Willkommen und Abschied Roman von Arthur Kahane     Berlin 1919 Erich Reiß Verlag     Meinem Freunde Willi Handl gewidmet     Und doch, welch Glück geliebt zu werden Und lieben, Götter, welch ein Glück! Goethe , Willkommen und Abschied         1. Florentin wachte auf und fand sich am Ufer eines Sees, in seinen Mantel eingewickelt, auf dem Erdboden liegend, naß vom Nachttau und von der Sonne beschienen, die, jung und prall, mit ihrer roten Kugel soeben über dem See aufgestiegen war und ihm: »Guten Morgen!« sagte und: »Gegrüßt in der Heimat!« Durch das dichte Buschwerk über seinem Kopfe war ein Sonnenstrahl gebrochen und lachte ihm keck ins Gesicht, Tautropfen fielen ihm ins Haar, ein Falter tanzte kitzelnd über seine Stirne und Frühwind wehte ihm um die Nase. So war er erwacht. Er sprang auf, daß er mit dem Kopf an das Laubdach stieß, schüttelte sich, bis ihm der Schlaf aus den Gliedern stob, und kam zu sich. Florentin lachte. Aus abenteuerlichen Lagen kam er nun schon einmal nicht heraus: dies schien seine Bestimmung. Jeder andere wäre, wenn schon die Villa, der späten Nachtstunde wegen, rücksichtsvoll durchaus umgangen werden sollte, gestern beim Seewirt abgestiegen; denn daß die Herreise aus der Hauptstadt, in der er sich keine Viertelstunde aufhalten wollte, den letzten traurigen Rest seiner Barschaft gekostet hatte, war doch kein ernsthafter Grund: morgen hätte er sich schon irgendwie auslösen können; er aber, verdrießlicher Wirtshausgastlichkeit übersatt, mußte sich durch die dunkle Nacht hierhertasten, bis er, mit den Händen fast, die Gartenmauer des Landhauses entdeckt hatte und den 10 schmalen Weg ertastet, der, an der Gittertür der Villa vorüber, zwischen Mauer und See führte. Und in das niedrige Gebüsch von Ginster und Rotdornsträuchen, in das der Weg endigte, war er gekrochen und hatte dort, nach vielen Jahren der Fremde, das gastliche Obdach seiner ersten Nacht auf der einst so vertrauten Erde aller Sommer seiner Jugendjahre gefunden. Und war es so nicht schöner? Erkältung hatte ihm nichts an und das kleine Getier störte ihn wenig, jedenfalls weniger als in Gasthausbetten. Und dann hatte er hier seinen geliebten See. Ja, hatte er ihn denn? Er sah durch das Blattwerk seiner buschigen Behausung wie durch ein Fenster hinaus. Der See war verschwunden. Ganz in dicken Nebel gehüllt war er, ein graues Nichts, an einigen Stellen von spärlichen Sonnenblitzen erhellt. Aber die Stellen wechselten, mehrten sich. Und in wenigen Minuten war das Bild verändert. Die Nebeldecke begann zu reißen, Blau schimmerte durch, die Sonnenhelle schoß hinein, der Nebel hob sich, stieg, und auf einmal lag der See in schimmernder Feuchte da, nur noch leise von zarten, rosigen Schleiern überhaucht. Und der Nebel wich in die Berge. Ganz still war es. Lautloses Schweigen atmete. Wie ein Heiliges umfing den Heimgekehrten die Friedlichkeit der Heimat und es wurde in ihm unsäglich ruhig, feierlich und erinnerungsfromm. Als plötzlich das Geräusch schneller Schritte aufklang, ticktack, ticktack, im schönsten Gleichmaß, und dahinter andere, noch schnellere, unregelmäßig, und die Gartentüre aufsprang und ein junges Mädchen herausschoß, barfuß, in einen weißen Bademantel eingehüllt, der im Morgenwinde flatterte, und neben ihr ein schlankbeiniges Windspiel, und dahinter ein zweiter Hund, und alle drei auf den See los, als wollten sie sich in eiligem Lauf hineinstürzen, hemmten aber plötzlich den Schritt und standen, geblendet von 11 der hereinbrechenden Fülle des Sonnenlichts. Das Mädchen breitete die Arme, als wollte es beten, so daß der Mantel herabglitt und die junge Gestalt im schwarzen, seidigen, enganliegenden Schwimmtrikot sichtbar wurde, ganz in das Gold der Haare gehüllt, das lang und locker herabfiel und in der Mitte von einem schwarzen Bande gehalten wurde. Florentin atmete kaum, als könnte der leiseste Hauch das süße Wunder verscheuchen. Wie ein Traum, wie ein goldenes Märchenbild stand das elfenzarte, kaum sechzehnjährige Mädchen, schlank, hoch und stolz, im edelsten Ebenmaß gebildet, in der gelösten, sich unbelauscht fühlenden Grazie ihrer unverhüllten, noch kindlichen Anmut, von Sonne übergossen da. Es ward ihm selber, als müsse er beten, und er faltete, ohne es zu wissen, die Hände. »So grüßt mich die Heimat!« sang es in ihm. Sie kniete nieder und tauchte die Hände in die Flut. Er sah – so nahe stand er – ganz deutlich den blonden Flaum ihrer Nackenhärchen, sah im Nackenausschnitt das zarte, sonnengebräunte Fleisch des Rückens, sah die kräftigschlanken Schenkel, sah das wunderbare rosige Gebilde der Füße, die feinen Knöchelchen, die dünnen Fesseln. Und erinnerte sich nicht, je Schöneres gesehen zu haben. Ganz rein fühlte er sich durch den Anblick. Dann sprang sie auf, ergriff ein danebenliegendes Holzscheit und schleuderte es, das rechte Bein zurückgestemmt, den Oberkörper nach rückwärts biegend, daß alle Muskeln, straff gespannt, sich deutlich im Trikot abzeichneten, weitausholenden Arms in den See, so daß es, weit draußen, klatschend ins laut aufspritzende Wasser platschte. Und hinterdrein flog, der Herrin gehorsam, ihr schlankes Gespiel, ein russischer Windhund, sauste nach, das Holz zu holen. Nun folgte, während das russische Windspiel, das Holzstück im Maul, mit kräftigen Stößen zurückschwamm, ein zweites Holzstück: aber der andere Hund, ein langhaariger Dackel, lag 12 faul in der Sonne und rührte sich nicht, so sehr auch die Gebieterin mit Händeklatschen, Schreien, Schelten und Lachen ihn hetzte. »Na warte!« sagte sie und tat furchtbar streng, warf sich zu ihm in den Sand, riß ihn an den Ohren auf, und als er noch immer nicht wollte, wälzte sie sich, halb erzürnt, halb lachend, balgend, schlagend, strampelnd, wie ein sinnlos vergnügtes Kind, mit dem faulen Spielgefährten auf der Erde herum. Schließlich stieß sie ihn mit den Beinen fort und ließ diese, mit einem leisen Aufschrei, ins eisig kühle Wasser baumeln. Der verborgene Zuschauer wurde ganz fröhlich mit ihr. »Nur nicht aufhören!« hätte er sie gerne gebeten. »Das Baden hat ja noch Zeit. Dann versteckt das Wasser deine Schönheit und das Spiel ist aus!« Und am liebsten hätte er mit ihr gespielt. Jung genug fühlte er sich, trotz seinen dreißig Jahren. Aber ihre Ahnungslosigkeit war ja gerade das Schöne daran. Was hätte die für Augen gemacht, wenn sie seine entdeckt hätte! Die beiden alten Juden fielen ihm ein, aus dem Alten Testament, wie sie Susanna im Bade belauschten. Nun war, mit kräftigen, doch mühelosen Bewegungen, das andere Tier ans Land geschwommen, setzte leichten Schwunges, triefend noch, ans Ufer, schüttelte sich ein einziges Mal, kaum daß ein merkbares Zucken über den edlen Körper lief, und schmiegte sich, glänzend vor Feuchte und Sonne, des vollbrachten Auftrages stolz, an die geliebte Herrin. Und das frühere Spiel erneute sich nun mit ihm, indes der Dackel, ohne Eifersucht, sich ganz dem Genuß der Sonnenwärme überließ. Wie das junge Ding, mit den Tieren selbst wie ein junges Tier, ihnen glich an Unschuld und Unbewußtheit! Wie es sich der Nacktheit seiner Glieder freute! Wie sie fast zu schwellen schienen in der Lust an Sonne, Wasser und Einsamkeit! Sich spannten und bogen, sich rundeten und streckten, schimmerten und glänzten! Und dann dalagen, aufgelöst und hingegossen in das beseligte Gefühl der hemmungslosen Freiheit und Unbelauschtheit! Ganz ohne Scham, aber wieviel Scham lag 13 in dieser Schamlosigkeit! Und er stellte sich vor, wie diese Wangen erröteten, wenn ein Zufall der Ahnungslosen den Zeugen verriete. Der Gedanke jagte ihm selbst die Schamröte ins Gesicht. Das war's. Nicht in der Nacktheit, nicht in Anschauen und Genuß der Nacktheit lag die Gemeinheit, sondern darin, die Unschuld zum Erröten zu bringen. Pfui Teufel! Nur dieses Mädel nicht rot werden lassen! Nur diese Augen nicht zum Niederschlagen zwingen! Nur dieses Kindergemüt nicht beflecken! Und der plötzliche Entschluß zu fliehen stand fest. Ohne es zu wissen, brach er, unwillkürlich, mit der Hand durch die Zweige, die Äste knackten. Beide Hunde sprangen bei dem Geräusch auf, drehten sich um, lauschten. Jetzt erkannte er sie erst. Verflucht! Es waren der Boz und die Hexe. Wer hätte gedacht, daß die beiden alten Freunde immer noch da seien! Das Mädchen durfte ihn nicht sehen, um keinen Preis. Den Weg zurückzulaufen, war daher ausgeschlossen. Nach der anderen Seite gab es keinen Ausweg, der Strandweg endigte im Gebüsch, und durchs Gebüsch zu kommen, war unmöglich. Rückwärts lag die verwünschte Mauer, es blieb ihm also nur der See. Ohne lang zu überlegen, ob es auch irgendeinen Sinn hätte, warf er den Mantel ab, brach blitzschnell durch das Gestrüpp und glitt, mit den Kleidern, so leise er konnte, ins Wasser. Wenn er es ein paar Minuten nur unter Wasser aushalten konnte! Daß die in ihr Spiel Verlorene, obwohl sie keine zehn Schritte von ihm entfernt lag, nichts bemerkt hatte, dessen war er sicher: zu sehr war sie in sich und das Gefühl des Moments versponnen und schien, wie sie so dalag, der Welt vergessend und in den Himmel starrend, zu sehr in traumhafte Menschenferne entrückt, als daß der Gedanke, sie sei in ihrer Nacktheit belauscht worden, in ihr aufsteigen konnte; auch war es seiner konzentrierten Anstrengung zu gut gelungen, jedes Geräusch, das sie hätte wecken können, zu vermeiden. Und wenn sie ihn schließlich weit draußen plötzlich auftauchen sah, konnte 14 ihr unmöglich einfallen, er sei vor einer Minute noch hinter ihr gestanden. Also nur paar Minuten noch getaucht und den Atem eingehalten, dann konnte er auf die Badeanstalt losschwimmen, wo, wie er wußte, um diese Zeit kein Mensch sein konnte. Es war allerdings verzweifelt schwer, sich in den Kleidern unter Wasser zu halten. Er nahm alle seine einst oft geübten, aber jetzt schon lange nicht mehr gebrauchten Taucherkünste zusammen. Und wenn er bis ans Ende des Sees, bis ans Ende der Welt hätte tauchen müssen, um dem Mädel die Beschämung zu ersparen, mußte es gehen. Ganz ruhig schwamm er und versuchte mit den Armen möglichst weit auszuholen, die Beine möglichst tief unter dem Leib heranzuziehen und kräftig nachzustoßen. Aber er fühlte, wie die Kreise, die er mit Armen und Beinen zog, immer enger wurden und es ihn immer wieder hinauftrieb. »Nur paar Stöße noch! Dann bin ich ungefähr in der Mitte des Sees«, sagte er sich und strebte mit äußerster Anspannung hinunter. Und es gelang, und er spürte, wie seine Bewegungen wieder ruhig, gleichmäßig und weit wurden. Ob er Sekunden oder Minuten geschwommen hatte, wußte er nicht: ihm schien es eine Ewigkeit. Da fühlte er mit einem Male, wie etwas nach seinem Ärmel schnappte. Verwünscht! die Hunde hatte er vergessen. Schon riß es ihn in die Höhe. Und da kam auch schon von der anderen Seite ein zweites angeplätschert und biß sich mit den Zähnen in seine Kleider ein. Und wenn er nicht mit ihnen ersaufen wollte, mußte er, von den beiden Hunden gezwungen, aufsteigen. Aus dem Wasser aber sah er, zu seinem Schrecken, das Mädchen, bereits aufgesprungen, wie vom Schreck versteinert dastehen und dann in einem jähen Satze an die nächste Stelle laufen, um nachzuspringen. Nun blieb ihm nichts übrig, als den einen Arm gewaltsam aus den Zähnen des Tieres loszureißen, ihn aus dem Wasser zu heben und der Retterin abzuwinken. Und mit möglichst schnellen Stößen, Hund rechts, Hund links, friedlich in der Mitte wieder ans Land zurückzuschwimmen. 15 Als sie ihn kommen sah, atmete sie auf. Die Kniee zitterten ihr vor Schreck und Erregung und sie fühlte, wie sie im nächsten Augenblick niederfallen mußte, wenn sie sich nicht mit äußerster Kraft zusammennahm. Aber sie riß sich hoch, warf den Bademantel um, stürzte ihm entgegen, ihm ans Land zu helfen, ergriff seine Hand und zog ihn herauf. So rutschte er ans Land, erhob sich, schüttelte sich und, ehe er noch, Mund, Nase und Ohren von Wasser voll, ein Wort reden konnte, waren auch schon die beiden Hunde da und sprangen wie toll ihm an Brust und Gesicht, immer wieder, bis er, um sich ihrer zu erwehren, jeden von ihnen packte und ihm leise, daß sie es nicht hören konnte, ins Ohr raunte: »Kusch, Boz! Still jetzt, Hexe!« Dann erst beruhigten sie sich und legten sich gehorsam. Die beiden Menschen aber waren so verlegen, daß sie kein Wort herausbrachten. Er stand da, triefend von Nässe, blamiert, beschämt, ratlos, wie er die Situation erklären solle. Und ihr war das alles wie ein Traum: erst der Morgen in der Sonne und dann auf einmal der Mann im Wasser und das Ringen mit den Wellen und das seltsame Benehmen der sonst so menschenscheuen Hunde, und die Rettung, und nun standen sie einander in diesem Aufzuge gegenüber. Und auf einmal durchschoß es sie: »er kann sich ja den Tod holen!« und ohne Besinnen riß sie den Bademantel herunter und warf ihn ihm um. Er wollte abwehren, aber sie ließ es sich nicht nehmen, nötigte ihn, ohne ein Wort zu sagen, nieder und rieb ihm Gesicht und Haare, Arme und Hände mit dem Mantel, in einem rührenden, kindlichen Eifer, der sich genau an die Vorschriften zur Errettung Ertrinkender hielt. Und plötzlich durchfuhr es ihn: »es ist ja gar nicht anders möglich: sie muß mich für einen Selbstmörder halten. Um so besser! Dabei lasse ich sie!« Das machte ihn aber nur noch verlegener, und er stammelte etwas wie: »Ein Unfall! Ich weiß selbst nicht, wie . . .« Sie wurde hochrot bis in die Haarspitzen und sagte: »Bitte, 16 reden Sie nichts, sondern atmen Sie nur! Recht tief, bitte! So!« und rieb und arbeitete weiter. Und auf einmal sagte er, in seiner Verlegenheit, um nur überhaupt etwas zu sagen: »Bitte, Fräulein, ist das hier die Villa, in der ein Herr Otto Moser wohnt?« »Ja, das ist Papas Villa. Kennen Sie ihn?« »Ihr Vater? Unmöglich!« Zu dumm, wie konnte ihm das nur ausrutschen? Und er fuhr fort: »Verzeihen Sie! Ich war so überrascht. Ich wußte nicht, daß er schon eine erwachsene Tochter hat. Da wohnt er also. Ja, zu dem wollte ich.« »Aber das trifft sich ja wundervoll.« Sie war ganz eifrig, in ihrer neuen Rolle als Lebensretterin, verbesserte sich aber, errötend. »Ich meine, weil Sie ja so schnell wie möglich trocken und warm werden müssen. Dann führe ich Sie leise hinein. Jetzt sieht Sie noch niemand. Papa steht gewöhnlich viel später auf. Und Sie haben Zeit, sich von dem – von dem Bade zu erholen und auszuruhen. Unterdessen finde ich auch schon etwas unter Papas Anzügen, was Ihnen paßt, und Sie können sich umziehen. Und dann bringe ich Ihnen einen warmen Tee, der Ihnen gut tun wird. Nicht wahr, so machen wir's?« Er wurde ganz gerührt. »Sie sind so gütig, Fräulein. Und dabei wissen Sie gar nicht, mit wem Sie es zu tun haben und wer ich bin und wie das gekommen ist.« »Ach was! Das ist ja gleichgültig. Was geht mich Ihr Name an? Die Hauptsache ist jetzt, daß Sie warm und nicht krank werden. Bitte, denken Sie jetzt an nichts als daran, gesund und am Leben zu bleiben.« Und setzte dann, mit einer ganz kleinen, verlegenen Stimme, ganz voll von der Weisheit ihrer sechzehn Jahre, hinzu: »Glauben Sie mir, es wird schon alles wieder gut werden.« Er sah sie lächelnd an, schämte sich aber innerlich nicht wenig. 17 »Ja, Ihnen glaube ich das. Und nehme es als gutes Omen, daß Sie mir das sagen. Aber ich darf Sie nicht in einem falschen Glauben lassen. Bitte, lassen Sie es mich Ihnen aufklären, und vor allem, lassen Sie mich Ihnen danken!« »Bitte, nicht!« wehrte sie ab. »Bitte, reden Sie nicht! Sagen Sie nichts, was Sie später gereuen könnte. Ich will mich nicht in Ihr Geheimnis drängen. Und statt mir für etwas zu danken, was jeder einem Fremden, der im Unglück ist, schuldet, kommen Sie lieber und folgen Sie meinem Rate!« Wie gerne wäre er ihrer kindlichen Weisheit gefolgt! Wie gerne hätte er sich von dieser jungen Hand durch alle Dummheiten des Lebens führen lassen! Aber es ging wirklich nicht an, so wohlgemeint ihr Rat auch war. »Seien Sie mir nicht böse!« sagte er, »und halten Sie mich nicht für undankbar, wenn ich Ihren lieben Vorschlag nicht annehmen kann. Ich kann Ihnen nicht sagen, warum nicht, und halten Sie es nicht für einen dummen Stolz, wenn ich Ihnen aufrichtig erkläre, es wäre mir peinlich, gerade Herrn – Ihrem Herrn Vater in seinen eigenen Kleidern entgegenzutreten. Bitte, lassen Sie mich ruhig hier! Die Sonne trocknet mich am schnellsten und dort im Gebüsch habe ich meinen treuen Mantel, der mich warm halten wird. Und nur noch einen großen Wunsch habe ich an Sie: ich traue mich kaum, ihn auszusprechen.« »Bitte, bitte, sagen Sie ihn!« »Niemandem ein Wort von dem zu sagen, was vorgefallen ist. Auch – Ihrem Herrn Vater nicht. Ich weiß, es ist viel verlangt, daß Sie mit einem völlig Fremden ein Geheimnis teilen sollen, aber auf Ihre große Güte wage ich es.« »Aber natürlich«, sagte sie eifrig. »Nicht ein Wort sage ich Papa. Auch Mutter nicht, und bei der ist es viel schwerer, denn Mutter errät alles und weiß alles, auch wenn man ihr nichts sagt. Aber ich schwöre Ihnen, kein Mensch erfährt etwas, und Sie können sich auf mich verlassen.« 18 »Ich danke Ihnen. Und in einer halben Stunde bin ich da, und dann hilft Ihnen nichts, dann erfahren Sie alles. Aber Sie allein, sonst niemand.« Dann hing er ihr den Bademantel um und bemerkte: »Sehen Sie, auch um Ihr Bad habe ich Sie gebracht.« »Das macht nichts, das hole ich schon noch nach«, erwiderte sie und gab ihm die Hand. »Also kommen Sie und, nicht wahr, Sie werden nicht traurig sein, Sie werden sehen, es wird alles wieder gut.« »Ist es schon«, rief er ihr nach und setzte sich vergnügt in die Sonne, sich trocknen zu lassen. 19   2. Otto Moser saß mit den beiden Damen noch am Frühstückstisch auf der Veranda und zündete sich eben, langsam, mit Bewußtsein und mit Behagen, die Frühstückszigarre an, die ihm die wichtigste unter den Zigarren des Tages war, als das Mädchen meldete: »Unten ist wer, der den gnädigen Herrn zu sprechen wünscht.« Otto Moser wiederholte: »Ist wer? Was heißt das? Wer ist wer? Wie schaut er aus? Und gerade beim Frühstück? Man frühstückt doch nur einmal am Tage. Sagen Sie ihm, er soll später kommen. Ich bin in Geschäften jetzt nicht zu sprechen. In Geschäften bin ich während des Sommers überhaupt nicht zu sprechen. Ich arbeite gerade genug im Winter, in der Stadt. Hier auf dem Lande erhole ich mich. Wenn mich ›wer‹ sprechen will, soll er mich im Winter in der Stadt aufsuchen. Sagen Sie ihm das!« Herr Moser war, in seinem Heiligsten getroffen, förmlich böse geworden. Das Mädchen schickte sich an, den Auftrag auszuführen, als das Fräulein, ganz aufgeregt, eingriff. »Aber Papa, schicke ihn doch nicht so weg! Du weißt ja gar nicht, wer es ist. Warten Sie doch noch, Kathi! Der Mann braucht ja gar nicht in Geschäften zu kommen. Es ist doch gar nicht wahrscheinlich, daß er in Geschäften gekommen ist. Man weiß ja, daß du hier nicht arbeitest. Es kann sich ja um etwas ganz anderes handeln. Du weißt ja nicht, was dir der Herr zu sagen haben kann. Wer weiß, wie weit er hergekommen ist, 20 um dich zu sprechen. Man kann doch einen Menschen nicht so wegschicken!« Sie hatte sich ganz in Erregung gesprochen. Moser sah sie besorgt an. »Was hast du denn, Kind? Du bist ja ganz außer dir. Während des ganzen Frühstücks warst du still und hast keinen Ton gesprochen und jetzt, mit einem Male, bist du ganz aufgeregt. Gewiß hast du wieder des Morgens gebadet. Sage ich nicht immer, daß dir das Morgenbad nur schadet? Alle vernünftigen Leute baden mittags.« Und durch das Bewußtsein der großen eigenen Güte schon etwas besänftigter: »Also, was ist mit dem Mann, Kathi? Wie schaut er denn eigentlich aus?« »Na, nobel sieht der Herr gerade nicht aus. Er hat einen schäbigen Mantel um.« »Na, siehst du? Es wird sich um eine Bettelei handeln. Das habe ich mir ja gleich gedacht. Wo ist er denn? Wo haben Sie ihn hingeführt?« »In das Arbeitszimmer des gnädigen Herrn.« »Nächstens werden Sie die Leute in mein Schlafzimmer führen. Und haben ihn womöglich allein gelassen. Und die Zigarrenkisten liegen offen herum. Adieu, meine lieben Partagas! Wer weiß, wer euch jetzt rauchen wird!« »Aber Papa!« »Was denn?« »Sprich mit ihm! Tu es mir zuliebe! Du wirst sehen, es ist nichts Unangenehmes. Und es wird nicht lange dauern und du kannst dann ruhig weiterrauchen.« »Und was meinst du, Blanche?« Frau Blanche, die bis jetzt geschwiegen hatte und mit ihren Gedanken ganz anderswo schien, nur daß von Zeit zu Zeit ein unbemerkter, prüfender Blick ihrer klugen, hellen Augen das Gesicht ihrer Tochter zärtlich streifte, sagte: »Ich meine, du mußt ihn empfangen, Otto. Auf Billys feines Gefühl kannst du dich 21 verlassen. Und ich glaube sogar, daß dir eine freundliche Überraschung bevorsteht.« »Wieso vermutest du das? Du hast ihn ja nicht gesehen.« »Ich kombiniere bloß. Bettler reisen nicht hierher und Wanderburschen lassen sich nicht ins Arbeitszimmer führen, sondern bleiben von selber draußen. Völlig Fremde aber oder geschäftlich Interessierte warten passendere Stunden ab. Es kann sich also nur um jemanden handeln, der das Recht zu einer gewissen Intimität hat, vermutlich also um einen deiner Freunde aus der Stadt oder, noch wahrscheinlicher, weil er deine jetzigen Lebensgewohnheiten nicht zu kennen scheint, um einen jener Jugendfreunde aus der Florentinzeit, von denen du so viel erzählst.« Noch zwingender als ihre Beweisführung war der Ton dieser gescheiten, hellen, feinen Stimme, die etwas Geschwindes, Hüpfendes, fast Zwitscherndes und dabei doch vorsichtig Tastendes hatte und gerade dadurch so überlegt und endgültig bestimmend wirkte, daß jeder Widerspruch verstummte. Moser sagte denn auch, wie immer: »Also schön. In Gottes Namen! Sagen Sie dem Herrn, Kathi, ich komme gleich. Der Herr kommt gleich.« Das Mädchen ging. »Aber daß du es weißt, Billy, nur dir zuliebe!« Zündete die ausgegangene Zigarre noch einmal an, brummte noch: »Nicht einmal in Ruhe frühstücken lassen sie einen!«, erhob sich seufzend, ging schwer die Treppe ins untere Stockwerk hinunter, öffnete die Türe, warf einen mißtrauisch neugierigen Blick auf die hohe, in ihren Havelock gehüllte Gestalt des Fremden, der in der Mitte des Zimmers stand, erkannte ihn beim ersten Blick nicht, um, beim zweiten, ihm mit einem lauten, lärmenden Aufschrei um den Hals zu fallen: »Florentin, du? Bruder! Flori! Wer hätte das gedacht!« und fiel ihm wieder um den Hals und küßte ihn herzhaft auf beide Wangen. Und Florentin erwiderte die herzliche Begrüßung ebenso herzlich, wenn auch etwas stiller. »Und denk' dir, meine Frau scheint so etwas geahnt zu haben. 22 Ja so, du weißt ja noch gar nicht, du kannst es ja gar nicht wissen, ich habe eine Frau. Und was für eine. Ich sage dir, viel zu gut für mich. Etwas ganz Besonderes, sage ich dir. Wie aus einer anderen Welt. Na du wirst sie ja sehen! Auf den Moment warte ich seit fünf Jahren. Ich habe immer zu meiner Frau gesagt: Am neugierigsten bin ich darauf, was Florentin zu dir sagen wird. Du kannst sie fragen. So eine Frau hast du mir bestimmt nicht zugetraut. Ich kann es gar nicht erwarten, daß ihr euch kennenlernt. Soll ich sie rufen? Sie und Sibylla. Ja so, du weißt ja gar nicht, daß ich auch eine Tochter habe. Eine erwachsene Tochter. Das heißt, eigentlich nicht ich, sondern meine Frau natürlich. Aber das Kind hängt an mir, wie an einem leiblichen Vater. Ein entzückendes Mädel! Weißt du was, ich hole sie jetzt beide. Doch nein, ich erzähle dir lieber zuvor, wie das alles gekommen ist. Ich habe dir ja so viel zu erzählen. Das ist ja alles so interessant und kompliziert. Direkt psychologisch. Aber zuerst einmal setz' dich und zünde dir eine Zigarre an. Vorher aber mußt du mir den Gefallen tun und einen Blick auf die Aussicht werfen. Nur einen einzigen Blick! Was sagst du zu der Aussicht?« »Ich kenne sie ja, Otto, und habe sie wirklich nicht vergessen.« »Natürlich kennst du sie. Und weißt du schon, daß die Villa jetzt mir gehört? Nach dem Tode der Eltern habe ich sie gekauft. Fabelhaft billig. Geschenkt. Und habe sie ganz neu einrichten lassen. Ganz im Geschmack meiner Frau. Sie hat einen ganz merkwürdigen Geschmack in diesen Dingen. Maler, die bei uns verkehren, sagen, die Villa sei ganz einzig in ihrer Art. Weißt du, gar kein bestimmter Stil, sogar eher altmodisch, aber ganz apart. Die Einrichtung hat auch ein schönes Stück Geld gekostet, mehr als die ganze Villa. Aber für meine Frau ist mir nichts zu teuer. Und, unter uns gesagt, ich hab's ja auch. Ich habe in den Jahren eine schwere Menge verdient. Das heißt, eigentlich 23 sind die Zeiten ja schlecht. Und sag' doch, wie geht's denn dir eigentlich? Aber vor allem, setz' dich! Hast du denn schon gefrühstückt? Ich lasse dir einen Wein kommen. Einen Wein, sage ich dir, wie du ihn noch nicht getrunken hast. Willst du?« »Bitte nicht, Otto, laß mich ein bißchen niedersetzen, hier, so, und erzähle!« »Aber um Gottes willen, Menschenskind, willst du denn nicht ablegen?« »Nein, laß nur, meine Kleider sind ein wenig feucht. Ich habe einen kleinen Unfall gehabt.« »Einen Unfall? Um Gottes willen! Ja, was denn?« »Ich erzähle es dir später. Nicht der Rede wert. Und jetzt laß dich einmal ansehen!« »Nein, laß dich ansehen! Wie schaust du denn eigentlich aus? Ich hab' dich noch gar nicht recht angesehen. Aufrichtig gestanden, eigentlich nicht berühmt. Du bist ja mager geworden. Wie machst du das nur? Ich kann anstellen, was ich will, ich werde immer dicker. Ich schäme mich förmlich vor meiner Frau. Und nun sage einmal, wie lange ist es eigentlich her, daß wir uns nicht gesehen haben?« »Zehn Jahre«, sagte Florentin und dachte: Aber dich haben sie nicht geändert. »Zehn Jahre!« wiederholte Otto. »Zehn Jahre warst du verschollen. Du mußt tolle Dinge erlebt haben in diesen zehn Jahren. Manchmal drangen die kuriosesten Gerüchte zu uns. Du selbst hast ja kein Wort von dir hören lassen. Aber man hörte kuriose Dinge. Sogar aus der Zeitung. Tolle Dinge! Was?« »Es reicht«, meinte Florentin lakonisch. »Ja, glaubst du, wir wissen hier nichts? Alles haben wir erfahren. Ich habe alles gewußt. Die Welt ist ja so klein. Die Züricher Geschichte, und dein Leben in Paris, und von der Zeitung, die du in München herausgegeben hast und wegen der du angeklagt warst, und deine Abenteuer in Marseille und das Jahr 24 in Rom, du siehst, ich bin von allem unterrichtet, wie wenn ich dabeigewesen wäre, und so oft so etwas zu uns gedrungen ist, der Vater hat's in sich hineingefressen und die Mutter hat geweint, aber ich habe dich verteidigt, denn, das weißt du ja, ich war immer der einzige, der dich verstanden hat. Und ich habe auch das begriffen, daß du nach dem großen Krach, den dir der Alte übrigens nie verziehen hat – was hast du?« Florentin hatte eine unwillkürliche Bewegung gemacht, sich mit den Fingern in die Tischdecke verkrampft, und der Gedanke würgte in seinem Halse: also nie verziehen! im Zorn auf ihn aus dem Leben gegangen! und die Mutter hatte ihre letzten Lebensjahre um ihn verweint! und beide, ohne je zu erfahren, mit welcher Liebe für sie jede Stunde seines Lebens getränkt war! Aber er biß die Zähne zusammen und sagte: »Nichts hab' ich! Rede aus! Was wolltest du sagen?« »Ich wollte sagen, daß ich auch das begriffen habe, daß du nicht früher von dir hören ließest und nicht eher nach Hause kommen wolltest, als bis du etwas erreicht hattest und ihnen zeigen konntest, daß aus dir etwas Großes geworden war. Das wolltest du ihnen beweisen. Ich kenne dich ja: Stolz war immer deine Haupteigenschaft. Habe ich recht?« Nein, lieber Bruder, du irrst, schrie es in ihm. Nichts wollte ich beweisen, und nichts war mir in meinem Verhältnis zu ihnen gleichgültiger, als ob ich etwas erreicht habe oder nicht; nichts lag mir ferner als Stolz vor ihnen, ich wollte nichts Großes werden, sondern ganz klein und demütig zu ihnen kommen, und habe jahrelang auf ein Wort der Liebe gewartet, und wenn ich nicht gekommen bin, dann hat mich nicht Stolz zurückgehalten, sondern nichts anderes als Schuldbewußtsein und Liebe, unaussprechliche Liebe. Aber er schwieg, und der andere fuhr fort: »Na siehst du? Und weil du –«, hier stockte er, und Florentin ergänzte lächelnd: »nichts geworden bist. Sag's heraus! Ich bin nicht empfindlich.« 25 »Das habe ich nicht sagen wollen. Aber jedenfalls nicht das erreicht hast, was du dir vorgenommen hast, bist du eben nicht gekommen. Ist das nicht logisch?« »Zwingend.« »Ich hab's ihnen auch hundertmal gesagt. Aber dafür hatten sie kein Verständnis. Sie waren eben doch aus einer anderen Zeit als wir. Seine Autorität war Vater die Hauptsache, und das einzige, was er verlangte, war Respekt. Sieh mich an, ich bin doch gewiß ein moderner und aufgeklärter Mensch, aber in dem Punkt habe ich ihm eben seinen Willen getan und so bin ich immer leidlich mit ihm ausgekommen. Alles hätte er dir verziehen, auch deine Extravaganzen, so sehr sich sein bürgerliches Herz dagegen empörte. Er war sogar, ohne es zu zeigen, innerlich nicht wenig stolz darauf, weil deine Besonderheit und deine Begabung ihm imponierten. Aber deine Lieblosigkeit, wie er es nannte, wurmte den Alten. Und die Mutter eigentlich auch, wenn sie auch immer zu begütigen suchte. Darüber sind sie nicht weggekommen. Bis zu ihrem Tode nicht.« Wie Keulenschläge fielen die Worte des Nichtsahnenden auf Florentins Seele, die nichts fühlte als die eine zerschmetternde Klarheit: unversöhnt waren seine Eltern gestorben. Und sie hatten recht, er nicht. Und ganz leise, stockend, kleinlaut, fast demütig fragte er: »Und wie sind – sie – gestorben?« Otto erwiderte: »An Altersschwäche natürlich. Zuerst die Mutter. Ganz sanft. Und bald darauf der Vater. Auch er hatte einen leichten Tod gehabt. Aber er war in den Wochen nach Mutters Tode noch unversöhnlicher geworden, fast unerträglich. Und so hat er dich enterbt. Mir hat's ja deinetwegen herzlich leid getan. Wenn es auch zu meinem Vorteil war. Aber es war ja nach allem Vorausgegangenen zu erwarten und nur zu natürlich.« Florentin schwieg. Wie gleichgültig ihm das war! Aber Otto 26 mißverstand sein Schweigen und fuhr fort: »Deswegen hättest du aber doch nicht vom Begräbnis fortbleiben dürfen. Du weißt, ich habe mich nie in deine Angelegenheiten eingemischt, aber das ging auch mir gegen den Strich. Da bin auch ich nicht mehr mitgegangen. Schon der Leute wegen, die sich darüber das Maul zerrissen. Das mußte ja zu allen möglichen Mißdeutungen Anlaß geben. Und, aufrichtig gestanden, begriffen habe ich es auch nicht.« Wie sollte er ihm das verständlich machen? Er hatte einfach nicht können. Er hätte sich durch kein Meer der Welt abhalten lassen, wenn er es innerlich über sich vermocht hätte. Als die lächerlichste Komödie, die schändlichste Selbstentweihung wäre es ihm erschienen, vor fremden Zeugen gleichgültige Zeremonien mitzumachen, während er mit diesem Herzen voll Reue und Schuldbewußtsein am Sarge seiner unversöhnlichen Eltern stand. »Laß das, Otto, ich bitte dich. Ich kann es dir nicht erklären.« »Ich verstehe, daß dir das peinlich ist. Ich will auch nicht weiter in dich dringen. Schließlich bist du ein erwachsener Mensch und weißt, was du tust. Aber sag' selbst, muß mir das nicht wie ein Wunder vorkommen, daß wir beide hier sitzen, einander gegenüber, in derselben Villa, in der wir alle Ferien unserer Jugend verbrachten, und diese Villa gehört mir, und ich habe sie mit meinem selbstverdienten Gelde gekauft, und ich bin ein wohlhabender, man kann wohl sagen, reicher Mann geworden und habe ein gut, um nicht zu sagen, glänzend gehendes Geschäft in der Stadt und bin Villenbesitzer und habe eine Frau, die das Feinste ist, was man sich denken kann, und habe beinah eine Familie, und du, mit allen deinen Fähigkeiten, bist nichts und hast nichts, wenigstens sieht es so aus –« Florentin nickte. Und Moser fuhr fort: »Siehst du? Und dabei habe ich immer zu meiner Frau gesagt – du kannst sie 27 fragen – ›Pass' auf, aus dem Florentin wird was ganz Großes oder nichts‹.« Florentin nickte abermals: »Du hattest recht. Es ist nichts aus mir geworden.« »Das will ich nicht sagen. Es kann ja noch. Aber vorläufig wenigstens. Und stehst ganz allein in der Welt, und wenn ich dir nicht helfe, weißt du morgen nicht, wo du schlafen sollst. Du weißt, ich tue es furchtbar gerne und nichts lieber auf der Welt. Und du verstehst mich, ich sage das nicht, weil ich dich kränken oder dir Vorwürfe machen will, sondern weil ich euch beweisen möchte, dir und meiner Frau, daß es gar nicht so sehr auf Persönlichkeit ankommt, wie ihr glaubt – das heißt, in einem gewissen Sinne bin ich auch Persönlichkeit und muß der Kaufmann Persönlichkeit haben –, sondern auf Glück und Geschicklichkeit. Glück und Geschicklichkeit aber habe ich. Das kann mir niemand absprechen. Und du wirst sehen, Flori, wenn du dich ganz in meine Hände gibst, bringe ich dich auch noch hoch. Ich manage dich, ganz einfach.« Warum nicht? dachte Florentin. Warum soll ich es nicht einmal so versuchen? Es ist ja alles so gleichgültig. Und laut sagte er: »Schön, Otto. Ich gebe mich ganz in deine Hände. Fang mit mir an, was du willst!« »Siehst du, so ist's recht. Glaub' mir, es kommt nur auf Geschicklichkeit an. Wie bin ich denn zu meiner Frau gekommen?« sagte er, vertraulich näherrückend, etwas leiser. »Nur durch Geschicklichkeit. Weil ihr meine Geschicklichkeit imponiert hat. Sie saß da, nach einer unglücklichen Ehegeschichte – sie ist nämlich geschieden – mit ihrem Kinde und einem gar nicht unbeträchtlichen Vermögen, aber alles in Unordnung, und der Schuft von Mann wollte nicht in die Scheidung willigen und mit dem Geld nicht herausrücken, und die arme Frau, hilflos, weltfremd, ohne Ahnung vom Leben und vom Geld, nur in ihre Träume eingesponnen, wußte sich nicht zu raten und zu helfen, bis ich kam, die Sache 28 in die Hand nahm und durch meine Energie alles durchsetzte, die Scheidung und die Herausgabe des Geldes. Und schließlich habe ich es auch erreicht, daß sie mich zum Mann nahm, bloß, weil ich es mir in den Kopf gesetzt hatte: die oder keine. Und weißt du, wer daran schuld ist? Du. Dir wollte ich zeigen, was für eine Frau ich zu erringen imstande bin. Sie ist nämlich ganz dein Geschmack. Ich bilde mir auch nicht ein, daß es bei ihr etwa Liebe auf den ersten Blick gewesen ist. Im Gegenteil. Aber ich habe nicht früher geruht und nachgegeben, bis ich ihren Widerstand gebrochen hatte. Und heute dankt sie es mir. Heute bin ich der glücklichste Ehemann und ist sie die glücklichste Frau von der Welt. Frage sie selbst!« Nun war es nicht gerade Florentins Art, eine Frau in der ersten Viertelstunde der Bekanntschaft zu fragen, ob sie mit ihrem Mann zufrieden sei, und ein Lächeln über diese Vorstellung erhellte sein traurig gewordenes Gesicht. Auch freute es ihn von Herzen, den Bruder so vor Stolz und Eheglück strahlen zu sehen, und er gönnte ihm neidlos jeden Erfolg, wenn er auch ein wenig seinem Geschmack mißtraute, und am meisten dort, wo er den seinen glaubte getroffen zu haben. Er unterdrückte aber eine leise aufkeimende Angst vor der Begegnung und war innerlich fest entschlossen, dem Bruder zuliebe von der neuen Schwägerin so ehrlich entzückt wie nur möglich zu sein. Otto, als er sein Lächeln sah, fuhr eifrig fort: »Nun, siehst du, du lachst schon? Das hast du mir nicht zugetraut. Und die Tochter natürlich auch nicht. Ich bin ja so neugierig, was du zu dem Mädel sagen wirst. Sibyl heißt sie. Wir nennen sie Billy. Ein großes Ding, fast so groß wie ich. Und wunderbar schön. Du wirst sie ja gleich sehen. Sechzehn Jahre ist sie alt. Meine Frau war ja noch ganz jung, als sie sie bekam, noch nicht einmal zwanzig. Anfangs hat es mich ja sehr gekränkt, daß wir keine eigenen Kinder hatten. Aber heute ist es mir fast lieber so. Weißt du (er wurde wieder vertraulich), man hat 29 dieselbe Freude, aber ohne die Mühe (er lachte intim, wie Herren unter sich) und ohne die Verantwortung (wieder ernst wie ein Familienvater). Und jetzt stelle ich dich vor. Die werden Augen machen. Wir haben ja von nichts anderem gesprochen als von dir. Weißt du was? Ich stelle dich unter anderem Namen vor. Oder ich lasse sie raten. Was meinst du?« Florentin erschrak. Er kannte, von früher, die nicht immer zeitgemäße Neigung seines Bruders zu spaßhaften Mystifikationen und bat flehentlich: »Bitte, diesmal nicht, Otto. Ich habe die Heimat und meinen eigenen Namen schon zu lange entbehrt. Diesmal lege ich Wert darauf.« »Schade!« sagte Otto. »Es wäre lustig geworden. Aber komm jetzt!« und zog ihn über die Treppe hinauf, durch ein dunkles Zimmer durch, riß die Tür auf und schrie, den Bruder immer noch an der Hand haltend, zur Veranda hinaus: »Was sagt ihr zu der Überraschung? Wißt ihr, wer es war? Das errätst du nicht, Blanche. Florentin. Denk' dir, Florentin selber. Billy, denk' dir, Onkel Florentin!« Die beiden Frauen waren aufgestanden, und Florentin erblickte neben der hohen, schlanken Gestalt seiner jungen Lebensretterin, die jetzt in ihrem einfachen weißen Sommerkleid, fußfreiem Rock mit Bluse, ganz fräuleinhaft aussah, ein unendlich zierliches, kleines Figürchen mit einem lieben, schmalen, etwas blassen Kindergesicht, aschblondem, leicht gelocktem Haar, glatt zurückgestrichen, und klugen, hellen, langgewimperten Augen; auch sie ganz in Weiß gekleidet, in einem leichten Phantasiekostüm, fern von aller Mode, von erlesenem Geschmack in Zeichnung und Schnitt. Wie zwei sehr verschiedene Schwestern wirkten die beiden schlanken, hellen Gestalten, aber ein erster Blick konnte kaum unterscheiden, welches die ältere war. Sie traten auf Florentin zu und Otto stellte, sehr wichtig und aufgeregt, vor: »Also das ist meine Frau Blanche! Und dies unsere Tochter Sibylla! Und dies ist Herr Florentin Moser, der berühmte 30 Florentin, der Ausreißer, der Weltbummler, mein Bruder, dein Schwager, Blanche, dein neuer Onkel, Billy. Nun, was sagt ihr zueinander? Ihr redet ja gar nicht. Was sagst du zu meiner Frau, Florentin? Was sagt ihr zu Florentin, Kinder?« Er war furchtbar stolz, auf alle, und jeder Zoll an ihm drückte aus: Wie habe ich das wieder gedeichselt! »Nichts als: Willkommen zu Hause, Florentin! Und Sie sollen sich nicht einen Moment fremd bei uns fühlen!« sagte Frau Blanche und streckte ihm herzlich die beiden kleinen, zarten Hände entgegen. »Also Sie sind Onkel Florentin?« sagte Sibyl ganz leise und wurde über und über rot. Florentin wurde es einen Moment lang ganz heiß. »Ich freue mich ja so,« sagte er, »und seid mir nicht bös, daß ich erst jetzt komme!« »Und jetzt bleibst du zunächst einmal vier Wochen hier, genau solange, wie ich selbst, und tust nichts und ruhst dich ordentlich aus und erholst dich nur. Er schaut nämlich ein bißchen heruntergekommen aus. Ich meine natürlich körperlich. Aber wir werden dich schon fett füttern. Und dann fährst du mit mir in die Stadt, und ein neues Leben fängt an. Ihr werdet sehen, Kinder, ich mache noch einen großen Mann aus ihm. Was sagst du dazu, Blanche? Ist dir das so recht?« »Du weißt, Otto,« sagte Frau Blanche, »daß mir immer alles recht ist, was du tust.« 31   3. Florentin war dann mit seinem Bruder in den Ort hinuntergegangen, um sich mit dem Nötigen zu versehen, wobei Otto mit großer Gewandtheit die geschäftliche Unterhandlung mit den Kaufleuten und Handwerkern übernahm, umsichtig allen Bedürfnissen des Ortes, der Jahreszeit und der Sommergewohnheit Rechnung trug und ihn reich mit allem ausstattete, was zum Bergsteigen, zum Baden, zum Tennisspielen gehörte; dann hatten sie miteinander um die Mittagstunde im See gebadet und waren erfrischt in die Villa zurückgekehrt, wo auf der Veranda bereits die Damen mit dem fertigen Mittagessen warteten. Unter heiter freundlichem Geplauder über Gleichgültiges – dankbar empfand dies Florentin – war die Mahlzeit verlaufen, und bald nachher hatte man sich getrennt: Otto, Blanche und Florentin hatten sich in ihre Zimmer zurückgezogen, während Sibyl, mit den beiden Hunden, in den Garten gegangen war, wo sie in einer Hängematte las. Florentin hatte sich damit beschäftigt, sein Zimmer ein wenig einzurichten und die Einkäufe unterzubringen, und hatte dann den langentbehrten, tiefen, guten Schlaf gefunden, dessen sein Körper und seine Seele bedurften. In den späteren Nachmittagstunden hatte man sich im Garten getroffen, um von da über den See zu rudern, und in einer am See gelegenen Wirtschaft den Kaffee genommen. Und war dann gegen Abend zurückgerudert, hatte sich schnell umgekleidet und saß nun, ehe es noch völlig dunkel geworden, nach dem Nachtmahl wieder auf der Veranda. So war dieser erste Tag zu Hause einer jener stillen, völlig 32 friedlichen, glückhaften Ferientage einer gedankenlosen Behaglichkeit gewesen, wie es sie nur auf dem Lande gibt, in der einfachen, selbstverständlichen, vom Glockenschlage wohl geregelten Ordnung, die überall und für alle gilt und keine Ausnahme kennt. Er war in ein Leben hineingeraten, in dem das Schicksal stille stand, Sonne und Wind das einzige Erlebnis waren und man nichts spürte als die Nähe des Sees, des Waldes und der Berge. Sorgen und drückende Gedanken waren von ihm abgefallen und wunschlose Ruhe war eingezogen. Schon beim Mittag hatte Otto Moser darauf bestanden, daß sie alle einander duzen sollten, und die beiden Frauen hatten es wie etwas Selbstverständliches hingenommen. So war schnell ein Ton herzlicher Vertrautheit hergestellt, obwohl man es geflissentlich vermied, an Dinge der Vergangenheit oder der Zukunft zu rühren, die dem Heimgekehrten irgendwie allzu nahegehen konnten. Otto hatte zwar das große Wort, aber Florentin merkte deutlich, wie Frau Blanche, ohne viel zu sprechen, die Führung des Gespräches in ihren Händen behielt und jedesmal, wenn ihr Mann eine seiner allzu persönlichen Anspielungen einleitete, die Entgleisung mit einer zierlichen Wendung ins heiter Neutrale umbog. Dadurch hatte Florentin ein gutes Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit bekommen, das ihm über die Empfindlichkeit der Anfänge weghalf und durch das er sich schließlich selber freier laufen lassen konnte. Sibyl hatte sich während der Mittagsmahlzeit still verhalten. War, in der Stille der Mittagstunde schon, unter den guten Blicken der beiden Frauen und dank der feinfühligen Vorsorglichkeit der klugen kleinen Schwägerin der Bann der Fremdheit bereits von ihnen gewichen, so wurde es völlig unbefangen und heiter, als sie, nach der Ruderpartie, nachmittags unter den alten Bäumen der kleinen Wirtschaft am See saßen und den Jausenimbiß verzehrten. Aus der altmodischen Tischdecke, den dampfenden Kannen, Schalen und Näpfchen stieg Behaglichkeit; friedlich lag der 33 See vor ihnen, heiter und rein zeichneten sich die Umrißlinien der Berge in die Luft, alles war nah und vertraut, und mild gedämpft brach der Sonnenpurpur durch das Laub der Bäume, die ihr Schattengesprenkel auf die weißen Frauenkleider streuten. Sie wurden alle vier ganz fröhlich und ein harmloses, lustiges Plaudern begann. Vom Sommer, seinen Gewohnheiten, Annehmlichkeiten und Plänen, von der Gegend und ihren Einzelheiten, die in Florentin immer gegenwärtiger wurden, ging es aus und glitt bald in die Vergangenheit über. Und nun war Otto Moser, von niemand mehr gehemmt, nicht mehr zu halten und beschwor alle heiteren Geister der gemeinsamen Erinnerung durch seinen Bruder herauf. Die komischen Episoden ihrer Kinderzeit, die kleinen Schwächen der Verwandten, die gemeinsamen Lehrer und Mitschüler, die Späße der Schule, die Freunde und Gäste des Vaterhauses, von den scharfen Kinderaugen in allen ihren Eigenheiten belauert und belauscht; und dann der ganze Kreis ihrer Jugend und Studentenzeit, mit allen Freunden, seltsamen Erscheinungen, extravaganten Lebensformen, tollen Streichen und wilden Abenteuern, von alledem mußte Florentin erzählen, und es lag nicht an Herrn Moser, der sich in Anspielungen überbot, wenn Florentin nicht auch die ganze Fülle der ersten Liebeserlebnisse miteinbezog. Denn Otto war nicht zu sättigen; immer wieder fing er an: »Und dann mußt du noch dem Onkel Rittich nachmachen, wie er seiner Köchin, die gekündigt hatte, einen Heiratsantrag machte, weil keine solche Zwetschkenknödel machen konnte wie sie!« oder: »Erzähle doch noch die Geschichte von der Leichenfeier, die ihr mir in meiner Gegenwart veranstaltet habt, bis ich schließlich selber geglaubt habe, daß ich tot bin!« und er haranguierte die Frauen: »Habe ich dir nicht immer gesagt, Blanche, daß nur Florentin die Geschichte von dem gemeinsamen Liebesbrief in Stanzen, von denen jeder von uns immer eine Zeile dichten mußte, erzählen kann?« und: »Und jetzt erzähle nur noch die Geschichte von Peter und dem schiefen Turm von Verona! 34 Ich habe es Billy versprochen, daß du und nur du sie ihr erzählen wirst, wenn du einmal zurückkommst!« Und Florentin fühlte, daß er, ohne es zu ahnen, in all den Jahren seiner Abwesenheit nie aufgehört hatte, unter diesen Menschen gegenwärtig und lebendig zu sein: und es ward ihm wohl und harmonisch dadurch. Darum erzählte er, so harmlos und lustig er nur konnte, wenn er sich auch mancher der kindischen und übermütigen Geschichten innerlich ein wenig schämte; glitt über die mitunter leicht komische Rolle, die sein Bruder dabei spielte, geschickt mit Schonung und Rücksicht hinweg; und wenn es ihm dieser auch durch Einwände und historische Richtigstellungen, mit denen er eigensinnig, ja nicht ohne Stolz auf seinem Anteil an den Geschehnissen bestand, nicht gerade erleichterte, so fühlte es doch Frau Blanche und wußte es ihm Dank. Und er fühlte, daß sie es fühlte. Vor ihm aber stieg die Vergangenheit auf, die schöne, bunte, wilde, lustige Vergangenheit, und spann ihn ein, und eine Brücke zum Heute war da, und er wußte, daß er nicht mehr ganz heimatlos sei. Und dann waren sie wieder durch den allmählich sinkenden Abend, der die Spitzen der Berge rötete und goldene Feuer über den See warf, nach Hause gefahren. Sibyl und Florentin ruderten, Frau Blanche saß am Steuer, und ihre zierliche, helle Gestalt schnitt sich von dem dunklen Hintergrunde ab. Otto führte allein das Wort, die anderen waren still geworden und schwiegen. Und nur einmal hatte sich Sibyl nach vorn zu ihm geneigt und geflüstert: »Nicht wahr, Onkel Florentin, jetzt ist alles schon wieder gut? Und du bist wirklich fröhlich?« Und er hatte genickt. Nicht ohne böses Gewissen. Und dann hatten sie Abendbrot gegessen und saßen nun auf der Veranda, ohne Licht und Lampe, nur vom Abend beleuchtet. Der Himmel war dunkelblau, auf den Bergen lag letzter Abglanz 35 der verschwundenen Sonne, der See stand im Dunkeln und der Wind wehte, wie von fern, die gleichmäßige Musik der ans Ufer schlagenden Wellen herauf. Die Herren hatten sich die Zigarren angezündet. Niemand sprach. Und selbst Otto hatte das Gefühl, das gute Schweigen, das sich über die Seelen gelagert hatte, für eine Weile nicht zu durchbrechen. Schließlich aber begann er doch: »Seht ihr, Kinder, das ist etwas, was keiner von euren Dichtern beschreiben und keiner von euren Malern malen kann. Jetzt will ich etwas sagen, was vielleicht paradox klingt, aber du wirst mich verstehen, Florentin: Es gibt Dinge, die man nur durch Schweigen aussprechen kann. Daß es so wenige Menschen gibt, die schweigen können! Ich habe es früher auch nicht gekonnt, nicht wahr, Florentin, aber siehst du, seit ich Blanche habe, kann ich es. Sie hat mir auch das beigebracht. Glaub' mir, Florentin, du mußt heiraten. Es ist das einzige.« Die drei anderen mußten unwillkürlich lächeln. Wenn sie einander auch nicht sahen, wußten sie es sofort, unterdrückten es aber, und Blanche half ihnen, indem sie sagte: »Otto hat ganz recht, das Beste kann niemand aussprechen. Auch die Dichter nicht. Ja, manchmal scheint es mir, als ob das den Dichter machte, daß ihm gegeben ist, zu verschweigen, was er leidet. Sie schweigen nur auf ihre Weise und so, daß die anderen das Leiden durch das Schweigen durchspüren und ihr eigenes, erhöht, verschönt und verklärt, mit. Aber das Eigentlichste sagt einem niemand. Es gibt Menschen, die sich dagegen mit Schreien helfen müssen, die ihr Schweigen überschreien. Aber es gibt andere, die Stummgeborenen des Lebens, denen jedes laute Wort weh tut und das eigene am meisten, und denen im entscheidenden Moment die Stimme versagt, immer, in Glück und Leid, in Haß und Liebe, aus Fülle, aus Reichtum, aus Scham. Man sieht es ihren Augen an, man möchte ihnen helfen, 36 ihnen sagen: sprich dich aus, schütte dich aus, schweig' dich aus, du wirst verstanden werden, aber man kann es nicht, kann es aus derselben Scham nicht, die jenen den Mund verschließt.« Die feine, flatternde Stimme, von Güte umflort, klang wie eine zarte Musik in die Nacht, wie ein tröstendes Wiegenlied, das sie einem unbekannten, bekümmerten Herzen sang. – »Ist sie nicht ein Engel, Florentin?« sagte Otto stolz. Und Sibyl griff nach der Hand ihrer Mutter und schmiegte sich an ihre Seite. Florentin aber neigte den Kopf: seltsam! Was wußte diese Frau von seinem Leben? Und sie fuhr fort: »Ich kenne Schicksale starker und wilder Männer, so tolle und bunte Lebensläufe aus unserer Zeit, wie sie keine Phantasie abenteuerlicher erfinden könnte und die, erzählt oder geschrieben, es an spannender Handlung mit jedem Ritterepos oder Kriminalroman aufnehmen könnten. Und doch sind sie von einer solchen Zartheit und Schamhaftigkeit des Empfindens durchzogen, an die kein weibliches Fühlen hinanreichen kann. Denn in den entscheidenden Dingen sind Männer viel schamhafter, ja ich möchte sagen, viel weiblicher als wir Frauen. Wenn es auf Reden in seelischen Dingen ankommt, beschämt die einfachste Frau den besten Redner und den mutigsten Helden. Sie kennt die Hemmungen nicht, auf die so viele Tragödien des Männerlebens zurückzuführen sind, das Nichtsprechenkönnen, um keinen Preis, dort, wo es sich um das Heiligste handelt, diesen Kampf um das eine Wort, das alles lösen könnte und das der Mann nicht finden kann. So stehen einander Vater und Sohn, Bruder und Bruder, Freund und Freund und manchmal auch der Mann der Frau wortlos gegenüber und zerbrechen daran, daß sie sich zu sehr lieben, um es einander zu sagen.« Von der Nacht versteckt, begrub Florentin seinen Kopf in beide Hände: das ist mein Schicksal, von dem sie spricht; woher weiß diese Frau von meinem Leben? Otto aber sagte: »Ich weiß gar nicht, Blanche, an wen 37 du da denkst. Sonst errate ich das doch immer. Und woher weißt du das alles?« Blanche erwiderte lächelnd: »Das ist mein Geheimnis. Ich liebe es eben, mir von Menschen, die etwas erlebt haben, von Männern, die sich das Leben um die Nase haben wehen lassen, ihre Schicksale erzählen zu lassen. Und wenn unser lieber Florentin nett ist, so teilt er uns heute abend sein Leben, von dem er nachmittags so unterhaltliche Teile zum besten gegeben hat, hübsch ordentlich im Zusammenhang mit.« Florentin erschrak aufs heftigste: »Ich bitte euch, verlangt das nicht von mir! Ich kann nicht immerfort von mir sprechen. Ich habe mich schon nachmittags fortreißen lassen, so viel von mir zu reden, daß ich mich ordentlich geschämt habe. Glaubt mir, es ist keine Ziererei, aber mein Leben ist auch wirklich nicht so interessant, daß man es erzählen sollte.« Otto aber rief begeistert: »Das ist eine famose Idee. Habe ich dir nicht immer gesagt, Blanche, er erzählt ausgezeichnet?« »Ein andermal vielleicht«, bat Florentin kleinlaut. Aber Frau Blanche meinte: »Nein, heute. Heute ist's gerade das Richtige. So hübsch paßt es nie wieder.« Und als auch Sibyl sich anschloß und ganz lebhaft und aufgeregt flehte: »Bitte, bitte, lieber Onkel Florentin, tu's mir zuliebe, es ist meine erste Bitte und du wirst sie mir nicht abschlagen«, gab er nach. »Sei so gut, Billy,« sagte Frau Blanche, »hole mir mein Tuch, es ist ein wenig kühl geworden, und schalte das Licht ein! Unterdessen zünden sich die Herren noch jeder eine neue Zigarre an. Die glühen so hübsch im Dunkeln, und das gehört dazu. Und mir gebt ihr auch eine Zigarette. Und dann setzen wir uns recht behaglich, Otto füllt die Gläser und Florentin erzählt.« »Aber nicht anfangen, bevor ich zurück bin!« bat Sibyl flehentlich. Sie lachten, und dann saßen sie und Florentin begann zu erzählen. 38 Anfangs stockend: »Ich habe es ja noch nie getan. Und es ist mir ein völlig neues und ungewohntes Handwerk. Schon darum erschrak ich so, als du mich vorhin, Blanche, so überraschend auffordertest. Aber deine Stimme klang so herzlich und ihr alle batet so freundlich, daß ich nicht nein sagen konnte, und wenn es mir noch so schwer werden sollte. Nur, ehrlich gestanden, ich wußte nicht, wo anzufangen, und weiß es auch jetzt nicht. Und dann erschrak ich bei deinen Worten noch aus einem zweiten Grunde. Es ging etwas ganz Seltsames in mir vor. Auf einmal erhellte sich etwas und ich sah, wie in einer Vision, in einer einzigen Sekunde mein ganzes bisheriges Leben in eins zusammengeballt, in eine Einheit, in einen einzigen, atemraubenden, wirbelnden Rhythmus, dessen ich mir bis jetzt noch gar nicht bewußt geworden war, und der ein so rasendes Tempo hatte, daß ich mir seiner nicht bewußt werden konnte. Ich bilde mir, weiß Gott, nicht ein, besonders interessant zu sein, und doch fühlte ich mich wunderbar getroffen, als Blanche von den tollen und wilden Schicksalen sprach, und in diesem Augenblick schien mir selbst mein Leben ein solcher Roman zu sein. Vielleicht lag es nur an dem Augenblick und ist, in solcher Stimmung angesehen, jedes Leben ein merkwürdiger Roman. Aber mir ist es, als sähe ich jetzt zum erstenmal, wie wenig in meinem Leben Wahl und Wollen und Bewußtsein mitgespielt hat und wie ich alles, auch das Unwahrscheinlichste, getan habe, weil ich es tun mußte und nicht anders konnte. Und es wird mir klar, daß ich eigentlich nie geschwankt und nie gewählt habe, sondern von einem unbegreiflichen Rhythmus mitfortgerissen, mit einer nachtwandlerischen Sicherheit immer das getan habe, was ich tun mußte. Eigentlich nichts getan, sondern es geschah mit mir. Ich will damit nicht sagen, daß ich immer das Richtige traf: vielleicht war es nie das Richtige; aber das eine darf ich sagen: mir war es immer das einzig Mögliche.« Er unterbrach sich plötzlich, verzweifelt: »Ich kann nicht. 39 Seht ihr, daran seid ihr schuld. Jetzt rede ich schon über mich wie ein Buch. Ich schäme mich. Hole der Teufel alle Psychologie! Ihr wollt doch Tatsachen. Aber Tatsachen sind so schwer.« Mit einem Seufzer fuhr er fort: »Die eine Tatsache kennt ihr. Ich bin vom Hause durchgebrannt. Und zwar zweimal. Das erstemal als Bursch von neunzehn Jahren. Stellt euch das nicht allzu tragisch vor. Es gab keine großen Konflikte. Ich habe meinen Vater sehr liebgehabt und er mich wahrscheinlich auch, aber er wollte Unterordnung und ich wollte Freiheit. Ich habe nie versucht, ihn zu bekehren, aber er wollte mich bekehren, und als ich bemerkte, daß er mich von der Partei, an die ich mich mit meinem ganzen neunzehnjährigen Herzen gehängt hatte, lösen wollte, schnitt ich einfach jede Diskussion ab und ging nach Zürich. Natürlich heimlich und ohne Geld. Er hätte mir's, trotz alledem, wahrscheinlich erlaubt und auch das Geld dazu gegeben, wenn ich ihn darum gebeten hätte, aber das konnte ich nicht. Da verkaufte ich lieber meine Bücher und brannte durch. Und hungerte mich in Zürich ganz anständig durchs Leben. Das war sehr lustig.« Er sagte das ganz einfach und ohne jede Ironie. Denn er hatte es wirklich als lustig empfunden. »Morgens bekam ich Kaffee oder etwas, was sehr entfernt daran erinnerte, die Milch und das Brot dazu sparte ich mir fürs Abendbrot auf und in der Zwischenzeit rauchte ich Stümpe, zwei Stück fünf Rappen. Das konnte ich mir leisten, denn ich hielt Vorträge, gab Stunden und schrieb Artikel für die Fleischerzeitung. Zeit hatte ich in Hülle und Fülle, denn bereits nach den ersten vier Wochen meines Universitätsstudiums wußte ich, daß der Betrieb der zünftigen Wissenschaft mir nie das geben würde, wonach mein lebensdurstiges Herz brannte und verschmachtete. Ich lechzte nach Gegenwart, mich zog es dorthin, wo ich das Herz der Zeit am stärksten und blutvollsten schlagen fühlen konnte, aber oben auf den Kathedern saßen verkalkte Philister, ausgebrannte Krater, vertrocknete Mumien, verstaubte Perücken 40 und wackelten mit den Zöpfen und reichten mir tote Altersweisheit statt des dampfenden Lebens, nach dem ich mit allen Fasern gierte.« Er hatte sich warm geredet und war wieder ganz jung geworden in der Erinnerung. Mit heller, lachender Stimme, fast zornig, schilderte er die Professoren, den herrgottsähnlichen Literaturgewaltigen mit dem Schädelquadrat und dem Riesenbauch auf den zwei kurzen Beinchen, wie er asthmatisch den Gottsched und den Nicolai der Jetztzeit mimte, und den ausgemergelten Altgermanisten, der mit tonloser, heiser krächzender Stimme im unverständlichsten Schweizerdeutsch Gothisch vortrug, und er beschrieb die Colloquien im Seminar, wo der Literaturpapst von schreibseligen Studiermädchen umgeben thronte, Geschmäcke diktierte und man mit fanatischem Schreien und Schimpfen aus hundertjährigen Gesichtspunkten hundertjährige Götzen verhimmelte, Kleist und Heine mit Uhland und alle mit Gottfried Keller erschlug. »Da konnte ich mir nicht anders helfen, ich stand auf und sagte mitten ins Gebrüll hinein nichts als einfach: Hermann Conradi. Ich weiß nicht mehr, ob sie mich buchstäblich hinausgeworfen haben, aber wiedergekommen bin ich jedenfalls nicht mehr. Und war endgültig erledigt.« Und so wäre er auf einmal, ohne recht zu wissen wie, ohne sich über Beruf und Zukunft irgendwelche Gedanken zu machen, aus der pedantischen Regelmäßigkeit des Brotstudiums draußen gewesen, hätte, den Fremdkörper von der Seele, aufgeatmet und frische Luft geschöpft und die Arme frei bekommen, um sich ganz in jene Bewegung zu stürzen, in der er die freiheitlichste und zeitgemäßeste vermutete. Um auch sofort hier wieder Philister und Bureaukraten, Päpste, Dogmen, Orthodoxie und Hierarchie, Vergewaltigung des Einzelnen und Zwang des Geistes zu begegnen. Er erzählte einen Fall einer Art dynastischer Familienpolitik, durch den sich ihm die Kluft zwischen Theorie und Praxis dieser Partei mit einem Schlage jäh erhellte. Er lebte damals 41 in herzlicher Freundschaft mit einem Studenten und dessen Geliebten, die aus einer elsässischen Familie stammte, deren Mitglieder bereits seit Generationen der Partei angehörten. Nun hatte der Reichstagsvertreter derselben kleinen Stadt, in der das Mädchen zu Hause war, ein durch seine Unzuverlässigkeit bekanntes Parteimitglied, ein Auge auf das frische und auffallend schöne Ding geworfen und verfolgte es mit seinen Anträgen. Und die Parteileitung beschloß, um den unsicheren Kantonisten durch die in der Bewegung angesehene Familie des Mädchens ein für allemal für die Partei fest einzuspannen, diese Bemühungen zu unterstützen und das Mädchen zu einer Heirat zu veranlassen. Anläßlich eines in Zürich stattfindenden Parteikongresses wurde eine ganze Kampagne in die Wege geleitet, das Mädchen durch einige Genossinnen, die sich dazu hergaben, bearbeitet, Florentins Freund auf das schmählichste verleumdet. Florentin erfuhr davon, enthüllte dem Mädchen die Machinationen, deren Spielball sie gewesen war, versöhnte sie mit seinem Freunde und begab sich darauf zu jenem Reichstagsabgeordneten, um ihn, was er für eine leichte und selbstverständliche Wirkung hielt, zu bewegen, von einer auf so unwürdige Weise zustande gekommenen Verbindung abzustehen. Jener erwiderte darauf unerwarteterweise mit einer zynischen, das Mädchen und den Freund beleidigenden Bemerkung, auf die Florentin, von plötzlichem Zorn übermannt, keine andere Antwort fand als einen Faustschlag. Daraufhin kam die Heirat natürlich nicht zustande, der Abgeordnete verließ, aus Wut, den Kongreß und die Stadt und schien für die Partei verloren, und Florentin wurde vor den Parteipapst zitiert, der ihm einen nachdrücklichen Verweis zuteil werden ließ: er hätte in seiner Unreife keine Ahnung von den Realien der Politik. Worauf Florentin, flammend vor Zorn, erklärte: das nicht, aber von den Freiheitsbegriffen der Partei über und über genug, und den ganzen Krempel hinwarf. Aber es hätte, meinte Florentin, dieses Ereignisses gar nicht 42 bedurft, sondern es hätte lediglich einen Umschwung, der sich innerlich in ihm bereits vollzogen hatte, beschleunigen helfen: um ihn, von dieser Bewegung weg, in eine andere, viel freiheitlichere, ehrlichere und radikalere zu treiben, der alles in seinem Wesen, sein unbändiger Freiheitsdrang, seine Auflehnung gegen jeden Zwang, seine Lust zur Tat und sein Mißtrauen gegen Worte, nicht zum mindesten das ganze Tempo seines Lebens zustrebte. Und wie ihn jene graue und nüchterne Lehre, die in einem einzigen Dogma den Schlüssel zum Weltganzen zu besitzen vorgab und auf unkünstlerische und unpersönliche Weise die schöne Mannigfaltigkeit der Erscheinungen mechanisierte und schablonisierte, innerlich eigentlich immer abgestoßen hatte, ebenso habe er in den großen Philosophen und Persönlichkeitskündern, die jener anderen Bewegung vorbauten, alle Sehnsucht seiner Seele nach Größe, Freiheit und Leben erfüllt und in der Befreiung von jedem Dogma und jedem Zwang die eigentliche Heimat seines Ichs, den Weg zu sich selbst gefunden. Es habe für ihn gar keine Wahl gegeben, so selbstverständlich nahe habe er sich dieser Bewegung gefühlt, und vollends, als er unter ihren Bekennern, neben den Dichtern der jungen Generation, die besten und edelsten Männer der ganzen Welt kennenlernte: ehrfurchtgebietende Greise, die seit Jahrzehnten an jedem Freiheitskampfe der ganzen Welt teilgenommen hatten, neben glühenden Jünglingen; tolle, verwegene Bursche, Proletarier, die nicht bloß mit dem Munde, sondern wo's not tat, auch mit der Faust für ihre Meinung eintraten, die Vermögen, Freiheit, Leben nichtsachtend, gehungert, gestohlen, gesessen hatten, aus preußischen Gefängnissen und sibirischer Verbannung geflohen waren, neben stillen, einsamen Gelehrten, die, Ahasverusse des revolutionären Gedankens, vom internationalen Polizeigeist verfolgt und gehetzt, ihre Maulwurfsarbeit von Ort zu Ort, von Bibliothek zu Bibliothek schleppten; und von allen diesen Männern des Geistes und des Entschlusses, die so hoch über den üblichen Typen der Partei- und Fraktionspolitik standen, trotz seiner Jugend mit Liebe 43 empfangen, mit Achtung gehört wurde, da habe er sich mit ganzer Leidenschaft in jene Bewegung gestürzt und sich und alle seine Kräfte der Sache der Freiheit hingegeben. Nun habe ein wundervolles, atemloses, rasendes Arbeitsleben begonnen, dem die kurzen vierundzwanzig Stunden des Tages – von Schlaf sei damals wenig die Rede gewesen – kaum genügten; neben den Tätigkeiten, zu denen ihn des Leibes Notdurft zwang, habe er, um den Verkehr mit den ausländischen Freunden zu erleichtern und zu vermitteln, die europäischen Sprachen gelernt, habe Philosophie, Nationalökonomie, die Geschichte der Künste getrieben und sich in die Literatur aller Völker versenkt und besonders die neuere mit Heißhunger verschlungen; habe an den Abenden Vorträge und Reden gehalten, sei in die Versammlungen der Gegner eingedrungen, habe sich ohne Scheu, in solchen Momenten von den Hemmungen der Scham völlig befreit, den bewährtesten Rednern der anderen Parteien gestellt, und dann, wenn die Nacht kam, mit den Freunden stundenlang diskutiert, polemisiert und die Probleme des Geistes- und Menschenlebens erörtert, wie man es nur unter den heißen Köpfen und den vollen Seelen der Zwanzigjährigen vermag oder unter den Proletariern von damals, die etwas von dem heißen Atem der Jugend an sich hatten; und zwischendurch habe er die ganze Schweiz durchwandert, um mit allen den kleinen Gruppen von Gesinnungsverwandten eine Fühlung herzustellen. Natürlich sei die Polizei auf ihn aufmerksam geworden, aber er habe sich trotzdem vollkommen glücklich und sicher gefühlt; was kümmerte ihn die Polizei, und was konnte ihm in der freien Schweiz, dem Lande des Asylrechtes, geschehen? Nun habe damals unter den Marmorarbeitern von Massa und von Carrarra und in Sizilien eine Hungerrevolte stattgefunden, die von der Regierung mit beispielloser Grausamkeit und Unmenschlichkeit unterdrückt worden sei. Beides habe unter den Proletariern der ganzen Welt ein außerordentliches Echo hervorgerufen, und auch von den italienischen Arbeitern Zürichs sei eine 44 Versammlung einberufen worden, um den Leidensgenossen in der Heimat Mitgefühl auszusprechen und gegen das unmenschliche Vorgehen der Behörden zu protestieren. Dieser Versammlung, die von Tausenden besucht war, habe auch er beigewohnt und während ihres stürmischen Verlaufes, der auf ihn durch die schmerzliche Erregtheit der Versammelten und die südlichen Formen ihres Ausbruches einen das Innerste aufrührenden Eindruck machte, habe er plötzlich die Nachricht erhalten, daß am Tage vorher einer seiner besten Freunde, der in Berlin die italienische Regierung in einer Rede angegriffen hatte, wegen eines einzigen Satzes zu anderthalb Jahren Zuchthaus, ein anderer in Mailand wegen einer Rede zum Tode verurteilt worden sei. Vom Momente fortgerissen, habe er die beiden Tatsachen der Versammlung mitgeteilt, worauf sich dieser eine ungeheure Erregung bemächtigte. Binnen einer Minute hätte sich die wütende Menge zu einem mächtigen Zuge formiert, der nun, ihn voran, den Versammlungsraum verließ, in stürmischem Marsche zum italienischen Konsulat eilte, das Staatswappen herabriß und in ein tausendstimmiges, vor Schmerz, Wut und Haß heulendes « A basso il governo! » ausbrach. Plötzlich habe sich der ganze, weite Platz mit Polizisten und Stadtsoldaten gefüllt, die mit Gummiknütteln auf die wehrlose Menge losschlugen und sie auseinanderzutreiben suchten. Immer wieder schlossen sich die mutigen und verzweifelten Bursche zusammen, und er selbst habe sich, als sich die Polizisten zuallererst auf ihn stürzten, nach Leibeskräften gewehrt, sei dreimal befreit worden, bis ihn schließlich ein größerer Haufe umringte, abschnitt, überwältigte und, mit Handschellen gefesselt, aufs Polizeiamt schleppte. Kaum hätte er dieses betreten, als der Polizeihauptmann von Zürich mit dem Rufe hereinstürzte: »Habt ihr den Florentin Moser?« und als er seiner ansichtig wurde, sich ihm mit ironischer Höflichkeit vorstellte. Er habe das natürlich ebenso höflich und ebenso ironisch beantwortet, worauf ihm jener ankündigte, man mache, seiner höheren Intelligenz und Bildung wegen, ihn für alle sich daraus 45 für die Schweiz ergebenden Komplikationen mit der Regierung eines befreundeten Staates verantwortlich und verhänge vorläufig die Untersuchungshaft über ihn; da aber der Kanton Zürich für solche Fälle kein besonderes Haftlokal besäße, müßte er mit dem Zuchthaus vorliebnehmen, und zwar in Einzelhaft, da man annähme, daß er diese der Gesellschaft von Berufsverbrechern vorziehen würde. Er habe sich höflich für diese Rücksichtnahme bedankt und sei darauf, wieder in Schellen durch die Stadt geführt, in seiner Zelle abgeliefert worden. Dort habe er mit Zuchthauskost und unter Zuchthausgesetzen siebzehn Tage verbracht, während derer er auf eine mittelalterlich raffinierte Weise mit Verhören, auf die man ihn absichtlich stundenlang, auf lehnenlosen Bänken sitzend, warten ließ, gefoltert wurde. Natürlich sei der Versuch, eine internationale Verschwörung für die Versammlung und ihre Folgen verantwortlich zu machen, vollkommen gescheitert, und nach siebzehn Tagen habe man ihn wieder zu dem Polizeihauptmann gebracht, der ihm, völlig veränderten Tones, eröffnete, man sehe von seiner Bestrafung ab und begnüge sich damit, ihn, mit zwölf seiner Spießgesellen, des Landes zu verweisen; übrigens stünde draußen ein Herr, der ihn zu sprechen wünsche. Und draußen sei sein Vater gestanden, der auf den Zeitungslärm, den die ganze Begebenheit veranlaßt hatte, herbeigeeilt sei: ganz still, ganz ruhig, ohne ein Wort des Tadels oder des Vorwurfs, nur sehr traurig und bekümmert. Und wie er den alten Mann so stehen sah, der ihn milde und gütig begrüßte, habe es ihm ins Herz geschnitten, wie fast nichts in seinem Leben. Nicht, daß er bereut hätte; er habe nichts zu bereuen gehabt und hätte getan, was er tun mußte und, vor die Wahl gestellt, immer wieder getan hätte: im Gegenteil, er hätte nie in seinem Leben etwas bereut, und es hätte sich noch immer herausgestellt, daß jedesmal, wie durch eine besondere Fügung, auch dort, wo es den Anschein einer Katastrophe hatte, sich ihm schließlich alles immer zum Besseren wandte und dazu 46 diente, sein Leben ins Höhere zu führen und reicher zu gestalten. Darum hätte er sich gegen jeden Eingriff von außen gewehrt, und, wenn sein Vater ihn beschimpft oder geschlagen hätte, ruhigen Herzens revoltiert; so aber hätte er nicht anders können, als sich schweigend vor ihm neigen und mit ihm gehen. Er erzählte dann von der merkwürdigen Stimmung der letzten, mit seinem Vater in Zürich verbrachten Tage. Durch dessen Bemühungen und wohl auch als Folge der völligen Ergebnislosigkeit der Untersuchung sei ihm und seinen Freunden noch eine kurze Frist bis zur Abreise zur Abwickelung ihrer Geschäfte bewilligt worden, allerdings unter Bewachung von Detektiven, die keinen Schritt von ihrer Seite weichen durften: nun sei der seine ein noch junger und gutmütiger Mensch gewesen, seines ursprünglichen Berufes Gärtner, der eine große Zuneigung zu ihm gefaßt habe, so daß er ihm nicht bloß vollkommene Freiheit ließ, sich bei allen seinen Besprechungen taktvoll beiseitehielt, sondern auch das leidenschaftlichste Interesse für alle seine Anschauungen an den Tag legte, die er sich immer und immer wieder auseinandersetzen zu lassen nicht müde wurde; bis er ihm eines Tages erklärte, daß er sich seiner polizeilichen Tätigkeit schäme und entschlossen sei, zu seinem ursprünglichen Gärtnerberuf zurückzukehren; als letzte Funktion seines Amtes hätte er nur noch gern seine, Florentins, Begleitung bis zur Landesgrenze übernommen, und wenn Florentin den Polizeihauptmann direkt darum ersuchte, würde, bei dessen gegenwärtiger Haltung, das Ersuchen wohl kaum abschlägig beschieden werden. Tatsächlich sei seinem Wunsche auch willfahrt worden, und der Mann habe sich ihm dadurch nur noch mehr attachiert gefühlt, so daß er die letzte Zeit, bis auf die Nächte, die er natürlich noch in seiner Zuchthauszelle zubringen mußte, in völliger Freiheit mit seinem Vater und allen seinen vollzählig zusammengeströmten Freunden genießen konnte. Nun habe sich der Vater voll Milde und Freundlichkeit bemüht, ihm über die Situation wegzuhelfen, und es sei rührend gewesen, wie der sonst so strenge und 47 bürgerliche Mann sich mit den wilden, rebellischen Gesellen angefreundet habe, so daß er bald, von den italienischen Freunden nur noch kurz « il padre » genannt, bei allen eine geradezu patriarchalische Verehrung fand. So habe sich sein Abschied von der Schweiz zu förmlichen Ovationen und Kundgebungen für ihn gestaltet, und er habe, in vollständigster Harmonie, mit seinem Vater und seinem eigenen Leibpolizisten die Heimreise angetreten. Kaum aber habe man sich der vaterländischen Grenze genähert, als ein überraschender Umschwung eingetreten wäre. Sei es, daß des Vaters vorurteilslose und großmütige Haltung nur auf die reine und freie Atmosphäre von Freiheit, Geistigkeit, Tat und Jugend zurückzuführen gewesen sei, deren Wirkung sich in dem Maße abschwächte, in dem man sich aus jener Atmosphäre entfernte, sei es, daß die Vorstellung der tausend Gerüchte unter Verwandten und Bekannten, des aufgeregten Getus in der kleinen, bürgerlichen Welt, der Splitterichtereien, Klatschbasereien und Ketzergerichte in ihm lebendig zu werden und ihm quälend näherzurücken begann, kurz, derselbe Mann, der jetzt eben noch in einem großen Momente solche Großzügigkeit bewiesen hätte, sei mit einem Schlage bei den kleinsten Anlässen rechthaberisch, zänkisch, kleinlich, reaktionär und despotisch geworden. Nun habe er sich vorgenommen gehabt, dem Vater unter allen Umständen nachzugeben, namentlich, wo es sich um Kleinigkeiten handelte. Bis allerdings der Fall eingetreten sei, wo sich ihm das Nachgeben durch den Anlaß von selbst verboten habe und die Katastrophe unvermeidlich geworden sei. Dieser unglückliche Anlaß sei sein neuer Freund, der Detektiv, gewesen. An der Grenze angelangt, habe dieser nämlich erklärt, er habe sich nach reichlicher Überlegung entschlossen, nicht mehr zurückzukehren, sondern wolle Florentin in seine Heimatstadt begleiten und hoffe, sich dort als Gärtner ganz anständig durchschlagen zu können. Darauf habe der Vater geantwortet: Schön, dagegen sei nichts einzuwenden; aber auf seine Unterstützung könne er 48 nicht rechnen und auf seine Gesellschaft noch weniger. Er denke nicht daran, zu allem übrigen noch die Fahnenflucht und Desertion eines Beamten zu fördern, übrigens sei die Mission des Detektivs erledigt, er hätte den ihm Anvertrauten zur Grenze gebracht, von jetzt ab gingen sie ihn nichts mehr an, und er wolle den Rest der Reise mit seinem Sohne in der ersten Wagenklasse zurücklegen, und der andere möge die Klasse nehmen, die ihm sein Portemonnaie gestatte. Aber auf keinen Fall ein Kupee mit ihm: er reise nicht mit Apostaten und Überläufern. Der arme Bursche, bis jetzt auf das freundschaftlichste behandelt, sei durch den plötzlichen Angriff so überrascht und verblüfft gewesen, daß er keine Antwort hervorbrachte; und er selbst, entschlossen, sich kein heftiges Wort entwinden zu lassen, habe nichts erwidert als: dann fahre er eben auch dritter Klasse. Darauf habe sich eine solche Flut von Beschimpfungen über seine Verrücktheiten und Extravaganzen, die der Vater bis jetzt ruhig mitangesehen habe, aber nun nicht mehr mitmachen wolle, im Gegenteil, mit Putz und Stingel ausreuten werde, über ihn ergossen, daß er voll Scham vor dem Zeugen dagestanden und nur wortlos die Zähne zusammengebissen habe, innerlich entschlossen, jetzt gleich zum zweiten- und letztenmale die Flucht zu ergreifen. Und dabei habe ihm sein Freund die wertvollsten Dienste geleistet. Florentin wäre, in diesem Augenblick aller Barmittel entblößt, nicht einmal imstande gewesen, auch nur die Fahrkarte für die dritte Klasse zu lösen. Damit habe der Vater gerechnet, als er, am Grenzort das Billett erster Klasse erstehend, bei seiner Weigerung beharrte, den Freund mitzunehmen. Er müsse nun nicht wenig überrascht gewesen sein, als Florentin seine Drohung wahrzumachen schien und er die beiden am Schalter stehen sah, habe sich aber nichts merken lassen und allein seinen Platz aufgesucht. Auch habe er es verschmäht, etwa nachzuspähen, wohin die beiden eingestiegen seien, und so habe Florentin den wie absichtlich Wegschauenden durch das Fenster zum letztenmal im Leben gesehen. 49 »So schloß,« sagte Florentin, »meine Zürcher Zeit ab, in der sich alle Sehnsucht meiner Knabenseele nach Freiheit und Betätigung erfüllte, aller Sturm und Unband meiner zwanzig Jahre wie in einem ungeheuren Knall entlud und in deren Gedächtnis noch heute für mich dieser ganze Zauber: Jugend eingeschlossen erscheint. Wie ein Traum war der Wirbel jener Erlebnisse über mich hereingebrochen, und wenn ich mich heute frage, wie ich in sie hineingeraten, weiß ich es kaum; und wie aus einem Traum wurde ich aus ihnen wieder herausgerissen, und weiß ebensowenig, wie. Und schien, auf einen Moment, wieder in die ebene Bahn bürgerlicher Regelmäßigkeit gezwängt, ohne zu wissen, wie, und verließ sie wieder, ohne zu wissen, warum und wohin. Und hatte meinen Vater plötzlich wiedergefunden und hatte ihn plötzlich wieder verloren, und wußte auch darin keine Schuld, keine Wahl, keine Absicht, nur ein unentrinnbares Schicksal, das ich zu tragen hatte, so gut und so anständig, als ich eben konnte.« Dieses letzte sagte Florentin wie monologisch vor sich hin, ganz in sich versunken, fast als hätte er seiner Zuhörer vergessen; so schwer ihm anfangs das Sprechen geworden war, so daß es ihm nur stockend und widerwillig von der Zunge zu gehen schien, so warm und frei hatte er sich allmählich geredet, und seine Stimme klang ganz hell und manchmal fast wie eine Fanfare in die Nacht hinaus, manchmal allerdings auch, wie sehr er dagegen ankämpfte, melancholisch und von Schwermut durchzittert, wenn die Macht der Erinnerungen ihm allzu stark, nahe und lebendig wurde. So mußte es wohl auch in diesem Augenblick sein, denn es glich beinahe einem Erwachen, als er sich unterbrach, eine Pause machte und, indem er sich mit der Hand über die Stirne strich und einen verlorenen Blick auf die Anwesenden warf, sagte: »Verzeiht mir, nun bin ich ganz wieder in mich hineingeraten. Und es ist wohl auch das beste, wenn ich jetzt aufhöre. Ich hatte völlig an die Zeit vergessen, und ich fürchte, es ist über alle Gebühr spät geworden.« Aber da traf 50 ihn – zu seinem Schreck – aus Sibyls Auge, das voll Tränen hing, ein so schmerzlicher und flehentlicher Blick, und Frau Blanche, die den Blick des jungen Mädchens aufgefangen hatte, sagte, auch sie mit einem merkwürdig erregten Zittern in der eindringlichen Stimme: »Nein, Florentin, jetzt darfst du nicht aufhören. Schon des Kindes wegen nicht. Es würde uns das nie verzeihen.« Und Otto setzte hinzu: »Was willst du denn? Du erzählst ja ausgezeichnet? Erzählt er nicht ausgezeichnet? Ich habe es gar nicht bemerkt, daß es so spät geworden ist.« Und Frau Blanche beruhigte: »Aus der späten Stunde brauchst du dir gar nichts zu machen. Wir sind alle Nachtmenschen, die bei Nacht erst auftauen. Und wenn Sibyl so gut ist, die Mädchen zu Bett zu schicken, können wir ruhig hier bis zum Morgen sitzenbleiben und werden dir nur dankbar sein für die schöne Nacht.« Worauf Sibyl sich eilends erhob: »Ich bin gleich wieder da. Aber so lange müßt ihr warten. Nicht wahr, Onkel Florentin, früher fängst du nicht wieder an?« Da konnte er nicht nein sagen und versprach es ihr feierlich. Während Sibyl noch draußen war, sagte Otto: »Merkwürdig. Ich kannte doch die ganze Sache: aber das von Vaters Reise habe ich heute zum erstenmal gehört. Er hat nie davon, auch nur mit einer Silbe, gesprochen. Er hat sich dessen wohl geschämt. Schau, schau, wer hätte ihm das auch zugetraut! Unser alter Herr mitten unter den wildesten Revolutionären muß sich auch großartig ausgenommen haben.« Florentin wurde ganz ernst. »Großartig und rührend zugleich. Und dabei selbstverständlich. Leicht und einfach und gütig und fast möchte ich sagen, heiter. Ich weiß nicht, ob er sich nachträglich dessen geschämt hat, aber damals wirkte es nicht so. Gewiß drückten ihn Sorgen und Angst und Schmerz um den Sohn, und doch war es, als ob in dieser Umgebung alle Schwere von ihm abgefallen wäre und irgend etwas wieder auflebte, das ganz versteckt und vergraben unter aller Bürgerlichkeit doch in ihm war und seiner Auferstehung wartete. Und die Jugend stand 51 seinen weißen Haaren so schön, daß dieser eine Moment seines Lebens mich wie kein zweiter erschütterte und mich begreifen lehrte, wie sehr mein ganzes Schicksal aus seinem Blute stammt.« Mittlerweile hatte Sibyl wieder Platz genommen und Florentin fuhr fort: »Auf Zürich folgte München. Mein Freund, der Detektiv, half mir noch über die Grenze, indem er zum letzten Male die Künste seines Amtes spielen ließ. Dann trennten wir uns, ich ging nach München, er ins Österreichische, wo er seinen alten Beruf wieder ergriff, ein eifriges Mitglied der Bewegung wurde, der er wertvolle Dienste leistete, und von wo er mir noch Jahre nachher öfters schrieb, Briefe der treuesten Anhänglichkeit und Dankbarkeit.« Und nun schilderte er die Jahre in München, Jahre, die im Hochflug der Begeisterung begonnen und in Enttäuschung und Einsamkeit geendet hatten: wie er sich sofort nach seiner Ankunft in die Bewegung gestürzt, ihr alle seine Arbeiten, seine Kräfte zur Verfügung gestellt, alte Parteifreunde aufgesucht und die Gründung einer Zeitschrift betrieben hätte. Diese kam schließlich nach einer mühsamen, oft tief beschämenden und demütigenden Vorarbeit, die in Betteln und Werben bestand, in den engsten, drückendsten Verhältnissen zustande und er übernahm die Redaktion, allerdings unter der ständigen Kontrolle und Oberaufsicht vieler kleiner, miteinander hadernder Gruppen. Die Gesichtspunkte waren international: der große internationale Zug, den die Bewegung in Zürich gehabt hatte, fehlte. Es mag wohl an dem unleidlichen Druck der politischen Verhältnisse gelegen haben: die Bewegung bekam hier einen Zug ins Sektiererische, einen Beigeschmack von Fanatismus, und das proletarische Element überwog nicht bloß in der Zahl, sondern bestimmte Richtung, Umfang und Ziel der Bewegung, gab den Tenor der Diskussionen an und hemmte jede Entfaltung der Ideen ins Weite und Freie. Die Leser des Blattes weigerten sich, selbst zu denken, sondern verlangten, ihre Meinung vorgekäut zu erhalten und nur das zu lesen, was sie selbst schon hundertmal 52 denken gelernt hatten. Man wollte Dogmen: der Wert einer Diskussion, das Entstehen einer selbständigen Anschauung aus dem Gegeneinanderstellen verschiedener Anschauungen über eine Sache war ihnen nicht beizubringen. »Was heißt das? In dieser Nummer liest man es so: in der vorigen stand das Gegenteil. Also was soll man glauben? Das verwirrt ja bloß«, rief man ihm entgegen. Gegen solche Einwürfe war er wehrlos: wie sollte er diesen Menschen auseinandersetzen, daß es in diesen Dingen keine Wahrheit, sondern nur einen Weg zur Wahrheit gäbe, daß Freiheit kein genau ausgearbeitetes System mit festgelegten Statuten, sondern ungehemmtes, allseitiges organisches Werden und Wachsen sei und im menschlichen Denken beginne? Dazu kam das Mißtrauen gegen den Nichtproletarier, den Kopfarbeiter. Bei der Knappheit der Geldmittel mußte er alles selbst machen: er arbeitete Tag und Nacht, schrieb das ganze Blatt allein, übersetzte, las die Korrekturen, stellte sich im Notfall an den Setzkasten, falzte die Seiten, schrieb die Adressen, versandte die Blätter und scheute sich nicht, einzelne Nummern selbst auszutragen und zu verteilen, besonders wenn, was regelmäßig der Fall war, die behördliche Konfiskation des Blattes bevorstand. Das alles nützte nicht: das Mißtrauen blieb. Er spürte es von allen Seiten. Unausgesprochen, solange sie ihn noch brauchten, aber unverkennbar und so, daß es ihn selbst mißtrauisch machte, wortkarg, unsicher und einsam. Die einzige, die zu ihm stand, war eine junge Tirolerin, Lina Merkt, die er aus Zürich kannte, ein bildschönes, baumstarkes, kerngesundes, gescheites Mädel, das ihm bei der Arbeit half und mit dem ihn eine herzliche Freundschaft verband. Im übrigen war sie mit einem noch in Zürich lebenden Schriftsetzer, der ihr demnächst nachkommen sollte, versprochen. Da war besonders einer, erzählte Florentin, der immer gegen ihn hetzte und schürte, ein kleiner, rothaariger Berliner, ihm ins Gesicht unterwürfig und kriechend, aber voll Tücke und Stänkerei hinter seinem Rücken her; übrigens ein dummer Kerl und 53 verbohrter Doktrinär und Utopist, der an jedes Wort jedes Zeitungsartikels, wenn es nur in einem Parteiblatt stand, wie ans Evangelium glaubte. Der hatte nun, wie Florentin von der Lina erfuhr, schon längere Zeit um sie herumscherwenzelt, sich eines Tages Mut gefaßt, sie, als er sie allein vermutete, auf der Redaktion aufgesucht und ihr ohne alle Präliminarien, feierlichst, im schönsten Broschürenjargon gesagt: »Genossin, ich fordere Sie auf, mit mir zwecks Ausübung freier Liebesgemeinschaft in nähere Beziehung zu treten.« Darauf hatte das resolute Mädchen geantwortet: »Danke schön, ich bin schon versorgt.« »Aha! Ich weiß Bescheid«, rief der Berliner wütend und zog ab. Natürlich hatte er Florentin im Verdacht, gegen den sich seine Wut von da ab nur noch steigerte. Bald darauf kam es zum Klappen. Die nächste Nummer der Zeitung war nämlich wieder einmal konfisziert worden und zwar diesmal mit dem Vermerk, wenn das Blatt seine Richtung nicht vollständig ändere, würde sein Erscheinen endgültig untersagt werden. Natürlich sagte Florentin in der sofort einberufenen Sitzung der Redaktions- und Aufsichtsgruppe, er denke nicht daran, die Richtung des Blattes zu ändern; allenfalls die Art der Versendung, die noch vorsichtiger werden müßte, und allerschlimmstenfalls den Titel; andere meinten, man müsse doch den Verhältnissen Rechnung tragen, den Ton mäßigen und die Gesinnung hinter mehr wirtschaftlichen und gewerkschaftlichen Angelegenheiten verstecken. Florentin sträubte sich gegen die Gesinnungslüge. Darauf stand plötzlich der Berliner auf und sagte grob, der Bourgeois habe leicht reden, das Blatt werde mit den sauer ersparten Proletariergroschen gemacht und sei Proletariereigentum, Florentin sei bezahlter Redakteur, der schreiben müsse, was man ihm sage, und die Richtung ginge ihn nichts an. Florentin erwiderte, das Blatt sei bisher überhaupt ohne Groschen gemacht worden, und er sei zwar Redakteur, aber kein bezahlter, und wenn ihn die Richtung nichts anginge, wisse er nicht, was er 54 in der Redaktion zu tun hätte. Darauf schrie der Berliner: »Als Bourgeois entweder dem Proletariat ein Blatt oder den Proletariern eine Braut wegschnappen. Wahrscheinlich beides.« Darauf zu antworten war unter Florentins Würde. Er nagte seine Lippen, warf einen Blick auf die Versammlung, die, um ihr Blatt besorgt, schweigend den pöbelhaften Angriff mitangehört hatte, und verließ den Raum und damit für immer Redaktion und Partei und jede Art von politischer Bewegung, die, so freiheitlich sie sich auch gebärdet, sich mit Freiheit nicht vertragen kann, und bald darauf, enttäuscht, verekelt, isoliert, die Stadt, in der sich auch das Freiheitlichste nicht vor der Ansteckung des Philisteriums schützen kann. Gott sei Dank! Jetzt war er wieder frei und konnte neu anfangen. Konnte endlich diesen immer noch nicht gestillten Heißhunger nach Leben, Schönheit, Kultur in vollen Zügen befriedigen, die unendliche Welt, das Leben, das unendliche, in sich einströmen lassen, einsaugen, einschlürfen, mit allen Kräften, allen Sinnen, allen Nerven, nicht bloß verstehen und begreifen und drüberstehen, nein, darin untertauchen, versinken, untergehen und wieder emportauchen und es besitzen. Und damals ging er nach Paris. Und nun schilderte Florentin, noch in der Erinnerung heiß bei dem Gedanken an die geliebte Stadt, die Passion seines Aufenthaltes so, daß sich die Geschichte seines zweijährigen Ringens um ihre Seele wie eine Liebesgeschichte anhörte: das Glück der Ankunft, und wie er sich auf den ersten Blick in sie verliebte, toll, rasend, unrettbar, besessen, und den ersten Gang vom Straßburger Bahnhof durch den Straßburger und den Sebastopoler Boulevard ins lateinische Viertel, in einem Taumel ohnegleichen, in einer besoffenen Verliebtheit, daß ihm schwindelte, und, in dem möblierten Hause der Madame Valière, in der Rue de la Harpe, gleich am Anfang des Quartier Latin, das schäbige Zimmer mit dem Himmelbett im Alkoven und der bis auf den Boden reichenden 55 Fensterscheibe, den Blick auf beide Boulevards, den Boul' Mich' und den fürstlichen St. Germain, jeder Name eine Bezauberung für sich; und wie er nun Monate hindurch, ohne mit einem Menschen zu sprechen, ohne Geld, Tag und Nacht durch die Straßen rannte, in einem Glück, einer Ekstase ohne Ende, sich an den Straßentafeln, am Gang und Ausdruck der Menschen, an jedem aufgefangenen Gespräch, an der Existenz dieser einzigen Sprache berauschend. Und die Gänge durch den Louvre, und die Stunden vor der Mona Lisa, deren Lächeln ihm das Sinnbild dieser Stadt wurde, und die Diners à prix fixe zu einem Frank fünfzehn, bei Duval, die ihm anfangs königlich dünkten, und die stillen Nachmittage in den Gärten der Tuilerien, von Luxemburg und von Monçeau, nur den Kindern zuschauend, diesen unsäglich vornehmen, stillen, damenhaften, schlankbeinigen, wissenden kleinen Pariser Mädchen; und die späteren Nachmittage vor den Cafés der großen Boulevards, mitten im tosenden Zentrum der Welt; und die Abende in den Theatern, auf den billigsten Plätzen; und immer wieder das Schönste, die Straßen, jede anders und jede besonders schön in ihrer Eigenart. Und dann dies unbegreifliche Wunder der Pariser Frauen und Mädchen. Und wie all dies nur von einem erfüllt zu sein, einen Trieb zu kennen, nur einem Gesetze zu gehorchen schien: Liebe. Und wie die Quintessenz aller kultivierten Eleganz, der Korso im Boulogner Wald, an ihm vorüberflog, daß ihm der Straßenkot an die noch aus der Heimat stammenden Beinkleider spritzte; und wie er den Liebesfrühling der Pariser Landschaft, ein stummer Zeuge, einatmete, hörte, roch, schmeckte, in allen Sinnen miterlebte, nur in einem nicht. Und wie er immer noch und immer nur außen stand und unten stand, wie ein Liebhaber, der hinter dem Vorhang den Schatten der Geliebten mit den Augen verfolgt: anfangs wunschlos glücklich und im bloßen Schauen schon die Erfüllung findend, aber dann vom Verlangen erfaßt, selbst hinter den Vorhang und ins Allerheiligste hineinzudringen, und schließlich von dieser Begierde 56 wie mit Peitschen gehetzt und bis zum Wahnsinn von dem Bewußtsein gequält, immer ein Fremder, immer draußen zu bleiben, bis man es nicht mehr aushält und geht, mit dem phantastisch spielenden Willen: aber einst komme ich wieder und siege. So war sein Pariser Leben verlaufen, völlig einsam, ohne Menschen, und eigentlich ohne Bedürfnis nach Menschen, und er hatte alles Glück und alle Qual der Einsamkeit bis auf die letzte Neige ausgekostet. Und eines Tages hatte er nicht mehr können, psychisch nicht mehr, und das wenige Geld, das er sich in der letzten Zeit souweise mit Stundengeben verdient hatte, war aufgebraucht und neue Verdienstquellen waren nicht mehr aufzutreiben gewesen. Wieder hatte er sich in den Gassen herumgetrieben, aber sie waren ihm stumm geworden: wie wenn man zum letztenmal mit einer Geliebten geht und weiß, daß es das letztemal und aus ist, und man hat sich nichts mehr zu sagen. Hungrig und müde hatte er sich gelaufen und auf einmal hatte ihn das Bedürfnis gepackt, zu sprechen und den Ton einer Stimme zu hören: aber er hatte in der großen Stadt nicht einen Menschen, der ihm nahestand, niemand, mit dem er hätte ein Wort wechseln können. Und auf einmal, er wußte nicht wie, war er vor dem österreichischen Konsulat gestanden und hatte den Doppeladler der Monarchie erblickt. Da war ihm jenes andere Konsulat eingefallen, vor dem er in Zürich gestanden und dessen Wappen schuld gewesen war, daß er jene Stadt verlassen hatte; er hatte bitter gelächelt: von Behörden kam ihm keine Hilfe. Aber plötzlich war ihm eingefallen, von einem Freunde gehört zu haben, der sich in einer ähnlichen Lage durch das Konsulat hatte nach Hause schaffen lassen. »Ich versuch's«, sagte er sich; »was tut's? Wenigstens höre ich Menschen reden.« Und war hinaufgegangen. Böhmisch sprechende, grobe Amtsdiener hatten ihn zurechtgewiesen und in einen großen kahlen Bureauraum geführt, der bereits von einer lärmenden Menge schlecht gekleideter, schlecht riechender Männer und Weiber gefüllt war, und ihn sich rückwärts anzuschließen geheißen. Er hatte 57 stundenlang warten müssen, bis er an die Reihe kam; aber als er die leeren Beamtenvisagen sah, die niederträchtige, wichtigtuerische Art, mit der sie die Wünsche der armen Teufel entgegennahmen, wieder einmal den näselnden, falsch aristokratischen Ton hörte, mit dem sie die Krapüle von oben herab abfertigten, übermannte ihn ein derartiger Ekel, daß er, ohne ein Wort herauszubringen, unbemerkt hinausging und diese Oase deutscher Amtsgrobheit im höflichen Paris verließ. In den Gängen des weitläufigen Gebäudes sich verlaufend, war er, um nach dem Ausgange zu fragen, vor einer Türe stehengeblieben und hatte auf einer angehefteten Visitenkarte die Worte: Dr. Anthropos, Sécrétaire de la société de bienfaisance Austro-Française gelesen. Der seltsame Name hatte ihn berührt, und ohne sich lange zu besinnen, hatte er geklopft und war eingetreten. Ein kleiner, buckliger, jüdisch aussehender Herr stand auf den Fußspitzen vor einem hohen Bücherregal und bemühte sich vergeblich, ein Aktenfaszikel herunterzulangen. Er drehte sich um, sah ihn durchbohrend an und sagte mit einer krähenden Stimme: »Reden Sie nichts! Ich weiß alles. Ich weiß ganz genau, was Sie herführt. Nach Haus wollen Sie. Was denn werden Sie wollen? Vor ein paar Monaten war Ihr Freund da und hat es genau so gemacht. Vielleicht nicht? Die jungen Herren machen Vergnügungsreisen nach Paris, verjubeln ihr Geld, und wir können für die Heimreise sorgen. Übrigens haben Sie recht. Warum nicht? Man ist ja nur einmal jung. Aber jetzt reden Sie nichts, sondern helfen Sie mir lieber! Sie sind groß und ich bin klein, Sie sind jung und ich bin alt, also helfen Sie mir und ich werde Ihnen helfen.« Und ehe Florentin noch ein Wort erwidern konnte, hatte der kleine Mann ihn an den Aktenschrank herangeschoben, ihm das Faszikel gewiesen, das ihm Florentin herunterholte, ihm einen Stuhl an den Tisch gestellt, eine Feder in die Hand gedrückt und sagte: »So, jetzt schreiben Sie. Wer Sie sind und wie Sie heißen und was Sie in Paris getrieben haben 58 und was Sie studiert haben – Sie sind Student, natürlich. Na, sehen Sie, ich weiß alles – und wohin Sie wollen und alles. Zweimal. Deutsch und Französisch.« Und während Florentin schrieb, sah er ihm über die Achsel aufs Papier, und als er seinen Namen las, fragte er sofort: ob er mit dem oder dem verwandt sei, und kannte seinen Vater und alle seine Verwandten persönlich und alle Professoren in Zürich persönlich und alle Bekannten Florentins in München persönlich und trug ihm an alle Grüße auf von dem kleinen Dr. Anthropos. Aber als Florentin fertig war und gehen wollte, sagte der Doktor: »Nein, so schnell geht das nicht. Sie sollen das Billett haben und zwanzig Franken Reisezulage obendrein, aber Sie müssen sich's erst verdienen. Sie fahren nämlich nicht allein; ich habe Ihnen da eine hübsche kleine Reisegesellschaft zusammengestellt, lauter sehr achtbare Leute: da ist ein Kellner aus Leipa in Böhmen, zwei ungarische Sängerinnen aus Mármaros-Szigét, Sie Glücklicher, ein würdiger alter Herr, Leib Arje Kindervater, Handelsmann, ans Sniatyn in Galizien, eine italienische Tagelöhnersfamilie aus San Michele in Südtirol mit einem bildhübschen Mädel von vierzehn Jahren, Maria Concin heißt sie – seien Sie vorsichtig, junger Freund! – und noch so einer, ein ganz verdächtiger, undefinierbarer Kerl, ich glaube, er dürfte Kroate sein oder Dalmatiner oder so etwas und bezeichnet sich als Heizer und kommt aus Marseille. Und Sie dürfen die Personalien der ganzen Blase herausschreiben. Sonst müßte ich das nämlich selbst machen, denn es ist kein anderer da, der alle diese Sprachen kennt und liest, aber da Sie nun einmal da sind, um so besser, brauche ich mich nicht zu plagen.« Dr. Anthropos beherrschte nämlich sämtliche Sprachen der Monarchie, aber es imponierte ihm trotzdem nicht wenig, als sich während des Schreibens herausstellte, daß auch Florentin die meisten ziemlich flüssig sprach und schrieb. »Sehen Sie?« sagte er, »wie geschaffen sind Sie für die ehrenvolle Mission, der Chef dieser Platte zu werden! Sie kennen jetzt alle Geheimnisse der 59 Gesellschaft. Was, glauben Sie, werden die beiden Sängerinnen für Augen machen, wenn Sie ihnen auf den Kopf zusagen, wie alt sie sind?« Als die Arbeit beendigt war, war der betuliche kleine Mann ganz glücklich, dankte ihm und krähte vergnügt zum Abschied: »Seien Sie morgen etwas vor zehn auf der Gare de Strasbourg. Dort bekommen Sie Ihr Billett und die für die anderen. Und bringen Sie mir die Blase gesund über die Grenze! Auch die diversen Weiblichkeiten! Und wenn Sie eine goldene Uhr haben, geben Sie acht darauf! Und wenn Sie nach Hause kommen, erzählen Sie, bitte, nichts, sonst kriege ich noch die ganze Universität auf den Hals.« Und schon stand er auf der Gasse und hatte nur noch einen Abend und eine Nacht und einen Tag, von Paris Abschied zu nehmen. Am nächsten Abend fand sich Florentin rechtzeitig am Bahnhof ein und nahm seine kleine Armee in Augenschein. Es war nun allerdings das letzte Gesindel, das die Monarchie nach Paris ausgeworfen und Paris der Monarchie wieder zurückgeworfen hatte; jeder einzelne von ihnen sah aus, als ob er alle Pfützen und alle Höllen der Welt durchwandert hätte, und die kleine Vierzehnjährige, die übrigens wirklich bildhübsch war, nicht am wenigsten. Und trotzdem war ihm die Gesellschaft recht und fühlte er sich wohl in ihr, so ausgehungert war er nach Menschen. Er empfing die Billetts, und da er anscheinend der einzige war, der fließend Französisch sprach, übernahm er sofort den Verkehr mit den Beamten. Noch mehr imponierte es, als er mit allen in ihren verschiedenen Muttersprachen zu reden vermochte, aber als er vollends jedem einzelnen ganz kurz seinen Namen, Stand und Schicksal, Herkunft und Reiseziel angab, ohne daß sie eine Ahnung hatten, auf welche Weise er zu dieser Wissenschaft gelangt sein könnte, begann sich ein Nimbus von Geheimnis und magischer Gewalt um ihn zu bilden, und er wurde ihnen zu einer völlig mystischen Gestalt, mit unheimlichen Kräften begabt. Natürlich reizte das 60 die Weiber am meisten, die er während der ganzen Reise nicht mehr von der Seite bekommen konnte. Aber auch für die anderen war er nicht bloß, wie selbstverständlich, das anerkannte Haupt der Bande, sondern sie kamen mit jeder Angelegenheit, jeder Frage zu ihm, und es hieß im Kupee, auf allen Stationen ununterbrochen von allen Seiten, in allen Sprachen: »Der Student! Wo ist der Student? Das kann nur der Student!« Ihm machte das natürlich Spaß, und er fühlte sich in seiner Rolle so wohl wie schon lange nicht, trotz Elend und Armut und vierter Klasse und schlechter Gesellschaft: ein so starker Atem von Leben und Aktivität schlug ihm aus diesem Abenteuer entgegen. Und auf einmal, während sie ihm alle ihr Vertrauen entgegenbrachten und der Reihe nach ihre Erlebnisse, ihre Lebensgeschichten, ihre Erfahrungen und Eindrücke, ihre Hoffnungen und Absichten, diesen Haufen von Kleinkram, diesen schmutzigen Haufen von Wünschen und Sorgen, der ihr Leben hieß, ihr armes, einfaches, animalisches Leben vor ihm ausbreiteten, packte ihn wieder dieser Heißhunger nach dem Leben, diese flammende Begier, unterzutauchen, im wirklichen Leben unterzutauchen, nicht als Beobachter, nicht als Begreifer, nicht als Drübersteher, nein wirklich, ganz tief, als ein Stück dieses Lebens: und da fing gerade der kroatische Heizer, ein merkwürdig schöner, großer, breitschultriger, wortkarger Kerl mit verwüstetem Gesichte, von Marseille zu erzählen an, Hafentratsch, Seemannsgarn, rohe unflätige Geschichten, Boxerrenommagen und Kneipenanekdoten, als ihn Florentin unterbrach: »Du, sag' mal, wie komme ich nach Marseille? Ohne Geld, versteht sich.« »Von wo aus?« fragte der Kroat. »Von unserer Grenze natürlich.« »Weil du es bist, helfe ich dir, Student.« »Ich hatte ihm die Frage gestellt,« unterbrach Florentin den Fluß seiner Erzählung, »ohne mir irgend was dabei zu denken, ohne die mindeste Hoffnung auf eine Antwort, aus einer plötzlichen Anwandlung heraus. Um so verwunderter war ich, daß der Mensch sofort einhakte, das lebhafteste Interesse verriet, und, 61 indem er die eine der beiden Ungarinnen mit den Worten: ›Setz' dich weg, Frau, laß mich her zu ihm: kannst nachher weitertatschkeln‹ von meiner Seite zog, sich zu mir setzte und leise und eindringlich begann: ›Also hör' zu, nach Marseille willst du?‹ ›Ja.‹ ›Und Geld hast du keins?‹ ›Nein.‹ ›Auch nicht die zwanzig Francs von dem buckligen Doktor?‹ ›Die hab' ich noch.‹ ›No was willst du, und Billett bis Grenze hast auch?‹ ›Ja, aber weiter?‹ ›Fahrst du einfach durch Schweiz bis Genf und dann nach Lyon, und von Lyon nach Marseille.‹ ›Ich darf nicht durch die Schweiz, ich bin ausgewiesen.‹ ›Ah da schau her – na was schad't das! Geb' ich dir mein' Paß und du gibst mir dein' Paß, in Österreich schaut kein Mensch, und mein Bild paßt auf dich grad so, und in Frankreich schau'n's auch nicht, nur in Deutschland passen's auf wie die Haftelmacher.‹ ›Aber du hörst doch, ich habe nicht Geld genug.‹ ›Bis Grenze hast du und dann muß dir natürlich alter Jude geben bis Marseille, gibst ihm zurück, wann du hast, und wann du nicht hast, laßt du bleiben. Mit dem red' ich, laß mich nur.‹ Und schwupp saß er neben Herrn Kindervater, und den sah ich viele, heftig beteuernde Bewegungen machen, aber der andere gab nicht nach, sondern redete energisch in den alten Juden hinein, und auf einmal machte er mit den Fingern irgendein geheimnisvolles Zeichen, und der alte Herr zog seufzend eine große schmutzige Brieftasche und nahm etwas heraus und schob es ihm heimlich in die Hand, schrieb dann ein paar Worte auf zwei Zettel, der Kroate unterschrieb den einen, den der Jude sorgfältig in die Brieftasche steckte, worauf er sie mit vielen vorsichtigen Blicken nach rechts und links in das Innerste seiner Gewänder versenkte, den zweiten steckte er wiederum heimlich dem anderen zu und schon saß mein Kroate neben mir und ich fühlte, wie er mir ebenfalls heimlich den Geldschein und ein Papier in die Hand schob, mit den Worten: ›Na, siehst du, hat ihn schon. Hat herausrücken müssen, alter Jude, schwer, aber doch; Paß tauschen wir in Bregenz und schaust du 62 nicht früher an, bis ich weg bin, und in Marseille gehst du gleich in die » Taverne de l'étoile du Sud « an der Cannebière und fragst nach dem Père Puyfourcat und alter Schuft sagt dir alles, der weiß schon und hilft dir, und wenn dein Paß kommt, gibt ihn dir, und du gibst ihm meinen, so lang' kannst ihn schon behalten, zu Hause brauche ich Paß nicht. Und red' nicht, ich hab' gern gemacht, weil du mir gefallst. Und jetzt, Fräulein, können's wieder weitertatschkeln mit dem Herrn!‹ Die Reise dauerte noch einige herrlich lustige Tage, denn wir mußten in jeder Station den Zug wechseln, und in Bregenz nahm ich von meiner treuen kleinen Truppe herzlichen, fast zärtlichen Abschied, und ich hörte zum letztenmal den Namen ›der Student‹, den ich wie einen Ehrentitel trug. Mein kroatischer Wohltäter entzog sich gewaltsam jedem Worte des Dankes. Als ich den Paß öffnete, fand ich einen anderen Namen, als den ich in seinem Nationale zu vermerken gehabt hatte, nämlich: il Conte Tito Vojevič, gebürtig auf Schloß Covelo bei Trient, Südtirol, Schiffsheizer.« Zwei Tage darauf stand Florentin in Marseille vor der Taverne des Vaters Puyfourcat, die den Namen »Zum Stern des Südens« führte, und es war ihm, als hätte in einem Zaubermantel ein Gott oder ein Teufel ihn im Fluge hergeführt, so überraschend schnell war alles gekommen: Entschluß, Erfüllung, Reise, Ankunft. Alles war wunderbar gut gegangen: ohne alle Anfechtung war er durch die Schweiz gereist, die er sich allerdings sobald als möglich wieder zu verlassen beeilte; und dann über Lyon durch Südfrankreich ohne Aufenthalt, denn das Geld des Herrn Kindervater reichte gerade zur Bestreitung der Bahnkosten. Die Taverne mit dem pompösen Namen ausfindig zu machen, hatte ihm Mühe bereitet; sie lag ganz versteckt in einer der winkligsten Seitengassen des Hafenviertels, und erst als er einen verlumpten kleinen schwarzen Gassenjungen den Namen des Père Puyfourcat nannte, hatte ihn dieser mit verständnisvollem 63 Augenzwinkern hergeführt. Der »Stern des Südens« war nun allerdings, wie er schon von außen sah und roch, die dreckigste und schäbigste Winkelkneipe der Welt, aber mehr Lärm hätte der grandioseste Vergnügungspalast auch nicht machen können. Er trat durch eine Seitentür in der Torfahrt ein, glaubte in einem Tollhaus zu sein, sah im ersten Augenblick vor Rauch, Dunst, Qualm und Staub gar nichts, im zweiten, in der Mitte des niedrigen dunklen Raumes, ein seltsames Ungeheuer, das, einem indischen Buddha oder einem chinesischen Pagoden ähnlich, unbeweglichen Leibes auf einem kleinen Stühlchen saß und das Lokal aus zwei winzigen Äuglein regierte. Ein Riese mit einem riesigen Kopf, schwarzgrauem langem Haar, dichten, buschigen, herunterhängenden Augenbrauen, einem mächtigen Schnauz- und Knebelbart, dunkler als das Haupthaar, und einem ungeheuren Gesicht mit endlosen Backenflächen, das in allen Farben spielte, rot, blau und gelb: aber alles an ihm wirkte klein neben dem Bauch. Etwas Ähnliches wie diesen Bauch, diese Tonne von einem Bauch, gab es in der Welt nicht mehr. Dieser Bauch war Vater Puyfourcat. Er trug ihn mit einer bewußten zärtlichen Würde, wie man ein köstliches Kleinod trägt. Dieser Bauch gab dem ganzen Lokal sein natürliches Zentrum, und es schien sich ihm anzupassen, nachzurunden, gewissermaßen selbst eine Kugelform anzunehmen; und so das unsagbar lärmende Gedröhn, wie ein Resonanzkasten, noch zu verstärken. Am lautesten aber dröhnte der Vater Puyfourcat selbst. Und dieser Lärm stand in einem ebenso grotesken Gegensatz zur Unbeweglichkeit seines Körpers, wie der buschige Ernst seiner Augenbrauen zur hellen, schmetternden Lustigkeit seiner Stimme. « Aribert, un boc pour m'ssieu! » rief er dem weißbeschürzten Kellner, als er Florentins ansichtig wurde; »das Kind verlangt nach Milch!« und die Taverne bog sich vor Lachen über den Witz. Das Ensemble, der Rauch, der Knoblauchgestank, der Lärm, die Lächerlichkeit des grotesken Eindrucks, die überraschende 64 Frechheit der Begrüßung, das alles verschlug Florentin die Rede; und der ehrwürdige Vater fuhr fort: »Das Kind kann, scheint's, noch nicht reden, aber trinken will es schon!« Die Taverne johlte. »Aber bitte, reine Kuhmilch!« erwiderte Florentin, »die der Ochse noch nicht verpantscht hat.« Die Taverne wurde still. »Bravo, mein Kind«, fing der Greis wieder an. »Du hast ja schon reden gelernt. Was willst du?« Die Taverne dröhnte. »Aber noch nicht mit dem Maul, wie Sie, Papa, nur mit der Faust«, replizierte Florentin und hatte sich bei der Taverne rehabilitiert. »Und womit kann ich Ihnen dienen, mein Herr?« sagte Vater Puyfourcat, plötzlich ganz höflich geworden. »Da! Lesen Sie!« erwiderte Florentin und reichte ihm den Paß. »Aber nur, wenn Sie Geschriebenes besser lesen können, als die Gesichter Ihrer Gäste. Sonst hat's keinen Zweck.« Der Wirt warf einen Blick auf das Dokument und wurde sofort ernst. Er legte den Finger an den Mund, erhob sich, was allerdings mit ungeheuren Kraftanstrengungen verbunden und nur mit Ariberts Hilfe möglich war, und winkte ihm. Darauf rollte das Faß langsam und majestätisch in einen Nebenraum, der leer stand. »Rede nichts, mein Junge, ich bin unterrichtet«, begann der Alte und flüsterte, so gut er es konnte. »Jedes Wort ist überflüssig. Du hast nichts zu tun, als dich jeden Tag, so elegant angezogen als nur möglich, eine Stunde in der besten Gesellschaft von Marseille zu zeigen. Die Adressen bekommst du von mir. Zu welcher Stunde, ist deine Sache. Was du dort redest, auch. Am besten so wenig wie möglich. Unter welchem Namen du dich vorstellst, ist gleich. Wenn sie dich für den Grafen Vojevič halten, ist es gut, wenn nicht, ebenso. Gelegentlich stelle dich mit diesem Paß auf deinem Konsulat vor. Das Geld, das du zu deiner Equipierung brauchst, holst du dir bei mir. Du brauchst nicht zu sparen. Nur empfiehlt es sich, wenn du herkommst, möglichst 65 schäbig angezogen zu sein. Du verstehst, warum. Auch haben meine Jungen hier die eleganten Leute nicht allzugern, und du könntest Unannehmlichkeiten haben. Das ist alles, sonst kannst du mit deiner Zeit anfangen, was du willst. Nur sprich so wenig wie möglich, auch zu mir. Kluge Leute, wie wir beide, verstehen einander auch ohne Worte. Nicht wahr? Und hier hast du Geld, mein Junge, für den Anfang wird's reichen, und jetzt geh'!« Und Florentin stand wieder auf der Straße und fand, daß das Ganze ein Märchen war, von dem er nicht ein Wort verstand, aber das Märchen machte ihm Spaß, und er ließ sich's zunächst einmal gefallen. Übrigens war es nicht märchenhafter, als alles andere vorher, und daß er überhaupt in Marseille war, und nicht märchenhafter als die tiefe Bläue dieses südlichen Himmels; und die von Gegenwart brausende Schönheit dieser Stadt, mit ihren stolzen, weiten, lichten Straßen, den rauschenden Brunnen und klaren Wasserströmen, die zum Meere ziehen, dem ewigen Frühling und dem unerschöpflichen jauchzenden Leben voll Arbeit, Kraft, Heiterkeit und Bewegung. Und nun begann für Florentin ein seltsames, ihm selbst unverständliches, aber darum aufregendes und in seinen Kontrasten reizvolles Doppelleben. Eine Stunde am Tage gehörte der Mission, die gute Gesellschaft Marseilles zu besuchen, und er opferte sie ihr mit gewissenhaftester Pünktlichkeit, allerdings auch nicht eine Minute mehr. Zu welchen Zwecken, war nicht zu ersehen, und er kümmerte sich auch nicht darum. Die gute Gesellschaft war hier so langweilig, wie überall in der Welt, und die Kreise, in die ihn seine Adressen führten, ein gut Teil langweiliger, denn es waren – wie er bald heraushatte – vorwiegend die diplomatischen. Haltung und Anzug ersetzten Eigenart und Persönlichkeit und das Gespräch hatte die leere Physiognomie der Sprechenden: vorsichtig um das Nichts herum. Die ganze übrige Zeit gehörte ihm. Und er fühlte sich kannibalisch wohl, wenn er die gute Kluft vom Leibe heruntergerissen hatte, in die bequemen, weiten Hosen, 66 die Leinwandbluse geschlüpft war und zum Hafen hinunter konnte. Er bummelte auf dem Korso, auf der Cannebière, auf der Place Royale und immer wieder, Tage und Nächte, am Hafen. Nicht als Beobachter, das hatte er satt, nein, mit den Leuten, unter ihnen, mit Matrosen, Hafenarbeitern, Heizern, Kellnern, Arbeitern, Bettlern, ein Gleicher unter Gleichen, mit ihnen plaudernd, mit ihnen faulenzend, mit ihnen trinkend und spielend. Wie sie lag er Tage lang am Hafen, guckte in den Himmel und ließ sich, wie sie, die Sonne auf die bloße Brust scheinen, sah, wie sie, unermüdlich der Ankunft und der Abfahrt der Schiffe zu, half ihnen manchmal die Boote ans Land ziehen oder verankern oder die Anker lösen, freute sich mit ihnen über das bunte Völkergemisch, über die zahllosen Neger, Malaien, Inder, Japaner und Chinesen, schlenderte und scherzte mit ihnen hinter den Weibern her, lebte wie sie, kleidete sich wie sie, tätowierte sich wie sie, soff nachts mit ihnen in den Schenken und tat, wie sie, am liebsten nichts. Und die wüsten, lauten, lärmend schreienden und gestikulierenden Kerle mochten den schweigsamen, aber freundlichen und stets hilfbereiten Burschen gut leiden. Trotzdem fehlte es nicht an Gelegenheit, die wüstesten und rohesten Dinge zu sehen, zu hören und zu erleben: Tragödien ereigneten sich, kaum ein Tag verging ohne Schlägereien, und er selbst lernte von ihnen sich seiner Haut wehren, zu boxen und für den Notfall das Messer in der Tasche locker zu halten. Aber er wurde stark und gesund dabei und fühlte sein Leben wie nie vorher. Ja, in dieser Zeit fühlte er seinem Leben den Pulsschlag, und je tiefer er herabstieg, um so stärker wuchs in ihm das fromme und bescheidene Innewerden, wie allmählich sein Leben eins wurde mit dem Leben um ihn. Das Glück einer zwiefachen Naivität: der des Volkes und der des Südens überkam ihn und er wurde reflexionslos und zeitlos. Aber nicht wunschlos. Aus Süden und Zeitlosigkeit wuchsen ihm neue Träume und eine neue Sehnsucht. In der Art dieser 67 Menschen und ihrer Existenz war etwas Griechisches, das, ungewollt und ungezwungen, ohne den Umweg über gelehrte Bildung, an die Kulturanfänge dieser Stadt anknüpfte. Bei den Vornamen fing es an, und er freute sich über jeden Kellner, der Aristides, und jeden Barbier, der Miltiades hieß. Dann schien ihm der weiße Glanz dieser Häuser griechisch zu sein, und er sah die ersten Olivenwälder, noch niedrig hier wie Gesträuch, aber schon die schönsten Früchte tragend. Griechisch war die Landschaft und die Stadt; und als er einmal unter einem wundervollen Kastanienbaum, dessen uralten, mächtigen Stamm eine steinerne Rundbank umlief, einen schönen langbärtigen Greis sitzen sah, beide Hände über einem Stock gefaltet, unendlichen Frieden im klaren, ruhigen Greisenauge, als habe er nichts mehr auf der Welt zu tun, als die Erfahrung seines Lebens zu überschauen; auf der anderen Seite des Baumes die Bauernfamilie, den Vater mit bloßer Brust dasitzend und Sonne und Nichtstun genießend, die Mutter das Jüngste an der Brust und zwei splitternackte Kinder mit dem Hunde spielend, war es ihm, als hätte er in dem einen Bilde das Wesen aller hellenischen Freiheit, Sinnlichkeit und Unbekümmertheit beisammen und begriffen, daß es in der ungebrochenen Einheit von Wollen und Tun besteht. Da ihn nun einmal der Gedanke gepackt hatte und nicht mehr ließ, waren es bald nur mehr diese Zeichen des Griechischen und der vergangenen Zeiten überhaupt, die ihn reizten, und allmählich begann alles, was sich von diesem unterschied, ihn zu stören: die Bauten zuerst, und dann die Trachten, und dann die Fabriken und das ganze geschäftige Wesen und Treiben von Handel und Gewerbe, und dann die Menschen, und schließlich war gerade das, um dessenwillen er seine jetzige Daseinsform aufgesucht, geliebt und genossen hatte, Leben und Gegenwart, der Gegenstand seines heftigen Widerwillens und Abscheus geworden. Eine unbändige Lust, seiner Zeit zu entrinnen, hatte sich seiner bemächtigt, und Sehnsucht nach Vergangenheit ihn gepackt und ließ ihn nicht mehr. Nun schien ihm auf einmal die Roheit seiner früheren Freunde 68 und Gefährten am Hafen unerträglich. Auch hatte er an kleinen Zeichen ein ihm unerklärliches Mißtrauen gegen den Fremden bemerkt und begann sich unbehaglich zu fühlen. Gerade um diese Zeit war bei Père Puyfourcat sein Paß aus Österreich, übrigens ohne Brief oder weitere Nachricht für ihn eingetroffen, und er tauschte ihn sofort gegen den des Conte Vojevič ein. In der Nacht darauf fand in der Hafenkneipe, in der er sein Abendbrot verzehrte, eine allgemeine Razzia statt, und er wurde mit allen anderen Anwesenden auf das nächste Polizeibureau gebracht. Dort teilte man ihm mit, daß anonyme Anzeigen gegen ihn eingelaufen seien, er sei mit dem berüchtigten Conte Vojevič, der unter Spionageverdacht stünde, identisch: zum Glück konnte er sich ausweisen, sein Papier wurde genau geprüft, in Ordnung und als ausreichend befunden, und er wurde entlassen, nicht ohne den Vermerk, trotz alledem, künftighin vorsichtig zu sein, man werde ein Auge auf ihn haben. Er hatte genug, die Menschen waren ihm wieder einmal verleidet, und tags darauf reiste er nach Rom, in die Hauptstadt der Vergangenheit. Vater Puyfourcat half auch dabei. In Rom lebte er zwei Jahre in vollkommener Einsamkeit. Er brauchte keinen Menschen mehr, weil sich ihm hier zum Ersatz die ganze Menschheit bot, deren Bild er in diesem zersplitterten Spiegel der Jahrtausende schöner und treuer und so besaß, wie sie damals seiner Seele einzig taugte und erträglich war: verklärt durch die Entfernung der Geschichte, verschönt durch die Entfernung der Kunst, und, um jeden Preis ferne, ferne, ferne, nicht mehr so nahe, daß ihre Luft ihm den Atem benahm. Florentin vermied hier jede Schilderung; diese Erinnerung war ihm zu heilig, sie durch Worte zu entweihen, Worte zu arm, um das Glück und die Schönheit dieser einsamen Wanderungen durch die Zeiten auszudrücken. Er erzählte auch nicht, wie er in Rom gelebt, was und wie er gearbeitet hatte, 69 sondern unterstrich beinahe geflissentlich, wie arm und ohnmächtig er vor dieser Fülle gestanden, und wie er es fast verzagend aufgegeben, Ordnung in sein Chaos zu bringen, und sich nur damit geholfen habe, sich ganz seiner Phantasie zu überlassen und sich von einem Traumleben umspinnen zu lassen, das ihn in losem, regellosem Spiel durch Antike, Mittelalter, Renaissance und Barock, tändelnd fast, hindurchgeleitet habe, und daß er gerade dadurch Reiz und Schönheit der Zeitenferne am stärksten empfinden gelernt habe, wenn auch nie ohne Mitschwingung einer gewissen Wehmut und Melancholie. Und so habe sich in ihm, gleichzeitig mit dem Versinken in entfernte Zeiten, immer eine Sehnsucht wirkend erhalten, die er sich nicht anders denn als Sehnsucht in die Ferne deuten konnte, Sehnsucht in die Ferne überhaupt und wohl auch als Sehnsucht nach räumlicher Ferne insbesondere. Der eines Tages dieselbe rätselhafte Gunst des Geschicks, die ihm in seinem Leben so oft an entscheidenden Augenblicken, ohne daß er recht wußte, wie, die Wendung ins Höhere gebracht hatte, auch diesmal eine seltsame Erfüllung bereitete. Er strich, so erzählte er, um die unerträglich heiße Mittagsstunde eines Junisonntags, ziemlich planlos und ohne ersichtlichen Grund übellaunig, durch den Corso Umberto, als ihm an der Ecke der Piazza Colonna ein Herr begegnete, den er als junger Mensch flüchtig in Wien gekannt und ebenso flüchtig in Paris wiedergesehen hatte, und nach einigen einleitenden Worten unvermittelt die Frage stellte: »Hätten Sie Lust, eine Weltreise zu machen?« »Lust«, antwortete Florentin, »schon, aber kein Geld.« »Gesetzt,« fuhr der andere fort, »Sie hätten auch das Geld, wären Sie bereit und in der Lage, die Reise sofort anzutreten?« »Lieber heute als morgen«, entschloß sich Florentin. »Dann sind wir einig!« sagte, sehr eilig, der Herr, der übrigens Baumann hieß und, wie Florentin sich jetzt erinnerte, zwar nie einen Beruf, aber immer sehr viel zu tun hatte, weil er die Geschäfte seiner sämtlichen Freunde, und das war so ziemlich die ganze Welt, 70 mitbesorgte. »Dann sind wir also einig! Wir übernehmen die Kosten Ihrer Ausrüstung und der ganzen Reise: als Gegenleistung haben Sie nichts zu tun, als sich genau an die vorgeschriebene Reiseroute zu halten und ein Päckchen bereits geschriebener und unterzeichneter Ansichtskarten mitzunehmen, die Sie von den angegebenen Orten expedieren; und überdies ein ziemlich genaues Reisetagebuch zu führen, das ungefähr dem Niveau, Bildungsgrad und gesellschaftlichen Anschauungsumfang eines gebildeten jungen Wieners aus der besten bürgerlichen Gesellschaft entspricht, der, ohne jede künstlerische oder gelehrte Ambition, ein gutes Auge, Mutterwitz und einen hellen, gescheiten, lebhaften Sinn für alles besitzt. Sie erhalten von mir die römische Adresse eines Freundes, an den dieses Tagebuch etwa allmonatlich einmal in einer lesbaren Handschrift zu schicken ist und dessen Eigentum es wird. Ich will Sie, Ihre strengste Diskretion vorausgesetzt, auch über die Vorgeschichte und die Zusammenhänge dieser etwas mysteriös scheinenden Angelegenheit nicht im unklaren lassen. Es handelt sich, wie Sie sofort sehen werden, nicht etwa um ein Verbrechen, in das Sie hereingezogen werden sollen, sondern um eine sehr gewöhnliche Liebesgeschichte. Ein Freund von mir, ein reizender Kerl, der Sohn eines blödsinnig begüterten Wiener Fabrikanten, hat sich über beide Ohren in ein bildschönes, braves, aber armes Mädel verliebt. Der Vater will ihn um jeden Preis von dem Mädchen entfernen, das er für eine Circe hält, aus deren Netzen der reine Jüngling gerettet werden muß, und ohne daß er eine Ahnung davon hat, daß sein Sohn die Geliebte bereits heimlich geheiratet hat, hält er eine Weltreise für das einzige geeignete Mittel zu diesem Zwecke. Der Sohn zieht es vor, das erste Jahr seiner Ehe mit seiner jungen Frau ungestört in Italien zu verbringen, und hat hier ein entzückendes Landhaus gemietet, will aber aus nicht schwer zu erratenden Gründen seinen Vater, von dem er in materieller Abhängigkeit gehalten wird, über die Tatsache seiner Verheiratung zunächst in Unkenntnis und bei dem 71 Wahne lassen, daß er in gehorsamer Ausführung seiner Befehle die gewünschte Weltreise angetreten habe. Zu diesem Zwecke bedarf es der schriftlichen Belege für die Durchführung der Reise, also neben den unerläßlichen Ansichtskarten an die ganze Familie und alle Bekannten, vor allem des Tagebuchs, das in Inhalt und Stil ungefähr dem Horizonte eines gebildeten jungen Wiener Lebemanns angemessen zu führen ist. Ich habe also die Aufgabe, so schnell wie möglich einen Strohmann zu stellen, der nicht bloß Wiener sein soll (die Norddeutschen, wissen Sie, schreiben eben doch ein anderes Deutsch), sondern außerdem noch Bildung, gesellschaftlichen Schliff und nichts anderes zu tun haben muß. In Wien gäbe es das vielleicht, aber so viel Zeit haben wir nicht, und hier in Rom, wo die jungen Wiener entweder Gelehrte, bei denen man sich nicht auf den Schliff, oder Lebemänner, bei denen man sich nicht auf die Bildung verlassen kann, oder überhaupt nur Maler sind, war keiner aufzutreiben, bis mir der Himmel – verzeihen Sie, man wird ganz fromm in dieser Stadt – Sie hergeführt hat. Sie sind unser Mann. Und Sie lasse ich jetzt nicht mehr aus. Zugesagt haben Sie mir und ich hoffe, daß Ihnen nicht nachträglich Skrupel aufgestiegen sind.« Florentin war mit allem einverstanden und die Vorbereitungen ließen sich so schnell erledigen, daß er schon am nächsten Tag in Neapel eintraf, um an Bord der »Prinzessin Alice« jene Reise anzutreten, in der er in seinen vagsten, verwegensten Träumen den einzigen, aber unerreichbaren Ausweg aus Vereinsamung, Menschenflucht und Fernensehnsucht erblickt hatte. Bis zum letzten Moment, bis er die Anker einziehen sah und die Schiffskapelle das alte deutsche Abschiedslied intonieren hörte, wagte er es nicht zu glauben. Fast unheimlich war es ihm und ein Schauder erfaßte ihn vor der Hand, die seiner Geschicke Kette, aus der tiefsten Unbewußtheit seines stummen und schüchternen Willens herauf, fügte, ihm selbst immer wieder unbegreiflich und rätselhaft. 72 »Das Schiff stieß ab«, so schloß Florentin seinen Bericht, »Neapel lag hinter mir und war nicht ein Wunschtraum gewesen, sondern Wirklichkeit, und die Reise begann und war Wirklichkeit. Am vierten Tage waren wir in Port Said. Wir fuhren durch den Suezkanal. Wir landeten in Aden und waren in Arabien. In Colombo sahen wir die Insel Ceylon. Wir fuhren über Penang nach Singapore und betraten den Boden Indiens. Wir sahen die großen Städte Indiens, die neueren und die heiligen, sahen Agra und den Taj Mahal. Wir kamen nach Hongkong und nach Schanghai, wir kamen nach Nagasaki, Hiogo und nach Yokohama. In Japan blieben wir lange. Dann fuhren wir nach San Franzisko und mit Pullmann durch Nordamerika nach New-York. Von New-York über Gibraltar, Algier nach Genua zurück. Das ist alles. Ich habe die Stationen des Fahrplans hergezählt, vielleicht nur, weil mich ihre Namen heute noch berauschen. Ich muß sie mir vorsagen, um zu glauben, daß es Wirklichkeit war. Mehr sagen kann ich nicht: Verlangt nicht von mir, daß ich die Totalität dieses Eindrucks in Einzelheiten und Episoden auflöse. Das hieße mich selbst in kleine Stückchen zerteilen. Auch ist mir, als wäre gerade während dieser Reise gar nichts so Besonderes passiert. Wenigstens nichts, was sich erzählen ließe. Ich habe gewiß nicht mehr erlebt, als sonst und anderswo. Nur besser. Ich habe unter Indern, Chinesen, Japanern gelebt. Natürlich bilde ich mir nicht ein, durch eine solche Reise vom Wesen dieser Völker irgend etwas zu wissen. Nur einen Hauch dieses Wesens habe ich verspüren dürfen, der mich im Vorübergehen gestreift hat und den ich nicht mehr missen möchte aus meinem Leben. Ich verstünde es nicht, wie einer nach solchem Eindruck je wieder ganz unglücklich oder ganz böse oder roh werden könnte: denn er hat Völker erlebt, denen Bescheidenheit, Höflichkeit und Takt nicht bloße Formen und Manieren des Verkehrs, sondern tiefsten Lebensinhalt uralter Kulturen bedeuten. Wenigstens fühle ich, wie ich durch sie bescheidener und 73 stiller geworden bin. Es liegt wohl in meiner Natur: aber ich brauchte sie, daß es sich herauslöse. Ob Menschen sich ändern können, weiß ich nicht: ich glaub's nicht recht, und darum glaube ich auch nicht, daß ich durch sie geändert wurde, sondern daß es mir vorgezeichnet war, so zu werden, und daß ich das und diese Menschen erleben mußte, um so zu werden, wie ich werden mußte. Darum hat es mich zu ihnen gezogen, wie es mich zu den Revolutionären gezogen hat und zum Leben gezogen hat und ins Volk und zur Schönheit und zur Vergangenheit: das Schicksal hat bloß immer ein bißchen nachgeholfen. Wie eigentlich, das weiß ich nicht und verstehe ich nicht und werde ich wohl nie ganz verstehen. Ich weiß ja überhaupt so wenig von mir. Ich weiß nicht einmal, ob ich lustig oder traurig bin. Wenn ich an das Allerschönste denke, das ich erlebt habe, werde ich eigentlich immer wehmütig, und von meiner Reise habe ich nichts mitgebracht als das Gefühl, daß mich die Sehnsucht nach der Liebenswürdigkeit dieser komplizierten und doch so einfachen Völker nie mehr ganz verlassen wird. Das wäre so ziemlich alles, was ich zu erzählen habe.« »Das sieht dir gleich,« sagte Otto, »daß du sonst nichts mitgebracht hast. Was hätte ich zusammengekauft! Natürlich hast du auch kein Geld mitgebracht?« »Nein. Und von Genua bis Wien, von Wien hierher war es nicht mehr schön und nicht ohne Schwierigkeit. Aber auf einmal war es mir so selbstverständlich, herzukommen, daß ich, statt in Genua zu bleiben und was zu beginnen, mit meinem Letzten hergereist bin. Was mich gerade jetzt hergetrieben hat, was ich mir dabei gedacht habe, was ich hier anfangen soll, – das alles weiß ich selber nicht.« »Merkwürdig«, sagte Otto lebhaft. »Da bin ich anders. Ich weiß immer alles. Frage Blanche! Ich habe doch auch tolle Sachen erlebt und große Reisen gemacht, aber da ist immer alles haarscharf, genau so, wie ich mir's ausgedacht habe, verlaufen. Bei 74 mir gibt es keine Überraschungen. Ich weiß immer genau, was ich will. Frag' nur meine Frau. Da haben wir zum Beispiel vergangenen Sonntag eine wunderschöne Tour nach den Langbathseen gemacht – – –« »Lieber Otto«, unterbrach ihn Frau Blanche mit einem sanften Lächeln. »Erzähle ihm das vielleicht ein andermal! Heute ist es doch schon zu spät. Und wir alle werden den Eindruck gerne unverwischt mit uns nehmen wollen.« Grau und rosig kroch der Morgen über den Bergen herauf, als sie einander gute Nacht! sagten und schlafen gingen. 75   4. Es wird wohl nicht gerade das erste Frühlicht gewesen sein, das neugierig in die offenen Fenster des Landhauses hineinguckte, um die säumigen Schläfer aus den Federn zu ziehen. Aber der Herr, der so breit und rosig dalag, ein friedliches Bild behaglichsten Schlafgenusses, dachte noch gar nicht daran, sich von einer vorwitzigen Morgensonne wecken zu lassen. Er schlief viel zu gut und viel zu fest, schnarchte wohl auch ein weniges, und alles an ihm atmete Zufriedenheit und Freude. Zufriedenheit mit der Welt, Zufriedenheit mit dem Leben, Zufriedenheit mit sich selbst und Freude auf ein gutes Frühstück. Die junge Frau lehnte das anmutige Köpfchen auf den aufgestützten Arm, den die herabfallenden Spitzenärmel des Hemdes frei ließen, und blinzelte aus halbgeschlossenen Augen, die der Schlaf geflohen hatte, angenehm müde in den jungen Tag. Ein Lächeln umspielte den Mund und sie war nicht böse über die schlaflose Nacht, denn mehr als die wirre Flucht der Träume liebte sie dieses allmähliche Regewerden ihres halbwachen Bewußtseins und ließ es gerne an lieben Bildern weiterbauen. Und gab es liebere als junge Irrtümer, die ihre Locken schütteln und hinter einem Nichts, hinter Phantomen her die Welt durchjagen? Wie sie das verstand! Wie liebte sie das! Wie gut mußte das sein, den holden Irrtum, wie eine Mutter den Sohn, am wilden Haar fassen und zurechtführen zu können, auf den rechten Weg, zu sich selbst zurecht, zu dem verlorenen und gesuchten Ich zurück, 76 zu dem doch alle Flucht und Jagd der lange Umweg war! Und noch besser mußte es sein, mit dem jungen Irrtum selbst wieder ganz jung zu werden, mit zu irren, mit zu jagen. Denn noch war etwas von dieser Jugend in ihr, sie hatte es mit einemmale gespürt, das von ihrem Leben, von ihrer Klugheit und Bewußtheit noch nicht zugeschüttet war. Oder war es nur Verständnis für die Jugend? Und sie selbst nicht mehr jung genug, mit dem Irrtum zu spielen, ebenso wie der Irrtum – ach! – nicht jung genug war, bloß ihr Sohn zu sein? Sie seufzte und – lächelte. Und ein ganz junges Mädchen schlief fest und tief seinen jungen Schlaf, der zum erstenmal nicht mehr ein Kinderschlaf war. Die Kissen waren feucht von Tränen, und es hatte sich in den Schlaf geweint. Zum ersten Male hatte es in das Leben hineingeschaut und begriff nicht, wie es so wild und böse sein konnte und dabei doch so unheimlich schön; und zum erstenmal hatte es geglaubt, den Tod zu spüren. Und ein grenzenloses Mitleid überkam es und eine unbändige Lust, zu helfen und zu retten; dieses Mannes Leben wie einen jungen Vogel in der kleinen Mädchenhand zu halten, es an seiner Mädchenbrust zu bergen und seinen Herzschlag zu spüren, bis es warm würde wie die Tränen an ihrer Wange. Und war so eingeschlafen. Florentin aber hatte es im Bette nicht geduldet. Er war aufgesprungen und ruhelos die langen Stunden bis zum hellen Tag im Zimmer auf und ab gegangen. Er schämte sich wie noch nie in seinem Leben. Zum erstenmal hatte er von sich geredet, hatte andere in das ängstlich gehütete Innere seines Wesens hineinsehen lassen, hatte alle Hüllen seiner Seele fallen lassen. Nun stand er nackt und bloß da. Und doch hatte er nicht anders können. Plötzlich war es über ihn gekommen, diesen beiden Frauen, gerade diesen, nur diesen, sein Leben hinzuwerfen, sich selbst zu schenken, restlos, ohne Vorbehalt. Ein grenzenloses Vertrauen war über ihn gekommen und der Drang, es zu zeigen; und wie ein 77 Kind, das zur Mutter zurückgefunden hat, empfand er bei ihnen Heimat und Geborgenheit. Nun schämte er sich dessen und lief an den See hinunter, um wieder einmal einsam zu sein, wie er es bisher immer gewesen war. Aber er konnte es nicht mehr. 78   5. Es war heute später als sonst am Vormittag, als Frau Blanche auf die Veranda heraustrat. Der Frühstückstisch war bereits gedeckt, aber noch war niemand da. Es war ihr nicht unwillkommen, diese ersten Augenblicke des wunderschönen Tages allein und in Ruhe schlürfen zu können. Die großen Schiebefenster, von denen der ziemlich weitläufige Raum rings umschlossen wurde, waren sämtlich aufgezogen, und die frische, klare Luft strömte von allen Seiten ein. Sie trat ans Fenster und beugte sich weit hinaus, um den Morgen mit allen Lungen einzuatmen. Vor ihr lagen klar und friedlich, im besonnten Glanze, die reinen Linien der Berge, und ihr wurde ganz still und friedlich zumute. Sie schob sich ihren weiten, bequemen Korbstuhl ans Fenster und ließ sich nieder. Ihre Hände ruhten im Schoße und ihre Blicke hoben sich ruhig und nachdenklich in die Weite. Alle Fragen und Zweifel, mit denen die Nacht und der beginnende Tag sie beängstigt und beunruhigt hatte, schwiegen, und ein gutes Gefühl, daß neben diesem Ruhigwerden in der Natur alles andere klein und nichtig sein müsse, ergriff sie und füllte sie mit Sicherheit und Zuversicht. Da erschien Sibyl in der Türe und suchte mit den Augen. Das volle Licht der Sonne lag auf der weißen Gestalt und zeigte dem ersten Blick der Mutter die Schatten einer einzigen qualvoll schlaflosen Nacht auf den sonst so klaren und reinen Kinderzügen. Frau Blanche erschrak, faßte sich aber sofort und winkte das Kind zu sich. Es näherte sich, fühlte den unendlich 79 liebevollen Blick auf sich ruhen, konnte sich nicht mehr helfen und sank mit einem lauten Aufschluchzen zu ihren Knien nieder, den Kopf in ihrem Schoße bergend und den jungen Körper von Weinen geschüttelt. Die Mutter streichelte bloß das liebe Haar, immer wieder, und fragte nicht. Und auf einmal brach es aus: »Er tut mir so leid. Er tut mir ja so furchtbar leid!« Frau Blanche streichelte sie noch einmal, strich ihr das wirre Haar aus der Stirn und sagte nur: »Weine dich aus, Kind!« Und Sibyl fuhr fort, immer noch schluchzend: »Mutter, so furchtbar leid. Er ist so einsam und traurig. Und ich möchte ihm helfen und weiß nicht, wie.« Frau Blanche zog sie in die Höhe: »Und jetzt, Kind, nicht mehr weinen! Setz' dich zu mir und sei mein kluges Mädel! Nicht weinen mehr! Nimm dich zusammen und nichts dir merken lassen! Schon seinetwegen nicht. Willst du ihn denn noch unglücklicher machen? Nicht wahr, nein, das willst du nicht? Wenn er es wirklich wäre! Aber ich glaube nicht, daß er es ist. Und wenn er es nicht ist, würde er es werden, wenn wir ihn fühlen lassen, daß wir ihn dafür halten. So weit glaube ich ihn schon zu kennen. Seine ganze Unbefangenheit würden wir ihm nehmen und ihn noch scheuer und stummer machen. Habe ich nicht recht, Sibyl? Und das wollen wir doch nicht. Wir wollen doch das Gegenteil. Und wenn wir Frauen etwas können, so muß es doch das sein. Also komm her, Billy, und laß uns recht wie Frauen einmal plaudern. Willst du?« Sibyl hatte zu weinen aufgehört und setzte sich zu ihrer Mutter. Diese nahm ihre Hand und fuhr fort: »Und nun, Billy, sag' mir alles, wenn du kannst. Du hast doch Vertrauen zu mir. Du weißt, ich dränge nie in dich, und wenn ich fühle, daß dir etwas zu sagen schwer wird oder daß du etwas als Geheimnis für dich behalten willst, so lasse ich es dir, denn 80 jeder Mensch hat Dinge in seiner Seele, die er mit Niemandem teilen kann, und Erlebnisse, mit denen er allein fertig werden muß, und bei denen ihm niemand helfen kann, und jeder Mensch, auch ein junges Mädchen, muß Provinzen in seinem Innern haben, die ihm allein gehören und in die nie eines anderen Auge dringen darf, auch das der Mutter nicht. Das habe ich immer gewußt und immer in dir respektiert. Und du hast das auch immer gefühlt, und gerade darum, bilde ich mir ein, hast du immer Vertrauen zu mir gehabt, vielleicht mehr noch als sonst junge Mädchen zu ihren Müttern. Nicht wahr, Billy, so ist es?« Das junge Mädchen sah ihr zärtlich ins Auge und sagte: »Aber, Mama, du bist ja gar keine Mutter. Du bist ja viel zu jung dazu. Du bist eine Freundin, die beste, die ich habe, meine einzige, eine Schwester, nur daß wir uns viel lieber haben als andere Schwestern. Du bist mir eben alles. Und zu dir habe ich mehr Vertrauen als alle anderen Menschen der Welt zu allen anderen Menschen. Weil du nicht bloß viel gescheiter als alle anderen Menschen, sondern auch viel besser bist. Alles verstehst du und dir kann man alles sagen, und dir werde ich auch immer alles sagen, mein ganzes Leben lang, auch wenn du es nicht von mir verlangst.« »Na siehst du«, erwiderte Frau Blanche. »Und so soll es auch bleiben zwischen uns. Wir haben bis jetzt alles geteilt, Bücher und Dinge und Eindrücke, und haben uns gemeinsam über alles Schöne gefreut. Denn alles, was du bis jetzt erlebt hast, war schön und ich glaube, es ist auch ein bißchen mein Verdienst, daß ich alles Häßliche von deinem Leben ferngehalten habe. Das ging, solange sich alle deine Erlebnisse auf Dinge bezogen. Aber jetzt tritt zum erstenmal ein wirklicher, lebendiger Mensch in dein Leben und gestern hast du zum erstenmal ins wirkliche Leben geschaut. Das sieht freilich anders aus als alles, was du bisher erlebt hast, und ich verstehe, wenn es dich zuerst erschreckt hat. Und ich würde es auch verstehen, wenn du darüber auch 81 zu mir nicht sprechen könntest. Und ich bin dir nicht böse, Billy, wenn du schweigst. Wenn du nicht kannst, Billy, brauchst du mir also nicht zu antworten, wenn ich dich frage: Warum hast du geweint?« »Glaub' mir, Mutter,« sagte Sibyl und ihre Stimme zitterte vor Vertrauen und Bedürfnis, restlos aufrichtig und ehrlich zu sein, »nur aus Mitleid. Ich habe nicht einen Augenblick an mich gedacht. Nur an ihn. So leid tat er mir. Und so unglücklich kam er mir vor.« Spiegelklar lag ihre Seele vor dem Auge der Mutter da. »Warum glaubst du, daß er so unglücklich ist?« fragte sie. »Ich glaube es nicht. Männer erleben anders als wir. Sie brauchen diese wilden Schicksale, die uns beim Anhören mehr erschrecken, als sie beim Erleben. Unser Leben ist Warten und Zusehen. Und das ist mit allen Qualen des Wartens, aller Ungeduld und Aufregung und mit dem Gefühl der Ohnmacht verbunden, nicht helfen zu können. Und fast auch mit Neid. Zu ihnen aber gehört diese Wildheit und Buntheit und Mannigfaltigkeit des Geschicks. Sie macht sie ruhig und kraftvoll. Und ich finde so ein Leben wie das Florentins schön. Ich finde auch seine Einsamkeit schön und sein Bewußtsein, daß alles immer so kommen mußte und einen Sinn hat und einer höheren Einheit dient. Wunderschön finde ich das und könnte ihn darum beneiden.« »Ich auch. Ja, beneiden könnte ich ihn auch darum. Und dann doch wieder nicht. Ich weiß es selbst nicht. Dann habe ich bloß Angst um ihn. Ach Mutter, ich weiß, daß er unglücklich ist. Das ist es ja, daß ich dir das eine nicht sagen kann, denn es ist nicht mein Geheimnis, aber ich weiß es, und darum möchte ich ihm so gerne helfen, und kann nicht.« »Sage mir nicht, was du mir nicht sagen darfst,« sagte Frau Blanche und neigte gedankenvoll ihren Kopf, »ich dränge nicht in dich. Aber, was es auch sei, helfen wollen wir ihm und das können wir auch. Dazu sind wir Frauen ja da, daß die 82 Männer in uns das Gegengewicht finden, das sie brauchen zu dem Leben draußen, und daß wir dem Leben draußen, um dessentwillen sie auf der Welt sind, seine Feindseligkeit nehmen und sie es durch uns in seiner Schönheit und seinem höheren Sinne erkennen. Wir brauchen es ihnen gar nicht zu sagen, ja wir dürfen uns gar nichts merken lassen, nur dadurch, daß wir da sind, müssen wir schon so wirken, und dadurch, daß wir gut zu ihnen sind. Und das wollen wir beide sein zu Florentin, nicht wahr, Billy, das wollen wir?« Und Sibyl küßte überströmend ihre Hände und fühlte sich wunderbar getröstet. Da kam auch schon Florentin von seiner Morgenwanderung zurück und begrüßte die Frauen. »Seltsam,« sagte er, als sie ihn nach dem Verlaufe seines Spazierganges fragten, »es ist, als ob man gar nicht fort gewesen wäre. Die Zeit ist zehn Jahre lang stillgestanden in diesem Ort. Immer noch sitzen die Honoratioren beim Hölzelsauer zum Frühschoppen und schimpfen über die Stadtfräcke, und immer noch stehen die jüngeren Leute vor der »Sonne« um den Stögerwirt herum und begrüßen die Vorübergehenden mit Scherzworten, und der dicke Uhrmacherpepi ist immer noch der lauteste und macht die besten Witze, und sie sind immer noch die Burschen und merken es nicht, daß sie zehn Jahre älter sind; und der Schneider Schindlegger humpelt immer noch von Haus zu Haus, und der Dorfphilosoph, der Bäcker Winkler, sitzt immer noch hinter seinem Ladentisch und sucht in uralten Geographiebüchern und Atlanten nach Ländern und Städten, die es vielleicht längst nicht mehr gibt; und immer noch lacht der alte Walcher, der jetzt auch schon ein Siebziger sein muß, hinter jedem Mädel her. Alle haben sie mich gleich wiedererkannt und begrüßt, als wenn ich nie weg gewesen wäre, oder höchstens auf einen Tag nach Hallstatt oder Ischl hinüber. Mir ist es fast selber so: alles steht auf dem gleichem Flecke und alles, was man erlebt hat, wird aus dem 83 Gedächtnis gewischt von dieser unaufhaltbaren Kraft des Weiterrollens und Abspulens eines einfachen Daseins in seiner Selbstverständlichkeiten. Man wird irre an sich und fragt sich: ist nicht jenes Leben das wahre und deines ein Irrtum?« »Florentin,« sagte Frau Blanche ernst, »versündige dich gegen dein Leben nicht! Dazu war es zu schön. Und wenn es ein Irrtum wäre, dieses Irrtums brauchst du dich nicht zu schämen. Frage dich doch erst, ob du jenes Leben leben könntest, auch wenn du es wolltest!« Florentin sah sie dankbar an und schwieg. Denn drinnen im Eßzimmer war bereits Otto Mosers laute Stimme vernehmbar, der ihm entgegenrief: »Was, was? Da seid ihr ja schon alle und habt auf mich mit dem Frühstück gewartet. Das ist lieb von euch.« Und indem er umständlich seine breite Figur am Tische niederließ und mit einem behaglich liebevollen Blick alle und alles, Menschen und Speisen, umfing, fuhr er fort: »Das ist nämlich das einzige, Florentin, was ich nicht kann: mit dem Frühstück warten. Sobald ich es sehe, muß ich anfangen. Nach dem Schlafen muß ich essen. Ich sage euch, es geht nichts über einen gesunden Schlaf. Gottvoll habe ich geschlafen. Ich fühle mich aber auch wie neugeboren. Kräfte fühle ich in mir, ich glaube, ich könnte jetzt zu Fuß auf den Dachstein hinauf. Ich habe direkt Lust dazu.« »So tu's doch, Papa!« rief Sibyl jauchzend. »Wenn auch nicht auf den Dachstein, so komm doch mit uns auf den Sattel! Onkel Florentin geht sicher mit und wird sich freuen.« »Aber ich kann ja nicht«, sagte Otto und schien ernstlich betrübt. »Das ist ja das Malheur. Glaubt mir, es wäre mir gesünder, auf die Berge zu steigen, als das ewige Stillsitzen: mir fehlt die Bewegung; wenn das so weiter geht, werde ich noch so dick und fett wie dein Mr. Puyfourcat oder wie er heißt. Ich habe es Blanche angesehen, sie hat ohnehin dabei immer an mich gedacht. Leugne es nicht, Blanche, du hast dabei an mich gedacht?« 84 »Natürlich, Schatz,« erwiderte Frau Blanche und lachte, »weil ich immer an dich denke.« »Na siehst du?« begnügte sich Otto, geschmeichelt. »Aber ich kann ja nicht. Ich habe ja immer zu tun. Leider habe ich auch heute eine geschäftliche Verabredung unten im Orte.« »Also bei Vesco«, bemerkte Frau Blanche. »Und zur Tarockpartie. Sei ehrlich, Otto, und gestehe! Deine geschäftliche Verabredung heißt Tarockpartie.« »Und ist das keine geschäftliche Verabredung? Ich gewinne ja doch immer. Aber ihr braucht euch dadurch nicht stören zu lassen. Ihr könnt ruhig bis zum Bade auf den Sattel steigen. Willst du mit, Blanche? Wirst du nicht zu müde sein?« »Du hast recht. Ich fühle mich ein bißchen müde. Ich bade heute auch nicht. Und bleibe lieber ruhig am See und erwarte euch.« »Du auch, Mutti?« Sibyl war ganz traurig. »Aber Onkel Florentin kommt doch mit mir. Nicht wahr, du verläßt mich nicht, du willst, Onkel?« »Ob ich will! Wenn du mich nur mitnimmst!« sagte Florentin lustig, voll sachlichster Wanderbegier. »Dann aber schnell!« drängte Sibyl. »Wir haben knapp zwei Stunden Zeit, wenn wir zum Bade zurück sein wollen. Komm, Onkel, laufen wir!« Ein kurzer Abschied und schon eilten beide durch den Garten dem See zu. Otto sah ihnen von der Veranda aus nach. »Schau, wie hübsch!« sagte er. »Sie sehen gut aus. Sie passen so gut zueinander, ich meine, in der Größe.« »Meinst du?« antwortete Frau Blanche zerstreut. »Was meinst du? « »Ich? Nichts« lautete die lakonische Antwort. »Blanche, Blanche!« drohte Otto mit dem Finger. »Wenn du ›nichts‹ sagst, meinst du immer am meisten.« Und zündete sich die geliebte Frühstückszigarre an. 85   6. Florentin und Sibyl hatten den Garten verlassen. Vor der Gartentür, an derselben Stelle, an der er sie gestern früh zum erstenmal erblickt hatte, blieb er stehen und warf einen Blick auf den See, der spiegelblank in der warmen Vormittagsonne vor ihnen lag. »Komm, Onkel«, drängte sie; es war ihr, als müßte sie ihm eine peinliche Erinnerung ersparen. Sie lief auf dem schmalen Uferweg voraus; er folgte ihr und umfing die schlanke, schnellfüßige Figur mit den Augen: unwillkürlich suchte sein Blick die Wassernixe von gestern in dem frischen, hellgekleideten Ding vor sich und freute sich, wie gut ihr auch diese Verwandlung stand. Sie drehte sich um. »Jetzt geht es gleich rechts hinauf,« erklärte sie, »und wir sind im Wald.« Er erinnerte sich genau. »Ich weiß. Glaubst du, ich habe alles vergessen? Jeden Fußsteig kenne ich noch.« »Und nicht einen Menschen werden wir treffen. Du wirst es sehen. Hier geht nie jemand.« »Um so besser. Ich mag die Leute nicht.« »Ich auch nicht«, sagte sie mit dem überzeugten Menschenhaß ihrer sechzehn Jahre. Nach einigen Schritten verließen sie den Uferweg und bogen in einen Seitenpfad ein, der wenige Minuten lang zwischen zwei Gärten bergauf führte. Und dann begann die eigentliche Steigung in langen, schmalen Serpentinen den ziemlich steilen Berg hinan, so daß sie bald hoch über dem westlichen Ende des Sees standen. Sie gingen hintereinander, beide schnell und kräftig ausschreitend, ganz still, ohne ein Wort zu reden, des Waldes und 86 des Steigens froh. Jetzt erst wandten sie sich um und übersahen, in seiner ganzen Ausdehnung, den See, auf dessen dunkelgrüner Fläche die blitzenden Sonnenflecken perlten. Sie sagten kein Wort, sahen es nur einander an den glänzenden Augen an, wie tief sie beide die düstere, einsame Schönheit des Bildes ergriff. Dann stiegen sie weiter. Der Weg wurde immer steiler und schmäler, manchmal nicht breiter, als ein Gemssteig, die Luft merklich dünner und schärfer. Florentin hätte jauchzen mögen, so fröhlich und befreit fühlte er sich. »Du, das ist das Richtige«, sagte er. »Beim Bergsteigen nicht zu sprechen. Es wäre ja auch sonst schöner, aber auf die Berge gehört es nun einmal am wenigsten.« »Das ist merkwürdig,« erwiderte sie, »daß du auch so bist!« »Wie bin ich denn?« »Daß man mit dir nicht zu sprechen braucht. Und was das Schöne daran ist: nicht nur, daß man schweigen kann, wenn man will, man hat auch nicht das unangenehme Gefühl, daß das Sprechen fehlt, daß man eigentlich sprechen müßte . Bei den anderen Leuten denkt man, der hält dich jetzt für dumm, wenn du nicht den Mund aufmachst. Und wenn man sich auch noch so wenig daraus macht, man schämt sich doch vor sich selbst. Vor dir schäme ich mich gar nicht: ich weiß, du verstehst mich auch so. Wozu braucht man da das Reden! Weißt du, Onkel Florentin, du selbst schweigst so natürlich. Es ist so selbstverständlich bei dir. Und das macht einem Mut. Und ich habe das Gefühl, du denkst dir genau dasselbe wie ich. Das Gefühl habe ich sonst nur noch bei Mutter. Sonst bei keinem anderen Menschen.« »Wirklich, Billy, glaubst du das?« »Ja. Gestern schon den ganzen Tag. Und während du erzählt hast. Denk' dir, ich habe mir unterdessen immerfort gedacht, was du eigentlich für schweigsamer, stiller Mensch bist, wenn du auch noch soviel erzählst. Und weißt du, was ich mir noch gedacht habe?« Sie gingen jetzt, so schmal der Weg war, nebeneinander her. 87 »Nun, Billy, was?« »Aber lach' mich nicht aus! Ich habe mir gedacht, daß ich, wenn ich ein Mann wäre, genau dasselbe erlebt und genau so gehandelt hätte wie du, und genau so empfände und dächte wie du. Jetzt lachst du mich aus, weil mir das alles doch eigentlich ganz fremd und fern sein muß und weil doch alles so ungewöhnlich und wild und abenteuerlich war. Aber in dem Moment, da du's erzählt hast, war es mir gar nicht mehr fremd, im Gegenteil, es kam mir vor, als gehörte das alles jetzt auch zu uns und zu unserem Leben und kam mir so vor, als hätte ich es miterlebt. Und heute früh, nach der Nacht, habe ich dasselbe Gefühl noch gehabt. Alles, was du gesagt hast, hätte ich auch sagen wollen. Wie bei Mutter. Darum traue ich mich bei euch beiden zu schweigen. Ihr werdet mich schon verstehen. Und weil ich mit euch beiden schweigen kann, kann ich mit euch beiden auch reden. Aber nur mit euch. Aber schau, jetzt hast du mich gerade gelobt, weil ich beim Bergsteigen zu schweigen verstehe, und jetzt tue ich die ganze Zeit nichts anderes als reden.« »Weißt du, Billy, das ist fast noch netter. Rede nur ruhig weiter!« »Nein, Onkel, jetzt nicht mehr. Vielleicht später wieder.« Und lief wieder voraus und sie stiegen, schweigend, weiter, immer höher. Der Hochwald lichtete sich, wurde dünner; die Bäume, schlanke Kiefern und Fichten, standen spärlicher, wechselten mit niederem Gestrüpp und Gebüsch; der Boden wurde kahl. Der Blick weitete sich, überflog den See, entdeckte andere Seen, umspannte andere Täler, neue Berge. Ganz scharf wehte die Luft, hob die Brust und sauste in den Adern. Sie stieg wie eine Gemse. Er sah, wie sie die Ferse fest aufsetzte, die Beine kräftig hob; und doch schien sie zu schweben: so leicht, mühelos, und, in ihrer konzentrierten Kraft, zierlich wurde ihr die Bewegung. Ein Schritt war wie der andere, gleichmäßig 88 und ruhig. Er dachte an die Mutter. Das Mädchen kletterte, wie jene sprach. So verschieden sie waren, diese herbe, verschlossene Kraft von jener sprudelnd lebendigen, beweglichen Zartheit und Feinheit, so lag doch in beiden dieselbe schwebende Bestimmtheit, in der Körperlichkeit der einen wie in der Geistigkeit der anderen. Und nun suchte er eifrig die Züge und Linien der Mutter in denen der Tochter: in allem, im Gang und im Schritt, in den Bewegungen der Schulter, in der Haltung des Rückens, in Ansatz, Fall und Farbe der Haare und in der Art, wie Arme und Hände am Körper lagen. Alles war ganz anders: und doch fand er die eine in der anderen wieder. Und dieses Wiederfinden machte ihn fröhlich, glücklich und voll Vertrauen. Fast war es ihm, als wäre die Mutter mit und er hätte die ganze Zeit ihre Stimme gehört, die ihnen beiden über das Schweigen weghalf. So merkte er sein eigenes Schweigen nicht und spürte es erst wieder, als sie die Anhöhe erreicht hatten. Sie fühlte im Schreiten seinen Blick auf sich und er tat ihr wohl und beruhigte sie; denn eine maßlose Angst hatte sie überkommen, er könnte sich in seiner Einsamkeit, die ihn für ihr Gefühl wie eine Ahnung von Sterben und Todeslust umgab, verlieren. Sie hatte es nicht gewagt, sich umzublicken, als könnte er mit einemmal weg sein; sie hatte zu ihm gesprochen, um ihn mit Worten ans Leben zu binden; aber dann ging es nicht mehr und die Stimme hatte ihr versagt und sie fand die Worte nicht mehr. Und so hatte sie atemlose Furcht immer höher und höher getrieben; aber mit der Bewegung, die alle ihre Muskeln und Nerven spannte, war Bewußtsein ihrer Kraft und Jugend über sie gekommen und sie hatte ihr Leben gespürt; und die Hoffnung war ihr zurückgekehrt, sie brauche sich nur zwischen ihn und seine Einsamkeit zu werfen. Und da hatte sie auf einmal, bis ins Innerste gewiß, seinen warmen, vollen Blick gefühlt und wußte, daß dieser Blick ihn an sie und ans Leben band, und war nun voller Ruhe und Zuversicht. 89 Und nun waren sie oben, wo, zwischen zwei Bergen eingesattelt, die grüne Bergwiese sich dehnte. Eine verschlossene Hütte stand da und vor der Hütte eine Bank. Sonst nichts als er und sie und die beiden Berge, der eine kleiner mit dem vorgelagerten Steinblock, der wie ein trotzig gereckter Daumen in den Himmel drohte, und die riesigen, graukahlen Felswände des anderen, und der unendlich weite Blick über Berge und Seen. Über dem blitzend hellen Grün hing in strahlendem Glanze die Glocke des Himmels. Und wieder überkam beide die grenzenlose Einsamkeit. Alles schwieg. Kein Vogellaut, keiner Mücke Summen war hörbar. Die beiden setzten sich. Keines von ihnen war eines Wortes mächtig. Sie saßen lange, lange schweigend da. Gesenkten Kopfes, wie in sich versunken, fast zitternd, es könnte das Schweigen das Klopfen ihrer Herzen verraten. Ihn erfaßte ein tiefes Mitleid, dessen tiefsten Grund er selbst nicht begriff: das arme Kind! Kaum wage ich es zu ahnen, was dich quält. Und kann dir nicht helfen. Und sie Mitleid und Angst und die Rätselhaftigkeit des Lebens: warum spricht er nicht? Warum kann er es nicht sagen? Und woran denkt er? Sind seine Gedanken bei mir? Oder sind sie weit weg, immer noch in der tollen Unbegreiflichkeit dieses Lebens, das den Ruhelosen über die Erde peitscht und hetzt? Und kann ich ihm nicht helfen?« Und auf einmal sahen sie beide auf, und er sah in zwei angsterfüllte Augen, aus denen die hellen Tränen liefen, und sie konnte nicht anders, sie packte seine beiden Hände, und die Worte tropften ihr schwer und mühsam von den zitternden Lippen: »Sag' es mir! Sag' es mir doch! Warum du das getan hast? Bitte, sag' es mir!« Was getan? Was meinte sie? Im ersten Augenblick verstand er sie gar nicht. Und dann erst schoß es ihm auf. Sie dachte nämlich immer noch an den vermeintlichen Selbstmord. Daher 90 ihr Mitleid. Er schämte sich der dummen Lüge. Jetzt mußte er es ihr endlich sagen. Da half nichts. Jetzt mußte er sie aufklären. Heraus mit der Wahrheit, und wenn sie für ihn noch so beschämend war! Aber wie anfangen? Es war unmöglich. Sollte er ihr sagen, daß er sich nur ihretwegen ins Wasser geworfen habe, um ihren jungen Wangen das Erröten zu ersparen? Und wenn sie weiter fragt: weil ich ihren jungen Körper nackt gesehen habe? Er sollte das aussprechen: weil ich dich nackt gesehen habe? Das sollte der Dank für ihr Mitleid, für ihr Vertrauen sein? Der erste Mensch, zu dem sie Vertrauen gefaßt hat, sollte der sein, der ihre Seele vergiftet? Das sollte ihr erster Blick ins Leben sein? Nie wieder würde er ihr, sie nie wieder ihm in die Augen sehen können. Nein, er konnte das nicht. Er schwieg und sie fuhr fort, dringender und heftiger: »Willst du es mir nicht sagen? Hast du kein Vertrauen zu mir? Ist es so arg, was dich drückt, daß du es nicht einmal sagen kannst? Oder glaubst du, daß ich noch zu jung bin und dich nicht verstehen werde? Glaub' mir, ich werde dich verstehen. Ich bin ja auch so einsam wie du. Aber warum bist du so einsam? Hat dich denn niemand lieb? Hast du denn niemand gefunden, der dich liebhat? Aber du wirst jemand finden. Du sollst nicht einsam sein. Ich will nicht, daß du einsam bist. Ich will es nicht. Lieber, lieber Florentin, hörst du, ich will nicht, daß du einsam bleiben sollst.« Was war das? Seltsam. Kam wieder die Hand von außen, von oben, die ihm sein Schicksal aus den Händen nahm? Noch hatte er es in der Hand. Noch konnte er mit einem Wort das Band zerreißen, das sich plötzlich um ihn und dieses Kind schlang. Noch konnte er es, und es würde mit einem jähen Aufzucken seiner erschreckten Seele fliehen und ihn auf ewig meiden. Nein, er konnte es nicht mehr. Lieber lügen! Was liegt daran! Lieber sich selbst hinwerfen, dem Schicksal hinwerfen: tu mit mir, 91 Schicksal, was du willst! Was liegt daran? Was liegt daran, was mit einem geschieht? Ist nicht alles Geschehen im Grunde gleichgültig? Was liegt mir an mir! Um dieses Kindes Seelenfrieden handelte es sich jetzt! Nicht um ihn. Und warum sollte er nicht, wie so oft schon, sich von des Lebens Plötzlichkeiten überrumpeln lassen? Wenn es nun doch schon einmal sein Geschick war. Er sah die beiden brennenden Augen mit tausend Fragen gefüllt ganz nahe vor seinem Gesicht und konnte sich nicht anders helfen, küßte sie, küßte die Tränen von dem jungen Gesicht weg. Sibyl schlug beide Arme um seinen Hals. Schweigend gingen sie heim. Als sie vor dem Hause standen, sagte Sibyl: »Sprich du mit Papa! Mutter werde ich es sagen.« »Und was soll ich eigentlich dem Papa sagen, Sibyl?« »Daß wir uns verlobt haben, Onkel Florentin.« 92   7. Bald nach dem Frühstück, als alle, zuletzt Otto Moser, den seine Verabredung in den Ort hinunterrief, das Haus verlassen hatten, ging, allein geblieben, Frau Blanche daran, zunächst im Hauswesen nach dem Rechten zu sehen und dann den köstlichen Vormittag in Ruhe für sich auszunützen. Sie hatte sich schon lange auf diese erste, ihr nicht allzu häufig beschiedene Stunde des Alleinseins gefreut und sich vorgenommen, sie mit einer Reihe kleiner, immer schon geplanter und immer wieder aufgeschobener Lieblingsgeschäfte und -verrichtungen, zu deren Erfüllung sie einer gewissen behaglichen Stimmung des Ungestörtseins bedurfte, auszufüllen. So war es ihr nicht unwillkommen, daß sich gerade heute, nach den Überraschungen und Erregungen der letzten Tage, diese Gelegenheit der Sammlung ergeben hatte und sie sich mit einem Male allein gelassen fand. Es war so schön, sich kurze Zeit wieder einmal in keiner anderen Gesellschaft als in der eigenen zu fühlen, sich auf sich zu besinnen und sich in Ruhe an dem liebgewordenen Hause und hübschen Dingen zu erfreuen. Sie schellte dem Mädchen und hieß es den Frühstückstisch abdecken. Als dieses geschehen war, blieb Kathi, wie zögernd, noch einen Augenblick am Tische stehen und fragte dann: »Glauben die gnädige Frau, daß die jungen Herrschaften noch vor eins zum Essen zurück sein werden?« »Warum, Kathi?« »Weil ich sonst, wenn die gnädige Frau erlauben und noch so viel Zeit ist, gern in den Ort gesprungen wäre und meine neue Bluse vom Putzen geholt hätte. Wo doch jetzt ein junger Herr im Hause 93 ist, möchte man nicht gern immer in der alten herumlaufen.« »Gehen Sie ruhig, Kathi. Warum nicht? Wenn die Zimmer geräumt sind.« »Alles, gnädige Frau. Bis auf das Schlafzimmer des gnädigen Herrn, weil er jetzt erst heraus ist. Und das ist auch gleich fertig.« »Schön, Kathi. Dann habe ich nichts dagegen.« Und weg war die Kathi. Frau Blanche erhob sich und trat, wie alle Vormittage, den Gang durch das Hauswesen an. Das Speisezimmer lag, mit seinen schweren, alten, dunklen Möbeln, in tadelloser Ordnung und Sauberkeit da. Statt des anderswo üblichen Büfettungetüms die glatte, breite Fläche der Anrichte, in deren Fächern und Schüben das blitzblanke Besteck, in gepolsterten Schatullen sorgfältig gereiht, und die stattliche Tischwäsche, in zierlich gefalteten Päckchen mit bunten Bändern verschnürt, sich häufte. Hinter den Scheiben eines schlanken Glasschrankes blitzte das Service aus der königlich preußischen Porzellanmanufaktur, funkelten, in geraden Kolonnen, die Weingläser und Karaffen aus hellrotem böhmischem Glase, venezianische dunkelrote Likörgläser, wiener Sektkelche, mit goldenen Bändern eingelegt, und dunkelgrüne Römer mit eingebrannten Blumen, standen tiefe Obstschalen, bemalte Fruchtteller, jeder anders gezeichnet, schlanke Blumengläser und niedrige Blumenbänke, und dazwischen, mit weißlackiertem Gestänge, Körbchen für Brot, Obst, Salz und Pfeffer. Ein Blick überzeugte die Hausfrau, daß nichts fehlte und alles sauber geputzt und gereinigt war. In der Mitte des Raumes lag über dem quadratisch wuchtigen Tisch, der auf vier mächtigen Beinen ruhte und nur selten benutzt wurde, solange das Wetter den Aufenthalt in der Veranda erlaubte, die schwarzrote Decke in Ordnung gebreitet. Die dunkelrote tiefe Schale darauf stand mit frischen Blumen gefüllt. Die Wände glänzten, von keinem anderen Schmuck geziert, als von der mannshohen Täfelung aus dunkelgebeizter Eiche. Ernst und dunkel lag der Raum da, der sein einziges Licht durch die Türen und Fenster der Veranda empfing. 94 Frau Blanche streifte ihn mit einem Blick, verließ ihn und stieg die Treppen zur Küche hinunter. Aber hier wehrte ihr die Köchin den Eintritt. »Heute müssen die gnädige Frau mich nur machen lassen!« rief sie ihr schon bei der Tür entgegen. »Ich habe, dem neuen jungen Herrn zu Ehren, für heute etwas ganz besonders Extrafeines zum Essen vorgerichtet, womit ich die gnädige Frau überraschen möchte. Also bitte, nicht herschauen, gnädige Frau!« Frau Blanche war es zufrieden: auf die Köchin konnte sie sich verlassen, und sie ließ ihren Ehrgeiz gewähren. Im Erdgeschoß galt ein flüchtiger Besuch dem Arbeitszimmer ihres Mannes. Auch dieses hatte seine Ordnung, wenn es auch nicht ganz ihre Ordnung war. Er liebte es, viele Bücher an den Wänden stehen zu haben, die er zwar nicht las, aber sehr sorgfältig nach Größe und Einbänden ordnete. Immerhin war ihm durch die hohen Bücherregale die Anbringung von Bildern eigener Wahl unmöglich gemacht, und so wirkten die dunkelgrünen Wände schlicht und einfach. Auf dem Schreibtisch lag nicht allzuviel Papierzeug herum, meist unbeschriebenes, das nicht weiter störte und sich unbemerkt in Ordnung halten ließ, und so begnügte sie sich in diesem Zimmer damit, allzu kühne Arrangements von Jagdtrophäen, für die er als Nichtjäger, und von langen Studentenpfeifen, für die er als Zigarrenraucher eine unbegreifliche Vorliebe zeigte, durch frische Blumen zu ersetzen, und da er das als zarte Aufmerksamkeit nahm, ging er über das Verschwinden der Geweihe und Pfeifen stillschweigend hinweg. So war es ihr möglich, durch unmerkliche kleine Eingriffe auch dieses Zimmer so zu halten, daß es sie, im Organismus des ganzen Hauses, nicht als fremdes Element belastete. Heute allerdings fühlte sie auch zu diesen kleinen Retuschen keine rechte Lust und verließ es schnell, wie man eine Pflicht und Anstandsvisite abzukürzen sucht. Im ersten Stockwerk, in Ottos Schlafzimmer, fand sie die Kathi noch, die gerade mit dem Aufräumen fertig geworden war 95 und eben einen Blick auf Otto Mosers Porträt warf, das über dem Bette hing. »Der junge Herr,« sagte sie, »schaut aber dem gnädigen Herrn gar nicht ähnlich. Man möchte gar nicht glauben, daß die Herren Brüder sind.« Frau Blanche überhörte die Bemerkung. »Kathi, wollten Sie nicht in den Ort hinunter?« fragte sie, übrigens nicht unfreundlich. »Ich gehe schon, gnädige Frau. Ich habe ja nur gemeint. Küß' die Hand!« Und lief, so schnell sie konnte, die Treppe hinunter. Im nächsten Augenblick schon hörte man das Haustor gehen und Frau Blanche sah sie durch die kleine Gartentür hinter den Gebüschen des Seeuferweges verschwinden. »Sie sind Brüder«, wiederholte sie. »Zu merkwürdig, wie selten man daran denkt! Nicht einen Zug wüßte ich, in dem sie aneinander erinnern.« Ein halber Blick flog über das Porträt ihres Mannes, das sie auch sonst der indiskreten, knalligen Farbe wegen nicht liebte. Sie ging. Es war etwas Fremdes in der Atmosphäre dieser Herrenschlafstube, das sie heute nicht vertrug. Sie klinkte die Tapetentür in ihr eigenes Schlafzimmer auf und verschloß sie sorgfältig wieder von der anderen Seite. Dann löste sie die emporgeraffte Kretongardine, die das zarte hellblaue Blumenmuster der Tapete ihres Zimmers wiederholte, und ließ sie fallen. Ein fast verlegenes, schämiges Lächeln trat, wie gegen ihren Willen, auf ihre Lippen. Hier war sie in ihrem eigensten Bereich. Die wie immer weit offen stehende breite Flügeltür ließ beide Zimmer wie einen einzigen Raum erscheinen, und harmonisch ging das zarte helle Blau des Schlafzimmers in das matte silbrige Grau des Boudoirs über. Ganz still und abgeschlossen war es hier, gewissermaßen eine kleine Wohnung für sich, die, von den übrigen Gemächern abgetrennt, die ganze westliche Tiefe des Hauses einnahm und nach drei Seiten völlig frei dalag. Das eine der Schlafzimmerfenster sah nach rückwärts auf Wald und Gebirge, das zweite auf die dichten Bäume der benachbarten Gärten; der andere 96 Raum, in dem sich Frau Blanche am liebsten aufhielt, hatte sein Fenster ebenfalls auf die Nachbargärten, hinter denen ein Teil des Sees aufschimmerte, während nach vorn eine Tür auf die Veranda führte und den Blick auf den in seiner ganzen Ausdehnung sich öffnenden See und die dahinterliegende Kette der Berge gab. Hier fühlte sich Blanche ganz bei sich zu Hause. Hier war ihr Allerheiligstes, das kein ungeladener Fuß zu betreten wagte, von dem sich der Lärm der Außenwelt von selbst respektvoll fernzuhalten schien. Dieser Raum war ihr eigenstes Produkt, alles nach ihren Angaben entworfen und ausgeführt, und zwar durch eine besonders glückliche Fügung bis ins kleinste so, daß ihr Geschmack keine Konzessionen und Abstriche zu machen genötigt gewesen war; kein Stück, an dem nicht ihr Herz besonders hing und das nicht seine kleine Geschichte hatte, um die sie allein Bescheid wußte. Hier arbeitete, las und träumte sie am liebsten; trieb ihre kleinen Verrichtungen, genoß die kleine Sammlung ihrer Schätze, spielte auch zuweilen mit ihnen wie ein Kind, und tat auch zuweilen gar nichts, den Blick über See und Berge in die wundervolle Ferne verloren. Im Schlafzimmer hing, über dem Bette, ein einziges Bild, das sie über alles liebte. Das Bildnis einer jungen Frau, von einem heutigen Franzosen, in ganz hellen, leichten Farben. An einem gestürzten Baumstamm, von gebrochenem Sonnenlicht mit gelblich grünen Reflexen überspritzt, lehnt der schlank gebaute Körper einer Weltdame von vollendeter Eleganz, mit auffallend kleinen Händen und Füßen; sie ist blond, von einer durchsichtigen Blässe des Teints, mit großen, blauen, langgeschnittenen Augen, in denen sich ein anderer Blick gefangen zu haben scheint, mit glänzenden Lippen voll weicher Erwartung, die zu zucken scheinen. Das Herz dieser Frau kannte sie wie kein zweites: so nahe, so verwandt, so schwesterlich empfand sie es. Und jedesmal, wenn sie hinsah, strömte aus dem Bilde dieser klugen, zarten, feinen, bewegten und doch vollkommen beherrschten, 97 wissenden und doch noch unerfüllten Frauenseele eine gute Ruhe freundschaftlichen Verstehens über sie. Was sie an dieser Frau immer wieder so vertraut berührte, war diese kluge, kultivierte, schweigsame, förmlich weiche Intelligenz, die so gar nicht nach Männlichkeit schielte, es gar nicht erst darauf anlegte, wie männlich zu wirken, vielmehr ihre Weiblichkeit, ja fast Weibchenhaftigkeit betonte, ohne dadurch etwas von ihrer Überlegenheit einzubüßen. Auch heute blieb Frau Blanche vor dem Bilde stehen und sah es lange, fast zärtlich an; aber merkwürdig: heute versagte der Zauber des Bildes. Das beglückende Gefühl, das sonst aus der reichen Farbenharmonie strömte, in die sich wie in einer höheren Einheit die innere Bewegtheit des Vorwurfs löste, wollte sich nicht recht einstellen. Im Gegenteil: eine Unruhe ging von dem Bilde auf sie über, und sie mußte sich von ihm zur Seite wenden, um sich davon zu befreien. Sie ging in das andere Zimmer, das sogenannte Boudoir, hinüber. Von dem ruhigen, zarten Raum mit seinen milden, weichen Farben erhoffte sie Beruhigung. Er schien größer, als er in Wirklichkeit war, denn er enthielt, wie sie es liebte, nur das Notwendige an Möbeln, und die Mitte war frei gelassen. Nur die Ecken hatte sie zu gemütlichen, kleinen Winkeln ausgebaut, jede anders und jede einer bestimmten Tätigkeit geweiht, die ihr seinen Charakter gab. An der einen Wand die Schreibecke um einen altväterischen Biedermeiersekretär, mit vielen Läden und Schüben, an der anderen das Regal mit wenigen ausgesuchten Büchern, in dem einen Fenster die Staffelei mit dem Stickrahmen und an dem anderen das Lesetischchen mit dem Großvaterstuhl und einer Vitrine, in der sie ihre kleinen Sammlungen ausbreitete. Zwischen den Fenstern der große offene Flügel und das Notenregal. So blieb ihr die Mitte des Raumes von Möbeln unverstellt, ebenso wie die Wände, an denen, an grauen Schnüren symmetrisch verteilt, in Kopfhöhe und dem Auge bequem erreichbar, so daß die oberen Rahmenleisten mit den niedrigen Türkanten eine ruhige, 98 fortlaufende Linie durch beide Zimmer bildeten, einige wenige kleine wundervolle Landschaften eines Hamburger Meisters aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts hingen, die sie merkwürdigerweise in Tiroler Bauern- und Wirtshäusern entdeckt und die ihr Mann für lächerlich kleine Beträge erhandelt hatte. Hier konnte sie nach Herzenslust mit ihren schnellen, schwebenden Schritten auf und ab laufen, wie sie es jedesmal, wenn sie irgend etwas innerlich beschäftigte, zu tun pflegte. Dann ordneten sich ihr die Vorstellungen, und mit ihrer Gabe, Gedankengänge konsequent und unbeirrt bis ans Ende zu denken, zuerst die Situation zu formulieren, sie dann in ihre Ursachen zu verfolgen, dann die Möglichkeiten aufzurollen und zu kombinieren, die Folgen zu berechnen, und schließlich den Entschluß als die letzte resultierende Notwendigkeit zu fassen, gewann sie Klarheit in sich und damit Ruhe und mit der Ruhe die sichere Herrschaft über jede Schwierigkeit. Und wenn die lebhafte kleine Frau von Zeit zu Zeit ihre Wanderung unterbrach und vor einer der stillen Landschaften stehenblieb, in denen die ganze grandiose Ruhe der Natur im kleinsten Rahmen eingefangen schien, wuchs diese Ruhe und Beherrschtheit in ihr in dem Maße, wie die Hemmungen und Störungen durch menschliche Angelegenheiten ihr geringfügiger und gleichgültiger wurden. So versuchte sie es auch heute. Sie lief hin und her, auf und ab, blieb vor den Bildern stehen; die freuten sie wie immer, atmeten Ruhe und friedliche Stille wie immer, aber ihr System verfing nicht recht. Weil sie eigentlich nicht wußte, was sie innerlich beschäftigte. Es war etwas da, dessen sie nicht habhaft werden konnte. Und sie endigte damit, anzunehmen, daß es die Fülle des Vorgehabten war, die sie wie eine Last drückte. Dagegen gab es nur eine Hilfe: anzufangen; sich hineinzustürzen, dann würde mit der Tätigkeit schon die Klarheit kommen. Und zuerst den Rundgang durch die Wohnung zu Ende. Sie durchkreuzte noch einmal den Speisesaal, an dessen 99 anderer Seite Billys Zimmer lagen. Billy hatte sich ihr weißes kleines Himmelreich, bei dem ihren Wünschen die vollste Freiheit gelassen worden war, ganz ähnlich wie die Mutter aufgebaut: auch hier war aus den beiden Zimmern ein einziger Raum geschaffen; auch hier war die Zahl der Möbel auf das Nötigste beschränkt, waren mit den einfachsten Mitteln liebe kleine Winkel hergestellt, gab es keinen anderen Schmuck der Wände, als einige geliebte Bücher und wenige Bilder, gute Reproduktionen sienesischer und kölnischer Heiligen, für deren herbe Innigkeit Sibyl eine besondere und heftige Vorliebe hatte, und über alles war schneeweiße Sauberkeit und Ordnung gebreitet. Frau Blanche sah mit Rührung das schweigsame, unnahbare Kind vor sich, wie es, lautlos fast und unauffällig, zwischen diesen Dingen schaltete, an deren jedem ihr heißes Herz, den Menschen gegenüber spröde und verschlossen, mit einer beharrlichen und treuen Liebe hing. Frau Blanche kannte dieses Herz und diese Liebe, die von keinem Zurück, keiner Furcht und keinem Ende wußte, und auf einmal überkam sie mitten zwischen diesen Dingen, die von Billy erzählten, eine Sehnsucht nach dem Kind und eine unerklärliche Angst um die Abwesende, und es war ihr, als müßte sie sie gerade jetzt vor einem unbekannten Schicksal schützen, vor allem Unbekannten und vor allem Schicksal, das in den einsam abgeschlossenen Frieden dieses kleinen Raumes hereinbrechen könnte; und gleichzeitig auch ein Gefühl der Ohnmacht, das bestimmte Gefühl, als wäre dieses Schicksal unabwendbar auch für die ausgebreiteten Arme einer Mutter. Ein Schatten glitt über die weiße Helligkeit, wie ein grauer Schleier breitete es sich über den Raum, den sie, bis zu Tränen traurig, verließ. Unfreien Fußes und innerlich gehemmt und bedrückt, ging sie die Stiege ins obere Stockwerk hinauf, in dem neben den Bodenräumen das als Fremdenzimmer benützte Giebelstübchen lag. Sie spürte eine ungewohnte Schwere in den Gliedern und Druck an der Schläfe. Wo die Treppe wendete, stand das Fenster offen 100 und zeigte den weiten Ausblick über den See und das ganze grüne Tal zwischen den hohen Bergen. Ruhig lag es in der Mittagsonne da und atmete nicht. Sie stand einen Augenblick, suchte Luft und sah hinaus. Aber die übergroße Helligkeit schmerzte sie, die Ruhe sprach zu ihr nicht. Sie wandte sich und stieg weiter. Sie öffnete die Tür in das Mansardenstübchen, das man Florentin eingeräumt hatte, hausmütterlich besorgt, ob er auch alles in Ordnung habe. Es war, in seiner bauernhaften Einfachheit, peinlich nett und sauber gehalten. Bett und Nachttisch, Waschtisch, zwischen den schrägen, mit weißen Gardinen verhängten Fensterchen ein kleiner Schreibtisch mit Aufsatz, ein Schrank, eine Kommode, das war alles, was es enthielt. Sie konnte sich nicht enthalten, in Schrank und Kommode zu gucken. Da hing der Lodenmantel und der alte Anzug, in dem er gekommen war, in der Kommode lagen die paar Wäschestücke, die er am ersten Tage unten im Ort gekauft hatte. Der arme Junge besaß nichts, als was er am Leibe hatte. Sonst nichts. Nicht der kleinste Gegenstand gehörte ihm. Doch. Auf dem Schreibtisch, in einem holzgeschnitzten Rahmen, den er vorgefunden hatte, stand eine Art Ansichtskarte. Sie sah hin und war betroffen. Es war ein japanischer Farbenholzschnitt, aus der Schule des Suzuki Harunobu, und zeigte das Bild eines jungen Teemädchens von wunderbarer, fast unirdischer Schönheit und einem geheimnisvoll vibrierenden Leben in aller regungslosen Starrheit und scheinbaren Ausdruckslosigkeit. Das also war Florentins ganzer Besitz, die ganze Ausbeute von zehn Jahren der Wanderschaft und Weltreise. Und sie verstand den Flüchtigen, Unsteten, Unbehausten, den sein Leben, ohne Sinn für Wirklichkeit und Besitz, hinter einer nie gesehenen Schönheit her hetzte, der es ahnungslos in die Hände eines unbekannten Schicksals legte, und sie verstand dieses Schicksal, und es trug für sie auf einmal die starre, grausame, ungerührte und doch unsäglich schöne Maske dieses kleinen japanischen Teemädchens. Und nun ging dieser Fremde, dieser weltfremde 101 Träumer und mit ihm ihr Mädel, ihr Kind, ihre Billy, da oben in den Bergen, wie zwei hilflose Kinder, und um sie her das geheimnisvolle Schicksal dieses Mannes. Und auf einmal sah sie, in jäh erschreckten Gedanken, die beiden miteinander Hand in Hand ins Unbekannte wandern, und eine nie gefühlte Unruhe, ihr selbst unverständlich, erfaßte sie. Mit einem Ruck streifte sie den Gedanken von sich, als sie die Treppe wieder herabstieg. »Dieser Mensch ist lauter,« – sagte sie sich – »ein Blick in diese Augen, die nicht lügen können, genügt; und Billy ist ein Kind. Ein stolzes; ahnungsloses, unberührtes und unberührbares Kind. Zwei reine Menschen, die kein Vertrauen mißbrauchen können. Das ist ausgeschlossen. Und was sollte ihnen sonst für Gefahr drohen? Er ist stark, ruhig, verläßlich. Wem könnte man das Kind ruhiger anvertrauen? Er wird es schützen. Und wovor? Lächerlich. Was sind das für lächerliche Grillen? Die verfliegen werden, sobald ich zu arbeiten anfange. Ich werde doch diesen goldenen Vormittag nicht ungenützt vorübergehen lassen.« Und wie ein kühlender Balsam lag der Entschluß, sich in Tätigkeit zu neutralisieren, auf ihren noch fliegenden, aber sich langsam bereits glättenden Nerven, als sie ihren geliebten Wohnraum wieder betrat. Es war so gut, wollen zu können. Noch einmal ruhigeren Schrittes auf und ab gehend, baute sie sich ihren kleinen Plan. Dabei blieb ihr Blick auf den Tiroler Bergen, die der Meister, mit seinem Gott allein, in seinen Landschaften mit fromm versenkter Liebe nachgepinselt hatte, hängen: aber seltsam! es war nicht wie sonst, daß die Einsamkeit dieser Bilder ihr einen stillen Frieden ins Gemüt strömte; unwillkürlich belebte sich ihr die menschenleere Natur und es war ihr, als sähe sie, ganz hoch oben, zwei Menschenkinder durch den Frühschnee steigen, als sähe sie, hinter denselben beiden, das aufsteigende Gewitter sich drohend zusammenballen, und zwischen den Beeten des Meraner Blumengartens sah sie sie wieder Hand in Hand durch die jauchzende 102 rote und blaue Pracht wandeln. Unwillkürlich zog es sie ans Fenster, an jenes, das, nach rückwärts gelegen, den Blick aufs Gebirge gab. Einsam und menschenleer lag es da, die beiden Berge, der eine kleiner mit dem vorgelagerten Steinblock, der wie ein trotzig gereckter Daumen in den Himmel drohte, und die riesigen graukahlen Felswände des anderen, und zwischen den beiden Bergen eingesattelt, die hellgrüne Bergwiese. Aber weit und breit war kein Mensch zu sehen. Sie trat an ihren Sekretär, ließ die Platte herunter, rückte sich ein Stühlchen davor und das Schreibzeug zurecht und schrieb, ohne lange zu überlegen, in einem herunter, folgenden Brief: »Liebe Sylvia! Das ist das Nette zwischen uns beiden, daß ich Dir nicht erst weitläufig zu erklären brauche, warum ich Deinen letzten so furchtbar inhaltsvollen Brief nicht schon längst beantwortete, und warum ich es heute tue: heute, wenn sich, hoffentlich, schon lange alle Wunden geschlossen haben und nur eine ganz, ganz kleine Narbe zurückgeblieben ist, die Dich gewiß allerliebst kleidet. Du weißt, ich liebe es nicht, zu trösten, weil ich es nicht liebe, getröstet zu werden, und ich weiß, Du empfindest in diesen Dingen ganz ähnlich wie ich: wir sind, zum Glück, beide Frauen (und sind es mit Bewußtsein) und können mit dem Leben allein fertig werden, und nur die Männer sind so dumm und können das nicht und sind, die Hilflosen, auf unsere Hilfe angewiesen. Darum schreibe ich Dir jetzt erst, weil ich annehme, daß Du mittlerweile Deinen Ausreißer, Deinen armen Heinrich, mit Deinen kleinen Füßchen längst wieder eingeholt und mit Deinen kleinen Fingern längst wieder eingefangen hast, und er gewiß – ach, wie gerne! – wieder in Deinem angenehmen Netze zappelt. Hoffentlich läßt Du ihn die kleine Eskapade in die Freiheit nicht allzu strenge entgelten, wenn Dich auch diese merkwürdige 103 Weltflucht und dieses abenteuerliche, um jeden Preis Verschollen-sein-Wollen den Schlaf einiger einsamer Nächte gekostet hat. Revanchiere Dich! Diese Revanche wird dem Unbegreiflichen keine allzu harte Strafe sein. Das heißt: mir ist er eigentlich gar nicht unbegreiflich. Nur zu gut verstehe ich das. Ich erinnere mich, einmal bei Balzac gelesen zu haben: « Les Allemands ont une chose nommée ‹Weltanschauung›. » Nicht bloß « les Allemands » sondern alle Männer haben sie. Und wir Frauen, die, Gott sei Dank, keine haben, weil wir dazu zu klug und vielleicht auch zu dumm sind, müssen sie ausbaden. Das ist unsere dolorose Mission auf Erden. Wir sind offenbar nur dazu da, das Unheil wieder gutzumachen, das sie mit ihren Weltanschauungen und dem unseligen Drang, sie in Tat umzusetzen, anrichten. Ein gräßliches Männerwort, dieses ›Tat‹. Es kommt auch nie etwas Gescheites dabei heraus. Und es ist unser hübschestes Amt, sie hübsch langsam, ohne daß sie's merken, von der Tat ab zum Werk zu bringen. Aber es dauert lang und braucht viel Geduld und Zärtlichkeit, bis man so einen Mann, wenn er hinter seiner Freiheit her durch die ganze Welt gejagt ist und ramponiert und mit hängenden Flügeln wieder heimkehrt, wieder einigermaßen instand gesetzt und ihm die Flügel zurechtgeputzt hat. Dabei sind es immer noch die besten, denn nur wer sich nach Freiheit sehnt, taugt für unsere Herrschaft, und nur bei denen lohnt es die Mühe, und ich glaube, eigentlich läuft beides auf dasselbe hinaus, und jedenfalls sind sie besser als die, die breit und fett zu Hause sitzen, was sie sich übrigens auch als Weltanschauung anrechnen, nur daß die andere hübscher ist. Aber das Theoretisieren steckt an und ich sehe, ich bin auf einmal hineingeraten und mitten drin und da breche ich lieber ab; weil doch das kleinste Stückchen wirklichen Erlebens tausendmal besser ist. Grüße Deinen Heinrich von mir und auch Deinen lieben Mann und sei selbst gegrüßt und geküßt von Deiner Blanche.«     104 Sie las den Brief und zerriß ihn. Nein, das war nicht das Richtige. Das klang alles nach persönlicher Erfahrung und Beichte. Wenigstens für die kluge Sylvia, die viel zu gut zwischen den Zeilen zu lesen verstand. So nahe durfte man sich auch die intimste Freundin nicht kommen lassen. Die erst recht nicht. Und schließlich, gar so nahe stand sie ihr gar nicht, stand ihr überhaupt keine Frau. Aber Gleichgültiges, Unpersönliches, Nur-Höfliches konnte sie ihr heute nicht schreiben. Heute nicht und überhaupt nicht. So gleichgültig war ihr niemand, den sie einmal ihres Briefes würdigte. Und so wäre, was sie ihr geschrieben hätte, hübsch versteckt freilich und eingekapselt, doch wieder Geständnis geworden. Aber wenn sie schon Geständnisse zu machen hatte, dann doch zuerst sich selbst. Ganz ehrlich, bitte, sich selbst. Gott sei Dank aber gab es keine. Sie gab es also auf für heute. Sylvia mußte schon weiter warten. Sie wollte sich jetzt mit ihren Miniaturen beschäftigen. Diese zarten, kleinen Dinger, die nur mit behutsamen, zärtlichen Fingern angefaßt werden konnten, verlangten Konzentration, und das war es, was ihr not tat. Sie setzte sich in die Fensternische, vor die Vitrine, und überblickte mit dem glücklich-stolzen Gefühl des Besitzers die kleine Sammlung. Es waren nicht mehr als etwa zwanzig Stücke, durchweg Bildnisse schöner Frauen französischen und österreichischen Ursprunges, Rokoko, Empire und Biedermeier. Sie löste die seitlich angebrachten, silberbeschlagenen Verschlüsse, schlug langsam das deckende Glas zurück und lehnte es vorsichtig an die Wand. Sie strich wie kosend über den weichen Samt, in dem ihre Schätze ruhten, und hob das erste der Bildnisse, ein entzückendes Marquisenköpfchen, um den Hals den blutroten Streifen, der das Opfer der großen Revolution kennzeichnete, aus seinem dunkelvioletten Bette. Ein Puppenantlitz, strahlend von Jugend und allem Glück und Glanz des Lebens, von den tausend Nichtigkeiten und Eitelkeiten eines ewig festlichen Heute ausgefüllt, und das von nichts als Liebe 105 und Küssen zu erzählen wußte. Und dann das Zweite: noch edler, noch stolzer, sehr wissend, und hinter einem unnachahmlichen, unnahbaren Ernst ihre Leidenschaften verbergend, und wieder der dunkelrote Blutstreif um den prachtvollen, majestätischen Hals; und dann das Dritte, Typus der » grande amoureuse «, in den halbgeschlossenen Augen den müden Abglanz erlebter Nächte, und um die vom Maler kaum hingewischten, feinen, dünnen, halboffenen Lippen den Ausdruck einer solchen Hingegossenheit, einer so traumseligen Versenkung in Erinnerung und Erwartung, und wiederum das rote Todeszeichen um den blühenden Hals und Nacken; und dann kam, in blau und rosa, ein ganz duftiges, ganz zartes Bild einer weichen, jungen Frau, aus dem alles Glück einer jungen erfüllten Liebe sprang, und auch sie trug, statt jedes Schmuckes, das blutige Halsband ihres Geschickes. Sie lehnte sich zurück. Mehr vertrug sie heute nicht. Sie konnte nicht mehr weiter. Dieses fortwährende Widerspiel von Glück und Schicksal, von Liebe und Tod regte sie zu sehr auf. Es war ihr nicht möglich, mit dem ruhigen Behagen des Sammlers, des Besitzenden, des Genießenden alle diese Schönheit zu schauen, wissend, daß dahinter das Schafott lauerte. Und aus diesem Kontrast wuchs ein zweiter auf: der zwischen der Bewegtheit dieser Frauenschicksale und der Ruhe ihres eigenen Lebens. Sie konnte sich, zum ersten Male, eines leisen Neides nicht erwehren: auf beides, gestand sie sich: auf das Übermaß an Liebe und das große Geschick. Oder war Starkes stark zu erleben, in Liebe und Tod, wirklich nur ein Vorrecht vergangener Zeiten? Und heute nicht mehr möglich? Waren Schicksal und Abenteuer unzeitgemäß? Florentin hatte erlebt. Sie sprang auf und ging erregt durch das Zimmer. Eine dunkle Erinnerung an die trübste Zeit ihres Lebens, an die Zeit ihrer ersten Ehe stieg in ihr auf. Auch sie hatte erlebt. Mehr und Schwereres, als irgend jemand von ihr wußte, als das langsam und mühevoll errungene Gleichgewicht ihres Wesens, als die 106 scheinbar so untrübbare Heiterkeit ihrer Natur irgend jemanden ahnen ließ. Sie hatte Tage in ihrem Leben, die mit so viel Schmach getränkt waren, wie sie noch keine Frau erlitten hat. Sie dachte an jene dunkelste Zeit ihres Lebens, da sie mit Sibyl schwanger war und die ganze Brutalität eines unwürdigen Mannes erdulden mußte, der sie betrog und hinterging und sie zwingen wollte, seinem grenzenlosen Leichtsinn den Sinn und die Hoffnung ihres Daseins, das in ihr werdende Kind, zu opfern. Wenn sie es schließlich fertiggebracht hatte, sich von diesem Manne und ihr Kind von diesem Vater zu befreien und ihr Leben so aufzubauen, daß sie sich jener Leidensjahre nur mehr wie eines dunklen Hintergrundes zu erinnern brauchte, von dem sich alles übrige Geschehen und Erleben um so heller abheben konnte, dann war es ihre Energie und ihre Kunst gewesen, und die Ruhe und Stille dieser Existenz, die äußere und ihre innere, waren ihr nicht bequem in den Schoß gefallen, sondern ihr ureigenstes Werk, wie alles rings um sie; und sie durfte stolz darauf sein. Sie, sie ganz allein war mit dem Leben fertig geworden, und niemand hatte ihr dabei geholfen. Denn jener eine Moment, da sie, in grenzenloser Verlassenheit, vor Hilflosigkeit und Alleinsein fast zusammengebrochen war, nach Menschen schrie, die Hände ausstreckte nach einem Manne, an den sie sich hätte anlehnen können, bereit, jede Hand zu ergreifen, die sich ihr bot, und sie geglaubt hatte, den Einen, den Helfer, den Retter, den Mann in Otto Moser zu finden: wie kurz war er gewesen! Wie rasch der Irrtum verflogen! Und wie bald hatte sie erkannt, daß ihr niemand helfen konnte, als sie selbst! Am wenigsten aber ihr Mann, der bei aller scheinbaren Sicherheit hilfloser war als ein Kind und ihrer mehr bedurfte, als sie seiner, und selbst mehr noch als Billy. Und heute wußte sie, ihrer selber bewußt und in ruhiger Klarheit, daß sie sich nicht bloß selbst helfen konnte, sondern auch anderen. »Ja, auch anderen!« sagte sie. Ein Gefühl der Kraft und 107 Sicherheit durchströmte sie, und sie war ganz fröhlich geworden und es war ihr, als müßte sie jetzt singen vor Fröhlichkeit. Sie setzte sich an den Flügel. Auf dem Notenpult lag die »Winterreise«. Sie schlug ein beliebiges auf, präludierte und begann: »Ein Licht tanzt freundlich vor mir her.« Gesang, ihr die subjektivste aller Künste, war ihre Geheimkunst, und daß sie singen konnte, ein vor allen anderen streng gehütetes Geheimnis. Sie übte es nur, wenn sie sicher war, von keinem Ohr gehört zu werden, darum aber um so herzhafter und ungenierter und von keiner Scham behindert, ihre ganze Seele ausströmen zu lassen. Die kleine, aber geschmeidige und geschulte Stimme klang auch heute ganz hell und fröhlich, anfangs, aber gleich nach den ersten Takten fühlte sie, wie sich ihr, wie nie zuvor, die eigene Stimme entrang und sie entrückte. Sie hörte sich nicht mehr, sondern schwebte irgendwo im Vagen, Nebelhaften. Sie sah, sah den Schatten eines Mannes, der, in schneeigen Wäldern, schwer, scheu, gehetzt, mit ausgestreckten Armen, hinter etwas Weißem, Flackerndem, Tanzendem herstrich, und es war ihr, als sei sie selbst das Weiße, Tanzende. »Ich folg' ihm nach die Kreuz und Quer. Ich folg' ihm gern und seh's ihm an, daß es verlockt den Wandersmann.« Sie fühlte, wie ein unwiderstehlicher Drang sie ergriff, zu spielen und zu locken, unwiderstehlich und doch tief schmerzlich, daß sie es mußte. »Ach, wer wie ich so elend ist,« sang sie und hatte Mitleid mit jenem und Mitleid mit sich, »gibt gern sich hin der bunten List« und erkannte, mit einer schmerzlichen und doch stolzen Beschämung, wie tief auch in ihrer Seele das Weibchen saß. »Die hinter Eis und Nacht und Graus Ihm weist ein helles, warmes Haus Und eine treue Seele drin –« sang sie, und auf einmal war alle Beklemmung weg und ein gutes, friedliches, tröstliches Gefühl erfaßte sie; nicht sie war das 108 Irrlicht mehr und die bunte Verlockung, sondern sie fühlte ihre Seele, die Klarheit, Stetigkeit, Wärme und Liebe verbreitete. »Nur Täuschung ist für mich Gewinn.« Aber sie glaubte es nicht mehr. »Gewinn ja, aber keine Täuschung«, fühlte sie, in tiefster Bejahung ihrer wasserklaren Natur. Sie schlug ein anderes Lied auf, das sie mit seinem Durcheinanderwogen von Moll und Dur und Moll immer besonders geliebt hatte. Sie sang: »Wie eine trübe Wolke«, und noch nie war ihr die schmerzzerfetzte Melancholie dieser Einsamkeit so zu Herzen gegangen wie heute. Aber als sie zu der Stelle kam: »Ach, daß die Luft so ruhig! Ach, daß die Welt so licht! Als noch die Stürme tobten, War ich so elend nicht.« versagte ihr die Stimme, sie konnte nicht mehr weiter, ließ die Arme sinken und weinte bitterlich. Lange blieb sie so sitzen, sie wagte nicht, den Kopf zu erheben. Sie fürchtete sich vor der Helligkeit und Freundlichkeit dieser Räume, sie fürchtete sich vor der ewigen Ruhe und Schönheit dieses umfriedeten Daseins, alle die schönen Dinge schienen ihr lauter allzu grelle Sonnen zu sein, die eine grenzenlose Leere beleuchteten. Sollte sie etwas anderes spielen? Etwas recht Schweres, dessen technische Bewältigung sie zwang, von sich selbst abzurücken? Sie nahm, wie alles im Leben, ihre Kunst, auch wenn sie sie nur zu ihrer eigenen Befriedigung ausübte, nicht leicht, und ruhte nicht eher, bis es ihrer Energie gelang, über das Technische und Formale, das ihrem im besten Sinne dilettantischen Klavierspiel naturgemäß nie Hauptsache sein konnte, mit Mühelosigkeit hinwegzukommen. Und darum wußte sie, daß, wenn sie sich einmal so weit hatte, anzufangen, die Aufgabe, die sie sich setzte, über jede Stimmung Herr werden mußte. Aber sie hatte 109 sich nicht so weit. Es kam immer ein Neues, das ihre Hände lähmte. Sollte sie Tschaikowsky spielen? Wie sie sich vor dieser süßen, einlullenden Schwermut fürchtete! Diesem gefährlichen süßen Gifte der Melancholie, der alles in ihrem aufgewühlten Inneren entgegenkam? Die war es ja gewesen, deren sie sich heute mit allen Kräften zu erwehren suchte und nicht vermochte. Oder einen jener jüngeren Franzosen, die sie so sehr liebte, etwa Debussy? Mit seinen kühnen, aufreizenden, verwirrenden, wie Küsse berauschenden Rhythmen. Daß sie die Unordnung ihrer Gedanken, die Verwirrung ihrer Sinne vermehren, die Sehnsucht, die in ihrem Blute sang, ins Unerträgliche steigern sollten? Nein, spielen konnte sie heute nicht, heute vertrug sie die artistischen Schönheiten nicht, ja, es war fast wie ein Grauen, das sie überkam, vor aller Schönheit, mit der sie bisher ihr Leben geziert hatte. Sie mußte arbeiten. Ruhige Arbeit der Hände, das war es, was ihr helfen sollte. Nichts denken, nichts fühlen, nur die Arme und die Finger regen und gezwungen sein, mit den Augen gespannt der Bewegung der Finger zuzusehen. Sie setzte sich an ihren Stickrahmen. Er zeigte, halb vollendet, ein Panneau, dessen Sujet eine Szene aus Keats »Lorenzo und Isabella« nachbildete. Schon sah man, zur Hälfte wenigstens, den schönen Jüngling, der Geliebten die goldene Schüssel mit den Pfirsichen reichend, die blonde Isabella, mit den sehnsüchtigen Augen an den Händen des Geliebten hängend, schon schmiegte das dunkle Windspiel den seinen Kopf an die linke hängende Hand des Mädchens, schon stieß der tückisch blickende Bruder mit weitgestreckten Füßen unter dem Tische in dumpfer Wut nach dem treuen Hund, alles das in zarten Pastellfarben dem Gemälde eines der englischen Präraffaeliten getreu nachgebildet. Die ganze vordere Partie war fertig, nur der Hintergrund fehlte noch, die Tafel mit den Gästen. Die Arbeit freute sie, die getane wie die noch zu tuende. Die Erinnerung vieler stiller, einsamer Wintertage stak darin und die gute Freude, eine 110 leere Fläche sich füllen, färben und beleben, ein Werdendes wachsen zu sehen. Es war ihr eine ruhige Befriedigung und Genugtuung gewesen, heimlich für sich die Technik dieser Arbeit zu erlernen, sie zu erweitern und zu bereichern, sie ins Persönliche zu wenden. Es hatte lange gewährt und nicht wenig Mühe gekostet, die Besonderheit des Materials, das Geheimnis der Farben zu ergründen und sie auf ihren persönlichen Geschmack zu stimmen, aber die Mühe lohnte. Und nun kostete sie den Genuß, in dem bunten Material zu wühlen, sich an der farbigen Schönheit der Stoffe, Tülle, Stramine und Garne zu ergötzen. Wie schön und weich und zierlich und verschieden war all dies bunte Zeug! Kobaltblaue, ultramarinblaue, himbeerrote, moosgrüne, ockergelbe, kupferfarbene Zephirwolle, leuchtend grünes und silbergraues Moulinégarn, graues und dunkellila Perlgarn, feuerrote, nordische Wolle, Seiden und Satins in allen Farben, schwere, schwarze Merveilleuxseide und rötlich orangefarbene Filofloßseide, schwarze Kordonetseide, weinrote Kabelseide und violette Stickseide und Perlen aller Arten und Farben, Goldperlen, tiefbraune, graugrüne Holzperlen und durchsichtige, leuchtendblaue und rote Glasperlen. Und sie begann. Sah, wie sonst, dem Heben und Senken der Nadel zu, nahm, im Heben, die Fäden des Gewebes auf, zog Nadel und Faden durch, so daß die aufgenommenen Gewebefäden oben liegend sichtbar wurden, während die anderen, durch den eingezogenen Faden gedeckt, verschwanden. Wechselte, wie sonst, mit kunstverständiger Absichtlichkeit zwischen Flachstich und Kreuzstich; achtete, in der Farbenfläche einen Stich auszulassen, damit durch die Lücke der Grundstoff wirke; oder ließ durch den Stich das kleine Farbenquadrat entstehen, das dennoch durch seine schräge Fadenlage, weich und locker, nicht hart begrenzt auf dem Stoffe liegt; und holte klug aus Wechsel und Verteilung der Farbe, die sie manchmal in der feinen, aufgelösten Linie des Stoffes ließ, manchmal als volle Fläche dick auftrug, wobei der Gegensatz der größeren, ruhigen Farbenmasse die Kraft der kleinen, leuchtenden, 111 führenden unterstützte, alle Wirkungsmöglichkeit des edlen Gewebes. Und sah nach der flinken Arbeit weniger Stiche die erste Kontur entstehen: es war die Hand Lorenzos, die die goldene Schale hielt. Und es war ihr, als sei es die Hand Florentins. Natürlich war es eine Augentäuschung: sie hatte genau nach der entworfenen Vorlage gearbeitet. Aber mit dem Sticken war es für heute vorbei. Sie ließ die Nadel sinken. Es wollte heute nicht recht. Nichts wollte recht. Keine Arbeit gelang ihr: sie war zu zerstreut. So blieb ihr also nichts übrig, als mit irgendeinem Buche in den Garten hinunterzugehen, stillzusitzen und zu warten, bis die anderen kämen. Vielleicht gelang es ihr, zu lesen. Sie glaubte es nicht mehr. Sie ging an ihre kleine Bibliothek, um ein Buch zu wählen. Sie hatte außer einigen Bänden Goethes, die sie immer mit sich nahm, weil sie ohne sie nicht leben konnte und sie ihr alles ersetzten, Freundschaft, Ansprache, Gottesdienst und Lebensordnung, so daß ihr Goethe längst kein Buch mehr, sondern ein Lebendiges geworden war, zu dessen Füßen sie sich oft, gleich jener Bettina, kniend träumte, um sich in allen Lebensdingen Rat, Mut und Schönheit von ihm zu holen – außer der Goetheschen Lyrik und den »Wahlverwandtschaften« hatte sie nur wenige Bücher in diesen Sommer mitgenommen. Sie erinnerte sich an jenen Moment, da sie in ihrer Stadtwohnung wie jetzt vor der Bibliothek gestanden und gewählt hatte und von einer seltsam ahnungsvollen und erwartenden Stimmung sich zu einer ganz bestimmten Art von Büchern getrieben fühlte, in denen Männerschicksal von Frauenseele und Frauenverständnis umrankt erschien, oder weise Männlichkeit sich zart und liebevoll in das Geheimnis der Weiblichkeit versenkte. Das erste, nach dem sie da gegriffen hatte, war jenes erste griechische Gedicht gewesen, in dem das erlebnisreichste Männergeschick durch eine Reihe harrender, pflegender, ratender, helfender, lockender, anklagender und verzichtender Frauen hindurchschreitet; sie hatte, in der zierlichen französischen Miniaturausgabe, 112 mit Kupfern geschmückt, die Liebeslieder und Liebesgeschichten des verliebtesten aller Poeten ausgewählt, des letzten der Troubadoure, der sich so ganz der Liebe ergeben hatte, bis sein eigenes Leben langsam an den Frauen verronnen war, und der für sein Dichten kein anderes Motto fand als das: «Si deux noms, par hasard, s'embrouillent sur ma lyre, Ce ne sera jamais que Ninette ou Ninon.» Dann hatte sie die Bücher jenes altösterreichischen Biedermeierdichters mitgenommen, der sich seine enge Welt mit Goethescher Ordnungsliebe und tiefer Andacht zum Kleinen ausgebaut hatte, und in dessen bedächtiger Kunst es sich wie zwischen den abgezirkelten Beeten eines wundervoll friedlichen Blumengartens wandeln ließ; und seinen nördlichen Gegenpart, hinter dessen hanseatisch abgemessener, kleinstädtischer Steifheit und Stille alle Stürme der Leidenschaft, in seelenvoller Schönheit gebändigt, zu ahnen waren; und sich zu den beiden großen Seelenkündern entschlossen, jenem Russen, dem sich die menschliche Seele bis in ihre letzten geheimnisvollsten Tiefen entschleiert hat, und dem Franzosen, der das grausame Geheimnis der Alltäglichkeit entdeckte; und mit zärtlichen Händen die moderne Frauenbibel jenes dänischen Meisters vom Leben Mariä herausgenommen, der Marie Grubbe aus dem siebzehnten Jahrhundert, in deren seelischen Interieurs sich die Seele jeder Frau mit persönlichem Leben wiederspiegelt; und jenen anderen Dänen, der, selbst zart wie eine Frau, aus Sehnsucht und kindhafter Mütterlichkeit jene elfenleichten Frauengestalten gewoben hat, in denen Frauenträume ihre Erfüllung wiederfinden. Dann jenen seltsamen Norweger, der seine einsam urwaldhafte Kraft wie einen Teppich ausbreitete, um darauf in seiner scheuen keuschen Schamhaftigkeit das Mysterium Weib anzubeten; und jenen anderen Norweger, den früh vom Tode gezeichneten, allerzartesten, der mit unbeschreiblicher Reinheit und Innigkeit sein Kreuz durch die wüste Ebene seines Lebens getragen hatte. Schließlich hatte sie 113 noch ein paar Bücher mit Biographien, Memoiren und Briefen dazugepackt, in denen sie besonders gerne las: so die Lebensbeschreibung einiger Frauen des Romantikerkreises, die Briefe Mozarts an Konstanze, die Memoiren der Glückel von Hameln, jener prachtvollen Jüdin aus dem siebzehnten Jahrhundert, die, eine andere Frau Rat, ihr Leben und das Leben ihres Mannes, ihrer Familie und ihrer Umwelt mit festen Händen gepackt und gestaltet hatte. In allen diesen Büchern hatte sie sich gespiegelt, hatte Frauen ihrer Art und Männer ihres Traumes gefunden. Nun stand sie heute wieder vor ihnen; aber keins fand sich, das heute zu ihr sprechen wollte. Eins glitt ihr in die Hand; sie schlug es auf und las die Verse: «Tal di me stesso nacqui e venni prima, Umil model, per opra più perfetta, Rinascer poi di voi, donna alta e degna. S'el manco adempie, e'l mio soperchio lima, Vostra pietà, qual penitenzia aspetta, Mie fiero ardor se mi gastiga e insegna?» Und sie grüßte, über die Jahrhunderte hinweg, die Schwester, die den Titanen zu dem Geständnisse gezwungen hatte, daß eines Weibes Hand das schlechte Tonmodell seines Lebens neubeseelt und höherer Vollendung gebracht hatte: »So ich, wie ich zuerst war: nur mein eigen Modell, durch dich erst, Herrin, neugeartet In höherer Vollendung mich zu zeigen. Bald gibst du zu, was fehlt; dann wieder waltest Du scharf wie Feilen; – aber was erwartet Mein wildes Herz, wenn du das umgestaltest?« Einen Augenblick lang kostete sie den Triumph ihres Geschlechts; um sofort darauf wieder demütig und kleinlaut zu werden. Sie stellte die Gedichte Michelangelos in die Reihe 114 zurück. Die ganz Großen waren ihr heute zu groß und zu erhaben. Der große Russe war ihr heute zu grausam und zu hart, der französische Romantiker zu weich. Keiner paßte zu ihrer heutigen Stimmung. Selbst die gute alte Jüdin war ihr heute viel zu brav und viel zu ehrbar. Wie weit, wie bis zur Gleichgültigkeit weit lagen ihr heute die pedantisch umständliche Altväterlichkeit des Biedermeierdichters, die gemessene wohlausdistanzierte Förmlichkeit des Hanseaten? Und wie indiskret war die Nähe der neueren Bücher, mit ihrer bis zur Hautlosigkeit getriebenen Selbstentblößung, mit ihrer hemmungslosen Subjektivität, die ihr heute fast unerträglich schien? Schließlich entschied sie sich für die »Bovary«. Das war das Richtige. Herb und kompliziert, ging es sie näher an als die Älteren und blieb doch, in seiner wohltuenden Gegenständlichkeit, objektiver als die Neueren. Sorgfältig wickelte sie den oft gelesenen Band in die rote saffianlederne Lesetasche, nahm Wollplaid und Kissen auf den Arm und ging die Stiege hinab in den Garten. Unterwegs wandelte sie einen Augenblick lang etwas wie Furcht vor dem Buche an, als könnte sie heute etwas Unerwartetes darin finden, eine unerwartete, bisher nicht gefühlte Ähnlichkeit, ein verwandtes Schicksal, nicht dem bisherigen Schicksal verwandt, gewiß nicht, aber ein Kontagium, das Schicksal werden könnte. Sie kannte sich und die Intensität, mit der sie las, wußte, welche Empfänglichkeit sie Büchern entgegenbrachte. Und wenn Bücher bisher nur ihren Träumen gefährlich werden konnten, ach nein! nicht einmal das, das Wort war viel zu stark, manchmal ihre Phantasie schaukelten, sie ein ganz klein wenig über den Rand ihres gewohnten Lebens hinausblicken ließen in eine vage, verschwimmende Weite, im Dunkel schlafende Wünsche ganz leise streiften, aber doch immer so, wie wenn es sich um eine fremde Seele handelte, und sie selbst blieb unbeteiligte Zuschauerin, die nie mit sich verglich, nie auf sich bezog, so hatte sie diese Ruhe nur ihrem Wunsche nach Ruhe zu verdanken, der ehernen Energie, 115 mit der sie die strenge Ordnung ihres rings gegen die Welt abgeschlossenen Lebens aufrechterhielt. Würde sie das auch heute noch können? Würde sie in dieser Unruhe und Verwirrung ihrer Sinne, in dieser Auflösung und Unordnung ihres Inneren genügend Widerstandskraft in sich selbst finden, um das Aufsteigen gefährlicher Analogien, merkwürdiger Vergleiche, deren Möglichkeit ihr leise dämmerte, zu verhindern? Aber blitzschnell, wie er aufgeschossen war, kämpfte sie den Gedanken nieder. Das war es ja, warum sie gerade dieses Buch gewählt hätte: weil diese Sachlichkeit, diese ehrliche, saubere, gewissenhafte, ernste Treue der Darstellung alles andere bezwingen mußte, zwingen mußte, an sich zu vergessen, stärker sein muß als das ichbesessene immer nur an sich denken Müssen. Wozu wäre die ganze Erziehung zur Kunst gewesen, wenn sie nicht das eine vermochte, den Menschen von sich selbst abzurücken, ihn sich selbst zu objektivieren, ihm die Kraft zu geben, Welt und Wirklichkeit mit Ernst und Ruhe anzuschauen. Sie hatte diesen religiösen Glauben an die Kunst, sie glaubte an Flaubert und fühlte nun mit einemmal diesen Ernst und diese Kraft in sich. Sie rückte sich ihren Liegestuhl in die schattige Laube des Gartens, von der aus der Blick über die niedrige Gartentür weg auf den See ging, stellte sich das kleine runde Tischchen zurecht und begann zu lesen. Die ersten Seiten, die Vor- und Jugendgeschichte der Bovarys, überschlug sie, die interessierte sie heute nicht, sie fing gleich mit jenem siebenten Kapitel an, in dem die Flitterwochen der Bovaryschen Ehe erzählt wurden. Was hatte diese Ehe mit ihrer zu schaffen? Welche Ähnlichkeit gab es? Lächerlich! Ihre Befürchtungen waren lächerlich gewesen. Wo lag da eine Analogie? Sie – und dieses Provinzgänschen! Was hatte sie mit diesem verträumten, mäßig begabten, ein wenig sentimentalen, ein wenig konventionellen, ein wenig vernachlässigten Kleinstadtfrauchen zu schaffen, dieser kleinen Bourgeoise, die sich langweilte? Sie langweilte sich nie. Manchmal langweilten sie andere. Sie fühlte genug Ressourcen in sich, um gegen alle Langeweile 116 und gegen alle Gefahren der Langeweile geschützt zu sein Wenn man sie nur allein ließ! Sie hatte das Talent, allein sein zu können. Und ihr Mann? Welche Ähnlichkeit hatte Otto mit jenem brutalen, zynischen Landarzt? Das heißt, ein bißchen Ähnlichkeit hatten alle Männer miteinander. Wirklich alle? Gab es keine Ausnahmen? Sollte es nicht auch andere geben? Ganz andere? Solche, deren Art zu sprechen nicht »platt war wie das Trottoir auf der Straße«? Männer ohne »Allerweltsgedanken und Alltäglichkeiten«, Männer ohne Roheit und Brutalität und laute, lärmende Gebärden, Männer, die ein großes Schicksal still und gelassen trugen, mit zarten Frauenseelen und starken zärtlichen Händen? Aber was sie heute an diesem Buche so sehr reizte, war etwas anderes, war Frankreich. Wie sie diese französische Luft liebte! Diese französische Atmosphäre! Diese französische Landschaft! Sie erinnerte sich, welchen Eindruck auf sie die paar Worte gemacht hatten, mit denen Florentin gestern seinen Aufenthalt in Paris und Marseille berichtet hatte; wie die Vorstellung der Straßen sie schon berauscht, die wenigen Namen, die er nannte, sie fasziniert hatten. Schon die Sprache, diese wundervollste Schöpfung des lateinischen Genies, machte ihr warm. Und sie stellte sich den armen, weltfremden Jungen vor, wie er einsam durch die vornehme, geschlossene, kultivierte Schönheit dieses Landes strich, von allen Seiten von Wohllaut, Anmut, Grazie umwogt und gelockt. Sie hatte es nicht gemerkt, daß das Buch längst ihren Händen entglitten war und sie mit halbgeschlossenen Augen dalag. Ganz dem fließenden Durcheinander ihrer Bilder und Träume hingegeben. Merkwürdig, wie seltsam die Erzählung dieses fremden Lebens auf sie gewirkt hatte! Ein junger Mensch, vor wenigen Tagen ihr noch ganz fremd, hatte Verwandten ruhig und einfach seine Schicksale erzählt, und ein Irgendetwas hatte daraus an ihr Ohr 117 geklungen, das sich merkwürdig heiß und zärtlich in ihr Blut goß und noch heute in ihrer Erinnerung fortflammte und fortbrannte. War es die französische Atmosphäre, die so wirkte? Aber es war ja gar nicht von Liebe oder von Frauen die Rede gewesen. Im Gegenteil. Das hatte ihr gerade darin gefehlt. Jetzt fiel es ihr auf. Gerade das. Sie hatte die ganze Zeit über das Gefühl gehabt, etwas fehle, um dieses Geschick zu einem Ganzen zu machen, dieses Leben abzurunden. Natürlich waren es die Frauen. Abenteuer ohne Liebe, ein Männerschicksal ohne Frauen. Alle Frauen, die vorkamen, waren die Frauen oder Geliebten seiner Freunde oder gleichgültige Komparserie. War es möglich, daß die Frau, die Liebe in diesem Leben keine Rolle spielte, daß dieser Mann nicht liebte? Oder bloß bisher nicht? War es möglich, daß dreißig Jahre dieses Lebens ohne Liebe vergangen waren? Oder war es Scham gewesen, die ihm den Mund verschloß? Und fieberhaft stellte sie sich noch einmal alles vor, was sie von diesem Leben wußte. Sie blätterte es in jagenden Gedanken auf, suchte, bohrte darin, zerrte jedes Detail aus dem Winkel ihres Gedächtnisses, bis sie das hatte, was sie finden wollte und was sie zu finden fürchtete. Ging es durch, von Anfang an, von dem Leben mit der Bohême, wie sie es aus den Erzählungen ihres Mannes kannte, mit Künstlern und jungen Schauspielerinnen, und die Flucht in die Schweiz aus wütender Gier nach Freiheit, und das Studium mit den Studentinnen, und das enge Zusammenleben mit wilden Ehen und freien Liebesgemeinschaften gläubiger, junger Menschen, mit Genossen und Genossinnen, die begeistert an den Lippen des jungen Redners hingen, und das gemeinsame Streifen durch die Berge der Schweiz und den Sturm vor dem Konsulat, und sie sah ihn dreimal befreit von den Händen glühender Proletarierinnen, und den rührenden Abschied von Zürich, den sie sich ohne Frauentränen nicht denken konnte, und die zweite Flucht in neue Abenteuer, und die Jahre auf der kleinen Münchener Redaktion, und sie zweifelte 118 auf einmal gar nicht, daß jene Lina Merkt, jenes resolute Tiroler Mädel, tatsächlich Florentins Geliebte und die eifersüchtige Anspielung jenes rothaarigen Berliners nicht gar so unberechtigt gewesen sei; und sie sah ihn in Paris, in dieser Atmosphäre der Liebe, auf den Straßen, in den Cafés, auf den Boulevards, auf den geheiligten Stätten der Pariser Liebessonntage, sehnsüchtig nach Liebe, umwogt von Liebe, glühend vor Liebe, jauchzend vor Liebe. Und sie sah ihn auf seiner abenteuerlichen Fahrt mit dem Abhub der österreichischen Kolonie, mit den ungarischen Sängerinnen und der bildhübschen kleinen Italienerin, wie ein Zauberer von den Weibern umringt und angebetet. Und sie sah ihn mit heißester Lebensgier sich in den Strudel seines Marseiller Abenteuers stürzen und versinken, taumelnd zwischen den Weibern der Hafenschenken und Tavernen und den eleganten Mondänen der Diplomatie. Und sie sah ihn, nie gesättigt und immer wieder dürstend, hinter der Schönheit her durch Italien ziehen, und weiter, durch die ganze Welt, von Sehnsucht getrieben, gehetzt, gepeitscht, bis er sich, schließlich, wie ein Symbol seiner unerfüllten Wünsche jenes kleine Bild der japanischen Geisha als einzigen Schatz nach Hause rettete. Und nun fiel es ihr wie eine Binde von den Augen: das Leben dieses Mannes gehörte der Frau. Wie hatte sie das nicht sofort begreifen können! Sonnenklar wurde es ihr: alles, hinter dem er herjagte, war Frau und Frauenliebe. Das Weib suchte er und ersehnte es für sich. Alles, was er Freiheit nannte, oder Schönheit, Kultur, Ferne, das war die Frau. Die Frau war ihm alles. Die Unrast dieses Lebens, der Drang zu Flucht, Reise, Abenteuer, das ewige Gehetztsein war Sehnsucht nach der Frau, sonst nichts; dieser Mann war dem Weibe verfallen; und daß er es aus Scham verschwieg, war das Zeichen, wie tief er ihm verfallen war. Nur die Frau konnte diesem Leben die Erfüllung bringen. Die Frau und die Liebe. Sie sprang auf. Erregung ohnegleichen ergriff sie, packte 119 sie mit klammernden Fäusten, schüttelte ihren Körper. Sie wagte es, die sonst so Kluge, Selbstbeherrschte, in zitternder Scham vor sich selbst, nicht, sich zu fragen, warum diese Entdeckung wie ein Feuer in ihrem Blute raste; was es sie anging, wenn das Leben dieses Mannes dem Weibe gehörte. Sie suchte nach keinem Namen für den Sturm, der in sie gefahren war: was half es ihr, wenn sie es Mitleid nannte oder Eifersucht, Angst oder Sehnsucht oder noch anders?! Das eine wußte sie, daß ihre Ruhe weg war, der mühsam erkämpfte Gewinn langer Jahre; weg, verloren war die Herrschaft über sich selbst, die Klarheit ihres Bewußtseins, die Macht über ihren Willen. Sie wußte nichts mehr von sich, wußte nicht, was in ihr vorging, wußte nicht, was sie wollte. Weg wollte sie, von sich selbst weg, aus diesem Leben hinaus, ihrem Schicksal entrinnen, sich selbst entrinnen. Ohne zu wissen, was sie tat, stieß sie mit dem Fuße das Buch weg und rannte, jagte, von Unbekanntem getrieben, die Stiegen hinauf, in das verlassene Haus. Leer und öde stand es da, und sein stiller Friede starrte sie wie ein böses Gespenst an. Sie jagte durch das dunkle Speisezimmer und riß die Tür auf, die in ihre Zimmer führte, als müßte sie in dem hellen Glück dieser gewohnten Räume Schutz und Asyl finden. Aber wie durch Zauberspuk verwandelt, kalt, grell, unfreundlich, feindselig blitzte sie das sonst so Vertraute an, mit Gesichtern verratener Treue, Scherben und Ruinen ihres gestrigen Friedens. Und sie jagte weiter, von einer unsichtbaren, unwiderstehlichen Gewalt gezerrt und gestoßen, ins zweite Stockwerk hinauf, in Florentins Zimmer, als müsse sie zu ihm, als könnte sie irgend etwas von ihm dort finden. Und nun stand sie da in der kleinen Mansarde, festgewurzelt an der Tür und wagte keinen Schritt hineinzutun und glaubte, seinen Atem zu spüren und wagte nicht, die Augen zu erheben, kaum daß ein irrer Blick das kleine Bild der Japanerin auf dem Schreibtisch streifte, und fühlte, wie sie im nächsten Augenblick umfallen müßte vor Scham. Und plötzlich überkam es sie, jäh 120 durchschneidend, mit einer grausam blitzhaften Überdeutlichkeit: er ist ja nicht da. Er kann ja gar nicht da sein. Er ist mit meiner Tochter in den Bergen draußen. Der fremde Mann, nein, der Bruder meines Mannes, mit meiner Tochter. Und sie jagte, sinnlos vor Schmerz, die Treppen hinunter, durch den Garten durch, durch die Tür hinaus, an den See, auf dem friedlich, hell und strahlend die breite Mittagsonne lag. Der See hielt ihren Schmerz auf. Ihr Schritt stockte. Zum erstenmal schlug sie wieder die Augen empor. Das stille Wasser lag ganz einsam. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Wie weh ihr all dieser Glanz und alle diese Schönheit tat! Wie sie ihr unbarmherzig in die wunde Seele schnitten! Sie hätte schreien mögen vor Leid, und sie fühlte sich wie ein vom Jäger getroffenes Reh, das, die Todeswunde im Fleisch, mit seinem Blut die durcheilten Felder betaut. Sie lief, hart am Rande des Sees, den kleinen, schmalen Weg auf und ab, auf und ab, immer wieder denselben schmalen Weg, mit denselben schweren gehetzten Schritten und konnte nichts fühlen, nichts denken als immer wieder dasselbe? Warum jetzt erst? Warum so spät? Sie sagte nichts. Sie sprach kein Wort. Ihre Lippen öffneten sich nicht. Sie bissen sich fest ineinander, um nicht zu schreien, um es nicht herauszuschreien, was jetzt in so ungeheurer Klarheit vor ihrer Seele stand: dieser Mann gehört zu mir. Ich gehöre zu ihm. Wir sind von einer Art. Unter Millionen Menschen wir beide. Sein Schicksal will mich, braucht mich. Nur ich verstehe seine Schicksale, nur ich verstehe ihn, nur er wird mich verstehen. Nur ich kann sein Schicksal zur Erfüllung bringen. Was soll das Kind, was soll mein armes Kind damit? Dieses wilde Schicksal wird es mithineinreißen, wird es zermalmen. Während ich allein es glätten, auflösen, zur Reife bringen könnte. Ich allein weiß, wie edel, wie einfach, wie reich dieses Leben ist. Ich allein könnte diesen weltfremden Träumer zur Welt, zur Wirklichkeit, zum Willen, zu seinem Werk erlösen. Zu spät! 121 So lief sie immer wieder denselben schmalen Weg auf und ab und streckte in ohnmächtiger Sehnsucht ihre Arme über den See. Aber nichts antwortete ihrer Sehnsucht. Eine grenzenlose Müdigkeit überfiel sie, und sie schleppte sich, ohne es zu wissen, mit schweren Schritten in den Garten, ließ sich in ihren Liegestuhl fallen und versank in einen traumlosen Schlaf, aus dem sie erst erwachte, als sie einen Mund auf den herabhängenden Fingern spürte, und Sibylla, Florentin an der Hand, zu ihren Füßen kniend, mit stockender Stimme sagte: »Muttchen, ich habe mich soeben mit Onkel – mit Florentin verlobt.« 122   8. Beim Mittagessen wurde Verlobung gefeiert. Otto Moser führte das große Wort und war selig, ließ Sekt holen, stieß mit jedem einzelnen an, hielt unzählige Toaste, ließ immer wieder das Brautpaar leben, ließ auch viele andere leben, sogar den Dr. Anthropos, den Conte Vojevič und den biederen Mr. Puyfourcat, machte manche Anspielungen auf die Vergangenheit, machte viele Witze, nicht immer passende, über die Zukunft, nannte Blanche die Schwiegermutter ihres Schwagers und rechnete aus, daß Billy ihre eigene Tante werde, worüber er sich zu Tode lachen wollte, wunderte sich, daß die anderen das nicht auch so komisch fanden, war von der Verlobung zuerst sehr überrascht: »Was sagst du nur, Blanche! Wer hätte das von dem Kind gedacht!« und dann wieder gar nicht überrascht, sondern hatte es sich gleich gedacht, und tat schließlich so, als ob die ganze Sache sein ureigenstes Werk sei: »Was, Mutter? Das habe ich wieder einmal gedeichselt!« sprach schließlich ganz allein und wurde nicht müde, noch einmal anzustoßen und zum letztenmal anzustoßen. Nach dem Essen, als sich die anderen zurückgezogen hatten und er mit seiner Frau allein war, bemerkte er: »Und dabei ist es, abgesehen von allem anderen, auch geschäftsklug, den Wandervogel von jetzt ab dauernd an unser Haus zu fesseln. Ihr ahnt ja alle miteinander nicht, was mir der Junge noch für gute Dienste leisten wird. Was, Blanche, meinst du nicht auch?« Frau Blanche nickte stumm. 123   9. Die nächsten Tage behielten noch etwas Festliches. Es schien eine gemeinschaftliche Übereinkunft, daß sie gewissermaßen dem Brautpaar gehören sollten, und alle übten die Rücksicht, die beiden möglichst viel allein zu lassen. Otto Moser gab es den willkommenen Anlaß, alte, liebgewordene Junggesellengewohnheiten wieder aufzunehmen und mit seinen zahllosen Bekannten im Café und im Restaurant beisammen zu sein, wo er sich immer sehr wohlfühlte, wenn er auch abends jedesmal wieder beteuerte: zu Hause sei es ja doch am schönsten. Frau Blanche war viel allein, beschäftigte sich angelegentlich mit Wirtschaftsdingen, war wohl etwas stiller als sonst, trug aber gegen alle ihr gleichmäßig freundliches Wesen zur Schau. Bei den gemeinsamen Mahlzeiten, die von einer fröhlichen Herzlichkeit belebt waren, schmiedete man Zukunftspläne, einigte sich darauf, die Hochzeit im Frühherbst, möglichst bald nach der Ankunft in der Stadt zu feiern, und zwar, wie es dem Wunsche aller, auch Otto Mosers, zu entsprechen schien, sehr still und einfach, und von Fremden ungestört, bestimmte die Gegend der zukünftigen Wohnung, richtete sie ein und legte im Prinzip die Grundlinien der künftigen Lebensführung fest. Florentin hätte gern etwas Näheres über die Art der Arbeit, die sein Bruder ihm zudachte, erfahren, aber dieser war nicht zu bewegen, über Andeutungen allgemeiner Natur hinauszugehen, und beschwichtigte ihn, wenn er dringlicher wurde und Details verlangte, immer wieder mit den Worten: »Das laß meine Sorge bleiben! Ich sage dir 124 nur, du wirst zufrieden sein. Und kümmere dich jetzt um nichts als um deine Billy!« Florentin gab sich zunächst damit zufrieden. Wenn sich auch manchmal ein Drang nach Arbeit und Tätigkeit in ihm zu regen begann, so bot dieser neue Zustand eines bürgerlichen Verhältnisses, in den er zum erstenmal seit einer Reihe von Jahren getreten war, ihm so viel Ungewohntes und, wie er sich selbst gestand, auch unerwartet Reizvolles, daß er innerlich vollauf damit beschäftigt war, sich hineinzufinden. Diese reine Luft friedlichen Behagens, die stille Anmut einer vornehm weiblichen Atmosphäre, das gute Gefühl des Geborgen und Gehegtseins, das Frauenhafte, ja Mütterliche, das ihn von allen Seiten mit vielen unauffälligen Zeichen unhörbar leiser, bettender Sorgfalt und Rücksicht umgab, wie er es seit seinen Knabenjahren nicht mehr gekannt hatte, das alles war ihm so neu und zugleich so wohltuend, daß er sich dem Gefühl wunschlos hingab und das leise Nagen irgendwelcher Skrupel und Zukunftsgedanken gerne überhörte. Das Neue umfing ihn wie ein Altvertrautes, Langvergessenes, Wiedergefundenes. Dasselbe Gefühl strömte ihm, mit jedem neuen Tage wachsend, aus diesem Boden zu, den seine Knabenschuhe getreten hatten, aus diesen Wäldern und Wegen, die ihn wie einen lieben Freund grüßten. Erinnerungen stiegen auf, hüllten ihn ein, deckten sein Leben zu, und bald war ihm, als wäre er nie fort gewesen, oder nur eine kurze Zeit, die Spanne eines kurzen, schnell vergessenen Traumes. Und das junge Ding an seiner Seite verwuchs ihm mit der Natur seiner Heimat, wie wenn er überraschend erblüht eine kleine Schwester wiedergefunden hätte, mit der er einstmals vor Jahren auf diesem kleinen Winkel Erde gewandelt war. So strichen die beiden, allein gelassen, tagelang durch die Wälder, über die Berge, an den Ufern der Seen. Die beiden Hunde liefen, meistens, hinterdrein. Die ließen es sich nicht nehmen, Boz in alter, unscheinbarer, unaufdringlicher Treue an den 125 früheren Herrn, wie wenn die Zwischenjahre nicht gewesen wären, und die Hex, damenhaft spröde erst gegen Florentin, aber dann deutlich, ernsthaft und eifersüchtig an ihn attachiert, in unverkennbarer Rivalität mit Boz, der das friedlich, wie alles, mit äußerster Gelassenheit hinnahm. Sibyl aber blühte auf. Mit Florentin allein verlor sie jede Scheu, und das sonst so stille Mädchen wurde hell und fröhlich wie junges Laub. Seine Nähe verwandelte sie förmlich, sie fühlte sich ganz frei und entfesselt. Mit ihrer Mutter, deren Gegenwart sie auch nie drückte, deren tiefes Verständnis für jede ihrer Regungen sie dankbar spürte, war es ähnlich, aber doch anders. Florentin war so einfach wie sie selbst. Mit ihm konnte sie spielen, wie ein Kind mit dem anderen. Spielgefährten hatte sie ja nie gehabt, alle, auch die Mädchen, waren ihr immer so roh erschienen; und gekünstelt, besonders die Mädchen. Hier war einer, der keine Verstellung kannte und kein Falsch und keine Hintergedanken, und dem sie alles sagen konnte, ohne daß er sie auslachte oder kindisch fand; er war geradeso kindisch wie sie selbst, obwohl er so furchtbar viel erlebt hatte. Er konnte über dieselben Dinge lachen wie sie; und sie glaubte, auch über dieselben Dinge weinen wie sie, obwohl er ein Mann und soviel älter war als sie. Sie sprachen über die einfachsten und selbstverständlichsten Dinge. Und sprachen ganz einfach und selbstverständlich darüber. Über Blumen und Bäume und Tiere, und über die Berge und Wege. Und manchmal sprachen sie auch über nichts und es war auch schön. Dann mußte sie immer denken: woran denkt er jetzt; ob er an die vielen wilden Sachen denkt, die er erlebt hat? Und das war gerade das Schöne, daß er so viel erlebt hat und doch so einfach war. Und dann tat er ihr auf einmal wieder leid, und sie hätte gerne immerzu für ihn was zu sorgen gehabt oder etwas Schweres zu tun. Und sie mußte an das eine denken, an das sie sich nicht zu denken traute, daß dieser Mann, dessen Braut sie jetzt war, hatte sterben wollen. Und wie schön es war, daß 126 er jetzt wieder so fröhlich war. Aber dann war auch das sehr schön, jetzt nach Hause zu kommen, und Mutter ist schon da und wartet, und sie, Sibyl, wird mit den beiden Menschen zusammensitzen, die sie so furchtbar gern hat. Das sagt sie ihm, und sie sieht es ihm an, auch er freut sich darauf, mit Mutter zusammenzusitzen. Und dann ist es bald Abend, und sie kommen heim und richtig! Mutter sitzt schon da und wartet, daß die beiden nach Hause kommen. 127   10. »Bist du böse, kleines Muttchen?« fragte Billy. »Sei nicht böse, daß wir dich warten ließen, es war so schön. Und wir wußten nicht, daß du allein bist. Sonst wären wir früher gekommen. Glaubst du mir's? Wo ist denn Papa?« »Aber Billy? Hast du vergessen? Heute ist doch der › grand jour ‹ in der Villa Lederer. Natürlich ist Papa dabei; er kommt spät und wir sollen nicht warten mit dem Nachtmahl. Heute ist der große Tag, die Saison › bat son plein ‹, Lederers haben fieberhaft gearbeitet und nichts fehlt, Tennisturnier, venezianische Nacht, Gartenfest, und Daisy wird wieder einmal bei Lampionbeleuchtung in die ›Welt‹ eingeführt. Was dazu gezählt werden will, muß zusehen. Der arme Papa! Ich beneide ihn nicht.« »Weißt du, Muttchen, ich glaube, er fühlt sich ganz wohl dabei. Wenn er es auch bestreitet und die gesellschaftliche Pflicht vorschützt. ›Man ist eben nicht allein in der Welt und hat Pflichten. Glaubst du, mir macht es Vergnügen?‹ Und er wäre sehr gekränkt, wenn man ›ja‹ antwortete.« »Darum tun wir's auch nicht und glauben es ihm und gönnen ihm sein Vergnügen. Freude ist ja so selten. Da kommt es auf das Worüber nicht an. Ich finde es rührend von Papa, wie gern er sich freut und wie leicht es ihm wird. Natürlich hat er uns auch mithaben wollen, und es war keine kleine Mühe, es ihm auszureden, und er war, glaube ich, diesmal ein wenig enttäuscht. Sonst ist es ihm mitunter ganz willkommen, in der Gesellschaft, namentlich hübscher Frauen, ein bißchen unbeobachtet zu sein, und 128 er fühlt sich freier und ungezwungener. Und ich lasse ihm die kleine Freiheit ganz gerne. Aber diesmal, glaube ich, hätte er gar zu gerne seinen neuen Bruder aufgeführt, auf den er nicht wenig stolz ist, und dazu braucht er Publikum. Und da habe ich denn ein klein wenig Vorsehung gespielt und dir das erspart, Florentin. Ich glaube, du bist mir deshalb nicht böse?« Ein dankbarer Blick antwortete ihr. »Weiß Gott, nein, Blanche. Ich glaube nicht, daß ich da hineinpasse.« »Ich kann mir's ja auch nicht denken, daß einer zehn Jahre um die Welt reist, um bei Lederers venezianische Nächte zu feiern. Gerade bei Lederers. Denn, unter uns gesagt, ich stelle mir Orgien unter der Aufsicht der Frau Kommerzialrat nicht sehr orgiastisch vor. Auch wenn der Herr Bankdirektor Lederer selbst alle seine Orden umhängt, mehr als irgendein Doge je geträumt hat, und sie sich den dicksten Baron aus der Statthalterei, den Baron Miteis, als bacchantischen Vortänzer, mit Weinlaub im Haar, dazu eingeladen haben. Oder könnte dich die Flora Duschka, die, nebenbei bemerkt, trotz einer halben Million Mitgift bisher nicht anzubringen war, als thyrsusschwingende Mänade reizen?« »Nein, Blanche, Mänaden mit einer halben Million Mitgift sind mir unsympathisch«, erwiderte Florentin, lachend. »Siehst du?« sagte Frau Blanche. »Womit ich nicht gesagt haben will, daß ich dir nicht zutraue, fröhlich bis zur Ausgelassenheit zu sein. Und, unter Umständen, darüber. Hab' ich recht?« Seltsam, daß die kluge, kleine Frau das erriet, während er doch das Gefühl hatte, in diesen letzten Tagen ungewöhnlich still, ja kopfhängerisch zu wirken, und all das, was in seiner Natur über die Stränge zu schlagen liebte, unterdrückt, ja eingebüßt zu haben. Er sah sie an: »Woher weißt du? Anmerken habe ich mir das doch gewiß nicht lassen?« 129 »Ach nein, du stiller Mensch, versteckt hast du's. Aber deine Augen strafen dich Lügen. Und dann fühle ich, wie dich die Atmosphäre von Reichtum drückt. Du witterst, was ich die ›Melancholie der reichen Leute‹ zu nennen pflege, und sie stimmt dich herunter. Um so fröhlich zu sein, wie du fröhlich sein kannst, mußt du ganz du sein können, und das kannst du nur mit Menschen, die weder reich noch arm, sondern ganz sie sind. Und das wollen wir heute. Kinder, ist's euch recht?« »Ach ja, goldiges Muttchen,« jauchzte Billy, »den heutigen Abend wollen wir recht ausnützen, wir drei!« »Schön, Kinder, dann lade ich euch ein. Ich lasse für drei decken, und ihr seid heute meine Gäste. Venezianische Nacht bei Mosers. Bleibt eine Viertelstunde noch im Garten und laßt mich allein hinauf, meine geheimnisvollen Vorbereitungen treffen, und dann kommt nach und alle Räume des Palazzo Bianca Moserini sollen bereit sein, euch festlich zu empfangen.« Und war, flink wie ein junges Mädchen, die Stiegen hinaufgerannt. Die beiden sahen ihr nach. »Ist sie nicht goldig, mein Muttchen?« sagte Billy. »Du ahnst ja gar nicht, wie lustig sie sein kann.« »Und so jung! Und so anmutig!« sagte Florentin. »Und gescheit!« meinte Sibyl eifrig. »Sie ist gescheiter als alle anderen Menschen.« »Ja, das ist sie«, bekräftigte Florentin. »Durch und durch sieht sie einem mit ihren hellen Augen, und man liegt aufgeblättert vor ihr da, aber man empfindet sich gar nicht beunruhigt und beobachtet, sondern wird sich selbst klar und fühlt sich verstanden, geschützt und ruhig.« Und auf einmal blitzten die Lichter in sämtlichen Räumen auf, und das Haus strahlte, wirklich wie ein kleiner Palazzo, in festlichen. Glanze, auf den See und in die dunkle Nacht hinaus. Beide freuten sich an der Helligkeit und freuten sich über Muttchens Fröhlichkeit und freuten sich auf den Abend. 130 Sie gingen durch das hell erleuchtete Haus und fanden Blanche auf der Veranda. Diese schien verändert; ganz festlich sah sie aus. In einer Viertelstunde hatte die schnelle kleine Frau das Kunststück fertiggebracht. Allerdings mit den einfachsten Mitteln: die Lichter waren eingeschaltet, alle Fenster aufgezogen, die Türen in die Wohnung mit Tannenzweigen verhängt, der große Eßtisch in die Ecke gerückt und als Serviertisch verwendet, auf dem bereits die Speisen vorgerichtet standen; an seiner Stelle, in der Mitte des Raumes, ein kleines, rundes Tischchen, zierlich gedeckt, mit Rosenblättern und Tannennadeln bestreut, von drei tiefen Lehnstühlen umstanden, deren Lehnen mit Laub umhängt waren; Weinflaschen und Karaffen waren mit grünen Blättern umkränzt, vor jedem Besteck standen Wein- und Sektglas, auf jeder Serviette lag eine einzelne dunkelrote Rose. Frau Blanche empfing sie. »Wir bedienen uns selbst«, erklärte sie. »Die Mädchen habe ich hinuntergeschickt. Ihnen ist der freie Abend ein Geschenk, und mir ist es so lieber. Ich habe sie recht gern, und sie haben mir auch sehr brav geholfen, aber in ganz schönen Stunden will ich nur in ganz liebe Gesichter sehen. Da stört mich alles Fremde: lieber die Speisen etwas kühler. Habe ich nicht recht gehabt?« »Natürlich«, sagte Florentin lebhaft. »Fremde Menschen sind immer unangenehm.« Und auch Billy war derselben Meinung. »Alle fremden Leute sind unangenehm. Schon wie sie ausschauen! Und ich mag überhaupt nur euch zwei. Und Papa natürlich!« sagte sie. Sie setzten sich zu Tisch und waren sehr vergnügt, in diesem Punkte so einig zu sein. »Überhaupt«, begann Frau Blanche, »ist die Welt nur schön allein oder zu zweit oder höchstens zu dritt. Da kommen alle guten Sachen im Menschen heraus: Güte, Rücksicht, Takt. Man entwickelt sich aneinander empor, einer hilft dem anderen. Man gestattet sich die höchsten Maßstäbe und braucht keine 131 Konzessionen zu machen. Man richtet sich nach dem Besten: der Beste führt und der andere folgt willig: denn er fühlt sich wachsen. Man schämt sich vor den zwei oder vier vertrauten Augen seines Gefühls und seiner Begeisterung nicht. Man traut sich, ja es reizt, auch das Schlummernde und Tiefe aus seinem Wesen herauszuholen. Schon beim Quartett beginnt die Parteienbildung: gleich stehen zwei gegen zwei und der Kampf setzt ein: der Krieg, der für mich nicht der Vater, sondern der Totengräber aller Dinge ist, wenigstens aller guten Dinge. Wo mehrere beisammen sind, ist Krieg: Wettkampf, Konkurrenz, Eitelkeit, Herrschsucht, Vergewaltigung. Oder, was dasselbe ist: Verein, Gesellschaft, Publikum, Staat. Die Kriegseigenschaften gelten: Brutalität und List. Man schämt sich, anständig zu sein. Man schämt sich jedes besseren Gefühls, jedes edleren, jedes erhöhten Wortes. Man schraubt sich auf den schlechtesten herunter: damit der einen nur um Gottes willen nicht mißversteht oder sentimental oder lächerlich findet. Jedes Publikum hat die Seele des Schlechtesten. Darum kann man alles wirklich Schöne, kann man Kunst nur allein erleben. Publikum ist eigentlich von vornherein feindselig und stört immer. Mich wenigstens immer.« Florentin sah sie mit großen, weitaufgerissenen Augen an. »Aber Blanche,« sagte er, »das ist ja wundervoll: du denkst ja genau so wie ich.« Blanche errötete und Sibylla sagte triumphierend: »Habe ich dir nicht gesagt, daß Mutti immer die Gescheiteste ist?« »Nein, Kinder, nicht gescheit, sondern nur anständig. Ich bin so furchtbar gern unter guten und anständigen Menschen. Ich glaube nicht, daß man rudelweise anständig bleiben kann. Stellt euch bitte die Gesellschaft bei Lederers vor! Wovon sprechen sie? vom Essen; die Frauen von Toiletten und von Dienstboten; die Männer von Geschäften und Politik; alle Klatsch und Medisance. Lauter kleine und häßliche Dinge. Was geht in den Seelen vor? Als junges Mädel habe ich mir immer gewünscht, 132 jener Student von Salamanka zu sein, und mir, wie der hilfreiche Asmodi die Häuser abdeckte, die Seelen abdecken zu lassen. Weiß Gott, seit ich die Menschen kenne, wünsche ich mir's nicht mehr. Zu klein und zu häßlich sind sie. Und zu klein und häßlich die Dinge, mit denen sie sich beschäftigen.« »Ach ja, Muttchen, tu's doch!« bat Sibyl. »Spiel' uns doch den Asmodi vor! Wenn die Menschen noch so zuwider sind: wenn du von ihnen sprichst, wird es gleich nett und lustig.« »Lustig?« meinte Frau Blanche, »lustig finde ich sie nicht.« »Ich auch nicht«, sagte Florentin. »Oder von einer traurigen, bösen Lustigkeit. Sie können nur lustig sein, wenn es auf Anderer Kosten geht.« Florentin nickte. Er haßte diese Art Lustigkeit, diese bösen Humore der Mißgunst. »Welche Wolke von Übelwollen und Niedertracht schlägt einem entgegen, wenn man in solch ein Zimmer tritt!« Er hatte sie erlebt. Ihn hatte sie aus der Stadt weg, in die Welt vertrieben. »Wieviel Haß, Neid, Eitelkeit, Eifersucht und Berechnung sitzt gepudert, dekolletiert, mit Ordenssternen übersät, an den Wänden, tuschelt an den Tischen, grinst hinter den Fächern, lächelt, witzelt, schmeichelt, flirtet und vergiftet die parfümierte Luft! Mit welcher Geringschätzung und inneren Mißachtung lorgnettieren sie einander, taxieren sie einander ab, auf Heller und Pfennig. die eine Clique die andere, die Aristokraten die reichgewordenen Bourgeois, die schäbig-eleganten Beamtenfamilien die aufgeblasen brillantenstolzen Finanzkreise! Sie machen einander den Hof, weil sie einander gegenseitig brauchen, und hinter dem Rücken der anderen kolportieren sie ihre boshaften Witze.« Wundervoll! Genau so, aber genau so sah er, empfand er, haßte er die Bürgerlichkeit. »Nicht ein gutes Gefühl, nicht eine anständige Regung gedeiht in dieser Atmosphäre, nicht ein wertvolles Wort, nicht ein 133 bedeutender Gedanke wagt sich hervor: unter Spott und Späßen wird alles im Keime erstickt, und einig sind sie nur im gemeinsamen Hasse gegen alles Schöpferische und Wertvolle.« Er war paff. Es war verblüffend, wie diese Frau ihm aus der Seele sprach! Es war nicht zu glauben. Wie kam diese Frau in dieser Atmosphäre zu diesen Anschauungen, zu dieser Kühnheit und Freiheit? Sie sprach aus, was er erlebt hatte, sagte es so einfach und richtig hin, als ob sie es aus seinem Innersten hätte ablesen können. Und sie schloß fast zornig: »Wenn es gegen die Qualität geht, erhebt sich sofort die Quantität, wird witzig und geistreich und bläst auf allen Humoren. Das ist ihre Lustigkeit!« Sie war ganz erregt geworden und schilderte nun mit lebhafter Anschaulichkeit fast schauspielerisch die einzelnen Typen der Ledererschen Gesellschaft: den Herrn Bankdirektor selbst, der allen Gästen seines Hauses seine Sammlung von Bildern van Goghs zu zeigen pflegte, aber nie ohne genaue Angabe des Preises und den Zusatz: »Verstehen Sie , warum? Ich nicht.« Die sehr exklusive Frau Kommerzialrat, die auf die Anregung, eine berühmte gräfliche Dichterin einzuladen, naserümpfend antwortete: »Aber sie dichtet! In einer wirklich guten Familie dichtet man nicht. Wenigstens hier in Bielitz!« Sie konnte bei aller Vorliebe für die große Welt und trotz zwanzig Jahren Residenz an die geliebte Heimatstadt nicht vergessen. Und die äußerst etepetete Daisy, die sich schon als Kind gesträubt hatte, sich die »Iphigenie« in fünf Akten anzusehen, sie wisse von Papas Galerie her genau, was das zu bedeuten habe. Und den fast ebenso witzigen, wie gut angezogenen Baron von der Statthalterei, den die Legende als den Urheber des berühmten Ausspruches über eine reiche Erbin von fast nicht mehr zweifelhafter Herkunft bezeichnete: »Mein Gott! Damen dieser Art kann man ja heiraten, wenn man Geld braucht, aber verkehren darf man nicht mit ihnen.« Und indem sie sie schilderte, nein, nicht schilderte, sondern 134 gestaltete, wie sie sie mit ihren klugen, scharfen Augen sah, ihre Schwächen erbarmungslos aufdeckend wie ein Karikaturist, rundete sie diese häßliche Welt zu einer feindseligen Einheit zusammen, von der sie abrückte, und die irgendwo in einer Ferne versank, die ihrer einsamen Höhe nichts mehr anhaben konnte. Sie beschrieb die hochnäsige Ärmlichkeit der Offiziersdamen und die zynische ›Was-kostet-die-Welt‹-Arroganz der Saturierten, die näselnden Leutnants, die sich die Töchter, die Weine und die Zigarren der von ihnen Bespotteten schmecken ließen, und die ästhetische Hysterie der Backfische, die alle Emanzipation vergaßen, sobald eine Uniform in der Nähe war. Und die gemeinsame Wut aller, wenn einer etwas konnte, schuf oder wirkte: »Was? Das soll ein Genie sein? Seinen Onkel habe ich persönlich gekannt.« Sie spielte kleine Szenen, zitierte Nadelstiche, kopierte die lange, magere Flora und ihre kleine, dicke, immer verliebte Kusine, die man im Gegensatz zu ihrer Kusine Flora Duschka die Fauna Duschka nannte, und schilderte ihre Rivalitäten, die der immer witzige Baron Miteis als den »Siebenjährigen Krieg oder den Krieg der bösen Sieben« bezeichnete, worauf der noch witzigere Paul Schulhoff, aus dem Handelsministerium, trocken bemerkte: »Dann schon eher der Dreißigjährige. Allerdings ohne Untertitel: Krieg der Dreißigjährigen stimmt nicht mehr.« Man spürte ihr an, daß man diese Welt so genau kennen mußte, wie sie sie kannte, um sie so völlig losgeworden zu sein. Und es wirkte wie eine rein sachliche Freude an der Darstellung und daher ohne Bosheit und Schärfe, wenn sie unendlich liebenswürdig und drollig eine Szene aus diesem Kampfe darstellte und die lange Flora mit ihrer tiefen Stimme deklamieren ließ: »Der Leutnant ist mein«, und die kleine Dicke im höchsten Diskant antwortete: »Nein, mir gehört er zu.« »Mit mir hat er kokettiert.« »Mit mir gefußelt.« »Mit mir hat er Klavier gespielt.« »Aber falsch.« » Du bist falsch!« »Du bildest dir ein, weil du mehr Geld hast – –!« »Und du bildest dir auf deine Fratze 135 was ein.« »Hübscher als du bin ich auch.« Während der strittige Leutnant in den meisten Fällen, nicht in allen, keine Ahnung von diesem Wettkampf auf dem Berge Ida hatte. Die beiden, Florentin und Sibyl, lachten, daß ihnen die Tränen über die Wangen liefen. Florentin konnte kein Auge von Blanche wenden. Sie war zu nett, in ihrem drolligen Eifer. Welches Leben war in diesem schmalen Gesichtchen, in dem kleinen, beweglichen Körper! Die Augen blitzten, die Stirne kräuselte, das Näschen schürzte sich, die Locken flogen, und die Lippen liefen hin und her, wie zwei flinke Wiesel. Sie sprühte Anmut, Geist, Leben, Bewegung. Florentin war fasziniert, übrigens sah sie auch Billy mit nicht weniger entzückten Augen an. Auf einmal war sie, Frau Blanche, ganz ernsthaft: »Das ist Reichtum! Das ist die Atmosphäre des Reichtums! Ich sage euch, mir graut davor. Mir graut vor Reichtum. Mir graut vor Geld. Mir graut vor der Möglichkeit, daß Geld als lebendige Kraft, als treibender Motor in mein eigenes Leben treten könnte. Mir – graut davor!« »Wie recht hast du!« fiel Florentin ein. »Wie ich dir es nachfühle! Wie ich das spüre! Ich kenne diese Häuser der Reichen. Wenn Reichtum von den schweren Gardinen und Vorhängen niedertrieft, sich über die Teppiche und Möbel leg., wie ein trüber, dunkler Schleim in die Seelen dringt, dick, schwer, drückend, die Luft vergiftend, die Seelen vergiftend, die Augen verklebend, und alles mit diesem einen brutalen Begriff: Geld füllend, der um sich schleicht und alles andere Leben auffrißt, und die Blicke werden brutal, die Herzen gemein, die Hände zucken und die Gedanken starren, wie Zyklopen mit dem einen Auge, hypnotisiert auf den einen grellen gelben Fleck, ich weiß nichts Traurigeres, ich weiß nichts Traurigeres.« »Und nichts Schöneres,« sagte Blanche, und ihre Augen wurden ganz groß und leuchtend, »als die wirklich Reichen. Als die Menschen der inneren Fülle. Menschen, in deren Seele die 136 ganze Welt noch ein zweites Leben lebt. Noch einmal geboren wird und wird.« Florentin sah sie, einen Augenblick lang, fast heimlich an. Wie schön sie wurde! Wie ein Schimmer lag die Begeisterung auf den feinen, leicht geröteten Zügen. Wie vergeistigt wirkte dieses Gesicht! »Schaffende und Genießende, gleichviel: aber es geht etwas in ihnen vor. Immerfort. Sie sind nie leer, nie arm. Sie können sich verschenken, verschwenden, wegwerfen, denn sie sind ihrer Unerschöpflichkeit sicher. Sie sehen alles, haben Zeit für alles, denn sie sind nicht von kleinen Zwecken absorbiert. Sie haben keinen Raum in sich für Gemeines, denn sie sind von der ganzen Welt ausgefüllt.« Aber was sie da schilderte, war ja sein Ziel; war er , wie er sich in seinen geheimsten Entwicklungswünschen sah. »Was sie sehen, wird ihr Eigentum, und das ist mehr als Besitz. Sie staunen über alles, und alles ist ihnen neu und lieb. Eine Linie, ein Ton, eine Farbe kommt ihnen nahe wie Menschliches, ein Stein wird geliebtes Wunder, das Laufen einer Katze, der Flug eines Vogels, der Blick eines Hundes, das Fallen eines Blattes tiefstes, mitgefühltes Erlebnis.« So war sie selbst – das fühlte Florentin – und so mußte er werden: nein, das durfte er sich sagen, so war auch er. »Das Stimmen der Maße an einer Säule regt sie auf und rührt sie wie die Zärtlichkeit ihrer Geliebten, und die Schönheit eines Wortes ist ihnen bedeutend wie ein Schicksal, kann ihr Schicksal werden.« Sie hielt inne. Solch einen Mann hätte diese wundervolle Frau lieben müssen! Liebte sie vielleicht. Im Innersten berührt hatte Florentin seinen Blick wieder erhoben und sah ihr ins erregungschöne Gesicht. Sie fing den Blick auf und fuhr fort: »Gibt es Schöneres als einen Mann, in dem ein Gedanke geboren wird? Ein Begreifen, ein Verstehen, ein Erklären, aus 137 selbstloser, uneigennütziger Schau der Dinge heraus: und er wächst langsam, ruhig, sicher, wird Körper und Gestalt annehmen, Form gewinnen, sich von ihm loslösen, sein eigenes Leben haben und irgendwo ins Weite wirken, wohin, wozu, das weiß er selbst nicht.« Wie sie ihm jetzt gefiel! Alles an ihr, das Auge, das Gesicht, die Hände, der vibrierende Körper! Bis zur Verwirrung fühlte er es. So sehr, daß er über der, die es sagte, fast das vergaß, was sie sagte, wenn es ihm auch wie eine Stimme aus seinem eigenen Inneren ans Ohr schlug, als sie fortfuhr: »Gibt es etwas Heiligeres als die Stunde, in der ein Werk geboren wird? Nicht eine Tat, mit Zwecken und Absichten, nein, ein Werk, ein Wirken in unbekannte Fernen und Zeiten, eine zweite, neue, geschaffene Welt, die ihren selbstlosen Schöpfer vergißt? Ist nicht das Gefühl, daß es das gibt, daß es solche Stunden gibt, daß es solche Männer gibt, so berauschend schön, daß man alles Andere, Kleine, Niedrige, Gemeine um dessentwillen vergessen muß? Auch für die Frau die einzige Rettung vor dem Alltag?« Florentin senkte das Auge, das, ohne auszusetzen, an ihren Lippen gehangen hatte: wie sie seine tiefste Sehnsucht erriet! »Wer schaffen könnte! Wem sein Schicksal zu schaffen gestattete!« seufzte er, fast unhörbar. Aber Blanche verstand ihn. »Schaffen, ja,« fuhr sie fort, »schaffen ist das Höchste. Was immer: aber in selbstgewählter Arbeit, im klaren, ruhigen, bewußten Erkennen seiner selbst. Nicht warten! Nicht auf den freundlichen Helfer warten, der einem die Aufgabe von außen zuträgt! Nicht auf die gütige Laune seines Schicksals warten! Und selbst, wenn man ein besonderes hat und weiß, wie gut es das Schicksal mit einem meint, auch dann nicht warten! Wundervoll muß es freilich sein, das Schicksal wie eine zärtliche Frau zu empfinden, die einen in die Arme nimmt, und sich von seinen Wogen über die Welt tragen zu lassen, hinter der Schönheit, hinter der Sehnsucht her.« 138 Und er saß da, sah sie mit brennenden Augen an, erlebte in einer Sekunde das Schicksal von zehn Jahren, das ihn, mit den weichen Armen einer Frau, über das Meer und die Stürme des Lebens wegtrug, hinter einer Sehnsucht her, die dieser Frau hier glich. Und es war ihm, als könne er nicht anders, und wenn ein neues Schicksal käme, würde es ihn wieder in seine Arme nehmen und es wären wieder die Arme einer Frau, und seine Züge die Züge einer Frau, und sie glichen dieser hier, die neben ihm saß und ihm sein Leben deutete. Blanche aber fuhr fort: »Und auch das ist schön, sich seinem Schicksal hinzugeben, und des Geschickes Gaben und Stöße mit gleichem Dank empfangen. Aber es ist die Art des Jünglings. Der Mann zwingt das Schicksal. Der Mann wählt sein Schicksal. Und wenn es not tut, trotzt er dem Schicksal und macht sich sein Schicksal selbst. Und dann hilft ihm das Schicksal, wie eine Frau – ich meine eine wirkliche Frau – dem Manne hilft, sich sein Leben zu bauen.« Florentin schwieg und sah sie an. Diese Frau war eine wirkliche Frau, und ihr war es zuzutrauen, daß sie einem Manne half, mit eigenen Händen sein Leben zu bauen. Billy sah von einem zum anderen. Das Gespräch war mit eins so ernst geworden; dunkel fühlte sie irgendeine Beziehung: aber konnte das auf Florentin gehen, dessen Leben bisher doch so märchenhaft schön gewesen war; wenn es auch vielleicht im Grunde sehr traurig war? Aber das paßte doch zu ihm, und sie hätte sich's anders gar nicht denken können. Sie fühlte die Verlegenheit der beiden anderen, und um ihnen darüber wegzuhelfen, sagte sie und suchte nach einem möglichst drolligen Ton dafür: »Glaubt ihr, daß sie bei Lederers Ähnliches reden?« »Nein, Billy, das glaube ich nicht,« erwiderte Frau Blanche, »und doch glaube ich, sind wir heiterer. Weil uns eben alles mehr bedeutet als denen. Die Schönheit des Abends, die Ruhe 139 über den Bergen, die Helligkeit der Lampen und auch unser Gespräch. Ich kann mir nicht helfen, ich finde das alles sehr schön und freue mich darüber, und freue mich, daß ich mich darüber freuen kann. Zum Heiterseinkönnen gehört Ernstseinkönnen. Mir ist ein Gespräch, sind Worte nicht gleichgültig, und ich liebe die Menschen, denen ein Wort bedeutend wie ein Schicksal, denen es ihr Schicksal werden kann.« »Mir ist ein Wort Schicksal geworden«, sagte Florentin leise. »Und heute spüre ich es stärker als je.« »Und ich weiß, welches«, erwiderte Blanche. Florentin sah auf. »Das Wort: Freiheit«, sagte sie einfach. War diese Frau eine Zauberin, daß sie sein geheimstes Denken erriet? »Und es ist auch mir das Liebste«, sagte sie, und ihre Wangen glühten. Florentin fand sie wunderschön, jetzt. »Und das schönste Wort der Sprache«, sagte er. »Es ist mehr, als bloß Wort«, sie. Und er: »Mehr, als bloß Begriff. Es ist nicht wahr, wenn sie es eine Ideologie nennen.« »Und es hat nichts mit Politik zu schaffen.« »Und mit Partei. Und mit Liberalismus.« »Es ist Erleben.« »Tiefstes menschliches Erleben . . .« »Und seelisches Bedürfnis . . .« »Und Notwendigkeit . . .« »Und genau so wirklich und real wie irgendeine menschliche Beziehung. Für mich genau so real wie Familie oder Ehe. Mehr.« »Und genau so wirklich, wie Essen und Trinken, Atmen und Luft.« 140 »Und so oft ich es höre, ergreift es mich immer wieder im Innersten und wühlt mich auf, wie kein anderes Wort es vermag.« »Ich könnte heulen, wenn ich es höre. Vor Freude, vor Begeisterung, vor Wut, vor Zorn, denn ich leide maßlos, unmenschlich unter jedem Zwang.« »Und ich auch,« schrie sie auf, »und ich liebe die Freiheit wie du!« »Und könnte sterben für sie, jeden Augenblick!« »Nicht sterben!« rief Billy ängstlich dazwischen, die, dem Doppelgesang lauschend, erstaunt von einem auf den anderen geblickt hatte. »Nicht sterben!« wiederholte Frau Blanche. »Leben sollst du für sie und in ihr!« Sprang auf, füllte blitzschnell die drei Sektgläser und rief: »Es lebe die Freiheit!« Er sah die Glühende, Bebende, sah die Bewegung ihrer kleinen weißen Hand, sah in wachsender Verwirrung, wie wunderschön diese Hand war, und hätte sie küssen mögen. Und auch er sprang auf, ergriff sein Glas und rief: »Es lebe die Freiheit!« Sie sahen einander tief ins Auge, hoben die Gläser und stießen an. Auch Billy hob ihr Glas und stieß mutig mit auf die Freiheit an, und dann zerschellten sie die Gläser auf den steinernen Fliesen der Veranda. »Ist das heute schön!« rief Sibyl, ganz begeistert. »Ach, was seid ihr beide für Menschen! Für wundervolle, warme, goldige Menschen! Das kann ich gar nicht so sagen: das müßte man tanzen!« »Das sollst du auch, Billykind!« sagte Frau Blanche. »Ihr dürft jetzt in mein Zimmer und ich spiele euch auf, und ihr beide sollt tanzen!« »Weißt du auch, was das bedeutet, Florentin?« rief Billy, ganz außer sich. »In Muttis Zimmer, ins Allerheiligste, und sie spielt selbst auf! Das ist die höchste Ehrung. Das gab's nur 141 an ganz seltenen Feiertagen. Florentin, da kannst du stolz darauf sein!« Frau Blanche führte und Florentin folgte, von Sibyl gezogen. Es war ihm einen Moment lang, als er in den hellen feierlichen Frieden dieses Raumes trat, als beträte er wirklich ein Allerheiligstes. Er fühlte sich fast beklommen. Hier also lebte und webte diese seltsame, verehrte Frau, zwischen diesen schönen, köstlichen Dingen atmete ihre Einsamkeit, hier träumte sie, dort schlief sie, diese Luft, die er jetzt trank, war die ihre. Eine Blutwelle schlug, spürbar, an sein Herz, und er glaubte ihr näher zu sein, als je zuvor, fast körperlich nahe. Und er ging ganz leise, behutsam, fast auf den Fußspitzen, und traute sich kaum, näher zu treten. Blanche saß am Flügel, schlug an. »Die Werber.« Sibyl stand vor ihm, sah ihn bittend an: »Kannst du?« »Natürlich.« Sie schlang die Arme um seinen Hals und sie begannen. Sie tanzten auf dem kleinen Fleck in der Mitte des Zimmers. Mehr brauchten sie nicht. Immer auf demselben kleinen Fleck, in der schönen, ruhigen, bedächtigen, alten Art des Wiener Sechsschrittwalzers. Ganz langsam zuerst, fast schreitend, wiegend, bis sie der Rhythmus ergriff, sich in sie ergoß, bis in die Fingerspitzen, und sie nicht mehr anders konnten, als jeder kleinsten Bewegung des Tons mit jedem Teil ihres Körpers und ihrer Seele nachzugeben und sie zum Schlusse eins waren mit dem Wogen und Gleiten und Hüpfen und Fließen der Melodie. Sibyl tanzte wunderbar. Mit der ganzen Hingegebenheit und Selbstvergessenheit der Jugend. So fest sie sich an ihn schmiegte, blieb sie leicht wie eine Flaumfeder und er spürte sie kaum im Arm. Elfenhaft schwebte das schlanke Ding, mit halbgeschlossenen Augen und vergaß sich und die Welt und spürte nichts als den Rausch des Rhythmus und der Bewegung. Und er mit ihr. Losgelöst, erdentrückt, verging ihm alles Denken und er wußte nichts mehr von sich, nichts mehr von seinem Leben, von keinem 142 Menschen etwas, auch von dem süßen jungen Ding in seinem Arm nichts, nichts, als den heiligen, himmlischen Rausch, der aus den Tönen in seinen Körper quoll und in seinem Blute sang. So tanzten sie, immer auf demselben Fleckchen, Walzer um Walzer, und Billy war unermüdlich, selig und wunschlos glücklich. Auf einmal aber brach sie ab und sagte: »Jetzt mußt du aber mit meinem Mutti tanzen. Ich spiele euch, wenn ich es auch nicht ganz so schön kann, wie Mutti. Was kann Mutti nicht besser als alle anderen?« Und sie gab nicht eher Ruhe, bis Frau Blanche ihr am Flügel Platz gemacht hatte. Sie begann langsam, getragen, feierlich die ersten Takte der »Rosen aus dem Süden«. Und die beiden, Blanche und Florentin, standen einander gegenüber. Fast verlegen, gesenkten Auges, wagten einander kaum anzufassen. »Sei nicht kindisch!« machte sich Florentin innerlich Mut und legte seinen Arm um ihre Taille. Die ersten Schritte machten sie fast ungeschickt. Er hielt sie ganz locker, fast von sich ab. Und auch sie senkte den Kopf, ängstlich. Und nun ergriff sie der Rhythmus. Aber sie hörten ihn nicht. Hörten die Melodie nicht, hörten die Musik nicht, den Walzer nicht. Hörten nur ihren Atem, nur den Rhythmus, der von einem zum anderen ging, und spürten plötzlich: Dies ist der einzige Mensch, mit dem ich wirklich tanzen kann. Dies ist derselbe Lebensrhythmus wie der meine. Und fühlten plötzlich, wie sie mit einem Anderen eins wurden, eine Einheit in Körper und Seele; bis dahin, bis zu diesem Moment ein Halbes, das seine Ergänzung gesucht hatte, und das sich nun auf einmal, in diesem Augenblick vollendete. Und hielten sich dabei immer noch vorsichtig an Armen und Händen, als scheuten sie, sich allzu nahe zu berühren. Und doch war ein Rausch in ihnen, so daß sie es gar nicht gemerkt hatten, wie Sibyl längst geendet hatte, und erst, als diese fröhlich in die Hände klatschte, erwachten sie und wußten nicht, wie ihnen war. »Laßt mich jetzt wieder ans Klavier,« sagte Frau Blanche, 143 »und ihr könnt weiter tanzen!« Aber Billy wollte nicht mehr. »Nein, Mutti, jetzt nicht mehr tanzen! sondern: einen Herzenswunsch habe ich noch, Muttchen, liebes, goldenes, und den darfst du mir heute nicht abschlagen. Nicht wahr, nein, Mutti, du schlägst ihn mir nicht ab?« »Nein, Kind, nichts schlage ich dir heute ab. Was will mein Billykind?« »Singe, Mutti! Ein einziges Mal. Dein Lieblingslied. Du weißt doch: ›Wie eine trübe Wolke‹, das aus der ›Winterreise‹.« »Gerade das?« Frau Blanche besann sich einen Augenblick. »Also gut, Kind. Ich kann euch heute nichts abschlagen.« Und sie begann. Und blieb ruhig und stark. Aber dann kam die Stelle: »Ach, daß die Luft so ruhig! Ach, daß die Welt so licht! Als noch die Stürme tobten, War ich so elend nicht.« Und es überkam sie und war stärker als sie und uferlos, schrankenlos gab sie sich einer nie vorher gefühlten Leidenschaft, einem nie vorher gekannten Schmerze preis. Als das Lied zu Ende war, liefen Sibyl die hellen Tränen über die Wangen. »Dieses Lied«, dachte sie, »habe ich doch schon von Mutter gehört. Oft schon: ich stand an der Tür, jedesmal, wenn sie es sang, und lauschte, ohne daß sie es wußte. Aber nie noch hat sie es so gesungen wie heute. Warum nur? Was war das heute? Warum hat dieses Lied heute so ganz anders geklungen als sonst?« Aber sie sagte es nicht. Florentin starrte mit aufgerissenen Augen ins Nichts. Dieses Nichts war sein Leben. Fenster waren ihm plötzlich aufgerissen und hinter ihnen war das Nichts, war Leeres. Und darüber stand es in großen Lettern: dieses eine, immer wieder das eine, ein Echo, ein ewiger Kehrreim, und drückte jedes Gefühl aus, dessen er jetzt mächtig war: 144 »Als noch die Stürme tobten, War ich so elend nicht.« Sein Leben. Frau Blanche nahm sich zusammen. Jetzt hatte sie sich völlig in der Gewalt. Sie brauchte sich nicht abzuwenden, ihr Auge war trocken, keine Träne benetzte ihre Wange, nichts zuckte in ihrem Gesicht, ihre Lippen saßen fest und ruhig aufeinander. So blieben sie, nach dem Liede, alle drei ganz still. Da wurde es auf einmal draußen laut. Otto Moser kam nach Hause. »Was? Ihr seid noch auf?« fragte er verwundert. »Ich habe euch längst in den Betten vermutet. Ihr habt euch also auch nicht gelangweilt. Das freut mich. Im Gegenteil. Da ging's ja hoch her, bin auch dabei. Übrigens, es war reizend bei Lederers. Schade, daß ihr nicht mit wart. Ihr wißt, ich bin gewiß kein Freund von derlei Gesellschaften und bleibe lieber in meinen vier Wänden, wo es immer am schönsten ist. Aber was wahr ist, muß ich sagen: es war reizend. Es sind reizende Leute. Glaubt mir, ihr könnt es bedauern, daß ihr zu Hause geblieben seid.« 145   11. Ganz früh am nächsten Morgen klopfte es an Otto Mosers Tür. »Wer ist das?« fuhr dieser, ziemlich wütend, aus dem Schlaf auf. »Ich, Florentin.« »Was willst du? Ich schlafe noch.« »Arbeiten. Irgend etwas arbeiten. Hast du denn gar nichts für mich zu arbeiten?« »Bist du verrückt? Im Sommer wird nicht gearbeitet. Der Sommer ist zum Ausruhen da. Sieh mich an! Ich bin doch gewiß ein Arbeiter. Aber jetzt will ich mich erholen. Ich befehle dir, daß du dich erholst. Im Winter wirst du genug zu arbeiten haben. Und jetzt, vor allem, leg' dich wieder nieder. Ich befehle dir als dein Arbeitgeber, daß du dich sofort niederlegst.« »Otto!« Es klang wie eine verzweifelte, flehentliche Bitte. »Nichts da. Ich schlafe schon.« Und warf sich mit laut vernehmlichem Rucke auf die andere Seite. Florentin sprang in sein Zimmer hinauf, riß sein Schwimmkostüm aus der Lade, lief durch den Garten über den schmalen Uferweg bis zu der menschenleeren Badeanstalt in eine der offen stehenden Zellen hinein, zog sich um, sprang vom Tramplin in den See und schwamm, so schnell er konnte, über die ganze Breite des Sees zum gegenüberliegenden Ufer. Dann kehrte er, ohne auszuruhen, wieder um und schwamm die ganze Strecke in demselben atemlosen Tempo wieder zurück. Darauf kleidete er sich blitzschnell wieder an und lief nach der Villa. Im Garten traf er den Gärtnerburschen. »Sie, Wimmer!« redete er ihn an, »haben Sie irgendeine 146 Arbeit für mich? Ich möchte Ihnen helfen.« Der Bursche wurde verlegen. »Ich wüßte nicht, was,« sagte er, »leichte Arbeit gibt's jetzt keine, und die schwere wird dem gnädigen Herrn nicht recht sein.« »So schwer, wie nur möglich. Mir ist alles recht. Geben Sie nur her!« Der Bursche kraute sich den Kopf. »Schwere haben wir eigentlich jetzt auch keine. Und mit der Gießkanne und der Baumschere – das will verstanden sein. Da könnte der gnädige Herr leichter was verderben, als wie helfen. So was will gelernt sein. Vielleicht das nächste Mal – heute wüßte ich wirklich nicht, was.« Florentin sah sich um: die Villa lag noch im tiefsten Schlaf. Rasch entschlossen lief er noch einmal an den See hinunter, bis zur Haltestelle, an der die Schiffe lagen, löste dort eines jener schmalen, einsitzigen, mit doppelrudriger Lenkstange zu führenden Boote, die man Seelentränker nennt, von der Kette und schoß in den See hinaus. Sich mit ganzer Kraft in seine Arme legend, erreichte er in jagend schnellen Stößen, die ihm Schwielen in die Hände brannten und den Schweiß auf die Stirn trieben, die kleine Bucht, die das Seeende abschloß, kehrte sofort wieder um und ruderte in noch schnellerem Tempo zurück, als gelte es, Unwiederbringliches einzuholen. Als er landete, fühlte er seine Arme nicht. Er rannte zur Villa, die Stiegen hinauf, zur Veranda. Hier stand der Frühstückstisch bereits gedeckt, aber noch saß niemand daran. Und wieder stürzte er, ohne sich zu besinnen, als handle er nach einem bestimmten, vorgedachten Plane, hinunter und ging, so schnell er nur konnte, den Sattelweg, den er kürzlich erst mit Sibyl in anderthalbstündiger Wanderung zurückgelegt hatte. In einer halben Stunde war er oben, in einer Viertelstunde wieder zurück und in der Villa. Auf der Veranda fand er die Kathi, die den Frühstückstisch gerade abdeckte. Er holte Atem. »Wo sind die Herrschaften?« fragte er. »Die gnädige Frau ist in ihrem Zimmer und das Fräulein auch. Soll ich sie holen?« »Und mein Bruder?« »Der gnädige Herr ist gleich nach dem 147 Frühstück in den Ort hinuntergegangen.« »Schön. Dann frühstücke ich unten.« Und machte sich auf den Weg. Im Caféhause fand er Otto Moser, der gerade zum zweiten Male zu frühstücken begann. »Willst du eine Partie Karambol mit mir spielen?« fragte er ihn. »Billard? Nein, danke schön. Da bin ich viel zu müde dazu. Nach gestern. Tarock wäre noch das einzige. Da ruht der Geist aus, und das hat unsereiner nötig, und die angenehme Aufregung hält einen trotzdem frisch. Außerdem gewinne ich immer. Dazu wäre ich bereit. Trotz meinem Katzenjammer. Aber das wirst du wieder nicht wollen, wie ich dich kenne.« »Dann spiele ich eben allein«, sagte Florentin, stellte sich ans Billardbrett und machte eine Serie von siebenundneunzig Points hintereinander. Beim achtundneunzigsten Stoß kickste sein Queue, er warf es auf den Tisch und sagte: »Nun habe ich genug. Ich gehe.« »Adieu. Und sage, bitte, zu Hause, sie möchten das Mittag bereithalten: ich komme pünktlich und möchte nicht warten.« Florentin ging heim. Nichts nutzte. Nichts hatte genutzt, die Müdigkeit war nur in den Armen und den Beinen. Aber die Gedanken blieben. Die Gedanken jagten weiter, immer wieder, rastlos, nicht aufzuhalten, nicht einzudämmen, immer um das eine. Er rang mit ihnen, er packte sie fest. Er wollte sie zwingen. An einem ganz bestimmten Punkt wollte er sie festnageln. Die selbstgewählte Arbeit, sagte er sich, das war das Wesentliche. Das war das große Resultat des gestrigen Abends. Das hatte er herauszuhören gehabt. Daran hatte er sich künftig zu halten. Das war der Wendepunkt, das Leuchtfeuer, der Leitstern. Der Wendepunkt seines bisherigen Schicksals, das Leuchtfeuer seines Willens, der Leitstern seines künftigen Lebens. Und hörte die helle, zarte, vibrierende und doch so feste Stimme, mit der sie es aussprach, und sah die leuchtenden Augen dazu und sah das schmale, glühende Gesicht, in dem der Gedanke aufblitzte, und sah den Hals dazu und den Körper dazu und alles, was mit 148 dem Wesentlichen nichts zu tun hatte. »Im klaren, ruhigen, bewußten Erkennen seiner selbst«, hatte sie gesagt, und das flammende Leuchten in den Augen war verschwunden gewesen, und ein klares, ruhiges, gutes Licht hatte darin geglänzt, und die Stirn war ganz weiß und hell geworden. Und »nicht warten! nicht auf den freundlichen Helfer warten!« und die Stimme hatte fast zornig geklungen, scharf und beinahe ironisch, »der einem die Aufgabe von außen zuträgt.« Ja, ironisch gegen den Zuträger und voll lieber Besorgnis für den einen. Und der eine war er. Voll mütterlicher Besorgnis. Die zärtliche Frau, die einen in die Arme nimmt. Und der eine war er und die Arme waren ihre Arme. Waren – in jedem Laut, in jedem Klang, in jedem Wort steckte das – ihre Arme. Ihre warmen, weichen, liebevollen Arme. Und er sah sie, unter den weiten Ärmeln ihres Gewandes, die weißen, weichen, runden, liebevollen Arme. Nein, nein, weiter. Das, was sie ihm zu sagen hatte. Das Wesentliche. Das, was sie ihm als heiliges Vermächtnis auf die Seele zu binden hatte. Aber er konnte ja nicht. Immer wieder hörte er die weiche, berückende Flöte der Stimme dazwischen, immer wieder sah er den feuchten, schimmernden Glanz der Augen, sah er das Spiel der Hände, das er sich zärtlich träumte, sah er, träumte er, ahnte er, atmete er den Körper dieser Frau. Das alles trug er, stärker als alle Gedanken und als den Willen zum Denken, in seinem Blute, es sang in seinem Blut und, so sehr er dagegen kämpfte, es gab kein Verschließen mehr, kein Entrinnen in Geistiges, es gab keinen Zweifel mehr: er liebte diese Frau. Jäh, wie vor einem Abgrund, stand er auf einmal vor diesem Satze, vor der Erkenntnis dieser Tatsache: es gab kein Rechts und Links, kein Ausweichen, kein Entrinnen, kein Verkriechen mehr; nichts half ihm, kein Herumdrücken, kein Spintisieren, kein Schicksalsdeuten, kein Herumstochern in Entwicklungsmöglichkeiten: alle Mauern, die er aufgebaut hatte, um dieses eine nicht sehen zu 149 müssen, barsten, aller Gedankenschutt, mit dem er sein Bewußtsein verschütten wollte, war weggeblasen, er hatte umsonst gerungen, sich umsonst die Augen verklebt, sein Bewußtsein umsonst zu betrügen gesucht: riesengroß, tagesklar, eiseskalt stand es vor ihm: er liebte diese Frau, die die Frau seines Bruders und die Mutter seiner Braut war. Grell und frech glotzte ihn die Entdeckung an, schrie sich ihm in die Seele. Und nun war aber auch alle Angst vor der Ungeheuerlichkeit dieser Worte weg; alle verhüllenden Lappen, die Scheu und Scham um das Unaussprechliche gehängt hatten, gefallen. Ganz allein war er mit seinem Erlebnis und sah ihm tief in seine furchtbaren Augen, hemmungslos entschlossen, ihm sein letztes Geheimnis zu entreißen. Er liebte diese Frau. Darüber half keine Psychologie und keine Definition des Wortes und keine Einschränkung weg, die Empfindung war nicht zu lokalisieren, er liebte sie nicht: so oder so, oder bloß so, bloß mit dem Geiste, oder bloß mit dem Körper, oder bloß mit der Seele, das Gefühl ließ sich nicht in Sympathie und Leidenschaft, in Anziehung und Verlangen säuberlich abgrenzen, er liebte sie mit seinem ganzen Wesen, mit allen seinen Organen, und was irgendwie in den Begriff Liebe gehörte, und was jeder darunter verstand und dabei empfand, das Einfachste wie das Komplizierteste, und was Liebe irgend will und hofft und fordert, das war in diesem Gefühl. Kein Blitzschlag, der plötzlich in ihn gefahren war und morgen vergessen sein kann, kein Fieber, das rast und morgen ausgerast haben kann, keine flüchtige Welle, die einen Menschen überflutet und morgen verebbt: stärkste, unentrinnbare Gewißheit war diese Liebe, daß diese Frau zu ihm gehört wie er zu ihr, ihm schicksalbestimmt und zugedacht, ihm in tiefster Seele und jeder Regung des Wollens und des Denkens vertraut und verkettet. Und sie wußte es, ebenso wie er es jetzt wußte, das spürte er, untrüglich, sicher, bis in seiner Seele letzte Verstecke. 150 Es war nicht erst der gestrige Abend gewesen, und aller der Worte, die wie aus seinem Innersten gezogen klangen und die sich wie geheime Fesseln, nur ihnen bewußt, um die beiden Seelen wanden, hatte es nicht bedurft: von Anbeginn war es da, nein, vorher, ehe er noch von ihr wußte. Diese Frau hatte, genau so wie sie war, immer in ihm gelebt, von ihr hatte er geträumt, bevor er sie kannte, ihr hatte die Sehnsucht gegolten, hinter der es ihn durch die Welt gejagt hatte. Nun wußte er, warum es ihn getrieben hatte, sein Leben vor ihr auszubreiten und über die anderen weg, nur ihr verständlich, das Geheimnis seines Schicksals preiszugeben: er hatte ja nur ihr erzählt, nur zu ihr gesprochen, und es war ihm gewesen, als lege er dadurch, daß er sein Schicksal bis in die letzten Falten seiner Unbegreiflichkeit vor ihr entrollte, dieses in ihre Hände und mache sie von nun ab zur Herrin seines Geschicks, das er wie ein Geschenk aus ihren Händen empfangen wollte, bereit, sich selbst jeder Macht darüber zu begeben. Das alles war freilich in seinem Unterbewußtsein vor sich gegangen, und als ihn das Abenteuer seines Lebens, unbegreiflich und plötzlich, wie immer, zum letztenmal überrannte und ihm den wilden Irrtum seiner Verlobung in die Arme legte, war es ihm fast, als sei dies das erste Geschenk aus den Händen der Frau, die nunmehr sein Schicksal war, und er hatte es demütig über sich ergehen lassen. Und nun war er erwacht und erkannte das Zuspät seines Erwachens. Ach, das eine nur! das andere Zuspät seines Lebens hing schwer und verderbenschwanger über der Zukunft und war durch kein Erwachen zu bannen. Und galt der Frau, der Frau seines Bruders, die gestern vor ihm gestanden und ihm zugerufen hatte: Trotze deinem Schicksal! Seltsam! Je mehr seine Verwirrung wich, je härter und klarer er sich die Grausamkeit der Dinge entschleierte, um so stärker fühlte er, wie auf dem Grunde seines Wesens ein junger Wille zum Trotz sich zu regen begann. Zwinge dein Schicksal! hatte sie gesagt. Wähle dir dein Schicksal! Der Mann macht sich sein 151 Schicksal selbst. Diese Frau vermochte alles über ihn. Sie gab ihm Kraft. Er spürte sich hart und stark werden. Und er war entschlossen, sich sein Schicksal selbst zu machen. Ihr zu folgen und sich sein Schicksal selbst zu machen; nicht zu warten, was geschähe, sondern mit eigenen starken Händen zuzugreifen. Nur ein wenig, nur ein ganz klein wenig sollte sie ihm dabei helfen. So, wie eine richtige Frau dem Manne hilft, sich sein Leben zu bauen. Und er malte sich die Abende aus, die jetzt kommen würden, mit dieser Frau. Nein, auch Billy würde dabei sein und er mit den beiden wundervollen Frauen allein. Abende, ganz still vielleicht, weil ein Dunkles, Drohendes über ihnen hängen wird, aber ganz voll von Leben, von dem in Erwartung zitternden Leben zwischen dieser zarten, reichen, glühenden Seele einer wundervollen, wissenden Frau und einer goldenen Mädchenreinheit. Abende einer leidenschaftlichen Passion, bis zum Rande gefüllt mit Fatum, Notwendigkeit und Erlebnis. Wie reich konnte das Leben sein, auch wenn es noch so dunkel war! Alles, jeden Schmerz wollte er auf sich nehmen, nur verarmen nicht! Nur nicht stumpf, trocken, nüchtern werden, unfruchtbar und liebeleer! Und er dankte seinem Schicksal, seinem bisherigen wie seinem künftigen, was immer es ihm auch brächte. Eine entschlossene Zuversicht ergriff ihn. Mit festen Schritten ging er heim: »Schicksal, du bist im Zuge: nimm, welchen Lauf du willst! Nein: welchen Lauf ich will!« Und sehnte mit einer Gier, die nicht mehr warten konnte, den Abend herbei und freute sich auf die Stunde seiner Schmerzen. 152   12. Die stillen Abende zu dritt kamen. Otto Moser war jetzt viel außer Hause. Es kam ihm ganz willkommen, die gepriesene Stille seiner vier Wände mit dem lauten Gesellschaftstreiben unten im Orte, im Café, in den Villen der Nachbarschaft, bei den zahlreichen Gelegenheiten, Unternehmungen und Veranstaltungen der stets zu Festlichkeiten bereiten Sommerfreude zu vertauschen, bei denen er sich sehr wohl und in seinem Element fühlte. Nun, da er seine Damen chaperonniert wußte, war sein galantes Gewissen leicht beruhigt und er ließ die kleine Gesellschaft mit einem allabendlich sich wiederholenden, halb verlegenen: »Kinder, für heute entschuldigt ihr mich noch. Ihr wißt ja, ich muß leider . . .« allein. Und sie verbrachten die Abende zu dritt. Die Tage vergingen Florentin mit Warten. Mit Warten auf den Abend. Er und Blanche vermieden es, untertags einander allein zu begegnen, gingen einander, soweit dies unauffällig möglich war, beinahe aus dem Wege; und wenn der Zufall sie zusammenführte und es gar nicht anders ging, dann sprachen sie schnell und hastig irgend etwas Sachliches, über gleichgültige Gegenstände, beide bemüht, die Unterredung möglichst abzukürzen, und beide bemüht, dies Bemühen zu verschleiern, beide mit gesenkten Köpfen und ängstlich vermeidend, einander ins Auge zu sehen. Es war, als scheuten sie das Licht der Sonne und brauchten sie den Abend und die Anwesenheit des Dritten, um, ganz leise und wie von ferne, die Stimme des eigenen Inneren vernehmen zu dürfen, die 153 sie nur in dieser Dämpfung zu ertragen vermeinten. Aber in der allzu grellen Deutlichkeit des Tages und des Alleinseins fürchteten sie sich, allem Mut und allen Entschlüssen zu Trotz, und fürchteten sich vor dieser Stimme ihres Inneren, sie könnte plötzlich, gegen ihren Willen, aus ihnen herausbrechen und sie überraschen. Und darum warteten sie auf die stillen Abende zu dritt. Und darum fürchtete sich Florentin vor dem Alleinsein mit sich selbst. Er floh sich selbst. Jetzt, da er wußte, daß sein Schicksal bevorstand und er es kannte und seine Unentrinnbarkeit spürte und irgendwo, im Dunkel seines Bewußtseins, sein Entschluß festlag, vertrug sein Inneres nichts als dieses eine. Aber dieses eine auch nur in seiner Ganzheit. Seine Leidenschaft war Wille geworden, und nur so konnte er ihr ins Auge sehen. Nicht als Traum und nicht als Wünschen: sich von ihr, wie von einer kosenden Sehnsucht tragen zu lassen, weich umschmeichelt, von seiner Phantasie in zärtlichen Einzelheiten gebadet, von lockenden Bildern der Verführung umspielt, war ihm unmöglich, unerträglich geworden. Nicht sich verlieren, sich gewinnen wollte er: und darum entzog er sich den Stunden des Alleinseins, die ihn vor die Wahl zwischen einer unerträglichen Leere und einem noch unerträglicheren Erfülltsein stellten. Und suchte Sibyl. Irgend etwas zog ihn, tagsüber, immer wieder zu dem Mädchen, drängte ihn zu ihr, als könnte er damit einen Teil einer Schuld abtragen. Als läge eine Buße in dem seltsamen, fast schmerzlichen Gefühl, aus Bewunderung und Mitleid gemischt, mit dem er es ansah, wie wunderbar sich diese Mädchenblüte zu entfalten begann. Wie in ihrer herben und undurchsichtigen Natur Stolz und Zurückhaltung mit einer aufkeimenden Leidenschaft kämpften, und durch diese erst recht wuchsen und bewußt wurden, und wie sich dieser Kampf hinter einem leichten Schleier von Wehmut abspielte, durch den die innere Kraft und Heiterkeit ihres hellen Wesens durchbrachen, und wie in diesem Kampf Reichtum und Fülle aufbrachen, ihre Augen das große 154 Staunen über die Wunder der Natur lernten, sie die unerschöpfliche Liebe ihres Herzens zu verschwenden suchte, an Tiere, Blumen und Steine, und in ihr das Verstehen zu erwachen begann für alle Schönheit des Lebens und seiner Wirklichkeiten. So ging er mit ihr tagelang durch die Wälder und in die Berge, ganz allein, manchmal nur von den beiden Hunden begleitet, und sie vergaßen sich selbst, ganz dem Schauen hingegeben. Und wenn sie sprachen, dann sprachen sie von Blanche, von der Sibyl nie zu reden, Florentin nie zu hören ermüdete. So vergingen die Tage. Und dann gab es die stillen Abende, zu dritt. An einem kleinen, runden Tischchen, beim guten Schimmer der Abendlampe, saßen die drei Menschen, eng aneinandergerückt. Jeder von ihnen fühlte sein ganzes Wesen von einer grenzenlosen, kaum mehr zu ertragen großen Liebe für die beiden anderen erfüllt. Jeder von ihnen spürte in jedem Moment, daß diese beiden anderen ihm das Liebste, ihm das einzige Liebe waren, was er auf der Welt besaß. Die schlafende, schweigende Welt da draußen war ihnen versunken, galt ihnen nichts, sie spürten nur sich und einander. Jeder von ihnen trug ein Dunkles, ein Geheimnis in sich: Schuld, Gewißheit, Ahnung, jeder ein anderes, aber jeder bemüht, es vor den anderen ängstlich zu hüten, die anderen davor zu bewahren. Und aus dieser Ängstlichkeit wuchs eine unendliche Zartheit und Rücksicht, mit der sie einander behandelten. Was in diesen drei Herzen an Güte und Freundlichkeit vorhanden war, strömte über, ergoß sich über den Tisch, umfing den Anderen. Das Unentrinnbare, das große Schicksal war nicht aufzuhalten: das wußten zwei von ihnen mit grausamer Klarheit, spürte das dritte in der dunklen Ahnung seines kindlichen Gemütes. Aber das Häßliche, die kleinen Nadelstiche, die Kränkung konnten sie einander ersparen. Und dieses gütige Bemühen verklärte ihr Beisammensein, vergeistigte ihre Unterhaltung. Wie von selbst schied nicht bloß Erwähnung des Gemeinen, schied alles 155 Gewöhnliche und Alltägliche aus. Sie fanden sich in einer reinen, selbstlosen Sphäre der Schönheit, ohne daß das Gespräch an persönlicher Färbung und Herzlichkeit einbüßte. Wovon immer sie sprachen, von Dingen der Kunst, von geliebten Büchern oder Bildern, oder von großen Menschen, immer vibrierte darin das Fluidum persönlichster Anteilnahme aneinander. Jedes Thema wurde ihnen dadurch beziehungsreich und seelenvoll. Es war, als drängte es sie, einander alle Schätze ihrer Bildung, ihrer seelischen Kultur, ihres Inneren wie ein letztes Angebinde, ein kostbares Vermächtnis zu schenken. Manchmal brachte Frau Blanche, die immer neue Akkorde anzuschlagen wußte und es verstand, mit unmerkbarer Hand den Gesprächen immer neue Wendungen in ungefährliche Gebiete zu geben, die eine oder andere ihrer Sammlungen mit; dann saßen sie, beim Schatten der Lampe, die Köpfe zusammengesteckt, eng beieinander, und wenn sie einander die köstlichen Gegenstände zureichten, so geschah dies mit einer so behutsamen Sorgfalt, als wollten sie die Stelle, auf der das Auge der Sammlerin geruht, die ihre Finger berührt hatten, mit zärtlichen Augen und Fingern liebkosen. Aber ängstlich vermieden sie, Florentin und Blanche, jede körperliche Berührung, nie streifte des einen Kleid das des anderen, kaum, daß ihre Blicke einander zu begegnen wagten, und unsichtbar nur, durch die dicke Hecke des Gesprächs hindurch, fühlten sie die heimliche Zärtlichkeit der Worte wie Berührung streichelnder Finger. Fragen der künftigen Lebensgestaltung behandelten sie ganz selten nur, und nur mit einem ängstlichen Streifen von weitem, als enthielten sie einen Feuerstoff, den die nächste Stunde zur Entladung bringen könnte. So verbrachten sie, zwischen Furcht und Erwartung, aber ganz der Stunde und ihrem Inhalt hingegeben, die stillen, reichen Abende zu dritt. 156   13. Aber wenn die Nächte kamen – – – die grausamen, unerbittlichen Nächte, auf harten, einsamen Lagern in ruhelosem, schlafgemiedenem Wälzen verbracht, einbrachen in der Seele wehrloses Reich, alle Mauern und Wände der Selbstbeherrschung niederbrachen, über die mühsam aufgeworfenen Dämme hereinfluteten, ein uferloses Meer der Leidenschaft, Begierden aufwühlend, Denken, Wollen und Sichwehren fortschwemmend, mit sich reißend, zu turmhohen Strudeln aufpeitschend, und die Seele nackt und hüllenlos dalag, von keiner deckenden Scham geschützt, sich selbst und allen ihren Stürmen preisgegeben, steuerlos, ohne Licht, ohne Hilfe – – – Wenn die Nächte kamen und man mit sich allein war, so grenzenlos und mutterseelenallein, und man seiner Seele ins Weiße des Auges sah, sehen mußte, und das Geheimnis seinen Mund aufriß und zu reden begann, unaufhaltsam, daß man es hören mußte, wie man das unbarmherzige Ticken der Uhr in der Nacht hören muß – – Florentin sprang auf. Wollte diese Nacht dauern bis zum jüngsten Gericht? So, wie die gestrige ewig gedauert hatte und die vorgestrige?! Aber er konnte diese Folter nicht ein drittes Mal mehr ertragen. Lieber – ja, was denn lieber? Er wußte es nicht. Alles lieber, als dies noch einmal ertragen! Sprang auf, warf die Kleider über, den Mantel um und stürzte hinaus. Und fuhr zurück. Vor der Tür stand Blanche. Sie hatte dasselbe Kleid, das sie am Abend getragen hatte. Florentin holte die Erinnerung wie aus einer längst vergangenen 157 Zeitenferne. Sie war also noch nicht zu Bett gegangen. Sie sah etwas bleicher aus als sonst, aber ruhig und gefaßt wie immer. »Erschrick nicht, Florentin!« sagte sie und versuchte zu lächeln. »Die Besuchsstunde ist etwas ungewöhnlich gewählt. Aber ich wußte keine andere, um dich allein zu sprechen. Und sprechen muß ich mit dir. Und schließlich, das Ungewöhnliche schreckt mich nicht. Ich scheue es nicht. Ich scheue nichts und Niemanden«, und warf den Kopf mit einer stolzen Geberde in den Nacken. Florentin taumelte. Er fühlte den Boden unter seinen Füßen nicht. Er glaubte seinen Sinnen nicht, seinem Verstand nicht mehr. War das Wahnsinn? Oder war es ein Traum? Oder hatte sein Wunsch plötzlich Körper bekommen und stand vor ihm? Oder hatte seine Sehnsucht die Kraft, sie herzuziehen, gegen ihren Willen, ohne ihr Wissen, sie, die ja seine Leidenschaft, seine verbrecherische, tolle Leidenschaft, sein einziges, irrsinniges, rasendes Verlangen, das er sich selbst nicht zu gestehen wagte, gar nicht ahnen konnte? Und nun stand das Wunder vor ihm und, keines Wortes mächtig, starrte er es an mit einem hilflosen, irrenden, fragenden Blick. »Ja, hier«, sagte sie, als ob sie seine Frage hätte deuten wollen. »Hier, bei dir. Warum nicht? Und schließe ab! Ich möchte mit dir allein sein und will nicht, daß man uns störe. Nicht, als ob ich fürchtete, gesehen zu werden. Ich habe Niemanden zu fürchten. An das, was ich tue, darf sich keine Deutung und keine Mißdeutung heranwagen. Ich tue, was ich will, und dadurch, daß ich es tue, ist es gestattet und geadelt. Ich darf alles: ich tue nur nicht alles, was ich darf. Aber nur, weil ich nicht will, und nicht der anderen wegen. Und heute will ich. Dich allein sprechen will ich und kein fremder Blick, kein fremdes Ohr soll uns stören.« Es war, wie wenn ein unerschütterlich fester Wille und ein langsam gewordener, reifer Entschluß die Seele dieser zarten, kleinen Frau gehärtet und gestählt hätten. Adel und eine unbeschreibliche Hoheit umgaben sie, machten ihre Worte unwiderstehlich. 158 Florentin gehorchte stumm. Ließ sie ein, schloß ab. Aber als er das Licht einschalten wollte, wehrte sie plötzlich mit einer ganz kleinen, flehenden, fast hilflosen Bewegung ab. »Nein, bitte, kein Licht! Laß uns im Dunkeln sitzen! Mich hier am Tisch, und du dort am Fenster! Nicht wahr, so bleiben wir? Und du wirst mich ruhig anhören! Nicht wahr, Florentin, das wirst du?« Sie war auf einmal ganz zaghaft und schüchtern geworden, wie ein kleines hilfloses Mädchen, und ihre Stimme zitterte. Florentin wartete. Sein Herz hörte zu schlagen auf. Er wartete auf sein Todesurteil. Sie hatte seine Leidenschaft erkannt und kam nun, großherzig, gütig, verständnisvoll, um, die reife, kluge Frau, mit allen Gründen der Vernunft und des Herzens sie ihm auszureden. Was sollte sie anderes ihm zu sagen haben? Und was konnte er anderes tun als gehorchen, wie er dieser Frau immer und unter allen Umständen gehorchen mußte. Und wenn er darüber zugrunde gehen müßte! Und wenn er darüber sterben müßte! Er wartete. Und begriff, wie schwer es ihr wurde, und wie leid er ihr tat, und wie zart sie ihn anfaßte. Und hätte sein Herzblut gegeben, ihr diesen Schmerz zu ersparen. Sie schwieg noch immer. Zitterte und schwieg. Setzte zum Reden an, aber ihre Stimme versagte. Senkte den Blick und wagte nicht aufzusehen, weil dort der Mensch saß, der ihr das Liebste auf der Welt war, der Bruder ihres Mannes, der geliebte Bräutigam ihres Kindes, der ihr das Liebste auf der Welt war, und nicht ahnte, in seiner Reinheit nicht ahnen konnte, was in ihr vorging und was sie zu ihm trieb, unaufhaltsam, zerschmetternd, vernichtend. So saßen sie beide im Dunkeln, stumm, ihre Stimmen versagten, ihre Körper zitterten, ihre Seelen suchten einander und fanden einander nicht und keines wußte vom anderen. Und auf einmal begann sie, und ihre Stimme bettelte: »So 159 hilf mir doch! Ich kann ja nicht sprechen. Du mußt mir helfen. Du siehst doch, daß ich nicht kann. Begreifst du nicht? Ich kann ja nicht. Ich kann ja nicht. Kannst du mir denn nicht helfen?« Und er: »Aber Blanche! Woher weißt du? Woher wußtest du? Woher konntest du wissen?« »Was?« Sie verstand ihn nicht. »Was denn? Um Himmels willen, was denn?« »Wie ich mich nach dir sehne? Wie ich nach dir geschrien habe? Wie ich nach dir verlange mit allen Fasern meines Wesens?« »Du?« schrie sie auf. »Ja, ich. Ich weiß, daß es hoffuungslos, unmöglich, Irrsinn, Wahnsinn, Verbrechen ist. Nicht eine Sekunde lang kann ich vergessen, daß du die Frau meines Bruders, die Mutter meiner Braut bist. Ich weiß, daß es mich zugrunde richten wird. Daß du es bist, die mein Urteil aussprechen muß. Und daß du deshalb gekommen bist. Und doch möchte ich dir auf den Knien dafür danken, daß du gekommen bist, weil ich ohne dich nicht leben kann, weil ich nach dir begehre in jeder Sekunde meines Lebens.« »Du? Du nach mir? Du auch?« schrie sie und spürte in diesem Augenblick nichts als eine grenzenlose Seligkeit. Er sah sie mit weit aufgerissenen Augen an. »Du? Du auch?« stammelte er, kaum hörbar. »Ja, weißt du es denn nicht? Spürst du es denn nicht? Hast du es denn nicht schon längst gespürt? Wie es mich zu dir zieht, und daß ich zu dir gehöre, und daß wir beide zueinander passen und füreinander geschaffen sind, und daß alles, was ich bisher erlebte, nichts gilt, und daß mein bisheriges Leben nichts war, als ein Warten auf dich, und daß du mir das Liebste auf der Welt bist und das, um dessen willen ich lebe? Weißt du das alles nicht? Muß ich dir das alles sagen, heraussagen, mit Worten, die viel zu alt und verbraucht sind? 160 Ich habe es längst gewußt, gleich gewußt, von allem Anfang gewußt, gewußt, bevor ich dich kannte. Und du zwingst mich, du lieber, dummer Mensch du, dir zu sagen, was du längst hättest erraten müssen.« »Blanche!« rief er und trieb sich die Nägel ins Fleisch und hielt sich mit dem Aufgebot seiner letzten Kräfte an seinem Sitze fest, um nicht auf sie loszustürzen und sie mit beiden Armen zu umfangen. »Nein, nein!« rief sie und wehrte fast ängstlich mit beiden Händen ab. »Bitte, bitte, bleib' dort! Ganz ruhig wollen wir bleiben und uns die Schönheit dieser Stunde durch nichts beflecken lassen. Denn dieses Glück, das Glück des Bewußtseins, daß wir uns lieben, soll uns nichts und niemand, kein Gedanke an einen anderen und kein Gedanke an die Zukunft, keine Schuld und kein Gewissen rauben. Dieses Glück ist, Florentin. Komme, was kommen mag!« Wieder sprach sie aus, ruhig, klar und selbstverständlich, was er sich nach tagelangem Ringen mit sich selbst erkämpft und dann in der Sehnsucht seiner Nächte, im Verlangen dieser Stunde verloren hatte. Der Entschluß, seines Lebens Lauf in die eigenen Hände zu nehmen, stand ihm wieder fest und wieder dankte er ihn ihr. Diese wundervolle Frau! Ihr nicht einmal die Hände küssen zu dürfen! Aber sie wollte es nicht. Und da bezwang er sich. Und nur seine Blicke verschlangen die hellen Konturen ihrer Gestalt, fingen sich in dem seidenweichen Glanz ihrer Haare, streichelte über die Wangen, glitten das Kinn abwärts und blieben an den geliebten kleinen Händen hangen, in denen alles Schicksal seines künftigen Lebens lag. Aber er schwieg nicht mehr. Er sagte ihr alles. Und streichelte mit seinen Worten ihre Wangen und ihre Haare, und küßte mit seinen Worten ihre Hände, und legte sein Schicksal hinein. Und sie nahm es entgegen, nahm es in ihre Hände, streichelte es mit ebenso zärtlichen Worten und barg es an ihrer warmen 161 Brust als das köstlichste Kleinod ihres Lebens, dem sie fortan alle ihre Gedanken, alle Feinheit und Güte und Klugheit ihres Wesens weihen wollte. So saßen die beiden im Dunkeln, ganz ruhig und fern voneinander, jeder in einer anderen Ecke des Zimmers, ihre Kniee berührten sich nicht, ihre Hände berührten sich nicht, ihre Lippen flohen einander, aber sie tauschten Leben um Leben miteinander, Willen um Willen, Kraft um Kraft und Entschluß um Entschluß, so daß ihnen aus dieser Stunde ein Wille und Entschluß und ein gemeinsames Leben erwuchs. Immer mehr fiel alles Fremde, alles, was nicht sie beide war, von ihnen ab, verblaßte, verwich, verging in Ferne und Wesenlosigkeit. Die Welt hörte auf zu sein, die Welt mit Schuld und Zwang und Verpflichtung, es gab keine anderen Menschen mehr für sie. Sie spürten nur sich und einander und wollten nichts anderes spüren, nicht aus Feigheit und Furcht vor dem Fremden, denn sie wußten, daß es morgen wieder aufleben würde, und waren auf den Kampf gefaßt und zum Letzten entschlossen. Aber das Heute sollte nur ihnen gehören und der Freude, einander und ineinander Erfüllung gefunden zu haben. Wie ein Band wob es sich um sie, ging von ihr zu ihm und von ihm zu ihr zurück, aus beider Leben herausgewachsen, mehr als Vorsatz, Entschluß, Weltansicht, eine tiefste Notwendigkeit, sein Gesetz fortan nicht aus der Welt, sondern von sich zu empfangen, nichts Fremdes zu dulden, aber auch nicht zu tun, sich nur zu sich zu entwickeln, sein Schicksal nicht zu erleiden, sondern zu wollen. Wie eine Liebkosung, wie eine Zärtlichkeit empfanden sie diese Gemeinsamkeit ihres innersten Fühlens, und auf einmal wußten sie, daß dies nicht mehr Wunsch nach Freiheit, sondern die Freiheit selbst, nicht mehr Sehnsucht nach Glück, sondern das Glück selbst war. Eine starke und heitere Freude überkam sie, und sie lachten und scherzten, selbstvergessen, fröhlich, vergnügt, wie Kinder, als ob es kein Morgen. keine Welt, keine Schuld und keine anderen Menschen gegeben hätte. Bis plötzlich, 162 ganz überraschend, wenn auch ein wenig trübe und grau, der neue Tag durch das Fenster guckte. »Und auch nicht einen einzigen Kuß?« fragte er beim Abschied. »Heute noch nicht!« sagte sie, gab ihm die Hand und huschte hinaus. Dann schlief er, tief und traumlos. 163   14. Als er erwachte, lag es wüst und neblig über dem grauen, brodelnden See. Dicke Wolken hingen in die gekappten Berge hinein. Die Luft roch schwer und feucht. Er war sich dessen bewußt, daß sein Wille zur Entscheidung unvermindert war. Es mußte etwas geschehen und bald. Und mußte durch ihn geschehen. Was und wie, war ihm noch unklar. Tat stand ihm bevor: aber ihre Form wird Sprechen sein. Zwei harte, grausame, böse Gespräche mit seinem Bruder und seiner Braut. Mit Überraschungen, Unerbittlichkeit, großen, erstaunten Augen, weinenden vielleicht, vielleicht auch tränenlosen, die noch erschreckter, noch schmerzlicher blicken werden. Und seine Stimme wird sich bemühen, weich zu sein, bis zur Unerträglichkeit weich für sein eigenes Ohr, je härter sein Entschluß stand. Blanche und Sibylla saßen auf der Veranda am Frühstückstisch. Man begrüßte einander. Blanche reichte ihm eine Hand, die fiebrig eisig war wie die seine. Draußen begann es zu nieseln. Otto kam hinzu und schimpfte über das Wetter. Gott weiß, wie lange das jetzt so bleibt. In diesen verwünschten Bergen kann man sich auf vier Wochen Hausarrest gefaßt machen. Florentin und Blanche erbleichten. Unwillkürlich sahen sie einander an. Als, nach beendetem Frühstück, Otto Moser sagte: »Ich gehe aber doch hinunter. Ich muß. Ich habe es versprochen«, leuchteten ihre Augen auf, und Blanche erwiderte schnell: »Aber vergiß wenigstens deinen Lodenmantel nicht!« Und senkte sofort den 164 Kopf, denn sie fühlte, wie sie errötet war. Und Florentin, ohne hinzusehen, fühlte dasselbe. Otto war ins Nebenzimmer gegangen, um Hut und Mantel zu holen, und rief ein paar Worte heraus, die sie nicht sofort verstanden. Als sie sich, in derselben Richtung gegen das Zimmer, nach ihm umwandten, streiften, unter dem Tisch, ihre Knie einander. Da war es beiden, als müßte, in diesem Augenblick, der Boden sich unter ihnen auftun und sie verschlingen. Da sagte Sibyl auf einmal: »Nimm mich doch mit, Papa! Ich möchte dir etwas erzählen. Das Wetter geniert mich nicht und die frische Luft wird mir gut tun. Willst du?« Und beide durchschoß blitzschnell derselbe Gedanke. Er war lächerlich, sinnlos, närrisch. Aber beide hatten ihn, fühlten, daß sie ihn hatten, fühlten, wie unsinnig er war, und schämten sich voreinander und füreinander. Natürlich war Otto Moser einverstanden und stapfte mit Billy los. Die beiden Zuhausegelassenen sahen den beiden anderen nach, wie sie durch den Garten gingen, den Uferweg hinunter und rechts um die Ecke verschwanden und fühlten: Die zwei ohne uns zwei! Wir zwei gegen die zwei! Wie schwer wurde ihnen das Reden! Es gab kein Flüchten in Gleichgültiges mehr, kein Sichfinden in einer fremden, alles versöhnenden Schönheit, kein Schwärmen von künftiger Lebensgestaltung, kein gegenseitiges Sichaufstacheln zu Freude und Mut und Entschlüssen. Das alles war vorbei. Jetzt gab es nur Eines mehr für sie und das durfte es noch nicht geben. Florentin war es, als müsse er, abgewendeten Auges, nach ihrer Hand tasten, um sich daran zu klammern, und könne es nicht, und als fühle er, wie sie sie, angsterfüllt, zurückzog, bevor er noch danach gegriffen. Immer wieder setzten sie zum Reden an, aber die Fülle ihres Herzens überschrie, was sie einander mit Worten zu sagen hatten, und auf einmal, ehe sie noch gesprochen hatten, stoben sie, die einander noch gar nicht nahegekommen 165 waren, auseinander, denn Sibyl stand vor ihnen und sagte: »Papa hat mich zurückgeschickt. Es ist doch nichts bei dem Wetter. Die Nässe peitscht einem ins Gesicht.« Was hatte das zu bedeuten? Was hatte das alles zu bedeuten? Sie saßen eine Weile zu dritt, aber ein Gespräch kam nicht in Gang. Billy erklärte auf einmal, sie vertrüge das Wetter nicht, in den Bergen müsse man gehen und nicht in Zimmern hocken. Dann verzog sich jeder auf sein Zimmer und schützte Arbeit vor. Otto Moser kam früher als sonst zu Mittag nach Hause. Während der Mahlzeit sagte Billy einmal: »Die beiden.« Es handelte sich um einen kleinen Waldsee in der Nähe. »Die beiden wären von seiner Einsamkeit ganz entzückt gewesen.« Und ein anderes Mal bemerkte Otto Moser: »Ihr beide bildet euch ein, die Menschen zu hassen, und dabei seid ihr beide ganz verliebt in die Menschheit.« Und beidemal traf sie dieses »die beiden« wie eine heimliche Anklage. Nach dem Essen verlangte Frau Blanche nach einer Zigarette. Otto Moser meinte zwar, das sei noch eine Reminiszenz aus ihrer ersten Ehe, reichte sie ihr aber und setzte hinzu: »Gib ihr Feuer, Florentin!« Als Florentin ihr das angezündete Streichholz hinhielt, fühlte er oder glaubte er zu fühlen, wie sich ihre bebende Hand an seinem Finger festhielt, und es war ihm, als stünde er selber in Brand. Nachmittag blieb Otto Moser ausnahmsweise zu Hause und versuchte aus liebgewordener Gewohnheit, hier eine kleine Kartenpartie zu veranstalten, was an dem gemeinsamen Widerstand der anderen scheiterte. Das machte ihn nicht wenig übellaunig. Billy schlug vor, ein wenig zu musizieren, aber das wollte Frau Blanche nicht. »Du siehst,« sagte Otto, »die sind für nichts Vernünftiges zu haben. Am liebsten, glaube ich, möchte sich Mama Florentins Lebensgeschichte noch einmal anhören.« 166 Beim Abendbrot rächte er sich, indem er fortgesetzte Anspielungen auf diese Lebensgeschichte machte, die Florentin, so peinlich sie ihm waren, stillschweigend hinnahm. Frau Blanche versuchte abzulenken, aber heute mißlang es ihr. Otto Moser insistierte beharrlich und zeigte plötzlich einen bürgerlichen Hochmut, den er sich sonst zu verstecken bemüht hatte. Der Name Lederer fiel. »Man kann doch nicht bloß im Hause Puyfourcat verkehren«, bemerkte Otto. Draußen schlug die Hexe an. Otto witzelte: »Dein Freund Vojevič oder so was Ähnliches wird in der Nähe sein.« Blanche und Florentin erwiderten nichts, wurden im Gegenteil, wie auf Verabredung, ganz sanft und nachgiebig. Der andere immer gereizter. »Verschont mich, bitte, mit eurem Geist!« schrie er, ohne daß jemand das ominöse Wort ausgesprochen hatte. »Der Geist einer Frau beweist sich im Anzug. Und darum sind mir die Damen der Gesellschaft da unten tausendmal lieber als deine Weiber in Zürich und München.« Florentin war bleich geworden, bezwang sich aber Blanche zuliebe, der Blutröte ins Gesicht schoß. »Natürlich: seine Weiber! Was hast denn du geglaubt?!« Blanche antwortete nicht und stand auf. Etwas verdutzt, brummelte Otto: »Ach was! Ich lasse mir bloß nichts vormachen«, und zündete sich umständlich eine neue Zigarre an. »Bist du mir denn auch böse?« wendete er sich zu Florentin. Dieser schüttelte den Kopf. »Aber sie natürlich. Die es am wenigsten angeht!« Frau Blanche verließ den Raum. Sibylla sah erschreckt von einem zum anderen und wußte sich keinen Rat. 167   15. Sibylla war, nachdem sie sich von Florentin verabschiedet und ihre beiden Hunde versorgt hatte, in ihr Zimmer hinaufgestiegen. Sie wäre heute gern noch mit ihm zusammengeblieben: aber er sah so traurig drein, daß sie die Fragen, die ihr auf den Lippen lagen, nicht herausbrachte. Warum es ihr nicht möglich war, diese Traurigkeit von ihm zu bannen? Jetzt, da er fort war, fielen ihr tausend gute Worte ein, die sie hätte sagen mögen; oder sie hätte gar nichts zu sprechen brauchen, sie hätte nur mit ihren Händen über seine Stirne, seine Wangen fahren, ihm die Haare aus der Stirne streichen, ihm mit einem guten Blick in die traurigen Augen sehen sollen, daß er gefühlt hätte, wie sie bei ihm war, und wie sein Leid das ihre geworden war. Aber, wenn er da war, konnte sie das einfach nicht. Es war, wie wenn diese Traurigkeit eine Mauer um seine Einsamkeit baute, über die es kein Hinüberkönnen gab, wie wenn diese Traurigkeit, die sie nicht verstand, deren Wesen, deren Ursachen, deren Grund sie nicht kannte, ihn meilenweit, länderweit von ihr wegführte, irgendwohin, wo sie nicht, wo nichts von ihr war, wohin sie ihm nicht folgen konnte, wohin sie ihm bloß mit traurigen Augen, die ohnmächtigen Arme geöffnet, nachsehen konnte. Aber würde das immer so bleiben? Wird es immer das Land in seiner Seele geben, an dem sie keinen Anteil hat? Sie müßte es doch sein, deren Gegenwart Wunder wirkt und die Kraft hat, alle Schatten von seiner Seele zu scheuchen und alle seine Kämpfe und Leiden zu lösen. Ihr wenigstens ging es mit ihm so. Von seiner Nähe ging, 168 wie von einem guten Stück Natur, etwas aus, das sie mit solcher Ruhe füllte, daß sie sich, wie im Schatten eines Baumes, geborgen und beschützt fühlte, und alle Angst und Scheu von ihr fiel. Warum blieb ihr jede Wirkung auf ihn versagt? Warum fühlte sie sich denn in seiner Nähe so stumm und ohnmächtig? Und ihre Sehnsucht, ihr unbändiger Wunsch zu helfen, versagte, half ihm nicht, half nicht einmal ihr zu einigen Worten des Trostes und Mitgefühls. Sie öffnete das Fenster und schaute in die Nacht hinaus, die noch dunkler, ganz schwarz und undurchsichtig geworden war. Schwer und gewitterdrohend hingen die Wolken tief herunter. Es regnete. Aber es war kein befreiender Regen, sondern wie eine Vorbereitung auf Schlimmeres. Die Luft war unerträglich heiß und stockend. Das war heute ein häßlicher Tag gewesen. Von Anfang an war etwas über diesem Tage gelegen, das unschön war, das sie beunruhigt und geängstet hatte, sie wußte nicht, womit. Häßliche Flecken hatte er. Nicht als ob sie es immer hätte lustig haben wollen: man hatte auch sonst trübere Stunden, wehmütige Anwandlungen, Verstimmungen; jeder von ihnen, Stunden, in denen er allein sein mußte und die anderen nicht vertrug und abseits ging, bis er mit sich fertig geworden war. Aber das Leben mit den anderen war immer hell gewesen und die Traurigkeit nur wie ein sanfter wohltuender Schatten auf einem hellen Bilde. So verklärt und rein erschien ihr dieses Zusammenleben mit den geliebten Menschen, daß sie es immer wie ein Schreiten seliger, schöner, vornehmer, vollkommener Wesen empfunden hatte, in Stille und Wahrheit, voll Güte, Rücksicht und Zartheit, ohne Falsch und Hintergedanken. Zum erstenmal war das heute anders gewesen. Was es war, das sie gestört hatte, das wußte sie nicht. Sie dachte nach. Es war dagewesen. Schon am Morgen hatte sie es gespürt, gleich als sie hereinkam. Irgend etwas, das anders war als sonst. Irgend etwas zwischen diesen Menschen, die sie 169 mehr liebte als alles auf der Welt, mehr als sich selbst, das sie nicht kannte. Irgend etwas, das sie beunruhigte und schreckte. Was war es gewesen? Woran hatte sie es erkannt? Lag es im Gespräch, an den Worten? Sie erinnerte sich an jedes einzelne und fand nichts. Aber die Stimmen hatten anders geklungen als sonst. Und in den Augen war etwas gewesen, das sie quälte. Etwas Flackerndes, Unruhiges, das sie an diesen Menschen nicht gewohnt war. Und jetzt erinnerte sie sich, auf ihren Blick gewartet zu haben, und er war nicht gekommen. Nicht so wie sonst gekommen, freundlich, warm, erhellt von der Freude an ihr, daß es ihr selbst ganz warm und sonnig wurde unter dem Auge der Liebe. Unsinn! Das bildete sie sich ein. Warum sollten sie sie auf einmal weniger liebhaben? – Oder sollte sie schuld sein? Irgend etwas getan haben, die anderen zu kränken? Etwas Unrechtes? Sie zergrübelte ihr Hirn und fand es nicht. Nicht des leisesten Unrechts war sie sich bewußt, nicht ein schlechter Gedanke, nicht der Schimmer eines schlechten Gedankens war ihr durch den Kopf gegangen, es war nicht ein Augenblick in ihrem Leben, da sie nicht mit tausend Freuden bereit war, jeden Tropfen ihres Herzbluts für die beiden Menschen herzugeben. Das konnte sie beschwören. Jeden Augenblick, reinen Herzens und reinen Gewissens. Aber vielleicht unbewußt? Vielleicht hatte sie sie ohne Absicht gekränkt, ohne Willen? Mit irgendeinem Worte, dessen Sinn sie nicht kannte? Es gab ja so viel im Leben, von dem sie nichts wußte, das sie nur dunkel ahnte. Vor dem sie eine so fürchterliche Angst hatte, die sie niemandem sagte, sagen konnte? Aber das konnte es nicht sein: sie hatte ja nichts gesagt, fast nichts; darum sprach sie ja so wenig, weil sie sich vor diesen unbekannten, ungeheuerlichen Dingen fürchtete. Oder war es ganz einfach das gewesen, daß sie einen Moment sie allein gelassen hatte, daß sie mit Vater gegangen war? Das konnte es doch nicht sein; das mußten sie doch wissen, beide, daß sie ihr tausendmal lieber waren als Vater, so gern sie den auch hatte, aber 170 die beiden standen ihr doch ganz anders nahe. So ganz nahe. So ganz unendlich nahe. Wie Menschen einem nur stehen können. Mutter immer schon, aber auch Florentin. Viel näher als Papa, wenn sie ihn auch erst so kurz kannte. Sie hätte nie geglaubt, daß ihr, außer Mutter, jemals ein Mensch so nahe kommen konnte. Sie hatte ja bis jetzt, außer Mutter, nie einen Menschen gehabt. Ihre Fräuleins hatte sie nie mögen, Lehrer auch nicht: sie hatte nie das Gefühl: fremder Mensch loswerden können. Freundinnen hatte sie nie gehabt; das war alles so anders als sie. Was ihr wichtig war, verstanden die anderen nicht; und was den anderen wichtig war, ließ sie kalt. Sie galt für kühl, weil sie nicht sprechen konnte, und im Grunde hielt sie alle anderen für kühl, auch dort, wo sie am lautesten schwärmten. Sie konnte nicht reden, mußte schweigen, wenn sie am heißesten empfand; und das trennte sie von allen anderen. So war sie immer allein geblieben. Und sie brauchte auch niemandem Sie hatte ja Mutti, und die verstand sie, auch wenn sie schwieg. Und jetzt auch Florentin. Der war geradeso. Und die beiden sollten sie auf einmal nicht mehr verstehen? Aber das war ja nicht möglich. Und auf einmal überkam sie eine Lust, zu weinen. Aber sie kämpfte die Tränen, die in ihr aufstiegen, nieder. Sie wollte nicht grundlos weinen. So war sie nicht. Und sie weinte nicht. Aber grenzenlos verlassen fühlte sie sich. Gab es denn niemand, der ihr helfen konnte? Der ihr sagen konnte, was mit ihr geschehen war, was um sie vorging? Der ihr die Rätsel deuten konnte, von denen sie sich umgeben fühlte, die sie nicht verstand und die sie schreckten? Mutter? Der sie sonst alles hatte sagen können? Ach wie gerne wäre sie zu ihr gekommen, jetzt in der Stille dieser unheimlichen Nacht, hätte sich an ihre Kniee geschmiegt und gefragt. Aber das war es ja. Daß sie in Mutter etwas Fremdes spürte, etwas, das sie nicht kannte und nicht begriff, ein Irgendetwas, das nicht zu ihr gehörte, nicht zu ihr sprach, von ihr nichts mehr wissen wollte. 171 Und Florentin? Ja, Florentin. Er war sanft und gut, und still wie sie. Er mußte sie verstehen, wie keiner. Keiner sonst wie er. Eine unbeschreibliche Sehnsucht ergriff sie nach ihm, sich an Florentins Brust zu lehnen, Florentins Hände zu ergreifen, Florentins gute starke Arme zu spüren. Sie dachte an Florentins Küsse, diese guten, zarten, reinen Küsse, sie sah Florentins Augen, Florentins treuen Blick, es war ihr, als hörte sie Florentins Gang auf der Treppe, als hörte sie Florentins stille, leise Stimme, ein übergewaltiges Bedürfnis nach seiner Zärtlichkeit überkam sie, sie streckte beide Arme in die Nacht hinaus und rief, unhörbar fast, aber doch so, daß sie selbst erschrak: »Florentin!« Aber Florentin kam nicht. Und draußen lag, fahl und böse, von gefährlich wetterleuchtenden Blitzen durchzuckt, die häßliche Nacht und höhnte ihre Sehnsucht. Es war ihr unmöglich, jetzt schlafen zu gehen. Ihre Erregung war zu groß. Sie mußte sich mit irgend etwas beschäftigen. Das hatte sie von Mutter gelernt, Gefühle durch Tätigkeit zu bändigen. Am liebsten mit ihren lieben Sachen. Auch das war eine Lehre ihrer Mutter, welche Heilkraft in den Dingen wohnt, wenn einen die Menschen im Stiche lassen. Sie setzte sich an ihren kleinen Biedermeierschreibtisch und öffnete, eines nach dem anderen, die Fächer. Im ersten lagen, sorgfältig geordnet, ihre Zeugnisse. Sie hatte zwar nie eine öffentliche Schule besucht, sondern war zu Hause, von Lehrern, unterrichtet worden, aber alljährlich hatte sie eine Prüfung ablegen müssen. Die Zeugnisse, die durchweg glänzend waren, bildeten ihren heimlichen Stolz. Denn sie war, was kein Mensch bei ihr voraussetzte, von einem brennenden Ehrgeiz erfüllt. Und sie hatte nicht etwa nach dem letzten Examen zu lernen aufgehört, sondern studierte unermüdlich weiter, auf allen möglichen Gebieten, zum großen Teil von ihrer Mutter beraten und unterstützt, aber manches auch auf eigene Faust, heimlich, um Mutter eines Tages mit der fertigen Tatsache zu überraschen. Sie wollte alle Wissensmöglichkeiten in 172 sich aufnehmen, und es schwebte ihr vor, alles zu können und etwas Bedeutendes zu erreichen, irgend etwas zu werden, was bisher noch keinem weiblichen Wesen gelungen war. Oder so grenzenlos zu lieben, wie bisher noch kein weibliches Wesen geliebt hatte. Am liebsten aber beides. Sie konnte grenzenlos lieben. Sie wußte es. Sie spürte die Kraft und den Drang dazu in sich. Aber wird es je ein anderer wissen? Sie wird es nie sagen können. Wird Florentin es je von ihr wissen? Wird nicht immer dieses Fremde in ihm sein, das sie trennt? Dieses Fremde, das ihr gefiel und das sie nicht verstand, das sie anzog und doch beunruhigte? Was wußte sie von ihm? Er hatte sterben wollen. Das war das erste Bild von ihm, das sich in ihre Seele gegraben hatte. Das Bild eines Selbstmörders, eines vom Leben Gezeichneten, mit den Wundmalen derer, die am Leben leiden. Warum? Woran hatte er so gelitten, daß er es hatte enden müssen? Das hatte sie nie erfahren. Mit fiebernd gespannten Sinnen hatte sie auf seine Lebensgeschichte gehorcht, hoffend, irgendwo darin das eine zu vernehmen, worauf sie wartete, den tiefsten Grund des einen, das sie allein von ihm wußte. Es kam nicht, so sehr sie auch hinter die Dinge zu schauen sich bemühte. Aber anderes kam, das ihr ebenso unklar blieb, das sie ebenso anzog und mit einem seltsamen Mitleid erfüllte, aber sie ebenso ängstigte und ihr ebenso fremd blieb. Eine ewige Unrast war in diesem Leben, es war eine ewige Flucht. Wovor? Eine ewige Jagd. Wonach? Ein Umhertreiben in Ländern, die sie nicht kannte und deren Namen ihr mit den phantastischen Bildern einer abenteuerlichen Romantik verknüpft waren, unter Menschen, von deren Vorhandensein sie kaum eine vage, mit Furcht vermengte Vorstellung hatte, ein Schwelgen in Begriffen, die ihr noch nichts bedeuten konnten. Das alles war so anders als alles Gewohnte, als alle bisherige Umgebung, stach von ihnen allen so sehr ab. Und nur Mutter schien das nicht so zu empfinden. Ihr schien das alles so vertraut und geläufig, 173 als wenn es ihre alltägliche Sprache wäre. Ihre eigentliche Sprache. Mutter war förmlich aufgeleuchtet, aufgeblüht bei diesen Dingen. Wie einer, der jahrelang unter Fremden im Exil gelebt hat und plötzlich seine Muttersprache wieder hört. Merkwürdig, daß sie das alles nicht sofort bemerkt hatte, daß ihr das jetzt erst klar wurde. Sie hatte ja zuerst nichts gespürt als Freude, daß die beiden von ihr so geliebten Wesen einander so gut verstanden. Und sie kam sich dadurch selbst erhöht vor, weil sie sich als das Band, als die Brücke zwischen ihnen empfunden hatte. Nun aber sah sie, daß die beiden einander besser verstanden, als sie sie verstand. Sie hätten die Brücke nicht gebraucht. Mutter begriff ihn besser als sie selbst. Mutter stand ihm also eigentlich näher als sie selbst. Und irgend etwas war in Mutters Seele, war in Mutters Leben, das zu ihm führte, wovon sie bis jetzt nichts gewußt, wovon sie keine Ahnung gehabt hatte. Sie saß vor ihrem Schreibtisch, die Zeugnisse, auf die sie einst so stolz gewesen war, lagen gleichgültig ihrer Hand entfallen, sie starrte vor sich hin und etwas Neues, noch nie Gespürtes, war in ihr aufgekeimt, kroch um sie herum und füllte das Zimmer mit Häßlichkeit. Zwischen ihr und den geliebten Menschen war ein Fremdes, war eine Scheidewand, und wuchs und wuchs. Sie sammelte die Zeugnisse auf, verschloß sie in ihrer Lade, öffnete ein anderes Fach und entnahm ihm, in wohlgeordneten Päckchen, Briefe. Es waren die Briefe ihrer Mutter. Mit anderen Menschen hatte sie nie Briefe gewechselt. Mutter und sie waren nur selten getrennt gewesen, zwei- oder dreimal, weil Mutter mit Papa in Paris und in Italien gewesen war, einige Male im Frühling, wenn Mutter die Stadt nicht mehr vertragen konnte und das Landhaus vor den anderen aufgesucht hatte; einmal auch – das war schon lange her, sie war noch ein ganz kleines Mädel gewesen, das gerade lesen gelernt hatte – eine Reise, die ihr sehr geheimnisvoll vorgekommen war, deren Ziel und Veranlassung 174 sie sich nicht mehr entsinnen konnte, vielleicht auch nie erfahren hatte. Im ganzen waren es doch recht stattliche Päckchen geworden, sorgfältig nach Jahren verteilt und mit farbigen Atlasbändchen verschnürt. Sie nahm eins nach dem anderen in die Hand und besah, jedesmal auf dem zu oberst liegenden Umschlag, die Handschrift der Adresse; immer wieder dieselbe zierliche Schrift mit den kleinen, gleichmäßig schiefliegenden, hübschen Buchstaben. Erinnerte sich, mit welchen fast verliebten Gefühlen sie sonst diese Zeichen anzusehen pflegte: sie kannte die Briefe fast auswendig, so oft hatte sie sie schon gelesen, alle, auch die belanglosesten Ansichtskarten. Nein, völlig Belangloses hatte Mutter ihr nie geschrieben. Immer war irgend etwas sehr Nettes, Heiteres oder sehr Zärtliches dabei. Auch wenn es sich um Wirtschaftsdinge oder Haushaltungsaufträge handelte: derlei liebte Mutti in einem Nebensatz einzupacken, und in der Hauptsache etwas Unterhaltliches und Liebes und Gescheites zu sagen. Und gerade deshalb traute sie sich heute nicht, die Päckchen zu lösen und die Briefe zu öffnen: es war, als fürchtete sie, heute anders lesen zu müssen als sonst, ja als könnte sie in der Handschrift etwas Neues entdecken, was ihr bisher entgangen war. Sie packte die Briefe wieder weg und kramte weiter. Aber sie fand nichts, was zu ihr sprach. Traurig verließ sie den Schreibtisch, ging zu ihren Büchern, berührte aber keines, verweilte einen Augenblick lang vor den Madonnen der Sienesen, ohne hinzusehen, ging von einem der zierlichen Möbel zum anderen, von dem Nippesschränkchen zur Konsole, von der zur kleinen Kommode, entnahm der einen die lederne Mappe mit den Reproduktionen der Bilder aus Louvre und Pitti, die Mutter ihr mitgebracht hatte, und legte sie wieder zurück, ohne sie eines Blickes gewürdigt zu haben, glitt wie liebkosend über die kleinen Tiere aus dänischer Fayence, die hochbeinigen japanischen Vögel aus Antimon, die Blumengläser von Limoges, das blaue Email der Schmuckdöschen, die, verteilt, auf den Gesimsen der Möbel herumstanden, aber die Dinge erwiderten 175 ihre Liebkosung nicht, blieben stumm. Das, was sie brauchte, was sie, ohne es zu wissen, mit allen Wünschen suchte, fand sie nicht: von Florentin hatte sie nicht das kleinste Lebenszeichen, kein Andenken bis jetzt, nichts, was sie an ihn erinnert hätte, wenn er ihr je verlorenginge. Sie kauerte vor ihrer kleinen Kommode und zog die Schubfächer auf. In langen Reihen, eine säuberlich neben der anderen, häufte sich zu stattlichen Hügeln die schneeweiße Pracht der Mädchenwäsche, die blaue Bänder durchzogen, gleich den dünnen sonnenbeglänzten Wasserfäden im weißen Gischt eines Wasserfalles. Aber der Blick auf die Linnenfülle hob heute nicht, wie sonst, ihren Mädchenstolz: ihr Auge und ihre Hand strichen gleichgültig darüber weg, bis sich, weich im Seidenbatist gebettet, ein kleines Schlüsselchen fand. Mit dem öffnete sie ein in der untersten Lade verstecktes, seitliches Schloß: ein Türchen sprang auf, und dem jedem anderen Auge verborgenen Verstecke entnahm sie, klopfenden Herzens, ihr bis jetzt am strengsten gehütetes Geheimnis: ihre Lieblingspuppe, die einzige, die sie aus den Tagen ihrer Kindheit behalten hatte. Eine richtige große Puppe im himmelblauen Kleidchen mit rosa Bändern, die früher einmal sogar die Augen hatte aufschlagen können. Das hatte sie freilich im Laufe der Jahre verlernt. Aber Billy hatte sie darum nicht weniger liebbehalten, und sie erinnerte sich – es war gar nicht so lange her –, daß sie sie in Stunden der größten Verzweiflung, wenn schon gar nichts mehr half, als letzten Trost ins Bett mitzunehmen pflegte, um, die Puppe im Arm, sich in den Schlaf hinüber zu weinen. Ob das heute auch noch nützte? Fast war sie geneigt, es zu versuchen; aber im letzten Augenblick schämte sie sich doch. Und wurde sehr traurig, daß sie schon so erwachsen war und sich entschließen mußte, ohne ihre Puppe zu Bett zu gehen. Sie holte eine Schere aus dem Arbeitskorb, kniete abermals vor der Kommode nieder, drückte die Puppe ans Herz, küßte sie noch einmal auf den ach! so roten Mund, löste die rosa 176 Schleifen, zog ihr das blaue Kleidchen ab, breitete Schleifen und Kleid sorgfältig neben die Wäsche im Wäschespind, schnitt mit einem einzigen herzhaften Schnitt die Puppe mitten durch den Leib, daß die Kleie ihr in den Schoß fiel, und, was übrigblieb, zerschnitt, zerriß, zerbrach sie mit festen Händen so lange, bis es, in ihrem Kleide, in kleinste Teilchen zerfiel, denen kein Auge ihre Herkunft hätte anmerken können. Dann erhob sie sich und schüttelte alles in den Papierkorb. Weg war es. Damit war es vorbei für immer. Und begann sich zu entkleiden. Blitzschnell, wie immer, glitten ihr die Kleider vom Leibe. Nein, schneller als sonst immer: es war, als stünde etwas hinter ihr und jagte sie, sich selbst zu entrinnen, dem heutigen Tag zu entrinnen; mit den Kleidern den heutigen Tag und alle Erinnerung an ihn vom Körper zu streifen. Und doch hielt es sie, unbegreifliche Sekunden, ja Minuten lang, als sie die Zöpfe lösen wollte, vor dem Spiegel. Und ein Blick, den sie sich selbst nicht zu gestehen wagte, streifte ihre Nacktheit. Sie wurde rot bis in die Haarwurzeln: blitzhaft hatte ein Gedanke sie überfallen, sie in ihrer Nacktheit überrascht, so verwegen, daß sie gleich darauf vor Scham sich in die Erde hätte verkriechen mögen: wenn dich Florentin so sehen könnte! Es nützte nichts mehr, alles Verkriechen vor sich selbst nützte nichts mehr; der Gedanke war dagewesen, sie hatte ihn gedacht, und nun brachte sie ihn nicht mehr weg und er brannte sie auf die Haut und sie fühlte ihn bis in die Fingerspitzen, und er überrieselte sie, heiß und kalt, und füllte ihr Blut mit einem grauenhaften Schauder vor sich selbst und füllte das Zimmer und schrie in ihrem Blut und schrie in der Luft, mit lauten, grellen, roten Schreien: Wenn dich Florentin so sehen könnte! Und gleich darauf ein zweiter Gedanke: dann wäre alles anders! Aber es ist ja unmöglich, wehrte sie sich. Weg damit! Ich will nicht. Mich darf kein Auge sehen! Mich hat, außer Mutter, noch kein Auge gesehen! Und zwischendurch immer wieder stahl 177 sich, wie magisch gebannt, der Blick in den Spiegel, flog beiseite und wieder in den Spiegel zurück und fing sich in ihrem Auge, das sich schamhaft abwandte, und fing sich in den Linien ihres Körpers und glitt über die Schulter, verwegen weiter, wie der Blick eines Mannes, ohne Schranken, schließlich, und ohne Grenzen. Sie bäumte sich fast vor Trotz gegen sich selbst und Wut über sich selbst. Und wollte sich wegreißen und konnte nicht. Denn nun hatte sich eine unbegreifliche Süße in die Bitterkeit ihres Gefühls gemengt und ein steigendes Wohlgefallen, und auf einmal breitete es ihre Arme und schrie, mit ganz anderen Lauten: Wenn dich Florentin so sehen könnte! Und sie ließ die Arme sinken und breitete sie noch einmal, in Sehnsucht: Wenn mich Florentin so sehen könnte! Wenn er hier wäre! Auf einmal, wie sie so dastand, mit gebreiteten Armen, überkam sie eine seltsame Erinnerung: als ob sie das einmal schon erlebt hätte, diese Sehnsucht und diese Nacktheit, und diese Freude an ihrem Körper und dieses Strecken der Arme und Florentin hinter ihr, Florentins Blick auf ihrem Körper, und auf einmal wußte sie untrüglich, unableugbar, mit einer letzten Gewißheit, wie sehr auch ihr Schamgefühl, ohnmächtig, dagegen ankämpfte und anrannte: er hat mich schon so gesehen, er muß mich schon so gesehen haben, fast so, damals, in jenem ersten Augenblick, gerade damals, als er sterben wollte, und irgendwie verknüpfte sich sein Sterbenwollen mit ihrer Nacktheit und machte ihre Gewißheit noch gewisser und schuf einen neuen Zweifel: wenn er dich also gesehen hat, wie konntest du ihn doch verlieren? und machte die Gewißheit, ihn verloren zu haben, noch gewisser, und alles andere verflog und es blieb nur eine so ungeheure Scham, daß sie, wie gehetzt, ans Bett flog, das Hemd überwarf und, mit einem Aufschrei, sich unter ihrer Decke verkroch. Sie bohrte den Kopf ins Kissen, biß, vor Wut und Schmerz und Scham, in die Decke, grub die Nägel ins Leintuch, wollte weinen, und konnte nicht, wollte schreien, und konnte nicht: die 178 Gedanken jagten, wie tolle Hunde auf sie ein, hingen sich an sie, bissen sich in ihrem Fleische fest, immer dieselben: er hat dich nackt gesehen: nun ist es aus mit deiner Reinheit; er hat dich nackt gesehen: kannst du denn noch leben mit dieser Schande? Und er hat dich nackt gesehen: und du hast ihn doch verloren! Und an wen hast du ihn verloren? Und wand sich, um nicht antworten zu müssen, um diese innere Stimme, die irgendwo in ihr zur Antwort ansetzte, zu überhören, zu überschreien, warf sich hin und her, bäumte sich, wollte schreien, und konnte nicht, wollte weinen, und konnte nicht. Da war sie schon wieder, die innere Stimme, und setzte an, und jetzt, und jetzt mußte das eine Wort kommen, das nicht kommen durfte, das sie nicht hören wollte, um ihr Leben nicht, das eine Wort, das alles Bisherige ihres Lebens vernichten wird, auslöschen, verwehen, das alles künftige Glück ihres Lebens unmöglich macht, für immer, und sie kann sich nicht anders helfen, alles in ihr schreit: Florentin! So komm doch! So hilf mir doch! und alles in ihr streckt die Hände nach dem, den sie verloren hat und doch nicht verlieren will, und alles in ihr weiß nichts als den einen Wunsch: wenn er da wäre! Wenn er nur da wäre! Jetzt bei mir! und fühlt, wie dieser Wunsch ihr Bewußtsein überströmt und alles andere verdrängt und ihr Blut füllt und in den Adern siedet und, bis in die letzten Nervenspitzen, durch ihren ganzen jungen Leib fließt und rauscht und zuckt. Nun ist es nicht Sehnsucht mehr, kein Händestrecken um Hilfe, nun ist ein Anderes erwacht, ein Neues, das sie nicht kannte, riesengroß, furchtbar, ungeheuerlich, ihr ganz unverständlich, aber so, daß man nicht anders kann und sich willenlos hingeben muß. Ein Sturm rast durch ihren Leib, spannt die Haut bis zum Bersten, daß sie sie wie eine glühend heiße Hülle empfindet, die sich von ihr lösen will und, zitternd, auf Hände wartet, die streicheln, kühlen, beruhigen können, wenn sie nicht wie ein Fremdes von ihr fallen soll. Ist dieses Fremde ihr eigener Körper? Den sie zum erstenmal spürt, als gehörte er nicht zu 179 ihr: und ihr ist, als müßte sie, mit inneren Augen, mitansehen, wie ihr Körper ihre Seele erschlägt, sie erwürgt und ein eigenes Leben führt, aufschießend in üppigen Trieben, aufblühend, über ihren Willen hinaus, stärker als dieser, über ihn wegfegend, mit einer unsäglichen Kraft über sie her. Keine Sehnsucht ist es, die milde durchfließt mit zärtlich gelinderter, wehmütig süßer Schmerzlichkeit, sondern Verlangen, das sie schüttelt, nach irgend etwas, ins Weite hinaus, an keinen Namen mehr gehängt, an kein Bild mehr sich klammernd, an keinen lieben Menschen mehr gebunden, nach Unbestimmtem, nach Armen, irgendwelchen, nach einem zweiten Körper, nach fremden Gluten, nach einem anderen Willen, hart genug, sie aus dieser unerträglichen Einsamkeit ihres Körpers emporzureißen. Warum läßt man sie so allein? Was hat sie der Welt getan, daß sie sie so grenzenlos allein läßt? Was kann sie, ein Kind, gegen die ganze Welt? Die sich gegen sie verschworen hat und über sie herfällt, und die ihr die Liebsten waren, sind mitverschworen, sind die eigentlichen Verschworenen und haben sie verlassen, und niemand ist da, sie zu schützen, keine Liebe, sie gegen die Welt zu schützen, gegen sich selbst zu schützen, gegen den fremden Willen zu schützen, eben den, nach dem ihre Sinne schreien, daß er sie schützen soll, den das neue Leben in ihr verlangt, und den sie doch fürchtet wie den Tod. Sie fühlt, wie ihre Sinne sich verwirren, ihr Bewußtsein dunkelt, ihr Verstand zu reißen beginnt, und nur dieses eine unbestimmte, rasende, sinnlose Verlangen nach irgendeinem Menschen alles im Wirbel mit sich fortschwemmt, in einen nebelgrauen Abgrund hinein. Siedendheiß ist ihr geworden, ihr Blut hämmert, sie streift die Decke ab, will etwas, weiß nicht was, will sich erheben, kann es nicht, möchte ins Freie hinaus, in die Nacht, ins Wetter, den Wind spüren, den Regen spüren. ihn sich ins Gesicht peitschen lassen, bis ihr Blut läuft, den Wind in den Haaren sausen fühlen, laufen, sich müd und wund und tot laufen, mit den Hunden um die Wette jagen, bis sie nicht mehr können, und 180 wenn sie nicht mehr wollen, sie schlagen, oder sich selber, von irgend jemandem, schlagen lassen, bis sie tot umfällt. Irgend etwas tun möchte sie, mußte sie. Jetzt, in Blitz und Regen im See baden, oder sonst etwas, nur irgend etwas, nur nicht daliegen und denken müssen. Irgend etwas, daß alles auf einmal ganz anders wird! Irgend etwas Entsetzliches, daß die Welt aus den Fugen gerät! Damit die Welt erfahre, was sie gelitten hat! Damit Florentin, damit Mutter erfahren, was sie gelitten hat! Irgend etwas Tolles, Verrücktes! Und ohne zu wissen, was sie tut, springt sie, mit Füßen, die nicht die ihren sind, aus dem Bett, reißt, mit Händen, die ihr wie fremde am Leibe hängen, das Notwendigste an Kleidungsstücken über und stürzt wie im Traum, von fremder Gewalt getrieben, mit offenen Augen, die nicht sehen, aus dem Zimmer, die Stiege hinunter, durch den Garten, die Gartentür an den See. Wo der See lag, ballte sich ihr eine dunkle, unkenntliche Masse entgegen, der Wind riß an ihren Haaren, der Regen schlug ihr ins Gesicht, daß es schmerzte. Aber der Schmerz tat ihr wohl, sie atmete freier und die dumpfe Bewußtlosigkeit, die in ihren Augen hing, begann zu weichen. Sie lief, mit den Füßen den wohlbekannten Weg findend; ohne zu denken, zuerst, noch immer von dem Chaos ihrer ungeordneten Gefühle umschwirrt. Aber die Bewegung ihrer Muskeln, durch den Widerstand des Windes gesteigert, pflanzte sich auf ihr Bewußtsein über, erfrischte es allmählich, klärte es; straffte ihre körperliche Energie und mit ihr die geistige: und sie begann langsam aus der Verworrenheit ihrer Sinne zu klareren Gedankengängen zu erwachen. Und auf einmal schlug sie die Augen auf und sah klar. Alles. Alles war ihr mit einemmal klar. O, wie traurig war dieses Erwachen! Eine tiefe Scham vor sich selbst ergriff sie. Es schauderte sie vor dem eigenen Körper. Was war das gewesen? Wie war das möglich gewesen? Nie wieder würde sie Florentin 181 in die Augen zu sehen wagen. Und Mutter? Durfte sie je wieder Mutter vor die Augen treten? Und wie würde sie, wenn sie morgen in den Spiegel sehen müßte, sich selbst vorkommen? Sie würde nicht wagen, sich anzusehen. Oder sich zu berühren. Es war, als müßte die Nacht häßliche Flecken auf ihrer Haut hinterlassen haben. Daß ein Mensch so furchtbar, so grauenhaft häßlich werden kann! Daß eine Nacht einen Menschen so verwandeln, so ins Gegenteil verwandeln, so zum Tier machen kann! Daß Gedanken, bloße Gedanken eine so furchtbare Macht hatten! Und daß das in der Welt überhaupt möglich war! Aber dann war es ja nicht möglich, in dieser Welt zu leben! Und wie war das alles gekommen? Wie war es entstanden? Sie wollte ganz mutig sein, der Wahrheit ins Gesicht sehen, sie beim rechten Namen nennen. Mag kommen, was da will, sie schreckte vor nichts mehr zurück: in Gedanken nicht, und auch nicht im Handeln. Wie sie ihren Leib jetzt dem Sturm bot, ohne Furcht, so wollte sie ihre Seele der Wahrheit bieten und ihr Leben dem Schicksal. War das nicht Mutters Lehre gewesen: das Schicksal in die eigene Hand nehmen, in Freiheit und Bewußtsein? Und hatte nicht Florentin danach gegriffen, begeistert, gierig, wie nach einer letzten Weisheit? Sollte das nur für Florentin gelten? Nur für Männer? Nicht auch für sie? Auch sie forderte ihr Recht auf Bewußtheit, ihr Recht auf Freiheit, ihr Recht auf ihr Schicksal. Zuerst also: Klarheit, rückhaltlose, schrankenlose, grausame Klarheit. Je grausamer, um so lieber. Sie wollte sich nicht schonen, sich nicht vom Schicksal schonen lassen, sich nicht mehr vom Schicksal als kleines Mädchen behandeln lassen. Vom Schicksal nicht und auch sonst von niemandem. Jetzt nicht mehr. In dieser Nacht war sie erwachsen. Sie konnte alles ertragen. Auch das Letzte. Auch den Tod. Auch dieser hatte keine Schrecken mehr für sie. Nach dieser Nacht. Aber es war so schwer, klar zu sehen. So furchtbar schwer. Alles war so verworren, so dunkel, so unheimlich. Wie diese 182 Nacht. Sie glaubte, noch nie eine Nacht von solcher Schwärze, solcher Finsternis erlebt zu haben. Manchmal zuckten Blitze, und dann wurde die Nacht noch dunkler, das Dunkel noch undurchsichtiger. Wie sollte sie Licht in all das Verworrene, Verwickelte bringen? Sie begriff ja nichts von alledem, was mit ihr, was um sie vorgegangen war. Wie konnte sie diese wilde Flucht einstürmender Gedanken bändigen? War sie ja kaum imstande, sich zum Denken zu zwingen, sich an einem Gedanken festzuhalten! Immer hetzte Neues auf sie ein. Und die kaum errungene Entschlossenheit begann wieder zu schwinden. Ängstlich geworden, jagte sie, wie ein junger scheuer Vogel, denselben Weg am See hin und her, hin und her, und, wie ihre Kleider mit dem Winde, kämpfte ihre arme Seele mit der Ohnmacht, Klarheit um jeden Preis zu gewinnen, selbst um den Preis ihres Glückes und ihres Lebens. Wie war es gekommen? Immer wieder tauchte aus dem Erlebnis dieser Nacht, diesem Wirrsal von Sehnsucht, Verlassenheit, Mißtrauen, Gefühl verratener Liebe, Verlangen, Enttäuschung, Sturm der erregten Sinne, Verzweiflung diese eine Frage auf, bohrte sich in das Chaos, griff hinein, stöberte fiebrig und gierig darin, ohne eine Antwort zu finden: Wie war es gekommen? Bis sich, wie ein kleiner Lichtschein, in den Sibyl ihre letzte Hoffnung auf Klarheit stellte, das eine Gefühl stärker als alle anderen erwies: weil ich so allein war. Ja, das war das erste gewesen: dieses Gefühl grenzenloser Verlassenheit. Aber war sie denn nicht immer allein gewesen? Bevor Florentin kam? Sie hatte nie einen Menschen gehabt außer Mutter. Vater zählte nicht. Er war ihr immer fremd geblieben. Immer nur Mutters Mann. Deshalb hatte sie ihn gern. Aber sonst hatte sie nie einen Weg zu ihm gefunden. Sie hatte nie, auch nur einen Moment lang, vergessen, daß er nicht ihr eigentlicher Vater war. Und ihr eigentlicher Vater? Den hatte sie kaum gekannt. Sie war noch ein kleines Kind gewesen, nichts ahnend, als er aus ihrem Leben verschwand. Und wie verschwand? Auf eine rätselhafte, 183 ihr nie aufgeklärte Weise, wie ein unheimlicher Schatten, dessen Name nie genannt wurde, von dem niemand zu reden, nach dem sie nie zu fragen wagte. Sie hatte immer nur gefühlt, daß hier ein dunkles Geheimnis auf Mutters Leben lag. Und wenn Mutter weinte, was in den ersten Jahren so oft war, hatte sie gewußt, ohne zu fragen, daß diese Tränen seine Schuld waren. So war der Gedanke an ihn schließlich mit Haß verknüpft worden, mit diesem schweigsamen, trotzigen, zähen Kinderhaß, wie nur die Kinderseele zu hassen versteht, und lastete wie ein schwerer Druck auf ihrer Kinderzeit. Das war ihr eigentlicher Vater, dessen Gedächtnis den einzigen dunklen Punkt jener hellen Jahre bildete, deren hellster diese Liebe zu ihrer Mutter war. So hatte sie niemanden als Mutter. Um so lieber hatte sie diese. Liebe, das war gar kein Wort für die rasende, sinnlose Leidenschaft, die schrankenlos vergötternde Verehrung, mit der sie an ihr hing. Sie war ihr Verkörperung alles Schönen, Inbegriff alles Heiligen geworden, das Lieblichste, Zarteste, Gütigste, des Geistes feinste Blüte, alles, um dessenwillen sie die Welt schön fand und das Leben liebte. Jedes ihrer Worte galt ihr als Evangelium, unfehlbare Weisheit, tiefste Offenbarung. Ihrer Mutter Liebe war ihres Lebens Sinn, Inhalt und Zweck. Sonst hatte es nichts. Bis Florentin kam. Was es war, das sie zu ihm trieb, wußte sie nicht. Sie wußte nur, daß sie ihn liebte, ganz einfach. Und ihm grenzenlos gut war. Immerfort hätte sie ihm Gutes tun wollen. Für ihn sorgen, wie eine Mutter für ihr Kind. Übrigens: die eine Liebe in ihr hatte nichts mit der anderen zu tun, sie störten einander nicht. Sie spürte, wie die beiden Gefühle friedlich in ihrem Innern nebeneinander wohnten und Platz hatten. Im Gegenteil, sie verstärkten, verschönten einander. Ihr war in seiner Nähe so wohl, ebenso wohl wie bei Mutter, und doch anders. Auch in seiner Nähe empfand sie sich ruhig und geborgen, und doch war eine seltsame Erregung in ihr, eine Aufregung, die aber nicht um sie 184 ging, sondern um ihn. Es war, als fühlte sie eine gewisse Verantwortung für sein Glück. So war es schon gewesen, als er an jenem ersten Abend die bunten Wechselfälle seines Lebens berichtete. Sie hatte gar nicht alles verstanden, aber immerfort durchgefühlt, daß sein Schicksal ihrer bedurfte. Und das hatte sie in einer fortwährenden Aufregung und Spannung erhalten, als ob es sich um ihr eigenes handelte. Diese Aufregung hat sich dann später noch gesteigert, als sie seine Traurigkeit bemerkte, deren Ursache sie nicht kannte. Woher kam diese Traurigkeit? Die seine reine Stirn verfinsterte, wie ein unheimliches, böses Geheimnis, an dem er allein und schwer zu tragen hatte. Und dann der plötzliche Wechsel. Wodurch? Denn mit einemmal konnte er so ungebändigt fröhlich und ausgelassen sein, wie einer, dem plötzlich ein glückliches Wissen, das er allen verbergen möchte und doch nicht kann, in die Augen tritt. Woher kam diese Heiterkeit? Welches war das Geheimnis, welches das Wissen? Und auf einmal wußte sie beides. Es war Liebe. Aber nicht, wie sie damals gedeutet hatte, Liebe zu ihr. Darüber täuschte sie nichts mehr. Wenn aber nicht zu ihr, zu wem sonst? Und wieder ging sie, wie so oft schon in dieser Nacht, aber diesmal mit diesem Wissenwollen um jeden Preis, mit der schwer erkämpften, nicht mehr zu betrügenden Hellsichtigkeit ihrer erwachten Sinne, mit fieberhafter Entschlossenheit alle die tausend kleinen Begebenheiten des gestrigen Tages durch. Eine um die andere, alle Stunden des Tages zerpflügend, hart, grausam, unerbittlich, fast kalten Herzens geworden, biß sie sich in ihr erbarmungsloses Gedächtnis ein, es bis in seine letzten Schlupfwinkel aufbohrend. Und auf einmal, blitzhaft kam die Erkenntnis, der letzte Schleier fiel und sie wußte alles: Florentin und ihre Mutter liebten einander. Es war kein Zweifel. Sie liebten einander. Ihr Geliebter wurde von ihrer Mutter geliebt und liebte die Frau seines Bruders. Und nicht, wie sie bis jetzt geglaubt hatte, um ihretwillen, nicht aus verwandtschaftlicher Treue, nicht aus gemeinsamer Güte, 185 und nicht mit dem Verständnis verwandter Seelen, mit jener lasterhaften, verruchten Liebe, von der sie bis vor wenigen Stunden noch nichts geahnt hatte, und die sie jetzt, aus den Stürmen ihres Blutes, so wohl kannte. Und sie begriff ihre plötzliche Heiterkeit, die gegenseitiges Erraten dieser Liebe war, und begriff ihre Traurigkeit: die Gewißheit, nie zueinander kommen zu können; denn das Schicksal stand zwischen ihnen. Aber es war nicht Vater, der zwischen ihnen stand; das glaubte sie nicht. Sondern sie. Sie selbst. Ihr junges Leben. Und alle Sterne verloschen ihr. Vor den Augen wurde es ihr ganz schwarz und dunkel. Und ganz schwarz und dunkel in ihr. Kein Haß, keine Eifersucht mehr. Nichts, als eine stumpfe, gefühllose, grauenhafte Leere. Und sie starrte, blicklosen Auges in die Finsternis hinaus, die der See war. Da, auf einmal traf etwas ihr Ohr. Ein leises Knistern im Gebüsch. Sie lauschte unwillkürlich. Stimmen, leise flüsternde. Sie unterschied zwei. Sie erkannte die Stimmen. Worte vernahm sie nicht. Aber wie sie die Stimmen hörte, stieg, stärker als alles, stärker als je, noch einmal die ganze, alte, heiße Liebe zu diesen beiden reinsten und gütigsten Menschen in ihr wieder auf; und ein unendliches, alle Dämme überflutendes Mitleid mit den Unglücklichen, die ihr Schicksal mit Peitschenhieben in die nachtdunkle Heimlichkeit und Schande ihres schmählichen Versteckes zusammengetrieben hatte. Und sie schämte sich, bis in ihre tiefste Seele, für sie. Nein, sie sollten ihr nicht, nie, mit Schuld und Verbrechen beladen, in die Augen sehen müssen. Sie wollte ihre Schuld auf sich nehmen. Auf sie, auf ihre armen Kinderschultern sollten sie alles, was sie drückt, abladen. Alles wollte sie ihnen abnehmen. Nur fühlen sollten sie, daß des Kindes Liebe noch größer war als die ihre. Nein, nicht einmal das sollten sie fühlen. Sie wollte ihr Gewissen nicht belasten. Ganz heimlich wollte sie sich aus dem Wege stehlen, damit die beiden glücklich sind. Nicht an ihr sollte es liegen, daß sie nicht 186 zusammenkommen. Sie wollte nicht zwischen ihnen stehen. Jetzt wußte sie, was sie zu tun hatte. Jetzt war es da, das Ungeheuerliche, das sie vorhatte. Jetzt, in dieser Nacht noch mußte es geschehen. Daß diese beiden zusammenkommen, war Ungeheures notwendig. Und sie mußte das Opfer sein. Ihr junges Leben, noch ehe es glücklich, noch ehe es erfüllt war. Und sie sank am Strande nieder und weinte, in tiefgefühltem Mitleid mit sich selbst, noch einmal bitterlich. 187   16. In derselben Nacht stand Florentin, in seinen Mantel gehüllt, an der Gartentür, hart am See, und wartete. Das Haus schien in Schlaf versunken, so still und dunkel lag es in der pechschwarzen Nacht da. Keiner Menschenstimme Laut war mehr vernehmbar, nur die Elemente kreischten, wie toll geworden, gleich aufgescheuchten, todesängstlichen Raubvögeln, in den wüstesten Tonarten durcheinander. Florentin hörte es nicht, spürte den Wind nicht, der ihm in Gesicht und Ohren schnitt, den Regen nicht, der ihm von Hut und Mantelkragen in den Hals troff. All seine Sinne ballten sich zu einer einzigen ungeheuren, gespannten Erwartung, neben der die ganze übrige Welt versank. Ohne zu sehen, starrte er hinaus. Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Ohne sich umzudrehen, flüsterte er: »Blanche!« »Ja, Florentin«, kam es, ebenso geflüstert, zurück. »Ahntest du, daß ich kommen würde?« »Ich wußte es. Hörtest du nicht, wie es in mir nach dir schrie?« »Ich wußte es.« Ihre Hände tasteten nacheinander. Sie fühlten sich eisigkalt an. »Du frierst«, sagte er, und seine leise Stimme zitterte vor Angst um sie. »Armes Kind! In einer solchen Nacht!« »In solcher Nacht!« erwiderte sie, und die Reminiszenz zog ein trauriges Lächeln um ihren Mund. »Dürfen wir auf eine andere warten?« 188 »Aber wir können doch unmöglich hier bleiben, in diesem Höllenwetter!« »Wo sollten wir sonst hin?« »Wohin sonst?« wiederholte er ratlos. »In jener Gartenlaube könnte man uns von allen Seiten sehen. Und im Haus, in meinem Zimmer, wo uns niemand sehen und niemand hören kann, läßt sich das nicht sagen, was wir uns heute zu sagen haben. Heute zum erstenmal nicht mehr. Ich könnte es nicht. Fühlst du das anders?« »Nein, nein!« Er schrie beinahe auf. »In diesem Hause? Nicht, wenn es unser Leben kosten sollte!« »Ich wußte es ja. Und schließlich, was soll uns dieser Sturm anhaben! Kann irgend etwas, das von draußen kommt, uns noch etwas anhaben? Wenn ich ganz ehrlich sein soll, mich freut der Sturm. Seine Melodie gefällt mir. So lächle doch, Florentin! Kann man nicht, soll man nicht das Ernsteste mit Lächeln erleben? Du siehst so traurig drein.« »Ich habe Angst um dich, Blanche.« Er zog den Mantel, den sie umgeworfen hatte, fester um ihre Schultern, rückte die Kapuze, die sie statt des Hutes trug, tiefer in ihre Stirn, um sie vor der Nässe zu schützen. »Das brauchst du nicht. Du weißt, ich bin gar nicht so leichtfertig und habe selbst für mich gesorgt. Und bin auch gar nicht so überempfindlich. Aber habe Dank für deine Sorgfalt, du Guter!« Und sie drückte seinen Arm. So standen sie beide, Hand in Hand, umgeben von der Gewitternacht, fühlten nur ihre aufsteigende Zärtlichkeit und wußten sonst nicht aus und ein. Aber Blanche gab sich einen Ruck. »Weißt du, eigentlich paßt das gar nicht zu uns, diese Hilflosigkeit, weder zu mir, noch zu dir. Und nun weiß ich auch, was wir machen. Wir setzen uns ruhig in das kleine Gebüsch, siehst du, dort, wo der Uferweg endigt.« 189 »In jenes kleine Gebüsch?« Die erste Nacht fiel ihm ein, die er hier vor der Villa verbracht hatte. »Ja. Wir finden schon genügend Platz drin, nützen unsere Mäntel aus, und ein wenig geschützter sind wir ja doch im Gebüsch unter dem dichten Laubdach von Ginster und Rotdorn. Und lange, glaube ich, wird unser Gespräch heute nicht dauern können, Florentin. Jetzt gibt es für uns nur noch Entscheidung und einen kurzen Entschluß, und ich fühle, es ist uns keine Wahl gegeben.« »Ich fürchte, es wird länger dauern, als du denkst«, sagte er, unhörbar, zwischen den Zähnen, und, in seiner grenzenlos sich steigernden Liebe, wußte er nicht, was stärker in ihm war, Bewunderung für diese Frau, die in all ihrer Zartheit den härtesten Kampf mit ihrem Schicksal aufnehmen wollte, oder Mitleid für die nicht Ahnende, was diese Nacht in ihm gereift hatte. Sie ging voran und zog ihn nach. Vorsichtig hob er das Laubwerk empor, damit die Äste ihr nicht in die Augen schlagen, die fallenden Tropfen sie nicht nässen konnten, bereitete ihr einen Sitz, wickelte sie sorgfältig ein, sie vor Nässe und Regen zu schützen, innerlich für jede Sekunde auf den Knien zu danken bereit, in der er sich um sie bemühen und um die er das erste Wort herausschieben durfte. Sie sah ihm zärtlichen Blickes zu, und als er endlich fertig war, langte sie nach seiner Hand und wollte ihn zu sich herniederziehen. Aber, fast erschrocken, fuhr er einen Schritt zurück. Sie lächelte und glaubte ihn zu verstehen. Ganz leise, ganz zart sagte sie: »Lieber Florentin, lieber, nicht wahr, du glaubst immer noch an mich?« »Ja«, sagte er, ganz leise. »So komm! Setz' dich zu mir und sieh mir noch einmal in die Augen und sprich! Denn ich fühle, wie es dir das Herz abdrückt, daß du mir etwas sagen willst und das erste Wort nicht findest. Braucht es das zwischen uns? Sieh mir in die Augen und du wirst es finden!« 190 »Nein, Blanche, nicht so!« erwiderte er, fiel zu ihren Knien nieder und barg seinen Kopf in ihrem Schoß. »Nicht mich anschauen! Zu deinen Füßen will ich liegen, den Kopf in deinem Schoß und dir alles sagen. Mein ganzes Leben will ich vor dir ausbreiten, nicht jenes meine ich, das du schon gehört hast, das auch andere gehört haben, nicht die Geschichte meines Lebens, nicht die Abenteuer, nicht die Zufälligkeiten, nein, das Eigentliche, das Geheimste, mein Herz, meine Seele, mein Geheimnis, das, was niemand von mir weiß, kaum ich selber, das, was nur für dich bestimmt ist, das will ich dir schenken und es von deiner Hand neu empfangen, und dann werden wir beide wissen, was zu tun ist, dann wird es keine Wahl mehr geben, sondern Notwendigkeit. Hüllenlos sollst du meine Seele sehen und was mich bis jetzt am stärksten gebunden hat, Scham, und was mir bis jetzt den Mund verschlossen hat, vor allen Menschen, und auch vor mir selbst, daß ich stumm durch mein Leben gegangen bin, wortlos dem Zufall ausgeliefert, weil mir Scham die Lippen aufeinanderpreßte, das kann ich vor dir nicht mehr, ja, es drängt mich, mit einer beispiellosen Gewalt, dich in mein Innerstes sehen zu lassen, und daß ich es darf, ist mir der wundervollste Genuß meiner selbst, ist mir Gottlosem Verzückung und fromme Wollust, wie sie nur der Ekstatiker im Anschauen des Göttlichen empfindet. Aber daß ich es tue, das danke ich dir: denn du hast mich gelehrt, mein Leben in die eigenen Hände zu nehmen und mich zu erfüllen. Und dieses ist der erste Schritt, daß ich dir das alles sagen kann, daß ich zum erstenmal vor mir selber alle Schleier lüfte und mich meines Innersten bewußt werde und es dir mitteile, es mit dir teile, daß ich nur noch mein Gesetz kenne und es, bewußt und in Freiheit und in Notwendigkeit erfülle, auch wenn es gegen mich geht, auch wenn es – höre, Blanche! – auch wenn es gegen dich geht, das danke ich dir. Und es ist das herrlichste Geschenk, das ein Mensch dem anderen danken kann, und wenn ich es mit meinem 191 Glück danke, dann habe ich es nicht genug gedankt. Und mit meinem, mit unserem Glück werde ich es danken müssen.« Es überwältigte ihn und er konnte nicht weiter. Er griff mit seinen Händen nach ihren und hielt sie krampfhaft fest. Dann hob er seinen Kopf und sah sie lange flehend an. Sie war erbleicht und er sah, wie sie nach Worten rang. Schnell fuhr er fort, und seine Stimme, noch immer leise und flüsternd, hatte einen so innig bittenden Ausdruck, daß sie ihr Innerstes erbeben fühlte. »Bitte, sprich jetzt nicht! Ich kenne den Zauber deiner Stimme, der mir lieber ist, als alle Musik der Welt, und wenn ich auch nicht fürchte, ihm zu unterliegen, denn mich kann nichts mehr irremachen an dem, was ich als meine Notwendigkeit erkannt habe, so will ich auch das leiseste Schwanken nicht mehr erleben und will nicht, daß es mir von dir kommt. Höre mich ganz zu Ende! Einmal, in meinem Leben ein einziges Mal, muß ich sprechen können. Ohne die liebe Stimme zu hören, ohne den Blick der geliebten Augen zu sehen, den Kopf in deinem Schoß, will ich dir mein Leben sagen, wie der Christ im Beichtstuhl seinem unsichtbaren Gotte beichtet!« Sie nickte stumm und er versenkte seinen Kopf wieder in ihren Schoß, während sie ihm mit den Händen streichelnd über die heißen Haare fuhr. »Also höre! Ich liebe dich grenzenlos. Ich liebe dich mehr als mein Leben. Ich liebe dich mehr, als ich jemals irgend jemanden oder irgend etwas geliebt habe. Ich liebe dich mehr, als ich Vater und Mutter liebte. Ich liebe dich mehr, als ich je geahnt habe, lieben zu können. Ich liebe dich mit allen meinen Sinnen. Mit allen Kräften und Trieben meines Körpers und meiner Seele. Alles an mir liebt dich. Was ich tue, was ich fühle, was ich denke, gehört zu dir, bezieht sich auf dich, ist Ausfluß meiner Liebe für dich. Es ist nichts in meinem Geist, das nicht irgendwo dieser Liebe diente, aus ihr Nahrung und Leben zöge, es wird nie etwas in meinem Werk sein, das ich nicht 192 dir verdankte, und das sich nicht an dich richtete. Und ich liebe alles an dir. Ich liebe deinen Körper, deinen Blick, deinen Gang, deine Bewegungen, deine Stimme. Ich liebe deine Art zu sprechen, das, was du sprichst, deine Meinungen, deinen Geist, deinen Tonfall, deine Art, die Worte zu betonen, das Vibrieren in deiner Stimme, alles, und eins ist mir so lieb wie das andere, und das Unwichtigste so wichtig wie das Wichtige, und alles kenne ich an dir, jede kleinste Gewohnheit von dir, jede leise Biegung in deinem Organ, deine Art, die Worte zu setzen und die Sätze zu bilden, und ich warte darauf und alles berauscht mich, dein Fragen, dein Erstaunen, dein Erraten, dein Verstehen. Und jede kleine Handlung von dir, die Biegung deines Armes und das Heben deines kleinen Fingers und das Zucken deines Augenlids, und jeder Schatten über deinen Brauen ist mir ein Fest aller meiner Sinne und Offenbarung deines tiefsten Wesens. Und alles das ist so tief in mir wie nichts von mir selbst, und es noch tiefer, es ganz in mich hineinzureißen, hineinzutrinken, hineinzusaugen, mich ganz mit dir zu erfüllen, ist meines Daseins tiefer, brennender Wunsch. Nicht bloß nach deiner Seele verlange ich, nicht bloß nach deinem Geiste, auch nach deinem Körper, nach allem in einem, denn alle sind sie mir eins, sind mir du: nach dir begehre ich, dich verlange ich, alles von dir, mit jedem Teilchen meines Wesens, in jeder Sekunde meines Tages und meiner Nacht. Und dies ist nicht bloß von heute, von jetzt, du warst immer in mir, genau so wie du bist, und nichts an dir, nichts, auch nicht das Kleinste, nicht der Schimmer eines Härchens, nicht ein Wort aus deinem Munde konnte anders sein. So wie du bist, nur so, war die Frau, die mich von Anbeginn erfüllte.« Sie schloß die Augen, trank seine Worte, zitterte am ganzen Körper. Die Hände hielt sie um seinen Kopf geklammert, den er noch tiefer in ihren Schoß versenkte, während er, noch leiser, fortfuhr: »So war es von Anbeginn an. Jetzt weiß ich es. Schon als Knabe trug ich dich in mir. Ganz früh schon. Jenes 193 unbestimmte Bild, das über meinen Knabenjahren schwebte, und an das ich eine rasende Zärtlichkeit hängte, war gar nicht unbestimmt, trug deine Züge, konnte nur deine Züge tragen. Heute weiß ich es ganz genau, wie erdenschwer, wie verhaßt, gemein und plump mir alles erschien gegen das elfenleichte, zierliche, schlanke, sprühende, schwebende Wesen, das ich in meinen Träumen trug, in meinen Armen durch meine Träume trug. Ganz allein war ich mit ihm in der Welt, gegen die Welt. Es sonderte mich von allen anderen, riß mich aus der Zärtlichkeit meiner Eltern, die mir fremd und kühl und arm vorkam gegen die Zärtlichkeit, die ich zu dem Bild in meinem Innern fühlte. Sie wuchs und wuchs und wurde zu einem Übermaß, das sich ausströmen wollte und, von der Armut der anderen enttäuscht, immer wieder in mich und zu meinem geliebten Wunschbild zurückflutete. Alle Zärtlichkeit, die ich an andere verschwendete, war aus diesem Übermaß, und wenn ich Vater und Mutter glühender zu lieben glaubte als andere lieben können, war es irgendwie dieses Bild in mir, das ich in ihnen liebte, dein Bild, und du warst es, um derentwillen mich die Zärtlichkeit aller anderen enttäuschte. So wurde ich aus diesem Übermaß, das mich erdrückte und das ich mich schließlich zu verstecken bemühte, schamhaft, verlegen und stumm. Dann kamen die Jahre, in denen ich mich meiner Scham schämte, mein Inneres betäubte, meine Stummheit überschrie: ich wurde lustig wie die anderen, lustiger als sie. Bis ich nicht mehr konnte, und Sehnsucht und Zärtlichkeit in mir zu einem Orkan wuchsen, der alle meine Sinne mitriß. Das Frauenbild in mir war stärker geworden als alles andere, machte mir meine Umwelt in ihrer groben, verständnislosen Deutlichkeit zum Ekel, ich floh. Ich floh vor ihr, vor meinen Eltern, vor mir, hinter dem Bilde her. Nannte es Freiheit, Kunst, Kultur, mit tausend Namen, die sein Wesen nicht trafen, nicht treffen konnten, denn du warst es. Dich suchte ich, in allen Umarmungen, in allen Abgründen, Sümpfen und Pfützen 194 des Lebens, immer wieder dich, tauchte tief unter, watete durch allen Schlamm und Schmutz, aus Sehnsucht und Zärtlichkeit war eine rasende Sinnlichkeit geworden, die nach dir schrie, hinter dir her jagte in steigendem atemlosem Verlangen. Ich will nicht lügen, ich bin nicht rein, nein, ich bin nicht rein, ich bin nicht so wie du mich siehst, ich bin wissend, ich bin durch alle Laster hindurchgegangen, denn als ich dich in den blauen Himmeln meiner Träume nicht fand, habe ich dich in allen Höllen gesucht, dich allein, bis ich dich in der letzten und schwärzesten gefunden habe, als das Weib meines Bruders.« Und, indem er sich mit aller Kraft seiner Hände an ihren Leib klammerte, schloß er, mit zitternden Lippen, von Leidenschaft geschüttelt, so daß das Flüstern seiner vor Erregung heiseren Stimme wie ein Aufschrei aus tiefstem Innern klang: »Ich liebe das Weib meines Bruders. Das Ungeheuerlichste ist wahr. Keine Lüge soll es uns beschönigen; kein Sophisma soll uns darüber wegtäuschen, keine Dialektik kann uns diese Wirklichkeit verschleiern. Und nicht mit einer reinen, nicht mit einer geistigen, nicht mit einer freundschaftlichen Liebe: mit einer Liebe, die aus allen Erfahrungen eines wüsten Lebens gelernt hat, liebe ich es, begehre ich es, verlange ich nach ihm. Und auch das Letzte will ich sagen. Ich fühle die Sünde, aber ich scheue sie nicht. Sie stört mich nicht. Ich liebe dich trotz der Sünde, durch die Sünde hindurch, ich liebe unsere Sünde um deinetwillen, so sehr fühle ich, wie wir füreinander bestimmt sind, zueinander gehören, ich zu dir und du zu mir, und daß nichts, auch die Sünde nicht, uns voneinanderreißen kann, nein, alles, was zu unserer Liebe gehört, auch die Sünde, auch daß du die Frau meines Bruders bist, uns nur tiefer und unlösbarer aneinanderbindet. Nun weißt du es, wie dein ich bin: hier hast du mein Herz: ich habe es vor dir ausgeschüttet, es ist nichts mehr darin, was nicht dein geworden ist. Das ist es, was ich dir habe sagen müssen, ehe das geschieht, was geschehen muß.« 195 So bekannte er seine Liebe in ihren Schoß. Sie aber neigte sich über ihn und sprach sanft: »An dir ist keine Sünde. Was immer du tust, wird dadurch, daß du es tust, rein und geheiligt. Mein Herz spricht dich frei. Und alles, was dich drückt, will ich auf mich nehmen. Und wäre es Sünde, so will ich teilhaben an ihr: aber ich glaube nicht an Sünde. Was soll dieses fremde Wort zwischen dir und mir? Nur das Fremde, der fremde Wille, das Gesetz, das von außen kommt, wäre Sünde. Aber das, was uns zueinander treibt, ist heilig, weil es unsere eigenste Natur ist. Nichts an dir ist mir fremd. Und alles, was du mir gesagt hast, das wußte ich von jeher. So rein und klar liegt deine Seele vor mir. Und ebenso rein und klar soll meine Seele vor dir liegen. Das will ich. Nichts sei in mir, was du nicht kennst. Und wie du mir dein Leben gegeben hast, so will ich meines in deine Hände legen und es von dir als Geschenk zurückempfangen. Richte dich auf, Florentin, und laß mich in deine guten Augen sehen, deine Hände halten, dich fühlen! Dann wird es mir leichter werden, von einem Leben zu sprechen, dessen ich mich schäme, weil du nicht drin warst, von einer Vergangenheit, die mir, seit ich dich kenne, so fremd geworden ist, wie das Leben eines anderen Menschen. Aber du sollst alles von mir wissen, Florentin, wie ich alles von dir weiß.« So saßen sie da, Hand in Hand, spürten nicht, daß der Sturm um sie tobte, vergaßen, daß es draußen eine Welt gab, vergaßen an Mann und Bruder, Kind und Braut, und sahen einander in die Augen, als wenn es das erstemal wäre. Und nach einer langen Pause begann sie erst: »Mein ganzes Leben war Warten. Ein Warten auf dich. Was vor dir war, zählt nicht. Wie hinter einem Schleier liegen Kinder- und Mädchenjahre in meiner Erinnerung. Ich sehe mich an Fenstern sitzen und in eine blaue Ferne starren. Träume, ganz unbestimmte, tauchen verschwimmend auf, ein Leben außer Zeit und Raum, in Phantasien vertändelt, das nie zu einem 196 klaren Bewußtsein kam. Von der Welt wußte ich nichts, viel weniger, als alle anderen Mädchen meines Alters. Meine Eltern starben früh und ich war allein. Von den Menschen, die mich umgaben, weiß ich nichts, wußte ich damals noch weniger. Sie interessierten mich nicht und ich kannte sie nicht, gab mir auch keine Mühe, sie kennenzulernen. Sie waren wie blasse Schatten, die an meinem Leben vorüberglitten. Die Realitäten der Existenz blieben mir gleichgültig. Unwillkommene Störungen meiner Traumstunden. Ich las unendlich viel, am liebsten phantastische Bücher, trieb auch viel Musik, sang. Das waren meine Lebensfunktionen. Am stärksten spürte ich sie, wenn ich tanzte. Da konnte ich meine letzte Leidenschaft ausgeben. Der Tanz war mir wie eine Erfüllung meiner Träume und Phantasien. Die Tänzer spürte ich gar nicht, merkte sie kaum. Nur mich selber fühlte ich im Tanz und diese ewige Erwartung von etwas Wunderschönem. Alles war Vorbereitung und der Tanz die festlichste. Das Eigentliche sollte erst kommen. Mußte kommen. Ich dachte nicht, ich wollte nicht, ich wartete. Und als der erste Mann kam, der mich wollte, fiel ich ihm, fast ein Kind noch, anheim. Es war nicht einmal die künstlerische Attrappe, die mich täuschte. Ich machte mir gar keine Gedanken über ihn, er wollte mich und ich hatte nie widerstehen gelernt. Es war mir so fremd, so ermüdend, Willen gegen Willen zu setzen, er hatte so gar nichts mit meinem Leben in Traum und Phantasie gemein, es war so gar nichts in meinen Instinkten, das für ihn oder gegen ihn sprach, daß ich willenlos mit mir geschehen ließ, was geschah. Ich hatte mir nichts vorgestellt, nichts erwartet, als mein Mädchenleben, mein Traumleben fortsetzen zu können. Aber sofort nach der Hochzeit fiel die künstlerische Maske und ein Abenteurer, ein brutaler Zweckmensch, habgierig und wollüstig, trat zutage. Ich erschrak furchtbar. Das also war die Welt, das war die Ehe. Eine unsägliche Scham überfiel mich. Noch glaubte ich, daß es in allen Ehen so aussah: aber dann konnte man doch nicht weiterleben in einer so 197 schmutzigen, so häßlichen Welt. Sibyl sollte zur Welt kommen, sehr gegen den Willen meines Mannes, der jede Verantwortung, jede Beeinträchtigung seiner Zügellosigkeit fürchtete. Und nun begann für mich eine Zeit der letzten körperlichen und seelischen Erniedrigung, der widerlichsten, schmählichsten Zumutungen und Vergewaltigungen, eine Zeit, in der mein Körper gemißbraucht, meine Seele gedemütigt wurde. Und diese Qual durchsetzt und vermengt mit den unsaubersten Geldgeschichten, die nun einmal das Lebenselement dieses Mannes bildeten. Glaube mir, daß alle Laster, die du in den Hafenspelunken der ganzen Welt mitangesehen und erlebt hast, in ihrer ehrlichen Unverfrorenheit nichts sind gegen die heimliche Sünde, die durch den Alkoven unserer bürgerlich legitimierten Ehe gedeckt wurde. So war ich aus der traumhaften Unbewußtheit meines Blumendaseins zu einem Leben erwacht, das vom Tode gezeichnet war, das ein langsames Sterben war. Mit einem Male war ich sehend geworden. Und nun war auch mein Wille erwacht, und als Sibyl zur Welt gekommen war, zerbrach ich diese Ehe, bevor sie mich zerbrochen hatte, und entlief meinem Manne. Nun begann dieser Kampf um mein Kind, der in erster Linie ein Kampf um mein Geld war. Wie sollte ich, siebzehnjähriges Geschöpf, hilflos, weltfremd, unvertraut mit diesen unverständlichen Gesetzen und Verfahren, gegen eine Meute brutaler Männer und Juristen aufkommen? Ich war am Zusammenbrechen, als Otto kam und sich meiner annahm. War es ein Wunder, daß ich mich an ihn anlehnte? Er war gut zu mir und war anständig, das fühlte ich, und meine Schwingen waren gebrochen. Und jenes Eigentliche, auf das ich wartete, um dessen willen ich lebte, gab es das überhaupt in der Welt der Wirklichkeiten? Ich zweifelte, verzweifelte daran, und so griff ich denn, in meiner Verzagtheit, noch schaudernd unter dem Druck der frischen Erinnerung an die Wüstheit meiner ersten Ehe, nach dem Entgegengesetzten, nach der festen Hand, die sich mir bot, nach der Stille und sicheren Ruhe einer 198 bürgerlichen Versorgung. Schon um meines Kindes willen, wie ich mir sagte. Florentin, Otto ist dein Bruder, und du wirst mein Schweigen ehren. Aber du wirst es verstehen, daß diese zweite Ehe mich zur Einsamkeit erzogen hat. Und daß es aller meiner allmählich wachsenden und sich ihrer bewußt werdenden Kraft bedurfte, mich der hereinbrechenden Bürgerlichkeit zu erwehren und zu mir zu entwickeln. Glaube mir, es war ein schwerer Kampf, nicht leichter als der erste. Ein Frauenleben ist ein dünnmaschiges Gewebe, und tausend Lücken gibt es, durch die Konvention, Kleinlichkeit, Borniertheit, Philistrosität, Splitterichterei hineinschlüpfen, um unsere Freiheit zu umgarnen, unsere Persönlichkeit zu ersticken. Es hat lange gedauert, bis ich darauf kam, was das Wesentliche sei, bis ich meine eigene Natur erkannt habe und mir die Freiheit erobert habe, nur ihr zu leben. Und wer mir am meisten dabei geholfen hat, war Sibylla; an ihr, im Leben mit ihr bin ich reif geworden, habe ich erkannt, daß es Schönheit, Freude, Güte und Takt sind, worauf es im Leben ankommt. Mit ihr habe ich die Freude am Leben der schönen Dinge entdeckt, die Seele der Gegenstände und die Seelenlosigkeit der Gesellschaft. Ich habe es sie gelehrt und durch sie gelernt, dem Geschick nicht willenlos gegenüberzustehen, sondern es in die eigenen Hände zu nehmen, nicht Objekt, sondern Subjekt, tätiges, wollendes, wirkendes Subjekt seines Schicksals zu sein. Und so wurde mein Leben, durch mich selbst gestaltet, schön, freilich nicht Erfüllung, sondern immer noch festliche Vorbereitung, festliches Warten, immer noch, auf das Eigentliche, das kommen soll. Über all den Jahren dieser zweiten Ehe lag Erwartung. Ich wußte, daß es kommen muß. Und es ist gekommen. Ich wußte, wie man sein Schicksal ahnt, wie man seine Erlösung ahnt, wie man seinen Tod weiß, daß es den Mann gibt, der zu mir gehört, zu dem ich gehöre, für den ich bestimmt bin, der mich versteht und den ich verstehe, den mein tiefstes Fühlen erahnt, der mein 199 tiefstes Wollen erlöst, der mein tiefstes Denken erfüllt. Auf dich habe ich ein Leben lang gewartet und du bist gekommen.« Und, indem sie seine Hände gegen ihr Herz drückte: »Als du kamst, wußte ich alles. Ich wußte, warum ich gelebt habe und wozu ich gelebt habe. Du bist der Sinn, der Inhalt, der Zweck meines Lebens. Du bist die Erlösung und die Erfüllung meines Schicksals. Du bist meine Brücke zur Welt, mein Weg zur mir selbst, der Schlüssel zum Verständnis meiner eigenen Seele. Du bist der einzige, den ich lieben kann, der einzige Mann, in dessen Armen mir die Liebe nicht Schmach ist. Deine Liebe hat den Schmutz zweier Ehen von meiner Seele genommen. Du bist der Nächste meiner Seele, mir näher als mein Kind selbst, mir verwandt in Denken und Fühlen, in Art und Wesen, und nichts, nichts, nichts ist an dir, was mir fremd ist oder je fremd werden könnte. So nahe bist du mir.« Ihre Hände hatten sich gelöst, beide senkten ihre Augen und es war ihnen, als müßten sie niederknien, und hinter ihnen stände ein Unsichtbares, Heiliges, ihre Hände für immer ineinanderzulegen, wie sie ihre Seelen miteinander getauscht hatten. Und Blanche schloß: »Tu mit mir, was du willst! Ich bin dein. Und folge dir, wann du willst, wohin du willst, jetzt, bis ans Ende der Welt.« Und während sie ganz nahe an ihn heranrückte, nach seinen Händen tastete und mit ihrem Auge seines suchte, geschah ihm ein Wunder. Eine unsichtbare, heilige Macht kam über ihn, ohne daß er zu widerstehen vermochte, ohne daß er wußte, was mit ihm geschah. Es zwang ihn mit einer unwiderstehlichen Gewalt auf die Kniee und seine Augen schlossen sich. In drei Sekunden, während derer sich angstvoll, erwartungsvoll der Blick der Frau an sein Antlitz heftete, erlebte er sein ganzes Leben, vergangenes und künftiges, erkannte er zum ersten Male sein tiefstes, eigentlichstes Wesen, sah es anders als je vorher, sah Dinge, die unentdeckt schon immer in ihm geschlummert hatten, in aller Deutlichkeit, 200 fühlte er, daß dieser Augenblick der Höhepunkt seines Lebens war, um dessentwillen es geschah. Als er seine Augen öffnete und sich erhob, war er ein anderer geworden. Er stand ganz ruhig und sah mit einem Blick voll unendlicher Güte auf die Erschreckte hernieder, deren Auge suchend an seinem hing. »Nein,« sagte er, ganz still, »das, was du von mir willst und erwartest und erwarten mußt, das kann ich nicht. Jetzt nicht mehr. Jetzt weiß ich, daß ich es nicht kann. Und was ich nicht kann, das tue ich nicht.« »Ich verstehe dich nicht«, kam es fragend von ihren bebenden Lippen. »Ich kann nicht über Leichen gehen. Ich kann nicht auf dem zerschmetterten Glück anderer mein Glück aufbauen. Ich bin kein Räuber, der in fremdes Leben einbricht, sich sein Glück zu stehlen. Meine innerste Natur empört sich dagegen, bäumt sich, sträubt sich dagegen. Ich fühle es, bis in alle Nerven, daß ich es nicht darf, weil ich es nicht kann, und daß ich es nicht kann, weil es gegen meine Natur ist.« »Aber, Florentin, liebst du mich nicht mehr?« »Ich dich nicht lieben? Ich liebe dich glühend, wahnsinnig, mehr als je. Und jedes Wort, das ich dir von meiner Liebe sagte, ist heiligste Wahrheit, die ich jeden Augenblick mit meinem Blute besiegeln will. Es ist wahr, daß du und ich unlöslich zueinander gehören, und es ist wahr, daß dich zu besitzen mein einziger Wunsch, mein einziges Glück ist, und daß es für mich kein Glück gibt außer deinem Besitz. Ich lüge mir nichts vor und ich will dir nichts vorlügen. Wir beide können nicht mehr glücklich werden ohne einander. Aber du und ich, wir stehen über dem Glück, und unsere Liebe steht über dem Glück, und wenn es für uns nur ein Glück auf dem zerbrochenen Glück der anderen gibt, dann will ich lieber, bewußt, unser eigenes Glück zerbrechen. Wir brauchen kein Glück, wir haben uns, 201 und das ist mehr als Glück. Dieses weiß ich heute: das Gesetz, das mir auferlegt ist, ist Menschlichkeit, und ich schäme mich nicht, mich zu ihr zu bekennen. Dies ist mir vorgeschrieben: anderen Menschen nicht weh tun zu können. Und ich will lieber mir weh tun. Ich bin nicht wehleidig. Ich ertrage es besser als die anderen. Zu tief bin ich heute schon in mir verwurzelt, stehe zu fest auf meines Wesens Boden, als daß mich des Lebens Sturm noch einmal umwerfen könnte. Ich werde meinen Schmerz und meiner Wünsche Zerstörung so zu tragen wissen, daß es keiner mir anmerkt. Und irgendwann einmal wird es Früchte treiben, auch für mich. Nicht fruchtlos wird mein Leben verdorren. Laß mir diese Hoffnung und diesen Stolz! Und wenn ich stolz bin, laß es mich für dich mit sein! Du hast es mich ja gelehrt, auf mich stolz zu sein. Sei du es ebenso! Nicht wie ein Opfer wollen wir Trennung und Einsamkeit tragen. Nicht Opfer sind es, was ich von mir und dir verlange. Dies ist kein Opfer, kein großmütiger Verzicht. Ich verzichte ja nicht auf dich. Dich habe ich in meinem Leben, und nichts kann dich mir mehr aus meinem Leben nehmen.« War dies ein Traum? Die Welt versank ihr. Sie streckte die Arme, als könnte sie die versinkende halten. »Florentin!« schrie sie auf, »dies alles ist nicht wahr! ist unwirklich! Das alles sind Hirngespinste, Gedanken, Theorien! Nur eins ist wirklich: das ist unsere Liebe. Sonst weiß ich nichts! Sonst will ich nichts wissen!« Noch begriff sie von allem nichts, als daß das Glück, das ein Leben lang erwartete, kaum aufgetaucht, wieder zu entweichen begann, und daß es galt, es festzuhalten. Und sie war bereit, sich zur Wehr zu setzen. »Florentin, ich kann ohne dich nicht leben. Florentin, ich habe die Kraft, mein Glück zu nehmen. Es mir zu stehlen, wenn es not tut. Ich bin eine Frau, ich habe den Mut zur Sünde, wenn du, Mann, ihn nicht hast.« 202 Er erwiderte, furchtbar ernst: »Nein, Blanche, dies sind keine Theorien. Dies ist meines Wesens Gesetz und tiefste Notwendigkeit. Gott sei vor, daß ich in diesem wichtigsten Augenblick meines Lebens philosophiere. Und wenn du Frau bist, so bin ich Mann, durch dich Mann geworden, und stehe zu meines Lebens erkannter Notwendigkeit. Und wenn du die Kraft und den Mut zur Sünde hast, so habe ich die größere Kraft, nicht stark zu sein, und den Mut zur Schwäche. Weil ich den Mut habe, ganz ich selbst zu sein. Alle, vielleicht alle anderen, hätten die Kraft, über die Ehe des Bruders weg, über das Glück und den Frieden dieses ahnungslos unschuldigen Kindes weg, mit starken Händen ihr Glück an sich zu reißen. Oder hätten geschwiegen, hätten ihre Liebe tief in sich verschlossen und geschwiegen. Vielleicht hätte auch ich schweigen sollen. Ich habe nicht geschwiegen. Zu hoch habe ich uns beide eingeschätzt, als daß wir es nötig hätten, dem Bewußtwerden unserer Leidenschaft feige auszuweichen. In Bewußtheit mußten wir unser Schicksal auf uns nehmen, es komme, wie es wolle. Ich fürchte nichts mehr. Keine Macht und Meinung der Menschen, aber auch kein Gewissen und keinen Richter in mir. Nicht aus irgendwelcher Moral gebe ich deinen glühend ersehnten, begehrten Besitz preis. Nicht vor der Sünde fürchte ich mich. Du hattest recht, es gibt keine. Keine andere, als das Fremde zu tun, fremdem Gesetz zu gehorchen. Und mir wäre es ein Fremdes, dich zu stehlen. Ich tue, was ich muß, und ich lasse, was ich lassen muß. Ich kann die Vorstellung nicht vertragen, daß mein Bruder, daß Billy in den Ruinen dieses zerstörten, besudelten Hauses hinter uns her weinen sollen. Wie ein Fremdkörper würde der Gedanke an durch mich vernichtetes Glück mein Blut vergiften. Lieber vernichte ich meines und deines, denn du gehörst zu mir. Und von mir und dir weiß ich, in tiefster Seele, in klarstem Bewußtsein weiß ich es, daß wir ein Schicksal zu tragen wissen, wenn wir erkannt haben, daß es unser Schicksal, unsere Notwendigkeit ist.« 203 Sie schwieg. Keinen Laut brachte sie hervor. Ihr Blut stand in Flammen. Ihre Augen bohrten sich in die seinen, sie hing an seinen Lippen, jedes seiner Worte trank sie, fühlte, wie jedes, mit Hammerschlägen, eine Lebenshoffnung in ihr zertrümmerte, die Fäden durchschnitt, die ihren Willen zum Glück mit der Zukunft verbanden, und konnte doch nicht unterlassen, sie wie ein köstliches, tödliches Gift in sich zu saugen. Jetzt war er so, wie sie den Mann geträumt hatte; dieses war der schicksalhafte Trotz, den sie in ihn gepflanzt hatte, und nun wandte er sich gegen sie und zerschlug ihr Glück. Aber auch in ihr war von diesem Trotz, und sie wehrte sich, wenn sie auch, vergehend vor Liebe und stolzer Bewunderung, die Kraft ihres Widerstandes hinschmelzen fühlte. Er aber fuhr fort: »Ich gehe. Aber ich gehe ein anderer, als ich kam. Daß ich ein anderer geworden bin, verdanke ich dir. Ich habe ein neues Leben aus deinen Händen empfangen. Als ich kam, war ich zerfahren, ratlos, wußte nicht aus und ein in meinem Leben, ein Spielball des Geschickes, von Zufälligkeiten hin und her getrieben, vom Augenblick regiert, fremdem Willen gefügig. Du hast mich gelehrt, mein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Nun kann ich es, nun bin ich der Herr meines Geschicks, nun habe ich die Wahl: Glück oder Unglück, aber nach meiner Wahl, nun ist kein fremder Wille mehr in meinem Leben. Keiner. Auch der deine nicht. Du hast mich gelehrt, mich auf mich zu besinnen, meiner eigensten Natur bewußt zu werden, nur nach dem Gesetz meines Lebens zu fragen und sonst nach nichts in der Welt. Nun habe ich mich erkannt, nun weiß ich Bescheid in mir, bin ich meinem eigenen Leben zu Hause und kenne sein Gesetz. Und nun verteidige ich es gegen jeden, auch gegen dich, das Werk deiner Liebe auch gegen deine Liebe, wenn sie es vernichten will.« So rangen ihre Seelen miteinander. Ihre schrie: »Ich lasse dich nicht.« Und seine: »Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.« 204   17. Ein halb unterdrückter Aufschrei, vom See her. Wie vom Blitz gerührt, fuhren beide auseinander. Sahen einander an, errieten das Schrecklichste. Im nächsten Augenblick stand Florentin am Ufer, sah ein Weißes im furchtbaren Ringen mit dem Anprall der Wellen untergehen, sprang, in den Kleidern, mit einem Satze ins Wasser, hatte mit einem Stoße der Arme die Ertrinkende erreicht, hob sie mit dem einen Arm hoch empor und schwamm mit dem anderen, von den Beinen unterstützt, ans Land zurück. Und schon lag sie im Schoße der Mutter, und beide, Florentin und Blanche, keines Wortes mächtig, rieben, drückten, kneteten Körper, Hände und Füße so lange, bis sie den Puls des Herzens wieder hörten, der Atem wiederkehrte und die Augen sich öffneten, um sich sofort wieder zu tiefem, ohnmachtähnlichem Schlafe zu schließen. Und, ohne ein Wort zu reden, hoben sie beide die schmale Last des jungen Körpers auf, trugen sie, Blanche die Schultern und Florentin die Beine fassend, heimlich, auf leisen Sohlen schleichend, wie zwei Diebe, durch den Garten ins Haus, die beiden Stockwerke hinauf, in ihr Zimmer, legten sie aufs Bett, entkleideten sie, schleppten alles Vorhandene an Decken und Tüchern herbei, hüllten sie ein und sanken, zu Tode erschöpft, auf den beiden Seiten des Fußendes, aufs Bett nieder. Sibyl war nicht erwacht, aber ihr Herz schlug wieder regelmäßiger, und ihr Atem ging hörbar. So saßen sie, ohne zu sprechen, ohne sich zu rühren, ohne einander anzusehen, Stunde um Stunde. Das Gewitter hatte 205 nachgelassen, frech und eintönig klatschte der Regen an die Scheiben. Bleiern schleppte sich die Zeit, grau, öde, stumpf, ausgebrannt lag ihr Inneres da, wie ein zertretenes, zerstampftes Feld, regungslos, und schwieg. Und doch hätten sie sich an jede der leeren Stunden klammern mögen, um ihren unerbittlichen Gang aufzuhalten. Und doch war es noch dunkle Nacht und der Morgen nicht gekommen, als er sich erhob. »Ich gehe jetzt, Blanche.« »Für immer?« »Für immer. Oder glaubst du, daß es für uns beide ein Zurück, ein Spätereinmal, ein Anderskönnen gibt?« »Nein, Florentin. Ich fühle jetzt wie du. Wir beide können nicht über Leichen gehen. Es ist uns nicht gegeben. Wir können anderen nicht wehe tun. Mit unserem Schmerz können Menschen wie wir – o, wie mich dieses Wir jetzt noch, in dieser Stunde noch, beseligt – allein fertig werden. Aber das, was von uns den anderen gehört, muß Freude sein.« Da fiel ihr Blick auf Sibyls Gesicht, und sie schrie auf: »Freude!? Wie darf ich je wieder dieses Wort aussprechen und diese liegt hier! Durch unsere Schuld! Durch meine Schuld!« Da glänzte sein Gesicht auf und er sah sie mit einem Blick voll unsäglicher Liebe an. »Nein, Blanche! Nicht so! Nicht verzweifeln! Nicht von Schuld sprechen! Nie wieder! Auch dieser gegenüber nicht. Es gibt keine Schuld. Was geschehen ist, das mußte geschehen. Es geschah mit uns. Es konnte nicht anders kommen. Es war zu schön. Aber was jetzt geschehen muß, das muß durch uns geschehen. Bewußt und in Freiheit müssen wir es auf uns nehmen, diesem Kinde die Freude wiederzugeben. Es soll nicht an einem verfinsterten Leben weiter tragen. Du mußt es auf dich nehmen, ihm sein Leid in Glück zu verkehren, ihm den Glauben an uns wiederzugeben. Glaube mir, Blanche, du kannst es.« 206 »Aber wie? Ich will ja alles tun, was du willst. Aber sage mir nur, wie?« »Du kannst es. Ich weiß es, daß du es kannst. Und dies ist das einzige, um was ich dich noch bitte. Es ist schwer. Es ist ein großes Opfer, eine harte, schwere Zumutung. Es ist eine Lüge, die ich von dir verlange. Dieses Kind darf nicht glauben, daß seine erste Liebe verschmäht wurde. Es darf nicht mit dem Gefühl durchs Leben gehen, daß die beiden Menschen, die es am liebsten hatte, es um seine erste Liebe betrogen haben. Es darf nie erfahren, daß ich je etwas anderes auf der Welt lieber hatte als es. Erkläre ihr meine Flucht – ich weiß ja selbst nicht, wie. Aber ich weiß, daß du es kannst. Ich weiß, wie klug du bist und wie du in Menschenherzen lesen kannst. Ich weiß, was ich von dir verlange. Aber was liegt an einer Lüge, wenn es sich um das Glück eines Menschenlebens handelt!« »Ich werde tun, was du von mir verlangst. Und ich werde es nicht wie ein Opfer tun. Mein Lebenswerk soll es künftig sein, diesem Kind seine Freude und seinen Glauben wiederzugeben. Und ich danke dir, du Guter, daß du es mir gegeben hast. Aber um dich ist es mir bange, Florentin: ich habe meine Billy, aber wen hast du noch im Leben?« »Sorg' dich nicht um mich, Geliebte!« sagte er, und ein Lächeln umzog seinen Mund. »Ich lebe fort. Ich gehe nicht verloren. Ich bin nicht von denen, die verlorengehen. Nichts geht verloren. Auch unsere Liebe nicht. Was immer mit mir geschieht, sie wird wie eine heilige, lebendige Kraft in mir fortwirken, Schösse treiben, Früchte tragen, meine Einsamkeit mit dem milden Lichte der Erinnerung durchglänzen und erwarmen. Ich kann nie mehr ganz arm, ganz allein und ganz unglücklich werden. Ich werde arbeiten, das weiß ich. In meiner Art, ohne Ruhm und Erfolg vielleicht, gewiß ohne den Gedanken an Ruhm, Gewinn und Erfolg, ungekannt und unauffällig in der Menge, mein namenloses Werk – aber darum nicht weniger mein Werk und mein 207 Eigenstes, und mein Werk wird das Werk unserer Liebe sein. Denn daß ich ich bin, danke ich dir.« »Bleibe!« schrie sie auf, ohne zu wissen, was sie sagte. Er sah sie mit unendlicher Zärtlichkeit an. »Ich kann nicht, Blanche. Ich muß fort, noch ehe der neue Tag kommt und die Menschen erwachen. Ich darf Otto und ich darf Billy nicht mehr begegnen. Wie ich kam, so muß ich wieder gehen, bei Nacht und Nebel, mit leeren Händen, arm, einsam stehle ich mich fort, und bin doch ein anderer Mensch und trage das Köstlichste in mir, was Menschen erleben können. Dank, tausend Dank, und seid glücklich, beide, und vergeßt mich nicht!« Ergriff ihre Hände, küßte sie und war fort, ehe sie ihn halten konnte. Als er bereits auf der Straße war, hörte er Schritte hinter sich, schnelle, gleichmäßige. Er drehte sich um, es war Boz, der langhaarige Dackel, der ihm das Geleite gab. Eine Weile duldete er es, daß der Hund hinter ihm her lief. Dann wandte er sich zurück und sagte: »Was soll uns das, Boz? Wir wollen einander das Herz nicht noch schwerer machen.« Boz sah ihn an, verstand, gehorchte, ohne zu bellen, kehrte um und trottete, ruhig und phlegmatisch, wieder nach dem Hause zurück. 208   18. Sibyl erwachte und fand das besorgte Auge der Mutter über ihrem Gesicht. »Mutter!« sagte sie leise, in tiefer Scham. »Kind, mein liebes Kind!« »Wo ist er, Mutter?« »Später, mein Kind!« »Muß ich sterben, Mutter?« »Nein, Kind, du wirst leben und glücklich sein. Florentin hat dich zum Leben gerettet.« »Wo ist er, Mutter?« Ihre Stimme wurde ängstlicher und dringlicher. »Ich weiß es nicht, Kind. Er wird kommen. Später. Ganz sicher kommt er wieder.« »Und muß ich ganz bestimmt nicht sterben? Ich habe solche Angst, Mutter.« »Nein, Kind. Glaube mir! Säße ich sonst so ruhig bei dir?« »Ach, Mutter, ich will noch nicht sterben. Ich möchte so gerne leben und glücklich sein. Glaubst du, Mutter, werde ich je wieder glücklich sein? Nach dem? Werde ich das je vergessen können? Werde ich mich nicht immer vor dir, vor ihm schämen müssen?« »Nein, Kind, vergessen wirst du nicht und sollst du auch nicht. Aber nicht unglücklich wird es dich machen, sondern reich. Und du brauchst dich deines Leides nicht zu schämen. Nichts ist 209 schöner als Leid in der Erinnerung. Mein eigenes Leben, Billy, hat mich das gelehrt. Und ich will dir von mir erzählen. Jetzt bist du erwachsen, Billy, und kannst alles verstehen. Und ich will dir alles sagen, auch das Geheimste, denn ich will nie wieder einen anderen Vertrauten haben als dich.« Sie zog die Vorhänge auf. Es war hell geworden und die Sonne zeigte sich schüchtern hinter den sich verziehenden Wolken. »Steh auf, Billy, und ziehe dich an! Komm mit mir an den See hinunter. Das Gewitter hat sich verzogen, die Sonne ist wieder da und wird dir gut tun.« Sie half ihr, und in einigen Minuten standen sie unten am See. Sibyl lehnte, noch immer schwach, an der Schulter der Mutter. »Mutter, ist er fort?« Frau Blanche nickte. »Auf immer?« »Auf immer.« »Weil er mich nicht mehr liebt?« »Nein.« »Ich weiß es, Mutter. Ich fühle es. Ich habe es immer gefühlt. Mutter, sage mir alles! Weil er mich nicht mehr liebt. Weil er eine andere liebt.« »Weil er dich zu sehr liebt. Weil eine andere ihn liebt.« »Mutter!« »Weil ich ihn liebe. Kind, was ich dir jetzt beichten muß, hat noch nie eine Mutter, die ihr Kind liebt, ihrem Kinde gestehen müssen. Aber ich sage es dir, weil ich dich lieb habe und ein grenzenloses Vertrauen zu meinem Kinde, und weil ich weiß, wie du mich liebst. Und darum sage ich dir, nur dir, das Geheimnis meines Lebens, das nie ein anderer von mir wissen darf. Ich bin es, die dein Liebesglück zerstört hat und deinen Liebsten vertrieben. Ich liebe ihn, und er wußte es und ging fort, weil seine große Seele es nicht vertrug, zwischen mir und dir zu stehen, 210 und er dich zu sehr liebte, um dich vor die furchtbare Wahl zwischen Mutter und Geliebten zu stellen, und lieber selbst unglücklich wurde, um uns die schmerzlichste Tragödie zu ersparen. Um meiner Liebe willen nahm er Flucht und Opfer auf sich, brachte sich selbst, sein Lebensglück und deines zum Opfer. Wirst du mir das je verzeihen?« »Ich dir verzeihen?! Aber Muttchen, liebes, armes Muttchen!« Sie umschlang sie mit beiden Armen. Und auf einmal fühlte sie sich als die Stärkere, und ein freudiger Stolz leuchtete um ihre Augen, daß sie es war, die ihrer Mutter ihr junges Liebesglück hatte zum Opfer bringen dürfen; und schwor sich in ihrem Innern, von nun an vor der Mutter das eigene Leid zu verstecken und sie den verlorenen Geliebten durch unermüdliche Zärtlichkeit und Heiterkeit vergessen zu machen. Und dank der neuen Lebensaufgabe hatte sie die zärtlich Geliebte jetzt lieber als je vorher. So gingen die beiden Frauen Hand in Hand, in der jungen Sonne des erwachten Tages, den Seeuferweg entlang. Und immer mußte Frau Blanche erzählen, wie Florentin von ihr Abschied genommen, und was er gesagt, und wie er Billy hatte grüßen lassen, und wie sie beide den Aufschrei gehört, und wie Florentin ins Wasser gesprungen und sie herausgeholt und sie gerettet habe, und wie er sie ins Zimmer getragen und sich um sie bemüht und an ihrem Bett gesessen und nicht früher geruht habe, als bis er sie zum Leben erweckt hatte. Und wie er dann noch einmal Lebewohl gesagt habe und gegangen sei, ruhig, still, traurig, aber gefaßt und entschlossen wie ein Mann. Und die beiden Frauen sahen mit zärtlich winkenden, sehnsüchtig suchenden Augen über den noch im Nebel liegenden See, als wäre er ein Weltmeer, jenseits dessen der von beiden geliebte Mann sein neues Leben beginnen wird. »Verrückt«, sagte Herr Otto Moser, als er einige Stunden später beim Frühstück von Florentins Flucht erfuhr, die man ihm 211 mit Dank und Grüßen und der Angabe eines gleichgültigen Vorwandes mitteilte. »Verrückt! Ohne Grund, ohne Abschied, ohne Brief, ohne jede Erklärung! Aber es sieht ihm gleich. Es ist ja nicht das erstemal. Schade! Mir tut's ja nur um das Mädel leid. Aber glaube mir, Billy, es ist besser so für dich. Habe ich es nicht immer gesagt, Blanche, daß er nicht für die Ehe taugt? Schade! Ich hätte einen Mann aus ihm machen können. Aber er hat ja nicht wollen. Da liegt der eigentliche Grund. Der wahre Grund ist Neid. Neid auf mich, auf mein Glück, auf meine gesicherte Lebensstellung, die hat er nicht vertragen. Das habe ich doch immer gewußt, daß es ihm bei seinen Puyfourcats eigentlich besser gefällt als bei uns. Weil er, nämlich, kein soziales Taktgefühl hat. Kein soziales, und daher auch kein brüderliches. Lehrt mich doch nicht meinen Bruder kennen! Glaubt mir, der einzige, der ihn wirklich kennt, bin ich. Ich sehe tiefer. Ich habe eben Augen im Kopf. Ihr Frauen bildet euch am Ende ein, das sehe ich euch ja an, ihr meint natürlich, daß eine Liebesgeschichte dahinter stecken muß. Der und lieben! Da kenne ich ihn besser. Aber Frauen wissen ja nie . . .!«   Ende .