Wippchen's sämmtliche Berichte. Herausgegeben von Julius Stettenheim. Band VI.   Inhalt.         Der abessinische Feldzug Ferienarbeiten Die Kaiserfahrt Die allgemeine Abrüstung Der Kaiser in Hamburg Die Weltlage Das Septennat Schnaebele Die französische Mobilerei König Malietoa Von der Grenze Rußlands Die ostafrikanische Katastrophe   1 Der abessinische Feldzug. Herrn Wippchen in Bernau. Ihre Anfrage hätten Sie sich ohne Weiteres selbst beantworten können. Natürlich erwarteten wir längst einen Bericht aus Ihrer Feder, einerlei woher. Sie scheinen zu glauben, daß das Publikum nicht auch in trüben Zeiten ebenso das Begehren hat, sich mit den politischen Ereignissen bekannt zu machen, wie im gewöhnlichen Lauf der Dinge. Das ist ein Irrthum. Allerdings leben wir in einer ernsten Zeit, aber abgesehen davon, daß die Journalistik ebensowenig stille steht wie die Politik, so ist es ja auch kein Vergnügen, sich mit Politik zu beschäftigen, und schon aus diesem Grunde wird das Publikum nach wie vor niemals 2 aufhören, sich von Allem, was in der Welt vorgeht, zu unterrichten. Machen Sie sich also keine unnützen Sorgen und senden Sie uns umgehend einen möglichst ausführlichen Bericht. Ergebenst Die Redaktion . * * * Bernau , den 6. April 1888. Sie scheinen mich für einen Neuling in der Politik zu halten, ich bin aber ein Altling und weiß sehr wohl, daß das Publikum beim ersten Aurora-Schrei die Zeitung lesen will, um, wenn es beim Kaffee sitzt, sich auf dem Laufenden zu erhalten. Und selbst wenn gar nichts passirt, ist es schon ganz zufrieden, wenn es unter der Spreu wenigstens Ein blindes Hühnchen findet, mit welchem es seinen Heißhunger kühlen kann. Ich weiß auch, daß der Journalist die Feder niemals in den Schooß legen darf, sondern ohne Unterbrechung dem Rad der Geschichte auf Schritt und Tritt folgen und, wenn dasselbe sich nicht dreht, sich nach der Decke des Prokrustesbettes strecken muß. Ja, er muß sich selbst die Ente, und gehörte sie auch noch so bestimmt in's Dementirreich, aus dem 3 Finger saugen, nur um seinen Lesern die alles nivellirende Zeit, welche Geld ist, zu vertreiben. Das weiß ich sehr wohl. Aber, so frage ich uns: Ist es opportunlich, in diesem Augenblick, wo die Friedenstaube keine Eintagsfliege mehr, sondern im Gegentheil wie die Perdrix ein alltäglicher Vogel geworden ist, einen Kriegsbericht zu veröffentlichen? Jedermann wünscht sich den am ruhigen Bach gelagert liegenden lieblichen Knaben, von dem Schillers Braut von Messina singt, ganz Europa (um mich eines Ausdrucks aus der mythologischen Geschichte dieser Holden zu bedienen) stiert hoffnungsvoll die vom Horizont verschwundenen schwarzen Punkte an, und es ist auch nicht zu leugnen, daß jedes Marsgelüst kriegslustiger Nachbarnationen vor der Stärke Deutschlands – verzeihen Sie das harte Wort! – floh. Besonders sind es Frankreich und Rußland, welche vor den Kirschen, die mit Deutschland nicht gut essen ist, einen heillosen Respekt haben, und so sind aus dem Streit- eitel Friedenshämmel geworden, und alles ist so voll von Ruhebedürfniß, daß kein Fehdehandschuh zur Erde fallen kann. Aus Todfeinden sind Todfreunde geworden. So möchte ich denn keinen Weh- oder Wermuthstropfen (letzteres wäre im wahren Sinne des Worts absinthhaft) in die Neige fallen lassen, bis auf welchen jetzt die Nationen den Becher des Friedens leeren. Wenn ich trotzdem Ihnen einen Bericht sende, so geschieht es, weil ich einen Feldzug entdeckt habe, der uns nicht nahe liegt oder geht: den Abessinischen. 4 Wenn der Frieden wie diesen Augenblick am tiefsten ist, so betrete ich, wie Sie wissen, gern irgend eine Bahn, welche sich eine neue Idee brechen soll. Jetzt arbeite ich an einer Kurzsprache, die der Zeit der Schnellschrift noch fehlte. Einige Beispiele werden erläutern, was ich meine. Ich übersetze ora et labora mit Arbeete , l'or et l'argent mit l'orgent , ich schreibe statt zwei Eidechsen: Zweidechsen und so weiter. Freilich, wenn ich Sie hiermit bitte, mir 50 M. Vorschuß zu senden, so gelingt es mir nicht, an dieser Summe etwas zu kürzen. * * * Massaua , den 1. April 1888. W. Erst nach längeren Hinterbeinen habe ich mich entschlossen, die Fahrt in diesen dunklen Welttheil anzutreten. Nicht etwa wegen der Hitze, welche hier allerdings oft so groß ist, daß es einen eiskalt überläuft, sondern wegen dieses Feldzugs, in welchen Italien auf's Geratheschlecht hineingestiefelt zu sein scheint. Schon im August war Rom von dieser Idee nicht an einem Tage erbaut, und alle Weit theilte diese Bedenken. Und jetzt scheint sich das Wort des Trompeters von Säkkingen: Sub rosa nil perfectum est auch hier zu bewahrheiten. Vor Allem: der Negus ist nicht zu finden, er und sein General Ras Alulah , der wie ein Salamander gerieben 5 ist, werden vergeblich gesucht. Von Morgens früh bis Abends späht man nach der abessinischen Armee wie nach einer Stecknadel aus, vergeblich. Und nun denke man sich einen Krieg, in welchem man bereit ist, einen einzigen feindlichen Soldaten mit Gold aufzuwiegen, und doch einen lenkbaren Luftballon leichter findet als einen Feind, den man in die Flucht oder auch nur aufs Haupt schlagen kann. Es mag schwer sein, – und ich habe dies so oft erlebt, – eine Schlacht zu liefern, aber wenn ein Feldherr keinen Gegner hat, so wird er sich, selbst wenn er ein Doppelmoltke wäre, vergeblich nach einem Haufen umsehen, über den er den Feind rennen kann. Das ist die Lage der Italiener in Abessinien. Es kann der Fall, der schon vor der Thür ist, eintreten, daß sie nach Rom zurückkehren, ohne die dunkle oder Hellebarde eines einzigen abessinischen Kriegers gesehen zu haben. Man kann sich denken, wie lange einem unter diesen Verhältnissen die Weile wird. Nichts passirt als dann und wann ein Regiment Italiener, und es wäre daher auch nichts zu schildern als der Sand, in welchem die ganze Action zu verlaufen scheint. Ohne Zweifel beabsichtigen die Abessinier, den Feind zu zwingen, so lange auf der Lauer zu liegen, bis ihm die Lauer zu heiß wird und er sich freut, wieder abziehen zu können, ohne eine andere Salve abgefeuert zu haben als das Salve , welches das italienische Vaterland seinem heimkehrenden Heere entgegenrufen wird. 6 Aber auch etwas anderes kann sich ereignen. Eines häßlichen Tages können die Abessinier in ihrer angeborenen Hintertücke aus ihren Schlupfthälern hervorbrechen und über die Italiener herfallen, so daß diesen nichts als der Rücken übrig bleibt, den sie dem Lande kehren. Davor bewahre sie ein gütiges Geschicksal! 7 Ferienarbeiten. I. Herrn Wippchen in Bernau. Abermals müssen wir Sie daran erinnern, daß wir in der Reihenfolge Ihrer Berichte keine so großen Pausen, wie Sie sie eintreten zu lassen belieben, dulden können. Es ist uns schon peinlich, fast jeden Bericht förmlich erobern zu müssen, indem Sie uns veranlassen, um denselben wiederholt zu mahnen. Wir ersuchen Sie daher, künftig uns Ihre Berichte mit einer gewissen Regelmäßigkeit und aus freiem Antrieb einzusenden, damit wir des ewigen Erinnerns überhoben werden. Wir grüßen Sie ergebenst Die Redaktion . * * * 8 Bernau , den 18. Mai 1888. Gemach! Gemach! O, eine ganze Flucht von Gemächern rief ich Ihnen im Geiste zu, als ich las, daß Ihnen irgend eine Parze den Geduldsfaden entzweigeschnitten hatte. Was verlangen Sie von mir? Was Sie immer verlangen: einen Krieg, um ihn Ihren Lesern als Brocken hinzuwerfen, wie wenn sie denselben sofort besteigen sollten. Aber wenn ich Ihnen nun sage, daß ich nach allen Richtungen der Windrose roch und dennoch keinen Krieg entdecken konnte, werden Sie dann noch behaupten, daß meine Seligkeit irgend etwas wie einen Saum hatte, oder daß ich gar in böswilliger Absicht meine Hände auf die Bärenhaut legte? Wo nichts ist, da ist eben nichts, und ich könnte Ihnen eine ganze Reihe Kaiser nennen, die daselbst ihr Recht verloren haben. Allerdings habe ich Sie etwas verwöhnt. In den friedlichsten Zeiten habe ich Ihnen häufig mit den ernstesten Conflikten ahnungsloser Völker unter die Arme gegriffen, und wenn Sie um Material verlegen waren, so ließ ich die eisernsten Würfel fallen, daß Ihnen die Augen übergingen. Aber ich bin doch zu der Einsicht gelangt, daß das immer nichts als ein Tropfen war, da der heiße Stein sich in Wirklichkeit nicht im Rollen befand. Denn es dauerte nicht lange, so mußte ich zum Rückzug blasen, – eine journalistische Retirade hat mit dem fünften am Wagen eine verdammte Aehnlichkeit, – und das Publikum bezeichnete das Ganze auf gut Deutsch 9 als: Tant de bruit pour un Hamlet , insofern dieser Dänenprinz als der Inbegriff des Ungeschehenen gilt. Meinem On dit zufolge war damit also – verzeihen Sie das harte Wort! – nichts gewonnen, als höchstens eine nagelfeste Niete. Warten wir also ruhig den nächsten Zaun ab, von dem ein Krieg gebrochen wird, und Sie werden sehen, daß mich kein Schuster in meinem Leisten beschämen soll. Was aber bis dahin? Der Lenz ist kommen, – darf er für mich ein Faulenz sein? Unter den Küssen des Mai kommen die Bäume endlich auf einen grünen Zweig. Unsummen von Käfern summen, hier macht eine Schwalbe keinen Sommer, dort berauscht sich ein Falter wie am Moselblümchen an einem bescheidenen Veilchen, kurz, alles ist thätig. Da will auch ich nicht dasitzen und mir den Wagen des Helios in den Hals scheinen lassen. Sie wissen, daß und wie gerne ich mich zwischen den Kriegen mit Wissenschaft und Kunst beschäftige, obschon ich in angeborener Bescheidenheit thue, als könnte ich nicht drei Grazien zählen, oder kein Hippokrenchen trüben. Nun hat mich unser Blatt mit seinen Bildern daran erinnert, daß ich den Bleistift eigentlich mit der Muttermilch eingesogen und mich schon als Knabe im Zeichnen ausgezeichnet habe. Was ich damals sah, warf ich ohne Weiteres auf das Papier: kein Stillleben war mir zu still, jede Ruine war mir verfallen, und wenn ich auch den Wald vor Bäumen nicht sehen konnte, ich zeichnete ihn unerbittlich. So habe ich denn meine alten Pinsel und 10 Farben hervorgesucht und ein Bild geschaffen, das ich Ihnen hiermit überreiche. Es ist Hero und Leander . Schlagen Sie beim Anblicke dieses Bildes nicht die Augen über den Kopf zusammen, in welchem Sie die berühmten Balladen von Schiller haben. Aber wie alle Dichter 11 war Schiller nicht nur Feldscheer, sondern auch Fälscher, wenn auch seine fides gewiß bona waren. Auf dem Pegasus reitet sich eben auch der Beste hinein, der zügellos dichtet. Meine historischen Studien haben nämlich ergeben, daß der Roman Hero's und Leander's anders war. Der Hellespont, die Dardarnellen und die Väter, welche von einer Vereinigung der Liebenden nichts wissen wollten, sind richtig, alles Uebrige aber hat Schiller aus der Leier gegriffen. Wer den Pontus auch nur oberflächlich kennt, wird wissen, daß es unmöglich ist, ihn allabendlich zu einem techtelnächtlichen Schäferstündchen zu durchschwimmen. Und wie dachte sich denn Schiller ein solches Abendteuer? Ist anzunehmen, daß eine Dame wie Hero sich herbeiließ, mit einem doch nur schaumbedeckten Manne zusammenzukommen? Gewiß nicht. Schiller versichert ferner, Hero habe auf dem Söller dem Schwimmer Zeichen mit der brennenden Fackel gegeben, und das sollten die Väter nicht gemerkt und gleichfalls gefackelt haben? Nein, mein Horizont ist so ziemlich hoch, aber das geht denn doch über denselben. Mein einliegendes Bild schildert wie ein Soldat das Ende des Romans. Hero und Leander haben eingesehen, daß ihre Väter sich niemals zu Schwiegervätern erweichen lassen werden, und den Entschluß gefaßt, von der Landungsbrücke aus vereint in's Seegras zu beißen. Diesen Moment habe ich verewigt, und so lasse ich dem Beschauer die Hoffnung, daß die beiden Liebenden doch noch im letzten Moment die 12 trübe Absicht in's Korn werfen und leben bleiben, während das Ganze auch von Damen betrachtet werden kann, ohne daß ihre Augen erröthen. Die Redaktion hat die Zeichnung ihres langjährigen Mitarbeiters veröffentlicht, um demselben Gelegenheit zu geben, nicht immer nur in seiner Eigenschaft als Kriegsberichterstatter vor dem Publikum er erscheinen. Daß er auch auf diesem Gebiet sich an ein Vorhandenes anlehnt und in der vorliegenden Leistung an dem allgemein bekannt gewordenen Gemälde E. Neide's »Die Lebensmüden« nur einige Kleinigkeiten und den Titel geändert hat, sahen wir und sieht auch der Leser auf den ersten Blick. Wenn Ihnen das Bild nicht wie Kain gezeichnet erscheint, so soll mein Bleistift nicht ruhen. Vorläufig begnügen Sie sich noch mit dem Bild der Zerstörung, welches mein Portemonnaie darbietet. Die Modelle haben mich ganz leer gestanden, und ich bitte Sie (den Künstler ziert leider Bescheidenheit!) um nur 40 Mark Vorschuß. Und wenn Sie eine neue Doppelkrone mit dem Bildniß des Kaisers Friedrich haben sollten, so legen Sie mir solche dazu, damit auch mein Auge eine Freude habe. 13 II. Herrn Wippchen in Bernau. Nur ungern stören wir Sie in Ihrer Erholung, obschon wir eigentlich nicht recht begreifen, was Sie denn so ungeheuer angestrengt hat. Die wenigen Berichte, die Sie uns geschickt haben, können doch unmöglich eine solche Abspannung in Ihnen hervorgebracht haben. Wir nehmen daher an, daß Sie wieder ganz gekräftigt sein und mit Vergnügen zur Arbeit zurückkehren werden. Wir bitten Sie um einen Artikel über die Weltlage, einerlei ob derselbe friedlich oder kriegerisch laute. Es liegt uns nur daran, einen Artikel von Ihnen zu haben, – ob derselbe Krieg oder Frieden prophezeit, das wird uns dasselbe sein und mag von Ihrer Stimmung abhängen. Wir bitten nur um rasche Erledigung ergebenst Die Redaktion . * * * 14 Bernau , den 6. Juli 1888. Verschwunden war der Frühling, Der Sommer wieder da . . . . so weit war ich mit dem Sommerlied gekommen, welches ich meinem Pegasus entlocken wollte, da störte mich der Schritt des Briefboten, der mir Ihr geehrtes Schreiben überbrachte. Meine Leier verstummte plötzlich, als wäre sie ein Fisch, und welche Mühe ich mir auch gab, einen Reim auf »Frühling« zu finden, es gelang ihr nicht. Es ist aber auch ganz unmöglich, die Sprache zu binden, oder, wie es Goethe sehr richtig bezeichnet, Fensterscheiben zu malen, wenn wir ahnungslos die Hippokrene von unserm Munde fortgerissen und uns wieder in das Treiben der Journalistik hineingestoßen sehen. Da steht man wie ein Ochs am Parnaß, an jenem heiligen Berge also, dessen mit ewigen Musen bedecktes Haupt sich nur dem Dichter neigt, und man hört kommandiren: »Lyra in Ruh!« Nun verlangen Sie einen Artikel, durch welchen ich den Frieden, oder den Krieg prophezeihe. Da kann ich nur – verzeihen Sie das harte Wort! – lächeln. Sie verwechseln mich mit dem Tenor Johann von Leyden, welcher allerdings Prophet war. Ich stehe nicht wie die Pythia mit einem Dreifuß in der Zukunft, ich bin trotz meiner Augengläser kein Seher und sage weder weis, noch wahr, oder voraus. Ich habe noch nie, obschon man das Gegentheil glauben sollte, 15 Nachts ein Gesicht gehabt, wie es kleine, große und Mittel-Propheten zu haben behaupten. Wenn ein Krieg erklärt ist, so kann ich ihn voraussehen, und ebenso geht es mir mit dem Frieden, wenn er geschlossen ist. Das ist alles. Wenn Moltke seine Karten in der Hand hat, so erlaubt er keinem Kiebitz, den Schnabel hineinzustecken. Indeß glaube ich dennoch, Ihnen helfen zu können, indem ich Ihren werthen Lesern in einem Artikel den Krieg und in einem zweiten den Frieden in Aussicht stelle. Sie brauchen nur heute den Krieg und morgen den Frieden zum Abdruck zu bringen. Das ist den Tagesblättern seit Jahren zur Gewohnheit geworden, welche Amme ja leicht zur zweiten Natur wird. In diesem Augenblick lacht etwas in mein Zimmer. Am Lachen erkennt man die Sonne. Nun habe ich nichts, was gleichfalls lacht. Da baar Geld das thut, so bitte ich Sie um einen Vorschuß von 50 Mk. * * * Krieg in Sicht. W. Nichts in der Politik ist schädlicher als der Optimismus, denn er wiegt den Gewiegtesten in eine gewisse Sicherheit und lenkt das Auge von den schwarzen Punkten ab, die im Grase verborgen liegen. Vor lauter abwiegelnden 16 Blättern sieht er den Wald von Generalstäben aller Nationen nicht, wie sie die Pläne schmieden, so lange sie heiß sind. Wer aber die Augen auf dem rechten und linken Fleck hat, der verschließt sie weder vor den Lenden, welche gegürtet sind, noch vor den Zähnen, bis an welche die Völker in Waffen starren. Ich aber sage es dem Mars auf den Kopf zu, daß er unvermeidlich ist, und wenn er tausendmal sich den Anschein gäbe, als könne er keinem Wässerchen ein Haar krümmen. In Frankreich ist die Kriegsfurie längst reif, und jetzt, wo unser Kaiser die deutsche Reichshauptstadt die schönste Stadt der Erde genannt hat, wird Paris vom Neidhammel verzehrt werden, und die Eifersucht – das lehrt uns Othello – erblickt bekanntlich in jedem harmlosen Taschentuch die Nase eines Rivalen. Ebenso sieht Rußland das deutsch-österreichische Bündniß nur durch die scheele Brille an und glaubt durch dasselbe den Thon seiner Füße in's Wanken gebracht. Bedarf es da mehr als eines Tropfens, um das Pulverfaß zum Ueberlaufen zu bringen? Diese Frage gilt doch wahrlich mehr als alle Schalmeidinger, welche in den Friedensartikeln der Presse auf's Tapet gebracht werden. * * * 17 Frieden in Sicht. W. Nichts in der Politik ist schädlicher als der Pessimismus, denn er wiegt den Gewiegtesten wie einen Säugling in eine gewisse Unsicherheit und lenkt das Ohr von dem Rauschen der Friedenspalme ab, welches überall laut wird. Wer aber die Ohren auf dem rechten und linken Fleck hat, der verschließt sie weder vor den beruhigenden Noten, noch vor dem Klappern der Zähne, bis an welche die Nachbarvölker in Waffen starren. Ich aber sage es dem Frieden auf den Kopf zu, daß er gesichert ist, und wenn er tausendmal sich den Anschein gäbe, als zeigte ihm der Zimmermann das letzte Loch, aus welchem er pfeifen solle. In Frankreich denkt man gar nicht an Abenteuer, im Gegentheil sagt man sich, daß das Heer nach Berlin schief gehen könnte und daß dann dem Lande nichts bliebe als der Rest, den ihm Deutschland vielleicht nicht einmal geben würde. Ebenso sieht Rußland ein, daß es keinen Weg giebt, auf welchem das deutsch-österreichische Bündniß zu räumen sein wird. Bedarf es da noch der weiteren Beweise, daß der am ruhigen Bach gelagerte liebliche Knabe ein sehr langer werden wird? 18 Die Kaiserfahrt. I. Herrn Wippchen in Bernau. Herzlichsten Dank für Ihre Zeilen. Wir waren eben im Begriff, Sie zu bitten, die sich vorbereitende Kaiserfahrt in die Hand zu nehmen, da kommt Ihre werthe Postkarte, die uns ersucht, Ihnen einen Raum für den ersten Bericht offen zu halten. Wir freuen uns sehr, Sie wieder mit neuem Eifer erfüllt zu sehen, und jetzt häufiger als in der letzten Zeit einen Artikel aus Ihrer Feder veröffentlichen zu können. Sie ersuchen uns, Ihnen eine Flasche Wodki und ein Fäßchen Caviar zu senden. Wir bedauern, 19 Ihnen nicht dienen zu können. Der genannte Schnaps ist hier nicht zu haben, und für Caviar ist die Saison nicht da. Ergebenst Die Redaktion. * * * Bernau , den 17. Juli 1888. Ich hätte mich wahrlich jetzt nicht bei Ihnen gemeldet, um mich unter das Caudienstjoch zu beugen, wenn ich nicht zu der Einsicht gelangt wäre, daß über die Tafeln der Klio plötzlich ein frischer Wind pfeift, den sich kein gewissenhafter Berichterstatter vormachen läßt, ohne sich seines Berufs zu erinnern. Der Besuch, den unser Kaiser dem russischen Selbstzaren abstattet, ist ein politischer Akt, den ich mir nicht nehmen lasse. Er beweist, daß Rußland mit Deutschland auf dem besten thönernen Fuß lebt, obschon Frankreich ihm den Hof machte, wie der Mond kaum einen solchen besitzt. Der Franzose hatte dem Russen unablässig eine Masse Bienenwerke um den Mund geschmiert, um ihn zu gewinnen, und eine Heerde Katzen gebuckelt, um ihn zur Ausführung seiner Pläne auf seine Seite zu ziehen. Wie die Erlprinzessinnen in Goethe's unvergleichlicher Ballade lockten die Déroulèdis 20 und wie diese Patriotenligner heißen mögen, die Russen zu einem Bündniß, und zu welchem Zweck? Um mit ihnen vereint über das deutsche Reich herzufallen und demselben einen Garaus beizubringen. Es war ein Schauspiel für Götzen. Aber Rußland ließ sich auf nichts ein, es hatte nicht Lust, das X vor dem U zu loben, für Frankreich, indem es seiner Wetterfahne folgte, die Kastanien aus dem Elsaß zu holen und hinterdrein als der Mohr, der seine Schuldigkeit gethan hat, angeschwärzt zu werden, oder schließlich mit einem bis zum Rande leeren Nachsehen dazustehen. Das war – verzeihen Sie das harte Wort! – absolut weise und wird die eisernen Würfel vor dem Fallen bewahren. Sollte aber dem russischen Reich an den drei Schritten, die es sich Frankreich vom Leibe hält, noch einer fehlen, so wird ihm der Besuch unseres Kaisers den Wankelmuth ausflößen und der Friedenstaube nichts mehr im Wege stehen. Diesem Besuch wird eine Reihe von Besuchen an den befreundeten Höfen folgen. Durch diese werden die bisherigen Freunde noch dickere, etwaige Widersacher völlig entwidert und wird solchergestalt Europa in ein derartiges Friedenslager verwandelt werden, daß Frankreich vorläufig nicht daran denken kann, den Frieden krumm zu schließen. Selten habe ich mich mit mehr Vergnügen als bei dieser Gelegenheit auf die Dinte geworfen, und ich werde daher sehr fleißig sein und Sie niemals mit meinen Berichten in irgend einem Stich lassen, und sei der Stich auch noch so 21 harmlos. Wenn ich aber diese Reise mit Eifer für Sie zurücklege, so habe ich doch bisher nichts weiter zurücklegen können, und daher bitte ich Sie, mir einen Vorschuß von 50 Rubeln in Papier, d. h. in Ihrem Couvertpapier, zu senden. Stehen Rubel so schlecht wie ich, so erwarte ich die Summe in Reichsmark. * * * Am Bord des » Brathecht «, den 19. Juli 1888 W. Der alte Gott Neptun lag so glatt wie ein Aal da, als ich die Bretter, welche den Ocean bedeuten, in Kiel betrat. Der Dampfer, auf welchem ich einen Platz gefunden hatte, setzte mich bald darauf in Bewegung und folgte dem kaiserlichen Geschwader, während das Publikum am Ufer die Hüte weithinschallend schwenkte und in ein begeistertes Wehen mit Fahnen und Tüchern ausbrach. Es dauerte lange, bis ich den Blicken der Kieler entschwand, aber immer noch hörte ich das enthusiastische Hurrahrufen der meerumschlungenen Menge. Poseidon bot uns nun eine frische Nordwestbrise, welche unsern Riesenschornstein schwellte und uns rasch über die mit ewigem Schaum bedeckten Wogenkämme dahintrug. Unsere Reise hatte herrlich begonnen, und fröhlich drückten wir uns mit aufrichtigem Thalatta die Rechte. Wie ist die See so prächtig! Ich muß lächeln, wenn ich von der Seekrankheit 22 sprechen höre. Nein, die See ist gesund. Mit Behagen streckten wir uns auf Deck aus und sogen die köstliche Salzluft mit allen Lungen ein. Wir unterhielten uns von den Aussichten in die Zukunft und von den Rücksichten in die Vergangenheit und freuten uns der Gegenwart, die durch eine Fahrt wie unsere den Frieden auf einen grünen Palmenzweig brachte. Und vor uns sahen wir eine Flotte in's Meer rücken, welche uns ein Bild gab von der Macht des deutschen Reiches. Diese Schiffe waren wahrlich keine Kolosse auf thönernen Füßen, sondern Riesen, denen keine Gewalt der Erde gebieten dürfte, den Schiffsschnabel zu halten. Nun fuhren wir an Warnemünde vorüber. Alle Ein- und die dort zu Gast anwesenden Ausheimischen hatten sich vereinigt, stachen, um uns zu begrüßen, in See und gaben uns das Geleite, bis wir ihr Hurrah aus den Ohren verloren. So war es an allen Gestaden der Ostsee, bis sich uns die Küste Rußlands näherte, die uns an Gretchens Worte erinnerte: »Mein finnischer Meerbusen drängt sich nach ihm hin.« Der deutsche Leser hat sich hoffentlich schon die Bockshörner abgelaufen, in welche ihn die russischen Blätter wie z. B. die Nowoje Wremja hineinzujagen suchen. Darauf ist weniger als Acht zu geben. Mag auch die russische Presse viel Staub aufwirbeln, um unsere Fahrt in ihn zu ziehen, das russische Volk kommt uns mit offenen Armen entgegen und wird manches Caviarfaß auf unser Wohl leeren. Es 23 dankt Bog , daß Deutschland ihm die Ruka reicht, und daß unser Kaiser Wiljgeljm diese Putjeschestwije unternahm, um Rossija und der ganzen Mir zu zeigen, daß Deutschland ein friedliebender Sossed ist. Sie merken wohl, indem ich das russische Rad breche, daß wir uns der moskowitischen Küste nähern. Kronstadt taucht vor unseren Blicken auf, dessen Festschmuck uns sagt: » Sdrassstje! (lies: Guten Tag!) Ihr kommt als Freunde, Ihr wollt uns nicht unsere Polen nehmen und nicht unsere Finnen haben, Ihr wollt nur unser Sserdze (lies: Herz) erobern. Seid willkommen!« Morgen schreibe ich Ihnen von Peterhof. II. Herrn Wippchen in Bernau. Ihren eben eintreffenden Bericht haben wir leider nicht sofort zum Abdruck bringen können, da unser Rothstift darin eine Lücke gerissen hat, die Sie gefl. umgehend ausfüllen müssen. Denn der ganze Passus, der die Nihilistenparade beschreibt, mußte selbstverständlich fortfallen. Ihre Idee, daß der Zar seinem hohen Gast einen Beweis von der inneren Gesundheit Rußlands dadurch geben wollte, daß er ihm einige Tausend Nihilisten »in vollem Bombenschmuck« in Reih' und Glied vorführte, ist ja sehr originell, aber doch geradezu eine Satire. Denn angenommen, der Zar wollte beweisen, daß die Nihilisten sich mit seiner Regierung ausgesöhnt hätten, so ist es doch unmöglich zu glauben, daß er sie zu einem Regiment vereinigt 25 und eine Nihilistenparade in das Festprogramm aufgenommen haben sollte. Zu weit darf Ihre Phantasie unter keiner Bedingung ausschweifen. Wir bitten Sie also, baldigst die gewünschte Umarbeitung Ihres Berichtes fertig zu stellen, und grüßen Sie ergebenst Die Redaktion. * * * Bernau , den 26. Juli 1888. Ihre geehrten Briefe öffne ich immer mit banger Scheere, denn ich kann leider mit Bestimmtheit auf eine Nase rechnen, die denn auch in Ihrem werthen Jüngsten mit starkem Tabak gefüllt vorhanden ist. Die Nihilistenparade hätten Sie mir ruhig abnehmen können. Ich wüßte keine Luft zu nennen, aus der sie bis jetzt gegriffen worden wäre, und darauf kommt es doch schließlich an. Wer konnte mir denn beweisen, ich hätte meine Finger aufgeschnitten, um mir die Nihilistenparade daraus zu saugen? Erstens weiß man, daß ich eher ein Dünn- als ein Dickthuer bin, und zweitens ist es Thatsache, daß keiner meiner sämmtlichen Collegen, weil sie von keinem blaublütigen Storch gebracht worden sind, den Festen 26 beiwohnte. Man muß die Etikette kennen, mit der der russische Hof rasselt! Wer nicht mit dem Erblicken des Lichts der Welt wartete, bis sich vor ihm wenigstens zwanzig Ahnen in seiner Wiege windelten, gilt zwar als staub-, als sonst nicht als geboren. Nichts gelten die Nach-, alles die Vorfahren. Um an den Hof zu kommen, muß man so geartet sein, daß man vor lauter Stammbäumen den Wald nicht sieht. Und da nun kein Zeitungsberichterstatter nachzuweisen vermag, daß seine Urfamilie schon unter Iwan dem Schrecklichen oder unter Peter dem Zimmermann geköpft oder doch wenigstens gefürstet worden ist, so konnte keiner sagen, daß die Nihilistenparade eine phantastische Schilderung sei. Leuchtet Ihnen das ein, oder wird der alte Thomas in Ihnen – verzeihen Sie das harte Wort! – lebendig? Wie diesem Thomas auch sei, ich sende Ihnen einen anderen Bericht. Aber angenehm ist es nicht, stets auf die Finger geklopft zu werden wie umgekehrt die Claviertasten. Wie würde es Ihnen gefallen, wenn ich Ihnen sagte, daß sich auf einem Ihrer Kassenscheine der letzten Vorschußsendung ein Fehler befand? Da stand nämlich 20 gedruckt statt 50. Ich bitte Sie daher, mir einen richtigen zu senden, da mir ein solcher auf den Nägeln brennt. * * * 27 Krasnoje-Selo , den 21. Juli 1888 a1ten Styls. W. Ob Oberst Schirinkin, welcher die Karten zu vertheilen hatte, mich nicht finden konnte, oder ob ich ihn vergeblich zu treffen versuchte, ich weiß es nicht. Genug, ich suchte ihn, als sei er das mobile Perpetuum, oder der Zirkel, den ich in ein Viereck verwandeln wollte, und fand ihn nicht. Um aber ohne Karte das Paradefeld auch nur mit Einem Fuß betreten zu können, mußte man ein Fürst sein und sich durch ein Scepter legitimiren, oder aber fürchten, mit mehrwöchentlicher Knute und Aberkennung der bürgerlichen Ehren mit Ausnahme des Zobelfangs bestraft zu werden. Endlich aber gelang es mir, den genannten Oberst im Peterhofer Palais zu treffen. Er verstand das Deutsche nur in russischer Uebersetzung, und ich war daher genöthigt, meine Rede mit den russischen Worten, die ich kannte, z. B.: Caviar, Yelva, Turgenjew, Sterlet, Sebastopol, Juchten, Puschkin, Plewna u. s. w. zu spicken. Alsdann überreichte er mir lächelnd ein passendes Partout, worauf ich ihm einen Bückling, einen Fisch, der, beiläufig bemerkt, hier gar nicht bekannt ist, machte, meinen schljapa (russischen Hut) zog und mich entfernte. Nun begann die Parade. Mir gegenüber war auf dem Kaiserhügel (einem Hügel, der so heißt) das Zelt für die Zariza errichtet. Meine außerrussischen Collegen, welche die russische Zunge nur gebrochen handhaben, nennen die Kaiserin Zarewna . Das ist loschno (sprich: falsch). Zarewna heißt Prinzessin, Kaiserin dagegen Zariza. 28 Punkt 11 Uhr verkündete mein sich mächtig fortpflanzendes Hurrah, in welches 60 Bataillone Infanterie, 51 Schwadronen und 168 Geschütze brausend einstimmten, die Ankunft der beiden Kaiser und einer glänzenden Suite. Alsbald begann die Front, abgeritten zu werden. Das war ein herrliches Schauspiel. In der Suite bemerkte ich die Generäle Rostoptschin , Mazeppa , Pugatschew , Potemkin , Demetrius , Poniatowski und viele Andere. Unter den Deutschen ist es vor Allen Graf Herbert Bismarck, auf den Alle mit gespitzten Augen schauen. Man hält ihn allgemein für seinen eigenen Vater. Neben mir stand ein Hetman mit seiner Hetfrau, und auf ihre Frage, ob Graf Herbert nicht der deutsche Reichskanzler sei, antwortete ich Njet! (sprich: Nein!) Aber das Hetpärchen blieb dabei, der Sohn sei der Vater, und als ich sie dann fragte, ob sie denn nicht wüßten, daß der Reichskanzler ein Mann in den besten Siebzigern sei, da baten sie mich höflich, ich sollte doch keinen Bessmüsliza (sprich: Unsinn, Blech, Quatsch) reden, ich hätte wohl einen Ptiza (sprich: Vogel, Triller, Sparren) und ich sollte meinen Rot (sprich: Mund, Schnabel) halten. So fest sind die Russen überzeugt davon, daß Graf Bismarck sein Vater sei. Das militärische Schauspiel verlief mittlerweile glänzend. Ein Bataillon gab dem anderen die Thür in die Hand, eine Eskadron trat in die Hufstapfen der anderen. Die Kosaken schienen lauter Flügelmänner, so flogen sie förmlich vorüber, 29 ebenso die Kalmücken, deren Namen ja schon das Fliegen andeutet. Dann kamen die Lappen, die wahrlich nicht so aussahen, die Finnen, an denen man übrigens keine bemerkte, die Tscherkessen, Tschetschenzen, Tschuwaschen, Tataren und Tschukschen, kurz, alle die Völker, aus denen die russische Nation zusammengesetzt ist. Nach der Parade folgte ein Frühstück im Kaiserzelt. Mir lief das Wasser im Munde zusammen, was bei dem herrschenden Staub sehr angenehm war. Nun geht's in die Hauptstadt der Streichhölzer, nach Stockholm. Dann nach Kopenhagen, der Metropole der Handschuhe. So wechseln die Bilder, wie die Leihbibliothekare die Romane. Eines aber bleibt unwandelbar: die Ueberzeugung, daß der europäische Frieden jetzt wie das Lied von der Glocke fest gemauert in der Erden steht. 30 III. Herrn Wippchen in Bernau. Ihr eben eintreffender dritter Kaiserfahrtbericht mußte zurückgelegt werden, weil Sie – unglaublich! – die Reise unseres Kaisers nach Rom schildern. Allerdings war ja die Rede davon, daß der Kaiser dem König von Italien einen Besuch zu machen gedenke, aber wie Sie dazu kommen, diesen Besuch jetzt stattfinden zu lassen, das ist uns absolut unbegreiflich. Derlei wäre ganz dazu angethan, Sie um Ihren Credit zu bringen. Wir erwarten von Ihnen die Fahrt nach Stockholm und Kopenhagen ergebenst Die Redaktion . * * * 31 Bernau , den 2. August 1888. Mit Bedauern sehe ich ein, daß ich in meinem leider zu früh erblindeten Eifer zu weit ging, obschon Stockholm ja gleichfalls nicht in der Nähe liegt. Man muß prinzipiell erst das U und dann das X vornehmen, indeß entschuldigt mich hier meine Vorliebe für Italien, für den Stiefel meiner Sehnsucht, und es ist besonders Rom, welches stets einen Magneten auf mich ausübt und mich wie ein Kindermädchen anzieht. Rom ist – verzeihen Sie das harte Wort! – meine schwache Seite, und da ich nichts sehnlicher als die Verbrüderung der beiden Schwesterreiche Deutschland und Italien wünsche, so fühlte sich der Wunsch alsbald Vater des Gedankens, und der Bericht entstand wie ein aus der Maschine gestampfter Deus . Ich mache nun mit größter Schleue meinen Fehler wieder gut, indem ich Ihnen Stockholm und Kopenhagen sende. Dazu mein Portrait im Charakter eines Meeresbewohners, wie es sich für meine gegenwärtige Ausgabe eignet. In dem Atelier war kein bewegtes Meer aufzutreiben, und so mußte ich denn leider auf Sturm, Wellenschaum, Untiefen, Seekrankheit und Möven verzichten. Auch als ich in der Maske des fliegenden Holländers photographirt sein wollte, fehlte die Flugmaschine, ja nicht einmal ein Flügelpaar oder ein Trapez war vorhanden, und so machte ich denn gute Miene zum Matrosencostüm. Ich schmeichle 33 mir aber, daß das Bild nicht geschmeichelt ist, sondern daß der Photograph mich getroffen hat, wie ich ihn getroffen habe. Sie werden überrascht sein, daß ich die Vorschußfrage heute gar nicht berühre. Das ist indeß wie alles Menschliche irrig. Senden Sie mir, bitte! 20 Kronnen à 100 Oere, womit ich dieselbe habe. * * * Stockholm , den 26. Juli 1888. W. Auf unserer Fahrt hierher war Neptun ruhig, und wir wurden daher von einem starken Seewohlsein ergriffen. Wir waren in Rußland wirklich freundlich aufgenommen worden, und als wir es verließen, da blieb fast kein Knopfloch ordensleer. Der Eine hatte einen Niko-, der Andere einen Stanis-, der dritte einen ähnlichen Vogel bekommen, und so durchpflügte unser Geschwader vergnügt das weite Wasserfeld nach dem schönen Skandinavien. Der König von Schweden kam uns auf dem Lustschiff » Drott « entgegen gefahren, begrüßte unseren Kaiser und kehrte dann wieder nach Stockholm zurück, um die Begrüßung am Landungsplatz zu wiederholen. Hier stand der vieltausendköpfige Bewohner und erschütterte uns, als wir ankamen, mit donnernden Hochrufen. Der Himmel war von den Gewitterschlägen des gestrigen Tages 34 herrlich durchbläut und lächelte nun, wie man in Jönköping zu sagen pflegt, utan svafel och fosfor aus uns herab. Ich sprach einen alten Schweden, der sich eines so schönen Wetters nicht zu erinnern vermochte. Der Tag verlief rasch unter Galadiners und Besichtigung der Schwedenschanzen, der schwedischen Gardinen-, Punsch- und Tändstickorfabriken, der schwedischen Heilgymnastikanstalten und der Brauereien, in denen der Schwedentrunk gebraut wird. Dazu schlugen die schwedischen Nachtigallen seitwärts in den Büschen, daß es eine Lust war. Die Blätter reichen uns zur Begrüßung die vollen Spalten entgegen, aus deren Uebersetzung uns ein neuer Freund zulächelt. Deutschland wird bald nur Erzfreunde haben, so daß es ein wahres Glück sein wird, daß wir in Frankreich wenigstens einen Busenfeind besitzen, auf dessen Gegnerschaft wir uns immer fest verlassen können. Denn sonst wäre unsere Politik langweilig wie die Rose ohne Dorn, wie der Sonnenwagen ohne Flecken, wie Abälard und Ferdinand ohne Heloise. Nein, mehr als je müssen wir jetzt dafür sorgen, daß Frankreich mit uns haßäugelt. Morgen Nacht um zwei Uhr schiffen wir fürbaß. * * * 35 Kopenhagen , den 28. Juli 1888. W. Mit vollem Recht pflegte Shakespeare in seiner ehrlichen Weise zu sagen: » Something is rotten in the state of Denmark. « Ja, wir sind nachgerade alle etwas faul geworden, so daß ich am liebsten meine Feder auf die Bärenhaut streckte. Denn diese ewigen Feste spannen ab, wie die Kutscher ihre Gäule. Für eine Reihe von Festen muß man fester sein, als der gewöhnliche Storchgeborene zu sein pflegt. Nur zu bald wünscht man, daß der überschäumende Becher nun eine Weile unter schäume. Der König kam dem deutschen Geschwader bis zur Südspitze der Insel Amager entgegen. In Deutschland denkt man sich den Dänenkönig gewöhnlich als einen Mann, der – ich erinnere an Hamlet – im grauen Gewande um die zwölfte Mitternachtsstunde, nur der erhitzten Phantasie sichtbar, die Chronique scandinave enthüllt und mit lautem »Schwört auf mein Schwert!« wieder verschwindet. Das ist ein falsches Bild. Der König ist ein sehr liebenswürdiger Mann, ebenso wie der Kronprinz, der gleichfalls nicht daran denkt, einen Monolog in englischer Sprache zu halten, oder aus dem Schädel des bekannten Humoristen Poor Yorik Gedanken zu schöpfen. Und nun wiederholten sich in Kopenhagen die Scenen, die wir bereits in Petersburg und Stockholm erlebt hatten. Das Wetter war leider unter der Kanone, die uns mit 36 lautem Knall begrüßte. Aeolosstöße und Pluviusschauer wechselten miteinander ab, ohne indeß die Flaggen zu dämpfen, die zu Ehren des Tages entfaltet waren. Die Presse geizte auch hier nicht mit liebenswürdiger Druckerschwärze. Nur hier und da verlangt ein Redakteur, wir sollten Nordschleswig herausgeben. Natürlich umsonst. Mit Holsaß und Schlesringen verstehen wir solche Späße nicht. Unser Aufenthalt wird nur von kurzer Dauer sein. Sobald ich wieder in der Heimath bin, bringe ich die Anekdoten zu Papier, an denen auch diese vielen Hoffestlichkeiten reich gewesen sind. 37 IV. W. So sitze ich denn wieder an meinem Laren- und Penaten-Heerd, den ich vor etlichen Wochen verlassen hatte. Während dieser Zeit habe ich drei Residenzen besucht und drei Monarchenpaare gesehen: einen Zaren und eine Zariza, einen Konung und eine Drottning und einen Kong und eine Dronning. Natürlich haben sich bei diesen Zusammenkünften viele Anekdoten ereignet, die ganz geeignet waren, dem Zwerchfell ein Lächeln abzugewinnen. Wenn sich die Großen dieser Erde festlich zusammenfinden, so darf man nicht annehmen, daß sie ausschließlich regieren. Im Gegentheil pflegen sie dann das Scepter an den Nagel zu hängen, sich für Augenblicke die Krone aus dem Kopf zu schlagen und den Purpur Purpur sein zu lassen. Nichts ist natürlicher. Wer jahrein jahraus auf dem Thronsessel geruhen muß, freut sich doppelt, dann und wann frei sich bewegen und den Pluralis majestatis abschütteln zu können. Selbstredend kann ich nicht alle Anekdoten mittheilen, einigen gegenüber muß ich mindestens 38 sieben Siegel auf den Zähnen haben, etliche aber will ich meinen Lesern nicht vorenthalten. * * * Bei dem prunkvollen Diner brachte bekanntlich der Zar das Hoch seines kaiserlichen Gastes aus, und als er mit Adin, dwa, tri geendet hatte und das ura verklungen war, machte man ihm von allen Seiten Complimente wegen seiner schönen Stimme. »Es ist Uns sehr lieb«, sagte er geschmeichelt, »daß Wir Sie erbaut haben, aber man sagt ja nicht ohne Grund: » Zar und Zimmermann .« Da vereinigten sich der Beifall und die Heiterkeit und pflanzten sich über die Mauern des Schlosses fort. * * * Nachdem die Galatafel von der zahlreichen Dienerschaft aufgehoben war, begann eine sehr lebhafte Plauderei der erhabenen Runde. So sprach man auch über die Coursschwankungen des russischen Mammon, und da sagte der russische Finanzminister: »Den Unterschied zwischen der deutschen Krone und dem russischen Rubel hat schon Ihr Goethe festgestellt, indem er sagte: » Krone des Lebens, Glück ohne Ru- bel , das bist Du«. 39 Zehn Minuten später saß er schon im Schlitten nach Sibirien. * * * Als der Name Goethe genannt worden war, sagte der berühmte General Dibitsch: »Ich bin stolz darauf, daß Goethe ein Kosak gewesen ist.« Als der Graf Bismarck dagegen einwarf, Goethe sei ein geborener Frankfurter am Main, lächelte Dibitsch , er wisse das besser, weil sonst Goethe wohl nicht mehr Licht verlangt hätte, das ja alle Kosaken gerne essen. »Dann allerdings« sagte Graf Bismarck und nahm, vielsagend schweigend, ein Stück Sterlet, der in Strömen floß. * * * »Wissen Sie, was das Merkwürdigste in Rußland ist?« fragte ich einen Knjasj (lies: Fürst). Dieser vernjetete (verneinte). Nun, sagte ich, das Merkwürdigste scheint mir, daß der Zar verheirathet und doch Selbst herrscher ist. Der Knjasj hatte keine Silbe verstanden und lachte derart, daß ihm sein Sluga (lies: Diener) den hochgeborenen Bauch halten mußte. * * * In Rußland giebt es bekanntlich großartige Jagden. In erster Linie jagt man den Hermelin, den Marder, den 40 Zobel, wie überhaupt alle Pelze, welche gegen die strenge Kälte des Winters schützen. Der Zobel wird in Sibirien ausschließlich von den unglücklichen Deportirten gejagt. Einmal sprach ich mit einem russischen Staatsanwalt, der schon mehrere Tausend Nihilisten hatte zu lebenslänglicher Waidmannslust nach Sibirien transportiren lassen, über die inneren Revolutionäre Rußlands und gab meinem Bedauern lebhaften Ausdruck. Da kam ich aber schöner an, als ich je im Leben gewesen zu sein mir schmeicheln durfte. »Sind Sie besumno (verrückt)?« rief er, indem er mir die Knute anbot. »Wenn wir die Nihilisten nicht hätten, dann müßten wir ja im Sima (Winter) wie ein Portnoj (Schneider) frieren!« Ich drückte ihm die Hand und dann mich. * * * Der König von Schweden ist bekanntlich ein hervorragender Dichter. Wenn Schiller in seiner Jungfrau sagt: »Drum soll der Sänger mit dem König gehn«, so ist der schwedische Monarch ein König, der mit sich selbst Arm in Arm gehen kann. Wie andere Dichter will aber auch dieser nicht nur gelesen, sondern auch gekauft sein. An der Hoftafel nun sagte ein Cavalier zu ihm, er habe gehört, der König habe allergnädigst geruht, wieder ein Bändchen Gedichte herauszugeben, er möge ihm doch ein Exemplar 41 leihen. Da sagte der Dichterfürst: »Ich verleihe nur solche Bändchen!« und überreichte ihm den Wasa-Orden. Auf das Tiefste beschämt, steckte der Cavalier, den ich nicht nennen will, den Orden in das Knopfloch. Er wird sich nie wieder ein Buch von dessen Autor borgen wollen! * * * Bekanntlich befanden sich unter dem Publikum, das dem Einzug in Kopenhagen jubelnd beiwohnte, einige Zischer. Ein hohes Mitglied des deutschen Gefolges erkundigte sich, weshalb die Leute zischten. Polonius , ein alter Hofherr, antwortete: Die Leute wollen ein Stück von Schleswig wiederhaben. Das ist komisch, erwiderte das hohe Mitglied des deutschen Gefolges, sehr komisch, denn hier ist von einem sehr guten Stück die Rede, und da sollten doch die Leute nicht zischen, sondern applaudiren. Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode, warf Polonius in der Schlegelschen Uebersetzung ein. * * * Der Kronprinz von Dänemark ist ein verschlossener, düsterer, ernster Mann, der gerne seinen Gedanken nachhängt. Er geht schwarz gekleidet und unterscheidet sich dadurch von Ferdinand in Kabale und Liebe, daß ihm das Flötenspiel niemals eingefallen ist. Lange schon hatte es ihn geärgert, 42 daß die Hofleute ihn nach ihrem Kopf lenken wollten, und es war gerade an einem der Festtage, als ihm die Geduld riß. Er ergriff also mit nerviger Faust eine Flöte, schwang sie drohend und bat einen Hofherrn, auf ihr zu spielen. »Ich kann nicht«, versicherte dieser. »Nun« sagte der Dänenprinz, »wenn Ihr die Flöte nicht spielen könnt, wie soll ich nach Eurer Pfeife tanzen?« Man kann sich den Fuß denken, auf welchem diesen Worten Sr. königlichen Hoheit das Gelächter folgte. 43 V. Herrn Wippchen in Bernau. Sie würden uns einen großen Dienst leisten, wenn Sie sich sofort an die Fortsetzung Ihrer Berichte über die Kaiserfahrt machten. Wir haben nicht geglaubt, daß wir Sie erst an dieselbe erinnern müßten. So weit es uns möglich war, haben wir aus den Blättern einen vorläufigen Bericht zusammengesetzt, nun aber brauchen wir direkte Nachrichten. Solche erwartend, grüßen wir Sie ergebenst Die Redaktion . * * * 44 Bernau , den datumten des Poststempels 1888. Gewissermaßen stante velocipede mache ich mich an die Dinte, um Ihren Wunsch zu erfüllen, ohne Ihnen aber zu verschweigen, daß ich mich von dieser Arbeit lieber bis zur Athemlosigkeit gedrückt hätte. Denn Festberichte sehen sich ähnlicher als Eier, insofern es doch so verschiedene (Straußen-, Kibitz-, Spiegel-, Schmetterlings-, Oster-, Fisch-) Eier giebt. Und zumal Berichte über Herrscherbesuche können immer nur von Spalieren, Hoftafeln, Empfängen, Galavorstellungen, Paraden und dem schließlichen Ordenspluvius erzählen. Ja, ließen die Fürsten unsereinen zu, wenn sie unter dem Siegel der vier Augen mit einander verkehren, wenn wir dabei wären, wenn sie, fern von dem Geräusch der Hofleute, den lieblichen Knaben befestigen, als welcher der Friede fortan am ruhigen Bach gelagert liegen soll, dann wäre das Referiren ein Handwerk mit dankbarem Boden. Aber stets stehen wir Berichterstatter ante portas zusammengehannibalt, angewiesen darauf, aus schlechtunterrichteten Fingern das zu saugen und aus der gerüchtsweisen Luft das zu greifen, was die Welt wissen will. Denn daß die Kaiser und Könige sich besuchen, um sich einmal wieder den Purpur herzlich zu schütteln und anzufragen, wie es der Dynastie gehe, also gewissermaßen um zu einem Fürstenkränzchen zusammenzukommen, das möchte ich – verzeihen Sie das harte Wort! – bezweifeln. Und doch ist der Berichterstatter nur im Stande, abgerittene 45 Fronten, gemachte Cercles. abgenommene Paraden, eingenommene Diners, beigewohnte Theatervorstellungen und verliehene Dekorationen zu schildern. Das war in Stuttgart und München der Fall, das wird auch in Wien und Rom ähnlich sein. Ich sende Ihnen also einliegend Wien und verfasse Ihnen Rom für die nächste Nummer. Sollten Sie diese, also Nr. 42, in einer Ziffer auf einen 50-Markschein vorfinden. so senden Sie mir denselben als Vorschuß. Er wäre mir als Andenken werth, indeß will ich nicht eigensinnig sein und mich mit der Ziffer 4 oder 2 begnügen. * * * Wien , den 6. Oktober 1888. W. Endlich ein Moment der Ruhe nach dem Gewitter! Mein Wagen ist wie gerädert, wie Lenore fuhr ich in den letzten Tagen seit der Morgenrothstunde in der Stadt umher, um mich in den prächtigen Straßen der österreichischen Residenz in den Fluthen der Begeisterung dieses liebenswürdigen Volks satt zu spiegeln. Durch seine aufrichtigen Hurrahs gestaltet Wien diese Jahreszeit zu einem wörtlichen Hochsommer. Die üppige Vindobona ist bräutlich geschmückt, man sieht vor lauter Mastbäumen den Guirlandenwald nicht. Ueberall Leben und Bewegung, und der Volksjubel wird von den Wellen der Straußischen schönen blauen Donau hinausgetragen 46 in die Schweiz der Umgebung, und wo sich Franz Joseph der Erste und Wilhelm der Zweite zeigen, da will jeder Wiener in diesem Bunde der Dritte sein. Als ich dem Empfang des Deutschen Kaisers beiwohnte und ganz hingerissen bemerkte, wie jedes Auge ein Vivat sprühte und kein Sacktuch ungeweht blieb, da fühlte ich, daß wir völlig eins sind und daß es nur noch eines einzigen Krieges bedarf, um Deutschland und Oesterreich völlig zu befreunden. Es wäre ein Schauspiel für Götter, wenn es deren gäbe, gewesen, wenn sie in diesen Tagen gesehen hätten, wie einig die Deutschen sind, wenn sie getrennt leben. Da waren die Herzen so voll, daß kein Erisapfel zur Erde fallen konnte, da war alle Zwie- oder Mehrtracht beseitigt, da nahm keiner den anderen etwas krumm, auch wenn es nicht gerade war, da sah keiner den andern mit scheelen Augen an, auch wenn er solche hatte. Es war ein Fest der Verbrüderung zweier Schwesterstädte. Die Fahrt der beiden Kaiser vom Bahnhof nach der Hofburg war ein Triumphzug. Die Häuser beugten sich unter der Last der Teppiche, Rosen wurden auf den Weg gestreut und des Harms absichtlich vergessen, zahlreiche Musikcorps erklärten: Ich bin ein Preuße, und frugen: Kennt ihr meine Farben? oder intonirten: Heil Ew. Majestät im Siegerkranz, und überall wurde die Luft von geschwenkten Hüten und Tüchern jubelnder Schaaren erschüttert. 47 Das Dejeuner wurde auf der Deutschen Botschaft gefrühstückt, worauf der Kaiser Wilhelm in das Atelier Angeli's fuhr. Man fragte sich, weshalb der Kaiser den berühmten Maler besuchte, weshalb Angeli nicht zum Kaiser ging. Fürchtete Angeli , den Kaiser nicht zu treffen? Müßige Frage bei einem solchen Porträtmaler, der stets sprechend ähnlich in's Schwarze trifft. O nein, das war es nicht. Der Kaiser hat der Kunst eine Huldigung dargebracht, indem er einen ihrer berühmtesten Meister in dessen vier Leinwänden aufsuchte. Auch die Akademie der bildenden Künste wurde durch einen Besuch ausgezeichnet: ein Beweis, daß Wilhelm II. auch die Künste des Friedens rechts liegen läßt. Schon am ersten Kaisertage jagte ein Fest das andere. Für Feste giebt es eben keine Schonzeit. Dem Familiendiner beim österreichischen Kaiser folgte ein Hofgalakonzert im Ceremoniensaal, in welchem 3000 Wachskerzen eine blendende Wärme verbreiteten, und der nur mit Mühe die Zahl der Eingeladenen faßte. Die ersten Künstler Wiens bildeten das Programm. Seit Schillers Handschuh hatte man rings auf hohem Balkone solch einen schönen Kranz von Damen nicht gesehen. Tiefe Stille herrschte im Saal, auch die leiseste Pause wurde hörbar, als Reich-, Winkel- und wie diese Männer der Oper alle heißen mögen, sangen. Nach jeder Nummer – denn ein Applaus ist in solchen Konzerten nicht gestattet – brach ein frenetisches Schweigen aus und erdröhnte der Saal vom rauschend unterlassenen Bravo. 48 Während der Pause fand Cercle statt. Cercle ist seit Archimedes ein Kreis, den allerhöchste Herrschaften aus blaublütigen Punkten bilden, die durch Anreden ausgezeichnet werden. Die Angeredeten werden dadurch in tiefe Verbeugungen verwickelt, und so entspinnt sich rasch ein interessanter Monolog. Nach dem Konzert beehrte der Kaiser die Künstler mit Ansprachen. Diese Herren und Damen – ich nenne absichtlich das schwache Geschlecht zuerst – merkten hier so recht den Unterschied zwischen der Wirklichkeit und den Brettern. Sie sind ja Abends meist Kaiser und Könige, jedenfalls ist Jeder schon als Baß ileus aufgetreten, er sei nun Tenor oder Bariton, vor der Primadonna, wenn sie Herrscherin war, sang mancher Chor in die Knie, und wenn sie abtraten, so wurden sie wohl stürmischer zurückgerufen, als z. B. Napoleon III. zurückgerufen wurde, nachdem er in Sedan von seinem Degen herabgestiegen war. Doch nun standen diese so oft mit Purpur bekleideten Sänger und Sängerinnen vor vier wirklichen zwei Kaisern und Königen, und wehe ihnen, wenn sie auch nur einen Augenblick allergnädigst geruht hätten! Die Marke, Peter der Große, Gustav, Margarethe von Valois u. a. standen so unter da, wie man sich nur einen Unterthan denken kann, und es war mir, als suchten sie nach dem Strohhalm des Souffleurkastens. 49 VI. Rom , den 11. Oktober 1888. W. Da bin ich in Rom, auf den sieben Hügeln, in der noch immer ewigen Roma æterna . Ist das dieselbe Stadt des Romulus und Remus, welche die Wildheit gewissermaßen mit der Lupusmilch eingesogen haben? Es mag diese Wölfin ein Ammenmärchen sein, aber wahr bleibt es doch, daß Rom mit einem Brudermord begann und diesem den Raub der Sabinerinnen folgen ließ. So ging es viele Jahrhunderte fort. Rom hatte noch lange Zeit kein Pflaster, als dasselbe schon immer mit dem Blut der Edelsten gewaschen wurde. Wie ein Fluch lag die Geschichte auf dieser klassischen Stadt, mit deren Sprache selbst heute noch so viele Lehrer ihren Schülern die Köpfe zerbrechen. Ich will die vernarbten Mommsen und alle die anderen großen Geschichtsschreiber nicht aufreißen, der Leser wird ohnedies wissen, daß, wie Cäsar selbst auf dem Forum seines Brutus nicht sicher war, jeder römische Civis eigentlich den Dolch des Meuchlers im Tornister trug und daß der Sklave 50 das geborene Kanonenfutter der Muräne war. Nein, das ist nicht dasselbe Rom, in welchem ich heute in dem Hôtel »Zur goldenen Capitolsgans« meinen Bericht für diese Zeitung verfasse. Rom ist heute eine der liebenswürdigsten Städte des entdeckten Globus. Wenn wir bedenken, wie sich Rom einst – es sind jetzt kaum 1880 Jahre her – mit Deutschland schlecht vertrug! Ich erinnere an das blutige Kleist'sche Drama im Teutoburger Walde, aus dem nur ein einziger Römer entkam, um dem Kaiser Augustus über den äußeren Mißerfolg zu berichten. Redde! Redde! rief dieser, aber da war nichts mehr zu redden, und so oft Rom wieder den Versuch machte, diesen Varus auszuwetzen, immer wieder wurde ihren gelichteten Reihen so heimgeleuchtet, daß sie in hellen Haufen zu Grunde gingen. Auch wenn wir daran denken, daß einst ein deutscher König in einer Kälte, welche strenger war als Gregor, drei Tage lang auf nackten Füßen dastehen mußte, um den Papst zu bestimmen, die Acht, in die er gethan war, wieder zu streichen, dann müssen wir sagen, daß die Zeit Wunder gewirkt hat. Wie hat sich das alles geändert! Zwischen Deutschland und Italien ist ein Bündniß errichtet, welches ihre Gegner nicht zu übersteigen im stande sein werden, die beiden Reiche haben gewissermaßen Schwesternschaft getrunken und auf Du und Tu angestoßen, und nicht mehr wie früher drücken die Alpen die Brust Beider. Mit Oesterreich vereint, 51 bilden diese drei Mächte eine Phalanx im Fleisch Europas, welche jeden Erisapfel im Keime erstickt. Von diesem Gedanken beseelt, gestaltete sich die Ankunft des Kaisers Wilhelm zu einem der schönsten Feste, das Rom je gesehen. Ich erinnere nur an das Fest der Diana, der Göttin der keuschen Jagd, an die Saturnalien, die Bacchanalien u. s. w., welche durch unser Fest in den Schatten verdunkelt wurden. Vom Bahnhof bis zum Quirinal sah man nur Kehlen an Kehlen, welche Evvivat hoch! riefen, Hände an Händen, welche Beifall klatschten, wehende Tücher und regnende Blumen. Lauter Gladiatoren mit jauchzendem Ave, Imperator! Man kann sich kein gebildeteres Spalier denken. Und als dann die hohen Herrschaften auf dem Balkon des Schlosses erschienen, da spottete der Enthusiasmus derart jeder Beschreibung, daß das Echo im Tarpejischen Felsen geweckt wurde und auch nicht wieder einschlief. Fast bis zum frühen Phöbus dauerte dies fort, nachdem die Illumination längst erloschen war, unter deren Leuchten das milde Licht der ewig wechselnden Luna verblaßte. Ich habe heute kaum Zeit gehabt, mich zu Tisch zu legen, aber nach Tisch zu stehen oder gar tausend Schritte zu gehen, das war mir ganz unmöglich. Nun sehne ich mich nach Morpheus' Posen, um morgen mit dem Anbruch Auroras wieder frisch zu sein, damit der Tag kein perdidi werde. * * * 52 Rom , den 12. Oktober, Abends. Der Morgen war herrlich. Kein Wölkchen trübte den Wagen des Helios, als derselbe über dem Titusbogen heranrollte. Die Römer wogten schon in den Straßen auf und ab, es war, als hätten sie ihre Laren nur, um die Toga zu wechseln, aufgesucht, um gleich wieder in die Via triumphalis hinabzusteigen. Als die reizende Sklavin mit dem Thee in mein Zimmer trat, mir freundlich einen Salve wünschte und Carpe diem! mahnte, drang bereits ein wirres Menschengedränge von der Straße herauf. Eine Viertelstunde später war ich schon auf dem Wege zum Vatikan, in welchem der deutsche Kaiser erwartet wurde. Leider behauptet der Papst noch immer, daß die Krone, welche der König von Italien trage, ihm geraubt worden sei, und so weichen denn Quirinal und Vatikan einander noch immer ängstlich aus, während sie doch so friedlich zusammenstehen könnten, wie etwa, um einen neuen Vergleich zu wählen, in unserem geliebten Deutsch die Worte: kurz und gut, sammt und sonders, klipp und klar, Geld und Gut, früh und spät, munter und wohl, Hand und Fuß. Doch – lassen wir die Politik einen guten Mann sein, und kehren wir zu dem Bilde zurück, welches sich um den Vatikan entrollt. An diesem hält das päpstliche Militär Wache, die aus 53 Schweizergarden und Gendarmen besteht. Die Erstgenannten sind mir räthselhaft. Weshalb, fragte ich einen Römer, ist der Papst von Schweizern umgeben, da er behauptet, er sei ein Gefangener, und die Schweizer ihn doch an das Land der von der Freiheit bewohnten Berge erinnern müssen. Der Römer aber machte ein Gesicht, als wollte er warnend sagen: Sie , lentium ! Da, ein stürmisches: Hurrah, Kaiser Wilhelm! und der deutsche Kaiser nahte mit seinem Gefolge. Die Schweizer präsentiren die helle Barde, und päpstliche Würdenträger, Fürst Ruspoli voran, geleiten ihn zum Thronsaal. Die Unterhaltung zwischen Kaiser und Papst fand unter vier Augen statt, und kein fünftes Ohr hat es gehört. Vielleicht fällt es mir noch ein, und dann sollen meine Leser alles so haarklein wie möglich erfahren. Noch sind meine Sinne von den mich umfluthenden Begebenheiten zu sehr gefesselt, als daß ich den Wortlaut auch nur leise feststellen könnte. 54 VII. Neapel , den 20. Oktober 1888. W. Unser geschätzter Korrespondent sendet uns mit dem Schluß seines Berichts als eine Erinnerung an seinen Aufenthalt in Rom und Neapel zwei Portraits, von denen das eine ihn als Römer, das zweite als Neapolitaner darstellt. Wir glauben, daß dieselben unseren Lesern nicht uninteressant sein werden, und fügen sie daher in getreuer Nachbildung diesem Artikel an. Die Redaktion der Deutschen Wespen . Ich habe Ihnen bereits geschrieben, daß das Gespräch zwischen dem deutschen Kaiser und dem Papst unter den sieben Siegeln der Verschwiegenheit gepflogen worden ist. Doch – keine Wände ohne Ohren. Der Kaiser versuchte eifrig, dem heiligen Vater Näheres über Wohlbefinden und Wetter zu entlocken, umsonst, der Papst wich ihm aus, indem er fortwährend von der Wiederherstellung des Kirchenstaats sprach. So verließ denn der kaiserliche Herr den Papalast wieder, ohne den Zweck seines Besuches erreicht zu haben. Das Forum wurde abgesagt. Wie gerne hätte ich während der Illumination die Feuerräder über mich 55 hinwegrollen lassen und in den Trümmerresten einige Horen verträumt! Aber Jupiter in seinem unerforschlichen Pluvius hatte es anders beschlossen, indem aus dessen nie versiegendem Naßhorn ein Platz zu regnen begann, der alles bis jetzt dagewesene überfluthete. Die ältesten Römer erinnerten sich nicht, jemals bis auf die Haut nasser geworden zu sein. So endeten denn die so schön begonnenen Tage Roms damit, daß, soweit die Post nubila reichte, kein Phoebus sich blicken ließ. Ich eilte nach Neapel. Den Empfang, den unser Kaiser hier gefunden hat, könnte in seiner ganzen Schönheit nur ein Soldat beschreiben, der während seiner Dienstzeit viel schildern mußte. In Neapel kannte die Freude über den Besuch noch weniger Grenzen als in Rom. Napoli steht der Politik ganz fern, obschon ihm in seinem Namen nur ein tik fehlt, um ihr nah zu sein, aber um so liebenswürdiger ist die Bevölkerung. Die Stumme von Portici mag graciös, der Kaufmann und der Mohr von Venedig ehrenwerth, die beiden Veroneser lustig, die Braut von Messina poetisch sein, bezwingend liebenswürdig ist allein der Neapolitaner, und das ist um so höher anzuschlagen, als doch nicht zu vergessen ist, daß die Stadt fortwährend in Gefahr schwebt, unter dem Krater des ihr gegenüber so harmlos rauchenden Vesuv begraben zu werden. Neapel ist trotzdem von Morgens bis Abends auf den Beinen seiner Bewohner, die Häuser scheinen die Last der Flaggen und Teppiche kaum tragen zu können, und die Straßen sind von den ausgestreuten Töchtern der Flora bedeckt. Wie eine Stecknadel suche ich nach einem Augenblick, der diesem zu vergleichen wäre. Dazu der Reiz und das Originelle der Umgebung! Ich habe selbstredend den Ausflug nach Pompeji mitgeflogen. Welche Schwesterstädte des Alterthums können sich rühmen, auch nur annähernd so verschüttet zu sein wie Pompeji und Herculanum! (Eigentlich ist hier auch Stabiä zu nennen, doch wird diese Stadt meist todtgeschwiegen.) Am nächsten 24. August werden diese Städte ihren 1809. Todestag feiern, und noch immer sehen sie sich besucht, bewundert, ausgegraben, obschon noch viele Theile derselben in der kühlen Lava ruhen, und noch immer sind Dio Cassius und Plinius Secundus , welche den Aschenregen mitgemacht und beschrieben haben, in keiner Leihbibliothek zu haben, weil sie nie zu Hause sind. Das Schauspiel ist auch heute noch, wo kein Tropfen Asche mehr fällt, bezaubernd. Als der deutsche Kaiser und der italienische König mit ihrem Gefolge anlangten, war es, als blühe neues Leben aus den Ruinen. Fiorelli und Ruggieri übernahmen die Führung durch die Asche, und Pompeji schien nun »Ut mine Lavastromtid« vorzutragen. In der Viasecunda-Straße wurde ausgegraben. Da öffneten sich den vielen Münzen, Schalen und andern Bronzegegenständen die Arme Morpheus, in denen sie etwas länger als 1808 Jahre geruht hatten. Wie der Vesuv, so rauchten auch die hohen 59 Herrschaften ganz gemüthlich. Crispi und Graf Bismarck saßen auf Stühlen nebeneinander und schlossen die Freundschaft, welche Deutschland und Italien vereinigt, dicker. Später als dies bestimmt war, stiegen die Gäste wie die Phönixe aus der Lava empor, umjubelt von der Bevölkerung, deren Enthusiasmus auf dem Wege bis nach Neapel über die Eisenbahnstränge schlug. Das war einer der schönsten Tage der Kaiserfahrt. Wir nehmen von Italien Abschied, wie wir Wien Adieu sagten: tiefgerührt von all der Liebenswürdigkeit. Wenn wir aber glaubten, daß Wien und Rom alles erschöpft hatten, so hat Neapel Wien fast noch überwient und Rom beinahe überromt. Nun, wo uns das Dampfroß in die Heimath zurückschnaubt, erdrückt uns der Gedanke, daß Berlin kaum im stande sein wird, Gleiches mit Aehnlichem zu vergelten. An die deutsche Reichshauptstadt tritt eine Nuß heran, deren Härte schwer zu lösen sein wird. 60 Die allgemeine Abrüstung. Herrn Wippchen in Bernau. Ihre Kaiserreise ist nunmehr erschienen und – dies Schicksal theilt sie mit allen journalistischen Erscheinungen – vergessen. Das Publikum verlangt nach Neuem. Wir bitten Sie recht sehr, es daran nicht fehlen zu lassen. Auch für den Fall, daß Sie einmal wieder beschlossen haben sollten, Ihre Ferien um keinen Preis zu unterbrechen, dürfen Sie unsere Bitte nicht unberücksichtigt lassen, denn das Schreiben wird Ihnen leicht, und an Stoff fehlt es Ihnen nie. Sie greifen in Ihren reichen Vorrath und fassen das Richtige. Allerdings giebt es in diesem Augenblick keinen Krieg. Das ist zugleich die Antwort auf Ihre Correspondenzkarte, mit welcher Sie uns 61 baten, Ihnen zu sagen, wo jetzt ein Krieg vorhanden sei. Aber wir meinen, daß Ihnen auch ohne Krieg ein Bericht gelingen wird. Wir grüßen Sie ergebenst Die Redaktion . * * * Bernau , den 6. September 1888. Gestatten Sie mir, daß ich Ihnen so viel Unrecht gebe, als ich aufzutreiben vermag. Denn Recht kann ich Ihnen unmöglich darin geben. daß meine Kaiserreise in das Meer der Vergessenheit versunken sei, da, wo der Lethe am tiefsten ist. Im Gegentheil erkläre ich Ihnen, daß diese Reise, wenn die Flotte auch längst wieder in den Hafen gestochen und ihren Anker zum alten Eisen geworfen hat, doch noch immer die Augen Aller auf sich lenkt. Wenn Jemand eine Reise thut, so kann er was erzählen, dies Lied läßt sich ja nicht leugnen, wenn aber ein Kaiser dergleichen thut, dann ist das doch – verzeihen Sie das harte Wort! – etwas anderes. Ich behaupte sogar, daß es heute noch keine Köpfe giebt, die sich nicht zusammenstecken, um die Folgen der Kaiserreise zu besprechen, und daß mit mehr oder weniger Muth allerlei 62 Maßungen laut werden. Und mit vollem Recht, denn eine Kaiserreise ist doch in der That keine Visite im bürgerlichen Sinne, bei der man seine Karte abgiebt und froh ist, wenn das öffnende Dienstmädchen sagt oder lügt, es sei Niemand zu Hause. O nein, im Gegentheil: den Schatten, in welchen die Kaiserreise alle anderen politischen Ereignisse gestellt hat, wirft dieselbe auch heute noch voraus. Zweifeln Sie noch? Ja? Nun, dann blicken Sie nach Friedrichsruh. Dort überläßt sich unser Reichskanzler einer großen Unruhe, indem er sich daselbst zu den anstrengendsten Arbeiten zurückgezogen hat, um möglichst gestört den Sommer zu verbringen. Fast täglich entsteigt dem trojanischen Dampfroß ein anderer Minister, um mit dem Reichskanzler zu arbeiten. Kaum wüßte ich noch einen einzigen Minister an den Fingern herzuzählen, der in diesem Augenblick nicht sein Portefeuille gepackt hätte, um sich mit dem nächsten Klingelzuge bei dem Reichskanzler anmelden zu lassen. Crispi beschämt bereits den Rabbi Akiba, denn er ist schon dagewesen, und welcher Minister jetzt in Friedrichsruh ist, das werden sicher die Ohren, welche auch die dortigen Wände haben, nicht lange verschweigen. Das alles ist aber als eine Folge der Kaiserreise zu betrachten. Was die Herren, welche die Geschicke der Völker vom Blatt spielen, miteinander besprechen und beschließen, das wird natürlich vor der Hand nicht bekannt. Sie verhandeln selbstredend unter den viersten Augen, und keine Glocke ist so 63 groß, daß es an dieselbe gehängt werden kann. Aber kein sub rosa ohne Dornen, ein scharfer Verstand wird auch die geruchloseste Lunte riechen und ungefähr sagen können, was in Friedrichsruh, das ich im Gegensatz zu Rom jetzt die Siebensiegelstadt nennen möchte, verhandelt wird. Obschon es mir nicht angeboten ist, so nehme ich doch an, daß die Abrüstung auf der Tagesordnung steht, und sie soll dann auch den Gegenstand meines Artikels bilden. Irre ich uns, so ist ja leicht zu widerrufen. Wenn ich Ihnen indeß jetzt mittheile, daß ich einen Vorschuß von 50 Mk. von Ihnen erwarte, so dürfen Sie sich fest darauf verlassen und diese Nachricht als aus der versiegtesten Quelle herrührend betrachten. Sie haben daher keinen Widerruf zu befürchten. Nur muthig abgeschickt! * * * Friedrichsruh , den 7. September 1888. W. Als ich vernahm, der italienische Ministerpräsident habe das ewige Rom verlassen und sich nach dem übrigens nicht weniger ewigen Friedrichsruh begeben, da überlegte ich mir meinen Koffer nicht lange, sondern packte denselben, schwang mich in den Sattel des Dampfrosses und eilte hierher. Crispi war eben angekommen, schon auf dem Bahnhof war er in jedes Gepäckträgers Munde. Ich traf auch nicht einen einzigen Friedrichsruher mit unzerbrochenem Kopf darüber, 64 was denn eigentlich die Staatsmänner veranlaßt haben könne, die todte morte saison aus der Asche zu erwecken und keinen ihrer Gedanken unausgetauscht zu lassen. Daß die Leiter der Politik nicht zusammenkamen, um sich nach ihrem Wohl- oder Uebelbefinden zu erkundigen und sich dann wieder zu trennen, das bedarf weiter keiner Hand, um klar darauf zu liegen. Es muß eben etwas ganz Außerordentliches im Werke sein, wenn diese Herren plötzlich ihr Bad oder ihren Brunnen abbrechen und sich im Moment der sauersten Gurke aufsuchen. Was geht vor? Ein Krieg kann nicht geplant werden. Wenn ein Krieg im Schilde geführt wird, so wird der Schild geheim gehalten. Dann besuchen sich die Staatsmänner nicht so, daß sich weit und breit kein ungespitztes Ohr auftreiben läßt, sondern alles geschieht unter dem Siegel der Mäuschenstille, damit nicht der Lärm in die peinliche Lage geräth, zu früh geschlagen zu werden. In Friedrichsruh kann also der Mars nicht in den Mund genommen sein, die Staatsmänner müssen sich um etwas anderes gedreht haben. Und dies war auch der Fall. Crispi war eingetroffen und hing zehn Minuten am Halse des deutschen Reichskanzlers, der ihn am Eingang seines Schlosses erwartete und sofort in's medias res führte. Herr College, begann der Reichskanzler, es geht so nicht weiter. – Allerdings nicht, betheuerte Crispi . 65 Europa starrt in Kanonen, ist mehr als je zuvor vertruppt. Wohin wir blicken, nichts als Zähne, bis an welche die Großmächte bewaffnet sind. Vom Juliusthurm schlägt zwar eine gute Stunde, das aber kann nicht das Endziel unseres Strebens sein. Es ist nicht genug – – Crispi gab zu. Es ist nicht genug, daß wir Frieden haben, wir müssen auch den Ossa erleichtern, den die Kriegsbereitschaft auf den Helion stülpt. Die Kosten derselben sind so groß, daß das Volk statt ihrer aufgebracht wird. Wissen Sie, was eine allgemeine Abrüstung thut? – Crispi wußte es nicht. Noth thut sie. Wir müssen, wenn wir nicht finanziell ruinirt werden wollen, das stehende Heer zum Sitzen nöthigen, wir müssen abrüsten. – Sprechen Sie, Durchlaucht. Jede Großmacht muß einen großen Theil der Infanterie fahren lassen, die Pferde der Cavallerie müssen verkleinert werden, die Geschütze zusammenschmelzen. Die Millionen Soldaten, welche auf den Beinen sind, müssen von denselben herunter, wenn das Pulverfaß nicht überlaufen soll. – Wem sagen Durchlaucht das! Ihnen, lieber Herr College. – Und wird Frankreich wollen, Durchlaucht? Wird Frankreich nicht ein Haar darin finden und es sträuben bei dem Gedanken, wehrlos zu werden? 66 Dröhnend sprang der Reichskanzler von seinem Sitz empor und rief: Dann werden wir unsere Armeen verdoppeln und Frankreich mit den Waffen in der Hand zwingen, abzurüsten. Dieser Krieg um die Abrüstung kann lange dauern, aber er muß unternommen werden, um uns die Friedenslasten zu erleichtern. Das steht fest. Meinen Sie nicht auch, Herr College? – Crispi verneigte sich bejahend. Der Reichskanzler hatte das erlösende Wort gesprochen. Also Abrüstung und, wenn nöthig, durch eine imposante Mobilmachung. Wir werden unser Ziel erreichen, wenn nur Einige einig sind. Deutschland und Italien sind zwei, mit Oesterreich-Ungarn werden wir vier sein. Es war spät geworden, und sie frühstückten. Einige Tage später hatten der Reichskanzler und Kalnoky dieselbe Unterredung über Rußland. Der Hannibal der Abrüstung ist vor der Thür. 67 Der Kaiser in Hamburg. Herrn Wippchen in Bernau. Wir vertrauen Ihrer oft erprobten Liebenswürdigkeit, wenn wir Sie bitten, uns auch einen Bericht über den Tag des Zollanschlusses Hamburgs zu schreiben. Was wir bis jetzt berichtet haben, war doch nur das mit der Scheere Erreichbare, es wäre uns aber angenehmer, den Lesern einige Details von unserem eigenen Correspondenten vorlegen zu können. Wir haben sie nach dieser Richtung leider verwöhnt. Ihre Absicht, uns Schilderungen der Kämpfe in den deutschen Kolonien gegen die Eingeborenen zu verfassen, bitten wir noch nicht zur Ausführung zu bringen. Der Entwurf, den Sie uns senden, ist uns zu kühn. Sie müssen Ihre Phantasie 68 doch etwas einschränken. Bedenken Sie doch, daß Sie in Afrika eine deutsche Armee operiren lassen. Eine solche existirt ja nur in Ihrer Einbildung. Sie scheinen aber in Wirklichkeit anzunehmen, daß sich die Leser von Ihnen einreden lassen werden, Deutschland unterhielte an der afrikanischen Küste eine große Armee. Das geht uns doch etwas zu weit. Ergebenst Die Redaktion . * * * Bernau , den 9. November 1888. Es ist ja durchaus richtig, daß in Afrika keine deutsche Armee steht, deren Mores die Schwarzen gelehrt werden könnte. Das aber scheint mir doch kein Grund für Sie zu sein, mir meinen deutsch-afrikanischen Feldzug mir nichts Ihnen nichts in Ihrem Papierkorb zu Wasser zu machen. Uebersehen Sie denn ganz das Häuschen, aus welchem die öffentliche Meinung wegen der Nachrichten aus Afrika ist? Mit Entrüstung erfährt Deutschland, was in Afrika nach wie vorgeht: einige entlaubte Negerstämme, welche in der Bildung etwa so weit sind, daß man Afrika Oktava nennen 69 könnte, zeigen den deutschen Colonien die Zähne, welche ja allerdings sehr schön sind, und gefährden Leben und Eigenthum der Deutschen, die ihr ödes Land veredeln. Keine Post ohne Hiob. Da warten doch die Leser mit Ungeduld auf die Mittheilung, daß die Schwarzen, die uns naturgemäß so wenig grün sind, von unserer Heeresmacht zu einigen Paaren getrieben werden und es ihnen nicht nochmals einfallen kann, die Probe jemals wieder so hart zu machen, daß sie unsere Geduld darauf stellen können. Diesen Trost hat den Lesern mein Bericht bereitet: ich habe die schlupfwinkligen Negerdörfer, deren Bewohner unsere Faktoreien beunruhigen, stürmen und in Sack und Asche legen und die Neger zwingen lassen, sich die Hinterbeine aus dem Kopf zu schlagen, die Anführer aber habe ich anstatt in den Rücken in die Hände unserer Truppen fallen und ihnen eine gehörige Strafe diktiren lassen, die sie denn auch als ernste Warnung nachgeschrieben haben. Der Artikel hätte – verzeihen Sie das harte Wort! – gewirkt, und Sie sehen wohl ein, daß Sie, indem Sie ihn ablehnten, einen Bock zu Boden gestreckt haben, und daß es vernünftiger gewesen wäre, denselben am Leben zu lassen. Heute sende ich Ihnen den gewünschten Artikel aus Hamburg. Hier wollte ich abbrechen, als mir einfiel, daß Sie ein Feind von Ueberraschungen sind. Eine solche aber wäre es, wenn ich meinen Brief schlösse, ohne Ihnen gesagt zu haben, 70 daß ich einen Vorschuß brauche. Lediglich also der Rücksicht auf Ihre Nerven haben Sie es zu danken, wenn ich Sie um die Zusendung von 50 Mark bitte. Oder sagen Sie 60, da ich ein Freund von runden Summen bin. * * * Hamburg , den 29. Oktober 1888. W. Seit das schöne Hamburg denken kann, seit der grauen Hansazeit, ist es eine freie Stadt, in der niemals auch nur der kleinste Fürst geruhte. Nie hat hier ein Schloß gestanden, und stets ging den Bewohnern ein Thronhimmel über ihren Horizont. Hamburg war und ist eine Republik, von Bürgern regiert, an deren Spitze der Oberbürgermeister steht, der, wenn er Wir sagt, ganz gewiß von sich und seiner Gattin spricht und es dann auch nicht mit großem W schreibt. Selbst ein Adel existirt in Hamburg nicht, niemals hat hier ein Kind mit blauem Blut das Licht der Welt erblickt, und wenn dies dennoch vorkam, so konnte dies doch nur auf der Durchreise einer adligen Dame geschehen sein. Aus einer so hoffreien Stadt braucht daher kaum besonders betont zu werden, daß die Ankunft des Kaisers von Deutschland für die Bewohner der Hammonia ein Ereigniß von unbeschreiblich froher Bedeutung war. Hamburg schmückte sich wie eine Braut, nie hat man eine Stadt in einem größeren Staat gesehen. Wer die wunderbare Quadratur des Alstercirkels kennt, der 71 wird es sich auch erklärt haben, weshalb Neptun mit drei Zacken dargestellt wird: er hat sich eben in dem Anblick seines lieblichsten Sitzes so berauscht. Diese unvergleichliche Alster nun, die Jungfernstiege und alle anderen Straßen, welche der Kaiser passiren sollte, überstrahlten alle Schatten, in die bisher die besuchten Städte einander zu stellen gesucht hatten. Die bunt bewimpelten Schiffe auf der Alster waren in Blumenböte umgewandelt, die Häuser steckten bis an den Kellerhals in Teppichen, Guirlanden und Fahnen. Die glitzernden Wogen der Alster und das der Menschen vollendeten das Bild einer glücklichen Stadt, deren große Bevölkerung noch von den Eisenbahnschienen vergrößert wurde, die von allen Blättern der Windrose eine kolossale Masse von Fremden herbeiführten. Da schlug es vom nahen Petrithurm Mittag, und in demselben Augenblick fuhr der Kaiserzug am Pavillon auf der Lombardsbrücke vor, welche die Trennung zwischen den Flußbetten der besseren Alsterhälfte und dem Binnenalsterbassin bildet. Der Kaiser schritt auf den Oberbürgermeister Versmann und den Bürgermeister Petersen zu und schüttelte Beiden herzlich die Hand. Aus dem Zuge schwieg dann Moltke , dem Graf Bismarck und der Chef des Civilkabinets von Lucanus folgten, doch überglänzte der Reichskanzler durch seine Abwesenheit das Gefolge. Hierauf wurde der hohe Gast zum Frühstück geführt. Man weiß vielleicht, was in Hamburg ein Frühstück heißt. Wenn Lucull um 75 vor unserer Zeitrechnung bei Lucull speiste, so war das ein Verhungern mit Hindernissen, ein Lucullus a non lucendo im Vergleich mit dem, was Hamburg auf diesem Gebiete leistet. Wie in Europa die Pforte, so ist der Pforte in Hamburg eine Großmacht. Hier ist immer Breit hans Koch, und wenn man sich hier zu Tisch setzt, so läuft einem nicht das Wasser im Munde zusammen, sondern der köstlichste Wein. Man kann sich denken, wie bei diesem Frühstück der Steinbutt und die Mocturtletaube in Strömen floß und der edelste Wilhelmj in den goldenen Gläsern perlte. Als das Frühstück den Weg alles Fleisches gegangen war, bestieg der Kaiser die Barkasse und fuhr nach dem neuen Jungfernstieg. Der tausendköpfige Jubel, der diese kurze Fahrt begleitete, das Schauspiel, welches sich hier den entzückten Augen bot, – nur eine Feder, die zugleich der Pinsel eines Raphael und der Meißel eines Milos ist, vermöchte das alles niederzuschreiben. Nach der Landung erfolgte die Fahrt durch die Stadt nach dem Festplatz, woselbst der Schlußstein des Zollanschlusses in seinem grünen Syenit des Mörtels harrte. Die Straßen bis dahin überjubelten einander. Aus allen Fenstern, von allen Dächern donnerten die wehenden Tücher der hurrahrufenden Bevölkerung, die auch, Kopf an Kopf zusammengepreßt, in den Straßen derart Spalier bildete, daß der Apfel, der zur Erde wollte, sehr weit vom Stamme fallen mußte. Nach der Ceremonie des Schlußsteins erfolgte die Ueberfahrt auf dem Zollkanal und der Elbe. Auch jetzt mußte 73 sich die Beschreibung den Spott des Jubels gefallen lassen. Im Hause des Fräulein Jenisch rastete der Kaiser eine Stunde. Eine solche Ehre war diesem Hause wahrlich nicht an seinem Grundstein vorgesungen worden. Im Makartsaal der Kunsthalle fand das Festmahl statt. Hier hängt das berühmte Bild, welches den Einzug Kaiser Karls darstellt, auf welchem die weiblichen Figuren bekanntlich nichts tragen als das künstlerische Gepräge des Meisters. Das Gedränge in den Straßen bis zum Bahnhof war mittlerweile so groß geworden, daß der Wagen, in welchem der Kaiser die Stadt verließ, kaum ein Rad zu rühren vermochte. Die Illumination hatte begonnen. Es war so taghell erleuchtet, daß man keine Nacht vor Augen sehen konnte. Flammen aus Bengalen brachen hervor, Leuchtkugeln prasselten, Raketen zischten, – noch einmal dankte der Kaiser den Vertretern der Stadt, und dann brauste das Dampfroß schnaubend mit dem Kaiserzug in die Nacht hinaus nach Friedrichsruh. Eines der schönsten Blätter der Chronik der stolzen Hansastadt Hamburg war vorüber. 74 Die Weltlage. Herrn Wippchen in Bernau. Wir sehen ja ein, daß wir bei dem empfindlichen Mangel an irgend einem nennenswerthen Kriege gezwungen sind, auf Berichte aus Ihrer werthen Feder zu verzichten. Nun aber, wo wir ein neues Jahr betreten, möchten wir doch trotzdem unseren Lesern den Genuß verschaffen, von Ihnen wieder etwas zu lesen. Wenn Sie uns also nicht mit einer Schlacht unterstützen können, so bitten wir Sie, sich in irgend einer anderen Weise vernehmen zu lassen. Sie würden uns dadurch einen ungemein großen Gefallen in einem Augenblick erweisen, wo von vielen Seiten bei uns angefragt wird, warum Sie so hartnäckig schweigen. 75 Wir überlassen Ihnen die Wahl des Stoffes, senden Ihnen einen herzlichen Glückwunsch zum neuen Jahr und erwarten Ihr Manuscript. Ergebenst Die Redaktion . * * * Bernau , den 5. Januar 1887. Wie war meine Wenig- oder Nichtskeit froh, als ich längere Zeit, soweit mein inneres Auge reichte, keine Haare erblickte, in denen sich zwei Völker lagen, und die Streitaxt gestorben und begraben wußte! Freilich wußte ich auch, daß damit der Zaun, von dem jeden Augenblick ein Streit gebrochen werden konnte, nicht aus der Welt geschafft war, und daß der nächste Tag den Mars, der scheinbar in den Armen des tiefsten Morpheus lag, wieder aufschrecken und in den sauren Erisapfel zu beißen zwingen konnte. Denn so lange die Welt sich nach der Pfeife der Diplomaten dreht, wird auch dann und wann ein Volk das andere in die Kriegstrompete stoßen. Aber ich hatte doch Ruhe und schlürfte die Bärenhaut in vollen Zügen. Als sich vor einigen Wochen die schwarzen Punkte, gewissermaßen die Wintersprossen des politischen 76 Horizonts, wieder glätteten, da hätte ich, ohne Rücksicht darauf, ob die Purzelbäume vielleicht Schonzeit haben, ein ganzes Gehölz von Purzelbäumen schießen mögen, so sehr freute ich mich. Jetzt, sagte ich zu mir, kannst Du die kommenden Festtage ein Kind sein wie Maria Stuart und wirst nicht gezwungen, wogende Saatfelder mit Pferdehufen zu zerstampfen und ganze Reihen blühender Jünglinge mit der Federsense niederzumähen. Und am Weihnachtsabend hätte ich mich sehen mögen, wie ich, in meine Jugendzeit zurückgeträumt, die an den Tannenzweigen keimenden Kerzen anzündete und mir dann jauchzend alle die kleinen Wünsche erfüllte, welche ich im Busen großgenährt hatte. Praktische Dinge fürwahr: ein Rasirmesser für Austern, ein Hausmützchen für meinen Pfeifenkopf, eine Stahlkette für die Bieruhr, ein Schwimmhosenstrecker, etliche Krücken für Fliegenstöcke, ein Vergrößerungsglas für seine Liqueure, ein schwerer Hausschlüssel zum Oeffnen von Hummerscheeren, ein Strumpf für mein Falzbein und ähnliche Etceteras. Ich war selig. Dann kam der Sylvesterabend. Ich ging drunter und drüber und haute über jede Schnur, deren ich habhaft werden konnte, natürlich Alles mit Maaß, welches ich mir nie nehmen lasse. Ich war allein mit einer Flasche Arrak und braute mir einen Punsch, der so stark war, daß er mir mit Leichtigkeit zu Kopf stieg. Ich stieß mit mir an, trank auf mein Wohl und machte so lange die Nagelprobe, bis ich es konnte, so daß ich kaum noch im stande war, mich 77 auf den Stuhlbeinen zu halten. Da schlug es Mitternacht, und nun entrang sich meiner Brust ein weithin lallendes »Prost Neujahr!« Erst spät suchte ich mein dem Tisch gegenüberstehendes Lager auf, das ich denn auch nach kaum einer viertel Stunde gefunden hatte, worauf ich bis in den hellen Hahnenschrei hineinschlief. Als ich erwachte, lag Ihr geschätzter Brief da. Die Buchstaben, wahre Balllettern, tanzten mir vor den Augen, doch ich begriff bald, daß mein Schweigen allerdings etwas zu lange gedauert hatte, und daß es Zeit sei, es – verzeihen Sie das harte Wort! – zu brechen. Das geschieht denn durch die einliegende Weltlage. Da es mir an irgend einem plausiblen Kriege fehlt, so will ich mich einmal über die Zukunft im Allgemeinen aussprechen und zwar absolut beruhigend. Ich habe gewissermaßen die Friedenstaube auf die Palme gestülpt. Ich habe unter dem Weihnachtsbaum ein Dreimarkstück als Gabe für den Geldbriefboten liegen. Kommt er, so gebe ich es ihm. Machen Sie ihm doch dies Vergnügen, indem Sie mir einen Vorschuß von 53 Mark schicken, er ist in der That ein tüchtiger Beamter, Gatte, Vater, Sohn, Schwiegersohn und Bürger. Da sind drei Mark doch wirklich nicht zu viel. * * * Bernau , Anfang Januar 1887. W. Aus dem Zahn der Zeit stieg ein neues Jahr empor, zu Betrachtungen einladend. Entgegen aber dem 78 pessimistischen und so wenig versüßenden Achselzucker schwarzer Seher ist unser Herz bis zum Rande voll schöner Hoffnung. In den letzten Monaten des in den Neptun der Ewigkeit versunkenen Jahres hatte Europa mit einem Fuß im Mars gestanden und schwebte in Gefahr, in ein wohlassortirtes Kriegslager verwandelt zu werden. Der Thron Bulgariens konnte jeden Moment einen Eristhron bilden, und schon flammte das Licht der Welt auf, welches die orientalische Frage wieder zu erblicken sich anschickte. In Rußland wurde dem Selbstherrscher aller thönernen Füße von einer Partei, welcher wahrlich das Knie nicht fehlte, um über dasselbe den Frieden zu brechen, fortwährend das Leder unterbreitet. von dem er ziehen sollte, und Frankreich streckte sich schon nach der einen Decke, unter welcher es mit Rußland spielen wollte. Die Folgen waren der Zukunft an den Augen nicht abzusehen. Der Vulkan, auf dem Europa tanzte, war nahe daran, zu einem Jammerthal zu werden, denn Europa starrte in Waffen, und ein Gewehr brauchte nur zu repetiren, und das Blutbad floß in Strömen. Deutschland, so hieß es überall, wolle um jeden coûte qu'il coûte den Krieg und warte nur auf das günstigste Zeug, um Rußland und Frankreich etwas an ihm zu flicken. Moltke habe in seinem Januskopf schon die beiden Kriege fertig. Diese Behauptung war natürlich wieder eine jener Seifenblasen, bei denen man erst, wenn man ihnen näher auf den Zahn fühlt, merkt, auf wie schwachen Füßen sie stehen. Denn Deutschland ist ein Land des Friedens. Und 79 wären noch mehr Wässerchen in der Welt, als thatsächlich existiren, Deutschland würde keines trüben, und es fällt ihm nicht ein, zu krümmen, was ein Härchen werden will. Freilich, aller guten Schritte, die man ihm vom Leibe bleiben muß, sind drei. Aber diese Erwägung war es nicht allein, welche die Schwerter so ungezogen wie verhätschelte Kinder sein ließ. Die Staaten sehen auch ein, daß wie bei einer Lotterie die Trommel, welche zum Streit ruft, nicht lauter Gewinne enthält. Paris wurde durch das hohe Pferd, auf dem es saß, daran erinnert, was es gegessen hatte, als es belagert war. St. Petersburg dachte mit ähnlichen Gefühlen daran, daß es in einer gleichen Lage doch nicht genug Caviar für's Volk vorräthig haben könnte, um länger als Paris widerstehen zu können. Und dann – ein Krieg kostet nicht nur Geld, sondern er verzehrt es auch, und wenn schließlich im Staatsschatz manches goldene Kalb klimpert, an goldenen Ochsen fehlt es doch eigentlich überall. So entschloß man sich denn klugerweise, das neue Jahr mit der Absicht zu betreten, Mars einen guten Mann sein zu lassen und den Chauvinisten den Mund zu halten. Das ist in diesem Augenblick die Weltlage. Ich will zum Heil Europas annehmen, daß ich den Nagel, an den die Großmächte den Krieg gehängt haben, auf den Kopf traf. 80 Das Septennat. Herrn Wippchen in Bernau. Sie wissen, was wir Ihnen schreiben wollen: Wir haben lange nichts von Ihnen gehört. Sehr wohl begreifen wir, daß Sie nicht Lust haben, sich auf die kleinen Kriege einzulassen, welche augenblicklich in uns recht fernliegenden Ländern stattfinden und außerdem auch im Allgemeinen ziemlich ereignißlos verlaufen. Immerhin aber bedauern wir und finden wir es absolut falsch, daß Sie so selten etwas veröffentlichen, allzu lange Pausen eintreten lassen und sich damit der Gefahr aussetzen, in Vergessenheit zu gerathen. Schon diese Erwägung sollte Sie veranlassen, uns recht bald wieder irgend einen Bericht zuzusenden. Wir rechnen dabei nicht etwa auf 81 eine hervorragende Schlacht, am allerwenigsten auf eine in Europa, denn unseres Wissens liegt augenblicklich der Krieg darnieder, und es ist auch kein solcher in Sicht. Indeß wird Ihre geschätzte Findigkeit schon einen halbwegs kriegerischen Stoff ausfindig machen, der sich in der Reihe Ihrer Berichte vortheilhaft verwenden ließe. In dieser Ueberzeugung bitten wir Sie um die baldigste Einsendung des Manuscripts. Ergebenst Die Redaktion . * * * Bernau , den 30. März 1887. Ich habe längst erwartet, daß Sie mir schreiben würden, es sei bedauerlich, daß ich mich, wenn nicht allzu selten, so doch nicht häufig genug machte, und ich sehe auch ein, daß es ersprießlicher wäre, wenn ich von Zeit zu Zeit auch ohne zwingenden Grund mit der Thür in den geschlossenen Janustempel fiele, irgend einen Frieden vom Zaun bräche und Ihnen eine, wenn auch kleine, Schlacht lieferte. Vom Standpunkt der Zeitung betrachtet, wäre es sogar Pflicht eines guten 82 Kriegsberichterstatters, das Schlachtfeld fleißig zu bestellen und nicht zu lange brach liegen zu lassen. Ferner gebe ich zu, daß es für einen gewissenhaften Correspondenten feder- und dinteleicht sein muß, irgend eine Friedenspfeife ausgehen zu lassen und in ein beliebiges Kriegsdrommetchen zu stoßen. Denn Funken giebt es fast allerorten wie Sand in der Uhr, und es bedarf oft nur eines einzigen Pulverfasses und sie fliegen in die Luft. Alle Völker starren in Waffen sich an, und eines derselben braucht nur eine gute Miene zu machen, so fragt schon das andere: Hältst Du vielleicht mein Spiel für ein böses? und wenn dann noch gar ein drittes Volk vorhanden ist, welches denkt, man müsse die Ränke schmieden, so lange sie heiß sind, und man könne für sich dabei irgend eine Kastanie aus dem Feuer holen, so ist der Mars unrettbar gefunden. Es wäre also ein Leichtes, eine Redaction mit Kriegsberichten zu versorgen. Wenn ich trotzdem dann und wann zögere, Ihre Leser in einen Krieg zu stürzen, in's volle Menschensterben hineinzugreifen und das kleinste Grashälmchen mit Blut zu düngen, so geschieht das wohlüberlegt. Denn ich bin über und überzeugt, daß der Krieg. im Uebermaß gelesen, zum perdrix werden kann, das dem Leser zum Halse herausfliegt. Die Schlachten mögen noch so entscheidend, Flucht und Rückzug noch so wild, die Quarrés noch so gesprengt, die Festungen noch so geschleift ausfallen, schließlich kann dies doch leicht zu viel des Guten werden und selbst den unverwöhntesten 83 Gaumen abschwächen. Wenn über Italien bekanntlich ein ewig blauer Himmel lacht, so giebt es auch Menschen, welche über den ewig blauen Himmel Italiens lachen, indem sie sagen, daß ein Himmel, der fortwährend über Alles ein Gelächter aufschlägt, langweilig wird, und sich danach sehnen, daß der Himmel einmal seine Wolken runzelt und die Sonne ihre Strahlen in Falten legt, damit sie nächstens eine Abwechselung haben und ausrufen können: »Potz Blitz, da kommt endlich ein Gewitter!« Und mit Vergnügen, wie ein Briefschreiber, ergreifen sie den Regenschirm. Kurz, ich bin der Ansicht, daß ein kluger Kriegsberichterstatter dann und wann seine Feder auf die Bärenhaut legen und die Reihe seiner blutigen Manuscripte unterbrechen wird. Immerhin sehe ich ein, daß es auch auf diesem Gebiete, wenn auch keine goldene, so doch eine silberne Mittelstraße giebt. Ich sende Ihnen daher einen Artikel über das Septennat, in welchen Apfel eines peinlichen Zankes der deutsche Reichstag ebenso herzhaft, gleichsam wie in's Gras, gebissen hat, – es ist ein Artikel, welcher den Krieg nur mit dem Aermel streift, also eigentlich weder Kriegsfisch, noch Friedensfleisch ist. Er wird Ihnen gefallen, ich mag wollen oder nicht. Der erste April ist wie Hannibal vor der Thür. Dieser erste Tag des Kibitzmonds ist nun einmal dem Gotte Komus geweiht, und jeder muß sich wohl oder übel in den ersten April schicken. Da habe denn selbst ich, der ich im Grunde ein kreuzernster Mann bin, einen Scherz vor, für den ich um 84 Ihre Unterstützung bitte. Ich sende Ihnen morgen einen Brief mit Werthangabe: Einliegend 50 Mark. Sie öffnen ihn und lesen: »April! April!« Die Bedeutung dieses Scherzes ist die, daß ich nur die Summe angegeben habe, welche ich von Ihnen als Vorschuß erbitte, den Sie mir alsbald um 10 Mark vergrößert schicken, und so sind wir Beide – verzeihen Sie das harte Wort! – düpirt. * * * Berlin , den 1. April 1887. W. Ich halte die Bezeichnung Septennat für verfehlt. Da dasselbe eine Schöpfung Bismarcks ist, so wäre, besonders da es ohne Zweifel mindestens ein Jahr länger dauern wird, Ottonnat richtiger gewesen. Sagen wir aber: Septennat . Denn es hieße doch leere Danaiden dreschen, wollten wir allein Ottonnat sagen, weil der Reichskanzler Otto heißt. Aber daß das Septennat eine Schöpfung des Fürsten Bismark ist, das ist doch so klar, wie es der bekannte Theaterdirektor heißt. Das Septennat ist der Frieden, der, ein lieblicher Knabe, nun bis 1894 am ruhigen Bach gelagert liegen wird, obschon ich mir ein Lager nur als etwas kriegerisches denken kann. Wie es einen siebenjährigen Krieg gab, so wird es auch einen siebenjährigen Frieden geben, und Jeder, der das Herz und 85 keine Mördergrube auf dem rechten Fleck hat, muß sich freuen, wenn wenigstens die nun folgenden sieben fetten Kühe vorübergehen, ohne daß eines unserer Nachbarvölker uns die Friedenspfeife vor der Nase verstopft. Ich sage dies, obschon ich sehr wohl weiß, daß meine Feder in Gefahr schwebt, nach und nach trocken gelegt zu werden, wenn sieben Jahre lang aus dem Rade der Zeit kein Schwert gezogen, von der diplomatischen Sphinx kein Schuß gelöst wird, kurz, wenn die Völker während einer halben Aeon fortwährend Frieden mit einander führen. Denn, wenn nicht dann und wann, einerlei wo, ein Mars ausbricht, so steht der Kriegsberichterstatter bald dem trostlosesten vis-à-vis de rien gegenüber, und wenn er sich dann aus dem Hungertuch einen Bettelsack schneidern läßt, so hat er nichts zu nagen. Ich persönlich also begrüße das Septennat eigentlich als ein Mann, dem es den Brodkorb an dem nächsten Baum höher hängt, trotzdem freue ich mich und hoffe, daß es nicht zu einem Quaranteseptennat , d. h. daß es nicht der Kern eines Erisapfels werden wird. Diese Gefahr ist aber leider vorhanden. Denn nun erschöpft sich jede europäische Macht in Friedensversicherungen. Jede will das Karnickel sein, welches den Frieden angefangen hat, jede will den Stein des Friedens zuerst in's Rollen gebracht haben, jede will die Absicht haben, höchstens nur einen ihr aufgezwungenen Vertheidigungskrieg in Angriff zu nehmen, keine will je in dem Verhalten des anderen ein Haar gefunden haben, das sie ihr hätte krümmen können. Und darin sehe ich den Hund begraben liegen, auf den der Frieden kommen könnte. Denn wenn eine Großmacht fortwährend der anderen auf den Kopf zusagt, daß sie friedlicher sei als die andere, muß dies nicht über kurz oder noch kürzer eine Verbitterung wachrufen, welche schließlich dahin führt, daß die eisernen Würfel aus der Scheide fliegen? Da hätten wir dann den Friedenskrieg! Ich will es nicht hoffen. Aber es ist doch nöthig, daß es einmal gesagt wird. Gott schütze den Krieg vor seinem Ausbruch wegen eines Streits um die größere Friedensliebe! 87 Schnaebele. Herrn Wippchen in Bernau. Wir bitten Sie, Ihr Interesse schleunig der Angelegenheit zuzuwenden, welche seit länger als eine Woche Europa beschäftigt: der Affaire Schnaebele . Sie haben völlig freie Hand, aus derselben zu machen, was Ihnen gut dünkt, denn wir haben bisher nur die Mittheilungen veröffentlicht, welche allen Blättern zu Gebote standen, ohne uns mit Blicken in die Zukunft irgendwie zu engagiren. Da Sie, wie wir schon Ihren nicht seltenen Ersuchen um Vorschuß entnehmen zu dürfen glauben, nicht an der Börse spekuliren, so werden Sie umsoweniger Veranlassung haben, nach alter Gewohnheit aus den vorliegenden Thatsachen einen Krieg zu formuliren, aber wir glauben doch, daß sich trotzdem aus der Affaire 88 allerlei Sensationelles herausschlagen läßt. Ihre journalistische Fixigkeit wird Ihnen besser als wir sagen können, was zu machen sein wird, und wir erwarten daher umgehend einen ausführlichen Schnaebele-Artikel. Ergebenst Die Redaktion . * * * Bernau , den 4. Mai 1887. Fehlte mir nicht die Stufe, auf der Wilhelm Tell stand, so würde ich mich auf eine und dieselbe mit ihm stellen, denn, wie er, lebte ich still und friedlich und mein Geschoß war auf des Knaben Apfel nur gerichtet, da hat mich Ihr geschätzter Brief aus meiner Ruhe herausgerissen. Gestern sind es drei Tage gewesen, daß der wundervolle Monat mit all' seinen lieblichen Maidingern eingezogen war. Die Maikäfer stehen in voller Blüthe, der Waldmeister ward zum herrlichen Arbeitgeber für Alle, welche Bowlen ansetzen, die Mücken tanzen wie die Kinder Israels um den goldenen Sonnenstrahl, hier und da legt schon ein Schmetterling die Puppe bei Seite und wiegt sich in holden Träumen, und überall reiben sich die Blumen den langen Winterschlaf aus den Kelchen. In 89 demselben Augenblick aber, wo ich die Berufssorgen von den Schuhen schütteln und mich aus dem Druck von Giebeln und Kriegsberichten an den Busen der Natur flüchten will, naht Ihre Aufforderung, mein procul negotiis aufzugeben und mich wie Prometheus wieder an die täglich nachwachsende Leber der Arbeit zu schmieden. O über diese Politik! Sie gleicht jenem bekannten Beutelthier des Zoologischen Gartens, welches mich stets an das Lied im Don Juan »Känguruh bei Tag und Nacht« erinnert. Die Politik ist nichts anders, als eine Hydra mit hundert Zankäpfeln. Kaum glaubt man, dieselben seien verzehrt, so wachsen sie auch schon wieder scheffelweise nach. Eben sind die Schneebälle geschmolzen, da taucht Schnaebele auf. So will ich mich denn wieder an die Arbeit begeben. Es geht mir gegen den Strich, den ich am liebsten über die ganze Geschichte machte. Denn ich halte diese für einen Berg, aus dem sich keine Maus gestalten wird. Es ist ein Eintagsfloh, der es nie zum Elephanten bringt. Als ich die erste Nachricht bekam, sah ich es ihr sofort an, daß hier kein casus Schnaebelli zu erwarten sein wird. Glaubten Sie wirklich, daß das deutsche Reich Lust verspürte, wegen eines Polizeibeamten Frankreich zum Zweikampf hinterladen zu wollen? Nach solcher Speckseite sie zu werfen, war denn doch die Wurst zu unbedeutend. Oder nahmen Sie an, Frankreich dächte im Ernst daran, den Herrn Schnaebele zu einem Mars aufzubauschen? Das wäre – verzeihen Sie das harte 90 Wort! – komisch. Die ganze Affaire wurde von Anfang an auf keiner Seite seriös aufgefaßt. Deutschland nahm den Herrn Schnaebele gefangen, aber schickte ihn nicht nach Wilhelmshöhe, daran konnte man deutlich sehen, daß das Reich in keinem Falle die, in welche der Polizeimann gegangen war, als einen Janustempel ansah, dessen Pforten geöffnet werden mußten. Die Verhaftung war auf einem Sande erfolgt, in dem die ganze Geschichte allmählich verlaufen wird. Es mögen ja in Frankreich manche Revancheschreier gehofft haben, der schwarze Punkt am politischen Horizont falle in's Pulverfaß, aber das ist auch Alles. Thatsächlich hat einmal ein blinder Lärm auch nicht ein einziges Körnchen gefunden. Immerhin sende ich Ihnen einen Schnaebele-Artikel, um Ihnen zu zeigen, daß ich mit Vergnügen bereit bin, Ihr Möglichstes zu thun. Dafür bitte ich Sie, denn die Hand des Einen wäscht ja immer die Hand des Anderen, um den Gegendienst, mir zu sagen, wo ich ein noch nicht sehr abgetriebenes Velociped kaufen kann. Denn in bewegten Zeiten ist Eile vonnöthen, und ich beabsichtige in Ihrem Interesse, mir die neuesten Nachrichten jetzt stets vom Bahnhof, wo das Kreisblatt gehalten wird, per velocipedes apostolorum zu holen. Ihrer Auskunft fügen Sie gefälligst einen Vorschuß von 60 Mark zum Ankauf des Bi- oder Vehikels an, damit ich gleich Radunterricht nehmen kann. * * * 91 Paris , den 30. April 1887. W. Gestern langte ich hier an und nahm Wohnung im Hôtel de la Revanche in der Rue Boulanger . Die Franzosen sind wie die Kinder, sie sind dieselben Allons-Enfants aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts. Welch ein Geschrei in den Straßen! » Schnaebelé encore au Numéro Sûr! « Petit bec tombé dans le piège! » Schnaebelé trahi et vendu! « » La Chute du Rhin de Monsieur Schnaebelé! « \&c. \&c.. Dazwischen der alte Ruf: à Berlin! Man muß sich die Ohren zuhalten, damit sie nicht zerrissen werden. Charakteristisch für die Franzosen ist es, daß sie gar nicht untersuchen, ob Schnaebele's Kragen, bei dem man ihn nahm, nicht am Ende doch eine selbstgegrabene Grube sei, oder ob Deutschland sich etwa über und übereilt habe. Ihnen genügt es, das Zeug zu haben, an dem sie dem Nachbar etwas flicken können. Wenn man ihnen sagt, Schnaebele büße für seine eigene Unmutter der Weisheit ( imprévoyance ), er hätte bei der zwischen den beiden Nachbarvölkern herrschenden Spannung doppelt Acht ( seize ) geben sollen, Deutschlands Geduld sei so gerissen wie der Reichskanzler, und schließlich sei Deutschlands Nase kein Vulkan, auf dem Frankreich ununterbrochen tanzen könne, kurz, wenn man vernünftig mit ihnen spricht, so predigt man tauben Ohren ( oreilles des pigeons ), und man kann seinem Schöpfer 92 danken, wenn man mit blauer Haut davonkommt. Wie ein Stier, dem man ein rothes Schwert in die Brust stößt, stürzt sich der Pariser auf Jeden, der ihm sagt, daß Schnaebele's Haft weder märchen-, noch schauderhaft sei, sondern daß das Loch, in das er gesteckt wurde, kein anderes als das sei, welches die Pauke endlich bekommen habe, nachdem Deutschlands Langmuth ( courange long ) schließlich das gesuchte Ende gefunden. Man will davon nichts hören. Im Grunde des Herzens ist den Franzosen der Herr Schnaebele ziemlich mouchure (Schnuppe), und unter anderen Umständen würde wahrscheinlich jeder Hahn, der jetzt danach kräht, den ganzen Vorfall mit Stillschweigen übergangen haben. Aber jetzt gerade sind die Franzosen sehr nervös, ich möchte diesen Zustand nervosges nennen. Allmählich sind sie zu der Ueberzeugung gekommen, daß sie Elsaß und Lothringen an's Bein, das sie Deutschland stellen möchten, binden müssen. Dazu kommt, daß das ganze monarchische Europa auf der Pariser Ausstellung nur mit dem Rücken, den es ihr dreht, vertreten sein wird, daß ferner Déroulède entmuthigt wie Cincinnatus hinter dem Fluch hergeht, den er auf sein Vaterland geschleudert hat, und das schließlich Boulanger sich sagte, daß es gefährlich sei, den Leu zu wecken, besonders wenn der Leu, um den es sich hier handle, gewöhnlich früher als er ( Boulanger ) aufstehe. Das Alles wiegt die Franzosen in eine krankhafte Außersicherheit. Was aber haben sie erreicht? Wahrlich, aus diesem Nichts 93 hätte so gut wie aus dem alten die Welt gemacht werden können. Sie wollten auf dem Wege des Schnaebello gallico das Elsaß zurückerobern. Statt dessen ist » Lohengrin «, den sie hören sollten, aufgeschoben, so daß nicht einmal Elsa's Stimme zu ihnen dringen wird. So haben sie nicht Ein-, sondern Zweibuße erleiden müssen. Spotten wir also nicht, haben wir Mitleid. Denn die Weinkarte steht einem doch näher als das Lachen, wenn man ein Volk sieht, daß absolut eine neue Niederlage erleben will, und es kommt nicht dazu. * * * Telegramm. Der Polizeicommissar Schnaebele ist entkerkert und aus Metz über Ars, Novéant und Pagny hier angekommen. Schon auf dem hiesigen Bahnhof wurde er versetzt. Ob er wieder eingelöst wird, das weiß Niemand. Damit ist jedenfalls der Vorwand gefallen, durch welche die Franzosen mit dem Kopf wollten, und die Energie, mit welcher Deutschland vorging, wird sie wohl veranlassen, künftig nicht wieder den Teufel an die Wand zu zeichnen oder gar zu malen. Sie sind auch schon, wenn nicht klein- so doch nicht mehr so großlaut wie früher, und bald wird es heißen: Schnaebele's Arrest ist Schweigen. 94 Die französische Mobilerei. Herrn Wippchen in Bernau. Hoffentlich haben Sie endlich den Entschluß gefaßt, Ihre Sommerferien zu beschließen, und wir finden Sie bereit, die Arbeit wieder aufzunehmen. Ihre Erholung fiel ja zum Glück in eine Zeit, in der es keinen Krieg gab, wenigstens keinen nennenswerthen, nun aber bitten wir Sie, wieder von sich hören zu lassen. Hierzu finden Sie in der Mobilmachungsprobe, auf die sich Frankreich stellt, den besten Anlaß. Senden Sie uns sofort einen Bericht, aber nicht ohne denselben mit Ihren Ansichten über den Werth dieses militärischen Unternehmens auszustatten. Die Correspondenten aller europäischen Blätter, speziell solche, die von militärischen Dingen nichts 95 verstehen, geben ihr Urtheil über den Werth der Probemobilisirung kund, und wir möchten nicht zurückstehen. Wir erwarten Ihren Bericht. Ergebenst Die Redaktion . * * * Bernau , den 7. September 1887. Der Sommer liegt in den letzten Extrazügen, der Bäume Urlaub geht zu Ende. Mutter Grün wird gelb, Rebhuhn und -laus (sprich: Phylloxera ) kommen auf die Tafel des Feinschmeckers und bringen die Weinbauern zur Verzweiflung, und wo sonst die Mücken ihr Tänzchen machten, fliegt das junge Volk der Schnitter dahin, während der kornbeladene Wagen schwer hereinschwankt, als habe er in dem Kränzchen, das nun auf den Garben liegt, zu tief in's Glas geschaut. Ja, der Herbst ist da. Als ich gestern mit dem rauhen Nord über die Stoppeln fuhr, merkte ich es, und ich ahne die Zeit nicht mehr fern, wo man dem Ofen, die Hände wie segnend an ihn gelegt, wieder den Rücken zukehrt. So beende ich denn die Ferien und mache mich wieder an die Danaidenarbeit, mein Dintenfaß zu füllen. 96 Allerdings ruhte ich auch, weil, wie Sie in Ihrem ergebenen Schreiben richtig andeuten, das Schwert des Kriegsgottes auf der Bärenhaut lag, und ich hätte aus diesem Zustand der Dinge mit dem besten Willen keinen Feind aus irgend einem Land herauszuschlagen vermocht. Mir war dies, aufrichtig gesagt, durchaus nicht. contre , sondern vielmehr pour coeur , der ewige Erisapfel wird schließlich – verzeihen Sie das harte Wort! – alltäglich und wenn ich auch mit dieser meiner Behauptung unter meinen Collegen als die einzige fühlende Larve, oder gar wie der Einäugige unter den Königen dastehe, so kann mich dies doch nicht veranlassen, den Bramarbas anzustimmen. Nein, ich freue mich ungemein, wenn ich einmal die Kriegsfurie am ruhigen Bach gelagert liegen sehe und nicht nöthig habe, größere Schlachtfelder mit dem Blute Tapferer zu tränken. Aus diesem Grunde ist es mir auch willkommen, daß Sie mich mit einem fachkundigen Bericht über die Mobilisirungsprobe in Frankreich, welche ich Mobilerei nenne, beauftragen. Denn hier handelt es sich ja eigentlich um etwas, was der Franzose sehr bezeichnend einen Versuch (deutsch: Radau ) nennt. Es sieht alles wie Krieg aus, ist aber eigentlich Komödie: man ißt nichts so heiß, wie es geschossen wird, man baut Schanzen, aber es sind Mummenschanzen, man legt Minen an, aber aus jeder Miene spricht die Harmlosigkeit, man schießt so stumpf wie möglich, der Hinterlader ladet keinen Mord auf das Gewissen des Soldaten, und die entfalteten Adler der Regimenter sind im 97 Grunde nur Spaßvögel ( Aigles de bons mots ). So lasse ich mir dann und wann den Krieg gefallen: eine Fechterei mit Spiegeln, und es ist eigentlich nur ein Zeitvertreib, wenn man sieht, wie die Soldaten im Gras liegen, ohne hinein zu beißen. Frankreich will sehen, wie rasch es im Nothfall fertig sein kann, das ist Alles. Wollen Sie nun sehen, wie rasch ich fertig werden kann, so bitte ich Sie um einen Vorschuß von 60 Mark, falls Ihnen diese Summe genügt. Aber ehe etliche oder noch weniger Tage vergehen, werden Sie erfahren, daß ich keinen rothen Nickel mehr habe. Meine Zwanzigmarkstücke haben eben Quecksilber im Leibe. * * * Toulouse , den 6. September 1887. W. Ich bin wie alle Menschen keine Kassandra, eher ein Dunkel- als Hellseher. Das aber konnte ich mir auf den Kopf zusagen, daß ich nicht wie ein Haar durch die Milch hierher gelangen würde. Ich war denn auch hier nicht zehn Minuten in der » Goldenen 1870 « abgestiegen und war eben damit beschäftigt, meine sieben Habseligkeiten aus dem Koffer zu kramen, als vor meiner Thür ein Murmeln in den Bart der Draußenstehenden laut wurde, das allmählich zu einem Pochen an meiner Thür anwuchs. Ich öffnete, obschon ich in den tiefsten Unterhosen dastand, und unter dem Geschrei 98 kaum zu übersetzender Worte wie: » Prussien! « » Espion! « stürzte die Menge in's Zimmer. Ich mußte blind sein, wenn ich die Eindringenden keinen hellen Haufen nennen wollte. Dieselben hätten mich am liebsten in ein Blutbad verwandelt, und wenn ich jetzt den Kopf verloren hätte, sie hätten ihn mir gewiß gespalten. Ich fragte sie also ruhig, was mir die Ehre verschaffte, und sie schrieen, daß ich ihnen sofort zur Polizei auf dem Fuße folgen sollte. Ich zog also nothdürftig meine Stiefel an und ging mit ihnen fort. Auf dem Wege zur Polizei bildeten geballte Fäuste Spalier, und ich war froh, daß ich nicht durchgebräunt und durchgebläut auf der Präfektur, freilich mehr todt als nöthig, ankam. Nun wurde ich bis auf die Haut ausgefragt, und wahrlich, mir stand der Schub, auf den man mich bringen wollte, näher als das Lachen. Erst als ich erklärte, daß, krümme man mir ein Härchen, an dem der deutsch-französische Frieden immer hinge, der deutsche Botschafter in die Anse (Bucht) springen würde, gab der Präfekt so klein bei, daß man es kaum bemerkte, und ich kam mit blauem, wenn auch verstimmtem Auge davon. Die Mobilerei ist eigentlich, wie man hier zu sagen pflegt, pour le chat . Denn das Siegel des Geheimnisses, welches ihr den Werth verlieh, ist gelüftet, und als das 17. Armeecorps den Befehl bekam, sich mobil zu machen, war dies bereits in aller Spatzen Mund, die es wie ein Lauffeuer in Fama's Ohr pfiffen. Der Verräther schläft ja nicht wie Homerus , und wenn auch jetzt eine Untersuchung 99 eingeleitet ist, an dem Wasser, in welches die Mobilerei gefallen, kann sie nichts mehr ändern. Der Bauer meint trotzdem, es gehe in den Krieg, er müsse seine Gänsehaut zu Markte tragen, und er kommt sich wie eine Erbswurst vor, welche der deutsche Soldat verschlingen wird. Im Traum sieht er die deutsche Artillerie die Zuckerhüte schwenken, und dieser Alp drückt sich nicht von seinem Lager, auf das er nach den Anstrengungen des Tages niedergesunken ist. Daher hört man auch nicht à Berlin schreien, sondern à Paris , oder an irgend einen anderen Ort, nur nicht dahin, wo Moltke schweigt, oder getrennt marschirt und vereint schlägt. Dieser Aussicht gegenüber bleibt kein Beinkleid herzleer. So hat jedenfalls das deutsche Reich von der französischen Mobilerei den größten Nutzen: es sieht, daß den Franzosen schon bei dem, mit Respekt zu sagen, bloßen Gedanken an einen Krieg mit Deutschland die Haare am Berge stehen, daß also die immerwährenden Hetzer taube Ohren dreschen. Die Nester der Chauvinisten ausgenommen, will kein Franzose vom Krieg etwas wissen, ihm sind die Opfer an Menschen und Geld denn doch für ein gewagtes Aben gar zu theuer, und nur mit Entsetzen denkt er daran, daß doch eines häßlichen Tages die eisernen Würfel aus heiteren Wolken niederfallen könnten. So glaube ich, daß Deutschland mit der französischen Mobilerei ganz zufrieden sein darf. 100 König Malietoa. Herrn Wippchen in Bernau. So ungern wir auf einen Artikel aus Ihrer Feder verzichten, so finden wir es doch richtig, daß Sie sich auf einen einzigen Bericht über die französische Mobilerei, wie Sie die Probemobilisirung zu nennen beliebten, beschränkt haben. Man stand in Deutschland dieser internen militärischen Unternehmung Frankreichs wirklich sehr gleichgültig gegenüber, Niemand bekümmerte sich um deren Details, und Keiner vermißte dieselben, als wir sie den Lesern nicht brachten. Nun bitten wir Sie aber, nach einem anderen recht actuellen Gegenstand, der zugleich dem Bedürfniß nach Sensation genügt, zu suchen und recht bald wieder von sich hören zu lassen. Das 101 Herbstquartal hat begonnen, und das Publikum will nach langer Sommerpause wieder lesen, viel und Fesselndes. Wir meinen, daß es nur dieser Bitte bedarf, um Sie zu veranlassen, uns das, was wir brauchen, zu liefern. In dieser Ueberzeugung grüßen wir Sie ergebenst Die Redaktion . * * * Bernau , den 12. October 1887. Wenn ich auch nicht behaupten will, daß mein Auge dem Meer gleiche, welches keine Balken hat, so thut es mir doch häufig weh, wenn Sie einen solchen in meinem Auge sehen, während Sie den Splitter in Ihrem werthen eigenen links liegen lassen. Umsomehr freute es mich, daß Sie mir in Ihrer werthen Zuschrift ausnahmsweise auch nicht eine einzige von den vielen Leviten zu lesen gaben, von denen sonst Ihre geehrten Briefe zu wimmeln pflegen, sondern mir im Gegentheil den Hof schnitten, weil ich Ihnen nicht mehr als einen Bericht über die französische Mobilerei geschickt habe. Ich fürchtete schon, daß Sie mir deshalb die Hände über 102 dem Kopf zusammenschlagen würden, was mich aber ganz gewiß kalt, oder doch wenigstens nicht warm gelassen hätte. Denn ich weiß genau, ob das lesende Publikum über- oder untersättigt ist, und wie die Mimose, welche selbst von der Fliege an ihrer Innenwand so geärgert wird, daß sie sich zusammenzieht, schließe auch ich meinen Bericht, wenn ich fühle, daß der Leser nichts mehr von meinem Gegenstand hören will. Und ich kenne auch zu genau die Bedeutung des Wortes von Horaz: Est modus in rebus , auch in dem schwersten, und wer gegen dieses Wort verstößt, der wird sehr bald das Ohr seiner Leser unter den Füßen verlieren. Mir wäre das unerträglich: ohne Leser bin ich eine Gabel ohne Messer, an welchem die Klinge fehlt, oder, um den Pudel beim rechten Kern zu nennen, ein Brief, bei dessen Eröffnung kein Vorschuß – verzeihen Sie das harte Wort! – herausknallt. Darum habe ich mich auch wie ein Kranker das Bett gehütet, über die französische Mobilerei mehr als einen Bericht in die Leserwelt zu setzen. Ich lauschte vergeblich nach einem Hahn, der im Publikum danach krähte, und alsbald brach ich ab wie ein morscher Zweig im Sturm. Um Ihren Wunsch zu erfüllen, sende ich Ihnen einliegend den König Malietoa. Dieser angerauchte Herrscher der Samoainseln ist so eben von uns gefangen fortgeführt, d. h. er ist auf den Adler gebracht und von diesem einem anderen Vogel, dem Albatros, übergeben worden, aus dessen Schiffsschnabel er sich so leicht nicht wird befreien können. 103 Sie werden bemerken, daß ich den Vorfall ziemlich milde behandle. Es wäre mir federleicht gewesen, aus demselben einen europäischen Krieg zu entbrennen, indem ich Amerika und England nur mit je einem Torpedoboot tödtlich in See stechen und einen einzigen Schuß mit der Breitseite abgeben ließ. Aber erstens ist hierzu noch immer Zeit, – ein Kanonenschuß ist rascher gelöst, als jede andere viersilbige Charade, – und zweitens halte ich Malietoa trotz allem blauen Blut, das in seinen schwarzen Adern rollt, doch für nichts anderes als für einen Schiffs schnäbele , um den unser leitender Bismarck nicht die eisernen Würfel auf's Spiel setzen und den Schifferknoten in dem Halstuch eines einzigen Matrosen durchhauen lassen wird. Ich halte den genannten König nicht für einen schwarzen Punkt am Horizont und nahm ihn überhaupt auf die leichteste meiner beiden Achseln. Mit wenig Mühe war ein Südseedan daraus zu gestalten, indem ich aus Malietoa einen Insel-Napoleon machte, seine Frauen – der Aermste ist in den heiligen Stand der Polygamie getreten – als Polyeugynie bezeichnete und Neu-Guinea als australische Wilhelmshöhe schilderte. Aber ich unterließ das alles, weil mich der Umstand genirt, daß dieser König einzig und allein mit seiner Würde bekleidet ist. Ihr Blatt wird auch von Damen gelesen, und es scheint mir unter allen Umständen unpassend, in deren Gesellschaft einen König zu führen, der außer seinem Scepter kaum etwas trägt, was man als Promenadencostüm bezeichnen könnte. 104 Da lobe ich mir den Selbstzaren aller Reußen, welcher stets mit Bedeckung ausfährt. Ich meine, daß es die Pflicht jeder Vollsvertretung wäre, dafür zu sorgen, daß das Oberhaupt des Staats nicht splitternackt einherregiere. Ein Purpur, und sei es auch einer aus der Papierwäschefabrik von Mey \& Edlich, sollte doch wenigstens die gekrönte Haut dem Auge der Unterthanen entziehen. Zu Ihrem Jubiläum habe ich Ihnen bereits einen Draht gesandt. Wer könnte es vergessen, daß Ihrem Blatte von einem gütigen Geschick 25 aufgezählt worden sind? Ich. In dieser Befürchtung bitte ich Sie um einen Vorschuß von 50 Mark. Das wird mich doppelt erinnern. * * * Apia , den 50. September 1887. W. Eben kehre ich vom Hafen in mein bescheidenes Zelt garni, das aus simplem Segeltuch erbaute Gasthaus »Zum weißen Neger«, zurück, und erst zwischen meinen vier Leinewänden komme ich dazu, die Tragweite der Tafel Klios, die sich eben vollzogen hat, zu überschauen. Samoa hat keinen König mehr! Die Deutschen haben ihn eben gefangen auf den Kreuzer »Adler« gebracht und sind mit ihm davongesegelt. Ich würde sagen: beim Kragen genommen, wenn der König etwas anderes als nur einen Kopf trüge. Apia 105 ist ruhig, so ruhig, daß man eine Schlange klappern hören könnte. König Malietoa – denn er war es – ist der Sohn des alten Königs gleichen Namens und zeigte schon als Kronprinz wenig Talent, einst als Herrscher sein Brod verdienen zu können, und kaum hatte er die Zügel der Regierung bestiegen, so wurde es dem Volke offenbar, daß er das Herrschen nur höchst mangelhaft erlernt habe. Nicht wie ein erwachsener Mann, sondern wie ein Lehrbursche gab er Gesetze, und anstatt auf dem Thron zu sitzen und in der Verfassung zu lesen, stand er an der Thür seines Palastes und schäkerte mit den Sklavinnen der Nachbarn, indem er sie in die wehrlosen Wangen kniff und ihnen die Ehe versprach, obschon er doch höchstens zehn Frauen heirathen konnte. Auch trank er das gebrannteste Wasser, so daß er häufig mit dem linken Kater zuerst aus dem Bett stieg und in diesem Zustand dann die falschesten Noten an die benachbarten Stämme gelangen ließ. Natürlich reichte zu einem solchen Leben die Civilliste nicht aus, und häufig sah man ihn dann mit der leeren Privatschatulle in den Straßen von Apia betteln. »Ein armer Landesvater bittet um eine Kleinigkeit!« Da konnte man sagen: Jeder Zoll kein König! Das Schlimmste aber war, daß er, besonders wenn er einen sinnlosen Spitz hatte, die Deutschen beleidigte. Diese ließen sich das eine Weile gefallen, bis es eine lange Weile, die Langmuth aber kurz wurde. Gestern ankerte der Kreuzer »Adler« im Hafen, und seine Mannschaft rückte vor den Palast des Königs mit dem Rufe: »Malietoa, sollst mal runter kommen!« Der König wollte erst den zahmen Mann spielen, aber es nützte ihm wenig, – zehn Minuten später schloß sich schon der Bord des genannten Schiffes hinter ihm. Das historische Ereigniß vollzog sich in aller Stille. Weitere Folgen wird es nicht haben. 107 Von der Grenze Rußlands. Herrn Wippchen in Bernau. Es ist uns ganz unerklärlich, daß Sie schweigen. Während Sie sonst und mit Recht jede Zumuthung an Ihre Feder ablehnen, wenn kein Krieg oder keine Kriegsgefahr vorliegt, ließen Sie bis jetzt die Ereignisse an der galizischen Grenze, die doch unzweifelhaft in Ihr Ressort gehören, unbeachtet. Hoffentlich genügt dieser Hinweis vollkommen, und wir erhalten möglichst bald einen Artikel von Ihnen. Allerdings haben die Besonnenheit und das feste Auftreten Oesterreichs viel dazu beigetragen, die anfangs so blutigroth erscheinenden russischen Rüstungen in den Augen des besorgten Europas verblassen zu machen, immerhin aber war und ist auch heute noch das, was sich an 108 der galizischen Grenze abspielt, wenigstens interessant genug, um Sie zu einem sensationellen Bericht aus Ihrer Ruhe herauszulocken. Indem wir hoffen, umgehend von Ihnen zu hören, grüßen wir Sie ergebenst Die Redaktion . * * * Bernau , den 21. December 1887. An den Zweigen des Tannenbaums reifen die Wachskerzen, der Nußknacker steht mit offenem Munde da, als sollten ihm die tauben Wallnüsse gebraten hineinfliegen, das Schaukelpferd stampft das Straßenpflaster, und alle Kinder holen den Waldteufel. Freilich bin ich wie Don Carlos zu alt, um nur zu spielen, andrerseits aber auch zu wenig Methusalem, um ohne Wunsch zu sein. Ja, ich bereite mich so vor wie möglich, das Weihnachtsfest zu feiern, und war eben damit beschäftigt, auf dem Markt alle die Kleinigkeiten zu kaufen, mit denen ich mich in der Nehmerlaune zu überraschen gedenke, da kommt, ein deus ex machina aus heiterer Wolke, Ihr geehrter Brief. So wie ich aus allen meinen 109 Kinderträumen herausgerissen, war noch kein Auge, das Dich ärgert, ich war starr wie nie zuvor und suchte lange, bis ich Worte fand. Es ist gut, daß Sie mein Selbstgespräch nicht gehört haben. Das Blatt, welches ich nicht vor den Mund genommen, war rasch mit zornig geballten Worten gefüllt, und ich bin auch in diesem Augenblick noch nicht wieder in der Haut, aus der ich gefahren war, wie die Haare, die mir zu Berge standen, auch heute noch nicht wieder zu Thal stehen. Denn durch Ihren Brief wurde es mir klar, was ich in meiner Eigenschaft als Kriegsberichterstatter eigentlich habe: ich habe wie Leporello keine Ruh' bei Tag und Nacht. Das ist das Ach und O meines Berufs. Jetzt, wo Jedermann sich mit dem schönsten Fest des Jahres beschäftigt, schleudern Sie mich an die galizische Grenze, weil daselbst, wie Sie glauben, der Kriegsstorch einen Conflict gebracht hat. Da soll ich nun den geliebten Tannenbaum links duften lassen und die Schatten großer Ereignisse auf's Papier vorauswerfen. Das kommt mir wieder mal à-propos , das paßt mir gerade wie die Faust – verzeihen Sie das harte Wort! – aufs Auge. Denn es ist doch Krieg, worüber ich schreiben soll, wenn er auch noch in den Windeln der Mobilmachung liegt. Ein Sträfling ist ein Sträfling, er mag nun in der Zelle sitzen, oder ausgebrochen sein, und so ist es auch mit dem nicht ausgebrochenen Kriege, der jetzt eben noch an den Eierschalen pickt, die er über kurz oder später auf die Häupter der Völker ausschütten wird. 110 Ich sehe indeß ein, daß Sie einen Bericht über das, was an der galizischen Grenze vorgeht, bringen müssen, – das Publikum ist ja ein Moloch, das gestopft sein will, – und so mache ich mich denn an die Arbeit. Ich werde Oel in die Gemüther schreiben, indem ich nichts geschehen lasse, was nicht gutes Blut macht. Wie Herkules am Scheidewege zwischen zwei Bündeln Heu stehend, wähle ich den Frieden, vornehmlich um das Weihnachtsfest nicht zu stören. Es wäre mir ja ein Leichtes, einen Pulk Kosaken über die Grenze zu sprengen und so das Zeichen zu den Haaren zu geben, in welche sich Oesterreich und Rußland gerathen. Aber in demselben Augenblick wäre der Frieden den Weg alles Fleisches in die Brüche gegangen, Jeder blickte besorgt und aufgehoben in die Zukunft und der Lauf der sichersten Papiere – das Wort Cours kommt mir undeutsch vor – würde zurückgehen. Alles das eilt nicht und käme jedenfalls im Januar früh genug, und am allerwenigsten möchte ich diese fatale Morgana am Horizont des Friedens heraufgezaubert haben. Bevor ich in diesem Sinne mich an den Bericht heranmache, möchte ich Ihnen noch eine kleine freudige Weihnachtsüberraschung bereiten. Sie nehmen nämlich an, daß ich Sie um einen Vorschuß von etlichen oder mehreren hundert Mark ersuchen werde. So wissen Sie denn, daß ich nur den fünften Theil – 80 Mark – fordere. Ist diese Summe zu groß? Dann sagen wir vier Zwanzigmarkscheine. Ich habe enorm viele Bücher und Musikalien sowohl für meine 111 Bibliothek, als auch für einige Kinder in den mir an's Herz gewachsensten Familien zu kaufen, so z. B. Zwei: Tausend und eine Nacht, also 2,002 500,000 Teufel und die } für Clavier, 3 Grenadiere } 1,000 Gedanken des Collaborators von Berthold Auerbach, 30 Jahre Deutscher Geschichte von Biedermann und 1,812 von Rellstab , zusammen 504,847 , also über eine halbe Million. Einer solchen Summe gegenüber sind doch 80 Mark ein verschwindendes vis-à-vis . * * * Tarnopol , den 19. December 1887. W. Der Kriegslärm, der sich erhoben hat, lockte mich in diese freundliche galizische Stadt, welche nach der zehnten Auflage des Brockhaus 16510 Einwohner hat, die sich aber seither, also seit 1854, vermehrt haben werden. Hier bin ich nicht weit von der russischen Grenze entfernt, an welcher der Zar seine Truppen zusammenzieht. Er wird also, wenn er gut addirt, wissen, wieviel es sind, während wir gezwungen sind, bei Angabe der Zahl unsere Finger zu Hülfe zu nehmen, 112 um sie aus ihnen annähernd zu saugen. Diesen Vormittag sogen wir Kriegsberichterstatter zusammen etwa eine viertel Million Mann Infanterie. Was die Reiterei und Artillerie betrifft, so haben wir uns noch nicht schlüssig gesogen. Gestern war ich jenseits der Grenze. Wallensteins Lager en gros et en détail . Wimmelnde Soldaten aus allen Theilen des Kolosses auf thönernen Füßen. In den Zelten Gesang des »Rothen Sarafan« und »Schöne Minka, ich muß scheiden.« Munter kreiste die Talglichtbowle. Der Caviar floß in Strömen. Dazwischen rollten die Augen der Würfel. Ich sah einen Hetman, der mit mehreren Kameraden auf dem Woilok ausgestreckt lag und mit ihnen Macao spielte. Er hatte schon Alles verspielt, hatte dann seinen Kopf gesetzt, gewonnen und stehen lassen. Nun hatte er eben seinen 25. Kopf gewonnen und verlangte Bezahlung. Iwan Bogdanowitsch , der Bankhalter, weigerte sich. »Gauner!« schrie der Hetmann, der seine 25 Köpfe haben wollte, und griff zur Lanze. Wüstes Gemetzel. Kosaken eilen herbei und trennen die Wüthenden, indem sie ihnen, die Nationalhymne anstimmend, alles Geld stehlen. Da kommt ein Regiment Nihilisten an, welche Dynamitbomben tragen, mit denen sie sich der vereinigten deutsch-österreichischen Armee auf fünf Schritt nähern und diese dann in die Luft sprengen sollen. »Nach Wien!« heulen die Einen, »Nach Berlin!« die Anderen. Das sind außer Wodki die einzigen deutschen Wörter, die sie gelernt haben. Dazwischen sitzt Wereschagin 113 und zeichnet schon die Pyramiden, die aus deutsch-österreichischen Schädeln zusammengesetzt sind. Da umarmt mich der College von der »Nowoje Wremja« (sprich: Nowoje Wremja) und legt mir den Staub an's Herz, aus dem ich mich machen sollte, um nicht als Spion nach Sibirien erschossen zu werden. Das ließ ich mir nur einmal sagen, gab mein letztes Fersengeld her und floh auf das österreichische Gebiet hinüber. Da bin ich denn wieder in meinem Hotel und freue mich des nackten Lebens, das ich gerettet habe. Uebrigens kann ich nur rathen, die russische Mobilmachung nicht so heiß zu essen, wie sie gekocht worden ist. Rußland, welches sieht, wie eng Deutschland und Oesterreich zusammenhalten, wird sich den Degen noch sehr überlegen, bevor es denselben zieht, es wird sich vor Allem sagen, daß das ihm zu Gebote stehende Bockshorn denn doch nicht groß genug ist, um zwei so mächtige Reiche hineinjagen zu können. Und es fehlt ihm auch an Geld. Zwar arbeiten seine Nervusrerumdruckereien fortwährend, aber baares Geld lacht ihm nicht, und da liegt doch schließlich der Hund begraben, welcher bellt, aber nicht beißt. 114 Die ostafrikanische Katastrophe. Herrn Wippchen in Bernau. Wir haben seit längerer Zeit keinen Kriegsbericht veröffentlicht und waren auch nicht dazu verpflichtet, weil in der That überall alles ruhig war. Jetzt aber scheint der Moment wieder für Sie gekommen. Die gegen die aufständischen Araber geschlossene Waffenbrüderschaft zwischen Deutschland und England giebt Ihnen reichlich Gelegenheit, wieder auf Ihr eigentliches Feld zurückzukehren. Ohne Zweifel kommt es in Ostafrika zu einem Zusammenstoß, und wir hoffen keine Fehlbitte zu thun, wenn wir Sie ersuchen, sofort mit der Arbeit zu beginnen. Sie würden 115 uns dadurch namentlich jetzt, wo die Politik wenig Sensationelles geschehen läßt, einen wesentlichen Dienst leisten. Wir hoffen, schon in der nächsten Nummer Ihren ersten Artikel bringen zu können, und grüßen Sie ergebenst Die Redaktion . * * * Bernau , den 30. November 1888. Eine der sieben Todtugenden des Menschen ist die Nachgiebigkeit, und ich fühle zu meinem Leidwesen, daß ich in diesem Augenblick mit einem Fuße einmal wieder im Begriff stehe, diese Tugend zu begehen. Als ich Ihnen neulich eine Schlacht erster Güte lieferte, durch welche ich unsere Widersacher in Ostafrika mit Stumpf und Kegel ausgerottet hatte, warfen Sie sie in den Papierkorb, als hätte ich Ihnen keine Schlacht, sondern saures Bier, einen Kalender des vorigen Jahres oder sonst etwas Ungeschicktes geschickt. Mit meiner vernichtenden Schlacht war alles abgethan, alle Neger waren derart vertrieben, daß Niemand mehr im stande war, schwarz zu sehen, die tabula war so rasa wie irgend möglich. Nun 116 kommen Sie zu der Ueberzeugung, daß ich damit denn doch nicht ins Weiße, daß ich im Gegentheil das Schwarze auf den Kopf getroffen hatte, und verlangen von mir regelmäßige Berichte aus einem Lande, das noch halb unbekannt ist, an dem sozuschreiben noch die Eierschalen eines Columbus kleben, und in welchem wir einem Feinde gegenüberstehen, den zu belecken die Cultur ihre Zunge noch zu schonen gewillt scheint, oder der sich gegen dieselbe überhaupt mit Händen und Füßen sträubt. Was soll ich mit Arabern machen? Das sind keine Soldaten, sondern Krieger, die frei und ungebunden schärlern und zu den Waffen greifen, die ihnen gerade zur Hand liegen. Es ist Barfußvolk. Mit dem Pfeil und Bogen kommen sie im Morgenstrahl gezogen, und was da fleucht und kreucht, das ist ihre Beute, lallera! Und über solche Truppen, welche von jeder Uniform entblößt in's Feld ziehen, soll ich berichten? Das ist doch – verzeihen Sie das harte Wort! – kein Vergnügen. Ich will es indeß versuchen. Selbstverständlich werde ich diese unsere schwarzen Angreifer überall, wo sie sich zeigen, seitwärts in die Büsche schlagen, ihre Wigwämmer zerstören und dafür sorgen, daß sie sich nicht wieder auf's hohe Kameel setzen. In meiner Phantasie ist nicht Raum auch nur für einen Fußbreit Landes, den sie uns streitig machen. Da heißt es aber ruhig arbeiten. Sorgen Sie daher dafür, daß ich selbst in der Frühe, bevor ich die Feder ergreife, auf keine Weise gestört werde. Dies würde am besten durch den Geldbriefträger geschehen können, der mir einen Vorschuß von 50 Mark bringt. Dieser wortkarge Beamte kommt, legt einen geräuschlosen Kassenschein auf den stillen Tisch, läßt von mir kaum vernehmbar quittiren und entfernt sich so wieder, daß man eine Stecknadel zur Erde fallen zu hören glaubt. Diese Ruhe gönne ich nicht nur den Flamändern. * * * Sansibar , den 20. November 1888. W. Ich bin gestern hier angekommen, zog mich sofort aus und verließ mein Zelt. Es ist sehr heiß, wir schreiben 24 Grad im nicht vorhandenen Schatten, und man läuft Gefahr, den Sonnenstich zu bekommen. Deshalb läuft man auch nicht, sondern reitet, indem man sich zwischen die beiden Höcker eines Wüstenschiffs klemmt. Länger als ein Jahr ist es her, daß ich eines Tages meinen ersten Fuß auf die ostafrikanische Küste setzte. Obschon es nicht der linke war, mit dem ich zuerst aus der Kajüte stieg, so habe ich doch schon damals nicht geglaubt, daß uns die Colonie gebraten in den Mund fliegen würde. Als ich diese Bevölkerung sah, die wegen ihrer mangelhaften Bekleidung höchstens einen Anblick für Männer bildet, sagte ich mir gleich, daß das Handumdrehen, in welchem wir das Land unser Eigenthum nennen wollten, etwas lange dauern dürfte. Es fehlt diesem Volk die Civilisation, ohne welche der Liebe 118 Müh' umsonst ist, wie Shakespeare sehr richtig eines seiner Bacon'schen Lustspiele genannt hat. Sie betrachten den Europäer als einen Mann, der ihnen Alles, was sie nicht haben, nehmen will, zu nichts weiter kommt, als um zu etwas zu kommen, und die Absicht hat, ihnen den letzten Strauß aus dem Stall zu holen und ihnen die tägliche Cocosnuß zu erschweren. Dabei läuft ihnen das Wasser im Munde zusammen, wenn sie einen schmackhaften Missionär sehen, und sind dem Schnaps derart ergeben, daß sich ihr immerwährender Affe kaum auf den Beinen zu halten vermag. Das Schlimmste aber sind ihre Sultane. Ein solcher nur nothdürftig mit dem Purpur bedeckter Führer des Volks ist ein Mann, der mit den Deutschen Verträge abschließt, aber, gerieben wie der Salamander, ihnen eigentlich nur einen Pfiffikus giebt und sich sofort als ein vor- und hinterlistiger Feind entpuppt. Obenan der Sultan von Sansibar, dessen Nacken man es heute noch nicht ansieht, ob ihm nicht morgen der Schelm in demselben sitzt. Man kann sich nun denken, wie dieses Volk die Verträge, welche es mit der deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft geschlossen, über's Knie brach. Expeditionen wurden geplündert, Factoreien in Flammen verwandelt, Reisende in Mißhändel verwickelt, und bald war jeder Europäer seines Lebens unsicher. Da riß den Regierungen endlich die Geduld, und Deutschland und England reichen sich zu einer gemeinsamen Action brüderlich die Dampfer. 119 Als ich gestern ausging, wurde ich zunächst von mehreren Arabern meuchlings und rechts umzingelt, worauf mir die schwarzen Kerle die Schürze, die ich als einziges Garderobenstück trug, über die Ohren zogen. Als ich ihnen zurief, daß ich diesen Vorfall in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung zur allgemeinen Kenntniß bringen würde, nahmen sie mir noch mein Fez, und erst, als sich einige Weiße näherten, wandelten sie straflos unter Palmen davon. Es war eine Straßenscene, wie sie fast stündlich wiederholt wird, und ich mußte mich noch freuen, mit blauem Leben davongekommen zu sein. Kein Zweifel, diese Leute ahnen noch garnicht, was für eine Blockade ihnen bevorsteht, obschon der Anker, vor den die deutsch-englische Flotte gehen wird, jeden Augenblick eintreffen kann. Heute sah ich den Sultan von Sansibar. Er hatte seinen Arm einigen seiner Frauen gereicht und ging vor's Thor in die Wüste, um frischen Samum zu schöpfen. Er sieht aus wie ein Mann, mit dem nicht gut Menschen essen ist. Sein Blick ist streng, sein Gang ist stolz, und wenn er nicht Alles täuscht, so wird er im entscheidenden Moment an der Spitze der Rebellen gegen die Schiffe der Verbündeten zu Felde ziehen. Das würde ihm natürlich den Thron kosten, den er, beiläufig bemerkt, nicht hat. Daß er wie alle seine Unterthanen halbnackt umhergeht, ist wohl bekannt. Es ist aber nicht hübsch. Ein Herrscher sollte doch selbst in der größten Hitze einen Purpur tragen, zumal wenn 120 er mit seinen Frauen ausgeht. Aber so sind die Morgen länder. Dieselben sehen aus, als wären sie eben aufgestanden und noch nicht angezogen. An der ganzen Küste ist heute Alles auf das Kommende vorbereitet. Die Spießbürger schärfen ihre Spieße, und es finden Pfeil- und Bogenübungen statt. Einige Salven aus den Schiffsluken werden ihnen zeigen, wer der Stärkere ist. 121 II. Sansibar , den 1. Decbr. 1888. W. Noch ist Alles in voller Schwebe, noch sieht man vor dem Schatten, den die großen Ereignisse vorauswerfen, das Licht nicht, welches die nächsten Tage bringen sollen. Mit Einem Wort: Ich bin in der peinlichen Lage, dem nach entscheidenden Thaten heißhungrigen Leser weder Fisch noch Fleisch vorsetzen zu können. Freilich kann in jedem Augenblick den herrschenden Wirren das erste Stündlein schlagen, dem mit gemischten Gefühlen entgegengelauscht wird. Die Fremden stehen am Ufer und blicken sehnsüchtig nach dem Horizont, ob daselbst nicht die vereinigte Flotte ihre Schornsteine und Drehthürme bläht, die Eingeborenen bilden sich ein, sie könnten mit ihren mangelhaften Waffen, mit Armbrüsten ohne Pulver, oder mit Pulver ohne Flinten, der deutschen und englischen Macht auch nur den kleinsten Daumen auf's Auge drücken. Freilich, der Kundige sieht schon das Nichts, in welches dieser Traum zerrinnen wird. Selbstverständlich ist der Europäer vorläufig in einer Situation, die ich mit der eines Zündhölzchens zwischen zwei 122 Schachteln, oder, wenn dies nicht deutlich erscheint, mit einem einzigen Wilhelm zwischen zwei Lenoren vergleichen möchte. Auf der einen Seite brüllt der Ocean, auf der andern der fanatische Araber, dem nicht über den Weg zu trauen ist, wenigstens ich nicht. Kein Weißer ist vor einem Pfeil aus heiteren Wolken sicher. Ich bin daher, um den Feind zu täuschen, auf die originelle Idee gekommen, mich in einen Araber zu verwandeln. Um meine Haut nicht zu Markt zu tragen, sondern mich ihrer zu wehren, habe ich dieselbe schwarz gefärbt und mich auch im Uebrigen wie ein Araber gekleidet. Ich glaube, im allgemeinen Interesse zu handeln, wenn ich die Reproduction meiner Photographie hiermit veröffentliche. Wer jetzt Lust hat, in den Mauern der ostafrikanischen Küste zu weilen, thut gut, sich so herzurichten, wie ich auf meinem Lichtbild erscheine, um als Araber zu gelten. Als solcher kann man selbstredend oder selbstschweigend sich hier überall zeigen oder sich gar im Sande verlaufen, der Araber wird den schwarzgetünchten Weißen für seinesgleichen halten und ihm kein Haar krümmen oder gar verletzen. Es ist das zwar ein Betrug, denn man erscheint dem Urbewohner als X, obschon man ein geborenes U ist, aber die Selbsterhaltung bricht Eisen. Ich würde mich an Jupiters Stelle niemals in einen Regen oder in irgend eine andere ungünstige Witterung verwandeln, um ein unbeschirmtes Mädchen in die Traufe zu führen, aber im Kampf um's Dasein gelten nach meiner Meinung alle Masken, und man braucht in solcher Lage 124 nicht zu zögern, zu einer der vielen Mummen zu greifen und dieselbe zu schanzen. Wie ich es vorausschrieb, ist der Sultan von Sansibar abgeneigt, seine Zustimmung zur Blockade der Küste zu ertheilen. Aber man wird das Brett, das er vor dem Kopf hat, schon kleinkriegen, und ihm die Schraube, die los ist, wieder festdrehen. Was will er auch machen? Die vereinigte Flotte wird sich von dem schwarzen Herrn nicht auf dem Deck herumtanzen lassen, und wenn, wie es ohne Zweifel geschähe, eines der Schiffe, wie demselben der Schnabel gewachsen ist, an zu schießen fängt, so wird er, ein Muselmann, schon zu Halbmond kriechen. Es versteht sich wohl auch am Rande dieser Insel, daß an einem raschen Sieg nicht zu zweifeln ist. Wenn die deutschen und englischen Feuerschlünde erst einmal eine Salve gegähnt haben, werden diese dunklen Horden Allah danken, wenn sie das nächste beste Weite ergreifen und mit dem landesüblichen nackten Leben davonkommen können. In diesem Augenblick freilich schreien sie in ihrer Muttersprache noch immer: Nach Berlin! und: Nach London! und singen die Wacht am Meer, aber das Schreien und Singen wird ihnen schon vergehen, wenn von der ersten Fregatte ein Schuß und damit ein Araber gefallen sein wird. Was aber wird geschehen, wenn der Aufstand unterdrückt ist? Es sind wohl Araber einzuziehen, aber keine Kontribution. Geld haben diese Inseln nicht. Es war das Gerücht verbreitet, man habe hier Gold gefunden, aber es 125 war, wie Meyerbeer singt,. qu'une (sprich: kühne) chimère . Was man fand, konnte die Katze auf einem hohlen Zahn forttragen, jedes Zwanzigmarkstück verursachte sechzig Mark Kosten, so daß vierzig Mark rein verdient waren, wenn man nicht danach grub. Ich habe Araber gesprochen, welche reich dadurch wurden, daß sie nicht mitgruben, während die Andern, die Tag und Nacht den Spaten schwangen, verarmten. Also, wie gesagt, Geld ist hier nicht zu holen, wenn baar Geld lacht, so steht dem Araber das Weinen näher. Was also wollen Deutschland und England, deren Flotten doch sehr in's Geld laufen, hier holen? Den meisten Werth hat das Elephantengebiß. Man wird wissen, daß der männliche Elephant, obschon Vierhufer, zwei Elfenbeine im Munde hat, diese bilden den einzigen Werth des Elephanten, da bekanntlich die Elephantenlaus keinen nennenswerthen Werth repräsentirt. Aber angenommen, Deutschland und England forderten eine Million Zähne, wie sollen 500,000 Elephanten männlichen Geschlechts gefangen werden, um ihnen je zwei Zähne zu ziehen? Der Elephant ist auch nicht so leicht zu fangen. Ich bin tagelang im Freien gewesen, ohne auch nur einen einzigen Stoßzahn erblickt zu haben, und der Elephant ist auch bekanntlich ein blitzkluges Thier, denn wenn er merkt, daß man ihn verfolgt, so zeigt er dem Jäger die Zähne, um sie zu vertheidigen. Nun könnten die Verbündeten ja hunderttausende von Löwen und Tigern fordern, aber was mit solcher Kriegskontribution anfangen? Zu verkaufen sind sie schwer, denn 126 jeder zoologische Garten hat etliche Paare, und es würden sich nur wenige Privatleute finden, welche sich solche Bestien anschaffen, die kostspielig zu ernähren sind, einen Wärter brauchen und nicht angenehm riechen. Von den Kameelen und Affen läßt sich fast dasselbe sagen. Ferner bringt dies Ostafrika Cocosnüsse hervor, aber es würde schwer sein, sie an den Mann zu bringen, da sie doch nur von Knaben gekauft würden, die ja ein kaum nennenswerthes Taschengeld haben. Es blieben also noch die Palmen, aber auch diese würden, besonders wenn die beiden siegreichen Mächte eine Kontribution von mehreren Millionen ausschrieben, ein fraglicher Besitz sein, da sie wohl von Afrika, aber nicht in Europa fortkommen würden, und als Brennholz hätten sie wenig Werth. Nun könnten sich die Mächte an einigen hunderttausend Arabern beiderlei Geschlechts schadlos halten, aber es früge sich denn doch, ob die Deutschen und Engländer Lust hätten, schwarze Diener zu kaufen, selbst wenn dies erlaubt wäre. Ich wenigstens möchte kein schwarzes Dienstmädchen im Hause haben, schon deshalb nicht, weil es aussähe, als hätte ich Trauer, und auch soll nur höchst selten eine Inodoris darunter zu finden sein. Man sieht also, daß die Frage wegen der Kriegskosten nicht so einfach zu lösen sein wird. Wir sind ja indeß noch nicht so weit. Hoffen wir vorläufig, das alles gut abläuft und die Finis coronat auch diesem opus nicht fehlen möge. 127 III. Herrn Wippchen in Bernau. Wir sind sehr erfreut durch Ihren Eifer, mit welchem Sie sich der ostafrikanischen Affaire annehmen, denn wir erhielten für jede Nummer einen Bericht. Wenn Sie nun von Ihrem oft mit so großer Energie vertretenen Princip abgehen, dann und wann durch einen entscheidenden Schlag einen Schluß herbeizuführen, um plötzlich die Arbeit bei Seite legen zu können, so versprechen wir uns noch eine Reihe von interessanten Artikeln aus Ihrer Feder. Wenn Sie nur die Abschweifungen unterlassen und sich ganz Ihrem Thema widmen wollten! Das Feuilleton, welches Sie uns heute nebst Ihrem dritten Bericht senden, ist wirklich überflüssig. Dasselbe bildet die Darstellung der Eigenthümlichkeiten der ostafrikanischen Küste, aber sie 128 ist so abenteuerlich, so nach jeder Richtung hin übertrieben, daß wir sie unmöglich dem Publikum, auch nicht dem gläubigsten, zu bieten wagen können. Alles, was bei den Weißen schwarz ist, sagen Sie, ist natürlich (?) bei den Schwarzen weiß, und zum Beweise senden Sie uns Ihre Silhouette, aus weißem Papier geschnitten . Wir senden sie Ihnen hiermit zurück, – wer soll denn dergleichen nicht für einen Scherz halten, den Sie sich mit dem Leser erlauben? Und das ist doch mindestens sehr gewagt. Wir grüßen Sie ergebenst Die Redaktion . * * * 129 Bernau , den 14. December 1888. Sehr gewagt? Wahrlich, ich würde etwas Kurzbeiniges sagen, wenn ich behauptete, daß ich irgend anderes erwartet hätte. Natürlich ist eine neue Idee gewagt. Als Pythagoras mit seinem Lehrsatz die bekannte Quadratur des Dreiecks fand, als Kolumbus beeidete, da und da läge Amerika, als Guttenberg in seinem Kopf den Druck spürte, der die Welt umgestalten sollte, als Watt mit Dampf den Bau der ersten Locomotive betrieb, da sagte die Welt, das sei gewagt, und am liebsten hätte man sie alle zu langwierigen Autodafehaufen verurtheilt. Aehnlich geht es meiner Wenigkeit mit Ihnen. Meine neue Idee besteht darin, Afrika dem Verständniß näher zu bringen, es ist im Allgemeinen doch noch eine unbekannte terra incognita . Der Opernkenner weiß, daß die Geliebte Vasco da Gama's, welcher singend Afrika umsegelt hatte, an dem Einathmen eines Giftbaumes starb, oder daß die Südspitze dieses schwarzen Welttheils das Cap – verzeihen Sie das harte Wort! – der guten Hoffnung heißt. Da charakterisirte ich denn den Unterschied zwischen Europa und Afrika. Wir sind, sagte ich, weiß, die Afrikaner sind schwarz, daraus folgt wie das Phabet dem Al oder wie die Eins dem Einmaleins, daß in Afrika alles weiß ist, was wir schwarz sehen, und umgekehrt. Unser Weißbier ist ihnen 130 also Schwarzbier, während die Schiefertafel, mit denen die Araberkinder die Bänke in den Schulzelten drücken, weiß ist. Am deutlichsten aber tritt der Unterschied zwischen den Weißen und Schwarzen in Figuren auf, die wir nur weiß, oder nur schwarz kennen, und um dies wenigstens Ihnen ganz klar zu machen, sende ich Ihnen einliegend ein Pro- und ein Konterfei, nämlich: 131 einen afrikanischen Schornsteinfeger und einen afrikanischen Schneemann. 132 Als feuriger Kohlensammler frage ich Sie nun, ob es nicht etwas übereilt von Ihnen gewesen ist, daß Sie nicht nur Ihre Rümpfnase, sondern auch Ihren alles nivellirenden Papierkorb in meine Studien gesteckt haben. Doch ich will versöhnlich sein, und ich vergebe mir wohl nichts, wenn ich Ihnen alles vergebe. Das liebliche Weihnachtsfest naht, der Knecht Ruprecht wird der Herr der Situation. Was ich von Ihnen geschenkt haben will? Schenken Sie mir einen Autographen von Ihrer Hand und zwar der Originellität wegen auf der Rückseite des Abschnitts einer Post-Anweisung. Diese mögen Sie gleichzeitig zu einer Vorschußsendung von nicht über 50 Mark benutzen. * * * Sansibar , den 9. December 1888. W. Der erste eiserne Würfelbecher ist geleert. Noch ein solcher Wurf, und die Schwarzen werden erbleichen. Es ist ein Beweis für den Holzweg, aus dem sich die Aufständischen befinden, daß sie glaubten, gegen die Flotten der vereinigten europäischen Reiche, deren Grundsatz »Getrennt segeln, vereint bombardiren« ist, einen Erfolg erringen zu können. Bevor die Schiffe Ernst machten, hatten die Aufständischen im tiefsten Bramarbaß Spottlieder gesungen; kaum aber öffneten die Schiffe ihre ehernen Luken und zeigten ihnen die Zähne ihrer Kanonen, da floh diese schwarze Schaar 133 wie die löwenbeladene Giraffe in die Wüste, wo sie am tiefsten ist. An der Spitze der Aufständischen steht der Araber Buschiri (sprich: Buschiri), welcher ihnen weiß macht, daß er ein schwarzer Moltke sei. Ich brauche nicht zu sagen, daß er in seinem ganzen Leben noch keine Schlachten gedacht hat und nicht im stande ist, auch nur eine Stunde lang einen Plan zu schweigen, um wie viel weniger zu entwerfen. Er hat höchstens eine Dorfkriegsschule besucht und kann kaum ein Quarré auswendig bilden. Von einer Pike, von der aus er gedient haben könnte, kann also garnicht die Rede sein, er war, bis er zum Kommando griff, ein junger beschäftigungsloser Mensch, ein gommeux arabicum , der eines Tages auf den Gedanken kam, der Hin- und Heerführer seiner Landsleute zu werden. Man kann sich nun vorstellen, wie schlecht einem solchen Kommandanten der Handschuh paßte, den er den vereinigten Flotten hinwarf. Buschiri hatte um Bagamoyo etwa 2500 Mann so zusammen wie möglich gerottet, die mit Hinterladern und fast drei Feuerschlünden bewaffnet waren, und bedrohte die deutsche Station. Vorsicht ist nicht die Mutter der Schwarzheit, denn die Aufständischen reizten dadurch das vor Bagamoyo anwesende Kriegsschiff »Leipzig«, das von der großen sächsischen Stadt den Namen hat, zu einem Bombardement, durch welches alle Küstendörfer von der Asche verzehrt wurden. Auch in Bagamoyo blieb kein Strohdach auf dem anderen. 134 Als Buschiri sah, daß die Deutschen den kurzen Prozeß, den sie machten, nur noch kürzten, ergriff er, da es hier keine Hasen giebt, das Panier irgend eines andern scheuen Thiers, gefolgt von den unglücklichen arabischen Rebellen, welche geschworen hatten, ihn nicht zu verlassen. Die deutschen Marinesoldaten, welche gelandet waren, machten viele Gefangene, welche man wahrscheinlich nach Deutschland transportiren wird. Man schwankt noch zwischen Schwarzburg und Schwarzenberg. Freilich müssen sie erst angezogen werden. Sollte noch etwas Wichtiges vorfallen, so werde ich zum Draht greifen. 135 IV. Herrn Wippchen in Bernau. In dem Augenblicke, wo im Deutschen Reichstage unsere Kolonialpolitik auf der Tagesordnung stand und mit aller der parlamentarischen Debatte zu Gebote stehenden Heftigkeit in Berathung gezogen wurde, ließen Sie uns ohne einen Bericht, indem Sie die von Ihnen eröffnete Artikel-Reihe plötzlich unterbrachen. Sie müssen aber wissen, daß das Publikum bei dem gänzlichen Mangel an orientirenden Nachrichten besonders eifrig nach authentischen oder doch so thuenden Berichten sucht, und es ist daher doppelt unverantwortlich, daß Sie erst unsere Mahnung fortzufahren abwarten. Jetzt bitten wir Sie also recht sehr, 136 sofort nach Empfang dieser Zeilen wieder an die Arbeit zu gehen. Ergebenst Die Redaktion . * * * Bernau , den 8. Februar l889. Selten oder noch seltener ist mir das Loos, welches der Sklave gezogen hat, deutlicher in die Kollekte meines Bewußtseins gefallen, als durch Ihr werthes Schreiben, welches soeben und ich darf wohl sagen schön bei mir ankommt. »Berichte, Sklave!« das las ich zwischen Ihren freundlichen Zeilen, »setze Dich an's Pult, denn Du bist unser Schreibeigener!« Ich kam mir fast schwarz vor und wenig fehlte, so hätte ich mein bescheidenes Zimmer für Onkel Tom's Hütte gehalten. Läßt denn, so fragte ich mich, auch die Katze mit den neun Schwänzen das Mausen nicht? Haben denn die Menschen vergessen, wie Schiller gesungen hat, daß der Mensch, und sei er in Mantua geboren, frei geschaffen ist? Hat Toussaint L'Ouverture in dem theuren San Domingo umsonst gelebt? Ich bitte Sie, sich diese Fragen hinter's ad notam zu 137 schreiben, während ich mich niedersetze und den mir befohlenen Bericht auf's Papier werfe. Aber ich thue dies nur, weil ich mit Vergnügen gelesen habe, wie alle Mitglieder des Reichstags, welche in der ostafrikanischen Debatte das Pult ergriffen haben, darauf bestanden, daß die Ostküster, also die Bewohner unserer Kolonien, mit der allerschärfsten Milde behandelt werden sollen. Mir lief das Wasser im Ohr zusammen, als ich diese Reden lesend hörte. Ja, nur durch Milde macht man Eroberungen. Wer mit den Menschen nicht fortwährend auf einem allzu straff gespannten Bogen leben will, muß ihnen, wie den Weibern, zart entgegen- oder nachgehen. Wer mit der Thür in den Wald hineinschreit, hört es eben so herausschallen. Wenn nicht das Herz, so gebietet doch schon – verzeihen Sie das harte Wort! – die Klugheit, milde zu sein. Besonders wenn man sich die Hinterbeine eines feindlichen Volks geneigt machen will, soll man keine Mutter der Weisheit sparen und keine, auch nicht die mühevollsten Rosinen scheuen, um die doch nun einmal unvermeidliche Pille erträglich zu machen. Wer auch nur ein einziges Mal Don Carlos gesehen hat, wird wissen, was Marquis Posa zu dessen Vater von den verbrannten menschlichen Niederländern sagt, auf die er bei einem Gang quer durch die flandrischen Provinzen gestoßen. König Philipp – das Wort Vielliebchen kommt gewiß nicht von ihm her – lieh dem edlen Mann auch nicht ein einziges Ohr, nannte ihn einen sonderbaren Schwärmer und ließ die grausamste spanische Fliege, Alba, nach Flandern ziehen. Die Folge war, daß Spanien Flandern zwar gebunden hat, aber an's Bein. Aehnliche und unähnliche Betrachtungen veranlaßten mich, Ihnen trotz Ihrer kategorischen Imperativkarte einen vierten ostafrikanischen Bericht zu senden. Ganz werden Sie mich erst nach dem Folgenden begreifen. Wenn ich Ihnen mit heiserer Feder zuschreien würde: »Donner und Doria, schicken Sie mir auf der Stelle 30 Mark Vorschuß!« thäten Sie es? Gewiß nicht, denn das ist die Sprache des Sklavenhändlers en gros et en détail . Nun aber spreche ich sanft wie Taube mit Mondschein: »Bitte, senden Sie mir gefälligst 50 Mark Vorschuß.« Und morgen trifft er bei mir ein. Nicht? * * * Sansibar , den 2. Februar 1889. W. Das ganze Gebiet der Ostküste ist in freudiger Bewegung. Die Blätter aus Deutschland erscheinen wie mit Oel geschrieben, denn sie melden, daß mit Schonung und Milde vorgegangen werden soll. Die schwärzesten Araber erinnern sich nicht, jemals schönere Berichte aus dem Deutschen Reichstag gelesen zu haben, und sie vergießen die farbigsten Thränen der Rührung, wenn sie davon sprechen. Das zweite Wort aller ist Hauptmann Wißmann . Ueberall stehen Araber in festlicher Halbnacktheit am Strand und blicken nach Wißmann hinaus in die Wellen des brausenden Meeres, denn sie sehen in ihm den Mann mit dem 139 Palmenzweig, und sie fühlen im Geiste, soweit sie einen solchen haben, die Posaunenstöße des Friedens, seit sie wissen, daß milde vorgegangen werden soll. Ich freue mich darüber. Denn ein Volk, welches ein anderes erobern will, darf nicht hart sein wie ein Bleistift Nr. 4, mit dem sich kein Gebild gestalten läßt. Ich habe mit einem Stift Nr. 2 etliche Bilder entworfen, um zu zeigen, wie die Ostafrikaner, ja wie alle Völker zu gewinnen sind. Man muß den halb- oder dreiviertelwilden Araber, den und dessen Land man einnehmen will, auf Händen tragen, oder doch jedenfalls alles thun, was man 140 ihm an den Augen absehen kann, jedenfalls soll man ihn, wenn man ihn überhaupt anfaßt, nicht rauh, sondern mit Glacéhandschuhen anfassen. 141 Das aber hat die ostafrikanische Gesellschaft, die hier seit ein paar Jahren stattfindet, nicht recht verstanden. Sie behandeln den Schwarzen, als sei derselbe nicht wie der Weiße ein Storchgeborener und überhaupt kein Mensch. Ihre Beamten ließen das Bambusrohr auf seinem Rücken tanzen, auch wenn gar keine Veranlassung zum Tanzen vorlag, und warfen ihn in's Wasser, wo es am kältesten war. Pindar singt freilich, das Wasser sei das Hydorste, aber ganz gewiß hat er damit nicht ausdrücken wollen, daß ein in's Wasser geworfener Mensch ein guter Bürger wird. Im Gegentheil, ein solcher Mensch sagt: Wasser kann nur mit Blut abgewaschen werden, und dann fängt er an, wie ein Hund zu rebellen. Wir haben gesehen, was die Engländer in Indien, was die Franzosen in Algier nicht erreicht haben, sie schal- und walteten in den Provinzen nicht mit Milde, lebten daher mit denselben in dicker Feindschaft und schufen damit eine offene Wunde, über welche sich die anderen Nationen freuten. Natürlich: Si duo faciunt idem, tertius gaudet . Es war daher sehr klug, daß das Deutsche Reich bei Zeiten zum Wißmann griff. Es hat damit den Vogel abgeschossen, d. h. den rothen Hahn, den die ostafrikanische Gesellschaft der Colonie auf's Dach gesetzt hatte. Daher die Freude der Araber, welche nun wissen, was die Sonnenuhr – eine andere Glocke kennt man hier nicht – geschlagen hat, und so erwartet man den Genannten mit unbeschreiblicher 142 Sehnsucht. Er wird die Wogen des Aufstandes nicht wie Xerxes durchbläuen, sondern, ein umgekehrter Geßler, das gährende Drachengift in die Milch der frommen Denkart verwandeln.