen und fütterte sie. Er glich selbst einem ehrbaren Gänserich. Unter der Küche hatte man ihm eine Kammer angewiesen, die er selbst nach seinem Geschmack einrichtete. Er baute sich eine Lagerstätte aus Eichenbrettern auf vier Blöcken, ein wahres Riesenbett. Man konnte hundert Pud darauflegen, es hätte sich nicht gebogen. Unter dem Bett stand ein starker Koffer, in einer Ecke stand ein Tischchen von ebenso starker Art und daneben ein dreibeiniger, niedriger Stuhl von dauerhafter Art, daß Gerassim ihn zuweilen aufhob, fallen ließ und dann lachte. Den Schlüssel zu seiner Kammer, der aussah wie ein Kalatsch (eine Art Semmel), trug Gerassim immer im Gürtel. Er liebte es nicht, daß man seine Kammer betrat. So verging ein Jahr. Am Ende desselben trat ein Ereignis ein, daß auch Gerassim betraf. Die alte Herrin befolgte in allem die alten Gebräuche und hielt daher eine zahlreiche Dienerschaft. Im Hause befanden sich nicht nur Wäscherinnen, Näherinnen, Tischler, Schneider und Schneiderinnen, sondern auch ein Sattler, der zugleich als Tierarzt, sowie als Arzt für die Dienstleute galt, ferner der Hausarzt der Herrin und endlich ein Schuhmacher, namens Kapitän Klimow, ein starker Säufer. Klimow hielt sich für ein verfolgtes, verkanntes Wesen, einen gebildeten, der Residenz würdigen Menschen, dem es nicht zukomme, sein Leben tatenlos in einer Einöde zu verbringen. Wenn er trank, erklärte er mit theatralischen Pausen, indem er sich auf die Brust schlug, so trank er nur aus Kummer. Auf diesen kam einmal die Rede bei einer Beratung der Herrin mit ihrem Haushofmeister Gawrila, einem Menschen, welchen das Schicksal, schon nach seinen gelben Äuglein und seiner Entennase zu urteilen, für eine gebietende Stellung bestimmt zu haben schien. Die Herrin klagte über den sittlichen Verfall Klimows, welcher am Abend vorher auf der Straße aufgelesen worden war. »Höre, Gawrila,« sagte sie plötzlich, »sollten wir ihn nicht verheiraten? Was meinst du? Vielleicht wird er dadurch gebessert.« »Warum nicht, gnädige Frau?« erwiderte Gawrila, »das können wir versuchen, es wird sogar sehr gut sein.« »Ja, aber wer soll ihn heiraten?« »Nun, wie es Ihnen gefällig sein wird, gnädige Frau. Er kann immer noch zu etwas gut sein. Im Dutzend läuft er noch mit.« »Ich glaube, die Tatjana gefällt ihm.« Gawrila schien erst etwas erwidern zu wollen, dann aber schloß er die Lippen. »Ja! ... Er soll die Tatjana freien,« entschied die Herrin, indem sie mit Wonne eine Prise nahm. »Hörst du?« »Zu Befehl,« sagte Gawrila und verließ das Zimmer. Als er in sein Zimmer kam, das fast ganz von stark beschlagenen Koffern angefüllt war, sandte er zuerst seine Frau hinaus, dann setzte er sich ans Fenster und überlegte. Die unerwartete Verfügung der Herrin hatte ihn sichtlich aus der Fassung gebracht. Endlich stand er auf und befahl, Klimow zu rufen. Klimow erschien; doch bevor wir dem Leser ihr Gespräch mitteilen, halten wir es für notwendig, mit einigen Worten zu erzählen, wer diese Tatjana war, welche Klimow heiraten sollte, und warum der Befehl der Herrin den Haushofmeister beunruhigte. Tatjana diente als Wäscherin im Hause und wegen ihrer Geschicklichkeit wurde ihr nur seine Wäsche anvertraut. Sie war etwa achtundzwanzig Jahre alt, klein, hager, blondlockig, mit kleinen Muttermalen auf der linken Wange. Muttermale auf der linken Wange gelten in Rußland als schlimmes Zeichen, als Vorzeichen eines unglücklichen Lebens. Tatjana konnte sich auch wirklich ihres Schicksals nicht rühmen. Von früher Jugend auf hatte sie immer unter schwerem Druck gelebt. Sie arbeitete für zwei, erhielt aber nie ein freundliches Wort dafür, wurde schlecht gekleidet und erhielt nur kargen Lohn. Verwandte hatte sie so gut wie keine. Nur ein alter Aufseher, den man wegen seiner Untauglichkeit auf dem Gute zurückgelassen hatte, galt für ihren Onkel und noch andere Onkel von ihr waren Bauern auf dem Dorfe. – Das war alles. Früher hatte sie für eine Schönheit gegolten, aber ihre Reize waren sehr rasch verblichen. Sie war von sehr demütigem Charakter, oder besser gesagt, sehr eingeschüchtert. Für sich selbst war sie gleichgültig, vor anderen aber hatte sie große Furcht. Sie dachte nur daran, ihre Arbeit zur vorgeschriebenen Zeit zu vollenden, sprach mit niemand und zitterte schon beim bloßen Namen der Herrin, obgleich diese sie kaum von Ansehen kannte. Als Gerassim vom Gut mitgebracht wurde, starb sie beinahe vor Schrecken beim Anblick seiner mächtigen Gestalt und suchte jede Begegnung mit ihm angstvoll zu vermeiden. Anfangs achtete er nicht auf sie, dann lachte er, wenn sie ihm unverhofft begegnete, dann fing er an, ihr nachzusehen und endlich wandte er seine Augen nicht mehr von ihr ab. Sie gefiel ihm sehr, vielleicht wegen ihres milden Gesichtsausdrucks oder wegen ihrer schüchternen Bewegungen, – Gott mag es wissen! Einmal ging sie durch den Hof, indem sie mit ausgestreckten Fingern eine gestärkte Jacke der Herrin vorsichtig vor sich hielt. Plötzlich faßte sie jemand stark am Ellbogen. Sie blickte sich um und – schrie entsetzt laut auf, – hinter ihr stand Gerassim. Mit einfältigem Grinsen und freundlichem Knurren reichte er ihr einen Hahn aus Pfefferkuchen mit vergoldetem Schweif und Flügel. Sie wollte das Kunstwerk zurückweisen, aber er steckte es ihr fast mit Gewalt in die Hand, wiegte den Kopf und ging weiter. Dann wandte er sich um und brüllte ihr nochmals etwas sehr Liebenswürdiges zu. Von diesem Tage an ließ er ihr keine Ruhe mehr, wohin sie ging, da war er auch, kam ihr entgegen, lachte, brüllte und winkte mit den Händen, zog plötzlich ein Band aus der Brusttasche und reichte es ihr und fegte mit dem Besen den Staub vor ihr weg. Das arme Mädchen wußte sich keinen Rat mehr. Bald erfuhr das ganze Haus von den Streichen des stummen Portiers. Von allen Seiten regnete es Spottreden und beißende Sticheleien auf Tatjana. Über Gerassim zu spotten, erlaubte sich aber nicht leicht jemand. Er liebte keine Scherze und in seiner Gegenwart ließ man sie in Ruhe. Unwillkürlich geriet sie so unter seinen Schutz. Wie alle Taubstummen war er sehr feinfühlig und begriff sehr wohl, wenn man über ihn oder über sie lachte. Einmal fiel es der Kastellanin, der Vorgesetzten Tatjanas, ein, auf sie zu sticheln, und sie brachte es so weit, daß die Arme nicht wußte, wohin sie die Augen wenden sollte und aus Verdruß dem Weinen nahe war. Plötzlich erhob sich Gerassim, streckte seine ungeheure Hand aus, legte sie der Kastellanin auf den Kopf und sah ihr mit einer solchen finsteren Wut ins Gesicht, daß diese sich auf den Tisch niederbeugte. Alle verstummten. Gerassim griff wieder Zum Löffel und aß seine Kohlsuppe. »Sieh doch! Der taube Teufel! Der Waldteufel,« murmelten die andern halblaut, die Kastellanin aber stand auf und ging in das Mädchenzimmer. Ein anderes Mal bemerkte Gerassim, daß Klimow, derselbe, von dem eben die Rede gewesen, etwas zu liebenswürdig mit Tatjana ein Gespräch anzuknüpfen suchte. Gerassim winkte Klimow mit dem Finger zu, zu ihm zu kommen, führte ihn in die Wagenscheune, ergriff eine in einer Ecke stehende Deichsel und drohte Klimow damit. Seit dieser Zeit sprach niemand mehr mit Tatjana. Und das alles lief gut ab. Zwar fiel die Kastellanin sogleich in Ohnmacht, sobald sie das Mädchenzimmer erreicht hatte, und agierte so schlau, daß es ihr noch an demselben Abend gelang, das grobe Benehmen Gerassims zur Kenntnis der Herrin zu bringen. Aber die launenhafte alte Dame lachte nur mehrere Male laut auf zum großen Verdruß der Kastellanin, ließ sie wiederholen, wie er ihr sein schweres Händchen aufgelegt habe und schickte Gerassim am nächsten Tage einen Rubel. Sie war ihm gewogen, als treuem und starkem Wächter. Gerassim fürchtete sie sehr, hoffte aber dennoch auf ihre Gnade und war im Begriff, zu ihr zu gehen mit der Bitte um die Erlaubnis, Tatjana zu heiraten. Er wartete nur auf den neuen Kaftan, den ihm der Haushofmeister versprochen hatte, um in anständigem Aufzug vor der Herrin zu erscheinen, als plötzlich diese den Einfall hatte, Tatjana dem Klimow zu geben. Der Leser wird jetzt leicht selbst den Grund der Unruhe begreifen, welche Gawrila nach dem Gespräche mit der Herrin befiel. Die Herrin, dachte er, am Fenster sitzend, ist natürlich dem Gerassim gewogen. Das wußte Gawrila wohl und sah ihm deshalb durch die Finger. Nun, er ist ein wortloses Wesen. Sollte man nicht der Herrin melden, daß Gerassim der Tatjana den Hof macht? Ja, und am Ende ist es auch wahr, was ist er für ein Mann? Aber anderseits, Gott behüte. Wenn dieser Waldteufel erfährt, daß man die Tatjana dem Klimow gibt, so schlägt er alles im Hause kurz und klein. Zureden hilft nichts bei ihm. Man kann diesen Satan, Gott verzeih mir, auf keine Weise bereden. Das Erscheinen Klimows unterbrach Gawrilas Nachdenken. Der leichtsinnige Schuster trat ein, warf die Arme auf den Rücken und lehnte sich unbefangen an eine hervorstehende Ecke in der Wand neben der Tür. Dann stellte er den rechten Fuß kreuzförmig vor den linken und schüttelte den Kopf. »Nun, da bin ich. Was wünschen Sie?« Gawrila sah Klimow an und klopfte mit den Fingern auf das Fensterkreuz. Klimow kniff nur seine zinnernen Äuglein etwas zusammen, schlug sie aber nicht nieder, lächelte sogar ein wenig und fuhr mit der Hand in seine semmelblonden Haare, welche sich wirr sträubten. »Nun ja, ich bin's, ich. Was starrst du mich an?« »Gut,« sagte Gawrila und schwieg. »Sehr gut, nichts auszusetzen.« Klimow zuckte nur ein wenig mit den Achseln. Und du bist wohl besser? dachte er. »Nun, sieh dich einmal an,« fuhr Gawrila in vorwurfsvollem Tone fort, »wie siehst du aus?« Klimow warf einen gleichmütigen Blick auf seinen zerlumpten Rock, seine mangelhaft geflickten Hosen und betrachtete mit besonderer Aufmerksamkeit seine zerrissenen Stiefel, besonders den einen, aus dessen Spitze so niedlich die Zehen hervorsahen. Dann sah er wieder den Haushofmeister an. »Nun, was?« »Was?« wiederholte Gawrila, »was, du fragst noch? Wie der Teufel siehst du aus, Gott verzeih mir die Sünde.« Klimow blinzelte mit den Äugelein. Zanken Sie, zanken Sie, meinetwegen, Gawrila Andrejitsch, dachte er. »Du warst also wieder betrunken,« begann Gawrila, »schon wieder? Was? Nun, gib doch Antwort.« »Wegen schwacher Gesundheit habe ich mich geistigen Getränken unterworfen, das ist wahr.« »Wegen schwacher Gesundheit! ... Nicht übel ... Da hast zu wenig Prügel bekommen, das ist's! Und du warst doch in Petersburg in der Lehre ... Du hast etwas Schönes gelernt in der Lehre! Ißt nur dein Brot umsonst.« »In diesem Fall wird nur einer mein Richter sein, Gott der Herr selbst und sonst niemand. Er allein weiß, was für ein Mensch ich bin und ob ich umsonst mein Brot esse. Und was die Vorstellung von der Trunkenheit betrifft, so bin ich auch darin nicht schuldig, sondern eher ein Genosse von mir. Der verführte mich, dann aber war er schlau und ging fort und ich ...« »Und du bist auf der Straße geblieben, Esel. Ach, du liederlicher Mensch! ... Nun, aber jetzt handelt es sich nicht darum. Also höre. Der Herrin –« lange Pause – »der Herrin wird es gefallen, dich zu verheiraten. Hörst du? Sie hofft, daß du dadurch gebessert werden wirst. Verstehst du?« »Wie soll ich das nicht verstehen?« »Nun ja, nach meiner Ansicht wäre es besser, dich einmal gründlich vorzunehmen. Nun ja, das ist nun einmal die Art der gnädigen Frau. Also? Du willigst ein?« Klimow grinste. »Heiraten ist eine schöne Sache für den Menschen, Gawrila Andrejitsch ... und meinerseits ... mit meinem sehr angenehmen Vergnügen ...« »Gut,« sagte Gawrila und dachte im stillen: das muß man sagen, der Mensch spricht akkurat. »Aber eins muß ich dir sagen,« fuhr er laut fort, »die Braut, die man dir auswählte, ist nicht hübsch.« »Wer ist's? Entschuldigen Sie die Neugierde.« »Tatjana.« »Tatjana?« Klimow riß die Augen auf und rückte von der Wand ab. »Nun, warum wirst du so unruhig? Gefällt sie dir nicht?« »Warum nicht, Gawrila Andrejitsch? Das Mädchen ist nicht übel ... Aber Sie wissen ja selbst, dieser Waldteufel ... Steppengespenst ... läuft ihr nach ...« »Ich weiß,« unterbrach ihn ärgerlich der Haushofmeister, »aber ...« »Erbarmen sie sich, Gawrila Andrejitsch, er schlägt mich tot, wahrhaftig ... wie eine Fliege. Sie sehen selbst, was er für eine Hand hat. Er ist ja taub, schlägt zu und hört nicht, wie er schlägt. Er ist so ein Raubtier, ein Idol – Gawrila Andrejitsch, schlimmer als ein Idol ... so eine Wespe. Warum soll ich mich jetzt seiner Verfolgung aussetzen? Man ist doch auch ein Mensch und nicht nur so ein unnützer Topf.« »Ich weiß, ich weiß, genug!« »Ach, mein Gott!« fuhr der Schuster ängstlich fort, »wie wird das enden? O Herr! Ich armer Teufel! Ach, mein Schicksal, wenn man daran denkt! In der Jugend wurde ich geschlagen von dem deutschen Meister, in besserer Lebensstellung von meinesgleichen und jetzt, im reiferen Alter, ist es soweit gekommen ...« »Ach, du Bastseele,« sagte Gawrila, »wozu die Weitläufigkeiten? Packe dich!« Klimow wandte sich zum Gehen. »Und wenn Gerassim nicht wäre,« rief ihm der Haushofmeister nach, »so wärst du einverstanden?« »Ich erkläre meine Zustimmung,« erwiderte Klimow und ging. Die gezierte Redeweise gab er keinen Augenblick auf. Der Haushofmeister ging einige Male durchs Zimmer. »Nun ruft Tatjana her,« befahl er endlich. Nach wenigen Augenblicken trat Tatjana leise ein und blieb an der Tür stehen. »Was befehlen Sie, Gawrila Andrejitsch?« fragte sie mit leiser Stimme. Der Haushofmeister blickte sie durchdringend an. »Nun, Tatjana,« begann er, »willst du heiraten? Die Herrin hat dir einen Bräutigam ausgesucht.« »Ich höre, Gawrila Andrejitsch. Aber wen hat sie mir zum Bräutigam ausgesucht?« fragte sie mit unsicherer Stimme. »Klimow; den Schuhmacher.« »Ich höre, Herr.« »Er ist ein leichtsinniger Mensch, das ist wahr. Aber die Herrin verläßt sich auf dich.« »Ich höre, Herr.« »Nur eins ist schlimm ... Dieser Taubstumme da, Gerassim, ist in dich verliebt. Womit hast du diesen Bären an dich gezogen? Aber er schlägt dich tot, wahrscheinlich, so ein Ungetüm.« »Das ist ganz sicher, er schlägt mich tot.« »Nun, das wollen wir sehen. Wie kannst du sagen, er werde dich totschlagen? Hat er etwa das Recht dazu? Bedenke doch selbst.« »Ich weiß nicht, Gawrila Andrejitsch, ob er das Recht hat oder nicht.« »Ach, sieh doch! Du hast ihm doch nichts versprochen?« »O, was denken Sie?« Der Haushofmeister schwieg und dachte: du bist eine demütige Seele. »Nun gut,« sagte er laut, »ich werde darüber noch mit dir sprechen. Jetzt geh, Tanjuscha, ich sehe, du bist gehorsam.« Tatjana wandte sich um und ging. Vielleicht hat die Herrin morgen die ganze Geschichte wieder vergessen, dachte der Haushofmeister, und ich habe mir unnötige Sorgen gemacht. Diesen Schlagetot werden wir schon bändigen, wenn nötig, rufen wie die Polizei ... »Ustinja Fedorowna!« rief er laut nach seiner Frau, »stellen Sie das Samowarchen auf, meine Verehrteste!« Fast den ganzen Tag kam Tatjana nicht mehr aus der Waschküche hervor; anfangs weinte sie heftig, dann trocknete sie die Tränen und machte sich wieder an die Arbeit. Klimow saß bis in die späte Nacht in der Werkstatt mit einem Freund von sehr finsterem Aussehen und erzählte ihm ausführlich, wie er in Piter (Petersburg) bei einem Herrn gewesen sei, der in allem Vorzüge besaß und über die öffentliche Ordnung wachte, wobei er aber einen ganz kleinen Fehler sich erlaubte. Er gab sich schrecklich dem Trunk hin und was das weibliche Geschlecht betraf, bis zu allen Qualitäten gelangte ... Der finstere Kamerad nickte nur, aber als Klimow ihm erzählte, er müsse aus einem besonderen Grund am nächsten Tage Hand an sich legen, bemerkte der finstere Genosse, es sei Zeit, schlafen zu gehen. Und sie trennten sich mürrisch und schweigend. Die Erwartung des Haushofmeisters ging jedoch nicht in Erfüllung. Die Herrin war mit dem Heiratsprojekt so beschäftigt, daß sie sogar in der Nacht nur davon gesprochen hatte mit einer ihrer Gesellschafterinnen, welche nur für den Fall von Schlaflosigkeit im Hause gehalten wurde und wie ein Nachtkutscher bei Tage schlief. Als Gawrila nach dem Tee bei ihr eintrat, um Bericht abzustatten, war ihre erste Frage: »Und wie ist's mit unserer Heirat? Geht die Sache?« Natürlich antwortete er, es gehe ganz vortrefflich, und Klimow werde noch heute erscheinen, um der Herrin zu danken. Die Herrin war etwas unwohl und widmete sich nicht lange den Geschäften. Der Haushofmeister kehrte in seine Wohnung zurück und berief einen Kriegsrat. Die Sache erforderte in der Tat besondere Überlegung. Tatjana widersprach natürlich nicht, aber Klimow erklärte laut vor allen, er habe nur einen Kopf, nicht zwei und nicht drei. Gerassim blickte rasch und finster nach allen, wich nicht von dem Mädchenflügel und schien zu erraten, daß etwas Schlimmes im Anzug sei. Die Versammelten, unter welchen sich auch der alte Küchenmeister mit dem Beinamen Onkel Zopf befand, an den sich alle ehrerbietig um Rat wandten, obgleich nichts weiter von ihm zu hören war, als: »Siehst du, wie die Sache ist, ja, ja, ja, ja,« begannen damit, daß sie zur Sicherheit Klimow in einen Verschlag bei der Wasserreinigungsmaschine einschlossen und hielten dann eifrig Rat. Es wäre natürlich leicht gewesen, Gewalt zu brauchen, aber, Gott behüte, dann entsteht Lärm, die Herrin wird beunruhigt. Was sonst? Lange dachten sie nach und endlich wurde etwas erdacht. Schon oft war bemerkt worden, daß Gerassim Betrunkene nicht leiden konnte. Am Hoftor sitzend, wandte er sich immer mit Abscheu ab, wenn ein Betrunkener mit unsicheren Schritten, die Mütze auf dem Ohr, vorüberging. Man beschloß, Tatjana anzuweisen, sich betrunken zu stellen und taumelnd bei Gerassim vorüberzugehen. Das arme Mädchen weigerte sich lange, ließ sich endlich aber überreden. Überdies sah sie selbst ein, daß sie sich anders von ihrem Verehrer nicht befreien könne. Sie ging. Klimow wurde aus der Rumpelkammer herausgelassen, denn die Sache ging ja ihn doch auch an. Gerassim saß auf einem kleinen Pfosten an der Pforte und bohrte mit der Schaufel in die Erde ... Von allen Ecken und allen Fenstern blickte man neugierig nach ihm. Der Streich gelang vorzüglich. Als er Tatjana erblickte, nickte er zuerst mit dem Kopf, unter freundlichem Brüllen, wie gewöhnlich, dann blickte er sie aufmerksam an, ließ die Schaufel fallen, sprang auf, trat auf sie zu und näherte sein Gesicht dem ihrigen ... Aus Angst schwankte sie noch mehr und schloß die Augen ... Darauf erfaßte er sie an der Hand, zog sie im Lauf durch den ganzen Hof und trat in das Zimmer, wo die Beratung stattfand. Dort stieß er sie gerade zu Klimow hin. Tatjana fiel in Ohnmacht. Gerassim blieb stehen, betrachtete sie, zuckte die Achseln, lachte und ging mit schweren Schritten in seine Kammer. Ganze Tage lang kam er nicht mehr zum Vorschein. Der Stallknecht Antipka erzählte später, er habe durch eine Spalte gesehen, wie Gerassim, auf seinem Bett sitzend, die Hand an die Wange legte und leise im Takt sang, zuweilen brüllend, dann sich mit geschlossenen Augen wiegte und den Kopf schüttelte, wie die Postillione oder die Bootsknechte, wenn sie ihre schwermütigen, gedehnten Lieder singen, Antipka wurde unbehaglich zumute und er zog sich von der Spalte zurück. Als am andern Morgen Gerassim aus seiner Kammer trat, war keine besondere Veränderung an ihm zu bemerken. Er war nur noch finsterer und beachtete Tatjana und Klimow nicht im geringsten mehr. An demselben Abend kamen sie beide mit Gänsen unter dem Arm zur Herrin und nach einer Woche wurden sie verheiratet. Am Tage der Hochzeit änderte Gerassim sein Verhalten nicht im geringsten. Aber er kam ohne Wasser vom Fluß zurück: unterwegs hatte er sein Faß zerschlagen. Am Abend putzte und rieb er sein Pferd im Pferdestall so heftig, daß es schwankte wie ein Gräschen im Wind und sich immer von einem Fuß auf den andern stellte unter seinen eisernen Fäusten. Das alles ereignete sich im Frühjahr. Noch ein Jahr verging, währenddessen Klimow durch den Trunk vollends ganz und gar herabkam und als ganz untauglicher Mensch mit einem Wagenzug samt seiner Frau auf ein entferntes Gut abgesandt wurde. Am Tage der Abfahrt behauptete er zuerst prahlerisch, er werde nicht untergehen, wohin man ihn auch senden möge. Dann aber wurde er kleinmütig, klagte, daß man ihn zu ungebildeten Leuten sende und wurde zuletzt so schwach, daß er seine eigene Mütze nicht aufzusetzen vermochte. Eine mitleidige Seele zog sie ihm über die Stirn, schob den Schirm zurecht und klopfte oben darauf. Als alles bereit war und die Bauern mit den Zügeln in den Händen nur noch den Befehl zur Abfahrt: »Mit Gott!« erwarteten, kam Gerassim aus seiner Kammer, trat auf Tatjana zu und reichte ihr ein rotes baumwollenes Tuch zum Andenken, das er vor einem Jahr für sie gekauft hatte. Tatjana, welche bis zu diesem Augenblick alle Wandlungen ihres Schicksals mit großem Gleichmut ertragen hatte, konnte sich jetzt nicht mehr halten, brach in Tränen aus, setzte sich auf den Wagen und küßte Gerassim dreimal. Er wollte sie bis zum Schlagbaum begleiten und ging zuerst neben ihrem Wagen her, halbwegs aber hielt er an, winkte mit der Hand und ging längs des Flusses hin. Es war Abend. Er schritt langsam dahin und blickte ins Wasser. Plötzlich glaubte er zu bemerken, daß etwas im Schlamm am Ufer heftig zappelte. Er bückte sich und erblickte ein kleines weißes Hündchen mit schwarzen Flecken, welches trotz aller Anstrengungen nicht aus dem Wasser kommen konnte, sich abmühte und an seinem ganzen feuchten und hageren Körper zitterte. Gerassim betrachtete das unglückliche Hündchen, ergriff es mit einer Hand, steckte es in seine Brusttasche und eilte mit großen Schritten nach Hause. Er ging in seine Kammer, legte das gerettete Hündchen auf sein Bett, bedeckte es mit seinem schweren Kittel, lief zuerst in den Stall nach Stroh und holte darauf in der Küche eine Tasse Milch, vorsichtig schob er den Kittel zurück, breitete das Stroh aus und stellte die Tasse auf das Bett. Das arme Hündchen war kaum drei Wochen alt, seine Augen hatten sich erst vor kurzem geöffnet, das eine schien sogar etwas größer zu sein als das andere. Es verstand noch nicht, aus der Tasse zu trinken, zitterte nur und blinzelte. Gerassim faßte es leicht mit zwei Fingern am Kopfe und tauchte seine Schnauze in die Milch. Nun begann das Tierchen gierig zu trinken, schnaubte, schüttelte sich und verschluckte sich. Gerassim sah zu und lachte ... Die ganze Nacht war er mit ihm beschäftigt, machte ihm ein Lager, trocknete es und verfiel endlich neben demselben in einen glücklichen, ruhigen Schlaf. Keine Mutter kann besser ihr Kind hätscheln, als Gerassim sein Hündchen. Anfangs war es sehr schwach, sah kümmerlich und nicht hübsch aus, bald aber erholte es sich und wuchs nach acht Monaten unter der beständigen Pflege seines Retters zu einer sehr hübschen Hündin spanischer Rasse heran mit langen Ohren, buschigem, trompetenförmigem Schweif und großen, ausdrucksvollen Augen. Sie war Gerassim leidenschaftlich anhänglich und wich keinen Schritt von ihm, sondern folgte ihm immer mit dem Schweif wedelnd nach. Er gab ihr auch einen Namen – die Stummen wissen, daß ihre Laute die Aufmerksamkeit anderer auf sie lenken – er nannte sie Mumu. Alle Leute im Hause hätschelten sie und nannten sie auch Mumu. Sie war außerordentlich klug, befreundete sich mit allen, liebte aber nur Gerassim. Er liebte sie sinnlos und es war ihm unangenehm, wenn andere sie streichelten; ob er etwas für sie befürchtete oder ob er eifersüchtig war, weiß niemand zu sagen. Mumu weckte ihn morgens, indem sie ihn am Rockflügel zog, führte ihm am Zügel die Wasserfuhre zu und lebte in großer Freundschaft mit dem alten Pferd. Mit wichtiger Miene begleitete sie Gerassim an den Fluß, bewachte seine Besen und Schaufeln und ließ niemand in seine Kammer. Er hatte für sie eine Öffnung in die Türe geschnitten, und sie schien zu fühlen, daß sie nur in Gerassims Kammer volle Herrin sei, denn wenn sie in diese eintrat, sprang sie sogleich mit zufriedener Miene auf das Bett. Nachts schlief sie nur halb, bellte aber nicht ohne Ursache, wie mancher dumme Hofhund, der, auf den Hinterpfoten sitzend, mit erhobener Schnauze und blinzelnd aus reiner Langeweile bellt, etwa nach den Sternen und gewöhnlich dreimal nacheinander. – Nein! Die feine Stimme Mumus erklang niemals unnötigerweise, entweder hatte sich ein Fremder dem Zaun genähert oder ein verdächtiges Geräusch war hörbar geworden. Kurz, Mumu hielt vortrefflich Wacht. Zwar war außer ihr noch ein alter, gelber Hofhund, mit braunen Flecken, auf dem Hof, namens Woltschok, aber dieser wurde niemals, auch nachts nicht von der Kette gelassen, wegen seiner Hinfälligkeit verlangte er auch nicht nach Freiheit, lag immer zusammengerollt in seiner Hütte und ließ nur selten ein heiseres, fast klangloses Bellen hören, das er aber sogleich wieder einstellte, als ob er die Nutzlosigkeit desselben begriffen hätte. In das Herrenhaus kam Mumu nicht und wenn Gerassim Holz in die Zimmer trug, blieb sie immer zurück und erwartete ihn ungeduldig an der Vortreppe, spitzte die Ohren und wandte den Kopf bald rechts, bald links, sobald sie eine Tür im Haus gehen hörte. So verging noch ein Jahr. Gerassim versah sein Amt als Portier wie bisher und war sehr zufrieden mit seinem Schicksal, als ein unerwartetes Ereignis eintrat. An einem schönen Sommertag ging die Herrin mit einigen Freundinnen, die das Gnadenbrot bei ihr erhielten, im Saal auf und ab. Sie war guter Laune, lachte und scherzte. Auch ihre Gesellschafterinnen lachten und scherzten, doch ohne besonderes Vergnügen dabei zu empfinden. Man liebte es im Hause nicht sehr, wenn die Herrin eine heitere Stunde hatte, denn dann verlangte sie von allen sofortige Anteilnahme und ärgerte sich, wenn eins der Gesichter nicht in Entzücken strahlte. Außerdem dauerte ein solches Auflodern von Heiterkeit nicht lange und gewöhnlich folgte darauf eine mürrische, saure Stimmung. An diesem Tag war sie vergnügt aufgestanden, in den Karten waren ihr vier Valet erschienen, das bedeutete Erfüllung ihrer Wünsche, und der Tee schmeckte ihr ganz besonders, wofür die Zofe eine Belobung und einen Griwenik (10 Kopeken) erhielt. Mit einem süßen Lächeln trat die Herrin ans Fenster, vor dem Fenster war der Zaun beschädigt und mitten in einem Blumenbeet unter einem Rosenstrauch lag Mumu und nagte eifrig an einem Knochen. Die Herrin sah zu. »Mein Gott,« rief sie, »was ist das für ein Hund?« Die Freundin, an welche sich die Herrin gewendet hatte, blickte sich ratlos um, mit jener peinlichen Unruhe, welche gewöhnlich eine untergeordnete Person befällt, bevor sie weiß, wie sie einen Ausruf der Höherstehenden auffassen soll. »Ich weiß nicht,« stammelte sie, »ich glaube, er gehört dem Stummen.« »Mein Gott,« rief die Herrin wieder, »das ist ja ein niedliches Hündchen! Man soll es hereinführen. Hat er es schon lange? Wie kommt es, daß ich es noch nicht gesehen habe? Lassen Sie es hereinführen.« Sogleich stürzte die Gesellschafterin ins Vorzimmer hinaus. »Stepan!« rief sie, »führen Sie sogleich Mumu herein. Sie ist im Vorgärtchen.« »Ach, Mumu heißt sie?« sagte die Herrin. »Ein sehr schöner Name!« »Ja, sehr!« erwiderte die Gesellschafterin. »Schnell, Stepan!« Stepan, der Diener, stürzte hinaus in den Vorgarten und wollte Mumu ergreifen. Aber diese entschlüpfte ihm gewandt und eilte mit erhobenem Schweif zu Gerassim, welcher in der Küche am Wasserfaß hämmerte und es in den Händen drehte wie eine Kindertrommel. Stepan folgte ihr nach und wollte sie vor den Füßen ihres Herrn fangen. Aber das gewandte Hündchen sprang und drehte sich und ließ sich nicht erwischen. Gerassim sah mit spöttischem Lachen zu. Endlich erhob sich Stepan ärgerlich und machte dem Taubstummen durch Zeichen begreiflich, die Herrin habe befohlen, ihr das Hündchen zu bringen. Gerassim wunderte sich, dann aber rief er Mumu, hob sie vom Boden auf und gab sie Stepan. Stepan trug sie in den Salon und stellte sie auf das Parkett. Die Herrin rief sie freundlich zu sich. Mumu, welche noch niemals so prachtvolle Gemächer gesehen hatte, war sehr erschrocken und lief der Tür zu, aber der diensteifrige Stepan stieß sie zurück, worauf sie sich zitternd an die Wand drückte. »Mumu! Mumu! Komm doch zu mir,« sagte die Herrin. »Komm doch, Dummköpfchen, fürchte dich nicht.« »Geh, Mumu, geh zur Herrin,« wiederholten die Freundinnen. Aber Mumu blickte sich betrübt ringsum und rührte sich nicht von der Stelle. »Bringt ihr etwas zu essen,« sagte die Herrin. »Wie dumm sie ist. Warum fürchtet sie sich denn?« »Sie ist noch nicht gewöhnt ...« bemerkte schüchtern eine der Freundinnen. Stepan brachte ein Gefäß mit Milch und stellte es vor Mumu. Aber Mumu beroch nicht einmal die Milch und blickte sich wie zuvor kläglich um. »Ach, du!« murmelte die Herrin, ging auf Mumu zu, bückte sich herab und wollte sie streicheln. Aber Mumu drehte hastig den Kopf und zeigte die Zähne. Erschrocken zog die Dame die Hand zurück. Schweigen trat ein. Mumu winselte leise, als wollte sie sich beklagen und entschuldigen. Die Miene der Herrin verfinsterte sich. »Ach, ach!« riefen alle Freundinnen zugleich, »hat sie Sie etwa gar gebissen? Ach!« Mumu hatte ihr Leben lang niemals jemand gebissen. »Bringt sie fort!« rief die Alte mit veränderter Stimme. »Widerliches Tier, wie boshaft sie ist!« Langsam wandte sie sich um und ging nach ihrem Kabinett. Die Gesellschafterinnen sahen sich schüchtern an und wollten ihr folgen, aber sie blieb stehen, sah sie kalt an und sagte: »Wozu? Ich habe euch nicht gerufen.« Darauf verließ sie das Zimmer. Stepan ergriff Mumu und warf sie zur Türe hinaus, gerade vor Gerassims Füße. Eine halbe Stunde darauf herrschte tiefe Stille im Hause, und die alte Dame saß auf ihrem Diwan, finsterer als eine Gewitterwolke. Welche Nichtigkeiten können zuweilen einen Menschen aus dem Gleichgewicht bringen! Bis zum Abend war die Herrin schlechter Laune, sprach mit niemand, spielte nicht Karten und hatte eine schlechte Nacht. Sie bildete sich ein, man habe ihr anderes Kölnisches Wasser gebracht als gewöhnlich und ihr Kissen rieche nach Seife. Sie ließ die Kastellanin alles Weißzeug beriechen und war überhaupt schauderhafter Laune. Am andern Morgen ließ sie Gawrila eine Stunde früher als gewöhnlich rufen. »Sage einmal,« begann sie, sobald Gawrila nicht ohne einige Beklemmungen auf der Schwelle des Kabinetts erschien, »was ist das für ein Hund, der die ganze Nacht bei uns auf dem Hof heulte und mich nicht schlafen ließ?« »Ein Hund? ... was für ein Hund? Vielleicht der des Stummen,« brachte er mit unsicherer Stimme hervor. »Ich weiß nicht, ob es der des Stummen war oder ein anderer, aber er ließ mich nicht schlafen. Ich wundere mich, wozu diese Menge Hunde? Das möchte ich wissen. Wir haben ja einen Hofhund?« »Ja, versteht sich, Woltschok.« »Nun also, wozu noch mehr Hunde? Sie machen nur Unordnung. Es ist keine Aufsicht im Haus – das ist's. Und wozu braucht der Stumme einen Hund? Wer hat ihm erlaubt, hier auf dem Hof einen Hund zu halten? Gestern, wie ich ans Fenster ging, da lag das Tier im Vorgärtchen, hatte irgend etwas Schmutziges herbeigeschleppt und nagte daran. Und ich habe dort Rosen pflanzen lassen ...« Die Herrin schwieg. »Daß er heute abend nicht mehr hier ist! Hörst du?« »Ich höre, gnädige Frau.« »Noch heute! Und jetzt gehe. Zum Bericht werde ich dich später rufen lassen.« Gawrila ging. Während er durch den Saal ging, stellte er der Ordnung wegen eine Glocke von einem Tisch auf einen andern, schnaubte verstohlen seine Entennase und ging ins Vorzimmer hinaus. Dort schlief Stepan auf einer Bank in der Lage eines gefallenen Kriegers auf einem Schlachtgemälde und streckte die nackten Füße unter seinem Rock hervor, der ihm als Decke diente. Der Haushofmeister stieß ihn an und gab ihm halblaut einen Befehl, auf welchen Stepan halb gähnend, halb lachend antwortete. Der Haushofmeister entfernte sich. Stepan sprang auf, zog seinen Kaftan und Stiefel an, ging hinaus und blieb auf der Vortreppe stehen. Nach kaum fünf Minuten erschien Gerassim mit einer mächtigen Tracht Holz auf dem Rücken in Begleitung der von ihm unzertrennlichen Mumu. Die Herrin ließ ihr Schlafzimmer und Kabinett auch im Sommer heizen. Gerassim stand seitwärts von der Türe, stieß sie mit der Schulter auf und schob sich ins Haus hinein mit seiner Last. Mumu blieb wie gewöhnlich zurück, um ihn zu erwarten. Stepan lauerte auf einen günstigen Augenblick, stürzte sich plötzlich auf Mumu wie ein Geier auf ein Hühnchen, drückte sie mit der Brust auf den Fußboden, umfaßte sie mit beiden Armen und lief mit ihr hinaus, ohne die Mütze aufzusetzen. Auf der Straße stieg er in eine Droschke und fuhr auf einen Trödelmarkt. Bald fand er einen Käufer, dem er Mumu für einen halben Rubel überließ unter der Bedingung, daß er sie wenigstens eine Woche lang an der Leine halte. Dann kehrte er nach Hause zurück, stieg aber schon in einiger Entfernung vom Hause aus, bog in ein Nebengäßchen ein und stieg dort über den Zaun in den Hof. Er wagte nicht, durch die Pforte zu gehen, um nicht Gerassim zu begegnen. Seine Vorsicht war jedoch überflüssig, denn Gerassim war nicht mehr auf dem Hofe. Als er wieder aus dem Hause kam, vermißte er sogleich Mumu. Es war noch nie vorgekommen, daß sie jemals seine Rückkehr nicht abgewartet hätte. Er lief nach allen Richtungen, suchte und rief seine Mumu auf seine Weise, lief in seine Kammer und auf den Heuboden, dann wieder auf die Straße hinaus. Sie war verloren! Er fragte die Leute mit den verzweifeltsten Zeichen nach ihr, beschrieb sie mit den Händen. Manche wußten wirklich nicht, wohin Mumu geraten war und schüttelten nur den Kopf, andere wußten es und lachten ihm ins Gesicht. Der Haushofmeister nahm ein sehr wichtiges Wesen an und begann die Kutscher anzuschreien. Dann lief Gerassim vom Hofe fort. Es dämmerte bereits, als er zurückkehrte. Nach seinem erschöpften Aussehen, seinem unsichern Gang, seinen bestaubten Kleidern zu schließen, mußte er halb Moskau durchwandert haben. Vor den Fenstern der Herrin blieb er stehen, warf einen Blick nach der Vortreppe, auf welcher sich etwa sieben Leute der Dienerschaft drängten und brüllte noch einmal: »Mumu!« Aber Mumu antwortete nicht. Er ging fort. Alle sahen ihm nach, aber keiner lachte, keiner sprach ein Wort ... aber der neugierige Stallknecht Antipka erzählte am andern Morgen in der Küche, der Stumme habe die ganze Nacht gestöhnt. Den ganzen folgenden Tag zeigte sich Gerassim nicht, so daß an seiner Stelle der Kutscher Potap nach Wasser fahren mußte, was ihn sehr verdroß. Die Herrin fragte Gawrila, ab ihr Befehl ausgeführt worden sei, worauf Gawrila nur erwiderte, er sei erfüllt. Am andern Morgen kam Gerassim wieder aus seiner Kammer zur Arbeit. Auch zu Mittag kam er, aß und ging wieder, ohne jemand zu grüßen. Sein Gesicht, das ohnedies leblos war, wie bei allen Taubstummen, sah jetzt aus wie versteinert. Nach Tisch ging er wieder fort, aber nicht auf lange. Als er zurückkehrte, ging er sogleich nach dem Heuboden. Eine helle, klare Mondnacht brach an. Schwer seufzend wälzte sich Gerassim auf dem Heu. Plötzlich fühlte er, als ob ihn etwas am Rockflügel ziehe. Er fuhr zusammen, hob aber den Kopf nicht auf und drückte sogar die Augen zu. – Aber nun zog es wieder und stärker als zuvor. Er sprang auf ... vor ihm drehte sich Mumu mit einem Stück Schnur am Hals. Ein langer Freudenschrei brach aus seiner stummen Brust hervor. Er schloß sie in seine Arme, sie leckte ihm Augen, Nase und Bart ab. Er stand auf, überlegte, stieg vorsichtig vom Heuboden herab, blickte sich um, und als er sich überzeugt hatte, daß ihn niemand sah, gelangte er wohlbehalten in seine Kammer. Gerassim hatte schon früher erraten, daß Mumu nicht von selbst verloren gegangen, sondern auf Befehl der Herrin fortgebracht worden sei. Die Leute hatten ihm durch Zeichen erzählt, daß Mumu nach ihr gebissen habe. Er beschloß, seine Maßregeln zu ergreifen. Zuerst fütterte er Mumu mit Brot, streichelte sie, legte sie auf sein Bett; dann begann er zu überlegen und dachte die ganze Nacht darüber nach, wie er sie am besten verbergen könne. Endlich beschloß er, sie den ganzen Tag in der Kammer zu lassen und nur zuweilen nach ihr zu sehen, sie aber nachts herauszuführen. Die Öffnung in der Türe verschloß er sorgfältig mit seinem alten Kittel und bei Tagesanbruch war er schon auf dem Hof, als ob nichts gewesen wäre, indem er sogar – o unschuldige List! – seine betrübte Miene beibehielt. Der arme Taube konnte nicht auf den Gedanken kommen, daß Mumu sich durch ihr Winseln verraten werde. Wirklich wußten auch alle im Hause sehr bald, daß Mumu zurückgekehrt und in die Kammer eingeschlossen sei, aber aus Mitleid für ihn und sein Hündchen, zum Teil vielleicht auch aus Angst vor ihm, machte ihm niemand begreiflich, daß sein Geheimnis bekannt sei. Nur der Haushofmeister kratzte sich im Genick und zuckte mit den Achseln. »Nun, was geht's mich an?« dachte er. »Die Herrin wird wohl nichts davon erfahren.« Niemals hatte der Stumme so viel Eifer gezeigt wie an diesem Tage. Er fegte den ganzen Hof rein, riß alle Gräschen darauf aus, zog eigenhändig an allen Pfählen im Zaun des Vorgärtchens, um sich zu überzeugen, ob sie noch fest genug seien und schlug die locker gewordenen wieder fest – kurz, er war so eifrig beschäftigt, daß sein Fleiß sogar der Herrin auffiel. Im Laufe des Tages ging Gerassim heimlich einige Male zu seiner Einsiedlerin. Als die Nacht anbrach, legte er sich mit ihr in seiner Kammer schlafen, aber nicht auf dem Heuboden, und erst um zwei Uhr ging er mit ihr spazieren in der frischen Luft. Nachdem er mit ihr ziemlich lange auf dem Hof umhergegangen war, wollte er schon in seine Kammer zurückkehren, als plötzlich hinter dem Zaun in dem Nebengäßchen Geräusch entstand. Mumu spitzte die Ohren, begann zu knurren, lief an den Zaun, schnupperte und brach in ein lautes, durchdringendes Gebell aus. Irgendeinem betrunkenen Menschen war es eingefallen, sich dort für die Nacht niederzulassen. Um diese Zeit war die Herrin eben eingeschlafen nach einer ziemlich langen »Nervenaufregung«. Diese Aufregungen erschienen bei ihr immer nach einem zu starken Abendessen. Das plötzliche Bellen erweckte sie. Ihr Herz blieb stehen. »Mädchen! Mädchen!« stöhnte sie. Erschrocken eilten die Mädchen in ihr Schlafzimmer. »Ach, ach, ich sterbe!« rief sie, die Hände ringend, »Wieder dieser Hund! Ach, holt den Arzt! Man will mich ums Leben bringen! O, o!« Sie warf den Kopf zurück, was eine Ohnmacht bedeuten sollte. Man stürzte zu dem Doktor, das heißt, dem Leibarzt Chariton. Dieser Arzt, dessen ganze Kunst darin bestand, daß er Stiefel mit weichen Sohlen trug, sehr zart den Puls zu fühlen verstand, vierzehn Stunden täglich schlief, die übrige Zeit über seufzte und die Herrin beständig mit Kirschlorbeertropfen traktierte – dieser Wunderdoktor kam sogleich gelaufen, räucherte mit verbrannten Federn und reichte der Herrin, sobald sie die Augen aufschlug, auf einem silbernen Tragbrett ein Gläschen mit den bekannten Tropfen. Die Dame nahm sie und begann dann sogleich wieder, sich mit weinerlicher Stimme über den Hund, über Gawrila, über ihr Schicksal zu beklagen, sowie darüber, daß sie, eine arme, alte Frau, von allen verlassen sei, daß niemand Mitleid mit ihr habe und daß alle nur ihren Tod wünschen. Inzwischen fuhr das unglückliche Hündchen fort zu bellen, und Gerassim versuchte vergebens, es vom Zaune zurückzurufen. »Ach! ... Ach! ... Schon wieder,« jammerte die Alte und verdrehte die Augen. Der Arzt flüsterte dem Mädchen etwas zu, dieses lief ins Vorzimmer hinaus und stieß Stepan an, worauf dieser fortstürzte, um Gawrila zu wecken. Dieser befahl zornig, das ganze Haus auf die Beine zu bringen. Als Gerassim sich umsah und die Lichter und Schatten an den Fenstern bemerkte, ahnte er Unheil, nahm Mumu unter den Arm, lief in seine Kammer und schloß sie ein. Gleich darauf stürmten fünf Männer gegen seine Türe, hielten aber an, als sie den Widerstand des Riegels bemerkten. Gawrila stürzte herbei mit schrecklicher Eile und befahl ihnen allen, bis zum Morgen hier auf Wache zu bleiben. Er selbst lief dann in den Mädchenflügel und durch die ältere Gesellschafterin, Ljubow Ljubimowna, mit der er gemeinschaftlich Tee, Zucker und andere Eßwaren stahl, ließ er der Herrin sagen, der Hund habe sich leider wieder eingefunden, aber morgen werde er nicht mehr am Leben sein, und die Herrin möge die Gnade haben, nicht zu zürnen und sich beruhigen. Sie hätte sich wahrscheinlich nicht so bald beruhigt, wenn ihr nicht der Arzt anstatt zwölf Tropfen in der Eile vierzig eingegossen hätte. Diese wirkten und nach einer Viertelstunde war sie fest eingeschlafen. Gerassim aber lag ganz bleich auf seinem Bett und drückte Mumu an sich. Am folgenden Morgen erwachte die Herrin ziemlich spät. Gawrila erwartete ihr Erwachen, um den Befehl zum nachdrücklichen Angriff auf Gerassims Schlupfwinkel zu geben, während er sich selbst darauf vorbereitete, ein starkes Gewitter auszuhalten. Aber das Gewitter kam nicht. Auf dem Bett liegend, befahl die Herrin, die ältere ihrer sogenannten Freundinnen zu rufen. »Ljubow Ljubimowna,« begann sie mit leiser, schwacher Stimme, – sie liebte es zuweilen, die Rolle einer verfolgten und verwaisten Leidenden zu spielen, wobei allen Leuten im Hause sehr unbehaglich zumute war, – »Sie sehen, in welcher Lage ich mich befinde. Gehen Sie, mein Seelchen, zu Gawrila, sprechen Sie mit ihm. Sollte ihm wirklich so eine nichtswürdige Hündin teurer sein, als die Ruhe und sogar das Leben seiner Herrin? Ich möchte das nicht glauben,« fügte sie mit dem Ausdruck tiefen Gefühls hinzu, – »gehen Sie, mein Seelchen, seien Sie so gut, gehen Sie zu Gawrila.« Ljubow Ljubimowna ging nach Gawrilas Zimmer. Es ist unbekannt geblieben, was sie dort sprachen, aber nach einiger Zeit bewegte sich ein ganzer Haufen Leute über den Hof nach Gerassims Kammer zu. Voraus ging Gawrila, indem er die Mütze mit der Hand festhielt, obgleich gar kein Wind ging, mit ihm gingen Diener und Köche, aus einem Fenster sah Onkel Zopf heraus und gab Befehle, das heißt, er winkte nur mit den Händen. Hinter diesen allen kam ein Haufen Straßenjungen, Mutwillen treibend und Grimassen schneidend, wovon die Hälfte herbeigelaufene fremde waren. Auf der engen Treppe zu Gerassims Kammer saß ein Wachtposten, zwei andere standen an der Tür mit Knüppeln in den Händen. Der Trupp drängte sich die Treppe hinauf und nahm sie ihrer ganzen Länge nach ein. Gawrila trat an die Tür, schlug mit der Faust daran und schrie: »Öffne!« Man hörte halbersticktes Bellen, sonst aber keine Antwort. »Ich sage dir, öffne!« wiederholte er. »Aber, Gawrila Andrejitsch,« rief von unten Stepan herauf, »er ist ja taub und kann nicht hören.« Alle lachten. »Was nun machen?« sagte oben Gawrila. »In der Tür ist ein Loch,« erwiderte Stepan, »dort muß man mit einem Knüppel hineinfahren.« Garorila bückte sich. »Er hat das Loch mit einem Kittel verstopft.« »Dann stoßen Sie den Kittel hinein.« Wieder hörte man ein dumpfes Bellen. »Aha, aha! Sie meldet sich selbst,« bemerkte einer in dem Haufen, und wieder lachten sie. Gawrila kratzte sich hinter dem Ohr. »Nein, Bruder,« sagte er endlich, »den Kittel kannst du selbst hineinstoßen, wenn du willst.« »Nun, warum nicht?« Stepan drängte sich hinauf, nahm einen Knüppel, stieß den Kittel hinein, klopfte und klapperte mit demselben in der Öffnung und rief: »Komm heraus! Komm heraus!« Während er noch so lärmte, ging plötzlich die Kammertür auf – die ganze Menge stürzte sich über Hals und Kopf die Treppe hinab, Gawrila allen voran. Onkel Zopf schloß das Fenster. »Nu, nu, nu, nu,« rief Gawrila vom Hof herauf, »nimm dich in acht!« Gerassim stand unbeweglich auf der Schwelle, während der Haufen sich unten an der Treppe sammelte. Gerassim blickte auf alle diese Leutchen in deutschen Kaftanen von oben herab, die Arme in die Seiten gestemmt. Mit seinem roten Bauernhemd erschien er wie ein Riese vor ihnen. Gawrila machte einen Schritt vorwärts. »Nimm dich in acht! Sei nicht frech,« sagte er. Er erklärte dem Taubstummen durch Zeichen, die Herrin wolle durchaus sein Hündchen haben. »Gib es gleich heraus oder es wird schlimm!« Gerassim sah ihn an, deutete auf Mumu, machte eine Gebärde mit der Hand um seinen Hals, als ob er eine Schlinge umlegen wollte und sah den Haushofmeister fragend an. »Ja, ja,« sagte dieser, mit dem Kopf nickend, »versteht sich.« Gerassim senkte die Augen, dann richtete er sich plötzlich auf, deutete wieder auf Mumu, welche die ganze Zeit über neben ihm stand, gemütlich mit dem Schweif wedelte und neugierig die Ohren spitzte, dann wiederholte er die Gebärde des Erdrosselns an seinem Hals und schlug sich bedeutsam auf die Brust, als ob er erklären wollte, er nehme es auf sich, Mumu hinzurichten. »Ja, du willst nur betrügen,« erwiderte Gawrila durch eine abwehrende Gebärde. Gerassim sah ihn an, lachte geringschätzig, dann schlug er sich wieder auf die Brust und warf die Tür zu. Alle starrten einander schweigend an. »Was bedeutet das?« fragte Gawrila. »Hat er sich eingeschlossen?« »Lassen Sie ihn, Gawrila Andrejitsch,« sagte Stepan, »was er verspricht, das tut er auch. So ist er. Wenn er einmal etwas verspricht, dann ist's richtig. Darin ist er nicht wie unsereiner. Was wahr ist, ist wahr! Ja.« »Ja,« wiederholten alle und nickten, »so ist's! Ja.« Onkel Zopf öffnete das Fenster und sagte auch: »Ja.« »Nun meinetwegen, wir wollen sehen,« sagte Gawrila, »aber die Wache werde ich doch nicht aufheben. Heda, du da, Jeroschka,« wandte er sich an einen armseligen Menschen in einer gelben Kosakenjacke aus Nanking, welcher als Gärtner galt, »nimm einen Knüppel und setze dich dahin, und sobald etwas passiert, kommst du gleich zu mir gelaufen!« Jeroschka nahm einen Knüppel und setzte sich auf die letzte Treppenstufe. Die Leute zerstreuten sich mit Ausnahme von einigen Neugierigen und Straßenjungen. Gawrila kehrte in seine Wohnung zurück und ließ der Herrin durch Ljubow melden, es sei alles nach ihrem Willen ausgeführt. Für alle Fälle aber sandte er einen Vorreiter zur Polizei. Die Dame band einen Knoten ins Taschentuch, goß kölnisches Wasser darauf, roch daran, wischte sich die Schläfen ab, trank Tee und schließlich schlief sie wieder fest ein, noch immer unter dem Einfluß der Kirschlorbeertropfen. Eine Stunde nach diesem stürmischen Auftritt öffnete sich die Tür der Kammer und Gerassim erschien. Er trug seinen Sonntagskaftan und führte Mumu an einer Leine. Jeroschka rückte zur Seite und ließ ihn vorüber. Gerassim ging der Hofpforte zu. Alle die Knaben, welche an der Pforte standen, sahen ihm schweigend nach. Er wandte sich nicht um und setzte seine Mütze erst auf der Straße auf. Gawrila sandte ihm den Jeroschka als Beobachter nach. Als Jeroschka von ferne bemerkte, daß Gerassim mit dem Hündchen in eine Schenke ging, blieb er stehen, um ihn zu erwarten. In der Schenke kannte man Gerassim und verstand seine Zeichen. Er verlangte Kohlsuppe mit Fleisch, setzte sich und stützte sich mit den Armen auf den Tisch. Mumu stand neben seinem Stuhl und sah ihn ruhig mit ihren klugen Äuglein an. Ihr Fell glänzte, augenscheinlich war es vor kurzem frisch gekämmt worden. Man brachte Gerassim die Kohlsuppe. Er brockte Brot hinein, schnitt das Fleisch klein und stellte den Teller auf den Fußboden. Mumu fraß mit ihrer gewöhnlichen Zierlichkeit, indem sie mit der kleinen Schnauze kaum das Essen berührte. Gerassim sah sie lange an, zwei schwere Tränen quollen aus seinen Augen, die eine fiel auf die Stirn des Hündchens, die andere in die Suppe. Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Mumu aß den halben Teller, ging beiseite und leckte sich. Gerassim stand auf, bezahlte die Suppe und ging, begleitet von den verwunderten Blicken des Kellners. Als Jeroschka Gerassim erblickte, sprang er auf, hinter eine Straßenecke, ließ ihn vorüber und folgte ihm wieder nach. Gerassim ging langsam und ließ Mumu nicht von der Leine. Bei einer Straßenecke blieb er unschlüssig stehen, dann ging er mit raschen Schritten in einer neuen Richtung weiter. Unterwegs ging er in ein Haus, an welchem gebaut wurde und brachte zwei Ziegelsteine von dort unter dem Arm heraus. Darauf wandte er sich der Moskwa zu und ging am Ufer entlang bis zu einer Stelle, wo zwei Boote mit Rudern lagen, welche an kleine Pflöcke angebunden waren, wie Gerassim schon früher bemerkt hatte. Er sprang in das eine Boot, begleitet von Mumu. Ein lahmer Greis kam aus einer Hütte heraus, welche in der Ecke einer Umzäunung stand und schrie Gerassim an. Aber dieser nickte nur mit dem Kopf und begann so stark zu rudern, wenn auch gegen den Strom, daß er in wenigen Augenblicken hundert Faden entfernt war. Der Alte blieb lange stehen, dann kratzte er sich den Rücken, zuerst mit der linken, dann mit der rechten Hand und hinkte in seine Hütte zurück. Gerassim aber ruderte und ruderte. Moskau war schon hinter ihm geblieben, an den Ufern dehnten sich Wiesen und Gärten, Felder und Wälder aus, und dazwischen lagen einzelne Hütten. Es wehte Landluft. Er warf die Ruder weg, beugte den Kopf zu Mumu herab, welche auf einem trockenen Sitzbrett vor ihm saß – auf dem Grunde des Boots hatte sich Wasser gesammelt – er kreuzte seine mächtigen Arme über ihrem Rücken und blieb unbeweglich, während das Boot langsam wieder der Stadt zutrieb. Endlich richtete sich Gerassim auf und mit einer krankhaften Wut auf seinem Gesicht umwand er hastig die mitgebrachten Ziegelsteine mit der Leine, machte am andern Ende derselben eine Schlinge und legte sie Mumu um den Hals. Dann hob er sie in die Höhe über dem Fluß und blickte sie zum letzten Male an. Zutraulich und ohne Furcht blickte Mumu ihn an und wedelte leicht mit dem Schweif. Er wandte sich ab, schloß die Augen und – öffnete die Hände. – Gerassim hörte nichts, weder das erschreckte Winseln Mumus, als sie fiel, noch das schwere Klatschen im Wasser, für ihn war der geräuschvollste Tag so still und lautlos wie für uns die stillste Nacht, und als er wieder die Augen öffnete, eilten wie früher die kleinen Wellen im Fluß dahin, wie vorhin plätscherten sie an den Seiten des Boots. Jeroschka war nach Hause geeilt, sobald Gerassim seinen Blicken entschwunden war, um zu berichten, was er gesehen hatte. »Nun ja,« bemerkte Stepan, »er ersäuft sie. Nun kann man ruhig sein, wenn er einmal etwas verspricht ...« Im Laufe des Tages sah niemand den Taubstummen. Er erschien auch nicht zum Mittagessen. Der Abend brach an. Alle versammelten sich zum Abendessen, nur Gerassim fehlte. »Ein merkwürdiger Mensch, dieser Gerassim!« piepte eine dicke Wäscherin, »so ein Wesen zu machen wegen eines Hundes! Nein ... ich sage ...« »Gerassim war ja hier,« rief Stepan, indem er seine Grütze einlöffelte. »Wie? Wann?« »Nun, vor etwa zwei Stunden. Ich bin ihm am Hoftor begegnet, er ging wieder fort, zum Hoftor hinaus. Ich wollte ihn nach dem Hündchen fragen, aber er schien schlechter Laune zu sein. Nun und er stieß mich an, wahrscheinlich wollte er nur, ich solle ihm aus dem Wege gehen. Und dabei gab er mir so ein wundervolles Genickstück! Oi, oi, oi!« Dabei rieb sich Stepan das Genick mit unwillkürlicher Selbstverspottung. »Ja, er hat eine gesunde Hand, nichts auszusetzen.« Alle lachten Stepan aus. Nach dem Abendessen trennten sie sich und gingen schlafen. Um dieselbe Zeit schritt ein Riese mit einem Sack auf dem Rücken und einem langen Stock in der Hand eifrig auf der Straße nach Tula dahin. Das war Gerassim. Er eilte, ohne sich umzusehen, nach Hause, in sein Dorf, in die Heimat. Nachdem er die arme Mumu ertränkt hatte, war er in seine Kammer gelaufen, hatte hastig einige Sachen in ein Bündel gebunden, das er sich über die Schultern hängte, und sich auf den Weg gemacht. Auf den Weg hatte er wohl geachtet, als man ihn nach Moskau geführt hatte, und das Dorf, aus welchem die Herrin ihn genommen hatte, lag nur fünfundzwanzig Kilometer von der Landstraße entfernt. Er wanderte dahin mit einer verzweifelten und zugleich freudigen Entschlossenheit, weit öffnete sich seine Brust und gierig blickten seine Augen in die Ferne. Er eilte, als ob eine alte Mutter ihn in der Heimat erwartete, als ob sie ihn zu sich gerufen hätte nach langer Wanderung im fremden Lande und unter fremden Menschen. Die stille, warme Sommernacht war eben angebrochen. Im Westen leuchtete noch der Himmel, schwach gerötet von den letzten Strahlen des entschwindenden Tageslichts, auf der anderen Seite lag blaugraue Dunkelheit. Von daher kam die Nacht. Wachteln schlugen zu Hunderten ringsum und um die Wette schlugen Wachtelkönige an ... Gerassim aber hörte sie nicht. Er konnte auch das unheimliche Flüstern der Bäume nicht hören, aber er erkannte den Geruch des reifenden Roggens, der von den dunklen Feldern herüberwehte, er fühlte, wie der Wind, der ihm von der Heimat her entgegenkam, in seinem Bart und seinen Haaren spielte, er sah vor sich durch die Dunkelheit den pfeilgeraden Weg nach Hause, er erblickte am Himmel unzählige Sterne, die seinen Weg beleuchteten. Stark und kühn wie ein Löwe schritt er weiter, und als die aufgehende Sonne mit ihren feucht-rötlichen Strahlen den Wanderer beleuchtete, lagen schon fünfunddreißig Kilometer zwischen ihm und Moskau. Nach zwei Tagen war er schon zu Hause in seinem Hüttchen, zum großen Erstaunen des Soldatenweibes, welches darin untergebracht worden war. Nachdem er vor dem Heiligenbild gebetet, begab er sich sogleich zum Dorfältesten. Dieser war anfangs verwundert. Aber die Heuernte hatte eben begonnen und Gerassim, als vorzüglicher Arbeiter, erhielt sogleich eine Sense, ging zur Arbeit wie früher und mähte so, daß die Bauern ganz überwältigt waren von diesem Anblick. In Moskau aber wurde Gerassim am Tage nach seiner Flucht vermißt. Man ging in seine Kammer, durchstöberte sie und benachrichtigte Gawrila. Dieser kam, besah alles, zuckte die Achseln und meinte, entweder sei der Stumme entflohen oder er habe sich mit seinem dummen Hunde ertränkt. Man benachrichtigte die Polizei und berichtete die Neuigkeit der Herrin. Die Herrin geriet in Zorn, weinte, befahl, ihn um jeden Preis aufzusuchen und behauptete, sie habe niemals befohlen, das Hündchen zu toten. Gawrila erhielt einen so derben Verweis, daß er den ganzen Tag nur den Kopf schüttelte und sagte: »Nu,« bis Onkel Zopf ihn zur Vernunft zu bringen suchte, indem er sagte: »Nu – u.« Endlich kam Nachricht vom Gute, Gerassim sei dort angekommen. Die Herrin beruhigte sich etwas. Zuerst befahl sie, ihn sofort nach Moskau zurückkommen zu lassen. Dann aber erklärte sie, einen so undankbaren Menschen wolle sie nicht mehr sehen. Übrigens starb sie bald nachher und die Erben dachten nicht an Gerassim. Sie entließen auch die übrigen Leibeigenen auf Obrok. Obrok war eine Abgabe, welche den Leibeigenen auferlegt wurde dafür, daß sie entlassen wurden, um in den Städten, so gut sie konnten, ihr Fortkommen zu suchen. Manche wurden mit der Zeit wohlhabend, und es kam vor, daß solche Zinsbauern oder ihre Söhne durch Geschick und Glück im Handel Millionäre wurden und dann natürlich jährlich Tausende Obrok zahlten, wenn es dem Herrn nicht gefiel, ihnen zu erlauben, sich loszukaufen. Und bis heute lebt Gerassim als Frohnbauer in seiner einsamen Hütte, gesund und kraftvoll wie früher, arbeitet für vier wie früher und hat sein würdevolles Wesen beibehalten. Aber seine Nachbarn haben bemerkt, daß er seit seiner Rückkehr aus Moskau den Umgang mit Frauen ganz aufgegeben hat. Er sieht sie nicht und hält auch keinen Hund bei sich. »Übrigens,« sagen die Bauern, »es ist sein Glück, daß er kein Weib nötig hat und einen Hund, – wozu hat er einen Hund nötig? Nicht mit einem Esel zieht man einen Dieb an seine Türe.« So spricht man von der Heldenkraft des Stummen. Aus: 1852. Alexander L. Kielland Torfmoor Aus Alex. L. Kielland, Novellen. Verlag Georg Merseburger, Leipzig. Deutsch von Dr. Leskien und Marie Leskien-Lie. Hoch über die Heide flog ein alter, vernünftiger Rabe. Er wollte viele Meilen nach Westen bis an die Meeresküste, um ein Schweinsohr auszugraben, das er dort in der guten Zeit verborgen hatte. Jetzt war es spät im Herbste, und das Futter war knapp. »Wenn ein Rabe kommt,« sagt Vater Brehm, »braucht man sich nur umzusehen, um den zweiten zu entdecken.« Aber man konnte sich lange umsehen; der da geflogen kam, der alte, vernünftige Rabe, war und blieb allein. Und ohne sich um irgendwas zu kümmern, glitt er auf den starken, kohlschwarzen Schwingen durch die dicke Regenluft, geradeaus nach Westen steuernd, ohne einen Laut von sich zu geben. Aber während er ruhig und bedachtsam dahinflog, folgten seine scharfen Augen der Landschaft tief unten, und der alte Vogel ärgerte sich. Mit jedem Jahre wurden die grünen und gelben Flecken da unten zahlreicher und größer; Stück für Stück schnitten sie aus der Heide heraus, kleine Häuser mit roten Ziegeldächern folgten, niedrige Schornsteine mit dickem Torfrauch – Menschenwerk und Menschen überall. Er erinnerte sich seiner Jugendzeit – das mochte jetzt einige Winter her sein –, da war hier gerade Platz für einen tüchtigen Raben mit Familie: lange, endlose Heidestrecken, junge Hasen und Vögel in Menge, Eidergänse am Strande mit großen, köstlichen Eiern, und soviel von allen möglichen Delikatessen, wie man sich nur wünschen konnte. Jetzt stand hier Haus an Haus, überall waren gelbe Kornfelder und grüne Wiesen, und das Futter war so knapp, daß ein alter, ehrenwerter Rabe meilenweit um ein lumpiges Schweinsohr fliegen mußte. Die Menschen! – die Menschen! – Der alte Vogel kannte sie. Er war unter Menschen aufgewachsen und sogar unter sehr vornehmen. Auf dem großen Hof nahe der Stadt hatte er seine Kindheit und seine Jugend verlebt. Aber jedesmal, wenn er jetzt über dem Hof hinflog, hob er sich hoch in die Luft, um nicht wiedererkannt zu werden. Denn wenn er unten im Garten eine Frauengestalt gewahrte, glaubte er, es wäre das junge Fräulein mit Puder und Haarschleife, und doch war es in Wirklichkeit ihre Tochter mit schneeweißen Locken und Witwenhaube. Ob er es gut bei den vornehmen Menschen gehabt hatte? – o – wie man es nimmt. Nahrung im Überfluß und eine Menge zu lernen; aber es war doch Gefangenschaft; die ersten Jahre mit gestutztem linken Flügel und später auf » parole d'honneur « – wie der alte Herr zu sagen pflegte. Es war dieses Ehrenwort, das er gebrochen hatte, und das geschah an einem Frühlingstage – da flog ein junges, glänzendschwarzes Weibchen über den Garten. Einige Zeit später – es mochten wohl ein paar Winter seitdem vergangen sein – kam er auf den Hof zurück. Aber ein paar fremde Knaben empfingen ihn mit Steinwürfen; der alte Herr und das junge Fräulein waren nicht zu Hause. Sie werden wohl in der Stadt sein, dachte der Rabe und kam nach einiger Zeit wieder. Aber es wurde ihm derselbe Empfang zuteil. Da war der alte, ehrenwerte Vogel – denn inzwischen war er alt geworden – beleidigt, und von nun an flog er hoch über das Haus weg. Er wollte nichts mehr mit Menschen zu schaffen haben, und der alte Herr und das junge Fräulein konnten sich die Augen nach ihm aussehen – und das taten sie, davon war er überzeugt. Und alles, was er gelernt hatte, vergaß er; sowohl die schwierigen französischen Worte, die er in der Stube von dem Fräulein lernte, als die ungleich leichteren Kraftausdrücke, die er sich auf eigne Hand in der Gesindestube aneignete. Nur zwei menschliche Laute blieben als Überreste der entschwundenen Gelehrsamkeit in seinem Gedächtnisse hängen, wenn er richtig guter Laune war, geschah es, daß er sagte: » Bonjour – madame !« Aber wenn er zornig war, schrie er: »Hol mich der Teufel.« Rasch und sicher glitt er durch die dicke Regenluft; in weiter Ferne tauchte bereits der weiße Saum, den die Brandung längs der Küste bildete, auf. Da wurde er auf eine große, schwarze Fläche, die sich unter ihm ausbreitete, aufmerksam. Es war ein Torfmoor. Rings im Kreise herum lagen die Höfe auf den Anhöhen; aber auf der tiefer gelegenen Ebene – sie war wohl über eine Meile lang – fand sich keines Menschen Spur, nur ein paar Torfhaufen am Rande, dazwischen nichts wie kleine, schwarze Hügelchen und blinkende Wasserpfützen. » Bonjour, madame !« rief der alte Rabe und begann in großen Ringen über dem Moore zu kreisen. Es sah hier so gemütlich aus, daß er sich langsam und vorsichtig niederließ und sich auf eine Baumwurzel mitten im Moore setzte. Hier war es ungefähr wie in alten Tagen – öde und still. Hier und da, wo der Grund trockener war, wuchsen ein wenig kurzes Heidekraut und vereinzelte Binsen. Das Wollgras war verblüht, aber auf den steifen Halmen hing noch ein und der andere Haarbüschel, schwarz und verfilzt vom Herbstregen; sonst nichts wie Feinzerriebene schwarze Erde, naß und voller Wassertümpel? – graue, gewundene Baumwurzeln, zu einem knorrigen Netz verflochten, ragten empor. Der alte Rabe begriff wohl, was er sah. Hier hatten einst Bäume gestanden, lange vor seiner Zeit. Der Wald war fort, Zweige, Laub – alles dahin; nur die Wurzeln noch übrig, ineinander verschlungen, tief unten in der weichen Masse von schwarzen Fasern und Wasser. Aber weiter konnte die Veränderung nicht gehen; so mußte es bleiben, und das mußten die Menschen wenigstens liegenlassen, wie es lag. Der alte Vogel richtete sich auf. Die Höfe lagen so weit weg, hier war es friedlich und sicher mitten auf dem grundlosen Moor. Etwas von dem Alten mußte doch in Frieden bleiben. Er glättete die glänzenden, schwarzen Federn und sagte mehrere Male: » Bonjour madame !« – Aber von dem Hof herab kamen ein paar Männer mit Pferd und Wagen; zwei kleine Jungen liefen hinterher. Sie fuhren einen gewundenen Weg zwischen den Moorhügeln, aber mitten auf das Moor hinaus. Sie machen bald halt – dachte der Rabe. Aber sie kamen immer näher; der alte Vogel wandte unruhig den Kopf; es war verwunderlich, wie weit sie sich hinauswagten. Endlich machten sie halt, und die Männer gingen mit Spaten und Äxten an die Arbeit. Der Rabe konnte sehen, daß sie sich mit einer schweren Baumwurzel, die sie loshaben wollten, abmühten. Sie werden bald müde werden, dachte der Rabe. Aber sie wurden nicht müde; sie hieben mit den Äxten – es waren die schärfsten, die der Rabe je gesehen hatte – sie gruben und arbeiteten, und schließlich gelang es ihnen wirklich, den schweren Stamm auf die Seite zu wälzen, so daß das starke Wurzelwerk gen Himmel ragte. Den kleinen Jungen war es langweilig geworden, Kanäle zwischen den Wassertümpeln zu graben. »Sieh mal, die große Krähe dort,« sagte der eine. Sie versahen sich mit Steinen und schlichen sich zwischen den Moorhügeln vorwärts. Der Rabe sah sie wohl. Aber er hatte Dinge gesehen, die schlimmer waren. Nicht einmal hier draußen im Moor ließ man das Alte in Frieden. Jetzt hatte er gesehen, daß selbst die grauen Baumwurzeln, die älter waren als der älteste Rabe, und die so fest verflochten in dem tiefen, unergründlichen Moore lagen – daß selbst die den scharfen Äxten weichen mußten. Und als die Jungen gerade so nahe waren, daß sie sich anschickten zu werfen, hob er die schweren Schwingen und flog auf. Aber als er in die Luft stieg und herniedersah auf die geschäftigen Männer und die dummen Jungen, die, in jeder Hand einen Stein, ihm offenen Mundes nachstarrten, da stieg der Zorn in dem alten, würdigen Vogel auf. Wie ein Adler stieß er auf die Jungen nieder, und während seine großen Schwingen ihnen um die Ohren peitschten, schrie er mit fürchterlicher Stimme: »Hol mich der Teufel!« Schreiend warfen sich die Jungen zur Erde. – Als sie nach einer Weile aufzusehen wagten, war es wieder still und öde; weit in der Ferne flog ein einsamer, schwarzer Vogel nach Westen. Aber bis in ihre Mannesjahre – ja bis zu ihrem Todestage behielten sie die Überzeugung, daß sich der Böse ihnen draußen auf dem schwarzen Moor in Gestalt eines über die Maßen großen, schwarzen Vogels mit feurigen Augen offenbart hatte. – Und es war doch nur ein alter Rabe, der nach Westen flog, um ein Schweinsohr auszugraben, das er verborgen hatte. – Alexander L. Kielland Treu Aus Alex. L. Kielland, Novellen. Verlag Georg Merseburger, Leipzig. Deutsch von Dr. Fr. Leskien und Marie Leskien-Lie. I Fräulein Thyra ging ans Sprachrohr und rief: Sind die Koteletts für Treu nicht bald fertig? Jungfer Hansens Stimme ertönte aus der Küche: »Sie stehen im Fenster, um abzukühlen; sobald sie recht sind, wird Stine sie hinaufbringen.« Treu hatte es gehört und ging ruhig hin und legte sich auf den Teppich vor dem Kamin. »Er hat viel mehr Verstand als ein Mensch,« pflegte der Großhändler zu sagen. Am Frühstückstisch saß außer den Hausbewohnern ein alter Feind von Treu – der einzige, den er hatte. Übrigens war cand. jur. Viggo Hansen vielen Dingen dieser Welt feind; und seine bissige Zunge war in ganz Kopenhagen wohlbekannt. Hier in der Familie hatte er sich als langjähriger Hausfreund eine besondere Offenherzigkeit zugelegt; und wenn er übellaunig war, was er immer war, ließ er schonungslos seine Bitterkeit an allen und allem aus. Vorzugsweise war er immer hinter Treu her. »Dieses große, gelbe Beest,« pflegte er zu sagen, »hier geht es und wird verhätschelt und verwöhnt mit Braten und Fleischklößen gefüttert, während sich manches Menschenkind nach einem Stück trocknen Brot alle Finger leckt.« Das war indessen der wunde Punkt, vor dem sich der Herr Kandidat ein wenig in acht zu nehmen hatte. Sobald jemand Treu mit einem Wort, das nicht voller Bewunderung war, zu nahe trat, warf die gesamte Familie ihm einen entrüsteten Blick zu; und der Großhändler hatte sogar Kandidat Hansen unverblümt zu verstehen gegeben, daß er leicht eines Tages ernstlich böse werden könnte, wenn der andere sich nicht in gebührender Weise über Treu äußern würde. Aber Fräulein Thyra haßte Kandidat Hansen geradezu aus diesem Grunde; und obgleich Waldemar jetzt erwachsen war, – wenigstens schon Student geworden, war es ihm immer noch eine Freude, dem Kandidaten die Handschuhe aus den Rocktaschen zu stehlen und sie Treu zerreißen zu lassen. Ja, selbst die Frau des Hauses, die so mild und süß wie Teewasser war, mußte bisweilen den Kandidaten beiseite nehmen und ihm ernstlich Vorwürfe machen, daß er es über sich gewinnen könnte, so häßlich von dem süßen Tier zu reden. Dies alles verstand Treu sehr gut; aber er verachtete Kandidat Hansen und nahm keinerlei Notiz von ihm. Er ließ sich herab, die Handschuhe zu zerreißen, weil es nun einmal seinen Freund Waldemar freute; aber im übrigen tat er, als ob er den Kandidaten nicht sähe. Als die Koteletts kamen, fraß Treu sie geräuschlos und diskret; er zermalmte die Knochen nicht, sondern nagte sie ganz rein und leckte den Teller ab. Darauf ging er zum Großhändler hin und legte ihm seine rechte Pfote aufs Knie. »Wohl bekomm's, wohl bekomm's! alter Junge!« rief der Großhändler gerührt; er wurde gleich gerührt jeden Morgen, wenn dies sich wiederholte. »Du kannst doch Treu nicht alt nennen, Vater,« sagte Student Waldemar ein wenig überlegen. »Na, weißt du was! – er ist doch bald seine acht Jahr.« »Ja aber – Männchen, sagte seine Frau sanft, ein Hund von acht Jahren ist doch kein alter Hund.« »Nein, nicht wahr, Mutter!« rief Waldemar eifrig, »gibst du mir nicht recht? Ein Hund von acht Jahren ist kein alter Hund.« Und in einem Nu war die ganze Familie in zwei Parteien gespalten, – in zwei sehr eifrige Parteien, die in einem unaufhörlichen Strom von Worten zu debattieren anfingen: ob man einen Hund von acht Jahren einen alten Hund nennen könne oder nicht. Man erhitzte sich auf beiden Seiten, aber obgleich ein jeder immer von neuem seine Meinung unverändert wiederholte, wobei sie alle durcheinander redeten, sah es doch nicht aus, als ob eine Einigung erzielt werden würde, – nicht einmal, als die alte Großmutter aus ihrem Stuhl auffuhr und durchaus etwas von dem Leibmops der hochseligen Königin-Witwe erzählen wollte, den sie die Ehre gehabt hatte, von der Straße her zu kennen. Aber das unentwirrbare Durcheinander von Worten brach plötzlich ab, als einer auf die Uhr sah und sagte: das Dampfschiff; alle erhoben sich, die Herren, die nach der Stadt sollten, stürzten fort, die ganze Gesellschaft zerstreute sich in alle Winde, und die Frage: ob man einen Hund von acht Jahren einen alten Hund nennen kann oder nicht, blieb ungelöst in der Luft schweben. Nur Treu rührte sich nicht. Er war an diesen Familienlärm gewöhnt, und die ungelösten Fragen interessierten ihn nicht. Er ließ seine klugen Augen über den verlassenen Frühstückstisch wandern, legte dann seine schwarze Schnauze auf seine mächtigen Pfoten und schloß die Augen zu einem kleinen Frühstücksschläfchen. Solange man hier draußen auf dem Lande war, gab es nicht viel anderes für ihn zu tun, als zu fressen und zu schlafen. Treu gehörte zu den echten dänischen Rassehunden aus dem zoologischen Garten; der König hatte sogar seinen Bruder gekauft, was ausdrücklich einem jeden, der ins Haus kam, erzählt wurde. Aber er hatte trotzdem eine ziemlich harte Jugend verlebt; denn es war seine ursprüngliche Bestimmung gewesen, draußen bei dem großen Kohlenlager des Großhändlers in Kristianshavn Wachthund zu sein. Draußen betrug Treu sich mustergültig. In der Nacht wild und wütend wie ein Tiger, war er am Tage so still und freundlich – ja unterwürfig, daß der Großhändler auf ihn aufmerksam wurde und ihn vom Wachthund zum Zimmerhund beförderte. Und von diesem Augenblick an hatte das edle Tier erst alle seine Vollkommenheiten entwickelt. Gleich von Anfang an hatte es eine eigene bescheidene Manier an der Tür stehenzubleiben und den, der hineinging, so unterwürfig anzusehen, daß es ganz unmöglich war, ihn nicht mit in den Salon zu nehmen; und hier fand er sich bald zurecht, im Anfang unter dem Sofa, und später auf dem weichen Teppich vor dem Kamin. Und je mehr die übrigen Mitglieder der Familie es lernten, seine seltnen Eigenschaften zu schätzen, destomehr avancierte Treu, bis Kandidat Hansen behauptete, daß er der eigentliche Herr im Hause sei. Sicher ist, daß Treus ganzes Auftreten ein Gepräge annahm, das kundgab, er sei sich der Stellung, die er einnahm, wohl bewußt. Er blieb nicht länger unterwürfig an der Tür stehen, sondern ging selbst zuerst hinein, sobald geöffnet wurde. Und machte man ihm nicht gleich auf, wenn er an der Tür kratzte, so hob sich das mächtige Tier auf die Hinterbeine, legte die Pfoten auf die Türklinke und öffnete selbst. Als er zum erstenmal dies Kunststück ausführte, rief die gnädige Frau entzückt: »Ist er nicht reizend? – Ganz wie ein Mensch, nur soviel besser und treuer.« Es war auch die Meinung der andern im Hause, daß Treu besser als ein Mensch sei. Jeder einzelne schien etwas von seinen eignen Sünden und Schwächen abzuziehen, wahrend er das edle Tier bewunderte und verehrte, und jedesmal wenn einer mit sich oder andern unzufrieden war, bekam Treu die allervertraulichsten Mitteilungen und die heiligsten Versicherungen, daß er doch der einzige wäre, auf den man sich verlassen könnte. Aber wenn Fräulein Thyra enttäuscht von einem Ball kam, oder wenn ihre beste Freundin treulos ein furchtbar großes Geheimnis verraten hatte, da warf sie sich weinend über Treu: »Jetzt habe ich nur noch dich, Treu! Es gibt niemand – niemand – niemand auf der Welt, der sich was aus mir macht außer dir. Jetzt sind wir zwei ganz allein in der weiten – weiten Welt; aber du wirst deine arme, kleine Thyra nicht verraten – das mußt du mir versprechen, Treu!« Und dann weinte sie, so daß es über Treus schwarze Nase niederträufelte. Darum war es nicht zu verwundern, daß Treu zu Hause mit einer gewissen Würde auftrat. Aber auch auf der Straße konnte man ihm ansehen, daß er sich sicher fühlte und stolz darauf war Hund zu sein in einer Stadt, wo die Hunde die Macht hatten. Wenn sie im Sommer auf dem Lande wohnten, pflegte Treu nur einmal die Woche mit in die Stadt zu gehen, um alte Bekannte zu beschnüffeln. Hier draußen auf dem Lande lebte er ausschließlich seiner Gesundheit; er badete, wälzte sich in den Blumenbeeten und ging dann in die Stube, um sich an den Möbeln, den Damen und schließlich an dem Teppich vor dem Kamin trockenzureiben. Aber den übrigen Teil des Jahres stand ganz Kopenhagen zu seiner Verfügung, und er verfügte mit großer Unbefangenheit über die Stadt. Was war es nicht für ein Genuß im zeitigen Frühjahr, wenn das zarte Gras auf den öffentlichen Rasen, die kein menschlicher Fuß betreten durfte, zu sprossen anfing, mit einigen guten Freunden auf und ab und rings im Kreis zu rennen, so daß die Grasbüschel in der Luft herumstoben. Oder wenn die Leute des Gärtners zu Mittag nach Hause gegangen waren, nachdem sie sich den ganzen Vormittag mit den seinen Blumen und Büschen abgemüht hatten, was war es da für ein Vergnügen, zu tun, als ob man nach Maulwürfen grübe: die Schnauze mitten im Blumenbeet in die Erde zu stecken, zu prusten und zu blasen, und dann die Erde mit den Vorderpfoten aufzuwühlen; ein wenig innezuhalten, die Schnauze wieder hineinzustecken, zu blasen, um dann wieder aus allen Kräften in der Erde zu wühlen, – bis das Loch so tief war, daß ein einziger kräftiger Stoß mit den Hinterbeinen genügte, einen ganzen Rosenstock mit Wurzel und allem Zubehör hoch in die Luft zu schleudern. Wenn Treu nach einer solchen Heldentat still mitten auf dem Nasen in der warmen Frühlingssonne lag und die Menschen so bescheiden auf den staubigen oder aufgeweichten Wegen draußen hintraben sah, da wedelte er in aller Stille sich selbst zu. Dann hatte man noch die große Rauferei in den Anlagen oder rings um das Pferd auf dem Königs-Neumarkt, von da ging es, naß und beschmutzt, in rasender Eile die Östergade hinauf, zwischen den Beinen der Menschen hindurch, wobei man sich an den Kleiderröcken und den Beinkleidern der Männer rieb, während man mit uneingeschränktem Recht auf dem Trottoir alte Damen und Kinder umwarf, bald in einen Hof hineinstürzte und nach einer Katze die Küchentreppe hinaufjagte, bald Schrecken und Verwirrung um sich verbreitete, indem man einen alten Feind, dem man begegnete, an die Kehle fuhr; – oder bisweilen konnte es Treu auch einfallen, mitten vor einem kleinen Mädchen, das für seine Mutter Besorgungen machte, stehenzubleiben, ihr seine schwarze Nase ins Gesicht zu stecken und dann mit offenem Maul zu brüllen: wau – wau – wau! Man mußte die Kleine sehen! Sie wurde ganz blau im Gesicht, die Arme hingen steif herunter, und sie trippelte mit den Füßen, ganz außerstande einen Schrei hervorzubringen. Aber die erwachsenen Damen auf der Straße lachten sie aus und sagten: »Was für ein Närrchen du bist! – Wie kannst du vor einem solchen schönen, guten Hund Angst haben! Er will doch nur mit dir spielen; sieh, wie groß und gut er ist; – willst du ihn nicht streicheln?« Aber das wollte die Kleine auf keinen Fall; und als sie zu ihrer Mutter nach Hause kam, schluchzte sie immer noch leise. Aber weder ihre Mutter noch der Arzt konnte später begreifen, daß das frische und gesunde Kind bei jedem Erschrecken blau und steif wurde und nicht imstande war, einen Schrei hervorzubringen. Aber alle diese Vergnügen waren doch nur blaß und zahm im vergleich mit les grandes cavalcades d'amour , und dabei war Treu immer einer der ersten. Sechs – acht, zehn, zwölf große, gelbe, schwarze und rote Hunde mit einem langen Gefolge von kleineren und ganz kleinen, die so zerbissen und beschmutzt waren, daß man gar nicht sehen konnte, woraus sie gemacht waren, aber die nichtsdestoweniger sehr mutig waren, den Schwanz in die Luft streckten und ganz außer Atem vor Eifer waren; obgleich sie gar keine andere Aussicht hatten, als wieder Prügel zu bekommen und im Schmutz herumgewälzt zu werden – und dann fort im wilden Galopp durch Straßen, über Plätze, Gärten und Blumenbeete, mit Prügeleien und Geheul, blutig und beschmutzt, mit heraushängenden Zungen – fort mit den Menschen und Kinderwagen, Platz für die Kämpfe und Liebe der Hunde – so schossen sie wie die wilde Jagd durch die unglückliche Stadt. Von den Menschen auf der Straße beachtete Treu niemand als die Schutzleute. Denn mit seinem scharfen Verstand hatte er schon längst eingesehen, daß die Polizei da sei, um ihn und seine Mithunde gegen die vielen Übergriffe der Menschen zu schützen. Darum blieb er immer wohlwollend stehen, wenn er einem Schutzmann begegnete, um sich hinterm Ohr grauen zu lassen. Besonders hatte er einen guten, dicken Freund, den er oft in Aabenraa traf, wo Treu eine langjährige Liaison hatte. Wenn der Schutzmann Frode Hansen aus einem Keller emporstieg, – was er sehr oft tat; denn er war ein gemütlicher Kerl, den man mit Vergnügen zu einem Glas Bayrisch einlud, – da hatte sein Gesicht viel Ähnlichkeit mit der aufgehenden Sonne; denn es war rund und rot, warm und strahlend. Aber wenn er dann in voller Figur auf dem Trottoir stand und einen strengen Blick nach beiden Seiten der Straße warf, um zu untersuchen, ob ein übelgesinnter Mensch gesehen hätte, woher er kam, da tauchte in uns die Erinnerung an etwas auf, das wir als junge Menschen in der Physik gelernt hatten, und das wir, wie ich glaube, den Ausdehnungskoeffizienten nannten. Denn wenn man den tiefen Einschnitt betrachtete, den sein fester Gürtel vorn und hinten und an den Zeiten machte, bekam man unwillkürlich den Eindruck, daß sich in Schutzmann Frode Hansens Magen ein solcher Koeffizient mit einem außerordentlich starken Drang sich auszudehnen, befände. Und Leute, die ihm begegneten, besonders wenn er einen seiner tiefen Bierseufzer ausstieß, wichen ängstlich einen Schritt zur Seite; denn sollte es einmal geschehen, daß der Koeffizient da drinnen über den festen Gürtel siegte, dann würden die Stücke – und besonders die Schnalle über dem Magen – mit einer Heftigkeit umherfliegen, daß die Schaufenster in Gefahr gerieten. Im übrigen war es nicht so gefährlich, Frode Hansen nahezukommen; er galt sogar für einen der unschädlichsten Schutzleute; äußerst selten erstattete er irgendwelche Meldung. Trotzdem war er bei seinen Vorgesetzten wohl angeschrieben; denn wenn erst von anderer Seite etwas gemeldet worden war, brauchte man nur Frode Hansen zu fragen, er konnte immer über alles mögliche irgendeine Auskunft erteilen. So ging es ihm gut in der Welt; er war fast beliebt in Aabenraa und in der ganzen Stellmacherstraße; ja selbst Madame Hansen leistete es sich bisweilen, ihn zu einem Glas Bayrisch einzuladen. Und sie hatte doch selber nicht viel zu verschenken. Arm und dem Trunk ergeben, wie sie war, hatte sie genug damit zu tun, sich mit ihren beiden Kindern durchzuschlagen. Nicht so zu verstehen, daß Madame Hansen arbeitete, geschweige denn, daß sie versuchte sich emporzuarbeiten; wenn es ihr nur gelang, die Miete zu bezahlen und ein wenig für Kaffee und Branntwein übrigzubehalten, dann machte sie sich sonst keine Illusionen. In Wirklichkeit war es – selbst in Aabenraa die allgemeine Meinung, daß Madame Hansen ein Schwein sei; und wenn man sie fragte, ob sie Witwe wäre, pflegte sie zu antworten: »Ja, sehen Sie, – das ist wahrhaftig schwer zu sagen.« Die Tochter war ungefähr fünfzehn Jahre alt, der Sohn ein paar Jahre jünger. Auch von diesen war die allgemeine Meinung in und um Aabenraa, daß selten ein paar schlimmere Rangen in dieser Gegend aufgewachsen wären. Waldemar war ein kleiner, blasser, dunkeläugiger Bursche, glatt wie ein Aal, voller Bosheit und Verschlagenheit, mit einem Gesicht wie von Gummi, das in einem Augenblick den Ausdruck der wildesten Frechheit mit dem der dämlichsten Unschuld vertauschen konnte. Auch von Thyra war nichts andres Gute zu sagen, als daß sie ein hübsches Mädchen zu werden versprach. Aber allerhand häßliche Geschichten wurden schon von ihr erzählt, und sie trieb sich in sehr verschiedenen Geschäften in der Stadt herum. Madame Hansen hörte nicht drauf, wenn diese Geschichten erzählt wurden, sie wollte nichts davon wissen. Ebensowenig nahm sie sich den Rat der Nachbarn und Freundinnen zu Herzen: die Kinder sich selbst zu überlassen – sie wären wahrhaftig ruchlos genug dazu – und lieber ein paar Mieter, die bezahlten, zu sich zu nehmen. »Nein – nein!« antwortete Madame Hansen, »solange sie sozusagen ein Heim bei mir haben, bekommt die Polizei sie nicht ganz in ihre Klauen, und da gehen sie doch nicht ganz zugrunde.« Dies, daß die Kinder nicht ganz zugrunde gehen sollten, war der letzte Punkt, um den sich alles sammelte, was nach einem Leben, wie das ihrige, von einer Mutter übrig sein konnte. Und darum hastete sie sich weiter, schimpfte und schlug die Kinder, wenn sie spät nach Hause kamen, ordnete ihre Betten und gab ihnen ein wenig Essen und fesselte sie auf ihre Weise an sich, – so wie es nun einmal war. Madame Hansen hatte viele Dinge in ihrem Leben versucht, und alles hatte sie stufenweise tiefer heruntergebracht. Vom Dienstmädchen zur Kellnerin, an der Waschfrau vorbei bis zu dem herunter, was sie jetzt war. Jeden Morgen früh, ehe es hell wurde, kam sie über die Knippelsbrücke nach der Stadt mit einem schweren Korb auf jedem Arm. Aus den Körben guckten Kohlblätter und Mohrrübenkraut hervor, so daß man meinen könnte, sie mache sich ein Geschäft daraus, bei den Bauern draußen in Amager Grünwaren zu kaufen, um sie dann in Aabenraa und da in der Nähe zu verkaufen. Trotzdem trieb Madame Hansen keinen Handel mit Grünwaren, dagegen aber einen kleinen Kohlenhandel; sie trieb ihn halb im Geheimen und in kleinen Portionen, und ihre Kunden waren lauter arme Leute wie sie selbst. Diese scheinbare Inkonsequenz wurde in Aabenraa nicht weiter beachtet; nicht einmal Schutzmann Frode Hansen schien an Madame Hansens Geschäft etwas Auffallendes zu finden. Wenn er ihr am Morgen begegnete, wo sie mit den schweren Körben angeschleppt kam, konnte er vielmehr ganz freundlich fragen: »Nun, Madame Hansen, waren die Rüben billig heute?« Und war sein Gruß weniger freundlich, wurde er im Laufe des Tages mit einem Glas Bayrisch bewirtet. Dies war eine stehende Ausgabe für Madame Hansen, und sie hatte noch eine solche. Jeden Abend kaufte sie ein großes Stück Kuchen, mit dickem Zucker bestreut. Sie aß es nicht selbst; auch war es nicht für die Kinder; niemand wußte, was sie damit machte, und es gab auch niemand, der es weiter beachtete. – Gab es keine Aussicht auf ein Glas Bier, so führte Schutzmann Frode Hansen seinen Koeffizienten mit Würde die Straße auf und ab spazieren. Wenn er dann Treu oder einem anderen seiner Freunde unter den Hunden begegnete, so blieb er immer lange stehen, um ihn hinter den Ohren zu krauen. Und wenn er die große Ungeniertheit sah, mit der die Hunde sich auf der Straße aufführten, so war es ihm ein wahres Vergnügen, sich mit Strenge auf eine unglückliche Mannsperson zu werfen und sich ihren vollen Namen und ihre Adresse zu notieren, weil sie sich erlaubt hatte, ein Kuvert in die Gosse zu werfen. II. Eines Tages im Spätherbst war eine Mittagsgesellschaft beim Großhändler; die Familie war schon längst wieder nach der Stadt gezogen. Die Unterhaltung floß lange matt und stockend, bis sie sich plötzlich löste und zu einem wilden Wasserfall wurde. Denn unten an der Seite des Tisches, wo die Frau des Hauses saß, war die Frage aufgetaucht: ob man eine Dame, eine feine Dame – eine wirklich feine Dame nennen könnte, von der man wüßte, daß sie auf einem Dampfschiff ihre Füße auf ein Taburett gelegt hätte – niedrige Schuhe, gestickte Strümpfe. Und – seltsam genug, als ob jeder einzelne in der Gesellschaft sein halbes Leben damit verbracht habe, diese Frage zu erwägen – alle warfen ihre vollständig fertige, unerschütterliche Meinung auf den Tisch; es bildeten sich in einem Nu zwei Parteien; die unerschütterlichen Meinungen prallten aufeinander, fielen zu Boden, wurden wieder aufgenommen, um dann mit immer zunehmendem Eifer wieder verworfen zu werden. Oben am anderen Ende des Tisches nahm man nicht an diesem lebhaften Gespräch teil. In der Nähe des Wirtes saßen meist ältere Herren, und wie brennend auch ihre Damen wünschen mochten, jener Frage dadurch ihre endgültige Lösung zu geben, daß sie ihre unerschütterliche Meinung aussprächen, mußten sie doch darauf verzichten, weil der Brennpunkt des lebhaften Gesprächs von einigen jungen Kandidaten ganz unten bei der Wirtin gebildet wurde, und die Entfernung zu groß war. »Es scheint mir, daß ich das große, gelbe Beest heute nicht hier sehe,« sagte Kandidat Hansen in seinem übellaunigen Ton. »Nein, leider! – Treu ist heute nicht hier. Der arme Kerl! – Ich habe ihn ersuchen müssen, mir einen unangenehmen Dienst zu erweisen.« Der Großhändler sprach immer von Treu, wie von einem geschätzten Geschäftsfreund. »Sie machen mich ganz neugierig. Wo ist das süße Tier?« »Ach – meine Gnädige! – Das ist, weiß Gott, eine langweilige Geschichte. Denn – sehen Sie – draußen auf unserm Kohlenlager in Kristianshavn ist gestohlen worden.« »Wie! – Allmächtiger Gott! – Gestohlen!« »Vermutlich ist die Sache schon längere Zeit hindurch im Schwunge gewesen.« »Haben sie denn bemerkt, daß die Vorräte abnahmen?« Doch da mußte der Großhändler lachen, was er selten tat: »Nein, nein! – Bester Herr Doktor! – Entschuldigen Sie, daß ich lache; aber Sie sind wirklich naiv. Es liegen wohl so ziemlich 100 000 Tonnen Kohlen da draußen, Sie werden wohl begreifen, daß es schwer wäre –« »Da müßte schon die ganze Nacht mit zwei Pferden gestohlen werden,« fiel ein jüngerer Geschäftsmann, der witzig war, ein. Der Großhändler fuhr, als er ausgelacht hatte, fort: »Nein, sehen Sie! Der Diebstahl ist dadurch entdeckt worden, daß gestern ein wenig Schnee fiel.« »Was sagen Sie? Schnee – gestern? Davon habe ich nichts gemerkt.« »Es war auch nicht zu einer Zeit, wo wir wach sind – gnädige Frau, sondern ganz früh am Morgen fiel gestern ein wenig Schnee. Und als meine Leute an den Platz kamen, wo die Kohlen liegen, entdeckten sie Fußspuren des Diebes oder der Diebe. Es stellte sich heraus, daß einige Planken im Zaun lose waren, aber mit soviel Kunst wieder zusammengefügt, daß niemand darauf aufmerksam werden konnte. Und so findet also der Diebstahl Nacht für Nacht durch den Zaun statt; – ist das nicht empörend?« »Aber halten sie denn keinen Wachthund, Herr Großhändler?« »Doch, natürlich; aber es ist ein junges Tier – übrigens ausgezeichnete Rasse – halb Bluthund – und wie es diese Schurken fertig bringen, weiß ich nicht; aber jedenfalls sieht es aus, als ob sie mit dem Tier auf freundschaftlichem Fuße stehen; denn man fand die Fußspuren des Hundes mitten unter denen der Diebe.« »Das ist doch merkwürdig; und jetzt soll Treu also versuchen –« »Ja, ganz recht! – Heute habe ich Treu hinausgeschickt, er wird mir schon die Schurken erwischen.« »Könnte man nicht die losen Bretter ordentlich festnageln?« »Das könnte man schon, Herr Kandidat Hansen! – Aber ich will die Kerls fassen; sie sollen ihre wohlverdiente Strafe haben; mein Rechtsbewußtsein ist aufs tiefste verletzt.« »Es ist doch herrlich, ein so treues Tier zu haben.« »Ja – nicht wahr – meine Gnädigste? Wir Menschen müssen zu unserer Schande gestehen, daß wir in so mancher Hinsicht vor den unvernünftigen Tieren zurückstehen.« »Ja – aber Herr Großhändler! Treu ist auch eine Perle. Er ist ohne Zweifel der schönste Hund in ganz – Konstantinopel,« unterbrach Kandidat Hansen. »Das ist ein alter Witz von Herrn Hansen,« erklärte der Großhändler; »er hat das Athen des Nordens in das Konstantinopel des Nordens umgetauft, weil er findet, daß hier zu viel Hunde sind.« »Das ist gut für die Hundesteuer,« meinte einer. »Ja, wenn die Hundesteuer nicht so ungerecht verteilt würde,« brummte Kandidat Hansen; »es hat doch keinen Sinn, daß eine gute alte Dame, die sich einen Hund in einem Nähbeutel hält, – daß sie ebensoviel bezahlen muß wie jemand, der seine Mitmenschen dadurch zu belästigen beliebt, daß er der Besitzer eines halbwilden Tieres von der Größe eines kleinen Löwen ist.« »Wie würden – wenn ich fragen darf – der Herr Kandidat die Hundesteuer berechnet haben wollen?« »Nach dem Gewicht, natürlich,« antwortete Herr Viggo Hansen, ohne sich zu besinnen. Die alten Großhändler und Stadtverordneten lachten so herzlich bei dem Gedanken, die Hunde zu wägen, daß die untere Hälfte des Tisches, wo man noch immer eifrig mit unerschütterlichen Meinungen um sich warf, aufmerksam wurde und ihre Meinungen fallen ließ, um dem Gespräch über die Hunde zuzuhören. Und die Frage: ob man eine Dame, eine feine Dame – eine wirklich feine Dame nennen kann, von der man weiß, daß sie auf einem Dampfschiff ihre Füße auf ein Taburett gelegt hat – niedrige Schuhe, gestickte Strümpfe – sie blieb auch ungelöst in der Luft schweben. »Sie scheinen die Hunde geradezu zu hassen, Herr Kandidat!« sagte seine Tischdame noch lachend. »Ich will Ihnen was sagen, Frau Hansen!« rief der Doktor über den Tisch, »er hat so furchtbare Angst vor Hunden.« »Aber eins müssen Sie doch zugeben, Herr Kandidat,« fuhr Frau Hansen fort, »daß der Hund zu allen Zeiten der treue Begleiter des Menschen gewesen ist? »Ja – das ist wahr – gnädige Frau! Und ich könnte Ihnen erzählen, sowohl was der Hund vom Menschen, wie was der Mensch vom Hunde gelernt hat.« »O, erzählen Sie, bitte!« rief man von mehreren Seiten. »Mit Vergnügen! – Zunächst hat der Mensch den Hund das Schweifwedeln gelehrt.« »Das wäre doch höchst merkwürdig,« rief die alte Großmutter. »Dann hat der Hund sich alle die Eigenschaften angeeignet, die die Menschen niedrig und unzuverlässig machen: kriechende Schmeichelei nach oben und Roheit und Verachtung nach unten. Das engherzige Beharren am Eignen und Mißtrauen und Feindschaft gegen alles andere. Ja, so gelehrig ist das edle Tier gewesen, daß es sogar die rein menschliche Kunst versteht: die Leute nach den Kleidern zu beurteilen; wohlgekleidete Menschen läßt es unbehelligt, aber den Zerlumpten fährt er ohne weiteres an die Waden. Hier wurde der Kandidat durch einen vielstimmigen Ausruf der Entrüstung unterbrochen, und Fräulein Thyra ballte erbittert ihre kleine Hand um das Obstmesser. Aber es gab doch einige, die hören wollten, was denn der Mensch vom Hunde gelernt habe, und Herr Viggo Hansen fuhr fort, immer eifriger und bitterer werdend. Der Mensch hat vom Hunde gelernt, auf die kriechende, unverdiente Verehrung Wert zu legen. Wenn weder Ungerechtigkeit noch Mißhandlung je etwas anderem als diesem ewigen Schweifwedeln, Aufdembauchliegen und Speichellecken begegnet sind, so endet es damit, daß der Herr sich für einen prächtigen Kerl hält, dem alle diese Anhänglichkeit mit Recht zuteil wird. Und indem er die am Hund gemachten Erfahrungen auf seinen menschlichen Verkehr überträgt, legt er sich weniger Zwang auf – in der Erwartung, wedelnden Schweifen und leckenden Zungen zu begegnen. Und wird er dabei enttäuscht, so verachtet er den Menschen und wendet sich mit hohen Lobreden dem Hunde zu.« Zum zweitenmal wurde er unterbrochen; einige lachten, aber die meisten waren empört. Viggo Hansen war indes in Zug gekommen, seine kleine, scharfe Stimme drang durch die Einwendungen hindurch, und er behielt das Wort. »Und während wir von Hunden reden, möchte ich eine außerordentlich tiefsinnige Hypothese von mir selbst vorbringen, sollte es nicht ein für unsern Nationalcharakter bezeichnender Zug sein, daß gerade wir hierzulande diese edle Hunderasse hervorgebracht haben: die berühmten, echten dänischen Hunde? Dieses starke, breitbrüstige Tier mit den gewaltigen Tatzen, dem schwarzen Rachen und den fürchterlichen Zähnen, aber dabei so gutmütig, unschädlich und liebenswürdig – erinnert es nicht an die berühmte, unverwüstliche dänische Loyalität, die der Ungerechtigkeit und Mißhandlung nie anders als mit ewigem Schweifwedeln, Aufdembauchliegen und Speichellecken begegnet ist? Und wenn wir dieses Tier bewundern, das nach unserm eignen Bilde geschaffen ist, streicheln wir ihm dann nicht mit einem wehmütigen Selbstlob den Kopf: Du bist doch ein guter, treuer Hund, ein richtig großes, prächtiges Tier.« »Hören Sie, Herr Kandidat Hansen! Ich will nicht unterlassen, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß es in meinem Hause gewisse Dinge gibt, die –« Der Wirt war zornig; aber ein gutmütiger Verwandter des Hauses beeilte sich, ihn zu unterbrechen: »Ich bin Landmann, und Sie werden doch wohl zugeben, Herr Kandidat, daß für uns ein guter Hofhund geradezu eine Notwendigkeit ist – he?« »O ja – ein kleiner Köter, der kläffen kann, so daß der Knecht aufwacht.« »Nein, ich danke, wir müssen schon einen ordentlichen Hund haben, der die Schurken am Schlafittchen kriegen kann. Ich für mein Teil habe einen Bluthund.« »Und wenn dann ein braver Kerl gelaufen kommt, um Ihnen zu melden, daß es im Hintergebäude brennt, und ihm dann Ihr prächtiger Bluthund an die Kehle fährt – was dann?« »Ja – dann hat er Pech gehabt,« lachte der Landmann, und die andern lachten auch. Herr Viggo Hansen war jetzt eifrig geworden, er antwortete nach allen Seiten hin und stellte die unsinnigsten Paradoxa auf, so daß besonders die Jugend sich köstlich amüsierte, ohne die zunehmende Bitterkeit weiter zu bemerken. »Aber die Wachthunde – die Wachthunde müssen sie uns doch lassen, Herr Kandidat!« rief ein Kohlenhändler lachend. »Keineswegs! Es gibt nichts Unsinnigeres, als daß ein armer Mann, der keine Kohlen hat, der kommt, um seinen Sack an einem Kohlenberg zu füllen – daß er von wilden Tieren zerrissen werden soll. Zwischen einem so geringen Versehen und einer so fürchterlichen Strafe besteht gar kein vernünftiges Verhältnis.« »Dürfen wir nicht erfahren, wie Sie Ihren Kohlenberg beschützen würden, wenn Sie einen hätten?« »Ich würde einen sichern Bretterzaun errichten lassen, und wenn ich sehr ängstlich wäre, würde ich einen Wächter halten, der höflich, aber bestimmt denen, die mit dem Sack kämen, sagen müßte: Entschuldigen Sie! – Aber mein Herr ist sehr genau. Sie dürfen Ihren Sack nicht füllen; machen Sie, daß Sie fortkommen. Durch das allgemeine Gelächter, das diesem letzten Paradoxon folgte, machte sich die Stimme eines würdigen Geistlichen, der am unteren Ende des Tisches bei den Damen saß, bemerkbar. »Es kommt mir vor, als ob in dieser Diskussion – etwas fehle – etwas, was ich das ethische Moment nennen möchte. Ist es nicht so, daß wir alle, die wir hier sitzen, in unserm Herzen ein bestimmtes, deutliches Gefühl haben für das Empörende, das in dem Verbrechen liegt, das wir Diebstahl nennen.« Allgemeine und warme Zustimmung. »Und muß es uns des weiteren nicht aufs tiefste empören, wenn wir hören, wie ein Verbrechen, das sowohl nach göttlichem wie nach menschlichem Gesetz als eins der schlimmsten genannt wird, wie das zu einem geringen und unbedeutenden Versehen herabgesetzt wird? Muß das nicht im hohen Grade umwälzend und gemeingefährlich wirken?« »Erlauben Sie auch mir,« antwortete der unverdrossene Kandidat Hansen, »ein ethisches Moment hervorzuheben. Ist es nicht so, daß unzählige, die nicht hier sitzen, in ihrem Herzen ein bestimmtes und deutliches Gefühl für das Empörende haben, das in dem Verbrechen liegt, das wir Reichtum nennen? Und ob es wohl des weiteren nicht die, die selbst keine andere Kohle als einen leeren Sack besitzen, empören muß, wenn sie sehen, wie einer, der sich erlaubt, zwei- bis dreihunderttausend Tonnen zu besitzen, wilde Tiere zur Bewachung seines Kohlenberges losläßt und zu Bett geht, nachdem er an das Tor geschrieben hat: die Wachthunde werden bei hereinbrechender Dunkelheit losgelassen. Muß das nicht im hohen Grade aufwiegelnd und gemeingefährlich wirken.« »O, du mein Gott und Vater! Er ist ja ein Sansculott!« rief die alte Großmutter. Die meisten Versammelten murmelten auch unzufrieden vor sich hin; er ging zu weit; das war kein Vergnügen mehr. Nur einige wenige lachten noch: »Er meint kein Wort von dem, was er sagte; es ist nur seine Art; – prosit Hansen.« Aber der Wirt nahm es ernster. Er dachte an sich selbst, und er dachte an Treu. Mit einer unheimlichen Höflichkeit fing er an: »Darf ich zunächst fragen, was Sie, Herr Kandidat, unter einem vernünftigen Verhältnis zwischen Verbrechen und Strafe verstehen?« »Zum Beispiel,« antwortete Herr Viggo Hansen, der jetzt ganz wild geworden war, »wenn ich hörte, daß ein Großhändler, der zwei- bis dreihunderttausend Tonnen Kohlen besitzt, einem armen Teufel verwehrt hätte, einen Sack davon zu füllen, und daß eben dieser Großhändler zur Strafe von wilden Tieren zerrissen worden wäre, – seht, das wäre etwas, was ich sehr leicht verstehen könnte; denn zwischen einer so großen Herzlosigkeit und einer so grausamen Strafe bestünde doch ein vernünftiges Verhältnis –« »Meine Damen und Herren! Meine Gattin und ich bitten Sie, fürliebzunehmen. Gesegnete Mahlzeit!« Es entstand ein heimliches Flüstern und Reden, und eine gedrückte Stimmung herrschte unter den Gästen, als man sich in den Salons verteilte. Der Wirt ging mit einem gezwungenen Lächeln umher, und sobald er damit fertig war, jedem einzelnen gesegnete Mahlzeit zu wünschen, ging er Kandidat Hansen aufzusuchen, um ihm mit unzweideutigen Worten für immer die Tür zu weisen. Aber es war nicht mehr nötig; Herr Viggo Hansen hatte sie schon gefunden. III Es hatte seine Richtigkeit mit dem Schnee, wie der Großhändler erzählt hatte. Obgleich man noch ganz im Anfang des Winters war, fiel mehrere Tage nacheinander gegen Morgen ein wenig nasser Schnee; aber es wurde ein feiner Regen daraus, wenn die Sonne aufging. Das war übrigens fast das einzige Zeichen, daß die Sonne aufgegangen war; denn viel heller wurde es den ganzen Tag nicht, auch nicht viel wärmer. Die Luft war von dickem Nebel erfüllt – es war nicht der weißgraue Meernebel, sondern braungrauer, dichter, toter Russennebel, der beim Hinziehen über Schweden nicht leichter geworden war; der Ostwind brachte ihn mit sich und packte ihn gut und sicher zwischen die Häuser von Kopenhagen ein. Unter den Räumen längs des Kastellgrabens und in den Anlagen war es ganz schwarz infolge des Tropfenfalls von den Zweigen. Aber mitten auf den Straßen und oben auf den Dächern der Häuser hatte der Schnee eine dünne weiße Decke gebildet. Es war noch ganz still drüben bei Burmeister \& Wain; der schwarze Morgenrauch wirbelte aus den Schornsteinen empor, und der Ostwind warf ihn auf die weißen Dächer herab, so daß er noch schwärzer wurde, und wehte ihn über den Hafen hin zwischen die Takelung der Schiffe, die düster und schwarz in der Dämmerung dalagen mit weißen Schneestreifen die ganze Reihe entlang. Auf dem Zollamt sollten die Bluthunde bald eingesperrt und die Tore geöffnet werden. Der Ostwind war heftig und wälzte die Wogen gegen die lange Linie, wo sie sich in graugrünem Schaum zwischen den schlüpfrigen Steinen brachen, lange Dünungen kamen bis in den Hafen hinein, plätscherten gegen die Zollschranke und rollten im Hafen der Kriegsflotte, wo die alten Holzfregatten abgetakelt und in all ihrer imponierenden Unbrauchbarkeit unter Dach lagen, große Namen und schwere Erinnerungen hin und her. Der Hafen war noch voll von Schiffen, auf den Landungsbrücken und in den Lagerhäusern lagen die Waren hoch aufgestapelt. Niemand konnte wissen, was man für einen Winter bekommen würde; ob man monatelang von der Welt abgesperrt werden oder ob man mit Nebel- und Schneematsch davonkommen würde. Darum lagen Reihen von Petroleumfässern da, die zusammen mit den ungeheuren Kohlenbergen auf einen strengen Winter lauerten; und es lagen Fässer und Oxhofte voll Wein und Kognak da, die geduldig auf neue Verfälschungen warteten; Tran und Talg und Kork und Eisen – alles lag da und wartete, ein jedes auf das Seine. Überall lag Arbeit und wartete – schwere Arbeit, grobe Arbeit und feine Arbeit unten vom Boden der gewaltigen englischen Kohlendampfer an bis hinauf zu den drei vergoldeten Rettichen auf der neuen Kirche des Kaisers von Rußland in der Breiten Straße. Aber noch gab es niemand, der anfing. Die Stadt schlief so schwer, die Luft war so schwer, der Winter hing über der Stadt; und in den Straßen war es so still, daß man hörte, wie das Wasser aus dem Schnee, der auf den Dächern schmolz, mit tiefem Glucksen in die Wasserrinnen fiel, als ob die großen Steinhäuser noch im Halbschlaf stöhnten. Eine kleine, schläfrige Morgenglocke ertönte drüben auf der Insel, hier und dort öffnete sich eine Tür, und ein Hund kam heraus, um zu bellen. Rouleaux wurden in die Höhe gezogen, und Fenster wurden geöffnet, und in den Zimmern sah man das Stubenmädchen herumgehen und bei einer flackernden Kerze reinmachen; in einem Fenster im Palais lag ein betreßter Lakai und bohrte sich in der Nase in der frühen Morgenstunde. Ein dichter Nebel lag über dem Hafen und blieb in der Takelung der großen Schiffe wie in einem Wald hängen; Regen und nasse Schneeflocken machten ihn noch dichter; aber der Ostwind preßte ihn zwischen die Häuser hinein und füllte den ganzen Amalienplatz mit Nebel, so daß Friedrich V. wie in den Wolken saß und die stolze Nase unbekümmert seiner halbfertigen Kirche zuwandte. Mehrere schläfrige Glocken ließen sich jetzt hören; eine Dampfschiffahrtspfeife setzte mit einem höllischen Gekreisch ein. In den Kneipen, die »vor dem Glockenschlag geöffnet werden«, wurde schon bei warmem Kaffee und Schnaps Frühmesse gehalten; Mädchen mit hängenden Haaren nach einer wilden Nacht kamen aus den Seemannshäusern bei Nyhavn heraus und machten sich halb im Schlaf daran, die Fenster zu putzen. Es war bitterlich kalt, und wer über Königs-Neumarkt mußte, eilte an Öhlenschläger vorüber, den sie vor das Theater gesetzt hatten, barhaupt, und den Kragen voller Schnee, der schmolz und ihm in den offenen Halsbund hineinrann. Jetzt kamen die langen, unerbittlichen Pfiffe aus den Dampfpfeifen der Fabriken rings in der ganzen Stadt, und auf dem Hafen liefen die kleinen Dampfschiffe herum und pfiffen für nichts und wieder nichts. Die Arbeit, die überall lag und wartete, fing an die vielen kleinen, dunklen Gestalten zu verschlingen, die schläfrig und verfroren herauskamen und rings in der Stadt verschwanden. Und es entstand ein stilles Gewimmel auf den Straßen, einige liefen, andere schlenderten langsam – sowohl die, die in die Kohlendampfer hinunter, wie die, die hinauf sollten und die Rettiche des Kaisers von Rußland vergolden, und tausend andere, die von allerhand Arbeit verschlungen werden sollten. Und die Wagen begannen zu rasseln, die Ausrufer zu schreien, die Maschinen hoben ihre ölglänzenden Schultern und drehten die sausenden Räder; und nach und nach vibrierte die schwere, dicke Luft in einem gedämpften Summen vor der vereinten Arbeit der vielen Tausende von Menschen; der Tag hatte angefangen; das fröhliche Kopenhagen war erwacht. Der Schutzmann Frode Hansen fror bis in seinen innersten Koeffizienten hinein; es war eine außergewöhnlich rauhe Wache gewesen, und er ging ungeduldig auf und ab in Aabenraa und wartete auf Madame Hansen. Sie pflegte um diese Zeit oder sogar noch früher zu kommen, und heute war er fest entschlossen, es bis zu einem Glas Bayrisch oder einer warmen Tasse Kaffee zu bringen. Doch Madame Hansen kam nicht; und er fing an zu überlegen, ob es nicht trotz allem seine Pflicht sei, sie zu melden; sie trieb es gar zu weit; es konnte nicht mehr weitergehen mit dieser Spiegelfechterei mit den Kohlblättern und dem Kohlenhandel. Auch Thyra und Waldemar hatten mehrmals in die kleine Küche hinausgeguckt, ob die Mutter nicht gekommen sei und den Kaffee aufgesetzt habe. Aber es war schwarz unter dem Kessel und so dunkel in der Luft und so kalt in der Stube, daß sie wieder zu Bett gingen, sich ins Stroh verkrochen und sich damit amüsierten, sich gegenseitig nach dem Bauch zu treten. Als sich die großen Tore zu Großhändler Hansens Kohlenlager in Kristianshavn öffneten, saß Treu da und blickte beschämt zur Seite; es war aber auch eine widerwärtige Arbeit, die man ihm da aufgetragen hatte. In einer Ecke fand man zwischen zwei leeren Körben ein Bündel Lumpen, aus dem ein schwaches Stöhnen kam, auf dem Schnee waren einige Tropfen Blut, und dicht dabei lag unangerührt ein Stück Kuchen, dick mit Zucker bestreut. Als der Werkführer den Zusammenhang begriff, sah er sich nach Treu um, um ihn zu loben; aber Treu war schon nach Hause gegangen; die Sache war ihm zu unangenehm. Dann lasen sie sie auf, so wie sie war – naß und eklig, und der Werkführer bestimmte, daß sie auf dem ersten Kohlenwagen, der nach der Stadt ging, hineingefahren werden sollte, dann könnten sie am Krankenhaus halten, und der Professor könne selbst sehen, ob sie der Reparatur wert sei. – Gegen zehn Uhr begann die Familie des Großhändlers sich um den Frühstückstisch zu versammeln. Thyra kam zuerst. Sie eilte zu Treu hin, streichelte und küßte ihn und überschüttete ihn mit Koseworten. Aber Treu rührte seinen Schwanz nicht, er hob kaum die Augen; sondern fuhr fort, seine Pfoten zu lecken, die von den Kohlen ein wenig schwarz waren. »Gott – süße Mutter!« rief Fräulein Thyra, Treu ist sicherlich krank, er hat sich natürlich heute nacht erkältet; es war auch abscheulich von Vater. Aber als Waldemar kam, erklärte er mit Kennermiene, daß Treu beleidigt sei. Sie warfen sich jetzt alle drei über ihn mit Bitten, Entschuldigungen und guten Worten; aber Treu blickte kalt von einem zum andern; es war klar, daß Waldemar recht hatte. Thyra lief hinaus, um den Vater zu holen, und der Großhändler kam ernst, etwas feierlich herein. Sie hatten ihm gerade durchs Telephon erzählt, wie gut Treu aufgepaßt hatte, und indem er jetzt vor Treu auf dem Teppich vor dem Kamin niederkniete, dankte er ihm gerührt für den großen Dienst. Das besänftigte Treu etwas. Der Großhändler erzählte jetzt, noch immer auf den Knien, Treus Pfote in seiner Hand, wie es in der Nacht zugegangen war. Daß der Dieb ein ruchloses Frauenzimmer sei, eins der allerschlimmsten, die sogar – man sollte es kaum für möglich halten – einen ziemlich bedeutenden Handel mit den gestohlenen Kohlen getrieben habe. Sie war so gewitzigt gewesen, den jungen Wachthund mit einem Stück Kuchen zu bestechen, doch das nützte ihr natürlich bei Treu nichts. »Und das bringt mich darauf, daran zu denken, wie oft eine gewisse Person, deren Namen ich nicht nennen möchte, mit solchen Redensarten kam wie, daß es eine Schande wäre, daß ein Tier etwas verschmähen sollte, wofür ein Mensch Gott danken würde, haben wir nicht eben gesehen, wozu das gut war? Gerade durch diese – hm – durch diese Eigentümlichkeit wurde Treu in Stand gesetzt, ein abscheuliches Verbrechen zu offenbaren, zu der gerechten Strafe des Bösen beizutragen und auf diese Weise uns und der Gesellschaft zu nützen.« »Aber hör' mal, Vater!« rief Fräulein Thyra, »willst du mir eins versprechen?« »Was denn, Kind?« »Du sollst nie mehr so etwas von Treu verlangen; laß sie lieber ein wenig stehlen.« »Das verspreche ich dir, Thyra! – Und dir auch mein braver Treu,« sagte der Großhändler und erhob sich mit Würde. »Treu ist hungrig,« sagte Waldemar mit Kennermiene. »Gott, Thyra! Hol doch seine Koteletts!« Thyra wollte in die Küche hinunterstürzen; aber im selben Augenblick brachte Stine sie atemlos an. – Der Professor muß vermutlich nicht gefunden haben, daß Madame Hansen der Reparatur wert sei; denn sie kam nie mehr zum Vorschein, und die Kinder gingen ganz zugrunde. Ich weiß nicht, was aus ihnen geworden ist. – Lawrence Sterne Die Maulesel Die Äbtissin von Andouillets – eine Abtei, welche Sie wenn Sie in die lange Folge von Provinzialkarten sehen wollen, die jetzt in Paris herauskommen, in den Gebirgen suchen müssen, welche Burgund von Savoyen scheiden – war in Gefahr eine Anchylosis oder steifes Gelenk zu bekommen (die Sinovia ihres Knies verhärtete sich durch die langen Metten) und hatte alle Mittel versucht – erst Fürbitte und Danksagung, darauf Anrufung aller Heiligen im Himmel untereinander. – Dann, jeden Heiligen insbesondere, der jemals ein steifes Gelenk vor ihr gehabt hatte. – Dann die Berührung mit allen Reliquien des Klosters, hauptsächlich mit dem Hüftbeine des Mannes von Lystra, der von Kindesbeinen an unvermögend gewesen war. Darauf wickelte sie es in ihren Schleier, wenn sie zu Bette ging, dann kreuzweis in ihren Rosenkranz; darauf nahm sie den weltlichen Arm zu Hilfe und salbte es mit Öl und geschmolzenem Fett von Tieren, legte erweichende und auflösende Umschläge darauf – Kräuterpflaster von Pappelweiden, Gutenhinrich, weiße Lilien und foenum grecum. – Dann nahm sie Holz, ich will sagen, Dampf von Holz, indem sie ihr Skapularium quer über ihren Schoß legte; alsdann Dekokte aus wilder Zichorie, Wasserkresse, Kerbel, Löffelkraut usw. – Da aber alles das gar nichts helfen wollte, sah sie sich endlich genötigt, die warmen Bäder zu Bourbon zu gebrauchen. Nachdem sie also vorher von dem Generalvisitator Erlaubnis erhalten hatte für ihre Gesundheit zu sorgen, befahl sie, alles zu ihrer Reise zu veranstalten. Eine Noviziatnonne des Konvents, von ungefähr siebzehn Jahren, die mit einem Fingerwurm an ihrem Mittelfinger geplagt gewesen, hatte sich dadurch bei der Äbtissin in große Gunst gesetzt, daß sie den Finger beständig in die von der Äbtissin weggeworfenen Kräuterpflaster gesteckt hatte – eine alte gichtbrüchige Nonne, der die warmen Bäder zu Bourbon das Leben hätten wiedergeben können, mußte daher nachstehen, und Margareta, die kleine Noviziate, ward zur Reisegesellschafterin erwählt. Eine alte Kalesche, die der Äbtissin gehörte und mit grünem Frieß ausgeschlagen war, wurde auf Befehl heraus in die Sonne geschoben. Der Klostergärtner, der zum Maultiertreiber erkoren worden, zog die beiden alten Maultiere hervor und knipste ihnen die Haare von den stumpfen Schweifen, derweil ein paar Laienschwestern ihren Fleiß anwandten, die eine, den grünen Frieß in der Kalesche zu flicken, und die andere, die Endchen von gelber Litzenschnur wieder aufzunähen, welche der Zahn der Zeit abgenagt hatte. Der Untergärtner nahm heiße Weinhefen und färbte darin seines Vorgesetzten Hut auf. Der Schneider sorgte in seiner Bude, dem Kloster gegenüber, für die Musik, nähte ein paar Dutzend Schellen auf das Geschirr, und so oft er eine Schelle oder Glöcklein mit einem Riemen befestigte, pfiff er eins dazu. Der Zimmermann und Schmied in Andouillets hielten einen Radrat und um sieben Uhr des andern Morgen sah alles aus wie gekehrt und geschmückt und stand vor dem Klostertorwege, fertig zur Reise nach den warmen Bädern zu Bourbon. Zwei Reihen Notleidende hatten sich schon eine Stunde vorher davorgestellt. Die Äbtissin von Andouillets ging auf Margaretens, der Noviziatnonne Arm gestützt, langsam nach dem Wagen. Beide waren in weiß gekleidet und hatten schwarze Rosenkränze an ihrer Brust hängen. Der Abschied hatte etwas ungekünstelt Feierliches. Sie stiegen in die Kalesche. Die Nonnen, in eben der Uniform, liebliches Sinnbild der Unschuld, standen alle vor ihren Fenstern, und wie die Äbtissin und Margareta hinaufsahen, ließ jede – die arme gichtbrüchige Nonne ausgenommen – den Zipfel ihres Schleiers in die Luft steigen und küßte dann die Lilienhand, welche ihn fahren ließ. Die gute Äbtissin und Margareta legten ihre Hände nach Art der Heiligen auf ihre Brust, sahen auf gen Himmel, dann nach ihnen und sagten mit Blicken: Gott sei bei euch, liebe Schwestern!« Ich versichere, ich nehme vielen Anteil an der Geschichte, und wünschte, ich wäre dabei gewesen. Der Gärtner, den ich hinfür lieber den Fuhrmann nennen will, war ein kleiner, derber, festknochiger, gutherziger, schwatzhafter Saufaus vom Kerl, der sich wenig um morgen kümmerte, wenn er nur heute was hatte. Er hatte einen Monat von seinem Klostergärtnerlohne für einen Borrachio, oder ledernen Weinschlauch verpfändet, welchen er hinten auf der Kalesche befestigt und mit einem braunroten Mantel vor der Sonne bedeckt hatte. Und da das Wetter heiß und er kein fauler Kerl war, sondern zehnmal mehr zu Fuße ging, als sich aufsetzte, so fand er öfter Gelegenheit, als die Natur erheischte, seinem Fuhrwerk in den Rücken zu fallen, bis durch das öftere Gehen und Kommen es dahin gedieh, daß all sein Wein aus dem echten Spundloche des Schlauches herausgeleckt war, noch ehe die Hälfte der Reise zurückgelegt war. Der Mensch ist ein Geschöpf, das sich von der Gewohnheit regieren läßt. Der Tag war schwül gewesen, der Abend war herzlich angenehm, der Wein war kräftig, der Burgundsche Hügel, an dem er wuchs, war steil. Ein kleiner verführerischer Kranz über der Tür einer kühlen Bauernhütte am Fuße desselben hing da und machte harmonische Schwingungen mit seiner Weinlust, ein kleines Lüftchen säuselte ganz deutlich durch die Blätter: »Komm, komm, durstiger Fuhrmann! Komm herein!« Der Fuhrmann war Adamsgeschlechts, weiter brauche ich kein Wort zu sagen. Er gab den Maultieren jedem einen derben Hieb und sah dabei der Äbtissin und Margareten ins Gesicht, als zu sagen, hier bin ich. Darauf klatschte er noch einmal lustig mit der Peitsche, als ob er damit zu den Mauleseln sagen wollte: Zieht zu! – Und damit schlich er hinten herum in das kleine Wirtshaus am Fuße des Hügels. Der Fuhrmann, wie ich schon gesagt, war ein kleiner, lustiger, schwatzhafter Kerl, der nicht auf morgen dachte, noch auf das, was vorhergegangen war oder hernach folgen würde, wenn er nun sein Maß Burgunder hatte und sein Wort dabei plaudern konnte. Er geriet also bald in ein langes Gespräch, wie daß er sozusagen der Obergärtner beim Kloster zu Andouillets wäre usw. und aus Freundschaft für die Äbtissin und Mademoiselle Margareta, die nur noch im Noviziat wäre, wäre er mit ihnen von den Savoyischen Grenzen mit heraufgereist usw., und wie sie, sozusagen, eine weiße Geschwulst gekriegt, aus Andacht – und was ein Haufen Kräuter er hätte angeschafft, die Materie zu vertreiben usw., und daß, wenn die Bäder zu Burgund ihr Bein nicht gutmachten, so könnte sie sozusagen ihr Lebtage ein Lahmbein daran haben usw. Er wußte seine Historie so zu erzählen, daß er darüber die Heldin rein vergaß und mit ihr die kleine Probenonne, und was noch kitzlicher zu vergessen war als alle beide: die zwei Maultiere; welches Geschöpfe sind, die gerne die Welt hintergehen, um so mehr, da ihre Eltern sie hintergangen haben. Und da sie nicht – wie Männer, Weiber und Tiere – imstande sind, diese Verbindlichkeit in absteigender Linie zu erwidern, so tun sie es seitwärts und rückwärts, bergauf und bergnieder, so gut sie können. – Die Philosophen mit aller ihrer Moral haben dieses noch nie aus dem rechten Gesichtspunkte betrachtet – wie sollte es denn der Fuhrmann mit seiner Nase im Glase. – Es wird Zeit, daß wir es tun. Laß uns ihn also im Wirbel seines Elements als den glücklichsten und gedankenlosesten Sterblichsten verlassen und auf einen Augenblick nach den Maultieren, der Äbtissin und der Noviziatnonne sehen. Die beiden letzten Hiebe des Fuhrmanns hatten soviel gewirkt, daß die Maultiere ruhig fortschlenderten und nach bestem Wissen und Gewissen den Berg hinangingen, bis sie etwa eine Hälfte davon erstiegen hatten. Als jedoch das ältere von beiden, ein alter listiger Hund von Maulesel, als der Weg einen Winkel machte, von der Seite schielte, und da er keinen Treiber gewahr ward – »Fickelmein!« sagte es (es sollte ein Schwur sein), »ich geh' nicht weiter.« – »Ja, wenn ich's tue, versetzte das andre, so sollen sie meinen Balg auf die Trommel spannen.« – Und somit standen sie einmütig still. »Wollt ihr bald zugehen?« sagte die Äbtissin. »Ho – t – ot – ho – t ot,« rief Margareta. »He – he – he,« die Äbtissin. »Hu – uh – ho – uh,« huhrete Margareta und spitzte ihre süßen Lippen halb zum Rufen und halb zum Pfeifen. Stupp – stupp – stupp! – klopfte die Äbtissin mit ihrem mit Gold beschlagenen Spazierstocke auf den Boden der Kalesche. Das alte Maultier beantwortete den Ton rückwärts. »Wir sind verloren, mein Kind; wir sind des Todes,« sagte die Äbtissin zu Margareta. »Wir müssen hier die ganze Nacht halten, sie werden uns plündern, sie werden uns schänden!« »Ach, du liebste Zeit,« sagte Margareta, »müssen wir nun geschändet werden.« »Sankta Maria!« schrie die Äbtissin und vergaß das O! »Warum ließ ich mich durch das gottlose steife Gelenk verleiten? Warum habe ich mein Kloster zu Andouillets verlassen? Ach, warum ließest du deine Magd nicht unbefleckt in die Grube fahren!« »O, mein Finger, mein Finger!« schrie die Probenonne, welche bei dem Worte Magd Feuer fing. »Ach hätte ich ihn lieber hier oder dorthin gesteckt, als daß ich ihn ins warme Bad stecken will und darüber hier in die Klemme gerate!« »Klemme!« sagte die Äbtissin. »Klemme,« sagte die Probenonne; denn der Schrecken hatte ihren Verstand betäubt. Die eine wußte nicht was sie sagte, noch die andre, was sie antwortete. »O, meine Keuschheit! Keuschheit!« schrie die Äbtissin. »– eischheit! – eischheit!« sagte die Noviziatnonne. »Teuerste Mutter,« sagte die Probenonne, als sie sich ein wenig besann. »Es gibt zwei gewisse Wörter, welche, wie man mir gesagt hat, alle Pferde, Esel und Maultiere zwingen einen Berg hinanzugehen, sie mögen wollen oder nicht, wenn sie auch noch so widerspenstig oder störrisch sind, den Augenblick, da sie solche aussprechen hören, sind sie gehorsam.« »Das sind Zauberworte!« schrie die Äbtissin mit dem äußersten Entsetzen. »Nein,« antwortete Margaret gelassen, »aber es sind sündliche Worte.« »Was sind sie?« sagte die Äbtissin, die ihr in die Rede fiel. »Es sind sündliche Worte im höchsten Grade,« antwortete Margareta, »todsündlich – und wenn wir geschändet werden und sterben ehe wir davon absolviert werden, so sind wir beide –« »Gegen mich können Sie sie aussprechen,« sagte die Äbtissin von Andouillets. »Sie können, liebste Mutter,« sagte die Noviziatnonne, »sie können gar nicht ausgesprochen werden; sie würden machen, daß einem das Blut aus allen Adern ins Gesicht stiege.« »Aber ins Ohr können Sie mir sie doch flüstern,« sagte die Äbtissin. Himmel, hattest du keinen Schutzengel nach dem Wirtshause am Fuße des Hügels zu senden? War eben kein großmütiger, freundschaftlicher Geist ohne Geschäfte? Kein Bote in der Natur, der durch einen anmahnenden Schauder, der durch die Pulsadern kroch, welche zum Herzen führen, den Fuhrmann von seinem Gelage fortgetrieben hätten? Keinen lieblichen Leiermann, die angenehme Idee von der Äbtissin und Margareten mit ihren schwarzen Rosenkränzen zurückzurufen? Stürmt ihn auf! Stürmt ihn auf! – Doch, es ist zu spät. – Die erschrecklichen Worte sind diesen Augenblick schon ausgesprochen. – Und wie soll ich sie sagen? – Ihr, die ihr von jedem vorhandenen Dinge mit unbefleckten Lippen reden könnt, lehrt mich, führt mich! – »Alle Sünden insgesamt,« sagte die Äbtissin, welche die Not, in der sie steckten, zur Kasuistin machten, »werden von unserm Beichtvater im Kloster eingeteilt in Todsünden oder Erlassungssünden. Mehr Abteilungen gibt es nicht. Nun aber ist eine Erlassungssünde die leichteste und geringste von allen Sünden. Wenn sie halbiert wird – indem man nur die Hälfte aufnimmt und das andre liegen läßt – oder wenn man sie ganz aufnimmt und sie mit einer andern Person freundschaftlich teilt, wird sie dadurch so dünne, daß es fast gar keine Sünde mehr bleibt. »Und nun sehe ich die Sünde nicht, wenn man hundertmal bou, bou, bou sagt; ebensowenig sehe ich das Unreine dabei, wenn man von den Metten bis zur Vesper die Silbe ger, ger, ger sagte. Also, meine liebe Tochter,« fuhr die Äbtissin von Andouillets fort, »will ich bou sage, und sage du ger . Und hernach, zur Abwechslung, weil nicht mehr dabei ist ob man fou oder bou sagt, sollst du fou sagen, und ich will eintreten, wie fa, fol, La, re, mi, ut in unsern Abendstunden, mit ter .« Und demzufolge fing die Äbtissin, die den Ton angab, folgendergestalt an: Äbtissin: Bou – bou – bou – Margareta: – ger – ger – ger. Margareta: Fou – fou – fou – Äbtissin: – ter – ter – ter. Die beiden Maultiere zeigten durch ein gegenseitiges Wedeln mit dem Schweife an, daß ihnen die Noten bekannt waren. Weiter aber ging's nicht. »Nachgerade wird es schon gehen,« sagte die Probenonne. Äbtissin: Bou – bou – bou Margareta: – ger – ger – ger. » Presto! « schrie Margareta. » Fou, fou, fou, fou, fou, fou. Prestissimo! « schrie Margareta. » Bou, bou, bou, bou, bou, bou. Veloscissimo! Behüt und bewahre!« sagte die Äbtissin. »Sie verstehen uns nicht!« schrie Margareta. »Aber der Satan versteht's,« sagte die Äbtissin von Andouillets. Hans Christian Andersen Das häßliche junge Entlein Deutsch von H. Reuscher. Es war so herrlich draußen auf dem Lande; es war Sommer, das Korn stand gelb, der Hafer grün, das Heu war unten auf den grünen Wiesen in Schobern aufgesetzt, und da ging der Storch auf seinen langen, roten Beinen und plapperte ägyptisch, denn diese Sprache hatte er von seiner Mutter gelernt. Rings um den Acker und die Wiese waren große Wälder, und mitten in den Wäldern tiefe Seen; ja, es war wirklich herrlich da draußen auf dem Lande! Mitten im Sonnenschein lag dort ein altes Rittergut, von tiefen Kanälen umgeben, und von der Mauer bis zum Wasser herunter wuchsen große Klettenblätter, die so hoch waren, daß kleine Kinder unter den höchsten aufrecht stehen konnten; es war eben so wild darinnen wie im tiefsten Walde, und hier lag eine Ente auf ihrem Neste, welche ihre Jungen ausbrüten mußte, aber es wurde ihr fest zu langweilig, ehe die Jungen kamen, dazu bekam sie selten Besuch; die andern Enten schwammen lieber in den Kanälen umher, als daß sie hinausliefen, sich unter ein Klettenblatt zu setzen, um mit ihr zu schnattern. Endlich borst ein Ei nach dem andern; »piep! piep!« sagte es, und alle Eidotter waren lebendig geworden und steckten den Kopf heraus. »Rapp, rapp!« sagte sie, und so rappelten sich alle, was sie konnten, und sahen nach allen Seiten unter den grünen Blättern, und die Mutter ließ sie sehen, so viel sie wollten, denn das Grüne ist gut für die Augen. »Wie groß ist doch die Welt!« sagten alle Jungen; denn nun hatten sie freilich ganz anders Platz, als wie sie noch innen im Ei lagen. »Glaubt ihr, daß dies die ganze Welt sei?« sagte die Mutter, »die erstreckt sich noch weit über die andere Seite des Gartens, gerade hinein in des Pfarrers Feld, aber da bin ich noch nie gewesen! – Ihr seid doch alle beisammen,« fuhr sie fort, und so stand sie auf, »nein, ich habe nicht alle, das größte Ei liegt noch da; wie lange soll das währen! Jetzt bin ich es bald überdrüssig!« und so legte sie sich wieder. »Nun, wie geht es?« sagte eine alte Ente, welche gekommen, um ihr einen Besuch abzustatten. »Es währt so lange mit dem einen Ei!« sagte die Ente, die da lag; »es will nicht entzweigehen; doch blicke nur auf die andern hin, sind sie nicht die niedlichsten Entlein, die man je gesehen? Sie gleichen allesamt ihrem Vater; der Bösewicht kommt nicht, mich zu besuchen.« »Laßt mich das Ei sehen, welches nicht bersten will!« sagte die Alte. »Glaube mir, es ist ein Kalekutenei! Ich bin auch einmal so angeführt worden, und hatte meine große Sorge und Not mit den Jungen, denn ihnen ist bange vor dem Wasser. Ich konnte sie nicht hinausbekommen! Ich rappte und schnappte, aber es half nichts. – Laß mich das Ei sehen! Ja, das ist ein Kalekutenei, laß du das liegen und lehre lieber die andern Kinder schwimmen.« »Ich will doch noch ein bißchen darauf liegen,« sagte die Ente; »habe ich nun so lange gelegen, so kann ich die Tiergartenzeit mitliegen.« »Nach Belieben,« sagte die alte Ente, und ging fort. Endlich borst das große Ei. »Piep, piep!« sagte das Junge und kroch heraus; es war so groß und häßlich. Die Ente betrachtete es: »Es ist doch ein gewaltig großes Entlein das,« sagte sie; »keines von den andern sieht so aus, sollte es doch wohl ein kalekutisches Küchlein sein? Nun da wollen wir bald dahinter kommen, in das Wasser soll es, ob ich es auch selbst hineinstoßen soll.« Am nächsten Tage war ein schönes, herrliches Wetter; die Sonne schien auf alle die grünen Kletten. Die Entleinmutter ging mit ihrer ganzen Familie zu dem Kanale hinunter. Platsch, da sprang sie in das Wasser. »Rapp, rapp!« sagte sie, und ein Entlein plumpte nach dem andern hinein; das Wasser schlug ihnen über den Kopf zusammen, aber sie kamen gleich wieder empor und schwammen so prächtig; die Beine gingen von selbst, und alle waren sie hinaus, selbst das häßliche, graue Junge schwamm mit. »Nein, es ist kein Kalekut,« sagte sie; »sieh, wie herrlich es die Beine gebraucht, wie gerade es sich hält, es ist mein eigenes Kind. Im Grunde ist es doch ganz hübsch, wenn man es nur recht betrachtet. Rapp, rapp! – Kommt nur mit mir, ich werde euch in die große Welt führen, euch im Entenhofe präsentieren, aber haltet euch immer nahe zu mir, damit keiner auf euch trete, und nehmt euch vor den Katzen in acht!« Und so kamen sie zum Entenhofe hinein. Da drinnen war ein schrecklicher Lärm; denn da waren zwei Familien, die sich um einen Aalkopf bissen, und am Ende bekam ihn doch die Katze. »Seht, so geht es in der Welt zu!« sagte die Entleinmutter und wetzte ihren Schnabel; denn sie wollte auch den Aalkopf haben. »Braucht nun die Beine!« sagte sie, »seht, daß ihr euch rappeln könnt und neigt euern Hals vor der alten Ente dort; sie ist die Vornehmste von allen hier, sie ist aus spanischem Geblüt, deshalb ist sie so dick, und seht ihr, sie hat einen roten Lappen um das Bein; das ist etwas außerordentlich Schönes, und die größte Auszeichnung, welche eine Ente bekommen kann, das bedeutet so viel, daß man sie nicht verlieren will, und daß sie von Tier und Menschen erkannt werden soll! – Rappelt euch! – Setzt die Füße nicht einwärts, ein wohlerzogenes Entlein setzt die Füße weit voneinander, gerade wie Vater und Mutter. Seht so! Nun neigt euern Hals und sagt: Rapp.« Und das taten sie; aber die andern Enten rings umher betrachteten sie und sagten ganz laut: »Sieh da! Nun sollen wir noch den Anhang haben, als ob wir nicht so schon genug wären, und pfui, wie das eine Entlein aussieht, das wollen wir nicht dulden!« – Und sogleich flog eine Ente hin und biß es in den Nacken. »Laß das sein!« sagte die Mutter, »es tut ja niemandem etwas.« »Ja, aber es ist zu groß und ungewöhnlich,« sagte die beißende Ente, »und deshalb muß es gepufft werden.« »Es sind hübsche Kinder, welche Mutter hat,« sagte die alte Ente mit dem Lappen um das Bein, »allzusammen schön, bis auf das eine, das ist nicht geglückt; ich wollte wünschen, daß sie es umarbeiten könnte.« »Das geht nicht, Ihro Gnaden,« sagte die Entleinmutter, »es ist nicht hübsch, aber es ist ein innerlich gutes Gemüt und schwimmt so herrlich wie eines von den andern, ja, ich darf sagen, noch etwas besser. Ich denke, es wird sich hübsch herauswachsen und mit der Zeit etwas kleiner werden, es hat zu lange in dem Ei gelegen, und deshalb nicht die rechte Gestalt bekommen!« Und so zupfte sie es im Nacken und glättete das Gefieder. »Es ist überdies ein Entrich,« sagte sie, »und darum macht es nicht soviel aus. Ich denke, er wird gute Kräfte bekommen, er schlägt sich schon durch.« »Die andern Entlein sind niedlich,« sagte die Alte, »tut nun, als ob ihr zu Hause wäret, und findet ihr einen Aalkopf, so könnt ihr mir ihn bringen.« Und so waren sie wie zu Hause. Aber das arme Entlein, welches zuletzt aus dem Ei gekrochen war und so häßlich aussah, wurde gebissen, gestoßen und zum besten gehalten, und das sowohl von den Enten, wie von den Hühnern. »Es ist zu groß,« sagten allesamt, und der kalekutische Hahn, welcher mit Sporen zur Welt gekommen war und deshalb glaubte, daß er Kaiser sei, blies sich wie ein Fahrzeug mit vollen Segeln auf, ging gerade auf dasselbe los, und dann kollerte er und wurde ganz rot am Kopfe. Das arme Entlein wußte weder, wo es gehen noch stehen sollte, es war so betrübt, weil es so häßlich aussah und zum Spott des ganzen Entenhofes diente. So ging es den ganzen Tag, und später wurde es schlimmer und schlimmer. Das arme Entlein wurde von allen gejagt, selbst seine Geschwister waren so böse gegen dasselbe und sagten immer: »Wenn die Katze dich nur fangen möchte, du häßliches Geschöpf!« Und die Mutter sagte: »Wenn du nur weit fort wärest!« Und die Enten bissen es, und die Hühner schlugen es, und das Mädchen, welches die Tiere füttern sollte, stieß mit dem Fuße danach. Da lief und flog es über das Gehege. Die kleinen Vögel in den Büschen flogen erschrocken auf. Das geschieht, weil ich so häßlich bin, dachte das Entlein und schloß die Augen, lief aber gleichwohl weiter. So kam es hinaus zu dem großen Moor, wo die wilden Enten wohnten. Hier lag es die ganze Nacht, es war so müde und kummervoll. Am Morgen flogen die wilden Enten auf, und sie betrachteten den neuen Kameraden, »Was bist du für einer?« fragten sie, und das Entlein wendete sich nach allen Seiten und grüßte so gut es konnte. »Du bist außerordentlich häßlich!« sagten die wilden Enten, »aber das kann uns gleich sein, wenn du nur nicht in unsere Familie hineinheiratest.« – Das Arme, es dachte wahrlich nicht daran, sich zu verheiraten, durfte es nur die Erlaubnis haben, im Schilfe zu liegen und etwas Moorwasser zu trinken. So lag es ganze zwei Tage, da kamen zwei wilde Gänse oder richtiger wilde Gänseriche dorthin, denn es waren zwei Hähne. Es war noch nicht lange her, daß sie aus dem Ei gekrochen waren, und deshalb waren sie auch so keck. »Höre, Kamerad,« sagten sie, »du bist so häßlich, daß ich dich gut leiden mag. Willst du mitziehen und Zugvogel sein? Hier nahebei in einem andern Moore gibt es einige süße, liebliche wilde Gänse, allezusammen Fräuleins, die da ›rapp!‹ sagen können, du bist imstande, dein Glück zu machen, so häßlich du auch bist!« – – Pipp, paff, ertönte es zugleich, und beide wilden Gänseriche fielen tot in das Schilf nieder, und das Wasser wurde blutrot. – Piff, paff, erscholl es wieder, und ganze Scharen wilder Gänse flogen aus dem Schilfe auf, und dann knallte es wieder. Es war große Jagd, die Jäger lagen rings um das Moor herum, ja, einige saßen oben in den Baumzweigen, welche sich weit über das Schilf hinstreckten. Der blaue Dampf zog gleich Wolken in die dunkeln Bäume hinein und ging weit über das Wasser hin. Zum Moore kamen die Jagdhunde, platsch, platsch; das Schilf und Rohr neigte sich nach allen Seiten. Das war ein Schreck für das arme Entlein, es wendete den Kopf, um ihn unter den Flügel zu stecken, und im selben Augenblick stand ein fürchterlich großer Hund dicht bei dem Entlein, die Zunge hing ihm lang aus dem Halse heraus, und die Augen leuchteten greulich häßlich. Er streckte seinen Rachen dem Entlein gerade entgegen, zeigte ihm die scharfen Zähne – und platsch, platsch, ging er wieder, ohne es zu nehmen. »O, Gott sei Dank!« seufzte das Entlein, ich bin so häßlich, daß mich selbst der Hund nicht beißen mag!« Und so lag es ganz stille, während der Hagel durch das Schilf sauste und es Schuß auf Schuß knallte. Erst spät am Abend wurde es stille, aber das arme Junge wagte noch nicht, sich zu erheben. Es wartete noch mehrere Stunden, bevor es sich umsah, und dann eilte es fort aus dem Moore, so schnell es konnte. Es lief über Feld und Wiese, es war ein Sturm, so daß es ihm schwer wurde, von der Stelle zu kommen. Gegen Abend erreichte es eine arme kleine Bauernhütte; die war so baufällig, daß sie selbst nicht wußte, nach welcher Seite sie fallen wollte, und darum blieb sie stehen. Der Sturm umsauste das Entlein so, daß es sich niedersetzen mußte, um sich dagegenzustemmen; und es wurde schlimmer und schlimmer. Da bemerkte es, daß die Tür aus der einen Haspe gegangen war und so schief hing, daß es durch die Öffnung in die Stube hineinschlüpfen konnte. Und das tat es. Hier wohnte eine alte Frau mit ihrer Katze und ihrem Huhn. Die Katze, welche sie Söhnchen nannte, konnte einen Buckel machen und spinnen, sie sprühte sogar Funken; aber dann mußte man sie gegen die Haare streicheln. Das Huhn hatte ganz kleine niedrige Beine, und deshalb wurde es Küchelchen-Kurzfuß genannt. Es legte gute Eier, und die Frau liebte es wie ihr eigenes Kind. Am Morgen bemerkte man sogleich das fremde Entlein, und die Katze begann zu spinnen und das Huhn zu klucken. »Was ist das?« sagte die Frau und sah sich rings um. Aber sie sah nicht gut, und so glaubte sie, daß das Entlein eine fette Ente sei, die sich verirrt habe. »Das ist ja ein seltner Fang!« sagte sie, »nun kann ich Enteneier bekommen, wenn es nur kein Enterich ist. Das müssen wir erproben!« Und so wurde das Entlein für drei Wochen auf Probe angenommen; aber da kamen keine Eier. Und die Katze war Herr im Hause, und das Huhn war die Dame, und immer sagten sie: »Wir und die Welt!« denn sie glaubten, daß sie die Hälfte seien und zwar der allerbeste Teil. Das Entlein glaubte, daß man auch eine andere Meinung haben könne, aber das litt das Huhn nicht. »Kannst du Eier legen?« fragte es. »Nein!« »So wirst du deinen Mund halten!« Und die Katze sagte: »Kannst du einen krummen Buckel machen, spinnen und Funken sprühen?« »Nein!« »So darfst du auch keine Meinung haben, wenn vernünftige Leute sprechen!« Und das Entlein saß im Winkel und war in schlechter Laune; da fiel es ihm ein, an die frische Luft und den Sonnenschein zu denken. Es bekam solche sonderbare Lust auf dem Wasser zu schwimmen, daß es nicht unterlassen konnte, dies der Henne zu sagen. »Was fehlt dir?« fragte sie. »Du hast nichts zu tun, deshalb bekommst du die Grillen! Lege Eier oder spinne, so gehen sie vorüber.« »Aber es ist so schön, auf dem Wasser zu schwimmen!« sagte das Entlein, »so herrlich, es über den Kopf zu bekommen und auf den Grund niederzutauchen!« »Ja, das ist ein großes Vergnügen!« sagte die Henne. »Du bist wohl verrückt geworden! Frage die Katze danach, sie ist die klügste, die ich kenne, ob sie es liebt auf dem Wasser zu schwimmen oder unterzutauchen? Ich will nicht von mir sprechen. – Frage selbst unsere Herrschaft, die alte Frau, klüger als sie ist niemand auf der Welt! Glaubst du, daß sie Lust hat zu schwimmen und Wasser über den Kopf zu bekommen?« »Ihr versteht mich nicht!« sagte das Entlein. »Wir verstehen dich nicht? Wer soll dich denn verstehen können! Du wirst doch wohl nicht klüger sein wollen, als die Katze und die Frau, mich will ich nicht erwähnen! Bilde dir nichts ein, Kind, und danke deinem Schöpfer für all das Gute, was man dir erwiesen! Bist du nicht in eine warme Stube gekommen und hast einen Umgang, von dem du etwas lernen kannst? Aber du bist ein Schwätzer, und es ist nicht erfreulich, mit dir umzugehen! Mir kannst du es glauben, ich meine es gut mit dir, ich sage dir Unannehmlichkeiten, und daran kann man seine wahren Freunde erkennen! Sieh nur zu, daß du Eier legst oder spinnen und Funken sprühen lernst!« »Ich glaube, ich gehe hinaus in die weite Welt!« sagte das Entlein. »Ja, tue das!« sagte das Huhn. Und so ging das Entlein. Es schwamm auf dem Wasser, es tauchte unter, aber von allen Tieren wurde es wegen seiner Häßlichkeit übersehen. Nun trat der Herbst ein, die Blätter im Walde wurden gelb und braun, der Wind riß sie ab, so daß sie umhertanzten, und oben in der Luft war es sehr kalt, die Wolken hingen schwer mit Hagel und Schneeflocken, und auf dem Zaun stand der Rabe und schrie: »Au, au!« vor lauter Kälte. Ja, man konnte ordentlich frieren, wenn man daran dachte. Das arme Entlein hatte es wahrlich nicht gut. Eines Abends, die Sonne ging so schön unter, kam ein ganzer Schwarm herrlicher großer Vögel aus dem Busche. Das Entlein hatte solche nie so schön gesehen; sie waren ganz blendend weiß mit langen, geschmeidigen Hälsen. Es waren Schwäne; sie stießen einen ganz eigentümlichen Ton aus, breiteten ihre prächtigen, langen Flügel aus und flogen von der kalten Gegend fort nach wärmeren Ländern, nach offenen Seen. Sie stiegen so hoch, so hoch, und dem häßlichen kleinen Entlein wurde so sonderbar zumute; es drehte sich im Wasser wie ein Rad rundherum, streckte den Hals hoch in die Luft nach ihnen aus, stieß einen so lauten und sonderbaren Schrei aus, daß es sich selbst davor fürchtete. O, es konnte die schönen, die glücklichen Vögel nicht vergessen, und sobald es sie nicht mehr erblickte, tauchte es gerade bis auf den Grund, und als es wieder heraufkam, war es gerade wie außer sich. Es wußte nicht, wie die Vögel hießen, nicht wohin sie flogen; aber doch war es ihnen gut, wie es nie jemandem gewesen. Es beneidete sie durchaus nicht. Wie konnte es ihm einfallen, sich solche Lieblichkeit zu wünschen, es wollte schon froh sein, wenn die Enten es nur unter sich geduldet hätten. – Das arme häßliche Tier! Und der Winter wurde so kalt, so kalt. Das Entlein mußte im Wasser herumschwimmen, um das völlige Zufrieren desselben zu verhindern; aber in jeder Nacht wurde das Loch, worin es schwamm, kleiner und kleiner. Es fror, so daß es in der Eisdecke knackte. Das Entlein mußte fortwährend die Beine gebrauchen, damit das Wasser sich nicht schloß. Zuletzt wurde es matt, lag ganz stille und fror so im Eise fest. Des Morgens früh kam da ein Landmann, der dies sah, ging hinaus und schlug mit seinem Holzschuh das Eis in Stücke und trug das Entlein heim zu seiner Frau. Da wurde es wieder belebt. Die Kinder wollten mit demselben spielen, aber das Entlein glaubte, sie wollten ihm etwas zuleide tun und fuhr in der Angst gerade in den Milchnapf hinein, so daß die Milch in die Stube hinausspritzte. Die Frau schrie, schlug die Hände zusammen, worauf es in das Butterfaß, dann hinunter in die Mehltonne und so wieder aufflog. Na, wie sah es da aus! Die Frau schrie und schlug mit der Feuerzange danach, die Kinder liefen einander über den Haufen, um das Entlein zu fangen; sie lachten und schrien. – Gut war es, daß die Tür aufstand und es zwischen die Reiser in den frischgefallenen Schnee schlüpfen konnte. – Da lag es, ganz ermattet. Aber all die Not und das Elend, welches das Entlein in dem harten Winter erdulden mußte, zu erzählen, würde zu trübe sein – – es lag im Moore zwischen dem Rohre, als die Sonne wieder warm zu scheinen begann; die Lerchen sangen – es war herrliches Frühjahr. Da konnte auf einmal das Entlein seine Flügel schwingen, sie brausten stärker als früher und trugen es kräftig davon. Und ehe dasselbe es recht wußte, befand es sich in einem großen Garten, wo die Apfelbäume in Blüte standen, wo der Flieder duftete und seine langen, grünen Zweige gerade bis zu den gekrümmten Kanälen hinunterneigte. O, hier war es so schön, so frühjahrsfrisch! Und gerade vorn aus dem Dickicht kamen drei prächtige, weiße Schwäne. Sie brausten mit den Federn und schwammen so leicht auf dem Wasser. Das Entlein kannte die prächtigen Tiere und wurde von einer eigentümlichen Traurigkeit befangen. Ich will zu ihnen hinfliegen, zu den königlichen Vögeln! Und sie werden mich totschlagen, weil ich, da ich so häßlich bin, mich ihnen zu nähern wage; aber das ist gleichviel. Besser von ihnen getötet, als von den Enten gezwackt, von den Hühnern geschlagen, von dem Mädchen, welches den Hühnerhof hütet, gestoßen zu werden und im Winter Mangel zu leiden! Und es flog hinaus in das Wasser und schwamm den prächtigen Schwänen entgegen. Diese erblickten es und schossen mit brausenden Federn auf dasselbe los. »Tötet mich nur!« sagte das arme Tier und neigte seinen Kopf der Wasserfläche zu und erwartete den Tod, – aber was erblickte es in dem klaren Wasser? Es sah sein eigenes Bild unter sich, das kein plumper, schwarzgrauer Vogel mehr, häßlich und garstig, sondern selbst ein Schwan war. Es schadet nichts, in einem Entenhofe geboren zu sein, wenn man nur in einem Schwanenei gelegen hat. Es fühlte sich ordentlich erfreut über all die Not und die Drangsal, welche es erduldet. Nun erkannte es erst recht sein Glück an all der Herrlichkeit, die es begrüßte. – Und die großen Schwäne umschwammen es und streichelten es mit dem Schnabel. Im Garten kamen da einige kleine Kinder, die warfen Brot und Korn in das Wasser, und das kleinste rief: »Da ist ein neuer!« Und die andern Kinder jubelten mit: »Ja, es ist ein neuer angekommen!« Und sie klatschten mit den Händen und tanzten umher; liefen zu dem Vater und der Mutter, und es wurde Brot und Kuchen in das Wasser geworfen, und sie sagten alle: »Der neue ist der schönste; so jung und so prächtig,« und die alten Schwäne neigten sich vor ihm. Da fühlte er sich so beschämt und steckte den Kopf unter seine Flügel. Er wußte selbst nicht, was er beginnen sollte, er war allzu glücklich, aber durchaus nicht stolz; denn ein gutes Herz wird nie stolz! Er dachte daran, wie er verfolgt und verhöhnt worden war und hörte nun alle sagen, daß er der schönste aller schönen Vögel sei. Selbst der Flieder bog sich mit den Zweigen gerade zu ihm in das Wasser herunter, und die Sonne schien so warm und so mild, da brausten seine Federn, der schlanke Hals hob sich, und aus vollem Herzen jubelte er: »So viel Glück habe ich mir nicht träumen lassen, als ich noch das häßliche Entlein war!« Rudolf Presber Die Lady mit der Katze Als ich in Genua das Schiff bestieg, das mich nach Alexandrien, in den gastlichen Hafen des Wunderlandes Ägypten tragen sollte, war ich allein und suchte keine Gesellschaft. Beim Abschied von der Heimat war mir wie ein heimlicher Triumphgesang eine Strophe Heines durch den Sinn gezogen, und während die Räder klapperten und die Maschine fauchte und mein Visavis mit faunischem Lächeln einen langen parfümierten Liebesbrief genoß, dessen Schreiberin ihn wohl jenseits des Gotthards erwartete, las ich beständig die Worte, als wären sie vor mir in das schmutzige Gepäcknetz oder neben mir in die grauen Wolken, die sich vor der Lokomotive herwälzten, mit feurigen Buchstaben eingeschrieben: Lebet wohl, ihr glatten Säle, glatte Herren, glatte Frauen! ... In meiner grauen, häßlichen Lodenjuppe, den wasserdichten Filzhut auf dem Kopf und seit sechsunddreißig Stunden nicht rasiert, betrat ich – wahrhaftig kein Bild großstädtischer Eleganz – den majestätischen Dampfer. Ich hatte mir fest vorgenommen, nicht aus Prinzipienreiterei, die ich hasse, sondern aus einer Mischung von Vernunft und intensiver Faulheit, daß die schönsten Augen und die verführerischste Taille mich nicht dazu bewegen sollten, meinen, für galante Abenteuer einfach unmöglichen äußeren Menschen einer Korrektur zu unterziehen. Hatte mir geschworen, an der weltbeherrschenden Dreieinigkeit, Weib, Wein und Gesang, zum erstenmal mit vollem Bewußtsein zum Ketzer zu werden und gerade der Mächtigsten der Dreizahl diesmal die Gefolgschaft hartnäckig zu versagen. Die Versuchung, mein Gelübde zu brechen, war auf dem Wege von Mitteldeutschland zu dem italienischen Hafen wirklich recht gering gewesen. Das änderte nichts daran, daß ich sehr stolz darauf war, mich noch immer so fest in meinen puritanischen Vorsätzen zu fühlen, als die Anker gelichtet wurden und ein leichtes Zittern in dem leblosen Koloß, dessen Bewohner ich nun mit dreihundert anderen Menschen für einige Tage war, bewies, daß die Maschinen ihre Arbeit begannen, daß es vorwärts ging, hinaus ins blaue, endlose Meer. Und als sie dann vor mir lag im strahlenden Sonnenschein, noch ruhig und ohne Tücken, die blauschillernde unendliche Fläche, da weitete mir ein Gefühl unaussprechlichen Wohlbehagens die Brust. Mir wars, als hätte ich alles, was klein und kleinlich war, hinter mir gelassen an dem Ufer, das langsam, traumhaft dem Blick entfloh. Mir wars, als müßte alles Große und Erhabene jenseits dieses Meeres liegen, als müßte durch diesen blauen Riesengürtel geschützt die keusche Schönheit der Welt sich rein und allmächtig unter schönen, fremdredenden Menschen im Sturm der Jahrhunderte erhalten haben, als müßte die friedvolle Stille des siebenten Schöpfungstages sich noch irgendwo dort finden, woher uns das Licht und der Frühling kommt. Und auf diese Schönheit, auf diese Stille, auf diese Menschen freute ich mich, wie ein Kind auf die Wunder der Weihnacht. Und so lehnte ich an der Brüstung und sah hinaus ins Weite. Hinter mir rauschten wohl seidene Frauenkleider vorüber, in denen der Wind spielte; hinter mir lachten wohl helle Mädchenstimmen; ja einmal sogar flog mir das Ende eines flatternden Schleiers ins Gesicht, der blau war wie das Meer und dem ein feiner, flüchtiger Duft entströmte. Aber ich sah mich nicht um. Ich sah die Sonne verbluten dort wo der Himmel die Wasser berührt, und wartete auf den ersten Stern, der kommen würde, sich in dem erzblauen Schild des Meeres zu spiegeln; und als ich ihn sah, freute ich mich an seinem mattsilbernen Glanze wie ein blutjunger Bursch' am verräterisch strahlenden Blick seines heimlich geliebten Mädchens ... Wer seine erste Meerfahrt in reifen Jahren gemacht hat, müde und übersättigt von den »glatten Sälen, glatten Herren, glatten Frauen«, der wird das verstehen können. Und wer es nicht versteht, der mag über mich lächeln, ich erlaub' es ihm. Ich habe auf jener Meerfahrt manchem erlaubt, über mich zu lächeln. Die Herren in blauen Schlipsen und gelben Schuhen, in weiten Hosen und wohlrasiert, lächeln so gern über einen, der einmal für ein paar Wochen den modernen Diogenes spielt, um, wenn auch sonst keine Menschen zu finden, doch wenigstens selbst einmal ein Mensch zu sein. Aber auch ich habe gelächelt. Oft und gern und manchmal – recht ungerecht. Wie viel weniger würde gelacht in der Welt, wenn man den Blick ins Wesen statt auf die Oberfläche der Dinge richtete, wenn man nicht hingleiten wollte über die kleinen Seltsamkeiten, die Menschen und Dinge zeigen, sondern einzudringen suchte, ihren engen Zusammenhang zu finden mit dem Großen und Ernsten. Vielleicht würde sogar überhaupt nicht mehr gelacht. Drum ist es gut, daß man nicht immer Zeit und Laune und Kraft hat, einzudringen in die lächerlichen Geheimnisse, die nur zu oft eine tiefe, stille Traurigkeit zum innersten Kern haben. Wer nur an den Früchten der Welt knappert, behält den süßen, erfrischenden Geschmack; wehe dem, der sie zerbeißt, er schmeckt überall die Bitterkeit! Ich will hier nicht lange moralisieren. Denn moralisieren ist gleichbedeutend mit langweilen in einer Zeit, die gerne mit ihrem übermenschlichen Mut kokettiert, jenseits von Gut und Böse zu leben. Ich will ganz einfach erzählen, wie ich auf der See mein stolzes Gelübde brach und mich für eine Frau interessierte und will zeigen, daß man sehr hochmütig lächeln kann, ohne Grund zu haben zum Hochmut und zum Lächeln. Ich habe – wie ich zur Beruhigung der korrekten Genußmenschen, die mich vielleicht vorhin schon als unverbesserlichen Sentimentalen verdammt haben, erzählen will – nicht immer nach Meer und Sternen geschaut. Als das Trompetensignal zum ersten Diner an Bord rief, hatte ich Hunger, wie die anderen, ging wie die anderen rasch in meine Kabine, fuhr mir über die Haare, wusch mir die Hände und schlenderte dann seelenvergnügt, die Hände in den Taschen meiner Lodenjoppe vergraben, durch den engen Kabinengang nach dem großen Speisesaal. Dem Obersteward, der, an der Tür stehend, meine Toilette etwas mißbilligend prüfte, erklärte ich lächelnd, daß es mir einerlei sei, wohin ich zu sitzen komme; er möge mich also bei Leuten plazieren, die in Toilettefragen nicht allzu empfindsam und kritisch seien. Da aber die Plätze bereits belegt waren, so konnte der Obersteward nur höflich bedauernd die Achseln zucken, wobei er den Kopf mit raschem Ruck auf die rechte Seite schleuderte, wie einer, dem beim Baden Wasser ins Ohr gelaufen ist. Ein Steward geleitete mich zu meinem Platz am dritten Tische rechts, gerade unter dem Bildnis einer sehr üppigen, jungen Nymphe, die Früchte von sagenhafter Größe und Farbe an pausbäckige Amoretten verschenkt. Die Tische waren für je acht Personen gedeckt und im blendenden elektrischen Licht strahlte das saubere, prächtige Arrangement jedes einzelnen mit seinem reichlichen Silberzeug, seinem spiegelnden Kristall, seinen Blumen, Früchten und farbigen Menüs jene vornehme Eleganz aus, die auf einen Menschen in Wichsstiefeln und einer Lodenjoppe einen Augenblick stark beschämend wirkt. Denn sie erinnert ihn an manchen geräuschvollen Abend des letzten Winters, wo er befrackt und in Lackschuhen tadellos korrekt und hoffnungslos gelangweilt, zwischen zwei weiblichen Geschöpfen in himmelblau oder rosa, vom Salm bis zum Dessert über die uninteressantesten Dinge die schillernden Fäden nichtssagender Konversation spann; wo er über die ältesten Witze lachte und der albernsten Bemerkung seinen verschwenderischen Beifall zollte, bis er erlöst den Stuhl rücken durfte, links eine dicke Hand küßte, rechts eine schmale Hand küßte, um sich dann in einem überheizten Saale, in dem es nach Parfüm, Frauenschultern, Bodenwachs und welken Blumen roch, um ein grünes oder ein gelbes Ballkleid, aus dem viel rosiges Fleisch hervorflutete, stundenlang sinnlos im Kreise zu drehen und mit wüstem Kopf schließlich den Weg nach Hause zu finden. Scheußlich, einfach scheußlich! Als ich an meinem Tische Platz nahm, waren sechs Sitze bereits besetzt. Schweigsame, grobknochige Amerikaner, von denen keiner vom andern Notiz nahm, – vermutlich, weil sie ganz nahe verwandt waren und eine Vergnügungsreise zusammen machten, – saßen steif und gelangweilt da, erwiderten kaum meinen höflichen Gruß und lagen in exakter Arbeit mit kurzen, raschen Bewegungen wie gutgeölte Maschinen dem Ernährungsgeschäfte ob. Der Stuhl zu meiner Linken war noch leer und blieb es bis nach dem Fisch. Als die Stewards in ihren kleidsamen, blauen Jacken mit den blitzenden, goldenen Knöpfen den Braten zu servieren kamen, machten sie respektvoll einer Dame freie Bahn, die auf unsern Tisch zusteuerte und sich mit flüchtigem Neigen des Kopfes an meine linke Seite setzte. Die Dame war schwarz, aber sehr vornehm gekleidet. Das Rauschen ihrer seidenen Unterkleider schmeichelte meinem Ohr, ein feiner Duft von Heliotrop meiner Nase. Ihre Züge wiesen Spuren einstiger Schönheit auf, aber auf die Stirne und um den englisch geschnittenen Mund hatte die Zeit oder der Gram verräterische Furchen gezogen. Die harten, stahlgrauen Augen lagen tief und schwerumrändert unter der hohen Stirn, auf die wie ein letzter Rest jugendlicher Koketterie ein paar gebrannte, schon ergraute Löckchen niederfielen. Ich hatte, als ich sie höflich grüßte, den Eindruck, eine vornehme, englische Witwe vor mir zu sehen, die den Kummer um den Verlust des Gatten und die kinderlose Öde, in der sie zurückgeblieben, durch die neuen Eindrücke einer weiten Seefahrt, vielleicht einer Reise um die Welt, zu besiegen sucht. Ich habe von jeher eine große Neigung, unbekannten Menschen nach Alter, Lebensstellung und Schicksalen in meinem Kopf ihren mutmaßlichen Platz in der Welt anzuweisen, und ich verbohre mich dann oft so sehr in meine Vermutungen, daß ich es schon in einzelnen Fällen Menschen direkt übelgenommen habe, daß sie das waren, was sie waren, und nicht ein anderes, das ich von ihnen geglaubt hatte, als ich sie zum ersten Male sah. So war die Dame, die neben mir schweigend und geräuschlos ihr Mahl einnahm, für mich sofort die »vornehme, englische Witwe, reich, kinderlos und auf einer Reise um die Welt begriffen«. Wenn mich etwas für Augenblicke an ihrer »Vornehmheit« irre werden ließ, so waren es nur die übertrieben großen, übrigens sehr geschmackvoll in schmales Silber gefaßten Brillanten an den beiden stark geäderten Händen. Aus dem blendenden Glanz dieser fast haselnußgroßen Steine lachte ein parvenühaftes Protzentum, das mit allem anderen an dieser alten Frau seltsam kontrastierte. Denn es schmücken sich im Alter die Hände gern mit den kostbarsten, sprühendsten Steinen, die in ihrer Jugend viele häßliche Dinge in harter Arbeit berühren mußten. Eine Unterhaltung kam an unserm Tisch nicht zustande. Die Amerikaner aßen und bewegten kauend und mahlend die Kiefer, auch wenn sie zufällig nicht aßen. Ich interessierte sie nicht, sie interessierten mich nicht. Dagegen begann meine Nachbarin mich plötzlich durch ein seltsames Wort zu beunruhigen, das sie dann jedesmal in schlechtem Deutsch mit unverkennbar englischem Akzent dem Steward wiederholte, so oft er ihr mit vorsichtig gebogenem Arm eine Platte anbot. Zuerst hatte ich das Wort überhaupt nicht verstanden, dann, als sie es nach einigen Minuten wiederholte, glaubte ich es falsch verstanden zu haben und schließlich, als mein Ohr keinen Irrtum mehr zuließ, breitete sich eine maßlose Verwunderung in meiner Seele aus. »???Uird das Katze auch haben von dieses?« fragte sie jedesmal, ehe sie sich bediente, den aufwartenden Steward. Und dieser beeilte sich, jedesmal ganz ernsthaft zu versichern: »Auch davon wird die Katze bekommen, Madame.« Die Katze? Was für eine Katze? Reist diese vornehme, englische Witwe mit einer Katze auf dem Meer herum? Ich habe mich auf Reisen an mancherlei blödsinnige Einfälle weltfahrender Menschenkinder gewöhnt, aber der Idee, in Gesellschaft einer Katze um die Welt zu reisen, war ich bis heute noch nirgends begegnet. Ich warf scheue, neugierige Blicke auf meine Nachbarin und überlegte, wie eine so klug aussehende Frau auf diesen unsinnigen Gedanken kommen könne. Als der Käse serviert wurde, wartete ich, ob sie etwa ... Richtig; wieder derselbe kühle fragende Blick der stahlgrauen Augen nach dem Steward und wieder die verrückte Frage im schlechtesten Deutsch: »Uird das Katze auch haben von dieses?« Ich verspürte große Lust unbändig loszulachen über dieses Katzendiner. In diesem Augenblick aber entfiel der Hand meiner Nachbarin eine Orange und rollte zu Boden. Ich bückte mich rasch, hob sie auf und gab sie ihr mit einigen höflichen Worten zurück. » I thank you very much ,« sagte sie mit verbindlichem Lächeln und fügte dann hinzu: »O, sie sein Deutscher? Ich spreche sehr gerne deutsch, aber ich es sprechen sehr nicht gut.« »So finden Sie die deutsche Sprache schön, gnädige Frau?« »Schön. Ich wissen nicht. Ich wissen nur, daß haben deutsch gesprochen Menschen, die ich haben sehr gelieben. Und wenn ich hören Deutsch, ich machen gerne die Augen zu – so ... und ich denken hinter den zune Augen an Menschen, die ich haben sehr gelieben, und die ich nicht mehr kann sehen, – nie mehr.« Einen Augenblick ließ die alte Dame die langen Wimpern über die Lider fallen, dann schlug sie die Augen ruhig wieder auf, tippte den Steward an, der eben mit dem Dessertgebäck vorüberging und fragte: »Uird das Katze auch haben von dieses?« Und als der Steward das bejahte, nickte sie mir einen höflichen Gruß zu, erhob sich und verließ langsam den Speisesaal. Das war der Moment, mich nach der seltsamen Frau zu erkundigen. Ich winkte mir den Steward herbei, und da die schweigsamen Amerikaner sich, immer noch kauend entfernt hatten und ich ganz allein am Tische saß, ging ich direkt aufs Ziel los. »Sagen Sie mal, Steward, was ist das eigentlich mit der alten Dame und dem Katzenvieh?« Der Steward, sichtlich erfreut, mir mit seinen Detailkenntnissen aufwarten zu dürfen, beugte sich zu mir nieder und erläuterte mit geheimnisvoll gedämpfter Stimme den seltsamen Fall. »Es ist eine Missis Harrison, mein Herr, aus Chicago. Es gibt da viele Harrisons, reiche und arme. Sie gehört zu den reichsten. Ist Witwe. Hat im Vorjahre die einzige Tochter verloren. Ihr Billett lautet nach Alexandrien.« »Und die Katze?« Ich muß ehrlich sagen, in diesem Augenblick interessierten mich all die toten Glieder der Familie Harrison nicht so sehr, wie die lebende Katze, die sogar Käse aß. »Ja, mit der Katze,« sagte der Steward und lächelte, »mit der Katze ist das eine kuriose Sache. Die Katze ist immer bei ihr. So lange sie diniert, muß die Jungfer bei ihr bleiben. Sie bekommt ganz dasselbe Diner wie die Herrschaften.« »Die Jungfer?« »Nein, die Katze. Wenn Missis Harrison in einem Hafen ans Land geht, – Sie hätten das in Genua sehen können – muß die Katze jedesmal mit. Sie sitzt dann in einem Strohkörbchen. Die Jungfer trägt das Körbchen und die Missis läßt kein Auge von dem Tier, das bald mit den Pfoten herauslangt, bald den Schwanz heraushängt. Aber verzeihen Sie, Mister Macdauble wünscht noch einen Kaffee.« Ich verzieh, daß Mister Macdouble noch einen Kaffee wünschte und stieg kopfschüttelnd auf Deck. Zu einem vollen Genuß der herrlichen, sternhellen Nacht kam ich diesmal nicht. Ich hätte mich so gern in eine weiche, lyrische Stimmung hinübergeträumt, aber ich mußte immer an die verdammte Katze der Missis Harrison denken, die Käse aß. ... Beim Lunch des folgenden Tages saß die Missis wieder neben mir. Sie begann diesmal sofort in ihrem schlechten Deutsch, das sie mit größter Ruhe malträtierte, eine Unterhaltung, und in allem, was sie sagte, lag Sinn und Verstand, spiegelte sich eine selbsterkämpfte, nicht erlesene und entlehnte Lebensauffassung. Sie sprach über die verschiedenen Völker, die sie kennen gelernt, mild über die Fehler und voll Anerkennung für die Vorzüge. Sie trat für die Rassenmischung ein, die das Band des Friedens zwischen Nachbarvölkern fester knüpfen und der jungen Generation viele Vorteile schaffen würde. Sie sprach – freilich ganz vom Standpunkt einer echten Amerikanerin, aber klug und nicht ohne Humor – von den verschiedenen Staatsformen, die wohl von einzelnen, überlegenen Gewaltnaturen flüchtig umgeprägt würden, aber im großen und ganzen nur die jeweilige Reife der Gesamtheit eines Volkes bezeichneten. Kurz, sie wandte ihren nicht großen deutschen Wortschatz trefflich an, über Menschen und Dinge verständig zu reden. Nur von sich selbst sprach sie nicht, von sich nicht und nicht von ihrer Katze. Kam aber der aufwartende Steward zu ihr mit einer Schüssel, unterbrach sie ihre Rede durch den leise zu ihm gesprochenen Satz, den ich nun schon auswendig konnte: »Uird das Katze auch haben von dieses?« Am Nachmittag war auf Deck nicht alles, wie's sein sollte. Ein Heer dunkler, zerrissener Wolken jagte am Himmel, das Meer warf hohe Wellen, und das große Schiff schwankte und stampfte ganz abscheulich in einem Sprühregen feinen Wasserstaubs. Ich ging, um nicht von der Seekrankheit gepackt zu werden, die ich rechts und links ihre bleichen Opfer einfordern sah, mit großen Schritten auf der windgeschützteren Seite des Promenadendecks auf und ab, fiel bald links in einen Strohsessel, bald rechts wider die Brüstung, bald auf einen Amerikaner, der mir taumelnd, wie ich, dieses schwankenden Bodens ungewohnt, entgegenkam. Auf einem der vielen langen Strohstühle lag Missis Harrison. Sie hatte ihre Katze auf dem Schoß, ein graues, häßliches Tier, das sich nicht bewegte, nur manchmal aus unheimlichen grünen Augen mich anblitzte, wenn ich vorüberging. Neben ihr saß die Jungfer, totenbleich, mit spitzer, weißer Nase, mit zitternden Händen und geschlossenen Augen; es war ihr furchtbar übel. Etwa drei Stunden dauerte das Wetter, dann beruhigte sich die See langsam, und einige von den herumliegenden Leichen gaben Zeichen neuerwachenden Lebens. Der Strohstuhl neben Missis Harrison war leer geworden. Sie selbst lag noch immer mit ihrer Katze auf dem Schoß, eine Decke über den Füßen, bequem ausgestreckt in ihrem Sessel. Ich trat an sie heran und erkundigte mich nach ihrem Befinden. »Danke,« sagte sie freundlich, »es geht nicht schlecht. Ich haben anderes Sturm mitgemacht schon, ganz anderes. Aber für das Katze ich haben gehabt schlimme Angst.« Ich lachte laut auf, und als ich mich selbst so unhöflich lachen hörte und den seltsamen halb mißbilligenden, halb mitleidigen Blick dieser Frau fühlte, wurde ich rot und verlegen. »Sie haben gelacht über mein Katz,« meinte sie ruhig, »und da sie haben nicht wollen sein unhöflich, was Sie gewesen sind, sind Sie geworden rot. Es ist sehr komisch, wenn man nicht weiß, vieles. Aber es ist sehr nicht komisch, wenn man weiß, vieles. Es ist zu lachen, daß alte Dame führt das Katze mit sich über das Ozean; es ist zu lachen, daß sie streichelt das Katze und hat lieb das Katze. Und andere Menschen gehen vorbei zehnmal in Tag an mich und ich hören, daß sie lachen und wenn ich's nicht hören, ich weiß. Sie haben mir gegeben Namen, zu lachen mehr über mich. Sie nennen mich das »Lady mit das Katze«. Ob Sie wohl müssen glauben, daß ich nicht haben lieber anderes zu streicheln mit der Hand und lieb zu haben anderes mit das Herz, als das alte Katze? ...« Ihre Hände strichen schneller und nervös über das Fell des Tieres, das sich noch fester zusammenrollte und behaglich zu schnurren begann. Die großen Brillanten an ihren Fingern liefen funkelnd wie rollende Tautropfen durch die langen, grauen Haare des Katzenfells, »wollen Sie sich setzen zu mich und anhören kleines Geschichte von mich und das Katze?« Ich ließ mich neben ihr in dem Strohsessel nieder und wollte eine Entschuldigung meines ungebührlichen Lachens stottern, aber sie hörte gar nicht zu. In ihrem ganz furchtbaren Deutsch begann sie zu erzählen. Aber durch alle diese falschgestellten Worte, durch alle die schreienden Sünden gegen den heiligen Geist der Grammatik klang warmen, verständlichen Tones eine andere Sprache hindurch, die überall dieselbe bleibt, überall die Muttersprache der gereiften Menschheit ist: die Sprache eines schwergeprüften Menschenherzens. Und wenn ich mir heute alles ins Gedächtnis zurückrufe, was mir die alte Dame in ihrem schlechten Deutsch erzählte, ist es nicht eigentlich eine furchtbar einfache Geschichte gewesen? Aber wenn ich auch bei der Wiedergabe die grammatischen Fehler der englisch denkenden und deutsch redenden Erzählerin vermeide, so einfach, schlicht und zu Herzen gehend, kann ich den Ton doch nicht treffen, wie ich ihn damals hörte, als unser Schiff lautlos durch die besänftigten Wogen des tyrrhenischen Meeres dahinglitt und in blauer Ferne zur Rechten die ersten Sterne über der Südspitze von Sardinien aufflammten. So hat ungefähr die alte Dame an jenem stillen Abend auf dem Meere zu mir gesprochen: »... Sie sind jung. Wissen Sie, was es heißt, seine beste Jugend in einem Wunsche zusammenfassen? Wissen Sie, was es heißt einen Mann jahrelang lieben und von einem Mann jahrelang geliebt werden, ohne mehr von ihm zu bekommen, mehr an ihn verschwenden zu dürfen, als flüchtige Händedrücke, ein Lächeln, ein nichtssagendes Wort? Wissen Sie das? Gut. So mögen Sie sich vorstellen, was es heißt, solchen Mann nach tapferem geduldigen Warten besitzen, in ihm noch tausendfach mehr finden an Güte und Klugheit, als die kühnste Hoffnung geahnt und ihn dann verlieren, in derselben Woche verlieren, in der ihm das Weib, das er liebt und das ihn anbetet, das erste Kind, ein Töchterlein, schenkt. Das war mein Schicksal. Der erste Schrei meines Kindes, der erste Gruß ans Leben traf das Ohr eines Sterbenden, der wußte, daß er stirbt. Die schleichende Krankheit, die ihn hinraffte, war nicht aufzuhalten durch die Freude, nicht durch das Glück, nicht durch die Liebe. Seine starke Seele verließ ohne Furcht und ohne Murren den Körper, und ein letztes, glückliches Lächeln dankte dem Himmel, daß er mich ein Jahr lang besessen und die dunklen Augen seines Kindes geküßt hatte. ... Mein Mann hinterließ mir ein selbst für amerikanische Verhältnisse bedeutendes Vermögen, aber die Freude an den Genüssen, die es hätte erkaufen können, lag tot und modernd bei ihm im Sarge. Ich lebte nur noch für mein Kind. In dem zarten, kränklichen Körper dieses Mädchens sah ich den vornehmen klugen Geist seines Vaters heranwachsen, manches darin sanfter und gütiger noch, ins Weibliche abgetönt, aber doch Geist von seinem Geist. Und leider auch – Schicksal von seinem Schicksal! Mit achtzehn Jahren kam das Leiden des Vaters zum Durchbruch. Ich berief die bedeutendsten Ärzte von Chicago und sagte ihnen: ›Welchen Ort der Welt halten Sie für den besten für mein krankes Kind? Es ist ganz gleichgültig, wo er liegt und ob ich ihn je wieder verlasse.› Sie rieten mir zu Kairo, und acht Tage später trat ich die Fahrt über den Ozean mit dem armen kranken Kinde an. Am ersten Tage schon ließ ich mir den Schiffsarzt kommen und stellte ihm meine kleine Patientin vor. Er war ein junger Deutscher, blond, schlank gewachsen, die gebräunte Wange von kurzem, blondem Vollbart umrahmt, und von jenem herrlichen tiefen Blau der Augen, das die Natur an die Blicke der Deutschen und an die Meere des Südens allein verschwendet hat. Er war wohl des Englischen mächtig, aber meine Tochter sprach gern deutsch mit ihm, das sie mit 18 Jahren besser beherrschte wie ihre Mutter. Er war bald viel mit uns zusammen, nicht nur als behandelnder Arzt, sondern als Freund, der stets Arzt blieb, und als Arzt, der wirklicher Freund war. Ich gewahrte bald mit den scharfen Augen einer Mutter, die Leben und Tod um ein einziges Kind kämpfen sieht, daß die bleichen Wangen des Mädchens von jähem Feuer überflammt wurden, sobald die Stimme dieses Mannes an ihr Ohr drang. Ich sah die Liebe aufkeimen, rasch und üppig, in diesem armen, hinsiechenden Körper, der ihren Genuß nie ertragen würde, der ihren Freuden so wenig gewachsen war, wie ihren Leiden. Ich sah in einer Seele, die vor dem kleinsten Wind hätte behütet werden müssen, den schlimmsten Sturm seine Kräfte sammeln, und zitterte vor dem Augenblick, wo er entfesselt wurde. Und er? Er wußte es, mußte es wissen, daß sie ihn liebte. Aber er war eine jener seltenen, vornehmen Naturen, die unfähig sind, auch nur im Spiele ihre Macht zu mißbrauchen, die sich nicht von ihrer Eitelkeit, nicht von Gewinnsucht hinreißen lassen. Er sah in diesem bleichen Mädchen, das mit verzehrenden Blicken an ihm hing und dem die Krankheit einen geistigen, fast schon überirdischen Hauch von Schönheit lieh, nicht das verliebte Kind, nicht die Erbin von Millionen; er sah nur das junge, leidende Weib in ihr, dem der sanfte Druck seiner Hand, dem ein gütiges Wort mehr Linderung verschaffte, als alles, was seine Wissenschaft zu verordnen hatte. Manchmal wurde im Konversationszimmer musiziert des Abends nach dem Diner. Dann sang wohl auch der junge Arzt ein paar deutsche Lieder und ich fühlte den schmächtigen Körper des Mädchens neben mir zittern und schauern und wagte doch nicht, das arme Kind hinwegzuführen; denn in ihren bittenden Augen lag ein Glanz, dem die liebevolle Grausamkeit einer Mutter nicht widerstehen kann. .. Der Abschied in Alexandrien war furchtbar. Das Kind hatte die Nacht geweint und ich saß in der Schwüle dieses ewig schaukelnden Stübchens auf dem schmalen, sargartigen Kabinenbett bei ihr, in tränenloser Verzweiflung ihre mageren, weißen Hände streichelnd. Draußen der kommende und verhallende gleichmäßige Schritt des wachhabenden Offiziers ... hie und da ein heimliches Krachen in den Planken ... und das helle, gespenstische Mondlicht durch die Luke flutend. Wir sprachen kein Wort zusammen in dieser Nacht und doch hab' ich alles, alles gewußt, als mit dem jungen Tag der Lotse an Bord stieg, uns in den Hafen zu steuern. Und daß dieser Hafen der letzte war, in den mein Kind einfuhr – das wußte ich auch! Die Fahrt von Alexandrien nach Kairo war qualvoll. Das Kind sah teilnahmslos mit starren Augen aus dem Fenster. Ich redete, ich scherzte und lachte, ich machte sie aufmerksam auf die seltsamen Pfluggespanne, Kamel und Stier zusammengeschirrt, die dort vor halbnackten Fellachen die Furchen in das fette Ackerland zogen. Ich zeigte ihr mit heiterem Gesicht die ersten Palmen und dachte dabei fröstelnd an die Zweige, die bald ein Grab überschatten sollten ... Ach, glauben Sie mir, die heiße Liebe kann lügen und sich verstellen in Gefahr, besser noch kann's der glühende Haß, aber das alles ist nichts gegen die mitleidige Lüge einer Mutter, die lächelnd und plaudernd und scherzend ihr verlorenes Kind zum offenen Grabe geleitet. Und das Grab war offen ... Ich will die Reise nicht schelten und nicht die Ärzte, die sie empfahlen. Diese Reise hat ihren Tod beschleunigt, gewiß; aber sie hat ihr einen Abglanz der Seligkeiten, die ganz zu genießen sie doch nie fähig gewesen wäre, in das brechende Herz geworfen. Und besser wenige Tage im Sonnenschein als Jahre im Schatten! Und als ich nun in Kairo von der Sonne des Südens umsonst einen Aufschub für mein Kind erflehend sah, daß es zu Ende ging und gehen mußte, da tat ich, was manche Frau nicht verstehen wird. Es war unweiblich , gewiß – in uns Amerikanerinnen steckt ein Stück Mannesmut, und wir sind stolz darauf! – aber unmütterlich war es nicht. Ich telegraphierte nach Smyrna, wo sein Schiff, wie ich wußte, vor Anker lag und beschwor ihn – zu kommen. Das Telegramm war lang, sehr lang, und war doch nur ein einziger herzzerreißender Schrei. Und er kam wirklich. Vierzehn Tage später war er da, zwei Wochen vor ihrem Tode. Wir hatten gleich nach seiner Ankunft eine viertelstündige Unterredung, er und ich; und ich will's beschwören, ich habe nie vorher, nie nachher in eine ritterlichere Seele geschaut, in ein Herz, das den kraftvollen besonnenen Edelmut des Mannes und ein weibliches Zartgefühl so wahrhaft vornehm zu einen wußte. Als ich ihm verwirrt und beschämt, wie nie, meine Kühnheit erklären wollte, schnitt er alle Erklärungen mit den ruhigen Worten ab: »Ich verstehe Sie vollkommen, Madame. Ich weiß nicht, ob Sie in den Augen anderer durch das, was Sie getan haben, verloren hätten. In den meinen haben Sie gewonnen. Ich werde diese Komödie, die nur ein Herzloser verdammen könnte, so viel an mir liegt, gut zu Ende führen. Ich werde auch in dieser Rolle nicht aufhören, Arzt zu sein und dem Mädchen, das ich bemitleide und wie eine Schwester liebe, die letzten Tage oder Wochen leichter zu ertragen helfen durch die fromme Lüge dieser trügerischen Hoffnung.« Dann küßte er mir die Hand und wir gingen zu dem Kind und ich sagte ihr, daß der junge Arzt uns nachgereist sei und ... ihr Gatte werden wolle, wenn sie erst wieder genesen. Sie antwortete nichts, sie schrie nicht auf, aber ein Wetterleuchten seligster Hoffnung ging über ihr liebes, totenblasses Gesicht und dann erhob sie sich mühsam aus dem Sessel und die abgemagerten Arme um den Hals des Mannes werfend, den ihre fieberhaften Träume gesucht, schluchzte sie: »Nun werd' ich gesund.. Nun werd' ich gesund!« Er kam jeden Tag ein paar Stunden. War er da, sah sie ihn mit strahlenden Augen an und schwieg; war er nicht da, so ward sie nicht müde, von ihm zu reden. Sie ward kränker dabei, aber sie fühlte es nicht. Sie lag im Sterben und glaubte zum Leben wachgeküßt zu sein von dieser Liebe, die doch nur Barmherzigkeit war. Eines Tages brachte er ihr ein kleines, graues Kätzchen mit, daß er aus Mitleid auf der Straße aufgenommen. Es war mager und häßlich, und konnte noch nicht einmal allein fressen. Das Kätzchen ließ sie nicht mehr aus ihren Armen; es war ein lebendes Wesen, hilfloser noch wie sie selbst, dankbar, wie sie, und – es kam von ihm. So spielten ihre mageren, weißen Hände mit dem Tierchen und ihr bleicher Mund gab ihm tausend Kosenamen. Sie erzählte dem kleinen, unmanierlichen Tier Geschichten und wenn sie noch einmal lachte, so war es über seine täppischen Spiele, über die Geschmeidigkeit seiner Glieder. Das Kätzchen lag immer in ihrem Bett, und so hab' ich es eines Morgens aus dem kalten Arm der Toten genommen, von der heimlich in der Nacht ohne Gruß, ohne Abschied die Seele gewichen war ... Auf dem christlichen Friedhof in Kairo ist ein sehr schönes Grabdenkmal aus edlem Marmor, das den Fremden von den Führern immer gezeigt wird. Eine trauernde Frauengestalt streut Blumen auf ein Grab, und zu ihren Füßen schmiegt sich eine kleine Katze. Man wird ihnen sagen, daß die alte Dame, die dies Denkmal ihrer einzigen Tochter errichten ließ, ein wenig verrückt sei; daß sie immer eine Katze bei sich führe in einem Strohkörbchen; daß diese Katze sie sogar jetzt nach Amerika begleitet habe, wo die Dame einen jungen, deutschen Arzt suchte, der ihre Tochter zuletzt behandelt, um ihm zu danken. Sie hat den jungen Arzt nicht gefunden, der sich zu schnell ihrer Dankbarkeit entzog. Und es ist vielleicht besser so, denn sie hätte ihm die Hände geküßt, wie die Frauen von Bethanien dem Heiland. Sie hätte ihn auch mit Geschenken überschüttet, und das wäre gemein gewesen. Denn man schenkt so wenig, wenn man viel schenkt. So aber, da sie ihn nicht gefunden, ihn nicht beschenken konnte, wird er in sein Alter die schöne Erinnerung mitnehmen, rein und unbefleckt. Wenn es aber ein Jenseits gibt und sie ihn dort wiederfindet, müde von der langen Erdenwanderung, so wird sie den Herrn bitten, daß sie ihm entgegengehen darf, ihm die Füße zu salben und zu trocknen mit ihren grauen Haaren ... Und nun lächeln sie, wenn Sie wollen, über die überspannte ›Lady mit der Katze‹. Wäre das letzte, was mein armes Kind erfreute, ein Bild gewesen, ein Medaillon, eine Blume – ich könnte das alles immer bei mir tragen, könnte es heimlich küssen und betrachten, ohne aufzufallen, ohne getadelt und verlacht zu werden. So aber ist das Letzte eine Katze, die nun groß, alt und häßlich geworden ist, wie alles um uns, was nicht beizeiten sich hinwegstiehlt aus der Welt, groß, alt und häßlich wird. Ich aber liebe diese große, alte, häßliche Katze; ich liebe sie mehr als die Menschen. Denn mir ist's, als ob in ihrem grauen Fell noch die letzte Liebkosung meines Kindes schlummere, und seinen Händen glaube ich zu begegnen, wenn ich diesen warmen, knisternden Pelz berühre ...« Die Lady schwieg. Ich sah wieder an den weißen, stark geäderten Händen die vielen übertrieben großen Brillanten aus der Silberfassung blitzen, als ihre zitternden Finger zärtlich das Fell der häßlichen, alten Katze in ihrem Schoße streichelten. Aber ich lächelte nicht mehr; denn in den harten, stahlgrauen Augen dieser Frau blinkte ein anderes, Achtunggebietendes: zwei Tränen. Und diese beiden Tränen, wie funkelnde Edelsteine des tiefsten Schmerzes, an den Wimpern dieses armen, reichen Weibes, hatten mir mein Lächeln beschämt und den billigen Spott auf immer zurückgescheucht von den Lippen. Ich beugte mich schweigend hinüber zu dem grauen, häßlichen Tier auf ihren Knien und kraute ihm freundlich den Kopf. Eines der vielen Pärchen, die sich so rasch auf einer Seereise zusammenfinden, kam gerade vorbei und lachte ungeniert über die seltsame Gruppe, sichtlich froh, für seine Ausgelassenheit ein Spottobjekt gefunden zu haben. »Und wollen Sie nun wirklich immer in Kairo bleiben?« fragte ich nach einer Weile. Ein wehmütiges Lächeln zog seine Fältchen um ihren Mund, als sie mir zur Antwort gab: »Glauben Sie, daß die großen Toten in der Westminsterabtei werden haben sanftere Schlaf als eine Mutter bei ihr einziges Kind unter die Palmen? ...« Maurice Maeterlinck Beim Tode eines jungen Hundes Deutsch von Friedrich von Oppeln-Bronikowski. Aus: Maurice Maeterlinck, Gesammelte Werke, Band X. Verlag von Eugen Diedrichs, Jena. Vor kurzem starb mir ein junger Hund, eine Bulldogge, im sechsten Monat seines kurzen Daseins. Er hatte also noch keine Vergangenheit. Seine klugen Augen öffneten sich, um die Welt zu betrachten und die Menschen zu lieben, dann schlossen sie sich wieder vor den geheimnisvollen Ungerechtigkeiten des Todes. Ein Freund hatte mir das Tier geschenkt und ihm – vielleicht aus Ironie – den etwas unerwarteten Namen Pelleas gegeben. Warum sollte ich ihn anders taufen? Wird der Name eines Menschen oder eines imaginären Helden durch einen armen, gemütvollen, treuen und redlichen Hund entehrt? Pelleas hatte also eine mächtige, gewölbte Stirn, ähnlich wie Sokrates oder Verlaine, eine kleine schwarze Stülpnase, die wie zu einer unzufriedenen Bejahung hochgezogen war, und darunter ein paar breite, gleichmäßig herabhängende Backentaschen, die seinem Kopf einen drohenden, klobigen, verbissenen, nachdenklichen Ausdruck und eine dreieckige Form gaben. Er besaß die Schönheit eines echten Naturungetüms, das sich genau nach den Gesetzen seiner Art entwickelt hat. Und welch ein verbindlich-aufmerksames, unbestechlich-unschuldiges Lächeln voll liebender Unterwerfung, grenzenloser Dankbarkeit und völliger Hingabe leuchtete bei der geringsten Liebkosung aus dieser prachtvoll häßlichen Maske! Man wußte nicht recht, woher es eigentlich kam. Aus den treuherzigen, zärtlichen Augen? Aus den Ohren, die sich aufmerksam spitzten, wenn man zu ihm sprach? Aus den vier weißen, winzigen, überstehenden Zähnen, die auf den schwarzen Lippen voller Heiterkeit strahlten? Aus der Stirn, die sich glättete, um zu verstehen und zu lieben? Oder aus dem Schwanzstummel, der am andern Ende seines Leibes wedelte, um die leidenschaftliche, innige Freude auszudrücken, die das kleine Tier erfüllte, das Glück, wieder einmal die Hand des Gottes zu fühlen, dem es sich hingegeben hatte, und seinem Blick zu begegnen? Pelleas war in Paris geboren und ich hatte ihn aufs Land mitgenommen. Auf den guten dicken Pfoten, die ihn, unfertig und unförmig, über die unerforschten Pfade seines jungen Lebens trugen, ruhte weich der mächtige, ernste, stumpfnasige und scheinbar gedankenschwere Kopf. Denn dieser harte und etwas schwermütige Kopf, der dem eines überanstrengten Kindes glich, begann gerade die erdrückende Arbeit aufzunehmen, die jedes Gehirn beim Eintritt ins Leben belastet. Er mußte binnen fünf oder sechs Wochen eine genügende Vorstellung und Auffassung von der Welt in sich aufnehmen und verarbeiten. Der Mensch, dem alle Kenntnisse seiner Eltern und Brüder zugute kommen, braucht dreißig oder vierzig Jahre, um diese Weltauffassung notdürftig festzulegen, aber der schlichte Hund muß sie allein in wenigen Tagen entwirren. Und doch würde seine Auffassung in den Augen eines allwissenden Gottes vielleicht denselben Wert, das gleiche Schwergewicht haben, wie die unsere ... Es galt für ihn also die Erde zu erforschen, die sich aufkratzen und aufwühlen läßt und bisweilen erstaunliche Dinge birgt; es galt, den Himmel, der keine Bedeutung hat, weil nichts an ihm eßbar ist, mit einem einzigen Blick abzutun, das Gras, das herrliche grüne Gras, den frischen elastischen Rasen als Spiel- und Rennplatz, als gefälliges, grenzenloses Lager zu erkennen, das den »Hundszahn« birgt, ein Gesundheit förderndes Kraut. Es galt ferner, tausend sonderbare, sich aufdrängende Beobachtungen durcheinander zu behalten, z. B. ohne einen anderen Führer als den Schmerz die Höhe der Gegenstände abschätzen zu lernen, von denen man ins Leere hinunterspringen kann; sich zu überzeugen, daß es umsonst ist, die Vögel zu verfolgen, die fortfliegen, daß man nicht auf die Bäume klettern kann, um den Katzen nachzustellen, die sich über einen lustig machen; die Sonnenflecke zu erkennen, in denen es sich köstlich schlummert, und die Schattenstellen, wo man friert. Verwundert erkennen, daß der Regen nicht in die Häuser fällt, daß das Wasser kalt, unwohnlich und gefährlich ist, wogegen das Feuer auf Entfernung wohltätig, in der Nähe aber schrecklich ist. Bemerken, daß die Wiesen, die Pachthöfe und bisweilen auch die Wege von riesigen Geschöpfen mit drohenden Hörnern heimgesucht werden, die vielleicht gutmütig und jedenfalls schweigsam sind, die man ziemlich aufdringlich anschnüffeln kann, ohne daß sie davon Notiz nehmen, die aber ihren Hintergedanken niemals verraten. Die demütigende und peinliche Erfahrung machen, daß man in der Heimstätte der Götter nicht unterschiedslos allen Naturgesetzen nachgeben darf. Erkennen, daß die Küche der bevorzugteste und angenehmste Ort dieser Götterwohnung ist, obwohl man sich wegen der Köchin, einer bedeutenden, aber eifersüchtigen Macht, nicht darin aufhalten darf. Sich vergewissern, daß die Türen wichtige und launische Gewalten sind, die bisweilen zum Glück führen, meistens aber fest verschlossen, stumm und starr, hochmütig und herzlos sind und gegen alles Flehen taub bleiben. Ein für allemal lernen, daß die wesentlichen Güter des Daseins, die unzweifelhaften Genüsse, meist in Töpfen und Kasserollen verschlossen und fast immer unerreichbar sind; sie mit geflissentlicher, angelernter Gleichgültigkeit ansehen, sich darin üben, sie zu ignorieren, indem man sich sagt, daß es wahrscheinlich heilige Gegenstände sind, da man sie ja nur ehrerbietig mit der Zungenspitze zu berühren braucht, um wie durch einen Zauberschlag den einmütigen Zorn aller Götter des Hauses zu entfesseln. Und dann: was soll man von dem Tisch denken, auf dem so viele ungeahnte Dinge geschehen, von den höhnischen Lehnstühlen, auf denen man nicht schlafen darf, von den Tellern und Schüsseln, die leer sind, wenn sie einem überlassen werden, von der Lampe, welche die Nacht verscheucht, und von dem Herde, der die kalten Tage vertreibt? Wieviel Befehle, Gefahren, Verbote, Probleme und Rätsel gilt es dem überladenen Hirn einzuordnen? ... Und wie soll das alles mit anderen Gesetzen, anderen noch größeren, noch gebieterischeren Rätseln in Einklang gebracht werden, die man in sich trägt, in seinem Instinkt, die von Stunde zu Stunde hervortreten und sich entwickeln, die aus dem Schoße der Zeit und der Rasse emportauchen, die das Blut, die Muskeln und die Nerven überschwemmen und sich plötzlich unwiderstehlich und zwingend selbst gegen den Schmerz, ja sogar gegen das Gebot des Herrn und die Todesfurcht behaupten? wenn z. B. – um nur einen Fall zu nehmen – die Stunde des Schlafs für die Menschen geschlagen und der Hund sich in seine Ecke verkrochen hat, und ringsum herrscht Finsternis, Stille und die furchtbare Einsamkeit der Nacht. Alles schläft im Hause des Gebieters. Wie klein und schwach fühlt er sich dem Mysterium gegenüber! Er weiß, daß das Dunkel von schleichenden, lauernden Feinden bevölkert ist. Er mißtraut den Bäumen, dem wehenden Winde, den Mondstrahlen. Er möchte sich verkriechen, den Atem anhalten, um nicht bemerkt zu werden. Und doch muß er wachen, muß beim leisesten Geräusch aus dem Schlupfwinkel heraus, dem Unsichtbaren Trotz bieten und das Schweigen stören, das auf der Welt lastet, auf die Gefahr hin, das Unglück oder das Verbrechen, das flüsternd heranschleicht, auf sich selbst zu lenken. Und wer auch der Feind sei, wär' es selbst der Mensch, das heißt der Bruder des Gottes, den er schützen soll, er muß ihn blindlings angreifen, ihm an die Kehle springen, seine Zähne vielleicht gotteslästerlich in das menschliche Fleisch bohren, alle Zaubermacht einer Hand und Stimme vergessen, die der seines Gebieters gleicht, nie still sein, nie fliehen, sich nie in Versuchung führen noch bestechen lassen, und in der Nacht, allein und ohne Hilfe, den heldenmütigen Warnruf bis zum letzten Seufzer erschallen lassen. Das ist die große, von den Voreltern vererbte Pflicht, die Hauptpflicht, die stärker ist als der Tod, die selbst der Wille und der Zorn des Menschen nicht ändern kann. Unsere ganze bescheidene Menschheitsgeschichte ist unlöslich verknüpft mit der des Hundes in den ersten Kämpfen gegen alles, was atmete, und darum ist sie aus seinem Gedächtnis nicht mehr fortzuwischen. Und wenn wir heute in unseren sicheren Wohnungen bisweilen seinen unzeitgemäßen Eifer bestrafen, so wirft er uns einen erstaunten, vorwurfsvollen Blick zu, als wollte er sagen, daß wir im Irrtum sind, und wenn wir den Hauptpunkt des Paktes außer acht lassen, den er mit uns schloß, da wir noch in Höhlen, Wäldern und Sümpfen hausten, daß er ihm trotzdem treu bleibt und der ewigen Wahrheit des Lebens, das voller Fallen und feindlicher Gewalten ist, noch näher steht. Aber wieviel Mühe und Sorge, wieviel Lernen ist nötig, damit er dieser Pflicht gewachsen ist! Und wie verwickelt ist sie geworden, seit wir die stillen Höhlen und öden Seen verließen! Wie einfach, klar und leicht war sie damals! Die einsame Höhle hatte ihren Eingang am Berghang, und alles, was näher kam, alles, was am Rand der Flächen und Wälder sich rührte, war unzweifelhaft ein Feind! ... Heute weiß er es nicht mehr ... Er muß mit einer Zivilisation, die er nicht billigt, gleichen Schritt halten, muß so tun, als ob er tausend unbegreifliche Dinge verstünde ... So scheint es klar, daß die Welt nicht mehr ausschließlich seinem Herrn gehört, daß sein Eigentum unerklärliche Schranken hat ... Es kommt also zuallererst darauf an, zu wissen, wo das geheiligte Bereich beginnt und endet. Was muß geduldet, was verwehrt werden? – Auf der Straße z. B. hat jedermann, selbst der Bettler, das Recht zu gehen. Warum? – Das ist unbekannt? es ist eine Tatsache, die der Hund beklagt, aber hinnehmen muß. – Dagegen darf sich zum Glück niemand auf dem schönen Fußwege zeigen. Er ist den gesunden Traditionen treu geblieben; er darf also nicht aus den Augen gelassen werden; auf ihm gelangen die schwierigen Probleme ins tägliche Leben. – Nur ein Beispiel. – Der Hund schläft friedlich in einem Sonnenstreifen, der den Küchenboden mit tanzenden Perlen besät. Die Porzellantöpfe treiben ihr Spiel miteinander; sie stoßen sich mit den Ellenbogen an oder schupfen sich am Rande der mit Papierspitzen gezielten Holzborde. Die Kupferkessel lassen Lichtflecke auf den weißen glatten Wänden spielen. Der mütterliche Herd summt bedächtig und wiegt drei Kochtöpfe, die glückselig tanzen, und durch das kleine Loch, das seinen Bauch erleuchtet, streckt er dem guten Hund, der sich nicht nähern kann, beständig eine feurige Zunge heraus, um ihn zu foppen. Die Uhr langweilt sich in ihrem Eichenschrank und wartet darauf, daß sie die göttliche Stunde der Mahlzeit schlagen kann, während sie ihren dicken vergoldeten Pendel hin und her bewegt, und die heimtückischen Mücken quälen den Hund an den Ohren. Auf dem glänzenden Tische liegen ein Huhn, ein Hase und drei Rebhühner, daneben andre Dinge, die Früchte heißen: Pfirsiche, Melonen, Trauben, lauter wertloses Zeug. Die Köchin nimmt einen großen silbernen Fisch aus und schmeißt die Eingeweide, statt sie ihm anzubieten, in den Kasten für Abfälle. O, dieser Kasten für Abfälle! Welch unerschöpflicher Schatz, welche Fundstätte unverhoffter Dinge, welch ein Juwel des Hauses! – Auch der Hund bekommt seinen Teil davon, den erlesensten und verstohlensten, aber er muß so tun, als ob er gar nicht wüßte, wo er steht. Es ist ihm ein für allemal streng untersagt, darin zu wühlen. Der Mensch verbietet derart mancherlei angenehme Dinge, und das Leben wäre trübselig, die Tage wären leer, wenn der Hund allen Verboten in Küche, Keller und Eßzimmer nachkäme. Zum Glück ist der Herr zerstreut und behält die gegebenen Befehle nicht lange. Er läßt sich leicht betrügen. Der Hund erreicht doch, was er will, wenn er geduldig die Stunde abwartet. Er ist dem Menschen unterworfen, der allein der Gott ist, aber darum hat er doch seine eigene bestimmte und unverrückbare Moral, nach der alle verbotenen Handlungen, sobald sie ohne Wissen des Menschen geschehen, durchaus erlaubt sind. Also schließen wir das aufmerksame Auge, das alles gesehen hat. Tun wir, als ob wir schliefen und träumen wir vom Mondschein. – Halt, da klopft es sacht an die blaue Fensterscheibe, die nach dem Garten geht. – Was gibt es denn? – Nichts. Ein Rotdornzweig klopft an, um zu sehen, was in der kühlen Küche gemacht wird. – Die Bäume sind sonderbar und oft bewegt, sie zählen aber nicht mit. Der Hund hat ihnen nichts zu sagen, sie sind unverantwortlich, sie gehorchen dem Winde, der keine Grundsätze hat. – Aber nein! Ich höre Schritte! ... Aufgestanden, die Ohren gespitzt und die Nase bereit! – Nein, es ist der Bäcker, der ans Gitter kommt, während der Briefträger ein Pförtchen in der Lindenhecke öffnet. – Sie sind bekannt, es ist gut ... Sie bringen etwas und können begrüßt werden. Der Schwanz wedelt zurückhaltend zwei-, dreimal mit gnädigem Lächeln. – Wieder ein Lärm! Was gibt's nun wieder? – Ein Wagen hält vor der Haustür. O, das ist schon schwieriger! ... Das Problem ist verwickelt. – Zunächst gilt es, die Pferde reichlich zu beschimpfen. Es sind große hochmütige Tiere, die nie antworten. Indessen beginnt man, die aussteigenden Personen von der Seite zu beobachten. – Sie sind gut gekleidet und scheinen durchaus zuverlässig. Vielleicht werden sie am Tische der Götter Platz nehmen. Sie müssen angebellt werden, aber ohne Bitterkeit, mit einem Anflug von Hochachtung: man muß zeigen, daß man seine Pflicht tut, aber mit Verstand. Trotzdem behält man etwas Verdacht, und hinter dem Rücken der Gäste schnuppert man heimlich, aber beharrlich und mit verständnisvoller Miene, um ihre verborgenen Absichten herauszukriegen. Aber da schallen humpelnde Schritte in der Nähe der Küche. Diesmal ist's der Bettler, der seinen Bettelsack schleppt, der zweifellose Erbfeind, der unmittelbare Abkömmling dessen, der die mit Knochen erfüllte Höhle umschweift und nun plötzlich im Rassenbewußtsein wieder auftaucht. Trunken vor Wut, mit kurzem Bellen, die Zähne vor Groll und Haß fletschend, will er den unversöhnlichen Gegner an den Hosen packen, da kommt die Köchin mit ihrem Besen, dem wortbrüchigen Küchenzepter, dem Verräter zu Hilfe, und der Hund muß sich wieder in seine Ecke verkriechen, aus der die Augen in ohnmächtigen, scheelen Flammen hervorleuchten und die Kehle furchtbare, aber vergebliche Flüche erschallen läßt. Im stillen denkt der Hund, daß die Welt untergeht und daß das Menschengeschlecht den Begriff von Recht und Unrecht verlernt hat ... Ist damit alles gesagt? – Noch nicht, denn auch das kleinste Leben setzt sich aus unzähligen Pflichten zusammen, und es bedarf einer langen Arbeit, um sich an der Grenze zweier Welten, die so verschieden sind, wie die menschliche und tierische, ein glückliches Dasein zu schaffen. Wie würden wir uns z. B. einrichten, wenn wir, ohne unsere Sphäre zu verlassen, einer Gottheit dienen müßten, die nicht mehr imaginär und uns selbst ähnlich wäre, wie die, die uns unserem Denken geboren ist, sondern einem sehr sichtbaren, allzeit gegenwärtigen, allzeit tätigen Gotte, der unserm Wesen ebenso fremd und überlegen ist, wie wir dem Hunde? Endlich – um auf Pelleas zurückzukommen – weiß man alles, was man tun und wie man sich im Machtbereich des Herrn benehmen muß. Aber die Welt ist an den Haustüren nicht zu Ende, und jenseits der Mauern und der Hecke liegt eine Welt, die man nicht mehr zu bewachen hat, wo man nicht mehr zu Hause ist, wo alle Beziehungen verändert sind. Wie hat der Hund sich auf der Straße, auf den Feldern, auf dem Markt, in den Läden zu benehmen? Nach einer Reihe schwieriger und feiner Beobachtungen hat er begriffen, daß es ungehörig ist, sich mit den Passanten abzugeben und dem Anruf von Fremden zu gehorchen, daß er gegen Unbekannte, die ihn streicheln, höflich, aber gleichgültig sein muß. Ferner gilt es, gewissen Pflichten einer geheimnisvollen Höflichkeit gegen seine Brüder, die anderen Hunde, gewissenhaft nachzukommen, Hühner und Enten zu schonen, in der Konditorei an den Kuchen vorbeizusehen, die sich unverschämt bis zu seiner Zunge herabspreizen, die Katzen, die ihn auf den Türschwellen durch scheußliche Grimassen herausfordern, mit stillschweigender Verachtung zu strafen, aber ihren Hohn nicht zu vergessen; nicht außer acht zu lassen, daß es erlaubt und sogar löblich ist, Mäuse, Ratten und wilde Kaninchen zu jagen und zu würgen, überhaupt alle Tiere, die durch geheime Kennzeichen verraten, daß sie ihren Frieden mit dem Menschen noch nicht geschlossen haben. Das alles und noch so viel anderes! ... War es da erstaunlich, daß Pelleas angesichts dieser zahllosen Probleme bisweilen nachdenklich erschien, und daß sein sanfter und bescheidener Blick oft so tief und so ernst war, so sorgenschwer und voll unlöslicher Fragen? Leider hat er nicht die Zeit gehabt, die schwere und lange Aufgabe zu Ende zu führen, die die Natur dem Instinkt stellt, wenn er sich zu einer klareren Höhe erheben will! ... Ein ziemlich geheimnisvolles Leiden, das scheinbar dem einzigen Tiere verhängt ist, das sich aus dem Kreise seiner Geburt erheben kann, eine unbestimmte Krankheit, die die jungen, klugen Hunde zu Hunderten hinrafft, hat den Geschicken und der glücklichen Erziehung meines Pelleas ein Ziel gesetzt. Und nun ruhen so viele Anläufe zu etwas mehr Licht, so viel Glut zum Lieben, so viel Mut zum Verstehen, so viel zutunliche Freude und harmlose Schmeichelei, so viele gute, treue Blicke, die sich zum Menschen emporrichteten und ihn um Hilfe anflehten gegen ungerechte und unerklärliche Schmerzen, so viele schwache Reflexe aus dem tiefen Abgrund einer Welt, die nicht mehr die unsere ist, so viele beinah menschliche Gewohnheiten ruhen nun traurig unter einem blühenden Fliederbaum in der kalten Erde am Ende des Gartens. Der Mensch liebt den Hund, aber wie müßte er ihn erst lieben, wenn er sich klar machte, welche große und einzige Ausnahme in einem Naturganzen von unbeugsamen Gesetzen diese Liebe eines Wesens ist, das, um sich uns zu nähern, die sonst überall undurchdringlichen Scheidewände, die den Arten gezogen sind, zu durchbrechen gewußt hat. Wir sind allein, völlig allein auf einem Planeten des Zufalls, und unter allen Gestalten des Lebens, die uns umgeben, hat sich nicht eine mit uns verbündet, außer dem Hunde. Einige Geschöpfe fürchten uns, die meisten kennen uns nicht, und keines liebt uns. Wir haben auf Erden die Pflanzen als stumme und unbewegliche Sklavinnen, aber sie dienen uns wider Willen. Sie unterliegen einfach unsern Gesetzen und unserm Joche. Sie sind ohnmächtige Gefangene, Opfer, die nicht fliehen können, aber im stillen rebellisch, und sobald wir sie aus den Augen verlieren, verraten sie uns schleunigst und kehren zu ihrer einstigen wilden und schädlichen Freiheit zurück. Wenn sie Flügel hätten, würden Rose und Getreide bei unserm Nahen fliehen, wie es die Vögel tun. Unter den Tieren zählen wir einige Diener, die sich nur aus Gleichgültigkeit, Feigheit oder Stumpfsinn unterwerfen. Das scheue, ängstliche Pferd gehorcht nur dem Schmerz und schließt sich an nichts an; der stumpfe und duldende Esel hält es nur bei uns aus, weil er nicht weiß, was er tun und wohin er laufen soll, aber auch unter dem Knüppel und Packsattel bewahrt er seinen Gedanken hinter den Ohren. Das Rind ist glücklich, solange es frißt, und folgsam. Das Huhn bleibt getreulich in seinem Hühnerstall, weil es dort mehr Maiskörner und Getreide findet als im nahen Walde. Ich will nicht von der Katze reden, für die wir nichts sind als eine zu dicke, ungenießbare Beute. Sie bleibt das wilde Tier, das uns nur mit scheeler Verachtung in unserm eigenen Heim duldet, wie lästige Parasiten. Sie verflucht uns wenigstens in ihrem geheimnisvollen Herzen, aber die anderen alle leben in unserer Nähe, wie sie neben einem Baum oder einem Felsen leben würden. Sie blicken uns an mit der mißtrauischen Bestürztheit des Pferdes, in dessen Auge noch die betörte Furcht des Elens oder der Gazelle flackert, die uns zum erstenmal bemerken, oder mit dem stumpfen Trübsinn der Wiederkäuer, die uns ansehen wie eine augenblickliche, unnütze Zugabe zu ihrer Weide. Seit Jahrtausenden leben sie an unserer Seite und stehen doch unseren Gedanken, unseren Neigungen, unseren Sitten so fern, als wären sie vom unbrüderlichsten Gestirn erst gestern auf unsern Erdball gefallen. In dem grenzenlosen Raume, der den Menschen von allen anderen Wesen trennt, ist es uns nur durch endlose Geduld gelungen, sie ein paar illusorische Schritte weiter zu bringen. Und wenn die Natur ihnen morgen, ohne ihre Gefühle gegen uns zu verändern, den Verstand und die Waffen gäbe, uns zu besiegen, so muß ich gestehen, daß ich vor der jähzornigen Rache des Pferdes, der eigensinnigen Vergeltung des Esels und der in Wut verwandelten Sanftmut des Schafes allen Respekt hätte. Ich würde die Katze fliehen wie einen Tiger, und selbst die gutmütige, feierlich schläfrige Kuh würde mir nur ein geringes Vertrauen einflößen. Und wenn das Huhn mich entdeckte mit seinem runden, schnellen Auge, als hätte es eine Schnecke oder einen Wurm erspäht, so würde es mich sicherlich ahnungslos verschlingen. In dieser vollständigen Gleichgültigkeit und Verständnislosigkeit, in der alles, was uns umgibt, verharrt, in dieser Welt ohne Mitteilbarkeit, in der alles sein Ziel hermetisch in sich selbst verschlossen trägt, wo jedes Schicksal auf sich selbst beschränkt ist und keine andern Beziehungen zwischen den Wesen herrschen, als die zwischen Schlächter und Opfer, zwischen Fressen und Gefressenwerden, wo nichts aus seiner engen Sphäre herauskann und allein der Tod grausame Beziehungen von Wirkung und Ursache zwischen benachbarten Wesen schafft, wo die bescheidenste Sympathie nie bewußt die Schranken einer Art übersprungen hat: ist es unter allem, was auf Erden atmet, nur einem Geschöpf gelungen, den Schicksalskreis zu brechen, aus sich herauszugehen, sich bis zu uns emporzuschwingen und endgültig die ungeheure Zone der Finsternis, des Schweigens und des Eises zu verlassen, durch die alle Klassen von Wesen im unbegreiflichen Weltplan getrennt sind. Dieses Tier, unser guter Haushund, so schlicht und wenig erstaunlich es uns auch vorkommen mag, was er getan hat, indem er sich so merklich zu einer Welt emporschwang, in der er nicht geboren und für die er nicht bestimmt war, er hat doch einen der ungewöhnlichsten und unwahrscheinlichsten Akte vollbracht, die sich in der großen Geschichte des Lebens finden lassen. Wann hat diese Erkennung des Menschen durch das Tier, dieser außerordentliche Übergang vom Schatten zum Lichte stattgefunden? Haben wir den Pudel, den Hofhund oder die Dogge unter Wölfen und Schakalen gesucht, oder sind sie aus sich heraus zu uns gekommen? Wir wissen nichts davon. Soweit die Annalen der Menschheit reichen, ist der Hund an unserer Seite, wie jetzt, aber was ist alle menschliche Geschichte im Vergleich zu der zeugnislosen Vorzeit? Stets findet er sich in unseren Behausungen, so alt eingesessen, so gut am Platze, so vollständig unseren Sitten angepaßt, als wäre er auf Erden so erschienen, wie er ist, und zu gleicher Zeit mit dem Menschen. Wir brauchen weder sein Vertrauen noch seine Freundschaft zu erwerben; er wird als unser Freund geboren und glaubt schon an uns, wenn seine Augen noch geschlossen sind, ja, schon vor seiner Geburt ist er dem Menschen ergeben. Aber das Wort Freund gibt seinen liebenden Kultus nicht wieder. Er liebt und verehrt uns, als hätten wir ihn aus dem Nichts emporgezogen. Er ist vor allem unser Geschöpf voll überströmender Dankbarkeit und uns treuer als unser Augapfel. Er ist unser geheimer und begeisterter Sklave, den nichts entmutigt, dem nichts widerstrebt, dem nichts den glühenden Glauben und die Liebe nehmen kann. Er hat auf bewundernswerte und rührende Weise das schreckliche Problem gelöst, das die menschliche Weisheit würde lösen müssen, wenn ein Geschlecht von Göttern unsern Erdball in Besitz nähme. Er hat die Überlegenheit des Menschen ehrlich, unwiderruflich, gewissenhaft anerkannt; er hat sich ihm mit Leib und Seele hingegeben, ohne Hintergedanken, ohne Gelüste nach Umkehr, und hat von seiner Unabhängigkeit, seinem Instinkt und Charakter nur so viel und so wenig bewahrt, als unerläßlich ist, um das seiner Art von der Natur vorgezeichnete Leben zu führen. Mit einer Sicherheit, Ungezwungenheit und Einfachheit, die uns ein wenig überrascht, da wir uns für besser und mächtiger halten als alles, was besteht, wird er zu unsern Gunsten dem Tierreich, dem er angehört, untreu und verleugnet unbedenklich seine Rasse, seine Nächsten, seine Mutter und sogar seine Jungen. Aber er liebt uns nicht nur mit seinem Verstand und Bewußtsein: gerade der Instinkt seiner Rasse, alles Unbewußte seiner Art scheint nur an uns zu denken und auf unsern Nutzen zu sinnen. Um uns besser zu dienen und sich unseren mannigfachen Bedürfnissen besser anzupassen, hat er alle Gestalten angenommen und die Eigenschaften und Fähigkeiten, die er uns zur Verfügung stellt, unendlich zu variieren gewußt. Wenn er uns helfen muß, das Wild in den Ebenen zu verfolgen, so werden seine Beine übermäßig lang, sein Maul schmaler, seine Lungen weiter und er wird schneller als der Hirsch; verbirgt sich unsere Leute im Gehölz, so bietet uns der gefügige Genius der Art, unsern Wünschen zuvorkommend, den Dachshund, eine Art von fußloser Schlange, die in das undurchdringlichste Dickicht hineinkriecht. Soll er unsere Herden hüten, so verleiht derselbe gefällige Genius ihm den hierzu nötigen Wuchs und Verstand, die nötige Energie und Wachsamkeit. Bestimmen wir ihn zur Bewachung und Verteidigung unserer Häuser, so wird sein Kopf rund und ungeheuerlich, damit sein Gebiß stärker, furchtbarer und hartnäckiger wird. Ziehen wir mit ihm nach dem Süden, so wird sein Fell kurzhaarig und leicht, damit er uns auch unter den Strahlen einer anderen Sonne zu folgen vermag. Ziehen wir nordwärts, so werden seine Füße breit, um besser auf dem Schnee zu treten, sein Fell wird dichter, damit die Kälte ihn nicht zwingt, uns zu verlassen. Ist er nur zu unserm Spielkameraden bestimmt, soll er unsere müßigen Blicke erfreuen und die Wohnung schmücken oder beleben, so erhält er eine überlegene Anmut und Eleganz, wird kleiner als eine Puppe, um auf unsern Knien am Kamin zu schlafen, oder erhält, wenn unsere Laune es so will, selbst einen Stich ins lächerliche, um uns zu gefallen. In dem ganzen ungeheuren Bett der Natur wird man nicht ein Lebewesen finden, das eine entsprechende Schmiegsamkeit, einen ähnlichen Formenreichtum, eine so wunderbare Anpassungsfähigkeit an unsere Wünsche besitzt, und das rührt daher, daß in der uns bekannten Welt, unter den verschiedenen, primitiven Lebensgenien, die die Entwicklung der Arten lenken, nicht einer existiert, der sich wie der des Hundes je um das Vorhandensein des Menschen gekümmert hätte. Man könnte vielleicht sagen, daß wir es verstanden haben, gewisse Haustiere fast ebenso gründlich zu verändern, z. B. die Hühner, Tauben, Enten, Pferde und Kaninchen. Ja, vielleicht; aber diese Veränderungen sind mit der des Hundes nicht zu vergleichen, und die Art der Dienste, die uns diese Tiere leisten, bleibt gewissermaßen unveränderlich. Jedenfalls aber, mag dieser Eindruck auch rein imaginär sein oder wirklich den Tatsachen entsprechen: in diesen Veränderungen scheint nicht derselbe unerschöpfliche und zuvorkommende gute Wille, dieselbe scharfsinnige und ausschließliche Liebe zu herrschen. Schließlich ist es ja auch höchstwahrscheinlich, daß der Hund, oder vielmehr der uns unerreichbare Genius seiner Art, sich keineswegs um uns beunruhigt und daß wir es einfach verstanden haben, aus den mannigfachen Fähigkeiten, die uns die zahllosen Zufälle des Lebens bieten, Vorteil zu ziehen. Aber das ist einerlei; da wir vom Grund der Dinge nichts wissen, müssen wir uns schon an den Augenschein halten; und es ist angenehm, feststellen zu können, daß es auf dem Planeten, auf dem wir einsam sind wie verkannte Könige, wenigstens dem Anschein nach ein Wesen gibt, das uns liebt. Wie es aber auch um diesen Anschein bestellt sei, so ist es darum doch nicht minder gewiß, daß der Hund in der Gesamtheit der vernunftbegabten Geschöpfe, die Rechte, Pflichten, eine Aufgabe und ein Schicksal haben, einen wahrhaft privilegierten Platz einnimmt. Er befindet sich auf dieser Welt in einer einzigen, vor allen andern beneidenswerten Lage. Er ist das einzige Lebewesen, das einen unbezweifelbaren, greifbaren, unwiderruflichen und endgültigen Gott gefunden hat und anerkennt. Er weiß, wem er das Beste seines Ichs weihen muß, wem er sich über sich hinaus hingeben soll. Er hat keine vollkommene, höhere, unendliche Macht aus dem Dunkel der einander ablösenden Lügen, Hypothesen und Träume herauszusuchen. Diese Macht steht vor ihm, und er wandelt im Lichte. Er kennt die höchsten Pflichten, die wir alle nicht kennen. Er hat eine Moral, die höher ist als alles, was er in sich selbst entdecken kann, und die er ohne Bedenken und ohne Furcht üben kann. Er besitzt die volle Wahrheit. Er hat ein positives und gewisses Ideal. Und so sah ich meinen kleinen Pelleas bis zu seiner Krankheit am Fuße meines Schreibtischs liegen, den Schwanz sorgfältig unter den Füßen versteckt, den Kopf etwas geneigt, um mich besser zu fragen, aufmerksam und ruhig zugleich, wie ein Heiliger es in Gottes Gegenwart sein soll. Er war glücklich, wie wir es vielleicht nie sein werden; denn sein Glück entsprang aus dem Lächeln und der Billigung eines Lebens, das dem seinen unvergleichlich überlegen war. Er lag da, trank forschend alle meine Blicke auf und erwiderte sie ernst, wie ein gleichstehendes Wesen, wahrscheinlich um mir verständlich zu machen, daß er wenigstens mit den Augen, diesem fast unstofflichen Organ, welches das Licht, dessen wir uns erfreuen, in liebendes Verständnis verwandelt, mir alles zu sagen vermochte, was Liebe sagen soll. Und wenn ich ihn so sah, jung, glühend und gläubig, wie er mir gleichsam aus dem Schoße der unerschöpflichen Natur ganz frische Kunde vom Leben gab, vertrauensvoll und voll Verwunderung, als wäre er der erste seines Geschlechtes, der auf Erden erschien, und als lebten wir noch in den Tagen der Urzeit, so bewunderte ich seine freudige Gewißheit und sagte mir, daß der Hund bei einem guten Herrn glücklicher ist als dieser, dessen Schicksal noch rings in Dunkel gehüllt bleibt.