Jean Froissart Von dem Leben u. Sterben des Grafen Gaston Phöbus von Foix u. von dem traurigen Tode seines Kindes Gaston. Aus der Chronik des Jean Froissart übertragen von Clemens Brentano 1923 Zur Zeit, als ich meinen Weg zu dem Grafen von Foix nahm, kam ich in die gute und schöne Stadt Paumiers, und hier verweilte ich, um Gesellschaft zu finden, die nach dem Lande Bearn gehe. Da fand ich in diesen Tagen durch Zufall einen Edelmann des Grafen von Foix, der aus Avignon zurückkam; man nannte ihn Messire Espaing du Lion, er war ein tapfrer Mann, ein kluger und schöner Ritter, und konnte er damals in dem Alter von fünfzig Jahren sein. Ich begab mich in seine Gesellschaft, und waren wir sechs Tage unterwegs, bis wir nach Ortais zu dem Grafen kamen. Indem wir so durchs Land ritten, wenn der genannte Edelmann sein Morgengebet vollendet hatte, vergnügte er sich den größten Teil des Tages damit, sich allerlei Neuigkeiten aus Frankreich von mir erzählen zu lassen, und antwortete er mir auch sehr ausführlich, wenn ich ihn um dieses oder jenes fragte. Nachdem er mir alles, was Merkwürdiges hie und da vorgefallen, so wie wir an den Orten vorbeiritten, erzählt hatte, und auch von dem Kampf, den Bourg d'Espaigne, ein sehr starker Mann und Waffenbruder des Grafen Gaston, gegen die vom Schloß Lourde gestritten, kamen wir auf die Stelle, wo in dieser Fehde zwei Anführer, der Mangant de Lourde und Ernaulton Bisecte, sich einander erschlagen hatten, und war allda ein Kreuz von Stein zum Gedächtnis der Schlacht errichtet. »Seht, das ist das Kreuz«, sprach Messire Espaing du Lion, und somit stiegen wir ab und beteten jeder ein Paternoster und ein Ave für die Seelen der hier Erschlagenen. »Bei meiner Treue«, sprach ich, als wir weiterritten, »ich habe Euch sehr gern reden hören; aber heilige Maria, der Bourg d'Espaigne, ist er ein so starker Mann, wie Ihr mir gesagt?« – »Bei meiner Treu«, sprach er, »ja, denn in ganz Gascognien mag man wohl seinesgleichen nicht finden an Stärke der Glieder, und darum hält ihn der Graf von Foix als seinen Gesellen. Und es sind nicht drei Jahr', daß ich ihn ein schön Stückchen habe treiben sehen, das ich Euch erzählen will. »Es traf sich, daß auf einen Weihnachtstag der Graf von Foix sein großes und reiches Fest mit Rittern und Herrn hielt, wie er es in der Gewohnheit hat, und an diesem Tag war es sehr kalt. Der Graf hatte in seinem Saale gegessen, und mit ihm eine große Menge von Herrn; nach der Mahlzeit verließ er den Saal und begab sich in eine Galerie, nach welcher man eine breite Treppe von vierundzwanzig Staffeln steigen muß. In dieser Galerie ist ein Kamin, in welchem man gewöhnlich, wenn der Graf sich da aufhält, Feuer macht, und sonst nicht, und macht man da kleines Feuer, denn er sieht nicht gern großes Feuer. Dort ist es wohl der Ort, Holz zu haben, denn ganz Bearn ist voll Wald, und hat er wohl, womit heizen, wenn er will, aber kleines Feuer ist ihm gebräuchlich. Nun fror es sehr stark, und die Luft war sehr kalt; als er in die Galerie gekommen war, sah er das Feuer, und schien es ihm sehr klein, und sagte er den Rittern, die da waren: »Seht so kleines Feuer für diese Kälte.« Ernaulton d'Espagne stieg sogleich die Treppe hinunter, denn durch die Fenster der Galerie, welche auf den Hof sahen, erblickte er da eine Menge Esel mit Holz beladen, die aus dem Wald für den Hofdienst kamen. Er kam in den Hof und nahm den größten dieser Esel, ganz mit Holz beladen, auf seinen Nacken sehr leicht und trug ihn die Treppe hinauf und machte sich Platz durch die Menge der Ritter und Edelleute, die vor dem Kamin standen, und warf das Holz und den Esel, die Füße in die Höh', in das Kamin auf den Brand, worüber der Graf von Foix große Freude hatte und alle, die da waren; und verwunderten sie sich über die Stärke des Ritters, wie er ganz allein sich so schwer aufgeladen und damit so viele Staffeln gestiegen war.« Viele Freude und Ergötzung machten mir die Erzählungen des Messire Espagne du Lion, und schien mir der Weg dadurch nur allzu kurz. Sooft ich ihn aber fragte, woher es doch komme, daß ein so herrlicher Mann als der Graf von Foix keinen rechtmäßigen Sohn habe, und warum seine Gemahlin nicht bei ihm lebe, oder um die Art, auf welche sein einziger Sohn gestorben, suchte der Ritter auszuweichen und verschob es stets auf den andern Tag. Als wir uns nun den letzten Abend der Stadt Morlaix näherten, sprach ich zu ihm: »Ihr habet mir viel erzählt, wovon ich nie etwas gehöret, und weil ich es weiß, so werde ich es zum ewigen Gedächtnis niederschreiben, so Gott will, daß ich zu meinem Lande zurückkehre. Aber noch um eines möchte ich Euch gerne fragen, wenn Ihr es nicht vor übel nehmt, nämlich durch welchen Zufall der Sohn des Grafen von Foix gestorben ist.« Da ward der Ritter nachdenklich und sprach: »Die Art seines Todes ist zu traurig, und will ich Euch nicht davon reden, und wenn Ihr nach Ortais kommt, so werdet Ihr wohl jemand finden, der es Euch erzählt.« Ich tröstete mich bis dahin, und so ritten wir weiter und kamen zum Nachtlager in die Stadt Morlaix. Den andern Tag kamen wir gen Sonnenuntergang nach Ortais, der Ritter stieg bei seiner Wohnung ab und ich in dem Hause »Zu dem Mond« bei einem Stallmeister des Grafen, der sich Arnauton du Pin nannte und mich sehr freudig aufnahm darum, daß ich ein Franzose war. Messire Espaing du Lion ging auf das Schloß und sprach dem Grafen von seinen Geschäften, den er in seiner Galerie fand; denn zu dieser Stunde ein wenig vorher hatte er zu Mittag gegessen, und die Gewohnheit des Grafen von Foix ist oder war damals so, und hatte er es immer also von Kindheit an gehalten, daß er gen Mittag aufstand und um Mitternacht zu Nacht aß. Der Ritter sagte ihm, daß ich gekommen sei. Es ward sogleich nach mir geschickt, denn es war oder ist wohl kein Herr auf der Welt, der lieber Fremde sähe oder Neuigkeiten hörte, als er. Als er mich sah, ließ er mir gar wohl anrichten und behielt mich auf seinem Schloß, wo ich mehr als zwölf Wochen blieb und mein Pferd wohl versorgt, ich auch mit allen andern Dingen trefflich versehen war. Die Annäherung von ihm zu mir war für diesmal, daß ich ein Buch mit mir gebracht hatte, welches ich auf Begehren zur Betrachtung Venzeslaus von Böheim, Herzogen von Luxemburg und Brabant, gemacht habe, und sind in diesem Buche, das »Der Meliader« heißt, alle die Lieder, Balladen, Rondeaus und Virelais enthalten, die jener kunstreiche Herzog zu seiner Zeit gemacht und meinen Erfindungen darüber einmischen lassen. Dieses Buch sah der Graf von Foix sehr gern, und alle Nacht nach dem Abendtisch las ich ihm daraus vor; aber während ich las, durfte keiner weder mit ihm sprechen noch ein Wort sagen, denn er wollte, daß ich wohl verstanden würde, und hatte er auch ein großes Vergnügen, alles deutlich zu vernehmen, und wenn auch irgendeine Sache vorkam, auf welche er einging, sprach er sehr gern mit mir darüber, nicht in seinem Gascognischen, sondern in gutem und schönem Französisch. Nun will ich einiges von seinem Wesen und seinem Schlosse erinnern, denn ich war lang genug dorten, um manches davon wissen zu können. Der Graf Gaston von Foix, von welchem ich rede, war zu dieser Zeit ohngefähr 59 Jahr' alt, und ich sage euch: habe ich zu meiner Zeit gleich viele Ritter, Könige und Prinzen gesehen, so ist mir doch keiner vorgekommen, der von so schönen Gliedern, von so schöner Gestalt, noch von so schönem Wuchs, fröhlichem Angesicht, blutvoll und lachend war. Er hatte grünlichte Angen, die sahen gar liebreich dahin, wo er seinen Blick hinzuwerfen beliebte. In allem war er so vollkommen, daß man ihn nicht genug loben konnte; er liebte, was er lieben, und haßte, was er hassen sollte. Ein kluger Ritter war er und von hohem Unternehmen und voll guten Rats. Nie hatte er einen Zweifelmütigen um sich, er war ein ernster Mann in der Regierung, er betete stehend täglich eine Nocturne des Psalters, eine Hora von Unsrer Lieben Frau, von dem Heiligen Geist, von dem Kreuz und die vigilia mortis . Alle Tage ließ er fünf Gulden kleiner Münze zu Gottes Lohn und Almosen an seiner Türe jeglichen Armen verteilen. Er war prächtig und höflich in Gaben und wußte sehr wohl zu nehmen, wo es sich gehörte, und zu geben ebenso. Er liebte die Hunde über alle Tiere und ergötzte sich in den Feldern sommers und winters gerne mit der Jagd. Nie liebte er tolle Verschwendung noch tolle Pracht und wollte alle Monat wissen, was aus dem Seinigen geworden sei. Er nahm aus seinem Land, um die Einnahme zu empfangen und seiner Leute Sold zu ordnen, ansehnliche Männer, und zwar deren zwölfe, und von zwei Monat zu zwei Monat ward er von zweien ans ihnen in seiner Einnahme bedient, die dann mit zwei andern in dem Geschäfte wechselten. Aus seinem vertrautesten Mann machte er seinen Gegenrechner; dieser nahm von den andern alle Rechnungen auf und legte dieselben schriftlich dem Grafen wieder ab. In seiner Stube hatte er gewisse Kasten, aus welchen er manchmal Geld nehmen ließ, um es den Edelleuten, Herrn oder Hofdienern, zu geben, die zu ihm kommen; denn nie verließ ihn jemand ohne ein Geschenk, und stets vermehrte er seinen Schatz, um die Zufälle und Schicksale ruhig erwarten zu können, deren er sich vermutete. Er war herablassend und zugänglich jedermann und redete freundlich und liebreich mit allen; kurz war er in seinen Entschlüssen und Antworten. Er hatte vier geistliche Geheimschreiber, Briefe zu schreiben und zu beantworten, und wenn es ihm beliebte, daß diese vier Schreiber sich fertig hielten, sobald er aus seinem Gemache heraustrat, rief er weder Jean noch Gauthier noch Guillaume, sondern wenn man ihm Briefe brachte und er sie angenommen, rief er sie nur Melmesert (Dien-mir-schlecht), entweder zum Schreiben oder für alles andre, was er ihnen befahl. Also, wie ich euch sage, lebte der Graf von Foix. Und wenn er aus seiner Stube um Mitternacht in seinen Saal zum Nachtmahl kam, so trugen zwölf Diener zwölf brennende Fackeln vor ihm her, und diese zwölf Fackeln blieben um seinen Tisch herum, welches in dem Saal eine große Helle verursachte. Dieser Saal war angefüllt mit Rittern und Hofleuten, und stets waren eine Menge Tische gedeckt, zu essen für die, die essen wollten. Keiner sprach zu ihm während der Tafel, wenn er ihn nicht darum anredete. Er aß gewöhnlich eine Menge Geflügel und besonders die Flügel und Schenkel allein, und den übrigen Tag aß er und trank er wenig. Große Freude empfing er an den Tönen der Harfenschläger, denn er verstand sich wohl darauf. Gern ließ er seine Schreiber Lieder, Rondeaus und Virelais singen; er saß zu Tische ohngefähr zwei Stunden, auch sah er gern allerlei wunderbare Zwischenspiele und schickte sie, sobald er sie gesehen, zu den Tischen der Ritter und Hofdiener. Kurz, an so vielen Höfen von Königen, Herzogen, Prinzen, Grafen und hohen Damen ich auch war, gefiel es mir nirgend so wohl, und fand ich nirgend ritterliche Sitte so wohl bestehend. Man sah in dem Gemache, in dem Saal und Hof Ritter und Ehrendiener auf und ab wandeln, und hörte man sie von Waffen und Liebe sprechen, und alle Ehre ward darin gefunden. Was nur irgend Neues in einem Land oder Königreich vorgefallen, mochte man da wohl vernehmen, denn von überall trafen hier der Würde des Herrns wegen die Nachrichten ein. Da hörte ich den größten Teil aller Kriegshandlungen ans Spanien, Portugal, Arragon, Navarra, England, Schottland und von den Grenzen Languedocs; denn während meinem Aufenthalt sah ich da Boten und Ritter von allen Nationen anlangen, die mich gern unterrichteten, wie auch der Graf selbst, der mir oft davon sprach. Sehr gern hätte ich gefragt, da ich den Hof des Grafen so prächtig und im Überflusse fand, was aus Gaston, seinem Sohn, geworden, und wie er gestorben sei – denn Messire Espaing du Lion hatte es mir nicht sagen wollen –, und erhielt endlich, daß ein alter Hofmann, ein sehr ansehnlicher Mann, mir es sagte. Von dem traurigen Tode des Kindes v. Foix Er begann auch seine Erzählung folgendermaßen : Es ist wahr, daß der Graf von Foix und Madame de Foix, seine Gemahlin, nicht wohl einverstanden sind, noch es je lange gewesen, und rührt das Mißverständnis unter ihnen von dem König von Navarra her, welcher der Bruder dieser Dame war; denn dieser wollte den Seigneur d'Albret, den der Graf von Foix gefangenhielt, um die Summe von 50 000 Franken auslösen. Der Graf, welcher den König von Navarra als falsch und hinterlistig kannte, wollte ihm diese Summe nicht borgen, worüber die Gräfin sehr unwillig gegen ihren Gemahl wurde, und sagte sie zu ihm: »Mein Herr und Gemahl, Ihr traget wenige Achtung zu meinem Herrn Bruder, wenn Ihr ihm nicht 50 000 Livres borgen wollt, auch wißt Ihr, daß Ihr mir mein Witwengeld von 50 000 Franken anweisen und sie zu den Händen meines Herrn Bruders stellen müßt, also könnet Ihr nie übel bezahlt werden.« – »Ihr sagt die Wahrheit«, sprach er; »aber wenn ich sorgte, der König von Navarra solle die Zahlung verschieben, nie würde mir der Sire d'Albret von Ortais wegkommen, bis ich zu dem letzten Heller bezahlt wäre. Doch weil Ihr mich darum bittet, so will ich es tun, nicht aus Liebe zu Euch, sondern aus Liebe zu meinem Sohn.« Auf dieses sein Wort und das Handschreiben des Königs von Navarra, der sich für ihn verschuldete, ward Sire d'Albret frei, verheiratete sich mit der Schwester des Herzogs von Bourbon und bezahlte dem König von Navarra die 50 000 Livres, für die er sich verpflichtet hatte. Aber dieser schickte sie keineswegs dem Grafen; da sagte der Graf zu seiner Gemahlin: »Bei Gott, Ihr müßt nach Navarra zu Eurem Bruder gehn und ihm sagen, daß ich sehr unzufrieden mit ihm bin, wenn er mir nicht sendet, was er mir schuldig ist.« Die Dame antwortete, daß sie sehr gern gehen würde, und reiste von dem Grafen mit den Ihrigen ab und kam nach Pampeluna zu ihrem Bruder, der sie fröhlich empfing. Da sie aber bei dem König nichts ausrichten konnte, wagte sie es auch nicht, zurückzukehren, denn sie kannte die wilde Gesinnung ihres Gemahls, wenn er irgendeinen Unmut gefaßt. So blieb es. Gaston, der Sohn meines Herrn, wuchs heran und ward ein schönes Kind, und wurde er mit der Tochter des Grafen d'Armagnac versprochen. Der Jüngling mochte fünfzehn bis sechszehn Jahre haben, aber er war ein sehr schöner Ritter und sah an allen Gliedern seinem Vater ähnlich. Ihm kam der Wunsch, nach Navarra zu gehen, seine Mutter und Oheim zu besuchen; das war wohl zum Unglück seiner und dieses Landes. Man bewirtete ihn wohl in Navarra, und blieb er eine Zeitlang mit seiner Mutter, dann nahm er Abschied, konnte sie aber mit keiner Rede bewegen, ihn nach Foix zu begleiten; denn als sie ihn fragte, ob sein Vater ihm aufgetragen, sie zurückzubringen, mußte er wohl sagen, daß davon keine Rede gewesen sei. Also blieb sie zurück, und er begab sich nach Pampeluna, sich seinem Onkel zu empfehlen. Der König hielt ihn sehr gut über zehn Tage lang und machte ihm und seinen Leuten schöne Geschenke. Das letzte Geschenk aber, das der König von Navarra ihm machte, das war der Tod des Kindes, und nun hört, wie und warum. Als die Zeit kam, daß er abreise, nahm ihn der König in seine Stube allein und gab ihm ein Beutelchen voll Pulver, und es war keine lebendige Kreatur, die nicht von dem Anrühren oder Essen dieses Pulvers ohne alle Hülfe hätte sterben müssen. »Gaston«, sagte der König, »schöner Neffe, Ihr sollt tun, was ich Euch sage. Ihr seht, wie der Graf von Foix mit Unrecht Eure Mutter, meine Schwester, höchlich haßt, was mir sehr mißfällt, und das muß es Euch auch tun. Vor allem, um die Sache gutzumachen, und daß Eure Mutter sich wieder wohl mit Eurem Vater befinde, so müsset Ihr eine Messerspitze dieses Pulvers bei Gelegenheit auf das Fleisch, welches Euer Vater ißt, streuen, aber hütet Euch, daß Euch niemand sehe, und sobald er davon gegessen, wird er kein anderes Verlangen haben, als Eure Mutter, seine Gattin, bei sich zu sehen, und werden sie sich sodann dermaßen lieben, daß sie sich nie mehr trennen wollen. Alles das müßt Ihr nun sehr wünschen, aber hütet Euch, nur irgend jemand davon zu vertrauen, sonst kommt Ihr um Euren Anschlag.« Das Kind, welches aber glaubte, was der König, sein Onkel, ihm gesagt, antwortete und sprach: »Gar gern.« Nun verließ er Pampeluna und kam nach Ortais zurück. Der Graf, sein Vater, empfing ihn freudig, fragte ihn um Neuigkeiten aus Navarra und um Geschenke und Kleinodien, die man ihm gegeben. Dieser sagte: »Sehr viel' schöne Geschenke« und zeigte sie ihm alle, außer dem Beutlein, worin das Pulver war. Nun war es aber in dem Schlosse von Foix gewöhnlich, daß Gaston und Ivain, sein natürlicher Bruder, in einer Stube schliefen, und liebten sie sich, wie junge Brüder es tun, und kleideten sie sich in die nämlichen Wämser und Kleider, denn sie waren ohngefähr von einer Größe und einem Alter, und kam es, daß sich einstens, wie bei Kindern wohl geschieht, ihre Kleider vermischten, und die Jacke des Gaston kam auf Ivains Bett, und dieser, der schlau genug war, fühlte das Pulver in dem Beutlein und fragte Gaston: »Was ist das, das du immer auf deiner Brust trägst?« Gaston ward dieser Worte nicht froh und sprach: »Ivain, gib mir meinen Wams wieder, du hast nichts mit ihm zu tun.« Ivain warf ihm seinen Wams zu, Gaston legte ihn an und war den ganzen Tag nachdenklicher als je. Nun traf es sich drei Tage nachher, da Gott der Herr den Grafen von Foix retten und behüten wollte, daß Gaston sich über seinen Bruder im Ballspiel erzürnte und ihm einen Backenstreich gab. Der Knabe, darüber erbittert, trat ganz weinend in die Stube seines Vaters und fand ihn zur Stunde, da er eben die Messe gehört hatte. Da der Graf ihn weinen sah, sprach er: »Ivain, was fehlt dir?« – »Daß sich Gott erbarm´, mein Herr«, sagte er, »Gaston hat mich geschlagen, aber es ist wohl ebensoviel oder wohl mehr an ihm zu schlagen als an mir.« – »Warum?« sprach der Graf, der sogleich in den Verdacht einging. »Mein Treu«, sagt er, »Herr, seitdem er von Navarra zurückgekommen, trägt er stets auf seiner Brust ein Beutlein ganz voll Pulver, aber ich weiß nicht, wozu man's braucht, oder was er mit machen will, nur, daß er mir ein- oder zweimal gesagt, seine Frau Mutter werde bald wieder in Eurer Gnade stehen und viel höher, als sie jemals darin gestanden.« – »Ha«, sagte der Graf von Foix, »schweig still und hüte dich wohl, irgendeinem lebendigen Menschen hievon weiter ein Wort zu sagen.« – »Mein Herr«, sagte das Kind, »das will ich gern tun.« Nun ward der Graf von Foix ganz nachdenklich und bedeckte sein Haupt bis zur Stunde des Mittagsmahls und wusch sich und setzte sich wie an den andern Tagen in seinen Saal zur Tafel; Gaston, sein Sohn, hatte das Amt, ihn mit allen seinen Gerichten zu bedienen und all seine Fleischspeisen vor ihm zu kosten; sobald er seine erste Schüssel vor den Grafen gesetzt und getan hatte, was er sollte, warf der Graf, seiner Sache ganz versichert, seine Augen auf ihn, da sah er die Quasten des Beutleins an der Jacke seines Sohnes, sein Blut ward erregt, und sprach er: »Gaston, tritt näher, ich will dir etwas ins Ohr sagen.« Das Kind näherte sich zu dem Tisch, nun öffnete ihm der Graf den Busen, tat seine Jacke auseinander, nahm sein Messer und schnitt ihm das Beutlein ab. Das Kind war ganz erschrocken und gab keinen Laut von sich, aber ward gar bleich unter seinen Augen vor Furcht und begann sehr stark zu zittern, denn es fühlte sich schuldig. Der Graf öffnete das Beutlein und streute ein wenig des Pulvers auf ein Stück Brot, rief einen Hund und gab es ihm zu fressen; sobald der Hund den ersten Bissen verschluckt, verdrehte er die Augen und starb. Als der Graf dies gesehen, ward er gar erzürnt und hatte wohl Ursach', und stand vom Tisch auf, nahm sein Messer und wollte es nach seinem Sohne werfen, aber die Ritter und Hofdiener sprangen ihm in den Weg und sprachen: »Herr, um Gottes willen übereilt Euch nicht und unterrichtet Euch zuvor von der Sache, ehe Ihr Eurem Sohne Übels tut.« Und das erste Wort, was der Graf sagte, sprach er in seiner gascognischen Mundart: »Ha, Gaston Verräter, um dich und um dein Erbe zu vergrößern, habe ich Krieg gehabt und Haß gegen den König von Frankreich, von England, von Spanien, von Navarra und von Arragon, und gegen sie habe ich mich gut gehalten und tapfer, und du willst mich nun ermorden, das kommt dir aus verfluchtem Blut und aus böser Natur, wisse, darum sollst du sterben, nun, nun.« Da sprang er über den Tisch mit dem Messer in der Hand und wollte ihn töten, aber die Ritter und Hofdiener warfen sich ihm zu Füßen und weinten vor ihm und sagten: »Ach, unser Herr, um Gottes willen tötet nicht Gaston. Ihr würdet kein Kind mehr haben, laßt ihn gefangensetzen und unterrichtet Euch von der Sache, denn vielleicht wußte er nicht, was er trug, und hat keine Schuld an dieser Schandtat.« »Nun dann«, sagte der Graf, »setzt mir ihn in den Turm und bewacht ihn so, daß Ihr mir für ihn gutsteht.« Da ward das Kind von Stund an in den Turm gesetzt. Der Graf ließ nun eine Menge von jenen, die seinen Sohn bedienten, gefangennehmen, aber er fing sie nicht alle, denn viele entflohen; so auch ist der Bischof de Lescalle noch außer Lands, der mit im Verdacht stand, wie andre mehr. Aber er ließ ihrer wohl an fünfzehn sehr schrecklich ermorden; die Ursache davon war, daß sie seines Kindes Heimlichkeit hätten wissen und ihm hätten sagen sollen: »Unser Herr Gaston trägt ein Beutlein auf seiner Brust, der und der Art«; aber davon taten sie nichts, und darum starben sie schrecklich, und es war wohl ein Jammer um mehrere dieser Hofleute, denn in ganz Gascognien waren keine so wohl versehen, als diese es gewesen, denn immer war der Graf von Foix von guter Dienerschaft umgeben. Gar sehr nahm sich der Graf diese Sache zu Herzen und zeigte es wohl; denn er ließ eines Tages alle Edelleute und alle Prälaten von Foix und Bearn und alle ansehnliche Leute dieses Landes zusammenrufen gen Ortais, und als sie gekommen waren, erklärte er ihnen, warum er sie gerufen, und wie er seinen Sohn in solcher Schuld und so großem Verbrechen befunden habe, daß es sein Entschluß sei, daß er sterbe, und daß er den Tod verdienet. Alles Volk antwortete auf diese Rede einstimmig: »Herr, haltet uns zu Gnaden, wir wollen nicht, daß Gaston sterbe, er ist Euer Erbe, und Ihr habt keinen mehr.« Als der Graf sein Volk für seinen Sohn bitten hörte, bezähmte er sich ein wenig und entschloß sich, ihn mit Gefängnis zu strafen; er wollte ihn zwei oder drei Monate innehalten und ihn dann zwei oder drei Jahre irgend auf Reisen schicken, bis daß er seine Tat vergessen und das Kind zu besserem Verstand und heller Einsicht gekommen sei. So gab er seinem Volk den Abschied, aber die aus der Grafschaft von Foix wollten nicht eher aus Ortais ziehen, bis der Graf ihnen verspreche, daß Gaston nicht sterben würde; also liebten sie das Kind. Da er ihnen dieses zugesagt, verließen diese Leute aller Art die Stadt, und blieb Gaston zu Ortais gefangen. Diese Sache verbreitete sich an mehreren Orten und auch nach Avignon, wo damals sich Papst Gregor Xl. aufhielt. Er schickte sogleich den Kardinal von Amiens als Legat nach Bearn, aber dieser war kaum nach Bessières gekommen, als er die Nachricht erhielt, daß es ihm nicht not tue, nach Bearn zu gehen, denn Gaston, der Sohn des Grafen von Foix, sei tot. Nun will ich Euch sagen, wie er gestorben ist, weil ich nun einmal schon so viel davon geredet. Der Graf hielt ihn in einem Gemach des Turms von Ortais gefangen, wo wenig Licht hineinfiel, und war er da zehn Tage. Wenig trank er und aß er, denn er wollte nicht, soviel Speise und Trank man ihm auch täglich brachte, und wenn das Fleisch kam, so schob er es beiseite und wollte es nicht essen, und einige wollen sagen, daß man alle die Speisen, die man ihm gebracht, unversehrt gefunden, und es sei ein Wunder, wie er so lang habe leben können, aus vielerlei Ursachen. Der Graf ließ ihn dort ohne irgendeine Wache, die bei ihm in der Stube gewesen wäre und ihm geraten und ihn getröstet hätte, und blieb das Kind stets in denselben Kleidern, wie er hineingekommen, und so ward er gar traurig und tiefsinnig, denn er war das nicht gewohnt. Auch verfluchte er die Stunde, in der er empfangen und geboren worden, um zu solchem Ende zu kommen. Den Tag seines Todes brachten die, welche ihn bedienten, ihm das Fleisch und sagten: »Gaston, sehet, hier ist Fleisch für Euch.« Gaston achtete nicht darauf und sprach: »Stellet es hin.« Da sah der Diener in dem Gefängnis alle das Fleisch, welches er ihm in den vorigen Tagen gebracht, hie und da verstecket; darum schloß er die Stube und kam vor den Grafen von Foix und sprach: Herr, um Gottes willen gebt acht auf Euren Sohn, denn er verhungert sich in dem Gefängnis, wo er liegt, und glaube ich, daß er noch nicht gegessen, seit er darinnen, denn ich habe alles, was ich ihm noch gebracht, beiseite geworfen gefunden.« Über diese Rede erzürnte der Graf und ging, ohne ein Wort zu sagen, aus der Stube und kam zu dem Gefängnis, wo sein Sohn lag, und hatte zum Unglück ein kleines Messerlein in der Hand, womit er sich seine Nägel schnitt und reinigte; er ließ die Türe des Gefängnisses öffnen und kam zu seinem Sohn und hielt die Klinge des Messers so nahe an der Spitze, daß er nicht mehr als die Dicke eines Silbergroschen davon außer den Fingern hervorstehen hatte. Zum Unglück, als er diese kleine Spitze in den Hals seines Sohnes stieß, verletzte er ihm ich weiß nicht was für eine Ader und sagte: »Ha, Verräter, warum ißt du nicht?« Und hierauf begab sich der Graf sogleich hinweg, ohne weiter etwas zu sagen und zu tun, und kehrte in seine Stube zurück. Das Kind war erschrocken und erschüttert durch die Ankunft seines Vaters, auch war er gar schwach durch Fasten, und da er die Spitze des Messers sah oder fühlte, die ihn, so klein sie auch war, in den Hals verwundete (aber es war wie in eine Ader), so wendete er sich zur Seite und starb da; der Graf war kaum zu seiner Stube zurückgekehrt, als ihm der Diener seines Sohnes die Nachricht brachte und ihm sagte: »Mein Herr, Gaston ist tot.« – »Tot?« sagte der Graf.– »So wahr als Gott lebt, Herr.« Der Graf wollte es nicht glauben und sendete einen seiner Edelleute hin, der an seiner Seite war; der Ritter kam zurück und sagte, daß er wirklich tot sei. Da ward nun der Graf von Foix höchlich erschüttert und bejammerte seinen Sohn gar sehr und sagte: »Ha, Gaston, welch elend Geschick ist hier dir und mir; zu böser Stunde gingst du nach Navarra, deine Mutter zu sehn. Nie mehr werde ich solche Fröhlichkeit empfinden, als ich sonst wohl empfangen.« Dann ließ er seinen Bader kommen und ließ sich sein Haar abscheren und kleidete sich in Schwarz und alle die seines Hauses, und ward der Leichnam des Kindes unter Tränen und Geschrei zu den Minoritenbrüdern zu Ortais getragen und dort begraben. Und so wie ich Euch von dem Tod erzählt habe, so hat Gaston de Foix durch seinen Vater den Tod erlitten, aber der König von Navarra hat ihn ermordet. Die traurige Geschichte von dem Tode dieses Sohnes des Grafen zu hörend zog ich mir sehr zu Herzen, und beklagte ich ihn gar sehr aus Liebe zu dem trefflichen Grafen, seinem Vater, den ich von so hoher Gesinnung, so edel, freigebig und höflich erfunden hatte, und auch aus Liebe zu dem Land, das durch den Mangel eines Erben sehr betrübet war, und nahm ich nun Abschied von diesem Edelmann und dankte ihm, daß er mir also gefällig die Sache erzählet habe. Noch oft sah ich den Edelmann, der mir solches erzählt, auf dem Schlosse von Foix, und einstens fragte ich ihn, warum doch Messire Pierre de Bearn, der mir ein gar tapferer und reicher Herr schien, nicht verheiratet sei. »Verheiratet ist er wohl«, sprach er, »aber seine Frau und seine Kinder wohnen nicht bei ihm.« »Und warum das?« sprach ich da. »Das will ich Euch wohl erzählen«, sagte der Edelmann. »Messire Pierre de Bearn hat die Gewohnheit, daß er nachts aus dem Schlaf erwacht, aufsteht, sich bewaffnet, seinen Degen zieht, um sich her kämpft, und man weiß nicht, gegen wen, was denn sehr sorglich ist. Aber seine Diener, die in seiner Stube schlafen und ihn bewachen, springen dann auf, wenn sie ihn so fechten sehen und sagen ihm, was er treibt. Er sagt dann aber zu ihnen, er wisse nichts davon, und sie seien Lügner. Manchmal ließ man ihm auch keine Waffen und Degen in seiner Stube, aber wenn er dann erwachte und sie nicht fand, führte er ein solches Getöse und Unwesen, daß man glauben sollte, alle höllischen Teufel wären bei ihm in der Stube. Darum läßt man sie ihm lieber und achtet auf ihn; wenn er dann sich bewaffnet und wieder entwaffnet hat, legt er sich wieder zu Bett.« »Heilige Maria«, sagte ich, woher mag wohl solche Phantasie dem Messire Pierre kommen, daß er nachts aufsteht und solch Gefechte hält? Das sind sehr wunderbare Sachen.« – »Meiner Treu«, sagte der Hofmann, »man hat ihn oft darum befragt, aber er weiß nicht zu sagen, woher ihm das kommt. Die erste Nacht, als man es bei ihm bemerkte, folgte auf einen Tag, an welchem er in einem Wald in Biscayen einen wunderbar großen Bär gejagt hatte. Dieser Bär hatte vier seiner Hunde getötet und noch mehrere verwundet, so daß die übrigen nicht an ihn wollten. Da nahm Messire einen Degen von Bourdeaux, den er trug, und machte sich, sehr erzürnt seiner getöteten Hunde wegen, an den Bären, stritt da in großer Leibesgefahr lange mit ihm und hatte große Not, bis er ihn erlegte. Endlich tötete er ihn und kehrte dann nach seinem Schloß Langue Deuton zurück, wohin er sich den erschlagenen Bären bringen ließ. Alle erstaunten über die Größe des Tiers und die Kühnheit des Ritters, mit der er ihn angefallen und erschlagen hatte. Als die Gräfin von Biscayen, seine Gemahlin, den Bären sah, fiel sie in eine Ohnmacht und bezeigte großen Schmerz darüber. Sie wurde von ihren Leuten aufgehoben und nach ihrer Stube gebracht und war diesen Tag und die folgende Nacht gar trostlos und wollte nicht sagen, was ihr fehlte. Den dritten Tag sprach sie zu ihrem Gemahl: »Mein Herr, ich werde niemals wieder gesund werden, ehe ich nicht nach St. Jakob gewallfahrtet bin; gebet mir Urlaub, dahin zu gehen, und daß ich Pierre, meinen Sohn, und Andrienne, meine Tochter, mit mir nehme; ich begehre es von Euch.« Messire Pierre erlaubte es ihr sehr gern und ließ sie ihren ganzen Schatz, ihr Gold, ihr Silber und ihre Juwelen mitnehmen; denn er wußte wohl, daß sie nicht wiederkehren würde, dessen man sich doch sonst nicht versah. Die Dame vollbrachte ihre Reise und Wallfahrt und nahm sodann Gelegenheit, ihren Vetter, den König von Kastilien, und die Königin zu besuchen; da empfing man sie sehr wohl, und ist sie noch dort, will auch nicht zurückkehren noch ihre Kinder zurückschicken, und ich muß Euch sagen, daß in derselben Nacht, vor welcher er den Bären gejagt und getötet, er sich erhoben und ihm zum erstenmal diese wunderbare Phantasie angestoßen ist; und will man wissen, daß die Dame das wohl vorausgewußt habe, sobald als sie den Bären gesehen, welchen ihr Herr Vater schon einmal gejagt hatte, dem damals auf der Jagd eine Stimme zugerufen: »Du jagst mich, und ich will dir doch kein Übels, aber du sollst darum sterben eines bösen Tods.« Da hatte dann die Dame sich daran erinnert, als sie den Bären sah, und auch der Rede ihres Vaters, und gedachte sie wohl daran, wie der König Dom Pedro ihn unschuldig hatte enthaupten lassen, und darum sank sie in Ohnmacht vor ihrem Gemahl und behauptet noch immer, daß es ihm noch wunderbar ergehen werde, ehe er sterbe, und daß das alles nichts sei, was ihm auch jetzt geschehe, gegen das, was noch kommen werde. Und so habe ich Euch denn von dem Messire Pierre de Bearn erzählt«, sagte der Hofmann, »wie Ihr begehrt habt, und ist die Sache wahrhaft, denn so ist sie geschehen, und was haltet Ihr davon?« Ich, der ich ganz nachdenklich über die wunderbare Geschichte geworden war, sprach: »Ich glaube das gar wohl, denn wir finden in der Schrift, daß die Götter und Göttinnen vor alten Zeiten nach ihrem Vergnügen die Männer in Tiere und Vögel verwandelten, und so machten sie's auch mit den Weibern. Es kann gar wohl sein, daß dieser Bär ein Ritter gewesen, der einstens in den biscanischen Wäldern gejagt – er beleidigte vielleicht einen Gott oder eine Göttin zu seiner Zeit, warum er in einen Bären verwandelt wurde – und nun da seine Buße tat, so wie Aktäon in einen Hirsch verwandelt wurde.« – »Aktäon?« antwortete der Hofmann, »lieber Meister, erzählt mir davon, und ich will Euch gern zuhören«; da erzählte ich ihm die Geschichte von Aktäon und sagte hierauf: »So kann es auch mit jenem Bären gewesen sein, und hat die Dame vielleicht noch was ganz anders erwartet und wußte, was sie damals nicht sagte; darum muß man sie für entschuldigt halten.« Da sprach der Hofmann: »Das kann alles wohl sein«, und somit beschlossen wir unsre Erzählung. Sehr wunderbar und nachdenklich ist eine Sache – und ich werde, solange ich lebe, sie nicht vergessen –, welche mir ein Hofmann erzählte, der mir auch die unglückliche Schlacht bei Juberoth erzählt hatte; es ist ganz wahr, wie er mir sagte, daß den Tag nach dieser Schlacht der Graf von Foix schon darum wußte, und war ich höchlich erstaunt, wie das möglich sei, und den ganzen Sonntag und Montag und den folgenden Dienstag war er auf seinem Schloß zu Ortais so still und betrübt, daß man kein Wort aus ihm bringen konnte; auch wollte er in diesen drei Tagen seine Stube nicht verlassen noch mit einem Ritter oder Hofdiener sprechen, so vertraut er ihm auch gewesen sei, und ließ er deren welche zu sich kommen, aber redete nicht mit ihnen. Den Dienstag abend ließ er seinen Bruder Arnauld Guillaume rufen und sagte ihm ganz leise: »Unsre Leute haben zu schaffen gehabt, worüber ich gar traurig bin, denn dieser Heerzug ist ihnen so bekommen, wie ich es ihnen bei der Abreise wohl vorhergesagt habe.« Arnauld Guillaume, der ein sehr kluger Mann ist und die Art und Beschaffenheit seines Bruders wohl kannte, schwieg ein wenig, und der Graf, der seinen Mut aufheitern wollte – denn nur gar zu lang hatte er seinen Verdruß mit sich herumgetragen –, nahm das Wort von neuem und sprach lauter als vorher: »Bei Gott, Messire Arnauld, so ist es, wie ich Euch gesagt, und werden wir bald Nachricht davon hören. Aber niemals noch hat das Land Bearn seit hundert Jahren an einem Tag so viel verloren als diesmal in Portugal.« Mehrere Ritter und Hofdiener, die zugegen waren und diese Rede des Grafen hörten, getrauten sich nicht zu sprechen und machten ihre Anmerkungen im stillen darüber. Zehn Tage nachher hörte man die Wahrheit wohl von denen, die dabei gewesen waren, und die gern jedem erzählten, der es hören wollte, wie es zu Juberoth hergegangen war. Da erneute sich die Trauer des Grafen und aller derer, welche dabei ihre Brüder, Anverwandte, Kinder oder Freunde verloren hatten. »Heilige Maria«, sagte ich zu dem Hofmann, der mir die Geschichte erzählte, »aber wie ist es nur möglich, daß der Graf von Foix eine solche Nachricht so schnell wissen oder erraten kann, als von heut auf morgen?« – »Meiner Treu«, sagte er, »er wußte es wohl, wie es sich zeigt« – »So muß er denn ein Wahrsager sein«, sagte ich, »oder er hat Boten, die auf dem Wind reiten, oder er hat irgendeine Kunst.« Der Hofmann lachte und sagte: »Wahrscheinlich muß er es durch irgend Zauberei erfahren, aber wir wissen eigentlich hierzuland nicht, wie er es machte und haben darüber nur eine Vermutung.« Da sagt ich zu dem Hofmann: »Und diese Vermutung, wollt Ihr mir sie wohl sagen? Und wenn es eine Sache ist zum Verschweigen, so will ich sie wohl verschweigen und niemals, solang ich auf der Welt oder in diesem Land bin, den Mund darüber auftun.« – »Ich bitte Euch drum«, sagte der Hofmann, »denn ich wollte nicht gern, daß man es wüßte, wie Ihr es von mir erfahren; doch spricht man wohl unter seinen Freunden davon.« Nun zog er mich in einen Winkel der Kapelle im Schloß Ortais und begann feine Erzählung folgendermaßen: »Es sind wohl ohngefähr zwanzig Jahre, daß in diesem Lande ein Baron lebte, der sich Raymond Seigneur de Corasse nannte; Corasse, damit Ihr mich recht versteht, ist eine Stadt, sieben Stunden von dieser Stadt Ortais; der Seigneur de Corasse hatte damals einen Prozeß zu Avignon vor dem Papst, wegen der Zehnden der Kirche in seiner Stadt, gegen einen Pfaffen von Castellogne, der sehr reich fundiert war. Dieser klagte, daß er ein groß Recht auf die Zehnden von Corasse habe, die wohl eine Einnahme von hundert Gulden betrugen, und das Recht, das er darauf hatte, zeigte und bewies er. Denn durch ein letztes Urteil vor dem ganzen Konsistorium verdammte der Papst Urban V. den Baron und entschied für den Pfaffen. Dieser nahm eine Abschrift des Urteils und ritt so schnell als möglich nach Bearn, zeigte seine Bullen und Briefe und ließ sich kraft derselben in Besitz des Zehenden setzen. Der Baron, der sich wohl der Geschäfte des Pfaffen vermutete, ging ihm entgegen und sagte zu ihm: »Meister Peter oder Meister Martin«, wie er dann hieß, »denkt Ihr dann, daß ich durch Eure Briefe mein Erbe verlieren soll? So viel Mut traue ich Euch wohl nicht zu, daß Ihr irgendeine Sache nehmet oder aufhebt, die mein ist, und tut Ihr es, so komm' ich Euch ans Leben; drum geht und suchet anderswo Gefälle; ich sage Euch einmal für allemal: Von meinem Erbe werden Ihr nichts kriegen.« »Der Pfaffe hütete sich vor dem Ritter, denn er war grausam, und bestund nicht weiter darauf. Doch entschloß er sich, nach Avignon zurückzukehren, und kam vor seiner Abreise zu dem Seigneur de Corasse und sprach: »Mit Eurer Gewalt und nicht mit Recht nehmet Ihr mir die Gerechtigkeiten meiner Kirche, wodurch Ihr Euch in Eurem Gewissen schwer versündiget; ich bin in diesem Lande nicht so stark als Ihr, aber wißt, daß ich Euch, so bald als möglich, einen solchen Gesellen schicken will, den Ihr mehr fürchten sollet als mich.« Der Sire de Corasse gab nichts auf seine Drohungen und sprach: »Geh mit Gott, geh, mache, was du kannst, ich fürchte dich mehr tot als lebendig, und um deine Reden werde ich mein Erbe nicht verlieren.« So reiste der Pfaffe ab und vergaß nicht, was er versprochen hatte. Denn als der Ritter am wenigsten dran dachte, ohngefähr drei Monate nachher, in seinem Schloß zu Corasse, wo er in seinem Bett neben seiner Gemahlin schlief, ließen sich unsichtbare Gäste spüren, welche alles, was sich in dem Schlosse befand, umzuwenden anfingen, und schien es, als wollten sie alles zusammenschlagen, und gaben sie solche Schläge an die Kammertüre des Herrn, daß die Dame, die darin schlief, höchlich erschrocken war. Der Ritter hörte das alles recht gut, aber er wollte kein Wort davon sagen, um nicht den Mut eines furchtsamen Menschen zu zeigen. Auch war er mutig genug, jegliches Abenteuer abzuwarten. Dieser Lärm und Unruh dauerte in verschiedenen Teilen des Schlosses eine ziemliche Zeit und hörten denn auf. »Den folgenden Morgen kamen alle Diener des Schlosses zusammen und begaben sich zu dem Herrn, als er aufgestanden war, und fragten ihn: »Herr, habet Ihr nicht gehöret, was wir heut nacht gehört haben?« Er verstellte sich und sagte: »Nein, was habt Ihr dann gehört?« Da erzählten sie ihm, wie es die ganze Nacht im Schlosse gelärmt, alles umgekehrt und in der Küche alles Geschirr zerbrochen habe. Er lachte und sagte, es sei ein Traum und nichts als der Wind gewesen. »Um Gottes willen«, sprach die Dame, »ich hab' es wohl gehört.« In der folgenden Nacht machten es die Ruhestörer noch ärger als vorher und schlugen dermaßen an die Türe und Fenster vor des Herrn Stube, daß der Ritter aus dem Bett sprang und sich nicht enthalten konnte, zu fragen: »Wer ist es, der also zu dieser Stunde an meine Stube anpocht?« Da antwortete es ihm sogleich: »Ich bin's.« – »Und wer schickt dich«, sagte der Ritter, »hierher zu mir?« – »Mich schickt der Pfaffe von Castellogne, dem du groß Unrecht getan und ihm das Seinige entzogen, auch werde ich dich nicht eher in Ruh' lassen, bis du ihm alles wiederersetzet.« – »Wie heißt du denn, daß du ein so guter Bote bist?« – »Man heißt mich Orthon.« – »Orthon«, sagte der Ritter, »der Dienst eines Pfaffen taugt dir nicht, wenn du mir glauben willst, er wird dich gewaltig plagen, ich bitte dich, lasse ihn laufen und diene mir, ich werde dir es gar wohl gedenken.« »Orthon hatte sich bald entschlossen, denn er hatte sich in den Ritter verliebet, und sagte: »Wollt Ihr das?«– »Ja«, sagte der Ritter, »aber du darfst niemand von nun an Leides zufügen.« – »Ei bewahre«, sagte Orthon, »auch vermag ich niemand Übels zu tun als nur, daß ich die Leute aufwecke und im Schlaf turbiere.« – »Tue nur, was ich dir sage« sprach der Edelmann, »wir wollen uns gut zusammen stehen, und laß den bösen Pfaffen laufen, bei dem du nichts holen kannst als Müh' und Arbeit.« – »Weil du es dann willst«, sagte Orthon, »ich bin es zufrieden.« Da verliebte sich dieser Orthon dermaßen in den Seigneur de Corasse, daß er ihn sehr oft nachts besuchte, und wenn er ihn schlafend fand, so zupfte er ihn am Kopfkissen oder schlug an das Fenster und die Tür mit großen Schlägen. Der Ritter, welcher erwachte, sprach zu ihm: »Orthon, laß mich schlafen.«– »Nein«, sagte Orthon, »ich muß dir erst was Neues erzählen.« Da hatte die Gemahlin des Ritters solche Furcht, daß ihr alle Haare zu Berge standen, und wickelte sie sich in ihre Decke. Da fragte ihn der Ritter: »Was hast du dann gutes Neues, Orthon?« Orthon sagte: »Ich komme von England, oder von Ungarn, oder irgendeinem andern Ort, gestern bin ich da weggereist, und dieses und jenes ist allda geschehen.« So wußte der Sire de Corasse durch Orthon alles, was auf der Welt geschah. Und blieb er wohl fünf Jahre in diesem sträflichen Umgang, konnte es auch nicht verschweigen und entdeckte sich dem Grafen von Foix folgendermaßen: Das erste Jahr traf er den Grafen zu Ortais oder anderwo und sagte ihm da, dieses oder jenes sei in England und Schottland oder sonstwo geschehen. Der Graf, der nachher erfuhr, daß es wahr gewesen, drang ihm einstens sein Geheimnis ab. Da war der Graf sehr froh und sagte zu ihm: »Sire de Corasse, haltet ihn ja lieb, ich wollte gar gern einen solchen Boten haben. Er kostet Euch nichts, und Ihr erfahret alles wahrhaftig, was geschieht.« Der Ritter sprach: »Herr, so will ich tun.« Ich weiß nicht, ob Orthon mehr als einen Meister hatte, aber er erschien dem Ritter nur alle Woche zwei- oder dreimal, und dieser schrieb die Neuigkeiten dem Grafen. Einstens sprach dieser zu dem Seigneur de Corasse: »Habet Ihr noch niemals Euren Diener gesehen?« – »Meiner Treu, niemals, habe es auch nicht begehrt.« – »Das wundert mich«, sagt der Graf, »und stünde er so gut mit mir als Euch, so hätte ich ihn längst gebeten, sich mir zu zeigen; auch bitte ich Euch, bemüht Euch drum, ihn zu sehen, und erzählt mir, wie er gestaltet ist. Ihr habt mir auch gesagt, daß er so gut gascognisch spricht als ich und Ihr.«– »Das ist die Wahrheit«, sagte der Ritter, »und weil Ihr es wünscht, will ich mich bemühen, ihn zu sehen.« Nun befand er sich die Nacht wie sonst in dem Bette neben seiner Gattin, die, schon gewohnt, den Orthon zu hören, sich nicht mehr fürchtete. Dann kam Orthon und zupfte am Kopfkissen des Ritters, der fest schlief. »Wer ist da?« fragte er, erwachend. »Ich bin's«, sagte Orthon. »Und wo kommst du her?« – »Von Prag in Böhmen.« – »Wie weit ist das wohl?« – »Sechszig Tagreisen«, sagte Orthon. »Und du bist so geschwind gekommen?« –»Ei ja doch, ich gehe so schnell als der Wind und wohl noch schneller.« –»Bist du geflügelt?« – »Nicht doch«, sagte er. »Wie kannst du denn so schnelle fliegen?« Orthon antwortete: »Was kümmert Euch das zu wissen?« – »Das kümmert mich wohl«, sagte der Ritter, »denn ich möchte gar zu gern sehen, wie du gestaltet bist, und wie du aussiehst.« Orthon antwortete: »Was kümmert Euch das, es zu wissen? Seid zufrieden, wenn Ihr mich hört und ich Euch allerlei Neuigkeiten bringe.« – »Bei Gott, ich würde dich viel mehr lieben, wenn ich dich gesehen hätte«, sagte Corasse. Orthon antwortete: »Wenn Ihr es denn wollt: die erste Sache, die Ihr morgen sehen werdet, wenn Ihr aufsteht, das bin ich.« – »Das ist gut«, sagte Corasse, »nun gehe, es ist genug für heute nacht.« »Als der Morgen kam, stand er auf, seine Gemahlin aber hatte solche Furcht, daß sie die Kranke machte und sagte, sie werde heut nicht aus dem Bette aufstehn. Der Ritter wollte aber, sie sollte aufstehe »Sire«, sagte sie, »ich werde Orthon sehen, ich will ihn nicht sehen, so Gott will, auch niemals antreffen.« Da sagte der Sire de Corasse: »Ich will ihn gar gern sehen.« Da sprang er ganz lustig aus dem Bette und setzte sich auf den Rand und dachte, wie er nun Orthon in seiner eigentlichen Gestalt sehen werde. Aber er sah gar nichts, wobei er hätte sagen können: »Sieh da, Orthon.« Der Tag ging herum, und die Nacht kam; als der Ritter in seinem Bett lag, kam Orthon und sprach wie gewöhnlich. »Geh«, sagte der Ritter, »du bist ein Lügner, du solltest dich mir zeigen, und du hast es nicht getan.« – »Nein«, sagte er, ich habe es getan.« – »Du hast es nicht getan.« – »Und saht Ihr nicht«, sagte Orthon, »als Ihr aufstandet, etwas?« Und der Ritter dachte ein wenig nach und sagte dann: »Ja, als ich auf meinem Bett saß und an dich gedachte, sah ich zwei Ratzen auf dem Boden, die sich miteinander drehten und spielten.« – »Das war ich«, sagte Orthon, »diese Gestalt hatte ich angenommen.« – »Das ist mir aber nicht genug«, sagte der Ritter, »und ich bitte dich, nimm eine solche Gestalt an, in der ich dich sehen und kennen kann.« Orthon sagte: »Gebet acht, Ihr werdet mich verlieren, denn Ihr treibt es zu weit mit mir.« – »Du wirst nicht von mir gehen«, sagte Corasse; »wenn ich dich einmal gesehen, würde ich dich nicht wiedersehen wollen.« Orthon sagte ihm da: »Gib morgen acht; was du zuerst siehst, wenn du die Stube verläßt, das bin ich.« – »Gut«, erwiderte der Ritter, »ich gebe dir Urlaub, ich will jetzt schlafen.« Orthon verließ ihn. Den andern Morgen stand der Ritter auf, kleidete sich an, verließ die Stube und ging auf einen Platz, der in den Hof sah; da warf er seine Augen hinab, und das erste, was er erblickte, war die größte Sau, die er jemals gesehen, aber sie war dabei so mager, daß man nichts als Haut und Knochen an ihr sah, und hatte sie lange, hängende und gefleckte Ohren, ihr Rüssel war lang und spitzig und gar ausgehungert. Der Sire de Corasse verwunderte sich sehr über diese Sau, aber er sah sie nicht gern und befahl seinen Leuten: »Nun lasset die Hunde los, ich will, daß diese Sau getötet und gefressen werde.« Da eilten die Diener und öffneten die Hundeställe und hetzten sie auf die Sau, welche einen lauten Schrei tat und zu dem Sire de Corasse in die Höhe sah, der oben an einem Fenster stand, und nie sah man sie wieder, denn sie verschwand, und weiß niemand, was aus ihr geworden. »Der Ritter begab sich wieder in seine Stube, ganz nachdenklich, denn er gedachte an Orthon. »Ich glaube, Orthon, meinen Diener, gesehen zu haben; es reut mich, daß ich meine Hunde auf ihn gehetzt. Es sollte mich sehr wundern, wenn ich ihn je wiedersähe, denn er hat mir oft gesagt, ich würde ihn verlieren, wenn ich ihn erzürnte.« Er sagte die Wahrheit. Nie kehrte er mehr in dem Schloß Corasse ein, und der Ritter starb ein Jahr darauf. Nun habe ich Euch von Orthon erzählt, der dem Sire de Corasse die Neuigkeiten brachte«, sagte der Hofmann. »Ja«, sprach ich, »aber ist der Graf von Foix auch von einem solchen Boten bedient?« – »Meiner Treu«, sagte er, »das glauben viele Leute in dem Lande Bearn, denn er erfährt und weiß alles, was vorgeht, wenn man es sich am wenigsten versieht. So ist es auch mit den Nachrichten, die er von den zu Juberoth erschlagenen Rittern dieses Landes hatte. Diese Habe und der Ruf derselben bringt ihm manchen Nutzen, denn man verlöre hier nicht den Wert von einem goldenen oder silbernen Löffel, daß er es nicht gleich wüßte.« Nun nahm ich Abschied von dem Hofmann und dankte ihm für seine Erzählung und ging in andre Gesellschaft, mit der ich mich vergnügte; doch aber prägte ich mir diese Geschichte, so, wie ich sie hier erzählt, fest in das Gedächtnis ein. In dieser Zeit starb auch der edle und treffliche Graf von Foix, auf eine gar wundersame Weise; ich will euch sagen, wie. Es ist die Wahrheit, daß er vor allen Leibesübungen die Jagd und seine Hunde liebte, und mit diesen war er sehr wohl versehen, denn er hatte ihrer zu seinem Vergnügen mehr als sechshundert. Der Graf befand sich in Bearn, in der Mark von Ortais, und trieb und jagte in den Wäldern von Sanneterre auf dem Weg von Pampeluna, und hatte er den Tag, an dem er starb, den ganzen Morgen einen Bären gejagt, welcher endlich gefangen wurde. Da er den Fang angesehen und das Waidrecht vollzogen worden war, näherte sich der Mittag. Da fragte er die, welche um ihn waren, wo man ihm die Tafel bereitet habe. Man antwortete: »Im Hospital Rion, zwei kleine Stunden von Ortais«, und so war es auch. Sie ritten alle nach diesem Dorf. Der Graf und seine Leute stiegen an dem Schloß ab, dann begab er sich nach seiner Stube, welche er ganz mit frischem jungem Laubwerk ausgeschmückt fand, und die umliegenden Säle waren alle mit grünen Zweigen umstellt, um Kühle und Wohlgeruch darin zu verbreiten; denn die Luft war drauß sehr drückend und schwül, wie sie es in dem Mai ist. Als er sich in dieser frischen Stube befand, sprach er: »Die kühlen grünen Maien tun mir gar wohl, denn der Tag ist sehr heiß«, und da setzte er sich auf seinen Sitz und plauderte ein wenig mit dem Messire Espaing de Lion, und sprachen sie davon, welcher Hund am besten gejagt habe. Während dieser Unterredung traten Messire Ivain, sein natürlicher Sohn, und Messire Pierre de Cabestan in die Stube, in welcher selbst die Tafeln schon gedeckt waren. Jetzt begehrte er das Wasser, um sich die Hände zu waschen, zwei Hofleute eilten darnach, Raymonnet Lane und Raymonnet de Compone, und Cayenton d'Espaigne nahm das silberne Waschbecken, und ein andrer Ritter, der sich Messire Thiebault nannte, nahm das Handtuch; er erhob sich von seinem Sessel und streckte die Hände aus zum Waschen; sobald das kalte Wasser auf seine Finger herabfiel, welche gar schön und gerade waren, erblaßte sein Gesicht, erbebte ihm das Herz, wankten seine Füße unter ihm, und sank er hin auf seinen Sessel, sagend: »Ich bin des Tods, Gott der Herr sei gelobt.« Er redete kein Wort mehr, aber er starb noch nicht gleich, sondern litt noch Not und letzte Kämpfe. Die Ritter, die um ihn standen, tief erschrocken, und sein Sohn nahmen ihn in ihre Arme gar freundlich und trugen ihn auf ein Bett und legten ihn nieder und deckten ihn zu und glaubten, es habe ihn nur eine Schwäche angewandelt. Die zwei Ritter aber, welche das Wasser gebracht hatten, damit man nicht sage, sie hätten ihn vergiftet, gingen zu dem Waschbecken und der Gießkanne und sprachen also: »Sehet hier das Wasser, in eurer Gegenwart haben wir es gekostet und wollen es von neuem vor euch kosten«, und da taten sie es so oft, daß alle mit ihnen zufrieden waren. Man gab ihm Brot und Wasser, Spezereien und alle stärkende Sachen in den Mund, und alles dieses half ihm nichts, denn in weniger als einer halben Stunde war er tot und gab seinen Geist auf gar sanft. Der gnädige Gott sei ihm barmherzig. Ihr müßt wissen, daß alle Gegenwärtige sehr betrübt und erschrocken waren, und schlossen sie die Stube recht fest, damit die Leute im Schloß nicht so bald den Tod des edlen Grafen erfuhren. Die Ritter sahen den Messire Ivain, seinen Sohn, an, welcher weinte, jammerte und die Hände rang, und sagten zu ihm: »Ivain, es ist geschehen, Ihr habet Euren Vater und Herrn verloren, wir wissen wohl, daß er Euch über alles liebte; macht Euch fort, sitzt auf, reitet nach Ortais und setzt Euch in Besitz des Schlosses und Schatzes, der darin, ehe ein andrer Euch zuvorkömmt und die Sache bekannt wird.« Messire Ivain verbeugte sich auf diese Rede und sagte: »Meine Herrn, große Liebe und Freundschaft erzeigt ihr mir, die ich euch noch zu belohnen hoffe; aber gebt mir die wahren Merkzeichen meines Herrn Vaters, denn ohne diese werde ich nicht in das Schloß eingelassen werden.« – »Ihr habt recht«, antworteten sie, »nehmt dieselben.« Da nahm er die Merkzeichen, und waren sie ein Siegelring, den der Graf an seinem Finger trug, und ein Messer, dessen er sich öfters bei Tisch bediente; dieses waren die wahren Merkzeichen, und ohne sie zu sehen, hätte ihm der Vogt des Schlosses zu Ortais, der sie wohl kannte, nie die Pforten geöffnet. Messire Ivain verließ das Hospital von Rion nur mit zwei Reitern und ritt so schnell, daß er nach Ortais kam, ehe man noch etwas von dem Tod des Grafen wußte. Er sprengte durch die Stadt, sagte niemand nichts, auch hatte niemand einen Verdacht auf ihn; so kam er auf das Schloß und rief den Burgvogt hervor. Dieser antwortete ihm: »Was beliebt Euch, Monsigneur Ivain, wo ist mein Herr Graf?« – »Er ist in dem Hospital«, sagte der Ritter, »und schickt mich, einige Sachen zu holen, die in seiner Stube sind; dann werde ich wieder zu ihm zurückkehren, und damit du mir glaubst, siehe hier die Zeichen, seinen Siegelring und sein Handmesser.« Der Vogt öffnete ein Fenster und sah die Zeichen, denn er hatte sie schon öfters gesehen; dann öffnete er das kleine Pförtchen des Tores, und sie ritten ein, und die Knechte versorgten die Pferde und führten sie in den Stall. Als Messire Ivain darinnen war, sagte er zum Vogt: »Schließe die Tore.« Als er sie geschlossen hatte, nahm Ivain ihm die Schlüssel ab und sprach: »Du bist des Tods.« Der Vogt, ganz erschrocken, fragt ihn, warum. Dann sagte er: »Weil mein Vater verschieden ist und ich über den Schatz will, ehe ein andrer über denselben kömmt.« Der Vogt gehorchte, wie es ihm zukam, auch war es ihm lieber, dem Messire Ivain als einem andern zu gehorchen. Messire Ivain wußte wohl, wo der Schatz war, und begab sich dahin; er war in einem dicken Turm, in welchen man durch drei starke eiserne Türen mußte, welche man aber jede mit einem besondern Schlüssel zu öffnen hatte, ehe man hineinkonnte. Diese Schlüssel aber waren nicht so leicht zu finden, denn sie lagen in einem kleinen, ganz stählernen Koffer verschlossen, und dieser war wieder mit einem kleinen Stahlschlüssel geschlossen, welchen der Graf von Foix, wenn er verreiste, mit sich trug, und fand man ihn auf einem seidnen Wams hängen, den er über seinem Hemd trug, und wurde er erst gefunden, als Ivain bereits hinweg war. Die Ritter, welche den Leichnam des Grafen bewachten, wunderten sich sehr über diesen kleinen Schlüssel und konnten sich gar nicht denken, wozu er diente; da war aber der Kapellan des Grafen, Messire Nicole de l'Escalle, der um alle seine Geheimnisse wußte, und den er oft mitgenommen, hatte, wenn er an seinen Schatz ging; der sprach, als er den Schlüssel sah: »Messire Ivain wird seine Mühe verlieren, denn ohne diesen Schlüssel kann er nicht an den Schatz weil er einen kleinen Stahlkoffer mit allen andern Schlüsseln verschließt.« Da waren die Ritter gar betrübt und baten den Kapellan, den Schlüssel dem Messire Ivain zu bringen, und er setzte sich zu Pferd und ritt nach Ortais. Messire Ivain war ganz betrübt in dem Schloß und suchte die Schlüssel überall und konnte sie nicht finden, auch wußte er nicht, wie er die eisernen Türen aufbrechen sollte, da gar keine Instrumente dazu da waren. Währenddem wurde in Ortais, Gott weiß wodurch, ob durch Weiber oder durch Diener, die vom Hospital gekommen waren, bekannt, daß der Graf gestorben sei. Das war wohl eine harte Nachricht, denn sie liebten ihn alle sehr. Die ganze Stadt kam in Bewegung, die Bürger versammelten sich auf dem größten Platze der Stadt und unterredeten sich; da sprachen einige: »Wir haben Messire Ivain ganz allein nach dem Schlosse reiten sehn, und sah er wohl sehr erschrocken aus.« Da antworteten die andern: »Gewiß muß etwas vorgefallen sein, denn nie ritt er allein vor seinem Herrn Vater her.« Als die Männer von Ortais sich so versammelt hatten und auf dem Markt miteinander redeten, seht, da ritt ihnen der Kapellan grad in die Hände. Die umringten ihn und sagten: »Messire Nicole, wie geht's mit unserm Herrn? Man hat uns gesagt, er sei gestorben; ist es wahr?« – »Behüte Gott«, sagte der Kapellan, »aber er ist gar sehr krank, und ich komme nur, um ihm etwas zurechtmachen zu lassen, was ihm sehr gesund sein wird, und dann will ich wieder zu ihm.« Mit diesen Worten machte er, daß er davonkam, ritt auf das Schloß und ruhte nicht, bis er drinnen war. Da war Ivain gar froh, daß er die Schlüssel hatte. Nun will ich euch aber sagen, was die Männer von Ortais taten. Sie machten sich allerlei Gedanken über den Grafen und sprachen untereinander: »Nun ist's bereits Nacht, und wir haben noch gar keine sichere Nachricht von unserm Herrn, und ist Ivain mit dem Kapellan, der um alle Geheimnisse des Herrn weiß, in dem Schloß; laßt uns diese Nacht das Schloß bewahren, morgen werden wir mehr hören, wir wollen heimlich nach dem Hospital schicken, um zu hören, wie's steht; denn wir wissen wohl, daß der größte Teil des Schatzes auf dem Schloß ist, und würde er gestohlen, so machte uns das große Schande und brächte uns gar in Schaden; drum dürfen wir diese Sache nicht übersehen.« – »Das ist die Wahrheit«, sprachen die andern; da hielten sie Rat, und seht, sogleich werden alle Männer von Ortais geweckt, und gehn sie alle nach dem Schloß und schicken sie die Ersten der Stadt an alle Pforten zur Wache, und waren sie da die ganze Nacht bis zum Morgen. Ach, da hörte man die Wahrheit von seinem Tod, da konnte man wohl großes Wehklagen, Schreien und Trauern von allen Leuten, Frauen und Kindern in der guten Stadt Ortais hören, denn sie hatten ihn alle sehr lieb. Da verstärkte man die Wache, und alle Männer der Stadt waren auf dem Platz vor dem Schloß unter den Waffen. Als Messire Ivain dieses in dem Schloß sah, sprach er zu dem Kapellan: »Messire Nicole, mein Anschlag geht verloren, ich werde hier nicht herauskönnen, denn die Männer von Ortais wissen um die Sache und bewachen das ganze Schloß. Ich werde wohl gute Worte geben müssen.« Da sprach der Kapellan: »Redet mit ihnen, denn nur mit guten Worten könnt Ihr noch etwas ausrichten.« Messire Ivain begab sich also in einen Turm, aus dessen Fenster er mit den Leuten gut reden konnte. Da öffnete er ein Fenster und redete mit den ansehnlichsten Leuten der Stadt ganz laut: »Ihr guten Männer von Ortais, ich weiß wohl, warum ihr versammelt seid; nun aber bitte ich euch, haltet mir es nicht vor übel, um der Liebe willen, die mein seliger Herr Vater für mich trug, daß ich mich vor jedem andern in den Besitz des Schlosses und Schatzes zu setzen gesucht. Ich will damit nichts als alles Gutes. Nun aber ist er nach Gottes Willen gestorben, ohne irgendeine Einrichtung zu treffen, mich, wie er doch gewollt, in sein Erbe einzusehen, und hat er mich unter euch, unter denen ich herangewachsen, als einen armen Ritter, den natürlichen Sohn des Grafen von Foix, zurückgelassen, wenn ihr mir nicht helft und ratet. Achtet darauf um Gottes willen und aus Mitleid, ihr tut damit ein Almosen, und will ich euch das Schloß öffnen, und mögt ihr hereinkommen; denn gegen euch will ich es nicht halten noch verschließen.« Da antworteten die besten Männer von der Stadt also: »Messire Ivain, Eure Rede gefällt uns wohl, wir wollen mit Euch halten und wollen das Schloß und die Güter, die darinnen sind, auch bewachen helfen; und sollte der Vicomte de Castillon, Euer Vetter, welcher der Erbe des Landes zu Bearn ist, herankommen und sich in Besitz des Schatzes setzen wollen, so wollen wir wohl wissen, mit welchem Recht, und wollen Euer und Messire Gracien, Euers Bruders, Recht wohl beachten, und alles dieses beteuren wir und wollen es Euch aufrichtig halten.« Mit dieser Antwort war Messire Ivain sehr wohl zufrieden, und tat er die Tore des Schlosses auf, und gingen die Männer von Ortais hinein, soviel ihr wollten. Man stellte da genug und gute Wachen hin. An diesem Tag ward der Leichnam des Grafen von Foix nach Ortais gebracht und in einen Sarg gelegt. Alle Männer, Frauen und Kinder von Ortais gingen ihm unter bittern Tränen entgegen, gedenkend seiner Stärke, seines edlen Lebens, seiner mächtigen Regierung, seines Verstands, seiner Tapferkeit und großen Freigebigkeit. Vor allem aber des Friedens, dessen sie unter diesem trefflichen Herrn genossen hatten. Denn weder Franzosen noch Engländer hatten es gewagt, ihn zu erzürnen. Da sprachen sie also: »Ach Gaston, schöner Sohn, warum hast du je deinen Vater erzürnt; wärst du uns geblieben, der so schön und in so großem Beginnen war, du wärst uns ein großer Trost geblieben, aber wir haben dich allzu jung verloren, und dein Vater hat uns zu früh verlassen. Er war ein Mann erst von 63 Jahren, das ist kein groß Alter für einen solchen Fürsten, der einen so starken Willen hatte und alles, was er begehrte. Land von Bearn, trostlos und verwaist, ohne einen edlen Erben, was wird immer aus dir werden? So trefflichen und edlen Herrn wirst du nie wieder gewinnen.« Unter solchen Klagen und Tränen ward der Leichnam von sieben Edelleuten durch die Stadt getragen, ihm folgten sechszig Ritter, welche sich aus dem Lande versammelt hatten, und trug man ihn, wie ich euch sage, mit entblößtem Angesicht nach der Barfüßerkirche. Da ward er einbalsamiert und in einem bleiernen Sarge bis zu seiner feierlichen Bestattung bewahrt, und brannten Tag und Nacht vierundzwanzig große Wachsfackeln um den Leichnam, die wurden abwechselnd von achtundvierzig Dienern getragen. An dem Tag der Bestattung des herrlichen Grafen Gaston de Foix, des letzten dieses Namens, welche in der Stadt Ortais in der Barfüßerkirche in dem Jahr unsers Herrn 1391 den 12ten Oktober an einem Montag gehalten wurde, war viel Volk aus dem Lande Bearn und sonstwoher, Baronen, Ritter, Prälaten und drei Bischöfe in Ortais. Der Bischof de Palmes las das Totenamt, da brannten eine Menge Lichter, und alles war sehr prächtig angeordnet, und hielten während der Messe vor dem Altar vier Ritter vier Fahnen mit den Wappen von Foix und Bearn. Die erste hielt Messire Raymond du Chatelneuf, die zweite Messire Espaing du Lion, die dritte Messire Pierre Degmer, die vierte Messire Menauld de Novalles. Den Degen hielt Messire Roger d'Espagne. Den Schild trug der Vicomte de Bruniquel. Den Helm trug der Sire de Valentin, das Pferd führte der Sire de Corasse. Die ganze Bestattung wurde prächtig nach Landesgebrauch vollzogen, und wurde nach der Messe der Leichnam aus dem Sarge genommen, in gutes neues Wachstuch eingewickelt und vor den großen Altar des Chores bei den Barfüßern beerdigt. Des Seinen ist nichts mehr. Gott verzeihe ihm.