Wildvogel Elisabeth Beskow (Runa) Erzählung aus dem Schwedischen 1915 I. Wildvogel 1. Ein Wildvogel bin ich, denn ich habe kein Heim, weder Vater noch Mutter, weder Geschwister noch Verwandte. Aber gerade darum ist die ganze Welt mein Heim, und alle Menschen sind meine Verwandten. Wenigstens kommt es mir so vor, wenn ich in gehobener Stimmung bin und die Menschheit im großen und ganzen betrachte. Ich wohne bald hier, bald da, und wie ein wilder Vogel lebe ich von allerhand, am meisten wohl von der Malerei: denn ich stelle eine Malerin vor, habe einen Blick für das Charakteristische und kann Ähnlichkeiten treffen. Darum male ich Porträts. Zuweilen soll ich eine ganze Familie malen, ein Glied nach dem anderen, zuweilen nur eine einzelne Person. In den Familien werde ich sehr verschieden aufgenommen, mitunter freundlich und kameradschaftlich, dann male ich am besten, wenn auch nicht am schnellsten, denn das gefällt mir, und ich habe keine Eile fortzukommen. Mitunter behandelt man mich aber herablassend. Dann male ich schnell, stelle die Leute hochmütig und dumm dar, wie sie sind. Das verstehen sie zum Glück nicht, sondern nehmen den hochmütigen Ausdruck in ihren Gesichtern für eine vornehme Miene. Das mögen sie meinetwegen auch gerne tun. Übrigens ist es mir gleichgültig, wenn es mir in einer Familie nicht gefällt; es verursacht mir eigentlich nur Freude, zu wissen, daß ich da nicht zu bleiben brauche. Und wie schön ist es, die Flügel zu heben, um davonzufliegen. Augenblicklich habe ich mich beim »Kranich« einquartiert. Meine Freundin wird Kranich genannt, weil alles an ihr lang ist. Sie ist Bildhauerin und hat ihr Nest unter dem Dachfirst. Ich liebe einen weiten Blick in die Ferne, und einen solchen habe ich vom Atelier des Kranichs. Von da sieht man weit hinaus über die Dächer und Schornsteine Stockholms. Freunde habe ich unter allen Arten von Vögeln: Stubenvögeln, wilden Vögeln und Unglücksvögeln. Jemand hat mir gesagt, daß es ein Zeichen der Oberflächlichkeit sei, viele Freunde zu haben; mir aber scheint es, als wäre es eher ein Zeichen von Vielseitigkeit. Wo finden wir wohl einen Freund, der uns völlig ergänzt? Für eine Seite meiner Persönlichkeit brauche ich den einen, für die andere Seite den anderen usw., die ganze Stufenleiter hinab. So bilden sie mir alle zusammen einen ganzen Freund. Diejenigen meiner Freunde, die ich am wenigsten verstehe, sind die Stubenvögel – aber davon gibt es am meisten. Das Gitter ihrer Käfige ist freilich sehr verschieden, aber es umschließt dennoch einen Käfig. Was ich an den Stubenvögeln gar nicht verstehe, ist, daß sie unter ihrer Gefangenschaft nicht zu leiden scheinen. Man bemerkt das am besten, wenn sie hinausgelassen werden. Dann sind sie bange und machen, daß sie wieder in ihren Käfig kommen, oder sie suchen sich einen neuen aus. Das nimmt mich immer wunder, aber es ist eine so gewöhnliche Erscheinung, daß ich mich selbst frage, ob ich nicht auch von einem Gitter umgeben bin, obgleich ich es nicht bemerke, sondern mich frei glaube. Der Kranich und ich arbeiten den ganzen Tag, des Abends aber, wenn die Dämmerung durch das große Fenster hereinbricht und alles in geheimnisvollen Zauber hüllt, dann glaubt man in des Kranichs fertigen und halbfertigen Skulpturen, zwischen Draperien und Gewächsen, eine Wunderwelt zu erblicken. Freunde und Freundinnen aus verschiedenen Ecken und Enden und von verschiedenem Beruf kommen zum Besuch. Und dann gibt es ein fröhliches Beisammensein. Alles ist Gemeingut bei uns. Auf einem Tische stehen Zigaretten. Niemand fragt, wer sie dahingestellt hat. Wir greifen nur zu, als ob sie uns gehörten. Die Geige, auf der Valle spielt, ist vielleicht sein Eigentum, aber die Göttergabe, daß er so darauf spielen kann, gehört uns gemeinsam. Ohne uns kann Valle nicht annähernd so gut spielen, wie er es tut, wenn wir ihn durch unser Lauschen begeistern, während wir in den Ecken sitzen oder herumliegen. Viktors Tenor ist auch unser gemeinsames Eigentum, und wir lassen ihn damit ebensowenig in Frieden wie mit seinem Idealismus und mit seinen Schokoladenpralinen. Er hat eine Leidenschaft für Süßigkeiten und für den Idealismus. Viktor raucht weder, noch trinkt er. Er hat keine Laster; wir verzeihen ihm dies aber, denn er ist fröhlich, jung und harmlos. Seinen Idealismus dulden wir auch, denn er ist gar nicht herausfordernd, sondern leuchtet nur wie Sonnenschein aus seinem klaren Blick – und wer liebt den Sonnenschein nicht! Viktor ist unser Liebling und gehört uns allen. Er wird oft der kleine Viktor genannt, nicht weil er klein ist, denn er ist der größte von uns, sondern weil er etwas durchaus Kindliches in seinem Wesen hat. Er will Architekt werden und arbeitet ebenso fröhlich und leichtherzig für seine zukünftige Laufbahn, wie er unter Lachen und Singen seinem Idealismus lebt. Ein wilder Vogel ist er nicht, denn er hat einen Vater und ein Keim in einer Gegend, die er das Paradies nannte. Er hat auch einen Bruder. Aber er ist doch kein Stubenvogel. Er ist von keinem Gitter umgeben. Ein Unglücksvogel ist er erst recht nicht. Ich kann ihn daher zu keiner meiner drei Gruppen rechnen. Es muß also eine vierte geben – ich möchte diejenigen, die zu dieser Gruppe gehören, die Freien nennen. Sie schweben umher im sonnigen Luftmeer, hoch über allen Käfigen und Schlingen. Zu diesen gehört Viktor. Das habe ich ihm auch eines Abends gesagt, und er hat darüber gelächelt, aber nichts geantwortet. Er hat ein so sonniges und intelligentes Lächeln. 2. In Gedanken baut der kleine Viktor ein Schloß. Er baut schon lange daran. Das Schloß ist von einem Parke umgeben. Der Park ist groß und schön – aber verwildert. Verwildert – – nein, das ist nicht das rechte Wort. Aber alles kommt ja darauf an, wie man es nimmt. Man könnte auch von diesem Park sagen, daß er ganz ungewöhnlich gut gepflegt sei. Wie es sich nun auch damit verhalten mag, so hat man jedenfalls Rücksicht darauf genommen, daß die einzelnen Bäume und Sträucher weiten Rasen und Gelegenheit haben, sich nach ihrer Eigenart entwickeln zu können. Der Park ist reich an Hügeln und Senkungen. Eichen gibt es in Hülle und Fülle. Wo aber der Wind in den Fichten säuselt und der braune Stamm der Kiefer in der Sonne errötet, da rankt sich die kleine Liane um den bemoosten Stein. Die Luft ist sehr klar, und wenn die Sonne im Sinken ist und durch die Zweige hindurchleuchtet, da sieht man auf dem grünen Rasen den Schatten der Blumen und Halme. Man kann lange im Parke umherwandern, ohne das Schloß zu entdecken. Doch liegt es hoch und ist sichtbar. Will man es erreichen, muß man eine Terrasse nach der anderen emporsteigen. »Ein Schritt genügt nicht, um hinaufzukommen,« sagt lächelnd der Schloßarchitekt. Er liebt die Mühe, die ihm das Steigen macht. – Es ist ihm ein Kinderspiel. Er ist zum Steigen geschaffen, und ich kann mir ihn auf keinem Abstieg des Lebens denken. Im Schlosse gibt es Gänge und Gewölbe und verborgene Zimmer. Von den letzteren hat man aber keine Ahnung, und ehe man sich's versieht, steht man schon in einem derselben. Es gibt auch Balkons und Erker. Sagen und Spuk fehlen auch nicht. In einer dicken Mauer hört man mitunter Schritte. Jemand geht auf einer Treppe, die früher dagewesen. »Eine Treppe, die früher dagewesen?« fragte ich. »Und in einem Schloß, das noch nicht gebaut ist? Was soll das eigentlich heißen?« »Ja, das sage mir,« meint Viktor und nickt geheimnisvoll mit dem Kopfe. »Dann hat wohl das Schloß eine Geschichte?« »Freilich. Aber sie ist noch im Werden.« »Man könnte fast glauben, daß du an einer Ruine bautest.« »Das tue ich vielleicht auch. Ich kenne kein stattlicheres Bauwerk als eine alte Ruine. In einer Ruine umflüstern uns alte Erinnerungen, und die Phantasie haust darin, und die Phantasie ist ja tausendmal reicher als die Wirklichkeit.« »Und darum baust du Ruinen?« »Ja, es muß doch ein ganz außergewöhnliches Schloß sein, in dem Wildvogel wohnen soll, sonst würde es ihr ja wie ein Bauer vorkommen,« sagt er, und das in einem Tone, der jede Antwort überflüssig macht, und mit einer Miene, die keinen Widerspruch duldet. Ohne meine Erlaubnis zu haben, baut er das Schloß seiner Gedanken um mich her. Ich habe versucht, es ihm zu verbieten, aber es hilft nicht. Er tut es dennoch. »Ich hab' dir's ja gesagt, daß ich ein Wildvogel bin, daß ich kein festes Heim liebe. Ich will immer frei sein, um nach Belieben umherflattern zu können.« »Ja, ja,« sagt der Unverbesserliche. »Ich weiß schon. Frei wirst du auch wohnen in dem Schloß meiner Gedanken.« 3. Viktor liebt meine Freiheit und verteidigt sie eifersüchtiger als ich. Er sieht die Schlinge vor meinem Fuß, ehe ich selbst sie bemerke. Warnungen pflegen mir sonst Lust zu machen, gerade das zu tun, wovor ich gewarnt werde, aber Viktor warnt auf seine eigene Weise. Es ist gefährlich, verlockenden Tönen zu folgen. Einst lauschte ich solchen Tönen. Sie kamen von einem, der das Locken gut verstand. Ich sah mich nicht vor und wurde fortgerissen. Die verlockenden Töne priesen gerade die Freiheit. Eines Abends, als ich nahe daran war, ganz betört zu werden, fing Viktor an zu singen. Er sang keine der gewöhnlichen Lieder. Es war ein ganz neuer Gesang, erhaben und doch prachtvoll, und sein Tenor hat noch nie so gut geklungen. In meinem innersten Wesen fühlte ich sogleich den Unterschied zwischen dem erhabenen Gesang und den verlockenden Tönen, die mich bezauberten. Beim Vergleich wurde mir die Falschheit der letzteren klar. Aber ich wollte nicht hören. Es ärgerte mich. »Du willst mich hindern, nach meinem Gutdünken zu handeln. Du versuchst, mich zu binden. Weißt du denn nicht, daß ich die Freiheit über alles liebe?« »Gerade deine Freiheit wird bedroht. Siehst du nicht die Schlinge vor deinem Fuß?« »Ich sehe keine Schlinge. Du bildest dir das nur ein. Wie dem aber auch sei, so gehe ich freiwillig hinein,« antwortete ich trotzig. »Wirklich? Leb wohl denn, Wildvogel!« Und er sah mich so an, wie man sein sinkendes Ideal ansieht. Sein Blick ging mir zu Herzen, und ich mußte in meinem Innern weinen. Mein Trotz aber war noch nicht gebrochen. »Wer ist wohl freier als der, der mich lockt? Nichts bindet oder schüchtert ihn ein.« Viktor antwortete nicht gleich, sondern blickte schweigend in der Dämmerung zum Atelierfenster hinaus über die Dächer und Schornsteine. Nichts regte sich in seinem Gesicht. Es war das Gesicht eines Mannes, das sah ich jetzt zum ersten Male. Wir saßen allein in einer Ecke des Ateliers, und das fröhliche Geschwätz der anderen erreichte unser Ohr nur wie ein schwaches Murmeln, störte uns aber nicht. Schließlich wandte Viktor seinen Blick vom Fenster und fing an, mit seinem Taschenmesser an des Kranichs Tisch zu schnitzen. »Oberflächlichkeit ist nicht Freiheit,« sagte er nur. Kein strahlender Schimmer erleuchtete sein Gesicht, und der offene Blick haftete auf dem Tisch, den er, ohne es zu merken, mit seinem Messer verdarb. Er machte mir angst. Aber alles, was in meinem Innern weinte, fühlte sich zu seiner edlen Männlichkeit wie zu einer Befreiung hingezogen. Es ist nun schon ein Jahr her, und ich habe sehr viel gelitten, ehe ich mich aus der Schlinge um meinen Fuß befreite. Ich war schon fester gebunden, als ich wußte. Ich fühle eine unbegrenzte Dankbarkeit gegen Viktor, der mir die Schlinge zeigte, ehe es zu spät war. Der Fuß wurde verwundet, aber ich habe die Flügel noch – und meine Freiheit. 4. Viktor besteht darauf, mir seinen Vater und sein Paradies zu zeigen. Er sprach schon gestern davon, und die Lust regte sich in mir, mit ihm zu gehen. Ich möchte ja gern alles sehen, aber wie ist das wohl denkbar? Wie vorurteilsfrei sein Vater auch sein mag, so wird er wohl kaum die junge Freundin seines Sohnes empfangen wollen. Viktor gab zu, daß sein Vater solch ein Verhältnis wie das unsere schwerlich verstehen würde. »Meine Braut aber würde er mit offenen Armen aufnehmen,« erklärte er. »Daher ist es gewiß am besten, daß wir uns verloben – vorläufig nur zum Spaß. Und der Spaß bleibt unter uns beiden. Andere Leute brauchen nichts davon zu wissen.« Der Vorschlag interessierte mich so sehr, daß ich darauf einging. Und nun sind wir verlobt, und er wird mir das Paradies zeigen. 5. Adams Paradies war von fünf Strömen durchzogen, das Paradies Viktors wird von Seen bewässert. Von hohen Felsen sieht man hinab in die Tiefe. Da ist das Wasser dunkel, denn die Sonne wird von dem Berge, den es abspiegelt, ganz verdeckt. Unten in der Tiefe lockt der Tod die Lebensmüden, aber dort oben jubelt das Leben und ladet uns ein, in der sonnigen Gegend mit blau glänzenden, spiegelklaren Seen, umgeben von hohen, waldbewachsenen Ufern zu verweilen. In der Sonne drüben zwischen zwei Seen schäumt weiß und frisch ein prächtiger Wasserfall. Er leitet einen See in den anderen, ohne daß der geleerte See leer wird oder der gefüllte über die Ufer tritt. Die Gegend ist bebaut, und die Bewohner erlangen ihre Nahrung aus den Bergen, Wäldern und Seen. Über dieser echt schwedischen Landschaft zittert die Luft voller Sonne und Duft. Aber das alles ist doch eigentlich nicht das Paradies Viktors. Sein Paradies liegt um das Doktorhaus an dem Ufer Vängans, wo die Wellen die Steine umspülen, die ihm einst Spanien, Kalifornien, Granada, das Kap der Guten Hoffnung und andere entfernte Gegenden vorstellten, nach denen der kleine Viktor und sein Bruder ihre Schiffe sandten. Sein Paradies ist auch der Pferdestall, in dem es früher kein Pferd gab – jetzt aber ist eines da. Die Pferdestände aber waren bald Schlösser und Burgen, die vom kleinen Viktor und seinem Bruder, oder umgekehrt, verteidigt wurden, bald Schiffswerften, wo Borkenboote, Prahme und andere stolze Fahrzeuge gebaut wurden. Sein Paradies ist der Hinterhof, wo das Ferkel im Kot herumwühlte, wo der Hahn auf dem Düngerhaufen krähte, und wo des Abends die zwei Kühe gemolken wurden und Anne-Liesens Buben mit denen des Doktors spielten. Sein Paradies ist der alte, weite Boden, wo es spukte, und auf den Viktor oder sein Bruder sich niemals allein wagten, nicht einmal mitten am Tage, wo es aber in den Ecken und Kisten prächtiges, altes Gerümpel gab. Sein Paradies ist jedes Hüttchen, wo es einen Hund gab, der ihm und seinem Bruder bekannt war. Es ist außerdem jeder Baum, auf dem es Vogelnester gab. Sie nahmen die Nester aber nicht aus, sondern ließen die Eier den Vogelmüttern. Daher genossen sie auch die Freude, die Vögelchen auskriechen zu sehen. Und sie strahlten vor Glück, wenn sie das Fliegen lernten, groß wurden und nach dem Süden zogen. Im Frühling aber, wenn die Vögel zurückkehrten, freuten sie sich womöglich noch mehr. Und die Jungen betrachteten die Vögel als ihr Eigentum. Viktor hat mir sein Paradies gezeigt, und ich habe es verstanden wie ein Gedicht. 6. Der Pferdestall in Gransbo ist jetzt nicht mehr leer wie in Viktors Kinderzeit. Ein altes Pferd steht darin. Wie das Pferd in den Stall gekommen, ist ganz bezeichnend für Doktor Reis, den Vater Viktors. In seinen jungen Tagen besaß der Doktor kein Pferd. Er radelte, wenn er seinen Patienten einen Besuch machte, und das würde er gewiß auch noch tun, wenn nicht etwas dazwischen gekommen wäre. Ein Pferd zu halten, kostet Geld, und der Doktor mußte sparen. Es gab nämlich viele Arme in seinem Bezirk. Eines Tages aber – es ist schon ein paar Jahre her – kam ihm unterwegs ein Bauer entgegengefahren. Der Bauer schlug sein altes, müdes Pferd mit seiner Peitsche, zerrte an den Zügeln und fluchte so fürchterlich, daß es weit und breit nach Schwefel roch. Er war wütend, weil man ihm den alten, abgearbeiteten Gaul angeschwindelt hatte. Da der Bauer den Gauner, der ihm das Pferd aufgeschwatzt hatte, nicht erreichen konnte, so wollte er nun an dem armen Tiere sein Mütchen kühlen. Und bei dieser Gelegenheit schaffte sich der Doktor ein Pferd an. Er kaufte dem Bauern den Gaul ab. Wäre er nicht solch einem Gaul begegnet, hätten ihm die Umstände gewiß nicht erlaubt, ein Pferd einzustellen. Nun aber hat der Doktor sein altes Pferd. Aber es wird wenig gebraucht. Nur auf bequemen Wegen und bei gutem Wetter. Wenn er einen weiten oder beschwerlichen Weg zu machen hat, oder wenn das Wetter schlecht ist, dann radelt er wie früher oder geht zu Fuß. »Ich habe es ja früher immer getan. Warum sollte ich es nicht auch jetzt tun? Daß zufälligerweise ein Pferd im Stalle steht, braucht mich nicht davon abzuhalten,« sagt er bärbeißig, wenn jemand darüber eine Bemerkung macht. 7. Gestern früh, schon vor Sonnenaufgang, ging Viktor mit seinem Vater und dem alten Baron Sporre vom Inselschloß auf die Jagd. Weder Forstgehilfen noch Knechte begleiteten sie, sondern nur mehrere Hunde. Ihre Flinten hatten sie über die Schultern geworfen, die Jagdtaschen für das Wild hingen an ihrer Seite, und froh und munter machten sie sich auf den Weg. Ich war nicht aufgestanden, aber ich hörte ihre Stimmen und ihr Pfeifen. Ich schob den Vorhang etwas zur Seite und guckte ihnen nach. Sie bemerkten mich aber nicht. Einige Stunden später ging ich zum Frühstück hinunter. Ich dachte, daß ich ganz allein frühstücken müßte, aber zu meiner frohen Überraschung befand sich Max im Zimmer. Max ist der ältere Bruder Viktors. Er ist augenblicklich zum Besuch im Elternhause. Ich hatte ihn des Morgens nicht mit den anderen gehen sehen, aber ich glaubte dennoch, daß er mit sei. Er konnte ja vorausgegangen oder ihnen später gefolgt sein. »Warum bist du nicht mit auf der Jagd?« fragte ich. »Auf der Jagd!« wiederholte er verächtlich. »Ja. Die anderen sind gegangen.« »Ich mag solchen Humbug nicht.« »Humbug?« »Ja, gerade. Sie haben noch nie Beute mit nach Hause gebracht.« »Schießen sie denn so schlecht?« rief ich lachend aus. »Nein, gewiß nicht. Sie sind alle drei geschickte Schützen und treffen immer ins Schwarze.« »Machen sie denn keinen Gebrauch von ihren Flinten?« »Doch. Sie schießen schon. Der Wald hallt von ihren Schüssen wider, aber sie zielen immer an dem Wild vorbei. Sie wollen nichts erlegen.« »Wozu denn das Schießen?« »Ach, sie sind eben drei große Kinder, die das Knallen der Büchsen lieben.« »Dann könnten sie doch ebensogut zu Hause bleiben und nach der Scheibe schießen.« »Jawohl, aber sie lieben nun einmal, in Feld und Wald herumzustreifen.« »Aber die Hunde? Warum nehmen sie die mit?« fiel ich ein. Ich hatte das Gefühl, daß Max nur scherzte. »Sie haben die Hunde gern.« »Ach was! Ich weiß schon, warum du so geringschätzig von der Jagd sprichst. Du wärest gern mitgegangen, aber du hast dich verschlafen« »Nun, wir wollen mal sehen,« gab Max zur Antwort. Und wirklich, als sie des Abends zurückkamen, brachten sie nichts mit. Ihre Jagdtaschen waren leer. »Das sind sie immer,« erklärte Viktor lachend. »Aber warum nennt ihr es denn Jagd?« fragte ich. »Ach, irgend einen Namen muß es doch haben.« »Ja, aber warum schleppt ihr die Jagdtaschen mit?« »In was sollten wir sonst unseren Mundvorrat stecken?« Ja, sie sind, wie Max gesagt, drei große, nette Kinder. Es würde ihnen rein unmöglich sein, ein Stück Wild zu töten. »Leben und leben lassen«, ist ihr Wahlspruch. 8. Man könnte fast sagen, daß die Kaustiere des Doktors den idyllischen Frieden des tausendjährigen Reiches genießen. Alle Leute sind freundlich gegen sie, und sie tun sich auch untereinander kein Leid. Heute, als ich mit dem Doktor einen Rundgang auf dem Hofe machte, wurde ich den Tieren vorgestellt. Er macht immer diesen Rundgang nach dem Frühstück, das heißt, wenn nicht eine Bitte um ärztlichen Besuch dazwischen kommt. Zuerst besuchten wir das alte Pferd. Es kriegte Zucker und Brot, wurde freundlich gestreichelt und angeredet, als ob es ein Mensch wäre. Darauf gingen wir in den Viehstall. Dieser enthielt drei Kühe, vier Schafe und zwei Ziegen. Alle leckten Salz aus der Hand ihres Herrn. Die Ziegen waren fast zu zärtlich gegen ihren Hausherrn und kletterten förmlich an ihm in die Höhe. »Famose Tiere, diese Ziegen,« sagte der Doktor, und je mehr sie mit ihren erdigen Füßen seinen Anzug beschmutzten, desto vergnügter sah er aus. »Sie haben Charakter und Herz. Ich habe solche freundlichen Tiere gern.« Und freundlich sind sie, das unterliegt keinem Zweifel. Selbst die dummen Hühner schienen ihn zu erkennen. Sie kamen ihm gackernd entgegen und pickten Gerste aus seiner Hand. Auf dem Hinterhofe ist eine Einzäunung für das Ferkel. Bei dem Klang von seines Herrn Stimme kam das Ferkel uns entgegengetrottelt und lieh sich den borstigen Rücken mit Wohlbehagen kratzen. Es muß zugegeben werden, daß das Ferkel wirklich nett ist; zwar nicht vom wirtschaftlichen Gesichtspunkte – denn es ist gar nicht gemästet –, aber es ist hübsch und sieht natürlich aus. »Du mußt wissen, daß dies ein altes Ferkel ist,« sagte der Doktor. »Alt pflegen Ferkel sonst nicht zu werden,« antwortete ich. »Nein, aber das ist schade. Es sind kluge, nette Tiere, und ich lasse meines leben.« »Aber warum hältst du denn ein Ferkel?« »Ach, siehst du,« sagte er belehrend, »in einer Wirtschaft gibt es ja immer sehr viel Abfall, der weggeworfen werden muß, wenn man kein Ferkel hat.« »Ja, aber was für Nutzen hat man denn von einem Ferkel, wenn man es schließlich nicht verspeist?« »Nutzen? Ach was! Seine Freunde verspeist man doch nicht. Es ist kein Tier eine Woche lang auf dem Hofe, ohne daß es mein Freund wird. Und daher, siehst du, wird hier nie geschlachtet. Habe ich nicht viel mehr Vergnügen von meinem Ferkel, wenn es lebt, als wenn ich es aufesse? Sieh nur, wie zutraulich es ist, und wie klug und spaßhaft!« »Hast du alle die anderen Tiere auch nur zum Zeitvertreib?« »Nein, bewahre! Die Kühe habe ich der Milch wegen, die Ziegen ebenso, die Hühner wegen der Eier, die Schafe wegen der Wolle. Das Ferkel habe ich wegen tiefer psychologischer Forschungen, die Katze der Gemütlichkeit wegen, und Tasso – ja, warum habe ich dich, Tasso?« Der Doktor wandte sich mit dieser Frage an seinen großen, schwarzzottigen Hund, der diese Aufmerksamkeit durch stürmische Freudenbezeugungen erwiderte. »Was für eine Rasse ist Tasso eigentlich?« »Gar keine Rasse. Das sieht man ihm an. Aber ein Hund ist ein Hund, ob er rasseecht ist oder nicht.« »Wo hast du ihn her?« »Weiß nicht. Er kam elend und verhungert zu uns und blieb hier.« »Klug von ihm, gerade hierher zu kommen.« »Ja, Tasso ist klug, und ein treueres Tier gibt es nicht. Du hättest ihn sehen sollen. Als er eine Woche hier gewesen, sich satt gefressen und wieder Hund geworden – – –« »Was war er denn vorher?« unterbrach ich ihn. »Ein Gerippe. Weiter nichts.« »Aber nach einer Woche war er ja nicht Hund, sondern Freund.« »Allerdings! Und eines Tages geht mein Freund aus, und als er wieder zurückkommt, bringt er noch einen herrenlosen, jämmerlichen Hund mit, räudig und abgemagert. In der Hundesprache hat Tasso dem armen Teufel mitgeteilt, daß er hier aufgenommen und gepflegt werden würde.« »Und aufgenommen und gepflegt wurde er gewiß,« sagte ich. »Ja,« antwortete der Doktor, »aber meine Bemühungen waren erfolglos. Er starb nach ein paar Wochen.« Und er seufzte, als er an das arme Tier dachte. »Ich glaube, du lachst über meine Liebe zu den Tieren. Aber diese Liebe ist nicht ausschließlich Schwäche. Sie ist bei mir Grundsatz, gehört zu meiner Lebensanschauung. Gerade weil die Tiere uns untergeordnet und abhängig von uns sind, stellen sie, nach meiner Meinung, größere Anforderungen an uns, als wenn sie unseresgleichen wären.« »Stellen sie größere Anforderungen an uns als unsere Mitmenschen?« »In gewissem Sinne, ja. Je schutzloser und von mir abhängiger ein Geschöpf ist, desto größere Anforderungen werden an meinen Edelmut gestellt. Je größeres Recht ich über jemanden habe, desto wichtiger ist es für mich, dieses Recht nicht zu mißbrauchen,« sagte der Doktor und blickte gedankenvoll in die treuen Augen Tassos. »Aber bei diesen Anschauungen solltest du nie Fleisch essen,« sagte ich. »Nein, das ist wahr, ich sollte es nicht, und ich will es ja auch nicht und habe schon einen Versuch gemacht, es zu lassen, aber ich vertrug es nicht gut. Doch esse ich so wenig Fleisch wie möglich, und wenn es geschieht, verspeise ich nicht meine Freunde hier auf dem Hofe, sondern andere arme Tiere, die ich nie gesehen.« Der Doktor schwieg einen Augenblick, und sein Gesicht bekam einen gequälten Ausdruck. »Unser Dasein ist ein rätselhafter Erniedrigungszustand, indem wir es nicht vermeiden können, einander zu verzehren,« fuhr er fort. »Mit jedem Atemzug ziehen wir ja in unsere Lungen eine Menge Geschöpflein, die wir verzehren, das heißt, wenn sie uns nicht ihrerseits verzehren.« Hier klärte sich das Gesicht des Doktors auf, und er setzte sein Selbstgespräch fort. »Wir glauben, Herren über die Tiere zu sein. Nach Gutdünken jagen, schlachten und vernichten wir sie, wir selbst aber entgehen dem gemeinsamen Schicksal nicht – wir werden auch verzehrt, und zwar von den allerkleinsten Organismen. Wenn man alles in Betracht zieht, herrscht doch vielleicht Gerechtigkeit in der Welt, obschon es, oberflächlich gesehen, manchmal aussieht, als ob sie gänzlich fehlte.« Scheinbar zufrieden mit dieser Tatsache, kratzte der Doktor sein altes Ferkel, das vor Behagen grunzte. Manchmal drückt sich der Doktor in einer Weise aus, daß man nicht recht weiß, ob er es ernst meint. Ich glaube aber nicht, daß er sich über die Bazillen freut. 9. Ich merke, wie der Hase läuft. Viktor will mich so viel wie möglich an unser Spiel gewöhnen. Er denkt, daß ich es später schwerlich über mich bringen werde, damit aufzuhören. Er versucht, Wildvogel zu fangen. Er ist gewohnt, in allem Glück zu haben, und glaubt, daß ihm auch dies gelingen wird. Aber Wildvogel will von keinen Banden wissen. Wildvogel duldet so etwas nur zum Spaß. Es ist manchmal recht schwer, das Spiel aufrecht zu erhalten, und ich fange an, mich davor zu fürchten. Gestern zum Beispiel, als ich damit beschäftigt war, den Doktor zu malen, gab mir unser Spiel plötzlich einen Stich ins Herz. Der Doktor hat einen sehr charakteristischen Kopf, und es ließ mir keine Ruhe, ich mußte ihn malen. Um es aber zu tun, muß ich aufpassen, wenn er mit Lesen beschäftigt ist. Dazu nimmt er sich immer Zeit. Dagegen würde er unbedingt nicht darauf eingehen, unbeschäftigt vor meinem Pinsel zu sitzen. »Das wäre Zeitverschwendung,« sagt er ohne Umschweife. Er liest viel, studiert die Wissenschaft. »Die schreitet vorwärts, steht nicht still, und ich muß versuchen, mitzustiefeln.« »Ist das so nötig? Du willst ja doch nie von hier fortziehen. Wozu denn das viele Lesen? Was du weißt, ist doch gut genug für die Leute an diesem entlegenen Ort,« sagt Viktor. »Schäme dich, Junge! Nur das Beste ist gut genug für die Leute hier.« »Und daher bleibst du so treu bei ihnen. Ich verstehe.« »Pfui, sage ich dir!« Und ein Sonnenblick funkelt in den kleinen lebhaften Augen des Doktors. Diesen Sonnenblick möchte ich gern mit meinem Pinsel bannen, aber es wird wahrscheinlich nicht glücken, der Doktor wird mich nicht lange genug ansehen. Einen Sonnenblick wiederzugeben, der sich schnell offenbart und ebenso schnell verschwindet, ist nicht leicht. Es ist gerade das Augenblickliche, gerade der Wechsel, der dem Sonnenblick den Reiz verleiht. Manchmal blickt der Doktor von seinem Buch auf. Dann aber ist er gewöhnlich so tief in Gedanken versunken, daß er nicht einmal weiß, was er betrachtet. Bei solchen Gelegenheiten sieht er ganz genial aus, und sein Blick glänzt von Geistesschärfe. Diesen Blick möchte ich auch gern fangen. Zuweilen sieht er mich aber doch, das habe ich schon bemerkt. Einmal, als ich plötzlich von meiner Malerei, in die ich vertieft war, aufblickte, begegnete ich seinem Blick, und ich merkte, daß er mich eine Zeitlang betrachtet hatte. Und er sah aus, als wäre es ihm leid um mich. »Und du willst dich wirklich verheiraten?« sagte er. Es klang fast, als ob er mich bedauerte. Ich konnte nichts erwidern. Ich konnte ihm nicht sagen, daß ich gar nicht beabsichtigte, mich zu verheiraten. »Es tut mir immer leid um so eine heitere, kleine Braut. Das arme Ding weiß ja nicht, was es tut. Du liebe Kleine, wenn du dich nicht gerade mit meinem Jungen verheiraten wolltest, würde ich dir vielleicht abraten. Nun bin ich aber von Herzen froh darüber, daß du es willst. Das ist vielleicht sehr selbstsüchtig von mir.« Ich schwieg beschämt. Was würde er wohl sagen, wenn er wüßte, daß alles nur Spaß ist. Mit welchem Blick würde er mich dann ansehen? Ob sein Blick finster werden und auf jemand hinabsehen kann? Es wurde mir schwer, den Spaß fortzusetzen, als ich wieder mit Viktor allein war. Das Spiel fing an, gefährlich zu werden, und drohte in Ernst überzugehen. Viktor hat mich keinmal geküßt. So etwas gehört nicht zu unserem Spiel, aber wir plaudern, lachen und amüsieren uns. Seit gestern geht es aber nicht mehr so flott. Die Worte des Doktors lagen mir im Sinn, und ich schwieg, und Schweigen ist gefährlich. Da kommt das Gefühl herangeschlichen, da geht die Zärtlichkeit auf den Zehenspitzen. In der Luft liegt es wie eine Frage, eine Bitte: Warum bist du verstimmt? Vertraue es mir an! Laß mich helfen! Um dieser Frage und dieser Bitte vorzubeugen und um sie zu verhindern, sich in Worte zu kleiden, raffte ich mich auf und fing an, ganz ungewöhnlich lebhaft und aufgeräumt zu sein. Viktor machte es mir nach, aber merkte doch die Verstellung und wunderte sich. Nun ist es mir unmöglich, den Blick des Doktors zu malen, wenigstens wenn der Blick mich verfolgt. Ich möchte ihn nicht auf mich geheftet haben. 10. Welch edle Form sein Kopf hat! Ich begnüge mich nicht mit einer Studie von diesem Kopfe, ich muß mehrere machen. Der Doktor aber lacht mich aus. »Wie in aller Welt kannst du so einen Greifenkopf schön finden?« sagt er. Aber er läßt mich machen. Ich darf ihn von mehreren Seiten malen, während er über den Büchern sitzt. Ich mag ihn furchtbar gern, und dies freut Viktor ungemein. »Ich wußte schon, daß er dir gefallen würde,« sagte er triumphierend. »Aber Kinder,« sagt der Doktor, und lacht sein kurzes, herzliches Lachen. Wie gern höre ich sein Lachen! Das Haar meines Studienkopfes ist silbergrau, das Gesicht mager und von der Sonne und dem Winde gebräunt. Mit seiner gebogenen Nase erinnert es an einen Vogel, aber nur an einen königlichen. Der Mund ist anspruchslos, kann gut und hübsch lächeln, aber auch einen gebieterischen Zug annehmen. Vielleicht rasiert sich der Doktor, nur um diesen Zug hervortreten zu lassen. Bei seiner Praxis ist ihm ein solcher Zug gewiß nützlich. Seine Haltung ist ungezwungen, aber stattlich und imponierend. Er arbeitet unter den Menschen und bemüht sich, sein Allerbestes zu tun. Und seine Arbeit hat ihm ihren Stempel aufgedrückt. Heute abend fragte ich Viktor, warum wohl sein Vater bei seiner Begabung eigentlich in solch einem entlegenen Ort geblieben sei. »Er hat hier bleiben wollen. Es tut ihm leid um Leute in entlegenen Orten.« »Hat er denn gar keinen Ehrgeiz?« fragte ich. »Gewiß, aber keinen gewöhnlichen.« »Sein Ehrgeiz treibt ihn jedenfalls nicht vorwärts,« sagte ich. »Nein, er treibt ihn nicht vorwärts,« wiederholte Viktor. »Wenigstens nicht im gewöhnlichen Sinn. Und doch ist er weiter gekommen als die meisten. Aber sein Weg geht zu hoch und ist daher nicht allen Augen sichtbar. Ich hätte doch geglaubt, daß du ihn sehen würdest,« fügte er hinzu und wunderte sich über meine Kurzsichtigkeit. Aber ich sehe freilich den Weg seines Vaters. Ich sehe, daß dieser sehr hoch geht. Ich sehe etwas davon in seinen Blicke, wenn er bei anderen das Gute sieht, das in seinem eigenen Herzen wohnt. Und gerade diesen Blick kann ich oft nicht aushalten. 11. Ich versuche, es mir klar zu machen, warum der Doktor seine Söhne nicht gleichmäßig lieb hat. Sie sind allerdings sehr verschieden, aber ich weiß nicht, ob das die einzige Ursache ist, oder ob es von etwas anderem abhängt. Max ist in sich gekehrt. Er ist mürrisch, zieht sich zurück und ist in allem das Gegenteil von Viktor. Während andere Leute von der Liebenswürdigkeit Viktors und der des Vaters eingenommen sind, scheint Max sich darüber zu ärgern. Ja, es kommt mir sogar vor, als ob er dem Vater und dem Bruder gern wehe tut. Wenn es ihm gelingt, scheint er aber am meisten darunter zu leiden. Ich glaube nicht, daß die anderen es merken, aber ich habe es einmal so deutlich gesehen, daß ich Mitleid mit ihm empfand. Ich war freundlich gegen ihn, obschon er gewiß merkte, daß mir aufgefallen war, wie scheußlich er eigentlich gewesen. Sein mürrisches Mißtrauen bei dieser Gelegenheit werde ich nie vergessen. Es kam mir vor, als hätte er sagen wollen: »Es ist nur Anstellerei. Ich weiß schon. Ich bin in deinen Augen ebenso unangenehm und scheußlich wie in denen der anderen. Aber ich bin nun einmal abscheulich, und das ist mir auch ganz egal!« Der arme Max! Er hat Sonnenschein rings um sich her, aber er läßt sich nicht von der Sonne bescheinen. Max will Arzt werden wie der Vater, und arbeitet angestrengt. Auch während seiner Sommerferien studiert er fleißig. Wenn er sich nach der Arbeit ausruhen will, geht er spazieren, aber immer allein. Er will keine Begleitung haben. Der gemeinsame Beruf scheint Vater und Sohn kein gemeinsames Interesse einzuflößen. Der Doktor interessiert sich viel mehr für Viktors Bestrebungen. Heute fragte ich Viktor, woher es kommt, daß seinem Vater und Max der gemeinsame Beruf nicht zum gemeinsamen Interesse wird. »Ach, siehst du! Sie sind so sehr verschieden,« antwortete er. »Vater ist ein Menschenfreund, Max ein Gelehrter.« »Allerdings, aber soviel werden sie doch wohl gemeinsam haben, daß sie sich darüber unterhalten können,« fiel ich ein. Viktor sah etwas verlegen aus. »Weißt du,« sagte er zögernd. »Papa übt seine Kunst nur aus, um anderen zu helfen. Er betrachtet sie nicht als ein Mittel, um vorwärts zu kommen. Aber alle können es ja nicht so auffassen wie er.« »Und faßt Max es denn nicht so auf, wie er? Er strebt doch vorwärts, nicht wahr?« »Gewiß. Aber das kann man ihm ja nicht verdenken. Alle können ja nicht so sein wie Vater.« »Aber Max wird doch nicht getadelt, weil er so handelt, wie die meisten?« »Nein, bewahre! Aber Max versteht den Vater nicht und stichelt oft auf ihn wegen seines Mangels an Unternehmungslust. Das hast du gewiß auch schon bemerkt.« Ja, das hatte ich. Da ich aber einsah, daß unser Gespräch Viktor unangenehm war, ging ich auf etwas anderes über, obschon ich große Lust verspürte, die Unterhaltung zu Ende zu führen. Viktor ist sehr gut und möchte nur etwas Nettes von seinem Bruder sagen, aber es wurde ihm jetzt schwer, das zu tun und zugleich gerecht zu sein. Der arme Max! Es tut mir doch sehr leid um ihn. 12. Das Fremdenzimmer, eine Treppe hoch, wird nie benutzt. Das ist aber schade. Es ist ein ganz famoses Zimmer und voll Stimmung. Es ist eine Eckstube. Das eine Fenster geht auf eine Bucht des Vängansee, das andere auf den angrenzenden Wald. Seit ich hier bin, steht dieses Fenster offen, ich habe es selbst aufgemacht, und nun dringt der Tannenduft hinein und erfüllt den ganzen Raum. Vorher schlug einem ein Geruch von eingeschlossener Luft entgegen, wenn man die Tür öffnete. Die altfränkischen Möbel sind hell überzogen, und vor dem Sofa liegt ein verblichener Teppich. Die Stube ist niedrig, und der große, blaue Kachelofen, der in einer Ecke steht, sieht sehr alt aus. Es ruht etwas Stimmungsvolles auf dem Ganzen, besonders wenn das Feuer im Ofen hell auflodert und über die Diele leuchtet. Bei solchen Gelegenheiten setze ich mich an das alte Klavier und spiele Beethoven. Das Klavier hat einen so entfernten Ton, als ob er aus dem siebzehnten Jahrhundert käme. Der Doktor lacht mich aus, wenn ich auf dem alten Klimperkasten spiele, und Max geht fort. Viktor aber bleibt und freut sich über das Spiel. Er erfaßt die Stimmung und liebt den weltfernen Ton. Und wir träumen und versetzen uns weit zurück in der Zeit und befinden uns mit einem Male im siebzehnten Jahrhundert. Wir spielen zwei junge Verliebte mit Idealismus und Illusionen und einer unaussprechlichen Tiefe des Gemüts. Dieses Spiel fesselt uns. Und wenn wir zu zweien in dem alten, unbewohnten Zimmer sind, wiederholen wir es oft. 13. Donnerstag abend war ein Fest auf der Inselburg, und da sah ich alle unsere Nachbarn. Ich kann gerade nicht behaupten, daß mir alle zusagten. Am liebsten mag ich den alten Baron. Er und der Doktor sind Jugendfreunde und verstehen sich. Es gefiel den Gästen gut auf der Inselburg, fast zu gut, fürchte ich, denn nach der Abendtafel hörte ich den alten Baron seiner Schwiegertochter zuflüstern: »Jetzt sind sie alle gesättigt, aber dennoch werde ich sie nicht los.« »Schlage vor, daß wir ein Lied singen, ehe wir uns trennen, dann werden wir schon verstehen, daß es Zeit zum Aufbrechen ist,« flüsterte der Doktor, der dem Baron ganz nahe stand und seinen Stoßseufzer gehört hatte. »Du Schlaukopf! Du stehst und horchst.« Der Doktor lachte nur und klatschte in die Hände; das Stimmengewirr verstummte. »Unser Wirt schlägt vor, daß wir, ehe wir uns trennen, › Du gamla, du fria ‹ Schwedische Nationalhymne: » Du gamla, du fria, du fjälthöger nord « == Du alter, du freier, du felsenhoher Nord. singen.« »Du weißt immer guten Rat,« flüsterte der Baron dem Doktor zufrieden zu. »Es gehört ja auch zu meinem Beruf,« antwortete der Doktor. Und › Du gamla, du fria ‹ wurde gesungen. Aber gerade das Gegenteil von dem, was der Doktor beabsichtigte, traf ein. Wir gerieten in Stimmung und gingen gar nicht weg. »Jetzt singen wir: › Söner ad ett folk, som blött ‹ Söhne eines Volkes, das geblutet. «, hört man Viktor sagen, und kaum ist der Vorschlag gemacht, als Elsa Valender, die am Klavier sitzt, den Ton angibt, alle Stimmen fallen ein, und der Kriegsmarsch wird kräftig gesungen. Der kleine Viktor aber singt am allerkräftigsten, gerade er, der nicht einmal einen Vogel erlegen mag. Er sieht doch vielleicht im Geist andere Feinde, die mit anderen Waffen als Kugeln und Schwertern bekämpft werden müssen. Ein Lied folgt dem anderen. Die Stimmung wurde heiter und vaterländisch, und selbst der alte Baron wurde hingerissen und vergaß darüber seine Sehnsucht nach dem Bett. Allmählich legte sich aber die Begeisterung. Kein neuer Vorschlag erfolgte, und schließlich schlug die junge Baronin ein geistliches Abendlied vor. Als wir es gesungen, wurde der Baron uns endlich los. Er war doch nicht zu erschöpft, um uns auf den Hof zu begleiten. Der Hof lag dunkel unter den Linden, und unter ihrem Schatten hielten die Wagen. »Du liebe Zeit!« rief der Baron aus, als er das Gig des Doktors bemerkte. »Fährst du denn wirklich? Aber das Pferd? Wie kannst du das übers Herz bringen?« »Ach, es gefällt meiner Rosinante im Pferdestall der Inselburg, und außerdem habe ich ja ein Dämchen bei mir,« antwortete der Doktor, und reichte mir die Hand, um mir beim Einsteigen behilflich zu sein. Ich durfte mitfahren, Max und Viktor gingen zu Fuß. Endlich fuhren wir durch die grüne Gitterpforte hinaus. Der alte Baron aber stand noch immer mit bloßem Kopfe auf der Steinbrücke unter den Linden und winkte, bis er nicht mehr zu sehen war. Der Weg führte zuerst am Vängansee entlang, bald aber bog er in den Wald, oder richtiger der See entfernte sich vom Wege in einer seiner vielen unmotivierten Krümmungen. Es war mondhell, trotzdem der Himmel bewölkt war. Der Wald wurde dichter, je weiter wir hineinkamen, und bei der Kirche von Sunnanfors war es sehr finster. Gerade, als wir an der Steinmauer, die den Kirchhof umgibt, vorbeifuhren, geschah etwas sehr Sonderbares. Das Pferd legte sich ins Geschirr, als ob der Wagen plötzlich sehr schwer geworden wäre. Und doch waren wir ja, wie bisher, nur zwei im Gig. Wenigstens war sonst niemand zu sehen, und der Weg war glatt und eben und ging nicht bergan. Sobald wir die Mauer hinter uns hatten, gab das Schwere nach, und das Pferd ging wie gewöhnlich. Ich sah den Doktor an. Er saß ruhig, als ob nichts passiert wäre, aber bei dem bleichen Mondenschein unter den schimmernden Wolken bemerkte ich, wie blaß sein Gesicht war. Erst nach einigen Augenblicken sah er mich an. Es lag ein Schein von einem Lächeln um seine Lippen, sein Blick aber war durchdringend. Er wollte sehen, ob ich mich fürchtete. »Was war das?« flüsterte ich. Mir war bange, von dem Geheimnisvollen zu sprechen. Es umgab uns noch. »Die Bauern behaupten, daß ihre Wagen schwer werden, wenn sie an der Kirche von Sunnanfors vorbeifahren,« antwortete er. »Aber was war es? Wie ist es zu erklären?« »Es gibt vieles zwischen Himmel und Erde, was sich nicht erklären läßt,« sagte er. »Ist es schon früher passiert?« »Ja, den Bauern.« »Den Bauern, ja – – aber – –« »Mir meinst du? Ja, einmal.« Er war scheinbar verstimmt. Das Geschehene hatte gewiß einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht, obschon er es nicht zeigen wollte. Es interessierte mich sehr, aber ich wagte nicht, ihn zu fragen. Der Doktor aber schien meinen stillen Wunsch erraten zu haben, bezwang sich und sagte: »Es war kurz vor dem Tode meiner Frau.« Dann schwiegen wir beide wieder. Aber es war ein Schweigen, das das Verschlossene auftut und Vertrauen einflößt. Das Geheimnisvolle, das wir eben zusammen erlebt, hatte uns einander näher gebracht, und es war daher ganz natürlich, daß wir jetzt vertraulich miteinander sprachen. »Ich habe noch gar nichts von der Mutter Viktors gehört. Er spricht nie von ihr, nur von seinem Vater,« sagte ich. »Ganz natürlich, da er sie nie gekannt, antwortete der Doktor. Sie starb bei seiner Geburt. Er wurde ihr Benoni, aber er war auch ihr Benjamin.« Da ich leider in der Bibel nicht sehr bewandert bin, fragte ich, was das bedeutete. »Benoni heißt der Sohn meiner Schmerzen. Benjamin heißt Glückskind.« Er sah sehr gedankenvoll aus, seine Stimme klang wehmütig, als er von der Gattin seiner Jugend sprach, und ich verstand, daß er sie sehr lieb gehabt haben mußte, da er noch mit so großer Zärtlichkeit von ihr sprach. »Sie vererbte all ihr Bestes auf Viktor,« fuhr der Doktor fort. Es lag ihm scheinbar am Herzen, so von ihr zu reden, daß auch ich sie lieb gewinnen müßte. »Aber sie dachte es sich nicht gerade so. Sie dachte überhaupt sehr wenig an sich selbst. Aber alles, was sie an mir liebte, wollte sie in dem Kinde fortleben sehen.« »Aber Max,« entfuhr es mir, »wollte sie ihren Geliebten nicht auch in ihm fortleben sehen?« Ich wollte die Gelegenheit beim Schopfe ergreifen, um Max und den Unterschied, der immer zwischen den Brüdern gemacht wurde, hervorzuheben. Der Doktor sann einen Augenblick nach. Vielleicht trug er Bedenken, über dieses heikle Thema zu sprechen. Aber die Dämmerung und die vertrauliche Stimmung zwischen uns, die zusammen durch die geheimnisvolle Nacht zogen, besiegte sein Bedenken. »Siehst du, Wildvogel, wenn die Liebe echt ist, dann vertieft sie sich beim Zusammensein. Man liebt das innerste Wesen des anderen mehr und mehr. Demzufolge hatten wir Grund, mehr von Viktor zu erwarten als von Max. Der Ursprung des Daseins ist dunkel, aber gründet sich nicht auf einen Zufall, wie viele glauben. Vater- und Mutterschaft bringt große Macht und Verantwortung mit sich.« Ich schwieg. Sein Ernst und seine edlen Worte hatten mich ergriffen. Aber ich war sehr begierig, mehr von seiner Jugendliebe zu hören. »Erzähle mir mehr von der Mutter Viktors!« bat ich. Er sah mich an und lächelte. »Soll ich denn meinen verborgenen Reliquienschrein hervorholen,« sagte er, »und seine Schätze vor deinen Augen in der Dämmerung schimmern lassen?« »Ja, bitte! Erzähle mehr von dir und deiner Frau und von dem, was Viktor vererbt werden sollte.« Der Doktor saß vornübergebeugt und sah vor sich hin in die Walddämmerung. Aus dem Ausdruck seines Gesichtes aber sah ich, daß er das Vergangene lebendig vor sich erblickte. »Ich beging einst eine Handlung,« sagte er, »zu der mich mehr mein Herz als mein Verstand trieb. Diese Handlung würden neun Frauen von zehn gemißbilligt haben, meine Frau aber entzückte sie. Durch die edle Weise, in der sie meine Handlung beurteilte, wurde unsere Liebe vertieft. Gerade zu der Zeit schwebte diese in Gefahr. Es gibt ja so vieles, das einer feinen und zartfühlenden Natur, wie der ihren, schwer vorkommen muß.« Er schwieg, ganz in seine Gedanken versunken. »Und was war das für eine Handlung?« fragte ich. Ich war darauf sehr gespannt. »Ach,« sagte der Doktor aufblickend und in einem Tone, als wäre es gar nichts gewesen, im Vergleich mit der Liebe, die sie vertiefte, »es war nur der Entschluß, hier zu bleiben und auf eine Anstellung in Stockholm zu verzichten. Welche andere junge Frau hätte nicht ihren Mann dazu gezwungen, ein solches Anerbieten wie das mir gemachte anzunehmen, und mit Fug und Recht. Sie aber war begeistert von meinem Entschluß, hier zu bleiben, und betrachtete mein Opfer als ein so großes, daß sie das ihrige darüber vergaß.« »Es war also ein Opfer?« »Ja, ich war ja jung, und die Stellung war äußerst vorteilhaft. Sie wurde mir von einem der bedeutendsten Chirurgen Stockholms angeboten. Und es lag ja etwas Verlockendes darin,« sagte der Doktor, als ob er sich entschuldigen wollte. »Aber warum nahmst du sie denn nicht an? In einer so hervorragenden Stellung hättest du ja der Menschheit noch nützlicher sein können als hier, nicht wahr?« Er lächelte. »Nein, hätte ich die Stelle angenommen, hätte ich es nicht der Menschheit zuliebe getan, sondern nur, um meine eigene Sache zu fördern. Leute, die in unseren großen Kulturzentren leben und Geld haben, können sich immer an die besten Ärzte wenden. Sie brauchen mich nicht. Aber die Leute hier würden mich wahrscheinlich vermißt haben. Für sie ist es eine teure und beschwerliche Geschichte, nach Stockholm zu fahren, um einen Arzt zu Rate zu ziehen. Aber du darfst nicht glauben, daß mir dies mit einem Male klar war. Ich bedurfte eines Vorfalles, so deutlich wie ein geschriebenes Wort, um einzusehen, wie ich zu handeln hätte. Und da kam jemand aus dem benachbarten Bezirk und bat um ärztliche Hilfe. Der betreffende Bezirksarzt, ein alter, untauglicher Trunkenbold, lag und schlief seinen Rausch aus und konnte der Bitte nicht nachkommen, und daher hatte man nach mir geschickt. Es war ein Fall, wo ärztliche Hilfe unumgänglich notwendig ist, und es auch meistens hilft, wenn man den Arzt rechtzeitig holt. Da sah ich ein, wie wichtig eine Stellung wie die meine ist. Wenn ich sie verließ, würde sie freilich ein anderer übernehmen, aber wer bürgte mir dafür, daß nicht dieser andere auch ein Nichtsnutz sei, wie der benachbarte Bezirksarzt? Ich hatte das Volk hier kennen gelernt und liebte es wie Freunde. Es sind tüchtige, brave Leute, sage ich dir, Wildvögelchen, und der Gedanke tat mir leid, daß sie vielleicht einen Arzt bekommen würden, der sich nicht um sie kümmerte. Am Abend schrieb ich daher nach Stockholm und lehnte die mir angebotene Stelle ab. Und es hat mich nie gereut. Ich werde nie vergessen, wie ich nun dastand und in den dunkelnden Abend hinausblickte, während sie meine Absage las. Ich erwartete natürlich, daß sie mich mit Tränen und Bitten und Überredungskünsten überfallen würde, sobald sie meinen Brief zu Ende gelesen hatte. Sie hatte ja alle ihre Verwandten in Stockholm, und nichts war natürlicher, als daß sie gern dahin ziehen würde. Hätte sie es verlangt, so hätte ich auch nachgegeben, aber das tat sie nicht. Das Gegenteil traf ein. Ich werde nie die Zärtlichkeit ihres Blickes vergessen, als sie mir den Brief zurückgab, noch die Wärme ihrer Umarmung.« Hier schwieg der Doktor, von seinen Erinnerungen überwältigt, und ich schwieg auch und verstand das Glück seiner jungen Frau. »Heute abend bin ich wirklich sehr gesprächig gewesen. Aber die Dämmerung trägt gewiß die Schuld daran,« sagte er schließlich, als wir uns dem Doktorhaus näherten und den Wasserspiegel Vängans zwischen den Stämmen leuchten sahen. »Es gereut mich aber nicht, wenn es dir einen Wink gibt, wie man lieben soll. Du wirst dich ja auch verheiraten, und der Liebe Kunst ist groß.« »Man muß wohl ein geborener Künstler sein, um diese Kunst, wie jede andere, richtig ausüben zu können,« meinte ich. »Ja, aber auch ein geborener Künstler muß studieren. Ich wünschte, daß jede junge Frau mit Bedacht ihre Gunst verschenkte, zum Beispiel nur aus Begeisterung für eine gute Tat, aus Liebe zu einem edlen Charakter oder aus Lust zum Helfen. Dann würden wir Männer gewiß besser werden.« »Ich fürchte, sie würde dann nur sehr selten gegeben werden,« entfuhr es mir. »Ja, aber das wäre besser, als daß sie wegen des Geldes verschenkt wird, oder für Schmeicheleien oder aus Zwang.« Bei dem letzten Worte blitzten seine guten Augen vor Verdruß. Ich kann mir gut denken, wie fein und rücksichtsvoll er gegen seine zartfühlende junge Frau gewesen sein muß. Und jetzt verstehe ich auch sein Mitgefühl für junge, fröhliche Bräutchen. Er beurteilt alle Frauen nach seiner Frau und weiß, daß nicht alle Männer so sind wie er. 14. Wir befinden uns schon im Herbst, im Spätherbst sogar, aber ich bin noch in dem Paradies Viktors, obschon er selbst nach Stockholm zurückgekehrt ist, um seine Studien fortzusetzen. Ich bin hier, weil ich eine Bestellung bekommen habe. Ich male ein Porträt, nämlich das der jungen Baronin. Man wünschte, daß ich auf der Inselburg wohne, wo ich mein Modell habe, aber ich bleibe am liebsten bei meinem alten Doktor. Er sagt, er sei dankbar, so lange ich bei ihm bleibe. er nennt mich seine Tochter, und ich fange an, Vater zu ihm zu sagen. Kleiner Viktor! Wie steht es jetzt mit unserem Spaß, oder richtiger, wohin führt er uns? Werden wir wohl jemals damit aufhören können? Ich glaube, wir müssen ihn unser ganzes Leben fortsetzen – wegen deines Vaters. Aber ich wollte ja von der jungen Baronin sprechen. Sie heißt Helga. Und der Name paßt für sie, denn sie ist eine Heilige. Ich sehe einen Heiligenschein über ihrem goldglänzenden Haar. Aber trotz des Glanzes hat er die Form einer Dornenkrone. Ich möchte gern wissen, warum? – Vielleicht gehören der Heiligenschein und die Dornenkrone zusammen. Die junge Baronin sitzt vor mir im blauen Kabinett der Inselburg. Der seidene Möbelstoff in diesem Zimmer ist wirklich blau, himmelblau, und harmoniert vorzüglich mit den blauen Augen der jungen Baronin. Helga sitzt am Fenster in einem Lehnstuhl mit vergoldeten Sphinxköpfchen. Das Licht fällt von der Seite her auf sie. Es ist ein klares, kühles Herbstlicht, das den Heiligenschein über ihr erleuchtet. Ich meine den sichtbaren Schimmer vom luftigen, hellen Haar. Die junge Baronin geht immer in Schwarz, das heißt nicht im Sommer. Dann ist sie weiß angezogen. Sie ist verwitwet. Als Modell sitzt sie in Weiß vor mir. Sie ist eigentlich nicht mehr jung, sondern ein gutes Stück in den Dreißigern. Aber man nennt sie die junge Baronin, im Gegensatz zu der alten, ihrer Schwiegermutter. Die junge Baronin hat eine ganz traurige Geschichte. Ich hörte diese Geschichte eines Tages von Elsa Valander, einem Fräulein von unbestimmbarem Alter und unbestimmbarer Anstellung. Sie ist auf Lebenszeit bei der Familie zu Gast, wie mir scheint. Sie ist mit allen befreundet und eine Altersgenossin sowohl der älteren, als der jüngeren Generation! Auf vielen Gütern gibt es solch ein weibliches Inventarstück. Sie ist vertraut mit den Familienverhältnissen. Man fühlt sich bei ihr heimisch. Sie ist fröhlich und gesprächig, voll Interesse und Zuvorkommenheit. Und außerdem ist sie einem nie im Wege und doch immer zur Hand. Ich verstehe sehr gut, daß man sich nicht damit begnügte, sie nur dann und wann zu haben. Wenn sie nicht da war, vermißte man sie sehr. Und da sie schließlich aus irgend einem Grunde allein im Leben stand oder die Stelle verloren, die sie vielleicht gehabt, haben sich ihre Besuche auf der Inselburg auf unbestimmte Zeit verlängert. Und nun ist sie beständig da, und alle mögen sie gern und sind damit einverstanden. Sie ist ein Überbleibsel der alten Jungfern, die ihre Zeit in den Häusern anderer Leute verlebten und das Interesse der Bewohner teilten. Aber sie ist ein modernisiertes Überbleibsel, freier und glücklicher als ihre Schwestern, denn ihr steht jederzeit der Weg zu selbständiger Arbeit offen. Und daher ist man sich gegenseitig dankbar für ihren Aufenthalt auf der Inselburg. Ja, Elsa Valander ist solch ein Inventarstück. Und sie hat mir eines Abends die Geschichte der jungen Baronin erzählt, als ich in der Dämmerung nach Hause ging. Elsa Valander begleitete mich. Ich habe ihr einst etwas anvertraut, was ich jemand anders nicht gern anvertrauen möchte, mir ist bange, allein durch den Wald zu gehen, besonders an dem Kirchhof von Sunnanfors vorbei. Nicht einmal beim hellen Tage wage ich mich vorbei, sondern mache immer einen weiten Umweg durch den Wald. Und da ich an dem betreffenden Tage erst aufbrach, als es anfing zu dämmern, erklärte Elsa zu meiner großen Befriedigung, daß sie sich nach einem Spaziergang sehne und gern mit mir gehen wollte. Man wird ganz vertraulich miteinander, wenn man so Arm in Arm zusammen geht, besonders im Walde und wenn es dämmert. Worüber man auch sprechen mag, so spricht man vertraulicher. Und nun wurde die junge Baronin der Gegenstand unseres Gesprächs. Ich glaube, ich war es, die zuerst anfing, von ihrem Heiligenschein und der Dornenkrone zu reden. Ich konnte mir nicht erklären, woher die Dornenkrone kam, aber Elsa Valander erklärte es mir. Der junge Baron Klaus hatte flott gelebt, ehe er mit Helga bekannt wurde und sich in sie verliebte. Sie war schon damals eine Heilige und hegte den heißen Wunsch, zu retten und zu helfen. Sie konnte sich keiner vornehmen Herkunft rühmen, besaß auch kein Vermögen, aber sie war schön und unschuldsvoll und hatte ein sehr liebenswürdiges Gemüt und feinen Takt. Und daher wurde sie mit offenen Armen von der Familie des jungen Barons empfangen. Gottes Willen in allem zu tun, war das Motto ihres Lebens, und um sich diesem Willen ganz zu fügen, war sie im Begriff, Krankenpflegerin zu werden. Da kam ihr aber der junge, wilde Baron in den Weg. Er verliebte sich in sie und gewann ihr Herz, als er erklärte, daß sie allein ihn retten könnte. Sie dachte, seine Rettung sei gewiß Gottes Wille, und gab sich der Liebe hin, die Gott ihr zu dem jungen Baron einflößte. Der junge Baron Klaus liebte sie wirklich und entsagte seiner früheren Lebensweise. Aber es war zu spät. Die Folgen seines ausschweifenden Lebens schlichen ihnen in die Ehe nach und trafen die Anschuldigen. Helga wurde gleich nach ihrer Verheiratung krank und ist seitdem nicht wieder gesund geworden. Sie gebar ihm drei Kinder. Zwei starben gleich nach der Geburt, und das dritte, ein Junge, leidet an einer Augenkrankheit, die ihn mit der Zeit blind machen wird. Als Baron Klaus Frau und Kinder vom Unheil betroffen sah, trübte sich sein Gemüt, er verfiel in tiefe Reue und gab sich der Schwermut und finsteren Gedanken hin. Eines Tages, als er allein auf die Jagd gegangen war, fand man ihn, von seiner eigenen Flinte erschossen. Es konnte ja aus Versehen geschehen sein. Vor der Öffentlichkeit wurde die Sache auch so ausgelegt. Das ist die Geschichte der jungen Baronin, so wie Elsa Valander sie mir erzählte. Und nun verstehe ich, warum ihr Heiligenschein an einen Dornenkranz erinnert. 15. Ich habe noch nie eine Heilige gemalt. Und mir ist's, als müßte ich ein Kreuz über meinen weltlichen Pinsel schlagen, wenn ich ihn hervorhole, um an die Arbeit zu gehen. Die junge Baronin meint, es sei sehr unnötig, sie zu malen. Sie lächelt entschuldigend und sieht verschämt aus, wenn sie sich auf den Stuhl setzt. Sie denkt gar nicht an ihr Aussehen. Sie weiß vielleicht nicht einmal, daß sie hübsch ist. Doch muß sie es wohl gewußt haben, als der junge Baron noch lebte. Er hat es ihr gewiß gesagt. Sie glaubt wohl, daß ihre Schönheit vergangen sei. Das ist aber nicht der Fall, sondern man denkt unwillkürlich an die Unvergänglichkeit, wenn man sie sieht. Ihr größter Reiz ist die stille Harmonie ihres Wesens, die wunderbar gut zu dem wehmütigen, süßen Lächeln paßt. Wenn mir das Malen mitunter nicht von der Hand geht, lasse ich den Pinsel ruhen, und statt des Malens plaudern wir. Heute war's ein solcher Tag. Draußen pfiff der Wind und riß die letzten Blätter von den großen Linden auf dem Hofe, und das Wasser Vängans schäumte weiß gegen das Ufer. Wir sprachen von Italien, wo wir beide einst gewesen, und unter anderem auch von dem Kirchhof zu Genua. »Ich liebe den italienischen Ausdruck für Kirchhof, Campo santo – heiliges Feld. Da wird gesät ...« sagte Helga, und sah gedankenvoll zum Fenster hinaus. Ihr Gesicht trug einen Ausdruck, als sähe sie schon die Saat hervorsprießen. Ich weiß nicht, woher es kommt, daß ich mir immer frommes Reden als Scheinheiligkeit vorgestellt habe. Es muß ein Irrtum meinerseits sein, wenigstens muß ich gestehen, daß es viele Ausnahmen von der Regel gibt. Die junge Baronin spricht gern von geistlichen Dingen, aber sie tut es in einer ganz natürlichen Weise, gerade wie wenn man von alltäglichen Sachen redet. »Der Tod ist ein Rätsel,« sagte ich. Wenn ich allein mit Helga bin, kommt es nämlich vor, daß ich ebenso natürlich, wie sie, von Dingen spreche, die ich sonst nicht nenne. »Ja, und doch hat er so viele erläuternde Bilder im täglichen Leben. Das Körnchen zum Beispiel, das gesät wird. Es erstirbt – um in dem reicheren Leben der Pflanze hervorzusprießen. Und die Entwicklung des Schmetterlings! Die häßliche kleine Raupe, die kaum kriechen kann, und die nur lebt, um zu fressen, bis sie in der Puppe begraben wird und wie tot daliegt, schlüpft endlich als Schmetterling aus der Hülle und fliegt aufwärts.« Ich habe bemerkt, daß Helga sehr viel an den Tod denkt. Und das ist ja auch natürlich, hat sie doch alle ihre Liebsten bis auf einen durch den Tod verloren. Zu meiner Verwunderung aber hat sie keine düstere Auffassung von dem Tod, sondern eine freundliche. Es kommt wohl daher, weil ihre Gedanken das suchen, was hinter dem Tode liegt. Helga Sporre und ich sind Freundinnen geworden, und mitunter quält es mich, daß ich mehr von ihr gehört habe, als ich ihr eigentlich gestehen wollte. Aber ich kann ihr doch unmöglich sagen, was man mir von ihr erzählt hat. Ich möchte gern wissen, wieviel sie von ihrem Unglück versteht. Sie weiß vielleicht nicht, woher alles gekommen ist. Sie nimmt alles aus Gottes Hand: ihre eigene Krankheit, die Krankheit ihres Jungen und den Tod der anderen. Aber zuweilen entfallen ihr doch Worte, die darauf deuten, daß ihr das ganze Leben hienieden von der Wurzel aus wurmstichig zu sein scheint. Und so würde sie wohl kaum sprechen, wenn ihre Unschuld nur die der Unwissenheit wäre. 16. Der Doktor interessiert sich für mein Werk und freut sich, daß Helga und ich miteinander befreundet sind. »Heilige und Sonnenstrahlen passen gut zueinander,« sagt er in seiner lieben Weise. »Warum müssen aber Heilige oft dunkle Wege gehen?« fragte ich. »Es kommt wohl daher, weil sie das Licht in sich tragen und im Dunkeln von Nutzen sind.« Ich denke viel an Helga und kann den Gedanken nicht los werden, daß es besser für sie gewesen wäre, wenn sie sich einer nützlichen Tätigkeit gewidmet hätte, statt in solch ein absterbendes Leben, wie sie es jetzt führt, hineingezogen zu sein. Sie selbst zweifelt nicht daran, daß sie dem Willen Gottes folgte, als sie sich verheiratete. Ich aber habe meine Zweifel und sage dem Doktor meine Meinung. »Wir tragen den Grund von der Tragik unseres Lebens in uns selbst,« antwortete er. »Die Tragik Helgas war ihre Liebe. Ich glaube, sie ist eine von denen, die, wenn sie Liebe empfinden, sich ihr so völlig hingeben, daß alles andere daneben versinkt. Mit Klaus Sporre im Herzen hätte sie die Krankenpflege nicht ausgehalten.« »Daß aber eine Frau wie sie zu einem verfehlten Leben verurteilt sein soll!« rief ich aus. »Wie weißt du, daß ihr Leben verfehlt ist?« Es klang beinahe streng. »Ja, aber es ist ja – aus.« Und so kommt es mir wirklich vor, trotz ihrer Schönheit. Und nach der Antwort des Doktors zu urteilen, sieht er es ungefähr ebenso an. »Aus! Wäre unser Erdenleben mehr als ein Ansatz zum Leben, dann wäre das Leben der allermeisten verfehlt.« Daß er diese Ansicht vertritt, hätte ich nicht erwartet. Er ist ja selbst voller Lebenslust und interessiert sich für alles. Und außerdem lebt er ja, um andere am Leben zu erhalten. Es kommt mir vor, als ob diese Anschauungsweise sehr wenig zu seinem Leben und seiner Persönlichkeit paßt, aber es muß wohl schon so sein, denn er meint immer, was er sagt. 17. Ich glaube, Helga versteht. Heute war sie sehr niedergeschlagen. Aber sie ist es auf ihre eigene Weise. Wenn sie in gedrückter Stimmung ist, so wird sie nicht dadurch verunziert, wie die meisten, sondern sie wächst in die Höhe. Die Augen ihres Jungen waren heute besonders schlecht. »Er wird sein Augenlicht ganz verlieren,« sagte sie in ihrer ruhigen Weise. »Und das sagst du so ergeben?« entfiel es mir. Ihre Augenbrauen zogen sich vor Schmerz zusammen, und ich merkte schon, daß sie die Ergebung nicht ohne Kampf erlangt hatte. »Ich sehe lieber, daß er an den Folgen der Sünde leidet, als daß er selbst sündigt,« sagte sie sanft. 18. Jetzt ist Helgas Porträt fertig, und nun male ich schon an dem ihres Mannes. Dies geschieht mit Hilfe alter Photographien und mündlicher Beschreibungen. Helga sitzt bei mir, wenn ich male, und spricht von ihrem Manne. Man hört es ihrem Ton an, daß sie ihn sehr lieb gehabt hat, aber sie sagt kein Wort von ihren Gefühlen. Was sie von ihm erzählt, ist so charakteristisch, daß ich ihn ganz lebhaft vor mir sehe. Er muß ein ganz reizender Mensch gewesen sein, nach dem zu urteilen, was nicht nur Helga von ihm erzählt, sondern auch seine alte Mutter und Elsa Valander und die alte Haushälterin. Alle schildern sie sein herzgewinnendes Wesen. Ich male noch immer im blauen Kabinett. Helga sitzt im Sphinxenstuhl am Fenster mit dem Herbstlicht auf ihrem hellen Haar. Sie ist mit einer Handarbeit beschäftigt, und ihr kleiner Junge spielt auf dem Boden neben ihr. Es ist ein blasses, sanftes Bübchen, gar zu sanft. »Ich wünschte, er zerrisse seine Höschen und Strümpfe wie andere kleine Jungen,« sagte Helga und lächelte wehmütig, als ich einmal ihren Jungen lobte, weil er stets so sauber und ordentlich aussah. Und das verstehe ich. Ihr kleiner Junge ist gar zu frühreif und schlägt seiner Mutter nach in ihrer Denkungsart. Er wird sich gewiß später sehr gut mit ihr verstehen, wenn sie ihn behalten darf. »Er hat einen schwachen Blick für äußere Dinge,« sagt die Mutter, »aber die inneren sieht er desto klarer.« Ich soll auch ihn malen, wenn ich mit dem Bild seines Vaters fertig bin. Und ich freue mich darauf. Es wird ein Engelsköpfchen werden, nein, etwas noch herrlicheres, ein Märtyrerkopf mit einem Dornenkranz. Die drei Bilder, die ich male, sollen die Reihe der Familienporträts oben im Gesellschaftszimmer schließen. Nur um ihren Platz an der Seite des Baron Klaus einzunehmen, gab Helga zu, sich malen zu lassen. Und der alte Baron, der sich schon lange ihr Porträt wünschte, freut sich ungemein, daß es ihm endlich gelungen ist, ihren Widerstand zu besiegen. Es besteht ein sehr nettes Verhältnis zwischen Helga und ihren Schwiegereltern. Sie übt ihren stillen Einfluß in einer so sanften Weise auf sie aus, daß man es kaum merkt. Aber ihr Einfluß reicht weit über die Grenzen der Inselburg hinaus. Wie alle Heiligen, geht sie in der Gegend umher und besucht die Leute, sowohl die Armen wie die Wohlhabenderen. Obschon sie eine idealistische Auffassung von Personen und Dingen hat, fehlt ihr doch der Blick für Übelstände nicht. Und wenn sie einen solchen entdeckt, dem abzuhelfen ist, wendet sie sich an ihren Schwiegervater. Er geht auf alle ihre Wünsche ein. Der Baron ist ein gutmütiger, freigebiger Herr, der seinen Mitmenschen alles Gute wünscht, aber er gibt sich nicht die Mühe, ihre Bedürfnisse ausfindig zu machen. Wo man nicht klagt, bildet er sich ein, daß es keinen Grund zur Klage gibt, und wenn er eine Klage hört, hilft er nur, um den lästigen Laut loszuwerden. Da es aber vorkommt, daß die, denen es am schlechtesten geht, am wenigsten jammern, ist es um die Gerechtigkeit zuweilen recht schlecht bestellt. Aber Helga hat einen Blick für die wirkliche Not, und seit sie eingreift, ist Ordnung und Plan in seiner Hilfsbereitschaft. Sie spricht niemals von ihrer Wohltätigkeit, aber andere Leute tun es um so mehr. Der Doktor sagt, daß er deren leuchtende Spuren oft in seiner Praxis bemerkt. 19. Heute abend bin ich wie ein wild erregtes Meer. Im Geist will ich das eben Erlebte noch einmal durchgehen, das wird mich vielleicht beruhigen und mir Klarheit verschaffen. Als ich beim Malen im blauen Kabinett saß, und Helga beim Nähen, traf etwas ganz Unerwartetes ein, das unser einförmiges, aber gemütliches Beisammensein störte. Ein junger Herr kam auf allen Vieren hereingestürzt. Natürlich nicht absichtlich. In der Tür war er mit Tasso zusammengestoßen. Tasso hat die schlechte Angewohnheit, sich vor allen anderen durch eine Tür zu drängen, und das mit einer solchen Gewalt, als gälte es das Leben, zuerst zu kommen. Tasso gab dem Jüngling einen so mächtigen Stoß von hinten, daß dieser das Gleichgewicht verlor und mit rasender Schnelligkeit bis zu Helga heranstolperte. Er wäre ihr beinahe in die Arme gefallen, wenn er nicht glücklicherweise vor ihr auf alle Viere gepurzelt wäre. Es geschah vielleicht aus Ritterlichkeit. Das sähe jedenfalls dem betreffenden Individuum nicht unähnlich. Tasso dagegen, der immer auf allen Vieren geht, behielt das Gleichgewicht trotz des Zusammenstoßes, ohne zu wanken. Mit einem Sprunge war er bei mir, legte seine mächtigen Vordertatzen auf meine Schultern und sperrte seinen gewaltigen Rachen dicht vor meinem Gesicht auf. Vor Entzücken war er nahe daran, mich zu verschlingen. Ich bin freilich eine Hundefreundin, doch darf Tasso mir nicht das Gesicht lecken. Ich wehrte mich daher gegen seine stürmische Zärtlichkeit, und als er mir endlich Zeit gönnte, nachzusehen, wer so ohne weiteres seinen Eintritt gemacht, fand ich zu meiner großen Überraschung, daß es Viktor war. Nicht alle hätten sich mit Anmut in eine solche Lage gefunden. Viktor aber verstand es. Er lachte laut auf, und damit war die Sache abgemacht. Keiner lacht so herzlich und so ansteckend wie er. Wir stimmten natürlich alle beide mit ein. Und zum ersten Male hörte ich Helga lachen. Viktor war stolz darauf, daß es ihm gelungen, ihr ein Lachen zu entlocken. »Aber warum bist du hier?« war meine erste Frage, als ich mich wieder gefaßt hatte. »Du siehst ja, daß Tasso mich hereingestoßen hat.« »Doch wohl nicht den ganzen Weg von Stockholm?« »Der Stoß war kräftig genug dazu,« antwortete Viktor und zauste Tasso an den Ohren. Dieser heulte und knurrte vor lauter Entzücken und benahm sich im übrigen mit so stolzem Selbstgefallen, als sei es ausschließlich sein Verdienst gewesen, daß Viktor überhaupt zu uns gekommen war. Viktor war scheinbar zu vergnügt, um ein vernünftiges Wort zu sprechen. Er konnte keinen Grund angeben, warum er gekommen sei, als daß er es für notwendig gehalten habe. Das Malen ging gar nicht mehr; daher legte ich die Arbeit beiseite. Und nach einem gemütlichen Plauderstündchen im blauen Kabinett verabschiedeten wir uns, Viktor, Tasso und ich. Wie vergnügt waren wir auf dem Heimwege! Wir waren wie zwei ausgelassene Kinder. Wir lachten und haschten einander im Walde, liefen über Stock und Stein, blieben am Gebüsch hängen und rissen uns los, ganz unbekümmert, wie's mit den Kleidern ging. Als wir aber den Gipfel des hohen Felsens erreichten, wurden wir ganz still. Viktor sah sich um und umfaßte die ganze Gegend mit einem einzigen Blick. Er sog die frische, sonnige Luft in einem so tiefen Atemzuge ein, daß mir vorkam, es müsse weh tun. Ich weiß nicht, was in seinem Blick lag, aber ich wurde plötzlich verstimmt. »Was ist dir? hast du dir weh getan?« entschlüpfte es mir. »Man kann jemand so lieb haben, daß es weh tut,« antwortete er, und in seinem Blick und Ton lag etwas Unbeschreibliches. Im nächsten Augenblick aber war er wieder wie ein Knabe, der aus der Schule kommt und sich seiner Freiheit freut. »Da! Du hast den Letzten!« Er versetzte mir einen leichten Schlag und stürmte fort. Ich stürzte augenblicklich nach. In sausendem Galopp ging es jetzt den großen Felsen hinunter. Wir rannten die Bäume an, stolperten über Baumwurzeln und Reisig, aber abwärts ging es mit Blitzesschnelle. Plötzlich, als wir die Stelle erreichten, wo die hohen Fichten im Schutze des Berges stehen und sonnendurchleuchtete Dämmerung unter den Gipfeln der Kiefern herrscht, blieb Viktor stehen und wandte sich schnell um. Die Folge davon war, daß ich ihm in die Arme fiel. Er hob mich in die Höhe und drückte mich fest an sich. Ich sah sein Gesicht dicht an dem meinigen und hörte sein Herz heftig pochen. »Wildvögelchen!« So wie er das sagte, wurde mir klar, daß er den Spaß nicht länger durchführen konnte. Nach einem Augenblick stellte er mich wieder auf die Erde, aber mir kam es vor, als hätte ich furchtbar lange nicht dagestanden. Ein ganzes Leben kann sich in eine einzige Minute zusammendrängen. Nun liefen wir nicht mehr, sondern setzten unseren Weg schweigend fort. Es ist Mondschein, ein kalter, klarer Mondschein. Ich sitze in meinem Zimmer und schreibe beim Mondlicht. Wir können den Spaß nicht mehr fortführen. Wie wird es gehen? Müssen wir damit aufhören oder soll der Spaß in Ernst übergehen? hat Viktor Wildvogel schon gefangen? Sitzt Wildvogel vielleicht schon in dem Schloß seiner Gedanken? Frei sollte ich da, hineinziehen und frei da wohnen. Wohnt man wirklich irgendwo in Freiheit? Der Doktor sprach einmal von der Kunst der Liebe ... Du lieber Viktor, morgen schon muß ich dir meine Entscheidung mitteilen. Die Minute in deinen Armen dort unter den Bäumen im Walde umfaßte eine Lebenszeit. Noch einige solcher Minuten, nur eine Woche mit dir, würde mich so alt machen wie Methusalem. Aber kann sich eine solche Minute denn wiederholen? Kann ein Menschenleben mehr als einen solchen Augenblick enthalten? Lieber Viktor, was soll ich dir sagen? Es geht ja nicht so weiter wie bisher, aber wir können unser Verhältnis auch nicht abbrechen. Es hat uns schon zuviel gegeben: Vater, heim, Gemeinschaft ... Paradies. Wie können wir das alles aufgeben? Was bleibt uns anderes übrig, als Ernst aus dem Spaß zu machen? Aber was wird dann aus meiner Freiheit? Ach, du lieber Viktor, warum hast du Wildvogel gefangen? 20. Viktor ist erkrankt, hoffnungslos. Er erkrankte an dem ersten Tage nach seiner Heimkehr. Vielleicht trieb ihn eine Ahnung nach Hause, um daheim in seinem Paradies bei Vater und Braut zu sterben? Viktor und Krankheit! Diese zwei Begriffe passen gar nicht zusammen. Aber er erträgt seine Krankheit so, wie man es von ihm erwarten konnte. Er lächelt zwar sehr matt, aber er lächelt doch, sobald er unseren Blicken begegnet, und flüstert uns, obschon sehr leise, einen Dank für jeden Dienst zu. Er fühlt keine Schmerzen. Dazu ist das Fieber gar zu stark. Die Krankheit, die ihn verzehrt, hat nichts Schreckliches oder Abstoßendes an sich. Viktor, mein Geliebter! Wir wagen nicht zu denken, wir pflegen dich nur und halten die Unruhe fern von uns. Und den Kummer verschieben wir auch bis auf weiteres, dein Vater und ich. Wir lächeln dich an, betrachten dich mit ruhigem Blick und gehen in deinem Krankenzimmer umher, als sähen wir den Schatten nicht, der dich bedroht. Wir tun alles, was du wünschest, ohne Besinnen und ohne Einwand. Ich frage nicht, warum du willst, daß ich dir jetzt angetraut werde. Wir kommen nur deinem Wunsche nach. Morgen werden wir, du und ich, zum ersten, zweiten und dritten Male aufgeboten und dann werden wir getraut. Wir haben ein langes Liebesleben in einer einzigen Minute gelebt. Diese Minute willst du jetzt durch das Band der Ehe geheiligt wissen. Du sagst nichts. Du keuchst nur im unruhigen Fieberschlaf, aber ich verstehe dich, mein Viktor. 21. Jetzt bin ich Viktors Weib, aber er ist nicht mehr auf Erden. In der Morgendämmerung, die auf unsere Hochzeitsnacht folgte, hat der Tod meinen Bräutigam geholt. Unsere Liebe bleibt unbefleckt, rein wie der Himmel, ernst wie der Tod, ungebrochen wie die Ewigkeit. 22. Frisch gefallener Schnee bedeckt Viktors Grab. Ich besuche es zuweilen, aber ich kann mir Viktor gar nicht in einem Grabe denken. Soll ich Helgas Glauben teilen, ist er auch nicht da. Ich begegnete ihr heute auf dem Kirchhof – sie hat ja auch Gräber zu besuchen. Wir sprachen von der Unsterblichkeit. 23. Ich fürchte mich nicht mehr vor dem Kirchhof von Sunnanfors, seit Viktor dort ruht. Sein Wesen war so licht, daß es selbst einen verklärenden Schimmer auf den Tod wirft. »Alle können sterben wie er,« sagt Helga, »wenn sie dem Friedensfürsten angehören. Der hat durch sein Sterben den Stachel des Todes gebrochen.« War Viktor einer der Seinen? Ich weiß es nicht recht, aber zuweilen habe ich es geahnt. Die Sonne erklärt uns nicht, was sie ist, aber sie verrät es uns durch ihren Schein. Der Baum spricht nicht von seiner Art, aber offenbart sie uns durch seine Frucht. 24. Der Doktor arbeitet eifriger denn je. Es ist ihm eine Wohltat, wenn jemand mitten in der Nacht ihn holt. Und je weiter es zu fahren ist, desto lieber ist es ihm. Ich glaube, er arbeitet so eifrig, um nicht denken zu müssen. Er versucht zu sein, wie früher, und im gewissen Sinne ist er es auch – aber nur äußerlich. Blickt man ein bißchen tiefer, merkt man doch, daß das Schicksal ihm einen harten Stoß gegeben hat. Er ist sehr teilnehmend gegen mich, und das bin ich auch gegen ihn. Wir versuchen nicht, einander zu trösten, das wäre vergeblich, das wissen wir. Aber wir tragen den großen Verlust gemeinsam, wir trauern zusammen und haben Mitgefühl füreinander. »Es geht schon bei meinem Alter,« sagt er. »Es ist schwerer in der Jugend.« Er blickt mich forschend an, als wollte er ergründen, wo die Trauer an meinem Lebensfaden nagt. »Vater, es geht auch in der Jugend. Die Trauer verleiht der Seele Flügel,« antwortete ich. »Wildvögelchen!« Er strich mir leise über den Kopf, und sein Ton war unendlich zärtlich. »Wildvögelchen!« Ich erinnerte mich, wie ich es von anderen Lippen und in einem anderen Tone gehört – und brach in Tränen aus. Ich wollte forteilen, um meine Tränen zu verbergen, aber er hielt mich zurück. Ich blieb und weinte, und das schien ihm Erleichterung zu verschaffen, denn selbst kann er leider nicht weinen. Ach, die Trauer! Sie muß hinaus in die Einsamkeit, aber nicht in die enge, eingeschlossene, wo man nur sich selbst vernimmt, sondern in die weite, große Einsamkeit, wo man seiner selbst vergißt. Im Reiche der Trauer ist alles groß und rein. Da verfliegt das Gemeine und Unedle. Das Reich der Trauer öffnet sich auf die Unendlichkeit. Und auf Flügeln schwingen wir uns hinauf zum Himmel. Dieser Weg aber führt durch Pforten düster wallender Wolken. »Du mein lieber, kleiner Viktor, das war also das Schloß, das du mir bautest.« 25. Wildvogel ist sich treu geblieben und doch verändert. Die Freiheit ist mir noch immer Lebensbedürfnis, aber ich sehe sie jetzt anders an. Früher verlangte ich Freiheit für mich selbst, jetzt begehre ich Freiheit von mir selbst. Und eine solche Freiheit gibt es nur in der Liebe. Der Weg in meine frühere Umgebung steht mir noch offen, aber ich vermeide ihn absichtlich. Ich glaube, er würde mich nur in engere Regionen führen. Niemand bindet mich. Niemand verlangt, daß ich hier bleiben soll, und darum gerade bleibe ich. »Wenn ich darf, möchte ich am liebsten hier bleiben,« antwortete ich dem Doktor, als er mich eines Tages danach fragte. »Wenn du darfst, du liebe Kleine,« wiederholte er. »Glaubst du denn, daß man das Licht seiner Augen von sich treibe? Aber es wird dir gewiß zu langweilig hier sein, in dieser Einsamkeit und mit einem alten Manne wie ich.« »Langweilig! O nein! Das Leben hier ist reich und voller Möglichkeiten in der täglichen Arbeit.« »So bleibe denn, Wildvögelchen, aber nicht länger, als es dir gefällt. Der Weg steht dir immer offen. Ich werde dich in keiner Weise binden. Ich werde dir nur stets dankbar sein, daß du überhaupt hier bleibst.« Ich blieb also bei ihm, und es ist mir lieb, bei ihm zu sein, denn er scheint sich darüber zu freuen. Er hatte es nicht erwartet. Es kam ihm überraschend, daß das Leben ihm noch etwas anderes bot als öde Einsamkeit. Heute abend ging er zu einem Kranken, und ich begleitete ihn. Der See war zugefroren, und wir gingen über das Eis. Wir haben jetzt kalten Winter. Es kracht vor Kälte in den Hausecken. Der Doktor und ich gingen Arm in Arm über das glatte Eis. Wir wollten einander stützen. Einmal glitt er aus und würde gefallen sein, wenn ich ihn nicht gehalten hätte. Er sah mich an und lächelte liebenswürdig. »Ich muß gestehen, es hat mich überrascht,« sagte er. »Hier schreite ich an der Seite eines zarten Geschöpfes, das mir so zart scheint, als wäre es nur dazu da, um gestützt zu werden. Plötzlich gleite ich aus und finde, daß gerade dies Geschöpflein mir eine Stütze ist und sogar eine, die nicht zerbricht.« Er sagte das so, daß ich den Doppelsinn seiner Worte deutlich verstand. Bin ich ihm denn wirklich eine Stütze, und sogar eine tüchtige, in der schweren Prüfung seines Lebens? Du lieber, kleiner Viktor, du hast mir vieles gegeben, als du mir deinen Vater schenktest! Wenn eine Mutter ihr Kind pflegt, pflegt sie die Zukunft, die ihr Kind in sich trägt. Wenn ich meinen alten Doktor pflege, so pflege ich das Edle an ihm, alles, was er gewesen und geworden durch große, liebevolle Taten. Darum fühle ich mich auch ebenso reich wie eine Mutter – ja, reicher sogar. Die Mutter kann sich in der Zukunft ihres Kindes irren, aber das kann ich nicht in bezug auf das Edle in meinem Doktor. 26. Helga und ich haben eine Fahrt nach Stockholm gemacht. Wir hatten Verschiedenes zu besorgen. Unter anderem machten wir auch Max einen Besuch. Er glühte vor Lernbegierde und studierte sehr eifrig. Ich habe das immer an ihm bewundert, aber mein Besuch in seinem Laboratorium zeigte mir die Kehrseite der Medaille. Ich sah ein Kaninchen da sitzen. Max hatte ihm irgend einen Bazillus eingespritzt, um die Wirkungen desselben zu studieren. Das Kaninchen sah struppig und krank aus, versuchte etwas zu fressen, aber vermochte es nicht. Es war noch ein anderes Kaninchen da. Ein ganz ausgemergeltes kleines Ding, das fieberte und hustete. Es litt an Tuberkeln, war aber ganz zahm. Wenn Max es rief, kam es an das Gitter. Es gab auch ein paar gesunde Kaninchen da. Aber an diesen wollte Max Versuche machen und sie bald den schauderhaftesten Krankheiten preisgeben. Ich war ganz empört und machte meinen Gefühlen in einer Flut von Worten Luft. Max antwortete, daß die Kaninchen stolz darauf sein würden, wenn sie wüßten, daß sie mit ihrem Leiden der Wissenschaft dienten. Aber ich arbeitete mich in eine hitzige Verachtung seiner Wissenschaft hinein, sagte ihm, daß die Grausamkeit nicht zu entschuldigen sei, und daß es grausam sei, mit Absicht einem Geschöpf Leid zuzufügen, ob dies Geschöpf Mensch oder Tier sei. Meine Heftigkeit war groß, und ich glaube, Max hielt mich für unzurechnungsfähig. Jedenfalls führte er uns aus dem Laboratorium hinaus. »Ich hätte es dir nicht zeigen sollen,« sagte er. »Als ob das etwas zu der Sache täte,« rief ich aus. »Die armen Kaninchen husten und werden gequält, ob ich gehe oder bleibe. Und du schmeichelst ihnen und gibst ihnen Futter, während du ihnen garstige Krankheiten einspritzest. Eins ist gewiß: Es gibt kein abscheulicheres Raubtier als der Mensch.« Ich war ganz außer mir. Mein Zorn und mein Abscheu schienen auch einen recht tiefen Eindruck auf Max zu machen. Das beruhigte mich etwas. Er sprach kein Wort zu seiner Selbstverteidigung. Unser Besuch bei ihm war verdorben, und wir verließen ihn bald. Helga hatte kein einziges Wort gesagt. Doch glaube ich, sie fühlte ebenso tief wie ich, aber sie besitzt größere Selbstbeherrschung. Erst auf der Heimreise fingen wir an, von Max zu sprechen, und Helga gab mir zu verstehen, daß es ihr leid um ihn getan, weil ich so böse auf ihn war. »Ich sah, es ging ihm zu Herzen,« sagte sie. »Um so besser,« erwiderte ich unzart. Ich ärgerte mich aufs neue bei dem bloßen Gedanken an die armen Dinger. »Schadet nicht! Solch ein Vivisektor kann nie genug leiden.« »Bist du jetzt nicht zu hart,« sagte Helga besänftigend. »Ich denke, die Vivisektoren sind nicht schlechter als andere Leute.« Das machte aber keinen Eindruck auf mich. »Grausamkeit ist schlimmer als alles andere,« erklärte ich bestimmt. »Aber Max ist doch nicht grausam. Du willst doch nicht behaupten, daß er mit den Kaninchen Versuche macht, nur um sie zu quälen. Er peinigt sie sicher so wenig wie möglich. Er ist gewiß freundlich gegen sie und pflegt sie.« »Verteidigst du die Vivisektion?« »Ich wünsche von ganzem Herzen, daß sie verboten würde,« sagte Helga, »aber ich kann doch nicht behaupten, daß alle, die sie ausüben, es aus Grausamkeit tun. Das wäre ungerecht von mir. Die meisten, denke ich, müssen sich gewiß hart machen und leiden selbst darunter, überwinden sich aber, der Wissenschaft wegen. Und unter ihnen ist Max, davon bin ich überzeugt.« Ich mußte ihr darin recht geben. Aber dennoch fühle ich, daß ich künftighin zwischen mir und Max immer gequälte Kaninchen sehen werde. 27. Ich weiß nicht, ob die Geschichte mit den Kaninchen schuld ist oder vielleicht etwas anderes, daß mir Max nicht aus den Gedanken kommt. Ich habe ihn gewiß verletzt. Das reut mich freilich nicht, aber ich möchte ihn doch gern wiedersehen, um wieder wie früher gegen ihn zu sein. So dachte ich mehr als einmal, aber Max kam nicht. Er ließ eine so lange Zeit vergehen, daß ich mich endlich fragte, ob er überhaupt wiederkommen würde. Und da ich merkte, daß der Doktor sein Fernbleiben übel aufnahm und glaubte, daß Max ihn vernachlässigte, fühlte ich, daß ich jetzt etwas tun müsse. Nach dem Tode Viktors waren Max und sein Vater sich wieder etwas näher gekommen. Und nun war ich mit meiner Heftigkeit dazwischen geraten und hatte Max von seinem Vater ferngehalten. Das wollte ich natürlich um alles in der Welt nicht. Daher machte ich mir etwas in Stockholm zu tun, reiste hin und suchte Max auf. Diesmal aber allein. Er saß an seinem Arbeitstisch, als ich eintrat, und als er mich erblickte, errötete er. Ich warf einen ängstlichen Blick auf den Tisch, denn ich fürchtete, ich könnte ihn vielleicht bei einem seiner mir verhaßten Experimente ertappen. Aber auf dem Tische lagen nur Bücher und Papiere, und in der einen Hand hielt er eine gefahrlose Schreibfeder. Er war aufgestanden, und als ich ihn wieder anblickte, sah er eher blaß als rot aus. Mürrisch und schweigend stand er da, den Kopf gesenkt und den finsteren Blick von mir weggewendet. Es lag etwas sehr Irdisches und Schwerfälliges, aber zugleich auch etwas Kräftiges in seinem Wesen, das mir sowohl Mitleid als Achtung einflößte. Ich fühlte mich mit einem Male sehr unbeholfen und zu meinem großen Ärger errötete ich auch. Max sah es zu seiner Befriedigung und schien Vergnügen daran zu finden, mir den Besuch schwer zu machen. Ich verspürte große Lust, wegzulaufen, da ich nun aber einmal da war, mußte ich ihm mein Anliegen vorbringen. »Warum kommst du nie mehr heim, Max?« fragte ich und gab mir Mühe, so unbefangen wie möglich zu sprechen. »Ich bleibe am liebsten fern, wenn mir klar gemacht wird, daß ich ungelegen komme,« antwortete er. Die Antwort sollte abweisend sein, aber ich merkte, wie tief er sich darüber freute, mir etwas recht Unangenehmes sagen zu können. Daß er nicht gleichgültig war, machte mich sogleich etwas sicherer. »Vater möchte gern wissen, warum du nicht kommst. Er sehnt sich nach dir. Ich verstehe nicht, wie du's übers Herz bringen kannst, dich fern von ihm zu halten.« Max schwieg. Er wollte nicht geradezu sagen, daß ich die Ursache sei. Das brauchte er auch nicht, denn er wußte sehr gut, daß ich es auch ohne Worte verstand. »Wenn du mir meine neuliche Heftigkeit nicht verzeihen kannst, muß ich Vater verlassen,« sagte ich, und diesmal, ohne daß meine Stimme zitterte. »Unter keiner Bedingung darfst du Vater um meinetwillen verlassen! Darauf würde er schwerlich eingehen, soviel, wie er von dir hält. Nein. Es macht nichts, wenn ich mich fern halte, er macht sich nichts aus mir, und mit dir verstehe ich mich auch nicht.« »Aber Max, glaubst du denn wirklich, was du jetzt sagst?« rief ich aus, denn zu meiner großen Überraschung merkte ich, daß er es wirklich tat. »Ob ich es glaube? Gewiß glaube ich es. Und du kannst es ja auch nicht leugnen, wenn du aufrichtig bist.« Trotz der Bitterkeit seiner Worte warf er mir einen schnellen, finsteren Blick zu, aber es lag ein Hunger, eine Sehnsucht darin, die deutlich ausdrückten, daß er auf Widerspruch hoffte. Und ich widersprach ihm auch. »Ich wünschte, ich könnte dich davon überzeugen, wie gründlich du dich irrst,« rief ich mit einem Eifer aus, der vielleicht besser als alles andere geeignet war, Eindruck auf ihn zu machen. »Ich werde mich niemals mit deiner Vivisektion aussöhnen, und besäße ich irgend eine Macht über dich, so würde ich sie dazu brauchen, um dich von solcher Roheit abzubringen. Das hindert aber doch nicht, daß ich dich sonst gern mag. Ich war neulich sehr heftig und auch ungerecht gegen dich – denn du bist ja nicht grausam. Aber soviel Menschenkenntnis mußt du doch besitzen, um zu wissen, daß Leute, die leicht aufbrausen, auch leicht verzeihen. Ich kann heftig und eifrig sein und tüchtig aufbrausen, aber ich kann niemand etwas nachtragen oder jemandem grollen, und unwahr kann ich auch nicht sein. Daher mußt du mir glauben, Max, wenn ich dir jetzt sage, daß ich dich gern mag, und du darfst dir wirklich nicht länger einbilden, daß ich dich nicht leiden kann.« Er fing an, weich zu werden, und sein Blick war weniger finster. »Und Vater! Es ist nicht nett von dir, zu sagen, daß er sich nichts aus dir macht. Du weißt sehr gut, daß er es tut. Er vermißt dich und fragt oft, warum du nicht kommst.« Ich sah, daß er immer weicher wurde und daß er mir endlich glaubte. Darum schlug ich vor, daß er mit mir kommen sollte. Er sagte zwar »nein«, aber ich hörte schon an seiner Stimme, daß sein »Nein« nicht so ernst gemeint war. Nach kurzer Überredung versprach er auch mitzukommen. Als ich ihm erklärte, daß ich ohne ihn acht Stunden allein fahren müßte, konnte er meiner Bitte nicht widerstehen. Und nun sind wir hier. Gestern abend kehrten wir heim. Der Doktor freute sich so sehr, als er Max wiedersah, daß nicht einmal Max an seiner Aufrichtigkeit zweifeln kann. 28. Heim! Ich habe schon mehr als ein Heim gesehen und in mehr als einem Heim gelebt – aber ich habe noch nie eins besessen und habe es mir auch nie gewünscht. Das Wort »Heim« hat für Wildvogel ungefähr denselben Klang wie das Wort »Gefängnis« gehabt, das heißt ein Ort, an dem man immer bleiben muß. Der geringste Zwang könnte mir den herrlichsten Ort unausstehlich machen. Erst jetzt verstehe ich den Reiz eines Heims, denn erst jetzt habe ich eins nach meinem Sinn, und zu meiner Überraschung finde ich, daß es mir hier ausgezeichnet gefällt. Aus Spielerei zog ich hier ein, nur um dies Heim zu sehen und dann weiterzufliegen. Ich kam wie der wilde Vogel, der sich auf einen Zweig setzt, um sich ein Weilchen zu schaukeln. Und warum flog ich nicht wieder fort? Nichts bindet mich ja hier. Nein, und gerade darum bin ich geblieben. Machte sich der geringste Zwang fühlbar, würde ich mich gleich wegsehnen. Helga sagt, daß die Trauer uns vereinsamt, und das mag wahr sein. Aber wenn man jemand an seiner Seite hat, den dieselbe Trauer betroffen, dann fühlt man sich doch sehr mit diesem anderen verbunden. Man kann jemand so lieb haben, daß es weh tut, hast du mir einmal gesagt – du lieber Viktor. So liebe ich jetzt deinen alten Vater. Und das Gefühl veranlaßt Wildvogel, hier zu bleiben, um ihm das öde Haus zu einem Heim zu machen. Ich liebe unser Heim, schmücke und pflege es so, wie man etwas pflegt, das man bald verlieren wird. Unser lieber Doktor altert jetzt sehr schnell. Unser Heim trägt das Gepräge der Vergangenheit. Es hat einen Abglanz vom erbleichenden Abendlicht nach einem entschwundenen Tag, einem langen Arbeitstag. In den Ecken des alten Hauses flüstert und raunt es, Erinnerungen werden wach, lichte, aber auch dunkle. Das Haus hat eine Geschichte, die man ahnt, ohne sie zu kennen. Und nun ist das alte Haus mein Heim, obschon dessen Geschichte weder die meine, noch die meiner Vorfahren ist. Im gewissen Sinne aber ist sie doch mein. Ein Heim ist noch viel mehr, als das was sichtbar ist. Es ist das Beisammensein derer, die es bewohnen, und nicht nur das äußere Beisammensein, die Worte, die gewechselt werden, die geteilten Interessen, sondern das Beisammensein im eigentlichen Sinne, der Zusammenklang der Seelen, das Wortlose, das in unserem ganzen Wesen Vernehmbare. Es kommt mir sehr sonderbar vor, daß einer der edelsten Männer am reichen Abend seines Lebens in solch einem Einklang mit Wildvögelchen leben kann. Wildvögelchen ist ja doch nur ein ganz unbedeutendes Geschöpf, das nichts ausgerichtet hat, sondern nur gedankenlos durchs Leben geflattert ist. 29. Du lieber, alter Doktor! Man sollte doch annehmen, daß du gegen Leid und Jammer abgehärtet wärest. Und doch hast du heute so furchtbar gelitten, als du an dem Krankenbette da drüben in dem großen Bauernhofe standest und dem armen Kranken keine Hilfe leisten konntest! Warum bestandest du darauf, daß ich draußen bleiben und das Pferd halten sollte. Das Pferd halten? Du liebe Zeit! Als ob solch ein Gaul einen unnötigen Schritt täte! Ach, es geschah nur, um mich zu schonen! Und darum gehorchte ich dir nicht. Warum sollte ich nicht dem Feind ins Gesicht blicken, gegen den du viele Jahre tapfer gekämpft. Ich schlich mich hinter dir hinein und erblickte deinen Feind in den verzerrten Zügen und hörte ihn in dem Jammergeschrei. Und du, lieber Menschenfreund, du warst blaß vor Schmerz über deine Ohnmacht gegen diesen fürchterlichen Feind. Ich sah dein Auge vor Mitgefühl tränen. Und doch habe ich dich nicht einmal weinen sehen, als dein Sohn starb. Auf dem Heimwege sprachst du kein Wort. Ich schwieg auch. Der Zügel lag schlaff in meinen Händen, das alte Pferd trottete lautlos in dem weichen Schnee, und in dem meilenweiten Wald rings um uns her war es auch sehr still. Unser inneres Ohr aber ruhte nicht. Es vernahm die kummervollen Seufzer und die Wehrufe, die von der Erde emporsteigen. Als wir heimgekehrt waren, trennten wir uns. Du gingst auf dein Zimmer, ich auf das meine, aber ich konnte mich lange nicht wieder beruhigen. Es war mir unheimlich zumute, ich mochte nicht allein sein und ging daher zu dir. Ich weiß nicht mehr, unter welch einem Vormund ich in dein Zimmer trat. Die Weise, in der ich empfangen wurde, machte aber auch jeden Vorwand überflüssig. Ich habe früher nie eine Bibel in deinen Händen gesehen, noch habe ich je einen Bibelspruch von deinen Lippen gehört, aber den Geist der Bibel habe ich öfters in deinem Wesen verspürt. Die Bibel, die vor dir aufgeschlagen lag, war sehr abgenutzt. Ich möchte gern wissen, ob jemand anderes sie benutzt hat, oder ob du selbst so viel darin gelesen. »Komm mal her, Wildvogel! Sieh mal! Es gibt ein Dasein ohne Tränen und Geschrei, ohne Schmerzen und ohne Tod.« Und ich las, wo er mit dem Finger hinzeigte. »Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, weder Leid, noch Schmerzen wird mehr sein, denn das Erste ist vergangen.« »Das Erste.« Das ist gerade das Dasein, worin wir uns jetzt befinden. In diesem Dasein kann es nicht ohne Tränen und Geschrei gehen – Gott weiß warum. Aber es gibt noch ein anderes Dasein, frei von aller Erdennot. Du lieber Menschenfreund! Mit seiner Verheißung, an die du glaubst, hat ja Gott schon deine Tränen getrocknet! 30. Es tut mir immer leid um Max. Ich weiß nicht warum, denn er ist ja eigentlich nicht zu bedauern, aber dennoch habe ich den heißen Wunsch, ihn aufzuheitern und lächeln zu sehen. Er hat etwas von einem gutmütigen Hunde in seinem Wesen und etwas Schwermütiges in seinem Blick. Es tut mir herzlich leid um ihn, und ich möchte ihm gern helfen. Aber womit kann ich ihm helfen? Vielleicht gibt es doch etwas. Ich kann seinen Vater freundlicher gegen ihn stimmen, habe auch schon etwas darauf hingewirkt. Daß aber ein Dritter eingreifen muß, zeigt ja schon, welche große Kluft zwischen ihnen besteht. Wie gut das Verhältnis auch zwischen ihnen werden mag, so gut wie zwischen Viktor und seinem Vater kann es gewiß nicht werden. 31. Was ich geahnt, wurde gestern bestätigt, als wir beide allein draußen waren. Wenn wir allein sind, tue ich immer mein Bestes, um ihn zu erheitern. Zuweilen gelingt es mir auch. Ich fragte, warum er Arzt werden wollte. »Ach, ich glaubte, Vater würde sich mehr für mich interessieren, wenn ich seinen Beruf wählte,« antwortete Max. Aber es lag etwas Selbstironisierendes in seiner Stimme, und ein Lächeln bitterer Enttäuschung spielte um seine Lippen. Armer Max! Dein Vater, der sonst so edel und gut gegen alle ist, hat dir, ohne es zu wissen, großes Leid zugefügt. Ihr seid furchtbar verschieden, du und Viktor. Er gewann die Herzen aller, mit denen er zusammenkam, sie gehörten ihm – dir aber wird es schwer, Herzen zu gewinnen. Wie kommt denn das? Was hast du an dir, das die Liebe verscheucht? Vielleicht mißtraust du dir selbst, Herzen zu gewinnen, und dieser Mangel an Selbstvertrauen stößt die Leute ab. Und woher rührt dies unglückliche Mißtrauen? Ich fürchte, es kommt von dem Unterschied, den dein Vater zwischen dir und Viktor gemacht hat. Ich will dir die Liebe einer Schwester schenken. Ich will sie dir so warmen Herzens geben, daß alles Erstarrte in dir auftaut. Max kommt jetzt sehr oft nach Hause auf einen längeren oder kürzeren Besuch. Er ist viel heiterer und zugänglicher als sonst. Mich wundert, daß seine Studien ihm so viel Zeit lassen. Sie pflegten ihn doch sonst ganz in Anspruch zu nehmen. Ich faßte mir ein Herz und sagte es ihm, aber das nahm er mir übel. »Ihr meint vielleicht, daß ich zu oft nach Haufe komme, Vater und du.« Er war verletzt. Stolz, empfindlich und argwöhnisch wie er ist, nahm er sich gleich vor, nie mehr wiederzukommen, aber es gelang mir, ihn zur Vernunft zu bringen und ihn zu überzeugen, daß wir uns über seine Besuche freuen. Es war keine leichte Sache, und ich bin ganz stolz darauf, daß es mir gelang. Nicht viele Menschen verstehen Max, und fast niemand ahnt, welche Empfindlichkeit unter seinem schroffen Äußeren verborgen ist. Wenn er sich verletzt fühlt, schweigt er gewöhnlich, aber er wird unfreundlich und verdrießlich, und bei Gelegenheit versucht er, dem Beleidiger eine Wunde zu schlagen. Mit mir aber spricht er, mit mir ist er wieder unbefangen – und das ist mir ein großer Triumph. Er steht und erkennt jede kleine Verschönerung an, die ich im Kaufe vornehme. Es liegt etwas sehr Ermunterndes in solcher Anerkennung, besonders wenn sie von einem so kritischen Griesgram wie Max kommt. Mitunter kann er wirklich sehr nett sein. 32. Mit der Liebe einer Schwester wollte ich das Eis um dein Herz auftauen, Max, und das gelingt mir immer besser, – aber! – – – Wenn die Frühlingssonne den Frost aus der Erde zieht und das Erstarrte bei der Annäherung des Lebens auftaut, dann geschieht es wohl, daß der Frühling ganz erstaunt ist, wenn er sieht, daß etwas ganz anderes hervorsprießt, als was er geglaubt oder beabsichtigt hat. Ich möchte wissen, was der Frühling dann macht? Ich kann mir nicht denken, daß er das Leben zunichte macht, dem er einen Weg bereitet hat, und das voller Hoffnung und Kraft hervorsprießt. Wenn er es auch wollte, vermöchte er es doch nicht, denn es ist etwas Übermächtiges in solch einem Leben. O Max! Was wird aus dir und mir werden? Der brausende Lebensstrom ergreift uns und reißt uns beide mit sich fort! 33. Die Glut deines Blickes erschreckt und versengt mich, Max, und deine Worte besitzen eine Macht, die meinen Widerstand überwindet. Und die Kaninchen! Ach, ich sehe sie noch immer zwischen uns, aber sie vermögen nichts. Sie bilden keine Kluft zwischen uns beiden, aber das Band, das uns vereint, bereitet mir ihretwegen größeren Schmerz. 34. Ich habe nie zuvor weder Unruhe noch Furcht gefühlt, jetzt aber verspüre ich beides. Ich verstehe die Macht nicht, die du über mich gewonnen hast, Max. Du bist ja der Mittelpunkt aller meiner Gedanken geworden! Wie hast du mich so einnehmen können, daß ich nur noch ein Schatten meiner selbst bin, wenn du abwesend bist? Wenn du aber kommst, dann bin ich wieder mein früheres Selbst, das heißt nicht ganz. Mir ist, als wäre ich in dir und als hinge mein ganzes Dasein von dir ab. Sollte das Liebe sein, warum fühle ich mich dann so beklommen? Ich denke an Viktor, an alles, was er in mir weckte und entwickelte, und an alles, was er mir bis auf die Trauer gab. Und mein Gefühl für ihn muß ich wohl Liebe nennen. Aber was hege ich denn für ein Gefühl für Max? Ich muß es wohl auch Liebe nennen. Was anders als Liebe regt sich in mir, wenn ich an ihn denke! Ich sehe die Schwermut seines Blickes, sehe, wie wenig verstanden und wie zurückhaltend er seit seiner Kindheit ist. Wenn ich mich aber ihm nähere, dann verschwindet das Griesgrämige in seinem Wesen, sein Gesicht hellt sich auf, und bei dem Laut meiner Stimme sieht er ordentlich hübsch aus. Die Glut seines Blickes steckt mich an und erschrickt mich. Der lichte, unschuldige Blick Viktors besaß nie diese Macht. Viktor gab, Max nimmt. Viktor war von oben, Max ist von der Erde. In seiner erstickenden Umarmung und in seinem brennenden Kuß fühle ich eine Macht, die gefährlich ist und die alles zu verderben vermag. Ich fürchte diese Macht, gerade weil sie mich fesselt. Wir halten unseren Bund noch geheim. Nicht einmal Vater weiß etwas davon. Ich weiß nicht warum, aber es ist mir zuwider, davon zu sprechen. Mir ist, als möchte ich am liebsten, daß gar kein Verhältnis zwischen uns bestände, und doch ist es da – und es kann auch nicht anders sein. Ich fühle Sehnsucht nach meinem hohen Schloß, nach der Gedankenburg des kleinen Viktor, nach dem weiten Blau, zu dem man durch eine Pforte dumpf rollender Wolken gelangt. Da ist die Luft rein und kühl, und der Raum unendlich. Ich habe keine Schlinge um meinen Fuß, keinen Käfig um mich her, und meine Flügel sind nicht beschnitten. Max streckt nur seine Hand aus, und Wildvogel sitzt darauf. Wildvogel kann nicht anders und will nicht anders, ist frei und doch gefesselt. 35. Vater spricht oft von Viktor mit mir, ich aber spreche immer öfter mit ihm von Max. Der Lebendige braucht uns notwendiger als der Tote. Dem Lebendigen können wir helfen, ihn können wir lieben und erfreuen. Nach dem Toten können wir uns nur sehnen – und für die Sehnsucht bin ich nicht geschaffen. Ich versuchte Vater das zu erklären, aber er sah mich verwundert an und verstand mich nicht. Dann strich er mir über das Haar, wie er öfters zu tun pflegt. »Wildvögelchen!« sagte er nur, als sollte mir das zur Entschuldigung dienen. »Vom Wildvögelchen kann man nicht zuviel verlangen, ein Wildvögelchen hat ja seine eigene Art.« Der liebe alte Vater! Was er nicht versteht, das läßt er und verdammt es nicht. Er begreift, daß es ebenso berechtigt sein kann, wie das, was er faßt. Güte leuchtet aus seinen Augen. Das Leben hat ihn milde gemacht. 36. Ich habe mich Helga anvertraut. Sie versteht mich nicht. Sie glaubt, daß meine Liebe zu Max gleichbedeutend damit ist, daß ich Viktor schon vergessen habe, und sie meint, das sei zu früh, obschon ein Jahr seit seinem Tode verflossen ist. Der Sommer ist schon vorüber und der Winter naht. Helga gehört zu den Frauen, die nur einmal lieben können, und sie kann sich etwas anderes gar nicht vorstellen. Sie würde mich nicht verstehen, wenn ich ihr sagte, daß Max, in gewissem Sinne, wirklich meine erste Liebe ist. Den kleinen Viktor liebte ich auf ganz andere Weise. Er war ja halb Engel, halb Kind. Meinen alten Doktor liebe ich wie einen Vater und wie mein Ideal. Aber Max liebe ich, wie das Weib den Mann liebt. 37. Es paßt trefflich zu meiner Stimmung, daß der Sturm braust und schwarze Wolken sich am Himmel jagen. Es paßt, daß die Herbstpracht von den Bäumen gerissen wird, bis sie kahl sind. Es paßt auch gut, daß das Wasser Vängans von wütenden Winden grau gepeitscht wird. Ruhe und Stille um mich her würde ich jetzt nicht ertragen. Der Wind draußen heult und klagt und hat aus meiner eigenen Brust Töne entliehen. Ein verhängnisvoller Brief von Max liegt vor mir auf dem Tisch. Was er mir nicht ins Gesicht sagen konnte, hat er mir in jenem Briefe gesagt. Es ist ein Geständnis, zu dem sein Gewissen ihn gezwungen hat. Der Brief ist voller Reue, und er hofft Verzeihung zu finden. Aber er bereut das nicht, was Reue fordert. Er erwartet, daß ich ihm verzeihen werde, und doch sollte er Verzeihung bei einer anderen suchen. Er will keine schriftliche Antwort haben. In drei Tagen kommt er wieder hierher und wünscht, daß ich ihn allein und zu Fuß am Bahnhof abhole. Auf dem Heimweg sollen wir dann die Sache ins reine bringen. Er glaubt, daß wir nur die kleine Strecke durch den Wald brauchen, um mit der Angelegenheit fertig zu werden. Die Liebe löst ja jedes Rätsel und schlichtet jeden Konflikt. Ja, wäre meine Liebe nur eine oberflächliche, dann schlichtete sie gewiß auch diesen Konflikt leicht genug – aber nun liebe ich auch das Edle an dir, Max, dein innerstes Wesen, und das darf nicht untergehen. Ach! Was für eine Antwort soll ich dir geben, Max? Wie soll ich uns den richtigen Weg finden? 38. Der Heimweg durch den Wald war nicht lang genug, das wußte ich. Nein, wir haben einen weiten, schweren Weg vor uns, um zur Klarheit zu kommen. Max war offenherzig gegen mich, er, der sonst so verschlossen ist. Und ich weinte innerlich, immer hoffnungsloser, je mehr ich hörte. Um sich zu entschuldigen, erklärte er, wie er in dieses Verhältnis geraten sei, das er mir in seinem Briefe beichtete und womit er jetzt brechen wollte. Keine schlechte Begierde, sondern der Hunger nach Liebe hat ihn in die Arme des Mädchens getrieben. Er schildert sie als ein nettes, gutherziges Geschöpf, anspruchslos und leicht zu befriedigen, aber oberflächlich und gar zu ungebildet, um ihm auf die Dauer zu genügen. »Wenn ich dir nicht begegnet wäre, hätte ich sie vielleicht bis an mein Lebensende ertragen, nun aber kannst nur du allein mich befriedigen. Du darfst mich nicht verstoßen, Wildvögelchen! Du mußt mir verzeihen!« Er bat inbrünstig, und mein Herz weinte über ihn, über sie und über mich selbst. Die Lösung des Konflikts hängt nicht von meinem Willen ab, ich habe ja gar keine Wahl. Die Sache ist nicht zu ändern. Es wundert mich nur, daß Max das nicht einsieht. Er wünscht, daß ich ihm verzeihe und mich mit ihm verheirate. Ich kann ihm wohl verzeihen, aber ich kann mich doch nicht mit ihm verheiraten, da er schon eine Frau hat, den sie ist natürlich seine Frau, obschon sie nicht mit ihm getraut ist. Das Unrecht sieht er nur in seinem Verhältnis zu ihr, und sie um meinetwillen zu verstoßen, nennt er Genugtuung. Ich habe eine ganz andere Auffassung. Ich sehe das Unberechtigte in seiner Liebe zu mir und seine einzige Genugtuung darin, daß er dem Mädchen Gerechtigkeit widerfahren läßt und sich mit ihr verheiratet. Das habe ich ihm auch gesagt, aber er antwortete, daß sie das gar nicht verlangt. Sie stellt keine Ansprüche an ihn, und er hat ihr kein Versprechen gegeben. Das Verhältnis zwischen ihnen ist frei und ungebunden, und daher, meint er, kann es auch ohne weiteres abgebrochen werden. »Du mußt dich ihrer annehmen, du mußt dich mit ihr verheiraten und sie zu dir emporziehen. Suche den Menschen in ihr und reiche dann diesem Menschen deine Hand!« So sprach ich zu ihm und hatte das Gefühl, die rechten Worte gefunden zu haben, aber er schien mich nicht zu verstehen. Er wollte es nicht. »Ich glaubte, du seist ein Wildvogel, und nun finde ich plötzlich, daß du viel engherziger bist, als der strengste Sittlichkeitseiferer,« sagte er bitter und höhnisch. »Ich staune über mich selbst, aber es ist weder Grundsatz noch Ansicht, was mich streng macht. Ich weiß nicht, was es ist. Ich weiß nur, daß der Mann einer anderen Frau mir nicht angehören kann.« »Du liebst mich nicht,« rief er heftig aus. »Ich liebe dich, aber meine Liebe schwebt in Todesgefahr. Du mußt sie retten, Max!« »Ich? Wie?« »Das weißt du!« Er schwieg finster. Er weiß, was ich meine, aber er will es nicht verstehen. Er will nicht glauben, daß es mein Ernst ist. Er beabsichtigt, mit mir zu streiten, und es wird mir nicht leicht werden, ihm zu widerstehen. 39. Max ist erstaunt über meine Härte und fragt, oh ich denn wirklich nicht darunter leide, daß ich ihn von mir stoße. Ob ich leide! Man leidet wohl nicht, wenn man von der tosenden Brandung fortgerissen wird und alle Gedanken und Gefühle angespannt sind, ganz besonders, wenn man am Ruder steht und für das Leben anderer verantwortlich ist. Das Leiden kommt erst nachher. Drinnen beim Vater ist meine Freistatt. Wenn es mir unerträglich wird, schlüpfe ich in sein Zimmer, um mich ein Stündchen von dem aufreibenden Kampf mit Max auszuruhen. Der Kampf ist heiß und hört auch nicht auf, wenn ich allein bin, denn ich muß mich ja auch selbst überwinden. Der liebe, alte Doktor weiß nichts von dem Kampfe und seiner Veranlassung, darum ist seine Nähe mir eine doppelte Erquickung. Daß mich etwas beunruhigt, merkt er doch. Zuweilen sieht er mich so fragend an. »Wildvogel! Gedenkst du wirklich zu verschwinden, oder kommt es mir nur so vor?« fragte er heute. »Es ist nicht gerade leicht, zu verschwinden!« entschlüpfte es mir. Aber ich nahm mich sogleich zusammen und sprach in heiterem Tone weiter von etwas – ich weiß nicht mehr, wovon, aber ich wollte mich keiner weiteren Frage aussetzen. Es war ganz ungewöhnlich, daß wir uns unterhielten. Ich pflege sonst schweigend drinnen bei ihm zu sitzen. Ich tue, als ob ich lese, obschon ich oft nicht einmal weiß, was für ein Buch ich in der Hand halte. In der Tat lese ich weder, noch denke ich, ich ruhe mich nur aus – ich hole Atem. 40. Max sagt, daß er untergeht, wenn ich ihn verstoße. Dies Wort steckt mir wie ein Stachel im Herzen und schmerzt sehr, aber es ändert nichts an der Sache. Ihn verstoßen? Ich kann ihn gar nicht verstoßen, da er nie mein gewesen. Er würde untergehen, wenn ich ihn verstieße. Aber sie? Sie muß dann wohl um so mehr untergehen, wo sie doch wirklich sein gewesen. Das habe ich ihm auch gesagt, da aber schwieg er mürrisch. Er sagt es nicht gerade heraus, aber ich verstehe schon, wie er es meint. Mit ihr braucht man es nicht so genau zu nehmen wie mit ihm. Man kann natürlich nicht verlangen, daß ein Mann sich für eine Frau opfert, wie oft man auch das Gegenteil verlangt. Wenn eins Frau in Lebensgefahr schwebt, wagt der Gentleman sein Leben, um sie zu retten, und das nennt man Ritterlichkeit. Daß aber andererseits ein Mann sich für die Frau aufopfere, die ihm sich selbst und ihre Ehre hingegeben hat, das ist zuviel verlangt! Das habe ich alles Max gesagt. Und ich bin – 94 – immer ganz empört, wenn wir darüber sprechen. Ich mag ihn nicht, wenn er sich in seiner männlichen Selbstsucht zeigt. 41. Ich glaube, Max fängt an, einzusehen, daß ich es ernst meine. Vielleicht wird er mich eines Tages verstehen. Er ist natürlich noch voller Einwände, Sarkasmen und Überredungskünsten; mit Worten gibt er mir nicht recht, und ich weiß eigentlich nicht, worauf meine Vermutung sich gründet. Aber mein Gefühl sagt mir, daß er anfängt, mich zu verstehen. Aber wie wird es sein, wenn ich mein Ziel erreiche, wenn er mich völlig versteht und einsieht, daß ich recht habe? Wenn er mich dann verläßt und zu der anderen – nein, zu der ersten zurückkehrt? Welch eine entsetzliche Leere wird dann eintreten! Wie werde ich das ertragen? Der Streit ist ein Band zwischen Max und mir, wenn der Sieg aber errungen ist, dann bin ich ganz allein! 42. Max fragt, ob es wirklich mein Wunsch sein kann, daß er sich mit der anderen verheiratet, da doch sein Herz mir gehört. Ich antworte, daß ich nie an so etwas gedacht hätte, wenn er nicht schon mit ihr verheiratet wäre. Nach meiner Meinung ist es nicht die Trauung, sondern der Besitz, der sie vereint. Ich will ihn ihr ebensowenig rauben, wie ich einen Ehemann von seiner Frau locken würde. »Du weißt nicht, wieviel du von mir verlangst. Die allermeisten würden dich für unvernünftig streng halten.« »Vielleicht. Aber ich werde dich doppelt lieb gewinnen und stolz auf dich sein wie auf einen Bruder, wenn du die Gelegenheit benutzest, dich über andere Männer zu erheben.« »Indem ich mich mit einer Frau verheirate, die tief unter mir steht!« sagte er mit beißendem Spott. »Inwiefern steht sie unter dir?« »Sie ist ungebildet.« »Nur ungebildet? Dann mußt du sie bilden.« Er zuckt die Achseln, als wäre das unmöglich. »Hast du's versucht?« Nein, so etwas ist ihm nie eingefallen. Und jetzt wurde ich ganz empört, als ich daran dachte, wie die Weiblichkeit zertreten wird. Und auf meine Weise las ich ihm die Leviten. Es ergötzte ihn gewiß, aber dennoch waren meine Worte nicht ohne Eindruck auf ihn. Zuletzt machte ich ihm einen Vorschlag, der mir unwillkürlich in den Sinn kam. Ob es übereilt oder ob es die natürliche Folge unserer ganzen Erörterung war, kann ich nicht so genau sagen. »Bringe sie her und laß uns sie kennen lernen!« Max erschrak bei diesem Vorschlag wie über etwas Unerhörtes. Aber es geht uns merkwürdig: weder er noch ich kann den Gedanken los werden. Es muß etwas darin liegen, das uns zur Ausführung zwingt, trotzdem es uns zuwider ist. »Du mußt dich ihrer annehmen. Das ist der einzige Ausweg, um sie mir in Zukunft erträglich zu machen. Du mußt sie dir so ähnlich machen, wie eine Küchenpflanze der Rose im Rosengarten werden kann.« Das war seine Antwort. Der arme Max. Dann beugte er sich unter die harte Notwendigkeit. Es liegt eine Kraft in seiner Schwerfälligkeit, und auf diese Kraft hoffe ich. Und ich – ich kann ja nichts anderes tun, als mich ihrer annehmen. Ich habe ja Max gezwungen, ihr treu zu bleiben. Es ist das Wenigste, das ich für ihn tun kann – aber es ist zugleich auch das Schwerste. 43. Wieder habe ich mich Helga anvertraut. Ich glaubte, sie würde mir am besten helfen können. Sie sieht ja alles von einem höheren Gesichtspunkte. Helga aber staunte über mich. »So etwas hätte ich nie von Wildvogel erwartet!« rief sie aus. Zum zweiten Male wunderte sie sich über mich. Aber jetzt wundere ich mich meinerseits über sie. Ich wundere mich über ihre Anschauungsweise. Daß sie Max bedauern würde, hatte ich vorausgesetzt. Aber wie erstaunte ich, als sie mir zu verstehen gab, daß ich zu streng sei, und daß ich zuviel von Max forderte. Man konnte doch nicht verlangen, daß er sich mit solch einem Mädchen verheiraten solle. Wenn er sich nun bessern und sie verlassen wolle, um ein ordentliches Leben anzufangen und sich mit mir zu verheiraten, so müsse ich ihm entgegenkommen und ihm – helfen, anstatt ihn zu verstoßen. Ich blieb zuerst ganz stumm, als ich Helga so sprechen hörte. Es wurde mir schwer, zu begreifen, daß eine so reine und gutherzige Frau die Sache in einem so falschen Lichte sehen konnte. Allmählich aber ging mir ein Licht auf, und ich sah, daß es nicht allein die Schuld der Männer ist, wenn es eine besondere Moral für Frauen und eine andere für Männer gibt. Die Frau trifft vielleicht die größere Schuld, und ganz besonders die reine, ehrbare Frau. Was zum Beispiel fordert Helga von sich selbst und ihren Mitschwestern? Das untadelhafteste Leben und eine Treue bis in den Tod, ja, auch über den Tod hinaus. Und von dem Manne? Von ihm verlangt sie gar nichts. Als junger Mensch ist es ihm erlaubt, »seinen Wildhafer zu säen«. Ihm ist's erlaubt, sich ungestraft mit Weibern unter seinem Stande zu befreunden, um sie dann sitzen zu lassen, sobald es ihm einfällt, »gesetzt zu werden«. Ohne andere Genugtuung als Geldeswert, darf er ein solches Weib in dem Schlamm lassen, wo er sie gefunden, oder in den er sie hinabgezogen hat. Und nun soll eine Frau mit tadellosem Wandel ihm entgegenkommen und ihm edelmütig alles verzeihen, was er verbrochen – nicht gegen sie selbst, sondern gegen die andere. Und das nennt man Genugtuung. Mein Eifer entzündete sich. Und sobald ich die erste Bestürzung überwunden, ließ ich Helga meine Meinung deutlich hören. Und nun geschah das Sonderbare, daß sie zu meinem Gesichtspunkt überging. Dispute pflegen sonst nur einen jeden in seiner eigenen Überzeugung zu befestigen. Aber Helga ist zu ehrlich, um eine Anschauung festhalten zu wollen, wenn sie sich ihres Irrtums bewußt wird. Die Frauen sollten darauf bedacht sein, nicht so viel voneinander, sondern etwas mehr von dem Manne zu verlangen. Seit Helga die Augen aufgegangen sind, ist sie mir eine gute Stütze. Mitunter aber merke ich doch, wie tief diese Doppelmoral bei ihr eingewurzelt ist. Nach und nach wird sie sich ganz davon losmachen. Es ist nicht anders möglich. Sie ist grundehrlich und sieht ja alles im höheren Lichte. 44. Ich habe nicht umsonst gekämpft. Ich habe jetzt mein Ziel erreicht und sollte mich nun freuen und triumphieren. Max hat sich meinem Willen gefügt, und nun wird das Mädchen hierher kommen, um eine Zeitlang bei uns zu bleiben. Max wünscht, daß ich sie mir ähnlich mache. Als ob man Vögel verschiedener Art sich gleich machen könnte! Nein, diesen Versuch mache ich nicht. Ich selbst verabscheue jeden Zwang und will um alles in der Welt nicht einen anderen in Ketten und Banden schlagen. »Wirklich nicht?« sagt Max und lächelt wehmütig. »Aber mich hast du doch in Ketten und Banden geschlagen und alles getan, um mich zu einem anderen Mann umzuwandeln, als ich in Wahrheit bin.« »Du hast unrecht, Max! Du hast sie erwählt, nicht ich. Wenn ich mit dir gekämpft habe, so ist es darum geschehen, weil ich wünsche, daß du dir selbst treu bleibst. Du bist doch in deinem innersten Wesen ein Idealist wie Viktor und dein Vater.« »Ein Idealist! Ein Narr, der in der Welt nie etwas erreichen wird!« sagt Max in seiner mürrischen Weise, die aber mehr Gefühl verbirgt, als es den Anschein hat. »Wer sein Leben in dieser Welt verliert, wird es erhalten, Max.« Er blickte mich erstaunt an. »Was? Bist du denn – –?« Er findet den rechten Ausdruck nicht. Und ich weiß auch selbst nicht, woher mir die Worte kamen. Aber sie kamen vielleicht von dem Verkehr mit Helga. Sie sieht ja alles in einem höheren Licht. 45. Das Mädchen ist jetzt hier und fängt an, sich bei uns heimisch zu fühlen. Wenn man sich auf einer Höhe befindet und zu einer anderen, die man auch besteigen will, hinüberblickt, dann sieht man den Weg sehr klar und hält ihn für sehr bequem. Wenn man ihn dann aber gehen soll und er sich so tief senkt, daß man weder die eine noch die andere Höhe sieht, wenn man sich an den Dornen ritzt und Hindernisse überwinden muß – dann wird der Weg mühsam und schwer. Aber man weiß keinen anderen Rat, als vorwärts zu streben, und die Erinnerung an das, was man von oben gesehen hat, als Leitstern zu nehmen. Du armer Max! habe ich zuviel von dir gefordert? Aber ich habe es ja eigentlich nicht verlangt. Du konntest ja selbstverständlich nicht anders. Ich kannte mich selbst nicht, als ich es auf mich nahm, den mühseligem Weg zu gehen. Wenn ich nur alles immer von höherer Warte aus sehen könnte, aber das geht nicht, wenn die alltäglichen Kleinigkeiten uns umgeben! Wie meine Schwester war ich bereit, eine Frau zu empfangen, die nicht auf ihre Würde gehalten, sondern sie einem Manne preisgegeben hatte. Ich fühlte mich ganz erhoben bei dem Gedanken, ihr meine Hand zu reichen und keinen Unterschied zwischen uns anzuerkennen. Wer hätte aber ahnen können, daß meine schwesterlichen Gefühle daran Anstoß nehmen würden, daß meine Schwester sich auf die Knie schlägt, wenn sie lacht, daß sie mich vertraulich in die Seite pufft, daß sie das Messer in den Mund steckt, wenn sie ißt, und schlürft, wenn sie trinkt und dergleichen mehr. Nie hätte ich geglaubt, daß ich soviel auf die äußere Politur gebe, aber das kommt vielleicht daher, weil ich dieselbe nie entbehrt habe. Man kennt sich selbst nicht. Aber man lernt, solange man lebt. Ach ja! 46. Der liebe, alte Doktor! Ich weiß kaum, ob ich lachen oder weinen soll, aber er sieht so verblüfft aus. Er kann scheinbar den Geschmack seines Sohnes in der Wahl seiner Frau gar nicht begreifen. Aber gut, wie er ist, versucht er, über ihre Manieren wegzusehen und nur ihr Herz in Betracht zu ziehen. Und ihr Herz ist wirklich golden. Sie ist groß und stark und auf einem einsamen Felsen im Meer aufgewachsen. Sie hat etwas von der Frische des Meeres an sich, das ihr Aufenthalt in Stockholm zum Glück nicht verwischt hat. Max machte ihre Bekanntschaft eines Sommers, als er sich an der See aufhielt. Und sie zog um seinetwillen nach Stockholm, wo sie eine Anstellung in einem Laden hat und sich von ihrer Arbeit ernährt. Sie fordert nichts von Max, nicht einmal ihren Unterhalt, für alles, was sie ihm gegeben, ihre Liebe und sich selbst. Sie ist freilich nur eine Frau und unter Frauen nur ein Fischermädchen, aber darum ist sie doch ein Mensch ebensowohl wie Max. Wollte Max nur eine ärztliche Anstellung an der Meeresküste suchen, würde sie als seine Frau schon zu ihrem Rechte kommen. Tapfer und unerschrocken wie sie ist, würde sie mit ihm zu seinen Patienten auf den Inseln fahren können. Und da würde das Ungeschliffene in ihrem Wesen nur wie Kraft wirken. Aber in das Haus eines Arztes in einer Stadt, zu einem Gelehrten, wird sie schwerlich passen. Aber es muß ja gehen. 47. Um Max zu verteidigen und seine Handlungsweise zu erklären, habe ich Vater unser Geheimnis verraten. Der alte Doktor und ich sind jetzt so vertraut miteinander, daß ihm mitunter ein Wort entfällt, das er sich kaum selbst gestehen mag. Ja, ich kenne ihn schon so gut, daß ich manchmal auch weiß, was er denkt, aber nicht ausspricht. So habe ich zum Beispiel bemerkt, was für eine Schlußfolgerung er daraus zieht, daß Max eine so merkwürdige Wahl in bezug auf seine Frau getroffen hat. Er sieht darin nur einen Beweis dafür, daß Max eine gemeine Natur ist. Und das peinigt mich. Jede Ungerechtigkeit schmerzt, besonders aber bei einem edlen Menschen. Ich weiß ja, was Max zuerst zu diesem Mädchen hinzog, und ich werde es auch Vater sagen, um so mehr jetzt, da ich deutlich merke, wie falsch er Max beurteilt. Eines Tages, als Max' Braut – Ingrid heißt sie – drinnen bei uns gesessen und ungeniert mit uns geplaudert hatte, sah mich der Doktor an, als sie hinausging. Er sagte nichts, aber es lag eine Frage in seinem Blicke ungefähr wie: Kannst du Max begreifen? »Sie hat ein sehr gutes Herz,« antwortete ich. »Freilich. Aber es gibt mehr Leute, die ein gutes Herz haben, ohne daß ihnen deshalb alles andere fehlt,« sagte er, und ich verstand, daß er mich meinte. Er hat vielleicht mehr von dem gesehen, was hier vorgegangen ist, als ich vermutete. Um Max zu rechtfertigen, erzählte ich ihm jetzt alles. Er sprach kein Wort, er sah mich nur mit einem unbeschreiblichen Blick an und legte seine Hand auf die meine, die auf der Armlehne seines Stuhles ruhte. »Wildvogel! Wildvogel!« flüsterte er endlich. und es lag etwas in seinem Tone, das mich sehr glücklich machte, obschon es auch ein wenig vorwurfsvoll klang. Jetzt fühlen wir uns mehr denn je zueinander hingezogen. Wir verstehen uns ohne Worte, empfinden und sehen alles in derselben Weise. Wenn ich mit jemandem in der Welt zusammengehöre, ist es gewiß der alte Doktor. Ehe ich mit ihm zusammengekommen war, lernte ich ihn in Viktor kennen und lieben. Und er ist es, zu dem ich mich in Max hingezogen fühlte, und den ich habe erretten wollen. Und nun habe ich ihm unser Geheimnis preisgegeben, um ihn mit dem, was von ihm selbst in Max lebt, zu versöhnen. Und jetzt wird er hoffentlich auch Max verstehen. Mein letzter Versuch, Vater und Sohn zu vereinen, ist mit Erfolg gekrönt worden. Dem Doktor tut sein Sohn jetzt leid, was früher noch nie der Fall war. Er bedauert Max, weil er auf Wildvogel verzichtet, aber er ist doch der Meinung, daß Max keine andere Wahl hat, als meinen Rat zu befolgen. Kein einziger Flecken darf an meinem lieben Alten haften. Daher habe ich ihm auch nicht vorenthalten, daß der Hunger nach Liebe Max in die Arme des Mädchens getrieben hat. »Viktor und du, ihr hattet einander und außerdem alle anderen. Aller Herzen flogen euch zu, aber der arme Max hatte niemand. Ihr ließt ihn hungern; und in seiner Bitterkeit darüber suchte er mitfühlende Liebe und nahm sie da, wo er sie fand.« Ich weiß nicht, woher mir die Kraft wurde, dir alles zu sagen, sogar, daß das finstere, mürrische Wesen, das Max so abstoßend macht, nicht in seiner Natur zu suchen ist, sondern in dem Unterschiede, den du seit seiner Kindheit zwischen ihm und Viktor gemacht hast. Wie fand ich die rechten Worte, daß du nicht unnötig verletzt wurdest? »Wildvogel, hat er, der die Augen der Blinden öffnete, dir etwas von seiner Kraft gegeben? Du hast mir die Augen aufgetan, und ich sehe ein, welch großes Unrecht ich gegen Max begangen habe.« 48. Es ist kleinlich, aber recht gewöhnlich und sehr menschlich, glaube ich, Groll gegen jemand zu hegen, dem man unrecht getan, aber um so zu handeln, ist mein alter Doktor viel zu edel und demütig. Es tut ihm unendlich leid um Max, seit er eingesehen hat, welch lebenslängliches Unrecht er ihm, ohne zu wollen, getan. Und sein Bedauern umfaßt auch Ingrid. Es wird ihm jetzt gar nicht mehr schwer, über ihre ungebildeten Manieren hinwegzusehen. Die Tatsache, daß sie Max ihr Herz und sich selbst ohne jede Verpflichtung seinerseits gegeben und als Lohn nur Not geerntet hat, dünkt ihn hart. Und es ist ja auch nicht zu leugnen, daß eine gewisse Selbstlosigkeit dazu gehört. 49. Ich habe einen Einfall gehabt, auf den ich stolz bin, und der von Erfolg gewesen ist. Helga hat natürlich mehrere Schützlinge, und unter diesen auch zwei kleine Mädchen, die sie in kurzer Zeit in ein Waisenhaus senden will. Nun habe ich mir ausgedacht, die Kinder hierher zu nehmen, bis sie in das Waisenhaus aufgenommen werden können. Ich lasse die Kinder immer um uns sein und mit uns essen. Und was ich damit bezweckt, ist schon eingetroffen. Ihre Manieren erinnern nämlich zuweilen an diejenigen Ingrids, und da ermahne ich die Kinder. Mitunter ermahne ich sie wohl auch wegen kleiner Versehen, die sie eigentlich nicht begangen haben – wir nehmen es nicht so genau –, aber Ingrid hört es, und ich merke zu meiner großen Befriedigung, daß sie Verstöße, die ich bei den kleinen Mädchen getadelt habe, sich nicht mehr zuschulden kommen läßt. Sie ist gewiß bildungsfähig, und das ist ja sehr gut für Max. 50. Wer hätte es wohl geglaubt! Ingrid hat meine List durchschaut. Als ich es merkte, war es mir sehr peinlich, aber zugleich freute ich mich; denn es ist ein Beweis dafür, daß sie nicht dumm ist. Sie ist rührend, demütig und offenherzig. Erst gestern abend wies ich eines der kleinen Mädchen zurecht und sagte ihr, daß es nicht fein ist, sehr laut zu lachen. Ich finde natürlich wie jedermann, daß Kinder so laut lachen können wie sie wollen, aber ich wollte Ingrid auf ihr lautes Lachen aufmerksam machen. Und Ingrid verstand es. Sie saß schweigend und gedankenvoll da, und sobald wir wieder allein waren, blickte sie mich mit einem zaghaften Ausdruck ihrer treuherzigen Augen an. »Sag mir, bin ich sehr ungebildet?« Ich war so bestürzt über diese direkte Frage, daß ich ganz aus der Fassung kam und keine Antwort finden konnte. Aber sie sah mich unverwandt an und las die Antwort in meinem Erröten. »Vielleicht sollte ich Max nicht heiraten. Ich bin gewiß nicht fein genug für ihn. Mir kommt jetzt fast vor, als paßten wir nicht zueinander.« Sie sagte das mit ihrer einfachen, erschreckenden Offenherzigkeit und noch dazu in fragendem Ton, gerade als ob sie eine Antwort erwartete. Aber ich konnte nichts sagen. »Ich habe nie daran gedacht,« fuhr sie fort, »daß er sich mit mir verheiraten würde. Wir haben nie darüber gesprochen. Darum war ich auch furchtbar erstaunt, als er es vorschlug. Kurz vorher hatte er sich gar nicht um mich gekümmert. Aber froh wurde ich natürlich. Ich habe ihn ja furchtbar gern, und nun werde ich noch dazu eine feine Frau! Aber ich fürchte, ich bin zu gewöhnlich. Mir ist es vielleicht rein unmöglich, sein zu werden. Und Max ist doch an gebildete Damen gewöhnt. Wie wird er sich dann mit mir begnügen können?« Während sie sprach, hatte ich mich wieder gefaßt. Sie hatte etwas unbeschreiblich Rührendes, und daher konnte ich sie von ganzem Herzen trösten. Ich sagte ihr, daß die wahre Feinheit im Herzen stecke, und wer sie besitze, der würde sich auch schon mit den äußeren Gebräuchen zurechtfinden. Die guten Sitten seien allerdings auch sehr wichtig, und daher möchte ich ihr gern einige beibringen, wenn sie es mir nicht übel nähme. Sie lächelte ihr breites, gutmütiges Lächeln, ganz verwundert über die Vorstellung, daß sie von meinen Zurechtweisungen verletzt werden könnte. Und ihre Worte begleitete sie mit einem zärtlichen, ja, halb verliebten Blick. Ich glaube, die treue Seele verehrt mich wie ein höheres Wesen. Ich freue mich über ihre Zuneigung, denn dadurch wird meine Sache gefördert. 51. Möge Gott mir verzeihen, aber ich habe Ingrid absichtlich hinters Licht geführt. Ich sprach freilich die Wahrheit, wenn ich ihr auch sehr vieles vorenthielt. Mit ihrer gewöhnlichen Offenherzigkeit erklärte sie, daß ich viel besser zu Max paßte als sie. Und als er sich eine Zeitlang von ihr zurückgezogen habe, hätte sie geglaubt, daß er sich in mich verliebt hätte. Obschon er ihr sehr wenig von seinen Familienverhältnissen mitteilte, hätte sie doch gewußt, daß sich eine junge Dame in seinem Elternhause aufhalte. Auch reiste er ja sehr oft nach Hause. »Aber wußtest du denn nicht, daß ich seine verwitwete Schwägerin bin?« »Doch, aber Witwen können sich ja wieder verheiraten?« Und nun fing ich an, vom kleinen Viktor zu sprechen. Ihre treuen, blauen Augen füllten sich mit Tränen, während sie mir zuhörte. Und es wurde mir klar, daß ich Viktor sehr geliebt habe und daß ich ihn noch sehr liebe. Das ist ja auch wahr, und man darf es mir nicht verdenken, daß ich die Tatsache verschwieg, wie es eine Zeit gegeben, in der Max sich meinetwegen von ihr abwandte und Viktors Lichtgestalt sich vor meinem inneren Blick zwischen den Engeln verbarg. Daß ich Platz für ein anderes Gefühl habe, als die himmlische Liebe zu Viktor, fällt ihr nicht ein. Sie vergöttert mich gar zu sehr. Ließe ich sie ahnen, daß ich Maxens Frau geworden wäre, wenn sie nicht gewesen wäre, so wäre sie gewiß bereit, aus seinem Leben zu verschwinden und sich selbst aufzuopfern. Aber gerade, weil sie solch braves Mädchen ist, liegt mir mehr denn je daran, daß Max sie heiratet. Wäre sie aufdringlich und unverschämt und unreinen Herzens, dann würde ich meine Macht benutzen, um sie zu verdrängen. Wie sie nun aber ist, möchte ich es um keinen Preis. Daß er einem solchen Mädchen Gerechtigkeit widerfahren läßt, wird ihn nur veredeln. Verstieße er sie dagegen und bräche ihr das treue, selbstlose Herz, so würde ihm das zum Fluch werden. Der schwer zu findende verworrene Weg unten im Gebüsch zwischen den beiden Höhen scheint zu steigen. Die Aussicht erweitert sich, der Pfad ist leichter zu finden und zu gehen, und bald kommen wir oben auf der anderen Höhe an. 52. Wenn Max und ich beisammen sind, benutze ich jede Gelegenheit, um ein gutes Wort für Ingrid einzulegen. Und das wird mir jetzt leicht, denn ich mag sie wirklich gern. Max merkt es und freut sich darüber. Er sieht sie mit denselben Augen wie ich. Er fängt an, mit seinem Schicksal, das er sich durch sein früheres Leben bereitet hat, auszusöhnen und sucht alles wieder gut zu machen und etwas von dem zurückzuerstatten, was er in gedankenloser Selbstsucht genommen. Ja, so mußt du sein, Max! So gefällst du mir. 53. »Komm mal her, Wildvogel!« sagte Max. Ich zögerte einen Augenblick. Er war gerade von Stockholm zurückgekehrt und hatte scheinbar etwas mitzuteilen. Ich meinte, er sollte es seiner Braut zuerst erzählen. Sie aber lächelte nur und fand es ganz natürlich, daß er mit mir allein sein wollte. Sie ist völlig frei von Eifersucht, und in ihrer Demut und Anspruchslosigkeit hegt sie ein wirklich rührendes Vertrauen zu uns. Ich ging also mit Max, denn ich merkte, daß er ungeduldig wurde. Vielleicht wollte er meinen Rat in irgend einer Angelegenheit hören. Aber ein einziger Blick auf sein Gesicht sagte mir, daß es sich um einen schon gefaßten Entschluß handelte, ja, vielleicht um eine schon vollendete Tatsache, die er mir mitteilen wollte. Und das traf auch zu. »Ich habe mich um eine Stelle als Bezirksarzt an der Küste beworben und habe sie erhalten. Was sagst du dazu, Wildvogel?« Ich war sehr erstaunt und sah ihn an, um zu ergründen, ob er ein Opfer gebracht habe. »Aber die Wissenschaft?« fragte ich. »Die lasse ich fahren und werde mich der Praxis widmen wie Vater.« »Und was hat dich so ganz und gar umgestimmt?« »Verschiedenes. Du erinnerst dich vielleicht der Kaninchen in meinem Laboratorium?« »Gewiß. Nun?« »Die will ich nicht mehr quälen. Du brauchst also nie wieder vor meiner Grausamkeit zu schaudern.« »Wirklich nicht!« Ich atmete erleichtert auf. Die Kaninchen hatten mir schwer auf dem Herzen gelegen. »Und das ist's, was du mir sagen wolltest?« »Ja, zum Teil. An die Küste paßt Ingrid am besten, nicht wahr? Das hast du doch immer gesagt, und ist sie einmal da, dann werde ich mich ganz von selbst wieder an sie anschließen.« »O, wie bin ich glücklich und stolz auf dich, Max!« »So? Na, dann ist alles gut,« sagte er sanft. Und wir kehrten ins Zimmer zurück. 54. Ich bin glücklich und stolz auf dich, Max, das ist wahr – aber dennoch! Wie wird mir wohl zumute sein, wenn ich alles erreicht habe, wonach ich gestrebt, und wenn er sie wieder ganz lieb gewonnen und ich überflüssig bin? Denn so weit will ich's doch bringen. Ich will die Sache nicht halb machen. Ich will nicht, daß er sich mit Ingrid trauen läßt und mich im Herzen trägt. Nein, er muß sie lieben und mich vergessen. Aber ich will es nicht mit Augen sehen, ich will nicht daran denken. Ich wünsche, daß sich alles zu ihrem Besten entwickle; ich selbst aber will in dem Glauben leben, daß er sie um meinetwillen heiratet. Und seine Worte: »Dann ist alles gut« und den Ton, in dem er sie gesprochen, werde ich in meinem Herzen wie in einem Heiligenschrein aufbewahren. 55. Jetzt sind sie getraut, und Max hat seine Frau schon in sein Haus an der Küste geführt. Und ich bin wieder allein mit meinem alten Doktor, aber ich fürchte, ich werde ihn nicht mehr lange behalten. Es liegt etwas in der Luft wie Aufbruch und Trennung. Das Künftige wirft seinen Schatten voraus. Mein geliebter Doktor ist alt und sehr müde, aber so sanft und liebenswürdig. Sein Lebensabend gleicht einem klaren Sonnenuntergang über einem glänzenden Meer. Der Sonnenstreifen bildet eine breite, ununterbrochene glänzende Straße auf dem weiten Meer. Wildvogel sitzt auf dem Felseneiland und ruht in dem Sonnenstreifen. Der Abend ist schön, aber für mich sehr wehmütig, denn mir steht bald ein langer Tag bevor ohne den lieben Alten. Noch aber ist er da, noch darf ich mich mit ihm beschäftigen, mit ihm leben und seine letzten Schritte stützen, wie seine Mutter ihm die ersten stützte. Er strauchelt jetzt wie damals. Helga kommt oft. Sie ist durch das Band mit uns vereint, das noch wichtiger ist als die Bande des Blutes. Es ist ein Stückchen Himmelreich auf Erden, wenn man mit denen zusammenkommt, die zu einem gehören. Solch ein Himmelreich gibt es nur für kurze Augenblicke in einem Leben, wo Tod und Trennung herrschen. 56. Der alte Doktor ist sich darüber klar, daß er bald abscheiden wird und macht jetzt seine Rechnung mit Gott und den Menschen. »Du kannst auf ein rechtschaffenes Leben zurückblicken und guter Hoffnung sein,« sagte der alte Baron Sporre, und schneuzte sich laut. »Mit unserer Rechtschaffenheit können wir nicht vor Gott bestehen; er fordert Vollkommenheit, aber es gibt eine Gnade, die vollkommen ist, und auf die hoffe ich,« antwortete der Doktor. 57. Max ist hier. Sein Vater hat sich so sehr nach ihm gesehnt. »Max, mein lieber Junge, kannst du mir verzeihen, daß ich dich erst so spät verstehen lernte?« Der arme Max! Er versuchte zu tun, als verstände er die Worte seines Vaters nicht und wollte sich hinter einem scheinbar gefühllosen Äußeren verbergen, aber es gelang ihm nicht, er verlor sehr bald die Selbstbeherrschung und brach in Tränen aus. Der große, starke Mann weinte wie ein Kind. Sein Vater wurde blaß vor Rührung. »Mein Junge, mein geliebter Max! Daß ich dich erst jetzt kennen gelernt habe! Aber warum hast du dich mir immer verborgen?« So viel hörte ich von ihrer Unterhaltung. Da hielt ich es für richtiger, sie allein zu lassen. Kein Dritter durfte hören, was sie einander jetzt zu sagen hatten. 58. Noch einige Stunden, einige Worte, einige Atemzüge, und dann lautlose Stille, versiegeltes Geheimnis. Wieviel ist da noch von dem geliebten Menschen, dem wir uns auf den Zehenspitzen nähern, und in dessen Gegenwart wir flüstern, zu dem wir uns hingezogen fühlen, und vor dem wir doch beben, das uns so bekannt und doch so unbekannt erscheint, und das wir in weißestes Leinen hüllen und in einem geweihten Raum in die Erde senken? Helga sagt, daß die zurückgelassene irdische Hülle eines Gottesmenschen der Eliasmantel sei, den der befreite Geist in dem Augenblick des Todes von sich wirft. 59. Die Sonne ist untergegangen, und der breite Sonnenstreifen auf dem Meere ist verschwunden. Es friert Wildvogel auf dem Felseneiland. Es ist öde, grau und kalt. Wildvogel hebt die Flügel zum Fluge hinaus in die Weite, in das hohe Blau der Trauer, wohin man durch eine Pforte düster rollender Wolken kommt. Manche Bauer tun sich dem Wildvogel auf, warme, hübsche Bauer, auch ruhige und bequeme, aber Wildvogel hat Flügel und will sie brauchen. Max und seine Frau wünschen, daß ich bei ihnen bleibe. Sie wollen mich als ihre Schwester bei sich haben. Auf der Inselburg will man mich auch als Schwester und Freundin behalten. Ein Wildvogel aber hat seine eigene Art. Er kann sich wohl eine Zeitlang auf einem Zweig niederlassen, sich sogar in einem Neste ausruhen, aber dann muß dies Nest in schwankendem Wipfel, den blauen Himmel über sich, gebettet sein, und rings umher muß Licht und Freiheit herrschen. In einen Bauer geht Wildvogel nie! Die Weite ist mein Nest, wo Erinnerungen, Trauer und unbekannte Schicksale meiner warten! Wildvogel hebt die Flügel. II. Wildvogels Nest 1. Wie ein Lächeln lag die helle Juninacht auf den öden Schären. Ein leiser Wind zog sanft über die große Insel. Still und verheißungsvoll lag des Meeres Weite. »Fahre unbehindert über mich, so weit wie du willst!« lachte es aus der schimmernden, stillen Tiefe. Aber das helle Lächeln, das Himmel und Erde zusammenschmolz, übte keine Wirkung auf Dr. Max Reis aus, als er seinen Weg, mit der Zigarre im Munde und den Händen in den Manteltaschen, quer durch die Insel verfolgte. Wohl sah er das Lächeln der Natur in der Sommernacht und vernahm das Flüstern des Meeres von der Möglichkeit, das ferne Land der Sehnsucht zu erreichen. Aber was kümmerte das ihn, der nach nichts Sehnsucht empfand, und welche Gemeinschaft hatte er mit dem hellen Lächeln der Natur, dessen eigenes Lächeln selten frei von Spott und Hohn war? Der verflossene Tag war der längste Tag des Jahres für Dr. Reis, denn er hatte sich gelobt, an demselben nicht einen Tropfen starken Getränkes zu trinken. Es war der Todestag seiner Gattin, und er wollte ihr Gedächtnis in der Stille ehren. Ingrid und er waren nicht glücklich zusammen gewesen, und um seine Enttäuschung zu vergessen, und Ersatz für alles, was er durch seine Verheiratung verloren hatte, zu suchen, hatte er schon in den ersten Jahren ihrer Ehe angefangen zu trinken. Nun war seine Frau zwei Jahre tot, und so oft er an sie dachte, verfinsterte sich sein Gemüt. Da gab es für ihn kein anderes Mittel, als die Erinnerungen zu ertränken. Sie klagten ja nur ihn allein an, diese Erinnerungen, denn sie war ja tot, und die Toten soll man nicht anklagen. Aber an ihrem Todestag nahm er sich vor, die Erinnerung nicht zu ertränken. An dem Tage mußte er ausharren, und das war um so schwerer, weil gerade da die Erinnerungen und Gedanken am lebhaftesten wurden. Er stählte sich und litt, es war sein Bußtag, wie er sich selbst sagte, durch eine Art Gerechtigkeitsgefühl getrieben, über das er hohnlachte, aber – dem er gehorchte. Ganze vierundzwanzig Stunden dauerte der Bußtag, und davon war die Nacht bei weitem der schlimmste Teil, denn tags hatte er Gesellschaft, aber nachts war er einsam, und schlafen konnte er nicht. Jetzt wanderte er auf Sund zu. Dort hatte er Freunde, bei denen er sich heimisch fühlte und die ihn gern hatten. Auf verschiedene Weise war er mit jedem Glied der Familie Hök befreundet, und es wäre ihm schwer geworden, zu bestimmen, wer von ihnen ihm am liebsten war. Seinem Alter nach stand er dem älteren Geschlecht ebenso nahe wie dem jüngeren, denn es lag mitten zwischen ihnen. Eigentlich hätte er heute nach woanders hingehen müssen, wollte er Linderung für die Qual des Bußtages finden. Auf der großen Insel gab es ein Haus, dessen Tür immer offen stand. Dort wohnte ein Einsiedler, der es sich zum Lebenszweck gemacht hatte, mit Ohr, Hand und Herz stets bereit zu sein, den Bekümmerten zu helfen. Das war Birger Löwing, der Seelsorger der Inselgemeinde. Aber Max Reis wich jeder Vertraulichkeit mit diesem Manne aus, aus einer gewissen Scheu, die er sich kaum selbst eingestand. Denn während ihrer letzten Lebensjahre war Ingrid oft zu dem Geistlichen gegangen. Was sie ihm gesagt hatte, wußte der Doktor nicht; war es aber die Wahrheit gewesen, so war sie wohl kaum sehr vorteilhaft für ihn ausgefallen. Deshalb ging er nicht zu dem Einsiedler, sondern in der entgegengesetzten Richtung, wenn sein Gewissen sich regte. Wenn man beichten soll, muß man dem Beichtvater zuerst die eigenen Sünden gestehen! Bald sah er Sund in der hellen Sommernacht vor sich liegen. Das einstöckige Wohnhaus trug ein gebrochenes Dach über einem geräumigen Dachgeschoß. Die alten Linden des Hofes beschirmten es, und seine beiden kleinen Flügel schienen es treulich zu bewachen. Am südlichen Abhang nach dem Meeresarm zu blühten die Obstbäume. Der Doktor blieb stehen und stützte die Arme auf die grüne Gittertür, die in den Hof führte. Er wußte, wenn er hineinginge und an die Tür des niedrigen, aber vornehm aussehenden Hauses klopfte und nach Frau Beata Hök fragte, so würde sich niemand mehr freuen als sie. Denn sogar ihre Selbstsucht war liebenswürdig, es war ihr ein Bedürfnis, aufgesucht zu werden. Er blieb jedoch am Gitter stehen, rauchte und dachte an die Familie dort drinnen. Wenn man an die Familie Hök dachte, kam einem unwillkürlich Frau Beata zuerst in den Sinn. Max Reis lachte, als er sie in Gedanken vor sich sah. Die lebhaften blauen Augen, die von Leben und Interesse funkelten, die behagliche, rundliche Fülle, das Doppelkinn unter dem frohsinnigen Mund, die bleiche, aber klare Farbe und das üppige graue Haar, die lebhaften Bewegungen und die Frische der ganzen Gestalt machten sie zu einem Anblick, der das Herz erfreute und den Müden ermunterte. Dazu kam noch die drollige Selbstsucht, die ihr selbst unbewußt war, ja, die sie nicht einmal ahnte, sondern der sie die schönsten Namen gab. Wie das alles ihn belustigte! Ihr Lebenszweck war, sich anderer Menschen und ihrer Angelegenheiten anzunehmen, aber dies mußte nach ihrem Kopf geschehen; sie durften keinen eigenen Willen dabei haben, sondern mußten dankbar sein. Es war nicht leicht, sich neben Frau Beata Geltung zu verschaffen. Ihr Mann, der Fabrikherr, wie er genannt wurde, obgleich Sund keine Fabrik war, noch es jemals gewesen, ihr lieber Felix hatte längst jeden Versuch aufgegeben, wenn er überhaupt einen gemacht hatte, was kaum glaublich ist. Ebenso wenig fiel es der selbstvergessenen Agnes ein, in irgend einer Hinsicht mit der Mutter zu wetteifern. Einem Fremden fällt es nicht auf, aber wo es Arbeit gibt, da ist Agnes zu finden. Es heißt, daß sie ihrer Mutter im Haushalt zur Hand geht, aber in Wahrheit ist sie diejenige, die alles tut und alles anordnet. Sie tut es aber auf ihre stille Weise, begnügt sich mit der Mühe und Beschwerde und überläßt ihrer Mutter die Ehre. Die jüngere Tochter Ebba, die Studentin, dagegen, und der Sohn, Fabian, der Kandidat, versuchen wohl, sich geltend zu machen, aber es glückt ihnen nicht, trotzdem Beata stolz auf sie ist, und sie gern in den Vordergrund stellt. Sie tut es aber so, daß sie selber mehr hervortritt als ihre Kinder. An alles dieses dachte Max Reis, während er am Gitter stand und rauchte. Drinnen in ihrer Schreibstube saß mittlerweile Beata und schrieb einen Brief. Sie hatte einen sehr großen Freundeskreis, mit dem sie in regem Briefwechsel stand, und sie fand, daß es ihr nachts am besten von der Hand ginge. »Da ist es still um mich her, und dann sind die Gedanken am lebhaftesten,« pflegte sie zu sagen. »Deine Briefe fliegen wohl zu Tausenden in der Welt herum! Schade, daß ich niemals einen kriege,« bemerkte ihr Felix bei einer solchen Gelegenheit. »Du kannst ja verreisen, dann schreibe ich auch an dich!« antwortete Beata. Auch in dieser Nacht war sie noch auf, um zu schreiben, und als sie zufällig aufsah, erblickte sie Dr. Reis. Natürlich öffnete sie das Fenster und rief ihn. Er nahm die Zigarre aus dem Munde und kam durch den Hof an das Fenster. »So spät noch auf!« sagte er. »Ich kann dasselbe sagen, Doktor. Wegen welcher meiner Töchter standen Sie eigentlich dort am Gitter und seufzten?« »Wegen beider, und wegen ihrer Mutter.« »Oho! Warum liegen Sie nicht lieber zu Haus im Bett und schlafen?« »Ich kann nicht schlafen.« »Nicht? Haben Sie etwas auf dem Herzen Doktor?« Frau Beata wurde ernst, aber ihre Augen funkelten vor Interesse bei dem Gedanken, daß er vielleicht mitten in der Nacht hierher gekommen sei, um ihre Teilnahme oder Hilfe zu suchen. Ihre Erwartung wurde jedoch getäuscht. »Haben Sie denn etwas auf dem Herzen, Frau Hök, denn wie mir scheint, können Sie auch nicht schlafen?« »Ich? Nein. Das heißt, was mich heute nacht wachhält, ist etwas, was ich im Herzen habe –, eine neue große Freundschaft.« Der Doktor horchte auf. »Wie groß? Etwa so?« Er nahm die Zigarre in den Mund und streckte beide Arme so weit aus wie er konnte, als wollte er etwas sehr Großes messen. »Scherzen Sie nicht! Ich behaupte, daß Freundschaft etwas vom Besten im Leben ist, Doktor.« »Das weiß ich, denn ich habe ja Sie als Freundin.« Beata lachte ihn strahlend an, denn nur selten kamen so warme, aufrichtige Worte über des Spötters Lippen. »Wäre es wohl möglich, zu erfahren, auf welche Weise diese große neue Freundin Sie wachhält? Vielleicht mittels der Telepathie?« »Nein, einfach durch Briefschreiben. Ich bin eben damit beschäftigt, ihr zu schreiben.« »Ich brenne vor Neugier, ihren Namen zu erfahren!« Wieder lachte Frau Beata, erfreut durch sein Interesse. »Sie hat so einen weichen, hübschen Namen, der gerade für sie paßt. Sonja Reis.« »Sonja Reis!« rief der Doktor aus und qualmte mächtig. »Wie merkwürdig, daß Sie beide denselben Namen haben, Doktor, das war mir gar nicht aufgefallen! Schließlich sind Sie wohl gar verwandt?« »Ist sie Witwe?« »Ja, obgleich man es ihr nicht ansieht, sie sieht so mädchenhaft und jugendlich aus.« »Sie ist auch nur ein Mädchen, sie wurde mit meinem Bruder getraut, als er auf dem Sterbebett lag.« »Sind Sie so nahe verwandt? Das ahnte ich freilich nicht! Erzählen Sie mir von ihr und Ihrem Bruder!« Frau Beata lehnte sich in ihrem Eifer weit aus dem Fenster und sah ihn mit neugierigen Augen an. »Hat sie Ihnen nicht selbst alles erzählt? Ich glaubte, es gehörte zu der heiligen Freundschaft, daß man gegenseitig das Innerste nach außen kehrt.« »Seien Sie doch nicht so spöttisch, Doktor! Können Sie denn nicht ein einziges Mal nett sein! Sie hat überhaupt nicht von ihrer Verheiratung mit mir gesprochen. Unsere Freundschaft ist nämlich noch ganz neu.« »Wie kann sie dann so heiß sein?« fragte er, indem ihm die Spottlust aus den Augen lachte. »Wenn man jemand trifft, mit dem man sich zusammengehörig fühlt, dann ist sie vom ersten Augenblick an warm,« erklärte ihm Beata Hök mit zurechtweisender Würde. »Ach so!« »Aber nun sagen Sie mir, warum heiratete sie Ihren Bruder erst auf dem Sterbebett?« fragte sie weiter und legte die Würde ab, die sie beschwerte. »Vermutlich, weil sie sich nicht überwinden konnte, sich zu binden, ehe sie die Wiederbefreiung nahe vor Augen sah,« antwortete er sarkastisch. »Ich glaube nicht, daß das ihr Grund gewesen sein kann.« »Fragen Sie sie doch!« »Hübsch sprechen Sie nicht von Ihrer kleinen Schwägerin. Mögen Sie sie denn nicht?« »Ich habe sie seit acht Jahren nicht gesehen, daher weiß ich nicht, wie sie jetzt ist.« In Frau Beatas Blick lagen eine Menge Fragen, aber nur eine kam über ihre Lippen. »Mochten Sie sie nicht gern, als Sie sie kannten?« »Gern mögen!« rief der Doktor mit eigentümlichem Lachen aus. »Gern mögen, was heißt gern mögen?« Frau Beata sah ihn neugierig an und sann darüber nach, was diese Orakelantwort bedeute. Sie fand es am ratsamsten, ihn nicht mit weiteren Fragen über seine Gefühle zu drängen. »Hatte sie Ihren Bruder sehr lieb?« »Alle hatten Viktor gern, und sie wohl auch auf ihre Weise, – zu sehr, um ihn abzuweisen, zu wenig, um sich zu binden, sie war eben ein Wildvogel.« »Wildvogel! Allerdings ist Schwung in ihr, aber wild ist sie doch nicht,« sagte Frau Beata mit einem weichen Ausdruck, beim Gedanken an ihre kleine Freundin. »Im Grunde ihres Wesens ist sie ein Wildvogel, denn sie verträgt keine Fesseln. Versuchen Sie nur einmal, sie in einen Käfig zu setzen, dann werden Sie schon sehen! Sie würde sich am Gitter blutig stoßen und sich nie ergeben, bis sie entweder herausgelassen würde oder tot hinfiele. Bisher ist es ihr geglückt, wieder herauszukommen.« Der Doktor strich die Asche von seiner Zigarre und hieb mit seinem Stock in die Blumenrabatten neben sich, so daß die Blumen von ihren Stengeln flogen. »Nehmen Sie doch meine Blumen in acht, Doktor! Sehen Sie nicht, was Sie anrichten?« »O weh, entschuldigen Sie, ich dachte gar nicht an die Blumen!« Er zog die Mütze und sah ganz bestürzt aus über sein Werk. »Sagen Sie mir, woran Sie dachten, dann will ich Ihnen verzeihen,« lachte sie. »Es waren keine guten Gedanken, darum ist es besser, wenn ich sie für mich behalte.« »Heraus damit! Nach wem schlugen Sie? Denn die Blumen waren es nicht nur.« »Lassen Sie sich warnen, und stecken Sie die Hand nicht in ein Wespennest!« »Sind Ihre Gedanken denn wie Wespen?« »Bisweilen.« Er lachte grimmig, sprach aber wie im Scherz. Beata hielt es für geraten, seinen Gedanken nicht weiter nachzuforschen, ihr Interesse war aber bis aufs höchste gesteigert. »Sonja erzählte mir, daß sie sich während der letzten Jahre meistens im Ausland aufgehalten hat, darum sind Sie einander wohl nicht mehr begegnet,« mutmaßte Beata. Der Doktor antwortete nicht. Er rauchte eifrig und verfolgte die blauen Rauchringe auf ihrem Weg in die Luft mit seinen Blicken. »Nun will ich aber Ihre Gastfreiheit wirklich nicht länger in Anspruch nehmen, Frau Hök; sie ist großartig, denn sie versagt selbst in der Nacht nicht,« sagte er plötzlich, gezwungen lachend, um seine wahre Stimmung zu verbergen. »Ich habe Ihnen nicht mal so viel wie ein Glas Wasser angeboten, also ist es Ironie, heute abend von meiner Gastfreiheit zu sprechen.« »Sie haben mir einen Einblick in Ihr Herz gewährt, wo die Flammen der neuen Freundschaft auf dem Altar brennen, und das ist wohl mehr als ein Glas Wasser, sogar mehr als ein Glas Kognak.« »Man kann doch nie klug daraus werden, wieviel Sie von dem meinen, was Sie sagen, Doktor!« »Es ist auch nicht der Mühe wert, dem nachzudenken,« antwortete er. »Gute Nacht, Frau Hök.« Sie schüttelten sich die Hände durch das Fenster, und dann verließ er sie. Mit einem neu erwachten Interesse blickte sie seiner kräftigen Gestalt nach und saß noch lange sinnend da. Als der Doktor nach Hause kam, ging er in die Kinderstube, wo seine beiden Buben, Wolf und Björn (Bär), schliefen. Sonnenverbrannt, pausbäckig, blondlockig, wild und fröhlich in der Freiheit aufgewachsen waren sie. Die Nacht durch schlafen sie fest und ruhig nach des Tages eifriger Geschäftigkeit mit all ihren Spielen und Streichen. Trotzdem er neben ihnen stand und sie anblickte, dachte er nicht an sie. Seine Gedanken waren bei Wildvogel, die natürlich früher oder später auf die Insel kommen würde, um ihre neue Herzensfreundin Beata zu besuchen. Dann würde er sie wiedersehen, und er war begierig, zu sehen, wie sie sich jetzt zu ihm stellen würde. Einst hatte er sie so geliebt, wie man nur einmal in seinem Leben liebt. Aber sie hatte ihn von sich getrieben, damit er sich mit Ingrid, dem Fischermädchen, verheirate, die sich ihm schon in freier Liebe hingegeben hatte. Er war ein Esel gewesen und hatte ihr gehorcht. Es sollte das eine Genugtuung für Ingrid bedeuten, und war es wohl auch gewesen, hatte aber dem armen Mädchen wenig Glück gebracht. Mit einem Manne verheiratet, der sie weder liebte, noch achtete, der sie brutal behandelte und dadurch sich selbst und sie erniedrigte, hatte sie wenig Grund gehabt, für die Genugtuung dankbar zu sein. Sie war es auch nicht gewesen, sie hatte gelitten und war schwermütig geworden. Im letzten Jahre hatte sie den Seelsorger aufgesucht, Trost in der Religion gefunden und den Tod als einen Befreier begrüßt. Jetzt war er einsam, mit zwei kleinen Buben, mit denen er sich keinen Rat wußte, hauste hier auf einer kleinen Insel weit draußen im Meer mit einer einförmigen Arbeit ohne Zukunft. Verschwunden wie ein Rauch war das Streben seiner Jugend nach einer wissenschaftlichen Laufbahn, in Trümmern alle seine Hoffnungen. Seine Zuflucht war der Zynismus geworden und seine Entschädigung der Alkohol. Das alles war Sonjas Werk, und jetzt würde sie bald kommen und es betrachten. Sie sollte es sehen in seiner ganzen Herrlichkeit, das gelobte er sich. Nur einmal in den acht Jahren, seit sie sich nach seines Vaters Tode, kurz nach seiner Verheiratung mit Ingrid, trennten, hatte er direkt von Sonja gehört, und das war nach Ingrids Tod gewesen. Da hatte Sonja einen so warmen und herzlichen Brief geschrieben, Wildvogel so ähnlich, daß sie selbst und die ganze Vergangenheit Leben erhielten und vor seiner Seele wiedererstanden. Aber weil er die Vergangenheit nicht wiedererstehen sehen, nicht mehr solche Gefühle wie einst empfinden wollte, hatte er die Erinnerung an die Vergangenheit ertränkt. Nach dem Empfang von Wildvogels Brief hatte er sich so betrunken wie noch niemals, weder früher noch später in seinem Leben, und der Brief war unbeantwortet geblieben. Und jetzt war es nur eine Frage der Zeit, wann sie auf die Insel kommen würde, das war ihm klar nach dem großen und neugierigen Interesse, das er in Frau Höks Augen gelesen hatte. Sie zog gewiß ihre eigenen Schlüsse, sowohl aus dem, was er gesagt, als aus dem, was er verschwiegen hatte, und sie war gerade die Person, Gelegenheiten zu schaffen, die sie selbst ausnutzen konnte. Nun gut, möge Wildvogel kommen, ihr Werk sehen und sich darüber freuen, dachte er mit grimmiger Schadenfreude. 2. Sonja Reis, genannt Wildvogel, kam, wie der Doktor ahnte, nach Sund. Sie kam noch früher, als er erwartet hatte, schon Anfang Juni. Es war gar nicht so leicht für Beata gewesen, sie dazu zu bewegen. Sonja machte Schwierigkeiten: Sie habe schon ihre Pläne mit einigen Kameraden gemacht und wolle sie nicht enttäuschen. Sie hatte aber nicht mit Beatas Willensstärke und ihrer naiven Selbstsucht gerechnet. Das Anrecht der Kameraden wurde gar nicht berücksichtigt und Sonjas Einwendungen ebensowenig. »Felix will durchaus mein Porträt jetzt im Juli malen lassen, in der Umgebung, wo er gewohnt ist, mich zu sehen.« So lautete Beatas Beweisführung, und als der Brief nicht half, fuhr sie selbst hin und holte die Widerstrebende. Der eigentliche Grund für Sonjas Widerstand war nicht das, was sie aufgeben mußte, sondern die Angst, Max wiederzusehen, und der peinliche Gedanke, daß sie diejenige sein sollte, die ihn aufsuchte. Aber Beatas Eifer kam ihr wie ein Fingerzeig des Schicksals vor. Beata hatte Max Reis nicht genannt, noch weniger konnte sie etwas von dem wissen, was zwischen ihnen vorgegangen war. Deshalb kam es Sonja vor, als zwänge sie ein höherer Wille auf die Insel, wo Max war, und darum fügte sie sich. Das Zimmer, das ihr in Sund angewiesen wurde, lag im Dachgeschoß, neben dem von Agnes, und ging nach der See hinaus. Darüber freute sich Sonja, denn ihr gefiel die unbegrenzte Weite. Am Abend nach ihrer Ankunft saß sie dort oben und blickte über die Baumwipfel auf die See. Oft pflegten ihre Gedanken in der Einsamkeit zu der Zeit vor acht oder neun Jahren zurückzuschweifen, als sie ihre tiefgehendsten Erfahrungen erlebt hatte. Seitdem hatte sie auf ihren Fahrten in fremde Länder viele Menschen kennen gelernt. Wo sie hinkam, war sie beliebt, und die Menschen interessierten sie immer, aber keiner hatte die Saiten ihres Herzens zum Erklingen gebracht, seit geliebte Hände schliefen und den Griff in ihres Herzens Saitenspiel losgelassen hatten. Es war verstummt. Aber jetzt am ersten Abend auf der großen, meerumspülten Insel, vernahm sie in der Einsamkeit, wie es durch das so lange schweigende Saitenspiel geheimnisvoll tönte. Mit Verwunderung und mit Unruhe lauschte sie, denn wenn des Herzens Saiten erklingen, gibt die Freude selten den stärksten Ton an. Erinnerung und Ahnung verschmolzen heute abend in ihr. An Viktor, ihren jungen Gemahl, dachte sie, den sie mit einer Liebe, die mehr vom Himmel als von der Erde an sich hatte, geliebt. Auch dachte sie an seinen Vater, der auch ihr Vater geworden war. Ihr schien, als wären sie ihr beide nahe und legten ihr Max ans Herz, den sie nun bald wiedersehen sollte. Wie würde sich ihre Begegnung gestalten? Der Brief, den sie ihm nach Ingrids Tod geschrieben hatte, war unbeantwortet geblieben, und der Gedanke daran, wie er sie selbst empfangen würde, machte sie unsicher. Sie wußte so wenig von seinem Leben und seiner Entwicklung während der acht Jahre. Gern hätte sie alles darüber gewußt, ehe sie ihn von neuem kennen lernte. Ein Knarren der Tür riß Sonja aus ihren Gedanken. Beata trat ein. »Ich ahnte, daß du noch nicht zu Bett gegangen seiest. Die Aussicht von diesem Fenster verleitet unseren Besuch immer, bis weit in die Nacht aufzusitzen,« sagte sie. »Ach, wie lieb, daß du kommst! Setze dich hierher, dann können wir so fein plaudern.« Beata Hök setzte sich auf den Stuhl, wo Sonjas Füße ruhten, und dann gaben sie sich ganz dem Vergnügen einer traulichen Plauderstunde hin. »Weißt du denn, daß du einen Schwager auf der Insel hast?« fragte Beata plötzlich und blickte lachend in Sonjas Gesicht. »Gewiß weiß ich es, und es wird mich freuen, ihn wiederzusehen,« antwortete Sonja mit so vollständiger Selbstbeherrschung, daß ihre Freundin nichts von der stürmischen Vergangenheit ahnte. »Schade um ihn,« sagte Beata. »Warum das?« »Seine Ehe war nicht glücklich, sie verstanden einander nicht. Sie stand an Verstand und Bildung allzuweit unter ihm. Sie war wohl lieb und gut, aber – sie paßte nicht zu ihm.« »Wie war er gegen sie?« fragte Sonja, und blickte in die Ferne. »Ich fürchte, er verachtete sie, und das erniedrigt einen Mann.« »Er hatte keinen Grund, sie zu verachten,« sagte Sonja. »Ich kannte sie ja nicht, ehe sie hier auf die Insel kamen, und damals waren sie verheiratet, aber das Gerücht behauptete – doch das weißt du gewiß besser als ich und weißt, ob es wahr ist.« »Sie war sein, ehe sie sich heirateten,« sagte Sonja ruhig, »aber daß er sie darum mehr verachten sollte, als sie ihn, das kann ich nicht einsehen.« »Das ist nun einmal so, daß in der Hinsicht mehr von uns Frauen gefordert wird,« sagte Beata. »Es mag verkehrt sein und eine Ungerechtigkeit, aber ich möchte eher glauben, daß es so ist, weil wir in sittlicher Beziehung feiner geartet sind als die Männer, und es steht ja geschrieben, daß von denen mehr gefordert werden wird, denen mehr gegeben ist.« »So habe ich die Sache nie angesehen, ich habe immer nur eine Ungerechtigkeit darin erblickt, daß dieselben Fehler bei Mann und Weib verschieden beurteilt werden.« »Und ich sehe es eher so an, als sei es eine Ehre für die Frauen, daß mehr von ihnen gefordert wird,« sagte Beata. »Es würde den Männern nichts schaden, wenn sie im allgemeinen mehr beflissen wären, die Ehre mit uns zu teilen, und wir würden es ihnen nicht verwehren,« entgegnete Sonja trocken. Beata lachte belustigt. »Aber um wieder auf den Doktor zu kommen,« sagte Beata, »so würde es sich wohl mit der Achtung gemacht haben, wenn er sie geliebt hätte, aber das fiel ihm gar nicht ein, und so etwas schadet einem Manne und macht seine Frau unglücklich.« »War sie unglücklich?« Wieder blickte Sonja auf das Meer hinaus, so daß Beata ihr Gesicht nicht sehen konnte. »Sie litt sehr, hatte Angst vor ihrem Mann und wurde mit der Zeit schwermütig. Ich glaube, sie freute sich auf den Tod. Im letzten Jahre ging sie oft zu Pastor Löwing, und das war gewiß gut.« Nach diesen Worten herrschte langes Schweigen, und Sonjas Augen standen so voll Tränen, daß das Meer vor ihren Augen schimmerte und flimmerte. »Auf welche Weise hat er Schaden genommen?« fragte sie endlich leise, und ihre Stimme zitterte trotz großer Selbstbeherrschung. »Er ergab sich dem Trunk, und ich fürchte, daß diese Gewohnheit überhand nimmt, obgleich er sich zeitweilig aufrafft und Herr darüber wird.« Sonja antwortete nicht, und dann gingen sie zu einem anderen Gesprächsgegenstand über. Endlich entschloß Beata sich, aufzubrechen. »Felix wird gewiß ärgerlich, wenn ich jetzt nicht zu Bett gehe,« sagte sie. »Kann er nicht einschlafen, ehe du kommst?« rief Sonja lachend aus. »Der arme Kerl!« »Das behauptet er wenigstens, aber ich glaube nicht recht daran,« erklärte Beata. Als sie gegangen war, saß Sonja noch lange in ihrem Fenster und blickte in die helle Nacht hinaus. Die Gedanken stürmten auf sie ein, und was sie übers Max und Ingrid erfahren hatte, traf sie schmerzlich und verursachte ihr Gewissensbisse. 3. Als Sonja am nächsten Morgen aufstand, war sie von einem krankhaften Arbeitseifer beseelt. Um den Gedanken an das bevorstehende Zusammentreffen mit Max zu unterdrücken, ging sie mit großer Energie an das Werk, das die Veranlassung zu ihrem Aufenthalt in Sund gegeben hatte. »Heute müssen wir anfangen,« sagte sie beim Frühstück zu Beata. »Womit?« »Mit deinem Porträt.« »Das eilt nicht. Du mußt dich erst an die Luft gewöhnen, die ist stark hier draußen bei uns und greift die Leute zuerst immer an.« »Du hattest doch eine solche Eile mit dem Porträt, daß du mich holen mußtest, und ich keinen Tag zögern durfte!« »Ja, weißt du, ich rechnete damit, daß du Zeit haben müßtest, dich auszuruhen.« Aber Sonja gab nicht nach. »Ich bin nicht müde, und du siehst heute so süß aus, daß du nicht die geringste Hoffnung hast, freizukommen,« sagte sie. Fabrikherr Hök hielt mit dem Bissen auf dem Wege zum Munde inne und schmunzelte zufrieden. »Ich glaube, du hast deinen Mann gefunden!« sagte er triumphierend zu seiner Frau. Sie lachte. »Mitunter ist es auch ganz hübsch, gehorchen zu müssen,« meinte sie. »Für einige Zeit hat es wenigstens den Reiz der Neuheit,« sagte, er mit einem bedeutungsvollen Räuspern. »Ist er nicht schauderhaft, Sonja? Gleich den ersten Anlaß zu benutzen, um mich in deinen Augen herabzusetzen! Heirate du nur nie –, ach so, das ist ja wahr!« Beata lachte über ihren Schnitzer. Sonja sah so mädchenhaft aus, daß es verzeihlich war, wenn man ihre Witwenschaft vergaß. Nach dem Frühstück galt es, Beata in die richtige Stellung und Beleuchtung zu bringen, und das war keine leichte Arbeit. Beata bestand darauf, mit der Feder in der Hand an ihrem Schreibtisch sitzend, gemalt zu werden, obgleich niemand begriff, warum. »Du willst wohl kommenden Geschlechtern vormachen, daß du bei Lebzeiten eine große Schriftstellerin warst,« meinte der Fabrikherr lachend. »Dann werden sie sich den Kopf darüber zerbrechen, wo die Bücher geblieben sind,« fiel Fabian ein. »Schließlich müssen sie Komitees einsetzen, um ausfindig zu machen, was du gemeint hast, wie sie es mit schwer verständlichen Verfassern tun,« schlug Ebba vor. Aber Agnes lächelte. »Ich glaube, ich verstehe, was Mama meint.« »Sage es doch, dann brauchen wir kein Komitee,« rief Sonja. »Mama schreibt Briefe an ihrem Schreibtisch, und das Bild soll andeuten, daß sie mit ihren Freunden und allen denen, für die sie sich interessiert, in Verbindung steht.« »Daß du mich doch am besten verstehst!« sagte Beata und streichelte Agnes. Die Familie interessierte sich so sehr für die Anordnung und hatte so verschiedene Ansichten und Vorschläge, daß Sonja sie schließlich in ihrer scherzhaften Weise alle aus dem Zimmer trieb, um endlich zu einem Resultat zu gelangen. Allein mit Beata glückte es ihr endlich, sie so zu sehen, wie sie wollte, und dann fing sie an zu arbeiten. Aber nach ein paar Stunden erhob sich Beata und ließ sich nicht überreden, noch länger zu sitzen. »Du sollst meine Töchter und meinen Jungen kennen lernen,« sagte sie, »es ist der Mühe wert.« »Und erst recht deinen Mann,« sagte Sonja mit dem gutmütigen, schelmischen Lächeln, das oft hervorbrach, wenn sie sich mit Beata unterhielt. »Ja, auch ihn, obgleich man ihn sofort kennt, denn er bleibt sich immer gleich.« Sonja benutzte also den Rest des Vormittags dazu, die Bekanntschaft zu pflegen. Der Erfolg rief beiderseitige Befriedigung hervor. »Mir scheint, als interessiere dich Agnes mehr denn Ebba,« sagte Frau Hök, als sie im Laufe des Nachmittags hinauf kam, um Sonja zu einem Abendspaziergang abzuholen. »Mir gefällt der Ausdruck ihres Gesichts, er ist so harmonisch,« antwortete Sonja. »Ja, mit Agnes gibt es niemals die geringste Quengelei. Sie ist selbst einfach und faßt das Leben ebenso auf. Sie ist ein liebes Mädchen, aber sie gibt einem nie zu denken, man muß sie nur ihren geraden Weg gehen lassen. In Ebba ist mehr Schneid und Leben und Temperament.« »Ich möchte aber doch Agnes für origineller halten,« sagte Sonja. »Viele fahren hierhin und dorthin im Leben, aber den rechten Weg zu finden und den stetig zu gehen – –« »Mir kommt vor, als sei das keine Kunst für Agnes, es liegt in ihrer Natur. Sowohl Glück wie Kummer haben sie berührt, und beides hat sie mit Gleichmut getragen.« »Ich habe bemerkt, daß sie etwas durchgemacht hat, denn ihre Harmonie hat etwas Sieghaftes an sich.« »Sie war mit einem jungen Verwandten verlobt, der zur See ging und ertrank. Sie waren seit ihrer Kindheit miteinander einig. Sie trauerte tief, aber schweigend um ihn und wurde nachher sehr ernst. Das ist ihre ganze Geschichte.« »Nicht so leicht erlebt wie erzählt,« sagte Sonja mit wachsendem Mitgefühl für die selbstvergessende Agnes. »Ich freue mich, daß du meine Tochter schätzest. Komm jetzt,« sagte Beata und zog Sonjas Arm durch den ihren. Unten warteten die anderen, denn der erste Ausgang, den Sonja auf der Insel machte, sollte ein Familienspaziergang werden. Sie gingen durch den Wald, wo er am höchsten und dichtesten war, als sie bei einer Biegung des Weges einen einsamen Mann erblickten. Er ging langsam, mit den Händen auf dem Rücken, den Kopf vornüber gebeugt und den Blick auf die Erde gesenkt. Frau Hök fühlte, wie Sonja zusammenfuhr. Im nächsten Augenblick sah der Mann auf und erblickte sie. »Max!« »Wildvogel!« Impulsiv und warmherzig streckte Sonja ihm beide Hände entgegen, und ihr Gesicht leuchtete. Und wie es leuchten konnte! Von ihrer Herzlichkeit und seinem eigenen aufwallenden Gefühl überrumpelt, ergriff er die ausgestreckten Hände, die seinen, tatkräftigen und tapferen Hände, die er früher mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit geküßt hatte. Aber im nächsten Augenblick ließ er sie wieder fahren, als habe er sich verbrannt. Ein wenig verdutzt darüber, daß sie so schnell losgelassen wurden, ließ Sonja ihre Hände mit einer weichen, anmutigen Bewegung sinken. »Kennen Sie einander?« fragte Hök und sah sie erstaunt an. Dann blickte er verwundert auf seine Frau, die ungewohnterweise schwieg und ihm das erste Wort überließ. Er schien beinahe erschrocken, daß er ihr mit seiner Bemerkung zuvorgekommen war. »Sie tragen ja denselben Namen,« bemerkte sie. »Ach ja, gewiß, daß mir das nicht früher aufgefallen ist! Vielleicht sind die Herrschaften sogar miteinander verwandt?« »Max ist mein Schwager, ich war mit seinem Bruder verheiratet,« antwortete Sonja. Wie einfach das klang! Aber alles, was es an Erinnerung in sich schloß, stürmte auf sie ein und riß sie mit sich wie eine mächtige Flut. Sie konnte Max nur ansehen, seines Vaters Sohn, Viktors Bruder, der Kummer und Kampf ihrer eigenen Liebe. »So nahe verwandt und nicht besser Bescheid voneinander zu wissen!« lachte Ebba. »Ich bin die letzten acht Jahre meist außer Landes gewesen,« erklärte Sonja, wie im Traume redend. »Welcher Wind hat dich heim und dann hier heraus auf unsere Insel geführt?« fragte Doktor Reis, der jetzt vollständig Herr über die Gefühlswallung geworden war, die sich zu seinem Ärger bei dem plötzlichen Wiedersehen seiner bemächtigt hatte. »Felix wollte durchaus mein Porträt gerade jetzt malen lassen, und dazu ist sie hierher gekommen,« antwortete Beata, ehe Sonja ihren Mund auftun konnte. »Ja ja, ja ja, so ist es,« stimmte der Fabrikherr ein, während ihm der Schalk aus den Augenwinkeln lachte. Der Gedanke, seine Frau malen zu lassen, war nicht in seinem Hirn entstanden, doch war er gewohnt, die Einfälle, die seine Beata ihm zuschob, stillschweigend auf sich zu nehmen. Max lachte Frau Beata an. »Ich glaubte nicht, daß eine so große, heilige Freundschaft Vorwände brauchte,« sagte er mit dem gutmütigen Spott, den sie immer bei ihm hervorrief. »Ja, wissen Sie, Doktor, es war nicht leicht, sie hierher zu bringen. Sie ist eine kleine, emsige Arbeitsameise. Als ich dahinter kam, wurde mir klar, daß ich sie durch Arbeit zu uns locken müßte.« Der Doktor wandte sich an den Fabrikherrn. »Und da kam dir der Einfall mit dem Porträt sehr zur gelegenen Zeit,« sagte er. »Meine Einfälle kommen meiner Frau immer gelegen,« war die Antwort. Beide lachten, Beata aber fing an, von etwas anderem zu sprechen. »Wir machen einen Spaziergang, um Sonja die Insel zu zeigen; kommen Sie mit uns, Doktor.« »Leider kann ich nicht, ich bin auf dem Wege zu einem Kranken.« »Du kommst aber doch gegen Abend nach Sund, nicht wahr? Jetzt haben wir ja eine Anziehungskraft mehr,« sagte Hök. »Die fehlte auch früher nicht,« entgegnete Max, mit einer leichten Verbeugung gegen Beata und ihre Töchter, »doch wie stark auch diese Anziehungskraft sein mag, so muß ich ihr heute abend widerstehen.« »Nun, so behalten Sie wenigstens im Gedächtnis, daß Sie jederzeit in Sund willkommen sind, wann Sie nur kommen können und wollen, Doktor,« fiel Frau Beata ein. »Aufdringlich sind wir nicht, aber wir freuen uns immer, unsere Freunde zu sehen, das wissen Sie doch.« »Tausend Dank,« antwortete der Doktor, verbeugte sich, drückte Sonjas Hand flüchtig und verließ sie mit einem Gefühl der Befriedigung sowohl wie des Bedauerns über seine Weigerung. Es war ihm eine Genugtuung, Wildvogel zu zeigen, wie wenig ihm an ihrer Gesellschaft lag, aber zugleich verdroß es ihn, daß sie mit keinem Wort versucht hatte, ihn zu halten. »Wildvogel! Was ist das für ein Name! Wer ist auf den Einfall gekommen, Sie so zu nennen?« fragte Fabian, als Doktor Reis sich entfernt hatte. »Meine Kameraden nannten mich immer so.« »Weshalb? Sind Sie denn so wild?« »Ich vertrage keine Fesseln und liebe die Freiheit über alles,« antwortete Wildvogel, und reckte ihre schlanke, weiche Gestalt unwillkürlich, während ein Seufzer der Erleichterung – oder war es des Schmerzes? – ihre Brust hob. Die nervöse, sprudelnde Lebhaftigkeit, die sie den ganzen Tag beseelt hatte, schien einer wunderbaren Ruhe Platz, gemacht zu haben. Wie eine Träumende blickte sie den Weg entlang, wo die Sonne auf farbiges Moos und braunrindige Kiefern brannte. Aber vor ihren Augen stand nur Max. Wie ein rätselhaftes, unvermeidliches Verhängnis, voller übermächtiger Aufgaben stand er vor ihrem inneren Auge, so wie sie ihn gesehen hatte, als sie sich plötzlich gegenüber standen. Sie sah, wie sich die breitschultrige, kräftige Gestalt mit der schlaffen Haltung plötzlich reckte, spannte und stählte. Was für Gefühle mochten das bewirkt haben? Zuerst schienen sie warm, wie vom Feuer geschmolzen, dann waren sie aber plötzlich hart und kalt geworden. Und sein Gesicht! Die bleichen, aber kräftigen Züge, ursprünglich männlich schön, trugen mehr Ähnlichkeit mit denen seines Vaters, als ihr erinnerlich gewesen war, aber gerade diese Ähnlichkeit ließ die Unähnlichkeit um so schneidender hervortreten, denn sie trugen das Gepräge beginnenden Verfalls, der Erschlaffung und des Zynismus! Wildvogels Herz war in heftiger Aufregung. Bald zog es sich vor Angst zusammen, bald weitete es sich vor unbezwinglicher Begierde, einen Kampf mit Max um das Beste in ihm aufzunehmen, ihn zu retten, um welchen Preis es auch sein mochte. 4. In Sund war Mittagsgesellschaft. Der Verkehr der Familie Hök umfaßte eine Anzahl Sommergäste, meist Jugend, denn eigentlich waren es Fabian und Ebba, die diese zufälligen Bekanntschaften pflegten. Sonja Reis war lebhaft und unterhaltend, und niemand ahnte den Kummer in ihrem Innern, nicht einmal ihr Doktor Schwager, der doch die Ursache dazu war. Sie hatte ihn zum Tischherrn, und anscheinend unterhielten sie sich ungezwungen. Das hatten sie auch jedesmal getan, wenn sie sich nach der ersten unerwarteten Begegnung getroffen hatten. Sonja war jedoch äußerst empfänglich für unausgesprochene Eindrücke, und so empfand sie eine Feindseligkeit von Maxens Seite ebenso deutlich, als hätte er sie in Worte gekleidet. Und deshalb lag unter all ihrer fröhlichen Lebhaftigkeit doch ein dumpfer Schmerz, ein Grübeln darüber, was die Feindschaft bedeutete, und ob sie zu überwinden sein würde. Einige der Herren saßen lange nach dem Essen über ihrem Glas, unter ihnen Max. Als er endlich in den Garten hinauskam, merkte Sonja ihm an, daß er stark getrunken hatte. Er ging geradeswegs auf sie zu. Sie wäre ihm gern aus dem Wege gegangen, wollte sich aber nicht unfreundlich zeigen, und ließ sich darum nichts merken. Seiner Haltung und Sprache merkte man nichts an, es war nichts Anstößiges in seinem Auftreten, das eine abweisende Haltung ihrerseits berechtigt hätte. Wider Willen folgte sie ihm zu einer Bank, wo sie sich fern von den anderen niederließen. Er fing an, von vergangenen Zeiten zu sprechen, nicht eben von dem, was zwischen ihnen lag, sondern von gemeinsamen Erinnerungen. Er sprach in gefühlvollem Ton und umfaßte ihre ganze Gestalt mit seinen Blicken. War er vorher kalt gegen sie gewesen, so war er jetzt das Gegenteil, sie aber wünschte seine Kälte zurück. Alles war besser als diese Art Wärme. Mit seinem Takt und gewandten Antworten hielt sie ihn in den Grenzen, und wie unabsichtlich zog sie ihre Hand weg, wenn er danach tastete. Ein unausgesprochenes Gefühl davon, daß sie gewissermaßen die Schuld an seinem jetzigen Zustand trug, machte sie duldsam und hielt sie an seiner Seite fest, obgleich ihre Blicke unruhig und ihre Wangen bleich wurden. Sie fragte sich verwundert, ob es ihm wohl bewußt sei, wie er sie behandelte. Hielt er sie vielleicht für eine, die sich mit dergleichen Gefühlen abspeisen ließ? Als sie noch da saßen, kam Agnes Hök vorbei. Sie führte Wolf an der Hand, während Björn und ein anderer Knabe um sie her hüpften. Bei Gesellschaften in Sund war es selbstverständlich, daß Agnes sich der Gäste annahm, die man unterhalten mußte, ohne selbst etwas davon zu haben. Fabian und Ebba waren von ihren Altersgenossen in Anspruch genommen, der Fabrikherr und seine Frau teilten sich in die übrigen Gäste, beschäftigten sich aber doch am meisten mit denen, die sie interessierten. Daher fielen die Kinder Agnes zu, und alle fanden das ganz in der Ordnung. Als Agnes jetzt auf die Bank zukam, wo die beiden saßen, ging eine Veränderung bei Max vor, sobald er ihrer ansichtig wurde. Das Sinnliche verschwand aus Haltung und Blick, er richtete sich auf und nahm einen anderen Ausdruck an. Als Agnes im Vorbeigehen sich ihnen zuwandte und ein paar Worte sagte, stand Max achtungsvoll auf und setzte sich erst wieder, als sie weitergegangen war. Er hatte nichts gesagt, denn Sonja antwortete ihr, aber seine ganze Art hatte gesprochen. Dieser kleine Vorfall gab Sonja einen neuen Gedanken ein, und sie beschloß, Max unverkennbar zu zeigen, daß sie das geschwisterliche Verhältnis, und nur dieses, wieder zwischen ihnen herzustellen wünschte. Sie redete sich ein, daß sie natürlich nie etwas anderes gewollt hatte, als sie auf die Insel kam, vielleicht hatte er aber etwas anderes geglaubt. Sie erhob sich. »Wir sind unartig gegen die anderen, daß wir uns so absondern, wir als Geschwister dürfen das nicht!« sagte sie in einem leichten Ton, der aber gar nicht ihrer inneren Stimmung entsprach. »Geschwister!« rief er mit verächtlichem Lachen aus. »Die Geschwisterschaft ist nicht näher, als daß wir uns heiraten könnten, wenn wir wollten.« Sein Ton schnitt ihr ins Herz, und mit brennenden Wangen verließ sie ihn. Im allgemeinen voller Rücksicht, konnte Sonja sehr eigennützig sein, wenn es ihr so paßte. So ließ sie jetzt alle gesellschaftlichen Pflichten im Stich und zog sich auf ihr Zimmer zurück. Ihr Herz war so schwer, daß sie es nicht länger aushielt, die Fröhliche zu spielen und über dies und jenes zu plaudern. Frau Beata vermißte sie aber bald, suchte sie erfolglos unter den ungleichen Gruppen, beunruhigte sich und ging schließlich in die Dachstube hinauf, wo sie die Ausreißerin auf ihrem Lieblingsplatz im offenen Fenster fand, die Füße auf einem Stuhl, den Rücken gegen den Fensterrahmen gestützt, das Gesicht auf das Meer gerichtet. »Warum sitzt du hier? Was du für eine bist! Läufst davon und suchst die Einsamkeit!« schalt Beata im Scherz, aber in ihren Augen lag eine ernste Frage. »Verstehst du denn nicht, daß es geradezu unmöglich werden kann, unter Menschen zu sein und über gar nichts zu schwatzen? Man muß einmal weg in die Einsamkeit, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen.« »Was hat dich denn aus dem Gleichgewicht gebracht, du liebe Kleine?« Sonja schwieg zögernd, denn die Frage konnte ja nur durch völliges Vertrauen beantwortet werden, und dazu fühlte sie sich nicht imstande. In Beatas Blick lag viel Zärtlichkeit und ein großes Verlangen, alles zu wissen, aber auch die Rücksicht, die sich nichts erzwingen will. Sie hatte Doktor Reis nach dem Essen mit Sonja fortgehen sehen. Vielleicht hatten sie sich von früheren Zeiten unterhalten, von den Verstorbenen, und vielleicht hatten die Erinnerungen Sonja aufgeregt, dachte sie. »Das ist eine traurige Geschichte, vielleicht erzähle ich sie dir ein andermal, heute abend kann ich nicht,« sagte Wildvogel schließlich im Tone eines müden Kindes und schmiegte sich einen Augenblick innig an Beata, als fürchte sie, daß ihre Verschwiegenheit falsch aufgefaßt werden könne. Beata aber küßte sie und versicherte sie ihrer Teilnahme, selbst an dem, woran sie noch nicht teilhaben konnte. »Es hilft mir, wenn ich auf das Meer blicke,« sagte Wildvogel und tat einen tiefen, bebenden Atemzug. Sie sah hinaus, und Beata betrachtete sie. Das pikante Profil hatte heute abend etwas Erhabenes an sich. Des Meeres Unendlichkeit erweckte Verwandtes in der empfindsamen Frauenseele. Plötzlich wandte Wildvogel ihren Blick von des Meeres Weite auf ihre Freundin. »Als ich hier hinaufging, um einsam zu sein, hatte ich im Vorbeigehen eine kurze Unterredung mit Pastor Löwing, dem Einsiedler, wie man ihn nennt. Etwas in seiner Persönlichkeit zog mich unwiderstehlich an. Ist er immer so bereit, Rede zu stehen?« »Er ist immer vorbereitet. Sogar mitten in der Gesellschaft lebt er wie in seinen vier Wänden. Was fragtest du ihn?« »Ich fragte ihn, wer uns die Rätsel unseres Lebens deutet. Und er antwortete natürlich: Gott.« »Warum fragtest du, wenn du die Antwort wußtest?« lachte Beata. »Ich weiß es nicht, ich weiß nur, daß etwas an ihm mein Inneres öffnete und mich zum Fragen zwang.« »Begnügtest du dich mit der Antwort, die du im voraus wußtest?« »Nein, ich fuhr fort: ›Sich selbst deutet Gott gewiß unseres Lebens Rätsel, aber wird er sie auch uns einst deuten?‹« »Und was antwortete Löwing?« »Daß Gott sie uns oft deutet, ohne daß wir es fassen. Ich fragte, wie es käme, daß wir es nicht fassen. – Weil unsere Ohren auf andere als Gottes Stimme lauschen. – Da fragte ich, wie man lernt zu hören. – Auf dem Wege des Gehorsams. – Weiter fragte ich, wem man gehorchen soll, ehe man Gottes Stimme vernimmt, – denn er hatte ja gesagt, daß man durch Gehorsam hören lernt. Da schwieg er einen Augenblick, und ich fing schon an, mir zu schmeicheln, daß ich ihn durch die Folgerichtigkeit meiner Fragen in Verlegenheit gesetzt hätte. Aber dann erzählte er mir die Geschichte von einem Taubstummen, dessen Ohren Jesus öffnete. Er erzählte sie ohne Erläuterungen. Die habe ich mir selbst oben in der Einsamkeit gemacht. Und ich bin ihm dankbar, denn wenn ich einer Handreichung bedarf, will ich mich nicht durch andere dazu bringen lassen. Der Gedanke, selbst hinzugehen, gefällt mir. Mich wundert, daß er, der mich nicht kennt, das verstand.« »Der Einsiedler ist ein Menschenkenner; er liest den Charakter in den Gesichtszügen, wie in einem offenen Buch.« »Es wirkt befreiend, einen solchen Menschen kennen zu lernen,« sagte Wildvogel leise. »Er könnte gewiß leicht nur durch seine Persönlichkeit einen elenden Menschen auf den rechten Weg bringen.« »Hat er dir heute abend irgendwie geholfen?« »Ich habe über den Taubstummen nachgedacht,« gab Sonja zur Antwort. »Als er kam, konnte er Jesu Stimme nicht hören, und auch nicht sagen, was er wollte. Er kam einfach – und wurde geheilt. Als er zu Jesus ging, konnte er doch nur seiner eigenen Not gehorchen. Ist denn die Not an sich schon Gottes Stimme?« »Du liebe Kleine, wenn du dich wegen solchen Gedanken von uns entferntest, dann darf ich dich nicht schelten. Hast du die Lösung von des Lebens Rätsel gefunden?« »Wie sollte ich, da ich noch nicht auf dem Weg des Gehorsams bin!« sagte Sonja, und blickte wieder auf das Meer hinaus. In ihrem Innern fühlte sie aber ein so starkes Bedürfnis nach Hilfe, daß sie schließlich doch würde gehorchen müssen. War das Gottes Stimme, und wohin würde sie geführt werden, wenn sie gehorchte? 5. Lebhaft und gesellig wie sie war, hatte Sonja Reis doch ein starkes Bedürfnis nach Einsamkeit, besonders seit sie hier in Sund war, wo sie unvermutet ein sehr verworrenes Garn entwirren sollte. Die Vergangenheit und die Zukunft vereinigten sich im Brennpunkt der Gegenwart und forderten von ihr, daß sie handelte. Was aber war die richtige Handlungsweise, und wie war sie durchzuführen? Sonja liebte ihre Dachstube mit der Aussicht über das Meer, aber bisweilen fühlte sie sich dort beengt. Es genügte ihr nicht, die Natur aus der Ferne zu betrachten, sie wollte sich auch darin bewegen. An der Brücke am Ende des Gartens lag ein kleines Ruderboot, das Sonja auf ihre Bitte während ihres Aufenthaltes in Sund zur Verfügung gestellt war. Das Boot war klein und eignete sich nur, um in den Meeresarmen und Buchten umherzurudern, aber Wildvogel, die das Unbegrenzte liebte, wagte sich auch mitunter in ihrer Nußschale auf die offene See. Eines Nachmittags war sie allein draußen in ihrem kleinen Boot und ruderte planlos und ohne Ziel umher. So gelangte sie an eine kleine Insel, auf der eine Hütte durch die Bäume schimmerte. Sie lag so idyllisch, daß Sonja Lust zum Landen empfand, um zu sehen, wer da wohne. Drinnen war es nichts weniger als idyllisch. Dort herrschten Krankheit, Alter und Armut! Eine Greisin lag krank im Bett, und ihr alter Mann war keiner Hilfeleistung fähig. Ein kleines, graues, mageres Männchen mit wirrem Haar war der Greis, und seine Stimme klang alt und ergeben. – Wildvogel mit ihrem warmen, impulsiven Herzen hätte ihn am liebsten in die Arme geschlossen, aber sie sah ein, daß ihm das wenig nützen würde. Die ausgemergelte Gestalt der alten Frau und der schmerzliche Ausdruck ihres Gesichtes rührten Sonja und sie fragte, ob sie nicht nach dem Doktor geschickt hätten. »Ich war vorige Woche bei ihm und bekam Medizin für sie, das hat aber nichts geholfen,« antwortete der Greis. »Der Doktor muß hierher kommen und sie sehen.« »Ach, wir sind so alt und arm, das lohnt sich nicht, den Doktor zu bemühen,« sagte der Alte. »Ich will ihn holen, und er soll unentgeltlich kommen,« versprach Wildvogel. Sofort ruderte sie über die breite Wasserstraße zwischen den Inseln und mußte dann noch ein Stück Weges bis zum Doktorhaus gehen. Unterwegs traf sie Agnes und bat sie um ihre Begleitung. Gern willigte Agnes ein, da die Angelegenheit sie interessierte. Als sie das Haus erreichten, begegnete ihnen eine alte Frau, die Agnes sofort in Anspruch nahm und ihr so viel zu erzählen hatte, daß Sonja nicht warten wollte, sondern allein eintrat. Niemand war zu sehen, doch standen die Türen offen, so daß sie plötzlich vor Max stand, der einsam über dem Glase sah. Auf der Schwelle blieb Sonja stehen, und einige Augenblicke musterten sie einander schweigend. Max betrachtete sie mit spöttischen und herausfordernden Blicken. Es schien ihn zu freuen, daß sie gerade jetzt hierher gekommen war, und er wartete auf das, was sie sagen würde. Es war aber nicht, was er erwartet hatte. »Ich wollte dich zu einer Kranken holen,« sagte sie. »Ist jemand in Sund krank?« Er erhob sich schnell. »Es ist niemand in Sund.« »Niemand in Sund? Wer hat dich denn geschickt?« »Eine arme, alte Frau auf der Skarpinsel liegt krank und in Schmerzen. Der Mann war vorige Woche bei dir und bekam Arznei, die aber nicht geholfen hat. Wenn du hinfährst und sie siehst, kannst du ihr vielleicht etwas Besseres geben?« Sein Eifer ermattete sichtbar, und er machte eine Bewegung, als wolle er sich setzen, tat es aber doch nicht. »Der Alten ist nicht zu helfen.« »Weißt du das gewiß?« »So gut wie gewiß.« »Hast du sie gesehen?« »Die Beschreibung, die der alte Mann gab, genügte wohl.« »Kannst du auf die Beschreibung eines alten ungebildeten Mannes hin eine richtige Diagnose stellen?« »Man braucht nicht gebildet zu sein, um zu erzählen, wo es einem alten Weibe weh tut.« »Ich habe ihnen versprochen, dich zu holen.« »Das war gewagt.« »Ich dachte nicht, daß du dich weigern könntest, zu einem Kranken zu gehen, wäre er auch noch so arm.« Das Wort traf ihn, seine Augen funkelten zornig. »Du scheinst deine verhängnisvolle Neigung, das Gute in den Menschen zu überschätzen, behalten zu haben. Es ist an der Zeit, daß du sie ablegst, wenigstens mir gegenüber,« sagte er heftig. »Du bist nicht so schlecht, wie du dich machst. Max.« »Findest du das? Versuche doch, dem Schwein einzubilden, daß es sich nicht in seinem Kot wälzt, sondern fliegt,« sagte er mit steigender Erregung, und aus seinen Blicken sprach der jahrelang aufgespeicherte Groll. »Was meinst du damit, Max?« fragte Sonja leise. Ihr Herz war schwer und wund. »Eingreifen willst du jetzt wie früher und mich dazu zwingen, so zu handeln, als wäre ich besser, wie ich bin. Ich bin nicht gut, werde es nie werden und will mich auch nicht stellen, als wäre ich es. Nun weißt du, was ich meine.« Es freute ihn, ihr die Worte zuzuschleudern, als wären es Dolche, und ihre Wirkung zu beobachten. Sie verharrte im Schweigen, und er konnte den Triumph der Schadenfreude feiern. Und er tat es gründlich, wenn auch kurz, denn bald sprach er wieder in einem ganz veränderten Ton. »Wo hast du dein Boot?« »Mein Boot?« fragte sie, und sah ihn wie geistesabwesend an. »Du kommst ja von der Skarpinsel, da mußt du doch ein Boot haben.« »Das Boot liegt in der östlichen Bucht.« »Komm denn.« »Willst du wirklich mit zu der Kranken fahren?« rief sie erstaunt aus. »Du hast eine schöne Meinung von mir! Hältst du mich wirklich für einen so pflichtvergessenen Arzt, daß ich der Aufforderung, zu einem Kranken zu kommen, nicht Folge leistete?« Sie sah ihn erstaunt über den plötzlichen Wechsel an, aber dann gab sie den Versuch des Verstehens auf und schlug auch einen anderen Ton an. »Dann laß uns gehen,« sagte sie heiter. Aber in der Tür stand sie still und sah zurück nach der Flasche auf dem Tisch. In ihren blauen Augen funkelte es, wie von Übermut und Entschlossenheit. »Du bist aber ungastlich, sitzt und pflegst dich selbst und bietest mir nicht einmal einen Tropfen an,« sagte sie. Er ließ sich von der unerwarteten Forderung nicht verblüffen, sondern holte ein Glas. »Bitte schön!« »Das ist nicht nötig, ich trinke am liebsten aus der Flasche. Gibst du mir den ganzen Rest?« fragte sie lachend, und hielt die Flasche vor ihm in die Höhe. »Psyche in der Rolle einer Bacchantin!« murmelte er halb belustigt, halb peinlich von dem Anblick berührt. »Gibst du mir den ganzen Rest?« wiederholte sie. Jetzt durchschaute er ihre Absicht. »Es gibt noch mehr auf der Insel,« antwortete er spöttisch. »Vielleicht gibt es aber für dich nicht mehr, Max!« sagte sie kühn. Er errötete bei dieser direkten Andeutung. »Wie lange soll die Kranke warten?« fragte er. »Nicht mehr lange,« antwortete sie und warf die Flasche zur Erde, so daß sie zerbrach. Dann sammelte sie die feuchten Glasscherben auf und legte sie auf einen kleine Tisch in der Ecke der von dem Platz aus, wo Max gesessen hatte, sichtbar war. »Laß nur die Scherben ruhig liegen, sie werden doch nicht mehr gebraucht.« »Wenn es dir Vergnügen macht, in meiner Wohnung alles drüber und drunter zu werfen, so will ich dafür sorgen, daß niemand nach dir aufräumt.« »Willst du sie ansehen und dich dadurch warnen lassen?« Er lachte laut auf. »Es ist ein höchst originelles Warnungszeichen, das du für gut findest, mir zu hinterlassen!« Sie wandten sich der Tür zu, um zu gehen, und da stand Agnes plötzlich vor ihnen. Beide hatte der Auftritt so in Anspruch genommen, daß sie ihr Kommen nicht bemerkt hatten. Wie sie dastand im Abendschein, der zu Tür und Fenster hineinströmte, sah sie aus, als wäre sie in Gold gefaßt. Goldig schimmerte das braunlockige Haar, wo der Sonnenschein darauf fiel, wie Gold glänzten die schwarzbraunen Augen, Gold lag auf ihrer sonnengebräunten Haut, und daß ihr Herz und ihr Charakter von Gold waren, das wußte jeder, der sie kannte. Wieviel hatte sie von dem Auftritt gesehen? Die Frage drängte sich sowohl Sonja wie Max schwer aufs Herz, aber er überwand seine Verlegenheit am schnellsten. »Ist das nicht ein prachtvoller Schmuck, der mir da geworden ist?« fragte er und deutete auf die Scherben. Agnes lachte und warf einen raschen, mitfühlenden Blick auf Sonja. »Eine Gabe erhält Wert durch den, der sie uns gegeben hat, und warum sie uns gegeben wurde,« antwortete sie. »Von dem Standpunkt betrachtet, habe ich in meinem Hause nichts Wertvolleres, als den Haufen Scherben,« versicherte der Doktor mit einer kleinen Verbeugung gegen Sonja und einer halbgutmütigen Schelmerei im Blick. Alle drei machten sich jetzt auf den Weg nach der Skarpinsel und hatten eine angenehme Fahrt, ohne jeglichen Mißton. Der Doktor machte witzige und lustige Bemerkungen und war freundlich und weniger spöttisch wie gewöhnlich. Bei der Kranken war er umsichtig und sorglich, und man merkte deutlich, daß er sein Bestes tun wollte. Agnes half ihm bei der Untersuchung, und es wurde Sonja klar, daß sie die freiwillige Krankenpflegerin der Insel war und dem Doktor in seiner Praxis oft zur Hand ging. »Ich allein habe sie angelernt, und ich habe alle Ursache, stolz auf den Erfolg zu sein,« sagte er. Später begleitete er die Damen nach Sund und war den ganzen Abend angenehm und liebenswürdig. »Es ist klar, daß es ihm gut getan hat, einmal sein Mütchen an mir zu kühlen,« dachte Wildvogel, von ihrem Tagewerk befriedigt. 6. Der zum Gottesdienst bestimmte Raum liegt auf der großen, sturmumbrausten Insel nicht auf einer Anhöhe, sondern im Schutz am Fuße einer solchen. Und das ist auch nötig, denn die Kapelle ist baufällig und die Meeresstürme stark. Anspruchslos erheben sich die Mauern und werden von einem einfachen Dach überragt, das nicht einmal den Ansatz eines Turmes trägt. Alle Häuser der Insel sind niedrig, der Wind hat ihnen einen solchen Respekt eingeflößt, daß sie sich nicht zu erheben wagen. Nicht einmal der Tempel Gottes ist höher als die anderen Gebäude, deshalb darf er auch keinen Turm haben, sondern trägt seine Glocken an einem nebenan stehenden Gerüst. Das Gerüst ist alt, niedrig und breit und ähnelt eher einer runden Sturmhaube als einem Turm. Aber klangvoll sind die Glocken und senden ihre heilige Stimme in schöner Harmonie weit über Inseln und Wasser. Der einzige äußere Schmuck der Kapelle besteht aus dem vergoldeten Holzkreuz am First über der Eingangstür. Es ist nur klein und niedrig, aber dauerhaft und gut befestigt. Ein unbekannter Arbeiter aus vergangenen Geschlechtern hat es verfertigt und festgeschmiedet und seine Sache gut gemacht. Er dachte wohl in dem zähen Glauben und der hartnäckigen Frömmigkeit alter Zeiten, daß kein Sturm vom Meere imstande sein würde, es der Wohnung Gottes unter den Menschen zu entreißen. Vor der Welt sieht es nicht nach viel aus mit seiner nachgedunkelten Vergoldung und schmucklosen Form, aber es steht fest. Außen und innen ist die Kapelle einfach. Als Sonja sie das erstemal besuchte, betrachtete sie das Altarbild eingehend. Es ist kaum so alt, daß seine Häßlichkeit schön genannt werden könnte, und doch ist seine Häßlichkeit aus einem anderen Grunde schön. Sie grübelte lange darüber, warum wohl das häßliche Bild anziehend war. Schließlich betrachtete sie es so, wie man wohl den guten Willen in einem Werk ansieht, und da wurde ihr seine Schönheit klar. Glaube und Frömmigkeit hatten es gemalt. Der erste Gottesdienst in der kleinen, dürftigen Kapelle versetzte sie in eine wunderbare Stimmung. Er hob sie zu Gott empor, und sie sah gewissermaßen von seinem Standpunkt die dürftigen Gebete der Menschen und ihre armseligen Versuche, sich ihm huldigend zu nähern. Sie hatte schon viele stattliche Domkirchen gesehen, mit duftenden Weihrauchwolken im Dämmerlicht und mit hohen Chören, aber ihr schien, als müsse diese kleine Kapelle in Gottes Augen höher stehen. Was liegt Gott an der Höhe unserer Kirchtürme und Mauern, oder an der Vergoldung unserer Kreuze, was liegt ihm an der Kunst der Altargemälde, die unsere Tempel schmücken? Was ist das Schönste auf Erden dem, der in unnahbarem Lichte wohnt? Der gute Wille bei unseren Taten, der Glaube in unseren Gebeten, Aufrichtigkeit unseres Herzens – darin sieht er den Widerschein seines Wesens in uns. Dieser Widerschein war hell und stark in der kleinen Kapelle, und in dem, der darin redete. Das erstemal ging Sonja eigentlich nur zum Zeitvertreib dorthin, aber schon bei dieser ersten Bekanntschaft wurde ihr der Ort lieb, und die Predigt fesselte ihre Aufmerksamkeit so sehr, daß sie sich selbst darüber wunderte. Was sie hörte, drang in ihr Herz und blieb dort haften. 7. In alten Zeiten geschah es wohl, daß ein greiser Kämpfer, der die Eitelkeit des Streites und die Größe des Friedens eingesehen hatte, sich zurückzog und seine Wohnung in einer einsamen Höhle aufschlug, um dort sinnend zu sitzen, das Gesicht auf das Meer gerichtet, dessen Wogen das Drachenschiff der Streitertage seines Wikingerlebens durchfurcht hatte. Glorreich waren die Tage junger Kraft, als ein Kampf den anderen ablöste und Ehre und Beute errungen wurden. Wohl spannten sich die Muskeln seiner Arme noch kräftig und seine hochgewachsene Kriegergestalt war noch ungebeugt, aber nicht mehr nach Kampf, noch nach lärmenden Trinkgelagen stand sein Sinn. Er liebte nur noch die Einsamkeit, und wenn die Sterne in der Unendlichkeit über dem Meer glitzerten, dann blicke der Einsiedler in den ewigen Frieden. Wohl zogen die Wikingerschiffe noch an seiner Höhle vorüber, und draußen auf dem Meere herrschte der Kampf wie früher. Der Lärm des Menschenlebens erreichte sein Ohr, aber nur wie ein Echo, und was er sah, stellte sich ihm dar wie lebende Bilder, deren Text er sich selber schuf. Er selbst stand jenseits des Treibens in seiner großen Einsamkeit. Das geschah, als die Morgenröte des Christentums über dem Lande aufging; und das kann auch heute noch geschehen, obwohl die Zeiten zu nüchtern sind, um einen Einsiedler für heilig zu halten, und er selbst zu aufgeklärt, um sich von den Menschen zurückzuziehen. Sie erkennen ihn nicht als Einsiedler an, er ist ja mitten unter ihnen, aber nichtsdestoweniger lebt er sein Leben allein mit Gott. Auch auf der Insel befand sich ein solcher Einsiedler, Birger Löwing. Vor sieben Jahren war er dorthin gekommen, niemand wußte woher, aber die, welche über ihn nachdachten, meinten, daß er aus einem stürmischen Leben und dem völligen Zusammenbruch heraus geflohen sein müsse. Vielgestaltig schienen die Erinnerungen, die in der Einsamkeit nachreiften. Kräftig und ungebrochen, hatte er doch etwas an sich, das darauf hindeutete, daß er des Lebens in der großen Stadt überdrüssig geworden sei und seinen Sinn ganz auf das Ewige gerichtet habe. Vom ersten Augenblick an umfaßte Frau Beata Hök ihn mit ihrem großen, warmen und neugierigen Interesse. Gewohnt, daß sich ihr selbst die verschlossensten Menschen nach und nach erschlossen, zweifelte sie nicht daran, daß sie bald alles über den Sonderling erfahren würde. Er fühlte sich auch zu ihr hingezogen, erwiderte ihre Freundlichkeit dankbar und fühlte sich in Sund wie zu Hause. Ihre Lebhaftigkeit verlockte ihn auch bisweilen zu angeregter Unterhaltung, wobei er große und tiefe Lebenserfahrung, klare Gedanken und warmes Gefühl verriet, aber weder etwas von seiner Vergangenheit, noch von seinen Verhältnissen. Darüber erfuhr Frau Beata nur, daß er ein Geschäftsmann gewesen war, ehe er Geistlicher wurde, und daß er jetzt seine erste Predigerstelle inne hatte. »Warum wurden Sie Prediger?« konnte sie sich nicht enthalten eines Tages zu fragen. Er zögerte etwas mit der Antwort, und Frau Beata errötete, denn sie empfand die kleine Zögerung als Vorwurf wegen ihrer Aufdringlichkeit, obgleich nichts in seinem Verhalten oder seinem Aussehen verriet, daß er es so gemeint hatte. »Ich hatte das Gefühl, daß ich des Vorrechts und der Heiligkeit des Amtes bedurfte, um den Menschen die Hilfe bringen zu können, die mir selbst zuteil geworden war,« antwortete er einfach. Beata brannte vor Eifer, mehr zu fragen, aber etwas Zurückhaltendes in seinem Ton und seiner Haltung schien, ihm selbst unbewußt, weiterer Annäherung eine Grenze zu setzen. Nicht einmal sie wagte diese unsichtbare, aber fühlbare Grenze zu überschreiten. Es war charakteristisch für Beata, daß sie trotz aller vergeblichen Versuche, ihre Niederlage nicht einmal sich selbst eingestand, sondern sich für die Vertraute des Einsiedlers hielt. Wahrscheinlich deshalb, weil er ihre Gesellschaft gern aufsuchte und mitunter lange Zeit schweigend bei ihr sitzen konnte; dies Schweigen sah sie für einen Beweis seines Vertrauens an. Auch gewährte es ihr Befriedigung, daß man sie allgemein für seine Vertraute hielt. Man wunderte sich allerdings darüber, daß sie niemals etwas über ihn erzählte, als was alle Welt wußte, vermutete aber, daß sie sein Vertrauen gut bewahre. Aber gerade auch darüber wunderte man sich, denn Verschwiegenheit gehörte nicht gerade zu Frau Beatas Tugenden. Sie freute sich nämlich zu sehr über ihre Gabe, die Leute dahin zu bringen, ihr einen Einblick in ihr Innerstes zu gewähren, und war zu stolz darauf, um nicht damit zu glänzen. Als Beweis für diese Gabe deutete sie gern ein oder das andere an, in das man ihr Einblick gewährt hatte. Aber da ihr eine solche Andeutung in bezug auf Birger Löwing niemals entschlüpfte, so erfuhren die Leute nicht mehr durch sie, als durch ihn selbst. Des Einsiedlers rotes Haus lag einsam und schön auf einem Felsen mit der Aussicht auf das offene Meer. Er liebte die körperliche Arbeit und hatte schon im ersten Jahre Erde herbeigeschafft, Blumenbeete angelegt und Sträucher und Bäume gepflanzt, so daß es im Sommer um seine Wohnung blühte und sang und summte. Vor seiner Haustür hatte er einen überdachten Vorbau errichtet, getragen von zwei geschnitzten Säulen. Außerdem hatte er noch eine Bank an der Mauer neben dem Vorbau gezimmert, denn er liebte es, kein Dach über sich zu haben, sondern nur den hohen Himmel, wenn er, mit dem Blick auf das Meer gerichtet, sinnend, lesend, oder auf seiner Flöte blasend, da saß. Hier bei ihm auf der Bank waren die Bekümmerten immer willkommen und konnten ihre Sorgen frei aussprechen, ohne Furcht, von Unberufenen gehört zu werden, denn Stina, die einzige, die das Häuschen mit ihm bewohnte, war beschränkt und schwerhörig und nicht imstande, etwas aus Gesprächen anderer aufzufangen. Was sie fassen sollte, mußte man ihr mühsam einprägen. Niemand konnte begreifen, warum der Pastor Stina als Dienerin angenommen hatte, wenn nicht um ihres Elends willen. Sie hatte in einer elenden Baracke gewohnt und sich ihren Lebensunterhalt mit Besenbinden und anderen kleinen Arbeiten verdient, bis er sie fand und sie als Haushälterin bei sich anstellte. Alle prophezeiten, daß er seine Barmherzigkeit bald bereuen würde, aber man täuschte sich. Löwing besaß Menschenkenntnis und erblickte in der armen Stina Möglichkeiten, an die kein anderer auch nur im entferntesten dachte. Er bat eine tüchtige und willige Lotsenfrau, bei der er zu Anfang seines Aufenthaltes auf der Insel in Kost gewesen war, Stina anzulernen. Dazu war die Frau willig, und es zeigte sich, daß, wenn Stina einmal etwas erfaßt hatte, es für alle Zeiten festsaß. Und niemand konnte treuer in ihren Pflichten sein als Stina, nachdem sie begriffen hatte, was von ihr gefordert wurde. Eine aufopferndere Dienerin als sie es war, hätte der Pastor niemals bekommen können. Das war zu Anfang von Löwings Aufenthalt auf der Insel. Die Leute merkten, daß der Sonderling ein gutes Herz habe. Es fehlte Stina nicht an Schicksalsgenossen, die versuchten, ob dies Herz groß genug sei, um auch ihnen Raum zu gewähren. Und siehe da, es war groß genug. Nach diesen Letzten der Insel, die im Hilfesuchen die Ersten gewesen waren, kamen andere, und bald hatte sich der Ruf bestätigt, das tatsächlich niemand ungehört von Birger Löwing fortgeschickt wurde. Seine Geldmittel waren sehr beschränkt, aber seine Erfindungsgabe, wenn es galt, Rat zu schaffen, war unbegrenzt. Schon seine Art, die Not anderer auf sich zu nehmen, hatte die Kraft, den hoffnungslosesten wieder Mut zu machen. Nicht nur die im Kampf um das tägliche Brot Erlahmten und Erlogenen wandten sich an ihn, obgleich es zuerst meist solche waren. Auch andere kamen mit ihren verschiedenen Sorgen, und für alle hatte er ein lebhaftes Interesse und ein reiches Verständnis. Man merkte deutlich, daß er in seinem Leben viel durchgemacht haben müsse, um sich so in die Erfahrungen und Sorgen verschiedenster Art versetzen zu können. Die Verschwiegenheit, die man ihm zuerst verargt hatte, flößte nach und nach Vertrauen ein. Man sagte sich, daß derjenige, der über sich selbst schwieg, auch über die Angelegenheiten anderer schweigen würde. Und man täuschte sich nicht. Sein nach innen gewandter kluger Blick vertiefte sich mit den Jahren infolge der vielen Lebensschicksale und verborgenen Kämpfe, in die er eingeweiht wurde und mit Rat und Tat und Fürbitte eingriff. So wurde seine Einsamkeit mit Gott mehr und mehr durch Fürsorge für alle die angefüllt, die er zu Gott wies oder auch mit vertrauensvoller Fürbitte um Hilfe vor Gott vertrat. »Du hast mich gesandt, um von dir zu zeugen, und das habe ich getan. Zeige, daß du meinem Wort von dir mächtig beistehst, und laß dich von denen finden, die dich auf meine Ermahnung hin suchen. Laß nicht ihr, wenn auch schwaches, Vertrauen zuschanden werden. Bekenne dich zu deinem Werk durch mich, heiliger Vater!« So lautete oft seine kühne Rede im Alleinsein mit Gott, wenn er dem Herrn bald des einen, bald des anderen Sache vorlegte, im Bewußtsein der eigenen Unvollkommenheit und überwältigt von der unübersehbaren Größe der Aufgabe. Die, welche es nicht über sich bringen konnten, ihn persönlich aufzusuchen, hörten ihn in den Versammlungen. Dorthin kam er aus seiner Einsamkeit mit Gott und gab die Gedanken wieder, die ihm dabei unter des gestirnten Himmels Glanz und Mannigfaltigkeit aufgegangen waren. Seinen Meister vor Augen, redete er, was dieser ihm eingab, und sein Streben ging dahin, in klarer und lebendiger Gemeinschaft mit Gottes Geist zu stehen, weil er nichts anderes sein wollte als seines Herrn Stimme. Die Folge hiervon war, daß auch die geheimsten Anliegen, mit denen sich die Hörer mühten, nicht ohne Beistand blieben, selbst, wenn der Redner keine Ahnung von der Frage, die er beantwortete, oder der Not, der er abhalf, hatte. Nur das allsehende Auge sah, nur er, der durch seinen Diener gab, wußte, daß Kraft ausging. Nur er und noch einer – der, welcher mit scheuer Hand den Saum des Kleides berührte und die ausströmende Kraft empfand. Aber der Diener, der das vermittelnde Glied zwischen Gott und dem im geheimen Suchenden war, wußte nichts davon. Er forschte auch nie nach dem Erfolg seiner Arbeit. Wenn er ihn einmal erblickte, freute er sich und war dankbar, aber er hütete sich wohl, sich das anzurechnen, was er tun durfte. Die Arbeit war ihm Bedürfnis, er lebte nur dafür, sie treu auszuführen, den Fortgang und den Erfolg aber überließ er Gott. Er war nur das Werkzeug und die Stimme seines Herrn. Diese Stimme erreichte Sonja Reis und drang so tief in ihr Inneres, wie sie es bisher nicht für möglich gehalten hatte. Schon bei ihrem ersten Zusammentreffen mit dem Einsiedler hatte sie den Eindruck empfangen, daß er einer von denen sei, die ihr im Leben begegnen mußten, und dieser Eindruck gewann an Stärke, je mehr sie von ihm hörte und sah. Es war auch, als brauchte sie ihn, diesen Diener Gottes, der nichts anderes war und sein wollte, als seines Herrn Stimme, an dem Scheideweg ihres Lebens, den sie eben jetzt erreicht hatte. Gott selbst redete durch ihn sein umgestaltendes Wort zu ihr, und sie lauschte schweigend und demütig in ihrem Innern. 8. Der Einsiedler hatte etwas von einem Dichter an sich, und daher wurde seine Predigt auch mitunter zu einer Schilderung, so farbenreich und lebendig, daß die Handlung des Textes, der vor vielen Jahrhunderten entstanden war, so hervortrat, als sei alles eben erst geschehen. Dann wurde er selbst beseelt von dem, was er erblickte, sein leuchtendes Auge schaute in weite Fernen und seine Stimme klang wohllautend und mächtig. So stand er an einem sonnigen Sonntag und redete, wie es ihm eingegeben wurde, und der Geist schwebte schaffend über dem Wort. Er sprach über die vier Männer, die den Gelähmten zu Jesus trugen, ihn aber hinter Mauern und Volksmengen nicht erreichen konnten. Ihre Unruhe und Mutlosigkeit über die großen Hindernisse nahm für den Hörer die Gestalt seiner eigenen Stellung vor dem Hindernis aus seinem eigenen Wege an, und die Angst des Lahmen wurde zu der eigenen Angst dessen, der sich irgend einem Erfordernis des Lebens gegenüber ohnmächtig fühlte. Aber die vier ließen sich nicht abschrecken. Ihr Vorsatz, trotz allem durchzudringen, wuchs mit den Hindernissen. O, wie muß der Lahme sie dafür gesegnet haben! Sie ließen sich nicht abschrecken, sie hielten Rat, sie überlegten, sie konzentrierten ihr ganzes Denkvermögen auf die eine Frage: Wie können wir Jesus erreichen? Der Scharfsinnigste von ihnen fand einen Ausweg. Oder war es vielleicht der wenigst Scharfsinnige, der wenigst Begabte? Wer weiß es? War er es aber, so muß er auch am meisten geliebt haben, denn ist die Liebe nicht erfinderischer als der Verstand? Dann vereinten die vier ihre Kräfte und drangen durch, denn es wurde ihnen geholfen, und sie besaßen den Glauben, der über Mauern springt und Dächer abdeckt und seine Bürde vor des Meisters Füße legt. Sonja sah neben Agnes und hatte das Gefühl, als wäre jedes Wort an sie gerichtet, wenn auch nicht von dem, der sprach, so doch von dem, dessen Stimme er war. Draußen auf dem Kirchhof wurde Agnes aufgehalten, und Sonja sah, wie die Blicke ihr entgegenstrahlten und wie ihre Hand gedrückt wurde, so wie nur die geliebte, warme Hand gedrückt wird. »Ist der Pastor noch nicht herausgekommen?« fragte Agnes und blickte sich suchend um, als sie endlich freigelassen wurde. »Ja, er ist herausgekommen und fortgegangen,« antwortete Sonja. »Warum sagtest du mir das nicht? Mama hatte mir aufgetragen, ihn zum Mittagessen einzuladen.« »Wie konnte ich das wissen, du hattest mir ja kein Wort davon gesagt.« Agnes lachte verlegen, als wolle sie Sonja um Verzeihung bitten. »Wie ärgerlich, daß ich nicht aufpaßte,« sagte sie. »Wir können zu ihm gehen, er wohnt ja in der Nähe.« »Es bleibt uns wohl nichts anderes übrig,« sagte Agnes zögernd, als suche sie einen anderen Ausweg. Langsam ging sie den Weg entlang, aber als sie den kleinen roten Hof zu Gesicht bekamen, erhellten sich ihre Züge. Die Fenster, die in der Sonne blitzten, sahen auf das spiegelglatte Meer hinaus. Die rote Farbe lachte im Sonnenlicht, und alles blühte und sang rings um des Einsiedlers Wohnung. »Dort auf der Bank haben viele Bekümmerte gesessen, und vielen Ratlosen ist dort Rat erteilt worden,« sagte Agnes und deutete auf die kleine, viel benutzte Bank neben dem Eingang. Sonja sah verlangend auf die Bank. »Wenn ich mich nun versuchsweise dahin setzte, glaubst du, daß er dann kommen würde und mir Rat geben?« Der Ton war leicht, aber er verbarg eine tiefe Bewegung. Agnes sah Sonja mit rücksichtsvoll fragendem Blick an. »Bedarfst du des Rates, dann kannst du ihn am besten hier bekommen,« sagte sie. Sonja setzte sich auf die Bank. »Geh jetzt hinein und richte deinen Auftrag aus. Ich werde hier warten.« An der Tür zögerte Agnes. »Soll ich ihn bitten, zu dir herauszukommen?« »Wenn er zufällig kommt – aber nein, tue es nicht.« Agnes ging hinein und ein tieferes Rot färbte ihre Wangen, aber niemand sah es. Nach einem Weilchen kam sie wieder heraus in Begleitung Birger Löwings. »Hast du es gewagt?« fragte Sonjas Blick vorwurfsvoll. Aber als er Sonja auf der Bank erblickte, war ihm deutlich anzusehen, daß Agnes nichts gesagt hatte. Er hatte nicht erwartet, jemand hier zu finden, und zerstreut, wie er war, fiel es ihm gar nicht ein, daß die beiden zusammen gekommen sein könnten. Er verabschiedete sich von Agnes und ging grüßend auf Sonja zu, wie er es gewohnt war, wenn ein Besuchender ging und ein anderer kam. Agnes tat, als wolle sie vorausgehen, um Sonja im Walde zu erwarten, aber die sprechenden Augen der letzteren sagten ihr, daß sie gern bleiben könne. Ihr Blick sagte deutlich: »Was hätte ich ihm wohl zu sagen, was du nicht hören dürftest.« Und Agnes blieb daher auf der Schwelle des Hauses stehen. Löwing setzte sich neben Sonja auf die Bank und wartete auf das, was sie ihm zu sagen hätte. Doch da bemerkte er, daß Agnes wartend dastand, und nun wurde ihm klar, daß die beiden zusammen gekommen waren. Schnell stand er auf. »Setzen Sie sich, Fräulein Agnes!« Er wandte sich an Wildvogel: »Ich überlegte mir nicht, daß Sie zusammen gekommen wären und daß Sie hier draußen auf Ihre Freundin warteten, sondern glaubte, daß Sie mit mir sprechen wollten.« »Das wollte ich auch, – wenn ich nur wüßte, wie ich anfangen soll?« Er blickte sie aufmerksam an, und sie hatte das deutliche Gefühl, als wüßte er, was sie auf dem Herzen habe. In seinem Blick und Schweigen lag Ermunterung, und Sonja fuhr fort: »Es waren vier Männer, denen durchgeholfen wurde, und der Gelähmte wollte zu Jesus. Wie soll man es anfangen, wenn man einsam und ohnmächtig ist und einen gelähmten Freund hat, dem selbst nichts daran liegt, geheilt zu werden?« »Sind Sie so sicher, daß Sie einsam und ohnmächtig sind, und daß der Gelähmte nicht doch in seinem Herzen den Wunsch hegt, geheilt zu werden?« »Sicher? Nein, sicher bin ich nicht.« »Nicht einmal, was den Meister betrifft?« »Er ist von hohen Mauern umgeben, und viele Leute versperren den Weg,« sagte Sonja unsicher. »Es gibt einen Sieger, der überwindet: Der Glaube.« »Wenn ich aber nun keinen habe?« flüsterte Sonja. »Das Bedürfnis, Hilfe zu erlangen, wenn die eigene Kraft vor der Not versiegt, ist eine Fackel, die den Glauben entzündet,« sagte der Einsiedler mit der ruhigen Überzeugung derer, die das, was sie sagen, selbst durchlebt und erfahren haben. Alle drei schwiegen, aber es war ein fruchtbringendes Schweigen. Sonja fühlte, daß sie mit ihrer Sorge nicht mehr allein stände, die beiden anderen waren ihr zur Seite. Sie fühlte starke, helfende Hände, die ihre Bürde mit anfaßten, und ein gemeinschaftliches Vordringen zum Meister. Sonja blickte von der einen zum anderen. Die Sonne schien hell und warm auf sie, und fast wollte es ihr scheinen, als ginge auch von ihnen ein Licht aus. Sie war zu schüchtern, um den Wunsch auszusprechen, der sich in ihrem Herzen regte, daß sie für sie beten möchten. Sie waren ja so vertraut mit dem Gott, dessen Kraft sie bedurfte, dem gegenüber sie sich aber fremd fühlte. Sie stand auf, um zu gehen und reichte Löwing mit dankbarem Blick die Hand. Er drückte sie herzlich und sah sie an, und wieder hatte sie die Empfindung, als wisse er mehr von ihr und ihrer Sorge, als sie ihm gesagt hatte. Aber wie war das möglich? War er in der Einsamkeit mit Gott hellsehend geworden? Still legten Agnes und Sonja den Heimweg zurück. Sie waren einander nahe gekommen, aber noch war diese Annäherung so zart, daß ein Wort sie zerstört haben würde. 9. In Sund wurde ein Abschiedsfest für Ebba gefeiert, die am folgenden Tage mit einigen Kameradinnen nach Dalekarlien abreisen sollte, um von dort eine Fußreise zu unternehmen. Das Fest war der Insel, Frau Beatas und des Meeres würdig. In drei Booten ruderte man über die spiegelglatte Wasserfläche nach der Skarpinsel. Alles aus Sund war mit, außerdem der Doktor mit seinen beiden Buben und Fabians und Ebbas jugendlicher Freundeskreis. Sogar der Pastor hatte seine Einsamkeit verlassen, um sich der fröhlichen Gesellschaft anzuschließen. Zufällig hatte Frau Beata gehört, daß eine arme alte Frau auf der Insel Skarp krank läge und hatte deshalb Agnes beauftragt, einen großen Korb voll Lebensmittel zu packen, so daß es für beide Alte eine Weile reichlich genügte. Groß war die Freude der kranken Greisin und ihres Mannes über die reichlichen Vorräte und über den unerwarteten Besuch des Doktors, wie den des Pastors. Es war in der Tat ein Freudentag für sie. Der Doktor hielt sich nicht lange in der Stube auf. »Ich kann nichts weiter tun, als den Fortschritt der Krankheit feststellen,« sagte er, als er wieder herauskam. »Das muß sehr niederschlagend sein,« bemerkte eines der jungen Mädchen. »Weshalb? Ich bin nicht der einzige, der gezwungen ist, die Flagge vor dem Tode zu streichen,« erwiderte er und zündete sich eine Zigarre an. Nun ging der Pastor zu der Kranken, und Agnes sah ihm nach, bis er verschwand, dann glitt ihr Blick flüchtig über den Doktor. Er bemerkte es und erriet ihre Gedanken. »Aha!« sagte er, halb überlegen, halb gutmütig lachend. Agnes sah ihn fragend an. »Ich habe Ihre Gedanken gelesen!« »Was dachte ich denn?« fragte Agnes, leicht errötend. »Scheuen Sie sich, es auszusprechen?« fragte er mit einem interessierten und forschenden Blick. Agnes errötete noch tiefer, überwand aber ihre natürliche Zurückhaltung. »Nicht alle werden gezwungen, die Fahne vor dem Tode zu streichen,« sagte sie. »Meinen Sie, daß Löwing die alte Frau retten kann?« fragte der Doktor halb spöttisch. Er wußte wohl, was Agnes meinte, aber es machte ihm Spaß, sie dahin zu bringen, das auszusprechen, was sie am liebsten in sich verschlossen hätte. Es war nicht leicht für sie, denn nicht nur der Doktor hörte zu, sondern die ganze Jugend umstand sie, gespannt lauschend. »Nicht er, aber derjenige, dem er dient,« antwortete Agnes schnell und leise. »Kein Glaube kann wohl den Tod aufhalten,« beharrte der Doktor und blies große Rauchwolken aus seiner Zigarre, während er Agnes belustigt mit halbgeschlossenen Augen beobachtete. »Der Stachel des Todes ist zerbrochen, und es gibt ein ewiges Leben,« antwortete Agnes. Sie sprach gezwungen, augenscheinlich von einer inneren Macht getrieben, dies Bekenntnis zu äußern, das dadurch eine wunderbare Kraft gewann. Niemand konnte ein Wort dagegen sagen, wie sie so demütig dastand und ihren Glauben bekannte. Der Doktor betrachtete sie sinnend und strich die Asche von seiner Zigarre. »Es ist niemand verwehrt, zu glauben und zu hoffen, aber zu behaupten, daß man etwas von dem Zustand nach dem Tode wisse, ist vermessen,« sagte er mit größerem Ernst als vorher. »Kann es vermessen sein, zu behaupten, daß man das weiß, was Gott selbst uns gesagt hat?« fragte Agnes. Der Doktor sah sie an und zog die Augenbrauen fragend in die Höhe. Agnes beantwortete die stumme Frage mit einem Bibelspruch. »Wir wissen aber, so unser irdisch Haus dieser Hülle zerbrochen wird, daß wir einen Bau haben, von Gott erbauet, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel,« sagte sie und betonte das »wissen« leicht. Wenn ich mich nicht irre, so ist es Paulus, der das gesagt hat. Ist denn Paulus Gott selbst?« Bei diesem Einwand flammte es in Agnes' milden Augen auf. »Wenn Paulus nicht genügt, dann hören Sie die Stimme von Gottes eingebornem Sohn! Am Kreuz sagte er zu dem sterbenden Schächer: ›Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein.‹« Agnes sah den Doktor an, fühlte aber zu gleicher Zeit die Blicke, die einige der jungen Leute austauschten, und empfand die Verlegenheit, die sich in manchen Gesichtern spiegelte, als sie die Bibelsprüche anführte. Man war doch nicht in einem Bethaus! Sie fühlte das Peinliche und wunderte sich über die Freude, die vor einem Wort von Gott und der Ewigkeit verstummte und sich verbarg. Im selben Augenblick wurde Agnes von ihrer Mutter abgerufen, die gar nicht begriff, warum keine ihrer Töchter ihr beim Auftischen der mitgebrachten Vorräte unter den weißstämmigen Birken behilflich war. Sie freute sich, daß ein weiteres Gespräch dadurch abgebrochen wurde und schickte einen stummen Seufzer über ihre eigene Schwachheit zu ihrem geliebten Meister empor. Sie tat einen Blick in sein allsehendes Auge mit der Bitte um Gnade und Vergebung für die Unvollkommenheit, mit der sie Zeugnis von ihm abgelegt hatte. Aber sie fühlte den inneren Zusammenhang mit ihm besonders stark, und seine Liebe erfüllte sie mit heimlichem Glück. Von allen ungesehen, war er ihr nahe, und in ihrem Innern lauschte sie seiner geliebten Stimme, die ihr besonders galt. Sonja saß still und in sich gekehrt mitten unter der Jugend, die die ernste Stimmung schnell abgeworfen hatte und so munter war wie vorher. Sie dachte an die Unterredung zwischen dem Doktor und Agnes und hätte gern gewußt, was Max damit beabsichtigte. Agnes hatte ihre aufrichtige Bewunderung errungen. Es entging ihr nicht, daß die jungen Mädchen mehr nach des Doktors Aufmerksamkeit strebten, als nach der der jüngeren Herren. Einige von ihnen waren so zudringlich, daß Sonja sich für ihr ganzes Geschlecht schämte. Sie fand auch, daß Max sich abweisender verhalten könnte, aber statt dessen scherzte er mit ihnen, und ermunterte sie dadurch. Für sie selbst hatte er weder Augen noch Ohren, wenigstens schien es so. Aber seine Nichtbeachtung war eigentlich zu auffällig, um echt zu sein. Sie hatte das Gefühl, als beobachte er sie, ohne sie anzusehen. Mittlerweile war das Mahl hergerichtet, und alle sammelten sich unter den Birken, mit Ausnahme des Pastors, der noch in der Hütte weilte. »Geh doch und hole Pastor Löwing, Agnes,« sagte Frau Beata. »Er wird schon kommen, sobald er kann,« antwortete diese. »Eigentlich hätte er Zeit gehabt, sich auszusprechen, « bemerkte Ebba. »Es ist doch nicht gut für Kranke, wenn man so ewig mit ihnen spricht, nicht wahr, Herr Doktor?« »Sie muß doch sterben, darum macht es ja nichts, wenn er es beschleunigt,« antwortete der Doktor. Ebba stand auf. »Komm, Sonja, wir wollen ihn holen.« Sonja folgte. In der Tür der Hütte begegneten sie ihm. »Wir wollten Sie eben holen, Herr Pastor,« sagte Ebba. »Ach, Sie haben wohl gewartet?« »O nein, durchaus nicht,« antwortete Ebba und deutete lachend auf das Birkengehölz. Langsam gingen sie auf die anderen zu, aber Pastor Löwing sah aus, als weile er noch in der Welt, mit der er sich eben beschäftigt hatte. »Ist es nicht schwer, mit einem Sterbenden zu reden?« fragte Ebba in einem so gleichgültigen Ton, als erkundige sie sich danach, ob es schwer wäre, Hebräisch zu lernen. »Es ist verantwortungsvoll,« antwortete der Pastor. Alle drei waren wie in schweigendem Übereinkommen stehen geblieben. Die See lag so ruhig und schön vor ihnen, und das Abendlicht über der weiten Fläche mit ihren Inseln und Klippen gewährte einen bezaubernden Anblick. »Ist es verantwortungsvoller, als mit einem zu reden, der das Leben noch vor sich hat?« fragte Ebba kampflustig. »Der Sterbende hat nur kurze Zeit vor sich. Es gilt, alles Unwichtige beiseite zu legen und nur den Kernpunkt festzuhalten.« »Gibt es denn etwas hier im Leben, das man den Kernpunkt nennen kann?« fragte Ebba mit der unreifen Überreife der Jugend von heutzutage. »Allerdings,« antwortete der Pastor gedankenvoll, »Sünde und Gnade.« »Sünde! Das ist ein veralteter Begriff. Je mehr die Aufklärung zunimmt, desto mehr verschwindet die Sünde.« »Dafür liefert unsere Zeit keinen Beweis.« Seine ruhige Erwiderung machte einen solchen Eindruck auf Ebba, daß sie sie unbeantwortet ließ und einen Augenblick schwieg, um sich dann mit neuem Eifer und vermehrter Widerspruchslust auf die andere Seite des Kernpunktes von des Pastors Lebensanschauung zu werfen. »Gnade ist ein unangenehmer Ausdruck, alles Edle und Stolze in unserer Natur lehnt sich dagegen auf. Wenn man überhaupt zu etwas taugt, braucht man keine Gnade, man handelt richtig.« »So lange man kann, ja.« »Natürlich, mehr kann wohl nicht verlangt werden!« »Ihr sollt vollkommen sein, gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist. Soviel wird verlangt.« »Zeigen Sie mir doch einen Menschen, der so vollkommen ist wie Gott selbst!« rief Ebba herausfordernd. »Gott sieht sie – in Jesus Christus, der sich selbst für die heiligt, welche er erlöst.« »Das sind für mich böhmische Dörfer,« sagte Ebba verdrießlich und mit erzwungener Überlegenheit. »Sprechen Sie doch eine Sprache, die ich verstehen kann!« Der Pastor schwieg, aber Sonja hatte viel darum gegeben, wenn sie seine Gedanken in dem Augenblick gewußt hätte. Vielleicht verstand Ebba sein Schweigen besser als seine Worte, denn als sie wieder sprach, war ihr Ton weniger übermütig. »Verdammen Sie den, welcher nicht an Sünde und Gnade glaubt?« »Ich verdamme niemand.« »Aber wenn jemand in den letzten Augenblicken die Gnade nicht annimmt, müßten Sie ihn dann nicht verdammen?« In dem herausfordernden Blick, den Ebba auf ihn heftete, lag etwas Gespanntes. »Das ist nicht meines Amtes. Ich kann einem Menschen in seinen letzten Augenblicken die Gnade nur im Auftrag meines Herrn anbieten. Es ist dann an ihm, zu richten, – nicht an mir.« Er blieb stehen und sah auf das Meer hinaus, aber sein seelenvolles Auge erblickte fernere und lichtere Weiten als die sonnige Wasserfläche. Als er so dastand, begann er wieder zu sprechen. »Sie nennen die Gnade peinlich und fühlen, daß alles Edle und Stolze in Ihrer Natur sich dagegen auflehnt. So ist es oft, uns allen geht es von Natur so, und ich will Ihnen nur noch sagen, daß alles sich verwandelt, sobald man Gnade braucht.« Jedes einzelne der einfachen Worte atmete erfahrene Überzeugungskraft, und Ebbas Widerspruchslust verstummte. Auch sie blickte in die Ferne und schwieg. Wildvogel aber sah den Pastor an und konnte ihren Blick nicht von seinem Gesicht loslösen. Plötzlich wendete er den Kopf, und ihre Blicke begegneten sich. Sie fühlte sich so schuldig, als habe er sie dabei ertappt, die Geheimnisse seines Lebens zu erforschen. Dann aber fiel es ihr ein, daß seine eigenen Worte ihr den Einblick gewährt hatten, und nun wagte sie den Blick wieder zu erheben. Sah sie recht? Hatte sich die Farbe seiner Wangen nicht vertieft, und sprach nicht eine gewisse Schüchternheit aus seinem Blick? Und das vor ihr! Wußte er denn nicht, wie hoch erhaben er über andere war? Und die Erkenntnis, daß Gottes Gnade ihn zu dem gemacht hatte, was er war, machte ihn nicht geringer! So dachte Sonja, und in ihrer Seele vollzog sich eine große Umwälzung. Unter Kummer, Schmerzen und Ungewißheit war sie durch den Pastor und Agnes mit einer neuen, mächtigen, alles verwandelnden Kraft in Berührung gekommen. Wohl hatte sie diese Kraft früher bei anderen Menschen gesehen, aber sie war nicht so in ihr eigenes Leben getreten wie jetzt, da alle Pforten ihres Innern weit aufgesprungen waren und ihrer Seele Leerheit und Schwachheit nach der neuen Kraft schrie. Als man sich am Abend trennte, ging Sonja mit Agnes in deren Stube. Sie war noch nie dort gewesen und blickte sich mit Interesse darin um. Das erste, was ihre Aufmerksamkeit fesselte, war das Bild eines jungen Seemannes, der ganz allein an der einen Wand hing. »Er ertrank beim Kap der Guten Hoffnung,« sagte Agnes, als sie merkte, daß das Bild Sonjas Blicke an sich zog. »Deine Mutter hat mir von ihm erzählt.« »Es ist jetzt vier Jahre her,« sagte Agnes. » Meinen Schmerz erlebte ich vor neun Jahren,« sagte Wildvogel leise. »Man vergißt nie, wenn auch die Zeit den Schmerz lindert,« sagte Agnes mit ihrer ruhigen Sicherheit. »Man möchte auch gar nicht vergessen, selbst wenn man könnte,« entgegnete Wildvogel. »Man möchte es nicht, weil die Liebe zu den Toten die Gefühle für die Lebenden läutert,« stimmte Agnes bei. »Die Liebe zu den Toten legt sich wie reiner, frischgefallener Schnee auf das fiebernde Herz,« sagte Wildvogel sehnsüchtig. Die beiden verstanden sich wunderbar gut und saßen bis weit in die Nacht hinein beisammen. Wildvogel erzählte von Viktor und seinem Vater und Agnes sprach von ihrem jungen Seemann. Sie vertieften sich beide in ihre geliebten Toten, als wollten sie sich Ruhe bei ihnen holen. Als sie sich aber endlich mit Herzlichkeit gute Nacht sagten und jede allein in ihrem Zimmer war, dachten sie nicht mehr an die Toten. 10. Mitunter überfiel Doktor Reis ein unbehagliches Gefühl der Verantwortlichkeit gegen seine beiden kleinen Buben, und bei einer solchen Anwandlung sagte er einmal zu Lisbeth, seiner Haushälterin, sie solle die beiden Jungen in die Sonntagsschule bringen und dort in eine Klasse aufnehmen lassen. Lisbeth tat, wie ihr befohlen war und brachte sie in die Knabenklasse des Lehrers, hoffend, daß sie da die strengste Zucht finden würden. Aber wie dem auch sei, die Jungen wurden durch den Besuch der Sonntagsschule nicht weniger unbändig, sondern eher schlimmer, wie es Lisbeth schien, und nach und nach entwickelten sie eine großartige Erfindungsgabe, wenn es galt, Vorwände zu finden, um zu Hause zu bleiben. Eines Sonntags, als sie sich die ganze Zeit schauderhaft betragen hatten, wurden sie des Nachmittags bedenklich still. Als Lisbeth sie zur Schule zurecht machen wollte, lag Wolf auf der Diele und wand sich in Schmerzen, während Björn mit geschlossenen Augen auf dem Sofa lag und sagte, er könne vor Kopfschmerz kein Wort sprechen. Lisbeth erschrak keineswegs, wie sie erwartet hatten, sondern war im Gegenteil hartherzig genug, Wolf an den Arm zu fassen und in die Höhe zu reißen. »Na, wird's bald! Du hast ebensowenig Magenschmerzen wie ich!« fuhr sie ihn an. Wolf brüllte, aber es klang weniger schmerzerfüllt, als wütend. Da flog die Tür auf und der Doktor erschien mit zerzausten Haaren, denn er war aus seinem Mittagsschlaf aufgeschreckt worden. »Was fällt dir denn ein, du Schlingel? Du heulst ja, als wolltest du deinem Namen Ehre machen,« brüllte er Wolf an. »Uhu – uhu – das will ich auch, uhuhu –« heulte Wolf. Der Doktor wurde ruhiger; es gefiel ihm, wenn die Jungen schlagfertig antworteten. »Was ist denn los mit dir, Björn? Liegst du eigentlich in den letzten Zügen?« »Ich liege nicht in den letzten Zügen, ich bin so krank,« erklärte Björn mit leidender Stimme, sah aber so blühend und rosig aus, daß der Doktor laut lachte. »Wolf hat Leibweh und Björn Kopfweh, damit sie nicht in die Sonntagsschule zu gehen brauchen,« erklärte die unbarmherzig klarsehende Lisbeth. »Warum wollt ihr denn nicht hingehen, ihr Schlingel?« Beide Buben hatten sich sichtlich erholt, als sie den Vater lachen hörten, und jetzt leuchteten ihre Augen hoffnungsvoll. »Das ist so ledern,« behaupteten sie. »Warum denn?« »Ach, wir müssen so still sitzen,« sagte Björn. »Wir dürfen nicht das kleinste Bissel Spektakel machen,« bestätigte Wolf. »Und dann fragt der Lehrer uns soviel, was wir nicht beantworten können,« sagte Björn. »Wir verstehen gar nicht, was er sagt, und das ist so dumm,« sagte Wolf. In ihrem Eifer überschrie einer den anderen. »In wessen Klasse gehen sie?« fragte der Doktor Lisbeth. »In des Lehrers.« »Sind in seiner Klasse noch andere, die ebenso klein sind?« »Nein, die sind größer.« »Wer hat die Kleinen?« »Ich glaube, Fräulein Agnes hat sie,« antwortete Lisbeth. »Dann sollen die Wölflinge zu Fräulein Agnes gehen,« bestimmte der Doktor. Aber gegen diese Abmachung lehnten sich beide Buben auf. »In der Klasse sitzen auch Mädels,« sagte Björn verzweifelt. »Wir wollen nicht bei den Mädels sitzen und auch nicht bei einem Fräulein lernen,« stimmte Wolf bei. »Den Mädels könnt ihr nun einmal in dieser Welt nicht aus dem Wege gehen, denn sie ist leider voll davon, aber Tante Agnes ist kein Fräulein, sondern eine Heilige,« antwortete der Vater, dessen Laune bei dem Wortwechsel mit seinen Buben immer besser wurde. »Was ist eine Heilige?« »Das wirst du schon sehen, wenn du in ihrer Klasse sitzt. Lisbeth, sorge dafür, daß sie heute in die andere Klasse kommen.« Aber Lisbeth machte ein bedenkliches Gesicht. »Was wird der Schulmeister sagen? Er könnte es übelnehmen.« »Mag er, wenn er so dumm ist.« Aber Lisbeth war augenscheinlich sehr wenig geneigt, den Auftrag auszuführen und sah so ängstlich aus, daß der Doktor wieder anfing zu lachen. Er war heute besonders gut aufgelegt und gerade in der Stimmung, alle seine Einfälle durchzuführen. Er beschloß daher, seine Söhne selbst in die Schule zu bringen. »Wenn du es nicht wagst, dann wage ich es. Es gehört mehr wie ein Schullehrer dazu, um mich einzuschüchtern. Wasche und bürste die Wölflinge und putze ihnen die Nasen, dann will ich sie hinbringen.« Lisbeth stand mit offenem Munde da. »Will der Herr Doktor in die Sonntagsschule gehen?« »Ja, besser spät wie nie,« scherzte er und verließ das Zimmer, um seinen Schlafrock gegen ein anständigeres Kleidungsstück zu vertauschen. »Was ist eine Heilige, Lisbeth?« fragte Wolf, sobald der Vater den Rücken gewendet hatte. »Bewahre uns, das ist so ein Geschöpf, das die Katholiken anbeten,« antwortete Lisbeth, und schrubbte Wolfs Gesicht nachdrücklich mit dem nassen Waschlappen. Er wehrte sich weniger energisch wie gewöhnlich und vergaß sogar zu schreien, so vertieft war er in seine Grübeleien über die Heilige. Da er nicht wußte, was Katholiken sind, so hatte ihn Lisbeths Antwort nicht viel klüger gemacht, aber aus ihrem Ton schloß er, daß es etwas herzlich Schlechtes sein müsse. Er konnte darum gar nicht verstehen, warum Papa Tante Agnes eine Heilige nannte, denn Wolf fand Tante Agnes furchtbar nett. Björn war derselben Meinung, und was die beiden dachten, das mußte unumstößlich wahr sein. Sie gab ihnen immer so viele Leckerbissen und ließ sie soviel Spektakel machen, wie sie wollten, wie konnte Papa sie denn eine Heilige nennen? Aber Papa hatte auch gesagt, daß Wolf, wenn er erst in Tante Agnes' Klasse säße, verstehen würde, was eine Heilige wäre. Er beschloß daher, Augen und Ohren offen zu halten und genau auf alles zu achten, was Tante Agnes sagen und tun würde. Und mit diesem erfreulichen Vorsatz ging er heute in die Sonntagsschule. Früh am Sonntagnachmittag versammelten sich die jugendlichen Zuhörer in der Kapelle. Der Pastor leitete den Gottesdienst, hatte aber einige Mitarbeiter, unter anderen Agnes Hök. Diese hatte die Allerkleinsten und saß mit ihnen unten an der Tür. Keins der Kinder konnte lesen, darum erzählte sie ihnen und besprach nachher das Erzählte. Es lag in ihrer Art, die Kinder zutraulich und natürlich zu machen. Sie trugen kein Bedenken, Fragen zu stellen und auch ihrerseits zu erzählen, und so wurden die Stunden des Beisammenseins lebhaft und unterhaltend. Sonja Reis war sehr kinderlieb, aber noch mehr liebte sie Agnes, und deshalb war sie gern in den Nachmittagsstunden zugegen. Auch heute saß sie hinter Agnes' Klasse, um zuzuhören. Sie genoß die Stimmung in der Kapelle inmitten der Kinder. Die Sonne fiel in schrägen, roten Strahlen durch das Fenster, schien auf das Altarbild, auf die abgenutzte Malerei der unbequemen Bänke und auf die drollige alte Kanzel, die von einer einzigen Säule getragen wurde, glücklicherweise nur scheinbar, denn die Säule war so dünn, daß sie sich gewiß unter ihrer Last gebogen hätte, wenn die Kanzel nicht auch in der Mauer befestigt gewesen wäre. Aber in diesen Nachmittagsstunden wurde sie nicht benutzt, sondern Birger Löwing stand vor dem Altar inmitten der Kinder. Er kannte den Geschmack seiner jungen Zuhörerschaft und machte darum bei diesen Gottesdiensten den Gesang zur Hauptsache. Es war ein Genuß für Sonja, still und einsam in der Nähe der Tür zu sitzen, umgeben von Gesang und Sonnenlicht und mit der Aussicht auf die frische Kinderschar. Da öffnete sich die Eingangstür hinter ihr, und zu ihrer großen Verwunderung sah sie Max mit seinen beiden Buben eintreten. Bei ihrem Anblick zog er die Augenbrauen erstaunt in die Höhe, kam aber gleich auf sie zu. »Du hier?« flüsterte er und setzte sich neben sie. »Ich glaubte nicht, daß du dich für dergleichen interessierst.« »Dasselbe kann ich von dir sagen,« entgegnete sie. Er lachte leise und blickte auf seine beiden Jungen, wie sie mit munteren, hellen Augen dastanden und mit ihren Mützen spielten. »Ich habe ja leider eine gewisse Verantwortung für diese beiden Gelbschnäbel,« sagte er. Jetzt ging eine Bewegung durch die Reihen der Kinder, sie teilten sich in Klassen und gingen an ihre bestimmten Plätze. Agnes kam mit ihren Kleinen gegangen, und auch auf ihrem Gesicht spiegelte sich Erstaunen, als sie den Doktor erblickte. Er stand auf und ging ihr grüßend entgegen. »Fräulein Agnes, wollen Sie sich meiner beiden kleinen Wilden annehmen und sie zu Menschen machen? Ich weiß mir keinen anderen Rat mit ihnen als die Sonntagsschule, und ganz besonders Ihre Klasse, denn die, in der sie bis jetzt waren, war für die Katze,« sagte der Doktor. Agnes wußte nicht, was sie antworten sollte. Sie blickte ratlos hinüber nach dem Lehrer, der des Doktors Bewegungen von seinem Platz aus verwundert beobachtete. Der Doktor folgte ihrem Blick. »Ich werde die Sache mit ihm ins reine bringen, wenn der Schuh nur da drückt,« sagte er, und ohne Agnes' Antwort abzuwarten, wandte er sich an Wolf und Björn. »Setzt euch hierher, Jungen, und gehorcht Tante Agnes wie Sklaven, sonst setzt es Prügel.« Mit diesen Worten schob er Agnes die Knaben zu und ging zum Lehrer hinüber. Agnes tauschte einen lachenden Blick mit Sonja aus über des Doktors drolliges Benehmen und nahm sich dann ihrer neuen Schützlinge an, denen sie Plätze auf der Knabenbank anwies. »Entschuldigen Sie, daß ich meine Schlingel aus Ihrer Klasse fortnehme,« sagte der Doktor zum Lehrer, »und seien Sie überzeugt, daß es nicht aus Mangel an Vertrauen geschieht! Die Sache ist die, daß sie zu klein und unbändig sind für eine reifere Gesellschaft, wie Ihre Klasse es ist. Auch tut es ihrer Hochnäsigkeit nicht gut, wenn sie unter die größeren Knaben gerechnet werden. Darum hielt ich es für besser, sie etwas zu ducken, indem ich sie in die Kleinkinderklasse gesteckt habe, übrigens denke ich, daß Sie gewiß alles eher als betrübt sind, sie loszuwerden.« »Ach, nicht doch!« antwortete der Lehrer, der nicht recht wußte, was für ein Gesicht er zu des Doktors eigenartiger Rede machen sollte. Der Doktor ging nicht weiter darauf ein, sondern verließ den Lehrer mit einer Verbeugung und Dank für seine Mühe und kehrte zur Kleinkinderklasse zurück, wo er sich zu Agnes' Entsetzen neben Sonja setzte. Agnes mußte natürlich fortfahren, und sie tat es auch mutig, obgleich ihre Stimme zuerst unsicher war und die Röte ihr in die Wangen stieg. Sie erinnerte sich dessen, was der Pastor ihr einmal geantwortet hatte, als sie davon sprach, wie schrecklich es ihr wäre, wenn Erwachsene ihr gelegentlich zuhörten. »Denken Sie daran, daß der, von welchem Sie den Kindern erzählen, Sie hört und sieht, dann vergessen Sie die menschlichen Zuhörer über ihn!« Jetzt befolgte sie diesen Rat und überwand ihre Schüchternheit. Ihre Stimme gewann Festigkeit und einen warmen Tonfall, und sie wurde mehr wie gewöhnlich von ihrem Stoff erfüllt und erwärmt, gerade weil sie ihre Schwachheit fühlte. Und die Kinder wurden mit fortgerissen. Wolf hatte die ganze Zeit so gespannt zugehört, daß ihm erst auf dem Heimweg wieder einfiel, was er in der Sonntagsschule ergründen wollte. Plötzlich hielt er mitten im Lauf inne. Er lief nämlich mit Björn um die Wette, einem Eichhörnchen nach, das sich in den Ästen von Baum zu Baum schwang. Er blieb stehen, um seinen Vater zu erwarten, der langsam mit Agnes und Sonja auf dem Waldweg folgte. »Papa, ich kriegte doch nicht zu wissen, was für ein Ding eine Heilige ist,« sagte er vorwurfsvoll, als sie ihn erreicht hatten. »Heilige?« rief der Doktor, der gar nicht mehr wußte, was Wolf meinte. »Ja, du sagtest, ich würde es zu wissen kriegen, wenn ich zu Tante Agnes käme.« Jetzt fiel dem Doktor sein Gespräch mit den Jungen wieder ein. »Unsinn, Junge! Spiele du mit Björn. Dazu bist du auf die Welt gekommen und nicht um ein Heiliger zu werden.« Aber Wolf gab sich nicht. Wollte Papa nicht antworten, dann mußte Tante Agnes es tun. »Was sind Heilige, Tante Agnes?« »Das sind heilige Menschen, die nur für Gott leben,« antwortete sie. »Tust du das, Tante Agnes?« Die plötzliche Wendung zum Persönlichen überraschte Agnes, aber sie sah den kleinen unverfrorenen Frager freundlich an. »Nicht so, wie ich möchte, Wolf,« antwortete sie. »Warum sagte Papa denn, daß Tante Agnes eine Heilige ist?« entgegnete Wolf halb verwundert und halb beleidigt. Bei dieser Erklärung errötete Agnes und sann darüber nach, ob der Doktor sie für scheinheilig hielte; denn sicherlich hatte er sie nur im Spott vor den Knaben eine Heilige genannt. »Mach, daß du fortkommst, du naseweiser Junge!« sagte per Doktor lachend, und gab Wolf einen recht kräftigen Schlag mit dem Stock, obgleich es nur im Scherz war. Wolf sah seinen Vater an, um herauszufinden, ob es Spiel oder Ernst sei. Ihm kam vor, als habe das Lachen nicht recht natürlich geklungen, und der Schlag tat weh. Er rieb die schmerzende Stelle mit einem vorwurfsvollen Blick auf seinen Vater, entschloß sich aber dann, ohne ein Wort mehr, Björn und dem Eichhörnchen nachzulaufen. Er hatte ja doch ungefähr soviel Antwort auf seine Frage bekommen, wie man von den dummen großen Leuten erwarten kann, – die können einem kleinen, wißbegierigen Buben nie so antworten, daß er zufrieden gestellt ist! Der Doktor blickte Agnes verstohlen von der Seite an und glaubte zu bemerken, daß die Würde, die er ihr beigelegt hatte, sie nicht beleidigte. Er überlegte, ob er das Gespräch wieder aufnehmen sollte oder nicht, da er aber nicht recht wußte, wie er sich herausreden könnte, ließ er es fallen und fing an von etwas anderem zu sprechen. 11. Niemand lebt ganz vereinsamt in der Welt. Die Schicksale der Menschen sind so ineinander verschlungen, daß keines sich entwickeln kann, ohne mit dem eines anderen in Berührung zu kommen. Und wann kann man eine Handlung als abgeschlossen betrachten? Handlungen, die man zur Vergangenheit gezählt hat, stehen unerwartet wieder auf und stellen sich dem, der sie vollführt hat, entgegen, so daß sein Weg dadurch unwillkürlich in andere Bahnen gelenkt wird. So lenkte Wildvogel einst Max durch seine Vergangenheit in einen Weg, den er nicht gehen wollte. Und jetzt stellte sich ihr diese Handlung entgegen und wies ihr einen Weg an, der sie unmöglich dünkte. Schien er ihr doch völlig versperrt zu sein, wie konnte sie dann dem Finger des unerbittlichen Schicksals gehorchen, der sie dorthin wies? Was war das Hindernis, das ihr den Weg verschlafen. Ihre Vorhänge waren geöffnet und das Zimmer vom Mond erhellt. »Ach, du nüchterne, praktische Agnes, die nur Sinn hat für den Haushalt und die Krankenpflege und sich nie mit sich selbst beschäftigt, was fällt dir doch ein, so im Mondschein zu schwärmen?« flüsterte Sonja und setzte sich auf die Bettkante. »Glaubst du nicht, daß es außer dem Haushalt, den Kranken und mir selbst vieles gibt, das meine Gedanken beschäftigt?« fragte Agnes lachend. Ihr sonnenverbranntes Gesicht sah im Mondschein, umgeben von der Flut ihrer dunklen Haare, bleich aus. Nur im Sonnenschein flimmerte ihr Haar goldig, der bleiche Mond ließ es schwarz erscheinen, und schwarz glänzten ihre Augen. »Träumst du von dem Glanz der Engelflügel im Silberlicht?« fuhr Wildvogel in demselben munteren und zugleich weichen Tone fort. Agnes lächelte nur als Antwort und war neugierig auf das, was Wildvogel mitten in der Nacht zu ihr trieb, denn sicher war sie nicht nur gekommen, um diese Fragen zu stellen. »Schwärmst du von dem Becher kalten Wassers, im Namen eines Jüngers gespendet?« »Hältst du mich wirklich für schwärmerisch?« fragte Agnes, mit leichtem Vorwurf im Ton. »Schwelgst du in der Wollust der Selbstentsagung und in der Freude des Gebens?« »Willst du dich über mich lustig machen?« »O nein, weit, weit entfernt! Du ahnst nicht, wie ich zu dir aufblicke.« »Warum das?« antwortete Agnes mit mild zurückweisendem Ernst. »Wie machst du es, daß du immer so harmonisch bist?« Agnes lachte halb verlegen, halb belustigt über Sonjas sonderbare lebhafte Art. »Ich tue nichts dazu, ich versuche nur, stille in Gott zu sein.« »Bist du das immer gewesen, ich meine, stille? Das liegt gewiß in deiner Natur.« »Das Stillesein vielleicht; aber das ist nicht dasselbe wie Stillesein in Gott.« »Kostet das Streit?« »Ja, und Arbeit.« Wildvogel blickte Agnes gedankenvoll an. »Um das zu können? Wie fühlt man sich dann? Es muß Seligkeit sein!« sagte Wildvogel. »Ein Vorschmack davon sicherlich, – wenn man es fertig bringt.« Wildvogel schwieg, sie sehnte sich danach, auf den Gegenstand zu kommen, den sie gern ergründen wollte, wußte aber nicht wie, denn es war doch ein sehr heikles Thema. »Kanntest du Ingrid Reis, des Doktors Frau, näher?« fragte sie plötzlich. »Ich habe mich sehr viel mit ihr unterhalten, denn sie saß immer still und einsam, wenn sie in Gesellschaft war,« antwortete Agnes, ohne zu bedenken, welch schönes Zeugnis sie sich damit als Freundin der Zurückgesetzten gab. »Schenkte sie dir ihr Vertrauen?« »Nein, aber ich sah ja, daß sie nicht glücklich waren. Einmal fragte sie mich um Rat, doch stellte sie die Frage mehr allgemein.« »Worüber?« fragte Sonja, als Agnes schwieg, zweifelhaft, ob sie mehr sagen dürfe. »Sie fragte, was eine Frau mehr geben könnte, wenn sie schon alles gegeben hätte.« »Und was antwortetest du?« »Daß eine Frau, die alles gab, auch alles fordern könne.« Sonja öffnete ihre Augen weit vor Verwunderung. »Und so einen Rat konntest du geben, du Selbstvergessene! Das hätte ich nie geglaubt.« Agnes lachte leise, und ihr Gesicht drückte Sanftmut und zugleich Festigkeit aus, ein Ausdruck, der ihr eigen war. »Befolgte sie deinen Rat?« »Ich weiß es nicht. Vielleicht versuchte sie es, aber sie war keine von denen, die fordern können. Sie hatte es von Anfang an nicht getan, und dann ist es schwer, damit anzufangen.« Wildvogel vertiefte sich in den Gedanken an Ingrid und Max, und wie immer, wenn sie an sie dachte, fühlte sie Gewissensbisse. Agnes' Stimme riß sie aus ihren Gedanken. Sie klang rücksichtsvoll und leise, voller Mitgefühl. »Du verstehst zu fordern. Es war tapfer, daß du die Flasche zerschmettertest!« Sonja zuckte zusammen. Agnes hatte also alles gesehen und verstanden. Ob sie noch mehr gesehen und verstanden hatte? Es war die Stunde des Vertrauens. Wildvogel war allerdings gekommen, um Vertrauen zu fordern, aber jetzt sah sie ein, daß sie, um das zu tun, erst das ihre geben müsse. Und das tat sie denn auch. Sie kehrte zur Vergangenheit zurück, erzählte von sich und Max und Ingrid, von ihrer Liebe, ihrem Kampf und ihrem Sieg. »Wenn man das einen Sieg nennen kann, der soviel gekostet hat,« schloß sie bekümmert. »O, wie konntest du!« rief Agnes unwillkürlich aus. Mit klopfendem Herzen und Augen, aus denen inniges Mitgefühl leuchtete, hatte sie gelauscht und den Kampf mit durchlebt. »Wie hättest du an meiner Stelle gehandelt?« »Das weiß ich nicht. Ich wäre gewiß aus seinem Leben entschwunden und hätte ihn auch gebeten, zu sühnen, aber ich hätte nie darauf dringen können.« »Es liegt nicht in deiner Natur, einzugreifen?« »Nein, ich hätte Gott gebeten, sie zu leiten.« »Das hättest du getan! Aber ich wartete nicht auf Gott, ich leitete sie selbst!« rief Wildvogel aus mit einer Mischung vorwurfsvoller Reue und Stolz, der sich vergeblich bemühte, die Oberhand zu gewinnen. »Gott hätte sie gewiß ebenso geführt. Er will ja nie etwas anderes als Genugtuung und Vergeltung. Dadurch will er uns alle miteinander leiten,« sagte Agnes tröstend. »Es wäre doch gewiß anders gegangen, wenn Gott sie dahin geführt hätte, als jetzt, wo ich es getan habe,« flüsterte Wildvogel. »Vielleicht hat er sie gerade durch dich geführt, Wildvogel,« sagte Agnes innig. Sonja schwieg und kämpfte gegen ihre Rührung, bis sie ihrer so weit Herr geworden war, daß sie mit fester Stimme weitersprechen konnte. »Es ist nutzlos, über die Vergangenheit zu grübeln, es gilt, in der Gegenwart zu handeln. Verstehst du jetzt, wie sehr Max mir am Herzen liegt und wie sein Wohl und Wehe mir die Hauptsache ist?« Mit warmem Verständnis drückte Agnes die weiche Hand, die in der ihrigen bebte. »Verstehst du, daß ich jetzt nicht an mich denke, sondern nur an ihn?« »Wie gut verstehe ich das,« sagte Agnes leise. »Brauchte er mich, könnte er mich so lieben wie früher, dann wollte ich ihm mein Leben weihen. Aber wenn es eine andere ist, – dann will ich verschwinden.« Gespannt blickte Sonja in Agnes' Gesicht, um die geringste Veränderung darin zu beobachten. »Eine andere?« rief Agnes mit so unbefangenem Lachen aus, daß es Sonja besser wie jede Beteuerung überzeugte, daß Max nicht die neue Liebe war, gegen die Agnes Hilfe bei ihrem Toten suchte. »Wer könnte es anders sein als du?« »Du!« flüsterte Sonja. Agnes zuckte vor Überraschung zusammen, und ihr verdutzter Blick sagte deutlich, daß ihr ein solcher Gedanke nie in den Sinn gekommen sei. »Er hegt eine so hohe Achtung vor dir, wie vor niemand sonst,« fuhr Sonja fort; »das zeigt sich in allem, von dem Unbedeutendsten in seiner Art gegen dich, bis dahin, daß er dir seine Wölflinge anvertraut hat und dich eine Heilige nannte.« »Achtung ist ein Ding, – Liebe ein anderes,« stieß Agnes endlich hervor. Sie war so überrascht, daß sie nicht wußte, was sie sagen sollte. »Die beiden gehen oft Hand in Hand.« »Oft, ja, aber nicht immer, nicht in diesem Fall. Ich lege großen Wert auf seine Achtung, aber seine Liebe besitze ich nicht.« »Wenn es sich nun aber doch zeigte, daß du sie besitzst, würdest du – könntest du sie dann erwidern?« Agnes schüttelte den Kopf. »Aber wie weißt du das?« beharrte Sonja. Einen Augenblick schwieg Agnes. Sie blickte auf Sonjas Hand nieder, die in der ihren ruhte, und ihre Brust hob und senkte sich unruhig. »Ich weiß es, weil ich einen anderen liebe,« kam es endlich schüchtern und leise, aber doch bestimmt über Agnes' Lippen. Agnes kannte ihr eigenes Herz, für sie gab es keine Ungewißheit. Wildvogel fragte nicht weiter. Trotzdem sie nicht wußte, wer dieser andere war, versuchte sie doch nicht, danach zu forschen. »Hoffentlich habe ich dann verkehrt gesehen, und Max liebt dich doch nicht; denn ich sehe jetzt ein, daß er dich nie gewinnen könnte,« sagte sie nachdenklich. »Du allein kannst etwas für ihn tun, – also darf Wildvögelchen nicht davonfliegen!« sagte Agnes und blickte mit lachenden Augen auf, während der Mund den ernsten Ausdruck behielt. »Ich vermag nichts, – er macht sich nichts mehr aus mir,« seufzte Sonja. »Weißt du das gewiß?« »Gewiß?! Wonach soll ich mir ein Urteil bilden, wenn nicht nach seinem Benehmen. Jedermann kann sehen, wie wenig ich ihm gelte.« »Ich glaubte, du gehörtest zu denen, die für verborgene Gefühle empfänglich sind,« sagte Agnes. »Verborgene Gefühle?« »Ja, kennst du keine Gefühle außer denen, die sich offenbar zeigen? Empfindest du sie nicht, selbst wenn sie sich bemühen, das Gegenteil auszudrücken? Ich müßte mich sehr irren, wenn dein inneres Empfindungsvermögen nicht ebenso stark ist wie deine äußeren Sinne.« »Das ist doch ebenso bei dir,« sagte Sonja lachend. Sie tauschten einen verständnisvollen Blick. »Ich weiß gewöhnlich, was die Menschen für mich empfinden und was sie von mir denken,« gestand Agnes. »Aber es ist gefährlich, sich nur auf seine innere Empfindung zu verlassen, man kann sich irren,« meinte Sonja. »Man irrt sich weniger leicht darin, als in dem, was die Menschen einen sehen und hören lassen,« entgegnete Agnes. »Vielleicht im allgemeinen,« gab Sonja zu. »Aber wenn es nun etwas ist, das man wünscht, dann kann man sich doch leicht irren. Ich wage nicht zu glauben, was ich mir mitunter in bezug auf Max' Gefühle einbilde, trotz seiner Art gegen mich. Es könnte mich ja zu einer eingebildeten Närrin machen.« »Meine Erfahrungen und meine Besorgnisse sind den deinen entgegengesetzt,« sagte Agnes, leise. »Wenn ich nach seiner Art gegen mich urteilen sollte, ich meine jetzt den, der mir teuer ist, dann könnte ich mir einbilden, daß ich ihm mehr bin wie andere. Mein inneres Gefühl ist aber sicherer und läßt sich nicht täuschen. Dafür bin ich sehr dankbar, denn nun weiß ich doch, daß er gar nicht so an mich denkt, wie ich an ihn.« »Du weißt es? Aber Agnes, wenn es so steht, kannst du doch nicht glücklich sein?« Agnes lachte. Es war ein zu Herzen gehendes Lachen, voller Humor über den eigenen Schmerz, und verriet eine klare, starke Seele. »Wer sagt denn, daß ich glücklich sein muß? Das ist doch nicht nötig,« antwortete sie mit fester Stimme und einem Blick, der über verhaltene Tränen zu triumphieren schien. Es fehlte Agnes nicht an Gefühl, aber sie war herrlich frei von allem Mitleid mit sich selbst. Die Kraft, lachen zu können, anstatt zu klagen, rief Sonjas Mitgefühl und innigste Zärtlichkeit hervor und flößte ihr zugleich Bewunderung ein. »Wird es dir denn nie zu schwer, zu freudlos?« fragte Wildvogel, entzückt von diesem stillen, fröhlichen Mut. »Mitunter, ja.« »Was machst du dann?« »Ich sinke nieder.« »Du! Das glaube ich nicht. Du siehst mir gar nicht danach aus, als könntest du das je tun.« »Und doch tue ich es. Allerdings habe ich es noch nie vor Menschen nötig gehabt, nur vor Gott.« »Wie erlangst du Kraft, deine Bürde wieder aufzunehmen?« »Wie kannst du nur so fragen? Wer vor Gott niedersinkt, wird von ihm wieder aufgerichtet und empfängt neue Kraft, mehr als vorher.« Agnes' schwarze Augen leuchteten. »Dann bist du jedenfalls glücklich, – wenn du es auch nicht bist,« fugte Wildvogel langsam, als läse sie es Wort für Wort in Agnes' Zügen. »Ich bin wohl glücklicher, als wenn ich es in des Wortes gewöhnlicher Bedeutung wäre,« antwortete Agnes, und aus ihrem Gesicht strahlte ein Licht, das verklärender wirkte als ein Lächeln. Wildvogel beugte sich über sie und küßte sie. »Ich danke dir für das, was du heute nacht an mir getan hast!« sagte sie. »Was habe ich getan?« »Mehr als du ahnst!« Sie trennten sich. Als Wildvogel ihr Zimmer wieder erreicht hatte, trat sie sinnend ans Fenster und blickte zum Monde auf, der jetzt nicht mehr ins Zimmer schien. Es wurde ihr klar, daß sie Frau Beata nicht zu ihrer Vertrauten machen könne, das könnte nur Agnes sein. Ihre Gedanken weilten noch bei Agnes und bei dem, was diese ihr anvertraut hatte. Agnes' innerer Gleichmut stand ihr wie eine göttliche Kraft vor Augen, seit sie wußte, daß er ihr nicht angeboren, sondern im täglichen Streit gegen die eigenen Neigungen errungen war. Als sie Agnes näher prüfte, merkte sie, daß die Ruhe ihres Wesens durchaus keinen Stillstand bedeute. Agnes' Tag bestand aus Arbeit und unermüdlichem Schaffen. Wildvogel überlegte, daß sie Agnes nie einen Augenblick unbeschäftigt gesehen hatte. Sie nahm ihre Zuflucht vor den Gedanken, die sie schwach machen wollten, zur Arbeit. »Heute nacht lag sie aber doch untätig und einsam mit ihren Gedanken,« dachte Wildvogel. »Vielleicht kam ich gerade in einem jener Augenblicke zu ihr, wo sie unter der Last des Kreuzes vor Gott niedersank, deshalb wurde sie mir zu einer so großen Hilfe und Kraft, – Gott war bei ihr.« 12. Das Porträt schritt nur langsam vorwärts. Wildvogel hatte ihre Tatkraft verloren, und die hätte sie nötig gehabt, um Beata zu den Sitzungen zu bewegen. Die Frau des Hauses hatte hundert Eisen im Feuer, so daß es schwer war, sie an eine bestimmte Stelle zu fesseln. Entweder kamen Leute, die sie sprechen wollten, oder sie mußte notwendig den oder jenen begrüßen oder jemand aufsuchen. Dann hatte sie immer eine Menge Briefe zu beantworten und unglaublich viel Zeit nahm das Telephon in Anspruch. Für alles und für alle suchte sie Sonja zu interessieren. Das gelang ihr aber nur selten. »Ich glaubte immer, daß mich die Menschen fesselten, das ist aber leider nicht der Fall,« sagte sie lachend. »Ich kann mich unmöglich für Kreti und Pleti und alle ihre Angelegenheiten erwärmen, wie du es tust.« »Dein Herz muß weiter werden, liebe Kleine.« »Ja, das täte wohl not,« gab Sonja seufzend zu. Ihre Lippen lächelten, aber ihr Blick war ernst. Sie sann darüber nach, ob ihr Herz weit genug sei, um auch nur Einen auf die rechte Weise aufzunehmen. Vielleicht müßte es dazu weiter sein, als um der großen Menge Platz zu gewähren? – Beata ließ sich durch Sonjas Interesselosigkeit nicht abschrecken, sondern fuhr fort in ihren Bestrebungen, sie für all das zu gewinnen, was sie selber interessierte. Mitunter ging Sonja auch darauf ein, mit einem Eifer, der Beata in Erstaunen setzte, denn sie war nicht scharfsichtig genug, um zu merken, daß Sonja nur von ihren eigenen Gedanken loskommen wollte. Wildvogel, die niemals eine Fessel geduldet hatte und immer bereit gewesen war, die Flügel zu heben und davonzufliegen, verstand sich selber nicht mehr. Sie fragte sich, was aus ihrem Stolz geworden sei. Weshalb blieb sie hier und ließ sich von Max verletzen, warum mußte sie sich immer und immer wieder dadurch erniedrigen, daß sie über jedes seiner Worte und seine Blicke grübelte? Warum flog sie nicht fort? Wenn sie ihn stark, erfolgreich und glücklich wiedergefunden hätte und er sie dann so behandelt hätte wie jetzt, wäre sie dann geblieben? Nein, tausendmal nein! Bei der bloßen Vorstellung stieg ihr die Röte stolzer Entrüstung ins Gesicht. Aber nun war er weder stark, noch erfolgreich und glücklich, sondern schwach und schwerfällig und stand unter dem Fluch beginnenden Verfalls, in den er mehr oder weniger durch ihre Schuld getrieben worden war. Das war es, was Wildvogel hier festhielt. Das und noch etwas, etwas, das trotz seiner beißenden Verächtlichkeit und spöttischen Gleichgültigkeit aufflammte und ein inneres Feuer verriet. Wenn er sie nun brauchte, wenn sie ihm noch etwas werden könnte, sollte sie sich dann zurückziehen, könnte sie das überhaupt tun? Sie prüfte ihre eigenen Gefühle und verglich sie mit der Musik der Scharwache, die ganz leise in der Ferne anhebt, und beim Näherkommen lauter und lauter wird, bis ihre Klänge, stark und mächtig brausend, die ganze Umgebung erfüllen, um dann langsam wieder abzunehmen und zu ersterben. So waren ihre Gefühle für Max in der Vergangenheit gewesen. Unter Schmerzen waren sie erstorben. Jetzt aber erklang es wieder mächtig und stark durch ihres Herzens Saitenspiel; doch mit den Tönen wachte auch der Schmerz wieder auf, und beide nahmen an Stärke zu; wie würde es sein, wenn sie ihre volle Kraft erreichten? – »Du bist schmal geworden, seit du zu uns kamst, Wildvogel, so geht das nicht weiter!« sagte Beata eines Tages, als sie nach langer Unterbrechung wieder einmal Modell saß. »Es bleibt gewiß noch genug von mir übrig, um mein Werk zu vollenden,« antwortete Sonja leichthin und malte weiter. »Deine Augen sind so groß, du wirst bald ganz Seele, eine lodernde, weiße Flamme,« fuhr Beata in zärtlich bekümmertem Ton fort. »Das war ein schöner Vergleich,« sagte Sonja mit ihrem kurzen, anmutigen Lachen. »Du verzehrst dich aber selbst, du kleine Flamme. Mitunter, wenn du dich unbeobachtet glaubst, liegt ein Ausdruck von Unruhe und Schmerz in deinen großen Augen.« »Wirklich? Das ist mir kaum bewußt. Aber wahrscheinlich trägt das Meer die Schuld daran.« »Das Meer?« »Ja, seine Größe und Weite und Unendlichkeit weckt meine Sehnsucht weit über das Gewöhnliche hinaus. Mein Leben kommt mir so erbärmlich vor.« »Mit dem Künstlerfunken in der Seele kann dein Leben doch nicht erbärmlich sein?« »Künstlerfunken!« rief Sonja seufzend aus. »Ach, wenn ich den hätte, dann wäre mein Leben eine Flamme, wie du vorhin sagtest. Ja, wenn ich schöpferische Kraft hätte und in großen, packenden Momenten auf der Leinewand zu der Gegenwart und der Nachwelt spräche, das wäre etwas, – aber nur Porträts malen!« »Was möchtest du denn?« »Ich möchte ein Charakter sein und eine Aufgabe haben, die einen Charakter erfordert. Mitunter habe ich das Gefühl, als schlummere eine Kraft in mir, die höhere Ziele erreichen könnte, als die sind, denen ich nachstrebe. Aber die Kraft schlummert in der Dämmerung, tief, tief in meinem Innern und ich kann sie nicht wecken.« Das letzte fügte Sonja in einem tragikomischen Ton hinzu. Sie fürchtete aber, daß sie schon zuviel gesagt hätte, und Wildvogel erhob die Schwingen und flatterte fort von ernsten Gedanken. »Vielleicht wartet eine große Aufgabe auf dich,« warf Beata leicht, aber nicht ohne Hintergedanken hin. »Vielleicht liegt sie dir näher als du glaubst.« Aber Wildvogel schüttelte den Kopf und lachte traurig. »Ach nein, mich erwartet keine große Aufgabe. Mein flatterhaftes Wesen taugt nicht zu etwas Ganzem. Hierhin und dorthin, von einer zufälligen Aufgabe zur anderen, so ist mein Leben, weil mein Wesen so ist.« »Wildvogel könnte doch eingefangen werden,« sagte Beata mit anzüglichem Lachen. »Nicht so leicht.« »Eros ist ein schlauer Bursche.« »Eros ist ein Götze,« fiel ihr Wildvogel auf ihre rasche, scherzhafte Art ins Wort; und Beata lachte gutmütig über ihre Schlagfertigkeit. Da ging die Tür auf und Doktor Reis stand auf der Schwelle. Beata sprang auf, reichte ihm in ihrer herzlichen Weise beide Hände und sprach ihm ihre große Freude aus, ihn zu sehen, während Wildvogel sich damit begnügte, ihm zuzunicken, als er sich vor ihr verbeugte. »Es ist wirklich ein Vergnügen, zu Ihnen zu kommen, Frau Hök. Man wird immer bewillkommnet, als hätten Sie eben Sehnsucht nach einem empfunden,« sagte er. »Das ist ja auch der Fall, Doktor. Das heißt, ich will nicht gerade sagen, daß ich Sehnsucht nach Ihnen hätte, aber Sie kommen doch äußerst gelegen. Ich hielt Sonja eben eine Strafpredigt, daß sie hier in Sund abmagert und blaß wird. Ich weiß nicht, wo das hinaus will, und es gefällt mir gar nicht. Vielleicht können Sie etwas dagegen tun, Doktor?« »Mager und blaß?« sagte Max und warf einen schnellen, prüfenden Blick auf Wildvogel. Es lag etwas darin, das ihre Wangen plötzlich höher färbte und sie veranlaßte, auf ihre Palette hinabzusehen, um ihre glänzenden und allzu ausdrucksvollen Augen zu verbergen. »Es ist nichts Gefährliches,« antwortete sie leichthin und mischte ihre Farben eifrig. »Wenigstens ist sie jetzt nicht gerade blaß, Frau Hök,« bemerkte Max ziemlich unbarmherzig. »Das beweist nur, wie nervös sie ist,« antwortete diese. »Ihre Farbe wechselt alle Augenblicke, ohne jeglichen Grund, wie ich beobachtet habe, und das müssen Sie mit in Betracht ziehen, wenn Sie Ihre Diagnose stellen, Doktor.« »Wünschen Sie, Frau Hök, daß ich sie untersuche und etwas verschreibe?« »Ich bitte Sie darum, Doktor. Sie ist mein Gast, und ich kann nicht ruhig mit ansehen, wie sie dahinsiecht. Sie muß ein Stärkungsmittel bekommen.« Der Doktor ging auf Sonja zu, die sich mit ihren Farben beschäftigte und anscheinend gar nicht zugehört hatte. »Darf ich dein Herz untersuchen, Wildvogel?« Ehe sie antwortete, sah sie ihn schnell an, aber er sah völlig beherrscht und unbefangen aus. »Das ist ganz in Ordnung,« antwortete sie. »Weißt du das gewiß? Laß es mich doch untersuchen!« »Wozu in aller Welt?« »Frau Hök wünscht es.« »Frau Hök sollte lieber nicht solche Dummheiten wünschen. Warum soll ich mich untersuchen lassen, da ich doch ganz gesund bin! In meinem ganzen Leben habe ich noch nie etwas so Dummes gehört!« Sie lachte, aber es klang gezwungen. Sie konnte nicht begreifen, warum Max auf Beatas Einfall einging, und sie konnte sich auch nicht erinnern, daß er jemals früher so undurchdringlich ausgesehen hatte. »Aber Sonja, nimm doch Vernunft an, und gib zu, daß dein Schwager dir etwas Stärkendes verschreibt. Du bist nicht gesund, und darum wollen wir dich nach Herzenslust pflegen,« redete Beata ihr zu. Sonja sah sie verwundert an. »Meinst du das wirklich im Ernst? Ich glaubte die ganze Zeit, du machtest nur Spaß. Aber ich will dir nur sagen, daß es gar nichts zu bedeuten hat, wenn ich auch ein wenig abgemagert bin. Es kommt vor, daß ich mitunter in ein paar Stunden zusehends abnehme und es ebenso schnell wieder einbringe. Ich bin nun einmal so geschaffen, daß ich heute furchtbar krank aussehe und morgen wie die Gesundheit selbst. Ich glaube, das kommt von meinem Temperament, dagegen kann kein Doktor etwas verschreiben. Du mußt dich also beruhigen, liebste Beata, denn untersuchen lasse ich mich nicht.« Bei den letzten Worten machte sie eine kleine scherzhaft trotzige Bewegung mit dem Kopf auf Max zu, aber als sie seinem Blick begegnete, hüpfte ihr Herz. Sie las darin, daß er an vergangene Zeiten dachte, und an alles, was sich damals zwischen ihnen zugetragen hatte. Das Unbedeutendste kann mitunter die größten Umwälzungen herbeiführen. Es fiel ihm ein, daß ihm diese kleine, so charakteristische Kopfbewegung früher an ihr aufgefallen war, und diese unbedeutende Erinnerung erregte ihn so sehr, daß er aus seiner Rolle kühler Gleichgültigkeit fiel und sein Inneres durch seinen Blick vollständig enthüllte. Aber das war nur ein unbewachter Augenblick, im nächsten hatte er sich wieder ganz in der Gewalt, der Vorhang war wieder zugezogen, so daß Wildvogel glaubte, sich geirrt zu haben. »Hast du Appetit?« fragte er geschäftsmäßig. »Gewiß, auf das, was ich gern esse. Wünschest du vielleicht, daß ich auch die Zunge ausstrecke?« fragte sie, denn der eine Blick hatte sie übermütig gemacht. »Ja, bitte,« antwortete er. Sie aber wollte nicht. »Man macht solch eine häßliche Grimasse dabei,« entschuldigte sie sich. Wider Willen mußte er lachen, während sein Blick auf ihrem strahlenden Gesicht ruhte. Es war so sonnig, daß es den Blick unwiderstehlich anzog. Er ärgerte sich aber, als er seine Schwachheit fühlte und gab sich große Mühe, sie wenigstens zu verbergen. »Jetzt sieht sie doch nicht krank aus, Frau Hök bemerkte er in einem Ton, der herablassend sein sollte. »Sie hatte ganz recht mit dem, was sie von ihrem Temperament sagte.« »Nein, jetzt kann ich mich allerdings nicht über ihr Aussehen beklagen,« stimmte Beata bei und betrachtete Sonjas verklärte Züge verwundert und entzückt. »In dem kleinen Wesen erkennt man wahrhaftig die Macht der Seele über den Stoff! Was hat denn mit einem Schlage deine Lebensgeister so sehr gehoben, liebe Kleine?« »Daß ich mich euch beiden widersetzt habe,« erwiderte Wildvogel fröhlich. Aber Max sah sie mit einem heißen und doch finsteren Blick an und meinte, eine andere Ursache ihrer erhöhten Stimmung gefunden zu haben. Er wußte, daß er sich in einem unbewachten Augenblick verraten hatte, nun hatte die Katze die Maus gesehen, die sie schon für entwischt hielt, und würde ihr grausames Spiel von neuem beginnen. Er wollte ihr aber schon zeigen, daß er sich nicht so leicht fangen ließe. 13. Wildvogel ließ es sich nie merken, wenn sie niedergeschlagen war. Fühlte sie sich traurig, so durfte es niemand ahnen; mitunter überwältigte der Schmerz sie aber dermaßen, daß sie in die Einsamkeit flüchten mußte; es ging über ihre Kraft, ihn zu unterdrücken. Eines Abends Ende Juli wanderte sie einsam auf dem Kirchhofe umher. Er war unansehnlich, und die Grabmäler schlicht und einfach, aber seine Lage war schön. Bei Ingrids Grab blieb sie stehen. Das Kreuz darauf erhob sich auf einem Sockel und war höher als die der umliegenden Gräber. Plötzlich hörte sie Schritte, und als sie sich umwandte, sah sie den Pastor kommen. Er kam gerade auf sie zu, so daß sie ihm nicht entgehen konnte. Während sie sich begrüßten, wunderte sich Sonja, warum er wohl hierher gekommen sei, denn er machte nicht den Eindruck, als hätten ihn Geschäfte hergeführt. Vielleicht verrieten ihre ausdrucksvollen Augen ihr Erstaunen, denn er antwortete darauf, als habe sie es ausgesprochen. »Wenn der Abend sinkt, spaziere ich sehr gern zwischen den Gräbern umher und denke an den Tod,« sagte er, und nach seiner Stimme und seinem Ausdruck zu urteilen, waren seine Todesgedanken keineswegs düster. Sonja blickte auf das Grab hinab, neben dem sie standen, und plötzlich fiel ihr ein, daß der Pastor gewiß in Ingrids letzten Lebensjahren alles erfahren hatte, was sie selbst und Max und Ingrid betraf. Ein brennendes Verlangen, zu hören, wie die Lösung, die sie selbst für den Konflikt zwischen ihren drei Geschicken gefunden hatte, sich dem darstellte, dessen Blick in der Einsamkeit mit Gott hellsehend geworden sein mußte, gab ihr Mut. Sie sah schnell auf und begegnete seinem Blick, dessen Ausdruck ihr verriet, daß er wissend sei. »Sie besaßen ihr Vertrauen?« stieß Sonja mit einem Blick auf das Grab hervor. »Sie suchte Hilfe bei mir, wenn die Bürde zu schwer wurde.« »Was machte sie denn so schwer?« fragte Sonja und setzte sich auf den Sockel des Kreuzes; denn die Spannung verursachte ihr solches Herzklopfen, daß sie nicht imstande war, zu stehen. »Das müßten Sie doch wissen,« sagte er, während sein Blick forschend auf ihrem Gesicht ruhte. »Als ich sie kannte, war sie fröhlich und sorglos,« flüsterte Wildvogel leise. »Damals war ihr wohl noch nicht bewußt, daß sie dem Manne, den sie liebte, eine Last war,« antwortete der Pastor. Er hatte den einen Fuß auf den Sockel gesetzt und stützte den Ellbogen auf das Kreuz, während das Kinn in seiner Hand ruhte. Sein Blick schien ihr Innerstes erforschen zu wollen, er war es ja gewohnt, in der Seele seiner Mitmenschen ebensogut wie in seinem eigenen Innern zu lesen. Sein klarer Blick erschreckte sie nicht, denn es lag eine unendliche Güte und der Wunsch, zu helfen, darin. Wildvogel machte keinen Versuch mehr, das Geheimnis zu hüten, das ihm doch schon bekannt war. »Klagte sie – Max – und mich an?« Sie vermochte kaum den Satz zu vollenden und senkte den Kopf, so daß er ihr Gesicht nicht mehr zu sehen vermochte. »Sie klagte niemand an, außer sich selbst, sie sprach mit Hochachtung sowohl von ihrem Manne wie von Ihnen.« »Mit Hochachtung?!« »Sie erkannte Ihr Opfer als groß und edel an. Hätte sie eine Ahnung davon gehabt, als Sie es brachten, so hätte sie es niemals angenommen. Später, als ihr alles klar wurde, fühlte sie eine große Schuld auf sich lasten und sah ihr früheres Verhältnis zu Max als eine schwere Sünde an. Sie erkannte, daß sie damit Leiden über alle Beteiligten gebracht hatte.« Wildvogel blickte ihm lebhaft ins Gesicht. »Nahmen Sie ihr denn die Schuld nicht ab? Legten Sie nicht wenigstens einen Teil davon, den größten, auf ihn?« fragte sie und hielt den Atem gespannt an. »Das tat ich nicht, aber ich wies sie zu dem hin, der alle unsere Schuld bezahlt hat.« Wildvogel blickte über das Meer, und es kam ihr vor, als hätte seine einfache Antwort Ähnlichkeit mit dessen großartiger Weite. »Und sie?« fragte sie nach einem Weilchen. »Fand ihn und den Frieden.« Wildvogel mußte unwillkürlich an ihre eigene Handlungsweise in der Vergangenheit denken, und wie sie es auf sich genommen hatte, anderen den Weg zu weisen. Sie dachte daran, mit welcher Selbstverständlichkeit sie die beiden aneinander gekettet hatte, die doch so wenig zueinander paßten, daß sie sich gegenseitig das Leben verbitterten. Sie hatte geglaubt, für Ingrids Wohl zu handeln und hatte ihr Traurigkeit bis zum Tode gebracht. Dieser Gedanke siel ihr mit solcher Schwere aufs Herz, daß sie ihn nicht für sich selbst behalten konnte, sondern dem Pastor rückhaltlos mitteilte. »Durch die Traurigkeit bis zum Tode lernt man den Jubelklang verstehen,« antwortete er mit der Kraft eines Menschen, der genau weiß, was er sagt. »Das wurde ihr geschenkt, trauern Sie deshalb nicht um sie,« fügte er in dem rücksichtsvollen Ton hinzu, in dem man gern von Verstorbenen spricht, besonders wenn man das Wesentliche in der Persönlichkeit des Heimgegangenen berührt. »Sie glauben also, daß der Weg, den sie gehen mußte, der richtige für sie war?« »Ganz gewiß wurde er es, wie es denn auch zu Anfang gewesen sein mag,« antwortete er und blickte gedankenvoll auf das Grab hinab. »Das Leiden ist kein Fluch, am allerwenigsten, wenn es einen dazu treibt, Versöhnung bei Gott zu erlangen.« Ein jedes seiner Worte fiel wie ein Tropfen Balsam auf eine brennende Wunde und gereichte Sonja zum Trost. Aber noch hatte sie nicht Antwort auf alle ihre Fragen erhalten. »Und Max? Sagen Sie mir, habe ich unrecht gegen ihn gehandelt, als ich forderte, daß er sich mit der verheiraten solle, die schon sein war?« fragte sie so scheu und leise, daß er sich zu ihr niederbeugen mußte, um ihre Worte zu verstehen. »Unrecht!« rief er mit dem Schimmer eines Lächelns aus. »Sie waren hart, härter als Sie selbst wissen, aber – das Ideal ist hart.« Er richtete sich auf, nahm seinen Hut ab und strich sich das Haar aus der Stirn, während sein Blick über die Kreuze des Kirchhofs weit hinaus auf das Meer schweifte. »Die Forderungen des Ideals können wir beim besten Willen doch nicht erreichen, wenn es uns nicht mit göttlichem Erbarmen und Kraft emporhebt,« gab er zu. Sonja saß still da und dachte intensiv nach. In der Forderung des Ideals, die an den armen Max gestellt war, hatte weder göttliches Erbarmen noch göttliche Kraft gelegen, und deshalb hatte er sie gewiß so schlecht erfüllt. Ohne Flügel kann man nicht fliegen. Er hatte einen Anlauf genommen, als sie ihn beseelt hatte, aber als sie ihn verließ, fiel er. Ihr Impuls, der Max und Ingrid zusammengefesselt hatte, war einer Forderung des Ideals entsprungen, – aber ach! es mußte etwas Wesentliches daran verkehrt gewesen sein. Ihre fein gezeichneten Augenbrauen zogen sich grübelnd zusammen, so daß sich eine tiefe Denkfalte dazwischen eingrub. Was war das Verkehrte gewesen? Und ließ es sich noch jetzt wieder gut machen? Als sie den Pastor ansah, begegnete sie seinem durchdringenden Blick. Es lag eine solche Teilnahme darin, daß sie Mut fand, ihre Zweifel auszusprechen. »Ich denke mir, daß die Forderung, die an ihn gestellt wurde, vergaß, daß wir Staub sind; sie drang nicht tief genug ein, um eine Forderung seines eigenen Herzens zu werden. Sie weckte keine wirkliche Reue und in der Art der Genugtuung lag keine Kraft der Vergebung,« antwortete er in der langsamen, nachdenklichen Weise, die jedem seiner Worte vermehrtes Gewicht verlieh. Wildvogel senkte den Kopf. »Wie konnte ich das geben, was ich selbst nicht besaß?« murmelte sie leise. Gedemütigt, zu kurz gekommen, abgesetzt fühlte sie sich. Der Impuls mußte der richtige gewesen sein, und doch hatte sie nichts weiter ausgerichtet, als Ingrid zur Verzweiflung und Max in die Gefahr, unterzugehen, zu treiben. Daß Ingrid aus der Verzweiflung gerettet wurde, war das Werk eines anderen gewesen. Und Max aus der Gefahr zu retten, lag nicht in ihrem Vermögen. Selbst wenn sie die Voraussetzungen dazu in sich selbst gehabt hätte, was ja nicht der Fall war, so besaß sie jetzt doch keine Macht über ihn, keinen Einfluß. Abgesetzt, ohne Aufgabe im Leben, gewogen und zu leicht befunden, so fühlte sie sich. Da drang des Pfarrers Stimme durch das Gewühl der kummervollen Gedanken an ihr Ohr. »Besitzen Sie ihn jetzt?« fragte er auf seine rücksichtsvolle, eindringliche Art. »Was sollte ich besitzen?« entgegnete sie leise und mutlos. »Den Glauben, der über Mauern klettert und Dächer abdeckt, um sich und seine Bürde vor des Erlösers Füßen zu legen?« Tränen stiegen in ihre Augen, und unendliche Sehnsucht ergriff sie, ein neues, warmes, starkes Gefühl regte sich mächtig in ihr in der Stunde ihrer völligen Ohnmacht. Sie faltete ihre Hände und blickte durch schimmernde Tränen zu ihm auf. »Helfen Sie mir dazu,« flüsterte sie mit bebenden Lippen. Da faltete auch er seine Hände zum Gebet für sie, wie er an das Kreuz gelehnt dastand. Gesenkten Hauptes lauschte sie seiner Fürbitte und fühlte sich dadurch vor das Angesicht des Erlösers getragen, zu dessen Füßen sie niedersank. 14. Der Augenblick und die Ewigkeit müssen miteinander verwandt sein, wenn sie einander berühren und ineinander aufgehen. Der Augenblick, als der Sturm Wildvogel in ihrem kleinen Boot zwischen den Klippen überraschte, gehörte der Ewigkeit an. An der Grenzlinie zwischen Zeit und Ewigkeit wurde sie in ihrer kleinen Nußschale von den brausenden Wogen umhergeschleudert. In der höchsten Spannung ihres ganzen Wesens erwartete sie den Augenblick, wo sie in die Ewigkeit untertauchen und aus der Zeit verschwinden würde. Sie empfand weder Furcht, noch Traurigkeit, noch Freude, nur eine große Spannung. Der entscheidende Augenblick, als sie von der Grenzlinie gerissen wurde, kam. Aber sie wurde nicht, wie sie erwartet hatte, darüber hinausgeschleudert, sondern zurück in die Zeit. Wie es zuging, wußte sie nicht, sie wußte nur, daß sie sich plötzlich und unerwartet auf einer Klippe befand und sich an eine kleine, dünne, sturmgepeitschte Fichte anklammerte, während die Wogen ihr Boot zertrümmerten. – – Gibt es einen großartigeren Anblick als ein aufgeregtes Meer, gibt es einen wunderbareren Augenblick als den, in dem man sich seiner Gewalt entrissen, aus seinem Rasen gerettet findet? Regungslos lag Sonja auf der Klippe, auf die sie geschleudert war. Sie ragte nur eben soweit aus dem schäumenden Gischt empor, daß sie nicht fortgespült werden konnte. Das Tosen des Sturmes und das Brausen des Wassers erfüllten die Luft. Wildvogel lauschte den Gewalten und vernahm die Stimme Gottes. Sie fühlte seine Nähe und seine starke Hand, und bebend betete sie ihn an. Niemand konnte sich wohl unbedeutender und ohnmächtiger fühlen als sie, die einsam und vom Sturm umbraust auf der abgelegenen Klippe lag, ohne die Möglichkeit, sie wieder zu verlassen? Und doch, wer hatte das Meer gezwungen, sie von sich zu geben, und wer setzte der Herrschaft des Sturmes ein Ziel? In ihrer ganzen Nichtigkeit und Ohnmacht war sie doch der Gegenstand der Fürsorge des Allmächtigen. Zum zweiten Male war ihr das Leben geschenkt. Das erstemal war sie nur ein kleines, neugeborenes Kind gewesen, von dem man nichts fordern konnte, und sorglos war sie aufgewachsen, ohne einen anderen Gedanken, als daß ihr Leben nur ihr gehörte. Aber jetzt, als es ihr zum zweiten Male geschenkt wurde, war sie sich der Verantwortung bewußt und sah ein, daß sie es nicht wieder erhielt, um es für sich selbst zu leben. Noch wußte sie freilich nicht, welche Aufgabe ihr Gott mit dem wiedergeschenkten Leben stellte, aber draußen in der Einsamkeit mitten im Sturm, Auge in Auge mit Gott, weihte sie ihm ihr künftiges Leben. »Im Gehorsam gegen dich, mein Gott! Gib mir nur einen Wink, und ich will ihn in deiner Kraft befolgen, Gott, mein Erretter!« – Das war ihre Stimmung, und als sie Gott Gehorsam gelobte, war es eher ein Gebet als ein Versprechen. Noch umschloß der Augenblick die Ewigkeit da draußen auf der Klippe. Von allen, die hinausfuhren, um Wildvogel zu suchen, als man sie samt ihrem kleinen Boot vermißte, war es Max Reis, der sie fand. Die anderen fuhren zu zweien und dreien in einem Boot. Er fuhr allein mit gerefften Segeln und einer grimmen Entschlossenheit, sie zu finden oder nie wieder zurückzukehren. Seine Sinne brausten mit dem Sturm um die Wette. »Wildvogel, mein Wildvogel, voll Trotz und Härte habe ich dir widerstanden, ich wollte mich für alles das rächen, was ich gelitten habe. Es war mir ein Genuß, dir den Rücken zu wenden, dir zu widerstehen, dich von mir zu stoßen; und wie der Geizhals nach Gold sucht, so suchte ich den Schmerz in deinem Blick! Du solltest alles büßen, auf dich warf ich meine Fehler und Sünden, und suchte die Schuld dafür bei dir. O Wildvogel, mein Wildvogel, nun hebst du mich über mich selbst, und der Sturm, der dich entführt hat, reißt auch mich in feinen Wirbel. Die wilden Meereswogen, die dich gefaßt haben, spülen allen kleinlichen Groll aus meiner Seele fort. Mein Herz liegt offen da, mein befreites Wesen wirft die Fesseln ab, um dich zu finden, oder mit dir zu sterben.« Auf der Klippe weit draußen im Meers fand er sie. Er kam wie ein Sieger, und Wildvogel begrüßte ihn als ihren Retter. Er aber gab seiner Freude darüber, daß er sie gefunden hatte, keinen Ausdruck; die Dankbarkeit, daß sie noch lebte, überwältigte ihn nicht. Sein Blick strahlte ihr nicht entgegen, keine zärtlich unruhige Frage, kein Wort des Trostes kam über seine Lippen. Nein, statt dessen schalt er sie wegen ihrer kopflosen Unvorsichtigkeit, sich in solch einem elenden Boot so weit hinaus zu wagen. Er ließ sich von seiner Heftigkeit ganz und gar hinreißen und glich dem Meer und dem Sturm. Sein Zorn war die dritte Sturmesgewalt, die sie draußen auf der Klippe umbrauste. Kein Wort der Erwiderung kam über Wildvogels Lippen. Schweigend ließ sie ihn sich austoben, und eine große Freude stieg in ihr auf, denn die Gewalt seines Zornes verriet ihr doch nur die Größe seiner Unruhe, während er sie gesucht hatte, und eine Gewißheit kam über sie, die etwas von der Ruhe der Ewigkeit an sich hatte, die Gewißheit, welche Lebensaufgabe ihrer wartete, als ihr das Leben neu geschenkt wurde. Sie hatte um einen Wink von Gott gebeten, und war Max nicht selbst als Antwort gekommen? Als er endlich schwieg und mit brennendem Blick auf sie niedersah, sagte sie lachend: »Du mußt müde sein, Max. Setz dich und ruhe ein Weilchen in meinem Königreich, ehe wir nach Hause fahren.« Der freudige Klang ihrer Stimme ließ ihn verstummen, und der Gegensatz machte ihm erst die Größe seines Zornes klar. Aber obgleich ihn ein Gefühl der Scham beschlich, wollte er doch nicht weich werden, sondern sein Blick blieb streng und seine Gesichtszüge finster. »Du freust dich wohl noch über das, was du angerichtet hast!« grollte er. »Angerichtet? Ich habe doch den Sturm nicht heraufbeschworen!« sagte sie unschuldig. Sie lachte, aber in ihren Augen schimmerte es feucht, und um den tapferen, gewöhnlich so selbstbeherrschten Mund zuckte es. »Hoffentlich bist du nicht ganz so leichtsinnig, wie du tust!« Finster und streng stand er da und beobachtete sie, während sie verzweifelt nach Selbstbeherrschung rang. »Wenn du aus Todesgefahr gerettet worden wärest, würdest du dann nicht auch übermütig werden?« Das hätte sie nicht sagen sollen, denn diese kleine Verteidigungsrede brachte sie um ihre Fassung. Die Gefahr, der sie entronnen war, hatte sie mehr erschüttert und aufgeregt, als sie sich bewußt war, aber jetzt, da die Spannung nachließ und sie sich umsorgt und wie ein Kind gescholten und beschützt fühlte, ließ ihre Kraft sie im Stich. Vergebens wandte sie sich ab, um die hervorbrechenden Tränen zu verbergen, vergebens drückte sie die Hand an den Mund, um das Beben der Lippen zu verdecken. Ihre Fassung verließ sie, sie lehnte sich an den Felsen und weinte herzbrechend. Er stand schweigend neben ihr, eine Beute gewaltsamer Erregung, die aber anderer Art war als vorher. Der Zorn war verflogen, und was ihm zugrunde gelegen hatte, brach hervor und forderte sein Recht. Seinem Zorne hatte er rückhaltlos Luft gemacht, aber das, was sich jetzt Bahn brechen wollte, hielt er mit Gewalt zurück. Ihre Hilflosigkeit zwang ihn dazu. Sie war ja gänzlich in seiner Hand, und beide waren sie erregt und ihrer selbst nicht mächtig. In seiner Unschlüssigkeit erwachte der Arzt in ihm; er ging, um Kognak zu holen, den er mitgebracht, aber im Boot vergessen hatte. Mit der Flasche in der Hand kniete er neben ihr nieder, sie lag noch an die Klippe gelehnt und kämpfte vergeblich gegen ihre Schwäche. Sanft schob er ihr seinen Arm unter den Kopf und die Schultern und richtete sie auf, so daß sie sich jetzt an ihm stützen mußte. »Hier, trinke!« sagte er und hielt ihr die Flasche an den Mund. Sie nahm einen kleinen Schluck und schluckte ihn mühsam. Dann redete er ihr zu, mehr zu trinken. Ihre Blicke flehten ihn an, sie damit zu verschonen, da ihr das Schlucken so viel Beschwerde verursachte; er gab aber nicht nach, weil ein Schüttelfrost sie durchfuhr. Immer wieder mußte sie versuchen zu trinken, bis sie sich wieder kräftiger fühlte. »Wie kann es einem nur so schwer sein, Kognak zu schlucken!« sagte er mitleidig und vorwurfsvoll zugleich. Der Schüttelfrost ließ nach und das heftige Weinen ebenfalls, und sie lag ganz still in seinem Arm. Unverwandt blickte er in das bleiche, liebliche Gesicht, in dem ein neuer Ausdruck lag, etwas, das früher nicht darin zu finden war und wohl in den einsamen Stunden, die sie in dem Sturm durchlebt hatte, entstanden sein mußte. Er hätte gern den Grund gewußt. Es kam ihm wie ein Traum vor, daß sie in seinem Arm ruhte, und ein Gefühl der Unwürdigkeit beschlich ihn. Sie lag ja nicht aus freiem Willen da, sondern war nicht imstande, sich zu erheben, er aber hatte das Gefühl, als mache er sich ihre Schwachheit zunutze. Trotzdem wünschte er, daß es immer so bleiben möchte. Plötzlich schlug sie die Augen auf und sah ihn mit dem Blick eines Menschen an, der soeben eine neue Aufgabe von Gott erhalten hat. Noch niemals war ihm ein solcher Blick begegnet, und ein Schauer durchging ihn, obgleich er nicht wußte, warum. Ihm schien, als ginge alles Kleinliche in einem einzigen Großen auf, aber es war ihm unbewußt, was das eine Große war. Er hatte das Gefühl, als dringe ein Weckruf durch den Panzer der Gewohnheit, des Zynismus, des Trotzes und der Gleichgültigkeit in sein innerstes Ich und rüttelte es auf, so daß es sich auflehnte und seine Fesseln abwarf. »Wildvogel,« flüsterte er wie abwesend und beugte sich tiefer über sie. Sie öffnete die Lippen, als wolle sie etwas sagen, er aber verschloß sie mit einem Kuß. Geschah das, um der Aufforderung, die er in ihrem Blick gelesen hatte, zu widerstehen, oder bedeutete es eine zustimmende Antwort? Er wußte es selbst nicht, darum versuchte er sie am Sprechen zu hindern, damit sie keine Frage stellte, die er nicht beantworten konnte. Er drückte sie fest an sich in einem langen Kuß, und sie widerstrebte nicht. Wenn er aber glaubte, daß er sich ihre Macht über ihn dadurch entziehen könnte, so irrte er sich. Es strömte eine Kraft von ihr auf ihn über, die ihm durch und durch ging. Er fühlte, daß er sich nicht mehr selbst gehörte, sondern ihr. Wenn das aber der Fall war, mußte sie ihm auch wiederum gehören! Der Gedanke überfiel ihn mit einem gewissen Trotz, und beseelt von dem Gefühl des Besitzrechts, nahm er sie in seine Arme, erhob sich mühelos mit ihr und trug sie hinunter ans Boot, das an der windgeschützten Seite der Klippe schaukelte. Ihren ermunternden Blick brauchte er jetzt nicht mehr zu fürchten, denn ihre Augen waren geschlossen, aber der liebliche, reine Ausdruck ihres Gesichts beherrschte ihn ganz. Er machte es ihr auf dem Boden des Bootes so behaglich wie möglich und stieß dann ab. Kein Wort weiter hatte er gesprochen, aber ein neuer Glanz war in seine Augen gekommen. Der Sturm faßte in das Segel und drückte das Boot auf die Seite, aber es war ein kleines, standhaftes Fahrzeug, das sich bald wieder tapfer aufrichtete und davon schoß. Sie lag ganz still und gab sich der Müdigkeit und der Ruhe hin. Ruhig, wachsam und stark saß Max am Steuer. Es war harte Arbeit, die Leine schnitt ihm in die Hände, und er mußte seine ganze Kraft aufwenden, um das Boot vor dem Wind zu halten. Sein Gesicht glühte, sein Auge funkelte, und seine ganze Haltung war die eines Siegers. »Ein tüchtiger Sturm und ein tüchtiger Mann ist das schönste, was man sehen kann,« jubelte es in Wildvogel. Sie liebte den Sturm, der ihr den Mann in Max gezeigt hatte. Wie sehr er auch von dem Kampf mit den Elementen in Anspruch genommen war, so weilten seine Gedanken doch bei ihr. Jedesmal, wenn sie aufsah, begegnete sie seinem Blick. Es war nicht möglich, bei dem Zischen und Brausen der Brandung miteinander zu reden, es war aber auch nicht nötig. Es gibt Dinge, die am besten im Schweigen zur Reife gelangen. An der Brücke bei Sund wurden sie von den Freunden, die sie mit Angst erwartet hatten, jubelnd empfangen. Es flossen Freudentränen über die Verlorengeglaubte und Wiedergefundene. Und dann wurde sie ins Bett gesteckt und auf jede erdenkliche Weise gepflegt. Bei jedem kleinen Dienst lächelte sie dankbar, sprach aber wenig, sondern verhielt sich sehr still. Von dem, was sie in ihrem Innern erlebt hatte, sagte sie kein Wort, ebensowenig wie von der neuen Aufgabe, die Gott ihr gegeben hatte, und auch Max schwieg. »Du hast einen Ausdruck in deinem Gesicht, als wärest du Gott begegnet und hättest mit ihm geredet,« flüsterte Agnes. »Das habe ich auch,« antwortete Wildvogel. 15. Als Sonja am nächsten Tage aufstehen wollte, fühlte sie sich so matt, daß sie sich wieder hinlegen mußte. »Daß mich das so mitgenommen hat!« sagte sie zu Beata und lachte über ihre eigene Schwachheit. »Das ist doch kein Wunder,« meinte Beata, und machte sich mütterlich mit ihr zu schaffen. »Nun mußt du ganz still liegen, um dich ganz auszuruhen, du liebes Wildvögelchen, das uns beinahe davongeflogen wäre!« Max kam. Er fühlte sich innerlich schwankend, erregt und nachdenklich, aber nach außen war er ganz Arzt, fühlte den Puls, pochte, horchte und verordnete. Frau Beata war im Zimmer, und Agnes ging ab und zu und sorgte für das Nötige. Mit ihrer gewöhnlichen Umsicht merkte sie sich auch des Doktors Vorschriften genau. Er war besorgt, gründlich und zart gegen seine Patientin. Agnes hatte ihn an vielen Krankenbetten gesehen, aber heute war seine Art ganz anders als sonst. Sonja war still und schweigsam. Sie beantwortete seine Fragen, blickte auf und lachte, wenn sie angeredet wurde, aber ihre Seele weilte noch bei dem großen Augenblick, als die Ewigkeit sie umfing und ihr die große Aufgabe von Gott gegeben wurde. Sie lag noch einige Tage krank, und Max kam zweimal am Tage, immer nur als Arzt, und als solchen schien sie ihn auch zu empfangen, aber beide wußten, daß sie sich mehr waren. Draußen auf der Klippe hatten sie einander ins Herz gesehen, und keines von ihnen vergaß auch nur für einen Augenblick, was er bei dem anderen entdeckt hatte. Als Max am fünften Tage kam, fand er Sonja in einem Ruhesessel draußen im Garten. Sie war sorglich in Kissen und Decken gehüllt, war aber in dem Augenblick allein. »Wer hat dir erlaubt, aufzustehen?« »Ich selbst,« lachte sie. »Behandelt man seinen Arzt so?« »Ja, wenigstens einen von den vielen.« Er schüttelte mißbilligend den Kopf, mußte aber doch lachen. Plötzlich beugte er sich vor und sah sie bekümmert und unruhig an. »Verträgst du aber das Aufsein auch wirklich? Du siehst aus wie ein Hauch, der im nächsten Augenblick verfliegt.« Er begriff selbst nicht, warum sie ihm den Eindruck machte, denn ihre Augen lachten vor Lebenslust, und die Farbe wiederkehrender Gesundheit lag auf ihren Wangen. Aber trotzdem sah sie durchgeistigt aus, und der Abglanz einer höheren Welt lag über ihr, und das war es, was ihn beunruhigte. Seine Unruhe entsprang dem Aufruhr, der seit dem Sturmtag in seinem Innern tobte und ihm den Schlaf seiner Nächte und die Ruhe seiner Tage raubte. Er hatte so lange über das nachgedacht, was er glauben, sagen und tun solle, bis er weder aus noch ein wußte. All das Mißtrauische, Finstere und Versteckte seiner Natur hatte sich empört, um das zu stürzen, was die Stunden draußen auf der sturmumbrausten Klippe in ihm aufgebaut hatten. Wenn er einsam grübelnd saß, nahm die Finsternis überhand, aber im Beisammensein mit Sonja wich sie wieder. Seit dem unvergeßlichen Tage war er heute zum erstenmal allein mit ihr. Er mußte über das Vorgefallene sprechen, aber was sollte er sagen? Sie saß still und schweigend, ganz erfüllt von einem feierlichen Gefühl wie vor großen Ereignissen, in denen eine höhere Macht wirkt und die eigene kleinliche Schwachheit verschwindet. Wenn Max ihre Aufgabe von Gott war, dann mußte Gott ihn zu ihr führen trotz seiner Verdüsterung, Unruhe und Ungewißheit. Sie sah, wie es in seinem Innern kämpfte, wie er sich unter den alten Feinden seiner Natur wand, und er tat ihr von Herzen leid. Sie kam ihm aber mit keinem Wort zu Hilfe, fühlte auch keine Angst, daß die alten Feinde wieder die Überhand gewinnen könnten. Die Liebe hatte ihre Herrschaft gestürzt, denn Max liebte sie ja, das stand jetzt fest bei ihr. Sie hatte es draußen auf der Klippe gesehen und gefühlt, und auch später hatte sie es aus seiner Schüchternheit und aus seinem veränderten Wesen herausgelesen. Darum fühlte sie sich ganz ruhig, um so mehr, da sie überzeugt war, daß Gott es so wollte. Dieser Glaube befestigte sich jetzt in ihr, denn niemand störte ihre Einsamkeit in der Stunde, in der sie einander zugeführt werden sollten. Das reiche Leben des Hochsommers summte und zwitscherte um sie her, aber von Menschen war keine Spur zu sehen oder zu hören. Endlich sah Max auf. »Wildvogel,« hub er an, kam aber nicht weiter. Aus ihren Augen leuchtete es seinem sehnsüchtigen Blick so warm entgegen, daß er verstummte. Er wagte nicht an das zu glauben, was er sah, konnte sich aber doch nicht davon losmachen. In heftiger Erregung legte er seine Hand auf die ihren, die gefaltet in ihrem Schoß ruhten, und angstvoll sah er sie an. »Wecke keine Hoffnung in mir, um mich nachher wieder zu enttäuschen! Ich könnte es nicht überleben, dich noch einmal zu verlieren!« sagte er heiser. Seine Stimme klang streng und seine Hand bebte, als schwanke er, ob er sie festhalten oder zurückstoßen solle. »Dir gegenüber ist kein Falsch in mir, Max.« Aber die finstere Unruhe seines Blickes schien sich vor dem Licht in dem ihren nur noch zu verdüstern. Sie merkte, daß sie einen Strauß gegen alle Feinde seiner Natur kämpfen müsse, aber sie schreckte nicht davor zurück, sie hatte ja die stärksten Bundesgenossen – Gott und die Liebe. »Ein Wildvogel duldet keine Fesseln,« erinnerte er sie düster. »Erblickt die Liebe eine Fessel in dem Willen des Geliebten? Ist es nicht die wahre Freiheit, denselben zu erfüllen?« antwortete Wildvogel mit heiterem Ernst. Es war eine große Veränderung mit ihr vorgegangen, das merkte sie jetzt. Wohl hatte sie früher geliebt, Viktor, seinen alten Vater und Max, auch hatte sie mehrere Freundinnen, aber sowohl in der Freundschaft wie in der Liebe hatte sie sich immer eines vorbehalten, – ihre eigene Persönlichkeit. Aus Furcht, sie ganz zu verlieren, hatte sie sich immer gescheut, sie hinzugeben, aber jetzt, seit sie sich auf der Klippe Gott ganz ergeben hatte, war sie ihr mit solcher Kraft wiedergegeben, daß sie ihr verblieb, auch wenn sie sich einem geliebten Mann in Liebe ergab. Ihre Persönlichkeit war genug erstarkt, um die seine zu gewinnen. Aber sein Mißtrauen war nicht leicht zu überwinden. Er hatte es in bitteren Zeiten zu lange gehegt und gepflegt. »Du hältst es wohl für gerecht, dir dasselbe anzutun, was du einst auf Rechnung einer anderen von mir fordertest. Du träumst von Wiedervergeltung!« sagte er mit Bitterkeit. »Ich träume nicht, Max, ich bin vollständig wach.« Er aber fuhr fort: »Ein einmaliges großes Opfer zu bringen und dann fortzufliegen, um in anderen Gegenden die Freiheit zu genießen, ist heldenmütig und – leicht! Aber die schwere Kette tagaus, tagein, jahrelang zu schleppen, ist schlimmer. Traust du dir zu, das zu können?« Ihr heller Blick verdunkelte sich nicht vor seinen scharf forschenden Augen. »Ich nenne es kein Opfer, für den leben zu müssen, den ich liebe.« Bei diesen Worten zuckte er zusammen. Er hatte wieder die Empfindung wie draußen auf der Klippe, als ginge eine Kraft von ihr aus. Sie erfüllte ihn mit einem überwältigenden Gefühl, gegen das sich das Widerstrebende und Feige in seiner Natur zu wehren suchte, denn es forderte ebensoviel, wie es gab, und wie sollte er die Forderung erfüllen? »Warum führst du mich in Versuchung? Warum weckst du das Erstorbene zu stürmischem Leben? Begreifst du denn nicht, daß ich ein Elender bin?« rief er wild und unzusammenhängend aus. »O Max! Du ein Elender!« Sie lachte ein wenig, ein weiches, glückliches Lachen, das sein Selbstbewußtsein weckte und ihn die Herrschaft über seine Rührung wieder gewinnen ließ. »Ich bin doch ein Elender,« beharrte er, »aber so schlecht bin ich nicht, daß ich dich zu mir hinabziehen möchte.« »Das sollst du auch nicht.« »Nein, das weiß ich, und deshalb, – deshalb – muß ich entsagen.« »Das kannst du gar nicht ohne meine Einwilligung. habe ich denn gar kein Wörtchen mitzureden?« »Aber Wildvogel, du vergißt – du weißt nicht –, hast du die Scherben vergessen?« »Hast du sie vergessen?« »Wie könnte ich? Ich habe sie ja beständig vor Augen. Sie rufen mir zu, daß ich dich fliehen und dir widerstehen muß, um deiner selbst willen.« »Das ist aber nicht, was sie dir sagen sollten.« Er saß mit gesenktem Kopf, den düsteren Blick zur Erde gerichtet. Er wollte fest bleiben und wagte darum nicht, sie anzusehen. Aber das half ihm wenig, ihre bloße Nähe beherrschte ihn, und sein Inneres erbebte bei dem Klange ihrer Stimme. »Ich will dich nicht durch Versprechen betrügen, die ich vielleicht doch nicht halten kann. Die Gewohnheit ist stark, zur zweiten Natur geworden,« murmelte er. »Liebst du mich, Max?« »Ob ich dich liebe! Gerade deshalb will ich dir ja widerstehen.« Heftig und schroff stieß er diese Worte aus; sie aber durchströmte ein seliges Glücksgefühl. Er gehörte ihr, und es war ihre Aufgabe, ihn aus seiner Düsterheit herauszuretten. Er durfte nicht hartnäckig darin verbleiben. »Das ist feige, Max. Sei doch ein Mann, kämpfe gegen die Macht der Gewohnheit!« sagte sie kraftvoll. Da er sich weder rührte noch antwortete, beugte sie sich vor und legte die Hand auf seinen Arm. »Kämpfe um meinetwillen und um derer willen, die vielleicht noch kommen.« Innig und leise sprach sie diese Worte, und als er aufsah, begegneten ihm ihre Augen wie zwei leuchtende Sterne. »Wen meinst du?« fragte er. Sie antwortete nicht, errötete aber tief unter seinem Blick, ohne jedoch den ihren zu senken. Da verstand er. Bittend blickte er ihr in die Augen und ließ ihr Verlangen bis in sein Innerstes dringen, wo das göttliche Leben schlummerte. Der Ruf erreichte ihn, der Ruf, dem sich ein Mensch nur zu seinem eigenen Verderben entziehen kann. »Sage, daß du es willst, Max!« »Niemals sollst du einem Sklaven angehören!« gelobte er. »Darum mußt du dich aufraffen und ein freier Mann werden!« Mit neuerwachter Willenskraft richtete er sich auf. »Ja, das muß ich, und ich will es auch!« 16. »Du hast viel Mut, Sonja!« Es war abends in Wildvogels Zimmer. Sie saß auf ihrem gewöhnlichen Platz auf dem Fensterbrett und Beata auf einem Stuhl ihr zu Füßen. Eben hatte ihr Sonja ihre Verlobung mitgeteilt. »Man läßt sich bisweilen überrumpeln,« fuhr Beata fort. »Ich will nicht behaupten, daß ich keine Hintergedanken hatte, als ich dich hierher einlud, aber jetzt bei der vollendeten Tatsache wird mir angst.« »Warum?« »Ich frage mich, ob es wirklich zu deinem Glück dienen wird?« »Was ist Glück?« fragte Sonja mit seelenvollem Lächeln. Darauf antwortete Beata nicht unmittelbar. »Ich fürchte, du gehst mancher Unruhe entgegen.« »Und sonst? Einförmige Ruhe taugt mir nicht.« Beata streichelte Wildvogels Hand liebkosend. »Als ich das herbeiwünschte, was sich jetzt vollzogen hat, dachte ich am meisten an ihn. Er war mir zu gut für das Leben, in das er hineingeraten ist. Mir schien, als könne dir niemand widerstehen, auch ahnte ich nach der Art, wie er von dir sprach, daß irgend etwas zwischen euch sei, wenigstens von seiner Seite. Er ist nicht für die Einsamkeit geschaffen, aber wenn du dich seiner annähmest, könnte er ein prächtiger Mensch werden. So dachte ich, ohne aber an dich persönlich zu denken. Das tue ich jetzt. Er ist nicht leicht zu behandeln.« Ein Leuchten ging über Wildvogels Gesicht. »Gerade das gefällt mir. Gerade das zeigt, welch starke Macht die Liebe auf ihn ausübt.« »Hast du irgend eine Bedingung gestellt?« fragte Beata, und Sonja las in ihrem Blick, woran sie vornehmlich dachte. »Bedingungen? Zur Bedingung habe ich es nicht gemacht, aber er weiß, was ich will, und er will dasselbe.« »So, so! Aber ist es sicher, daß er es immer will? Die Gewohnheit ist eine gefährliche Macht.« »Das weiß ich wohl, und ich unterschätze auch den Feind keineswegs, gegen den wir, Max und ich, kämpfen müssen.« Stolz und glücklich klang das »Max und ich«. Beata gefiel der vertrauensvolle Mut, den sie auch nicht niederschlagen wollte; trotzdem trieb ihre innige Freundschaft sie dazu, zu warnen. »Du hast viel Mut, du liebes Wildvögelchen!« wiederholte sie. »Ich zittere für dein Los, – wenn du nicht glücklich würdest?« »An die Möglichkeit denke ich gar nicht. Dazu darf es nicht kommen,« sagte Wildvogel. Ihre ganze Gestalt straffte sich, und aus ihren Augen leuchtete die Tatkraft, die Max besiegt und aufgerichtet hatte. »Ich weiß wohl,« fuhr sie fort, »daß ich mancherlei mit Max erleben werde. Mir ist immer klar gewesen, daß das Verheiratetsein eine große, schwere Kunst sein muß, und vielleicht wird es das noch mehr für mich sein wie für andere. Das hat mich bisher davon zurückgehalten, aber jetzt schreckt es mich nicht mehr, sondern lockt mich eher, denn jetzt ist meine Zeit gekommen.« Sie sprach mit ruhiger Sicherheit. Beata wunderte sich in ihrem Innern darüber, ließ aber keinen Zweifel laut werden. »Ich erwarte mir kein sonniges Paradies mit ungestörtem, ruhigem Glück,« fuhr Wildvogel mit dem für sie so charakteristischen Humor fort. »Und das ist auch gut, denn das würde mir bald langweilig werden. Nein, ich weiß, daß ich ein Leben gewählt habe reich an Unruhe, Arbeit, Streit und Selbstüberwindung, sowohl in voraussichtlichen wie in unvorhergesehenen Konflikten, aber, Beata, interessant wird es, – das heißt leben! Endlich ist mir eine Aufgabe geworden, die einen Charakter fordert, und mit der Aufgabe werde ich mich hoffentlich selbst zu einem Charakter auswachsen.« Ihre Augen strahlten und ihre Hände öffneten und schlossen sich im Überschwang der Gefühle. »Und außerdem,« gab sie mit einer plötzlichen Ruhe zu, aus der ein noch stärkeres Gefühl sprach, als aus ihrer vorigen Lebhaftigkeit, »außerdem habe ich keine Wahl, ich gehöre nun einmal zu Max. Das Vergangene, von dem ich dir noch nichts erzählt habe, macht ihn jetzt und immerdar zu meiner Aufgabe. Ich bin in seiner Schuld und die Liebe macht es mir zu einer Lust und Freude, ihm zurückzuzahlen.« »Die Liebe ist alles, und macht das Schwerste leicht,« sagte Beata mitfühlend, aber zu ihrer Verwunderung schüttelte Wildvogel den Kopf. »Sie ist nicht alles, aber sie macht alles möglich, und sie macht das Schwere nicht leicht, sondern sie gibt uns Kraft, es zu tragen,« sagte sie. »Dann ist die Liebe ja etwas noch Größeres,« bekannte Beata, und blickte bewundernd in das seelenvolle, begeisterte Gesicht ihrer Freundin. Sie staunte darüber, daß Sonja schon so tief in das Wesen der Liebe geschaut hatte, und zwar mit einem so scharfen, unbeirrten Blick. Es beruhigte sie, denn sie hatte nicht ohne Bangen an die vielen Frauen gedacht, die, so wie Wildvogel jetzt, hoffnungsvoll davon geträumt hatten, einen Mann zu bessern, und dann mit ihren Kindern in Elend geraten waren, ohne ihm helfen zu können. Das Kluge und Nüchterne in Sonjas erhobener Stimmung bewies, daß nicht bloß eine gefühlvolle Zukunftshoffnung ihrem wichtigen Beschluß zugrunde lag. Nach einigen Augenblicken des Schweigens sprach Beata diese Gedanken aus. Sie hoffte, den Grund der Sicherheit ihrer jungen Freundin zu erfahren. »Gott hat uns in unserem eigenen Wesen Leitsterne gegeben, das Gefühl, das Gewissen, den Verstand, und wenn sie uns nun alle dieselbe Richtung angeben, wäre es da nicht fürchterlich feige, wenn wir sie nicht einschlügen?« antwortete Wildvogel. »Es wäre doch geradezu Ungehorsam!« »Ich sehe ein, daß das Gefühl dich leitet, was aber die anderen Sterne betrifft, das Gewissen und den Verstand, so kann ich die wohl kaum anerkennen, so lange ich nichts von der Vergangenheit weiß, die Dr . Reis zu deiner Aufgabe gemacht hat,« sagte Beata mit einem vorwurfsvollen Blick auf Sonja. Die lachte und erzählte alles. »Ja, jetzt verstehe ich dich, nun bin ich beruhigt!« rief Beata aus. »Wenn seine Liebe zu dir eine so tiefe Wurzel hat, dann wird es dir sicherlich glücken. Jetzt ist mir deine ruhige Sicherheit und dein Vertrauen auf die Macht eurer Liebe erklärlich.« »Ich traue nicht nur auf die, sonst würde ich wohl nicht so ruhig sein,« sagte Wildvogel leise. In Beatas zärtlichem Blick lag eine Frage, und Sonja fügte im selben Tone hinzu: »Ich traue auf Gott, der sie in uns entzündet hat.« 17. Kalt und klar hielt der Herbst seinen Einzug. Das Meer glitzerte in der Sonne vor dem roten Pfarrhof auf der Klippe. Auf der Bank vor dem Häuschen saß der Pastor und neben ihm Dr . Reis. Stina war krank und der Doktor hatte sie eben besucht. Er hatte aber scheinbar noch keine Lust, nach Haufe zu gehen, die friedliche Umgebung fesselte ihn. Zum ersten Male fürchtete er sich nicht vor einem vertraulichen Beisammensein mit dem Pastor. Die letzten Zeiten hatten ihn verwandelt und sein mürrisch verschlossen gehaltenes Innere geöffnet. »Warum hausest du einsam auf deiner Klippe, Löwing? Warum heiratest du nicht?« fragte er plötzlich. »Mein Los ist die Einsamkeit, und ich bin damit zufrieden,« antwortete der Einsiedler in seiner langsamen und bedächtigen Art. Dr. Reis betrachtete ihn mit beinahe neugierigem Interesse und dachte, wie auffallend doch das Profil mit dem männlichen und verschlossenen Ausdruck sei. Der Pastor blickte unverwandt auf das Meer, aber dem Doktor wollte scheinen, als sähe der in die Ferne schauende Blick ein anderes Meer, als das sonnenbeglänzte zu ihren Füßen. »Was hat dich zum Einsiedler gemacht, Löwing?« fragte er endlich kühn. »Ein großer Umschwung in meinem Leben,« antwortete der gewöhnlich so verschwiegene Mann mit einer Offenheit, die den Doktor in Erstaunen versetzte. »Das habe ich immer geahnt,« murmelte Max. »Ich habe die Erinnerung an und die Reue über ein weltliches Leben in Selbstsucht und muß dafür Buße tun,« fuhr Löwing in demselben bedächtigen Tone fort, ohne den Blick von der See zu wenden. »Das hättest du? Wahrhaftig, dann muß der Umschwung sehr groß gewesen sein!« »So ist es.« Der Pastor überlegte, wie ungerecht es doch eigentlich sei, daß ihm alles, was Max Reis betraf, bekannt war, während dieser nichts von ihm selbst wußte. »Das Verlangen, das, was ich bin, ganz zu sein, ist stark in mir, deshalb zog ich mich von allem und allen meines früheren Kreises zurück und wurde ein Einsiedler. Reue und Buße kommen mir zu, Arbeit in einem verborgenen Winkel, Armut, Einsamkeit. Alles das suchte und fand ich, und so wurde mir das beste Teil.« Ein inneres Feuer verklärte seine Züge, aus seinen Augen leuchtete eine demütige Begeisterung, und seine muskulöse, aber magere Gestalt reckte sich, als er mit unterdrückter Bewegung leise fortfuhr: »Hier auf meiner Klippe, wo das Meer und die Sterne vor meinen Augen mir die Unendlichkeit predigen, habe ich Unwürdiger oft von Angesicht zu Angesicht mit Gott geredet, hier hat er mich besucht, hier hat seine Gnade mich umgestaltet, hier habe ich mich in ihn hineingelebt.« Der Doktor betrachtete das verklärte Gesicht aufmerksam und wunderte sich, daß Löwing so rückhaltlos über diese Sachen mit ihm, dem Zyniker, redete. Aber er war dankbar für diese unerwartete Offenheit, denn sie gab ihm Gelegenheit, ohne sich selbst zu verraten, die Unterredung auf eine geheime Sorge zu bringen, die ihn in der letzten Zeit gequält hatte. Das Glück hatte ihn feinfühlig gemacht. »Hast du bei diesem selbstsüchtigen Weltleben auch mitunter gegen andere gefehlt?« fragte er. »Ja, das habe ich, – besonders gegen eine.« »Hast du alles wieder gut gemacht?« »Das konnte ich nicht, es stand nicht in meiner Macht.« Nun wurde der Doktor erregt, denn jetzt waren sie bei seiner geheimen Sorge angelangt, ohne daß er sie zu offenbaren brauchte. »Wie kannst du dann hier in Frieden mit Gott und deinem Gewissen sitzen?« »Es gibt etwas, das Vergebung heißt.« »Hat sie dir vergeben, gegen die du gesündigt hast?« »Das weiß ich nicht.« Des Doktors Augen funkelten. »Wessen Vergebung verhalf dir denn zum Frieden?« fragte er herausfordernd. »Gottes,« antwortete der Pastor. Die Antwort hatte der Doktor gerade erwartet, um in überlegenen Spott auszubrechen und den lästigen Stachel des Gerechtigkeitsgefühls von sich abzuwenden. »Ist es so bequem eingerichtet, daß man das gekränkte Opfer ganz aus dem Spiel lassen kann und die Sache nur mit Gott ins reine zu bringen braucht? Das würde ich für Jesuitenmoral halten!« Jetzt endlich wandte der Pastor seinen Blick von der See fort, richtete ihn prüfend auf Max, als wollte er den Beweggrund seiner Frage und seiner unerklärlichen Hitzigkeit ergründen, und erwiderte: »Du ahnst nicht, wie sehr ich dich darum beneide, daß du alles wieder gutmachen konntest!« Max wurde dunkelrot vor Überraschung. »Ich! Ach, das war ein elendes Wiedergutmachen, – das mußt du doch am besten wissen –, denn –!« In abgerissenen Sätzen sprach er den Kummer ganz gegen seinen Willen aus, für den er sich hatte Rat holen wollen, ohne ihn zu offenbaren. Seit sein eigenes Geschick anfing, lichter zu werden, drückte ihn die Erinnerung daran, wie unglücklich er Ingrid in ihrer Ehe gemacht hatte. Jedoch achtete der Pastor gar nicht auf das Bekenntnis, das dem Doktor so unvermutet entfahren war, sondern er griff zurück auf die Frage, die dieser vorher gestellt hatte. »Glaube nur nicht, daß ich Gottes Vergebung als einen Balsam für meinen Sündenkummer suchte! Wenn sie nicht auch eine umgestaltende Kraft zum Siege über die Sünde würde, so wäre sie nicht wahrhaftig.« »Aber die, gegen die du fehltest?« beharrte der Doktor. »Konnte ich nicht erreichen. Aber ich kann andere erreichen. Ich bin in jedermanns Schuld, der in irgend einer Hinsicht meine Hilfe brauchen könnte.« »Ist sie tot?« fragte der Doktor schnell. »Für mich ist sie tot. Wie weißt du denn, daß es eine ›Sie‹ war?« »Ach,« sagte der Doktor, »an eines jeden Mannes Tragödie trägt ein Weib die Schuld. So ist es vom ersten Anfang an gewesen.« »Und vom ersten Anfang schiebt Adam die Schuld auf Eva,« sagte der Pastor mit einem unergründlichen Ausdruck in seinen Augen. »Du tust es jedenfalls nicht,« bemerkte der Doktor. »Wenn zwei fehlen, ist es wohl niemals nur des einen Schuld,« antwortete der Pastor. Der Doktor blickte ihn mit brennendem Interesse an, indem er sagte: »Mir scheint, du hast mir zuviel von deiner Vergangenheit gesagt, um mir nicht noch mehr zu sagen.« Der Pastor streifte ihn mit einem schnellen Blick und sah dann wieder auf das Meer hinaus. »Die Umrisse kann ich dir wohl in kurzen Zügen geben, was sie aber an aufreibendem Kampf und Kummer umschließen, können vielleicht deine eigenen Mutmaßungen ergänzen,« sagte er in kurzem, gepreßtem Ton. Fast bereute der Doktor seine Kühnheit, als er sah, daß der andere nur mit sichtlicher Selbstüberwindung nachgab, aber ehe er ein Wort sagen konnte, fuhr Birger Löwing fort: »Ich war leichtsinnig und selbstsüchtig, führte ein verschwenderisches Leben, brauchte Geld, traf ein junges, reiches Mädchen, das sich in mich verliebte, und heiratete es um ihres Geldes willen. Niemals hatte ich eine andere Absicht, als meine Pflicht gegen sie zu erfüllen, niemals glaubte ich, daß sie den Mangel eines wärmeren Gefühls bei mir empfinden würde, aber ein Weib, das liebt, ist über die Maßen feinfühlig und scharfsichtig. Sie kam dahinter, und das verwandelte sie. Vergebens tat ich alles nur Erdenkliche, um sie zu versöhnen. Da kam ein anderer Mann, und als sie bei dem die Wärme fand, die sie bei mir vermißte, gab sie mich auf und folgte ihm.« Er schwieg. Als er so dasaß, die Arme über der Brust gekreuzt, an die Mauer zurückgelehnt, die Beine von sich gestreckt, hatte er den Blick von der See zu Boden gewendet. »Erfuhrst du damals die große Umwandlung in deinem Innern?« »Das war der erste Anstoß. Ich schwankte, aber ich fiel noch nicht auf die Knie. Dazu ist mehr erforderlich: des Herzens wundester Punkt muß berührt werden. Das geschah später, als unser Kind starb. Da sie es war, die mich verlassen hatte, so wurde es mir bei der Scheidung zugesprochen. Der Knabe lehrte mich lieben. Er weckte das Gefühl in mir, das seine Mutter nie zu wahrem Leben erwecken konnte. Als Gott ihn nahm, warf er mich auf die Knie.« Der Pastor beschattete die Augen mit der Hand und blickte in die Ferne. Die Erinnerung hatte sein Innerstes erregt. »Wenn ich meine Meinung sagen darf, so hat sie dir genügend vergolten, was du ihr tatest,« sagte der Doktor nach kurzem Schweigen. »Wärest du es nicht, so würde es mir schwer werden, an deine Aufrichtigkeit zu glauben, wenn du von deiner Schuld gegen sie sprichst. Eine Frau, die ihrem Manne fortläuft und ihr Kind verläßt!« »Sie hätte es nie getan, wenn ich sie geliebt hätte. Ja, wäre ich nur von Anfang an wahr gegen sie gewesen und hätte nicht mehr Gefühl geheuchelt, als ich besaß! Aber ich war falsch – und das machte sie zu dem, was sie wurde.« »Du willst doch wohl nicht behaupten, daß sie ohne Schuld war?« rief Max aus, entrüstet über seines Freundes übertriebene Ritterlichkeit. »Nein, natürlich sehe ich ein, daß auch sie schuldig war, aber das vermindert meine Schuld nicht. Das Bewußtsein, daß sie jung und unschuldig und vertrauend war, als sie mich heiratete, verursacht mir heute noch bittere Gewissensbisse. Es steht fest, daß nur mein selbstsüchtiger Betrug sie so verwandelte.« »Wäre sie stark gewesen, so wäre sie als Siegerin aus der Krisis hervorgegangen und hätte dich gewonnen. Ich kann es nämlich nicht fassen, daß du jemals herzlos gewesen sein solltest,« sagte der Doktor. Der Eifer, mit dem er des Pastors Schuldlosigkeit zum Nachteil der Frau verfocht, war so groß, daß deutlich daraus hervorging, wie nicht nur dieser besondere Fall ihn bewegte. So faßte Pastor Löwing es auch auf und beantwortete den Einwand von einem weitschauenden Gesichtspunkt. »Ja, wäre sie stark gewesen und wäre ich wahr gewesen! Hätten Adam und Eva Gott gehorcht, so wäre die Sünde nie in die Welt gekommen. Unser armes Geschlecht strauchelt über alle seine unerfüllten ›Wenns‹!« Der Doktor betrachtete den Mann aufmerksam, den er seit Jahren zu kennen geglaubt hatte und doch jetzt erst kennen lernte. Wie eigenartig war es doch, ihn von der Niederlage sprechen zu hören, als sei es etwas, das fast jedermann erfahren müsse. Er, der immer den Eindruck machte, als lebe er nach einem vollständigen Sieg erhaben über des Lebens Kampf, stellte sich jetzt auf den Standpunkt derjenigen, deren Leben aus unerfüllten Wenns besteht! Aber obgleich er von Niederlage sprach und auf etwas so gründlich Verfehltes zurückschaute, daß es nie wieder gutzumachen war, so fehlte ihm doch die harmonische Ruhe nicht, die nur der Zusammenklang der Seele mit Gott sein konnte. In des Doktors Hirn regten sich allerlei Fragen, ohne daß er sie in Worte kleiden konnte. Da fing der Pastor wieder an zu sprechen in seinem gewöhnlichen, gefühlvollen, leisen Tonfall: »Wenn wir fallen, so ist unsere einzige Rettung, in Gottes Arme zu fallen. Da geschieht das Wunderbare, daß wir von unseren Fehlgriffen, ja selbst von unseren Sünden lernen.« Er schwieg. Der Doktor konnte immer noch nicht die richtigen Worte für seine Fragen finden und beharrte daher in erwartungsvollem Schweigen, aber als empfände der Pastor, was sich in dem Innern seines Besuchers regte, fuhr er fort, die unausgesprochenen Fragen zu beantworten. »Leiden müssen wir freilich – tief innerlich, heftig, aber nicht zum Tode, sondern zum Leben, für uns und für andere. In der tiefsten Tiefe strahlt des Erlösers Herrlichkeit am klarsten, niemals lernen wir ihn so kennen wie da!« Seine Stimme sank beinahe zum Flüsterton, und nicht einmal der Zyniker neben ihm empfand den leisesten Zweifel, daß das Gesagte auf tatsächlicher Erfahrung begründet war. »Wenn du dermaleinst dich bekehrst, so stärke deine Brüder,« fuhr der Pastor fort. »Meine verhängnisvolle Verfehlung wurde durch Gottes Barmherzigkeit für mich in Weisheit verwandelt. Weil ich durch eigene Verfehlung ein innigeres Verständnis für Schwachheit und Sünde erlangt habe, so habe ich andere besser auf den richtigen Weg weisen können.« »Aber dann wäre ja das Sündigen etwas Gutes!« rief der Doktor aus. »Die Sünde ist immer ein Übel, aber durch Gottes Macht kann sie bisweilen zum Guten gewendet werden. Gibt es etwas Größeres als das? Der armselige Satan, er ist wohl niemals ohnmächtiger, als wenn Gott seine eigenen Waffen gegen ihn richtet! Wie geht doch unser ganzes Leben im Gebet auf, wenn Gott im großen Weltenkampf des Lichtes gegen die Finsternis einen solchen Sieg in uns erringt!« Dr. Reis hatte immer empfunden, daß Birger Löwing eine starke Persönlichkeit war, dessen machtvollem Einfluß sich niemand entziehen konnte, niemals aber hatte seine Persönlichkeit einen stärkeren Eindruck gemacht als jetzt, da er sein Inneres so rückhaltlos erschloß. Der Doktor war mächtig ergriffen, aber seine Selbständigkeit lehnte sich gegen den Einfluß auf. Er wollte sich nicht durch das Gefühl des Augenblicks auf einen geistlichen Standpunkt zwingen lassen, den er bei nüchternem Nachdenken vielleicht nicht behaupten konnte. Er löste sich aus dem Griff, mit dem des anderen Persönlichkeit ihn bewußt oder unbewußt gepackt hatte. »Du redest so rückhaltlos, als glaubtest du, daß ich alles verstehen müßte,« sagte er mit kurzem Lachen. »Fürchtest du nicht, deine Perlen vor die Säue zu werfen!« »Verstehst du mich denn nicht?« »Wie wäre das möglich, so wie ich nun einmal bin?« antwortete der Doktor mit einer Mischung von Selbstironie und Gleichgültigkeit, die er angenommen hatte, um seine wirklichen Gefühle zu verbergen. »Du weißt, weshalb ich mich mit Ingrid verheiratete, und du weißt auch ungefähr, wie ich gegen sie war. Jetzt ist sie tot, und deiner Auffassung zufolge müßte die Reue über mein schlechtes Benehmen gegen sie mich zur Bekehrung und Buße treiben. Statt dessen bin ich im Begriff, mich wieder zu verheiraten und mit Wildvogel glücklich zu werden, gerade als hätte die arme Ingrid nie gelebt. Wo siehst du einen Schimmer von Gott in meinem Leben?« »Wenngleich dein Licht nur schwach ist und du ihm strauchelnd folgst, so ist es doch ein Licht, dem du nachgehst, deshalb wird es auch klarer werden und deine Schritte stetiger. Ich bin überzeugt, daß deines Wildvogels Liebe, die dir jetzt geschenkt worden ist, da du sie am nötigsten brauchst, ein Strahl von Gottes Vergebung für dich ist.« Wider Willen ergriff diese Ansicht der Sache den Doktor, aber er versuchte sich zu widersetzen. »Und Ingrid?« fragte er kurz. Sie ist bei Gott, von dem alles Gute kommt,« antwortete Löwing. Aber dem Dr. Reis schien diese Äußerung der Wirklichkeit zu entbehren. Sie klang ihm wie eine schöne Redensart. »Ich weiß nicht, wo sie jetzt ist, ich weiß nur, daß ich sie unglücklich machte, so lange sie bei mir war,« sagte er in kurzem, gezwungenem Ton, der ahnen ließ, daß er lebhafter fühlte, als er zeigen wollte. »Ich hätte mich nie mit ihr verheiraten sollen.« »Daß du es tatest, war ihre Rettung aus der Gefahr, in ein Leben der Sünde und Schande zu versinken.« »Warum war die Gefahr, in ein solches Leben zu versinken, größer für sie wie für mich, wenn wir uns getrennt hätten?« »Ein armes Mädchen mit befleckter Ehre und getäuschter Liebe und ohne Gott, wie sie damals war, ist dem Strudel, der nach unten zieht, so gut wie unrettbar preisgegeben,« sagte der Pastor, voller Mitgefühl für alle die, auf die seine Worte paßten. »Durch ihre Ehe mit mir wurde sie wahrhaftig nicht gehoben!« bemerkte der Doktor trocken. »Und doch war es ihre Rettung aus Schlimmerem. Eines Weibes Weiblichkeit wird dadurch bewahrt, daß sie für einen einzigen lebt, selbst wenn sie dabei nicht glücklich ist. Du hast also dein Opfer, wenn es auch noch so unvollkommen war, nicht vergebens gebracht.« Der Doktor blickte gedankenvoll auf das weite Meer. »Gott ist mein Zeuge, wie sehr ich wünsche, daß es besser gewesen wäre!« murmelte er. Pastor Löwing aber freute sich, denn er kannte den Mann neben sich gut genug, um zu wissen, wie inhaltsreich diese Worte trotz ihrer Kürze waren. 18. An einem kalten, rauhen Herbstabend ging Max ruhelos in seinem Zimmer auf und ab. Es war um die Stunde, in der er früher bei seinem Glase zu sitzen pflegte. Seit dem verhängnisvollen Sturmtag hatte er es aber nicht mehr getan. Sein Leben war lichter geworden, edle Interessen und erhebende Gefühle hatten die niedrige Begierde verdrängt, und er hatte sie für überwunden gehalten. Heute abend war sie plötzlich und unerwartet wieder erwacht, und mit Entsetzen empfand er, wie stark sie war. Er versuchte zu lesen, ohne aber das Gelesene zu fassen. Die Begierde wurde zur Qual. Er schleuderte das Buch von sich und ging in die Kinderstube, um bei seinen schlafenden Buben Hilfe zu suchen. Hier kamen ihm weiche Gedanken, die ihm ein Weilchen halfen. Bald würden seine Söhne eine neue Mutter bekommen, die ihre stürmischen Lebensgeister zähmen oder besser, in die richtigen Bahnen lenken würde, ohne ihnen die Kraft zu rauben. Sonja hatte Freude an seinen kleinen Schlingeln. Das hatte sie selbst gesagt und auch in ihrer frischen Art bewiesen, durch die sie die Knaben schnell gewann. Bald aber machte sich der brennende Durst wieder fühlbar, so daß sich seine Gedanken wie eine bittere Flut gegen sich selbst richteten und ihn fast zur Verzweiflung brachten. Wohl niemals würden seine Wölflinge eine neue Mutter bekommen, bei ihm allein würden sie aufwachsen und ihre Wolfsnatur frei entwickeln. Er hatte Wildvogel versprochen, daß die Arme eines Sklaven sie nie umfangen sollten, aber was war er anders als ein Sklave! Die Fesseln hatten sich soweit gelöst, daß er sie nicht mehr gefühlt und sich darum frei geglaubt hatte. Nun strafften sie sich wieder, die Freiheit war nur ein kurzer Traum gewesen, ein Sklave war und blieb er, es lohnte sich nicht, dagegen zu kämpfen. Er verließ seine Kinder und kehrte in sein Zimmer zurück. Noch ließ er sich nicht unterkriegen. Er versuchte, an Sonja zu denken, fühlte aber, wie machtlos der Gedanke an sie heute abend war im Vergleich mit seiner wiedererwachten Begierde. Sein Blick fiel auf die Glasscherben, die noch auf dem Tisch in der Ecke lagen. »Sicherheitshalber lasse ich sie liegen, bis ich ganz hierher ziehe oder du von hier weggehst,« hatte Wildvogel eines Tages gesagt. »Hast du die Absicht, mich von der Insel zu vertreiben?« fragte er darauf. »Wenn auch nicht gerade ich, so doch vielleicht der Mann der Wissenschaft in dir,« hatte sie in ihrer scherzenden Art erwidert. »Der ist längst tot und begraben.« »Das glaubst du doch nur; prüfe dich, ob er nicht doch noch lebt!« »Das wäre ein großes Unglück, denn jetzt ist es zu spät. Meine besten Jahre sind vorüber.« »Doch nur acht. Viele fangen viel später an, und du brauchst nur an einen schon gemachten Anfang anzuknüpfen.« »Sprich nicht davon, – es ist unmöglich!« »Sag doch nicht, daß etwas unmöglich ist, ehe du es versucht hast.« »Wo sollte ich den Versuch machen?« »Versuche es doch, in Stockholm anzukommen. Nimm deine Studien und deine Versuche wieder auf.« »Machst du das zur Bedingung?« »Ich stelle keine Bedingungen, – außer einer.« »Und die wäre?« Anstatt jeglicher Antwort hatte sie nur die Glasscherben auf dem Tische angeblickt, und er verstand sie. »Wie streng bist du, Wildvogel? Forderst du jeden einzigen Tropfen?« »Ist es nicht am leichtesten, eine böse Angewohnheit zu überwinden, wenn man ganz mit ihr bricht?« war ihre Gegenfrage. Er erinnerte sich jetzt lebhaft dieses Gespräches. In seiner jetzigen Stimmung empörte ihn ihre Forderung, und er fand sie übertrieben. Es würde ihm doch nicht schaden, wenn er mitunter etwas tränke, wenigstens vorläufig, solange er noch einsam war. War er erst verheiratet und Wildvogel beständig um ihn, da würde das Verlangen schon nach und nach von selbst ersterben. Aber warum sollte er sich jetzt Gewalt antun und sich mehr als nötig quälen? Bei diesen Gedanken wurde der Durst so mächtig, daß Max nicht länger widerstanden hätte, wäre Sprit im Hause gewesen. Er könnte ja danach schicken, denn er wußte wohl, wo welcher zu haben war. Auch hatte er Freunde, die ihn willkommen heißen würden, wo die Flasche nicht fehlte. Der letzte Gedanke kam über ihn wie eine Versuchung, der er nicht widerstehen konnte. Er ging hinaus. Obgleich es noch nicht spät war, war es doch schon ganz dunkel. Das Wetter war in höchstem Grade unfreundlich, und der Regen peitschte ihm ins Gesicht. Es war just so ein Abend, an dem ein gemütliches Beisammensein beim Glase sehr wohltuend sein mußte! Plötzlich hörte er den Schrei eines Kindes und darauf rohes Gelächter und Flüche. Nach einigen Schritten unterschied er trotz der Dunkelheit auf dem Wege vor sich ein paar Kerle und ein Mädchen, das sie gefaßt hatten. »Laßt sie gehen!« donnerte Max sie an. In ihrer Verdutztheit ließen sie gleich von dem Kinde ab, das sich kaum befreit fühlte, als es sich auf seinen Retter stürzte und sich schluchzend an ihn schmiegte. Die Burschen trollten von dannen, und an ihrem schwankenden Gang sah Max, daß sie betrunken waren. »Haben sie dir etwas zuleide getan?« fragte er das Kind. »Nein, aber sie haben mich so erschreckt.« Jetzt erkannte Max das Mädchen wieder; es war die dreizehnjährige Tochter des Inspektors in Sund. Sie zitterte noch vor Schreck und drückte sich noch enger an ihn. Es wäre grausam gewesen, sie allein zu lassen. Er wandte sich um. »Ich will dich nach Hause bringen,« sagte er. »Ach, danke!« Er faßte ihre Hand, und sie machten sich auf den Weg, aber er sprach kein Wort weiter. Unterwegs überlegte er sich, wie merkwürdig es zuging, daß er gezwungen wurde, gerade die entgegengesetzte Richtung einzuschlagen, in der er zuvor gegangen war. Und daß seine Schritte gerade nach Sund gelenkt wurden, nach Sund, wo sein Wildvogel war! Er blickte auf das Mädchen hinab, das so zutraulich mit ihm ging, und wunderte sich über die merkwürdige Laune des Schicksals, die ihn zum Retter und Helden eines Kindes machte, gerade als er sich in der Stunde der Schwachheit auf den Weg gemacht hatte, um der Versuchung nachzugeben. Er mußte einsehen, daß das Schicksal, das ihn heute abend leitete, nicht blind war. Es war sogar ein sehendes, verständnisvolles Schicksal, ein Schicksal, das ihn von Grund aus kannte. Seine Begierde war so stark gewesen, daß er mit dem festen Vorsatz ausgegangen war, sie zu befriedigen, und weder die Furcht vor der Hölle noch die Liebe zum Himmel wären imstande gewesen, ihn zur Umkehr zu bewegen, aber – er konnte doch unmöglich das arme erschreckte Kind allein im Dunkeln nach Haufe gehen lassen! – – Es gibt Leute, die an eine starke Hand glauben, die die schwache Menschenhand faßt. Sonja hatte von dieser Hand gesprochen, sie hatte ihren Griff um die ihrige gefühlt. War das dieselbe Hand, die seine eigene mitten in der Stunde der Finsternis gefaßt hatte und ihn jetzt dem Lichte entgegenführte, vor dem er zurückgeschreckt war? Max begleitete das Kind bis nach Sund. Das Mädchen knixte und ihr Gesicht strahlte ihn dankbar an, als sie sich von ihm verabschiedete und in den Flügel des Hauses sprang, wo sie wohnte. Jetzt stand er einsam draußen im Hof und blickte nach dem Licht, das aus den Fenstern fiel. Sollte er umkehren und dorthin gehen, wo es ihn vorhin hinzog? Der Weg war lang und naß, der Abend kalt und die Einsamkeit dämonisch. Wäre er nur durch einen blinden Zufall hierher geführt, so hätte er ihm trotzen können. Aber es hatte sich ja gezeigt, daß es ein sehender und sogar sehr scharfsichtiger gewesen. Was wollte dieser Zufall von ihm? Warum hatte er ihn hierher geführt? Sollte er vielleicht hineingehen, um Wildvogel zu sagen, daß er dem Laster nicht widerstehen könne, und daß sie ihn lieber in Ruhe lassen und davonfliegen solle. Ja, das wollte er, es war ja nur die Wahrheit! Mit finsterem Gesicht ging Max hinein. Dort saßen sie alle beisammen: Frau Beata und Sonja, Agnes und der Fabrikherr, Fabian und Pastor Löwing, und sie alle bewillkommneten ihn herzlich. »Das ist ein ungemütlicher Abend und du siehst naß und verdrießlich aus, Reis! Komm, wir wollen was Warmes trinken! Setz das Wasser zum Grog an, Agnes!« sagte Hök, der des Doktors Geschmack kannte und gern seine eigenen Schwachheiten und die anderer hegte. Agnes legte ihre Arbeit nieder. So flink sie zu sein pflegte, wenn es galt, einen Dienst zu leisten, so säumig schien sie jetzt. Sie stand jedoch auf, aber auch Max erhob sich und legte seine Hand hindernd auf ihren Arm. »Machen Sie meinethalben keine Umstände!« »Er wird schon fürlieb nehmen, wenn er erst da ist, geh nur, meine Tochter,« sagte der Hausherr gutmütig. Agnes jedoch rührte sich nicht. Sie wunderte sich über den Doktor. Noch immer umklammerte seine Hand ihren Arm fest, während er dastand und Sonja mit einem stürmischen Ausdruck im Blick ansah. Er befand sich in der Tat in einem Sturm, noch heftiger wie der, aus dem er Wildvogel gerettet hatte. Auch jetzt galt es, sie zu retten, denn blieb er nicht Sieger, so ging sie ihm verloren. Er sah sie an, und sie verhalf ihm zum Sieg. Ohne Agnes' Arm loszulassen, wandte er sich an den Fabrikherrn. »Nie wieder darfst du mir einen Tropfen starken Getränkes anbieten! Ich habe dem Alkohol abgeschworen und will nicht in Versuchung geführt werden, mein Gelübde zu brechen.« »Wann hast du das getan?« fragte Hök verwundert. »Jetzt!« Alle schwiegen. Agnes setzte sich an ihren Platz und nahm nach einem schnellen Blick auf Sonja ihre Arbeit wieder auf. Aber die beugte ihren Kopf tief über ihre Arbeit, um den Freudenstrahl, den Tränenschimmer, den Lobgesang und den Jubel, die ihr Inneres bei seinem kurzen, finsteren, entschlossenen »Jetzt« durchstürmten, zu verbergen, das Wunder geschah vor ihren Augen, sie sah den Lahmen aufstehen und wandeln. »Das Haus soll zeigen, daß es etwas Besseres bieten kann als Grog,« sagte Frau Beata, und ihre Stimme hatte einen noch herzlicheren Klang wie gewöhnlich. »Agnes, heute abend mußt du uns etwas ganz außerordentlich Gutes vorsetzen! Wer seine Freunde bei so schlechtem Wetter aufsucht, verdient eine Belohnung. Setzen Sie sich auf Ihren Lieblingsplatz, Doktor!« Diesmal stand Agnes willig auf und ging unbehindert hinaus, um den Auftrag auszuführen. Max aber saß finster und wortkarg und beteiligte sich wenig an der Unterhaltung, die ihn bald lebhaft umschwirrte. Er sah, daß Sonja ihn als Sieger betrachtete und wußte doch am besten, daß er es nicht war. Nun sehnte er sich danach, mit ihr allein zu sein, um sie aufzuklären. Endlich glückte es ihnen, zusammen zu verschwinden. Soja trat auf die verdeckte Veranda hinaus, um zu sehen, ob der Regen nachließe, und Max folgte ihr. Sie wandte sich um und blickte ihn strahlend an. »Heute abend hast du einen großen Schritt vorwärts getan, Max!« »Groß! Urteile selbst, wieviel Wert er hat! Es war gar nicht meine Absicht, hierher zu kommen, als ich heute abend ausging, sondern ich wollte mich betrinken, trotz der Liebe zu dir und aller guten Vorsätze. Da kam mir der Zufall zu Hilfe und führte mich statt dessen hierher, und so wurde ich dazu getrieben, zu handeln, wie du gesehen hast. Es ist nicht mein Verdienst, denn ich weiß nicht, wie es kam. Der Durst brennt, und es war meine Absicht, zu trinken.« Er sah sie herausfordernd mit düsterem Blick an. Es wäre doch merkwürdig, wenn sie jetzt nicht erbleichte und vor ihm zurückwiche! Sie tat aber nichts dergleichen. »Und doch schlugst du das Glas aus, das dir eben erst angeboten wurde,« rief sie jubelnd aus. Mit einem hoffnungslosen Blick sah er sie an. Wie sollte er sie von seiner Schlechtigkeit überzeugen? In diesem Augenblick trat der Pastor heraus, um sich von ihnen zu verabschieden, da er nach Hause wollte. »Hör mal, Löwing! Es ist ja dein Amt, überall Sünde auszuspüren,« sagte Max aufgeregt und seiner selbst nicht mehr mächtig. »Ich suche nicht nach Sünden, sondern nach dem Kampf dagegen, und wo er aufgenommen wird, erblicke ich des Erlösers Antlitz,« antwortete der Pastor und blickte in Max' finstere Züge, als sähe er etwas sehr Schönes und Erhebendes darin. Max brach in ein kurzes, bitteres Lachen voller Selbstverachtung aus. »Ihr scheint euch verschworen zu haben, mich heute abend zu bewundern! Welchen Wert hat ein äußerlicher Sieg, wenn die Begierde hohnlachend im Innern steckt?« »War dein Sieg wirklich nur äußerlich? Hat er sich nicht eher aus einem starken, inneren Wunsch, zu überwinden, emporgerungen?« Max dachte nach und seine wilde Selbstverachtung wankte, aber er war schwer zu überzeugen. »Ist der Beweggrund einer Handlung nicht alles?« fragte er. »Der Beweggrund ist die Seele der Handlung,« gab der Pastor zu. »Und sollten wir nicht Gott zuerst und zuletzt suchen?« »Ja.« »Wenn man also einen Sieg nur um eines Menschen willen erringt, dann hat er doch gar keinen Wert,« sagte Max, finster triumphierend, als hätte er jetzt endlich ein endgültiges Urteil über sich gefällt. »Es ist der nächstbeste.« Die Antwort verblüffte Max. »Der nächstbeste?« wiederholte er verwundert. »Es heißt: Gott und der Nächste.« Max schwieg und suchte einen neuen Beweis seiner Schlechtigkeit, etwas, das sie wirklich überzeugen müßte. Aber Löwing fuhr fort. »Der Mensch, den ich so liebe, daß ich mich um seinetwillen selbst überwinde, kann nichts Geringeres sein als die Hand, die Gott mir entgegenstreckt, um mich zu sich emporzuziehen.« Bei diesen Worten drückte er beiden die Hand und verschwand draußen in der herbstlichen Dunkelheit. »Max, was war das für ein Zufall, der dich heute abend hierher führte, anstatt dahin, wo du eigentlich hinwolltest?« fragte Sonja. Sie hatte sich in einen Korbsessel gesetzt, und er stand, an die Wand gelehnt, vor ihr. In wenig Worten erzählte er ihr von seinem Kampf, ohne sich dabei zu schonen. Aber ihre Augen strahlten seinem finsteren Blick entgegen, der vergebens nach einem Anzeichen der Mutlosigkeit bei ihr suchte. »O mein Geliebter, jetzt bin ich deiner sicher! Gott selbst hat deine Hand erfaßt. Siehst du das nicht, begreifst du es nicht?« »Gott meine Hand? Wie könnte er sich eines so erbärmlichen Menschen annehmen?« »Gerade solcher Verirrten nimmt er sich ja an.« Max schwieg. Er hatte keine Waffen mehr gegen eine Liebe, die so hartnäckig hoffte und glaubte. »Wie ist es möglich, daß du dich nicht vor mir fürchtest, da du doch weißt, welcher Art ich bin? Wagst du wirklich, mein eigen zu werden?« fragte er mit bebender Stimme. »Wer sollte sich fürchten, der an Gottes Macht glaubt?« Da beugte er seine Knie vor ihr und küßte ihre Hände ehrfurchtsvoll. »Max, mein Geliebter, du darfst nicht mehr an dir selbst verzweifeln. Du mußt an Gott glauben.« »Nein, ich will nicht mehr verzweifeln, ich will glauben, glauben! Gott ist gut, der dich mir gegeben hat!« stammelte er mit gebrochener Stimme, schlang seine Arme um sie und verbarg sein Gesicht an ihrer Schulter. Bebend drückte sie seinen Kopf an sich und lehnte ihre Wange an seinen Scheitel. Mit Zagen und zugleich mit inniger Zärtlichkeit erkannte sie, daß sie sich nicht mehr selbst gehörte. Sie war ihm geschenkt, so wie er ihr. In dem, der hilfesuchend vor ihr kniete, begrüßte ihr Frauenherz ihren Gebieter. 19. Als der Pastor Max und Wildvogel verlassen hatte und durch den Wald nach Hause ging, klärte sich der Himmel, und als er auf die Klippe hinaustrat, auf der sein rotes Häuschen lag, glänzten die Sterne über der See. Es war eine schöne Nacht. Er stand lange an eine der Säulen gelehnt, welche das Dach des Vorbaues trugen. Aber er war nicht einsam, denn er hatte sich erst seine vertraute Freundin, die Flöte, herausgeholt und blies ab und zu darauf. Tiefes Schweigen wechselte mit den Tönen ab. Er pflegte oft in der Einsamkeit Flöte zu blasen. Mitunter waren es bekannte Melodien, häufig aber waren es solche, die man nie gehört hatte und die seine innere Stimmung verrieten. Der Fischer, der am Fuße der Klippe vorbeifuhr, ruhte gern auf seinen Rudern und lauschte, und der Segler, der mit schlaffen Segeln auf der See lag, söhnte sich mit der Windstille aus, wenn die Flötentöne ihn erreichten, und wenn jemand im Walde vorbeiging, der blieb stehen, bis die Töne verstummten und ging dann erhobenen Sinnes weiter. An diesem schönen Herbstabend aber waren weder Ruderer, noch Segler, noch Wanderer unterwegs. Das schwere Wetter hatte sie alle drin gehalten, und niemand außer dem Pastor wurde gewahr, wie sternhell die Nacht jetzt war. Darum hörte auch niemand, wie es in den Flötentönen siedete, brannte und rang, wie es sich durch den Sturm eines unruhigen Inneren emporkämpfte, bis zu den Höhen des Lobgesanges. Der Pastor dachte an die beiden, die er eben verlassen hatte, an das Glück und die Stärke, zu zweien durchs Leben zu gehen, zu fühlen, wie eine geliebte Hand mit Vertrauen in der eigenen ruhte. Da glühte es in den Tönen, da siedete die Sehnsucht darin, da durchbrauste sie der Kummer über ein verfehltes Leben, dem das Glück verloren gegangen war. Dann trat Schweigen ein, während sein Blick den Glanz der ewigen Sterne suchte. Ihm war der Kelch der Einsamkeit beschieden, und er hatte ihn demütig hingenommen mit dem festen Vorsatz, ihn bis auf den Grund zu leeren. Er hatte ihm mehr Linderung als Bitterkeit gewährt, aber manchmal erfüllte er ihn doch mit Wehmut und brennender Sehnsucht. Ach, wer in einer solchen Stunde einen Menschen hätte, auf den man sich stützen und dem man sein Inneres mitteilen könnte! Er aber hatte keinen solchen Freund unter den Menschen, und es kam ihm nicht in den Sinn, danach zu suchen, denn ein solcher Freund muß einem ohne eigenes Zutun geschenkt werden. Die Menschen werden auf sehr verschiedenen Wegen zu Gott geführt. Warum sollte er darüber klagen, daß sein Weg zu Gott die Einsamkeit war, während andere in Gemeinschaft miteinander dahin wanderten? Warum sollte er sehnsüchtig von seinem Weg auf den ihren sehen? Hatte er denn Grund, über Leere und Einsamkeit zu klagen, weil kein menschliches Wesen ihm nahestand, da doch niemand so deutlich wie er in seinem Innern Gottes Stimme vernommen hatte: »Laß dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!« Er dachte an die Gnade, die ihn aus einem Sklaven der Selbstsucht zu einer Hilfe für andere umgestaltet hatte, so daß er Gottes Werk treiben durfte. Er dachte an die Gnade, die ihm, obgleich er dem Glück entsagen mußte, etwas viel höheres beigelegt hatte, – die Seligkeit. Er fing wieder an zu spielen. »Selig sind die – –« Ja, welche denn? Die Glücklichen, die starken Überwinder, die Hochgestellten, die Vollkommenen? Nein, nein! Demütiger Jubel klang durch die Flötentöne. Die Seligkeit der geistig Armen beseelte sein Spiel, der Betrübten, der Verfolgten, derer, die nach Gerechtigkeit hungert und dürstet, der Barmherzigen, der Sanftmütigen, derer, die reines Herzens sind, der Friedfertigen. – – Aus seinem Spiel klang die Liebe zu den heiligen Wegen, auf die sein Sinn gerichtet war, und in der Liebe trug er den Sieg davon über jegliches andere Verlangen. Ergriffen und erfüllt von dem Großen und Wunderbaren, daß er sich trotz aller seiner Unwürdigkeit unter denen befand, die Gott in die Einsamkeit geführt hat, um ihnen selbst nahe zu kommen, erhob sich sein Geist in der Einsamkeit dieser leuchtenden Sternennacht zu Gott empor.