Oskar Meding (Gregor Samarow) Palle Historischer Roman I. In der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts, als der Papst Sixtus IV. auf dem Stuhl St. Peters saß und der päpstliche Hof, umgeben von seinen Kardinälen, welche an überreicher Pracht die Könige der Christenheit selbst überboten, von den stolzen Fürsten Roms und von den Gesandten aller Staaten Europas, ein schimmerndes Bild vielfarbigen Glanzes darbot, vereinigten sich diejenigen Elemente der Gesellschaft, welche man heute die Haute finance nennen würde in der Via de Banchi, welche nach der Engelsbrücke und dem Castel San Angelo hinführte. Diese Straße war diejenige, welche heute Via de Banchi vechi heißt und an welche sich die Via de Banchi nuovi anschließt. In dieser Straße lagen die großen Bankhäuser, welche sich fast ausschließlich in den Händen der Florentiner und einiger Sienesen befanden. Hier hatten die damaligen Finanzgrößen, welche heute teils verschwunden, teils zu Fürsten geworden sind, wie die Strozzi, Chigi, Niccolini und Altoviti ihre Sitze. Auch die beiden florentinischen Patriziergeschlechter der Pazzi und der Medici waren hier glänzend vertreten. Die Bank der Pazzi lag in der Nähe der Brücke, etwas weiter zurück in der Straße die Bank der Medici, welche allen voranstand an Geldmacht und Einfluß, ungefähr den heutigen Finanzgrößen wie Rothschild und Baring vergleichbar, denn die Medici waren Schatzmeister des heiligen apostolischen Stuhls und hatten alle offiziellen und persönlichen Geldgeschäfte des Papstes und der meisten Kardinale zu besorgen; sie hatten ihre Filialen in allen Städten Italiens, in Frankreich und Spanien, und es gab kein großes Kreditgeschäft der damaligen Handelswelt, bei welchem die Medici nicht den maßgebenden und leitenden Mittelpunkt bildeten. Alle diese Bankhäuser waren Paläste, deren Gewölbe unermeßliche Schätze an Gold, Silber und Kostbarkeiten aller Art enthielten, im Erdgeschoß und in den Umgebungen der Höfe befanden sich die weit ausgedehnten Comptoirräume, während in den oberen Etagen die Wohnungen und Festsäle der Bankhalter lagen. Sie sind meist heute verschwunden oder dienen niedrigem Volk zur Wohnung, soweit sie noch vorhanden sind, so daß man in den Fenstern statt der schweren Seidenstoffe schlechte Wäsche aufgehängt sieht und zerlumpte Kinder unter den Portalen spielen, durch welche nicht mehr die Boten aus allen Enden der Welt die Briefe der geldbedürftigen Könige und Fürsten herbeitragen oder die Nachrichten über den Fortgang großer industrieller und finanzieller Unternehmungen bringen. Das Haus der Pazzi war vertreten durch den Neffen Jacopos, des Ältesten der Familie, den jungen Francesco Pazzi und das der Medici durch Giovanni Tornabuoni, den mütterlichen Oheim des Lorenzo de Medici, welcher an der Spitze der Regierung der florentinischen Republik stand. Die beiden Familien waren verwandt, da Lorenzos Schwester Bianca mit Giuglielmo Pazzi sich vermählt hatte. Dennoch fand eine gewisse Eifersucht zwischen ihnen statt, da die Pazzi zu der alten florentinischen Patrizierpartei gehörten, während die Medici sich auf die demokratische Volkspartei stützten und durch deren Gunst und Verehrung ihre dominierende Stellung in Florenz errungen hatten und festhielten. Diese Eifersucht übertrug sich auch auf die Verhältnisse der beiderseitigen Banken, obgleich die Vertreter derselben äußerlich in persönlich freundschaftlichem Verkehr standen. Die Pazzi aber empfanden es häufig, daß die Medici ihnen ihre finanziellen Unternehmungen durchkreuzten oder selbst an sich zogen, was ihnen um so leichter wurde, da sie als Schatzmeister des heiligen Stuhls einen natürlichen Einfluß auf die übrige Finanzwelt ausübten und auch einen tieferen Einblick in die für die Finanzoperationen wichtigen politischen Verhältnisse zu thun im stande waren. In der Dämmerung eines Januarabends des Jahres 1477 ritt von der Engelsbrücke her in die bereits ziemlich stille Via de Banchi ein vornehmer Herr von stolzer Haltung auf einem prächtigen andalusischen Goldfuchs ein. Er war zwischen fünfunddreißig bis vierzig Jahre alt, sein stark gebräuntes Gesicht, mit der gebogenen Nase und dem spitzgeschnittenen dunklen Bart schien durch heftige Leidenschaften gewelkt, ein unstätes Feuer flammte in seinen dunklen Augen, bald höher aufsprühend, bald wieder wie in matter Gleichgültigkeit zusammensinkend oder sich hinter den halbgeschlossenen Lidern verbergend. Er trug auf dem lockigen Haar ein mit kostbarem Pelzwerk besetztes Barett, über seinem glatt anliegendem Anzüge von kunstvoll gewirktem Brokat hing ein ebenfalls mit Pelz verbrämter Überwurf von dunklem Sammet, prächtige Edelsteine blitzten von dem Gehänge und dem Griff seines zierlichen Degens, wie an dem Dolch in seinem Gürtel. Zwei Diener, welche bei der allmählich herabsinkenden Dunkelheit bereits ihre Fackeln angezündet hatten, ritten voraus, sechs andere folgten in ehrerbietiger Entfernung und die glänzende Kleidung der Diener sowie die kostbar geschirrten Pferde zeugten für den hohen Rang und Reichtum ihres Herrn. Die wenigen noch durch die Straßen schreitenden Fußgänger, sowie die aus den einzelnen Bankhäusern heraustretenden Beamten wichen ehrerbietig zur Seite und grüßten mit tiefer Verbeugung den aller Welt bekannten Grafen Girolamo Riario, den Neffen des Papstes, welcher nach dem Tode seines Bruders, den Sixtus IV. vom einfachen Mönch zum Kardinal erhoben hatte, fast ausschließlich das Ohr Seiner Heiligkeit besaß und, von seinem Oheim mit unermeßlichem Reichtum überschüttet, die meisten römischen Fürsten durch seine verschwenderische Pracht in Schatten stellte. Graf Girolamo erwiderte die ehrfurchtsvollen Grüße der Vorübergehenden kaum durch eine flüchtige hochmütige Neigung des Kopfes und hielt, als er die Mitte der Straße erreicht hatte, vor dem Mediceischen Bankpalast, über dessen Portal man den Schild der Medici mit den sechs Kugeln und den drei Straußfedern in Stein gehauen erblickte. Ein Diener war schnell abgesprungen, um den Steigbügel seines Herrn zu halten, der leicht und gewandt aus dem Sattel sprang und in das von den Thürstehern offen gehaltene Portal eintrat, während sein Gefolge auf der Straße zurückblieb. Unter dem hohen Vestibül, das bereits durch große Wachsfackeln auf kunstvoll gearbeiteten Gestellen von Schmiedeeisen erleuchtet war, traten die von dem Thürsteher benachrichtigten Diener dem Grafen ehrerbietig entgegen und führten ihn auf seine Frage nach dem Herrn Giovanni Tornabuoni durch einen gewölbten und ebenfalls hell erleuchteten Korridor nach den Geschäftszimmern des Bankchefs. Alles war hier mit geschäftsmäßiger Einfachheit aber doch dem Glanz des Mediceischen Hauses und dem Reichtum des Vertreters desselben entsprechend, eingerichtet. Nach einem großen Vorsaal, dessen kunstvolle Mosaikböden kostbare orientalische Teppiche bedeckten, trat Graf Girolamo durch die vor ihm weit geöffnete Flügelthür in das geräumige Arbeitszimmer ein, an dessen Wänden kunstvoll geschnitzte Akten- und Bücherschränke standen, während in der Mitte ein großer Schreibtisch, mit Briefen und Papieren bedeckt, von einem tief herabhängenden bronzenem Lüstre mit Wachskerzen beleuchtet wurde. Giovanni Tornabuoni war damals etwa fünfzig Jahre alt. Er war einfach in ein pelzverbrämtes, weites Gewand von schwerer schwarzer Seide gekleidet, sein feines Gesicht mit den dunklen klugen Augen und dem ergrauenden, über der Stirn zurückgestrichenen Haar, war bartlos und zeigte mit dem feinen Munde, den ausdrucksvollen aber ruhigen Zügen weltmännische Verbindlichkeit und dabei eine feste und unbeugsame Willenskraft. Er war dem Grafen bis zur Thürschwelle entgegengetreten, verbeugte sich tief und sagte: »Ich bedaure, erlauchter Graf, daß Eure Exzellenz sich hierher in mein bescheidenes Arbeitszimmer bemüht haben, wäre ich früher von der Ehre Ihres Besuchs unterrichtet gewesen, so hätte ich Sie oben in meiner Wohnung würdiger empfangen.« »Das hat nichts zu sagen, mein lieber Freund,« erwiderte Graf Girolamo, indem er dem gebückt vor ihm Stehenden mit herablassender Vertraulichkeit die Hand drückte, »ich weiß wohl, daß Eure Gemächer dort oben würdig wären, Seine Heiligkeit selbst zu empfangen, aber ich komme nicht, um Euch einen zeremoniellen Besuch zu machen, sondern um ein Geschäft mit Euch zu besprechen und sobald als möglich abzuschließen, und dazu ist wohl dieser Raum hier, aus welchem ja doch aller Glanz Eurer Säle dort oben hervorwächst, am meisten geeignet.« »Ich stehe zu Eurer Exzellenz Befehl,« erwiderte Tornabuoni, indem er einen Lehnsessel heranzog und, nachdem der Graf Platz genommen, sich auf den hölzernen geschnitzten Arbeitsstuhl vor seinen Schreibtisch niedersetzte. »Ihr wißt,« begann Graf Girolamo, »daß Seine Heiligkeit von dem Herzog Galeazzo Maria von Mailand die Stadt und Herrschaft Imola gekauft, welche jener von den Manfredi erworben. Der Tod des unter frevelhaften Mörderhänden gefallenen Herzogs Galeazzo hatte den vollkommenen Abschluß dieses Geschäfts etwas verzögert, alles ist aber jetzt mit der Herzogin Regentin in Ordnung gebracht und der Verkauf steht zur Ausführung. Der Vertrag ist geschlossen und es handelt sich um die Zahlung von dreißigtausend Goldgulden. Seine Heiligkeit hat in seiner Kasse selbstverständlich diese Summe nicht bereit liegen und es handelt sich darum, dieselbe so schnell als möglich zu zahlen; dem heiligen Vater ist an dem Abschluß sehr gelegen und auch ich,« fügte er lächelnd hinzu, »bin dabei beteiligt, da Seine Heiligkeit in seiner unerschöpflichen Gnade mir mit der Herrschaft Imola ein Geschenk zu machen beschlossen hat. Ich bin besonders erfreut dadurch zum Nachbarn der florentinischen Republik zu werden und dadurch meine freundschaftlichen Beziehungen zu Eurem Neffen, dem erlauchten Lorenzo, noch fester zu knüpfen.« Tornabuoni hatte schweigend, ohne daß ein Zug seines Gesichts sich bewegte, zugehört und erwiderte, als der Graf schwieg: »Ich kenne diese Verhandlungen, gnädigster Herr; Seine Heiligkeit hat die Gnade gehabt, mich davon unterrichten zu lassen, ich habe auch nach Florenz darüber berichtet, ich kann Eure Exzellenz versichern, daß die Signorie meiner Vaterstadt und insbesondere mein Neffe Lorenzo sehr erfreut sein werden über Ihre freundnachbarlichen Gesinnungen, und daß unsererseits bereits seit längerer Zeit alle Schritte geschehen sind, um den Wünschen Seiner Heiligkeit entsprechend die Kaufsumme flüssig zu machen.« »Nun, das ist vortrefflich,« rief Girolamo freudig, »dann ist ja das Geschäft, das mich hierher geführt, schon so gut wie abgeschlossen und ich werde bald die Freude haben, den erlauchten Lorenzo von Imola aus zu besuchen.« »Ich habe Eurer Exzellenz gesagt,« erwiderte Tornabuoni, »daß wir alle Schritte gethan haben, um die Kaufsumme flüssig zu machen, aber leider hat uns das bis jetzt nicht gelingen wollen. Die Zeiten sind schwer und das Geld sehr teuer, die Geschäfte bringen geringen Ertrag und unsere Mittel liegen in großen Unternehmungen fest, so daß wir noch nicht im stande waren, die von Seiner Heiligkeit gewünschte Summe aufzutreiben.« Girolamo erbleichte, drohend blitzten seine Augen, ein höhnisches Lächeln zuckte um seine Lippen. »Ich hätte geglaubt,« sagte er, »daß eine Summe von dreißigtausend Goldgulden für das Haus Medici kein Betrag von großer Bedeutung sei, und wenn Eure eigenen Mittel in diesem Augenblick, wie Ihr mir sagt, festliegen, so würde es doch für die Autorität und den Kredit der Medici nicht schwer sein, das Geld durch Vermittelung mit anderen Banken zu schaffen. Seine Heiligkeit hat – und gewiß mit Recht – auf eine solche schnelle und wirksame Vermittelung gerechnet, da das Haus Medici ja das Schatzmeisteramt des apostolischen Stuhls in seinen Händen hat und vor allem verpflichtet ist, für die Bedürfnisse des heiligen Vaters zu sorgen.« »Wir kennen und würdigen vollkommen« erwiderte Tornabuoni, »die Pflichten, welche uns das Schatzmeisteramt gegen Seine Heiligkeit auferlegt und haben auch die Vermittelung, von der Eure Exzellenz sprechen, mit allem Eifer versucht, ich habe bei den Altoviti, den Nicolini, den Strozzi und den Chigi alles versucht, das Geschäft zu stande zu bringen, auch von Florenz aus sind alle Banken in Frankreich und Spanien zu gleicher Vermittelung angewiesen worden, aber, wie ich Eurer Exzellenz zu sagen die Ehre hatte, unsere Bemühungen sind bis jetzt vollkommen vergeblich gewesen, und wir würden höchstens es übernehmen können, die Kaufsumme in kleineren Raten herbeizuschaffen.« »Das kann zu nichts führen,« rief Girolamo heftig, »in Mailand verlangt man die sofortige Zahlung, wenn das Geschäft zu stande kommen soll und –« »Das wird vollkommen unmöglich sein,« erwiderte Tornabuoni ruhig, »Seine Heiligkeit weiß wohl, daß wir alle seine Wünsche zu erfüllen streben, obwohl wir von ihm stark in Anspruch genommen werden, auch werden wir nicht versäumen, unsere Verhandlungen mit allem, einer so wichtigen Sache gebührenden Eifer, fortzusetzen.« »Und in welcher Zeit glauben Sie damit zu stande zu kommen?« unterbrach ihn Girolamo. Tornabuoni zuckte die Achseln. »Darüber bin ich nicht im stande, Euch eine Antwort zu geben, erlauchter Graf, jedenfalls ist es ganz gewiß, daß eine geraume Zeit darüber hingehen wird, wie ich schon bemerkt; alle hiesigen Bankhäuser haben unserer Aufforderung nicht zu entsprechen vermocht.« Girolamo biß sich auf die Lippen und vermochte nur mit Mühe seinen auflodernden Zorn zu unterdrücken. »Und die Pazzi?« sagte er. »Habt Ihr Euch an die Pazzi gewandt, die doch über große Mittel verfügen?« »Das haben wir nicht gethan,« erwiderte Tornabuoni, »ich bin überzeugt, daß auch die Pazzi ohne noch anderen Beistand nicht im stande sind, ein so großes Geschäft zu machen, außerdem wissen Eure Exzellenz, daß die Pazzi trotz ihrer Verschwägerung mit dem Hause Medici, eine gewisse, fast möchte ich sagen, eifersüchtige Zurückhaltung gegen uns beobachten und nicht geneigt sein würden, ein von uns durchzuführendes Geschäft zu unterstützen.« In Girolamos Augen blitzte es bei den letzten Worten tückisch auf. »So könnt Ihr mir keine andere Antwort geben?« fragte er kurz. »Ich bedaure,« erwiderte Tornabuoni, »daß ich dazu nicht im stande bin, wenn ich Eurer Exzellenz nicht falsche Hoffnungen erwecken will – ich wiederhole noch einmal, daß wir alles aufbieten werden, um die Sache, soweit es die Verhältnisse gestatten, zum Abschluß zu bringen, doch ist mein Rat, mit den Sforza eine Ratenzahlung zu vereinbaren und ich kann versichern, daß Lorenzo zu einer Abmachung in diesem Sinne mit allem Eifer seinen Einfluß in Mailand geltend machen wird.« »Ich danke Euch für Euern guten Willen,« erwiderte Girolamo, »und werde Seiner Heiligkeit über diese unangenehme Lage der Sache Bericht erstatten. Der heilige Vater wird, das fürchte ich, davon sehr unangenehm berührt sein, noch mehr vielleicht als ich, obgleich ich zunächst am meisten davon betroffen bin.« »Und wenn ich die Ehre hätte,« sagte Tornabuoni, »vor Seiner Heiligkeit selbst zu stehen, so würde es mir unmöglich sein, eine andere Antwort zu geben, ich glaube indes ganz gewiß, daß eine Verhandlung mit den Sforza den erwünschten Erfolg haben wird, da sie ja auch wünschen müssen, des heiligen Vaters Gnade und unsere Freundschaft sich zu erhalten.« »So müssen wir denn weiter sehen, was zu thun ist,« erwiderte Girolamo schnell aufstehend. Er hatte eine vollkommen gleichgültige Miene angenommen, nur aus seinen Augen blitzte es wie feindliche Drohung. Er reichte Tornabuoni flüchtig die Hand, und dieser begleitete ihn ehrerbietig bis zur Schwelle seines Kabinetts. Im Vorzimmer trat ihm ein junger Mensch von kaum zwanzig Jahren in der reichen eng anschließenden Modekleidung der damaligen Zeit, mit lang herabhängenden aufgeschlitzten Ärmeln an dem Oberwams, den Degen an der Seite und den kurzen Dolch im golddurchwirkten Gürtel, entgegen. Es war eine außerordentlich vornehme sympathische Erscheinung, sein Gesicht hatte die feinen Züge, welche man auf alten Porträts jener Zeit wiederfindet und zeigte entschlossene Willenskraft, noch verbunden mit dem weichen Schmelz der frühen Jugend; seine dunklen Augen blickten wie erstaunt und fragend unter den langen Wimpern hervor und ein träumerischer Schimmer gab ihnen einen besonderen Reiz; sein tief braunes, volles Haar fiel in natürlichen Locken über den Nacken zurück. Er verbeugte sich tief und Tornabuoni sagte: »Ich bitte Eure Exzellenz um die Erlaubnis, Ihnen meinen Neffen Cosimo Rucellai vorstellen zu dürfen, der seit einiger Zeit hier bei mir ist, um einen Überblick über die Geschäfte zu gewinnen und empfehle denselben Ihrem gütigen Wohlwollen.« »Ah,« sagte der Graf Girolamo, – »Rucellai, – ich, kenne den Namen wohl und er hat einen guten Klang – ist Eure Mutter nicht Nannina von Medici?« »So ist es,« erwiderte der junge Mann, »und es ist mir eine große Ehre, daß Eure Exzellenz so gütige Erinnerung für mein Haus haben.« »Wie sollte ich nicht,« sagte Graf Girolamo, »sind doch die Medici,« fügte er mit einem leichten Anflug von Bitterkeit hinzu, »seit lange meine Freunde und treu ergebenen Diener des heiligen Stuhls – ich werde mich freuen, Signor Rucellai, wenn ich Euch nützlich sein kann.« Er reichte dem jungen Manne flüchtig die Hand, welche dieser ehrerbietig berührte, und schritt dann schnell dem Ausgange zu. Tornabuoni geleitete ihn noch bis zur Thüre des Vorzimmers. Cosimo aber schritt ihm, halb rückwärts gewendet, durch den Korridor voran, auf welchem die Diener mit Wachsfackeln bereit standen. Vor dem Portal wurde das Pferd des Grafen vorgeführt. Cosimo hielt den Steigbügel und der Graf ritt, noch einmal mit der Hand grüßend, langsam nach der Engelsbrücke hin. »Verdammte Krämer,« sprach er vor sich hin, »und heuchlerische Schurken! Ihnen fließt das Gold aus allen Ländern Europas zu – sie sind Schatzmeister des heiligen Stuhls und sie suchen umher, um eine elende Summe von dreißigtausend Goldgulden aufzutreiben! Das ist nicht wahr, tausendmal nicht wahr – das ist tückischer Verrat, und vielleicht stecken die Sforza selbst dahinter, mit denen sie ja immer einig sind, um die Macht und den Einfluß des römischen Stuhls zurückzudrängen – vielleicht bereuen sie den Verkauf von Imola und haben sich hinter diesen heuchlerischen Lorenzo gesteckt, um den Abschluß unmöglich zu machen. Aber bei Gott, sie sollen mir für diese Frechheit büßen, wenn ich nur erst eine Handhabe finde, ihnen beizukommen!« Ein heller Fackelschein leuchtete ihm entgegen. Er blickte auf und sah fast neben dem Kopf seines Pferdes einen jungen Mann von vier- bis fünfundzwanzig Jahren, in reicher Tracht, mit einem über die Schultern geworfenen Pelzmantel stehen, der sich, das Barett von dem dunklen lockigen Haar abnehmend, tief verbeugte, während seine Fackelträger ehrerbietig zurücktraten. Als der Grüßende sich wieder aufrichtete, erkannte Girolamo dessen bräunliches Gesicht mit dem aufwärts gedrehten, dunklen Schnurrbart und den stolz und kühn blitzenden Augen. Ein triumphierendes Lächeln zuckte um des Grafen Lippen, als ob in ihm plötzlich ein willkommener Gedanke aufgestiegen sei. Er hielt sein Pferd an und beugte sich herab, um dem Grüßenden die Hand zu reichen. »Ah, Ihr seid es,« sagte er mit verbindlicher Liebenswürdigkeit, »Signor Francesco Pazzi und Ihr geht zu Fuß an diesem Wintertag? Fast möchte man meinen, daß Ihr ein verliebtes Stelldichein aufsucht, wenn Ihr nicht die hellen Fackeln in Euer Gesicht leuchten ließet, so daß jedermann Euch erkennen muß.« Der junge Mann errötete flüchtig bei dem Scherz des Grafen. »Ich habe nur einen kurzen Weg zu machen,« erwiderte er, »so daß es kaum lohnt, ein Pferd zu besteigen.« »So so,« sagte Graf Girolamo, »dann geht Ihr wohl zu Euerm teuren Vetter Tornabuoni, bei dem man ja so vortreffliche Musik macht, daß ganz Rom davon spricht und ich habe ja auch gehört, daß in seinem Hause ein Magnet vorhanden ist, der Wohl auf einen jungen Mann wie Ihr seine Anziehungskraft üben kann. – Nicht wahr, die Marchesa Malaspina von Fosdinuovo ist dort zum Besuch mit ihrer Tochter Giovanna, die ja eine wahre Wunderblume der Schönheit sein soll?« »Ich bin in der That auf dem Wege zu Tornabuoni,« erwiderte Francesco Pazzi schnell, ohne auf die letzte Bemerkung des Grafen zu antworten, »aber,« fügte er mit drohend aufblitzenden Augen hinzu, »was die Vetterschaft mit demselben betrifft, so ist diese Wohl recht weitläufig, und ich bin nicht gewohnt, wie dies andere wohl thun mögen, einer einfachen Verschwägerung besonderen Wert beizulegen, um mich der Verwandtschaft mit den Medici rühmen zu können.« »Nun Ihr habt das auch wahrlich nicht nötig,« sagte Girolamo, »mich dünkt, die Pazzi wären schon ein altes und berühmtes Geschlecht gewesen, ehe die Medici aus dem Staube hervorstiegen. Doch es trifft sich glücklich, daß ich Euch gerade hier begegne, ich hatte gewünscht Euch zu sprechen.« »Ich stehe zu Euerm Befehl, erlauchter Graf,« erwiderte Francesco eifrig, »unser Haus ist ja nur wenige Schritte von hier, wenn Ihr es mit Eurem Besuche beehren wollt, sonst bin ich bereit, Euch nach Euerm Palast zu begleiten.« »Nein, nein,« rief Girolamo, »ich will Euch nicht von dem Wege zur schönen Giovanna ablenken, aber wenn die Gesellschaft dort auseinander geht, so werdet Ihr mich durch Euren Besuch erfreuen, Ihr findet mich zu Hause, und wenn es auch spät würde, ich werde Euch erwarten.« »Eure Exzellenz sind sehr gnädig,« rief Francesco, »ich werde nicht verfehlen, mich zu Euerm Befehl zu stellen.« »Auf Wiedersehen also –« sagte Girolamo, ihm nochmals die Hand reichend und ritt schnell davon, während Francesco, von seinen Fackelträgern begleitet, dem Mediceischen Bankpalast zuschritt, den jener soeben verlassen hatte. Tornabuoni war nachdenklich in sein Kabinett zurückgekehrt. »Es ist ein gewagtes Spiel,« sagte er, während er die Korrespondenzen in seinen Schreibtisch verschloß, »der Papst ist schon ungehalten über den Widerstand, den er gegen alle seine Wünsche in Florenz findet und wir können uns weder auf Venedig noch auf Mailand fest verlassen, da beide trotz aller Freundschaftsversicherungen das Wachsen der florentinischen Macht mit neidischen Augen ansehen. Freilich sehe ich es wohl ebenso klar wie Lorenzo, daß man uns mit einem festen Gürtel umgeben will, der in einem Augenblick auf einen Wink von Rom aus zusammengeschnürt werden kann und daß Imola, an dessen stärkerer Befestigung schon die Sforza gearbeitet haben, ein mächtiges Glied in dieser Gürtelkette bildet; aber gewagt bleibt es immerhin, den Papst geradezu herauszufordern, wie es durch die Verweigerung dieser dreißigtausend Goldgulden geschieht, da er sehr gut weiß, daß wir sie schaffen könnten und wohl auch einiges Recht hat, diesen Dienst von uns zu verlangen, da er ja den Medici das Schatzmeisteramt des apostolischen Stuhls verliehen hat, das immerhin große Vorteile in allen Geschäften bringt. Und wird der Kauf von Imola dadurch verhindert werden können? – Werden die Sforza den Kaufpreis nicht dennoch stunden und wird dann nicht Girolamo in seiner Erbitterung ein um so gefährlicherer Nachbar für die florentinische Republik werden? Ich fürchte, ich fürchte, Lorenzo überschätzt in jugendlichem Feuer seine Macht und es wäre wohl besser, vorsichtig zu sein und zu versuchen, ob wir nicht die Freundschaft, die der Papst uns doch früher entgegenbrachte, wiedergewinnen könnten, um dann in klugem, planmäßigem Vorgehen die florentinische Unabhängigkeit auf dauernden Grundlagen zu sichern, statt sie in einem gewagten Kampf aufs Spiel zu setzen. Ich werde morgen noch einmal den Grafen um eine Bedenkfrist bitten und zugleich einen Boten nach Florenz senden, um Lorenzo zu warnen, wie es mir, dem älteren Verwandten, wohl ansteht.« Er schien mit diesem Entschluß, der einen Mittelweg bilden sollte, welcher seiner ruhigen nachdenklichen Natur entsprach, seine Sorgen beendet zu haben, wie es überhaupt seine Gewohnheit war, die Geschäfte an jedem Tage zu einem gewissen Abschluß zu führen und die weitere Entwickelung derselben dem nächsten Morgen zu überlassen. Seine Züge nahmen seine gewohnte Heiterkeit wieder an. Er verschloß seinen Schreibtisch und die Schränke und stieg die Treppe hinauf, um den Abend, wie immer, im Kreise seiner Familie und seiner Freunde zuzubringen. Die Wohngemächer lagen in dem sogenannten Mezzania, einer kleineren Zwischenetage zwischen dem Parterre und dem ersten Stockwerk, in welchem sich die großen Festsäle und Prunkgemächer befanden; aber auch die einfache Familienwohnung zeigte einen, selbst in dem damaligen glänzenden Rom außergewöhnlichen, ebenso gediegenen als geschmackvollen Luxus. Die Korridore waren durch Wachsfackeln hell erleuchtet und zahlreiche Diener standen bereit, die Besuchenden zu geleiten und die Thüren zu öffnen. In den inneren Gemächern waren die kunstvollen Mosaikfußböden mit kostbaren orientalischen Teppichen bedeckt, vorzügliche Gemälde der besten Meister und antike Vasen und Büsten schmückten die mit Marmor oder Getäfel von seltenen Holzarbeiten bekleideten Wände und die Kerzen auf den Krystallkronleuchtern verbreiteten ein helles Licht, während in den Kaminen die Feuer von wohlriechendem Nadelholz eine milde Wärme ausströmten. Tornabuoni schritt durch mehrere Vorzimmer und trat in einen runden Saal, in welchem eine Gesellschaft von etwa fünfzehn Personen versammelt war und sich in einzelnen Gruppen unterhielt. Neben Tornabuonis Gemahlin, Maddalena, saß auf einem breiten, mit kostbaren Brokatkissen bedeckten Wandsitz die Markgräfin von Malaspina und mit den beiden Damen unterhielt sich, in einem vergoldeten Lehnstuhl sitzend, der Kardinal Napoleone Orsini, der Bruder der Gemahlin Lorenzos von Medici, ein etwa fünfunddreißigjähriger Prälat von außerordentlich vornehmer Erscheinung, dessen seines und geistvolles Gesicht in seinem Ausdruck und seinem lebhaften Mienenspiel ebenso sehr die Gewandtheit des sein gebildeten Weltmannes als die Würde des Kirchenfürsten zeigte. Auf einem Taburett, zur Seite der Markgräfin von Malaspina, saß deren kaum siebzehnjährige Tochter, Giovanna, eine außerordentlich zarte Erscheinung, deren liebliches Gesicht mit den lichten Farben und den leuchtenden dunkelblauen Augen eben erst zum Leben erwacht zu sein schien; ihr reiches Haar hatte jene schimmernd-blonde Goldfarbe, welche in Italien als eine ganz besonders seltene Schönheit gilt und in Titians Bildern mit so wunderbarem Reiz nachgebildet ist. Sie trug ein Gewand von weißer Seide mit kostbaren Spitzen und feiner goldener Stickerei; statt der Edelsteine, welche die anderen Damen trugen, schmückten sie nur einfache frische Blumen, und der Kardinal Napoleone hatte wohl recht, wenn er von ihr sagte, daß sie von Engelshänden an einem Frühlingsmorgen aus Blumenduft und Sonnenlicht geschaffen sei. Neben ihr, halb zu ihren Füßen, saß auf einem kleinen vergoldeten Sessel Cusimo Rucellai, welcher seinem Oheim Tornabuoni voraus hierher gekommen war, nachdem er den Grafen Girolamo zu seinem Pferde geleitet hatte. Die beiden jungen Leute sprachen nicht miteinander, sondern hörten aufmerksam und ehrerbietig der leichten geistvollen und galanten Plauderei des Kardinals zu, dem es gelang, die ernste würdige Madonna Maddalena und die stolzblickende Markgräfin immer wieder zu heiterem Lachen zu bringen, ohne daß sie es vermochten, bei seinen zuweilen etwas gewagten Scherzen eine strenge Miene festzuhalten. Aber obgleich Cosimo und Giovanna einander scheinbar gar nichts zu sagen hatten, so konnte es doch niemandem, der sie beobachtete, entgehen, daß eine gewisse, fast magnetische Beziehung zwischen ihnen stattfand. Die schöne Giovanna schien es zuweilen zu empfinden, daß Cosimos Blicke an ihrem Gesicht mit einer Wärme hingen, die ihr Blut schneller durch die Adern trieb und wenn sie dann wie unwillkürlich die Augen aufschlug und, sich halb zu ihm hinwendend, seinen Blicken begegnete, so färbte sich das zarte Rot ihrer Wangen dunkler und sie ließ, schnell sich wieder abwendend, den Kopf wie erschrocken sinken, während doch ihr liebliches Gesicht sich, wie durch einen Sonnenstrahl unbewußter Freude verklärte. Ringsum im Saal standen oder saßen in verschiedenen Gruppen die übrigen Gaste des Hauses, fast sämtlich junge Künstler auf dem Gebiete der Musik, der Malerei und der Bildhauerkunst, unter ihnen der feingebildete, allen Künsten zugewendete und sie auch selbst ausübende Gesandte der florentinischen Republik Donato Acciaiuoli, der es vortrefflich verstand, junge Talente anzuregen und niemals zögerte, sie in jeder Weise auf das großmütigste zu unterstützen. Tornabuoni begrüßte galant die Markgräfin und ihre Tochter, welche auf einige Zeit die Gäste seines Hauses waren, um die römische Welt kennen zu lernen, drückte ehrerbietig die dargebotene Hand des Kardinals und wendete sich den übrigen zu, welche schnell und eifrig zu ihm herantraten. Es war nur kurze Zeit vergangen, als Francesco Pazzi durch die Vorzimmer in den Saal trat. Er trug einen Strauß von frischen eben erblühten Rosen in der Hand. Sein Blick fiel, als er auf der Schwelle des Gemachs stand, auf Giovanna und Cosimo und in seinen Augen blitzte es wie auflodernder Zorn: Tornabuoni trat ihm sogleich entgegen, begrüßte ihn mit verbindlicher Artigkeit und sagte: »Ich freue mich, Signor Francesco, daß Ihr Euch auch heute wieder meines Hauses erinnert, die Florentiner müssen ja auch außerhalb der Mauern unserer Vaterstadt zusammenhalten, um so mehr, wenn sie zwei Häusern angehören, die in Freundschaft und Verwandtschaft zu einander stehen und die beide so oft und so eifrig ihre Liebe zum Vaterlande bewiesen haben.« Francesco antwortete nur durch eine tiefe Verbeugung und ging schnell zu den Damen, um diese und den Kardinal zu begrüßen. »Ich habe,« sagte er dann, fast hastig die Begrüßungsworte abbrechend, »in unseren Treibhäusern diese blühenden Rosen gefunden, welche in dieser Winterzeit wohl etwas Seltenes und Kostbares sind und darum auch ihre schönste Bestimmung finden, wenn die Marchesina Giovanna so gütig sein will, sie als eine Huldigung meiner Verehrung und Bewunderung anzunehmen. – Ich habe dabei nur zu bedauern, daß die Schönheit dieser Blumen, die mich eben noch entzückte, so ganz verbleichen muß vor dem Leibreiz der edlen Dame, der ich sie darzubieten wage.« Er reichte den mit einer breiten Goldschnur umwundenen Strauß mit tiefer Verbeugung der schönen Giovanna. Diese beugte sich errötend auf die Rosen nieder, sog den würzigen Duft ein und sprach mit unsicherer Stimme einige Worte des Dankes, während Cosimo erbleichend die Lippen aufeinander preßte. Der Cardinal sagte lächelnd: »Wenn schon diese schönen Rosen in den Schmelz ihrer Farbe kaum mit den Wangen unserer lieben Marchesina wetteifern können, so stehen sie noch um so weiter zurück durch ihre bösen Dornen. Freilich,« fuhr er mit einem Seitenblick auf die beiden jungen Männer fort, »haben unsere schönen Damen auch ihre Dornen, aber sie verwunden damit niemals den, für den ihre Blüten sich öffnen, und darin sind sie liebenswürdiger als die Rose, welche ihre Dornen gegen jeden richtet, der ihr nahe tritt«. Giovanna errötete noch tiefer und wendete sich dann wie in unwillkürlicher Bewegung zu Cosimo mit einem seltsam aufleuchtenden Blick, der Francesco nicht entging. Er erbleichte; ein bitteres scharfes Wort schien auf seinen Lippen zu schweben; aber Tornabuoni trat heran und bat die Marchesa zu erlauben, daß ein junger Sänger ein Lied vortrage, das er selbst gedichtet und in Musik gesetzt. Der junge Mann, den Acciaiuoli zum erstenmal in diese von allen Künstlern Roms so eifrig gesuchte Gesellschaft geführt, trat in die Mitte des Saals und begann seinen Vortrag, den er selbst mit der Mandolina begleitete. Das Lied war eine Liebesklage in dem romantisch melancholischen Geist jener Zeit mit überschwenglichen Worten der Hingebung und Bewunderung und mit rührenden Klagen über die Härte der Geliebten. Die Melodie war leicht und schmeichelnd und der Sänger entwickelte eine sorgsam geübte Kunst in der Modulation seiner schönen Stimme und in der Begleitung. Alles lauschte gespannt. Francesco Pazzi war, da Cosimo seinen Platz neben Giovanna nicht aufgab, zu den übrigen Zuhörern getreten, aber er wendete seinen finsteren Blick nicht von den beiden jungen Leuten ab, während er aufmerksam der Musik zu lauschen schien. »Wie schön«, flüsterte Cosimo in das Ohr Giovannas, die sich ganz in die liebliche Musik versunken, mehr noch zu ihm herab geneigt hatte, »und wie wahr! Der arme Dichter klagt in seinem Liede, daß die Dame ihm jedes Zeichen ihrer Huld versagt, das man doch auch dem Freunde gewährt, daß sie ihm eine Blume versagt, um die er sie bittet, um sich, wenn er von ihr fern ist, an den süßen Duft und den holden Glanz ihrer Schönheit zu erinnern. Und eine Blume schenkt man doch einem guten Freunde – nicht wahr, Signora Giovanna, der arme Dichter hat wohl Grund zu klagen und zu seufzen? Sie neigte zustimmend den Kopf und sah ihn lächelnd mit einem flüchtig fragenden Blick an. »Nicht wahr, Signora Giovanna« flüsterte er weiter, »Ihr würdet so grausam nicht sein, wenn ich Euch um eine Blume bitte – ich würde zwar nicht so melodisch klagen können wie jener Sänger dort, wenn Ihr meine Bitte versagtet, aber um so tiefer würde mein Herz darunter leiden.« Wieder sah sie ihn, nur leicht die Wimpern aufschlagend, an, dann zog sie, lieblich errötend, eine der Rosen aus ihrem Strauß und ließ die zarte Blüte in seine bittend ausgestreckte Hand fallen. In demselben Augenblick hörte man den Sessel, auf dessen Lehne Francescos Hand sich stützte, heftig auf den Mosaikboden stoßen, also daß alle Blicke sich dorthin wendeten; aber es mußte eine ganz zufällige Bewegung gewesen sein, welche das Geräusch verursacht hatte, denn Francesco stand unbeweglich, die Hand um die Lehne seines Sessels gespannt, da und sah den Sänger an, nur war sein Gesicht bleicher und seine Miene finsterer als vorher, wie es wohl die Töne der Liebesklage des Liedes bewirken konnten. Cosimo achtete nicht darauf, er hob die Blume empor, als ob er ihren Duft einziehen wolle, drückte sie an seine Lippen und barg sie dann an seiner Brust in den Falten seines Gewandes. »Dank, Giovanna,« sagte er, »Dank! O, jetzt möchte ich mitten hinein in diese klagenden Töne einen Jubelruf erklingen lassen, da ich sehe, daß Ihr mir erlaubt, mich Euern Freund zu nennen.« Giovanna schien nur dem Liede zu lauschen, ihre Wangen glühten und ihre Augen schimmerten in feuchtem Glanz und wenn der Sänger seine Blicke ihr zuwendete, so muhte er glücklich sein, daß die Worte und die Töne das schöne Mädchen so tief bewegten. Niemand sah, daß Cosimo, der halb hinter ihr verborgen saß, ihre herabgesunkene Hand in der seinen hielt und er allein fühlte den kaum merkbaren wie zufälligen Druck ihrer schlanken Finger. Nur Francesco Pazzi bemerkte dies alles, obgleich er nur verstohlen und flüchtig nach jener Seite hinblickte, und immer fester preßten sich seine Lippen aufeinander. Als das Lied beendet war, erscholl von allen Seiten lauter Beifall, zu dem der Kardinal Napoleone das Zeichen gab. Auch Cosimo trat heran, um dem Sänger warme Worte des Dankes für sein Lied zu sagen, bei dessen Klängen ihm ein so süßes Glück erblüht war. Francesco Pazzi unterhielt sich kalt und ernst mit verschiedenen Herren, sein Gesicht hatte eine vollkommen gleichgültige Ruhe wieder angenommen und auch mit Cosimo Rucellai wechselte er einige artige Worte. Als aber noch einige Lieder von anderen Künstlern vorgetragen waren und die Diener die Thüren des Speisesaals öffneten, zum Zeichen, daß die Abendmahlzeit bereit sei, da trat er zu Tornabuoni heran und sprach ihm sein Bedauern aus, daß er noch eine notwendige und dringende Korrespondenz zu erledigen habe und deshalb bedaure, an der Mahlzeit nicht Teil nehmen zu können, er habe sich nur für eine kurze Zeit frei machen können, um sich der so lieben und werten Gesellschaft nicht ganz zu entsagen. Er empfahl sich dann den Damen mit kurzen Worten und verließ schnell den Saal, während die Gesellschaft sich zu der mit reichem Silbergeschirr und kostbaren Blumen bedeckten Tafel begab. Der Kardinal und Acciaiuoli hatten die älteren Damen in den Speisesaal geführt. Tornabuoni setzte sich denselben gegenüber, die übrige Gesellschaft verteilte sich nach ihrer freien Wahl und es war natürlich, daß Cosimo Rucellai als naher Verwandter des Hausherrn seinen Platz neben der Marchesina Giovanna nahm. Das Mahl war nach der in dem Hause der Medici herrschenden Sitte einfacher, als es der reiche Tafelschmuck hätte erwarten lassen. Die wenigen Gänge bestanden aus Wild und Geflügel, feinem Gemüse und ausgesuchten Früchten, aber alles zeigte die Meisterschaft der damaligen Kochkunst und die edlen Weine von Griechenland, Italien und Burgund waren tadellos, so daß der Kardinal Napoleone, trotz seiner feinen und verwöhnten Zunge, nichts auszusetzen fand und durch seine vortreffliche Laune und sprudelnde Unterhaltung immer mehr dazu beitrug, die allgemeine Heiterkeit zu erhöhen. Der Glücklichste in dieser ganzen Tischgesellschaft war aber doch Cosimo Rucellai und er hätte des in den Krystallkelchen funkelnden edlen Rebensaftes nicht bedurft, um sein Blut feuriger durch die Adern wallen zu lassen. Er war in ein eifriges Gespräch mit Giovanna vertieft. Unter all den fröhlichen Stimmen hätte niemand hören können, was beide miteinander sprachen, wenn auch ihre Unterhaltung nicht im halbem Flüsterton geführt worden wäre, aber sie mußten sich wohl lauter gute und fröhliche Dinge sagen, denn Giovannas Augen leuchteten oft so hell unter den Seidenwimpern hervor und ihre Wangen erröteten in lieblich glücklicher Verwirrung, wenn er nahe zu ihr hingebeugt feurig und lebhaft sprach. Und wenn sie dann halb scheu, halb schalkhaft, kaum die Lippen bewegend, eine Antwort flüsterte, dann blitzten seine Augen flammend auf, und er leerte seinen Kelch, als ob er irgend ein großes Glück feiern wolle. Der Kardinal Napoleone blickte oft mit seinem Lächeln zu den beiden hinüber, und wenn er dann an Cosimo oder Giovanna über die Tafel hin ein Scherzwort richtete, so schien er seine besondere Freude daran zu haben, daß sie wie aus einem Traum aufgeschreckt emporblickten und nur eine verlegene und oft kaum passende Antwort fanden. Als die Tafel aufgehoben war, verabschiedete sich der Kardinal zuerst, er flüsterte Giovanna beim Abschiede einige leise Worte zu, unter denen das schöne Mädchen hoch errötete und sagte zu Cosimo, der ihn bis zu seiner unter dem Portal wartenden Sänfte begleitete: »Ich wünsche Euch Glück, mein junger Freund, zu dem heutigen Tage!« »Glück« erwiderte Cosimo erstaunt, »und wozu, wenn ich Eure Eminenz fragen darf?« »Das müßt Ihr besser wissen,« sagte der Kardinal lachend, »ich verstehe mich auf die Physiognomik und sehe Euch wohl an, daß Euch heute ein großes Glück wiederfahren ist. In den Geheimnissen des Herzens vermag ich freilich nicht zu lesen und bin auch nicht neugierig und indiscret, aber ich rate Euch, das Glück, das sich heut Euch zugeneigt, fest zu halten und die Blüten zu pflegen, die es in Eure Hand gelegt, denn Fortuna ist launisch und lächelt nur dem kühnen Mut, besonders, wenn sie im Bunde steht mit dem tückischen und unbeständigen Sohn der Aphrodite.« Er grüßte noch einmal mit der Hand aus der Sänfte, welche die Träger in Bewegung setzten und Cosimo stieg schnell an den übrigen dem Kardinal folgenden Gästen vorbei die Treppe, hinauf um die Markgräfin und ihre Tochter noch nach ihren Zimmern in dem oberen Stockwerk zu begleiten. Als er durch einen warmen Händedruck Giovannas beglückt in das Wohnzimmer zurückkehrte, fand er Tornabuoni allein. »Halte Dich bereit, Cosimo« sagte dieser, der ernst und nachdenklich in seinem Lehnstuhl saß, »morgen und übermorgen nach Florenz zu reisen, es gilt einen wichtigen und eiligen Brief an Lorenzo zu bringen, den ich Dir anvertrauen will, ich werde Dir den Inhalt desselben mitteilen und Dir noch mündliche Aufträge mitgeben, die Sache ist wichtig und eilig, ich möchte sie keinem fremden Boten übertragen und Du sollst so schnell als möglich mit Lorenzos Antwort zurückkehren.« Cosimo hätte wohl durch diesen Vertrauensauftrag seines sonst so vorsichtigen und zurückhaltenden Oheims hoch erfreut sein sollen, aber er schien fast bestürzt und blickte zögernd zu Boden. »Scheust Du die Reise?« fragte Tornabuoni erstaunt und vorwurfsvoll, »sie ist freilich etwas beschwerlich in dieser Jahreszeit, aber in Deinem Alter darf man solche Schwierigkeiten nicht kennen.« Noch stand Cosimo schweigend da, er gedachte der Worte des Kardinals und seine Befangenheit verschwand schnell vordem in seiner Brust aufflammenden mutigen Entschluß. »O es ist nicht das, mein Oheim« sagte er frei aufblickend, »nur heute, gerade heute berührt es mich schmerzlich, mich von hier entfernen zu sollen, denn heute ist mir eine Hoffnung aufgegangen, welche das Glück meines ganzen Leben in sich schließt. Ich liebe« fuhr er, Tornabuonis fragenden Blick beantwortend, schnell fort, indem seine Wangen erglühten und seine Blicke feuriger strahlten, »ich liebe zum erstenmal und wie ich gewiß weiß, zum einzigen Mal in meinem Leben, und von Dir wollte ich Fürsprache und Beistand für meine Liebe erbitten.« »Du liebst und wen?« fragte Tornabuoni lächelnd, »so viel ich weiß, bist Du seit kurzem erst hier und hast wenig Damen gesehen, wenn nicht –« »Ich habe nur eine gesehen« rief Cosimo, »Giovanna Malaspina, und nie wird ein anderes Bild in meinem Herzen Platz finden.« »Und sie?« fragte Tornabuoni. »O« erwiderte Cosimo noch höher errötend, »kaum kann ich mein Glück fassen, sie erlaubt mir sie zu lieben und sie erwidert meine Liebe, ich darf es hoffen, ich weiß es seit heute – sie ist zwar eine vornehme Dame vom ersten Range, ihr Vater der Markgraf von Fosdinuovo ist stolz auf seinen Namen und sein Geschlecht und doch wage ich auf mein Glück zu hoffen, wenn Du, mein Oheim, für mich handeln und sprechen willst.« »Warum sollte ich es nicht?« sagte Tornabuoni, »wohl sind wir keine Grafen und Fürsten, aber doch dürfen wir uns den Ersten gleich stellen in Italien und wenn die stolzen Orsini nicht gezögert haben sich mit unsern Vettern, den Medici, zu verschwägern, dann darf sich wohl ein Rucellai nicht scheuen, um die Marchesina Malaspina zu werben.« »Auch der Kardinal Napoleone« sagte Cosimo, »hat mir Hoffnung gemacht durch einige scherzende Worte, die ich nicht mißverstehen konnte, sein scharfer Blick, der alles durchdringt, muß in meinem Herzen gelesen haben, aber Du begreifst es, mein Oheim, daß es mir weh thut, gerade jetzt Rom zu verlassen, so freudig ich auch stets bereit bin, meine Pflicht zu erfüllen.« »Nun« erwiderte Tornabuoni, »Du kannst ruhig abreisen, ein warmes Abschiedswort Giovannas wird Dich ja begleiten und hier soll Deine Sache in guten Händen bleiben, das verspreche ich Dir. Ist doch auch für Deine Herzensangelegenheit Deine Reise nützlich – sprich mit Lorenzo – den wir ja doch alle als unser Haupt betrachten müssen, wenn er zustimmt, so steht Deinem Glück nichts im Wege, und fast glaube ich, daß die Neigung Deines Herzens bei ihm keinen Widerspruch finden wird. Hat er doch selbst für die Markgräfin die Gastfreundschaft meines Hauses gewünscht und ist doch Gabriel Malaspina, Giovannas Vater, einer unserer besten Freunde. Halte Dich also bereit – morgen werde ich Dir Deinen Brief übergeben und Dir Deinen mündlichen Auftrag erteilen, den Du Dir wohl einzuschärfen hast.« »Dank, Dank, mein Oheim«, rief Cosimo, »dann reise ich freudig und müßte mein Weg auch über die Alpen führen! Nehme ich doch die Hoffnung mit, die Bürgschaft des herrlichsten Glücks für mein ganzes Leben zurück zu bringen. Er umarmte Tornabuoni stürmisch und als er in seine Wohnung zurückgekehrt war, zog er Giovannas Rose aus seinem Wams, stellte sie in ein Kelchglas mit frischem Wasser und bedeckte die zarte Blüte mit zärtlichen Küssen. II. Francesco de Pazzi war, von seinen Fackelträgern begleitet, davon gestürmt, die frische, etwas rauhe Luft vermochte es nicht, seine heiße Stirn zu kühlen und in schweren Atemzügen arbeitete seine Brust. »Ha,« sprach er vor sich hin, nur mühsam einen lauten Ausbruch vor den Lakaien zurückhaltend, »dieser elende Bube, kaum der Kinderstube entwachsen, wagt es, sich mir entgegenzustellen und diese Giovanna, von der Natur mit allem Reiz geschmückt, der aus den Blüten emporduftet und im Glanz der Sterne vom Himmel herableuchtet, sie, die Tochter des stolzen Gabriel Malaspina, wendet sich von mir ab und dem thörichten, unreifen Knaben zu, ihm giebt sie die Rose, die ich ihr bot, die ihr ein Zeichen meiner Liebe sein sollte! O, wenn es nicht so lächerlich wäre, mit diesem Cosimino, wie sie ihn nennen, in die Schranken zu treten, so sollte mein Degen sein girrendes Herz durchbohren! Alles, was mit diesen aus dem Staube aufgewachsenen Medici zusammenhängt, wird zum Fluch für uns und für alle alten Geschlechter von Florenz, die das ritterliche Schwert führten, ehe noch die Medici aus ihrem Kramladen hervorgetreten waren! – Vom Pöbel sind sie emporgetragen zur Macht über uns alle, und nun wagt dieser Rucellai gar, mir meine Liebe zu stehlen!« Er spannte die Hand um den Griff seines Dolches und schritt so schnell vorwärts, daß die Fackelträger ihm kaum zu folgen vermochten. Er ging über die Brücke, wendete sich vor dem Castell San Angelo links und kam bald zu dem am Ausgange der Via de Longara in der Nähe von St. Peter liegenden Palast des Grafen Girolamo Riario, einem villenartigen Gebäude, hinter dem sich ein großer Garten nach dem Tiber hin ausdehnte. Der Vorhof und die Fenster des Palastes waren hell erleuchtet, in dem Vestibül standen zahlreiche Diener und führten Francesco sogleich über die Marmortreppe zu der nach dem Garten hin gelegenen Wohnung des Grafen. Alles war hier mit höchster Pracht und verschwenderischer Üppigkeit ausgestattet, es fehlte die edle Einfachheit, welche in Tornabuonis Wohnung herrschte, wenn auch überall ein seiner Geschmack und ein harmonischer Schönheitssinn zu erkennen waren, wie das zu jener Zeit in Rom nicht anders sein konnte, wo die Kunst auch das häusliche Leben und die Wohnstätten der vornehmen Welt so sehr erfüllte, daß der Glanz des Reichtums und des Luxus sich kaum in geschmackloser Weise geltend machen konnte. Bilder der ersten Meister schmückten die Wände und auch die goldschimmernden Rahmen waren Kunstwerke in ihrer Art. In verschwenderischer Fülle strahlten die Wachskerzen von den Kronleuchtern und Girandolen ihr Licht aus, feine orientalische Wohlgerüche durchdufteten alle Räume. In dem kleinen Speisesaal des Grafen saßen mit diesem noch zwei Personen auf kunstvoll geschnitzten und reich vergoldeten Lehnsesseln an dem runden Tisch. Die Abendmahlzeit war beendet und abgetragen, in großen goldenen Körben ständen auf dem schneeigen Tafeltuch die seltensten Früchte und die verschiedenen Konfekte, welche die Kochkunst jener Zeit in so großer Vollkommenheit herzustellen verstand, in geschliffenen Krystallkaraffen funkelten die goldgelben und purpurroten Weine der berühmtesten Reben Italiens und vor den drei Herren standen hohe Kelche mit dem Wappen des Grafen geschliffen. Der eine der Gäste war der Erzbischof von Pisa, Francesco Salviati, ein schlank gewachsener Mann von etwa fünfunddreißig Jahren mit einem feinen bleichen Gesicht, das mit seinem kleinen unter dunklen scharf gezeichneten Brauen hervorblitzenden Augen mehr listige Verschlagenheit als umfassendes und großes geistiges Leben ausdrückte; sein schwarzes Haar war glatt gescheitelt, das violette Gewand mit dem großen von Edelsteinen funkelnden Kreuz, das an einer goldenen Kette auf seiner Brust hing, sowie die feinen weißen Hände gaben ihm das außerordentlich elegante und vornehme Aussehen der hohen Prälaten jener Zeit, welche auf den Luxus ihrer Toilette fast ebenso viel Wert legten, als die Damen der so üppigen und prachtliebenden großen Welt. Neben ihm saß ein hochgewachsener Mann von athletischer Gestalt, der in seiner Kleidung und Haltung das unverkennbare Bild eines jener Soldaten vom Handwerk zeigte, welche nur vom Kriege lebten und ihre Dienste bald dem einen bald dem anderen Herrn gegen hohe Belohnung zur Verfügung stellten, um in den zahlreichen Fehden der großen und kleinen Staaten die Mannschaften anzuwerben und zu führen, die ihnen um so leichter und bereitwilliger zuströmten, je größer der Siegesruhm der Kondottiere war und je mehr dieselben Plünderung und reiche Beute in Aussicht stellten. Er trug ein anschließendes Wams von grauem Wollenstoff mit roter Seide besetzt; sein dunkelbraunes Haar war kurz und kraus gelockt und sein wettergebräuntes Gesicht, mit dem spitzgestutzten Bart, zeigte soldatische Entschlossenheit, dabei aber auch eine gewisse freundliche Gutmütigkeit; er trug einen großen Stoßdegen an einem Bandelier von starkem Leder, um dessen Griff er seine nervige Hand gespannt hielt. Der Graf Girolamo ging Francesco entgegen und führte ihn zu einem für ihn bereit stehenden Sessel. »Es ist schön von Euch, edler Francesco,« sagte er, »daß Ihr Euer Wort haltet, Ihr kommt früher noch, als ich Euch erwartet, aber gerade zu rechter Zeit, denn bei der Sache, die wir eben besprochen, sind Euere Meinung und Euer Rat von großem Wert. Erlaubt, daß ich Euch hier den tapferen Herrn Giovan Battista de Montesecco vorstelle, der seinen tapferen und berühmten Degen meiner Sache zur Verfügung gestellt hat und die Truppen befehligt, welche ich in der Romagna zusammenziehe, um dort für meine Besitzungen sichere Deckung zu schaffen.« Francesco begrüßte den ihm seit lange bekannten Erzbischof, der aus einer seinem Hause nahestehenden florentinischen Familie stammte, verbeugte sich mit etwas zurückhaltender Höflichkeit gegen Montesecco und erklärte mit freudiger Bereitwilligkeit, dem erlauchten Grafen in jeder Weise mit Rat und That dienstbar zu sein, wie es ja seine Pflicht und Schuldigkeit gegen den Neffen Seiner Heiligkeit des Papstes sei, »obgleich,« fügte er hinzu, »der heilige Vater, wie es scheint, das Haus Pazzi nicht mit besonders gnädigen Blicken ansieht, da er ja den Medici, die doch wahrlich nichts vor uns voraus haben, das Schatzmeisteramt verliehen hat.« »Das hat mein gnädigster Oheim gethan,« rief Graf Girolamo, »weil er voraussetzte, daß die Medici sich einer solchen Ehre würdig zeigen würden und weil er den Versicherungen der Ergebenheit Glauben schenkte, die Lorenzo ihm schriftlich und mündlich so oft wiederholte, aber leider hat der heilige Vater sich getäuscht und die Medici haben die Probe nicht bestanden.« »Und wie das?« fragte Francesco aufhorchend. »Könnt Ihr Euch denken, Signor Francesco,« rief Girolamo, »daß dieser doppelzüngige Tornabuoni mir erklärt hat, die Mediceische Bank sei außer stande, die dreißigtausend Goldgulden aufzubringen, welche der heilige Vater an Mailand als Kaufpreis für Imola zu zahlen hat, das mein gnadenreicher Oheim mir geschenkt, und ich bin doch gewiß, daß Lorenzo allein in seinen Gewölben mehr als diese Summe liegen hat.« Eine düstere Freude blitzte in Francescos Augen auf. »Das hätten die Medici gewagt?« fragte er, »und warum sind sie denn nicht, wenn ihre Mittel nicht ausreichen, zu anderen gekommen –« »Sie wollen das gethan haben,« fiel Girolamo ein, »aber weder die Altoviti noch die Chigi und die anderen großen Bankhäuser wären im stande gewesen, das Geschäft zu machen.« »Das ist nicht wahr,« rief Francesco, »und wenn jene Häuser selbst so sprachen, so ist es nur, um den Medici zu gefallen, zu denen sie ja wie zu ihrer Vorsehung aufblicken.« »So glaubt Ihr,« fragte Niario, »daß die Medici soweit ihre Pflichten verleugnen, um nicht nur selbst dem heiligen Vater diesen Dienst zu verweigern, sondern auch andere davon zurückzuhalten?« »Das glaube ich gewiß,« sagte Francesco, »denn der beste Beweis ist, daß sie bei mir nicht angefragt haben.« »Aber welchen Grund sollten sie dazu haben,« sagte der Erzbischof mit einem lauernden Blick, »ein solches Verhalten wäre ja eine Beleidigung des heiligen Vaters, ein Verrat an dem apostolischen Stuhl, dessen Schatzmeisteramt sie führen.« »Weshalb?« sagte Francesco, »das ist leicht beantwortet, hochwürdigster Herr. – Ist es nicht bekannt und aus allem ersichtlich, daß dieser Lorenzo ganz Italien nach seinem Willen beherrschen möchte, wie er seine eigene Vaterstadt unter eine unerträgliche Tyrannei gebeugt hat? Er will selbst den heiligen Vater die Abhängigkeit von seinem Willen fühlen lassen und ihm zeigen, daß er ohne Lorenzos Zustimmung nichts zu thun vermöge. Und gerade in dieser Angelegenheit ist der böse Wille Lorenzos um so deutlicher erkennbar, er wie sein ganzes Haus streben danach, die Romagna in den Besitz oder die vollständige Botmäßigkeit von Florenz zu bringen, das heißt also in den Besitz des Hauses Medici, das ja nur dahin arbeitet, ein großes toskanisches Herzogtum für sich durch die demokratische Tyrannei aufzurichten. Darum will er gerade Euch, erlauchter Graf, dort an den Grenzen nicht in festem und starkem Besitz Fuß fassen lassen und darum den Erwerb von Imola für Euch unmöglich machen, indem er die Beschaffung der Kaufsumme verhindert. O das ist alles leicht zu durchschauen, wie wir es schon lange durchschaut haben. Wir, die alten vornehmen Geschlechter von Florenz, welche durch die tückische Demagogie der Medici von allem Einfluß zurückgedrängt sind, wir denken anders, wir würden es mit Freuden sehen, wenn an unseren Grenzen starke Verbündete zur Vertretung des Rechts gegen den blinden Pöbel, der die Medici auf seinen Schultern emporhebt, vorhanden wären, und wenn besonders der apostolische Stuhl durch seine Getreuen, wie Ihr es seid, erlauchter Graf, dort einen festen Einfluß erhielte, der überall das Recht schützte und die demokratische Tyrannei unmöglich machte.« »Der edle Francesco hat in allem Recht, was er sagt,« bemerkte der Erzbischof, »es ist nur der persönliche Ehrgeiz Lorenzos, der die Romagna zu einem florentinischen Vasallenstaat machen möchte und der auch die Macht und den Einfluß des Papstes unseres heiligen Vaters von den Grenzen seiner auf den Pöbel gestützten Herrschaft fern halten möchte. Hat er es doch gewagt, mir, obgleich ich aus florentinischem Hause stamme, den Besitz des erzbischöflichen Stuhls von Pisa, den Seine Heiligkeit mir verliehen, zu verweigern und es ist jetzt erst mit Mühe gelungen, seine Einwilligung zu erlangen, daß ich mich dorthin begeben dürfe, um mein Amt anzutreten.« »Und das ist erst geschehen,« rief der Graf Girolamo, heftig auf den Tisch schlagend, »nachdem ich dem hochmütigen Medici die schriftliche Versicherung gegeben, daß Seine Heiligkeit bei Eurer Ernennung, hochwürdiger Herr, nicht die Absicht gehabt habe, die florentinische Republik oder das Haus der Medici zu kränken.« »Eine solche Versicherung,« rief Francesco Pazzi, »ist eine Demütigung des heiligen Stuhls, gegen welche sich alle, die demselben in Wahrheit ergeben sind, erheben sollten. – Wie darf Lorenzo von Medici es wagen, einem Fürsten der Kirche den Einzug in den Sitz des ihm von dem heiligen Vater verliehenen Erzbistums zu verweigern. Daß des heiligen Vaters Weisheit es hier nötig hat erachten müssen, einen solchen Trotz stillschweigend zu dulden, ist tief zu beklagen, denn nun wird der Hochmut der Medici ohne Maß sich steigern, und jeder Versuch, die päpstliche Herrschaft und den päpstlichen Einfluß in Umbrien und der Romagna zu befestigen, wird vor diesem trotzigen Ehrgeiz scheitern.« »Aber was ist zu thun,« rief Girolamo, »um einen solchen illoyalen Ehrgeiz eines einzelnen von der Hefe des Pöbels emporgetragenen Mannes zu brechen?« »Zunächst ist es nötig,« erwiderte Francesco, »den heiligen Vater davon zu überzeugen, daß er sich in seinem Vertrauen getäuscht hat, daß die Medici mit ihren Ergebenheitsversicherungen ihn betrügen und die schlimmsten Feinde des heiligen Stuhls und damit des Friedens, der Eintracht und der Macht Italiens sind.« »Ein solcher Beweis ist schwer zu führen,« sagte der Erzbischof, »da Seine Heiligkeit sich nicht so leicht von so tiefer und unverbesserlicher Schlechtigkeit wird überzeugen lassen. Wenn man beweisen könnte,« fügte er mit lauerndem Blick hinzu, »daß die Medici ihn in der Angelegenheit des Kaufs von Imola betrogen hätten und die Geldnot nur vorschützten, um den Grafen Girolamo und damit die päpstliche Obermacht von der Romagna fern zu halten –« »Diesen Beweis werde ich führen, hochwürdigster Herr!« rief Francesco Pazzi. »Die Medici haben behauptet, daß die Kaufsumme für Imola auch unter der Mitwirkung anderer Bankhäuser nicht zu beschaffen sei. Nun wohl, sie soll beschafft werden, ich stelle die dreißigtausend Goldgulden nach Ablauf einer Woche Seiner Heiligkeit zur Verfügung und was das Haus Pazzi allein thun kann, das sollten die Medici doch zu stande zu bringen vermögen, wenn sie den Beistand der ihnen Verbündeten Häuser anrufen!« »Bei Gott,« rief Girolamo, der Beweis ist schlagend und wenn Ihr ihn führen könnt, edler Francesco, so ist Euch meine Dankbarkeit und Freundschaft für alle Zeit gewiß und Seine Heiligkeit wird sich wohl von der heuchlerischen Falschheit der Medici überzeugen müssen.« »Und ich werde ihn führen, erlauchter Graf,« sagte Francesco, »mein Wort ist verpfändet und noch niemals ist das Wort eines Pazzi uneingelöst geblieben. – Verfügt über diese dreißigtausend Goldgulden, unsere Bank wird sie auf Eure Anweisung zahlen.« Girolamo sprang auf, schüttelte Francesco die Hände und drückte ihn an seine Brust. »Ihr seid ein Mann,« rief er, »wie ihn Italien bedarf, um in geschlossener Eintracht unter dem Schutz und der Führung des apostolischen Stuhls zu erstarken und der Welt zu gebieten. Ihr seid Zeuge, hochwürdigster Erzbischof, und Ihr, tapferer Montesecco, daß ich mein Wort verpfände, jeden Wunsch des edlen Francesco zu erfüllen, soweit meine eigene Kraft und mein Fürwort bei meinem geheiligten Oheim reicht.« »O ich freue mich von Herzen,« sagte der Erzbischof, während Girolamo mit Francesco anstieß und seinen Kelch in einem langen Zuge leerte, »der edlen Gesinnung meines jungen Freundes und Landmannes, die ja in dem Hause der Pazzi erblich ist; um so trauriger aber ist es, daß dies edle Haus in meiner Vaterstadt zurückgedrängt ist von der ihm gebührenden und in einer ruhmreichen Geschichte begründeten Stellung, daß der tückische und treulose Lorenzo unumschränkt gebietet in dem schönen Florenz, das nur noch den Namen der Republik führt.« »Was ist dagegen zu thun,« sagte Francesco seufzend, »der Pöbel in seiner Masse gehorcht blindlings dem Lorenzo, der ihm schmeichelt, wie es alle Tyrannen schon im Altertum thaten.« »Und dagegen,« rief Graf Girolamo, »sollten die edlen Geschlechter, die doch von Gott und der Geschichte zur Herrschaft berufen sind, machtlos sein? – Wenn sie nur wollen, so müssen sie doch eine solche Herrschaft ohne Recht und vaterländische Gesinnung zerbrechen können.« »Das müßten sie wohl,« sagte der Erzbischof, während Francesco finster vor sich niederblickte, »wenn sie den Mut des Wollens und Handelns fänden.« »Dieser Mut,« rief Francesco auffahrend, »ist vorhanden, hochwürdigster Herr und wenn nirgends anders, so lebt er im Hause der Pazzi! – Von uns wird keiner zurückbleiben uns wohl würden noch manche uns folgen, die, wie wir, knirschend nur das Joch der Emporkömmlinge tragen! – War nicht,« rief er immer feuriger, »Pazzo de Pazzi an der Seite Gottfrieds von Bouillon im heiligen Kreuzzuge nach Jerusalem gezogen und trug nicht Giacomo de Pazzi in der Schlacht von Perti das Banner von Florenz? Glänzen nicht in unserem Schilde die goldenen Fische als heiliges Symbol für des Heilands Namen und die vier Doppelkreuze, welche zeigen, daß wir nur in dem Kreuz unsere Kraft und unsere Ehre suchen? – Und was sind die Medici – wo kommen sie her? Niemand weiß es, niemand vermag es zu sagen, wenn auch die Schmeichelei diese sechs Kugeln in ihrem Schilde, der wahrlich nicht unter der Kreuzesfahne nach Jerusalem getragen wurde, bis zu den Äpfeln der Hesperiden zurückführt, wenn sie selbst auch behaupten, daß diese Kugeln runde Male von der Streitkeule eines Riesen bedeuten, wahr ist es doch, daß diese Kugeln Pillen oder Schröpfköpfe sind und mit dem Namen übereinstimmen, den ein längst vergessener und nicht zu den Priestern des Äsculap emporgestiegener Vorfahr der plebejischen Tyrannen auf seine Nachkommen übertrug. Das wahnsinnige Volk, wenn es nach diesem seltsamen Wappen seinen Abgöttern sein Palle – Palle entgegenbrüllt, denkt nicht daran, welch bitterer Hohn in solchem Ruf liegt, denn reichen sie diesem Volk nicht die überzuckerten Giftpillen, die in seinem Mark den festen Mut und die treue Liebe zum Vaterlande zerstören – setzen sie nicht die Schröpfköpfe an, um aus seinem Blut die Nahrung zu ziehen für ihren Hochmut und ihre prachtschimmernden Feste, mit denen sie die Sinne bethören?« »Bravo, Signor Francesco, bravo!« rief Girolamo mit lautem Hohnlachen, »was Ihr da sagt ist vortrefflich und so verstanden, werde ich der erste sein, der Seiner Magnificenz dem großen Lorenzo das Palle – Palle entgegenruft!« »So haben wir das Recht zu denken und zu empfinden,« sagte Francesco, »und mit uns manche andere, die von den Emporkömmlingen in den Schatten herabgedrängt sind, unter denen das Haus des hochwürdigen Erzbischofs, die Salviati nicht zu den letzten gehören! Aber was ist zu thun gegen die Menge des Pöbels, der alle edlen Denkmäler der Vergangenheit überflutet und mit seinem brüllenden: Palle – Palle, jedes Wort der Gerechtigkeit und Wahrheit übertäubt.« »Ihr sprecht goldene Worte, edler Francesco« sagte der Erzbischof, »und doch habt Ihr nicht Recht in dem was Ihr zuletzt gesagt; jubelte die blöde Menge in gewaltiger Ueberzahl nicht auch dem Cäsar zu, sie konnte es dennoch verhindern, daß seine tyrannische Herrschaft gebrochen wurde durch starken Willen und festen Mut. Und doch führte Cäsar die siegreichen Adler auf seinen Feldzeichen, statt der Pillen und der Schröpfköpfe. Die Menge gehorcht den Mutigsten und Stolzesten und vergißt schnell ihre Idole des Augenblicks.« »Bei Gott, der hochwürdigste Erzbischof hat Recht!« rief Girolama. »Warum wird die Tyrannei dieser engherzigen und feigen Pillenritter geduldet – warum beugen sich die alten edlen Geschlechter in Florenz vor der Pillengesellschaft? Ein kräftiger Entschluß und Florenz ist befreit von seinen Zwingherren und Italien wird nicht mehr der Spielball eines verhängnisvollen Ehrgeizes sein, der selbst dem heiligen Stuhl zu trotzen sich nicht entblödet. Unter dem Volk schreien viele mit, die sich nichts dabei denken und die eben so laut und vielleicht noch lieber einem anderen, Würdigeren zujauchzen möchten.« »So ist es« sagte der Erzbischof, »aber« fügte er seufzend hinzu, »wo finden sich heut noch die mutigen Herzen, die es wagen möchten über den Tyrannen von Florenz das Urteil zu sprechen und zu vollstrecken wie es einst Brutus that über den Gebieter der Welt?« »Diese Herzen werden sich finden« rief Francesco, der sich in tiefem Sinnen in seinen Sessel zurücklehnte und dann schnell aufsprang – »sie sind da und bei Gott, ich selbst werde sie erwecken zu mutiger That, wenn es Euch ernst ist mit Eueren Worten edle Herren! Aber der Plan dazu muß wohl erwogen werden und vor allem muß das tiefste Geheimnis ihn umgeben, denn Lorenzos Ohr ist, dem des Dionycius gleich, auch dem leise geflüsterten Worten geöffnet! Er warf einen mißtrauischen Blick auf Montesecco, der die bisher immer lebhafter geführte Unterhaltung schweigend zugehört hatte. »Gewiß ist es mir ernst« rief Girolama, »wenn ich dem hochwürdigsten Erzbischof zustimme und gewiß bin ich bereit, wie er selbst annimmt, wichtigen und Gott wohlgefälligen Unternehmen mit voller Kraft mitzuwirken! – So lange die Medici ihre ehrgeizige Macht ausüben, wird mein Besitz an den Grenzen von Florenz nicht gesichert sein und das edle Florenz, diese Perle Italiens, wird immer ein Stein des Anstoßes für alle Patrioten bleiben, die sich unter des heiligen Vaters Führung zur Blüte und zur Macht des Vaterlandes zusammenschließen wollen. Und, edler Francesco, vor diesem Kriegsmann hier, dem braven Battista Montesecco, können wir ohne Scheu sprechen, er ist seiner Heiligkeit treu ergeben, sein Bruder ist Hauptmann der Wache des vatikanischen Palastes und er selbst hat oft schon die päpstlichen Truppen befehligt, wie er jetzt die meinigen führen soll – sprechen wir also ohne Scheu und geloben wir uns einander unbedingtes Stillschweigen zu dem wir auch alle anderen verpflichten wollen, die wir später noch für unsere Befreiungsthat gewinnen müssen.« »Gewiß edle Herren« sagte Montesecco, »könnt Ihr Euch auf mich verlassen, ich habe noch niemals ein Geheimnis verraten das man mir anvertraut und würde es gewiß am wenigstens thun, wenn es gilt, die Macht des heiligen Vaters zu befestigen und auszudehnen. Ich gelobe« sprach er mit erhobener Stimme die Finger seiner Rechten auf den Kreuzgriff seines Degens legend, »gegen niemand auf Erden ein Wort von all dem zu verraten, was ich von den edlen Herren hier gehört habe und noch hören werde. Aber Ihr Herren« fuhr er fort, während Girolamo ihm herzlich auf die Schulter klopfte – »bedenkt wohl was Ihr thun wollt und überlegt, daß es keine leichte That ist, die Ihr unternehmt. Florenz ist nicht eine Stadt wie eine andere, das Volk dort ist nicht feig und gleichgültig wie der Pöbel von Rom und wenn es zu grimmigem Zorn erwacht, ist es gefährlich wie der brüllende Löwe. – Ich bin wohl zuweilen dort gewesen, Lorenzo hat einen großen Anhang und einen gewaltigen Einfluß auf das Volk wie auch auf die vornehmeren Bürger, wenn der Plan mißlingt, so wäre es schlimmer als wenn er gar nicht gefaßt wäre, denn dann würde Lorenzo unumschränkter herrschen als vorher.« »Darum muß der Plan gelingen« rief Francesco, »diese Medici müssen fallen, für immer fallen, wenn jemals in Florenz Recht und Gesetz gelten soll. – Haben sie es doch im vorigen Jahre durchgesetzt, das alte Erbschaftsgesetz der Republik zu ändern, nur weil Lorenzo unserem Hause das reiche Erbe der florentinischen Linie der Familie Borromeo entziehen wollte. Solche Willkür darf nicht bestehen und ich kann versichern, daß sie von vielen bitter empfunden wird. Die beiden Medici, Lorenzo und Giuliano müssen verschwinden, vor ihren Leichen« sagte er mit grimmigem, bitterem Lachen, »wird das Palle Palle wohl verstummen und die vollendete That wird bald freudige Zustimmung finden. Die Salviati und die Pazzi allein haben Einfluß genug, um ihn bei festem Zusammenwirken auf die halbe Stadt geltend zu machen und sind die beiden Medici erst niedergeworfen für immer, so werden unsere Freunde das Wort führen und unsere Feinde verstummen. Aber zu aller Vorsicht muß man Truppen nahe an der Grenze bereit halten, die augenblicklich, wenn die That geschehen ist, in die Stadt einrücken, um jeden Widerstand, der sich zeigen könnte, niederzuwerfen.« »Dazu wird der tapfere Capitano bereit sein«, rief Girolamo, »er kann nach Belieben Truppen anwerben auf meine Rechnung und sie von meinen Besitzungen in der Romagna sehr nahe an die florentinische Grenze bringen, daß sie, wenn er von dem Augenblick der Ausführung benachrichtigt wird, unmittelbar gegenwärtig sind, um sogleich die öffentlichen Gebäude zu besetzen und die Straßen von jeder Volksbewegung frei zu halten. »Dann« rief Francesco Pazzi, »ist alles gewonnen. Für die Ausführung der That bürge ich, meines Hauses glaube ich in allen seinen Gliedern sicher zu sein, selbst Guiglielmo wird nicht widerstreben, obgleich er mit der Schwester des Lorenzo vermählt ist, freilich wird man ihm nicht gerade sagen, daß es dem Leben der Medici gilt, wir aber edle Herren, dürfen uns darüber nicht täuschen, daß allein der Tod beider Brüder Florenz von der Tyrannei befreien kann.« »Würde nicht Lorenzo allein genügen?« fragte Girolamo, »er ist es doch allein, der die Regierung führt und sich überall dem päpstlichen Stuhl entgegenstellt; sein Bruder Giuliano ist eine heitere lebensfrische Natur, der, wie ich glaube, wenig an der Tyrannei hängt und uns keine Sorge machen wird.« »Nein erlauchter Graf« sagte Francesco mit Nachdruck, beide Brüder müssen fallen. Ich weiß wohl, daß Giuliano weniger gefährlich ist als Lorenzo, aber wenn einer der Brüder übrig bleibt, so werden ihre Freunde den Mut und einen Sammelpunkt behalten und wenn die Pöbelhaufen noch einen Medici sehen, so werden sie schwer zu bändigen sein und mindestens wird es zu einem harten, blutigen Kampf in den Straßen kommen. Dann aber ist es doch besser, daß ein Mann, wenn er auch der minder Schuldige ist, dem Wohl des Vaterlandes geopfert wird, als daß das Blut Unschuldiger und nur Verblendeter in Strömen vergossen wird.« »Ich glaube, Francesco Pazzi hat Recht« sagte der Erzbischof, »ich möchte gewiß lieber das blutige Opfer einer gerechten und heiligen Sache auf den einen Schuldigen beschränken, aber immerhin ist, um diese Sache zum Siege zu führen, das Blut eines Mannes weniger wert, als das von Hunderten; sind beide Brüder verschwunden, dann wird das Volk, dem ein sichtbares Haupt fehlt, keinen ernsten Widerstand wagen und es wird ein Leichtes sein, unmittelbar nach der That die alte Verfassung wieder aufzurichten und den alten Geschlechtern ihr zu Boden getretenes Recht wiederzugeben, wenn zugleich die Truppen des tapferen Capitano die Stadt besetzt haben.« »Nun so sei es« sagte Graf Girolamo mit kaltem, spöttischem Lächeln, »ich bin wahrlich nicht dazu da, um die Sache eines Medici zu verfechten, wenn er von seinen eigenen Landsleuten zum Tode verurteilt wird. So haltet Euch denn bereit, Giovan Battista, und schafft so viel Truppen als Ihr anwerben könnt nach der Romagna, wozu meine Erwerbung von Imola, die ja nun, Dank dem edlen Hause der Pazzi zweifellos ist, die ganz natürliche Veranlassung bietet.« »Und ich, edle Herren« sagte Francesco, »werde voraus nach Florenz gehen, sobald ich hier die Geschäfte geordnet habe, um dort alles vorzubereiten. Ich halte es auch für wichtig, daß der hochwürdigste Erzbischof seinerseits nach unserer Stadt kommt, um die etwa Zögernden durch seinen Einfluß zu bestimmen. Es ist ja ganz natürlich, daß der hochwürdigste Herr,« fügte er mit bittrem Lachen hinzu, »dem Lorenzos Gnade den erzbischöflichen Stuhl nun endlich eingeräumt, einen Besuch in seiner Vaterstadt macht, er wird es am Besten verstehen, den ganzen Plan zu regeln und festzustellen, namentlich auch was zu geschehen habe, nachdem die entscheidende Thai ausgeführt. Auch wird es nötig sein, die Anhänger der Medici, die Soderini und Rucellai zu verhaften und zunächst zu verbannen, wenn die neue Ordnung der Dinge oder vielmehr die Herstellung des alten Rechts vor jedem weiteren Widerstand gesichert bleiben soll.« »Auch damit bin ich einverstanden« sagte der Erzbischof, »ich werde mich bald nach Florenz begeben und Lorenzos heuchlerische Worte, die er für mich ohne Zweifel bereit hat, so erwidern, daß er selbst an eine aufrichtige Versöhnung glauben soll.« »Was mich betrifft, erlauchter Graf« sagte Montesecco, der sich nachdenklich seinen Bart gestrichen hatte, so stehe ich zu Euren Befehlen bereit, ich werde pünktlich auf den mir gesandten Befehl in Florenz einrücken, halte ich die Stadt einmal in meinen Händen, so soll der Teufel sie mir nicht mehr entreißen und mit den Pöbelhaufen werde ich fertig werden; an der That gegen die beiden Brüder Medici aber kann ich mich nicht beteiligen und ich freue mich, daß bei dem Plan, wie er jetzt vorliegt, daran auch nicht gedacht ist. Ich bin Soldat und thue meine Schuldigkeit, wie sie der Herr, dem ich meinen Degen zu Gebote gestellt, von mir verlangt – ich thue sie gern gegen aufrührerische Pöbelhaufen, wenn es gilt, das alte Recht der vornehmen, ritterlichen Geschlechter wieder herzustellen, mit denen ich in ihrer Abstammung und Gesinnung innerlich verwandt bin, aber zum Tode eines einzelnen wehrlosen Mannes würde ich niemals meinen Degen ziehen.« »Und wenn ein solcher Mann« fragte Girolamo, die Augenbraunen zusammenziehend, »von den besten seiner eigenen Mitbürger zum Todte verurteilt ist?« »Auch dann nicht« fiel der Capitano ein, »dann mögen sie sich ihren Henker suchen wo sie wollen, aber Giovan von Montesecco wird es nicht sein.« »Der Capitano hat Recht« sagte der Erzbischof schnell, ehe Girolamo ein heftiges Wort sprechen konnte, »die beiden Brüder zu beseitigen, das ist Sache der Florentiner selbst!« »Und Sie werden dafür sorgen, fiel Francesco lebhaft ein. Montesecco thut vollkommen genug, wenn er seiner Pflicht gemäß den Pöbel davon abhält, sich in die Ordnung der Regierung aufrührerisch zu mischen. »Nun noch eins, edle Herren« sagte Montesecco. »Alles was ich in der Sache thun kann, da ich nun einmal weiß wohin dieselbe geführt werden soll, kann ich selbst auf Befehl des erlauchten Grafen Riario nicht thun, wenn es nicht von Seiner Heiligkeit dem Papste genehmigt wird, ohne diese ausdrückliche Genehmigung kann und werde ich meinen Degen in dieser Angelegenheit nicht ziehen, selbst wenn auch der Graf Girolamo mir bei solcher Weigerung den Befehl seiner Truppen abnehmen sollte.« »Das wird nicht geschehen, tapferer Capitano« sagte der Erzbischof, »denn Ihr habt vollkommen Recht nichts zu thun in Dingen, die unserm Herrn, dem heiligen Vater, dem wir alle unterthan und zu Gehorsam verpflichtet sind, nicht angenehm sein möchten. – Ihr habt aber auch nicht zu sorgen, denn Seine Heiligkeit ist schwer erzürnt gegen Lorenzo, der ihm unter heuchlerischen Versicherungen überall den Gehorsam versagt und mit den Feinden des heiligen Stuhles Verschwörungen treibt. Seine Heiligkeit wird hoch erfreut sein, wenn die Tyrannei der Medici gestürzt wird und wird auch Dienste, die Ihr ihm bei solchen Unternehmungen geleistet, hoch anrechnen.« »Und ist das gewiß?« fragte Montesecco. »Hat Seine Heiligkeit Euch dessen versichert?« »Ganz gewiß« rief der Erzbischof, »er hat zu wiederholten Malen sich bitter über Lorenzo beklagt und nur schwer seinen Zorn überwunden, daß dieser es gewagt, mich von meinem Bischofsitz in Pisa auszuschließen.« Aber Montesecco schien durch diese Antwort nicht befriedigt. »Und würde« sagte er, »Seine Heiligkeit selbst die hohe Gnade haben, mir diese seine Willensmeinung kund zu thun und mir das Einrücken in Florenz, mit dem Seine Heiligkeit doch im Frieden lebt, zu befehlen? Verzeiht meine Frage, aber es gilt die heiligsten Pflichten, die ich auf Erden anerkenne und es würde mir nach meinem Gewissen unmöglich sein, ohne den persönlichen und bestimmten Befehl Seiner Heiligkeit in einer so wichtigen und verantwortungsvollen Sache zu handeln.« »Seine Heiligkeit lebt mit Florenz in Frieden« erwiderte der Erzbischof, »das ist richtig, aber es soll ja nichts gegen die Stadt Florenz unternommen werden, Eure Truppen sollen im Gegenteil nur die würdigsten Vertreter der Republik in ihrem angestammten alten Recht schützen und den aufrührerischen Pöbel zurückwerfen.« Girolamo hatte sich ungeduldig die Hände gerieben. »Ihr verlangt die Zustimmung und den persönlichen Befehl Seiner Heiligkeit unseres erhabenen Herrn« fiel er ein, »Ihr sollt diese Zustimmung und diesen Befehl haben, haltet Euch bereit vor Seiner Heiligkeit zu erscheinen, er wird Euch alle Zweifel nehmen.« »Ich habe keine Zweifel erlauchter Graf« sagte Montesecco, »sie würden dem Soldaten nicht anstehen, der nicht zu urteilen, sondern zu gehorchen hat, aber der Befehl muß von daher kommen, wohin das Recht dazu von Gott gegeben ist, damit der Soldat mit leichtem Gewissen und freudigem Mut seine Schuldigkeit thun kann.« »Nun das wird geschehen« rief Girolamo, seine Verstimmung über Monteseccos Bedenken unter der Miene freundlicher Herzlichkeit verbergend, »es soll nicht lange dauern, so sollt Ihr befriedigt sein und auch Ihr, edler Francesco Pazzi, haltet Euch bereit vor Seiner Heiligkeit zu erscheinen, ich glaube gewiß, daß der Papst, der so gerecht und dankbar ist, Euch in gnädiger Weise den Dienst vergelten wird, den Ihr ihm erwiesen und der von seinen Schatzmeistern, den Medici, unter leeren Vorwänden verweigert wurde.« Stolze, triumphirende Freude blitzte aus Francescos Augen, indem er sich tief verneigte. »Nun also« rief Girolamo, »sind wir verbunden zu edler, vaterländischer That, an einem jedem von uns ist es, nun das Seine zu dem Gelingen zu thun und das Geheimnis vor den Feinden bewahren. Laßt uns noch einmal trinken auf gutes Gelingen!« Er füllte die Becher. Alle leerten sie bis auf den Grund. Dann zog sich der Erzbischof in seine Wohnung, in Girolamos Palast, zurück. Auch Francesco verabschiedete sich und kehrte, von seinen Fackelträgern begleitet, nach seiner Wohnung zurück. Montesecco ging allein durch die dunkle Nacht nach der Osteria hin, in der er sein Quartier genommen. »Bei Gott« sagte er zum dunklen Himmel aufblickend, »ich würde tausendmal lieber gegen die Franzosen oder gegen den Teufel selbst ausrücken, als gegen eine unbefestigte Stadt, wie das schöne Florenz, um dort die Einen an die Stelle der Anderen zu setzen, von denen beide mir gleichgültig sind. Aber wenn der Graf Recht hat, wenn Seine Heiligkeit es mir befiehlt, so ist meine Pflicht als guter Italiener, als guter Edelmann und guter Christ zu gehorchen und meine Schuldigkeit zu thun – was daraus wird, kann mir gleichgültig sein, das wird Seine Heiligkeit am besten beurteilen. Was wir Soldaten thun, um mit unserem Degen das weltbeherrschende Gold zu gewinnen, das haben die großen Herren zu verantworten und wenn gar der heilige Vater die Verantwortung übernimmt, dann kann ich mich ja leichten Herzens des Lebens freuen, das mir eine so freundliche Blume hat erblühen lassen. Er hatte die Piazza del Popolo überschritten und wendete sich nach dem damals mit seiner heutigen Gestaltung und Ausschmückung nicht vergleichbaren Monte Pincio hin, an dessen Abhang sich eine unter hohen Baumkronen halbversteckte Osteria befand, welche zwar an einer Seite, des ziemlich lang ausgestreckten Gebäudes, eine Weinschenke hatte, die von den jungen Künstlern aus den Schulen der größeren Maler und auch von den vatikanischen Leibwachen zahlreich besucht wurde, aber auf dem anderen Flügel viele Zimmer enthielt, in denen Fremde mittlerer Stände, die in Rom keine Gastfreunde hatten, Aufnahme und Beköstigung fanden. Montesecco wandte sich diesem Flügel zu, ging durch einen von einer herabhängenden Lampe freundlich erleuchtenden Flur und öffnete eine der Thüren, welche zu den Gastzimmern führten. Er trat in einen einfachen aber sauber und behaglich eingerichteten Raum, an den sich ein zweites Zimmer anschloß. Auch hier hing eine Lampe von der Decke herab und beleuchtete ein eigentümlich malerisches Bild. Auf einem niedrigen Ruhebett, nach Art türkischer Divans, ruhte neben dem Kohlenbecken, das in der kühlen Jahreszeit zur Erwärmung diente wo man nicht die in den Palästen der Vornehmen vorhandenen Kamine besaß, eine Gestalt, die man beim ersten Anblick für einen Knaben hätte halten mögen. Aber trotz der weichen bis zum Knie heraufreichenden Reitstiefel und dem Gürtel mit dem Wehrgehänge, zeigten die Arme und Schultern, von denen das weite pelzverbrämte Obergewand zurückgeworfen war, weibliche Formen und ließen keinen Zweifel, daß eine junge und schöne Frau sich unter dem männlichen Gewände verbarg. Ihr reiches lockiges Haar fiel nach Männerart geschnitten, über den Nacken herab; ihr seines gebräuntes Gesicht mit den dunklen Augen hatte in diesem Augenblick, in welchem sie wie träumend in den weichen Kissen des Divans ruhte, einen weichen, schmerzlich wehmütigen Ausdruck, den man kaum bei einem Knaben hätte finden können. Ringsumher lagen Waffen und Kleidungsstücke und auf dem Tisch in der Mitte des Zimmers unter der herabhängenden Lampe standen auf Platten von bemalten und gebranntem Thon, welche etwas später durch den großen Raffael Santi so weltberühmt werden sollten, Früchte, Käse und Brod, sowie eine dickbäuchige, strohbeflochtene, langhalsige Flasche und ein hellglänzender zinnerner Becher. Montesecco blieb einen Augenblick auf der Schwelle stehen und seine finsteren Züge erhellten sich beim Anblick dieses buntfarbigen freundlichen Bildes. Die junge Frau fuhr beim dem Geräusch der geöffneten Thür aus ihren träumenden Sinnen auf; mit einem Freudenruf eilte sie dem Eintretenden entgegen, umschlang ihn mit ihren Armen und rief: »Du bist lange ausgeblieben, mein Battista und wenn ich mich auch so tapfer als ich vermag an das Feld- und Lagerleben zu gewöhnen versuche, das uns ja öfter schon getrennt hat, so fühle ich mich doch immer so ängstlich allein und verlassen, wenn du nicht bei mir bist.« Montesecco küßte zärtlich ihre Lippen und strich mit der Hand über ihr lockiges Haar. »Du bist thöricht, meine Claudina« sagte er, »was sollte dir hier geschehen in dem sicheren Hause? Bist du doch schon im Feldlager allein geblieben, wenn ich auf gefährlichen Märschen die Vorposten geführt habe.« »O es ist nicht Furcht, mein Battista« rief Claudina mit blitzenden Augen, »die Furcht kenne ich nicht und du weißt, daß ich dich stets gebeten habe, mich mit dir zu nehmen, wenn du der Gefahr entgegengingst und mir befahlst, bei den Troß zu bleiben; aber ich fühle mich so verlassen, so unendlich einsam ohne dich! Bist du denn nicht mein Alles in dieser Welt, bin ich ohne dich nicht so hilflos allein, in meiner falschen Gestalt, zurückscheuend vor den Blicken der Menschen – allein« sagte sie finster, »mit meinen Gedanken – mit meinem Gewissen –« Er drückte sie mit zärtlicher Innigkeit an sich. »Mit deinem Gewissen?, meine Claudina –« sagte er. »Warum? – Haben wir nicht vor dem Altar während der heiligen Messe uns das Gelöbnis der Treue gegeben und wenn es auch niemand gehört hat, so hat es Gott gehört und vor Gott und der heiligen Kirche bist du mein Weib, ob Menschen davon wissen oder nicht. – Du weißt auch, daß ich dich nie verlassen werde und wenn ich nach einigen Jahren mit meinem Degen mir erworben habe, was ich zu einem freundlichen und sorglosen Leben für dich und mich bedarf, dann werden wir unsern Bund verkünden und auch vor den Menschen bekennen und uns eine stille freundliche Heimat gründen, in der du, wieder in deiner wahren Gestalt, den wilden Montesecco in einen friedlichen Landmann wirst verwandelt sehen. »O, mein Battista« sagte sie, »es ist nicht das. Dir vertraue ich und wenn ich vor Gott dein Weib bin, so kümmern mich die Menschen nicht, aber daß ich meine Eltern verlassen habe und dir gefolgt bin, daß vielleicht der Fluch des Vaters und der Mutter auf meinem Haupte ruht und auch auf dich des Himmels Zorn herab ziehen möchte, das läßt mir keine Ruhe, dieser Gedanke verfolgt mich in der Einsamkeit wie ein finsterer Schatten, der nur vor dem lichten Strahl deiner lieben treuen Augen weicht.« »Haben deine Eltern nicht unserer Liebe hart und unerbittlich ihre Zustimmung versagt?« fragte Montesecco finster, »Und hat nicht Gott diese Liebe in unser Herz gelegt? Hatten sie ein Recht, Gottes Fügung sich entgegenzustellen?– Habe ichs nicht gut und treu mit dir gemeint und ihnen versprochen, dich hoch zu halten vor aller Welt und Alles aufzubieten, dir eine Heimat zu schaffen, sobald ich es kann? – Trage ich nicht einen ehrenvollen Namen, an dem kein Makel haftet, bin ich nicht ein frommer und gläubiger Christ, wenn auch das Soldatenhandwerk mein Beruf ist? Bei Gott! auch mir ist es schmerzlich, daß du von den Deinen dich hast wenden müssen, um mir mein Glück zu bringen, aber um so höher halte ich Dich in meinem Herzen, um so heiliger ist mir das Gelöbniß der Treue und wohl wird noch die Zeit kommen, in der Gott mein Gebet erhört und auch dir und mir den Segen deiner Eltern gewähren wird und würden sie in ihrem ungerechten Zorn einen Fluch gesprochen haben, glaube mir, solchen Fluch hört der Gott der Liebe und des Segens nicht! Laß uns in Demut tragen was wir nun nicht mehr ändern können, – laß uns mit frischem Soldatenmut der Zukunft vertrauen und um so fester in Liebe und Treue zu einander halten.« »O, mein Battista« rief Claudina, »wenn ich deine Stimme höre und deine Augen sehe, wenn ich an deinem Herzen ruhe, dann vergesse ich alles, was ich vielleicht niemals hätte vergessen sollen! Es mußte wohl so sein, ich liebe dich ja so sehr und ohne dich wäre ich gestorben, verwelkt wie eine Blume ohne Sonnenlicht. Aber doch sehne ich mich manchmal so unendlich, meinen Vater und meine Mutter wiederzusehen, die ich um dich verlassen und meine kleine Schwester Fioretta, die eben der Kindheit entwachsen war, als ich sie verließ und die so innig liebevoll an mir hing. Ich weiß nicht, ob die Eltern noch leben, sie waren schwach und kränklich – wenn sie gestorben wären während dieser Jahre, gestorben mit Zorn gegen mich im Herzen. –« »Sei ruhig, meine Geliebte« unterbrach sie Montesecco, indem er ihre thränenfeuchten Augen küßte, »ich hoffe, dir bald Kunde bringen zu können über die deinen und vielleicht wird sich auch Gelegenheit bieten, dich mit ihnen zu versöhnen. Der Graf Girolamo Riario, der Neffe Seiner Heiligkeit des Papstes, hat mir die Führung seiner Truppen übergeben, die er bei Imola zusammenzieht und bald werden wir dorthin aufbrechen. Dann kommen wir deiner Heimat nahe, dort wird es mir leicht sein, Kundschaft einzuziehen über das Ergehen deiner Eltern und ich verspreche dir, alles was möglich ist zu thun, um sie zu versöhnen; auch der erlauchte Graf, mein Dienstherr, der so hoch in Gnaden steht bei Seiner Heiligkeit und alles bei ihm vermag, wird, wenn ich ihn darum bitte, mir sein Fürwort nicht versagen, das wohl auch deines Vaters starren Sinn zu erweichen vermag. Claudina, lächelte glücklich, während noch Thränen aus ihren Augen perlten. »O, wie bist du gut! mein Battista« rief sie, »Ja ich will hoffen, will an dich glauben und an Gottes Gnade – zurückdrängen will ich meine Sorgen in die Tiefe meines Herzens, das ja Dir nur allein gehört, ich will wieder dein fröhlicher Beppo sein und dir dein schweres Kriegshandwerk erleichtern und nur ganz leise für mich beten, daß bald die Zeit kommen möge, in der du das Schwert weglegst, um friedlich und still an der Seite deiner Claudina die Zeit zu erwarten, in welcher unser Haar sich silbern färbt und wir uns ruhig lächelnd an die Tage der Unruhen und Kämpfe erinnern.« Sie war wie verwandelt. Der schwermütige Ausdruck ihres Gesichts war verschwunden, ihre eben noch thränenden Augen blitzten in frischer Lebenslust und jetzt glich sie wirklich einem fröhlichen, keck in das Leben hineinblickenden Knaben. Sie füllte den Becher mit dem goldgelben Wein aus der Strohflasche, berührte ihn mit den Lippen und reichte ihn Montesecco, der ihn mit kräftigem Zug leerte, um aus dem duftigen Rebensaft Vergessenheit aller Sorgen zu trinken. Dann nahm sie eine zierliche neapolitanische Mandolina mit vier Saiten zur Hand und begleitete mit geschicktem Spiel ein lustig übermütiges Soldatenlied, während Montesecco, der sich mit dem frisch gefülltem Becher in der Hand auf das Ruhebett niedergelassen hatte, mit dem Kopf den Takt nickend, ihrer frischen und vollen Stimme lauschte und leise vor sich hin das Ritornell mitsang. III. Im Palast der Mediceischen Bank war schon am frühen Morgen des nächsten Tages bei den Stallungen alles geschäftig, Cosimos Abreise nach Florenz vorzubereiten. Starke Packpferde wurden mit dem Gepäck beladen, die zur Begleitung bestimmten Diener striegelten und fütterten die Reitpferde und putzten ihre Waffen, und obgleich Cosimo schnell und ohne besonderen Glanz seine Reise machen wollte, so bestand doch sein Gefolge aus fünf Dienern, und mehrere Pferde zum Ersatz für Unglücksfälle wurden wie immer mitgeführt. Cosimo wurde zu Giovanni Tornabuoni gerufen, der sich früh schon in sein Arbeitskabinett begeben und einen langen Brief geschrieben hatte, den Cosimo zu Lorenzo überbringen sollte. »Nun höre wohl zu,« sagte Tornabuoni zu dem jungen Mann, der ihn ehrerbietig begrüßte und sich neben seinen Schreibtisch gesetzt hatte, »und merke dir jedes Wort, das ich dir sagen werde, damit du alles genau an Lorenzo wiederholen kannst. Es werden der Worte nicht viele sein, und er wird mich auch ohne lange Reden verstehen. Du wirst ihm sagen, daß der Papst tief erbittert gegen ihn sei, aus vielen Gründen, die er selbst wohl kennt, und daß unsere Feinde, die zahlreich und mächtig sind, sich alle Mühe geben, die Verstimmung zu einem offenen Bruch mit dem heiligen Stuhle zu treiben. Nach meiner Meinung – und Acciaiuoli stimmt mir bei, wie Lorenzo wissen wird, – wäre eine solche Feindschaft eine ernste Gefahr, vielleicht ein schweres Unglück für uns alle; der Papst ist mächtig und wenn es einmal zum offenen Bruch gekommen ist, schwer versöhnlich. Zu ihm steht Neapel und viele Staaten unserer Nachbarschaft, die nur unmutig unsere Herrschaft ertragen, sie werden jede Gelegenheit benutzen, sich gegen uns zu erheben, Venedig ist eifersüchtig, und auf die Sforza ist kein Verlaß. Unsere einzige Hilfe ist der König von Frankreich, aber dem heuchlerischen Ludwig XI. ist wenig zu trauen, und wenn er wirklich fest zu uns stünde, so würde ich's beklagen, eine Hilfe von einem Fremden anzunehmen, die immer auf Kosten unsers italienischen Vaterlandes bezahlt werden müßte. Ich möchte nicht, daß ein solcher Vorwurf auf uns und auf Lorenzos Namen hafte. Graf Girolamo ist unser Freund gewesen, oder giebt sich wenigstens den Anschein es zu sein und würde auch weiter das gute Einvernehmen zu erhalten suchen; wenn wir ihm aber den so wichtigen Dienst verweigern, der ihm die ersehnte Erwerbung von Imola unmöglich macht, so wird er zu unseren Feinden übergehen und alles aufbieten, um des Papstes Zorn auf die Spitze zu treiben; das möchte ich um eine Summe Geldes, die nicht zu schwer ins Gewicht fällt, nicht herbeiführen. Wohl erkenne ich es an, daß es eine Gefahr für uns ist, wenn Girolamo in der Romagna und an den Grenzen sich fest setzt, aber diese Gefahr ist die geringere und wird immer nur so lange dauern, als das Leben des Papstes Sixtus. Nach dessen Tode wird sein Neffe Girolamo nichts mehr bedeuten, und wir werden leicht seine Macht brechen können, vielleicht und wahrscheinlich mit Hilfe des Nachfolgers auf den heiligen Stuhl. Deshalb ist es mein Wunsch und mein dringender Rat, daß Lorenzo mir auftragen möge, die von dem Papste geforderten dreißigtausend Goldgulden sogleich zu zahlen. Der Papst wird darin einen dankenswerten Dienst erblicken und der Graf Riario wird für die nächste Zeit wenigstens sich nicht zu unseren Feinden wenden. Dann bitte ich Lorenzo, daß er Francesco Salviati, der bald kommen wird, um sein Erzbistum in Pisa zu übernehmen, mit Freundlichkeit und Auszeichnung empfängt und die lange Verzögerung mit versöhnenden Worten entschuldigt. Der Papst wird auch darin ein Entgegenkommen erblicken und dasselbe hoch anerkennen und wir werden zwei schlimme Feinde wenigstens äußerlich zu unseren Freunden gemacht haben. Hast du wohl verstanden, was ich dir gesagt?« »Vollkommen,« erwiderte Cosimo, »und ich werde es nicht vergessen.« Er wiederholte genau die Worte seines Oheims und dieser nickte zufrieden mit dem Kopf. »Ich sehe,« sagte er, »daß du deinen Weg machen wirst, da du eine ernste Botschaft scharf zu fassen und festzuhalten vermagst, obgleich dein Herz, wie ich´s nach deinem Geständnis von gestern abend vermute, wohl mit anderen Dingen beschäftigt sein mag. Das ist die erste und wichtigste Regel für alle politischen und kaufmännischen Geschäfte, auf denen die Stellung der Medici und unser aller, die wir ihnen zugehören, beruht, daß nichts das Herz und den Sinn von dem Ernst des Lebens abzuwenden vermag, und daß die Liebe selbst sich nur wie Blumenranken um den unerschütterlichen Felsen des Willens und der männlichen Kraft windet. Geh nun und nimm Abschied von der Markgräfin und der schönen Giovanna,« fügte er lächelnd hinzu, »wir werden uns dann zu einem schnellen Frühmahl noch einmal vereinigen, und du sollst sogleich abreisen, um womöglich noch bis zur Nacht Viterbo zu erreichen, damit diese peinliche Sache so schnell als möglich zum guten und erwünschten Abschluß geführt wird.« Cosimo stürmte die Treppe hinauf und wurde sogleich bei den Damen eingeführt. Die Marchesa saß, mit einer feinen Stickerei beschäftigt, neben dem flackernden Kaminfeuer von wohlriechendem Sandelholz. Giovanna versuchte die Begleitung eines Liedes auf einer prächtig geschnitzten und reich vergoldeten Harfe. Sie trug ein weißes Gewand; ihr reiches, goldrotes Haar fiel, nur in einen griechischen Knoten zusammengefaßt, über ihren Nacken herab, und die weiten Ärmel waren beim Spiel von ihren schönen Armen herabgefallen. Als sie bei Cosimos Eintreten hoch errötend mit glücklich strahlenden Blicken die Augen aufschlug und dann schnell wieder senkte, hatte man kaum ein schöneres Bild ersinnen können – für Cosimo wenigstens war es das schönste auf Erden, und er hatte Mühe, mit ernster Miene zu der Marchesa heranzutreten und ihr zu sagen, daß er käme, um sich von ihr vor einer Reise nach Florenz, die er im Auftrage seines Oheims antreten müsse, zu verabschieden. »Ihr wollt fort,« rief Giovanna schmerzlich – »so schnell – heute noch?« »Ich muß es,« erwiderte Cosimo, alle seine Willenskraft aufbietend, um eine ruhige gleichgültige Miene zu bewahren, »es ist eine kurze Reise in unaufschieblichen Geschäften, und bald werde ich wieder hier sein.« »Bald wieder hier sein,« sagte Giovanna seufzend, »o Florenz ist so weit, wir haben länger als eine Woche gebraucht, um hierher zu kommen.« Sie sank auf ihren Sessel vor der Harfe zurück, die gefalteten Hände ruhten in ihrem Schoß. Sie senkte die Augen, und Cosimo sah, wie eine Thräne aus ihren Wimpern perlte. Cosimos aufwallendes Gefühl überwältigte sie. »O,« rief er, »der Abschied von hier thut mir weh, ich werde eilen, so viel ich's vermag, um schnell zurückzukehren. Muß ich's denn nicht,« sagte er, alles um sich her vergessend und zu Giovanna hineilend, »zieht mich nicht hierher alles zurück, was mein Herz an das Leben fesselt?« Sie schlug die feuchten Augen zu ihm auf, ihr Blick öffnete ihm eine Welt von Glück, er streckte seine Arme nach ihr aus, aber plötzlich sich besinnend wendete er sich schnell von ihr ab, trat vor die Markgräfin und sagte mit tief bewegter Stimme: »Verzeiht, erlauchte Marchesa, was in meinem Herzen lebt und was ich glaubte verbergen zu können, das wallt auf mit unwiderstehlicher Macht in dieser Stunde des Abschieds. Die Thräne in Giovannas Augen macht es mir unmöglich zu schweigen und Euch, erlauchte Madonna, muß ich's zuerst bekennen, daß mein Herz für ewig Eurer edlen Tochter gehört – o ich bitte Euch, habt Mitleid mit meiner Liebe und gewährt mir' Euern gnädigen Schutz!« Er eilte wieder zu Giovanna, beugte das Knie vor ihr und küßte ehrerbietig und zärtlich ihre Hand. Sie neigte sich zu ihm und blickte mit glücklichem Lächeln in sein Gesicht. »O seht, erlauchte Marchesa,« sagte er, »Eure Tochter nimmt meine Liebe an, wenn ihr mir Euer Fürwort gewährt bei Euerm edlen Gemahl, so werdet Ihr auch ihr Glück begründen, und ich schwöre es Euch, ein treueres Herz kann sie auf Erden nicht finden!« Die Markgräfin blickte lächelnd zu den beiden hin. »Kinder, Kinder,« sagte sie mit drohend erhobenem Finger, »Ihr seid wohl unbedacht und vorschnell, doch das ist ja wohl die Jugend immer – wo die Liebe im Herzen stammt, da ist der kalte Verstand und die abwägende Geduld machtlos und da muß ich denn wohl verzeihen und da ihr Vertrauen zu mir habt und mit Eurer Liebe kein verborgenes Spiel treibt, so kann ich Euch meinen Schutz und mein Fürwort nicht versagen. Ich will mit Giovanni Tornabuoni sprechen.« »O er weiß es, was ich im Herzen trage,« rief Cosimo jubelnd, indem er aufsprang und, vor der Markgräfin knieend, deren Hand an seine Lippen drückte – »er weiß es und hat mir meine Hoffnung nicht genommen.« »Nun,« sagte die Markgräfin, »auch ich will sie Euch nicht nehmen, aber ich kann Euch nichts versprechen und Euch mehr als die Hoffnung nicht geben, jedoch hoffen mögt Ihr immer, ist doch Madonna Argentina meine ältere Tochter, die Gemahlin Pierro Soderinis, Eures Verwandten und ist Euer Haus doch würdig der Verbindung mit den edelsten Geschlechtern, so daß, wenn Lorenzo zustimmt, mein Gemahl wohl auch Eurer Liebe nicht feindlich sein wird.« »Dank, Dank, erlauchte Madonna –« rief Cosimo, indem er aufsprang und auch Giovanna zu ihrer Mutter hinzog, »Ihr hört es – könnt Ihr auch dem Bunde unserer Herzen Euern Segen heute nicht geben, so segnet wenigstens unsere Hoffnung, der Ihr ja Euern Schutz verheißen habt!« »Ich werde Gott bitten,« sagte die Markgräfin, indem sie ihre Hand auf das Haupt Giovannas legte, die sich zu ihr herabbeugte, »daß er Eure Hoffnung erfüllen möge.« »Und Gott wird Euer Gebet erhören,« rief Cosimo, »ist doch mein edler Vetter Lorenzo mir von Herzen zugeneigt und ein treuer Freund des Hauses Soderini wie des Euren. Nicht wahr, Giovanna, jetzt laßt Ihr mich freudigen und leichten Herzens fortgehen, ich gehe ja zu Lorenzo, der auch bei Euerm Vater für uns sprechen wird.« Giovanna reichte ihm glücklich lächelnd die Hand und beide beugten noch einmal das Knie vor der Markgräfin, die mit liebevoller Herzlichkeit zu ihnen herabsah. Dann begaben sich alle in Tornabuonis Wohnung zu dem gemeinsamen Abschiedsmahl. Auch Madonna Magdalena mußte wohl etwas gehört oder bemerkt haben von dem, was zwischen, den beiden jungen Leuten vorgegangen, denn sie blickte sie lächelnd, fast neckend und doch mit weicher Rührung an, und obgleich man bei dem kurzen Mahl nur von ganz gleichgültigen Dingen sprach, so schien es doch niemand auffallend zu finden, daß Cosimo und Giovanna nur für einander Blicke hatten und daß sie sich oft mit leise flüsternden Worten die Hände drückten und einander zutranken, indem sie ihre Kelche so zärtlich und innig mit den Lippen berührten, als wollten sie in diese symbolische Begrüßung alle Glut eines heißen Liebeskusses hineinlegen. Als Cosimo dann aufbrach und, nachdem er im Hofe zu Pferde gestiegen, mit seinem Gefolge an den Fenstern vorbeiritt, grüßten ihn noch einmal Giovannas Blicke, und füllten sich auch die Augen des schönen Mädchens, nachdem er an der Biegung des Weges verschwunden war, mit Thränen, so lächelte sie doch glücklich dabei, denn durch den Schmerz der Trennung hindurch leuchtete ihr ja die Hoffnung eines glückseligen Wiedersehens entgegen. Als aber Tornabuoni in sein Arbeitszimmer zurückkehrte, fand er dort ein Schreiben des Kardinals Borromeo, in welchem ihm der Sekretär der päpstlichen Breven in kurzen und bestimmten Worten mitteilte, daß Seine Heiligkeit beschlossen habe, das Amt eines Schatzmeisters des apostolischen Stuhls dem Hause der Medici abzunehmen. Der Kardinal forderte daher den Vertreter der Mediceischen Bank auf, die Rechnungen abzuschließen und einzureichen. Finsteren Blickes durchlas Tornabuoni das Schreiben noch einmal. »Das ist der Rückschlag unserer Weigerung,« sagte er, »das Geschäft mit dem Grafen Girolamo abzuschließen; ich glaubte nicht, daß derselbe so schnell erfolgen würde; daß dies dennoch geschehen, beweist, daß der Zorn des Papstes hoch gestiegen sein muß, da er sich sonst nicht so schnell zu einer einschneidenden und verletzenden Maßregel verstanden haben würde. Doch vielleicht ist das nur eine Drohung, und wenn wir dennoch des Papstes Wunsch erfüllen, wird auch dieser Beschluß wieder aufgehoben. Jedenfalls ist es nötig, daß Lorenzo sofort Kenntnis erhält, um den ganzen Ernst der Lage zu begreifen.« Er schrieb einen kurzen Brief und versiegelte denselben mit dem Schreiben des Kardinals zusammen. Dann ließ er einen seiner vertrauten Diener rufen, befahl demselben, sogleich ein schnelles Pferd zu satteln, um Cosimo nachzureiten und demselben das Schreiben zur Mitnahme nach Florenz zu überbringen. Am Abend fand wie gewöhnlich der Empfang der Freunde und Bekannten des Hauses statt, es war fast dieselbe Gesellschaft wie am Abend vorher beisammen. Daß Cosimo Ruccellai plötzlich nach Florenz gereist war, erregte keine weitere Verwunderung, da bei den ausgedehnten Bankgeschäften des Hauses solche Sendungen ja öfter vorkamen. Peinlich betroffen aber wurde Tornabuoni, als der Kardinal Napoleone Orsini ihm sein Bedauern darüber aussprach, daß den Medici das Schatzmeisteramt abgenommen worden. Da man die Sache im Vatikan so öffentlich behandelte, so mußte sie kein bloßes Drohungsmittel sein, oder wenigstens mußte der Papst die Absicht haben, eine Demütigung der Medici durch die Bitte um ihre Wiedereinsetzung herbeizuführen. »Hat Seine Heiligkeit einen anderen Schatzmeister ernannt?« fragte er den Kardinal. »Davon habe ich nichts gehört,« erwiderte dieser, »an Euch wird es sein, dies zu verhindern, indem Ihr dem heiligen Vater keine Schwierigkeiten macht, die mehr für Euch als für ihn verhängnisvoll sein müssen.« Auch Acciaiuoli wußte bereits von der Entsetzung des Hauses Medici, aber er nahm die Sache leichter als Tornabuoni, denn bei aller diplomatischen Gewandtheit, die er besaß, wiederstrebte seiner feurigen und stolzen Natur doch jede Abhängigkeit von Rom. »Ich hoffe,« sagte er, »daß nun gerade Lorenzo festhalten wird. Die Mediceische Bank kann auch ohne dieses oft lästige Ehrenamt bestehen, der Papst aber wird schwerlich einen Schatzmeister finden, der ihm Ersatz bietet, und wir müssen vor allem zeigen, daß wir wohl, wie ich es von Herzen wünsche, Freunde des heiligen Stuhls, aber nicht seine Vasallen sein sollen.« Auch Francesco Pazzi erschien in dem kleinen Kreise, Er hatte von Cosimos Abreise gehört, und seine Leidenschaft wie sein Stolz trieben ihn an, seine Hoffnung in betreff Giovannas nicht aufzugeben, es mußte ihm, dem reiferen, trotz seiner Jugend hoch angesehenen Manne ja doch gelingen, den kaum dem Knabenalter entwachsenen Cosimo bei Giovanna auszustechen, wenn überhaupt das Herz der schönen Marchesina bereits sich dem verhaßten Nebenbuhler zugewendet hätte, woran er auch noch, die Hoffnung mit dem Wunsch verbindend, zweifelte; denn was er an dem gestrigen Abend gesehen zu haben glaubte, konnte ja auch ein einfaches Spiel des Zufalls oder der leichten Galanterie gewesen sein. Heute machte ihm niemand den Platz neben Giovanna streitig, und wie gestern es Cosimo gethan, wendete er sich in flüsterndem Gespräch zu ihr, während von verschiedenen Sängern ein vierstimmiges Lied vorgetragen wurde. »Fast müßte ich Euch zürnen, edle Signora,« sagte er, »wenn es mir überhaupt möglich wäre, ein solches Gefühl gegen Euch zu hegen.« »Mir zürnen,« fragte Giovanna, aus ihrem träumenden Sinnen auffahrend, »und warum – wüßte ich doch nicht, daß ich Euch gekränkt hätte, Signor Francesco?« »Und nennt Ihr es keine Kränkung,« fragte Francesco, »wenn ich habe sehen müssen, daß Ihr eine Blume, die ich Euch gebracht, einem andern gegeben habt, einem anderen, den Ihr seit kürzerer Zeit kennt als mich und dem ich keine Berechtigung zu einem Vergleich mit mir zugestehen kann.« Giovanna war erschrocken durch den feurigen, fast drohenden Ton seiner Worte. Aber, schnell gefaßt, antwortete sie lachend: »Ihr nehmt eine zufällige und gleichgültige Sache zu ernst, Signor Francesco. Ist eine Blume nicht geschaffen, um allen Freude zu bringen – warum sollte ich denn nicht eine von den herrlichen Rosenblüten, die Ihr mir geschenkt, dazu benutzen, einem anderen ebenfalls Teil an meiner Freude darüber zu gewähren, einem anderen, der mein Freund ist, wie der Eurige.« »Weil,« erwiderte Francesco, noch leiser flüsternd, »jene Rosen nur für Euch bestimmt waren – weil sie Euch eine Botschaft sein sollten meiner tiefen Verehrung und Bewunderung, die ich nicht leicht irgend jemand gewähre und die ich noch keiner Dame, das schwöre ich, so wahr und innig geweiht habe, als Euch, edle Signora. Sprechen doch die Orientalen miteinander durch die Zeichen der Blumen, wenn sie sich die innigsten Geheimnisse ihrer Herzen mitteilen wollen, und eine Blume, die ein solches Geheimnis in sich birgt, sollte nur dem gehören, dem sie es verkündet, ebenso wie ein inniges und warmes Wort im Herzen bewahrt bleiben und nicht in die Winde hinausgerufen werden soll.« Giovanna wendete sich schnell um und blickte erschrocken in seine flammenden Augen. »Dann habt Ihr Unrecht gethan, Signor Francesco, jene Blumen mir zu geben,« sagte sie, »denn ich verstehe es nicht, deren Geheimnisse zu lesen und bin darum auch nicht im Stande, sie zu bewahren.« »Ich hatte gehofft, Signora,« sagte er unmutig, »daß Euch jenes Geheimnis nicht so gar fremd sein möchte, da es mir oft schon auf die Lippen getreten ist und Ihr es in meinen Augen lange schon hättet lesen können. Da Ihr es aber nicht verstanden habt, oder nicht habt verstehen wollen, so muß ich es wohl dennoch aussprechen und muß Euch sagen, daß –« »Halt,« fiel Giovanna ein, »halt, Signor Francesco, sagt mir nichts, das ich nicht verstehen kann und vielleicht nicht verstehen darf; habe ich die Sprache der Blume nicht verstanden, so werde ich auch kaum die Worte verstehen, und es würde mir peinvoll und schmerzlich sein, wenn Euer Geheimnis, das Ihr ja mit einer Blume vergleicht, bei mir keine Stätte fände, um sich blühend und duftend zu entfalten.« »Und warum nicht,« sagte Francesco erbleichend, »warum nicht? – Für das Geheimnis, das ich in mir trage, ist das Herz einer edlen Jungfrau die beste Stätte, wie ein sonniges Gartenbeet für eine edle Blüte.« Jetzt sah sie ihn groß mit wehmütigem Ernst an. »Ein menschliches Herz, Signor Francesco, ist nur ein kleines Beet und hat nicht Raum für bunten Blumenflor, es vermag eine Blüte nur zu hegen und hat, wenn diese sich erschlossen, keinen Platz für eine zweite.« »O,« erwiderte Francesco finster, »ich sehe es wohl, edle Marchesina, daß Ihr es meisterhaft versteht, Geheimnisse zu erfassen und sie auch in Worte zu kleiden. Wenn ich Euch nun aber sage, daß auch auf dem schönsten, sonnigsten Beet ein Unkraut erwachsen kann, ein Unkraut der Täuschung und Verirrung, und daß ein sorgsamer Gärtner wünschen und trachten muß, solches Unkraut, das des Gartens nicht würdig ist, auszureißen um einem edlen Keim Raum und Licht zur Entfaltung seiner Blüten zu geben, müßtet Ihr nicht solcher Sorge dankbar sein?« Ihre eben noch so sanften und wehmütigen Augen flammten zornig auf. »Ihr habt mich irrig gerühmt, Signor Francesco, daß ich die Geheimnisse zu erfassen verstünde, Eure Worte verstehe ich nicht, habt Ihr nicht eben das Herz einer edlen Jungfrau mit einem Gartenbeet verglichen, und nun sprecht Ihr von einem Unkraut auf solchem Beet. Wenn ich Euern Vergleich auf mich beziehe, so muß ich Euch sagen, daß in meinem Garten kein Unkraut keimen kann, und was darin sprießt, das ist fest gewurzelt, es wird zu immer schönerer Blüte emporwachsen und keines unbefugten Gärtners Hand wird es berühren.« Das Lied war beendet. Giovanna stand, während des allgemeinen Beifallklatschens schnell auf und trat zu dem Kardinal Orsini, der eben den Sängern einige liebenswürdige Worte gesagt hatte. »Nun, meine schöne Giovanna,« sagte der Prälat mit einem seinen Lächeln, »Ihr scheint zum großen Schaden unserer Künstler kein Ohr für die Musik haben zu sollen.« »Und warum nicht, Eminenz?« »Gestern, während des schönen Liedes,« sagte der Kardinal, »waret Ihr in einer leisen, aber sehr eifrigen Unterhaltung vertieft, und heute schien mir dasselbe der Fall zu sein – dasselbe wohl nicht, denn gestern konnte ich wohl merken, daß das Gespräch harmonisch zusammenklang mit den Tönen der Musik, heute aber kam es mir vor, als könne ich in Euern schönen Augen lesen, daß ein Mißklang Euch berührte.« Giovanna errötete. »Ein Mißklang, Eminenz?« fragte sie, »aber,« fuhr sie dann mit glücklichem Lächeln fort, »das eine weiß ich, daß es eine Harmonie giebt, die alle Mißtöne überwindet.« »Und ich weiß eines,« sagte der Kardinal galant, »das alle Harmonie auf Erden in sich vereinigt, das ist eine so schöne und geistvolle Dame wie Ihr, die trotz ihrer Jugend die Sanftmut der Taube und die Klugheit der Schlange in sich vereinigt.« Francesco war noch einen Augenblick auf seinem Platz sitzen geblieben und starrte dem jungen Mädchen, das ihn so plötzlich verlassen und deren Worte er so genau verstanden, mit schmerzlich düsterem Blick nach. Dann aber stand er schnell auf, mischte sich unter die Gesellschaft und zeigte eine so sprudelnde Heiterkeit, wie man sie selten an ihm gewohnt war, ebenso blieb er während des Abendmahls, bei welchem er den Platz neben Giovanna, der ihm vielleicht gebührt hätte, ganz absichtslos und zufällig aufgab, indem er sich mit einem der Künstler in ein lebhaftes Gespräch so lange vertiefte, bis die Gesellschaft sich zu Tisch gesetzt. Giovanna war heiter und ruhig, nur wenn sie zuweilen bemerkte, daß Francescos Blicke, während aus seinen Lippen kecke Scherze hervorsprudelten, finster und fast feindlich drohend auf ihr ruhten, röteten sich ihre Wangen, aber sie schlug die Augen vor seinem Blick nicht nieder, und ihre Lippen kräuselten sich in stolzem, kaltem Lächeln. IV. Das Wohnzimmer des Papstes Sixtus des Vierten in der unmittelbaren Nähe des alten Bibliotheksaales, im Vatikanischen Palast, war im Vergleich zu der blendenden Pracht, welche den Hof des Oberhirten der christlichen Welt umgab, ein einfacher Raum, der in seiner ganzen Ausstattung an den gelehrten General des Franziskanerordens Francesco d'Albescolo della Rovere erinnerte, der unter dem Namen des römischen Märtyrerbischofs Sixtus den apostolischen Stuhl bestiegen hatte. Auf großen Tischen lagen aufgeschlagene Foliantenbände und aufgerollte Handschriften, an den Wänden hingen neben einigen alten Bildern sorgsam gezeichnete Karten von dem damals in so viele kleine und kleinste Staaten geteilten Italien, neben den Tischen standen kleine Stühle, welche der Papst bei seinem eingehenden Studium aller staatsrechtlichen und theologischen Fragen seiner Zeit benutzte, über die er sich stets selbst bis auf das Kleinste unterrichtete. Neben dem großen Fenster befand sich auf einer Estrade von zwei Stufen der große Armsessel, auf dem der Papst bei Erteilung von Privataudienzen Platz nahm, und seitwärts daneben stand auf einer Staffelei ein fast vollendetes Bild, das den Papst selbst darstellte, wie er auf seinem Stuhl sitzend die Hand gegen einen vor ihm knieenden Prälaten ausstreckt, während hinter ihm einige Herren und Kardinäle stehen. Sixtus der Vierte war damals vierundsechzig Jahre alt, seine Gestalt war hager, seine Haltung gebückt, und sein blasses Gesicht mit den etwas eckigen welken Zügen ließ ihn bei dem ersten Anblick als einen gebrechlichen Greis erscheinen, und das graue, wie ein Kranz um seinen kahlen Kopf stehende Haar, sowie der kurz gekräuselte, graue Vollbart erinnerten daran, daß er vordem die Mönchstracht des Franziskaner Ordens getragen. Aber in seinen dunklen Augen, welche etwas tief unter der hoch gewölbten Stirn hervorblickten, blitzte ein so feiner, scharf durchdringender Geist, eine so jugendliche Willenskraft, ein so stolzer Mut und sein Mund war eines so lebendig wechselnden Ausdrucks fähig von dem milden freundlichen Lächeln bis zur unerbittlich harten Drohung, daß der Papst sich um Jahrzehnte zu verjüngern schien, wenn er stolz aufgerichtet von der Höhe seiner alles überragenden Stellung Worte der Gnade oder der Verurteilung zu den erfurchtsvoll Lauschenden sprach. Sixtus war allein in seinem Zimmer und stand sinnend mit ernster, fast finsterer Miene vor der an der Wand hängenden Karte von Italien, auf welcher die einzelnen Staaten mit bunten Farben begrenzt waren und große rote Punkte die einzelnen Städte bezeichneten. »Es ist traurig« sagte er, – »traurig und beschämend, daß dieses schöne Italien, das allen Völkern voransteht an Kraft und Bildung des Geistes, dessen Waffen einst die Welt beherrschten, heute durch diese verhängnisvolle Zersplitterung seine besten Kräfte im Kampf gegeneinander aufreibt. Wohl ist die Weltherrschaft wieder aufgerichtet durch den apostolischen Stuhl, – aber überall in Frankreich, in Spanien und in Deutschland regt sich der Geist der Auflehnung, und wie soll ich dieses Geistes Herr werden, wenn ich hier im eigenen Lande offenen und versteckten Widerspruch finde? Nicht mit dem Wort allein mehr ist die Welt zu beherrschen, die ganze Waffenmacht Italiens müßte die Grundlage des apostolischen Herrscherwortes sein um die Kaiser und die Könige wieder zu ihrer Pflicht zurückzuführen. Ich muß bitten und bieten, um oft nur den Schein der Oberherrschaft zu erhalten, und überall steht mir vor allen andern dies hochmütig, trotzige Florenz entgegen, das seine Macht immer weiter ausdehnt, durch das Geld und die Waffen, das Mailand und Venedig immer mehr zu sich heranzuziehen weiß, wo es gilt, meine Wege zu kreuzen. Das darf nicht sein – die widerspenstige, eigenmächtige Republik muß gebrochen werden, ich will sie umzingeln mit meinen Getreuen, um sie zu zerschmettern, wenn der Augenblick gekommen sein wird. Neapel und Mailand sind weniger gefährlich – der König Ferrante fühlt sich nicht sicher auf seinem Thron, er fürchtet die Anjous, die der König Ludwig von Frankreich in seiner Hand hält, um mit ihnen zu drohen und zu schrecken und hat mich nötig, und die Mailänder sind stets bereit, für die Aussicht auf das Lombardische Königreich auf meine Seite zu treten. Sie werden sich beugen, diese steifnackigen Florentiner, wenn es nur erst gelingt, die Macht der hochmütigen Medici zu brechen, die stets den Widerstand schüren und mit ihrer kalten Klugheit und dem Einfluß ihres Geldes überall ihre Hand im Spiel haben, wo es gilt, gegen mich Feinde zu erwecken. O, – wie ich ihn hasse, diesen doppelzüngigen Lorenzo, dessen Worte von Ehrfurcht überfließen und dessen Handlungen stets die Auflehnung gegen mein Gebot unterstützen! Soll ich, berufen der ganzen christlichen Welt zu gebieten, zurückweichen vor diesem einen Mann, der es gewagt hat, den von mir eingesetzten Erzbischof von seinem Stuhl in Pisa zurückzuweisen, und den ich doch schonen muß, so lange er in Florenz gebietet? Nein, – nein, haben meine Vorgänger auf Sankt Peters apostolischem Stuhl doch die deutschen Kaiser gebeugt, – ich werde nicht zurückweichen vor einem trotzigen Emporkömmling, der auf den Schultern der Volksmassen emporgehoben ist und das Volk Italiens aufreizt zum Ungehorsam gegen seinen wahren, einzigen Oberherrn! Auch seine Zeit wird kommen – es ist schwer, Geduld zu üben – und doch ist die Geduld nötig, um den Schlag vorzubereiten, damit er nicht abgleitet, sondern zermalmend trifft.« Seine schmächtige Gestalt richtete sich hoch auf, er erhob die Hand, als ob er den Bannstrahl zu schleudern bereit sei, und ein fast dämonisches Feuer flammte aus seinen Augen. Er war, wie er so dastand, nicht der hohe Priester der Religion der Liebe, welche Frieden und Erlösung der ringenden und leidenden Menschheit entgegenträgt, sondern der oberste Feldherr der streitbaren Kirche, die alle Könige und Völker der Erde unter die Herrschaft ihres Geistes und Willens zu beugen sich waffnet. Der dienstthuende Kammerprälat trat ein und meldete, das Knie beugend, den Grafen Girolamo Riario. Des Papstes erhobener Arm sank herab, seine Miene nahm ihre gewöhnliche, ernst freundliche Ruhe wieder an, und er befahl, den Gemeldeten einzuführen. Graf Girolamo knieete vor seinem Oheim nieder, der Papst machte segnend das Zeichen des Kreuzes über des Grafen Haupt und reichte ihm dann die Hand zum Kuß. Aus seinen Blicken leuchtete ein mildes, herzliches Wohlwollen, das sein sonst so ernstes und strenges Gesicht verschönte. »Steh auf,« sagte er, »es macht mir stets Freude, dich zu sehen – bin ich doch bei dir der treuen und aufrichtigen Ergebenheit gewiß, die sich sonst bei so wenigen findet. Es ist hart und traurig, die Menschen durch die Furcht zu beherrschen, wenn man so gern Liebe geben und Liebe finden möchte! Wer mag es mir verdenken, wenn ich vor allen diejenigen erhöhe und zu Trägern meines Willens mache, die mir durch ihr Blut verwandt sind und bei denen ich Dankbarkeit und Liebe zu finden gewiß bin?« »Der Liebe und Dankbarkeit sind Eure Heiligkeit wahrlich bei mir gewiß,« sagte Girolamo aufstehend, nachdem er noch einmal des Papstes Hand ehrfurchtsvoll an seine Lippen gedrückt, – »ich habe keinen andern Wunsch und Gedanken, als meinem gnädigsten Oheim den Verlust meines Bruders zu ersetzen, den der Tod in der Blüte seines Lebens dahingerafft, und mein ganzes Denken und Sinnen gehört der großen Aufgabe Eurer Heiligkeit, die Herrschaft des apostolischen Stuhls über Italien und über die ganze christliche Welt wieder fest zu begründen, allen offenen und heimlichen Feinden zum Trotz.« »Ich weiß das wohl,« erwiderte der Papst, indem er mit dem Ausdruck warmer Herzlichkeit in dem sonst so strengen Gesicht, seinem Neffen auf die Schulter klopfte – »und diese Aufgabe zu erfüllen oder ihrer Erfüllung nahe zu führen, ist das Ziel meines Lebens, ist die heilige Pflicht des Amtes, das Gottes Erbarmung in meine Hände legte – aber du hast recht – es stehen der heiligen Sache der Kirche viele Feinde entgegen – und die offenen sind nicht die schlimmsten.« »Das habe ich wieder erfahren, heiligster Vater,« sagte Girolamo, »und darum müssen die versteckten Feinde zuerst vernichtet werden, Lorenzo de' Medici vor allen andern, der unter der Maske heuchlerischer Ergebenheit seine Tücke verbirgt.« »Lorenzo de' Medici,« fragte Sixtus, – »was ist es mit ihm? Hat er seinen Trotz nicht gebeugt und den Erzbischof von Pisa zu seinem Amte zugelassen – nachdem er mir gezeigt, daß er mächtig genug sei, einen von mir ernannten Fürsten der Kirche von seinem erzbischöflichen Stuhl auszuschließen,« fügte er mit bitterem Lachen hinzu. »Doch das wird anders werden, – wenn du erst den eisernen Gürtel um die hochmütige Republik gezogen hast, wenn Imola –« »Imola!« fiel Girolamo ein, – »das weiß er wohl, der verschlagene Lorenzo, der den Fürstenhut zurückweist, um desto unbeschränkter das verblendete Volk zu beherrschen – und darum verweigert er die Kaufsumme von dreißigtausend Goldgulden, deren Anschaffung Eure Heiligkeit ihm befohlen haben.« »Er verweigert sie,« rief Sixtus mit hell auflodernder Zornesröte in seinem bleichen Gesicht, – »er wagt es, meinem Befehl den Gehorsam zu versagen?« »Verschlagen und heuchlerisch wie immer, spielt er verstecktes Spiel, heiligster Vater, und erklärt, daß es ihm unmöglich sei, die Summe zu schaffen.« »Er lügt,« rief Sixtus, »ein Wort von ihm genügt, um größere Summen zu schaffen! Das ist offene Auflehnung, das ist Hochverrat an mir und der Kirche, das ist ein tückischer Dolchstoß, der meinen wohlangelegten Plan zerstört, – es hat mir schon geschienen, als ob die Sforza den Verkauf von Imola bereuen, und wenn die Zahlung nicht geleistet werden kann, möchten sie daraus einen Vorwand nehmen, das Geschäft aufzuheben, – »Die Kaufsumme wird gezahlt werden, heiligster Vater,« sagte Girolamo, – »und meine Fahne wird in wenig Zeit auf den Zinnen von Imola wehen zur Ehre und zum Dienst Eurer Heiligkeit.« »Und wie das?« fragte Sixtus mit ungläubiger Miene, – »wo soll ich das Geld auftreiben, wenn ich bei meinem Schatzmeister keinen Kredit habe?« »Das Haus Pazzi hat die Zahlung übernommen,« erwiderte Girolamo, – »ich habe gestern mit Francesco de' Pazzi abgeschlossen.« »Die Pazzi?« fragte Sixtus erstaunt, – »sie sind so stark – und sie wagen es, dem Medici zu trotzen?« »Sie wagen es in treuer Ergebenheit für Eure Heiligkeit und im Vertrauen auf den Schutz und Beistand des obersten Herrn Italiens.« »So giebt es doch noch treue Diener der Kirche und ihres Oberhirten – und ich habe sie zurückgestellt hinter die hinterlistigen Feinde. Die neue Auflehnung dieses Lorenzo soll ihre Strafe und das Verdienst der Pazzi seinen Lohn finden. Den Medici soll das Schatzmeisteramt abgenommen werden, und ich verleihe es den Pazzi, – führe Francesco zu mir, daß ich ihm die Würde übertrage, deren jene sich unwürdig zeigten.« »Francesco de' Pazzi ist im Vorsaal zu Eurer Heiligkeit Befehlen bereit,« sagte Girolamo schnell, »ich wußte wohl, daß die Gerechtigkeit meines gnädigsten Oheims und Beschützers einen treuen und wichtigen Dienst nicht unbelohnt lassen würde. Aber heiligster Vater, das allein genügt nicht, – die tückischen Feinde sind der Langmut unwürdig, – sie müssen vernichtet, für immer vernichtet werden!« »Vernichtet, mein Sohn?« seufzte Sixtus, – »das geht nicht so schnell und so leicht, diese trotzige, florentinische Republik ist zu mächtig noch –.« »Nicht die Republik, heiligster Vater, – sie wird sich gehorsam beugen, – aber diejenigen müssen und sollen vernichtet werden, welche die Macht der Republik zu trotzigem Widerstand gegen Eure Heiligkeit benutzen. Die Männer, die zu solchem Werk den Willen und den Mut haben, erbitten nur den Befehl und den Segen des heiligsten Vaters.« »Und diese Männer,« fragte Sixtus mit flammenden Blicken, – »wo sind sie?« »Francesco de' Pazzi, – der Erzbischof von Pisa – und mein Kriegshauptmann Giovan Battista de Montesecco, der Eurer Heiligkeit wohl bekannt ist. Die Pazzi und die Saluiati haben großen Anhang in Florenz und ersehnen die Befreiung ihrer Vaterstadt von der Tyrannei der Emporkömmlinge, – und Montesecco wird mit meinen Truppen die Pöbelhaufen der Medici im Zaume halten.« Der Papst senkte sinnend das Haupt und stand eine Zeitlang in tiefem Nachdenken da. »Bei Gott,« sagte er dann, »das Werk könnte gelingen, wenn es klug und entschlossen angefaßt wird. – Laß die Männer kommen, die mir so unerwartet ihre Hilfe gegen meinen schlimmsten Feind entgegenbringen.« Er stieg auf die Estrade und setzte sich auf seinen Armsessel, während Graf Girolamo schnell hinauseilte und nach wenigen Augenblicken mit den Angemeldeten zurückkehrte. Alle drei knieeten auf die Stufe der Estrade nieder und küßten das Kreuz auf dem weißseidenen Schuh des Papstes. Dieser beugte sich zu dem Erzbischof hinab und gab ihm den Bruderkuß, dann sagte er mit der feierlichen, milden Würde, die ihm eigentümlich war, zu Francesco Pazzi: »Ich habe mit Freude gehört, mein Sohn, welchen Beweis treuer Ergebenheit du mir zu geben bereit bist, – eine solche, mir wohlgefällige That verdient Lohn und Dank. Ich übertrage dir und deinem Hause das Schatzmeisteramt des apostolischen Stuhls, das ich denen abgenommen habe, die sich meines Vertrauens nicht würdig gezeigt haben. Du wirst die Bestallung darüber ohne Verzug erhalten.« »Der Dank meines Hauses, heiligster Vater,« erwiderte Francesco in stolzer Freude aufblickend, »wird unauslöschlich sein und wir werden allezeit beweisen, daß wir so hoher Gnade uns würdig zu machen bestrebt sind. Wir würden, hätten wir die Macht dazu, wie es unserem Hause und unseren Freunden gebührt, niemals geduldet haben, daß unsere Vaterstadt Eurer Heiligkeit durch unberechtigten Widerspruch so viel Kummer gemacht hätte, wie es zu unserem Schmerze geschehen ist.« »Mein väterliches Herz,« sagte der Papst, »ist freilich schmerzlich bewegt gewesen über das Benehmen der florentinischen Republik gegenüber dem vom apostolischen Stuhl eingesetzten erzbischöflichen Oberhirten von Pisa – aber ich weiß wohl,« fügte er mit drohendem Blick hinzu, »daß daran nur der eine Mann Schuld ist, der in Florenz sich die unumschränkte Herrschaft anmaßt – und ich beklage es, daß sich unter Euren Mitbürgern kein Mann findet, der es wagt, so ungerechtem Übermut ein Ende zu machen.« »Dieser Mann ist gefunden, heiligster Vater,« sagte der Erzbischof, »Ihr seht ihn vor Euch und seine Verwandten und Freunde, wie die meinigen werden ihm zur Seite stehen.« »Ebenso wie ich,« rief Graf Girolamo, »als treuer Freund und Nachbar der Republik, mit der ich in Frieden und Eintracht leben will, was nicht möglich ist, solange die Medici, auf die Hefe des Volkes gestützt, ihre Vaterstadt in Ketten halten.« Der Papst neigte zustimmend das Haupt. »Das wird ein Gott wohlgefälliges Werk sein, meiner Zustimmung und meines Segens gewiß – aber wie soll es ausgeführt werden?« Er winkte mit der Hand, die Drei erhoben sich von den Knieen, und der Erzbischof entwickelte mit klaren Worten den verabredeten Plan. »Ich freue mich Eures Entschlusses,« sagte Sixtus, als der Erzbischof gesprochen, »wenn alle edlen und treuen Bürger Eurer Stadt zusammenstehen, wie Ihr sagt, könnt Ihr das Werk wohl vollbringen und die unrechtmäßig angemaßte Macht brechen. Eines aber verlange ich: es darf bei dieser Niederwerfung der ungerechten Herrschaft kein Blut fließen, die gute Sache darf durch kein Verbrechen befleckt werden.« Francesco und der Erzbischof verneigten sich schweigend, Montesecco aber sagte ernst: »Es wird schwer sein, heiliger Vater, eine solche Umwälzung aller Verhältnisse durchzuführen, ohne daß das Leben der Medici und vielleicht noch mancher ihrer Freunde in Gefahr kommt.« »Das darf nicht sein,« fiel Sixtus streng ein, »mein heiliges Amt verbietet mir, den Tod eines Menschen zu veranlassen oder nur zu dulden. Schlecht und ungerecht hat sich Lorenzo gegen mich und die Kirche betragen, dafür soll er seiner Würde entkleidet und vor Gericht gestellt werden – aber seinen Tod will ich nicht.« »Eurer Heiligkeit Wille ist uns Gesetz,« sagte Graf Girolamo, »es wird alles geschehen, was möglich ist, um ihn zu erfüllen – aber nicht ohne Kampf werden die Medici überwunden werden können, und sollte dabei jemand das Leben verlieren, so werden Eure Heiligkeit dem verzeihen, der in eigener Notwehr gezwungen würde sich zu verteidigen.« Sixtus erhob sich von seinem Sessel. Seine Augen blitzten, drohend streckte er die Hand aus und rief mit gewaltig durch das Gemach klingender Stimme: »Du trägst den Haß und die Wildheit des Raubtiers in deiner Brust, ich aber bin Richter ohne Haß und habe mit der Gerechtigkeit auch die Langmut Gottes zu üben. Wage es nicht, mein Gebot zu verachten, oder mein Zorn wird über dich kommen!« Girolamo neigte zitternd das Haupt, der Erzbischof sagte schnell: »Eure Heiligkeit hat recht, die Gerechtigkeit darf die Langmut nicht ausschließen, dem gerechten Urteil darf die Missethat des Lorenzo de' Medici nicht entzogen werden, denn er allein ist Schuld an der Auflehnung der Florentiner. Sobald er dort nicht mehr herrscht, so wird die Republik sich in schuldigem Gehorsam dem Oberherrn der christlichen Welt beugen, und von den Alpen bis zu den Küsten Siziliens wird Italien dem Gesetz des heiligen Vaters gehorchen.« »Du sprichst die Wahrheit, mein Bruder,« erwiderte Sixtus, sich wieder auf seinen Stuhl niedersetzend, – »und darum darf so schwere Schuld dem Gericht nicht entzogen werden.« »So überlaß es denn uns, heiliger Vater,« sagte der Erzbischof demütig, »diese Barke zu lenken, und seid gewiß, daß wir sie sicher zum Ziele führen werden.« »Es sei so,« erwiderte der Papst – »aber habt die Ehre des heiligen apostolischen Stuhles in Acht – und du, Girolamo, auch die deinige, auf der ich nicht will, daß ein Flecken haften soll.« Er machte das Zeichen des Kreuzes mit der ausgestreckten Hand, vor dem alle die Kniee beugten. Der Erzbischof, Francesco Pazzi und Montesecco verließen rückwärts schreitend das Gemach. Girolamo blieb auf des Papstes Befehl. »Nun,« sagte Sixtus mit freundlicher Herzlichkeit, »du kennst meinen Willen, ich vertraue dir, daß du danach handeln wirst – jetzt laß uns der Sorgen vergessen, die mir die bösen Menschen bereiten, welche in hochmütiger Auflehnung sich von meiner väterlichen Hand nicht leiten lassen wollen und mich zur Strenge zwingen, wo ich Milde und Frieden walten lassen möchte. Geh und befiehl dem Kämmerer, den von mir Erwarteten einzuführen. Ich sehne mich danach, Freude zu verbreiten, wo ich der Liebe und des Dankes sicher bin.« Girolamo brachte dem dienstthuenden Kämmerer im Vorzimmer des Papstes Befehl, und unmittelbar trat zur sichtlichen Überraschung des Grafen ein junger Mensch von kaum siebzehn Jahren in dem schwarzen Anzug der Weltgeistlichen ein. Seine schlanke Gestalt war knabenhaft zart, seine Haltung schüchtern und unsicher; sein bleiches Gesicht mit den seinen Zügen und den dunkeln großen Augen, von schwarzem lockigen Haar umrahmt, rötete sich freudig beim Anblick des Papstes, der freundlich das Haupt neigte, dann eilte er zu der Estrade hin, beugte das Knie und küßte das Kreuz auf des Papstes Schuh. Sixtus segnete den Knieenden – dann neigte er sich zu ihm herab, küßte ihn auf die Stirn und blickte in sein feines jugendlich zartes Gesicht. »Wie er deiner Schwester ähnlich sieht, Girolamo,« sagte er – »ganz der sanfte Blick ihrer Augen, das weiche Lächeln ihres Mundes. Sie ist dahingeschieden nach ihrem Gemahl, dem guten Sansoni, und nun ist mir die Sorge geblieben für dies Kind, das sonst allein in der Welt stehen würde. Nun, ich werde für dich sorgen, mein kleiner Rafaello,« sagte er, nochmals mit seinen Lippen des Knaben Stirn berührend, »ich habe eine Überraschung für dich.« Das Gesicht des Papstes, der kurz vorher noch mit flammend drohenden Blicken seinem Zorn zerschmetternde Worte gegeben, war vollständig verändert. Seine Augen blickten weich und sanft mit inniger Herzlichkeit zu dem Knaben herab, und seine magere dürre Hand streichelte liebkosend dessen glänzendes Haar, das mit seinen vollen Locken die kleine geistliche Tonsur bedeckte. »Ich habe,« sagte er, »eine Überraschung für dich, mein Kind, die eine Belohnung sein soll für deinen Fleiß und deine gute Führung auf der Hochschule und eine Mahnung, daß du berufen bist, dem Namen deines Oheims und dessen Andenken, wenn ich einmal nicht mehr da sein werde, im Dienst der heiligen Kirche Ehre zu machen. Bringe mir die Kiste, Girolamo, die dort auf dem Ecktisch steht.« Der Graf brachte dem Befehl folgend eine kofferartige Kiste mit schwarzem Samt überzogen und mit goldenen Spangen verschlossen und hielt dieselbe, das Knie beugend, dem Papste vor. Dieser öffnete den Deckel und nahm aus dem mit weißer Seide gefütterten inneren Raum den Purpurhut mit den goldenen Quasten, der das Zeichen der höchsten kirchlichen Würde bildet, und seinen Träger in jener Zeit den weltlichen Fürsten voranstellte. Diesen, soviel ersehnten und umworbenen Hut setzte der Papst auf das Haupt des erstaunt zu ihm aufblickenden jungen Rafaello und sagte mit feierlichem Ton: »Es ziemt sich nicht für meinen Neffen, langsam die Stufen zur höchsten Ehre zu erklimmen. Umringen doch die weltlichen Fürsten ihren Thron in nächster Nähe mit ihren Blutsverwandten, auf deren Treue sie bauen können – um so mehr muß ich dies thun als Oberhirt der Christenheit, denn meine Aufgaben streben höher hinauf als alle weltlichen Ziele, und mein Regiment steht über allen Thronen der Erde, darum bedarf ich mehr als die Kaiser und Könige der Treue und des willigen Gehorsams derer, die berufen sind, mit mir den Kampf zu führen, der alle Macht der Welt beugen soll vor dem Kreuz auf dem Hochaltar der heiligen Kirche. Empfange also diesen Hut aus meiner Hand und erfülle die Pflicht deines hohen Amtes zur Ehre der heiligen Kirche und deines Hauses.« Er beugte sich herab und küßte die Stirn des jungen Kardinals, der hoch errötend und wieder erbleichend keines Wortes mächtig war, und mit thränenden Augen drückte er inbrünstig seine Lippen auf die Hand des Papstes. »Ich werde morgen,« fuhr Sixtus fort, »deine Ernennung im Konsistorium aussprechen; gehe jetzt und bereite dich vor, das heilige Kollegium mit ernstbedachten und angemessenen Worten zu begrüßen. Doch höre noch Eines. Ich will, daß der Name Riario nicht unter den ersten Fürsten der Kirche fehle, darum sollst du fortan diesen Namen führen zur Erinnerung an deinen Oheim, dessen Platz du im heiligen Kollegium ausfüllen wirst, und dir, Girolamo, befehle ich, deinen Namen auch auf Rafaello zu übertragen, der ja von deinem Blute stammt.« »Wie sollen wir alle jemals für so viel Gnade und Ehre danken!« rief Girolamo, neben Rafaello niederknieend und des Papstes Hand küssend. »Durch Treue und Eifer im Kampf gegen meine Feinde,« erwiderte Sixtus mit funkelnden Blicken – »und,« fügte er mit weicher Innigkeit hinzu, mit der Hand über Rafaellos Haar streichend – »durch Liebe zu Eurem Oheim. Nun geh, mein Sohn, deine Wohnung steht bereit, du betrittst sie zum letztenmal als Knabe und Schüler – morgen wird der Kardinal Riario in der Versammlung des hohen Rates der Kirche seinen Platz einnehmen. Du, Girolamo, rufe den Kämmerer und den guten Bartolomeo, sowie den Maler Melozzo von Forli, welche im Vorzimmer sein werden.« Rafaello entfernte sich, noch ganz berauscht von der unerwarteten Gnade, die ihm zuteil geworden. Die Gerufenen traten ein. Der Papst befahl Girolamo und dem Kämmerer, hinter seinen Stuhl zu treten, und Monsignore Bartolomeo, eine würdige Erscheinung mit geistvollem Gesicht, von freundlich sanftem Ausdruck, mußte vor ihm auf die Stufe der Estrade niederknieen. Der Maler nahm, nachdem er den Papst durch die Kniebeugung begrüßt, auf dessen freundlichen Wink seinen Platz vor der Staffelei ein und ordnete die Farben auf seiner Palette. »Ich will,« sagte Sixtus, »den Augenblick, in welchem ich meinen treuen gelehrten Bartolomeo zum Ordner und Hüter der literarischen Schätze meiner Bibliothek bestellte, für meine Erinnerung und für die Nachwelt fest halten; das Bild, das Meister Melozzo hier entwirft, soll als Freske den großen Bibliotheksaal schmücken, damit Bartolomeo für alle Zeit mit der Werkstätte seiner Arbeit verbunden bleibe. Bartolomeo dankte bewegt für die ihm erwiesene Ehre, der Maler begann seine Arbeit und Sixtus plauderte heiter und freundlich lächelnd über verschiedene Fragen der Kunst und Wissenschaft, so daß niemand in ihm den eifrigen Führer der streitbaren Kirche im Kampf um die Weltherrschaft wieder erkannt hätte, der eben noch das Verdammungsurteil über die weithin über die Grenzen Italiens bewunderten und gefürchteten Medici gesprochen hatte. V. In dem Palast der Medici, über dessen Portal sich das in Stein gehauene Wappen mit den fünf Kugeln, die man als Pillen zu deuten pflegt, und den drei Straußfedern erhob, herrschte ein reges Leben, Boten kamen und gingen, in den Arkaden wandelten Gelehrte und Künstler in lebhaften Gesprächen auf und nieder, und Gruppen von Magistratspersonen, in ihren Gewändern von Samt und Brokat, mit den scharlachroten Kappen auf den ernsten Häuptern, sprachen in verschiedenen Gruppen über die Angelegenheiten der Stadt und des Staates, welche mit allen politischen Fragen der damaligen Zeit auf das innigste verknüpft waren. In einem von all dieser unruhigen Bewegung fern abliegenden Teile des weit ausgedehnten Palastes, der von den großen, sorgfältig gepflegten Gärten umgeben war, befand sich die Wohnung Lorenzos des Prächtigen, des Hauptes des Mediceischen Hauses, dessen Blicke weit hinaus reichten über die ganze damalige Welt, dessen Worte geachtet und gefürchtet wiederhallten in Venedig und Genua, in Mailand und Neapel, in Frankreich und Deutschland, und vor allem am päpstlichen Hof zu Rom. Es war eine ganz seltsame, kaum sonst noch vorkommende Stellung, welche das Haus der Medici sich seit mehreren Generationen in seiner Vaterstadt Florenz und den von dieser abhängigen Gebieten geschaffen hatten, und welche nach Pierro de' Medicis Tode durch die Signorie, dem hohen Rat der Republik, des Verstorbenen beiden Söhnen, Lorenzo und Giuliano übertragen war, eine Stellung, die kaum anderswo etwas vergleichbar Ähnliches fand. Die venetianische Republik wählte ihren Dogen, der während der Dauer seines Amts in der That die souveräne Macht der Repräsentation ausübte. In Mailand hatte sich der Condottiere de Sforza durch sein Schwert zum Herrn aufgeschwungen und die erbliche souveräne Stellung mit dem Herzogstitel für sich und seine Familie eingenommen. In Florenz aber bestand die vollkommen demokratische Republik in all ihren Formen, Gesetzen und durch die Volkswahl besetzten Ämtern weiter, und dennoch waren die Medici, ohne einen eigentlichen Platz in der verfassungsmäßigen Staatsform einzunehmen, die wirklich regierenden Herren, indem sie alle Staatsbeamten ernannten und auch die Repräsentation übten. Äußere Titel und Zeichen der fürstlichen Würde wiesen sie auf das bestimmteste zurück und erhielten dadurch in dem Volke selbst die Anhänglichkeit und die Bereitwilligkeit, sich unter ihre Macht zu stellen. In dem Verkehr mit den auswärtigen Staaten, den das damalige Florenz in ausgedehntester Weise unterhielt, wurden die Gesandten zwar von der Signorie ernannt, aber in der Wahl ihrer Person behielten die Medici freie Hand, und von diesen erhielten sie ihre Befehle und Instruktionen, ebenso wie die Vertreter der auswärtigen Mächte in feierlicher Audienz der Signorie ihr Beglaubigungsschreiben überreichten, dann aber in allen diplomatischen Verhandlungen nur mit den Medici verkehrten. Dies Verhältnis entsprach auch vollkommen dem Entstehen der Mediceischen Macht. Anders wie in Mailand, wo der erste Sforza als Soldat die Herzogskrone sich erobert hatte, war die Stellung der Medici in Florenz aus ihrer Geldmacht hervorgewachsen. Die Mediceische Bank hatte ihre Filialen in ganz Italien und ganz Europa, und ein unermeßlicher Reichtum war dem Hause durch den klugen und kühnen Betrieb seiner Geschäfte erwachsen. Sie hatten diese Geldmacht in kluger Berechnung dazu benutzt, ihre Vaterstadt zu schmücken und zu einem berühmten Sitz der Künste und Wissenschaften zu machen, und fast alle Bürger von Florenz, und die niedrigsten nicht ausgenommen, erhielten von ihnen Unterstützungen und Darlehen, indem sie überall eintraten, wo Not und Elend zu lindern oder zu verhüten war und wo Handwerk und Gewerbe der Unterstützung durch Kapitalmittel bedurfte. Die Blüte von Florenz war größtenteils ihr Werk und die patriotische wie persönliche Dankbarkeit des Volkes ließ sich darum die Herrschaft des freigebigen Hauses um so williger und freier gefallen, als die Feinde der Medici, zu denen, mehr oder weniger offen auftretend, die sogenannten alten Geschlechter gehörten, welche vordem die ausschließliche Macht in Händen hielten, danach trachteten, auch in Florenz eine oligarchische Verfassung nach venetianischem Muster herzustellen, durch welche dann alle Gewalt sich in einem bestimmt abgeschlossenen Kreise vereinigt haben würde. Das Volk erblickte also gerade in der Herrschaft der Medici einen Ausfluß und eine Bürgschaft seiner eigenen Freiheit und Selbstbestimmung und trat um so entschiedener für deren, auf demokratischer Grundlage aufgerichtete Stellung ein. Als nach dem Tode Pierros de'Medici dessen beide Söhne die Nachfolge seiner Macht und Würde übernahmen, trat ohne besondere Festsetzung und Vereinigung der ältere Lorenzo durch die Überlegenheit seiner Geistes- und Charaktereigenschaften allein an die Spitze der Regierung. Er besaß einen kaltberechnenden Geist, für weitblickende Berechnung und geduldiges Abwarten der getroffenen Maßregeln in den Geschäften wie in der Politik wie geschaffen, während Giuliano eine poetisch angelegte, zu idealer Schwärmerei und dabei zu üppigem frischen Lebensgenuß neigende Natur war, von dem sich Lorenzo nach seiner Naturanlage sowie wegen seiner von Jugend auf zarten und leicht erschütterten Gesundheit zurückhielt, wenn er auch eine äußerlich würdige und glänzende Repräsentation liebte, so daß ihm damals schon der Beiname »des Prächtigen« gegeben war, der ihm in den Annalen der Geschichte geblieben ist. Durch eine Reihe von Vorgemächern, welche mit Kunstschätzen aller Art angefüllt waren und in ihrer reichen Ausstattung einen Beweis für die Prachtliebe ebenso wie für den seinen Geschmack des merkwürdigen Mannes ablegten, der mit fürstlicher, selbstherrlicher Macht die florentinische Republik beherrschte, gelangte man in das Arbeitszimmer Lorenzos, einen großen, durch die nach dem Garten hin gehenden Fenster hell erleuchteten Raum, der von den glänzenden Wohnräumen, mit denen er durch eine Galerie in Verbindung stand, sehr verschieden war. Zwar sah man auch hier den gediegenen Reichtum und den feinen Geschmack, welcher den ganzen Mediceischen Palast auszeichnete, in dem kunstvollen Mosaikfußboden von verschiedenfarbigem Marmor, in den kostbaren orientalischen Teppichen, den wenigen, aber auserlesenen Meisterwerken der Malerei und Bildhauerkunst und den schweren Kronleuchtern von gediegenem Silber und edlem Krystall. Aber zugleich mußte man auch die Stätte einer außerordentlich regen und vielseitigen geistigen Arbeit erkennen. Ein großer Schreibtisch von kunstvoll geschnittenem Holz stand im hellen Licht des einen Fensters. Auf demselben lagen Rechnungsbücher und Aktenstücke in großer Zahl, aber in musterhafter Ordnung. Auf einem anderen Tische, der auf silbernen Löwenfüßen ruhte, befand sich eine Anzahl alter Handschriften, auch ein Exemplar der Biblia sacra latina in zwei großen Foliobänden, dem damaligen hervorragendsten Werk der im schnellen Aufschwunge befindlichen Buchdruckerkunst, sowie verschiedene Handschriften, Zeichnungen, Modelle und Entwürfe für Bauten und Kunstwerke. Auf einem dritten, etwas kleineren Tische lagen Notenblätter aus Pergament, in den heutzutage so seltsam erscheinenden schwerfälligen und geschnörkelten Notenschriften jener Zeit, sowie Liedertexte in italienischer und lateinischer Sprache, darüber hing eine Chitara und eine Mandoline von kostbarer Arbeit, diese beiden, damals zur Begleitung des Gesanges beliebtesten Saiteninstrumente. Dies alles bewies, daß das Haupt des Mediceischen Hauses und der florentinischen Republik ebensowohl die ernsten Geschäfte, wie die Künste und Wissenschaften aller Art beherrschte und mit Verständnis und Eifer pflegte, wie auch, daß sein klarer Geist alle diese verschiedenen Gebiete seiner Thätigkeit in musterhafter Ordnung zu begrenzen und auseinander zu halten verstand. Lorenzo selbst saß vor seinem Schreibtisch in einem bequemen Lehnstuhl, dessen gepolsterte Armstützen in vergoldete Satyrköpfe ausliefen und dessen Rücklehne durch Brokatkissen ausgefüllt war. Er war damals kaum neunundzwanzig Jahre alt, doch schien er älter durch seine etwas zusammengesunkene Haltung und die kränkliche Blässe seines eigenartigen Gesichts, das auf den ersten Anblick fast häßlich erscheinen konnte. Das dunkle, schwärzlich gebräunte Haar hing nach damaliger Sitte in der Mitte gescheitelt über den Kopf und den Nacken und bis zur Schulter ziemlich glatt und kaum gelockt herab und begann sich über der breiten Stirn etwas zu lichten. Die etwas tief liegenden Augen unter dunklen, meist wie grübelnd zusammengezogenen Brauen waren eines unendlich verschiedenen Ausdrucks fähig, bald blickten sie kalt und streng, wie scharf prüfend und berechnend, bald finster und stolz, und dann wieder konnten sie so klar und so freundlich leuchten, daß sie alle Herzen gewannen; seine Nase sprang stark hervor, aber ohne die kühne Biegung, welche an den Adler erinnert; sein Mund war groß und etwas zur Seite gezogen; die Unterlippe sprang stark hervor, das starke Kinn zeugte von Willenskraft und Energie, und doch konnte dieser an sich so unscheinbare Mund, der in der Ruhe einen fast abstoßenden Ausdruck zeigte, beim Sprechen im Verein mit dem wechselvollen Ausdruck der Augen eine Beredsamkeit üben, der selten jemand widerstand und die auch die entschiedensten Gegner zu überzeugen, oder doch zu überreden vermochte. Lorenzo trug einen weiten, bis weit über die Knie hinabreichenden und um die Hüften von einem mit goldenen Zierraten geschmückten Ledergürtel zusammengehaltenen Rock, der mit kostbarem Pelzwerk gefüttert und am Halse und an den weiten Ärmelaufschlägen besetzt war. An dem Gürtel hing die Geldtasche von feinem Leder mit goldenem Verschluß und das Taschentuch von feinem Leinen. Er war über seinen Schreibtisch gebeugt und hatte sich in die Prüfung eines großen Buches vertieft, in welchem auf Pergamentseiten Zahlen auf Zahlen sich aneinander reihten. Endlich lehnte er sich zurück und blickte mit dem finsteren Ausdruck, den seine Augen immer bei tiefem Nachdenken einnahmen, eine Zeitlang zur Decke des Zimmers hinauf. »Es ist kein besonders sicheres Geschäft,« sagte er, »das die Bank von Lyon uns da vorschlägt, die Sicherheiten sind nicht stark und können gar leicht ihren Wert verlieren, wenn der König von Frankreich, dessen Wort nicht eben gar sichere Bürgschaft bietet, sie eines Tages nicht erfüllen will, und vierzigtausend Goldgulden sind eine starke Summe, aber der König braucht das Geld – wenn wir ihm beistehen, es zu schaffen, so wird er dankbar sein, um so mehr, weil er uns künftig noch einmal zu gebrauchen denkt, und auch sonst hat er uns nötig, denn immer richtet sich noch sein Blick nach Neapel. Wenn ich auch niemals die Hand dazu bieten werde, dem Anjou dorthin den Weg zu öffnen, so ist es doch sehr nützlich, den Faden in der Hand zu halten, denn des Königs Ferrante von Arragon bin ich nicht sicher. – Wenn wir die Hilfe verweigern, wird der König Ludwig unser Feind werden, und vielleicht ein schlimmerer Feind – das aber darf nicht sein, wir haben der Feinde genug, die dem Papste helfen möchten, uns in einen eisernen Gürtel einzuengen und allmählich in seine Dienstbarkeit zu zwingen, darum muß es geschehen, das Geld muß der Politik dienen, und sollte uns ein Verlust treffen, so wird die Politik wieder die Wege bieten, um ihn zu ersetzen.« Schnell entschlossen schlug er mit einem zierlichen Klöpfel auf eine goldene Glocke und befahl dem unmittelbar darauf eintretenden Diener, in der reichen Livree des Mediceischen Hauses, seinen Bruder Giuliano zu bitten, daß er sich einen Augenblick zu ihm bemühen wolle. Während er den Gerufenen erwartete, trat er zu dem zweiten Tisch und prüfte sorgsam einen auf einem großen Pergament gezeichneten Plan. »Das ist vortrefflich,« sagte er, »ganz nach meinen Gedanken. Dieses reizende Poggio cajano ist von wunderbarer Schönheit, was die Natur dort so verschwenderisch gegeben, verdient wohl, daß die Kunst das ihrige thut und an keinem anderen Ort kann ich würdiger einen Herrensitz erbauen, wie er dem Namen meines Hauses geziemt. Das alles ist vortrefflich angelegt und ich kann kaum etwas daran ändern, aber eins ist vergessen: Wenn ein hochragendes und stolzes Schloß sich dort erhebt, so dürfen die Ställe so nicht stehen bleiben, die Viehzucht aber muß dort zu immer steigender Höhe gebracht werden, ich habe schon meinen Plan gemacht, immer vorzüglichere Kühe dort zu vereinigen, das Heu ist von ausgezeichneter Güte und jetzt schon sind die Käse unübertrefflich, so daß, wenn der Betrieb immer weiter ausgedehnt wird, die beträchtliche Käse-Einfuhr aus der Lombardei ganz überflüssig werden muß. Die Wirtschaft soll dem Glanze festen Boden schaffen, aber doch soll sie in ihrer Form sich dem Glanze anpassen.« Er betrachtete sinnend den Bauplan. »So wird es gehen,« sagte er, »in einiger Entfernung von dem Platz des Herrenhauses ist eine Erhöhung, welche vor aller Feuchtigkeit schützt, dort sollen die Stallgebäude errichtet werden, hohe Mauern sollen sie umringen und ein Graben den ganzen Hügel umziehen, damit um so sicherer die Wasser des Ombrone nicht dort eindringen können, es sollen hohe Türme an den Ecken der Mauern sich erheben und dann wird das Ganze aussehen, wie ein stolzes Castell, das zu dem Herrensitze paßt und die Schönheit der Natur noch mehr erhöhen wird.« Er nahm einen Stift und entwarf eine flüchtige Zeichnung in einer Ecke des Pergamentblattes. Während er noch so beschäftigt war, öffnete der Diener die Thür und Giuliano de' Medici trat ein. Er war vier Jahre jünger als Lorenzo, sah aber neben dessen etwas gebückter und kränklicher Erscheinung sehr viel jugendlicher aus; seine hohe Gestalt war kräftig und dabei doch schlank und geschmeidig gewachsen; sein edel geschnittenes Gesicht, mit dem bräunlich dunklen Teint hatte noch den vollen Schmelz der Jugend, sein schwarzes Haar fiel in vollen Locken über den Nacken herab und seine tief dunklen Augen konnten ebenso feurig und leidenschaftlich auflodern, als in sanfter Freundlichkeit die Herzen gewinnen. Er trug den damals modischen eng anliegenden Anzug, mit den zweifarbigen Tricotbeinkleidern, welche in den Schuh ausliefen und ein weites pelzverbrämtes Überwams mit den herabhängenden Ärmeln, in kostbarem Gehänge den zierlichen Stoßdegen und im Gürtel den kleinen Dolch. Giulianos Kleidung glänzte in Purpur und Goldbrokat und war mit kostbaren Stickereien geschmückt, so daß er mit heiterem Lächeln eintretend, ganz das Bild eines frischen fröhlichen Lebemannes bot, der im glücklichen Genuß seiner Jugend, seines Reichtums und seiner hohen Stellung, sich um die Sorgen des Lebens zu kümmern, keine Neigung hatte. Er eilte zu seinem Bruder, umarmte ihn zärtlich und sagte, auf das Pergament blickend, mit dem sich dieser beschäftigte: »Ah, mein teurer Lorenzo, du baust wie ich sehe, dein Poggio cajano – wenn du mich hast zu dir bitten lassen, um dafür meinen Rat einzuholen, dann werde ich dir kaum dienstbar sein können, du verstehst das alles viel besser als ich und mich kannst du höchstens brauchen, wenn es gilt, für die fröhliche Einweihung des fertigen Baues ein Fest vorzubereiten und anzuordnen.« »Nun hoffentlich,« sagte Lorenzo lächelnd, »werde ich dazu bald deinen Rat einholen, heute wollte ich allerdings, als ich dich zu mir bitten ließ, nicht von Poggio cajano mit dir sprechen, sondern dir mitteilen, daß ich es für zweckmäßig halte, das von der Bank von Lyon gewünschte Geschäft, das dir ja bekannt ist, dennoch abzuschließen, um dem Könige von Frankreich gefällig zu sein, den wir uns nicht zum Feinde machen dürfen und dessen Hilfe wir vielleicht einmal brauchen können, wenn unsere Feinde hier uns zu mächtig und gefährlich werden.« »Ich bitte dich, Lorenzo,« fiel Guiliano ungeduldig ein, »entscheide das alles nach deinem Willen. Du hast den ruhigen klaren Geist, der vorwärts und rückwärts blickt, während mich das unruhig schlagende Herz mit dem Augenblick verbindet. Du beherrschst deine Zeit, um alle diese schwierigen Fragen der Politik durchzuarbeiten und übersehen zu können, während ich von der flüchtigen Stunde abhängig bin und es noch niemals vermocht habe, die Zeit meinem Willen unterzuordnen. Hat auch die Signorie uns beiden die Führung des Staates anvertraut, im ehrfurchtsvollen Andenken an unseren Vater – so bist du doch allein der Herr und weißt, daß ich mich in allem deinem Willen füge, wie es meine Pflicht ist dem älteren und mir soweit überlegenen Bruder gegenüber. – Ordne also auch dies wie du willst, ich will die Freundschaft mit dem Könige von Frankreich erhalten, wenn ich auch nicht wünschen kann, daß wir jemals seine Hilfe gegen unsere Landsleute anrufen möchten, ich bin Italiener vor allem und meine ganze Sehnsucht geht dahin, daß unser Vaterland seine Einigkeit finde und damit seine gefürchtete Macht in Europa.« Lorenzo blickte finster vor sich nieder, aber er schien keine Neigung zu haben, auf den von seinem Bruder berührten Gegenstand einzugehen. »Ich werde also die Sache nach deiner Zustimmung ordnen, vielleicht kannst du dann, wenn das Geschäft ausgeführt ist, dem König Ludwig XI. einen Besuch machen. Die Reise nach Frankreich wird dich zerstreuen, einer glänzenden Aufnahme bist du gewiß und du wirst vielleicht auch Gelegenheit haben, dich über den Zukunftsgedanken zu unterrichten, über den ich mit dir sprechen wollte, als ich dich zu mir bitten ließ.« »Eine Reise nach Frankreich,« sagte Giuliano, wie erschrocken, »ja, ja, das wäre sehr schön, aber doch – nicht jetzt – in der winterlichen Jahreszeit.« »Nein, nein,« sagte Lorenzo lächelnd, »nicht jetzt, du sollst das schöne Frankreich im besten Frühlingskleide sehen, das die Natur in kurzem anlegen wird – wenn also dein Herz hier noch gefesselt ist, so mache dir keine Sorge, ich weiß, daß solche Fesseln bei dir von schnell verblühenden Blumen gewunden und nicht von Erz geschmiedet sind.« »Du spottest mit Unrecht,« erwiderte Giuliano errötend, »habe ich auch oft wohl mich leichtsinnig von flüchtigen Leidenschaften hinreißen lassen, so ist doch mein Herz auch ernster und dauernder Neigungen fähig.« Lorenzo zuckte die Achseln mit einer Miene, als ob er den Worten seines Bruders nicht zu viel Glauben zu schenken geneigt sei. »Doch nun laß uns ernsthaft reden,« sagte er dann, und höre an, was ich über deine Zukunft gedacht habe, da ich mich ja doch mit der Zukunft meines leichtsinnigen nur dem Augenblick lebenden Bruders beschäftigen muß.« Giuliano unterdrückte nur mit Mühe eine peinliche Verlegenheit und leise seufzend folgte er seinem Bruder, der sich wieder vor seinen geschäftlichen Schreibtisch niederließ, um demselben gegenüber auf einem kleinen Sessel Platz zu nehmen. »Ich muß dich wohl anhören, Lorenzo,« sagte er, »und dir dankbar sein für deine Sorge, lieber aber wäre es mir freilich, wenn du die Zukunft der Zeit überließest und mir das Spiel mit der so reizvollen und dabei so flüchtigen Gegenwart gönnen wolltest.« »Nein,« sagte Lorenzo kopfschüttelnd, »wer so hoch gestiegen ist wie wir, der darf keinen Augenblick die Zukunft aus den Augen lassen. Die Freude an der Gegenwart will ich dir nicht trüben, aber wir dürfen nicht vergessen, daß unser Glück und unsere Macht der Feinde genug hat und jeder von uns muß daran denken, das Glück durch Klugheit zu ergänzen und der Macht immer festere Wurzeln zu schaffen. Der Papst war geneigt,« fuhr er ernst fort, »dir den Kardinalshut zu geben und wenn du dich entschließen kannst, die Weihe zu empfangen –« »Niemals, mein Bruder, niemals!« rief Guiliano eifrig, »ich würde ein schlechter Priester sein und weder dem heiligen Kollegium, noch unserem Hause Ehre machen. – Mein Sinn und mein Herz sind weltlich, ganz weltlich, und meine Pflicht gegen den Ernst des Lebens möchte ich lieber und besser mit dem Degen in der Hand, als unter dem Priestergewande erfüllen.« »Nun,« sagte Lorenzo, »ich will nicht in dich dringen – wohl wünsche ich für unser Haus die höchste geistliche Würde nicht nur um der Ehre des Augenblicks, sondern wieder auch um der Zukunft willen; ein Kardinal vom Hause Medici darf wohl die Hoffnung hegen, auf unsere Macht und unsere Verbindung gestützt, die dreifache Krone auf sein Haupt zu setzen und den Stuhl St. Peters zu besteigen und dann erst werden wir auf der Höhe stehen, die wir erreichen müssen, weil wir sie erreichen können, denn dann erst können wir das letzte Ziel unseres Strebens mit fester Hand erfassen, auf die politische und geistliche Macht gestützt, Italien zu dem ihm gebührenden Rang in Europa zu erheben, den ich für unser Vaterland ersehne wie du.« »Ich bewundere deinen kühnen und weitschauenden Geist,« sagte Giuliano, »aber nicht ich kann dessen Werkzeug sein, nicht ich würde es vermögen, mir den Weg zum Stuhle St. Peters zu bahnen und selbst wenn dies gelänge, so würde ich nicht vermögen, die schwere Last einer solchen Pflicht gegen die Kirche und gegen unser Haus zu erfüllen.« »Ich weiß es leider,« sagte Lorenzo seufzend, »und darum mag für jetzt nicht weiter davon die Rede sein, man muß niemand auf einen Weg drängen, den er seiner Natur nach nicht bis zum Ziele zu verfolgen imstande ist – was heute nicht gelingt, kann sich vielleicht erfüllen, wenn Gott meinen kleinen Giovanni am Leben erhält, den ich von früher Jugend auf für meine Pläne vorbereiten und erziehen will. Du aber, mein Bruder, mußt dennoch an die Zukunft denken, oder mir erlauben, es für dich zu thun. Du mußt dich vermählen, um den dauernden Bestand unserer Familie fester zu sichern und zugleich durch deine Gemahlin für den Glanz und die Macht unseres Hauses zu sorgen.« Giuliano erbleichte und zuckte wie in jähem Schreck zusammen. »Vermählen, mein Bruder,« sagte er, »jetzt schon in der Blüte meines Lebens? – Daran will und mag ich nicht denken, dazu ist ja noch Zeit, noch lange Zeit.« »Es muß sein,« sagte Lorenzo streng und ich habe bereits ernstlich darüber nachgedacht. Ich hoffe und glaube, daß du lange und glücklich leben wirst, aber das menschliche Dasein hängt an einem Hauch und wir müssen kalt und ruhig für die Zukunft Vorsorge treffen. Ich habe für dich im Auge eine Prinzessin von Savoyen, ebenso auch eine Tochter des Königshauses von Neapel und vielleicht auch würde für eine königliche Prinzessin von Frankreich der kluge Ludwig es als eine Ehre und einen Vorteil erachten, einem Medici die Hand zu reichen. Ich habe mich durch meine gute Clarice mit dem fürstlichen Hause Orsini verbunden, das uns wohl nützlich und behilflich ist auf unserm aufwärts steigenden Wege, nun wollen wir durch dich königliches Blut mit unserem Hause verbinden.« Giuliano hatte finster zu Boden geblickt. »Glaube mir,« sagte er dann, »Lorenzo, daß ich ganz den edlen Stolz verstehe, der dich erfüllt, aber auch in dieser Richtung würde ich nicht zu deinem Werkzeug taugen. – O ich bitte dich, laß mir meine Freiheit, die ich zum Leben bedarf, wie der Vogel die Luft und das Sonnenlicht und vertage auch diese Pläne für deinen ältesten Sohn Pierro, der jetzt schon als sechsjähriger Knabe zeigt, daß er Verständnis dafür haben würde.« »Die Freiheit?« sagte Lorenzo, »ich meine, du würdest sie nicht beschränken lassen, auch wenn du meinem Willen folgst.« »Nein, nein,« rief Giuliano, indem er wie beteuernd die Hand erhob, wenn ich die Treue vor dem Altar gelobt, so würde ich sie halten, unverbrüchlich halten« – »Und,« fuhr Lorenzo fort, »du würdest wohl noch immer eine Zeit lang deine Freiheit genießen können, denn die Damen, an die ich für dich gedacht, sind noch zu jung, um wirklich in die Ehe zu treten. Das aber hindert nicht, daß der Bund geschlossen wird. Wenn sie in einigen Jahren herangewachsen sind und dann dein Herz gewinnen, so ist es um so besser für dich und für sie, aber entscheidend darf dem Herz nicht für die Verbindung eines Hauses wie das unsrige sein. Du weißt es wohl, daß es keine schwärmerische Liebe war, die mich mit Clarice zusammengeführt und dennoch bin ich glücklich mit ihr in herzlicher Einigkeit und mache sie glücklich, besser vielleicht als wenn in unserer beider Herzen eine schnell aufflammende Leidenschaft zu früher Asche zusammengesunken wäre!« »Du, mein Bruder,« sagte Giuliano, »du bist anders wie wir übrigen Menschen, du bist Herr über dich und gebietest dir selbst ebenso unerbittlich und unumschränkt wie den anderen, aber ich, o nein, ich vermag es nicht zu thun, was dir ein Leichtes ist – laß mir die Freiheit meines Herzens und meines Geistes, so allein kann ich dir dienen.« Er erfaßte die Hand seines Bruders und blickte bittend in dessen Augen. Aber ehe Lorenzo antworten konnte, trat der Diener ein und meldete, daß der edle Herr Cosimo Ruccellai soeben von Rom angekommen sei und Seine Magnificenz um Gehör bitte. »Cosimina hier,« rief Lorenzo schnell aufspringend, »so plötzlich und unerwartet? – Das bedeutet etwas Außergewöhnliches – er soll kommen – sogleich kommen! Bleibe, Giuliano, was er bringt, erfordert wohl schnelle Entschlüsse, denn sonst hätte ihn der ruhige und vorsichtige Tornabuoni nicht so plötzlich hierher gesendet.« Der Diener, welcher schnell davon geeilt war, öffnete die Thür und Cosimo Ruccellai trat in Reisekleidern mit gespornten Reitstiefeln von weichem Corduanleder ein. »Verzeiht, mein erlauchter Oheim,« sagte er, »daß ich vor Euch erscheine, ohne mich umgekleidet zu haben, aber mein Oheim Giovanni befahl mir so schnell als möglich zu reisen und ohne Verzug euch seine Botschaft zu bringen.« Lorenzo umarmte den jungen Mann und setzte sich dann, nachdem dieser auch von Giuliano herzlich begrüßt war, wieder in seinen Lehnstuhl nieder. »Und deine Botschaft, Cosimino?« fragte er mit seiner gleichmäßig ruhigen Miene, aber mit fast ungeduldig bewegtem Ton. Cosimo nahm aus einer starken, an seinem Gürtel hängenden Ledertasche den Brief Turnabuonis und reichte ihn Lorenzo, der schnell das große Siegel löste und aufmerksam das Schriftstück durchlas, während Giuliano leise flüsternd nach dem Ergehen und dem Leben der Freunde in Rom fragte. »Girolamo Riario,« sagte Lorenzo, indem er Tornabuonis Brief auf den Schreibtisch niederlegte, »verlangt dringend die Beschaffung der dreißigtausend Goldgulden zum Ankaufe von Imola, obgleich ihm Tornabuoni nach meiner Weisung erklärt hat, daß diese Beschaffung unmöglich sei, Tornabuoni rät, dem Papst dennoch willfährig zu sein.« »Mein Oheim Giovanni,« fiel Cosimo ein, »hat mir aufgetragen, Euch, erlauchter Lorenzo, seine Meinung und Gründe noch mündlich auszusprechen.« Lorenzo nickte mit dem Kopfe und hörte ruhig und unbeweglich zu, als ihm Cosimo Tornabuonis Auftrag ausrichtete. »Und was meinst du, Giuliano?« fragte Lorenzo. Giuliano, der nur flüchtig zugehört hatte, erwiderte: »Ich möchte fast meinen, daß Tornabuoni nicht ganz unrecht hat, des Papstes Feindschaft kann uns gefährlich werden und eine französische Hilfe, wenn wir dahin gedrängt werden, sie anzurufen, vielleicht unserem ganzen Vaterlande noch gefährlicher.« »Verzeiht,« sagte Cosimo, »wenn ich Euch bitte, ehe Ihr weitere Entschlüsse faßt, noch dieses zweite Schreiben zu empfangen, das mir ein eilender Bote überbrachte, als ich schon auf der Reise war. Lorenzo nahm aus den Händen des jungen Mannes den zweiten Brief und während er denselben durchlas, wurde sein Gesicht bleich und bleicher, seine Züge verfinsterten sich und zornig flammten seine Augen auf, als er das Schriftstück auf den Tisch warf. »Was Tornabuoni fürchtete,« rief er, »ist geschehen, die Feindschaft des Papstes ist erklärt, er hat unserem Hause das Schatzmeisteramt des apostolischen Stuhls abgenommen.« Giuliano fuhr erschrocken zusammen. Auch Cosimo zitterte bei dieser Botschaft, die er, ohne sie zu kennen, überbrachte. »Das ist fast eine Kriegserklärung,« sagte Giuliano, »wäre es nicht dennoch klug, mein Bruder, einzulenken, und der Feindschaft des Papstes, die einen Mittelpunkt für alle unsere Gegner bildet, den Boden zu entziehen.« »Niemals!« rief Lorenzo heftig. »Einem Schlag ausweichen kann klug sein, sich ihm aber zu beugen, wenn er einmal gefallen, das wäre eine Niederlage, von der wir uns niemals wieder erheben könnten. Wenn Girolamos Zwingburg an unseren Grenzen steht und der Papst einmal seinen Willen durch rücksichtslose Drohung gegen uns durchgesetzt, dann ist es erreicht, was sie in Rom anstreben, dann sind wir herabgedrückt zu Vasallen und es ist aus für immer mit der Freiheit und der Selbständigkeit der florentinischen Republik, welche wir doch berufen sind, zum Mittelpunkt der einigen Macht Italiens zu erheben und ein Bollwerk zu begründen gegen die geistliche Übergewalt des römischen Stuhls, der nur dann seine Aufgabe richtig und dauernd erfüllen kann, wenn er sich, mit uns vereinigt, auf die in festem Bunde geeinte Macht der italienischen Völker stützt, statt seine Kräfte zu zersplittern und Fürstentümer aufzurichten für die unwürdigen Nepoten, die wie unersättliche Blutegel des Vaterlandes Kraft aussaugen und Italien zu immer tieferer Schwäche herabsinken lassen, Jetzt ist der Augenblick gekommen, dem Papste zu zeigen, daß er keine Macht und kein Recht hat über die Grenzen der Kirche hinaus, daß wir wohl seine treuen Diener sein wollen, wo es die Kirche und Italien gilt, aber nicht die Sklaven seiner Willkür, um unwürdige Günstlinge mit Reichtum und Ehre zu überhäufen. Wenn wir ihm dies einmal mit Nachdruck zeigen, so wird man sich in Rom für gewarnt halten, man wird von solchen Herrschergelüsten abstehen und man wird, wenn auch vielleicht erst unter dem künftigen Papst, erkennen, daß der heilige Stuhl eine bessere Stütze seiner Weltstellung in einem freien Italien findet.« »Verzeih', mein Bruder,« sagte Giuliano schüchtern, »wenn ich nicht ganz deiner Meinung sein kann. Den Papst herauszufordern, ist eine schwere und ernste Sache, seine Macht ist groß und wird verstärkt durch alles, was uns ohnehin feindlich ist – wohl würde ich ganz wie du denken, wenn es sich darum handelte, einen Eingriff in die Rechte der Republik oder irgend eines anderen italienischen Gebiets zurückzuweisen, dann würden wir wenigstens zahlreicher Zustimmung sicher sein, hier aber gilt es nur eine Gefälligkeit, die der Papst von uns verlangt und die er auch von seinem Schatzmeister zu verlangen sich berechtigt fühlt, bei dieser Gelegenheit einen großen Kampf herbeizuführen, zu dem es wohl kommen dürfte, da der Papst die Sache ja, wie sein Beschluß beweist, sehr ernst zu nehmen scheint, will mir bedenklich vorkommen und ich fürchte, daß die Signorie unsere herausfordernde Haltung nicht verstehen und wohl auch nicht billigen wird.« »Das glaube ich nicht,« sagte Lorenzo, »ich werde mit Soderini sprechen und er wird uns begreifen, aber wir dürfen uns auch von einer gewissen Zaghaftigkeit der Signorie nicht abhängig machen; – hier handelt es sich um eine Angelegenheit unseres Hauses, um ein Bankgeschäft, das dem Urteil der Signorie nicht unterliegt und da der böse Willen und die Feindschaft des Papstes sich überall zeigt, so kommt es vor allen Dingen darauf an, mutig und fest dem ersten Angriff zu trotzen, je länger wir zögern, um so kühner werden unsere Feinde werden. Mein Entschluß ist unwiderruflich, ich fühle mich stark genug, dessen Folgen und die Verantwortung dafür zu tragen und du, mein Bruder, davon bin ich überzeugt, wirst mir bei ruhigem Nachdenken beistimmen.« »Wann stimme ich dir nicht bei, teurer Lorenzo?« sagte Guiliano, »deine Meinung ist ja immer die richtige und wenn es darauf ankommt, die Verantwortung zu tragen und mutig den Feinden entgegenzutreten, so weißt du wohl, daß ich stets an deiner Seite stehe und nur danach mich sehne, mit dem Schwerte verfechten zu können, was dein klarer Geist für Recht erkannt hat.« »Gut also,« sagte Lorenzo, dessen erregtes Gesicht wieder seine gewohnte Ruhe annahm, »ich werde meine Antwort an Tornabuoni aufsetzen und auch dem Papste ehrerbietig, aber ohne demütigende Bitte, schreiben. – Eine Verletzung der Form oder eine Nichtachtung des Oberhauptes der Kirche soll er uns nicht vorwerfen können, habe ich ihm dies doch schon bewiesen, indem ich Francesco Salviati die Besitzergreifung des erzbischöflichen Stuhls von Pisa gestattet, obgleich auch jene Ernennung, trotz der Versicherung des Grafen Girolamo ein Beweis der Feindschaft und eine Kränkung für uns wie für die florentinische Republik in sich schloß, da die Salviati sowohl unsere Feinde sind als die Feinde der Verfassung. Morgen wird meine Antwort bereit sein und du kannst deine Rückreise nach Rom antreten, Cosimino, wenn die Erschöpfung deiner Kräfte nicht einer längeren Ruhe verlangt.« »Durchaus nicht,« rief Cosimo, »ich bin bereit, sofort wieder zu Pferde zu steigen und nach Rom wieder zurückzukehren, denn Giovanni Tornabuoni hat mir Eile befohlen,« fügte er hinzu, dem forschenden Blick ausweichend, den Lorenzo bei seiner feurigen Erklärung auf ihn richtete. »Nun gar so eilig ist es nicht,« sagte Lorenzo lächelnd, »da ich ja ohnehin nicht imstande bin, Tornabuonis Rat zu folgen und etwas in der Sache zu ändern, bis morgen kannst du dich immer ausruhen und deine Ungeduld zurückhalten, die, wie es scheint, durch einen starken Magnet erregt wird, der dich nach Rom zurückzieht.« Cosimo neigte errötend den Kopf, ohne zu antworten. »Lege also deine Reisekleider ab,« sagte Lorenzo, »und besuche deine Eltern, die sich freuen werden, dich zu begrüßen, am Abend wirst du uns hier alle im Kreise der Familie und der Freunde zusammenfinden, und kannst uns von Rom erzählen. Der Markgraf Gabriele Malaspina ist auf einige Tage hier, er wird erfreut sein, durch dich von seiner Gemahlin und seiner Tochter zu hören, mit denen du ja wohl bei Tornabuoni verkehrt hast.« »Der Markgraf Malaspina,« rief Cosimo hoch erglühend, »o, mein erlauchter Oheim, du weißt also –« »Ich weiß es,« erwiderte Lorenzo mit scheinbarer Gleichgültigkeit, »daß die Markgräfin und ihre schöne Tochter Giovanna in Rom sind und daß du dem Markgrafen doch gewiß Grüße von ihnen zu bringen hast.« »Mein Gott,« stammelte Cosimo, »nicht das – doch freilich, du kannst ja nicht mehr wissen und doch mußt du es wissen, sogleich wissen, da ich ja nur wenig Zeit hier habe und die Anwesenheit des Markgrafen sich so glücklich fügt – du mußt wissen, daß das Bild der so liebreizenden Giovanna mich hierher begleitet hat und daß ich nur glücklich werden kann, wenn ich die Hoffnung mitnehmen darf, daß du und der Markgraf der Liebe, die nie aus meinem Herzen weichen wird und die Giovanna mit mir teilt, eure Zustimmung gewähren wollt.« »So, so,« sagte Lorenzo lächelnd, »nun da werde ich wohl dafür sorgen müssen, daß du ohne Kummer und so ruhig wie es einem Überbringer ernster Botschaften geziemt, nach Rom zurückkehren kannst. – Ich, mein guter Cosimo, werde dir nicht entgegen sein und was den Markgrafen betrifft, so wirst du ja Gelegenheit haben, mit ihm zu sprechen und ich werde gern dein Anwalt sein.« »O, mein Oheim,« rief Cosimo, indem er mit stürmischer Aufwallung Lorenzos Hand an seine Lippen drückte, »wie soll ich dir jemals danken für so viel Güte – o wie glücklich wird Giovanna sein, die mit Thränen von mir Abschied nahm, wenn ich ihr so gute Botschaft zurückbringen kann!« Er drückte auch Giulianos Hand, der mit wehmütigem Lächeln und leise seufzend in sein glückstrahlendes Gesicht sah und dann verabschiedete er sich auf Lorenzos Mahnung, seine Reisekleider abzulegen und seine Eltern aufzusuchen. »Er ist glücklich,« sagte Lorenzo, ihm nachblickend, »bei ihm steht die Politik und das Herz in schönem Einklang! Das Haus Malaspina ist mächtig und einflußreich, eine Verbindung mit demselben soll eine neue Wurzel bilden, die den Stamm unsers Hauses fest und stark macht, den Feinden zu widerstehen, ich wünsche für ihn, daß das Herz seine Blüte bewahrt im Sturm des Lebens. Der Diener öffnete die Thür und Lorenzos Gemahlin, Clarice, aus dem Hause Orsini, trat ein. Sie war, ohne besonders schön zu sein, eine vornehme Erscheinung, mit freundlich sanftem Gesicht, ihre dunkelbraunen Haare waren von einem reichen Stirnbande zusammengehalten, in dem Nacken durch einen geflochtenen Knoten vereinigt, ihr reicher Anzug, von golddurchwirkter grauer Seide, mit den Ärmeln, deren Ober- und Unterteil durch Bandschleifen zusammengehalten wurde und aus deren Öffnungen das Hemd von feinem Leinen in lang gebauschten Falten herabhing, schloß sich ihrem anmutig schlanken Wuchs an und die reich gestickte Schleppe ließ ihre nicht große Gestalt höher und würdevoller erscheinen. Sie führte den kleinen dreijährigen Giovanni, ein liebliches Kind mit großen sinnenden Augen, an der Hand. Neben ihr schritt der sechsjährige, Pierro der schon die enganschließende ritterliche Kleidung, aber ohne Degen und Dolch trug und dessen scharf geschnittenes Gesicht einen lebhaften Geist und eine fast trotzige Willenskraft zeigte. Ihr folgte ein junger Mann von etwa siebenundzwanzig Jahren, mit einem seinen geistig belebten und von langgelocktem dunklen Haar umrahmten Gesicht, der mit weltmännischer Eleganz den weiten Überwurf trug, der bei den Gelehrten jener Zeit Sitte war. Lorenzo ging seiner Gemahlin entgegen, küßte ihr mit galanter Artigkeit die Hand und sein meist kaltes und strenges Gesicht nahm einen Ausdruck inniger herzlicher Freude an, als er liebkosend über Pierros lockiges Haar strich und sich dann herabbeugte, um den kleinen Giovanni zu sich emporzuheben und zu küssen. Dann schüttelte er kräftig die Hand des jungen Mannes und sagte: »Ich danke dir, meine teure Clarice, daß du die Güte hast, mir die Kinder zuzuführen, das ist ein freundlicher Lichtblick in der kalten und öden Welt der Geschäfte, an deren Berechnung das Herz keinen Teil hat und doch muß aus dem Herzen die beste Kraft emporsteigen, um den Kampf mit allen Sorgen mutig und freudig bestehen zu können.« »Ich weiß es,« sagte Clarice, »daß du dich stets freust, die Kinder zu sehen und immer erlaubst, sie zu dir zu führen, wenn du auch mit ernsten Arbeiten beschäftigt bist, heute aber hatte ich einen ganz besonderen Anlaß, sie dir zu bringen. Pierro ist fleißig gewesen und versteht es, wie unser gelehrter Politiano mir sagt, ohne Fehler einen griechischen Vers zu sprechen, der ihm zugleich eine Regel seines Lebens sein soll.« »Ich bin begierig zu hören« – sagte Lorenzo heiter, indem er freundlich Politiano zunickte, dem er die Leitung der Erziehung seines Sohnes bereits in dessen zartem Alter übertragen hatte. Der kleine Pierro trat vor seinen Vater und recitierte mit seiner Kinderstimme fehlerlos und in vollkommen richtigem Accent den griechischen Hexameter, in welchem Homer von dem jungen Achill sagt, daß er von dem Streben erfüllt gewesen sei: »immer der Beste zu sein und vorzustreben den Andern –« »Bravo!« sagte Lorenzo, »ich sehe, daß du gute Fortschritte machst in der edlen, griechischen Sprache, vergiß auch den Sinn nicht und laß die Worte, die du eben gesprochen, die Regel deines Lebens bilden, dann wirst du stets die Pflicht zu erfüllen wissen, die dir deine Geburt auferlegt. Und Euch, mein teurer Politiano, danke ich für Eure Mühe und für die Wahl des ersten griechischen Verses, den Pierro mir vorgetragen.« »Meine ganze Kraft gehört Euch, erlauchter Lorenzo,« erwiderte Politiano, indem er die Hand auf sein Herz legte, »und ich werde sie anwenden, so gut ich's vermag, um Eure Kinder Euch gleich zu machen im edlen Wissen und im mächtigen Schaffen.« Giuliano hatte ebenfalls seine Schwägerin und seinen Neffen, sowie Politiano, mit dem er durch besondere Freundschaft verbunden war, herzlich begrüßt, aber er schien von unruhigen Gedanken bewegt und nahm nur zerstreut an der leichten und heiteren Unterhaltung teil, welche sich vorzüglich um das Spielen und Lernen der Kinder bewegte. Als Madonna Clarice sich mit ihren Kindern zurückzog, sagte Giuliano: »Verzeih', mein Lorenzo, wenn ich heute Abend erst spät zu deiner Gesellschaft komme, ich habe mit einigen Freunden eine Partie verabredet, die ich nicht aufgeben kann und die mich etwas länger in Anspruch nehmen wird, aber ich werde immer noch Zeit haben, mit dem guten Cosimino zu plaudern.« »Du bist völlig Herr deiner Zeit,« erwiderte Lorenzo, »und hast wahrlich nicht nötig, dich zu entschuldigen, stehen wir nicht ganz gleich nach dem Willen unsers Vaters? – Freue dich deiner Jugend mehr als es mir vergönnt war und meine Neigung es verlangte, aber vergiß nicht, was wir gesprochen, ich werde weiter darauf zurückkommen. Die Botschaft, die wir heute aus Rom bekommen, macht es uns um so notwendiger, auch bei unseren Familienverbindungen die Politik nicht aus den Augen zu lassen.« Giuliano drückte seufzend die Hand seines Bruders und ging schweigend hinaus. Lorenzo blickte ihm kopfschüttelnd nach. »Sein Wesen gefällt mir nicht« – sagte er. »Wohl gönne ich ihm von Herzen den schäumenden Becher der freudigen Jugendlust, fast möchte ich ihn beneiden um seinen fröhlichen Sinn und seine unerschütterliche Gesundheit, aber in dem Rausch des Augenblicks darf die ernste Pflicht des Lebens nicht vergessen werden. Er war erschrocken, seine Blicke wurden trübe, als ich von meinen Plänen sprach, – das war nicht nur die Scheu vor den goldenen Fesseln, wie er sagt, deren Last er wohl so schwer nicht nehmen wird. – Sollte das tändelnde Spiel bei ihm Ernst geworden sein, verhängnisvoller Ernst und an sein Herz eine Kette gehängt haben, die ihn herabziehen will von der Bahn, die ihm sein Blut und sein Name vorzeichnet? Ich habe das alles bisher nicht beachtet, man hat mir wohl erzählt von allerlei Herzensneigungen und leichten Verbindungen, die mir gleichgiltig waren, aber ich werde ihn beobachten und von falschen Wegen zurückhalten, dazu habe ich das Recht und die Pflicht, da ich doch weit über den Unterschied der Jahre hinaus älter bin als er und ihm auch den Vater ersetzen muß.« Er verschloß die Bücher auf seinem Arbeitstisch und nahm wieder den Bauplan von Poggio cajano zur Hand, um die begonnene Zeichnung fortzusetzen. VI. Giuliano war nur nach seiner im Seitenflügel des Palastes gelegenen Wohnung zurückgekehrt, um einen Pelzmantel überzuwerfen und sein Pferd vorführen zu lassen. Er ritt dann, nur von wenigen Bedienten begleitet, heiter und fröhlich blickend und wie immer freundlich das Volk grüßend, das ihn mit den jubelnden Rufen »Palle – Palle!« umdrängte, durch die Straßen bis zu einer prächtigen Villa, welche in der Vorstadt von schönen Gärten umgeben, ziemlich einsam gelegen war und in ihrer ganzen Einrichtung auf einen reichen und vornehmen Besitzer schließen ließ, denn überall verband sich Luxus und Pracht mit feinem Geschmack. Hier war der Wohnsitz des damals schon rühmlich bekannten Baumeisters Antonio de San Gallo, der aus einer der besten Familien von Florenz stammte und schon in jüngeren Jahren durch den Tod seines Vaters der Erbe großen Reichtums geworden war. Antonio gehörte zu den treuesten Anhängern der Medici und zu Giulianos nächsten Freunden. Einige Jahre älter als dieser, war er stets bereit, sich in lustiger Gesellschaft des Lebens zu freuen, aber er liebte es auch, sich in die Einsamkeit zurückzuziehen, um dem Geist in ernsten Gedanken und Studien Nahrung und höheren Aufschwung zu geben, darum bewohnte er meist nicht sein altes Familienhaus in der inneren Stadt, sondern die prachtvolle Villa, die sein Vater erbaut und die er immer mehr verschönte und zu einem Wohnsitz entwickelte, in dem sich ebenso der elegante Lebemann als der Gelehrte, der Künstler und der Philosoph wohl befinden konnten. Giuliano sprang vom Pferde und befahl seinem Gefolge, nach Hause zurückzukehren, da er am Abend von Antonios Diener geleitet werden würde. Unter der Vorhalle des mit einer Säulengallerie umgebenen Hofs trat ihm Antonio bereits entgegen; er war reich gekleidet, von hoher, kräftiger, und feiner Gestalt und in seinem männlich schönen, ernsten, von dunklen Locken umgebenen Gesicht, leuchtete die Freude über den Anblick des Freundes, den er zärtlich an seine Brust drückte. Arm in Arm durchschritten sie die Halle und traten in Antonios reich und kostbar, aber auch freundlich und behaglich ausgestattetes Gemach. »Ich habe dich erwartet, mein lieber Giuliano,« sagte Antonio »und alles ist bereit, du sollst sogleich selbst die eingerichtete Wohnung in Augenschein nehmen und wir können dann, wenn wir uns ein wenig gestärkt haben, aufbrechen und werden bei der frühen Dunkelheit Madonna Fioretta völlig unbemerkt hierher bringen, nur mein vertrautester Diener und eine zuverlässige alte Dienerin, welche schon meiner verstorbenen Mutter gedient hat und mir vollständig ergeben ist, werden sie sehen und übrigens ist auch meine ganze Dienerschaft mir treu ergeben und gewohnt, über nichts zu sprechen, was in meinem Hause vorgeht.« »Du guter, treuer Freund, wie soll ich dir jemals danken –« rief Giuliano, Antonio von neuem umarmend, »mehr wie je bedarf ich deinen Beistand und deinen Rat.« »Du dankst mir durch dein Vertrauen,« erwiderte Antonio, »das ist der beste Dank, den ein Freund dem anderen geben kann. Doch nun komm, damit ich dir das Nest zeige, das ich für deine Fioretta eingerichtet. Er zog Giuliano durch eine von dichten Vorhängen bedeckte Thür fort, welche auf einen Korridor führte, der nach dem in den Garten hin gelegenen Seitenflügel des Hauses auslief. Am Ende dieses Ganges öffnete er eine Thür und Guiliano trat mit einem Ausruf freudigen Erstaunens in den wunderbar freundlichen Raum. Schöne Bilder, heitere Gegenstände darstellend, schmückten die Wände, eins nur zeigte den Heiland, wie er die Kindlein zu sich ruft und unter demselben befand sich eine silberne Schale mit geweihtem Wasser. Gruppen von Palmen und blühenden Blumen waren in der Ecke des Zimmers aufgestellt. Durch eine große Thür von hellen Glasscheiben blickte man in einen kleinen ganz von hohen Bosquets umgebenen Raum, welcher durch ein Eingangsgitter von dem übrigen Garten geschieden war, kostbare Teppiche bedeckten den Boden und eine Krystallkrone hing von der Decke herab. Antonio schlug dann die Falten eines schweren Thürvorhanges auseinander und führte Giuliano in ein großes geräumiges Schlafzimmer, dessen eine Wand von einem kunstvoll gearbeiteten Himmelbett fast ganz eingenommen wurde, neben welchem eine kleine zierliche Wiege, von seiner Holzarbeit, stand. Die Fenster waren von bunten Scheiben und ließen ein gedämpftes Licht eindringen und eine alte sauber gekleidete und freundlich blickende Frau mit fast weißem Haar, war beschäftigt, die letzte Hand an die Einrichtung und Ordnung dieses zu behaglicher Ruhe einladenden Gemaches zu legen. »O wie schön ist es hier,« rief Giuliano, »wie herrlich hast du das stille, süße Versteck meines Glücks eingerichtet! Es wird doch alles fertig sein, heute Abend?« fragte Antonio die Alte, welche ehrerbietig grüßend herantrat. »Alles wird fertig sein, Signor!« »Ich weiß ja, daß ich mich auf meine alte Ginevra verlassen kann.« »Das könnt Ihr, Signor Antonio,« rief die Alte, »es wird alles fertig sein, Ihr habt nichts zu besorgen und der erlauchte Giuliano de' Medici, soll zufrieden fein.« »Ihr kennt meinen Namen?« fragte Giuliano erschrocken. »Wer kennt ihn nicht in Florenz?« erwiderte die Alte, »aber fürchtet nichts, erlauchter Herr, die alte Ginevra ist keine Schwätzerin und hat schon manches Geheimnis treu bewahrt.« »Sie hat recht,« sagte Antonio lächelnd, »du kannst unbesorgt sein, ich würde ihr ein Geheimnis anvertrauen und wenn es mein Leben gelte und deine Fioretta kann nicht besser gepflegt sein als unter ihrer Sorge.« »Und der kleine Peppino nicht minder,« sagte die Alte, indem sie die weichen Kissen in der Wiege aufklopfte, »habe ich doch den edlen Antonio selbst auf meinen Armen getragen, als er noch klein und hilflos war.« »Das hast du gute Ginevra,« sagte Antonio, ihr auf die Schulter klopfend; »und darum habe ich dich auch gewählt, um meinem besten Freunde, der dir ebensoviel wert sein soll wie ich selbst, das Teuerste zu beschirmen was er auf Erden hat.« Giuliano reichte der Alten die Hand und folgte dann, eine Thräne in seinen Augen zerdrückend, Antonio, der ihn nach seinem Zimmer zurückführte. Hier war inzwischen eine kleine Tafel gedeckt und mit den vortrefflichsten Erzeugnissen der damaligen vornehmen Kochkunst, sowie mit Karaffen voll edlen Weinen bedeckt. Die Diener entfernten sich auf einen Wink Antonios und dieser sagte, Giuliano zu Tisch führend: »Wir müssen uns selbst bedienen, damit wir nicht vor lauschenden Ohren zu sprechen nötig haben.« Er legte auf Giulianos Teller eine herrlich duftende goldbraun gebratene Wachtel mit Oliven gefüllt, schenkte dann den goldgelben Marsalawein in die Kelche und sagte, mit Giuliano anstoßend: »Das erste Glas soll heute dem Einzuge der Madonna Magdalena und des kleinen Giulio geweiht sein, möge sie hier unter meinem Schutz freundliches Glück finden und möge es ihr bald vergönnt sein, zu noch höherem und glänzenderem Glück in den Palast der Medici einzuziehen!« Giuliano leerte sein Glas bis auf den Grund und stellte es dann seufzend wieder vor sich nieder. »Gott und alle seine guten Geister,« sagte er, »mögen deinen Wunsch erfüllen, meine Sorgen um die Zukunft wollen nicht von mir lassen und sind schwerer als je vorher.« »Du siehst zu schwarz,« sagte Antonio lächelnd, »was hast du zu fürchten? – Das Volk, dessen Herz dir gehört, wird sich noch inniger dir zuwenden, wenn du eine Gemahlin aus seiner Mitte erwählst und jene alten trotzigen Geschlechter, die auf ihre Ahnen pochen, werden dich darum nicht mehr hassen, als sie es schon gethan.« »O, das alles fürchte ich nicht,« rief Giuliano, »aber mein Bruder Lorenzo, – o, bei ihm werde ich einen schweren Stand haben, schwerer als Du's glaubst.« »Und warum,« fragte Antonio, »liebt er dich nicht so zärtlich wie nur ein Bruder den anderen lieben kann und läßt er dir nicht alle Freude und alles Glück des Lebens, während er die Sorgen der Regierung auf sich nimmt, ohne doch deine Stellung in Schatten zu drängen? – Ist nicht seine Macht begründet auf der Liebe des Volks mit dem er sich durch dich noch inniger verbindet und was kann er aussetzen an der braven Familie der Govini, welche als freie Ackerbauer unbescholten und geachtet auf ihrem Grundstücke lebte und ihre Tochter Fioretta zu allen Tugenden erzogen hat?« »Die Sorgen der Regierung,« sagte Giuliano, »trägt er wohl allein und ich danke ihm dafür daß er die schwere Last von meinem Haupte fern hält, aber dennoch geht sein ganzes Denken in diesen Sorgen auf und er räumt dem Herzen kein Recht ein, wo es die Stellung unseres Hauses und den Glanz der Republik gilt. – Heute noch hat er mit mir gesprochen, sehr ernst gesprochen von seinen Plänen für mich, er trägt eine Verbindung mit hochfürstlichen Häusern, Savoyen, Mailand und Neapel, ja mit dem königlichen Frankreich für mich im Sinn.« »Du hast ihm nicht gesagt,« fragte Antonio, »daß dein Herz und deine Hand nicht mehr frei seien? Lorenzo weiß, wie kein Anderer, sich der Notwendigkeit klug zu beugen und vielleicht wird deine Verbindung mit einer Tochter des Volks auch ihm und seinem Hause eine festere Stütze bieten, als die fremden Fürstentöchter, die dem Volke immer fern bleiben würden.« Giuliano schüttelte den Kopf. »Lorenzo ist hart und streng,« fügte er, »wo es die Stellung und den Glanz unseres Hauses gilt, ich konnte ihm heute nicht antworten, es kam eine Botschaft, die ihm schon Sorge genug macht, ich war nicht gefaßt, gerade heute eine Erkältung unserer warmen brüderlichen Liebe herbeizuführen.« »Du bist zu zaghaft,« sagte Antonio. »Welches Recht hat denn Lorenzo deinem Herzen zu gebieten? Stehst du ihm nicht gleich, bist du nicht dasselbe wie er – ist er befugt eine Vormundschaft über dich zu führen?« »Nein nein,« rief Giuliano, »das ist er nicht, ich weiß es wohl, aber zu dieser Frage darf es gar nicht kommen, wenn es möglich ist – o, es wäre entsetzlich, wenn ich um mein Lebensglück das Herz meines Bruders verlieren sollte! Laß mir Zeit, Antonio, meine Liebe ist ja sicher unter deinem Schutz und ich will den Augenblick erwarten, in welchem die Sonne frei von Wolken der Sorge über meines Bruders Haupt strahlt, um mit ihm zu sprechen, dann wird er geneigter sein, auch dem Glück des Herzens neben der Politik und dem Ehrgeiz sein Recht zu gewähren. Und wenn es dann dennoch nötig wäre, meinen freien Willen zu behaupten, dann werde ich mir wenigstens nicht den Vorwurf zu machen haben, die Ruhe und Heiterkeit seines Geistes in einem Augenblick zu trüben, in dem er seine ganze Kraft bedarf für das Wohl und die Ehre unseres Vaterlandes.« Antonio neigte mit zögernder Zustimmung den Kopf und Giuliano schien seine Heiterkeit wiederzufinden, indem er das zarte Geflügel verspeiste, bald aber nahmen seine Züge wieder einen wehmütigen Ernst an. »Noch eins Antonio,« sagte er, »ich habe zuweilen bei allem Glück das uns umgiebt und bei aller freudigen Hoffnung, die mir aus der Zukunft entgegenlacht, ein dunkles Gefühl der Angst und Unruhe, als ob eine schwarze Wolke über mir schwebte, aus deren Schoß ein Blitzstrahl plötzlich und unerwartet mich treffen kann.« »Das ist thöricht,« sagte Antonio, »Wohl steht unser aller Leben in der Hand Gottes, aber in der Kraft der Jugend, die dich erfüllt, hat man wohl kaum nötig an außergewöhnliches Unglück zu denken.« »Du magst recht haben,« erwiderte Giuliano, »vielleicht regt die Sorge um meine Liebe so schwarze Gedanken in mir an, aber dennoch bitte ich dich um ein Versprechen. Du erinnerst dich, daß der Priester aus San Donino, der mich mit meiner Fioretta vereinigte, meinen Namen nicht gekannt hat und uns auch in die Register seiner Kirche nicht eintragen konnte und daß er ebenso die Taufe an meinem Sohne nur unter dem Namen Giulio vollzogen hat, ohne zu ahnen, daß er einen Medici in den Bund der Christen aufnahm. Der Priester war alt und kann sterben, auch kann sein Zeugnis bezweifelt werden – wenn mir ein Unglück geschehen sollte, Antonio, so wirst du es bezeugen vor Lorenzo und vor der ganzen Welt, daß Fioretta vor Gott meine rechtmäßige Gemahlin war und ebenso, daß der arme kleine Giulio als mein Sohn die heilige Taufe empfangen.« »Gewiß werde ich das bezeugen,« sagte Antonio lächelnd, »wenn jemals der Blitzstrahl aus der Wolke, welche die Einbildungskraft über deinem Haupte zusammengeballt hat, dich treffen und mein Zeugnis nötig machen sollte. Doch jetzt fort mit diesen Gedanken, sie sollen uns nicht beirren und verstimmen in dem Augenblick, da wir deine schöne Magdalena in mein Haus führen, das ihr, wie ich hoffe, nur eine flüchtige Heimstätte bieten soll. Noch ein Glas von diesem Syrakuser Wein, der die Perle meines Kellers ist und dann laß uns reiten, damit wir nach Anbruch der Dunkelheit wieder zurückkommen können.« Er füllte die Kelche mit dem purpurschimmernden Wein, die Freunde tranken einander zu und bestiegen dann die schnell vorgeführten Pferde. Zwei von Antonios vertrauten Dienern folgten bewaffnet, ein reich gezügeltes Damenpferd war mit zwei anderen Dienern schon voraus abgegangen. Die frische, reine Luft, welche Giuliano mit tiefen Zügen einatmete, hatte alle Sorgen und trüben Gedanken, die ihn eben noch verfolgt, zerstreut und in heiteren Gesprächen ritten beide auf der am Ufer des Arno nach San Donino hinführenden Straße fort. In dem fruchtbaren Thal des Arno lag der Flecken San Donino mit seinen freundlichen Häusern, seinen Oliven- und Kastaniengärten, seinen reichen Getreidefeldern und Rebenhügeln. Die Kirche des nicht großen Franziskanerklosters von hohen mächtigen Ulmen umgeben, überragte die einfachen Wohngebäude und die Vesperglocke klang durch die reine klare Luft. Seitwärts von San Donino erhob sich eine sanfte Anhöhe, auf welcher, durch ein Ulmengehölz von dem Flecken getrennt, ein einzelnes Gehöft lag, das, von Gärten und Weinbergen umgeben, das Bild freundlicher Ruhe darbot. Vor der Thür dieses Hauses in einem kleinen Vorgarten stand eine junge Frau und blickte über die niedrige, von Epheu umrankte Einfassungsmauer auf die unten im Arnothal von San Donino nach Florenz hinführende Straße, von welcher ein Seitenweg die Anhöhe hinauf führte. Sie trug ein einfaches Kleid von blauem Wollenstoff und einen leichten Mantel über den Schultern. Die reichen Flechten des glänzenden schwarzen Haares waren umwunden von einem bunten Tuch, wie es die Frauen und Mädchen auf dem Lande im toskanischen Gebiet zu tragen pflegen, ihr Gesicht hatte jene bräunliche und doch so zarte Färbung, welche nur die Sonne des Südens hervorbringt, ihre Züge waren edel, wie nach der Antike gebildet und frisch und zart in kindlicher Weichheit, ihre großen schwarzen Augen hatten wohl das Feuer des Südens, aber leuchteten doch so weich und zärtlich als sie, wie sehnsüchtig suchend auf das weiße Band der Straße hinabblickte. Nichts war dort zu sehen und seufzend faltete sie bei dem, vom Kloster herübertönendem Klange der Vesperglocken die Hände, leise die Lippen bewegend und die bittenden Blicke zum Himmel aufschlagend. Da wurden in dem weichen Sande des aus dem nahen Ulmengehölz von San Donino herführenden Feldweges Hufschläge hörbar und schnell sich umwendend, erblickte die junge Frau einen Reiter auf kräftigem Pferde. Er trug einen einfachen Anzug und einen breitkrämpigen Hut ohne Feder, einen starken Degen an der Seite und ein weiter Mantel hing an einem Riemen über der Kruppe seines Pferdes. Trotz der Einfachheit seiner Kleidung konnte man in der Erscheinung dieses Mannes die vornehme Sicherheit der großen Welt erkennen, sein noch jugendliches, aber bleiches und welkes Gesicht zeigte Spuren wilder Leidenschaften und aus den Blicken seiner Augen loderte ein unstätes Feuer. In wenigen Augenblicken hatte er das Gehöft erreicht, er hielt an und begrüßte ehrerbietig die junge Frau, welche bei seinem Anblick errötete und unmutig betroffen schien. »Erlaubt, schöne Fioretta,« sagte er, aus dem Sattel springend, »daß ich auch heute wieder Eure Gastfreundschaft erbitte, die Ihr mir schon mehrmals so gütig gewährt habt, seit mich der glückliche Zufall zum erstenmale hier vorbeiführte. Er hing den Zügel seines Pferdes in den am Thürpfosten befindlichen Haken und trat in den kleinen Garten. Sie überließ ihm zögernd ihre Hand die er galant an seine Lippen führte und sagte lachend: »Meine Gastfreundschaft ist so einfach wie Ihr sie wohl sonst nicht gewohnt sein mögt, edler Herr, aber ein Becher Wein von meinen eigenen Reben ist für jeden Gast vorhanden, der damit zufrieden sein will, – und gleich sollt Ihr einen Trunk von unserem besten Gewächs haben, das Ihr ja so nachsichtig gelobt habt.« Sie wendete sich der Hausthür zu, – er aber hielt sie zurück und sagte: »Wollt Ihr mir Eure Thür verschlossen halten, schöne Fioretta? Es ist nicht die Jahreszeit, um hier im Garten zu plaudern.« »Ich bin nicht frostig,« erwiderte sie kurz, »und bin an die Luft gewöhnt in jeder Jahreszeit.« Er hielt sie nochmals zurück und sagte: »Auch ich fürchte den Luftzug nicht, am allerwenigsten, schöne Fioretta, in Eurer Nähe, die ja Licht und Wärme verbreitet wie der Sonnenschein, ich bin aber heute nicht gekommen, um nur einen erquickenden Trunk von Euch zu erbitten, sondern um ernst mit Euch zu sprechen und zu sagen, was ich schon lange im Herzen trage – und dazu ist wohl die Ruhe in Eurem Zimmer besser als hier der offene Garten.« Errötend schüttelte sie den Kopf. »Nein Herr,« erwiderte sie, »das geht nicht an. Ich wohne allein hier seit dem Tode meiner Mutter, es wäre nicht geziemend und die Leute würden darüber sprechen, wenn ich einen Fremden in mein Haus führte, zumal da Ihr immer kommt, wenn mein alter Jacopo, der treue Diener meiner Eltern; nicht daheim ist, wie heute, da er die Olivenbäume in dem Garten oben auf der Höhe für den Frühlingstrieb verschneidet. Wartet also hier, gleich sollt Ihr bedient sein.« Sie hatte in ernstem befehlenden Ton gesprochen und war schnell in das Haus geeilt. Der Fremde blickte ihr finster nach. »Noch nie,« sagte er, »hat mich ein Weib gereizt wie diese Bäuerin, die wohl eine Herzogin sein könnte an Schönheit und lockender Anmut. Das Grundstück hier hat seinen Wert und würde sich leicht veräußern lassen und wenn ich dann mit ihr in die Welt zurückkehrte, nach Neapel oder weiter noch, so würde sie mir eine vortreffliche Gefährtin sein, die Menschen zu beherrschen und das Geld, das meinen Händen entronnen ist, wieder zu mir zurückzuführen, sie hat Geist und würde in meinen Händen ein geschicktes Werkzeug werden, das zerbrochene Glück wieder aufzubauen. Und jungfräuliche Scheu ist ihre Zurückhaltung nicht, ich habe es wohl erspäht, daß sie geheimnisvollen Besuch empfängt, nur konnte ich nicht entdecken, wer es ist, der zu ihr kommt. Es ist ein Unglück,« dachte er, »daß ich nicht der erste war, – doch vielleicht ist es besser so, – um so leichter werde ich sie gewinnen, wenn es gilt, die Verlassene zu trösten, um so fügsamer wird sie dann meiner Erziehung sein.« Fioretta kam zurück. Sie trug einen großen sauber gearbeiteten Becher von silberglänzendem Zinn mit dunkelrotem Wein gefüllt und bot ihn mit natürlicher Anmut ihrem Gast. Er that einen langen Zug und sagte dann näher zu ihr herantretend: »Ein Fremder sei ich Euch, habt Ihr gesagt, dem Ihr Euer Haus nicht öffnen dürftet, und doch habt Ihr mich schon mehrfach gesehen und Euch wohl überzeugen können, daß ich nicht zu denen gehöre, die ein Mädchen wie Ihr zu fürchten hätte.« Sie schlug errötend die Augen nieder, dann sagte sie fast spöttisch: »Seid Ihr mir denn nicht fremd? Kenne ich denn nur Euren Namen?« »Ich habe Euch gesagt, daß ich Bernardo heiße, – mein anderer Name hat wohl einen guten Klang in Italien und weiter hinaus, aber ich habe Grund ihn geheim zu halten vor Feinden, die meiner Familie Unglück gebracht haben und mir selbst schaden möchten. Einer Freundin, einer wahren Freundin wird auch mein Name kein Geheimnis sein und ob Ihr mir eine solche Freundin sein wollt, das Euch zu fragen bin ich gekommen.« »Eine Freundin – dem Unbekannten? fragte sie. »Nicht dem Unbekannten, Fioretta, rief er, sondern dem, der Euch liebt von ganzer Seele, wie kein Anderer Euch lieben wird und lieben kann, – der Euch seine Hand bietet um Euch sicher durch das Leben zu führen und Euch den Weg öffnen will durch die große, reiche Welt, von deren Glanz und Reiz Ihr keine Ahnung habt. Ihr seid wahrlich zu gut, um hier in Eurer Einsamkeit zu verkümmern oder ein Opfer zu werden der Falschheit und des Verrats. Es wird wohl mancher kommen, der Euch von Liebe spricht – aber Ihr werdet betrogen werden und in bitterer Reue Eure Täuschung büßen – ich aber biete Euch Hand und Namen, ich will Euch vor der ganzen Welt an meine Seite stellen, – darum schenkt mir Eure Freundschaft, Euer Herz wird sich an dem meinen zur Liebe erwärmen, zu Licht und Glanz will ich Euch führen, – reicht mir Eure Hand, an dem Tage, an welchem wir vor den Altar treten, sollt Ihr meinen Namen erfahren und – Fioretta hatte errötend und wieder erbleichend seinen feurigen Worten zugehört, sie war vor den leidenschaftlichen Flammen seiner Blicke zurückgetreten – jetzt aber, als er den Becher auf die Gartenbank stellte und ihre Hand fassen wollte, unterbrach sie ihn heftig. »Schweigt!« rief sie, ihre Hand zurückziehend, – »ich will und darf solche Worte nicht anhören, – an deren Wahrheit ich nicht glaube. Ich will Euch verzeihen, daß Ihr geglaubt habt, so mit mir sprechen zu dürfen, jedes weitere Wort aber wäre eine Beleidigung; dort kommt Jacopo von der Höhe herab, ich müßte ihn zu Hilfe rufen, wenn Ihr nicht ablaßt.« »Fioretta!« rief er fast drohend, »mir versagt Ihr Gehör und Vertrauen, – während Ihr doch – doch anderen vertraut?« »Geht!« rief sie sich stolz aufrichtend– »Geht – und kehrt niemals zurück, denn ich würde Euch auch meine Gastfreundschaft nicht gewähren können, die Ihr gemißbraucht habt.« Sie hielt plötzlich inne, eine helle Röte bedeckte ihr Gesicht, ein glückliches Lächeln spielte um ihre Lippen. Bernardo folgte der Richtung ihrer Blicke. Weit hinaus, auf der Straße von Florenz her kam ein Reitertrupp heran. Sein Gesicht verzog sich in hämischer Bitterkeit. »Ich gehe,« sagte er, »aber dennoch werde ich wieder kommen und bald vielleicht werdet Ihr erkennen, daß ich dennoch Euer wahrer Freund bin und demnach Euer Vertrauen mehr als andere verdiene.« Er löste den Zügel seines Pferdes, sprang rasch in den Sattel und sprengte auf dem Feldwege nach San Donino davon, um bald in dem Ulmengehölz zu verschwinden. Fioretta blickte nach der Straße am Arno hin, ihre Augen strahlten, ihre Brust hob sich in raschen Atemzügen. Dann eilte sie in das Haus zurück. Ein alter Mann in bäuerlicher Tracht stieg die Anhöhe herab. Er hatte den davonsprengenden Bernardo nicht gesehen, da das Haus und der Garten den Feldweg vor seinen Blicken bedeckte, aber wohl bemerkte er die Reiter auf der großen Straße. Mit finsteren Blicken schüttelte er den Kopf, leise vor sich hin murrend trat er in das Haus und stellte seine Arbeitsgerätschaften in eine Ecke des Vorplatzes. Der Reitertrupp hatte sich schnell genähert, während die Sonne des kurzen Wintertages zum Horizont herabsank und wendete sich dem zu dem einzelnen Gehöft hinaufführenden Seitenwege zu. Giuliano stürmte in vollem Lauf seines Pferdes voran. An der Gartenpforte des kleinen Hofes sprang er aus dem Sattel und eilte, sein Pferd dem schnell folgenden Diener überlassend, der Hausthür zu, welche der alte Jacopo ihm öffnete. Er drückte dem Alten flüchtig die Hand und trat in das Wohnzimmer. Ein reizender Anblick bot sich ihm hier da und die Hände faltend blieb er mit entzückten Blicken auf der Schwelle stehen. Auf einem niedrigen Sessel in der Nähe des Fensters, von den letzten goldroten Strahlen der sinkenden Sonne beleuchtet, saß Fioretta. Auf ihrem Schoße lag in einem weißleinenen Röckchen mit bunten Schleifen ein einjähriger Knabe, dessen dunkle, klare Augen sich bei dem Geräusch auf dem Vorplatz der Thür zugewendet hatten. Wäre ein Maler hier gewesen, so hätte die liebliche Mutter mit dem zarten Kinde ihm wohl als ein Modell zu einem Bilde der Madonna dienen können, wie ja der große Raphael seine Meisterwerke mehrfach der Natur entnahm, um durch seine Kunst die irdische Form zum Uebersinnlichen zu verklären. Giuliano eilte zu der jungen Frau hin, küßte sie zärtlich und nahm dann das Kind aus ihren Armen, das ihm lächelnd die kleinen Händchen entgegenstreckte. »Ich komme, meine Fioretta,« sagte er, »um dich und unsern Giulio abzuholen, wie ich's dir lange schon versprach, du sollst eine freundliche und sichere Stätte bei meinem Freunde Antonio finden, die deiner würdiger ist, als dies einsame Haus, in dem du schutzlos allein bist und in der du so lange still verborgen bleiben kannst, bis wir vor der ganzen Welt unsern Bund bekennen dürfen.« »Meiner würdiger?« sagte die junge Frau kopfschüttelnd, indem sie aufstand und sich an Giulianos Seite schmiegte, »das mußt du nicht sagen, du darfst dies kleine bescheidene Haus nicht verachten, in dem ich glücklich aufwuchs unter den Augen meiner Eltern und in dem ich dich kennen lernte, als ich nach dem Tode jener Lieben hier allein geblieben war und du auf der Jagd hier einsprachst, mich um einen Trunk zu bitten. O, wie war meine Kindheit so glücklich hier und, glaube mir, ich würde kein höheres Glück kennen, als mit dir hier zu leben, allein mit unserer Liebe und fern von der Welt! Aber das ist ja nicht möglich wie du mir sagst, du bist reich und die deinigen müssen ja erst vorbereitet werden, auf deine Verbindung mit einem armen Mädchen – du willst es, ich folge dir. Das Geheimnis mag bewahrt werden, so lange es nötig ist, aber deinen Reichtum wünsche ich und suche ich nicht und wollte ich nur an mich denken, so möchte ich nur wünschen, daß du arm wärest wie ich, wie reich würden wir dennoch sein in diesem kleinen Heim! Und für diesen unseren lieben Giulio, da wünsche ich auch den Reichtum nicht und er soll ihn nie bedürfen, habe ich ihn doch in den Stunden der einsamen Sehnsucht der Madonna gelobt und dem Dienste des Himmels, um das Unrecht zu sühnen, das ich vielleicht beging, als ich dir heimlich meine Hand reichte.« »O nein, Fioretta, nein«, rief Giuliano, indem er den Knaben fester an sich drückte, »das darf nicht sein, unser Giulio soll den Degen tragen, er soll hoch hinauf steigen, dir zur Ehre und Freude.« Fioretta schüttelte den Kopf. »Gott wird ihn bewahren vor irdischem Hochmut und Ehrgeiz. – Giebt es einen schöneren Beruf als der heiligen Kirche zu dienen? Und sein Gebet wird für seine Mutter zum Himmel steigen um Vergebung meiner Schuld, denn eine Schuld war es doch,« sagte sie, den Kopf an Giulianos Schulter lehnend, »daß ich dir meine Hand reichte, um vielleicht Zwiespalt und Kummer in deine Familie zu tragen. Weiß ich doch nicht einmal deinen Namen und wenn dich ein Unglück träfe, wenn du jemals meiner vergessen solltest, so wüßte ich meinem Sohn nicht seinen Vater zu nennen.« »Fioretta, meine Fioretta, wie kommen dir solche Gedanken –,« rief Guiliano, ihre Stirn küssend, »bist du nicht meine Gemahlin vor Gott und ist nicht Giuliano der Name, der mich durch die heilige Taufe mit dem Himmel verbindet, während mein anderer Name der irdischen Welt angehört? Du sollst ihn nicht erfahren, bevor ich Dich nicht vor aller Welt in mein Haus einführen kann, du sollst den Namen meiner Verwandten, die ich liebe und ehre, nicht eher wissen, bis sie deinen Wert erkannt haben und dir mit Freuden die Hand reichen. »O,« rief sie, mit leuchtenden Augen zu ihm aufblickend, »mißdeute meine Worte nicht, glaube nicht, daß mein Vertrauen zu dir jemals wanken könnte, für mich wirst du immer Giuliano bleiben und wenn auch« fügte sie mit kindlich naivem Lachen hinzu, »eine Fürstenkrone dein Haupt schmückte.« Die Sonne war tiefer herabgesunken. Antonio, der mit dem Alten draußen verkehrt hatte, trat ein, grüßte Fioretta ehrerbietig und mahnte zum Aufbruch. Die junge Frau seufzte, kniete vor einem kleinen Kruzefix an der Wand nieder und sprach ein kurzes Gebet, während Antonio den Knaben, der fröhlich lachend mit den langen Locken seines Haares spielte, auf seinen Armen hielt. Dann stand sie auf und sagte, ihre Thränen trocknend: »Ich bin bereit. Wohin du mich führst, da wird mein Glück sein. Du aber, Jacopo,« sagte sie zu dem alten Mann, der schmerzlich bewegt an der Thür stand, »hüte wohl das Haus und die Gräber meiner Eltern auf dem Kirchhof dort drüben in San Donino.« »Das will ich,« sagte der Alte, »seid unbesorgt Fioretta. Und Ihr, Herr« fuhr er, vor Giuliano hintretend, fort, »Euch möchte ich wohl zürnen, daß Ihr Fioretta fortführt aus ihrer Heimat – doch ihr Glück ist ja nur an Eurer Seite und so will ich denn beten, daß ihr Glück nie getrübt werde; aber ich werde auch Gott bitten, daß er die Rache in seine Hand nehme, wenn Ihr sie jemals verlaßt, die Euch in gläubigem Vertrauen folgt.« »Sorge nicht, Jacopo,« erwiderte Giuliano, des Alten rauhe Hand drückend, »mein eigenes Leben ist mir nicht teurer als das ihre und ich verspreche es dir, bald sollst du sie wiedersehen und dich ihres Glückes freuen. Das Haus steht unter deiner Hut und was du bedarfst –« »Signor Antonio hat mir überreiche Mittel gelassen,« erwiderte Jacopo, »ich werde den Garten und die Weinberge bestellen, daß Fioretta ihre Freude daran haben soll, wenn sie wieder kommt, um nach ihrem Hause zu sehen und dem alten Jacopo und den Gräbern ihrer Eltern und es nicht macht, wie ihre Schwester Claudina, die ich auch auf meinen Armen getragen habe und in ihrer Kindheit behütet und die doch auch Vater und Mutter verlassen hat und ihre Heimat und den alten treuen Jacopo, um mit dem fremden Kriegsmann davon zu gehen, der ihr Herz bethört hat, sie ist nicht wiedergekommen, die arme Claudina und ist vielleicht jammervoll zu Grunde gegangen in der weiten Welt da draußen.« »Was sagst du –,« fragte Giulianio, »Fioretta hätte eine Schwester gehabt, die ihre Heimat verlassen?« »Fragt sie selbst,« erwiderte Jacopo mürrisch, – »vier Jahre wohl älter als sie war die arme Claudina und eben so schön und eben so frisch und fröhlich, bis der Reitersmann kam, der die Soldaten geworben hatte für die Sforza und in San Donino einen Rasttag hielt, aus dem eine Woche wurde, da er hier Claudina begegnete und hier im Hause Aufnahme fand; er hatte ihr Herz bethört und sie ist mit ihm in die weite Welt gezogen, wie Fioretta es heute mit Euch thut, freilich nicht so offen und frei. Sie wurde bleicher und bleicher, als er davon gezogen und dann war sie in einer Nacht verschwunden; er muß ihr Wohl heimliche Botschaft gesendet haben, um sie zu sich zu locken – Fioretta ist ja frei, sie kann thun, was sie will, ich habe nicht das Recht, sie zu halten, ich kann nur Gott bitten, daß er ihre Wege behüten möge!« Fioretta hatte ihr Gesicht mit den Händen bedeckt. »Es ist nicht gut Jacopo,« sagte sie, sich aufrichtend, mit thränenden Augen, »daß du heute die alten Schmerzen weckst und an die arme Schwester mich erinnerst, du thust ihr unrecht, sie hat ihren Battista geliebt und er war ihrer Liebe würdig – ist er nicht gekommen und hat ihre Hand begehrt bei meinem Vater, die dieser ihm hart abgeschlagen, wenn auch die Mutter geneigt war, ihr das Glück nicht zu versagen? Da ist sie ihren eigenen Weg gegangen und mir hat sie es gesagt in der stillen Nacht, obgleich ich noch ein Kind war, sie hat weinend von mir Abschied genommen und mir Schweigen geboten – sie könnte nicht anders, so sagte sie, sie müsse ihrem Herzen folgen oder sterben und Gott werde ihr verzeihen, da er selbst die Liebe in ihrem Herzen erweckt. Wie bitter habe ich geweint in jener Nacht, ich verstand sie nicht, ich glaubte, daß ein böser Zauber sie befangen hatte – heute, mein Giuliano, heute weiß ich, daß sie nicht anders konnte.« Sie schlang ihre Arme um den Geliebten und lehnte weinend das Haupt an seine Brust. »Wir werden sie suchen deine Schwester,« rief Giuliano, die Thränen von ihren Augen küssend, »wir werden jeden Winkel in Italien durchforschen und, bei Gott, wir werden sie finden! »Und du, Jacopo, sei ruhig – jene Claudina ist dem Zuge ihres Herzens gefolgt auf einen dunklen Weg, aber Fioretta hat recht, Gott, der die Liebe ist und die Liebe erweckt, wird sie beschützt haben, Fiorettas Weg aber, das schwöre ich, soll sonnenhell sein unter meinem Schutz und an meiner Seite soll sie bald vor die Welt treten, mit mir soll sie zurückkehren hierher, um dir Botschaft zu bringen und am Grabe ihrer Eltern zu beten.« »Ich muß Euch wohl glauben, edler Herr,« sagte Jacopo, »und ändern kann ich's nicht, aber noch einmal sage ich Euch, Gott wird die Rache in seine allmächtige Hand nehmen, wenn Ihr jemals ihr Vertrauen betrügt!« Seine Stimme zitterte. Er nahm fast rauh und heftig den Knaben aus Giulianos Arm und drückte ihn zärtlich an seine Brust. »Lebe wohl, mein Giulio,« sagte er, »lebe wohl, – so wie dich habe ich einst deine Mutter in meinen Armen gehalten – alle Heiligen des Himmels mögen deinen Weg beschirmen!« Fioretta drückte dem Alten stumm die Hand. Dann nahm sie das Kind. Giuliano hüllte sie in einen breiten Pelzmantel, zog eine weiche Kappe über ihren Kopf und führte sie zu den bereit stehenden Pferden. Er hob sie auf ihren Zelter, schwang sich in den Sattel und schnell verschwand der Zug in der tief herabsinkenden Dunkelheit. Von San Donino her sprengte ein Reiter heran, während Jacopo noch in düsterem Sinnen unter der Thür des nun verwaisten Hauses stand. Er war in einen weiten, grauen Mantel gehüllt, ein weicher Filzhut war tief in seine Stirn gezogen, so daß man sein Gesicht kaum erkennen konnte. »Ist hier das Haus der Govini?« fragte er, sein Pferd anhaltend. Der Alte bejahte mürrisch. »Aber die Govini sind seit zwei Jahren todt,« fügte er hinzu, »und wenn Ihr sie sucht, so seid Ihr zu spät gekommen.« »Es ist aber eine Tochter übrig geblieben,« sagte der Reiter, »wie man mir in San Donino sagt und ich hätte wohl Lust, das Haus und das Grundstück mit den schönen Weinbergen zu kaufen.« »Das Haus ist nicht käuflich –« erwiderte der Alte kurz.« »So will es die Tochter allein bewirtschaften?« fragte der Reiter, »ich möchte mit ihr sprechen, vielleicht wird sie mein Gebot annehmen. –« »Sie ist nicht hier, und wenn sie hier wäre, so würde Euch Euer Gebot auch nichts nützen.« »Sie ist nicht hier? – So war sie es wohl, die mit den Reitern fortgezogen, deren Hufschläge ich eben durch die Dunkelheit gehört?« »Sie ist nicht hier, das muß Euch genug sein,« murrte Jacopo, »und ich sage Euch nochmals, das Haus ist nicht käuflich.« Er trat über die Schwelle zurück und schlug die Thür derb zu. »Ich hatte recht,« sagte der Reiter vor sich hin, »Es war Giuliano, – er hat sie in Sicherheit gebracht, diese kleine Bäuerin, die schöner ist, als alle vornehmen Damen! Doch wir wollen sehen, wohin er sie bringt, ein kluger Jäger darf die Fährte des Wildes, das er stellen will, nicht verlieren.« Er ritt langsam weiter, den Hufschlägen lauschend, die vor ihm durch die Stille des Abends klangen. Antonio führte den Reiterzug an die hintere Seite seines Gartens und schloß eine kleine Pforte auf. Man stieg ab und gelangte, den Park durchschreitend, nach einem kleinen, abgeschlossenen Garten vor der Wohnung, welche Antonio seinen Freunden gezeigt hatte. Die Räume waren noch traulicher und anheimelnder in dem Licht der Kerzen und Fioretta stieß einen Ruf freudiger Ueberraschung aus, als sie in das ihr bereitete Asyl eintrat, das all ihre Vorstellungen von Glanz und Behaglichkeit übertraf. »Hier soll ich bleiben, mein geliebter Giuliano?« rief sie, »o, wie herrlich ist das, – wie glücklich werde ich hier sein, wenn ich dich hier öfter sehen kann, als du bisher zu mir herauskommen konntest. –« Täglich wirst du mich sehen, meine Fioretta,« sagte Giuliano, indem er ihr glücklich lächelnd die Lippen küßte, »und wenn es nur eine Stunde ist, die ich mich frei machen kann, so soll keines Tages Sonne herabsinken, ohne daß ich in deinen Augen mein Glück lese.« Die alte Ginevra trat aus dem Schlafgemach, verbeugte sich tief und nahm ihr den Knaben ab, der sich des hellen Lichterglanzes zu freuen schien. »Überlaßt mir den Kleinen, Madonna,« sagte sie, »ich werde für ihn sorgen, so gut wie irgendwer, habe ich doch so manches Kind glücklich groß gezogen, – O, wie hold ist er und wie lieblich, Ihr sollt Eure Freude daran haben, wie er gedeihen wird.« Der kleine Giulio schien keine Furcht vor der Alten zu haben, er ließ sich ruhig von ihr forttragen und in seine bereitstehende Wiege legen. Fioretta folgte ihr und wieder klang ein Ruf freudiger Verwunderung von ihren Lippen, als sie das durch eine Ampel matt beleuchtete Schlafzimmer sah. Dann kehrte sie zurück, umschlang Giuliani! mit ihren Armen und blickte stumm mit dem Ausdruck glücklicher Dankbarkeit zu ihm auf. »Hier steht der Freund,« sagte Giuliano, »der uns dies trauliche Heim bereitet, – du bist unter seinem Dach und unter seinem Schutz und keine Sorge wird dir nahen, bis ich dich in dein eigenes Haus führen kann.« Sie reichte dankbar Antonio die Hand und dieser ließ durch seinen vertrauten Diener einen Tisch mit dem bereitgestellten Nachtmahl hereinrollen, und in traulichem Gespräch saßen die drei bei einander, während durch die Thürvorhänge des Schlafgemachs die leise Melodie des Schlummerliedes erklang, mit welchem die alte Ginevra den kleinen Giulio in den Schlaf wiegte. Fioretta aber blickte zuweilen wie träumend umher, als ob sie die Vereinigung von so viel Glanz und Reiz mit den Vorstellungen ihres so stillen und bescheidenen Lebens nicht verbinden könne. Eine Stunde war vergangen. Giuliano sprang auf. »Ich muß fort, meine Fioretta,« sagte er, »fort für heute, um dich morgen wieder zu begrüßen, morgen und alle Tage.« Fiorettas Augen füllten sich mit Thränen, aber lächelnd folgte sie dem Geliebten, der noch einmal an die Wiege seines Sohnes trat und mit gefalteten Händen ein stilles Gebet über dem sanft schlummernden Kinde sprach. Dann ging er mit einem schnellen Abschiedsgruß davon. Antonio folgte ihm, nachdem er Fioretta so ehrerbietig begrüßt hatte, als ob er eine fürstliche Dame vor sich habe. Er führte Giuliano durch den geheimen Gang nach seinem Zimmer und begleitete ihn von dort nach dem großen Ausgang des Hauses, so daß von der Dienerschaft niemand einen besonderen Grund dieses Besuches vermuten konnte. – – – Das Abendessen war vorüber, als Giuliano in die Empfangszimmer seines Bruders Lorenzo trat. Die Gesellschaft war nur klein. Cosimos Eltern, Bernardo Rucellai und Madonna Nannina, die Schwester Giulianos, waren da, ebenso der Markgraf von Malaspina, ein hoher, vornehm blickender Herr, in reicher, ritterlicher Tracht, mit sorgfältig gepflegtem Stutzbart und lang gelocktem, ergrauendem Haar; dann der Gelehrte, und trotz seiner Jugend schon berühmte Politiano, welcher im Begriff stand, ein Gedicht in klangvollen Versen vorzulesen. »Laßt Euch nicht unterbrechen, Politiano,« rief der Markgraf Malaspina bei Giulianos Eintritt – und Ihr, Giuliano,« rief er, »hört aufmerksam zu, denn die Verse gelten Euch und es wird lehrreich für Euch sein, zu erfahren, wie die Welt über Euch denkt, denn anders kann niemand urteilen, als es Politiano so schön und wohlklingend auszudrücken versteht, die Freunde mit herzlicher Freude, die Feinde mit Ärger und Neid.« Politiano fuhr fort. Das Gedicht war ein Loblied auf Giuliano, oft in überschwenglichen Worten dessen Eigenschaften rühmend und die Großthaten verherrlichend, welche dem jungen Medici für die Zukunft vorbehalten bleiben müßten. Bei jeder besonders beachtenswerten Stelle des Lobliedes auf seinen Bruder klatschte Lorenzo Beifall und die Übrigen folgten seinem Beispiel. Giuliano aber neigte beschämt und fast unmutig das Haupt, er erschrak vor all den hohen Aufgaben, welche Politianos Verse ihm unter dem Beifall Lorenzos vorbehielten und dachte seufzend an seine Fioretta und den kleinen Giulio zurück und an das stille Herzensglück, für das er vielleicht noch harte Kämpfe gegen die stolzen, ehrgeizigen Hoffnungen würde bestehen müssen, welche in Politianos Versen wiederklangen. Endlich erklärte dieser, daß seine Arbeit noch nicht weiter vorgeschritten sei und daß er sich die Vorlesung der Fortsetzung vorbehalten müsse. »Sieh dir den Glücklichen dort an, Giuliani»,« sagte Lorenzo, auf Cosimo deutend, welcher neben seiner Mutter Nannina saß, die des Sohnes Hand hielt, der sie so schnell wieder verlassen sollte, – »auch er ist zu hohen Dingen bestimmt und wird unsere Hoffnung nicht täuschen, da die Zukunft ihm so freundlich entgegen lächelt. Der edle Markgraf Gabriel hat, auf meine Bitte, ihm die Hand seiner Tochter Giovanna bewilligt und – er wird sich einer so edlen Verbindung, die unserem ganzen Hause ehrenvoll und erfreulich ist, würdig zeigen.« Giulianio wünschte dem freudestrahlenden Cosimo von Herzen Glück, aber es klang wie eine leise Wehmut in seinen Worten, denn die Freude seines Bruders, über eine erlauchte Verbindung seines Neffen, drang wie ein Mißton in seiner Seele. Man brach früh auf, da Cosimo am nächsten Morgen nach Rom zurückkehren sollte. Giuliano war glücklich, mit seinen Gedanken allein sein zu können, in denen die trübe Sorge um sein Herzensglück auftauchte, aber die Sorge verschwand, wenn er an Fiorettas treue Augen dachte und an das Lächeln des kleinen Giulio und mit dem freudigen Mut der Jugend schlief er zu freundlichen Zukunftsträumen ein. VII. Cosimo hatte seine ersten Tagereisen so sehr beschleunigt, als es immer nur die notwendige Schonung seiner Pferde und der eigenen Kraft möglich machte. Er brach früh auf und suchte erst bei der völlig herabsinkenden Dunkelheit die Nachtherberge auf, so daß er schon nach einigen Reisetagen über Viterbo hinausgekommen war, und über der kleinen Stadt Vetralla, dem alten Forum Cassli, auf der Via Cassia in die Ausläufer der Sabiner Berge hineinzog. Er ritt noch im Morgennebel auf der damals von starken Waldungen umgebenen Bergstraße hinter Capranica her, welche zu dieser Jahreszeit wenig besucht war und in jenen Tagen in schlechtem Rufe stand, da sie häufig von den in den Schluchten um den See von Bracciano hausenden Briganten heimgesucht wurde. Cosimo dachte an keine Gefahr, er hatte ja seine stark bewaffneten Diener bei sich und seine Gedanken waren nur von dem Glück erfüllt, das er in Rom finden und seiner geliebten Giovanna bringen werde. Immer düsterer und waldiger wurde der Weg. Als er den kleinen Ort Capranica hinter sich gelassen und nun am Fuß der Rocca Romana mit ihren Felsenklüften hinritt, schrak plötzlich sein Pferd zusammen – hinter einer vorspringenden Waldecke an der Biegung des Weges wurden drohende Stimmen hörbar, Waffen klirrten und dazwischen klangen Hilferufe einer weiblichen Stimme. Cosimo zögerte keinen Augenblick, er befahl, die Packpferde zurückzulassen und ließ seine Diener, als die Tiere an die Bäume der Straße gebunden waren, teils zu Pferde, teils zu Fuß schnell den lärmenden Stimmen folgen. Als sie die Biegung des Weges erreicht hatten, sahen sie etwa zehn vornehm gekleidete Diener von wildblickenden Briganten umringt, welche einem jeden der Gefangenen, die wenig Neigung zum Widerstand zeigten, den Dolch auf die Brust gesetzt hatten. In der Mitte dieser Gruppe befand sich eine in schwarzem Samt gekleidete und in einen Überwurf von kostbarem Pelz gehüllte Dame auf einem prächtigen Pferde; ein athletisch gebauter Räuber hatte ihr Pferd am Zügel gefaßt, er versuchte dasselbe nach einem schmalen, in die Bergschluchten hineinführenden Weg fortzuziehen. Die Dame, deren Haupt ein großer weicher Filzhut bedeckte, stieß bald heftige Drohungen aus, und versprach bald reiche Belohnung, wenn man sie frei ziehen ließe. Der Räuber aber achtete nicht darauf und hatte das Pferd seiner Gefangenen schon bis zum Rande der großen Straße an den Waldweg herangeführt, als plötzlich Cosimo mit gezogenem Degen heransprengte. Der Räuber stieß einen Fluch aus und wendete sich, den Dolch drohend erhoben, den so unerwartet Erscheinenden entgegen, aber ehe er Cosimo mit seinem Dolch erreichen konnte, hatte dieser ihn bereits mit einem sicheren Stoß in den erhobenen Arm getroffen, so daß er die Waffe fallen lassen mußte. Zugleich hatten sich Cosimos Diener auf die übrigen Räuber geworfen, welche nun ihre Gefangenen frei lassen mußten, und diese fanden nun auch bei der plötzlich erscheinenden Hilfe den Mut wieder, sich zur Wehre zu setzen. Nach einem kurzen Kampfe, bei welchem einer der Räuber schwer verwundet niederstürzte, schien der Führer seine Sache für verloren zu geben, er ließ eine gellende Pfeife, die an seinem Hals hing, ertönen, alle seine Leute drängten sich um ihn zusammen und verschwanden, sich, fest aneinander geschlossen, zurückziehend, auf dem Wege in der Waldschlucht, auf welchen der Räuber die gefangene Dame hatte hinziehen wollen. Einige von Cosimos Dienern wollten sie verfolgen, er aber verbot es, er befahl, den unbekannten schmalen Weg nicht zu betreten, auf welchem ihm die Banditen überlegen sein mußten, und ritt mit artigem Gruß zu der Dame heran, welche, noch zitternd vor Furcht und Schrecken, auf ihrem unruhig schnaubenden Pferde saß. Ihre Gestalt war schlank und geschmeidig, ihr Gesicht von wunderbarer Schönheit. Die edlen, jugendfrischen Züge drückten stolze Willenskraft aus, ihre großen bläulich schwarzen Augen schienen wie von innerem Feuer erleuchtet, die reichen, schwarzen Locken quollen unter dem breiten Hut in üppiger Fülle hervor, man hätte sie, als sie das unruhig gewordene, schnaubende Pferd mit der feinen Hand in den weichen Lederhandschuhen trotz ihrer Erregung so sicher beherrschte, für eine kriegerische Amazone halten können, dabei aber lag in dem weichen Blick, mit dem sie ihren Retter ansah, und in dem glücklichen Lächeln der vollen roten Lippen ihres feinen Mundes ein wunderbar süßer Reiz zarter Weiblichkeit. Cosimo begrüßte sie entblößten Hauptes mit ritterlicher Artigkeit. »Ich bin glücklich, edle Signora,« sagte er, »daß ich Euch aus den Händen dieser ruchlosen Banditen habe befreien können, und bitte um die Erlaubnis, Euch begleiten zu dürfen, bis Ihr diese unsichere Gegend hinter Euch gelassen habt.« »Und ich danke dem Himmel,« erwiderte die Dame mit einer weichen, wohllautenden Stimme, »daß er mir Euch gesendet – nehmt meinen innigsten Dank und das Gelöbnis, daß ich niemals Eure Wohlthat vergessen werde. Eure Begleitung würde ich auch ohne Euer Anerbieten erbeten haben, ich hoffe, sie wird Euch nicht belästigen, da unser Weg doch wohl zunächst derselbe bleibt.« »Und wäre dies nicht der Fall,« sagte Cosimo, mit Bewunderung in das schöne Gesicht mit den wundersam leuchtenden Augen blickend, »so würde ich Euch niemals einer neuen Gefahr überlassen und Euch in Sicherheit bringen, auch wenn ich einen Umweg machen müßte, der ja durch Eure Gesellschaft reichlich belohnt würde,« fügte er galant hinzu – »ich bin auf dem Wege nach Rom und –« »O,« rief sie lebhaft, »das fügt sich herrlich, auch ich kehre dorthin von einem Ausfluge zurück! So bin ich denn von aller Furcht und Sorge frei, auch von der, Euch, edler Herr, lästig zu werden durch meine Gesellschaft, die ich Eurer ritterlichen Großmut aufdrängen muß.« Sie zog den Handschuh aus und reichte ihm ihre weiße Hand mit den rosigen Fingern und den feinen bläulichen Adern. Er führte diese schöne Hand, die einem Bildhauer zum Muster hätte dienen können, artig an seine Lippen, ihre Augen flammten bei seinem Kuß höher auf und er fühlte einen innigen Druck ihrer weichen Finger, die sich nur langsam und zögernd wieder zurückzogen. »Ah,« rief sie dann, sich schnell abwendend, »da bist du ja, mein Piccolo, du magst wohl nicht wenig Angst ausgestanden haben vor den wilden Banditen, und wirst mit mir dem edlen Herrn hier dankbar sein, der uns von jenen befreit hat.« Sie beugte sich herab zu einem Zwerge, wie sie damals in den vornehmen Häusern gehalten wurden, der auf einem zierlichen Pferdchen zu ihr heran geritten war. Das kleine Wesen war eine seltsame Erscheinung, die ebenso sehr zum Lachen reizen, als Mitleid erwecken konnte. Die magere und zierliche Gestalt, von der Größe eines siebenjährigen Knaben, war im Ganzen im richtigen Verhältnis gewachsen, nur schienen die Arme etwas zu lang, und der Kopf saß auf dem kurzen Halse etwas zu tief in den Schultern. Das Gesicht von vollem starkem Haar umrahmt, zeigte, trotz der Kleinheit, in feinen Zügen ein Alter von wenigstens fünfunddreißig Jahren und sowohl durch diesen Gegensatz zu der kinderhaften Gestalt, als durch ein außerordentlich lebhaftes Mienenspiel, hatte es etwas affenartiges, das bald komisch, bald unangenehm berührte. Der Blick der tiefliegenden dunklen Augen war bald scheu und lauernd, bald hochmütig und tückisch boshaft, und ein kleines dünnes, aufwärts gedrehtes Bärtchen bedeckte die schmale Oberlippe. Der Zwerg trug einen auffallend reichen und buntfarbigen Anzug, kostbare Straußfedern auf dem Hut, einen zierlichen Degen an der Seite und einen Überwurf, mit kostbarem Pelz gefüttert, um die Schultern; sein kleines, ganz zu seiner Größe passendes Pferdchen war reich aufgezäumt und mit einer goldgestickten Schabracke bedeckt. »Bei Gott, edle Signora,« erwiderte Piccolo, die Hand der Dame küssend, mit einer etwas heiseren und quäkenden Stimme – »es war eine große Gefahr für Euch, für mich nicht, denn ich kenne die Furcht nicht – es waren der Räuber zu viele, und Eure Bedienten sind elende Feiglinge, daß sie sich sogleich haben einschüchtern lassen, ohne nur die Waffen zu gebrauchen – Ihr solltet sie alle fortjagen, denn sie verdienen gar nicht, in Eueren Diensten zu stehen. Euch aber,« sagte er, mit seinem kleinen Pferdchen zu Cosimo heranreitend, »danke ich ebenso, wie es die edle Dame gethan, für Euern Beistand, der Euch freilich nicht schwer wurde, da Ihr ja nun die Übermacht hattet.« Er streckte seine langen Arme aus und blickte mit hochmütig herablassender Miene zu Cosimo empor, der ihm lächelnd, aber artig von seinem Pferde herab die Hand reichte. »Du bist nicht liebenswürdig, Piccolo, gegen unsern Befreier,« sagte die Dame. »Verzeiht ihm, edler Herr, er ist nicht geneigt, fremdes Verdienst hoch anzuerkennen, und seid überzeugt, daß ich Euern Beistand zu seinem vollen Wert zu schätzen weiß,« fügte sie hinzu, indem ihr feuriger Blick über Cosimos schlanke Gestalt glitt. »Doch jetzt laßt uns unsern Weg fortsetzen, wir haben nun wohl keinen Angriff zu befürchten, aber es drängt mich doch, aus diesen gefährlichen Bergen heraus zu kommen.« Sie ritten vorwärts, die Diener folgten in einiger Entfernung. Piccolo trabte neben seiner Herrin her. »Erlaubt, edle Dame,« sagte Cosimo, »daß ich Euch sage, wem Ihr die Ehre erweist, Euch begleiten zu dürfen.« »Zum Teil möchte ich's erraten –« fiel die Dame lächelnd ein, »tragen Eure Diener nicht die Farben der Medici?« »So ist es,« erwiderte Cosimo, »doch gehöre ich ihrem Hause nur von der Mutter Seite an – Lorenzo de Medici ist mein Oheim, ich reise in seinem Auftrage und stehe in Rom im Dienste seines Hauses.« Er nannte seinen Namen. Die Dame rief freudig: »Ich erwartete nicht, daß mein ritterlicher Beschützer dem erlauchten Hause der Medici so nahe steht, doch um so mehr freut mich, unter so edlem Schutz die Reise fortsetzen zu dürfen.« »Nun,« fuhr sie dann nach kurzem nachdenklichem Zögern fort, »wäre es eigentlich wohl meine Pflicht, Euch auch meinen Namen zu nennen, aber ich bitte Euch, mir zu erlauben, ein Geheimnis zu bewahren, das nicht das meinige ist, da ich im Auftrage eines Verwandten, dem ich Gehorsam schuldig bin, eine Reise gemacht habe, die nicht bekannt werden soll. Ich selbst würde kein Geheimnis vor Euch haben,« sagte sie mit innig warmem Ton, »und es soll, das, verspreche ich Euch, bald die Zeit kommen, daß der Schatten zwischen uns, der bei Gott kein Mißtrauen ist, verschwinden wird. Für jetzt bitte ich Euch, mich nur mit dem Namen Lucretia zu nennen, den mir die heilige Taufe gab – das ist ja der Name, bei dem sich gute Freunde untereinander am liebsten nennen, und Freunde, das hoffe ich, das sind wir geworden und werden es bleiben.« »Gewiß,« erwiderte Cosimo, indem er ihre Hand küßte, die sie ihm, sich herüberneigend, reichte – »ich bedarf keines andern Namens, um stets zu Euern Diensten bereit zu sein.« Sie ritten heiter plaudernd weiter. Lucretia sprach von Rom und allen Verhältnissen dort mit so genauer und sicherer Kenntnis, daß Cosimo, der ja erst kurze Zeit in der weltbeherrschenden Tiberstadt weilte, gespannt zuhörte, und manche Frage that, die sie bald ernst, bald mit feinem spöttischem Witz über diese und jene Persönlichkeit beantwortete; sie entwickelte dabei so viel sprudelnden Geist, so viel feine Menschenkenntnis, und eine so vielseitige, fast gelehrte Bildung, daß Cosimo durch die Unterhaltung, die sie mit der leichten Sicherheit und Vertraulichkeit einer alten Freundin führte, ganz entzückt war, und die sehnsüchtige Ungeduld vergaß, die ihn vor kurzem noch nach dem Ziel seiner Reise getrieben hatte. Sie kamen gegen die Mittagsstunde hin nach der alten etruskischen Stadt Sutri, welche sich auf einem inselartig aufragenden Plateau von Felsen erhebt und in der alten Römerzeit das Thor und der Schlüssel von Etrurien genannt wurde, weil von dem Fuße der Felsenhöhe zwei furchenartige Einschnitte in das Land hin führen, welche von einrückenden Truppen nicht passiert werden konnten, wenn nicht die Stadt vorher genommen war. Es war ein wunderbar schönes Bild, diese wie aus dem Felsen herausgewachsene Stadt vor den dahinter liegenden waldigen Bergen zu sehen. Lucretia hielt ihr Pferd an, blickte bewundernd hinauf und sagte: »Hier könnte man sich wahrlich in die alte römische Zeit versetzt glauben, an die man in dem heutigen Rom kaum noch erinnert wird. Die alte Felsenstadt dort oben hat wohl schon den Galliern getrotzt, als Brennus Rom bedrängte, und auch die Gothen sind hier vorbeigezogen, um der Weltherrschaft der Cäsaren ein Ende zu machen.« Auch Cosimo war bewegt durch ihre Worte und beide blickten eine Zeitlang schweigend nach den Felsenmauern hinüber. »Wir müssen hier die Pferde rasten lassen,« sagte er dann, »und werden zwei Stunden brauchen, um die Reise fortzusetzen.« »Zwei Stunden?« rief Lucretia. »Nein, nein, das genügt nicht, es sind wunderbare Dinge zu sehen da oben, und ich erinnere mich einmal früher, als halbes Kind noch, dort gewesen zu sein, und möchte wohl, zum Dank für Euern Schutz, Eure Führerin sein im wundersamen Reich der Vergangenheit, das die Felsenstadt dort einschließt; auch bin ich ermüdet, der Schrecken und die Angst haben mich angegriffen, ich bedarf der Ruhe, die Tage sind noch kurz, wir würden heute doch nicht viel weiter kommen, laßt uns hier bleiben bis morgen früh.« Cosimo zögerte mit der Antwort. Giovannas Bild stiegt vor ihm auf, jede Verlängerung der Reise hielt ihn ja von dem Glück des Wiedersehens fern, aber Lucretia hatte bereits ihr Pferd in Bewegung gesetzt, er sagte sich, daß sie vor der frühen Dunkelheit doch nicht viel weiter kommen würden und auch schwer ein besseres Nachtquartier finden könnten. Da er für die Dame, die er unter seinen Schutz gestellt, zu sorgen die Pflicht hatte, so ritt er ohne Widerspruch an ihrer Seite weiter, den Felsenweg zur Stadt hinauf. Sie zogen durch das alte etruskische Nordthor in die Stadt ein, deren aus Tuffsteinblöcken aufgemauerte Häuser noch ganz an das Altertum erinnerten. Das Thor trug den Namen des Furius Camillus, der schon ungefähr vierhundert Jahre vor Christi Geburt das alte Sutrium für die Römer erobert haben soll. In die Häuserwände eingelassen zeigten sich Säulen und Reste von antiken Skulpturen und Lucretia wurde nicht müde, ihren Begleiter auf alle diese Spuren vergangener Jahrhunderte aufmerksam zu machen. Die Einwohner blickten wohl etwas verwundert den glänzenden Zug an, welcher die Straßen der sonst zu jener Zeit wenig besuchten Stadt durchzog, aber sie gaben in stolzer Zurückhaltung kein Zeichen von zudringlicher Neugier und begnügten sich, die schöne Dame und den so vornehm blickenden jungen Mann an ihrer Seite mit ruhigem Ernst zu begrüßen. Nur einige Kinder konnten das Lachen nicht lassen, über die possierliche Erscheinung des kleinen Piccolo, der, stolz aufgerichtet, auf seinem kleinen Pferde, mit der Miene eines Triumphators, in die alte Stadt einzog und herablassend die an seine Herrin gerichteten Grüße erwiderte. Auf Cosimos Frage wurden die Reisenden nach einer Osteria auf dem Marktplatze gewiesen. Der Wirt erklärte, daß er wohl imstande sei, die Herrschaften aufzunehmen, nur müsse die Dienerschaft sich auf die Räume in den Stallungen beschränken. Cosimo und Lucretia, denen der Zwerg folgte, führte er über eine steinerne Treppe nach dem ersten Stockwerk des altertümlich gebauten Hauses und öffnete für dieselben eine Reihe von vier zusammenhängenden Zimmern mit gewölbten Decken und kleinen spitzen Fenstern, die einfach, aber behaglich und wohnlich eingerichtet waren. Cosimo trat erschrocken zurück. »Dies ist für die Dame,« sagte er, gebt mir ein anderes Gemach und wäre es auch klein und unbequem, ich mache keine großen Ansprüche.« Der Wirt sah die beiden verwundert an, während Lucretia errötend die Augen niederschlug. »Ein Schlafgemach,« sagte er, »kann ich dem gnädigen Herrn noch anbieten auf der anderen Seite des Korridors, aber freilich ist es nicht so gut wie diese Räume hier.« »Gleichviel, gleichviel,« erwiderte Cosimo schnell, »führt mich dort hin und sorgt für ein Mahl so gut Ihr es herrichten könnt. Ihr werdet der Ruhe bedürfen, edle Dame,« fuhr er zu Lucretia gewendet fort, »ich bitte Euch, mich zu benachrichtigen, wenn Ihr mir erlauben wollt, mit Euch zu speisen.« »Es bedarf nur einiger Augenblicke,« erwiderte Lucretia, »um meinen Anzug ein wenig zu ordnen, in einer halben Stunde stehe ich zu Eurer Verfügung.« »Und Ihr,« sagte sie zu dem Wirt, »sorgt für einen Führer, ich erinnere mich, daß Eure Stadt viele merkwürdige Altertümer hat.« »Gewiß,« erwiderte der Wirt eifrig, »da sind die alten etrurischen Gräber, die Kirche Madonna del Parto, das alte Amphitheater und die Grotta d'Orlando – ich werde Euch einen meiner Leute mitgeben, um Euch das alles zu erklären.« Cosimo verbeugte sich und folgte dem Wirt, der ihm ein kleines Zimmer öffnete und versprach das beste was er vermöchte für das Nachtmahl der Herrschaften zu schaffen. »Wie seltsam,« sagte Cosimo, »welch ein sonderbares Reiseabenteuer! Da bin ich der Beschützer einer fremden Dame, deren Namen ich nicht einmal kenne! Doch gleichviel, es ist Ritterpflicht, ihr das Geleit zu geben. Wofür mögen die Leute uns halten? wie peinlich muß es ihr gewesen sein, daß der Wirt uns eine gemeinsame Wohnung anwies? Wie schön sie ist –« rief er sinnend, »wie frisch und fröhlich und unbefangen – fast ist mir zu Mut, als hätte ich sie lange gekannt – vielleicht wird sie einmal eine Freundin meiner Giovanna. Giovanna,« sagte er seufzend, »die Arme muß nun etwas länger auf die Botschaft warten, die ich ihr bringe, aber morgen bis zum Abend werden wir dennoch Rom erreichen und sie muß mir danken, daß ich einer Hilfebedürftigen ihres Geschlechts meinen Schutz gewähre. Wie wunderbar diese Blicke ihrer dunklen Augen in die Seele dringen – haben sie doch fast Giovannas Bild zurückgedrängt, wie in einen Schatten, neben diesem leuchtenden Blick, und doch strahlt das reine sanfte Licht aus Giovannas Augen hell wieder auf in seinem ruhigen, freundlich erwärmenden Schimmer, wie der Leitstern meines Lebens.« Er zog aus seinem Wams ein goldenes Etui, öffnete es und drückte seine Lippen auf eine trockene Rose. Es war die Blume, die ihm Giovanna aus dem von Francesco Pazzi ihr gebrachten Strauß gegeben und die er als heilige Erinnerung an das erste Geständnis ihrer Liebe aufbewahrte. »Dies ist mein Talisman,« sagte er mit glücklichem Lächeln, »und hätten die Augen der schönen Lucretia dämonische Gewalt, sie müßten ohnmächtig bleiben vor der heiligen Liebeskraft, die allen Zauber bannt.« Er ließ seinen Diener rufen, um seinen Anzug vom Staube der Reise und die Klinge seines Degens vom Blut des Räubers reinigen zu lassen. Er war kaum damit fertig, als Piccolo erschien, um ihn zu seiner Herrin zu rufen. »Kommt,« sagte Lucretia, ihm entgegen tretend, »laßt uns gehen, unser Führer ist bereit, und mich drängt es, Euch die merkwürdigen Altertümer der Stadt zu zeigen, deren Erinnerung jetzt lebhaft wieder in mir aufsteigt. Du, Piccolo, bleibe hier, ruhe dich aus, und achte darauf, daß unser Tisch gedeckt sei, wenn wir wiederkommen.« »Ich bin nicht müde,« sagte Piccolo mürrisch, mit einem feindlichen Blick auf Cosimo, »der Ritt den wir heute gemacht, hat mich nicht mehr angestrengt wie diesen Herren hier.« »Du bist ein Kind,« sagte sie lachend, »und hast seine Kräfte überschätzt – ich muß dafür sorgen, daß du wohlbehalten nach Rom kommst, ich befehle dir also, hier zu bleiben und mein Haushofmeister zu sein, um für eine gut gedeckte Tafel zu sorgen.« Piccolo wandte sich murrend ab und warf sich in einen Lehnstuhl. Lucretia ging mit Cosimo hinaus. »Er ist wie ein Schoßhund,« sagte sie lachend, als sie die Treppe hinabstieg, »er möchte niemals von meiner Seite weichen und doch würde ihm der Weg durch die Felsen zu schwer werden.« Unten wartete ein Hausdiener des Wirtes und führte die beiden durch die Straßen, in denen Lucretia mehrmals vor altertümlichen Häusern stehen blieb, um Cosimo auf die merkwürdigen Überreste vergangener Zeiten aufmerksam zu machen, nach der Porta Romana hin, vor welcher der Weg nach Rom in ein Felsenthal hinabführte. Überall sah man im Felsen Grabsteine mit alten eingehauenen Inschriften. Endlich kamen sie an eine senkrecht neben dem Wege aufsteigende Felsenwand, deren Höhe mit alten Eichen bewachsen war. Über einer schmalen Öffnung waren in den Stein gehauen die Worte zu lesen: Qui ferma il passo, il luogo è sacro – Hier Halte den Schritt an, der Ort ist heilig. »Hier ist es,« rief Lucretia ganz freudig, »ich erkenne alles wieder und erinnere mich noch ganz genau des Eindrucks, den dieses Felsengeheimnis als Kind auf mich machte.« »Dies ist,« sagte der Führer, vor der Öffnung stehen bleibend, »die Kirche Madonna del Parto, wahrscheinlich ein altes Grabmahl, das dann die ersten Christen zu ihren Andachten benutzten und das jetzt der heiligen Madonna geweiht ist.« Er trat durch den Eingang voran. Lucretia folgte, Cosimo die Hand reichend, als ob sie ihn führen wolle. Der Raum, den sie betraten, und in dem sich das Auge erst an die Dunkelheit gewöhnen mußte, war eine hohe Wölbung, durch Pfeiler in drei Schiffe geteilt. Im Hintergrunde befand sich der Altar, daneben vor der Thür der verschlossenen Sakristei die ewige Lampe. Auf dem mit Brokatteppichen geschmückten Altar brannten zwei mächtige Kerzen vor einem Bilde der Madonna. Das ganze, aus dem lebendigen Felsen gehauen, machte einen wunderbar ergreifenden Eindruck. Das Tageslicht fiel dämmernd durch den Eingang hinein und die Altarkerzen und die Lampe warfen eigentümliche phantastische Reflexe auf die Steinwand. »Nicht wahr,« sagte Lucretia, Cosimos Hand drückend, »das ist schön, wunderbar schön, wie man es kaum irgendwo wiederfinden könnte und Ihr werdet nicht bereuen, mir gefolgt zu sein, als ich Euch bat, hier eine längere Rast zu halten.« »Ich danke Euch dafür,« sagte Cosimo bewegt, »ich habe noch nie Ähnliches gesehen und werde diesen Eindruck niemals vergessen.« »So bin ich doch gewiß,« erwiderte Lucretia neckend, aber doch mit einem wundersam innigen Ton, »daß Ihr eine Erinnerung wenigstens an unsere Begegnung behaltet.« »Es ist,« sagte Cosimo, in dem seltsam beleuchteten Räume umherblickend, »als ob hier die vergangenen Jahrhunderte vor uns heraufstiegen und als ob diese Jahrhunderte in heiliger Offenbarung zu uns sprächen. Ein Grab ist es gewesen, für die starre Todesruhe bestimmt und dann ist doch die Auferstehung und das Leben hier eingezogen, um bis in diese Grabhöhle hinein die frohe Botschaft zu tragen – Ist das nicht ein Bild der ganzen Welt und des Menschenlebens, das auch bis in seine dunkelsten Tiefen durch das Licht des Glaubens erleuchtet und von der Macht des Todes befreit wird?« »O, ich wußte es wohl,« rief Lucretia freudig, »daß Ihr den Eindruck dieser Stätte empfinden würdet wie ich, freilich versteht Ihr Eurer Empfindung besser Worte zu geben, die in meinem Herzen immer wiederklingen werden. Doch wir vergessen,« fügte sie auf den Führer deutend hinzu, der, sich vor den Altar verneigend, das Knie beugte, »dem Heiligtum unsere Ehrfurcht zu bezeugen.« Sie führte Cosimo, immer seine Hand festhaltend, durch die mittelste Säulenreihe bis vor den Altar hin. Hier kniete sie, zu dem von Kerzenlicht unsicher beleuchteten Madonnenbilde aufblickend, nieder und bewegte, während Cosimo an ihrer Seite das Knie beugte, in leise flüsterndem Gebet die Lippen. Eine tiefe Stille herrschte in dem Felsengewölbe. Beide hörten nur ihre Atemzüge und den leisen Hauch von Lucretias Lippen. Cosimo war ergriffen. Auch Lucretia schien tief bewegt, durch diesen so eigentümlich feierlichen Augenblick. Sie drückte Cosimo die Hand. Fester, wie selbstvergessend, lehnte sie sich an seine Schulter und lauter als bisher verständlich, klang es von ihren Lippen: »Sanctissima Madonna, ora pro nobis !« Cosimo fühlte sich eigentümlich durchschauert, als er hier in der stillen Einsamkeit in der Felsgrotte, an der Seite der ihm vor kurzem noch ganz Fremden, vor dem Altar kniete und im gemeinsamen Gebet vor dem Allerhöchsten mit ihr vereinigt war. Sie wendete die Augen von dem Bilde ab und sah, ihr Haupt fest auf seine Schulter neigend, mit einem wunderbar glühenden, wie kindlich bittenden und fragenden Blick zu ihm auf. Es schien, als ob dieser Blick mit magnetischer Gewalt ihn zwang, sich zu ihr zu wenden und der Zauber, der in ihren Augen lag, konnte an dieser Stelle wohl keine dämonische Kraft haben, aber so sanft und weich ihre Blicke waren, so bannten sie doch seine Augen, die er nicht abzuwenden vermochte. Dann sprang sie schnell auf und trat tief aufatmend zu einem Pfeiler hin, als ob sie dessen überneigende Wölbung näher betrachten wolle. Auch Cosimo war befangen und eine Zeit lang fanden beide den Ton leichter Unterhaltung nicht wieder. Sie hörten schweigend dem Führer zu, der sie auf einige im matten Licht kaum erkennbare Fresken aufmerksam machte, welche vor etwa zweihundert Jahren hier gemalt sein sollten. Dann wendeten sie sich wieder dem Ausgange zu. Cosimo atmete leichter auf, als er in das freie Sonnenlicht hinaustrat, Lucretia warf noch einen Blick in die Kapelle zurück und beide folgten dann eine Zeit lang schweigend dem Führer, der sie weiter bis zu einer Felsenecke führte. Hier befand sich ein ebenfalls in Felsen gehauenes und fast vollständig erhaltenes Amphitheater, von dem der Führer bemerkte, daß es aus einer Zeit stamme, zu welcher man in Rom noch kein steinernes Theater gehabt habe. Dies führte sie wieder zu einer allgemeinen Unterhaltung zurück und Lucretia plauderte wieder heiter und lebhaft wie vorher, doch schien sie es in einer gewissen Befangenheit zu vermeiden, die Augen zu Cosimo aufzuschlagen. An einer Reihe von Felsgräbern mit uralten Skulpturen vorüber schritt ihnen der Führer durch ein dichtes Gehölz voran. Am Ende desselben öffnete sich abermals der Felsen durch einen größeren bogenförmigen Eingang. »Dies ist die Grotta d'Orlando,« sagte der Führer, als sie in die ebenfalls in den Stein gehauene, aber von keinen Pfeilern gestützte Wölbung traten. »Ja, ja, ich erinnere mich,« rief Lucretia lebhaft, »hier hat der große Held Orlando, bei dem Zuge Kaiser Karls des Großen nach Rom, einen Augenblick den Krieg vergessen und –« Sie stockte und neigte errötend den Kopf. »Ganz recht, edle Dame,« sagte der Führer, »der große unbesiegliche Orlando wurde hier durch die schönen Augen einer Dido von Sutri überwunden. Diese Grotte schmückte er aus zur verborgenen Geheimstätte ihrer Liebe – er vermochte es kaum, sich los zu reißen auf des Kaiser Carolus Magnus Gebot, ihm ohne Zögern nach Rom zu folgen. Die schöne Dido aber starb aus Gram über die Trennung von dem geliebten Helden.« Sinnend, mit feucht schimmernden Augen, blickte Lucretia in der Grotte umher. Endlich haftete ihr Blick mit einem tiefen Seufzer auf Cosimo. »Wie viel unendliches Glück,« sagte sie, »hat diese Grotte hier in sich geschlossen, ein Glück, das um so berauschender gewesen sein muh, weil es sich hier in süßem Geheimnis vor der Welt verbarg.« Cosimo schüttelte den Kopf. »Und wie viel Jammer,« sagte er, »ist diesem schnell wie in träumendem Rausch vorüber geflogenen Glück gefolgt! Die schöne Dido ist gestorben in verzweiftungsvoller Sehnsucht und wenn Orlando war, wie er sein mußte – so wird diese Erinnerung als ein dunkler Schatten in seiner Seele geblieben sein.« »O,« rief Lucretia, »ist der Tod ein zu hohes Opfer für das höchste Glück, welches das Leben bieten kann? Und,« fügte sie mit blitzenden Augen hinzu, »so gar groß muß ihre Liebe nicht gewesen sein, sonst hätte Orlando sie nicht verlassen, sonst hätte sie es wohl verstanden, die Flammen des wonnigen Rausches nicht erkalten zu lassen.« »Und wäre es,« fragte Cosimo, »ihr gelungen, den Helden in dieser Grotte festzuhalten, so hätte sie ihn hinabgezogen von der glänzenden Bahn seines Ruhmes, der Jahrhunderte lang die Welt durchtönte und sie hätte ihm schlimmeres angethan als den Tod. Die Liebe, die in der Verborgenheit ihren Reiz sucht, kann kein Herz fesseln, das in edlem Feuer danach ringt, den Vorbildern der großen Helden der Geschichte nachzustreben. Das an der Erde hinkriechende Moos blüht wohl auch zuweilen in bunten Farben, aber die edle Rose strebt auf und bedarf des freien Sonnenlichts, um ihre duftenden Blüten zu entfalten.« Seine Augen strahlten in klarem Licht; hoch richtete er sich auf und seine Worte klangen hell durch die Felsengrotte. Lucretia blickte voll Bewunderung zu ihm auf, in dunkler Glut flammten ihre Wangen, Sie eilte zu ihm hin und drückte ihre Lippen in heißem Kuß auf seine Hand. »Was thut Ihr, edle Signora?« rief Cosimo, erschrocken zurücktretend. »Ich huldige,« rief sie, »dem ritterlichen Heldensinn, der aus Euern Worten spricht und den man so selten noch in dieser Welt findet, in der List und Heuchelei an die Stelle des stolzen Mutes und der siegesgewissen Kraft getreten ist. Fast glaube ich in Euch den großen Orlando vor mir zu sehen und – ich verstehe das Glück und das Leid der Dido.« Sie hatte die letzten Worte gesenkten Hauptes mit fast erstickter Stimme gesprochen und drückte zitternd, mit niedergeschlagenen Augen, die Hand auf ihr Herz. »Orlando zu gleichen,« sagte Cosimo lächelnd, »werde ich wohl niemals vermögen, ihm nachzustreben aber soll das Ziel meines Lebens sein. Doch je mehr ich so hohen Zielen nahe kommen mag, um so fester werde ich darauf halten, daß die Huldigung der ritterlichen Kraft der Schönheit und Anmut gebührt, welche großes Streben zu verklären und zu großen Thaten zu begeistern vermag.« Er nahm ihre Hand und küßte dieselbe ehrerbietig. »Nun aber,« sagte er dann, »wird es Zeit sein, edle Signora, nach der Stadt zurückzukehren – die Sonne senkt sich hinter die Felsenhöhen, Ihr vor allem werdet der Erquickung und der Ruhe bedürfen, denn zu früher Stunde müssen wir morgen aufbrechen.« Sie folgte ihm schweigend, als er die Grotte verließ. Auf dem Felswege, der wieder zur Stadt hinaufführte, nahm sie seinen Arm, um sich zu stützen, und sie schien glücklich, sich an den hochgewachsenen jungen Mann anschmiegen zu können, der fest und sicher über das Gestein dahin schritt. Beide sprachen wenig und hörten fast schweigend dem Führer zu, der ihnen erzählte, daß hier in der Felsenstadt Sutri einst der deutsche Kaiser Heinrich eine Kirchenversammlung gehalten habe, in welcher er den Streit zwischen den drei Päpsten, welche auf den Stuhl St. Peters Anspruch machten, erledigte. Sie fanden in der Osteria eine für die Verhältnisse der entlegenen Stadt zierliche und lockende Tafel in Lucretias Zimmer gedeckt. Der kleine Piccolo schalt mit dem Wirt und seinen Leuten und beklagte sich bitter, daß diese seinen Befehlen nicht den schuldigen Gehorsam bewiesen und sich sogar erlaubt hätten, über ihn zu lachen und ihn wie ein Kind zu behandeln. Lucretia tröstete den Kleinen neckend und gewann ihre leichte und sichere Heiterkeit wieder, so daß sie bei dem gut besetzten Mahl, das der Wirt hergerichtet hatte, Cosimos ernste Miene durch ihre geistvolle, von Witz und Laune sprudelnde Plauderei verscheuchte. Noch während der Mahlzeit wurden die Kerzen aufgestellt, die spielenden Flammen ließen das so ausdrucksvolle Gesicht Lucretias noch schöner und reizvoller erscheinen. Der kleine Piccolo mischte sich, wie ein unartig verzogenes Kind, häufig in das Gespräch mit Bemerkungen voll herausfordernder Bosheit gegen Cosimo, über welche dieser mitleidig lächelte, die aber von Lucretia oft mit schärferen Verweisen, als der Kleine sie sonst gewohnt sein mochte, zurückgewiesen wurden. Er suchte seinen Ärger darüber, durch den vortrefflichen Wein aus dem Keller der Osteria, zu vertreiben, und die Folge davon war, daß er sich einen Rausch antrank, der seine ganze Erscheinung mit dem alten, mürrischen und vom Wein geröteten Gesicht auf der winzigen Kindergestalt, noch seltsamer und komischer erscheinen ließ. Als das Mahl beendet war, befahl Lucretia einem der Diener, den Kleinen zu Bett zu bringen. Piccolo widersprach, trat heftig mit dem Fuß auf den Boden, aber er wagte nicht, dem bestimmt wiederholten Befehl ungehorsam zu sein, und ließ sich von dem Diener wie ein Kind an der Hand fortführen, indem er noch einen tückischen, feindlichen Blick auf Cosimo zurückwarf. Lucretia trat in ein Seitenzimmer, das zu ihrer Wohnung hergerichtet war und bat Cosimo, der sich zurückziehen wollte, noch zu verweilen. »Wir haben Zeit genug zu schlafen,« sagte sie, »auch wenn wir morgen mit dem dämmernden Tage aufbrechen, und ich liebe es, den Schlaf, der uns einen so großen Teil unseres Lebens raubt, auf das notwendigste Bedürfnis zu beschränken. Die edelste Ruhe findet der Geist im Verkehr mit verwandten Geistern, und in solcher Ruhe möchte ich den heutigen Tag abschließen, der mir Rettung aus der Gefahr und so viel unvergeßlich Schönes gebracht hat.« Sie öffnete einen mit Leder überzogenen Korb, der vom Gepäck heraufgebracht war, und nahm daraus eine Laute, von feinem Holz mit goldenen Zieraten, kunstvoll gearbeitet. Sie lehnte sich dann auf eine mit Polstern bedeckte Ruhebank, ließ sinnend die Hände über die Saiten gleiten, und begann, nachdem sie einige flüchtige Accorde hatte erklingen lassen, eine der Canzonen Petrarcas, in der Art des mittelalterlichen Minnegesanges, vorzutragen. Die Musik war keine eigentliche Melodie, sondern ein harmonisches Mittelding zwischen Gesang und Deklamation, ähnlich wie man heute noch die alten französischen Romanzen vorträgt. Sie sprach die wunderbar poetischen Liebesworte vollkommen deutlich und doch waren dieselben getragen von dem vollen Klang ihrer ergreifenden und der verschiedensten Modulation fähigen Altstimme, die bald zu leisem Flüsterton herabsank, bald dann wieder in aufflammender Leidenschaft oder herzerschütternder Klage das Gemach mit höher anschwellendem Ton durchklang, so daß kaum der eigentümliche Reiz der Lieder des Dichters der Liebesglut und der Liebesklage meisterhafter hätte zum Ausdruck gebracht werden können. Cosimo lauschte entzückt, er hatte Ähnliches noch nie gehört und wagte kaum, als sie ihm die Laute reichte, auch seinerseits eine der zierlichen Sestinen in ähnlicher Weise vorzutragen. Lucretia war Meisterin auf allen Gebieten der damaligen Musik, sie fanden Wechselgesänge, die sie mit einander ausführten, und wie alle Lieder jener Zeit fast ausschließlich das Glück und Leid der Liebe zum Gegenstand hatten, so war ihre musikalische Unterhaltung ein Austausch von Bitten, Klagen oder Vorwürfen der Liebe, welche alle Lucretia mit solcher Naturwahrheit, so innig, so warm und so lebensvoll in ihren Gesang zu legen wußte, daß die Dichtung sich zur Wahrheit zu gestalten schien und Cosimo sich wie von einem Zauber umfangen fühlte, der ihn alles um sich her vergessen ließ. Mehr als eine Stunde war so vergangen, als er plötzlich wie erschrocken aufsprang. »Länger aber, edle Dame, darf ich Eure Ruhe nicht stören, ich danke Euch für die große Freude, die Ihr mir bereitet habt und wünsche, daß Euch der Traum seine holdesten Bilder vorführen möge.« Sie ließ die Laute ihren in den Schoß gesunkenen Händen entgleiten. »Der Traum?« sagte sie, »ist nicht das ganze Leben ein Traum, der ebenso schnell verfliegt als die Bilder, welche der Schlaf uns bald drohend, bald lockend vorführt! – Nur einen Vorzug hat der Traum des Lebens vor den Bildern des Schlafs – er ist einmal Wahrheit, lebendige Wahrheit im Augenblick der Gegenwart und kein Schattenbild, nach dem wir im Schlummer vergebens die Hände ausstrecken.« Sie streckte, wie ihre Worte ergänzend, wirklich ihre Hände aus, wie nach einem schwebenden Bilde, aber Cosimo stand vor ihr, auf ihn hefteten sich ihre Blicke und so schien es, als ob auch zu ihm ihre Arme sich erhöben. Er nahm ihre Hand, küßte sie ehrerbietig und wünschte ihr noch einmal gute Nacht. Sie war langsam aufgestanden, ihre Finger schmiegten sich um seine Hand, ihre Blicke schienen sich in seine Augen zu versenken, sie stand so nahe vor ihm, daß ihre atmende Brust ihn fast berührte. Er hatte einen Augenblick die Empfindung, als ob eine duftende Wolke sich um sein Haupt legte, auch er drückte ihre Hand fester, er neigte sich, wie von magnetischer Kraft angezogen, zu ihr herab, wie durstig öffneten sich ihre purpurnen Lippen – aber plötzlich zusammenschauernd, küßte er noch einmal ihre Hand und, schnell sich umwendend, verließ er das Zimmer. Sie machte mit ausgestreckten Armen einen Schritt vorwärts, als ob sie ihm nacheilen und ihn zurückhalten wolle. Dann aber sank sie mit einem tiefen Atemzug auf die Ruhebank zurück und bedeckte die Augen mit ihren Händen. »Orlando –« flüsterte sie, »Dido –.« »O, sie muß dennoch glücklich gewesen sein, wenn sie auch ihr Glück mit dem Tode bezahlte.« Sie nahm die Laute, und ihre zitternden Finger entlockten den Saiten wundersame Töne, als ob weit, weit von fern her ein klagendes, jubelndes und sehnendes Nachtigallenlied erklänge, aber aus ihrer Brust stieg kein Ton herauf, nur heißen Atemzügen öffneten sich ihre Lippen. Bevor die Morgenröte über den Waldhöhen der Sabiner Berge aufdämmerte, hatte Cosimo nach unruhigem Schlummer sich von seinem Lager erhoben. Trotz der Ermüdung von der Reise hatte ihm die Nacht nur unruhigen Schlummer gebracht. Seltsame Träume hatten ihn verfolgt und mehrmals aufgeschreckt, Giovanna's Bild war ihm, von rosiger Wolke umschwebt, erschienen, – mit lieblichem Lächeln hatte sie die Botschaft gehört, die er ihr brachte und ihm ihre Hände entgegengestreckt, – dann aber hatte sich die duftige Wolke immer dunkler und dunkler verdichtet, zuckende Blitze fuhren ihm mit krachenden Donnerschlägen entgegen, blutige Gestalten erhoben sich drohend und immer mehr erblassend verschwand das Bild der Geliebten in dem grauenvollen, tobenden Wetter. Dann ertönten, während die schwarze Wolke, vom Sturmwind fortgeführt, in weiter Ferne verschwand, lockende Saitenklänge, dazu Petrarcas Liebeslieder von Lucretias Stimme gesungen, Blumen in glühenden Farben sproßten vor ihm auf und bei ihrem berauschenden Duft fühlte er eine schmerzliche Betäubung, die seine Gedanken verwirrte, bis er endlich in jähem Schreck aus dem Schlaf emporfuhr. Unwillig suchte er die finstern, wüsten Traumbilder zu verscheuchen, – aber wenn die Ermüdung ihm den gestörten Schlummer wiederbrachte, kehrten sie immer in ähnlicher Weise zurück, so daß er von seinem Lager aufstand und ehe noch im Hause das erwachende Leben hörbar wurde, sich ankleidete, und hinabstieg, die Diener zu wecken, und alles zu frühem Aufbruch vorzubereiten. Die frische Luft that ihm wohl und er lächelte bald selbst über seine Furcht vor den unruhigen Träumen, die er dem Kampf mit den Briganten, den düstern Eindrücken der Felsenhöhlen und dem feurigen Wein zuschrieb. Bald klangen die Töne der Laute und Lucretias liebliche Stimme freundlich in seiner Erinnerung wieder, er fühlte sich trotz des unruhigen Schlafes frisch belebt und ungeduldig, das ersehnte Ziel seiner Reise zu erreichen, ließ er bei dem ersten Schimmer des anbrechenden Tages Lucretia melden, das alles zum Aufbruch bereit sei. Sie erschien bald, ihr bleiches Gesicht und ihre etwas matten Augen zeigten, daß auch sie nicht die volle Ruhe gefunden haben mochte, aber sie antwortete auf seine Frage, daß sie vortrefflich geschlafen habe und fand bei dem eiligen Frühstück ihre frische Heiterkeit wieder, wenn sie es auch zu vermeiden schien, Cosimos Blicken zu begegnen. Piccolo war sehr unwillig über den frühen Aufbruch; er schalt über die Diener, welche ihm ein schlechtes Lager bereitet und ihn verhindert hätten, sich sorgfältig anzukleiden, wie es einem Herrn wie ihm auch auf der Reise gezieme. Die Stimmung des Kleinen wurde noch mürrischer, als Cosimo, ihn zur Seite schiebend, Lucretias Steigbügel hielt und mit halblauten Verwünschungen folgte er auf seinem Zwergpferde seiner Herrin, um den Platz an ihrer Seite wieder einzunehmen. Der Weg führte über Monterosi, wo die Reisenden wieder auf die alte Via Cassia gelangten, von der sie, um in Sutri Rast zu halten, abgebogen waren. Hier verließen sie die waldigen Felshöhen der Sabiner Berge, die Landschaft wurde öder und flacher, Farren- und Haidekräuter bedeckten den Boden, man würde an den Norden erinnert sein, wenn die Vegetation nicht dem Winter des Südens getrotzt und schon das sproßende Grün des Frühlings gezeigt hätte. Lucretia unterhielt sich lebhaft über die verschiedenen historischen Erinnerungen, die der Weg erweckte und über die Schönheiten, welche die Gegend darbot, aber es klang aus ihren Worten nicht jene leichte, heitere Natürlichkeit wieder wie gestern, und Cosimo schien zuweilen wie aus sinnenden Träumen zu erwachen, wenn er auf ihre Bemerkungen oder Fragen hastig antwortete. Ihr aber mußte diese Zerstreutheit ihres Begleiters nicht eben mißfallen, denn bei seinen oft nicht ganz treffenden Antworten spielte zuweilen ein neckisches, aber doch glückliches und wohlgefälliges Lächeln um ihre Lippen. Sie kamen an dem alten ausgebrannten Krater vorbei, in welchen der kleine Ort Vaceano mit freundlichen Häusern und Gärten wie in einem Neste gebettet ruht. »Wie glücklich müssen die Menschen hier sein,« sagte Lucretia – »hier, wo einst die Schrecknisse der Tiefen hervorbrachen, das Leben zu zerstören, finden sie jetzt Schutz vor den Stürmen, welche die stolz ragenden Höhen bedrohen. Fast möchte es lockend erscheinen, von den Gipfeln der Welt hinabzusteigen in diese friedliche Stätte stillen Glückes.« Cosimo warf einen Blick in die Tiefe hinab und antwortete schnell: »Nein, da hinab strebt mein Sinn nicht. Auch dort unten sind gewiß alle Leidenschaften, Neid und Mißgunst mächtig, welche aus den Tiefen der Menschenseele hervorbrechen wie die vulkanischen Flammen aus den Tiefen der Erde, hier aber vergiften sie den freien Geist in niedrigem Gezänk, während sie auf den Höhen in stolzem kühnem Kampf den Mut erheben und die Kraft frei machen zu edelster Entwickelung – kommt – ich will Euch nach dieser kleinen eng begrenzten Welt einen Blick zeigen auf die strahlende Höhe, welche über die ganze Erde ihren Glanz verbreitet.« Er sprengte, sein Pferd spornend, auf der Straße voraus, Lucretia folgte ihm, auf die gellenden Klagerufe Piccolos nicht achtend, dessen Pferdchen bei dem Galopp nicht Schritt halten konnte und beide ritten einen neben der Straße liegenden Hügel hinauf. Von der Höhe desselben, der unten den Ausblick verdeckte, sah man weit über die öde, gleichmäßige Ebene der Campagna hin, die mit ihren im Winde bewegten Kräutern einem grünlich grauen Meere glich – und von der fast zur Mittagshöhe aufgestiegenen Sonne beleuchtet, erhob sich hinter den Cypressenwaldungen des Monte Mario die strahlende Kuppel des St. Peter-Domes und die wunderbar malerische Umgebung der ewigen Stadt. Man sah die Albaner Berge mit dem Monte Cavo, dahinter das dunkle Volsker-Gebirge mit dem Monte Semprevisa – dann die Umbrischen Apeninnen, ein Panorama, wie es großartiger und reizvoller nicht gedacht werden konnte. Unten in der Tiefe des herrlichen Bildes glänzte das silberne Band des Tiberstroms, zu dessen Ufern seit Jahrtausenden die Völker ziehen, denen der weltlichen und der geistlichen Macht ihre Huldigungen zu bringen. »Das ist die Welt,« sagte Cosimo, auf die schimmernde Riesenkuppe von Sanct Peter deutend, in welcher auch der Irrtum, ja das Verbrechen groß und erhaben wird, die Welt, in welcher ich meine Arbeit und mein Glück suche!« »Ihr habt recht,« rief Lucretia, sich zu ihm hinüberbeugend. Sie reichte ihm die Hand und in ihren Augen schimmerte wieder der feuchte Schmelz, wie am gestrigen Abend, als sie sich von ihm trennte. Dann streckte sie den Arm nach der Ebene hinaus und sprach mit voller, feierlich durch die reine Luft klingender Stimme: » Alme Sol, curru nitido diem qui Promis et celas alius que et idem Nasceris, possis nihil urbe Roma Visere majus !« Erhabene Sonne, die du auf leuchtendem Wagen den Tag heraufführst und wieder verbirgst, die du neu geboren wirst, immer eine andere und doch immer dieselbe, – Nichts größeres vermagst du zu erblicken als die Stadt Rom. »Bei Gott,« rief Cosimo bewundernd, in ihr schönes Gesicht blickend, das vom Wiederschein des sonnigen Bildes überstrahlt schien, »bei Gott, edle Lucretia, ich hätte nicht geglaubt, daß Ihr so sichere Kenntnis und so feines Verständnis für den großen Horatius Flacius besäßet. Wenn man von diesem Hügel herab auf die ewige Stadt blickt, so müßte man glauben, daß der Dichter an keinem andern Ort jene schöne Strophe geschaffen habe.« »Ihr wundert Euch über meine Kenntnis?« fragte Lucretia – »darüber müßte ich fast zürnen, weiß ich doch, daß die Damen in Florenz die Dichter des Altertums fast noch eifriger zu lesen verstehen, als die Werke unserer Zeitgenossen – und ich, eine Römerin, sollte den größten Dichter aus Roms herrlichster Zeit nicht kennen und verstehen? Doch ich verzeihe Euch, da Ihr meine Vaterstadt so hoch schätzt, als das Symbol für das Ziel edlen Strebens und ich wünsche von Herzen,« fügte sie mit leicht zitternder Stimme hinzu, »daß Ihr dort das herrlichste – das süßeste Glück finden möget.« Piccolos Geschrei unterbrach das Gespräch. Sein kleines Pferd, das eigensinnig den Hügel nicht hinaufsteigen wollte, schüttelte wiehernd den Kopf und drehte sich im Kreise, während der Zwerg, sich an die starke Mähne klammernd, um Hilfe rief. Cosimo ritt den Hügel hinab, faßte den Zügel des sonst so frommen Pferdchens und Lucretia strafte, als sie herankam, den scheltenden Piccolo mit einem Streich ihrer Reitgerte, dann wurde die Reise fortgesetzt bis nach La Storta, wo eine Rast von einer Stunde zur Erholung und Fütterung nötig war. Lucretia war stiller geworden, sie schien schmerzlich bewegt und zuweilen fuhr sie wie zufällig mit der Hand über die Augen, als ob sie eine Thräne zerdrücken wolle. Die Osteria, in der sie eine Erfrischung von Wein, Früchten und Brot nahmen, war von Landleuten der Gegend stark besucht, so gingen die Beiden hinaus, um nach der Stätte des alten Veji hinüber zu blicken, jener alten, etruskischen Stadt, welche dem aufstrebenden Rom harten und trotzigen Widerstand entgegenstellte und dafür mit der Zerstörung durch den Diktator Camillus bestraft wurde. »Es schmerzt mich,« sagte Lucretia, ihre Hand auf Cosimos Arm legend, »daß Ihr mich für undankbar halten möchtet, da ich von Euch scheide, ohne Euch zu sagen, wer ich bin, – aber ich wiederhole Euch, das Geheimnis, das ich jetzt noch bewahren muß, ist nicht das meine, – bald aber werde ich es vermögen, den Schleier zu heben und Ihr, nicht wahr – Ihr versprecht mir meinem Ruf zu folgen, wenn ich Euch eine Botschaft sende? Ich will meinem Retter aus den Händen der Räuber nicht eine verschwindende Erinnerung bleiben.« Sie blickte mit ihren großen, feucht schimmernden Augen fragend zu ihm auf, als ob sie bangend seine Antwort erwartete. »Verschwinden,« sagte er, »würde diese Erinnerung nie, auch wenn mir nicht das Glück zu teil würde, meine schöne und gelehrte Führerin zu der Madonna del parto und der Grotta d'Orlando wieder zu sehen, aber schöner wird das Wiedersehen sein, Ihr habt mir ja versprochen, daß wir Freunde sein wollen und ich hoffe, wir werden es bleiben – wir – und auch –« Er stockte, sie bemerkte es nicht und drückte ihm innig die Hand. »Auf Wiedersehen also,« sagte sie leise, und dann sprach sie heiter und lebhaft von den Ruinen des alten Veji, bis die Diener meldeten, daß die Pferde bereit seien. Piccolo war in der Osteria zurückgeblieben, er war durch den besten Wein des Wirts über die Züchtigung seiner Herrin getröstet und wurde von den Dienern vorsorglich in den Sattel gehoben. Sie ritten schweigend, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt, durch die öde und düstere Landschaft der Campagna, deren Einförmigkeit nur durch einzelne Ruinen unterbrochen wurde, und durch die Herden der silbergrauen Stiere mit den mächtigen, weit auseinander stehenden Hörnern, welche die Reiter in ihren Spitzhüten, die rote Binde um den Leib und die starken gespornten Reiterstiefeln an den Füßen, mit ihren Lanzenspitzen über die Steppe hintrieben. Weiter ab vom Wege sah man bei den Schafherden die Hirten stehen, auf ihren langen, unter die Achsel gestemmten Stab sich stützend, den breiten Hut auf dem dichten schwarzen Haar, den Schafpelz über den Schultern und den zottigen, weißen Wolfshund zur Seite, der zuweilen, eintönig bellend, die Herden umkreiste. Es schien, als ob die glanzvolle, weltbeherrschende Stadt sich mit einer düsteren Stille umgeben habe, um die Ehrfurcht der Nahenden zu erwecken. Erst nahe vor dem Ponte Mallo wurde die Landschaft freundlicher, bis die Reisenden endlich bei herabsinkender Dämmerung durch die Porta del Popolo in die ewige Stadt einritten. Die Piazza del Popolo war damals freilich nicht zu vergleichen mit ihrem heutigen Aussehen, der Obelisk war dort noch nicht aufgestellt und neben dem alten, jetzt völlig verschwundenen Augustinerkloster, näherte sich erst die Kirche Santa Maria del Popolo, unter der Leitung des Florentiner Baumeisters Burcio Pontelli, der Vollendung – aber immerhin stach der Platz auch in seiner damaligen Erscheinung stark von der öden Steppe der Campagna ab. Lucretia hielt ihr Pferd an. »Erlaubt mir, daß ich hier von Euch Abschied nehme,« sagte sie, – »ich danke Euch nicht nochmals für Euren Schutz – auf Wiedersehen.« »Auf Wiedersehen,« wiederholte Cosimo und als sie sich dann schnell abwendete, gab er seinem Pferde die Sporen und ritt, ohne sich umzublicken, nach der inneren Stadt hin. Bald hatte er die Via de Banchi erreicht – er sprang unter dem Portal des medicäischen Bankpalastes vom Pferde und eilte in Tornabuonis Kabinett, um über seine Sendung Bericht zu erstatten, wobei er keine Zeichen von Ungeduld blicken ließ und ruhig und klar alles mitteilte, was Lorenzo ihm zur Ergänzung seines Schreibens gesagt hatte. Tornabuoni legte den Brief zu sorgfältiger Durchsicht zurück, klopfte seinem Neffen auf die Schulter und sagte lächelnd: »Du hast deinen Auftrag gut und getreulich besorgt Cosimino, – bist du mit deinen eigenen Angelegenheiten ebenso zufrieden wie ich mit deiner ersten Probe in ernsten Geschäften? »O – ich bin glücklich, mein Oheim,« rief Cosimo, dessen bisher festgehaltene ernste Miene bei den Worten Tornabuonis verschwand. »Lorenzo hat meinen Herzenswünschen zugestimmt und auch der Markgraf Malaspina hat seine Einwilligung gegeben!« »Ich glaubte es wohl,« sagte Tornabuoni, seinem Neffen die Hand drückend, »so geh denn, unsere Geschäfte, die allem voranstehen, sind beendet, geh und trage deine Botschaft dahin, wo sie sehnsüchtig erwartet wird.« Er setzte sich an seinen Schreibtisch, um Lorenzos Brief zu lesen, Cosimo aber stürmte die Treppen hinauf und ließ dem Diener kaum Zeit, ihn bei der Markgräfin anzumelden. Giovanna erhob sich zitternd bei dem plötzlichen Eintritt des Geliebten – aber sie las in seinen Augen die frohe Botschaft und sank, ihm entgegeneilend, mit einem Freudenruf in seine Arme. Die Markgräfin zürnte nicht, daß ihr erst der zweite und etwas flüchtige Gruß galt, lächelnd ließ sie die Glücklichen allein. Was sie in dieser Stunde miteinander sprachen war wohl immer wieder dasselbe und doch schien es ihnen immer neu wie die Morgenröte, welche seit Jahrtausenden über den Horizont heraufsteigt und doch der erwachenden Welt immer neues Leben und neue Hoffnung entgegenstrahlt. Nur flüchtig erzählte er von seiner Reise – von seiner Begegnung mit Lucretia sprach er nicht – kaum hatte er eine Erinnerung daran und wenn sie in ihm aufstieg, so verschwand sie schnell vor Giovannas lichtklaren Augen, welche hier keine Wetterwolke wie in jenem Traum zu verhüllen vermochte. VIII. Nach Cosimos Rückkehr herrschte große Freude im Hause Tornabuonis. Die Verlobung des jungen Rucellai mit der Marchesina Giovanna von Malaspina wurde verkündet und die Hochzeit sollte im Anfange des Sommers stattfinden. So hoch auch die Medici und ihre ganze nähere Verwandtschaft in Achtung standen, so war doch die Verschwägerung mit dem Hause Malaspina von Fosdinuovo, das zu den vornehmsten Geschlechtern Italiens gehörte, ein allen erfreuliches und ihrem Stolz und Ehrgeiz schmeichelndes Ereignis. Der Palast der Medeceischen Bank entfaltete bei der Verkündigung der Verlobung des jungen Paares den höchsten Glanz seiner Festräume und die vornehmste Gesellschaft Roms versammelte sich, um der Feierlichkeit beizuwohnen. Auch Girolamo Riario war erschienen und bezeigte dem Brautpaar die freundschaftlichste und liebenswürdigste Aufmerksamkeit. Auch Francesco Pazzi fehlte nicht, er brachte Giovanna in wohlgesetzter Rede seine Glückwünsche, welche diese verlegen und errötend anhörte und hatte auch für Cosimo, den er sonst hochmütig wie einen Knaben zu behandeln gewohnt war, freundliche und herzliche Worte der Teilnahme, so daß auch Giovanna glaubte, er habe die Vergangenheit vergessen oder sie selbst habe ihn vielleicht mißverstanden und eine galante Schmeichelei zu ernst genommen. Mit Tornabuoni sprach er offen und frei, er drückte ihm sein Bedauern aus, daß der Papst den Medici das Schatzmeisteramt abgenommen. »Lorenzo hat selbst Schuld daran,« sagte er, »sein Haus steht zu hoch und zu mächtig da, als daß der Papst die Weigerung der verlangten Summe nicht hätte als eine Kränkung aufnehmen sollen, uns aber könnt Ihr's nicht übel deuten, wenn wir die uns von seiner Heiligkeit erwiesene Gnade dankbar angenommen haben und lieber das Schatzmeisteramt einem florentinischen Hause sichern, als es etwa in ganz fremde Hände übergehen zu lassen.« »Ihr habt recht gehabt« – erwiderte Tornabuoni, »freilich habt Ihr eine Last auf Euch genommen, die uns oft peinlich geworden ist, der Papst stellt hohe Anforderungen, die oft unsere Kräfte überstiegen und wir sind in unseren Geschäften freier, wenn wir uns unabhängig durch irgend welche Rücksichten bewegen können. – An unserer Ergebenheit für den heiligen Stuhl zu zweifeln, hat übrigens Seine Heiligkeit keinen Grund und wir werden stets beweisen, daß wir für ihn thun, was in unseren Kräften steht.« Die Sache war damit zwischen beiden abgemacht und das Festmahl verlief in allgemeiner Heiterkeit, da auch der Papst selbst durch den Kardinal Orsini dem Brautpaar seine Glückwünsche gesendet hatte, freilich mit besonderer Betonung der treuen Ergebenheit, welche das Haus Malaspina der Kirche und ihrem Oberhaupte stets bewiesen. Nach Aufhebung der Tafel, während in den Nebensälen die Musikaufführungen von den vorzüglichsten Sängern und Sängerinnen Roms stattfanden, zog der Graf Girolamo Tornabuoni in ein kleines Seitenkabinett. »Mein lieber Freund,« sagte er, »es ist mir ein Bedürfnis, Euch zu sagen, daß der unangenehme Zwischenfall meine Gesinnungen für Euch und das Haus der Medici nicht verändert hat, ich beklage es, daß Lorenzo in seinem Eigensinn, – denn Ihr müßt gestehen, daß es ein Eigensinn war, – wenn er die von Seiner Heiligkeit geforderte Summe nicht beschaffen wollte –« »– nicht beschaffen konnte« – fiel Tornabuoni ein. »Gut,« sagte Riario lachend, »ich will darüber nicht streiten, Ihr müßt wohl so sprechen, aber glauben werde ich es dennoch nicht, daß eine solche Summe für die Medici unerschwinglich gewesen sei. Doch gleichviel, die Sache ist erledigt, ich werde darum als Herr von Imola nicht minder der florentinischen Republik ein guter Nachbar sein und Montesecco, der dort meine Truppen befehligen soll, wird sich in allem an Lorenzos Rat halten. Ich beklage es tief, daß dies alles stattgefunden hat, der Papst ist erzürnt und hat seinem Unmut in der Übertragung des Schatzmeisteramtes an das Haus Pazzi Ausdruck gegeben, das läßt sich jetzt nun nicht mehr ändern, aber mir liegt daran, daß in allem übrigen das getrübte Einverständnis wieder hergestellt werde, denn weder der heilige Stuhl, noch die florentinische Republik, noch die Medici können von einer dauernden und dann auch stets wachsenden Verstimmung Vorteil haben.« »Gewiß nicht,« sagte Tornabuoni seufzend, »und ich werde meinerseits, wie ich Eurer Excellenz schon sagte, gern und eifrig alles thun, um den Mißklang verschwinden zu lassen.« »Das wird schwer sein, mein lieber Freund,« sagte Girolamo achselzuckend, »Ihr werdet es begreifen, daß der Papst nicht Unrecht haben will und auch wenn er das Vorgefallene bedauert, kein Unrecht einräumen kann. Es giebt nur ein Mittel, alles wieder auf die freundlichste Weise in das richtige Gleis zu bringen –« »Und das wäre?« »Der schleunigste Besuch Lorenzos hier in Rom – Ihr wißt selbst, wie freundlich der Papst für ihn gesinnt war und wie hoch er seinen Charakter und seine glänzenden Eigenschaften schätzt. Wenn Lorenzo kommt, so bürge ich dafür, daß der Papst ihn empfängt und ich bin gewiß, daß der persönliche Verkehr alle Differenzen, die sich in der Entfernung immer mehr verschärfen, aufklären und erledigen wird. Lorenzo wird kaum nötig haben, ausdrücklich ein Unrecht anzuerkennen oder abzubitten, es wird sich alles von selbst machen und nicht nur für uns alle hier, sondern auch für ganz Italien wird die Wiederherstellung der alten freundlichen Beziehungen ein großes Glück sein.« »Gewiß,« stimmte Tornabuoni lebhaft bei, »gewiß wird Lorenzos warme und klare Beredsamkeit Seine Heiligkeit davon überzeugen, daß bei allem, was seinerseits geschehen, kein Mangel an Ehrerbietung und Dienstbereitwilligkeit gegen den heiligen Stuhl zu Grunde gelegen hat. Doch es wird schwer sein, Lorenzo unter diesen Umständen zu einer Reise hierher zu bewegen, er ist stolz, weniger noch für sich als für die florentinische Republik und wird sein Erscheinen hier nach der offenen Ungnade, die der Papst vor den Augen aller Welt über ihn verhängt hat, als eine Demütigung empfinden.« »Er soll sich überzeugen,« rief Girolamo, »daß davon keine Rede ist und daß ihm hier alle Ehre erwiesen wird, die er sowohl persönlich wie als Vertreter der florentinischen Republik in Anspruch nehmen kann, ich selbst werde ihm schreiben und ich bitte Euch nur, daß Ihr meine Einladung unterstützt und im gleichen Sinne auf ihn einwirkt.« »Das soll geschehen,« erwiderte Tornabuoni, »und ich wünsche von Herzen, daß es gelingen möge, ihn zu der Reise zu bewegen, wenn Ihr versichert, daß ihn hier keine unangenehme Aufnahme erwartet.« »Das versichere ich Euch,« rief Girolamo, »auf mein Wort, ich schwöre Euch, daß durch seinen Besuch hier alle Streitigkeiten, die Euch und uns das Leben verbittert haben, für immer ihr Ende finden sollen.« Die Worte des Grafen hatten einen seltsamen Klang, der Tornabuoni aufhorchen ließ. Aber Girolamos Gesicht war so heiter, als ob er nur von inniger Freude bewegt sei, einen Ausweg aus der peinlichen Verwickelung gefunden zu haben. »Gut denn,« rief er, Tornabuonis Hand drückend, »so ist alles abgemacht und ich werde stolz und glücklich sein, sowohl dem heiligen Stuhl als der florentinischen Republik einen für ganz Italien wichtigen Dienst geleistet zu haben.« Er drückte Tornabuoni die Hand und kehrte zur Gesellschaft zurück. Tornabuoni sah ihm kopfschüttelnd nach. »Wenn ich ihm trauen könnte,« sagte er, »aber ich vermag es nicht – weder ihm noch Francesco Pazzi, noch auch dem Papst selbst vermag ich freundliche Gesinnungen für uns beizumessen. Lorenzo hier allein unter den allmächtigen Feinden, welche wohl schon Kühneres gewagt haben – es ist furchtbar daran zu denken, aber ich vermag es nicht, ihm zu raten, ich muß zur Vorsicht mahnen, mag er selbst entscheiden.« Girolamo hatte sich in den Musiksaal begeben, in welchem eben ein vierstimmiger Gesang vorgetragen wurde. Francesco Pazzi stand in der Thür. »Er wird kommen,« sagte ihm der Graf lebhaft, ohne unter den Klängen der Musik seine Stimme besonders zu dämpfen – »er wird kommen, wir werden ihn in unseren Händen haben.« Francesco legte die Hand auf des Grafen Arm und sah ihn mit einem warnenden Blick an. Hinter ihm standen Acciaiuoli, augenscheinlich vertieft in das Anhören der Musik. »Bah,« flüsterte Girolamo, »man hört hier nichts und was man hören möchte, kann man nicht verstehen.« Er nahm Francescos Arm und beide zogen sich, in leisem Gespräch, in eine Fenstervertiefung zurück. Acciaiuoli trat auf die Thürschwelle und verschwand dann unbeachtet im Nebenzimmer. Er begegnete Tornabuoni, der, noch in Nachdenken versunken, nach dem Musikzimmer zurückkehrte. Mit gleichgültiger Miene trat Acciaiuoli zu ihm heran. »Ihr hattet den Grafen Riario soeben gesprochen?« fragte er. »So ist's,« erwiderte Tornabuoni, sich vorsichtig umblickend, ob niemand in der Nähe sei, der ihn hören könne – »er wünscht das gute Einvernehmen wieder herzustellen und glaubt dafür bürgen zu können, daß der Papst dazu die Hand bieten werde – er will Lorenzo einladen, hierher zu kommen und hat mich gebeten, diese Einladung zu unterstützen – vielleicht hat er recht – persönlich gleicht sich Vieles besser aus als schriftlich und –« »Nein,« rief Acciaiuoli lebhaft, »das darf nicht sein, Lorenzo hier in den Händen seines Feindes, der von dem Löwen die Macht und die Tücke hat – die Spur würde aus der Höhle nicht wieder hinausführen.« »Sollten sie es wagen?« fragte Tornabuoni, »das wäre eine Herausforderung der Republik.« »Was ist die Republik ohne Lorenzo? – Giuliano könnte ihn nicht ersetzen und sein Leben ist zu kostbar, um es in solchem Wagnis aufs Spiel zu setzen: – Er würde sicher verloren sein und die Republik nach ihm.« Er beugte sich zu Tornabuoni und flüsterte ihm einige Worte ins Ohr. Tornabuoni erbleichte und sah ihn entsetzt an. »Es ist wie ich Euch sagte,« flüsterte Acciaiuoli, »ich habe scharf gehört, auf nichts anderes können sich die Worte des heimtückischen Girolamo bezogen haben. – O wie würden sie triumphieren, wenn ihnen ein solcher Streich gelänge, Lorenzo darf nicht kommen, Ihr müßt im gleichen Sinn ihm schreiben, wie ich.« »Das soll geschehen« – sagte Tornabuoni schaudernd. »Mein Gott, wie sollte man es glauben, daß ein solcher Anschlag ersonnen werden könne unter dem Schutze desjenigen, der sich den Statthalter Christi auf Erden nennt.« »Ich glaube nicht, daß der Papst darum weiß,« entgegnete Acciaiuoli, »er ist vielleicht wirklich geneigt zu einem persönlichen Ausgleich, der ja auch wohl für beide Teile das Beste wäre und der meuchlerische Dolch des Grafen Girolamo würde auch wohl des apostolischen Segens entbehren können.« »Gleichviel,« sagte Tornabuoni, »es giebt auch Gefängnisse in Rom, in denen man auf wunderbare Weise stirbt – jedenfalls sind wir einig, daß Lorenzo nicht kommen darf.« »Vollkommen einig,« sagte Acciaiuoli, »heute noch soll ein Kurier nach Florenz abgehen, um womöglich vor dem Boten Girolamos dort anzukommen.« Er nahm Tornabuonis Arm und trat mit ihm gemächlich, wie in leichter heiterer Plauderei, in den Musiksaal zurück. Der Vortrag war beendet. Tornabuoni begab sich zu dem Sänger, um ihm in schmeichelhaften Worten seinen Dank und Anerkennung auszudrücken. Noch stand Girolamo mit Francesco Pazzi in der Fenstervertiefung. »Ich bürge für das Gelingen,« sagte Francesco, der dem Grafen aufmerksam zugehört hatte, »wenn Ihr nur einen sicheren Mann hier habt, der seines Stoßes gewiß ist – ist Lorenzo beseitigt, dann werden wir mit Giuliano dort in Florenz schon fertig werden und endlich wird Florenz von seinem Tyrannen befreit sein.« »Und Ihr,« sagte Girolamo lachend, »werdet auch Eure Rechnung dabei finden, ich weiß es ja, daß Ihr närrisch in diese kleine Marchesina Giovanna verliebt seid, die Euch in kindischer Thorheit diesen unreifen Rucellai vorgezogen hat. Sind diese Medicis nur erst von ihrer Höhe herabgestürzt, dann wird der alte Malaspina, wie ich ihn kenne, kaum mehr geneigt sein, die Hand seiner Tochter einem unbedeutenden Knaben zu geben –« Eine düstere Freude flammte in Francescos Blicken. »– einem geächteten,« ergänzte er des Grafen Worte, »denn sind einmal die demagogischen Tyrannen zerschmettert, dann bei Gott soll auch für ihre Sippschaft kein Platz mehr in Florenz sein.« »Um so besser,« sagte Girolamo, sich die Hände reibend, »das ganze Nest muß ausgeräuchert werden und der alte Malaspina, der es schon bedauern wird, sich durch seine älteste Tochter mit den Soderini verbunden zu haben, wird zu dem Bunde mit den Pazzi dann freudig die Hand reichen und Ihr werdet es dann wohl verstehen, diese kleine Widerspenstige zu zähmen und sie ihren flaumbärtigen Cosimino vergessen zu lassen.« Francesco lachte hochmütig, sein unheimlicher Blick streifte zu Giovanna hin, welche die Hand auf Cosimos Arm gestützt, inmitten einer Gruppe von Gästen stand und strahlend vor Stolz und Glück die Huldigungen anhörte, welche ihr von allen Seiten dargebracht wurden. Nachdem das Fest zu Ende war, zog sich Tornabuoni mit Acciaiuoli in sein Arbeitszimmer zurück. Beide setzten in Gemeinschaft ein langes Schreiben auf, mit welchem noch in der Nacht einer der stets bereitstehenden Boten den Ritt nach Florenz antrat. In Florenz war das Leben ruhig und gleichförmig seinen Weg gegangen. Lorenzo de' Medici betrieb neben den Staatsgeschäften, welche bei der augenblicklichen politischen Lage keine besonderen Anstrengungen erforderten, eifrig die Vorbereitungen für die Bauten in Poggio Cajano und seinen übrigen Landsitzen und widmete sich gelehrten Studien mit geistreichen Männern, unter denen Politiano, der Erzieher seines ältesten Sohnes, eine hervorragende Stelle einnahm. So ging das Osterfest vorüber, und die Stadt Florenz bereitete sich vor, im Schmuck der Frühlingsblüten ihren vollen Zauber zu entwickeln, denn zahlreiche vornehme Gäste sollten dort zu den bevorstehenden Festen zusammentreffen. Der junge Kardinal Raffaello Riario, des Papstes Großneffe, hatte seinen Besuch angesagt. Graf Girolamo, sein Oheim, wollte, nachdem er den Besitz von Imola angetreten, mit diesem Neffen, der für die Legation in Perugia bestimmt war, in Florenz zusammentreffen, und auch der Erzbischof Francesco Salviati, der nun endlich sein Amt in Pisa übernommen, wollte erscheinen, um den Kardinal zu begrüßen. Das gastfreie Haus der Medicäer rüstete sich, den hohen Kirchenfürsten und Nepoten des Papstes würdig zu empfangen, und das Volk freute sich auf die Prachtentfaltung, welche bei dieser Gelegenheit seiner stets regen Schaulust eine hohe Befriedigung versprach. Auch die Markgräfin von Malaspina war mit ihrer Tochter Giovanna von Rom nach Florenz gekommen, um dort die Vorbereitungen für die zum Sommer geplante Vermählung des Brautpaares zu treffen, und im Palast der Medicäer abgestiegen. Cosimo Rucellai hatte die Damen begleitet, und die Anwesenheit des jungen glücklichen Paares brachte frohes Leben mit sich. Francesco Pazzi war schon früher wieder nach Florenz gekommen in geschäftlichen Angelegenheiten seines Hauses und in dem Palazzo dei Pazzi sollte auch der Erzbischof Salviati als Verwandter glänzende Aufnahme und Willkommen finden. An einem schönen Frühlingstage ritt Lorenzo de' Medici, von wenigen Dienern begleitet, nach seiner Besitzung zu Casagiolo, um dort neu angelegte Kulturen zu besichtigen. Es war dies ein einfacher Landsitz, aber selten schön gelegen auf sanfter Höhe am Abhang der etruskischen Apenninen, und bot in dieser Jahreszeit das wunderbar liebliche Panorama des blühenden Geländes. Lorenzo war sonst wenig hier, aber aus Pietät für seinen Großvater Cosimo, den Begründer der Macht seines Hauses, pflegte er diese Besitzung mit besonderer Sorgfalt, denn es war Cosimos Lieblingssitz gewesen, der scherzend zu sagen pflegte, daß von hier aus sein Auge nur sein Eigentum überschaue. Nachdem er Felder und Weinberge besichtigt, kehrte er ins kühle Haus zurück, und begab sich in ein Gemach, das, mit dem Bilde Cosimos geschmückt, ihn zu wehmütiger Erinnerung stimmte. Sinnend trat er an das grün umrankte Fenster, um sich an der herrlichen Aussicht zu erfreuen, und schien befremdet, als er von der Landstraße nach Imola her einen Reiter, von Dienern gefolgt, den Hügel heraufsprengen sah. Wenige Augenblicke später meldete ein Diener, der Capitano de Montesecco bäte um die Erlaubnis, Seine Magnificenz begrüßen zu dürfen. Einen Augenblick durchzuckte Lorenzo die Erinnerung an die ihm von Tornabuoni gesendeten Warnungen und der Gedanke an irgend einen geplanten Handstreich, aber er lächelte über solche Anwandlung und befahl den Gemeldeten einzuführen. Montesecco trat ein, sich tief verbeugend, den Hut in der Hand, in der kleidsamen Reitertracht jener Zeit, die noch keine Uniformen kannte. »Ich bitte Eure Magnificenz um Verzeihung,« sagte er, »daß ich Euch in Eurer Muße störe, ich sah das Banner auf dem Dach dieses Hauses, das Eure Anwesenheit kund thut, wehen und wollte nicht verfehlen, mich gleich bei Euch zu melden. Mein erlauchter Herr, der Graf Girolamo Riario befahl es mir, und soll ich Bericht erstatten über die Sendung, die mich nach Imola geführt hat.« »Ich danke Euch,« erwiderte Lorenzo artig, »und freue mich, einen Kriegsmann kennen zu lernen, dessen Name rühmlich genannt wird, auch hörte ich von Eurem Kommen nach Imola, und daß ihr Truppen in großer Zahl dort zusammen zieht.« Forschend ließ er seine Blicke auf dem Capitano ruhen, der ruhig erwiderte: »Die Zeiten sind wechselnd und der Graf Riario möchte Sicherheit schaffen, um sein neues Besitztum auch fest in der Hand zu haben, wenn unbotmäßige Unterthanen oder Nachbarn es ihm zu bestreiten wagen sollten. Er übersendet durch mich Eurer Magnificenz den Plan der Befestigungsarbeiten von Imola und ein Verzeichnis der angeworbenen Truppen, in der Hoffnung, daß dies Eure Teilnahme erregen wird, da ja seine Stellung in Imola auch für die florentinische Republik von Bedeutung ist. Der Herr Graf hegt für Euch, erlauchter Herr, Freundschaft und Ergebenheit, und ich soll Euch die Versicherung geben, daß Ihr an ihm stets einen guten und getreuen Nachbar haben werdet, auf den ihr rechnen könnt.« »Daran zweifle ich nicht,« sagte Lorenzo mit kühler Artigkeit, »da Graf Riario mich mehrfach schon seiner freundlichen Gesinnungen versichert hat, Ihr bestätigt Sie mir und das freut mich, das von einem tapferen Kriegsmann zu hören, den ich nun persönlich kennen gelernt.« Er reichte mit edlem freien Anstand dem Capitano die Hand, die dieser, nachdem er die Handschuhe ausgezogen, mit tiefer Verneigung ergriff. Ein Diener trat ein und meldete, daß die Tafel bereit sei, und Lorenzo forderte seinen Besuch auf, sein Gast zu sein. Die Thüren wurden geöffnet und beide traten in das Speisezimmer, wo die Tafel mit Silber und Krystall reich besetzt, bereit stand. Mit der ihm eigentümlichen Sicherheit und Gewandtheit führte Lorenzo die Unterhaltung. Durch seine Freundlichkeit ermutigt, trat auch Montesecco aus seiner Zurückhaltung hervor, und erzählte von seinen wechselnden Kriegserlebnissen. Der feurige Wein, der seit Cosimos Lebzeiten in den Kellern geruht, funkelte in den Gläsern und belebte und erhöhte die Stimmung. Nach der Tafel wurden die Pferde vorgeführt, und Lorenzo bat scherzend seinen Gast, ihn auf dem Heimweg nach Florenz zu beschützen. Freudig stimmte Montesecco zu und rief, an den Degen schlagend: »Gegen alle Räuber wollt ich Euch schützen, edler Herr, und bei Gott, stände ich in Eurem Dienst, so solltet Ihr von allen Euren Feinden nichts zu fürchten haben.« »Nun,« sagte Lorenzo lächelnd, »was heut nicht ist, kann künftig werden! Die Republik Florenz kann tapfere Kriegsleute brauchen. – Wollt Ihr mein Gast sein in Florenz?« Etwas befangen, fast unmutig, erwiderte Montesecco: »Verzeihung, edler Herr, dies allzu gütige Anerbieten kann ich nicht annehmen. Ich muß bei meinen Soldaten, die den Kardinal geleiten, mein Quartier nehmen.« »Ihr habt recht,« erwiderte Lorenzo, »doch mein Haus steht Euch stets offen, wenn Euch Euer Weg wieder nach Florenz führt.« Lorenzo stieg zu Pferde, auch Montesecco schwang sich in den Sattel und, von den Dienern gefolgt, ritten sie den Hügel hinab, zu der nach Florenz führenden Straße hin. Lorenzo war heiter und führte während des ganzen Weges mit Montesecco eine lebhafte und anregende Unterhaltung. Dieser erzählte, daß Carlo Manfredi, der Herr der an Imola stoßenden Grafschaft Faenza, schwer erkrankt sei und daß der Graf Girolamo ihm den Auftrag erteilt habe, mit der Familie Manfredi über den Verkauf einesteils ihrer Besitzungen an den Grafen zu verhandeln, er habe Entgegenkommen für die Wünsche des Grafen Girolamo gefunden; er wisse aber wohl, daß der Graf auch bei diesen Verhandlungen hohen Wert darauf legen werde, Lorenzos Zustimmung und womöglich wohlwollende Unterstützung zu erlangen. »Der Graf hat sich vorbehalten,« sagte er, »mit Eurer Magnificenz selbst über den Gegenstand zu sprechen, aber da mir nun die Ehre zu teil geworden ist, bei Euch so bereitwilliges Gehör und eine so freundliche Gesinnung für den Herrn Grafen zu finden, so meine ich, daß es gut ist, wenn ich Euch sogleich auch von diesen Plänen und Wünschen meines Herrn unterrichte.« Lorenzo ritt einige Augenblicke schweigend weiter, dann sagte er mit Nachdruck: »Ich danke Euch für Eure offene Mitteilung, tapferer Capitano und meine, Ihr seid ein kluger und geschickter Unterhändler für die Sache Eures Herrn. Ich sage Euch offen, hätte ich das, was Ihr mir mitgeteilt, auf anderem Wege erfahren, so würde es mich vielleicht betroffen gemacht haben, Euer Bericht aber beweist mir, daß Ihr bei Euerm Herrn nicht die Absicht voraussetzt, ein verdecktes Spiel zu treiben. – Ich will Euch also ebenso frei und offen meine Meinung sagen und vielleicht werdet Ihr durch die Mitteilung derselben dem Grafen einen Dienst leisten. Durch die Erwerbung noch eines Teiles der Besitzung von Faenza würde der Graf, in dessen Händen sich schon Imola befindet, ein gar mächtiger Nachbar der florentinischen Republik werden, mit Nachbaren aber muß man in einem klaren Verhältnis stehen. Will der Graf ein guter und treuer Nachbar sein, so wird er für alle seine Pläne meine Zustimmung und auch meine volle und kräftige Unterstützung finden – müßte ich fürchten, daß er jemals mein Feind werden könnte, so müßte ich jetzt schon ihm entgegentreten.« »Und wodurch,« fragte Montesecco, »kann der Graf Eurer Magnificenz die Aufrichtigkeit seiner guten und freundschaftlichen Gesinnung beweisen?« »Die Gesinnung beweist sich am besten durch die That,« erwiderte Lorenzo, »wenn Graf Girolamo hier ein so mächtiger Grundherr wird, so wird er, um als unser Freund zu gelten, dem Bunde beitreten müssen, den wir mit Mailand und Venedig geschlossen haben, denn auch meine Verbündeten werden der Gesinnungen des neuen Nachbarn sicher sein wollen.« »Aber,« sagte Montesecco, »ist der Bund, von dem Eure Magnificenz spricht, nicht gegen Seine Heiligkeit den Papst, gerichtet?« »Durchaus nicht,« erwiderte Lorenzo, »das ist es, was unsere Feinde dem Papst glauben machen wollen, wir stehen in Ehrfurcht und Ergebenheit zu dem apostolischen Stuhl und wollen nur unsere Selbständigkeit bewahren, wenn etwa am römischen Hofe, ganz unabhängig von der Person des heiligen Vaters, die Neigung vorhanden wäre, uns zu schwächen oder gar zu unterdrücken. Freie und ergebene Freunde sind eine bessere Stütze des heiligen Stuhls, als es murrend gehorchende Unterthanen sein könnten; außerdem muß Graf Girolamo bedenken, daß das Leben des heiligen Vaters, seines Oheims, so sehr ich auch Gott um die Erhaltung desselben bitte, doch durch die Natur begrenzt ist und daß ein Nepote des gegenwärtigen Papstes, der bei dessen Nachfolger ja vielleicht eine wenig begünstigte Stellung haben wird, als Besitzer der großen Herrschaft, die er in seiner Hand zusammen bringen will, für sich selbst sehr weise handelt, wenn er auch außerhalb Roms einen dauernden Anhalt in kräftigen und unabhängigen Bundesgenossen sucht, die von dem Wechsel in der Person des Papstes unabhängig sind.« »Ihr habt recht, bei Gott, Ihr habt recht, erlauchter Herr,« rief Montesecco, »Eure Staatsklugheit blickt weiter als alle anderen.« »Wenn der Graf Girolamo also,« fuhr Lorenzo fort, »in ein festes Bündnis zu uns treten will, so wird er auch ohne Zweifel gern die Hand bieten, um die Mißverständnisse, welche zwischen mir und dem Papst zu meinem Schmerz entstanden sind, aufzuklären und zu beseitigen und wem könnte das besser gelingen als ihm, der in so hohem Grade die Zuneigung und das Vertrauen seines ehrwürdigen Oheims besitzt. Dies sind also die Bedingungen einer freundlichen Nachbarschaft und demnach meiner vollen rückhaltlosen Unterstützung aller Pläne und Wünsche des Grafen Girolamo.« »Und das darf ich dem Grafen schreiben?« fragte Montesecco freudig. »Jedes Wort, das ich zu Euch gesprochen,« erwiderte Lorenzo, »würde ich dem Grafen selbst sagen, vielleicht wird er meine Meinung durch Euch lieber hören, da er ruhiger darüber nachdenken kann, bis er hierher kommt – ich werde mich freuen, wenn es Euch gelingt, zwischen mir und dem Grafen die politischen Beziehungen so zu gestalten, daß sie meiner persönlichen Gesinnung für ihn entsprechen.« »Ich werde alles, was mir Eure Magnificenz gesagt, treulich berichten,« erwiderte Montesecco, »und wünsche, daß Eure Magnificenz Aufrichtigkeit und Weisheit meinen Herrn ebenso überzeugen mögen wie mich.« Er ritt eine Zeit lang schweigend neben Lorenzo hin, der sein Pferd schnell ausgreifen ließ, fast schien es, als ob er noch etwas auf dem Herzen habe, aber bald begann Lorenzo wieder ein heiteres und anregendes Gespräch und bot ihm keine Gelegenheit, auf den eben berührten Gegenstand wieder zurückzukommen. Die Dunkelheit war völlig herabgesunken. Die Diener hatten die Fackeln angezündet, als sie in die Stadt einritten. Lorenzo verabschiedete sich artig von dem Capitano, als ihre Wege sich trennten und Montesecco ritt nachdenklich nach der Vorstadt hin, in welcher das Haus des Antonio de San Gallo lag. IX. Als Lorenzo in sein Zimmer zurückgekehrt war, um noch die eingegangenen Briefschaften durchzusehen, bevor er sich zum Nachtmahl in den Kreis seiner Familie begab, wurde ihm gemeldet, daß der Signor Bernardo Bandini ihn um Gehör bitte. Lorenzos Miene wurde bei Nennung dieses Namens finster und streng, er zögerte einen Augenblick mit der Antwort, dann aber befahl er den Gemeldeten einzuführen. Dieser war ein Mann von etwa dreißig Jahren, von schlanker und geschmeidiger Gestalt, reich in kostbare Stoffe gekleidet und zeigte in seiner Haltung die Sicherheit eines vornehmen Weltmannes. Sein Gesicht, von schwarzem, lang herabhängenden Haar umrahmt, war bleich und hatte regelmäßige, edle Züge, aber man sah in denselben Spuren wilder Leidenschaften, seine dunklen Augen blitzten lauernd unter den an der Nasenwurzel zusammenstoßenden Augenbraunen hervor und der feingeformte Mund mit dem spitzen Bart auf der hochmütig aufgeworfenen Oberlippe, verzog sich oft zu einem kalten, höhnischen Lächeln. »Ich komme,« sagte er, indem er sich tief und ehrerbietig, aber doch mit dem Ausdruck des Bewußtseins einer gesellschaftlich gleichen Stellung verneigte, »nicht zu der Zeit, zu welcher Eure Magnificenz Audienz zu erteilen pflegt, weil ich Eure, den regelmäßigen Geschäften gewidmete Zeit nicht in Anspruch nehmen möchte und weil das, was ich Euch zu sagen, um die Erlaubnis bitte, nicht in zwei Worten abgemacht sein kann.« Lorenzo hatte den Gruß des jungen Mannes mit einer ihm sonst nicht eigentümlichen, hochmütigen Kälte erwidert, er deutete auf einen Sessel und nahm selbst auf dem Arbeitsstuhl vor seinem Schreibtisch Platz. »Ich darf wohl voraussetzen,« fuhr der als Bernardo Bandini gemeldete fort, »daß Eurer Magnificenz mein Name bekannt ist, da mein Geschlecht der Stadt Florenz entstammt. Mein Vater aber war im Dienst des Königs von Neapel bis zu seinem Tode, der mich frei gemacht hat, um dem Zug des Blutes und der Tradition zu folgen, und zu versuchen, dem Vaterlande meine Dienste zu weihen.« Lorenzo hörte unbeweglich zu, ohne daß ein Zug seines Gesichts sich bewegte. Betroffen schwieg Bandini einen Augenblick, fuhr aber schnell gefaßt fort: »Eurer Magnificenz starke und geschickte Hand leitet die Geschicke der Florentinischen Republik, und deshalb auch könnt Ihr meine Wünsche erfüllen, denn Ihr und die Republik braucht Männer, wie ich es bin, die gelernt haben, alles zu sehen und über alles zu schweigen. Ich will offen sein. Mein kleines, ererbtes Vermögen habe ich verbraucht, und ich will und muß mir eine Lebensstellung und Erwerb schaffen. Gern will ich Euch dienen, und durch mich werdet Ihr Vieles erfahren, was, bisher verborgen, vor Euch sich heimlich entwickelte. Eure Feinde arbeiten gegen Euch, und wohl thut es Not, Euch durch treue Diener warnen zu lassen, als zu warten, bis das Unheil herannaht.« »Die Furcht,« sagte Lorenzo, sich stolz aufrichtend, »die Furcht überlasse ich denen, die eine ungerechte und unsichere Macht zu verteidigen haben. Meine Macht und Stellung ist fest gegründet auf dem Volkswillen und auf Arbeit und Kraft und bedarf nicht den Schutz der heimlichen Späherdienste.« »Ich bedaure das,« erwiderte Bandini, »für Euch und für mich, denn ich wollte meine Dienste als Gegenleistung bieten, für die Hilfe, die ich zu erbitten kam. Ich weiß, es widerstrebt Eurem hochherzigen Sinn, den Sproß eines edlen Hauses in Bedrängnis zu lassen, und ich muß mich nun allein auf Eure Großmut verlassen.« Kalt erwiderte Lorenzo, »meine Pflicht gebietet mir, zunächst denen zu helfen, die sich um das öffentliche Wohl verdient gemacht haben, wozu Ihr keine Gelegenheit hattet. Doch so weit ich kann, bin ich bereit Euch zu helfen, wenn Ihr mir Eure Lage und Bedürfnisse aufstellen und Eure Wünsche mitteilen wollt. Auch will ich versuchen, den hohen Rat der Signorie zu bestimmen, Euch ein Amt zu verleihen im Dienst der Republik.« Bandini stand finster blickend auf, verbeugte sich tief, sprach einige Worte des Dankes und verließ schnell das Gemach. »Er ist ein Abenteurer,« sagte Lorenzo, nachdem er wieder allein war, »und einer von den Schleichern, die im Finstern wandeln, der mich verraten würde, wie er jetzt andere verraten will. Das Werk meiner Vorfahren würde ich am sichersten zerstören, wenn ich mich dem finsteren Mißtrauen der Tyrannen hingeben wollte, – Was für die Sforza in Mailand und für die Arragonier in Neapel klug und notwendig sein mag, paßt nicht für die Medici. Wohl weiß ich, daß mir mächtige Feinde entgegenstehen, aber nicht hier in Florenz sind sie zu suchen. Die mich hier beneiden und vielleicht hassen mögen, sind ohnmächtig vor dem Vertrauen und der Liebe des Volks, die Feinde, welche gefährlich werden können, ziehen sich an der Grenze zusammen, des Grafen Girolamo Freundschaftsversicherungen traue ich nicht und ich werde darauf sinnen, eine Waffenmacht gegen ihn bereit zu halten. – Jedoch ist die Gefahr, die von ihm droht, nur kurz und auf das Leben des Papstes beschränkt, der ihn in seiner Stellung hält, die er selbst nicht behaupten könnte und wenn es mir gelingt, den Capitano Montesecco für den Dienst der Republik zu gewinnen, wozu er geneigt scheint, dann werde ich auch die starke Besatzung und die Bollwerke von Imola nicht scheuen. Doch fort mit diesen Gedanken und Sorgen! Wohl habe ich einen freundlichen und lieblichen Platz auf Erden, zu dem sie nicht dringen. Der gute Giuliano,« sagte er lächelnd, »ihn sollte ich bespähen, ihm die Freude seines Lebens verkümmern, dessen Blütezeit ohnehin nur zu bald verfliegen wird? Mag er sich freuen an den Blüten im Morgenlicht seines Daseins, auch er wird reifen und erstarken zu ernstem Ringen und sollte jemals, was ja wohl kommen kann, das Schwert gezogen werden müssen für die Freiheit des teuren Vaterlandes, das mit unserem Geschlecht verwachsen ist, so wird er an seinem Platz sein.« Seine Miene wurde heiter und freundlich, als er die Treppe hinaufstieg und die prächtigen Räume des Mezzanins betrat, in welchem sich bereits Verwandte und Freunde des Hauses versammelt hatten. – – Bandini blieb, als er den Palast verlassen, einen Augenblick auf der Straße stehen und blickte mit einer grimmigen Verwünschung nach den hell erleuchteten Fenstern zurück. »Er hat mich abgefertigt wie einen Bettler,« knirschte er, »dieser hochmütige Emporkömmling, der da meint, sich über den alten Adel Italiens, den Fürsten gleich stellen zu können. – Ich hätte ihm helfen können, sich den Weg seines Ehrgeizes zu bahnen und seine Feinde in seine Hände zu geben, ich bedarf des Goldes, das er doch sonst, wo es die Verfolgung seiner Pläne gilt, mit vollen Händen um sich wirft und wir hätten beide unsere Rechnung gefunden bei dem Bündnis, das ich ihm vorschlug. Er hat mich verachtet wie einen Wurm, der unter seinen Füßen im Staube kriecht, – er soll es erfahren, daß dieser Wurm sich zu einer Schlange aufbäumen kann, die ihn von seiner Höhe herabreißt. Seine Klugheit hat ihn verlassen in dem verblendeten Selbstgefühl seines Hochmuts – ich war klüger, daß ich das Geheimnis, das ich erspäht, für mich behielt, jetzt ist sein Schicksal besiegelt, er soll es empfinden, daß meine Kraft, die er für sich nicht gewinnen wollte, doch ein schweres Gewicht bedeutet in der Wagschale seines Verderbens. Er lachte hämisch, hüllte sich in seinen Mantel und ging schnellen Schrittes nach dem Palast der Pazzi. Der düstere Bau, welcher einer kleinen Festung glich, lag finster und still da. Die Wohnräume gingen nach den Höfen hinaus und kein Licht war in den hohen Fenstern nach der Straße sichtbar, nur zwei Windlichter brannten vor dem Eingange. Bandini ließ sich durch einen Diener, den er im Vestibül fand, bei Francesco Pazzi melden und wurde in dessen Wohnzimmer im Erdgeschoß geführt, das, wenn auch vornehm und reich ausgestattet, doch dem ganzen düsteren Charakter des Palastes entsprach und nichts von dem lichten Glanz zeigte, der das Haus der Medici überall erfüllte. Francesco empfing den späten Besuch mit einer gewissen Befangenheit und fragte fast ungeduldig nach seinem Begehr. »Ich komme zu Euch, edler Francesco,« sagte Bandini, »in einer ernsten Sache und bitte um Euer Gehör.« »Ich stehe zu Euern Diensten,« sagte Francesco, indem er auf einen Sessel deutete, »doch muß ich Euch sagen, daß ich noch Besuch erwarte – in einer geschäftlichen Angelegenheit und daß meine Zeit heute gemessen ist.« »Ich werde kurz sein,« erwiderte Bandini, »und bin gewiß, daß es nicht vieler Worte bedarf, um uns zu verstehen. Ich bin, wie Ihr wißt, nach langer Abwesenheit in die Stadt zurückgekehrt, der meine Familie entstammt und bin schmerzlich berührt durch die Zustände, die ich hier gefunden, habe. Die Freiheit der Stadt und der Republik von Florenz ist nur ein Schein und eine leere Form, in Wirklichkeit habe ich hier eine Tyrannei gefunden, wie sie schlimmer nicht in Neapel und in Mailand unter der unumschränkten Herrschaft der fürstlichen Allgewalt besteht.« Francesco horchte auf. »Ich verstehe Euch nicht,« sagte er. »Die Republik besteht nur dem Namen nach,« fiel Bandini ein, die Willkür der Medici, von der Gunst des Pöbels getragen, herrscht hier, wo einst die alten Geschlechter mit Klugheit und Würde die Regierung führten und wenn es dem hochmütigen Lorenzo eines Tages gefallen sollte, eine Fürstenkrone auf sein Haupt zu setzen und sich mit gedungenen Söldlingen zu umgeben, so werden die Rechte der Republik vor dem Hauch seines Mundes zerstäuben, wie die welken Blätter vor dem Herbststurm.« »Widersprecht mir nicht,« fuhr er fort, eine Bemerkung Francescos durch eine Handbewegung abwehrend, »ich weiß, Ihr denkt wie ich und seid entschlossen, diesem Zustand unwürdiger Knechtschaft ein Ende zu machen, wie es ja auch Eure Pflicht ist, als der Nachkomme einer langen Reihe edler und ritterlicher Vorfahren, die in Florenz geboren, ehe noch der Name der Medici aus dem Staube der Niedrigkeit emporgestiegen war – ich kenne Eure Gedanken und Eure Pläne.« Erschrocken sprang Francesco auf. »Ich verstehe Euch nicht,« sagte er mit bebender Stimme, »und begreife nicht, wie solche Gedanken Euch kommen können.« »Fürchtet nicht,« sagte Bandini ruhig, »daß das Geheimnis bei mir schlecht bewahrt sei, – ich verstehe es in den Gedanken der Menschen zu lesen und weiß, daß Ihr denken müßt wie ich und wünschen und streben wie ich, hätte ich die Absicht, Euch zu bedrohen und zu verraten, so wäre ich nicht hier. – Ich komme zu Euch, um Euch meine Dienste anzubieten, aufrichtig und ohne Rückhalt, mein Kopf ist klar, mein Auge scharf und mein Arm weiß die Waffen zu führen und sicher und fest zu treffen. Das Alles sind Dinge, die Ihr gebrauchen könnt und ein Mann wiegt viel, wo es gilt, zwei Männer verschwinden zu lassen, um ein hohes und edles Ziel zu erreichen. Heute noch steht die Macht der Medici auf vier Augen; sind diese geschlossen, so ist die florentinische Republik frei und Ihr und die Euren werdet wieder den Platz einnehmen, der nach Eurer Geburt und der Geschichte Euch gebürt.« »Ich weiß nicht,« sagte Francesco zögernd. »– ob Ihr mir vertrauen könnt,« – fiel Bandini ein, »Ihr dürft es, Ihr müßt es, wenn Ihr es ernst mit der Befreiung Eures Vaterlandes meint, – die Klugheit muß wohl mißtrauisch sein, aber unbegründetes Mißtrauen ist eine Thorheit, wenn es eine Hilfe zurückweisen möchte, die offen und ernst geboten wird. Ihr unternehmt es, die Medici zu stürzen, deren Allmacht unbegrenzt scheint und solltet Euch nicht fähig fühlen, einen Verrat zu bestrafen? Durch mein offenes Wort gebe ich mich in Eure Hände und Ihr werdet mich nicht für so thöricht halten, dies zu thun, wenn mein Anerbieten nicht ernst gemeint wäre. Ich hasse die Medici wie Ihr, fast möchte ichs wagen, das Werk, das Ihr vorbereitet, allein zu unternehmen und so wahr ich vor Euch stehe, ich werde allein handeln und mein Leben einsetzen, wenn Ihr zu zaghaft seid.« »Fast möchtet Ihr Recht haben,« sagte Francesco mit aufblitzenden Augen, »doch das Geheimnis, von dem Ihr sprecht, wenn es bestünde, wäre nicht das meinige.« »Ich weiß es wohl, daß Ihr nicht allein steht,« fiel Bandini ein, »müssen ja doch viele Kräfte sich vereinigen, wenn ein Ziel sicher erreicht werden soll – vielleicht aber habt Ihr schon zu viel solcher Kräfte vereinigt. Wenn Ihr den Napoleone Francesci von San Gemignano, der im Dienste Frankreichs die Verschwörung gegen den Papst Bonifaz angestiftet und dem Könige Philipp dem Schönen bei seinen schmählichen Wuchergeschäften zur Hand ging, Euer Vertrauen geschenkt, so wäre es thöricht, es mir zu versagen.« »Ihr wißt, –« rief Francesco erschrocken, – »Ihr kennt Napoleone Francesci?« »Wie er mich kennt, –« erwiderte Bandini, »er weiß es wohl, was meine Hilfe wert ist bei Eurem Werk, mehr vielleicht als die seinige, da ich mich nicht scheue, die Waffen zu führen und Leben gegen Leben einzusetzen. Ihr seht also, Ihr habt mir kaum etwas zu sagen, das mir nicht schon bekannt wäre und wäre ich Euer Feind, wäre ich ein Verräter an der Pflicht gegen die alte Mutterstadt meiner Familie, so hätte ich nur nötig gehabt, zu Lorenzo zu gehen und ihm zu sagen, was ich Euch gesagt habe.« »Bei Gott,« rief Francesco, »ich muß Euch Wohl vertrauen, doch bedenkt wohl, das ist eine Sache, bei welcher es sich um Leben gegen Leben handelt, ein Verrat würde seiner Strafe nicht entgehen.« »Ich weiß das,« erwiderte Bandini kalt, »mein Leben steht in Eurer Hand, schon ist es fast verloren, ich bin, vom Unglück verfolgt, arm und hilflos, aber ich will seinen Wert wiedergewinnen, indem ich es einsetze für eine große That in Gemeinschaft mit denen, an deren Seite zu stehen mir mein Name das Recht giebt.« »Ihr seid arm,« fragte Francesco, »und gebt Euer Leben verloren?« »Die Welt würde es so nennen,« erwiderte Bandini, »welche nur im Reichtum den Wert des Lebens sucht. – Ich habe alles verloren, was ich besaß und bin so arm, daß ich kaum weiß, womit ich morgen mein Leben fristen soll, aber dennoch habe ich nicht vergessen, daß das edle Blut in meinen Adern mir die Pflicht auferlegt, meiner Vorfahren würdig zu bleiben.« »Verzagt nicht,« sagte Francesco, Bandinis Hand drückend, »ein Mann, wie Ihr, soll sich nicht im niedrigen und unwürdigen Sorgen aufreiben. Kommt morgen zu mir, alle Sorgen sollen von Euch genommen werden und wenn es gelingt, unserem Vaterlande die Freiheit wiederzugeben, so soll bei Gott Euer Leben einen edleren Wert wieder erhalten, als ihn das Gold geben kann, das auch ich verachte.« »Ich danke Euch, edler Francesco,« sagte Bandini scheinbar gleichgültig, »von Euch darf ich annehmen, was ich von keinem Anderen erbitten würde, – biete ich Euch doch Besseres als das Gold, das mir der Zufall nahm, wie er es Euch gegeben. Doch nun sagt mir, was ist zu thun, worin kann ich meine Dienste bieten? Stellt mich auf den schwierigsten und gefährlichsten Platz – Ihr werdet mich bereit finden.« »Eure Frage soll sogleich beantwortet werden,« antwortete Francesco, »Ihr seid zur guten Stunde gekommen, ich erwarte Freunde, wie ich Euch gesagt und Ihr werdet Euern Platz in ihrem Kreise finden.« Ein Diener trat ein und meldete Francesco, daß die Herren, welche er eingeladen, beisammen seien. Francesco nahm Bandinis Arm und führte ihn über den Korridor zu einem Empfangssaal, in welchem eine große Gesellschaft, wie es schien in ernstem Gespräch, versammelt war. Es befanden sich hier Jacopo Salviati, der Bruder des Erzbischofs von Pisa, diesem ähnlich in seinem feinen, mehr listigen als geistvollen Gesicht und seiner schmächtigen Gestalt, dann Jacopo Bracciolini, ein Schriftsteller von etwa fünfunddreißig Jahren, der sich in Gelehrtenkreisen schon einigen Ruf erworben hatte und in seiner gesucht ernsten Kleidung und seiner selbstbewußten, feierlichen Miene den Dünkel zeigte, der namentlich in der damaligen Zeit bei den Mitgliedern der Gelehrtenzunft zu finden war. Mit ihm sprach ernst und eifrig ein magerer, noch junger Mann in Priestertracht mit bleichem Gesicht und leidenschaftlich funkelnden Augen. Es war Antonio Maffei von Volterra, ein zweiter Geistlicher, Stephano von Bagnone, der auch kaum das dreißigste Lebensjahr überschritten hatte, zeigte ganz im Gegenteil eine demütig gebückte Haltung, einen listigen Blick und ein stets um seine Lippen spielendes, süßliches Lächeln. Napoleone Franzesi von San Gemignano war kurz zuvor gekommen und begrüßte mit fast herablassender Miene Jacopo Salviati und einige von dessen Verwandten, die er mitgeführt hatte. Er war bereits fünfzig Jahre alt, aber suchte durch seine Haltung, seine auffallend kostbare Kleidung, sowie durch den zierlich gestutzten Bart, das sorgfältig gelockte noch schwarze Haar den Schein der Jugend festzuhalten, was ihm auch bei der Geschmeidigkeit seiner sehnigen Gestalt einigermaßen gelang; seine Züge waren verwittert und von Leidenschaft zerrissen und um seine schmalen Lippen lag ein Zug hämischer Grausamkeit. Auch Giovan de Montesecco war anwesend, er stand ernst, fast finster, die linke Hand an den Griff seines Degens gelegt, in militärischer Haltung da, ohne sich an dem Gespräch der Übrigen zu beteiligen. Napoleone eilte zuerst dem eintretenden Francesco entgegen. »Ah,« sagte er, »ich freue mich, daß ich Bernardo Bandini an Eurer Seite sehe, ich wußte es wohl, daß er sich zu uns halten würde und daß Ihr Euch mit ihm verstehen mußtet, einen besseren Verbündeten hätte ich unserer Sache nicht zuführen können als ihn.« Die Übrigen blickten Bandini etwas mißtrauisch an, doch Francesco erklärte, daß er dem neuen Genossen vertraue und für ihn die Bürgschaft übernehme. Dann ging er hinaus, um nach wenigen Augenblicken mit seinem Oheim Jacopo zurückzukehren, bei dessen Eintritt sich alle ehrerbietig verneigten. Jacopo de Pazzi, etwa fünfzig Jahre alt, war das Haupt seiner Familie, weniger durch seine Thätigkeit und verständnisvolle Arbeit, als durch sein Alter und die natürliche Gabe, überall das Wort mit Geschick und Würde zu führen und die Pflichten der Repräsentation zu erfüllen; im Übrigen war er ein Lebemann, der trotz seiner vorgeschrittenen Jahre alle Passionen seiner Jugend sich bewahrt hatte und abweichend von den sonstigen Sitten der Pazzi einen verschwenderischen Haushalt führte. Er nahm auf einem Lehnsessel Platz, die Übrigen gruppierten sich um ihn und Francesco begann: »Ich weiß, mein lieber Oheim, daß Ihr wie ich bitter die Schmerzen der drückenden Knechtschaft empfindet, unter welcher die Republik bei der unrechtmäßigen Herrschaft der Medici seufzt – wir alle hier haben uns vereinigt, um diese Knechtschaft abzuschütteln, wir haben den Plan gefaßt, die beiden, des Hochverrats an dem Vaterlande schuldigen Brüder von ihrer angemaßten Höhe herabzustürzen und sind überzeugt, daß Ihr unser Vorhaben billigt und uns mit Euerm Rat unterstützen werdet. Deshalb habe ich Euch gebeten unserer Versammlung beizuwohnen und unsern Plan zu prüfen. Ihr kennt die Herren hier außer Jacopo Bracciolini, den ich Euch vorzustellen mir erlaube und Bernardo Bandini, der nach der Heimat seiner Vorfahren zurückgekehrt ist, beide schließen sich uns mit voller Überzeugung an und wenn unser Werk gelingt, so werden ihre Verdienste daran nicht vergessen werden. Die beiden Genannten verbeugten sich. Bracciolini sagte: »Ich bin, edler Jacopo, von dem Grafen Girolamo Mario dazu bestimmt, seinen Neffen, den Kardinal Raffaelo, der in kurzem hier eintreffen wird, zu begleiten und ihn in allen Dingen mit meinem Rate zu unterstützen, den er wohl noch oft bedürfen wird, da er bei der Erhebung zu seiner hohen Würde seine Erziehung noch nicht vollendet hatte. Der Graf hat mich beauftragt, Lorenzo de Medici von meiner Sendung Kenntnis zu geben und ihm zu sagen, daß er sich in allen, den Kardinal betreffenden Dingen an mich wenden könne und dann hier Seine Eminenz zu erwarten. Ich habe mit tiefem Schmerz die Zustände kennen gelernt, unter welchen die florentinische Freiheit seufzt und mein Schmerz ist um so größer gewesen, da ich gesehen habe, daß der eitle und hochmütige Lorenzo es so wenig versteht, die Würde der Stellung, die sein Haus erklommen hat, zu wahren und zu vertreten. Florenz sollte der edelste Sitz der wahren Kunst und Wissenschaft sein, Lorenzo aber umgiebt sich mit Männern ohne Namen und Bedeutung, wie der junge Politiano und der flüchtige Chalcondylas und anderen, welche kein anderes Verdienst haben, als ihm kriechend zu schmeicheln und ich bin darum um so freudiger bereit an dem Werk der Befreiung mitzuarbeiten, als der Graf Girolamo mir zugleich den Auftrag gegeben hat, mich in allem der Führung des edlen Francesco anzuschließen, der mit ihm völlig übereinstimmt über das, was zur Errettung der florentinischen Republik und zum Heile des italienischen Vaterlandes notwendig sei. Jacopo verneigte sich leicht, sein Blick streifte schnell und prüfend den Kreis der Anwesenden und ein flüchtiges, leicht spöttisches Lächeln spielte um seine Lippen. »Ihr habt gewiß gute Absichten, edle Herren,« sagte er, »und wohl wäre es zu wünschen, daß die Republik ihre alte Freiheit bewahrt hätte oder zu derselben zurückkehren könnte – ich sehe aber nicht ein, wie dies geschehen sollte. Ihr wollt die Medici stürzen, das ist ein schweres Werk, da das ganze Volk zu ihnen steht, gegen das wir keine Macht haben, das ist ein Bollwerk, stärker als feste Burgen und Mauern, Ihr werdet Euch den Kopf daran zerrennen, und nichts erreichen, als Euer eigenes Verderben. Die Macht der Medici wird stärker und fester sein als vorher, ich will davon nichts hören und bitte Euch, mir nicht mehr davon zu sprechen.« Alle sahen sich betroffen an, sie hatten eine so bestimmte Ablehnung nicht erwartet. Francesco aber sagte: »Wohl habt Ihr Recht, mein Oheim, daß die Macht der Medici sich auf die Masse des Volks stützt, gegen die wir einzeln nichts auszurichten vermögen, aber die Volksmassen sind wankelmütig und feig, gelingt es uns nur, die beiden Brüder zu vernichten – und das wird ein Leichtes sein – und dann den ersten Ansturm des Volkes niederzuhalten, so wird die Masse sich bald fügen und ihren alten Herren, die sich auf das Recht der Vergangenheit stützen, ebenso zujubeln, wie sie es den rechtlosen Emporkömmlingen gegenüber thut. Und dafür ist gesorgt. Wenn der Kardinal Riario als Legat von Perugia hierher kommt und der Erzbischof von Pisa ihm zur Begrüßung entgegengeht, so wird es die Pflicht der Medici sein, diesen Kirchenfürsten, wenn derselbe auch in unserem Hause seine Wohnung nimmt, festlich zu empfangen und sie werden in ihrer Eitelkeit diese Pflicht mit besonderer Befriedigung erfüllen. Bei solchem Fest wird es ein Leichtes sein, uns der Beiden zu bemächtigen.« »Und das Volk,« fiel Jacopo ein, »wird seine Lieblinge wieder befreien und sie höher erheben als bisher.« »Auch dafür ist gesorgt, mein Oheim,« sagte Francesco. »Der Graf Girolamo hat bei Imola zweitausend Mann auserlesener Truppen versammelt, welche unter dem Befehl unseres Freundes, des tapferen Capitano de Montesecco stehen. Diese Truppen werden an dem zur Ausführung unseres Plans bestimmten Tage in kleinen Abteilungen bis an die Stadt heranrücken und sogleich nach geschehener That, ehe noch das Volk sich zusammenrotten kann, einziehen, die Stadt besetzen und jede Bewegung niederhalten, so daß wir vollkommen Herren der Lage sein werden und die beiden Brüder dem Grafen Girolamo, der dann in Imola anwesend ist, ausliefern können, um sie nach Rom zu führen, wo der heilige Vater selbst auf unsere Beschwerde über ihre Schuld das Urteil sprechen soll.« Jacopo hatte aufmerksam zugehört. Er wendete sich zu Montesecco und sagte: »Der Plan klingt wohl überlegt – was meint Ihr dazu, mein tapferer Capitano?« »Es ist,« erwiderte Montesecco mit einem leisen Seufzer, »wie der edle Franzesco es Euch gesagt – ich habe von meinem Herrn, dem Grafen Girolamo, den Befehl, an die Stadt heranzurücken, mich zur Verfügung des Herrn Francesco zu stellen und auf seinen Befehl die Brüder Lorenzo und Giuliano an den Grafen auszuliefern, auch bei deren Gefangennehmung hülfreiche Hand zu leisten.« »Das klingt freilich besser und ist, wie mir scheint, wohlüberlegt,« sagte Jacopo. »Doch wenn dies geschehen, was wird Seine Heiligkeit dazu sagen? Wenn er keine Schuld an dem Medici fände, dann wäre es schlimmer für uns als vorher und wir haben keine Anklage wegen irgend welcher Gewalttaten – sie haben die Herrschaft, unter der wir freilich seufzen, nicht erzwungen, sondern vom freiem Willen des Volks erhalten.« »War es nicht eine Gewaltthat ohne gleichen,« rief Francesco, »daß Lorenzo es gewagt, den Erzbischof von Pisa, einen edlen Florentiner, jahrelang von seinem Bischofssitz auszuschließen. War es nicht ein Trotz ohne gleichen, dem Papst die Beschaffung des Kaufgeldes von Imola unter nichtigen Vorwänden zu verweigern? Der Zorn Seiner Heiligkeit ist tief und wohl begründet und wenn er bis jetzt zurückgehalten wurde, so ist es nur geschehen, um nicht mit seinem Strahl die Stadt Florenz und das unwissende und bethörte Volk mit den Schuldigen zu treffen. Unser Wille und unser Plan, die Medici von ihrer anmaßenden Höhe herabzustoßen, ist dem heiligen Vater bekannt und von ihm durchweg gebilligt. Seine Heiligkeit wird uns Dank wissen, wenn wir den trotzigen Medici seinem Gericht ausliefern und unser Werk, das unserem Vaterlande die Freiheit bringt, ist auch des Segens der Kirche gewiß. Der Papst hat unseren Plan gebilligt und auch dafür wird der Capitano mein Zeuge sein, denn er war mit mir gegenwärtig, als der heilige Vater unserem Vorhaben seinen Segen gab.« Wieder blickte Jacopo wie fragend nach Montesecco hin. »Es ist so, wie Ihr hört,« sagte dieser. »Nach dem Willen des heiligen Vaters hat mein Herr, der Kardinal Girolamo, mir seinen Auftrag erteilt und ich kann Euch versichern, edle Herren, daß ich mich von einem solchen Unternehmen, in welchem ich zwei einzelnen Männern gegenüberstehe, statt in offener Feldschlacht mit dem Feinde zu ringen, fernhalten würde, wenn nicht des heiligen Vaters Befehl mir die Pflicht des Gehorsams auferlegte.« Jacopo neigte den Kopf sinnend auf die Brust. Mit gespannter Erwartung hingen die Blicke aller Anwesenden an ihm. »Wenn es so ist, edle Herren,« sagte er dann, »so ist freilich das Gelingen dieser Sache, durch welche die Freiheit unseres Vaterlandes wieder hergestellt werden würde, wohl möglich, und die Billigung Seiner Heiligkeit muß jedes Bedenken verschwinden lassen, denn der Papst würde sie nicht ausgesprochen haben, wenn er die Medici nicht zugleich als Feinde des apostolischen Stuhls und des großen Italienischen Vaterlandes betrachtete. Ich bin also bereit, Euch zu unterstützen, doch muß der Plan so gemacht werden, daß der Erfolg nicht in Frage gestellt wird.« »Der Plan ist fertig,« sagte Francesco, »der Capitano wird seine Truppen gegen die Stadt rücken lassen, und, was bei der schwachen Wache an den Thoren ein Leichtes ist, sogleich das militärische Kommando übernehmen, um die Pöbelmassen niederzuhalten, sobald der Schlag gegen die Medici geführt ist. Dies wird bei dem Gastmahl geschehen, das sie für den Kardinal Riario veranstalten, sei es in ihrem eigenen Hause, sei es in der Villa Fiesole, was noch günstiger wäre.« »Und Ihr glaubt,« fragte Jacopo mit lauernden Blicken, »daß die beiden Brüder sich so leicht werden überwältigen und gefangen nehmen lassen.« »Sie werden kaum zum Kampf gerüstet sein,« erwiderte Francesco, »während wir uns mit starken und scharfen Waffen versehen werden – wir werden sie umgeben und mit dem Ruf ›es lebe die Republik‹, uns auf sie stürzen, jeder Widerstand, den sie leisten möchten, könnte dann nur mit ihrer Vernichtung enden.« »Wir werden mit ihnen fertig werden,« rief Napoleone Franzesi lachend, indem er seinen Degen in der Scheide spielen ließ »und der Kampf wird bald beendet sein.« »Das ist ein Spiel auf Leben und Tod,« sagte Jacopo, »das müßt Ihr bedenken, im Kampf hat niemand die Macht, seiner Klinge den Weg vorzuschreiben.« »Man soll diese Macht haben,« sagte Montesecco herantretend mit ernstem Nachdruck, denn ich muß den Herren sagen, daß Seine Heiligkeit der Papst zwar den Sturz der Medici und die Verwendung der unter meinem Befehl stehenden Truppen genehmigt, aber auch zugleich verboten hat, das Leben der beiden Brüder in Gefahr zu bringen.« »Ganz Recht,« fiel Francesco schnell ein, während Jacopo den Kopf senkte und Napoleone Franzesi sich spöttisch lächelnd zur Seite wendete, »und wir werden bestrebt sein, dem Willen Seiner Heiligkeit zu entsprechen, indem wir ihn von seinen Feinden befreien. Eure Sache, mein Oheim, aber wird es dann sein, das Volk aufzuklären, die Befreiung von dem unwürdigen Joch zu verkünden und die leicht bewegte Masse, die ja, Euch von unserem ganzen Hause am freundlichsten gesinnt ist, dahin zu überreden, daß sie sich uns zuwendet.« »Dazu bin ich bereit,« antwortete Jacopo, »und ich glaube auch vorher schon den einen oder den anderen unter den Bürgern, welche zuweilen kommen, um meinen Rat zu holen oder einmal glauben, daß sie sich über die Medici zu beklagen haben, auf den Weg zu unserer Sache zu führen, so daß wir auch im Volke selbst Unterstützung finden werden.« »Wir sind also einig,« sagte Francesco »und haben nur noch den Tag der Ausführung zu bestimmen.« »Der Tag der Ausführung wird von den Ereignissen abhängen und läßt sich heute noch nicht festsetzen,« bemerkte Jacopo, »wir müssen nur wissen, welche Zeit der Capitano Montesecco bedarf, um seine Truppen an die Stadt heranzurücken. Mit diesem festen Rückhalt müssen wir rechnen, wenn wir hier ans Werk gehen.« »Ich bedarf nur wenige Tage,« erwiderte Montesecco, »da die Truppen schnell in zerstreuten Kolonnen heranrücken müssen, wenn nicht davon schon die Nachricht zu früh hierher gelangen sollte. Die erste Bedingung für das Gelingen ist das unverbrüchliche Geheimnis.« »Das soll bewahrt werden,« rief Francesco, »wer es verletzte, würde sich ja selbst dem sicheren Untergange opfern.« »So ist denn alles abgemacht, was heute abgemacht werden kann – wir wollen von nun an die Zusammenkünfte hier vermeiden, denn Lorenzo könnte dadurch Verdacht schöpfen – ich werde durch sichere Boten die Herren benachrichtigen von allem, was nötig ist und auch dem Kardinal Girolamo Nachricht geben. Für heute bitte ich Sie alle, meine Gäste zu sein – wir müssen uns frohen Mut erhalten und das wird wohl leicht sein, da wir ja unsere Zukunft von dem Druck der Tyrannei befreien wollen.« Er führte die Gesellschaft, der sich auch Jacopo anschloß, in die prächtigen Räume seiner Wohnung. Im Speisesaal stand ein ausgesuchtes Nachtmahl bereit und lange noch blieben alle beisammen, durch die edlen Weine der Keller des Hauses Pazzi zu immer wachsender Fröhlichkeit angeregt. X. Das Pfingstfest war nahe gekommen, und immer reicher entfaltete sich der Blütenschmuck, welcher die Blumenstadt Florenz mit seiner farbenreichen duftigen Pracht umgiebt und auch die Stadt selbst in ihren Straßen und Plätzen, in ihren öffentlichen Gebäuden und Palästen, legte schimmernden Schmuck an, um die Gäste zu begrüßen, welche in diesem Jahre das Pfingstfest noch glänzender als sonst gestalten sollten. Der Erzbischof von Pisa war gekommen und in dem Hause der Salviati abgestiegen; die Signorie hatte ihn begrüßt, die Brüder Medici hatten den angekommenen Kirchenfürsten, den sie so lange von seinem erzbischöflichen Stuhl ausgeschlossen, mit allen, seinem Stande gebührenden Ehren empfangen und das Bestreben gezeigt, die Vergangenheit vergessen zu machen, so daß die Pfingstzeit sich zu einem Versöhnungsfeste gestalten sollte zwischen der florentinischen Republik und dem Papste, der in der Verweigerung der Anerkennung des von ihm eingesetzten Erzbischofs eine schwere Verletzung seiner Autorität erblickte und nun über die Beilegung der Streitigkeiten, durch die Unterwerfung unter seinen Willen, eine wohlwollende versöhnende Botschaft gesendet hatte. Graf Girolamo Riario, der in Imola mit der Befestigung und Ausschmückung seines neu erworbenen Besitzes beschäftigt war, hatte für die Pfingstzeit seinen Besuch angekündigt und einen fast zärtlichen Freundschaftsbrief an Lorenzo de Medici geschrieben, mit der Versicherung, daß er kommen werde, um des Papstes Segensgrüße zu bringen und der Republik seine treuen freundnachbarlichen Gesinnungen zu beweisen. Alles aber wurde überstrahlt durch den Besuch des Kardinals Rafaello Riario, der seine Studien auf der Hochschule zu Pisa abgeschlossen hatte und sich nun nach Perugia, dem Sitz der ihm übertragenen Legation, begeben sollte, und zu seinem Empfange bereitete sich alles mit besonderer Freude vor, da, wie man wußte, der so sehr begünstigte Großneffe des Papstes einen ganz außerordentlichen Glanz auf seinem Zuge entfalten sollte, und das schaulustige Volk von Florenz sich von seiner Anwesenheit viel festliches Gepränge versprach. Zwar hatte der Kardinal in Montughi, der nahe vor der Stadt liegenden Villa der Pazzi, sein Absteigequartier genommen, ein Beweis, daß der Papst den ihm geleisteten Dienst hoch anschlug und durch gnädige Aufmerksamkeit zu vergelten strebte. Doch hatte der Kardinal Rafaello auch seinerseits einen außerordentlich verbindlichen Brief an Lorenzo geschrieben und so schien denn auch in dieser Richtung das Dunkel sich zu lichten, und eine freundliche Versöhnung sich zu entwickeln, um so mehr, da Jacopo sowohl, als auch Francesco Pazzi, bei jeder Gelegenheit den Medici mit Aufmerksamkeiten entgegen kamen. An einem schönen Sommernachmittage in der Woche vor Himmelfahrt saß die schöne Fioretta Govini in dem kleinen, von hohen Taxushecken eingeschlossenen Rondel vor ihrer Wohnung in dem Hinterhause des Antonio de San Gallo, auf einer kunstvoll zusammengestellten und von einer duftenden Blütenlaube umgebenen Moosbank. Die alte Ginevra hatte den kleinen Giulio fortgetragen und in seine Wiege gebettet, neben der sie, ein leises Schlummerlied singend, selbst eingeschlafen war. Fioretta war in tiefes Sinnen versunken und ihre Augen blickten trübe wie von Thränen umflort. »Wie schön ist es hier,« sagte sie seufzend, die blühenden Zweige zu sich herabbeugend und den Duft einsaugend, »muß ich nicht glücklich sein mit dem Geliebten und dem Kinde, die meine ganze Welt sind und mein ganzes Leben umfassen, in Gegenwart und Zukunft? Und doch will mir oft das Herz zerspringen in banger Unruhe und ich vermag den Thränen nicht zu wehren, die mir den Blick verschleiern, der sich freuen möchte an dem blauen Himmel und dem goldenen Sonnenlicht der Gegenwart – – und der Zukunft –« sprach sie nach kurzem Schweigen weiter, indem ihre feuchten Augen einen starren Blick annahmen. – »Die Gegenwart halte ich wohl in meinen Händen und berausche mich an ihrem Duft und ihrer Glut, aber die Zukunft? Die Zukunft das ist mein Kind, mein süßer Giulio und wie wird sie sich gestalten, für ihn, der keinen Namen hat und sich verbergen muß vor den Augen der Welt, während ich ihn doch jubelnd aller Welt zeigen möchte, wenn er so klug blickt und so süß lächelt und weit hinaus rufen möchte: Seht ihn an, das ist mein Kind, mein süßer Giulio, der in Blick und Lächeln so ähnlich ist seinem Vater, und ihm ähnlich werden soll an Kraft und Schönheit, an Stolz und kühnem Mut – warum bin ich hier verborgen, in dieser Heimlichkeit –« Sie sprang auf und ging unruhig auf und nieder, zu den Taxusbäumen aufblickend, die, fest aneinander geschlossen, eine Mauer zu bilden schienen und nur einen kleinen Ausgang offen ließen, der von außen wieder durch eine vorgeschobene Hecke verschlossen war, so daß man in den kleinen runden Platz nur durch einen schmalen Gang eintreten konnte, wie in den, bei der damaligen Gartenkunst so beliebten Irrgärten. »Der Vogel freilich,« sprach sie weiter, »zieht sich in sein stilles verborgenes Nest zurück zu friedlichem Glück, aber er darf auch die Schwingen ausbreiten zu weitem Flug, um sich zu erfrischen in der freien reinen Luft, unter dem großen blauen Gewölbe des Himmels. Ich aber bin eingeschlossen, wie in einem Käfig. – Und schmückt man nicht auch des gefangenen Vogels Käfig mit grünen Zweigen und frischen Blüten? Und doch wird der Vogel krank und muß endlich sterben in seinem Gefängnis, das ihm den freien Flügelschlag im Sonnenlicht unmöglich macht, den er bedarf zu seinem Leben. – O, ich vertraue meinem Guiliano, wie ich der Liebe und Gnade Gottes selbst vertraue; aber wenn ich bösen Zweifeln Raum geben wollte, wie sie zuweilen in der Einsamkeit sich zu regen beginnen, könnte nicht dies reizvolle Geheimnis, das mir hier geschaffen ist, ein Käfig sein, den gefangenen Vogel zu täuschen über den Verlust seiner Freiheit, könnte dies Geheimnis nicht ein Schleier sein, der ein tändelndes Spiel des Augenblicks verdecken soll? O mein Gott,« rief sie, die Hände zum Himmel erhebend, »bewahre mich vor solchen Gedanken, bewahre mich vor Zweifeln an der Liebe und Wahrheit dessen, dem ich mein ganzes Leben hingegeben. Aber solche Gedanken kommen von der Entbehrung der freien Bewegung, ich will nicht mehr gefangen sein, ich will einmal wenigstens mein Auge erfrischen an dem weiten Blick über diese Hecken hinaus!« Sie trat in den engen Gang zwischen den Taxushecken und kam durch den verschlungenen Weg in den großen, reich und geschmackvoll angelegten Garten, mit seinen schattigen Bäumen, seinen frischen Rasenflächen, seinen blühenden Sträuchern und Blumenbeeten und seinen Marmorbassins mit frischem Wasser. »O, wie schön ist das alles hier,« rief sie, entzückt über den weiten Ausblick, der sich ihr öffnete, »o, es ist unrecht, daß mein Giuliano mir all diese Schönheit verbergen will! – Sind wir denn nicht auch hier vor den neidischen Blicken sicher? und ich fühle es wohl, ich würde ihn mehr noch lieben, hier in dem freien hellen Licht, unter dem weiten blauen Himmel, als dort in dem kleinen Versteck, das mir die Seele bedrückt.« Der große Garten war völlig leer. Die Dienerschaft befand sich im vorderen Teile des Hauses und Antonio de san gallo pflegte erst am späten Abend von seinen Werkstätten zurückzukehren. Sie trat zu einem von schimmernden und duftigen Blumenbeeten umgebenen Bassin, in dessen krystallklarem Wasser kleine Goldfische spielten. Mit kindlich glücklichem Lächeln freute sie sich des reizvollen Anblicks und warf einige Blüten in das Wasser, um das Spiel der Fische zu beleben. »Ist es nicht dennoch unrecht von mir,« sagte sie wie erschrocken, »daß ich Giulianos Gebot überschreite, – hat er mir nicht gesagt, daß unser Glück abhängig sei von dem Geheimnis?« Wie trotzig schüttelte sie dann den Kopf. »Nein nein, für ihn mag wohl jenes kleine verborgene Nest um so reizender sein, da er in der großen weiten Welt draußen lebt, aber er sollte, er darf nicht vergessen, daß auch ich nach der Freiheit mich sehne und nur in der Freiheit glücklich sein kann.« Sie wendete sich einer schattigen Allee von Platanen zu und ging schnellen Schrittes, als wolle sie in der Bewegung ihre Zweifel unterdrücken, vorwärts. Der von dem grünen Blätterdach der hohen Bäume überdeckte Gang führte nach der Mauer hin, welche den Park einschloß. Plötzlich sah sie eine kleine Gitterthür vor sich, welche den Ausgang zu einer Seitenstraße bildete, die, an einzelnen reizend gelegenen Villen vorbei, aus der Vorstadt hinausführte. Erschrocken fuhr sie zurück, denn hinter dem Gitter der Thür stand ein Mann, in einem äußerlich unscheinbaren, aber außerordentlich eleganten Anzug von grauer Seide. Er war an dem Schloß der Thür beschäftigt, und fuhr bei dem Geräusch ihrer Schritte auf dem feinen Kies erschrocken auf. »Ach, da seid Ihr, schöne Fioretta,« sagte er, als sie zitternd stehen blieb und dann eine Bewegung machte, um sich rückwärts zu wenden – »so führt mir ein guter Geist Euch entgegen, da ich auf dem Wege bin, Euch in Euerm Versteck aufzusuchen.« »Zu mir kommt Ihr –?« fragte sie, mit ängstlicher Verwunderung, den Besucher ihres Hauses bei San Donino erkennend, der sich ihr nur Bernardo genannt hatte, »und hier auf diesem Wege, der doch nicht der Eingang des Hauses ist – so kennt Ihr Herrn Antonio und –« Sie stockte errötend. »Ich kenne ihn nicht,« fiel Bernardo schnell ein, und darum suche ich mir diesen geheimen Weg zu Euch, um Euch zu warnen und zu retten vor unwürdigem Betrug, um Euch zu befreien, wenn Ihr mir vertrauen wollt, wie Ihr zu Eurem Unglück falschen Freunden Vertrauen geschenkt habt. Kennt Ihr mich nicht wieder, da Ihr mir doch mehrmals in Eurem Hause einen Trunk und eine Erfrischung an Euern schönen Früchten geboten habt; wenn ich ermüdet vom scharfen Ritt bei Euch vorsprach?« »Wohl kenne ich Euch wieder,« sagte Fioretta, fast unwillig, »ich habe Euch gern bewirtet, so gut ich's vermochte, aber Ihr wißt wohl, daß ich Euch nicht mehr aufnehmen durfte, seit Ihr Worte spracht, die ich nicht hören durfte und nicht hören wollte.« »Ihr wolltet nicht hören, daß ich Euch liebe,« rief Bernardo, mit leidenschaftlich aufglühenden Augen – »Ihr hattet unrecht daran, ich wollte Euch meine Hand reichen und Euch vor der ganzen Welt als meine Gemahlin anerkennen.« »Und darum,« fragte Fioretta unwillig, »kamet Ihr immer, wenn mein alter Jacopo in San Donino zum Markt abwesend war, oder auf dem Felde zu thun hatte? – Ihr begreift wohl, daß mir das kein Vertrauen zu Euch einflößen konnte und dann,« fuhr sie errötend fort, »habe ich Euch ja gesagt, daß ich Eure Worte nicht verstehen wollte und nicht verstehen durfte, weil – weil –« »– weil,« rief Bernardo, »Euer Herz auf einen Irrweg geraten war, den Ihr schwer bereuen werdet. Da seid Ihr nun hier in diesem geheimen Versteck eingeschlossen, wie eine Gefangene, und der Euch hierher führte, der Euch hier eingeschlossen hält, wird schwerlich den Willen haben, Euch jemals frei vor der Welt seine Gemahlin zu nennen.« »Lästert nicht,« rief Fioretta zornig, »ich habe nichts mit Euch zu thun, was wollt Ihr hier – wie habt Ihr den Weg hierher gefunden?« »Ich habe den Weg gefunden, Fioretta, weil ich Euch liebe, mehr als irgend ein anderer Euch lieben kann, mehr gewiß, als Euer Kerkermeister, der Euch eingeschlossen hält, als das Spielzeug müßiger Stunden – und was ich hier will? – Ich will Euch den Weg der Rettung öffnen, wenn Ihr gerettet sein wollt.« »Gerettet –« rief Fioretta, mit drohend blitzenden Augen, »gerettet vor meinem höchsten Glück? Geht, geht, Ihr betrügt mich – vor Euch würde ich Rettung suchen müssen, wenn mich nicht dieses Haus hier vor Eurer Verfolgung schützte.« »Dies Haus schützt Euch nicht,« erwiderte Bernardo, »vor der warnenden Stimme der Liebe, die mich hierher trieb, Euch zu suchen und hätte Euch nicht der Zufall in dieser Stunde hierher geführt, so wäre ich zu Euch gedrungen, um Euch meinen Beistand zu bringen.« Er öffnete mit einem kleinen Schlüssel das Schloß der Thür und trat über die Schwelle. Sie stieß einen Schreckensruf aus und wollte fliehen. Er aber faßte ihre Hand und sagte: »Fürchtet Euch nicht, Fioretta, Ihr seid bei mir so sicher, als hinter den Mauern jenes Hauses und nur Euer freier Wille soll und kann Euch retten, wenn Ihr mir glauben und vertrauen wollt.« »Ich glaube Euch nicht,« rief sie, ihre Hand schnell zurückziehend, »ich habe nur einen Glauben, den Ihr nicht aus meinem Herzen reißen sollt durch tückische Verleumdung.« »Ich zürne Euch nicht, Fioretta, wegen Eurer harten Worte, ich verstehe es ja, daß es Euch schwer wird, der Täuschung zu entsagen, die Euch glücklich macht, aber was Ihr Verleumdung nennt ist die Wahrheit. Er, dem Ihr gefolgt seid, in thörichter Aufwallung Eures Herzens, er wird Euch niemals das sein, was Ihr von ihm hofft, und wenn Ihr ihn kennt und die Welt versteht, so müßt Ihr selbst davon überzeugt sein –« fügte er mit lauerndem Blick hinzu. Fioretta zuckte erbleichend zusammen. Sie schwieg einen Augenblick. Dann aber rief sie: »Ich kenne sein edles Herz, in dem nur die Wahrheit und die Treue wohnen und das keiner Lüge, keiner Täuschung fähig ist.« »Und wenn,« sagte Bernardo, »die Worte, mit denen er Euch verlockt, keine Lüge waren in dem Augenblick, in dem er sie aussprach, so werdet Ihr Euch überzeugen, daß er selbst nicht die Macht hat, sie zur Wahrheit werden zu lassen.« »Mich überzeugen?« rief sie, »niemals! – Beweist was Ihr sagt, oder verlaßt mich sogleich, wenn ich nicht Hilfe herbeirufen soll.« »Der Beweis ist leicht,« erwiderte Bernardo, »folgt mir nur wenige Schritte, – in jener Straße, welche dort an der Ecke vom Lande hereinführt, werde ich Euch den Beweis liefern, daß ich Euch die Wahrheit gesagt, Eure eigenen Augen sollen mir als Zeugen dienen.« Fioretta stand zitternd da. Sie wich ängstlich einen Schritt zurück. »Euch folgen,« sagte sie mit unsicherer Stimme, »in Eure Gewalt sollte ich mich begeben?« »In meine Gewalt? Ihr seid thöricht – würde ich Gewalt über Euch haben, selbst wenn ich Euer Feind wäre, auf der offenen Straße, inmitten zahlreichen Volks, das sich dort schon versammelt, um ein Schauspiel von Glanz und Pracht zu sehen? Frei seid Ihr dort wie der Vogel in der Luft. Den Schlüssel dieser Thür will ich in Eure Hände legen, so daß Ihr jeden Augenblick zurückkehren könnt. Warum wollt Ihr diese wenigen Schritte nicht wagen, um den Zweifel, der dennoch wohl in Euerm Herzen sich regt, für immer auszurotten, wie Ihr es ja meint.« »Ja,« sagte sie nach kurzem Besinnen, »ich will sehen, ich will mich überzeugen, daß Ihr mich betrügt, obgleich ich nicht verstehe, was ich sehen soll.« »Ihr werdet es verstehen. Kommt, dort werden die Stimmen der Menge immer lauter, Ihr habt meinen Beweis verlangt, ich bin Euch schuldig, aber verhüllt Euer Gesicht, Ihr sollt völlig unerkannt bleiben und niemand soll in Euern Mienen lesen, was in Euch vorgehen möchte.« Fioretta warf schnell das Spitzentuch, das sie um ihre Schultern trug, über den Kopf, so daß ihr Gesicht fast verhüllt war. Dann trat sie festen Schrittes auf die Gasse hinaus. Bernardo verschloß die Thür und gab ihr den Schlüssel. Dann legte er ihre Hand auf seinen Arm und führte sie, schnell vorwärts schreitend, nach der Ecke hin, wo die Gartengasse in eine breite Straße mündete, die von den waldigen Hügeln des freien Landes her in die Stadt führte. Eine schnell anwachsende Menge war hier versammelt und schien sich in Erwartung eines außergewöhnlichen Ereignisses zu befinden. Die neugierigen Blicke wendeten sich bald nach außen hin, bald dem Innern der Stadt zu und lebhafte Gespräche wurden ringsum geführt. »Von hier werdet Ihr alles sehen,« sagte Bernardo, hinter der letzten Reihe der Neugierigen stehen bleibend. »Was soll ich sehen,« fragte Fioretta, ängstlich stehen bleibend, – »o, ich hätte Euch nicht folgen sollen.« Ehe Bernardo antworten konnte, drängte sich die Menge weiter nach der Straße hin, alle Häupter wendeten sich nach der letzten Biegung des Weges vom Lande her. »Da kommen sie,« rief es hier und dort, »das ist Seine Eminenz, der Kardinal, der Erzbischof von Pisa reitet an seiner Seite – wie viele Herren ihm folgen!« »Der Kardinal,« flüsterte Fioretta, »o mein Gott, wäre es möglich!« Sie trat einen Schritt vor und streckte spähend ihren Kopf dem Zuge entgegen, der vom Lande her nahte. An der Spitze ritt auf edlem reichgeschirrtem Pferde der Kardinal Raffaello in einem eleganten Gewand von schwarzer Seide, mit purpurner Verbrämung, auf dem Haupt mit dem gelockten Haar das Purpurbarett; um seinen Hals hing an goldener Kette ein großes, reich mit Edelsteinen besetztes Kreuz. Sein etwas bleiches, noch ganz jugendliches, fast mädchenhaftes Gesicht mit den großen, dunklen Augen, zeigte eine gewisse ängstliche Befangenheit, als ob er sich noch unsicher in seiner hohen Stellung fühle, und durch die auf ihn gerichteten Blicke der zahlreichen Menge befangen und eingeschüchtert sei. Seine ganze Erscheinung hatte etwas Schülerhaftes, war aber doch vornehm sympathisch und als er mit einer natürlichen Anmut nach allen Seiten hin grüßend, den Kopf neigte, klang ihm manches freundliche Willkommen aus der Menge entgegen. Zu seiner Rechten ritt der Erzbischof Salviati in stolzer und sicherer Haltung, zu seiner Linken Francesco de Pazzi in prächtigem, von Brokat- und Goldstickerei schimmerndem Anzug, und hinter ihm folgte eine große Anzahl von Herren seines Gefolges, denen sich eine reiche Zahl in Gold und Silber schimmernder Diener anschloß. »Wie sieht er zart aus, der junge Kardinal,« sagte eine alte Frau, welche neben Fioretta stand, »so sanft und fromm, als ob der Himmel selbst ihn sich zu seinem Dienst erbeten.« »Jung und zart –« murrte ein alter behäbiger Bürger, »wie ein Schüler sieht er aus, der noch viel lernen könnte, ehe er andere belehrt – ja ja, wer den Papst zum Oheim hat, der kann wohl leicht Kardinal werden, und wenn er auch von der Schulbank geholt wird, auf der andere noch lange sitzen müssen, ehe sie nur die erste Weihe erhalten.« Langsam kam der Zug näher. Fioretta hatte ängstlich den Kardinal angesehen und betrachtete dann forschend alle seine Begleiter. Sie atmete erleichtert auf. Es waren lauter ihr fremde Gesichter. Da ertönten von der Straße her laute jubelnde Stimmen, man vernahm deutlich die schnell heranbrausenden Rufe: »Palle – Palle!« »Was bedeutet das?« fragte Fioretta. »Das ist der Ruf,« sagte Bernardo, »mit dem das Volk die Medici begrüßt, die in Florenz herrschen und in ganz Italien gefürchtet werden – hört Ihr, wie sie den Mächtigen zujubeln, von denen alle Gunst und Gnade abhängt. Gebt wohl acht,« fügte er mit einem hämischen Ton hinzu, bei dem Fioretta zusammenschauerte, »daß Ihr sie deutlich seht, die Allgewaltigen, Ihr habt nicht nötig, vorwärts zu gehen – sie überragen das Volk auf ihren hohen Rossen. Seht Ihr wohl, der Kardinal, der Neffe des Papstes, hält sein Pferd an, um die Gebieter von Florenz zu erwarten.« »Palle – Palle!« klang es ringsum. Auch der Bürger, welcher vorhin über die Jugend des Kardinals gespottet, rief mit weithin schallender Stimme den Mediceischen Gruß. Da sprengte dem glänzenden Zuge voran Lorenzo auf einem hochedlen, aber einfach gezäumten andalusischen Pferde heran. Er war in einen schwarzen Anzug von Seidenbrokat gekleidet, eine goldene Kette, von kunstvoller venetianischer Arbeit, hing um seine Schultern, an dem Griff seines Degens funkelten kostbare Edelsteine. Hinter ihm folgte der Markgraf Gabriele Malaspina mit seiner Gemahlin und seiner Tochter. Neben Giovanna ritt Giuliano, in heiterem Gespräch mit der Braut seines Freundes Cosimo, scherzend und lachend. Er war glänzend in leuchtende Farben gekleidet, kunstvolle Stickereien und kostbare Edelsteine schmückten seinen Gürtel, sein Degengehänge und den Griff seines Dolches, sowie die Agraffe seines Baretts mit den weißen Federn, sein reiches Haar wehte im Winde. Er überstrahlte alle an Glanz und Schönheit, und »Palle – Palle!« klang es ringsum noch lauter und feuriger, als er sich mit Anmut verbeugte und von Giovanna trennte, um seinem Bruder zu folgen. »Seht genau hin,« flüsterte Bernardo der mit einem leisen Wehruf erbebenden Fioretta zu, »und prüft wohl, ob ich Euch den Beweis für meine Worte erbracht.« Fioretta stützte ihre zitternde Hand auf seinen Arm, ihre Kräfte verfügten, kaum vermochte sie sich aufrecht zu halten. Aber hatte Giuliano ihr nicht gesagt, daß er reich sei und stolze Verwandte habe, die er erst mit der Wahl seiner Gemahlin versöhnen müsse – war es nicht natürlich, daß er hier seinen Platz fand, im Gefolge Lorenzos, wenn sie auch nicht geglaubt hatte, daß er gar so hoch über ihr stände. Sie wendete sich schnell von Bandini ab und fragte die alte Frau, welche neben ihr stand: »Wer ist es, der dort mit der schönen Dame spricht und sie nun verläßt, um seinen Herrn einzuholen?« »Seinen Herrn?« fragte die Alte, »Ihr kommt wohl von weit her und waret noch nie in Florenz, daß Ihr den erlauchten Giuliano de Medici nicht kennt, den Bruder des prächtigen Lorenzo?« »Giuliano de Medici,« flüsterte Fioretta, indem sie ihr einen Augenblick herabgesunkenes Tuch schnell wieder vor dem Gesicht zusammenzog, »o mein Gott! So ist es wahr, wirklich wahr –« Ihre Knie wollten zusammenbrechen; sie raffte ihre Kräfte zusammen und nahm halb bewußtlos die stützende Hand, die Bernardo ihr reichte. »Seht nur,« sprach die Alte weiter, »wie schön er ist, wie herrlich er zu Pferde sitzt, wie seine Augen leuchten.« Und Fioretta sah unverwandt hinüber, alle ihre Kraft vereinigte sich in ihren Augen, sie war wie gebannt von diesem Anblick, der ihr den Geliebten zeigte in so glänzender Herrlichkeit, wie sie ihn noch nie gesehen, und zugleich ihr Herz in Todesqual erstarren ließ. Der Kardinal hatte die beiden Brüder fast scheu, wie mit schülerhafter Ehrerbietung begrüßt und hörte noch aufmerksam den Worten Lorenzos zu, der mit herzlichem Wohlwollen zu ihm sprach, während das Gefolge in großem Halbkreise umher hielt. »Und wer,« fragte Fioretta die Alte, »ist jene Dame, an deren Seite der hohe Herr heranritt?« »Das, ist die Tochter des Markgrafen von Fosdinuevo,« erklärte die Frau eifrig, »die mit ihren Eltern hier im Palast der Medici zum Besuch ist.« »Das ist wohl die Braut des Herrn Giuliano?« fragte Fioretta hastig mit rauher tonloser Stimme. »Nein,« sagte die Alte lachend, »nein, die schöne Signora Giovanna, sie ist wohl eine sehr vornehme Dame und wird den Medici verwandt werden durch den jungen Rucellai, ihren Verlobten, aber so hoch darf sie doch wohl die Augen nicht erheben bis zu dem erlauchten Giuliano, für den ist wohl eine Herzogin, oder gar eine Prinzessin aus königlichem Stamme bestimmt – man spricht schon davon, daß irgend so etwas im Gange ist, und wahrlich, des herrlichen Giuliano Gemahlin zu werden, das ist wohl auch für eine Königstochter das höchste Glück, das sie auf Erden finden kann.« »Das höchste Glück –« wiederholte Fioretta, die Worte der Frau mit dumpfem Ton nachsprechend, und wieder dann starrte sie hinüber nach dem Schauspiel, von dem sie ihre Augen nicht abzuwenden vermochte, ohne Bernardo zu antworten, der ihr zuflüsterte: »Habt Ihr genau gesehen – seid Ihr überzeugt, daß ich es treu gemeint habe mit meiner Warnung?« Der Kardinal begrüßte den Markgrafen und die Damen, sowie die übrigen Herren des Gefolges der Medici und ritt dann, die beiden Brüder zur Seite, nach der Stadt hin, um in dem Mediceischen Palast der Donna Clarice sich vorzustellen und später dem hohen Rat seinen Besuch zu machen. Die Volksmenge drängte dem Zuge nach. Immer ferner klang das Palle – Palle, das man nicht müde wurde, den Medici nachzurufen, und bald blieben Bernardo und Fioretta allein. »Nennt Ihr mich noch einen Betrüger?« fragte Bernardo, »erkennt Ihr es jetzt, daß ich wohl recht hatte, Euch zu warnen?« Fioretta hatte sich umgewendet und ging eiligen Schrittes den Gartenweg entlang. Fast schon hatte sie die kleine Pforte erreicht, als Bernardo ihre Hand faßte. »Ihr wollt,« fragte er, »zurückkehren in Euer Gefängnis, nachdem Ihr erkannt, daß Ihr das Opfer eines leichtsinnigen, frevelhaften Spiels geworden seid?« »Und was denn, meint Ihr, daß ich thun sollte? Ist dort nicht mein Sohn, mein süßer Giulio, dem ich Schutz und Sorge schuldig bin, den ich bewachen muß, damit er niemals erfährt, wer sein Vater war –.« Sie hatte die letzten Worte kaum hörbar geflüstert, zog heftig ihre Hand zurück und schritt schnell weiter. »O, fürchtet nicht,« sagte Bernardo, der sie dennoch verstanden hatte, »für Euer Kind – Giuliano ist großmütig, er wird für den Knaben sorgen – Ihr seid frei, ganz frei, und könnt nach solcher schmerzlichen Täuschung wohl noch neues blühendes Glück finden. Euch messe ich keine Schuld bei, ich werde Euch mit fester Hand durchs Leben führen – folgt mir, Ihr sollt schnell in Sicherheit sein, niemals wird er Euch entdecken.« »Mein Kind verlassen?« rief Fioretta, ihre Schritte verdoppelnd – »das wagt Ihr zu sagen, das wagt Ihr meine Rettung zu nennen? Was meine Zukunft bringen mag, das weiß ich nicht, aber meinem Kinde gehört mein Leben, und mein Weg auf Erden wird niemals mit dem Eurigen sich begegnen. Ich danke Euch nicht, daß Ihr mir eine Wahrheit gezeigt habt, die wohl auf andere Weise sich freundlicher enthüllt haben würde, und ihm aber, dem mein Herz für alle Ewigkeit gehört, danke ich für das selige Glück, das er mir gegeben; an seine Liebe werde ich glauben, ob auch die harte und kalte Welt Felsenwände zwischen uns aufrichtet!« Sie hatten die Gartenthür erreicht. »Ihr seid wahnsinnig,« rief Bernardo grimmig, »es ist ein Zauberbann, der Euch gefangen hält, Ihr dürft nicht weiter dem Wege Eures Verderbens folgen, ich darf und will Euch nicht preisgeben und, wenn es sein muß, werde ich Euch zwingen, mir auf dem Wege Eurer Rettung zu folgen!« Er faßte ihren Arm und wollte sie mit sich fortziehen. Sie stieß ihn heftig zurück, ließ das Schleiertuch von ihrem Haupte herabfallen und rief mit drohend blitzenden Augen: »Wagt es, ich werde die Kraft finden, Euch zu widerstehen, mein Hilferuf wird gehört werden und Ihr werdet der Strafe solchen Frevels nicht entrinnen.« Er trat erschrocken zurück und blickte umher. Wohl war die Straße fast menschenleer, ein Knabe blickte nur eben noch aus einem Heckengang zurück, aber von fern her hörte man Stimmen – eine gewaltsame Entführung war unmöglich. In einem Augenblick veränderte sich seine drohende Miene. »Verzeiht mir, Fioretta, wenn ich auch selbst wider Euren Willen Euch retten wollte, Ihr seid jetzt erregt, aber Ihr werdet es einsehen, daß ich Euer Bestes will. Denkt über alles nach, was ich gesagt und was Ihr gesehen, ich werde stets zu Euern Diensten bereit sein, ich werde das Haus, das Euer Gefängniß geworden ist, bewachen, es wird mein einziger Gedanke sein, Euch zu befreien und einem neuen glücklicheren Leben Euch zuzuführen. Ihr werdet einsehen, daß Ihr mir Unrecht gethan, des bin ich gewiß und wollt Ihr mich rufen, so befestigt an dieses Gitter einen grünen Zweig, wenn ich dieses Zeichen sehe, so werdet Ihr mich am Abend hier finden, um Euch mit schnellen Pferden in Sicherheit zu bringen. – Es könnten Dinge geschehen, die Euch solche Sicherheit unter meinem Schutz ersehnen lassen möchten. Noch einmal, zürnt mir nicht, ich bin gewiß, wir werden uns wiedersehen!« »Habe ich Euch Unrecht gethan,« sagte sie, »ihm die Hand reichend, »so verzeiht es, aber glaubt mir, daß mein Leben auf keinen anderen Weg zu lenken ist und nichts mit dem Eurigen gemein haben kann.« Sie schloß die Thür auf und trat in den Garten. »Nehmt den Schlüssel mit Euch,« sagte er, »ich werde den Weg zu Euch finden, wenn Ihr meiner bedürft.« Sie nahm den Schlüssel und eilte durch die Platanenallee nach dem Hause zurück. Der Garten war leer und, von niemand bemerkt, kam sie in ihr Zimmer. Im Nebengemach war es still. Als sie lauschend einen Blick durch den Thürvorhang warf, sah sie die alte Ginevra neben der Wiege sitzen. Das Kind schlief sanft und auch die Alte hatte in leichtem Schlummer das Haupt auf die Brust sinken lassen, ihre Hand lag auf dem Bette des Kleinen, als ob sie jede Bewegung des schlummernden Knaben bewachen wolle. Fioretta trat, mit unhörbaren Schritten über den weichen Teppich hingleitend, heran, drückte ihre Lippen flüchtig wie ein Hauch auf die Stirn des Knaben und flüsterte leise: »Gott segne ihn, Gott segne ihn dennoch, den ewig Geliebten für alles Glück, das er mir gebracht und du, mein Giulio, sollst im Dienste des Himmels den Vater finden, den dir die Erde geraubt.« Sie kehrte in ihr Wohnzimmer zurück und sank wie gebrochen auf ein Ruhebett nieder. Sie vermochte es nicht zu fassen, was sie erlebt und was in wenig Augenblicken den ganzen Glückstraum ihres Lebens zerstört, ohne doch ihre Liebe erlöschen zu lassen. Sie war keines klaren Gedankens fähig und versank in eine Art von Halbschlummer, in welchen nur das Gefühl ihrer brennenden Schmerzen lebendig blieb. Die Sonne sank tiefer und tiefer herab, die hohen Taxusbäume warfen ihre Schatten durch die Fenster herein und immer noch lag sie bewegungslos da, nur von Zeit zu Zeit flüsterten ihre bebenden Lippen mit unendlich schmerzvollem Ton: »Giuliano – Giuliano de' Medici –« Die Thür des Korridors wurde schnell geöffnet und Giuliano trat ein. Er trug noch den kostbaren Anzug wie bei dem Empfange des Kardinals, nur das Oberwams hatte er abgelegt, und dadurch erschien seine fast athletisch kräftige und doch so schlanke und schmiegsame Gestalt um so anmutiger. Er blieb auf der Schwelle stehen und sah mit entzückten Blicken zu der auf dem Ruhebette ausgestreckten und von dem Schimmer des Abendrots übergossenen Gestalt Fiorettas hin. Leise ging er zu ihr heran, beugte das Knie und drückte ihre Hand an seine Lippen. Ohne die Augen zu öffnen, flüsterte sie: »Giuliani, Giuliano de' Medici –« In jähem Schreck sprang er auf. »Giuliano de' Medici,« rief er heftig, »dieser Name in ihrem Munde – was bedeutet das, was ist hier geschehen – welche Hand hat den Schleier des Geheimnisses zerrissen, das sie vor schmerzlichen Sorgen bewahren sollte? – Hätte Antonio mich verraten? – Nein, nein, das ist unmöglich, sein Herz ist treu wie Gold, böse Geister müssen die Hand im Spiele haben.« Er hatte in seiner Erregung laut und heftig gesprochen. Fioretta sprang auf; mit starrem Blick sah sie ihn an, als ob sie an eine Verkörperung ihrer schmerzlichen Gedanken glaube. Dann aber wurde ihr Blick klarer, sie erhob sich; zu ihm hineilend, umschlang sie ihn mit ihren Armen, lehnte sich an seine Brust und sagte, zu ihm aufblickend, mit einem unendlich rührenden Ton, in welchem Glück und Schmerz zusammenklangen: »Giuliano, mein Giuliano, ich liebe dich und werde dich ewig lieben!« Er machte sich fast rauh aus ihren Armen los, legte die Hände auf ihre Schultern und sagte, ihr fest in die Augen blickend: »Du hast einen Namen genannt, Fioretta, als ich zu dir trat, einen Namen, den du niemals von mir vernommen, wie kommt jener Name auf deine Lippen? – Bei unserer Liebe antworte mir, ich verlange die Wahrheit!« »Giuliano de' Medici,« sagte sie schmerzlich und doch zugleich stolz zu ihm aufblickend, »o ich hätte es wissen müssen, daß du der sein müßtest, der so hoch über allen anderen steht und doch zu mir herabgestiegen ist mit dem herrlichen Geschenk seiner Liebe. – Ich danke dir für das Geheimnis, in das du dich gehüllt, – habe ich doch ein Glück genossen, dessen Erinnerung mein künftiges einsames Leben überstrahlen und mir Kraft geben wird für meinen Giulio, deinen Sohn, zu sorgen.« »Dein einsames Leben?« – rief Giuliano, »wie hat dein Geist sich so verwirren können, daß du an mir zweifeln magst, an meiner Ehre und Treue, auch wenn du weißt, wer ich bin – und da du es weißt, wirst du begreifen, daß ich zu kämpfen habe für das Glück meines Herzens, du wirst begreifen, daß ich dir die Sorgen dieser Kämpfe ersparen und dir früher nicht meinen Namen nennen wollte, bevor ich dir den Weg frei gemacht habe, um an meiner Seite vor die Welt zu treten, in die mich das Schicksal gestellt. Doch,« fuhr er heftig auf den Boden tretend, fort, »woher kennst du meinen Namen – wer hat dies Geheimnis enthüllt, das nur so wenigen bekannt war?« Sie zögerte einen Augenblick. Darauf erzählte sie, frei zu ihm aufblickend, daß sie unter dem Druck der Einsamkeit leidend, den verschlossenen Garten verlassen, daß sie an der Thür einen Mann wiedergefunden, der sie früher in ihrem Hause aufgesucht, um eine Erfrischung zu erbitten und ihr endlich von Liebe gesprochen, so daß sie ihm verboten habe, wiederzukommen, daß dieser Mann sie durch die Hinterthür auf die Straße geführt und ihr, von der Volksmasse verborgen, die Begrüßung des Kardinals durch die erlauchten Medici gezeigt habe. »O glaube mir, mein Giuliano,« sagte sie mit feuchtem Blick, ich zürne dir nicht, und wenn mein Herz leidet unter der Notwendigkeit, dich zu verlieren, so ist es nur darum, weil du mir so viel, so unendlich viel gegeben, zuviel fast für ein einziges Menschenleben!« »Und wer,« fragte Giuliano, sie heftig unterbrechend, »wer war jener Mann, der sich eindrängt in mein stilles Glück, mir dein Herz zu rauben? Bei Gott, von meiner Hand soll er fallen, wenn er es wert ist, daß Giuliano de' Medici sich in ritterlichem Kampf ihm entgegenstellt!« »Ich kenne ihn nicht, bei Gott!« beteuerte Fioretta, »er hat mir nur seinen Namen Bernardo genannt und ich habe dir damals von seinen flüchtigen Besuchen bei mir nichts gesagt, weil mir die Augenblicke deiner Gegenwart zu kostbar waren, um sie durch eine Sache zu trüben, die mir selbst kaum der Beachtung wert schien.« »Gleichviel,« sagte Giuliano, »es giebt einen Menschen auf Erden, der mein Geheimnis kennt und dem daran liegt, mein Glück zu zertrümmern, er hat mir deine Liebe und dein Vertrauen rauben wollen, und es ist ihm nicht gelungen, weil er meine Fioretta nicht gekannt hat und die heilige Macht der Liebe deines treuen und reinen Herzens. So darf es nicht bleiben, es wäre Feigheit, die Entscheidung hinauszuschieben, zu der alles drängt. Weißt du nicht, daß des Priesters Hand uns zu unauflöslichem Bunde vereinigt – hast du denken, von mir glauben können, daß ich dich durch ein frevelhaftes Spiel hätte täuschen mögen oder daß ich imstande wäre, das heiligste Band zu mißachten, das des Himmels Weihe um zwei Menschenherzen auf Erden schlingen kann?« »Ich habe nichts gedacht,« sagte Fioretta, mit gefalteten Händen demütig zu ihm aufblickend, »als daß ich, die arme Fioretta Govini, niemals an der Seite des erlauchten Giuliano de' Medici in die stolze Welt einzutreten das Recht haben könne, unter deren Fürsten dein Name voranklingt.« Er blickte tief bewegt in ihre klaren treuen Augen, dann faßte er ihre beiden Hände und sagte ernst und feierlich: »Ich will und kann dir nicht zürnen, Fioretta, daß du an mir hast irre werden können; ist doch den Stimmen der bösen Geister die Macht gegeben, die Seelen zu bethören und in Versuchung zu führen und habe ich vielleicht auch Unrecht gehabt durch das Geheimnis, in das ich mich auch vor dir gehüllt und das jenen bösen Stimmen den Eingang in die Seele geöffnet. Aber höre mich an und glaube mir: ich schwöre dir, daß es kein frevelhaftes Spiel war, das ich mit dir getrieben, daß jener Mönch des Klosters San Donino, der uns verbunden, ein geweihter Priester des Herrn war. Unser Bund ist unauflöslich, du bist meine Gemahlin vor Gott und sollst es, ehe drei Tage vergehen, auch vor der Welt sein! – Ich will keine Berührung mit jener Welt haben, bevor du nicht in derselben den Platz an meiner Seite einnimmst. Heute vermag ich nicht mit meinem Bruder zu sprechen, da er durch den Besuch des Kardinals in Anspruch genommen ist, auch morgen nicht, denn es findet ein großes Frühmahl in unserem Hause statt, nach welchem der Kardinal dem Gottesdienst im Dom beiwohnen will – ich werde dem Mahl fern bleiben, eine Unpäßlichkeit, die ich heute schon vorschützte, um zu dir eilen zu können, wird mir zum Vorwand dienen und wenn dann der Kardinal nach der Villa Montughi zurückkehrt, dann werde ich meinem Bruder Lorenzo mein Herz öffnen. Er wird, ob er auch vielleicht anderes im Sinne habe möchte, dich mit offenen Armen als seine Schwester empfangen, dessen bin ich gewiß, denn er ist gut und liebt mich wie ich ihn liebe, selbst, wenn dies nicht wäre, hätte er keine Macht, meine Wahl zu beschränken. Das wird für den Verleumder, der es gewagt, sich in das Geheimnis der Liebe zu drängen, die beste Strafe sein, besser noch als wenn ich mein Leben gegen das seine wagte, wobei doch der Einsatz vielleicht zu ungleich wäre. Der Höhe,« fügte er stolz sich aufrichtend hinzu, »auf der du an meiner Seite stehen sollst, wird sich niemand mehr zu nahen wagen.« O mein Giuliano,« sagte Fioretta, indem sie vor ihm auf die Knie niedersank, »ich bin eines solchen Opfers nicht wert, ich bitte dich, geh deinen Weg und laß mich in meiner Dunkelheit, welche die Erinnerung an meine Liebe erleuchten wird.« »Niemals,« rief Giuliano, »niemals würde ich dich verlassen, auch wenn das heilige Band, das uns verknüpft, für Zeit und Ewigkeit lösbar wäre – du hast mein Gelübde gehört, daß ich die Welt des Glanzes und Stolzes meiden will, bis du an meiner Seite stehst und sie vor dir sich beugen muß. Ich werde dies Gelübde halten und nur drei Tage verlange ich von dir, um unsere Liebe, die bisher im süßen Dämmerlicht blühte, dem hellen Sonnenstrahl zuzuführen. Jetzt kein Wort weiter – noch einmal wollen wir im Schatten des Geheimnisses der Vergangenheit gedenken, dann soll eine strahlende Zukunft sich unserem Leben öffnen.« Er faßte ihre bittend zu ihm erhobenen Hände, zog die Zitternde zu sich hinauf, um sie in inniger Umarmung an seine Brust zu drücken. Antonio trat ein und blieb lächelnd auf der Schwelle stehen. Giuliano eilte ihm entgegen. Er erzählte dem Freunde kurz und hastig, was geschehen und was er beschlossen und gelobt hatte. »Du hast recht, Giuliano, tausendmal recht,« rief Antonio, »dies Geheimnis mußte ja doch enden und je schneller du ein Ende machst, desto besser ist es. Aber,« sagte er dann mit finsterer Miene, »ich bin zu sorglos gewesen, da es möglich war, daß dieser Freche hier eindringen konnte, ich werde Wache aufstellen hier rings im Garten und bei Gott! wenn sie ihn fangen, so soll er als diebischer Einbrecher seiner Strafe nicht entgehen.« »Thue das,« sagte Giuliano, »um Fiorettas willen – ich will ihn nicht kennen und nicht rückwärts blicken, wo so holdes Glück mir entgegenblüht – heute wollen wir weder der Vergangenheit grollen, noch der Zukunft bangen. Ich habe mich als unpäßlich von dem Fest zurückgezogen, das heute im Hause der Pazzi für den Kardinal stattfindet und ich werde auch morgen noch zu leidend sein, um bei dem Frühmahl in unserem Hause zu erscheinen. Fioretta mag mir diese Unwahrheit verzeihen, die ich begangen, um bei ihr sein zu dürfen, künftig werden wir solcher Mittel nicht mehr bedürfen.« Er führte Fioretta, welche unter seinem zuversichtlichen Blick ihr kindlich heiteres Lächeln wiedergefunden hatte, noch einmal nach dem Schlafzimmer, um den kleinen Guiliano zu sehen und mit über das Haupt des Kindes gefalteten Händen ein Abendgebet zu sprechen. Antonio hatte inzwischen schnell die draußen bereits hergerichtete Tafel hereintragen lassen und bald saßen die drei so heiter und glücklich beisammen, als ob keine finstere Wolke mehr die Sonne der Zukunft verberge. XI. In der Vorstadt, nicht weit von Antonios Hause, lag etwas abwärts von der Straße eine einfache Osteria, ein niedriges, aber ziemlich geräumiges Haus, zu dem man durch ein in einer hohen Mauer befindliches Thor eintreten mußte, das stets geschlossen war und nur auf den Klang einer von außen zu ziehenden Glocke sich öffnete. Man konnte dem Wirt dieser etwas abgelegenen Osteria, Meister Luigi Lodini, keinen Vorwurf machen, er erfüllte pünktlich seine Bürgerpflichten, hörte regelmäßig die Messe in seiner Parochialkirche und spendete, wo sich Veranlassung dazu bot, gern und freigebig für die Armen. Dennoch aber gingen die Meisten am Abend schnell und ängstlich an dem äußeren Gartengitter dieses abgelegenen Gasthauses, das mit seiner verschlossenen Mauerpforte einer Art von Kloster glich, vorbei, und fast niemals suchten Reisende aus dem Bürger- und Kaufmannsstande, welche in der Stadt keine befreundeten Familien hatten, die Osteria auf, die als Wahrzeichen einen hölzernen, vergoldeten Becher über der Thürwölbung trug. Es versammelten sich hier meist am Abend Soldaten von der Besatzung der Stadt und auch Söldner, welche sich irgendwo anwerben zu lassen wünschten, nahmen hier Quartier und fanden bei dem gewandten und diensteifrigen Luigi stets Auskunft, wohin sie sich zu wenden hätten, um ihren Waffendienst vorteilhaft zur Verfügung der großen Herren zu stellen, die irgendwo eine Fehde auszufechten hatten und als nachsichtig bei Plünderungen galten. Man erzählte sich wohl, daß die oft reiche und kostbare Beute aus solchen Plünderungen, bei dem Wirte der Osteria zum goldenen Becher leichte und vorteilhafte Abnahme fände und es wurden dort, wie es hieß, reiche Beutestücke zum Einsatz bei eifrigem Würfelspiel gemacht und wurden dabei dann auch zuweilen die Gegenstände heftigen und auch wohl blutigen Streits. Vorübergehende hatten zu später Abendstunde Waffenklirren und auch wohl Weherufe wie von schwer Verwundeten gehört, aber niemals war von solchen Vorgängen etwas durch das feste Thor der Hofmauer hinausgedrungen und jeder, der am Tage Luigi Lodini in seinem Hause besuchte, konnte ihm nur das Zeugnis geben, daß dort eine streng musterhafte Ordnung herrsche. An dem Tage, an welchem der Kardinal Raffaello seinen Einzug in Florenz hielt, mußte Luigi ein besonders gutes Geschäft machen, denn eine große Zahl von Gästen hatte sich in der Stunde der herabsinkenden Dunkelheit dort eingefunden, bald von der einen, bald von der andern Seite heranschreitend. Es waren lauter kräftige Gestalten mit wettergebräunten Gesichtern und soldatisch gestutzten Bärten. Alle trugen große Reisesäcke über der Schulter und schienen nach Aussehen und Haltung irgendwo entlassene Soldaten zu sein, welche neue Anwerbungen suchten. Es war dies ganz natürlich, da sich weithin die Kunde verbreitete, daß der Graf Giolamo Riario in seiner neu erworbenen Stadt Imola eine starke Besatzung unter Führung des rühmlich bekannten Capitano de Montesecco zusammenziehen wollte und einzelne dieser Männer fragten wohl auch einen Begegnenden nach der Osteria zum Goldenen Becher, in welcher man Kunde über die Unterkunft von dienstlosen Soldaten finden könne. Die meisten aber schienen des Weges kundig zu sein und gelangten unbemerkt nach der verschlossenen Osteria, da fast alle Bewohner von Florenz sich nach dem Innern der Stadt zusammengezogen hatten, um die vornehmen und reich geschmückten Gäste zu sehen, welche sich nach dem Hause der Pazzi begaben. Die Thür der Osteria öffnete sich auf jeden Glockenzug sogleich und der vorsichtig hinausblickende Luigi führte seine Gäste nach den für sie bestimmten Wohnzimmern, welche immer für zwei oder drei zugleich eingerichtet waren und vortreffliche Betten mit Strohpolstern enthielten. Die Angekommenen zogen aus ihren Reisesäcken büffellederne Koller, Brustharnische, Sturmhauben, mächtige Stoßdegen und Dolche und legten dieselben sorgsam neben ihrer Lagerstatt nieder, worauf sie sich dann, von Luigi geführt; in das große Gastzimmer begaben, um sich den dort bereits fröhlich Schmausenden und Zechenden anzuschließen. Eine Zeitlang schon hatte der Zuzug der Gäste aufgehört und in dem Gastzimmer wurde die Unterhaltung immer lauter und lustiger, als von dem Wege nach Imola her ein Reiter in einen dunklen Mantel gehüllt, den Hut tief in das Gesicht gedrückt, heranritt und, sich vom Pferde herabbeugend, den Glockenzug bewegte. Sogleich öffnete sich die Thür und spähend beugte sich die magere und sehnige Gestalt des Wirts vor. Sein Wams, von weißem Leinen, war durch einen schmalen Gürtel zusammengehalten, er trug sandalenartige Schuhe, mit bis zum Knie heraufgebundenen, weichen Lederriemen und ein Käppchen auf dem kurz geschnittenen Haar, ganz die Tracht, in welcher man alle Wirte der Osterien zu sehen gewohnt, aber sein braunes, scharf geschnittenes Gesicht mit dem dunklen Spitzbart und den listig blickenden Augen ließen ihn mehr als einen jener wandernden Berufssoldaten erscheinen, denen er Herberge zu geben pflegte und das starke Dolchmesser in seinem Gurt, um dessen Griff er die Hand gespannt hatte, zeigte, daß er bereit und gewärtig sei, einem unwillkommenen Gast den Eintritt zu verwehren. Beim Anblick des Reiters aber neigte er sich tief und öffnete schnell das Thor so weit, daß der neue Gast, ein wenig den Kopf neigend, in den Hof einreiten konnte. »Ihr seid Luigi Lodini?« sagte dieser in kurzem, befehlenden Ton – »ich bin auf Reisen, mein Freund, der Capitano de Montesecco, hat mich an Euch empfohlen und wird, wie er mir versprach, wohl auch Quartier für mich bestellt haben.« »Ganz recht,« sagte der Wirt, sein Käppchen abziehend und auf den Griff seines Dolches hängend, »alles ist bereit und Ihr sollt mit meinem Hause zufrieden sein.« Der Reiter sprang vom Sattel. Auf einen leisen Pfiff des Wirtes erschien ein Hausdiener, der das kräftige, schaumbedeckte Pferd in einen Stall an der Seite des Hauses brachte. Dann führte Luigi seinen Gast über einen mit breiten Steinen gepflasterten Hausgang und eine hölzerne Treppe zu einem geräumigen Giebelzimmer, in welchen mehrere Kerzen ein helles Licht verbreiteten. Auf dem Tisch standen strohumflochtene Flaschen und zwei Kelche. »Ihr empfangt mich freundlich,« sagte der Fremde, »und macht der Empfehlung des Capitano Ehre.« »Der edle Capitano hat mir gesagt,« erwiderte Luigi schmunzelnd, »daß Eure Exzellenz Syrakusaner lieben, ich glaube, daß es kein vortrefflicheres Gewächs giebt, als dieses hier, das aus der Kriegsbeute stammt, die einer meiner Freunde von dem Sturm auf Volterra mitgebracht.« Er füllte einen Kelch mit dem purpurroten Wein und sein Gast leerte denselben mit einem durstigen Zug. »Vortrefflich,« sagte er, seinen Mantel abwerfend, »ich sehe, man hat mir Euer Haus nicht umsonst gelobt und mich versichert, daß man ebenso wohl Eurem Keller als Eurer Verschwiegenheit trauen dürfte.« »Mein Keller lobt sich selbst,« erwiderte Luigi, »und meine Verschwiegenheit hat bisher noch jede Probe bestanden, wie der Capitano weiß und wird auch das Geheimnis sicher bewahren, daß Seine Exzellenz, der erlauchte Graf Riario, meinem niederen Hause die Ehre seines Besuchs erweist.« »Ihr kennt mich,« rief der Fremde unwillig – »so ist Montesecco unvorsichtig gewesen?« »Der Capitano,« erwiderte Luigi, »weiß wohl, daß ich ein Geheimnis nur dann sicher bewahren kann, wenn ich es kenne, und daß ich für die Sicherheit des erlauchten Grafen nur dann einzustehen vermag, wenn ich weiß, wer unter dem Dache meines Hauses weilt, außerdem würde es unnütz gewesen sein, mir den Namen des gnädigen Herrn zu verschweigen, kenne ich doch den gnädigen Herrn von Rom her, wo ich ihn vor zwei Jahren gesehen, als ich kostbare Geräte dorthin brachte.« »Und bei denen Ihr wohl ein gutes Geschäft gemacht habt« – sagte Riario lachend, indem er seinen Hut von sich warf, »Montesecco mag wohl recht haben, Leuten wie Euch, muß man ganz vertrauen, da Ihr wohl wißt, daß ich gewohnt bin, Verschwiegenheit zu belohnen und Verrat zu bestrafen. Doch wo ist der Capitano? Ich erwarte ihn hier.« »Er wird den gnädigen Herrn nicht lange warten lassen, erwiderte Luigi, »da er mir die Stunde der Ankunft Euer Exzellenz angegeben. Er hat Seine Eminenz den Herrn Kardinal von der Villa Montughi hierher begleitet – doch da wird er sein,« rief er, als ein heller Glockenzug vom Hofe her erschallte. Er eilte hinaus und führte bald den Capitano in das Zimmer. »Ich habe Euern Brief erhalten,« sagte Girolamo, Montesecco die Hand reichend, »und bin auf Euern Wunsch gekommen, da ich gewiß bin, daß Ihr mich nicht umsonst hierher gerufen habt.« »Gewiß nicht,« erwiderte Montesecco, »was ich Euer Exzellenz zu sagen habe, ist wichtig und ernst, die Feder verstehe ich nicht zu führen und meine überhaupt, daß wichtige und geheime Dinge nicht geschrieben, sondern gesprochen werden müssen – das geschriebene Wort bleibt und kann in falsche Hände geraten, das gesprochene aber gehört nur dem, für den es bestimmt ist und verfliegt dann in der weiten Luft.« »Ihr habt recht,« sagte der Graf, ihm auf die Schulter klopfend, »und nun laßt hören, ich bin begierig auf Eure Worte, deren ein Mann der That ja nicht viel zu machen pflegt.« »Euer Exzellenz wissen,« sagte Montesecco, »was hier geschehen soll und was ich nach dem Befehl des heiligen Vaters dabei zu thun habe. Alles ist vorbereitet, unbemerkt steht eine Anzahl der besten Truppen in kleinen Abteilungen nahe vor der Stadt, eine Auswahl der zuverlässigsten Leute ist hier, um, wenn die Stunde der That schlägt, auf meinen Befehl sogleich nach den Thoren zu eilen und von allen Seiten die inzwischen heranrückenden Mannschaften in die Stadt zu führen, damit sie den Pöbel niederhalten. Von florentinischen Truppen sind wenige hier, die Thore sind schwach besetzt und soweit ist alles geschehen, um den Befehl des heiligen Vaters auszuführen.« »Bravo, Montesecco,« sagte Riario, indem er die Gläser füllte und mit dem Capitano anstieß, »ich habe nie daran gezweifelt, daß Ihr alles auf's Beste ordnen werdet und würde davon auch ohne Eure Worte überzeugt gewesen sein.« »Doch nun, gnädigster Herr,« erwiderte Montesecco ernst, »muß ich noch einmal Euch bitten, alles wohl zu überlegen, was geschehen soll. Der edle Lorenzo von Medici, mit dem ich eine lange Unterredung hatte, sagte mir Worte, welche mir sehr der Beachtung wert scheinen – ich habe ihm, wie er mir auftrug, wegen Eurer Pläne betreffs Faenza gesprochen, und er war bereit, Euch zur Seite zu stehen, wenn Ihr Euch dem Bündnisse der florentinischen Republik mit Mailand und Venedig anschließen würdet.« »Dem Bündnis,« unterbrach ihn Girolamo heftig, »das bei jeder Gelegenheit sich dem Papste entgegenstellt und die Florentiner in ihrem Trotz bestärkt, diesem Bündnis sollte ich beitreten, ich, der Neffe Seiner Heiligkeit – wie könnt Ihr daran denken, Giovan Battista?« »Das Bündnis richtet sich ja nicht gegen Seine Heiligkeit,« erwiderte Montesecco, »und Eure Exzellenz könnten demselben ja ohne öffentliche Erklärung beitreten, Venedig, Mailand und Florenz und dazu Ihr als Herr von Imola, aus dem wohl ein Herzog der Romagna werden kann – das ist eine starke Macht, an welcher so leicht wohl niemand rühren wird. Und dann,« fuhr er fort, die Stimme dämpfend und sich zu dem Grafen hinüberbeugend, »sprach Lorenzo von der Zeit, die wir alle in die weiteste Ferne hinausschieben möchten, die aber doch einmal in dem Laufe der irdischen Dinge kommen muß, von der Zeit, in welcher Sixtus IV. nicht mehr auf dem Stuhl St. Peters sitzen wird.« Girolamos Gesicht verfinsterte sich. Gespannt, fast mißtrauisch blickte er Montesecco an. »Der Nachfolger des heiligen Vaters,« fuhr dieser fort, »möchte vielleicht nicht die gleiche gnädige Gesinnung für Euch hegen, erlauchter Graf – es könnte ihn vielleicht locken, Euch aus Eurem Besitz zu verdrängen und da wäre es dann doch vielleicht wohl klug, wenn Ihr für solchen Fall Euch einen bleibenden, sicheren Schutz schafftet, um allen Wendungen der Zukunft ruhig entgegenblicken zu können.« Girolamo sprang auf. »Das hat Euch Lorenzo gesagt?« fragte er, die Hand auf Monteseccos Arm legend. »Und er hat es ernst gemeint,« erwiderte dieser mit Nachdruck, »davon bin ich überzeugt.« Girolamo ging mit großen Schritten auf und nieder. »Er hat wohl recht,« sagte er, »und wenn er's ehrlich meinte, so wären seine Worte wohl zu beherzigen, habe ich doch immer schon mit Sorgen der Zeit gedacht, von der er gesprochen, und wenn es möglich wäre für die Zukunft einen festeren Boden zu schaffen, bei Gott.« »– das wäre der Rat eines wahren Freundes und der würde Lorenzo de' Medici sein, erlauchter Graf, wenn er keinen Grund mehr hätte, Euch zu fürchten.« »Ich werde mich davon überzeugen,« rief Girolamo, »ich habe ihm meinen Besuch angezeigt – daß ich heute hier bin, darf er nicht wissen, ein solches Gespräch mit ihm erfordert Ruhe, die wir in dieser Zeit hier nicht finden können. Ich danke Euch für Eure Mitteilungen, sie waren es wert, mich hierher zu rufen – ich werde sogleich nach Imola zurückreiten und in einigen Tagen wiederkommen und dann sehen, ob es Lorenzo ernst meint.« »In einigen Tagen?« sagte Montesecco, »das wird vielleicht zu spät sein – Ihr wißt, daß morgen der Plan gegen die Medici ausgeführt werden soll, wenn der Kardinal zum Frühmahl den Mediceischen Palast besucht. Alles ist vorbereitet, Ihr wißt, die Truppen stehen dicht vor den Thoren und ich habe zuverlässige Leute hier in dieses Haus kommen lassen, um sogleich die Botschaft hinaus zu senden und die Stadt zu besetzen und habe den Auftrag, Lorenzo gefangen zu nehmen, ein Auftrag, dem mein Herz widerstrebt, ich muß es offen sagen, den ich aber angenommen habe, weil ich dann gewiß bin, daß kein Zufall eintreten soll, der dem Befehl Seiner Heiligkeit widersprechen würde, nach welchem kein Blut bei dieser Sache ließen darf. Ein anderer,« fügte er mit spöttischer Bitterkeit hinzu, »möchte nicht so gewiß sein wie ich, einen solchen Zufall vermeiden zu können.« »Das darf nicht sein, nein, das darf nicht sein,« rief Girolamo, »der Bund mit den Medici kann mir vielleicht nützlicher werden als die Pazzi und Salviati – laßt die That aufschieben, hört Ihr wohl, es wird sich ja nach einigen Tagen ebenso dazu Gelegenheit bieten wie jetzt.« »Vielleicht nicht,« sagte Montesecco, »ich wundere mich schon, daß bis jetzt ein Geheimnis bewahrt ist, das schon so viele wissen.« »Es wird Euch gelingen,« rief Girolamo, »sie werden auf Euern Rat hören.« »Ganz gewiß,« erwiderte Montesecco, »wenn ich ihnen sagen kann, daß ich auf Euer Exzellenz Befehl handle und was mich betrifft, so ist nur Euer Befehl genügend, – in Eure Dienste habe ich mich gestellt und Ihr vertretet für mich den Willen des heiligen Vaters.« »Nein, nein,« sagte Girolamo zögernd, »nennt mich nicht, ich will keine Erörterungen und keine Fragen, ich will mein Spiel für mich spielen und Ihr sollt mir dabei zur Seite stehen. Das Gelingen des Anschlags der Pazzi wird schon ohnehin kaum möglich sein ohne Euch und ich verbiete Euch, an einer That teilzunehmen, die mich vielleicht eines Freundes berauben möchte. – Meine Truppen sollen an der ganzen Sache keinen Anteil nehmen, bevor ich nicht weitere Befehle gegeben habe. – Sendet Eure Leute hier fort und laßt sie den Befehl an die einzelnen Abteilungen bringen, daß sie sich von der Stadt zurückziehen so weit, daß wenn man ihre Anwesenheit bemerken sollte, dieselbe durch einen irrtümlichen Übungsmarsch erklärt werden kann.« »Das ist Euer Befehl, Exzellenz, Euer bestimmter Befehl?« »Er ist es,« erwiderte Girolamo, »und dabei bitte ich Euch noch ganz besonders, gegen niemand von meiner Anwesenheit hier zu sprechen. Ihr habt mir einen klugen Rat gegeben, der mir Eure wirkliche Ergebenheit beweist, so werdet Ihr auch begreifen, daß mein Spiel fein und vorsichtig gespielt werden muß, um nach allen Seiten sicher zu sein. – Ein so oft schon siegreicher Soldat wie Ihr muß es wissen, daß im Kriege ein kluger Kopf ebensoviel wert ist, als ein scharfer Degen.« »Das verstehe ich wohl, erlauchter Graf,« erwiderte Montesecco nachdenklich, »aber ich fürchte, daß die Übrigen alle, welche so ungeduldig sind, ihr Werk zu vollenden, auf meinen Rat nicht hören werden, wenn ich nicht auf Euch mich berufen kann.« »Sie werden Euch hören,« rief Girolamo, »sagt ihnen, daß Ihr mit Euern Vorbereitungen noch nicht fertig seid, daß Ihr große Vorsicht beim Heranziehen der Truppen beobachten müßt, sagt ihnen was Ihr wollt, aber haltet sie zurück, bis ich weiß, was ich von Lorenzo zu halten und zu erwarten habe und will Lorenzo mein Freund sein, wahrlich, so werde ich es auch vermögen, ihn mit dem Papst zu versöhnen. Jetzt aber will ich fort, schnell fort, damit kein Zufall meine Anwesenheit verrät.« »Ihr wollt allein ohne Bedeckung nach Imola reiten, gnädiger Herr?« fragte Montesecco. »Was habe ich zu fürchten,« erwiderte der Graf, »die Straßen sind sicher und Eure Leute werdet Ihr so gut in Zucht haben, daß sie es nicht wagen, einen einzelnen Reiter anzuhalten, – übrigens würden sie mich auch erkennen. Thut, was ich Euch gesagt und schärft dem Wirt dieses Hauses ein, daß er schweigt, er hat mich erkannt und scheint ein großer Spitzbube zu sein.« »Die Spitzbuben, Exzellenz, schweigen immer,« erwiderte Montesecco lächelnd, »es sind nur die Dummköpfe, die ihr Herz auf der Zunge tragen.« »Ans Werk also,« rief der Graf, »Ihr kennt Euern Auftrag – wenn Lorenzo und durch ihn Venedig und Mailand meine Verbündeten sind, so werde ich es Euch danken und Ihr sollt nach mir der Erste sein an meinem Hof zu Imola.« Montesecco eilte dem Grafen voraus die Treppe hinab und Luigi schien den Instinkt zu haben, alles zu wissen, was in seinem Hause vorging, denn als der Graf auf den Hof trat, war er bereits beschäftigt, das Pferd aus dem Stall zu führen. »Der Capitano wird die Rechnung ausgleichen,« sagte er zu Luigi, »da Ihr ja doch wohl einem unbekannten Fremden, der ich für Euch sein und bleiben muß, keinen Kredit gewährt.« Er ritt, während Luigi sich mit verschmitztem Lächeln verbeugte, vorsichtig durch das Thor und sprengte dann auf der aus der Vorstadt hinausführenden Straße davon. Montesecco trat in das große Gastzimmer, in welchem seine Leute beim Würfel- und Becherspiel beisammen saßen. Alle sprangen von ihren Stühlen empor und stellten sich in militärischer Haltung auf. Montesecco erteilte ihnen den Befehl, vor Anbruch des Tages einzeln auf verschiedenen Straßen die Vorstadt zu verlassen und den Truppenabteilungen draußen den Befehl zu bringen, daß sie sich sogleich in kleinen Trupps nach Imola hin zurückziehen sollten. Die Soldaten versprachen pünklichste Befolgung des Befehls und Montesecco verließ die Osteria zum goldenen Becher, um sich nach dem Hause der Pazzi zu begeben. In dem großen Mittelsaal der Empfangsräume des Palastes, welche trotz ihrer fürstlichen Pracht einen etwas düsteren Eindruck machten, verabschiedete sich, als Montesecco eintrat, so eben Lorenzo de Medici von dem Kardinal Riario, der hier das Purpurgewand von schwerem Seidenbrokat und den Hermelinkragen trug. Der junge Kirchenfürst schien, obgleich Lorenzo ihn mit aller seiner hohen Stellung gebührenden Ehrerbietung behandelte, scheu und verlegen, als ob er sich dem älteren Mann gegenüber immer noch als Schüler fühle. Er machte Miene, Lorenzo, der sich mit tiefer Verbeugung zum Gehen wendete, zu begleiten und erst als Bracciolini, der sich stets an seiner Seite hielt, ihm einige leise Worte zuflüsterte, wendete er sich wie erschrocken um und Lorenzo, den Jacopo und Francesco Pazzi, sowie Giuliano und seine Schwester Bianca begleiteten, bemerkte Montesecco. Er reichte demselben die Hand und sagte mit verbindlicher, fast herzlicher Artigkeit: »Ich habe heute abend noch nicht die Gelegenheit gehabt, Euch zu begrüßen, Capitano, und freue mich, Euch wenigstens noch beim Abschied zu sehen. Seine Eminenz will morgen vor dem Gottesdienst und dem Hochamt im Dome mir die Ehre erweisen, bei dem Frühmahl der Gast meines Hauses zu sein und ich ersuche Euch, mir ebenfalls die Freude Eures Besuches zu machen.« Der Capitano dankte und versprach, der Einladung zu folgen. »Leider,« fuhr Lorenzo fort, »hat mein Bruder mir melden lassen, daß er wegen der Unpäßlichkeit, die ihn befallen, dem Frühmahl nicht beiwohnen könne, aber er wird Seine Eminenz zum Hochamt in die Kirche begleiten – ich hoffe, sein Leiden wird nicht bedeutend sein und es wird sich Gelegenheit für Euch bieten, ihn näher kennen zu lernen; er ist geschaffen, Euer Freund zu werden und hätte er einen Beruf zu wählen, so würde er Soldat werden, er scheut keine körperliche Übung und Anstrengung und ich glaube, Ihr würdet mit ihm zufrieden sein – vielleicht wird sich noch einmal Gelegenheit bieten, daß Ihr in ernster Waffenführung sein Lehrmeister werdet.« Montesecco verbeugte sich tief, als ihm Lorenzo noch einmal die Hand drückte und blickte dann dem Davonschreitenden mit wehmütigem Ernst nach. »Würden sie es besser machen können als er,« sprach er vor sich hin, »wenn es gelänge, ihn zu stürzen? Ich glaube es kaum, mir scheint er zum Herrschen geboren und wohl mag es Neid und Mißgunst sein, was sie bewegt, ihn von seiner Höhe herabstürzen zu wollen. – Ich bin glücklich, daß mein Herr, der Graf Girolamo, sich noch zurückhalten will und Gott gebe, daß er diese traurige Sache auch bei dem heiligen Vater zum Ausgleich bringt.« Er trat sinnend in eine Fensternische und achtete, in Gedanken versunken, kaum auf das farbenreiche glänzende Treiben der Gäste. Plötzlich legte sich eine Hand auf seine Schulter. Francesco Pazzi, der von der Begleitung zurückgekehrt war, stand neben ihm. »Habt Ihrs gehört, Capitano,« sagte er mit düsterem Blick, »Guiliano zieht sich vom Mahl zurück, wie er heute unserer Einladung ausgewichen ist – sollten sie etwas erfahren haben von der Gefahr, die sie bedroht?« »Das wäre nicht unmöglich,« sagte Montesecco, »es wissen gar viele darum und viele, denen ich nicht vertraue, wie Francesi und Bandini.« »Ich vertraue ihnen,« sagte Francesco mit höhnischem Lachen, »denn sie hassen die Medici und erwarten von uns Gold und Ehre; aber gleichviel, wenn Giuliano nicht da ist, dürfen wir nichts unternehmen – wenn der Streich nicht die beiden Brüder trifft, so wird er vergeblich sein und könnte die Macht des Überlebenden nur stärken.« »Des Überlebenden?« sagte Montesecco fast drohend, »Ihr wißt, daß der heilige Vater nicht will, daß Blut fließt –« »Ich meine den Überbleibenden,« verbesserte sich Francesco schnell, »und wäre es auch nur der leichtfertige Giuliano, der sich unserer Macht entzöge, er würde zum Abgott des Volks und zu einer großen Gefahr für uns werden können und Eure Truppen würden vielleicht dann schwere Arbeit finden und gezwungen sein, das Blut Unschuldiger zu vergießen. Darum dürfen wir keinen halben Schritt thun – ich habe bereits mit allen Übrigen gesprochen – wir müssen die Ausführung während des Gastmahls, zu dem Giuliano nicht erscheinen wird, ganz ausschließen und sind überein gekommen, die That im Dom zu vollbringen, wohin Giuliano kommen wird.« »Im Dom?« rief Montesecco entsetzt, »an heiliger Stelle vor dem Altar des Heilands –« »Ist es nicht ein wohlgefälliges Werk,« warf Francesco ein, »das der heilige Vater selbst gebilligt hat?« Montesecco schüttelte finster den Kopf. »Thut, was Ihr wollt, Ihr Herren und was Ihr verantworten könnt, aber auf mich rechnet nicht. – Während des Gastmahls hätte ich meine Pflicht erfüllen können, dem Willen des heiligen Vaters zu gehorchen und ich hatte dafür gesorgt, soweit mein Arm reicht, daß sein Wille ganz befolgt werde. Vor dem Altar aber, angesichts des heiligen Sakraments werde ich nichts vornehmen, was der Ehrfurcht vor dem Tempel Gottes widerspricht.« Er atmete wie erleichtert auf, denn er hielt es für eine Ehrenpflicht, über sein Gespräch mit dem Grafen Girolamo nichts zu sagen und war glücklich, einen unabweisbaren Grund zu finden, um der ganzen Angelegenheit fern zu bleiben, die ihm nach seiner persönlichen Bekanntschaft mit Lorenzo doppelt widerwärtig geworden war und in welcher er bei der zögernden Haltung des Grafen Girolamo in eine nach allen Richtungen hin falsche Stellung gedrängt werden mußte. »So versagt Ihr Eure Mitwirkung« – fragte Francesco Pazzi drohend – »Ihr versagt dem heiligen Vater den Gehorsam?« »Ich versage meine Mitwirkung,« erwiderte Montesecco fest und bestimmt, »und bin überzeugt, daß, wenn es möglich wäre, den heiligen Vater in so kurzer Zeit zu befragen, er eine Entweihung der Kirche durch einen weltlichen Gewaltakt nicht befehlen würde. Wenn ich Euch raten soll,« fuhr er fort, während Francesco finster vor sich niederblickte, »steht von Eurem Vorhaben ab, Ihr fordert Gott selbst heraus, den Frevel gegen seinen Altar zu rächen. – Schiebt die Sache hinaus bis Ihr anderswo angreifen könnt und sendet einen sicheren Boten zum Grafen Girolamo nach Imola, um seine Meinung zu hören, denn er wird wohl am besten von uns allen des Papstes Willen zu beurteilen vermögen. Ich muß Euch sagen, daß ich keine Truppen in den Dom führen werde und wenn der heilige Vater selbst es befehlen sollte, so würde ich den Grafen bitten, einem anderen den Befehl über seine Soldaten zu übertragen. – Übrigens muß ich Euch sagen, daß ich mit der Aufstellung der Truppen noch nicht vollständig fertig bin und auch kaum dafür sorgen kann, im rechten Augenblick die Stadt sicher zu besetzen und jede Bewegung niederzuhalten.« »So habt Ihr die Zeit verloren,« fragte Francesco heftig, »und Eure Mannschaften nicht herangeführt?« »Es ist schwer,« erwiderte Montesecco kalt und hochmütig, »bewaffnete Mannschaften heimlich durch ein fremdes Gebiet zu führen, wäret Ihr Soldat, so würdet Ihr das beurteilen können.« »Nun,« rief Francesco, »die persönliche Bedeckung, welche der Kardinal mitgebracht und welche hier einquartiert ist, um ihn morgen wieder nach Montughi zurückzugeleiten, wird auch genügen – wenigstens,« fuhr er höhnisch fort, »hoffe ich, daß wir Eurer Verschwiegenheit gewiß sein dürfen.« Monteseccos Blicke flammten zornig auf. »Meine Verschwiegenheit,« sagte er mit schneidendem Ton, »ist bei wichtigeren Dingen erprobt, als Ihr sie vielleicht erlebt haben mögt, und meine Antwort auf einen Zweifel daran bin ich nicht gewöhnt mit Worten zu geben.« Er schlug klirrend an den Griff seines Degens. Francesco sagte schnell mit verbindlichem Lächeln: »Verzeiht, edler Capitano, so war es nicht gemeint – ich war unmutig über Euer Zögern, das ich nach meiner Meinung für unbegründet halte, da nur ein schnelles Handeln zum Ziele führen kann. – Euern Rat werde ich aber reiflich überlegen, und vielleicht werden die andern Euch zustimmen.« Er reichte Montesecco die Hand, die dieser nur zögernd annahm und wendete sich wieder den allmählich die Säle verlassenden Gästen zu, während Montesecco sich gesenkten Hauptes mit finsterer Miene zurückzog. Der Kardinal hatte ebenfalls die Gesellschaft verlassen. Francesco flüsterte Bandini und Bracciolini zu, ihn mit den Übrigen in seinem Zimmer zu erwarten und fand, nachdem er seine Pflichten als Wirt erfüllt, fast alle Verschworenen dort versammelt. »Nun, wie steht's,« fragte Napoleone Francesi, »ist Montesecco fertig zur Überwältigung des Pöbels, wenn es nötig ist?« »Auf Montesecco können wir nicht zählen,« erwiderte Francesco, »er verweigert seine Mitwirkung in der Kirche und rät, die Sache aufzuschieben.« »Nimmermehr,« rief Bandini, »was morgen nicht geschieht, wird niemals geschehen, und wenn Montesecco uns verraten sollte, so müßten wir uns seiner bald versichern und ihn, wenn es sein muß, unschädlich machen.« »Nein, nein,« rief Francesco, »verraten wird er uns nicht, und Gewalt gegen ihn zu brauchen, könnte verhängnisvoll werden – es muß da ein Geheimnis obwalten, das ich nicht durchschaue.« »Vielleicht,« sagte Francesi spöttisch, »wird der kluge und vorsichtige Graf Girolamo sich zurückhalten wollen, bis wir die Kastanien für ihn aus dem Feuer geholt haben – ich kenne diese Herren Nepoten, feig und hinterlistig, das ist ihre Natur und darin sind sie alle gleich, weil sie nichts aus sich selbst sind und zu sein vermögen. Doch das ist jetzt gleichgültig, von Aufschub kann keine Rede sein, wir müssen unter allen Umständen handeln, bevor die Gelegenheit dazu für immer vorüber geht – ist der Schlag geschehen, so halten wir die Macht in Händen, uns gehört die Zukunft und wir können dem Herrn Grafen Girolamo und sogar Seiner Heiligkeit unsere Bedingungen stellen. Laßt uns sogleich noch eine Beratung halten und alles für morgen feststellen, denn von einem bestimmt gefaßten Plane und dessen Ausführung hängt das Gelingen ab.« Jacopo de Pazzi wurde nicht benachrichtigt, ihm lag ja nur ob, nach geschehener That das Volk zur Freiheit aufzurufen und mit der That selbst sollte er bei seiner vorsichtigen und etwas furchtsamen Natur so wenig als möglich zu thun haben. Die Säle waren leer, die Kronleuchter und Girandolen erloschen, und nur durch die dichten Fenstervorhänge in Francescos Zimmer fiel ein mattes Licht in den Hofraum. Hier berieten die Verschworenen ihren finsteren Plan, der am nächsten Tage der Stadt Florenz eine andere Regierung und den Verhältnissen von Italien eine andere Gestalt geben sollte. Montesecco war nach der Osteria zum goldenen Becher zurückgekehrt. Auf den Ton der Glocke öffnete Luigi Lodini das Thor und begleitete den Capitano, der an der großen Gaststube vorbeischritt, nach einem in dem Seitenflügel des Hauses befindlichen Gemach, an dessen Thür Montesecco ihm einschärfte, für die Soldaten, welche während der Nacht nacheinander die Osteria verlassen würden, das Hofthor so geräuschlos als möglich zu öffnen. »Wenn Eure Leute nicht selbst Lärm machen,« erwiderte Luigi, sich die Hände reibend, »so soll kein Mensch etwas davon ahnen, daß hier in meiner Osteria nicht alles in dieser Nacht schläft, wie die Murmeltiere. Für Euern jungen Waffenträger habe ich bestens gesorgt,« fügte er mit verschmitztem Lächeln hinzu, »ich hoffe, er wird mit meiner Bewirtung zufrieden sein – ich habe ihn auch auf die Straße geleitet, da er neugierig war, den Einzug Seiner Eminenz des Herrn Kardinals zu sehen.« »So so,« sagte Montesecco, »das ist brav von Euch – er wird neugierig gewesen sein, und es ist immer besser für einen so jungen Menschen, wenn er nicht allein sich in das Treiben der Stadt begiebt. Sorgt, daß ich morgen bei guter Stunde geweckt werde, denn ich habe früh schon den Herrn Kardinal nach dem Palast der Medici und dem Dom zu geleiten und auch der Herr Graf Riario wird vielleicht morgen schon von Imola kommen, so daß ich alle Hände voll zu thun habe.« Luigi verbeugte sich tief und spähte neugierig durch die Thür, welche Montesecco schnell wieder hinter sich verschloß. Claudina, noch vollständig in ihren Knabenanzug gekleidet, trat ihm bleich mit bewegter Miene entgegen. »Ich habe dich mit Sehnsucht erwartet, mein Battista,« sagte sie, sich schnell aus seiner Umarmung losmachend, »mir ist Wunderbares begegnet.« »Du bist ausgegangen,« fiel Montesecco mit sanftem Vorwurf ein, indem er das volle Haar aus ihrer Stirn strich, »das war wohl etwas unvorsichtig. – Du weißt, daß ich's nicht gern sehe, wenn du dich ohne mich oder die Bedeckung zuverlässiger Leute unter das Volk begiebst, – doch Luigi war mit dir, und so konnte dir wohl nichts Widriges begegnen.« »Verzeih,« sagte Claudina, »ich war allein hier und die Zeit wurde mir so lang ohne dich – ich war neugierig, all die Pracht und den Glanz zu sehen bei dem Einzug des Kardinals, und wahrlich, es muß die Eingebung einer höhern Macht gewesen sein, die mich hinaustrieb, denn ich habe den Faden gefunden, der zur Lösung des Rätsels führen muß, das, wie du weißt, meine Seele bedrückt. Ich stand unter dem Volk und achtete nur auf den glänzenden Zug des Kardinals, dessen Begleitung du ja führtest – neben mir stand eine Frau mit verhülltem Haupt, in Begleitung eines Mannes, in einfacher, aber feiner Tracht, die auf einen vornehmen Herrn schließen ließ. Ich hatte auf beide nicht geachtet, als jene Frau plötzlich beim Herannahen des Zuges der Medici sich zu einer alten Frau neben uns wendete, um sie nach einem prächtig gekleideten und wunderbar schönen Ritter an der Spitze des Zuges zu fragen. Es war Giuliano de' Medici, wie die Alte sagte. In diesem Augenblick fiel das Kopftuch der Fragenden herab, ihr Gesicht wurde frei und ich erkannte meine Schwester Fioretta.« »Fioretta –« sagte Montesecco kopfschüttelnd, »wie käme sie hierher?« »O, ich habe mich nicht geirrt –« rief Claudina, »wohl habe ich sie seit Jahren nicht gesehen, aber es war ganz noch ihr Kindergesicht, nur war sie schöner und größer geworden, und sie hatte auch ganz noch den schmerzvollen Ausdruck und den Thränenschimmer in den großen dunklen Augen, wie ich sie zuletzt gesehen habe in der Nacht, da ich von ihr Abschied nahm, um zu dir zu fliehen nach dem Ulmengehölz bei San Donino, wo du mich mit einem schnellen Pferde erwartetest.« »Und du bist gewiß,« fragte Montesecco, »daß dich nicht eine zufällige Ähnlichkeit getäuscht hat?« »Ganz gewiß!« rief Claudina, »Sie war es, – schon wollte ich ihre Hand fassen, sie bei ihrem Namen rufen, da zog sie schnell wie erschrocken das Spitzentuch über ihren Kopf, scheu und ängstlich ihr Gesicht verbergend; sie stützte ihre Hand auf den Arm ihres Begleiters, der ihr mit einem bösen hämischen Lachen etwas ins Ohr flüsterte. Da hielt ich mich zurück, ich durfte vor dem Volk, das hier in dichter Menge stand, mein Geheimnis und das deine ja nicht verraten, und auch sie hüllt ja ein Geheimnis ein, dessen Bewahrung ich ihr schuldig war, aber ich hielt mich trotz der drängenden Menge in ihrer Nähe und verlor sie nicht aus den Augen. Als dann die Begrüßung der hohen Herren vorüber war und der Kardinal mit den Medici und all dem vornehmen Gefolge nach der Stadt hinritt, begleitet von der jubelnden Volksmenge, da blieb sie zurück und wendete sich nach der Gartenstraße, die auch zu dieser Osteria hier führt, so daß es mir leicht wurde, ihr zu folgen, ohne daß Luigi etwas davon merkte. Ihr Begleiter sprach eifrig zu ihr, dann traten beide in eine kleine Pforte ein, wo an der Gartenmauer hohe Platanenbäume aufragten. Ich wendete mich auf die andere Seite des Weges nach dem Heckengang hierher, blickte aber wie zufällig zurück und sagte zu Luigi: »Welch ein schöner Park muß das sein, dort hinter der Mauer, über welche die prächtigen Bäume ihre Kronen emporstrecken – das ist wohl ein vornehmer Herr, der dort wohnt in dem Hause, dessen Dach man weithin blinken sieht.« »So ist's,« erwiderte Luigi, »jenes Haus dort und der große Garten gehört dem Antonio de San Gallo, einem schon weit berühmten Baumeister, einem Freunde des Mediceischen Hauses, der wohl noch höher und immer höher steigen wird unter dem Schutz seiner mächtigen Freunde.« »Und ist er vermählt?« fragte ich, mit Mühe meine Unruhe unter der Miene einer flüchtigen Neugier verbergend. »Das ist er nicht,« antwortete Luigi, »aber er dürfte nur die Hand ausstrecken, um irgend eine der schönsten und vornehmsten Damen von Florenz heimzuführen.« »Als ich noch einmal zurückblickte,« fuhr Claudina fort, »sah ich, daß Fiorettas Begleiter aus der Pforte wieder hervortrat und schnell nach der Stadt hin eilte – ich mochte nicht weiter fragen, damit es Luigi nicht auffiel, ich wußte ja auch, was ich wissen wollte, daß Fioretta hier in Florenz, im Hause des Antonio de San Gallo, verborgen sei und das ist genug, um den Weg zu ihr zu finden. – Du, mein Battista, mußt mir diesen Weg öffnen und müßtest du auch mein Geheimnis preisgeben, um das ihre zu enthüllen. – Wenn jener Antonio sie liebt, wie ich fast glauben muß, wenn sie ihm gefolgt ist, wie ich dir einst folgte, so wird er dir antworten, sobald du im Namen von Fiorettas Schwester zu ihm sprichst, und müßte ich selbst mich ihm zu Füßen werfen und ihn anflehen, um ihres und meines Seelenfriedens willen zu erlauben, daß ich sie wiedersehe.« »Wenn du gewiß bist, dich nicht getäuscht zu haben,« erwiderte Montesecco, »so wird sich das wohl machen lassen – ich kenne jenen Antonio de San Gallo nur dem Namen nach, den ich in Rom hörte, vielleicht aber werden seine erlauchten Freunde mir behilflich sein, zu ihm zu gelangen und sein Vertrauen zu gewinnen, und dann wird jenes Geheimnis sich aufklären, das auch Fioretta selbst kaum vor der lange entbehrten Schwester wird verbergen wollen.« »O wie sehne ich mich, sie wiederzusehen, sie zu sprechen und von den Meinen zu hören,« rief Claudina, »und hätte ich auch Trauriges zu erfahren, es wäre immer tausendmal besser, als diese bange Ungewißheit! – Wie schwer ist es mir geworden, mich zurückzuhalten, als ich sie so plötzlich vor mir sah, und doch ist es besser so, wir wissen wo sie zu finden ist, und dir, mein Battista, wird es gelingen, das Dunkel zu lichten.« »Vielleicht,« sagte Montesecco, indem er sie an seine Brust drückte, »wird überall das Dunkel sich lichten, das unsere Zukunft bedeckt. Ich sehne mich, den Dienst zu verlassen, zu dem ich mich dem Grafen Girolamo verpflichtet. Ich habe Lorenzo de' Medici gesprochen, er ist bei Gott! ein anderer Mann, als die übrigen alle, ihm zu dienen und der florentinischen Republik, das wäre eine Freude und Ehre für einen ritterlichen Soldaten – auch er scheint Wohlgefallen an mir zu haben, und die Zeit ist vielleicht nicht fern, in der ihm mein Degen nützen kann. Im Dienst der florentinischen Republik werden wir eine sichere Heimat finden können, in der ich dich auch zurücklassen könnte, wenn ich einmal ausziehe, um unter edler Fahne für eine gute und reine Sache zu kämpfen!« »O wie herrlich, wenn es so wäre,« rief Claudina jubelnd, »hier in der Nähe der Heimat! – Wenn meine Eltern noch lebten, wenn sie deinen Wert erkennen und uns ihren Segen geben würden – ich wage es nicht auszudenken, daß so viel Glück uns beschieden sein soll.« »Vertrauen wir dem Soldatenmut und dem Soldatenglück,« sagte Montesecco, indem er die Hände über ihrem an seine Brust gelehnten Haupt »faltete – so bald ich kann, werde ich versuchen, unser Schicksal zu entscheiden.« Auch von seinem Gesicht strahlte freudige Hoffnung, als er die Augen aufschlug, als ob er in stillem Gebet den Beistand des Himmels anflehen wolle. »Den Soldatenmut und den frischen, fröhlichen Sinn wollen wir uns nicht trüben lassen,« sagte er nach kurzem Schweigen, »dann wird auch das Soldatenglück uns nicht verlassen – drum laß mich, ehe wir die Ruhe suchen, noch einmal deine Stimme hören, die mir so oft tröstend und erfrischend in die Seele geklungen ist.« Er zog sie auf die gepolsterte Ruhebank, an der Seite der in das Nebengemach führenden Thür, legte die zierliche Mandoline in ihre Hand und ein lustiges Lied in scharf rhythmischer Marschmelodie klang durch das Gemach, während von dem anderen Flügel des Hauses her die Stimmen der Soldaten aus dem großen Gastzimmer herübertönten. XII. Im Palast der Medici herrschte auch spät noch die regste Bewegung, die Dienerschaft war noch beschäftigt in den Prachtsälen, die Tafeln mit kostbarem Gerät herzurichten und überall reichen Blumenschmuck anzubringen. Die Köche waren eifrig beschäftigt, alles für das große Prunkmahl einzurichten, so daß am nächsten Morgen nur noch die Feuerherde ihre Schuldigkeit zu thun hatten. In Lorenzos kleineren Empfangszimmern waren, nachdem Madonna Clarice mit den Kindern in ihre Gemächer zurückgekehrt, einige Freunde beisammen, die er bei sich zu versammeln pflegte, um sich von den Anstrengungen der Repräsentation und der politischen Arbeit zu erholen. Hier war der junge, feurige Politiano und der schon ältere Grieche Demetrius Chalkondylas, mit dem seinen geistvollen, etwas blassen Gesicht. Heute war auch der etwa fünfunddreißigjährige Maler Sandro Botticelli gekommen, um Lorenzo die Skizze eines Gemäldes vorzulegen, welches bestimmt war, zwischen den zwei Thüren der Kirche Santa Maria novella seinen Platz zu finden. Lorenzo betrachtete aufmerksam prüfend die nur einige Fuß hohe Farbenskizze, welche zwischen zwei Armleuchtern auf einer Staffelei vor ihm aufgestellt war. Botticelli erklärte die Figuren und Politiano und Chatkondylas standen seitwärts, mit Aufmerksamkeit dem Vortrag folgend. Das Bild stellte die Anbetung der drei Könige aus dem Morgenlande vor und war mit wunderbarer Meisterschaft bis in die kleinsten Details hin ausgeführt. Der älteste der drei Könige beugte sich tief vor der Madonna und küßte ehrfurchtsvoll den Fuß des Jesuskindes, zum Zeichen, erklärte Botticelli, daß der mächtige Fürst des Morgenlandes in dem neugeborenen Heiland den Herrn aller irdischen Könige durch die Erleuchtung Gottes erkannt habe. Lorenzo blickte lange in das ausdrucksvolle Gesicht der Königsgestalt auf dem Bilde, dann sah er Botticelli fragend an und sagte bewegt: »Dieser morgenländische König gleicht meinem Großvater Cosimo so sehr, daß ich noch nie ein ähnlicheres Bild gesehen, es ist unmöglich, daß der Zufall euern Pinsel geführt hat.« »Das ist auch nicht geschehen, erlauchter Lorenzo,« erwiderte der Maler, »konnte ich dem morgenländischen Könige, der, von dem leuchtenden Stern des Himmels geführt, zur Anbetung des Erlösers der Welt daher gezogen kam, eine bessere und würdigere Gestalt geben, als die Euers edlen Großvaters, der sich auch wie jener in frommer Demut vor dem Mensch gewordenen Sohn Gottes beugte?« »Ihr habt recht,« sagte Lorenzo bewegt, »mein Großvater war ebenso demütig vor Gott, als stolz und fest vor den Menschen. Doch hier,« fuhr er fort, »dieser zweite König, der vor dem Kinde kniet und anbetend die Hände erhebt, das ist ja Giovanni, mein Oheim.« »Er ist es,« erwiderte Botticelli, »und ich glaube, mit Recht trägt das Bild seine Züge. – War nicht Giovanni dem Treiben des äußeren Lebens fern und war nicht sein stilles Leben der Ausdruck des Wortes: »Ich und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen –« »Doch hier der Letzte,« rief Lorenzo, »noch ein Jüngling, der dem Heiland die reichen, kostbaren Gaben darbringt, das ist Giuliano, mein teurer Giuliano, als ob er lebendig vor mir stände! – O, hier verstehe ich Euch, mein Bruder Giuliano ist, bei Gott! mit den kostbarsten Gaben ausgerüstet, die einem Menschen nur verliehen werden können und er wird alle diese herrlichen Gaben dem heiligen Gottesdienst darbringen, dessen erste Pflicht es ist, das Vaterland, das ja Gott selbst uns gab, zu lieben und ihm alles, was wir sind und was wir haben, hinzugeben.« Botticelli lächelte. »Ich bewundere es,« sagte er, »wie scharf Eure Magnifizenz in meine Gedanken zu blicken versteht, – so habe ich's mir wohl gedacht, wenn auch vielleicht nicht so klar, wie Ihr's eben ausspracht.« »O möge,« sagte Lorenzo tief bewegt, »der Himmel das Bild zur Wahrheit werden lassen! Euch aber danke ich von ganzem Herzen, edler Meister, daß Ihr so der Meinigen gedacht und ihnen einen Platz gegeben habt, der sie vor der Nachwelt ehrt und doch auch ihre Demut zeigt, die jeder sterbliche Mensch sich bewahren soll, wenn er auch von Gottes Hand auf die Höhen des Lebens geführt wird. Ich danke Euch auch,« fügte er lächelnd hinzu, »daß Ihr mir keinen Platz auf diesem Bilde gegeben habt, meine Züge möchten auch wohl nicht dem Geist der Schönheit entsprechen, den der Künstler in seinen Werken zum Ausdruck bringen soll.« »Ich habe Euch nicht gemalt,« erwiderte Botticelli, schnell und fast unwillig Lorenzos Scherz zurückweisend, »weil ich fürchte, man könnte dies für eine Schmeichelei ansehen, von der ich fern bin, trotz der Verehrung, die ich für Euch hege.« Lorenzo drückte ihm die Hand und sagte: »Da Ihr es so vortrefflich versteht, die Meinigen im Bild wiederzugeben, so möchte ich Euch bitten, meine Gemahlin Clarice zu malen, damit ich und unsere Kinder auch für die Zukunft ihr Jugendbild behalten. Und dann noch Eines,« sagte er, mit sinnendem Blick die Skizze betrachtend, »auch meinen Bruder Giuliano sollt Ihr malen, nicht wie hier in fremder Gestalt, sondern ganz wie er unter uns lebt und atmet in seiner blühenden Jugendschönheit, so recht lebendig mit seinem lächelnden Munde und seinem leuchtenden tief zum Herzen dringenden Blick, damit auch diejenigen, die ihn selbst nicht kennen, nach solchem Bilde sich eine Vorstellung von ihm machen können.« »Es wird mir eine Freude sein, Euern Wunsch zu erfüllen,« erwiderte Botticelli, »und ich zweifle nicht,« fügte er mit leichtem Lächeln hinzu, »daß mein Bild dem edlen Giuliano Liebe und Verehrung gewinnen wird, wenn Ihr dasselbe fremden Freunden schicken wollt, die ihn selbst nicht kennen.« Lorenzo warf dem Maler einen schnellen, forschenden Blick zu und sagte dann in fast gleichgiltigem Ton: »Wir haben ja zu meiner Freude viel Freunde auswärts, mit denen eine persönliche Begegnung nur schwer und selten zu erreichen ist und da möchte ich bei Gelegenheit gern im stande sein, auch ihnen ein lebenstreues Bild meines Bruders Giuliano geben zu können.« Botticelli nickte lächelnd mit dem Kopf. Das Gespräch wurde durch den Eintritt eines Dominikaner-Mönchs unterbrochen, dem der Diener ohne vorherige Anmeldung die Thür öffnete. Es war ein noch junger, schlanker Mann, dessen gelblich bleiches Gesicht mit der stark vorspringenden Nase, dem großen, aber schön geformten Munde und den dunklen, etwas tiefliegenden Augen von dichtem, schwarzem Haar umrahmt war, das von dem über die Brust und den Rücken herabhängenden, weißen Scapulier bedeckt wurde. Der weiße Ordensrock und der schwarze Mantel mit der niedergeschlagenen Kapuze hingen weit und faltig um die hagere Gestalt. Er streifte die Anwesenden mit einem flüchtigen Blick und neigte gegen Lorenzo leicht das Haupt. »Es freut mich, ehrwürdiger Bruder,« sagte dieser, »daß Ihr mir noch einmal vor Eurer Abreise die Freude Eures Besuchs und die Gelegenheit bietet, Euch mit meinen Freunden bekannt zu machen: dem gelehrten Chalkondylas, dem beredten Politiano und hier dem Meister des Pinsels Sandro Botticelli, der mir soeben ein herrliches Werk seiner Kunst gebracht hat, das in vollendeter Ausführung bestimmt ist, die Kirche von Santa Maria novella zu schmücken. Der Bruder Girolamo Savonarola,« fuhr er fort, während die von ihm Genannten sich artig verbeugten, »ist in Angelegenheiten seines Klosters in Bologna auf Reisen und hat mir Grüße seines ehrwürdigen Priors gebracht, – Ihr werdet Euch freuen, Fra Girolamo, dieses Bild anzusehen, da die bildliche Darstellung unserer heiligen Geschichte wohl ebensoviel dazu beitragen mag, den Glauben und die Frömmigkeit zu verbreiten und befestigen als die Rede, die Ihr mit solcher Meisterschaft beherrscht.« Der Mönch blickte auf die Farbenskizze hin. Dann verdüsterte sich sein Gesicht und kopfschüttelnd sagte er: »Das Bild ist schön, ich kann es nicht leugnen und die Anbetung der Könige des Morgenlandes ist wohl ein Gegenstand, um die Herzen zu erwärmen und mit der unerschöpflichen Liebe Gottes zu erfüllen; aber ich sehe, daß in diesem Bilde nicht die Hingebung an den heiligen Gegenstand, den es darstellt, allein den Pinsel geführt hat, sondern daß irdische Eitelkeit hineingemischt ist. Ich kenne wohl Euern Bruder Giuliano, den ich hier gesehen und auch Euern Großvater Cosimo, dessen Züge mir aus andern Bildern bekannt sind. Das ist nicht,« fuhr er fort, indem seine dunklen Augen aufflammten und seine tiefe, wohlklingende Stimme zu mächtigem, das ganze Gemach erfüllenden Ton sich erhob, »das ist nicht der Geist, der ein dem Dienste Gottes geweihtes Bild erfüllen soll. – Ich hoffe und wünsche, daß Euer Großvater und Euer Bruder von demselben Geist demütig gläubiger Anbetung durchdrungen worden sind, der jene Könige des Morgenlandes zu der Krippe in Bethlehem führte, aber das bedarf keiner bildlichen Darstellung vor den Augen des Volks. Dies Bild hier ist eine Verherrlichung sündiger Menschen, welche der Demut widerspricht, die allein den Weg öffnen kann zu dem ewigen Urquell der Erbarmung und Liebe, deren erlösende Botschaft die Engel in der heiligen Nacht verkündeten und denen allein der Stern der Offenbarung leuchtet, welcher den Königen des fernen Ostens den Weg zu der demütigen Geburtsstätte des Weltheilands zeigte, wo Gott selbst irdische Gestalt annahm, um die Sündenschuld der Menschheit in dem Opfer seines Leidens und Sterbens zu erlösen. Der stolze Pharisäer gehört nicht dahin, wo Gott selbst den reuigen Zöllnern seine Gnadenhand reicht.« Der Mönch hatte, ruhig und langsam jedes Wort scharf betonend gesprochen, aber es war, als ob aus seiner Rede ein inneres Feuer hervorglühte. Botticelli schien um eine Antwort für diese strenge Kritik seines Bildes verlegen. Lorenzo aber sagte sanft und ehrerbietig: »Ihr urteilt vielleicht zu streng, ehrwürdiger Bruder, – ich habe keinen Teil an dieser Verkörperung meiner Familie in dem heiligen Bilde und habe Ähnliches wie Ihr, soeben dem edlen Meister Sandro gesagt, der gerade mir keinen Platz auf seinem Bilde gegeben, um den Schein einer Schmeichelei zu vermeiden, weil mir besonders das vielleicht unverdiente Vertrauen des Volks und der Regierung unserer Republik sich zuwendet. Wenn er den Mitgliedern meiner Familie hier einen so ehrenvollen Platz an der Geburtsstätte des Erlösers gegeben, so hat er's wohl nur gethan, um auch der Nachwelt zu zeigen, daß der Geist der demütigen Anbetung, der jene Könige nach Bethlehem führte, auch mein Haus erfüllt und allezeit erfüllen soll.« »So ist es,« sagte Botticelli schnell, »der erlauchte Lorenzo hat ganz richtig meine Gedanken erfaßt und gedeutet. In diesen Gestalten hier, ehrwürdiger Bruder, liegt nicht nur eine dankbare Anerkennung der Vergangenheit des edlen Hauses der Medici, sondern auch ein Gelöbnis für dessen Zukunft –« Das meine Nachkommen treulich erfüllen werden,« fiel Lorenzo ein, »wenn sie meiner würdig sein wollen, wie ich mich bestrebe, meiner Vorfahren würdig zu sein.« »Ich glaube gern, daß es so ist,« erwiderte Savonarola, indem er seinen durchdringenden Blick zu Lorenzo wendete, der vor demselben die Augen niederschlug, »und hoffe für Euer Haus, daß es auch in Zukunft so sein wird; aber wozu bedarf ein solches Gelübde einer prunkenden Ausstellung auf einem Bilde zur Ehre des Herrn, der da sagt: Ihr sollt mich anbeten im Geiste und in der Wahrheit? Auch in der äußeren Demut kann der Stolz sich bekunden und nicht alle, die da Herr Herr sprechen und ihre Knie beugen vor den Augen alles Volkes, werden den Weg zum Himmelreich finden! Das ist ja,« fuhr er lebhafter fort, indem er unter dem faltigen Mantel hervor den Arm ausstreckte, »das ist ja der Fluch, den der menschliche Stolz und die menschliche Eitelkeit über die heilige Kirche gebracht hat, daß in äußerer Religionsübung und geheuchelter Demut das Wesen des Christentums und des heiligenden Gottesdienstes gesucht wird, während Stolz und Hoffart die Herzen erfüllen und verhärten. – Am Dienst des Scheins krankt die Kirche und die menschliche Gesellschaft; die Priester, welche die Demut und die Liebe Predigen und in ihrem Beispiel verkörpern sollen, hängen an der irdischen Eitelkeit und Hoffahrt und verfolgen mit neidischer Feindschaft alle, die ihren Plänen im Wege stehen. Der Statthalter Christi auf Erden vergißt, daß der Heiland in der Krippe geboren ward und daß er in Armut und Entsagung unter den Niedrigen lebte und sprach, es werde eher ein Schiffstau durch ein Nadelöhr gehen, als ein Reicher in das Himmelreich gelangen. – Er aber umgiebt sich mit dem stolzen Prunk der weltlichen Könige und die unter ihm die Kirche hüten, die Bischöfe und Prälaten, ahmen ihm nach und streben nur nach irdischen Schätzen und irdischer Ehre. Das Volk sucht den Weg zu Gott in äußeren Religionsübungen ohne Opfer und Arbeit, statt sich dem inbrünstigen Gebet zuzuwenden und durch Glaubens- und Liebeswerke den in die Ewigkeit aufragenden Tempel zu erbauen, der, erfüllt von dem Geist des Heilands, die ganze Menschheit in brüderlicher Eintracht und kindlicher Einfalt unter seinem Dache vereinigen soll. – In Haupt und Gliedern muß die Kirche umgestaltet werden, zurückgeführt zur Demut und zum Glauben, der die Berge versetzt und die festen und stolzen Burgen in den Staub niederwirft.« »Ei, ei, ehrwürdiger Bruder,« sagte Botticelli, »Ihr sprecht kühne Worte – wenn die Fürsten der Kirche oder gar Seine Heiligkeit in Rom davon hörten, so möchten sie nicht davon erbaut sein.« »Können sie anders sprechen, als ich,« rief Savonarola, »wenn sie Diener des Worts sein wollen, das die ewige Wahrheit in sich schließt, wenn sie die Nachfolger der Apostel sein wollen, die, dem Heiland gleich, in Armut und Niedrigkeit durch die Welt zogen, um die himmlische Botschaft den Mühseligen und Beladenen zu verkünden? – Wenn heute der Heiland herniederstiege, er würde viel auszutreiben haben aus seiner Kirche, wie er die Wechsler und Verkäufer aus dem Tempel zu Jerusalem trieb und unter diesen würden wohl nicht wenige sein, die sich seine Diener nennen, sein Kreuz auf der Brust tragen und sein Evangelium verkünden! Und wenn es leider so mit der Kirche bestellt ist, dann kann man sich nicht wundern, daß in der ganzen Welt Stolz und Eitelkeit und Gier nach Macht und Reichtum herrschen, daß das Volk unterdrückt wird in seiner freien Bewegung von den Königen und Fürsten, den Mächtigen und Reichen, die es wohl im Munde führen, daß sie ihre Kronen der Gnade Gottes verdanken, aber ihre Macht und Gewalt gebrauchen zu tyrannischer Willkür, als ob der Teufel sie auf ihr Haupt gesetzt habe, und die es verdienen, daß diese Kronen ihnen einst zu glühendem Erz werden auf ihren harten trotzigen Schädeln! – Der Glauben, die Liebe und die Freiheit klingen durch das Evangelium und sollen eine Wahrheit werden in der Zukunft der irdischen Welt, wie sie eine Wahrheit sind im Himmel und vor dem Thron Gottes und wer Gott dienen will, wer ein Priester sein will seiner im Geist und in der Wahrheit lebendigen Kirche, der soll diese Wahrheit verkünden, bis sie siegreich die Welt durchklingt, unbekümmert um die heuchlerischen Pharisäer und die trotzigen Gewalthaber, die den Heiland verfolgten und ans Kreuz schlugen! – Wer die Wahrheit nicht glaubt und bekennt und die Freiheit nicht zu erlösen ringt von dem Joch, das geistlicher und weltlicher Übermut den Völkern auf den Nacken gelegt, der ist nicht wert, ein Priester der Kirche zu sein, deren ewiges reines Licht hervorstrahlt aus der niederen Krippe von Bethlehem!« Die schmächtige Gestalt Savonarolas hatte sich hoch aufgerichtet, er streckte die Arme wie beschwörend aus, ein wunderbarer Glanz strahlte aus seinen Augen. Alle waren bewegt und erschüttert durch seine Worte, selbst von Chalkondylas Lippen war das feine ironische Lächeln verschwunden. Einige Augenblicke herrschte tiefes Schweigen in dem Gemach. »Ihr spracht schöne und leider auch wahre Worte, ehrwürdiger Bruder,« sagte Lorenzo, das sinnende Haupt aufrichtend, »wenn Ihr auch wohl zu scharf und zu allgemein in Euerm Tadel seid, denn es giebt doch genug der wahren und aufrichtigen Diener des Evangeliums, welche die göttliche Botschaft im Herzen tragen und die Liebe und Demut predigen –« »Und sich einhüllen,« fiel Savonarola bitter ein, »in den Purpur, den die Kirche von den weltlichen Tyrannen entlehnt und den die Schergen dem Heiland zu Hohn und Spott um die Schultern warfen.« »Nun,« sagte Lorenzo lächelnd, »die Freiheit, die Ihr für die Völker und auch für die Armen und Niedrigen verlangt, als einen Ausfluß der christlichen Liebe und Brüderlichkeit, – hier bei uns wenigstens findet Ihr sie. – In der florentinischen Republik ist das Volk frei und die Bürger sind sich gleich in bürgerlicher Eintracht.« »Und dennoch,« rief Savonarola, »seid Ihr, Lorenzo de' Medici, in dieser Republik der Herr und Gebieter, dennoch stehe ich hier vor Euch in Euerm schimmernden Palast, der Euch in seiner Pracht und Herrlichkeit den Königen gleichstellt! – Wißt Ihr nicht, daß der Heiland dem reichen Jüngling sagte: Verkaufe Deine Habe und verteile das Geld unter die Armen, wenn Du mir nachfolgen willst?« »Wenn ich eine Macht ausübe,« erwiderte Lorenzo »in dieser Republik, so hat sie das freie Vertrauen des Volks mir gegeben und kann sie mir wieder nehmen und kein Armer geht ohne Erquickung und Hilfe von mir.« »Das mag sein,« sagte Savonarola finster, »doch ist ein Geschenk der Gnade, das kein Opfer auferlegt und den Reichtum nicht schmälert, ein Band der Brüderlichkeit? Ich allein vermag die Welt nicht zu ändern,« fuhr er seufzend fort, »aber bekennen und verkünden will ich es überall, soweit meine Stimme reicht, daß sie der Änderung bedarf im Leben der Kirche und des Volks an Haupt und Gliedern, wenn sie würdig werden soll der Wiederkehr des Herrn und der Aufrichtung des tausendjährigen Reiches. Ihr, Angelo Politiano, ich kenne Euch wohl, Ihr übt die Dichtkunst und seid Meister der Worte, aber Eure Poesie dient der Macht und dem Glanz, der irdischen Lust und Herrlichkeit – ich aber will ein Lied singen – und die Welt soll es vernehmen –von dem Ruhm der Kirche, von dem wahren Ruhm, der sich nicht mit Gold und Purpur schmückt und dennoch heller leuchtet als alles irdische Licht.« Er blickte wie in Verzückung aufwärts. Dann fielen seine Arme schlaff herab, seine Gestalt nahm wieder ihre etwas gebeugte Haltung an, seine Augen blickten kalt und ruhig. »Ich danke Euch, Lorenzo de' Medici,« sagte er, »für die Zuwendungen, die Ihr meinem Kloster gemacht und werde die Briefe, die Ihr mir für unsern hochwürdigen Prior übergeben, getreulich in dessen Hände legen. Jede gute That, wenn sie den guten Willen hat, ist wohlgefällig vor Gott und wird auch Euch angerechnet werden.« »Und ich danke Euch, ehrwürdiger Bruder,« erwiderte Lorenzo, »daß Ihr frei vor mir gesprochen und kann ich auch nicht überall Euer Urteil teilen in seiner ganzen Schärfe, so sind doch Worte, wie Ihr sie gesprochen, eine gute Arznei für die Krankheit, welche leider die Welt und auch die Kirche angesteckt hat.« »Hier wäre eine Stätte für Eure Worte,« fuhr er nach kurzem Nachdenken fort, »das Kloster von San Marco möchte ein würdiger Platz für Euch sein und bei den Bürgern unserer Republik, bei mir zumeist, würdet Ihr aufmerksames Gehör finden. Ihr habt mir die Macht vorgeworfen, welche das freie Volk in meine Hände gelegt, wollt Ihr, so steht Euch diese Macht zu Gebot, um Euch die Pforten von San Marco zu öffnen zu einer Stellung, von der Euer Wort weiter in die Welt hinausklingen wird, als aus der Zelle von Bologna!« »Ich danke Euch für Euern guten Willen –« erwiderte Savonarola, »meinen Willen aber habe ich unterworfen den Geboten des Ordens. – Würde ich je einer Zuflucht bedürfen, so werde ich an Eure Thür klopfen, nicht um Eurer Macht zu dienen, sondern um den Ruhm der Kirche im Geist und in der Wahrheit zu verkünden den Mächtigen wie den Armen. Ihr habt mir Gastfreundschaft unter Euerm Dach geboten, ich nehme Abschied von Euch mit dem Worte des Segens, das der Gast, den Ihr um Christi willen aufnahmt, Euch schuldig ist und werde beten, daß der Geist Gottes unter Euerm Dache lebendig werde und auch Eure Seele von der irdischen Eitelkeit und Hoffart reinige. – Morgen werde ich mich auf den Weg machen und Euch nicht mehr in Euren Geschäften stören.« Er machte mit der Hand das Zeichen des Kreuzes gegen Lorenzo, der sich ehrerbietig verneigte, grüßte die Übrigen mit kurzem Kopfnicken und ging hinaus. »Ein sonderbarer Heiliger,« rief Politiano, »der die ganze Welt mit Büßern bevölkern möchte – mich wird er zu seiner düsteren Lehre nicht bekehren, das Licht und der Glanz sind so schön, zu Lust und Freude hat der Schöpfer die so blühende und strahlende Welt uns gegeben und sollen wir nicht seine Geschenke dankbar genießen?« »Und doch,« sagte Lorenzo, »hat er wohl recht, wenn er sagt, daß die Welt, und die Kirche vor allem, der Besserung bedarf in Haupt und Gliedern. – Wir müssen ja,« fügte er halb zu sich selbst sprechend hinzu, »es bitter empfinden, daß das Oberhaupt der Kirche selbst nach vergänglichem Glanz für sich und die Seinen strebt und auch über Haß und Zorn die christliche Liebe vergißt. – Mir hat es scheinen wollen, als ob aus seinen Worten der Geist der Zukunft zu mir sprach, einer Zukunft, welche vielleicht der Wetterwolken bedürfen wird, um die Luft zu klären und zu reinigen, die jetzt schwül auf uns lastet!« »Ich danke Euch noch einmal, Sandro Botticelli,« sagte er, nach kurzem Schweigen des Malers Hand drückend, »für Euer Bild, ich werde es stets anschauen ohne Hochmut und Stolz als einen Ausdruck der Demut der Mitglieder meines Hauses und wenn Ihr einmal meine Gestalt auf eins Eurer Bilder bringen wollt,« fügte er lächelnd hinzu, »dann wählt den Zöllner dazu, der seine Unwürdigkeit fühlt und doch auf die göttliche Barmherzigkeit hoffen darf.« »Und um die Gestalt des Pharisäers werde ich nicht in Verlegenheit sein,« erwiderte Botticelli, »dafür werde ich genug Modelle finden im Purpur der Kirche und im weltlichen Fürstenmantel.« Lorenzo mahnte die Ruhe zu suchen, da der Tag morgen frühe beginnen müsse. Seine Gäste verabschiedeten sich und als er allein geblieben, sagte er ernst und nachdenklich: »Man hat in Rom begonnen, mir offene Feindschaft zu zeigen – auf die Versicherung Girolamos vertraue ich wenig, wenn es mir nicht gelingt, ihn durch seinen eigenen Ehrgeiz zu beherrschen. Ich muß gefaßt sein auf die Verteidigung und vielleicht wäre es ein gutes Mittel für den offenen Kampf gegen Rom, auch die geistigen Waffen zu schärfen und zur Hand zu haben – ich werde diesen Mönch im Auge behalten.« XIII. Schon am frühen Morgen des nächsten Tages, des letzten Sonntags vor dem Himmelfahrtsfeste, war ganz Florenz in Bewegung und in dem Palast der Medici war die ganze Dienerschaft in reicher goldschimmernder Tracht bereit, die zahlreichen Gäste zu empfangen. Sie alle versammelten sich früh schon in den Prunkgemächern des Hauses, wo sie Madonna Clarice in einem Kleide von weißem Brokat mit einer prachtvoll gestickten Mantelkappe, wie die vornehmen Damen sie in Florenz nach alter Sitte trugen, empfing, Edelsteine glänzten an ihrem Gürtel, in ihrem Haar und den Spangen ihrer Arme und überstrahlten fast die Markgräfin von Malaspina, welche mit den übrigen Damen ihrer Verwandtschaft half, die Gäste zu begrüßen, während Lorenzos Mutter Lucretia, aus dem Hause Tornabuoni, eine ehrwürdige Matrone in dunklen Sammet mit Silberstickerei gekleidet, auf einem Lehnstuhl die Begrüßung der Fremden erwartete. Unter den Damen strahlte vor allen, in rosig blühender Jugendschönheit, die Marchesina Giovanna von Malaspina, und Lorenzo, wie immer einfach in dunkle Farben gekleidet und nur mit wenigen auserlesenen Edelsteinen geschmückt, war umgeben von allen Freunden und Verwandten seines Hauses, unter denen sich Cosimo Ruccellai in schimmerndem Gold- und weißem Brokatanzug mit purpurblauem Überwurf stets an seiner Seite hielt, um jedes Auftrags gewärtig zu sein. Es kamen auf prächtig geschirrten Pferden, von zahlreichem Gefolge begleitet, der Botschafter des Königs von Neapel Marino Tomacelli, die Gesandten der Herzöge von Mailand und Ferrara, Filippo Sagramoro und Nicolo Bendedei, dann die florentinischen Ritter, Antonio Ridolfi, Bongianni Gianfingliazzi, Bernardo Bongirolami und alle übrigen Träger der alten und vornehmen Namen der florentinischen Republik. Sie alle wurden von den Dienern unter dem Portal des Palastes empfangen und in die Säle geleitet, während die Pferde und Diener die Höfe füllten. Nur kurze Zeit erst waren alle Geladenen vereinigt, als die Ankunft des Kardinals Riario gemeldet wurde. Er ritt in einfachem Anzuge in das Portal ein; ihm folgte der Erzbischof Salviati und alle Pazzis mit ihrer Verwandtschaft, unter denen auch Guiglielmo mit seiner Gemahlin Bianca, der Schwester Lorenzos, einer ernsten und stolzblickenden Dame, in prächtig schimmerndem Brokatkleide, welche ihrem schwachen und etwas unsicher auftretenden Gemahl an Willenskraft weit überlegen war. Francesco de Pazzi führte Bandini und Napoleone Francesi mit sich, welche, obwohl sie nicht zu den Freunden des Mediceischen Hauses gehörten, doch heute gastfrei empfangen wurden. Montesecco führte die militärische Eskorte, welche der Graf Girolamo von Imola aus seinem Neffen mitgegeben hatte und welche aus über hundert Reitern seiner besten Truppen bestand. Er ließ diese Wache am Palast halten und folgte dann mit finsterer Miene den übrigen in die Festräume. Lorenzo hatte bei der Meldung der Ankunft des Kardinals Cosimo Ruccellai abgesendet, um seinen hohen Gast zunächst in die für denselben bereit gehaltenen Räume zu führen, wo derselbe sich ankleiden wollte, um dann zu Fuß nach dem nahen Dom sich zu begeben. Er selbst empfing alle seine Gäste mit seiner gewohnten Artigkeit, hieß auch Bandini verbindlich und artig in seinem Hause willkommen, ohne auch nur mit einem Wort oder einer Miene eine Erinnerung an ihre letzte Begegnung anzudeuten. Francesco de Pazzi fragte mit ängstlicher Unruhe nach dem Befinden Giulianos und zog sich dann, als Lorenzo ihm sagte, daß sein Bruder noch zu leidend sei, um der Gesellschaft beizuwohnen, aber in der Kirche erscheinen werde, dem Kardinal seine Ehrerbietung zu bezeugen, in leisem eifrigen Gespräch mit Bandini in ein Nebengemach zurück. Nach kurzer Zeit erschien dann auch der Kardinal, in dem Purpurgewande und dem Mantel, das Barett auf dem Haupt, eine seltsame aber anziehende und anmutige Erscheinung, der zarte knabenhafte Kirchenfürst, der sich Mühe gab, seine jugendliche Scheu zu überwinden und die Würde seiner hohen Stellung in Miene und Haltung zu bewahren. Lorenzo und seine Gemahlin begrüßten ihn ehrerbietig und ihm allein kam auch Madonna Lucretia, von ihrem Sessel sich erhebend, einige Schritte entgegen. Während sich Raffaello mit Lorenzos Mutter in fast ehrerbietiger Haltung unterhielt, trat Lorenzo zu Montesecco und drückte ihm herzlich die Hand. »Ihr habt prächtige Reiter mitgebracht, tapferer Capitano,« sagte er, »solche Truppen möchte ich mir wünschen, wenn wir jemals in die Lage kämen, Krieg zu führen – ich sah sie heute in aller Frühe schon wie sie aus ihrem Quartier in der Vorstadt einrückten, um Seine Eminenz abzuholen, als ich zur Frühmesse ging.« »So habt Ihr schon die Messe gehört, erlauchter Herr?« fragte Montesecco lebhaft. »Es ist so meine Gewohnheit,« erwiderte Lorenzo, »den Tag, der für mich früh anfängt, mit dem Gottesdienst zu beginnen.« »Dann werdet Ihr jetzt nicht nach dem Dom gehen?« fragte Montesecco, indem er tief aufatmete, als ob eine Last von ihm genommen wäre. »Doch,« erwiderte Lorenzo, »ich werde Seine Eminenz, der für heute der Gast meines Hauses ist, begleiten, wie es meine Pflicht verlangt.« Montesecco öffnete die Lippen, es schien, daß er etwas sagen wolle, aber schon trat der Kardinal heran, den es drängte, die ihm peinliche Repräsentation abzukürzen und fragte, ob es nicht Zeit sei, nach dem Dome aufzubrechen. Montesecco trat seufzend zurück und Lorenzo schritt an der Seite des jungen Kirchenfürsten dem Ausgange zu. Alle Herren folgten, während die Damen sich bis zu dem Frühmahl, das unmittelbar nach dem Gottesdienst stattfinden sollte, in ihre Zimmer zurückzogen. Cosimo Ruccellai warf Giovanna, unmittelbar hinter Lorenzo und dem Kardinal herschreitend, mit der Spitze seines Fingers die Lippen berührend, einen Kuß zu und die liebliche Marchesina erwiderte errötend und glücklich lächelnd den Liebesgruß. Es war ein prächtiger, in allem blendenden Glanz der Farben, der goldenen Stickereien und der Edelsteine schimmernder Zug, der durch die nach dem Dom führende Straße dahinschritt. Der Kardinal wurde von der Volksmenge ehrerbietig begrüßt. Er neigte nach rechts und links den Kopf und erhob immer wieder die Hand, um das Zeichen des Kreuzes zu machen, vor dem einige wohl das Knie beugten, aber eigentlich galten die Grüße der Menge doch nur Lorenzo, denn ringsum hörte man immer nur den Ruf: »Palle – Palle –,« die Huldigung des Volkes für die Medici, bei welchem die Freunde der Pazzi finster zu Boden blickten und leise drohende Worte vor sich hin flüsterten. Als der Zug, dem sich zahlreiche Diener und Monteseccos Reiter anschlossen, das Portal des Mediceischen Hauses verlassen hatte, blieb der Erzbischof zurück, scheinbar in einem Gespräch mit Bracciolini und Jacopo de Pazzi. Etwa zwanzig junge Leute hielten sich bereit und als die neugierige Menge dem Zuge folgend nach dem Dom hin drängte, schritten Salviati und Bracciolini schnell dem Wege nach dem Palast der Signorie zu, während die übrigen Zurückgebliebenen in einiger Entfernung folgten. Auch Francesco de Pazzi und Bandini waren, als die letzten die Treppe hinabsteigend, zurückgeblieben. »Er ist noch nicht da –« flüsterte Francesco Bandini zu, »alles ist halbes Werk und vielleicht ganz verloren, wenn wir nicht die beiden Brüder treffen können – sollten sie etwas wissen, sollte diese geheimnisvolle Abwesenheit Giulianos ein Unheil, eine Falle bedeuten?« »Das ist nicht Giulianos Art,« sagte Bandini, »wäre etwas dergleichen im Werk, so würde Lorenzo zurückgeblieben sein – ich glaube wohl zu wissen, warum Giuliano nicht da ist und was ihn beschäftigt – laß ihn, ich bürge dafür, daß er uns nicht entgehen soll, wenn wir nur erst mit dem Andern fertig sind.« »Nein, nein,« sagte Francesco Pazzi, »das darf nicht sein, wir dürfen nichts dem Zufall überlassen, der verhängnisvoll werden könnte. – Wir müssen Giuliano haben, in demselben Augenblick muß beide der vernichtende Schlag treffen – komm mit, ich muß mich selbst überzeugen, was das bedeutet.« Er eilte nach dem von Giuliano bewohnten Flügel des Mediceischen Palastes. Hier herrschte im Gegensatz zu den übrigen Räumen tiefe Ruhe, wenige Diener nur waren im Vorzimmer, sie ließen Francesco, den sie als einen Freund ihres Herrn kannten, ungehindert ein und dieser trat, hastig die Thüre öffnend, in das ihm wohlbekannte Gemach. Giuliano stand zum Ausgehen gekleidet im reich gestickten Überwurf mit den lang herabhängenden Ärmeln, den Hut mit dem Federstutz an funkelnder Agraffe in der Hand, am Fenster und blickte wie träumend in die Gärten hinaus. Bei dem hastigen Eintreten der Beiden wendete er sich erstaunt um. »Was hast du, Giuliano,« rief Francesco, »du kannst unmöglich so krank sein, um heute nicht einmal im Dom zu erscheinen – ich sehe es, du bist zum Ausgehen angekleidet, alle sind schon auf dem Wege, es ist kein Augenblick Zeit zu verlieren, also komm, komm, laß uns eilen!« »Wohl bin ich angekleidet und habe auch versprochen zu kommen,« erwiderte Giuliano seufzend, »aber ich bin wirklich nicht wohl, du magst es mir glauben und eben dachte ich darüber nach, daß eigentlich meine Anwesenheit dort wenig bedeutet und daß es mir so wohl thun würde, hier in ruhiger Stille zu bleiben.« »Deine Anwesenheit bedeutete nichts?« rief Francesco, »das ist zu viel Bescheidenheit – bist du nicht dasselbe wie Lorenzo? – Der Kardinal würde durch dein Fehlen gekränkt sein, da du ja schon das Gastmahl abgesagt hast und du bist es deiner Stellung schuldig, die Pflichten der Höflichkeit gegen einen Fürsten der Kirche und Neffen des Papstes zu erfüllen. Es wäre schade,« fügte er lachend hinzu, »wenn dich das Volk in diesem prächtigen Aufzug nicht sähe. Welche herrliche Stickerei hier auf deiner Brust – ich beneide dich darum.« Er betastete bei diesen Worten an verschiedenen Stellen die Stickerei auf Giulianos Brust. »Ich kann dich versichern,« erwiderte Giuliano zurücktretend, »daß ich heute nicht daran gedacht habe, mich besonders zu schmücken und daß ich nicht weiß, woher diese Stickereien stammen. Doch wenn es denn sein muß, so will ich mit Euch gehen, aber versprecht mir, mich nicht zu drängen, daß ich bei dem Gastmahl bleibe, denn es würde vergebens sein.« »Kommt, kommt, erlauchter Giuliano,« rief Bandini, »ich höre Glockenläuten, der Kardinal ist in den Dom getreten und der Gottesdienst beginnt.« Während Giuliano noch einmal vor einen großen venetianischen Spiegel trat, um einen letzten Blick auf seinen Anzug zu werfen, flüsterte Francesco Banoini zu: »Ich habe ihn betastet, er trägt keinen Panzer unter seinem Wams und alles wird gelingen, in einer Stunde sind wir Herren von Florenz.« Er nahm Giulianos Arm, Bandini folgte und die drei eilten durch die leer gewordenen Straßen nach dem Dom hin, den die Menge umdrängte und vor welchem Monteseccos Reiter standen, um den Eingang frei zu halten. Das Innere der prächtigen Kirche bot einen überaus glänzenden Anblick. Alle Plätze waren gefüllt mit Mitgliedern der höheren florentinischen Bürgerschaft. Dem Kardinal war ein Betstuhl innerhalb der Schranken des Chors aufgestellt, gerade dem Altar gegenüber. Ihn umgab sein persönliches Gefolge und die ganze Gesellschaft, welche sich im Hause der Medici versammelt hatte. Darüber wölbte sich die schöne Kuppel von Brunellesco und die durch die Fenster einfallenden Lichtstrahlen ließen über den prächtigen Schmuck der Kirche hin und die buntfarbig schimmernden Gewänder der Versammlung ihre Reflexe spielen. Lorenzo stand außerhalb des Chors neben den Schranken, er hatte seinen Gästen artig den Vortritt zu den Plätzen in der Nähe des Kardinals überlassen. Der celebrierende Priester stand am Altar, der im hellen Kerzenlicht schimmerte. Die anderen bei dem Hochamt beschäftigten Geistlichen umgaben ihn, Weihrauchwolken durchdufteten die Luft. Die Messe hatte begonnen und der meisterhaft ausgeführte Gesang hallte durch den weiten Raum. Francesco zog Giuliano durch den inneren freigehaltenen Gang der Kirche fort und drängte ihn in den Chor. Bandini hielt sich an seiner Seite. Montesecco war in der Nähe des Ausganges geblieben, um seine Truppen zur Hand zu haben. Er blickte finster und unruhig um sich, ungewiß was kommen würde, immer noch hoffend, daß man es nicht wagen würde, irgend einen tollkühnen Anschlag auszuführen, da alles so ruhig und friedlich schien. Die Messe nahm ihren Fortgang. Die Andacht war in der ganzen Versammlung nicht groß, da alle nur Augen für die glänzende Versammlung hatten, die den Altar umgab. Endlich gab das helle Glöckchen, auf dessen Ton auch die große Domglocke anschlug, das Zeichen der heiligen Wandlung, der Priester erhob die Monstranz, alle Anwesenden sanken auf die Knie, in demselben Augenblick aber unterbrach ein lauter Schrei die tiefe feierliche Stille. Bandini hatte seinen Dolch in Giulianos Brust gestoßen. Der Verwundete war aufgesprungen, aber nach einem Schritt schon stürzte er, von Blut überströmt, wieder nieder. Francesco de Pazzi warf sich auf ihn und stieß mit so wilder Wut auf den schon tödlich Getroffenen los, daß er sich selbst mit dem eigenen Dolche in die Schenkel verwundete und ebenfalls in die Knie sank. In demselben Augenblick blitzten in den Händen aller Verschworenen Schwerter und Dolche. Der Kardinal Raffaello fuhr entsetzt auf und erstieg zitternd und totenbleich die Stufen des Altars, wo die Priester ihn schützend umringten. Antonio Maffai, der mit Stefano Bagnone neben Lorenzo stand, erhob seinen Dolch, aber der nach dem Halse gezielte Stoß ging fehl und traf die Schulter Lorenzos, der schnell seinen weiten Überwurf um den Arm schlang und so sich deckend den Degen zog, um den Angriff Bandinis abzuwehren, der mit seinem vom Blut Giulianos triefenden Dolche gegen ihn heranstürmte. Im Nu waren auch die Waffen der Freunde der Medici blank. Giovanni Tornabuoni und andere umringten Lorenzo und drängten ihn nach der Sakristei hin, deren eherne Thüren Politiano aufgerissen hatte und sie schnell wieder schloß, als Lorenzo in Sicherheit war. Cosimo Ruccellai warf sich Bandini entgegen, der eben noch einen Freund der Medici, Francesco Nori, niedergestochen hatte und drang, nachdem er Bandini den Dolch aus der Hand geschlagen, auf Francesco Pazzi ein, der sich wieder erhoben hatte und die Verschworenen anfeuerte, in die Sakristei zu dringen. »Ha, du kommst mir recht,« rief Francesco bebend vor Wut bei Cosimos Anblick, »wenigstens sollst du es büßen, daß du es gewagt, meine Wege zu kreuzen.« Er drang auf Cosimo ein, dessen kostbares Kleid mit Blut bespritzt war, aber der junge Mann, der noch nie in blutigem Ernst eine Waffe geführt hatte, wehrte ihn mit kaltblütigem Mut mit der Spitze seines Degens ab. Schäumend vor Wut suchte Francesco die ihn bedrohende Klinge nach dem Griff hin zu erfassen. Als ihm das nicht gelang, schleuderte er seinen starken, zweischneidigen Dolch gegen Cosimos Brust, aber seine schmerzhafte Wunde begann ihn zu entkräften, er hatte die sichere Haltung verloren, der blutige Dolch flog an Cosimo vorbei und dieser zückte seinen Degen gegen die Brust seines wilden Feindes. Francesco aber verlor völlig seine Kraft, er brach zusammen und sank in die Knie. Er versuchte seinen Degen zu ziehen, doch schon drang die Spitze von Cosimos Klinge durch sein Wams. Als dieser den Feind wehrlos vor sich sah, zog er die Waffe zurück und sagte: »Mein Degen soll nicht mit dem Blut eines feigen Meuchelmörders befleckt werden, die ritterliche Waffe soll nicht dem Beil des Henkers vorgreifen, dem du verfallen bist.« Francescos Gesicht wurde erdfahl; er machte einen Versuch, sich aufzurichten und rief mit heiserer Stimme: »Stoß zu, elender Bube, von dir nimmt Francesco Pazzi sein Leben nicht geschenkt!« Es gelang ihm, seinen Degen zu ziehen, aber schon hatte sich Cosimo abgewendet und war zu Giulianos Leiche geeilt, an welcher Giovanni Tornabuoni vergebens ein Lebenszeichen zu entdecken versuchte. Bandini kam, nachdem er vergebens gegen die Thür der Sakristei angestürmt war, zu Francesco, hob ihn auf und zog ihn, seine Schulter stützend, mit sich fort. »Alles ist verloren,« sagte er, »Lorenzo ist in Sicherheit, für uns ist hier nichts mehr zu thun, durch jene Seitenthür kommen wir in die Nähe deines Hauses, dort mußt du dich verbergen, ich werde meinen Weg finden.« Er verschwand mit Francesco durch eine kleine, wenig bemerkte Seitenthür, auf die niemand achtete. In der Kirche war eine unendliche Verwirrung entstanden, die wenigsten wußten, warum es sich handelte, – während um den Altar her die Degen gegeneinander klirrten, riefen von ferne einzelne Stimmen, die Kuppel sei eingestürzt und mit gellendem Angstruf drängte sich alles dem Ausgange zu, denn die Verschworenen, die Freunde der Pazzi, sahen ein, daß durch Lorenzos Rettung die Sache für sie verloren sei und begaben sich, so viel sie es vermochten, unter die zum Ausgange Drängenden, um sich zu retten. Guiglielmo beteuerte mit heiligen Schwüren, neben Giulianos Leiche knieend, seine Unschuld, und wurde endlich von Tornabuoni in eine alte Sakristei geführt, wohin auch die Priester den Kardinal Raffaello gebracht hatten, dessen Gesicht mit einer leichenfarbenen Blässe bedeckt war und der nur einzelne heisere Worte stammeln konnte, um seine Unkenntnis und Unschuld an dem furchtbaren Vorgange zu versichern. Endlich begann sich die Kirche zu leeren und schnell verbreitete sich die Kunde von dem, was innerhalb derselben vorgegangen, unter das Volk, das in immer dichteren Massen die Straßen erfüllte und laute Verwünschungen gegen die Feinde der Medici ausstieß. Montesecco hatte bei dem Beginn des Kampfes um den Altar sogleich die Kirche verlassen, er war entsetzt über die furchtbare Tempelschändung durch einen Mord, im Augenblick der Enthüllung des heiligen Sakraments, Er erinnerte sich an des Papstes bestimmten Befehl, kein Blut zu vergießen und war entschlossen, mit seinen Soldaten die Stadt zu verlassen. Er wollte sie in die Kirche führen und um jeden Preis den Kardinal retten, der seiner Hut anvertraut war; aber er fand die Soldaten nicht mehr. Jacopo de Pazzi, welcher ebenfalls am Eingange der Thür zurückgeblieben war, hatte sich bei dem ersten Ton der Glocke, auf ein von seinen Dienern bereit gehaltenes Pferd geworfen und den Reitern im Namen des Kardinals, von dem er einen Auftrag habe, befohlen, ihm zu folgen. Die Soldaten, welche Jacopo stets in der Umgebung des Kardinals und auch von ihrem Capitano hoch ausgezeichnet gesehen hatten, gehorchten dem Befehl und Jacopo ritt durch die Straßen davon, überall den ihn Begegnenden zurufend: »Freiheit den Bürgern – Untergang den Tyrannen!« Die um den Dom zusammengedrängte Menge achtete kaum auf die davon sprengenden Reiter, da bereits aus dem Innern der Kirche der Lärm hervorschallte. In den Straßen öffneten sich die Fenster, Vorübergehende blieben stehen, einige Neugierige folgten, aber niemand verstand Jacopos Rufe, welche die einzige Wirkung hatten, immer mehr Menschen auf die Straße zu locken, da man ein neues und glänzendes Schauspiel erwartete. Montesecco erschrak, als er seine Soldaten nicht mehr sah. »Zum Teufel,« sagte er, »das Unheil ist im Gange, ich kann es nicht mehr ändern, jetzt gilt's, das eigene Leben zu retten!« Und schnell eilte er in der Richtung nach der Vorstadt davon, um die Osteria zum goldenen Becher zu erreichen. Während dies alles innerhalb des Domes und dessen Umgebung vorging, war der Erzbischof Francesco Salviati nach dem Palast der Signorie gegangen, gefolgt von den Verschworenen, welche Jacopo Bracciolini führte, um sich, wenn die entscheidende That vollzogen sein würde, sogleich des Sitzes der Regierung zu bemächtigen. Wider Erwarten war in dem Palast der derzeitige Gonfaloniere Cesare Petrucci und einige Magistratspersonen anwesend, um dringende Geschäftssachen zu erledigen, welche im Rückstande geblieben waren. Der Palast hatte nur eine geringe Wache und es waren auch wegen des Sonntags nur die notwendigsten Diener anwesend, so daß die mit scharfen Degen und starken Dolchen bewaffneten Begleiter des Erzbischofs mit Sicherheit hoffen konnten, sich zu Herren des Regierungssitzes zu machen. Als der Erzbischof, der eine geschäftliche Angelegenheit auf dem Büreau abmachen zu wollen vorgab, die Anwesenheit des Gonfaloniere selbst erfuhr, war er betroffen und flüsterte einige Augenblicke mit Bracciolini, dann aber ließ er sich bei dem Gonfaloniere melden und wurde sogleich von den Dienern ehrerbietig die Treppen hinaufgeführt. Seine Begleiter traten in ein auf dem unteren Flur befindliches Wartezimmer, wahrend Bracciolini dem Erzbischof folgte, um auf dem oberen Flur zu warten und den Verschworenen unten das Zeichen zum Angriff zu geben. Die Thür des Wartezimmers, in welche die Begleiter des Erzbischofs getreten waren, um den vorzeitigen Verdacht einer außergewöhnlichen Absicht zu vermeiden, hatte ein besonderes kunstvolles Schloß, das von innen nicht geöffnet werden konnte. Es war dies eine Einrichtung für den Fall, daß Angeklagte zum Verhör geführt wurden und in jenem Zimmer warteten, um dieselben ohne besondere Bewachung in Sicherheit zu halten. Einer aus der Gesellschaft warf die Thür hinter sich zu, damit die Gespräche nicht etwa von den draußen stehenden Wachen gehört werden möchten und so waren die Verschworenen, ohne es zu wissen, in dem Raume mit den von außen vergitterten Fenstern gefangen. Cesare Petrucci, ein hoch und kräftig gewachsener Mann, mit stolz und kühn blickenden Augen, trat mit den übrigen Magistratsmitgliedern dem ihm gemeldeten Erzbischof bis auf die Schwelle des Beratungssaales entgegen, begrüßte den hohen Prälaten mit der dessen Stellung entsprechenden Ehrerbietung und ließ ihn neben sich auf einen Lehnsessel an dem mit Pergamentrollen und Gesetzbüchern bedeckten Tisch Platz nehmen, indem er mit ruhiger Artigkeit nach seinem Begehr fragte. Die Befangenheit des Erzbischofs, dessen listig geschmeidige Natur mehr zu verstecktem Intriguenspiel als zu kühnem Handeln veranlagt war, wurde immer größer unter dem klaren durchdringenden Blick des Gonfaloniere, für den er eigentlich keine geschäftliche Frage in Bereitschaft hatte. Er war in der Erwartung gekommen, nur irgend einen Unterbeamten zu finden und durch angebliches Forschen nach einem Aktenstück die Zeit bis zu dem Zeichen, das die Domglocke geben sollte, hinzubringen. Eine kühne und handlungskräftige Natur hätte bei diesen veränderten Verhältnissen, ohne jenes Zeichen abzuwarten, sogleich den Angriff begonnen, der bei der Übermacht der Verschworenen vielleicht zum Siege geführt und den Regierungssitz in ihre Hände gebracht haben würde. Der Erzbischof aber saß unruhig und verlegen einige Augenblicke auf seinem Sessel, so daß ihn Petrucci verwundert und fragend ansah. Dann endlich sagte er mit unsicherer Stimme, er habe von dem Papste einen besonders wichtigen Auftrag erhalten, den er der Signorie ohne Verzug mitzuteilen sich beeilen wolle. »So wußtet Ihr, hochwürdigster Herr,« sagte Petrucci noch mehr erstaunt, »daß ich heute hier anwesend sein würde?« »Ich hatte davon gehört« – stammelte der Erzbischof verlegen, »und gerade deswegen kam ich, weil ich Euch, erlauchter Gonfaloniere, zugleich noch die Botschaft bringen wollte, daß Seine Heiligkeit der Papst, um der Republik und Euch seine besondere Gnade zu beweisen, den Wunsch hat, Euern Sohn in seinen Dienst zu nehmen und ihn, wenn Ihr damit einverstanden seid, mit einer Gesandtschaft an – an die Regentin von Mailand zu betrauen.« »Ich habe eine solche Gnade nicht erbeten,« erwiderte Petrucci, immer mehr verwundert über das unsichere Wesen des Prälaten, der mehrmals ängstlich nach der Thür blickte, als ob er von dort irgend eine Nachricht erwarte – »und ich zweifle, ob mein Sohn das so gnädige Vertrauen Seiner Heiligkeit, für das ich pflichtschuldigst dankbar bin, zu rechtfertigen im stande sein wird. – Erlaubt, daß ich mich mit ihm darüber berate, und wollt mir Euern Auftrag an die Signorie mitteilen, damit ich, wenn es nötig ist, sobald als möglich die Versammlung berufen kann.« Wieder stammelte der Erzbischof einige kaum verständliche Worte und blickte ängstlich nach der Thür hin. Von draußen hörte man ein dumpfes Geräusch – die Verschworenen, welche gemerkt hatten, daß sie eingeschlossen waren, versuchten die Thür von innen zu öffnen. Der Erzbischof erhob sich und wollte hinausgehen, aber schnell aufspringend kam ihm Petrucci zuvor und eilte in das Vorzimmer. Hier fand er Bracciolini, der eben hinabsteigen wollte, da der Lärm unten immer lauter wurde. Er hielt einen blanken Dolch in der Hand und wandte sich, als er Petrucci hinter sich hörte, drohend zurück; aber schon hatte der kräftige und gewandte Gonfaloniere ihm die Waffe entrissen, er faßte ihn bei dem langem Haupthaar und riß ihn zu Boden. »Haltet den Erzbischof fest,« rief er den Magistratspersonen in das Zimmer zurück, »und diesen Elenden hier – das ist Verrat, tückischer Verrat!« Der Erzbischof, der ebenfalls auf die Schwelle getreten war, versuchte zu fliehen, aber er war bald überwältigt und wurde trotz seiner drohenden Berufung auf seine Würde in ein neben dem Ratssaal befindliches Kabinett geworfen. Petrucci hielt den am Boden liegenden Bracciolini, mit festem Griff seinen Hals umspannend, so lange fest, bis auch er von den andern gefaßt und zu dem Erzbischof in Gewahrsam gebracht war. Dann zog er sein Schwert und eilte die Treppe hinab. Die Wachen auf dem Flur, welche zuerst von feindlichen Absichten nichts ahnten, hatten die Thür des verschlossenen Wartezimmers geöffnet, die Verschworenen stürmten heraus und es begann nun ein wilder und ungleicher Kampf, da nur wenige Wachen im Palast sich befanden und die Beamten der Büreaus unbewaffnet waren. Diese aber ergriffen, was sie fanden, sogar die Gerätschaften aus der Küche im Erdgeschoß und drangen unerschrocken auf die Verschworenen ein, welche auf keinen Widerstand gerechnet hatten und durch das Verschwinden des Erzbischofs unsicher geworden waren. Die Wachen hatten die unteren Thüren geöffnet und riefen die Vorübergehenden, die ganz entsetzt über den Lärm in dem sonst so feierlich stillen Palast stehen blieben, zur Hilfe an. Da sprengte, von Monteseccos Reitern gefolgt, Jacopo de Pazzi heran, mit dem lauten Ruf: »Freiheit – Freiheit! Untergang den Tyrannen!« Die Fenster öffneten sich, Menschen sammelten sich an, aber kein Ruf antwortete, vielmehr hörte man Verwünschungen von allen Seiten und Steine wurden gegen Jacopo und die Reiter geschleudert. Jacopo hielt einen Augenblick vor der Signorie sein Pferd an, er mochte glauben, daß hier bereits alles geschehen und der Palast in den Händen des Erzbischofs und seiner Begleiter sei; als er aber Petrucci mit dem Degen in der Hand auf der Schwelle sah, wie er das Volk zur Hilfe aufrief und hinter ihm den in der Vorhalle tobenden Kampf bemerkte, gab er, von Entsetzen gefaßt, seinem Pferde die Sporen und jagte, von seinen Reitern gefolgt, im Galopp davon. Zu gleicher Zeit drang lautes Geschrei von dem Dome her durch die dichten Menschenmassen heran; man unterschied die Rufe »Palle!–Palle!« und dazwischen wütende Verwünschungen gegen die Pazzi. Der Gonfaloniere trat der Menge entgegen und erfuhr nun in hastig verwirrten Erzählungen, daß im Dome ein Hochverrat gegen die Republik begangen, daß Giuliano ermordet und Lorenzo wohl auch tödlich getroffen sei, und daß die Pazzi und der Erzbischof von Pisa schuld an diesem unerhörten Frevel seien. »Hierher, hierher, Freunde!« rief Petrucci, seinen Degen schwingend, »den Erzbischof haben wir, dort jagt Jacopo mit den Söldnern hin – kommt, den Palast der Signorie von den Meuchelmördern zu reinigen.« Ringsum aus der Menge blitzten Degenklingen und Dolche, einige stürmten, freilich vergeblich, Jacopo und seinen Reitern nach, andere drangen in die Vorhalle. Bald waren die Verschworenen zusammengedrängt und es begann nun ein wilder Verzweiflungskampf für sie, denn die andrängende Menge wuchs in jedem Augenblick und geriet in immer größere Wut durch die neuen Erzählungen, welche die Nachkommenden von den Gräueln im Dome brachten. »Wir verlangen Gehör und Gericht,« riefen einige der gegen die Mauer gedrängten Verschworenen, aber mit donnernder Stimme antwortete ihnen Petrucci: »Es giebt kein Gehör für Meuchelmörder und Hochverräter am Vaterlande. – Ihr seid gerichtet – vorwärts, Freunde, reinigt den Boden des Vaterlandes von diesen Verworfenen!« »Palle! Palle!« antwortete die tobende Menge und stürmte von allen Seiten auf die Verschworenen ein, welche, in die Enge gedrängt, kaum ihre Waffen gebrauchen konnten. Eine furchtbare Metzelei begann, bald bedeckten zuckende Leichen den Boden, und wenn es hier und dort einem Verwundeten gelang, die Treppe hinaufzuflüchten, so wurde er bald eingeholt und, von Dolchstößen durchbohrt, über die steinernen Stufen hinabgeschleudert. Bald war niemand mehr übrig und die Menge rief mit lauten Verwünschungen nach dem Erzbischof. »Ihm soll sein Recht werden,« erwiderte Petrucci, der ruhig auf den Treppenstufen stand, »kommt!« Er wendete sich, der nachdrängenden Menge voran, dem oberen Stockwerk zu. Da aber klang neuer tobender Lärm von dem Portal herauf, Petrucci blickte zurück und sah, wie ein Haufen wütenden Volks in den Palast drang, einen blutenden, kaum bekleideten Körper auf den Schultern tragend. Auf seinen Wink machte man Platz, und die Neuangekommenen drangen bis zu Petrucci durch, den sie mit lauten Rufen begrüßten. »Hier,« rief ein großer, starker Mann von der Zunft der Wollschläger, »hier, erlauchter Gonfaloniere, bringen wir den verruchten Mörder des edlen, teuren Giuliano, – er hatte sich feige versteckt, in seinem Bett haben wir ihn gefunden, in dem höllischen Hause der Pazzi.« Er warf den Körper, den seine Begleiter auf ihren Schultern herantrugen, auf die Stufen vor die Füße Petruccis. Mühsam richtete sich Francesco de Pazzi auf, sein Nachtgewand hing zerfetzt um seinen Körper, die Haare hingen wüst um sein totenbleiches Gesicht; das Blut strömte aus seiner Wunde am Schenkel. Er klammerte sich an das Treppengeländer und sagte mit rauher Stimme und trotzig drohendem Blick: »Braucht Eure Waffe, Gonfaloniere, und erlöst mich aus den Händen dieses Pöbels – gebt mir den Tod für das Vaterland, das ich befreien wollte von schmachvoller Knechtschaft.« »Mein ritterliches Schwert,« erwiderte Petrucci, »soll nicht mit dem Blut eines Meuchelmörders und Hochverräters befleckt werden – bringt ihn herauf, er soll sein Gericht und seine Strafe finden!« Die Menge stürzte sich auf Francesco, faßte ihn an dem Haar und an den Armen und schleifte ihn, dem voranschreitenden Petrucci folgend, die Treppe hinauf, bis in den Ratssaal, wo er entkräftet zu Boden sank. Petrucci nahm seinen Sessel an dem Sitzungstisch ein, die anderen anwesenden Magistratspersonen setzten sich neben ihn. »Die Thüren sollen offen bleiben,« befahl Petrucci, »das Volk hat ein Recht, dem Gericht zuzuhören, aber niemand soll über die Schwelle treten!« Die tobende Menge gehorchte, still wurde es ringsum, nur von unten herauf tönten noch Waffengeklirr und röchelnde Wehrufe. Einige Soldaten der Wache waren auf Petruccis Befehl in das Ratszimmer getreten, die Thür des Gewahrsams wurde geöffnet und der Erzbischof mit Bracciolini vorgeführt. Der Erzbischof zuckte entsetzt zusammen, als er Francesco de Pazzi erblickte, der von den Wachen auf einen Stuhl gehoben war. Er suchte mit aller Kraft seines Willens Mut zu fassen und sagte mit hochmütiger Miene, während dennoch seine Stimme zitterte: »Ich verlange meine Freiheit, es ist unerhört, daß man es gewagt hat, mich, einen hohen Priester der Kirche, bei einem Besuch des Regierungspalastes hinterlistig zu überfallen und gefangen zu halten!« »Ihr habt nichts zu verlangen, Jacopo Salviati, sondern zu antworten und Euer Urteil zu erwarten,« erwiderte Petrucci, »und Eure Eigenschaft als Priester macht Euch noch schuldiger durch Eure Teilnahme an einer Frevelthat, welche den göttlichen Gesetzen ebenso sehr widerspricht, als den menschlichen. Euer Begleiter Bracciolini ist von mir ergriffen worden, während er mit einem Dolch in der Hand in dem Palast der Republik den bewaffneten Eindringlingen zu Hilfe eilte. Das ist Hochverrat, und Ihr, Jacopo Salviati, müßt darum gewußt haben, da Ihr mit Bracciolini und den anderen hierher kamet – ich frage Euch, habt Ihr etwas zu Eurer Rechtfertigung zu sagen?« »Ich habe,« sagte Bracciolini, der bleich und zitternd dastand, »nichts gethan, als dem Lärm, der unten entstand, nachgeforscht und zu meiner Verteidigung die Waffe in die Hand genommen.« »Und ich,« rief der Erzbischof, »weiß von nichts, von gar nichts, ich bin gekommen, um Euch eine Mitteilung zu machen, und da bin ich gefangen und eingesperrt worden – ich verlange meine Freiheit, sofort meine Freiheit!« »So wißt Ihr auch nicht,« rief Petrucci aufstehend, mit laut tönender Stimme, »daß der Dom Santa Maria del fiore entweiht ist durch eine tempelschänderische Frevelthat, daß Giuliano de' Medici von dem Dolch dieses verruchten Meuchelmörders Francesco de Pazzi dort ermordet wurde, und daß der edle Lorenzo nur durch ein Wunder des Himmels von gleichem Schicksal errettet wurde?« »Lorenzo gerettet?« rief der Erzbischof erbleichend. Dann aber fuhr er schnell sich fassend fort: »Ich weiß nichts, ich war nicht im Dom – was geht's mich an, was Francesco Pazzi gethan?« »Elender Feigling,« sagte Francesco, sich aus seiner gebrochenen Haltung aufrichtend, und dem Erzbischof einen Blick tiefer Verachtung zuwerfend – »was ich gethan und gewollt, das verleugne ich auch hier, angesichts des sichern Todes nicht!« »Aber ich verleugne dich und dein Werk,« rief der Erzbischof, »mit dem ich keine Gemeinschaft habe! – Beweist mir eine Schuld, wenn Ihr es könnt! – Doch Ihr seid mein Richter nicht, Seiner Heiligkeit dem Papste allein bin ich Rechenschaft schuldig, er wird die Gewalt, die Ihr gegen mich braucht, rächen.« »Wir sind Richter,« erwiderte Petrucci, »über jedes Verbrechen, das in unseren Mauern gegen unsere Verfassung, unsere Gesetze und gegen das Leben unserer edelsten Mitbürger verübt wird, Euer Leugnen hilft Euch nichts!« »Ist er schuldig der Teilnahme an dem Mordanschlag und dem Verrat am Vaterland?« fragte er. »Schuldig –« antworteten die Magistratspersonen einstimmig. »Und auch Euch, meine Mitbürger draußen, frage ich,« fuhr Petrucci fort, »ist er schuldig der Teilnahme an dem Verbrechen des Francesco de Pazzi und des Jacopo Bracciolini?« »Schuldig – schuldig – schuldig!« tönte es von dem Vorzimmer und von den Treppen her. »So spreche ich denn über Euch, Jacopo Salviati, Jacopo Bracciolini und Francesco Pazzi, das Todesurteil aus, das jeden treffen soll, der mit Euch die gleiche Schuld trägt,« sprach Petrucci mit lauter Stimme. »Bindet sie und bringt Stricke herbei,« befahl er den Soldaten der Wache, »hängt sie hier an die Fenstersäulen, damit das Volk von Florenz dort unten sich überzeugen kann, daß die Männer seines Vertrauens schnelles und gerechtes Gericht halten!« Francesco de Pazzi raffte sich noch einmal auf und erhob die geballte Faust gegen Petrucci. »Wagt es nicht, mich zu berühren,« rief der Erzbischof, indem er das Kreuz an seinem Halse emporhob – »der Bannstrahl der heiligen Kirche wird Eure Häupter treffen!« Bracciolini aber sank auf einen Stuhl nieder, streckte flehend die Hände aus und rief mit jammerndem Ton: »Ich stehe im Dienst Seiner Eminenz des Kardinals Riario, sendet mich zu ihm, ihm allein bin ich hier verantwortlich.« »Und auch er,« sagte Petrucci, »wird unserm Gericht nicht entgehen, wenn er mit schuldig sein sollte an Euerm Frevel, wie es nach Euern Worten fast den Anschein hat.« »Vorwärts,« rief er den Soldaten zu, »befolgt den Befehl Eures Gonfaloniere, der keinen Widerspruch und kein Zögern duldet!« Zwei Soldaten hatten bereits Bracciolini ergriffen, der vor Entsetzen kaum Widerstand zu leisten vermochte, andere hatten Stricke herbeigebracht, eine Schlinge wurde um seinen Hals gelegt, die Fensterflügel geöffnet, und in wenigen Augenblicken war er an dem Fenstergesimse aufgehängt, man hörte nur noch einen Schrei und ein dumpfes Röcheln, als der herabgestürzte Körper die Schlinge zuzog. Gellende Jubelrufe klangen von der Straße herauf, wo die Menge sich immer dichter angesammelt hatte. »Palle! Palle!« hörte man von allen Seiten und dazwischen: »Tod den Mördern! – Tod den Verrätern!« Francesco de Pazzi war von dem Blutverlust und den Schmerzen völlig entkräftet; er wurde unmittelbar darauf zum Fenster hinausgehängt, nachdem er noch, als man ihn fortschleppte, vor Salviati ausgespieen hatte. Der Erzbischof leistete wilden Widerstand und rief entsetzliche Verwünschungen auf den unbeweglich vor seinem Sessel stehenden Gonfaloniere herab, aber auch er war bald von den Soldaten überwältigt, zum Fenster geschleppt und hinausgestoßen, nachdem der um seinen Hals gelegte Strick fest um die Fenstersäule geknüpft war. Noch lauter tobte unten das jubelnde Rachegeschrei des Volkes, als es Salviati in seiner Bischofstracht, das von Edelsteinen funkelnde Kreuz auf der Brust, aus dem Fenster stürzen sah. Die Schlinge hatte sich in seinem Halskragen verwickelt und zog sich nicht sogleich zusammen. »Verräter, schändlicher Verräter,« rief er, gegen den bereits leblos neben ihm hängenden Francesco de Pazzi sich drehend, und mit wilder Wut biß er in den toten Körper. Dann ballte er die Hände drohend gegen das hohnlachende Volk unten, bis endlich die Schlinge sich fest zusammenzog und seinen heiser geröchelten Verwünschungen ein Ende machte. »Gerechtigkeit ist geschehen,« sagte Petrucci feierlich, »so mag es allen ergehen, die ihre frevelnde Hand zu erheben wagen gegen das Vaterland und seine heiligen Gesetze. Jetzt, meine Freunde, laßt uns zu Lorenzo gehen, ihm unsere Teilnahme zu bringen an seinem Schmerz um den geliebten Bruder, und unsere Freude über seine Rettung auszusprechen.« Er verließ, von der ehrerbietig ausweichenden Menge mit lauten Hochrufen begrüßt, den Ratssaal und stieg die Treppe hinab. Die Straßen boten ein furchtbares Bild, überall lagen blutige Leichen, denn das Volk hatte erbarmungslos jeden niedergeschlagen, der als Anhänger der Pazzi bekannt war. Vor dem Benediktinerkloster war eine große Menge Menschen versammelt und weithin ertönte wildes, schauerliches Geheul. Als der Gonfaloniere mit seinen Begleitern herankam, drängte sich ihm die Menge entgegen und begrüßte ihn mit den lauten Rufen: »Palle! Palle!« »Schaut her, edler Gonfaloniere,« sagte ein athletisch gewachsener Mann aus der Zunft der Wollschläger, »hier im Kloster haben wir die verruchten Priester gefunden, die ihre Dolche gegen Lorenzo erhoben – seht hier das schändliche Haupt des Antonio Maffei!« Er beugte eine Stange, die er in seiner Hand hielt, herab und Petrucci schauderte vor dem auf der Spitze derselben steckenden Menschenkopf zurück. Zugleich sah er auf dem Platz, den die Menge für seinen Durchgang frei gab, zerfetzte Glieder, die man kaum noch als Teile menschlicher Körper erkennen konnte. Steffano von Bagnone und Maffei waren von dem wütenden Volk vollständig in Stücke zerrissen. »Die Mönche haben sie verstecken wollen,« rief der riesige Wollschläger, »aber auch sie soll unsere Rache treffen, wir wollen sie unter den Trümmern ihres Klosters begraben.« »Halt,« rief Petrucci, »diese waren schuldig, von den Mönchen wißt Ihr es nicht – hütet Euch, Unschuldige zu treffen mit unverdienter Strafe, alles wird untersucht werden, und ich, Euer Gonfaloniere, gebe Euch mein Wort, daß kein Schuldiger seinem Gericht entgehen soll.« Wohl hörte man hier und dort ein leises Murren, aber dennoch fand das Wort Petruccis sofortigen Gehorsam, und die ganze Menge wendete sich von dem Kloster ab, dem Wollschläger folgend, der das blasse Totenhaupt Maffeis auf seiner Stange vorantrug, unter den lauten Rufen: »Palle! Palle!« »Es lebe Cesare Petrucci, unser Gonfaloniere!« »Entsetzlich!« rief Petrucci mit seinen Begleitern weiter schreitend. »Doch sie haben recht, das Volk ist der Löwe, das furchtbar in seinem Zorn seine Feinde zerfleischt, aber auch groß und herrlich ist in der Liebe und Treue zu seinen Freunden – jene waren die tückische, giftige Schlange – sie haben ihr verdientes Schicksal selbst herauf beschworen!« XIV. Fioretta saß am Morgen des für die Stadt Florenz so verhängnisvollen Tages träumend in ihrem Zimmer und blickte durch die weitgeöffnete Thür in den kleinen Garten hinaus. Die Strahlen der Sonne fielen goldig durch das Grün der hohen Taxushecke und streiften die buntfarbigen Blumenkelche auf den Beeten, die ihre würzigen Düfte in die laue Luft aufsteigen ließen. Der kleine Giulio schlummerte im Nebenzimmer in seiner Wiege. Die alte Ginevra war ausgegangen, um die Messe zu hören und ein tiefer Friede lag über dem stillen Heim, das der jungen Frau so viel verborgenes Glück geboten hatte und nun dennoch so viel bange Unruhe in sich schloß. Ihre an die Freiheit und den weiten Ausblick über Berge und Thäler gewöhnte Natur hatte das Geheimnis, dieses stillen Asyls fast wie eine Gefangenschaft empfunden und immer mehr den Augenblick ersehnt, in welchem sie an des Geliebten Hand frei vor aller Welt würde einhertreten können. Nun war dieser Augenblick so nahe – aber er zeigte ihr ein so ganz anderes Bild, als sie es vordem in ihrer hoffenden Seele getragen, so daß sie mit ängstlichem Zagen, zwischen Hoffnung und Furcht schwankend, der Zukunft entgegensah. Sie hatte geglaubt, bei den Verwandten ihres Giuliano nur das Vorurteil und den Hochmut des Reichtums gegen die Armut zu finden und hatte es sich oft ausgedacht, wie es ihr dennoch gelingen müsse, durch demütige Bescheidenheit und ihre unendliche, dienstbereite Liebe die Herzen derer zu erweichen und zu gewinnen, die ja ihren Giuliano auch lieben mußten. Aber wie anders war das Alles jetzt geworden. Nicht die Armut allein war es, welche sie von dem Geliebten trennte, er stand auf einer Höhe, zu welcher sie nur schwindelnd ihre Gedanken erheben konnte, zu welcher die vornehmsten Damen noch aufwärts blicken mußten und er trug einen Namen, der die ganze Welt durchklang und den sie von Kindheit an nur mit Ehrfurcht und Bewunderung hatte nennen hören. Das war eine Kluft, viel tiefer, als sie der Unterschied zwischen reich und arm bildet und ob eine solche Kluft sich würde ausfüllen lassen, das war eine Frage, vor der sie schauernd zurückbebte. Giuliano hatte ihr beim Scheiden am Abend gesagt, daß er seinem Gelübde gemäß sich von der großen Welt, die in der Stadt, und in seinem Hause vor allem, ihre glänzendste Pracht entfaltete, zurückgehalten habe und nur dem Hochamt im Dom, zu Ehren des Kardinals, beiwohnen müsse. Dann aber wären die Festlichkeiten vorüber und er werde keinen Augenblick mehr zögern, das Geheimnis zu lüften und sie als seine Gemahlin in sein Haus zu führen. Die Entscheidung stand also unmittelbar bevor und würde vielleicht heute schon fallen. Giuliano hatte ihr gesagt, daß alles sich freundlich und gut lösen werde, da sein Bruder Lorenzo ihn ja von ganzem Herzen liebe, so daß er, wenn auch wohl befremdet über das Unerwartete, seinem Glück sich niemals entgegenstellen werde. Wohl glaubte sie Giulianos Worten, aber dennoch stiegen immer wieder Zweifel in ihr auf und sie konnte eine bange Furcht nicht aus ihrem unruhig klopfenden Herzen bannen. Freilich fühlte sie sich stolz und glücklich und hätte jubelnd aufjauchzen mögen bei dem Gedanken, daß er, der herrliche, alle Welt überragende Geliebte sie seiner würdig gefunden und vor den schönsten und glänzendsten Damen auserwählt hatte; aber doch zuckte sie wieder wie schauernd zusammen bei dem Gedanken, daß sie, die Tochter armer Landleute, die so gar nichts zu bieten hatte, den Namen der Medici führen solle und auch ihr Stolz wallte auf bei dem Gedanken, daß ihr bei dem Eintritt in eine solche Familie widerwillige Geringschätzung begegnen möchte. So schwebten ihre Gedanken hin und her zwischen Hoffen und Bangen – bald drängte es sie freudig einer strahlenden Zukunft entgegen, bald hätte sie die stille, freundliche Gegenwart als einen kostbaren Schatz festhalten mögen. Da schlug von fern her die Glocke des Domes an, ein Zeichen, daß in der heiligen Messe die Hostie erhoben wurde, dem versammelten Volk die Gegenwart Gottes zu künden. Fioretta wußte, daß Giuliano dem Hochamte beiwohnte – auch ihm also, auch seinem Gebet, in welchem er wohl an sie dachte, galt der Klang. Es drängte sie, sich im Gebet mit ihm zu vereinen, sie stand auf und kniete, die Hände faltend, vor der Wiege des kleinen Giulio nieder, innig aus tiefstem Herzen, leise die Lippen bewegend, betete sie für Giuliano und ihren Sohn, sie flehte Gott an, sie nicht von dem Geliebten zu trennen und ihr das höchste Glück zu gewähren in hingebendem Liebesdienst. Noch kniete sie an der Wiege des ruhig weiter schlafenden Kindes, als der Glockenton längst verklungen war. Da plötzlich sprang sie lauschend auf, ein seltsamer Lärm, wie sie ihn nie gehört hatte, tönte, anstatt des heiligen Glockenzeichens von der Stadt herüber, wildes Geschrei, dem Wutgeheul von Raubtieren vergleichbar, durchzitterte die eben noch so stille friedliche Luft, immer höher anschwellend und immer schauerlicher sich mit einzelnen gellenden Wehelauten vermischend. Sie vermochte sich keinen klaren Gedanken zu machen, aber jedenfalls mußten diese furchtbaren Töne etwas Unheilvolles bedeuten und mitten in diesem tobenden Lärm mußte sich ja ihr Giuliano befinden. Erbleichend und zitternd drückte sie die Hände auf ihre unruhig schlagende Brust. Noch einige Augenblicke lauschte sie, dann aber vermochte sie nicht mehr ruhig und unthätig die immer lauter anschwellenden, brüllenden Stimmen zu hören, sie mußte erfahren, was geschehen sei und ob eine Gefahr dem Geliebten drohe. Sie ging hinaus und wollte durch die kleine Oeffnung der Taxushecke in den Garten eilen, um in die Stadt zu gelangen oder Menschen zu finden, die sie befragen könne. Da stand Bernardo vor ihr, seine Kleider waren mit Blut befleckt, wild blitzten seine Augen und angstvoll wich sie vor ihm zurück. »Was wollt Ihr,« fragte sie zitternd, »was bedeutet jener tobende Lärm?« »Ich komme, Euch zu retten, Fioretta, –« rief er, ihre Hand ergreifend, »das Volk hat sich erhoben, die Medici zu stürzen, die ganze Stadt ist im Aufruhr, blutiger Kampf tobt in den Straßen.« »Und Giuliano?« rief Fioretta entsetzt, »wo ist er? Ich muß zu ihm, sein Schicksal zu teilen.« »Er ist auf der Flucht,« erwiderte Bernardo, »und wohl schon außer Gefahr, – ich komme Euch zu retten und zu ihm zu führen – folgt mir schnell, es ist kein Augenblick zu verlieren.« Ein wunderbares Gefühl durchbebte Fiorettas Brust. Die Medici gestürzt, – Giuliano auf der Flucht, – fast freudig schlug ihr Herz bei dem Gedanken, – war doch damit die Scheidewand niedergeworfen, die sie von dem Geliebten trennte, konnte sie doch nun ihn trösten, konnte durch ihre Liebe sein Unglück verklären und mehr vielleicht für ihn sein, als es auf der glänzenden Höhe möglich gewesen wäre. Aber sie schauderte zurück vor Bernardos brennenden Blicken. Sie machte sich von seiner blutbefleckten Hand los und sagte bis zur Schwelle ihrer Thür zurücktretend: »Ihr wurdet von ihm gesendet, – Ihr wollt mich zu ihm führen, Ihr, der ihn haßt und mich vor ihm gewarnt.« »Ich habe ihn gehaßt und Euch vor ihm gewarnt,« erwiderte Bernardo, »weil ich Euch liebte, weil ich fürchtete, daß er Eure Liebe zu leichtem Spiel mißbrauchen würde, aber, da ich gesehen, daß Ihr nur in ihm Euer Glück findet, so will ich Euch für ihn retten, der Euch nun nicht mehr täuschen kann,« fügte er mit einem seltsam hämischen Ausdruck hinzu, vor dem Fioretta erschrak. »Daß ich hier bin, mag Euch beweisen, wie groß meine Liebe ist, nur an Euer Glück denke ich, aber kommt, kommt schnell, es ist keine Zeit zu verlieren, – wir müssen den nahen Wald gewinnen, so lange der Kampf in den Straßen tobt und niemand an die Verfolgung denkt. Wenn wir heute die Appenninen erreichen, wohin er seinen Weg genommen hat, so sind wir morgen, da die ganze kommende Nacht uns gehört, über der Grenze und in Sicherheit. Kommt, kommt, es ist Giulianos Wille. Ihr dürft ihm nicht ungehorsam sein und hier im Hause seines Freundes seid Ihr nicht sicher, wenn das wütende Volk Euch findet.« Sie stand zögernd und unschlüssig. Er faßte ihre Hand und wollte sie mit sich fortziehen. »Und mein Sohn, mein Giulio, –« rief sie. »Das Kind muß hier bleiben, ihm droht keine Gefahr, später soll er Euch folgen, wenn wir in Sicherheit sind.« »Ich mich von meinem Sohn trennen, – niemals, niemals,« rief sie, und wieder versuchte sie sich von ihm loszumachen. »Thörichter Weibersinn,« rief Bernardo, indem er ihren Arm fester umspannte, »ich sage Euch, daß das Kind in Sicherheit ist, wollt Ihr Euer Leben und Euer Glück einem kindischen Eigensinn opfern? – Kommt, es ist kein Augenblick zu verlieren!« Wieder wollte er sie mit sich fortreißen. Kaum wagte sie noch zu widerstehen. Da trat aus der weit geöffneten Thür des Wohnzimmers Antonio de San Gallo in den Garten, er war blaß und sein Anzug zerdrückt, sein Haar hing wirr um das unbedeckte Haupt. »Ha,« rief er mit drohend blitzenden Augen, »ein guter Geist gab mir den Gedanken ein, zu Euerm Schutze herzueilen, Fioretta, kommt her zu mir! Laß ab, verruchter Mörder, – die Rachegötter haben mich hierher geführt, du bist in meinen Händen und sollst deiner Strafe nicht entrinnen, Bernardo Bandini!« Fioretta riß sich gewaltsam los. »Er ein Mörder, sagt Ihr,« rief sie, mit weit geöffneten Augen Bandini anstarrend, – »o mein Gott, welch furchtbares Licht blitzt wie Wetterschein vor mir auf – das Blut an seinen Händen, die Eiseskälte, die aus seinen Blicken in mein Herz dringt, – ja, ja,« rief sie mit gellendem, jammerndem Ton, »ich sehe klar, fürchterlich klar, er ist der Mörder meines Giuliano.« »So habe ich wenigstens meine Rache an ihm genommen,« rief Bandini hohnlachend, »dafür, daß er meinen Weg gekreuzt.« Er wendete sich dem Ausgange in der Taxushecke zu. Antonio aber eilte zu ihm hin, griff in seinen Halskragen und rief: »Du sollst mir nicht entkommen, Nichtswürdiger, es ist noch Platz an den Fensterbögen des Palastes der Signorie, wo Salviati und Pazzi zu abschreckendem Beispiel für alle Verräter hängen!« Vandini griff nach seinem Dolch. Antonio trat schnell zurück und zog seinen Degen. »Entkommen sollst du nicht, Elender,« rief er, »wenn es mir auch davor ekelt, meine Waffe mit deinem Blut zu beflecken.« Er drang auf ihn ein. Bandini hatte im Augenblick auch seinen Degen gezogen und den Dolch in die linke Hand genommen. Ein heftiger Kampf entspann sich, aber Bandini war sicherer in der Führung seiner Waffe, er traf mit einem wohlgezielten Stoß Antonios rechten Arm und schlug ihm dann den Degen aus der matt herabsinkenden Hand. »Du wirst mich nicht festhalten,« rief er höhnisch auflachend, »deine Hand ist wohl geschickter, den Zirkel und das Winkelmaß zu führen, als die Klinge!« Fioretta hatte einem Marmorbilde gleich dagestanden und ihre starren Augen schienen kaum die Kraft des Blicks zu haben, als aber Vandini sich hohnlachend zur Flucht wendete, stürzte sie, plötzlich belebt, mit funkelnden Augen, einer Rachegöttin ähnlich, auf ihn zu. Sie umklammerte seinen Arm und rief: »Halt, verruchter Mörder meines Giuliani!, du sollst nicht entrinnen!« »Bandini wollte sie abschütteln, aber sie klammerte sich fest an ihn an. Die Verzweiflung gab ihr Riesenkraft. Antonio nahm mit der linken Hand den ihm entfallenden Degen auf und rief laut nach dem Vorderhaus hin seine Diener. »Zum Teufel,« knirschte Vandini, »so folge deinem Giuliano nach, du hast es nicht besser gewollt, mein Leben soll einer verliebten Närrin nicht zum Opfer fallen!« Er stieß seinen Dolch in ihre Brust. Sie sank zu Boden, aber noch hielt sie seinen Arm fest umklammert, so daß sie ihn fast mit sich niedergerissen hätte. Er stieß sie von sich. Ihre ermatteten Hände ließen nach, sie öffneten sich und schnell, ehe Antonio herankam, eilte Vandini davon, während schon einige Diener von dem Vorderhaus her herankamen. Er verschloß die kleine Gartenthür. Die Straße war leer, da alles Leben sich nach der Stadt zurückgezogen hatte, aus der wildes Geschrei herübertönte. Er warf den Degen von sich und steckte den Dolch in sein Wams. Dann zog er den Hut tief in sein Gesicht und verschwand hinter den Hecken, welche die einzelnen Landhäuser umgaben. XV. Der Dom hatte sich nach den Schreckensszenen, deren Schauplatz der sonst in feierlicher Stille daliegende Tempelbau geworden war, schnell geleert, das Volk war auf die Straße hinausgestürzt, um die Opfer seiner Rache zu verfolgen. Der Priester hatte den Kardinal Raffaello in die alte Sakristei geführt und auch die Anhänger der Medici hatten den Tempel verlassen, um die Schuldigen zu verfolgen und das Mediceische Haus vor irgend einem Handstreich, den man fürchten mußte, zu schützen. Allen voran stürmte der Markgraf Gabriele Malaspina. Bleich, ohne Hut, mit entsetzter Miene drängte er sich durch die Menge. Da er allgemein als Freund und Verwandter der Medici bekannt war, so öffnete man ihm den Weg und begrüßte ihn mit dem Ruf: Palle, Palle! so daß er ungehindert den Palast der Medici erreichte, wo er atemlos die Treppe nach der Wohnung seiner Gemahlin hinaufstieg. Lorenzo saß ernst und traurig auf einem Lehnstuhl in der Sakristei. Tornabuoni hatte ihm das Wams aufgeschnitten und die Wunde, welche der abgleitende Dolch ihm in der Schulter beigebracht, mit Wasser gekühlt. Die Wunde war ungefährlich, aber der Schmerz und der Blutverlust hatten Lorenzos so besonders empfindliche Natur angegriffen, so daß leichte Fieberschauer ihn schüttelten. »Habe ich,« sagte er traurig, »so viel Haß verdient, habe ich nicht, allen meinen Vorfahren gleich, nur Wohlthaten meiner Vaterstadt gebracht und allen ihren einzelnen Bürgern, soweit ich es vermochte? – Tiefer als diese Wunde schmerzt mich so bitterer Undank und fast möchte ich mich in die Einsamkeit zurückziehen, auch wenn dieser Ansturm überwunden wird.« »Er ist überwunden,« fiel Cosimo ein, welcher vorsichtig die Thür geöffnet hatte, »und Ihr dürft jetzt nicht daran denken, Euch um des Frevels einzelner Willen von Eurer Vaterstadt zu trennen. Laßt uns aufbrechen, damit ihr so schnell als möglich nach Hause kommt und die Eurigen beruhigen könnt, die in bitterer Sorge sein werden.« »Cosimo hat recht,« rief Politiano, »kommt, erlauchter Herr, Madonna Clarice wird Euch sehnsüchtig erwarten, sie muß schon Kunde von dem Vorgefallenen haben – hier von dieser Sakristei führt eine Nebenthür hinaus und kürzt den Weg zu Eurem Hause ab.« »Und Giuliano,« fragte Lorenzo unruhig, »wo ist er, wohin hat er sich gerettet? – ich sah nur die Dolche um ihn blitzen, als mich der Stoß Maffeis traf.« Einen Augenblick schwiegen alle Anwesenden und schlugen vor Lorenzos forschendem Blick die Augen nieder. »Du bist ein Mann, Lorenzo,« sagte Tornabuoni, »es wäre thöricht, dir die Wahrheit zu verschweigen, die doch erfahren und ertragen werden muß – Giuliano ist tot – gefallen unter den Dolchstichen des elenden Bandini und des Francesco Pazzi, den ich solcher Frevelthat niemals für fähig gehalten hätte.« »Tot« – schrie Lorenzo mit erschütterndem Wehlaut auf – »mein Giuliano, den ich liebte wie meinen Bruder und meinen Sohn zugleich, auf den ich so stolze Hoffnungen baute für unser Haus und das Vaterland – er ist tot, jammervoll dahingemordet in der Blüte der Jugend und Schönheit! Und warum ist er nicht gerettet – warum hat mich nicht der tödliche Stoß getroffen, wenn einer von uns fallen sollte, mich, der ich den Keim der tödlichen Krankheit in mir fühle, die dennoch meinem Leben ein frühes Ende machen wird.« Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen; schmerzliche Seufzer rangen sich aus seiner Brust. »Rechte nicht mit der Vorsehung,« sagte Tornabuoni, »danke Gott, wie wir es thun, daß du wenigstens uns erhalten bist – dein Leben wird dem Vaterlande vielleicht nützlicher sein können, als Giulianos.« »Ihr wißt nicht, wie ich ihn geliebt habe,« seufzte Lorenzo. »Wo ist er,« sagte er schnell aufstehend – »wo ist er – führt mich zu ihm, ich muß ihn sehen, ich muß versuchen, ob nicht der Hauch meines Atems ihn wieder zum Leben erwärmen kann!« »Er ist tot,« sagte Tornabuoni, »keine Rettung ist mehr möglich, aus vielen Wunden ist ihm das edle Blut entströmt, er ist den Heldentod gestorben fürs Vaterland, das muß uns trösten und wird sein Andenken heiligen – nicht jetzt darfst du ihn sehen, wie er jammervoll und entstellt daliegt – komm, komm, wir werden dafür sorgen, daß sein Bild dir auch im Tode eine freundliche Erinnerung zurückläßt – nicht rückwärts sollst du blicken, du gehörst den Deinen und dem Vaterlande und große heilige Pflichten erwarten dich, die deine volle Kraft erfordern.« Noch stand Lorenzo schweigend und zögernd da. Dann aber richtete er sich hoch auf und fuhr mit der Hand über die thränenden Augen. Begeisterter Mut verklärte sein bleiches Gesicht, stolze Willenskraft flammte in seinen Blicken auf. »Ihr habt recht,« sagte er, »nicht an mich darf ich denken, nur dem Vaterlande soll von dieser Stunde an meine ganze Kraft geweiht sein, so lange mir Gott die Kraft der Arbeit und des Handelns läßt. – Kommt! Die Lebenden gilt es zu trösten und zu schützen, jetzt ist nicht die Zeit, die Toten zu beweinen!« Er nahm Tornabuonis Arm. Politiano warf ein weites Wams über seine Schultern, die Wunde zu bedecken. Cosimo ging voran. Die Übrigen folgten und so kamen sie schnell, über die hier menschenleere Straße dahinschreitend, nach einem Seitenthor des Mediceischen Palastes, vor dessen Hauptportal sich bereits die Menge zusammendrängte. Lorenzo wurde in seine Gemächer geführt. Politiano eilte, Madonna Clarice und die Kinder herbeizuführen. Mit einem Jubelruf umarmte Clarice den Gemahl, den sie schon verloren zu haben geglaubt. Pierro küßte die Hand des Vaters und der kleine Giovanni streckte ihm halb weinend, halb lachend die Händchen entgegen. Das Kind konnte sich kaum eine Vorstellung machen von dem, was geschehen war, aber es hatte seine Mutter vorher weinen gesehen und empfand es nun, daß irgend etwas Glückliches geschehen sein müsse. Kurze Zeit nur gab sich Lorenzo der Freude hin, die Seinigen nach so schwerem Schlage wiederzusehen, dann gebot er, ihn allein zu lassen und vor allem der Madonna Lucretia, seiner Mutter, die Kunde seiner Rettung zu bringen; er sei gekommen, um seine Pflichten zu erfüllen und seine Mutter werde es verstehen, daß er nun vor allem dem Vaterlande gehöre. Kalt und ruhig fragte er nach dem Kardinal und als Tornabuoni ihm sagte, daß dieser mit den Priestern in die alte Sakristei geflüchtet, befahl er, ihn verhaften zu lassen und in sicheren, aber seines Standes würdigen Gewahrsam zu bringen. »Ich glaube nicht,« sagte er, »daß dieser Knabe mitschuldig ist an dieser unerhörten Frevelthat, aber Gericht soll über ihn gehalten werden und wenn er schuldig ist, so soll ihn der Purpur nicht vor der Strafe eines solchen Verbrechens schützen, das nicht gegen mich, sondern gegen die Republik verübt ist.« Dann befahl er Cosimo, sofort die Wachen an allen Thoren verdoppeln zu lassen und ihnen Befehl zu bringen, daß niemand in die Stadt herein und niemand hinaus gelassen werden solle und daß soviel als möglich der Rache des Volks Einhalt gethan werde, damit kein Unschuldiger geopfert und die Schuldigen dem Gericht entzogen würden. Cosimo gehorchte ohne Zögern – wohl drängte es sein Herz, Giovanna aufzusuchen und ihr Kunde zu bringen, daß er lebe, aber in diesem Augenblick mußte jedes persönliche Gefühl vor der Pflicht des Dienstes zurückstehen, den er nach Lorenzos Beispiel dem Vaterlande schuldig war. Jetzt erst ließ Lorenzo den schnell herbeigeholten Arzt eintreten, um seine Wunde zu untersuchen und einen Verband anzulegen. Während der Arzt, der sogleich erklärte, daß die tiefe Fleischwunde ungefährlich sei und in kurzer Zeit geheilt werden würde, noch mit dem Verband beschäftigt war, öffnete sich die Thür und Lorenzos Schwester, Nannina, trat ein, den weiten Mantel über das prächtige Gewand geworfen, das sie für das Fest angelegt hatte. Sie führte ihren Gemahl, Guiglielmo de Pazzi, an der Hand und zog den Zögernden bis zu ihrem Bruder hin, vor dem sie in die Knie sank. »Er ist unschuldig,« rief sie, »ich schwöre dir, Lorenzo, – er hat nichts gewußt von dem entsetzlichen Anschlag – erbarme dich – rette ihn um meinetwillen!« Auch Guiglielmo, der einen Mantel über seine prächtige Kleidung geworfen hatte, sank mit totenbleichem Gesicht auf die Knie und sprach mit bebender Stimme, während er die Hand auf sein Herz legte: »Ich schwöre es dir, Lorenzo, daß ich unschuldig bin an dem Verbrechen, das leider von meinem Hause ausging – sie haben es nicht gewagt, mir davon zu sprechen, da sie wohl wußten, daß ich zu dir gestanden haben würde.« Lorenzo blickte ernst auf die Knieenden nieder. »Was sie mir gethan,« sagte er, »das muß ich und will ich vergeben, aber ich habe nicht das Recht, zu verzeihen, was gegen das Vaterland verübt wurde. Ich will dir glauben, Guiglielmo, um Nanninas willen, mein Haus soll dir ein Asyl sein, aber würde deine Schuld erwiesen, so würde ich auch dich nicht zu retten vermögen. Geht dort hinein,« sagte er, auf die Thür des Nebenzimmers deutend, »in meinen eigenen Gemächern sollt Ihr bleiben, bis alles ruhig geworden.« »Dank, mein Lorenzo –« rief Nannina, »Dank! – Du hast dir die Schwester erhalten für das Leben und den Tod.« Während sie noch die Hände des Bruders küßte, meldete ein Diener den Gonfaloniere. »Eilt, eilt,« rief Lorenzo den beiden zu, »er würde nicht so weich sein wie ich, er darf Euch jetzt nicht sehen.« Die Thür des Nebenzimmers hatte sich kaum hinter Nannina geschlossen, als Cesare Petrucci mit seinen Begleitern eintrat. Er eilte zu Lorenzo hin, umarmte ihn und rief: »Gott sei Dank und Preis, daß Ihr gerettet seid, und mit Euch die Republik! – Man hat Euch zerschmettern wollen, um dem Volke seine Freiheit zu rauben – das Volk wird Euch in Liebe und Treue um so inniger verbunden bleiben.« »Und ich,« sagte Lorenzo, »werde für des Volkes Freiheit den letzten Tropfen meines Blutes zu opfern bereit sein, das feige Mörderhände vergießen wollten!« Er deutete auf seine Wunde, deren Verband der Arzt soeben vollendet hatte. Dann stand er auf und drückte den Mitgliedern des Rats, welche Petrucci begleitet, die Hand. Laute Rufe tönten von der Straße her bis zu dem nach dem Garten hinausgehenden Fenster, – man hörte Lorenzos Namen und Palle, Palle! von tausend Stimmen. Politiano, der zu Lorenzos Mutter geeilt war, um ihr Bericht zu erstatten, kam und meldete, daß eine zahllose Volksmenge vor dem Portal versammelt sei und Lorenzo zu sehen verlange. »Kommt,« sagte Petrucci, »kommt und zeigt Euch dem Volk, sie meinen es treu, und wohl möchte es gut sein, wenn Ihr zu ihnen sprecht und sie abmahnt von wilder, zügelloser Rache. – Mir ist es kaum gelungen, die Benediktiner-Abtei, in welche die mörderischen Priester sich geflüchtet, vor der Zerstörung zu retten. Lorenzo warf den Mantel über die Schulter. »Noch eins,« fragte er dann, »wo ist der Erzbischof von Pisa?« Cesare erzählte kurz mit finsterer Miene, wie im Palast der Signorie über den Erzbischof und Francesco Pazzi Gericht gehalten worden. Lorenzo wiegte nachdenklich den Kopf. »Ihnen ist Gerechtigkeit geschehen,« sagte er mit tiefem Ernst, »sie haben mit tückischer Bosheit den Zorn des Papstes gegen mich erregt und geschürt, aber Sixtus wird es nie vergessen, daß Ihr die Hand an einen Fürsten der Kirche gelegt – wir müssen uns noch auf einen schweren und erbitterten Kampf gefaßt machen.« »Wir sind darauf gefaßt!« rief Petrucci, »bei Gott! die Republik wird stark genug sein, um auch vor dem drohenden Bannstrahl nicht zurückzuweichen! – Kommt, kommt, das Volk ruft, von seiner Liebe getragen, dürft Ihr auch vor Rom nicht zittern.« Er bot Lorenzo seinen Arm und führte ihn nach einem der vorderen Gemächer, das auf einen Balkon nach der Straße ausmündete. Petrucci führte Lorenzo auf diesen Balkon bis zur Brüstung hinaus und trat dann zurück. Einen Augenblick herrschte bei Lorenzos Erscheinen tiefes Schweigen in der Kopf an Kopf zusammengedrängten Menge, aus deren Mitte an einer hoch emporgestreckten Lanzenspitze das Haupt Maffeis mit dem zerzausten Haar und den verzerrten Zügen aufragte. Dann brachen immer stärker anschwellende Rufe aus, wie das Brausen des Sturmes, der das eben noch ruhige Meer in seinen Tiefen aufwühlt. »Palle! Palle!« klang es von allen Seiten und dazwischen hörte man wilde, drohende Stimmen rufen: »Tod den Verrätern! Tod den Mördern!« während die Lanze mit dem Leichenhaupte hin und hergeschwenkt wurde. Lorenzo dankte, indem er sich tief über die Brüstung des Balkons neigte, und mit verstärkter Kraft brausten ihm die Jubelrufe entgegen. Sein bleiches Gesicht zuckte in tiefer innerer Erregung, aber stolzer Mut strahlte aus seinen Augen und hoch sich aufrichtend, streckte er gebieterisch die Hand aus. Fast unmittelbar schwieg das Toben und eine tiefe, lautlose Stille trat ein. Lorenzos Stimme war nicht gemacht, um einen weiten freien Raum zu beherrschen, heute aber schien sie einen mächtigeren und helleren Ton als sonst angenommen zu haben, und weithin verständlich sprach er zu der atemlos lauschenden Menge: »Mitbürger und Freunde, ich danke euch, das ihr gekommen seid, um mir eure Teilnahme zu bekunden in dieser entsetzlichen Stunde, welche das Vaterland mit dem Verlust seiner Freiheit bedroht und mir den teuren Bruder entrissen hat.« »Tod den Mördern!« rief es von unten, aber andere Stimmen mahnten sogleich zur Ruhe und Lorenzo sprach weiter: »Vor euch, meine Freunde, und vor Gott, dessen Himmel sich über uns wölbt, klage ich die Verbrecher an, die in giftigem Haß und Neid mich durch feigen Meuchelmord niederwerfen wollten, statt mir in offenem Kampfe entgegenzutreten, den ich nicht scheue. – Ich klage sie an, nicht weil sie meine Feinde waren, sondern weil sie die Freiheit des Vaterlandes vernichten wollten. Ich selbst, mein Wohl und Wehe und das meines ganzen Hauses, gelten nichts, wo die Sicherheit, die Kraft und die Würde des Staates in Frage kommt. Ich erkläre es hier vor euch allen, daß ich jede Stunde bereit bin, von der Stellung zurückzutreten, die euer Vertrauen mir gegeben, wenn ihr es wollt und es für das Wohl der Republik nötig erachtet.« »Palle, Palle!« klang es wieder von allen Seiten herauf und: »Es lebe Lorenzo, der wahre Freund des Volks – Tod seinen Feinden, die auch unsere Feinde sind!« Lorenzo verneigte sich dankend. Dann wieder gebot er mit ausgestreckter Hand Ruhe. »Ich danke allen, die mich beschützt und mein Leben gerettet, ich danke euch für euer Vertrauen und eure Liebe – jetzt aber bitte ich euch, keine Rache weiter zu üben und den Spruch der Gerichte abzuwarten, denn auch der gerechteste Zorn kann den Blick trüben und Unschuldige treffen. Hütet euch, meine Freunde, den Feinden der Republik einen Vorwand zu bieten zur Klage und zum Angriff gegen euch. Der blutige und tückische Kampf, den eine verbrecherische Partei gegen unsere Verfassung unternommen, ist traurig, aber er hat dennoch auch Gutes gebracht, die schlechtgesinnten Bürger sind niedergeworfen und haben ihre Ohnmacht erkannt, und das geheime Gift, das die Gesundheit der Republik bedrohte, ist ausgerottet aus unserem Staatsleben. Nun aber, da wir die Sicherheit wiedergewonnen, müssen wir strenge Gerechtigkeit üben in der Strafe des Verbrechens, und die Irrenden und Verführten scheiden von den wirklich Schuldigen, damit die Feinde außerhalb der Grenzen, die den Neid unserer Mitbürger zu den begangenen Verbrechen anspornten, um unsere Macht zu brechen und Herren über uns zu werden, keinen Vorwand zum Angriff finden. – Bewahrt euern edlen Zorn und eure Rache für den äußeren Feind, der vielleicht bald unsere Grenzen bedrohen wird – laßt uns alle zusammenstehen wie ein Mann und der Welt zeigen, daß die Bürger von Florenz ihr altes Recht und Gesetz innerhalb ihrer Mauern ebenso zu schützen wissen, als sie stets bereit und gerüstet sind, jeden Feind, er möge kommen woher er wolle, siegreich mit den Waffen in der Hand zurückzuwerfen. – Ich bürge euch dafür, daß die Schuldigen ihrer Strafe nicht entgehen werden – möge Gott uns beistehen, auch die feindlichen Heere ebenso unschädlich zu machen, wie die Dolche der Meuchelmörder!« Er neigte sich nach allen Seiten. Cesare Petrucci trat an die Brüstung des Balkons vor, umarmte ihn und rief hinab: »Es lebe die florentinische Republik und Lorenzo de' Medici, ihr erster Bürger!« Dieser Ruf fand einen brausenden Widerhall, »Palle – Palle – es lebe Lorenzo! – es leben die Medici! – es lebe Petrucci, unser tapferer Gonfaloniere!« klang es von allen Seiten, und die Rufe wollten immer noch nicht enden, als Lorenzo schon, aufs Äußerste erschöpft durch seine Anstrengung und seine tiefe Erregung, in das Zimmer trat. Dem Palast gegenüber unter der erregten Menge stand ein Dominikanermönch in seiner weißen Kutte, unbekümmert darum, daß es heute an diesem Tage gefährlich sein könnte, sich dem Volke im geistlichen Gewand zu zeigen, und gerade diese sichere Ruhe, die in seinem ernsten Gesicht lag, schützte ihn vor dem Mißtrauen der Umstehenden. Als bei Lorenzos letzten Worten auf Petruccis Anregung ringsum die Jubelrufe erschallten, richtete sich der Mönch auf und rief mit seiner vollen, klaren Stimme: »Es lebe das Volk und sein Recht! Es lebe die Freiheit!« Seine Worte wurden von den Umstehenden wiederholt, welche sie als eine Huldigung für Lorenzo verstanden, aber sie verklangen unter dem lauten Palle – Palle! das alles andere übertönte. Kopfschüttelnd wendete sich der Dominikaner ab. »Da schreien sie,« sagte er bitter, »über die Mörder und sind doch bereit, ihren eigenen Feinden das Gleiche zu thun, sie sprechen das Wort Freiheit nach und jubeln dem zu, der ihr Herr ist und ihnen die Freiheit nach seinem Maße zumißt; er wird ihnen die wahre Freiheit nicht bringen und nur um die Herrschaft über sie kämpfen mit den habgierigen und ehrsüchtigen Hohenpriestern der entarteten Kirche, welche den Tempel schändeten durch Meuchelmord und doch knechtischen Gehorsam verlangen von dem zur Freiheit geborenen Volk! Sie werden auch der weltlichen Macht, die sie heute zerbrechen wollen, wieder die Hand reichen, wenn sie mit ihnen gemeinsam die Ketten des Volkes schmiedet, – ruere in servitiem nannten das die Alten und das verblendete Volk bleibt sich immer gleich, wenn ihm nicht die frei gewordene Kirche erlösend die Augen öffnet.« Und die Kapuze über seinen Kopf ziehend, schritt Girolamo Savonarola durch die drängende Menge der Vorstadt zu. Am Thor wurde er von der Wache angehalten, welcher soeben Cosimo Raccellai den Befehl gebracht hatte, niemand aus- und einzulassen. Der Wortwechsel der Wachmannschaft mit dem Mönch, den die Soldaten anhielten und in festen Gewahrsam bringen wollten, erregte Cosimos Aufmerksamkeit. »Halt,« sagte er, in das Gesicht Savonarolas blickend, von dem die Kapuze herabgefallen war, »halt – dieser ehrwürdige Bruder ist von jedem Verdacht frei, er war der Gast des Hauses der Medici und ist Lorenzos Freund – ich bürge für ihn. Geht, ehrwürdiger Bruder, Eures Weges, bringt die traurige Botschaft von dem, was hier geschehen, nach Euerm Kloster und betet für unsere Stadt, die so schwer heimgesucht wurde.« Die Wachen traten zurück. Savonarola neigte den Kopf und sagte: »Ich bete für alle, die guten Willens sind und die Gebote des Heilands in Liebe, Demut und Wahrheit erfüllen.« Er zog wieder seine Kapuze über den Kopf und ging, scharf ausschreitend, die Straße entlang. Cosimo wendete sein Pferd, um schnell nach dem nächsten Thore weiter zu reiten, da es ihn drängte, den Befehl Lorenzos auszuführen und endlich Giovanna wiederzusehen, als von der Straße her Hufschläge ertönten. Die Wachen traten vor, um die Nahenden anzuhalten. Cosimo sah in einiger Entfernung einen Reitertrupp nahen. Demselben voran sprengte eine Dame in vollem Galopp und parierte ihr edles reich gezäumtes Pferd vor den Spitzen der Hellebarden, welche die Wachen ihr entgegenstreckten. Sie trug einen Anzug von leichter dunkelblauer Seide, ein gleicher Mantel hing über die Schultern zurück, ein kleiner Hut mit Straußfedern deckte ihr reiches dunkles Haar und das wunderbar schöne und edle Gesicht war vom scharfen Ritt gerötet, ihre Augen blitzten zornig, als sie die Wachen fragte, warum sie ihr den Weg verschlössen. Cosimo stieß einen Ruf des Erstaunens aus, denn er erkannte die Züge und Stimme der schönen Lucretia, seiner Begleiterin auf der Reise von Florenz nach Rom; schon auch sah er, jeden Zweifel ausschließend, den Zwerg Piccolo auf seinem kleinen Pferdchen herantraben, während das übrige Gefolge, als ihre Herrin anhielt, in langsamer Gangart nachkam. »Gebt das Thor frei,« rief Cosimo schnell herantretend, »dieser Dame steht der Eintritt offen.« Der Wachtposten trat zur Seite. Lucretia zuckte bei Cosimos Stimme zusammen, als er grüßend zu ihr heranritt, färbten sich ihre Wangen mit dunkler Glut und ihre Augen flammten ihm entgegen. »Wie glücklich fügt es sich,« rief sie, ehe er ein Wort der Begrüßung und der Frage gefunden hatte, »daß Ihr der erste seid, den ich hier am Thore Eurer Vaterstadt begegne! – Wie angstvoll und unruhig habe ich die letzten Stunden des Weges zurückgelegt, seht mein schäumendes Pferd an, fast wäre es zusammengebrochen. Ich hörte in dem Orte, wo ich eine kurze Rast hielt, daß etwas Entsetzliches in Florenz geschehen sei, die erlauchten Medici, so sagte man mir, seien ermordet und alle dem edlen Hause Verwandten und Befreundeten ebenso, nun sehe ich Euch hier, die Ihr den Medici so nahe steht, unverletzt, den Wachen gebietend, vor mir, jene Kunde muß also doch nicht wahr sein.« Sie zog den Handschuh aus und reichte ihm die Hand zum Gruß. »Die Kunde, die Ihr vernahmt, ist leider wahr,« sagte er wie in Erinnerung versunken in die Augen der schönen Lucretia blickend, »Lorenzo de' Medici ist verwundet, Giuliano ist unter den Dolchen der Meuchelmörder gefallen, aber die Gefahr ist vorüber, die Schuldigen sind bestraft oder erwarten ihr Gericht und das schwere Unglück, das unser Vaterland bedrohte, ist abgewendet.« »Gott sei Dank!« rief Lucretia, seine Hand, die sie noch festhielt, mit warmer Innigkeit drückend – »es wäre entsetzlich, wenn ich zu spät gekommen wäre!« »Zu spät gekommen,« fragte Cosimo verwundert, »was könntet Ihr mit diesem mörderischen Anschlag zu thun haben und was führt Euch nach Florenz gerade in diesen traurigen Stunden, in denen ich die Freude des Wiedersehens nur halb empfinden kann.« »Doch ich, edler Cosimo, fühle diese Freude ganz und doppelt, weil ich Euch gerettet sehe aus einer Gefahr, die Euch bedrohte und,« fügte sie leiser hinzu, »vor der ich Euch zu warnen gekommen bin.« »Wie?« sagte Cosimo, »zu warnen? – Doch freilich – ich habe ja niemals gewußt, wer Ihr seid und habe meine Erinnerung nicht an einen Namen knüpfen können.« »Ihr habt gewußt,« erwiderte sie mit einem Blick voll feuriger Glut, »daß ich Eure Freundin war – haben wir uns nicht Freundschaft gelobt bis zum Wiedersehen? Die wahren Freunde sieht man im Augenblick der Gefahr und bei meinem Namen Lucretia habt Ihr, das hoffe ich, eine freundliche Erinnerung gehabt??« »Wie könnte ich's anders –« rief er, von ihrem Anblick hingerissen, »nur war es schmerzlich, daß das Wiedersehen, auf das ich schon in Rom hoffte, immer noch auf sich warten ließ.« »Nun ist es da!« rief sie. »Nun führt mich zu dem erlauchten Lorenzo, denn an ihn bin ich gesendet.« »An ihn gesendet?« rief Cosimo mit immer wachsendem Erstaunen. »Und woher – von wem?« »Das ist ein Geheimnis,« sagte sie, indem sie sich zu ihm hinüberbeugte, »das sicher bewahrt bleiben muß – doch nicht vor Euch,« fügte sie hinzu, »nicht vor dem Freunde, vor dem ich mich bisher verbergen mußte – führt mich also zu Euerm Oheim, dem großen Lorenzo.« »Verzeiht,« sagte sie von ihrem Pferde herabblickend, »daß ich auch hierher meinen Piccolo mitgebracht, er will nicht von mir weichen und ich glaube, er würde sterben, wenn ich ihn verstieße.« Piccolo grüßte aus dem Sattel seines Pferdchens gravitätisch mit kalter Zurückhaltung. Er schien über das Wiedersehen nicht so erfreut, wie seine Herrin. Cosimo mußte trotz seiner ernsten Stimmung lächeln, er erwiderte artig den Gruß des Kleinen und sagte: »Ich bin im Begriff, edle Lucretia, einen Befehl Lorenzos nach allen Thoren zu bringen und habe nur noch das Thor nach Imola hin zu besorgen – ich darf meinen Dienst nicht aufschieben, ich möchte Euch aber auch nicht allein durch die wildbewegte Stadt ziehen lassen – wollt Ihr mich noch den kleinen Weg bis zu dem Nordthor begleiten, dann will ich Euch sogleich zu Lorenzo führen.« »Wie dürfte ich Euch von Euerm Dienst abhalten,« sagte sie, »der gewiß heute wichtiger ist als sonst, da er von Cosimo Ruccellai selbst besorgt wird – ich stehe,« fügte sie lächelnd hinzu, »von dem Augenblick, da ich Eure Stadt betreten, auch im Dienste der Medici.« Sie ritten miteinander fort. Piccolo trabte daneben. Die Diener folgten. Auf dem Wege fragte Lucretia eifrig nach allen Vorgängen des entsetzlichen Tages und hörte schaudernd Cosimos Erzählungen zu. Sie hatten bald das Thor erreicht. Cosimo gab den Wachen seinen Befehl, niemand aus- und einzulassen, wer es auch sein möge. »Wenn Ihr,« sagte der Führer der Wache, »diesen Befehl eine Stunde früher gebracht hättet, so wäre es vielleicht besser gewesen.« »Eine Stunde früher und warum?« fragte Cosimo aufhorchend. »Ist irgend ein Verdächtiger in die Stadt gekommen oder haben sich die Verbrecher geflüchtet – dann hättet Ihr auch ohne Befehl sie wohl festhalten sollen.« »Nun, für verdächtig,« erwiderte der Soldat, »dürfte ich ja wohl den Herrn Markgrafen von Fosdinuovo nicht halten, aber gefallen hat's mir doch nicht wollen, daß er so über Hals und Kopf davonjagte, während doch die Freunde der Republik und der erlauchten Medici gerade im Augenblick solcher Gefahr hätten hier bleiben sollen. Es war noch keine Kunde von den furchtbaren Frevelthaten in der Stadt hierher gekommen, wir hörten nur das Geschrei der Tobenden von fern her, als der Markgraf hinausritt, sonst hätte ich's vielleicht doch gewagt, auf eigene Verantwortung das Thor zu sperren.« Cosimo hatte in starrem Erstaunen den Bericht des Soldaten vernommen, während Lucretia ihn mit unruhig forschenden Blicken beobachtete. »Der Markgraf von Fosdinuovo hat die Stadt verlassen –« fragte er ungläubig, »kennt Ihr ihn genau – seid Ihr Eurer Sache gewiß?« »Ganz gewiß –« erwiderte der Soldat, »habe ich ihn doch oft gesehen, wenn er ausritt mit dem erlauchten Lorenzo und dem schönen und freundlichen Giuliano, den sie so schmählich ermordet haben.« Cosimo erbleichte. »Und der Markgraf war allein?« fragte er mit zitternder Stimme. »Nicht allein – er hatte die Marchesa bei sich und seine Tochter, die schöne Marchesina Giovanna, und eine Anzahl von Dienern folgten ihm.« »Die Marchesa und die Marchesina,« rief Cosimo entsetzt, »mein Gott, was bedeutet das?« »Das bedeutet,« sagte Lucretia, »daß der Markgraf Gabriele Malaspina ein schlechter und falscher Freund ist – die guten Freunde kommen in der Stunde der Not, aber sie fliehen nicht! Faßt Euch, edler Cosimo,« sagte sie, sich zu ihm herüberneigend mit gedämpfter Stimme – »ich begreife, daß diese Nachricht Euch erschüttert, mich überrascht sie nicht und ich bin gekommen, Euch vor falschen Freunden zu warnen.« »Der Markgraf,« fuhr der Soldat fort, während Cosimo wie betäubt vor sich hinstarrte, »sprengte auf der Straße nach Imola fort, ganz nahe vor dem Thor begegnete er einem glänzenden Reiterzug, mit dem Grafen Girolamo Riario an der Spitze – auch ihn habe ich wohl erkannt, ich habe ihn oft in Rom gesehen, ehe ich in den Dienst der Republik trat. Er hielt an, als er den Markgrafen begegnete und sie haben eifrig und lange mit einander gesprochen, dann wendete der Markgraf sein Pferd und in rasender Eile jagten beide mit den Damen und ihrem Gefolge weiter nach Imola hin, so daß ich sie bald aus dem Gesicht verlor – auch der Graf Girolamo war wohl nicht in guten Absichten gekommen.« »Entsetzlich – unglaublich –« stammelte Cosimo. Lucretia aber sagte kalt und ruhig: »Ihr habt Euern Dienst gethan, jetzt bitte ich Euch, mich zu Lorenzo zu führen – ich, das schwöre ich, bringe Euch und ihm nichts Böses!« »Ja, ja,« rief Cosimo auffahrend, »zu Lorenzo! – Licht muß es werden in diesem furchtbaren Dunkel, dort werde ich die Wahrheit erfahren, denn noch kann ich das Unglaubliche nicht für möglich halten.« Er sprengte schnell davon. Lucretia hielt sich an seiner Seite und bald kamen sie in die innere Stadt. Sie begegneten der Volksmenge, welche von dem Palast der Medici herkam, das schauerliche Haupt Maffeis ragte auf der Lanzenspitze aus dem Gedränge hervor. Man stürzte sich ihnen entgegen und wollte sie aufhalten. Piccolo drängte sein kleines Pferd dicht an Lucretias Seite und rief jämmerlich um Hilfe. Bald aber war Cosimo erkannt. »Palle, Palle!« tönte es ihm von allen Seiten entgegen und die Menge öffnete eine Gasse, um den Reiterzug durchzulassen. Unter dem Portal des Mediceischen Palastes stiegen Cosimo und Lucretia von ihren Pferden und Piccolo wurde trotz seiner jammervollen Bitten, ihn nicht allein zu lassen, den Dienern übergeben. Cosimo eilte ungeduldig nach Lorenzos Zimmer, wo dieser erschöpft in seinem Lehnstuhl saß und seine Wunde kühlte. Er bat Lucretia, im Vorgemach zu warten und erstattete hastig und unruhig Bericht über die Ausführung seines Befehls. Lorenzo reichte ihm dankend die Hand und sagte mit wehmütigem Lächeln: »Du gehörst zu den Treuen, mein Cosimo, ich habe viel verloren, aber auch viel gewonnen, da ich die Liebe des Volks gesehen und diejenigen erkannt habe, auf die ich bauen kann. Mein armer herrlicher Giuliano – ihn haben sie ermordet, der niemand etwas Böses gethan! Du, mein Cosimino, sollst ihn mir ersetzen, auch dein Herz ist treu und rein wie Gold, du wirst mich verstehen und mir beistehen, unter den bitteren Leiden dennoch die schwere Aufgabe zu erfüllen, welche Gottes Vorsehung heute so sichtbar neu in meine Hände gelegt.« »Gebietet über mich, mein erlauchter Oheim,« sagte Cosimo bewegt, indem er Lorenzos Hand küßte, »mein Leben gehört Euch und dem Vaterlande, Ihr sollt mich stets Eures Vertrauens würdig finden.« Dann berichtete er mit zitternder Stimme, was der Führer der Thorwache ihm von dem Markgrafen erzählt und von dessen Begegnung mit dem Grafen Girolamo. Lorenzo horchte auf. Dann sagte er traurig: »Es ist wahr, mein Cosimo, Gabriele Malaspina ist fort – in Eile und ohne Abschied ist er aus meinem Hause entflohen, er mag wohl geglaubt haben, daß es dennoch mit uns zu Ende sein würde, oder er steht voraus, daß das Schwerste noch kommen wird, was sie hier im Durst nach Rache und im Taumel der Freude über die für den Augenblick angewendete Gefahr noch nicht begreifen. So ist er denn fortgegangen, wie die Ratten das sinkende Schiff verlassen.« »Giovanna,« rief Cosimo, »Giovanna hat er mitgenommen – mein Glück hat er mir geraubt – das Herz seiner Tochter hat er zerrissen.« »Weißt du das?« fragte Lorenzo hart mit bitterem Lächeln. »Doch das darf uns jetzt nicht kümmern, unsere Kraft gehört einer heiligen Sache – wir haben anderes zu thun, als über Verrat und Treulosigkeit zu klagen.« Cosimo preßte die Lippen aufeinander, eine Thräne schimmerte in seinen Augenwimpern; aber er begriff wohl, daß er in diesem Augenblick von der Qual seines Herzens nicht sprechen dürfe. Nach kurzem Schweigen berichtete er Lucretias Ankunft und ihr Verlangen, zu Lorenzo geführt zu werden. Flüchtig und fast befangen berührte er seine Begegnung mit ihr auf seiner letzten Reise nach Rom. »Und sie hat ihren Namen nicht genannt,« fragte Lorenzo, »was bedeutet Lucretia, wenn ich nicht weiß, wer sie sendet? Die Weiber wissen auch einen Dolch zu führen. – Doch mag es sein, ich will sie hören. Wissen ist Macht, und in einem Augenblick wie dieser darf man sich keinen Faden entgehen lassen, der sich unserer Hand bietet. Führe sie ein, doch bleibe hier, wenn sie da ist, ich will kein Geheimnis vor dir haben, denn du sollst meine rechte Hand sein. Die Natur gab mir einen schwachen Körper,« sagte er seufzend, »ich bedarf einer jugendlichen Kraft, die mir zur Seite steht, wie es mein armer Giuliano thun sollte.« Cosimo öffnete die Thür des Vorzimmers und führte Lucretia ein. Sie trat mit edlem Anstand ein und verneigte sich vor Lorenzos Sessel. »Verzeiht, edle Dame,« sagte dieser, betroffen von ihrer blendenden und doch so lieblich anmutenden Schönheit, »daß ich mich nicht erhebe, Euch zu begrüßen, aber der Dolch meiner Feinde hat mich getroffen und kaum nur bin ich dem Tode entronnen.« Cosimo schob einen Sessel heran. Lucretia setzte sich und sagte, voll Teilnahme in Lorenzos bleiches Gesicht blickend: »Ich bin ohne Namen zu Eurer Magnifizenz gekommen und meine erste Pflicht ist es, Euch zu sagen, daß ich mich Lucretia Vanozza de Catanei nenne und daß der Kardinal Rodrigo Borgia mich zu Euch sendet.« Tiefes Erstaunen drückte sich in Lorenzos Gesicht aus, dann verfinsterte sich seine Miene ein wenig und mit kalter Höflichkeit sagte er, sich leicht verbeugend: »Ich bin begierig zu hören, was Seine Eminenz mir mitzuteilen hat, und werde jedem seiner Wünsche nach Kräften entgegenkommen.« »Der Kardinal,« fuhr Lucretia fort, »bittet Eure Magnifizenz vor allem um das strengste Geheimnis für seine Botschaft, das seine Stellung ihm auferlegt und –« »Er kann vollkommen auf meine Verschwiegenheit zählen,« sagte Lorenzo, »ich habe noch niemals das Vertrauen getäuscht, das man in mich setzt.« »Davon ist der Kardinal überzeugt und darum hat er mich zu seiner Sendung gewählt,« fuhr Lucretia fort, »da ein jeder andere Bote Aufsehen hätte erregen können. Mein erster Auftrag war der, Euch zu warnen, dazu bin ich zu spät gekommen, denn der Anschlag gegen Eure Macht und Euer Leben ist ja bereits, wie ich schon auf dem Wege hierher hörte, ausgeführt, glücklicherweise ohne Erfolg und vielleicht ist Eure Macht, die man brechen wollte, dadurch vermehrt und befestigt – habe ich doch bei dem Ritt durch die Stadt gesehen, mit welcher Liebe das Volk von Florenz an Euch hängt. Daß ich zu spät kam, beklage ich nur, weil eine rechtzeitige Warnung das Leben Eures Bruders hätte retten können.« Lorenzo hatte mit steigender Spannung zugehört. »So wußte der Kardinal, was gegen mich geplant war?« fragte er. »Wohl nicht alles,« erwiderte Lucretia, »aber er hat ein feines Ohr und einen scharfen Blick, und es ist ihm nicht entgangen, daß etwas gegen Euch im Werk war, man wollte, so hat er mir aufgetragen Euch zu sagen, Eure Macht in der florentinischen Republik brechen, um den Widerstand gegen die Pläne des Grafen Girolamo Riario zu beseitigen, der darnach strebt, eine feste Macht in der Romagna zu begründen, welche seinen überwiegenden Einfluß im Norden Italiens sichern soll. Der Kardinal hält das für ein Unglück, für eine Quelle fortwährender Zerwürfnisse und Unruhen, er ist der Meinung, daß die Macht des päpstlichen Stuhls, die nicht an das Leben eines Papstes geknüpft sein darf, nur scheinbar gestärkt werden würde und daß nur in dem Bündnis der einigen selbständigen Staaten, deren natürlicher Mittelpunkt in Florenz liegen muß, das Ansehen Italiens im Auslande begründet und dauernd erhalten werden könne.« »Der Kardinal hat recht,« rief Lorenzo lebhaft, »und ich freue mich aufrichtig, daß auch im heiligen Kollegium eine solche Ansicht vertreten ist, die einem Borgia wohl ansteht –« fügte er verbindlich hinzu. »Ich sollte Euch darum,« fuhr Lucretia fort, »zunächst warnen vor dem Grafen Girolamo Riario und Euch bitten, dessen Freundschaftsversicherungen nicht zu trauen, da er nur darauf ausgeht, Florenz niederzuhalten und ohnmächtig zu machen, er zieht Truppen zusammen und giebt sich, von dem Einfluß des römischen Hofes unterstützt, Mühe, Venedig und Mailand von dem Bunde mit Euch zu lösen.« »Ich habe ihm niemals getraut,« sagte Lorenzo lächelnd, »aber doch hätte ich nicht geglaubt, daß er zum Meuchelmord seine Zuflucht nehmen würde, um seine Pläne zu verfolgen.« »Ihr dürft heute nicht mehr daran zweifeln, mein Oheim,« rief Cosimo, »war doch der tückische Girolamo vor den Thoren, um die Frucht des Verbrechens zu pflücken, dessen Saat er ausgestreut, und sein Neffe, der Kardinal, war ja zugegen, als die unselige That ausgeführt werden sollte.« Er blickte mit Bewunderung in Lucretias schönes Gesicht und vermochte es kaum zu fassen, daß seine geheimnisvolle Reisegefährtin, die ihn in die Felsengrotten von Sutri geführt, Petrarkas Liebeslieder gesungen hatte und mit den Oden des Horaz so bekannt war, hier nun mit Ernst und Verständnis von den Geheimnissen der Politik sprach. Lucretia verstand seinen Blick und ein flüchtiges Lächeln glitt über ihre Lippen. »Ich war schon einmal thätig,« sagte sie, »um Girolamos Pläne zu durchkreuzen und also Euch zu dienen, erlauchter Lorenzo. Damals, als ich von Euerem Neffen hier, dem edlen Cosimo Ruccellai, aus den Händen der Räuber befreit und nach Rom geleitet wurde, kam ich zurück von Faenza. Der Graf Girolamo wollte auch das Gebiet von Faenza erwerben, um ringsum von Imola aus die Kette zu schließen, die das florentinische Gebiet einzuschnüren bestimmt ist. Manfredi von Faenza war, von Geldnot gedrängt, bereit, auf den Kauf einzugehen, der Kardinal half ihm aus seiner Verlegenheit und mir,« fügte sie, stolz das Haupt erhebend, hinzu, »ist es gelungen, den Plan scheitern zu lassen.« »Das hat der Kardinal gethan – durch Euch gethan?« rief Lorenzo. »Bei Gott, ich bin ihm zu großem Dank verpflichtet und Euch nicht minder,« fügte er hinzu. »Ich glaubte wirklich, daß meine Vorstellungen bei Manfredi gewirkt hätten, doch ich sehe, daß Eure Diplomatie feiner und geschickter war, als die meine.« Er beugte sich zu ihr hinüber, küßte galant ihre Hand und sagte lächelnd: »Freilich versteht sich das wohl von selbst, wenn die Fäden der Politik von so schönen Händen gesponnen werden.« »Ich war nur die Botin,« erwiderte Lucretia, indem sie mit glückstrahlendem Blick zu Cosimo hinübersah, »und habe kein anderes Verdienst, als den Auftrag des Kardinals glücklich ausgeführt zu haben. – Diesem geringen Verdienst danke ich es, daß er mich nun zu Euch gesendet. Doch weiter,« fuhr sie fort, »sollte ich Euch auch warnen vor dem Markgrafen Gabriele Malaspina, der sich den Anschein giebt, Euer Freund zu zu sein und Euer Vertrauen nicht verdient, da er auch, wie der Kardinal weiß, in Rom Verbindungen unterhält mit Personen, die Euch feindlich sind. – Weiter hat der Kardinal mich beauftragt, Euch zu bitten, den Markgrafen genau zu überwachen, da er verdächtig ist, auch hier mit Euern Feinden geheime Beziehungen zu unterhalten.« »Nein, nein,« rief Cosimo, »das ist nicht möglich, das kann nicht wahr sein.« »Der Kardinal hat es geglaubt,« sagte Lucretia, flüchtig errötend, – »ich kenne den Malaspina nicht, doch daß er heute, gerade heute aus Florenz entflohen und mit Girolamo nach Imola gezogen ist, spricht wohl dafür, daß der scharfe Blick des Kardinals sich in ihm nicht getäuscht hat.« Ein schwerer und schmerzvoller Seufzer rang sich aus Cosimos Brust. Lorenzo zog finster die Augenbrauen zusammen und sagte: »Ich habe den Markgrafen wohl gekannt als schwach und furchtsam, und weil er mich für stark hielt, hat er sich mir angeschlossen. Nun aber meint er in kurzsichtiger Befangenheit, meine Macht sei gebrochen oder werde in dem schweren Kampf, der mir bevorsteht, gebrochen werden, darum verläßt er mich und flieht zu denen, die er für stärker hält. – Mag er gehen, ich habe nichts an ihm verloren. Im Unglück und in der Gefahr sieht man die wahren Gesichter der Menschen und das ist immer ein Gewinn.« »Daß ein ernster Kampf Euch bevorsteht, erlauchter Lorenzo,« sprach Lucretia weiter, »ist auch die Meinung des Kardinals, denn Girolamo wird nicht aufhören, den Zorn des Papstes gegen Euch zu reizen und schon ist es ihm gelungen, den König Ferrante von Neapel zum Bündnis geneigt zu machen, da er von seiten des Papstes einen Verzicht auf die Lehnshoheit über das Königreich zu erlangen versprochen hat.« »Ferrante wird betrogen werden wie andere. Er ist gerade der Mann, um durch solche Lockungen sich fangen zu lassen und er ist für mich die größte Gefahr. – Wenn er mit seinen Truppen der römischen Macht zur Seite steht, so wird der Kampf hart und schwer sein, aber dennoch muß er bestanden werden.« »Und darum,« sagte Lucretia, »muß Eure Magnifizenz, so meint der Kardinal, alles aufbieten, um die feindliche Übermacht zu bewältigen. Dazu aber wird Euer bester Verbündete der König Ludwig von Frankreich sein.« »Ich weiß es wohl,« erwiderte Lorenzo, »der König Ludwig haßt den römischen Hof und strebt danach, dessen Einfluß zu brechen, was ihm so oft schon gelungen, aber die französischen Heere nach Italien zu rufen, bei Gott, das widerstrebt meinem Gefühl! Warum muß denn dieser traurige Kampf geführt werden? Würde denn der Papst nicht das geistliche und geistige Oberhaupt einer in freiem Bunde geeinigten Nation sein, die dann stolz und gebietend in Europa dastehen könnte, während sie jetzt fremdem Ehrgeiz die Hand bieten muß?« »Ich bewundere Euch, edler Lorenzo,« sagte Lucretia mit fast kindlich demütigem Ausdruck, »denn bei Gott, auch in meiner Brust schlägt ein italienisches Herz! Aber es würde nicht nötig sein, so hat mir der Kardinal aufgetragen Euch zu sagen, die französischen Heere zu Eurer Hilfe zu rufen, auch würde der schlaue und versteckte König Ludwig, der niemals ein offenes Spiel spielt, dazu kaum geneigt sein, aber er kann den König von Neapel bedrohen, hält er doch den Anjou in seiner Hand, den König René –« »Das ist es – das ist es,« rief Lorenzo, »bei Gott, schöne Lucretia, Ihr blickt in die Politik Europas, wie in ein aufgeschlagenes Buch.« »Darum rät der Kardinal,« fuhr Lucretia fort, indem sie lächelnd zu Cosimo aufsah, »Euch vor allem an den König Ludwig zu wenden, er kann die Wege finden, um den König Ferrante zögern und zurückweichen zu lassen, und dann ist Euer Kampf leichter zum Siege zu führen.« Lorenzo neigte zustimmend den Kopf und blickte sinnend vor sich nieder. »Und endlich noch rät Euch der Kardinal, sorgfältig alles zu vermeiden, was als eine Verletzung der Würde des Papstes von Euren Feinden gedeutet werden könnte, um jeden Vorwand von vornherein zu benehmen und auch vor allem ihm und Euren Freunden in dem heiligen Kollegium, zu denen besonders der Kardinal Estouteville gehört, die Möglichkeit zu geben, daß sie ihren ganzen Einfluß aufbieten können, um einen Bruch zu vermeiden, und eine Verständigung herbeizuführen, welche für Euch annehmbar sein kann.« »Bei Gott,« sagte Lorenzo bewegt, »der Rat des Kardinals ist weise und ich kann ihm nicht genug dankbar sein für solchen Beweis freundschaftlicher Gesinnung.« »Der Kardinal,« sagte Lucretia, »bittet Euch also, den Plänen des Grafen Riario fest und unbeugsam entgegenzutreten, auch den Kampf nicht zu scheuen, wenn er nötig ist, aber dennoch zu versuchen, eine Verständigung zu erreichen und wenn sie unerreichbar bleibt, den Sieg für Euch so leicht und sicher als möglich zu machen. – Dazu bietet er Euch seinen Rat und seinen Beistand soweit er dazu im stande ist, ohne seinen schuldigen Gehorsam gegen den päpstlichen Stuhl zu verletzen.« »Aber wie ist das möglich?« fragte Lorenzo, den Kopf schüttelnd, »glaubt mir, der Weg von hier nach Rom wird scharf überwacht werden, Boten und Briefe von mir an Seine Eminenz und umgekehrt werden kaum sicher gehen.« »Der Kardinal hat daran gedacht,« erwiderte Lucretia, und« fügte sie mit fast neckischem Lächeln hinzu, »die Botschaften von mir an meine Schwester in einer nur uns verständlichen Sprache über scheinbar gleichgültige Dinge werden die Neugier der Späher des Grafen Girolamo nicht reizen, niemand weiß, daß ich hier bin, Ihr allein kennt meinen Namen.« »Und Ihr würdet,« fiel Lorenzo ein, »hier bleiben? Ihr würdet eine solche Korrespondenz zu vermitteln Euch herbeilassen? – Das wäre ein Freundschaftsdienst, wie ich ihn kaum erwarten kann.« »Der Kardinal hat mir aufgetragen,« erwiderte Lucretia, »mich ganz zu Euer Magnifizenz Verfügung zu stellen, und was mich betrifft, so macht es mir Freude, durch die That meine Dankbarkeit beweisen zu können, die ich Euerm Hause für den unvergeßlichen Dienst schulde, den mir Euer Neffe, der edle Cosimo, geleistet, als er mich unter seinem Schutz nach Rom zurückführte. – Wollt Ihr mir Eure Gastfreundschaft gewähren, so gehöre ich ganz dem Dienst Eurer Sache, nur sorgt dafür, daß niemand erfährt, wer ich bin, und daß so wenig Personen als möglich mich hier sehen. Für meine Diener kann ich bürgen.« Lorenzo erhob sich und reichte ihr beide Hände. »Bei Gott, edle Dame,« rief er, »Ihr habt mir gute Botschaft gebracht, ringsum drohen die Feinde, da ist eine Freundin wie Ihr ein kostbares Geschenk des Himmels. – Mein Haus steht zu Eurer Verfügung, Cosimo wird Euch nach Eurer Wohnung führen. Du kennst,« sagte er zu seinem Neffen gewendet, »jene Gemächer in dem Flügel dort drüben nach dem Garten hinaus, welche die Herzogin von Mailand bei ihrem Besuche bewohnte, dort soll alles nach den Wünschen der edlen Dame eingerichtet werden. Ihr werdet niemand sehen, als die Meinen und den kleinen Kreis der Freunde, auf die ich mich verlassen kann. Ruht aus von der Reise und möge Euch auch unter meinem Dache Freude und Glück zu teil werden.« Er küßte mit ritterlicher Artigkeit ihre Hand und geleitete sie, mühsam aufstehend, bis zur Thür, wo Cosimo ihr die Hand bot, um sie nach der für sie bestimmten Wohnung zu führen. »Woher kommt mir diese Freundschaft des Borgia?« sagte Lorenzo, als er allein war und erschöpft wieder in seinen Sessel sank. »Wir haben wohl freundlich zu einander gestanden, aber kaum hätte ich daran gedacht, daß er der Erste sein würde, der mir in der Not die hülfreiche Hand bieten würde. Der Kardinal Rodrigo ist nicht der Mann, der etwas umsonst und ohne Grund thut und der Beistand, den er mir bietet, kann ihm gefährlich werden. »Ja, ja,« sagte er nach kurzem Sinnen, »so ist es, er haßt den Grafen Girolamo, der als Gebieter in Rom auftritt und die alten Geschlechter durch seine Anmaßung verletzt, er hat schon der Wahl des Papstes Sixtus widerstrebt, er möchte die Borgia wieder zu dem alten Glanze erheben und denkt wohl daran, einst auf sein Haupt die Tiara zu setzen, er ist mein Freund, weil Girolamo mein Feind ist und weil er sich vielleicht für später meinen Dank sichern möchte. So ist es – und vielleicht ist die Freundschaft die sicherste, die sich auf gemeinsame Feindschaft stützt. Sein Rat ist gut und er kann mir immer noch nützlicher werden – jedenfalls setzt er noch Vertrauen in meine Zukunft und darum darf ich wahrlich den Mut nicht verlieren.« Er rief seinen Kammerdiener und stieg, auf dessen Arm gestützt, zu seiner Mutter hinauf. Madonna Lucretia kam ihm entgegen und schloß ihn stumm in ihre Arme. »Habe Mut, mein Sohn,« sagte sie, »in der schweren Prüfung ist doch Gottes Hand sichtbar, die Dich aus den Mörderhänden gerettet.« »Ich halte den Mut fest, meine Mutter,« erwiderte Lorenzo, »und habe alles gethan, was die Pflicht gegen das Vaterland in diesem Augenblick von mir fordert – verzeih darum, daß ich erst jetzt zu Dir komme.« »Sprich nicht davon,« sagte Madonna Lucretia, indem sie sich wieder in ihren Lehnstuhl setzte, »die Mutter steht dem Vaterlande nach. Und Giuliano, unser Giuliano – er ist verblutet unter den Händen der verruchten Mörder!« »Gott hat ihn berufen,« erwiderte Lorenzo mit fester Stimme, »jetzt ist keine Zeit für den Schmerz und für die Klage um den Toten! – Ich sehe es voraus, daß uns Schweres noch bevorsteht und meine ganze Kraft erfordern wird. Sie werden in Rom nicht nachlassen, uns zu verfolgen, da ihr erster Anschlag mißglückt ist – doch habe ich auch in Rom Freunde gefunden – vor Dir, meine Mutter, habe ich kein Geheimnis –« Er erzählte ihr von der Botschaft des Kardinals Borgia und von seinem Gespräch mit der schönen Lucretia. Das Gesicht der Dame hatte sich verfinstert. »Lucretia Vanozza de Catanei?« sagte sie, als er geendet, »das ist die Schwester der Geliebten des Kardinals, einen solchen Gast vermag ich kaum in meinem Hause willkommen zu heißen.« »Ihre Schwester,« erwiderte Lorenzo, »Rosa Vanozza, soll mit dem Kardinal heimlich vermählt sein, er läßt ihre Kinder den Namen Borgia führen.« »Die heimliche Ehe eines Kardinals und Priesters der Kirche,« sagte seine Mutter, den Kopf schüttelnd, »ist das nicht allein schon ein Verbrechen?« »Das Cölibat der Priester,« erwiderte Lorenzo, »ist kein Glaubenssatz der Kirche, der Papst hat es geboten, der Papst kann es wieder aufheben und vielleicht auch eine Ausnahme erlauben. – Das ist eine Gewissenssache für den Kardinal, über die wir nicht zu rechten haben und Lucretia Vanozza ist nicht verantwortlich für ihre Schwester Rosa. – Hat ein Priester den meuchlerischen Dolch gegen mich geführt, so ist das wohl ein schlimmeres Verbrechen, als die heimliche Vermählung eines Kardinals. – Jedenfalls ist sie eine Freundin in der Not und als solche, meine Mutter, bitte ich Dich sie zu betrachten und in unserem Hause zu empfangen.« »Du hast recht, mein Sohn,« erwiderte Madonna Lucretia, »wir müssen die Waffen für unsern Kampf in Händen haben und jede Waffe wird durch den Dienst des Vaterlandes geweiht!« »Ich werde mich nur daran erinnern. – Die Mutter dessen, der die Stütze und Hoffnung des bedrängten Vaterlandes ist, darf kein Bedenken haben, wo es gilt, das Vaterland zu retten. Geh jetzt und ruhe und pflege deine Wunde, damit du bald mit voller Kraft den Stürmen trotzen kannst.« Lorenzo beugte sich zu ihr herab, sie küßte seine Stirn und legte segnend die Hand auf sein Haupt. – – Cosimo hatte Lucretia Vanozza durch die langen Korridore nach den für sie bestimmten prächtig eingerichteten Gemächern geführt. »Ich werde sogleich den Befehl geben,« sagte er, »daß für Eure Diener und Pferde gesorgt wird, und daß Madonna Clarice einige von ihren Kammerfrauen Euch zu Diensten stellt.« »Und meinem Piccolo,« sagte sie lachend, »müßt Ihr hier in meiner Nähe Quartier geben, Ihr wißt ja, daß er wie ein Schoßhündchen an mir hängt und sterben würde, wenn er von mir fern sein müßte.« Dann aber nahm sie seine Hand und sah ihm mit einem forschenden Blick in die Augen, als ob sie in die Tiefen seiner Seele eindringen wolle. »Wir haben uns Freundschaft gelobt,« sagte sie, »als wir uns an der Porta del Popolo in Rom trennten; ich habe jenes Gelöbnis treu im Herzen bewahrt und wenn Ihr es nicht ganz vergessen habt, so müßt Ihr mir erlauben, Euch ein Wort des Trostes und der Teilnahme zu sagen an dem Schmerz, der in diesem Augenblick wohl Euer Herz durchbeben muß.« Er sah sie fast erschrocken an, seine Augen wurden feucht und mit dumpfer Stimme sagte er: »Darf ich meinem Schmerz nachhängen, wenn mir Lorenzo das Beispiel des Heldenmutes giebt, der an der Leiche des Bruders die Pflicht gegen das Vaterland nicht vergißt?« »Der Tod,« sagte sie, seine Hand drückend, »ist nicht das Schlimmste. Schlimmer ist die Täuschung, welche die Untreue dem vertrauenden Herzen bereitet.« »O, sprecht das nicht aus!« rief er fast drohend, »an eine Untreue werde ich niemals glauben – Giovanna hat nur dem Zwange gehorcht, dem Zwange ihres Vaters, der –« »Läßt sich die Liebe zwingen?« fiel sie mit flammenden Blicken ein, »hier zwingen, wo der feige Malaspina keine Macht befaß, seinem Gebot Gehorsam zu schaffen? Es ist hart, wenn ich Euern Traum zerreiße, aber die Wahrheit ist für jeden Schmerz die beste Arzenei. – Ich werde es nicht fassen und nicht glauben, daß der Zwang ein Herz zum Treubruch fortreißen kann, wenn es wirklich liebt in flammender Glut!« »O mein Gott,« sagte Cosimo erschüttert, »wenn Ihr recht hättet, wenn es dennoch wahr sein könnte, wenn die Blüte meines Lebens frevelhaft geknickt wäre?« »Ein Leben wie das Eure,« rief Lucretia, »hat wohl die Kraft, andere und edlere Blüten noch zu treiben! Doch ich will Euch Euer Vertrauen nicht rauben, ich bin gewiß, daß Ihr selbst die Wahrheit erkennen werdet. Eine Bitte nur habe ich an Euch: wenn der Schmerz um die verlorne – um die verratene Liebe Euer Herz ermatten und erkalten läßt, vergeßt nicht, daß ich Eure Freundin bin und daß die Freundschaft, welche die Treue hält, es wohl vermag, dem kranken Herzen frischen Mut und frische Lebenskraft zu bringen. – Klagt mir Euer Leid, daß es nicht in schweigender Qual Euch die Seele vergifte – ich werde den Trost für Euch finden und der ermatteten Triebkraft Eures Lebens den warmen Sonnenstrahl der Hoffnung und des Vertrauens wieder zuführen.« »Ich danke Euch,« sagte Cosimo bewegt. Er küßte ihre Hand und als er in ihre wunderbar leuchtenden Augen blickte, da stieg vor ihm jenes Traumbild wieder auf, das ihn in Sutri verfolgt und Giovannas Bild in düsteren Nebeln verschwindend gezeigt hatte, während, von Lucretias Stimme gesungen, Petrarkas Liebesklagen ertönten. Die Diener kamen mit dem Reisegepäck. Auch Piccolo trippelte herein und faßte Lucretias Hand, als ob er sich an sie anklammern wolle. Cosimo zog sich mit kurzem Gruß zurück; er vermochte es nicht, die fremden Blicke zu ertragen, und sehnte sich nach der Einsamkeit. XVI. Montesecco hatte ungehindert die Osteria zum goldenen Becher erreicht, die Straße war noch leer, da alles sich auf dem Platze vor dem Dome zusammendrängte, und er hatte nur wenige Neugierige begegnet, die dorthin eilten, um nach der Ursache des Lärms zu forschen. Unruhig trat ihm Luigi Lodini entgegen. »Was ist geschehen, edler Kapitano?« fragte er, in Monteseccos bleiches Gesicht blickend, »was bedeutet der Lärm, der immer wilder aus der Stadt herüber schallt?« »Die Wahnsinnigen,« rief Montesecco, »sie haben die Medici vernichten wollen und sich selbst ins Verderben gestürzt, Giuliano liegt ermordet vor dem Altar.« »Und Lorenzo?« fragte Luigi. »Lorenzo ist gerettet, das Volk schreit nach Rache gegen die Mörder, sie werden ihrem Schicksal nicht entgehen – Giuliano haben sie ermordet, aber die Macht der Medici haben sie gewaltiger und fester gemacht als je. Ich habe mit dem allen nichts zu thun, aber ich muß mich bei Euch verbergen, bis der Sturm vorüber ist, das tobende Volk erwürgt die Unschuldigen mit den Schuldigen.« »Ihr seid hier sicher,« erwiderte Luigi, dessen Augen tückisch aufblitzten, »Eure Soldaten sind nicht mehr hier und niemand wird Euch in meinem Hause suchen.« »Sollte nach mir gefragt werden,« erwiderte Montesecco, »so sagt, ich wäre mit den Wachen des Kardinals davongeritten.« Er ging schnellen Schritts nach seinem Zimmer. Luigi blickte ihm hämisch lachend nach. »Ich habe es wohl bemerkt,« sagte er vor sich hin, »daß so etwas im Werke war, aus den Reden der Soldaten, sie haben es dumm angefangen, und die Dummen sind schlechte Verbündete. – Der Kluge schwimmt mit dem Strom, und in den Wellen dieses Stromes, der so laut tobt und die Tiefen aufwühlt, wird wohl etwas zu fischen sein.« Er ging auf den Hof hinaus, öffnete eine Hinterthür der Mauer, welche die ganze Osteria umgab, lauschte dann nach dem immer lauter und wilder brausenden Lärm und eilte zwischen den Hecken der Stadt zu. Montesecco war über den Korridor nach seiner Wohnung im Hinterhause gegangen. Hier fand er Claudina, völlig in ihren Knabenanzug gekleidet, sie hatte ebenfalls die tobenden Stimmen gehört und hielt sich, des Lagerlebens gewöhnt, für ein außergewöhnliches Ereignis bereit. Sie erschrak, als Montesecco, bleich und verstört, hastig eintrat. »Was ist geschehen?« rief sie, ihm entgegeneilend, indem sie ängstlich fragend zu ihm aufsah: »Ein großes Unglück, meine Claudina,« sagte er aufatmend, indem er die Thür hinter sich schloß – »für uns vielleicht ein Glück.« Und mit kurzen Worten erzählte er der zitternd Lauschenden die Vorgänge im Dom. »Und du, mein Battista,« fragte sie, »du hast nichts zu fürchten, nicht wahr, du hast keine Gemeinschaft mit den Mördern – du würdest deine Waffen nicht gegen Wehrlose gebrauchen?« »Nein,« rief Battista, »nein, das habe ich nicht gethan, obgleich sie wohl versuchten, mich mit zu der Unthat zu verlocken. Ich habe es verweigert, etwas anderes zu thun, als die Ordnung in der Stadt zu erhalten. Auch wollte ja der Graf Girolamo selbst nichts mehr mit jenen zu thun haben. Aber Geliebte, wir müssen uns verbergen, bis die Wut des Volkes ausgetobt hat, dann aber, dann bin ich entschlossen, den Dienst des Grafen zu verlassen und zu Lorenzo zu gehen, der wohl mehr als je eines erprobten Degens bedarf. Vielleicht wird dieser Tag, an dem so viel Blut geflossen ist, uns das lange ersehnte Glück bringen. – Mit jenen allen, welche den Medici übel wollen, mag ich nichts mehr zu thun haben, und wenn Lorenzo heute meiner Dienste noch nicht bedarf, so können wir warten mit dem, was mir von den letzten Werbungen noch übrig blieb. Er zog unter seinem Wams eine lederne Tasche hervor und nahm aus derselben zwei stark gefüllte Börsen, durch deren Gewebe das blinkende Gold hervorschimmerte. »Dies Gold bedeutet unsere Freiheit,« sagte er, »ich mag es nicht bei mir tragen, wenn ich etwa ausgehen müßte in dieser Zeit.« »Du wirst nicht ausgehen, mein Battista,« sagte sie schaudernd, »nein, nein, ich beschwöre dich, nur dies eine Mal in deinem Leben vorsichtig, wenn du willst, feig zu sein, wo Mut und Tapferkeit kein Ziel und keinen Preis haben.« »Sei ruhig, meine Claudina,« sagte er lächelnd, »mich drängt es nicht hinaus in die Welt, die mir heute wahrlich einen tiefen Abscheu eingeflößt hat, und fortan soll mein Degen nur einer edlen Sache dienen. Doch jetzt gieb mir einen Becher von dem Syrakuser, den der gute Luigi in seinem vortrefflichen Keller führt – ich bedarf wahrlich der Stärkung, was ich heute habe sehen müssen, hat mich schwerer angegriffen, als der mühseligste Marsch und die heißeste Schlacht.« Claudina kredenzte ihm einen Becher, den er mit einem durstigen Zuge leerte. Dann lehnte er sich auf die Ruhebank zurück. »Ich bin müde,« sagte er, »meine Augen fallen zu, laß mich ein wenig schlafen, vielleicht wird die nächste Zeit noch der Arbeit und Sorge genug bringen.« Claudina ordnete die Kissen unter seinem Kopf und bald zeigten seine tiefen Atemzüge, daß er in festen Schlaf versunken war. Claudina faltete die Hände und bewegte leise betend die Lippen. Dann lauschte sie ängstlich und zitternd dem immer lauter anschwellenden Toben der wilden Stimmen, welche aus der Stadt herübertönten. Eine Stunde mochte so vergangen sein, da brauste das Lärmen immer näher, drohende Rufe wurden vernehmbar und immer ängstlicher horchte sie auf, ungewiß, ob sie Montesecco wecken sollte. Von der Stadt her drang in der That eine wilde Volksmenge heran und wendete sich der Osteria zu. Aus dem Getümmel, das sich dem großen Eingangsthor zuwendete, glitt Luigi, schnell wie ein flüchtiger Schatten, durch einen Heckengang verdeckt, der kleinen Seitenthür zu. Er eilte in Monteseccos Zimmer, der von dem Geräusch der geöffneten Thür erwachte. »Sie kommen hierher, Capitano,« rief er, »ich werde ihnen, wenn sie's verlangen, den Eintritt nicht wehren können – vielleicht werden sie Euch hier nicht suchen, aber Ihr müßt gefaßt sein, der Gefahr zu begegnen.« Montesecco erhob sich. Ruhige Entschlossenheit lag auf seinem Gesicht. »O, mein Gott,« rief Claudina, die Hände ringend, »verlaß uns nicht in dieser Not!« Luigis Blick heftete sich auf die gefüllten Goldbörsen, welche auf dem Tisch lagen. »Dies hier,« sagte er, »muß für alle Fälle in Sicherheit gebracht werden und ebenso die Dame, die sich unter diesem Knabenanzug, wie ich wohl bemerkt habe, verbirgt – es ist jetzt keine Zeit, Verstecken zu spielen, ich werde für ihre Sicherheit sorgen, laßt sie dort in das Nebenzimmer treten und für das Gold hier hafte ich Euch.« Er trug die Börsen schnell in das Nebenzimmer und drängte die widerstrebende Claudina, ebenfalls dahin. »Er hat recht, Claudina,« sagte Montesecco, »halte dich dort versteckt, ich will es, ich habe wohl schon härtere Kämpfe bestanden und werde fester stehen, wenn ich dich in Sicherheit weiß. Ich will es, ich befehle es –« wiederholte er, gebieterisch die Hand ausstreckend, »es ist keine Zeit zu verlieren!« Schon hörte man donnernde Schlage an das äußere Hofthor und zugleich schallte die Glocke gellend durch das Haus. »Ich muß ihnen öffnen, Capitano,« sagte Luigi, »vielleicht gelingt es mir, sie zu beruhigen.« Er schob den Riegel vor die Thür des Nebenzimmers, in welchem Claudina auf die Knie gesunken war und eilte hinaus. Montesecco setzte eine Stahlhaube auf und legte Hand an den Griff seines Degens. Schon tönte der Lärm auf dem Flur des Hauses. Im nächsten Augenblick wurde die Thür aufgerissen, eine wilde Menge drängte über die Schwelle, blutbefleckte Dolche und Speere richteten sich gegen Montesecco. Er zog seinen Degen, legte die linke Hand an den Griff seines Dolches und rief mit mächtiger Stimme, welche gewohnt war, das Getümmel des Kampfes zu übertönen: »Zurück – wagt es nicht mir zu nahen! – Wer einen Schritt vorwärts thut, ist des Todes! Es ist feig, einen einzelnen Mann zu morden, aber bei Gott, mein Leben soll teuer verkauft und mit Euerm Blut bezahlt werden!« Zugleich schwang er seine funkelnde Klinge im Kreise vor sich her. Die Angreifenden wichen zurück, aber grimmig und drohend klang es von allen Seiten: »Stoßt ihn nieder mit dem Speer – schlagt ihm den Degen aus der Hand – er ist der Söldling des verruchten Kardinals – er sollte die Mörder beschützen!« Montesecco schlug mit seiner Klinge einige gegen ihn vorgestreckte Speere nieder und rief: »Ich habe nichts mit den Mördern zu thun – Mörder seid ihr, wenn ihr das Blut Unschuldiger vergießt – führt mich vor Gericht, ich werde Rede stehen und meine Unschuld beweisen – weicht zurück oder, bei Gott, ich werde eure Leichen zum Schutzwall um mich häufen!« Die Menge wich in der That einen Augenblick zurück, man hörte Stimmen wie das Grollen eines Raubtieres, das sich zu neuem Sprunge rüstet. Ein starker Mann aus der Zunft der Wollkämmer trat hervor. »Der Capitano hat recht,« sagte er, »es ist ihm keine Schuld erwiesen, wenn er auch mit den Verbrechern in Verbindung steht – der edle Lorenzo selbst hat uns gemahnt, keine ungerechte Rache zu üben. Wenn er sich dem Gerichte stellen will, so ist es unsere Pflicht, ihn nach der Signorie zu geleiten und dort den Herren des Rats zu überantworten.« Wohl wurde hier und dort in der aufgeregten Menge gemurrt, aber alle fügten sich doch den Worten eines Mitgliedes der so angesehenen und mächtigen Zunft. Montesecco steckte den Degen ein und sagte: »Ich unterwerfe mich dem Urteil der Herren des hohen Rats. Ich vertraue auf Euer Wort,« fügte er zu dem Wollkämmer gewendet hinzu. Dieser trat ihm voran. Die anderen folgten. Er warf noch, leicht seufzend, einen verstohlenen Blick nach der Thür des Nebenzimmers und folgte dem Zuge nach dem Palast der Signorie. Hier wurde er der Wache zu weiterem Gewahrsam übergeben und der Wollkämmer mit einigen anderen stieg hinauf, um den im Ratszimmer versammelten Herren zu melden, daß der Capitano de Montesecco, vom Dienste des Kardinals Riario, der verdächtig erscheine, an dem Mordanschlage beteiligt zu sein, zu Befehl stehe. Eben war Cesare Petrucci von seinem Besuch bei Lorenzo zurückgekehrt. »Er soll sein Gericht finden,« sprach der Gonfaloniere mit feierlichem Ernst – »sagt das dem Volk unten und ihr sollt dem Verhör und dem Urteilsspruch beiwohnen. In einer Zeit wie diese hat das Volk wohl das Recht, sich zu überzeugen, daß seine erwählten Vertreter unparteiisch und ohne Ansehen der Person ihre Pflicht erfüllen.« Der Wollkämmer kehrte mit seinen Begleitern zu der vor dem Palast versammelten Menge zurück und diese zog mit lauten Hochrufen auf den Gonfaloniere weiter. Montesecco wurde vor den hohen Rat geführt und einem strengen Verhör unterzogen über den Grund seiner Anwesenheit in Florenz und über seine Kenntnis des verbrecherischen Unternehmens, mit dessen Leitern und Werkzeugen er in persönlichen Beziehungen gestanden habe. »Ich könnte euch antworten, edle Herren,« sagte Montesecco ruhig, »daß ihr nicht meine Richter seid, da ich nicht Unterthan der florentinischen Republik bin, aber das wäre ein unnützes Wortgefecht, da ihr ja die Macht über mich habt. – Ich bin Soldat und liebe keine leeren Worte, auch bin ich niemals feig gewesen in meinem Leben, und die Lüge ist eine Feigheit – ich werde euch deshalb die Wahrheit sagen, um so mehr als die Wahrheit mich am besten rechtfertigt.« »Das ist auch jedenfalls das Beste, was Ihr thun könnt,« erwiderte Petrucci, »denn wir würden Euch die Wahrheit dennoch durch andere Zeugen beweisen und die Lüge würde Eure Lage nur verschlimmern.« Montesecco erzählte nun klar und ausführlich, wie er von Francesco de Pazzi, dem Erzbischof Salviati und dem Grafen Girolamo aufgefordert sei, an dem Sturze der Medici und der florentinischen Republik teilzunehmen, indem er, wenn der Schlag gegen die Medici geführt worden sei, sogleich mit den von Imola herangezogenen Truppen die Stadt Florenz besetzen und jede Bewegung des Volks niederhalten sollte; er habe, obgleich er in die Dienste des Grafen Riario getreten sei, seine Mitwirkung von der Genehmigung Seiner Heiligkeit des Papstes abhängig gemacht.« »Und der Papst,« fragte Petrucci, »hat diese Genehmigung gegeben?« »Es ist geschehen,« erwiderte Montesecco, »denn sonst würde ich mich sogleich von der ganzen Sache losgesagt haben.« Von den zuhörenden Bürgern hörte man halblaute Verwünschungen. Petrucci aber rief: »Entsetzlich – der Statthalter Christi hat den Meuchelmord befohlen! – schreibt die Aussagen des Capitano sorgfältig nieder, kein Wort davon soll verloren gehen,« befahl er dem das Protokoll führenden Ratsherrn. »Ihr irrt, edle Herren,« sagte Montesecco mit fester Stimme, »Seine Heiligkeit hat wohl die Änderung der florentinischen Verfassung erlaubt, über die viele Klagen geführt worden sind von den Florentinern selbst, von Francesco Pazzi und dem Erzbischof Salviati, aber er hat,« fuhr er mit größerem Nachdruck fort, »auf das allerbestimmteste verboten, daß Blut fließen dürfe und daß irgend eines Menschen Leben gefährdet würde.« »So hat der kluge Sixtus,« rief Petrucci mit höhnischem Lachen, »geglaubt, daß die Verfassung der Republik zerschlagen werden könne ohne Blutvergießen, und daß die Medici verdrängt werden könnten, so lange sie leben?« »Meine Worte sind die Wahrheit,« sagte Montesecco feierlich – »ich beschwöre es beim Blute des Erlösers!« »Doch weiter,« sagte Petrucci kopfschüttelnd, »erzählt weiter!« Montesecco erklärte, daß er von dem Grafen Girolamo zu Lorenzo gesendet sei, um dessen Unterstützung für die Erwerbung von Faenza zu erbitten; er habe bei dieser Gelegenheit Bewunderung und Verehrung für Lorenzo de' Medici gewonnen, auch der Graf Girolamo sei auf seinen Rat anderen Sinnes geworden und habe ihm befohlen, die bereits gegen die Thore von Florenz heimlich vorgeschobenen Truppen zurückzusenden, in der Stadt aber sei die Sache schnell vorwärts gegangen, bei dem Gastmahl zu Ehren des Kardinals hatten die Medici verhaftet werden sollen, da aber Giuliano unpäßlich war, habe man die Ausführung in der Kirche während der Messe beschlossen. »Eine Tempelschändung,« rief Petrucci, »unter der Genehmigung des Papstes und des Erzbischofs von Pisa –« »Seine Heiligkeit,« fiel Montesecco ein, »hat von der Art der Ausführung nichts gewußt und weder Befehl noch Genehmigung dazu gegeben – ich aber habe von diesem Augenblick an jede Mitwirkung versagt, weil ich eine solche That wie Ihr für eine Tempelschändung hielt, weil ich wußte, daß sie dem bestimmten Befehl Seiner Heiligkeit widersprach. Das ist es, was ich euch zu sagen habe und so wahr mir Gott gnädig sei, es ist die Wahrheit.« Die Ratsherren und auch die Bürger waren durch die ruhige und würdige Haltung Monteseccos zu seinen Gunsten bewegt. »Tretet dort in das Nebenzimmer,« sagte Petrucci, »wir werden beraten und beschließen, was uns die Pflicht gebietet.« Montesecco verbeugte sich und trat, von zwei Wachen begleitet, ab. »Nun, ihr Herren,« fragte Petrucci; »was ist eure Meinung?« »Der Capitano ist ein tapferer Soldat,« sagte Soderini, der älteste der Ratsherren, »er hat denen gehorcht, in deren Diensten er stand und hat keinen Teil gehabt an der verruchten That, sein offenes Geständnis ist uns zudem nützlich, um uns unsere Feinde erkennen zu lassen. Ich bin dafür, ihn über unsere Grenzen zu verweisen und ihm bei Todesstrafe zu verbieten, unser Gebiet wieder zu betreten.« Die übrigen Ratsherren stimmten bei. »Und ihr, meine Mitbürger, was würdet ihr dazu sagen – was würdet ihr thun?« fragte Petrucci. »Er ist ein tapferer Mann,« erwiderten die Wollkämmer, »er hat seinen Arm nicht zum Meuchelmord bieten wollen – er mag sein Leben behalten, haben doch die Schuldigsten bereits gebüßt.« Auch die anderen Bürger stimmten bei. Petrucci aber erhob sich und sprach mit voller Stimme: »Der Capitano de Montesecco ist ein tapferer Soldat, das ist bekannt, er hat euch die Wahrheit gestanden, und das war mutig und vielleicht auch klug, – er hat an dem Meuchelmord keinen Teil genommen, aber ob aus eigenem Entschluß oder weil ihm die anderen zuvorgekommen sind, das ist nicht erwiesen – jedenfalls hat er die Folgen des Meuchelmordes decken und sichern wollen, er hat fremde Truppen des Grafen Riario, der mit der Republik im Frieden stand, gegen unsere Stadt geführt, um unsere Verfassung umzustürzen und dem Volke seine Freiheit zu rauben zu Gunsten der tückischen Pazzi. Das ist Friedensbruch und Hochverrat, Verbrechen, welche wir auch an Fremden mit dem Tode zu bestrafen das Recht und die Pflicht haben! Und nicht um die Strafe allein handelt es sich, diese könnten wir vielleicht einem minder Schuldigen erlassen, nein, edle Herren und ihr, meine Mitbürger, es handelt sich um das Beispiel! – Wenn ihr Gnade walten lasset, wo es sich um die Freiheit, das höchste Heiligtum unseres Vaterlandes, handelt, so werden unsere unversöhnlichen Feinde immer neue Werkzeuge finden für ihre tückischen meuchlerischen Anschläge. Die Welt muß wissen, daß jeder unerbittlich dem Tode verfallen ist, der es wagt, unsere Verfassung und unsere Gesetze und die Männer unseres Vertrauens auch nur als Helfershelfer anzugreifen, wie der Blitzstrahl aus der Bundeslade im Tempel zu Jerusalem jeden zerschmetterte, der mit ungeweihter Hand das Heiligtum berührte. Denkt an den edlen Giuliano, der unter den Dolchen der Meuchelmörder verblutete. – Denkt daran, was aus euch geworden wäre, wenn die entarteten Priester auch Lorenzo getroffen hätten und wenn dann die Scharen des Capitano über euch gekommen wären, um eure Nachkommen unter das Joch der römischen Zwingherrschaft zu beugen! – Denkt daran, edle Herren, und ihr, meine Mitbürger, und ihr werdet mir beistimmen, daß wir dem gemordeten Giuliano und uns es schuldig sind, an allen Schuldigen, ob sie jenem Verbrechen näher oder ferner stehen, ein Beispiel zu geben, das künftig jeden Frevler vor solcher That zurückbeben läßt!« »Ihr habt recht, edler Gonfaloniere, Ihr habt recht,« rief der Wollkämmer, »was gilt das Leben eines Feindes wie dieser Montesecco gegen Giuliano de' Medici und gegen unsere Freiheit!« Auch die Herren vom Rat neigten zustimmend ihre Häupter. Soderini drückte Petrucci die Hand und sagte: »Ihr habt recht, daß Ihr mich an Giuliano erinnert, – jene würden uns wahrlich nicht geschont haben, wenn ihre That gelungen wäre.« »Ich stimme also für den Tod,« sagte Petrucci, »aber da der Capitano minder schuldig ist als die Anderen, so mag ihm als tapferen Soldaten der Tod durch das Schwert zugestanden werden.« Nachdem wiederum alle beigestimmt hatten, wurde Montesecco zurückgerufen. Petrucci eröffnete ihm das Urteil, zerbrach den auf dem Ratstische liegenden weißen Stab und warf die Stücke auf den Boden. Montesecco erbleichte. Er drückte die Hand auf sein Herz und wie ein Hauch klang es von seinen Lippen: »Arme Claudina. –« Aber er beugte sein Haupt nicht. Mit stolzem Blick und ruhiger Stimme sagte er: »Ihr habt Euer Urteil vor Gott zu verantworten, der auch über Euch einst Gericht halten wird, ich habe dem Tode hundertmal ins Antlitz geschaut und fürchte mich nicht vor ihm, nur um eins bitte ich Euch, laßt einen Priester kommen, daß ich mich durch die Beichte und die heilige Wegzehrung bereit machen und einem Diener der Kirche anvertrauen könne, was ich noch auf Erden zu bestellen habe.« »Euer Wunsch soll sogleich gewährt werden,« erwiderte Petrucci, über dessen strenges Gesicht ein Schimmer von Teilnahme glitt, »und was Ihr sonst noch begehrt zu Euerm Trost und Eurer Erquickung, soll Euch nicht versagt werden.« »Ich bitte nur um ein Schreibzeug, weiter bedarf ich nichts, – das Sakrament wird mein Trost und meine Erfrischung sein.« Petrucci befahl, den Verurteilten in ein ruhiges Gemach des Palastes zu führen und einen Priester rufen zu lassen. Montesecco verließ in stolzer würdiger Haltung den Sitzungssaal. Claudina lag noch in heißem Gebet versunken auf ihren Knien, als Luigi zu ihr ins Zimmer trat. »Was ist geschehen,« rief sie aufspringend, »haben sie ihn gemordet, die Entsetzlichen?« »Er lebt,« erwiderte Luigi, »sie haben ihn fortgeführt, um ihn vor Gericht zu stellen, wie er es verlangt hat und da ist wohl noch Hoffnung für sein Leben, da er ja nicht an der verbrecherischen That teilgenommen. – Wartet ruhig ab, was geschehen wird, zu thun ist dabei nichts, besser steht es um ihn vor seinen Richtern, dessen könnt Ihr gewiß sein, als wenn das erbitterte Volk seine Bestrafung übernommen hätte.« »Er steht vor Gericht,« erwiderte Claudina, während Luigi die Goldbörsen in seine Tasche gleiten ließ, – »o dann ist noch Rettung möglich!« »Ja, ja,« rief sie nach kurzem Nachdenken, »so kann es geschehen, Fioretta ist im Hause eines Freundes der Medici, ich muß zu ihr, sie wird es vermögen, mir Hilfe zu bringen.« Sie wollte davoneilen. Luigi hielt sie zurück. »Wohin wollt Ihr,« sagte er, »Ihr könnt ihn nicht sehen, der Capitano hat Euch meinem Schutz übergeben und Ihr dürft Euch nicht auf die Straße wagen, wo noch das wütende Volk umherzieht, – zu dem Capitano könnt Ihr nicht gelangen, er ist in sicherem Gewahrsam.« »Nicht zu ihm gelangen will ich,« erwiderte Claudina, »einen Freund will ich aufsuchen, der vielleicht im stande ist, den Armen zu retten.« »Das darf nicht sein,« sagte Luigi, indem er sich ihr in den Weg stellte, »hier müßt Ihr bleiben, hier allein seid Ihr sicher und ich habe dem Capitano für Euch gebürgt.« »Was gilt meine Sicherheit,« rief Claudina, »was gilt mein Leben? Ihn zu retten gilt's und dazu giebt es nur einen Weg.« Luigi sah sie mit seltsam funkelnden Augen an. »Soll ein Teil der Beute mir entgehen –« flüsterte er, »der beste vielleicht, – sie kann Wohl mehr wert sein als das Gold. – Nein,« sagte er dann, ihr abermals entgegentretend, »Ihr dürft nicht fort von hier, ich verbiete es, Ihr steht unter meinem Befehl und seid wahrlich gut aufgehoben.« »Ich gehorche keinem Befehl,« rief sie, »ich habe nur eine Pflicht auf Erden, und die werde ich erfüllen.« »Ihr werdet es nicht,« fugte er drohend, »ich bin jetzt Euer Herr und hinter Schloß und Riegel sollt Ihr den Gehorsam lernen.« Er faßte Ihren Arm und wollte sie zurückziehen. »Ha,« rief sie, »Ihr wagt es? – Der Waffenträger Monteseccos kennt die Furcht nicht und gehorcht nur einem Herrn. Zurück, – gebt den Weg frei!« Im Nu hatte sie mit ihrer freien Hand einen zierlichen, dreischneidigen Dolch aus ihrem Gürtel gezogen. Mit kräftigem Stoß traf sie den Arm, mit dem er sie hielt. Mit einem Schmerzensruf taumelte er zurück und ließ ihre Hand los. Ehe er sich nach diesem unerwarteten Angriff wieder gefaßt hatte, war sie schon über den Korridor nach dem Hof zu davongeeilt. Er stürmte ihr mit grimmigen Verwünschungen nach, aber als er den Hof erreichte, war sie schon durch das Thor entkommen, das die Menge, welche Montesecco davonführte, offen gelassen hatte. Auf die Schwelle tretend, sah er sie hinter dem Heckengang verschwinden. »Dies Weib ist ein Teufel,« sagte er knirschend, »ihr zu folgen, wäre unnütz, – schon sinkt die Dunkelheit herab, niemand ist in der Nähe und mein Arm schmerzt mich, – sie hat es bei dem verfluchten Capitano gelernt, den Dolch zu führen. Ich habe einen dummen Streich gemacht, daß ich sie nicht zuvor einschloß. Nun, ich muß mich mit den Goldbeuteln begnügen und meinen Arm verbinden, – möge die wilde Katze ihre Strafe finden.« Er schloß grimmig murrend das Thor und kehrte in das leere Haus zurück, aus welchem die Knechte und Mägde bei dem Eindringen der wilden Volksmenge entflohen waren. Claudina war durch den Heckengang geeilt, die Dunkelheit begann herabzusinken, aber dennoch erkannte sie, auf die nach der Stadt führende Straße hinaustretend, bald die Gartenthür wieder, durch welche Fioretta am Tage vorher verschwunden war. Sie eilte dorthin. Die Thür, durch welche Bandini entflohen war, stand noch offen und mit einem freudigen Aufschrei trat sie in den Garten ein. Antonio de San Gallo hatte, als Fioretta unter Bandinis Dolchstoß zusammenbrach, die Verfolgung des Fliehenden, die doch vergebens gewesen wäre, vergessen und auch die herbeieilenden Diener blieben starr vor Schrecken stehen, als sie ihren Herrn mit blutendem Arm über die am Boden liegende Frau gebeugt erblickten. Antonio ließ Fioretta aufheben und auf das Ruhebett in ihrem Wohnzimmer tragen. Er sendete eine Anzahl Diener aus, um einen Arzt zu suchen und versuchte, so gut er es selbst vermochte, zu erforschen, ob die Verwundete noch irgend ein Lebenszeichen gebe. Der Dolch war in die Mitte der Brust gedrungen, nahe am Herzen, das schnell geronnene Blut hatte die Wunde verschlossen. Der Körper war unbeweglich, aber noch lebenswarm und nachdem Antonio der bewegungslos Daliegenden etwas Wein durch die Lippen gegossen und die Schläfen und die Pulsadern mit frischem Wasser gerieben, schien es, als ob die Brust sich unmerklich, unter leisen Atemzügen, zu bewegen beginne. Antonio beugte sein Ohr auf Fiorettas Mund. Er glaubte einen leise röchelnden Atemzug zu vernehmen und ihren Hauch zu spüren. Nachdem er in angstvoller Spannung seine Belebungsversuche eine Zeitlang fortgesetzt, wurden die Atemzüge tiefer und deutlich hörbar. Endlich schlug Fioretta die Augen auf und blickte mit ihren matten Augen fragend umher. »Ihr lebt!« rief Antonio. »Dem Himmel sei Dank! Haltet Euch ruhig, macht keine Bewegung, es wird gelingen, Euch zu retten.« Er hielt ihr einen Kelch an die Lippen und flößte ihr von neuem einen Schluck starken Weins ein. Ihre Blicke wurden klarer, die Erinnerung schien zurückzukommen, ein unsäglicher Schmerz drückte sich in ihrem Gesicht aus. »Mich retten?« flüsterte sie, »Warum? – Was bedeutet mein Leben? O, hätte der Mörder meines Giuliano auch mein Herz durchbohrt, ich wäre mit dem Geliebten vereint, dort, wo es keinen Haß mehr giebt.« »Ihr müht leben, Fioretta,« sagte Antonio, ein weiches Kissen unter ihr Haupt legend, »Ihr müßt leben, – denkt an Euern Giulio!« Ihre Augen belebten sich. »Mein Giulio,« rief sie, »ja, ja, Ihr habt recht, für ihn muß ich leben, so lange ich's vermag. Lange wird es nicht sein, das fühle ich wohl,« sagte sie, die Hand, wie von plötzlichem Schmerz erfaßt, auf ihre Wunde legend, – »der Dolch des Mörders hat mich sicher getroffen, wie meinen Giuliano.« Sie schwieg einen Augenblick wie erschöpft. Dann sagte sie mit flehendem Blick: »Ich muß Lorenzo sehen, ich kann nicht zu ihm gehen, das fühle ich wohl, meine Kraft würde brechen und doch kann ich nicht sterben, bevor ich ihm nicht meinen Sohn Giulio übergeben. So hoch er auch über allen steht, er wird kommen, er kann das heiligste Vermächtnis seines Bruders, der ihn so sehr geliebt, nicht zurückweisen.« »Geduld,« sagte Antonio, »erwartet den Arzt, ich verspreche Euch, Lorenzo Eure Botschaft zu bringen.« Sie schien wieder in Bewußtlosigkeit zurückzusinken, aber ihre Atemzüge hörten nicht auf, sie schlummerte und in banger Unruhe bewachte Antonio ihren Schlaf, der wenigstens ihre Kräfte stärken mußte. Die Diener blieben ziemlich lange aus, bis sie endlich mit einem Wundarzt zurückkehrten, den sie bei der in der ganzen Stadt herrschenden Aufregung und Bestürzung nur schwer gefunden hatten. Derselbe betrachtete die Wunde, betastete vorsichtig die Umgebung derselben und sagte dann, Antonio von der noch immer Schlummernden einige Schritte wegführend: »Ich fürchte, der Dolchstoß hat nur zu gut getroffen, das geronnene Blut hat die Wunde geschlossen und die Blutung vorläufig gestillt, würde ich es entfernen, um die Wunde zu untersuchen, so möchte der Tod unmittelbar eintreten. Hat die Arme noch irgend etwas aus der Erde zu bestellen und zu ordnen, so laßt sie es vorher thun, bevor ich die Sondierung unternehme, aber zögert nicht, denn der Druck der inneren Blutung kann jeden Augenblick das schwache Hindernis durchbrechen!« »So wartet, –« sagte Antonio traurig, »jawohl, sie hat noch etwas auf Erden zu thun.« Er ließ seine eigene Armwunde untersuchen, die nicht gefährlich war und den Arzt, nachdem er ihm schnell einen Verband angelegt, in ein benachbartes Zimmer führen. Atemlos kam die alte Ginevra, welche lange noch im Dom zurückgeblieben war, ehe sie es gewagt hatte, durch die Menschenmenge auf den Straßen den Weg nach dem Hause zu unternehmen. Sie stieß einen Jammerruf aus, als sie Fioretta bleich mit blutiger Brust daliegen sah. Antonio wehrte ihr, als sie zu dem Ruhebett hineilen wollte und sagte ernst: »Stört sie nicht, die Arme, es geht um ihr Leben, sie ist von derselben verruchten Hand getroffen, die Giuliano gemordet, – flößt ihr Wein ein, wenn sie erwacht und sorgt für das Kind, hört Ihr, der kleine Giulio wird unruhig und sie darf ihn nicht hören.« Die Alte nickte mit dem Kopf, sie begriff die Notwendigkeit von Antonios Befehl und leise ging sie in das Nebenzimmer, wo der erwachte Knabe ihr lächelnd die Hände entgegenstreckte. Sie setzte sich an seine Wiege, sie reichte ihm Milch in einer silbernen Schale, wie er es gewohnt war, und summte in leisem Flüsterton ein heiteres Lied, während heiße Thränen über ihre bleichen Wangen rannen. Schon sank die Dunkelheit tiefer herab. Antonio ließ die Kerzen anzünden, befahl den Dienern, jeden lauten Ton auf dem Korridor zu verhüten und machte sich schweren Herzens auf den Weg nach dem Palast der Medici. Als er unter das Portal trat, war soeben auf einer Tragbahre, mit Teppichen bedeckt, die Leiche Giulianos vom Dome hergetragen, um sie in einem der Prachtsäle des Hauses in aller Stille aufzubahren; denn Lorenzo sollte den von zahllosen Dolchstichen durchbohrten Bruder erst sehen, wenn die Schrecken seines furchtbaren Todes von freundlich sorgender Hand entfernt sein würden. Politiano begleitete den Zug. Antonio drückte ihm die Hand und sagte: »Welch' ein Tag, und ich muß kommen, noch mehr des Jammers zu bringen – wahrlich, wir dürfen nicht zögern, die entsetzliche Unthat zu rächen, der dies herrlich blühende Leben zum Opfer fiel.« Politiano schluchzte leise, er war unfähig zu antworten und wendete sich mit dem schauerlichen Leichenzug der großen Treppe zu, während Antonio zu Lorenzos Gemächern sich begab, um in dringenden unaufschiebbaren Angelegenheiten sich melden zu lassen. Er fand Lorenzo, dem soeben ein neuer Verband angelegt war, halb entkleidet in seinem Lehnstuhl. »Was bringt Ihr, Antonio?« fragte er den Eintretenden mit mattem Lächeln, »Von einem Freunde wie Euch sollte ich wohl gute Nachrichten erwarten, aber dieser Tag scheint ja dem Unglück bestimmt und fast fürchte ich, daß auch Ihr mit schmerzlicher Kunde kommt.« »Leider ist es so, erlauchter Lorenzo,« erwiderte Antonio, »verzeiht, daß ich Eure Ruhe störe, deren Ihr so sehr bedürft, aber es gilt die Ruhe und den Frieden einer Menschenseele. Ich war der Hüter eines Geheimnisses, das Euch nicht mehr lange verborgen bleiben sollte, aber der Tod hat Giulianos Lippen geschlossen, ehe sie es Euch künden konnten.« »Ein Geheimnis Giulianos?« rief Lorenzo, »Sprecht, Antonio, sprecht, alles was ihn betrifft, ist mir heilig und duldet keinen Aufschub.« Antonio erzählte Giulianos Liebesgeschichte und den tieferschütternden Vorgang, dessen Zeuge er soeben gewesen. Lorenzo bedeckte sein Gesicht mit den Händen. »Das also war es!« sagte er. »Ich sah wohl, daß ihn etwas drückte, vielleicht hätte ich ihm gezürnt, daß er so die hohe Bahn vergessen konnte, welche die Vorsehung unserem Hause vorgezeichnet, daß er so meine Pläne durchkreuzen konnte – doch diese Pläne sind ja zerstört, zerstört für immer und die verruchte Mörderhand, die ihm den Tod gab, hat auch jene getroffen, die er so sehr geliebt. – Jetzt stehe ich nur vor dem heiligen Vermächtnis meines Bruders und, bei Gott, wenn er auf uns herabblicken kann, so soll er zufrieden mit mir sein!« »Die Arme,« sagte Antonio, »verlangt nach Euch, Ihr vermögt ihr den Frieden zu geben, um freudig dem Geliebten in den Tod nachzufolgen.« »Ich komme,« sagte Lorenzo, »die Stimme Giulianos soll nicht vergeblich den Bruder rufen, meine Kraft wird auch dies noch überwinden! – Und sie ist seine Gemahlin,« fragte er, »seid Ihr dessen gewiß?« »Ganz gewiß« – erwiderte Antonio, »ich kann Euch den Priester des Klosters von San Donino zuführen, vor dem Giulianos Bund geschlossen wurde.« »Ich habe den Bruder verloren,« sagte Lorenzo aufstehend, »sein Sohn soll den Vater wiederfinden!« Er befahl eine Sänfte, da er sich nicht stark genug fühlte, zu Pferde zu steigen und stieg mit Antonio ein, um sich nach dessen Haus tragen zu lassen, – Fioretta hatte in ruhigem Schlummer, nur zuweilen schmerzlich aufseufzend, dagelegen. Der Knabe war wieder eingeschlafen und, die alte Ginevra hatte sich auf ein Taburett neben Fiorettas Lager gesetzt. Die Thränen rannen über ihre Wangen und die zitternden Hände gefaltet, betete sie um das Leben der schwer Verwundeten. Da plötzlich knirschten Schritte auf dem Kies des Gartens. Claudina hatte den Weg durch die Plantanen-Allee verfolgt und war dem Lichte nachgegangen, das durch die Taxushecke schimmerte. Sie trat auf die Schwelle der geöffneten Thür und blieb erschrocken stehen, als sie die Schwester, wie leblos daliegend, erblickte. Ginevra hatte sich umgewendet und sprang bei dem Anblick eines unbekannten Jünglings auf. »Mein Gott,« rief sie entsetzt, »ist das Unheil noch nicht versöhnt, – dringt der Mord von neuem in dies Haus!« Sie ging schwankenden Schrittes der Thüre zu, um die Diener zu rufen, aber schon war Claudina herbeigeeilt, sie sank neben dem Ruhebett auf die Knie, drückte Fiorettas Hand an ihre Lippen und rief, schmerzvoll aufschreiend: »Fioretta, meine Fioretta, was hat man dir gethan? Will denn der Tod nicht einhalten auf seinem blutigen Wege – habe ich die Schwester wiedergefunden, um auch sie zu verlieren?« Fioretta öffnete langsam die Augen. Sie zuckte erschrocken zusammen beim Anblick des Fremden und wollte ihre Hand zurückziehen. »Ihr Bruder?« sagte Genevra an der Thür stehen bleibend, »wäre es möglich?« Claudina aber warf ihren Hut ab, strich das Haar aus dem Gesicht und rief: »Erkenne mich, meine Fioretta, ich bin Claudina, deine Schwester, die diesen Augenblick so lange ersehnte und nun kommt, um bei dir Hilfe zu suchen, bei dir, die selbst der Hilfe bedarf.« Fioretta blickte starr in das erregte Gesicht Claudinas, sie schien in ihrer Erinnerung zu suchen, dann sagte sie mit freudig aufleuchtenden Augen: »Ja, du bist's, ich erkenne dich wieder – so bleich war dein Gesicht, so thränenschwer dein Blick, als ich von dir Abschied nahm und nun hat der Himmel dich zu mir geführt, nun, da ich alles Glück verloren, dem ich gefolgt war, unwiderstehlich fortgerissen von der Macht der Liebe – wie du. Meinen Giuliano haben sie mir gemordet, den Geliebten – den Gemahl –« »Giuliano,« rief Claudina, indem es wie freudige Hoffnung in ihren Augen aufblitzte – »Giuliano de' Medici – und du –« »So nannte ihn die Welt,« sagte Fioretta mit matter Stimme, »für mich war er nur Giuliano, mein Geliebter, mein alles auf der Welt! O daß er es hätte bleiben können in dunkler Verborgenheit, dann hätte ihn der Mordstahl nicht getroffen, der ihn aufsuchte auf seiner glänzenden Höhe.« »Entsetzlich,« rief Claudina, »arme, arme Schwester –« »Doch,« sagte sie zögernd, »doch – du kannst vielleicht deiner Schwester helfen, daß sie nicht wie du ihr alles auf der Welt verliert.« Fioretta blickte sie fragend an. Ehe sie antworten konnte, öffnete sich die Thür. Auf Antonio gestützt, trat Lorenzo ein. Er blieb erstaunt stehen, als er den fremden Knaben in soldatischer Tracht erblickte. Antonio trat mit drohender Miene heran. Fioretta aber sagte mit wehmütigem Lächeln: »Laßt sie, es ist kein Mörder, den Ihr hier seht, es ist die Schwester, die ich nach langer Trennung wie durch ein Wunder wiedersehe.« »Die Schwester –« rief Antonio, »und wie, was ist geschehen?« Fiorettas Blick war auf Lorenzo gefallen, sie richtete sich mühsam auf und rief, die Arme ausstreckend: »Lorenzo, der große Lorenzo, ja, er ist's, den mein Giuliano so sehr geliebt, mein Herz sagt es mir, er ist's, es kann kein anderer sein! Dank, Antonio, Dank – und Dank Euch, erlauchter Herr, daß Ihr gekommen seid, der Armen den letzten Trost zu bringen, der Ihr heute nicht mehr zürnen dürft, weil sie Euren Bruder geliebt und in ihrer Liebe alles vergessen!« »Nicht den letzten Trost,« sagte Lorenzo tief bewegt, indem er zu ihr herantrat und ihre Hand nahm, »Ihr werdet leben und mit dem Bruder, der ich Euch sein will, des Verlorenen gedenken.« Sie schüttelte traurig den Kopf. »Mein Leben neigt sich dem Ende zu, ich fühle es wohl,« sagte sie, »aber ich sterbe glücklich, da ich Euch gesehen, da ich Giulianos Vermächtnis in Eure Hände legen darf.« Antonio hatte die alte Ginevra in das Nebenzimmer geführt, sie brachte den Knaben, der, plötzlich erweckt, scheu und ängstlich die fremden Gestalten ansah und sich an die Brust der Alten drückte. Lorenzo legte die Hand auf das Haupt des Kindes und sagte feierlich: »Der Sohn meines Giuliano soll in mir den Vater finden, wie seine Mutter den Bruder.« »Dank, erlauchter Herr, Dank,« rief Fioretta, »Gottes Segen begleite Euch auf allen Euren Wegen, Ihr rettet meine Seele vor Verzweiflung, daß sie sich frei emporschwingen kann, um Giuliano im reinen Licht wiederzufinden und ihm die Botschaft zu bringen von der über das Grab hinausreichenden Liebe seines Bruders.« Claudina hatte in ängstlicher Unruhe, wie von innerer Ungeduld bewegt, zugehört, jetzt sank sie vor Lorenzo in die Knie und rief, indem sie flehend die Hände erhob: »Ihr bringt meiner Fioretta den reichsten und schönsten Trost für den Verlust des Geliebten, erlauchter Herr – o, erbarmt Euch auch meiner und errettet mir den Geliebten vom Tode! Wohl steht er tief unter Eurem gemordeten Bruder, aber mir ist er darum doch alles auf der Welt – noch lebt er,, so hoffe ich zu Gott – ein Wort von Euch kann sein Leben erhalten – erbarmt Euch meiner um Fiorettas, um dieses Kindes willen!« »Erbarmt Euch ihrer,« bat auch Fioretta. Der kleine Giulio, der anfangs scheu sich an die Brust der alten Ginevra gedrückt hatte, sah Lorenzo mit seinen klaren Kinderaugen an und streckte ihm lächelnd die kleinen Arme entgegen. »Und was kann ich für Euch thun,« fragte er, »wer ist es, für dessen Leben Ihr bittet?« »Battista Montesecco,« erwiderte Claudina, »o, er ist unschuldig an der Unthat, die gegen Euch verübt wurde – ich schwöre es Euch und doch haben sie ihn gefangen genommen und vor Gericht geführt –« »Montesecco,« fiel Lorenzo ein, »er ist gefangen? – Ich glaube es, daß er unschuldig ist, minder schuldig gewiß als die anderen, denn was er auch gethan haben mag, er hat nur seinen Soldatenpflichten gehorcht – es ist genug Blut vergossen und er kann wohl noch einer besseren Sache dienen. Eure Bitte soll erfüllt werden. Gebt mir ein Blatt Papier, Antonio.« Antonio riß aus seinem Portefeuille, in welchem er die Notizen für seine Baupläne machte, ein Blatt, und brachte ein Schreibzeug herbei. Lorenzo schrieb hastig einige Zeilen und reichte Claudina, die noch auf den Knien lag, das beschriebene Blatt. »Eilt zur Signorie,« sagte er, »und bringt dies dem Gonfaloniere Cesare Petrucci, – er wird meinen Wunsch erfüllen und Monteseccos Leben erhalten, das Übrige wird dann meine Sorge sein und ich denke sein Schicksal freundlicher zu gestalten.« »Gott segne Euch, erlauchter Herr,« rief Claudina, schnell aufspringend, und das Blatt an ihr Herz drückend. »Und auch wir, Fioretta, wir werden uns wiedersehen, du wirst leben, du wirst deinem Kinde erhalten bleiben!« Sie schloß Fioretta stürmisch in ihre Arme, küßte sie zärtlich und eilte hinaus. Antonio folgte ihr und befahl einem Diener, sie sicher nach der Signorie zu geleiten. Lorenzo nahm den Knaben von dem Arm der alten Ginevra, trat zu Fiorettas Lager und reichte ihr die Hand. »Eure Schwester hat recht,« sagte er, »blickt auf dies Kind, um seinetwillen müßt Ihr leben und ich werde sein Leben und das Eure behüten.« Erschrocken hielt er inne. Er fühlte ein krampfhaftes Zucken in Fiorettas Hand, ihre Augen blickten starr, ihre Lippen bebten und öffneten sich zu einem röchelnden Schmerzenslaut. »Mein Gott,« rief er, »was ist mit ihr – seht nur, wie sie sich verändert – eilt, den Arzt zu holen!« Ehe noch Antonio mit dem Wundarzt zurückkehrte, fuhr Fioretta in krampfhafter Bewegung auf, sie streckte wie Hilfe suchend die zitternden Hände aus, die Wunde auf ihrer Brust öffnete sich und ein Blutstrom brach aus derselben hervor. Der Arzt trat heran. »Hier ist nichts mehr zu thun,« sagte er leise mit gedämpfter Stimme zu Lorenzo, »die innere Blutung hat die Wunde aufgerissen, menschliche Kunst ist machtlos, der Quell des Lebens muß schnell versiegen.« Er versuchte die Wunde zu schließen, aber kein Verband wollte haften, Fioretta wurde bleicher und bleicher, ihre Atemzüge waren kaum noch hörbar, aber ein freundlich ruhiger Frieden lag auf ihren Zügen. Noch einmal öffnete Fioretta die Augen, sie schien mit dem wundersam klaren und durchdringenden Blick der Sterbenden alles um sich her zu erkennen. »Dank, erlauchter Lorenzo,« sagte sie mit matter, aber klarer Stimme – »noch eine Bitte, die letzte habe ich an Euch: Laßt das Kind, den Sohn Giulianos, dem Dienste der heiligen Kirche geweiht sein, wie ich es gelobt.« »Ich verspreche es Euch,« sagte Lorenzo. Glückliche Freude verklärte ihr Gesicht. »Lebe wohl, mein Giulio,« sagte sie, »und legte mit einer letzten Anstrengung ihre Hand auf das Haupt des Kindes, das Ginevra zu ihr herabbeugte. Dann sank ihr Haupt in die Kissen zurück, noch ein letzter tiefer Atemzug und ein leises Zucken ihrer Fingerspitzen und – regungslos lag sie da. Der Arzt beugte sich lauschend auf ihren Mund, legte die Hand auf ihr Herz und sagte mit feierlichem Ernst: »Sie ist tot.« Lorenzo kniete nieder, faltete die Hände und betete still. Die Anderen folgten seinem Beispiel. Dann erhob er sich und sagte in tiefer Bewegung: »Sie ist heimgegangen in Frieden, Gott wird ihrer Seele gnädig sein. Mir soll Giulianos Vermächtnis heilig bleiben. – Ich überlasse es Euch, Antonio, für alles zu sorgen, was zu ihrer Bestattung nötig ist. Das Kind lasse ich für heute in Eurer Hut, morgen in der Frühe soll es in mein Haus gebracht werden, das ihm eine Heimat sein wird, als ob sein Vater lebte.« Er küßte den kleinen Giulio und nahm dann Antonios Arm, um sich zu seiner Sänfte führen zu lassen. Claudina war so schnell fortgeeilt, daß der sie führende Diener Mühe hatte, mit ihr gleichen Schritt zu halten. Die Straßen waren leerer geworden, aber immer noch durchzogen einzelne Volkshaufen die Stadt. Zuweilen wurden die beiden angehalten, ihre schnellen Schritte mochten verdächtig sein, aber der Diener erklärte dann, daß der Knabe, den er begleite, eine eilige Botschaft Lorenzos nach der Signorie zu bringen habe und mit lauten Rufen »Palle – Palle! Es lebe Lorenzo!« wurde dann sogleich der Weg frei gemacht. Vor dem Palast der Signorie stand eine größere Menge in lebhaften Gesprächen. »Sie haben Jacopo Pazzi gefangen, die Bauern von Castagno haben ihn angehalten, gleich werden sie ihn bringen« – und laute Verwünschungen wurden ringsum ausgestoßen. Claudina hörte nichts von dem allen, sie strebte nur vorwärts, um den Palast zu erreichen. Es gelang dem Diener, ihr Bahn zu machen. Sie trat durch das Portal. Man wies ihr den Weg nach dem großen inneren Hof. Als sie denselben betrat, leuchteten ihr Fackeln entgegen. Der Gonfaloniere stand auf den Stufen zum Eingange nach den inneren Gemächern, von einigen Mitgliedern des Rats umgeben. Der Wollkämmer und die Bürger, welche Monteseccos Verhör beigewohnt hatten, standen seitwärts. In der Mitte des Hofes befand sich ein mit schwarzem Tuch überdeckter Block. Vor demselben kniete Montesecco. Der verlarvte Henker mit dem Richtschwert in der Hand stand daneben. Ein Priester trat eben zurück und Montesecco legte ruhig seinen Kopf auf den Richtblock. Von Entsetzen gelähmt, blieb Claudina an der Schwelle des Hofes stehen. Sie sank auf die Knie nieder und erhob die Hand mit Lorenzos Billet. »Gnade, Gnade« – wollte sie, rufen, aber die Stimme versagte ihr in der furchtbaren Angst ihres Herzens und nur ein leiser Hauch klang von ihren Lippen. Da nahm der Diener, der sie begleitete, das Papier aus ihrer Hand und eilte zu dem Gonfaloniere, aber ehe er noch einige Schritte gethan, fiel mit dumpfem Klang das Richtschwert nieder – der Henker hatte scharf und richtig getroffen – ein Blutstrahl sprang auf und Monteseccos Haupt fiel auf den Boden. » Requiem aeternam dona ei domine ,« sprach der Priester feierlich unter lautloser Stille. Claudina aber stieß einen gellenden Schrei aus und sank bewußtlos zu Boden nieder. Der Diener hatte den Gonfaloniere erreicht und ihm Lorenzos Billet gegeben. Petrucci las dasselbe beim Schein der Fackel. Dann sagte er finster: »Es kommt zu spät und vielleicht sollte es so sein. Es steht Lorenzo wohl an, zu verzeihen und Gnade zu üben – wir, die Richter der Republik, dürfen kein Erbarmen kennen mit denen, welche sich selbst außer das Gesetz gestellt haben.« »Wer ist jener Knabe dort?« fragte er. »Ich weiß es nicht,« erwiderte der Diener. Aber der Priester, der hinzugetreten war, sagte: »Ich weiß es, edler Gonfaloniere, Montesecco hat mir seinen letzten Willen übermacht – erlaubt mir, jenen Knaben dort in meine Hut zu nehmen.« Der Gonfaloniere neigte zustimmend das Haupt und der Priester ließ eine Sänfte bringen, um die immer noch bewußtlose Claudina unter der Begleitung des Dieners nach dem Kloster der Ursulinerinnen zu führen, während Monteseccos Leiche in einen bereit gehaltenen Sarg gelegt wurde. Kaum hatte sich der Geistliche mit der von dem Capitano seinem Schutz Empfohlenen aus dem Palast der Signorie entfernt, als von draußen immer wildere Rufe hereinklangen. Der Gonfaloniere, der sich eben zurückziehen wollte, nachdem er noch einige Worte mit den Bürgern gesprochen, blieb stehen, denn eine dichte Gruppe von Menschen drängte sich von der Straße her in den Hof. Sie schleppten einen Mann in zerrissener Kleidung, mit verwirrten Haaren und einem bleichen und entstellten Gesicht herbei. Beim Schein der Fackeln erkannte man Jacopo de Pazzi. »Die Bauern von Castagno haben ihn ausgeliefert – »hier ist er, der elende Hochverräter!« rief die Menge. Jacopo trat schwankenden Schritts vor den Gonfaloniere. Er wollte sprechen, aber Cesare Petrucci unterbrach ihn und rief mit lauter Stimme: »Die anderen haben ihr Verbrechen gebüßt, auch der eben gerichtete Montesecco, der ein tapferer Mann war und vielleicht Gnade verdient hätte. Dieser soll seiner Strafe nicht entgehen. Er hat,« fuhr er, die Stimme noch lauter erhebend, fort, »teilgenommen an dem Mordanschlag, er hat mit fremden Söldnern die Stadt durchzogen, um das Volk niederzuhalten oder zu frevelhaftem Aufruhr zu reizen. Ist das wahr, edle Herren vom Rat – ist es wahr, meine Mitbürger?« »Es ist wahr, wir haben es gesehen, wir beschwören es!« riefen viele Stimmen. »Dann erkläre ich ihn des Todes schuldig! Habe ich recht, meine Mitbürger?« »Ihr habt recht – Ihr habt recht –« klang es von allen Seiten. – »Es lebe der edle Gonfaloniere – Tod den Hochverrätern!« »So führt ihn hinauf,« befahl Petrucci, »und hängt ihn aus dem Fenster des Ratssaales, neben die Genossen seines Verbrechens.« Die Stimme Jacopos wurde übertönt von den wilden Rufen des Volkes. Die Wachen der Signorie umringten ihn und führten ihn, trotz seines Widerstandes, die Treppe hinauf. Nach kurzer Zeit ertönten draußen von der Straße her wilde unheimliche Jubelrufe, als, beim Fackellicht erkennbar, Jacopo de Pazzi aus dem Fenster herausgestürzt wurde, an dessen Sims noch die Leichen Francescos und des Erzbischofs hingen. XVII. Der Markgraf Gabriel Malaspina war mit den Seinigen in Begleitung des Grafen Girolamo Riario so schnell als die Pferde vermochten nach Imola geritten. Girolamo wurde auf dem Wege nicht müde, auf die Ungeschicklichkeit der Verschwörer zu schelten, welche eine Sache halb gemacht, die dann besser gar nicht gemacht worden wäre. »Es wäre ja leicht gewesen,« sagte er zornig, »eine Verständigung mit Lorenzo zu finden und vielleicht wäre das auch jetzt noch möglich. Ich bin unschuldig an diesen unglückseligen Vorgängen, welche entweder zu spät oder zu früh gekommen sind. Aber man wird mir in Florenz nicht trauen, Ihr aber, edler Markgraf, seid ganz der Mann, um die Brücke wieder zu bauen und das Vertrauen wieder herzustellen. Warum seid Ihr aus Florenz geflohen, Ihr hattet doch dort nichts zu befürchten, wenn die Medici in ihrer Stellung bleiben, waret Ihr doch im Begriff, Euch mit ihrem Hause nahe zu verbinden.« »Ich habe Florenz verlassen,« erwiderte Malaspina, »weil ich die Meinigen nicht in einer Stadt lassen wollte, in der gegenwärtig das Leben eines jeden von einem wütend erregten Pöbel abhängt und weil ich nicht will, daß man mir, der ich dort Gast war im Hause der Medici, eine Schuld beimessen möchte an dem Blutbad, das die entfesselte Volkswut angerichtet und an den Frevelthaten gegen die Diener der Kirche – hat man doch Euren Neffen, den Kardinal Raffaello nur mit Mühe in eine alte Sakristei gerettet und wer weiß, ob er nicht dennoch den Wütenden zum Opfer gefallen ist.« Girolamo schüttelte den Kopf. »Sie werden es nicht wagen,« sagte er, »am besten wäre es wohl,« fügte er mit einem lauernden Blick auf den an seiner Seite reitenden Markgrafen hinzu, »wenn Ihr, mein edler Freund, nachdem die Ruhe wieder hergestellt ist, nach Florenz zurückkehren und dort versuchen wolltet, Lorenzo das Vertrauen zu mir wiederzugeben, ich wäre wohl am besten im stande, alle Mißverständnisse aufzuklären und alle Zerwürfnisse beizulegen.« »Das wird schwer sein,« erwiderte Malaspina, »ich fürchte, Lorenzo würde mir kaum verzeihen, daß ich in diesem Augenblick Florenz verlassen und Ihr wißt, edler Graf, wie sehr ich seiner Heiligkeit ergeben bin. Wenn es zu einem ernsten Bruch käme, was ich fürchte, so soll mich wahrlich Euer erhabener heiligster Oheim nicht auf der Seite seiner Gegner finden. Wenn Seine Heiligkeit es mir befehlen würde, eine solche Vermittelung, zu übernehmen, dann wäre es etwas anderes.« Die beiden Damen, welcher in unmittelbarer Nähe folgten, hatten das Gespräch gehört. Giovanna drängte ihr Pferd an die Seite des Markgrafen und rief stehend mit thränenden Augen: »O mein Vater, weise den Rat des edlen Grafen nicht zurück, noch ist vielleicht alles zum Guten zu wenden – denke an mich, denke an das Lebensglück deiner Tochter!« Malaspina erwiderte rauh und heftig: »Mische dich nicht in ernste Dinge, bei denen Weiberherzen nicht in Frage kommen – du wirft wohl noch einen anderen Gemahl finden als diesen Knaben Cosimo, der bei Gott! nicht auf der Höhe meines Hauses steht. Ich habe deiner Neigung nachgegeben in der Voraussetzung, daß die Medici feststünden und sich die Gnade Seiner Heiligkeit erhalten würden, obwohl Francesco de Pazzi, den ich im Dom noch fallen sah, doch wohl ein besserer Gemahl für dich gewesen wäre – jetzt bin ich wahrlich nicht geneigt, zu einer Verbindung mit den Rucellai herabzusteigen, die nur im Abglanz der Medici etwas bedeuten.« Giovanna blieb schmerzlich seufzend zurück. Ihre Mutter reichte ihr die Hand und sagte: »Warte, mein Kind – jetzt ist nicht der Augenblick, um Entschlüsse zu fassen, warte, wie das Schicksal sich wendet – wer unseren Namen trägt, muß auch dem eigenen Herzen gebieten können.« Girolamo versank in tiefes Nachdenken, er trieb sein Pferd schärfer an und immer eiliger wurde die Reise fortgesetzt. Am Abend langte man in Imola an. Die Stadt, das alte Forum Cornelii machte einen düsteren kriegerischen Eindruck, überall waren Bastionen errichtet; die nach Florenz bestimmten Truppen waren auf Monteseccos Befehl wieder zurückgekehrt und als der Reiterzug auf die heute noch bestehende und immer wieder ergänzte Allee von seltenen ausländischen Bäumen dem Thor zusprengte, trat eine starke Wache heraus. Das Gitter wurde geöffnet. Vor kurzem war auch die Bedeckung des Kardinals zurückgekehrt und die Soldaten erzählten, daß Jacopo de Pazzi, der sie aus der Stadt geführt, sich von ihnen getrennt habe und seitwärts zwischen die Dörfer hineingeflüchtet sei, die Straßen waren belebt, das Gerücht von den ungeheuerlichen Vorgängen in Florenz war unter der Bevölkerung verbreitet und jeder war begierig nach neuen Nachrichten. Girolamo führte den Markgrafen und die Damen nach dem alten Schloß, das heute nicht mehr vorhanden ist und bat sie, seine Gäste zu sein. Seine Gemahlin Katharina de Sforza, eine schöne stolz und feurig blickende Dame, mit dem Ausdruck einer fast männlichen Willenskraft in ihren feinen, an die Antike erinnernden Zügen trat ihnen in der Vorhalle entgegen und fragte unruhig, was geschehen sei, da in der ganzen Stadt das Gerücht von der Ermordung der Medici sich verbreitet habe. »Wäre es so,« rief Girolamo, »dann würde wenigstens etwas ganzes geschehen sein und man wüßte, woran man sich zu halten hat, aber es ist nicht so, Lorenzo lebt und das ist schlimmer, als wenn gar nichts geschehen wäre – die Zukunft ist dunkel und wir müssen uns für jede Wendung, die sie nehmen kann, vorbereiten.« »Lorenzo lebt,« rief die Gräfin mit funkelnden Augen, »o dann ist die Zukunft gewiß, wir haben einen Feind, einen unversöhnlichen Feind, wir müssen ihn vernichten oder unsere Pläne aufgeben.« Sie begrüßte Malaspina und die Damen. »Es freut mich, Euch hier zu sehen, edler Markgraf,« sagte sie, »in Rom wird man es nicht vergessen, daß ihr nicht gezögert habt, Euch auf die Seite des wahren und einzigen Rechts zu stellen. Seid mir willkommen in meinem Hause – ich hoffe, daß es mir gelingen wird, Euch die Gastfreundschaft der Medici zu ersetzen und auch Ihr, meine teure Giovanna, sollt an mir eine Freundin finden, die, mit Eurer Mutter vereint, sich bemühen wird, Euch einen Traum vergessen zu lassen, von dem es wohl besser ist, wenn er nur ein Traum bleibt.« Giovanna konnte ihre Thränen nicht zurückhalten und antwortete nur mit schluchzender Stimme einige kaum verständliche Worte. »Seid mutig und stolz,« sagte die Gräfin, Giovannas Stirn küssend, »ich bürge Euch dafür, daß diese schönen Augen wieder hell strahlen und diese frischen Lippen wieder glücklich lächeln werden – im Frühling unseres Lebens mag immerhin eine erblühende Knospe fallen, es werden andere Triebe an ihre Stelle treten und –« »Und,« fiel Girolamo ein, »vielleicht ist auch diese Knospe noch nicht verloren, der Markgraf kann, wie ich meine, noch eine Verständigung und Versöhnung erreichen.« »Das glaube ich nicht und das wünsche ich nicht,« sagte die Gräfin, stolz den Kopf zurückwerfend, »diese trotzigen Florentiner und die falschen hochmütigen Medici werden niemals aufrichtig und ohne Hinterhalt unsere Pläne unterstützen oder nur ihre Ausführung dulden und alle guten Worte, die sie jetzt vielleicht geben möchten, um einen Sturm zu beschwören, werden nur falsch und heuchlerisch sein.« Girolamo schwieg. Die Gräfin führte die Damen nach den für die Aufnahme der Gäste bestimmten Gemächern. Beide entschuldigten sich mit ihrer Aufregung und Ermüdung, wenn sie den Abend allein blieben und Giovanna zog sich bald zur Ruhe zurück, um wenigstens ihren Schmerz allein ausweinen zu können, da sie auch bei ihrer Mutter das volle Verständnis für ihre Gefühle nicht fand. Girolamo durchritt, von dem Markgrafen begleitet, noch einmal die Stadt, ließ die Wachen an den Thoren noch mehr verstärken und alle vollendeten Befestigungswerke vollständig kampfbereit machen – war es doch immerhin möglich, daß das aufgeregte Volk von Florenz einen Angriff wagen könnte, wenn es den Verdacht einer Teilnahme des Grafen an der Verschwörung gegen die Medici fassen sollte. Als er dann mit dem Markgrafen und seiner Gemahlin bei dem späten Abendmahl die Unruhe des Tages zu vergessen suchte und durch gelegentliche Bemerkungen sich bemühte, den Markgrafen einer Vermittelung günstig zu stimmen, kamen noch Botschaften auf Botschaften an durch die Anhänger das Hauses der Pazzi, denen es gelungen war, die Stadt zu verlassen und die eine schützende Zuflucht in Imola suchten. Sie brachten die Kunde von dem schauerlichen Tode des Erzbischofs und der Verhaftung des Kardinals, sowie von dem mörderischen Wüten des Volkes gegen alle an der Verschwörung Verdächtigen. »Den Erzbischof haben sie aufgehängt,« rief Girolamo in aufloderndem Zorn, meinen Neffen, den Kardinal, wagten sie zu verhaften!« Und noch heftiger loderte sein Zorn auf, als er erfuhr, daß auch Montesecco in Haft genommen sei. »Den Führer meiner Truppen verhaftet, das ist eine Beleidigung und der Papst wird hoch entrüstet sein, daß sie es gewagt, Hand an die hohen Priester der Kirche zu legen!« »Und noch,« sagte die Gräfin bitter, »möchtest du an eine Verständigung denken? Ich nicht – ein solcher Frevel kann nicht ungesühnt bleiben, einen solchen Eingriff in seine heiligen Rechte kann Sixtus niemals verzeihen. – Der Kampf steht bevor, wir müssen uns rüsten und Bundesgenossen suchen, womöglich da, wo Lorenzo seine Freunde zu haben wähnt. Ich werde morgen nach Mailand reifen, mein Oheim Ludovico beherrscht dort die Regentschaft, welche die Herzogin Bona nur zum Schein über ihren unmündigen Sohn führt – er wird, er darf nicht gegen uns auftreten. Ich weiß, daß er trotz seines Bündnisses mit Venedig und Florenz Lorenzo im Herzen verabscheut und an die Aufrichtung eines unabhängigen Lombardischen Reiches denkt – mir wird es gelingen, dessen bin ich gewiß, ihn für uns zu gewinnen und ihn jedenfalls zu verhindern, sich gegen uns zu stellen.« »Die Gräfin hat recht,« sagte Malaspina eifrig, »auch ich halte eine Versöhnung für unmöglich und käme sie zu stande, so würde sie nicht von Dauer sein und Lorenzo nur Zeit gewähren, sich noch stärker zu rüsten.« »Es mag sein,« sagte Girolamo finster, »und bei Gott! wäre ich unbedingt des Sieges sicher, so würde ich keinen Augenblick zögern, Lorenzo niederzuwerfen und dies trotzige Florenz ohnmächtig zu machen; aber,« fuhr er mit einem fragenden Blick auf seine Gemahlin fort, »der heilige Vater ist leider ein alter Mann, auch er ist dem Gesetz der Sterblichkeit unterworfen und unter den Kardinälen habe ich wenig Freunde, die Borgia vor allen sind mir feindlich, kaum darf ich hoffen, daß der künftige Papst mir und meinen Plänen günstig gesinnt sein möchte.« »Und darum gerade,« fiel die Gräfin ein, »müssen diese Pläne ausgeführt werden, so lange uns noch der Schutz des heiligen Vaters gewiß ist, so lange seine Macht uns stützt, muß das Herzogtum der Romagna so fest begründet sein, daß niemand es mehr unseren Händen entreißen kann.« »Du hast wohl recht,« sagte Girolamo, indem er ehrerbietig die Hand seiner Gemahlin küßte und mit Bewunderung in ihr schönes lebhaft bewegtes Gesicht mit den funkelnden Augen blickte. »Ihr seht, mein edler Freund Malaspina, daß meine Gemahlin bereit ist, das Schwert zu führen, das ich nur zögernd aus der Scheide ziehen möchte.« »Nicht das Schwert,« sagte die Gräfin lächelnd, »das überlasse ich den Männern, Klugheit und unbeugsamer Mut sind wohl eben so viel wert als blinkende Waffen. Ich reise morgen nach Mailand und werde uns einen Freund gewinnen oder wenigstens dem verhaßten Lorenzo und seinen Florentinern einen Verbündeten entziehen. Hält sich Mailand zurück, so wird Venedig noch viel weniger um der Florentiner willen sich mit dem heiligen Stuhl verfeinden und es wird endlich dennoch gelingen, diese Medici, die über alle Fürsten Italiens hinauswachsen möchten, in den Staub niederzuwerfen!« Am nächsten Morgen machte sich die Gräfin schon in aller Frühe auf den Weg nach Mailand, nachdem sie noch in der Nacht einen Boten auf schnellem Pferde abgeschickt hatte, um ihre Ankunft anzuzeigen. Als Girolamo, der sie mit Malaspina bis zum Thor begleitet hatte, wieder zur Stadt zurückritt, begann er trotz der Entschlossenheit seiner Gemahlin dennoch wieder über die Möglichkeit einer Versöhnung zu sprechen und versuchte von neuem, den Markgrafen zur Vermittelung zu bestimmen. Dieser schwankte. Obwohl er sich den Medici, als sie noch auf dem Gipfel ihrer Macht standen, angeschlossen hatte, so trug er doch den hochmütigen Haß der alten Adelsgeschlechter gegen die Emporkömmlinge im Herzen und würde die Niederwerfung der florentinischen Republik mit Freuden begrüßt haben. Da er aber bei Girolamo zögernde Besorgnis fand, so wurde auch er wieder zweifelhaft und als er zu seiner Gemahlin zurückkehrte, sprach er von der Möglichkeit, nach Florenz zurückzukehren, da er alle diese Wirren vielleicht dennoch freundlich lösen könne. Die arme Giovanna, welche die Nacht in bangen Sorgen schlaflos zugebracht hatte, schöpfte wieder Hoffnung und bat um die Erlaubnis, Cosimo einen Boten senden zu dürfen, um ihn über ihr plötzliches Verschwinden zu beruhigen. Der Markgraf gab ihr eine ausweichende Antwort, verbot aber bestimmt, ohne seine Erlaubnis nach Florenz zu schreiben. Er wollte zuvor die nächsten Ereignisse abwarten, um danach seine Stellung zu nehmen. Diese Ereignisse aber sollten Giovannas Hoffnung schnell zerstören. Die von Florenz kommende Nachricht, daß Montesecco nach einem scharfen Verhör, in welchem er über die Vorbereitungen des florentischen Staatsstreichs ausführliche Aussagen gemacht, auf Befehl der Signorie enthauptet worden sei, erbitterte den Grafen Girolamo auf das Tiefste, da er in dem Todesurteil über den in seinen Diensten stehenden Capitano eine persönliche Beleidigung erblickte und jede Aussicht auf eine Verständigung schwinden sah. Dazu aber kamen in den nächsten Tagen Boten von Rom, welche berichteten, daß der Papst über die schmachvolle Hinrichtung des Erzbischofs und die Gefangenschaft des Kardinals in einen außerordentlichen Zorn geraten sei und die schärfsten Maßregeln zur Sühne eines solchen Eingriffs in die Rechte der Kirche beschlossen habe. Bald erhielt auch Girolamo den Befehl seines erhabenen Oheims, seine Truppen so viel als immer noch möglich zu vermehren und zur Verteidigung von Imola um jeden Preis bereit zu halten, selbst aber sogleich nach Rom zu kommen, um die Befehle für einen unvermeidlichen Feldzug einzuholen. Damit war jede Versöhnung ausgeschlossen und der Versuch einer Vermittelung dazu hätte selbst dem so hoch begünstigten Nepoten den Zorn des Papstes zuziehen können, dazu sendete die Gräfin von Mailand günstige Nachrichten und Berichte, daß man sich dort in keinem Fall dem römischen Hof gegenüber feindlich verhalten würde, so daß also der Sieg über die alleinstehende Florentinische Republik mit Sicherheit zu hoffen sei. Girolamos Unschlüssigkeit war vollständig verschwunden, sein Haß gegen Florenz und gegen die Medici besonders brach ohne Rückhalt hervor, er baute in seiner leicht erregbaren sanguinischen Natur Pläne auf, um das ganze florentinische Gebiet dem Herzogtum der Romagna zu unterwerfen und versprach dem Markgrafen Malaspina die Statthalterschaft in Florenz, wenn erst die Pöbelherrschaft niedergeworfen und das Pillengift der Medici, wie er hohnlachend sagte, unschädlich gemacht sein würde. Malaspina, der nun ebenfalls an den sicheren Untergang Lorenzos glaubte, suchte sogleich seine Gemahlin auf und sagte mit bitterem Spott zu Giovanna: »Du sollst an den kleinen Cosimino schreiben, die Zeit dazu ist gekommen, er soll nicht lange mehr in Unruhe schmachten und die thörichte Hoffnung hegen, sich mit den Malaspina von Fosdinuovo zu verbinden. Bald wird dieser Lorenzo nicht mehr mit seiner schulmeisterisch vornehmen Miene, die ihm so schlecht ansteht, auf die Fürsten Italiens herabblicken und mit ihm werden alle die Eintagsfliegen verschwinden, die in seinem falschen Sonnenlicht umherflattern. Auch ich werde Lorenzo schreiben, er soll hören, wie ein großer Herr zu einem reich gewordenen Bankhalter spricht und auch der kindische Cosimo soll den Unterschied erkennen lernen, der zwischen einer Tochter des Hauses Malaspina und den Rucellai besteht.« »Um Gotteswillen, mein Vater,« rief Giovanna flehend, »willst du kein Erbarmen haben mit dem Herzen deiner Tochter, der du doch selbst das höchste Glück gewährt hast – ich liebe Cosimo, du weißt es, und werde ihn ewig lieben.« »Sprich dies Wort nicht aus« – rief Malaspina drohend, »politische Klugheit, welche in einem Hause wie das unsere ihr Recht geltend macht, hat mich bewogen, gegen mein Gefühl und gegen den Stolz meines Blutes jene Verbindung zu gewähren, da die Macht der Medici fest begründet schien und es notwendig war, mit dieser Macht zu rechnen und ich hoffe, daß auch du nur aus Rücksicht auf solche Notwendigkeit dich hast entschließen können, zu einem Rucellai herabzusteigen. Jetzt ist es anders, der Stamm des Mediceischen Hauses ist durchsägt und bald wird die Blätterkrone fallen, die ihre Schatten über ganz Italien breitete. Du bist frei von der Fessel, welche die Klugheit unserem Hause auferlegte und ich verspreche dir einen Gemahl, der deines Namens und deines Blutes würdig ist.« »Niemals, mein Vater, niemals« – rief Giovanna, »werde ich einem anderen meine Hand reichen, als Cosimo, dem mein Herz gehört und dem ich Treue gelobt habe – niemals werde ich ihm schreiben, was nicht aus meinem Herzen kommt und eine Lüge gegen ihn und gegen Gott wäre.« Sie war aufgestanden und blickte mit thränenden Augen, aber mit dem Ausdruck mutiger Willenskraft ihren Vater an. »Du wirst gehorchen,« rief Malaspina grimmig, indem er drohend die Hand gegen sie erhob, »denn ich sage dir, niemals wird jener Cosimo dein Gemahl werden, du hast nur die Wahl zwischen dem trotzigen Eigensinn deines thörichten Herzens und dem Fluch deines Vaters!« »Es ist nicht Eigensinn, nicht Trotz, mein Vater,« erwiderte Giovanna, »fordere von mir was du willst, ich will gehorchen, nur verlange nicht, daß ich eine Lüge aussprechen soll gegen ihn, dem mein Herz gehört und der davon tödlich getroffen werden muß – frage meine Mutter, sie mag entscheiden, ob ich solchem Befehl gehorchen darf.« »Er wird sich zu trösten wissen,« sagte Malaspina spöttisch, »besser zu trösten über den Verlust seiner Liebe als über den Sturz von seiner Höhe, die er unter dem Schutz der Medici erklommen und deine Mutter weiß zu gut, was sie ihrem Namen schuldig ist, um dich in deiner Thorheit zu bestärken!« »Höre mich an, meine Tochter,« sagte die Markgräfin, »ich fühle wohl, was dein Herz leiden mag, aber dein Vater hat recht, die unerbittliche Notwendigkeit gebietet es, eine Verbindung zu lösen, die unserem Hause verhängnisvoll werden kann und die auch unseren Pflichten gegen die Kirche und dem von Gott gesetzten Oberherrn über die Christenheit zuwider ist. Der heilige Vater würde es nie vergessen und vergeben, wenn die Malaspina in die Reihe seiner Feinde treten in einem Augenblick so schwerer Kämpfe, – schmerzlich genug ist es schon, daß deine Schwester als Gemahlin Soderinis auf Seiten Lorenzos stehen muß.« »Ganz recht, ganz recht,« rief Malaspina,« »du hörst, daß deine Mutter denkt und empfindet wie ich.« »Diese Notwendigkeit, mein Kind,« fuhr die Markgräfin fort, »ist hart für dich und hart gewiß auch für Cosimo Rucellai, aber würde es nicht am härtesten für ihn sein, wenn er mit trügerischen Hoffnungen hingehalten würde? Den Schlag, der unwiderruflich und unerbittlich gefallen ist, kann ein mutiges Herz tragen und überwinden, darum wenn du Cosimo liebst, mußt du ihm den Mut geben, das Unabänderliche männlich zu tragen, das ist der letzte Liebesdienst, den du ihm erweisen kannst, so allein wird er im stande sein, auch seine Pflichten, die ihn auf die Seite der Medici stellen, zu erfüllen; du selbst aber wirft leichter die Kraft finden, das Leben zu ertragen, das dir doch wohl vielleicht noch andere Blüten bieten kann.« »Und ich soll,« rief Giovanna schluchzend, »seine Liebe von mir werfen, wie ein flüchtiges Spielwerk, – ihm die Treue brechen, die ich ihm gelobt für mein Leben!« »Das sollst du nicht,« sagte Malaspina mit milderem Ton, »du sollst ihm nur, wie deine Mutter es will, die Kraft geben, welche die Ergebung in ein unabänderliches Schicksal bringt, und ihm die Qual einer langsam ersterbenden Hoffnung ersparen.« Giovanna bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und weinte still. Dann richtete sie langsam den Kopf auf und sagte mit matter Stimme: »Ich will gehorchen, mein Vater, wenn Ihr mich nicht zwingen wollt, eine Lüge zu schreiben – ich werde Gott bitten, daß Cosimo mich vergessen möge, aber er soll mich nicht verachten.« Ihre Mutter umarmte sie und stellte dann das Schreibgerät für sie zurecht. Giovanna nahm bleich und ruhig die Feder und sagte mit leicht zitternder Stimme: »Befehlt, mein Vater, was ich schreiben soll!« Malaspina trat an ihre Seite und diktirte, indem sein Blick ihrer zitternden Hand folgte: »Ihr werdet begreifen, Cosimo Rucellai, daß die Verbindung zwischen uns nach den unglückseligen Ereignissen der letzten Zeit nicht stattfinden kann und für immer unmöglich geworden ist, da mein Vater sich niemals von denen trennen kann, deren Feind Ihr zu werden gezwungen seid. Vergeßt darum, was nunmehr niemals geschehen kann und tragt wie ich mutig und ergeben die unabänderliche Notwendigkeit.« Giovanna hatte langsam, bei jedem Worte innehaltend, geschrieben. »Das ist genug,« sagte Malaspina, »jedes weitere Wort wäre überflüssig.« Sie durchlas noch einmal die wenigen Zeilen. Dann schrieb sie rasch mit fester Hand darunter: »Lebt Wohl und seid gewiß, daß ich stets zu Gott »für Euch beten werde!« »Wozu das?« fragte der Markgraf unwillig, »er dient unseren Feinden!« »Und dennoch,« erwiderte Giovanna fest und bestimmt, »werde ich für ihn beten aus vollem Herzen – dies ist die Wahrheit, was kümmern mich die Streitigkeiten der Welt, welche Menschenherzen von einander reißen? Diese eine heilige Wahrheit werde ich ihm sagen, oder mein Brief wird nicht in seine Hände kommen.« Sie faßte das Papier, als ob sie es zerreißen wollte. »Warum nicht,« sagte die Markgräfin, die ebenfalls herangetreten war, »sollen wir doch auch für unsere Feinde beten.« »So sei es,« sagte Malaspina mürrisch. – »Unterzeichne!« Giovanna schrieb ihren Namen. Der Markgraf nahm das Blatt und wollte fortgehen. Giovanna hielt ihn zurück. »Ich habe Eurem Befehl gehorcht, mein Vater, nun aber habe ich eine Bitte an Euch, die Ihr mir nicht verfügen dürft. Mit diesem Brief habe ich das Todesurteil über alles Glück meines Lebens geschrieben, ich habe mit der Welt nichts mehr zu thun und will mich dem Dienst des Himmels weihen, der erbarmungsvoller ist, als die Menschen, und mir allein die Kraft geben kann, das Leben bis zu Ende zu ertragen. Ich verlange in das Kloster der Karmeliterinnen aufgenommen zu werden und zwar ohne Verzug, dort allein werde ich die Ruhe der Ergebung erringen können.« »Das ist ein neuer Trotz!« rief Malaspina heftig. »Meine Tochter im Kloster! Dir stehen die Höhen der Welt offen und da mir der Himmel einen Sohn versagt, sollst du wenigstens meines Namens würdig mein Blut fortpflanzen.« »Ich habe das Recht,« erwiderte Giovanna fest und bestimmt, »zu verlangen, was ich erbeten, und wenn Ihr es versagt, mein Vater, so werde ich den Schutz des Bischofs und, wenn es sein muß, des heiligen Vaters selbst anrufen, er kann es mir nicht verweigern, mich dem Dienst des Himmels zu weihen, wenn meine Seele danach dürstet!« Auch die Augen der Markgräfin hatten sich mit Thränen gefüllt. Malaspina stand einen Augenblick in finsterem Sinnen; er begriff, daß er kein Mittel hatte, seine Tochter an der Ausführung des Entschlusses zu verhindern, wenn sie wirklich den geistlichen Schutz anrufen würde. Dann aber nahm sein Gesicht wieder einen freundlichen Ausdruck an. »Vielleicht hast du recht, meine Tochter,« sagte er, »ich begreife, daß du schwer erschüttert bist und die Ruhe im Kloster wird dir wohl thun – ich werde dich dem Kloster der Karmeliterinnen übergeben, ein Jahr muß ja ohnehin vorübergehen, eh du den Schleier nehmen kannst und während der kritischen Zeiten, denen wir entgegensehen, wirst du dort am besten Sicherheit und Ruhe finden, aber ich verlange dein Versprechen, daß du, wenn die Prüfungszeit vorüber ist, keinen unabänderlichen Entschluß fassen sollst, ohne mich und deine Mutter noch einmal zu sehen und anzuhören.« »Ich verspreche das« erwiderte Giovanna, »aber mein Entschluß wird sich nicht ändern.« »Gott ist allmächtig,« sagte die Markgräfin, ihre Tochter umarmend, »er lenkt die Menschenherzen nach seinem Willen und vermag auch Deinem Herzen wieder Trost und Lebensmut zu geben.« Giovanna schüttelte schweigend den Kopf, ihre Kräfte begannen zu versagen. Schwankenden Schrittes ging sie hinaus, um die Einsamkeit ihres Zimmers aufzusuchen. Der Markgraf aber schrieb noch einen Brief an Lorenzo und sendete dann sogleich einen Boten nach Florenz. Am nächsten Morgen suchte er die Vermittelung des Bischofs von Imola nach und brachte dann mit seiner Gemahlin Giovanna nach dem Kloster der Karmeliterinnen. An der Pforte nahm er von seiner Tochter kurzen Abschied und überließ es seiner Gemahlin, Giovanna zu der Äbtissin zu führen, welche einem vornehmen italienischen Geschlecht angehörte und durch den Bischof über alle Verhältnisse ihrer Schutzbefohlenen unterrichtet war. Für Giovanna war eine einfache standesgemäße Wohnung eingerichtet und als sie eine Zelle wie andere Novizen verlangte, berief sich die Äbtissin auf den Befehl des Bischofs, nach welchem Giovanna nur unter den Schutz des Klosters gestellt sein solle, um in einsamer Stille ihren Entschluß reif werden zu lassen. Sie führte ihr dann eine junge Frau in schwarzwollenem Trauergewande zu, deren schönes aber bleiches und unendlich schmerzvolles Gesicht von einem schwarzen Kopftuch umhüllt war. »Hier,« sagte sie, »ist Eure Dienerin, sie hat wie Ihr Schmerzliches erlebt und den Entschluß gefaßt, als dienende Schwester in den Orden zu treten; doch auch sie muß das Novizenamt durchmachen und ich habe sie Euch zugeteilt; vielleicht werdet Ihr beide mit einander Trost und Ergebung finden. Claudina ist ihr Name, sie führt hier keinen anderen und steht ganz zu Eurer Verfügung.« Claudina blickte mit inniger Teilnahme auf die junge, so schöne und so vornehme Dame, welche, wie sie, die Welt verlassen wollte. Sie verbeugte sich stumm und küßte ehrerbietig Giovanna die Hand. Die Marchesa nahm wehmütig Abschied von ihrer Tochter und Giovanna blieb mit der ihr zugewiesenen Dienerin allein. »Zum Dienen bin ich gekommen,« sagte sie, Claudina die Hand reichend, »um im Dienste des Himmels Ruhe zu finden, nicht Eure Herrin darf ich und will ich sein. – Wenn Ihr gelitten habt wie ich leide, so werdet Ihr begreifen, daß hier die Schranken fallen müssen, welche in der Welt da draußen die Menschen von einander trennen. Nur einen Dienst noch bitte ich von Euch – geht und ersucht die hochwürdige Äbtissin um ein Trauerkleid für mich, wie Ihr es tragt, hier ist kein Platz für den Glanz und die Farben, welche mich an die Welt erinnern, die ich zu vergessen gekommen bin.« Claudina verbeugte sich stumm und ging hinaus. Giovanna sank erschöpft auf ein Ruhebett, ihre Kräfte schwanden, sie versank in tiefen Schlummer, indem leise noch Cosimos Name von ihren Lippen klang. Nach kurzer Zeit kehrte Claudina zurück. Sie brachte ein schwarzes Gewand, wie es Giovanna verlangt hatte. Als sie die Schlummernde erblickte, zog sie einen Sessel heran und setzte sich mit gefalteten Händen nieder. »Wie schön sie ist!« sagte sie leise. »Auf den Höhen der Welt hat sie das Leid getroffen, auch sie will Trost suchen im Dienste des Himmels und doch kann ihr Schicksal kaum so hart und schwer sein als das meine. – Ihr Vater und ihre Mutter haben sie hierher gebracht und ich, – was ist mir geblieben? – Ich habe alles verloren, alles, was ich auf der Welt befaß, ihn, den einzig und ewig Geliebten und die wiedergefundene Schwester!« Sie faltete die Hände und senkte, leise weinend, das Haupt auf die Brust. XVIII. Lorenzos Wunde heilte schnell und die Besorgnis, daß der gegen ihn geführte Dolch hätte vergiftet sein können, zeigte sich als unbegründet. Er gewann durch die Anspannung seines Willens die volle Kraft wieder, um den Gefahren, welche trotz des augenblicklichen Sieges über die Verschwörung ihn und die Republik bedrohten, zu trotzen und diese Gefahren waren nicht gering. Die Wut und die Erbitterung des Volkes dauerten fort. Jacopo de Pazzi war auf Lorenzos Verwendung in aller Stille in dem Familienbegräbnis der Kirche Santa Croce beigesetzt, das Volk aber verlangte stürmisch, daß der Verbrecher gegen die Republik in ungeweihter Erde neben der Stadtmauer eingegraben werden solle. Aber auch dort fand das bisher so hochstehende Haupt des Hauses Pazzi keine Ruhe, eine wilde Schar grub die Leiche wieder aus, schleifte sie durch die Straßen und warf sie endlich in den Arno. Nur mit Mühe und Vorsicht konnte das rachedurstige erbitterte Volk beruhigt und von weiteren Mordthaten zurückgehalten werden; denn man bedurfte ja notwendig der inneren Einigkeit, um dem drohenden äußeren Feind die Stirn zu bieten. Von Rom kam die Nachricht, daß der Papst Sixtus in den höchsten Zorn über die Hinrichtung des Erzbischofs von Pisa und die Gefangenhaltung des Kardinals geraten sei. Er hatte bereits Befehl gegeben, den florentinischen Gesandten Donato Acciaiuoli gefangen zu setzen und war davon nur durch das feste Auftreten der Gesandten von Mailand und Venedig zurückgehalten, welche gegen eine solche Verletzung völkerrechtlichen Einspruch erhoben und erklärten, daß sie verlangten, die Gefangenschaft des florentinischen Gesandten zu teilen, wenn dieselbe wirklich zur Ausführung gebracht werden solle. Dagegen wurden die Beamten der Mediceischen Bank, sowie alle in Rom lebenden florentinischen Kaufleute im Castell San Angelo gefangen gesetzt und ihre Kassen mit Beschlag belegt. Der Graf Girolamo Riario war nach Rom geeilt und schürte dort den Zorn des Papstes immer mehr, während er sein Doppelspiel fortsetzte und einen sicheren Boten an Lorenzo gesendet hatte, um demselben auch jetzt noch seine Vermittelung zur Versöhnung anzutragen. Dagegen wurden in Imola, wo die Gräfin Riario zurückgeblieben war, ringsumher immer mehr neu angeworbene Truppen zusammengezogen und die Befestigungen erweitert und verstärkt. Von den Bundesgenossen schien wenig zu hoffen. Zwar hatten die Gesandten von Mailand und Venedig dem hohen Rat ihren Abscheu über die verbrecherische That der Verschworenen ausgesprochen und Lorenzo Glückwünsche zu seiner Lebensrettung gebracht, aber sie hatten zugleich auch dringend geraten, den gerechten Forderungen des Papstes entgegenzukommen und alles zu vermeiden, was zu einem unheilbaren Bruch und einem Bürgerkrieg führen könne. Die Signorie zeigte sich härter und unversöhnlicher als Lorenzo, der mit seinem weiten Blick die drohende Gefahr klarer übersah und einer Verständigung wenigstens nicht schroff entgegentrat, um den Gegnern keinen Vorwand zu geben. Es war ein Dekret publiziert worden, das über das Haus der Pazzi ein grausames Urteil verhängte. Der Name der Familie und ihr Wappen sollte vollkommen verschwinden und jeder, der den Namen nur ausspreche, bestraft werden. Die Güter der Familie wurden eingezogen – wer sich mit den Mitgliedern auch nur verschwägern würde, sollte für immer von allen öffentlichen Ämtern ausgeschlossen bleiben, alle welche sich wirklich an der Verschwörung beteiligt und durch die Flucht gerettet hatten, wurden an dem Turm des Regierungspalastes in Lebensgröße, mit dem Kopf nach unten gehängt, gemalt und Lorenzo konnte seinen Schwager Guiglielmo nur dadurch retten, daß er ihn bei Nacht und unter tiefstem Geheimnis nach einem entlegenen Landsitz bringen ließ. Dagegen wurden von Lorenzo lebensgroße Bildnisse nach dem Beschluß der Signorie von dem in der damals sehr gepflegten Kunst der Wachsbildnerei berühmten Orsini Benintendi hergestellt und in den Kirchen Santa Annuncia, der Madonna degli Angeli bei Assisi, sowie in der Klosterkirche in der Via San Gallo aufgestellt. Das Bild in der letzteren wurde mit demselben Anzuge bekleidet, den Lorenzo getragen hatte, als der Dolchstoß gegen ihn geführt wurde. Lorenzo entwickelte eine außerordentliche Thätigkeit. Er hatte sogleich Befehl gegeben, von allen Seiten her Lebensmittel nach Florenz zu schaffen, um nötigenfalls eine Belagerung aushalten zu können; die Thore wurden stark besetzt, alle verfügbaren Truppen zusammengezogen und zugleich Werber nach der Lombardei geschickt, um für hohen Sold Truppen anzuwerben und die Gesandten an allen Höfen erhielten den Auftrag, alles aufzubieten, um Verbündete zu gewinnen und namentlich Mailand und Venedig bei dem alten Bündnis festzuhalten und zu thätiger Hilfe zu bewegen. Cosimo mußte bei allen diesen wichtigen Geschäften Hilfe leisten und kam kaum dazu, sich dem Schmerz über Giovannas Verschwinden hinzugeben. Zugleich versäumte Lorenzo nichts, um die Möglichkeit einer versöhnenden Verständigung offen zu halten und die Fäden, die dahin führen könnten, zu erhalten. Er schrieb an den Grafen Girolamo einen Brief, in welchem er die Hinrichtung Monteseccos bedauerte und den vergeblichen Versuch mitteilte, das Leben des Capitano zu retten und erklärte sich auch dem neapolitanischen Gesandten Marino Tomacelli gegenüber bereit, die von dem König Ferrante angebotene Vermittlung anzunehmen, so daß er für alle Fälle wenigstens Zeit gewann, um alle Vorbereitungen zu treffen und vollkommen gerüstet in den Kampf zu treten, wenn derselbe dennoch unvermeidlich werden sollte. Giulianos Leiche war in dem Prachtsaal des Mediceischen Palastes aufgebahrt. Der ganze Saal war mit schwarzem Tuch drapiert, zahlreiche Kerzen brannten auf hohen Kandelabern, die Priester verrichteten Gebete und die jungen Männer aus den vornehmsten Familien der Stadt hielten in Trauerkleidung die Wache bei dem Toten, der friedlich und ruhig, als ob er schliefe, in dem von reichem Blumenschmuck umgebenen Sarge ruhte. Am Abend vor der feierlichen Beisetzung in der Gruft der Kirche San Lorenzo kehrte Lorenzo, nach einer langen Beratung in dem Palast der Signorie, zurück und begab sich, wie an jedem Abend, in den Totensaal, um am Sarge des Bruders sein Gebet zu halten. Dann beauftragte er Cosimo, der ihn wie immer begleitete, Antonio de San Gallo und den Maler Sandro Botticelli, die er um ihren Besuch hatte bitten lassen, herbeizurufen. Er drückte beiden schmerzlich bewegt die Hand und führte sie zu dem Katafalk. »Ich hatte Euch gebeten,« sagte er zu Botticelli, »den Bruder zu malen, der damals noch in der Jugendblüte des Lebens stand – der Tod. hat ihn jählings getroffen, aber Ihr, edler Sandro, habt ihn gekannt in seiner Schönheit und Kraft, Ihr habt den leuchtenden Blick seiner Augen gesehen und ein Meister wie Ihr wird es vermögen, auch dem starren Antlitz des Toten das Leben wiederzugeben und seine geschlossenen Augen wieder leuchten zu lassen zu heiliger Erinnerung.« »Gewiß werde ich das vermögen, erlauchter Lorenzo,« erwiderte Botticelli, indem er mit gefalteten Händen an den Sarg trat und wehmütig in Giulianos bleiches Antlitz blickte. »So malt mir das Bild,« sagte Lorenzo, »und ich werde Euch' dankbar sein für die herrlichste Gabe, die mir je geboten ist. Und noch eine Bitte habe ich an Euch – es gilt noch eine Tote in lebendiger Erinnerung zu erhalten, Antonio wird Euch zu ihrer Bahre führen. Ihr habt sie freilich im Leben nicht gekannt, aber ich bitte Euch, sie zu malen nach den toten Zügen mit allem Liebreiz, der sie im Leben schmückte und von dem Euch Antonio sprechen wird, der ihr Freund war.« »Ich werde thun, was meine Kunst vermag,« erwiderte Botticelli, »und ich hoffe, es wird mir gelingen.« Lorenzo umarmte den Maler. Dann fragte er Antonio: »Habt Ihr alles vorbereitet, um der Armen auf dem Kirchhof des Klosters von San Donino ein einfaches aber würdiges Begräbnis zu gewähren?« »Alles ist geschehen,« erwiderte Antonio, »und sie wird dort friedliche Ruhe finden nach der Unruhe ihres früh gebrochenen Lebens.« »Ich danke Euch,« sagte Lorenzo, »es ist der letzte Freundschaftsdienst, den Ihr meinem Bruder erweist – geht also ans Werk, edler Meister und besiegt durch Eure Kunst den Tod!« Er beugte noch einmal das Knie zu kurzem Gebet vor dem Sarge und ging dann stumm hinaus, während Sandro Botticelli seine Mappe zur Hand nahm, um noch einmal die Züge des Toten zu skizzieren. Als Lorenzo in sein Zimmer zurückgekehrt war, legte er die Hand auf Cosimos Schulter und sah den jungen Mann mit schmerzlich liebevollen Blicken an. »Ich habe Dir eine traurige Nachricht mitzuteilen, armer Cosimino, die ich noch zurückhielt, um Dir in der schweren Arbeit dieser Tage den Mut, den wir alle bedürfen, nicht erlahmen zu lassen. – Wir alle haben mit dem furchtbaren Schlag, der uns betroffen, teure Hoffnungen begraben, die meinigen sind zusammengebrochen am Sarge Giulianos, Du wirst es lernen müssen, eine teure Vergangenheit zu vergessen, um mir mit klarem Blick und mutigem Herzen zur Seite zu stehen und die Pflicht gegen das Vaterland zu erfüllen. Der falsche Malaspina,« fuhr er fort, während Cosimo angstvoll seinen Worten lauschte, »hat mir einen kalten und hochmütigen Brief geschrieben, in welchem er erklärt, daß er die Verbindung seiner Tochter mit meinem Neffen nicht mehr zulassen könne, da ich durch die Ermordung des Erzbischofs und die Gefangensetzung des Kardinals den gerechten Zorn Seiner Heiligkeit erweckt und er ein zu treuer Diener der Kirche und ihres geheiligten Oberhauptes sei, um sich mit einem Hause zu verschwägern, das dem römischen Hof feindlich entgegensteht. Ich mußte das wohl nach seiner feigen Flucht erwarten, aber es wird mir doch schwer, die Verachtung, welche seine Treulosigkeit verdient, nicht zum Zorn auflodern zu lassen. – Einen Mord nennt der Elende die Hinrichtung des Erzbischofs, welche ich nicht einmal befohlen, was sind denn die Dolchstöße, unter denen Giuliano sein Leben ausgehaucht und die auch mir den Tod bringen sollten? Mag er gehen, der Wortbrüchige, dahin, wo er meint, eine helle Sonne aufleuchten zu sehen, noch ist mein Stern nicht untergegangen und auch ihn wird die Rache treffen!« »Verzeiht, mein Oheim,« sagte Cosimo mit ruhiger Fassung, »wenn ich die Rachegeister nicht auf den Vater meiner Giovanna herabzurufen vermag; er hat schwer gefehlt, aber nicht alle können groß und stark sein wie Ihr, die Wetterwolken steigen herauf und ziehen vorüber – ich vertraue auf die ewige Gerechtigkeit, daß auch wir stehen werden im Sturm und daß Euer Stern wieder hell strahlen wird – ich werde fest und mutig im Kampf stehen und der Liebe und Treue vertrauen, die nach den Wettern ihre Blüten wieder entfalten müssen.« »Der Liebe und Treue vertrauen?« sagte Lorenzo mit bitterem Lachen, »Dein Vertrauen würde übel angebracht sein, denn Liebe und Treue haben keine Stätte im Hause der Malaspina. Hier lies – mit der Botschaft des Grafen habe ich auch einen Brief von Giovanna an Dich erhalten.« Er reichte seinem Neffen das von Giovanna geschriebene Blatt. Cosimo durchflog die wenigen Zeilen; sein Gesicht wurde totenbleich. Einen Augenblick stand er regungslos da, dann starrte er von neuem auf das Papier und sagte mit dumpfer Stimme: »Bei Gott, es ist ihre Handschrift und dennoch, dennoch – es kann nicht wahr sein!« »Nicht wahr sein, mein armer Cosimo?« sagte Lorenzo, »hältst Du nicht den Beweis der Wahrheit in Händen – warum sollte die Tochter anders sein wie der Vater, warum sollte sie die Treue halten, die sie doch wahrlich von ihm nicht gelernt? – Verachte und vergiß sie, wie ich den Vater verachten und vergessen will!« Cosimo stand gebeugten Hauptes da, er vermochte auf die Worte seines Oheims keine Erwiderung zu finden, nach welcher sein gequältes Herz rang. Ein Diener trat ein und meldete, daß Signora Lucretia um Gehör bitte. Wahrend sie auf Lorenzos Wink sogleich eingeführt wurde, wendete sich Cosimo nach kurzer Verbeugung zur Seite und wollte, immer auf das Papier in seinen Händen starrend, hinausgehen. Lorenzo aber befahl ihm zu bleiben und führte Lucretia artig zu dem Sessel neben seinem Schreibtisch. Einen Augenblick schien sie befremdet über Cosimos verstörtes Aussehen. Dann aber sagte sie mit ihrer gewohnten heitern Ruhe, indem sie Cosimos Anwesenheit kaum zu beachten schien: »Ich habe Nachrichten aus Rom für Eure Magnifizenz und habe keinen Augenblick zögern wollen, um Euch mitzuteilen, was der Kardinal Rodrigo mir durch meine Schwester Rosa für Euch aufgetragen hat.« »Ich bin neugierig« erwiderte Lorenzo gespannt, »es thut wohl in dieser Zeit, in der so manches Vertrauen getäuscht wird, Freunde zu finden.« »Ich kann Eure Magnifizenz versichern,« erwiderte Lucretia, »daß die Botschaft und der Rat, die ich Euch zu überbringen habe, aus wirklich freundlicher Gesinnung hervorgehen. Ich habe Euch zunächst zu melden, daß Eure Feinde in Rom mächtig sind und den Zorn Seiner Heiligkeit immer von neuem anschüren – ihnen allen voran steht der Graf Girolamo und der erste Rat des Kardinals ist der, daß Ihr keine falschen Worte von ihm glauben und keine Vermittlung von ihm annehmen mögt.« »Ich habe der Falschheit genug kennen gelernt in dieser Zeit und kann Euch versichern, daß der Graf Girolamo der letzte ist, dem ich trauen möchte.« »Der Papst,« fuhr Lucretia fort, »ist, wie ich Euch melden soll, tief erbittert und wenn er auf die Vorstellung einer großen Anzahl der Kardinale die gewaltsamen Maßregeln gegen Euren Gesandten zurückgenommen und den florentinischen Bankhaltern und Kaufleuten die Freiheit wiedergegeben, so ist dies nur geschehen, um Zeit zu gewinnen, damit er Euch um so sicherer mit den weltlichen und geistlichen Waffen treffen könne und darum rät Euch der Kardinal Rodrigo, daß Ihr jeden Vorwand zu einer Anklage beseitigen und Euren Freunden im heiligen Kollegium die Gelegenheit geben möget, den unversöhnlichen feindlichen Schritten entgegenzuwirken.« »Und was soll ich thun?« fragte Lorenzo unwillig, »der Erzbischof von Pisa ist ohne mein Wissen gerichtet, ich würde sein Leben geschont haben und die Priester, welche selbst den mörderischen Dolch in ihrer Hand führten, sind dem gerechten Zorn des Volks zum Opfer gefallen. Der Papst selbst hätte über sie das Todesurteil sprechen müssen. Das ist vergangen und läßt sich nicht mehr ändern.« »Doch,« fiel Lucretia ein, »der Kardinal Raffaello ist noch in Gefangenschaft, ohne daß ihm eine Schuld hat nachgewiesen werden können – darin erblickt der Papst einen Eingriff in seine Rechte und eine Auflehnung gegen die Kirche und das heilige Kollegium wird ihm in dieser Auffassung nicht unrecht geben können. Schon ist eine aus fünf Kardinälen bestehende Kommission ernannt, um wegen der Gefangenhaltung des Kardinals Raffaellu das richterliche Verfahren gegen die Republik zu beginnen oder eigentlich gegen Euch, erlauchter Lorenzo, denn Eure Feinde suchen Euch und die Republik von einander zu trennen und Euch allein die Schuld an allem, was geschehen, aufzubürden – der Rat, den ich Euch geben soll, geht nun dahin, den Kardinal Raffaello freizulassen und nach Rom zurückzusenden, damit werden Eure Freunde in dem heiligen Kollegium in den Stand gesetzt, auf Eure Seite zu treten und weitere Feindseligkeiten zurückzuhalten.« »Und werden sie das vermögen,« fragte Lorenzo, »werden sie's ernstlich wollen, wenn der römische Hof starke Verbündete gewinnt? Und er wird sie gewinnen, ich weiß wohl, wie leicht der König Ferrante von Neapel durch die politische Kunst des römischen Hofs zu gewinnen ist und wie sehr sein Sohn, der Herzog von Kalabrien, danach dürftet, sich kriegerischen Ruhm zu erkämpfen. Ist da nicht,« sagte er, halb für sich sprechend, »der Kardinal Raffaello, der Neffe des Papstes, eine Bürgschaft, die ich nicht aus den Händen lassen sollte?« »Ihr müßt wissen, was Ihr zu thun habt, erlauchter Lorenzo,« erwiderte Lucretia, »ich habe Euch nur den Rat des Kardinals Rodrigo mitzuteilen, der gewiß aufrichtig gemeint ist. Und noch soll ich Euch mitteilen, daß Ihr wohl darauf bedacht sein möget, die Bischöfe des florentinischen Gebiets fest an Euch zu schließen, denn in ihnen würdet Ihr die sicherste Stütze finden, wenn der Papst dennoch dahin gebracht werden sollte, die geistlichen Waffen gegen Euch zu brauchen.« Lorenzo saß eine Zeitlang sinnend da, während Lucretias Blicke zu Cosimo hinüberschweiften, der auf einen Sessel niedergesunken war und von dem ganzen Gespräch nichts gehört zu haben schien. »Ich danke Euch, edle Lucretia,« sprach Lorenzo endlich, »für Eure Botschaft und bitte Euch, auch dem Kardinal Rodrigo meinen Dank für die Freundschaft auszusprechen, die er mir in dieser ernsten Zeit beweist und die ich nicht vergessen werde. – Teilt ihm mit, daß der Kardinal Raffaello in Haft genommen worden sei, um sein Leben vor der Wut des erbitterten Volkes zu schützen und seine Unschuld nachzuweisen, er wird dem Papst am besten bezeugen können, daß auch ich von den versöhnlichsten Gesinnungen erfüllt bin und alle schuldige Ehrfurcht und Ergebenheit gegen das heilige Oberhaupt der Kirche unveränderlich bewahre. – Ich werde mit dem hohen Rat mich besprechen, um den Kardinal Raffaello, für dessen Sicherheit ich bürge, zur Verfügung des Papstes zu stellen, wenn man in Rom, ebenso wie es hier geschehen soll, alles Vergangene vergessen will. – Den Kardinal Rodrigo aber bitte ich, weiter für meine Sache zu wirken, soweit er es vermag und dieselbe als gerecht anerkennt. »Vielleicht,« fügte er mit besonderem Nachdruck hinzu, »wird einmal die Zeit kommen, in der ich auch ihm durch die That meine Freundschaft und Dankbarkeit beweisen und ihm behilflich sein kann, dem erlauchten Hause der Borgia den vollen Glanz wiederzugeben, der ihm zukommt und jetzt durch die Nepoten, durch den Grafen Girolamo und die zu ihm gehören, verdunkelt wird.« »Ich bin glücklich über Euer Vertrauen,« erwiderte Lucretia, »und werde sogleich Eure Botschaft auf dem sichersten Wege nach Rom gelangen lassen. Doch mein Freund und Beschützer, der edle Cosimo,« fuhr sie fort, während Lorenzo sich erhob und ihr galant die Hand küßte, »scheint durch die ernste Zeit erschütterter als Ihr. Freilich wohl muß es ihn tiefer bewegen, für sein Vaterland zu sorgen, als den Degen gegen die Räuber zum Schutz einer Fremden zu ziehen, wie er es so fröhlichen Mutes that.« Lorenzo blickte Cosimo, der bei Nennung seines Namens wie aus einem Traum aufgefahren war, sinnend an. Ein Gedanke schien in ihm aufzublitzen. »Es ist nicht die Sorge um die drohende Gefahr,« sagte er, »welche meinen Cosimino erschüttert und ihm den fröhlichen Mut nimmt – er hat Schmerzliches erfahren und sein junges Herz glaubt eine Täuschung nicht überwinden zu können, wie sie doch keinem Menschen erspart bleiben kann. Er bedarf des Trostes und des stolzen Mutes, der zu verachten und vergessen lernen muß. Ihr habt Euch seine Freundin genannt und das seine, weibliche Gefühl wird es wohl besser verstehen, seine ermattende Seele zu erfrischen, als meine mahnenden Worte.« »Bei Gott,« rief Lucretia, »ich bin seine Freundin, ich vergesse das Gelöbnis der Dankbarkeit nicht, ich werde glücklich sein, sie zu beweisen und Euch einen treuen und mutigen Mitkämpfer gegen Eure Feinde zu erhalten.« »Du hörst es, Cosimo,« sagte Lorenzo, »geleite die edle Dame nach ihrer Wohnung zurück, ihr darfst du vertrauen und es wird dir wohl thun, für den Kummer deines Herzens Verständnis zu finden.« Cosimo zuckte wie erschreckt zusammen. Lucretia legte die Hand auf seinen Arm und er führte sie, von Lorenzo bis zur Thür begleitet, aus dem Gemach. Schweigend schritten sie nebeneinander durch die langen Korridore bis zu Lucretias Gemächern. Cosimo wollte sich hier mit einer stummen Verbeugung verabschieden, aber Lucretia erfaßte seine Hand und zog ihn mit sich. Der Wohnraum, in welchen sie eintraten, bot ein Bild reizender Behaglichkeit. Die reiche und prächtige Ausstattung des Zimmers war zu wohnlicher Traulichkeit geordnet; an dem von der Decke herabhängenden Kristallkronleuchter waren nur einige Kerzen angezündet, andere brannten auf Girandolen in den Ecken, aber Schirme von mattroter Seide waren davor gestellt und dämpften das Licht; der Duft der überall verteilten Blumen mischte sich mit den seinen Aromen des Orients, welche die vornehmen Damen jener Zeit so sehr liebten und so geschickt zu verwenden verstanden. Das Prunkvolle Gemach zeigte das Walten einer weiblichen Hand und hatte den eigenartigen Reiz der Wohnung einer schönen Frau angenommen. Durch das geöffnete Fenster fielen die Strahlen des über die Baumkronen des Gartens heraufsteigenden Mondes herein und mischten sich mit dem gedämpften Kerzenlicht. Alles hier schien gemacht, um die Schönheit Lucretias mit einem zauberhaften Schimmer zu umgeben. Ihr edles Gesicht schien wie von Perlmutterglanz umflossen und ihre großen, dunklen Augen schienen an Glanz und Feuer das Kerzenlicht und den silbernen Schein des Mondes zu überstrahlen. Bei dem Eintritt der Beiden hob sich aus einem niedrigen Lehnstuhl Piccolos kleine Gestalt. Der Zwerg eilte freudig seiner Herrin entgegen, aber bei Cosimos Anblick verfinsterte sich sein Gesicht und leise vor sich hinmurrend trat er zurück. »Geh', Piccolo,« sagte sie, »geh' in dein Zimmer, ich werde dich rufen lassen, wenn ich deiner bedarf!« Der Zwerg stieß einen unwillig knurrenden Ton aus und sagte mit einem feindlichen Blick auf Cosimo: »Ich habe Euch so lange erwartet und Euern Anblick ersehnt, um hier am fremden Ort und unter fremden Menschen wieder gesund und fröhlich zu werden und nun soll ich gehen – immer wieder gehen, als ob ich ein schlechter Diener wäre, wie andere und Ihr kein Vertrauen mehr hättet zu dem treuen Piccolo.« »Du bist närrisch –« sagte sie ungeduldig. Dann aber strich sie freundlich mit der Hand über sein kurzes Haar und fügte freundlich lächelnd hinzu: »Ich weiß ja, daß du mir treu und ergeben bist und behandle dich niemals wie die anderen Diener. Aber nun geh' und warte, bis ich dich rufen werde.« Piccolo ging murrend hinaus und warf heftig die schwere Thür hinter sich zu. »Ihr habt den Kleinen gekränkt,« sagte Cosimo, »um meinetwillen und doch werdet Ihr meinen Kummer kaum bannen können.« »Und warum nicht –« erwiderte sie, indem sie sich auf einen Divan niederließ, der, von blühenden Gewächsen umgeben, in einer Ecke des Gemachs stand. »Haltet Ihr meine Freundschaft für so schwach und kalt? – Setzt Euch zu mir und vor allem klagt mir Euer Leid, damit ich, wie es ein geschickter Arzt thun muß, in der Kenntnis der Krankheit die heilenden Mittel suchen kann.« Sie streckte ihm die Hände entgegen und zog ihn zu einem Sessel neben ihrem Divan. Die weiten Ärmel ihres dunkelblauen Gewandes waren von ihren Armen herabgesunken, ihre in weichem Glanz schimmernden Augen schienen ihn mit magnetischer Kraft anzuziehen. Als er tief aufseufzend in den Sessel niedersank, entfiel seiner Hand, die sie mit warmem Druck umfaßte, ein Blatt. Lucretia bückte sich schnell, hob das Blatt vom Boden auf und sagte: »Ist dies die feindliche Waffe, welche Euer Herz verwundet hat? O, ich weiß, es wohl, ein Wort, sei es gesprochen oder geschrieben, vermag schärfer zu treffen, als die Spitze eines vergifteten Dolchs!« Er schien erschrocken und machte eine Bewegung, als ob er das Papier wieder zurücknehmen wolle. Dann aber sagte er seufzend: »Ihr wißt, edle Lucretia, welches Glück mein Herz von der Zukunft erwartete – Ihr waret bei mir, als dieses Glück so plötzlich in die trübe Ferne hin verschwand – Ihr müßt meinen Schmerz begreifen, da ich es nun ganz verloren habe, – leset das Blatt und Ihr werdet erkennen, daß es keinen Trost für mich giebt.« Sie durchflog schnell die Zeilen, ihre Augen blitzten auf und mit höhnischem Lächeln warf sie den Brief fort. »Ich begreife es, mein armer Freund,« sagte sie, »daß solche Falschheit und Feigheit Euch tief verwundet hat, aber ich würde es nicht begreifen, wenn Ihr nicht in Euerm edlen Herzen den Balsam finden solltet, diese Wunde zu heilen. Schwer ist es gewiß zu verlieren, was uns teuer war, aber leicht ist es, den Verlust zu vergessen, wenn wir erkennen, daß wir nichts verloren haben und daß der Schatz, den wir zu besitzen meinten, nur schlechtes, glitzerndes Glas war, statt des echten Steins!« Seine Wangen röteten sich. Vorwurfsvoll sah er sie an und sagte traurig: »Falschheit und Feigheit meint Ihr, hätten diesen Brief diktiert? – Mögt Ihr es Feigheit nennen, wenn die Schwäche des Weibes, das ja zur Anlehnung an die männliche Kraft geschaffen ist, ermattet vor der Drohung und Verleumdung, der ja oft der männliche Sinn nicht zu widerstehen vermag.« »Ja!« rief sie mit flammenden Blicken. »Ja, ich nenne es heuchlerische Falschheit und niedere Feigheit und, bei Gott! ich habe recht! – Bin ich nicht auch ein Weib und habe ich nicht darum das Recht, über weibliche Gefühle und weibliche Pflichten zu urteilen? Schon die Flucht dieser Giovanna, an die Euer Herz sich gehängt, war eine Feigheit in jenem Augenblick des Unglücks, aber damals war wenigstens ein Zwang unter den übermächtigen äußeren Eindrücken möglich. Jetzt aber einen solchen Brief zu schreiben in ruhiger und kalter Überlegung, das ist noch eine schimpflichere Feigheit, eine niedrige Treulosigkeit – nein, nein, nicht eine Treulosigkeit, denn niemals ist sie Euch treu gewesen, niemals hat sie Euch geliebt. Dies ist die Wahrheit, die sie jetzt Euch zeigt und die sie bisher unter falschem, heuchlerischem Schein verborgen hat. Ihr dürft, bei Gott! glücklich sein, daß sie Euch diese Wahrheit hat erkennen lassen, bevor ihr durch unauflösliche Bande mit ihr verbunden wurdet.« Cosimo sah sie traurig an. »Kaum kann ich Worte finden,« sagte er, »um Euch zu widersprechen, um sie zu verteidigen, die mir so weh gethan und doch vermag ich nicht an so viel Falschheit zu glauben. – O, es ist ja so schwer, da zu verachten, wo man anbetend zu dem Ideal der edelsten Wahrheit und Schönheit aufzublicken gewohnt war. Sie muß gezwungen, sie muß bethört sein – o, wenn ich sie nur sehen, wenn ich zu ihr sprechen könnte!« »Sie würde Euch belügen, wie sie Euch bisher belogen hat« – rief Lucretia, »aber,« fügte sie höhnisch lachend hinzu, »davor hat sie sich geschützt, vielleicht fürchtet sie dennoch, Euch ins Auge zu sehen und vor Euch in ihrer wahren Gestalt dazustehen, darum ist sie geflohen, um Euch aus sicherer Ferne mit dem giftigen Pfeil zu treffen, von dem sie wohl wissen muß, wie schmerzlich er Euch verwunden würde. – Nein, Ihr dürft keine Rechtfertigung, keine Entschuldigung für sie suchen, Ihr müßt Euch aufraffen zu männlichem Mut und die vergessen, die niemals Eurer Liebe wert war. Nennt mir die Macht auf Erden, die ein liebendes Herz zwingen könnte, ein heiliges Band zu zerreißen in einem Augenblick drohender Gefahr, der demselben erst die höchste und edelste Weihe geben soll! Ich bin ein Weib wie jene, aber ich schwöre Euch, wenn ich Euch liebte, wie sie es Euch geheuchelt, niemand hätte mich von Eurer Seite reißen können und keine Folter hatte mir die kalten, fast höhnischen Worte abzwingen können, die sie Euch wohl leichten Herzens geschrieben!« Cosimo schauderte; er fand keine Entgegnung und sein schmerzvolles Gefühl neigte sich, ihren Worten recht zu geben. Sie beugte sich zu ihm herüber und legte die Hände auf seine Schulter. Er fühlte die feurige Glut ihrer Blicke, der Duft ihres Haares umfloß ihn und mit leiser Stimme sagte sie: »Die Stunde des Unglücks würde mich an die Seite des Geliebten geführt haben und hätte ich mir mit dem Dolch in der Hand den Weg zu ihm bahnen müssen. – Neben ihm zu stehen in den Tagen des Kampfes, wäre mein Stolz und mein höchstes Glück gewesen, ein höheres Glück vielleicht, als das tändelnde Liebesspiel im rosigen Sonnenschein. In meinen Armen hätte er immer neuen Mut, immer frisch aufsprudelnde Kraft finden sollen, um den Blitzen des Wetters zu trotzen und wie Achill die Scharen der Feinde vor sich hinzutreiben. Je höher er sich emporgeschwungen hätte in Heldenkraft und Heldenmut, um so heißer hätte mein Herz ihm entgegengeschlagen und aus dem freundlichen Licht ruhiger und glücklicher Tage wäre meine Liebe aufgeschlagen zu lodernden Flammen, ihn immer höher zu begeistern.« Sie hatte sich noch mehr ihm zugeneigt, ihr Atem strich über sein Haar, er fühlte ihre Lippen leise seine Stirn berühren. Er kniete, wie von übermächtiger Zaubergewalt erfaßt, zu ihren Füßen nieder und drückte ihre Hände, welche von seiner Schulter herabsanken, an seine Lippen. »Was die Liebe Euch versagt in treuloser Falschheit,« sagte sie mit leiser Stimme, deren Ton bis zu seinem Herzen drang, »das soll die Freundschaft Euch bieten, die keine Furcht und keine Falschheit kennt. – Ich weiß, was Ihr bedürft, um in stammender Begeisterung für die heilige Sache Eures Vaterlandes eine Täuschung zu vergessen, die Euch zur freundlichen Gewohnheit geworden war. Ich sehne mich, zu dem siegreichen Helden aufzublicken, der in Euch lebt und aus der weichen Träumerei erweckt werden muß, in die Euch eine Liebe ohne die Flamme des wahren himmlischen Feuers herabgezogen. Und, bei Gott! ich fühle mich stark genug in meiner Freundschaft, Euch erwachsen zu lassen zu dem Helden, zu dem ich demütig und auch stolz zugleich aufzublicken vermag. – Es ist nicht Hochmut, nicht Anmaßung, wenn ich Euch sage, daß ich gewiß bin, Euch nicht nur frischen Mut wiederzugeben, sondern auch das Vertrauen, daß es noch Wahrheit und Treue in den Menschenherzen giebt. Ich fühle Euer Leid mit Euch, aber jene die es Euch bereitet, ist solcher Schmerzen nicht wert, sie hat niemals begriffen, wie kostbar der Schatz Eurer Liebe ist und hat Euch niemals geliebt: Vergeht sie und denkt an den Kampf, der Euch eine Heldenbahn öffnet und an die Freundin, welche stolz ist Euch auf solcher Bahn zu sehen.« Sie schlang, wie von innerer Bewegung fortgerissen, ihre Arme um seinen Nacken, zog ihn zu sich heran und hauchte einen Kuß auf seine Stirn. Hochklopfenden Herzens schloß er sie in seine Arme und drückte sie feurig an seine Brust. Schnell sprang er auf, seine Wangen glühten, seine Augen leuchteten in strahlendem Glanz. »Ja,« rief er, »ich will mutig sein, ich will vergessen, der Kampf um das Vaterland soll mich auf dem Platze finden, den die Ehre und Pflicht mir anweist und soll mich wenigstens auf der Bahn der Helden sehen, bemüht ihrem Beispiel zu folgen, wenn es mir auch nicht gelingen sollte, es ihnen gleichzuthun. Vergessen sei die Vergangenheit, sie soll keine Macht mehr haben über mein Herz, das Ihr mit edlem Mahnruf wachgerufen aus der matten Träumerei! Der Zukunft nur sei mein Auge offen und ob sie mir schwere Wetter entgegensteigen läßt – die schwarzen Wolken umsäumt der lichte Goldglanz des Ruhmes und der Ehre.« Auch Lucretia war aufgestanden; er hielt ihre Hand und senkte seine Blicke in ihre dunklen feuchtschimmernden Augen. »Ihr aber,« sagte er, »Ihr, die Ihr mich zu neuem Leben erweckt, die Ihr vor mir steht, wie die Göttin des Sieges und des Ruhmes, Ihr dürft mich nicht verlassen, Ihr müßt die heilige Flamme, die Ihr in meinem Herzen entzündet, anfachen zu immer hellerer Glut – Ihr müßt des Mannes Freundin bleiben, den Ihr aus dem weichen Knaben habt hervorwachsen lassen, wie einst die Göttinnen des Olymps herniederstiegen, um den Helden die Kraft und den Mut der Unsterblichen in das Herz zu gießen.« »Ich habe Euch Freundschaft gelobt,« erwiderte sie, »als Ihr mir die Freiheit und das Leben gerettet, ich habe sie Euch gehalten, als Ihr sie kaum wert hieltet, Euch über einen verlorenen Traum zu trösten und bei Gott! ich werde sie Euch bewahren jetzt, da es gilt, den Kampfesmut zu begeistern zu unsterblichen Thaten!« Sie legte die Hände auf seine Schultern und sah ihn mit stolzen, siegesfreudigen Blicken an und dabei schimmerte es zugleich so weich, so süß in ihren Augen, daß er, von entzückter Bewunderung durchschauert, sie an sich zog. Einen Augenblick lehnte sie ihren Kopf an seine Brust, dann trat sie schnell zurück und sagte lächelnd: »Was ich Euch sein will, Euch zu sein gelobe, das drücken die Töne besser aus als die Worte.« Sie setzte sich nieder und nahm ihre Laute zur Hand. Heute aber rezitierte sie ihm keine Liebesklagen Petrarkas, ihre Stimme schwieg und nur ihre Hände bewegten die Saiten mit solcher Kraft und Sicherheit, wie man es diesen zarten Fingern kaum zugetraut hätte. Bald schwollen die Töne an in schnellem Rhythmus, wie eine jubelnde Siegesfanfare, wie ein Triumphlied, das die Rückkehr der Helden begrüßt und dann wieder klang es unter ihren rosigen Fingerspitzen hervor, so weich und lieblich wie das sehnsüchtige Frühlingslied der Nachtigall oder das leise zärtliche Girren der Taube und ebenso wie es aus den Tönen klang, leuchteten ihre Augen bald in hellen Flammen auf, als ob sie Schaaren drohender Feinde entgegenblitzten, bald schimmerten sie wieder wie das rosige Morgenlicht, das die zarten Blütenkelche zu duftigem Erwachen öffnet. Er lauschte andächtig den wundervollen Tönen, wie einem hohen Liede eines künftigen ihm neugeöffneten Lebens. Als sie endlich schloß, beugte er das Knie vor ihr, küßte ehrerbietig ihr die Hand und ging dann schnell hinaus, als ob er keine Worte für seine Empfindung fände oder die Worte, die auf seinen Lippen zitterten, nicht auszusprechen wagte. Sie blickte ihm mit ihren großen strahlenden Augen triumphierend nach. »Er ist mein,« sagte sie leise, »ich habe sein Herz zum Leben erweckt und sein Leben wird mir gehören. – Er soll es nicht bereuen, denn ich will einen Helden aus ihm machen und nur meine Liebe kann ihn dazu erheben.« Noch einmal klangen die Saiten unter ihren leise bewegten Fingern wie ein Zauberlied süßer Hoffnung. Sie hörte Schritte auf dem Mosaikboden. Schnell aufblickend, sah sie den Zwerg vor sich stehen. »Du bist da, Piccolo?« fragte sie fast unwillig – »ich habe Dich noch nicht gerufen.« Ich glaubte wohl ungerufen kommen zu dürfen,« erwiderte der Zwerg mit trotziger Miene, »da ich hörte, daß jener Cosimo über den Flur ging, und wenn ich nicht bei Euch sein darf, so lange er da ist, so bin ich damit ganz zufrieden, da ich nicht nötig habe, mich über ihn zu ärgern, der Euch schöne Worte vorschwatzt mit seinem milchbärtigen Gesicht.« »Ich verbiete dir, Piccolo,« rief Lucretia streng, »so über einen edlen Herrn zu sprechen, der mein Freund ist und der immer gütig gegen dich war, – das ist undankbar und ungezogen von dir, Du bist verwöhnt durch meine Nachsicht, doch wenn du fortfährst solche Unarten zu begehen, so werde ich dich nicht mehr um mich dulden und dich fortschicken zu den anderen Dienern, zu denen du gehörst.« »Nein,« rief Piccolo, »zu jenen gehöre ich nicht, ich gehöre zu Euch, meine edle Gebieterin, Euch allein will ich dienen und für Euch bin ich bereit, mein Leben zu lassen, das doch nur Wert hat, wenn ich Euch sehen und mit Euch dieselbe Luft atmen kann! – Ihm soll ich dankbar sein, weil er Euch und mich gerettet hat aus den Händen der Räuber, was Ihr ihm so hoch anrechnet, als eine gewaltige Heldenthat? Was bedeutet das für ihn,« fuhr er immer heftiger fort, »der groß und stark gewachsen ist durch die unverdiente Gunst der Natur und ein langes Schwert in seiner Hand führen kann. Was kann der arme Piccolo dafür, daß ihn die Natur, aus deren schöpferischer Hand so viel Schönheit quillt, wie eine böse Stiefmutter behandelt und zum Spott und Abscheu der Menschen in die atmende Welt gesetzt hat – dieser Menschen, die doch nichts vor ihm voraus haben, als ihre starken ebenmäßigen Glieder! Lehren sie nicht in den Kirchen, daß es die Seele sei, welche uns Gott ähnlich macht, da der Schöpfer sie uns mit seinem Lebensodem selbst eingehaucht, daß wir die Schönheit des Körpers verachten sollen, die uns mit den Tieren gemein ist? – Und bei Gott! meine Seele ist so gut als eine andere, und treuer ist sie gewiß in wahrer Ergebenheit für Euch!!« rief er, sich hoch aufreckend und den Arm mit einer pathetischen Geberde erhebend, die ein Lächeln auf ihre Lippen lockte – »bei Gott! wäre ich so stark und groß wie dieser Cosimo und schön wie es die Welt nennt, die sich um die Seele nicht kümmert, ich würde wie er mein Schwert gezogen und Euch aus den Händen der Räuber befreit haben, daß Ihr keinen anderen Beistand bedurft hättet. – Jetzt freilich, jetzt verspottet Ihr mich, den armen Zwerg und könnt das Lächeln nicht auf Euren Lippen zurückhalten, und doch ist meine Seele dieselbe in dem kleinen verkümmerten Leibe, der auf der Erde zurückbleiben und zu Staub werden wird, ebenso wie die großen Gestalten, die so stolz einherschreiten und doch nichts anderes in sich bergen wie der arme Zwerg. Wäre ich jenen gleich in der äußerlichen irdischen Gestalt, welche vor Gott nichts wert ist – dann würdet Ihr auch mich lieben, wie ich Euch liebe und lieben muß und nicht Jenem würdet Ihr Euer Herz schenken, der Euch dennoch nicht treu sein wird wie ich.« »Piccolo,« rief Lucretia zornig errötend, »du bist ein Narr, mehr als ein Narr, ein Unverschämter – du verdienst, daß ich dich peitschen ließe zur Strafe für solche Worte!« »Thut es,« rief der Zwerg mit bitterem Lachen, »Ihr habt ja die Macht dazu, weil ich klein und schwach bin, aber doch bin ich besser als jener, der des Geschenks Eurer Liebe nicht wert ist.« Sie blickte drohend in das leidenschaftlich erregte Gesicht des Zwergs, ein heftiges niederschmetterndes Wort schien auf ihren Lippen zu schweben. Dann aber schimmerte wehmütiges Mitleid aus ihren Augen, sie winkte Piccolo zu sich heran und sagte sanft: »Ich verachte dich nicht, du weißt es wohl, wegen deiner kleinen Gestalt und ich glaube an deine treue Ergebenheit, aber du hast unrecht, diejenigen zu beneiden und zu hassen, denen der Zufall reichere Gaben gewährt als dir und der edle Cosimo Rucellai hat dir niemals Böses gethan, dich niemals verspottet, warum willst du ihn hassen, warum sprichst du so schlecht von ihm?« Der Zwerg blickte finster zu Boden. Dann schlug er seine kleinen Augen mit einem wunderbar innigen, schmerzvollen Blick zu ihr auf. »Ich hasse ihn,« sagte er, »weil Ihr ihn liebt!« Sie lächelte mit einem Ausdruck, bei dem sich das Gesicht des Kleinen noch mehr verdüsterte. »Und wolltest du mir,« fragte sie mit neckendem Ton, als ob sie dem Gespräch eine scherzhafte Wendung geben wollte, »nicht gewähren, was doch der ärmsten Bäuerin gegeben ist, wie den Töchtern der Fürsten und Könige – und warum meinst du denn, daß ich diesen gerade nicht lieben sollte? Wäre er's nicht, so wäre es ein anderer – meine Schwester denkt doch lange daran, mir einen Gemahl zu suchen« »Mag sie's thun,« rief Piccolo, »mag sie Euch einen Fürsten finden, der eine Krone auf Euer Haupt setzt, er wird Euch Glanz und Ehre bringen und Euer stolzes Herz erfreuen und ich werde Euch dienen, wie ich Euch jetzt diene; aber diesen hier, diesen liebt Ihr, ich weiß es, ich habe es in Euern Augen gelesen, wenn Ihr ihn anseht, in dem Erröten Eurer Wangen, wenn sein Name genannt wird und Ihr seine Schritte hört. – Nicht seine Herrin seid Ihr, er ist Euer Gebieter, vor dem Ihr demütig in den Staub sinkt – das zerreißt mir das Herz, denn kein anderer soll auf Euch herabblicken dürfen, zu der mein armes einsames Herz anbetend sich wendet, wie zu einer Heiligen des Himmels – er nicht, der eine andere vor Euch geliebt hat, wie mir die Diener hier erzählt haben, ihm könnt Ihr nicht Alles sein auf Erden, er wird auch nach Euch eine andere lieben können und Euch vergessen wie jene, die er vor Euch geliebt hat! – Der arme Piccolo aber würde dann nur mit Euch sterben können, da er es ja nicht vermag, das Schwert zu führen, um Euch zu rächen.« Lucretia war erbleicht. Sie stützte den Kopf in die Hände. »Eine andere nach mir lieben und mich vergessen, wie er jene vergaß« – flüsterte sie leise, »und hat er sie vergessen?« In finsteres Grübeln versunken faß sie eine Zeitlang da. Dann aber schüttelte sie den Kopf und sagte mit stolz aufleuchtendem Blick: »Er wird, er muß sie vergessen. Kann sie ihn lieben wie ich – kann die Flamme ihrer Liebe ihm voranleuchten auf dem Wege zum Heldenruhm? Sie wird einen anderen finden, an dessen Seite sie auf dem glatten ebenen Weg des ruhigen Lebens dahinzieht. – Komm her, Piccolo,« sagte sie, freundlich den Zwerg zu sich heranwinkend und ihm die Hand reichend, »du weißt, daß ich dich nicht verspotte wegen deiner kleinen Gestalt, daß ich die Menschenseele, die Gott dir eingehaucht, in dir achte und ehre und dein treues Herz wert halte.« »Das weiß ich,« rief Piccolo, auf die Knie niedersinkend, »das weiß ich, meine edle Herrin.« »Und darum,« fiel sie ernst ein, »mußt du mir dankbar sein und zu mir stehen in dieser falschen Welt. Wenn du meinst, daß ich Cosimo liebe, der doch niemals dich verspottet hat, so darfst du gewiß sein, daß er den Menschen in dir achtet, wie ich. Wenn ich ihn liebe, so wird er mein Herr sein und einen Unwürdigen liebe ich nicht, und dann, mein guter Piccolo, muß er auch dein Herr sein, du mußt ihm gehorchen wie mir und ihm die Treue halten in deinem ganzen Leben, – Versprich mir das und ich gelobe dir, daß du unser Freund sein sollst vor allen anderen, die sich erhaben denken über dich in ihrer Kraft und Schönheit, unter der sich doch keine Seele birgt wie die deine.« Der Zwerg blickte zu ihr auf, sein Gesicht zuckte in gewaltigem inneren Kampf, aber unter ihrem Blick gebannt beugte er sich auf ihre Hand nieder und sagte mit thränenschwerer Stimme: »Ich gelobe es, meine edle Herrin! Kann denn der arme, kleine Piccolo Eurem Gebot ungehorsam sein? – Ich will ihm gehorchen, ich will ihm treu sein und Gott bitten, daß er niemals Eure Liebe verraten möge!« Sie zuckte zusammen, als sie den heißen Kuß seiner Lippen auf ihrer Hand fühlte, als ob sie vor seiner Berührung sich entsetzte; aber nur langsam zog sie ihre Hand zurück, strich freundlich über sein krauses Haar und lehnte sich dann wieder in die Kissen ihres Divans zurück, indem sie wie träumerisch lächelnd die Saiten ihrer Mandoline erklingen ließ. Piccolo aber sprang schnell auf und eilte, sein von Thränen überströmtes Gesicht von ihr abwendend, hinaus. XIX. Lorenzo hatte sich trotz der Vorbereitungen zum Kriege alle Mühe gegeben, um dennoch eine freundliche Ausgleichung zu finden, da er die schweren Lasten, welche ein Krieg unter allen Umständen der Republik auferlegen mußte, vollkommen würdigte und sehr wohl wußte, wie leicht die Volksgunst, die ihm jetzt zujubelte, sich unter dem Druck solcher Lasten von ihm abwenden könnte. Er hatte dem Grafen Girolamo auf dessen Vermittelungsanerbieten freundlich geantwortet, er hatte den Kardinal Mario freigegeben und dieser hatte bei seiner Rückkehr nach Rom selbst für die Verständigung gewirkt. Auch die unter Borgias und Estoutevilles Einfluß stehenden Mitglieder des heiligen Kollegiums waren im gleichen Sinne thätig gewesen, aber die Feinde der florentinischen Republik, unter denen der König von Neapel trotz seiner äußerlich vermittelnden Haltung nicht zu den Geringsten zählte, hatte immer mehr den Zorn des Papstes gereizt, der durch den Widerspruch einzelner Kardinale immer noch tiefer erbittert wurde und eine absolute Unterwerfung Lorenzos verlangte, zu welcher dieser sich nicht verstehen wollte und konnte, ohne sein Ansehen und seine Stellung in seiner Vaterstadt auf das äußerste zu gefährden. So wurde denn am 1. Juni des Jahres 1478 der Bann gegen Lorenzo in den schärfsten Formen ausgesprochen, unter Aufzählung aller Vorwürfe, welche die römische Curie der florentinischen Republik und ihrem Leiter machen zu dürfen glaubte. In den Bann waren eingeschlossen der Gonfaloniere, die Mitglieder des hohen Rats, die ganze Familie der Medici und alle, welche sich in Freundschafts- und Verwandtschaftsbeziehungen zu dem Haufe der Medici befanden und dieselben nicht sofort lösten. An die Signorie war ein in versöhnlicherem Ton gehaltenes päpstliches Schreiben gerichtet, in welchem Sixtus erklärte, daß er der Republik seine Gnade bewahren wolle, wenn sie ihm Lorenzo de Medici sogleich persönlich ausliefere, geschähe dies nicht, so würden alle Florentiner als Majestätsverbrecher und Kirchenschänder ebenfalls dem Bann verfallen. Damit war der Krieg erklärt. Von diesem Augenblicke an stellte sich auch der König von Neapel offen auf die Seite des Papstes und sendete seinen ältesten Sohn den Herzog von Calabrien, der nach militärischem Ruhme dürstete, nach Rom ab, um mit einer starken Truppenmacht sich zur Verfügung des Papstes zu stellen. Der Herzog von Urbino als Generalkapitän der Kirche, erhielt im Verein mit dem Herzog von Calabrien den Oberbefehl über die päpstlichen Heere, welche sogleich aufbrachen, um von Siena aus die militärischen Operationen zu beginnen. Aber auch Florenz hatte seine Bundesgenossen. Von Mailand war wenigstens keine Feindseligkeit zu erwarten. Der Herzog Ercole von Este war an der Spitze einer stattlichen Truppenmacht persönlich erschienen, Giovanni Bentivoglio kam mit Bolognesischen Hülfstruppen, Giovanni Emo brachte die Zusage Venedigs, treu an dem Bündnis festzuhalten und Ludwig XI. von Frankreich nahm eine scharfe Stellung gegen den Papst ein. – Ganz Florenz wurde befestigt und verproviantiert, die Stadt glich einem Kriegslager; das vereinigte Heer, das durch Anwerbungen in der Lombardei verstärkt war, stand unter den Befehlen des Herzogs Ercole von Este, des Grafen Nicolo Orsini von Petiligiano und des Rodolfo Gonzaga von Mantua. Die venetianischen Hülfstruppen führte Galëotto Pico de Mirandela heran und täglich wurden Übungen vorgenommen, um die Truppen zum Kriege vorzubereiten, während Lorenzo mit glänzender Gastfreundschaft die fremden Fürsten und Hauptleute bewirtete. Noch eine Hilfe, die nicht zu unterschätzen war, kam der bedrängten Republik. Der Papst hatte gleichzeitig mit dem Bann gegen Lorenzo scharfe Zensuren gegen den gesamten Klerus der Republik ausgesprochen, weil derselbe sich nicht entschieden genug den Übergriffen der weltlichen Macht entgegengestellt hatte; die Florentinische Geistlichkeit fühlte sich dadurch in ihrer priesterlichen Würde wie in ihrem Vaterlandsgefühl verletzt. Unter der Führung fast sämtlicher Bischöfe trat eine Synode in der Kirche Santa Maria del Fiore zusammen und erließ ein von der Hand des Gentile Becchi abgefaßtes Schreiben an den Papst, in welchem alle Beschuldigungen desselben in schroffster Weise zurückgewiesen wurden. Die Synode erklärte, daß sie den Bannspruch als ungerecht und den Thatsachen nicht entsprechend betrachte und es verweigere, die von ihm Betroffenen als aus der Kirche gestoßen anzusehen und zu behandeln, sie verlangte die Berufung an ein einzuberufendes italienisches Konzil. Diese Erklärung hatte die geistlichen Waffen, welche der römische Hof gegen Lorenzo und seine Freunde gerichtet, wesentlich abgestumpft, wenn nicht ganz gebrochen, und den Widerstand der Republik gegen den Papst auch bei dem streng kirchlich gesinnten Teil des Volkes als gerechtfertigt hingestellt. Sixtus war natürlich durch diese Auflehnung des Klerus gegen seinen Willen noch tiefer erbittert und sendete ein eigenhändiges Schreiben an den auf dem Marsche befindlichen Herzog von Urbino mit dem Befehl, seine kriegerischen Operationen zu beschleunigen und alles aufzubieten, um die rebellische Republik niederzuwerfen. Auch der Aufbruch der florentinischen Armee nach Urbino und Siena hin, von wo aus die ersten Angriffe zu erwarten waren, wurden beschleunigt und an einem sonnigen Julimorgen standen die Truppen, welche in Florenz selbst einquartiert waren, in glänzender Ausrüstung vor dem Palast der Signorie, in welchem der hohe Rat versammelt war, um die verbündeten Heerführer feierlich zu verabschieden. Lorenzo de Medici führte den Herzog Ercole von Este und die übrigen Führer der Hilfstruppen, sowie die Gesandten der verbündeten Staaten in den Saal. Die Mitglieder der Signorie erhoben sich von ihren Sitzen. Der Gonfaloniere trat den Verbündeten der Republik entgegen und sprach ihnen in kurzen kräftigen Worten den Dank für ihre Treue und Freundschaft aus. »Das ganze große italienische Vaterland,« so schloß er, »wird von unserem Siege den Gewinn haben, Italien wird frei werden von den Übergriffen der geistigen Herrschaft, welche die Entwickelung des Volkslebens und der Volkskraft lähmen und eindämmen und die Kirche selbst, gegen welche wir uns trotz dieses beklagenswerten Kampfes aufrichtiger Verehrung und Ergebenheit rühmen dürfen, wird uns vielleicht später Dank wissen, daß wir sie auf das unbestreitbar ihr gebührende Gebiet zurückgewiesen haben, auf welchem sie allein die Segnungen des Christentums den Völkern zuführen kann. – Darum wünschen wir und erflehen den Sieg für unsere Waffen und er wird den erleuchteten Führern unserer tapferen Truppen nicht fehlen.« Der älteste der ebenfalls anwesenden Bischöfe sprach ein Gebet, in welchem er für die Sache des Rechts und der Wahrheit den Schutz des Himmels anflehte und um Gottes Erleuchtung für den Papst bat, damit dieser die Unwahrheit der ihm von den Feinden des Vaterlandes und der Kirche selbst zugetragenen Verleumdungen erkennen möge. Nach diesem feierlichen Abschied wollten die Fürsten und Heerführer den Saal verlassen, Lorenzo aber bat sie, noch einen Augenblick zu bleiben und sprach, in die Mitte der Versammlung tretend mit bewegter Stimme: »Edler Gonfaloniere und Ihr Herren vom hohen Rat, ich Habe Euch in dieser ernsten Stunde vor den Vertretern unserer erlauchten Bundesgenossen ein ebenso ernstes Wort aus aufrichtigem Herzen zu sagen. Ein schwerer Krieg soll beginnen, der, wie er sich auch wenden möge, viel Blut und harte Opfer kosten wird. Nach der Erklärung des Papstes soll dieser Krieg geführt werden um meiner Person willen und alle Opfer, die das Vaterland bedrohen, können erspart werden, wenn Ihr mich dem römischen Hof ausliefert, der nur in mir seinen Feind erblickt und Euch, wenn Ihr mich preisgebt, die Hand zum Frieden bieten will. Eine solche Verantwortung lastet schwer auf mir und ich bitte Euch, auf mich, den einzelnen Bürger, keine Rücksicht zu nehmen. Ich stelle mich Euch zur Verfügung und werde keinem von Euch einen Vorwurf machen, wenn Ihr mich, der Forderung des Papstes gehorchend, meinen Feinden ausliefert, die dann nicht mehr die Euren sein werden. Ich werde, wenn Ihr solches beschließt, mein Schicksal mit freudiger Ergebung tragen und stolz sein, mein Leben, das nur dem Vaterlande gehört hat, für das Wohl und den Frieden des Vaterlandes hinzugeben, wie das Blut meines Bruders Giuliano für das Vaterland geflossen ist.« Heftig unterbrach ihn der Gonfaloniere: »Fast möcht' ich Euch zürnen, erlauchter Lorenzo, daß Ihr Worte zu uns zu sprechen wagt, die uns eine Niedrigkeit und einen Verrat am Vaterlande zumuten. Niemals wird geschehen was Ihr in edler Selbstverleugnung von uns verlangt! Eure Feinde sind unsere Feinde, hinter Euch steht das ganze Vaterland, Eure Ehre ist die unsere und wenn wir Euch feige ausliefern wollten, so werden unsere tückischen und heuchlerischen Feinde nur um so siegesgewisser auch unser Recht und unsere Freiheit zertreten. Das ist meine Antwort und sie ist den Herren hier und dem ganzen Volke aus der Seele gesprochen und Kraft meines Amtes verbiete ich Euch, jemals wieder ein solches Wort, wie wir es eben von Euch gehört, zu sprechen!« Er umarmte Lorenzo. Dann rief er, seinen Degen ziehend und hoch emporstreckend: »Es lebe der erste und edelste Bürger der Republik und des ganzen italienischen Vaterlandes, der erlauchte Lorenzo de' Medici! – Er und sein Haus sollen immerdar untrennbar verbunden bleiben mit der Republik und allen ihren Verbündeten!« Die sämtlichen Herren der Signorie zogen ihre Degen und streckten sie zum Schwur empor. Mit lautem Ruf, dem sich die Fremden anschlössen, stimmten sie dem Gonfaloniere zu und ihre Stimmen klangen durch die Fenster auf den Platz hinaus. Das Volk, das die aufmarschierten Soldaten umgab, stimmte in den Jubel ein und alle einzelnen Mitglieder des hohen Rats traten zu Lorenzo heran, um ihm die Hand zu drücken und den Schwur ihrer Treue zu wiederholen. Lorenzos Augen füllten sich mit Thränen, aber stolz richtete er sich auf und sprach zu den Fremden: »Ihr seht es, erlauchte Herren, das Opfer, das ich willfährigen Herzens geboten, ist zurückgewiesen. – Ich freue mich dessen in dankbarem Stolz, denn ich bin mir bewußt, mit dem Vaterlande eins zu sein und meinen Willen und meine Kraft nur ihm zu weihen. So muß ich denn auf der Stelle bleiben, auf welche das Vertrauen meiner Mitbürger mich gestellt hat und ich werde auf derselben ausharren in unermüdlicher Arbeit, so lange noch ein Tropfen Blut in meinen Adern und ein Atemzug in meiner Brust vorhanden ist.« Auch der Herzog Ercole und Bentivoglio umarmten Lorenzo, die übrigen Führer drückten ihm ehrerbietig die Hand und die Bischöfe grüßten ihn mit segnenden Zeichen des Kreuzes. Dann stiegen die Führer herab, um sich an die Spitze der Truppen zu stellen und Lorenzo trat an der Seite des Gonfaloniere auf den Balkon des Palastes. Cosimo hatte, während dies im Saale des hohen Rats vorging, von den Seinigen Abschied genommen und war dann schnell zu Lucretia geeilt, um auch ihr, die sein Herz mit Zaubermacht beherrschte und ihn immer mehr zu hohem Streben nach Ruhm und Ehre begeisterte, ein letztes Lebewohl zu sagen. Sie war in leuchtende Farben gekleidet, mit Edelsteinen geschmückt und erschien ihm schöner, als er sie je vorher gesehen. Als er ihre Hände küßte und mit schmerzlich bewegtem Blick zu ihr aufsah, sagte sie lächelnd: »Ihr sollt nicht trübe blicken, mein geliebter Freund, wie ein schwacher Knabe, der den Abschied von einer freundlichen Gewohnheit scheut. – Eine solche Gewohnheit darf ich und will ich Euch nicht sein, nicht der schüchterne Cosimino sollt Ihr mehr bleiben, wie die Eurigen Euch tändelnd nannten, aufstreben sollt Ihr nun zu dem erlauchten Cosimo, Euerem Ahnherrn, die Proben sollt ihr ablegen ritterlicher Kraft und ritterlichen Mutes und in solchem Augenblick darf keine Wehmut des Abschiedes Euch beherrschen. – Und ist es ein Abschied? Nein, tausendmal nein!« rief sie mit flammend aufleuchtenden Augen. »Wohl geht Ihr fort von mir, aber getrennt werden wir nicht sein – bin ich nicht Eure Freundin mit dem Geiste ebenso sehr und mehr noch als mit dem Herzen – und muß der starke, kühne Geist, der uns die Gottesähnlichkeit giebt, nicht Herr sein über das schwache irdische Herz? Ich, mein geliebter Freund, fühle keinen Schmerz der Trennung, im Geist werde ich bei Euch sein und Euch folgen auf der Bahn des Ruhmes und der Ehre. Ohne Ruhm und Ehre und stolze Kraft ist der Mann nichts unter seinesgleichen, noch weniger vor einer Frau, die sich danach sehnt, ihn als ihren Herrn und Gebieter über sich zu erblicken. Ihr werdet, Ihr müßt es fühlen, daß mein Geist mit Euch ist, wenn Ihr vorstürmt zum Siege, der die Lorbeeren um Euer Haupt flechten soll. Hier« fuhr sie fort, eine neben ihr liegende Schärpe von blauer Seide mit goldenen Franzen ihm über die Schultern hängend und auf dem blinkenden Stahlharnisch ordnend, »nehmt dieses Feldzeichen, es trägt meine Farben – es soll Euch daran erinnern, daß ich bei Euch bin und im Geist ein Gebet für Euern Sieg zum Himmel sende.« Er küßte ihre Hände und sagte wie zögernd mit einem leichten Seufzer: »Und wenn man Euch diese Feldbinde zurückbringt mit meinem Blut gefärbt – als einen letzten Gruß?« Noch heller flammten ihre Augen auf. »Dann,« rief sie, »wird der Lorbeer sie schmücken und mein Stolz über Euren Ruhm wird mächtiger sein, als der Schmerz um eine kurze irdische Trennung! – Dies edle Zeichen wird dann das Heiligtum meines Lebens sein, das Euch dennoch gehören wird, bis wir uns wieder vereinigen und Euer Name wird um so inbrünstiger von meinen Lippen klingen.« »Ihr habt recht,« rief er, sich stolz aufrichtend, »fort mit der knabenhaften Wehmut, – Ihr habt mich zum Manne gemacht und der Mann soll Eurer wert sein.« Sie umschlang ihn mit ihren Armen und drückte einen heißen Kuß auf seine Lippen. »Fort,« rief sie dann, »fort – ich höre die Trompeten, nach diesem Abschied darf kein mattes Wort mehr unsern Geist beugen und unsere Herzen erschlaffen.« Noch einmal drückte er sie an sich. Dann ging er, schnell sich umwendend, hinaus. Im Vorzimmer fand er den Zwerg. Mit einem Ernst, der sein faltiges Gesicht verschönte, reichte der kleine Piccolo ihm die Hand. »Lebt wohl, edler Herr,« sagte er mit thränenden Augen, »ich werde meiner Herrin von Euch sprechen und Gott bitten, daß er Euch den Sieg verleihe.« Kräftig drückte Cosimo des Zwerges magere Hand. Dann eilte er davon, schwang sich in den Sattel und kam gerade vor dem Palast der Signorie an, als die Heerführer herabstiegen, um sich an die Spitze der ausrückenden Truppen zu stellen. Cosimo ritt an der Seite des Herzogs Ercole, dem er von Lorenzo beigegeben war. Der Herzog sprengte in seiner glänzenden Waffenrüstung, mit dem wehenden weißen Federbusch auf dem vergoldeten Helm, voran; hell schmetterten die Fanfaren und die Truppen setzten sich in Marsch, während Lorenzo und der Gonfaloniere vom Balkon herab grüßten und das Volk ringsum in begeistertem Jubel sein »Palle, Palle« erschallen ließ. – – – Lorenzo war nach dem Ausmarsch der Truppen, von der Menge begleitet, nach dem Mediceischen Palast zurückgekehrt. Inmitten des jubelnden Volkes schritt ein Dominikaner, dessen Gesicht unter der Kapuze seiner Ordenstracht fast verborgen war. Auch er trat in den Palast und wurde auf seine Meldung sofort in Lorenzos Kabinett geführt. Er schlug die Kapuze zurück. Lorenzo erblickte das bleiche Gesicht Savonarolas, der leicht den Kopf neigte und sprach: »Der hochwürdige Prior, der bei dem drohenden Kriege sich mit den übrigen Brüdern in eine entlegenere, von der Unruhe weniger bedrängte Gegend zurückzuziehen beabsichtigt, hat mir den Befehl erteilt, hierher zu gehen und mich zu Eurer Verfügung zu stellen.« »Ich bin dem Prior dankbar,« erwiderte Lorenzo, »daß er meine Bitte erfüllt und sich in dieser schweren Zeit als meinen Freund bewiesen hat. Ihr kommt zu rechter Zeit, ehrwürdiger Bruder und von Herzen heiße ich Euch willkommen. Ihr habt gesehen, daß unsere Truppen ausrücken zum Kampf mit dem Schwert, aber die Macht, die wir bekämpfen wollen, richtet gegen uns nicht nur die Spitze des Schwertes, sondern auch die Waffen des Geistes, eines finsteren, verderblichen Geistes der Lüge – und auch diese Waffen gilt es zu bekämpfen und zu besiegen im Geiste der Wahrheit und der Freiheit. Dazu, mein ehrwürdiger Bruder, sollt Ihr mein Bundesgenosse sein, dazu biete ich Euch die Hand und Eures Wortes Schärfe wird ebenso schwer wiegen in der Wagschale des Sieges, als die Schwerter meiner ritterlichen Verbündeten. Zieht aus und predigt dem Volk die Lehre, die Ihr oft schon verkündet, die Lehre von der rechten und einigen christlichen Kirche, welche, von aller weltlichen Herrschsucht und Habgier frei, im Geist und in der Wahrheit ihr Reich aufrichtet und in der Freiheit die Völker zur Liebe und Demut führt.« Er streckte Savonarola seine Hand entgegen. Dieser schien es nicht zu bemerken und antwortete ernst und kalt: »Ihr dürft auf mich zählen, Lorenzo de Medici, Eure Feinde sind die meinen, weil sie die Feinde Gottes und der wahren Kirche sind und ich werde mein Wort erklingen lassen überall, so scharf und noch schärfer, als die Lanzen Eurer Heere, um das Volk zu überzeugen, daß, die römische Anmaßung und Herrschsucht der bitterste Feind der Freiheit und des wahren christlichen Glaubens ist. Doch darum,« fuhr er fort, eine Erwiderung Lorenzos mit erhobener Hand abwehrend, »darum bin ich Euer Freund nicht , Lorenzo de' Medici, denn auch Ihr unterdrückt die Freiheit des Volkes, dem Ihr in heuchlerischer Falschheit schmeichelt und Ihr bekämpft die Macht und den Ehrgeiz des Papstes nur darum, weil er Eure Macht beschränken und Euern Ehrgeiz beugen will. Das Volk, das einer gereinigten, in Haupt und Gliedern gebesserten Kirche bedarf, wird bei Eurem Kriege nichts gewinnen, als daß seine schlimmsten Feinde sich einander aufreiben und den großen Kampf um die Freiheit der Kirche um so leichter machen. Die weltliche Tyrannei und die geistliche sind Früchte aus der Drachensaat des Jason, die sich untereinander vertilgen müssen, um den Acker freizumachen für die Saat des Evangeliums.« Lorenzo schüttelte traurig den Kopf. »Ihr verkennt mich, ehrwürdiger Bruder,« sagte er, »bin ich nicht Bürger der Republik und nur der erste Diener des freien Volks, das mir die Macht, über die ich gebiete, gegeben hat und sie mir nach seinem Gefallen wieder nehmen kann?« Savonarola schüttelte finster den Kopf. »Ein Diener wie Ihr,« sagte er, »ist der Herr und neben ihm kann die Freiheit keine Wurzeln mehr schlagen und keine Früchte bringen.« »Wir werden uns verstehen,« sagte Lorenzo fast bittend, »ruht Euch aus in meinem Hause, ehrwürdiger Bruder, wir werden Zeit finden uns auszusprechen...« »Ich bedarf keiner Ruhe,« erwiderte Savonarola, »und die Zeit ist zu kostbar, um sie mit leeren Worten zu verschwenden. – Unsere Reden werden verloren sein, denn Ihr werdet mir nicht recht geben – und ich werde Euch nicht glauben. Gebt mir einen Befehl von Eurer Hand, daß Eure Truppen mich auf meinem Wege nicht stören, anderes verlange ich nicht – für jetzt haben wir ja denselben Feind.« Lorenzo stand einen Augenblick sinnend, dann setzte er sich an seinen Schreibtisch, schrieb einige Zeilen und drückte sein Siegel neben die Unterschrift. »Hier,« sagte er, Savonarola das Blatt reichend, »wenn Ihr dies vorzeigt, werden alle Truppen Euch unbelästigt ziehen lassen und Euch beschützen, wo es Not thut. Wenn Gott uns den Sieg giebt, so kehret zu mir zurück – wir werden dennoch Freunde werden.« Savonarola schüttelte den Kopf, steckte das Papier in die Kutte und ging mit kaltem Gruß hinaus. Lorenzo sah ihm eine Zeitlang schweigend nach. »Der Kampf beginnt,« sagte er, »der Ausgang steht in Gottes Hand. Ich habe gethan, was möglich war, um den Sieg zu erringen – unsere Truppenmacht ist stark und dem Feinde gewachsen, und die geistige Waffenmacht, die ich mit diesem Mönch aussende gegen den hochmütigen Hohenpriester der Kirche, der sich den Statthalter Christi nennt und das Kreuz des heiligen Opfers zum Szepter der Weltherrschaft machen möchte, wird nicht minder wirksam in dem begonnenen Kampfe sein.« »Und wenn der Sieg gewonnen wird,« sprach er, den Kopf auf, die Brust neigend, »dann wird die Abrechnung kommen mit den Verbündeten und sie wird schwerer vielleicht noch sein mit den geistigen Mächten, als mit den Verbündeten des Schwertes. Wird dann das entfesselte Volk nicht in roher Willkür alles Erhabene zertrümmern und alles Heilige in den Staub ziehen?« Lange stand er sinnend da. Dann richtete er das Haupt auf und rief mit hell aufleuchtenden Augen: »Was da kommen wird, liegt nicht in meiner, liegt in keines Menschen Hand, eines aber weiß ich, daß der Bau der Kirche gereinigt werden muß und gereinigt werden wird von allem irdischen Wollen und Wünschen, wie der Heiland die Makler und Verkäufer aus dem Tempel trieb, – daß die Kirche verbessert und umgestaltet werden muß in Haupt und Gliedern, um des heiligen Blutes Christi würdige Hüterin zu werden. Und das Vaterland, mein teures italienisches Vaterland, wird frei werden von der Tyrannei der römischen Herrschaft, welche statt des Kreuzes das Schwert führen will und höher hinaufgreift in ihrem hochmütigen Ehrgeiz als die Cäsaren der Vorzeit. Nach diesen Zielen alle Wege zu richten, das ist die Pflicht des einzelnen irdischen Menschen – wann und wie es erreicht wird, das liegt in der Hand der unerforschlichen Allmacht, welche die heiligen und unabänderlichen Ziele der Weltgeschichte gesteckt hat und ihnen nach ihrem Ratschluß die Menschheit zuführt.« Er beugte das Knie vor dem an der Wand seines Zimmers hängenden Christusbild und faltete in stummem Gebet die Hände, während von fern her die Trompeten der davonziehenden Truppen herüberklangen.