Michael Kohlhaas Der zweite Schuß   Curt Pechstein Verlag München 1926   Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten Copyright 1926 by Curt Pechstein, Verlag, München     Traf ich beim ersten Mal ins Schwarze? Hier gab 's Pläsier, dort gab 's Verdruß ... Nun lenke gnädig mir, o Parze, den zweiten Schuß! Das goldene Münchner Herz Alles Werden endet in Duft und Verklingen, alles Vergehen ist heimliches Werden und die stolzeste Gegenwart eine schon halb entblätterte Rose. Diesem Naturgesetz zufolge ist von den dermaleinstigen Paulaner Mönchen in München nichts übrig geblieben als der Salvator. Doch das genügt. Genügt zum Siege der Vollkommenheit, zur Erfüllung der Gerechtigkeit, zum Triumph der Wahrheit. Des zum Beweise dient Herr Onuphrius Schnegg, Eigenbrötler durch Neigung, Ziseleur von Beruf und Junggeselle aus Grundsatz. Er sitzt in diesem Augenblick auf dem Kanapee der Witwe Zacherl, wohin als ihren Ehrenplatz trotz seines Sträubens sie ihn genötigt hat, und die Witwe Zacherl sagt: »O mein Gott,« sagt sie, »da is er noch g'sessen vor drei Wochen, akkrat da, wo Sie jetzt sitzen, Herr Schnegg, g'wiß drei Stund lang, aber seitdem is 's aus zwischen dö zwei, ganz aus: nicht ein Sterbenswörtl hat er mehr hören lassen.« Die Frau Zacherl spricht vom Herrn Buchhalter Bömmlein, dem Bräutigam ihrer Tochter Rosl, die sich, um die Tränen zu verbergen, tief über ihre Modistinnen-Arbeit beugt, und der Herr Schnegg denkt: »Wunder wär's eigentlich keins, wenn einer sich für immer z'rückziehet bei so infamen Sofafedern,« und rückt wieder ein Stück weiter auf dem Kanapee und trifft's doch nicht besser. Im Gegenteil. Denn das Kanapee ist ein Bild des heutigen Witwenstandes: es fehlt an allen Ecken und Enden. Wie die Memnonsäule unterm ersten Morgenstrahl, so gibt das Kanapee der Witwe Zacherl unter den ersten Berührungen mit menschlichen Nordseiten einen klingenden Ton von sich, und wie die tückische Tarantel, wenn einer ahnungslos sich draufsetzt, so sticht das Kanapee; denn alle seine Federn sind entartet. »So was mag freilich nicht ein jeder,« denkt der Herr Schnegg und rückt abermals ein End weiter, »und Wunder wär's keins, wenn einer nicht hineinheiraten möcht in eine solche Familie.« Wahrscheinlich deswegen beugt sich auch jetzt die Rosl noch tiefer auf ihre Modistinnen-Arbeit herab und deswegen wieder, wahrscheinlich, sagt der Herr Schnegg: »Liebe Frau Zacherl,« sagt er, »und bildsaubers Roserl, jetzt lassen S' amal vorläufig die Gschicht mit 'm Herrn Bömmlein, wie s' ist, und gehen mit mir zum Salvator auf 'n Nockherberg!« Daraufhin fährt sich die Witwe Zacherl mit dem Schürzenzipfel über die Augen, weil sie an die Zeiten denken muß, da der Herr Schnegg ihren Seligen noch abgeholt hat zum gleichen Zweck Jahr für Jahr, und weil es so viel rührend ist, daß der Herr Schnegg, wie aus einem dem Toten geschuldeten Treugelöbnis, seitdem sie und die Rosl abholt zu diesem schönen Zweck, Jahr um Jahr. Und die Frau Zacherl fährt sich mit dem Schürzenzipfel über die Augen und der Rosl fällt eine Träne in die Hutform hinein und der Herr Schnegg treibt zur Eile, weil sonst der Salvator zu End geht und weil er froh ist, von den heimtückischen Sofafedern loszukommen. Indem er aufsteht, erklingen sie, wie zum Abschied, ein letztes Mal. Und so sitzen also nach einer Weile die Drei auf dem Nockherberg, und es ist schon so, und ihr dürft es gewißlich glauben: Was den Stammeltern das Paradies gewesen ist mit seinen einschmeichelnden Veranstaltungen, das ist ihren altbayrischen Nachkommen mit seiner die Dissonanzen des Lebens übertönenden Blechmusik, seinem alle Unebenheiten des Daseins freundlich verhüllenden Tabaksqualm, seinem jede Gewagtheit der Konversation traulich kaschierenden Gesumm, seinen beglückenden Schweinswürstchen und seinem schäumenden uralten Paulaner-Trunk der Nockherberg. Gleichwohl kann die Witwe Zacherl nicht froh werden. »O mein Gott,« seufzt sie, »sind das Zeiten! Im Haus kein Geld, im Geldbeutel nur Papier, und wenn einer a Gold sehen will, muß er nach Altötting reisen und 's goldne Rößl betrachten, und dös hätten s' bei einem Haar gstohlen. Das Münchner Herz wird bald das einzige Gold sein auf dera Welt.« »O Jessas!« sagt der Herr Schnegg. »Mit dem wenn Sie mir nicht gehen. Es ist dahin, glatt fort, wie seine Verwandtschaft: das gedünstete Kalbsherz um achtzig Pfenning, das Schweinsherzl am Spieß um eine Mark und das Lebkuchenherz von der Auer Dult um einen liebreichen Augenaufschlag.« »Wenn 's überhaupts amal da war,« sagt die Rosl als ihr erstes Wort, aber schon so bitter, daß man daraus fast schließen muß, daß auch der Salvator nicht mehr die alte Seelenstärkung ist, und der Herr Schnegg pflichtet ihr bei: »Ich hab auch nie recht dran glaubt. Man hat von dem berühmten goldnen Münchner Herz immer zu viel gehört und zu wenig gesehn. Beim Armenball, ja, da hat's die Polonaise mittanzt, weil's auf die Weis in die Zeitung kommen ist, und auf Einzeichnungslisten für öffentliche Wohltätigkeit hat es sich durch die Stadt tragen lassen, aber sonst hab ich's, aufrichtig gsagt, nicht antroffen.« »Sie reden wie mein Mann selig«, sagt die Witwe Zacherl. »Der hat's auch immer bestritten und war doch die Herzensgüte selber. Aber,« fährt sie fort, die dem Verewigten gebührende Träne im Aug, »was wahr is, is wahr: der Salvator ist ausgezeichnet.« »Sehen S',« sagt der Herr Schnegg, »da hinten, an dem zweiten Tisch rechts, bin ich vor fünf Jahr 's letzte Mal mit ihm« – er spricht von dem allzu früh den Seinen Entrissenen – »gsessen. Josef, hab' ich gsagt, jetzt langt's. Josef, jetzt geh' ma. Tua, was d' magst, hat er gsagt ...« »Nein, so was Gutes gibt's nimmer!« sagt die Witwe Zacherl und stellt im Erinnerungsschmerz den schon erhobenen Maßkrug wieder auf den Tisch. »Er hat einem jeden Geschöpf seinen freien Willen lassen.« »... tua, was d' magst, aber i bleib. Und so sind wir halt zu zweit blieben, weil keiner vom andern lassen hat.« »Es war die echte, wahre Freundschaft,« sagt die Witwe Zacherl. Und der Herr Schnegg fährt fort: »Josef, hab' ich gsagt, es geht jetzt auf achte, und d' Leut mögen dös nöt, daß du mit deim Stock immer an Takt zu dö Lieder fuchtelst. Josef, geh' ma! Und indem hab' ich ihn langsam von der Bank aufziehen wollen. Er is aber grad im Gegenteil ganz langsam von der Bank nuntergrutscht, untern Tisch.« »Nur, damit er heroben niemand belästigt«, sagt die Frau Zacherl mit feuchtem Blick. »Ja, so feinfühlend war er. Herr Schnegg, der hat's ghabt, das goldne Münchner Herz.« »Er war das Zartgefühl selber«, sagt der Herr Schnegg. »Aber mit dem goldnen Münchner Herz lassen S' mich aus!« und um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, fragt er: »Du, Roserl,« fragt er, »wo wohnt jetzt eigentlich der Herr Bömmlein?« »Ich mag am liebsten überhaupts nix mehr hören davon«, sagt die Rosl. »Wenn er meint, es ist sein Glück, dann nur zu: die Tochter des Prinzipals ist doch auf jeden Fall ein andrer Bissen als so eine Hinterhausmodistin.« »Aha,« sagt der Herr Schnegg, »da her pfeift der Wind. Übrigens, der Herr Bömmlein schaut mir nicht so aus. Ein Windwachl ist der Herr Bömmlein nicht.« »Warum kommt er dann nimmer? Warum laßt er seit drei Wochen kein Sterbenswörtl mehr hören? Und warum ist er, wie er das letzte Mal da war, auf und davon, als wenn wir ihm ein Leid angetan hätten?« »Ja,« sagt die Frau Zacherl, »so und nöt anders is er naus. Aber was wahr is, is wahr: der Salvator ist ausgezeichnet.« Der Herr Schnegg indes sagt: »Gehn wir! Es ist Zeit, und es muß nicht unbedingt alle fünf Jahr eins untern Tisch nunterrutschen von der Familie.« »Tröst ihn der liebe Gott!« fügt die Witwe Zacherl an. »Und wo sind S' gsessen?« »Da hinten an dem zweiten Tisch rechts«, sagt der Herr Schnegg. »Wo jetzt die Bretzenfrau den Vortrag hält.« »Der Herr gib ihm die ewige Ruh!« sagt die Witwe Zacherl im Aufstehen und setzt noch einmal den Maßkrug an – »weil 's doch um jeden Tropfen schad wär, den man stehen ließ',« aber es ist wirklich nichts mehr drin. Gleich am nächsten Tag sucht der Herr Schnegg den Herrn Bömmlein auf. »Wissen Sie,« sagt er aufs erste, »die Rosl ist ein ausgezeichnetes Mädl. Direkt eine Errungenschaft für jeden Mann, ob arm oder reich.« »Weiß ich,« sagt der Herr Bömmlein, »aber diese blödsinnige Eifersucht.« »Nur ein Beweis ihrer Liebe«, sagt der Herr Schnegg. »Denn wissen Sie, ich war nicht immer gegen die Frauenwelt so unempfänglich, wie es vielleicht auf Fernstehende heute den Eindruck macht. Ich weiß darum sehr genau, wie so etwas zu taxieren ist. Und dann: das Mädl ist auch nicht so ganz ohne alles Vermögen, wie es vielleicht auf den ersten Blick herschaut. Zwölf bis fünfzehn Tausend sind ihr auf jeden Fall gewiß.« »Wie viel?« sagt der Herr Bömmlein etwas beeilt. »Zwölf bis fünfzehn Tausend.« »Mir zwar ganz und gar neu, aber auch ganz und gar gleichgültig. Denn das Mädl ist 's, das mir gfallt, ausnehmend gut gfallt, nicht 's Geld. Denn so bin ich überhaupts.« »Aber warum denn dann drei Wochen ohne alles Lebenszeichen?« fragt der Herr Schnegg. »Nur wegen der saudummen Eifersucht,« sagt der Herr Bömmlein. »Und warum denn dieses unbegreifliche Auf und Davon, Hals über Kopf? Als wie wenn die zwei Damen Ihnen ein Leids angetan hätten.« »Die zwei grad nicht, Herr Schnegg. Aber sitzen Sie einmal einen ganzen Winter lang, nach der anstrengenden Kontorarbeit, Abend für Abend auf dem Ehrenplatz bei Frau Zacherl – denn anders tut sie 's ja nicht –, und mein Verhalten und mein endliches Auf und Davon wird Ihnen nicht mehr so unbegreiflich vorkommen.« »Kann sein, kann sein,« sagt der Herr Schnegg. »Aber drei Wochen ohne alles Lebenszeichen – wie haben Sie sich denn das eigentlich gedacht?« »Als Kur für die Rosl,« sagt der Herr Bömmlein, »von wegen dieser saudummen Eifersucht und als Erholung für mich von diesen infamen Sofafedern. Ein andrer,« sagt der Herr Bömmlein und erhebt die Stimme, »der es mit seinem Dienst weniger gewissenhaft nähm, wär überhaupts in ein Sanatorium.« Und der Herr Schnegg weiß jetzt genug. Nimmt seinen Regenschirm, obwohl es draußen das herrlichste Frühlingswetter hat, nimmt seine Pelzhaube, obwohl draußen schon manch ein Strohhut daherkommt, und geht. »Frau Zacherl,« sagt er gleich am nächsten Tag, »nur ein paar Wort unter vier Augen. Frau Zacherl! Ich war nicht immer so unempfänglich gegen die Frauenwelt, wie es vielleicht auf Fernstehende heute den Eindruck macht. Ich weiß darum sehr genau, was man der Liebe zumuten darf und was nicht. Frau Zacherl! Unvollkommenheiten, wie sie Ihr Kanapee aufweist, sind auch für eine reine, uneigennützige Liebe zu groß. Lassen Sie sofort auf meine Kosten Ihr Sofa zum Tapezierer Grünbaum schaffen! Herr Grünbaum hat bereits Weisung. Das Weitere geht Sie nichts an. Zweitens: wenn morgen der Herr Bömmlein wieder auftaucht, so können Sie ruhig sagen, die Rosl bekommt einmal zwölf- bis fünfzehntausend Mark, denn sie steht seit Jahr und Tag in meinem Testament. Und drittens: jetzt kommen S' auf der Stell mit mir, damit wir für die zwei Leutln die Aussteuer besorgen! Ruhe! Nichts als ein Akt der Gerechtigkeit; denn ich kann's entbehren und die Rosl braucht's.« Der Witwe Zacherl stehen die hellen Tränen im Aug. »Und Sie, grad Sie,« sagt sie, »zweifeln dran!« »Ich? Zweifeln? An was?« »Und grad Sie, Sie bringen die Wahrheit auf!« »Ich? Die Wahrheit? Von was denn?« »Vom goldenen Münchner Herz.« Die verlorene Seelenruh' In Hexenberg, im Schwäbischen, haben sie zwei Dinge, die leicht noch einmal einen Weltruhm begründen können: den höchsten Kirchturm im ganzen Bezirksamt und eine Turmuhr, von der man sagen kann: wie kommt denn nur so ein Gotteswunder nach Hexenberg! Vom Kirchturm aus überschaust du die Alpenkette von ganz vorn bis ganz hinten, und die Uhr wenn einer zwölfe mittag schlagen hört, dann hört er – und das wird doch wohl Sach genug sein – die Engel singen. Aber freilich, und das ist ja der Jammer der Hexenberger und obenan des alten, ehrwürdigen Pfarrers Duisele, seit Menschengedenken hat niemand die Kirchenuhr mehr zwölfe schlagen und also auch niemand mehr die Engel singen hören. Die andern Stunden schlägt sie; nur grad die zwölfte nicht. Das wär' aber die Hauptsach. Sie stammt von einem großen Augsburger Meister aus der alten Zeit, von einem gebürtigen Hexenberger, der einmal in einer verliebten Stunde das Gelübde getan hat, seiner Heimatkirche die köstlichste Uhr zu stiften weit und breit, wenn ihn die Tochter seines Nachbarn nimmt. In dem Punkt waren ihm nämlich starke Bedenken aufgestiegen, weil er neben seiner unzweifelhaften handwerklichen Geschicklichkeit einen ebenso unzweifelhaften persönlichen Buckel gehabt hat. Genommen aber hat ihn das Mädel, und – ein Mann ein Wort – die Hexenberger Kirche ist zu einer Turmuhr gekommen, daß jeder Hexenberger Bauer die Engel konnte singen hören, wenn er um zwölfe mittag seinen Grind zum Stubenfenster hinausgestreckt hat. Denn an den Zwölfe-Schlag hat der bucklige Meister ein wundersames Glockenspiel angehängt von einer unbeschreiblich süßen, genau gesagt, himmlischen Weis. Aber wie es bei den Menschen nun schon einmal Brauch ist und garaus bei den Hexenbergern: sie sind mit der Zeit gleichgültig geworden, haben gemeint, die Engel müßten ihnen alle Tag eins singen, und da – »Wie? Was? Horchet! Loset! Schlagt's denn heut net d' Mittagsschtund?!« – ist der Zwölfe-Schlag mitsamt der himmlischen Weis ausgefallen. So ist's aufgezeichnet in dem alten Kirchenbuch. Dem guten Pfarrer Duisele ist es ein Anliegen, seit er auf der Pfarrstelle sitzt. Er hätte gern zur Ehre Gottes und zum Ruhm von Hexenberg den alten Zustand wieder hergestellt, hätte sich auch selber für sein Leben gern als Erneuerer, ja, als den zweiten Schöpfer des Wunderwerks preisen hören und hat deswegen bei einer ganzen Reihe von Uhrenfirmen schriftlich und mündlich sich befragt, auch ein paarmal schon aus dieser und jener Stadt einen renommierten Uhrmacher heraußen gehabt und ist einmal sogar von so einem unkirchlichen Spitzbuben auf Reisekosten, Zehrgeld und Gutachterhonorar verklagt worden. Seitdem hat er seinen Ehrgeiz gezügelt und die Turmuhr gehen und schlagen lassen, wie es ihr paßte. Um diese Zeit nun hat irgendwo im Schwabenland der Uhrmachergesell Kassian Schermauser wieder einmal seinen Rappel gekriegt, hat die Arbeit hingeworfen und ist auf und davon und in der Welt herum, bis er eines Tags ganz von ungefähr nach Hexenberg kam und, des ewigen Landfahrens müde, bei den Bauern Arbeit suchte, sie im Pfarrhof fand und, anstellig wie er war, wenn er wollte, alsbald Sympathie und Vertrauen sich erwarb. Ei, ei, e Uhremacher! denkt der hochwürdige Herr Pfarrer Duisele und vergegenwärtigt sich, was für einen Segen schon im Alten Testament bisweilen so ein Wandervogel ins Haus gebracht hat, dem Erzvater Abraham z. B. gleich der liebe Gott selber und dem blinden Tobias der selbige Engel mit der Fischgalle, und bringt solcherweise ganz zwanglos seine Kirchenuhr und den Kassian in einen kostenlosen, aber, wie er meint, recht profitablen Zusammenhang. Wer jedoch glaubt, es hätte jetzt der Pfarrherr von Hexenberg wie ein junger Springinsfeld einfach gesagt: »So, Kassian, du kommst mir grad recht!« und hätte mir nichts dir nichts, wie einen Blinddarmspezialisten aufs Bauchzwicken, auf die köstliche Turmuhr den Schermauser losgelassen, der kennt den hochwürdigen Herrn Pfarrer Duisele und sein abgeklärtes Wesen schlecht. Der Kassian mußte ihm vielmehr zuvörderst ein Probestück machen, und dann erst hat er ihm die Turmuhr anvertraut. Allerdings dann mit der felsenfesten Zuversicht: der Kassian wird's schaffen; denn die Probe ist nicht leicht gewesen. Sie hat der alten Stutzlin ihre halbzerfallene Taschenuhr betroffen, die dem Pfarrer Duisele »zum Dank für sein schöns Predige« testamentarisch zugefallen war, die Sonn' und Mond übers Zifferblatt hätte laufen und auf einen Fingerdruck ganze und halbe Stunden hätte schlagen lassen, wenn sie eben nicht halb zerfallen gewesen wär'. Ja, ein boshafter Testamentsausleger hätte sich vielleicht von den Predigten des Pfarrers Duisele und der alten Stutzlin ihrer Dankbarkeit ein falsches Bild machen können – so weit hat's mit dem Zwiebel gefehlt. Es bedurfte aber offenbar nur des Könners, und der hatte sich im Kassian Schermauser gefunden. Sonn' und Mond sind wieder einander nachgelaufen, und die ganzen und halben Stunden hat's wieder geschlagen wie bei der Stutzlin ihrem ersten Mann. Gar so miserabel können also die Predigten des Pfarrers Duisele doch nicht gewesen sein. Auf jeden Fall: der Kassian ist auch der rechte Mann für die berühmte Kirchenuhr. Und so steigt denn trotz seines Asthmaleidens der hochwürdige Herr mit dem ihm rein vom Himmel geschickten Kassian auf den höchsten Turm vom ganzen Bezirk, zeigt ihm die Uhr, wie eine Mutter dem Arzt ihr krankes Kind, und überträgt ihm die Behandlung. Nun sind die Uhrmacher nicht selten eigenartige Käuze. Das fortwährende Herumdoktern an der Zeit macht sie grüblerisch und beschaulich, und manche von ihnen wären vielleicht große Philosophen geworden, wenn sie eben nicht ihr ganzes Leben an den Rädlekrimskrams hätten hinhängen müssen. Philosophen aber lieben die Einsamkeit, und so einer war justament der Kassian. Er war froh, von der Landwirtschaft und seinen rüpelhaften Arbeitsgenossen wegzukommen, dachte: da obe hab i e wunderbare Sommerfrisch, bezog mit Freuden den Kirchturm und verlangte von seinem Brotherrn nur das eine: Tabak und Zigarren. Die soll er haben, sagt der Pfarrer Duisele. Und: eine richtige Fleischkost. Nicht immer und immer den Erdäpfeltransch. Auch recht, sagt der Pfarrer Duisele. Und: völlige Ungestörtheit. Versteht sich, versteht sich, sagt der Pfarrer Duisele. Und: jeden Tag einen ganzen Laib Brot. Meintwege, sagt der Pfarrer Duisele. Und: – No ebbes? fragt ganz erschrocken der Pfarrer Duisele. Und: täglich zwei Maß Bier. Was tut der Mensch nicht alles zur Ehre Gottes und zur eigenen Erhöhung! Der Pfarrer Duisele sagt auch das noch zu: alle Tag zwei Maß Bier. Damit läßt sich's hausen, auch auf dem höchsten Turm, unter Mauerschwalben und Fledermäusen. Unten aber wartet das ganze Dorf auf den Zwölfe-Schlag. »Wartet no«, denkt droben der Kassian; »mir langt's, wenn's elfe schlagt, 's kann von mir aus ruhig no e paar Woche derbei bleibe.« Und weiter denkt er: »Esse und Trinke hält Leib und Seel z'samme, au zwische Himmel und Erd«, und zieht mit großer Begier dreimal des Tags den Korb ein, den sie ihm, der völligen Ungestörtheit halber, früh, mittags und abends mittelst des Turmaufzugs hinaufbefördern, und oft ist dieses Hinauf und Hinunter die ganze Tagesarbeit des Kassian. Der Pfarrer Duisele läßt ihm dazu Zeit und Ruhe; denn vermöge seiner Abgeklärtheit weiß er ganz genau, was für ein Aufwand von Scharfsinn und Berechnung dazu gehört, um einen bockbeinigen Uhrenschlag und erst gar ein störrisches Glockenspiel wieder in Gang zu bringen, und er belehrt auch alle Ungeduldigen in diesem Sinn und schreit lediglich zweimal täglich am Turm hinauf: »Kassian, wie geht's?«, worauf, ebenfalls zweimal jeden Tag, der Kassian aus seiner Wolkenhöhe herunterschreit: »Danke. Serrr gut.« Der Kassian bezieht es auf sein eigenes Befinden, der Pfarrer Duisele auf das des Glockenspiels, und alle zwei sind zufriedene Leut'. Der Kassian war aber doch dem Augsburger Meister nicht entfernt gewachsen, und das hat sich immer mehr geoffenbart; denn am Ende der dritten Woche war von einem Zwölfe-Schlag immer noch nichts zu hören und von einem Glockenspiel, was man so eigentlich unter einem Glockenspiel versteht, erst recht nichts. Es hat nämlich wohl nach dem siebten Schlag ein bißchen zu dudeln angefangen, aber so durcheinander und so falsch, daß die Hexenberger einstimmig sich dahin aussprachen: das kann die unbeschreibliche, himmlische Weis unmöglich sein. Der Kassian hat freilich auch nicht behauptet, daß sie es wär', sondern hat nur, weil der Pfarrer Duisele jetzt auf einmal von seinem Versprechen das und jenes abzwacken wollte, ziemlich ungehalten um Zigarren heruntergerufen und um die zwei Maß Bier. Und nun stell' dir vor, lieber Leser, es hätte so ein Tauge- und Habenichts dich in der Hand mit deinem Uhrschlagwerk und Glockenspiel! Und er drohte: entweder her mit den Zigarren und mit dem Bier, oder der ganze Uhrenplunder geht in Trümmer! Was tätest du? Vermutlich halt auch nachgeben, nach wie vor Zigarren und Bier sechzig Meter hoch über den Erdboden hinaufschicken und des weiteren auf die Endlichkeit alles irdischen Geschehens vertrauen und somit auch auf den naturnotwendigen Schluß der Turmverrichtung des Kassian Schermauser. Und wenn du noch ein übriges tun wolltest, – den Bruder Straubinger einschließen in dein Morgen- und Abendgebet, daß ihm doch endlich und gewißlich sein Werk gedeih, nicht etwa alles, Fleischkost, Bier, Zigarren, umsonst aufgewendet, ja, die letzten Dinge vielleicht ärger seien als die ersten. Und genau so macht's denn auch der Pfarrer Duisele. Noch nie sind für den Kassian, und er ist doch schon dreißig Jahr alt und der Sohn einer frommen Mutter, so viele inbrünstige Gebete an Gottes Thron niedergelegt worden als damals, während seiner Sommerfrische auf dem Hexenberger Kirchturm, vom Pfarrer Duisele. Was hilft's? Nichts hilft's, und für Uhrreparaturen wenigstens scheint der Kassian die göttliche Weltordnung umstürzen und schon für dieses Leben die Ewigkeit einführen zu wollen. Darüber ist denn doch einmal auch dem hochwürdigen Herrn die Geduld gerissen, und er hat beide Hände an den Mund gelegt, aus dem sonst nur die christlichen Heilswahrheiten gekommen sind, und hat hinaufgeschrien zum Turm: »Kassian, Saukopf, mach, daß d' 'rabkommscht! – Kassian, wo bischt?« »Hirrr«, hat der Kassian aus dem blauen Äther herabgerufen auf die sündige Welt. »Komm 'rab, Kassian, auf der Schtell oder d' Sach geht net gut aus für di! Du hascht uns jetzt lange Zeit g'nug für Narre ghalte. 'rab! Sofort! Elender Pfuscher!« »Was rede Se von der Zeit«, schreit da der Kassian wie so eine Art göttlicher Stimme von oben. »Für d' Mensche ischt d' Zeit e Nix, für mi ischt se alles. I und d' Zeit, mir ghöre z'samme, und drum bleib i da obe, bis es zwölfe schlagt und 's Glockespiel in Schwung kommt. Für heut, morge und übermorge ischt des aber auf kein Fall z' erwarte. Guet' Nacht!« Und der Herr Pfarrer Duisele steht da, als hätt' ihm einer die Tür vor der Nase zugeschlagen, und hat trotz des freundlichen Wunsches diese Nacht kein Auge zugetan. Gleich am andern Morgen aber schickt er seinen Ökonomiebaumeister auf den Turm zur gütlichen Zusprach – umsonst; schickt den Bürgermeister hinauf zur amtlichen Verwarnung – umsonst; steigt mitsamt seinem Asthma selber in die Himmelshöh' – alles umsonst. Der Kassian stellt es so hin, als sei seine Uhrmacherehre engagiert und ginge die ihm über alles. Auch verbittet er sich alle weiteren Besuche, wenn anders Uhrwerk und Glockenspiel nicht zum Turmfenster hinausfliegen sollen. Nur ein Mittel, meint ein paar Tage später der Ökonomiebaumeister, könnte es vielleicht geben, den Kassian aus seiner Turmstube herunterzubringen, wenn man schon nicht auf die Winterkälte warten wolle; nur ein einziges Mittel. »Was für eins?« fragt der Pfarrer Duisele und reißt die Augen auf. »D' Kathrein.« »D' Kathrein? Unser Küchemädle?« »Ja. Die. Was die sagt, tut der Kassian. Habe Se denn no gar nix g'merkt?« Aber dem hochwürdigen Herrn Pfarrer Duisele war von der Welt und ihren geheimen Triebkräften bis auf diesen Tag so viel verborgen geblieben, daß er auch jetzt nur ungläubig den Kopf darüber schüttelte, wieso ein Küchenmädchen mit seiner einfältigen Rede mehr sollte ausrichten können als er selbst mit dem Wort Gottes. Doch immerhin, eine Probe kostet ja nichts. Und so schreit zur Abwechslung einmal die Kathrein hinauf. Indes, der Kassian ist hell, kennt seinen Vorteil und schreit herunter, wenn die Kathrein ihm was zu sagen hätte, so solle sie heraufkommen. Aber allein, ohne den Baumeister; mit dem hätte er sich schon oft genug unterhalten. Allein! Ohne den Baumeister! Und der Herr Pfarrer Duisele schüttelt abermals den Kopf und geht, sich die Sach zu überlegen, ins Haus. Die Kathrein ist ihm von weitschichtigen Verwandten anvertraut worden für Küche und Hauswesen, und ein besseres Plätzchen als einen Pfarrhof kann es für ein sauberes Mädel, das ein bissel hüten braucht, wohl nicht geben. Ein einfaches Mittel wär' 's ja; aber allein, ohne den Baumeister, – Duisele, Muisele! Zuletzt hat er sich aber doch dazu entschlossen, hat die Kathrein in sein Studierzimmer gerufen und zu ihr gesagt: »Kathrein,« hat er gesagt, »du bischt zu ere große, ehrevolle Sendung ausersehe. Du sollscht 'n Kassian vom Turm 'rab- und so von unserm herrliche Meischterwerk wegbringe, dees der Schlingel sonscht wahrscheinlich no völlig verruiniert. Hat der Daniel, Kathrein, aus der Löwegrub wieder rausgfunde, wirscht au du heil an Leib und Seel vom Kircheturm wieder 'rabkomme. Überdies will i derweil für di bete und da hascht« – und er bespritzt ihr ausgiebig das Gesicht damit – »e Weihwasser auf'n Weg. Fünf Minute nauf, fünf 'rab, im e Viertelschtündle bischt wieder da. Gott mit dir! Der Kerle frißt mi sonscht no arm.« Und die Kathrein ist fortgelaufen und hinauf auf den Kirchturm. Wie sie eintritt in die Turmstube, ist der Kassian nicht von seiner Arbeit aufgestanden, – weil er bei ihr nicht gesessen ist, sondern von dem alten Kanapee, auf dem er alle Viere von sich streckte, und über sein verschlafenes Gesicht ist es gegangen wie ein Sonnenleuchten über einen Ödgrund. Und der Kassian hat gemeint, es brauche weiter nichts als seine Uhrmacherarme, seine stinkfaulen, ausbreiten und das Mädel, das so schnell seinen Willen erfüllte, darein einschließen. Oha! Eine gehörige Tachtel hat er auf seinem Dickkopf droben, aber in seinen Armen hat er nichts. Und weil er die Abweisung sich gar nicht anders erklären kann, so sagt er: »I bin«, sagt er in einem ungemein einschmeichelnden Ton, »von Haus aus net e so, wie i bin.« »E Faulpelz bischt, e verfressener. E Landschtreicher bischt.« »Noi, Kathrein. I bin nur bloß e so, daß i die sitzed Lebensweis nimmer vertrag, sobald emal d' Schtare komme und d' Schwalbe am Fenschter vorbeischiaße, Gott woiß wohi', und so viel sonneblanke Weg in d'Welt 'neilaufe. Da mueß i mit, Kathrein, da mueß i mit. Und wenn glei hundert Moischter hinter mir drei'flueche und mei' Sitzfleisch verwünsche und mir Hunger und Not und alle böse Goischter nochhetze, – i mueß mit. Und i sag d'r, Kathrein: e so e U'rascht ischt der Teufel im Bluet.« Die Kathrein ist dagestanden und hat den Kassian groß angeschaut. »Druck 'n halt 'na!« sagt sie endlich. »Druck'n 'na!« »Geht net, Kathrein. Oiner alloi' ischt d'rzue z'wenig. Do müeßte scho zwoi mitenand drucke. Und bis me so wen find't, der mitdrucke wollt« – und eine Gott und Welt umspannende Hoffnungslosigkeit klingt aus seinen Worten –, »derweil ischt der Lump fertig und alles aus. Kathrein, auf Ehr und Seligkeit, i han 's no koim einzige gsagt, aber dir sag i 's: Kathrein, i bin e unglücklicher Mensch.« Die Kathrein steht immer noch am gleichen Fleck und schaut immer noch groß den Kassian an, und ihre Augen schimmern in feuchtem Glanz. Weil das große Erbarmen in ihr aufgestiegen ist. Das war, ihr gänzlich unbewußt, von langer Hand und anscheinend recht zwecklos von den verschiedensten Dingen und entlegensten Vorgängen so vorbereitet worden: von den letzten Blumen des Gartens, von einem in der Heide verklingenden Lied, von der sinkenden Sonne und den zaghaften Sternen. War so vorbereitet worden in der großen Stille des persönlichen Werdens als allumfassendes Gefühl, bis es sich jetzt, begrenzt und vertieft, dem Kassian also offenbaren konnte: »I tät ja gern mitdrucke, wenn i no wüßt, daß 's was helfe tät.« »Kathrein!« hat da der Kassian aufgeschrien und hat abermals seine Uhrmacherflügel ausgebreitet und dieses Mal keine Tachtel eingeheimst. Im Gegenteil, es ist ihm vorgekommen, als wär' er mit einemmal ins Paradies versetzt. Da pressiert es freilich einem armen Teufel mit dem Gehen nicht. Auch dem Kassian nicht und – auch nicht der Kathrein. Deswegen hat sich nun über den hochwürdigen Herrn Pfarrer Duisele unten eine große Gemütsunruhe ausgedehnt. Die ersten zwanzig Minuten noch nicht. Die konnte er noch ausfüllen mit einem konzentrierten Gebet um Seelenstärke für die Kathrein und um eine gottwohlgefällige Aufführung für den Schermauser. Als aber schon eine halbe Stunde vorbei und die Kathrein noch immer nicht aus der Löwengrube zurück war, da war 's auch vorbei mit der Sammlung und Konzentration des hochwürdigen Herrn. Zuerst ist er auf den Kirchenplatz hinausgeschossen und hat in die unermeßliche Höh' hinaufgeschrien: »Kathrein! Kathrein!« Dann ist er wieder in den Pfarrhof zurückgesprengt und bald darauf mit einem Aktendeckel, überschrieben »Bischöfliches Ordinariat. Ehedispens des Vinzenz Zeitlmoser und der Bibiana Gugg«, wieder aus dem Pfarrhaus herausgeplatzt, hat aus dem »Bischöfl. Ordinariat« ein Sprachrohr gedreht und durch das Zeitlmoserische Ehehindernis hindurch den Silberwolken zugerufen: »Kathrein! Kassian! – Kassian! Kathrein!«, als wär' ihm endlich eine Verbesserung der alten Volksweise »Eduard und Kunigunde, Kunigunde und Eduard« gelungen und könnt' er in seinem Dichterstolz den neuen Text nicht laut und weit genug austrompeten. Aber die Wolken sind übern Kirchturm weggeflogen, und von der Kathrein und dem Kassian hat sich nichts gezeigt. Dafür jedoch ist im ersten Stock des Pfarrhofes die alte Haushälterin an einem Fenster aufgetaucht, die Angelika, und hat herabgerufen: »Hochwürde, brülle Se doch net gar e so! Se ziehe Ihne ja no en Leibschade zu.« Und auf diese Warnung hin hat es der hochwürdige Herr mit der menschlichen Stimme überhaupt aufgegeben. Zum Ersatz hat er sich in seiner Gewissensbedrängnis aus dem Küchenfenster die Posaune seines verstorbenen Bruders, des Hofmusikus, herauslangen lassen, alsbald jedoch die Erfahrung gemacht, daß mittelst dieses himmlischen Instruments der Mensch zwar auch in seinem siebenundsechzigsten Lebensjahr noch Hals und Gesicht sich rot und blau aufblasen kann, deshalb aber noch lang keinen Ton herauszubringen braucht. »Hochwürde,« hat darum die anscheinend musikverständige Angelika schon wieder besorgt herabgerufen, »'s Posauneblose mueß me au höre und net bloß sehe! Oder wölle Se Ihne etwa gar e Schlägle herblose?«, worauf der geängstigte Seelenhirte auch dieses Alarmmittel verwarf und wieder, wie immer der Mensch in der höchsten Not, zum Gebet zurückkehrte. Nur hat ihm dabei seine Aufregung wieder einen Streich gespielt. Vor allem schon gleich damit, daß er den heiligen Leonhard anrief, der doch nur fürs Vieh aufgestellt ist und nicht für die Menschen. Sodann aber auch, weil er in seinem Gezappel die Kathrein mit der Angelika verwechselt und für die alte Angelika um ein ruhiges Blut und die Tugend der Keuschheit den Himmel bestürmt hat, beides aber der Angelika ohnehin schon in reichstem Maß zugeteilt war. Was freilich in dem Punkt die Kathrein anbelangt, so läßt sich mit voller Sicherheit nur so viel sagen, daß für zwei junge Leute, die einander leiden können, sechzig Meter ungestörte relative Höhe nicht wenig und drei Viertelstunden Aufenthalt unter solchen Umständen selbst für eine Unschuld mehr als genug sind. Und deshalb haben sich auch des hochwürdigen Herrn Pfarrers Duisele Zweifel und Gewissensqualen sogar dann noch nicht gelegt, als die Kathrein endlich wieder auf dem Erdboden erschien und berichtete, daß der Kassian nunmehr bestimmt in drei Tagen sein Werk vollende, weil er nämlich wieder ganz und gar und ausschließlich der Uhrmacherei sich ergeben und in der Stadt drinnen bei einem Meister Arbeit suchen wolle. Und in der Tat, nach drei Tagen war der Kassian fort, zur Erhaltung seines Andenkens aber noch da: erstens die Kirchenuhr und zweitens die Kathrein. Die Uhr verhielt sich so: Um halb schlägt sie ganz, um Viertel halb und um drei Viertel gar nicht. Statt fünft pimpelet s' acht, statt achte elf, um neune sieben und mit den andern Stunden treibt sie es noch bunter. Wer von Hexenberg ans Gericht muß, kommt das eine Mal zu spät, das andre Mal zu früh; wer um viere auf dem Feld draußen sein soll, flackt um sechse noch im Bett, und vom Wirtshaus gehen die Bauern überhaupt nicht mehr heim. Die Weiber schimpfen über die Männer, die Mannerleut' über die Weiber und alle miteinander über den Pfarrer Duisele. Dazwischen macht dann wieder, damit die Sach nicht gar zu traurig wird, das Glockenspiel, wenn es ihm grad einfällt, so einen Hopser, von dem man nicht weiß, gehört er ins »Mailüftle« oder ins » Te deum landamus «, und dreht der Augsburger Meister mitsamt seinem Buckel im Grab sich um. Was wird aber erst das bischöfliche Ordinariat tun, wenn es einmal hinter diese Konservierung eines kirchlichen Kunstdenkmals kommt? Und die Kathrein? Die wartet. Wartet immer dringender, immer peinlicher. Denn auch sie spürt jetzt den Teufel im Blut. Richtet dazwischen die Heiratspapiere her, macht ihr kleines Vatergut mobil und wartet auf den Ruf des Kassian. Wartet und wartet. Wer hat aber das Mädel, das anvertraute, auf den Turm hinauf- und in dieses Hangen und Bangen hineingehetzt? Wer? Und warum? – – Duisele, Muisele! die Seelenruh' ist hin. Fronleichnam O Jammer! O Elend! Nur die armen Leut' haben ihre Plag und das Gefrett! – Ja was nicht gar! Die Großen und Mächtigen kriegen auch ihr Teil ab davon und nicht selten grad auf die heiligsten Zeiten und höchsten Feiertag. Wissen die Herrschaften vielleicht schon, was dem Herrn Oberamtsrichter Gaugigl drei Tage vor Fronleichnam passiert ist? Im Vertrauen: Die Köchin, die Mali, die das Verhältnis mit dem neuen Grenzaufseher hat – ich weiß nicht, diese Grenzwach' ... kein Zivil und kein Militär, aber sein Verhältnis hat doch ein jeder – die Mali also, wie es ihr die Frau Oberamtsrichter ein für allemal aufgetragen hat, nimmt drei Tag vor Fronleichnam, mitten in einer andern Arbeit, weil sie's sonst wahrscheinlich wieder vergessen hätt', die Uniformhose vom gnädigen Herrn mit den breiten Goldstreifen – die Herrschaften wissen schon – aus dem Kasten und schaut nach, ob die Hose nicht ausbügeln braucht. O diese Dienstboten! Kein Gedächtnis, keine Einteilung, alles nur so hudri-hadri und dann doch kein Lohn hoch genug. Anstatt das Schaff mit dem siedheißen Fußbad für den gnädigen Herrn ruhig ins Zimmer hineinzutragen und dann – immer schön eins nach dem andern – im Herausgehen nach der Hose zu schauen, setzt das dumme Ding auf dem Korridor das Fußbad nieder, nimmt die Hose aus dem Kleiderschrank und betrachtet sie von unten nach oben und von oben nach unten, indem sie ausgerechnet über dem Wasserschaff, in jeder Hand einen Hosenfuß in die Höhe hält. Und während sie so schaut und schaut, wer kommt daher, ganz ungeniert, und sagt ganz laut: »Gut'n Morgen, Mali! I' möcht' bloß fragen wegen dein' Ausgang am Fronleichnamstag –«? Der neue Grenzaufseher. In einem wildfremden Haus, beim hellichten Tag, über zwei Stiegen – denn im ersten Stock sind die Kanzleien und parterre das Gefängnis – direkt vor dem Schlafzimmer der Herrschaft! Eine Keckheit! Die Mali, versteht sich, läßt im ersten Schrecken auch gleich die Hose fallen, und die fällt – und wo soll sie denn sonst hinfallen? – mitten ins Wasserschaff mit dem siedheißen Fußbad hinein, und das Unglück ist fertig. Es sehen und hinunter, wo er hergekommen, ist für den neuen Grenzaufseher eins und – aus der Bahn! – die Mali in ihrer Verzweiflung hinterdrein. Er rennt vorn zum Haus hinaus und sie hinten, er in die Grenzwachstation und sie in die Holzleg, wo sie sich versteckt, wie die Eva nach dem Sündenfall. Nur die Hose bleibt, wo sie ist, weil sie allein nicht herauskann. Ewig schad für die Hose! Wer nicht den Herrn Oberamtsrichter drin gesehen hat am Prinzregenten-Tag oder bei der Fronleichnamsprozession, der wird es nie glauben, daß eine karierte Werkeltagshose, dunkelblau gefärbt und mit Goldborten benäht, eine so wunderschöne Galahose gibt. Und dabei diese Ersparnis! Und doch auch durchaus dauerhaft! Den Regen, hat der Färber Deiglmaier ausdrücklich erklärt, hält sie aus; dafür ist er da, der Deiglmaier, aber freilich – für ein heißes Fußbad hat er nicht garantiert. Das Wasser ist auch schon ganz blau und von den Goldborten schier nichts mehr zu sehen. Ewig schad! »Geh schau,« sagt der Herr Oberamtsrichter zu seiner Frau, »wo denn die Mali mit'n Fußbad bleibt!« Und die Frau geht und ruft gleich darauf den Herrn, und deutlich klingt der furchtbare Schrecken aus ihrer Stimme. Und der Herr geht auch, und da stehen jetzt die beiden Gatten vor dem Wasserschaff, wie die trauernd Hinterbliebenen an einem offenen Grab. »Die Hosen ist hin«, sagt nach einer Weile der Herr Oberamtsrichter mit umflorter Stimme und zieht eigenhändig den Hadern heraus. »Mali!« Die hockt aber in der Holzleg, hinter einer Schicht Reisigholz, und der Ruf Gottes dringt nicht bis zu ihr. »Mali!« »Sie wird sich doch nichts antun!« sagt die Frau Oberamtsrichter, und es fällt ihr ein, wie oft schon Leute sich die Pulsadern geöffnet haben, wenn ihnen eine goldbortierte Hose ins Fußbad gefallen ist, und alle zwei machen sich auf die Suche. Gott sei Dank! Die Köchin wenigstens wird noch lebend angetroffen, aber die Hose, daran ändert sich nichts mehr, die ist hin. »Es bleibt nichts andres übrig,« sagt der Herr Oberamtsrichter zu seiner Frau, »du fährst sofort nach München, kaufst bei Tietz anderthalb Meter weißen Galahosenzeug und zweieinviertel Meter Goldborten, bist morgen wieder zurück und der Schneider Wankl – ich werde ihn unterdessen präparieren – macht mir übermorgen die Hose; denn bei der Fronleichnamsprozession, da muß ich dabei sein.« »Weißen Hosenstoff?« fragt die Frau Oberamtsrichter, »und Goldborten?« »Weißen, ja. Erstens ist er vielleicht sogar etwas billiger, und zweitens hätt' ich schon lang einmal gern eine Galahose nach der Hoftracht. Selbstverständlich Goldborten.« So reist denn die Frau ab, der Tietz hat alles, und der Schneider Wankl ist ein Mann von Wort. Nur die Kegelbahn darf ihm nicht dazwischenkommen. Da versagt der Schneider und gerät außer Rand und Band, das rabiate Luder. Aber beim Herrn Oberamtsrichter wird er sich doch um Gottes willen zusammennehmen: so ein Herr! und ein solches Vertrauen! Nun also gut. Der Schneider Wankl schneidert drauflos, wie noch nie in seinem Leben, die Maschine surrt, der Kanarienvogel schreit, der Kleine in der Wiege plärrt, die Meisterin kreischt mit ihrem impertinenten Organ, und der Lehrbub, der Xaverl, müßte ein Tausendfüßler sein, sollte er es jedem recht machen; denn der Meister arbeitet ohne Gesellen, und die Meisterin ist ein faules Trumm. »Xaverl!« schreit der Meister, »Xaverl!« schreit die Meisterin, »Xaverl!« schreien die Kinder. »Xaverl! Xaverl!« – »Halt mir das Hosenend da, dalketer Bua! Dös ander, Depp!« – »Kartoffi hol aus 'n Keller 'rauf! Hörst nöt, Bazi!« – »Ums Deandl nimm di an! Hast denn koane Aug'n? Der Bua wird alle Tag no dümmer!« Und so fort in einer Tour. Nicht um einen Ministergehalt möcht' ich ein Schneiderlehrbub sein, und der Xaverl – umsonst muß er den Narren machen, nichts kriegt er, heißt das: die Kost hat er; aber ich dank' schön: so ein Saufressen. Gott sei Lob und Dank! über den Feiertag verreist die Meisterin mit ihren drei Pambsen zu einer Schwester. Aber bis sie drin sein wird im Stellwagen – armer Xaverl! Wie soll da ein Lehrbub was lernen?! »Xaverl! Jatzt tragst amal dös Packl zum Stellwagen umi!« Aha, da haben wir's schon. »Und nachher 's Kuferl und auf d' Letzt 's Deandl! Weiter! sag i. Mach! Bei dem Buam is nix zun derleb'n.« Und die Maschine surrt, der Kanarienvogel schreit, der Kleine in der Wiege plärrt, 's Deandl fallt mit'n Haferl um, die Meisterin kreischt, und jetzt kommt auch noch der Zielerer-Jackl und möcht an seine steirische Hose neue Streifen hin haben, breite, grüne, weil die alten schon schier nimmer zum anschauen sind und er für den erkrankten Posaunisten mitblasen soll bei der Fronleichnamsprozession und die drei Markl unmöglich hint lassen kann. Mit aufgehobenen Händen bittet der Jackl, und – in Gottes Namen! – der Meister sagt auch das noch zu. Er hat ein so gutes Herz, der Schneider Wankl, und kann keinen mitblasen sehen bei der Fronleichnamsprozession mit Streifen an der Hose, die schon schier nimmer zum anschauen sind. Wie es aber jetzt zugeht im Schneiderhäusl, davon kann sich niemand einen Begriff machen, und ich sag's noch einmal: nicht um einen Ministergehalt möcht' ich ein Schneiderlehrbub sein. Aber Respekt! Bis die Meisterin dahin und der Xaverl vom Stellwagen wieder da ist, ist wirklich die weiße Galahose fertig bis auf die Kleinigkeit der Goldborten, und auch vom Jackl seiner Steirischen sind bereits die gelb-grünen Streifen abgetrennt. Ah! das war dir einmal eine Schufterei! Jetzt nur gleich fort in dem Zug! Her mit den Goldborten! – Aber horch! Da scheiben s' ja Kegel! Natürlich, Kegel scheiben s'! beim Neunerwirt! »Xaverl!« Der putzt und wäscht und räumt auf; denn was die Meisterin für einen Dreck und für eine Unordnung hinterlassen hat, das ist nicht zum beschreiben. »Xaverl!« Und wie s' scheiben! »Für den Fleisinger Bäck«, denkt der Schneider und schaut auf die Uhr, »und den Brenn-Schuster und den Wammerl Hans is 's mir schier z' bald. Halbe drei. Aber no', groß genug wären ja d' Lumpen. Xaverl! – Wo steckst denn wieder, Tagdieb, elendiger?« Und unter Räsonieren und Schelten erhält der Lehrbub den Auftrag, nachzuspekulieren beim Neunerwirt, wer denn gar Kegel scheibt um halbe drei. »Du liaba Himmi,« denkt sich der Bub, indem er geht, »Hosna, iatz pfüat enk Gott!« Nach einer Weile kommt er wieder und sagt: »Fremde Herrn, Meister. I' kenn s' nöt«, und so weich sagt er die paar Wort, und so gut schaut er drein dabei, bittend fast, – wirklich ein braver Bub, der Xaverl. Was hilft's? Wer den Teufel im Leib hat, den kann kein Lehrbub aufhalten. »Fremde Herrn,« denkt der Meister, »ei, da schau! Fremde Herrn – neues Geld!« Und er legt seinen Gehrock an, damit die Fremden wissen, daß sie es mit keinem Lauser zu tun haben, und geht. Hosna, iatz pfüat enk Gott! Bald darauf kommt der Zielerer-Jackl und fragt seiner Hosen nach, wie es mit ihr steht, und ob er sie ganz gewiß bekommt, weil er mitblasen muß bei der Fronleichnamsprozession und ohne Hosen das unmöglich ist. Der Meister ist jetzt grad nicht da, sagt der Bub; er ist auf Anprob fort, aber die Hose wird heut noch fertig. Der Zielerer-Jackl geht, und die Oberamtsrichter-Mali kommt. Was es mit der Galahosen ist? Der Meister ist jetzt grad nicht da, sagt der Bub; er ist auf Anprob fort, aber die Hose wird heut noch fertig und ins Haus gebracht. Die Mali geht, und nicht zehn Schritt weg vom Schneider-Wankl-Haus, – wer gesellt sich zu ihr und nimmt sie gleich um den Leib, beim hellichten Tag, mitten auf der Straß? Der neue Grenzaufseher. Ich weiß nicht, diese Grenzwach ... Im Schneiderhäusl aber ist es so still wie noch nie, seit es dem Wankl gehört. Man hört schier die Hypotheken diskurrieren miteinand. In dieser unheimlichen Stille schlägt dem braven Lehrbuben das Herz, sooft er die verlassene Arbeit sieht und an sein Versprechen und an den Meister denkt. Allerdings, nur die Streifen brauchten noch aufnähen, dann wären die zwei Hosen fix und fertig, und das Aufnähen selber wäre so schwierig nicht; aber wie? Er weiß ja schon gar nicht, und da sieht man, was ein Lehrbub versäumt, der immer nur der Hanswurstl ist, er weiß ja schon nicht, welche dem Oberamtsrichter und welche dem Zielerer-Jackl gehört. Er studiert und probiert, legt die grünen Streifen auf die weiße Hose und die Goldborten auf dem Jackl seine graue, dann wieder umgekehrt auf die graue den grünen Schmuck und die Goldtressen auf die weiße, tritt ein paar Schritte zurück und läßt die Zusammenstellung von Weiß und Gold auf sich wirken. »Na,« sagt er, »so a saudumme Hosen wird ja do' in Gottesnam neamd anziahgn! So g'hört's!« Und er tut wieder die graue und die Goldborten zusammen. »Weiß und Grün für'n Zielerer, Grau und Gold für den Herrn Oberamtsrichter!« Und er sitzt schon an der Maschine und tritt und tritt, und – srrrrrrr – sausen die Räder. In einer Stunde hat der Oberamtsrichter seine Graue mit Gold und der Zielerer-Jackl seine Weiße mit Grün. So und jetzt noch bügeln! Dschschschsch – Herrgott, wie dem Herrn Oberamtsrichter seine Steirische dampft, besonders hinten! Aber dem Jackl seine weiße Hoftracht – das Eisen vielleicht etwas zu heiß – färbt sich im Gesäß ein klein wenig braun, wie man's bei Hof gar nicht gern sieht. Doch der Jackl ist ja nicht heikel; die Hauptsache ist, daß er s' hat. Braver Bursch, der Xaverl. Er spricht still ein Dankgebet, weil alles so weit ist, nimmt die eine Hose übern Arm und rennt damit ins Amtsgericht und hinauf über zwei Stiegen. »D' Hos'n für'n Herrn Oberamtsrichter hätt' i' da –.« – »Was hast da?« schreit der Oberamtsrichter Gaugigl, der in seiner Ungeduld selber die Tür aufmacht, und die Augen treten ihm heraus, wie er den grauen Schlauch mit den Goldborten und dem Glockenschnitt betrachtet. »An Herrn Oberamtsrichter sei' Hosen für'n Fronleichnamstag«, sagt noch einmal, aber schon lang nimmer so freudig der Lehrbub. Da kann sich sogar dieser abgeklärte Richter nicht mehr halten. »I' gib dir gleich«, schreit er, »den Fronleichnamstag und die kitzgraue Hosen mit Goldborten«, zieht aus und haut dem Xaverl eine hin, daß der arme Teufel nicht mehr weiß, ob es auf Weihnachten oder Fronleichnam zu geht, und nur noch das eine hört: »Der größte Schafskopf auf der ganzen Welt, das ist dein Meister.« Damit kracht die Tür zu. »Aha,« denkt der Bub, wie er auf dem Heimweg nach und nach wieder zu sich selber kommt, »an den Goldborten liegt's!« und macht sich zu Haus sogleich darüber, von der weißen Hose die grünen und von der grauen die goldenen Streifen wieder abzutrennen. Weiter aber riskiert er nichts mehr, sondern überläßt alles dem Meister. Der kommt nicht und kommt nicht, und es geht schon auf sechs Uhr, und er kommt nicht. Dafür tritt wieder der Zielerer-Jackl ein und fragt nach, ob er sie ganz gewiß bekommt. Wegen der drei Markl, sagt er, ist's. Weil er mitblasen muß bei der Fronleichnamsprozession und ohne Hosen das unmöglich kann. Mit allerhand Vertröstungen und Versprechungen bringt der Bub den Jackl wieder an. Wie er aber jetzt auch noch die Oberamtsrichter-Mali daherkommen sieht, da sperrt er vorn das Häusl zu und drückt sich hinten hinaus und sucht, so hart es ihn ankommt, den Meister auf beim Neunerwirt. »Moaster,« sagt er voll Bedeutung, »Moaster!« und winkt den Schneider zu sich her. Der kommt auch, o ja, sofort, aber er packt den Xaverl bei den Ohren, zerrt ihn so in die Kugelstatt hinein und schreit: »Jatz schau dir amal z'allererst dö fremden Herrn an, du Lugenschübi, du odrahter, damit du sie 's nächste Mal kennst! So und iatz sag, was d' willst!« Der Bub berichtet, soweit es ihm ratsam scheint, der Meister schreit: »Auf'n Oberamtsrichter is 'pfiffen, und der Zielerer-Jackl kann von mir aus im Hemad mitblasen. Druck di!« Und er hilft seiner Aufforderung mit beiden Händen nach, und wie ein Spatz fliegt der Xaverl aus der Kegelbahn. Der Meister aber scheibt und scheibt, der Kegelbub schreit ein übers andre Mal Juhu, der Wammerl-Hans flucht, der Brenn-Schuster wirft vor lauter Ärger ein Halbeglas an die Wand, und der Fleisinger-Bäck sagt, der Schneider hat's mit dem Teufel. So wird es Abend. Das Gebetläuten ist vorbei, neun Uhr schlägt's, zehn Uhr schlägt's, und auf der Kegelbahn ist noch keine Ruh. Wann er heim ist, der Schneider Wankl, ich weiß es nicht, und es ist auch ganz gleich. Am Fronleichnamstag in der Früh ist aber, wie es scheint, doch das Gewissen erwacht und hat den Schneider aufgetrieben und der Schneider den Lehrbuben, und alle zwei schauen da die Arbeit an und die Arbeit sie zwei. »Jetzt frisch darauf los!« sagt der Meister, und der Lehrbub: »Die Goldborten san nix. Er will koane Goldborten.« »Wer will koane Goldborten? Wer sagt dös?« »Der Herr Oberamtsrichter. Wie er nach der Hosen g'fragt hat.« »Was? Koane Goldborten? Warum? Was hat er g'sagt?« »Der größte Schafskopf auf der ganzen Welt, hat er g'sagt, das ist dein Meister.« Da wird der Schneider wahnsinnig. Er wirft den Lehrbuben zur Tür hinaus und die zwei Hosen samt den Goldborten zum Fenster. Gleich darauf aber holt er den Plunder wieder und macht sich drüber her. Srrrr – surrt die Maschine wieder, und wie tags zuvor der Lehrbub nach reiflicher Überlegung, so näht jetzt der Meister in Gift und Gall und zum Fleiß und Trotz der weißen Hose die grünen und der grauen die goldenen Streifen auf, schreit dazu: »I' gib dir gleich an Schafskopf. I' kriag di scho'. Das wird sich ausweisen, wer der größere Schafskopf ist«, und schickt die weiße Gala mit dem grünen Aufputz ins Amtsgericht. Eine halbe Stunde später stellt sich bereits die Prozession auf. Die Schulkinder voran, dann die Bruderschaften, die Vereine, die Jungfrauenkongregation, die Kapuziner und das gewöhnliche Volk. Zwischenhinein immer wieder Fahnenträger und Heiligenstatuen. »Jetzt können wir nimmer länger warten«, sagt in der Kirch drin der Herr Pfarrer zum ersten Kooperator. »Er ist zwar noch jedes Jahr mitgangen, aber wir können nimmer länger warten.« Und der erste Kooperator sagt: »I' hätt' überhaupt nöt g'wart't, weil's unserm Herrgott wurscht is, ob der Oberamtsrichter mit sein' Degen dabei is oder nöt.« Und die Geistlichkeit reiht sich mit den kerzentragenden Magistratsräten und Gemeindebevollmächtigten in die Prozession ein, und die Glocken fangen zu läuten und die Kinder – »heilig, heilig, heilig! Heilig ist der Herr, Gott Zebaoth ...« zu beten an, die Jungfrauen fallen ein und dann die Männer und die Frauen, die Böller krachen, und die Prozession setzt sich in Bewegung. Es fällt allgemein auf, daß heuer der Herr Oberamtsrichter nicht mitgeht, und der Zielerer-Jackl, der die Ursache kennt, sagt beim dritten Evangelium zu der Altistin: »Es hätt' 'n nöt umbracht, wann er in Gottsnam halt mit dö grean' Stroaf'n mitganga waar. I blos' ja a mit dö golderen mit.« Ich aber sage: an dem ganzen Wirrwarr und dem ganzen Ärgernis ist niemand andrer als der neue Grenzaufseher schuld, und ich behaupte: bei unsrer Grenzwache ist nicht alles so, wie es sein könnte und sollte. Der Blockadebrecher Eine Geschichte aus der Kriegs-Zwangswirtschaft Das Bezirksamt Hollerbach blockierte das angrenzende Großstadtgebiet so erfolgreich, so lückenlos, daß die englische Absperrung dagegen wie eine Geste des Wohlwollens, wie ein »Zudrücken beider Augen« wirkte. Mehl, Fett, Fleisch – kein Stäubchen, kein Lot, kein Schwanz kam durch. Der Kommunalverband Hollerbach triefte von konfisziertem Schmalz, die Gendarmerie von Überwachungseifer, der Bezirksamtmann von Zufriedenheit. Vielen winkte das Ludwigskreuz, und die Strafen für Zuwiderhandelnde waren exemplarisch. Gleichwohl unternahm es der Kgl. Gymnasialprofessor Alban Muckentanz, zwei Ferkelchen nach der benachbarten Großstadt aus- und so seiner Familie zuzuführen. Seit einundzwanzig Jahren kam er nach Hollerbach aufs Land, in das gleiche Haus, auf denselben Hof, und die freundlichen Beziehungen, die sich dergestalt von Familie zu Familie geknüpft hatten, bestanden auch die Probe in der Zeit der Not. So hatte sich denn eines schulfreien Vormittags, wie dereinst Gaius Julius Cäsar ins Gebiet der Häduer, Professor Muckentanz nach Hollerbach und auf den Wastlerhof begeben, aus Gründen der Zufuhr, frumentarii causa , eine Klassizität des Ausdrucks, die er seinen Schülern von Jahr zu Jahr und immer wieder gleich einer goldenen Lebensweisheit ans Herz legte. Zum Nachmittagsunterricht wollte er wieder in der Stadt sein und, siehe da, in der Zwischenzeit flogen ihm, wie sanfte Tauben, die zwei Ferkel auf die Hand. Diesen Flug hatten sie auf dem nicht mehr ungewöhnlichen Wege der Notschlachtung getan, und zur Notschlachtung war es gekommen, weil an jenem schulfreien Muckentanz-Morgen, für den der Professor dem Wastlerbauern seine Ankunft angezeigt hatte, das eine dieser unvernünftigen Tiere nur auf drei statt auf vier Beinen stand, und das andere fünfmal hintereinander nieste. Von drei Beinen und fünfmaligem Niesen bis zu unheilbarem Schenkelbruch und hoffnungsloser Brustseuche ist in Zeiten der Fleischknappheit nämlich nur ein Schritt, und der Wastlerbauer tat ihn und schnitt kurzerhand den beiden Ahnungslosen die Gurgel ab. Ihr sonstiges Aussehen war blühend. Nur noch die Frage des Exportes stand offen. Ihr »Wie« allerdings gähnte zwischen den zwei Schweinen und der Familie Muckentanz gleich einem Abgrund. Die antike Literatur gab keinen Wink. Zum ersten Male sah Professor Muckentanz sich von ihr verlassen und auf die eigene Intuition angewiesen. Die stellte ihm aber immer nur zwei Gegensätze vor: die blutige Bahnhofkontrolle der Hollerbacher Gendarmerie und die ungemessene Freude seiner Familie bei glücklicher Ankunft der Schweinchen. Über diese beiden Kontraste hinaus war alles grau wie ein Nebelmorgen, aus dem sowohl strahlender Mittagsglanz wie trostloses Regenwetter werden kann, je nachdem. Professor Muckentanz nun glaubte, der Himmelsbläue vorzuarbeiten, wenn er den Spielraum nützte, den ihm die behördliche Lebensmittel-Organisation zwischen Hose und Hemd zur freien Verfügung belassen, und die zwei Ferkel sich um den Leib bände. Danach handelte er und erschien mit der Miene des Unbefangenen auf dem Bahnhofe Hollerbach. Die beiden dort postierten Gendarmen salutierten, als die Ferkel an ihnen vorbeigetragen wurden, und Professor Muckentanz dankte für die Aufmerksamkeit. – Sie war ihm um so peinlicher, als er gerade in diesem Augenblick eine deutliche Lockerung jener Bande fühlte, die ihn an die zwei Leichen ketteten. In diesem Gefühl ließ er sich höchst vorsichtig auf eine Bank nieder, nur den einen Wunsch in der Brust: möglichst wenig Bewegung und tunlichst bald im Zug. Statt des Schnellzugs kam jedoch der Bezirksamtmann Rummelmann, der Vater der Blockade, und Professor Muckentanz erbleichte. »Ah, was seh' ich! Unser verehrter Herr Professor!« rief, des langjährigen Sommergastes ansichtig werdend, Doktor juris Rummelmann; »da reisen wir ja heute mitsammen!« Und Professor Muckentanz erbebte. »Wollen wir bis zur Abfahrt vielleicht ein wenig promenieren?« Und so promenierte Professor Muckentanz, der für den Augenblick nichts so sehr schätzte als die Einsamkeit und nichts so sehr scheute wie die Bewegung, mit einem Bezirksamtmann und zwei Jungschweinen auf dem Bahnhofperron in Hollerbach. Sein Gesichtsausdruck war verzweifelt. Als es endlich so weit war, daß der Schnellzug dastand und die Schaffner »Einsteigen! Einsteigen!« riefen, da waren auch die zwei Schweinchen so weit, daß der Professor sich vergebens bemühte, erst das rechte und dann das linke Bein abzubiegen und auf das Trittbrett zu gelangen. Sie waren, noch im Tode die Schäker, die sie zeit ihres Lebens gewesen, in beiden Hosenschläuchen, das eine rechts, das andere links, hinabgerutscht und machten, halb über, halb unter dem professoralen Knie festgeklemmt, die Beine des Herrn Muckentanz bocksteif. »Was ist Ihnen?« fragte der Bezirksamtmann Rummelmann erschrocken, da er die krampfhaften und doch ergebnislosen Anstrengungen und das verzerrte Antlitz seines Begleiters gewahrte. »Eingeschossen«, stöhnte Professor Muckentanz. »Ganz plötzlich etwas eingeschossen. Es geht nicht. Ich bleibe zurück. Reisen Sie allein, Herr Bezirksamtmann!« »Unter keinen Umständen.« Und der Aufopferungsfähige winkte dem Schaffner und winkte dem Stationsdiener, und der eine hob des Professors rechtes und der andere sein linkes Bein, und der Bezirksamtmann Rummelmann, dieser leidenschaftliche Gegner aller und jeder Fleischausfuhr, schob hinten nach mit den Worten: »Damit Sie doch wenigstens noch zu Ihrer Familie kommen«, und Professor Muckentanz stöhnte dazu. Bleich, verstört und die Beine weit von sich gestreckt, saß er endlich im Zug und fand das Mitgefühl aller Passagiere. »Mir is amal«, berichtete sogleich ein Landmann als Gegenstück zu der so unvermittelt auftretenden Lähmung des neuen Fahrgastes, »a Kälberkuah mitten auf der Straß liegen blieben, so stark san ihr auf amal d'Haxen aufgschwollen. Und dös is von ara giftigen Fliagen herkömma und von nix anderm. Man sollt's nit glauben.« »O die giftigen Fliegen!« bestätigte eine Frau. »Ich kann ein Lied singen davon. Meiner Großtante ihrem ersten Mann haben sie wegen einer giftigen Fliegen die halbe Nasen wegschneiden müssen.« »Entschuldigen Sie,« bemerkte jetzt ein Herr mit einer Brille, »haben Sie das Leiden nicht schon von Geburt auf?« und fügte, da Professor Muckentanz mit einem bösen Blick verneinte, hinzu: »So kann man sich täuschen.« »Es is nix anders als a giftige Fliagen«, konstatierte der Landmann auf Grund seiner Erfahrung. »Mei Kälberkuah is grad a so dag'legen. Sie« – und dies galt der ganzen Umgebung – »dö wann S'erst gseh'gn hätten!« »Denn eine giftige Fliegen«, schloß jene Frau ganz im Sinne ihrer Großtante sich an, »ist das heimtückischste Viech, das wo es gibt. Legen Sie Ihnen nur ja gleich ins Bett, wenn Sie heimkommen.« »Nicht wahr, hier sitzt es?« fragte teilnehmend der Bezirksamtmann und betupfte leise die Stelle über dem einen Knie. Er hatte recht, gerade dort saß es; aber von niemand wäre dem Professor die örtliche Untersuchung so peinlich gewesen als gerade von Doktor Rummelmann, und nur um deswillen ächzte der Schulmann laut auf. »Wie? Diese minimale Berührung schon löst einen solchen Schmerz aus?« »Fürchterlich.« »Dann ist es doch das beste ...« Und da eben der Zug hielt, stürmte der Bezirksamtmann aus dem Wagen hinaus und hinein in den Bahnhof. Wenn ihn schon die Leute im allgemeinen für hart und pedantisch hielten, so sollten sie doch erkennen, daß er das Herz auf dem rechten Fleck habe, sobald es darauf ankomme und mit seinen Amtspflichten vereinbar sei. Hier war ein solcher Fall gegeben. »Ich habe«, sagte er, als er wieder zurückkam, »den Stationsvorstand veranlaßt, die Freiwillige Sanitätskolonne mit Fahrbahre an den Zug zu bestellen.« »Dös is dös best«, sagte der Landmann. »Dö sell Kälberkuah hamma aa hoamfahren müassen.« »Weil sich zu leicht eine Blutvergiftung dazuschlägt«, ergänzte die Frau, die ein Lied singen konnte von giftigen Fliegen und halben Nasen, und der Professor erschauerte, da es ihm kaum gelingen würde. Schlag zwei, wie er es seinen Schülern angekündet, mit Cäsars Marsch ins Land der Häduer zu beginnen, wenn man ihn vorher noch aufgebahrt, mit zwei Schweinen in der Stadt herumführe. Doch wagte er es nicht, diesem furchtbaren Zwiespalt Ausdruck zu verleihen. Bloß seine Gedanken riefen mit der Inbrunst eines Stoßgebets: Nur endlich weg von diesem schrecklichen Verwaltungschef! Er wurde nicht erhört. Als dreißig Minuten später der Zug in die Endstation einlief, da warteten bereits auf dem Bahnsteig neben ihrer ausgezeichneten Fahrbahre mehrere Sanitätsmannschaften und dazu noch der Kolonnenführer, zwei Beiräte, der Schriftwart und der Ortsdelegierte; denn sie rangen alle um das Ludwigskreuz, und leuchtete auch nur von fern eine keusche Möglichkeit, so blieb keiner zurück. Wie die Löwen stürzten sie sich auf den Professor. »Sachte! Sachte!« mahnte Bezirksamtmann Rummelmann; »die Empfindlichkeit ist enorm.« Doch im Handumdrehen war der Schwerkranke aus dem Wagen gehoben und unter dem Dach der Bahre verschwunden. »Chirurgische Klinik!« lautete die Losung, und die gute Frau, die von ihrem Großonkel her wußte, daß der Bedauernswerte jetzt seine letzte Fahrt im Vollbesitz seiner ungeschmälerten Gliedmaßen tue, legte aus ihrem Reisestrauß eine Blume auf den Krankenwagen. Chirurgische Klinik! Und die Gummiräder waren ebensowenig imstande, die seelischen Qualen zu lindern, wie die gewandten und doch so behutsamen Hände, die schließlich das Opfer der durchaus ungiftigen, im Gegenteil, vollständig genießbaren, ja äußerst bekömmlichen Schweinchen nach einem halbstündigen, in Ansehung des zahlreichen Gefolges fast feierlichen Umzuge durch die hauptstädtischen Straßen und Plätze in den Operationssaal trugen. Keinen Schritt war Bezirksamtmann Rummelmann von der Seite des Unglücklichen gewichen. Auch unterm Rock des Verwaltungsbeamten schlägt ein fühlendes Herz. Der Vorstand der Klinik, Geheimrat Soundso, war verreist. Der junge Doktor vom Tagesdienst verständigte den Primararzt, traf Vorbereitungen für die Narkose und zuckte die Achseln über den Fall. »Wünschen Sie einen Priester?« fragte darum der Bezirksamtmann den Leidenden. Der Freigeist lehnte ab. Es hat immerhin etwas Heldenhaftes, dachte Dr. Rummelmann, lediglich im Vertrauen auf sich selbst durch das dunkle Tor zu schreiten. »Oder kann ich sonst etwas für Sie tun?« »Gehen«, flüsterte Professor Muckentanz. »Sie haben recht. Ich werde Ihre Frau Gemahlin vorbereiten.« Und endlich war er weg. Der Primararzt kam und schnitt dem Märtyrer die Hose auf. Vergebens wehrte sich der: »Nicht doch! Nicht! Ich zieh' sie aus.« »Das können Sie nicht«, entgegnete man ihm, ihm, der durch ein langes, glückliches Leben Tag für Tag dieses an sich so einfache Werk ausgeführt hatte, und schnitt weiter. Da kam der Giftherd ans Licht, die Eiterbeule, die Lebensbedrohung, und der Primararzt hörte zu schneiden auf; denn nunmehr ließen sich die beiden Schweinchen ohne weiteres an den Ohren herausziehen. Der Kranke atmete erleichtert auf. Die Narkose war überflüssig, die Genesung vollständig. Zur Nachkur gaben die beiden Ärzte auf den erschöpfenden Bericht des Schwergeprüften hin das Versprechen unverbrüchlichen Schweigens. Unbehelligt, kerngesund, neugeboren konnte der Professor die Klinik verlassen und legte nur deshalb den Weg nach seiner Wohnung in einer Droschke zurück, weil bei Windstärke 11, wie sie an jenem Tage herrschte, ein bis zu den Knien aufgeschnittenes Beinkleid doch allzu unliebsam in den Lüften flattert. Man kann es indes dem Droschkenkutscher nicht verdenken, wenn er sozusagen mit gestielten Augen auf seinen seltsamen Gast herabstierte, dem noch dazu aus einem unterm linken Arm getragenen Paket zwei Ferkelschwänzchen sich hervorringelten. Frau Professor Elvine Muckentanz fiel dem Wiedergeschenkten, den sie auf des Bezirksamtmanns wahrhaft feinfühlige Vorbereitung hin in diesem Leben nicht mehr zu begrüßen erwarten konnte, um den Hals, die Köchin den beiden Tieren ganz gehörig mit Salz auf die Haut, und Bezirksamtmann Rummelmann, der sich nach Erfüllung jener herben Pflicht sofort wieder in die Klinik begeben, das Nest aber bereits leer gefunden hatte, telegraphierte noch in derselben Stunde: »Ich gratuliere.« In die Sanitätskolonne, die mit jener behutsamen Fahrt ihren zweihundertdreiunddreißigsten Transport in diesem Jahr bewerkstelligt hatte, kamen vierundzwanzig Ludwigskreuze, und nur der Schüler des Professors Muckentanz bemächtigte sich eine tiefgehende Enttäuschung, als anstatt des freien Nachmittags der schon halb totgesagte Ordinarius erschien und mit ihm der ebenfalls nicht recht beliebte Gaius Julius Cäsar auf seinem höchst belanglosen Zug ins Häduerland – frumentarii causa . Der Gemeindewald »Aber der Forstmeister macht seit acht Tagen eine Bebben! Ist's vielleicht in Rosenheim mit seinem Buben auch wieder nichts?« »Mit seinem Buben! Sein Bub macht unserm Forstmeister den wenigsten Kummer. Ob der in Freising durchfällt oder in Rosenheim, ist unserm Forstmeister Wurscht. Aber sein Wirtschaftsplan! Da verging' Ihnen auch das Lachen.« »Was für ein Wirtschaftsplan?« Mein Gewährsmann blieb stehen. »Ja,« sagte er, »jetzt weiß ich nicht: haben Sie die letzten sechs Wochen in einem Saus dahingeschlafen oder sind Sie vielleicht gestern erst von einer Weltreise durch Afrika zurückgekehrt? Ach was, Afrika! Asien muß man sagen, denn in Afrika ist sicherlich die Geschichte jetzt auch schon bekannt. Ist ja alles Holz dahinunter gegangen!« »Wie, wo, welches Holz?« »Unglaublich! Das Holz vom Wieszeller Gemeindewald! Die Gemeinde Wieszell – das werden Sie denn doch in Gottes Namen wissen! – besitzt nämlich auf der Südseite des Jochberges einen Prachtwald. An die vierzig Hektar. Wenn's nur reicht. Mehr als hundert Tagwerk.« »Und was so ein Kommunalwald«, bemerkte ich jetzt, um wenigstens mein theoretisches Wissen zu bekunden, »in einer Zeit bedeutet, wo den Gemeinden von Tag zu Tag mehr Lasten aufgebürdet werden, das liegt auf der Hand. Er braucht nicht einmal groß zu sein, nur gut bewirtschaftet, und – gottlob! – daran fehlt es beim Weitblick der Regierung, der Berufsfreudigkeit, Schulung und Sachkenntnis unserer äußeren Behörden nicht. Das Rückgrat des Gemeindehaushalts ist geradezu ein solcher Waldbesitz.« »Wenn er da ist«, sagte mein Gewährsmann. Jetzt blieb ich stehen. Und was ich da und im Weitergehen erfuhr, war folgendes: An Michaeli waren's zwei Jahre. Da sitzen in Wieszell die Bauern beim Unterwirt und politisieren und diskurrieren und kommen so auch auf den Wirtschaftsplan, den das Forstamt für den Gemeindewald ausgearbeitet hat, und zuletzt, weil der Pfarrer heute über das Evangelium gepredigt: »Nicht was zum Munde eingeht, sondern was aus dem Munde kommt, verunreinigt den Menschen«, auch auf das Fasten, die Fleischpreise und die Kosten der Viehhaltung. Der Gemeindeschreiber am untern Tischende spricht aber immer noch vom forstamtlichen Wirtschaftsplan und kann seine Genauigkeit, Klarheit, Übersichtlichkeit nicht genug rühmen und fängt damit immer wieder von vorne an. »Schon recht,« ruft deshalb der Mesnerbauer vom nächsten Tisch herüber, »aber meine Küah geben deszwegen nöt um an Liter mehra Mili!« »Und meine Fackeln wern a nöt fett davo«, hängt geschwind der Wurzengütler daran, der sich jedesmal freut, wenn es gegen das Forstamt geht. Weil der Forstmeister sein Feind ist und ihn schon zweimal zur Strafe gebracht hat, unschuldig. Das eine Mal, weil er bei dem großen Windbruch vor vier Jahren einen die Straße sperrenden Fichtenstamm, um den Weg wieder gangbar zu machen, in seine Holzleg hineingeräumt, und das andre Mal, weil er einen schwerkranken Hasen aus lauter Mitleid erschlagen, mit heimgenommen und gegessen hat; nur um ihn nicht den Füchsen zu lassen. Der Wurzengütler braucht immer einen ganzen Abend zu der Geschichte, und bei der leisesten Gelegenheit hebt er damit an. Jetzt sagt er indes nur noch: »Ob dem Forstmoaster sei' Wirtschaftsplan aso oder aso is, deszwegen geben ins dö Spitzbuam Metzger not um an Pfenning mehra für inser Viech«; dann übertönt der Beifall seine Worte. Denn das ist in Wieszell wie überall: Selbstverständlichkeiten, zur rechten Zeit und mit Pathos vorgetragen, verfehlen ihre Wirkung nie. »Wahr is 's«, schreit der Unterseher von Hupping, das aber noch zu Wieszell gehört; »dös is a Wort, Wurzentoni!« der alte Bernbreiter; »Brafo! So is 's und not anders«, mehrere zugleich, und der Schramm von Glaseck haut mit der Faust auf den Tisch und erklärt: »Dö Petschierten san alleweil mir!« Diese Zustimmung ermutigt den Wurzelgütler. »Mir,« fährt er fort, »bal' 's nachgang ...« »Nacher hätten mir scho lang a Distriktskrankenhaus für marode Hasen mit dir als Direkta«, ergänzt der Wirt, der es nicht vergessen kann, daß der Wurzentoni den Flaschenbierhandel nach Wieszell gebracht hat, und das Gelächter ringsherum läßt deutlich erkennen, daß man auch dem Wurzengütler gern sein Teil vergönnt. Der verkneift aber seinen Ärger, blinzelt nur so auf den Kropf des Unterwirts hin, den größten im ganzen Bezirksamt, und wiederholt: »Mir bald's nachgang, Du bildsauberner Wirt, nacher braucheten mir überhaupts koan Wirtschaftsplan.« »Wia dös?« fragt der Bürgermeister. »Wia dös? Weil mir koa Holz hätten.« Ihren Blicken nach scheinen die Umsitzenden mehr erwartet zu haben. »Weil mir insern Wald scho lang g'schlagen hätten.« Einige Köpfe nicken beifällig. »Weil mir nöt so dumm waar'n. Bei dö heutigen Steuern und Lasten.« »Wahr is 's,« sagt der Schramm von Graseck, »recht hat er«, und die andern nicken. Es ist die Zustimmung der Resignation, die sich in das Unabänderliche schickt, der eigenen Dummheit so gut, wie der Staatsraison. Nur der Bürgermeister nickt nicht, bleibt mit dem Gemeindeschreiber objektiv. »G'hört der Wald ins Gemeindebürger oder g'hört er an Forstmoaster?« fährt deshalb der Wurzengütler fort, und mit einer Betonung, die den Beamten unter die Enterbten verweist, sekundiert ihm der Schramm von Graseck und lacht: »An Forstmoasta –!« »Also!« sagt der Wurzentoni. »Also?« ruft der Wirt aus der Schenke heraus, wohin er sich sofort nach jener Anspielung des Wurzengütlers zurückgezogen hat. »Also?« und schlägt auch schon wieder das Schenkfenster zu. So weicht er bösartigen Gästen schon seit Jahren aus; die Teilnahme an der Diskussion steht ihm ja dennoch frei; er braucht nur das kleine Fenster wieder emporzuschieben und den Kopf herauszustrecken. »Also kinnan mir mit insern Holz anfanga, was mir mögen! Also kinnan 's mir stockfaul wern lassen oder mir kinnan 's schlagen. Wann 's ins g'freut. Also ...« Jetzt schiebt der Wirt eben wieder das Schenkfenster empor und streckt in begreiflicher Spannung den Kopf in die Stube hinein. »Daß d' da dei' Krawattl nöt ei'zwickst, wanns d' wieder so g'schwind zuamachst!« ruft ihm der Wurzentoni in besorgtem Wohlwollen zu. »Paß auf!« Und der Wirt verschwindet. »Also kinnan mir an Wald a an Juden Lammle verkaafa, wann mir 'n scho not selber schlagen wollen, und der Jud Lämmle, – in vierzehn Tag hat er 'n weg.« »Dös dümmste waar 's nöt,« sagt der Schramm von Graseck, »und 's Geld wurd' verteilt unter dö Gemeindebürger.« Mit einemmal ist's still geworden in der Gaststube. Nur das Windrad in dem einen Fenster oben surrt weiter und kann doch den Tabaksqualm nicht bewältigen. Alles horcht. Auch der Wirt hat seinen Kopf wieder in der Stube herinnen. Vom Geldverteilen hören die Bauern ja gar so gern. Aber der Gemeindeschreiber tut die Unmöglichkeit eines solchen Beginnens dar, indem er die Instanzen aufzählt, die alle einer derartigen Ungesetzlichkeit im Weg stünden: das Forstamt, das Bezirksamt, die Kreisregierung – doch der Gemeindeschreiber mag immerhin dagegen sein, wenn die Bürger, die ihn und seine Familie erhalten, dafür sind! Und außerdem: der Gemeindeschreiber, versteht sich, müßt' auch einen Anteil kriegen, sagt der alte Bernbreiter, und der Gemeindeschreiber schweigt. So bleiben die Gegenargumente des Wurzentoni: »Aufs Forstamt is 'pfiffen – das Bezirksamt, da bals d' ma nöt gehst! – d' Regierung, dö sell erscht!« unwidersprochen, und man trennt sich diesen Abend mit einem im Entwurfe fertigen, von den einen ausdrücklich gebilligten, von den andern stillschweigend akzeptierten Attentat auf den Gemeindewald. Noch vor seinem Häusel am oberen Dorfende hört man den Wurzentoni in seinen Nachbarn und in die Nacht hineinreden: »Der Forstmoasta, woaßt – der Forstmoasta, sag i da – der Forstmoasta, dös sell derfst glabn: der hat insern Gemeindewald no nia gsehgn, und er siecht 'n nimmer aa.« Dafür aber schaute ihn sich acht Tage später um so gründlicher der Jonas Lämmle aus Mannheim an, in Firma Lämmle \& Sohn, Ex- und Import von Hölzern aller Art. Ja, vielleicht hat selbst ein Forstmann noch niemals mit solcher Hingebung sich in den Zauber des deutschen Waldes versenkt, wie damals Jonas Lämmle aus Mannheim sich in den Kubikinhalt des Wieszeller Gemeindeholzes. Und drei Wochen darauf war der Wald weg. Gerade um diese Zeit lief bei der Kgl. Kreisregierung, Kammer des Innern, zur Genehmigung oder allenfallsigen Beanstandung und Korrektur ein respektabler Akt des Forstamtes Seeham ein, in Rundschrift überschrieben mit »Wieszeller Gemeindewald«, und als vornehmsten Bestandteil eben den erwähnten Wirtschaftsplan enthaltend, der in genialer Dreiteilung eine allgemein-geographische Einleitung nebst Situationsplan, eine sehr akademisch gehaltene Beschreibung des Objektes und eine außerordentlich sorgfältige Rentabilitätsberechnung darbot. Sie präludierte mit statistischen Feststellungen über Produktionskosten und Preiskonjunkturen, erhob sich zwanglos zu einer Phantasie über Bodenkunde, Botanik und Volkswirtschaft, tobte sich in den kompliziertesten mathematischen Formeln gewissermaßen aus und kam zuletzt mit einer Empfehlung des aufgestellten Wirtschaftsplanes zu abgeklärter Ruhe. Es war eine Symphonie, eine forstwissenschaftliche Symphonie, und bliebe die Welt nicht ewig ungerecht und das deutsche Volk den spezialwissenschaftlichen Ausdrucksmöglichkeiten gegenüber nicht ewig indifferent, neben Mozart und Beethoven erhielte noch oder hätte vielleicht schon seinen Platz der Forstmeister Kohlgruber von Seeham. Immerhin äußerte auch so schon der Oberforstrat Druckseis, als der Akt zur sachverständigen Begutachtung in die Kammer der Forsten gelangte, zu seinen Assessoren: »Sehen Sie, meine Herren, – wenn Sie einmal hinauskommen zu selbständigem Schaffen und eigener Verantwortlichkeit –, so sieht ein Wirtschaftsplan aus. So sieht er aus. So.« Und was dieser Beifall bedeutet, wird der voll ermessen können, der die schwer zu befriedigenden Anforderungen und die eigensinnige Akuratesse des Oberforstrates Druckseis kennt. Um dieselbe Zeit aber gelangte der Wieszeller Gemeindewald in Mannheim an. Vier Wochen darauf kam der Akt im Geleite des Bureaudieners Pfleiderer wieder an die Kammer des Innern zurück, und wenn auch nicht geleugnet werden soll, daß Pfleiderer gerade auf Dienstgängen in wahrhaft unbeherrschter Weise seiner Schnupferleidenschaft frönte, so dürfen ihm doch nimmermehr Verzögerungen wie diese zugeschrieben werden; denn seine Prisen zählten wohl nach Minuten, vier Wochen aber hat er zu keiner, auch in seiner besten Schmalzlerzeit nicht, gebraucht. Daß gegen den Wirtschaftsplan seitens der Kammer der Forsten keine Erinnerung bestehe, war der Gewinn dieser vier Wochen. Natürlich! Was fragt die Forstverwaltung danach, ob eine Gemeinde an ihrer Umlagenlast sich verblutet, wenn nur die Nachhaltigkeit der Waldwirtschaft verbürgt ist! Aber, Gott sei Dank, in der Kammer des Innern gelten auch noch andere Gesichtspunkte, und so ließ der Regierungsrat Wohlgeschaffen in einem weitläufigen Exposé es sich angelegen sein, das Augenmerk der Forstverwaltung auf die prekäre Finanzlage der Gemeinde Wieszell zu lenken, mit der Anfrage, ob denn nicht im Hinblicke hierauf ein höherer Jahreshiebsatz als der im Wirtschaftsplan festgesetzte begutachtet werden könnte. Schon nach vierzehn Tagen überreichte diese volksfreundliche Anregung der Bureaudiener Pfleiderer aus einer Brasilwolke heraus dem Oberforstrat Druckseis, der sofort die sämtlichen Fenster seiner Kanzlei öffnen ließ, weiteres aber vorläufig nicht veranlaßte. Um diese Zeit gelangte der Wieszeller Gemeindewald in Holland an. Als dann der Oberforstrat Druckseis in einer ungemein gehaltvollen Denkschrift und nicht ohne Seitenhiebe auf die andere, in dieser Frage eben nicht sachverständige Kammer, den unnachgiebigen Standpunkt der Forstbehörde darlegte und begründete, schaukelte der Wieszeller Gemeindewald bereits durch den Kanal. Als zur örtlichen Prüfung der immerhin schwankenden Verhältnisse, unter Führung des Forstmeisters Kohlgruber und Zuziehung von zwei Wieszeller Gemeindebürgern, eine Regierungskommission gebildet wurde, segelte er in ausgezeichneter Fahrt durch den sonst so stürmischen Golf von Biskaya. Und als die Regierungskommission – die zwei Gemeindebürger waren wohlweislich weggeblieben –, durch eine mangelhafte Kartenskizze irregeleitet, statt des Gemeindewaldes das Wieszeller Pfarrholz besichtigte, warf er vor den Kanarischen Inseln Anker. Während der Windstille, die ihn dort festhielt, starb plötzlich und unerwartet – der Schnupftabak, hieß es, sei ihm ins Gehirn gedrungen – der Bureaudiener Pfleiderer. Sonst nahmen die Dinge den naturgemäßen Lauf: der Wirtschaftsplan wurde bestätigt, der Akt reponiert, der Wald in Swakopmund gelandet und das Geld unter die Wieszeller verteilt. Daß der schon seit drei Jahren ortsabwesende und verschollene Häusler Gerum nichts bekam, war selbstverständlich, und daß er bei seiner Rückkehr vor acht Wochen seinen Anteil haben wollte, nicht minder. Aber das Geld war dahin. Wer sollte dem Häuselmann seinen Teil ersetzen? Niemand wollte von ihm etwas wissen; Einwand über Einwand hielt man dem Landfahrer entgegen. Wie da zu seinem Geld kommen? Durch einen Prozeß, natürlich durch einen Prozeß. Und also kam's zum gerichtlichen Austrag. Mit dem Häuselmann auf der einen und dem Bürgermeister und allen übrigen Bereicherten auf der andern Seite. Gott, welch ein Rattenkönig! Und mit dem Forstmeister Kohlgruber als Zeugen und Sachverständigen. Himmel, diese Bombe! Wie der hellichte Gottseibeiuns schlug sie ein. Und so kam es auf, daß das Wieszeller Pfarrholz nicht der Wieszeller Gemeindewald war, und daß der Wieszeller Gemeindewald keines Wirtschaftsplanes mehr bedurfte. »Begreifen Sie jetzt, warum der Forstmeister eine Bebben macht? und daß nicht sein Bub daran schuld ist?« »Ja,« sagte ich, »jetzt begreif' ich's.« Von zwei ganz gewaltigen Heiligen »Und warum also,« rekapitulierte der Benefiziat und Religionslehrer Scholl den Hauptinhalt seiner Erzählung, »warum also, Schuster Maria, ist der heilige Crispinus ein gar so großer Heiliger geworden?« »Weil er das Leder gestohlen hat, damit er den Armen hat Schuhe machen können.« »Nun ja. Wegen seiner großen Nächstenliebe. Einer der größten Heiligen. Ein ganz gewaltiger Heiliger. – Wer weiß noch so einen Heiligen?« Die kleine Lärch hob den Finger. »Also, Lärch?« – »Mein Bruder. Der Maxl.« »Dein Bruder? Wieso?« Da liefen aber schon die Tränen über das blasse, eingefallene Großstadt-Kindergesicht herunter, und die Augen sahen so hilflos vor sich hin, und die Lippen zuckten. O hätte der unbedachte kleine Mund doch das nicht gesagt! »Wieso dein Bruder? Und warum weinst du denn, Lärch?« Aber jetzt, jetzt schwieg er, der dumme Mund. Dafür antwortete der der Rosa Schnegg, der immer vorn dran sein mußte, ob es gefehlt war oder getroffen: »Der Schuster ihr Bruder hat sich ...« Aber da schrillte das elektrische Läutwerk. Die Stunde war um und die Schule aus. »Lina Lärch!« sagte der Religionslehrer Scholl und behielt das Mädchen zurück und strich ihm mit sanfter Hand über das dünne, blonde Haar, also, daß die Kleine wieder gefaßt wurde, für ein paar Worte wenigstens. Doch was haben oft nur wenige Kinderworte für eine göttliche Gewalt! Heben und tragen, wie der ewige Strom der Wahrheit, an dessen Ufern hin, irrend, die Menschheit wohnt. Den Religionslehrer Scholl trugen sie, neben dem kleinen Mädchen her, bis in die Marchrainstraße, bis vor das Haus Nummer 122, bis hinauf in den vierten Stock und vor die Tür mit der Aufschrift: »Markus Lärch, Graveur«. Eine abgehärmte Frau, ein Kind an der Hand, öffnete. Ein anderes hielt sich an ihrem Rock an. Allen miteinander sahen Not und Teuerung aus Kleidung und Gesicht. »Ich bin der Religionslehrer Ihrer Kleinen und habe ...« Die Frau bat hereinzukommen und führte in die Stube, die, bei abgeschrägter Mansardenwand, Küche, Wohn- und Schlafzimmer war. »... und habe unbewußt eine Wunde aufgerissen.« »Sie wissen?« »Ja und nein.« Da erzählte die Frau: »Vor dem Krieg, da hat mich jedes Jahr mein Mann gefragt: ›Mutter, was wünschst du dir zum Namenstag?‹ Und ich hab' dies und das mir wünschen dürfen und hab's auch richtig frühmorgens an meinem Namenstag auf dem Tisch da gefunden, mit einem blühenden Blumenstock daneben.« Die Frau fuhr sich mit der Hand über die Augen. »Mein Mann ist 1917 gefallen. Mit der kleinen Pension, mit Zugehplätzen und mit viel Not hab' ich mich und meine vier Kinder so durchgeschlagen. Hart genug, Herr; Sie dürfen's glauben. – Da fragt mich heuer mein Ältester, eben der Maxl – als Lehrbuben hab' ich ihn in der Buchbinderei da drüben untergebracht, weil der Herr Quendel, der Buchbinder, ein guter Freund von meinem Mann war, – ›Mutter‹, fragt mich der Bub ...« Die Frau mußte für die Augen das Taschentuch zu Hilfe nehmen. »›... Mutter, was tätst du dir jetzt zu deinem Namenstag wünschen, wenn der Vater noch da wär?‹ – ›Hör auf‹, sag ich, ›und mach mir 's Herz nicht noch schwerer! Es langt so schon.‹ Und er sagt daraufhin auch für diesmal nichts mehr. Aber nach ein paar Tagen fangt er wieder an: ›Mutter, was tatst du dir eigentlich wünschen zum Namenstag?‹ Und so gut und weich hat er 's schon sagen können! Grad wie der Vater. Ich aber, ich sag, noch dazu recht ärgerlich, daß der Bub schon wieder mit dem Zeug daherkommt, ich sag: ›Nichts wünschet ich mir als nur grad einmal so viel Milch, daß ich unsern zwei Kleinen ihren schwarzen Abendkaffee als Milchkaffee geben könnt; denn ihr zwei Großen wißt ja schon fast nimmer, wie gut die Milch den Gerstenkaffee macht, und die zwei Kleinen haben überhaupt noch keine Milch gesehn.‹ – ›Und der Herr Gürtler‹ – wissen Sie, Herr, dem unser Haus gehört – ›der Herr Gürtler‹ sagt darauf die Lina, ›hat so viel Büchsenmilch im Keller! Gestern‹, sagt die Lina, ›hab' ich's gesehn, Mutter. Gewiß dreißig Büchsen, und ohne Milch, Mutter, hat die Gürtlermagd gesagt, trinken sie überhaupt keinen Kaffee; das wär' ihnen schon zu dumm.‹ – ›Dafür,‹ sag' ich, ›Lina, ist auch der Herr Gürtler bei der Lebensmittelzentralversorgung unabkömmlich gewesen, und wer weiß, vielleicht hat grad wegen dem Herrn Gürtler seiner Unabkömmlichkeit, anstatt des Herrn Gürtler, euer Vater in den Krieg hinaus müssen.‹ Und das war eine unüberlegte, eine dumme Red, Herr, wie man sie vor Kindern nicht tun darf, und eine Mutter schon gleich gar nicht, und hundertmal hab' ich's schon bereut. Denn der Bub, der Maxl, ist ganz still geworden, und dann ist er fort. Und wie er wieder gekommen ist, da war der Herr Gürtler bei ihm und hat in der einen Hand eine Büchse Kondensmilch und mit der andern« – hier konnte die Frau vor Schluchzen nicht mehr weiter – »mit der andern meinen Buben am Ohr gehabt und hat geschrien: ›So. Sie haben da Ihren Einbruchdieb und ich hab' meinen Kündigungsgrund! Und damit ich ihn gewiß hab', ist bereits die Polizei verständigt. Diebsleut duld' ich nicht in meinem Haus.‹ – ›Maxl!‹ schrei ich. Der aber hat seine zwei Hände vor 's Gesicht gehalten und hat geweint, geweint, sag' ich Ihnen, Herr, – nie noch hab' ich einen Menschen so weinen sehen. ›Bub,‹ sag' ich, ›Bub, was hast gemacht!‹ Er aber reißt sich los und ist hinunter und fort in einem Trieb und einem Saus, und nimmer hab' ich ihn einholen können. Dann aber, scheint es, ist er doch bald wieder zurück ins Haus. Denn wie die Polizei gekommen ist, haben sie ihn im Keller gefunden, an der Fensterwand, an einem Fleischhaken, kaum eine Handbreit überm Boden, und alle Bemühung und Wiederbelebung war umsonst.« »Das ist seine Photographie«, sagte die kleine Lina und holte ein steifes Erstkommunikantenbild von der Wand, in so abgegriffenem Papperahmen, als würde es gar oft von seinem Platz genommen. »Und gewiß, ganz gewiß nicht für sich«, schluchzte die Frau. »Oh, er ist so viel gut gewesen! Nur für mich, wegen meinem dummen Wunsch, und für unsre zwei Kleinen, die ihrer Lebtag noch keine Milch gesehn haben! Schaun Sie s' nur an, Herr! Muß man mit so einem Ausschaun nicht den Himmel rühren, wenn schon auf Erden kein Erbarmen ist?« Die zwei welken Kindergesichter richteten sich zum Religionslehrer Scholl empor. Und wenn man etwa, weil nun doch einmal in der engen Dachstube nicht mehr Leute Platz haben, den Religionslehrer Scholl in dem speziellen Fall als Vertreter der Öffentlichkeit, der Allgemeinheit, der Christenheit, der Menschheit gelten lassen will, so richteten sich in der engen Dachstube die zwei welken, hinsterbenden Kindergesichter an die ganze Welt. »O Herr, alles ist zu ertragen, Armut, Schinderei, Überfluß der andern, alles; nur das stille Kinderelend mit ansehn müssen Tag für Tag und Jahr um Jahr, – Herr, das geht über die Kraft, und nur darum hat mein Bub« – die Frau schluchzte und würgte es heraus – »gestohlen.« »Der heilige Crispinus auch, Mutter«, sagte die blonde, bleiche, kleine Lina. »Auch wegen seiner großen Nächstenlieb. Und er ist deswegen ein ganz gewaltiger Heiliger. Und unser Maxl auch.« Und wiederum, durch Unglück, Schmerz und Not, klang es wie das Rauschen jenes ewigen Stroms, an dessen Ufern hin, irrend, die Menschheit wohnt. Diesmal hob seine göttliche Gewalt den Religionslehrer Scholl und mit ihm alle andern in der Dachstube in ein wundermildes Schweigen hinein. Und der letzte Himmelsstrahl des kurzen Tags verklärte es, wie eine weltenferne Verheißung auf ein Ende aller Qual. Der Sechzehnender Kein stolzeres Bild von Ebenmaß und Kraft, als wenn im letzten Tagesschein der Edelhirsch herauszieht aus dem Waldesdickicht, das schon das Dunkel für die Nacht aufspeichert, zur Äsung heraus auf die Bergwiese. Man muß das gesehen haben, sagt der Förster Hattinger. Und wenn im grauenden Morgen, meint der Förster Hattinger weiter, so ein kapitaler Sechzehnender wieder einzieht in sein Revier, so ist es fast noch schöner. Heraus oder hinein, das bleibt sich gleich; aber gesehen muß man 's haben. Ha! Wenn er an der Waldecke plötzlich anhält, das Riesengeweih langsam wendet und alle Sinne dem feinen Wind entgegenrichtet. Und wenn er dann, wie ich beifüge, an der Ecke der Pauli- und Wendlandstraße prüfend auf die Uhr schaut. Denn mein Sechzehnender trägt im linken Täschchen seiner Phantasieweste eine goldene Remontoir mit Sprungdeckel, muß sich dafür aber mit nur zwei Beinen begnügen. Ist auch kein stolzes Bild von Kraft und Ebenmaß, führt dafür aber den Titel Kanzleirat und heißt Josef. Als nämlich Gott in seinem Zorn das deutsche Volk nicht bloß mit Skorpionen, sondern sogar mit Wohnungs- und Mieteinigungsämtern züchtigte, da suchten die Bürger der guten Stadt Blasberg wenigstens dem ärgsten vorzubeugen, indem sie den gerechtesten unter ihnen als Beisitzer in das Wohnungsamt abordneten. Das war aber der Kanzleirat Josef Wurzbichler. Indes, nicht selten gleichen angesehene Männer ihre für die Öffentlichkeit bestimmten Qualitäten innerhalb ihrer vier Wände durch ebenso unbestreitbare Gemütsdefekte aus, und so wirkte z. B. Herr Wurzbichler hinter den Kulissen seiner Häuslichkeit als vollendeter Tyrann, unter dessen engherziger Pedanterie seine um viele Jahre jüngere Gattin nicht wenig litt. Frauen hinwiederum, denen solch seelenunkundige Griesgrame das stille Hausgärtlein verdüstern, darin an sich genug Platz für Sonne und Freude wäre, spähen begehrlichen Auges über die Gartenmauer nach Welt und Leben und getrösten sich der eheherrlichen Unausstehlichkeit im Anblick umgänglicherer Zeitgenossen. So die Frau Kanzleirat, und übrigens noch eine Anzahl anderer Damen, sich im Anblick des Herrn Willy Schrumbs. Der wäre in den Tagen des Minnesangs recht gewesen als fahrender Ritter: heute hier, morgen dort in Frauengunst, immer heischend, überall empfangend und nirgends verweilend. Doch den Frauen von Blasberg war er es auch heute noch und als Ingenieur. Besonders aber auch als Besitzer des entzückenden Nußbergschlößchens, eines kleinen Landgutes vor dem Stadttor draußen. Dort erwachten im Garten die ersten Veilchen, hörten im Treibhaus überhaupt das ganze Jahr hindurch Blühen und Duften nicht auf und lag, von mannshoher, undurchdringlicher Fichtenhecke umfriedet und von verschwiegenen Maiersleuten betreut, eine so wundersame Entrücktheit auf allem und jedem, den lauschigen Wegen, dem alten, niedern, efeuumsponnenen Haus und seinen paar nach Vorväterart eingerichteten, stimmungsvollen Räumen, daß es sensiblen Besuchern wie ein Zaubertrank ins Blut fiel, der, selbst wenn die Gartenpforte sich wieder hinter ihnen geschlossen hatte, noch als Zweifel nachwirkte: – Erlebnis oder Traum. In dieses reizvolle Milieu hinein war nun an dem gleichen Nachmittag, der ihren Gatten in das Wohnungsamt rief, die Frau Kanzleirat geschlüpft und erfuhr dieses Wunder: die Sonne ging, die Zeit blieb stehen, von selbst wand sich die Rosenpracht zum Kranz. Geheimnisvolle Quellen rauschten aus dunklen Tiefen auf und lockende Stimmen luden zu betörter Lust. Und die Sonne ging, und die Zeit blieb stehen, und die Worte wurden zu glühenden Sternen für eine ganze, lange Lebensnacht. Während solches sich begab, gelangte auch das Wohnungsamt in seiner Sitzung an das Nußbergschlößchen oder vielmehr an die Frage: sollen wir oder sollen wir nicht? Nämlich die paar stimmungsvollen Räume dort für eine wohnungsuchende Familie in Beschlag nehmen. »Wir sollen nicht«, sprach da auf die gegenteilige Meinung des Vorsitzenden hin der Herr Kanzleirat Wurzbichler mit dem ganzen Gewicht seines Ansehens. »Denn erstens«, sprach er, »bedarf ein Mann von der umfassenden Betätigung des Ingenieurs Schrumbs neben seiner Stadtwohnung unbedingt einer Erholungsstätte in gesegneter Stille. Zweitens ist alles, was der Herr Vorsitzende von ›ärgerniserregendem Betrieb‹ und dergleichen uns vorzuführen versuchte, unerwiesener Klatsch. Und drittens bin ich der unerschütterlichen Überzeugung, daß, wenn wirklich einmal eine Frau sich mit Herrn Schrumbs so weit vergessen haben sollte, die Schuld daran nur ihr Mann trägt, indem er entweder nicht die Gabe oder nicht den Willen hat, seine Frau an sich zu ketten.« Das letzte Argument war durchschlagend, das Nußbergschlößchen für Herrn Schrumbs gerettet. Immerhin hatte das Hin und Her der Debatte sich so in die Länge gezogen, daß der Kanzleirat auf seinem Heimweg noch dem erst spät von seiner gesegneten Erholungsstätte in die Stadt zurückkehrenden Herrn Schrumbs begegnete. »Heut«, rief er ihm schon von weitem zu, »ist es scharf hergegangen um Ihr Nußbergschlößchen (› in meinem Nußbergschlößchen ebenfalls‹, dachte Herr Schrumbs). Aber ich bin mit meiner ganzen Autorität dafür eingetreten, daß es Ihnen ungeschmälert für Ihre Zwecke erhalten bleibt.« »Bei Ihrer Gerechtigkeit nicht anders zu erwarten,« – entgegnete Herr Schrumbs, »ich danke.« Und die beiden Männer gingen, Herr Schrumbs dem Weinhaus, Herr Kanzleirat Wurzbichler seiner Wohnung zu. Und wenn ich, alle Abstufungen von Fehl und Schuld erwägend, den Fall beurteilen soll, so muß ich sagen: Recht hat der Förster Hattinger: es ist fast noch schöner, wenn so ein kapitaler Sechzehnender wieder einzieht in sein Revier. Die Entente Ein schüchterner Metzger – das klingt ja wie: ein fliegender Elefant! Und doch, der Metzgermeister Brandauer, der erst kürzlich von seiner Mutter das schöne Geschäft in der Wamslergasse übernommen hatte, war schüchtern. An einem solchen Prügelmenschen mag das komisch wirken, ändert aber an der Sache nichts: er war's. In seiner Schüchternheit wußte er sich nicht anders zu helfen, als mit seinem Apfelschimmel und seinem Einspännerwägelchen, hinter sich den empfangsbereiten eisernen Schweinskäfig, zum Gschwendtnerbauern nach Tirlaching hinauszufahren und mit ihm über sein fünf Zentner schweres Mutterschwein zu handeln, in der verschwiegenen Hoffnung, dabei die einzige Tochter des Großbauern, die Gschwendtnerbauern-Kathl, zu sehen, zu sprechen usw. usw.; denn die Kathl war nach seinem Geschmack. Doch er kam nicht zu Schuß, nicht auf das Schwein und nicht auf die Kathl, und hielt deshalb eben jetzt schon zum drittenmal mit seinem Eisenkäfig vor dem Gschwendtnerhof; denn, dachte er, alle guten Dinge sind drei. Und richtig, heut wurde er mit dem Gschwendtner handelseins, wenigstens über das Schwein. Fünf Zentner! Und was ihm für den Augenblick fast ebensoviel wert war: heute ließ sich doch endlich einmal die Kathl sehen. Im Kuhstall hantierte sie, und der junge Brandauer – sein Vater, Gott hab' ihn selig, wirkte nämlich sogar aus der Ewigkeit herüber immer noch als »der alte« nach – nahm sich einen Anlauf und sagte mit einschmeichelnder Stimme: »Kathl – d' Sau möcht i holen.« »Hol s',« sagte drauf die Kathl in ihrer robusten Art, »wenn du s' außer bringst.« »Hilf mir halt, Kathl!« »I nöt« – dem Metzger Brandauer schnitt es durchs Herz – »aber sag 's dem Dünngselchten da draußen!« und sie deutete nach einem langen, hageren Kriegsgefangenen, der die serbische Mütze trug und vor dem Stall Getreide ablud. Sack für Sack nahmen drei weitere Gefangene in Empfang. Davon trug einer das französische Infanterie-Käppi, ein zweiter die Richard Wagner-Mütze der französischen Alpenjäger und der dritte die simple Russenkappe. Da obendrein der Alpenjäger ein Franzose weder war noch sein wollte, sondern ein vom Hunger unter die Soldaten getriebener italienischer Rivierakellner, so diente, von England abgesehen, beim Gschwendtnerbauern die ganze Entente. Wieso man gerade ihm, der in seinem ganzen Hof und Leben auf Gleichmaß und Ordnung alles hielt, dieses Sammelsurium aufgehängt, mag ununtersucht bleiben. Genug, sie diente bei ihm, und er war zufrieden mit ihr. Nun winkte also der junge Brandauer – die Kathl hatte sich, unbekümmert um des Metzgers verletztes Gefühl, längst wieder den Kühen zugewendet – voll Schwermut den Serben zu sich heran. Der Serbe gab nichts drauf. Nun drückte der junge Brandauer durch Wort und Geste seinen Wunsch aus. Der Serbe sagte: »Nix daitsch.« Und auch die übrigen Gefangenen stellten sich taub und grinsten nur, kicherten aber unter sich über den dummen Tölpel und seine Sau und wünschten beide zum Teufel. Somit versuchte der Metzger Brandauer allein das schwere Werk. Es spottete nur, soviel Gepolter sich auch aus dem Schweinsstall vernehmen ließ, seiner Kräfte. Da erbarmte sich die Kathl. »Dünngselchter,« rief sie, aus dem Kuhstall tretend und nach dem Schweinsstall daneben deutend, »Sau heraus!« – Oh, hätte es der junge Brandauer gehört! – »Helfen! Vorwärts!« Und siehe da: der Serbe verstand auf einmal Deutsch, sprang über den Russen hinweg, dem er gerade einen Sack über Schulter und Buckel legte, vom Wagen und rannte mit einer Dienstwilligkeit ohnegleichen nach dem Schweinsstall. Und weiter: der Russe warf seinen Sack vom Buckel und sprang nicht weniger hilfsbereit dem Serben nach, der Franzos, indem er den Hofhund überrannte, dem Russen und dem Franzosen der Italiener. Dieses Wunder aber hatte – die Liebe gewirkt. Alle vier teilten nämlich den Geschmack des Metzgers Brandauer bis in die letzten Konsequenzen. Allen vieren erschien die große, kraftstrotzende Person mit den blonden Haaren und hellen Augen, dem schnellen Handeln und kurzen Reden, dem scharfen Befehlen und lustigen Lachen als ein solches Übermaß, eine solche Außerordentlichkeit des Weibes, daß der ungewöhnlichen Erscheinung gegenüber Unmut, Trotz, Haß und Unglück sich in ihr Gegenteil wandelten und die Düsterheiten menschlichen Wesens nur noch in den Kellergewölben der Eifersucht fortgrollten, hier allerdings immer wieder, das eine Mal ohne, das andere Mal mit Willen der Bauerntochter, die an »ihren vier Evangelisten« ihren derben Spaß hatte, zu neuem Leben entfacht. Und so auch jetzt wieder. Denn war der Serbe als der zuerst Aufgerufene aus reiner Liebe, glücklich, der Kathl einen Dienst erweisen zu dürfen, über den Russenbuckel hinweg nach dem Schweinsstall geeilt, so rasten ihm die drei übrigen Mitglieder der Entente aus purer Eifersucht und in der unschönen Absicht nach, dem Kameraden ja keine Gelegenheit zu gesonderter Auszeichnung und alleinigem Gunstgewinn zu lassen. Und aus diesen Beweggründen menschlichen Liebeswebens tobten sie jetzt alle vier in dem engen Stall auf das verständnislose, nichtsdestoweniger aber sehr unangenehm berührte Mutterschwein ein. »Auf!« ermunterte es zum Gott weiß wievielten Male der Metzger Brandauer, indem er in tiefer Schwermut über Kathls unzarte Absage dem guten Tier einen Fußtritt versetzte. Vergebens. Da spannte sich aus reiner Liebe der Serbe an das rechte, aus purer Eifersucht der Franzos sich an das linke Schweinsohr, bearbeitete in einem dunklen Gefühl der Zurücksetzung der Russe den Borstenrücken mit einem Geißelstecken und schob in stiller Sehnsucht nach Ehe und Häuslichkeit der Italiener, in seiner tiefen Schwermut der Metzger Brandauer am Hinterteil des Schweines. Vergebens. Und vergebens rief der Sohn der Azurküste, indem er schob und schob: »Avanti, signora! Avanti!« Die Sau, des Italienischen nicht mächtig, grunzte nur und blieb liegen, wo sie lag. Da aber öffnete von außen der Roßbub sperrangelweit die Stalltür, und kaum witterte die Signora Morgenluft und Freiheit, so schnellte sie auf, warf den Serben und den Franzosen an die Wand und schoß zur Tür hinaus. Es war ein Glück, daß der Metzger Brandauer in seltener Geistesgegenwart noch im letzten Augenblick das Schwänzchen erhascht, es sich mit Gedankenschnelligkeit um das rechte Handgelenk geschlungen, mit der linken Hand gleichfalls zugegriffen hatte und so, durch sein beträchtliches Schwergewicht die Anfangsgeschwindigkeit des gereizten Tieres immerhin etwas ermäßigend, mit der Sau zum Tempel hinausfuhr. Vor dieser germanischen Gewandtheit und Ausdauer blieb die Entente mit offenen Mäulern und starrenden Augen zurück, wie einstmals die Zeitgenossen des Propheten Elias, als er vor ihren erstaunten Gesichtern auf und davon kutschierte. Doch nur eine Sekunde. Dann spannte der Serbe seine dünnen Beine aus, stürzten seine Kameraden hinter ihm her und Herrn Brandauer nach, wobei es in vier europäischen Sprachen von Verwünschungen gegen die Sau nur so widerhallte. Diese stürmte mit dem Metzger Brandauer als Lohengrin schnurgerade auf den Hofbrunnen zu, wo die Kathl von Brabant die Arme in die Seiten stemmte und in breitem, schallendem Lachen ihre herrlichen Perlenzähne zeigte – zu neuer Entflammung der Entente, deren einzelne Mitglieder, gleichsam unter dem Banne eines »Jetzt oder nie«, ihr Bestes zeigen wollten und auch sogleich zeigen konnten; denn der Schwan des Metzgermeisters Brandauer hielt nicht vor dieser Elsa an. Sauste vielmehr daran vorüber, und sein Gralsritter machte dabei ein Gesicht, das von den leuchtenden Idealen seiner Sendung nichts, aber auch gar nichts verriet, das aber vermutlich auch jeder andere gemacht hätte, dessen Herz von Schwermut überfloß und dessen Händen im rasenden Weltenlauf kein anderer Anhalt als ein Sauschwänzchen verblieb. Die allgemeine Erwartung ging dahin, daß das Schwein, in der nun einmal eingeschlagenen Richtung fortrennend, alsbald den Hof verlassen haben werde, und die Kathl rief deshalb auch schon nach: »Pfüa God, Herr Brandauer!« Aber das ist eben das Eigentümliche an diesen inkonsequenten Tieren, daß sie immer und überall das Unvorhergesehene, Unerhörte, ja Widersinnige zum Ereignis machen, was in unserm Fall soviel heißt als: das Schwein umkreiste das Göpelwerk – nur ungeheure Kraft oder langjährige Übung konnte Herrn Brandauer zu dieser Schleifenfahrt befähigen – und kehrte, ventre à terre , zur Entente zurück. Jetzt oder nie! Jetzt! dachte der Serbe und warf sich in aufopferndem Frontalangriff auf das Mutterschwein. Der Anprall war fürchterlich. Weil er aber den Dünngselchten tief unten an die Beine traf, so stürzte der vornüber und kam dadurch für einen Augenblick auf die Sau zu liegen, der es jedoch auf diese Mehrbelastung nicht anzukommen schien; denn sie setzte ohne Verzögerung ihren Lauf fort. Dabei saß der Serbe, der sich sofort mit Hilfe seiner langen Beine aufgerappelt hatte, zuhinterst auf dem wilden Tier und hielt sich nun auch seinerseits mit beiden Händen an dem Schwänzchen fest, das für vier Hände fast zu kurz war. Da er das Gesicht nach rückwärts kehrte, so hätten er und der Metzger Brandauer sehr wohl, wie zwei Freunde bei einer gemeinsamen Spazierfahrt, über die Anmut und Abwechslung der Gegend, ihren Reichtum an Naturprodukten und die Eigenart ihrer Bewohner sich unterhalten können, wenn sie dazu die Ruhe des Gemüts besessen und überdies einander verstanden hätten. Unter den obwaltenden Umständen indes schwiegen sie. »Muatter, Muatter! Schau nur grad an dünngselchten Tanzlehrer o'!« rief da die Kathl, die eben die alte, gichtbrüchige Frau mehr aus dem Hause trug als führte, um sie durch das lustige Schauspiel aufzuheitern. »Er wird ja do nöt heut no auf Serbien hinteri reiten wollen! Jessas und iatz der Professa! Muatter, schau!« Damit meinte sie den Franzosen, der dem Schwein, um es zu blenden und so zu stellen, eine schwarze Wagenblahe überwerfen wollte, damit aber zu langsam war und nun den serbischen Bundesgenossen verhüllte, gleichsam zur Trauer um sein armes Vaterland. Darob packte die Heiterkeit sogar das eckige Gesicht des Gschwendtnerbauern an, der mit Frau und Tochter aus dem Haus gekommen war, und weil ihn der Roßbub noch nicht ein einziges Mal hatte lachen sehen und dieses Lachen den Buben noch merkwürdiger als die Sauhatz dünkte, so blieb er mitten in der Bahn stehen und starrte den Bauern an. Wupps – da lag er auch schon, und mit dem Metzger Brandauer und der serbischen Landestrauer, die der Dünngselchte vergebens sich bemühte abzuschütteln, ging es über ihn weg. Doch was ist auf die Dauer ein einfaches Schwein gegen das halbe Europa! Ist es nicht schon Leistung genug, daß es noch zweimal – alle guten Dinge sind drei, dachte wohl auch das Schwein – das Göpelwerk umkreiste und noch einmal gegen den Hofbrunnen zurückkam? Dann aber schien sein Geschick besiegelt und das Ende mit Fußfessel und Eisenkäfig gewiß und diesmal mit dem Metzger Brandauer vorndran und der Signora hinten. Es hatten nämlich der Franzos, der Italiener und der Russe sich die Hände gereicht und traten so vor dem Brunnen dem Unband entgegen, und drei solche Nationen zu durchbrechen, das wird sich sogar ein Fünf-Zentner-Schwein überlegen. Und in der Tat, die Sau blieb stehen, und zur Beruhigung der aufgeregten Nerven kratzte sie der Italiener, durch seinen Zivilberuf mit den feineren Umgangsformen vertraut, am Hinterkopf, indes seine beiden Bundesbrüder nach Stricken riefen und liefen. Diese Pause benutzte der Serbe, um abzusitzen, sich von der Wagenblahe zu befreien und überhaupt, für heute wenigstens, den ganzen Minnedienst zu quittieren; übelgelaunt zog er sich nach der Scheune zurück. Der Metzger Brandauer dagegen harrte, sei es aus Ehrgeiz, sei es aus Pflichtgefühl, sei es vielleicht auch in der geschäftlichen Erwägung, den Gschwendtnerbauern könnte, wenn die Sau nicht sofort entführt werde, der Handel wieder reuen, auf seinem exponierten Posten aus, und das war sein Unglück. Denn während der Italiener sie so schmeichlerisch und höflich kratzte, dachte die Sau: O ihr Elenden! Zuerst eine arme, anständige Frau und Mutter zahlloser Kinder, von denen sie auch nicht ein einziges wieder aufgefressen, nach allen Dimensionen malträtieren und dann, als wär' alles nur zum Spaß gewesen, ihr den Kopf kratzen, – jawohl, sonst nichts mehr, adje! und machte mit einer so rabiaten, beispiellos schnellen Wendung kehrt, daß der Metzger Brandauer wie ein Federball an die Steinbrüstung des Brunnens flog, zu allem hin noch mit dem rechten Bein in eine Sense hinein, die, die Klinge nach unten, am Brunnen lehnte. Besinnungslos und blutüberströmt blieb er liegen, und die Jagd war aus. Statt des Mutterschweins fuhr man an diesem Tag den Metzger Brandauer in die Stadt, was für den Apfelschimmel eine Differenz von drei Zentnern ausmachte. – Auf dem Gschwendtnerhof kamen die Herbstarbeiten früher als sonst und anderswo zu End, und der Bauer sagte zu den vier Evangelisten: »So, weil 's g'arbet't habts dö ganze Zeit her, brav und flink, wie es sich g'hört« – nur »wegen die Gathl«, dachten die vier Evangelisten – »macht's iatz heut amal Feierabend und sitzts enk in d' Stuben 'nei und Kathl, du tragst auf!« Es war erst drei Uhr nachmittags, die Kriegsgefangenen ließen es sich nicht zweimal schaffen, und die Kathl trug auf. Als auch der Bauer sich hinzugesellen wollte, kam gerade der Postbote und stellte ihm mit viel Umständlichkeit ein Schreiben zu: Klage des Justizrats Deutelmoser für den Metzgermeister Joseph Brandauer – was will denn gar der? – auf Kurkosten und Schmerzensgeld, zusammen an die achthundert Mark – nicht schlecht, was? – Apothekerkosten auch gleich dabei – was der Doktor noch stehen läßt, rupft ja immer der Apotheker weg – drei Wochen bettlägerig – wer's glaubt! – weitere vier arbeitsunfähig – warum denn nicht gleich lebenslänglich? – Verdienstentgang, Schadensersatz – dem Gschwendtnerbauern wurde es grün und blau vor den Augen – einstweilen noch vorbehalten – brav! – aber über alles andre Verhandlung vor dem Amtsgericht Rettenbach am 16. November um 9 Uhr – gute Nacht! Konnte da der Gschwendtnerbauer noch an der Bewirtung seiner Gefangenen teilnehmen? Nein. Sondern: selber schirrte er seinen Rappen an und wie das Wetter sauste er hinein in die Stadt und hinauf zum Rechtsanwalt Biersack. Der würde schon dem Brandauer seine Bettlägerigkeit und dem Deutelmoser seine Flausen austreiben, seine »fahrlässige Körperverletzung« und »pflichtvergessene Sorglosigkeit«, die hier eine Sense stehen läßt und dort zur Bändigung eines rasenden Mutterschweins einen Professor und einen Tanzlehrer verwendet. Als ob einer wegen seines Spitznamens schon gleich auch ein wirklicher Professor sein müßt'! Und als ob es in den zehn Geboten Gottes verordnet wär', daß an einem Sauschwanzl nur grad bloß ein Metzger sich einhalten darf und nicht zur Abwechslung auch einmal ein Tanzlehrer. Noch dazu einer aus Serbien, der neun Monate im Jahr mit Vieh handelt und drei, weil im Winter ja doch die Wasserfracht eingestellt ist, als Tanzlehrer sein Brot verdient! Der Biersack zeitigte denn auch eine so stachlige, so boshafte »Beantwortung der Klage« her, daß der Gschwendtnerbauer in seiner hohen Zufriedenheit den dreiundzwanzig Seiten langen Schriftsatz alsbald seinen vier Gefangenen vorlas, und es ist nur zu bedauern, daß sie kein Wort davon verstanden. Lediglich in dem einen Punkt teilte er nicht die Meinung seines Vertreters, daß er nämlich nicht schon gleich im ersten Verhandlungstermin mit den vier Kriegsgefangenen als Zeugen und einem Dolmetsch obendrein aufmarschieren solle. Er kehrte sich auch nicht daran, sondern wartete am 16. November mit der Kathl, dem Roßbuben und der gesamten Entente (von England abgesehen) vor dem Gerichtssaal. Der Metzger Brandauer mit seiner Handvoll Deutelmoser nahm sich dagegen armselig genug aus. Aber der Gschwendtner kam nicht zum Zug mit seinen Eideshelfern; denn alsbald nach Beginn der Verhandlung begab sich der Justizrat Deutelmoser auf das Podium und flüsterte über den Gerichtstisch hinüber dem Oberamtsrichter Gaugigl ein langes und breites ins Ohr, worauf der Richter sich an die beklagte Partei also wendete: »Der Vertreter des Klägers hat mir soeben eröffnet, daß sein Mandant augenblicklich die Klage zurückzöge, wenn ...« »Aha,« höhnte der Gschwendtner, »wird eahm iatz anders, weil er meine Zeugen siecht!« »Nöt wegen deine Zeugen, Gschwendtnerbauer. Auf dös Gschwerl derfst dir nix einbilden! Sondern wegen ... wegen ...« Der Metzger Brandauer brachte es nicht heraus. »Gschwendtner,« sagte deshalb der Richter, »kommen Sie her!« »Wohin?« »Da her – zu mir!« Die drei Stufen des Podiums krachten und knarzten, als der Bauer bedächtig und mißtrauisch sie hinaufstieg. Nun flüsterte wieder der Oberamtsrichter Gaugigl dem Gschwendtnerbauern ein langes und breites ins Ohr, also, daß der Gschwendtner sagt: »Jatz dös is guat!« und sinnierend die Stufen wieder herabsteigt und jetzt seinerseits der Kathl hinwiederum ein langes und breites ins Ohr flüstert. »Jatz dös is guat!« sagt darauf ihrerseits hinwiederum die Kathl, und weil der Metzger Brandauer sie jetzt gar so gefühlvoll anschaut, so steht sie von ihrem Sitz auf, geht auf den Brandauer zu und sagt: »Ja, mir is 's recht. Du bist mir nia zwider gwen. Aber dös hättst ja glei sagen kinna, Türkl, damischer!« und gibt dem Metzger die Hand. »Die Klage wird hiermit zurückgezogen«, schreit da der Justizrat Deutelmoser, und der Oberamtsrichter Gaugigl, der nichts lieber hört als dieses Halali, sagt zum Gerichtsschreiber: »Tragen Sie sofort den Prozeß als erledigt ab!« und erhebt sich: »Dem Brautpaar meinen herzlichsten Glückwunsch!« und ist schon weg auch. Alles geht. Mit der Kathl der Metzger Brandauer. Und zwar so leuchtend, so glücklich, daß die gesamte Entente (von England abgesehen), nichts Gutes ahnend, den beiden nachschaut. Schon vom nächsten Tag an sah der Gschwendtnerbauer sich zu der seitdem oft wiederholten Feststellung veranlaßt: »A faulere Bande hab i meiner Lebtag no nöt hergfuattert.« Als eben die Entente, meinte er. Um den Gemeindeschäfer Das also ist das Häusl des Gemeindeschäfers von Breitenbrunn. Das der Schafablaß, wo der Gemeindeschäfer die zottigen Schafe im klaren Mühlbach wäscht, das der Rain, auf dem er die blökenden Schafe in der guten Maienzeit schert, und das die Sonne, die ihm dabei zuschaut von früh bis spät, heute aber nur die Schafe sieht, die wartend und dichtgedrängt vor dem Schäferhäusl stehen, doch weit und breit keinen Schäfer. Ganz natürlich; denn der Schäfer liegt drinnen in der armseligen Stube, lang ausgestreckt auf seinem Bett, und stirbt. Die zwei winzigen Fenster der Stube aber schauen nach Osten, und die Sonne steht im Westen. Wie sollte sie da den Schäfer sehen? Um das Bett des Schäfers herum stehen sein Weib, seine Söhne und Töchter, aus Fremde und Bauerndienst herbeigeeilt, damit sie den Vater noch einmal sehen, seine Schwiegersöhne und Enkelkinder, und am Fußende des Bettes steht der katholische Pfarrer. Der Schäfer aber liegt da mit seinem wetterharten, tiefgefurchten, schmalen Gesicht, die weißen Haare wirr in die Stirn herein, die langen Arme über der zerlumpten Decke und laß den Körper entlang, liegt da, so geruhig und kampflos, als wolle er nur einmal beim hellichten Tag recht ausrasten von seinem Rackerleben und habe die Leute an seinem Bett nur zu dem seltenen Schaustück eingeladen. Sie verwenden auch keinen Blick von ihm, und wie er noch einmal die Augen auftut und ein paar unverständliche Worte murmelt, da ruft der Pfarrer: »Jetzt! Jetzt!« und der älteste Sohn drückt dem Vater die Feder in die schlaffe Hand, und die Mutter unterbreitet dieser Hand einen Bogen Papier, damit der Vater mit seiner letzten Lebenskraft noch unterschreibe. Auf dem Papier aber steht von des Pfarrers Hand: »Ich habe katholisch geheiratet, habe mit den Meinen katholisch gebetet, bin immer für den katholischen Brauch gewesen und will katholisch sterben«, und unter diese Schrift macht der Schäfer, indem sie ihm die unsichere Hand stützen, ein paar Kratzer, die da heißen sollen: Andreas Blömm; denn das ist des Schäfers Name. Und kaum hat er zum letztenmal seinen Namen geschrieben, der freilich so aussieht, als schriebe er ihn zum erstenmal, da setzt auch schon am Fußende des Bettes der Pfarrer Neusiegl mit Öl und Chrisam ein, indem er dem Sterbenden noch schnell die letzte Ölung verabreicht. Der Schäfer indes, dem schon seit vierundzwanzig Stunden alles gleich ist, macht wieder die Augen zu und schlummert hinüber, so schmerzlos und unbewegt, als wär' das Sterben ein alltägliches Geschäft, mag nun Chrisam dabei sein oder nicht. Und Tränen in den Augen, doch tiefberuhigt und hochbefriedigt, eben wegen des Chrisams, schauen Frau, Kinder und Enkel dem Schäfer nach und vermeinen schier zu sehen, wie sich für ihn die Himmelstür öffnet, nicht, weil der Schäfer das Leben des Gerechten geführt hat, sondern eben wegen des Öls und wegen des Chrisams. Der Schäfer ist nämlich ein Lutherischer gewesen, zeit seines Lebens, hat zwar eine Katholische auf katholische Art geheiratet, hat seine Kinder und Enkel alle katholisch gepfercht, ist aber selber mit Herz und Verstand lutherisch geblieben. Aus diesem Grunde schwingt sich in der benachbarten Landstadt der lutherische Pastor Röckenschuß, sowie er von dem bevorstehenden Ende des Gemeindeschäfers in Breitenbrunn erfährt, auf sein Rad und strampelt mit fliegenden Rockschößen die Landstraße dahin, als könnt' ein Gemeindeschäfer ohne ihn absolut nicht sterben. Oha, Herr Pastor! Schon die katholische Konkurrenz zur Stelle, mit letztwilliger Erklärung und Unterschrift, und übrigens der Schäfer Blömm auch soeben hinüber. Nun ist das in unserem lieben deutschen Vaterlande so: Der Lärm der Kriege um die Auslegung der galiläischen Friedensbotschaft ist zwar verhallt, weil aber nach wie vor jedes der beiden christlichen Bekenntnisse die Menschen auf seine Art selig machen will, so räumt keines dem andern gutwillig das Feld, und gehen sie auch nicht mehr mit Hakenbüchsen und Kartaunen gegeneinander an, – mit einem ärztlichen Attest oder einer letztwilligen Erklärung läßt sich nicht weniger erpicht das konfessionelle Recht erkämpfen wie in den Tagen der Schwedenzeit mit Pallasch und Hellebarde. Und welches Recht wäre klarer als das der beiden Priester, den Gemeindeschäfer Andreas Blömm in den Formen ihres Kultus zu begraben? Und so steht denn auch bereits der Pfarrer Neusiegl vor dem Bezirksamtmann, hält ihm den letzten Willen des Schäfers unter die Nase und verlangt den Leichnam für seine Kirche. Oha, Herr Pfarrer! Auch die lutherische Konkurrenz schon im Anmarsch; denn soeben geht die Tür auf, und herein tritt der Pastor Röckenschuß mit dem Zeugnis des Amtsarztes Schwegele, wonach der sterbende Schäfer seiner Sinne nicht mehr mächtig gewesen, und fordert den Leichnam für seine Kirche. Und während sich um den lebendigen Schäfer in seiner Armut nie jemand gerissen hat, streiten sich nunmehr um den toten gleich zwei große christliche Glaubensgesellschaften und steht darob der Bezirksamtmann da wie Pontius Pilatus vor den eifernden Juden. Am liebsten würde er in Anwendung seines Regierungsgrundsatzes, jedem etwas zu geben, den Schäfer teilen, aber jeder der beiden Seelsorger will ihn ja ganz. In diesem Zwiespalt nun zeigte es sich, wie unrecht jene haben, die über einem ärztlichen Attest geringschätzig die Nase rümpfen; denn das Zeugnis des Amtsarztes Schwegele erwies sich als der Lichtstrahl, der aus dem Dunkel führte, als der rettende Balken, der aus den Wogen konfessionellen Haders auf das Festland aktenmäßiger Entscheidung trug, und der Bezirksamtmann ergriff ihn mit Begier und sprach den Schäfer den Lutherischen zu. Dieses Erkenntnis erwiderten die Breitenbrunner Katholiken mit der Losung: »Recht haben sollen dö Protestantischen aber aa nöt, und wenn s' an Schäfer a lutherisch ei'graben, – mir halten eahm dafür 's Seelenamt, und dös koa schlechts!«, was wiederum die Protestanten zu den höchsten Kraftanstrengungen für eine imposante Beerdigung aufstachelte, also, daß in Breitenbrunn, wenn schon nicht geradezu der Glaubenskampf, so doch ein Glaubenstrutz entfacht wurde, der sich wechselseitig in den letzten Ehrungen für den armen Schäfer zu überbieten suchte. Da ragte zum Beispiel vor dem Hochaltar der katholischen Dorfkirche ein mächtiger, samtbedeckter, blumengeschmückter Katafalk empor, von brennenden Kerzen und umflorten Standarten umgeben; da erbrauste die Orgel in ergreifenden Ewigkeitsakkorden, klagten die Geigen ihr Leid, zeugten Pauken und Posaunen von tiefster Empfindung, kündeten die Sänger ihren Schmerz, stimmte der Pfarrer Neusiegl, den Prunk des Rauchmantels um die Schultern, mitten in einem Schwarm von Hilfsgeistlichen und Ministranten, unter dem Geläute sämtlicher Glocken, mit schier übermenschlicher Bierstimme dem armen Schäfer das Requiem an. Und eine Stunde später, als die Lutherischen den Schäfer zu Grabe trugen, da sah der kleine Dorfkirchhof eine Heerschau über die Anhänger der Reformation. Der Pastor Röckenschuß hielt sie ab namens und auftrags der Allerheiligsten Dreifaltigkeit. Dabei brachen glaubensstarke Männer, die mit Zylinder und Regenschirm von der benachbarten Landstadt gekommen waren, am offenen Grabe eine Lanze für konfessionelle Duldsamkeit, legten reine Jungfrauen kostbare Blumengewinde nieder, versicherten Leute, die den alten Blömm kaum gekannt hatten, den Verstorbenen ihres unwandelbaren Gedenkens, stellten leidtragende Schafhalter, während zwanzig Vereinsfahnen zum letzten Gruß sich senkten, gefühlvolle Erwägungen an, wer wohl jetzt am wohlfeilsten ihre Schafe hüten und scheren werde. Kaum war der Schäfer dergestalt zur Ruhe gebettet, so zog über den Kirchhof mit schwarzem Gewölke, mit wilden Blitzen und schmetternden Schlägen das erste Gewitter herauf. Nicht lange aber, und die Verfinsterung wich, und die fröhliche Sonne säumte schon wieder die letzte Wolke. Auf dieser fuhr der Herr. In der glühenden Hand hielt er die Ewigkeit. Leise troff davon auf die Welt die Zeit und verlor sich in Blütengerank und Frühlingsduft. Die Brunnen quollen, die Ströme zogen, die Lüfte spielten, unermeßlich wogte das junge Korn, und aus der gesegneten Erde kroch sogar der Wurm dem Lichte zu. Nur die Menschen blieben ungerührt von dem Lenzessegen ewiger Liebe und redeten hart und stolz davon, wie sie es einander gezeigt und dem Schäfer doch noch trotz allem und allem zum himmlischen Frieden verholfen hätten. Der Osterhas Nun ist der Frühling erwacht, und lichte Bänder flattern! Auf den Garten legt sich so sanft die Nacht, auf die Seele so schwer der Traum ... Den Traum vom Osterhasen meine ich; denn wie dieses einst so liebliche Tier uns ausgewachsenen Leuten unter die Augen geht, das ist schon wirklich eine Schande. Das weiche Sammetfell, die spielenden Löffel, die freundliche Blume, das treuherzige, etwas verdutzte Auge – alles ist dahin, und er kommt auf einen zu wie eine wackelige Schnitzbank; wenn's gut geht, mit dem Federbusch eines pensionierten Generals der Republik Bolivia als Schwanz. Was hilft es uns, daß er so gewachsen ist und, meckernd, immer wieder versichert: »I' waar der Osterhas, gnä' Herr! Der Osterhas! Kennan S' mi' denn nimmer?« Wir sind fast unangenehm berührt und sagen deshalb: »Hm –«, und nach einer Pause der Sammlung fügen wir würdevoll bei: »Alles ist Wechsel und Wandel. Die Illusion verfliegt, die Erscheinungsformen ändern sich. Betrachten Sie nur sich selbst! ...« »A Kreuz is«, meckert der Osterhas, indem er traurig auf sein bolivianisches Ende zurückschaut. »Das Ortsgeschenk erhalten Sie auf der Polizeiwache! Hier wird nichts gegeben.« Damit werfen wir die Tür zu, und die Schnitzbank geht. Wechsel und Wandel! Vor dem Tor der kleinen Stadt, längst in fremder Hand, das Elternhaus. Keine Wolke am Himmel, kein Wunsch in der Brust, und die Vögel singen im tiefen Garten. Solche Plätze liebt der Osterhas; den mit dem weichen Pelz und den flinken Beinen meine ich. Da legt er, was er nur legen kann, und sind es heute blaue Eier gewesen, so werden es morgen rote und übermorgen grüne sein. Und manchmal legt er, wie ein gefeierter Dirigent, der eins dreingibt, noch einen Mandelstern dazu oder ein Zimtherz, und auf dem Gipfel seiner Leistungsfähigkeit hinterläßt er uns sogar sein getreues kleines Ebenbild aus rotem Fruchtzucker. Hingegen ist das große Schaum-Ei mit den Heiligenbildchen rund herum von der Frau Appellrat und nicht vom Osterhasen, und das lassen wir uns nicht nehmen. »Geschwind, Buben, geschwind!« schreit unsere gute alte Rosi, »grad springt er bei den Fichten vorn durch den Zaun!« Den heiligen drei Königen hat es auf Bethlehem hinzu nicht so pressiert wie uns nach jener Gartenecke hin. Ich überrenne meine Schwester im duftigen Frühlingskleidchen – nur gut, daß es der Osterhas nicht gesehen hat! – und werde doch nicht der erste. Lauter gelbe Eier sind es heute. Merkwürdig, was so ein Tier für Launen hat! »Buben, geschwind! Jetzt sitzt er grad unterm Nußbaum hinten!« Nein, ist das ein Gerenn, in der heiligen Osterzeit! Sein ganzes späteres Leben dürfte einer zum Ausschnaufen hernehmen. Und noch dazu umsonst, für nichts und wieder nichts, und unsere alte Rosi lacht und lacht und sagt, der Has hätte uns diesmal gefoppt. Wir haben's aber auf sie, und über den Osterhasen traut sich keiner ein Wörtchen zu sagen – ganz natürlich: er hat uns ja in der Hand und kann jeden Tag mit dem Legen aufhören. So frühzeitig gerät oft schon der Mensch in eine unwürdige Abhängigkeit. Im strahlenden Frühlingsmantel kamen dann die Feiertage. Auf der Bank unterm Nußbaum sitzt unser Knecht im müßigen Nachmittag und bläst aus der kurzen Pfeife mit dem Königssee auf dem Porzellankopf blaue Rauchwölklein, eins hinter dem andern, und sinniert dazu. Kaum sehen wir ihn, sind wir dort. Er soll erzählen! Von was denn? Vom Krieg, vom Bauerndienst, vom Fischen und Jagen, von was er will! Uns ist es gleich und ihm auch; denn überallher weiß er Geschichten. Lange, die an einem Tag nicht aus werden, und kurze, ach so kurze, traurige und lustige. Und wie er sie erzählt! Kein Auge verwendet er von unsern Gesichtern, berechnet genau daraus den Eindruck und vertieft die Farben, deutet in Umrissen an, verweilt oder schreitet weiter, wie er's braucht. Nie stört ein Schmunzeln seine Objektivität, nie ist er ums Wort verlegen, nie um den Ausgang. Kleine Kunstpausen verdeckt er anheimelnd mit ein paar stärkeren Zügen, auf daß der Kanaster schön in Brand bleibe, und wenn er sich wirklich einmal nicht mehr hinaussieht, dann klopft er einfach ein klein wenig die Pfeife aus und hat's wieder. Er ist der geborene Fabulist. Also vom Krieg! Der Knecht stopft auffallend lang an der Pfeife herum. Endlich beginnt er: »Es war in Frankreich, in Schartreß (Chartres) hinten.« Er kapriziert sich darauf, alle geographischen Namen seiner Kriegsgeschichten durch das bescheidene Umstandswort den Zuhörern näher zu bringen; möglicherweise ist's aber auch nur eine unbewußte Nachwirkung seiner Zugehörigkeit zum Train. »In Schartreß hinten. Dort reden alle Leute französisch, ein jeder Hausknecht und ein jeder Schusterbub. Aus diesem Grund hat auch der Mosié Sorel schon in aller Früh auf Französisch zu seiner Nachbarin, der Madam Egl (Aigle), hinüberg'schrien: ›Sie Beißzang! Sie Hausdrach! Sie Trud!‹, und hat die Madam Egl französisch wieder herüberg'schrien: ›Alter Esel!‹ und sonst nix. Es hat aber grad g'langt für den alten Franzosen; denn er hat einen brennroten Kopf 'kriegt und hat weiterg'schrien: ›Geben Sie mir zuerst das Ei wieder, das Sie gestern von meinem Grund und Boden weg und durch den Zaun durch in Ihren Garten hinübergekratzt haben, dann können Sie mich einen alten Esel nennen und früher nicht, Sie alte Hex'!‹ Da hat die Madam Egl das allergrößte Ei aus ihrer Kammer daher'bracht und hat's dem Mosié Sorel 'nüberg'schmissen, daß die gelbe Soß über den grünen Fensterladen 'runterg'laufen ist, und hat dazu wieder nur g'schrien: ›Sie alter Esel!‹ und weiter nix. ›Egl! Egl! Egl! Egl! Bluategl! Bluategl!‹ hat da der alte Franzos fünf Minuten lang 'bimbbert und 'bebbert, weil ihm in seinem Zorn sonst rein nix eing'fallen ist, und ist gesprungen dazu wie ein wilder Gockl. Dann aber hat er den Fensterladen abg'waschen, versteht sich, weil die Ostertäg vor der Tür waren, und seine Händ' hab'n noch immer 'zittert bei der Verrichtung vor lauter Gift und inwendiger Aufregung. Auf diese Weis' und Gehässigkeit hab'n aber die zwei Leutln schon die ganzen Jahr' her nebeneinander g'haust, und es ist nicht zum glauben, was sie einander alles an'tan hab'n, garaus auf so heilige Zeiten hin. Und einen Geiz hab'n s' g'habt – so was kann kein Mensch beschreiben; i a nöt. Denkt's euch nur: Am Karsamstag auf den Abend um fünfe, g'rad vor der Auferstehung, kommt der Madam Egl ihr Sohn daher, zum Besuch für die Feiertag. Er war Reitknecht auf einem G'schloß, und seine Herrschaft hat sich über die Ostertäg verreist. Da hätt' einer das Gesicht der Madam Egl photographieren sollen: ein Aug' hat sie ganz zug'macht und das andre nur halb auf und kaum daß sie das ›Grüß Gott‹ raus'bracht hat. Es ist ihr nämlich gleich ganz heiß durch und durch g'fahren, um wie viel jetzt mehr aufgehen wird, bis der Bub glücklich wieder dahin ist. Und genau zur selbigen Stund ist beim Mosié Sorel drüben seine Tochter ein'troffen; denn die war auch auf einem G'schloß, und zwar Kammerjungfer. Und auch dem Mosé Sorel ist die Überraschung wie ein Dachziegel auf den Kopf g'fallen und hat ihm das Gesicht entstellt, und auch er hat auf der Stell einen Überschlag g'macht über den feiertäglichen Mehraufwand. Dann aber sind sie in die Auferstehung, die Madam Egl und der alte Franzos, wie sich's für gute Christen gehört. In der Kirch drin, wie sie auf dem Chor droben so schön g'sungen haben: ›Christus ist erstanden!‹, da ist die Madam Egl mit sich eins worden, daß auch für die Feiertag und für den Gast als Frühstück a Wassersuppen gut genug ist, und der alte Franzos hat den ganz gleichen Beschluß sogar für das Mittagessen g'faßt. Kinder! a Wassersuppen am Ostertag! zum Fruahstuck und als Mittagessen! Bald drauf ist's Nacht worden, stockfinstre Nacht; denn Tag und Nacht sind in Frankreich hinten akkrat wie bei uns.« Die Pfeife zieht nicht mehr. Ein paar kräftige Züge sind ergebnislos. Der Knecht klopft daher den Königssee mit dem Weichselrohr aus und tut frischen Tabak hinein. Noch unter dieser Arbeit fährt er fort: »Bei uns, das wißt ihr ja selber, geht der Osterhas am hellichten Tag um; in Frankreich aber bei der Nacht. Und das ist der Unterschied zwischen Deutschland und Frankreich. Wie nun der Mosié Sorel bacherlwarm in seinem Bett liegt, d' Nasen schier zwischen die Knie drin, da spürt er auf einmal einen malefizischen Druck auf der Brust. Er legt sich, halb im Schlaf, halb munter, auf'n Buckel, aber es wird nicht besser, im Gegenteil, bald ist's nimmer zum aushalten, und der Franzos fangt zum jammern an. Die Sach liegt aber einfach so: der Osterhas, der ja die Freigebigkeit selber ist und drum die geizigen Leut absolut nicht verputzen kann, hat sich dem Franzosen aufs Oberbett naufg'setzt und macht sich so schwer, daß der alte Lump glaubt, d' Seel druckt's ihm raus. ›Au weh! au weh!‹ achezt er, ›aus is's! Dahin geht's!‹ – ›Druckt di' 'leicht was?‹ fragt der Osterhas in der Finsternis, ›du Geizhammel!‹, und der Franzos glaubt, der Teufel holt ihn, und bittet herzzerreißend um Aufschub. ›Was willst du morgen, das ist am hochheiligen Ostertag, deinem einzigen Kind, das so weit aus der Fremd' her'kommen ist, als Mittagsmahl vorsetzen?‹ fragt der Osterhas streng, wie der Landrichter. – ›A Wassersuppen hab' i' mir denkt, weil's gleich is‹, sagt recht duckmausig der Mosié. – ›A Schweinsbratl muaß her!‹ schreit der Osterhas, ›verstehst mi', mit an Krautsalat!‹ – ›Jess', Maria und Josef!‹ woiselt der Franzos, ›taat 's denn nöt der Krautsalat alloa aa?‹ – ›A Schweinsbratl muaß her!‹ brüllt der Osterhas, ›willst oder willst nöt?‹ – ›I' will‹, sagt der Mosié. – ›Guat,‹ sagt der Has, ›nacher geh' i' für heut.‹ Und er ist auch 'gangen. Aber was er auf dem Franzosen seinem Oberbett zrucklassen hat, das war kein Osterei nicht, sondern ein bei weitem ganz andrer Gegenstand. Und vom Mosié Sorel weg ist er direkt zur Madam Egl 'nüber und hat der auf die ganz gleiche Weis' bei'bracht, daß sich für den Ostertag als Frühstück a Schal'n Kaffee und a Guglhopf g'hört und niemals nicht a Wassersuppen. Die Madam Egl hätt' sich mit ein paar Vaterunser für die armen Seelen abfinden wollen, aber der Has ist auf der Schal'n Kaffee und auf dem Guglhopf bestanden, wie der Rentamtsbot auf der Steuerzahlung. ›Kreuzschlapperament!‹ hat er zum Schluß noch g'sagt, ›glei morgen bin i' wieder da, wenn 's nöt so ausfallt.‹ Dann ist er fort und hat den Franzosenkindern die prachtvollsten Eier vor die Fenster g'legt. Und jetzt kommt das Schönste. Währenddem daß am andern Tag alle Franzosen beim Hochamt beten, was s' nur 'rausbringen, legt der Osterhas ganz stad in der Madam Egl ihr Schlafhauben gewiß ein Dutzend Eier hinein, eins schöner als das andre, blaue, rote, grüne, gelbe und eins gar mit zwei flammenden Herzen. Aber, Kinder, glaubt's ja fein nicht, daß sich der Osterhas für die Madam Egl so viel Müh' 'geben hätt'! Keine Idee! Er hat's nur wegen dem Reitknecht 'tan. Der nicht faul, nimmt auch gleich die Schlafhauben mitsamt den Eiern und rennt damit zum Mosié Sorel 'nüber. Aber, Kinder, glaubt's fein ja nicht, daß er wegen dem alten Franzosen so g'rennt ist! Keine Idee! Er hat bloß dem alten Franzosen seiner Tochter die Eier bringen wollen, und weil die grad so dag'standen ist, mitten im Weg, und auch nicht weg'gangen ist, so ist er ihr halt mitsamt der Madam Egl ihrer Schlafhauben um den Hals g'fallen, und der Mosié Sorel hat wieder seinen Dachziegel droben g'habt. Vor dem Häusl draußen haben die Vögel g'sungen, grad wie bei uns da, und ein Vierteljahr drauf haben s' Hochzeit g'macht.« »Wer?« fragt der Jüngste von uns. »Ist der dumm!« schreit der Älteste, »der Reitknecht und die Kammerjungfer!« »Ja,« sagt der Knecht, »und auf die Weis' ist endlich Frieden worden. Das alles kann der Osterhas. Mir hat die G'schicht mein Quartierherr in Schartreß hinten, ein armer Siebmacher, beim Kindstaufschmaus erzählt. Und weil ich nöt Französisch und der Franzos kein Wörtl Deutsch verstanden hat, so ist die gegenseitige Verständigung schier ein Geschäft g'wesen, wie das Eierlegen für den Osterhasen.« Er schweigt. Wir sagen auch nichts, und weil keines von uns das Gras wachsen hört, ist alles still, unter Knospengerank und Sonnenglanz. Es ruht die Welt in einem köstlichen Augenblick. Dann aber kräht unser Hahn (nie hat ein Hahn schöner als unsrer gekräht), der Frühlingswind spielt von der Halde her, daß die Blumen erzittern bis in die Wurzeln hinein, und säuselnd klingt es im Feld: muß wandern! muß wandern! Etliche dreißig Jahre sind seitdem vergangen. Da erhebt sich auf einmal wieder das Geschrei um jenes Tier. »Geschwind, Papa, geschwind! Der Osterhas!« »Wo?« frag' ich ganz verwirrt, »wo denn?« »Unterm Eichbaum! geschwind nur! geschwind!« Den möcht' ich sehen, der da nicht Beine kriegt! Der Has selber ist ja, wie einstens, schon wieder fort, aber viele Eier, bunt wie die Freude, weisen seine anmutige Spur. »Dort,« rufe ich, »dort läuft er!« »Wo? Wo?« »Grad ist er hinterm Hügel verschwunden!« Hinter dem Hügel mit dem sprießenden Grün, der so freundlich den Blick auf das Leben hemmt. Die Kinder jubeln, ein Haushahn kräht in der Nachbarschaft, – bis ans Ende der Welt muß man's hören. Nun ist der Frühling erwacht, und lichte Bänder flattern, und die Bäche schwellen und vergehn im Strom. Die letzte Fahrt Gleich einem tiefen Strom, so breit und still, daß alles darin sich spiegelt, was die Ufer entlang weint und klagt und singt und lacht, also gelassen wallt die Zeit dahin. Bisweilen aber kommt es wie ein Ruck in den steten Zug, und von ihm datieren dann die Kundigen eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte. Der sichtbare Ausdruck einer solchen Zeitwende muß allerdings nicht immer gleich ein Weltkrieg sein. Für eine kleine Umwelt genügen kleinere Symbole. Für die Hottenhauser z. B. ein bekränzter Postomnibus, der abfahrtbereit vor dem Gasthof zur Post auf dem Marktplatz steht, und die weißblauen Galafederbüsche der drei Postillione: des einen hoch droben auf dem Bock und der zwei andern, die dem Zitronengelb als Vorreiter bestimmt sind; denn an diesen Zeichen merken die Bürger des Marktes Hottenhausen genau so deutlich, wie die Gelehrten am Weltkrieg, jenen Ruck der Zeit und stehen darum mit offenen Mäulern da, obschon sie sonst nicht von der Art sind, die auf die Ankunft der gebratenen Tauben wartet. Die Hottenhauser Post tut nämlich heute ihren letzten Schnaufer; das heißt: nach dieser Fahrt an die Bahnstation Schlutting ist es aus mit ihr. Sie stirbt, weil bei den hohen Betriebskosten unrentabel geworden, nach einem ehrenhaften Leben von dreihundert Jahren als ein Sinnbild deutscher Armut, und das bewegt die Hottenhauser, und darum stehen sie vor den Häuserreihen des Marktplatzes, wie angegeben, schon bald eine Stunde da. Also sind schon ihre Vorväter dagestanden, als der große Schwedenkönig der Extrapost entstieg und zur Belobung für die geschwinde Fahrt und treffliche Organisation dem Hottenhauser Postmeister auf die Schulter klopfte, – auch zur Bezahlung. So sind sie dann wieder dagestanden, als der Heilige Vater auf seiner Reise an den Wiener Kaiserhof den Posthalter von Hottenhausen für umfangreichen Fahrt- und Spanndienst mit dem päpstlichen Segen entlohnte. Und dann noch einmal, als an die zweihundert Postkutschen dem Kaiser Napoleon seine Habsburgische Braut samt Gefolge zufuhren. Kein Wunder deshalb, wenn nach einer so ruhmvollen Vergangenheit die Hottenhauser von heute mit Bewegung und Spannung darauf warten, wer wohl die Passagiere dieser letzten Postfahrt sein werden. Als erster findet sich der Bienenvater Knoll ein, dieser unermüdliche Vorkämpfer für Immenzucht und Honigseim, wie er denn auch jetzt wieder, lediglich zu Propagandazwecken, mit vier äußerst appetitlich aufgeputzten Sortimentsgläsern – »prima Lindenblüten-, Akazien-, Heidekraut- und Kastanienhonig« – der landwirtschaftlichen Ausstellung in Abbach mittels Post und Eisenbahn zuzueilen gedenkt. Hierauf folgen der Glasermeister Epple und seine Schwester, die Sekretärswitwe Klinglein, beide in großer Trauertoilette, da es die letzte Ehrung einer auswärtigen Erbbase gilt. Indes, nur Frau Klinglein nimmt im Innern des Wagens Platz; Herr Epple, dessen umflorter Zylinder schon gleich in der Wagentür einen Stüber abbekommt, weiß lieber die unermeßliche Höhe des Firmaments als das niedere Wagendach über seinem frisch aufgebügelten Hut und schwingt sich deshalb zum Postillion auf den Bock. Den vierten Fahrgast und seinen prachtvollen Strauß weißer Rosen empfangen die Zuschauer mit diesem Kommentar: »O jegerl, der Maler Nixt mit'n Brautbukett, dös sicher no nöt zahlt is!« – »Macht nix. Sei' Braut hat's ja schwar.« Nummer fünf: der Handlungsreisende Köppke aus Magdeburg, den die alte Postkellnerin persönlich an den Omnibus geleitet, während seine umfangreichen Musterkoffer vom Hausknecht auf dem Wagendach verstaut werden, und Nummer sechs: der Kleiderhändler Aaron Sandbank. Ist aber unter den ersten Passagieren der Hottenhauser Post, wie oben gezeigt, ein König gewesen, so ist nicht einzusehen, warum bei der Vorliebe des Lebens für Kontraste der letzte nicht ein Bettelmönch sein sollte, und darum zwängt sich soeben noch der Kapuzinerpater Gabriel mit seinem langen, roten Bart und seiner ausgiebigen Beleibtheit in den Wagen hinein. »Sooo,« sagt der Post-Hausl, »sexi drin und oaner draußt, dös langt«, und haut abschließend die Wagentür zu. Da meinten die Zuschauer, jetzt wäre die Sache endlich so weit, und gleich würden die Pferde anziehen zur letzten Fahrt. Und auch die enggedrängten Fahrgäste gaben sich dieser Erwartung hin; ja, vielleicht wird sie sogar von den Lesern geteilt. Die Abfahrt verzögerte sich jedoch noch eine ganze Weile, und nicht ich bin daran schuld, sondern vor allem der Posthalter. Der wollte nämlich das denkwürdige Begebnis für Kind und Kindeskind mit Hilfe des Photographen Prestele im Bilde festhalten, und diese Überlieferung erschien seinem lebendigen Sinn für Heimat- und Familiengeschichte sogar wichtiger als die präzise Abfahrt zur vorgeschriebenen Minute. Der Photograph Prestele aber, obwohl rechtzeitig bestellt, hatte sich in seiner verfluchten Zerstreutheit wieder einmal irgendwohin verflüchtigt, wo man seiner sicherlich nicht bedurfte, während vor der Post eine zappelnde Ungeduld sich vergebens nach ihm die Augen ausschaute und ebenso vergebens nach dem Säumigen Boten über Boten schickte. Denn da der Omnibus genau auf den Schluttinger Personenzug, die einzige Tagesverbindung Hottenhausens mit Abbach, eingestellt und bei dem Zotteltrott seiner Pferde nur bei pünktlichem Starten des Anschlusses sicher war, so durfte nicht viel Zeit verloren werden. »Herr Posthalter,« rief deshalb der Bienenvater Knoll höchst beunruhigt aus dem Wagenfenster, »schau'n Sie doch, daß wir weiterkommen! Komm' ich heut' nicht nach Abbach, bin ich mit meinem großartigen Honig unwiderruflich von der Ausstellung ausgeschlossen.« Indes, der Posthalter schaute nur nach dem Photographen Prestele aus, und der Photograph Prestele zeigte sich nicht. Im Gegenteil, seine Frau ließ sagen, er sei nirgends zu finden. »Herr Posthalter,« rief des weiteren, nicht weniger beunruhigt, der Handlungsreisende Köppke aus Magdeburg aus dem Wagen heraus, »Herr Posthalter, hörn Se! Auch ich muß heute noch in Abbach sein, muß ; sonst macht das Jeschäft die Konkurrenz. Wäre es Ihnen und Ihren Kindeskindern etwa nur um die persönliche Erinnerung an mich zu tun, – mein Bild könnte ich Ihnen auch ohne Ihren Hottenhauser Schnell- und Provinzphotographen überlassen.« Und damit streckte er sein wohlgelungenes Paßbild zum Fenster hinaus. »I dank schö«, sagte jedoch, in seinem Heimatstolz verletzt, der Posthalter. »Eahna vergiß i a so aa nöt so gschwind. 's Zimmermadl hat ma's scho gsagt.« Darauf zog Herr Köppke sich zurück, und es traf ihn ein großer und langer Blick des Paters Gabriel. Die Frau Klinglein aber meinte, ihr und ihrem Bruder auf dem Bock droben wäre ein Versäumen des Eisenbahnanschlusses mindestens ebenso verderblich; denn was der norddeutsche Herr an geschäftlichem Gewinn einbüßte, das verlören sie und ihr Bruder an verwandtschaftlicher Achtung, wenn sie als die einzigen der ganzen Freundschaft bei der Beerdigung fehlten. Aber immerhin könne auch ohne sie beide die Verstorbene – also griff der Kunstmaler Nixt in die erregte Erörterung ein – zur ewigen Ruhe bestattet werden, während ohne ihn seine Braut eben morgen früh nicht Hochzeit machen könnte, vom heutigen Polterabend gar nicht zu reden. Und er rief: »Herr Posthalter! Herr Posthalter! Ich sitze auf Kohlen.« Dazu hielt er in der Rechten den prachtvollen Rosenstrauß. Ohne dringendsten Anlaß, bemerkte der Aaron Sandbank, reise heutzutage überhaupt niemand. Und der Aaron Sandbank rief: »Herr Posthalter! Herr Posthalter! Lassen Se ons fahren ab! For mich steht auf dem Spiel e forchtbares Risiko: bin ich doch geladen vor ans Abbacher Gericht.« Da sprach zu seinen Mitreisenden der Pater Gabriel: »Warum so eilig, da doch das Wort Gottes zeitlos ist? Ungeduld führt nirgends zum Ziel, Vertrauen überall. Darum pressiert es mir nicht, obwohl auch ich in dringenden Geschäften reise.« Man wollte entgegnen, indes, Gott sei Dank, jetzt traf der Photograph ein. Aber welche Probe noch für Geduld und Selbstzucht, bis dieser Prestele mit seinem Apparat endlich den für effektvolle Belichtung wie künstlerische Gesamtwirkung denkbar besten Standort ausgemittelt hatte! Wiederholte Zurufe aus der aufgeregten Enge heraus vermochten ihn auch nicht um Haaresbreite von seiner als Gewissenspflicht aufgefaßten Sorgfalt abzubringen. Darob schwoll die Erregung der Reisenden zu einer solchen Gluthitze an, daß selbst der Pater Gabriel es für gut fand, das Fenster zu öffnen und zur Besänftigung der Gemüter einige antreibende Worte an den Photographen hinauszurufen. Der Photograph jedoch, mitten in seinem Werk, empfand von seinem strengen Künstlertum aus das unzeitgemäße Öffnen des Wagenfensters als rohe Störung und schrie: »Fenster zu! Fenster zu!«, und zwar so gebieterisch, daß Aaron Sandbank, in angeborener Unterwürfigkeit, automatisch mit größter Behendigkeit das Fenster emporzog, dadurch aber den wallenden Bart des Kapuziners mit emporriß und in schändlicher Weise mit dem oberen Fensterrand einklemmte. Wie ein rötlicher Besen ragte die mönchische Manneszier himmelwärts, und der Pater Gabriel schrie: »Au! Au! Lassen Sie los! Lassen Sie los!« Und sofort, in angeborener Dienstgefälligkeit, ließ Aaron Sandbank das Fenster wieder herab, und gleichzeitig trieb der Postillion, der verstanden hatte »Fahren Sie los! Fahren Sie los!« und froh war, endlich fortzukommen, die Pferde an. Es ging dahin. Dadurch nun geschah es, daß der zeitlose Pater Gabriel, durch die Heftigkeit der unvermuteten Vorwärtsbewegung ins Schwanken geratend, schon im nächsten Augenblick auf dem Honigsortiment des Bienenvaters Knoll saß, das zwischen diesem und der Sekretärswitwe Klinglein untergebracht war. Da ferner der Priester im Niedertauchen nach einem Halt gehascht und mit der einen Hand den prachtvollen Rosenstrauß des Malers Nixt errafft hatte, so saß jetzt er, in dessen Hand der Hochzeitsschmuck wie ein Hohn auf das Ordensgelübde sich ausnahm, mit dem Brautbukett da. »Mein Honig! Mein erster Preis!« rief Herr Knoll in berechtigter Sorge und begreiflichem Schmerz. Doch nur ein Knirschen, als würde Glas zu Atomen zermalmt, und ein Quatschen, wie es Dickflüssigkeiten von sich geben, sobald eine Zentnerlast jählings darein wuchtet, antwortete ihm. Und ein gleichzeitiger Aufschrei der Witwe Klinglein; denn bei der Richtung seines Sturzes war es nur natürlich, daß der Pater Gabriel auch auf ihrem flutenden Trauerschleier, und zwar mit solcher Bestimmtheit Platz nahm, daß es der Trauernden nicht bloß den Hut, sondern mit ihm auch einen ziemlich langen falschen Zopf vom Kopfe riß. Pater Gabriel, sonst einer der besten Redner seines Ordens, sagte in diesem Falle gar nichts. So sehr lähmte ihn der Schrecken. Dafür sprach zu ihm in äußerst gereiztem Ton Frau Sekretär Klinglein: »I tät halt doch wenigstens aufstehn.« Dieses ist indes, wenn schon einer einmal auf einer derartigen Klebrigkeit sich niederläßt, leichter gesagt als getan. Es ergriffen deshalb der lutherische Handlungsreisende Köppke und der israelitische Aaron Sandbank je eine Hand des Paters Gabriel, und nur dem vorbehaltlosen Zusammenwirken der drei Konfessionen, das in solch einträchtiger Zielstrebigkeit weder vor- noch nachher gesehen ward, war es zu danken, daß der Pater Gabriel dem Wunsche der Frau Klinglein überhaupt entsprechen und sich erheben konnte. Aber welche Verwüstung zeigte sich nun den aus ihren Höhlen tretenden Augen der Beteiligten! Um es kurz zu sagen: wenn der Bienenvater Knoll auch weiterhin auf der Ausstellung seines Erzeugnisses beharrte, so mußte er erstens seinen eigenen Gehrock, zweitens den Trauerschleier der Witwe Klinglein und drittens den ganzen Pater Gabriel ausstellen; denn auf dessen Kutte zumeist war der Lindenblüten-, Akazien-, Heidekraut- und Kastanienhonig, allerdings unausgeschieden, übergegangen. Herr Knoll erklärte jedoch fast mit schluchzender Stimme, daß seine Beteiligung an der Abbacher Ausstellung nicht mehr in Frage komme, wie auch Frau Klinglein für ihre Person die absolute Unmöglichkeit feststellte, hinter einem Schleier von Honig dem Begräbnis beizuwohnen. Er werde dafür, sagte der Pater Gabriel, der Verstorbenen im Gebete gedenken, und es zeugt von furchtbarer Verfinsterung des Gemüts, daß Frau Klinglein auf ein solches Angebot erwidern konnte: »Dös hilft mi und mein Huat an Dreck.« Pater Gabriel aber, der in seiner Abgeklärtheit wußte, daß Ungemach ungerecht macht, schwieg. Er beschränkte sich darauf, dem Maler Nixt das Brautbukett wieder zu überreichen, das sich für ihn ja doch als unzureichend erwiesen hatte. »Ich danke«, sagte der Maler Nixt und bemühte sich, die zerrütteten Rosen wieder aufzurichten. Während sich diese beklagenswerten Vorgänge innerhalb des Postwagens abspielten, bliesen die beiden dem Omnibus vorausreitenden Postillione zweistimmig und sehr exakt: »Muaß i denn, muaß i denn zum Städtle hinaus, Städtle hinaus ...«, brach die Volksmenge immer wieder in Hochrufe aus und winkten von den Fenstern herab Frauen und Kinder den Scheidenden zu. Überdies lief eine ganze Strecke weit der Photograph Prestele neben dem Gefährte her und schrie und schrie: »Halt! Halt! I hab ja koa Platten drin ghabt. So halt doch!« Aber der kutschierende Postillion scherte sich den Teufel um diese unerläßliche Voraussetzung für Lichtbildaufnahmen, knallte den Pferden eins um die Ohren und fuhr mit der ganzen, diesen letzten Hottenhauser Postwagen belastenden Tragik davon. Gleichwohl dampfte, als er in die Bahnstation Schlutting einfuhr, eben der Abbacher Personenzug aus der Station hinaus. Der Schluß ist schnell erzählt. Alle machten den Posthalter verantwortlich und verlangten von ihm Entschädigung: der Bienenvater Knoll für den verlorenen ersten Preis; Herr Epple und Frau Klinglein für das ihnen entgangene Vermächtnis, das die verstorbene Erbbase einem jeden an ihrem Begräbnis teilnehmenden Verwandten ausgesetzt hatte; der Handlungsreisende Köppke für das an die Konkurrenz gefallene Geschäft; der Maler Nixt für das von seiner empörten Braut aufgelöste Verlöbnis; ja, der Aaron Sandbank versuchte sogar, die Vaterschaft und Alimentierung, wozu er im Versäumnisweg verurteilt worden, auf den Posthalter von Hottenhausen abzuwälzen. Nur der Pater Gabriel verlangte nichts, sondern begnügte sich mit der Tracht Honig, die, nach Immenbrauch auf verschiedene Körperstellen verteilt, er seinem Kloster zugetragen hatte. Altbayrische Leichenfeier So viel Familiensinn, so viel Volkstreue, so viel allgemeine Wertschätzung – es war rührend und erhebend, wie diese Blinkfeuer des Menschenherzens gelegentlich der Beerdigung des Gastwirts, Großgrundbesitzers und Ökonomierats Gabriel Geis, Schimmelwirts von Schnecking, aufleuchteten, immer wieder, stundenlang, von früh sieben Uhr, wo die ersten Trauergäste vor dem alten, weitläufigen Landstraßenwirtshaus eintrafen, bis schier auf halb elfe hinzu, wo endlich das Seelenhochamt nebst Requiem zu Ende kam, und nunmehr der Schimmelwirt in seiner eigenen Wirtschaft vertrunken werden konnte. Sofern nicht Übereifrige dies schon während der kirchlichen Feier besorgten. Und es war großartig, wie Menschlichkeiten und Jenseitsdinge dem Schimmelwirt zu Ehren Gestalt gewannen und sich berührten. Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort; man weiß es. Von der Beerdigung des Schimmelwirts aber wird die Überlieferung festhalten: im Anfang war der Bezirksamtmann, und der Bezirksamtmann war beim Schimmelwirt, und der Schimmelwirt war aufgebahrt im ersten Stock. Alle Dinge aber in Schnecking sind durch das Bezirksamt gemacht, und ohne dasselbige ist nichts gemacht, was gemacht ist, und der Schimmelwirt war Vorsitzender des Bezirkstags gewesen. Darum war auch der Kaufmann Habersack, der stellvertretende Vorsitzende, mit dem Bezirksamtmann gekommen und als dritter Zylinder der Finanzrat; denn auch Mitglied des Steuerausschusses war der Schimmelwirt. Und diese drei Zylinder standen nun früh sieben Uhr nebeneinander vor dem alten Wirtshaus, unerhört für Schnecking: drei Zylinder auf einmal, ungemein wohltuend für die Hinterbliebenen und noch über das Grab hinaus ein vollwertiger Beweis für die staatsbürgerliche Tüchtigkeit des Abgeschiedenen. Und diese dreifache Bedeutung spiegelten auch die Gesichter unter den drei Zylindern wider. Ihnen gegenüber nahm der Veteranenverein Aufstellung und ehrte auf das Kommando »Still gestanden!« den Verewigten durch Vorstrecken der Bäuche, die sich seit dem ruhmvollen Jahr 1870 in Schnecking angesammelt hatten. Der Hilfslehrer führte die Schuljugend auf, die vor einem unsinnig daherpreschenden Bauernzeugl nach allen Seiten auseinanderstob, doch ebenso schnell sich wieder zusammenfand. Weitere Wagen folgten und in dem aufgewirbelten Staub zahlreiches Bauernvolk zu Fuß; mitten darunter, von der nahen Bahnstation herüber, auch eine Musikkapelle aus der nächsten Stadt, sechs Mann stark, der Pistonbläser und Dirigent mit abgelebtem Zylinder. Die Schneckinger selber aber umstanden ohnehin schon seit geraumer Zeit vollzählig und im Sonntagsgewand das Trauerhaus. Aus dem Gewimmel und Gesumm davor hört man jetzt die älteste Tochter des Schimmelwirts mit ihrer durchdringenden Stimme den günstigen Zufall preisen: »Es is a Glück, daß der Schweinsbraten a so außerriacht, sunst riachet ma eh scho an Vatern«; denn es ist Mitte August, die Nacht ohne Kühlung und der Tag voll Sonnenglut. Gleich darauf ertönt aus dem Hausflur der Totengesang der Geistlichkeit. Das Stimmengewirr vor dem Haus verstummt, die Köpfe entblößen, der Leichenzug ordnet sich. Die Geistlichkeit – der Pfarrer von zwei Kaplänen verbeistandet – tritt aus dem Haus, gefolgt von den sechs Leichenträgern mit dem Sarg, und unter den Klängen des Beethoven-Trauermarsches und dem selbst Tod und Verwesung überwindenden Duft des Schweinsbratens verläßt der Schimmelwirt für immer die Heimat. Mit lateinischen Gesängen möchte ihm, seinem langjährigen Tarockbruder, der Herr Hauptlehrer Dümlein, der als Choralist mit der Geistlichkeit gehen darf, das Geleite geben; allein der Pistonbläser und Ludwig van Beethoven lassen ihn nicht aufkommen, sooft er es auch versucht. Eine ganze Strecke weit währt dieser ungleiche Kampf. Dem Pistonbläser steht bereits infolge der musikalischen Überanstrengung das Gummivorhemd links aus dem Gehrock heraus, und dem Herrn Hauptlehrer schwellen die Halsadern fingerdick an; denn keiner will sich nachsagen lassen, daß er für die von den Erben zu bestreitenden erheblichen Unkosten nicht sein Bestes hergegeben hätte. Endlich verzichtet aber doch der Herr Hauptlehrer auf den weiteren Wettbewerb, und Ludwig van Beethoven beherrscht mit all den Heftigkeiten, Hemmungen und Eigenbröteleien einer Vorstadtkapelle, die für gewöhnlich nur den Ländler, den Schottisch und das Volkslied pflegt, das Feld. Hinter dem Sarg schreitet die zahlreiche Verwandtschaft mit der Witwe, den schon erwachsenen Kindern, den Brüdern und Schwestern, Vettern und Basen und dem ganzen Korps der Weitschichtigen, alle schon durch ihr Gewand den Schmerz der Seele kündend, die Frauen obendrein auch durch Bereitstellung, ja, da und dort schon durch Inbetriebsetzung des Sacktüchls. »Jetzt! Jetzt!« hat schon mehrmals der Bezirksamtmann, der den Vortritt so vieler Unbedeutender nur schwer erträgt, die zwei andern Zylinder zur Einreihung in den Leichenzug aufgefordert, doch die Weitschichtigen behaupten durch lückenlose Aufeinanderfolge ihren Vorrang und lassen sich nicht abdrängen von den näheren Verwandten. So kommt es, daß zum erstenmal in seiner Beamtenlaufbahn der Bezirksamtmann hinter einem verkrachten Landkrämer und einem Sauschneider dreingehen muß, und der unverkennbar leidende Zug in seinem Gesicht gilt denn auch weit mehr dieser Nachtseite pflichtgemäßer Repräsentation als der Herzenstrauer um den Schimmelwirt. Daß übrigens die drei Zylinder, als Symbol kultureller Überlegenheit, auf ihren Köpfen bleiben, ist ein weithin sichtbares Zeichen der unüberbrückbaren Kluft zwischen Stadt und Land und findet auch als solches Beachtung und nicht allenthalben wohlwollende Kritik. Nun folgt das deutsche Gemütsleben in seiner hehrsten Offenbarung: Dutzende von umflorten Vereinsfahnen, in ihren seidegestickten Sinnbildern ebenso die Ideale menschlicher Gemeinschaft, wie mit ihren blechernen Lanzenspitzen das lautere Gold vortäuschend. Zuletzt eine unabsehbare Menschenmenge aus nah und fern, die der kleine Gottesacker kaum zu fassen vermag, und die doch kein Wort verlieren möchte von der Grabrede des steinalten Pfarrers; denn sein Ruf als Leichenredner erstreckt sich über den ganzen Bezirk. Schon ehe er beginnt, gehört ihm die Rührung aller. Sein ehrwürdiges Alter wie seine stillen Tränen lösen sie gleicherweise aus – kein Zweifel, der Priestergreis weint. Zum zweitausendzweihunderteinundzwanzigstenmal, will er endlich sagen, stehe er in seiner vierzigjährigen Seelsorge heute an einem offenen Grab. Die Höhe der Zahl bewegt ihn aber dermaßen, daß ihm jedesmal, wenn er daran ist sie auszusprechen, die Gemütserschütterung die Stimme verschlägt und er nur ruck- und stoßweise und über nicht wenige vergebliche Versuche hinweg zu seinem zweitausendzweihunderteinundzwanzigsten Grab gelangt. Doch niemals noch, fährt er dann mit erhobener Stimme fort, habe sich seiner die Empfindung so überwältigend bemächtigt wie an diesem Grabe. »Is er denn«, fragt da ein Auswärtiger flüsternd einen Schneckinger, »mit 'n Schimmiwirt gar a so befreund't g'wen?« Und der Schneckinger flüstert zurück: »A na. Dös sagt er ja bei ara jeden Leich.« Und nunmehr zählt der Priester im Silberhaar die Ämter und Ehrenposten des Verstorbenen auf, und man vernimmt die schwerwiegenden Worte: »Bezirksausschuß, Kreistag, Steuerausschuß, Berater verschiedener gemeinnützigen Vereine und Vertrauensperson für die Viehenteignung, kurz, ein äußerst verdienstvoller und ungemein tätiger Mann; er hatte elf Kinder.« Hierauf wendet sich der Pfarrer den metaphysischen Problemen und den christlichen Heilswahrheiten zu, lüpft jedesmal, wenn er die heiligsten Namen nennt, das viergeteilte Samtkäppchen, zeigt dabei jedesmal unter dem rechten Arm ein Mordsloch im Chorrock her und sagt zu guter Letzt: »Und nun laßt uns beten für das, was unsterblich ist an dem Heimgegangenen, der so fest an ein Fortleben geglaubt hat!« und schickt dem Schimmelwirt ein schlichtes Vaterunser nach. Es sprechen sodann noch eine ganze Reihe Redner, vom Bezirksamtmann angefangen bis herunter zum ältesten Straßenwärter, die jedoch alle miteinander nichts Neues mehr vorzubringen wissen, mit Ausnahme des Feuerwehrkommandanten und seiner Eingangsworte: »Wir stehen hier am offenen Grabe des Herrn Ökonomierates Geises.« Im Friedhofkirchlein schüttet unterdessen die Seelnonne oder Leichenfrau in zwei große Kupferkübel Wasser ein und mißt und mißt mit einem kleineren Gefäß um und ein und ein und um; denn sie ist weitblickend genug, um zu erkennen, daß das vorhandene Weihwasser für einen solchen Andrang von Leidtragenden, deren jeder dem Verstorbenen doch einen Wedel voll ins Grab nachspritzen will, eben einfach nicht ausreicht. Sie mischt es daher mit frischem, aber ungeweihtem Brunnenwasser und bringt dann ihr Präparat schleppend und schnaufend in den zwei Kupferkübeln an das Grab zu frommem Brauch und letztem Gruß. Es bleibt nur zu wünschen, daß die Verdünnung dem Schimmelwirt nichts schade. In der Erde also wäre er jetzt. Wo aber weilt seine Seele? Um ihr für alle Fälle nachzuhelfen, schließt sich an das Begräbnis unmittelbar ein »dreispänniges« Seelenamt an, das ist eine Trauerprunkmesse, die der Pfarrer liest, während die zwei schon erwähnten, aus benachbarten Pfarreien herbeigeholten Hilfsgeistlichen ihm als Leviten assistieren. Kirchliche Prachtentfaltung kostet. Und die Erben des Schimmelwirts erklären denn auch hinterher, für so viel Geld hätte man schon mehr Sorgfalt auf die Auswahl der Leviten verwenden dürfen: nicht daß an ihnen – der eine übergroß, der andere ungebührlich klein – die heiligen Gewänder dranhängen, als hätt' der Teufel sie angemessen, um in die kirchliche Trauerfeier etwas Lustiges hineinzubringen. Des Pfarrers Paradeschnallenschuhe gleichen diesen Mangel ungeachtet ihrer übermenschlichen, auf das Podagra eingestellten Größe um so weniger aus als jetzt, am Hochaltar, bei jedem » dominus vobiscum « das Loch unterm rechten Ärmel noch von mehr Augen wahrgenommen wird als zuvor am Grab. Was aber wäre selbst das feierlichste Totenamt ohne Opfergang? Erblickt doch erst in der Teilnahme am Opfergang, der jeden einzelnen an den wachsamen Hinterbliebenen vorüberbringt, die Volkssitte einen vollgültigen Nachweis für die letzte Ehrenerweisung. Und so stehen also zwei Zinnteller auf dem Hochaltar, das eine links, das andere rechts, und zwei weitere auf den beiden Seitenaltären, und ziehen in langer Reihe die Bauern an diesen vier Tellern vorbei, in jedes ihr Scherflein legend, zuerst die Männer, hierauf die Frauen, und eins hinter dem andern. Dazu braust und singt die Orgel, wie das so gewaltig und so fein und lieblich nur der Herr Hauptlehrer Dümlein aus ihr herausbringt. Und blaue Weihrauchwolken steigen auf und schweben in der goldenen Strahlenbahn, die durch das gelbe Altarfenster bricht, in sanften Wirbeln himmelwärts. Solcherweise ist endlich auch für die Seele des Schimmelwirts genug getan, und alles verläßt die Kirche und strömt dem Wirtshaus zu. Da könnte es nun eigentlich auffallen, wie schnell sich die Angehörigen des Verstorbenen verwandeln. Soeben noch anscheinend, und zumal die Frauen, eine Beute des Schmerzes, sind sie, kaum daß sie den Boden des Vaterhauses wieder unter den Füßen haben, geradezu Vorbilder wirtschaftlicher Rührigkeit und unverdrossenen Erwerbssinnes. Es ist, als wäre mit dem Ablegen der Trauergewandung ein fremder, unnatürlicher Einfluß gebannt und über die Frauen mit dem Vorbinden der weißen Küchenschürzen, über die Männer mit dem Aufstülpen der Hemdärmel der Geist der angestammten Umwelt und Arbeit gekommen. »Heda, Lenz! Eina mit der zwoaten Sau!« schreit die Mutter von der Küche in die Metzgerei hinaus; »dö erst ham s' scho glei aufgfressen.« »Der Beni bringt s' eh scho«, schreit der Lenz in die Küche zurück und sofort auch in die Schenke hinein: »Xaverl, weiter! In der Gartenschenk geht 's Bier aus. Außi mit an neuen Banzen!« Und der Xaverl und die Zenzi rumpeln mit dem Bierwagl auf die Gartenschenke hinzu und stemmen miteinander das Faß auf den Schenktisch, daß man staunen müßte ob der Behendigkeit und Kraft und Gewandtheit, wenn solche Hantierung hierzulande nicht selbstverständlich wäre. Der Lenz aber, selbst schon wieder mit Weib und Kind gesegnet, ist Erstgeborner und der Beni der Jüngste, und der Xaverl in der Mitten hat auch schon den Fünfundzwanziger droben, und um ihn herum, jünger und älter, wie man sie haben will, sind die Töchter gruppiert. Die Zenzi, die die Bierbanzen trotz einem Schenkkellner stemmt, und die Resl, die als Kellnerin im Garten werkelt, und die Lisi, die in der Stuben bedient, und die Stasi, die der Mutter in der Kuchl hilft, und die Urschi, von der der Vater so oft gesagt hat: wer für einen Hotelier eine Frau sucht, der sollte zur Urschi kommen, und die deshalb auch jetzt den Verwandten gegenüber die Honneurs machen muß. Keine einfache Aufgabe; denn ein Zuwenig an Aufmerksamkeit, die schon mit der Placierung der Freundschaft einzusetzen und dabei die entfernten von den nahen Verwandten scharf zu sondern hat, wird von der Stunde an mit einem Zuviel an Gekränktheit erwidert. Um den Xaverl als Mittelpunkt herum sind aber vor etlichen zwanzig Jahren auch noch drei Buben eingefallen. Doch die haben schon vor dem Vater Feierabend gemacht und liegen jetzt irgendwo in Frankreich drin. Auch damals, als nacheinander die Trauerbotschaften kamen und nacheinander die Seelenämter für die gefallenen Schimmelwirtsbuben gelesen wurden, war es genau so wie heut, nur daß dazumal noch der Vater selber mitgewerkt hat. Denn immer und von jeher war auf dem Schimmelwirtsanwesen die Arbeit daheim, und niemand ist ihr aus dem Weg gegangen. Die Arbeitsfreude und – und – noch etwas. Man wird es ja ohnehin gleich sehen. »Resl! Lisi!« schreit die Schimmelwirtin mit brennrotem Kuchlkopf, »der Schweinsbraten is ausganga. Aber 's Rindfleisch kost't dafür vo iatz o' grad so vui.« – »Is scho recht«, schreien die Lisi und die Resl zurück und schlagen sofort auf den Rindfleischpreis weiß Gott wie viel Prozente darauf. Zum Rindfleisch sind Kohlrabi nicht schlecht, aber – da müssen sie sein. Zwei dünne Scheibchen, die mutterseelenallein, auf einem flachen Dessertteller, in der wässerigen Sauce herumschwimmen, sind zu wenig; noch dazu für vierzig Pfennig. »Und iatz schütt't s' mir s'gar a no auf mei guate Hosen!«, hadert in der Stuben drin ein Trauergast, um jedoch von der flinken Lisi, während er die flüchtigen Scheibchen einfängt, nur die Antwort zu erhalten: »Hätt'st di nöt so dumm herghockt.« Schon setzt sie einem andern das bestellte Spitzel Rotwein vor und hat auf die Bemerkung seines Nachbarn: »Da kannst dir zahlen gnua, mei Liaber«, wiederum nur den bündigen Rat: »Sauft's a Bier, wenn Enk der Wein z'teuer is!« und ist bereits wieder im Nebenzimmer. »A Fotzen hat s' da scho«, stellt der Bauer mit dem Spitzel Rotwein fest; »aber a so san s' beim Schimmiwirt allsamm.« »Is ja der Vater a scho nöt anders gwen«, stimmt ein andrer bei. »Und d' Muatter nacher erst«, sagt ein dritter. »Mei Liaber, dö wann di anblast, da derfst di ei'halten, daß 's di nöt umwaht!« »Aber halt tätige Leut, all mitanander. Beim Zeug vo fruah bis spat. Und a Deanstbot, der da nöt mittuat, der ko si beim Schimmiwirt nöt halten.« »Tätig und ausgschamt«, sagt der Mann mit der Kohlrabisauce auf der Sonntagshosen. »Vierzg Pfenning für a Kohlrabibrüah!« »Und für a Schöppei Rotwein neunzge!« mischt sich einer vom nächsten Tisch her darein. »Is so öpps ebba nöt himmischreiend?« »Hab i nur bloß für d'Suppen scho dreißge zahlt.« »Himmikreuzsakrawalt! Dös is ja do dö aufglegte Seerauberei. Aber a so san s' beim Schimmiwirt allewei scho gwen. Und es is eahna koa Tag z' heilig, und es is eahna koaner z' traurig. Wo s' an Zuagriff hamm, da langen s' nöt daneben.« Überm Tisch der Sprechenden hängt von der Stubendecke ein Glasbehälter herab, darin ein sechsspänniges Botenfuhrwerk an die stolzen eisenbahnlosen Landstraßen- und Fuhrmannszeiten erinnert. »A so san s' beim Schimmiwirt scho gwen,« sagt ein ganz alter Bauer, »wia s' no a so« – er weist auf das von der Decke herabhängende Wahrzeichen hin – »bis aus Italien außergfahrn san.« »Und a so«, sagt einer, »wern s' a no in hundert Jahr sein. An Lenz seine Kinder, dö taaten ja eh liaber heut scho mit.« – Es will mich bedünken, als wäre gerade diese ahnentreue Art, Gutes und Ungutes umschließend, das Unsterbliche am Schimmelwirt, für das der alte Pfarrer gebetet hat. Und in dem Punkt konnte der Schimmelwirt freilich beruhigt sein. Er hat sein Teil, über Tod und Grab hinaus, in Kind und Kindeskind: Fortsetzung der Persönlichkeit. Auch das ist Altbayern.