Adam Karrillon O Domina mea Erstes Kapitel Innocenz Lorum hing den Schläger an die Wand und wühlte sich ein Loch in einen Bücherhaufen. Da saß er nun vor seinem Schreibtisch wie in einem Steinbruch. Jede Aussicht war ihm verlegt. Das war nicht immer so gewesen. Der Bruder Studio hatte bis heute mittag im Innern der Stadt gewohnt und hatte als vis-à-vis eine schöne Metzgerstochter gehabt, die oft am Fenster saß und strickte und mit braunglitzernden Augen neugierig über die Straße sah. Auch machte sie mit dem fleißigen Zeigefinger über den Stricknadeln allerlei schöne Hieroglyphen, deren Deutung dem Jüngling viel Zeit wegnahm. So war Innocenz an Jahren ein Mann geworden, während seine Weisheit noch in den Kinderschuhen lief. Alles mußte nun anders werden. Das von den Eltern ererbte Geld war zu einem winzigen Häuflein zusammengeschmolzen. Dem Ausgeben mußte ein Einnehmen folgen. Hinter dem taufrischen Kanaan lag das trockene Land der Philister, in dem der Sauerkohl reifen sollte und die Kartoffel. Zwischen diese poesiearmen Nutzpflanzen wollte und mußte Innocenz. Aber der Weg führte durch das Dornengestrüpp eines Examens, in dem schon mancher zerkratzt und blutig hängen geblieben war. ›Das soll mir nicht begegnen,‹ dachte der junge Mann und warf den flimmernden Tand des Studentenlebens entschlossen hinter sich. So war er herausgezogen aus dem lärmenden Zentrum der Stadt in die Stille eines Vorstadthinterhauses und saß gleich in der ersten Stunde über seinen Büchern wie die Henne über den Eiern. Nicht einmal den Blick erhob er über die wohlgeordnete Phalanx der Zeilen aus Angst vor der Metzgerstochter und ihrem berückenden Bilde, das noch immer verführerisch lockend vor ihm in den Lüften schwebte. Erst als es Abend geworden und manche schwere Erkenntnis mit sauerem Schweiß erkauft war, trat der mutige Forscher ans Fenster und sah in die dämmermatte, warme Abendluft hinein. Der bläuliche Rauch niedriger Schornsteine trug den Geruch von Knoblauch und Hammeltalg unter seine Nase. Innocenz wehrte sich nicht gegen dies Aroma. Das war so der Armeleutegeruch, mit dem er künftig wohl zusammenleben mußte, denn sein Vater, ein Postbeamter mit großem Titel aber geringem Einkommen, hatte ihm keine Millionen hinterlassen. ›Viele verbogene Treppen hinauf, über ausgetretene Türschwellen und vermoderten Fußboden hinweg, würde er sich voraussichtlich sein Auskommen suchen müssen,‹ so dachte der angehende Arzt und betrachtete mit teilnahmvollem Interesse die buckligen Dächer, die mit ihren Moosziegeln förmlich ineinander hineinkrochen. Das war ein wildes Durcheinander von Giebeln, Dachfirsten und windschiefen Mansarden, deren Geburtstag weit vor der Erfindung des Richtscheites zurückzuliegen schien. Nur ganz da drüben, den Wirrwarr jäh durchschneidend, stand ein großer, öder Bau mit schnurgeraden Linien steif und pedantisch da. Alle seine Lichtöffnungen waren mit den dichten Quadraten einer eisernen Drillage überkleidet und verrieten, daß das Haus vielleicht die Dependance der Herberge zur Gerechtigkeit sein möchte, in welcher armen Teufeln Kost und Beleuchtung vom gutmütigen Staate umsonst gestellt werden. Indessen war es dunkel geworden und hier und da flammte hinter papierverklebten Scheiben ein mattes Licht auf an buckligen Fensterkreuzen. Da dachte Innocenz bei sinkendem Tage zum ersten Male nicht an die sangesfrohe Kneipe, sondern ans Schlafengehen und wühlte in dem Kleinkram seines Koffers nach einem Nachthemd. Plötzlich verstrickten sich seine Finger in ein feines Kettchen und er zog daran. Da kam's zum Vorschein, klein und winzig und doch allerliebst, und weckte alte Erinnerungen. Eine blinkende Medaille war's an goldenem Kettchen, die ihm einst die Mutter auf dem Sterbebett um den Hals gelegt hatte, als er kaum der Schule entwachsen war. Er hatte sie getragen bis zu jener Stunde, wo er zum ersten Male die Männerbrust dem Säbel seines Gegners zeigte. Damals hatte er das Amulett verschämt und heimlich in die Tasche geschoben. Er fürchtete den Spott der anderen. Heute, wo sein Lebensweg eine andere Richtung nahm, konnte er das Ding wieder anlegen. Zwar glaubte er längst nicht mehr an seine Wunderkraft, aber es konnte ihn zuweilen an die liebe Tote erinnern, und so warf er das Kettchen um den Hals und die Medaille hüpfte auf dem weichen Fell seines Busens, in dessen behaartes Dunkel sich eine breite, feurige Narbe verkroch. ›Was da nicht alles zusammenkommt,‹ dachte Innocenz und lächelte. ›Die Spuren rohen Faustrechts und naiven Kinderglaubens, beides auf einer Menschenbrust.‹ Er schüttelte lächelnd den Kopf und kramte weiter. Da fischte er ein kleines Gebetbuch: den ›Kongreganistenspiegel‹. Es war noch neu und ungebraucht. Als er das Kolleg verließ und zur Universität ging, hatte es ihm der ehrwürdige Jesuitenpater mit den asketischen Zügen im kahlen Bekennergesicht in die Tasche gesteckt. »Du wirst eine Zeitlang wenig Geschmack an frommer Betrachtung finden,« hatte er gesagt, »aber stecke das Gebet nicht ganz auf. Jeden Sonntagmorgen schlage das Büchlein auf und suche die erhabene Stelle, die da beginnt: O domina mea, o mater mea , und denke an das liebe Marienantlitz in der Nikolauskapelle, vor dem du so oft dein Sprüchlein gesprochen hast. Sie, die Himmelskönigin, sieht dann auf dich und wird dir die Hand reichen, dich aufzurichten, wenn du gefallen bist, denn auch du wirst straucheln und am Boden liegen. Der Weg zum Leuchtturm wahrer Erkenntnis geht durch eine brausend gefährliche Brandung. Wehe dem Schiffer, der ganz ohne Kompaß in den Nebel des Aufruhrs steuert.« So hatte der Jesuitenpater einst gesagt. Innocenz wußte noch jedes seiner Worte, und doch hatte er seit Jahren nicht mehr an jene Abschiedsrede gedacht. Ja, nun lag auch vor ihm der Nebel, der alle Zusammengehörigkeit der Dinge auflöst und jeden auf sich selber stellt. Wie würde er sich zurechtfinden in der feuchten Finsternis des Lebens, die über Schlünde und Klippen ihren grauen Mantel wirft! Innocenz zog seinen Wecker auf, legte sich zur Ruhe und verschlief sein Zagen. Noch ehe die Sonne da war, ermunterten ihn ihre vorausgeschickten Messingstrahlen zur Arbeit. Er erhob sich von seinem Lager. Warmer Brodem stieg von der Erde auf und wälzte sich zum Fenster herein, denn es war Hochsommer. Der Student reckte mit Behagen die mächtigen Glieder und ließ sich im Nachthemd an seinem Schreibtisch nieder. Hier, hoch über den Giebeln, gab es keine Metzgerstochter, der seine unverhüllte Kraft zum Ärgernis werden konnte. Zu ihm herein blickten nur die Schwalben, die kreischend durch den blauen Äther schossen, und ein mausender Kater, der bei seinem Weg über die Hohlziegel an seiner partiellen Nacktheit keinen Anstoß nahm. Im Katerauge lag vielmehr eine gönnerhafte Herablassung, als ob der Graue sich beim Anblick dieses Menschenkindes erinnere, daß seine Katzenvorfahren einst im Ägypterlande göttliche Verehrung genossen. Innocenz änderte aber auch diesem erhabenen Katerpedigree gegenüber in nichts seine Haltung, streckte sich vielmehr und dachte: ›Schade, daß unsere Stammeltern uns um das Glück der Nacktheit gebracht haben. Kinder und junge Mäuse haben's noch und sind lustig, und unsereiner könnte es brauchen, es studiert sich prächtig dabei,‹ und er vergrub den Kopf in beide Handteller und fing zu büffeln an. Er war noch nicht sehr weit gekommen, als er einige Worte hörte, die vom Himmel zu fallen schienen. »Du da in deinem Hemd, hör' doch und gib Antwort!« rief eine Männerstimme. »Kannst du mir sagen, ob's heut ein Freitag ist?« Innocenz trat ans Fenster und sah verwundert ins Leere hinaus. Er prüfte jede Dachluke, jedes Giebelfenster um sich her und suchte, ob nicht etwa aus einem Kamin – von allen Möglichkeiten die wahrscheinlichste – der schwarze Kopf eines Schornsteinfegers auftauchen möchte. Es war alles umsonst, er fand niemand. Indessen fuhr die Stimme fort: »Eine Wurst an einen Faden gebunden ginge gerade noch hier durch das Eisengitter und wäre eine prächtige Sache für einen, der schon seit vierzehn Tagen an der Fastenkost eines alten Kommißbrotes nagt. Bei Gott, ich würde sie hinunterwürgen, und wenn ihre Haut aus zweiundfünfzig Freitags-Todsünden gearbeitet wäre.« Der Student riß die Augen weiter auf und ließ sie nun mit systematischer Gründlichkeit über Wände und Dächer gleiten. An jedem fehlenden Ziegel verweilte er und an jedem Loche, das die Ratten aus den lehmigen Riegelwänden gekratzt hatten. Es war alles umsonst. Wer zum ersten Male vor einem Grammophon steht, kann nicht verwunderter sein, als es Innocenz war. Hatte irgendeiner dieser geschnitzten Balkenköpfe die Sprache gefunden und redete zu ihm? Auch der Kater drüben auf dem Dache war aufmerksam geworden. Er machte einen Buckel, drehte dem Studenten das Hinterteil zu und schlug mit dem Schwanze einige verwegene Durchzieher in die schieferblaue Morgenluft. Bald aber duckte er sich zum Sprung, streckte den Kopf weit vor und taxierte den Raumabstand zwischen sich und einem fernen Gegenstand. Innocenz folgte der Blickrichtung des Tieres und sah nun drüben an dem Fenstergitter etwas, was sich wie ein Wieselkopf duckte und wieder aufstand, zu lauern schien und sich wieder versteckte. Ein Fernglas brachte die richtige Deutung. Es waren Menschenfinger, die durch Zeichen um Verständnis und Beistand flehten. Innocenz holte einen Karton und schrieb mit Pinselstrichen darauf: ›Sobald es dunkel wird!‹ Dann warf er dem Kater einen Wurstzipfel zu, den dieser mit den Pfoten auffing, setzte sich über seine Bücher und arbeitete. Alles war wieder still. Der Briefträger beantwortete später die Frage: Was das da drüben für ein Haus sei, mit: »Ein Militärgefängnis.« Das klärte die Situation für den Einsiedler unterm Giebeldach. Es kam der Abend und kleidete die Welt in schwarze Tüllstoffe. Auf der Bude des Studenten brannte zunächst kein Licht, dann mit einem Male flammten drei kleine Reste von Christbaumkerzen auf, die auf einer Semmel staken. Das war das Fanale, das die Aufmerksamkeit der Empfangsstation wachrufen sollte. Ein durch die Zähne getriebener Pfiff meldete: »Verstanden!« Innocenz machte sich nun auf die Sohlen und kaufte ein. Mit Zigarren und Wurst ausgerüstet kam er vor dem Gefängnis an und merkte, daß er auf Stroh trat. Bald stieß sein Fuß in dem weichen Wirrsal an einen harten Gegenstand, der Laut gab: »Hund, ich könnte dir alle Knochen im Leibe zerbrechen,« klang es vom Boden herauf. »Glaubst du, ich habe das Stroh zusammengetragen, damit du dich hier einlogierst? Lieber will ich es auffressen, als ob ich ein richtiger Esel wäre.« »Ruhig,« flüsterte Innocenz dem Pennbruder zu, »wenn du schweigen kannst, dann fällt etwas für dich ab,« und er klopfte mit dem Hausschlüssel dreimal an die Mauer. Stille ringsum. Da mit einem Male war es dem Studenten, als ob ihm ein Nachtfalter um die Ohren stiege. Er griff nach dem Schwärmer und erfaßte einen Zettel, der an einem Faden niederhing. Die gleiche Schnur, die das Briefchen gebracht hatte, trug etwas Mundvorrat in die Höhe. Der Mann am Boden hatte sich indessen erhoben und forschte: »Kennt Ihr den da oben?« »Eigentlich nicht,« war die Antwort, »aber er ist ein Gefangener.« »Da Ihr so viel für einen Fremden wagt, müßt Ihr ein guter Kerl sein. Notabene, an mir hätte die nächste Ronde einen besoffenen Strolch gefunden, aber was an Euch? O ja, gut und dumm wachsen paarweise auf einem Stiel wie die Haselnüsse.« »Bei Gott, Ihr habt recht, so weit hatte ich nicht gedacht. Hoffentlich ist die Schuld des Eingesperrten nicht derart, daß ich meinen Schritt bereuen möchte.« »Eine Kleinigkeit. Von ihm hüpfen die Hände wie vom Zigeuner die Flöh. Er hat einen Rekruten hinter die Ohren geschlagen. Ich müßte noch drei Wochen über den Jüngsten Tag hinaus in die Ewigkeit hinein sitzen, wenn ich wegen jeder Ohrfeige eingelocht worden wäre.« »Seid Ihr mit ihm verwandt?« setzte Innocenz die Unterhaltung fort. »Das nicht, aber ich kenne ihn – wenn auch von keiner guten Seite – von Kindsbeinen auf, und als ich vorhin pfeifen hörte, notabene, da wußt' ich gleich, auf welchem Ast der Vogel sitzt.« »So hattet Ihr die Absicht, ihm beizuspringen, und ich bin Euch zuvorgekommen?« »Ja,« sagte der Fremde, bog in ein Seitengäßchen und verschwand. Innocenz ging mit seinem Briefe einem Restaurant zu. Seine frohe Seele hatte keine Ahnung davon, daß heute abend das Schicksal den ersten dünnen Faden eines mächtigen Narrenseiles gesponnen hatte, an dem es ihn von einem Leid zum andern schleppen konnte. Hätte der Mann an der Gefängnismauer seine Drohung wahr gemacht und ihm wirklich einige Knochen zerschlagen, er hätte als Krüppel an einer Krücke immer noch leidlich bequem durchs Leben humpeln können und wäre glücklicher gewesen, als er es nun wurde. Zweites Kapitel Auf dem Wege nach der Weinstube der Mutter Gutbrot in der Semmelgasse plagte unseren jungen Mann die Neugierde. Er wollte gern wissen, welches Geheimnis er in der Tasche mit sich herumtrug. War es der mutige Plan zur Flucht über eine Strickleiter in die goldene Freiheit, oder war es der feige Schelmenstreich, verriegelte Türen mit einem goldenen Schlüssel zu öffnen? Einerlei, der Gedanke schon, daß ihm in einem gefährlich-kühnen Unternehmen eine Rolle zugedacht sei, erfüllte den Springinsfeld mit Aufregung. So trat er unter eine Straßenlaterne und erbrach das Kuvert. Der Inhalt des Schreibens war nüchtern genug: »Zu Hause mögen sie jetzt geschlachtet haben. Bringe mir, guter Freund, diesen Brief zu meiner schönen Base Käthchen Sommertag in der Taubhausmühle zu Birkenried. Du wirst Dir einen Gotteslohn verdienen und der Himmel möge Dir einen satten Feldwebel schenken, wenn Du noch nicht gedient hast, damit Du allein essen kannst, was eine gute Seele Dir zusteckt.« Innocenz war von dem prosaischen Kern seines Verschwörergeheimnisses wie vor den Kopf geschlagen. ›Warum nicht gar,‹ dachte er, ›zwei Stunden über eine kahle Höhe nach Birkenried, um von einem Käthchen Sommertag in einer alten Zeitung zwei Leber- und eine Rotwurst in Empfang zu nehmen! Wenn Innocenz Lorum so gutmütig wäre, dann verdiente er, in Speck gewickelt und gebraten zu werden wie ein Feldhuhn. Daraus wird nichts,‹ und er schob den Brief in die Tasche und ging weiter. Doch damit war's nicht abgetan. Der süße Name Käthchen Sommertag regte ihn auf, und daß die Trägerin dieses Namens schön sei, das stand ja auch in dem Schreiben. Glich sie wohl der Metzgerstochter aus der Altstadt, oder hatte sie das liebe Gesicht der Gottesmutter in der Nikolauskapelle? Um den Mund herum da brauchte sie nicht gar so himmlisch rein zu sein, dort liebte Innocenz eine kleine Schattierung Sinnlichkeit. Auch vom Kinn nach abwärts bevorzugte er das Irdische. Eine bauschige Schürze, die sich über zwei Lilienhügeln und einem Tale Tempe wölbt, und weiche Hüften, wie die der Venus anadiomene , waren Dinge, die er schätzte. So klebte und leimte seine rege Phantasie alles, was er Schönes und Liebes kannte, um das Skelett der Buchstaben, die den Klang Käthchen Sommertag ausmachten, und wäre vielleicht ein Praxiteles geworden, wenn nicht die Auslage eines Metzgers, mit Schinken und Hammelskeulen geschmackvoll garniert, seine Phantasie in die Prosa des Lebens zurückgerufen hätte. ›Also Leberwürste würde ihm dies Engelsbild überreichen und den Auftrag, dem Vetter auszurichten, daß er ein Taugenichts sei, der wieder einmal für die Folgen eines dummen Streiches büße? Nein, es war doch zu dumm, daß sich Innocenz von den Angelegenheiten fremder Leute narren ließ.‹ Er packte sich an der Brust und schüttelte sich gewaltsam aus der Überspanntheit seiner Träume auf das Straßenpflaster unter hungrige Passanten, die an ihm vorüberrannten und es alle eilig hatten. Mutter Gutbrot hatte heute im Topfe Kuttelfleck, ein Gericht, das regelmäßig außer der Semmelgasse noch drei benachbarte Straßen zu wilder Begeisterung weckte und einen Kreuzzug emeritierter Subalternbeamter nach dem Gnadenorte ihrer Weinstube in Szene setzte. Man muß die Inbrunst gesehen haben, mit der Leute, die nie geklagt haben, auch über schlechte Gehälter nicht, dieses Manna aus Kuhmagen, mit Heurigem vermischt, über die unverwöhnten Zungen rutschen ließen, um zu begreifen, daß Innocenz Lorum von der Stimmung angesteckt wurde, hastig ins Restaurant trat, sich breit niedersetzte und gleich den anderen mit gekrümmtem Rücken wie ein Holzknecht zu futtern begann. Käthchen Sommertag war vom Hunger verjagt. Doch nicht für immer. Sie kam wieder, als Innocenz nach Hause ging, schlief noch nicht, als dieser schlief, sondern wandelte mit frommem Gesicht bis zum Tagesgrauen durch seine Träume. Als der Bursche erwachte, war er sich darüber klar, daß er einen halben Tag seinen Studien abzwacken könne, und daß es Christenpflicht sei, einem armen Gefangenen einen Gefallen zu erweisen. Also machte er sich am Nachmittag daran und wechselte seine Kleider, nahm den Weg unter die Füße und holte bald einen Wanderer ein, der seine Habe, in ein Sacktuch verpackt, an einem Knotenstock über die Schulter trug. »Wohin des Weges?« fragte Innocenz. »Aber Birkenried hinaus nach dem Holderhofe!« war die trockene Antwort des Fremden. »So könnten wir ein gutes Stück zusammengehen?« »Ja, wenn Ihr Euch lebhaft vorstellen könnt, wie einem zumute ist, der Blasen an den Füßen hat und in einem Schuhwerk marschieren muß, das durchlöchert ist wie eine Mausefalle,« sagte der Fremde, »sonst nicht.« Innocenz mäßigte seine Gangart und kam so allmählich mit seinem Reisegenossen auf gleiche Höhe und in ein erträglich nachbarliches Verhältnis. Wer auf der Straße lebt, hat keinen Namen, sondern nur ein Schicksal, das jede Legitimation ersetzt, beim Hunger anfängt und bei der Arbeit endet. So erfuhr Innocenz bald, daß sein Wandergenosse seit drei Tagen nichts Warmes gegessen habe und daß er in dem Holderhof Arbeit suche. Fand sich die, so war's gut; wenn nicht, dann hieß es, den Schmachtriemen um den Leib noch etwas fester anziehen, daß die Magenwände näher aneinander kamen und sich gegenseitig trösten konnten. Diese Dinge, mit Selbstverständlichkeit erzählt, rührten Innocenz, und er bat den Fremden, daß er in der nächsten Herberge sein Gast sein möchte. Der Mann musterte den Studenten mit weiten, hungerigen Augen von oben bis unten, lächelte ein wenig und sagte: »Euer Anerbieten rettet einem Bauer einige Weißrüben, denn wißt, soeben war ich im Begriff, mich in einen Rübenacker zu stürzen, um wie das liebe Vieh bei Mutter Grün zu dinieren. Was mag nur der Schöpfer gedacht haben, als er unsereinem die Fleischzähne wachsen ließ? Doch nun bleibt's dabei. Ich bin Euer Gast, und mein Dank soll sein, daß ich Euch in ein Gasthaus bringe, wie es auf dem Wege von Frankfurt nach Nürnberg kein zweites gibt. Der Wirt heißt Sommertag, und ich würde jeden zu Tode prügeln, der behauptet, daß er diesen Namen nicht verdient.« Innocenz hörte aufmerksam zu und fragte: »Sommertag heißt der Wirt, seid Ihr dessen sicher?« »Ich will eine Rübe nicht von einem Kürbis unterscheiden können, wenn dem nicht so ist, und eine Tochter hat er, so klar wie Sonnenschein.« »Also hinein in den Sommertag und zu dem Mädel, das Euch wohl ins Herz geschienen hat,« scherzte Innocenz und schritt rüstig voran. Der andere schnupperte mit der Nase in der Luft herum, als ob er schon den Duft einer Mahlzeit röche, vergaß seine wunden Füße und folgte dem Studenten auf den Fersen. Ackerlänge um Ackerlänge floh rechts und links hinter die Wanderer und bald saßen beide auf reingescheuerten Bänken in einer getäfelten Wirtsstube, und ihre Schuhe knirschten auf dem weißen Streusand des Bodens. »Ich höre Stimmen in der Küche,« sagte der Stromer, »doch die des Mädels nicht. Wenn sie nicht kocht, dann ist es, als ob das Essen nur halb geschmälzt wäre. Ich will lieber auf eine Sonntagspredigt verzichten, als auf ihre Gegenwart am Herde, wenn der Kochtopf singt.« Während sie noch so sprachen, kam von der Küche her zuerst ein leiser Luftzug, dann das Geräusch wallender Röcke, und mit einem Male stand vor den Augen der Gäste Käthchen Sommertag, schlank wie eine Fichte und blühend wie das junge Morgenrot. Innocenz Lorum erschrak erst vor so viel Schönheit, wurde aber dann ganz Auge. Alle seine Sinne drängten sich in demselben zusammen, machten es verlangend und fast gefährlich. Also doch, da stand sie ja leibhaftig, die Allerseligste aus der Nikolauskapelle, nur nicht ganz so anbetungswürdig, mehr angrifflich, mehr herzens- und küssenswert. Und doch konnte Innocenz den Mund nicht bewegen, bis ein Rippenstoß des hungerigen Gesellen an seiner Seite die Starrheit seines Wesens löste. Er machte eine Bestellung. Auch dem Mädchen war die Zeit nicht lange geworden. Ihr hungerndes Auge ging in den männlich starken Zügen des Innocenz Lorum auf einer fetten Weide. Nur ungern und zögernd wendete sie sich ab, ihre Gäste zu bedienen, und selbst beim Weggehen klebte ihre zarte Hand noch an der Tischkante, während ihre Füße dem Schenktisch zustrebten. Man hörte in der Küche Teller klappern, und bald dufteten Schüsseln vor unseren Wanderern. Junge Liebe und alter Kummer sind Feinde des Appetites. Innocenz bekam von der ganzen Mahlzeit kaum mehr in sich hinein, als eine klare Vorstellung, daß Käthchen eine gute Köchin sei. Je weniger seine Zähne arbeiteten, um so eifriger schuf seine Phantasie an einem Bilde, in dessen Mitte ein trauliches Herdfeuer eine dunkle Küche erleuchtete und einen Rosaschimmer auf ein allerliebstes Gesicht warf – auf das Gesicht von Käthchen Sommertag, die ihren arbeitsmüden Mann erwartete. Abendstimmung lag über dem Ganzen. Noch ein Gespräch auf der Bank vor dem Hause und ein Hinaushorchen in das weite Land, aus dem von fernher das Sensendengeln rief, dann der Weg zu zweien in die stille Kammer. Während Innocenz träumte, wachte sein Begleiter für zwei und aß für fünf. Dem Konsistenten folgte das Flüssige literweise nach und erregte ein weithin hörbares Plätschern in dem geräumigen Stromermagen. Es schien, als ob der Vielfraß es auf die Vernichtung alles Bestehenden abgesehen habe. Innocenz mußte dem Greuel ein Ende machen, oder um seinen Geldbeutel zum mindesten war es geschehen. Daß das hors d 'œuvre einiger Weißrüben nicht zustande gekommen war, mußte dem Studenten teuer zu stehen kommen. Verlegen neigte sich Innocenz ein wenig nach der Seite und suchte mit der Hand in der rechten Hosentasche. Er fand nichts. Als er das gleiche Manöver auf der linken Seite seines Körpers mit dem gleichen negativen Resultat ausgeführt hatte, verfärbte er sich einen Augenblick und fuhr mit verlegenen Griffen an seinen Rocktaschen herum. Der Schnurrant, der jede dieser Bewegungen mit Kennerblick verfolgt hatte, flüsterte halblaut durch die Zähne: »Aha, in denen Hosen kein Geld, und zu Haus keine Hosen! Nun serviert uns der Hausknecht den Nachtisch mit ungegerbter Lohrinde direkt auf den Buckel, wenn sich Käthchen nicht erbarmt. Es ist eine nichtsnutzige Welt. Kaum hat man sich vollgestopft, so klopfen sie einen wieder leer. Eine halbe Meile von hier auf dem Holderhof ist zur Stunde ein gesünderes Klima. Ich wollte, ich wäre dort,« und er warf einen flüchtigen Blick nach seinem Bündel, das in der Nähe der Stubentür hing, während seine Mütze fast von selber unter seinem Wams den Buckel hinaufkroch. »Sollte nicht eine Kuh bei Euch sich losgemacht haben?« rief er besorgt dem Käthchen Sommertag zu. »Mich dünkt, ich höre eine Kette rascheln.« In der Tat, das Mädchen verließ seinen Sitz am Schenktisch und eilte durch die Hintertür. »Ich denke, es genügt von jetzt ab einer, um die Gesellschaft mit beschränkter Haftpflicht würdig zu repräsentieren,« sagte der Stromer gespreizt. »Notabene, über mein Anteil an der Dividende mögt Ihr beliebig verfügen. O ja, mit Großartigkeit gelingt manches. Hochzeit gemacht, und dem Pfarrer einen Knopf in den Klingelbeutel. Ich empfehl' mich Euer Gnaden!« und er erhob sich, langte sein Bündel herunter und verschwand auf weichen Sohlen hinter der Tür, die keinen Laut von sich gab und unhörbar ins Schloß klappte. Diese Rede beschämte den Studenten, das ›Notabene‹ aber in seiner öfteren Wiederholung machte ihn stutzig. Das Wort war ihm gestern abend an dem Pennbruder aufgefallen. Sollte jener und der Entschwundene ein und dieselbe Person sein? Käthchen Sommertag war unbemerkt näher getreten und sagte, um die Aufmerksamkeit ihres Gastes zu erregen: »Sie sind allein?« »Ja,« war die schüchterne Antwort, »aber wer war es, der hier bei mir saß?« »Ich denke, er hat es Ihnen selbst gesagt. Die Leute nennen ihn den Notabeneoja, eigentlich heißt er Pankraz Überdies. Er ist ein halber Künstler und ein halber Tunichtgut, von vielem etwas, doch nichts ganz, aber treu wie ein Hund. Von Zeit zu Zeit muß er ein Paar Sohlen auf der Landstraße zertreten, dann kommt er heim und arbeitet für drei. Nun wird er wohl auf dem Holderhof Arbeit suchen und willkommen sein. Balduin Hebenstreit, mein Vetter, dem das Gut gehört, dient in der Garnisonstadt sein Jahr ab.« »Dann hab' ich einen Brief von seinem Herrn an Ihre Adresse, mein Fräulein!« sagte Innocenz, »und das ist alles, was ich besitze, abgesehen von einem Herzen, das Ihnen gut ist; denn ich habe leider meine Geldbörse zu Hause gelassen und muß Ihr Schuldner bleiben.« »Ihr habt ein Schelmengesicht und seht schon so aus, als ob Ihr ein töricht Mädchen zweimal betrügen könntet. Ihr seid ein Schmeichler, doch verzeih' ich Euch, und daß Ihr in meinem Schuldbuch bleibt, ist mir angenehm, weil Ihr dann wiederkommen müßt.« Diese Worte machten Innocenz kühner. Er stellte sich und goß schimmernden Blickes die ganze zitternde Sehnsucht seines Herzens zum ersten Male in ein mondscheinweiches Mädchenauge. »So darf ich wiederkommen!« sagte er und preßte die Hand von Käthchen Sommertag in der seinen, »wiederkommen, auch wenn die Botschaft, die ich von Eurem Vetter bringe, keine gute scheint?« »Ich hoffe, es wird nichts Arges sein, um meines Vaters willen, der sein Vormund ist.« »Nicht gerade. Er ist mein Nachbar geworden und hat wie ich eine hübsche Aussicht über viele Dächer, wennschon seine Sehachse erst durch eiserne Gardinen muß.« »So hat man ihn eingesteckt. Ach, es war ja zu erwarten, daß er die strenge Ordnung des Kasernenlebens nicht ertragen werde. Wißt Ihr, was er verbrochen hat?« »Was wird's wohl sein? Zwei Minuten nach dem Zapfenstreich am Kasernentor, oder die Knöpfe nicht blank geputzt, oder einem, der im Wege stand, auf die Hühneraugen getreten. Beim Soldaten braucht's nicht viel, um ihn ins Loch zu bringen.« »Oder einem andern auf die Hühneraugen getreten, mit dem Absatz den Rücken massiert oder mit der Faust die Wange gestreichelt, bis ein Ohr herunterhing. Da haben wir's. Ihm hängen die Hände zu lose am Körper. Was wird der Vater sagen? Nein, es ist unerhört, was er dem guten, kranken Vater nicht alles für Sorge bereitet. Und dann die Schande für die Familie.« Käthchen seufzte bedrückt und verließ die Stube. Innocenz blieb allein zurück, verdrossen und ärgerlich, daß Käthchen ihn verlassen hatte. ›Was doch die Leute für einen Kultus treiben mit ihrer Familienehre, als ob heutzutage nicht jeder zum mindesten einen Kommerzienrat und einen Zuchthäusler in der Verwandtschaft hätte,‹ dachte er. ›Nun sieht sie ihren Vetter wohl schon vor geladenen Flinten Abschied nehmen von Vollheringen und Rollmöpsen, die seine Zeitgenossen waren, und sich und ihre Kindeskinder geschändet bis ins vierte Glied. Sie wird nicht wiederkommen.‹ Der Gedanke machte ihn bitter. Er hätte die Welt vergiften mögen, und doch öffnete er das Fenster und ließ eine Wespe hinaus, damit sie in ihrer Sehnsucht nach der Ätherbläue sich nicht das Hirn einrenne. Vielleicht, daß der Bruder Studio doch noch eine Zeitlang auf die Rückkehr des Mädchens gewartet hätte. Aber da kam hinter ihm lärmend und tobend ein Dackel ins Zimmer gerannt, tat so, als ob er Handwerksburschen verschlingen könne, trampelte auf sein Recht pochend mit den Vorderfüßen auf, behauptete laut bellend allerlei und stolperte darüber, schimpfte, drehte sich um den eigenen Schwanz und schien durchaus nicht einsehen zu können, welchen Zweck die Gegenwart eines geputzten Städters in der Taubhausmühle haben könne. Da beschloß Innocenz nachzugeben und er nahm seinen Hut vom Nagel. Als er aus dem Zimmer wollte, vertrat ihm eine Magd mit einem Paket in der Hand den Weg. »Das Fräulein läßt bitten,« sprach sie mit einer linkischen Verbeugung. ›Statt des Mädchens die Würste,‹ dachte der Student und er hätte sie am liebsten dem Köter ins Genick geworfen. Doch er besann sich noch rechtzeitig. Er durfte den Faden nicht durchschneiden, an dem ihn das Geschick nach Birkenried geführt hatte und noch führen konnte. Käthchen Sommertag konnte nach trüben Stunden wieder heiter und freundlich werden. Mit diesem Troste trat er den Rückweg nach der Stadt an. Ein Trupp Soldaten kam von einer Felddienstübung und stolperte verstaubt und müde an dem Studenten vorüber. Da war nicht einer, der nicht die Wurst gerochen hätte. Alle hoben sie die Nasen wie Hühnerhunde vor einer Rebhuhnkette. »Bei Muttern gewesen und den Ranzen geflickt!« rief einer aus dem Glied. »Heh, Alter, das hält wohl bis zum Barbaratag und macht gut Wetter bei den Vorgesetzten,« bemerkte ein anderer. »Wenn das der Feldwebel riecht, steigt der Kasernenbarometer auf ›heiter‹,« so kreischte ein dritter. Wer keinen Einfall hatte, um ihn auszuspielen, lachte im vielstimmigen Chorus mit auf Kosten Lorums, der sich recht klein und geschlagen vorkam. Es gehört schon ein gutes Stück Lebensphilosophie dazu, das Lachen seiner Mitmenschen zu ertragen. Bis jetzt hatte ihm die Gutmütigkeit noch wenig schöne Früchte getragen. Innocenz zog sich verärgert aus der Staubwolke zurück, die sich unter den Soldatentritten hervorwölbte und das fahle Licht verdunkelte, das von der schmalen Silbersichel des Neumondes sparsam über die Felder rieselte. ›Wenn nur der Balduin Hebenstreit nicht zu lange eingesperrt bleibt,‹ dachte er, nachdem er seine Gedanken wieder gesammelt hatte, ›sonst werde ich mir ein Hundefuhrwerk anschaffen müssen wie eine Botenfrau und ein Paternosterwerk wie ein Bauunternehmer.‹ ›Geschieht dir übrigens recht‹ bemerkte boshaft eine fremde Stimme in ihm, ›was brauchst du dich um Dinge zu kümmern, die dich nichts angehn.‹ ›Nichts angehn,‹ antwortete eine andere ›als ob einen der Vetter seiner Braut nichts anginge.‹ Der Halbverliebte lachte über den dummen Einfall, aber er dachte doch mit warmer Innigkeit darüber nach, daß es eine schöne Sache sei, so ein Käthchen Sommertag alle Tage um sich zu haben, mit den Ellenbogen ihre Taille zu streifen und zu fühlen, wie ihre Röcke einem um die eigenen Knöchel fächeln. Innocenz war auf der Höhe über der Stadt angekommen und sah aus dem wallenden Brodem, der sie umwogte, einige Lichter wie verliebte Mädchenaugen lockend zu sich heraufblinzeln, wurde zielsicher und ging mit rascheren Schritten die Steige hinunter. Nicht lange, so brannten drei Weihnachtskerzen auf einer Semmel, die Semaphorlaterne stand auf »freie Fahrt« und Blut- und Leberwürste stiegen andachtsvoll und schweigend empor zu dem, der über dem Getriebe des Lebens in Einsamkeit im Äther schmachtete. Als Innocenz nach vollbrachter Tat im Bette lag, war es ihm wie einem Kätzchen, das den Kanarienvogel verspeist hat. Er wußte, daß er etwas Unrechtes getan, etwas, was gegen die gottgewollte Ordnung schwer verstieß, und doch er konnte keine rechte Reue finden, und auch der Vorsatz, es nicht wieder zu tun, war wie ein Anker, der keinen Boden findet, nutzlos in die Tiefe geworfen. Sein Schifflein schaukelte auf den gaukelnden Wellen der Liebe an einer Lurelei vorüber, die ihn mit magischen Kräften an sich zog, auch da, wo sie ihn scheinbar floh, und er hatte das Steuer losgelassen und trieb stromab ohne die Warnungstafeln zu beachten, die von der strompolizeilichen Vorsehung zu seinem Schutze errichtet waren. Innocenz versuchte es zuletzt mit Beten. Aber als er das Gebet sprach: »O domina mea, o mater mea, tibi me totum offero,« drängte sich in seine Vorstellung herein das Bild von Käthchen Sommertag und der Sinn der Worte nahm etwas trivial Albernes an und klang fast wie ein Heiratsantrag. Drittes Kapitel Als der Student am nächsten Morgen erwachte, glaubte er einen Grund mehr zu haben, fleißig zu sein und sprang mit beiden Füßen aus dem Bett. Ein Schwarm von Sperlingen, der in den Zweigen einer alten Ulme dem jungen Tag entgegen lärmte, lockte ihn, einen Blick ins Freie zu werfen. Da gewahrte er, wie drüben unter dem Fenster des Gefangenen der gefleckte Kater auf der Erde saß und als Lohn für seine Vermittlerrolle ein reiches Frühstück von Wursthäuten zusammenlas. ›Bei jedem Geschäft,‹ so grübelte der junge Mann, ›pflegt für einen Dritten etwas abzufallen, dem Kater die Wursthaut und mir?‹ – – – Er dachte den Satz nicht ganz zu Ende, sondern setzte sich nieder und vergrub den Kopf in mächtige Folianten, fest entschlossen, des Mädchens nicht eher wieder zu gedenken, als bis der Vetter wieder hungrig sein und von ihm einen zweiten Botengang verlangen würde. So gingen zwei Wochen hin, ohne daß die Finger sich gezeigt hätten, und schon fürchtete Innocenz, daß der Gefangene ausquartiert sei. Dem war nicht so. Eines Morgens sah der Mansardenbewohner am Fenster drüben eine leere Wursthaut an ein Lineal gebunden im Winde flattern und sah den Kater, der verlangenden Blickes vom Giebel eines Schuppens nach der leckeren Beute schielte. Zuweilen duckte er sich, als ob er der Dachfirst das Kreuz eindrücken wollte, dann wieder richtete er sich plötzlich hoch auf, als ob er fürchte, ein Windstoß könne den leckeren Bissen über seinen Kopf hinweg ins Weite tragen. Zuletzt aber zog er unter bedauerlichem Maunzen ab. ›Nun wird es Zeit, daß auch ich gehe,‹ dachte der Student, sorgte dafür, daß er diesmal seinen Geldbeutel nicht vergesse, und wanderte aus den schlafenden Straßen, in denen soeben die ersten, mit den Bäckerjungen den Höfen entsprungenen Hunde sich Morgenvisiten machten. Wie er die Steige hinaufschritt, liefen die Klänge der Morgenglocken hinter ihm her, holten ihn ein und umhüllten ihn mit wogenden Wellen, in denen seine liebende Seele tanzte wie Kork auf dem Wasser. Nie noch war er seiner Zukunft so sicher wie jetzt. Solch ein Examen war schon Tausenden gelungen, die dümmer waren als er, und lag die Schulbank hinter ihm, wie die Eierschale hinter dem Rebhuhn, dann würde er wie dieses schon laufen können die Furchen des Lebens entlang und auch querfeldein, um zu erhaschen, was der Hunger heischt und des Lebens Notdurft. Alles erschien so leicht, so selbstverständlich, so glänzend wie das Morgenrot, das den Gipfel des Berges küßte, dem Innocenz Lorum entgegenschritt. Ob er heute wohl schon mit dem geliebten Mädchen ein bindendes Wort reden werde? Wohl kaum. Er gedachte sich an ihrem Anblick zu freuen, jede Linie ihres Leibes in seine Seele zu drücken wie in weiches Wachs, sich wärmen zu lassen von dem Feuer ihrer Blicke, dann heimzukehren mit dem Klischee eines Engelsbildes, das er rufen könne, wenn er nach ihm verlange, damit es bei ihm sitze und seine Arbeit segne. Von wimmelnden Liebesgöttern wie auf einer lichten Rosenwolke getragen, kam endlich Innocenz vor der Taubhausmühle an und trat in das dämmernde Dunkel der Wirtsstube. In einer muffigen Kanasteratmosphäre saß an einem der Tische ein Überbleibsel vom Tage vorher, drückte sich die Nase glatt in Bierresten, schlief und schnarchte dazu. Dieser Anblick stürzte unseren Freund aus dem Strahlenglanz seines Himmels in ein tiefes Mitleid mit Käthchen Sommertag, die dem Anblick solcher Gesunkenheit nicht aus dem Wege gehen konnte. Er fühlte in sich ein Erwachen wie zu einer heiligen Pflicht. Eine Perle mußte er aus dem Schlamm heben. Dieser Menschenblüte mußte er einen anderen Platz an der Sonne verschaffen. Da trat sie herein in Morgenfrische erglänzend. Doch der Strahl ihres Auges wurde plötzlich stumpf und trübe, und eine mit Ekel gemischte Verdrossenheit überzog die Heitere ihres Gesichtes, wie der Rauch eines Fabrikschlotes den Morgenhimmel. Ihr ward, als ob sie zu einem Besen greifen müßte, um diesen Haufen moralischen Unrates hinauszukehren in die Gosse, wo die Enten über ihn watscheln mochten, wenn sie keine Rücksicht nehmen wollten auf die Reinlichkeit ihres Schuhwerkes. Innocenz war ein feiner Beobachter und las aus dem Gesichte des Mädchens heraus, wie sie die Schande der Menschheit, von der auf jeden ein Teilchen abfällt, in seiner Gegenwart schwerer trug, weil sie fürchten mochte, daß ihr Wert in seinen Augen sinken könne. Er reichte ihr die Hand, zog sie nach dem Fenster und sagte schalkhaft: »Ich hoffte, Sie würden dem ein freundliches Gesicht zeigen, der gekommen ist, um zu bezahlen, was Sie wohl schon für verloren hielten!« »Sie machen sich lustig über mich, und Sie müssen doch fühlen, daß ich mich vor Ihnen schäme. Was werden Sie von einem Hause denken, in dem man so was duldet? Der dort ist einer, der sich übernimmt, wenn er eine mitleidige Seele findet, die für ihn zahlt; so kommt er zuweilen zu einem Rausch. Der Vater ist zu gut, um ihn vor die Tür zu setzen, und doch ist mir sein Anblick hier fast unerträglich. Haben Sie Zeit?« sprach sie mit einer plötzlichen Wendung des Gespräches und sah Innocenz mit flehendem Auge an, daß er nicht »nein« sagen möge. Der tat es auch nicht, sondern ließ sich von einer weichen Mädchenhand in den Hof führen und einen Rechen auf die Schulter legen. »Sie können Ihre Schuld abverdienen,« sagte Käthchen wohlgelaunt, »und kriegen noch was obendrein, wenn Sie sich geschickt zeigen in der Heuernte –« und sie schritt an der Seite des Studenten zum Tore hinaus. Die Leute auf der Straße sahen den modisch gekleideten Städter mit dem Rechen über der Schulter verwundert an, dachten, ob der wohl die Suppe verdiene und gingen lächelnd ihren Geschäften nach. Hunde kamen, fühlten die Dissonanz zwischen dem Rechen und seinem Träger und riefen in allen Tönen der Hundesprache in die Höfe hinein: »Ein Rechendieb, ein Rechendieb!« Gänse, die den Alarmruf hörten, eilten herbei und suchten Innocenz an den Hosenbeinen festzuhalten. Hätte man den Maharadschah von ganz Vorderindien in all seiner Pracht durchs Dorf getragen, er hätte kaum mehr Aufsehen erregen können als Innocenz mit seinem Rechen. Der Barbier riß das Fenster auf und rief seinem Nachbar zu, er glaube, daß wir demnächst einen Meteorfall erleben würden, der Mann, der soeben vorbeigegangen sei, sehe schon danach aus, als ob er die Sterne vom Himmel herunterrechen könne. Je verlegener Innocenz übrigens dreinschaute, um so aufgeheiterter wurde Käthchen. »Man wird Sie wohl für einen Fulder Drescher nehmen! Alle guten Geister! Da kommt auch schon der Kreisphysikus Wakernagel gesteckelt, um für zwei Groschen nachzusehen, ob Sie geimpft sind,« so scherzte das lose Mädchen und setzte mit einem graziösen Sprunge über den Chausseegraben hinüber in den weichen Wiesenteppich hinein. Innocenz hinterher. Zart und mollig lief es sich da wie über den Rücken einer Heideschnucke, und der elastisch federnde Wiesengrund warf die Zwei in die Höhe, wie Federn von spielenden Kindern in die Luft geblasen. So kam das Paar dem Wagen nahe, der von schaumigen Wolken duftenden Heues umlagert war. Gescheckte Kühe standen um den Segen und fraßen mit greifenden Zungen einen Tunnel hinein. Niemand wehrte ihnen. In fröhlicher Schaffenslaune hatte Valentin der Kühbub seinen Rock abgeworfen und griff in Hemdsärmeln nach der Gabel, um dem Großknecht zuzutragen, der auf dem Wagen stand. Die Gabel war das Werkzeug der Männer, weil sie Kraft erforderte, während der Rechen in der Hand der Frauen mehr spielend tat, was auch nicht entbehrt werden konnte, den Segen häufte und dem nachging, was in kleinen Büscheln hinter Gräben und Maulwurfshügeln geblieben war. Innocenz hatte sich eine Gabel ausgesucht. »Denkt, daß Ihr keine Kerze tragt in der Prozession, Ihr müßt mit beiden Händen zulangen und nicht wie die Barbiere mit zwei Fingern!« höhnte der Großknecht, und die Zuhörer lachten, lachten mit überlegenem Selbstbewußtsein, weil sie an dem Neuling sahen, daß auch ihr Tun eine Kunst ist, die gelernt sein will. Der Student aber achtete des leisen Spottes nicht, er verdoppelte nur seine Anstrengungen. Die Mägde sahen mit Vergnügen, wie sich die Lenden des Jünglings strafften unter der Last des Heubündels über seinem Haupte und wie die Muskeln seiner Schenkel härter und eiserner hervortraten. Sie stießen einander mit den Ellenbogen und ließen vielsagende Blicke von Innocenz Lorum zu Käthchen Sommertag schweifen. Blicke, die ein förmliches Gespinst flochten um zwei Menschen, ein Netz, wie es die Spinne um ihre Beute webt. Die Schatten des Morgens waren kürzer geworden. Die Sonne schoß mit feurigen Pfeilen ins Tal herunter. Die Menschen liefen der Kühle des Bächleins zu und nach den Erlenbüschen, die sein Ufer säumten. Dem Dorfe zu schwankte der Heuwagen und verschwand hinter dem ersten Hause, voran die Kühe mit bedächtigem, fast andachtsvollem Schritt. Aller Blicke waren fragend und fast ängstlich der Fuhre gefolgt bis zu der harten Glätte der Chaussee. Denn, was der Fleiß vieler Menschenhände geschaffen hatte, konnte eine kleine Hamsterfamilie vernichten, in deren Haus ein Wagenrad versank. Nun aber war die Gefahr vorüber. Der Wagen war auf festem Untergrund, schon auf dem Pflaster. Man hörte es am lauten Schlagen der Achsen. Und doch noch immer hingen die Blicke aller am Eingange des Dorfes. Erwartete man etwas von daher? Jedenfalls, und soeben kam auch etwas. Die Buttergretel, ein halber Dilltapp war's, mit einem Korbe auf dem Kopf, über dem sich ein weißes Leintuch im unruhigen Luftzug vielversprechend blähte. Die Knechte griffen nach ihren Hosentaschen, holten ihre Messer hervor und kratzten mit dem Daumennagel die Brotkrume herunter, die noch von früheren Mahlzeiten an der Klinge klebte. Die Mägde setzten sich steifer, spreizten die Schenkel auseinander und formten zwischen ihnen in den Schürzen einen leicht gehöhlten Tisch. Ganz ohne Verabredung hatte man sich im Kreise gelagert und ehrfurchtsvoll in der Mitte eine hochheilige Stätte freigelassen zur Aufnahme des Korbes, den die plattfüßige Buttergretel nicht ohne frommen Seufzer niedersetzte, um die Hülle zu entfernen. Ein allgemeines »Ach!« befreite sich aus den Herzen der Zuschauer beim Anblick einer mächtigen Zinnschüssel und ihres Inhaltes. Dicke Milch, die Sorbeta des Nordländers in den heißen Sommermonaten, und der Rahm noch darüber, steif wie Pergamentpapier und daneben Stücke schwarzen Brotes, fast kantig zugespitzt wie Steinbeile. Ach, welch ein Regen gab es jetzt in allen Zungen, welch ein Wandern des Löffels vom Mund zum Rande der Schüssel, welch selbstverständlich Greifen nach dem Schoße der Mägde, in dem das Brot lag und anderes. Wer seinen Glauben verloren hat an naive Harmlosigkeit und seinen Appetit, der komme und stärke beides am Anblick eines solchen ländlichen Mahles. Innocenz lag neben Käthchen Sommertag und pickte sein Brot aus ihrem Schoß, anfangs scheu und mit verlegenen Griffen. Als er aber dem Mädchen ins Antlitz sah und nirgends jene Röte merkte, die so fromm tun kann und doch nur verrät, daß Feuer irgendwo ist, wo besser keines wäre, da wurde er fast heimisch in der Gegend ihrer Kniee und holte seine Nahrung unverzagt und ohne Nebengedanken von des Mädchens Schürze wie die Hühner aus der Fuhrmannskrippe. Als die Magen zufrieden waren, wanderten die Augen über die geschorene Wiese hin den letzten Häusern des Dorfes zu, wo soeben wieder die Kühe erschienen, den leeren Wagen hinter sich herziehend. Sie kamen ohne Führer zielsicher und mit eiligen Schritten wie die Schneeschipper, wenn es zum Essen geht. Auch der Grund ihres Eifers war der gleiche, denn ihnen war ja der Tisch in der Wiese gedeckt. Gefräßig stapften sie mitten in den Heuhaufen hinein und achteten dessen nicht, was sie mit den Füßen zertraten. Der Großknecht kam und brachte ihnen mit dem Peitschenstiel auf die gefräßigen Mäuler Lebensart und Manieren bei. Käthchen trat herzu und tröstete die Gestraften mit Schmeichelworten, während sie ihnen streichelnd durchs Fell fuhr. Die Braune war starrköpfig. Käthchen faßte sie beim Horn und mit energischem Gesichtsausdruck zwang sie die Widerwillige zum Gehorsam. In diesem Augenblick glaubte Innocenz ein Bild aus der germanischen Urzeit vor sich zu haben und eines jener blonden Weiber zu sehen, wie sie im Triumphzug des Germanicus den verweichlichten Römern so bestrickend in die Augen stachen. Außer dem Studenten hatte übrigens niemand das Mädchen und sein Tun beachtet. Ein jeder war an seinem Geschäfte. Die Wiese sollte heute sauber werden, denn schon stach die Herbstzeitlose aus dem Boden, wollte den blauen Kelch auf dünnem Stengel in die Lüfte heben und die Blätter entfalten. Schon ging dem einen oder anderen des Gesindes die Arbeit aus. Die Rechen hingen am Wiesbaum und die Gabeln staken in den Seiten des Heuwagens. Da legten die Kühe die breiten Stirnen in die Joche, stemmten die sehnigen Beine an den Boden und machten den ersten Schritt. Der Ladeknecht auf dem Wiesbaum tat einen leichten Schrei, schwankte, fiel und glitt an der Flanke des Wagens über das weiche Heu zur Erde. Niemand nahm sein Mißgeschick tragisch. Die Näherstehenden lachten und er selbst rettete sich mit der Bemerkung: »So hätt's nicht pressiert, ich wäre ohnedies gleich abgestiegen,« vor Spott. »Schade, daß er sich nicht ein wenig beschädigt hat,« sagte Käthchen neckend zu Innocenz, »wir hätten dann vielleicht gesehen, ob Sie in Ihrem Berufe ebenso tüchtig sind wie als Heumacher.« »Besser so,« widersprach der Angeredete, »sonst hätte mich wohl der Chirurge zum Dorf hinausgeprügelt, weil ich ihm ins Handwerk gepfuscht,« und er schritt neben dem Mädchen her, mit Absicht so nahe, daß ihre Röcke im Gehen seine Knöchel fächelten und daß ein kleiner unsicherer Schritt ihre Hüften sich berühren ließ. »Seid Ihr fertig?« riefen die Leute auf der Straße den Heimkehrenden zu. »Bis aufs beste, was noch nachkommt, den Ernteschmaus,« antworteten diese und zogen die Nasen hoch, als ob sie schon den Braten röchen, den Käthchens Mutter derweilen zu Hause bereitet hatte. Für Innocenz hatte man im Herrenstüble eine Tischecke gedeckt. Doch er wollte dies nicht, ihm schmeckte es besser am Gesindetisch unter all den Menschen, denen das Essen eine heilige Pflicht ist, wie Gebet und Sabbatheiligung. Der Student fühlte sich wohl inmitten all der gewissenhaften Esser, aber er konnte nicht warten, bis der obligate Handkäs wie das Siegel auf dem Brief vor einem jeden auf dem Teller lag. Schon blickte die Dämmerung mit schläfrig trüben Augen durch die Scheiben, und sein Weg war noch weit. Käthchen Sommertag hatte ihm auf seine wiederholten Fragen nach der Höhe seiner alten Zeche noch keine Antwort gegeben, aber sie hatte sich erhoben und war neben ihm durchs Zimmer geschritten. An der Tür zum Hofe wäre für sie eine schickliche Gelegenheit gewesen, Abschied zu nehmen. Sie ließ sie unbenutzt. Sie schritt neben ihrem Gaste auf das Pflaster hinaus, obwohl dessen Steine holprig waren und alt und die Gefahr nahe legten, daß man stolpern und ein Bein verrenken könne. Sie kam zum Hintertürchen, mußte aufschließen und ihren Begleiter auf eine hohe Schwelle aufmerksam machen, über die man fallen konnte, wenn man die Augen so wenig am Boden hatte wie er. Wer rechtlich denkt, achtet die Absicht seines Vorgängers und verriegelt das wieder, was jener in weiser Berücksichtigung verschiedener Möglichkeiten verschlossen hat. Käthchen Sommertag tat auch das nicht, ließ die Türe offen stehen und begleitete ihren Gast noch bis zur Gartenecke. Dort stand ein unheimlicher Holunderbaum, der mit überhängenden Zweigen ein Versteck schuf für lauernde Wegelagerer. Hatte Käthchen ganz das Grausen verlernt, daß sie gerade da an der verrufenen Stelle stehen blieb und schier harmlos zu ihrem Begleiter sagte: »Sie fragten, was Sie schuldig wären? Sie haben Ihre Schuld abverdient und ich denke, Sie bekommen noch etwas heraus.« »Zahlen Sie in Naturalien und nicht in Geld,« sagte Innocenz, von dem plötzlich alle Schüchternheit gewichen war, »so bin ich bereit, zu empfangen« und er spitzte ein wenig den Mund und hielt ihn seiner Begleiterin entgegen. »Nicht doch,« wehrte diese, »am Quartalschluß vielleicht, wenn Sie sich bis dahin gut führen. Aber hier haben Sie ein kleines Paket. Nur die eine Hälfte seines Inhaltes ist für meinen lustigen Vetter, die andere ist für Sie,« und Käthchen Sommertag drückte dem jungen Manne zärtlich die Hand und verschwand zögernd mit kleinen Schritten in der Pforte, denn ihr war's, als ob sie etwas freigebiger hätte sein können, als sie gewesen war. Innocenz Lorum schritt, vom Glücke in ein Paradies gezaubert, im Mondlicht verklärt über die einsame Bergeshöhe und hörte dem Gesang der Grillen zu, die aus Erikabüschen zwischen Steingeröll ihr Lied sangen. Aus ihm heraus hörte er die Stimme der Natur, die sich ihm, dem Stadtkinde mit dem blöden, überstäubten Sinne, entschleiern wollte. Was hatte er von der schönen Gottesnatur seither gehabt? Als der Sohn eines Postbeamten hinter dem Glasverschlag einer Vierzimmerwohnung im fünften Stockwerk geboren, hatte er durch die Hinterfenster in einen finstern Schacht hinuntergeblickt, den man den Hof nannte, und dem Teppichklopfen zugehört, das da unaufhörlich zu seiner Höhe herauftrommelte. Durch die Vorderfenster überschaute er eine ganze Reihe schadhafter Dächer mit Mansardengiebeln, vor deren Scheiben blühende Geranien und zerrissene Kinderwäsche in malerischer Abwechslung ein Bild kleinbürgerlicher, halbverhungerter Genügsamkeit hinzeichneten. Sein Schulweg führte ihn durch enge Gassen, in denen die Auslage eines Holzschuhmachers abwechselte mit einem Haufen Grünzeug, das auf einem Schubkarren, die Passage sperrte. Dann kam am Ende der Gasse hinter einem nüchternen Kiesplatz der prosaische Backsteinbau des Gymnasiums mit seinem höhnenden Echo im Stiegenhause, seinen bellenden Schulstuben und den erbärmlich grünen Wänden, die ins Unendliche zu steigen schienen. So sah der Ort aus, wo man die Stirnen formt für künftige Lorbeerkronen. Und dann das Auswendiglernen all der fremdsprachlichen Vokabeln! Wie in ein Zuchthaus wurden sie ins Gehirn hereingetrieben, ach und immer lag neben dem Hunde der Knüppel. So reihte sich wie ein Rosenkranz aus Holzperlen eine Woche an die andere und nur selten kam das Glück, daß ein dienstfreier Sonntag des Vaters das ermüdende Einerlei der »Gegrüßet seist du, Maria« mit dem »Vaterunser« eines Spazierganges über den Fluß oder nach dem nahen Schenkenschloß unterbrach. So war's durch die Jahre der Kindheit gegangen, bis es noch schlechter kam. Der Vater war krank geworden und gestorben. Viel kleine Beamte mit blechernen Verdienstmedaillen auf der Brust folgten seinem Sarge, aber auch der Landrat war unter ihnen, und das war so schön; so schön war auch das Grab im Schatten einer Traueresche, daß in der Mutter eine wilde Sehnsucht nach Frieden erwachte. Ihr Körper war nur noch der Schattenriß dessen, was er einst gewesen. Sie schwebte, legte sich nieder und starb. Innocenz war, als dies geschah, bereits am Ende seiner Gymnasialstudien. Was lag vor ihm? Immer und immer wieder nur Säle, in denen man angesporte Weisheit predigte und durch den Tubus des Mikroskops die Welt im kleinen betrachtete, während die Welt im großen draußen lag wie ein unentdecktes Land. Ein Bummel durch die benachbarten Bierdörfer wurde besprochen wie eine Reise nach Hindostan. Und doch lag in dem Jüngling der beißende Hunger nach den Horizonten. Auf einem Pferde über die träge Scholle fliegen und den Körper auf Bergeshöhen in der Morgenröte baden, das war der faustische Drang, der in dem Stadtkinde kochte. Das Übermaß schwellender Kraft verlangte nach Betätigung. Dem Sturme die Stirne bieten, zwischen zitternden Baumriesen im Gewitterdunkel den Heimweg suchen und zu wissen, daß es irgendwo ein Licht gibt, das auf uns wartet, und eine Seele, die für uns bangt und betet, das war's, was das Leben wert machte, gelebt zu werden, danach hatte sich Innocenz gesehnt. And nun war das alles nahe gerückt, ja über ihn gefallen, wie ein warmer Maienregen. War's da ein Wunder, daß seine Seele jauchzte, während seine Füße tanzten wie jene Davids vor der Bundeslade! Innocenz war wie in einem Traume über die Höhe gekommen und stand im Dunkel seines Mansardenzimmers. Im Dunkel zog er sich aus. Er fürchtete durch die Helle die schöne Fata Morgana zu verscheuchen, die funkelnd vor seinen Augen stand. Zwei breitgestirnte Kuhköpfe und eine Heldenjungfrau, die sie meisterte. »O domina mea« flüsterte er, als sein Haupt auf den Kissen lag, und schlief ein. Viertes Kapitel Ein unerhört heißer August brütete über dem Lande. Es war, als wenn die Sonne den Bierbrauern die Malzdarre ersparen wolle. Der Stengel trug die schwer geladene Gerstenähre nicht mehr und sie brach ab, sobald der Binder sie in Garben raffte. Der Bauer kam zu kurz, aber die Stare hatten es gut. Ganze Wolken schmausten in den Feldern und löschten ihren Durst in den strotzenden Weinbergen. In den Straßen der Stadt glühte das Pflaster wie ein ausgespieener Lavastrom, die Schiefer flimmerten und die Katzen liefen auf den Krallen, wenn ihr Räuberhandwerk sie zwang, über die Dächer zu wandern. Ein Drittel der städtischen Bevölkerung lag in dem halb ausgetrockneten Fluß und machte Barben und Schleien den Besitz des Schlammes streitig. Innocenz in seiner Mansardenwohnung litt unsäglich. Der leichteste Schirting war der Haut noch zu warm. Nur die frühen Morgen- und späten Abendstunden brachten einige Erleichterung und sie wurden eifrig benutzt, um das Gehirn bis in den vierten Ventrikel hinein mit anatomischen und pathologischen Bildern vollzustopfen. Über Tag weilte der Student in den kühlen Kreuzgewölben des Spitals. Wenn des Abends die lechzenden Trinker nach den Kellern strebten, wagte er es, seine Sternwarte aufzusuchen. Da saß er vor dem Tisch in einer wahren Einsiedelei. Nicht den Verwegensten konnte die Lust anwandeln, zu ihm emporzusteigen. Vor dieses Wagnis hatten die Götter den Schweiß gestellt. Trotzdem. Eines Abends klopfte es und der Student rief: »Herein!« Die Tür sprang so weit auf, daß man ein Petroleumfaß hätte hereinwälzen können, und doch auf der Schwelle erschien nur ein schmales Kerlchen in Chevauxlegeruniform mit dem Einjährigenschnürchen an der Achselklappe. Der Miles gloriosus schlug die Hacken stramm widereinander, hob die Hand an die Mütze und sagte in militärisch kurzem Ton: »Balduin Hebenstreit, Einjährig-Freiwilliger beim Königlich« ... »Schon recht,« unterbrach ihn Innocenz, »und was verschafft mir die Ehre?« »Ich bin gekommen, um mich zu entschuldigen, daß ich Sie vor einigen Wochen so respektlos auf mich aufmerksam gemacht habe und zu danken dafür, daß Ihre gefahrvolle Güte mir seither Dienste geleistet hat, die ich nie von Ihnen hätte verlangen sollen.« Innocenz lachte, drückte den Krieger auf einen Stuhl nieder und sagte belustigt: »Ja wissen Sie denn nicht, mein Lieber, daß Armeelieferanten als Kommerzienräte zu endigen pflegen? Vielleicht waren meine Dienste garnicht so selbstlos, wie sie Ihnen scheinen. Könnte ich nicht vielleicht einen erheblichen Prozentsatz der gelieferten Ware als Zwischenhändler in die Tasche gesteckt haben?« »Tut nichts,« sagte der Soldat, »ein richtiger Kaufmann nimmt Skonto und Gratifikation, wie es fällt, und macht am Ende des Geschäftsjahres noch auf Kosten der Aktionäre ein Essen mit Austern, Kaviar und dergleichen mit; nicht wahr, mein Verehrtester? Sehen Sie, so denke ich und weil ich so denke, so habe ich mir erlaubt, Sie zu überraschen.« Ohne nun eine Antwort weiter abzuwarten, ging der Krieger vor die Tür und kam mit zwei Flaschen Wein wieder und einer Zeitung, die aber diesmal Substantielleres enthielt als die Weisheit eines Redakteurs oder den Witz irgendeines Feuilletonisten. Das Bemühen des Soldaten, einen Pfropfenzieher aus seiner Tasche zu holen, um eine der Flaschen zu entkorken, lehnte Innocenz ab, doch nicht so energisch, daß jener von seinem Beginnen abgestanden wäre. »Sie wären imstande gewesen, mir ein Trinkgeld anzubieten,« sprach der Student, »wenn Sie mich für fähig gehalten hätten, es anzunehmen. Nun kommen Sie mit Mundvorrat als Versucher, um mir den Lohn abzuhandeln, der jeder guten Tat versprochen ist. Doch, ich sage Ihnen, daß ich bereits ausbezahlt bin, mehr wie reichlich. Bin ich doch durch Sie zu Menschen gekommen, deren Bekanntschaft mir mehr wert ist als Geld und der Inhalt der besten Flasche.« »Sie haben recht,« sagte der Soldat schmunzelnd, »meine Base ist ein vortreffliches Mädchen, denn ich nehme an, daß deren Bekanntschaft Sie entzückt hat und nicht die des Notabeneojas, der mehr originell als entzückend ist. In das schöne Kind aber können wir beide uns nicht teilen, wie in eine Flasche Wein. Die Base muß ich ganz für mich verlangen. Ich glaube, sie kann mich vorläufig ausstehen, das genügt für den Anfang. Schwerer wiegt, daß unsere Güter aneinanderstoßen. Wenn erst der Pfarrer unsere Hände ineinandergelegt hat, dann liegen Gewannen lang hingestreckt aneinander, daß ein Pferd gut beschlagen sein muß, wenn es von einem Gang von Vorend zu Vorend alle vier Hufeisen mit nach Hause bringt.« Der Krieger lachte bei dieser Erklärung glückselig, und der Stöpsel half ihm lachen, als er lustig aus der Flasche sprang. Dem Studenten legte sich ein tiefes Mitleid mit dem armen Käthchen, dem ein solch hochherziger Gatte zugedacht war, in das Herz, aber er griff aus Höflichkeit nach einem der vollgeschenkten Gläser und stieß mit seinem Besuche an. »Ihre Gesundheit,« sagte er, »denn ich kann mir nicht denken, daß Sie sonst noch etwas brauchen, um bei solchen Aussichten der glücklichste Mensch der Erde zu sein.« Beide tranken. Dem Studenten lief der Wein wie Wermut über die Zunge. Dem andern aber verweilte er wie Hybleahonig in behaglicher Breite auf den Geschmacksnerven. Die Wangen fingen an zu glühen. Die Augen leuchteten in verklärtem Scheine. Die ganze Physiognomie wurde zu einem Preislied des Weines so gut wie ein Gedicht von Anakreon. Innocenz, der etwas verärgert dieses Genießergesicht betrachtete, sagte nicht ohne Spitze: »Ich sehe, Sie verstehen sich vortrefflich auf Weib und Wein; wenn Sie nun noch singen können, so muß ich gestehen, daß ich kaum noch einen Frommen gefunden habe, der das Geheimnis von der heiligen Dreifaltigkeit der guten Dinge so begriffen hätte wie Sie.« »Singen,« entgegnete der Chevauxleger, »und ob. Bewundern Sie in mir einstweilen den Vorstand der Liedertafel und des Feuerwehrgesangvereins, dem späterhin der Schützenkönig folgen wird und, so Gott will, der Bürgermeister. In wessen Händen wäre auch das Wohl der Gemeinde besser gewahrt als in denen des Großgrundbesitzers? Wenn der Reiche für die Gemeinde spart, so spart er auch für sich. An diesem Punkte greifen eigener und fremder Vorteil wunderbar ineinander ein. Damit soll nicht gesagt sein,« bemerkte er gönnerhaft, »daß man das Kalb nicht auch durch die Zinken einer Mistgabel mustern könne. Sie verstehen, Pfarrherren, Nachtwächter und Kassenärzte werden durch Leute von meiner Sorte gemacht.« »Ich könnte also späterhin auf Ihre hohe Protektion rechnen?« sagte Innocenz mit leichter Ironie. »Unbedingt, unbedingt,« bemerkte herablassend der zukünftige Ortsgewaltige und goß sich und seinem Gegenüber aufs neue die Gläser voll. ›Ein unverschämtes Großmaul,‹ dachte der Student und hätschelte einen Augenblick den Gedanken, aufzustehen und den Mann in Waffen die Treppe hinunter zu befördern, bevor er noch die Machtfülle eines Dorfschulzen in seiner Person vereinigte, als am offenen Fenster mit leisem Maunzen der gefleckte Kater erschien und in den Formen des gewandtesten Höflings einen alleruntertänigsten Buckel machte. »Gott zum Gruß!« rief ihm Innocenz zu, »Euer Gnaden kommen wie gerufen, um die Huldbeweise unseres hohen Gönners entgegenzunehmen.« Der Kater rieb sich geschmeichelt die Flanken am Fensterrahmen und fegte mit dem Schwanz die Scheibe rein, maunzte ein wenig, blinzelte begehrlich nach den Delikatessen, die derweilen aus der Zeitung gerollt waren, machte aber keine weiteren Anstalten den Herrschaften näher zu kommen. »Wenn der Prophet nicht zum Berge will, so wird der Berg sich zum Propheten bemühen,« sagte Innocenz. »Herr Hebenstreit, Sie handeln nur gerecht und billig, wenn Sie diesen erhabenen Vierfüßler zur Tafel ziehen. Er war's, der Ihre Finger entdeckte und den Verkehr anbahnte zwischen uns beiden. Seither hat er sich mit den Wursthäuten begnügt, die Sie gütigst durchs Fenster warfen. Sie gestatten, daß ich ihm nun etwas Substantielleres vorsetze.« Innocenz nahm sein Messer, schnitt ein gutes Stück von der Wurst herunter und überreichte es dem Kater, der mit gefülltem Maule hocherfreut über die Dächer lief. Balduin sah ihm verlegen nach. »Es ist hausgemachte,« sagte er betrübt, »einer von seiner Sorte wäre auch mit dem Fabrikat der städtischen Freibank zufrieden gewesen. Herr Studiosus, Sie würdigen schlecht, was man Ihnen bietet,« und er fing langsam an, den Rest der Mahlzeit wieder einzupacken. »Unsere Beziehungen werden nun weniger rege werden,« setzte nach einer Verlegenheitspause Innocenz Lorum die Unterhaltung fort. »Sie sind dem Käfige entsprungen und werden sich ohne meine Beihilfe zu verproviantieren wissen.« »Freilich, freilich, erst aus dem Käfig, dann aus dem Haus und der Fink fängt wieder an zu pfeifen,« sagte der Soldat, »am ersten Oktober stelle ich den fiskalischen Schießprügel in die Ecke und hänge die Jagdflinte über die Schulter. Am Tag schießen wir die Feldhühner, am Abend essen wir sie mit Sauerkraut. Käthchen Sommertag bereitet sie und sieht zu, wie sie gegessen werden. Das ist so eine probate Methode, wie man sich die Braut zur Frau erzieht. Ein wenig kurz halten muß man die Weiber. Sie müssen frühzeitig einsehen lernen, daß der beste Bissen für den Mann ist. Übrigens, nicht daß ich ein Schubjack wäre, der keinem was gönnt, im Gegenteil, Herr Lorum, wenn Sie bei den Jagdessen unser Gast sein wollten, Sie würden sich überzeugen, daß es auf einen Vogel mehr oder minder nicht ankommt.« »Schönen Dank auch für die Einladung,« schmunzelte Innocenz, »und damit ich keinen Metzgersgang mache, so werde ich zuweilen auf den Höhen der Stadt spazieren gehen und, wenn ich hinterm Walde ein Rottenfeuer höre, so kann ich wohl annehmen, daß es Euch geglückt ist, ein Huhn zur Strecke zu bringen, und werde gegen Abend in der Taubhausmühle sein.« »Bravo!« replizierte der Soldat, »ein Mann, ein Wort. Ihr kennt Euch auf dem Lande aus und wißt, daß es zum Abendmahl geht, wenn die Glocken läuten. Also auf Wiedersehen in Birkenried!« sagte er und erhob sich, indem er den Wurstrest an sich heranzog. »Vergeßt ja nicht Eure Wurst mitzunehmen!« bemerkte Innocenz überflüssigerweise. »Eigentlich wollte ich sie dalassen,« sagte jener verlegen, »allein Ihr unterschätzt die Gabe. Wenn der Bauer sagt: ›Dies und jenes ist für die Katz‹, dann könnt Ihr sicher sein, daß dieses Dies und Jenes kein Schwein mehr frißt. Ihr aber gebt dem Mausejäger Leckerbissen, nach denen einer Pfaffenköchin das Maul wässern würde. Also nichts für ungut, Herr Lorum, wenn ich einpacke, und auf Wiedersehen in der Taubhausmühle am Tage, wo die Büchse knallt,« und er wandte sich unter Bücklingen der Tür zu. Der Student hielt ihn nicht zurück und, wenn andere Dinge so durchs Holz gingen wie Röntgenstrahlen, so wäre dem Abziehenden ein Pantoffel ins Genick geflogen. So sauste das preiswerte Produkt der Pirmasenser Industrie nur wider die Türfüllung, überschlug sich und fiel in den dunklen Schaft eines alten Kanonenstiefels, aus dessen Tiefe ihn der Student mühsam genug herausarbeitete. Nach dem plump vertraulichen Annäherungsversuch dieses Balduin Hebenstreit nun noch die Heimtücke dieses Pantoffels, das war um aus der Haut zu fahren. Innocenz tat dies zwar nicht, aber aus dem Häuschen kam er wenigstens. Er zog sich nämlich an und ging nach einem Biergarten. Sein Weg führte an der Nikolauskapelle vorbei, deren Fenster mit rötlichem Leuchten in die dunkle Straße blinzelten. »O domina,« begann er gedankenlos, aber er setzte ab. Das Bild seiner Herrin war ihm unsympathisch, seitdem statt der Kuhköpfe dieser Schafskopf Balduin Hebenstreit neben ihr stand. Fünftes Kapitel Die Zeit des Examens war da. Innocenz Lorum, neben dem in seinen Burschentagen auf dem Bürgersteig kein anderer Mensch Platz hatte, schlich im schwarzen Anzug und Zylinderhut demütig wie ein Pfarramtskandidat durch die Straßen, grüßte die Oberwärterin in der Entbindungsanstalt, als ob sie der Sprößling eines erlauchten Hauses wäre, streichelte den Hund des Anatomiedieners und stand stramm vor dem Famulus der inneren Klinik. Wenn er gar den Überzieher eines der Herren Examinatoren hängen sah, suchte er, ob er nicht eine Stelle fände, an der sich irgend etwas abputzen ließe; denn ihm war's, als ob alles aus dem Wege geräumt werden müsse, was den Geist verdrießen könne, der in dieser Hülle zu herrschen pflegte. War irgendeine Station der langen Fahrt glücklich überwunden, so änderte sich das Verhältnis. Menschen, Säle, Wissenschaft, alles wurde für den Zurückschauenden kleiner und wenig beachtenswert. Der Anatomiediener, der während des Examens an der Türe zu lauern pflegte, um nicht versehentlich da zu gratulieren, wo er hätte kondolieren sollen, bekam den üblichen Obolus eines Talers, aber er hatte nichts Überirdisches mehr an sich. Die Welt lief jetzt, auch wenn er nicht die Vorsehung spielte. Ja man war kühn genug zu denken, sie wäre auch vordem ohne ihn gelaufen. So waren, während die Quecksilbersäule des Seelenbarometers zwischen »himmelhoch jauchzend« und »zum Tode betrübt« unruhige Sprünge machte, drei Stationen überwunden und Innocenz stand vor Beginn der vierten fröstelnd auf den Sandsteinplatten des Spitalganges und horchte auf jedes Geräusch, das aus dem Privatzimmer des inneren Klinikers kam. Rannte zufällig in weißer Schürze und hochgerafften Hemdärmeln ein Famulus vorüber, so brachte er ihn, indem er seinen Arm wie einen Schlagbaum von sich streckte, zum Stehen und fragte, die Worte wie aus einem Spundloch blasig hervorsprudelnd, was man an interessanten Fällen zur Stunde in den Krankensälen habe und für welche sich »der Alte« am meisten interessiere. Es war von keiner guten Vorbedeutung, daß gerade im Moment eines solch intimen Gedankenaustausches sich die Tür öffnete und der gefürchtete Examinator auf den Gang trat. »Kandidat Innocenz Lorum,« sagte er, während seine zornigen Blicke den Famulus auf eine Schaufel luden und den Gang entlang warfen, »folgen Sie mir.« Innocenz redete keinen Ton, sondern lief wie der Schatten des Gefürchteten den kühlen Gang hinunter, bis sich eine Tür auftat, in der beide verschwanden. Vier kahle Wände, ein Bett, ein Nachttisch und vor diesem in verwaschenem Spitaldrillich ein Schuhmacher, der mit heiserer Stimme die beiden grüßte und sich erhob. »Dieses Ihr Fall,« sagte der Professor, »in einer Stunde werde ich Sie abholen,« und er nickte mit dem Kopf, ging und schloß von außen die Tür. Innocenz musterte den Schuhmacher zunächst von außen, lockte durch allerlei Fragen einen ganzen Steckbrief aus ihm heraus, beklopfte ihn, horchte an ihm herum, als ob er jeden Gedanken seiner Hirnwindungen herauslesen wolle, sah ihm in den Mund, in die Ohren, in die Nasenlöcher, und fing die ganze Prozedur, eine Sisyphusarbeit, wieder von neuem an. Bald zog er ein Thermometer aus der Tasche, bald ein Hörrohr, dann seine Uhr, dann sein Taschentuch, denn ein kalter Schweiß lief ihm über die Stirne, als der Chronometer ihm kühl und bestimmt mitteilte, daß bereits eine halbe Stunde verstrichen sei. ›Eine halbe Stunde und kein anderes Resultat, als das bißchen Heiserkeit, womit ich nichts anzufangen weiß,‹ so dachte Innocenz und klopfte nun mit gesteigerter Kraft an dem Objekt seiner Beobachtung herum, bis der Schuster wild wurde und sich mit Energie dem widersetzte, daß der gelehrte Herr die Ohren an seinem Buckel wärme. »Ihr quält mich, weil Ihr nicht wißt, was mir fehlt. Warum rückt Ihr nicht mit der Sprache heraus. Ich bin keiner von denen, die einen Menschen in der Tinte sehen können, ohne ihm herauszuhelfen. Ich helfe, wenn ich kann, und Euch kann ich helfen, junger Mann!« sprach triumphierend der Zunftgenosse des Hans Sachs. »Hier lag,« fuhr er fort, »seit Tagen ein beschriebener Bogen herum, dessen Sinn ich nicht verstand. ›Wer weiß, wozu es gut ist,‹ dachte ich mir, ›hilft's dir nicht, dann vielleicht einem anderen,‹ und ich habe mir die Sache abgeschrieben.« Mit diesen Worten zog der Schuster die Schublade seines Nachttisches heraus und überreichte dem Kandidaten Lorum eine leidlich leserliche Abschrift seiner Krankengeschichte. Als Innocenz das unsaubere Skriptum aus dem Nachttisch auf sich zukommen sah, war ihm gleich behaglich zumute wie dem Erzvater Jakob, als die Engel an einer Strickleiter zu ihm niederstiegen. Wenige Sätze und ein Blick auf eine kleine Zeichnung am Rande des Papiers genügten, um ihn zu orientieren. Was der Zufall ihm hier an Erkenntnis zugeschoben hatte, war nicht sein geistiges Eigentum, gestand er sich beschämt, doch was verschlug's, ›selbst Ehrlich stahl einmal ein Ferkelschwein‹, lautet ein Sprichwort seiner Heimat. Hätte er vorher gerne die Minuten wie ein Fernrohr auseinandergezogen, daß sie zu Stunden wurden, so hätte er sie jetzt gerne zusammengeschoben, daß sie zu Sekunden einschrumpfen möchten. Mit Ungeduld erwartete er die Rückkehr des Examinators. Endlich öffnete sich die Tür. Der Professor behielt die Klinke in der Hand und rief von der Schwelle ins Zimmer: »Sind Sie fertig?« »Nein,« sagte Innocenz, »mir fehlt ein Kehlkopfspiegel.« »Den sollen Sie haben.« Der Hofrat verschwand und erschien mit dem Instrumente wieder. Da Innocenz die Technik beherrschte und die Kehlkopfzeichnung gesehen hatte, so genügten einige Augenblicke, um ihm ein Bild von dem Innenverputz des kranken Schusters zu geben. Und er erhob sich mit professoraler Großartigkeit, die er seinen Lehrern abgeguckt hatte. »So rasch fertig, und was haben Sie gefunden?« fragte überrascht der Examinator. »Eine Neubildung auf dem rechten Stimmband!« war die bestimmte Antwort. Der Hofrat riß hinter seinen Brillengläsern die Augen auf, als ob er dem Flugversuch eines Luftschiffers folge und sah bewundernd an dem langen Innocenz empor. »Sie verdienten, ans Krankenlager der Majestät gerufen zu werden. Was dort an Riesenautoritäten herumwimmelt,« sagte er verächtlich lächelnd, »reicht Ihnen nicht bis zum Nabel.« Dabei streckte er sich nun selber nach Möglichkeit und hatte offenbar das Bestreben, neben seinem genialen Schüler eine gute Figur zu machen. So kamen sie mit hallenden Schritten wie eine militärische Ablösung vor die Türe der Klausur, wo der Lehrer eine tiefe Verbeugung machte und seinen gelehrten Schüler über die Schwelle treten ließ. »Ihr Examen ist bestanden,« sagte er, »halten Sie sich beim Abfassen der Krankengeschichte nicht zu lange auf, verweilen Sie lieber etwas gründlicher bei einer guten Flasche, die, wie Sie wohl wissen werden, unser Spitalkeller der Munifizenz des Julius Echter von Mespelbrunn gesegneten Angedenkens verdankt.« Innocenz lächelte geschmeichelt, der Professor wohlwollend, und beide trennten sich. Nichts regte sich im Zimmer, als des Studenten pochendes Herz und ein heimlicher Durst hinter seiner Halsbinde. Dann aber schrillte eine Klingel in den hochgewölbten Gang hinaus und Sprungschritte klapperten die Sandsteinplatten herunter. »Der Herr Doktor befehlen?« fragte ein Bedientenkopf mit glatten Backen, der in den Türspalt geklemmt war. »Dem Schuster auf Nummer Fünf eine Flasche Randesackerer Traminer und mir die doppelte Dosis!« kommandierte Innocenz, im Jargon seines Handwerks bleibend. Von jetzt ab kam der Spitaldiener wie des alten Hamlets Geist des öfteren, um nachzusehen, wie es um Dänemark stehe, ob die Tinte ausreiche, ob Streusand vorhanden, die Lampe geputzt wäre, und nahm jedesmal ein Teil von dem mit, was des hochfrommen Bischofs Güte den kranken Spitalgästen in Gnaden vermacht hatte, bis er mit der Zunge paradierte und mit den Füßen stotterte. Auch Innocenz nahm an seinen Rockärmeln etwas von der Kalkfarbe des Hausganges mit ins Freie, obwohl er sich Mühe gab, schnurgerade auf der mittleren Plattenfuge zu laufen, und sein Zylinder war ihm verwegen auf das rechte Ohr gekrochen, als es ihm unten gelungen war, das Tor zu forcieren. Noch stand die Sonne hoch, und der Umstand, daß von den Vorübergehenden hier und da einer schadenfroh lächelte, veranlaßte unsern Helden, dem Drängen der Straße den Rücken zu kehren und die Einsamkeit aufzusuchen. Bald war er auf verlassenem Pfade mitten in den Feldern und verpuffte seinen inneren Tatendrang in der Art, daß er Disteln die Köpfe abschlug und zuweilen irgend etwas Unsinniges laut vor sich hinsang. Mit der Zeit wurde er ruhiger und konnte für den Beschauer schon beinah für genesen gelten, als der Klang der Abendglocke ihn vollends aus den leichten Geistesnebeln riß, die wie Marienfäden um seinen Kopf hingen. ›Wo Teufel bin ich denn,‹ so dachte er, ›mir kommt die Glocke so bekannt vor? Und das Nest da unten im Tale, ist das nicht Birkenried? Welcher Geist der Schalkheit hat mich diese Straße geführt, um hier mit meinem Affen eine Galavorstellung zu geben,‹ und er machte eine so exakte Drehung um seine Längsachse, daß man meinen konnte, er sei von seinem Vater auf einer Töpferscheibe gedrechselt worden. Jetzt aber, als das Gesicht der Stadt wieder zugekehrt war, kamen für ihn andere Erwägungen. ›Wäre es nicht entzückend schön, auf ein Stündchen vor Käthchen Sommertag zu sitzen, ihr vom heutigen Tage zu erzählen und zu sehen, wie die Freude warm aus ihrem Antlitz schlägt;‹ und es drehte die Töpferscheibe unsern Jüngling wieder gegen Birkenried. ›Nein, lieber nicht,‹ sagte eine andere Stimme, ›wer weiß, wie das alles heute herauskommt? Wirst du nicht zu viel sagen, wo noch der Wein deine Zunge steuert?‹ Jetzt wurde Innocenz Lorum ärgerlich, trat mit resolutem Schritt von der Töpferscheibe herunter und schritt wie aus einer Pistole geschossen, bolzenstracks dem Dorfe zu. Schon dämmerte es ein wenig in den Gassen, und Gans und Ente, die den Höfen zuwatschelten, waren schon zum Verwechseln ähnlich, als ein Mann mit einer Flinte an dem späten Wanderer vorüberging. ›Er wird auf Zugschnepfen lauern wollen,‹ dachte der Student und ging weiter. Der hinter ihm blieb stehen. Innocenz sah dies nicht, er schloß es aus dem Umstand, daß er keine Tritte hörte. ›Solltest du die Aufmerksamkeit der Passanten noch aus dem gleichen Grunde auf dich lenken, wie vor zwei Stunden?‹ dachte er beschämt und prüfte sich selber, indem er versuchte, in der Haltung eines Seiltänzers über die Randsteine zu laufen. Es gelang, und zuversichtlich und erwartungsvoll trat der Student in die dämmerige Wirtsstube, in der Käthchen Sommertag herrschte. Die Diele zitterte taktfest mit dem Gang der Mühle, und der ›Lahrer hinkende Bote‹, der am Schlüssel des Uhrkastens hing, tänzelte vergnügt trotz seines Stelzfußes zum Geklapper des Mahlganges. Innocenz setzte sich an einen der Tische, ohne durch irgendein Geräusch auf seine Person und deren Bedürfnisse aufmerksam gemacht zu haben. So heimste er zum Lohn für seine Geduld den Inhalt eines Gesprächs ein, das in der Küche nebenan geführt wurde. »Ist er endlich fort, der Überlast vom Holderhof? Da sitzt er, als ob er eine Hypothek auf mein Herz hätte und berechtigt wäre, die Zinsen quartalsweise einzutreiben. Wenn er erst einmal an meinem Staubtuch hinge, ich wollte ihn wohl zum Fenster hinausschnicken, daß ihm das Wiederkommen verginge. Zu schade, daß sie ihn nicht im Militärgefängnis behalten haben, bis die Dreiläufer-Hasen, die Feldhühner und ich um seine Begnadigung petitioniert hätten.« Der Mund, der so redete, gehörte ins Gesicht von Käthchen Sommertag, und wenn Innocenz Lorum auch viel darum gegeben hätte, die Nase, die Augen und was sonst um den redseligen Gesellen herumlag, zu sehen, so war er doch schlau genug, zu schweigen, bis er mehr noch gehört hätte. »Du warst vordem weniger hart in deinem Urteil gegen Balduin,« sagte eine andere Stimme, »und ich könnte dir den Zeitpunkt nennen, an dem deine Gesinnung sich geändert hat. Laß nicht den Sperling in deiner Hand fliegen für die Taube auf dem Dach. Nimm dich in acht, nimm dich in acht. Studentenbraut wird selten getraut!« »Ihr redet, Mutter, wie ein Makler, der kein Risiko bei dem Handel hat, lobt, was Ihr mir aufhängen möchtet, tadelt, was mir gefällt, und sagt mir nichts, was ich nicht schon weiß, nämlich: daß ich den Studenten will. Wenn Ihr einmal wißt, Mutter, ob er mich will, dann kommt mit Euerer Weisheit, und Ihr sollt für die gute Botschaft alle Küsse haben, die er mir nicht geraubt hat. Gute Mutter,« sprach die Stimme nach einer Pause weich und zärtlich, »wenn auch unsere Äcker aneinandergrenzen, mein und Balduins Herz liegen weit auseinander.« Käthchen Sommertag hatte damit die Unterhaltung beendet und kam eiligen Schrittes aus der Küche in die Wirtsstube herein. Starr stand sie da, als sie sah, wer da am Tische saß, und die runde Glasscheibe hinter ihr in der Küchentür wob um ihr erstauntes Gesicht einen allerliebsten Heiligenschein. Dann mit einem Male löste sich der Bann, der sie festhielt, und es sah aus, als ob Käthchen Sommertag entfliehen wolle. Jetzt war es Zeit für Innocenz Lorum, vorzustürmen und festzuhalten, was nach ihm begehrte. Vermutlich wäre eine Hand hinreichend gewesen, diesen Zweck zu erfüllen, aber Innocenz brauchte beide, und das Mädchen hatte nichts dagegen. Sie schrie nicht auf, als ihre Finger knackten in der Faust des starken Mannes, und als er ihr gar ein wenig auf den kleinen Fuß trat, tat sie nicht empfindlich. Wer weiß, ob nicht noch mehr geschehen wäre, wenn nicht die Scheibe in der Küchentür so warnend ihr großes Auge aufgerissen hätte, denn schon senkte Innocenz verlangend den Kopf. »Nicht doch,« flüsterte das Mädchen ängstlich, »liefern wir dem Pfarrer keinen Stoff zu seiner Sonntagspredigt. Sie glauben nicht, wieviel scheele Blicke in einem Dorf auf ein Mädchen gerichtet sind,« und sie schob den Jüngling mit leisem Druck der Hände sanft vor sich her und auf seinen Platz. Da saß er nun und ließ die hungrigen Augen im Antlitz des Mädchens grasen wie Lämmer auf der Weide. Unerschöpflich war die Nahrung, unstillbar der Hunger. Zum ersten Male saß Innocenz an dem reichen Tische der Liebe, fast betäubt von der Überfülle des Gebotenen, als die Tür sich öffnete und ein Schnurrer hereintrat, nach dem man gerade in diesem Augenblicke schwerlich geschickt hätte, wenn er nicht von selber gekommen wäre. 's war Pankraz Überdies, der auf seiner abendlichen Wirtshauspromenade bis zur Taubhausmühle gekommen war. Er setzte sich neben der Tür an den Kopf einer langen Tafel, bestellte ein Glas Wein, stierte eine Zeitlang hinein, ohne zu trinken, und schlief ein. Nicht lange und er gab Töne von sich wie ein tibetanischer Grunzochse, fiel mit dem Kopf auf seine Arme und warf sein Glas um. Das Naß lief ihm über die Kniee und in die Stiefel hinein, er regte sich nicht. »Gott sei Dank!« sagte Innocenz und griff nach Käthchens weicher Hand, die, von der Lampe rosig beleuchtet, auf dem Tische lag. »Nein, um des Himmels willen!« wehrte diese leise und zuckte mit der Schulter nach dem Schlafenden hinüber, »er sieht durch Riegelwände, und es ist gewiß kein Zufall, daß er heute da sitzt, wo er gerade sitzt. Paßt auf, ob ich recht habe!« und sie erhob sich und ging nach der Tür. Im Vorübergehen legte sie einen Groschen auf den Tisch vor den Schlafenden. Nicht lange, so erschien unter dem schmutzigen Rockärmel ein Finger und schob sich langsam vor. Ihm folgte ein zweiter und im Nu war der Groschen verschwunden. Den Studenten belustigte dieser Vorgang, und er opferte einen zweiten Groschen, der unter den Schnarchakkorden des Grunzochsen denselben Weg tänzelte wie sein Vorgänger. Mit einem dritten war's nicht anders. Es war, als ob den Scheidemünzen Beine gewachsen wären wie den Tausendfüßlern. Wie die Feldwanzen, den breiten Schild nach oben, marschierten sie unverzagt ins Dunkle. Jetzt nahm Innocenz den Schlafenden am Rockkragen und schüttelte ihn. Wie ein Mohnkopf auf geknicktem Stengel schwankte das Haupt herüber und hinüber, aber die Augendeckel öffneten sich doch unter dem Druck der Männerfaust, und ein verwunderter Blick fragte Innocenz, was das zu bedeuten habe. »Ihr spielt Komödie!« sagte der Student, »macht, daß Ihr zum Teufel kommt, oder ich helfe Euch über die Treppe.« »Ihr mich hinauswerfen?« sagte der Trunkenbold. »Ihr solltet froh sein, daß ich da bin. Laßt los! Für Euere paar lumpigen Groschen habt Ihr mich jetzt genügend gerüttelt; es sei denn, Ihr wolltet sie wieder aus mir herausschütteln! Sagt eins: wohin ist Käthchen Sommertag verschwunden? Und macht Platz, daß ich zu ihr kann! Ich möchte meinen Mund ein wenig ihrem Ohre nähern, wenn ich sonst auch keines Euerer Rechte an sie antasten will.« Er lachte, schob den Studenten auf die Seite und verschwand hinter der Tür im Hausgang. Nicht lange, und Käthchen Sommertag kam zurück, bang und verstört. »Ihr müßt fort!« sagte sie dringend, riß des Studenten Hut vom Nagel und gab ihm den schweren Ziegenhainer in die Hand. Innocenz sah sie fragend an. »Fragt nicht, ein andermal, nur jetzt folgt mir aufs Wort und schnell!« und sie schob den Widerstrebenden zur Tür hinaus. »Mir ist so bang um Euch,« flüsterte sie im Dunkel des Ganges, »tut mir die Liebe an und geht den anderen Weg zur Stadt, nur den nicht, den Ihr heute gekommen seid, bei allen Heiligen bitte ich Euch darum.« Innocenz fühlte den würzigen Duft ihres Atems in seinem Gesicht und seine heißen Lippen suchten verlangend die ihren. Das Mädchen aber war fort. ›Man hat mich zum besten,‹ dachte er, verärgert auf der Straße stehend, ›ich will nur sehen, wer mir Vorschriften zu machen hat, welche Richtung ich nehmen soll!‹ Er faßte den Ziegenhainer trotzig in die Faust und schritt nun erst recht den Weg zum Dorfe hinaus, den er gekommen war. Das Mondlicht hatte in die Kette grauer Nebelstreifen einige goldene Schußfäden geworfen und mit diesem Gewebe die Bäume überhängt und auch den Wegweiser, daß er gespenstisch und drohend aussah, als er dem Innocenz Lorum noch einmal den Vorschlag machte, zu überlegen, welche Straße er wählen wolle. Aber Innocenz fürchtete sich heute nicht. Er wäre, mit seinem Stocke bewaffnet, in ein Rudel Wölfe hineingelaufen, und er hatte Mut, es mit einem Dutzend Hammerschmiedsgesellen aufzunehmen. So lief er in einen Hohlweg hinein, wo der Nebel sich gesetzt hatte, wie die Hefe im Weinfaß und die Dunkelheit dichter wurde. Er pfiff die Weise eines Liedes vor sich hin, als ein anderer Pfiff, schrill wie ein Peitschenknall, seine Melodie köpfte. Ehe Innocenz noch wußte, was das bedeuten solle, pfiff es wieder vor ihm durch die Luft. Dann hinter ihm und fast rings um ihn herum. ›Das ist ein Steinhagel, der dir gilt,‹ dachte er, aber es kam ihm nicht in den Sinn, zu fliehen. Im Gegenteil, er stürmte kühn die Böschung hinan und drückte nur den Examenszylinder tiefer in die Stirne in der Erwägung: ›Besser der Zopf wie der Kopf.‹ So erreichte er den Rasen eines Baumgartens, bekam eine Gestalt in der Taille zu fassen und schleuderte sie in den Hohlweg hinunter. Wie aus dem Boden gewachsen, standen andere Gestalten vor ihm, und ein wüstes Hagelwetter von Stockschlägen prasselte auf seinen Zylinder nieder und auf seine breiten Schultern. Innocenz griff mit den Fäusten in den Haufen der Wegelagerer wie in eine Heringstonne und, was er faßte, flog über die Böschung hinunter auf den Straßendamm. Allein der Ring der Gegner um ihn wurde enger. Schon hatte einer der Strolche seinen Rockkragen erfaßt, ein anderer hing an seinem Ärmel, und ein dritter suchte ihm die Rockschöße abzureißen, als hinter den Kämpfern im Vordertreffen ein heiserer Schrei ertönte und der dumpfe Schall eines schweren Gegenstandes, der auf harte Hirnschädel aufschlug. Unterdrückte Schmerzensseufzer, laute Flüche, das Bellen eines Hundes und immer wieder das schwere Aufschlagen des harten Werkzeuges erinnerten eben den hartbedrängten Studenten an der Ilias berühmte Kämpfe, als ein achilleisches Schreien, das aber nicht nach der Sprache des Homer klang, seine klassischen Vorstellungen kreuzte. »In dreier Teufels Namen, Herr Lorum, notabene nur einen von den Schelmen lebendig festgehalten!« rief eine Stimme, »die andern Edelgauner will ich schon zur Hölle prügeln.« Der Rufer im Streit war dem Studenten bekannt. Keine Frage, es war der Überdies, der diese einschränkende Bemerkung machte, und Innocenz gedachte auch seiner Weisung zu folgen und griff mit neubelebter Kraft herzhaft in das Wespennest. »Halt beim Schweineschwänzchen!« rief die Stimme wieder, »das fehlte zu guter Letzt noch, daß wir uns gegenseitig die Hälse brächen, nachdem die Strolche wie Schafleder ausgerissen sind. Der Pankraz steht vor Euch, Herr Lorum, notabene, und hat nun sein Frühstück abverdient. Wie ich am Abend meine Runde durch die Kneipen machte,« fuhr er fort, »da hörte ich, welche Brühe der eifersüchtige Windhund, der Balduin, für Euch in der Pfanne kochte. Zwei Hunde und ein Knochen! Da muß es doch zu einer Beißerei kommen. Versteht Ihr nun, aus welchem Faß mein Rausch stammte, als Ihr mich besoffen bei Käthchen Sommertag fandet? Begreift doch, daß der Schelm sich taub stellt, wenn er mehr hören will als andere Leute. Wenn Ihr jetzt nicht ganz vor den Kopf geschlagen seid, o ja, so könnet Ihr Euch das weitere zusammenreimen. Ich bin fertig, so fertig wie der Melkeimer hier, mit dem ich die Hunde in die Flucht geschlagen!« und Pankraz hob den Arm höher und reckte den Eimer ins Mondlicht hinein, das eben daran war, den Nebel vollends auf den Boden zu drücken. Man sah den eisernen Henkel auf der einen Seite losgerissen, und die Reife fielen gelockert an den Dauben nieder. »Dem Himmel sei Dank, daß er so lang gehalten hat!« bemerkte Innocenz mit einem Blick auf die seltsame Waffe. »Der Eimer, meint Ihr?« sagte Pankraz, »notabene, den fülle ich, bevor ich zu Käthchen Sommertag gehe, zur Hälfte mit Wasser und erzähle ihr, daß es die Tränen seien, die ich um Euer Schicksal geweint hätte. Ich werde ihr sagen, daß Ihr platt wie ein Iltisfell am Boden läget, und sie wird weich werden wie Käsematten und einsehen, daß soviel Flüssigkeitsverlust meinerseits nicht unersetzt bleiben darf.« »Hoffentlich durchschaut sie deine Absicht, und ihre Gutmütigkeit hilft dir nicht zu einem Rausch!« bemerkte Innocenz. »Du kannst zwar einen Eimer voll vertragen, aber zuletzt bringt auch eine Feder das Kamel zum Zusammenbrechen, und heute gerade könntest du am Ende noch deine starken Arme brauchen.« »Sorgt nicht für mich, ich komme zu dem, was mir behagt. Versteht, da die Weiber für mich nicht lachen, so mögen sie für mich greinen, da hab' ich meine Freude dran. Ich werde dem Käthchen erzählen, daß Ihr voller Löcher wäret wie der heilige Sebastian und zerbeult wie Euer Zylinderhut. Ich denke doch, Ihr überlaßt mir dies Möbel in Gnaden. Ihr könnt ohne ihn auskommen. Besser ohne Hut wie ohne Kopf. Denn sagt: hätte der wohl klug gehandelt, der vor einer Viertelstunde für Euern Schädel einen Doppelgroschen geboten hätte?« »Du bist ein grausamer Schelm, wenn du dich an den Schmerzen anderer weiden kannst!« machte ihm Innocenz zum Vorwurf. »Ein Schelm schon,« sagte Pankraz, »wenn man den einen Schelm nennt, der über der anderen Dummheiten lacht. Warum sind sie nicht alle so vernünftig wie ich? Mir macht die Liebe keine Schmerzen. Mein Großvater war in der Theorie ein Weiser, in der Praxis ein Narr. ›Die Liebe ist ein Gefühl, was man keinem Hund wünschen soll,‹ notabene, so sagte er, freite aber doch meine Großmutter und zeugte mit ihr meinen Vater. Der war nicht klüger als der Alte, und so vererbte sich die rare Weisheit in der dritten Generation auf mich. Jetzt aber ist's am Ende. Keinem meiner Nachkommen wird der Nachtwächter aus der Gosse helfen. Notabene, weil ich meinem Großvater zeigen will, wie man der Gemeinde einen Armenhäusler spart, so muß mit mir das glorreiche Geschlecht derer ›ab und zu Überdies‹ enden. Wenn ich nun selber keine Dummheiten mache, soll ich mich da nicht freuen an den Narrheiten der andern? So ein Mädel heulen sehen um einen Kerl, den sie nach einem Jahre vielleicht einem Hausierer für ein Päckchen Haarnadeln verhandeln würde, sehen Sie, Herr Lorum, das ist mir ein Feiertagsvergnügen, für das ich dem Himmel danke.« Innocenz konnte dieser Weltanschauung eines Enterbten nicht widersprechen, deshalb sagte er nur: »Verfüge, wenn es dir Freude macht, wie die Kirchhofskommission über alle meine Knochen. Nur sage dem guten Kinde, ich würde auferstehn und käme schon einmal wieder, selbst dann, wenn der Weg so unsicher wäre, wie die Straße von Jerusalem nach Jericho.« »Notabene, um mit dem Balduin Rebhühner zu rupfen, werde ich aus dem eigenen Witz hinzusetzen,« bemerkte Pankraz und warf den Hut in den Melkeimer und beides über den Rücken. Im Abgehen wendete er sich noch einmal um und riet vorsorglich: »Nehmt Euer Taschentuch um die Ohren, die Nacht ist kalt, und wenn Eure Nase halbwegs Mitleid hat mit Eurem Zustand, so wird sie Euch schon den Gefallen tun und trocken bleiben bis zu Eurer Waschkommode.« Mit diesen Worten ging er in den Nebel hinein, der seine Konturen auflöste in einem schwarzgrauen, wogenden Chaos. Den Studenten band nun auch nichts weiter an diese gastliche Stelle, wo man ihm die Rockschöße heruntergerissen hatte. Er nestelte sein Taschentuch um die Ohren, stellte den Kragen und ging, kräftig ausholend, der Stadt entgegen, innerlich bewegter, als er äußerlich erscheinen mochte. Ihn beleidigte der Gedanke, daß nun etwas in den Schmutz der Straße geworfen war, was seither als sein unbestrittener innerer Besitz galt: Seine stille, zaghafte Liebe zu Käthchen Sommertag. Was mochten die ungewaschenen Mäuler der Leute von Birkenried heute abend hinter klebrigen Biertischen nicht alles über das Mädchen sagen und über ihn? Wie undelikat war es, sich vorzustellen, daß ihr lieber Name zwischen Zähnen hervor und über Lippen müßte, die beide nach Bier und Tabakssudder stanken! Auch der andere Gedanke, daß er nun einen Feind habe, war ihm widerwärtig. Nicht aus Furcht vor dem Kampf, sondern wegen des Bewußtseins, daß er diesen Feind nicht stellen könne, daß er immer mit feigen Waffen aus dem Hinterhalt kämpfen und unsichtbar sein werde, wo man doch die Wirkung seiner vergifteten Geschosse fühle. Diese und andere Erwägungen entwichen übrigens, als Innocenz seinen Schädel wieder mit einem Hut bedeckt aus einem Warenhause trug. Im Gewühl der Straße war das Abenteuer bald vergessen, und der junge Mann aß noch am gleichen Abend bei Mutter Gutbrod mit respektablem Appetit. Sechstes Kapitel In den Räumen des Spitals und seiner Adnexen bis zum Holzstall herunter hatte sich der Ruhm des Innocenz Lorum ausgebreitet. Ja, er hatte sogar die Straße überschritten und war in die Entbindungsanstalt eingedrungen, die schämig zurückgezogen in einem Garten hinter weitgeästeten Kastanien stand. »Zur Stunde ist leider Mangel an Material,« sagte die Oberwärterin ehrfurchtsvoll zum Kandidaten Lorum, »doch ist zu hoffen, daß die Aussaat der vergangenen Fastenzeit demnächst zur Ernte wird, Herr Musterkandidat!« und sie lachte ein wenig, und Innocenz lachte auch, so wie man lacht, wenn man eine überlegene Weltkenntnis besitzt und sich über nichts mehr zu wundern braucht. »Abwarten, Schwester Agathe!« entgegnete Innocenz in kollegialem Ton, »noch hat der Himmel die bestimmte Zahl seiner Heiligen nicht, und bis dies erfüllt sein wird, muß er sich die Entbindungsanstalten als seine Lieferanten gefallen lassen.« Beide lächelten, sie über seinen Witz und er über den ihrigen. »Sie sehen übrigens entzückend aus in der blitzblanken Lappenschürze, Schwester Agathe, fast verlockend. Sie sollten im zweiten Stock des Café ›Reichsadler‹ bedienen, wo's lustig zugeht, und nicht hier, wo Heulen und Zähneknirschen herrscht,« so führte der Kandidat die Unterhaltung weiter, während er seine Handschuhe mühsam von den Fingern zog. »So schäkern im Augenblicke der Gefahr kann nur einer, der wie Herr Lorum seiner Sache sicher ist,« bemerkte die Schwester mit einem verbindlichen Knix nach dem Kandidaten hin. In diesem Moment sah man durch das offene Tor zwischen den mächtigen Stämmen der Kastanien eine voluminöse Gestalt einherschreiten, verschlossen und in sich gekehrt wie das Haus, dem sie zuschritt, und wie das Handwerk, dem sie diente. »Der Alte!« flüsterte mit verschlagenem Blicke die Oberwärterin. »Viel Glück, Herr Lorum!« und mit glatten Schlangenbewegungen ihrer Hüften war sie wie eine Eidechse unter dem Aufbau der Freitreppe verschwunden. Der kurzsichtige ›Alte‹ kam schwankend mit einer Schlagseite nach rechts in den dunklen Treppenraum und lief wider den Kandidaten. »Pardon!« stieß er hervor, als ob er sich entschuldigen wollte. Als er aber sah, daß er nur wider einen Examenskandidaten gelaufen war, wurde der Klang seiner Stimme härter. »Sie sind zu dreien bestellt,« brummte er unwirsch, »wo bleiben die andern?« »Ich will nach ihnen sehen,« erwiderte Innocenz dienstbereit und lief, während der Geheimrat weiter schwankte, nach dem Tore der Umfassungsmauer. Er sah die Straße hinauf und hinab, ohne etwas anderes zu bemerken als einen Bauer, der mit drei Schweinen unten in den Winkel einbog. ›Schweine bedeuten Glück!‹ dachte Innocenz, ›ich will sie an mir vorbeiziehen lassen,‹ und er lehnte sich nachlässig an einen der Türpfosten. Der Schweinetreiber kam langsam näher und lüftete grüßend einen zerknitterten Zylinder, der dem Kandidaten bekannt vorkam. »Guten Morgen, Herr Lorum!« begann der Fremde die Unterhaltung, »haben Sie Ihre Knochen wieder soweit beieinand, daß Sie allein stehen können? Das freut mich! Einen andern hätt' das schon so geschlaucht, daß er gut und gern drei Wochen in einem Gestühle gewackelt wäre wie eine Armesünderglocke.« Innocenz sah genauer zu und erkannte den Notabeneoja. »Gott zum Gruß, Pankraz!« sagte er heiter. »Wohin mit den Karpfenschweinen?« »Viel was Feineres, ›Yorkshire‹, Herr Doktor! Doch dabei können wir nicht stehen bleiben, wir müssen uns weiter entwickeln zu ›Berkshire‹. Wehe dem, der sich heutzutage nicht das Höchste zum Ziele setzt. Die Konkurrenz zermalmt ihn. Ihr müßt nämlich wissen, daß ich in der Firma Käthchen Sommertag Teilhaber geworden bin. Am Tage nach dem Scharmützel im Hohlweg von Birkenried hat mich der giftige Windhund, der Baldachin, aus dem Holderhofe gejagt. Notabene, seitdem bin ich in der Taubhausmühle das Faktotum, trage Euern Zylinder auf und füttere die Schweine. Kommt morgen abend zum Wirt Vierheller an der Bohnesmühlgasse, und Ihr könnt erproben, daß unsere Firma leistungsfähig ist und ein wahres Konfekt von Schweinefleisch liefert.« Damit wandte er sich zum Gehen, drehte sich aber noch einmal auf dem Absatz herum wie einer, der etwas vergessen hat, faßte einen Westenknopf des Mediziners und flüsterte zutraulich: »Notabene, wäret Ihr nicht bereit, in die Firma einzutreten? Ihr könnt ja das Kurieren so nebenher betreiben. Der alte Kreispfiffikus Wackernagel hat, wie mir scheint, das letzte Heu auf der Raufe. Das Hornfleisch hinter den Ohren ist ihm eingefallen, und seine Nase ist so spitz, daß man sie zum Pfeifenräumer brauchen könnte. Sein Gaul wäre mir lieber wie er. Es ist ein williges Tier unter einer guten Hand, Herr Lorum. Eine Kokarde am Zylinder und ich wäre ein Herrschaftskutscher, der vor des Teufels Majestät auf dem Bock sitzen könnte.« »Häng' die Sperrkette an das Rad deiner eingebildeten Kutsche!« mahnte Innocenz, mit dem Finger drohend, »soweit sind wir noch nicht. Erst muß ich noch durch das Wursthorn eines Examens gedrückt sein.« »Wohl wahr!« seufzte Pankraz, »so will ich derweilen meine Schweine zu Vierheller treiben und sehen, ob was zu trinken für mich abfällt.« Und er sammelte die in der Straße verlaufenen Borstenträger und trottete hinter ihnen her das Pflaster hinauf. Innocenz sah ihm nach und bemerkte, wie von oben herab eiligen Schrittes zwei Herren kamen, ein dicker und ein dünner, bei der Begegnung mit den Schweinen einen Augenblick stille hielten, sich mit einem Augurenschmunzeln ins Gesicht sahen und eiligst weiterzogen. ›Das sind meine Schicksalsgenossen,‹ dachte der Kandidat, und er hatte sich nicht getäuscht. »Sie sind der Dritte im Bunde?« redete der Dicke den Wartenden an. »Ist der alte Wehevater schon oben?« »Ja, aber nicht sehr gnädig gelaunt. Er hat es offenbar übel vermerkt, daß die Herren noch nicht da waren.« »Hat er in seinen Jahren und in seinem Berufe das Warten noch nicht gelernt, dann verdient er nicht, daß er uns examiniert,« polterte der Fettwanst los. »Muß nicht jede Schwangere neun Monate warten, und müssen wir nicht warten, bis es ihm gefällig ist, uns bestehen zu lassen?« Mit diesen Worten trat er ins Haus, warf der Oberwärterin vor der Treppe seine Gummischuhe entgegen und tat überhaupt so wie einer, der sich nicht imponieren läßt. Die Aussicht, ein praktischer Arzt zu werden, schien für ihn wenig Verlockendes zu haben. Selbst dem examinierenden Geheimrat gegenüber blieb er kühl wie eine Hundsnase. Er antwortete wie ein gelehrter Starmatz, der auf jede Frage ein und dieselbe Melodie pfeift, bis der Professor ärgerlich wurde und ihm ins Gesicht schleuderte: »Wenn Ihr Handeln von den Kenntnissen, die Sie hier entwickelt haben, geleitet wird, so brauchen Sie am Kreisbett nur dem Kindsvater die Zange auf den Kopf zu schlagen und Sie haben jedesmal eine Familie ausgerottet. Einmal sind Sie schon durchgefallen, denken Sie, daß ich Lust habe, ein drittes Mal für Sie zu schwitzen? Sie sind bestanden. Mag die Menschheit sehen, wie sie mit Ihnen fertig wird. Den andern Herren gratuliere ich von Herzen.« Mit diesen Worten erhob sich der alte Kliniker und ging aus dem Saale, in dem er während mehrerer Stunden Herz und Nieren der Kandidaten erforscht hatte. »So waren die drei Schweine doch von guter Vorbedeutung,« sagte Innocenz aufatmend, als der Alte verschwunden war. »Für Sie vielleicht,« entgegnete der Dicke, »was aber soll ich mit dem Dreifaltigkeitstitel: Praktischer Arzt, Wundarzt und Geburtshelfer anfangen? Laufen kann ich nicht, ein Pferd zieht meinen Kadaver nicht vom Fleck, und für zwei habe ich kein Geld. Wenn ich irgendwo hinter einem Büfett einen Stuhl hätte, von dem aus ich Radieschen verkaufen könnte und geselchte Würste, ich glaube, dies wäre eine meiner Befähigung angepaßte Beschäftigung; für solch einen Heldenberuf könnte ich mich begeistern.« Innocenz machte, daß er dem fetten Zyniker entkam und lief eiligen Schrittes die stille Straße hinauf. So war er denn also fertig und ihm war die Frucht, die während eines neunjährigen Gymnasial- und sechsjährigen Universitätsstudiums gereift war, in den Schoß gefallen. Ob man ihm seine neue Würde wohl ansah? Es schien nicht so, denn die paar Straßenkehrer, die mit ihren Besen da herumhantierten, suchten unbeirrt von seiner hohen Gegenwart nach Zigarrenstummeln und hatten die Augen an der Erde wie gestern und vorgestern, als Innocenz noch Student war. Und drüben auf dem Fahrdamm der Italiener riß Tüten von seinem Lattengestell und packte für seine Kunden heiße Maronen hinein wie alle Tage. Da war niemand, der bei der jauchzenden Kunde: ›Innocenz Lorum hat sein Examen bestanden,‹ etwas anderes gesagt hätte als: ›Was geht das mich an, mag der Narr sehen, was er nun anfängt.‹ Je mehr Menschen an dem neugebackenen Arzte achtlos vorbei eilten, um so klarer wurde es ihm, daß sein großer Erfolg für diese alle keine Bedeutung habe, und was vordem erhaben schien, verlor selbst in seinen Augen an Wert. Ihm war es wie einem Kinde, welches in seinem Forscherdrang seine Puppe zerbrach und nun mit Enttäuschung sieht, daß in dem lieben Kleinen, das so holdselig blickte und die Augen öffnen und schließen konnte, nichts steckt als ein Häufchen Sägemehl. Ja, wenn jemand da gewesen wäre, der sich mit ihm gefreut hätte, dann hätte er vielleicht selber an die Realität seines Glückes glauben können. Innocenz dachte schmerzlich bewegt an seine Eltern. In vielen bösen Tagen seines Lebens hatte er sie nicht so vermißt, wie heute an dem einen guten. Sein Triumph wäre ja auch der ihre gewesen, seine Freude die ihre. Jetzt, wo erreicht war, was sie entbehrungsvoll vorbereitet hatten, lagen sie draußen, keiner Freude fähig, in ihren Gräbern. Das Leben wollte ihm ein Fest geben, und er saß einsam am gedeckten Tische. Einen Augenblick dachte er daran, zur Mutter Gutbrod zu gehen und da zu Nacht zu essen. Die freundliche Alte hätte gewiß ein Wort des Lobes oder einen Glückwunsch für ihn übrig gehabt. Allein, wer konnte es erraten? Vielleicht hatte ein Kellner aus einer Zigarrenkiste genascht, oder war mit einer Suppenschüssel über die Schwelle ins Zimmer gefallen, dann konnte der Anspruchsvollste von der Guten kein freundliches Wort verlangen. Innocenz unterdrückte mit der Sehnsucht nach einem anerkennenden Zuspruch sogar noch ein recht prosaisches Hungergefühl und ging zu Bett. Am nächsten Morgen genau um fünf Uhr fing der Wecker, zur Pünktlichkeit erzogen, auf dem Nachttisch zu lärmen an. War der über den Gang der Dinge schlecht unterrichtet! Was sollte der neugebackene Arzt so früh aufstehen und über schweinsledernen Folianten Licht verbrennen? Die Zeit, wo die Bücher ihm Führer waren, lag hinter dem ausgewachsenen Mann. Jetzt galt es, das Gelernte in reale Werte umzusetzen zum Wohle der Menschheit und zum eignen. Doch dazu war vor der Hand keine Gelegenheit. Innocenz hielt also den Kopf in dem Spalt zwischen Kissen und Zudecke, zog die Waden an die Schenkel herauf und döste gelangweilt in die erwachende Tageshelle hinein. Der Wecker zählte noch ein paarmal halbe und ganze Stunden her, aber nur bescheiden, ohne zu trommeln. Er hatte das Seine getan. Wer nach dem polternden Gelärm auf sein stilles Zureden nicht hören wollte, mochte es bleiben lassen. Er war Mahner, nicht Gerichtsvollzieher. Als er neunmal mit dem Hämmerchen auf die Glocke tupfte, erhob sich Innocenz zum ersten Male als Arzt und trat vor seinen Waschtisch. Ihm war zumute, wie an einem hohen Feiertage. Wie vor einem solchen und wie vor dem Tage, der ihn auf die Mensur stellte, begann er an sich selber ein großes Reinigungsgeschäft. Das Hemd war bis zur Taille hinabgesunken. Was tausend Sprüche in den Haremsbauten der Frau des Moslim von Mohammeds Körper preisend rühmen, besaß er und selbst das weiche Schaumhaar über dem Brustbein fehlte nicht. Wenn der Arm sich regte, spielten über den Rippen kräftige Muskellager, deren Bewegungen eine weiche, elastische Haut folgte und sie in zarte Wellenlinien auflöste. In der Tat, Innocenz war ein edles Wild, nach dem auch eine verwöhnte Diana, die nach Männern jagen ging, den Jagdspeer werfen konnte. Schönheit und Kraft hatten gemeinsam diesen Apollo gemeißelt, und selbst die Narben, die von den Klingen seiner Gegner in dieses Götterbild gezogen waren, taten dem ästhetischen Empfinden des Beschauers keinen Abtrag. Innocenz selber war sich seiner Schönheit nicht bewußt. Von seinem Körper kannte er nur die Backen, die er mit dem Rasiermesser vor einem Handspiegel zu mißhandeln pflegte. Aber die Luft und das Wasser kannten ihn ganz. Sie mischten sich, verliebt in ihn, zu weißen glänzenden Schaumperlen und liefen schmeichelnd an ihm nieder. Eine feuchte, mollige Wärme stellte sich ein und verwandelte die Alabasterweiße in ein zartes Rosa wie vom Blatte der wilden Rose. Rasch lief ihm das Blut durch die Adern. Mut und Lebensfreude wurden wach. Er fühlte sich wohl wie ein Wiesel. Aber als er sich ankleidete, kamen wieder traurige Gedanken. Ihm war es, als ob das Feierkleid des Herrenmenschen nun nicht mehr für ihn da sei, als ob er in die Schuppjacke des Arbeitssklaven steigen müsse, dem keine andere Wahl bleibt, als zu schuften oder zu hungern. Das Ideal seines Berufes, das all die Jahre her, wo er weit von ihm weg war, so lockend auf ihn herniedergeschaut hatte, sah ihn heute, wo er ihm nahe stand, so leichenkalt und unerbittlich an, wie ein Bild von Sascha Schneider. Selbst der Gedanke an Käthchen Sommertag hatte heute nichts Erhebendes und nichts Befreiendes, denn neben ihm stand als kategorischer Imperativ das »Muß« und wies höhnend auf ganze Kamelslasten, die Innocenz schleppen sollte. Der Gedanke, daß er heute, wo er doch nichts mehr zu tun hatte, einmal nach Birkenried gehen könne, kam dem jungen Manne wohl, aber er drängte ihn zurück. Er war froh, daß seine Beziehungen zu dem schönen Kinde noch lose waren, denn noch hatte die vorschnelle Zunge in die Liebeserklärungen der Augen und Hände kein verpflichtendes Wörtchen dareingeredet. Siebentes Kapitel In den nun folgenden Wochen sah man den jungen Doktor häufig im Bürgerkasino sitzen, versteckt hinter alten und neuen Tagesblättern, deren Annoncenteil er mit Gewissenhaftigkeit durchforschte. Den Rest seines von den Eltern ererbten Vermögens hatte er in Briefmarken angelegt und nun begann ein eifriges Korrespondieren mit aller Welt. Heruntergekommene Feudalherren boten dem Medikus ihre Schlösser an, damit er aus ihnen Sanatorien mache. Wer eine Schafweide hatte, offerierte sie zu Terrainkuren. Ärztewitwen mit fast noch ungebrauchter Bettwäsche wünschten einen Nachfolger ihres Seligen für sich und für eine alte Schindmähre, die im Stalle auf drei Beinen stand. Ein Apotheker brauchte zur Hebung seines Geschäftes einen unbezahlten Reisenden und meinte, daß Innocenz Lorum die allein geeignete Persönlichkeit wäre, den Umsatz zu steigern. Der Gemeindeschreiber gar von Trippsdrill versprach dem Suchenden seine hohe Protektion bei der demnächstigen Neubesetzung der Gemeindearmenarztstelle, falls Herr Lorum die Ehre zu würdigen wisse, daß er ihm seine gut beleumundete Tochter nebst der Gratisbeigabe eines Enkels zur Gattin anbiete. Ein wahrer Regen derartig wohlwollender Angebote ging auf den jungen Arzt nieder und wusch den Glauben an eine christliche Nächstenliebe gründlich von ihm herunter. Als aber zuletzt noch ein bankerotter Bierbrauer mit der Zumutung kam, sein Brauhaus umzuwandeln in eine Pension für Damen, welche sich zurückzuziehen wünschen, wobei man mit Leichtigkeit den Braukessel in ein Schwimmbad umwandeln könne, da packte ihn eine wütende Verzweiflung, und er ging zur Post und erklärte, daß er eine Reise um die Welt antrete, und daß man alle Briefe an seine Adresse in einem möglichst feuergefährlichen Tresor aufheben solle, bis er persönlich käme, sie abzuholen. Von diesem Augenblick an drückte Innocenz den Schlapphut tiefer in die Stirne und machte große Bogen um alle Briefträger herum. Auf seinen ziellos einsamen Gängen durch Wald und Feld rechnete er, was bei einem Handel mit Holzschuhen herauskommen könne, oder was rentabler sei, Hundescheren oder Schwabenfang hinter alten Küchenherden. Er hatte schon längst den Glauben verloren, daß er mit dem, was er gelernt hatte, sich jemals ein Stück Brot verdienen könne, als ihm eines Tages ein verschrumpftes altes Weib, welches einen Regenschirm in die linke Achselhöhle geklemmt hatte, über den Weg lief. Sie trug ein Gebetbuch in einem schwarzwollenen Fausthandschuh und murmelte, den Fremden nicht beachtend, leise vor sich hin: »Herr, gehe nicht mit ihm ins Gericht, denn, wenn du willst unserer Sünden gedenken, Herr, Herr, wer wird bestehen mögen?« »Oh, du liebes Herrgöttle von Bieberau, bin ich allweil erschrocken,« stieß sie, aus der Inbrunst ihres Gebetes fallend, heraus, als sie plötzlich gegen Innocenz gelaufen war. Und sie blieb zitternd stehen und sah, um Nachsicht flehend, an dem langen Menschen hinauf. »Nicht zu ängstlich, Mütterchen, Ihr habt mir kein Gefach eingedrückt, und wenn der Zusammenstoß Euch nichts geschadet hat, so könnt Ihr Euren Weg fortsetzen, wenn Ihr mir erst gesagt habt, wohin Euch die frommen Füße führen sollen.« »Ach Gott,« seufzte die Alte, »wißt Ihr's denn nicht, der Physikus Wackernagel in Birkenried ist gestorben und ich will ihm noch die letzte Ehre erweisen. Er war ein braver Herr, dem ich meine drei Buben verdanke. Versteht mich wohl, ich sage ihm bei Leib nichts Schlechtes nach, aber was Wochenbetten anbelangt, da geht nicht leicht einer über ihn. In manchen anderen Dingen freilich kann man ihn weniger loben. Er war zu rasch mit dem Messer, aber, wie gesagt, wenn ich noch zwanzig Kinder gekriegt hätte, kein anderer wäre an mein Bett gekommen.« »Freilich,« sagte sie und strich eine eisgraue Haarsträhne hinters Ohr, »ich werde ihn wohl entbehren können, aber das junge Volk der Weiber, das für die Nachzucht sorgen muß, kann mich dauern. Er war geschickt und roch auch manchmal gar so gut nach Wein, eine rechte Erfrischung für so kleine Leut'. Nun, nichts für ungut,« sagte sie noch, dann nahm sie ihre stille Andacht mit einem: »Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir, Herr, erhöre meine Stimme!« wieder auf und ging ihres Weges weiter. Innocenz sah der Abgehenden sinnend nach. Dies halbe Lob aus dem zahnlosen Munde der Alten, war es nicht mehr wert als die Ode eines Hofpoeten, als der Ordensstern eines Fürsten? Und der stille Kummer um den Heimgegangenen, galt er nicht mehr als das Geschrei von tausend bezahlten Klageweibern? Dieser Doktor Wackernagel, für den jetzt eine Glocke aus der Talsohle traurig über die Felder hinweinte, hatte er nicht ein Leben hinter sich, das verdiente, gelebt zu werden? Innocenz richtete sich stolz auf, auch er war ein Arzt und konnte erreichen, was dem Entschlafenen gelungen war. »Aus dem Munde der Einfältigen hast du dir dein Lob bereitet.« Dies Wort der Bibel erfüllte seine Seele mit Entzücken und sollte der Leitstern seines Lebens sein. Wo der Tote einst gestanden, da mußte jetzt eine Lücke sein, die er ausfüllen konnte, und wenn der Ruhm, der da zu holen war, sich nicht weiter ausbreitete, als der Klang der Kirchenglocke reichte, so sollte ihm auch das genügen. Der junge Arzt beschloß, den Versuch zu wagen, ob er den toten Helfer ersetzen könne. Zwei Tage später stand Innocenz in derben Stiefeln, die anzeigen sollten, daß ihm kein Weg zu rauh sei, vor dem Bürgermeister von Birkenried im weißgetünchten Ratszimmer. Er stand, denn der wacklige Lehnstuhl, den man ihm angeboten hatte, flößte ihm kein Vertrauen ein. »Sie wären also,« sagte der Ortsgewaltige und schneuzte seine Nase in ein blaues Taschentuch, »Sie wären also,« wiederholte er mit Nachdruck, »geneigt, gegen ein angemessenes Wartegeld und die Lieferung von drei Metern Buchenscheitholz zu Brennzwecken, sich hier als Arzt niederzulassen? A propos , das Holz dürfen Sie im Walde selber aussuchen und wenn Sie sich darauf verstehen, Nutzholz von Brennholz zu unterscheiden, so haben Sie am Wagner einen sicheren Abnehmer, falls Sie gleich losschlagen, da sonst Ihnen keiner garantieren kann, daß nicht das Holz vor der Abfahrt gestohlen wird. Im Zahlen freilich ist der Wagner nicht sehr eilig, aber er ist zur Stunde Witmann, und wenn es ihm gelingt, eine reiche Erbin zu heiraten, dann zweifle ich nicht daran, daß Sie zu Ihrem Geld kommen. Der Mann ist im kleinen ehrlich wie ein Gewürzkrämer.« Innocenz war über die mancherlei Möglichkeiten seinen Lohn hereinzubekommen, nicht gerade erfreut und seufzte hörbar. Der Bürgermeister musterte ihn überrascht mit seinen pfiffigen Schweinsäuglein und fuhr fort: »Sie sind ein Anfänger und müssen vor allem billig sein. Die Masse muß es bringen. Hier im Dorfe sind die Leute mager. Der Verlust eines Ziegenbocks oder eine Doktorrechnung von fünfzig Mark kann mehr wie zwanzig angesehene Firmen zum Bankerott bringen. In den Nachbarorten, im goldenen Grund dahinten, da, ja da sitzen die Fetten, die Schmalz geben, wenn man sie zu braten weiß, da mögen Sie dann die Feder tiefer in die Tinte tunken. Ein Arzt, der hier ab- und zuzugeben versteht, kann Millionär werden. Ihr Vorgänger freilich hat dies nicht erreicht, er lebte eben danach. Er war imstande, drei Handkäs auf einen Sitz zu essen und obendrauf einen Rollmops. Bei derlei Anlagen zur Schlemmerei kann dann freilich am Ende des Jahres nichts übrig sein, was im Alter zum weichen Polsterstuhle wird.« Innocenz unterbrach den Redner und fragte, ob er, der Bürgermeister, dem toten Doktor die Leichenrede gehalten habe. »Es war unrentabel und gefährlich, die Trauer zu steigern,« meinte der Ehrenfeste, »denn es weinten ohnedies eine Masse Menschen. Es war nämlich das Gerücht in Umlauf, daß die Erben alte Ausstände eintreiben würden. Da wurde mancher traurig, und die Tränenströme rissen beinah Furchen in den Boden. Geben macht seliger als Nehmen. Schade um den Nachruhm, daß der Entschlafene dies vor seinem Tode nicht bedacht und seinen Erben die Hände gebunden hat.« »Da werd' ich wohl mit einem Benefiziat hier aufziehen müssen, der meine Millionen verteilt,« bemerkte Innocenz bissig. Der Bürgermeister sah interessiert durch die Brillengläser und sagte schmeichelnd: »Überlaßt die Verteilung uns, denen es zusteht. Aber wenn Ihr beim Rezeptschreiben zuweilen eine Mark verliert, so werdet Ihr die Volksgunst finden, ohne Zweifel, und die braucht Ihr, denn ich will es Euch nicht verschweigen: Ihr habt einen Feind und einen gefährlichen Konkurrenten im Ort. Ich rede von dem letzteren zuerst. Er heißt der Knochenfranzel und ist ein hausgemachter Doktor. Ihr wißt von den Leberwürsten her, daß das Wort ›hausgemacht‹ einen guten Klang haben kann. Also der Knochenfranzel hat nicht studiert, aber er hat einen Instinkt wie ein Nagelbohrer. Er dringt Euch in die Tiefe ein wie ein Holzwurm und erkennt Euch die Trichinen hinter dem Nierenstück. Darin ist er jedem Studierten überlegen. Seine Mittel sind die denkbar einfachsten und machen keinen Apotheker reich. Einem Manne, dem ein Vogel im Gehirne pfiff, setzte er eine Katze ins Genick und vertrieb den Teufelsspuk, und einer Frau, die einen Drahtstift verschluckt hatte, riß er einen Nagel von der großen Zehe. Nun hatte sie nicht mehr Nägel wie jede andere auch und war gesund. Er ist eben ein Praktikus, von dem Ihr manches lernen könnt, wenn Ihr nicht im Aberglauben lebt, daß man die Weisheit nur bei Professoren holen könne.« Innocenz fing an, den Prediger von Birkenried nicht mehr ganz ernst zu nehmen und versprach, daß er den Franzel in Ehren halten wolle wie einen Heiligenknochen. Als der Bürgermeister solch liebevolle Rede hörte, schmunzelte er befriedigt, ließ den Faden fallen, an dem der Knochenfranzel baumelte und zog einen anderen Hampelmann auf die Bühne. »Bedauerlicherweise,« fuhr er fort, »habt Ihr Euch Gegner geschaffen, bevor Ihr noch hier waret. Euer Auftreten am Hohlweg vorm Dorf hat einen Fasel stößig gemacht, der ein gutes Gedächtnis hat. Vorerst sind ihm die Hörner klein, allein sie können wachsen. Nicht immer bleibt das Gemeinderegiment in Händen, die es mit Weisheit und Mäßigung verwalten. Die Macht hat schon mehr wie einmal einen Tyrannen geboren. Doch noch geht es ja gottlob mit Unserer Gesundheit!« sagte er schmunzelnd und strich sich über die Magengegend, »noch kann – nichts für ungut, junger Freund – Arzt und Totengräber bei mir kein Geschäft machen. Aber wie es wird, wenn Wir die Augen zudrücken? Nach David kam Salomo, und diesem folgte Rehabeam mit der Skorpionenpeitsche, und Ihr wißt, daß selbst der beste von den dreien seinen Nebenbuhler um eines Weibsbildes willen aus dem Wege schaffte. Hütet Euch vor dem Balduin Hebenstreit! Wie ich ihn kenne, läßt er in einer gewissen Sache nicht mit sich spaßen.« Innocenz hatte den bevormundend lehrhaften Ton jetzt satt. Er reckte seinen Körper mächtig gegen die Decke, strecke seinen Ziegenhainer vor und hauchte den Ortsgewaltigen also an: »Herr Bürgermeister, sagen Sie gefälligst Ihren alttestamentlichen Königen, sie möchten nur kommen und noch eine Schaar Philister mitbringen. Den Innocenz Lorum und seinen Knotenstock würden sie dann schon finden. Ob ich nun aber dem oder jenem gelegen oder ungelegen komme, das lasset meine Sorge sein. Kommen werde ich unter allen Umständen und damit bis auf weiteres Gott befohlen!« Bevor noch der Alte aus seinem Lehnsessel hinterm Tisch sich erst in die Ellenbogen, dann in die Knie gearbeitet hatte, war der Arzt zur Türe hinaus und die Treppe hinunter. Auf der Straße steckelte einer, dem ein rotes Schnupftuch zur hinteren Rocktasche heraushing, vorsichtig um eine Herde Gänse herum. Seine Füße waren überhangen von weiten Gamaschen, und durch die Hosen hindurch konnte man an einem Knick sehen, wo das Stiefelrohr an der Wade abschnitt. Sein Gang war breitspurig schwankend, und jede der wackligen Bewegungen des Untergestelles begleitete der Kopf mit einem zustimmenden Nicken. Zuweilen befreite sich eine behandschuhte Faust aus einer der Seitentaschen des Rockes und wischte aus dem weißgelben Bart die Tränen herunter, die der Wind aus den alkoholverschleierten Augen zapfte. Die ganze Erscheinung hatte etwas schwer Gemästetes an sich, dem das Messer des Schlächters Tod nicht weit vom Nacken drohte. Innocenz kam auf die Idee, daß es der Knochenfranzel sein möchte, und er hatte sich nicht getäuscht. Denn es währte nicht lange, so sah er einen Jagdhund, der das rechte Vorderbein hoch hob, auf den Alten zuhinken. Dieser erwartete, das Gesäß gegen eine Hauswand gelehnt, den Klienten. In halb sitzender Stellung untersuchten nun beide Hände des Kurpfuschers das verletzte Glied. Als sie fertig waren, fuhren sie dem Feldmann in das braune Fell und legten sich dann wie segnend über die geduldigen, klagenden Augen. Innocenz betrachtete das Tun des Alten mit wohlwollendem Interesse. ›Er ist gutmütig,‹ dachte er, ›und wenn er in etwas von der Täuschung seiner Mitmenschen leben muß, so ist er drum nicht schlimmer wie tausend andere. Schließlich verspricht auch der Pfarrer mehr als er halten kann. Vom Glauben leben viele, und die eingebildetsten Dinge werden zu Realitäten für den, der an ihre Existenz glaubt. Wer mit noch so leeren Versprechungen einen anderen über die Zeit seiner Schmerzen hinwegtäuscht, hat mehr geleistet wie einer, der ihm sagt: ›Aus den und den offensichtlichen Symptomen erhellt, daß die Wiederherstellung Ihrer Gesundheit für den naturwissenschaftlich Denkenden ein Ding der Unmöglichkeit ist.‹ Innocenz nahm sich vor, mit dem Alten auf gutem Fuße zu leben und sein karges Einkommen so wenig wie möglich zu schmälern. ›Leben und leben lassen!‹ sollte die Devise sein. Achtes Kapitel Allzu pomphaft sah es nicht aus, als Innocenz Lorum seinen Auszug aus der Universitätsstadt bewerkstelligte. Vorm Hause hielt in feuchtem Schnee eine im Biedermeierstil gezimmerte Droschke. Vor ihr ein wahres Ecce homo -Bild von einem Pferd, das den Kopf hängen ließ und mit Besorgnis die wenigen Wagenspuren zählte, die der Fuhrwerksverkehr in den Neuschnee gezeichnet hatte. Auf dem Bock saß neben einem Schließkorb in verdrießlicher Enge ein Klumpen schwarzer Schafwolle, aus dem eine rote Säufernase mißvergnügt und naß in den kalten Morgennebel starrte. »So kann's denn losgehn!« rief eine kräftige Männerstimme, während eine elastische Gestalt sich in die Kutsche drängte und die Glasscheibe hochzog. Und es ging auch los, aber wie! Der Wagen schlug und schotterte, als ob er über sämtliche Knittelverse gezogen würde, die jemals im Simplizissimus und anderen Witzblättern gestanden haben. Die Wagentür schlotterte und übersah hochherzig, daß kleine Windstöße den Schnee vom Boden aufhoben und ihn wie durch ein Mehlsieb auf die Schenkel des Fahrgastes streuten. Von unten herauf kam durch weite Ritzen ein belebender Luftzug, der die Beine wie beim Orgelspiel zu musikalischen Leistungen zwang, wenn die Zehen nicht erfrieren sollten. Mein Gott, so hatte sich Innocenz Lorum seinen Einzug ins Land der Philister nicht vorgestellt. Was bietet nicht die Kirche dem, der sich dem Altare geweiht, an Kerzenschimmer, Weihrauchwolken, Pracht der Gewänder und Hallelujagesängen, und was hatte er, der Arzt? Nicht einmal das ›Bemooster Bursche zieh' ich aus‹ tönte hinter ihm her. Mit der Romantik war's vorbei. Wäre es nicht am Ende klüger gewesen, seine Kraft in den Dienst der Seelen zu stellen als der Leiber? Innocenz war sehr nachdenklich geworden, und trübe Gedankennebel legten sich melancholisch über seine Zukunft. Endlos zog sich der Weg hinein in die weiße Öde. Die Straße stieg. Der Schnee wurde trockener und weinte unter den Radreifen ein Klagelied, wie es selbst Jeremias auf den Mauern des zerstörten Jerusalem nicht herzbeweglicher jammern konnte. Innocenz verfiel zuletzt in einen Halbschlummer träumerischer Erinnerungen, aus deren fahlem Zwielicht nur zuweilen schärfer gezeichnete Gestalten heraustraten: seine Eltern, der magere Jesuitenpater, die Mutter Gottes aus der Nikolauskapelle und etwas zaghaft Käthchen Sommertag. In dies kalt verschwommene Wogen blutloser Phantome hinein tönte plötzlich das »Pink«, »Pink« der Kleinhämmer, das aus einer Schmiede zu kommen schien. Innocenz rappelte sich auf, zumal da er noch aus der Schafswolle auf dem Kutschersitz eine Stimme rufen hörte: »Das wäre es wohl, das pestverfluchte Eskimodorf? Renntiere sollte der haben, der hierher muß, und nicht einen zarthäutigen Vollblut-Trakehner, wie der hier in der Scherendeichsel.« Einige Männer, die unter dem Vordach der Schmiede standen, lachten und riefen dem Kutscher zu: »Häng' deinen Araber nur gleich an den Fleischhaken eines Metzgers oder doch an einen Flaschenzug, damit er nicht irgendeinem auf die Hühneraugen fällt,« und ein Schmiedgeselle kam näher, legte die Hände an die Hinterbacken des Rosses und schob das Knochengestell barmherzig unter das Vordach. »Paß auf!« rief der Kutscher gereizt, »wenn der dir die Nas' putzt, brauchst du im Leben kein Sacktuch mehr, und kein Knochenfranzel flickt dir deine Eselskinnbacken wieder so zusammen, daß sie zwischen deine zwei gekochten Schweinsohren hereinpassen.« Während diese höfischen Redensarten ausgetauscht wurden, stieg der Fuhrmann vom Bock, holte den Schließkorb herunter und sagte: »Alles in Ordnung, Herr Doktor, bis aufs Bezahlen!« Und er streckte Innocenz eine Hand entgegen, die in einem Fausthandschuh versteckt war. Der Fahrgast suchte mit steifen Fingern in seinem Geldbeutel herum und bezahlte, während seine Füße mehr wie eifrig den Lehmboden der Schmiede stampften. Derweilen war der Notabeneoja zu der Gruppe getreten und faßte den Henkel des Korbes, auf dem der Kutscher saß. »Auf!« sagte er, »du Faultier, und sorge, daß der Gaul was zu fressen kriegt, ihm hängt vor Hunger die Zunge zum Maul heraus.« »Hab' keine Sorg'. Den Mucker kennst du nicht, das ist Frömmigkeit von dem. Siehst du nicht, daß er vorne seine Hosen durchgekniet hat?« Zwei rußige Gesellen, die hinten um die Glut der Esse standen, lachten und zeigten weiße Zähne in den schwarzen Gesichtern. Der eine aber nahm ein rotglühendes Eisen aus dem Feuer und tat so, als ob er damit ein großes Loch in den Rosselenker hineinbrennen wolle. Da gab der Klumpen nach und erhob sich. Pankraz griff zu, warf den Korb auf die Schulter und schritt durch den Schnee einem wettergebleichten Hause zu, das die Dienstwohnung des Arztes vorstellte. Innocenz folgte ihm. Bald standen die beiden in einem Zimmer, das an Komfort der Ausstattung und an molliger Behaglichkeit den Vergleich mit dem Zeugenzimmer eines königlich preußischen Amtsgerichts verwegen aufnehmen konnte, selbst dann noch, als der Schließkorb breit in seiner Mitte stand. Innocenz fröstelte in dieser Öde und fuhr zusammen, als ob er aus seinen Kleidern fallen wollte. »Nur Geduld,« sagte Pankraz, »ich gehe nach Holz. Wenn erst die Scheite im Ofen singen und auf dem Tische eine Schüssel dampft, dann ist das Schlimmste überstanden.« Und er ging und kam wieder, und die Frucht dieser Gänge war bald ein lichter Schein, der aus dem Ofenloche drang und beweglich auf der Diele spielte. »Nun etwas, um dem Magen einzuheizen,« warf der Bursche leicht hin und eilte nach einem Imbiß ins Dorf. Innocenz, verfroren wie er war, genoß den ersten Bissen mit Andacht und vertiefte sich dann mit Gründlichkeit in den Inhalt mehrerer Schüsseln, bis er überall den Boden sah. Pankraz machte den müßigen Zuschauer, verstieg sich aber nebenbei ungefragt zu allerlei kostbaren Bemerkungen, für die er nicht bezahlt wurde. »Kochen kann sie, und Kochkunst allein macht das Sakrament der Ehe genießbar. Vielleicht, vielleicht solltet Ihr es doch versuchen, sie dem Windhund abzujagen, und wenn Ihr einmal einen Brautführer nötig habt, ich und mein Halbzylinder stehen zur Verfügung.« »Von wem redest du?« fragte Innocenz. »Ihr seid zu klug, als daß man es Euch sagen müßte. Wenn Ihr es aber doch wissen wollt, so betrachtet nur den Löffelstiel.« Pankraz ging. Innocenz aber folgte seinem Rat und fand den Namen ›Käthchen Sommertag‹ ins Silber geschnitten. Der Abend verging unter Richten und Scheuern. Der junge Arzt kam sich vor wie Robinson Crusoe, wie einer, der, vom Schicksal in die Einöde verschlagen, die ganze kulturelle Entwicklung der Menschheit vom Feuerstein bis zum Streichholz qualvoll selber durchzukosten hat. Aber es ging, und mehrere Stunden zuvor, ehe der Sonntag den Samstag verdrängte, war sogar die Petroleumlampe ausgepackt und füllte das Zimmer mit erträglichem Glanze. Durch die halb erblindeten Scheiben drang der Schein ins Freie und zeichnete auf die weiße Schneedecke ein großes, helles Prisma, über das ein jeder hinwegmußte, der seinen Samstagsrausch nach Hause trug. So konnte die Anwesenheit des ›Neuen‹ nicht verborgen bleiben, und Innocenz durfte getrost auf baldigen Zuspruch in seinem Laden hoffen. Neu gestärkt und voller Hoffnung war Lorum am nächsten Morgen erwacht und fing mit Befriedigung an, die unziemliche Nacktheit seiner Wände mit Postkarten zu überkleben, als ein plumpes Klopfen vor der Tür seine Aufmerksamkeit erregte. Leicht war es, zu erraten, daß draußen einer stehe, der die Stiefel wider die Türbekleidung stoße, um sauber und trocken im Zimmer erscheinen zu können. Wennschon dies Tun an sich wohlgemeint und löblich war, so war es doch derartig nachhaltig und intensiv, daß Innocenz fürchtete, es möchte ihm das Wandmuster von der Mauer fallen. Er entschloß sich, die Zeremonie abzukürzen und öffnete die Tür. Ihm gegenüber stand einer, der nicht nach dem Senkblei gebaut war, das sah man deutlich, obwohl er mehr wie die Hälfte seines Rumpfes mit einer indigoblauen Schürze verwickelt hatte. ›Der erste Patient,‹ jubelte es im Innern des jungen Arztes, während sein Äußeres in virtuoser Weise zu katzenbuckeln begann. All diese Gelenkigkeit machte aber auf ihn, dem diese Ehrungen galten, keinen sichtlichen Eindruck, denn er blieb steif, behielt den Hut auf dem Kopfe und legte stumm seine Faust neben seine Nase ins Gesicht. »Wollen Sie nicht gefälligst eintreten?« unterbrach Innocenz die Pantomime. Der Angeredete war dazu bereit, fing aber zuvor noch einmal an, seine Bügeleisenschuhe energisch wider die Türpfosten zu schleudern. ›Du wirst geschoben sein wollen wie eine Sandkarre‹ dachte Innocenz, faßte den Mann rücklings an der Schulter und erlebte die Genugtuung, seinen ersten Kranken bald darauf neben seinem Ofen, inmitten eines kleinen Sees, der aus den umgekrempelten Hosenbeinen herausgelaufen war, sitzen zu sehen. »Ihr kommt von weit her?« begann Innocenz, nach einer Einleitung suchend. »Nicht doch, ich wohne nebenan,« sagte der Angeredete, »aber ich bin schon seit Stunden durchs ganze Dorf gerannt, von einem Wirtshaus ins andere, immer hinter dem Knochenfranzel her und kann ihn nirgends auftreiben. Möchten doch die Schmerzen, die in meinem Kiefer nagen und bohren, dieser Saufeule zwischen die Rippen fahren. Doch was ist zu machen, da ich ihn nicht auftreiben kann, so will ich es ins Teufels Namen einmal bei Euch probieren.« Obwohl der junge Arzt keinen Grund hatte, sich durch so viel Vertrauen geschmeichelt zu fühlen, so sagte er doch: »Daran haben Sie wohl getan!« und schritt über den See hinüber, um seinem Klienten in den Mund zu sehen, während er eine meterlange Zahnzange in seinem rechten Rockärmel zu verbergen suchte. Der Mann auf dem Stuhle sah ihn mit bangem Mißtrauen gefährlich näher rücken, sprang auf, und bevor Innocenz noch ganz bei ihm war, hatte er dessen beide Hände mitsamt der Zahnzange krampfhaft umklammert. »Raus soll er?« fragte er mit verzweiflungsvollem Blick. »Können Sie mir nicht in anderer Weise helfen, dann schon lieber zum Knochenfranzel!« Und mit energischen Schritten ging er der Türe zu. Innocenz war in seiner Würde gekränkt und warf die Zange auf den Tisch. Der Abgehende drehte sich um und sah dem Arzt bekümmert ins Gesicht. »So was darf Sie nicht verdrießen, Herr Doktor, Sie sind Anfänger und ich trage Ihnen auch sicher nichts nach. Ich möcht' im Gegenteil mit Ihnen auf dem besten Fuß leben, und wenn Sie ein Paar Stiefel zu sohlen haben oder neue brauchen, so finden Sie den Schusterseppel gleich nebenan, zwei Häuser von Ihnen. Also wie gesagt, ich trage Ihnen nichts nach, und loben Sie mein Handwerk, so will ich Ihres preisen.« Damit hatte er die Klinke in die Hand genommen und war hinter der Türe verschwunden. Der Medikus hätte vor Ärger in die Lüfte fahren mögen, aber er tat es doch nicht. Er bückte sich vielmehr und trocknete mit Sackleinwand den See auf, den der Schuster vor seinem Ofen zurückgelassen, als erstes, was ihm seine ärztliche Tätigkeit eingetragen hatte. – Die Alltäglichkeit mit ihren unverschämten Forderungen war an der Arbeit, eine freie Seele unter das Joch der Notwendigkeit zu beugen. Was tat Innocenz mit den leuchtenden Vorbildern aus der Geschichte Roms und Athens? Der Unterricht eines Dienstmädchens im Scheuern und Kaffeekochen hätte ihn mehr gefördert als die überspannte Weisheit aller Gymnasiallehrer mit Einschluß des Oberschulrats. Er war ja nicht berufen, von der Rostra des Forums eine Rede zu halten an die Quinten, noch die Schiffe zu ordnen zur männermordenden Schlacht. Wozu die Gesetze der Rhetorik und der Strategie? Was er hätte brauchen können, war etwas Talent zum Schauspielern und die Kenntnis kleiner, schmutziger Geschäftskniffe, und die hatte er bei Herodot und Xenophon nicht gelernt. Um von sich die schweren Gedanken zu schütteln, ging Innocenz ans Fenster, kratzte mit dem Fingernagel aus den Eisblumen der Scheiben ein Loch und vergrößerte es durch den warmen Hauch seines Mundes. Draußen huschten die Menschen vorüber, die aus der Kirche kamen, verfrorene, wuselige Gestalten, denen die Füße eingeschlafen waren, während die Ohren dem Worte Gottes lauschten. Die hatten's gut. Zwei Mahlzeiten nacheinander, eine für den Geist und die andere für den Körper, und jedesmal das Menü vorher bekannt, so daß man tagelang an der Vorfreude sich ergötzen konnte. ›Wenn Ihr nicht werdet wie die Einfältigen,‹ dachte Innocenz und hatte damit nachträglich noch den Text gefunden für die Sonntagspredigt, die er sich selbst seit einer Stunde gehalten. Inzwischen ging wieder einmal die Tür auf, und Pankraz Überdies trat ein und schürte das Feuer. »Der Schusterseppel war da,« sagte er, vorm Ofen knieend, »und ist zum Knochenfranzel gegangen. Viel haben Sie an seiner Kundschaft nicht verloren. Die Untugend des Bezahlens hat er sich abgewöhnt, aber die Schuhe hätte er Ihnen zweifellos gut gesohlt und einem anderen für neu verkauft. In der Art schlägt er sich schlecht und gerecht durchs Leben und hat den Gerichtsvollzieher zum Narren. Der liebe Herrgott hat vielerlei Kostgänger.« – Das taktfeste Geläute eines Schlittens, das näher und näher kam, unterbrach seine Rede. Pankraz stand auf und ging der Bequemlichkeit halber an das Loch, das der Arzt in die Scheibe gehaucht hatte, und sah hinaus. »Ich hätt' mir's denken können, daß es der Windhund ist. Da jagt er die Pferde ab, damit sie seine Fratze an allen Fenstern vorbei durchs Dorf tragen, und dann läßt er die abgerackerten Tiere ohne Decken vor der Wirtschaft stehen, bis sie steif sind. Mit diesem Balduin Hebenstreit haben wir zwei noch eine kleine Rechnung zu begleichen, bei welcher Gelegenheit wir ihm mit ungebrannter Asche das Gebot: ›Du sollst kein falsches Zeugnis geben‹ aufs Fell schreiben. Läuft das Großmaul hier in den Häusern herum und erzählt: ›Der junge Doktor wäre auch nur so so durchs Examen gekommen, und wenn nicht einer von den Professoren gewesen wäre, bei dessen Wiege des Doktors Großmutter als Schenkamme gesessen, so wäre er wohl gänzlich durchgefallen,‹ und dabei zuckt er mit den Achseln und zieht das Maul in Fransen, als ob es das Ende einer Leberwurst wäre.« Weiter kam Pankraz nicht. Er klopfte etwas Sägemehl von seinen Hosen und ließ den jungen Arzt allein mit einem Gefühl, als ob er in einen Haufen Disteln gefallen wäre. Überall fühlte er kleine, beißende Stiche, gegen die man sich nicht mit Faustschlägen wehren konnte, die man aber auch nicht kratzen durfte, weil sie dann nur um so heftiger brannten. Dieses plötzliche ganz auf sich selbst Gestelltsein, ohne den Rat und die wohlwollende Führung eines erfahrenen Vorgesetzten, hatte – das fühlte Innocenz zum ersten Male mit Bitterkeit – seine bedenkliche Seite. Gleich im ersten Kapitel seines aufgeschlagenen Lebensbuches ging es bunt genug her. Was würde sich in den Fortsetzungen noch alles finden! Neuntes Kapitel Um etwas Abwechslung ins Leben der Dorfbewohner zu bringen, hatte der Schnee innerhalb weniger Wochen verschiedene Male den Platz geräumt, und an seine Stelle waren zwischen den Häusern und Stallungen feuchte Tümpel getreten, gefüllt mit dem Ablauf der Kuh- und Schweineställe. In Stiefeln von Juchtenleder hatten die Füße des Arztes alles hingenommen wie es kam. Innocenz hatte gelernt, den Spuren zu folgen, die das zum Brunnen getriebene Vieh im Schnee zurückließ, und er verstand es, von Stein zu Stein springend wie ein Seiltänzer, über dem Schmutz der Höfe zu schweben und die Haustüren durch den Vorhang triefender Dachtraufen hindurch zu erreichen. Schon gab es Menschen, die trotz seiner Behandlung die Beine wieder aus den Betten gebracht hatten und mit den Füßen in der Zeitlichkeit wandelten. Diese herumlungernde Rotte, die zunächst zur Arbeit noch untauglich war und sich frierend in der Nachbarschaft von einem Ofen zum anderen drängte, war es, die unserem Helden das Wort redete. Geschwätzig wie alte Veteranen, zeigten sie jedem, der sie sehen wollte, die Narben ihrer Haut und beteuerten bei allen Heiligen, daß einzig die Kunst des Innocenz Lorum es gewesen sei, die ihre Knochen in geordneter Abhängigkeit voneinander gehalten habe. Den Ruhm des jungen Arztes, der zunächst verzagt um den Herd und den Waschzuber der Häuser kroch, nahm die Aufkäuferin im leeren Korbe mit über Land und verlor ihn brockenweise auf den Nachbardörfern. Ein Mann, der eines Kuhhandels wegen schon einen halben Tag auf der Ofenbank saß und mit dem Schwanz einer jungen Katze spielte, spitzte bei der Erzählung der vielgewanderten Frau die Ohren. Er hatte zu Hause eine kranke Hälfte, die vielleicht noch wert war, daß man einige Reparaturkosten an sie hänge. Grübelnd und mit den Ausgaben rechnend durchschritt er die schmierigen Pfade, die über die Ackerfurchen getreten waren, kam gedankenschwer heim, hütete sich aber der Kranken gegenüber, einen Ton von dem, was ihn bewegte, verlauten zu lassen. Wie leicht hätte es sein können, daß man ein Stürmen und Drängen nach dem Arzt weckte, was zu guter Letzt nur Geld kostete, ohne ein Resultat zu zeitigen. Ehe man sich in Unkosten stürzte, mußte man erst noch mehr und noch Bestimmteres hören. Man konnte gelegentlich noch erst einmal den Steuerboten aushören oder den Briefträger, die ja beide leider Gottes zuweilen ins Dorf kamen. Auch der Samenhändler war in der Gegend fällig, denn bald schon mußte der Feldsalat die schwarzgrünen Blätter über den Boden legen, und die wollüstige Scholle barst und verlangte nach dem Samenkorn. Während so des jungen Arztes Ruhm wie ein Irrlicht unstet in der Gegend herumflatterte, stand er selber mit dem Rücken gegen seinen Ofen, schaute durchs Fenster und bedauerte im stillen einen jeden Menschen, den das Schicksal zwang, heute als Makler oder Gendarm über Land gehen zu müssen. Einen meterdicken, weißen Mantel hatte die letzte Nacht über die Erde geworfen, und immer noch fielen große, fasrige Flaumfedern vom Himmel nieder, legten sich weich und sachte zu ihren Kameraden, setzten jedem Pfahl ein Käppchen auf und begruben des Nachbars Hundshütte, so daß nichts zu sehen war als ein rundes Loch und in diesem zwei spitze Ohren, die frierend im Winde wackelten. Innocenz rieb die Hände auf seinem Rücken und berechnete, wie hoch die Stiefelschäfte sein müßten, wenn sie heute die Waden schützen sollten vor der Zudringlichkeit des schmelzenden Schnees, als ein Mann, ohne angeklopft zu haben, plötzlich in seine Stube trat. »Grüß' Gott!« sagte der Eintretende und klopfte am Ofen den Schnee von seiner Pelzkappe, »'s ist ein Wetter, daß man keinen Pflug ins Feld stellen möchte, und doch hat meine Alte mich fortgejagt, aus Übermut, aus reinem Übermut, versichere ich Euch.« »Und hat sie Euch gerade zu mir gejagt oder wo anders hin?« fragte Innocenz. Der Bauer nickte. »Einzig zu Euch, und zwar wegen einer Kleinigkeit. Ich soll fragen, ob einer, der im Halse krank ist, krank ist oder nicht?« Jetzt sah der Bauer dem Arzt lauernd ins Gesicht. In der Antwort auf diese Frage mußte sich zeigen, ob der Angeredete Meister in seinem Handwerk war oder nur Geselle oder gar noch Lehrling. »Ob einer, der im Halse krank ist, krank ist?« wiederholte Innocenz die kitzlige Frage und fuhr fort: »Darüber denke ich so: Ihr könnt zur Not Eure Hand verlieren. Euer Bein oder auch ein Ohr und könnt doch weiter leben. Aber nicht gut einbüßen dürft Ihr Euren Hals. Denn abgesehen davon, daß Ihr dann nichts hättet, wodrum Ihr Euer Halstuch wickeln könntet, wüßt' ich auch nicht recht, was Ihr mit der Pelzkappe anfangen solltet; denn ohne Hals – wie die Dinge liegen – ohne Hals kein Kopf!« »Ich nehme Euch nichts übel,« sagte der Bauer. »Wem ich meinen Mist verkaufen möchte, dem mach' ich seinen Acker schlecht. Im Handel übertreibt man gern. Aber sagt: Ist für einen kranken Hals unbedingt ein Mittel aus der teuren Apotheke vonnöten? Könnte nicht ein Hausmittel ausreichen, etwa Fenchel- oder Kamillentee oder der Knochenfranzel?« »Fehlt's dem Kinde an Luft?« schnitt Innocenz die Rede des Bauern kurz ab. »Das nicht! Wo denken Sie hin, Herr Doktor, bei uns ist Luft genug, nur am Beiziehen fehlt's dem Kind. Es reißt die Nasenflügel auf und schlägt mit den Flanken wie ein dämpfiges Pferd. Das ist alles, und jetzt wißt Ihr so viel von der Sache wie meine Frau weiß und wie ich selber.« Innocenz war starr über den indolenten Gleichmut dieses Vaters, und um ihn aufzurütteln aus seinem Stumpfsinn, sagte er ihm gerade heraus, so schwer die Worte ihm auch über die Zunge wollten: »Ihr Kind hat die Rachenbräune, da hilft am Ende nur noch das Messer.« »Das Messer?« wiederholte der Bauer und trat erschrocken einen Schritt zurück. Rasch hatte er sich erholt und avancierte wieder. »Daraus wird nichts. Wenn der Himmel an meinem Kind einen Engel sucht, soll er ihn ganz haben und nicht verstümmelt. Aber, daß Sie hingehen, Herr Doktor, dagegen will ich nicht sein, 's ist der Leute wegen. Manch einer ist neugierig und fragt am Tage der Beerdigung, was wohl dem Kinde gefehlt habe. Da soll man Red' und Antwort geben, und wenn man sich dann auf den Arzt und seine Aussage berufen kann, steht man nicht da wie ein Hornvieh und hat keine Worte. Auch mag man sich nicht nachreden lassen, man hätte seine Schuldigkeit nicht getan.« Der Redner schnaufte ein paarmal und fuhr fort: »Also ich bin der Hintersteiner, daß Sie wissen, mit wem Sie zu tun haben. Ich will es mit Ihnen probieren. Gehen Sie, Herr Doktor, aber schnell! Ich werde Ihre Rückkehr im ›Ochsen‹ drüben erwarten. Sie sehen ein, ein Bauer hat keine Zeit zu versäumen, namentlich im Winter nicht.« Innocenz, innerlich über diese Roheit empört, drückte seine besseren Gefühle nieder. War es doch zum ersten Male, daß man ihn über Land begehrte in jene Ortschaften, wo nach des Bürgermeisters Belehrung die Phäaken wohnten, Leute, die mit der goldenen Pflugschar ackerten und den Schmierkäs mit dem Suppenlöffel aßen. Auch jammerte ihn das arme Kind, dessen Leben, ebenso wie sein Sterben schließlich ein Werk des Unverstandes seiner Eltern war. Er wandte sich dem Bauer zu mit den Worten: »Haben Sie den Wagen schon gedreht?« »Alles besorgt, Herr Doktor! Der Wagen steht im ›Ochsen‹ unterm Vordach wegen der Lederkissen, und die Pferde stehen vor der Raufe am Hafer, bis Sie zurückkommen.« »So ist das nicht gemeint. Ich dachte Sie fahren mich hinaus nach Ihrem Hofe bei dem hohen Schnee.« »Ganz unmöglich, mein Bester. Das eine Pferd ist nur noch vier Wochen vorm Fohlen, und das andere ist windreh im Kreuz. Es muß gut gehen, wenn ich beide Tiere wieder heil und ganz in meinen Stall bringe. Wie mich die Ärmsten dauern. Man soll auch einem Pferde nichts Unmögliches zumuten. Übrigens, bis ich sie im Geschirr hätte, sind Sie mit Ihren flinken Beinen ja beinah schon wieder zurück.« Innocenz ärgerte sich, sprach aber nichts weiter und ging den einen Stiefel im Schnee versenkend, den andern aus dem Schnee herausziehend wie auf Stelzen zum Dorfe hinaus. Der Bauer sah ihm schmunzelnd nach: »Zwei Beine abgenutzt ist besser als achte,« murmelte er vor sich hin und schielte durstig nach dem ›Roten Ochsen‹ hinauf, der in einem runden Reif an einem langen Arm an der Hausecke baumelte. Bald rückte er der Schenke näher auf den Leib und saß behaglich neben dem warmen Kachelofen, während Innocenz Lorum sich durch meterhohe Schneebarrikaden hindurch arbeitete oder sie umging. Plötzlich ward der Wanderer stutzig und blieb stehen, denn ein breiter Schneewall sperrte seinen Weg. ›Sollte das ein verschneites Strohdach sein?‹ so dachte er und umkreiste das Hindernis. Ach, wahrhaftig, da hingen große Eiszapfen aus dem Dachrand nieder und bildeten ein glitzerndes Silbergitter vor kleinen, grünlich schimmernden Fensterscheiben. ›Möglich, daß ich am Ziele bin,‹ kalkulierte Innocenz und drückte an einer Doppeltür die obere Hälfte hinein. Ein Schwarm von Hühnern flog glucksend und protestierend aus der entstandenen Lichtung, und hätte Innocenz sich nicht gebückt, wer weiß, ob er ein Auge im Kopfe behalten hätte. Wenn man von dem absieht, was die Hühner zurückzulassen pflegen, konnte man sagen: Die Diele war leer, wenigstens war nichts Lebendiges mehr da. Und doch drang ein rauhes, unheimliches Geräusch an des Arztes Ohr. In regelmäßigen Intervallen klang es, als wenn jemand ein Waschseil durch ein Loch in einer Zigarrenkiste zöge, dann war es wieder still. Das Gehörorgan des Arztes hatte die Diagnose gemacht, bevor noch sein Auge den Kranken sah. »O weh!« drängte es sich durch seine Zähne, während seine Hand die Klinke der Türe niederdrückte. Ein großer Raum mit altersschwarzer Dielung lag vor seinen Blicken, und in dessen dunkelster Ecke etwas, was ein Himmelbett vorstellen konnte. Von dort her drang auch das ominöse Geräusch. Keiner braucht die Geheimnisse, die ein Bettvorhang verschleiert, so wenig zu achten wie der Arzt, und deshalb zog Innocenz entschlossen an dem verschossenen Schirting. Rostige Messingringe, die oben an einer rostigen Eisenstange liefen, kreischten »Ratsch«. Was war's, was nun seine Sinne fesselte? Ein Bild trostloser Verzweiflung. Ein verfallenes Kinderantlitz, in das der Tod mit drei Kreuzen seinen unheimlichen Namen nur allzu leserlich geschrieben hatte. Die Wangen in fahler Marmorzeichnung. Die Lippen blau. Zwischen den Lidern ein kaltes Weiß, wie das Schild im Auge einer antiken Statue und neben dem Kopf des Kindes auf dem Kissen eine schwarze, klumpige Masse, die zu schlafen schien: die Mutter der kleinen Sterbenden. ›Was sollte sie auch anders tun, als ihren Gram verschlafen,‹ dachte der Arzt, ›wo Wachen doch nicht helfen kann? Ein müßiger Gaffer beim Werk der Zerstörung mehr oder weniger, 's ist einerlei. Glücklich jeder, dem der Schlaf übers Abschiednehmen hinüberhilft.‹ Indessen rüttelte er doch an der Schulter der Mutter, und vom Kissen erhob sich mit verwirrtem Haar ein Kopf, der ihn mit fahrigen Blicken mißtrauisch musterte. Dieser stummen Frage antwortete Innocenz: »Ich bin der Arzt, von Eurem Mann geschickt, dem Kinde zu helfen, aber leider – leider« – – »Was aber leider?« wiederholte die Frau und schnellte empor, als ob sie mit dem Kopf durch die Decke wollte. »Je nun,« lenkte Innocenz ein, »Sie müssen doch selber sehen, daß menschliche Hilfe hier zu spät kommt.« »Zu spät?« höhnte das Weib, »das bleibt immer die bequeme Ausrede für jede Dummheit. Wann hätten wir rufen, wann hättet Ihr kommen sollen? Heute ist es erst der fünfte Tag, daß es dem Kinde an Luft fehlt.« »Beides hätte am ersten Tage geschehen sollen, liebe Frau,« bemerkte Innocenz, sein schroffes Urteil rasch bereuend. »Was!« schrie die erregte Mutter, »haben wir nicht alles getan? Haben wir ihm nicht heißes Fett in die Kehle gegossen, haben wir nicht Öl in die ewige Lampe geschüttet und die am Blasiustage geweihten Kerzen um seinen Hals gelegt? Hat nicht die Rosenkranzlisbeth die Krankheit besprochen und heilige Zeichen in die Luft gemacht, was hätten wir mehr noch tun sollen?« »Den Arzt rufen,« sagte Innocenz und genierte sich innerlich, daß er sich selber anpreisen mußte. »Wozu, damit er die Achsel zucken und sein ›zu spät‹ mit Kopfschütteln vor uns hinwerfen konnte? Ach, daß Ihr Ärzte zu nichts anderem tauglich seid, als den Leuten für schlimme Worte das gute Geld abzunehmen.« Dieser unverdiente Vorwurf war tief verletzend, aber Innocenz hatte Mitleid mit der Halbverrücken. Er wollte die Erregung nicht durch vorwurfsvolle Gegenrede steigern, sondern sich auf gute Manier aus der Affäre ziehen. Rückwärts schreitend kam er an den Tisch und ließ sich mit einem Seufzer auf die Bank nieder. Vor ihm baumelte am Schlüssel eines Reliquienschreines ein Tintenfaß in der Luft und ein Gänsekiel wiegte sich behaglich auf und nieder, so oft jemand im Zimmer auf die Diele trat. Beides holte der Arzt herunter, blies den Staub vom Stöpsel und machte Anstalten ein Rezept zu schreiben. »Kostet's was extras, wenn Ihr ein Papier beschreibt?« herrschte die Frau den Arzt an. »Nein, die Gebühr bleibt dieselbe.« »Nun, dann schreibt und versucht Eure Kunst, aber wenn Ihr sonst einen Eimer voll zu verordnen pflegt, so laßt es hier bei einem halben sein Bewenden haben. Wenn sie die Katze nicht frißt, wandert ja doch die Brühe zum Fenster hinaus. Auf dem Heimweg übereilt Euch nicht. Ich bin sicher, mein Alter sitzt warm, und er wird Euch nicht höflich empfangen, wenn Ihr ihn hinterm Schoppen stört mit einer bösen Zeitung.« Innocenz hatte sich derweilen erhoben und war ans Bett getreten, um mit einem Blicke Abschied zu nehmen von einem vernünftigen Kinde, das im Begriffe war, das Klügste zu tun, was es tun konnte, nämlich Ade zu sagen einer solchen Welt und solchen Menschen, deren Geist an einer Kette lag, schwerer als die, mit der man die Maulesel an die Krippe bindet. Mißmutig und müde gelangte der Arzt im ›Roten Ochsen‹ an, und seine Laune wurde nicht besser, als er den Bauer aus dem goldenen Grund beim Kartenspiel mit dem Knochenfranzel hinterm Tische fand. Jetzt war's ihm doch, als ob er diesem Stier von einem Vater mit einer Stahlfeile die Hörner raspeln müsse, und ohne Umschweife sagte er trocken: »Hintersteiner, wenn Ihr Euer Kind noch einmal lebend sehen wollt, dann tut Ihr gut daran, mit Eueren Trümpfen nicht mehr zu stechen, sondern heim zu fahren, so schnell die Pferde laufen können,« und Innocenz reichte dem Manne das Rezept. Da wurde es dem kühlen Bauer doch ein wenig schwül. Er ließ die Karten fallen, sprang auf und trieb an allen Menschen, daß sie ihm helfen möchten, nach Hause zu kommen. Der Knochenfranzel sollte in die Apotheke laufen. Der Wirt in den Stall. Er selber zwängte die Arme in die Ärmel eines Überziehers. Als sie glücklich drin waren, merkte der Gast, daß er den Rock des Wirtes am Leibe habe, und schlenkerte mit den Armen, bis seine Hände durch die Luft fuhren, wie ein Karpfen an der Angel. Dann stürzte er nach der Tür und warf sie hinter sich ins Schloß. Als er im Gange weiter wollte, waren seine Rockschöße eingeklemmt, und er mußte sich rückwärts wenden, um die Tür zu öffnen. Durch den Spalt sah er den Doktor und nun fiel ihm ein, daß er habe fragen wollen, ob das Kind auch alles essen dürfe. Der Doktor bejahte, und der Hintersteiner gab der Ochsenwirtin den Auftrag, zwei Schwartenmagen und einen Kalbsschlegel im Wagensitz unterzubringen. Dann riß er seine Pelzkappe von der Wand und verschwand nach dem Hofe zu. Innocenz war allein – und doch nicht allein. Außer ihm war noch ein Wurm da, der an seinem Herzen nagte. Hatte er alles getan, was möglich war, um das Schicksal zu wenden? Hätte er nicht vielleicht dennoch den Erfolg mit der Schneide des Messers suchen sollen? Aber wie konnte er dies, wenn Unverstand und Aberglauben ihm die Hände banden! Ja, diese beiden, die waren's, mit denen er zu kämpfen haben würde, die waren's, die am Ende seinen Willen lahmlegen und aus ihm einen Troddel machen konnten, wie es deren viele gibt, die nichts mehr mit Energie betreiben als Essen und Trinken. Der junge Anfänger fühlte eine drückende Schwere auf der Brust, die ihm den Atem nahm, und er war froh, als nach einer Weile der Knochenfranzel ins Zimmer gehinkt kam und meldete: »Schon ist er überm Bildstock draußen, er fährt wie der Satan und kann jetzt schon beim schwarzen Herrgott sein über der Hasenklamm. Das Arzneiglas hat er in die hintere Rocktasche gesteckt, setzt er sich ungeschickt, so kriegt er die Scherben ins dicke Fleisch, wenn nicht, so kriegt vielleicht von dem braunen Trank sein Kind noch etwas auf die Zunge. Was von beiden das Bessere wäre, wird die Autopsie lehren.« Das fremde Wort war stark betont und mit gewichtiger Miene herausgehoben. Auch der Wirt kam wieder und brachte den Schmied-Jakobel mit, der beim Einspannen geholfen hatte. Der Hintersteiner hatte ihn gebeten, einstweilen seine Karte weiter zu spielen. »Wenn die Sache gut abläuft,« hatte er gesagt, »so bin ich bald zurück, und wir teilen den Gewinn.« Über Mischen und Kartengeben, über Spitz und Spartil war bald der Hintersteiner vergessen mit samt dem sterbenden Kinde, selbst von Innocenz Lorum, der seinen Stuhl so gerückt hatte, daß er dem Knochenfranzel in die Karten sehen konnte. Mit dem nichtigen Ausrechnen der Gewinn- und Verlustziffern wischte er wie mit einem Staubtuch den Trübsinn von seiner Seele, und während der stillen Beobachtung der Spieler begann eine heitere Sorglosigkeit in seinem Gemüte sich ihr Nest zu bauen, und wie Finkenschlag lockte ihr Lied zu frohem Lebensgenuß. Da ging die Türe auf und der Hintersteiner stand wieder im Zimmer. Sein Gesicht hatte sich seit anderthalb Stunden ein wenig verändert. Von den Nasenflügeln hingen über die beiden Mundwinkeln herüber zwei klägliche Ausrufezeichen, während über den Augenbrauen einige kummervolle Gedankenstriche lagen. Beide Dinge aber waren wie mit dünner Wasserfarbe aufgetragen und man hatte den Eindruck, daß es nur weniger Feuchtigkeit bedürfe, um sie wegzuwischen. Der Bauer goß diese aus einem Schoppenglase rasch in sich hinein und war im Handumdrehen ein anderer. Die Trauer war fort und ein frecher Mut, mit irgendeinem Menschen anzubinden, sprühte aus seinen Augen. Man sah, er hatte Steine in der Tasche und er suchte nach einem Hund, auf den er sie werfen könne. Da tat ihm der Schmied-Jakobel den Gefallen und redete ihn an: »Schon so schnell zurück, Hintersteiner, dann steht es gut mit dem kranken Kinde.« »Es steht nicht, es liegt und steht auch nimmer auf. Mein Kind zertritt keine Sohlen mehr, wennschon es seinen letzten Weg in seinen Sonntagsstiefeln machen soll. Wir geben ihm sein Bestes mit an Kleidern. Was hätte das Zeugs für uns für einen Wert?« Innocenz hatte der Rede des Bauern zugehört und fragte voller Mitleid: »So habt Ihr gar Euer Kind nicht mehr am Leben getroffen?« »Das schon, aber vielleicht hätte ich es nie erlebt, es tot zu sehen, wenn ich ihm Eure Arzenei nicht gegeben hätte. Ein Löffel voll und hin war's.« » Moritus est ,« warf der Knochenfranzel mit aufgeblasenen Backen gelehrt dazwischen. »Nichts moritus ,« erboste sich der Bauer, »gestorben ist's und an der Arzenei, behaupt' ich. Die Brühe hinunter und der Atem war weg. Da liegt doch der Zusammenhang klar auf der Hand. Da braucht man kein Professor zu sein, um das einzusehen, und kein Latein braucht's, um die Molke von dem Käs zu scheiden.« » Contra vim mortis ,« brummelte der Knochenfranzel und erreichte seinen Zweck, den Hintersteiner mit lateinischen Sprüchen in die Wut hineinzureden, nur zu gut. »Wirf deine Brocken vor die Hühner, daß sie Eier legen. Wenn du aber denkst, daß sie einem ehrlichen Menschen den Kopf verdrehen könnten, so bist du auf dem Holzweg. Was ich denke, sag' ich heraus und ich sag: die Teufelsbrüh hat mein Kind auf die Streu gelegt! So sag ich, der Hintersteiner. Wen's beißt, der mag sich kratzen.« Lorum hatte, während der Schlammvulkan des Bauern überkochte, schweigend das Lokal verlassen und war einsam in die Nacht hinausgeschritten. Als der Doktor weg war, nahm der Strom der Rede mit munterm Plätschern eine seitliche Richtung. »Hintersteiner,« ergriff der Franzel das Wort, »die Hauptfach' ist, daß doch jetzt die Krankheit lateinisch auf den Totenschein kommt; seid gescheit. Ihr habt noch mehr Kinder und ein gesundes Weib. Wo Holz gemacht wird, gibt's Späne. Seid Ihr der erste, dem man einen Sarg ins Haus bringt?« Da beruhigte sich der Alte, und als der Knochenfranzel sich erbot, die nötigen Gänge beim Pfarrer und Leichenbeschauer für ihn zu verlaufen, da war er so weit getröstet, daß er sich an den freigewordenen Platz setzen und die Karten wieder aufnehmen konnte. – Innocenz war derweilen im Schnee seiner Wohnung zugeschritten. Vor ihm her schwankte von einer Laterne ausgehend ein lichter Kreis über das weiße Bahrtuch hin. In der blendenden Helle baumelten wie Glocken auf dem Stuhle zwei Weiberröcke mit plumpen Bewegungen hin und her. »Hast du den Teig schon eingesäuert?« sagte eine flüsternde Stimme, »nimm nicht zu wenig Mehl. Wer vom Hofe Hinterstein seinen ersten oder letzten Gang ins Dorf macht, pflegt nicht allein zu kommen. Halb Birkenried und der goldene Grund wird übermorgen auf den Beinen sein.« »Laß mich nur sorgen,« hallte es da entgegen, »an Mehl und Milch da fehlt es nicht, aber die Butter zu den weißen Stullen ist etwas knapp.« »Mach's wie ich,« sagte die erste Stimme. »Ich stelle die Butter unter die Backmulde, was dann hinauftropft, das sollen sie haben, die Fresser. Daß doch außer dem neuen Doktor auch noch die Pest über diese Nimmersatte käme! Sie verlangen viel und zahlen wenig. Keiner im Dorf hat eine Freude an ihnen ausgenommen die Schulbuben, denen sie mit ihrem Leichenzug die Rodelbahn treten.« Jetzt hörte man ein verdrücktes Lachen, das durch ein heiseres Husten abgelöst wurde, dann ging die Türe zur Backstube auf, und ein breiter Lichtstrom flutete über die Straße bis ans gegenüberliegende Scheunentor. »Wetter für die Holzschuhmacher,« hörte Innocenz noch aus der Stube, dann klappte die Türe ins Schloß. Zu hören war nichts mehr, und er konnte ja auch genug haben, nachdem er wußte, daß man seine Gefährlichkeit so hoch einschätzte wie die der Pest. Indessen war er vor seinem Hause angekommen. Auf der Steinschwelle standen die gefrorenen Abdrücke mehrerer Stiefel. Das waren im Winter die Visitenkarten, die in Birkenried der Besucher zurückließ, im Sommer taten's einige Kilo Ackererde. Leute waren also dagewesen. Was konnten sie wohl gewollt haben? Dem Arzte war es gleichgültig. Für heute hatte er in seinem Berufe genug gearbeitet. Trotzdem sah er neugierig zum Fenster empor, es war dunkel. Wer zum Teufel hätte auch Licht machen sollen? Er hatte keinen Vater, keine Mutter, niemand, der in seiner Abwesenheit sein Heim besorgte. Das war's ja, weshalb alles bei ihm so kahl war, so fremd, so unheimlich, so nüchtern wie eine protestantische Kirche. Innocenz hatte zur Dekoration seiner Wände Postkarten in die Stuben genagelt, aber sie waren damit noch keine vatikanischen Gemächer geworden. Um die Armseligkeit kleiner Landschaften gähnte eine kalkige Leere, wie die Sandwüste der Sahara um eine winzige Oase. Der junge Mann schauerte zusammen. Dann erst recht, als ihm das Gedenken kam an seinen kalten Ofen und an sein Bett, in dem er wie eine Fastenbrezel liegen mußte, um warm zu werden. Nein, es war ausgemacht, in diese bellende Leere hinein brachte ihn vorerst noch kein Teufel. Da mußte es doch in dem Dorfe noch etwas anderes geben. Er müßte sich nur einmal besinnen. Und siehe, es stahl sich heimlich ein liebes Bild in seine Seele, das Bild von Käthchen Sommertag, die ihm jetzt so nahe wohnte und doch – wie ihm dünkte – ferner als je. Vieles und Schmutziges hatte sich zwischen ihn und das Mädchen gedrängt, aber sie konnten sich wieder näher kommen, wenn er erst eine gesicherte Position hatte. Doch da fehlte der Schlüssel ins Loch. Die Leute von Birkenried und aus dem goldenen Grunde ließen den lieben Herrgott walten, der war billiger als der Arzt. Wie's dann auch ging, sein Wille war geschehen. Innocenz fürchtete nicht ohne Grund, daß Birkenried der Ast nicht sei, der sein Nest tragen könne. Was sollte er da mit Käthchen Sommertag beginnen? Und doch gerade heute, gerade in diesem Augenblick zog es ihn mit tausend Stricken nach der Taubhausmühle hin. Ihm war's, als ob er wieder einmal einen Menschen sehen müsse und dort, nur dort einen finden könne. Vor der Mühle angekommen, sah er des Lichtes einladende Flamme durch die Ritzen der Läden gucken und bemerkte einen blauen Dunst, der wie Armekinderseelchen mit schwachem Leuchten zum Sternenhimmel hinaufflog. Warum mußte Innocenz an arme Kinderseelchen denken? Saß das Tote des Hintersteiners so tief in seiner Seele? Hatte er sich Vorwürfe zu machen? Ach nein, er hätte mit ihm zusammen vor Gottes Richterstuhl treten können. Und doch, und doch, der Fall hätte anders enden können, wenn manches anders lag. Ob sich wohl mit Käthchen Sommertag über so was reden ließe? Er wollte es versuchen. Also voran. In den Hausgang getreten, stolperte Innocenz über irgend etwas. Er bückte sich und fühlte auf dem Boden den steifgefrorenen Körper eines Hasen. Jäger waren da. O weh, das war nicht nach seinem Sinn. Nun mußte er sich mit anderen Gästen in das Lächeln des guten Käthchens teilen. Doch er öffnete die Tür und trat ein. Beim Ofen schlief der Pankraz Überdies, den Kopf auf einen toten Hasen gebettet. Am seine Füße lag ein Rudel müder Jagdhunde, die mit knappernden Zähnen das Eis zwischen ihren Zehen herausfraßen. Rechts, an einem runden Tisch, saß eine Anzahl Gäste in Gamaschen über den plumpen Schuhen, Lodenjacken mit Quetschfalten am Rücken und auf dem Kopfe Hubertusmützen von hohen Reiherfedern überragt. Alle diese Hasennimrode hörten mitten im Lügen auf, als der junge Arzt ins Zimmer trat, warfen lauernde Blicke über ihre Schultern und steckten dann die Köpfe mit den Reiherfedern zusammen. Innocenz grüßte und ging, vorsichtig den Hundebeinen ausweichend, einem leeren Tische zu. Ehe er diesen noch erreicht hatte, kam Käthchen Sommertag ihm entgegen, neigte ein wenig das Haupt dem wogenden Busen zu, bot ihrem Gaste die weichen Finger und zog ihn an dem Schenktisch vorüber nach der Tür eines anstoßenden Zimmers. Dort glühte mit verschämten Backen ein kleiner Ofen, baumelte von der Decke nieder die Lampe, und war ein kleiner Tisch gedeckt, als ob er in guter Livree jemanden erwartet habe. Käthchen rückte ihrem Gast einen Stuhl zurecht, breitete einen selbstgefertigten Teppich vor seinen Füßen aus und stand nun da die Arme vor der Schürze gekreuzt, als ob sie hätte sagen wollen: ›Rede, Herr, dein Diener hört.‹ Aber Innocenz kam nicht zum Reden, obwohl ihm das Herz zum Brechen voll war, viel eher hätte er weinen mögen. Weinen an diesem weichen Busen und sein Gesicht verstecken in der Nähe eines Herzens, von dem er annehmen mußte, daß es ihm gut sei. War da wohl ein Versteck, in das man sich flüchten konnte, wenn hinter einem die wütende Meute brüllte? Gab es da eine befreiende Antwort auf manchen Zweifel, der einen quälte? Innocenz glaubte es fast und doch auch wieder nicht. Aber er fühlte einen schimmernden Stern über sich leuchten, und sein Sinn wurde ruhiger und wollte sich weit öffnen, wie die Lotosblume ihren Kelch erschließt, als draußen ein Glas klirrend in Scherben flog und ein erbärmliches Geschrei der Hunde den Raum füllte. Das träumende Käthchen fuhr zusammen, als ob der Blitz vor ihr in die Erde geschlagen hätte. Innocenz aber schnellte in die Höhe und riß einen Stuhl vom Boden auf. Wie ein Peitschenknall war es ihm durch's Gehirn gefahren: ›Der Wurf hat nicht den jammernden Hunden gegolten, sondern dir.‹ Hatte er doch unter den Hubertusmützen das Gesicht des Balduin Hebenstreit erkannt und den haßerfüllten Blick abgefangen, den dieser nach ihm schickte. Nicht gewohnt einer Provokation auszuweichen, drängte Innocenz nach der Türe. Aber Käthchen, flinker als er, hatte bereits abgeschlossen und den Schlüssel in ihrem Mieder geborgen. Der Arzt war gefangen und von weichen Armen umstrickt, die ihn rückwärts schoben, in die Tiefe des Zimmers hinein. »Sie haben nichts zu tun mit diesen Leuten. Was hier geschehen muß, besorgen Hände, die nicht schwärzer werden als sie sind, auch wenn sie sich an einem rußigen Kessel reiben.« Und in der Tat hörte man durch die verschlossene Tür, daß draußen kräftige Fäuste an der Arbeit waren. Der Schläfer auf der Hasenleiche hatte eine Glasscherbe ins Ohr bekommen, und obwohl er wußte, daß er nicht der Eber war, nach dem man schoß, so sträubte er doch die Borsten. Wild fuhr er aus dem Lager empor, faßte den Balg der Hasenleiche überm Rücken und tat mit ihr zunächst einen Schlag nach der Hängelampe. Das Licht erlosch, und in tausend Splittern hagelten Glasscherben hernieder untermischt mit Hasenkrallen, die, wo sie auch auf Menschenleiber niederfuhren, kleine Blutgeschwülste in der Form von Erdbeeren aus der Haut lockten. »Pankraz!« rief eine verzweifelte Stimme aus dem Dunkel, »keiner von uns will was von dir.« »Ich aber von Euch!« schrie der Bursche, »hab' ich Euch durch zehn Stunden den Treiber gemacht, damit Ihr mich mit Glasscherben ausbezahlt? Hasenhenker, die Ihr seid, ich will Euch Respekt vor meinen Knochen beibringen.« Und wieder fuhr Meister Lampe wie ein Schmiedehammer geschäftig auf und nieder. An den Wänden des Zimmers hin gab es ein großes Schieben. Jeder aber, der das Glück hatte, in die Nähe der Tür zu kommen, fühlte sich geborgen und hatte keine Lust, umzukehren. Schließlich war der Pankraz allein zwischen den vier Wänden. Da öffnete er das Ofentürchen und stellte seine nassen Füße in den warmen Schein des Holzfeuers, sein Gesäß vertraute er einem Stuhle an und seinen Kopf legte er wieder auf die Hasenleiche, die ihm jetzt kommoder vorkam als vorher. So saß er voll Seelenruhe und döste, als die Tür des Nebenzimmers aufging, und Käthe und Innocenz heraustraten. Da fuhr ihm ein Gedanke durch den Kopf. Er schlüpfte eilig in den Pelzrock des Doktors hinein, der am Nagel hing, und war verschwunden. Käthchen suchte Licht zu machen. Während sie sich bemühte, ein Streichholz zu entzünden, war es ihr, als ob eine bärtige Lippe den Versuch wagte, sie zu küssen. Erschrocken fuhr sie mit der Hand vor der Nase herunter. Da hatte sie den Verwegenen. Es war ein Bündel Hasenhaare, das sich von der Anziehungskraft der Mutter Erde nicht hatte imponieren lassen und auf eigene Rechnung und Gefahr eine Reise durch das Zimmer machte. Innocenz war mit dem Fuß in eine Lodenmütze hineingetreten und schleppte diese mit wie einen Pirmasenser Pantoffel. Stühle mußten überstiegen oder an ihren Platz gebracht werden, kurzum mancherlei war zu ordnen, bevor Innocenz Anstalten machen konnte, sich zu entfernen. Als er endlich so weit war, ging die Tür auf, und der Notabeneoja erschien großartig wie eine geborene Exzellenz in des Doktors Pelzmantel auf der Schwelle. Käthchen Sommertag errötete verlegen. Der Arzt aber fuhr den Pankraz an: »Was fällt dir ein, wozu die Mummerei? Wenn du irgendeinen Schelmenstreich auszuführen hast, dann tu's in deinen Häuten und nicht in meinen.« Pankraz erwiderte nichts, sondern hängte den Mantel über des Doktors Schulter, setzte sich, legte den Kopf auf die Hasenleiche und versuchte zu schlafen. Käthchen Sommertag begleitete ihren Gast, wie schicklich, bis zur Tür, ja, um es recht zu sagen, trotz der Kälte bis auf den Hausgang und nahm von ihm zögernd einen ziemlich umständlichen Abschied. Als sie wieder ins Zimmer kam, hob Pankraz ein wenig den Kopf und sah das Mädchen mit zwinkernden Augen betrübt an. »Käthchen,« sagte er zutraulich, »einen Dummen wie den kriegst du noch alle Tage, aber du mußt keinen dummen Kerl heiraten; das Sitzfleisch deiner Buben, wenn sie erst einmal in die Schule gehn, wird dir für diese Schwachheit wenig Dank wissen.« »Ach Pankraz, guter Pankraz,« sagte Käthchen weich, »ich verstehe dich. Du dachtest gewiß, aus dem Astloch eines Scheuertores könnte ein Flintenlauf gucken und auf ihn warten, und da hast du – und da bist du – und hast dein eigenes Leben nicht geschont. O du, du Guter! Wenn die Leute einmal wissen, wer du bist, werden sie dein Bild über die Haustür stellen und des Nachts eine Lampe davor brennen.« »Ja, oder sie füllen mich in einen Hammeldarm und verzehren mich als Samstagskost zu sauren Linsen. Ich möchte nicht in einen Hammeldarm. Schon lieber in einen Kachelofen oder neben ihn,« entgegnete Pankraz mit schnatternder Stimme. »Das soll dir gerne werden,« sagte Käthchen Sommertag, holte einen Teppich und bereitete ihrem Gaste eine Ruhestätte auf der Ofenbank. Da lag und schlief er, der Mann mit dem großen Herzen, die Füße in nassen Schuhen und den Kopf auf der Hasenleiche, die heute sein Verdienst und seine Waffe war und nun sein Kopfkissen wurde. Zehntes Kapitel Längst war die Rodelbahn, die der Leichenkondukt des Hintersteiner Kindes für die glückliche Schuljugend getreten hatte, zu Wasser geworden. Der Krokus hatte auf dem Kindergrabe verblüht, der Jasmin über dem modernden Gebein seinen Duft verstreut und prangend in weißen Sträußen blähte sich die Herbstaster auf dem kleinen Hügel. Man hatte das Kind vernachlässigt und pflegte nun sein Grab. O über die Verlogenheit der Leichensteine! Als man das Tote da eingescharrt hatte, da schien es fast, als ob des jungen Arztes noch knospenzartes Renommee mit ihm vermodern solle. Beim Leichenschmaus in den verschiedenen Wirtshäusern schlich der Knochenfranzel herum, flüsterte dem und jenem geheimnisvoll ins Ohr, hob geringschätzig die Achsel und ließ sie wieder fallen, sprach von überstudierten, die vor Bäumen den Wald nicht sähen und einen Hund von einem Kalbe nicht unterscheiden könnten. Sogar den weisen Jesu Sirach wußte er geschickt zu verwenden: »Das Volk, welches sündigt, fällt in die Hände der Ärzte!« zitierte er fromm. Fraß am einen Ende des Dorfes der Kurpfuscher wie ein Maikäfer an den Ruhmesblättern des Arztes, so nagte am andern der Hintersteiner mit Hamsterzähnen an der Wurzel des Lorbeerbäumchens. Eine Affenschande sei es, daß man sein Teuerstes Buben anvertrauen müsse, die noch kaum hinter den Ohren trocken. Ein Zipfel Wurst so lang wie ein Finger sei ihm lieber wie die ganze Brühe, in der die Ärzte gekocht würden. Der praktische Blick sei die Hauptsache. Da sei der Knochenfranzel, der mit Schröpfköpfen, Blutegeln und Klistierspritzen gehörig umzugehen wisse, besser als ein bebrillter Affe, der die Kranken mit lateinischen Brocken wie mit Häcksel füttere. Sein Kind, im Widerrist breit gestellt und mit einem Magen ausgerüstet, der Schuhnägel verdaue, hätte – dessen sei er sicher – den Kirchturm überlebt, wenn ihm nicht der unselige Knall und Fall mit einem Eßlöffel voll Arzenei das Licht ausgeblasen hätte. Gift freilich sei Gift, und wenn einer einen Dudelsack statt des Magens im Leibe habe, so fresse sich Gift eben doch durch das Schafleder. Am den Hintersteiner herum trieb sich der Hebenstreit und sein Anhang, und die warfen ab und zu das Stockholz einer unflätigen Bemerkung in die Scheiterhaufenglut. »Über meine Schwelle käme der nie.« »Dem gehört das Handwerk gelegt.« »Keinen Hund würde ich ihm anvertrauen, geschweige denn ein Kind.« Viele der Hörer ließen sich gegen den jungen Arzt einnehmen. Andere aber dachten vernünftiger, fühlten aus dem Gerede die Übertreibungen heraus und merkten, daß der Hintersteiner die Folgen seiner Saumseligkeit einem anderen in die Schuhe schieben wollte. »Tote kann er auch keine lebendig machen. Selbst David kam zu spät zum Baume, an dem Absalom hing,« sagten sie und nahmen sich nun erst recht vor, aufmerksam zu sein und den Arzt zu rufen, bevor man mit dem gleichen Gang auch den Sargtischler bestellen konnte. Man war gewarnt und wollte gelernt haben. So öffnete der gleiche Wind, der den einen Laden zuwehte, den andern. Innocenz wurde trotz aller Widersacher heimisch in dem goldenen Grund, und es kam sogar die Zeit, wo er daran denken mußte, die Leistung seiner Füße durch vier Pferdehufe zu erhöhen. Drei Meilen hinter Birkenried hielt man in halbjährigen Zwischenräumen einen Viehmarkt ab, auf dem sich den Vierfüßlern zuliebe viele Zweifüßler zusammenfanden. Der Arzt stellte eines Abends seinen Wecker auf eine frühe Morgenstunde und legte seine Kleider nach der Reihenfolge, wie er sie anzuziehen pflegte, die Hosen zu oberst auf dem Stuhle, vor sein Bett. So kam er ohne Spiegel, ja sogar ohne Licht mit der Toilette zurecht und wanderte durch das verschlafene Dorf, bevor es noch dem Hahn einfiel, die Kuhmagd zu wecken. Ein dichter Nebel füllte das Tal mit herbstlich kalten Schauern und hüllte Bäume und Sträucher in einen Domino von grauem Tüll. Der Waldweg war feucht und still, und nur ein gelegentliches Ächzen in den Zweigen, die nur ungern die feuchte Schwere des Rauhreifs trugen, verriet die Gegenwart weitgeästeter Fichtenstamme. Innocenz, der nicht einmal den Schall seiner Tritte hörte, hatte Muße, all sein Denken auf ein Idealpferd zu konzentrieren, das er für billig Geld zu finden hoffte. Er sah im stolz getragenen Berberkopf zwei feurige Augen, einen aalglatten Hals mit lustig wehender Mähne, einen weichen Rücken, sanft geschweift wie ein Zebrabug, und vier sehnige Beine, glatt wie die Ständer eines Rehes. Als er sich vorstellte, daß er auf diesem Wundertier säße, ergriff ihn die romantische Begeisterung eines Don Quixote. Große Taten sah er vor sich in den Lüften. Er fühlte den Wind um seine Ohren sausen und hörte, wie seine Schlüssel in der Tasche den Takt schlugen zum Galopp des edlen Renners. Ihm wurde es warm in seiner Haut, der Tatendrang verlangte Opfer, und ohne daß er es wollte, trat der begeisterte Innocenz mit seinen langen Beinen die Mauslöcher im Waldweg zu und köpfte mit seinem Ziegenhainer Disteln zu Tausenden. So brachte er ein gutes Stück des langen Weges hinter sich. Mit einem Male stand er vor den Leitern eines Bernerwägelchcns, sah zwei Pferde davor und einen Mann, der auf dem Rücken eines der Gäule stehend einen Wegweiser umarmte. »Warum so hoch hinaus, Landsmann?« rief Innocenz. »Wollt Ihr Euch aufhängen, so gibt es hier am Boden manchen Ast, der gefällig ist und Euch trägt.« Der Fuhrmann hielt den Wegweiser auch jetzt noch mit Innigkeit umschlungen und drehte nur den Kopf nach dem Fußgänger um. »Ach, gut's Herrle,« jammerte er mit kläglicher Stimme, »wenn Ihr mir sagen könntet, was mir der da vorenthält, so will ich gern von diesem Taugenichts zu Euch heruntersteigen und Euch zum Dank Platz machen auf meinem Ledersitz, falls Euer Weg der gleiche ist wie meiner.« »Ihr habt den Schweif Eurer Gäule mit einem Strohseil hinaufgebunden,« bemerkte Innocenz. »Ich schließe daraus, daß Ihr nach Langenneudorf wollt zum Pferdemarkt. Ist dem so, dann rutscht an dem Wegweiser herunter und dreht die Nasen Eurer Pferde nach links. Wenn Ihr ehrlich seid und nicht zu dick, dann hoffe ich, daß wir friedlich auf dem Ledersitz nebeneinander auskommen.« Das Bäuerlein glitt hernieder, stieg übers Reihbrett auf den Wagen und öffnete das Spannholz, um seinem Fahrgast den Aufstieg über die Weichsel so leicht wie möglich zu machen. Bald saßen die beiden nebeneinander und wärmten sich gegenseitig die Schenkel. »Ein unheimlicher Wald!« sagte nach einigem Schweigen das Bäuerlein. »Schon mehr wie ein Dutzendmal bin ich durch ihn gefahren, und doch narren mich zuweilen noch die Kreuzwege oder die Irrwische, die auf ihnen hausen. Ihr seht so aus, als ob Ihr an so was nicht glauben möchtet, und doch versichere ich Euch, vor einer Stunde erst ist Pferdegetrappel in der Luft an mir vorüber. Wenn das nicht der wilde Jäger war, dann kann es nur Löb Moschele gewesen sein mit einem Trupp Dänenhengsten aus Fränkisch-Krummbach. Was der auf den Markt bringt, das geht Euch ohne Flügel einen Meter überm Boden wie die Schwalben vorm Gewitter. Wenn ich ein rasches Reitpferd brauchte oder eins vor einen leichten Wagen, mir soll der Schweinestall einstürzen, wenn ich bei einem andern kaufen würde als bei ihm. Freilich Gäule mit dicken Knieen vor den Mistwagen oder in die Furche, die führt er nicht.« Innocenz wurde aufmerksam. Das Schicksal war höflich gegen ihn und wollte ihm einen Wink geben. Den durfte er nicht übersehen. »Könnt Ihr mir sagen, wo Löb Moschele einstellt?« fragte er interessiert. »Nicht, daß ich etwa kaufen wollte, aber ich sehe Pferde für mein Leben gern, und wenn der Stall neben einer guten Küche steht, so habe ich kommod beisammen, was ich brauche.« »Na, und ob!« lachte das Bäuerlein vergnügt, »der ›Blaue Stern‹ ist dafür bekannt, daß man dort das Maß der Würste am Vorderarm nimmt und nicht am Daumen, und wo der Oberförster von Untersensbach seinen Schoppen trinkt, dort muß die schwarze Katz' über den Spunden gelaufen sein. Ihr könnt von Glück sagen, daß Ihr gerade mich getroffen habt und keinen andern. Die Wirte sind das ganze Jahr am Einnehmen wie ein Spinnrad, an Markttagen werden sie gefräßig wie die Apfelmühlen, und wehe dem, der zwischen die Zähne ihrer Walzen kommt. Nur wer sich auskennt, schlägt sich billig durch.« Unter derlei Gesprächen hatte das Tagesgestirn den schwarzen Nebel mit einem lichten Grau durchschossen und Personen und Dinge um den Wagen herum wurden deutlicher und erkennbar. Da trieb ein krummer Knecht zwei magere Kühe vor sich her, während eine alte Frau eine widerspenstige Ziege an einem langen Stricke hinter sich herzerrte. Metzger gingen mit großen Schritten des Weges, und Hunde, denen die Zunge aus dem Maule hing, folgten ihnen schwerfällig mit schwappernden Bäuchen. Je näher man dem Marktflecken kam, um so größer wurde das Durcheinander von Menschen und Tieren, und schon hörte man ab und zu aus dem Haufen heraus Scheltworte und keifendes Geschrei solcher, die für ihre Füße oder Hüften keinen rechten Platz mehr fanden. Langsamer und langsamer wurde die Fahrt, und erst auf der Dorfstraße angelangt, gab es nicht selten Aufenthalt, bis ein paar Gerüststangen weggetragen oder ein stelzfüßiger Orgeldreher auf die Seite geschoben war. Im Hof zum »Blauen Stern« standen schon einige Wagen, die mit großen Zelttüchern überspannt waren, und Frauen mit Körben waren dabei, aus dem Innern irdene Teller herauszuschaffen, oder Holzwaren, wie man sie am Küchenherd gebraucht. In den Ständen des geräumigen Stalles waren Pferde vor den Raufen, fraßen und kümmerten sich wenig darum, wem sie gestern waren und wem sie morgen sein würden. Daß sie feil waren, das wußte ihr Hinterviertel besser als der Kopf, denn einzig nur ein kleines Strohseil in die Haare des Schweifes geflochten, verkündete der Welt diese betrübende Tatsache. Innocenz bückte sich an den einzelnen Ständen und musterte die Beine der vorhandenen Renner oberflächlich, kam aber trotzdem zur Überzeugung, daß der von ihm gesuchte Bucephalus aus thessalischer Zucht – wenn überhaupt geboren – in diesem Stalle nicht vorhanden sei. Doch es war noch zeitig am Tage. Bis man gefrühstückt hatte, konnte noch manches steigende und manches fällige Schlachtroß zur Stelle sein. So ging denn der junge Käufer in die Gaststube. Tassen standen bereit auf den Tischen und Stühle um die Tische. Noch aber saß niemand. Leute in blauen Kitteln, unter denen ein guter Rock handbreit herausguckte, hingen bessere Sonntagspeitschen an die Nägel, rieben sich die verklammten Finger und streckten mit der Flachhand ihre Hosen, die sich beim Fahren über den Knieen in Falten geworfen hatten. Zwischen diese steifleinerne Bauernbehäbigkeit herein schoß zuweilen die bewegliche Gestalt eines Juden, warf die spähenden Augen in alle Winkel und verschwand wieder, ohne daß man hätte sagen können wohin. Es war wie vor einer Schlacht. Noch donnern die Kanonen nicht, aber Ordonnanzen und Rekognoszierungsoffiziere fliegen über das offene Terrain hin. Bald kamen Makler, flüsterten diesem und jenem etwas ins Ohr, stürzten am Schenktisch einen Schnaps hinunter und waren fort. Nach und nach kam das schwere Geschütz der reichen Domänenpächter. Sie schnallten die Geldkatzen vom Leibe und reichten sie ohne einen Revers zu verlangen über die Einschenke hinüber der dicken Wirtin zum Aufbewahren. Groß war zu der Väter Zeiten das Vertrauen, das der Gasthalter genoß. Innocenz blieb vorläufig unbeachtet. Es mußten erst die großen Entscheidungen gefallen sein, bevor man an ihn kam. Er konnte seinen Kaffee trinken und er tat dies gemächlich im Sitzen, während andere im Stehen die Tasse zum Munde führten. Plötzlich schlug die erste Bombe ein. Löb Moschele war ins Vorzimmer getreten. Am ihn herum ein wildes Gedränge, ein Fragen und Antworten, ein Flüstern und Kreischen, dazu der Signaldienst der Peitschenstiele, das Reden der Hände und die Funkensprache wild blitzender Augen. Zuweilen ein Stürmen der Wogen über den Hof nach dem Stall, dann eine Rückkehr des Stromes in ebbenden Wellen. Hochrot werden die Gesichter um Löb Moschele, nur das seine bleibt blaß und kühl. Vorm Hause die Musik eines Dudelsackes, von der Schießbude herüber das Knallen der Windbüchsen. Zur Türe herein drängen fliegende Kaufleute. Der wirft eine unzerbrechliche Waschschüssel knallend auf die Erde, jener ruft Hosenträger aus, das Dutzend zu einer Mark. Wer reich werden will, verkauft sie wieder mit 300 Prozent Gewinn, wer sie behält, hat Hosenträger bis der Kuhschwanz aufhört zu baumeln. Derbe Hände schlagen ineinander, daß es knallt, als ob man einen Ast bricht. Ein Handel ist perfekt geworden. Hans Klimmer von Hasselhupf hat einen Viererzug gekauft. Die Geldkatze wandert aus dem Wandschrank. Blanke Taler rollen über den Tisch. Löb Moschele streicht ein und notiert. Knechte ziehen Pferde aus dem Stall und über den Hof. Man hört das Schlagen der Hufeisen auf dem Pflaster. Der und jener Bauer oder Pächter wird ruhiger und lauscht auf das Singen der Würste von der Küche her. Rotwein rollt dick und glucksend aus gebauchten Flaschen in die Gläser. Die Stunde rückt vor. Der Morgen macht dem Mittag Platz. Innocenz sah, wie's gemacht wurde, und mußte nun selber suchen, daß er fand, was er brauchte. Er ging auf die Straße, widerstand der Zudringlichkeit eines Photographen und den Lockungen einer angemalten Dirne, die ihm »die Geheimnisse von Paris, wie es wacht und schläft«, in einer Leinwandbude für einen Groschen offenbaren wollte und kam auf einen freien Platz, der von einem starken Holzgeländer umfriedet war. Der feuchte Lehmboden trug den Stempel unzähliger Hufeisen und glich dem zehnfach überschriebenen Laufzettel, der hinter einem verlorenen Wertbrief herläuft. Eine Gruppe von Pferden stand mitten im freien Gelände. Zuweilen wurde eines der Tiere an einem Strick aus der Menge herausgezerrt und sollte seine Gangart zeigen. Da war keines, das nicht das Haupt getragen hätte, wie der Streithengst des großen Alexanders, so krumm auch seine Beine waren, denn die Reitknechte ließen es an verstohlenen Faustschlägen unters Kinn nicht fehlen. Wenn aber die Tiere Ruhe hatten und ihre Peiniger nicht zu fürchten brauchten, dann standen sie da, als ob der Ritter von der traurigen Gestalt soeben von ihrem Rücken gefallen wäre. Die Leute, die um sie feilschten und handelten, schienen Milchhändler, Reitschulenbesitzer zu sein, oder Hausierer von Töpferwaren. Ein paar Männer, die in Stulpstiefeln dastanden und Reitpeitschen in der Hand trugen, lachten, machten kehrt und gingen scherzend nach dem Gittertore der Umzäunung. Innocenz folgte ihnen und wollte den Stall irgendeines Pferdehändlers aufsuchen. Er kam zwischen die Krämerbuden und lief da zufällig wider das Männlein, mit dem er am Morgen gefahren war. »Ihr seid noch immer am Suchen,« sagte der Kleine, »auch ich habe die Augen für Euch aufgemacht. 's ist wenig da, was Ihr brauchen könntet, und doch steht seit einer Stunde etwa ein Pferd im ›Blauen Stern‹, apart für Euch geschaffen. Wenn das zu verkaufen wäre – was ich bezweifle – Ihr wäret versorgt wie ein Säugling mit einer Amme aus dem Odenwald. Ein Tier, so fromm, daß es Milch gibt, wenn man's von ihm verlangt, und auf den Läufen gestellt wie ein Edelhirsch. Wer ein bißchen kurzatmig ist, wie ich, kann nicht mit solchem Pferde fahren, er erstickt, weil die Luft schon an ihm vorüber ist, bevor er sie noch einschnaufen kann. Wenn Ihr auch schwerlich zum Kaufen kommt, Ihr müßt mir zu dem Tier, mein lieber Herr, Ihr wäret sonst in Rom gewesen und hättet den heiligen Vater nicht gesehen,« und er nahm Innocenz am Ärmel und zog ihn eiligen Schrittes durch die Menge hinter sich her dem »Blauen Stern« entgegen. In der Stallgasse fuhren einige Stricke herum und die leeren Tüten von A. B. Reuters stinkendem Fuhrmannskanaster. Die meisten Stände waren leer. Hinten aber, im Halbdunkel einer Ecke, hörte man eine Stute lachen und eifrig mit den Vorderfüßen scharren. »Liesel!« rief das Männlein, und die Stute wieherte kräftiger auf. Innocenz sah ein isabellfarbenes Pferd vor sich, das im silberbeschlagenen Chaisengeschirr stand und keinerlei Abzeichen trug, daß es verkäuflich sei. Das Männlein war in den Stand getreten, fuhr dem Tier über den Rücken und sagte kosend: »Schade, daß man ihm von Zeit zu Zeit die Wolle nehmen muß. Ungeschoren schimmert er wie ein geblümtes Wachstuch. Im Spiegel seines Hinterviertels kann sich einer rasieren, dessen Bart schon über drei Wochen steht. Leicht warm wird er, das ist aber auch das einzige, was einer an ihm aussetzen möchte.« »Was hab' ich von all den Vorzügen,« unterbrach Innocenz den Lobredner, »wenn das Tier nicht feil ist?« »Wer weiß!« lächelte das Männlein. »Löb Moschele hat oft sonderbare Mucken. Er kann's nicht leiden, daß das Tier musikalisch ist, die Kette ins Maul nimmt und sie an der Krippe klingen läßt. Und dann ist er eben ein Jude, dem schließlich alles feil ist. Man dürfe ihm eben nur nicht zu knapp bieten.« Innocenz ließ das Roß von der Reife lösen und im Freien auf- und abführen. Über Pferde und die Halbinsel Yukatan konnte man dem guten Doktor vieles erzählen, ohne daß er merkte, wie man ihn betrog, und das ehrliche Gerede hatte ihn gefangen. So saß er denn bald mit dem Männlein zusammen in der Wirtsstube neben dem Juden, der eine Tasse Kaffee kalt werden ließ, derweilen er in eine Zeitung guckte. Sein Tagewerk war beendet und er sah strahlend aus wie ein Hofbauer, der sein Heu kurz vor dem Regen in die Scheune gebracht hat. »Alles verkauft, Moschele?« redete das Männlein den Handelsmann an. Dieser fuhr wie aus einem Traume empor und sagte: »Bis auf das letzte Pferdeohr!« »Ihr übertreibt,« entgegnete der Kleine, »draußen stehen noch vier Beine, die Euer sind.« »Oder meiner Frau! Wie sollte ich ohne diese Ständer nach Hause kommen und wie meine Augen hüten, wenn ich ohne sie käme? Hat es seit den Tagen der Makkabäer in Israel ein Pferd gegeben, das diesem gleich ist? Verkauft man ein Juwel, einen Talisman, der Glück bringt über ganze Geschlechter?« »Wenn man dafür kriegt, was er wert ist,« wendete das Männlein ein und klopfte zutraulich auf die Hosentasche des Doktors, »dann schon. Euer Beruf ist der eines Händlers. Was Euch durch die Vordertür aus dem Hof geführt wird, geht durch die Hintertür wieder herein. Euer Stall ist kein Pfründnerhaus, in dem man stirbt. Des Kaufmanns Gut ist dem, der es bezahlen kann!« »Bezahlen kann!« wiederholte Löb Moschele und musterte den Arzt durch runde Brillengläser, bevor er fortfuhr: »Wäre ich zwanzig Jahre jünger, dies Pferd wäre mir nur als Leiche aus dem Stall gekommen. Aber nun! Löb Moschele sieht die Tage Noahs nicht, und wie lange noch und er ruht im Schoße Abrahams. Kann er da auf einem Gaul herumreiten und dem Erzvater mit Hufeisen die Kniee verschinden? Herr Doktor, trotz der Gefahr, daß mich meine Frau vor die Türe wirft, der Gaul ist Ihnen um den Spottpreis von tausend Mark, vor allem, weil ich's Ihnen ansehe, er kommt in einen guten, in einen sehr guten Stall. Ihr seid ein Pferdefreund. Euere Augen verraten Euch. Nehmt ihn hin und nehmt noch den Sattel draußen mit, es ist der gleiche, auf dem Mac Mahon gesessen hat in der Schlacht von Magenta. Bis noch zwanzig Jahre ins Land gegangen sind, ist er für jedes Museum zwanzigtausend Mark wert, und dann werdet Ihr, während die Knochen von Löb Moschele faulen, den heutigen Tag segnen!« Wieviele Worte derart noch gefallen sind, ist schwer zu bestimmen. Tatsache ist, daß Innocenz Lorum nach einer Stunde etwa durch das Marktgewühl kam, ohne daß ihm jemand auf die Hühneraugen getreten hätte. Sein linkes Hosenbein allerdings trug den Anstrich der Gewerbebank mit sich und sein rechtes das Blut von einer Hammelkeule, die vor einem Metzgerladen baumelte. Ein Dudelsack, der zwischen den zwei respektablen Gebäuden schluchzte, hatte den Renner zum Scheuen gebracht, und es fehlte nur wenig, und der Nachfolger Mac Mahons wäre gleichfalls aus dem Sattel gerutscht. Vorm Marktflecken wurde die Gangart des edlen Tieres eine würdigere, und auf dem moosigen Waldwege gar war es für Innocenz ein königliches Hochgefühl, sich auf dem weichen Wiegen einer solchen vierbeinigen, wellengetragenen Gondel schaukeln zu können. Als sie aber die Stelle erreichten, wo in der Morgenfrühe die Begegnung mit dem Fuhrmann stattgefunden hatte, da hatte Innocenz außer den Sporen schon bereits die zwingende Beredsamkeit der Reitpeitsche nötig, um den Bock in einer erträglichen Gangart zu erhalten. Von Viertelstunde zu Viertelstunde wurden nun die Hinterbeine schleppender, die Vorderbeine stolpernder. Mehr wie ein halbes Dutzendmal hing der Reiter auf dem Halse des Tieres und beäugte durch dessen Ohren hindurch die Beschaffenheit des Chausseegrabens, der ihn voraussichtlich aufnehmen würde. Oft hatte der Held unserer Geschichte den Gedanken, abzusteigen und das Rößlein am Zügel hinter sich nachzuziehen. Doch er kam zu keinem Entschluß, schob die Unbeweglichkeit der Schindmähre auf Heimweh oder Trennungsschmerz und blieb sitzen. So kam er zum Walde hinaus und sah vor sich im Abendrot leise erglühend den Holderhof des Balduin Hebenstreit. Nun stellte sich Innocenz in den Bügeln auf und riß dem Pferde den Kopf in die Höhe, damit es nicht den Boden küssen möge, der seinem Herrn so verhaßt war. Stolz wollte der Reiter aussehen und ungebeugt, wenn er an den Fenstern vorüberritt, hinter deren Vorhängen sicherlich neidische Augen auf sein Erscheinen warteten. Man mußte ja um sein Vorhaben wissen. Denn wer kann in einem Dorfe etwas ersinnen oder träumen, das nicht alsbald Gemeingut aller wäre? Merkwürdigerweise schien sogar das Pferd in diesem Augenblicke die Gedanken seines Herrn erraten zu haben. Es hielt sich strammer, schlug mit dem Schweif die Lenden, blies die Nüstern auf und wieherte verlangend in die Abendluft hinaus. Da wurde Innocenz seines Kaufes, der ihm zu verleiden anfing, noch einmal froh. Doch was war denn das? Hatte denn dies Individuum die schlechten Eigenschaften der ganzen Spezies geerbt und nicht eine gute? Wurde es jetzt nicht auch noch köppisch? Doch, und wie sein Herr auch reißen und an den Zügeln zerren mochte, es lief mit Innocenz auf dem Rücken schnurgerade in den Hof des Balduin Hebenstreit hinein. Niemand war zu sehen, und doch schlug ein lautes Lachen hinter dem Rücken der beiden Eindringlinge auf. Innocenz war schier vernichtet davon. Der Gaul aber blieb von allem Spott unberührt. Eilig, wenn auch steif, lief er der Scheuertür zu, die halb offen stand. Innocenz kam vor die Tenne, und ob er wollte oder nicht, er mußte sehen, wer da stand. Das Bäuerlein war's, das heute morgen am Wegweiser gehangen und das so gefällig die Kaufgelegenheit vermittelt hatte. Etwas hatte sich der Knirps freilich verändert in Zeit von wenigen Stunden. Sein Sonntagsanzug war fort und er stak in einem verflickten Arbeitskittel. Aus seinem Gesicht war alle demütige Unterwürfigkeit geschwunden und ein grober Zug von Frechheit lag breit und patzig darin. Während er mit einem frommen Brotmesser eifrig an einem Rechenstiel polierte, höhnte er dem Arzt unverschämt ins Gesicht. »Gottes Wunder, daß Ihr schon da seid! Da kann doch einer sehen, was eine Flasche Champagner, der ältesten Schindmähre aufs Zungenleder gegossen, für eine Wirkung macht! Seht, so wahr ich lebe, ich dachte das Schandvieh in Birkenried nicht eher wiederzusehen, bis ihm Moos auf dem Buckel gewachsen wäre, und nun habt Ihr es zurückgebracht in wenig mehr Zeit als einer braucht, der von Langenneudorf hierher auf dem Bauche rutscht. Seid guter Laune, der landwirtschaftliche Bezirksverein wird Euch eine Prämie auswerfen! Ihr seid ein gemachter Mann und könnt auch den Hutmacher reich machen. Das Viehch hat Euch Wolle wie ein Fettschwanzhammel. Nach einem halben Jahre steigt Euer Roß den Leuten als Zylinderhut auf die Köpfe. Wie gesagt, man muß Euch gratulieren!« Jetzt riß dem guten Doktor der Faden der Geduld und er ließ die Reitpeitsche über dem Kopfe des Lästermaules pfeifen. Da sprang der Knirps auf die Seite und schrie: »Oho, so seid Ihr Herren! Mit dem armen Manne glaubt Ihr machen zu können, was Ihr wollt. Paßt auf! Eine Hummel, die weiß, wohin sie stechen soll, kann einem Ochsen gefährlich werden.« Und er langte nach einer Heugabel, die auf der Tenne in einem Haufen Futter stak. Indessen hatte Innocenz den Klepper gewendet, und seine Rippen mit den Schenkeln pressend, wie die Waschklammer das Seil, hatte er ihn zum Tore hinausgesteuert. Hinter sich hörte er das gleiche schadenfrohe Lachen, das ihn beim Einreiten in den Hof empfangen hatte, und war davon nicht eben sonderlich gekränkt, denn die Empörung über das freche Knechtlein ließ kein anderes Gefühl in seinem Herzen aufkommen. Wie war er, das Stadtkind, doch so übel beraten, als er die Harmlosigkeit auf dem Lande suchte. Da hatte er nun einen kennen gelernt von jenen Einfältigen im Geiste, denen die Schrift die Seligkeit verheißt, und es war ihm bekommen, als ob er sich auf eine Schlange gesetzt hätte. Nein, lieber wollte er künftig einem Löwen in den offenen Rachen laufen, als eine Wanze unter seiner Weste beherbergen. Unter solchen Gedanken war er an einen Pfad gekommen, der über die Wiese ins Herz des Dorfes führte. Weidenbüsche säumten ihn ein und schützten, was auf ihm wanderte, vor neugierigen Blicken. So war er der Kanal, durch den manches ins Dorf floß, was das Auge der Öffentlichkeit scheuen mußte, gestohlene Kartoffeln und gewilderte Rehböcke. Innocenz hatte seinen Klepper ehrlich erstanden und doch schmuggelte er ihn in die Gemeinde auf dem Wege der Diebe. Wer von uns allen würde nicht einen weiten Umweg machen, um dem Fluch der Lächerlichkeit auszuweichen, der unsere Eitelkeit mit Skorpionen peitscht? Und doch, dem jungen Arzte half seine Vorsicht nicht viel. Es war geschehen. Der Bauer hatte den Doktor hinters Licht geführt. Am gleichen Abend noch wieherten es die Menschen, bellten es die Hähne und krähten es die Hunde. Eine ungeheuere Heiterkeit brach los. Ein Sieg von genereller Bedeutung war errungen worden. Bauernschlauheit hatte den zünftigen Gelehrtenwitz geschlagen. Hatten da nicht alle Grund, sich zu freuen und zu lachen? Und sie taten's. Einzig Käthchen Sommertag zerdrückte beim Schlafengehen eine gallige Träne bitteren Ärgers. Elftes Kapitel Als der Notabeneoja am nächsten Morgen zum ersten Male seines hohen Amtes waltete und das Doktorpferd putzte, war er nicht in der besten Laune. Es ärgerte ihn, daß der Pferdemetzger ihn im Morgengrauen angeredet und sich für den Bedarfsfall empfohlen hatte. Auch aus der Schmiede waren ihm einige Worte nachgerufen worden, die er wohl heruntergeschluckt hatte, die aber immer wieder hochkamen wie Monatsrettiche. »Vergeßt die Eisen nicht abzumachen,« hatte der besorgte Schmied-Jakobele gemahnt, »es wäre schade, wenn er wie ein Gehenkter in den Schuhen begraben würde.« Der Pankraz war für seine Person hart geworden gegen alles, was das Dorf redete und die Umgegend, aber er besaß für den Ruf seines Herrn weiche Stellen in seinem Gemüt, die unter den Nadelstichen des Spottes schmerzlich zuckten und aufschrien. Lässig in der Verteidigung seiner eigenen Rechte wäre er für andere, die er schätzte, mit einem Bratspieß gegen den Teufel losgegangen. Es war ganz klar, der Doktor hatte sich unsterblich blamiert. Die Leute, die nun seinen Pferdeverstand unmöglich hoch einschätzen konnten, würden auch von dem übrigen wenig zu rühmen wissen, selbst dann, wenn er einigen von den spottlustigen Lästermäulern die Zähne in den Hals geschlagen hätte. Es war auch zu dumm, daß der Doktor nicht wenigstens einen Sachverständigen zugezogen hatte. Wenn es jetzt noch einem dummen Bauernweib gelang, ihm eine Katz' statt eines Hasenbratens vorzusetzen, so war er um alle Reputation gebracht und konnte gehen. Und Käthchen Sommertag? Pankraz gab der alten Mähre erst einige Rippenstöße und legte dann den gedankenschweren Kopf wider das Pferdeskelett. Da hörte er aus der Tiefe des Tieres heraus das Schnurren und Pfeifen einer Katzensiesta. »Dämpfig!« sagte Überdies. »Na, dann hält's nicht lange. Ich werde eine Zeitlang von Handkäs leben und den Pferdemetzger überreden, daß er seine nächste Salami in Birkenried und der Umgegend vertreibt. Wenn sie erst die alten Pferdeschinken im Magen haben, werden sie verlernen, über den Doktor zu lachen. Woran ihr gesündigt habt, daran sollt ihr gestraft werden!« korrigierte er lächelnd die Schrift. Da tönte ein Ruf über die Stalltür: »Pankraz, fleißiger Pankraz, würdest du nicht lieber einen Groschen mitnehmen, der leichter zu verdienen ist als durch Pferdeputzen? Der Baldachin will Jagd machen und braucht Treiber.« Der Angeredete sah über die Schulter und erkannte das Knechtlein aus dem Holderhof. »Für deinen Herrn bin ich Herr Überdies, ein Fürst, der keinen Frondienst leistet. Willst du übrigens nicht näher kommen?« Der draußen fand die Einladung höflich, hatte aber Gründe, sie abzulehnen und bemerkte nur: »Dann ist's wohl auch mit einem anderen Vorschlag nichts?« »Hast du noch eine Laus unterm Kragen, na dann die Finger naß gemacht und heraus damit!« »Ich fürchte,« stotterte jener, »ich trete deiner fürstlichen Hoheit zu nahe, wenn ich dir zumute, einen Korb auf dem Kopfe zu tragen wie die Eierfrau.« »Es kommt drauf an was drinnen ist!« erklärte der Angeredete, plötzlich zur Unterhandlung geneigt. »Man kann der Menschheit auf mancherlei Art dienen und sich den Himmel erwerben. Wenn ich in meinen Hosen bleiben darf und keinen Weiberrock zu tragen brauche, so schleppe ich dir einen Waschkorb, der nicht allzu schwer ist, so weit ihr es haben wollt.« »Was von dir verlangt wird,« schloß das Knechtlein, »ist nicht über deine Kräfte. Ein buckliger Schneider könnte es leisten, darin ist mein' Herr voller Einsicht. Du sollst nur einen Korb mit Eßwaren und einige Flaschen Wein hinaustragen zum ›Hölzlikönig‹. Dort wartest du, bis die Jäger zum Frühstück aus den Schlägen kommen, issest, was übrig bleibt und gehst, so Gott will, mit leerem Korb und vollem Magen vergnügt wieder heim.« »Sag' deinem Herrn, daß er mit gleicher Sicherheit auf mich rechnen könne wie auf den Steuerboten und den Tod,« brach Pankraz die Unterhaltung ab. »Und nun nimm deine Haxen bei dich und mache, daß du fortkommst, sonst frisiere ich dir deinen Gaunerschädel, daß du aussiehst wie ein Bündel Wirrstroh.« Als der Stockfischkopf des Männleins aus der Türlichtung verschwunden war, wurde es Pankraz fröhlich zumute und zwischen das Striegeln hinein begann er lustig zu singen: »Jakobele, Jakobele, es juckt mich was am Bein. Ich trau' dir net, ich trau' dir net. Ich glaub', du legst mich rein.« Zwei Tage später pfiff am »Hölzlikönig« ein Starmatz der Haselmaus, daß sie einmal sehen möge, was am Fuße des Fichtenstammes vor sich gehe. Beide guckten durch die gefiederten Zweige, schüttelten die Köpfe und lachten, und die liebe Herbstsonne, die in gelben Pfeilenbündeln durch die Tannenzweige brach, freute sich des Bildes und lachte mit. Zwischen den Wurzeln des Riesenstammes lag der Pankraz in einem Rausche, der sich mit jenem messen konnte, den die Weltgeschichte als allerersten aufgezeichnet hat, und lappiger als der Notabeneoja konnte der Erzvater Noah auch nicht dagelegen haben. Neben ihm schlief Hannibal, der Hofhund aus der Taubhausmühle. Der Starmatz war ein frecher Kerl, er hüpfte von Zweig zu Zweig vorsichtig dem Boden zu. Die Haselmaus lief an der borkigen Rinde des Stammes herunter, guckte zuweilen um die Rundung des Baumes nach dem Pankraz und langte mit dem Starmatz gleichzeitig bei dem Korbe an, der wie ein gestrandetes Schiff auf den Rippen lag. Was die zwei Neugierigen übrigens fanden, war wenig mehr als Wursthäute und Käspapier. So gründlich hatten Pankraz und Hannibal gearbeitet, daß auch in den umherliegenden Flaschen kaum noch ein Tröpfchen Feuchtigkeit zu finden war. »Ich wasche meine Hände in Unschuld, das kann gut werden, wenn der Baldachin kommt!« sagte ein Igel, den sein Weg vorüberführte, und machte, daß er fortkam. Und es wurde gut. »Daß ein Millionendonnerwetter diesen Quadratlackel, diesen Zentnerfresser, dieses unersättliche Bullenkalb in den Kern der Erde hineinschlagen möchte! Daß er geröstet würde wie eine Bratkartoffel, daß er mit Glasscherben ausgestopft und gespickt wäre wie ein Rehziemer!« so und ähnlich tönte es abwechslungsreich im lauten Chorus, den der Baldachin dirigierte, als die Jagdgesellschaft allmählich um das unerhörte Ereignis versammelt war. Dieser stieß hungrigen Magens den Flintenkolben ärgerlich auf den Boden. Jener hob eine leere Flasche auf, roch hinein und warf sie verdrießlich wider einen Stamm, daß es klirrend Scherben regnete. Die Klügsten schnallten ihren Leibriemen fester und bequemten sich dazu, einige Bucheckern aufzulesen und wie die Eichhörnchen mit den Fingernägeln zu schälen. Im Gegensatz zu diesen Zufriedenen gebürdete sich Hebenstreit wie ein Besessener. Unflätige Schimpfworte und Verwünschungen, untermischt mit Flüchen, quollen glühend aus seinem Munde. Er nahm einen Anlauf und wollte den Schläfer am Kragen packen. Aber der Hannibal stellte die Füße auf die Brust des Überdies und kräuselte die Lippen. Da fiel dem Baldachin das Herz durchs Zwerchfell in den Unterleib. Er wurde blaß. Da er aber doch noch etwas Außerordentliches vollbringen mußte, hob er die Flinte hoch und tat so, als ob er schießen wolle. Aber es war nur so getan. Er war herzlich froh, daß einer seiner Spießgesellen ihm in den Arm fiel, ihn bat, sich nicht unglücklich zu machen und ihn fortzog von dem »Hölzlikönig« und seinem betrunkenen Gaste, der indessen anhub, melodisch zu schnarchen. Als der Schwarm der Jäger verlaufen war, kam der Igel wieder hervor und beschnupperte den Korb und den Boden rings umher noch einmal nach zurückgebliebenen Resten. Hannibal äugte beständig nach dem armen Hungerleider, hütete sich aber wohl, auch nur mit dem Ohre zu wackeln oder mit einer Muskel zu zucken. Er war keiner von den Neidhammeln, die, wenn sie selber auch den Ranzen noch so voll haben, doch nicht sehen können, daß ein anderer kaut. Als der Abend kam, kam auch ein leichter Wind. Der schüttelte den »Hölzlikönig«, so daß er einen Tannenzapfen fallen ließ. Dieser sprang über einige Äste und fiel schließlich dem Pankraz auf die Brust, so daß er erwachte, aufsprang und sich streckte. Der Hund tat das gleiche, und dann wanderten beide dem Dorfe zu. Am ersten Hause stand ein Scherenschleifer und ließ sein Rädchen schnurren, daß die Funken stoben. Als er des Paares ansichtig wurde, legte er die Scherenhälfte, an der er schliff, beiseite und rief vergnügt: »Pankraz, für dich ist jetzt gesorgt. Wenn an der Heidingsfelder Uhr der Kindlifresser kaput geht, kommst du ins Zifferblatt. Übrigens laß dir in der Schmiede einen Reif um den Bauch legen. Schade wär's, wenn du aus den Dauben brächest.« Der Angeredete warf seine Mütze in die Luft und lachte, und um ihn lachte es aus hundert Kehlen. Nun war eine neue Sensation im Dorfe, die des Doktors Pferdehandel zurückdrängen mußte. Der Pankraz kannte die Leute von Birkenried. Er wußte, daß sie die Fenster aufreißen, so oft ein Esel durchs Dorf springt und daß sie sich freuen, wenn er Kapriolen macht. So wirkte öfters dieser verachtete Pankraz als der Diener einer ausgleichenden Gerechtigkeit, holte sich in ihrem Dienst einen Schnupfen, eine Tracht Prügel und zuweilen, wenn auch selten, einen verdorbenen Magen. Zwölftes Kapitel Wichtige Ereignisse häuften sich in Birkenried. Des Försters Liese war mit Zwillingen gesegnet worden, und die Leute hatten nach den Vätern zu suchen; der Frau Oberschreiber waren neue Zähne gewachsen, und niemand konnte verstehen, wie das zugegangen. Ein Orchestrion hatte seinen Einzug ins Dorf gehalten, und ein Briefkasten war am Rathaus aufgehängt worden. Alle diese Dinge erregten die gebührende Aufmerksamkeit, ohne jedoch eine Frage ganz in den Hintergrund zu drängen. »Warum bleibt Käthchen Sommertag ledig, obwohl um sie die Freier sitzen wie die Spatzen um das Storchennest? Gebrechlich ist der alte Sommertag und kann jede Stunde zu seinen Vätern versammelt werden. Die Mutter ist taub. Wer haben will, daß sie von ihrem Strickstrumpf aufblickt, muß eine Pistole losschießen. Was soll aus der Taubhausmühle werden, wenn Käthchen nicht zugreift? Der Balduin hat schon manches Paar Hosen auf der Ofenbank durchgesessen und hat einen Waschkorb voll Kronentaler im Hause vertrunken, ohne Glück zu haben. Das Mädchen scheint sich nicht viel aus ihm zu machen. Vielleicht, daß sie nach dem Doktor guckt. Manche Leute wollten bemerkt haben, daß sie rot wurde, als sie in der Prozession an seinem Hause vorüberging. – Der Satan hat Macht über uns, selbst in der Stunde des Gebetes und in unmittelbarer Nähe des Weihwasserpinsels. – Aber was will sie mit dem Doktor anfangen? Sein Handwerk versteht er nicht, und zum Gastwirt ist er nicht erzogen. Wer möchte an den Hintersteiner denken oder gar an Löb Moschele und Käthchen Sommertag zureden, daß sie den Doktor nähme, obwohl er ja ein stattlicher Mann ist.« So redeten die Leute, solange die Walnuß ihre Schale sprengte, und das Kartoffelkraut auf den Feldern schwelte und klumpige Rauchsäulen über die Wiesen schickte. Als die Weißrüben eingegraben waren, und der Rauhreif die Grashalme versilberte, sprach man über Babette Leisering, die auf den gescheiten Einfall gekommen war, ihr Sonntagshemd auf dem Rücken der Kuh zu wärmen. Der erste Schnee kam und machte das Korps der Schneeschaufler mobil. Wie ein Landsturmaufgebot, greulich anzusehen, zogen sie mit verwegenen Waffen zum Dorf hinaus, und als sie am Abend wiederkamen, wußten sie vom Funde steckesteifer Handwerksburschen zu erzählen, von eingeschneiten Postwagen und von verirrten Fruchtmaklern. Der Irrwischpeter lebte auf und narrte die Gendarmen auf ihrem Patrouillengange, daß sie immer im Kreise liefen, derweilen im Hinterhof ein Hammel gestohlen wurde. Selbst den Pfarrer mitsamt dem Sakrament hatte der Spuk in einen Steinbruch gelockt und dort festgehalten, bis den Hirtenjörgel der Teufel geholt hatte. Der Sterbende hatte noch für einen kleinen Meineid die Absolution gesucht. Nun war's nichts damit. Gott sei seiner Seele gnädig! Der Advent kam und weckte immer neue Gespenstergeschichten. Die Menschen verkehrten nur noch mit Geistern. Der liebe Nachbar hatte Ruhe, bis es plötzlich eine neue Sensation gab. Der Wind war nicht bei Laune. Das Bahrtuch, unter dem die Erde schlief, lag ihm zu glatt, und er wollte außerdem den Schneeschöpfern zeigen, daß sie Torenarbeit verrichteten. So fing er denn, als alles schlief, zu blasen an, wirbelte weiße Mäntel in die Luft, trug sie über Schrunde und Klüfte und ließ sie niederfallen, wo man sie am wenigsten brauchen konnte, in die Einschnitte der Fahrwege. An Mauern und Treppen baute er alabasterne Nischen, als ob er fromm geworden wäre und Heiligenbilder hineinstellen wollte. Über schmale Bäche schlug er kleine Brücken, und an Felsengrate klebte er Terrassen an. Wehe dem Wanderer, der beiden traute! Kaltlächelnd sah der Mond dem Wüten des Unholdes zu, die Sterne zwinkerten verlegen, aber kein Gott und kein Engel fiel dem Rasenden in den Arm, um sein Treiben zu stören. Als die Menschen erwachten, sahen sie mit blinkernden Augen wider geblendete Fensterscheiben, freuten sich der Wärme ihres Bettes und zogen die Oberschenkel gegen den Bauch herauf. Hätte das Vieh in den Ställen nicht zu brüllen angefangen, es ist fraglich, ob in Birkenried an diesem Morgen ein Mensch aus den Federn gekrochen wäre. Aber schließlich half doch alles nichts. Der Jammer der Tiere wurde zudringlicher. Der Hausherr klingelte, und die Bäuerin fing zu schimpfen an. Die Magd, die eben die Hintertüre öffnete, fuhr erschrocken zurück. Mit so kalten Händen hatte ihr noch keiner unters Mieder gelangt. Der Wind war unverschämt. Hohe Schäfte waren an diesem Tage ein begehrter Artikel, und unter manchem Bette, wo sie keiner gesucht hätte, standen Männerstiefel. Als die Uhr vom Turm die Stunde schlug, war's, als ob ein Schelm über Nacht die Glocke in einen Sack genäht hätte, um ihren Ruf zu ersticken. Innocenz Lorum hörte den schalen Ton und setzte sich im Bette auf. ›Hat der Schnee die Schallöcher des Turmes zugeklebt,‹ so dachte er, ›wie mag's erst aussehen draußen auf der Höhe, wo Randersecken liegt? Wehe den Armen, wenn ein Brand ausbräche, oder wenn sie sonst der Hilfe ihrer Mitmenschen bedürftig wären!‹ Merkwürdig, daß er gerade heute an das weltverlorene Randersecken denken mußte und seine arme Bevölkerung, die seit den Tagen des Emiko von Leiningen da oben auf den Felsen in den Mauern einer zerfallenden Burg hing. Aber hatte er nicht vordem schon die sonderbare Beobachtung gemacht, daß seine Gedanken, ja seine nächtlichen Träume an einem Orte und bei Personen weilten, die seiner Hilfe bedurften? War es ihm nicht schon begegnet, daß ihn die Nachtglocke weckte und an ein Bett rief, an dem sein träumendes Hirn schon seit einer Stunde verweilte? Sollte die Seele eine Geberstation haben, der, wie im Marconitelegraph, eine seelische Empfangsstation antwortet? Dem Arzt grauste es vor dem Gedanken, daß sein Ahnen gerade heute sich erfüllen könne. Wie er noch so sann und sann, ohne seine Seele von der Angst vor etwas Außerordentlichem befreien zu können, schrillte die Nachtglocke vor seinem Schlafzimmer. Innocenz fuhr auf wie ein Wachtposten, der den Tritt der Ronde hört, und schritt furchtsam zur Haustür. In einem dunklen Winkel seiner Seele kauerte eine Spur von Mystizismus, die durch kein naturwissenschaftliches Studium verdrängt worden war. Dieser war's, der sich regte und ihn zittern ließ vor einer übergroßen Aufgabe, die sein Traum ihm in unbestimmten Schattenrissen hingezeichnet hatte. In Hemdärmeln und Pantoffeln öffnete Innocenz ein wenig und lugte durch den Türspalt. Als er sah, daß draußen ein frierendes Bäuerlein stand, riß er die Tür ganz auf und wollte den Schnatternden hereinlassen. Der aber hatte keine Lust zum Eintreten, machte nur mit beiden Armen eine verzweifelte Geste, als ob er den Türposten mitreißen wolle, und sagte mit energischer Betonung: »So schnell wie möglich, nichts wie mit!« »Wohin soll ich, und um welchen Krankheitsfall handelt es sich?« »Nach Randersecken! Mich schickt die Wehemutter.« »O meine Ahnung!« stöhnte der Arzt und forschte weiter: »Aber wie soll ich hinkommen?« »Das weiß ich nicht!« seufzte das Bäuerlein. »Ich kann Euch nur sagen, wie ich hergekommen bin. So!« illustrierte er seine Erzählung, indem er die Beine eins nach dem anderen hochzog, »einen Schinken heraus, den anderen herein, und das seit Mitternacht und gegen einen Wind, der an einem hinausspringt wie ein bissiger Hofhund.« »Und es gibt keine Möglichkeit, zu reiten oder zu fahren?« »Beides undenkbar!« Innocenz drehte sich auf dem Absatz herum in schwerem Sinnen. Sollte er zwei Menschenleben verkommen lassen und sich feige hinter einer Schwierigkeit verschanzen, die noch lange keine Unmöglichkeit war? »Nein!« sagte er sich, »lieber sollen sie meine Leiche aus dem Schnee schaufeln!« und er fuhr entschlossen mit den Füßen in die Wasserstiefel hinein. »Ihr geht doch mit zurück?« forschte der Arzt, während er seinen Hosenträger über die Schulter zog. »Unmöglich!« war die Antwort, »ich wäre Euch nur zur Last. Sechs Stunden unterwegs bei solchem Wetter und mit einer halben Lunge!« Dabei hustete das Männlein in die Hohlhand und zeigte dem Arzt seinen mit Blut vermischten Auswurf. Da schämte sich Innocenz dieser wandelnden Leiche gegenüber in die Tiefen seiner Seele hinein, daß er nur einen Augenblick im Zweifel gewesen sein konnte über das, was er tun mußte, und er sagte entschlossen: »Ihr kennt den Notabeneoja?« »Wer sollte den Stromer nicht kennen?« »So geht und ruft ihn her!« Der Bauer wollte eine stammelnde Bemerkung machen. Der Arzt verhinderte sie. »Tut mir den Gefallen und geht!« Eine Viertelstunde später stapften zwei zum Dorfe hinaus und an der Taubhausmühle vorüber. Gerade flog ein Laden auf. Käthchen Sommertag starrte überrascht in das ernst entschlossene Gesicht des Arztes und fuhr zurück. Fünf Schritte hatten die Wanderer vorwärts gemacht, da rief es hinter ihnen her: »Pankraz! Auf ein Wort Pankraz, wohin?« »Weiß ich's!« war die Antwort. »Hinter ihm her und wenn's bis an die Ohren in den Mehlkasten geht.« »Pankraz!« flehte das Mädchen mit einem scheuen Blick auf das Päckchen, das der Mann unterm Arme trug, »Ihr geht einen schweren Gang; nimm den Hannibal mit. Mir ist es leichter, wenn ich euch zu dreien weiß.« Pankraz pfiff. Der Hund war mit einem Satze durchs Fenster auf der Straße und hauste mit seiner Körperkraft wie ein Verschwender. Er machte überflüssige Sprünge in die Luft und dachte nicht daran, daß er das, was er jetzt wegwarf, später nötig brauchen könne. Da nahm ihn Pankraz am Halsband und zwang den Ausgelassenen zu einer ruhigen, gesetzten Gangart. Gleich die nächsten Schritte der Wanderer führten bergauf über eine steile Weinbergstreppe, von der schlechterdings nichts mehr zu sehen war. Wenige Pfähle, die über den Schnee hervorlugten, gaben die Richtung an. Bald der eine, bald der andere der beiden Männer verfehlte die Stufe und lag seitwärts im Gelände. Eine halbe Stunde war bereits verstrichen und noch waren sie nicht höher über der Talsohle als der Hahn auf der Kirchturmspitze. »Wie lange denkst du, Pankraz, daß wir bei dieser Gangart brauchen werden bis Randersecken?« fragte der Arzt mit verzagter Stimme. »Jedenfalls länger, als eine arme Seele braucht, um von hier in den Himmel zu kommen!« entgegnete der Angeredete und rappelte sich auf, denn er lag wieder einmal auf Vorder- und Hinterpfoten. »Übrigens,« setzte er die Unterhaltung fort, »ist es nicht ganz ausgeschlossen, daß wir Ihren Kranken auf seinem Wege in die Ewigkeit einholen, obgleich wir Moschus- und Hofmannstropfen bei uns haben. Die Kälte ist grimmig. Wer heute eine Viertelstunde auf einem Grenzstein sitzt, wird ohne Fahrgeld ins Jenseits befördert.« Die beiden Männer schwiegen und setzten mühsam einen Fuß vor den anderen. Der Hund schnaubte, während um sein Maul ein dichter Dunst kräuselte, wie um das Rauchfaß eines Meßdieners. Innocenz zog die Uhr aus der Tasche und stellte fest, daß drei Stunden verstrichen waren, als die Wanderer die schroffste Steigung hinter sich hatten. Nun führte der Weg wie über einen Elefantenrücken ziemlich eben zwischen steilen Seitenabfällen dahin, und man konnte hoffen, rascher vorwärts zu kommen, namentlich dann, wenn der Schnee gefroren war. Doch dem war nicht so. Alles war in wirbelnder Bewegung, als ob aus dem Chaos eine neue Erde geboren werden sollte. Jeder Schritt dem Ziele näher mußte mit Zeitverlust bezahlt werden. Stunde um Stunde zerrann, ehe sich die Wanderer dem Widerrist des Gebirgsstockes näherten. Längst war der Mittag vorüber und der kurze Tag kam zum Sterben. Vom Himmel nieder senkte sich ein grauer Flor, aus Nacht und Nebel gewoben. »Nur immer der Nase nach!« sagte Pankraz. »Der Nebel lockt in die Abgründe. Wer von uns sich unbedachtsam um sich selber dreht, hat den Ruf des Kuckucks zum letzten Male gehört.« Pankraz schwieg. Innocenz war stumm. Aus dem Hund aber kam etwas, das sich wie ein Selbstgespräch anhörte. Die Wanderer lauschten, um vielleicht einen der Hundegedanken zu erraten. Wieder ein verhaltener, unsicherer Ton, dazu ein scharfes Stechen der Augen in den Nebel hinein, ein Runzeln der Stirne, ein Spitzen der Ohren und ein energisches Drohen mit der Rute. Pankraz ließ seine Augen über die Blickrichtung des Hundes wie über ein Visier gleiten und gewahrte in einiger Entfernung das Gewusel eines zerfahrenen Wesens, das aussah, wie ein Bündel Wirrstroh und den Nebel an sich hangen hatte wie ein Zigeuner die Lumpen. »Der Irrwischpeter!« flüsterte Pankraz schalkhaft und zupfte den Doktor an den Rockschößen. Innocenz fror. Da schlug Hannibal mit klarer Stimme an. Jetzt war der Hund seiner Sache sicher. Das Grauen vor etwas Unbekanntem war bei ihm eher als bei seiner Begleitung überwunden. Er wußte, was er vor sich hatte und avancierte entschlossen. Das Drohen des Hundes schien das geheimnisvolle Wesen eher anzulocken als zu verscheuchen, denn es kam näher und nahm menschliche Formen an. Schließlich hatte der gefürchtete Spuk die Gestalt eines armen Korbmachers, dessen Kopf tief in einer Strumpfkappe steckte. »Wehrt Eurem Hunde!« rief er, »und sagt mir um aller Heiligen willen, ob unter Euch der Doktor von Birkenried ist?« Als Innocenz zugab, daß er es sei, nahm ihn das Männlein an beiden Rockflügeln und zog an ihm, als ob er die vereidigte Vorspann einer ganzen Provinz wäre. »Nur immer rüstig mir nach,« wimmerte er, »man hört das arme Weib im ganzen Dorfe schreien. In den Ställen merken die trächtigen Kühe, was vorgeht, haben Mitleid und brüllen. Das ganze Dorf ist in Not und Aufruhr.« Man kann nicht sagen, daß die Wanderer ihre Schritte verdoppelten, das war unmöglich, aber immerhin wurden sie etwas energischer, als sie die flache, von den Burgtrümmern bekrönte Bergeskuppe hinaufstiegen. Durch ein Loch in der Schildmauer kamen sie auf eine Art Torsstraße, in der Ställe, Häuser und wacklige Schuppen in buntem Wechsel standen. Zwei erleuchtete Fenster glühten rotgelb in der Ferne. Sonst war alles leblos, und doch hörte man in Winkeln und Höfen ein scheues, verängstetes Flüstern. Plötzlich zitterten herzzerreißende Schreie durch die Luft. Das waren schon nicht mehr Töne, wie sie der Menschenrasse eigen, das waren Laute, die jedes Muttertier in der Stunde der Not ausstößt, die jeder kennt und die eines am andern mit Bedauern verzeiht. Geborene Feinde werden einander zu Helfern. Die Löwin selbst heischt Mitleid und läßt sich die hilfreiche Hand des Menschen gefallen. Von Innocenz war alle Müdigkeit gewichen, und wenn auch ein geheimes Jagen, ob seine junge Kraft der Größe seiner Aufgabe gewachsen sein möchte, in ihm zitterte, er war mutig, wollte tun, was in seiner Macht stand, und bat den Himmel um seine gnädige Hilfe. Als er über die Schwelle des kleinen Häuschens trat, hatte er seine Medaille in der Hand, und seine Lippen beteten das » O domina mea « mit Erhörung flehender Inbrunst. Im niederen Zimmer hing von der rußgeschwärzten Decke nieder eine Petroleumlampe mit schwelendem Docht und erfüllte den engen Raum mit einem schier unerträglichen Gestank. Man sah ein zerwühltes Bett, und davor saß auf einem niederen Stuhle ein rundliches Monstrum mit einem Kürbisgesicht, die Hebamme. Beim Anblick des Arztes erhob sie sich erleichtert, riß den Mund zum Gähnen auf und stöhnte fromm: »O heilige Dreifaltigkeit!« Dann ging sie an den Ofen, putzte die Hände an der Schürze und stellte Wasser auf zum Kaffeekochen. In dem Moment, wo die Verantwortung von ihren Schultern fiel, hatte sich der Appetit bei der Wackeren wieder eingestellt. ›Er hat einen breiteren Buckel als ich‹ dachte sie. ›Mag er sehen, wie er's trägt.‹ Indessen war der Arzt zum Kreisbett getreten und suchte durch einige Worte des Zuspruchs den Mut und das Vertrauen der Leidenden zu heben. Nur dumpfe Laute der Klage und des Jammers antworteten ihm. Nicht einmal das Gesicht wendete die vom Schmerz Geschlagene dem Helfer zu. Sie sah bereits in die schwarze Nacht des Grabes und rief voll Sehnsucht nach dem Allerbarmer Tod. Nur als ihr Knabe aus der dunklen Ecke beim Uhrkasten plötzlich hervorrannte und in seinem Drange, der Mutter beizustehen, dem Arzt schreiend in die Beine fuhr, da erwachte noch einmal das starke Gefühl der Mutterschaft, und ihre Hand tastete über den Bettrand nach dem Lockenkopf des Kindes. »Bringen Sie den Kleinen fort!« befahl Innocenz der Amme. »Wohin?« seufzte diese. »Die oben nehmen ihn nicht, 's sind seine Großeltern, aber seit Jahren schon reden die Alten mit den Jungen kein Wort.« Und sie hob den Deckel von der Kanne und rührte mit einer Haarnadel in dem überkochenden Kaffeegebräu. Innocenz öffnete die Tür. Draußen saß neben einem knisternden Reisigfeuer am Herde der Pankraz und hatte die Hand schmeichelnd auf Hannibals Haupt gelegt. Ein paar Worte wurden zwischen den Männern gewechselt, dann stieg Überdies mit dem Knaben die Treppe zur Auszugsstube empor. Unter einer schiefen Wand saßen um den rotglühenden Docht einer Rüböllampe zwei fast zu Mumien eingeschrumpfte Menschenkinder mit steinharten Herzen und musterten den Eindringling mit giftigen Blicken. »Was willst du uns den Rangen aufhalsen?« fuhr der zahnlose Alte heraus. »Laß ihn unten mit seiner Katzenmutter heulen. Die Verdammnis über diese Brut. Vater und Mutter sollst du ehren, damit es dir gut gehe! Haben sie uns das Leibgeding gegeben, wie sie schuldig waren? Mag die Hölle sich ihrer erbarmen!« und der Mann schlug auf die Bibel, die vor ihm lag. Wer konnte ihm bestreiten, daß er recht habe, wo doch die Schrift sein Anwalt war? Pankraz, der wohl einsah, daß der Alte ihn mit Bibelsprüchen übern Haufen rennen würde, nahm den Wortkampf nicht auf, wickelte seine Ärmel in die Höhe und zog den Knaben langsam und bedächtig aus. Dann bettete er ihn mit der Sorgfalt einer Mutter und gab dem Hannibal den Auftrag, sich vors Bett zu setzen. Als er soweit war, wandte er sich den grämlichen Eulenphysiognomien noch einmal zu und kommandierte mit einem leibhaftigen Feldwebelgesicht: »So, wie's nun ist, bleibt es, oder ich reibe Eure hölzernen Gestelle aneinander, bis Ihr Feuer gebt wie ein Schwefelfaden. Übrigens merkt Euch, der Hund beißt dem einen Arm glatt durch, der das Kind berührt.« Pankraz ging und ließ den Respekt vor seiner Person und dem Hund als Hüter des Kleinen zurück. Was die Großeltern dem Enkel vorenthielten, gab ihm Hannibal: ein bißchen warme Zärtlichkeit. So schlief der Knabe neben dem Hundekopfe ein und überhörte die gräßlichen Todesseufzer der gequälten Mutter. Am Kreisbette unten war derweilen der Arzt zu einer furchtbaren Gewißheit gelangt. Ihm war klar geworden, daß nur das Messer dem Kinde den Weg bahnen könne herein in dieses Jammertal. Und wenn es nicht gelang, so stand man vor zwei Leichen. Der Mensch im Arzt erwachte und schüttelte sich vor solch bluttriefendem Entschluß. Besser mitten im Ozean auf ein schwankendes Brett gestellt als vor eine derartige Aufgabe. Aber hier gab es kein Ausweichen, das Äußerste war das einzig Mögliche. Denn ach, wo man die Wunder brauchen könnte, da sind sie nie! So ging denn der Arzt nach schwerem Kampfe mit sich selber entschlossenen Schrittes nach seinen Instrumenten. Als die Hebamme dies sah, band sie ihr Kopftuch um und wollte gehen. Sie habe ihren eignen Kindern die Mutter zu erhalten, sagte sie, um sich zu entschuldigen, zumal ihr Mann ein schwindsüchtiger Leineweber sei, der ein übriges getan und bei solchem Wetter nach dem Doktor gegangen sei. Wenn ihm auf dem Rückwege der Herzbändel risse, so könne sie den Kindern ein Schnurrerlied beibringen und könne sie mit dem Bettelsack vor die Haustüren der Bauern schicken. Und sie ging in die Küche, stocherte am Herdfeuer herum und war nicht mehr in die Wochenstube zu bringen. Der Mann der Wöchnerin, der hinter dem Arzt mit einer Petroleumlampe herlief und in den Holzkasten leuchtete, wenn es an einem Handtuch fehlte, und in die Kommodschublade, wenn man einen Eimer brauchte, schwitzte eine Zeitlang, daß ihm das Wasser über die Nase auf das Vorhemd tropfte, und fiel dann bleich wie ein Bettlaken auf die Ofenbank. Pankraz hatte im letzten Moment noch die Lampe gerettet, ohne die es ebensowenig gegangen wäre wie ohne die Hände des Operateurs. Indessen hatte ein wächsernes Gelb die Wangen der Wöchnerin überzogen, die Lippen waren trocken, die Nase spitz geworden. Innocenz wußte, daß der Tod mit dem Sekundenzeiger der Uhr rechnete, und eilte nach einer Assistenz, auf die er sich verlassen könne. Aber der Straße lag eine Wirtschaft. Man brauchte kein Schild zu sehen und wußte doch, daß es eine war. In regelmäßigen Intervallen hörte man Faustschläge, die auf die Tischplatte knöchelten, und hörte halblaute Flüche und Verwünschungen. Innocenz tastete sich am Treppengeländer empor, trat ein und stand vor einem Kleeblatt von Kartenspielern. Leicht wurde es dem Arzt nicht, von diesem Halunkentrio eine Gefälligkeit zu erbitten, aber um des sterbenden Weibes willen kämpfte er seine Abneigung nieder und ersuchte sie, daß sie ihm helfen möchten bei einem verzweifelten Werke der Barmherzigkeit. Hätte eine Drehorgel vor den Fenstern gespielt, alle drei wären sie hochgeflogen wie der Stöpsel auf dem Sodawasser. Als sie aber hörten, daß sie etwas schaffen sollten, was Überwindung fordert, da verblaßten sie, einer nach dem anderen, und sahen sich fragend an. Dem dringenden Fordern des Arztes gegenüber wurden sie verlegen, rutschten auf den Stühlen hin und her und stammelten feige; verlogene Ausreden. Da war der eine, dem war es auch nicht recht gut. Der hatte nachts keinen Appetit. Schon lange hatte er einmal zum Arzt gewollt, aber wer mag in einem solchen Winter sich vor die Tür wagen? Der zweite behauptete: Er müsse sich vorm Erkälten hüten. Ihn hätte schon einmal die Influenza gepackt, daß er geglaubt hätte, sie schüttle ihm alle Knochen aus den Kleidern. Ihm könne niemand zumuten, daß er sich einen kalten Buckel hole, er habe außerdem den Feldzug mitgemacht. Der dritte beschrieb sein verfrorenes Fußwerk so, daß man annehmen mußte, er hätte es aus einer Portion Gänseklein mühsam zusammengesetzt. Man hätte ihn aus Mitleid in ein Tragkissen stecken und einer Spreewälderin an die Brust legen mögen. ›Das sind die Heldenbusen, die am Kaisersgeburtstag von Kriegsdenkmünzen blinken,‹ dachte der Doktor und wollte grob werden, als von jenseits der Straße ein erbärmliches Jammern und Heulen erscholl. Innocenz wußte, was dies zu bedeuten habe. Er nahm die Klinke in die Hand und lief ins Sterbehaus. Wohin man noch vor einer Viertelstunde keinen Menschen bringen konnte, da war nun alles überfüllt von Jammergestalten. Die Eulengesichter waren aus der Auszugsstube heruntergestiegen und konnten sich nicht helfen vor bitterem Weh. Der Mann der Toten warf sich über die Leiche und brüllte. Die Hebamme nickte mit dem Kopf in die Schürze hinein und schnipste. Nachbarsfrauen machten's ihr nach. Stöhnen und Winseln überall, aber es war ein trockener Jammer, der nicht allzuviele Tränen kostete. Als gar die drei Spieler aus dem Wirtshaus anrannten, war alle Würde aus der Totenkammer gewichen. Sie stießen mit Brutalität die Weiber auf die Seite, drängten an die Bettstatt, rissen die Augen weit auf und stierten der Entschlafenen in die schmerzensharten, bleichen Züge. Etwas von der gemeinen Freude am Gräßlichen, das dem Mörder auf den Richtplatz folgt, stieß diese Leute voran, um eine zu sehen, deren Leib zum Sarge ihres Kindes geworden war. Es fehlte wenig, und Neugier riß die Bettdecke von der Toten, das Mirakel zu schauen. Als die Leute satt waren vom Gaffen und Traurigtun, singen sie an, mokant zu werden. »Es ist ein Jammer, der Himmel hätte mit einem Donnerkeil dazwischen fahren sollen,« sagte der Halbschöppler. »Was willst du fluchen? Danke Gott, daß du kein Frauenzimmer bist!« bemerkte ein zweiter. »Ganz recht!« fuhr ein dritter dazwischen. »Solange der Wackernagel lebte, da konnte es einem auch in einem Weiberrock wohl sein. Aber heutzutage, heutzutage!« Auf den Zwiebelkuchen dieser Anspielungen lieferte die Hebamme gratis den Paprika in Form seiner Gesten, die ungefähr sagen wollten: ›Mir war es gleich Angst, als ich ihn sah, und wenn er nur noch auf mich hätte hören wollen, so konnte noch alles gut gehen. All mein Tag ist ein solcher Fall noch nicht vorgekommen, und ich war doch schon oft dabei, wo's gefährlich zuging.‹ Innocenz fühlte haßerfüllte Blicke auf seiner Haut brennen und nahm Reißaus. ›O die Schwefelbande!‹ dachte er. ›Den Emiko von Leiningen muß der Wahnsinn getrieben haben, daß er wagte, mit den Großvätern dieses Gesindels einen Kreuzzug in Szene zu setzen. War es ein Wunder, daß ihn ein Haufen ungarischer Zigeuner in die Flucht schlug?‹ Als der Arzt auf der Straße war, den Schnee unter den Füßen und eisigen Wind um seine Ohren fühlte, da wurde es ihm erst klar, daß er ein Obdach suchen wolle. Wohin? Am liebsten wäre er in einen Stall gekrochen, wo voraussichtlich Pankraz und Hannibal die Nacht in warmer, anständiger Gesellschaft verbrachten. Allein er war nicht kundig genug in Theben und mußte die Heimtücke halb zugefrorener Pfuhllöcher fürchten, die neben den Dunghaufen zu lauern Pflegen. So entschloß er sich, seine Schritte dem Wirtshaus zuzulenken, dessen schläfriges Licht durch gefrorene Scheiben noch immer auf die verschneite Straße blinzelte. Die Stube, mit stinkendem Tabaksqualm gefüllt, war menschenleer und still, wenn man von einem leichten Singen absieht, das aus dem Ofen kam und der Schwanengesang feuchten Buchenholzes war. Innocenz schloß die Tür, weil er die Rückkehr der Kartenspieler fürchtete, und drehte die Lampe aus. Der irrende Feuerschein, der aus dem Ofenloche drang und flackernd auf der Diele hüpfte, genügte ihm. Er setzte sich hinter einen Tisch, legte den Kopf in die Handteller und überließ widerstandslos sein Gehirn all den Bildern, die in ihm ihr Wesen trieben. Da lag auf grauem Strohsack eine magere, blasse Leiche, die Haare noch feucht vom Todesschweiß, und sah ihn an mit fragenden Augen: ›Ist das alles, was du kannst, und zu dem Ende hast du beinahe zwei Jahrzehnte lang zu den Füßen berühmter Lehrer gesessen? Wärest du nicht besser, wie dein fetter Examenskollege, hinter ein Buffett gegangen und hättest Ölsardinen verkauft? Warum drängtest du dich nach großen Aufgaben mit Verantwortlichkeiten, die nun dein Gewissen belasten?‹ ›Es schien so verlockend, sich als den Retter gepriesen zu sehen. War's nicht ein Stückchen Eitelkeit, die mitsprach, als du dich zu einer Rolle drängtest, die du nicht spielen kannst?‹ Innocenz fühlte einen brennenden Vorwurf tief im Innern. Eine ihm vordem fremde Zaghaftigkeit rüttelte an den Säulen seines ganzen Wesens; trübe und verschleiert lag die Zukunft vor dem Anfänger. Der Gequälte suchte Vergessen und wollte sich zum Schlafe zwingen. Aber da sauste wieder ein Windstoß um die alten Mauern der Burg, heulte in die gesprungenen Gewölbe der Keller und Verliese hinein, bis in den fernen Winkel, wo sich der Edelmarder verbarg, der letzte feudale Bewohner dieser unwirtlichen Räume. Der schlaftrunken Ruhelose kam wieder zum vollen Bewußtsein seiner Lage und spann den schwarzen Faden weiter: ›Daß es aber auch nirgends einen Helfer gab, keinen auf Erden und keinen im Himmel. Hatte er nicht beim Eintritt in das Sterbehaus sein »O domina« gebetet und die geweihte Medaille an sein Herz gedrückt? Wo blieb sie, die Allerbarmerin mit den sieben Schwertern in der Mutterbrust? Ja, so sind sie, die Weiber, alle gleich, hier wie droben. Solange es gut geht, hat man sie um sich, wenn aber die Planken krachen, dann verlassen die Ratten das Schiff. Wird Käthchen Sommertag eine Ausnahme von der Regel sein?‹ In diesem Augenblick schallte vom Hof herüber der frühe Weckruf eines Hahnes. Der Schläfer hob ein wenig den Kopf von der harten Unterlage und spähte nach den Fensterscheiben, ob noch nicht ein lichter Vorreiter der neuen Tagessonne durch das Glas gucke. Statt eines grauen Scheines, nach dem er sich gesehnt hatte, sah er ein unruhiges Flimmern und Funkeln tausendfach gebrochener Lichtstrahlen. Der Schein, der dem Ofenloch entschlüpfte, gebärdete sich in den Eiskristallen des Fensters wie toll, gleißte, glitzerte, glänzte, als ob er den ganzen Himmel mit all seinen Sternen gefangen hätte und ihn für Geld in der Dorfschenke sehen lassen wolle. Innocenz ließ sich diese Schaustellung gern gefallen, da sie einige Helle in das Dunkel seiner Seele warf, bis er ein Klopfen hörte an der Tür und eine Stimme, die ihm zurief: »Auf, auf, Herr Doktor! Wenn Sie nicht haben wollen, daß uns zwei die Ratten fressen, dann in die Stiefel und fort aus diesen Nestern, die von Ungeziefer wimmeln wie ein Proviantmagazin.« Gleichzeitig mit dieser Stimme kam von der Haustür her ein lebhaftes Kratzen, untermischt mit einem sehnsüchtig verlangenden Winseln. Innocenz, der den Pankraz erkannte und Hannibal, sprang auf die Füße, streckte sich, stieß den Kopf an den Durchzugsbalken und öffnete die Tür. Es fehlte wenig, und der Hund hätte ihn in der Freude des Wiedersehens auf den Rücken geworfen. Der so Begrüßte fuhr ihm schmeichelnd über das weiche Fell und fühlte, daß es naß war. »Regnet es denn?« fragte er verwundert. »Nein!« sagte Überdies. »Der Schlaumeier hat sich in die Krippe vor die Mäuler der Kühe gelegt und hat wärmer geschlafen wie ich im Stoßtrog unter den Ratten, die einem den Rindstalg aus dem Sohlleder knabbern. Machen wir, daß wir fortkommen, denn ich will lieber einen Igel schlucken, als noch eine Stunde unter diesen Nagern verbringen.« Der Arzt hatte nur nach seinem Stock zu greifen und war marschbereit. Kein Laut verriet die frühen Wanderer auf der Straße. Kein Torwärter hemmte ihren Schritt. Längst war das Fallgatter aus der Schildmauer verschwunden. Gehen und Kommen stand seit Jahrhunderten schon zu jeder Tageszeit einem jeden frei. Was keine vorgestreckte Hellebarde tat, vermochten die gelben Strahlen eines kleinen Lichtes, das neben dem Strohsack der Wöchnerin die Totenwache hielt. Innocenz stand und sann. Welch bitterer Vorwurf für den Adepten der ärztlichen Kunst, daß die geweihte Kerze brannte, während eine andere Flamme verloschen war! Mochte er sich tausendmal sagen: ›Kein Meister hätte in der gleichen Lage mehr zu leisten vermocht wie du,‹ stets erhob sich eine innere Stimme und rief ihre Wenn und Aber mitten in die gutgesetzte Verteidigungsrede hinein. Glücklich jene, von denen man nur Worte verlangt und keine Taten! Seit Jahrtausenden schon speist eine feiste Priesterschaft die Menschheit mit ererbten Phrasen ab und bleibt den Beweis schuldig für ihre Behauptungen. ›Ja, wer's so gut hätte wie sie!‹ dachte Innocenz traurig und schritt in den Spuren, die Pankraz und der Hund getreten hatten. Der Rückweg über den langgestreckten Höhenzug gestaltete sich leichter als der gestrige Aufstieg. Merkwürdigerweise fand sich eine leidlich sichtbare Spur in dem Schnee, die der Wind noch nicht verweht hatte. Sollte schon irgendeiner aus dem verschlafenen Randersecken auf den Beinen sein und die Kunde von dem, was geschehen war, ins Pfarrdorf getragen haben? Nichts ist falscher als die Behauptung, daß die Lüge kurze Beine habe. Sie läuft im Gegenteil auf Stelzen durch das Land und schreit ihre Übertreibungen durch die Fenster des zweiten Stockes in die Häuser hinein. Heute war sie in aller Herrgottsfrühe mit einem Waldhüter in die Stiefel gefahren, und als die drei Wanderer von der Höhe des Galgenbuckels auf das Gemengsel von Dunst und Morgenrauch, in dem Birkenried steckte und seine Gegenwart nur durch die Kirchturmspitze verriet, heruntersahen, da schlich unten ein dumpfes Gerücht von Haustür zu Haustür und schwärzte das Ansehen des Arztes, der keinen Absatz am Stiefel hatte, der geschwollenen Übertreibung den giftigen Kopf zu zertreten. Der Wohlwollende sogar wurde bei der schlimmen Kunde mißtrauisch, und selbst Käthchen Sommertag trat vom Fenster zurück, mitten in die Stube, und sah mit verschleierten Augen durch die Vorhänge, als die drei verschneiten Gestalten ihren verlegenen Einzug ins Dorf hielten. Als der Morgen vorrückte und die Stunde kam, wo den Handwerker der erste Durst plagt, füllten sich die Wirtsstuben mehr als sonst mit Holzpantoffeln und Lederschurzfellen. Während die ehrenwerten Meister die wohlgeborene Kehrseite am Ofen wärmten und ihre Ohren dem Singen der Würste lauschten, die überm Feuer kochten, wurde die große Neuigkeit verhandelt, die von dem Forsthüter über den Galgenbuckel herübergebracht worden war. Darüber waren alle die sachverständigen Männer einig, daß man den seligen Doktor Wackernagel mit den Fingern aus der Erde kratzen müßte, und zwar auf Gemeindeunkosten. Während man zu seinen Lebzeiten nur Notiz von ihm nahm, wenn er einen Rausch hatte, war jetzt ein großes Klagen um den Toten wie um ein verlorenes Paradies. Wiegenmacher und Milchhändler, alle die hungrigen Leute, die von dem Bedürfnis des Kindes leben, sahen sich an den Rand des Verderbens gestellt und zeigten nicht übel Lust, auszuwandern nach fernen Breitegraden, wo man den Doktor Lorum nicht kannte und seine traurige Hilflosigkeit. Als nun gar der Knochenfranzel in Überschuhen ins Zimmer trat, verließ man den Ofen und seine gesegnete Wärme und sammelte sich um diese Fackel spießbürgerlicher Erkenntnis. Der Biedere wischte etwas von dem Alkohol, für den er in den Augen einen Transitkeller angelegt hatte, von den Backen, zuckte mit den Schultern, schüttelte den Kopf und wetzte die Hosenbeine aneinander. Dann sprang er vom Sprungbrett und schwamm in einem Strudel der verwegensten Fremdwörter. Sprach von einer Pendation an eine hohe Fincenzkammer, damit von seiten der Regierung ein Distrikt käme und Einsicht nähme in die Konfektion, die dringend einer Korruption bedürfe. Wer nicht gerade an einem Würstel kaute oder ein Priemchen zwischen den Zähnen hatte, riß den Mund auf und glotzte den Knochenfranzel an, als ob er von der Insel Patmos käme und eine neue, geheime Offenbarung mitgebracht hätte. Während die Leute so in gottgefälliger Harmonie wie Raben auf ein Aas hackten, kam ein Mann herein, den rasches Laufen um den Atem gebracht hatte. Vorerst stumm, schnaufte er zunächst ein paarmal, zog die Hände aus leinernen Fausthandschuhen, klopfte den Schnee von den Stiefeln und ergötzte sich an dem Wurstgeruch, der unentgeltlich im ganzen Zimmer zu haben war. Als er das Soll und Haben seiner Lungen endlich ausbalanciert hatte, kam ihm auch die Gabe des Redens allmählich, und er berichtete wie ein Amtsverkündiger: »In Niederwies, Bezirksamt Oberwald, war ein Gehöfte in Flammen geraten. Man hatte den Hausrat durch die Fenster gerettet. Der Bauer Hinterzaver vermißte unter den Gegenständen die Militärpapiere seines Sohnes Polikarp. Er war in das brennende Haus gerannt, während schon das Strohdach einen Buckel machte und jeden Augenblick einstürzen konnte. Doch es hielt, bis Hinterzaver mit Blasen an den Fingern wieder heraus war. Nun kann er seine Pfeife nicht mehr halten und verlangt nach einem Arzt.« Daß ein Wunder der Töpferkunst, eine Kaffeekanne mit vergoldeten Rändern, und die Bäuerin bei dem Brande umgekommen waren, erfuhr man auch so nebenher. Die Hauptsache aber blieb, daß der Hinterzaver die Finger verbrannt hatte und einen Arzt brauchte, der ihn kurierte. Er mußte seine Pfeife selber stopfen können. Es gab niemand, der ihm dies Geschäft zur Zufriedenheit besorgen konnte. Die Leute in der Wirtsstube lobten und empfahlen aufs wärmste den Knochenfranzel. Dieser selbst schritt wie ein Remontepferd mit stolz getragenem Kopfe auf und nieder. Er balancierte einen Zwicker auf der Nase, hatte die Hände auf dem Sitzfleisch gekreuzt und ließ die Daumen in schöner Regelmäßigkeit umeinander kreisen. Wo so viele einsichtsvolle Männer zu seinem Preise redeten, konnte er ja schweigen. Der Bote musterte das Wunderkind mit Interesse, als ob es der Gemeindebulle werden solle, und bemerkte erst nach längerem Besinnen: »Aber sagt, wie soll ich diesen wackligen Stoßtrog mit seinen Bügeleisenfüßen bei diesem Wetter nach Niederwies bringen? Laufen wird er nicht wollen und tragen tu' ich ihn nicht.« »Nichts leichter!« ließ sich eine Stimme hören. »Der Hintersteiner hat seinen Schlitten in der Schmiede stehen; der Kohlnickelbauer ist jedem dankbar, der ihm die Pferde bewegt, und der Pankraz Überdies sitzt schon seit Wochen auf seinen Schinken und pfeift einem Starmatz den ›Laudenbacher‹ vor. Da liegen also Kutscher und Gefährt beisammen, wie die Wurst beim Sauerkraut.« »Fragt den Knecht, ob er fahren will!« sagte der Fremde. Man schickte nach Pankraz. Er machte keine weitere Schwierigkeit, vorausgesetzt, daß ihm der Franzel am Ziel der Reise eine Mahlzeit zukommen ließe. Man fand die Forderung honett, und ehe noch eine halbe Stunde verging, saß der Franzel, die Füße sorgsam in Stroh verpackt, auf dem Hintersitz, Pankraz auf dem Kutscherbock, und der Schlitten rutschte hinter den Gäulen zum Dorfe hinaus. Es war eine vergnügliche Fahrt. Die Pferde freuten sich nach der Wintergefangenschaft des weiten Fernblickes. Sie haschten nach den Horizonten. Die ganze Sehnsucht ihrer Rasse nach ungemessenen Weiten lebte in ihnen auf. Sie waren, was einst ihre Ahnen waren auf der tibetanischen Hochebene, bevor sie um das Linsengericht der Stallfütterung ihre Freiheit verkauften, die Gesellen des Sturmes. So schoß der Schlitten über den Boden hin, und gequält zischte die Luft, als er sie grausam durchschnitt. Pankraz auf seinem Bocke freute sich nicht weniger als die Rosse, und er hatte nichts dagegen, daß sich der Wind den Spaß machte und ihm die Ohren rieb. Weniger gut aufgehoben war der Knochenfranzel. Seit Jahren bohrte der Holzwurm in dem Schlittengestell und lockerte die Fugen und Verzapfungen. So hatte die Fregatte nach Backbord eine starke Schlagseite. Diese Tatsache wurde dem Wunderdoktor durch manchen Stoß und Puff unter die kurzen Rippen zum Bewußtsein gebracht. Er seufzte lauter noch als der Wind und bat den Fuhrmann bei allen Heiligen, die Gangart der Pferde zu mäßigen. Pankraz gab sich den Anschein, als ob er das Gebet des Gerechten erhören wolle; aber während er einige beruhigende Worte an die Tiere verschwendete, ließ er heimlich die Peitschenschnur auf deren Rücken tänzeln, und sie waren nicht im Zweifel, was sie tun sollten. Wilder nur warfen sie die Beine in den wirbelnden Schnee, und das Schlickern verdoppelte sich. Der Franzel in seinem Ärger fluchte eine Million Donnerwetter auf einen Haufen vor sich hin und spuckte darauf. Die Sache blieb dieselbe. Schließlich tröstete er sich, als er sah, daß ein Meilenstein nach dem andern an ihnen vorbeiflog, damit, daß außer der Ewigkeit alles ein Ende nehme. Schon kroch ein kratzender Brandgeruch aus der Talmulde über den verschneiten Hügel und kitzelte die Nasenschleimhäute der Reisenden. Bald auch sah man eine klumpige Rauchsäule über einem geschwärzten Trümmerhaufen aufsteigen und sah Funken, die wie glühende Mücken in dem geballten Wirrwarr tanzten. Der erste Bauernhof, den man passierte, war wie ausgestorben. Kein Hund regte sich, nicht einmal der Brunnen plätscherte. ›Hier wird der Verletzte nicht untergebracht sein,‹ dachte Pankraz und fuhr vorüber. Beim zweiten und dritten Hof die gleiche Leere. Vorm vierten standen Schulkinder um die Feuerspritze und hielten mit gereiften Gesichtern unter sich einen Rat wie die Erwachsenen. Als der Schlitten kam, guckten sie auf und gaben Antwort, als der Fuhrmann fragte: »Wo haben sie den Hinterzaver hingebracht?« »Wir wollen's Euch zeigen!« schrien alle wie aus einer Kehle, »aber Ihr müßt absteigen. Es geht hier zwischen den Hecken ein paar Treppen in die Höhe.« Und sie deuteten alle mit den Zeigefingern nach einem Hofe, der hinter den Obstgärten im Gelände lag. Es war ein schweres Stück, den steifgefrorenen Franzel aus dem Schlitten zu bringen, zumal Pankraz ungefällig wie ein vereideter Güterbestätter auf seinem Bocke sitzen blieb. Während die Mädchen lachten, sprangen die Knaben hilfsbereit herzu, setzten dem Alten den Fuß aufs Trittbrett, unterstützten ihn in der Achselhöhle und brachten ihn glücklich auf den Boden. Nun streckte er sich, pustete, hustete und nießte gleichzeitig, so daß über diese vielseitigen Lebensäußerungen unter seinen Zuschauern eine große Heiterkeit entstand. Pankraz lachte mit und rief den Kindern zu: »Bringt dies Mutterschwein zum Hinterzaver hinauf, aber nehmt Eure Waden in acht, es grunzt nicht nur, sondern beißt auch.« Damit gab er den Pferden die Peitsche und fuhr vor zum »Blauen Henkelkrug«, wo er einstellte. Der Wirt stand unter der Tür und kratzte sich gelangweilt den kahlen Schädel unter dem Stulpkäppchen. »Hast du einen von den Leuten mit den grünen Kragen hierhergebracht?« fragte er. »Nein, den Knochenfranzel!« war die Antwort. »Aber nun frag' nicht lang', du Beutelratte, und lauf, so schnell es dir dein Kropf erlaubt, nach Speisekammer und Keller. Der Franzel hat mir gesagt, daß ich eine Kleinigkeit genießen könne auf seine Rechnung, verstehst du, auf seine Rechnung!« Des Wirtes Beine konnten flink sein, wenn sie auf den Wegen des Profites wandelten. So dauerte es denn nicht lange, und Pankraz saß vor einem halben Schinken, dem ein Maßkrug stimmungsvoll zur Seite stand. »Wie einer ißt, so schafft er auch!« sagte er zu dem Gasthalter und tat sich gütlich, als der Knochenfranzel wider alles Erwarten zur Tür hereingestürzt kam. »Da sitzt dies Untier!« sagte er verärgert. »Daß es einer so gut hätte wie Salomons Lilien und dieser Tunichtgut. Er kleidet sich, ißt und trinkt und fragt nicht, wer's bezahlt.« »Wer's bezahlt?« sagte Pankraz. »Soll ich dir unseren mündlichen Vertrag mit einem Schälprügel auf den Buckel schreiben?« »Was nützt dich dein Vertrag?« höhnte der Franzel. » Ultra posse nemo tenetur . Denkst du, der Bauer hat mir einen roten Heller gegeben? Ihr müßt Geduld haben,‹ meinte er, ›bis zur nächsten Schafschur. Ich werde Euch Wolle schicken, und Ihr könnt Eure Strümpfe damit stopfen lassen.‹ Doch was helfen mir ganze Strümpfe, wenn ich ein Loch im Magen habe.« »Geht's den Weg!« sagte Pankraz. »Dann, Wirt zum ›Blauen Henkelkrug‹, behaltet mir den Alten als Faustpfand. Ich fahre allein nach Haus.« »Du könntest mir die Pest im Hause lassen, sie wäre mir lieber wie dieses Schwarzwild. Mach', daß du ihn über die Schwelle bringst, oder er fliegt die Treppe hinunter.« »Überhastet Euch nicht!« mahnte Pankraz. »Am Ende bringt Ihr mit den Händen wieder ins Haus, was Ihr jetzt mit einem Fußtritt vor die Tür setzt. Einstweilen will ich dies Kolli Lumpen mitnehmen, vorausgesetzt, daß er mir nicht den Schlitten durchdrückt.« Nach diesen Worten ging Überdies, bereitete sein Gespann und fuhr vor. Der Knochenfranzel war ins Freie getreten, zog seinen Überrock stramm über den Bauch und stieg auf den Schlitten. »Laßt Euch den Abschied nicht zu schwer werden!« rief Pankraz dem Wirte zu. »Ihr seht ihn wieder, schneller als Ihr denkt.« And er nestelte unbeachtet an dem alten Schlittengestell einige Riegel los. Die Pferde scharrten mit den Vorderbeinen im Schnee und spitzten die Ohren vor Ungeduld. Endlich kam, was sie wollten. Ein leichter Hieb über den Rücken, und beide schossen ins Geschirr. Ein Ruck schleuderte den Franzel gegen die Sitzlehne. Krachend gaben die morschen Bretter nach, und vorm »Blauen Henkelkrug« wälzte sich der Knochenfranzel, während das Gefährt, in eine weiße Schneewolke gehüllt, durchs Dorf sauste. Wie ein Unwetter ging es über die Erde hin. Der Wind schnitt dem Pankraz mit Messern ins Gesicht. Was lag daran? In ihm loderte das warme Feuer der Schadenfreude. Er hatte den Stern von Birkenried vom Himmel heruntergerissen. Die Leute hatten eine neue Sensation, und das Weinen von Randersecken wurde durch das Lachen von Niederwies erstickt. Als Pankraz im Zwielicht einer kurzen Winterdämmerung seinen Schlitten unter das Vordach der Schmiede lenkte, gab es ein großes Zusammenlaufen, Gaffen und Wunderwerken. Müßiggänger, wie sie immer um den Amboß stehen, kamen heraus und betrachteten den Schlitten. »Wo hast du den Franzel gelassen und den Rücksitz?« hieß es von allen Seiten. »Fehlt was?« sagte Pankraz und drehte sich mit harmloser Neugier nach hinten. »Nun frag' auch noch!« sagten die Leute. »Wenn du nicht wieder im Kopf zuviel hättest, so könntest du nicht heimkehren und am Fuhrwerk zu wenig haben.« Pankraz erbot sich, ein Dutzend Meineide zu leisten, wenn er wisse, wo der Franzel mit dem Schlittensitz stecke. »Irgendwo zwischen Niederwies und Birkenried muß beides der Teufel geholt haben. Wer dem Satan seine Beute abjagen will, der mag den Weg nach Niederwies zwischen die Beine nehmen.« Die Leute zerstreuten sich nun. Aber wieviele auch mit schönen Worten das Verschwinden des Knochenfranzels beklagen mochten, nicht einer ging, um ihn zu suchen. Mit einer fidelen Neuigkeit geladen an den warmen Stammtisch zu treten und diese auszukramen, das war freilich angenehmer, als sich in das Frieren einer verschneiten Winternacht hineinzuwagen. Dreizehntes Kapitel Der Frühling kehrte mit brausenden Stürmen die Wolken vom Himmel, dann schickte er einen warmen Wind aus dem Süden und brachte die Sonne zurück ans Firmament, unter dem gütigen Einfluß dieser beiden verzehrte sich der Schnee und wurde so dünn, daß die grünen Lanzetten der Wintersaat ihn durchbohrten und neugierig in die Welt hineinguckten. In den Dörfern wurden die Straßen und Plätze trocken, und wo immer sich eine ebene Fläche bot, trieben Knaben mit Peitschenhieben ihre Tanzknöpfe. Die Mädchen spielten an der Kirchenmauer mit Wollbällen, warfen sie wider die verbleiten Fenster, freuten sich, wenn die Scheiben klirrten, und fingen den bunten Knäuel mit den Schürzen wieder auf. Jedes Rindvieh stellte den Schwanz wie einen Fahnenmast kerzengerade in die Höhe, wenn es zur Tränke ging, und schreckte mit ungelenken Luftsprüngen die Mägde, die mit den Kübeln zum Brunnen wollten. Unter den Dachkandeln lärmten die Spatzen, stritten sich um die Bauplätze für ihre neuen Häuser, und die Männchen fochten mit frisch gewetzten Schnäbeln und scharfer Kralle blutige Kämpfe der Eifersucht, während die Weibchen sich damit begnügten, mit frecher Zunge übereinander zu schimpfen und sich gegenseitig schlecht zu machen. Überall regte sich der Frühling und verleitete Mensch und Tier zu allerlei Torheiten. Wenn auch die Bimssteingesichter der Männer starr und unbeweglich blieben, was auch immer zwischen Himmel und Erde vorgehen mochte, die Weiber regten sich, huschten zueinander, steckten die Köpfe in alle Modejournale, hatten allerlei zu beraten und vielerlei zu ändern und auszutauschen. Innocenz traf auf seinen Gängen von Bett zu Bett die Nähterin mit ihrer Maschine bald da, bald dort, und er trug an seinen Absätzen rote und gelbe Reihfäden, weiße und grüne Zeugschnipsel von sonderbaren Formen mit nach Hause. Nicht selten überraschte er den Hausierer, wie er seine Stoffe auf dem Krankenbett ausgelegt hatte, aber wenn der Doktor kam, sein ganzes Lager rasch in seinem Wachstuchmagazin verschwinden ließ. Fastnacht war nahe. Nun bereite dich zur Himmelfahrt, Schwartenmagen, du letzte gelbgeräucherte Reliquie des verblichenen Schweines! Tu dich auf, Mehlkasten, und du, Ölkrüglein der Witwe von Sarepta, schon harrt eures Inhaltes die Pfanne über dem prasselnden Reisigfeuer. Größer als sonst war in diesem Jahre die Spannung der Gemüter, höher die Erwartung auf den Glanz des Festes. Turnerschaft und Singverein, die trotzigen, unversöhnlichen Rivalen um die Volksgunst, waren nach vielem Bemühen und unter dem Zureden des Pfeifenvereinsvorstandes unter einen Hut gebracht. Wer wollte nun noch zweifeln, daß ein Fest herauskommen werde, von dem noch die späten Enkel singen und sagen sollten? Emerentia, die zeisiggelbe Frau des Dorfbarbiers Immergrün, war nach der Stadt gefahren und hatte in einer Kiste Kostüme mitgebracht von unerhörtem Glanz und unbezahlbarer Kostbarkeit. In der Dämmerung schon, aber auch später noch, wenn das satte Vieh in den Ställen sich ans Geschäft des Wiederkauens machte, war ein starkes Gelaufe nach ihrem Laden hin. Eine allgütige Melusine, stand Frau Immergrün, während ihr Mann im Hinterstübchen rasierte, zwischen goldenen Kronen von Pappendeckel, Königsmänteln aus Hasenfell, Kolliers und Armspangen aus lackierten Hobelspänen. Welch ein Auswählen und Wiederverwerfen, welch ein Kaufen und Wiederzurückgeben, welch ein Dranflicken und Wiederheruntertrennen! Frau Emerentia hielt mehr überflüssigen Fragen stand, als alle Kondukteure und Zugführer zwischen dem Ärmelkanal und Hellespont. »Was meinen Sie, gute Frau Immergrün, zu einer Zigeunerin?« »Gewiß, nichts Schöneres für dich, liebe Seele! Und wie das stehen wird zu deinen schwarzen Kirschenaugen und dem Rabenhaar. Die Brust heraus und ich will das Kleid so an dich hinlegen. Etwas wilder mußt du um dich schauen. So, eben wird es recht. Nein, gib dich nicht zu verführerisch, auf daß dir der Dirnenwaibel nicht nachläuft und deinen Gewerbeschein verlangt oder gar dich über Nacht ins Loch steckt.« »Ich traue Eurem Urteil ja gewiß, Frau Immergrün, aber meint Ihr nicht, ich sollte es einmal probieren, wie das Kostüm einer Gärtnerin mich kleiden würde?« »Eine Gärtnerin? Was könnte es Passenderes für dich geben, deine blauen Augen und deine Flachszöpfe? Einen kleinen Rechen ins Haar, ein schwarzes Mieder mit Goldpassementrie und ein Körbchen mit Rosenkohl an den speckigen Arm, und nicht nur die Bursche laufen dir nach, nein, auch die Gänse des ganzen Kirchspiels.« Ja, Emerentia war ein merkantiles Genie von nie gesehener Größe und eine Künstlerin überdies. Aus einem Eisenhafendeckel und einem Schürhaken machte sie einen römischen Legionär, aus Bücklinghaut und einer Mädchenbrust eine erzgepanzerte Kriemhilde. Und sie fand Anerkennung, die Anerkennung der Masse und die Anerkennung der Guten. Ihr zuliebe saß Innocenz Lorum manche halbe Stunde im Kabinett des Barbiers und ließ sich den Kopf waschen. Und wenn der Laden für Augenblicke leer war, dann hüpfte die Kleine auf Bachstelzenbeinen ins Hinterstübchen und plauderte, plauderte von sonnigen Tagen an den Ufern der Seine, von Mondscheinnächten im Bois de Boulogne , von Champagnerknallen und Zigarettenduft auf den Höhen des Montmartre. Und noch intimere Dinge holte sie hervor aus dem Schrein ihres Herzens. Sie sprach von Armen, die sie weich umschlungen hatten, von Küssen, die versengend nach ihrem Herzen niedergebrannt waren. Und ach, diese Welt, diese schöne Welt hatte sie verlassen, diesem Streichriemen zuliebe, der nun ihr Mann war. Es war zu dumm. Innocenz hörte diese Mignonlieder, und ein mächtiges Sehnen nach den Brunnen des Lebens zog in seine Seele ein. Es gab Augenblicke, in denen Käthchen Sommertag vergessen war, hinweggeschwemmt von einer heißen Blutwelle, die nach Allwissenheit verlangte. Gewiß, daß er in die Weiten wollte, das war ihm klar, aber auch hier in Birkenried wollte er nicht versauern. Wenn er die See nicht haben konnte, so wollte er sich in die Pfütze setzen, plätschern, plätschern, wie es auch die anderen taten. Warum sollte er anders sein wollen wie die vielen? Sich anpassen, das war's vielleicht, was er seither vernachlässigt hatte. Mit dem Strome treibt ein leichter Lufthauch das Frachtschiff, aber der größte Sturm bringt den Nachen nicht von der Mündung zur Quelle. Dies und anderes hatte Innocenz bedacht, ehe er sich entschloß, sich in den Fastnachtstrudel von Birkenried zu stürzen. Frau Immergrün formte seinen äußeren Menschen so, daß er in etwas dem Charakter des Festes entsprach. Eine Schellenkappe auf dem Haupt, eine Sonnenblume im Knopfloch, betrat er am Sonntag vor Fastnacht den Ballsaal der vereinigten Turner und Sänger. Welch ein Umschwung der öffentlichen Meinung bei seinem Erscheinen! Der Feuerwehrkommandant erhob sich, ging ihm bis zur Tür entgegen, knickste wie ein halb durchgebrochener Peitschenstiel und versicherte, daß er die Ehre zu schätzen wisse, die der Gesellschaft durch das Erscheinen des Arztes zuteil werde. Den ersten Redner löste der Turnwart ab. Er gab dem Arzt die Hand, drehte sich dann um und ließ die Augen durch den Saal gleiten. Dieser prüfende Blick aus so hervorragendem Antlitz veranlaßte ein großes Stuhlrücken an allen Tischen. Jeder Mann und jede Frau gab sich den Anschein, als ob es ihnen eine große Ehre wäre, den Arzt neben sich zu wissen. Die Weiber rafften ihre Röcke um die Unterschenkel, die Männer hoben die Rockzipfel und setzten sich darauf. Alle, alle wollten sie dem Ehrengast einen Sitz verschaffen. Frau Immergrün löste geschickt die Platzfrage und setzte den Doktor mitten hinein in einen Blumengarten von Kameliendamen, alle aus ihrem Treibhause. Bald kamen edle Herren, die durch die Kunst der Frau Emerentia Ritter geworden waren, und es begann ein hölzernes Verneigen herüber und hinüber, bis die Musik einen Walzer intonierte, der über den Text geschmiedet war: Durch das viele Schubkargfoahrn Ist die Lene bucklig woarn. Schon die ersten Takte schufen ein sinnverwirrendes Durcheinander. Eisbären walzten um Königinnen der Nacht und Schmetterlinge um Windhunde. Es war ein Stoßen und Drängen wie in der Arche Noah. Da flog ein wirbelndes Paar den Mauerblümchen in den Schoß, dort kollidierte eins mit dem Ofen, daß das Rohr aus der Wand flog und seinen schwarzen Puder über die Köpfe streute. Da griff eine Herzogin hinter sich und suchte von dem hängen gebliebenen Schleier zu retten, was noch zu retten war, dort wickelte eine Prinzessin die Beine eines Edelknaben aus den Spitzen ihres Unterrockes. Als die erste Tour beendet war, kamen all die stolzen Erscheinungen an die Tische zurück, wie eine vom Sturm gepeitschte Fischerflottille an den Strand. Da fehlte was am Hintersteven des Schiffes, dort am Bugspriet. Hier schlug ein halb zerrissenes Segel den Mast, dort hing von einer fremden Galere ein Signalfetzen in den Raaen. Die Leute waren übrigens nicht unglücklich über diese Verwüstungen, im Gegenteil, sie freuten sich derselben fast. Der Zwang der Rolle war ihnen etwas Unnatürliches; sie waren wie erlöst, daß sie ihre Stimme nicht mehr zu verstellen, daß sie nicht mehr in gewählten Sätzen zu reden brauchten. Sie waren wieder Menschen geworden und konnten nach ihren Bauernmanieren essen und trinken. Mit der Steigerung der physischen Genüsse sank der hochgeschraubte Tenor der Veranstaltung trotz des Frackes des Singvereinsdirektors immer tiefer. Gläser werden auf den Tisch geschlagen, und in der Ecke, wo die Veteranen ihren Medaillenstand aufgeschlagen hatten, fängt man an zu singen. Nicht gar lange und man sieht den ersten Betrunkenen sein Schifflein durch das Treibeis der Tanzenden steuern. Es gab Arme, die sich hoben, um zu zeigen, wie man in der Achselhöhle schwitze. So ungeniert war man bereits, als sich von einem Tische in der Nähe des Uhrkastens ein schallendes Gelächter erhob. Eine von den männlichen Masken war vom Stuhl gefallen und lag hilflos am Boden. Dem Feuerwehrkommandanten kam der Gedanke, daß das etwas sei, worüber sich die Gesellschaft schämen müsse. Er drängte die Gaffer auseinander und stand vor dem Schandfleck des Abendfestes. »Mannschaft her!« kommandierte er. Und einige Männer griffen zu und hoben den Menschen vom Boden auf. Wie lappig, wie ganz ohne Zusammenhang war er doch! Leichter hätte man einen Schneemann transportieren können als ihn. Man mußte fürchten, daß er einem unter den Fingern zerbreche. Was war das für ein Gaudium an allen den Tischen, an denen das Jammergebilde vorübergetragen wurde! Man drückte die Tür nach dem Gange auf und sah dem Zuge nach auf den Korridor. Daß der Verunglückte gar so still war, das war den Leuten nicht so recht nach dem Geschmack. Man hätte gerne gelacht, und deshalb erwartete man mit Spannung eine grobe Bemerkung oder eine Gewalttätigkeit, wie sie bei Trunkenen vorkommen. Aber beides kam nicht. Als es nichts mehr zu sehen gab, versenkte man sich in abgrundtiefe theoretische Betrachtungen. Daß Wein und Blutwurst sich nicht miteinander vertragen, darüber war man einig und man brauchte nicht das Obergutachten eines Sachverständigen einzuholen. Daß aber Weingenuß an sich den Menschen kräftige, dies Dogma war angesichts des gebrechlichen Zustandes des Hinausgetragenen stark ins Schwanken gekommen. Man wandte sich mit allerlei Fragen an Innocenz. Als dieser beharrlich schwieg, schlug der Hintersteiner mit der Faust vor ihn auf den Tisch und schrie: »Er lasse sich nichts mehr weismachen. Ihm könne einer sagen, was er wolle, er wisse doch, was er vom Wein zu halten habe, und wenn der Wein dem Körper Kraft gäbe, dann müßte er der stärkste Mensch auf Erden sein.« Über diese Beweisführung lachten die zwei zunächst stehenden Tische und drei weitere, die etwas ferner standen. Die Leute aber am sechsten und siebenten Tische griffen denen vom vierten und fünften mit den Fäusten in das Rückenstück der Überröcke und bearbeiteten sie so lange, bis die Geschüttelten den Witz des Hintersteiners von sich gaben, und minutenlang füllte verspätetes Lachen wie fernes Echo den Saal. Innocenz hatte das Gefühl, daß der Hintersteiner Händel suche, und erhob sich, um nach Hause zu gehen. Der Appetit war ihm vergangen, ehe noch das Mahl ganz serviert war. Im Hausgange nahm ihn eine Zigeunerin am Ärmel und zog ihn in eine kleine Kammer, die von einer Rüböllampe dürftig genug erhellt war. Auf den zerknitterten Kissen eines Bettes lag im schläfrigen Halbdunkel der schlaffe Körper des jungen Mannes, den man vor einer Viertelstunde aus dem Saal getragen hatte. In das bleiche Antlitz herein hingen einige verirrte Haarsträhne und griffen mit ihren Ringeln nach dem blonden Flaum, der sich als schüchternes Zeichen der Mannbarkeit auf die Oberlippe gewagt hatte. Die Augen waren geschlossen. Die Lider waren in den dunklen Schatten der Augenhöhlen wie in einen Schacht versenkt. Zwischen den hochgespannten Brauen aber, da thronte etwas Unheimliches, das den jungen Arzt erschauern ließ bis in die Grundfesten seiner Seele hinein. Der Engel des Todes war's, der hier seinen Thron aufgeschlagen hatte. Das Unglaubliche war geschehen. Mitten hinein in die Freuden der Menschen hatte das Verhängnis seine fleischlosen Arme gestreckt und ein junges Menschenleben erwürgt. Um das Schreckliche ganz glauben zu können, durfte Innocenz seinen Augen allein nicht trauen. Er trat vom Fußende an die Seite des Bettes. Dabei schob er den Knochenfranzel, der mit schwerer Junge bombastische Reden führte, in eine Ecke und sah sich den schreckhaft fragenden Augen der kleinen Zigeunerin gegenüber. Silberne Schellchen, die um ihren Kopfputz tanzten, klingelten noch immer die Melodie des Faschings, aber was sie läuteten, bildete eine scharfe Dissonanz zu dem, was das arme Herz fühlte und das bleiche Antlitz beichtete. Wie auf ein Marterl am Wege war die Kunde eines großen Unglücks in dies Gesicht geschrieben. Der Arzt sah das Mädchen traurig an, dann beugte er das Haupt zu dem Jüngling nieder und lauschte, ob noch das Herz die Sprache des Lebens rede. Es war alles still. Die Zirkulation der Säfte hatte aufgehört. Es begann die Flucht der Atome ins Weite. Keine Erinnerung an Gewesenes geht mit. Das unklare Streben, sich irgendeinem Werdenden anzuschließen, leitet die Moleküle. Mit den lauernden Augen eines Luchses war das Mädchen jeder Bewegung des Arztes gefolgt, und als er sich umdrehte und mit der Schulter zuckte, da durchschnitt ein Schrei wie der Knall eines Geschosses die Luft und alarmierte den benachbarten Tanzsaal. Im Nu war der Rahmen der Tür zu eng. Wie ein Wildbach, der sich über ein Stauwehr wälzt, flutete der Schwarm der Gaffer in die Kammer. In der vordersten Reihe lehnten die Oberkörper über das Fußende des Bettgestelles, die zweite und dritte Reihe über den Rücken ihrer Vordermänner, und alle rissen mit den Augen noch die Mäuler auf, gafften, schüttelten den Kopf und gafften wieder. Wenige, die sich satt gesehen hatten, gingen. Andere kamen an die leer gewordenen Plätze. Jetzt erschien auf der Türschwelle ein Harlekin mit der Pritsche. Ein unklares Gerücht hatte ihn aus dem Saal gelockt. Seine Augen blinkerten neugierig durch die Löcher seiner Maske und sein spitzer Hut mit roten Knöpfen tanzte trunken auf dem kahlen Schädel. Mit Pritschenschlägen, die er auf die Häupter der Menge niederregnen ließ, bahnte er sich einen Weg zu der kleinen Zigeunerin, die ihr Gesichtchen in die Hände vergraben hatte und am Bette des Toten saß. Der Narr stieß mit dem Knie an das weinende Kind, und sie hob das traurige Antlitz aus der Tränenschale der Hände. Da plötzlich wurde der Zudringliche verlegen und fragte unsicher: »Liesel, was ist los?« »Gestorben!« schrie das Mädchen. »Mein Bruder ist gestorben!« »Gestorben?« wiederholte zweifelnd der Harlekin. »Ist ihm das schon oft passiert?« »Nein, es ist zum ersten Male!« gab die Angeredete gedankenlos zurück. Nach diesen Worten schüttelte ein inneres, konvulsivisches Lachen den Schwarm der Gaffer, und es entstand ein heftiges Drängen nach der Tür. Wer seine Stimmung nicht beherrschen konnte, suchte auf den Gang zu kommen, um sich den Kitzel aus dem Halse zu lachen. Ein einziges unüberlegtes Wort hatte das Tragische der Situation verwischt und das Komische nach oben gekehrt. So labil ist das Gleichgewicht der menschlichen Gefühlslage, daß ein unbedachter Satz das Unterste nach oben kehren kann. Wer übrigens jetzt noch nicht aus dem Zimmer war, dem wurde das Abschiednehmen von dem Toten leicht gemacht. Die kräftigen Fäuste des Arztes hakten sich in die Rockkragen der Gaffer, und ehe man sich recht besonnen hatte, was das bedeuten solle, lagen einige Fettwänste wie Kaffeesäcke übereinander auf dem Vorplatz. Innocenz führte das weinende Mädchen über die Treppe, nachdem er die Tür zur Kammer des Toten verschlossen hatte. Eine Viertelstunde später war die Leiche aus dem Hause geschafft. Die Störung, die der Abgang eines Menschen aus der Zeitlichkeit in die Ewigkeit hervorgerufen hatte, war keine allzugroße und manchem sogar nicht unerwünscht. Die Musikanten zum Beispiel hatten die Pause allgemeiner Überraschung benutzt und hatten die halbgeleerten Gläser der Gäste über ihre Nasen erhoben, bis der letzte Tropfen Wein in ihren Gurgeln war. Der Wirt hatte die angebrochenen Flaschen durch ganze ersetzt und hantierte mit der Kreide wie ein Schnellmaler am schwarzen Brett herum. Bald fing die Musik aufs neue an. Eine Fliege war in einem Weinglas ertrunken und herausgeworfen worden. Wer läßt sich durch Kleinigkeiten den Appetit verderben? Innocenz war einer von jenen Empfindsamen, die kratzen müssen, auch wenn sie nicht gebissen werden. Er hatte eine schlaflose Nacht, in der er sich klar wurde, daß er hier unter Larven eine fühlende Brust sei. Die Menschen seiner Umgebung waren ihm unverständlich, wie er ihnen. Er hatte sie in ihren Leiden kennen gelernt und hatte sie nun aufgesucht in ihren Freuden. Mitten im Tumult hatte er sich einsam gefühlt und unverstanden. Das Mignonlied der Frau Emerentia Immergrün lockte in andere Länder und zu anderen Gesellen. Warum sollte er hier sitzen bleiben, wo die Alltäglichkeit mit ihren unersättlichen Mäusezähnen unerbittlich seinen Schatz von Idealen fraß? Daß man ihm beim Abschied nicht den Rock zerreißen werde, das war ihm klar. Außer dem Pankraz und Käthchen Sommertag würde ihm niemand mit feuchtem Auge nachsehen. Ja, Käthchen Sommertag, die vielleicht? Nein, nicht vielleicht, die gewiß. War sie doch selber hier wie eine vom Sturm in die Sandwüste verschlagene Möwe, die mit müden Flügeln über den Disteln schwebt und mit bangen Klagetönen ihr Heimweh in die Lüfte weint. Warum war sie doch gestern nicht da, wo doch alle Welt war? Hält sie sich zu gut für diese Gesellschaft? Freute sie sich der Stille ihres Sauses an einem Abend, wo die Herde einmal auf einer anderen Weide graste? Innocenz sah das Mädchen in der leeren Stube, das Kinn auf die Hand gestützt, das Haupt über ein Buch gebeugt, sah die Wangen von der Farbe der wilden Rose, die feingeschnittenen Lippen, die Stirne, von der aus ein frommer Schein das zarte Oval des Gesichtes beleuchtete. Unnahbar, eine Königin für alle, und doch für einen ein erreichbar menschlich Wesen, eine liebende Braut, eine zärtliche Gattin. Von allen fordere ich Respekt, von einem Liebe! Innocenz wußte, daß er der eine sei, und der Gedanke war sein Glück, aber er belastete doch auch wieder sein Freigepäck mit starker Überfracht. Wenn Käthchen der Kompaß war, nach dem er seinen Kurs segelte, dann mußte über kurz oder lang die Reise wieder in Birkenried enden. Das war keine schöne Perspektive. Doch die Welt war ja so groß. Irgendwo mußte es doch einen Fliederstrauch geben, in den ein Vogelpaar sein Nestchen bauen konnte. Noch waren nicht alle Pfade abgeschritten. Noch hatten sie eine Zukunft. Er war ja noch jung. Warum sollte er nicht den Wanderstab in die Hand nehmen? Wenn die Frühlingssonne die Wege getrocknet hatte, dann sollte es sein. Dann sollte der Wind in seinen Mantel blasen und ihn vorwärts treiben, dem Glück entgegen. Käthchen Sommertag kam später nach, und alles wendete sich zum Guten. Solches oder Ähnliches wollte er mit dem Kinde besprechen, bevor er abreiste. Das war der Vorsatz, der aus der Saat grübelnder Gedanken gereift war. Frisch sprang er aus seinem Bett, denn es war auch schon die Sonne da und wollte ihm leuchten zu einem neuen Tagewerk. Die Dorfgasse war heute für diese Morgenstunde auffällig leer. Der Krämer zog unter Gähnen seinen Rolladen in die Höhe, und der Hufschmied ging mit kollerndem Schurzfell nach seiner rußigen Werkstätte, als die Uhr vom Kirchturm die neunte Stunde schlug. Still war's, denn noch ruhten alle Hämmer, die sonst am Amboß so eifrig klopften, noch ruhte das Schifflein auf dem Webstuhl des Leinewebers. Kein Rad schlug noch in der Nabe, kein Hufeisen auf dem holprigen Pflaster. Man hörte das Plaudern eines Starenpaares und das Gezänke einer Spatzensippschaft. An einem andern Tage hätte dies Volk vergeblich versucht, sich bemerklich zu machen, heute hatten sie das Ohr von jedermann, bis ein Disput aus einem Wirtshausfenster sie übertrumpfte. »Wirst du nach Hause gehen, Lump versoffener, und den Haussegen pinseln! Der Zimmerstoffel wartet drauf. Ohne Haussegen kein Rüstfest, ohne Rüstfest kein Geld. Was sollen deine Kinder essen? Der Bäcker borgt nicht mehr!« schrie ein hoher Diskant, dem bald darauf ein verschleimter Baß antwortete: »Scher' dich zum Teufel, du Vettel! Wenn ich dich erst beim Halstuchzipfel zu fassen kriege, dann schweigt deine Gänsegurgel für immer!« »Komm' nur her, Eindarm! Glaubst du, daß ich mich vor dir Erbärmel fürchte? Wie einem Maikäfer reiße ich dir die Beine heraus, daß du lernst vor mir auf dem Bauche rutschen wie ein Ochsenfrosch!« war die Antwort. Innocenz hatte genug von diesem gottgefälligen Ehegespräch gehört und ging weiter. Unterwegs fragte er sich, ob wohl in den Herzen dieses Paares vorzeiten ähnliche Flammen geglüht haben möchten, wie in dem seinen? Und wenn sie glühten, wie konnten sie verlöschen? Kann der Magen mit der Trivialität seiner Forderungen die Stimme des Herzens überschreien? Gedeiht die Liebe nur im gutgedüngten Mistbeet einer fetten bürgerlichen Existenz? Innocenz trug schwer ringend diesen Gedanken bis zu einer offenen Haustür. ›Hier werden die Leute wach sein!‹ dachte er und ging hinein. An der Schwelle maunzte eine Katze und wollte ins Zimmer zu dem Topf, der ihr Frühstück enthalten sollte. Das hatte sie mit Recht zu fordern, und wohlgemut turnte sie über die Füße des Arztes zum Ofen hin. Als sie nichts fand, gab es einen kläglichen Protest. Er wurde nicht gehört, obwohl ein Vertreter des Rechtes zur Hand war, denn eine Majestät atmete nebenan. Im Bette neben der kranken Mutter lag unter einer schmutzigen Zudecke eine »indische Königstochter« vom gestrigen Abend. Ihr im Haare hingen noch einige matte Confettisterne, und eine Milchstraße von Stanniol lief von einem Ohr zum andern durch die zerzauste Frisur. Die schlummernde Hoheit schnarchte recht vernehmlich und träumte vermutlich von einem Siegeszug durch Männerherzen, während sie weder der Katze noch dem einen Manne, der sie so mit weit geöffnetem Munde liegen sah, begehrenswert vorkam. Innocenz redete leise mit der Kranken, und diese gab mit gedämpfter Stimme Antwort, um die Schlafende zu schonen. Hinter dem Rücken des Arztes aber erhob sich ein weniger rücksichtsvolles, plätscherndes Geräusch und forderte Beachtung. Da stand mit nacktem Oberkörper ein magerer Jüngling über eine Waschschüssel gebeugt und scheuerte sich den fetten Nubierglanz von Hals und Wangen. Er war gestern noch ein abessinischer Prinz und hatte wie alles, was weit her ist, vielen Anklang gefunden, aber heute hatte er unter seiner Würde und seiner Farbe viel zu leiden. »Man muß schon den Kopf wie ein rostiges Beil wider den Schleifstein drücken, wenn man wieder ein Mensch werden will,« sagte er ärgerlich. »Ein andermal setz' ich Hörner auf und stell' einen Germanen vor. Man kann die Schmierseif' sparen.« Der Arzt war fertig und ging ein Haus weiter. Hier lag der Vater im Bett, die Mutter war in der Küche, und die »Kleopatra« vom Maskenball saß, einen Melkeimer zwischen den Knieen, im Stall unter der Kuh. Kleine Geschwister von ihr hatten sich in ihre Schleier gewickelt und schritten mit nackten Füßen voll königlicher Grandezza über die Diele, während ein junger Hund sich die Sache bequem machte und sich in der unbezahlbaren und annoch unbezahlten Schleppe nachziehen ließ. Welch tiefer Fall von himmelhohen Illusionen herunter in eine Wirklichkeit, die nach Armut roch und Kuhstall. Dank dir, du Allerbarmer, daß du uns Farbe gegeben hast, unsere Gebrechlichkeit zu übertünchen, und die Nacht, um unsere Schande zu bedecken. Nur die Täuschung ist das Leben. Glücklich sind die Blinden. Wehe denen, die Augen haben und damit sehen! Innocenz war einer von den Sehenden und einer von denen, die an den Kontrasten zwischen Sein und Schein ihre Weltverachtung wetzen, für die Masse ungenießbar werden und dem Alleinsein verfallen. Mit heißem Bemühen hatte er versucht, sich an die Herde zu gewöhnen, ihre Lasten zu tragen, ihre Genüsse zu teilen. Mitten im Schwarm war er auf sich gestellt und einsam geblieben. Es konnte keine Rede davon sein, daß er den Versuch fortsetzte. Hinaus in die Welt! war die Devise geworden. Käthchen Sommertag stand noch im Frühmorgen ihres Lebenstages. Bis die Sonne kam und sie ganz zur Jungfrau reifte, konnte der Tauber, der heute suchend aus der Arche aufstieg, heimkehren und die Kunde bringen, daß endlich ein trockenes Plätzchen gefunden sei. Vierzehntes Kapitel Spinnen, die im Scheunengebälk ihre Fäden gespannt hatten und auf Mückenschwärme warteten, erlebten eine arge Enttäuschung. Rechen, Hacken und andere Dinge, an denen sich das Fangnetz bequem verankern ließ, wurden herabgerissen und damit war dem Gliederfüßler der Lohn so vieler fleißiger Arbeit vernichtet. Auch mit dem Winterschlaf der Sense war's vorbei. Sie ward von ihrer einsamen Höhe herabgenommen und mußte sich den Hammer gefallen lassen, der sie scharf machte zu ihrem schweren Beruf, viel blühendes Leben in den Staub zu legen. Im Laden des Krämers waren Wetzsteine ein viel begehrter Artikel, und wer ein tüchtiger Mäher war, konnte in seiner Hütte den Besuch des protzigsten Bauern erwarten. Ehe noch das Lied der Nachtigall verklungen war, hörte ein aufmerksames Ohr aus dem Morgennebel heraus das Rauschen der Sense. Der Landmann lebte wieder ganz im Freien. Um sein Haus kümmerte er sich nur deshalb, weil es auch die Wohnung seines Viehes war. Monate alte Händel zwischen den Nachbarhöfen kamen zum Schweigen, und der zur Winterzeit so gesund erblühende Dorfklatsch starb lendenlahm und gebrechlich. Von den Menschen hinweg war das Interesse hinaus auf die Felder gewandert zu Bohnen und Erbsen. Innocenz konnte deshalb unbelästigt seine Sachen packen und seine Abreise vorbereiten. Der Bauer denkt in gesunden Tagen eher an das Hereinbrechen eines Erdbebens, eines Waldbrandes oder eines Hagelschlages als an die entfernte Möglichkeit, daß er einen Doktor benötigen könne. Krankwerden erscheint ihm wie eine Lächerlichkeit, und sollte jemand einen Pferdehuf zwischen die Augen oder einen Rechenzinken ins Sitzfleisch bekommen, nun, dann war ja der Knochenfranzel noch zur Hand. Der junge Arzt konnte also gehen. Er war so überflüssig, wie die Fausthandschuhe im Sommer. Wer würde ihn vermissen, wer nach ihm fragen außer einer – außer einer, die sich ihr Glück nicht denken konnte ohne ihn? Seit einer Woche schon war Innocenz allabendlich nach der Taubhausmühle gegangen, um Käthchen Sommertag zu finden, aber er traf sie nie allein. Immer saß Balduin Hebenstreit in der Stube und stierte in den »Lahrer Hinkenden« hinein, als ob er ein Lebkuchenhändler wäre, der das Datum aller Jahrmärkte im Königreich auswendig lernen muß. Wenn der Arzt eintrat, so riskierte er es, einen Augenblick den Kopf ohne Stütze zu lassen, die Mütze abzunehmen und neben sein Glas auf den Tisch zu legen. Das war aber auch alles, was an konventioneller Höflichkeit aus ihm herauszuholen war, und dies magere Hors d'œuvre pfefferte er dermaßen mit dem Paprika bissiger Blicke, daß es ungenießbar blieb. Innocenz beachtete ihn schließlich nicht mehr, obwohl er ihn lieber in dem Krater des Popokatepetl gewußt hätte als in der Nähe von Käthchen Sommertag. Wie die Mistel am Apfelbaum, so klebte er an der Taubhausmühle, und viel weiter, als der Schatten der Scheunen reichte, war er selbst an Jagdtagen nicht von den Gebäuden wegzukriegen. Der Polizeidiener streckte den Kopf zur Tür herein und sagte: »Balduin, dir ist eine Magd vom Gebälk herunter in einen Stalleimer gefallen.« »Warum nicht gar in eine Nadelbüchse?« antwortete er trocken und sah über den Rand des »Lahrer Hinkenden« hinweg nach der Küchentür, wo aller Wahrscheinlichkeit nach Käthchen Sommertag demnächst erscheinen mußte. Ein andermal, als dem Herrn vom Holderhof gemeldet wurde, daß draußen sein Waldmann von einem Fleischerhund halb aufgefressen sei, brachte er es über sich, der Stube den Rücken zuzukehren und durchs Fenster auf die Straße zu pfeifen. Da war denn keine Aussicht, daß Innocenz und Käthchen vor ihrem Auseinandergehen noch Gelegenheit finden würden, ein Wort unter vier Augen zu reden, wenn sich der Himmel nicht ins Mittel legte. Und er tat es in scharmanter Form. Er nahm eine Tante Balduins zu sich und schickte einen seiner Engel in der Uniform eines Gerichtsdieners aus, um den Herrn Hebenstreit zur Testamentseröffnung zu bitten. Einer solchen Lockung war nicht zu widerstehen. Der Geladene ging mit erborgter Trauermiene in der Morgenfrühe zum einen Tor des Dorfes hinaus; Käthchen Sommertag mit pochendem Herzen und erwartungsvollem Bangen zum anderen. Dieser Tag sollte ihr Geschick entscheiden. Ein Dompfaff sang in dem Holunderstrauch. Das nahm sie als ein gutes Zeichen. Und als ihr aus dem Walde eine Stimme zurief: »Guck, guck!« da dachte sie: ›Jetzt noch nicht, aber heute abend will ich es tun, denn kommen wird er ja. Pankraz hat ihm gewiß gesagt, zu welcher Stunde ich den Heimweg antreten muß.‹ Ja, es war ein langweiliger Tag, der Tag der Holz- und Grasversteigerung bei Onkel Gottfried auf dem Kreuzhof. Alle Landwirte auf zehn Meilen in der Runde waren an diesem Termin herbeigeeilt, obwohl es nichts zu hören gab als das Bieten der Steigerer, den Zuschlag des Auktionators und das Klopfen des Schlegels über dem Spunden des Bierfasses. Zu tun freilich gab es für das Personal beiderlei Geschlechtes in Keller und Küche mehr wie genug. Käthchen war im Weinkeller beschäftigt, und wenn sie auch müde wurde von dem ewigen Auf und Ab und manchmal verschnaufend auf der Kellertreppe saß, so war sie doch von Herzen froh, daß man sie heute nicht an die Kasse genommen hatte. Allmächtiger Himmel, wie wäre es ihr möglich gewesen, ihre Gedanken soweit zu ordnen, daß sie hätte rechnen und die Bücher führen können? War es ihr doch, als ob alles, was sie umgab, Fässer, Häuser, Menschen und Tiere, in die Kleider des Innocenz Lorum gekrochen wäre, ihr mit seinen Armen winkte und sie mit der Glut seiner lieben Blicke wärmte, bis ihr ein verräterischer Purpur ins Gesicht schlug. Aus dem Dunkel des Gewölbes sah sie ihn auf sich zukommen, und wenn sie die Augen schloß, fühlte sie, wie seine Brust die weichen Kissen ihres Busens preßte und wie seine Lippen sich zwischen die ihren drängten, bis die Zähne leise aufeinander knirschten. Zuweilen aber überkam sie eine wahnsinnige Angst. Sie erkannte, daß sie mit Gebilden ihrer überreizten Phantasie wie mit Wirklichkeiten spielte, und daß die Wirklichkeit vielleicht mit ihr spielen würde, bis ihr das Herz brach. Wenn Innocenz sie wirklich liebte, warum wollte er sie verlassen und in die Welt hineingehen? Ach, wer ihr doch diese Frage beantworten könnte! Unter Hoffen und Verzweifeln war der Abend gekommen. Mancher von den Heusteigerern nahm einen gehörigen Ballen mit nach Hause und ging schwankenden Schrittes über die Straße. Die Mägde am Brunnen ließen ihre Kübel überlaufen, guckten den Taumelnden nach und wollten sich schier totlachen, wenn die Füße eines solchen Trunkenboldes mit einem Pflasterstein Billard spielten. Bernerwägelchen fuhren vor, füllten sich rasch mit Menschen und rasselten ins Land hinaus. Der Oberförster erschien auf der Treppe mit seinen Hunden und zündete seine große Holzpfeife an zum Zeichen, daß die Federfuchserei mit dem Tabellenführen ein Ende habe. Auch Käthchen war froh, daß ihr Dienst am rinnenden Kranen vorüber war, aber zu einer vollen Glückseligkeit wollte ihr Herz nicht kommen. Ihr war's, als ob das, was sie vom Schicksal heischte, zu viel des Glückes sei für ein armes Menschenkind, als ob ihr jemand den Becher der Liebe aus der Hand schlagen könne, bevor sie noch daran genippt hatte. Der Abend mahnte zur Heimkehr. Käthchen hing ihren Korb an den runden Arm, sagte Onkel und Tante Lebewohl, empfing deren Dank für die Aushilfe und schritt zum Dorfe hinaus. Schon lag der Saum des Waldes vor ihren Blicken, und das Mädchen fing an zu rechnen: ›Wenn er dich lieb hat, dann wird er dir möglichst weit entgegenkommen,‹ und ihr verlangendes Auge suchte eifrig im dunklen Laubwerk des ersten Busches. In der Tat, die Zweige bewegten sich, es gab ein geheimnisvolles Rascheln, aber was hervorkam, war nicht der Geliebte, sondern zwei glatthaarige Dackelleiber auf acht wackligen Hundebeinen. Käthchen war zum Tode erschrocken. Das waren Balduins Hunde, und hinter den wackeren trat ihr Herr aus der Nacht des Forstes. – »Ein Sack voll Geld ist auf der Landstraße sicherer als ein schönes Mädchen,« sagte er, »und wer ein fein's Liebchen hat, der hat auch die Pflicht, es zu hüten. Dir zuliebe, Käthchen, habe ich den trockenen Notar und seinen Erbverteilungsplunder im Stiche gelassen, habe die Flinte über die Schulter geworfen und würde mich nun freuen, wenn ein Dutzend Strolche käme, damit du sehen lerntest, was Balduin für dich zu leisten vermag.« »Ich bin dir gewiß dankbar für deinen guten Willen,« sagte das Mädchen, »aber Käthchen Sommertag hat auch zwei Fäuste, um Leute abzuschütteln, die ihr unbequem werden. Gib mir die Straße frei und überlasse mich meinen Gedanken! Schon sehe ich das lichte Abendrot am Ende des Waldes.« Balduin war betreten, aber nicht geschlagen. »Die Straße ist nicht mein, nicht dein, sondern einem jeden,« entgegnete er gereizt, »und wenn ich schon weiß, daß du da, wo ich schreite, lieber einen anderen sehen würdest, so bleibe ich doch, und ich möchte es keinem raten, mir meinen Teil an dem Wege streitig zu machen.« Und er nahm die Flinte von der Schulter. In diesem Augenblick wurden die Hunde stutzig, blieben stehen und äugten mit verlegenem Knurren ins Dickicht jenseits des Straßengrabens. Der Jäger wurde aufmerksam und fuhr mit dem Kolben nach der Backe. Ein jäher Schrecken zuckte dem Mädchen durch alle Glieder, aber kurz entschlossen warf es sich an die Brust des jungen Mannes und stöhnte flehend: »Balduin, schieß nicht. Tu es meinen Ohren zulieb. Der Knall einer Büchse kann mich schier verrückt machen. Lieber Balduin, schieß nicht!« »Lieber Balduin!« wiederholte der junge Mann. Käthchen, wenn es auch nur die Angst ist, die dich lehrt, zärtlich zu sein, so will ich mir doch auch den kürzesten Augenblick deiner Gunst nicht rauben lassen!« Und er legte verwegen seinen Arm um die Taille des Mädchens und zog sie mit starkem Griff an sich heran. Käthchen fühlte, daß sie jetzt mit Klugheit weiter käme, als mit trotzigem Widerstand. Sie mußte die Bestie mit Liebkosen unschädlich machen, denn ein einziger Schuß ins Dickicht konnte all ihr Glück vernichten – und sie wehrte sich nur lässig gegen Balduins Zudringlichkeit. Plötzlich aber tat sie sehr erschrocken und zog den jungen Mann zurück in der Richtung nach dem Kreuzhof. »Was fällt dir bei?« sagte Balduin verwundert. »Ach, ein kleines Versehen wird nun meinen Beinen viel Arbeit kosten!« lachte das Mädchen, »'s ist unglaublich! Wie konnte ich nur den Schlüssel zu meiner Kammer auf dem Kreuzhof lassen? Wo soll ich armer Wurm über Nacht mein Haupt hinlegen?« Der Verliebte fühlte, daß ihm hier Gelegenheit geboten sei, ein warmes Eisen zu schmieden, und er war so ritterlich, daß er sich erbot, dem müden Kinde den weiten Weg zu sparen. So ging Balduin, und Käthchen floh. Sie floh, als ob ein Rudel Wölfe auf ihrer Fährte wäre. Bald wurde es heller um sie, und der Wald lag hinter ihr. Drunten sah man den Rauch der Abendfeuer um die Dorfschornsteine tanzen. Nur noch ein Hohlweg, an dessen Hängen der Weißdorn blühte, war zu durchschreiten, und Käthchen Sommertag war im Schutze der Gasse. Jetzt mäßigte sie ihre Schritte, schlug die Hände vors Gesicht und fing an zu weinen. In welchen Konflikt der Pflichten war sie gekommen? Und wenn Innocenz gesehen hatte, was geschehen war, mit welchen Worten sollte sie sich verteidigen? Und doch, ihre Tränen sollten für sie reden. Noch konnte der Geliebte schwerlich voraus sein. Sie wollte ihn erwarten. Sie setzte sich in die Weißdornhecken, stützte die Ellenbogen auf die runden Kniee und preßte ihren Kopf zwischen die Hände, als ob sie ihn hätte zerdrücken wollen. Der Doppelsinn des Lebens war's, der sie verklagte. Was tun, wenn all ihr Weinen keinen Glauben weckte? Ach, wenn er doch kommen wollte und ihren Jammer sehen! Käthchen Sommertag erhob den Kopf über den Blütenschnee des Weißdornes und blickte nach dem Eingang des Hohlweges, den eine sonnendurchglühte Abendwolke mit einem Purpurvorhang abschloß. So schön das war, es war doch nicht das, was das Mädchen sehen wollte. Wie sie sich nach ihm sehnte und vor ihm fürchtete! Aber er kam nicht. Die Feuerglut der Wolke erlosch, ein sanftes Rosa löste sie auf. Diesem folgte ein stockiges Grauweiß, wie Schafwolle hingezottelt, dann ein bleiernes Schwarz. Die Nacht war da, und dunkel war es auch in Käthchens Seele. Sie sah den Weg nicht mehr, der durch den Einschnitt lief, aber sie sah so grauenvoll feurige Ringe wie glühende Linsen vor der Hornhaut ihres Auges tanzen, und sie fühlte warme Perlen, die ihr über die Wangen rollten. Ihr Gang war unsicher, fast taumelnd. So sah sie bekümmert der Pankraz Überdies, der hinter einem halbgeöffneten Scheuertürchen stand und an einem Pferdegeschirr putzte. Innocenz Lorum war in der Tat im Walde auf der Lauer gelegen. Seine Füße standen in blühenden Heidelbeersträuchern, während seine Hände eine himmelschreiende, ungeheure Dummheit machten. Sie schnitten nämlich einen Namen in die glatte, weiße Rinde einer Birke ein. Darüber weinte die Birke. Innocenz küßte die Tränen auf und fand sie süß und dachte sich: ›Es müßten alle Tränen süß sein.‹ Dann drückte er sich, als er von weitem ein Paar kommen sah, hinter die breiten Stämme und lugte nur so viel heraus, daß er sehen konnte, was auf dem Waldweg vor sich ging. Als er da bemerkte, daß Käthchen Sommertag sich an die Brust des Balduin warf, und daß dieser Gimpel seine Wange zu der ihrigen niedersenkte, da weinte er, und als ihm ein feuchter Tropfen in den Mund lief, da fand er, daß die hausgemachten Tränen bitter sind. Nun bedauerte er die Birke, und er schmierte ihre Wunde mit Lehm zu, während er die seinige durch grimmige Menschenverachtung zu heilen suchte. Den Rückweg nach dem Dorfe nahm er auf demselben Diebespfädchen, auf dem er einst seinen lendenlahmen Gaul geführt hatte, und da wurde es ihm mit einem Male so wohl bei dem Gedanken, daß er nun in die Welt ziehe, wie den Jünglingen des Propheten Daniel im Feuerofen. Er war nicht allzusehr angebrannt und hatte die Gewißheit, daß er aus dem Birkenrieder Bratofen herauskam. Sein Gang wurde leicht, fast hüpfend wie jener der Butterweiber, die mit leerem Korbe vom Markte kommen. Häuser und Felder hatte er nicht zu veräußern, und für das Pferd hatte sich ein Milchhändler als Käufer gemeldet, der etwas mehr bot, als die vier Eisen wert waren, womit das kostbare Schlachtroß beschlagen war. Der neue Pferdebesitzer hatte nichts dagegen, daß der Gaul seinem seitherigen Herrn noch einen Dienst leiste; und so kam Innocenz sicher, wenn auch langsam, zur nächsten Bahnstation. Die Leute, die mit dem Arzt ins Kupee stiegen, hatten beinah alle die nächste Kreisstadt als Reiseziel. Wer eines Prozesses wegen unterwegs war, schimpfte über die Halsabschneider von Advokaten, ein anderer ließ an der Forstverwaltung kein gutes Haar, und ein dritter wußte zu berichten, daß der Gipfel aller Beutelschneiderei auf dem Zollamt zu suchen sei. Hatte Innocenz gehofft, mit seinem Weggang von Birkenried alle Krähwinkelei los geworden zu sein, so erfuhr er jetzt, daß diese mit ihm ins Kupee gestiegen sei und ihn voraussichtlich um die halbe Erde begleiten werde. Er setzte sich verdrießlich in eine Ecke und betrachtete mit Wohlgefallen den einzigen Reisenden, der bis jetzt den Mund noch nicht aufgetan hatte. ›Ein angenehmer Herr,‹ dachte er, ›man könnte ihn für einen Philosophen nehmen, wenn nicht die Spitzhacke über seinem Schädel im Netz hinge.‹ Der Zug hielt und schüttete die Fracht der eingeborenen Bevölkerung auf den Perron der Kreisstadt. Niemand blieb zurück als Innocenz und der Philosoph. ›Nun dürfte er reden,‹ dachte ersterer. Doch der Mann schwieg beharrlich, auch dann, als der Arzt ein Fenster öffnete und ihn einer starken Zugluft preisgab. Die Gegend, die draußen vorbeiflog, wurde immer reizloser. Sand, Erikarasen und wieder Sand. Hier und da ein Bauernhaus, dessen Mauern unter einem gewaltigen Strohdach zu ersticken schienen. Man war auf der Lüneburger Heide, und es wurde Abend. Schon blinzelten an den Bahnhöfen die Signallaternen der sterbenden Sonne ins verblassende Angesicht. ›Hätte er am Tage angenehmer sein können, so will ich mir für die Nacht keinen besseren Reisegenossen wünschen,‹ räsonierte Innocenz, warf seine Reisedecke über die Bank, sich selber darauf und schlief ein. Nicht lange und er wurde geweckt. Der Zug hielt. Der stumme Gast stand, den Rucksack auf dem Rücken, die Spitzhacke über der Schulter, vor dem Schläfer und fragte mit allen Zeichen der Erregung in gebrochenem Deutsch: »Amburg?« ›Ah so, kein Philosoph, sondern ein Ausländer,‹ dachte Innocenz, schüttelte den Kopf, drückte den Mann auf seinen Sitz nieder und sagte: »Nix Amburg!« Bald waren Rucksack und Spitzhacke an ihrer alten Stelle, die Räder surrten und der Arzt schlief. Er schlief und träumte von maurischen Bienenwabengewölben, in deren kühlem Schatten Odalisken wandelten mit verschleiertem Antlitz, als er sich rauh an der Schulter geschüttelt fühlte. »Was gibt's zum Teufel?« fuhr er heraus. »Amburg?« tönte ihm eine verschüchterte Frage entgegen, und wieder sah er seinen Reisegenossen zum Aussteigen bereit fix und fertig vor sich stehen. ›In der Weise komme ich um meine Nachtruhe,‹ überlegte Innocenz und sann auf ein Verständigungsmittel. Er glaubte auf einen guten Ausweg gekommen zu sein, zog seine Uhr aus der Tasche und deutete auf die sechste Stunde. Das war seiner Schätzung nach die Zeit, in der sie in der Elbestadt ankommen mußten. »Grazie, Signore!« und »Capisco!« sagte der Ausländer unter vielen Bücklingen und hängte sein Reisegepäck wieder an den Nagel. Der Arzt freute sich seines Einfalles und traf aufs neue alle Anstalten, den unterbrochenen Schlaf fortzusetzen. In der Tat, es stellte sich ein leichter Dämmerzustand ein, in dem der Geist eben auf Rosenflügeln in Palmenhaine entfliehen wollte, als die Frage: »Amburg?« den Ausreißer wieder in die Folterkammer eines Eisenbahnkupees dritter Klasse zurückrief. Innocenz wußte, daß ihm jetzt hier wie überhaupt im Leben eine Dosis Grobheit nützlich werden könne. Allein über diese Panacee verfügte er nicht. So verzichtete er in Gottes Namen auf seinen Schlaf, setzte sich auf und hielt, so oft der Zug stille stand, sein Gegenüber mit Streicheln auf seinem Sitze. So kam allmählich der Morgen. Zwei Frauen waren zugestiegen, hatten Körbe mitgebracht und einen Duft nach nassen Kleidern. »Es wird doch nicht regnen?« bemerkte der Arzt und versuchte mit dem Vorhang die triefende Scheibe zu trocknen. »Ja, was soll es denn in Hamburg anderes tun!« war die verdrossene Antwort einer der beiden. »Es ist ein Jammer, in dieser Gegend zu wohnen, zumal für eine, die einen Maurer zum Mann hat. Bei Frost und Regen – und wann gab es eins von beiden in Hamburg einmal nicht? – sitzt er zu Hause und muß Tabak kauen, wofür er nicht bezahlt wird. Ja, wenn alles gesammelt würde, was diese Maurer an Tabaksbrühe schon produziert haben, man könnte ein Dampfboot drauf verkehren lassen, wie auf dem Alsterbassin.« Innocenz schwieg nachdenklich. Er hatte den kleinen Schikanen des Lebens entfliehen wollen. Nun waren sie mit ihm eingestiegen und fuhren mit ihm seit fünfzehn Stunden in der Eisenbahn. Würde eine noch größere Entfernung von Birkenried hierin Wandel schaffen? »Hamburg!« rief es diesmal mit einem stark gehauchten »H« vorndran. Innocenz brauchte seinen Schützling nicht länger zu streicheln. Er konnte ihn aussteigen lassen. Dieser tat's und war bald im Menschengewühl verschwunden wie ein Kieselstein, den man in den Fluß wirft. Es war ein kalter Sprühregen, in dem der zukünftige Schiffsarzt über ein klebriges Pflaster zwischen verrußten Häusergiebeln hinirrte. Es mußte das Direktionsgebäude der Schiffahrtsgesellschaft aufgesucht werden, ein Uniformhändler, ein Mützenmacher und vieles andere. Hier ein mageres Frühstück, dort eine Tasse schlechten Kaffee und so zwischendurch eine Komödie der Irrungen. Doch als der Abend kam, war das Notwendigste beschafft und in einem Hotel vierter Güte am Hafen zusammengetragen. Innocenz konnte ein wenig durch die erleuchteten Straßen schleichen und zusehen, ob er ein Momentbild vom Leben der Großstadt erhaschen könne. Er kam nach dem Jungfernstieg und sah die glänzenden Spiegelscheiben eines eleganten Restaurants im Glanze der elektrischen Flammen schimmern. Neugierig blieb er stehen und suchte diese für ihn neue Welt durch einen Vorhangspalt zu genießen, wie er einst auf billige Weise durch Bretterritzen den Inhalt der Jahrmarktsbuden zu ergründen versucht hatte. Das Glück war ihm günstig. Er sah feine Saffianschuhe, die in die Ringe des Zigarettenrauches hineinstachen, zarte Hände, die auf spitzenüberkleideten Schenkeln mit Nelken spielten, Engelsköpfe, die aus einem Gewölk von Seidengaze herniedernickten. Und all der Himmelsglanz so greifbar, so erreichbar für einen, der Geld hat. Ja, das war das Eden, von dem Frau Immergrün schwärmte. Aber – aber – aber – Innocenz war schlecht bei Kasse und hatte auch keinen Kahlkopf, wie er da drinnen für die Herren der Schöpfung nach kanonischen Satzungen vorgeschrieben zu sein schien. Er drückte sich schweigend von seinem Luginsleben und ging. Im Hotel angekommen, freute er sich des doppelten Mangels und betrachtete mit Wohlgefallen seine Uniform. Sie bürgte dafür, daß die Stickluft sündiger Gassen und schmutziger Winkel hinter ihm bliebe. Auf Möwenschwingen über dem Gebreite schwebend, wollte er seinem grenzenlosen Ringen entfliehen und all seinem Leid. Fünfzehntes Kapitel Innocenz hatte den letzten Schritt auf dem Festlande getan. In einer trübseligen Prozession von Auswanderern, die mit allerlei Hausrat beladen durch die Lagerschuppen irrten, hier angeschrien, dort ausgezankt wurden, war er auf das Schiff gekommen. Wehe denen, die der eine Kontinent unbarmherzig abschiebt, während der andere sie nur widerwillig aufnimmt! Wie Hammel irren sie zwischen zwei Pferchen verschüchtert einher. Hier schlägt man ihnen eine Tür vor der Nase zu, dort verkündet ihnen ein Plakat, daß es Räume gibt, die für Zwischendecker nicht gemacht sind. Schließlich laufen sie hintereinander her in den Bauch des Schiffes hinein, wie das Rindvieh zum Stall. Der neugebackene Schiffsarzt stand auf einer Nudelkiste und ließ die braunäugige Schwarzwälderin mit der Elsaschleife, die blondhaarige Vogelsbergerin im Stumprock und den polnischen Juden im Spiegelglanz seines Kaftans an sich vorüberziehen. Alle neigten sie grüßend das Haupt vor seiner Person und seiner Uniform. Der goldene Blutegel auf seiner Achselklappe, wenn er auch noch lange kein zweigeschwänzter heraldischer Löwe war, übte als Symbol der Würde seines Trägers eine geheimnisvoll magische Wirkung auf die Masse aus. Innocenz fühlte sich, dank der Uniform, wie ein Ballon von der Erde gehoben. Er war nicht mehr das kriechende Schaltier von Birkenried. Er fühlte, daß ein Wergsträngchen vom Seile der Macht in seinen Fäusten ruhe, hatte im Handumdrehen das Befehlen gelernt und ließ abwechselnd ein »Vorsichtig sein!« oder »Stillgestanden!« aus seinem Munde hören. Einem alten Manne, der mit einem Weinkrug aufs Verdeck gestürzt war, griff er eigenhändig unter den Arm und half ihm auf. Es kam ein Weib mit einem Säugling auf dem Arm. Der winzig kleine Weltreisende schien der reinste Menschenfresser zu sein. Er hatte von der welken Mutterbrust ein gutes Teil im Munde und machte gleichwohl so hungrige Augen, daß ein Kompromiß bei ihm unmöglich erschien. ›Das Ganze oder gar nichts!‹ sagten seine Raubtierblicke. Die bleiche Mutter in ihrer Hilflosigkeit diesem Nimmersatten Unhold gegenüber glich dem halbgefressenen Esel des heiligen Antonius von Padua. Bei diesem Anblick hielt es Lorum auf dem Altar seiner Nudelkiste nicht länger aus. Er fühlte, daß er besseres sein müsse als ein Schibboleth, daß er helfen müsse und nicht zusehen. Er ging zur Schiffsküche, holte Milch, sorgte für eine Saugflasche und brachte Mutter und Kind zu guter Letzt trotz der Raumbeschränkung des Zwischendecks so unter, daß ihr Schlaf von jenen Ruhelosen, die voll Erwartung einer anderen Welt immer zwischen den Betten wandeln müssen, nicht gestört wurde. So entschwanden unter mancherlei nützlichen Verrichtungen und Anordnungen die Stunden des Tages. Noch lag der Dampfer gefesselt an der Kette. Erst nach Mitternacht war zu erwarten, daß das Ungetüm seine Flossen brauchen und schwimmen werde. Noch rasselte die Kranenkette. Man lud ein und verstaute. Innocenz hatte einen verbunden, der einen Finger in das Zahnrad des Gangspills gebracht hatte, war aber nun fertig. So ging er auf Deck. Er wollte die Alte Welt noch einmal sehen und weit dahinten in ihrem Schoße Birkenried. Die Nacht war niedergesunken und hüllte Kirchtürme, Häusergiebel, Masten und Raaen in ihr dunkles Geheimnis. Die ganze große Stadt mit ihren Kirchen und Warenschuppen war verschwunden, flimmernde Gasflammen waren das einzige, was von ihr übrig war. Keine Kaimauer war zu sehen, und selbst das Wasser der Elbe nicht, in dem der Dampfer schwamm. Wie wollte er da Hamburg erkennen oder gar Birkenried? Und doch, das letztere lag in scharfen Linien gezeichnet gerade vor ihm. Hatte er recht getan, es zu verlassen, und namentlich die eine, die eine? – Sirenen schrien zuweilen aus dem Chaos der Schiffsleiber heraus mit heiseren Kehlen, in denen sich der Jammer aller lebenden Kreatur zusammenzudrängen schien, und doch forderten sie nichts als ein wenig Platz auf dem Strome, damit das Schiff, dessen Stimme sie waren, zwischen anderen sich durchdrängen könne. Überall das Geschrei nach Ellbogenfreiheit und Platz. Das stimmte ja auch für ihn. Deshalb hatte er das Dorf verlassen und Käthchen, ja Käthchen! Kleine Nachen mit Laternen an den Seiten schoben sich der Schiffswand entlang. Sie waren mit Werkstättenarbeitern gefüllt, die nach der Stadt in ihre Quartiere strebten. Welch schreckliche Gestalten! Alle Menschentypen, untermischt mit ihren Bastarden, hatten hier ihre Vertretung. Da waren Eingeborene der Südseeinseln mit Gorillakiefern, zwischen deren Zähnen man noch Menschenfleisch vermuten konnte; schmächtige Malaien und krausköpfige Bantuneger mit einer Haut wie Lackleder. Wer nicht von Natur schwarz war, den hatte der Ruß der Kesselfeuer geschminkt. Nein, gegen diese Ausgeburten der Hölle waren die krummstiefligen Birkenrieder noch Idealmenschen. Wie kam's doch nur, daß Innocenz alles, was er Neues sah und hörte, mit Birkenried vergleichen mußte? Jetzt kamen aus dem Dunkel heraus eine rote und eine grüne Signallaterne, über denen eine Weiße an einem kleinen Mast sichtbar war. Das bunte Dreieck beleuchtete die unklaren Umrisse eines rohgezimmerten Gallionenbildes. Der fauchende Drache hielt seinen Kurs direkt auf den Ozeanfahrer zu, stoppte aber, als er ihm bis auf wenige Meter nahe gekommen war. Nun begann von Deck zu Deck ein lautes Rufen und Schreien in einer Sprache, deren Worte für Innocenz ein Geheimnis blieben. Eine dünne Kardeele wurde von dem Schlepper nach dem Dampfer geworfen und daran eine dicke Trosse an Bord geholt und unter Schreien und Kommandoworten befestigt. Auf der Brücke gab es Licht, und man hörte die Stimme des Kapitäns. Ein Boot der Hafenpolizei huschte vorüber. Am Stern eines vorausliegenden Schiffes tauchten Laternen auf und beleuchteten eine Warnungstafel: »Achtung! Doppelschraube!« Jetzt Sirenensignale voraus, eins, zwei, drei, immer eins schauerlicher als das andere, dann ein schäumender Strudel im Wasser, den die Schraube des Schleppers aufwühlte. Welch ein Lärm gegenüber der nächtlichen Stille von Birkenried! In dem Arzt erwachte etwas wie die Sehnsucht nach seiner stillen Kammer. Ach, daß das Verlorene gerade das einzige ist, was uns zu eigen bleibt! Jetzt spannen sich die Trosse. Der Kleine zieht den Großen. Die Schiffswand löst sich von den Steinen des Piers. Der Spalt ist einen Meter breit, dann einen Kilometer, bald werden Breitegrade zwischen dem Schiff und dem Kai liegen. Den bedeutsamen Augenblick, wo der Dampfer sich vom europäischen Festland löste, hatten alle Passagiere abgewartet. Außer der gerade abgelösten Wache schlief niemand auf dem ganzen Schiffe. Die meisten Passagiere standen fröstelnd und heimwehkrank an der Reling, und manchem war es, als ob er besser täte, wieder ans Land zurückzuspringen. Nun aber war auch diese Möglichkeit verpaßt, kaum noch der Ruf der menschlichen Stimme fand den Weg zum Ufer. Von drüben aber redete noch einmal die Turmglocke mit metallener Stimme zu den Auswanderern. Sie schlug die Mitternacht. Wie lange wird es dauern, bis die Reisenden wieder eine Glocke hören, ja, werden sie überhaupt noch einmal eine hören? Das Licht der Laternen am Flußufer streckte sich zu einem hellen Streifen und schwand schließlich ganz. Nur noch ein unruhiger Schimmer am schwarzen Nachthimmel verriet die Stelle, wo die Stadt geblieben war. Dann schwand auch er. Im Rücken lag die Finsternis. Im Vorblick aber zeigten sich ab und zu lange, feurige Finger, fuhren wie tastend über den Strom und das Schiff und verschwanden wieder. Die Fahrt war unter den Schutz der Leuchtfeuer gestellt. Das Schiffsinnere hatte die Körper der Passagiere in sich geschlungen; ihr Wünschen und Fürchten der Schlaf. Das Deck gehörte den Schiffsjungen, ihren Wasserkübeln und Scheuerlappen. Auch Innocenz schickte sich an zum Schlafengehen. Ein Fingerdruck an die Schiffswand, und ein elektrischer Glühkörper erfüllte die Kabine mit glänzendem Licht. Das Weiß der Wände und der Goldglanz der Messingstangen an Bett und Vorhängen gab dem kleinen Raume den Reiz intimsten Behagens. So mag sich die Auster in der Muschel zu Hause fühlen, wie Innocenz in seinem Stübchen. Alles war so nahe, so erreichbar für die Hände. Nichts fehlte, und alles stand oder hing genau ausgerechnet gerade an der Stelle, wo es hingehörte. Zum ersten Male seit seinen Kindertagen war Innocenz bei sich daheim. Ein kleines Ding nur unterm Bett beeinträchtigte den Gedanken an einen ruhigen Besitz. Es war ein Rettungsgürtel, der warnend zu dem Inhaber der Kabine sprach: »Das Wasser hat keine Balken!« Der junge Arzt hatte wohl auch schon einmal daran gedacht, daß die See sein Grab werden könne, aber ohne Furcht. Es gab niemand, der sich um ihn die Augen blind weinen würde, und schließlich war es kein großer Unterschied, ob Schaltiere sich um seinen toten Körper stritten oder die Würmer. Auch regte sich in ihm, wie öfters in kritischen Augenblicken seines Lebens, der Glaube an die sichere Führung eines allmächtigen Willens. Noch immer trug er auf seiner Brust das Skapulier der marianischen Kongregation. Sein naturwissenschaftliches Denken war nicht so gefestet, daß er in der Kette von Ursache und Wirkung nicht noch eine Lücke vermutete, aus der heraus eine transsubstantielle Macht zu seinen Gunsten intervenieren könne. Beim Ausziehen betete er vertrauensselig sein » O domina mea « und lag bald darauf, wie eine Zigarrenspitze im Etui, etwas eng aber weich und reinlich verpackt in seinem Bette. Ein Druck an die Wand, und die elektrische Birne verglühte langsam errötend, während durch das Oberlicht der Tür noch ein heller Streifen vom Ganglicht in seine Kabine fiel. Gleichmäßig brummte die Schraube, indes in fast regelmäßigen Intervallen die Wogen des Meeres an die Schiffswand schlugen und mit zischendem Brausen zerstoben. Solch Geräusch schläfert wie ein Wiegenlied die Sinne ein, und Innocenz war bald aus der Welt der Wirklichkeiten in die der Träume entrückt. Nach Stunden erquickenden Schlafes war es ihm, als ob eine leise Melodie sein Ohr umschmeichele. Er erhob den Kopf und sah die Morgensonne als goldenen Widerschein vor seinem Kabinenfenster sich in kleinen Wellen brechen; sah, wie der weiße Meeresschaum als feine Spitze über das entzückende Gewebe der Sonnenpfeile lief und war mit beiden Füßen zugleich aus dem Bette und an der Luke. Welch ein Anblick! Vor ihm wiegte sich auf dem weißen Hintergründe einer kreidigen Steilküste ein majestätischer Dreimaster. Stolz lief er vor dem Winde her, der seine Segel schwellte, und furchte leise die Wellen, die seinen ruhigen Kiel trugen. Eitel spiegelte sich das Haupt des Gallionenbildes in der mattgrünen Flut, und die schaumgekrönten Wellenberge sprangen wie kleine Kätzchen empor, um seine Wange zu küssen. Dabei war hinter dem Schiffe kein zorniger Aufruhr des empörten Elementes, wie hinter einem Dampfer, nein, es war nur ein weiches Wiegen wie über den goldenen Ähren eines Kornfeldes. Welch harmonisches Zusammenwirken von Licht, Luft und Wasser im Dienste eines Menschenwerkes! Wenn der Schöpfer auf die Erde niedersieht und alles gut findet, was er gemacht hat, so mag er doch zuweilen neidisch werden auf solch ein Werk aus Menschenhand. Innocenz war ganz Auge geworden, und wenn sich hinter ihm die Pforten des Himmels geöffnet hätten, wer weiß, ob er sich umgedreht hätte, um hineinzugucken. Ja, das war etwas. Dafür konnte man Birkenried hingeben und den goldenen Grund. Doch die Musik wurde zudringlich. Sie kam über das Wasser herüber und prallte wider die Schiffswand. Es waren die getragenen Akkorde eines Chorales: »Ehre sei Gott in der Höhe.« Sonntag war's, und was von dem Menschengeschlecht auf dem Wasser lebte, schickte seinen Dank hinauf zum Himmelsdom, an dem das große Auge Gottes prangte und alles sah, was an der Quelle vorging, auf dem Strom und auf dem großen Sammelbecken aller Quellen, dem Meer. Innocenz hatte oft unter dem Gewölbe ehrwürdiger Dome gestanden, wenn Chorgesang und Orgelschall sich von Stichkappe zu Stichkappe wälzte und schließlich auf zerknirschte Menschenseelen niederfiel, so aber war er nie von Andacht durchschauert worden wie von diesem Gottesdienst auf dem Meere. Jetzt geschah etwas, was sein Zartgefühl schier verletzte. Auf dem Deck des eigenen Dampfers setzte die Schiffskapelle ein. Nun liefen die Klänge verwirrend ineinander hinein, eine Melodie störte die andere, und vorbei war's mit der Andacht. Innocenz zog sich in die Tiefe seiner Kabine zurück, putzte sich sonntäglich und ging auf Deck. Der Segler war weit zurückgeblieben. Da und dort sah man am Horizont Rauchwolken die lichte Bläue des Äthers schwärzen. Das war unschön und führte den Geist auf die Straße grübelnden Nachdenkens über den Zusammenhang von gebundener Kraft und Arbeitsleistung. Prosaisch genug, mußte Innocenz an die Feuer im Kesselraume denken und an die Kohlenberge davor, als eine Stimme hinter ihm sagte: »Und wieviel Knoten glauben Sie, Doktor, daß der läuft? Zwanzig, ich wette. In einer halben Stunde wird er bei uns sein und nimmt den Lotsen mit.« Der so sprach, war der Kapitän. Er war aus seiner Kabine gekommen und wischte sich den Schlaf aus den Augen. Wenn der Lotse ging, dann mußte er wach sein und auf der Brücke. »Wieviel Knoten glauben Sie, daß der läuft?« Damit hatte Innocenz zum ersten Male das Leitmotiv aller Schiffsgespräche gehört. Es ist das unselige Stichwort, das der überhastete Mensch unserer Tage vom Lande mitnimmt auf das Wasser. Verflucht sei derjenige, der uns die Uhr geschenkt hat; er hat der Menschheit die Ruhe gestohlen. Was lag Innocenz daran, wieviel der läuft? Er hatte Frieden gefunden, und jede Veränderung seiner Lage erschien ihm wie ein Angriff auf seine heile Haut. Und doch, wohin er hörte: »Wann sind wir auf der Höhe der Themsemündung?« »Werden wir den Holländer überholen?« »Um welche Stunde können wir vor dem Solent sein?« Innocenz, der seiner Uniform wegen von den Reisenden für einen alten Seelöwen genommen wurde, hatte viel unter dem Gefrage der Neugierigen zu leiden und war froh, als er ins Zwischendeck zu einem Kranken gerufen wurde. Auf den eisernen Bettstellen saßen viele der Passagiere halb angezogen und ließen die Beine in die Saalgasse hängen. Manche hantierten mit Nadel und Faden an zerrissenen Kleidern herum, andere lasen vergilbte Briefe und weinten reichliche Tränen dazu. Da spielten drei Männer auf einem umgestürzten Köfferchen Karten, dort bildeten fünf Frauen eine Bruderschaft und beteten mit gedämpfter Stimme einen Rosenkranz. Ein Athlet hatte eine Schar von hochmögenden Kunstgönnern, die aus kurzen Tonpfeifen rauchten, um sich versammelt und zerriß Ketten. »So was wird drüben bezahlt!« sagte einer der Zuschauer. »Nenne du dich Master Samson, zeige den Leuten deine Kunst, und ehe drei Jahre vergehen, kannst du die Rückreise nach Europa in der ersten Kajüte machen.« Alle betrachteten den Kraftmenschen, dem solcher Art das Horoskop gestellt war, mit Neid. Alle wünschten sie zurückzukehren, alle in der ersten Kajüte. Aber wer hatte, wie er, die begründete Aussicht, daß dies so bald möglich sein würde? Ach, wenn man doch nur auch irgend etwas an sich hätte, wodurch man die Durchschnittsmenschen überragte. Mancher würde sich Hörner gefallen lassen oder den Höcker eines Trampeltieres, wenn er damit die Aufmerksamkeit eines staunenden Haufens auf sich lenken könnte. So groß ist die Gier der Menschen nach einem unterscheidenden Stigma, daß mancher mit dem Ruhm zufrieden ist, ein Scheusal zu sein. Als Innocenz in den Saal trat, warfen wohl alle einen kurzen Blick auf ihn, keiner aber ließ sich in seinem Tun stören. Nur ein Jude, der gestern dem Arzt durch seine Ringellocken aufgefallen war, drückte sich mit krummem Rücken an seine Seite, beugte das Haupt, erhob es wieder mit stehenden Augen und zog den Helfer am Ärmel nach einer in einem Winkel des Raumes verborgenen Bettstelle. Da lag unter Kleider- und Teppichfetzen einer, dessen Angesicht von feuchten Schweißen glänzte. Das schwarze Haar war in Fragezeichen auf die Stirne gefallen. Während über der gedunsenen Oberlippe der erste Flaum sich schüchtern vor das Auge der öffentlichen Meinung wagte, standen auf beiden Backenknochen frech und unheilverkündend zwei hektische Rosen. Sie sehen, hieß für den Arzt die Diagnose stellen. ›Mein Gott, wo wird er hinwollen, um dem Verhängnis zu entfliehen?‹ dachte er bei sich. ›Zwischen beiden Polen unseres Planeten ist keine noch so dunkle Kammer, in der ihn der Tod nicht mit dem Absatz tasten könnte. Warum will er nicht der Heimat lassen, was er ihr entliehen, und will einen fremden Boden düngen?‹ Als Innocenz noch staunend schwieg, weckte ihn die Stimme des Alten: »'s is meiner!« sagte er voll Stolz. »Moschko Navratil, des Jankel Navratil einziger Sohn, 'n grausam g'scheiter Mensch, mein Moschko, 'n Ingenieur, der Stab meines wackligen Alters, das Licht meiner scheelen Augen. Er, hat e' Stell' in Port Said. Verdient ein grauß Geld und wird bringen nach geringer Zeit die Knochen seines Vaters nach Zion hinauf in Erez jisroel . Er hat mir's versprochen, mein Moschko. Nit wahr, mein Augentrost? Sag' ja zu dem, was spricht dein Tateleben, mein Moschko.« Der Kranke holte tief Atem und versuchte »Ja« zu sagen, aber es kam nur ein rauher, heiserer Laut zum Vorschein. Innocenz nahm dem Erschöpften mitleidsvoll das Sprechen ab: »Sie wollen nach Ägypten?« Der Kranke nickte, der Alte aber fiel erklärend ein: »Ausgeschrieben war die Stell', Gott meiner Väter. Hunderte habben sich gemeldet in das fremde Land, er allein hat sie gekriegt, die Anstellung. Mein Moschko hat sie gekriegt, weil er war empfohlen von hohe Herren, wie David empfohle war an den Hof des Königs Saul. Nu' is er 'n bissel marode, aber die Krankheit wird von ihm weiche, wie der Aussatz vom assyrischen Kämmerer, als er im Jordan badete, und Moschko wird sein der Ölbaum, in dessen Schatten mein Alter ruht.« Wie schnitt doch die Gewißheit, daß nichts von dem, was der Alte hoffte, sich erfüllen könne, dem Arzt blutig in die Seele ein. ›Wie bald, und der Greis wird den Kopf mit den Korkzieherlocken über die Reling beugen und einen grauen Sack, gefüllt mit seinem Sohne und etwas Blei, in den grünen Wogen verschwinden sehen. Sei barmherzig, großer Genius, der du die Geschicke lenkst, und stell' das alte Uhrwerk so, daß seine Feder bricht, bevor das junge abgelaufen ist.‹ So dachte Innocenz, derweilen er Worte des Trostes sprach, die alle erleichterten, nur ihn selber nicht. Obwohl er sich sagte, daß auch das Trösten der Betrübten zu den sieben Werten der Barmherzigkeit gehöre, so verdroß ihn doch diese ärztliche Seiltänzerei über der Wahrheit, die wie eine Abendvorstellung auf dem Jahrmarkt allen Dingen einen rosigen Schimmer leiht, der ihnen doch nicht zusteht. Er ging, verordnete etwas aus der Schiffsküche und freute sich, als er von ferne zusah, wie Vater und Sohn, auf dem Bette sitzend, aus einer Schüssel löffelten. Aber da sah er bald noch etwas mehr. Ein schlankes Mädchen, begleitet von einer mandeläugigen Japanerin, war an das Bett des kranken Moschko getreten, ordnete die Kissen, strich die Bettdecke zurecht und ließ zuletzt eine kleine Geldbörse in die Hände des alten Juden gleiten. Der ließ den Löffel fallen, riß die Augen auf, beugte das Haupt mit den Korkzieherlocken und rutschte wie vor einem Engelsbilde vom Bettrand herunter in die Kniee. Da wehrte das Mädchen ab, machte kehrt und eilte der Stiege zu nach dem Verdeck. Vier Augen, zwei des Jankel Navratil und zwei des Innocenz Lorum, sahen ihr staunend nach. ›Wer ist sie,‹ fragte sich der Arzt, ›und was treibt sie aus dem Luxus des Salons in das Elend des Zwischendecks? Ist es eine, deren Barmherzigkeit in der eignen Not ihre Wurzeln schlug und aus dem Dulder einen Samariter schuf?‹ Mit diesem Gedanken wuchs ein lichter Heiligenschein um die ohnedies schönen Züge des Mädchens. Innocenz war im Banne dieser Erscheinung. Verehrung war's zunächst, was er für sie fühlte, dahinter aber lauerte die Liebe. Eine Flamme war erloschen, eine andere fing zu glimmen an. ›Jedenfalls will ich die Kleine im Auge behalten,‹ sagte sich der Beobachter. ›War sie gegen Moschko Navratil voll Erbarmen, vielleicht ist sie's auch gegen andere Leute.‹ Schon das Mittagsmahl vermittelte ein näheres Kennenlernen. Innocenz hatte seinen Platz bei Tische neben der vornehmen Samariterin gefunden und gab sich Mühe, ihr in jeder Weise gefällig zu sein. Sie nahm sein Artigsein wie Selbstverständlichkeiten hin, belohnte jede Aufmerksamkeit mit leisem Nicken des vornehmen Kopfes und forderte wie eine, die gewohnt ist, zu befehlen, nur durch einen Wink ihrer schlanken Finger. Sie sah nicht auf, und wie sehr sich Innocenz auch bemühte, einen ihrer Blicke zu erhaschen, es gelang ihm nicht. Vielleicht war's ein tiefer Kummer, der ihr die Lider über die Augensterne drückte. Der aufmerksame Schiffsarzt bemerkte einen feuchten Glanz über der Lidspalte und einen leichten Schatten in allen vier Augenwinkeln. ›Sie weiß sich zu beherrschen,‹ dachte er. Daß die Freude nicht an der Tafel lacht und der Schmerz nicht auf dem Markte schreit, das ist ein Zeichen, daß die Erziehung das Tier in uns gebändigt hat. Er achtete die vornehm verhaltene Trauer seiner Nachbarin, obgleich gerade sie es war, die ein gegenseitiges Näherkommen verhinderte. Genau mit der letzten Schüssel verließ die Dame die Tafel. Auf den Nachtisch einer Unterhaltung verzichtete sie. Was Innocenz über sie erfahren konnte, mußte aus der Stewardesse herausgeholt werden. »Briefkuverte, die auf ihrem Toilettentische liegen, tragen die Adresse Irma van der Klingen. Chrysanthem und Hyazinth sind ihre Dienerinnen. Voila, tout , das übrige mögen des Herrn Doktors Neugierde bei ihr selbst erfragen,« sagte diese, machte einen spöttischen Knix und ließ den Frager stehen. »Irma van der Klingen, Reiseziel Hongkong,« sagte die Schiffsliste. Das war auch nicht viel, aber Innocenz wußte nun doch, daß das schöne Kind noch reichlich sechs Wochen in seiner Nähe sein werde. Das war Zeit genug, daß ein Trennungsschmerz sich mindern, ein Abschiedsweh sich verflüchtigen konnte. Wie einen Barometer befragte der Arzt an jedem neuen Morgen das bleiche Antlitz Irmas van der Klingen, wenn ihr schlanker Leib, in einen Liegestuhl gegossen, auf dem Promenadendeck lag, ob nicht bald das Quecksilber auf »Heiter« steigen wolle. Umsonst. Diese lieblichen Züge redeten nicht. Innocenz hätte den Wind bestechen mögen, daß er ihr einmal ein Taschentüchlein raube, damit er sich einen Finderlohn verdienen könne. Auch damit war's nichts. Zu guter Letzt klammerte er sich an die freventliche Hoffnung, daß irgendein kleiner Anfall die Brücke zu einem Verständnis zwischen ihr und ihm schlagen möge. So oft die Nacht ihr Sternenlicht übers Verdeck niedergoß, scharte sich die Gesellschaft vorm Steuerhäuschen um einen alten Kapitän mit seinen Seemannsschnurren. Wer lachen konnte und wollte, war da. ›Heiterkeit schließt das Herz auf,‹ so hoffte Innocenz. Doch Irma van der Klingen kam nie in den Kreis der Fröhlichen. Sie irrte lautlos um das Steuerhäuschen herum, immer einsam, immer fremd. Noch wehte die Luft vom europäischen Festlande herüber und schien ihr Stimmen zuzutragen, denen ihr Ohr lauschte. Waren's Laute aus der besorgten Mutterbrust, war's schmeichelnd eine Männerstimme, die mit ihr redete? Innocenz hätte viel darum gegeben, hinter das Geheimnis dieses Frauenherzens zu kommen. Es wollte nicht gelingen. Nie ließ sie sich zu einem Plauderstündchen an irgendeiner Ecke nieder, und den freundlichst gebotenen Gruß bezahlte sie geizig genug nur mit einem stummen Nicken. Noch lebte sie nicht in der Gegenwart. Sie hing am Vergangenen, an dem verschwundenen Europa, das zuweilen noch in einem meerumbrandeten Kap ein winziges Stückchen seiner Herrlichkeit sehen ließ. So war eben aus der Wasserwüste voll stiller Majestät das Kap Sankt Vincenz emporgestiegen. Im Westen stand der glühende Sonnenball und warf seine roten Pfeile nach dem jähen Felssturz und der verwitterten Kirche, die auf seinem Scheitel thront. Zwischen Sonne und Felsen schwamm das Schiff auf flüssigem Gold. In den Stricken der Raaen und Maste zuckte es auf wie Elmsfeuer, geheimnisvoll, geisterhaft. Der Tag, der sich anschickte zu Grabe zu gehen, wollte der Welt noch ein Schauspiel geben, damit sie seiner nicht vergessen möge. Vor dem Sterben einer Weltensonne versinkt der Mensch in sein Nichts. Sein sonst so stolzes Ich wagt sich kaum zu regen. Leise schleicht der Atem durch die Luftwege, schüchtern, als ob die Lunge sich schäme, von dem Golde zu stehlen, das aus dem Äther rieselt. Ein Gefühl von Furcht drückt das Herz zusammen, man fühlt sich schwach und möchte sich anlehnen, anlehnen an ihn, durch dessen Finger die Welten rannen, wie der Tropfen vom Eimer rinnt. Da fallen Glockentöne hinein in die Abendstille. Sie kommen aus den Schallöchern der zermürbten Kirche drüben, zittern über das Wasser hin und verklingen weit da draußen, wo Himmel und Wasser in eins zerfließen. Ave Maria! ruft der metallene Mund zum Firmament empor, dann verstummt er. Nun liegt ein großes Schweigen über den Wassern, wie über der Welt am ersten Schöpfungstage, wie über einem Gemälde von Segantini. Innocenz fühlte nicht mehr, daß er mit den Füßen auf den Planken des Schiffes stand. Ihm war's, als ob er einsam auf Engelsfittichen durch den Äther schwebe, als ein sammetweicher Gegenstand wie ein Lufthauch seine Gestalt umfloß. Erschrocken sah er um sich und blickte nun in zwei Augensterne, deren Gluten bis in die Abgründe seiner Seele niederzubrennen schienen. Das war der Blick eines Rehes, das am Wege verendend um Erbarmen flehte. Irma van der Klingen war's, die ihr Auge reden ließ die ganze traurige Geschichte, die ihr Mund verschweigen mußte. Innocenz fühlte, daß die Stunde gekommen war, wo ein gequältes Herz sich ihm offenbaren wollte. Seine Hand griff nach dem Weibe, und sein Arm zog sie an sich heran. Sie stand vor ihm, seine geheimnisvolle Tischnachbarin, gebeugt und doch voller Hoheit, stehend und doch voller Stolz. Welcher Nachtfrost mußte über diese Frühlingsblüte gezogen sein, daß sie gar so traurig das Blumenköpfchen hängen ließ, obwohl doch die Sonne des Reichtums über ihr leuchtete? Das war mehr als der Abschiedsschmerz von einem Heimatlande, der diese Seele beklemmte, da mußte ein Wurm tief an den Wurzeln ihres Wesens nagen. Innocenz fühlte, daß eine gemarterte Seele zu ihm um Hilfe oder um Mitleid schrie. Das machte ihn mutig, gab ihm Kühnheit. Er ließ die Hände, die er gefaßt hatte, nicht los, sondern zog die Dame sanft zu sich nieder auf eine Bank. So saßen sie Seite an Seite, wärmten sich aneinander, sahen aufs Meer hinaus, über dem das Licht der ersten Sterne tanzte, seufzten und schwiegen beide. Unter ihnen wühlte die Schiffsschraube in schaumigen Wellenbergen. »Wie's da grausig siedet und kocht,« sagte der Arzt. »Ach ja!« seufzte die Angeredete. »Und doch mitten in den Schauern dieses Getriebes wäre Ruhe für das verirrte Suchen eines verlorenen Menschenherzens.« »Mein Gott, Gnädige,« fiel ihr Innocenz ins Wort, »so jung, so schön; von Kulis getragen, von Musmis betreut, und wie ein liebes Kind den Gedanken hätscheln, daß man sterben wolle? So flügellahm können Sie nicht geschossen sein, daß es für Sie unmöglich wäre, sich über die Größe Ihres Schicksals emporzuschwingen. Man läßt einen Vater zurück, eine Mutter. Wie lange, und der Tod hätte uns doch von ihnen getrennt! Vielleicht haben Sie auch einen Gatten, ein Kind verlassen, aber die Zeit wird Sie wieder mit ihnen vereinen.« »Ha, ha!« lachte die Ärmste auf, und es war das Lachen des Wahnsinns, das aus ihrem Munde brach. »Die Zeit wird mich wieder mit denen vereinen, die ich verlassen. Nichts ist gewisser, oder das Schiff müßte den Meeresgrund mit dem Gallion pflügen. Doch fragen Sie nicht weiter. Wer groß denkt, trägt sein Geschick allein. Ich weiß, daß Sie gut sind, und wenn ich's nicht wüßte, der kranke Jude im Zwischendeck hätte es mir gesagt. Niemand hat ein Recht an meine Person. Doktor, lassen Sie uns gute Freunde sein, solange diese Bretter uns umschließen und diese Wogen uns schaukeln. Fragen Sie nicht nach Woher und Wohin. Was ich scheine, bin ich nicht, aber was ich bin, möchte ich Ihnen nicht scheinen bis zu dem Augenblicke, wo der Kiel unseres Schiffes den fernen indischen Sand zum Wiedersehen küßt. Dulden Sie mich in Ihrer Nähe, dann wird mein Los sich Ihnen entschleiern, und Sie werden Mitleid mit mir haben, weil Sie gut sind.« Sie schlug die Hände vors Gesicht und weinte bitterlich. Ihre Beichte war zu Ende. Zwar hatte sie ihr Geheimnis nicht entschleiert, aber sie hatte durchblicken lassen, daß sie eine Unglückliche war, und das genügte, um den jungen Arzt mit einem Kampfesmut zu füllen, der ausreichend gewesen wäre, seine Schutzbefohlene gegen die Angriffe einer halben Hölle zu verteidigen. Er rückte der Verfolgten an seiner Seite näher und legte den Arm wie schützend um ihre Taille. Sie duldete es. Die weiche Stimmung, die über dem verglühenden Tage lag und alle Gegensätze milderte, hatte zwei Menschenherzen einander nahe gebracht, die vor wenig Tagen noch einander unbekannt und gänzlich fremd waren. Als die Glocke zur Abendmahlzeit rief, gingen beide erhobenen Hauptes über das Deck. Nun war am Tisch mit einem Male alles anders geworden. Jeder suchte ihr zu gefallen, und jedes Wort, das über die Zähne passiert, wird wie ein Handwerksbursche an der Landesgrenze einer Leibesvisitation unterzogen, ob es nichts Gefährliches an sich habe. Es gibt keine besseren Erzieher als gut erzogene Frauen. Die Strenge des Befehles findet den Mann nicht so willfährig als die Bitte, die aus einem Frauenblick zu fordern weiß. Vor der milden Frühlingssonne springen die Blüten aus den Knospen, und Witz und Laune gedeihen im Sonnenglanz eines freundlichen Gesichtes. Bald war der Tisch, an dem Irma van der Klingen Platz gefunden hatte, einer der belebtesten des Salons. Daß Innocenz in der Gunst des schönen Weibes stand, sah mancher nicht ohne Neid, und der Klatsch, der auf Schiffen wie in ländlichen Pfarrhäusern aufs prächtigste gedeiht, beschäftigte sich mit beiden Menschenkindern. Die Wände bekamen Ohren, und nicht immer schlief derjenige in seiner Kabine, der das Licht ausgedreht hatte. Wo Innocenz neben der Fremden auf dem Verdeck saß, da hatte in der Nachbarschaft der und jener etwas zu schaffen, und mancher, der mit den Augen an den Sternen hing, klebte mit den Ohren an menschlichen Lippen. Jetzt, nachdem der armen Frau die Lawine des Kummers vom Herzen gerollt war, kugelte mancher Schneeball mit frohen Sprüngen über den Abhang. Und immer wieder war's das Landhaus an der Schelde mit seinem roten Ziegeldach inmitten grüner Bäume, was in ihren Erzählungen wiederkehrte, waren's kanaldurchschnittene Triften, in denen die scheckige Herde graste, waren's Nachen, die mit bauchigem Segel über ruhigen Wasserstraßen schwebten. Oder es war die traulich warme Ecke am Kamin gegenüber dem Sorgenstuhl des Vaters, wenn draußen der Nebel den Strom verhüllte und die Windmühle trotz ihres Sträubens in einen kalten grauen Mantel wickelte. Wie war's in der Stube so heimisch, wenn der Orkan in den Tannenwipfeln heulte und die Esche niederbog, daß der Gipfel sein Bild im Spiegel der Kanäle beschaute; wenn das Eis krachte und der Schnee weinte auf den schnurgeraden, pappelbestandenen Alleen; wenn der Schäfer unter der Stalltür stand und das Heu verschnitt für die blökenden Lämmer, die im Freien nicht mehr fanden, was sie brauchten; wenn der Hofhund ins Zimmer durfte und hinterm Ofen sein Schläfchen machte. Und wenn all die lieben Kleinigkeiten wieder zum Vorschein kamen, die unsere Kindheit so glücklich machen, wie wurden da die Augen der Dame so blank, so weit, so hungrig nach Stille und Einsamkeit. Innocenz starrte in dies Antlitz, staunte und fragte sich wohl tausendmal: ›Welch unseliger Sturm mag wohl dies an der Heimatscholle sicher verankerte Schiff hinausgeworfen haben in den Strom des Lebens?‹ Ein tiefes Mitleid drang wie die Zähne einer Rundsäge immer mehr gegen den Kern seines Wesens vor und durchschnitt die Jahresringe alter Bedenklichkeiten um so leichter, da ihm das eigne Herz seit Käthchens Treulosigkeit wie eine leere Nische vorkam, die nach einem Heiligenbilde schrie. Sechzehntes Kapitel Das Schiff hatte seinen Kurs geändert und steuerte der aufgehenden Sonne entgegen. Fliegende Fische, diese Schmetterlinge des Meeres, sprangen vor dem Kiele auf, schillerten, glänzten, funkelten im Tageslicht und versanken wieder mit all ihrem Farbenzauber im nassen Element. Delphine in ganzen Herden zeigten die schwarzpolierten Rücken, warfen sich übereinander in langer Linie wie eine schwingende Saite, staunten nach dem Firmament empor und verschwanden wieder in den dunklen Tiefen. Selbst Haie und Wale hoben die stumpfsinnig ausdruckslosen Gesichter aus dem Wasser. Es war, als ob das Meer den Sonnenkultus kenne und alle seine Bewohner aus den Abgründen riefe, die Strahlende zu verehren. Auf sammetweichen Wellen glitt das Schiff mit der Flut durch die Säulen des Herkules ins Mittelmeer. Während weniger Stunden sah man das Festland zweier Erdteile, dann ging's wieder in den weiten, leeren Horizont, über den sich der Himmel stülpte wie eine Glasglocke. Die Passagiere, die an der Reling gestanden und mit bewaffnetem und unbewaffnetem Auge nach der spanischen und marokkanischen Küste, geschaut hatten, verschwanden wieder im Bauche des Schiffes oder scheuchten mit einem Buche die Langeweile im Schatten des Sonnensegels. Das Schwirren einer Mücke um ein Tauendchen, der Faden, an dem eine Spinne kletterte, bot manchem Unterhaltung. Wie eine Schraube im Holz drang das Schiff im Wasser vor, immer vorwärts, immer der aufgehenden Sonne entgegen. Daß es Leute an Bord gab, die das Ziel ersehnten, andere, die es fürchteten, war ganz egal. Nur voran, nur voran. Einer war da, dem es gleichfalls egal war, wie es ging und wohin es ging. Das war Moschko Navratil, der Ingenieur. Vor einer Viertelstunde hatte ein Matrose die Schiffsluke über seinem Bette aufgemacht, und da war nun seine Seele hinaus- und in den blauen Äther hineingeflogen. Sein Tateleben hatte alles, was der Tote nicht mehr brauchen konnte, sogar die Medizinflaschen, in einen Sack gestopft, saß auf dem Bettrand, seinen Stab in der Hand, und verlangte, daß das Schiff halte und ihn aussteigen lasse. »Gott der Gerechte, was hat die Reise nun noch für einen Zweck? Kann ich bauen elektrische Maschinen im Lande Gosen? Der Moschko hat's gekonnt. Aber da liegt er nun kalt und steif. Moschko, warum bist du gegangen und hast mir die Sorge auf die Schulter gelegt wie einen Salzsack, der schwerer wird, wenn meine Tränen auf ihn fallen? Jetzt kommt die Nacht der Trübsal über Jankel Navratil. Schon schleicht er im Schatten, bald wird er im Dunklen tappen. Moschko, Licht meiner Augen, warum bist du dunkel geworden? Nun werden sie kommen und betrügen deinen Vater, wenn seine Augen nicht mehr unterscheiden können Schafwolle von Seegras,« Moschko gab auf all diese Fragen keine Antwort. Kalt und ungerührt lag er unter einem Leintuch. Die Sorge seines Vaters war nicht mehr die seinige. Ihm war die Welt nichts mehr schuldig als ein Kleid aus Sackleinwand. War dies von den Segelflickern zusammengenäht und mit Blei besetzt, dann schaffte die Schwerkraft den toten Navratil dahin, wo er keinem mehr im Wege stand und mit keinem zu kämpfen hatte. Der Abend kam und verbreitete einigen Schatten im Zwischendeck. In der Ecke, um den Toten herum, hantierten vier Matrosen. Die Mehrzahl der Reisenden stand in ihren Alltagskleidern zwischen den Betten. Es herrschte nur ein leises Flüstern, und scheue Blicke flogen nach der Mannschaft im Winkel und nach ihrem unheimlichen Tun. Endlich war alles soweit vorbereitet. Vier Arme hoben die Leiche auf eine Bahre, dann ging's durch den Saal der Stiege zu. Wer im Wege stand, wich scheu zur Seite aus. Auf Deck wartete der Kapitän in großer Uniform und noch einer der Offiziere. Auch der Schiffsarzt war da und der Vater des Toten in einem zerdrückten, moosgrünen Zylinderhut. Die kleine Gruppe stand hinter einem Berg getrockneter Tierhäute. Auch war ein Segel quer durchs Schiff gespannt. Man wollte den Passagieren der ersten Kajüte verbergen, was vorgehe. Wer, der in der Vollkraft des Lebens steht, mag an die eigene Hinfälligkeit und Sterblichkeit erinnert sein? Als die Leiche in den kleinen Kreis der Leidtragenden gebracht war, entblößte jeder sein Haupt zu einem stillen Gebet. Dann ein kurzes Kommandowort, und das Bündel war über die Reling gehoben. Ein Ruck und es stürzte vor der Schiffswand nieder ins Meer. Ein breites, grünes Wellental nahm Moschko auf, wiegte ihn wie in einer seidenen Wiege ein wenig herüber und hinüber und deckte ihn dann zu mit einem Berg von krausen, weißen Chrysanthemumblüten. Nun war alles vorüber, und das Meer hatte wieder sein altes Gesicht. Zwei Matrosen waren nach dem Hintersteven gelaufen und starrten mit erregten Mienen in die See. Da hinten konnte sich noch etwas ereignen, was keiner wünschte. Wird die Leiche dem Hai entgangen sein, unserem Hai, den der Matrose haßt, weil er auf alles Anspruch macht, was über Bord geht? Sie kamen mit beruhigten Gesichtern wieder. Nirgends hatte sich der Schaum, den die Schraube schlägt, blutig gefärbt. Der Tote war nun nach ihrer Vorstellung zwischen Korallenzweigen, Muscheln und Seerosen schön gebettet und konnte mit allen seinen Knochen warten, bis die Posaune all die Tausend Seeleute, die auf dem Meeresgrunde schlafen, zur Auferstehung ruft. Am Abend nach der Beisetzung war's still auf dem Schiffe. Die Matrosen aßen schweigend ihr Mahl in der Kambüse. Nirgends ein Singen oder Pfeifen, wie es sonst wohl die Stunden vor dem Schlafengehen kürzte. Der Engel des Todes mit dem Finger über dem geheimnisvoll geschlossenen Munde war über das Deck geflogen, und jeder schien den Luftzug verspürt zu haben, den sein Fittich erregte. Die Nacht war frisch. Der Schiffsjunge, der am Morgen seinen Sitz im Mastkorb zwischen den Sternen verließ und an der Strickleiter niederstieg, blies sich in die Hände und sprang ab nach einem Haufen Schiffstaue. Da trat sein nackter Fuß auf etwas Warmes. Es war der alte Navratil. Er lag mit seinem Sack und seinem Stecken in den Trossen wie in einem Nest. Das Bett im Zwischendeck war ihm verhaßt. Auch war er voller Sorge, den Augenblick zu verpassen, wo das Schiff irgendwo anlegte. Er hatte genug von der Sommerglut der Welt und wollte heim in den Dämmerschatten seiner böhmischen Wälder. Noch ein Tag verging und noch einer. Als aber dem Mittag der Abend folgte, sah man das Kap Miseno mit seinem Leuchtturm aus den Fluten steigen, und rechts in der Fahrtrichtung wölbte sich der runde Rücken der Insel Capri. An der Grenze des Horizontes, da, wo Luft und Meer ihr Gebiet in grauem Dunste mischen, sah man ab und zu, wie das Winken eines Fingers, den matten Glanz eines bleichen Lichtes. »'s ist der Gipfel des Vesuvs!« behaupteten einige Reisende und wollten sich hängen lassen, wenn sie nicht recht behalten sollten. Andere meinten: es könne nur ein Blinkfeuer von der Insel Ischia sein, und wollten sich gleichfalls hängen lassen und sogar den Strick noch selber stellen. Jankel Navratil schleppte sich und seinen Sack von einer Gruppe zur anderen, wiegte den Kopf mit den Schmachtlocken wie einen Bärenschwanz hin und her und horchte, horchte. Aus dem Bauche des Schiffes heraus ertönten wilde Gesänge der Matrosen. »Sie riechen Land und Weiber,« bemerkte der alte Kapitän. »Bis morgen früh ist ihre Löhnung im Beutel der Dirnen und Schenkwirte.« »Sie riechen Land,« wiederholte der alte Jude vor sich hin und schnupperte mit der Nase in die Luft hinein. Ein fader Fischgeruch, das war alles, was sich seinen Riechnerven bemerkbar machte. Ach, daß er doch noch jung wäre und die feinen Sinne hätte wie dazumal, als er auf dem Markte zu Pribram mit verbundenen Augen jeden Wollchristen von einem Felljuden unterscheiden konnte. Nun war eine große Stadt, ein ganzes Land in seine Nähe gerückt, und er sah beides nicht, er roch es nicht einmal. Wie sollte er den Heimweg nach Böhmen finden? Aber das war ja einerlei, wenn er nur erst einmal weg war von dem Wasser, dem gräßlichen Wasser, das seinen Moschko verschlungen hatte, seinen Moschko. Er setzte sich nicht mehr. Er tappelte immer auf und ab, wie Leute, die in einem Zeugenzimmer auf den Richter warten müssen. Die Dämmerung wird dichter. Auf dem Gestade rechts und links verschwimmen die Details. Häuser und Wälder fließen in einen schiefergrauen Farbenton zusammen, der von einer scharfen Linie wie von einer Litze umsäumt und gegen das Firmament abgegrenzt wird. Darüber ein verlorenes Licht, der letzte Rest der gesunkenen Sonne. Es lohnt sich nicht mehr, daß man nach den Seiten hin Ausschau hält. Vorm Klüverbaum da muß bald Großes, Ungeahntes aus dem Wasser steigen. Alle Passagiere drängten sich nach vorn, lauerten, schauten, vermuteten. Jede Laterne, die den Nachen eines Fischers beleuchtete, wurde für die Spitze des Vesuvs gehalten. Denn nun mußte er ja kommen, der Geheimnisvolle, der Furchtbare. Einmal mußte doch der Golf von Neapel ein Ende nehmen. Dichter und gleichmäßiger wurde die Nacht, in die das Schiff hineinfuhr, selbst das Meer war von ihr verschlungen. Nur kleine Schaumwellen zeigten zuweilen wie kläffende Hunde ihr glänzendes Gebiß. An ihrem Blinken suchte sich der Blick zu orientieren. Hinter ihnen lag doch die Linie des Horizontes, über welchem der Flammenschein des Kraters sich am Himmel spiegeln mußte. Alles kam anders, als man sich's gedacht hatte. Plötzlich riß ein Feuerstrahl die Augen aller nach oben. Die Köpfe sanken ins Genick. Über den Gaffern, gerade über der Stirne eines jeden, stand mit bläulichgrünem Glasten eine ungeheure Feuerkrone und drohte herabzustürzen, das Schiff und seine Gäste in Rauch aufzulösen und den Golf von Neapel auszutrocknen. Ein jäher Schreck verbreitete die Starrsucht über alle Passagiere. Wie konnte man dem Furchtbaren so nahe kommen? Man war ja unter ihm. Wenn das Lichtgebilde da oben zerplatzte, mußte ein Stein- und Aschenregen niedergehen, der alles zerschmetterte. »Herr, erbarme dich unser!« seufzte mancher, der sich lange ohne einen Herrn beholfen hatte. Doch der feurige Schrecken schwand und tat niemandem was zuleide. In der Luft aber blieb die leuchtende Stola eines Buddhistenpriesters hängen, von der kleine, feurige Wölkchen, wie junge Lämmer hüpfend, sich wegstahlen. Die Eruption war vorüber, der Lavastrom hing glühend vom Krater nieder und zeichnete sein Bild in klumpige Wolken hinein, die wie verschlungene Schlangenleiber kreisend um das Haupt des Berges zogen. Als die Reisenden endlich Zeit fanden, ihr Kinn wieder aufs Brustbein sinken zu lassen, hatte sich ringsum vieles geändert. Das Dunkel war fort, und der Blick irrte über unzählige Lichtfunken hin, die den Berg hinaufkletterten, sich in Talmulden hinabsenkten. Häuser, Kirchen und Türme beleuchteten. Einige der glimmenden Punkte schossen umher, andere standen still und hielten Richtung wie die Soldaten. Noch ein wenig und über den Lichterteppich legten sich lange Schatten mit gespenstigen Armen. Man fuhr in den Wald von Raaen, Masten und Tauen hinein, der den Hafen füllte. Vom Lande her kommen Glockentöne, denen sich das Geschrei von Menschenkehlen zugesellt. Jetzt heult die Sirene unseres Dampfers und grüßt Neapel, die süße Stadt der Parthenope. Zwar fiel das Fallreep auf den Wasserspiegel, aber niemand durfte das Schiff verlassen. Die Treppe war nur hinabgelassen worden, um der Sanitätsbehörde, Hafenpolizei, den Zollbeamten den Zutritt zum Deck zu ermöglichen. Wer sich nun satt gesehen hatte an dem Lichtermeer der Stadt, der ging in seine Kabine und schlief. Jankel Navratil machte an verschiedenen Stellen den Versuch, über die Reling zu klettern und wurde zurückgehalten. Endlich beruhigte er sich und kroch – jetzt zum letzten Male – mit seinem Sacke in sein Nest von Schiffstauen. Bald war's still auf Deck, und nur der Schritt der Wache bot dem Unterhaltung, den Kummer oder Erwartung nicht schlafen ließen. Der Tag war noch nicht da, und schon umbrandete ein wahres Jahrmarktsgeheul die Wände des Schiffes. Händler, Kofferträger, Agenten spekulativer Wirte überschrien sich gegenseitig, klopften an die Luken und warfen Zettel auf Deck. Wer klug war, blieb in seinem Bette und wartete, bis die Brandung sich verlaufen hatte. Innocenz gehörte zu diesen Klugen. Als er zum Frühstück kam, war der Salon leer. Nur wenige Tassen standen noch unberührt herum, darunter die seiner Nachbarin. So beschloß denn der junge Mann, auf diese zu warten. Hier unten war's sauber und ordentlich, während das Deck aussah wie ein Festsaal nach einem Maskenball. Jeder, der geht, läßt ein paar Fetzen von sich zurück und denkt: ›Mich genieren sie fernerhin nicht. Der, dem sie nicht recht sind, mag sie fortschaffen.‹ Nun, nachdem die Arche sich entleert hat, beginnt ein großes Kehren und Scheuern wie auf der Dorfstraße am Morgen nach dem Jahrmarkt. Wer die Sauberkeit seiner Hosen schätzt, weicht den Scheuerlappen aus und dem Inhalt der Eimer, der aus verborgenen Tiefen manches mitführt, was das Sonnenlicht zu scheuen hat. Vor alledem war Innocenz im Salon sicher. Er blieb also, vertiefte sich in die Lektüre der neuesten Zeitungen, die man an Bord gebracht hatte, und wartete, den Blick der Türe zugekehrt, durch die Irma kommen mußte, auf sie, die mehr und mehr von seinem Herzen Besitz nahm. Und sie kam in einer hellen Toilette, schwebend fast wie ein Cherub. Man war jetzt im Süden, wo Flora und Frauen in Farben schwelgen. Also hatte auch sie ihrer Schönheit mit bunten Tönen etwas nachgeholfen. Der junge Mann war hingerissen von ihrer Erscheinung. Sie las in seinem Gesichte ihren Sieg und schien sich der Wirkung zu freuen, die sie hervorbrachte. Sie streckte ihm beide Hände entgegen, setzte sich und beugte den Oberkörper so weit gegen den Arzt hin, daß ihr Atem seine Wange wärmte. Ihre Blicke forderten, ihre Lippen forderten. Ihr Busen hob sich und forderte einen Gegenstand, an den er sich lehnen könne, um nicht zerspringen zu müssen. So neigt sich die duftende Orange dem Gärtner zu. Und doch wagte Innocenz nicht zuzugreifen. Ihm war's, als ob er ein liebes Schattenspiel zerstören könne. Da warf sie den schönen Kopf enttäuscht in den Nacken und klingelte den Steward herbei. Er kam mit Kannen und Tassen und war nun wieder überflüssig geworden. Ein Blick ihrer Augen jagte ihn aus dem Raume hinaus, und, was sich liebte, war wieder allein. Aber manches war nun anders. Es war, als ob sie älter, er jünger geworden wäre, fast noch nicht reif. Sie sorgte für ihn wie für ein Kind. Er ließ es sich gefallen mit dem Gehorsam eines gut erzogenen Knaben. Seit den Tagen, wo er mit seiner Mutter am Tische saß, hatte niemand mehr sich um ihn bemüht, und eine bequeme Sorglosigkeit hüllte ihn in ihre behaglich warmen Tücher. So wie es jetzt war, hatte er sich oft in seinen Träumen das Leben zu zweien gedacht. Nun hatte er's und glaubte im Himmel zu sein. Wenn ihn nur nicht der Gedanke gepeinigt hätte, daß hinter diesem Weibe ein Geheimnis steckte, das sich ihm nicht entschleiern wollte. Er wurde still und nachdenklich. »Haben Sie Urlaub, an Land zu gehen?« unterbrach Frau van der Klingen seine Selbstquälerei. »Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen ein Führer sein durch das verworrene Wirrsal dieser Stadt.« Innocenz war's zufrieden. Ein Nachen brachte die beiden an die Kaimauer hinüber. Als der Schwarm zudringlicher Führer glücklich abgeschlagen war, kamen sie in das labyrinthische Gewinkel des Hafenviertels hinein. Das Pflaster klebte von zertretenen Melonen und Orangenschalen, und ein Fischgeruch füllte die verzwickten Höfe, die von allerlei zerlumptem Gesindel mehr wie überfüllt waren. Da stand ein Kaufen um den Kessel eines Koches herum und wartete, bis seine Maiskolben gar und genießbar waren. Dort hatte sich ein Kreis gebildet um zwei streitende Weiber, die sich an den Haaren gefaßt hatten und mit den Füßen kämpften wie eifersüchtige Hähne. In einer kleinen Sackgasse sah man edlere Gestalten; was Mann war, den Zylinder auf dem Ohre, was Weib war, das Halstuch mit dem Palmenmuster über den Schultern, mit verklärten Gesichtern um einen Künstler versammelt. Innocenz staunte. Der Mann, der hier Ketten zerbrach, als ob sie aus Maccaroniteig wären, war Master Samson, der Athlet aus dem Zwischendeck des Schiffes. An seiner Seite debütierte ein Schiffsjunge in der Kunst, mit den Ohren zu wackeln. Nicht jeder vermag es, in dieser Fertigkeit einen Maulesel zu überbieten. Wer es zum Meister brachte, konnte in Melbourne das Tauende des Leichtmatrosen für ein überflüssiges Erziehungsmittel erklären. Die zwei Erleuchteten überbrettelten vor ausverkauftem Kaufe, denn selbst die obersten Dachluken des Winkels waren mit ungewaschenen Gesichtern gestopft, wie eine Entenbrust mit Trüffeln. Als aber am Schlusse der Vorstellung der Schiffsjunge einen Versuch machte, mit dem Zinnteller zu kreisen, verschwanden die Signori nebst den Matronen und aus den Dachstühlen ergoß sich ein wahrer Wolkenbruch von Muschelschalen, alten Pantoffeln und schimmligem Heringssalat über die Häupter des unglücklichen Paares, das in den Winkeln von Santa Lucia eine Premiere riskiert hatte. »Sie werden in Hongkong ein dankbarer Publikum finden,« bemerkte Irma und zog ihren Begleiter hinter sich her. Sie gingen. Aber sie kamen nicht weit, da stießen sie wider einen anderen Bekannten. Zwanzig Leute, die von einem Schiff ans Land gehen, wie fangen die's nur an, daß sie den Anschein erwecken, als ob sie eine Völkerwanderung wären? Es ist kaum möglich, ihnen auszuweichen. Sie füllen die Kirchen, die Museen, die öffentlichen Plätze, Straßen und Wirtshäuser. Außer anderen wimmelte auch Jankel Navratil da herum. Er stand mit seinem Sack unter den Schustern. Seine zehn Finger hatte er nach und nach herausgeholt und als römische Ziffern vor den Nasen dieser Handwerker aufmarschieren lassen. Es war kein Einverständnis erzielt worden. Jankel hatte mit seinem Kinde seine großen Projekte ins Meer versenkt, er mußte wieder am Kleinen anfangen. Was die Landschaft Gutes bot, wollte er aufkaufen und es dort mit geringem Nutzen absetzen, wo es nicht gedieh. So hoffte er, sich vom Süden nach dem Norden an den Breitegraden hinaufzuwinden und sein geringes Reisegeld zu retten zur Gründung eines Grünkramhandels auf dem Markte von Zentschtochau. Frau van der Klingen hatte kaum gesehen, woran es in dem Handel fehlte, als sie mit ihren Sprachkenntnissen und ihrem Geldbeutel für den Juden eintrat. Jankel Navratil füllte seinen Sack und war überglücklich, daß er noch Kredit besaß in der Welt. »Euer Name kommt auf die ›Sollseite‹ meines Hauptbuches. Regnet's einmal wieder auf den alten Navratil aus dem Schoße Abrahams, so soll's tröpfeln auf die, die sich seiner erbarmten. Nehmt indessen eine Kleinigkeit mit vom alten Navratil,« sagte er und drückte Irma ein Paar allerliebster Kinderschuhe in die Hand, warf seinen Sack über die Schulter und ging mit schlürfenden Schritten den Winkel hinauf, während diese das Geschenk des Juden in den Händen wiegte. Seltsame Gedanken mußten es sein, die durch den Anblick der Kinderschuhe in den beiden Menschen wach wurden, brennend heiße Gedanken, denn ihre Pulse klopften und ihre Wangen wurden rot. Sie blickten einander an, und eins las im Herzen des andern Empfindungen, die heraus wollten und sich doch durch kein Wort verraten durften. Auch suchten sich ihre Hüften mit einer stehenden Inbrunst, wie die von Braut und Bräutigam. Was jetzt noch zwischen ihnen geschehen sollte, das konnte keine Zuschauer brauchen. Beide fühlten das, und es fand sich leicht eine Droschke, die das Paar hinaustrug in die üppige Luft des Golfes von Bajä. Golf von Bajä, wer kann an deinen Wassern sitzen und sich noch über die Erbsünde kränken, die uns um das Paradies gebracht hat? Golf von Bajä, wen hat der Duft deiner Orangenhaine umschmeichelt und ihm nicht die Zunge gelöst zu Liebesliedern? Golf von Bajä, wem hätte deine Sonne in den Busen geschienen, ohne ihn zu erwärmen? War's da zu wundern, wenn zwei Menschenkinder, unter dem knorrigen Stamm eines Ölbaumes sitzend, sich innig aneinander schmiegten und wortlos, traumverloren zusahen, wie schäumende Wellen die geschmeidigen Formen badender Menschenleiber spielend auf- und niederwiegten? Ach, wer es so gut hätte wie diese Kinder des Volkes, wer wie sie die Fesseln einer verlogenen Konvention abschütteln und Mensch werden könnte, oder noch etwas mehr als Mensch, ein halber Engel. Gestehen wir's nur, es war ein wenig Neid, was an den Herzen unseres Pärchens nagte und was sie schließlich veranlaßte, aufzubrechen und fortzugehen. Aber wohin? Nur immer am Rande des Meeres hin, wo die Wellen kicherten, hintereinander herliefen, sich einholten und aus zweien eins wurden, wie zwei Menschenkinder in der Liebe. Wo die blanke Sonne sich im blauen Wasser spiegelte und die Fischlein wärmte, die so mollig hinglitten in der Flut über dem schimmernden Meeresgrund. So legten sie in langsamem Hinschreiten einen Kilometer nach dem andern zurück und standen und sahen über ihren Häuptern, droben unter Buschwerk und Pinienkronen das Türmchen und die Mauern des kleinen Klosters Camaldoli. Das rief, das lockte. Wie mußte es herrlich sein, da oben zu stehen. Arm in Arm, und auf Gottes größtes Meisterstück herabzusehen, auf den Golf von Neapel. So bogen sie ab und wanderten einen Pfad hinauf durch Ölgärten, die unter dem Silberschimmer ihres Laubes die reichen, schwarzpolierten Früchte versteckten. Dann kam Buschwerk von Kastanien, über das wenige Hochstämme ihre Kronen erhoben. Wo der Pfad auf Stufen den letzten steilen Gipfel zu erklimmen hatte, schwankten hellgrüne Pinienkronen über nackten Felswänden. Welch ein Säuseln, Raunen, Flüstern in Nadeln und Zweigen! Welch hohepriesterliches Neigen all der Wipfel vor der Mittagssonne! Hatten die Bäume all dies vornehme Zeremoniell von den Mithraspriestern abgeguckt, deren Tempel hier am Rande der phlegräischen Felder standen? Oder war es nur ein gefälliges Neigen vor dem Kuppler Wind, der in seinen Fittichen den Samen trägt; ein Ducken, wie sich vor dem Hahn die Henne duckt? Wohl nichts anderes, denn ein wollüstiges Behagen durchzitterte den Äther, wurde von den Nervenfasern gierig angesaugt und streckte und dehnte jeden Muskel im Körper der zwei Wanderer. Sie blieben zuweilen stehen, sahen sich in die Abgründe ihrer Augen atmeten kurz, zitterten und gingen doch wieder weiter. Der Schrei eines Vogels, das Huschen einer Eidechse über den heißen Stein half ihnen mehr wie einmal über eine moralische Krise hinüber. Endlich waren sie oben und standen auf einer kleinen Plattform vor dem rebenüberrankten Eingang einer ländlichen Osteria. Welch wunderbarer, ungeheurer Kontrast! Im Hintergrund der ernste Vesuv mit seiner ewig drohenden Rauchsäule. Vor ihm ausgebreitet die singende Stadt mit ihrem Gewimmel von Türmen und Palästen. Zu Füßen der azurblaue, lachende Spiegel des Meeres und als sein Rahmen die Felsgestade von Sorrent, Capri, Ischia und Procida. Wer Gott selber schaut, kann nicht geläuterter werden als einer, der von der Höhe von Camaldoli sein Werk in der Tiefe gesehen hat. Da schweigt im Menschen alles Persönliche. Bewunderung erobert das Herz, weitet es und füllt es ganz aus, wie die Erbse ihre Hülse füllt. Da ist für Anderweitiges kein Platz mehr, und was uns vorher zu versengen drohte, rinnt von uns nieder, wie der Wachstropfen von der Kerze rinnt. Auch unser Pärchen stand eine Zeitlang wie versteinert da. Ganz Auge geworden, schienen sie einander vergessen zu haben und nichts von all dem, was kurz zuvor noch das eine so mächtig zum anderen zog, wagte sich zu regen. Ein heiliger Sonntagsfrieden hatte all das heiße, stürmische Begehren mit frommem Glockengeläute zu Grabe getragen, aber nicht zum Tode, sondern zur Auferstehung. Zwei kleine Hände, die lustig ineinander patschten, bewirkten das erhabene Wunder. Die Patrona der kleinen Osteria war nämlich, als die jungen Leute gar keine Anstalten machten, hereinzukommen und ihren Wein zu trinken, unter die Tür getreten. Eine wundernette Hebe mit schwarzen, fliegenden Locken um die Stirne, stand sie unter dem schwergeladenen Rebstock. Die Füße staken nachlässig in roten, ausgetretenen Pantoffeln, die Hüfte war voll, ohne üppig zu sein, und unterm Mieder schien sie die straffen Früchte der reifenden Melone zu verbergen. Wer die harmonisch ausgeglichene, rassige Erscheinung sah, mußte das Land beneiden, das sie hervorgebracht hatte. Wer kennt ein lockenderes Wirtsschild als die jubelnden Augen einer freundlichen Wirtin? Ein Winken nur, und Innocenz saß mit Irma van der Klingen in der freundlichen Schenke vor einer bauchigen Flasche, in der die Glut der phlegräischen Felder gefangen und mit Bast umwickelt war. Auf sauberen Schüsseln brachte die gesprächige Wirtin Früchte und Käse herein, und nach einer kleinen Weile hatten die Gäste nicht nur alles vor sich, was das kleine Haus barg, sondern sie kannten auch dessen Geschichte vom ersten Liebesabenteuer der Patrona bis zur Geburt ihres Jüngsten, der im Nebenzimmer durch leises Wimmern der Mutter begreiflich zu machen suchte, daß er Hunger habe. Diese verstand und deckte dem Schreihals einen allerliebsten Tisch, indem sie unbefangen einige Knöpfe an ihrem Mieder löste. Welch ein Anblick! Der kleine hungrige Lockenkopf bei dem reichen Mahle an der Mutterbrust! In den Augen Irmas blitzte ein wildes Verlangen nach Mutterglück. Die Patrona sah es und ihre forschenden Augen wanderten schalkhaft zwischen ihren Gästen hin und her. »Haben Sie noch keinen Bambino?« fragte sie. »Nein!« entgegnete Innocenz und sah verlegen auf seinen Teller, während die Augen seiner Begleiterin mit begehrlichem Feuer an seinem Munde hingen. »Nein?« fuhr die Wirtin, in einen gelinden Eifer geratend, fort. »O, dann gehen Sie zur Madonna del monte . Sie vermag viel. Sie hat schon vielen geholfen. Zwar ich und mein Giovanni haben sie nicht nötig gehabt, aber Signora Masimo war bei ihr, und die Unbefleckte hat sie erhört. Freilich, sie wird jetzt wieder zu dem Gnadenbilde müssen, denn was ihr die Madonna gab, hat ihr der Tod wieder genommen. Der kleine Danielo liegt auf dem Stroh. Gleich wird die Glocke läuten, dann tragen die Engel den toten Knaben zur Himmelspforte, und der Bambino wird ein Angelo. ›Sie brauchen eben viel Engel da droben,‹ sagt der Pastore, ›drum sterben zurzeit viel Kinder im Dorfe.‹ Nun gut, so mag die Madonna del monte nur schaffen. Kann sie das Sterben nicht hindern, so muß sie das Gebären erleichtern.« So plapperte die rundliche Matrona munter und unbefangen weiter, bis der Klang eines kleinen Glöckchens vom Kloster herunter in die Osteria fiel. Rasch erhob sich die glückliche Mutter, nahm den schlafenden Säugling von der Brust und legte ihn zutraulich in Irmas Schoß. »Er wird nun schlafen,« sagte sie, »und bald werde ich wieder zurück sein.« Nun hüpfte sie, als ob es zum Tanz ginge, in ihren klappernden Pantoffeln lustig über die Schwelle. Die Liebesleute waren allein, allein mit einem Kinde, zu dem sie in so merkwürdiger Weise gekommen. Sie sahen sich mit Schelmenaugen an und mußten lachen. »So könnte es einmal werden zwischen uns,« sagte Innocenz, das verlegene Schweigen brechend. »Ach, wenn das möglich wäre,« seufzte Irma, legte das Kind aufs Bett und warf sich mit wildem Ungestüm an die Brust des jungen Mannes. Innocenz fühlte das pochende Hämmern ihres Herzens an dem seinen, fühlte die weiche Wärme ihrer Glieder, und Gott und die Welt vergessend, hob er mit starkem Arm die süße Last, um sie aufs Lager der Patrona zu tragen. Da sah er dem Kinde, das da auf geblümter Steppdecke schlief, ins engelreine Antlitz und bebte zurück. Eine Eva hatte dem Manne den Apfel gereicht, so weit war's. Sollte er zugreifen und ein Paradies zerstören, das Paradies seiner Ehe? Was würden sie später als Mann und Frau denken, wenn sie sich dieser Stunde erinnerten? Innocenz setzte seine Last auf den Bettrand nieder und sich daneben. Es herrschte ein qualvoll verlegenes Schweigen. Beschämt und fast grollend ließ Irma das schöne Haupt mit dem flatternden Haar auf die Brust sinken. So saßen sie lange stumm und blickten nur einmal mit bösem Gewissen erschrocken auf, als der Wind mit einem Rebzweig von außen ans Fenster klopfte. Wie lange sie so saßen? Bis das Klappern der Holzpantoffeln auf den Steinfliesen die zurückkehrende Patrona meldete. Da fuhren sie auf und saßen mit steilem Oberkörper da vor dem eingeschlafenen Kinde. Die Wirtin war nach dem Gang auf den Kirchhof fast noch lustiger als zuvor. Sie musterte mit zusammengekniffenen Lidern die zerknitterte Bettdecke und sah den beiden schelmisch in die verlegenen Gesichter. »Die Madonna del monte kann auch nicht alles allein machen,« sagte sie, den alten Faden des Gespräches wieder aufnehmend. »Der Mensch muß dazu helfen, dann wird's schon recht werden.« Und sie strich bedeutungsvoll lächelnd die Steppdecke glatt und wehrte dem schlafenden Kleinen einige Fliegen, die sich von seinem süßen Mäulchen einen Nachtisch holten. Innocenz dachte: ›Wenn der Schein gegen uns spricht, so helfen Worte, die uns reinwaschen sollen, nur wenig.‹ Deshalb trat er dem Verdacht der Wirtin kühn auf den Kopf, zog Irma, als ob sie seine kleine Frau wäre, zärtlich an sich heran und streichelte ihr die sammetweichen, rosigen Wangen. Da erwachte das Weib aus der Lethargie seines Sinnenrausches, besann sich auf seine Hausfraupflichten, wischte mit der Hand an des Arztes Rock herum und prüfte die Westenknöpfe darauf hin, ob sie festsaßen oder nicht. Die Sonne war derweil hinter den Felsenrücken der Insel Capri hinabgeglitten, und unser Pärchen rüstete sich zum Aufbruch. Die freundliche Patrona geleitete mit fröhlichem Gesicht ihre Gäste bis zur Terrasse und wagte beim Abschied die schüchterne Frage: »Wohin nun des Weges?« »Weit da hinten hin nach China,« belehrte Innocenz und deutete mit dem Finger über die Campagna hinaus gegen Osten. Die kleine Wirtin schüttelte sich in ängstlichem Grausen vor den Heimtücken der Ferne. Ihr Fuß war nicht einmal so weit gekommen, als von hier oben ihr Auge reichte. Alles, was drüben hinter dem neapolitanischen Apennin lag, war für sie eine terra incognita voller Gefahren. Sie streckte ihre Arme kreuzweise nach den Schultern und holte ihr Halstuch näher an ihren Nacken heran, als ob sie friere. »Addio!« rief sie den Davoneilenden zu und verschwand, froh wie die Schnecke um ihr Häuschen, hinter der Tür. Unsere Fußgänger waren in dem tief eingeschnittenen Kiesweg bis zu einer Stelle gekommen, wo die Osteria für immer für sie verschwinden mußte. Wehmütig sahen sie sich noch einmal um nach der freundlichen Hütte, deren Einsamkeit sie einander so nahe gebracht hatte, daß sie fast ein Ehepaar waren. »Addio!« riefen sie zurück. Dann nahm sie eine schmutzige Gasse auf, aus deren Höfen und Winkeln eine bettelnde Kinderschar hervorbrach und ihnen ein wenig erwünschtes Geleite gab. Als endlich der ausdauerndste dieser Barfüßler seine bettelnde Hand in die Hosentasche gesteckt hatte und heimgegangen war, waren auch die Lehmmauern verschwunden, und es weitete sich wieder die blühende Campagna vor den Blicken der Wanderer, und dahinter grollte und kollerte, rauchte und blitzte der Vesuv, an dessen Schroffen soeben die Abendschatten seiner Nachbarberge im Schneckentempo langsam emporkrochen. Heitere Daseinsfreude mit Schrecken gepaart lag kontrastvoll über der Landschaft und im Gemüt der beiden Heimkehrenden. Innocenz freute sich des Sieges, den er über die heiße Leidenschaft errungen und dachte an ferne, glückliche Tage, wo ihm liebe Pflicht würde, was jetzt noch Sünde war. Irma aber wurde ein Gefühl beleidigten Stolzes nicht los, machte sich selber Vorwürfe, daß sie zu freigebig gewesen, und grollte dem, der nicht »Herein« zu rufen wagte, als das Glück mit zitterndem Finger an seine Tür pochte. So waren sie in stummem Vorwärtsschreiten auf die Höhen über Neapel gekommen und in den Schatten starker Festungsmauern, in deren Zinnen die letzten Sonnenstrahlen langsam verglühten. Da wurden beide beherzter und vergaßen, was vorgefallen war. Ihre Arme umschlangen sich, und ihre Lippen fingen an, sich zu suchen. Ein Soldat, der aus dem Guckloch eines Schilderhäuschens heraus den Leutchen zusah, hätte seinen ganzen zukünftigen Kriegsruhm hingegeben für so viel Liebesglück, als Innocenz sein eigen nannte. Nie glühen die Wünsche heißer als zu einer Stunde, wo sie unerfüllbar sind. Bald kamen in der Ferne vereinzelte Lichter, dann deren viele, und es dauerte nicht lange, und zu Füßen der Wanderer lag von Castellamare bis zum Posilippo in weitem Bogen eine Milchstraße von Licht. Die Menschen hatten Feierabend gemacht, waren aus ihren Backstuben und Grünzeugläden herausgekrochen und füllten, hungernd nach Luft und Abendkühle, die steilen Gassen. Rassige Mädchen mit versengenden Glutaugen legten den Arm eines Bäckerburschen oder eines Eseltreibers über ihre Schulter und schritten selbstsicher, ohne Furcht vor übler Nachrede, über das Pflaster. Vor den Schenken saßen andere auf den Knieen ihrer Galantuomos, rauchten Zigaretten und bliesen ihren Anbetern Ringel um die Nasen. Selbst ausgelebte Greise mit Kahlköpfen standen, das Weinglas in der Hand, vor den Osterien und verzapften aus zahnlosem Munde Liebesworte an Sardinenmatronen und Streichholzverkäuferinnen. Da wurde unser Pärchen auch seinerseits seines Rechtes sicher. Sie wichen niemandem aus und gingen auch nicht mehr dem Schatten der Mauern nach. Fest ruhte Irmas Arm in dem des Arztes, wie der Anker in der Trosse. So kamen sie zum Hafen. Hell klang der Ruf Irmas über das Meer hin und weckte den Gondoliere, der schlafend in seinem Boote saß. Die Ruder senkten sich ins Wasser und warfen aus der schwarzen Tiefe kleine Schaumwellen, die hurtig wie Ratten über den Wasserspiegel liefen und sich im Dunkel verloren. Bald lag der Nachen am Fallreep, und zwei Menschenkinder kletterten über seinen schaukelnden Hand am schwarzen Schiffsrumpf empor. Ein »Grazie, Signorina!« aus der Gondel war der letzte Gruß des europäischen Festlandes, den sie mitnahmen hinaus in die winkenden Weiten. Siebzehntes Kapitel Wer nicht allzu fest schlief, der wurde am nächsten Morgen durch Kettengerassel aus dem Schlafe erweckt. Langsam hob sich der Anker aus der Tiefe, schwebte schwerfällig vorm Bugspriet und weinte dicke Abschiedstränen auf den Wasserspiegel hernieder. Die Sirene heulte, als ob die Notwendigkeit, den Golf von Neapel verlassen zu müssen, dem Schiff das Herz brechen wolle. Doch was hilft der Jammer? Die Schraube wühlt hinter dem Achtersteven, und die Steuerkette zwingt den Kiel in seinen Kurs. Am Toppmast stiegt die Signalflagge empor, der Wind macht sich über sie her und läßt sie in der frischen Morgenbrise wie eine Peitsche knallen. Eine schwarze Rauchsäule ringt sich klumpig aus dem Schornstein und strebt, Torre del Greco überschattend, den Hängen des Vesuvs entgegen. Der Dampfer hat die Spitze des Piers hinter sich gebracht und kommt in ein schnelleres Tempo der Fortbewegung. Capo di Monte, das Königsschloß über Neapel, sinkt hinter die Wölbung des Meeres, der Vesuv wird kleiner, sein Aschenkegel ist alles, was von ihm noch über die Wogen schaut. Trüben aber, zur Rechten der Fahrtrichtung, erscheint über Felsenschroffen und Olivenhainen wie ein himmlischer Friedenshort der kleine Gebäudekomplex des Klosters Camaldoli. Das feine Silberstimmchen eines Glöckleins, das die Brüder zur Mette ruft, übertönt das monotone Rauschen der Wellen und dringt zum Ohre Irmas, die, in ihrem Liegestuhl ausgestreckt, auf dem Decke weilt. Sie schlägt die Hände vors Gesicht. Sie will nichts hören und nichts sehen. Ein Gefühl der Scham steigt in ihr auf. Ihre Schwäche von gestern wird ihr Ankläger von heute. Wie soll sie vor sich bestehen, wie vor ihm? Mit welch stolzem Antlitz wird er, der ihr Entgegenkommen nicht ausnützte, heute vor ihr erscheinen? Und wenn er gar wußte, wer sie war! »Was ich scheine, bin ich nicht!« hatte sie dem Geliebten gesagt, aber verschwiegen, was sie war. Ach, wenn sie doch nur wäre, wofür sie gestern von der Patrona zu Camaldoli genommen wurde, die Frau des Arztes, oder es doch werden könnte. Wie gern wollte sie ihm folgen in die Stille des Landlebens zu guten, frommen Menschen, die das Treiben der großen Welt nicht einmal vom Hörensagen kennen und glücklich sind. Aber das alles war ja so verzweifelt aussichtslos. Zerren konnte sie an der Kette, die sie gefesselt hielt, sie zu zerreißen, vermochte sie nicht. Sie mußte zurück in ein verlogen schillerndes Glück, das wie ein sterbender Delphin mit Farbenblendwerk den Tod übertünchte. Ihr fielen die prunkenden Säle ihrer Wohnung ein, ihre Gärten, in denen Papageien sich auf Palmenwedeln schaukelten, ihre plätschernden Fontänen, deren feuchter Staubregen die vielgestaltigen Fratzen der Orchideenblüten ernährte. Wie war dies alles so seelenlos, so aufgepinselt, so langweilig, so weit vom Glück entfernt, das sich ihr gestern in der einfachen Stube der Osteria so beseligend genähert hatte! Das Glöcklein von Camaldoli, das die Uhr ihrer Gedanken um achtzehn Stunden zurückgestellt hatte, war längst verklungen, aber das junge Weib spann an dem Rocken der Erinnerung weiter und kratzte verzweifelt an der großen Wunde ihres Daseins, bis sich ihr eine starke Faust sanft auf die Schulter legte. Da zuckte sie zusammen, nahm die Hände vom Gesicht und sah mit verschleierten Augen in das Antlitz des Arztes. Es gibt Augenblicke, wo jeder, selbst der Dumme, zum Gedankenleser wird. Auch Innocenz sah, was weit hinter dem Wolkenschleier dieser Augen sich abgespielt hatte, und wußte Rat. Er rückte einen Klappstuhl neben das Lager Irmas und fing an zu reden, und je länger er redete, um so blanker wurden die Augen des Weibes, um so sonniger das Lächeln, das um ihre feingeschnittenen Mundwinkel spielte. Schon nach einer kleinen Viertelstunde traten die beiden, vor sich selber entsühnt, an die Reling hin und blickten hinauf nach Camaldoli, das eben den Blicken zu entschwinden drohte. Was hatte es jetzt noch zu sagen, daß der Berg mit seinem Kloster und seiner Osteria, mit seinen schweigenden Mönchen und seiner redseligen Wirtin, gestern zwei Schwächlinge auf seinem starken Rücken trug? In ihrer Erinnerung blieb er der gesegnete Stein, unter dem der Born ihrer Liebe hervorgequollen war. – – – Das Schiff hatte Capri und die Westspitze der Halbinsel von Sorrent hinter sich gebracht und flog stampfend in die aus Meer und Himmel gemengte unendliche Bläue hinein. Die Glocke gab das erste Zeichen zum Dejeuner. Das glückliche Paar überhörte es. Da kamen Chrysanthem und Hyazinth auf leisen Katzenpfoten übers Deck geschlichen, um ihre Herrin zu erinnern, daß es Zeit sei, Toilette zu machen. In ehrerbietiger Entfernung blieben die beiden Musmis stehen, die Hände in den weiten Ärmeln bergend. Nur ihr Anblick sollte ihre Gebieterin mahnen, an sich zu denken, nicht ihr Wort durfte so verwegen sein, dies zu wagen. Man hatte nur die Arbeit ihrer Hände gedungen, nicht die ihrer Zungen. So standen sie stumm, die großen Mandelaugen in den runden Gesichtern, bis ein Wink Irmas sie belehrte, daß sie verstanden seien. Da neigten sie die Häupter mit den schwarzen Wollfrisuren zweimal, zuerst vor ihrer Gebieterin, dann vor ihm, den sie als den Herrn ihrer Herrin erkannten. Frauen haben wie die Hunde ein scharfes Auge für das Abhängigkeitsverhältnis der Menschen untereinander. Nun kamen für die Reisenden an Bord Stunden eines trägen Dämmerlebens. Die Sonne stach vom wolkenlosen Himmel nieder und wärmte Holz und Eisenteile des Schiffes, daß ihre Glut den Händen gefährlich wurde. An einer Messingstange konnte man die Finger verbrennen. Am den Schatten des Schornsteins rangen Dutzende, weniger mit Kampfesmut als mit zäher Ausdauer. Wer nicht den ganzen Körper in seiner Kühle unterzubringen hoffte, stellte seinen Stuhl so, daß wenigstens sein Kopf geschützt war, und schloß die Augen vor dem grausamen, allgegenwärtigen Himmelslicht. Wohin man blickte, strahlte es einem entgegen. Aus jedem Wellental warf es seine goldenen Speere, aus jedem Messingbeschlage, selbst aus dem Schiffsteer des Klüverbaumes. Und dann die Hitze! Jedes Kleidungsstück schien ein Panzer zu sein, in dem der Körper glühte wie der Stahl im Bügeleisen. Der Gedanke an Frost und Winterschnee erzeugte Schauer des Behagens, und der Anblick des Schiffsjungen, dessen Kniee vergnüglich durch die Löcher der Hose guckten, erregte den Neid der Gutgekleideten. Wenn jemand verrückt geworden wäre, er hätte von Gletscherspalten geträumt, in die man sich jubelnd hinunterstürzt, und von Lawinen, unter denen man schläft wie die Katze im Nähkorb. Es kam der Abend, es kam die Nacht und ward von allen begrüßt. Wenn sie auch keine wesentliche Abkühlung brachte, sie entfernte zum mindesten das grelle Licht und gab den Sehnerven die Wohltat der Finsternis, die ihnen tagsüber auch bei geschlossenen Lidern nicht zu vermitteln war. Wenige der Reisenden gingen zur Nachtruhe unter Deck. Die meisten streckten sich auf Bänken und Klappstühlen aus, legten einen weichen Gegenstand unters Haupt, trieben astronomische Studien oder beobachteten den Schiffsjungen, der oben im Mastkorb sich die Stunden seiner Wache mit dem Rauchen aufgelesener Zigarrenstummel verkürzte. Innocenz war unter tags im Zwischendeck beschäftigt gewesen, dann in der Apotheke. Er hatte bei dem einen Kranken mit einem Witzwort, bei dem andern mit einem Arzneikolben geholfen. Wer an die Wirkung beider Dinge nicht glaubte, der ließ sich vom Schiffsbarbier sympathisch behandeln. So sind nun einmal die Menschen. Wenn sie zwischen zwei Wahrscheinlichkeiten zu wählen haben, so entscheiden sie sich für ein Trittes und glauben das Unwahrscheinliche. So war der Tag, wenn auch nicht unter schwerer, so doch immerhin unter Arbeit für ihn hingegangen, und er hatte die Schikanen des Himmels leichter getragen als die Müßigen. Er hatte sein Mahl mit gutem Appetit eingenommen, eine Zigarre auf Deck geraucht und schaute jetzt in der Abendkühle nach Südwest hinüber, weil die Wache aus dem Mastkorb »Stromboli, Stromboli!« rief. Kein Zweifel, rechts vom Steuerbord hoben sich schwarze Zuckerhutschatten vom Sternenhimmel ab, die Äolischen Inseln. Von einem dieser Gipfel flogen Raketen in die Luft und machten den Sternschnuppen Konkurrenz, die im Schnellzugstempo über das Firmament rasten, obwohl sie nirgends zu spät kommen und Zeit haben wie die Handwerksburschen. Vor dem Vesuv gesehen, hätte der Stromboli alle Beine des Schiffes zum Ausstand gebracht, nach ihm vermochte er kaum einige Köpfe aufzurichten, die sich säumig erhoben, gelangweilt wie auf einen Theatervorhang starrten und wieder zurücksanken. Es genügt nicht, daß man etwas Gewaltiges ist, man muß es auch zu einer Zeit sein, wo man keinen Gewaltigeren vor sich hat, der uns im Lichte steht. Der Stromboli war rasch vergessen. Mit langgezogenen Schattenrissen an Backbord hinstreichend, meldete sich der kalabrische Apennin und verkündete, daß die Straße von Messina näher komme. Das Schiff lief im Mondschein so zaubervoll zwischen Bergen rechts und Bergen links unter einem Firmamente, dessen ungezählte Sterne ihre Legionen im Widerscheine des Wassers verdoppelten, daß es dem Arzt gar seltsam mitleidig ums Herz wurde. Er bedauerte den lieben Gott, der niemand hatte, mit dem er die Freude an seiner Schöpfungsherrlichkeit teilen konnte, während er wußte, wo er hinzugehen habe, um ein teilnehmendes Herz zu finden. Rasch schritt er übers Verdeck durch all die Schläfer, die unberührt von der Herrlichkeit der Nacht wie getrocknete Stockfische da herumlagen, stieg die Treppe hinunter und kam auf den hell erleuchteten Gang, der die Außenkabinen von den nach innen gelegenen schied. Ein kräftiger Zugwind strömte ihm entgegen und belehrte ihn, daß die Schläfer bei offenen Luken in ihren Betten lagen. In dem kleinen Vorraum, der vor der Kabine Irmas sich hinzog, zerrte die Luft an der Portiere und gestattete einem neugierigen Auge, ins Innere zu blicken. In dem Halbdunkel des schmalen Raumes saßen die beiden rundköpfigen Musmis auf kleinen Rohrstühlen, schliefen und hüteten mit ihren Leibern den Eingang zum Schlafgemach ihrer Herrin. Ein Vorhang, der das Antichambre von der Kabine trennte, wölbte sich rhythmisch wie von leichten Atemzügen bewegt und fiel wieder in sich zusammen. Es war, als ob dies Stückchen Zeug durch einen seinen Mechanismus mit der Brust der schönen Schläferin verbunden wäre. Merkwürdig, wie diese Vorstellung die Sinne des jungen Mannes verwirrte. Fast hätte er sich vergessen und hätte den Versuch gewagt, zwischen den beiden Cherubim, die sein Paradies bewachten, hindurchzuschlüpfen. Während er noch mit sich kämpfte und alle Musmis der Erde an die Ufer der Behringstraße wünschte, huschte der Küchenjunge geräuschlos über den Teppich. Innocenz stellte ihn und gab ihm in einem Kommandotone, wie er zu dieser Stunde und an diesem Orte auf keinem Schiffe üblich ist, Auftrag, ihm auf morgen in der Frühe ein halbes Tausend fertiggesteppter Knopflöcher in seine Kabine zu besorgen. Der Junge zauberte blitzschnell auf sein verschmitztes Gesicht ein breites »Einverstanden«, nickte und ging. Innocenz hatte das peinliche Gefühl, daß er sich dem Knaben gegenüber eine Blöße gegeben habe und entfernte sich. Ein leichtes Hüsteln, das hinter ihm herlief, belehrte ihn, daß seine Stimme von den Musmis erkannt worden war. Aber noch eine hatte den Zweck der lauten Rede begriffen und raffte sich auf vom Lager. O Liebesnächte, da hinten auf dem Achterdeck über dem perlenden Wellenschaum der Schiffsschraube verbracht, wie habt ihr den Himmel mit Sternen übersät, das Meer in Licht getaucht, das Ufer in Silberglanz! Wie habt ihr die Brust mit heißen Wünschen gefüllt, das Hoffen genährt und Unmöglichkeiten spielend aus dem Wege geräumt! Minder schwerfällig denkt sich's auf dem beweglichen Wasser als auf dem klumpigen Land, dessen träge Scholle zudem noch auf jedem Quadratmeter eine Tafel trägt mit der Ausschrift: »Es ist verboten!« Kein Späherauge sieht neidisch auf unser Glück. Nur der Himmel betrachtet mit tausend Augen unser Tun und lächelt mild und verzeihend. So schwamm das Schiff wie ein Schwan die enge Straße zwischen Reggio und Messina hinunter. Von den Klippen der Scylla und Charybdis blitzten die Leuchtfeuer. Verschlafene Lampen bezeichneten die Städte der Menschen, dunkle Linien am Firmament die Umrisse der Berge. Alles war mehr ein Ahnen als ein Schauen. Auch die Luftschlösser waren's, die Innocenz mit schwärmender Phantasie vor den Augen der Geliebten baute. Ein Glück für ihn, daß er Irmas leise Seufzer überhörte und den Tränensee nicht sah, in dem ihre Augen schwammen. Wer weiß, ob er zum Abschluß seines Tagewerkes den Schlummer gefunden hätte, den seine Nerven brauchten wie die Lampe das Öl. Unbekümmert um Tag und Nacht, um Lust oder Leid der Reisenden, arbeitete tief unterm Meeresspiegel der Dampf. Er warf die sausenden Räder um die Achsen, stieß die Kolbenstange vor und zurück, griff mit Zähnen und Haken ins Getriebe. Ohne Ruhe muß die Schraube in den Fluten wühlen und den Kiel durchs Wasser drücken. Im Rücken geblieben sind der schöne, schimmernde Gipfel des Ätna und die zerrissene Silhouette des Aspromonte. Kreta mit seinen weißen Bergen schwimmt wie ein Schwan heran und schwindet wieder. Nach drei weiteren Tagen kommt auf niederem Vorland ein Haufen Häuser in Sicht, über deren roten Dächern ein Leuchtturm in eine rohrbestandene Landschaft blickt. Alles so nüchtern, so simpel, und doch gehört dieser versumpfte Strand zum alten herdenreichen Lande Gosen. Das Schiff ist vor dem Eingang zum Suezkanal. Rechts die Wüste, links die Wüste, der Kiel langsam fortrutschend auf einem dünnen Wasserfaden. Man verspürt Lust, über die Reling zu springen und im Sande nebenherzulaufen. Ja, wenn die Hitze nicht wäre, die alle Energie lähmt und die Menschenleiber auf eine Pritsche wirft wie auf einen glühenden Rost! Nach dem Kanal die Glutpfanne des Roten Meeres, ein ungeheurer Kratersee mit leuchtenden, ausgetrockneten Kalkwänden, die den Sonnenstrahl fangen und ihn, schneidend wie eine Messerklinge, ins Auge des Beschauers zurückwerfen. Und nun das Meer. Am Tage eine bleifarbene, träge Masse, über der die Hitze flimmert wie über den Ähren eines Kornfeldes, in der Nacht ein roter Feuerofen, dessen Gluten wie Zungen aus dem Bugwasser nach dem Kiele lecken. An den Mast- und Raaenspitzen leuchtende Flammenbüschel. Allüberall eine gespenstische Helle. Ein feenhafter, überwältigender Anblick, das Schiff durch die offene Hölle schwimmend. Ja, wenn nur die Hitze nicht wäre, die schreckliche Hitze, die unsere Gefühle frißt bis auf ein unsagbares Lechzen nach einem kühlen Luftzug und nach einer Spur von Schatten. Endlich ist Aden erreicht und frische Kohlen sind an Bord genommen. Nun wird das Steuer festgebunden, nur immer vorwärts, ostwärts, ein Knoten nach dem andern an der Logleine herunter. Die Tage sind warm, doch ist die Hitze nicht mehr so drückend wie im Roten Meere. Die Nächte sind hell, und ihre frische Brise weckt die Reisenden zu neuem Leben und bevölkert das Deck mit schwatzenden und rauchenden Menschen. So geht es der Küste von Ceylon entgegen. »Es können kaum mehr als zweihundert Seemeilen bis Colombo sein,« bemerkte einer der Kajütenpassagiere. »Wenn der Alte mehr Dampf machen läßt, können wir bis übermorgen in der Frühe an Land gehen.« An Land gehen! Der Gedanke hatte für alle etwas Entzückendes. Wer immer die Worte gehört hatte, streckte den Kopf über die Brustwehr und suchte mit hungrigen Augen nach einem schwarzen Schatten am Horizont. Nirgends war etwas dergleichen zu entdecken. Aber ein weißer Klumpen, nicht größer als ein Bündel Wolle, wie es der Hirt von der Schafschur trägt, stieg da unten im Süden auf. Der Ball wuchs rasch. Bald war er so groß wie ein geladener Heuwagen und schien nun auch die Offiziere auf der Kommandobrücke zu beschäftigen. Man richtete die Gläser auf die Erscheinung. Noch wehte kein Lüftchen, aber der Kapitän nahm das Sturmband von seiner Mütze und legte es unter seinen grauen Backenbart. Dann neigte er seinen Mund dem Schallbecher des Sprachrohres und schickte kurz abgebrochene Befehle hinunter in den Maschinenraum und nach dem Steuerhäuschen. Schon gab es ein Laufen, Hasten der Matrosen über dem Deck, ein Steigen und Klettern an den Masten und Strickleitern. Jeder Fetzen von Segel wurde niedergeholt, jeder Wimpel senkte sich vom Besanmast hernieder. Gepäckstücke, Taue, Stühle, alles verschwand unter Deck und machte schweren eisernen Deckeln Platz, womit man die Luken wasserdicht schließen konnte. Schon hinderte das Herumstehen der Passagiere die Mannschaften. Aber noch war kein Befehl gegeben, die Reisenden unter Deck zu weisen. So standen sie denn, sahen mit verschüchterten Blicken in das drohende Wachsen der Wolke hinein und bald auf die Rettungsgürtel, die mit Stricken an der Reling befestigt waren. Mancher suchte mit der Hand das Messer in der Hosentasche. Vorsicht konnte nicht schaden. Wer weiß, ob Zeit blieb, den Knoten zu lösen, der die Boje hielt. Noch war eigentlich nichts geschehen, was die allgemeine Erregung rechtfertigen konnte; und doch, sie war da. Mancher zitterte wie ein Pferd, das man an einer Abdeckerei vorbeiführen will. Nun kam etwas Neues. Ohne daß sich der Wind noch erhoben hatte, fing das Meer mit dumpfem Tosen zu rollen an. Lange grüne Wellen kamen gelaufen, wollten vorüber, wurden zornig, daß ihnen die Schiffswand in die Quere kam, und warfen schaumige Wasserklumpen wie Schneebälle auf das Deck. Wer Rücksicht auf seine Kleider zu nehmen hatte, stieg eine Treppe tiefer und setzte sich im Salon auf die Polster, neben andere seinesgleichen mit verängsteten Gesichtern. Die wenigen, die noch oben waren, drückten sich unter der schützenden Kommandobrücke wie vom Wolfe gehetzte Schafe zusammen. Kein Apfel hätte zwischen ihnen zur Erde fallen können. Aber sie waren tapfer, oder sie wollten es wenigstens scheinen und wollten der Gefahr ins Auge sehen. Derweilen war der helle Wolkenberg ins Riesenhafte gewachsen. Er nahm den ganzen südlichen Horizont ein und hatte lehmiggraue, klumpige Flecken bekommen, die aussahen, als ob sie mit einem schmutzigen Reisigbesen in eine mattweiße Folie hineingestupft wären. Irrende Lichter huschten hinter dieser Kulisse her und zeichneten ihre Konturen noch deutlicher, indem sie auf Augenblicke die Ränder vergoldeten. Jetzt lief etwas wie eine kühle Feuchtigkeit über die Gesichter der Zuschauer hin. Kam sie aus dem Meere, fiel sie vom Himmel nieder? Wer vermöchte es zu sagen? »Es wird dicker kommen!« wagte einer zu prophezeien, als ein Matrose in der Teerjacke, den Südwester über den Ohren, vorbeihuschte. Und es kam dicker. Der Wind war erwacht. Er pfiff in den Spieren der Mäste und klatschte mit den Wanten wider die Schornsteine. Er wickelte das Gaffelsegel auf, rollte es wie ein Faß über Deck und warf es über Bord. Jetzt leuchteten nur noch die weißen Köpfe des Wolkenberges, der Fuß war in Dunkel gehüllt und in seinem Schatten lief eine schwarze Schraffierung wie eine riesige Erdlawine schweigend aber mit unheimlicher Schnelle auf das Schiff zu. Schon hatten die ersten schweren Regentropfen das Deck erreicht, schlugen in die Gesichter der Menschen, platzten und hinterließen eine trockene weiße Stelle da, wo sie aufgefahren waren. Ein Prasseln setzte ein, als ob Erbsen auf ein Blechdach geworfen würden. Bald schwammen die Einzelgeräusche ineinander, und es gab ein gespenstisches Rauschen, das die Ohren mit dumpfem Schrecken füllte, die Rede der Menschen verschlang und jede Klage verstummen ließ. Dazu die Finsternis. Keiner sah mehr den andern. Das Tastgefühl war der einzige Orientierungssinn geworden. Wer es wagte, die Fäuste loszulassen und nach seinem Nachbar zu greifen, fand die Stelle leer, wo er ihn vermutet hatte. Auf Händen und Füßen war einer nach dem andern zur Schiffstreppe gekrochen. Den letzten hatte eine Matrosenfaust im Genick gepackt und unter Deck gestoßen. Krachend fuhr über seinem Haupte der eiserne Verschluß in seine Fugen. Wer über Deck nicht helfen konnte, war unter Deck wie in einem Sarg verschlossen. Da standen, lagen, hockten die Menschen mit bleichen, angstverzerrten Zügen herum. Jeder las die Gefahr im Gesichte des andern. Ein Renommist, der hinter den dünnen Rauchwölkchen einer Zigarette seine zitternde Seele zu verbergen suchte, war allen eher ein Greuel als ein Trost. Hier konnte, sollte es keine Ausnahmen mehr geben. Das gleiche Los war dem Mutigen und dem Feigling beschieden. Passivität war die Parole. Die Hände in den Schoß legen und das Schicksal walten lassen! Es war schon ein Vorteil, wenn stille Ergebung die Angst ablöste. Einige waren schon so weit. Das monotone Rauschen der niederströmenden Regengüsse beruhigte beinahe die Sinne. Da mit einem Male ein Krachen draußen in der uferlosen Finsternis, als ob Weltteile in meilentiefe Schachte fielen, Länder sich in Abgründe stürzten und Eilande hinter ihnen herrollten. Ein Grollen, das sich um sich selber wälzte und dort anfing, wo es aufzuhören schien. Dann zwischen hinein von Zeit zu Zeit ein hartes Krachen, als ob Schwerter auf Harnische schlügen, Hämmer auf granitne Stufen. Ach, wer doch die Ohren verschließen könnte vor solchen Tönen und das Auge vor dem phosphoreszierenden Leuchten, das durch die Luken drang. Das war ein ewiges, unruhiges Zucken und Flimmern. Dagegen bot das Schließen der Lider keinen Schutz, und selbst die Faust vor dem Auge sperrte nicht den Weg zu den Enden der Sehnerven. Und dazwischen hinein das weiße Aufleuchten glühender Speere, die ihren Zickzackweg durch die Lüfte nahmen. Wohin? Ja, gibt es denn in der weiten Wasserwüste irgendein anderes Objekt, nach dem es sie gelüsten könnte, als das Schiff? Gibt es irgendeine Spitze, die Blitze abzufangen vermöchte, als den Mast? Im nächsten Augenblick, jetzt, wo ich daran denke, muß das Gefürchtete Ereignis werden, müssen die Splitter der gewaltigen Fichte wie Kaffeeholz auf das Deck niederprasseln, muß sich die getroffene Schiffswand spalten bis zum Kielschwein hinunter und ein Wasserstrom hereinstürzen, der alles erstickt, was Atem hat. Doch das alles waren ja nur drohende Möglichkeiten. Geschehen war zunächst an dem Schiffe nichts. Noch schwamm es auf dem Rücken der Wogen. Noch hatte es seine Not durch keinen Schmerzensschrei zu erkennen gegeben. Da mit einem Male änderte der Salon seine Lage. Wer an Backbord saß, fiel ins Zimmer, die am Steuerbord schlugen mit dem Rücken an die Polster. Der Spiegel stieg in die Höhe, die Tür sank in die Tiefe. »Allgütiger Himmel!« löste sich ein Schrei von allen Lippen, und ihn begleitete als Untergeräusch ein trockenes, klapperndes Rasseln, wie wenn eine Äpfelmühle leer läuft. Was war geschehen? Der Bug hat sich geneigt, sein schwarzes Grab zu küssen, das Achterteil war über Wasser gekommen. Die Schraube peitscht die Luft. Die Menschen zittern wie das Weizenkorn auf dem Siebe. Nur Bruchteile von Minuten verstreichen, und alles ist wieder wie's war. Aber welche Ewigkeiten sind solche Sekunden! Wer weiß denn, ob sich der Bugspriet wieder erhebt, ob er nicht im nächsten Moment wie ein Schwert dem Meeresgrunde in den Bauch fährt, und dann kommen die Wasser? Von oben herunter kommen sie, füllen den Raum, heben die Leichen der Erstickten an die Decke, drücken sie platt an der Vertäfelung. Und dann kommt die große Stille, die Stille, die von keinem Klagelaut mehr unterbrochen wird und auch von keinem Posaunenton durchschnitten. Jetzt heult die Sirene. Warum nur? Hat sie denn Aussicht, von irgend jemand, der Hilfe bringen könnte, gehört zu werden in dieser Wasserwüste? Ruft sie die Haifische herbei, daß sie Toilette machen zur fetten Mahlzeit, oder ist sie nur die überlaute Stimme des Kapitäns, der Hilfe braucht für sich auf seiner Brücke? Innocenz, der seither im Salon an der Seite Irmas geweilt hatte, taumelte schwankenden Schrittes der Tür zu und wurde auf den Gang geworfen. Dort tappte er wider einen Menschen, der eilig vorüber wollte, und stellte ihn. »Wohin, Herr Maschinist?« »Haben Sie nicht die Sirene gehört? Der Alte ruft auf die Brücke. Wer weiß, was ihm begegnet ist. Wenn wir uns nicht wiedersehen, dann Adieu, Herr Doktor!« »Steht es so um uns?« »Das Schiff kann sich gegen den Wind nicht halten. Das Steuer versagt. Ich glaube, wir müssen die Feuer löschen, und dann treiben wir, der Himmel mag wissen, wohin.« Der Mann, der dies gesprochen, kletterte eilig, mit der Sekunde geizend, an eisernen Klammern einen Schacht hinauf, hob einen Deckel und verschwand oben im Dunkel. Ein Gießbach kam von da hernieder, wo er zuletzt gesehen wurde, und klebriges Seewasser mit seinem häßlichen Fischgeruch schwappte auf dem Gange hin und her. Innocenz fühlte, wie es ihm durch die leichten Schuhe drang und seine Füße naß machte, er fühlte es an der Holzführung, an der seine Hände fortrutschten. Ha, dieses ekelhafte Wasser mit seinem schlammigen Duft, sollte das ihm den Mund, die Nase und die Lunge füllen, wie es ihm die Schuhe füllte? Er schauderte bei dem Gedanken und eilte weiter. Hinunter ins Zwischendeck, aus dem Hilferufe drangen. Welch ein Anblick! Im trüben Schein des elektrischen Lichtes wälzten sich Bettdecken, Koffer, Gepäckstücke, Kannen und Flaschen in einer unbeschreiblichen Flüssigkeit am Boden hin. Alles war lebendig geworden und kugelte von einer Wand des Raumes zur andern. Die Menschen aber hingen in Klumpen aneinander. Ganze Familien waren ein von hilfesuchenden Armen wie von Stricken umschnürtes Kolli. So schwankten sie in Massen hin, schwankten her, fielen auf die eisernen Bettstellen, erhoben sich und fielen wieder. Dazu das Schreien der Kinder, die Hilferufe der Erwachsenen zu allen Heiligen. Verletzte allerart heulten ihren physischen Schmerz in allen Klagelauten in das Jammerkonzert hinein, während die Seelenangst vor dem, was noch kommen mußte, die Luft mit unendlichem Seufzen und Stöhnen füllte. Plötzlich erlosch das Licht. Innocenz wußte, was das zu bedeuten hatte und erbebte. Die Menge ahnte es – die Feuer waren herausgerissen – und sie schrie auf wie eine Schar Besessener. In diesem Geheul lag nichts Menschliches, sogar nichts Irdisches mehr. Wer für diese Symphonie einen Vergleich sucht, muß schon zur Hölle steigen. Und doch, man hörte zwischendurch Namen rufen. Leute, die getrennt worden waren, wollten noch einmal zusammen, noch einmal vor dem großen Abschied für immer. ›Wie stark müssen doch die Bande des Blutes sein, daß sie selbst bei dem Gange in den Tod noch nicht reißen,‹ dachte Innocenz, denn auch ihn zog es nach einem Wesen, mit dem er gemeinsam sterben wollte, wenn alle Hoffnung geschwunden war. Er hätte zu Irma gehen mögen. Und doch, ihn hält die Pflicht zurück am Orte der Verzweiflung. Wer weiß, dieser Zelle voller Wahnsinnigen konnte er vielleicht noch etwas sein. So tappte er in dem Phosphorschein des Wetterleuchtens durch den Saal, um womöglich eine Notlampe zu entzünden. Da plötzlich fuhr draußen eine Feuergarbe mit knöchernem Geprassel nieder. Markerschütternde Angstschreie, noch packender, gräßlicher als alles, was seither dagewesen. Innocenz fuhr mit dem Ärmel vor die Augen. Die feurige Lohe hinterließ ein Nachbild auf seiner Netzhaut, als ob ein Schmelzofen vor ihm brenne. Auch drückte die Furcht auf seine Augendeckel. Die Furcht, daß er die Schiffswand zerrissen finden würde und in dem klaffenden Spalt einen gurgelnden Wasserstrom. Schon stieg eine frostige Kühle an seinen Schenkeln herauf und umfaßte seine Kniee. Da griff er tastend an sich nieder: Es war nichts. Er hatte sich getäuscht, und er fand den Mut, um sich zu schauen, voranzuschreiten, und er entdeckte die Lampe. Ihr Glanz, noch so mager, brachte doch allen einigen Trost, weil er in etwas das geisterhaft graue Licht dämpfte, das zwinkernd durch die Luken drang und eine Gestalt umfloß, die wie ein Gespenst riesengroß an der Wand lehnte. Innocenz mußte hinsehen, ob er wollte oder nicht, und er erkannte den Master Samson, den Mann, der gehofft hatte, der Champion einer halben Welt zu werden. Er trug den rechten Vorderarm auf der linken Hand und hielt beides dem Arzt vors Gesicht. »Gebrochen,« sagte er traurig. »Aber wenn wir hier wie Ratten in der Falle ersäuft werden sollen, so hat es wohl keinen Zweck, daß ich Ihnen lästig falle. Ich wollte nur, es wäre erst so weit, daß meine Knochen in dem Haifischmagen lägen. Dann wäre ich meine Sorge los, woher ich fünf Lire nehmen soll. Denn wißt, mich drückt mein Gewissen, daß ich aus der Welt gehen und dem Bezirksamt Neapel das Geld für meinen Lizenzschein schuldig bleiben soll. Ihr erinnert Euch doch der Vorstellung in Santa Lucia? 's war nicht schön. Aber lieber möchte ich nun doch wieder in einem Salatregen stehen wie hier in dieser Käsekiste.« Mit diesen Worten hatte der arme Gaukler dem Arzt mehr gegeben, als dieser durch irgendeinen Dienst bezahlen konnte: Lebensverachtung und Trotz in der Not. Nun schwand sein Zagen und sein Kleinmut, er wurde stark und konnte anderen eine Stütze sein, von deren Mut und Entschlossenheit das Schicksal vieler abhängig war. Innocenz wollte herauf auf Deck, womöglich auf die Kommandobrücke, um durch seine innere Festigkeit und Ruhe den Lenkern des Schiffes Vertrauen einzuflößen und die Kraft zum Ausharren im Kampfe gegen die toll gewordenen Elemente. Als er sich aber an den Wänden des Kesselhauses hintastete, stieß er auf den zweiten Offizier. »Der Alte sitzt oben im Kartenhaus, den Revolver neben sich,« sagte dieser. »Wir treiben schon seit einer Stunde. Wenn wir erst noch einige Zeit in der Waschschüssel des Persischen Golfes herumgeirrt sind, dann wird der Kasten schon irgendwo an der Malabarküste auseinanderfallen.« Mit diesen Worten ging der Mann weiter, und Innocenz sah noch, wie er sich aus dem Inhalt einer Kognakflasche eine Betäubung holte, die ihm über die Schrecken des Sterbens hinweghelfen sollte. Sieh einmal zu, da war ja der Arzt inmitten des Flachlandes feiger Erbärmlichkeit auf einmal auf drei Hochgipfel gestoßen. Da waren drei, die das Leben schon fast von sich geworfen hatten, während andere es mit Geschrei und Stöhnen festzuhalten suchten. Warum konnten sie nicht irgendwo ruhig sitzen, ihre Rechnung mit der Erde abschließen und den Himmel erwarten, der ja jedem von ihnen durch tausend Koran- und Bibelstellen versprochen war? Innocenz fühlte, daß da irgend etwas nicht klappte, daß die Religion doch wohl nicht ausreichend war, dem Tode seine Schrecken zu nehmen, aber gleichwohl griff er nach der Medaille auf seiner Brust und betete mechanisch sein » O domina mea « herunter. Gestärkt ging er dann im Dunkel weiter, indem er mit den Füßen allerlei Gegenstände aus dem Wege räumte, die der Sturm umhergestreut hatte, und kam vor Irmas Kabine. Aus dem Vorraum waren die beiden Musmis verschwunden. Wer weiß, in welche Ecke sie die Furcht verschlagen hatte. Die allgemeine Not hatte das Verhältnis von Herr und Diener aufgehoben und jeden auf sich selbst gestellt. Die Begriffe Befehlen und Gehorchen hatten gleichzeitig ihren Sinn verloren. Der Arzt durchschritt den Vorraum und kam in die Kabine seiner Herzenskönigin. Daß er am Ziele war, sagte ihm nicht das Auge, sondern der Geruchssinn. Allerlei Flaschen und Gläser mit kostbaren Essenzen waren von den Gestellen herabgeworfen worden und hatten ihre Wohlgerüche auf den Boden gestreut. Innocenz kannte diesen Duft, er machte einen Teil der Wesenheit Irmas aus und war von ihr nicht wegzudenken, so wenig wie die schwarze Glut ihrer Augen oder das zarte Oval ihres Gesichtes. Ach, daß er sie noch einmal sehen könnte! Doch seinem Gesichtssinn war sie jetzt und wohl für immer gestorben, nur seinen Tastnerven war sie noch erreichbar. Aus tausend dargereichten Händen hätte er die zarte Weichheit ihrer Finger herausgefühlt, die sanfte Wärme ihres Atems. Den wollte er trinken, noch einmal sich an ihm berauschen und dann sich wegschleichen vom Tische des Lebens. Und er neigte sich über sie. Da legten sich zwei starke Arme um seinen Nacken. Er sank aufs Bett an Irmas schwellende Brust. – Wild schwankte das Schiff und kehrte das Unterste nach oben. Nichts blieb in Ruhe, was sich um irgendeine Achse drehen konnte. Jedes Ding war in Bewegung und suchte Hilfe und Stütze bei seinem Nachbar. In das Rollen, Stampfen und Ächzen des Schiffskörpers mischte sich das Klirren und Rasseln zersplitterter Gläser und herumgeworfener Porzellanscherben. Und doch war's bei all dem Lärme mit einem Male so friedlich um die Ohren der Liebenden. Es war, als ob dies alles für sie nicht mehr da wäre, nachdem ihre Arme sich umschlungen hielten und Brust an Brust in sanftem Rhythmus aneinander auf- und niederglitten. Im Angesicht des Todes war ein beseligender Gleichmut über sie gekommen. Es gab kein Zittern mehr vor den Folgen der Sünde; keine Sitte, die der Leidenschaft bändigend in die Arme fällt. Sie gehorchten nur mehr der Macht eines instinktiven Verlangens, sich vor dem Tode noch zu geben, was Menschen sich geben können. So genossen sie ihre Liebe wie eine Henkermahlzeit, und mitten im Wüten, der entfesselten Elemente feierten sie ihre Hochzeit. Dann kam eine große Müdigkeit über sie. Wie Kinder, die einschlafen wollen, formten sie den Lärm um sich her zu Musik. Die Augenlider wurden schwerer und schwerer. Die Realitäten lösten sich auf in verworrenen Traumbildern. Bald schwanden auch die. Der Morgentau, den die Sonne zu Tode küßt, kann nicht schmerzloser sterben als Menschen, deren Sinne das Höchste gekostet haben in Schrecken und Lust. Nun tobe und stürme immerzu, du grüne Salzflut, und wirf das Schiff an das Korallenriff. Ein leichtes Aufschnappen wird alles sein, was noch herauszupressen ist, wenn der Tod seinen Bruder Schlaf ablöst und den in Liebe Vereinten das bißchen Odem vorm Munde wegbläst. Achtzehntes Kapitel Doch es kam anders. Noch wollte die Parze den Schicksalsfaden des Pärchens nicht durchschneiden. Die Sirene tönte wieder. Innocenz und sein Schatz schlugen die Augen auf und sahen sich staunend in die errötenden Gesichter. Waren sie denn nicht tot? Schwamm das Schiff wirklich noch auf den Wellen und trug es sie noch einmal zurück ans Gestade des Lebens? Jedenfalls atmeten sie und sahen ins Licht. Die Nacht, die schreckliche Nacht war hinabgesunken. Es war hell in der Kabine und durch die Luke blitzte ein Strahl der Morgensonne. Auch das erbärmliche Schwanken hatte aufgehört. Man fühlte, daß das Schiff wieder seinen Willen durchsetzte gegenüber den Launen von Wind und Wogen. Welch ein Auferstehungsmorgen! Dem Leben wiedergegeben, waren die zwei Menschen Kinder geworden voller Einfalt; und Kleinigkeiten, die vordem keine Beachtung fanden, erlangten für sie einen hohen Wert. Sie wurden wieder haushälterisch und griffen nach jedem Schächtelchen, das der Sturm von seinem Platze geworfen hatte, und schafften wieder Ordnung um sich her. Irma tastete auf der Bettdecke ein Stück Seife, und Innocenz fand einen noch seltsameren Gegenstand und hob ihn in die Höhe. Er schimmerte im Sonnenschein und gab wie ein Goldkäfer ein gelbliches Licht von sich. Es war das Geschenk des Jankel Navratil, die kleinen Kinderschuhe – ein Vorwurf für beide und doch auch wieder eine stolze Freude. Schon war etwas da, was auf einen kleinen Engel wartete, und wer weiß, vielleicht war er selber schon unterwegs und kam, um unser Pärchen Vater und Mutter zu nennen und eine Schuld von ihnen zu nehmen, die in der letzten Nacht über sie gekommen war. In diesem Augenblick verträumten Sinnens tönte die Sirene in kurzen Stößen wieder. Innocenz wußte, daß sie jeden von der Schiffsmannschaft an seine gewohnte Stelle rief und erhob sich rasch. Noch ein heißer Kuß auf die Lippen der Geliebten und dann hinaus aufs Deck. Seine Kraft und sein Können gehörten jetzt wieder den Kranken und Verwundeten. Über halbtote Menschenleiber hinweg, über Barrikaden von Hausgeräten und Matratzen kam der Arzt nach oben. Himmel, welch ein Anblick! Das Deck sah aus wie ein Krautfeld, in dem ein Rudel Wildschweine seine Mahlzeit genommen hat. Da war nichts mehr ganz, die Dielung aufgerissen, der Mast wie ein Kohlstrunk glatt durchgebissen, der Zaun der Reling durchbrochen, niederhängend und an die Schiffswand schlagend. Ein Gewirr von Trossen und Spieren lag und hing wie ein Netz vom Achterdeck bis zum Bugspriet. Aber das wackere Schiff hatte siegreich mit dem Sturm gerungen, und trotz aller Wunden ging es aufrecht, wenn auch müde und lahm über das rauchende, dampfende Schlachtfeld. Die Sonne war triumphierend aus der Sturmesnacht emporgestiegen. Die Wolken waren wie mit Reisigbesen hinweggefegt. Was hier und da noch in schaumigen Fetzen herumhing, war vergänglicher Natur, war der Hauch des Nachtfrostes auf einer Fensterscheibe. Wie die Menschen auflebten unter dem wiedergekehrten Lichte! Jeder war auf seinem Platze, und mehr als hundert Hände regten sich, um in überlegter Arbeit gutzumachen, was das unsinnige Rasen des Sturmes verdorben hatte. Der Teerpinsel tanzte über das Deck, die Winde drehte sich von selber und rollte die Taue auf, so daß sie sich hinlegten wie Vogelnester. Kommandoworte ertönten, Matrosen liefen hin und her. Nur den Kapitän sah man nicht. Aber auch er war nicht müßig. Er hatte den Revolver ins Etui zurückgelegt und saß im Kartenhause. Mit einem Bleistift auf der Seekarte befragte er den Kompaß, verglich ihn mit dem Stand der Sonne, rechnete und rechnete, bis er heraus hatte, wo das Schiff sich befand. Endlich erhob er sich und rief von der Brücke herunter dem Maschinisten zu: »Wir haben eine Schlagseite auf Steuerbord und können höchstens zehn Knoten fahren, nicht wahr? Gleichwohl werden wir am Abend ins Süßwasser des Kailani kommen und die Zitadelle von Kolombo sehen.« Diese Worte des Alten liefen wie eine Siegesdepesche in alle Winkel des Schiffes und wirkten wie die Alarmtrompete im Kasernenhofe. Leute, die sich schon im Bettgestell wie in ihrem Sarge eingerichtet hatten, erhoben sich und lasen wieder die erbärmlichsten Dinge zusammen, die ihr auferstandener Leib eben nicht entbehren konnte. Vom Seewasser klebrige Strümpfe wurden über die nackten Füße gezogen. Mäntel und genagelte Schuhe wurden aus den Koffern geholt und bereit gelegt. Ein jeder wollte fix und fertig sein, wenn der Augenblick gekommen war, das Schiff zu verlassen. Wie hatte man das Meer so satt und seine Schrecken! Nur keine Minute länger auf dem Wasser bleiben, als unbedingt erforderlich war, nicht um ein Vermögen, nicht um alle Schätze Indiens. Mancher, der das Schiff bestiegen hatte in der Absicht, in Australien mit Diamanten zu handeln, änderte seinen Plan und gedachte sich auf Ceylon mit dem Hausieren von Streichhölzern durchzuschlagen. Auch Master Samsons goldene Berge waren zu kleinen Maulwurfshügeln zusammengesunken. Sein Arm, der ihm die Welt erobern sollte, war von dem Schiffsarzt in eine Holzschiene gewickelt worden, und wie er aussehen würde, wenn diese Hülle fiel, wußte vorläufig niemand zu sagen. Doch er verzagte nicht. Solange die Vorsehung den Menschen Füße ließ und ihm so viel Platz auf der Erde, daß man einen Schusterstuhl darauf stellen konnte, wollte er sich getrauen, seinen Mund mit ehrlich erworbenem Futter durchzuschlagen. Er hatte wenig Wissenschaft in seiner Jugend gesammelt, aber er hatte öfter einem Schuster zugesehen, während andere in der Schule saßen, und dies Bemühen konnte nun seine Früchte tragen, vorausgesetzt, daß die Leute in Hinterindien Futterale über ihren Hühneraugen trugen. ›Deshalb mal immerzu und vorwärts, bis man auf nichts mehr tritt,‹ dachte er und raffte mit dem linken Arme seine Siebensachen zu einem Bündel zusammen. Die Logleine klingelte und wickelte sich ab. Man machte eifrig Knoten. Das war vorläufig die Hauptsache. Man stand auf Deck und suchte den Horizont ab nach Land. Essen und Trinken konnte auch einmal ausfallen. Als gegen vier Uhr des Nachmittags eine dunkle Linie die blaue Ferne begrenzte, kam eine große Aufregung unter die Reisenden. Jeder bückte sich, hob vom Boden auf, was sein war, und warf es in Koffer und Kasten. Verstohlen erhob man über diesem Geschäfte zuweilen den Kopf. Man traute nicht recht. Man fürchtete, das ferne Land könne sich wie eine Nebelwand in nichts auflösen, und man holte Ferngläser herbei und war froh, als man sich überzeugte, daß man ein festes Gebirgsmassiv vor sich habe und nicht etwa die veränderlichen Formen eines Wolkengebildes. Unter den vielen, die sich freuten, an Land zu kommen. gab es zwei, die diesem Geschehnis mit gemischten Gefühlen entgegensahen, weil es ihnen die Trennungsstunde bedeutete. Das Schiff wird seine Reise nicht fortsetzen können. Es wird ins Trockendock zur Reparatur gehen. Irma wird in Kolombo eine andere Fahrgelegenheit finden und weiterfahren. Innocenz wird auf den Kaimauern im Sonnenbrande hinschlendern, sich gegen die Moskitos wehren, im dünnen Schatten der Dattelpalmen liegen und sich nach einer Lotosblume sehnen, die das Wasser weiter getragen hat, immer weiter nach Osten, bis es sie an einen dürren Strand schwemmt, wo ihre Wurzeln eintrocknen und ihr Blütenkelch auf welkem Stengel sterbensmüde in die Abendsonne sinkt. Unter solchen Gedanken half der Arzt die Koffer Irmas packen. Er glättete ihre weiße Leibwäsche mit den Händen, um sie in den Kasten zu legen, und wenn er an die Körperformen dachte, denen diese Gewebe sich vertraut anschmiegen durften, dann flutete eine heiße Welle durch seine Adern, färbte sein Gesicht mit verräterischer Röte und legte in seine Blicke einen flammenden Liebeshunger. Sie sah ihn an, erriet seine Gedanken, drückte ihre blassen Wangen an sein glühendes Antlitz und flüsterte, die Augen schließend: »Hab' Geduld, der Himmel ist uns ein Wiedersehen schuldig.« Während sie emsig weiter arbeiteten, kam dem Arzt das Geschenk des Jankel Navratil noch einmal unter die Finger. Wie waren sie so herzig, die kleinen Dinger. Innocenz hörte, wie sie auf der Diele klappten, und sah, wie in ihnen ein dicker Knirps daherschwankte und die Speckhändchen hilfesuchend nach ihm ausstreckte. Da durchrieselte ihn zum ersten Male das heilige Gefühl der Vaterfreude. Irma sah, wie er zitterte, und fuhr mit ihren schlanken Fingern über seine Hand, nahm die Schuhe und barg sie wie ein Kleinod unter Spitzen und feinem Seidenzeug, während ihre Lider sich weit öffneten und ihre Blicke sich in seine Augen bohrten, als ob sie ihm ein großes Geheimnis offenbaren wolle. Aber sie schwieg gleichwohl und legte nur ihr Haupt schutzsuchend unter seine Schulter. Indessen hatte ein feuchter Tau in ihren Augen sich zu Tränenperlen verdichtet, die langsam über ihre blassen Wangen rollten. Innocenz sah die Tränen und schüttelte den Kopf. Er konnte sie nicht verstehen. Ihr Schweigen wurde durch den Schrei der Sirene unterbrochen, der wie ein Jubelruf über das Wasser schwebte. Sprach die blecherne Stimme des Schiffes bereits mit dem Lande? Wenn dem so war, ach, dann hatte ja die Uhr ausgehoben, um die Trennungsstunde der Liebenden zu schlagen. Der gleiche schmerzliche Gedanke bewegte zwei Seelen und umflorte vier Augen mit Trauerschatten, als ein Schiffsjunge unter die Tür der Kabine trat und mit seemännischer Kürze meldete: »Gnädige, der Kapitän hat durch Flaggensignale erfahren, daß am Abend ein Dampfer nach Hongkong weitergeht. Alle Passagiere, die es wünschen, werden ausgebootet und können vor Sonnenuntergang ihre Reise fortsetzen.« Damit verneigte er sich und ging mit gutem Gewissen seiner Wege. Er hatte ja keine Ahnung davon, welch bittere Kunde er gebracht hatte. Also bevor noch die Sonne im Westen zum Meere niedergesunken war, trennte ein Wasserstreifen, der von Minute zu Minute breiter wurde, die Liebenden. Keine Brücke gab es, auf der eine Annäherung möglich war. Ja hätte man selbst Königreiche ins Meer versenkt, kein Stein von ihnen hätte übers Wasser geguckt, um ihren Fuß zu tragen. Noch ehe sie Zeit hatten, diesem Empfinden nachzugeben, verwirrte ein hastiges Laufen auf allen Gängen und Stufen ihre Gedanken. Fässer wurden gerollt, Koffer geschleift, Schachteln und Bündel getragen. Alles strebte aus dem Bauche des Schiffes nach oben, floh vor der dicken, muffigen Luft, die durch das enge Zusammenleben vieler Wesen und Dinge allmählich entstanden war. Von außen her drangen fremdartige Laute einer unbekannten Sprache ans Ohr, Worte, die Hilfe anboten und doch in ihrer Wildheit Schrecken erregten. Da war nun kein Platz mehr zu innerer Sammlung. Im Geräusch der Dinge, die sich aneinander rieben, wurde die Stimme des Herzens übertäubt. Auch Irma und Innocenz kamen in den Strudel und wurden erbarmungslos vorwärtsgeschoben, wie vorm Billettschalter eines Theaters. So kamen sie nach oben und sahen das Schiff umschwärmt von Hunderten von kleinen Booten, die sich nach dem Fallreep drängten. Ihre Führer schillerten in allen Farben, vom fahlen Gelb des Malaien bis zum Ebenholzschwarz des Nubiers. Dabei hatten ihre Physiognomien zum Teil alles Menschliche abgestreift. Manche erinnerten an Bulldoggen, andere an hindostanische Götzen voller Heimtücke und Bosheit. Und in diesen Tiergarten sollte Irma van der Klingen hinuntersteigen und sich der Führung solch fragwürdiger Wesen anvertrauen! Innocenz schauderte bei dem Gedanken, faßte die Geliebte um die Taille und zog sie fester an sich heran. Feuchten Auges sah sie ihn dankbar an. Indessen gab der Dampfer, der zur Abfahrt bereit drüben an der Kaimauer lag, ein Signal, das zur Eile trieb. Nun wurde das Menschengewimmel auf dem Fallreep geradezu lebensgefährlich. Einer suchte dem andern mit bepackten Schultern den Vortritt abzuringen. So stießen Gepäckstücke widereinander, rollten die Stufen hinunter und fielen, wenn's gut ging, auf den Boden des Nachens oder wurden von flinken Händen eben noch aus dem Wasser herausgefischt. Anderes sank ins bodenlos Tiefe. Grimmige Worte steigerten sich zum Geheul. Wütende Blicke flogen herüber und hinüber, und dieselben Menschen, die noch vor wenig Stunden fromm füreinander gebetet hatten, fingen wieder an, sich zu hassen und zu verwünschen. War ein Nachen gefüllt, so stieß er ab, drängte sich mit Ruderschlägen zwischen den anderen durch und fuhr dem Lande zu oder bog um den hohen Kiel eines schwarzen Schiffsrumpfes herum, um da hinten irgendwo zu verschwinden. Irma van der Klingen stand noch immer unbeweglich neben Innocenz und sah verträumt auf das nervös überhastete Treiben der Reisenden hinunter. Sie hatte keine Eile. Ja, es schien, als ob sie auf ein Wort wartete, das sie einlud, dazubleiben. Sie setzte sich noch einmal und sah dem Mann an ihrer Seite fragend ins Gesicht. Der schien sie nicht zu verstehen oder wußte zur Stunde nicht, was er mit einem Weibe beginnen sollte. Innocenz war im Angesicht von Kolombo nicht unternehmender, als er es war vor der Taubhausmühle. So leerte sich das Verdeck, und auf den Stufen des Fallreeps gab es Platz. Da rief von unten eine ungeduldige Stimme: »Wird's bald? Bei solchem Zögern kann selbst einem Lloyddampfer die Geduld knapp werden.« Irma erhob sich entschlossen, legte ihre Lippen an das Ohr des Geliebten und flüsterte leise: »Auf Wiedersehen übers Jahr, so Gott will!« Innocenz nickte schweigend, faßte die liebe Gestalt, drückte sie an seine Brust und trug sie die Stufen der Schiffsleiter hinunter, an deren Ende sie von ihm niederglitt in die braune Höhlung eines Fischerbootes. Ruder senkten sich in die Flut. Wassertropfen spritzten auf; der Kiel kam ins Gleiten. Einen Augenblick noch flatterten nasse Taschentücher in der Luft, dann war der letzte Faden, der zwei Menschenherzen verband, durchgerissen, und mit dem Nachen war Irma im Schatten gewaltiger Schiffsleiber verschwunden. Neunzehntes Kapitel Trostlos war der Anblick des menschenleeren, übel zugerichteten Schiffes, als die Nacht schwarz und lautlos zwischen geborstenen Masten und zersplitterten Raaen sich niedersenkte aufs Verdeck. Die zerrissene Reling, die zerdrückten Türen, die eingestürzten Schotten und Schutzwehren, alles sah jetzt, da es von Menschen verlassen war, doppelt traurig aus. Der Rumpf glich den Resten einer erstürmten Feste, in deren gesprungenen Gewölben man Gespenstern begegnet und Totengerippen, die mit den fleischlosen Beinen sich aufgemacht, nach ihren abgeschlagenen Armen zu suchen. Innocenz schauderte, als er durch weggeworfene Kleiderfetzen, Stroh und zerknittertes Packpapier über das Verdeck schritt, um seine Kabine aufzusuchen. Er fand sie im fahlen Scheine einer Notlampe und erreichte die Tür, indem er über leere Kisten stieg, die man als wertlos zurückgelassen. Als er sich ausgezogen hatte und abriegeln wollte, stellte es sich heraus, daß der Riegel nicht in den Haken zu bringen war. Die Wände hatten sich gezogen, die Hölzer hatten sich gestreckt, jedes Ding war widerhaarig geworden und versagte seinen Dienst. Innocenz gab den Versuch, sich abzuschließen, auf und legte den Revolver über sich in ein kleines Drahtnetz. Ihm war es unheimlich in den mit einem Male so groß und weit gewordenen Räumen. Auch drückte ihn die Stille nach den Stunden so gewaltigen Lärmens, so nervenfressender Aufregung. Er war müde, und doch, wie er auch den Kopf auf seine Kissen legen wollte, nie lag er recht. Bald quetschte eine Falte das Ohr, bald lag der Nacken verdreht und fing an, steif und schmerzhaft zu werden. Vor allem aber störten den Ruhebedürftigen suchende, tastende Geräusche, die von der Außenwand des Schiffes zu kommen schienen, und zuweilen ein verhaltenes, gepreßtes Atmen. Aber es war doch ganz unmöglich. Da draußen an der schwarzen eisernen Wand konnte doch keiner sich ankleben, wie sich die Fledermaus mit dem eigenen Speichel in die Rauchfänge klebt. Sollten etwa Ratten im Zimmer sein? Das war zu unwahrscheinlich, und dann kam auch das Geräusch offenbar von der Außenwand her. Innocenz langte nach der Schußwaffe, hob den Kopf übers Kissen und sah stieren Auges nach der Luke hin, die wie ein Blechdeckel mit mattem Glanz ihr Dasein in die Finsternis schrieb. Der aufgescheuchte Beobachter wußte, daß er die Glasscheibe nicht zugeschraubt hatte, und er fühlte auch den leisen Luftzug, der von der Öffnung her erquicklich nach seinem Bette strich. Das war natürlich, darüber brauchte man sich nicht zu erregen. Aber da drüben war etwas anderes nicht in Ordnung, denn zuweilen wurde der bleiche runde Spiegel schwarz. wie seine Umgebung, und zuweilen leuchtete er wieder traurig und glanzlos wie das Auge eines Sterbenden. Innocenz kniff die Lider zusammen und verengte seine Pupille, daß sie klein und winzig wurde wie die eines Raubvogels, der hungrig aus seiner Wolkenhöhe das Wühlen eines Maulwurfs beobachtet. Nicht umsonst. Er unterschied im metallnen Fensterrahmen zwei funkelnde Katzenaugen und die verzerrten Formen eines menschlichen Gesichts. ›Was mag die Satansfratze wollen?‹ dachte der Arzt. ›Eher wird der Kerl seinen Schädel in eine Tabaksdose zwängen als in diesen Fensterrahmen.‹ Gutes war jedoch nicht zu erwarten. Der Jäger, der die Bestie beobachtete, tat weise daran, wenn er im Anschlag blieb. Da erschien ein langer Arm in der Luke und eine Hand griff in die Kabine und tastete vorsichtig die Wand ab. ›Er sucht nach Gegenständen, die sich allenfalls bequem durch das Loch hinausbringen ließen, durch welches die Faust unberechtigt eingedrungen ist,‹ dachte der stille Beobachter und überlegte, was er tun solle, als draußen ein Schuß fiel. Dem kurzen, kläffenden Knall folgte ein rauschendes Rutschen an der Schiffswand nieder, dann ein verzagtes Plätschern, als wenn stiebende Ruder tastend ins Wasser greifen, dann war alles still. Nichts regte sich mehr. Innocenz hatte sich erhoben und war eilig in seine Kleider gefahren. In hastigen Sprungschritten suchte er aufs Verdeck zu kommen. Oben traf er die Schiffswache. Die vermummte Gestalt lehnte mit dem Bauche an der Reling, hatte den Oberkörper vorgebogen und suchte mit stechenden Blicken im Dunkel des Kielwassers nach irgendeinem Gegenstand. »Was ist vorgegangen, Obermaat?« sprach flüsternd der Schiffsarzt zum Posten. Der Angeredete hob die Faust mit dem Revolver und sagte trocken: »Wenn's Gottes Wille war, hat einer von den schwarzen Halunken ein Loch im Fell. Wie ein Blutegel hat er an der Schiffswand gehangen und ist herabgefallen, so denke ich, als die blaue Bohne wider ihn flog. Aber ich sehe und höre nichts mehr von ihm. Nicht eine einzige Kapriole hat er gemacht und keinen Laut von sich gegeben. Die Sorte versteht sich aufs Sterben. Ich hab's schon mehr gesehen. Sie verenden schweigend wie die Würmer, nur schlagen sie etwas mit den Armen wie die Affen. Der aber hat auch das nicht getan und ist wie ein Sandsack in die Tiefe geglitten.« »Oder auch drüberhin!« sagte Innocenz. »Mir war's so, als ob ich hätte Wassertropfen von einem Ruder rinnen hören, und zuweilen war ein Plätschern, als wenn eine Forelle nach Mücken springt.« »Nun, dann segne ihm der Himmel den Raub,« sagte der Obermaat, »viel wird er nicht mitgenommen haben. Man stiehlt leichter einer Katze die Filzpantoffel, als einem Seemann einen Taler, und unsere Passagiere sind ja fort.« Der Arzt schwieg und setzte sich auf einen Haufen Schiffstaue. Der Obermaat machte einen kurzen Gang über das Deck, kam dann zurück und setzte sich neben den Doktor. »Der Alte ist von Bord,« so begann er nach einer Pause nachdenklichen Schweigens ein neues Thema. »Er hat dem Zweiten das Kommando übergeben und pflegt seinen Leib in der kühlen Luft der Berge, während wir hier im Sumpfe festliegen und Chinin fressen können, um uns das Fieber aus den Knochen zu treiben. Man nimmt die bittere Rinde vertrauensvoll in einer Oblate, wie den Leib des Herrn, aber beide haben noch keinen vor der Himmelfahrt beschützt, und ich fürchte, ehe das Schiff ausgebessert ist, wird mancher von uns so weit sein, daß er für den Barbier kein Geld mehr auszugeben braucht. O, ich bin schon manchmal unter dem Äquator durchgekrochen und kenne all die Stationen, wo die Leute ihr Retourbillett verfallen lassen,« sagte er unter Kopfschütteln und betrachtete aufmerksam den Nachthimmel, als ob er hinter dessen blaugestrichener Wölbung ein Zimmer für sich aussuchen wolle. Ein leichter Wind hatte sich während des Gesprächs aufgemacht und spielte lässig mit ein paar am Maste vergessenen Wimpeln, als ob er vorhätte, sie mitzunehmen, und doch war er wieder zu matt, sie loszureißen. Goldgeränderte verirrte Wolken zogen am Firmament hin nach dem Hintergrund schwarzer Berge. Es war, als ob sie es eilig hätten, aus dieser Gegend herauszukommen. Innocenz sah ihnen nach und fröstelte leise von innen heraus. Dem Frösteln folgte eine rasche, warme Blutwelle, die von den Füßen nach aufwärts lief und in den Ohren heiß verglühte. Ein Brennen und Prickeln trieb in der Haut sein Wesen und erzeugte Empfindungswellen, die einander nachliefen bis in die Kopfhaare und diese aufrichteten, daß sie starr standen wie vom elektrischen Strome getroffene Eisenspäne. Der Doktor wehrte sich gegen diese ihm selber fremde Erscheinung, indem er seine Joppe fester an sich heranzog und den Kragen stellte. »Sie frieren!« sagte der Obermaat, »damit fängt's an. Bald werden Sie da hinter der Stirne ein Hämmern hören, als ob Sie Ihre Schädelhöhle an einen Nagelschmied verpachtet hätten. Dann laufen Ihnen die Gedanken herüber und hinüber, wie die Makler auf einem Viehmarkt, und zuletzt wissen Sie nicht mehr, was rechts oder links ist, müssen gefüttert werden und wachen eines Tages in einem Spital auf, wohlgemerkt – wenn Sie überhaupt aufwachen. – Ich kenne das alles und habe es durchgemacht, als ich ein lausiger Schiffsjunge war, mit, der ›Felicitas‹ in der Gangesmündung lag und die Kraniche zählte, die von einem Ufer nach dem anderen wechselten. Damals roch die Luft wie eine Gerberschürze, und hier riecht sie geradeso. Doktor, Ihr werdet sehen, in einigen Tagen haben wir das gelbe Fieber an Bord. Es würde mir leid tun, wenn Ihr derjenige wäret, der den Anfang macht. Aber ich rate Euch, geht schlafen und schließt die Luke und den Mund. Doch was soll's? In dieser verdammten Pfütze hier kriecht einem der Tod durch die Nasenlöcher.« Damit stand er auf und ging. Innocenz sah ihm nach und erhob sich, um schlafen zu gehen. Da waren ihm die Beine so steif geworden, und es war so verwunderlich, daß seine Schritte so kurz gerieten. Auch stolperte er auf ebenem Plan, und als er die Treppe hinabstieg, kam ihm die Vorstellung, daß er eine Stufe übertreten müsse, ohne die folgende ganz erreichen zu können. Er nahm seine Hände zur Hilfe, um sich vor dem Fallen zu schützen und erfaßte das Geländer. So kam er in seine Kabine, warf den Kopf mit den halbbetrunkenen Gedanken aufs Lager und schlief ein. Als er am nächsten Morgen erwachte, hatte ein duftiger, leichter Schweiß die lästige Spannung gelöst, die seinen Brustkorb am Abend vorher wie mit Stricken gebunden hielt. Nun hatte er wieder Platz in seiner Haut, konnte tief atmen und die Beine von sich strecken. Nur im Kopf war noch eine sehr unordentliche Haushaltung. Da lagen Erinnerungsbilder in Haufen aufeinander, aber trüb, verrußt und zugestaubt. Sie fügten sich schwer zu geordneten Vorstellungen. Ihm, dem Neuerwachten, war es, als ob er durch Wischen an der Stirne Ordnung in den Gedankenwirrwarr bringen könne. Er rieb und rieb, und rieb in der Tat den Seelenspiegel so blank, daß ihn daraus ein schlankes, schönes Weib mit Abschiedstränen zwischen den zitternden Wimpern verlockend anschaute. Da entschwand für Augenblicke alles Verwirrte aus dem Schädel, und es erwachte in dem Kranken ein wildes Sehnen, die Fliehende noch einmal zu fassen und in seine Arme zu schließen. Vielleicht war sie seiner Sehnsucht noch einmal erreichbar. Irgendein Zufall konnte die Abfahrt des Dampfers verzögert haben. Hastig sprang Innocenz aus dem Bette und eilte an die Luke. Die Morgensonne sah dem Tanzen einiger Korkstücke auf dem blasigen Wasser zu. Möwen schossen nieder und fingen irgendeine Beute auf der Meeresfläche ab. Der Platz aber, an dem der Dampfer gelegen hatte, war leer, und nun grinsten tausend öde Tage, jeder genau gerechnet vierundzwanzig Stunden lang, der Liebessehnsucht ins Gesicht und fragten mit grausamer Schadenfreude: Sollen wir etwa deiner Narrheit wegen kürzer werden als wir sind? Siehe du zu, wie du mit dem zwiefachen Pfeile in deinem Fleische fertig wirst und gib acht, daß du den Tag des Wiederfindens nicht verschläfst. Eine bange Verzagtheit fuhr dem Arzt in die Beine. Das Stehen wurde ihm plötzlich wieder schwer. Er taumelte zurück, setzte sich auf den Rand seiner Bettstelle und stierte auf die Kokosmatte, die den Boden seiner Kabine bedeckte. Da gewahrte er einen Brief, der wohl durch die Luke hereingeflogen sein mußte. Er hob ihn auf, legte seinen Kopf auf dem Kissen so, daß er ein gutes Licht hatte und fing an zu lesen: »Geliebter meines Herzens! Ach, daß ich die Hoffnungen zerstören muß, die ich wie Blumen in dem Garten Deines Herzens säte. Wehe mir, daß ich sie nicht pflegen und mit meinen Tränen begießen darf. Als ich Dich, Traum meiner Liebessehnsucht, zum ersten Male sah, da war es mir, als fiele in stiller Nacht ein Stern nieder. Du kennst den schönen Glauben, daß der erhört wird, der sich beim Fallen einer Sternschnuppe etwas wünscht. Sieh, so wünschte ich mir damals, daß Du mein Eigentum werden möchtest. Mir war's, als ob ich wieder ein Kind wäre auf dem Schoße des Vaters und nur die Hand auszustrecken brauchte, um zu erlangen, was ich wünschte. Doch das war ich nicht. Wie zerreißt es mir das Herz, daß ich Dir sagen muß: Ich habe Dich getäuscht. Ich bin gebunden, und zu der Last meiner Sklavenketten trage ich fernerhin noch den schweren Gedanken, daß Du mich verachten wirft. Sei gütig und vergib einer Hungrigen, daß sie es versucht hat, sich an die Tafel des Lebens zu setzen, einer Durstigen, daß sie einmal aus reiner Quelle trinken wollte. Und nun ein letztes Lebewohl für diese Welt! Ich bin so verwegen, mir einzubilden, außer Dir wird noch ein Höherer mir verzeihen und mich auf einem besseren Stern an Deine liebe Seite führen. In Träumen Deine ...« Die Augen des jungen Arztes hatten den Brief schneller gelesen, als sein Verstand seinen Inhalt zu erfassen vermochte. ›Waren's denn Tatsachen, was hier stand? Konnte wirklich die Lüge mit Irmas Zunge reden, und wenn schon, konnte dann die Sprache dieser treuen Augen eine falsche sein? Wenn dem so ist, daß Falschheit hinter Schönheit sich versteckt, dann herunter, trügerische Maske vom Menschenantlitz. Sei, was du bist, Medusenhaupt, und ringle deine Schlangen.‹ So redete eine empörte Stimme immerzu aus dem Doktor heraus, bis ein starkes Schütteln seinen Körper streckte und ihn platt auf den Rücken warf. ›Ha, das Fieber!‹ dachte Innocenz. ›Sei mir willkommen, Abgesandter der Verwesung!‹ Und dies war die letzte klare Vorstellung, die er überhaupt hatte. Denn nun schlugen die Strudel wilder, ungezügelter Phantasien über ihm zusammen. Ein Januskopf mit drei Gesichtern drehte sich auf einer Windmühle. Ein kleines Ferkelschwein mit gelben Kinderschuhen an den Füßen saß auf dem Schoß des Jankel Navratil und trank aus einer Saugflasche. Dann kam ein Hermelin mit weichem Fell und legte sich schmeichelnd an die Brust seines Wärters. Und Innocenz streichelte es, bis die Bestie auffuhr und ihm in die Kehle biß. Da schrie er auf in seiner Not, wollte entfliehen, schlug mit den Händen gegen die Schiffswand und schrie wieder, schrie, daß die Wände gellten und die Schiffsbemannung zusammenlief. »Dem sitzt der gelbe Teufel im Genick,« sagte der Obermaat zu den Matrosen, die mit ihm um das Bett des Arztes standen. »Wir bringen ihn in ein Spital am Land. Dort wird's schon Leute geben, die zusehen, wie er stirbt und die hernach dafür sorgen, daß er tief genug eingescharrt wird, damit nicht die Affen in den Kokospalmen sich mit seinen Knochen prügeln. Er war ein guter Kerl und hat ein paar Fuß Erde mit einer Trauerweide drin über seiner Nase verdient.« Zwanzigstes Kapitel Tage legten sich schweigend nebeneinander und wurden Wochen. Wochen wurden Monate, und deren zwölf hatten eben ein Jahr gebildet, als der Oberarzt im Spital zu Kolombo zur Schwester Angelika sagte: »Nun können Sie den Kasten des Doktor Lorum drüben in der Sargkammer für einen andern verwenden. Manchmal besinnt sich einer, der schon mit einem Fuß in Charons Nachen steht und kehrt zurück. Ich sehe, sein Bett ist leer. Sitzt er etwa im Garten?« Die Schwester warf einen Blick durchs Fenster und sagte: »Ja, da sitzt er unter dem Magnolienbaume und tut, was alle Rekonvaleszenten tun, gräbt mit seinem Stock eine kleine Grube in die Erde, wartet, bis eine Ameise hineinfällt und deckt sie lose zu mit Sand. Dann lauert er, bis sie sich durchgewühlt hat, freut sich, sie wiederzusehen, und sinnt und sinnt. Das ist für viele ein Gottesdienst im Freien, denn die kleine Ameise predigt jedem, der sie hören will: Wer an mich glaubt, der wird leben und wenn er schon begraben wäre.« »Sie wissen viel schöne Worte zu machen, Schwester, und ich wünsche, daß Sie Ihren Zuhörern des Himmels Gunst gewinnen mögen. Aber überlegen Sie gefälligst, daß dem Manne mit einem Beutel voll Gold mehr gedient wäre als mit einem Revers auf Gottes Gnade und Erbarmen.« »Er denkt darüber wohl anders als Ihr,« sagte die Oberin. »Für meine Auffassung spricht, daß er eine Medaille auf seiner Brust trägt, und daß auf seinem Nachttischchen ein viel benutztes Gebetbuch liegt. Und das nicht umsonst, denn er ist auch nach der Richtung hin, die Sie andeuten, erhört.« »Was Sie nicht sagen, hat es Dukaten auf sein Bett geregnet?« »Ihr habt nicht weit daneben geraten. Eine große Geldsendung ist für ihn eingetroffen. Werden Sie nun zugeben, daß es wunderbare Gebetserhörungen gibt?« »Gemach, Schwester! Noch haben wir bis jetzt das Wunder nicht. Es soll erst beginnen, wenn wir den Kranken mit Hilfe des Geldes in Kaschmirs balsamische Lüfte versetzen können,« bemerkte der Arzt und ging in dem Garten auf die Bank zu, auf der Innocenz saß und mit matten Augensternen das Näherkommen des Spitaldirektors beobachtete. »Schon bekommen Sie etwas Farbe ins Gesicht, Herr Kollege. Ihr Schlaf ist ruhig. Ihr Appetit genügend. Es geht Ihnen also besser?« »Ja, nur geht es im Schneckentempo voran, und widerwillig nur gehorchen die Glieder dem Willen.« »Weiß schon, was Sie sagen wollen,« entgegnete der Direktor. »Hier ist die Luft zu erschlaffend. Der Gesunde selbst vermißt hier die Hälfte seiner Kraft. Sie sollten da oben hin, an die Abhänge des Himalaja, wo aus der Gletscherwelt eine belebende Kühle niederfällt. Acht Monate in Kaschmir verlebt, fördern Ihre Gesundheit mehr, als zwei Jahre unten in der heißen Nähe des Äquators.« Als Innocenz das Wort Kaschmir hörte, erwachte in ihm eine süße, warme Paradieseswonne, und sein jetzt so mattes Auge funkelte, wie Sterne funkeln durch schwüle Sommernächte. Dem Direktor entging diese frohe Wallung nicht, und er fuhr ermunternd fort: »Geld ist für Sie da. Vielleicht von Ihrer Dampfschiffahrtsgesellschaft, vielleicht von jemand anderem. Das ist übrigens einerlei. Die Summe ist mehr wie ausreichend, und Sie gehen!« Und in der Tat, nach drei Tagen schon fuhr Innocenz von Kolombo nach Bombay und stand eine Stunde später vor einem Zuge der englisch-indischen Eisenbahn. Bald stieß der Dampf die Kolben vor, das Gestänge griff in die Räder und der Reisende rollte durch eine reich gesegnete Niederung, aus der ihm ein belebender, kräftiger Schollengeruch entgegenströmte, nordwärts. Weithin streckte sich die schwarze, speckige Furche und verkroch sich in der Ferne im grünen Schwerterwald des Zuckerrohrs oder der Baumwollstaude. Nach dem ewigen Zählen der Blumen im Tapetenmuster des Krankenzimmers war dem Genesenden der Blick in den von der Pflugschar aufgerissenen Erdboden ein wahres Labsal. Er beneidete nach der langen Gefangenschaft das Fohlen, das da über die Weide sprang, ebenso wie den Bauer, dessen Pflug von einem Kamele schwerfälligen Ganges über die Stoppel gezogen wurde. ›Zu Hause tut's der Ochse,‹ dachte er, und die Felder der fränkischen Erde erschienen zum ersten Male wieder vor seinem Geiste und auch die Menschen, die mit ihrer Existenz an sie gebunden sind. Pankraz stieg aus der Versenkung mit einem Heuwagen, und hinter diesem wandelte Käthchen Sommertag wie dazumal über die taufrische Wiese. Innocenz schloß die Augen und wollte sich in das liebe Bild versenken. Da brüllte draußen eine Büffelherde, die in den Feldern längs des Bahnkörpers ihr Futter suchte. Er sah auf, und entschwunden war ihm Käthchen Sommertag, wie dem Erwachenden ein Traum entschwindet. Die Fremde machte sich bemerklich in Papageienschwärmen, die auf den Telegraphendrähten saßen, in den Nebelsilhouetten der Dromedare und in Pfauenherden, die mit wüstem Geschrei in die Maisfelder niederfielen. Das Frankenland sank nieder, eine verbrauchte Kulisse. So ging es viele Stunden nordwärts, ohne daß der Reisende müde geworden wäre. Die Nacht brachte einen erquickenden Schlaf im kühlen Luftzug der raschen Fortbewegung und der Tag tausend neue, wechselvolle Bilder, bis mit einem Male ganz in der Nähe von Raval-Pindi rechts von der Fahrtrichtung der Himalaja aus seinem Nebelschleier trat. War's möglich, daß so viel Glanz und Schönheit von Erdendingen ausging, oder sah der Reisende dem ins Antlitz, vor dem einst Moses sich in den Staub warf? Hatte der Allmächtige da oben seinen Thron aufgeschlagen und blendete mit seinem Strahlenglanz das blöde Auge des Erdgeborenen? Innocenz schloß die Lider und beschattete sie noch mit seinem Taschentuch. In seinem Innern aber erwachte ein wildes Sehnen, das ihn mit unwiderstehlicher Kraft in den Zauber dieser Berge lockte. Nun flog kein Rad mehr schnell genug um die Achse, und als er endlich von den Schienen los war, gab es kein Pferd, dessen Beine Schritt hielten mit seinem vorwärtsdrängenden Verlangen. Er sparte den Sporn nicht bei seinem Suchen nach der Paradiesespforte. Mit einem Sprung wollte er mitten hinein in all die silberne Herrlichkeit. Doch unter ihm versagte das Rößlein. Es bließ durch die Nase und stolperte zuweilen auf den steil ansteigenden Felsenpfaden. Da kam der Reiter zur Besinnung und fing an, die Schönheit mit mäßigen Zügen zu trinken. So kam er in einem Rausche des Entzückens über unterschiedliche Felsenjoche hinüber und stieg nach manchem Wandertag und nach mancher im Dak Bungalow verbrachten Nacht eines Morgens in das Tal des Ihelan hernieder. In Sirinaga fand er am Rande des Stromes ein bescheidenes Häuschen für die Nacht und vor diesem inmitten von Lotosblumen ein Boot, das über tags seine Wohnung wurde. Wenige Ruderschläge genügten, um den leichten Kiel in den warmen Frieden niederhängenden Geästes jahrhundertealter Zedern zu treiben. Da lag der Genesende im Schiffchen auf reinlichen Matten, und seine Blicke irrten zwischen dem blaugrünen Geflecht der Zweige hindurch zur schneeigen Weiße der Bergesgipfel und verloren sich darüber hinaus in der azurnen Bläue des Himmels, durch die zuweilen eines oder das andere von den versprengten Wolkenschäfchen irrte. Stundenlang lag Innocenz so da und genoß die erste Paradieseswonne, um die uns leider die Naschsucht unserer Stammmutter gebracht hat. All sein Wünschen war gestorben, und in dieser begierdelosen Gleichgewichtslage der Seele stand die Zeit still. Es gab weder ein Gestern noch ein Morgen; alles war heute, und soviel Tage auch die Nacht gebar, einer glich dem andern so vollständig, daß sie wie Zwillingsbrüder nicht voneinander zu unterscheiden waren. So gedieh Innocenz in Monaten der Ruhe zusehends und gewann allmählich die Nervenenergie wieder, die ihm die Krankheit geraubt hatte. Das war gut, doch auch wieder nicht gut. Denn nun vertrug er das Liegen auf dem Grunde des Nachens nicht mehr so wie im Anfang. Ein innerer Drang nötigte ihn, sich aufzusetzen. Er griff nach den Lotosblumen und flocht sie zu Kränzen oder warf sie ins Wasser, sah, wie die Strömung sie südwärts trug, und seine Gedanken begleiteten nun den reisenden Blumenkelch vom Ihelan in den Indus, von diesem ins Arabische Meer und weiter, immer weiter um Asien herum ans europäische Gestade. Da tauchte dann aus nebelgehüllten Flußtälern das Filigran gotischer Dome heraus, und über goldiggrünem Rebgelände nickten verschlafen die altersgrauen, sagenumsponnenen Burgruinen. Und dort überm Felsen der Marienburg, da schwebte mit milde verzeihendem Blick eine lichte Frauengestalt mit dem Antlitz der Gottesmutter in der Nikolauskapelle. Oder war es dieses nicht? War es vielleicht Käthchen Sommertags Gesicht, das so gespenstisch herumspukte und so fromm durch die Maske der Gottesgebärerin zu schielen verstand? Nimm dich in acht, Innocenz Lorum, der Böse wandelt im Federkleid des Engels und macht Geschäfte für ein Heiratsbureau. So war es Herbst geworden in den Bergen. Der Rauhreif kam und knickte die Lotosblüten, daß sie ihre Köpfchen senkten und traurig ins Wasser blickten. Innocenz fror in seinem Boote und sah voller Sehnsucht hinauf nach den späten Sonnenstrahlen, die ihr warmes Gold auf den vereisten Bergesgipfeln verstreuten, das Tal aber kühl und im Schatten ließen. Feuchte Nebel fluteten träge über die Forste hin, fielen schwer in die Flußtäler, drangen den Menschen durch die Kleider und lagen kalt und klebrig auf der Haut. Innocenz floh ins Haus und setzte die Kohlenpfanne unter seinen Stuhl. Damit war wenig gebessert. Während die Beine brieten, prickelte der Frost in den steifen Fingergelenken, und zwischen den blauroten Ohren arbeitete in den Gehirnwindungen die Phantasie und malte das Bild eines deutschen Kachelofens so mollig und verlockend an die Wand, daß Innocenz aufsprang und sagte: »Wozu noch länger weilen? Die Arme sind stark geworden und die Beine straff. Nun heim und unter ein deutsches Dach in eine deutsche Stube, mit ihrem breiten Federbett und ihrer Ofenbank vor den wohl durchwärmten Kacheln.« Die Fremde hatte ihren Reiz verloren. Wenige Tage später nur, und der Geheilte saß im Eisenbahnzug und sah, von Delhi südwärtsfahrend, zum letzten Male dankbaren Herzens nach der ausgezackten Säge des Himalaja zurück. Sein Fieber hatte er in den Bergen gelassen und Mut zu neuem Leben nahm er mit. Lange Wolkenwimpel mit lichtdurchwirkten Rändern zogen, einen dunklen Schatten hinter sich herschleppend, vor den leuchtenden Gipfeln hin, immer westwärts, dem Abendlande entgegen. ›Da liegt auch mein Ziel,‹ dachte Innocenz, ›und wer weiß, wenn sie ihren Segen niederschütten, dann netzen sie vielleicht einem schönen Kinde die Stirne, das den Flüchtling noch nicht vergessen hat.‹ Käthchen Sommertag winkte aus weiter Ferne über die Meere herüber. Im Hotel zu Bombay, wo Innocenz einige Tage auf den Abgang des Dampfers warten mußte, hatte er einen etwas vorlauten Zimmernachbar. Wie andere Menschen dachte er mit dem Gehirn, aber er redete mit dem Revolver. Für den Oberkellner schoß er dreimal in die Luft, zweimal für den Hausknecht und einmal für das Zimmermädchen. Brauchte er alle drei zugleich, so gab es eine Schießerei, als wenn im kaiserlichen Palast an der Newa ein Prinz geboren wird. Für diesen Herrn mit den geräuschvollen Sitten interessierte sich der junge Arzt und er befragte das Fremdenbuch nach Namen, Stand und Herkommen. »Master Samson Esquire aus Hongkong,« sagte dieses trocken. ›Sollte am Ende gar –‹ dachte Innocenz, legte das Buch zur Seite und sah vom Frühstückstisch in den Garten hinaus. Draußen in den wohlgepflegten Wegen wandelte eine große, breitschultrige Gestalt in weiten Hosen und braunsammetnem Gehrock majestätisch wie ein Maharadscha auf und nieder. ›So von hinten gesehen, wäre dieser mit dem Kassenschrank einer Zettelbank zu verwechseln‹ redete Doktor Lorum zu sich selber und wartete in Geduld, bis es dem Fremden gefallen würde, die Vorderseite der Medaille zu zeigen. Da wendete dieser mit einem exakten Zirkelschlag vor einer Taxushecke und kam den Pfad herunter gegen die offene Veranda zu. Innocenz sah den gewaltigen Brustpanzer einer weißen Weste, in die sich eine knallrote Krawatte verkroch, sah eine goldene Uhrkette von der Dicke eines Salamanders. Auch sah er Manschetten mit talergroßen Bernsteinknöpfen. Hände sah er keine, und auch das Gesicht, hinter der Brustwehr eines Vatermörders versteckt, war kaum für einen Scharfschützen erkennbar. Der Mann kam wie Goliath mit wuchtigen Schritten näher, und schon wackelte der leichte Holzbau der Veranda, als Innocenz plötzlich aufsprang und dem Ungetüm lachend beide Hände entgegenstreckte. Dieses stutzte ein wenig, wie ein Nilpferd vor einem Grammophon, dann aber griff es zu, als ob es den Doktor erdrücken wolle. » Goddam, my boy , was schaffen Sie noch über der Erde, oder hat der Hund von Obermaat mich so angeschmiert? Ich will ihm für sein Lügen ein Loch in den Bauch schießen, daß er ausschaut wie ein Starenkasten. Was braucht die Kanaille auszusprengen, daß Sie die Würmer gefressen hätten, während Sie hier mit gesunden Knochen herumlaufen und aussehen, als ob Sie ein Stachelschwein verdauen könnten. Übrigens: All right, my boy Sie haben noch nicht geluncht! Ich will für uns beide einen Hammel bestellen und einen Korb Champagner.« Nach diesen Worten fing er zu schießen an, und es gab ein Wettlaufen im Hotel, als ob die Zeit der olympischen Spiele wiedergekommen wäre. »Bringen Sie von allem, was Sie auf der Speisekarte haben, zwei Portionen!« herrschte Samson den Oberkellner an. Als dieser sich verneigte und gehen wollte, machte Innocenz eine Gebärde der Abwehr. »Keine Ziererei!« fuhr der Riese dazwischen. »Ich könnte mir einen deutschen Herzog als Kammerdiener engagieren und sollte meinem Herzensjungen gegenüber mit einem Frühstück knausern? Wem außer Euch verdanke ich denn meine heilen Knochen?« »Ich verstehe!« sagte der Arzt. »So ist der Arm wieder ganz in die Reih' gekommen?« Samson warf dem Oberkellner eine Pfundnote vor die Füße und schlug mit der Faust die Tischecke herunter. »Brav so!« sagte der Arzt. »Bei solchen Leistungen kann es Ihnen an Zuschauern nicht gefehlt haben.« »Ich sage Ihnen, die Leute drückten sich aneinander wie die Blattläuse, und das Geld rollte wie die Holzäpfel in den Keltertrog. Da war ein Kerl, der bot mir tausend Dollar für eine Vorstellung in einem Blumenschiff. Apropos! Blumenschiff, mein Verehrter! Wissen Sie, was ein Blumenschiff ist? Na, tun wir ihm die Ehre an und nennen es ein Mädchenpensionat, obwohl an all der Weiblichkeit, die drinnen lebt, keine Spur von einem Mädchen zu finden ist. Wenn Gott seine Sonne über Gerechte und Ungerechte scheinen läßt, so dachte ich mir, dann kannst du auch vor Reinen und Unreinen Ketten zerreißen, und ich ging hin. Doktor, da hab' ich viel gesehen, was nicht einmal im Konversationslexikon vorkommt, und manchen Ehrenmann hab' ich kennen gelernt, den ein rechtschaffen Weib nicht einmal mit der Kohlenzange anrühren sollte. Und doch, sie leben mit ihnen ohne Skandal, aber ich will einen Igel fressen, wenn sie glücklich sind. Sie sehen so niedergeschlagen, so zerknittert aus. Da ist eine Frau van der Klingen, die hat so einen Edelgauner zum Manne, 's ist eine Affenschande. Man sollte den Windhund durch eine Dreschmaschine treiben, damit ihm alle Rippen gebrochen würden. Sie hat übrigens jetzt ein Kind, das dem Alten so ähnlich sieht, wie eine Knoblauchzehe einer Haselnuß. Dies Kind scheint das Glück ihrer Gegenwart und die Hoffnung ihrer Zukunft zu sein. Der Himmel gebe, daß es einen Vater habe, dem es in Ehren nacharten kann.« Innocenz war ganz Ohr geworden. Das Blut war ihm ins Gesicht gestiegen und er fragte mit lauernden Blicken: »Ihr habt sie demnach gesehen?« »Ja, und zwar des öfteren mit ihrem Kinde im Viktoriapark, und gesprochen. Einmal fragte sie, ob ich nichts von Euch gehört hätte, und wie es Euch ginge. Ich sagte, daß Ihr nach meiner Schätzung nichts zu klagen hättet, weil ich annahm, daß die Termiten Euren Leib bis auf die Knochen aufgezehrt haben möchten. Sie wurde bleich wie ein Magnolienblatt, denn sie hatte den Sinn meiner Rede erraten, und es liefen ihr die Tränen wie dicke Erbsen die Backe herunter. Ich verdünnte meinen Wermuttrank und sagte, daß ich Euch das Honorar für Behandlung meines Armbruches nach Kolombo gesandt hätte und daß ich stündlich auf eine Antwort wartete. Aber sie war untröstlich, drückte das Taschentuch vor die Augen und verschwand. Doktor, ich bin nicht so klug, daß ich die Flöhe husten höre, aber sagt einmal offen, habt Ihr vor drei Jahren während der langen Seefahrt nicht gemerkt, daß das Weib in Euch verschossen war?« So weit war Master Samson in seiner Plauderei gekommen, als er bemerkte, daß sich dem Arzt eine tiefe Traurigkeit über die Stirn legte. Da wurde der Riese verlegen und unbeholfen und fing an zu stammeln. Um sich aus der verfahrenen Situation zu retten, schoß er den Oberkellner herbei, zahlte und erhob sich. »Junge, ich werde die Tickets besorgen für den Steamer nach Hamburg,« sagte er. »Macht, daß Ihr nach Deutschland kommt. Man muß den Teufel mit dem Teufel austreiben. Aber eine unglückliche Liebe hilft man sich am besten durch eine glückliche hinweg. Wer über den Hund ist, kommt über den Schwanz, und rings um den Ozean herum wohnt mehr wie eine Mutter mit einem schönen Kinde.« Als der gutmütige Übermensch weg war, erhob sich auch Innocenz von der reich besetzten Tafel. Er ging ans Meer hinaus und sah den Wogen zu, wie sie in weißen Spitzenkrausen dem Ufer zuliefen und zerschellten. Wohl weilten seine Augen bei dem sinnlos monotonen Spiel, seine Gedanken aber waren weit weg, sie waren da hinten an der Wiege eines Kindes, das sein war und dem er doch nicht Vater sein durfte. Wie würde das kleine Menschenkind ohne seine Führung den Weg durchs Leben finden? Ach, daß er um dies Wesen sein dürfte, wäre es auch nur zu dem einzigen Zweck, um seiner Mutter die Schamröte zu ersparen, die ihr ins Gesicht steigen mußte, sobald die Kinderzunge gelernt hatte, den Namen Vater zu lallen. Innocenz hatte Mitleid mit dem unglücklichen Weibe, die, einer Hagar gleich, unverstanden in der Fremde herumirrte. Aber warum entschloß sie sich nicht, mit allem zu brechen und mutvoll an seine Seite zu treten? Für ihn war und blieb sie ja doch das einzige Weib, das ihm Gattin werden konnte – denn Käthchen Sommertag – ja Käthchen Sommertag, die war nun unwiederfindlich verloren für einen, der mit einem Kinde an der Hand kam, um zu freien. Warum entschloß sich Irma nicht zu einem Gewaltschritt? Ja, warum, warum? Warum tun wir denn alle nicht, was wir sollten? 's ist zu feige! Weil ein verknöchertes Gestell, das wir Sitte nennen, sein Basiliskenauge auf uns gerichtet hält. Innocenz saß lange und sann und sann, aber er fand für sich keinen Ausweg aus dem Labyrinth des Lebens. Da sprang er auf, eilte ins Hotel und ließ seine Sachen nach dem Dampfer bringen. Genau fünf Wochen später bog das Schiff bei Cuxhaven um das Leuchtfeuer »Alte Liebe« herum und fuhr in die Elbemündung hinein. In Neapel war Master Samson an Land gegangen. Er wollte sich den Leuten von Santa Lucia noch einmal, diesmal in besserer Beleuchtung zeigen. Allein und ohne Anhang, so, wie er gegangen war, kehrte Innocenz ans europäische Gestade zurück. Einundzwanzigstes Kapitel Auf weichen Gummisohlen schlich der Zug langsam aus der Hamburger Bahnhofshalle hinaus. Bald aber beschleunigte er das Tempo seiner Fortbewegung, und nun raste er, zitternd wie ein Lämmerschwänzchen, in eine aus Nacht und Nebel gemischte Dunkelheit hinein. Rechts und links der Fahrtrichtung war in den Scheiben nichts anderes zu sehen als das trostlose Spiegelbild der Kupeeausstattung. Innocenz schloß die gequälten Augen vor dieser langweiligen Erscheinung und legte das Haupt in die Kissen. Da wurde es in seinem Innern rege über die Frage des Wohin, und er suchte nach einem Stern, der auf den Nebel seines Pfades einen freundlichen Schein werfen sollte. Was war denn jetzt eigentlich sein Reiseziel? Sein Billett und seine Überlegung sagten ihm gleichlautend: Nach der kleinen Universitätsstadt, die ihn mühsam genug zum Manne herangebildet hatte. Aber was er dort beginnen wollte, das wußte keines von beiden. Doch da war ein alter Grabstein mit einer Doppelinschrift, versteckt in den schwanken Gerten einer Traueresche. Der war's, der den verschlagenen Wanderer mit Polypenarmen wie eine süße, einzige Heimat anzog. Dorthin wollte er, wo Vater und Mutter schliefen. Mit den Gebeinen dort unter dem Hügel wollte er Zwiesprache halten. Ihm war's, als ob er von dort eine Fackel wegtragen könne, die seines Fußes Leuchte sei. Innocenz sah das Grab leibhaftig vor sich stehen. Sah die Mauer, die efeubeladen das Feld des Friedens hütet und hinter dieser die Stadt mit ihren bauchigen Kuppeln, ihren spitzen Türmen und steilen Giebeln auf der blauen Folie eines reingefegten Sommerhimmels. Aber da hinten, weit hinter Zinnen und Dächern, war ein seltsam winkendes Leuchten über dem Horizont. Wo kam das her, und was hatte es dem Jüngling zu sagen, daß es wie ein verliebtes Auge so verlockend zu reden verstand? Sagen wir's nur, da hinterm Berge mit seinem Föhrenbestand lag Birkenried. Also war es das Grab der Eltern doch nicht allein, was den Meerbestürmten in die Heimat zog. Innocenz mochte sich das nicht recht eingestehen, und doch, scharf umrissen, von Sekunde zu Sekunde klarer und heller werdend, trat das liebe Bild von Käthchen Sommertag vor seine Seele. Die Zeiten hatten es nicht verändert, nur über der ehedem so blanken Stirn lag ein Schatten beleidigten Mädchenstolzes, den Innocenz wegküssen wollte, denn zur Stunde schämte er sich vieler Gedanken, die ihn vordem erregt hatten. Sein Mut war gewachsen, seine Eifersucht niedergebrannt. Käthchen stand unbefleckt auf einem neuen Altar, und noch konnte alles gut werden. Das war in diesem Augenblick für ihn ein Glaubenssatz, dem an Wahrscheinlichkeit kein Dogma irgendeines Religionsbekenntnisses gleichkam. Eine weiche, wohlige Wärme durchrieselte den Körper des Mannes und streckte ihn so, daß die Beine länger wurden und eine Stütze brauchten. Innocenz legte die Absätze auf das Polster gegenüber und schob die fröstelnden Hände übers Kreuz in die Rockärmel, damit sie von der inneren Wärme profitieren möchten. So schwelgte sein Körper in träger Bequemlichkeit, während seine Phantasie im Halbschlummer mit tausend zarten Farbentönen an dem Bilde des geliebten Mädchens zeichnete und retouchierte. Es flohen die Stunden, und die Nacht wich dem Zwielicht, das die Morgensonne vor sich hersendet. Da ratterte der Zug über eine Brücke. Der Schläfer wurde wach, erhob sich und schaute durchs Fenster. Ach, da war ja schon unter ihm der Strom mit seinen träge treibenden Flößen und seinen groben Holzknechten, die mit der Tabakspfeife zwischen den Zähnen auf die Welt kommen. Da hatte sich nichts geändert. Wenn nur auch in Birkenried alles beim alten geblieben war, dann brauchte nur Innocenz sich ein wenig zu ändern und sich etwas in die Menschen zu schicken, und man konnte trotz der Bibel von den Disteln die Feigen pflücken. Eine nervöse Ungeduld quälte den Reisenden und dehnte die letzte Strecke seiner Fahrt schier ins Unendliche. Schon lag die Hand auf dem Schloß der Kupeetür, da verriet ein dumpfes Grollen die Einfahrtshalle des Bahnhofes und ein gereiztes Zittern des Bodens das Eingreifen der Radbremsen. Der Zug kam zur Ruhe, und Innocenz stieg aus. Als er vor den Bahnhof kam, war außer einem zerrissenen Bäckerjungen und zwei Fleischerhunden, die den Rasen um ein Kriegerdenkmal feucht hielten, niemand da, um den ehemaligen civis academicus zu empfangen. Einige kahle Neubauten glotzten ihn aus großen Fensteröffnungen verwundert an und hielten ihm auf schreienden Firmenschildern Namen entgegen, die zu seiner Zeit im Städtchen noch unbekannt waren. ›Da hat sich vieles geändert,‹ dachte Innocenz und erschrak vor dem Echo, das gleich seine ersten Schritte über das Pflaster in den hohen Lauben ungeheurer Warenhäuser weckten. Das war ein hartes Gellen und Lachen, das allem Vergangenen Hohn sprach. Doch er schritt wacker voran, denn er wollte dem Neuen entfliehen und Altbekanntes suchen, das vordem mit ihm gelebt hatte und liebeswarm war, als er es war. Nun mußten sie doch kommen, die verräucherten Kneipen mit den ausgetretenen Vortreppen und den langen Schildarmen über der Tür, und sie kamen auch. Aber wie sahen sie aus? Dem Hofe zu, ja, da waren sie noch die alten mit ihren krummen Dächern, aber nach der Straße waren sie anders geworden. Wie alternde Grisetten hatten sie Farbe aufgetragen und angelten mit schillernden Fenstern nach den Passanten. Innocenz gewahrte mit Schrecken, daß hier andere profitwütige Geister herrschten, die den alten Stammgast vertrieben hatten und sein spießbürgerliches Glück im Winkel des Kachelofens. Der Kleinstädter hatte sich über Nacht gestreckt und war Großstädter geworden. Die Volkstrachten waren verschwunden. Der Milchbauer vom Lande lief in den abgelegten Kleidern des Großkaufmanns herum. Eine öde Verflachung schien wie ein Wirbelsturm mit Wüstensand geladen übers Land gegangen zu sein. Das war keine erfreuliche Beobachtung für den Neuzugereisten, aber er tröstete sich mit dem Gedanken: Der Dorfbewohner ist schwerfälliger als der Städter, und wozu der letztere ein Jahrzehnt braucht, dazu bedarf der erstere ein Jahrhundert. Und nun erschien vor seiner Seele die Taubhausmühle mit ihren Riegelwänden, ihrem Schindeldach, ihrem sandbestreuten Fußboden und der warmen Anhänglichkeit ihrer Bewohner. Dort mußten doch bei dem großen Reinemachen der modernen Zeit noch einige Spinnwebfetzen der alten Gemütlichkeit hängen geblieben sein. Dort mußte doch noch jemand sein, der Lust und Zeit hatte, mit dem Heimgekehrten einen Gruß zu wechseln und beim Schoppenglas eine Stunde zu verplaudern. Mitten in diese Reflexionen hinein klang das lockende »Pink, Pink« eines Hämmerchens, das wie ein Sperling wider eine Scheibe zu picken schien. »Also ist wenigstens noch der Scherenschleifer aus der guten alten Zeit übriggeblieben,« murmelte Innocenz vor sich hin und suchte die Straße auf und ab nach dem schnurrenden Rad und dem hurtigen Steine mit seinem Funkenkranz rings um die Achse. Er fand beides nicht. Es gab überhaupt nichts zu sehen. Aber als das Hämmerchen schwieg, setzte eine faßerige Männerstimme ein und sang in weinfrohem Tone in die Morgenstille hinaus: Es schleift sich der Kiesel am Grunde des Main, Es schleift sich den Schnabel der Adler am Stein, Es schleift seine Sense der Mäher im Feld; Drum hab' ich mein Hoffen aufs Schleifen gestellt.                         Pinke, ping, ping!                         Hämmerlein kling,                         Fünkchen spring                         Und Rädchen sing! Ich schleife die Gabel, das Messer, die Scher', Was krumm und verbogen, ich richt' es euch her. Von Schenke zu Schenke geht's rund um die Welt, Drum hab' ich mein Hoffen aufs Schleifen gestellt.                         Pinke, ping, ping!                         Hämmerlein kling,                         Fünkchen spring                         Und Rädchen sing! Der Durst ist mein Mundschenk, der Hunger mein Koch, Und sind's nur Kartoffeln, mir schmecken sie doch. Nicht neid' ich dem Kaiser, dem Rothschild sein Geld, Ich hab' mal mein Hoffen aufs Schleifen gestellt.                         Pinke, ping, ping!                         Hämmerlein kling,                         Fünkchen spring                         Und Rädchen sing! Innocenz ging dem Liede nach, fand die Tür nach einem Höfchen angelehnt und stieß sie auf. Vor ihm stand einer, der seine Hände aus den Ärmeln zerren mußte, weil er sich den Morgentau aus dem Schnauzbart streichen wollte. »Alle guten Geister!« rief der Eintretende. »Pankraz, muß ich dich als Mesner wiederfinden? Wer in aller Welt hat es vermocht, dich in ein geistliches Gewand zu stecken?« Der Angeredete sah lächelnd an seinem Gehrock nieder und sagte schmunzelnd: »Ein bißchen völlig, nicht wahr? Aber guter Stoff und feiner Schnitt. Das Kunstprodukt eines Schneiders, der zu Frankfurt auf der Zeil wohnt. O, der Knochenfranzel, der wußte, was er wollte. Dieser Diplomatenfrack war bestimmt, ihn in die Ewigkeit zu begleiten. Das ist ihm vorbeigelungen. Man konnte ihn nicht mit einem unbezahlten Rock vor seinen Richter schicken. Also runter damit und mit dem Quacksalber in einen Leinenkittel hinein, der ihm leidlich ehrlich ins Gesicht stand.« »Soll das heißen, daß der Franzel tot ist?« bemerkte Innocenz traurig. »Mehr wie tot, maustot!« fuhr der Scherenschleifer in seiner Erzählung fort. »Des Himmels Gunst blieb bei ihm bis zum Ende. Er starb in einem guten Weinjahre und hatte auf dem Wege zum Himmel eine angenehme Reisegesellschaft.« »Ist er vielleicht bei einer Sauhatz ausgeblieben und kam in Begleitung eines Wildschweines vorm Himmelstore an?« »Doch nicht, die Sache kam anders, und ich muß weiter ausholen, um Euch den Hergang zu erklären. So merkt denn auf, schüttelt mit dem Kopf, wenn Ihr denkt, daß ich übertreibe, aber redet nicht. Also gerade heraus. Wißt Ihr, warum ich das katholische Vaterunser nicht leiden mag? Ihr könnt's nicht wissen, so will ich es Euch sagen: Weil keine Kraft und keine Herrlichkeit drin vorkommt, drum ist es wie ein Rollmops ohne Zwiebel und Lorbeerblätter. Das schmeckt nicht, das ist so fad wie die Suppe einer Wöchnerin, wie ein Liebhaber ohne Courage. Wer ein Käthchen Sommertag haben kann und nicht zubeißt, verdient unser Mitleid genau so wie der biblische Ochse, dem auf der Tenne das Maul zugebunden war.« Da Innocenz nachdenklich nickte, fuhr der Erzähler fort: »Als Ihr weg wart und verschollen, spann eine andere Spinne ihr Netz um die Fliege, und in der Tat, das liebe, dumme Tierchen blieb drin hängen. Sie hat den Baldachin geheiratet. Was hätte sie auch anderes tun sollen? Die Eltern waren tot, und Pferd und Ochsen brauchten eine starke Faust, die sie ins Joch zwang. Gern ist sie dem Windhund nicht zum Altar gefolgt. Ich stand, als sie im Zuge nahte, unterm Torbogen am Glockenseil und sah, daß ihr Gesicht naß war, obwohl es seit Wochen keinen Tropfen geregnet hatte. Und vorm Altar im Traustuhl, da hat sie ein Ja hingehaucht, das kaum imstande war, eine Flaumfeder von einem Spiegel zu blasen. Und wenn der Hochwürdige nicht einer wäre, der mit tauben Füßen und scheelen Ohren das Gras wachsen hört, so wäre aus der Ehe überhaupt nichts geworden. Der aber muß trotz des Baumwollballens vor seinem Trommelfell schon einen Ton verstanden haben. Denn mit einmal fing er an herunterzurasseln: ›Dein Weib soll sein wie ein fruchtbarer Rebstock vor deinem Hause,‹ und damit war ein Sakrament verwaltet und Käthchen gebunden. Die Schellen haben geklingelt, die Orgel hat gespielt, und Braut und Bräutigam, Vettern und Basen sind in einem Haufen, wie ihn der Hirt zum Tore hinaustreibt, aus der Kirche heimgeschäkt. An diesem Tage und auch noch an manchen der folgenden ging es in der Taubhausmühle zu wie dazumal in Mesopotamien, als der verlorene Sohn heim kam. Denn der Baldachin hat, wie Ihr wißt, einen Stich ins Großartige. Hammel und Kälber mußten ans Messer, und mit dem, was bei Metzelsuppen alles draufging, hätte man die Sachsenhäuser Bürgerwehr für ein Jahrzehnt verproviantieren können. Käthchen Sommertag sah man mitten in diesem Getriebe schlicht und traurig, ihren erlauchten Herrn aber nie anders als im Schützenhut mit der Reiherfeder, einen giftgrünen Kragen unterm Hornfleisch und die Flinte quer übers Nierenstück. Wenn Käthchen dem Übel steuern wollte und ein vermahnend Wörtlein zu ihm redete, goß er einen Kümmel in sich hinein, schlug die Tür hinter sich zu, pfiff seinen Hunden und stolperte mit seinem Schießeisen über die Kartoffeläcker. Ich will die sechs Wochen der Fastenzeit hintereinander von Steuerzetteln leben, wenn er jemals etwas geschossen hat, abgesehen von einem Kapitalsbock, der ein Leineweber war und dem Schützen unvorsichtig den Spiegel zeigte.« Innocenz horchte gespannt auf, während der Erzähler fortfuhr: »Ihr habt den Weberstoffel von Reiboldsgrün gekannt, bevor ihn der Herrgott zu sich in sein Reich nahm. Ob er sich jetzt im Himmel seinen Talenten entsprechend als Nachtwächter oder Kirchendiener nützlich macht, weiß ich nicht. Zu der Zeit aber, von der ich Euch erzähle, trieb er Landwirtschaft und stand in der Abenddämmerung vor einem Lupinenfelde und bearbeitete mit der Hacke das Vorende eines Ackers, dem mit dem Pfluge nicht beizukommen war. Notabene, da er gebückt dastand und mit der Kehrseite ins Land hineinsah, mag er immer einige Familienähnlichkeit mit dem Schmierbock einer Landkutsche gehabt haben, schwerlich aber mit einem Zwanzigender. Nun geben's wohl acht, wie der Hase läuft oder vielmehr nicht läuft, denn weit und breit in den Krautfeldern war keiner. Also stelzt genau am selbigen Abend der Baldachin durch die Klettenwurzeln und betrachtet sich die Gemarkung durch eine Perspektierschachtel, die er an einem Riemen über die Schulter trägt. Auf fünfzig Jahre hab' ich mein Alter gebracht, aber nie noch hab' ich durch so ein Kästel geguckt. Ich weiß also nicht, was in der Vexierbüchse vorgegangen sein muß oder in dem Baldachin seinem Rindsschädel, daß er den dürren Pumpenstock von einem Weberstoffel für einen Hirsch ästimierte und auf ihn anlegte. Wenn der Teufel spielt, macht der Schippensiebener einen Stich. Kurzum, wie der Hebenstreit den Finger hinten am Gewehr krumm macht, geht wie's Gewitter vorn der Schuß zum Rohr hinaus. Nun hätt' aber ein Mensch sehen sollen, was geschieht. Mit einem Schrei fährt der Weberstoffel wie ein Sodawasserstöpsel in die Luft und macht mit den Händen allerlei Zeichen in den Abendhimmel – schöne Zeichen, wie er sie machte, wenn er vor seinem Webstuhl das Schiffchen zum letzten Male vor der Abendsuppe durch den Zettel warf. Dann fällt er runter und liegt in der Furch' wie ein durchgefaulter Wegweiser.« »Und der Balduin?« warf der Doktor dazwischen. »Auch der war mit der Nas' am Boden. Nicht einmal seine Reiherfeder hat über das Kartoffelstroh hinausgeguckt. Und so kriecht nun der Kornwurm auf seinem Schmerbauch den Acker lang bis hinter die erste Erdwelle. Da stellt er seine Flint' in den nächsten besten hohlen Stamm wie daheim in seinen Uhrkasten und geht ins Dorf hinein mit einem frommen Gesicht, als ob er bei einer Judenbeschneidung Pate gestanden hätte. Nur den Schandarm hat er nit angucken können, wie der in der Dämmerung an ihm vorüber ist. Zu Haus' ist er eine Weil' von einem Bein aufs andere gefallen wie ein Entenerpel, hat die Nähmaschine in den Stall getragen und den Melkeimer in die gute Stube, hat Salz geleckt und Pfeffer geschnupft, weil ihm halt sein Gewissen keine Ruh' gelassen hat. Als es aber ganz dunkel war, ist er übern Gartenzaun gestiegen und lief den Katzenlauf entlang, um den Knochenfranzel aufzusuchen. Gefunden hat er ihn auch, aber nicht mehr ganz nüchtern. Er gab ihm Geld und schickte ihn, ein wenig rumzuhorchen, nach Reiboldsgrün. Dort kam der Ehrenwerte beduselt an. Bis er aber in den Spelunken herumgeforscht hatte, ob niemand einen Schein- oder Halbtoten aufgelesen hätte, notabene, da war er ganz voll. Es war ein Wagnis, daß ihn zwei Männer nach dem Hause des Verwundeten hinführten. Er blieb mit den Hacken an der Türschwelle hängen und stürzte wie ein Stoßtrog ins Zimmer hinein. ›Jesses, die Wildsau!‹ stöhnte der Wundgeschossene in seinem Bette, ›nun könnt Ihr auch gleich nach dem Schreinervelten schicken, daß er mir die Lad' anmißt, und könnt dem Schullehrer sagen, daß er einstweilen mit den Kindern das »Sieh mein Elend« einübt‹!« »Und haben sie denn nun wirklich den Franzel in seiner Trunkenheit an den Kranken herangelassen?« fragte Innocenz. »Was wollten sie machen? Heute, wo die Leute vornehm sind, will doch keiner ohne ärztliche Hilfe sterben. Auch wußte der Halunke sich mit schönen Worten 'ranzupirschen.« ›Nicht so eilig, Stoffel!‹ stotterte er, ›in die Hölle kommst sein immer noch früh genug. Vielleicht darfst aber auch noch eine Weile dableiben bei deiner Geiß und deinen Stallhasen. Ein bissel Glück und eine Lichtputzscher' soll jeder haben, und wenn beides hast, da wirst mit Gottes Hilf schon wieder auf die Bein' komme.‹ Und nun macht sich der Franzel mit ein paar Brocken Latein und mit der Lichtputzscher' über den Stoffel her und stochert in dem Schußkanal herum, als wenn der Verwundete eine verschleimte Pfuhlpumpe wäre, die ausgeputzt werden müßte. Geschrieen hat der Kranke, daß man hätte denken sollen, es wär' ein Sauschlachten im Haus. Aber der Franzel hat ihn lateinisch getröstet und hat ihm weisgemacht, daß die Schmerzen nachließen, sobald die Dolores vorbei wären. Es war aber nichts mit dem Franzel seinem Gegackel. Am nächsten Morgen hat der Stoffel auf seinem Strohsack gelegen, hat ein bissel zwischen den Augendeckeln herausgeblinzelt und nach seiner Pfeife geschielt, die am Fensterkreuz aufgehängt war. ›Wie rührend!‹ hat die Totenfrau gesagt. ›Ich glaub', er möcht' sein' Globe mit in Himmel nehme. Wie soll er auch ohne Pfeif die Ewigkeit überleben?‹ Und so haben sie ihm den Wassersack mitsamt dem Sterbekreuz in seine steifen Finger geklemmt und haben ihn den Tag darauf begraben. Scheinshalber haben manche Leut' geweint an seinem Grab, aber schon auf dem Gang zur Kirche haben sie wieder gelacht und haben gesagt: ›Notabene, der Baldachin hat ihm eins naufbrennt, aber der Franzel hat ihm doch den Abfuhrschein ins Himmelreich geschrieben.‹ Durch das Hin- und Hergerede ist zuletzt der Schandarm aufmerksam geworden und hat den Balduin Hebenstreit eingelocht. So sitzt er nun und kriegt vom Staat ein paar Winter lang die Kohlen gestellt. Den Franzel haben's fein auch holen wollen, weil er, wie sie sagen, nicht antonseptisch operiert hätte. Der aber hat gesagt: ›An mir soll kein Advokat reich werden! Und da er gerade einen guten Herbst eingetan hatte, so ist er in seinem Sonntagsrock, eine Kanne unterm Arm, in den Keller gegangen. Heraufgekommen ist er wieder, aber nicht auf den eigenen Füßen. Andere Leute haben ihn getragen. Ich war auch dabei, und weil ich mich für meine Fahrt nach Niederwies bezahlt machen wollte, habe ich ihm den neuen Flaus ausgezogen. Er ist gut gefüttert und wäre ihm in der Hitze des Fegefeuers doch nur lästig gefallen. Ihr seht, nun ist Platz für einen tüchtigen Arzt in Birkenried. Die Praxis bestreitet Euch nun keiner mehr, und auf Eure Rechte an Käthchen Sommertag habt Ihr ja wohl definitiv Verzicht geleistet?« Pankraz schwieg und gab sich Mühe, durch sanftes Streicheln eine warme Annäherung seines weiten Rockes an seine mageren Rippen zustande zu bringen. Innocenz saß sinnend und innerlich zerrissen auf einem Haufen Schnittholz im Hofe. Also auch da, da hinten, wo ein lichter, freundlicher Schimmer seither den Himmel vergoldet hatte, war alles anders geworden. Beschmutzt und wirr lagen die Menschenlose neben- und übereinander, und es war keine Aussicht, daß irgendeine Menschenhand ordnend oder versöhnend eingreifen könne. Innocenz hatte genug von den Erzählungen des Scherenschleifers, legte ein Geldstück auf den Schleifstein und verließ den Hof. Im Fortgehen hörte er noch den Ruf hinter sich: »Doktor, wenn Ihr am Ende doch hingeht und einen Kutscher braucht, der Notabeneoja ist mit seinem Schleifstein nicht verheiratet.« Jetzt nach der großen Enttäuschung begriff Innocenz, daß uns nur das ewig Verlorene unentreißbar zu eigen gehört, und er wandte seine Schritte nach dem Kirchhof, dem Grabe der Eltern zu. Hier war noch alles; wie es vor Jahren gewesen war. Die Toten sind konservativ und ändern selber nichts mehr an ihrer Lage, auch wenn sie unbequem wäre. Im Innern ihres Hauses vollzieht sich kein Wechsel, und außen nur der, den die Folge der Jahreszeiten bringt. Es war Herbst und die Knollen der Astern hatten auf dem Grabe der Eltern frische Stengel getrieben und sie mit wallenden Federbüschen bekrönt. Das war lieb von ihnen. Wer auch sonst hätte sich um das verlassene Grab kümmern und es schmücken sollen? Innocenz saß vor dem Grabstein auf der Randeinfassung, und eine große Sehnsucht nach irgend etwas Liebem füllte seine Seele. Hinter manchem Idol, das irrlichtelierend vor ihm schwebte, war er wie ein Verrückter hergerannt, und wenn er es greifen wollte, war es unfaßbar wie die Abendröte, wie Wolken, die über uns hinziehen, in blaue ahnungsvolle Fernen entschwunden. Dem Jüngling war diese wilde Jagd nach Nebelbildern verleidet, und am liebsten wäre er, das Haupt auf die teure Erde gelegt, eingeschlafen, um nie mehr zu erwachen. Warum und für wen hätte er denn noch leben sollen, und auf welche Wimper hätte sich der Gnadenzoll einer Träne gelegt, wenn er gestorben wäre? Wer hatte Ansprüche an seine Person und konnte sagen: Hier bleib' und zahle deine Schuld an mich, eh' du dich wie ein Dieb aus dem Hause des Lebens schleichst? Und doch, wie aus einer versunkenen Welt sah er auf zerbrochenen Gesetzestafeln die mahnenden Worte: Du darfst es nicht! und aus dem Nebel frommer Kindererinnerungen hob sich die Gestalt eines Richters ab, der mit drohendem Finger sprach: In meiner Hand liegt des Rätsels Lösung, und du hast in Geduld zu harren, bis ich rufe, um dich aufzuklären. Und als Innocenz erst den Weltenkönig wieder hatte, da kamen auch all die holden Gestalten wieder, mit denen fromme Einfalt den Himmel bevölkert, und mild und tröstend nahte sich ihm die Sternenkönigin mit den frommen Zügen ihres Bildes aus der Nikolauskapelle. Innocenz hatte das Verlangen, etwas zu lieben, was feststand im verwirrenden Wechsel der Erscheinungen. Er wurde aus Selbstsucht gläubig. Was ihm noch vor Monaten so unwahrscheinlich erschien, dem wünschte er jetzt Wesenheit und Existenz. Den Gott, der nicht da war und ihm helfen wollte, schuf er sich, damit er sich in der Frage des Woher und Wohin wenigstens hinter dessen unerforschlichen Ratschluß verstecken könne. Aber warum war er, der Allsehende, auch so rätselhaft und unbegreiflich, daß er sich nur denen zeigte, deren Auge im Moder versunken war, und warum hüllten auch diese sich in Schweigen? Da unten lagen doch zwei, die das dunkle Tor des Todes hinter sich gebracht hatten und nun hineinsahen in das helle Leuchten der Schöpfungswerkstätte. Warum erbarmten sie sich ihres Kindes nicht und warfen, ach, nur einen Schimmer von Licht in das Labyrinth seiner Zweifel? Wehe, wieviel Grausamkeiten muß der übersehen können, der an das Walten einer gütigen Gottheit glaubt, und doch, wie schwer entbehrlich ist dieser Glaube! Aus weltverlorenen Grüblerträumen wurde der Arzt durch etwas Negatives in die Wirklichkeit zurückgerufen, durch eine quälende Leere seines Magens nämlich, die vermittelst einer sehr realistischen Ideenassoziation ihm neben das Bild der Himmelskönigin das der Mutter Gutbrot zauberte. So nahm er, vom Hunger getrieben, Abschied vom Grabe der Eltern und wanderte dem Stadttor zu. Seine Schritte trugen ihn an der Nikolauskapelle vorüber, und er trat ein in das weihrauchduftende Halbdunkel unter dem gotischen Kreuzgewölbe. Da stand sie, die Gottgebenedeite, unter dem zierlichen Spitzbogen und sah auf leere Bänke herunter. Ihr himmlisches Antlitz schien Anbetung zu fordern, und Innocenz flüsterte leise sein »O domina mea« , hielt aber plötzlich seine Zunge zurück, die auf einen Meineid lossteuerte. War nicht das, was er eben sagte, eine Lüge gewesen? War sie denn wirklich seine Herrin, und hatten nicht zwei andere auf dem Throne gesessen, den er einstens ihr »Aus Liebe nur, von keiner Macht gezwungen« eingeräumt hatte! Ach, wie sind wir Menschen doch dem Lügen ergeben, und nirgends treiben wir's toller als in unseren Gebeten. Innocenz schämte sich ein wenig vor dem Bilde, zumal da es ihm fast vorwurfsvoll die Züge der Frau van der Klingen zeigte, die außerdem noch ein Kind mitgebracht hatte, das mit hilfeflehenden Blicken seinen Vater suchte. Er wich den Vorwürfen seines Gewissens aus, indem er einige kunstkritische Gedanken zu seiner Seele sprechen ließ: ›Das Bild muß sich zu seinem Nachteil verändert haben! »Nachgedunkelt« heißt es in der Kunstsprache, und wie könnte dies auch ausbleiben? Jedes Ding, und wenn es selbst in einem Tabernakel wohnt, wird angeschwärzt von dem brenzligen Rauch des Reisigfeuers, auf dem die Menschheit schmort. Und wenn dem selbst nicht so wäre, unser alterndes Auge, an Flecken gewöhnt, legt sie gewohnheitsgemäß auch dorthin, wo sie nicht sind.‹ So kam's, daß der ehemalige Kongreganist im Bilde der Unbefleckten heute mehr die Mutter sah als die Jungfrau, ein Weib, das gleich ihren Schwestern der Artenerhaltung ihr schmerzenreiches Opfer gebracht hatte. Die Himmelsgekrönte rückte ihm mit einem Male menschlich näher. Er traute ihr zu, daß sie sein Fehlen verstehen könne, es wuchs sein Mut, und er betete sein »O domina mea« zu Ende, wenn auch mit einem quälenden Gefühl verschämter Reue. Übrigens hatte Innocenz das Empfinden, daß auch dieses Wiedersehen nicht in jenes poetische Dämmergefühl getaucht sei, das er sich, als ihm Personen und Dinge noch in weiten Fernen lagen, so stimmungsvoll ausgemalt hatte. Reißt einen Stern vom Himmel los, er wird als lehmiger Klumpen vor eure Füße rollen. Hebt die farbenschillernde Meduse aus der azurblauen Meerflut, und ihr habt nichts vor euch als einen Eimer voll grauen Schusterkleisters. Innocenz war ernüchtert, und zwischen ehrwürdigen Heiligen von Stein und Holz hinwandelnd, dachte er doch zur Stunde kaum noch an etwas anderes, als an Mutter Gutbrot und das kleine Schiebefenster in der Füllung ihrer Küchentür, hinter dem aus der dümmsten Gans für den verknöchertsten Forscher ein Gegenstand des Interesses gemacht wurde. Er trat in die niedere Stube mit der meerschaumbraunen Decke und freute sich über die buntfarbigen Studentenmützen. Da hingen sie noch immer in ihrer zugestaubten Pracht von den gleichen Nägeln und guckten nach den Korpshunden, mit denen sie ein Gefühl der Zusammengehörigkeit verband. Auch Gesichter waren in der Stube zu sehen, hungrige hinter Suppenschüsseln und satte hinter seemeilenbreiten Zeitungen. Innocenz suchte vergebens hinter Brillen, Zwickern und im Dickicht der Vollbärte die Züge eines Jugendgenossen. Er fand nichts, was ihn an die frohen Tage sorgloser Eseleien erinnerte. In wenig Jahren schien ein Geschlecht ausgestorben und ein anderes an seine Stelle getreten zu sein. Und so ist es ja auch in der Tat, nur daß es in dem Vers vom Kommen und Gehen keine Zäsur gibt, und daß wir den Zeitpunkt nicht kennen, wo eine Generation wie ein alter Besen in die Rumpelkammer wandert, während der andere zu kehren beginnt. Nach einigem Warten erschien Mutter Gutbrot auf der Bildfläche. Ihren Garküchenaugen war Innocenz kein Fremdling. Mit strahlender Stirn und überlautem Aufschrei begrüßte sie ihn, und da unter diesem Dache, wer als Bekannter der Patronin galt, Anspruch hatte, beachtet zu werden, so blickten bald bebrillte und unbebrillte Augen über Zeitungen und fleischbeladene Gabeln hinweg neugierig nach dem Zugereisten. Nicht lange, und er war in eine Unterhaltung hineingezogen. Man fragte, was er war und was er zu werden gedenke. Man war mit gutem Rat bei der Hand und nützlichen Winken. So war Innocenz bald nicht mehr einsam. Neue Perspektiven taten sich auf, und an mehr als einer Stelle schien für ihn ein Acker grünen zu wollen, den er nicht besät hatte. Doch war kein Plätzchen eigentlich so recht trocken für seinen Fuß, und es geschah, daß der Jüngling dem Beispiel der Taube Noahs folgte und nach dem Kasten zurückschwebte, von dem er ausgeflogen war, mit dem Ölzweig des Friedens in der Hand statt im Schnabel. Zweiundzwanzigstes Kapitel Nachdem Innocenz Lorum vom Hause der Mutter Gutbrot aus eine Zeitlang nach Großem und Glänzendem geangelt hatte, kam er zu der Überzeugung, daß, wenn die Forelle nicht beißt, auch ein Weißfisch mitunter ein guter Bissen sein könne, und er hielt zum zweiten Male seinen Einzug in Birkenried. Als ob der Flickkorb einer Weißnäherin ausgeleert worden wäre, fielen auch diesmal aus sackgrauen Wolken mächtige Schneeflocken und verschluckten völlig das bißchen Licht, das an dem frühen Novemberabend spärlich genug vom Himmel kam. An der Taubhausmühle reckte Innocenz den Kopf zum Wagenfenster hinaus, sah aber nichts als eine rote Lampenglut, die, durch weiße Tüllvorhänge gemildert, in das Dunkel der Straße stach. Warum starrte der junge Mann so nach den Fenstern hin, und was konnte er zu finden hoffen? Ach, er wäre selbst mit einem entstellten Schattenriß zufrieden gewesen, den er mit dem Bilde von Käthchen Sommertag hätte vergleichen können, das immer noch frisch und jungfräulich in seiner Seele lebte. Ihm klopfte das Herz bis zum Halse herauf, und eine warme Hoffnung hüllte ihn in ein schmeichelndes Ahnen ein, daß am Ende doch noch nicht alles zwischen dem Mädchen und ihm vorüber sein könne. Dem Mädchen? Aber sie war ja kein Mädchen. Sie war doch die Frau eines anderen, eines Mannes, der eines schönen oder häßlichen Tages wiederkommen und seine verbrieften Rechte einfordern würde. Innocenz mußte sich dies wieder und wieder sagen, um seine störrigen Gedanken, die wie scheuende Rosse über die Randsteine, die neben dem Pfade des Biedermannes hinlaufen, hinüber wollten, auf dem Fahrdamm der Rechtschaffenheit zu halten. Was konnte es zwischen ihm und Käthchen Hebenstreit – Hebenstreit? ach, daß sie diesen Namen gegen einen Sommertag einhandeln mußte! – noch anderes geben als eine glatte Höflichkeit und ein bißchen Mitleid, wie man es einem Handwerksburschen schenkt, dessen innere Not neugierig durch zerrissene Rockärmel in die Welt hineinguckt? Innocenz erreichte seine Wohnung und wanderte am nächsten Morgen bereits wieder hilfebringend durch die vertrauten Gassen und Winkel. Noch floß der Pfuhl über die Stalltürschwellen und bildete im Schnee braune Lachen, in denen die Gänse mit roten Beinen standen und sich wunderten, daß die Welt immer weißer wurde, trotzdem sie mit Schnattern dagegen protestierten. Noch hämmerte hinterm Hängeladen der Nagelschmied, und der ortsgewaltige Ratsdiener lief mit großen Steuerzetteln und einem kleinen Duft nach Wacholderschnaps die Treppen auf und ab. Leute, die nach den Kramläden gingen, grüßten den Arzt höflicher als vordem und zogen ehrerbietig, fast wie vor dem Pfarrer, die Mütze vom Kopfe. Der Ruhm des weitgereisten Mannes hatte ihn auf ein höheres Piedestal gestellt. Auch war der Knochenfranzel nicht mehr da, der, wie die Volksausgabe eines guten Buches auf schlechtes Papier gedruckt, immerhin das Respektgefühl vor dem ärztlichen Personal herabminderte. Alleinherrscher auf seinem Arbeitsfelde, ging Innocenz in seinem Berufe auf. Er wurde von Woche zu Woche wunschloser und wäre schon beinahe im harmonischen Zusammenleben mit seiner Umgebung zufrieden gewesen, wenn ihn nicht zuweilen das unbändige Verlangen überwältigt hätte, Käthchen, seine erste Liebe, wiederzusehen. Ein paarmal war es ihm gelungen, den Gedanken im Entstehen niederzuringen, ein paarmal war er bis zur Schwelle der Taubhausmühle gekommen und hatte sich auf dem Absatz herumgedreht, ein paarmal war er hineingegangen und hatte seinen Wein getrunken, ohne daß ihm Käthchen zu Gesicht kam. Ein fremdes Mädchen mit einem importierten Gesicht, das in der Gegend nicht seinesgleichen fand, nahm dem Lokal seinen familiären Charakter und bediente die Gäste. Man war nicht vernachlässigt, aber man fühlte sich nicht mehr daheim. Innocenz verweilte nicht mehr mit Behagen in der Nähe des Kachelofens und floh in die Gesellschaft seiner Bücher. So war der Winter hingegangen. Der Saft stieg in das tausendfach geästelte Netz der Bäume. Nun durfte die Axt des Holzschlägers nicht länger im Forste wüten. Ihr Werk war getan, denn große Fichtenleichen lagen geschält und zur Abfuhr bereit quer über schmale Waldwege. Da schrillte eines Nachts die Glocke des Arztes erbärmlich durch den Hausgang. Innocenz fuhr aus dem Bette und eilte ans Fenster. Unten stand im fahlen Mondschein eine Gestalt und warf einen langen Schatten über den nächsten Dunghaufen. »Was wollt Ihr?« rief der Doktor. »Seid Ihr's selber?« war die Antwort. »Wenn ich mich kenne, dann bin ich Doktor Lorum, und nun seid so gut und rückt heraus damit, wer Ihr seid, oder sagt, was los ist, daß Ihr meinen Schlaf stört?« »Was los ist? Ja, wer das sagen könnte, ohne Euch gefragt zu haben. Von außen gleicht er einem Hinterwälder Holzhändler, aber er ringelt sich wie eine Schlange und ist deshalb am Ende gar ein Salamander. Möglich, daß er einen über den Durst getrunken, möglich, daß er einen Froschtümpel verschluckt hat, denn aus ihm heraus quakt es wie aus sumpfigen Wiesen in Juninächten. Nehmt zur Sicherheit ein Purgirmittel mit, damit Ihr nicht zweimal den Weg verlauft. Zeit ist Geld, und wer zu etwas kommen will, muß an seinen Stiefelsohlen sparen.« »Und wo finde ich den Kranken?« »Da, wo man ihn hingelegt hat. Er ist Euch so rund wie ein Schweizerkäs, aber er rollt nicht fort. Im Gegenteil, man muß befürchten, daß er die Erde durchliegt und in Afrika irgendwo herauskommt.« »In welchem Hause?« fragte der Arzt verdrießlich. »In keinem Hause, in einer Mühle. In der Taubhausmühle links vom Hausgang hinter der Tür, in der die Katze ihr Schlupfloch nach dem Speicher hat. Aber Doktor, geht nicht auf einmal zu dem Manne. Mehr so nach und nach und brockenweise. Der Schmerz hat ihn nervös gemacht. Er könnt' erschrecken, wenn er Euch auf einmal sieht und Euren Schröpfkopfkasten.« »Nun macht, daß Ihr viertelpfundweise zum Teufel kommt!« sagte der Arzt. »Der heurige Wein scheint aus Euch zu reden.« Er schlug das Fenster zu und begann, sich eilig in die Kleider zu werfen. Sobald das Wort Taubhausmühle gefallen war, schwebte vor der Seele des Arztes keineswegs das gedunsene Bild eines kranken Holzhändlers, sondern das des einst so heiß geliebten Weibes. ›Ob er sie wohl heute sehen würde, ob sie sich wohl verändert habe, und was ihr Auge zu ihm sagen werde, wenn auch ihr Mund schwieg,‹ das waren die Gedanken, die mit dem Arzt aus dem Hause gingen, ihn hinein in den Mondschein der Straße begleiteten, laut mit ihm redeten, lauter als das Murmeln des Windes in den Hohlziegeln der Scheunendächer, lauter als das Plätschern des gesprächigen Dorfbrunnens. Die Taubhausmühle lag im dunklen Schatten ihres breiten Daches. Nur ein Fenster links vom Eingang glühte im roten Lichte. Innocenz tastete die Klinke und trat ins Zimmer. Da stand schlank und hehr, wie Diana selber, Käthchen Sommertag neben dem Tische und hatte die Hand in ein Waschbecken getaucht. Der Arzt war wie betäubt. Er fand den Holzhändler nicht, so dick der auch war. Sein Auge war ertrunken in der Schönheit dieses Weibes. Seine Beine standen wie im Moorboden einer Wiese; er konnte keinen Schritt vorwärts machen. Die Situation war so, daß sie einen Stich ins Komische annahm. Da ging Käthchen mit königlicher Haltung auf ihn zu und reichte ihm stumm die Hand. Sie zog den Willenlosen vorwärts nach einem Sofa, auf dem der Kranke lag, umringt von einem Häuflein Gaffer, das Mitleid heuchelte, während die Neugier vorwitzig aus allen Gesichtern lachte. Man war ganz Erwartung. Man erhoffte auf Kosten des Holzhändlers ein Schauspiel oder eine seither noch nie dagewesene Operation. Jeder einzelne fühlte, daß sein Ansehen ins Ungemessene wachsen müsse, wenn er von sich behaupten könne, daß er der tapfere Augenzeuge eines unerhört kühnen Wagnisses gewesen sei. Ein Stückchen Unsterblichkeit schien für jeden an dem kostbaren Moment zu hängen. Man war deshalb höchlichst enttäuscht und indigniert, als der Arzt verlangte, daß das verehrliche Publikum sich entfernen möchte, damit der Holzhändler in Ruhe seinen Rausch ausschlafen könne. Die guten Leutchen kamen sich vor, als ob sie von zwei Falschspielern zu gleicher Zeit betrogen wären, von dem Kranken und von seinem Arzt. Zögernd und schwerfällig kam man der Aufforderung, den Platz zu räumen, nach, denn mancher trug nicht nur seine Person zur Tür hinaus, sondern noch einen Haufen höchst wichtiger Ratschläge und Verordnungen, die vordem einem Kesselflicker die Gesundheit gebracht hatten und bei einem Holzhändler sicher nicht versagen konnten. Daß der Arzt die müßigen Gaffer entfernte, lag im Interesse seines Kranken, aber auch in seinem eigenen. Das Feuer knisterte im Ofen. Die Schwarzwälderin tickte im Uhrkasten, und die Lampe am Durchzug drehte sich gemächlich um sich selber. Sonst war alles Leben im Gemach erstorben, denn der Holzhändler war so gut wie tot. Einsamkeit ringsum, und ein Liebespaar, das nach Jahren schmerzlicher Trennung sich nun wiederfand, war ohne Aufsicht und Kontrolle. Innocenz hatte zaghaft die Hand der Geliebten ergriffen und sah ihr lange ins feucht schimmernde Auge. Sie ließ es geschehen und lehnte sich zart und leise an den Körper des Arztes, als ob sie sich ausruhen wolle von einem langen, mühseligen Irregehen durch das Dornengestrüpp des Lebens. Dann aber sank ihr Kopf mit dem weichen Flatterhaar tiefer und tiefer, bis er an seiner Brust ruhte. Nun kam ein verhaltenes Stöhnen, ein schmerzliches Zittern, ein krampfhaftes Zufassen, ein leises Niedergleiten, bis mit einem Male ein konvulsives Weinen die ganze Gestalt wieder hochschnellte und sie schüttelte, daß sie bebte und sich beugte wie eine Pappel im Novembersturm. Innocenz, erschreckt und überrascht zugleich, fühlte instinktiv, daß es Situationen gibt, in denen Worte gar nichts sagen können. Er handelte, und er tat, was bei tausend Frauen das allein Richtige gewesen wäre. Er schob die Hand unter das sammetweiche Kinn des geliebten Weibes, bog das Haupt in den Nacken und suchte mit seinen Lippen die ihrigen. Doch vergebens. Käthchen Hebenstreit war anders geartet wie die Mehrzahl ihrer Schwestern. In ihr hielt stolze Frauenwürde die heiße Leidenschaft wie ein wildes Tier an eiserner Kette gefesselt. Sie wand sich los aus der Umklammerung des Arztes, trat einige Schritte zurück und streckte abwehrend die hoheitsvollen Arme vor sich aus. »Ich bitte dich,« rief sie mit flehend weicher Stimme, »mache mich nicht unglücklicher als ich bin. All' die Jahre her hab' ich im Arme meines Mannes nur dich geherzt und dich gestreichelt, und wenn ich einem Kinde das Leben geschenkt hätte, mit deinen Zügen im Gesicht hätte es mein heiliges Geheimnis in den Markt hineingeschrien und der Menge verkündet, mit wem ich gelebt habe. Was halfs, daß ich in entnervendem Kampfe mit mir selber rang und zu vergessen suchte? Ohne mich selbst zu zerstückeln, konnte ich dein Bild mir nicht aus dem Herzen reißen. So schwankte mein Sein zwischen Ersehnen und Bereuen hin und her. Vor der Menge eine Rechtschaffene, vor mir selber eine Sünderin. Oft meinte ich, mein flammend heißes Sehnen müsse irgendwo in der Welt dich finden und dich zu mir ziehen, und als du kamst, da fing ich an dich zu fürchten. Mir war's, als ob du mir das Letzte nehmen könntest, was ich noch besitze, die Achtung vor mir selbst. Nun weißt du, weshalb ich dir aus dem Wege ging. Und nun, du Lieber, werde stark wie ich es sein muß, und fordere nichts von dem, was ich an einen anderen verkauft habe. Sei mir ein wackerer Freund, und ich werde dir verzeihen, daß du einen Augenblick auf eine Stimme hörtest, die mich schlecht nannte, und mit dem letzten Hauch meines Mundes will ich dich segnen und im Himmel warten, bis du kommst und mich die deine nennst. Der Gott, der die Flamme in mein Herz gelegt und mich unglücklich gemacht hat, er kann seine Kreatur nicht so verlassen, daß er ihr jedes Hoffen nimmt.« Weiter kam Käthchen nicht. Von innerer Bewegung überwältigt, schlug sie die Hände vors Gesicht und verließ schluchzend das Gemach. Nicht einmal der Laut ihrer Tritte lief hinter ihr her. Geräuschlos war sie wie ein Engel in ihre Kammer hinaufgestiegen. Innocenz stand in namenloser Verwirrung da. In seinem Kopfe wälzten sich Erinnerungen und Vorwürfe schäumend wie Wasser in einer Turbine, und sie schufen doch nichts weiter als ein tosendes Brausen, das Schrecken erregte und wilde Klagen der Reue. Mitten in diesen Wirrwarr mischte sich plötzlich ein Laut, der nicht von innen kam, sondern von außen. Es war das Schnarchen des Holzhändlers. Der Arzt hatte ihn schier vergessen. Nun drehte er sich hastig nach ihm um und sah außer dem Schlafenden noch etwas, was ihn peinlich berührte. Vor dem Fenster bewegte sich draußen der Laden. Aber es war nicht so, als ob der Wind mit ihm sein Spiel triebe, sondern so, als ob ihn jemand hastig niederdrücke, um zu verbergen, was hinter ihm vorging. ›So also kommen sie auf ihre Kosten,‹ dachte Innocenz, ›das sind sie, die Hinausgewiesenen. Sie haben an den Wänden gelauert, und nun wird mit dem ersten Morgenlüftchen ein Flüstern durch das Dorf schleichen, ein giftiges Schlangenzüngeln, das an ihrer und meiner Ehre leckt und beide unter schleimigem Geifer begräbt.‹ Eine gewaltige Wut gegen etwas, was er leider nicht fassen und nicht erwürgen konnte, packte ihn. Seine Fäuste griffen in die Luft, und er stürzte vor die Tür. Nur der Mondschein lag in den Straßen. Die Welt war so menschenleer wie nach der Sintflut. Und doch wußte Innocenz, daß in diesem Augenblicke aus Astlöchern und Türspalten mehr als ein Dutzend hämischer Schurkenaugen nach ihm schielten, wußte, daß Späherblicke um Hausecken herum ihn verfolgen würden, bis die Tür seiner Wohnung sich hinter ihm geschlossen hatte. Verärgert ließ er die Mühle und den trunkenen Holzhändler hinter sich und hastete über die Straße, um sich in Sicherheit zu bringen. In seinen vier Wänden wurde er ruhiger. ›Mein Gott, was war denn geschehen? Mehr nicht als was auf dem Markte, selbst unter der Kanzel während der Sonntagspredigt hätte geschehen können. Und doch, und doch! Wie werden die feinschnüffelnden Hunde das Wild riechen und Lärm schlagen, wenn sie es an den Weichen gepackt und in den Kot gerissen haben.‹ Ein ohnmächtiges Rasen gegen das Menschengeschlecht erfaßte den Arzt, und er verfluchte den Augenblick, in dem der übel beratene Noah den Rest der Bande aus dem Kasten führte. Als die Wut einem ruhigeren Nachdenken allmählich wich, erkannte Innocenz voller Scham, daß er selber nicht besser sei als seine verehrlichen Mitmenschen. Hatte er denn damals, als er im Unterholz des Waldes stand, mehr gesehen als die spitzbübischen Lauscher am Fensterladen, und hatte er nicht an dem Fädchen seiner Beobachtung gesponnen und gesponnen, bis daraus ein dicker Strick wurde, mit dem man Käthchen Sommertag an den ersten besten Laternenpfahl hängen konnte? Von diesem Gedanken verfolgt, wurde er vor sich selber klein, so klein und zerknirscht, wie er es einst war, als er frierend und zähneknirschend vor dem furchtbaren Beichtstuhl des Pater Bonifaz in der Nikolauskapelle gekniet hatte. In den folgenden Tagen ging Innocenz mit reinem Gewissen aufrecht durch die Straßen. Aber, wenn er einem von denen begegnete, die um den Holzhändler und seinen Rausch herumgestanden hatten, so nahm er dessen Gesicht aufmerksam aufs Korn. Doch die verschmitzten Bauernphysiognomien verrieten weder durch das Zucken eines Mundwinkels noch durch den flüchtigen Schein eines Lächelns, daß sie irgendwie über einen christlichen Mitbruder irgend etwas Arges dachten oder nur ahnten. Aber der Arzt traute den schafsledernen Visagen nur halber. Sein Auge hatte flüchtige Blicke aufgefangen, die pfeilschnell wie mausende Hamster von seinem Gesicht nach dem der Frau Hebenstreit schossen, wenn er in die Stube der Taubhausmühle trat, und seinem mißtrauischen Ohre war das Schleichen leiser Pirmasenzer Filzpantoffel um die geschlossenen Läden des Hauses nicht entgangen. Käthchen vermied mit Ängstlichkeit alles, was sie ins Gerede bringen konnte. Sie sprach mit dem Arzt nicht mehr als nötig war, um über dessen Wünsche und Aufträge ins klare zu kommen. Die Flammenzunge der Verleumdung sank nieder, und die Glut, die nicht mehr geblasen wurde, schien zu verloschen. Da geschah etwas ganz Unbedeutendes, ein Nichts, und brachte doch das ganze Dorf in Aufregung. Frau Hebenstreit hatte an einem Sonntag schwankenden Schrittes die Kirche verlassen. Schellenzeichen hatten eben die fromme Gemeinde darauf vorbereitet, daß die Wandlung gekommen sei, und daß der Herr in Brotsgestalt sich seinem Volke zeigen werde. Das Schweigen der Anbetung harrte dem heiligen Augenblicke entgegen. Da gerade wurde Frau Hebenstreit bleich und bat ihre Nachbarin, ihr Platz zu machen, daß sie den Stuhl verlassen könne. Sie schwankte durch den Gang der Kirchentür zu. Alle Leute auf der Orgelbühne sahen sie – das war selbstverständlich – aber nicht bloß die, sondern es sahen sie auch – und das war wunderbar – die Schulbuben im Chor, mitsamt den Meßdienern und den unschuldigen kleinen Mädchen auf der linken Seite vom Hochaltar. Und diese ganz Harmlosen stießen sich mit den Ellbogen, lächelten bedeutungsvoll und begruben dann die schielenden Augen in die heiligen Psalmen der Gesangbücher. Der einzige, der nicht gleich wußte, was vorging, war der Priester am Altar, der in dem feierlichen Momente der Wandlung, mit breitem Meßgewand angetan, seiner Gemeinde den Rücken zudrehte. Ihm aber erzählte in der Sakristei der Mesner, während er ihn entkleiden half, was sich ereignet hatte. Der würdige Herr machte ein erschrockenes Gesicht und seufzte nach dem Gekreuzigten hinauf, der am Paramentenschrank hing: »Herr, alle deine Wasser gehen über mich!« Und er schüttelte den Schnee seiner Locken, daß er empört auf der goldgestickten Stola tanzte. Er war aber der einzige, dessen Herz sich mit Trauer füllte bei dem schweren Gedanken, daß des Fleisches Schwachheit einem seiner Pfarrkinder zum Fallstrick der Tugend geworden sein könne. Die andern freuten sich auf einen Skandal wie auf die Fastnacht und suchten eifrig nach Zeichen, die den Verdacht bestärkten. Man putzte die Brillengläser und richtete sie auf Käthchen Hebenstreit. Man suchte der Vertraute ihrer Waschfrau zu werden, man erfragte beim Krämer, ob in Kinderwäsche keine Einkäufe gemacht worden seien. Von jetzt ab mehrten sich dem Arzt die Zeichen, daß das Ansehen seiner Person abermals im Schwinden sei. Leute, die vordem bei seinem Erscheinen die Mütze bis zu den Knöcheln gezogen hatten, lüpften sie jetzt nicht höher, als ein Kuhhorn über den Schädel guckt. Andere stierten interessiert in die Streichholz- und Zichorienauslage eines Krämers hinein, wenn er auf sie zukam, und blickten ihm nach, wenn er von ihnen wegging. Am Geburtstag des Landesfürsten, wo Gevatter Holzschuhmacher und Blaufärber ihren Patriotismus an der Festtafel abstempeln ließen, umging man im Bogen den Arzt, wenn man sich die Ehre gab, mit dem Stationskommandanten auf das Wohl des Landesvaters anzustoßen. Innocenz bemerkte alle diese Zeichen, die öfters etwas Provozierendes an sich hatten, und nahm sich vor, den Fehdehandschuh aufzuheben und der Verleumdung bei der ersten besten Gelegenheit kraftvoll ins Gesicht zu schlagen. Den Ziegenhainer fester in die Faust gedrückt, trat er auf die Türschwellen, daß die Häuser wackelten. Seine Stimme wurde herrisch und seine Worte mitunter rücksichtslos und verletzend. Es war, als ob er den Streit vom Zaune brechen, aus irgendeinem Munde das schändliche Wort »Ehebrecher« herausreißen wolle, damit es Wesenheit annehme und seine Faustschläge fühlen könne, anstatt daß es ungreifbar herumkroch, geduckt und lauernd wie ein Gespenst, das durch die Sturmnacht schleicht und Brunnen vergiftet. Aber keiner von den Maulwürfen zeigte die Schnauze am Tageslicht, und die dunkle Minierarbeit ging weiter. Der Winter trifft den Dachs im Bau, den Bauer unter seinem Strohdach. In Klumpen sammeln sich die Nachbarn auf der Bank, die um die »Kunst« gezimmert ist, kriechen schier ineinander hinein und bähen sich den Buckel an den warmen Kacheln. Hier in den verräucherten Stuben beim Schnurren des Spinnrades und beim Klappern der Stricknadeln kramt die Liese aus, was sie über die Suse gehört, und die Saat der üblen Nachrede schießt frech in die Halme. Bei einer gewagten Anspielung begegnet Hansphilipp einem ermunternden Lächeln, wird kühn und findet ein unzweideutiges Wort. Der Petervelten, neidisch auf den Ruhm seines Vorredners, übertrumpft diesen mit einer Unflätigkeit und hat die Lacher auf seiner Seite. Beim Lebkuchenfranzel waren die Spinnräder mit den bunten Rockenbändern zusammengetragen. Die Bauerndirnen hatten die Röcke Schlitz auf Schlitz angezogen und waren gekommen, um sich auszuleben. Der Frühling war nahe, und man mußte doch Sünden haben, daß sich die Osterbeichte lohnte. Man setzte sich in bunter Reihe auf die Bank, die der Wand entlang lief. Der Ziehharmonikaspieler saß auf einem Schemel mitten in der Stube, sein Instrument auf den Knieen. Er ließ sich hören, und der Chor sang nach schleppenden Melodien schwermütige Heimatlicher: »Zu Straßburg auf der Schanz« und »Es geht bei gedämpfter Trommel Klang«. So pflegt die Orgie zu beginnen. Sobald die Stimmung bei fortschreitendem Abend und kreisendem Maßkruge sich gehoben hatte, kamen Schelmenlieder an die Reihe und schnurrige Erzählungen aus dem Leben der Hinterhäuser. Von Zeit zu Zeit machte sich einer der Burschen an der Hängelampe zu schaffen. Sie brannte trüber für Augenblicke, und nun verriet der grelle Ausschrei von Mädchenstimmen, daß die Burschen zuzugreifen verstanden. Die elegische Stimmung war überwunden. Man rückte einander zu Leibe und redete eine dicke, hanebüchene Prosa, in der die Worte nicht mehr gewogen wurden. »Die Krämerbärbel gibt's geschwollen,« sagte die Margarete schadenfroh. »Na, und erst das Taubhauskäthchen! Wer hätte das gedacht?« ergänzte Line. »Borsdorfer Äpfel kriegen Warzen, wenn die Sonne drauf scheint. Ist die etwa von Biskuitteig?« ließ sich einer der Burschen hören. »Die Taubhauskäthe?« wunderwerkte eine Schwarzhaarige. »Ich kann's nicht glauben, daß die über die Grenze baut. Eher könnt Ihr mir aufschwatzen, daß der Sägebock kälbert. Wenn ich's seh', so glaub' ich's nicht.« Ihr antwortete eine Blondhaarige: »Das braucht kein Mensch mehr zu glauben. Man braucht nur Augen, um zu sehen, wie ihr der Rock nach hinten wächst.« »'s wird 'ne Komödie geben,« fiel einer der Burschen ein, »wenn der Baldachin kommt. Der läßt sich nicht übers Vorend zackern.« »Ein bissel lebhafter wird er schon reden, als Mosche Stutzig geredet hat. Er gehört nicht zu denen, die den Liebhaber auf den Knieen der Frau finden und noch fragen können: ›Sahrchen, wo ist denn mein Platz?‹« Aber diese geschickte Aufwärmung einer alten Dorfgeschichte lachten alle, die in der Stube waren, unbändig. Nur der Ahndel am Ofen steckte den Wassersack seiner Pfeife in die Westentasche, warf die dürren Arme vor sich in die Luft, schüttelte den eisgrauen Kopf und sagte im warnenden Prophetentone: »Wenn's ist, wie ihr sagt, dann ist's nichts zum Lachen, ihr jungen Leut'. Dann ist's gut für jeden, der damit nichts zu tun hat. Der Baldachin ist an dem Tage auf die Welt gekommen, als man den Schinderhannes köpfte, und an einem Quartembertag ist er getauft. Einen hat er schon erschossen; ich glaub', er liefert noch einen auf den Kirchhof.« »Gemach, gemach. Ahndel!« fuhr die Bärbel Wohlgemut dazwischen. »Wer wird denn gleich vom Umbringen reden? Ein richtiges Pfarrgut ernährt den Domine und den Kaplan, und ein rechtschaffenes Kamel trägt zwei Höcker, ohne daß es zusammenbricht. Warum soll der Baldachin nicht übersehen können, daß ein fremder Ochs auf seiner Wiese grast? Die Hauptsach' ist, daß was Gescheites dabei herauskommt. War der Vater ein Doktor, so kann der Sohn ein Professor werden. Die Gescheitheit erbt sich fort wie ein altes Kanapee, und auf beiden sitzt sich's nicht schlecht.« Der Ahndel, der zu alt war, um an der Bärbel ihrem losen Gerede noch Gefallen zu finden, klopfte seinen Pfeifenkopf aus auf den Ofenstein und ging mit schlürfenden Schritten in seine Kammer. Bald brachen auch die jungen Leute auf und gingen paarweise ins Dunkel hinein unter leisem Flüstern und gelegentlichem Stehenbleiben an Scheunenecken und anderen Stellen, wo sie über sich kein Fenster zu fürchten brauchten. Die Gesellschaft hatte sich aufgelöst. Ein jeder trieb auf eigne Rechnung sein Geschäft. Was in der Spinnstube gekocht worden war, wurde dem Arzt am nächsten Tage tellerwarm serviert. Jedes Dorf hat seine Zuträger mit Filzpantoffeln und sanften, frommen Gesichtern voller Mitleid, die an Kranken- und Totenbetten herzbeweglich weinen, bei Kindstaufen und Schlachtfesten maßlos essen, und in der Herdecke oder unter der Hintertür den lieben Nächsten gottsträflich herunterreißen können. Eine solche würdige Persönlichkeit war von der Gartenseite aus in der Morgenfrühe in das Haus des Arztes getreten. Der Biedermann hatte ein Taschentuch um das Kinn gebunden und machte ein Gesicht, als ob er der Generalpächter von sämtlichen Zahnschmerzen der Erde wäre. Und doch war der verbundene Kopf nur die Schutzmarke, unter der das Geschäft der Zuträgerei betrieben wurde. So wußte denn Innocenz, ehe noch sein erregtes Herz ein Dutzend Schläge getan hatte, alles, was in der Spinnstube verhandelt worden war. Er wußte, was die Leute über Käthchen Hebenstreit dachten und erfuhr, daß man seine Person in einen Zusammenhang brachte mit dem Zustande der Taubhauswirtin. Da flammte es in ihm auf. Seine Seele reckte und schüttelte sich. Sie wollte den Verdacht abwerfen, der auf ihm selber ruhte und auf dem Weibe seiner Verehrung. »Du mußt der Sache auf den Grund kommen,« sagte er zu sich selber, als die Tür hinter dem Ohrenbläser ins Schloß gefallen war. »Klar mußt du sehen, Innocenz Lorum, und dann trägst du, was zu tragen ist.« Und er nahm sich vor, in der allernächsten Zeit nach der Taubhausmühle zu gehen, um sich mit den eigenen Sinnen Gewißheit zu verschaffen, ob Käthchen eine Gefallene war oder nicht. Er wählte zur Ausführung seines Vorhabens einen Samstagsabend. Das Glöckchen rief mit dünner Stimme zum Ave. Die Straßenkehrer vertauschten den Besen mit dem Rosenkranz und liefen spornstreichs dem hell erleuchteten Kirchlein auf der Höhe zu. Unter dem Portal machten sie halt und klopften oberflächlich den dicksten Dreck mit der Hand von den Röcken. Die Kleiderfrage war Nebensache, denn schon ist es schummerig, und der Herr sieht ins Herz. Innocenz sah den Kirchgängern verärgert nach und dachte im stillen: ›Da laufen sie hin, dem Herrn ein fromm Gesicht zu zeigen, während ihr Herz wie ein Storchennest von Kröten wimmelt und Blindschleichen. Man sollte sie statt mit Weihrauch mit Schwefel räuchern, damit ihre Wespenzungen das Stechen verlernten. Erst laß das Lästern über deinen Nächsten, dann mag dein Lied den Herrn preisen.‹ In diesem Augenblick fing ein Harmonium leise zu präludieren an. Der Arzt beschleunigte seine Schritte, um fortzukommen, und trat mit nervöser Hast in die Wirtsstube der Taubhausmühle. Sie war leer und von einer schwelenden Lampe nur spärlich erhellt. ›Bald wird jemand kommen und den Docht höher drehen,‹ dachte er und setzte sich in das Halbdunkel einer Ecke. Richtig, da kam Käthchen Hebenstreit, setzte einen Schemel unter die Lampe, stieg hinauf, reckte den schlanken Körper und suchte tastend die kleine Messingschraube. Das Licht wurde heller, und nun fiel mit einem Male ein matter Strahlenmantel über das Weib herunter, schmiegte sich in jede Biegung ihres Körpers und umriß ihre Gestalt mit gelbem Griffel. Da stand sie wie ein Modell auf einem Postament, und was Innocenz nie zu finden hoffte, wovor er sich fürchtete, das sah sein für anatomische Formen geübtes Auge ach nur zu deutlich. Da war es ihm, als ob er das Zusammenstürzen eines Gottestempels mit erlebte. In seinen Ohren war ein Zischen und Brausen, als ob Weltmeere sich in den kochenden Rachen von Kraterschlünden ergössen, und um seine Augen wob ein grauer Dunst, dessen Schwefelgeruch seine Nerven beleidigte und seine Schleimhäute ätzte. »Also doch!« stöhnte er, und ohne dem Weibe noch ein Wort zu gönnen, stürmte er vors Dorf hinaus in die Nacht des Waldes, um dort in der großen Stille sich auszuweinen. Noch eine andere Seele weinte an diesem Abend unter dem Druck einer wahren Bergeslast. Das war die von Käthchen Hebenstreit. Sie hatte das brüske Aufbrechen des Arztes wohl bemerkt und zu deuten vermocht. Wie ein Speer war ihr die Gewißheit ins Herz gedrungen, daß auch er dem Urteil des Haufens folge und sie für eine Verworfene halte. Was wollte, was konnte, was mußte sie tun, um den schwarzen Nebel zu zerstreuen, der sie wie ein Gespenst umwickelte und zum Popanz für Kinder machte? Jedes Auge, das sich auf sie richtete, suchte wie das Messer des Anatomen ihren Körper zu durchforschen. O, sie hatte sie satt, diese schadenfrohen Raubtierblicke. Ihre Seele, in einem rätselhaften Dunkel wandelnd, dürstete nach Finsternis. Sie floh in ihre Kammer. Dort warf sie sich nieder vor dem gekreuzigten Nazarener, und ihre Hände rangen hilfesuchend zu seinem Bilde empor. Was half's? Er regte sich nicht. Wehe der verfolgten Unschuld, wenn sie keinen anderen Verteidiger hat als ihn und ihr gutes Gewissen. Da hing er machtlos mit den festgenagelten Händen. Ja, wenn sie frei wären und die Geißel schwingen könnten wie dazumal im Tempel, dann würde wohl mancher verstummen, der jetzt so überlaut schrie. Aber so, – aber so! – Konnte er sich selber nicht helfen, wie will er anderen ein Retter sein? Käthchen fiel zurück in ihrer Not und wandte die Blicke dem Boden zu. Sei du wenigstens barmherzig, Mutter Erde, und nimm dein Kind in deinen Schoß auf. Gebiete dem Herzen, daß es eine Minute stille stehe, und in wenig Stunden ist dein Kind begraben, und all die Schmach, die es mit sich schleppt, lästert seinen Namen nicht weiter. Und doch, und doch! – In dem unglücklichen Weibe erwachte das Verlangen zu leben, ja zu kämpfen und zu triumphieren, wie der triumphierte, der über ihrem Haupte da oben am Kreuze hing. Sie hob das Auge und warf es in sein mildes Dulderantlitz. Und seltsam, von den sanften Lippen des Erlösers löste es sich los und klang heilend in ihr Ohr: Harre aus, meine Tochter! Noch ist meine Stunde nicht gekommen. Wenn sie aber da ist, dann will ich dich strahlend machen wie die Morgenröte, und schöner noch sollst du sein als die Braut im Hohen Lied. Dreiundzwanzigstes Kapitel »Notabene, drei Zoll Neuschnee und zerrissene Sohlen, das sind Dinge, die das indolenteste Hühnerauge zum Aufschreien bringen können. Glücklich, o ja, glücklich der Mann, der in ganzen Stiefeln steht, wenn das Schneewasser wie die Frösche unter dem Absatz quakt.« So hatte Pankraz Überdies anfangs November zu seiner frierenden Seele gesprochen, hatte im Eisenschuppen eines Trödeljuden seinen Schleifstein unter den Dachfirst gehängt und war nach Birkenried zurückgekehrt. Hier fand er bei Doktor Lorum eine hohe, genügend fundierte Anstellung auf dem Kutscherbock. Anderthalb Meter über dem Straßenkot, in einem Mantel aus Schafspelz und in Rohrstiefeln bis zum Knie herauf kam er sich vor wie der Präsident der Insel Haiti, und, hast du nicht gesehen, schossen seine Pferde zum Tor hinaus. Heisa, juchhe! Die Hunde waren empört über das polizeiwidrige Fahrtempo, sausten aus den Höfen und suchten die Pferde an der Trense zu fassen. Pankraz verstand sich darauf, ihnen mit der Peitsche eins aufs Fell zu brennen. Da machten sie vertrackte Sprünge in die Luft, fielen nieder und füllten die Löcher aus, an denen im Straßenpflaster kein Mangel war. Wenn des Doktors Pferde, die diesmal nicht von Löb Moschele aus Fränkisch-Krummbach bezogen waren, über die Straße rasten, dann spuckte das Pflaster Funken und die Fensterscheiben bedeckten sich mit einem klumpigen Kotbewurf. Wer nicht gerade Hund war und einen Spritzer von der Größe einer Pelzkappe vertragen konnte, sah der wilden Jagd mit Behagen zu. Andere flüchteten und meinten, der Pankraz wäre reif fürs Zuchthaus und sein Herr für eine Irrenanstalt. Bezüglich des letzteren hatte man vielleicht nicht weit neben das Schwarze geschossen. Innocenz war in der Tat von den Schatten einer schweren Melancholie umdüstert. Seine Züge waren unfreundlich und hart geworden, und man konnte es den Säuglingen nicht verdenken, wenn sie seiner Erscheinung den Rücken kehrten und über die Achsel der Mutter brüllten wie die Kühe über die Koppel. Diese Störrigkeit, für die er sich keinen plausiblen Grund denken konnte, reizte ihn, und er haßte diese mißtrauischen Bestien, die seinem Bestreben, ihnen auf die krummen Beine zu helfen, einen so unvernünftigen Widerstand entgegensetzten. Er wurde kurz angebunden, sparte nicht an harten Worten und griff den widerspenstigen Kleinen derb in die Schenkel. Nur zuweilen, wenn das Bild eines weißgekleideten Knäbleins, das zwischen Chrysanthem und Hyazinth im Schatten der Sykomoren hilflos hinwatschelte, vor seine Seele trat, konnte er weich und nachsichtig werden wie eine Kindergärtnerin. Aber dann kam wieder die Vorstellung eines anderen, das noch ungeboren, doch schon wie ein häßlicher Engerling an den Wurzeln einer Rose nagte; und er war wieder zugeknöpft, herrisch und fast verdrossen in der Ecke seines Wagens, während Pankraz fidel wie eine Haselmaus auf dem Bock saß. Bei all diesem lähmenden Pessimismus vernachlässigte Innocenz doch keinen seiner Kranken. Sein Mahl blieb ungenossen, sein Schlaf ungekostet, sobald die Klingel rief. Er war unermüdlich bei Tag und Nacht, aber er arbeitete schwer, weil ihm die Freude fehlte, die bei jedem guten Werke Pate stehen soll. Seine Arbeit war ein ermüdendes Tagelöhnern, dem die Begeisterung keinen Schwung gab. Schon manchmal war ihm der Gedanke gekommen, sein Bündel zu packen und zum zweitenmal in die Welt hinauszuwandern. Aber wenn er dann wieder des Nachts an den matt erleuchteten Kammerfenstern von Käthchen Hebenstreit vorüberging und sich vorstellte, daß da ein Weib den Mut hatte, sich zu ducken und die Verleumdung wie einen Eisenbahnzug über sich hintoben zu lassen, dann wich sein Ingrimm, und ein namenloses Mitleid nahm Besitz von seiner beweglichen Seele. Ja, mehr noch. Eine Art Bewunderung regte sich vor einer Heldengestalt, die stark genug war, die Folgen ihres Handelns zu tragen. Verstohlen, fast zaghaft, aber doch erwünscht kam zuweilen auch der Gedanke, daß hier das Schicksal aus Mißverständnissen einen Knoten geschürzt habe, bei dessen Lösung seine Persönlichkeit eine Rolle spielen könne. »In der Nähe der Entscheidung bleiben,« hieß von da ab für Innocenz die Parole. Der Buchbinder im Dorfe hatte in diesem Jahre mehr Kalender verkauft als je. Man hatte sie ausnahmsweise von vorn nach hinten gelesen. Man hatte gerechnet und verglichen und schließlich im Eifer der Diskussion die Blätter zerrissen. Man hatte die Hebamme, wann und wo man sie auch traf, zum Stehen gebracht, ihre Gebärden geprüft und ihre Worte wie Sibyllensprüche gedeutet. Denn wie das Alte Testament auf den Messias, so wartete dieser neue Bund der Gerechten auf das, was Frau Hebenstreit der Welt zu schenken hatte. Die aber machte keine Anstalten. Da wurden die Leute endlich müde, sprachen nichts mehr, und Biedermänner, die vor Monaten noch wie eine Windmühle geklappert hatten, behaupteten mit dem ehrlichsten Gesicht von der Welt, niemals einen Ton von sich gegeben zu haben. Mitten in den dörflichen Präliminarfrieden hinein schlug plötzlich eine zischende Bombe. Ein Brief von Balduin Hebenstreit war angekommen und enthielt die Mitteilung, daß er begnadigt sei und demnächst zurückkehren werde. Die Epistel war nicht an seine Frau gerichtet, sondern an den Vorstand des Kaninchenzuchtvereins, Anton Hasenbalg, und enthielt auf dem Kuvert das Prädikat »Hochwohlgeboren«. Auch ohne dieses Wort hätte der hochmögende Bürger die Ehre zu würdigen gewußt, die ihm durch ein Handschreiben des größten Grundbesitzers der Gemeinde zuteil geworden war. Mit diesem Worte aber kam er sich vor wie in den Adelsstand erhoben. Er lief erhobenen Hauptes unter dem Durchzug seiner Stube hin und her, wunderte sich über den Umstand, daß er den Kopf nicht anschlug, und warf aus seiner erhabenen Höhe herab mitleidsvolle Blicke nach seinem Weibe, die in Niedrigkeit vor dem Ofenloche saß und Rüben schälte für ihn und das liebe Rindvieh. Nach längerer, gedankenreicher Höhenwanderung mußte dem Anton Hasenbalg plötzlich ein Gedanke gekommen sein, denn er blieb stehen und schrie seinem Weibe in die halbtauben Ohren: »Einen Federhalter, ein Königreich für einen Federhalter!« Die Alte sah ihn mißtrauisch wie einen Vogelsgroschen von der Seite an und sagte trocken: »Was meinst denn mit dem Federhalter?« »Schreiben muß ich, schreiben! Dinge, große Dinge, für die deinesgleichen kein Verständnis hat!« brüllte er und hob sich wie ein Gänserich mit Flügelschlagen auf die Zehenspitzen. Die Dame des Hauses aber ließ sich von dem Getue nicht imponieren und entgegnete trocken: »Wenn einer von deiner Sorte über ein Gestellche ›Federhalter‹ sagen kann, dann muß es ihm nimmer recht im Kopf sein,« und langte zum Zeichen dafür, daß die mündlichen Auseinandersetzungen für sie geschlossen seien, nach der Ofengabel. Anton Hasenbalg war kein tapferer Mann und zudem ohne Waffe, aber wenn er selbst in einer Ritterrüstung gesteckt hätte, angetan mit Helmzimier und Lanze, er hätte den Kampf mit der Ofengabel nicht aufgenommen. Langsam ließ er sich von den Zehenspitzen auf die Absätze nieder und ging bescheiden selber, um sich die Fragmente eines verstaubten Schreibzeugs mühsam zusammenzusuchen. Er schwitzte und schrieb, und innerhalb weniger Stunden wußten die hochmögenden Vorstände des Samariter- und Sanitätsvereins, des Skat- und Dominoklubs, der Sing- und Sanggenossenschaft und viele andere ehrenwerte Männer, daß am Abend eine Generalversammlung im Rathaussaale stattfinden werde. Einziger Punkt der Tagesordnung, von Anton Hasenbalg entworfen und verteidigt, war: »Ehrung unseres heimkehrenden Mitbürgers Balduin Hebenstreit aus den Fesseln der Ungerechtigkeit.« Der wortbegabte Redner führte des längeren aus, daß Baldachin das Opfer der blinden Göttin Instanzia geworden sei, womit er nicht sagen wolle, daß besagtes Weibsbild keine Strafe verdient hätte. Aber obwohl sie die Wage der Gerechtigkeit in der Hand führe, so ginge es her wie bei der scheelen Krämerbärbel, manchmal zuviel Kaffeebohnen, manchmal zu wenig. Bei Baldachin entschieden zuviel. »Deshalb, verehrte Mitbürger,« fuhr er fort, »glaube ich keine Fehlbitte zu tun, wenn ich im Namen Deutschlands vorschlage und soviel an mir liegt, zum Beschluß erhebe, daß die sämtlichen Vereine Birkenrieds dem Balduin Hebenstreit am Tage der Befreiung entgegeneilen und ihn heimführen zu seinen Glaubensbrüdern, die selbstbewußt und unentwegt an Gott und seine Unschuld glauben.« Den erleuchteten Worten des Redners folgte zunächst ein lautes Bravo und dann eine Abstimmung, die dem heimkehrenden Balduin ein Ehrengeleite von siebenundzwanzig Vereinsvorständen und einem Dutzend Ganz- oder Halbjungfrauen sicherte. Michel Korzeborn hatte für den Triumphzug gestimmt, weil er dem entlassenen Sträfling noch ein Ackerziel schuldig war, Velten Haberkorn, weil er ihm einen Jagdhund aufhängen wollte, und Konrad Wohlgemut, weil er hoffte, daß es am Abend einen Sauerbraten mit Freibier absetzen werde, Dinge, für die er sich begeistern konnte. So zog denn ein flatteriger Haufe grölend wie ein Rekrutenjahrgang eines Tages zum Dorfe hinaus und nach der Eisenbahnstation, um den Balduin Hebenstreit heimzuholen. Vor sich hatten die Leutchen die verlockende Aussicht auf einen guten Fraß, hinter sich leere Schusterstühle, erkaltete Essen und die brennende Frage, wie die Dinge sich jetzt weiter entwickeln möchten und ob sie mit Lachen enden würden oder mit Weinen. Merkwürdigerweise war Käthchen Hebenstreit die ruhigste von allen, die der Fall interessieren mußte. Es war, als ob sie alles nichts anginge. Sie war nicht Klägerin noch Angeklagte, und einen Richter schien sie auf Erden nicht zu kennen. Mit dem Himmel war sie im reinen. Die Erde kümmerte sie nicht. Wie auf eine Hammelherde konnte sie ruhig und sicher auf ihre Mitmenschen herniederblicken. Wenn sie auch das Blöken der Vernunftlosen vernahm, ihr Beißen schien sie nicht zu fürchten. Sie sah, auf einen höheren Ausgleich rechnend, wie der Held einer Tragödie den Dingen entgegen, die kommen mußten. Ein wüster Lärm wälzte sich in der Abenddämmerung an ihrem Hause vorüber und ins Dorf hinein. Ein Stimmengewirr, ein Gekreische, aus dem kein Wort herauswuchs und im Hörer eine Vorstellung zu erzeugen vermochte. Und doch wußte Käthchen Hebenstreit, was das Ganze besagen wollte. Schon hatte der Wein die Sinne umnebelt und das bißchen Anstand beseitigt, an dem seither die Zunge gefesselt lag. Nun konnte es losgehen über sie, und es ging los. Die Gesellschaft war im »Bären« angekommen, und der Wirt hatte den Spunden aus einem frischen Fasse geschlagen. »Dein Wohl, Balduin!« erklang es von allen vier Kanten der langen Wirtstafel. »Trink und iß, denn du hast nachzuholen. Mit Gänsebraten werden sie dich nicht gefüttert haben!« »Dann wäre er am Ende gar nimmer heimgekommen,« rief der Hasenbalg witzig. »Er hätte schon noch eine Weile ausbleiben können,« fiel eine Stimme boshaft ein. »Wo ein Geselle ist, der die Hobelbank bedient, kann der Meister spazieren gehen.« Alle horchten mit verhaltenem Atem auf. Diese Anspielung mußte doch verstanden worden sein; und sie war verstanden worden. Balduin ward flammenrot im Gesicht und erhob sich schwankend. Er schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die Gläser tanzten und sich selber Musik dazu machten. »Wer dem Balduin geschafft hat, der hat noch immer seinen Lohn bekommen. Auch diesmal wird mit richtigem Gelde ausbezahlt!« schrie er großmäulig. »Wo aber der Empfänger sich die Münze wechseln läßt, das ist seine Sache.« »Bravo, Balduin!« schrie ihm die Menge der Schmarotzer entgegen. »Du wirst was anderes zu tun wissen als der Zimmerer Hackebeil, der die Hose von seinem Hausfreund durchs Fenster warf. Bei dir wird schon auch noch ein bißchen was von deinem Nothelfer drin stecken bleiben, wenn's ans Rausschmeißen geht.« Balduin hatte während dieses satanischen Hetzens ein Glas nach dem andern in sich heruntergestürzt, um die Wut zu ersäufen, die in ihm kochte. Weiß Gott, der Aufenthalt im Gefängnis war nichts Angenehmes, aber die Gesellschaft dieser Teufel war es auch nicht. Hätte man ihm den Schänder seiner Ehre mit tausend Messern bewaffnet gegenübergestellt, wehrlos wäre er ihm mit den Zähnen an die Kehle gefahren. Aber hier, wen sollte er hier anfallen, wen erwürgen, wo doch nur Freunde um ihn waren. Freunde allerdings, die seine Seele marterten, aber doch dadurch nur, daß sie ihm die Augen öffneten und ihm zeigten, was alle Welt wußte. Könnte er ihnen doch das Wort Lügner auf die Stirne brennen, sie zerschmettern! Doch mit welcher Waffe? Er hatte keine sich zu wehren. Das Gefühl, daß er ohnmächtig sei, konnte er nicht tragen, er mußte es betäuben. So griff er nach dem Glase und immer wieder nach dem Glase. Er wurde müder und müder, und schließlich lag er wie ein leerer Sack in seinem Lehnstuhl. Jetzt hatte er für seine Gäste schon gar nichts Ernstes mehr an sich. Das einzige, was sie von ihm fürchteten, war, daß er ganz einschlafen und sie um den Spaß bringen könne. »Balduin,« schrie ihm einer ins Ohr, »dein Stammhalter soll leben!« »Soll leben!« kreischte die Menge amüsiert. »Jedenfalls gibt's einen Kapitalkerl,« bemerkte Hackebeil. »Er nimmt sich Zeit zum Kommen.« »Laß ihn doch. Es wird ein Herrnhuter sein, die haben nichts zu pressieren, da sie vorm vierzehnten Jahr ja doch nicht getauft werden,« witzelte Hasenbalg. Diese Bemerkung erregte ungeheure Heiterkeit und weckte Balduin aus seinem schweren Halbschlummer. Noch einmal schlug er auf den Tisch, aber kraftlos, und seine Stimme lallte mehr als sie sprach. »Euch kann ich's anvertrauen, ihr Brüder. Kindstauf wird's schwerlich, aber ein Leichenschmaus kann's werden, ein Leichenschmaus!« Die Saufgesellschaft war so weit, daß sie über alles gelacht hätte, sogar über ein Erdbeben, um wievielmehr mußte sie erheitert sein über die ohnmächtige Drohung des betrunkenen Balduin! Sie prosteten zwischendurch. Die Gläser zitterten widereinander und gaben einen weinerlichen Ton von sich. Vielleicht war die spröde Materie weitschauender und einsichtsvoller als das Menschenherz! Zwischen dem Bärenwirtshaus und der Taubhausmühle bestand an diesem Abend eine geheime Verbindung, hergestellt durch den besorgten Notabeneoja. Er saß unter den Zechbrüdern und schien der trunkensten einer, aber er hatte wie ein Polizeihund die Ohren gespitzt und die Nase am Boden. Als er wußte, was er wissen mußte, torkelte er aus dem Kreise der Zecher und war zehn Schritte von der Kneipe entfernt wieder so nüchtern, daß er auf Verlangen über die Latten eines Schafpferches gelaufen wäre. Er hatte das Zeug in sich zu einem Militärbevollmächtigten bei einer fremden Großmacht. Er konnte stumm sein wie ein Stockfisch, blind wie eine Katze vor dem neunten Tage, und doch, nicht leicht entging ihm etwas. Als er Käthchen Hebenstreit an diesem Abend alles erzählt hatte, was er wußte und sie wissen mußte, blickte er sie mit großen, treuen Augen an, wie ein Bullenbeißer, der nur auf einen Wink wartet, um sich auf den Keiler zu stürzen. Noch waren ihm Herz und Hände rein von Menschenblut, aber wer weiß, er war zu vielem fähig! Wozu ihn die Millionen eines Rothschild nicht bewogen hätten, dazu hätte ihn ein Wort von diesem Weibe gebracht. Doch Käthchens Gedanken gingen auf anderer Fährte. All die Monate her hatte sie gefühlt, daß ihr Mann berechtigt wäre, zu fragen nach dem, was ihr selber so rätselhaft war, warum ihre Erscheinung einem Verdachte das Wort redete, der sie entehrte und ihn. Das Wiedersehen mit ihm hatte sie in ihren Gedanken in eine stille, einsame Stunde verlegt, wo das Herz sich vertrauensvoll dem Herzen öffnet. Da wollte sie vor seinen Augen die Hand ins Feuer legen und ihn bitten, einen Arzt heranzuziehen, der den bangen Zweifel löst und wegwischt, was trennend zwischen Mann und Frau liegt. Wie oft hatte sie gedacht, daß er, von der Haft erlöst, still und bedrückt durch die Hintertür schleichen werde. Da wollte sie ihn verzeihend empfangen und ihm als ihrem Gatten und Herrn Rechenschaft ablegen über alles, was während seines Fernseins ihrer Hut anvertraut war. Und nun, wie war er wiedergekommen? Wie ein Zirkusklown inmitten einer grölenden Bande. Trunken und halb nur seiner Sinne mächtig, hatte er sein Ohr von niederen Zuträgern mit Schmutz füllen lassen. Hatte sie Bäche von Tränen, um die Schrift auszuwaschen, die mit dem Scheidewasser des Hohnes von Nichtswürdigen in seine Seele geschrieben war? Brauchte sie wie ein armer Sünder dazustehen und einen ungerechten Richter zu bitten, daß er den meineidigen Zeugen keinen Glauben schenke? Sprach nicht ihr Leben für sich selbst? Der Stolz bäumte sich in ihr zur Riesengröße. Sie verachtete ihren Mann mitsamt den schmutzigen Gesellen, die an ihm hingen. Ihm war sie keine Rechenschaft schuldig. »Ordne, Pankraz, das Zimmer des Herrn!« so bat sie. »Er soll sein Haus wenigstens bereitet finden, wenn er kommen sollte.« Dann versuchte sie fortzugehen. Als sie schon der Tür nahe war, blieb sie unentschlossen stehen. Ein Plan schien in ihr zu reifen. Sie drehte sich um und sagte: »Pankraz, würdest du die Nacht opfern und etwas für mich tragen wollen?« »Soviel wie eine Brücke trägt!« war die Antwort, und der Notabeneoja stopfte die Hosen in seine Stiefelschäfte und blickte durchs Fenstervorhängelchen nach dem Wetter. Am andern Morgen sah das Gesinde in der Taubhausmühle sich verdutzt an und niemand wußte recht, wo er zulangen sollte. Die Herrin des Hauses war fort. Der Notabeneoja hatte ihr kleines Bündel getragen, war aber schon wieder zurück, putzte mit hellen Augen des Doktors Pferde und pfiff ihnen eine lustige Weise, die sie gerne hörten. Nun die Hausfrau fort war, begann in der Mühle ein unruhiges Kommen und Gehen wie in einem Bienenkorb, nur daß niemand eintrug, sondern alle fortschleppten. Balduin Hebenstreit hatte mit einem Male mehr Freunde, als ein Weißgerber Hammelschwänze. Valentin Streckfuß kam und Konrad Krumholz und brachten den Jakob Stierstädter mit. Man aß und trank, was der Magen fassen konnte, und bezahlte mit Schimpfreden über die gottvergessene Ausreißerin und plumpen Schmeicheleien, die sich wie ein schmieriges Pflaster auf die wunde Heldenseele des Hausherrn legten. Diese unbescheidenen Zugreifer hatten ihre Gegenfüßler in sanfteren Naturen, die mit vergrämt mitleidsvollen Gesichtern und leeren Taschen im Halbdunkel kamen und mit vollen Schürzen im Dunklen von dannen schlichen. Suse Innigrot, die Gottesfürchtige, reinigte Balduins Schlafzimmer und führte die Haushaltungskasse mit Gewissenhaftigkeit gegen sich selber. Wenn sie im Abendnebel heimging, hatte sie die frommen Finger zur Faust geballt und konnte sie nicht strecken, nicht einmal, um ein Kreuz zu schlagen, wenn ihr Weg am Missionsherrgott vorüberführte. So mußte sich der Gekreuzigte mit einem Knicks begnügen und traurig zusehen, wie das Gut der Taubhausmühle verpraßt und in alle Winde zerstreut wurde. In dieser Zeit des Faustrechtes geschah es, daß der Notabeneoja seinem Herrn einen Brief, von zierlicher Damenhand geschrieben, auf den Tisch legte. Innocenz erbrach das Siegel und las: »O, Sie Einziger, dem ich klagen möchte, wie der Herr mich drückt in seinem Grimm. Ich bin vor ihm geflohen; in die Stille meiner Kammer habe ich mich verborgen, um zu warten, bis sein Zorn vorübergehe. Aber er will nicht von mir weichen, und ich sehe kein Ende all der Wirrnisse. Ich bin den Menschen die wandelnde Sünde geworden, und ich darf sie nicht schelten, denn mein eignes Fleisch redet gegen mich. Und doch, mein Herz ist rein, und es hofft, daß die Wahrheit noch durchscheinen möge, wie der Mond durch Gewitterwolken scheint. Aber bald muß es sein. Ich fühle, daß mir ein Verhängnis droht und mich in den Abgrund reißen will. Schließt sich über meinem Leibe das Grab, so ist mit mir auch meine Ehre eingescharrt, und das soll nicht sein. Ich bin es meinen Toten schuldig, daß ich mich dagegen wehre. Können Sie helfen, das Dunkel um mich zu erhellen, dann bitte ich mit aufgehobenen Händen den Arzt in Ihnen, daß er kommt. Vieles habe ich in mir niederkämpfen müssen. Nun aber bin ich entschlossen, und mein Leib soll Ihnen kein Geheimnis sein. Ihre unglückliche Käthchen Hebenstreit.« Innocenz war zunächst peinlich berührt von dem Briefe und seinem Inhalt. Was hatte er mit dem Weibe zu schaffen? Seit jenem Samstagabend, wo sie im Scheine der Lampe gestanden, war sie ihm eine Fremde geworden. Das Bild der Frau Hebenstreit, das der Film seines Gehirns damals aufgenommen, glich in keinem Zuge mehr dem Käthchen Sommertag, das er einst geliebt hatte. Warum und wieso glaubte sie, daß er ihr helfen könne, ihr helfen müsse? Das Ansinnen hatte etwas Beleidigendes. Schon hatte er die Kerze angezündet, um den Brief in Flammen aufgehen zu lassen. Da vermochte er es doch nicht. Er schob ihn in die Brusttasche neben den Laufzettel, der die Reihenfolge seiner Krankenbesuche regelte. So wanderte das Schreiben mit dem Arzt drei Tage lang von Bett zu Bett, kam ihm unter die Augen, wurde wieder versteckt, aber es schwieg nicht, sondern redete immer wieder bittend und beschwörend für Käthchen Hebenstreit. Zuletzt war Innocenz weich und nachgiebig geworden. Der stumme Mahner siegte über seine feige Bedenklichkeit. Er beschloß zu gehen. Es war ein schwüler Sommersonntag. Die Sonne stand im Zenith und heizte dem einsamen Wanderer gehörig ein, der da auf weichem Grasweg zwischen Kartoffel- und Rübenfeldern über den schattenlosen Bergesrücken zu kommen suchte. Sabbatstille lag über der Gegend. Keine Lerche trällerte in der Luft; Grille und Heuschrecke lagen im Schatten halbverdorrter Grashalme und hielten ihrerseits Sonntagsruhe, so gut es ging. Die stille Feierlichkeit war unheimlich, beengend. Eine nervöse Spannung wie vor einem großen Aufruhr in der Natur war überall fast greifbar. Kein Wesen wagte es, sich bemerkbar zu machen. Es war, als ob alle von der bangen Ahnung einer vernichtenden Katastrophe gelähmt wären. Auch auf den Schultern des einsamen Wanderers lag eine bleischwere Last. Nur mit Anstrengung hob und senkte sich die Brust. Der Atem war keuchend und gehetzt. Wohl schritten die Beine voran, aber ein geheimes Grauen vor dem Ziele der Wanderung ließ die Wegstrecke nur unmerklich sich verkürzen. Kein Lüftchen regte sich, und doch fühlte der Voranschreitende einen Widerstand, als ob er in einen Schneesturm hineinginge. Innocenz wollte stehen bleiben, aber er konnte es nicht. Das Schicksal brauchte ihn irgendwo und stieß ihn vor sich her. In kleinen Schrittlängen mußte ein Fuß dem anderen folgen. Da kam ein Weib des Weges in sehr heruntergekommener Kleidung. Sie schien eines jener Dippelschickselchen zu sein, wie sie damals noch neben den Handwerksburschen her über die Landstraße zogen. Schwarze Haarsträhne hingen ihr ins braune Gesicht und vertieften die Augenhöhlen, aus deren Schatten ein sibyllinisches Feuer glühte. »Ihr seid der Arzt von Birkenried!« sagte die Fremde. »Gebt mir Eure Hand, und ich lasse Euch einen Blick in Eure Zukunft werfen.« »Ihr kennt Zukünftiges?« entgegnete Innocenz. »Nun gut, so redet zunächst einmal vom Vergangenen. Das kenne ich auch, und so kann ich besser abschätzen, was Eure Weisheit wert ist.« »Euer Mißtrauen kränkt mich nicht,« war die gelassene Antwort. »Wer verkaufen will, muß seine Muster zeigen! So hört denn und prüft aus dem Gestern, was ich über das Morgen weiß. Zweimal schon war Euer Leben keinen Groschen wert, einmal auf der See und einmal im Spital zu Kolombo, und heute gilt es auch nicht mehr als drei Kreuzer. Eure Zukunft ist knapp beisammen. Da läuft ein feiner Strich rechtwinklig in die Lebenslinie Eurer Hand hinein. Setzt Euch und zählt Euren Jahren die Stunde zu, die Ihr hier am Straßenrand verlebt. – – – Damit Ihr nicht ganz müßig seid, so guckt ins Land hinein, ob kein Flurschütz kommt, derweilen ich meinen Bettelsack auf fremdem Felde mit Kartoffeln fülle. ›Mundraub‹ nennt so was das Gesetz und läßt es straffrei. Aber der Bauer schlägt einem den Buckel voll, wenn er uns erwischt. Dem Himmel sei's geklagt, dort hinterm Wald wimmelt ein grüner Wagen voll hungriger Mäuler. Ja, wenn sie Gras fressen könnten wie das Maultier, das ihn zieht. Aber nein, erst muß das Blechrohr rauchen, ehe sie satt werden. Sie essen nichts ungekocht. Also erbarmt Euch ihrer. Zählt die Minuten nicht, die Ihr auf Posten steht. Schon manchmal war einer froh, daß er zu einer Sache zu spät kam.« Innocenz, von dem geheimnisvollen Wesen des Weibes getroffen, nahm die Würde eines Aufpassers an und ließ sich auf dem Stein einer Gemarkungsgrenze nieder, um die Kunst des Kartoffelstehlens im Nebenamt zu studieren. Die Sibylle zeigte übrigens keineswegs die Hast eines bösen Gewissens bei ihrer Sünde gegen das siebente Gebot; sie war bedachtsam und wählerisch, als ob sie die Absicht hätte, eine landwirtschaftliche Ausstellung mit Musterkartoffeln zu beschicken. Ihr Blick haftete am Boden, und nur zuweilen erhob sie den Kopf, um der Sonne ins Gesicht zu sehen. So war eine Stunde vergangen und mehr, als sie sich aufrichtete, ihren Sack nahm und im benachbarten Buschwerk versteckte. »Der findet seinen Weg im Dunkeln heim und ich den meinen durch die Hecken. Ihr aber seid bedankt einstweilen, Doktor. Wenn Ihr aber merkt, daß ich Euch einen größeren Dienst geleistet habe als Ihr mir, dann legt einen Taler unter die Brücke zu Birkenried, er wird seinen Herrn finden.« Somit war Innocenz in Gnaden entlassen und konnte gehen. Er ging auch, aber keineswegs beruhigten Herzens. Das seltsame Weib und seine prophetische Drohung hielt seine Seele in zitternden Händen. Wie ein Vogel war sie in einen Käfig eingeschlossen, und wenn die Furcht riet, den Versuch zur Flucht zu wagen, so riet sie anderseits auch wieder, sich zu ducken und still zu bleiben. So war er mit unentschlossenem Zögern über die sonnige Bergeshöhe gekommen und in den Schatten weitgeästeter Nußbäume, die ihre Silhouetten mit scharfem Griffel auf den smaragdgrünen Rasen zeichneten. Ah, wie das gut tat, in der sanften Kühle hinzuwandeln. Zur Linken einen Rain mit wilden Rosenhecken, zur Rechten, eine Mulde, in der ein munteres Bächlein plaudernd ins Tal sprang. Da brauchte man doch nicht immer nur mit sich selber zu reden, man konnte zuhören und seine Gedanken von den lachenden Wellen forttragen lassen in ungemessene Weiten. Und in der Tat, Innocenz sah bald wieder Schiffe vor sich schwimmen, die nach einem fernen Strande der Sehnsucht steuerten. Da blähte ein frischer Wind die Segel seiner Seele, und der Gummiring des Grauens, der seine Männerrippen zusammenschnürte, wurde weiter und ließ den Lungen Raum zum Atmen. Rascher, als man denken sollte, kam der Wanderer aus dem Klingen in das breitere Tal. Da war es aus mit dem Frieden der Einsamkeit. Die Landstraße erwürgte ihn mit ihrem Rädergerassel. Das Bächlein erschrak und hüpfte verwegen in den breiteren Bach; da war's auch mit ihm aus und vorbei. Es wurde von dem größeren Wasserlauf verschlungen. Die Silberschlange des Baches schwoll ein wenig an und verkroch sich mit dem Bächlein im Bauche unter schwarzgrünes Erlengebüsch. Die schwanken Zweige schüttelten ihre breiten Blätter, dankbar für die feuchte Kühle, und dämpften das fröhliche Stimmengewirr badender Kinder, die ihre schlanken Leiber neckend zwischen den Stämmen zeigten. Innocenz beneidete die Kleinen um das Labsal des kühlenden Nasses und hätte am liebsten die Kleider von sich geworfen und sich in die Flut gestürzt. Doch das verbietet dem Erwachsenen die Sitte. Schon war ja das Dorf nahe und drüben am anderen Ufer schimmerte mit rotem Dache der Kreuzhof, in welchem die Taubhauswirtin eine Zuflucht gefunden. Ein Widerstreit der Gefühle verwirrte den Arzt. Halb zog's ihn nach dem Hause hin, halb trieb es ihn von dorten weg. So wankte er unentschlossen vom Wege ab in die Wiese hinein. Da durchschnitt mit einem Male ein heller Aufschrei aus vielen Kinderkehlen die Luft. – – – So redet schon nicht mehr die überlauteste Ausgelassenheit, so schreit die zitternde Angst nach Hilfe. ›Ein Kind in Gefahr,‹ dachte der Arzt und stürzte in wilden Sätzen die Böschung hinab und dem Ufer des Baches zu. Mit ihm auf gleicher Höhe lief ein Mann, der vom Himmel gefallen sein mußte, nach dem Erlendickicht. Nackte Knaben, die mit verzerrten Gesichtern aus den Büschen brachen, war das erste, was den beiden Männern begegnete. Kein Zuruf vermochte die Fliehenden zu stellen. Schreckensbleich, als ob der blasse Tod einem jedem im Nacken säße, suchten die Kinder ihr Heil in planloser Flucht. ›Nur vorwärts, hier tut rasche Hilfe not,‹ dachte jeder der Männer, und vier energische Beine traten das Röhricht zu Boden und lichteten einen Pfad nach dem Wasser. Ein geschliffener Smaragd, in dem sich die Sonne beguckte, lag unschuldsvoll vor den Blicken der Männer. Aber der mattgrüne Emerald hatte eine falsche Ader, die rot gefärbt über ihn hinlief, sich langsam windend und drehend wie der Rauch einer Zigarette. »Blut!« schrie der Arzt, und »Blut!« hallte es wie ein Echo aus dem Munde des anderen zurück. Innocenz sah dem Rufer ins Gesicht, erkannte seinen Knecht und fragte voll banger Ahnung: »Pankraz, wer?« Der wies auf eine Stelle im Riedgras, wo zwei Stiefel lagen, von denen ab der Zipfel eines Kleidungsstückes mit den Wellen trieb. – Zugreifen und mit jähem Ruck aufs Ufer reißen, was man erfaßt hatte, das war nun das Werk eines Augenblickes. Man war zum Schlußakt einer Lebenstragödie gekommen. Wer war's, der aus dem Dunkel des Diesseits den krausen Sprung in die Nacht des Jenseits gewagt hatte? Die nächste Sekunde mußte es dem Arzt enthüllen und sie tat's. Da lag einer hingestreckt, dessen blaue Fingerspitze noch den Drücker des Revolvers umkrallt hatte. Er kannte diese Fingerspitze. Es war die gleiche, die einst zwischen den Eisenstangen eines Kerkerfensters heraus eine Verständigung mit ihm gesucht hatte. O daß er sie nie gesehen hätte! So also mußte Balduin Hebenstreit enden! Vielleicht mit einem Fluch auf den Lippen gegen ihn, gegen sie!! – – Innocenz schlug die Hände vor die Augen. Er konnte die Leiche nicht sehen, obwohl sie schön war. Der Tod hatte dem Antlitz seinen heiligen Stempel des Friedens aufgedrückt. Da war kein Schmerz mehr und keine Leidenschaft, die an den Muskeln zerrte. Die klassische Ruhe eines Marmorbildes war veredelnd auf diese Züge gefallen, wie der Morgentau auf die wilde Rose. Ach, und dies Wunder hatte ein Stückchen Blei vollbracht, das seinen Weg genommen durch die Hydraköpfe krauser Gedanken, die in den Hirnwindungen ihr unseliges Wesen trieben. – – Gedanken, in denen auch er eine Rolle spielte, ach, und welche vielleicht! – Innocenz war wie niedergedonnert und selbst das Bewußtsein seiner Unschuld vermochte es nicht, ihn aufzurichten. Wie lange er so stand? Wer weiß es? Als er die Augen endlich öffnete, wimmelte es auf beiden Ufern des Baches von Menschen. Da standen Leute im Sonntagsstaat mit dem Gebetbuch in der Hand, andere in Hemdsärmeln den Knobelbecher zwischen den Fingern wirbelnd. Wie einen jeden die Kunde von dem Frevel getroffen hatte, so waren sie der Unglücksstelle zugelaufen, Zechbrüder und Betbrüder. Zwischen die Beine der Erwachsenen drängten sich nackte Kinder. Niemand sah, daß sie nackt waren und sie selber wußten es auch nicht. In allen Köpfen wohnte nur noch das Grauen und zwang die Gehachse aller, wie die Speichen auf die Nabe, auf einen Punkt, auf das kleine Loch an der rechten Schläfe des toten Mannes. Es war, als ob man alles ungeschehen machen könne, wenn man nur das kleine Loch da verstopfte, aus dem ein Eßlöffel voll Blut rann. War denn niemand da, der's tat; niemand, der rief: Balduin steh auf und lebe!! Während noch alle starr und staunend standen drängte plötzlich ein verstaubter Mühlbursche zitternd vor Aufregung seine weiße Gestalt wie einen Keil in die Menge der Gaffer hinein. Der Bote mußte vor in die erste Reihe, daran konnte nichts ihn hindern. Nicht die bösen Blicke der Verdrängten und nicht die Rippenstöße vieler knochenbewehrter Ellbogen. Endlich war er, wo er hinwollte. Neugierde hatte ihn nicht getrieben. Er warf keinen Blick auf den Toten. Das Unabänderliche kümmerte ihn nicht. Dem Abwendbaren wollte er einen Helfer bringen. Keuchend faßte er den Arzt am Ärmel und zerrte ihn gewaltsam durch die Mauer, gebildet aus Menschenleibern. »Rasch, eh sie stirbt,« keuchte der Ungestüme, und dann jagte er am Ufer hin und über die Holzbrücke dem Kreuzhof zu, in dem Frau Hebenstreit wohnte. Innocenz begriff im Nu. Balduin tat nichts Halbes. Nur mit ihr zusammen wollte er vor seinen Richter treten. Hier Frage und Antwort, – und dann ein gerechtes Urteil. War ihm der Anschlag nicht ganz geglückt, und war Frau Hebenstreit vielleicht noch zu retten? Unter dem Eilenden lief der Weg hinweg. Krachend fuhr die Faust des Arztes auf die Klinke und die Tür sprang auf. Was war das? Ruhig, als ob nichts geschehen wäre, stand Käthchen mit erhobenem Haupte im Zimmer. Der Schild ihrer Augen war blank. Wie auf dem Antlitz der versteinerten Niobe vom Berge Sipylos lag Trauer in ihren Blicken, aber weder Anklage noch Verzweiflung. Über ihr eigenes Unglück hinausgewachsen stand sie erhaben da, wie das Symbol der verfolgten Unschuld. Der blühende Schnee ihrer Marmorbüste schimmerte aus dem weitgeöffneten Kleid und ihre Hand drückte das weiche Gespinst einer Serviette gegen das Herz. »Käthchen,« rief Innocenz, hingerissen von der überirdischen Macht ihrer Erscheinung. »Armes, unglückliches Käthchen.« Sie schwieg, trat etwas näher ans Fenster heran und zog die Hand mit dem Tuche aus dem Mieder. Da stürzte das rote Blut aus zwei runden Öffnungen hervor und färbte den Alabaster ihrer Brust. Es war, als ob man Rosenblätter über Lenzschnee streute. Innocenz erbebte als er das Blut sah und die Stelle, von der es kam. Hinter diesen Öffnungen liegt das Herz. Wehe wenn es verletzt wurde. Hastig schlug er seine Linke um die Verwundete, während seine Rechte die Quellen schloß, durch die ihr Leben zu verrinnen drohte. So eng aneinandergeschmiegt hatten sie schon einmal gestanden. ›Damals war es fast eine Sünde gewesen, heute ist es ein Gebot der Notwendigkeit und ein drittesmal wird es nicht vorkommen,‹ sprach der Arzt aus Innocenz heraus, ›denn wie soll ein Mensch weiterleben, dem zwei Kugeln gerade über dem Herzen die Brust durchbohrt haben?‹ und seine Arme umschnürten fester ihren Leib. Sie sollte nicht im Staub des Fußbodens enden, wenn ihr letzter Augenblick gekommen war. Die Sekunden rannten hin und wurden Minuten. Die Minuten reihten sich aneinander zu einer Viertelstunde und Käthchen stand immer noch. Das Unglaubliche mußte Wahrheit werden. Das Herz konnte nicht getroffen sein. Er, der den Sternen ihre Bahnen wies, er allein und nur er konnte zu seinen Zwecken das Verderben abgelenkt haben. Innocenz fühlte die Hand der Vorsehung über sich und fing an zu zittern. Käthchen erschrak und sagte leise: »Auf was warten Sie?« Wollte der Arzt bei der Wahrheit bleiben, so hätte er antworten müssen: ›Auf Ihren Tod.‹ Das brachte er nicht übers Herz und so stellte er die verlegene Frage: »Käthchen, kamen die Schüsse aus unmittelbarer Nähe?« »Ich fühlte die Kälte des Revolverlaufes auf meiner Haut, als ich ihm sagte: ›Wenn du mich töten kannst, so will ich schuldig sein. Ein Gottesgericht mag zwischen dir und mir entscheiden.‹ Da blitzte es zweimal auf vor meinem Auge. Ich sah wie ihn die Angst von dannen jagte und fiel zurück auf einen Stuhl.« An diesem Gottvertrauen stärkte Innocenz seinen Glauben an Käthchens Rettung. Er besann sich auf sich selber, drückte sein persönliches Empfinden nieder und fing an als Arzt seines Amtes zu walten. Er durchsuchte den Körper Käthchens und fand beide Kugeln unter der Haut im Rücken. Sie waren auf den Rippen hingelaufen, wie das Rad über die Eisenbahnschiene. ›Hier waltet mehr als Zufall,‹ dachte Innocenz zerknirscht, als er ohne besondere Schwierigkeit die Geschosse mit dem Messer ans Licht beförderte. ›Versuch's, wenn du mich töten kannst, dann will ich schuldig sein,‹ Sie hatte ein Gottesgericht gefordert und der Himmel war ihrer Unschuld zu Hilfe gekommen. Wie sonderbar war dies alles. War denn der alte Kinderglaube richtig, daß es über den Sternen waltend einen gibt, der seine Engel sendet, um seine Kinder zu leiten, daß sie nicht ihren Fuß an einen Stein stoßen? Während Innocenz noch so sann und sann, ging vor dem Hause ein Gegröhle los. Es war die Menge der Gaffer, die drüben am Bache für ihre Schaulust keine Nahrung mehr fand, nachdem man den toten Balduin hinweggetragen hatte. So kamen sie wie schmutziges Stauwasser und ebbten plätschernd an die Hofmauer. Man hörte Jammern, aber auch Anklagen wurden laut und Verwünschungen, die ihre Schärfe gegen die Frau des Toten richteten. »Er hat seinen Frieden,« hörte man rufen, »mögen andere sehen, wie sie nach dem heutigen Tage noch schlafen können!« Käthchen, nur durch eine dünne Riegelwand von der Menge getrennt, hörte diese Äußerungen und wußte wohl, wem sie galten, aber sie blieb ruhig. Wie eine altchristliche Märtyrerin sah sie gefaßten Auges nach der Tür des Zwingers, aus dem die Tigerkatze der Volkswut springen mußte. Da war dem Notabeneoja indessen in der Küche die Geduld ausgegangen. Er riß ein brennendes Scheit aus dem Kesselfeuer heraus und stürzte sich unter die Menge. Im nächsten Augenblick war sie zerstoben wie ein Starenzug vor einem Büchsenknall. Das war das Satyrspiel nach der Tragödie.   Käthchen Hebenstreit war verbunden und zu Bett gebracht. Der Arzt konnte gehen, und er ging. Draußen wartete die Nacht auf ihn, eine stille, freundliche Nacht, eine der Nächte, wie sie scheinen, wenn der Tag sich in Gewittern ausgetobt hat. Von Furcht befreit atmete die erlöste Erde auf und streute ihre Düfte aus, nach dem Blutgeruch eine wahre Erquickung für Innocenz. Unter dem Blätterdach der Nußbäume wandelte er den Berg hinan. Wohl lag eine schmerzvolle Trauer auf seiner Seele, aber der unheimliche Druck des Grauens war doch gewichen. Er glaubte an das Walten einer ausgleichenden Gerechtigkeit und er glaubte wieder an Käthchen Hebenstreit. Alle die Grausamkeiten und Zufälle dieses ereignisvollen Tages mußten durch einen allweisen Gedanken verbunden sein. Er, der Käthchen vor dem Tode bewahrt hatte, war ihr noch einen weiteren Akt der Gerechtigkeit schuldig. Wozu sonst die Quälerei des Lebenmüssen? In diesen Gedanken war der Wanderer auf die Bergeshöhe gekommen und ging an dem Grenzstein vorüber, von dem aus er heute dem Kartoffelstehlen der Zigeunerin zugesehen hatte. ›Schon manchmal war einer froh, daß er zu einer Sache zu spät kam,‹ hatte die Sibylle zu ihm gesagt und in der Tat, was wäre wohl aus ihm selber geworden, wenn Balduin ihn im Zimmer seiner Frau traf? Der Gedanke umfaßte die Qualen einer ganzen Hölle. Drei Gräber nebeneinander und um sie herum als Zaun die Schande, so daß der Gerechte, der vorübermußte, ein Kreuz schlug! – – Der Himmel hat es nicht zugelassen – der Himmel – – Mystisch religiöse Vorstellungen, die fast vergessenen Wurzeln einer bigotten Erziehungsaussaat trieben geile Stengel. Dem Petrus erschien auf der Via Appia eine Lichtgestalt und hieß ihn umkehren – – – Innocenz grübelte und grübelte, bis er aus den Lumpen des Zigeunerweibes den Engel Gottes herausgeschält hatte. Gleichwohl legte er seinen Taler unter die Brücke zu Birkenried und konstatierte am nächsten Tage mit Befremden, daß er verschwunden war. Vierundzwanzigstes Kapitel In all dem Verwirrenden, das ihn umgab, tappte Innocenz Lorum wie in einem schwarzen Nebel herum. Wohin er auch greifen mochte, nirgends fand seine Hand ein Geländer, an dem er sich hätte halten und weiterschreiten können. Das Zufällige gab sich für weitsehend Planvolles, und das Beabsichtigte sank ins Bedeutungslose und zerrann wie Schnee, den man zu einer Statue kneten möchte. Welche Bedeutung hatte nicht das plötzliche Erscheinen einer fremden Wahrsagerin für ihn gehabt! Wo war sie her, wo war sie hingekommen? Der Arzt forschte auf seinen Gängen von Haus zu Haus vergebens nach einer Ziegeunerbande, die vielleicht die Gegend durchstreift haben könnte. Das einzige, was für eine derartige Möglichkeit sprach, war, daß im Dorfe zwei Hunde verschwunden waren und des Schulmeisters alter Gänserich, der das Zeichen der Abendglocke überhört haben mochte. Und doch wie konnte so ein wandelndes Haus mit seinen grünen Läden übersehen worden sein, von der Schuljugend vor allem. Das war rätselhaft. Und dann, wie, wie war's gekommen, daß Pankraz gerade in dem Augenblick, wo man ihn brauchte, sich wieder auf dem Kreuzhof befand? Er war überhaupt immer dort, wo man seiner bedurfte. Wie der Engel, der den jungen Tobias führte, lief er neben dem Arzte her von jenem Augenblicke an, wo er aus dem Stroh neben dem Militärgefängnis sich erhoben hatte. Ja jener Sommerabend, – mit dem hatte es angefangen. Der gleiche Finger, mit dem Balduin Hebenstreit den Revolver abgedrückt hatte, war ihm, dem Arzte, der Wegweiser nach Birkenried geworden und hatte ihm das Weib gezeigt, das seitdem als Herrin in seiner Seele wohnte, wachsend und sich ausdehnend wie ein Bild, das ein Verliebter in die Rinde einer jungen Eiche geschnitten hat! Doch die Hand, die ihn führte, war nicht Balduins Hand. Nicht die, die demnächst kalt und gefühllos unter der Erde modern wird. Diese war ja nur der Semaphor, den ein höherer Wille stellte, um anzuzeigen, daß dahinaus die Bahn gehe. Aber wohinaus? Ja das lag vorerst noch im Dunkeln. Die Steine am Wege, die Bäume und Sträucher, all dies tat geheimnisvoll, als ob es tiefblickender wäre, als Menschenwitz, aber es redete nicht zu Innocenz und offenbarte ihm nicht, daß in all den verworrenen Schriftzügen der Geschehnisse der Grundriß für den Aufbau seines Lebens liege. Da kam er auf den Einfall, wieder einmal sein O domina mea zu beten, und in der Tat er wurde ruhiger, wie der Schiffer ruhig und zielsicher wird, der ein fernes Leuchtfeuer blinken sieht. Der Pankraz im Stalle hatte eine prosaischere Auffassung von der Sache und trug sie seinen Pferden vor, während er ihnen die Schwänze kämmte. »Nun kommt ihr Gäule wieder an die Reihe,« sprach er, »nun, wo ich den tollen Hund nicht mehr im Auge zu behalten brauche. Ums Haar hätte er mir das arme Käthchen mit in die Ewigkeit genommen. Wie oft habe ich ihr gesagt, ich will den Teufelsknochen wie eine Walnuß zwischen den Händen zerdrücken, aber sie wollte ja nicht. Ja wenn auf ein gutes Gewissen so viel Verlaß wäre, wie auf einen Eisenhafendeckel, dann hätte sie sich ruhig vor so ein dummes Schießeisen stellen können. Aber wer bei den Nagelschmieden Geld und bei den Weibern Verstand sucht, der kann sich die Augen blindgucken. Indes es gibt auch Männer, die das Spitze am Ellenbogen haben und nicht hinter der Hirnschale. Der Schafjörgel prügelte seine Kuh, weil sie dick war und nicht kälbern wollte. Schließlich stellte es sich heraus, daß das Tier einen Strickstrumpf verschluckt hatte. Es wäre schon genug, wenn am Sonntag ein Schafjörgel unter der Kanzel säße, daß es aber deren so viele sind, und daß sie gar nicht alle werden wollen, das ist's, was dem Geißbub den Ziegenkäs verleiden kann.« Innocenz hatte den Monolog seines Knechtes belauscht und er fühlte sich getroffen von seinem tieferen Sinn. Wäre es nicht seine Sache gewesen, an eine Möglichkeit zu denken, die selbst ein Pferdeknecht in seine Berechnung hereinzog? Wie schmählich war es doch, daß ihn, den Fachmann, ein Laie auf die richtige Fährte sehen mußte. »Armes unglückliches Käthchen,« seufzte er tief, »daß die Führung deiner Sache in so ungeschickten Händen lag. – Warum habe ich gezögert, als deine kranke Seele zu mir um Hilfe schrie?« Nun war's zu spät und keine noch so bittere Reue änderte das Geschehene. Eine schwüle, unheimliche Stimmung lagerte an diesem Tage auch über Birkenried. Jeder fühlte, was er sonst vergaß, daß die schwere Faust des Schicksals auch über ihm in den Wolken hing und schlich gebückt umher. Wer liebt es nicht, ein wenig mit der Sünde zu schäkern? Nicht jeder baumelt gleich am Galgen, der einmal Kirschen stiehlt. Wenn dann die immanente Gerechtigkeit einmal zugreift und einen zum Scheiterhaufen schleppt, dann zittern viele, weil sie wissen, daß einer brennen muß für die Schuld des Haufens. Ein bißchen Lächerlichkeit hatte man auch dem Balduin gegönnt. Daß er auf dem Seile tanzte, fand man pläsierlich, daß er aber abstürzte und zerschmetterte, das war der Strafe zuviel, darin hatte das Geschick sich überhauen. Es war, als ob man ein dem Toten zugefügtes Unrecht mit Blumen und Kränzen wieder gutmachen könne. Man plünderte im Garten die Buchsbäume und trug in Körben das Moos aus dem Walde. Manch alter Festtagsrock genoß die Wohltat einer Reinigung, und manch' vermooster Zylinder feierte über Nacht seine Auferstehung aus der Hutschachtel. So trödelte unter Putzen und Bürsten das Heute ins Morgen, das Morgen ins Übermorgen hinein und der letzte Tag, an dem Balduin Leiche über der Erde weilte, war angebrochen. Früh schon sah man schwarzgekleidete Gestalten mit gebeugtem Rücken einsam über die Höhe schleichen. Andere kamen in geselligen Gruppen, trugen Buchskränze vor den Knieen und beteten lange Litaneien für den heimgegangenen Balduin. »Herr gib seiner Seele die ewige Ruhe! Und das ewige Licht leuchte ihm!« klang es in monotonem Refrain über die Felder hin. In der langen Reihe der über den Grasweg hin verzettelten Trauergestalten schritt auch der Innocenz Lorum. Er trug den Stock in der Hand und war in seinem Alltagsgewand. Sein Weg ging nach dem Krankenbett, nicht nach dem Grabe. Jedes Grab ist ein Pamphlet auf die ärztliche Kunst. Das des Balduin Hebenstreit war für Innocenz mehr, es war ein Vorwurf. Der Rachen dieser Gruft brauchte nicht zu gähnen, und Balduin Hebenstreit brauchte noch nicht sein Opfer zu sein, wenn der Arzt nicht von dem Mißtrauen anderer angesteckt an eine naheliegende Möglichkeit gedacht hätte. Das war's, dessen sich Innocenz selber anklagte. Auch andere Leute schienen ihn nicht freizusprechen von Schuld, denn der isolierte Mann bemerkte wohl, daß der und jener, der ihn überholte, nur kurz und verdrossen unter dem Hutrand heraus grüßte und wortkarg weiterrannte. Da fühlte er mit Unbehagen, daß er in den Kreis der Leidtragenden hinein nicht recht passe. Er schlug sich seitwärts in die Hecken und war froh, als die Nachzügler vollends an ihm vorüber waren. Dann erst kam er wieder ans Licht und unterhalb des Nußbaumklingens auf die Talstraße. Da fuhr ein Bauernwägelchen an ihm vorbei, dicht besetzt mit Männern, Frauen und Kindern in Trauerkleidern. Die Leute waren nicht aus der allernächsten Umgebung von Birkenried, sondern offenbar von weither gekommen, soviel verriet die Machart ihrer Kleider. Innocenz kannte keines der Gesichter, merkte aber, daß er erkannt war, denn die Fremden steckten die Köpfe zusammen und brachten die Ohren einander nahe. Da brannte dem Wanderer so etwas wie ein Verbrechermal auf der Stirne. Er floh die Menschenwege, überschritt den Bach an einer seichten Stelle und kam von den Erlenbüschen gedeckt ans Tor des Kreuzhofes. Wie er über den Gutshof schritt, fingen die Glocken im Dorf zu läuten an; der Grabgesang für Balduin Hebenstreit. Den Stimmen aus Metall, die da hoch aus dem Gestühle tönten, antworteten andere – Geisterstimmen – drüben aus dem Tannenwald, der mit seinen hundertjährigen Stämmen verwegen an phantastische Felsbastionen geklebt war. Ein großes Klagen um den toten Balduin füllte das Tal, drang in Hütten und Bauernhöfe und machte die Herzen der Menschen weich, daß sie in feuchten Tränen hinschmolzen wie Maischnee im Föhnwind. Umzittert von weinendem Gewoge kam der Arzt in die Krankenstube und fand die Frau des Toten in ihrem Bett, das Gesicht verborgen hinter einem weißen Taschentuch. Kein Laut, außer dem von draußen, Grabesstille ringsum. Nur von Zeit zu Zeit ein konvulsivisches Schluchzen, das aus unheimlichen Kerkertiefen kam, aus Verließen, in denen der verwirrte Verstand ohnmächtig seine Ketten wider fühllose Quadersteine schleudert. Innocenz hätte helfen mögen, aber er rührte sich nicht vom Fleck. Er begriff: Jeder Schmerz ist heilig und will um sich eine heilige Einsamkeit, in der er mit sich selber rechten und sich für Wunden und Narben einen leidlichen Frieden eintauschen kann. Nach langem Klagen schwiegen die Glocken. Balduin lag in seiner Kammer, und seine Witwe legte den jammermüden Oberkörper zurück in die Kissen. Sie war ganz arm, nicht einmal eine Träne hatte sie mehr zu verschenken. Nun trat Innocenz an das Bett heran. Tastend suchte er mit der Linken die Hand der Kranken, während die Rechte zögernd das Taschentuch hob, das den tränenwunden Lidern seinen Schutz bot. Kein Widerstand regte sich, aber das Auge lebte nicht auf. Unter der Nacht der Wimpern wollte keine Morgenhelle erscheinen. Noch eine Weile stand der Arzt erwartungsvoll, dann neigte er sich zum Ohre der Schicksalgeschlagenen nieder und flüsterte mit zärtlicher Stimme kaum hörbar: »Käthchen, mein armes unglückliches Käthchen.« Da schlug sie die Augen auf und setzte sich aufrecht ins Bett. Sie sah fremd und verwundert um sich. Wer war's, der sich ihrer erbarmte und sie eine Unglückliche nannte, wo sie den blöden Sinnen doch eine Verworfene erscheinen mußte? Sie erkannte den Arzt und ihre Zunge löste sich. »Dank Ihnen,« sprach sie gerührt, »ja, ich bin eine Unglückliche, die mehr trägt, als Menschenkraft zu tragen vermag. Ach warum lebe ich eigentlich noch? Wieviel besser wäre mir, man hätte mich neben meinem Manne verscharrt! O der Gedanke an das Grab und seine Finsternis hat für mich nichts Schreckliches mehr. Ruhe ist es, die ich suche und Schatten nach dem Sonnenbrand des Lebens. Und doch, noch darf ich nicht gehen. Es darf nicht sein, daß mit Käthchen Sommertag auch sein guter Name unter den Schollen modert. Noch muß ich leben,« rief sie mit leuchtendem Auge wie in einer Ekstase von heiligem Bekennereifer glühend, »leben, bis ich gezeigt habe, daß ich des Herrn Willen verstanden, als er mit mächtiger Hand den Kugeln wehrte in mein Herz zu dringen. Oft hab' ich zu ihm gefleht in stillen Nächten, daß er mein Zeuge sei, nun da er an meine Seite getreten ist, will ich kämpfend stehen und den Sieg der Wahrheit erharren. Es muß der Nacht ein Morgen folgen. Des Herren Wort ist meines Pfades Leuchte.« Innocenz sah staunend nach dem sicheren Licht dieser Augen, das unbeweglich stand, wie der Abendstern, der lächelnd leuchtet hoch über dem schmutzigen Getriebe unseres Planeten. Mit Zerknirschung schlug ihn der Gedanke, daß es eine Zeit gegeben, wo er an diesem Weibe zweifeln konnte. Wie ein Bettler neigte er das Haupt und drückte Verzeihung suchend seine Lippen auf ihre Hand. Ihr feines Empfinden ahnte, was er sagen wollte, und milde fuhr sie fort: »Wenn die Stunde gekommen sein wird, die mich rechtfertigt, dann sei jedem vergeben, der sich von seinen Sinnen täuschen ließ. Mein Gott, was haben wir denn anderes auf der Suche nach dem Rechten als fünf erbärmliche Sinne, die uns zur Not sagen können, was die Dinge scheinen, nicht was sie sind.« »Aber,« fiel hier Innocenz schüchtern ein, »müssen wir denn geduldig warten, bis diese Stunde schlägt, könnten wir nicht den Versuch machen, ob wir entwirren können, was uns alle so unheilvoll umstrickt?« Sie verstand. »Vor dem Arzte hat mein Leib keine Geheimnisse,« bemerkte sie entschlossen und senkte das milde Feuer ihres Blickes vertrauensvoll in des Mannes Augen. Nun mit einem Male nahm Handeln und Denken des Arztes etwas Geschäftsmäßiges an, der Mann trat hinter den Forscher zurück. Seit jenem Tage, als Innocenz in der Heuernte das Brot aus dem Schoße von Käthchen Sommertag geholt hatte, lebte in seinen Träumen der brennend heiße Wunsch, den Geheimnissen dieses weißen Leibes nähertreten zu dürfen. Nun lag er entschleiert vor ihm, aber ganz anders empfand er nun als dazumal. Jede Leidenschaft schwieg. Die durch die Wissenschaft geschärften Sinne redeten lediglich zu dem Verstande, nicht zu dem Herzen. Das geliebte Weib war zum Objekte geworden, wie ein mikroskopisches Präparat. Wie wunderbar, daß in dem Gehäuse eines Körpers so verschiedene Individuen wohnen, von denen keines das andere kennt! Innocenz hörte, klopfte und verglich, strengte seine Sinne an und lauschte wieder. Ja so war's; es war kein Zweifel mehr möglich. Käthchens Ehre war gerettet. Aber o Jammer und Not, ein anderer Feind schwebte über ihrem schuldlosen Haupte, bereit seinen Stab zu zerbrechen – der blasse, erbarmungslose Tod. An der Skylla der Schande war ihr Schifflein vorbei, nun trieb es der Charybdis der Verwesung zu. Innocenz war aufgesprungen und rannte wie ein Verzweifelter ruhelos im Zimmer auf und ab. Käthchen Hebenstreit sah, wie er mit sich kämpfte und litt, sah wie er mit dem Worte rang, um seiner herben Schneide die Spitze abzubrechen. Sie wollte, sie mußte seiner Verlegenheit zu Hilfe kommen. Feierlich als ob sie einen der Psalmen herunterbete, begann sie: »›Euer Weg führt in die Schatten des Todes. Seid der Stunde gewärtig, in der der Bräutigam kommt und ruft. Haltet eure Lampe bereit.‹ Das ist's, was Ihr mir sagen wollt, Doktor, und nicht sagen könnt. Nehmt Dank für das, was ich aus Eurem Antlitz lese, aber denkt nicht, daß ich zittere.« So sprach die schicksalgehämmerte, starke Seele. Mit der Kraft der Redenden war auch die des Arztes gebrochen. Er warf sich in einen Lehnstuhl, ließ das Haupt auf die Brust sinken und starrte vor sich nieder auf die blankgescheuerte Diele. Schwere Tropfen fielen von Zeit zu Zeit in seinen Schoß. Käthchen sah diesen Zoll des Mitleides und wurde weich. ›Vielleicht machte er sich Vorwürfe, daß er ihr nicht früher mit seinem Rat zur Seite getreten war. Er litt um sie. Das sollte er nicht.‹ Sie nahm aufs neue das Wort: »Doktor, nicht um meinetwegen diese Tränen. Noch ist nichts versäumt. Gott ist ein starker Helfer. Hat er mich vor dem tödlichen Blei bewahrt, dann wird er mir die Gnadenfrist eines Jahres nicht vorenthalten. Wenn jeder niedere Verdacht schweigt, übers Jahr wenn die Sonnenblume ihre Scheibe zum Lichte wendet, dann aus Gottes Hand in die des Chirurgen.« Käthchen hatte mit erregter Stimme gesprochen. Als sie ausgeredet hatte, versagten alle Muskeln ihren Dienst. Sie sank rückwärts in die Kissen und erstickte mit den Händen ein herzerschütterndes Weinen. Demütig und klein stand Innocenz schweigend vor solcher Seelengröße. Was hätte er auch sagen sollen? Zwei Güter schätzt der Mensch als seine höchsten, das Leben und die Ehre. Wehe dem, der in das Dilemma kommt, das eine gegen das andere ausspielen zu müssen, und dreimal wehe dem, der auf solchem Punkte angelangt, nicht weiß, was er tun soll und nach einem Vormund läuft, um sich einen guten Rat zu borgen. Innocenz ging erhobenen Hauptes aus dem Kreuzhof. Er hatte den Glauben an Gott wiedergefunden und an sein Eingreifen in die Menschenschicksale. Das hob sein Vertrauen zu den Werkzeugen seiner Hand, den Menschen und lehrte ihn, auch dort noch zu hoffen, wo sein wissenschaftlicher Besitz mit der Hypothek starker Zweifel belastet war. Fünfundzwanzigstes Kapitel Im abendlichen Wintergespräch der Mägde gab das Rauschen des Birkenrieder Röhrenbrunnens die Untertöne. »Hat Euch der ›Nierenstück‹ geschlachtet?« »Nein, der darf nicht mehr über unsere Schwelle. Der hat im vorigen Jahre den Pfeffer mit dem Schnupftabak verwechselt. So kam's, daß der Bauer über jedem Wurstebrot nießen mußte.« »Ja, ja, über den toten ›Schweinetrögel‹ geht halt keiner, dem konnte man die Augen verbinden und er hat Euch ein Sauohr von einem Fensterleder unterschieden.« »Das Gute scheint auszusterben im Dorf. Der ›Knochenfranzel‹ ist fort. Ihm folgte der ›Schweinetrögel‹. Wen wird's nun mitnehmen?« seufzte Liese ahnungsschwanger. »Dich nicht,« sagte Bärbele, »wenn die Guten an der Reihe bleiben. Aber ich kenne eine, die's trifft, ehe der Kuckuck schreit, und die gerade hätte verdient, daß sie dableiben dürfte.« »Denkst du an Käthchen Sommertag,« nahm eine dritte die Unterhaltung auf, »dann gibt es niemand. der ihr Geschick mehr beklagt als ich. O die Seelengute, was muß sie gelitten haben unter dem schmutzigen Verdacht und was wird sie leiden unter den Händen der Ärzte?« »Mich schauert's, wenn ich an sie denke,« bemerkte Trude und wickelte ihre nackten Vorderarme in die Schürze. »Wehe übrigens den Ohrwürmern allen, die an dieser Frucht genagt haben. Ich für mein Teil habe noch niemandem die Ehre abgeschnitten.« Das hatten sie alle nicht getan, weder Anna Meisenpfiff noch Christel Wachtelschlag. Ach all die guten Seelen, sie hatten immer nur zu Käthchens Verteidigung des Wortes Schwert geführt. Die einzige, die dem Verdachte ihre Zunge lieh, war Suse Innigrot, die Fromme, die an einem Überbein litt und heute nicht zum Wasserholen kommen konnte. Ach und von der gerade hätte man sich dessen am wenigsten versehen sollen. Sie hatte doch auf der Hauspostille die Nottaufe erhalten und ging durchs Gartenpförtchen im Pfarrhause aus und ein. Aber man kann sich täuschen. Es gibt Dinge, die poliert sind wie das Blatt des Kirschlorbeers und doch haben sie am Rande Stacheln. Ja sie, die Glatte war's, die das schändliche Gerede in Umlauf gesetzt hatte. Die Mädchen wollten's ihr ins Gesicht hinein sagen und vor ihr ausspucken, wenn sie sich am Brunnen zeigen sollte. Und in der Tat, am anderen Tage erschien sie und man stellte Suse. Diese wurde fuchtig in ihrem Eigensinn: Man solle nur abwarten, bis der Markt ausgelegt sei. Es gäbe welche, die ihr Kind tragen könnten, solange sie wollten. Ihr schwane, Käthchen Sommertag wäre eine von denen. Diesen Worten begegnete Pankraz, der zum Brunnen kam, um seine Pferde zu tränken. »Schade, Suse, daß du nicht als Stockfisch auf die Welt gekommen bist. Vielleicht wäre dann aus deinem Gehirn soviel Öl der Weisheit herauszupressen gewesen, daß man hätte damit ein Paar Fuhrmannsstiefel schmieren können, und der liebe Herrgott wäre nicht in Verlegenheit gekommen, wenn ihn jemand fragte, warum er dich eigentlich geschaffen hätte.« Die Mädchen lachten und nach ihnen das ganze Dorf auf Kosten der Suse Innigrot. »Sie ist so dumm, daß sie bellt, wenn sie ein Floh beißt, statt sich zu kratzen,« sagten die Leute, »und so eine will einem Käthchen Sommertag die Ehre abschneiden. Man sollte sie totschlagen.« Nachdem der See der öffentlichen Meinung lange genug das Schifflein Käthchens auf seinen schmutzigen Wogen erbarmungslos umhergeworfen hatte, wiegte er nun mit Behagen das leichte Wassergeschiebe der Suse Innigrot. Die Knaben schnitten ihr Fratzen, wenn sie zur Kirche ging, und kleine Mädchen faßten mit den Händchen ihre Röckchen und schwänzelten mit Grazie, so wie Suse schwänzelte, wenn sie im Vollbewußtsein ihrer Vortrefflichkeit über die Straße schritt. Kurzum, Suse wurde das Schwarze einer Scheibe, in dem jeder Pfeil sein Ziel sah. Unterdessen war die Taubhausmühle auf den Rat des Innocenz Lorum verkauft worden. »Die Welt wird anderswo für uns ein freundliches Tal haben. Wir müssen die Fortsetzung unseres Lebens auf ein frisches Blatt schreiben,« hatte er zu Käthchen gesagt, und sie war es zufrieden. Nun, wo der Tag der Operation näher und näher rückte, wuchs in Käthchens banger Seele das Grauen vor den blutigen Schlächterhänden der Ärzte. Ihr war's wie einem, der sich in Felsenschroffen und Kaminen verstiegen hat. Es gab kein Zurück mehr. Nur noch ein Vorwärtsklimmen, ein ängstliches Tasten und Greifen nach dürren Grasbüscheln und scharfen, die Hand zerschneidenden Kanten. Hinter ihr die Welt so klein. Alles in seiner Winzigkeit so unterschiedlos und ähnlich; der Palast und die Schäferhütte gleich, der König nicht größer als der Bettler. Vor ihr eine steile, scharfkantige Wand, über die sie mit blutigen Knieen hinüber mußte. Da hing sie zwischen Himmel und Erde, für das eine zu tief, für das andere zu hoch. Es war zum Erbarmen. Daß es keine Wahl mehr für sie gab, das war es, was sie schier verzweifeln ließ, aber dies war es auch, was ihren Willen stählte und ihre Kraft verdoppelte. Sie wurde allmählich Herr über sich selber. Die Seele wuchs und kämpfte das Widerstreben nieder. Ein inneres Licht strahlte sternenklar über einem fernen Vaterhaus. Wachen Auges und mit klaren Sinnen sah sie mutvoll hinein in des Geschicks geheimnisvolle Urne. »Ich bin bereit, mein Lieber,« sagte sie eines Abends, als Innocenz eine seiner Erzählungen aus Kaschmir, mit denen er sie zu zerstreuen suchte, beendet hatte. Da erschrak der Arzt über ihren plötzlichen Entschluß. Er war Käthchen gegenüber noch etwas im Rückstand. Ihr Leben lag klar und übersichtlich vor ihm wie die Quadrate eines Schachbrettes, aber das seine hatte noch eine Stelle, wo unter Springen und Rissen der Schmutz des Alltags lagerte. Innocenz wünschte, sein Gewissen durch eine Generalbeichte zu erleichtern und er begann seine Bekenntnisse mit den stammelnden Worten: »Du weißt, mein Käthchen, daß ich einst im Zorne vor dir geflohen bin. Meine Liebe hatte ich aus dem Herzen gerissen, da gähnte in mir eine große, große Leere.« – – – »Schweig,« sprach sie und schloß ihm den Mund mit ihrer bleichen schmalen Hand. »Ich ahne, daß du mir sagen willst, du seiest nicht mehr gewesen, als ein Mensch. Schweig, ich bitte dich und laß mich an dich glauben.« Da verstummte der Arzt, warf noch einen langen Blick in dies milde, müde Antlitz, dessen Züge die Krankheit mit einem Trauerflor überschleierte und ging, ihr unter Tränen einen letzten Liebesdienst zu besorgen, – ein Fuhrwerk, das sie dem großen Wagnis entgegenführen sollte. In der nächsten Morgenfrühe hielt ein Wagen mit weichen Lederpolstern vor dem Tore des Kreuzhofes. Käthchen trat schwankenden Schrittes unter die Tür und sog den kühlen Duft des jungen Maientages in ihre Lungen. Ihr Auge war groß und staunend wie ein Kinderauge vorm Weihnachtstische. Wie war das alles doch heute so schön, so neu, so verändert. Da stand die Birke im Hof und zitterte so verlegen mit den Blättern an den langen Stielen, als ob sie erbebe vor Schmerz oder Lust. Wer mochte ihr Geheimnis kennen? Vom frischgeschnittenen Rebstock am Dachgesims fiel eine Träne nieder und benetzte die Hand der Scheidenden. Das war schon verständlicher. Die Rebe weinte. Um eignes oder fremdes Weh? Käthchen erschrak und hob das feuchtschimmernde Auge nach oben. ›Wem immer dein Herbst reifen mag,‹ so dachte sie, ›sei fruchtbar, alte Rebe und sei bedankt für dein Mitleid und jede süße Labe, die du dem Käthchen Sommertag geboten hast,‹ Sie war zwei Stufen tiefer getreten und hatte sich umgedreht. Ihre Augen wurden größer. Es war, als ob sie wie in einem Spiegel das Haus, in dem die Verfolgte Aufnahme gefunden, aufsaugen, aber auch fest halten wollte. Da merkte Innocenz, wie schwer die Geliebte an der Last der Erinnerungen trug, er trat näher und stützte sie. »Da es sein muß, so mache, daß wir eilig fortkommen,« flüsterte sie leise. Da trug er sie sanft auf starken Armen nach dem Wagen hin. Ihr krankes Haupt ruhte auf seiner Schulter. Ihre Hand hing müde zur Erde nieder. Der Hofhund sah's und kam zum Abschiednehmen. Käthchen fühlte seine warme Zunge an ihren kühlen Fingern. Sie wußte, was Cäsar sagen wollte, und fuhr ihm kraulend durch das Fell. Dankbar ging das Tier nach seiner Hütte und sah, die Vorderpfoten wie zum Gebete übereinandergelegt, den Veranstaltungen der Reise traurig zu. Käthchen saß im Wagen und ihre Finger umschlangen einen Maiblumenstrauß, den Innocenz mitgebracht hatte. Der Duft der Blumen löste in etwas die Klammern der Furcht, die ihre Seele umkrallt hatte. Jetzt zogen die Pferde an, und bald klapperten ihre Hufe über die harte Landstraße hin. Man erreichte die Höhe, an deren Fuß sich Birkenried behäbig ausstreckte. Da lag es, Käthchens Heimatsdorf, im Schaum der Kirschenblüte wie in einer weißen Federboa, schön und verführerisch für ein Auge vor allem, das diese Pracht vielleicht zum letzten Male sah. Schon kam man an die ersten Häuser. Leute hingen die Oberkörper aus den Fenstern oder standen unter den Türen. Es war, als ob man im Dorf seit Stunden auf etwas gewartet hätte. Und in der Tat, Käthchens Schulkameraden wollten sie noch einmal sehen, dies mutige Käthchen, das sich in die Messer der Ärzte warf, wie in die Zähne eines Raubtiers. Ein schmerzliches Bedauern schüttelte die Menschen, als sie das bleiche Antlitz sahen mit den niedergeschlagenen Lidern, und an ihren Herzen nagte die späte Reue. Aber was war schuld, daß man dies Engelsbild vor Monden noch aus sonnigen Höhen in den Schmutz gezogen hatte? Suse Innigrot war es, der Gott gnädig sein mag am Tage des Gerichts. Sie und keine andere. Möchte ihr die Zunge im Munde verdorren! So hat jedes Dorf, jede Stadt, jedes Volk seine Suse Innigrot, auf die man die Schuld der Gesamtheit ablädt. Wehe dem, der als Sündenbock in die Wüste gejagt wird. Zweierlei ist es, was ihm noch zur Seite schreitet: Menschenverachtung und Widerwillen gegen ihre scheinheilige Selbstgerechtigkeit. Eine Staubwolke lagerte sich zwischen Käthchen und ihr Heimatsdorf. Verziehen, verweht, verschwunden. – Sechsundzwanzigstes Kapitel Der Wagen, in der Universitätsstadt angekommen, war am »Fränkischen Hofe« vorgefahren. Da pflegte Käthchens Vater abzusteigen, wenn er auf dem Kornmarkt gute Geschäfte gemacht hatte. Bei solchen Gelegenheiten war die Tochter zuweilen mitgenommen worden, und wenn es auf den Vater Dukaten geregnet hatte, dann hatte es sicher auf den Arm des Kindes eine neue Puppe geträufelt. O welche stolze Seligkeit, mit einem solchen Schatz über die Schwelle des »Fränkischen Hofes« zu schreiten! Und dann das gute Essen, viel besser als zu Hause, kastanienbraune Koteletts und gar ein süßer Nachtisch, von dem auch die Puppe bekam, bis sie die beweglichen Augen zumachte und einschlief. An diese Augenblicke seligen Kinderglückes dachte jetzt das Weib, und ein warmes Heimwehgefühl nach den Kindertagen, die keine andere Sorge kannten, als daß die Puppe nicht zu kurz käme, durchrieselte sie. Man war ins Zimmer getreten. An der Wand hingen noch die gleichen Bilder, wie vor Jahren. Eine Genoveva, auch mit einem Kind auf dem Knie und doch mit einem so traurigen Angesicht, daß dem Müllerstöchterchen vor Mitleid das Herz zitterte. Was mag ihr nur fehlen, daß sie gar so schmerzvoll um sich blickt? Warum nur die Frau so betrübt ist, und warum doch die Gesichter aller Erwachsenen so ernst und verdrossen aussehen? hatte das kleine Käthchen damals gedacht. Heute wußte das große Käthchen, daß jeder unterm Kleid eine Kette trägt, die ihm die Gelenke wundscheuert, und das Antlitz der verlassenen Genoveva war ihr kein Rätsel mehr. Die Wirtsleute kamen und grüßten Käthchen mit einem traurigen Lächeln. Sie kannten sie noch und kannten auch ihr Geschick. Deshalb die sauersüße Freundlichkeit. Die Kranke las aus den ehrlichen Gesichtern für ihr Vorhaben viel fromme Wünsche, aber viel mehr bange Zweifel, ob sie sich erfüllen möchten. Nach einer hinuntergequälten Mahlzeit verließen unsere zwei den Gasthof. Die Straße, auf der sie gingen, war für andere Leute die Semmelgasse, aber für Käthchen Sommertag war sie die Via dolorosa, und an ihrem Ende lag ihr Golgatha, das Spital. Karfreitag, Karfreitag – wer vermag zu sagen, ob dir ein Ostermorgen folgt! – Am Hause des Jammers angekommen, warf Käthchen einen Blick auf die gemeißelte Gruppe, die über dem Portale prangt. Krüppel, Lahme und Aussätzige heben die steinernen Hände zu einem Bischof empor. Ach, da stand einer von denen, die des Himmels Macht an sich gerissen haben. Daß sie doch helfen könnten! Aber nein, für sie gab es kein: »Nimm dein Bett und gehe!« Sie konnte nicht genesen an der Pforte umkehren. Sie mußte hinein. Durch das halbgeöffnete Tor warf sie einen Blick in den Hof und wurde noch um eine Nuance bleicher als sie schon war. Da schleppten sich Leute auf einem Bein und einer Stelze übers Pflaster, andere fuschelten mit den Armstummeln in den Rocktaschen herum, als ob man ohne Hände etwas greifen könnte. Welch ein kläglicher Anblick! Hier hatte das Messer gewütet, das schreckliche Messer, das auch ihres Leibes harrte. Da kam eine unsägliche Angst über die Ärmste. Kalter Schweiß trat auf ihre Stirne, die Verzweiflung griff nach ihrer Seele. Hier erlebte Käthchen Sommertag ihre schwere Stunde von Gethsemane: »Herr, wenn es möglich ist, daß dieser Kelch vorübergehe?« Sie wandte sich ab und drängte gegen die Schulter ihres Begleiters. Sie fand keine Worte, aber wie ein Kind bang vor dem Schornsteinfeger an der Mutter schiebt und drängelt, so schob sie Innocenz, um mit ihm fortzukommen von diesem Trümmerfeld der geschlagenen Menschheit. Er aber legte ihr schmerzdurchwühltes Materdolorosa Antlitz an seine Wange und flüsterte mit tränenerstickter Stimme: »Denke, mein Käthchen, an die Zeit, die dem Schrecken folgen muß! Erhalte dich einer sonnigen Zukunft und mir!« Da war's, als ob ein elektrischer Funke sie mit Lebenswärme und Kraft durchglühe. Sie wuchs an Innocenz empor, zog ihn am Ärmel hinter sich nach und verschwand in den gewölbten Gängen, hinter deren Wänden rechts und links das Elend wohnt. So kamen sie ins Zimmer des Chirurgen. Der Mann hieß Wenzel von Linhart, hatte einen gewaltigen Schnauzbart auf der Oberlippe und sah militärisch abgezirkelt aus, wie ein Major vor der Front. Aber wenn er freundlich wurde, dann gewann sein Antlitz einen anderen Charakter und glich einem Gewitterhimmel, in dem schon der Regenbogen steht. Und er war freundlich, freundlich gegen den Kollegen und fast zärtlich gegen Käthchen Sommertag. Im Fluge hatte er das Herz seiner Patientin erobert. Sie wurde zuversichtlich, glaubte an den Mann, der vor ihr stand, an seine Kunst und des Himmels gnädige Hilfe. »Gehe nun,« sprach sie zu Innocenz, »und gräme dich nicht um mich. Ich werde gesund werden und dann die deine. – O wie gern, wie gern ...« Innocenz ging aus dem Spital, als schon der Abend dämmerte und die Laternen ihr Licht in die junggrünen Lindenkronen der Anlage streuten. Er ging verwirrt und ohne Ziel und kam in enge Gassen. Ohne daß er es gewollt hatte, stand er plötzlich vor dem Portal der Nikolauskapelle. Da zog es ihn mit Macht hinein nach dem Bilde der Himmelskönigin. Er fand es in farbigen Dämmerschein gehüllt. Im letzten Sonnenstrahle glühten die Scheiben in dem Stab- und Maßwerk gotischer Fenster und im kleinen Spitzbogenchore pendelte das rote Licht einer ewigen Lampe. Alles war so ansprechend und traulich in dem engen Raume. Stille ringsum. Niemand störte die Zwiesprache zwischen einem armen Menschenkind und der Hochgebenedeiten. Innocenz warf sich in die Kniee und legte vor der Himmelskönigin jene Beichte ab, die er an Käthchens Krankenbett begonnen hatte. Es war ein schweres Stück Arbeit, sich so bloßstellen zu müssen vor einer so erlauchten Frau. Aber es mußte geschehen um Käthchens willen. Ehe er für sie eine Bitte wagen konnte, mußte er sich gedemütigt haben. Erst wasche deine Hände und dann erst strecke sie zum Herrn empor für deinen Bruder. Nun war beides geschehen. Der Bekenner hatte sein geliebtes Käthchen dem Schutze der Schmerzensreichen empfohlen und ging, als ob sich nun schon alles zum Guten gewendet hätte, aus dem Gotteshause. In der Orgel spielte der Wind mit Geisterhänden eine leise Melodie. Innocenz glaubte die Weise zu erkennen und flüsterte: »Aus Liebe nur, von keiner Macht gezwungen.« Ganz zur Ruhe kam übrigens Innocenz trotz des neuerwachten Gottvertrauens doch nicht. Zuviel redete seine Sachkenntnis zwischen seine Hoffnungen hinein, so daß er sein Wissen schier verwünschte, und jene beneidete, die von des Gedankens Blässe ungekränkt an Wunder glauben können. Von Hoffen und Zagen verwirrt trieb er wie Flugsand durch die Straßen, trat in manche Schenke hinein, forderte einen kühlen Trunk, ließ ihn stehen und lief zur nächsten Wirtshaustür. Mitternacht war's, als er im »Fränkischen Hof« ankam und auf dem zertretenen Läufer nach seinem Zimmer schlich. Gegen Morgen erst fand er etwas Schlaf und der war unruhig und mit schweren Phantasien durchflochten. Momente einer süßen Traumseligkeit endeten mit jähem Aufschrei. So wurde es acht Uhr. Innocenz verließ das durchwühlte Lager und machte sich auf nach dem Spital. In dem Gange vor dem Operationssaale herrschte geschäftige Eile. Schwestern in weißen Schürzen liefen über die Steinplatten und trugen Eimer mit dampfendem Wasser herbei. Andere schleppten in Servietten verpackte Instrumente und ganze Berge von Verbandstoffen. Assistenzärzte in weißen, flatternden Operationsmänteln flogen mehr, als sie gingen. Man hörte Vorhänge in ihren Ringen rascheln, und Fenster wurden geöffnet und geschlossen. Innocenz kannte diesen Lärm der Vorbereitungen, er hatte ihn oft gehört und nicht beachtet, als es sich um fremde Kranke handelte. Heute aber schnürte er ihm das Herz zusammen. Er bebte vor innerer Unruhe, bebte noch mehr, als dazumal, als er hier stand und auf den Examinator wartete. In all dem geschäftigen Treiben fühlte er sich überflüssig. Ihm war, als ob jemand über ihn stolpern und fallen könnte. Deshalb trat er in das Direktionszimmer und sah durch die Scheiben in den Hof, wo einige Tauben dienerten und nach Krümeln suchten, die man ihnen aus den Krankensälen zuwarf. Er stand und trommelte mit den Fingern an die Scheiben, um seine Angst zu übertäuben. Da merkte er, daß es hinter ihm lebhafter wurde. Er drehte sich um und sah durch die offene Tür. Ach da kamen sie den Gang herab, eine traurige Prozession. Schwestern, ganz in Weiß gekleidet, hatten Käthchen Sommertag zwischen sich in weißem Morgenkleide. Ein Zug von Himmelsbräuten. Innocenz legte die Hand vor die Augen, um nicht sehen zu müssen. Aber Käthchen hatte ihn bemerkt. Sie trat rasch ins Zimmer und legte ihr pochendes Herz an die Brust des Freundes, für einen Augenblick, für einen kurzen, süßen Augenblick. Der Jüngling umschlang noch einmal die sammetweiche, liebe Gestalt unter herzzerbrechendem Schluchzen. »Nicht doch,« sagte Käthchen. »Weißt du, was mich tröstet? Hast du mir nicht erzählt, daß im fernen Lande, wo die Lotosblume blüht, Menschen wohnen, die eine liebe Verheißung haben? Ihnen ist gesagt: ›Hab' Geduld, liebe Seele, durch sieben Himmel kannst du warten, bis der kommt, den deine Sehnsucht ruft. Aber er wird kommen.‹ Sieh, das ist so schön, das ist mein Trost. Geliebter, ich warte auf dich.« So sprach sie und wand sich los aus seinen Armen. Auf der Schwelle drehte sie sich noch einmal nach dem Verlassenen um, und ihre schmale, bleiche Hand winkte den letzten Scheidegruß. Die weißen Schwestern umdrängten die weiße Himmelsbraut und fort ging's, wie in das geheimnisvolle Schweigen eines Zypressenhaines nach dem Operationssaale. Innocenz war allein, schrecklich allein, wie ein Verirrter im Polareis. Draußen am Hause vorbei flutete der Strom der Menschen, aber was waren sie ihm? Treibende Eisschollen, kalt und gefühllos. Da drinnen aber, hinter der Wand, da schlug für ihn ein warmes Herz. Ja schlug es noch, oder hatte der erschlaffte Muskel seinen Dienst versagt und Käthchen war den Sternen zugeflogen? Der Gedanke war unerträglich. Innocenz hätte die Tür aufreißen und eintreten mögen. Aber die Arbeit des Chirurgen kann keine Sentimentalitäten brauchen, das wußte der Arzt und bezwang sich. Und doch, was hätte er nicht für einen einzigen Laut gegeben, der ihm sagte, daß die Geliebte noch lebe! Er legte sein Ohr an die Tür und fing an zu lauschen. Verworrene Töne aus Käthchens Munde, die nichts sagen konnten, drangen zu ihm, aber sie kamen doch von ihr. ›Das ist der Chloroformrausch,‹ dachte er, ›nun Gott sei Dank, sie ist schon jenseits von jedem Erdenschmerz und das Messer, das blutige Messer hat für sie seine Schrecken verloren.‹ Und es ward still, unheimlich still. Innocenz hatte sich in eine Fensternische gesetzt, maß die Minuten an dem Schlage seines Herzens und wunderte sich, zu welcher Ewigkeit sich eine Stunde dehnen kann. Da flog die Tür auf und ein Assistenzarzt eilte flüchtigen Schrittes durchs Zimmer. Schnell wie ein Gedanke kam er wieder zurück und trug einen Gegenstand in seinen Händen. »Komplikationen, schwere Komplikationen, leider, Herr Kollege,« hauchte er nach dem Platze hin, wo Innocenz saß und war verschwunden. Der Wartende, mit dem Euphemismus der Ärztesprache wohlvertraut, ahnte schaudernd, was das Wort Komplikationen zu bedeuten habe und suchte sein Herz zu wappnen gegen einen harten Schlag, der bereits über seinem Haupte sausend die klagende Luft durchschnitt. Da trat Linhart ins Zimmer und streckte dem Kollegen die beiden Hände entgegen. Ein bitterer Ernst lag in dem sonst so gutmütig fröhlichen Gesichte und ein nervöses Zucken hob und senkte den buschigen Schnurrbart. »Im Sturm greift die Eiche mit den Wurzeln tiefer in den Fels, und dichter wird die borkige Rinde um ihren Kern. Sich mit Pflastern und Narben eine starke Wetterseite bilden, das ist's, was den Kämpfer ausmacht und den Mann,« sagte er nach langem, verlegenem Schweigen. Innocenz senkte die Stirn und fragte: »Ist sie sanft hinübergeschritten?« »Leise, wie eine Feder nach den Wolken schwebt,« war die Antwort. Da drückte der vereinsamte Schüler seinem Lehrer die Hand und verließ mit schwankenden Schritten das Spital. Drei Tage später stand ein Kreis von Leidtragenden um den Grabstein des Ehepaares Lorum. Die Entschlafenen hatten seinerzeit reichlich Platz gekauft. Vielleicht hatten sie gedacht, daß ihr Sohn einmal ein Einspänner bleiben und neben sie kommen könne. Nun kam ihnen vielbeweint eine Tochter, und über den dreien wölbte sich ein Berg von Rosen und Vergißmeinnicht. Am Tage nach der Beerdigung war Innocenz Lorum verschwunden und niemand konnte sagen wohin.   Pankraz Überdies wartete in Birkenried acht Monate – notabene es können auch neun gewesen sein – auf die Rückkehr des Doktor Lorum. Seine Fuhrmannspeitsche hatte er über seinem Bette aufgehängt und betrachtete sie von Zeit zu Zeit mit brennender Sehnsucht nach jenem Winde, der dem Kutscher durch den Pfeifendeckel streicht und glühende Fünkchen mit sich reißt, die wie Sternschnuppenschwärme die Nacht durchfunkeln. Als aber Innocenz immer nicht kommen wollte, und bereits ein Nachfolger im Amte aufgezogen war, da suchte er seinen Schleifstein wieder hervor und schob ihn vor sich her beherzt ins Leben hinein. Er ließ das Rädchen schnurren und sang seine Weise an den Straßenecken. Die Mägde kamen und brachten ihm Arbeit und Geld, aber er hatte keine rechte Ruhe; er brauchte die Abwechselung. Sein Mut und seine Anstelligkeit verhalfen ihm leicht zu anderen hohen Stellungen. Er fand Arbeit bei einem Schieferdecker, einem Schornsteinfeger, einem Dachkandelfabrikanten und zuletzt bei Mister Samson, einem Menageriebesitzer. In der erlauchten Gesellschaft von Wüstenkönigen und Affen machte er nun weite Reisen durch vielerlei Länder unter kalten und warmen Breitengraden. Einst hatte die Truppe der Fahrenden ihr Leinwandzelt in einem Städtchen an der Donau aufgeschlagen, auf einem freien Platze, gerade vor dem reichgegliederten Spitzbogenportal der Kirche unserer lieben Frau von der immerwährenden Hilfe. Man hatte mit schwankenden Kamelen und possierlichen Meerschweinchen einen königlich pompösen Umzug durch die Straßen veranstaltet, und Depeschen an die Telegraphenstangen geklebt, daß ein gefräßiger Tiger heute einen Handwerksburschen zerreißen werde. Doch die Bude blieb am Abend trotz der Magnesiafackeln leer. Vergeblich heulte der Pistonbläser wie eine Schiffssirene. Alles zog nicht. Die Leute kamen wohl in Scharen vors Zelt, begafften ein wenig die blutrünstigen Szenen am Eingang, dann gingen sie vorbei und durch eine Seitentür in die Kirche hinein. Das war eine ärgerliche Sache für Mister Samson, dem der Pferdeschlächter den Kredit gekündigt hatte. Welcher Apostel- oder Heiligenknochen mochte nur die Menge an seinem Kunstinstitut vorbei in die Kirche führen? So was war ja noch nicht dagewesen. Er wollte Aufklärung haben und hauchte den Pankraz an: »Was zum Teufel haben wir da neben uns für eine Konkurrenz?« »Ein Grauer ist es aus dem Kloster Himmelspforte,« sagte dieser. »Mit Fastenpredigten füttert er das Volk und bringt die Schankwirte an den Bankrott. Mehr noch als in der Kirche gebetet wird, wird in den leeren Kneipen geflucht. So hat das Jenseits seinen gemischten Salat, an dem auch der Teufel seinen Hunger stillt.« »Ja aber zum Kuckuck, wo bleiben wir,« donnerte Samson los. »Gesetzt wir schnallten für unsre Person den Schmachtriemen ein paar Löcher enger, was fangen wir mit den Biestern an? Bis auf einen klapperdürren Milchhändlersgaul und zwei alte Hammelböcke sind für sie die ägyptischen Fleischtöpfe geleert. Wandel müssen wir schaffen, bis mir aber der gute Gedanken kommt, wieso und wie, möchte ich mir den Teufelsknochen von Pfaffen einmal aus der Nähe ansehen. Zwischen heute und morgen hat schon manches Huhn sein Ei gelegt.« »Versäumen können wir nicht viel, und das Känguruh stiehlt uns keiner,« sagte Pankraz, »wenn's Euch recht ist, Direktor, gehen wir zusammen.« An einen gelehrten Pudel erging der Auftrag die Lampen auszuhusten. Der tat's, die Bude lag in Finsternis. Die Inhaber der Firma gingen und kamen in das Halbdunkel einer übervollen Kapelle. Von hinten betrachtet sah man rechts vom Gange einen langen Fahrdamm, der mit spiegeligen Kahlköpfen gepflastert schien. Links eine dunkle Schonung, auf der die Schwänze des unterschiedlichsten Federviehs zutraulich nickten. Es dauerte eine Weile, bis man sich überzeugt hatte, daß man's auf beiden Seiten mit Menschenköpfen zu tun habe, denn das Langhaus war dunkel. Aller Glanz und alles Licht war im Chore vereinigt. Hunderte von Kerzen flammten auf und umrahmten in strahlendem Oval ein Muttergottesbild. Es war nicht möglich, den Blick von ihm zu wenden. Der süße Liebreiz des jungfräulichen Antlitzes hielt das Auge in seinem festen Bann. Und doch – man sah noch etwas weiteres. Zu den Füßen der Hochgebenedeiten bewegte sich etwas. Es war ein geschorener Schädel, der zur Hälfte in einer rauhen Kapuze versteckt war. Das mußte der Kopf des frommen Paters sein, der Wirt und Dirnen um den Verdienst brachte. Den mußte man sich näher besehen. Die beiden drängten nach dem Chore. Die Gestalt in der Kutte erhob sich derweilen aus den Knieen, stieg zwei bis drei Stufen höher und wandte ihr Gesicht dem Langhaus zu. Die andächtige Menge nahm dies als Zeichen, daß sie sich setzen dürfe und tat's. Es herrschte eine weihevolle Stille, aber nicht lange, denn die sonore Stimme des Mönches stieg hinauf zu den Stichkappen des Kreuzgewölbes und fiel wie Glockentöne von oben auf die Zuhörer nieder. Das ganze Haus war von Prophetenklängen erfüllt. Die Luft erzitterte unter den Worten der Verheißungen und die Fenster klirrten ängstlich in den Verbleiungen unter dem Donnerwort rächenden Fluches, der den Sünder traf. Die Menschen aber fröstelten bald und schrumpften dem Boden zu, bald hoben sie die Köpfe wie die Weiden und schienen in den Himmel hinein wachsen zu wollen, denn bald zog ein drohendes Schrecken an den Säulenkapitälen hin wie Gewitterschwüle, bald ein sanftes Locken wie Wachtelschlag aus dem Ährenfelde. Als der Mönch mit seiner Predigt fertig war, stieg er noch einige Altarstufen höher und sein verliebter Blick senkte sich tief in das schöne Antlitz des Madonnenbildes. Ein Licht aus anderen Welten umstrahlte den bärtigen Kapuzinerkopf und seine Stimme klang in zitternder Sehnsucht als er das Gebet begann: »O domina mea, o mater mea.« Die Menge nahm das Antiphon auf und nun hallte und jubelte durch Langhaus und Seitenschiffe das fromme Gelöbnis: »Tibi me totum offero – –« Der Kopf des Paters war demütig in die Kapuze versunken, Herr Samson aber richtete den seinen energisch auf, als er zu Pankraz sagte: »Wir gehen und brechen unsere Bude nieder – noch heute nacht. Wohl dem, der mehr wie einen Kamm hat, wenn die Zeiten lausig werden. Der Pfaffe macht noch lange ein volles Haus. Sehen wir zu, ob nicht auch hinterm Berge Menschen wohnen.« Es gingen die zwei und kamen an dem Opferstock vorüber. Ein Zinnteller vermochte kaum den Berg der Münzen zu fassen, den fromme Einfalt hier geschichtet hatte. Herr Samson machte eine Adlerkralle und langte nach dem schlecht gehüteten Schatz. »Nicht doch,« begegnete Pankraz seinen Raubgelüsten. »Ehrlich, wenn's auch schwer fällt. Sind erst alle Stränge gerissen, so bleibt uns noch der Riemen um den Schleifstein.« »Schon gut. Du hast ein Sakrileg verhindert und kannst dir dafür einen Heiligenschein ausbedingen. Mir aber wäre die Mutter Kirche fünfzig Prozent von ihrem Reingewinn schuldig; denn ohne meine Groschen wäre er, der nun so erfolgreich für die Firma reist, wahrscheinlich zu Kolombo unter einer Kaffeebohnenstaude verscharrt.« »Den Rest des Geldes für mich und eine braune Zigeunerin,« sagte Pankraz trocken. »Für diesen Gottesmann stak schon einmal eine Kugel in einem Revolverlauf. Mit meiner Weisheit hielt den damaligen Doktor ein zerlumptes Weib eine Stunde hin. Indessen hatte ein eifersüchtiger Narr sein Pulver verschossen und die Vorsehung erntet nun den Dank, den die Sibylle verdient hat.« »Was du nicht sagst,« entgegnete Samson, »wohl eine Weibergeschichte. Daß doch keiner von uns um dieses Fußeisen herumkommt; die frömmsten Menschen nicht einmal. Der Pater da drinnen war auch nicht immer ausschließlich in die Madonna verliebt. Ich kenne in Indien eine, die keine Heilige war und ihn doch zu fesseln wußte.« »Und ich kenne eine Heilige,« spann Pankraz den Gedanken weiter, »vor der er hätte niederknieen und sie verehren sollen, statt vor ihr zu fliehen. Meister, wenn er das getan hätte, wäre ich heute ein Kutscher und er da – steckte nicht in jener Kutte!« »Der Zufall regiert die Welt mit einer Narrenpritsche,« sagte Samson. »Manch einer geht an einem Bett vorbei und legt sich in die Nesseln. Wer von diesen Pechvögeln klug ist, der kratzt sich wenigstens hinterm Ohr und sonstwo, aber es gibt welche, die fangen an zu beten und hoffen auf ein Kanapee im Himmel. Ach daß nicht alle Kreaturen diesen letzteren gleichen! Hörst du, Pankraz, wie unsere Löwen heulen? Ich wollte, ich könnte diese Fresser damit satt machen, daß ich ihnen sage, ihrer warteten im Jenseits ganze Gazellenherden.«