Die Mühle zu Husterloh Roman von Adam Karrillon     Berlin G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung 1906     1. Kapitel Hans Höhrle war in der Tat ein richtiges »Röhrle«. Denkt ihr, es wäre ihm eingefallen, auf die Welt zu kommen, als seine guten Eltern ihn mit Fug und Recht erwarten konnten? Kein Gedanke daran. Er schickte seine Schwester Suse voraus in den Kampf ums Dasein. Er selber blieb in der Reserve. Mochte Suse einstweilen wachsen und groß werden, damit sie ihn warten und pflegen könne, wenn es ihm gefällig wäre, sich in die Welt hineinzubemühen. Es verstrichen einige Jahre, ohne daß Hans Höhrle auch nur das geringste tat, um sich eine Existenz zu gründen. Schon in seiner Keimzelle lag ein bedauerlicher Beharrungstrieb. So überholte ihn auch seine Schwester Liese, und beide Mädchen waren schon ziemlich erwachsen, als der lang Erwartete endlich kam. Man badete ihn, was er geduldig hinnahm, setzte ihm eine feine Spitzenhaube mit rosa Schleifchen auf und legte ihn in einer blitzblanken Wiege unter eine Federwolke, die von rot und weiß gewürfeltem Barchent zusammengehalten war. Hans hielt die Augen geschlossen und schlief sorglos weiter, 2 als ob mit ihm gar kein Ortswechsel vorgegangen wäre und als ob er nicht die Verpflichtung hätte, seine neue Umgebung mit einem herablassenden Lächeln zu begrüßen. Sein Atem ging ruhig, nur zuweilen trat eine kleine weiße Blase zwischen seine Lippen und ruhte da auf rosigem Grunde wie eine Perle in der Muschel. Die ganze Familie war um das Bettchen versammelt, zwei zur Rechten, zwei zur Linken, Hans Höhrle in der Mitte. Er war ein goldiger Junge, das fühlten alle, aber Suschen fand zuerst die Sprache. »Er ist zum Anbeißen,« sagte sie. Erschrocken fuhr Lieschen zusammen und beugte sich mit ihrem Oberkörper über den Schläfer, als ob sie ihn gegen das menschenfresserische Gelüste ihrer Schwester schützen müsse. Der Vater Höhrle hatte sich endlich satt gesehen. Er drehte sich um, aber seine Gedanken weilten doch bei dem Kinde. Seine Blicke schweiften durch das Fenster. Vor dem Hause schäumte von den Mühlenrädern nieder sein bester Knecht, der forellenreiche Olfenbach. An dessen Ufern hin streckte sich die Nährmutter seines Viehes, die saftgrüne Wiese. Drüben auf dem ansteigenden Pfade, der sich in den Tannenwald verkroch, ging bedächtig ein Trupp schwerbeladener Esel, die das Mehl nach den Bäuernhöfen trugen und das Korn wieder nach der Mühle zurückbrachten. Lustig und taktfest klapperten die Stühle, und wenn der Korntrichter leer war, so schellten sie den Mahlknecht herbei, als ob sie nun einmal ohne Arbeit nicht leben könnten. Allerlei Reichtum war in der Mühle, 3 nur Pferde gab es nicht. »Pferdverrecken das sind Schrecken« war ein Sprichwort, nach dem der Bauer in damaliger Zeit seinen Betrieb einrichtete, und schließlich hatte man ja die Kraft der bedächtigen Ochsen, um ganze Berge von Erntesegen heimzufahren, wenn auch langsam. Wie war das Glück des Hauses Höhrle so wohlgefügt, so reich, auf so breiter Basis, als ob es die Jahrhunderte überdauern sollte. Speicher und Keller des weit ausladenden Hauses waren wohlgefüllt. Auf Stunden im Umkreis war kein Hof, der sich mit der Mühle von Husterloh messen konnte. Alle Tage überschaute der Müller sein Glück, heute aber fühlte er es, heute, wo der Erbe geboren war seines Namens und seiner Habe. Er wußte jetzt, für wen die Kühe kalbten, für wen der Tannenwald die hellgrünen zarten Sprößlinge trieb. Auf ein weiteres Menschenleben hinaus sah er den Bestand der Dinge gesichert. Ihm war so warm ums Herz, und so schweigsam und verschlossen er sonst auch war, heute mußte er reden. Er schickte die beiden rosenschönen Töchter an irgend eine Arbeit, klopfte sich mit der Hand den Mehlstaub aus den Hosen und setzte sich vorsichtig auf den Rand des breiten Bettes, in dem die Wöchnerin lag. Er war nicht mehr ganz jung. Seine glatt rasierten Backen hingen schon wie müde Flügel eines Zugvogels nieder, und wenn er sprach, so tanzte ein langer Zahn verwegen zwischen seinen Lippen. Er hatte ein demütiges subalternes Gesicht und stach ab gegen die energievolle Erscheinung seiner Frau, deren runde Formen die Bettdecke lüpften und auf deren 4 drallen Backen man wohl eine Erbse zerdrücken konnte. Wer die beiden so nebeneinander sah, konnte leicht erraten, wer der Herr im Hause sei. Vater Höhrle nahm die Hand der Entbundenen und sah ihr mit den demütigen Augen in das breite Antlitz, das auch durch das Weh des Geburtsaktes nichts von seiner Energie verloren hatte. »Mutter«, begann er weitausholend, »sieh doch, was der Junge für kräftige Fäuste hat.« »Was willst du damit sagen«, entgegnete die Angeredete, und ihr Blick nahm dabei etwas Lauerndes an, wie das Auge eines Fechters, der den Hieb erwartet und ihn mit dem Hiebe zu parieren gedenkt. »Nun doch,« fuhr er ruhig fort, »das Haus braucht auch einmal eine kräftigere Faust, als die meinige ist, und der Pflug und die Egge wollen geführt sein.« »Ah,« platzte sie höhnisch heraus, »denkst du, mein Kind soll hinter den Riegelwänden deiner Bude wie die Schwänze deiner Kühe hin- und herpendeln. Daraus wird nichts!« »Willst du das Kind hinaustreiben und in der Ferne finden lassen, was es hier ungesucht haben kann?« »Soll er sich zu einem Gerippe herunterrackern wie du,« schrie sie zornig, »daraus wird nichts. Der Junge studiert und wird ein hochwürdiger Herr, und wenn er's nicht zum Bischof bringt, ein Pfarrer wird er jedenfalls.« »Rege dich nicht auf,« so suchte Vater Höhrle einzulenken. 5 »Du regst mich auf,« warf sie dazwischen. »Du willst nichts an das Kind hängen. Du brauchst es auch nicht. Denkst du, ich hätte umsonst seit Jahren die Milch gewässert; und dann das Geld, das ich in die Ehe gebracht habe. War die Tochter aus dem Hause Schütteldich eines Bettelmannes Kind?« In diesem Augenblick ging die Tür auf, und Röse Ricke, die Hebamme, trat aus der Küche, wo sie ein wenig gelauert hatte, ins Zimmer. Sie kannte also den Gegenstand der Familienkontroverse, schob ihre Brille auf die Stirne und hauchte das hadernde Paar ungefähr folgendermaßen an: »Seid ihr verrückt, ihr Narren? Die Frage ist doch noch gar nicht prinzipiell« – Gott weiß, woher sie das Fremdwort hatte, aber sie hatte es nun einmal und schoß damit bei jeder Gelegenheit gefährlich um sich – »wartet's ab, bis der Junge prinzipiell hinter den Ohren trocken ist. Bis dahin kann noch viel passieren. Es kann ein Erdbeben euer Haus verschlingen. Eine Sintflut kann es in den Neckar schwemmen. Und dann, muß denn jeder etwas werden? Seht, da ist sein Onkel Schütteldich. Bis dato hat er drei Ledersofas zu Schanden gesessen und am vierten hobelt er zur Stunde mit der Kehrseite. Der Junge wird einst der Erbe seines Reichtums sein und dessen, was ihr zusammengeschrappt. Wozu braucht er einmal anderen Leuten die Arbeit wegzustehlen? Ich an seiner Stelle würde mich an jedem Quatemberfasttage einmal waschen und damit paßta!« 6 Vater Höhrle, der wohl ahnte, daß nun das Wasser zweier Beredsamkeitskatarakte ineinander plätschern würde, erhob sich, schlug mit seinem Stulpkäppchen einen Haufen Mücken tot, der auf der Tischplatte an einem Tropfen Milch kneipte, und ging nach seiner Mühle. Jetzt belebte sich die Stube und füllte sich wie ein Jahrmarkt. Nachbarsweiber kamen und brachten in unterschiedlichen Geschirren eine mehr oder minder kräftig ausgefallene Weinsauce, an der die Wöchnerin sich erlaben und stärken sollte. Röse Ricke dirigierte eine Anzahl dieser Töpfe zwischen die Blumenscherben des Fensterbrettes, setzte sich daneben und fing an einzunehmen wie eine Sekundärbahnlokomotive. So kam's, daß sie bereits einen kleinen Affen hatte, als der Doktor ins Zimmer trat. Wäre der Mann eigentlich nötig gewesen? O nein, aber Mutter Höhrle hatte nun einmal einen Stich ins Großartige; sie liebte das Außergewöhnliche, weil sie sich dadurch abheben wollte von der Masse und vor allem von denen, die es weniger machen konnten als sie selber. Der gute, dicke Herr balancierte den Sprößling des Hauses Höhrle auf seiner breiten Hand wie auf einem Nudelbrett, horchte an ihm herum, betrachtete ihn durch seine Brillengläser, und es fehlte nicht viel und er hätte an ihm wie an einem Handschuh die Innenseite nach außen gekehrt. Endlich legte er ihn auf den Tisch mit den Worten: »So einer wird nicht alle Tage geboren. Glücklich der Mann, der zwischen Martini und Fastnacht ein 7 Spanferkel von seinem Gewichte auf dem Tische hat.« Die ganze Korona war hochbefriedigt von dem günstigen Urteil dieses Sachverständigen. Suse und Liese waren froh, daß ihr guter Bruder aus den Bärentatzen des Übermenschen heil und ganz herausgekommen war. Sie machten sich über den Buben her und stritten sich, wer ihn unter Singsang durchs Zimmer tragen dürfe. So war alles in bester Ordnung, und der Arzt hätte seine zwei Zentner Doktorfleisch dem mageren Klepper, der vor der Türe wartete, wieder überantworten können, wenn nicht Röse Ricke wie ein Wegelagerer aus dem Hinterhalt hervorgebrochen wäre. Sie hatte ihre Brille zwischen linkem Daumen und Zeigefinger geklemmt, stemmte, um durch ihre Fläche zu imponieren, die Hände in die Seite und überraschte den Arzt mit der erstaunlichen Frage: »Haben Sie auch gesehen, daß die Haut prinzipiell gerötet ist?« »Sie haben das Kind gebadet,« entgegnete der Angeredete trocken, »und wohl etwas zu heiß. Die Röte kommt von der Wärme,« damit verneigte er sich gegen die Versammlung, bedeckte den Kahlhieb seines Schädels mit einem emeritierten Zylinder und verschwand mit geringschätzigem Lächeln. Röse Ricke versank darob einen Moment in verärgerte Beschämung, aber sie erholte sich rasch und verkündete der erlauchten Versammlung: »Wenn die prinzipielle Röte von den Wörm kommt, so weiß ich Rat. Habt ihr Wurmsamen im Haus?« Man suchte danach. Die weise Frau vermengte ihn sorgfältig mit Latwerg und stopfte das Gemenge dem 8 Kleinen mit rücksichtsloser Gründlichkeit in den Mund. Dabei nahm jedoch nicht alles den richtigen Kurs. Einiges geriet auf ein totes Geleise und blieb auf den Backen hängen, und so kam's, daß Hans Höhrle eine Stunde nach seiner Geburt aussah wie ein Schnautzer, der vom Mäusegraben kommt. 9   2. Kapitel Während der nun zunächst folgenden Jahre erstrahlte scheinbar der Himmel des Höhrleschen Glückes in lachender, wolkenloser Bläue. Der Wald gab sein Holz, das Feld die glänzende Ähre, die Kühe die Milch. Mit Bienenfleiß gingen die Esel aus und ein, die Mühle prägte Geld, von den Hühnern fielen die Eier, von den Bäumen die Äpfel, und es fehlte wenig und selbst der Sägebock auf dem Speicher hätte angefangen zu kälbern. Die Mutter Höhrle baute sich nach der Peripherie aus und glich einer Melone, Suse und Liese zweien Pfirsichen, die zu reifen beginnen. Hans Höhrle hatte den Mund voller Zähne bekommen, die etwas weit auseinanderstanden, woraus Röse Ricke den Schluß zog, daß er prinzipiell weit in der Welt herumkommen würde. Das einzige, was man zu beklagen hatte, war der Verlust des tanzenden Zahnes zwischen den Lippen des Vaters Höhrle. Hatte der Müller vorher das Aussehen eines Pfarramtskandidaten, der mit dreißig Kreuzern Tagesgehalt auskommen muß, so glich er jetzt, wo seine Lippen sich etwas nach innen umkrempelten, mehr und mehr einem gutmütigen Großmütterlein. 10 Allein über die versöhnliche Abendstimmung, die auf diesem alternden Antlitz thronte, zog zuweilen wie Höhenrauch ein Schatten von Sorge. Vater Höhrle, und zwar er allein, sah am äußersten Rande seines Besitzstandes ein Wölkchen sich entwickeln und rasch sich zu Klumpen ballen, und er fürchtete, daß aus diesem jetzt noch so schattenhaften Luftgebilde ein Hagelschauer niederprasseln möchte, der sein Glück vernichten könnte. Weiter unten im Tal, dort wo der Bach kurz vor seiner Mündung in den Fluß noch einmal wie ein zorniger Truthahn seine Federn sträubt und fauchend sich über Felsstücke stürzt, dort im Wiesengrunde fing man an ein Fundament zu graben. Es war die Firma Groß und Moos, eine Gesellschaft mit beschränkter Haftpflicht und unbeschränkter Rücksichtslosigkeit. Bauern, die des Abends in der Mühlstube zu schlafen pflegten und warteten, bis der Mahlgang das als Mehl ausspie, was sie dem Trichter als Korn anvertraut hatten, erzählten umständlich, was man da unten plante. So erfuhr der alte Höhrle die schier unglaubliche Mär, daß man statt des Wassers den Dampf einspannen wolle, die Mühlräder zu treiben. Er konnte es nicht glauben; aber er mißtraute gleichwohl den Veranstaltungen da drunten und den hohen Mauern, die, wie von Geisterhänden gebaut, rasch aus der Erde wuchsen und einen Schornstein wie einen drohenden Finger in die Luft reckten, der ungefähr sagen sollte: »Nehmt euch in acht, es kommt rascher als ihr denkt!« Höhrle verstand und fürchtete die Drohung. Der unheimliche 11 Backsteinkoloß da unten hielt ihn fest in seinem Banne, ja lähmte ihn fast wie das Auge der Kreuzotter den Zaunkönig. Manchmal schon, wenn sich der Abend niedersenkte, war er auf Waldwegen talab gegangen. Er sah, wie sich der Sonnenball in hunderten von Scheiben spiegelte, das fand er erklärlich; aber er wollte fast vor Schreck in die Erde sinken, als das steinerne Ungetüm im Dämmerlicht wie auf einen Zauberschlag von innen heraus zu glühen begann. Was war das? Hatte die Firma Groß und Moos die Sonne gepachtet und hing sie in ihrer Mühle aus, wenn sie den übrigen Sterblichen unterging? Der Bachmüller stand wie angewurzelt in den Haselnußstauden verborgen. Es fror ihn von innen heraus, und als er seine Beine gebrauchen wollte, um nach Hause zu gehen, war es ihm, als ob er sie aus steifem Schusterkleister herausziehen müsse. Auch folgten sie nicht seinem Willen. Sie trugen ihn hin, wohin er nicht wollte. Sie gingen im Dunkeln den moosigen Hang hinunter ins feuchte Gras des Wiesentales, überschritten den Bach, seither seinen Bach, und Höhrle stand nun vor den drahtübersponnenen Fenstern der Maschinenhalle. Aus einer offenen Feuerung schlug ihm die rote Glut eines ganzen Fegefeuers in die Augen. Alles, was diesen Flammenball allenfalls umgeben mochte, gewahrte er nicht. Wer in die Sonne schaut, übersieht die Fliegen. Die Helle nahm des Mannes ganzen Sinn gefangen. Da hörte er, wie eine schwere eiserne Tür mit dem exakten Geräusche eines Pistolenschusses ins Schloß fuhr, und nun mit einem Male kamen in dem hohen 12 weißgetünchten Raume seltsame Dinge zum Vorschein. Ein schwarzer unheimlich auf dem Bauche kriechender Riesenleib hob silberhell glänzende, gigantische Glieder, ließ sie sausend niederfallen, um sie, in tausend Gelenke gebrochen, blitzschnell wieder zu heben. Räder schnurrten scheinbar frei im Raume schwebend mit pfeifendem Zischen durch die Luft; Taue und Riemen drehten sich um unsichtbare Wellen und geigten scheinbar zwecklos in der Luft wie Libellen über einem Sumpf. Bei all dem Lärm und all dem Schnauben mußte das eiserne Ungeheuer doch nicht allzu gefährlich sein; denn Höhrle sah Menschen da drinnen herumlaufen, leibhaftige Menschen mit blauen, ölfleckenglänzenden Hosen, die friedlich aus kurzen Pfeifen rauchten. Einer der rußgeschwärzten Gesellen riß mit einem eisernen Haken die Tür der Feuerung auf, und Höhrle sah wiederum in die brodelnde, funkensprühende Glut. Wiederum versanken alle Gegenstände wie in der Helle eines Weltbrandes. Aber da kam vom Boden aus, langsam sich hebend, eine Schaufel mit einer unförmlich schwarzen Masse mitten in die leuchtende Scheibe. Ein kurzer Ruck, und der rätselhafte Stoff fuhr mit Funkengeknister in den feurig flüssigen Brei. Der Vorgang wiederholte sich ein paarmal, dann fuhr die schwere Eisentür in ihr Schloß und alles im Raum nahm wieder die Gestalt und Form an, die es vorher hatte. Höhrle dachte nach und fand heraus, daß die schwarze Masse die Steinkohle sein könne, von der er irgendwo gelesen hatte, daß sie berufen sei, die Welt umzuformen. Ein Gruseln überkam ihn vor diesem 13 unheimlichen Wechselbalg, der dem Schoß der Erde entsprungen war, um der Mutter Antlitz zu zerkratzen. Was konnte noch alles kommen! Vater Höhrle suchte Hilfe bei Gott und erhob das Auge zum Sternendom. Aber was fand er da? Oben in der klaren stahlblauen Nachtlust da stand wohl einen Kilometer lang und länger ein schwarzes Ungetüm, das den Mond verdeckte und wie in Schmerzen sich krümmend den klumpigen Schlangenleib wandte. Der erschreckte Mann sah genauer hin und entdeckte, daß der schwarze Wurm, der seinem Auge den Blick zum Himmel verlegte und das Tal mit einem stinkenden Brodem füllte, aus dem Riesenschornstein geboren wurde, den Menschenhand aus kleinen Backsteinen zusammengesetzt hatte. Da zum ersten Male verlor er den Respekt vor der Allmacht Gottes, der sich seinen Himmel wie einen Schinken räuchern ließ, und er fing an zu glauben an die Macht der Kohle und des Goldes. Ihn fror. Er bohrte die Fäuste tief in die Taschen seines Rockes, schlug die Absätze in den Straßenkot und senkte den müden Blick dem Boden zu, das Herz so schwer, das Herz so bang. Aber was gewahrte er da? Wie ein Notenblatt sah die Straße aus mit ihren in steifem Kote stehenden Wagenspuren. Das war ja die reine Verkehrsstatistik der Firma Groß und Moos. Was wollten ihr gegenüber die paar Hufspuren der Esel besagen, die hier und da wie Notenköpfe eingezeichnet waren. Höhrle versuchte mit geschlossenen Lidern weiterzulaufen. Doch ihn zwang die Angst, zuweilen sich umzusehen. 14 Ihm war, als ob der schwarze Wurm da oben in den Lüften ihm nachkriechen und nach ihm schnappen könne, und er nahm mit Eifer den Weg zwischen die Beine. Als er aber in den Wiesenpfad nach seiner Mühle einschwenkte, wurde er ruhiger. Das schier melodische Klappern, das nun an sein Ohr drang, und der Schimmer des Öllampenlichtes zwischen dem Blattwerk des Erlengebüsches senkten ihren Frieden in sein Herz und gaben ihm wieder Sicherheit. Ohne eines von den Seinen aufzusuchen, ging er in sein Bett. Doch schlafen konnte er nicht. Er zog sich an, stieg die Treppe hinunter, und trat zu ebener Erde in den Raum ein, wo die Bauernkundschaft schlief oder Karten spielte, um sich die Zeit zu vertreiben. Von dem mehlbestaubten Balkenwerke der Decke pendelte die Laterne nieder und warf wandernde Lichter auf ein halbes Dutzend kräftiger Gestalten, die auf Spreusäcken am Boden lagen oder saßen. »Grüß Gott«, rief Vater Höhrle zwischen das Geklapper der Mahlstühle hinein. »Grüß Gott,« tönte es vielstimmig zurück, und eine Anzahl Männer richtete die Köpfe in die Höhe, zum Zeichen, daß sie geneigt seien, sich in eine Unterhaltung einzulassen. »Woher zu dieser Stunde, Vater Höhrle?« rief eine Stimme aus dem Hintergrund. »Habt Ihr Euch beim Kartenspiel verspätet?« »Das nicht, ich war im unteren Tale.« »Und habt die Mühle von Groß und Moos 15 angesehen? Ich denke, Ihr besinnt Euch und verkauft beizeiten Eure Spreusäcke, Vater Höhrle, denn in ein paar Jahren liegt Euch hier kein Bauer mehr herum!« »Und versäumt seine Zeit,« rief eine boshafte Stimme. »Wer drunten Korn ablädt, braucht nur den Wagen zu wenden, und er kann mit seinem Mehle wieder von dannen fahren.« »Nehmt Euch in acht, Müller,« sagte ein anderer beißend, »als der Dampf sich vor die Wagen spannte, wurden die Fuhrleute gerädert, wenn er die Steine dreht, so zerquetscht er die Müller.« »Man schneidet keinem die Haare, der nicht still hält,« sagte Höhrle und suchte einen zuversichtlichen Ton in seine Worte zu legen, aber es gelang ihm nicht, zumal da es ihm den Eindruck machte, als ob er zur Stunde schon einige Spreusäcke entbehrlich hätte. Er ging in seine Kammer; aber der Gott des Schlafes kam jetzt erst recht nicht, obwohl nickende Mohnköpfe, zu Bündeln geknüpft, vom Durchzug des Zimmers herniederhingen. 16   3. Kapitel Früh am nächsten Morgen erhob sich Vater Höhrle. Wer mochte auch auf einem Lager bleiben, auf dem die Sorge das Leintuch in tausend scharfe Fältchen zerknüllt hatte? Es war ein Sonntag, und der Kuhbub hatte heute seinen Kirchgang. So ging denn der Hausherr hinter den Rindern her, die in gemächlichem Wiegen das Dorf durchschritten, zuweilen auch ein wenig stehen blieben und die Häuser betrachteten, die sie wohl alle kannten, die aber heute in ihrer sonntäglichen Sauberkeit einen kuriosen Eindruck machten. Sie kamen an einen steilen Pfad, der die Berglehne hinaufführte, und bogen in diesen ein, ohne daß ihnen irgend jemand einen Wink gegeben hätte. Sie kannten sich aus in der Gemarkung, und Vater Höhrle konnte unbesorgt hinterhergehend seinen Gedanken nachhängen. Als sie an einen geschorenen, aber wieder frisch treibenden Kleeacker kamen, fingen sie an zu fressen, und ihr Hüter konnte sich die Sache noch bequemer machen. Er setzte sich auf eine kleine Böschung, die das Feld vom Walde schied, und hatte hinter sich die schwarzgrünen Nadeln eines Tannenwaldes und vor sich das hellgrüne 17 Wiesental mit seinen zerstreuten Bauernhöfen, seinem strudelnden Bache, seinem weißglänzenden schäumenden Wehr und über dem ganzen mildstrahlend die Morgensonne des Frühherbstes. Gewiß dies alles waren dem Vater Höhrle bekannte Dinge, und doch betrachtete er alle wieder mit stillem Wohlgefallen. Nur nach einer Seite hin konnte er nicht blicken, das Tal abwärts, dorthin wo gestern das schmutzige, schwarzgraue Ungetüm in den Lüften hing, wo die Dampfmühle stand, der er so sehr mißtraute. Und doch war kein Gedanke daran, daß er von dem Punkte aus, wo er sich befand, den Backsteinkoloß hätte sehen können; das Tal war viel zu gewunden. Aber einerlei, er mochte nicht einmal nach der Himmelsrichtung schauen. Er ahnte, von dort heraus, von dem Schienenstrang der Eisenbahn aus, der sich durchs Neckartal wie eine falsche Schlange wand, kam die neue Zeit mit ihren Tücken und ihrer Grausamkeit, ihrer Großmannssucht, ihrem Geldhunger, deren Opfer er werden sollte. Das Tal herunter wälzte sich jetzt in getragenen Wellen der Klang der Kirchenglocken. Vater Höhrle war ein frommer Mann und ging gern zur Kirche, aber heute war doch der Kühbub an der Reihe, also mußte der Bauer seinen Gottesdienst im Freien halten. So faltete er die Hände über seinem Stocke und betete ein Gebet, das er selber verfaßt hatte und das also lautete: »Lieber Gott erhalte, was du mir gegeben hast. Laß mich deine Scholle bebauen, so lange ich lebe, und laß sie mein Bett werden, wenn ich gestorben bin. So viel 18 erflehe ich für mich und mehr auch nicht für meine Kinder. Meinem Weibe aber gib einen friedfertigen demütigen Sinn, damit sie nicht nach Dingen strebe, die dem Bauer nicht erreichbar sind.« Es war nicht viel, was der Landmann da erbat, und wenn der Himmel nicht geizig war, konnte er's gewähren. Aber er tat's nicht. Eben war Vater Höhrle fertig mit seiner Andacht und setzte sein Stulpkäppchen wieder auf, als der Viertakt eines Zweigespannes auf der Straße unter ihm erklang. Höhrle schaute hinunter. Was war das? Auf dem Rücken zweier mutwilliger Goldfüchse spiegelte sich die Morgensonne und dahinterher rollten fast lautlos die schwellenden Lederpolster eines Wagens, für einen König, der zur Krönung fährt, eben gut genug, und doch saßen nur zwei Bürgerfrauen darin. Der Bauer brauchte einige Augenblicke, um die Erscheinung zu deuten. Da schneidet ihm wie ein Peitschenhieb ein widerwärtiger Gedanke durch das Gehirn: Das ist die Firma Groß und Moos, das sind die Damen mit der beschränkten Haftpflicht. – Jetzt war's vorbei mit dem Sonntagsgottesfrieden, vorbei mit seiner Ruhe und seiner Andacht. Er verließ das freie Feld und vergrub seine Aufregung und seine Angst im Waldesdunkel. Nur zuweilen schielte er wie ein verscheuchter Räuber unter den Tannenzweigen hervor, und als er nach Stunden der Zurückgezogenheit sah, daß seine Rinder die Nasen häufig in die Luft streckten und nur lässig fraßen, trieb er sie auf einsamen Pfaden ins Dorf den Ställen zu. 19 Als Vater Höhrle gegen Mittag sich seiner Mühle näherte, gewahrte er, wie ein Bündel Unterröcke voller Grazie um die Hausecke flog. Obwohl er nicht sehen konnte, wer in den Röcken steckte, so wußte er doch, daß dies der Kometschweif von Röse Ricke sei und daß der dazugehörige Stern sich nun die Treppe zum zweiten Stock hinaufschob, um oben irgend ein Unheil zu verkünden. Er hatte keine Eile zu erfahren, was vorging. Er begab sich in den Stall und legte gemächlich eine Kuh nach der andern an die Kette. »Vater Höhrle, Vater Höhrle, hört Ihr denn nicht, Vater Höhrle?« so rief mit einem Male Röse Ricke die Treppe herunter, »die Hausherrin wünscht, daß Ihr zur Stelle sein sollt, und ich denke Ihr werdet erscheinen!« »Gewiß werde ich das,« gab der Müller zur Antwort und beeilte sich, die ausgetretenen Stufen zu ersteigen. Vor der Stubentür ordnete er erst in etwas seine Kleider und trat in demütiger Haltung ins Zimmer. Als er in das Antlitz seiner Frau sah, fuhr er ängstlich zusammen, denn obgleich der Kopf nicht die Hörner von Michelangelos Moses trug, lag doch die ganze eiserne Härte eines unerbittlichen Gesetzgebers in seinem Ausdruck. »Hab ich dir's nicht immer gesagt,« polterte die Müllerin los, »so kann's nicht weiter gehen. Hast du dich je bemüht, deine Familie auf das Niveau hinaufzuheben, wohin sie gehört? Wer spielt nun im Tale die erste Geige? Groß und Moos. Wer fährt auf Gummirädern und hat seidene Schleier vorm Gesicht? Die Damen Groß und Moos. 20 Wer hat in der Kirche einen eigenen Stuhl und läßt niemand anders mehr hinein? Groß und Moos. Und wer muß sich die Beine in den Leib stehen, solange die Predigt währt und die Messe? Die Kinder des Hauses Höhrle. Wer kommt daher wie eine Kuhmagd, hat nichts aufzusetzen und nichts anzuziehen? Die Frau vom Hause Höhrle.« In dem Augenblick, wo sie sich so ganz erbärmlich nackt und bloß der Welt zeigen mußte, übermannte sie das Mitleid mit sich selber. Sie fing heftig zu weinen an und hob die Schürze nach den Augen, woraus der Leser sehen mag, daß sie allzudick auftrug, und daß sie immerhin noch etwas mehr am Leibe hatte, als unsere ehrsame Stammutter Eva nach dem Sündenfall. Zunächst hörte man freilich nichts weiter als ein ausdrucksvoll vorgetragenes Schluchzen, das nicht einmal Röse Ricke sonderlich zu rühren schien, denn sie lief mit erheucheltem Seufzen nach der Küche, holte eine blecherne Waschschüssel und stellte sie der Mutter Höhrle auf den Schoß. »So,« sagte sie, »nun laßt die Tränen fließen. Das Wasser, was einer weint, das braucht er nicht zu schwitzen. So hat der liebe Gott prinzipiell die Wasserfrage entschieden, und wenn der eine Topf voll ist, so hol' ich einen andern.« Nun konnte eigentlich alle Welt erwarten, daß man es tropfen höre, allein es geschah ganz etwas anderes. Höhrle junior stürzte aus einer Seitenkammer und benutzte die Pause des Schweigens, um sich seinem Vater in einem neuen eleganten Anzuge vorzustellen. Wenn ich von einem 21 neuen Anzug rede, so ist das eigentlich etwas zu viel gesagt, denn der Stoff zum mindesten war nicht neu. Er hatte vordem schon durch manches Jahr Vater Höhrles Beine geziert, und wenn ich sage, elegant, so ist auch dies ein Euphemismus, denn da der Meister Eisengarn die Metamorphose mehr mit der Scheere als mit der Nadel bewerkstelligt hatte, so waren die Hosen etwas völlig ausgefallen, und sie täuschten an der Rückseite vor allem bedeutend mehr vor, als Höhrle junior sein eigen nennen konnte. Aber der Junge, der noch wenig ästhetisches Zartgefühl besaß, war mit seinem Aussehen offenbar sehr zufrieden, und er verlangte von seinem Vater einige Worte bewundernder Anerkennung. Dieser, glücklich über die kleine Ablenkung, fuhr dem Knaben mit der Hand durch das lichtblonde Haar und sagte: »Schön, mein Junge, sehr schön, du könntest der Sohn des Amtmannes sein.« Diese Worte rissen die geborene Schütteldich plötzlich aus tränenfeuchter Lethargie empor, und sie schrie in bellendem Tone: »O, der Hohn, das muß Unsereiner sich bieten lassen! Da sieh einer den Jungen an, gleicht der noch einem Menschen?« »Ihr übertreibt, Nachbarin,« fiel Röse Ricke ein, »er ähnelt immer noch dem Dalai-Lama von Taklakott, den ich einmal in einem Guckkasten kennen gelernt habe,« und sie lachte hell hinaus. Auch Vater Höhrle lachte, und da er an derartige Rührszenen längst gewohnt war, so benutzte er die Gelegenheit und brachte die Tür hinter seinen Rücken. Der kleine Hans, 22 der merkte, daß man sich über ihn amüsiere, hatte nichts dagegen einzuwenden, sondern griff mit beiden Händen an die Hosennähte und fing an, in den unaussprechlich weiten einen Cancan zu tanzen. Jetzt nahm Mutter Höhrle die Schürze von den Augen, und da sie wußte, daß sie vorhin gewaltig übertrieben hatte, so wollte sie wenigstens Röse Ricke gegenüber etwas einlenken, und sie sagte kleinlaut: »Ist nicht sein Aussehen so, daß man ihn auf Jahrmärkten sehen lassen könnte?« »Doch,« sagte Röse Ricke, »und wenn wir zwei mit dem Zinnteller sammeln gingen, so dürfte immerhin ein Stück Geld dabei herausspringen.« Die Tür ging auf, und Suse und Liese, die im Sonntagsputz vom Kirchgang nach Hause kamen, machten sich ungestüm über ihren drolligen Bruder her und bedeckten ihn mit einer schier endlosen Anzahl von Küssen. Mutter Höhrle fand das langweilig und kürzte die Szene des Wiedersehens mit der Frage ab, ob denn die Mädchen nichts Neues im Kirchdorfe erfahren hätten. Doch, sie hatten die Damen der Firma Groß und Moos in einem Viktoriawagen gesehen, und sie bestätigten ausdrücklich, was Röse Ricke nur gerüchtweise erzählt hatte, daß Groß und Moos in einem eigenen Kirchenstuhle saßen, der durch eine Tür für andere Leute abgesperrt war, daß der Kirchendiener vor ihnen einen Knicks gemacht, mit seinem Sacktuch die Sitze abgestäubt und ein Polster auf ihre Kniebank gelegt habe. Mutter Höhrle war empört über eine derartige Bevorzugung hereingeplackter Menschen vor dem 23 Angesichte des Herrn, und sie erklärte rundweg: »So, entweder räumt jetzt der Pfarrer der Familie Höhrle gleichfalls einen eigenen Stuhl ein, oder wir werden Protestanten.« »Wacker geredet,« sagte Röse Ricke, »und dem guten Hirten über dem Kirchenportal geschieht es recht, wenn seine Schafe aus dem Pferch brechen, warum speist er sie mit so unterschiedlichem Futter. Unheil, du bist im Zug,« murmelte sie noch, ging gut gelaunt nach der Türe und überließ die Mutter Höhrle dem Dämon des Neides, der mit seinen Krallen ihr Herz zerfleischte. 24   4. Kapitel Schade, recht schade, daß Entschließungen oft so rasch reifen, und daß sie nicht wie die Schlehen am ernährenden Stiele hängen müssen, bis es einmal tüchtig gefroren hat. Mutter Höhrle hatte in der Nacht von Sonntag auf Montag den altbäuerlichen Erfahrungssatz, daß Pferdewirtschaft dem kleinen Besitzer gefährlich werden kann, aus Eitelkeit über Bord geworfen und lenkte ihr Boot ins gefährliche Fahrwasser der Großtuerei verwegen hinein. »Uns übertrumpft keiner,« sagte sie und bestellte die Amtschaise. Sie hatte sich vorgenommen in die Stadt zu fahren, um für die Kinder modische Kleider zu kaufen. »Es geht absolut nicht mehr an, daß die Würmer in ihren billigen Fähnchen herumlaufen und abstechen gegen das Personal der Firma Groß und Moos,« sagte sie zu ihrem Mann, »und Hans, der nun schon bald zur Schule geht, kann nicht länger die Fleischseite deiner abgeworfenen Häute als Galalivree tragen.« Das war's, was sie sagte, was sie verschwieg, war das Folgende: »Schirren wir das Pferd von hinten auf, und haben wir erst die Chaise, so 25 sieht der Dümmste ein, daß sie ohne Pferde zwecklos wäre.« Zur Reise hatte sie sich leidlich modern zurechtgestutzt, und als sie breit wie ein Abbild des Allvaters Brahma in den roten Polsterschonern der Amtschaise saß, konnte sie für einen, der nicht zu nahe stand, immerhin für eine Dame gelten. Ihren Kurs nahm sie an der neuen Dampfmühle vorbei, obwohl es einen näheren Weg nach Heidelberg gab, denn sie wollte, daß ihre Gegner sie sehen und sich überzeugen sollten, daß es auch noch andere Leute gebe, die in einer Chaise eine gute Figur machten. Auch fuhr sie neben der Eisenbahn her. Ihr fiel nicht ein, so was zu benutzen. Mochten arme Leute sich in einem solchen Fuhrwerk wie Dampfpflaumen zusammenquetschen lassen, sie brauchte Platz, und sie war unabhängig genug, um sich weder eine Abfahrts- noch Ankunftszeit vorschreiben zu lassen. Ihre Einkäufe in den Konfektionsgeschäften waren bald erledigt. Nun kam für sie die Hauptsache, ein Wagenbauer, und womöglich der gleiche, von dem Groß und Moos bezogen hatten. Der Mann fand sich und auch eine gediegene Auswahl von Wagen; als aber der Preis genannt wurde, da erwachte in der geborenen Schütteldich für einen Augenblick wenigstens das Mitleid mit dem Bachmüller Höhrle, und wie der Kutscher seine Pferde stramm nahm und rückwärts zum Hofe hinaushufte, so griff sie, wenn auch ungern, ihren Wünschen in die Zügel und zerrte sie vorübergehend auf ein Pflaster zurück, wo Begehrlichkeit und Ausführbarkeit gleichen Schritt miteinander 26 halten konnten. Ein kalter Blitzstrahl war niedergefahren vor der Mühle zu Husterloh, er hatte sie nicht beschädigt. In verärgerter Stimmung kam Frau Höhrle, die ihren Groll in der Zugluft des Neckars kühlte, an den Fuß des Schloßberges, wo durch Zierstauden hindurch rote Sättel leuchteten, die auf grauen Eseln lagen. Da schlug ihr der Gedanke ins Gehirn: »Das muß verfangen und kommt nicht zu teuer. Esel haben wir ja und Geld für Sättel auch.« Nach einer halben Stunde waren drei Sättel, zwei für Damen und einer für einen Herrn gebaut, in der Kutsche verstaut, und die Amtschaise schaukelte zum Karlstore hinaus, der Strömung des Flusses entgegen. Auf der Heimfahrt nahm man den kürzeren Weg. Mutter Höhrle konnte nicht darauf rechnen, daß sie von den Fenstern der Dampfmühle aus noch einmal gesehen würde, denn der Abend war finster, und eine beträchtliche Kühle dämpfte den Haß der leidenschaftlichen Frau. Zu Hause angekommen, wurden die Sättel im Erdgeschoß untergebracht, die verschiedenen Kartons aber brachte man in die Wohnstube, wo deren Inhalt bei den Kindern freudiges Erstaunen, bei dem Vater Höhrle aber, der trotz seiner blöden Augen weit voraus in die Zukunft blickte, eine bange Furcht erweckte. Am folgenden Tage ging eine Aufforderung an die bucklige Nähkatherine und ihre Schule, daß sie zur Mühle kommen sollten. Allein es geschah das Unerhörte, die Bucklige lehnte ab, mit dem Ausdruck des Bedauerns, weil 27 sie bei Groß und Moos zugesagt habe. So was war einfach zum Überschäumen. In Mutter Höhrle kochte und brodelte es wie in einem Wurstkessel, und Röse Ricke erhielt den Befehl, der Mißgeburt zu verkünden, »daß es auch wieder andere Zeiten geben könne, und daß der Winter den Haufen Kartoffeln im Keller abflachen und das Holz am Herde knapp werden lasse. Dann aber sollten gewisse Leute nicht wagen, vor gewisse Türen zu kommen. Die Treppe der Mühle sei steil, und leichthin könne einer, der herunterflöge, das Genick brechen.« Röse Ricke richtete ihren Auftrag wörtlich aus und fügte aus dem eigenen noch hinzu: »Die Nähkatherin möchte es nicht so weit treiben, daß die Müllerin prinzipiell werde, denn in diesem Falle werde sie – Röse Ricke – sogar dem Teufel raten, ihr aus dem Wege zu gehn.« Die Furcht vor der Mühle zu Husterloh war zu der Zeit noch groß genug, um die arme Nähkatherine umzustimmen. Sie zog mit ihrem Gefolge von Nahsichtigen und Halbgelähmten in die Mühle ein. Mutter Höhrle hatte einen staunenswerten diplomatischen Erfolg zu verzeichnen, und ihr Siegerauge glühte über den bleichsüchtigen Mädchengestalten, wie das des Pompejus über seinen Legionen. Nun begann ein gewaltiges Nadeleinfassen, Garnwickeln, Sticheln und Steppen, und bald blähten sich die Kleider der Mädchen über Puppen von Rohr und Weidengeflecht wie Festwimpel dem großen Tage entgegen, der ihrer harrte. Gehörten die Tagesstunden der Schneiderei, so war der 28 Abend der Reiterei aufgehoben. Der Mühlbaschel mit seinem Anflug von Triefaugen mußte den Kindern im Grasgarten die Kunst des Reitens beibringen. Hans ließ sich das gern gefallen, die Mädchen aber beugten sich mit verschämten Gesichtern dem Willen der Mutter. So hätte Frau Höhrle vorerst glücklich sein können, wenn nicht zuweilen die Chaise der Firma Groß und Moos vor ihrem Fenster vorübergerasselt wäre und wenn nicht Röse Ricke die Neuigkeit gebracht hätte, daß der Sattler im Dorfe Husterloh eine phänomenale Sache – »Lamperkins« für genanntes Haus in Arbeit habe. So hatte denn die Woche ihre sechs Werkeltage heruntergearbeitet und Mutter Höhrle ihre Vorarbeiten, um den Kirchenstuhl zu erstürmen, den die Firma Groß und Moos widerrechtlich usurpiert hatte. Diese Leute sollten sehen, daß es vor Gottes Angesicht keine Logenplätze gibt, auch für den nicht, der viel Geld in den Klingelbeutel werfen kann. Die Müllerin hatte große Aussichten in diesem Ringen zu siegen, zumal da sie noch mit gewandter Kavallerie ins Feld rücken konnte, denn die Kinder sollten zum ersten Male auf den roten Plüschsätteln zur Kirche traben. Suse und Liese wollten nicht recht, sie fürchteten aufzufallen. Sie hatten vom Vater die Demut geerbt und den Verstand, und der Wert der Mutter war in ihren Augen gesunken, gerade da, als sie ihren Willen durchgesetzt und sie mit harten Worten in die Sättel gezwungen hatte. So ritten sie denn verschämt und mit niedergeschlagenen Augen die Straße entlang, ihren Bruder 29 in der Mitte. Kam irgend jemand des Weges, so spornten sie ihre Tiere, um rasch vorbeizukommen. Sie hatten das Gefühl, daß sie sich lächerlich machten, und sie fürchteten irgend einen, der ihnen das geradezu ins Gesicht schleuderte. Richtig, eben hatten sie einen Trupp langsam schreitender Kirchgänger überholt, als sie hinter sich die Bemerkung hörten: »Die Bachprinzessinnen. Die Bachprinzessinnen.« Ach, was war das für die Mädchen ein hartes Wort. War damit nicht ausgedrückt, daß man sie der Überhebung beschuldigte, daß man sie für halbverrückt hielt? Hatten sie das verdient, weil man sie einen Meter über das Niveau erhob, auf dem andere sich fortbewegen, indem man sie zwang, auf einen Esel zu steigen? Am liebsten wären sie heruntergerutscht und zu Fuß weitergegangen, aber die Mutter, die eigenwillige, schreckliche Mutter! Und dann ihr Bruder Hans, der sich auf dem Esel wie ein Maharadschah fühlte. Von all dem Herzeleid, das die Schwestern bedrückte, hatte er nicht die mindeste Unbequemlichkeit. Er freute sich der frischen Morgenluft, die mit seinen Locken spielte, war ausgelassen, quälte seinen Esel und wollte vor Lachen vergehen, wenn das Tier allerlei Kapriolen machte, um seinen Quälgeist in den Sand zu setzen. So hatten die Mädchen auch noch die Sorge, daß ihm ein Unfall zustoßen könne, und sie waren wie erlöst, als sie bei einer Biegung des Weges ihren guten Vater vor sich sahen. Still und gedrückt ging er dahin in seinem Sonntagsanzuge, der in seiner stellenweisen Fadenscheinigkeit nicht vermuten ließ, daß sein Träger der 30 Ernährer sein könne so hochtrabender Kinder. Ach wie schnitt die armselige Erscheinung des Vaters wie ein giftiger Vorwurf in das Herz der Töchter ein, ganz anders noch als vorhin der Spottname: »Bachprinzessinnen«. Und gar als er zu ihnen aufsah mit den staunenden stillen Augen, da fühlten sie, daß ihr Platz am Boden sei, bei dem einsamen unscheinbaren Fußgänger, und beide rutschten mit einem Schlage aus den Sätteln und schmiegten sich an seine Seite. In diesem Augenblicke war die Familie Höhrle zerrissen in zwei Teile, von denen der eine weiches Eisen war, der andere ein harter Hammer, der mit permanenter Gefühllosigkeit niederfuhr und die Masse nach seinem Willen formte. Zuerst war alles still. Die drei fühlten, daß sie in ihrem Empfinden zusammengehörten und freuten sich, daß niemand da war, die Harmonie ihrer Seelen zu stören. Ach! wer war der Niemand? Sie alle wußten es, und doch wäre ihr Geheimnis nie über ihre Lippen gekommen. So wollen wir es sagen. Die Mutter war es, die eitle Mutter, die kein Verständnis hatte für das zartere Fühlen ihres Mannes und ihrer Töchter, und die Furcht vor ihr war es, die aus dem schwachen Vater redete, als er die verschüchterten Mädchen aufforderte, so schnell wie möglich ihre Tiere zu besteigen und dem wilden Bruder nachzutraben, der in toller Ausgelassenheit seinen Esel tummelte und eben auf dem Punkte war, an einer Straßenbiegung sich den kontrollierenden Augen seiner Schwestern zu entziehen. Die Sorge um den Wildfang verdrängte jetzt 31 jedes andere Empfinden. Es begann eine wahre Hetzjagd hinter ihm her, und wie ein Wirbelsturm sauste die kleine Kavalkade die Straße von Husterloh hinauf. Als man vor der Kirchentür angekommen und die Mädchen abgestiegen waren, begann die Verlegenheit erst recht. Was sollte man mit den unleidlichen Eseln machen inmitten der stechenden Blicke aller derer, die um das Gotteshaus standen und auf das Zusammenläuten warteten? Hans Höhrle kam nicht aus der Fassung. Er blieb auf dem Grauen sitzen, und als die Leute lachten, schnitt er ihnen von dem Rücken des Kreuzträgers herunter Fratzen. Die Mädchen aber standen beschämt da und legten die Köpfe mit den verschüchterten Rehaugen auf den Hals ihrer Tiere, rat und hilflos und warteten, wie führerlose versprengte Soldaten, auf irgend jemand, der kommen und ihnen befehlen möchte. Die Mutter hatte heute wieder ihren großartigen Tag. Sie hatte die Amtschaise bestellt, saß geschwollen darin, überholte gleichfalls ihren nominellen Gebieter und kam nach einer Weile glücklich bei ihren Sprößlingen an. Nun kam Leben in die Gruppe. Man band die Esel an kleine eiserne Ringe, die an der Mauer des Wirtshauses angebracht waren, und großartig, als ob sie zu einer Krönung schritte, sah man die Müllerin, die drei Kinder hinter sich, unter dem Spitzbogen des Kirchenportals verschwinden. Das Gotteshaus war noch wenig gefüllt. Nur hier und da saß einer, der sich die Zeit mit dem Anschauen der Stationsbilder vertrieb, ein anderer gähnte und ein dritter benutzte die Zeit, bevor die Orgel anfing, störend 32 dreinzureden, zu einem kleinen Schläfchen. Mutter Höhrle erregte Aufsehen bei diesen wenigen, als sie mit ihrem Gefolge zwischen den Bänken dahinschritt, mit einem Schlüssel, den ihr der Schlosser angefertigt hatte, den Stuhl der Firma Groß und Moos aufschloß und sich mit herausfordernder Stirne umsah, als ob sie sagen wolle: »Hier bin ich, und ich will den sehen, der mich da hinauswirft.« Vor dieser Haltung verduftete der Kirchendiener in die Sakristei, und Röse Ricke, die von dem Kitzel, etwas zu erleben, hergetrieben, gedankenlos einen Rosenkranz zöpfte, weckte ihre Nachbarin, deutete mit dem Finger nach der Müllerin und flüsterte leise: »Das kann gut werden.« – Indessen fingen die Glocken an zu läuten, und alles, was draußen seither stumpfsinnig herumgestanden hatte, drängte sich nun wie eine Herde Kamelkälber in das Gotteshaus, stieß und drückte sich, trat sich auf die Hühneraugen und tat so, als ob es durchaus keine andere Gelegenheit mehr gebe, sich einen Unterstützungswohnsitz im himmlischen Jerusalem zu sichern. Getragen von dieser schwappenden Menschenwelle kamen auch die Damen der Firma Groß und Moos herangeschwommen und trieben auf ihre reservierten Plätze zu. Als sie diese schon zum Teil besetzt sahen, warfen sie hochmütig fragende Blicke um sich, die Mutter Höhrle mit einem grimmverbissenen Lächeln beantwortete. Suse und Liese wollten nichts sehen. Sie knieten da, drückten die Gesichter in ihre Gebetbücher. Der kleine Hans aber, der die Mimik richtig beurteilte, hoffte auf eine kleine Abwechslung und hätte zunächst 33 nichts lieber gesehen, als eine kleine Balgerei zwischen den zwei feindlichen Firmen. Er glühte förmlich in dem Verlangen, zerfetzte Hauben zu sehen und heruntergerissene Zöpfe. Doch er sowohl wie Röse Ricke kamen nicht auf ihre Kosten. Die Orgel fing an zu präludieren, und ihre milden Töne lockten aus dem Gewölbe herab einen wahren Tauregen von Gottesfrieden, der Starres geschmeidig machte und allzu Sprödes leise niederbog. Dann fing man an zu singen, und es war, als ob das Herz den Schatz mild versöhnlicher Regungen nicht fassen könne und ihn hinauswerfen müsse in alle Lüfte. Suse und Liese knieten in der Menge drin. Sie sangen nicht; die Angst, daß sich irgend etwas ereignen könne, drückte ihnen die Lippen zu, aber sie beteten leise: »Herr Gott, gib Frieden allen Herzen.« Da mit einem Male, was war denn das? Von draußen her ein fürchterliches Brüllen, mitten hinein in den frommen Gesang der Gemeinde. »Suse, die Esel,« flüsterte Liese und sank tief in sich zusammen. »Auch das noch,« gab Suse leise zurück und zog ihren Bruder, der die Sache von der heitersten Seite nehmend bereits auf die Bank gestiegen war und Faxen machte, zu sich herunter und hielt ihm den Mund zu, als er stoßweise Versuche machte, laut hinauszulachen. Mutter Höhrle fing mit ihrem breiten Rücken all die höhnenden Blicke auf, die wie Pfeile von allen Seiten nach ihnen geschossen wurden. Aber die Mädchen, die armen Mädchen, sie hatten das Gefühl, als ob sie nackt 34 im prasselnden Hagelwetter ständen. Was konnten sie mehr tun, als die Augen zu schließen? O, hätten sie doch auch die Ohren schließen können, um nicht die Esel hören zu müssen, die schrecklichen Esel und das Zischeln giftiger Zungen neben sich. Endlich ward's draußen stille. Der Kirchendiener war hinausgeeilt. Er fand den Vater Höhrle bereits bei der Arbeit, und die zwei brachten die Tiere nach einem entfernten Stalle, wo sie sich aus Mangel an Anregung wieder schweigsam verhielten. Hans, den seine Schwestern unter die Bank gedrückt hatten, war da unten eingeschlafen, und nun hätten auch diese wieder ruhig werden können, wenn sie nicht der Gedanke an den Heimweg in qualvoller Aufregung gehalten hätte. Wer gab ihnen ein Gewand, das sie, der Menge unsichtbar, meinetwegen durch die Nacht des Hades in ihre stille Dachkammer entführte? Ach das Geschick ist grausam, und wem es einmal übel will, dem spart es keine Demütigung und keine Schande. Umsonst blieben die verschüchterten Tauben nach dem Gottesdienst noch eine geraume Weile auf ihrem Platze, endlich mußten sie doch hinaus. Draußen stand die steifgewordene Menge, die es sonst so eilig hatte, zum Mittagstische zu kommen, fest wie eine Mauer, und achtete nicht der glühenden Sonne, welche die Partei der Mädchen ergreifend, unbarmherzig niederbrannte. Es half nichts, auch dieses Spießrutenlaufen mußte noch ausgehalten werden. Mit niedergeschlagenen Blicken gingen die Kinder durch die lachende Gasse, die man so gefällig für sie geöffnet hatte. 35 Sie sahen nichts als den Fußboden, aber sie hörten leise höhnendes Kichern und wieder das schreckliche Wort: die »Bachprinzessinnen«. Vater Höhrle hatte für seine Töchter vorausgedacht. Er trat neben sie, nahm sie bei der Hand und führte sie in den Flur eines befreundeten Hauses. Das Hinzutreten des schlichten Alten gab den armen, durch Putz verunzierten Mädchen wieder Ansehen und Würde. Man hörte keine Zurufe mehr. Hans blieb der Mutter überlassen, die Mannes genug war, für ihn zu sorgen und sich über alles hinwegzusetzen. Den ganzen Tag über hielten die Töchter zusammen mit dem Vater sich im Hause des Gastfreundes, und erst am Abend, als der Neumond [?] über den Bergen stand und ein fahles Zwielicht, das alles in graue Schleier hüllte, über das Tal hin ausgoß, wagten sie es, eng an den Vater geschmiegt, der Mühle zuzustreben. Ohne die Wohnstube noch einmal zu betreten, schlichen sie die Holzstiege hinaus zu ihrer Kammer, wo der Gott des Schlafes die Müden und Vergrämten in seine Arme nahm, sie leise wiegte und sie vergessen ließ, was der Tag ihnen Schweres zugefügt hatte. 36   5. Kapitel Der folgende Montag war in der Familie Höhrle ein kritischer Tag erster Ordnung. Lange vor dem Hahnenschrei donnerte die Müllerin in der Küche herum. Zuweilen schlug es ein, und Blechkannen und zinnerne Löffel tanzten klirrend auf dem Wasserstein. Alles, was im Hause als Schmarotzer lebte, machte, daß es unter den Füßen fortkam. Das Volk der Mäuse floh in die Löcher hinter die Lamperien, die Katzen dehnten sich wie die Gummischläuche und verzogen sich durch einen Türspalt hinaus nach dem Kornboden, und Röse Ricke, die gekommen war, ihre Kaffeemilch zu holen, entfernte sich in eiligen Sprungschritten wie ein Wiedehopf. Vater Höhrle, der im Stalle unter der Küche seine Kühe putzte, bekreuzte sich, als er zu seinen Häupten das Unwetter brausen hörte. Es gab wohl niemand auf der Welt, der ihn für einen tapferen Mann gehalten hätte, aber seiner Frau gegenüber war er geradezu ein Feigling. Mit Zittern stieg er die Treppe hinauf, als er zwischen mancherlei unartikulierten Lauten kurz und scharf akzentuiert den Namen »Höhrle, Höhrle!« unterscheiden konnte. Er fand die Küche 37 leer und bemühte sich nach der Wohnstube hinüber. In dieser war das Tageslicht durch das Zuziehen der Vorhänge etwas abgetönt, und da Mutter Höhrle unbeweglich und mit strengem Antlitz am Kopf des Tisches saß, so gewann das sonst so anspruchslose Gemach die ernste Würde eines Gerichtssaales. Vater Höhrle wußte wohl, daß er der Angeklagte, ja der Verurteilte war, ob die Verhandlungen sich in die Länge zogen oder nicht, und deshalb wollte er wenigstens Zeit sparen und unterbrach das verlegene Schweigen mit den Worten: »Warum hast du mich hierher gerufen?« »Das fragst du noch,« wetterte die erregte Frau los, »wer hat all die Schmach von gestern über unser Haus gebracht?« Vater Höhrle hätte einfach sagen können: »Dein Hochmut;« aber er schwieg, und sie fuhr fort, die ganze Anklage in immer neuen Fragesätzen aufbauend: »Wer drückt seine Familie, daß sie sich beugen muß vor hergelaufenem Volk? Wer bleibt an altem Herkommen kleben und läßt sich von dem ersten besten Hereingeplackten aus dem Sattel heben? Könnten nicht auch wir wie andere Menschen Geld verdienen und in einer Chaise fahren? Wer ißt seine Suppe mit dem Kaffeelöffel und glaubt mit seinem alttestamentlichen Eselbetrieb siegen zu können über die Planwagen der Firma Groß und Moos, die eine Schiffsladung Weizen auf ihrem Rücken tragen?« Mit dem letzteren Satz hatte sie das Geschäftsinteresse vor ihre eitlen Wünsche als Vorspann gekoppelt, und der Wagen rutschte in der Tat in die Höhe. Vater Höhrle in seiner stillen Art seufzte tief und 38 sagte nachgiebig: »So gib denn das Einlagebüchelchen von der Sparkasse heraus.« Die Müllerin erhob sich großartig, und wie die Hand einer Fürstin irgend einem Subalternen gnädig ihre Photographie überreicht, so überreichte sie ihrem Manne das kleine Heftchen mit dem blauen Umschlag. Vater Höhrle nahm's entgegen, und wenige Minuten später sah man ihn bedrückten Herzens und schleppenden Ganges dem Pfarrdorfe zuschreiten, wo die Sparkasse ihren Sitz hatte. Er wußte, daß mit dem heutigen Tage das Geschick der Mühle zu Husterloh entschieden war. Er wußte, daß der Weg, den er und die Seinen seither, wenn auch langsam aufwärtssteigend gegangen waren, jetzt abwärts führte. Er sah ihn tief unter sich steiniger werden, sich zu einem Pfade verschmälern, aber er sah nicht, wo er endete. Es war das erstemal, daß Vater Höhrle von seiner Kasseneinlage Geld zurückverlangte, und wie er so vor den abgeblendeten Scheiben des Bureaus stand, hinter denen er die Kassenbeamten wie schwarze Schattenrisse an einer Wand sich bewegen sah, stieg ihm die Schamröte ins Gesicht, und er wollte umkehren. Doch er klopfte zaghaft und ganz leise, fast so, als ob er wünschte, daß man ihn drinnen nicht hören solle. Ihm war's, als ob noch irgend etwas sich ereignen würde zu seinen Gunsten. Konnte nicht der Strahl irgend einer überirdischen Erleuchtung seiner Frau gezeigt haben, daß sie einen Irrweg ging? Konnte nicht noch in letzter Sekunde ein Bote hinter ihm nachkommen und ihn von dem verhaßten Schalter hinwegreißen? 39 Ach nein. Nichts von alledem geschah. Die Leute da drinnen mit ihren Dividendenohren hatten nicht bloß gehört, daß überhaupt einer klopfte, sie hatten auch gehört, daß einer klopfte, der gekommen war, Geld zu holen. Im Nu klapperten die Goldfüchse auf dem hellackierten Zahltisch, und Vater Höhrle war sein blaues Büchlein los. Jetzt, wo die Würfel gefallen waren, auf dem Heimwege, redete der Müller sich selber Mut zu. War denn das Geld, das er in seiner Tasche trug, nun wirklich schon verloren? Ach nein, es wechselte ja nur den Namen. Aus dem Rentenkapital wurde Betriebskapital, das reiche Zinsen tragen konnte. So sprach er zu sich selber wie ein Makler, der ein Geschäft machen will, aber er glaubte auch wieder sich selber so wenig, wie er einem wildfremden Geschäftsvermittler geglaubt haben würde. Wie er so blinzelnd seines Weges ging, erregte die Auslage eines Krämers seine Aufmerksamkeit. Kleine prall gefüllte Säckchen standen eines neben dem andern, eine dichte Reihe, und jedes trug einen bilderreichen Ausdruck. In der linken Ecke der Gebinde sah man eine Windmühle, rechts eine baufällige Wassermühle und über beiden breit und protzig sich hinflegelnd mit ihren Schornsteinen und ihren Silos die Anlage der Firma Groß und Moos. Vater Höhrle suchte den Sinn der Darstellung zu ergründen, als eine Schulter sich an ihn drückte, die ein Viehtreiberknüppel im Lauf der Jahre tiefer gezogen hatte, als ihre Kollegin auf der anderen Seite. Im selben Augenblick hörte er die näselnde Stimme von Mordche Rimbach: 40 »Stehst du da und betrachtest dein Elend. Groß und Moos wird sich legen über euch Bachmüller, wie der Schnee sich legt auf alte Heustadel bis sie zusammenbrechen. Höhrle, noch weiß ich dir einen Käufer, gib deine Mühle her. Werd' ich verdienen an dem Handel eine Kleinigkeit, du aber viel Geld.« »Paperlapp,« entgegnete der Vater Höhrle, »eine Mühle ist eine Goldgrube, heißt's im Sprichwort. Was andere können, vermögen auch wir.« »Daß du recht hättest,« sagte der Jude und zog eine Tüte mit Mehl gefüllt aus der Tasche. »Da sieh zu, kannst du herstellen eine Qualität wie diese? Du erschrickst, du wirst weiß, und der Ellenbogen deines Rockes ist grün. Du hast deine Hand nicht zur Faust gemacht und hast doch was mitgenommen aus dem Wartezimmer der Sparkasse. Dein Ärmel verrät, wo du warst. Vater Höhrle, – so wahr ich gesund bleiben will, mein ich's ehrlich – behalte dein Geld, deine Mühle aber gib her.« Diese Zumutung stachelte in dem Mühlenbesitzer alles auf, was an Bauerntrotz in seiner zaghaften Seele lebte. »Wenn du reiten willst,« sagte er gereizt, »dann setz' dich der eignen Geiß auf den Rücken, meine Sachen laß mich selber ordnen,« damit drehte er dem Juden den Rücken und ging. Dieser sah ihm nach, schüttelte den Kopf und murmelte vor sich hin: »Wen Adonai verderben will, den schlägt er mit Blindheit. Massel–toff!« 41     6. Kapitel Wie hatte doch das Geld in kurzer Zeit die Mühle umgekrempelt. Vor den Fenstern waren die rotblühenden Geranien verschwunden und die verbleiten Butzenscheiben waren durch große Platten Spiegelglas verdrängt, hinter denen weiße Spitzenvorhänge jedem neugierigen Blicke den Eingang verwehrten. Im Zimmer machte sich selbstbewußt ein Kanapee breit, und dort, wo früher hinter einem gewürfelten Kattunvorhang das Bett der Eltern sich schämig verbarg, stand ein klobiges Möbel, dessen Zweck eigentlich niemand begriff, ebensowenig wie seinen Namen »Büffet«, den Röse Ricke ihm sprachkundig gegeben hatte. Auch der Uhrkasten mit seinem Insassen, einer alten bedächtig zählenden Schwarzwälderin, war verschwunden, und statt ihrer schnatterte nun ein leichtfertiges kleines Ding auf der sogenannten »Konsole« geschwätzig den Lauf der Zeit herunter. Hinter den Dingen waren die Menschen nicht zurückgeblieben. Mutter Höhrle hatte ihren Umfang durch einen Reifrock verdreifacht und die Kinder flohen vor ihr, wie vor 42 Goethes wandelnder Glocke. Hätten Suse und Liese die Mode mitgemacht, so konnte fast ein Glockenspiel aus dem Hause Höhrle werden. Aber sie taten es nicht, obwohl auch sie in ihrer Kleidung etwas städtischer geworden waren. Für den Alten hatte man vom Hausierer ein seidenes Halstuch erstanden, das Liese oder Suse, wenn er am Sonntag ausging, über seinem Hemdenkragen zu einem kunstvollen Knoten schürzten. Unter seinem glattrasierten Kinn bildeten die beiden, wie schwarze Ohren abstehenden Zipfel einen wirkungsvollen Abschluß. Das war alles, was von dem erhobenen Gelde dem Hausherrn persönlich zugute kam. Auch im Stall hatte sich manches geändert. Die Esel waren ausgezogen bis auf einen, der nicht verkäuflich war, und aus den steinernen Trögen, aus denen die Genügsamen ihre Rüben genossen hatten, fraßen jetzt zwei anspruchsvolle Pferde den teuren Hafer, den ihnen der zum Pferdeknecht avancierte Mühlbaschel aufschüttete. Als man die Mähren mit aufgebundenen Schwänzen durchs Dorf geführt hatte, war viel pferdeverständiges Volk hintennach gezogen. Auch Mordche Rimbach war dabei. Die Beine in die Kniee gesunken, stand er im langen Kaftan da, hatte beide Daumen im Ärmelausschnitte der Weste, und graumelierte Haarbüschel schlüpften unter seinem schmierigen Stulpkäppchen hervor und hingen wie Heringschwänze über seine gefurchte Stirn hernieder. Während alle Welt ein Urteil fertig hatte und damit nicht zurückhielt, schwieg der Jude, und erst als die Müllerin dem 43 Schecken über den glänzenden Rücken fuhr und seine Frömmigkeit lobte, sprach er ruhig vor sich hin: »Flieh ihn wie die Pest, denn er ist ein Bruder der Kuh.« Dann ging er schlotternden Ganges auf die andere Seite des Gespannes und musterte den Rappen, der neben dem Schecken stand. Seine Beine wurden dabei krummer und krummer, und der ganze Hebräer glich zuletzt einem auf den Kopf gestellten Ypsilon. »Du bist müde, Mordche,« rief ihm Vater Höhrle zu, »ich will dir einen Stuhl holen, daß du dich ausruhen kannst.« »Sehr gütig, laß mich auf den Beinen, bis ich dir den Pferdemetzger geschickt habe,« sagte der Jude und wackelte in seinem Kaftan über die Wiese hin, seinem Hause zu. Im Gegensatz zu Mordche Rimbach war Mutter Höhrle mit dem Pferdekauf recht zufrieden. Jetzt hatte sie, was sie brauchte. Sie konnte Sonntags in die Kirche fahren, und sie hatte den Mühlbaschel, obwohl sie ihn eigentlich seiner Triefaugen wegen nicht mochte, doch so weit abgerichtet, daß er in einem Abstand vor den Damen Groß und Moos zu fahren wußte, der diesen das ausgiebigste Staubschlucken zu betrübender Notwendigkeit machte. Am besten schnitt bei der Transsubstantiation des Hauses Höhrle der kleine Hans ab. Der Tagedieb ging nun schon eine geraume Weile in die Schule, und ob nun der Winter eine kleine Kattundecke von Schnee auf die Erde gelegt hatte, oder der Sommer etwas staubigen Puder auf die Straße, gleich mußte er ins Kirchdorf gefahren oder von dort wieder abgeholt werden. Man sah die Pferde 44 mehr im Silbergeschirr vor dem Viktoriawagen als vor dem Lastwagen, und es fehlte nur wenig und Vater Höhrle konnte seine Säcke selber tragen. Der kleine Hans war übrigens ein guter Schüler, trotzdem er kein fleißiger war. Eine Zeitlang hielt er mit den Besten Schritt, dann ließ er nach und wurde von den Mittelmäßigen überholt, bis es ihm wieder ersprießlich dünkte zu arbeiten, um die Ersten einzuholen. So war er eigentlich bei Lehrern und Schülern gut gelitten, bei letzteren vor allem des Umstandes wegen, weil er Dackel malen konnte. Nun waren diese derart, daß sie jedem andern Tiere genau so ähnlich sahen, wie einem Dachshund, aber nachdem Hans Höhrle, der Sohn eines angesehenen Geschlechtes, gesagt hatte, es seien Dachshunde, glaubten die andern an ihn, strebten ihm nach und vor dem Titelblatt eines jeden Katechismus verlebten von jetzt ab unzählige Dackel ihr hundemäßiges Leben. Der Pfarrer, der wußte, was die Mutter mit dem Knaben vorhatte und ihn früh zum Dienste der Kirche erziehen wollte, ließ ihn sogar zum Messedienen zu. Dieses Amt verwaltete Hans mit stolzer Würde, was ihn übrigens nicht hinderte, vor dem Hochamte den Meßwein mit Inbrunst zu versuchen. Auch verstand er es, kleine Kerzenstummel wegzustehlen, um mit ihnen an Septemberabenden gräulich zugeschnittene Kürbisse zu erleuchten. Zu Hause hatte Höhrle junior an dem zurückgebliebenen Esel einen guten Kameraden. Zur Arbeit nicht mehr angehalten, aber auch nicht mehr gefüttert, trieb sich das Tier in 45 den Baumgärten hinter dem Dorfe herum und verschmähte weder Weißrüben noch Kohlkraut, auch dann nicht, wenn es zweifelhaft war, ob er sich auf dem Grund und Boden der Familie Höhrle aufhielt oder auf dem anderer Leute. Hans wurde des öfteren ausgeschickt, ihn zu suchen, und nie brachte er ihn nach Hause, ohne daß er irgend einen Schelmenstreich ausgeführt hatte. Mit Vorliebe holte er den einen oder anderen seiner Schulkameraden herbei und veranlaßte ihn, den Rücken des Grauen zu erklettern. Dann kitzelte er den Esel, bis er den Kopf durch die Vorderbeine steckte und so seinen Reiter zwang, sich zu entscheiden, ob er über die musikalisch oder die landwirtschaftlich produktive Seite eines Eseldaseins zur Erde rutschen wollte. Beides hatte seine Bedenklichkeiten, und nicht selten kamen Mütter in die Mühle, die über zerrissene Hosen und aufgeschundene Kniee ihrer Sprößlinge bitter zu klagen hatten. Frau Höhrle nahm derlei Streiche ihres Lieblings keineswegs tragisch. Sie lachte höchstens und entließ die Ankläger mit dem Stachel des beleidigten Rechtsgefühles im Herzen. »Euch werden wir's einbrocken,« sagten die Leute, und sie wären lieber Hungers gestorben, als daß sie von dem Mehle der Mühle zu Husterloh gegessen hätten. So arbeitete Hans früh zum Nachteil des väterlichen Geschäftes. Zuweilen nahm Suse den Wildfang vor und erklärte ihm: »Daß sie Liese den Auftrag geben werde, über Hansens Streiche mit dem Vater zu reden.« Der Strolch lachte und sagte höhnisch: 46 »Du wirst es der Liese sagen, die wird es dem Vater sagen und dann werde ich, wenn Gott will, die Prügel bekommen! Höre Suse, das ist ein weiter Umweg, da kann sich sogar ein Landbriefträger verirren. Glaubst du wirklich, Schwester, daß die Prügel an ihre richtige Adresse kommen?« Suse mußte lachen, aber sie konnte ihrem Bruder nicht unrecht geben. Leider war die Methode, nach der man den Stammhalter des Hauses Höhrle erzog, so, daß ihm jede Unart ungestraft hinging, weil die Nemesis niemand finden konnte, der den Strafvollzug bewerkstelligen wollte. Das wußte der Bengel sehr wohl, und deshalb stellte er sich mit souveräner Würde über Gesetz und Recht. Er war angesehener Leute Kind. Er ging in die Schule, wenn es ihm gerade paßte, wenn es ihm nicht paßte, lag er auf dem Anger und ließ sich die Sonne in den Magen scheinen. Aus dem Nachbargarten holte er jeden Apfel, der ihm gefiel, und nur einmal, als er zur Kirmeßzeit von dem Marktstand einer Zuckerbäckerin ein süßes Herrgöttle aus Lebkuchen heruntergenascht hatte, ereilte ihn die Rache. Wie's Gewitter war die resolute Frau mit einem Staubbesen hinter ihm her, und nun bezog er in einer großen Generalabrechnung, was er sich ratenweise im Laufe der Jahre verdient hatte. Arg durchwalkt kam er nach Hause, ja er lahmte sogar ein wenig, aber all den mitleidsvollen Fragen der Seinigen setzte er ein stoisches Schweigen entgegen. Er hatte Gerechtigkeitssinn genug, um zu wissen, daß er nicht schuldlos leide, und sein von der Mutter 47 ererbtes Selbständigkeitsgefühl ließ es nicht zu, daß ein anderer sich seiner wie eines Mündels annahm. Auch klagte er zu Hause niemals über ein Ungemach, das ihm die Schule einbrachte. Seine Lehrer behandelten ihn wie eine kleine Respektsperson, und dieser Umstand gerade, sowie das bessere Aussehen seiner Kleider, seiner Bücher, seines Ranzens schufen ihm Gegner unter seinen Mitschülern, die nun einmal von historischen Vorurteilen nicht beschwert, kein anderes Vorrecht anerkannten, als das der stärkeren Faust. So war der kleine Hans nicht selten gezwungen, wenn seine Mitschüler die Ehrfurcht vor dem Dackelmaler vergaßen, gegen ein ganzes Rudel anzukämpfen, und er tat es ohne Empfindsamkeit mit Mut und ohne Klage, wenn er einmal den Kürzeren zog. Es übte der Verkehr mit seinen Altersgenossen auf ihn eine gute erziehliche Wirkung aus, und es hätte zu seinem Segen ruhig noch ein paar Jahre so fortgehen können, wenn er nicht eines Tages einen blutigen Hemdenkragen nach Hause gebracht hätte. Seine sonst so starknervige Mutter, die sich in der letzten Zeit immer mehr aus dem Weibe heraus zur Dame entwickelt hatte, fiel mit erkünstelter Grazie in eine komfortable Ohnmacht auf das neue Kanapee, und als es dem Duft geriebenen Meerrettichs endlich gelungen war, sie aus der Vergangenheit in die Gegenwart zurückzurufen, überhäufte sie den unglücklichen Vater Höhrle, der mit Gelassenheit das Doppelweh von Frau und Kind zu tragen schien, mit einer Flut von Vorwürfen. Sie sprach von Rabenvätern, die mit ansehen könnten, wie ihr eigenes Fleisch und Blut 48 von einer entmenschten, – entmenschten, – entmenschten– offenbar suchte sie hier nach einem Substantivum, das stark genug wäre, ihrer Indignation Ausdruck zu verleihen, aber sie fand es nicht, – und als nun Röse Ricke, die von der blutigen Tat Kunde bekommen hatte und herbeigesprungen war, mit »Rotte Kora« aushalf, wurde sie mit einem dankbaren Blicke belohnt, und die Müllerin seufzte tief auf, als ob ihr ein Stein vom Herzen gefallen wäre. Dann aber, als ihr die hohe Würde, der ihr Sohn langsam entgegenreifte, einfiel, faselte sie von einem Sakrilegium, vor dem die blöde Menge bewahrt werden müsse, indem man den Gegenstand ihres Hasses dem Bereiche ihrer Fäuste entzöge. Jetzt wußte Vater Höhrle, wohin die Wetterfahne zeigte, und er sah den Hauslehrer bereits hinter seinem Tische sitzen und mitessen, obwohl er noch lange nicht wußte, womit er ihn bezahlen sollte. Denn die Mühle ging schlechter von Jahr zu Jahr. Der Alte hatte versucht, die Qualität seines Mehles zu verbessern, um es Groß und Moos gleichzutun. Er hatte den Schälgang enger gestellt und eine hellere Farbe erzielt; aber damit hatte er die Quantität verringert, und die Bauern, bei denen Müller und Spitzbube ohnedies als gleichwertige Begriffe gelten, klagten, daß sie übervorteilt würden. Die Pferde fraßen wohl, aber sie produzierten nicht wie die Kühe, und was sie an Arbeit leisteten, nutzte ihre Kraft nicht aus und hätte billiger durch die Esel besorgt werden können. Dabei wurde Mutter Höhrle von Tag zu Tag anspruchsvoller. 49 Ganz nach Belieben ergänzte sie Fehlendes in ihrem Hausrat und komplettierte ihn nach Laune. Die Pferde entzog sie dem Feldbau und Mühlenbetrieb durch gelegentliche Reisen, die sie machte, um sich und den kleinen Hochwürdigen bei Freunden und Bekannten in nah und fern zu zeigen. Kaum mehr gab es in der Umgegend eine Kindstaufe oder einen Leichenschmaus, bei dem nicht Mutter Höhrle wie Bankos Geist aus der Versenkung emporstieg. Als solch' schwere Gewichte auf die Wage seiner pekuniären Leistungsfähigkeit geworfen wurden, sah Vater Höhrle mit Schrecken die Schale, auf der sein Haben lag, hoch in die Lüfte schnellen. Eine mit Verzweiflung verwandte Resignation erfaßte ihn und lähmte seine Arbeitskraft. In die Träume seiner Nächte drängte sich eine unheimliche Gestalt mit einem blauen Streifen um die Mütze, einer kleinen Kokarde über dem Glanzlederschild und abgegriffenen Jackettaschen, aus denen gelbe Aktenkuverte vorlaut und aufdringlich hervorleuchteten –: der Gerichtsvollzieher. Am Tage sah er mehr, als ihm lieb war, den breiten Planwagen der Firma Groß und Moos, der seine Gedanken wie ein Leichenwagen auf trübe, unfriedliche Wege leitete. So wurde er immer einsamer, strich durch das Erlengebüsch seiner Wiesen mit der Sense, ohne daß er gewußt hätte, wo er mähen sollte. Am Wehr setzte er sich sinnierend nieder und sah seinem Knechte, dem Mühlbach, bekümmert in die ewig wechselnden Züge. Da geschah's, daß eines Tages das sinnlose Murmeln des Baches sich für das Ohr des Grübelnden zu klaren Worten 50 formte. »Was sitzest du ratlos da«, sprach der Bach. »Hab' ich nicht seit Jahrhunderten deinem Hause treu gedient. Warum willst du meiner Kraft mißtrauen, seitdem der windige Halunke Dampf da unten im Tal sein Wesen treibt? Fasse mich fester, Vater Höhrle, daß ich an Widerständen meine Kraft erneuere! Schleudere mich tiefer hinab in den Abgrund, daß ich die Wucht des Anpralls für mich habe, und laß meinen Zorn in der Turbine wüten, und du sollst sehen, daß ich mehr kann, als feiste Forellen füttern. Hinweg mit dem trägen Umtrieb des Wasserrades, das schwerfällig wie Samson in der Mühle zu Gaza die plumpen Steine wälzt. Kleine hurtige Porzellanwalzen schaffe herbei, raschelnde, wuselige Siebe will ich dir schwingen, tausend kleine Hebel will ich dir brechen, und unruhig muß es in der Mühle werden wie in einer Schachtel Maikäfer. Folge mir, der ich die Sache kenne, Vater Höhrle. Schaffe ich nicht oben in der Papiermühle eine ähnliche Arbeit, warum sollte ich bei dir versagen?« Das waren tröstliche befreiende Worte, und der bekümmerte Müller lauschte auf und dachte über ihren Sinn nach. Mit einem Male erschien ihm nun alles so klar, so selbstverständlich, und es war ihm fast, als ob die Ratschläge gar nicht von außen gekommen, sondern in ihm selbst entstanden wären. Ein nie geahntes Vertrauen zu der eigenen Kraft beseelte ihn. Ja, so mußte es gehen. Die Mühle mußte von Grund aus umgestaltet werden, dann, – dann mußte sich alles – alles – noch zum Guten wenden. Vater Höhrle nahm seine Sense auf die Schulter 51 und ging mit elastischen Schritten, fast wieder ein Jüngling, seinem Hause zu. An diesem Abend sahen Suse und Liese das sonst so trübe Gesicht des Vaters wieder einmal sonnig heiter, ohne den Grund zu kennen, und Scherz und Lieder fielen wie reife Erbsen von den Schoten aus ihren weit geöffneten dankbaren Herzen heraus. An diesem Abend war seit langer Zeit zum erstenmal wieder das Glück auf seinem Rundgang zwischen geborstenen Hütten und morschen Heustadeln in der Mühle eingekehrt. Am nächsten Tage schon meldeten sich allerlei Bedenklichkeiten zur Stelle. Die Sache kostete viel, und das vorhandene Baargeld hatte Mutter Höhrle mit den Pferden und sonstigem Tand vergeudet. Doch die Mühle hatte Kredit. Der Bachmüller zog sich gut an, damit er nach Wohlstand aussehen möge, und ging zum Sparkassenvorstand. Man empfing ihn höflich, aber man hielt die Truhen geschlossen. Man bedeutete ihm mit Achselzucken, daß man seiner Kreditwürdigkeit nicht mißtraue, daß man aber höchst bedauerlicherweise durch Paragraphen von Statuten gebunden sei und einen Bürgen verlangen müsse. So weit war es also. Der einst so gut stehende Müller galt für erschüttert, man brauchte einen, der ihn stützte. Die Pille dieser Wahrheit, obwohl von dem Beamten mit höflichen Worten vergoldet, war für Vater Höhrle schwer zu schlucken. Er ging mit langem Gesichte und leeren Taschen weg, und sein erster Gedanke war: »Mich seht ihr da drinnen nicht wieder.« Allein die Gewißheit, daß er sein Geschäft, so wie es bisher war, 52 nicht weiter treiben könne, beugte den Rest seines Stolzes, und so entschloß er sich, bei seinem Schwager, der ein kleines Geschäft in Kolonialwaren betrieb, vorzusprechen und ihn um die geringe Gefälligkeit zu bitten, seinen Namen an den Fuß eines Aktenbogens zu schreiben. Franz Schütteldich, der Bruder von Frau Höhrle, hatte in letzter Zeit zu allem, was er schon war, die Würde eines Gemeinderates erworben, sprach von Grundbüchern, Flurbereinigung, Akten und Registraturen und unterschrieb mit Fanatismus alles, was vor ihn kam. Kaum hatte er gehört, was Vater Höhrle von ihm verlangte, so zog er mit Begeisterung die Hände aus einem Schmierseifenfaß, wischte die Nase an einem Handtuch und sagte: »Gleich, gleich Schwager, und warum denn nicht.« Damit war die Sache, vor der sich Vater Höhrle so unsagbar gefürchtet hatte, in überraschend einfacher Weise erledigt. Er hatte im Handumdrehen die Kunst des Schuldenmachens erlernt. Die Quelle floß, aber niemand sollte ihm diesmal die durch Schütteldichs Wünschelrute erschlossenen Wasser über unfruchtbares Brachland leiten. 53   7. Kapitel Unterdessen hatte Hans Höhrle in Gesellschaft eines Hauslehrers auf der Wanderschaft dem Salböle des Bischofs entgegen den ersten Meilenstein hinter seinen Rücken gebracht. Der Jammer der »Elend'schen« Grammatik war überwunden, und bereits warfen die großen Ereignisse des » Bellum gallicum « ihre drohenden Schatten auf des Knaben seither so sonnigen Lebensweg. Der teure Hauslehrer, der bis dato seinen lateinischen Lebensgang geleitet hatte, war nicht Stratege genug, um seinen Zögling durch einen so ohrfeigenreichen Feldzug zu führen. Das Geld war knapp und sollte der Mühle zugute kommen, und so gewann auch Mutter Höhrle die Einsicht, daß man den zukünftigen Domherrn einstweilen dem bischöflichen Konvikt in Mainz anvertrauen solle. Der Tag, der Hansens Kinderglück abschloß, begann mit einem leichten Nebel, dessen Grau die Septembersonne mit einigen goldenen Pfeilen durchschoß. Das Bohnenlaub im Garten hatte bereits die fleckig kränkelnde Farbe des Herbstes, und die kleinen Fichtenstangen, die es getragen, lagen entlastet in Haufen umher. Das Vieh ging auf den geschorenen 54 Wiesen, die ihr sattgrünes Sommerkleid mit einem lichtgrünen vertauscht hatten, in das die blauen Kelche der Herbstzeitlosen gar zierlich eingestickt waren. Der Wald war scheckig wie das Kleid eines Harlekin in den Fastnachtstagen. Hans Höhrle stand am offenen Fenster, schaute in den aufdämmernden Morgen und war bemüht, sich Stück für Stück in einen neuen Anzug hineinzuzwängen. Er putzte sich zur Reise in die Bischofsstadt und zu einem anderen Zweck. Er hatte nämlich noch einige Abschiedsbesuche zu machen und darunter einen, der ihm sehr wichtig war. Hans Höhrle wäre kein ganzes »Röhrle« gewesen, wenn er nicht neben seinem Hang zum geistlichen Stande noch eine andere fromme Neigung gepflegt hätte. Ihn zog es, man kann nicht genau sagen seit wann, zu einer kleinen Agnes hin, der er beim Suchen von Haselnüssen zuweilen die ringelnden Locken aus dem garstigen Reisig gelöst hatte. So mag es gekommen sein, daß ihr lieber Kopf mit den haselnußbraunen Augen zwischen seinen Händen ihm wie ein artiges Spielzeug vorkam, das er nach Laune drückte und herzte. Agnes, weniger Kind als er, war betroffen von dieser weitgehenden Art der Spielerei und hatte schon das Bewußtsein, eine Unschicklichkeit geduldet zu haben. Sie ließ verstimmt das Köpfchen hängen. Das rührte den Hans Höhrle, den seine Sünde nicht genügend reute, als daß er nicht deren Wiederholung wünschte. So wußte er sich denn zu helfen. Er kehrte den Biedermann heraus und erklärte, daß Agnes von jetzt ab im stillen seine kleine Frau sei, bis er in die 55 Lage käme, sie durch ein lautes »Ja« vor aller Welt zu einer solchen zu machen. So gewann er fast das Recht des Nießbrauches, und was einmal geschehen war, geschah öfters. Bald fand Agnes Geschmack am kindischen Getändel, schlug die kleinen Hände ineinander, daß es klang wie das Jauchzen der Kastagnetten, und hing sich hilfesuchend an seinen Arm, wenn es im wilden Lauf durch Hecken und über Gräben ging. Doch zuweilen war sie ernster, besann sich auf ihre neuen Pflichten, schritt sittsam neben ihm her und entdeckte, daß an seiner Weste ein Knopf fehlte und daß ein anderer nur noch an wenig Fäden hing. Auch musterte sie altklug mit dem besorgten Blicke einer sparsamen Bauersfrau die Kartoffelfelder und sprach nicht ohne Kummer von den schlechten Aussichten für die Kraut- und Bohnenernte. Derartige Bemerkungen beruhigten den Knaben, weil sie ihm die Sicherheit gaben, daß er dereinst eine sparsame Gattin haben werde. So lebten sie im Frieden dahin. Seitdem es aber im Dorfe bekannt geworden war, daß Hans nun auf die Schule käme, um sich vorläufig zum Pfarrer und dann zum Bischof weihen zu lassen, war Agnes zurückhaltender. Gewiß teilte sie nicht die blöde Ansicht des Bauernvolkes, daß einer, der mehr lernt als seinen Namen schreiben, nun unbedingt ein »Hochwürden« werden müsse, aber sie ahnte mit dem feinen Instinkt des Weibes, daß Hansens fortschreitende Bildung einen Graben zwischen sie beide wühlen würde, den sie dann nicht mehr überspringen könnten. Schon daß er wiederkehren und hochdeutsch reden sollte, war ihr ein widerwärtiger Gedanke. 56 Sie zog sich von dem Höhersteigenden scheinbar zurück. Sie schmollte. Sie begünstigte in auffallender Weise wohl einmal einen anderen Knaben, ließ sich suchen und nicht finden. Dies alles war dem Hans nicht entgangen, und er fürchtete um seinen Besitz. Nach wenigen Stunden schon legte sich zwischen sie und ihn ein Kilometer nach dem anderen. Das gab einen weiten Spalt, in den sich bequem ein anderer lagern konnte. Einer derartig betrübenden Möglichkeit mußte Hans zuvorkommen. Noch einmal wollte er die sprechen, aus deren Augen jene schmelzende Glut geflossen war, die seine Kinderseele entflammt hatte. Er wußte, daß sie drüben hinter den Haselsträuchern bei den Kühen ihres Vaters zu finden war, und dahin eilte er jetzt. Bald erblickte er sie sitzend zwischen den Zweigen des Unterholzes auf dem weißblühenden Teppich des Hasenklees, seine seitherige kleine Frau. Sie hatte das müde Braungrün hinsterbender Buchen- und Brombeerblätter zu einem melancholischen Strauß gebunden und schien auf jemanden zu warten, dem sie ihn geben könne. »Agnes!« rief Hans. Das Mädchen fuhr zusammen, erhob sich, kam näher und blieb doch wieder befremdet stehen, als sie den Freund in dem neuen modischen Anzug sah. Sie ahnte, daß von jetzt ab wie mit dem äußeren, so mit dem inneren Menschen ein Wandel vor sich gehen werde. Umsonst war's, daß Hans ihr beteuerte, nicht jeder, der durch ein Gymnasium gedrückt werde, brauche mit geschorenem Schädel herumzulaufen. Umsonst, daß er ein Dutzend Jahre vorüberziehen ließ wie 57 einen flüchtigen Kranichzug. Umsonst, daß er ihr von allem Geld und allen Ehren, die er auf sich zu häufen gedachte, ein gutes Teil versprach. Es half alles nichts. Ihr schönes nachdenkliches Gesicht wiegte sich gedankenvoll von einer Schulter zur anderen, ihr Auge schweifte geängstigt ins Weite, ihre Pupille wurde größer und größer, als ob sie einem nachsehe, der kleiner und kleiner wird und in der unendlichen Weite des Weltenraumes für sie wenigstens verschwindet. Stumm reichte sie ihm noch einmal die Lippen zum Kusse, befestigte den Blätterstrauß mit dem verbleichenden Grün der Hoffnung an seinem neuen Rocke und floh wie vor einem ihr fremd gewordenen Menschen aus dem schützenden Waldesdunkel hinaus in die zwinkernde Helle eines vielversprechenden Septembermorgens. Hans sah die liebe Gestalt von goldglänzenden Nebelschleiern umflossen vor sich fliehen, und ihm ward traurig zumute, zum erstenmal in seinem Leben. Er fing an, sich vor der Weite zu fürchten, in der er nichts bedeuten und so leicht sich spurlos verlieren konnte, und heimwehkrank ging er, seinen Strauß unterm Rocke verborgen, dem Dorfe zu. Das Herz war ihm schwer, und er wäre am liebsten einsam geblieben. Das ging nicht an. Da war der Onkel Schütteldich, Inhaber der Firma Knuff und Schütteldich, Gemeinderat und Bürge für gar manchen, der aus dem Vorschußverein etwas herauspressen wollte. Er wohnte so gelegen, gerade nebenan der Sparkasse, er galt für wohlhabend, und es schmeichelte ein wenig seiner Eitelkeit, wenn er mit der Zugkraft seines klangvollen Namens das steife 58 Geld der Kasse ins Rollen bringen konnte. Er freute sich, wenn er andere und anderes sich bewegen sah, der eigenen Ruhe, denn er war von unüberwindlicher Faulheit. Er war Junggeselle geblieben, weil er die Anstrengung des Heiratens fürchtete. Sein Geschäft betrieb er von einem dreimal reparierten Ledersofa herunter mit der Spitze einer langen Pfeife. Wer einen Hering verlangte, legte das Geld auf den Ladentisch und bequemte sich nach der Ecke, die Schütteldich mit seiner Pfeifenspitze ihm bezeichnete. Dort fand er, was er suchte. Kam einer, der etwas kaufen wollte, was gewogen werden mußte, so lud ihn Onkel Schütteldich ein, neben der Schmierseifentonne Platz zu nehmen, bis noch einer käme. Wegen eines einzigen Geschäftes aufzustehen, dazu war er nicht zu bewegen. In halbliegender Stellung traf ihn unser Hans auf dem Ledersofa und erklärte ihm in Kürze, daß er gekommen sei, um Abschied zu nehmen. Schütteldich blies aus seiner Pfeife einige Frage- und Ausrufezeichen in die Luft, als ob er sagen wollte: »Wohin? – Und was soll aus diesem Kinde werden?« Der Knabe beantwortete diese Wimpelsignale prompt: »Ich soll ein Geistlicher werden, Onkel, und soll fort nach der Bischofsstadt.« »Du, ein geistlicher Herr?« lachte Onkel Schütteldich. »Höre, mein Junge, dein Onkel ist auch nicht allwissend, aber das kann er doch prophezeien, daß du eher an die Mondsichel einen Stiel drechselst, als den Weihwasserpinsel 59 schwingst. Wo warst du übrigens heute morgen schon, verliebter Kakadu, bevor du zu mir kamst?« Hans errötete und schwieg. »Ich will dir was sagen. Von der Dachluke unseres Hauses hat man eine schöne Aussicht, und ich, dein Onkel, weiß, daß du mit einem schelmigen Buben verkehrst, der Agnes heißt.« Dem derart gefolterten Knaben lief eine Purpurröte bis unter die Haare, und er stammelte verlegen: »Du wirst doch schweigen können, guter Onkel!« »Ich«, sprach dieser, »ich kann unverschämt schweigen jedem anderen gegenüber. Dir aber sage ich: Überlaß den langen Rock anderen Leuten, die krumme Beine haben! Gewiß, ich sage nichts gegen den Priesterstand. Schon seine bequeme Zeiteinteilung: Ein Werktag und sechs Sonntage, gefällt mir sehr. Aber, Hans, das Cölibat, das Cölibat, und die Mädels und die Mädels!« Und Onkel Schütteldich lachte verschmitzt wie einer, der viel erzählen könnte, wenn er wollte. Es gehörte so zu seinen kleinen Schwächen, durchscheinen zu lassen, daß er nicht aus Mangel an Auswahl Junggeselle geblieben sei, sondern weil die Größe des Angebots seine Kaufkraft überstieg. Nachdem Onkel Schütteldich eine Zeitlang mit verschlagenem Zwinkern vor sich hin gelacht, wendete er sich um, so daß er auf dem Bauche lag, und begann mit der Linken unter dem Sofa zu wühlen. Es dauerte nicht lange, und er beförderte einen alten Krug ans Tageslicht, der mit einem halben Holzdeckel notdürftig verschlossen war. Aus 60 dem Kruge entwickelte er nun wie aus einem Zauberkasten eine schier endlose Strumpflänge, aus dieser einen Lederbeutel und aus diesem einige schier erblindete Taler. »Die sind für dich«, sagte er. »Die Herren in der Stadt verstehen nur den Leuten den Kopf zu füllen und lassen den Magen leer. Wenn du die gesunden Sinne deines Onkels geerbt hast, dann wirst du riechen, wo der Metzger wohnt, und wirst hören, wo man den Teig in der Backmulde schlägt. Wenn sie dich hungern lassen, wirf die Bücher in den Rhein, komm hierher, heirate Agnes und übernimm deines Schwiegervaters Hotel ›Zum Weltschirm‹. Damit Gott befohlen!« sagte Onkel Schütteldich, qualmte und verschwand wie Israel hinter der Wolkensäule im grauen Dunste einer Tabakswolke. Kaum hatte Hans Höhrle den Laden seines Onkels verlassen, als er dem würdigen Pfarrherrn begegnete, der, sein Brevier betend, gerade aus der Frühmesse kam. Der alte Herr steckte das braune, abgegriffene Büchlein in die Hintertasche seiner Sutane und nahm den Jungen bei der Hand. »Du willst Abschied nehmen, um aus unseren Bergen in die Welt hinauszugehen. Komm mit, ich will dir Gottes Segen mitgeben und noch was anderes.« Derweilen hatten die beiden die Schwelle des Pfarrhauses überschritten und standen vor dem übervollen Büchergestell des alten Herrn, der sich streckte und zwei mächtige Folianten mit vergoldetem Lederrücken herunterholte. Liebevoll wiegte er sie in seinen wohlgepflegten Händen und sah dem Knaben stramm ins Gesicht. »Siehst du,« begann er, »dies ist 61 die Strickleiter, an der schon gar mancher zu hohen Ehrenstellen in Staat und Kirche emporgestiegen ist!« Da er das Wort Kirche etwas scharf betonte, so sah Hans, der wegen der Agnes kein gutes Gewissen hatte, etwas betreten zur Seite. Der geistliche Herr merkte das nicht, denn er hatte die Einbanddecke umgeschlagen und las: »Taschenwörterbuch der Lateinischen Sprache von Georges.« Hans erschrak und suchte im Geiste den gewaltigen Umfang dieses Buches mit dem Kosenamen Taschenwörterbuch in ein harmonisches Verhältnis zu bringen. Der Pfarrer aber drehte plötzlich nach vorn um und las dem Knaben eine schier endlose Namensliste von Leuten vor, die das Buch vordem besessen. Da waren Männer verzeichnet, die es zum Regierungsbauinspektor, Steuerperäquator, Kanzleirat, Rechnungsrat, Dompraebendenten usw. gebracht hatten. Kurzum, das Vorblatt des Buches war das reinste Pantheon, in dem illustre Menschen aller Art beigesetzt waren. Indem der Pfarrherr dem Knaben die letzte Seite des Buches vor Augen hielt, ließ er sich von diesem bestätigen, daß auf dieser keinerlei weder Gedrucktes noch Geschriebenes zu finden sei. Hans konnte dies mit gutem Gewissen tun, und der Pfarrer fuhr fort: »So rein wie dies Blatt hier, ist die Seele, die du nun in die Fremde trägst, und rein und sauber sollst du nach Jahr und Tag mir beides wiederbringen, deine Seele und das Buch. Vor allen Dingen aber, kleiner Künstler, 62 male mir keine Dackel da hinein, das ist die Bedingung, unter der du das Lexikon mitnehmen kannst.« Hans nickte zustimmend. »Büblein,« fuhr der Priester fort, und eine Wolke von Trauer legte sich über seine buschigen Augenbrauen, »es kommen nun harte Jahre für dich. Dich packt der Ernst des Lebens, und alle Kindereien müssen jetzt hinter dir liegen.« Vielleicht reute es ihn, so drohend harte Worte gesprochen zu haben, denn er lenkte ein: »Wenn du dir aber das Dackelmalen durchaus nicht abgewöhnen kannst, nun denn meinetwegen, beschmiere das Schlußblatt. Irgend eine Dummheit macht schließlich jeder, aber deine Seele bewahre mir weiß und rein.« Damit legte er dem Knaben segnend die Hand aufs Haupt, und schob ihn mit freundlichem Lächeln vor die Tür. Auf der Dorfgasse erhoben die Gänse ein begehrliches Geschrei, als sie den angehenden Studenten wie mit Futterkörben beladen über das Pflaster schreiten sahen. 63   8. Kapitel Während Hans seine Abschiedsbesuche machte, hatte sich in der Mühle ein bisher ganz unerhörtes Ereignis vollzogen. Mutter Höhrle, die den Abgang ihres Einzigen zu einem Tage gestalten wollte, der in der Erinnerung aller Dorfbewohner haften sollte, hatte den Auftrag gegeben, die Pferde vor den Viktoriawagen zu spannen. Diesem Ansinnen widersetzte sich Suse mit der Bemerkung: ›Die Pferde seien beim Umbau der Mühle unentbehrlich, und Hans und seine Sachen könnten recht gut mit einer Gelegenheitsfuhre nach der Bahnstation gebracht werden.‹ Mutter Höhrle war zunächst starr vor Staunen über die Kühnheit ihrer Tochter und fiel dann in eine ihrer komfortabelen Ohnmachten, die sie allmählich recht täuschend herzustellen gelernt hatte. Aber als sie erwachte und sah, daß dieses letzte Mittel, ihren Willen durchzusetzen, niemand erschüttert hatte, geriet sie in Wut, und eine Lawine von Schmähungen ergoß sich über das tapfere Mädchen. Suse aber stand kaum bewegt wie eine Tanne im Föhn, schüttelte sich nur ein wenig und erklärte ihrer Mutter, daß von jetzt ab sich vieles ändern müsse. Sie kenne die Lage des 64 Vaters und werde an seiner Seite stehen, und was die Pferde angehe, so sollten sich diese ihr Futter verdienen; lange vor Tag habe sie dieselben in den Wald geschickt, um Steine für den Wasserbau zu holen. Hansens Koffer sei dem Frachtfuhrmann übergeben, und wenn er selber zeitig zurückkäme, so könne er mit der gleichen Gelegenheit auf seinen Sachen sitzend bequem genug die Bahnstation erreichen. Hans aber verspätete sich, und als er endlich das Elternhaus erreichte, war der Frachtwagen mit seinem auf Reifen gespannten Zelttuch schwankenden Ganges längst über alle Berge. Also mußte der Junge laufen. Suse befestigte die Strickleiter, die er ja nun nicht mehr entbehren konnte, an einem Riemen und hing diesen mit manchem Worte ernster Ermahnung über seine Schulter. Derweilen stopfte Liese die Taschen des Bruders mit hart gesottenen Eiern und Butterbrot. Reisefertig bot er Vater und Mutter die Hand, den Schwestern die Lippen zum Kuß, und rüstig wanderte er einsam am Bache hin, der ihm wichtige Dinge erzählte aus den Kindertagen: Vom Dompfaffen, der im Strauch der wilden Rose sein Nest hatte, und vom Eichhorn, das vom Baume hinter der Scheune die Nüsse stahl. Bald bog der Pfad vom Bache nach aufwärts ab und erreichte einen mit Erlen bestandenen Klingen. Die Sonne brannte heiß vom Himmel nieder, und der Riemen, der die Strickleiter zusammenhielt, hatte auf den Schultern des Knaben brennendrote Furchen eingegraben. Hans warf die Last ab, setzte sich darauf und sah sich um. Unten lag, von dem langen Morgenschatten des Berges noch teilweise 65 überdeckt, sein Heimatdorf schöner, als er es je gesehen hatte, und vor der reizvollen Wirklichkeit im Tale verblaßten hier zum ersten Male die Illusionen, die er sich von der großen Welt gemacht und die seine Kinderseele mit jubelndem Entzücken erfüllt hatten. Tiefe Trauer um die Gewißheiten, die er verließ, und Furcht vor dem Unbekannten, dem er entgegen ging, quälten ihn und drückten die frohe Zuversicht auf eine glänzende Zukunft merklich herab. Hans wurde unsicher. Der Winkel eines Kranichzuges, der gleich ihm in die Fremde steuerte, gab ihm neue Zuversicht, und bald wieder machte er einen Schritt nach dem anderen, der Stadt entgegen, die ihm Geist und Körper umgestalten sollte. Um ihn war eine unendliche Stille ausgebreitet, die in seinem Inneren ein Gefühl der Verlassenheit erzeugte. Er sehnte sich nach einem Begleiter, und seine Blicke kehrten oftmals den Weg zurück, den seine Füße soeben gegangen waren, um auszuschauen, ob nicht irgend einer des Weges käme. Er sah nichts, aber er hörte mit einem Male den stolpernden Hufschlag eines Pferdes aus dem Tannendickicht. Hans, der seine Strickleiter, die ihn in die Höhe führen sollte, aber zunächst nur niederdrückte, gern losgeworden wäre, sah mit Freude vor der grünen Wand des Waldes ein ungeschlachtes, fast viereckiges Pferd, das bei jedem Schritt mit dem Kopfe nickte und hinter sich einen Wagen nachzog, auf dem man einen blauen Fuhrmannskittel unterscheiden konnte. Auch der Fuhrmann nickte, als ob ein verbindender Draht seinen und des Pferdes Kopf zu der gleichen Bewegung 66 nötigte. Er schlief den Schlaf des Gerechten. Der Knabe faßte sich ein Herz und rief dem Schlummernden an. Schlaftrunken, war der Geweckte über die Störung seiner Ruhe aufgebracht, fluchte und schien viel eher Lust zu haben, den kleinen Wanderer durchzuhauen, als mitzunehmen. Hans lief neben dem Wagen her, weil er hoffte, daß nach dem Zorne vielleicht doch ein menschlich Rühren in die harte Fuhrmannsseele sich einnisten könne, und er hatte sich nicht verrechnet. Der Mann rief mit einem Male: »Oha!« und das Pferd machte so bereitwillig halt, daß ihm das Kummet über den Ohren saß. .,Was zahlst du, wenn ich dich mitnehme, mein Goliath, du Riesenkerl, du?« »Einen Groschen und vielleicht noch etwas darüber.« »Sitz auf,« ermunterte der Fuhrmann und musterte Hansens Pakete mit neugierigen Blicken. Der Knabe kroch gewandt wie eine Katze von hinten auf den Wagen und machte es sich auf dem Futtersack bequem. »Kaust du auch, Dreikäsehoch?« fragte nach einiger Zeit bedächtigen Nachdenkens der Fuhrmann, der kein Auge von den beiden Paketen verwendet hatte. »Ja,« sagte Hans, »alles, was ich ungekaut nicht schlucken kann.« »So war's nicht gemeint, mein Tausendsassa, aber du rauchst doch?« »Nein!« »So hast du es doch wohl gern, wenn andere rauchen und dir ein wenig den Duft unter die Nase blasen?« 67 Hans bemerkte, daß er dagegen nichts einzuwenden habe. Nun griff der Fuhrmann zutraulich nach dem einen der Pakete und riß das graue Katzenpapier herunter. Als er aber nicht fand, was er erwartet hatte, schob er enttäuscht seine Schirmkappe ins Genick, faßte den armen Jungen erbarmungslos am Kragen, hob ihn über den Leiterbaum und ließ ihn fallen. Im nächsten Augenblick bereits lag der fahrende Scholar in der sehr schätzenswerten Gesellschaft des großen Georges auf der Straße. Der Fuhrmann fuhr weiter, verärgert und gekränkt darüber, daß hinter einem so kleinen Knirpse und seinem Bündel so viel Lug und Trug verborgen sein könne. Hans erhob sich und suchte seine Kleider und den großen Georges, der beschmutzt und übel zugerichtet war, wieder zu restaurieren. Er dachte an den Pfarrherrn, der ihm dies Liebespfand anvertraut hatte, und mitleidig an die noch ungeborenen Generationen, denen es auf der sozialen Leiter in die Höhe helfen sollte. Ihm hatte es seither wenig gedient. Eine Zigarrenkiste mit dem minderwertigsten Inhalt hätte ihn sicher weiter gebracht, wie all die papierne Weisheit. Noch war der Wanderer kaum eine Stunde aus dem Elternhaus, und bereits war er mit den Realitäten des Lebens arg aneinander geraten. Er war traurig, aber ein wilder Trotz erwachte in seiner Kinderseele. Er wollte den Kampf aufnehmen, und wenn er zermalmt werden sollte. Resolut warf er den Riemen, an dem der große Georges baumelte, über seine Schulter und folgte, der Chaussee mit 68 ihren unfreundlichen Gesellen ausweichend, einem kleinen Seitenpfade, der ihn durch Waldesschatten in ein quellendurchrauschtes Wiesental führte. Buchen wechselten mit Wallnüssen und der Pfad mit einem tiefgeleisigen Feldweg, der die weit im Tale verstreuten Bauernhöfe aufsuchte und bald auf-, bald abstieg. Die Leute sah man in den Feldern hinterm Pflug oder in den Wiesen hinter dem Wetterleuchten der geschwungenen Sensen. Die Höfe schienen leer, den Hühnern überlassen, die fleißig im Miste scharrten, und der Wachsamkeit der Hofhunde. Einer nach dem anderen dieser zottigen Wächter kam dem Knaben vorsichtig näher, beschnupperte mißtrauisch den großen Georges und warf im Fortgehen mit den Hinterpfoten etwas Schmutz nach dem Lexikon und seinem Träger. So feierlich dieser Vorgang an sich war, so wurde er durch die öftere Wiederholung dem Reisenden doch schließlich langweilig, und als eben gerade ein struppiger Bullenbeißer die Zeremonie vollzog, hob er seinerseits das Bein auf, um ihm einen Tritt zu geben. Doch da kam er übel an. Im Nu hatte das Tier mit den Zähnen seine Hose erfaßt, und es lag Hans und der große Georges zum zweiten Male an diesem ereignisreichen Tage an der Erde. Hart waren sie nicht gebettet, aber etwas feucht, denn sie lagen in einer breiten Rinne, die den Extrakt des Dunghaufens der Wiese zuführte. Als sie sich aus der Niedrigkeit erhoben, waren sie in einer Verfassung, daß sie ohne gründliche Reinigung nicht gut in die menschliche Gesellschaft zurückkehren konnten. Die Sonne nahm sich jedoch ihrer an und trocknete sie, allein 69 sie vermochte nicht die beiden von einem Dufte zu befreien, der ihnen nachging wie ihr Schatten und ihren Kredit herunterdrückte. So kamen sie in übler Verfassung an die Bahn. Der Umstand, daß bei der Fahrt Bäume und Kirchtürme lustig tanzten, unterhielt den Knaben und verscheuchte die Trauer über die schlimmen Erlebnisse. Bald stahl sich der Zug leise wie auf Gummischuhen mit einer gewissen Ängstlichkeit, die sich auch den Reisenden mitteilte, über das Gitterwerk der Rheinbrücke, schoß wie vom Teufel gehetzt durch das Dunkel der Festungswälle und hielt vor einem schmutzigen Bahnhof. »Station Mainz,« riefen die Schaffner, die Trittbretter krachten, und ein mit allerlei Gepäck beladener Menschenknäuel wälzte sich durch ein eisernes Gittertor einem kleinen Zollhäuschen zu. Hans hatte den großen Georges wieder über die Schulter geworfen und schaute entzückt ins Abendrot, das Kirchtürme, Häusergiebel und auch das Zollhäuschen in einen zarten Rosaschleier kleidete. Ganz ins Schauen verloren lief er wie ein Träumender nur immer geradeaus und kam an der Oktroibude vorüber, als er hinter sich die unfreundlichen Worte hörte: »Wirst du dich wohl hierherbemühen, du da mit deiner Heringskiste auf dem Rücken,« und eine polternde Faust schlug ungestüm gegen ein gelbes Messingblech, das einen kleinen Holzrahmen füllte. Hans sah sich um, und als sich aus der Faust ein Finger loslöste, der ihm zu winken schien, näherte er sich dem Zollhäuschen, aus dessen Fenster ihn 70 das bärbeißige Gesicht eines Affenpinschers mit folgender Liebenswürdigkeit traktierte: »Denkst du Galgenvogel, daß du hier schmuggeln kannst?« »Ha, da läuft man so für sich hin, als ob es keine Aufsichtsbehörde gäbe; übersieht großherzogliche Beamten und betrügt die Stadt um die Konsumsteuer.« »Ja, so sind sie alle, diese Harmlosen vom Lande! Sie wissen von nichts, aber Gensdarmen müßte es wochenlang regnen, wenn man all' die Spitzbuben einsperren wollte, die hier vor der Zollbude ihr Gewissen mit Todsünden belasten.« »Her mit deinem Bündel,« rief der Zöllner, und seine Faust, grob wie ein Steinschlegel, griff nach dem Riemen und zerrte den großen Georges pietätlos in das Innere der Zollbude. Hans erbebte, als ob er vor dem Rachen eines Krokodiles stände. Er war starr, aber nicht lange, denn als die unselige Strickleiter ihm gleich darauf vor die Füße flog, raffte er sie schleunigst auf und machte, daß er aus der gefährlichen Gegend fortkam. Er eilte der Stadt zu, die eine enge Gasse mit schmalen Häusergiebeln vor ihm auftat. Er war müde und gedrückt, und nur wenn er jemand kommen sah, der mühselig und beladen war wie er selber, so wagte er, ihn anzusprechen und fragte sich zurecht nach dem bischöflichen Konvikte. So borgt die Niedrigkeit von der Niedrigkeit und Armut beschenkt die Armut. Endlich fand er das gesuchte Asyl auf dem Marienplatze. Es war ein stattliches, aber nüchtern und pedantisch aussehendes Haus, an dessen Fensterscheiben weiße 71 Kattunvorhänge niederhingen und die spießbürgerliche Wahrheit verkündeten: »Fein braucht man nicht zu sein, wenn man nur sauber ist.« An dem Äußeren hatte der Junge sich bald satt sehen, nun wollte er ins Innere. Das war schwieriger zu bewerkstelligen, als man denken sollte, denn die Türe hatte nach außen keine Klinke. Hans verstand. Das wollte ungefähr heißen: ›Hier geht niemand ein, er ruft mich denn zuvor‹. Also streckte er sich, um den Schellenzug zu erreichen. Dies gelang nicht, er war zu klein. Da der große Georges im Lauf des Tages viel von seiner Ehrwürdigkeit eingebüßt hatte, stellte er sich mit den Füßen darauf und zog an der Schelle. Das Geräusch schlürfender Tritte von Innen verkündete, daß er gehört worden sei. In den Angeln knarrte die Tür, und Hans stand vor einem geistlichen Herrn mit gewaltigem Kahlkopf. »Du bist Hans Höhrle?« war die kurze Anrede. »Ja,« sagte der Knabe. »Du hast die Nummer 28. Im Studiersaal findest du dein Pult, im Schlafsaal dein Bett und deinen Stuhl, am Tisch deinen Teller, alles mit der Nummer 28.« Damit ging der geistliche Herr durch eine Seitentür und bedeutete der Nummer 28, sie möge die Treppe emporsteigen. Hans tat es. An den Wänden hinauf hingen Haussegen, Herzjesubilder und Kruzifixe, verdorrte Kränze und Weihwasserkessel, ach so viel aufdringliche Frömmigkeit, daß es dem Knaben angst und bange wurde. Auch quälte ihn der Gedanke, daß er von einer Persönlichkeit zu einer Zahl 72 heruntergesunken war, er fühlte den Abstand von gestern auf heute, war niedergeschlagen und wünschte nichts sehnlicher als sein Bett aufsuchen zu können. Das Essen berührte er kaum. Verschlafen machte er das Abendgebet mit. Die Responsorien schlugen aus endlosen Fernen an sein Ohr. Schweigend trabte die Herde der Schüler dem Schlafsaal zu. Hans riß das Fenster seiner Zelle auf. Sein Auge suchte die Weiten der Welt, gierig folgte er dem Zug der Wolken, dem Monde, der in der blauen Nacht wie ein goldenes Schiff nach fernen Gestaden schwamm. Ach die enge Zelle mit der Nummer 28, dem Bette, dem Nachttisch und einem Stuhl ohne Lehne. O, wie wenig Raum für einen, der gewohnt war, dem Hirsche gleich ziellos durch Wald und Flur zu streichen. Der Knabe setzte sich und stützte das müde gedankenschwere Haupt mit den Händen. Ach, wäre er doch noch einmal zu Hause! Mit wieviel Bereitwilligkeit hätte er auf all die hohen Ehren verzichtet, zu denen die Strickleiter ihn führen sollte. Mitten hinein in das grübelnde Suchen seiner Gedanken schlug der Ton einer kleinen Glocke. Hans wußte, daß es das Zeichen war, das Licht auszulöschen. Er tat es, aber er ärgerte sich über diese anmaßende Schelle, die sich herausnahm, sein ganzes Leben zu regeln, sein Wachen, sein Schlafen, seine Arbeit, seine Erholung, ja sogar sein Gebet. Aber er folgte, legte sein Haupt aufs Kissen und schlief ein. 73   9. Kapitel Der Winter war da. Wo immer sich ein kleiner Wasserlauf die Sache bequem machen und langsam gehen wollte, schlug ihn der Frost in Fesseln und hielt ihn fest. Am Wehre, an jeder überhängenden Wurzel erstarrte das Wasser und kam nicht fort. Schwach und dunstend erreichte der Bach die Mühle; wie wollte er da noch arbeiten? Ja, Groß und Moos, die hatten's gut. Sie waren vom Wasser nicht abhängig. Ein paar Zentner Kohle und ihre Mühle lief, ob die Sonne den Wasserstand verringerte oder der Frost. Sie konnten vergnügt ihren Schlitten über den singenden Schnee sausen lassen, aber Frau Höhrle nicht, denn Suse brauchte die Pferde am Göpelwerk. Es hatte eine häßliche Szene zwischen Mutter und Tochter gegeben, aber Suse war fest geblieben. Sie war die einzige, die den schwachen Vater stützen, und den unheilvollen Einfluß der Mutter beschränken konnte. Sie tat es nicht gerne, aber sie fühlte, daß es ihre Pflicht sei, ihre Pflicht gegen die Eltern und die Geschwister. An sich selber dachte sie nicht. Sie wollte nur mit starker Hand das Steuer führen am Nachen, in dem die anderen saßen, und seinen Kiel durch den Sturm zu einer stillen Bucht zwingen, in der sie alle Ruhe fänden. Der Drang, helfend einzugreifen, verkürzte 74 den kargen Schlummer ihrer Nächte und im Dämmerschein jedes jungen Tages stand sie munter zugreifend und anspornend unter den Arbeitern in der Mühle. Alle sahen sie mit Respekt an dem Mädchen in die Höhe, und ob einer bei dem Umbau des Werkes hobelte oder sägte, er schielte nach ihr, wenn sie den Bodenstein mit Pech ausgoß und über ihn den Läufer stellte, um den Hafer zu schälen. Das erforderte eine feinfühlende, sichere Hand. Der Stein mußte drücken, ohne zu zermalmen, gerade so, wie die geistige Überlegenheit Susens auf den anderen wie ein Gewicht ruhen mußte, ohne ihnen jedoch den Atem zu rauben. Alles das, was Suse im Hause und in der Mühle wert war, zog wie Rosenduft durch Türen und Ritzen des alten Gemäuers, verbreitete sich durchs Tal und drang lockend wie ferner Glockenklang über Wald und Hecken in die entlegensten Dörfer. Bald sah man wieder die angejochten Ochsen mit den kleinen Leiterwagen hinter sich vor der Mühle stehen, und das lockere Volk der Tauben kam aus der Nachbarschaft und pickte wieder die süßen Hirsekörner durch die Maschen der Maltersäcke. Suse entwickelte die Spezialiät des Hafer- und Hirseschälens zur Kunst und wurde in der Gegend eine Berühmtheit. Es war nicht viel, was sie produzierte, aber gut. So führte sie den Kampf gegen Groß und Moos mit einem Achtungserfolg, indes Vater Höhrle den Versuch wagte, durch Neueinrichtungen das Korn- und Weizenmahlen rentabel zu machen. Das Sieb wurde hinausgeworfen, und was früher 75 an Mahlgut durch grobe Maschen lief, mußte jetzt in Beuteln durch die Poren seinen Seidenstoffes sich durchschlagen. So erzielte man ein besseres Mehl, und die verödete Mahlstube füllte sich einigermaßen wieder mit Bauern. Wenn an den Winterabenden ihr lautes Sprechen oder ihr Gesang durch die Bodendielung heraus in das Familienzimmer drang, dann machte wohl die Müllerin ein verärgertes Gesicht, aber dem Vater Höhrle schmeckten seine Kartoffeln wieder besser, und er überhörte es gerne, wenn seine Frau die Sensibele spielte und über das rohe Gebaren unkultivierter Menschen empfindsam klagte. Suse und Liese saßen dann am Ofen und strickten Strümpfe für »Hochwürden«, ihren Bruder. Auffallend, daß Suse in letzter Zeit verträumt und nicht recht bei der Sache war, namentlich dann, wenn aus dem Stimmengewirr unter dem Fußboden der klagende Tenor einer klangvollen Männerstimme herausscholl. O ja, das Mädchen kannte den Inhaber dieser Stimme wohl. Er kam öfter mit seiner Hirse und hatte es mit dem Gehen nicht eilig. Er konnte warten und ließ manch einem, der nach ihm gekommen war, den Vortritt am Mühltrichter. Er übte sich scheinbar aus Langerweile im Schärfen der Steine und war stets zufrieden mit dem, was die Mühle aus seinem Mahlgut herausschlug. Auch half er der niedlichen Müllerin im Stellen des Läufers, und diese ließ sich nicht ungern helfen. Zuweilen drängte sich beim Heben und Stemmen Hüfte an Hüfte, und es schien, als ob aus dieser Vereinigung eine Stärke geboren würde, der nichts 76 widerstehen könne. Aber auch ein mollig weiches Empfinden umhüllte wärmend den Körper des Mädchens, wie die Flamme den Stab. Suse fühlte sich auf seidenen Wolken hoch über die Erdensorgen getragen und wiegte sich in süße Zukunftsträume, wenn sie die klagende Weise seines Liedes hörte: »Jetzt geh ich ans Brünnele, trink aber nit, Da such ich meinen herztausigen Schatz, Find ihn aber nit.« Es ist wahr, daß sie in solch sentimentaler Stimmung durch das Grunzen der Ferkel oder das Glucksen der Henne noch über den Hof gelockt werden konnte. Manchmal lief sie nach dem Brunnen und holte Wasser, obwohl kein Mensch durstig und keiner da war, der sich zu waschen begehrte. Es war nicht zu verkennen, daß ihre sonst so elastischen Schritte auf der Treppe mehr Geräusch machten als vordem, und es war kein Kunststück, wenn der Sänger in der Mühlstube das Lockende dieser Schritte heraushörte und das Bedürfnis empfand, im Mondschein sein Geld zu zählen. So kam es, daß die zwei Menschen zu ihrem beiderseitigen Erschrecken manchmal im Schatten der Häusergiebel wider einander trafen und sich langsamer trennten, als man aus dem erschreckten Aufschrei des Mädchens eigentlich hätte vermuten sollen. So kam es aber auch, daß die anderen Insassen der Mühlstube, wenn sie nicht gerade Karten spielten oder ihren Namen in die Tischplatte schnitten, von Neugier getrieben den Mehlstaub von den Scheiben wischten und das Paar ein wenig belauerten. Was Wunder, daß es nach kurzer Zeit im Dorfe ein Gemunkel gab, und 77 daß Röse Ricke mit ihrem unter sieben Siegeln der Verschwiegenheit geborgenen Geheimnis wie ein Schwärmer durchs Dorf schwirrte und explodierte, so oft sie wider einen Menschen schoß, der ihr prinzipiell versprach, keiner Menschenseele irgend etwas von der interessanten Neuigkeit zu erzählen. So kam es, daß das süße Geheimnis der unvorsichtigen Suse bald wie ein Gemeingut auf der Straße lag und daß aller Welt zur unumstößlichen Gewißheit wurde, was den Hauptbeteiligten noch recht zweifelhaft war. Mutter Höhrle geriet, als sie von dem, was sich vorbereitete, erfuhr, in einen wahren Paroxysmus der Wut. Sie konnte sich Suse nun einmal nicht anders denken, als an der Seite eines Gatten, der eine Vorstecknadel am Busen trug. Und nun kam einer, dessen Stiefel gerüstert waren und dessen Vater auf einem Pachthof der Kirchschaffnei saß, und wagte es, die Augen zu einem Sproß aus dem erlauchten Hause der Schütteldich zu erheben. Suse hatte in den Augen der Mutter allen Wert verloren. Sie war wie ein Löffel, von dem das Silber abgescheuert ist, während ein blinder Messingglanz sich sehen läßt. Wer konnte auch ahnen, daß die Schwester eines zukünftigen Kirchenfürsten sich zu einem Menschen niederbeugen würde, der nichts sein Eigen nannte als kräftige Schenkel und plumpe Fäuste, Dinge, die doch höchstens einen Vater Höhrle entzücken konnten. Und dann die Dreingabe einer hergelaufenen Sippschaft, die wie der Vogel auf dem Baume eines Pachtgutes saß und auffliegen mußte, sobald ein Rechnungssupernumerarius am Stamm schüttelte. 78 »Den Leuten muß man zeigen, wer sie sind,« sagte sie, und als es sich traf, daß sie im Gang des Kirchenschiffes an der Mutter von Susens Erkorenem vorüberrauschte, warf sie verächtliche Blicke um sich und hustete großartig, um anzudeuten, daß sie nur nötig hätte auszuspeien, um kriechendes Gewürm von solcher Sorte wie im Auswurf eines Schlammvulkanes zu ersticken. Mit diesem gebildeten Betragen erreichte sie, daß in Susens Verehrer der Stolz erwachte, daß er zwar dem Mädchen nicht entsagte, aber sein Liebeswerben auf bessere Tage zurückstellte und schließlich von der Mühle Unglück erhoffte, was ihr Glück ihm verweigerte. Für Vater Höhrle war damit ein Licht erloschen, auf das er im Nebel seiner Ängste und Sorgen zusteuerte. Susens Wohl und die Zukunft des Hauses Höhrle schienen ihm auf den Schultern des jungen Mannes wie auf zwei starken Pfeilern zu ruhen. Gequält und gefoppt von den Enttäuschungen, die das Leben mit sich bringt, wollte er sich, ein verwundeter Krieger, aus dem Kampfe zurückziehen, zufrieden mit der Auszugswohnung über den Schweineställen und mit der Aussicht, seinen Sohn zu einem tüchtigen Menschen heranreifen zu sehen. Das war nun alles, alles wieder zerstört, zum mindesten in weite Ferne gerückt und zwar durch den Unverstand seines eigenen Weibes, der keine Ahnung dämmerte von dem, was den Schlaf seiner Nächte kürzte und Falten in sein Gesicht grub, daß er borkig und zerrissen aussah wie der Stamm einer Eiche. Denn ach, es wollte 79 kein Segen ins Haus ziehen, trotzdem der Bach sich schäumend in der Turbine wälzte und die neuen Stühle wie wütend zwischen ihren rotierenden Walzen das Mahlgut quetschten. Man hatte bei all den teueren Umbauten einen Umstand übersehen, der sich schwer rächte. Der Weizen, den der vaterländische Boden trug, war zu weich, das stellte sich nun heraus, er »floß« unter der Walze und ward dünn wie Papier, aber er gab sein Mehl nicht her. Mordche Rimbach sagte: »Taganróck muß es sein oder Argentinier, der Heimische tut's nicht,« und er schüttelte den Kopf, daß ihm schier die Ohren abgefahren wären. Aber wo sollte der Müller das Geld hernehmen, um Schiffsladungen fremden Weizens kommen zu lassen? Mutlos und verzagt sah er, daß die Mühlstube wieder stiller, ja ganz einsam wurde. So war sie eine Brutstätte trübseliger Gedanken, in der Vater Höhrle verlassen sitzen und sein Soll und Haben täglich überdenken konnte. Vom Lärm des Getriebes umgeben, den er nicht mehr hörte, saß er mit seinen zugestaubten Gehörgängen unter dem Scheine der altväterischen Laterne, die vom rußgeschwärzten Durchzug niederhing, und rechnete an den Fingern sein schweres Soll heraus. Da war der Aufwand für die Mühlknechte und den Mühlarzt, da waren Steuern in allen Namen und unter jedem Vorwand, ein wahrer Straßenraub unter gesetzlichen Formen. Da war der Aufwand für Hans, der erst nach Jahrzehnten eine Rente versprach und dann nur seiner Person, schwerlich dem, der seine Ausbildung mit so saurer Arbeit ermöglichte. Da waren 80 Luxusausgaben, die auf dem Konto seiner Frau standen, die er aber nicht schmälern durfte, ohne das magere Paradies seines Ehehimmels in eine Wüste voller Schrecken zu verwandeln. Da waren die Zinsen für das von Schütteldich verbürgte Darlehn bei der Sparkasse, die mit zur Tafel gingen und den Löffel in die Schüssel senkten, bevor noch irgend jemand vom Hause Höhrle sein Tischgebet gesprochen. Sein Haben war nahe beisammen. Da lagen ums Haus herum die Äcker und die Wiesen, schön gepflegt, aber sie lohnten bei den erhöhten Forderungen der Taglöhner nur mit geringen Zinsen den Aufwand von Mühe und Geld. Da war der Wald hinter dem Hause, in dem die mächtigen Eichen ihre Arme zum Himmel reckten und unvorsichtige Wolken fingen, die sich der Mutter Erde zu sehr genähert hatten. Er war die Sparkasse in jedem wohlgeordneten Bauernhaushalt. Es war eine heilige, aus der Urväter Zeiten überkommene Tradition, daß er die Aussteuer und das Nadelgeld der Töchter zu liefern hatte. Hatte er das getan, so ließ man ihm wieder Ruhe, und die Wunden, die man ihm geschlagen, vernarbten, bis die Enkel das Lieben gelernt. Vater Höhrle hing mit frommer Scheu an dem althergebrachten Brauche, und leichter wohl hätte er eines der zehn Gebote übertreten, die am Sinai unter Blitz und Donner gegeben waren, als das ungeschriebene Gesetz, dessen strikte Handhabung die hundert Augen all der Nachbarbauern kontrollierten. Da war die Mühle, vordem so einträglich, als noch der Landmann mit allen seinen Lebensbedingungen im 81 eignen Grund und Boden wurzelte und aus ihm seine Nahrung sog wie Apfel- und Birnbaum. Aber seitdem Groß und Moos den verfeinerten Genuß boten, schienen sich die Bauernmäuler geändert zu haben. Es war nicht zu glauben, aber es gab Leute. die empfindsam geworden waren gegen den Reiz der Kleie auf dem Zahnfleisch. Den Anfang machten die Frauen mit ihrem Kirchweihkuchen, dann kamen die Fastnachtskrapfen daran, und schließlich wurden die sturzblechernen Bauernmägen, die vordem Schuhnägel verdauten, nervös. So wich das gediegene Schwarzbrot dem Produkte der Firma Groß und Moos und verschwand genau so wie der blauleinene Kittel, der vor der Schabwolle floh, die ihre Auferstehung aus Lumpen feierte. Die neue Zeit, den Papierkragen als Wimpel am Fockmast, steuerte ihr Schifflein in die entlegensten Gebirgstäler. Vater Höhrle wußte, daß sein Gebet von jenem Sonntag nicht erhört war. Traurig und in einer Allerseelenstimmung ging er an sein Hauptbuch, den Tisch mit den eingeschnittenen Namen. Da war zu lesen: »Franz Hintenlang von Falkengesäß«. Vater Höhrle erinnerte sich seiner genau. Er hatte einige Auswüchse wie Schneeballen so groß aus seinem Kopfe und konnte deshalb nur gestrickte Kappen tragen. Das war der eigentliche Grund, weshalb er nie zum Abendmahle ging und in den Geruch kam, ein Aufgeklärter zu sein. Er war unter seinen Kartoffelwagen gekommen und hatte den Weg von hier in die Ewigkeit in wenig mehr als einigen Sekunden gemacht. Vater Höhrle verzieh ihm, 82 daß er nicht mehr mit seinem Korn zur Mühle kam, und machte ein kleines Kreuz hinter seinen Namen. Dann kam »Pankraz Wohlgemuth aus Hartenrod.« Der lag auf dem Rücken, als er starb. So kam's, daß der Tod seinen Schnitzbuckel nicht sah; denn wer weiß, ob er ihn aufgeladen, wenn er gewußt hätte, wie schwer er zu verpacken war. »Ignatius Weißkohl aus Hammelbach« war in einem guten Weinjahr den Weg alles Fleisches gegangen, obwohl man bei ihm von Fleisch eigentlich nicht reden konnte, denn er war so mager wie ein Spinnrad und doch durstig wie ein Trichter. Auch die beiden hatten einen anständigen Grund ihre Geschäftsverbindungen mit der Mühle zu lösen. Vater Höhrle zürnte ihnen nicht und setzte jedem ein kleines Kreuz hinter seinen Namen und ein Requiescat in pace . Jetzt aber entdeckte er den Namen »Klaus Krummholz aus Brombach«. Der Mann war ein leidlich begüterter Bauer. Im Winter aber und an den Regentagen besserte er alte Wagenräder aus und machte auch wohl neue. Er war ein unzuverlässiger Kopf und mußte immer beim Neuesten sein. Er wechselte seinen Arzt, seinen Barbier, seinen Schuster und hatte sogar seine Religion gewechselt, nur seine Strümpfe wechselte er nicht. Er war einer der ersten, der sein windschiefes Rückgrat vor der Firma Groß und Moos beugte und sein Korn nach deren Mühle trug. Der Chef des Hauses hatte sich herabgelassen, mit ihm ein paar freundliche Worte zu reden, und Krummholz war vor Ergebenheit schier noch buckliger geworden, als er schon war. 83 Späterhin lief er dann im Dorfe herum und erzählte Wunderdinge von dem Produkte der neuen Kunstmühle. Seine Frau hatte mit einer Hand voll Mehl einen Kuchen gebacken, so groß, daß das Wunder Jesu – die Speisung der fünftausend Menschen – wenn nur Groß und Moos das Mehl lieferten, eine selbstverständliche Sache war. Vater Höhrle, der den windigen Gesellen haßte, wenn sein sanftes Wesen einer derartig starken Gefühlsäußerung fähig war, empfand einen Ekel vor dem Namenszug dieses Klebrigen, schnitt ihn mit seinem Taschenmesser ans der Tischplatte und suchte weiter. Da kamen nun aber eine ganze Anzahl Leute, die wohl alle etwas besser wie der Krummholz, aber noch lange nicht gut waren. Es kam die große Schar derer, die dem Vater Höhrle Geld schuldig waren, und die nun vor anderen Leuten so taten, als ob sie nur ungern und nicht ohne Bedauern der Mühle ihre Gunst entzögen. ›Wir hätten gerne‹, – pflegten sie bedeutungsvoll zu sagen, – ›aber es ging nicht mehr, es ging wirklich nicht mehr.‹ Ehrabschneider, die andere Leute schlecht machen durch das, was sie scheinbar großmütig verschweigen. Dann jene Sorte, die überall für sich einen kleinen Vorteil riechen. ›Man kann nicht wissen, Groß und Moos konnten sich ein Paar Stiefel machen, den Bart scheren, einen Zahn ziehen lassen! Eine Hand wäscht die andere. Groß und Moos konnten in den Stadtrat gewählt werden.‹ Diese erbärmliche, sich selbst mißtrauende, aber zahlreiche Sorte hatte dem Tische übel mitgespielt. Von der 84 krankhaften Sucht beherrscht, daß von ihrem Nichts etwas auf künftige Geschlechter kommen müsse, hatten sie das Eichenbrett glatt durchgeschnitten. Vater Höhrle konnte die Gänge dieser Holzwürmer unmöglich herausradieren, deshalb holte er Fensterkitt und schmierte sie zu. Aber ihrer waren viele, und als der Alte fertig und nur die treugebliebene Kundschaft nebst den Toten übrig war, sah der Tisch verschmiert aus, schier wie ein Nudelbrett am Freitag Vormittag. Der Müller war recht traurig, als er so sein Hauptbuch überschaute, und auch Suse, die unbemerkt an die Seite des Vaters getreten war und sein seltsam Tun beobachtete, ließ das schöne Köpfchen hängen, so daß sie mitleiderregend aussah wie eine Rosenknospe im Novemberfrost. »Vater,« sprach sie nach langem Schweigen, »will's denn immer noch nicht gehen?« Der Alte erschrak und sagte ausweichend: »Nun gehen, gehen tut's schon, aber nicht gerade so, wie es gehen sollte.« »Und könnte ich dir hierin denn gar nichts tun, ich, deine Tochter? Vater, sei offen gegen mich. Laß dein Kind teilnehmen an deinen Sorgen.« »Sorgen, mein Kind,« sagte Höhrle betreten, »nein, was man Sorgen nennt, die haben wir nicht. Nur so, wie soll ich's nennen, so kleine Verlegenheiten ab und zu. Doch das wird sich geben, wird sich geben.« »Vater,« sagte Suse ernst, »dein Aussehen zeugt wider deine Rede. Seit Monaten sehe ich, wie schwer du leidest. Vater, sei barmherzig gegen mich, gegen dich, sprich deinem 85 Kinde von deinem Gram, der Kummer, der nicht spricht, frißt nach dem Herzen, bis es bricht.« Der Alte wurde weich. Seine Hand suchte die seiner Tochter. Müde sank sein Haupt auf die Schulter des Mädchens nieder. Seine Kniee wankten. Suse suchte mit ihm die Bank hinter dem Tische zu erreichen. Da saßen sie nun, Vater und Tochter. Die Laterne am Durchzug warf ab und zu trübe Lichter auf sie und auf die Tischplatte, die so deutlich zu reden wußte vom Niedergang des Hauses Höhrle. Eifrig plapperte die Mühle, ein leeres Geschwätz. Zwei Menschen, die sich viel zu sagen hatten, fanden keine Worte. Die Tränen, die über Susens Hände niederliefen, sagten viel, und sie waren reichlich, und doch waren sie nur der millionste Teil aller derer, die vergossen wurden in den grausamen Zeiten des Überganges, als der brutale Kapitalismus den Kleinbetrieb erwürgte. Wie lange sie so, eines am anderen Schutz suchend, gesessen haben, und wie oft sie sich wieder aufgesucht haben, um still zu klagen, wer wollte so indiskret sein und danach fragen. Eines nur ist sicher. Als die Träne im Vaterauge Suse die Gewißheit gegeben hatte, daß sein Gang nach dem Grabe durch viele Leidensstationen führen werde, da beschloß sie, den Schuldbrief ihres eignen Glückes unerbrochen zu lassen und beim Vater auszuharren. Unnachsichtig riß das starke Mädchen, grausam gegen sich, die Liebe aus ihrem Herzen. Der erste Brief, den sie dem Erwählten ihrer Neigung sandte, war auch der letzte. 86     10. Kapitel Am Tage nach seiner Ankunft in der Stadt wanderte unser Hans nach dem Gymnasium und nahm als Begrüßung eine Tracht Prügel entgegen, die ihm von Seiten seiner Mitschüler nicht eben kärglich im Schulhof zugemessen wurde. Das war so hier wie wohl auch anderwärts die Art, wie man den Neuling feierlich einweihte, das Heimweih schonend austrieb und in unserem speziellen Falle die Gedanken an eine lichtgrüne Wiese, auf der zwischen buntscheckigem Vieh ein kleines Mädchen herumlief, begehrenswert und lockend wie ein reifer Pfirsich, und doch verehrungswürdig wie eine Heilige. Hans Höhrle hatte schon in früher Stunde noch vor dem Morgengebete an sie gedacht, und als er zur Schule ging, nahm er die Strickleiter mit, weil er das Gefühl hatte, er müsse gleich am ersten Tage für sie und sich einige Sprossen aufwärtssteigen. Nach ermüdendem Herumstehen auf den Gängen rief ein Glockenzeichen die Jungen in die Klasse. Man setzte sich in die während der Ferien neu gefirnißten Bänke, wie es der Zufall eben wollte. Hans kam zwischen zwei freche Offizierssöhne zu sitzen, die, wie sie sagten, nur 87 eine Nachprüfung abzulegen hatten. Sie machten sich lustig über den etwas unbehilflichen Bauernjungen, fragten ihn, ob es im Odenwald noch Känguruhs gäbe, und als er dies verneinte, meinten sie, sie seien auf diesen Verdacht gekommen, weil er so aussehe, als ob er von einem dieser lieblichen Haustiere abstamme. Hans ärgerte sich und griff dem einen nach dem dünnen, durchsichtigen Hälschen, um ihm Respekt vor seiner Person beizubringen, als die Tür aufging, und ein putziges Männlein in sackgrauer Uniform mit einem Paradedegen an der Seite eintrat. Es sah, was vorging, und packte unseren Hans an der Schulter. »Wie heißt du?« herrschte er ihn an. »Hans Höhrle,« war die Antwort. »Hans Höhrle, Hans Höhrle,« wiederholte der Uniformierte, »eine Konsonanz deines Namens haben wir hier in der Klasse. Paß auf, daß nicht ein Röhrle auf dem Höhrle tanzt.« Jetzt begriff der Knabe, daß er seinen Klassenführer vor sich habe, und war über dessen kriegerisches Aussehen sehr betreten. Derartig herausgeputzt hatte er noch nie einen Lehrer gesehen, und wozu das kleine Männchen sein Schwert gebrauchen sollte, war ihm nicht minder schleierhaft, wie wahrscheinlich dessen Träger selber. Übrigens stand der Mann in Waffen alsbald gefangen in einer Art Waschzuber, den man Katheder nannte. Er knetete sein Taschentuch in die Form eines Maiskolbens und sägte damit eine Zeitlang unter seiner Nase her, bevor er mit einem Diktat begann. Es herrschte tiefe Stille, und man hörte nur die Federn mit kratzendem Gang über die blauen 88 Zeilen eilen, um einige gewichtig vorgetragenen Sätze festzuhalten. Hans, der am Morgen mit inbrünstigem Gebet einige Heilige ersucht hatte, ihm beizustehn, ging mit gutem Mut und Gottvertrauen an Übersetzung dieser Sätze, und bevor ein weiteres Glockenzeichen vom Turme erklang, war er fertig und lieferte seine Arbeit ab. Am nächsten Tage erfuhr er, daß er in die Klasse aufgenommen sei, kam aber an deren Schwanz zu sitzen, wo man gewöhnlich die Neulinge unterzubringen pflegte. Gleich von vornherein machte man mit den Letzten wenig Wesens. Man führte den gallischen Krieg, ohne daß sie Kombattanten stellten, und auch den Akkusativ cum Infinitiv konstruierte man ohne ihre Mithilfe. Dies Stillleben war nach Geschmack manch eines, aber es konnte zu nichts Gutem führen, und dauerte auch nicht lange. Eine neue Probearbeit änderte die Dinge. Hans machte sie unter Zuhilfenahme des großen Georges. Manche Schwierigkeit des Diktates ließ sich leicht überklettern, andere bereiteten Kopfzerbrechen, und der Schüler mußte die Strickleiter zu Hilfe nehmen. Da kam er aber in ein wahres Labyrinth gelehrter Subtilitäten, wurde von einem Buchstaben zum anderen genarrt, verlor den Überblick und die Zeit. So kam's, daß er schwitzend und halbfertig dasaß, als die anderen Schüler bereits das Klassenzimmer verlassen hatten. Der Lehrer wurde ungeduldig, drängte, und Hans gab schließlich ab, was er hatte und wie es war. Mit dem beunruhigenden Gefühle, daß er nicht glänzend abgeschnitten haben könne, verließ er das 89 Schulgebäude. Doch es kam noch schlechter, als er sich vorgestellt hatte. Nach Tagen qualvollen Hangen und Bangens erschien das graue Männlein wieder auf dem Katheder und holte einen Pack weißer Bogen unter seinem Philosophenmäntelchen hervor. Im Nu war die ganze Klasse auf den Beinen. Den Schulranzen unterm Arm, in den Taschen das Frühstück, die Feder hinterm Ohr, das Lineal zwischen den Fingern, so stand die Menge marschbereit da, als ob es sich um eine Mobilmachung handle. Die Ungewißheit, was die nächste Minute bringen werde, lag als weiße Schminke auf allen Gesichtern. Schon las der Lehrer die Namen derer herunter, die gute Arbeiten geliefert hatten. Die erste Bank hatte sich gefüllt, und es ging an die zweite. Wer gerufen wurde, stürzte mit Geschwindschritten nach seinem Platze, als ob ihm dieser wieder entrissen werden könne. Die Zurückbleibenden traten ungeduldig von einem Bein auf das andere und beneideten jene, die in der Nähe der Kathedersonne einen warmen Platz gefunden hatten. Schon war mehr als die Hälfte aller Plätze besetzt und Hans war nicht aufgerufen. Da brachte ihm der Gedanke, er könne überschlagen sein, einigen Trost, und er hielt diesen Strohhalm der Hoffnung mit Polypenarmen fest und fester, je mehr sich die Zahl seiner Leidensgenossen verringerte. Jetzt waren es schon nicht mehr als die Finger einer Hand. Darüber freute sich Hans, denn es wuchs die Aussicht, daß seine Vermutung Gewißheit werden könne. »Der Vorletzte ist Emmerig,« tönte es vom Katheder, »und bedeutend die 90 letzten sind: Hans Höhrle und Ammelung.« Also war der glimmende Funke von Hoffnung vollends erloschen. Hans wankte nach seinem Platze, aber schon war ihm sein Sozius zuvorgekommen, indem er seine Ansprüche auf den vorletzten Sitz mit dem Einwand stützte, daß er im Alphabet weit vor einem Höhrle komme. Diesen glücklichen Umstand nutzte er aus, und Hans akzeptierte, physisch und moralisch vernichtet, den letzten Platz. Er war schlapp wie die Sünde, legte seine Arme kreuzweise auf die Tischplatte und seinen Kopf drauf. Seine Arbeit, die mit roten Strichen durchschossen war, wie ein Studentengesicht nach der Mensur, wurde ihm von irgend einem unter den Rockärmel geschoben. Er würdigte sie keines Blickes. Seine Gedanken weilten bei Onkel Schütteldich und seinem Ledersofa, und nur zuweilen kehrte Hans in die Gegenwart zurück, um in blinder Wut mit den Füßen auf dem großen Georges herumzutrampeln, der seinen Platz noch unter den beiden am Boden gefunden hatte. Als die zwölfte Stunde schlug, packte ihn der unglückliche Schüler voller Verdrossenheit unter den Arm und schlenderte langsam und nachlässig über den Marktplatz dem Konvikte zu. Hierher war die Fama von Hansens Mißgeschick bereits vorausgeeilt. Der Rektor empfing den Ultimus mit malitiösem Lächeln und meinte: »Ob sein Vater unter seinen Langohren keinen besseren hätte finden können, um ihn aufs Gymnasium zu schicken.« Der Konrektor erkundigte sich: »Wann Hansens Retourbillet verfallen wäre,« und nur der Subrektor, ein junger 91 Geistlicher von asketischem Aussehen, hatte Mitleid mit dem verschüchterten Jungen und nahm ihn mit sich auf sein Zimmer. »Nur den Mut nicht verloren,« leitete er seine Rede ein. »Das Schuljahr hat erst begonnen, am Schluß desselben kannst du schon noch in der ersten Hälfte sein.« Hans, der anfangs nicht übel Lust hatte, einzupacken, zu heiraten und die Wirtschaft ›Zum Weltschirm‹ zu übernehmen, unterdrückte den Gedanken und wälzte vor dem jungen Priester einen großen Teil der Schuld an seinem Mißgeschick auf die unselige Strickleiter. Der Mann Gottes war einsichtig genug, dem Knaben recht zu geben, und verkündete ihm die frohe Botschaft, daß Gott, um arme Gymnasiasten von der Erbsünde des »Großen Georges« zu befreien, den »Kleinen Mühlmann« auf die Welt geschickt habe. Das Buch wurde antiquarisch gekauft, und während der nächsten Wochen begann in den Abendstunden ein eifriges Übersetzen im Privatzimmer des Subrektors. Der Gute gewann Vertrauen zu dem Knaben, dieser zu ihm und beide zu ihrer Aufgabe, den Forderungen der lateinischen Grammatik zu genügen. In der Schule spielte Hans zusammen mit seinem Leidensgefährten Ammelung eine traurige Rolle. Sie schienen zur Verzierung da zu sein. An ihr Können und Wissen wurde keine Anforderung gestellt. Der einzige, der sie in Bewegung brachte, war der Winterfrost, der in jenen Tagen seine Kunstwerke auf die Fensterscheiben malte. Wer nicht frieren wollte, mußte dem Ofen mit Holz zureden, daß er ein freundlich Gesicht machte. Diese hohe 92 Mission war der Firma Ammelung und Höhrle übertragen. So machten die beiden Inhaber des Holzgeschäftes öfters kleine Geschäftsreisen nach dem Lagerplatz des Brennmaterials, auf denen sie beliebig lange bleiben und sich unterhalten konnten, wenn nicht der Schuldiener kam und sie mit Ohrfeigen von dannen trieb. Das war grausam, wenn man bedenkt, daß die Ärmsten im Schulsaal keine Rücklehne hatten, und sich deshalb gern im Holzstall räkelten, um ihr Kreuzweh zu kurieren. In den langen Stunden des Vormittags litten sie oft Höllenqualen, aber sobald sich einer streckte, um sich Erleichterung zu verschaffen, hieß es vom Katheder: »Kerl, sitz nicht so herausfordernd da, wie ein Pascha von zwei Roßschweifen.« Legte einer der Unglücklichen den Oberkörper auf die Bank und suchte hinter dem Rücken seines Vordermannes einige Deckung, so rief es: »Welcher Seehund bäht sich da unten hinter der Klippe?« Zu allem Unglück war der gute Ammelung zur Unterhaltung wenig tauglich. Er war taub, und ein Gespräch mit ihm mußte jedesmal mit Rippenstößen oder Fußtritten eingeleitet werden. Hans Höhrle besorgte das im allgemeinen mit Mäßigung, aber wenn er sich in Verwendung der Energie um eine Pferdekraft geirrt hatte, dann remonstrierte Ammelung mit einem Aufwand von Flüstertönen, der die ganze Klasse zu Ohrenzeugen ihrer Kontroverse machte. Gemeinsam war beiden die Schuld, die Strafe aber, die den tauben Ammelung nicht treffen konnte, hagelte über Hans Höhrle allein hernieder: »O du Setzkartoffel 93 aus dem Odenwalde! Wie könnte man dich so leicht vermissen! Wärest du doch zu Hause geblieben! Was wärst du für eine Zierde deiner ländlichen Gefilde geworden! Statt dessen kommt dies Knollengewächs hierher und verbittert seinen Lehrern das Leben. Wer dich und deinen Nachbar zu Tode kitzelt, kann sich von der dankbaren Nachwelt ein Denkmal verdienen! Übrigens, wenn ihr nicht sterben solltet, so könnt ihr sicher sein, daß ihr eine Zentenarfeier in der Klasse erlebt, denn an eine Versetzung ist niemals zu denken.« Die letztere Prophezeiung war laut genug hinausgeschrieen, daß auch Ammelung sie hören konnte, aber mit dem Vertrauen der Jugend auf die Zukunft glaubte er nicht so recht daran, und er fand in der Tat ein Mittel, das Verhängnis zu mildern. 94   11. Kapitel Hans hatte in jenen Tagen nach Hause geschrieben und nicht ohne Ruhmredigkeit die Tatsache erzählt, daß er mit acht anderen durch die Porta triumphalis eines glänzend bestandenen Examens in die Quarta eingezogen sei. Das entsprach den Tatsachen. Jedoch er wußte es so darzustellen, als ob er allein in vereinsamter Größe durch das Mittelportal gegangen wäre, während die anderen sich durch bescheidene Seitenpförtchen gedrückt haben sollten. Von seiner Assoziation mit Ammelung und seiner Ansiedelung in der Nähe des Ofens schwieg er. Mutter Höhrle belegte den Brief mit Beschlag, zog sich gut an, nahm eine Wachstuchtasche an den Arm und überraschte die Leute der Nachbarschaft mit ihrem Besuch. Sie fing mit dem Wetter an, führte die Unterhaltung durch Tanzbodenraufereien, aufgelöste Verlobungen, Scheunenbrände und Wolkenbrüche hindurch bis zu einem Punkte, wo sie, ohne dem vorherigen Gedankengange das Genick zu brechen, erzählen konnte von Hansens Großtaten und dem Aufsehen, das sein Genie in der Fremde errege. Man hörte ihr verwundert zu, versicherte, daß man etwas anderes eigentlich kaum erwartet 95 habe, und bestätigte der überglücklichen Mutter, daß es der Kirche und dem Staat recht schwer fallen dürfte, ein Amt zu schaffen, in dem der fertige Mann seine Fähigkeiten und sein Wissen entfalten könne. Das Gerede von Hansens Triumphen pfiff sich verstärkend wie der Wind um alle Häuser, nachdem auch Röse Ricke der Herold seines Ruhmes geworden war und verkündete, daß er sein Pfarramtsexamen prinzipiell bestanden habe, und daß er nur deshalb noch nicht erschienen sei, um im Dorfe seine Primiz zu feiern, weil sein neues Meßgewand nicht fertig geworden wäre. Einigen Zweifeln begegneten die Übertreibungen der weisen Frau nun doch. Der Krämerjörge meinte:›So lange einer noch keine Brille habe, könne an ihm die Priesterweihe nicht vollzogen werden,‹ und der Schneiderhiesel sagte: ›Ein Streichholz taugt nichts für ein Spundloch, und ein Pfarrer ohne Bauch ist nichts für die Kanzel. So Sachen verstehe er besser. Hans müsse erst einhundertfünfzig Taillenweite haben, bevor man zu ihm das Vertrauen haben könne, daß er ein Kind richtig taufen und ein Brautpaar einsegnen könne.‹ Vater Höhrle war, seit er Hansens Brief gelesen, ein anderer Mensch geworden. In seinem Gesicht lag ein goldener Freudenschimmer wie ein verirrter Sonnenstrahl, der ein felsiges Hochtal am späten Abend küßt. Hatten seine Blicke in die Zukunft sich seither in das leere Einerlei einer grauen Nebelwand verloren, so sah er jetzt das seither kompakte Dunstgebilde zerrissen und einen kleinen lichten Pfad, der durch dasselbe hindurchführte und vor der 96 Schwelle eines Pfarrhauses mündete inmitten gut gepflegter Kreuz- und Leichensteine. Er sah dort, wo die kletternde Rebe abschnitt, ein Giebelzimmer und darinnen ein alterndes Ehepaar zufrieden und vom Weltgetriebe abgestoßen in der Hauspostille lesen. Und dann war es ein schier reizvoller Gedanke, hier am Ende aller Dinge unter Astern und Syringen den langen Schlaf zu schlafen, während die Sutane des betend umherwandelnden Sohnes in dem Rauschgold der Kränze ein leises Flüstern weckte. Daß sich die Mühle nicht halten würde, sah Vater Höhrle ein. Er sah den Tag kommen, wo er seine Habe im Taschentuche über die Schwelle seines Hauses tragen, und Groß und Moos das Anwesen benutzen würden, um alte Säcke und Riemenscheiben darin zu verstauen. Dieser Tag, so sicher wie der Tag des Gerichtes, sollte ihn nicht zweifelnd finden, wohin er seine Schritte lenke. Er sah eine offene Tür und in deren Rahmen einen würdigen Pfarrherrn, der sein Sohn war, der seine Arme nach ihm ausstreckte und zu ihm sagte: »Vater, du hast meine Jugend geführt, gestatte, daß ich dein Alter stütze.« Diesem Ziele hoffte er jetzt entgegen, und wenn er einsam vor sich hinschritt, so verglich er in halblautem Selbstgespräch die Mittel, die ihm noch geblieben, mit den Aufwendungen, welche die weite Reise noch erforderte. So belauschte ihn eines Tages Suse, als sie im Unterholze Futter schnitt, und er plaudernd über den Waldpfad ging. Sie sprach ihn an, und was er sich selber vorgeredet hatte, verschwieg der Vater der Tochter nicht. Das Kind war ihm Vertrauter, Freund und Berater geworden. In ihr 97 aufnahmefähiges Herz schüttete er seit jenem Abend in der Mühlstube seinen Kummer, aber auch sein Hoffen, und er erlebte die Freude, Suse ein zweites Mal groß zu sehen. Sie hatte von einer Patin ein kleines Vermögen geerbt. Das bot sie dem Vater an, damit er des Bruders Studiengang vollende. Gestehen wir's nur, daß Vater Höhrle um das Erbe wußte, und er hatte mit der Idee geliebäugelt, daß sie es opfern könne; aber bei näherem Zusehen erschien ihm der Gedanke greulich wie ein Kirchenraub, und er verschloß ihn in den äußersten Winkel des Herzensschreines. Jetzt aber, wo Suse selber ihn der Ausführung nahe brachte, begrüßte er ihn wie einen Freund des Hauses und drückte seinem Kinde tränenden Auges die Hand. So schien das Schifflein des Hauses Höhrle, vom Wind der neuen Zeit arg zugerichtet, doch noch stark genug, um eine Bucht zu erreichen, in der es vor Einbruch der Nacht verankert werden konnte. Suse, die genau wußte, wie es um sie alle stand, schrieb ihrem Bruder einen kurzen aber ernsten Brief. Sie gratulierte ihm zu seinem Erfolge, sagte ihm, wieviel Sonnenschein er damit ins Hans getragen, verhehlte ihm aber auch nicht, daß er der Sohn armer Leute sei und Zeit und Mittel zurate halten müsse. Hans war betroffen von diesem Briefe und aus seinen Himmeln gefallen. Der Eltern Verhältnisse hatte er in anderem Lichte gesehen. Aber aus Susens Briefe sprach eine überzeugende Wahrhaftigkeit und weckte in seinem Innern eine Stimme, die ihn vorwurfsvoll fragte, ob er 98 auch alles getan habe, um die Hoffnungen zu erfüllen, die man auf ihn setzte. Auch quälte ihn eine tiefe Scham deshalb, weil er sich sagen mußte, daß jenes Bild, das man sich zu Hause von ihm machte, seiner wirklichen Lage nur wenig entsprach, und daß der Klang seiner Münze hier, wo er sie an den Mann bringen mußte, viel leerer war, als dort, wo er ohnedies nichts dafür eintauschen konnte. Der Letzte zu sein, das wurde ihm ein schier unerträglicher Gedanke. Zu grübelnder Tatenlosigkeit verurteilt, füllte er, die Zukunft mit Projekten schmückend, seinen Platz in der Klasse aus und studierte die Kehrseite seiner siebenzig Mitschüler. Da saß auf dem ersten Platze der große James. Er hatte blondes Haar, das aus dem Wirbel in Büscheln abstand, wie dürres Riedgras, und einen mageren Hals. Auch sah man den Tragbalken einer Brille vor seiner Schläfe herlaufen und sein Ohr umgreifen. Er war kein schöner Knabe, aber er war brav, fleißig und, wie der Klassenführer sagte: »Bei weitem der Erste.« Wie ein Bronzebild auf einer Riesensäule überragte er seine Umgebung in einsamer frostiger Höhe. Unser Hans schauerte, wenn er sich nur in seine Nähe denken sollte. Doch da war noch eine mehr körperlich als geistig hervorragende Größe in der Klasse, das war der Ignaz Kaufmann. Er saß ungefähr in der Mitte wie ein Grenzstein, der zwei Gemarkungen scheidet. Er hatte ein wohlgenährtes Gesicht, und unter jedes seiner Ohren warf die kommende Mannbarkeit bereits ihre flaumigen Schatten in 99 das gesunde Rot seiner Wangen. Bei Raufereien im Schulhof war er entschieden die erste Persönlichkeit der Quarta, und da er immer auf Seiten der Minoritäten kämpfte, so erwarb er sich den Ruhm hoher Ritterlichkeit. In seiner Nähe zu sitzen, gab Sicherheit der Person und die Gewißheit, daß man noch versetzt wurde. Hans wünschte nichts sehnlicher, als im Schatten von Ignazens Backenbart zu wohnen. Da wollte er hin. Teilnehmen am Unterricht, fragen und gefragt werden, vorwärtsschreiten und nicht zurück. Im stillen tat er, was er nur konnte, um dieses Hochfliegen vorzubereiten, und der Subrektor im Konvikte war ihm behilflich. Ungezählte Male nahmen sie im Nominativ cum Infinitiv »das Subjekt des Satzes beim Schwanz, zogen es an den Anfang und konstruierten persönlich.« Hans wollte etwas aus sich machen, seitdem er die Gewißheit hatte, daß die Verhältnisse es gebietend erheischten. 100   12. Kapitel Ostern war in Sicht, als der Lehrer sich entschloß, das Antlitz der Quarta durch eine neue Probearbeit zu verändern. Hans Höhrle und Ammelung hatten ein heiliges Schutz- und Trutzbündnis geschlossen, gemeinsam zu siegen oder gemeinsam unterzugehen. Hans verpflichtete sich, das deutsche Diktat in leserlicher Schrift seinem tauben Bundesgenossen zu liefern, wogegen diesem die Aufgabe zufiel, die erste Hälfte in tadelloses Latein zu übertragen. Die zweite Hälfte hatte Hans zu stellen. Durch diese praktische Arbeitsteilung ersparten sie vor allem Zeit; und in der Tat waren sie bei den ersten, die ihre Bogen am Katheder abgaben. Der Lehrer schwenkte sie ein wenig durch die Luft, als ob er die Todsünden gegen die Gesetze der Syntax auf diese Weise herausschütteln könne, legte sie dann aber in die Reihe. Damit war erreicht, daß sie wenigstens die Aussicht hatten gelesen zu werden, was immerhin schon als ein Erfolg angesehen werden konnte. Hans ging deshalb voll kühner Hoffnung durch die Straßen der Stadt dem Konvikte entgegen. Ja, er wagte es sogar, unter seinem Hute hervor ein wenig nach den höheren Töchtern 101 zu schielen, die mit Musikmappen in der Hand, mit langen Zöpfen auf dem Rücken, die Richtung seiner Fahrt kreuzten. Zu Hause wurde er unmittelbar hinter der Haustür vom Subrektor abgefangen, der ihn offenbar erwartete, sich die Kladde geben ließ und mit dieser in seinem Zimmer verschwand. Hans wußte, daß sein Nachhelfer sich ein Urteil bilden wollte, wie die Probearbeit ausgefallen sei, und war eine kleine Viertelstunde voller Unruhe. Endlich wurde er gerufen. Der Subrektor lief, wie Meister Debitsch, in seinem Zimmer auf und ab, und der Saum seiner Sutane peitschte klatschend die silbernen Schnallen seiner Schuhe. Anfangs schien er den vor Erwartung bebenden Knaben nicht zu bemerken, plötzlich aber fuhr er auf ihn zu, faßte ihn bei den Schultern, drückte ihn an die Wand und schrie ihm ins Gesicht: »Mensch, hast du die Sache so, wie sie hier steht, ins Reine geschrieben?« »Nein,« sagte Hans, der einer allzu schlimmen Beurteilung zuvorkommen wollte, »ich habe noch einiges daran verbessert.« »Unseliger, du wirst doch nicht? Die Arbeit ist fehlerlos, sie garantiert dir einen der ersten Plätze, und der Umstand, daß du in dem Satze: ›Dieser Mann, der für das Vaterland geboren ist,‹ den bloßen Dativ gesetzt hast, macht dich den Herren der Erde, macht dich den Göttern gleich.« Damit schob er unseren Hans zur Türe hinaus, warf dem Rektor, der gerade außen vorbeiging, einen triumphierenden Siegerblick zu und ließ sich, wie nach einer 102 schweren Arbeit, in die Arme seines Rohrsessels fallen. – Hans hatte nun ein vorläufiges Urteil, welches durch das definitive wohl etwas modifiziert, aber doch nicht so geändert werden konnte, daß er abermals in die heiße Zone des Schulofens verschlagen werden konnte. Er war froh in den Tiefen seiner Seele auch um der Seinen willen, wenn auch der Gedanke, daß die Arbeit nicht ganz auf ehrliche Weise zustande gekommen war, in etwas den heiteren Himmel seiner Freude umwölkte. Der Tag, der die frohe Gewißheit des Erfolges brachte, kam heran, verlief aber für Hans nicht ohne Tränen. Kaum hatte der Professor die Hüllen abgelegt, die sein vertrocknetes Gemüt vor Zugluft schützten, so schweiften seine Blicke eine Zeitlang ins Leere, in jenes goldene Zeitalter zurück, wo jeder Mensch instinktiv nach einem Verbum sentiendi und declarandi den Accusativus cum infinitivo setzte, wurden dann suchend und blieben an Hans Höhrle hängen. »Und wer, glaubt ihr wohl, daß sich zum Primus in eurer Hammelherde aufgeschwungen hat?« rief er in verärgertem Tone. »Hans Höhrle zusammen mit James,« fügte er seine Frage selbst beantwortend hinzu. »Es kann keinen traurigeren Beweis für die Verlotterung einer solchen Gesellschaft von Ignoranten geben, als diese Tatsache.« Hans traute seinen Ohren nicht und stand wie ein Säulenheiliger unbeweglich da, die Klassiker unterm Arme. Seine Mitschüler drängten und stießen ihn vorwärts, halb 103 neidisch, halb spöttisch, und am Kopf der Klasse stand der große James und winkte gutmütig. Hans stand wie angewurzelt, bis es aufs neue vom Katheder schallte: »Nun, wird's bald?« Jetzt drängte man hinter ihm ungeduldiger, und Hans wurde wider Willen seinem Platze zugeschoben. Der große gutmütige James hatte den ersten Platz geräumt und wollte sich mit dem zweiten begnügen, aber Hans kroch unter den Tisch und drängte ihn an die Spitze der Klasse. Er war froh, daß er saß und so gewissermaßen aus dem Gesichtsfelde der Masse verschwunden war, aber sein Gewissen drückte ihn erbärmlich, und ihn erfaßte ein gewisser Höhenschwindel. Warum mußte das Geschick ihm diesen Narrenspossen spielen und ihn gerade so weit über sein Idol, den Ignaz Kaufmann, hinauswerfen, wie er vorher unter ihm war? Würde er die Erwartungen erfüllen können, die mit seinem Platze verbunden waren, und mußte nicht ein Fall aus dieser Höhe ihn erst recht dem Spott und der Schadenfreude preisgeben? Während er von solchen Gedanken zermartert dasaß, berührte ihn leise von hinten ein Finger. Hans wendete den Kopf soweit nach der Seite, daß er über seine Schulter hinwegsehen konnte, und gewahrte den tauben Ammelung, der unmittelbar hinter ihm glückstrahlend saß und die erwünschte Gelegenheit, seinen Buckel an einer Rücklehne reiben zu können, mit der Ausdauer eines Pudelhundes ausnutzte. Dann aber schnitt er, als ob er kein Vertrauen zum Fortbestand der Dinge habe, rasch seinen Namen in die Bank. 104 Die Nachwelt sollte staunend erfahren, daß er da gewesen und in hervorragender Position. Aus der Tiefe des Klassenzimmers hörte man immer noch das Geräusch der Fußtritte und tiefe Seufzer, wenn einer die Last der Ungewißheit von sich schüttelte und seinem Platze zustrebte. Endlich war jedermann untergebracht, und der Klassenführer stierte mit verglasten Augen seine neugeordnete Herde an, als ob er sich an deren verändertes Aussehen gewöhnen müsse. Dann folgte eine lange trübselige Rede über die Unseligkeit des Lehrerberufes, dem die Freude versagt sei, irgend eine Ernte der mühseligen Aussaat in die Scheune zu bringen, bis die Uhr die volle Stunde schlug und Lehrer und Lernende zu beider Freude voneinander erlöste. Damit war in dem Drama des heutigen Tages ein Aktschluß eingetreten. Man benutzte die Pause, mit seinem Nachbar zu reden und sich ihm als guten Kameraden vorzustellen, bis jemand von außen auf die Klinke drückte. Das Gemurmel verstummte, und herein schwebte in langer Sutane, den Abglanz naher Seligsprechung im Antlitz, der Religionslehrer. Er hatte auf dem Gange den Schuldiener getroffen, einen Griff in dessen Dose getan, und genoß hinter der Schultafel – damit nicht das böse Beispiel die Genußsucht reizen möge – die verbotene Frucht. Als er hinter dem schwarzen Deckmantel seiner Sünde hervortrat, schien er sich nicht recht auszukennen und suchte, wie ein Schiff nach einer Signalstation, nach dem großen James. Bei dieser Gelegenheit entdeckte er 105 den Hans Höhrle, steuerte verwundert auf ihn zu, und seine Finger in dessen weiche Haare eingrabend, zwang er den Knaben, ihm ins Gesicht zu sehen, während sein lächelnder Mund die zweifelnde Bemerkung aussprach: »Ist das auch mit rechten Dingen zugegangen?« »Ist das auch mit rechten Dingen zugegangen?« Diese Frage war seither nicht gestellt worden, und was berechtigte den Religionslehrer sie zu stellen? Das Gebiet der lateinischen Grammatik war nicht sein Feld, er säte da nicht, er erntete da nicht, was ging es ihn an, wenn da etwas Unkraut zwischen dem Weizen wuchs? Hans ärgerte sich über die indiskrete Frage, die so viel des Mißtrauens barg und ihn bloßstellte seinen Mitschülern gegenüber. Er fühlte ihre hämischen Blicke auf seinem Rücken brennen und sah den Widerschein ihrer Schadenfreude im Gesichte des Religionslehrers. Am liebsten wäre er aufgesprungen und in die Welt hineingerannt, soweit ihn die Füße tragen wollten, allein er fand dazu nicht den Mut. Er ließ den Kopf sinken, antwortete nicht und wartete mit Ungeduld, bis die Stunde schlug, die ihn aus dem Gefängnis dieser kahlen Wände ins Freie ließ, wo seine kleine Schuld in der Unendlichkeit des Raumes zur Bedeutungslosigkeit zusammenschrumpfen mußte. Endlich tippte der Hammer an die Glocke, und Hans stürmte hinaus in das vom Hunger bewegte Gewühl der Straße. Zu Tausenden liefen die Menschen aneinander vorüber, keiner kümmerte sich um den anderen. Jeder hatte das Bild irgend einer Futterstelle vor Augen, der 106 er zustrebte. Was lag ihnen daran, ob in der Quarta eine Probearbeit mehr oder minder regelwidrig zustande gekommen war oder nicht. Und doch, Hans konnte Niemandem ins Gesicht sehen, und als er es bei zwei harmlosen Bauernweibern einmal wagte, so schien es ihm, als ob eine die andere heimlich anstoße, wie wenn sie sagen wolle: »Sieh da, der Primus der Quarta! Wird's denn auch mit rechten Dingen zugegangen sein?« Nach Ablauf einiger Tage war bei unserem Hans das Stadium der Reue vorübergegangen. Er lebte auf. Die Lehrer lernten seine Gaben schätzen, und als gar der Mathematiker meinte: »Unter den Hörnern dieses Bauernschädels steckt mehr, als man vermuten konnte,« gewann der Knabe Sicherheit und füllte seinen Platz aus, so gut wie einer, der ihn sich ehrlich erworben hat. Nur der Umstand, daß seine Wetterseite den gelegentlichen Ohrfeigen des Klassenführers etwas zu sehr ausgesetzt war, erweckte zuweilen noch die alte Sehnsucht nach dem Ignaz Kaufmann und seiner sturmfreien Position in der Mitte der Klasse. Im übrigen fühlte sich der Knabe jetzt als Vollbürger des Gymnasiums, und er dachte nicht mehr an eine Rückkehr zum Ledersofa seines Onkels. Eine neuerliche Probearbeit setzte seinem Hochgefühl einen kleinen Dämpfer auf. Er glitt auf den Platz zurück, den sein Freund Ammelung eben noch gewärmt hatte. Dieser selbst war leider wieder beim Ofen angekommen und rutschte nun zur Schule hinaus und in eine Sodawasserbude, wo er mit Hilfe von Himbeersaft und 107 Zitronensäure nicht ohne Großartigkeit Limonade bereitete. Unseren Hans ignorierte er – der Mann in seiner selbständigen Stellung – und wenn einer von seinen früheren Lehrern an seinem Thron von Sodawasser vorüberkam, so rauchte er Zigarren, obwohl er ab und zu noch die Erfahrung machen mußte, daß diese Art, andere Leute zu ärgern, ihm selber nicht gut bekomme. Hans sah seinen Leidensgefährten mit Bedauern scheiden. Es lag nicht in seiner Macht, ihn über den steilen Grat von Quarta nach Tertia hinüberzutragen. Er mußte ihn fallen lassen. 108   13. Kapitel Hans hatte die kritischen Tage seines Gymnasiallebens nun hinter sich und konnte sich freier bewegen. Den Forderungen, welche die nun folgenden Klassen an ihn stellten, konnte er mit Leichtigkeit gerecht werden. Der Subrektor hatte seine Nachhilfstunden eingestellt, und so blieb Zeit für schöne Künste übrig. Hans kultivierte das Klavier, zeigte Talent und bald klang der »Schönbrunner« und »Bertrams Abschied« durch die sonst so stille Treibschule geistlicher Hochstämme. Der Rektor hörte mit Mißvergnügen diese Töne und schrieb hinter Hansens Namen in seine Konduitenliste: »Stark zur Weltlichkeit neigender Sinn.« Der Mann hatte fein beobachtet. Hans konnte der Welt und ihrer Luft nicht entsagen, und er äugte in der Tat gefährlich nach den höheren Töchtern, die mit Musikmappen seinen Weg kreuzten. Ihm gefielen die netten Dinger, die so keck die Köpfe herumwarfen und sich selber mit den Zöpfen ohrfeigten. Die Käferfalle der Ehe stand noch so ferne von ihnen, daß sie ungeniert ihre Neigungen zeigen durften. In den Ferien setzte Hans die Mütze 109 verwegen aufs Ohr und traf eine peinliche Auswahl derer, die er mit einem Gruß beglückte. Er war der weltgewandte Mann, der sich an Onkel Schütteldichs Tische die Zähne stocherte und von Festungswerken, Brückenbauten und Altertumsfunden sehr gelehrt zu erzählen wußte. Obwohl der satte Faulpelz, um sich nicht zu überanstrengen, von allem nur die Hälfte glaubte, so blieb doch noch genug übrig, um Hans als eine interessante Persönlichkeit erscheinen zu lassen. Leute von Rang und Ansehen würdigten ihn ihres Umganges. Er tarockte mit dem Stationskommandanten, schob mit dem Schullehrer Kegel und ging mit dem Forstadjunkten auf die Jagd. Er schoß nie einen Schwanz, aber er heimste die ehrfürchtige Scheu ein, die das Publikum jedem Waffentragenden entgegenbringt. Nach Agnes augelte er zuweilen, aber das Mädchen wich ihm aus. Sie dachte älter als er und mochte das Grüne, Unreife an ihm nicht leiden. Mutter Höhrle nützte den Sohn in den Ferien nach ihrer Weise aus. Er hatte am Sonntag in der Kirche neben ihr in dem Herrenstuhl Platz zu nehmen, und die hochgemute Frau verstand es, die Aufmerksamkeit der Gemeinde auf ihn zu lenken, indem sie ihn des öfteren zwang, ihr Taschentuch vom Boden aufzuheben oder sich zu stellen, wenn andere knieten. So wurde Hans eine Persönlichkeit, auf die das ganze Pfarrspiel mit großen Erwartungen blickte. Auch Vater Höhrle war nicht ohne Stolz auf seinen 110 Sohn. Er erwähnte gelegentlich bei einem Gespräche im Wirtshaus dessen gutes Zeugnis, machte an den Sonntagnachmittagen kleine Ausflüge über Land und sprach mit ihm bei Verwandten und Bekannten vor. Hansens Schwester, Suse, ließ sich weniger von Sentimentalitäten leiten. Ihr praktischer Sinn sorgte für die nächstliegenden, realen Bedürfnisse. Sie besserte die Kleider ihres Bruders aus, besorgte dessen Wäsche, ärgerte sich über seine Stehumlegekragen, an denen die Kunst ihres Bügeleisens sich nicht bewähren wollte, und war vor allem bemüht, das Geld herbeizuschaffen, mit dem der Studienaufwand ihres Bruders bestritten werden konnte. Mit dem Markterlös der Schweine wurde der Halbjahreswechsel des Herbstes gedeckt, mit dem Verkauf eines fetten Rindes der des Frühjahrs. Doch Suse hatte zuweilen Unglück, und ein Stück Vieh wanderte zum Wasenmeister statt zum Schlächter. Dann wäre freilich Not im Lande gewesen, wenn Onkel Schütteldich mit seinen Tabak- und Heringsgroschen nicht in die Bresche getreten wäre, bis Suse auch wieder einmal Glück hatte, einen kleinen Lotteriegewinnst machte, oder einen Preis erzielte auf irgend einer Rindviehausstellung. Der würdige Pfarrherr sah dem Treiben mit verhaltenem Kummer zu. Daß Hans entgleisen könne und für die Kirche verloren gehe, das war ihm klar, und in der Tat, es kam rascher, als man hätte denken sollen. Ein Pfarrerstöchterchen in der Nachbarschaft des Konviktes hörte offenen Herzens und offenen Fensters unserem 111 Künstler beim Klavierspiel zu und verstand es, ihm eines Tages in eine Liebesepistel geschmackvoll verpackt einen halben Haarzopf und ein Stückchen Hackbraten zuzustellen. Den Hackbraten wußte Hans so aufzuheben, daß er unauffindbar war wie der Nibelungenhort im Rhein, den Zopf aber und die geheime Liebesoffenbarung fand der Rektor, und er geriet in ein wahres Dornengestrüpp stechender Gewissenszweifel. Das Endresultat tagelangen Nachdenkens war, daß Hans Höhrle vom Himmel nicht erkoren sei, dem Altare zu dienen, und so flog er aus dem Konvikt. Dieses Mißgeschick ertrug der Schüler leichter als die zu Hause. Vater Höhrle konnte sich seinen Sohn auch als Richter oder Arzt denken, aber die Mutter litt darunter, daß sie bei der Primiz nicht an hervorragender Stelle im Chore knieen und im Angesichte von aller Welt Dankestränen vergießen sollte. Sie renommierte weniger mit ihrem Sohne, und wenn sie gefragt wurde, ob er bald ausgeweiht werde, sagte sie: ›Es sei noch nicht ganz sicher und nicht nur die Professoren der Gottesgelehrtheit rissen sich um ihn, sondern auch die anderen.‹ So hüpften Hansens Jahre im Wechsel von Ferien und Schulzeit wie bunte Vögel an ihm vorüber, Vögel mit glänzendem Gefieder durch Rosenhecken girrend, Vögel mit starkem Flügelschlag, die sich mit Wollust vom Sturme tragen ließen, zur Erde niedergeweht wurden und sich mit neuer Kraft wieder erhoben. Bald war er der Liebling aller seiner Lehrer, bis ihn die Verhätschelung langweilte, 112 und der Onkel Schütteldich bei ihm zum Durchbruch kam. Nach Monaten empörender Faulheit aber setzte er wieder mit frischen Kräften ein und gelangte in die Nachbarschaft des großen James, der durch all die Jahre von keinem Zufall erschüttert am Bugspriet der Klasse stand. Es ereignete sich nichts Besonderes mehr. Der Jahrgang trieb wie eine Heringbank, der große James immer voran, den Strom der Wissenschaft hinunter, fiel an jedem August über ein Wehr und nahm anstandslos die Barre des Maturitätsexamens. Nun rauschte vor den jungen Leuten das Meer des Lebens. Sie stürzten sich hinein. Einer verlor den anderen aus dem Auge, jeder Zusammenhang löste sich, und kaum mehr fand sich Gelegenheit, daß Hinz und Kunz sich wiedersahen. 113   14. Kapitel. So war denn auch Hans vor die große Frage gestellt: Was nun? Er war zwanzig Jahre alt und ein prächtiger Bursche. Manches Mädchen wußte das und konnte sich seinen schön gebildeten Leib nur schwer in einer Kutte denken. Auch Agnes, obwohl von mancherlei verschüchtert, hatte Augen, die ängstlich über des Jünglings nächsten Entschließungen wachten. Sie war eifersüchtig, sie gönnte ihn keiner anderen, selbst nicht der Mutter Kirche. All die Jahre her hatte sie ihn des öfteren gesehen, aber sie vermied es, ihm nahe zu kommen, noch beherrschte sie die Schüchternheit des Mädchens. Seit in ihr die Jungfrau erwacht war, trat die kindliche Naivität zurück, sie fing an zu begehren, und doch hütete sie sich zu verraten, was ihre Sehnsucht forderte, hielt den Mund geschlossen und hütete ihre Blicke. Mußte sie auf der Straße an ihm vorüber, so senkte sie die schöne Stirne, daß er ihre Augen nicht sehen konnte, die in feuchter Glückseligkeit schwammen. Sie grüßte leichthin und schien ihn kaum zu bemerken. 114 Bei Gelegenheiten aber, wo sie ihn beobachten konnte, ohne selbst gesehen zu werden, da öffnete sie weit die Lider und faßte das Bild seiner Schönheit wie in einem Brennglase, daß seine Strahlen tief ihr Herz versengten, das so unvorsichtig mit dem Feuer spielte. Ihre Eltern hatten die gutgehende Wirtschaft »Zum Weltschirm«. Im Herrenstüble saß der Abiturient öfter unter den Honoratioren, und die Lampe mit dem grünen Schirm warf einen Heiligenschein über ihn und über alles, was im Dorfe Anspruch hatte auf das Wort Venerabile. Wie kam es, daß Agnes in der dunklen Küche nebenan des öfteren den Herd bestieg und nach dem Fleische sah, das sich im Rauchfang bräunte? Wir wollen es dem Leser verraten. Hoch oben war ein Zugloch in der Mauer, das den Tabaksrauch der Gaststube in den Schornstein leitete, aber auch einen bequemen Überblick gestattete über die Hinterstube und ihre Insassen. Dort stand die Jungfrau oft geängstigt, als ob sie ihre Seele mit einem Verbrechen belastet hätte, zitternd, daß man sie überraschen könne, und sie stand doch, glühte vor Erregung und fror gleichzeitig. Im Garten der Apotheke sah man Hans zuweilen mit einem Buche in der Laube sitzen. Das heißt, nicht alle Welt sah ihn. Es konnten sogar hundert Menschen außen am Fichtenzaune vorbeigehen, ohne daß ihn einer bemerkte, aber Agnes sah ihn, sah ihn von der Höhe ihrer Giebelstube herunter, und wenn sie ihn nicht ganz sah, so war sie zufrieden, wenn sie nur seine wohlgepflegten Hände entdeckte, die zuweilen auf der Fensterbrüstung des 115 Gartenhäuschens den Takt trommelten zu einer Melodie, die ihr Herz tanzen ließ in Lust und Weh. Von ihrer Liebe geredet hatte Agnes seit ihren Kindertagen mit keinem Menschen, nicht mit einer Freundin, nicht mit der Mutter, nicht mit sich selbst und am allerwenigsten mit Hans. Und doch sehnte sie sich nach einer Aussprache mit dem Geliebten mehr, als sie sich damals wenigstens nach dem Himmel sehnte. Im Dorfe herum redete man von der Mühle nicht mehr das Allerbeste. Es gab Leute, die von unbezahlten Rechnungen sprachen, und andere wollten gar bemerkt haben, daß der Gerichtsvollzieher auf offener Straße eindringlich auf Vater Höhrle hineinredete. Agnes schloß nicht ohne Grund aus dem Gerede, daß mehr die Not als die freie Liebeswahl den Erkorenen ihres Herzens der Mutter Kirche zuführen könne. Man wußte ja, wie sie es versteht, mit dem Werbegold im Kasten zu klingeln und intelligente Führer zu suchen für die allezeit streitbare Armee. Vielleicht hätte das Mädchen seinen Verlust getragen und im Gebete Trost gefunden, wenn Hans sich dem Dienste des Altares als freier Mann geweiht hätte. Der Gedanke aber, daß ihn die Not an ihrer Kette aus dem frohen Leben in die einsame Zelle eines Priesterseminars zerren könne, war ihr unleidlich. Sie fühlte, daß sie in der Lage war, helfen zu können, und daß sie reden müsse, bevor die Würfel gefallen waren. Man kann nicht sagen, der Zufall führte Röse Ricke 116 ins Haus, denn sie schwärmte ja immer wie eine Fledermaus und war im Dämmerlicht unter das schützende Dach des Weltschirms geflogen. »Guten Abend, Jungfer Agnes. Stricken sie nicht an einem Netz?« »Doch, Frau Neugierde, und ich möchte mir einen Vogel fangen.« »Wenn Ihr Euch mit einem halben Dompfaffen begnügt, so kann ich Euch sagen, wohin Ihr Euer Netz stellen müßt,« lachte die Alte. »Hoch vor allem,« sagte Agnes aufgeräumt, »damit wir nicht statt eines Zeisigs eine Beutelratte fangen.« »Aber eine Wasserratte dürfte es doch wohl sein, he, Jungfer Agnes? So eine, die im Mühlbau lebt oder drin groß geworden ist. Was meint Ihr dazu?« fragte sie mit anzüglichem Gelächter. »Könnt Ihr schweigen?« fragte Agnes. »Wie ein Sargnagel,« antwortete Röse Ricke. »So sagt mir, Ihr, die Ihr ein Stück von Gottes Allwissenheit seid, Röse Ricke, sagt mir, was soll aus Hans Höhrle werden?« »Nach Eurem Willen Euer Mann, Jungfer, nach seinem Willen das gleiche und ein Doktor nebenbei; aber, aber,« fügte sie bedenklich hinzu, streckte die Rechte aus und ließ den Daumen über dem Zeigefinger Kreise beschreiben, die so groß wie ein rechtschaffener Taler waren. Agnes wußte, was das bedeuten sollte, und bemerkte verlegen: »Steht's so?« 117 »So steht's, genau so, und wenn der Husterloher Mühlwald so weiter ausgehauen wird wie bisher, so wird es ihm schwer fallen die Bretter zu liefern, in denen man den Vater Höhrle zu Grabe trägt.« Agnes war durch die Nachricht, einen armen Schwiegervater zu bekommen, eher erfreut, als betrübt. Im Nu überschaute sie die Situation. Sie selber hatte ein respektables Vermögen. Damit wollte sie der Kirche ihr Opfer entreißen und durch Dankbarkeit den Geliebten an sich fesseln all die Tage seines Lebens. Ein nettes Häuschen mit weißen Vorhängen im blumenreichen Gärtchen, darinnen der Herr Doktor und hochwohlgeboren dessen Gemahlin und eins, zwei Lockenköpfe! Welch ein Blick in ein Himmelreich voll Glanz und Seligkeit! Die heiße Sorge der nächsten Tage war: Wie komme ich allein mit ihm auf ein Viertelstündchen zusammen? Der Himmel und das zuständige Kreisamt schafften Rat. Der erstere hatte das Fest Mariä Geburt in den September verlegt, das zweite hatte dem Wirt auf der Tromm einen Tanzzettel zugestanden. Klaus Priester, der Musikant, trug seinen Bauch und seine Klarinette im Mittagssonnenschein des genannten Festtages über den kahlen Rücken des Berges. Zu seiner Seite schritt Veit Streichgut, die Baßgeige aus dem Rücken, während Franz Blasauf um sich und seinen Schnitzbuckel das Bombardon gewickelt hatte. Es war eine Hitze, daß das Kolophonium schmolz, und Bastel Fiedele, der Mann mit der dicken Schuhsohle am kurzen Bein, der den Geigenkasten 118 trug, blieb hinter seinen Kunstgenossen etwas zurück. Seine Schenkel schmerzten ihn, und in seiner Seele klang noch das tiefernste Leitmotiv einer eben überstandenen Missionswoche nach. Er war verstimmt, jetzt wo er nach empfangenen Bußsakrament zum ersten Male wieder seinem leichtlebigen Handwerk nachging. »Nimm deine Beine unter den Arm und sieh, daß du nachkommst,« ließ Klaus Priester, der Mann an der Tete, sich hören. »Höllenpriester, hast du es so eilig in den Teufelsrachen hineinzulaufen? Gehen wir nicht mit sieben und einem halben Bein den Weg der Sünde? Wo anders wird er enden als in dem Pech und Schwefelpfuhl? Fördern wir nicht mit unserem Handwerk alle Laster: Die Gotteslästerung, die Völlerei, den Totschlag mit und ohne mildernde Umstände? Wie gerne würde ich euch alle laufen lassen und allein den Dornenpfad der Tugend wallen, wenn die paar lumpigen Kreuzer nicht wären, die man doch die Woche über so notwendig braucht. Sei der zu einem Hammelragout zerrissen, der das lumpige Geld erfunden hat!« »Halt's Maul, du krummer Kirchenleuchter,« herrschte ihn Klaus Priester an, »was kümmern uns die Sünden der anderen! Wir machen Musik zu gehaltenen und gebrochenen Liebesschwüren, zu den Sünden gegen das sechste und gegen das neunte Gebot. Der Mond sieht noch mehr als wir. Er kann's nicht ändern, also tun wir desgleichen, gucken zu und machen wie er, ein freundlich Gesicht.« 119 Unterdessen hatte Veit Streichgut einen Schwarm von Mädchen aufgestöbert, der rechts vom Wege hinter Ginsterbüschen lag und die ungeduldigen Füße nach süßen Walzermelodien im voraus in der Luft tanzen ließ. Zuweilen hatte sich eine von ihnen auf den Bauch gelegt und hatte den Feldweg entlang gesehen, ob sie nicht bald kämen der Baß und das Bombardon, die Trommel und die Pfeife, und nun waren sie plötzlich da und hatten das Thema heimlicher Vertraulichkeiten unterbrochen, in denen die Männer eine so wichtige Rolle spielten. Nein, das war doch auch zu arg. Der Veit war ein rechter Schlimmer, man mußte sich vor ihm schämen. Wer weiß, ob er nicht schon eine Zeitlang hinterm Busch gestanden und gelauert hatte. Wie eine Kette Rebhühner fuhren die frischen Dinger auseinander, als Streichgut plötzlich seinen Fidelbogen über die brummenden Saiten seiner Baßgeige tanzen ließ. Man sah nichts als ein Flattern, Flimmern und Blitzen heller Sommerkleider zwischen Ginster- und Wacholderstöcken und hörte nichts als ein silbernes Lachen, durchschossen von dem Schnurren der G-Saite des Kontrabasses. Veit Streichgut war ein Schlimmer und hatte die armen Mädchen in arge Verlegenheit gebracht. – Derweilen war der hinkende Nachzügler zur Stelle gekommen. »Seid Ihr auch schon da, Ihr Cherubine der Verdammnis,« schrie Bastel Fiedele, »stellt eure Netze aus und seht, daß ihr einen kriegt, der mit euch zur Hölle fährt, da unten ist gerade wie auf einem Kasinoballe, Herrenmangel und Überfluß an Weibern.« 120 »Was in der Hölle vorgeht, schert uns nicht, wenn's nur beute nicht an Tänzern fehlt!« schrie eine aus der Schar der Versprengten. Die anderen lachten, Klaus Priester zog seine »Gelberübe« aus der Tasche, und alsbald scheuchten jubelnde Klarinettentöne jedes Bedenken über das Morgen aus den flatternden Seelen der jugendlichen Schwärmerinnen. So kam die leichte Ware mit tänzelnden Schritten vorwärts. Agnes, die unter den Mädchen war, gesellte sich zu Bastel Fiedele. Ihre Gegenwart wirkte beruhigend auf ihn ein. Er schimpfte nicht mehr, schritt langsam fürbaß, und das Mädchen hatte Zeit und Gelegenheit an den Knöpfen ihres Mieders die wichtige Frage zu studieren: »Kommt er, oder kommt er nicht,« bis das Wirtshaus erreicht war. Über dem Rasen vor der Haustüre verstreut, saß auf rasch gezimmerten Bänken vor improvisierten Tischen bereits eine Anzahl Gäste. Im Nu hatte Agnes sie gemustert. Ihr Hans war nicht dabei. Es dauerte nicht lange, und Klaus Priester mit seinen Kunstgenossen hatte sich auf der erhöhten Musikantenbank eingerichtet. Alte, mit unterschiedlichen Kirchweihsaucen getaufte Notenblätter waren aufgestellt, und eine metallklingende erbärmliche Musik füllte den leeren Saal auf der Wiese. Nach und nach traten die Paare an, etwas schüchtern, als ob sie der Horror vacui beherrschte, dann aber sicherer, als die Zahl der Tanzenden sich mehrte und kräftige Absätze den Takt traten. Agnes lag in den Armen eines Schullehrers, der bei 121 ihren Eltern den Mittagstisch hatte. Ihr blondes Haar peitschte im Schwunge der Bewegungen seine Wange, aber ihr Gesicht flog immer der Türe zu, auf deren Schwelle sie Hans zu finden hoffte. Richtig! da war er, eine tadellose, vornehme Erscheinung, fast befremdlich in der Umgebung all der Bauernburschen und ihrer Freundinnen. Agnes zitterte, als sie ihn sah. Die eben noch so flinken Füße vermochten nicht mehr dem Takte der Musik zu folgen, sie wurden unsicher, und wohl oder übel mußte ihr Tänzer sich entschließen, mit ihr einer der Bänke zuzusteuern, die an den Wänden des Saales entlang den Ermüdeten Ruhe anboten. Da saß sie nun und besann sich auf sich selber. Was hatte es für einen Zweck, an die Brust irgend eines gleichgültigen Menschen gelehnt, über die benetzte Diele zu rasen? Entweder er, der Einzige, kam, und dann, ja dann mit ganzer Hingabe von Leib und Seele, oder er kam nicht, nun, dann überhaupt nicht mehr. So saß sie fast trotzig an der Wand, lehnte jede Einladung zum Tanze ab, nur immer mit der hoffnungsfreudigen Erwartung beschäftigt, daß Hans den Saal durchqueren und sich ihr nähern möchte. Sie wartete lange. Schon hatte man die Lichter angezündet, und noch war er nicht nahegerückt. Schon kam ihr der Gedanke, daß er sich zu vornehm sein möchte für eine so bäuerliche Veranstaltung, als seine hohe Gestalt mit elastischen Schritten den Saal durchmaß. Ihre Augen, sonst so zaghaft, zogen ihn mit magnetischen Kräften an sich heran, und noch hatte er sie nicht erreicht, noch hatte er sich nicht verneigt 122 vor ihr, so stand sie schon, und leise neigte sich ihr voller Busen seinem Herzen. So schmiegt die Meise sich dem Weißdornhang, so greift der Rabe nach den Mistelzweigen. Wie wurden dem Kinde mit einem Male die Augen so groß. Stolz stand sie da und sah in die flimmernde, glitzernde Herrlichkeit des Kronleuchters und über die tanzenden Paare. Der Besitz des Geliebten gab ihr Sicherheit, beinah das Recht, sich über alles erhaben zu fühlen. Nur tanzen, tanzen mit ihm in jeder Richtung, selbst in die Hölle, wie Bastel Fiedele meinte. Und als sie nun am Abend den Saal verließen und hinaustraten ins Freie, wie wurde da ihr Herz so weit, wie wurde sie da durch die Liebe dem Unendlichen so nahe verwandt. Ein leichter Nebel füllte die Täler und verhüllte alles Gegenständliche. Nur der kahle Bergesrücken war erhellt und über ihm schwamm in stahlblauen Fernen der Mond. Welch wundervolle Dreieinigkeit, der Mond und er und sie. Ist es verwunderlich, wenn sie sich vorkam wie der Mittelpunkt des Universums. Sie legte den Arm um den Nacken des Geliebten. Die Flammen der Liebe schlugen ineinander, und zum Himmel stieg das stille Gelöbnis zweier Seelen, einander treu zu sein; ein Opferdampf, dem Herrn nicht minder genehm, wie einst der Rauch vom Altare Abels. Wie lange sie so gestanden? Wer wird das fragen! Vielleicht ständen sie heute noch, wenn nicht die Tritte anderer Gäste, die heimwärts strebten, sie verscheucht hätten. Agnes, deren aufmerksames Ohr zuerst wieder Fühlung 123 mit der Erde gewann, zog den Geliebten aus dem Bereiche des Lichtes und tauchte mit ihm in den Nebel unter, der die Seiten des Berges bedeckte. Hier, wo das feuchtgraue Dunkel sie wie furchtsam frierende Kinder enger aneinanderpreßte, fand Agnes zuerst die Sprache wieder. »Wie weit haben wir noch nach Hause?« klang es von ihren Lippen. »Ach, daß es nur noch eine kleine Stunde ist und nicht eine kleine Ewigkeit,« gab Hans zurück. »Unser Hans ist im Himmel, und bis dahin könnten wir doch zusammengehen,« sagte Agnes fromm. »Ja, mein Herz, das wollen wir, und wenn der Weg durch brot- und wasserlose Einsamkeiten führen sollte.« »Das wird er nicht, in einigen Jahren ist mein Hans ein Herr Doktor und übernimmt die Sorge für sein Weib. Bis dahin aber, Guter, mußt du mir erlauben, dir beizustehen. Siehe, ich darf die Schuld meiner Dankbarkeit nicht so hoch anwachsen lassen, daß ich dir späterhin durch Treue die Zinsen nicht zahlen könnte. Mein Liebster, zeige, daß du mich lieb hast, indem du mir gestattest am Werke deiner Vollendung mitzuarbeiten. Gewiß, ich spüre keinen Geheimnissen nach, aber wer kann dem Flüstern des Windes sein Ohr verschließen? Siehe, Hans, ich weiß es, daß dein guter Vater nur schwer die Last der Sorge trägt, die auf seinen Schultern liegt. Dein Aufenthalt auf der Universität wird sie vermehren. Sei gnädig, du mein Bester, und laß mich ihm helfend beispringen. So kann ich einst sagen: Das, was ist, ist zu einem kleinen Teile auch 124 mit meiner Hilfe erreicht, und ich stehe nicht so arm vor dem, der mir so reichen Schatz in seiner Liebe schenkt.« Hans war betroffen und gerührt zu gleicher Zeit. Zum ersten Male hatte er aus fremdem Mund, wenn auch mit schonenden Worten, gehört, was er seither nur von Suse wußte, daß der Glanz des Vaterhauses am Erbleichen war. Der hohe Ernst des Lebens redete zu ihm durch den liebsten Mund, den die Erde trug, und verfehlte nicht eines tiefen Eindruckes. Rasch wie der Schaumwein aus der Flasche sprudelt, schoß aus seinem Gemüte der Vorsatz, dem festgesteckten Ziele auf geradem Wege mit sicherem Schritt entgegenzugehen. Er wollte der starke Stamm werden, an dem die niedergewehte Rebe der ganzen Familie sich aufrichten sollte, und daß Agnes die stille Kraft werden wollte, die seine Wurzeln speiste, erfüllte ihn mit heiliger Verehrung für sie. Er zog das Mädchen an sich heran und küßte sie in Dankbarkeit auf die kluge Stirn. Sie schlug die Arme um seine Schultern, überglücklich, daß das Band ihrer Liebe noch durch ein wirtschaftliches verstärkt worden sei. Bald standen sie vorm Elternhause des Mädchens, obwohl sie nicht gesprungen waren. Der Mond hatte bereits Abschied genommen von den Zweien. Nun mußten sie es voneinander tun. Sie taten's auch, das Herz geschwellt von freudigen Erwartungen und mit dem festen Vorsatze, einer dem anderen Geist und Körper rein zu erhalten und so ihr gemeinsames Lager ohne reuevolle Hintergedanken zu einem frommen Altare der Liebe zu gestalten. 125 In den nächsten Tagen hieß es im Dorfe: »Hans Höhrle ist aus der Kutte gesprungen.« »Doktor will er werden,« sagte Indigo, der Blaufärber, »ob's ihm dazu reicht? Zum Pfarrer braucht man einigen Verstand, zum Advokaten mehr, zum Doktor am allermeisten.« »Ich hab's gedacht, daß was Besseres aus ihm wird,« meinte Pappdeckel, der Buchbinder. »Denn sein Studieren dauerte mir schon zu lange, der muß doch übern Pfarrer längst hinaus sein.« »Das reißt seiner Mutter den Herzbändel durch,« orakelte Röse Ricke, »der viele Ärger über Groß und Moos hat sich ihr auf die Leber geschlagen, bereits sieht sie aus wie der Schweizerkäs. Nun auch das noch, wenn sie erst dem Limburger gleicht, dann ist damit das Leben prinzipiell nicht mehr vereinbar.« So waren auf unseren Hans am Scheidewege die Augen vieler gerichtet. Wenige begleiteten ihn mit herzlichen Segenswünschen, die meisten erwarteten fromm, daß der neue Ikarus mit abgeschmolzenen Fittichen in den Sumpf des Stumpfsinnes zurückfallen möchte, in dem sie selber quakten. 126   15. Kapitel So saß denn Hans eines Tages mit der Liebe im Herzen und einem Billet dritter Klasse in der Westentasche in der Eisenbahn und fuhr der kleinen Landesuniversität entgegen, die aus ihm einen Doktor machen sollte. Als er den Wagen verließ, trat er unter ein buntes Gemenge von allerlei Leuten, die schwerlich des Studiums halber hierhergekommen sein konnten. Frauen in kurzen, faltenreichen Röcken trugen Körbe auf dem Rücken, und Männer in blauleinenen Kitteln hatten in buntgewürfelten Kissenüberzügen mancherlei Waren verstaut, die sie in der Stadt eingekauft hatten. Hier drückte einer einen kleinen Handkarren, dort zog einer an einem Stricke ein störriges Kalb hinter sich nach. Körbe mit Hühnern standen da herum, und aus Zwergsäcken, die am Boden lagen, hörte man das mißvergnügte Grunzen junger Ferkel. Das sah alles so nüchtern, so trivial aus, das roch so sehr nach Landwirtschaft, daß unserm Hans der Gedanke kam, er könne die Alma mater überfahren haben. Doch da gewahrte er mit einem Male oben am Perron eine Gestalt in schwefelgelber Mütze, die wie ein Leuchtturm die langsam sich 127 verlaufende Menge überragte. Das konnte ein Student sein, und unser junger Mann machte den schüchternen Versuch, sich der distinguierten Persönlichkeit um einige Schritte zu nähern. Richtig, er erkannte über der blühend weißen Hemdenbrust ein buntfarbiges Band. Das war also einer seiner zukünftigen Kommilitonen. Aber dies Gesicht schien ihm noch mehr verraten zu wollen. War das nicht? Ach, kein Zweifel, er mußte es sein, es mußte der Ignaz Kaufmann sein, der hier an einen riesenhaften Neufundländer gekettet war, oder der Hund an ihn. Noch hatte Hans den frohen Gedanken nicht ganz zu Ende gedacht, als Kaufmanns Stimme ihm entgegenhallte: »Ah, sieh da, Hans Höhrle, hast du den Weihwasserpinsel aus den Fingern fallen lassen, um hier den Schläger in die Faust zu nehmen, so sei willkommen! Und wenn ich dir mit irgend etwas dienen kann, so verfüge über mich.« Damit legte Ignaz seinen Arm in den des Schulkameraden und betrat stolzen Schrittes mit ihm den Wartesaal zweiter Klasse. Der Hund hinterher in einem ziemlich genau ausgerechneten Abstand, als ob er sagen wolle: »Zwar gehöre ich dazu, doch stimme ich im Konvent nicht ab.« Die Dame am Buffet grüßte verbindlich und einige Kellner sprangen herbei und machten Miene, als ob sie Stühle zum Empfange so erlauchter Gäste bereit stellen wollten. Ignaz Kaufmann bewegte nur ein klein wenig seine Reitpeitsche vom Ohre bis etwa an den rechten 128 Augenwinkel, und er war verstanden. Die Kellner wußten es, und am Buffet wußte man es auch: »Jetzt eben nicht, ein anderes Mal.« Im Bahnhofsportal standen die Dienstmänner stramm, als die zwei vorüberschritten, und Lohnkutscher auf hohem Bocksitz hoben die Peitsche vor die Nase und neigten den Zylinder so weit nach vorn, bis er den Stiel berührte. Hans war verblüfft von all den überraschenden Ehrungen, die man ihnen erwies, und er fragte sich verwundert, durch welche hervorragende Tat sein Freund Ignaz sich diesen hohen Respekt in den vierzehn Tagen seines Hierseins verdient haben könne. Den tieferen Grund, daß nämlich alle diese Reverenzen nur vor der Mütze, vielleicht auch vor dem Hunde, gemacht wurden, begriff er noch nicht. Auf der Treppe stehend, rief Kaufmann mit einer feudalen Geste einen Rosselenker herbei. Im Nu hielt der Wagen genau zwanzig Zentimeter vor ihren Zehenspitzen. Die zwei » Cives academici « stiegen ein, und in scharfem Tempo trabten die Pferde stolz erhobenen Hauptes, als ob sie Prinzen von Geblüt hinter sich hätten, hinein in das überhängende Giebelmeer der spießbürgerlichen Straßen. Der Hund lief vor den Pferden her, doch keineswegs in aufgeregten Sprüngen, sondern gesittet und wohlerzogen, gerade soweit, daß die Pferde mit den nicht allzu runden Knieen ausholen konnten, ohne ihm auf den Schwanz zu treten. Wohin es ging, war allen bekannt, mit Ausnahme 129 unseres Hans Höhrle, und als das richtige Wirtshausschild erreicht war, schwenkte der Neufundländer rechts ab. Die Pferde parierten urplötzlich. Die beiden Freunde stiegen aus, und der Kutscher machte auf der Sollseite seines Notizbuches eine kleine Bemerkung. Im Treppenhaus war es dunkel und feucht. Die Stufen waren ausgetreten, und wenn Hans seiner Nase Glauben schenken konnte, mußte er annehmen, daß hier kleine Bierkaskaden sich von Stufe zu Stufe stürzten. Der Eintritt der beiden Freunde in die Schankstube erregte einen erstaunlichen Aufstand. Ignaz führte den neuen Fuchs an die besterleuchtete Stelle des Raumes, verneigte sich und nannte seinen Namen: »Hans Höhrle.« Von allen Seiten stürzten nun Männer mit narbigen, zuweilen fast noch blutigen Gesichtern auf ihn zu, um sich vorzustellen. Hans hörte eine Menge seltsamer Familiennamen, von denen er keinen einzigen behielt, nur die Namen fast prähistorischer Völker wie der Vandalen, Alemannen, Heruler und Goten blieben in seinem klassisch geschulten Gedächtnisse haften, und er kam sich vor wie einer, der in einem ethnographischen Museum sich den Resten der Völkerwanderung gegenüber sieht. Sogar der Hund stammte aus dem alten Testament. Er hieß Holofernes. Ignaz zog seinen Schulkameraden nach einem Tische herüber, wo eine muntere Schaar in gelben Mützen saß, die ihm äußerst zuvorkommend Platz machten. Die mit den grünen und blauen Mützen zogen sich zurück, und Hans 130 hörte nur noch, wie eines ihrer bemoosten Häupter sagte: »Jungburschen, wenn der auch noch bei den Gelben aktiv wird, nachdem sie den Riesen Kaufmann schon haben, dann die Gnade Gottes über eure Wetterseite. Es liegt ein barometrisches Minimum über dem Lande der Franken und Cherusker, und ich fürchte, daß wir starke Niederschläge haben werden.« Einen Augenblick waren die Blicke aller fragend auf Hansens schlanke Fechterfigur gerichtet, dann aber verschlang der Lärm des Zutrinkens, der Witzworte und der gegenseitige Austausch der Ferienerlebnisse jede Sorge für die Zukunft. Einer oder der andere schien schon etwas hoch zu haben, umarmte seinen Nachbar, bot ihm Schmollis an und verabredete für den folgenden Tag einen kleinen Exbummel in die Umgebung. ›Man mußte sehen, ob Censie, die kleine Kellnerin, noch im Schwarzen Wallfisch wäre und ob die Mutter Erk auf der Schottenmühle reife Handkäs hätte.‹ Gegen zwölf Uhr erreichte der Frühschoppen sein Ende. Hans verabschiedete sich, aß in einer billigen Restauration, neben Posteleven und Betriebsassistenten und machte sich dann auf die Suche nach einer Wohnung. Am schwarzen Brette der Universität hing ein Zettel, durch welchen »eine ruhige Witwe mit einer Tochter in gesetztem Lebensalter einen soliden Mietsherrn zu mäßigen Preisen suchte.« Hans, der die Verhältnisse seines Vaterhauses in Betracht zog und mit wenigem auszukommen dachte, schrieb Straße und Hausnummer in sein Notizbuch und machte sich auf die Suche. Nicht lange und er fand, was er brauchte. 131 Vor einem Gemeindebrunnen stand ein gebrechliches Haus, das seinen neugierigen Giebel so weit nach vorn neigte, daß er durchs Bodenfenster wie durch ein Monokel sehen konnte, was hinter den Scheiben des Erdgeschosses vorgehe. Es regnete gerade ein wenig, und unter den überhängenden Stockwerken war auf dem Pflaster der Straße ein allerliebstes trockenes Plätzchen. Hier standen hübsch vor Nässe geschützt einige dralle Dienstmädchen. Sie schienen wenig Eile zu haben, hatten die Hände in die Schürzen gewickelt und warteten, bis sie an den Pumpenschwengel kamen. Hans musterte die Höhe der Stockwerke und rechnete aus, daß er von den Fenstern der ersten Etage aus die Mädchen des Abends bei den Zöpfen fassen könne. Dies schien lustig zu werden und war eine interessante Beigabe, wenn das Logis sonst annehmbar war. Die Mädchen, die ihn sahen und seine Absicht errieten, kicherten, und eine von ihnen, die Speckarme in die Hüften gestemmt, meinte: »Entweder muß der Herr in zwei Stockwerken wohnen, oder er muß sich Knöpfe in die Beine machen, damit er seinen langen Leib auf einer Etage unterbringt.« Die anderen belachten weidlich diesen Witz und sahen unseren Hans nicht eben schüchtern an, so daß er in Verlegenheit geriet und eilig der Tür zuschritt. Ehe er's noch gedacht hatte, war er drei Stufen hinuntergefallen in ein schmales dunkles Gängchen, das vom Hofe her ein mattes Tageslicht erhielt. Hans, der sich an den Wänden noch gefangen hatte, traute seinen Augen nicht, 132 als er da hinten in dem zerstreuten Lichtschimmer eine Anzahl Weiber wie Schattenbilder mit Besen aufeinander losschlagen sah. Sollte da »die ruhige Witwe mit der Tochter in gesetzten Lebensjahren« dabei sein? Hans verspürte kein Verlangen, die weitere Entwicklung der Dinge abzuwarten und hoffte, sich unbemerkt wieder davonstehlen zu können. Allein ein Draht, der beim Schließen der Tür an einer kleinen Schelle im Hofe zupfte, hatte ihn verraten, und ehe er's noch vermuten konnte, war er in dem engen Raume zwischen anderthalb Jahrhunderten, die Mutter und Tochter annähernd zusammenbrachten, eingekeilt. Die Damen massierten zunächst mit vieler Sorgfalt den Rest von Unmut, der von der Balgerei mit den Nachbarsleuten her noch in den Runzeln ihrer Gesichter lag, hinaus, spuckten auf die Finger, glätteten das etwas in Unordnung geratene Haupthaar und ließen dann die melusinischen Quellen ihrer Beredsamkeit sprudeln: »Ach, du mein Gott, wer heutzutage auf Reinlichkeit hält, hat einen schweren Stand. Sehen Sie, mein lieber Herr, bei uns ist alles blank, aber die Nachbarschaft, gerechter Himmel, sie erstickt im Dreck. Und doch haben sie für dieses Semester bereits vermietet, während wir noch leer stehen. Ja, aber man weiß ja, die Frau jung, der Mann auf einer Lokomotive. Ja, mit so was können wir nicht aufwarten. Aber wir brauchen doch nicht zu dulden, daß sie in dem gemeinschaftlichen Hofe Hühner halten.« 133 »Na, sicher nicht,« sagte Hans, der den Monolog an dieser schicklichen Stelle unterbrechen zu können dachte. »Na, also,« fiel von den zwei Alten die Jüngere ein, »und doch will uns das Gesetz nicht schützen. So helfen mir uns denn selbst, und der Schlag, der an einem Huhn vorübergeht, trifft sicher auf eine Gans, denn das ist sie, sie ebensowohl wie ihre Schwester, die gewiß beide der Teufel holt, wenn's einmal an Mädchen für alles, verstehen Sie, für alles, in der Hölle fehlen sollte.« Hans hatte genug von der Sorte ruhiger Zimmervermieter und wollte zur Tür hinaus, aber das ging nicht. Die Tochter in dem »gesetzten Lebensalter« hatte ihm durch eine Flankenbewegung den Rückzug verlegt und drückte ihn einfach wie einen Schubkarren vor sich her. Die Alte marschierte an der Tête und so kam das feierliche Dreigespann über eine dunkle, von vielfachen Podesten unterbrochene Treppe nach der ersten Etage. Beim Überschreiten der Türschwelle mußte Hans Höhrle sich bücken. Als er sich aber, im Zimmer angekommen, wieder strecken wollte, stieß er erbärmlich seinen Schädel wider die Decke und quittierte den Empfang einer nußgroßen Beule in den Kopfhaaren mit einem ärgerlichen: »Gott verdamm mich.« »Nur nichts Unchristliches,« jammerte die Alte, »'s ist nur, bis man sich daran gewöhnt hat,« und schob unseren Studio gegen die Fenster hin, wo er in der Tat so viel Raum über sich hatte, daß er sich in seiner ganzen Größe entwickeln konnte. »Hier steht Ihr Schreibpult, Herr Doktor,« flötete die Jüngere, »und wenn Sie beim Lernen 134 den Kopf etwas über die Bücher beugen, wie man ja muß, so werden Sie sehen, daß es sich bei uns gut wohnen läßt.« »Und wo ist das Bett?« fragte Hans. Die Tochter trat zur Seite, und in der Pose eines Cherubins, der das verschleierte Himmelreich enthüllt, schob sie einen Kattunvorhang zur Seite und gestattete somit einen Einblick in einen kleinen Alkoven, zu dem man auf drei Stufen hinaufsteigen mußte. Hier stand eine Bettstelle, der man die Füße abgesägt hatte, damit sie nicht zu hoch hinauswollte. Hans erschrak, als er diese Ruhestätte sah und verstieg sich zu der ironischen Bemerkung: »Hier muß wohl der Mensch zuerst in die Horizontale gebracht und dann wie Brot in den Backofen auf einem Schieber eingeschossen werden?« »Der Herr Doktor belieben zu scherzen,« flöteten die zwei Quartiergeberinnen. »Hier haben schon Leute geschlafen, die nachher Minister wurden und noch Höhere. Wollen sich der Herr nur näher bemühen, er kann sich selber überzeugen.« Hans senkte eines seiner Kniee auf die Stufe nieder und drehte den Kopf dem Plafond zu. In der Tat, auf dem weißen Kalkanstrich entdeckte er eine Masse mit Bleistift hingeschriebener Namen, studentischer Zirkel, Zitate aus dem Corpus juris und Bibelstellen. Auch waren ganze Kunstwerke zu sehen, gekreuzte Säbel und Schlägerklingen, Totenköpfe, Kater, die Heringe fraßen usw., und Hans mußte die Überzeugung gewinnen, daß Lernbeflissene aller drei Fakultäten hier in diesem Holzkasten bereits 135 unzählige Räusche ausgeschlafen hatten. Die Einrichtung war ja bequem. Man konnte auf dem Rücken liegend mit der Hand die Decke erreichen, und unser Studio fing an, sich in den Gedanken hineinzuleben, daß auch er eines Morgens erwachen und die Kunstausstellung da oben um ein Dackelporträt bereichern könne. Doch zunächst wollte er noch einmal durch die Straßen der Stadt irren und nachsehen, ob sich nicht doch was Besseres fände. Im Gehen fragte er nach dem Preis. Der war sehr annehmbar, zumal da die Alte noch in Aussicht stellte, etwas herunterzugehen, wenn der Herr Doktor sich des Morgens mit Malzkaffee begnügen wolle, einem Göttertrank, der, wie sie versicherte, sehr gesund und nur wenig aufregend sei. Hans versprach, sich die Sache überlegen zu wollen und wiederzukommen, und in der Tat, das log er nicht. Das Bild seines Vaters war ihm vor die Seele getreten, und der Gedanke, daß er durch äußerste Einschränkung seiner Lebensbedürfnisse ihm seine schwere Arbeit erleichtern könne, packte ihn und weckte den Vorsatz, zu sparen, wo immer es möglich sei. So kam er aus dem Hause heraus und rechnete mit der Möglichkeit, daß er doch vielleicht noch einmal dahin zurückkehren werde. Wie er so die Häuser begaffend wandelte und nach kleinen Täfelchen suchte mit der Aufschrift: »Zimmer zu vermieten« lief er dem Ignaz Kaufmann in die Hände, der mit seinem Leibburschen August Weber zusammen ein wenig flanierte. 136 »Du hast noch keine Bude?« sagte Kaufmann, »wird schwer fallen. Du bist ein bißchen spät ins Semester gekommen. Auch steigern jetzt schon diese Halunken von Philistern die Preise, weil sie sicher sind, daß sie doch vermieten werden.« »Haben Sie schon die Anlage abgesucht?« sagte Weber. »Wenn Sie gestatten, begleiten wir Sie bis dahin, möglich daß Sie da etwas Passendes finden.« Weber hatte ein schönes männliches Gesicht, das eigentlich schon über die Studentenjahre hinaussah und etwas ins Philisterium hineinlugte. Einige Narben auf der Quartseite bleichten schon, ein Zeichen, daß der flotte Bursche seit einigen Semestern die Klinge nicht mehr führte und wohl über Büchern und Papier den kritischen Tagen des Examens entgegenarbeitete. Er übernahm jetzt die Führung der zwei jüngeren Kommilitonen. Im vierten Stocke eines vornehmen Hauses sah man hinter der Spiegelscheibe ein kleines Schild hängen, aber die Entfernung war zu groß. Von der Straße aus war nicht zu entziffern, was es verkünden wollte. »Versuchen wir es,« sagte Weber und drückte auf die Klingel neben der Pforte. Die Tür sprang auf, und unsere drei stiegen über die Kokosmatten eines eleganten Treppenhauses dem vierten Stockwerk entgegen. Am Glasverschlag war mit zwei Reißnägeln eine Visitenkarte befestigt, die den Namen Amalie Braun, Oberförstersgattin, trug. Im nächsten Augenblicke schon zeigte sich 137 eine Dame in schlichtem, aber fein geschnittenem Kleide, die sich nach dem Begehr der Herren erkundigte. Weber verneigte sich und fragte, ob hier nicht ein Zimmer zu vermieten sei. »Gewiß,« sagte die Dame, »wollen die Herren nur eintreten.« Es war ein schönes, großes Zimmer mit wohlgepflegten Möbeln, denen man ansah, daß sie die schonungslose Behandlung der Aftermieter noch nicht, oder wenigstens noch nicht lange ertragen hatten. Hans lebte auf, als ihn die Vorstellung übermannte, er könne in so viel Behaglichkeit seine Abende verleben, zumal da eben die Klänge eines Klaviers, aus einem benachbarten Zimmer kommend, den Raum mit Stimmung füllten. Weber war derweilen prüfend über den Parkettboden gegangen, hatte durch die Scheiben über die Bäume der Anlage nach den gotischen Giebeln einer benachbarten Kirche hingesehen und kam nun mit der Frage zurück: »Und der Preis, gnädige Frau?« »Ist das Zimmer für Sie?« war die schüchterne Gegenfrage. »Nein, für diesen jungen Herrn, der eben erst zur Universität kommt.« »Dann vierzig Mark im Monat.« »Das wollen wir uns einmal überlegen,« sagte Weber, der sah, wie Hans Höhrle beim Nennen dieser hohen Summe zusammenzuckte. »Darf ich übrigens, meine Gnädige, fragen, wer verfügt hier im Hause über eine solch' virtuose Technik?« 138 »Meine Tochter,« sagte die Dame, indem sie sich geschmeichelt ein wenig gegen Weber verneigte. »So jung und schon eine Künstlerin,« fuhr Weber auf sein Ziel direkter losgehend fort. Die Dame lächelte und bemerkte: »Aus dem, was Sie hören, werden Sie sich kaum eine Vorstellung über das Alter meines Kindes machen können.« »Aber aus dem, was ich sehe,« parierte Weber mit Schlagfertigkeit. »Wer eine Mutter hat, die kaum vierunddreißig Mal die Syringenblüte erlebte, kann selber kaum mehr als sechzehn Lenze zählen.« »Sie irren, mein Herr, deren zwanzig.« »Zwanzig und sechs,« rechnete Weber leise vor sich hin, »allerdings, ja, ja. Im übrigen gnädige Frau entschuldigen vielmals, daß wir gestört haben.« Drei Männer verneigten sich tief, eine Dame leichthin, und Weber als rechter Flügelmann verschwand mit den beiden, die Glastür leise ins Schloß ziehend. Die Klänge des Klaviers begleiteten die drei das Stiegenhaus hinunter, als Weber noch einmal zu rechnen anfing: »Zwanzig und sechs gibt sechsundzwanzig, die Gnädige hat recht, das schöne Kind wird zu alt. Der halbe Zimmerpreis und ein Mediziner im Staatsexamen, so ginge es eher, will sehen, was ich für die Damen tun kann.« Hans Höhrle fand die ganze Sache in seiner ländlichen Unbefangenheit etwas sonderbar, aber er fing doch an, zu begreifen, daß im Leben der großen Welt gewisse Gefahren wie zuschnappende Fangeisen verborgen liegen und daß es 139 allerliebste kleine Witwen gibt, die mit allerliebsten kleinen Töchtern ein wenig spekulieren. Übrigens hatte ihm die überlegene Sicherheit des bemoosten Hauptes Weber ungemein imponiert, und er beneidete ein wenig seinen Konpennäler Kaufmann, der durch seinen besseren Wechsel in der Lage war, aktiv zu werden, und so den Schutz und Rat älterer Bundesgenossen in reichem Maße für sich hatte. Indessen fing es an zu dunkeln. Hans mußte zu einem Entschlusse kommen bezüglich seiner Wohnung oder in einem Hotel übernachten, was er der erneuten Kosten wegen gerne vermieden hätte. Er verabschiedete sich von seinen beiden Begleitern. Kaufmann sprach die Hoffnung aus, daß er unseren Hans einmal ins Burschenhaus abholen dürfe, faßte Weber unter den Arm und ging. Hans sah den beiden nach, bis sie die Dämmerung verschlang. Sie waren das Studentenideal, von dem er als Gymnasiast so oft geträumt. Nun war er wohl selber Student, aber das Herz wollte ihm bei seinem zugeschnürten Geldbeutel nicht recht weit werden. Er sah nur Jahre des Sparens und der Arbeit vor sich. Er konnte den flotten Burschen nicht spielen. – Er ging selbst zum Bahnhof, holte seinen Koffer und trug ihn höchst eigenhändig dem billigen Quartiere bei der Pumpe zu, das er am Nachmittage besichtigt hatte. Die beiden Alten, wohl zufrieden, daß ihnen der Himmel endlich doch noch einen Mieter gesandt hatte, nahmen den »Herrn Doktor« bereitwillig auf, und es währte nicht gar lange, und unser Hans, ermüdet von des Tages 140 wechselvollen Eindrücken, lag wohlgebettet im niedrigen Alkoven, einigermaßen erstaunt darüber, wie er nur das Kunststück fertig gebracht habe. Als er am nächsten Morgen erwacht war und sich satt gesehen hatte an den Zeichnungen über seiner Nase, fing er an darüber nachzudenken, wie er wohl das Aufstehen bewerkstelligen möchte, und kam auf den Gedanken, die Bettdecke fest um sich zu schlagen und sich nun in der Horizontalen wie eine Lawine über die Stufen nach seinem Wohnzimmer hinabzuwälzen. Die Sache gelang in überraschender Weise und reifte noch ein anderes kaum vermutetes Resultat. Mutter und Tochter unten, gewohnt, jeden Ton über ihren Häuptern zu deuten, hatten sofort gemerkt, was vorgegangen, und waren erschienen, um mit Kaffee und frischen Brötchen aufzuwarten. Auch wußten sie mit diesem Geschäft eine Menge anderer Dinge zu verbinden. Sie erboten sich, für den »Herrn Doktor« eine Waschfrau zu besorgen, die ganz gewiß keine Taschentücher unterschlägt, die zu äußerst moderaten Preisen die Strümpfe stopft und Hemdenkragen nur an den allerhöchsten Festtagen, wo die Arbeit drängt, verwechselt. Auch einen Schuster kannten die Damen, der nicht auf Bezahlung drängte und sich gedulden konnte, bis ein Lotteriegewinn oder ein reicher Schwiegervater ihm zu seinem Gelde verhalf. Da Hans rein gar nichts zu tun hatte, so ließ er sich das Gerede gefallen und trat nur zuweilen an das Fenster, um den Mägden zuzusehen, die zur Pumpe kamen, um Wasser zu 141 holen. Die netten Dinger mit den drallen Speckarmen und den strotzenden Miedern schienen jeweils mit seinen Vorgängern auf freundnachbarlichem Fuße gelebt zu haben, denn sie nickten schelmisch lächelnd herauf, stießen sich gegenseitig in die Lenden und tauschten kichernd Bemerkungen aus, die unser Hans nicht verstand, die sich aber offenbar mit seiner Person beschäftigten. Dies Gebahren belustigte ihn, und in das sonst so armselig ausgestattete Zimmer kam durch die freundliche Nachbarschaft ein Schimmer von Behagen. Hans fühlte die Lust der stillen Häuslichkeit, holte seine Pfeife hervor, und der allerneueste Kanasterdunst mischte sich mit dem Jahrhunderte alten der Möbel und Wände in stimmungsvoller Feierlichkeit. Der Bruder Studio fühlte etwas von dem Gottesfrieden des Sonntagmorgens, der über der Erde lag und die Straßen der kleinen Stadt mit geputztem Landvolk füllte, Herren mit Zylindern und Modedamen, die außer ihrem Putze in frommen Händen auch noch ein Gebetbüchlein zum Hause des Herrn trugen. Als der Morgen weiter vorgeschritten, erschienen bunte Mützen. Was der Alkohol der Samstagskneipe an Unbehagen in den jungen Köpfen abgelagert hatte, war nun ausgeschlafen, und frisch und unternehmend zeigte sich die akademische Jugend auf dem Trottoir zwischen Reihen von Institutsdämchen, denen man auf sogenannten Schnellbleichen den Firnis der Kultur aufpinselte und einen Bräutigam dazu, wenn sich die Sache gerade so machte, daß ein leichtentzündliches Studentenherz beim Tanzstundenkränzchen, oder sonstwo Feuer fing. 142 Ach, diese sonntäglichen Kirchgänge, wie waren sie doch die Woche über ersehnt. Wie boten sie Gelegenheit, bedeutungsvolle Blicke zu wechseln oder eine Blume fallen zu lassen, die, ohne daß eine Notiz im Lokalanzeiger nötig gewesen wäre, den Weg nach dem Knopfloch eines Gehrockes fand. Wie waren diese flotten Burschen in den roten, blauen und grünen Mützen doch der Zielpunkt so vieler schmachtender Augen, die letzte Erfüllung so brennender Herzenswünsche. Hans sah und fühlte mit, was da unten vorging. Sein Hut und seine Pfeife erschienen ihm so altbacken, so philiströs. Für sein Leben gern hätte er sich in das pudelnärrische Leben der sorglosen Jugend hineingewagt. Der Gedanke, daß seine Armut es nicht zulasse, drückte ihn brutal wie eine eiserne Fessel. Sein Herz verlangte mit einer alle Bedenken niederringenden Gewalt nach dem Becher des Lebens. Alle Lust nach Freiheit, die von der Schule ängstlich zurückgedrängt wurde, loderte in wilder Flamme auf. Hans wollte jung sein, begehrt und angeschmachtet wie die anderen. Er nahm seinen Hut, stürzte auf die Straße und kam, bald einer stolzen Professorentochter ausweichend, bald einer niedlichen Verkäuferin, die, den Schwalben gleichend, im Sonntagsstaat, gewandt ihren Flug durch die Menge nahm, in die Kneipe an den Stammtisch der Gelbmützen. Wieder saß er im Halbdunkel eines überfüllten Lokales, hörte die Jungburschen von den Erfolgen ihrer Mensuren reden, erfuhr, wie man die Terz über den Ellenbogen des 143 Gegners schickt und die Tiefquart im Handgelenk dreht, das unerschöpfliche Gesprächsthema, an dem Semester um Semester die Schaar der Füchse und Burschen sich weidet. Die blanke Wehr des Schlägers war ihr ein und ihr alles. Der Kampf und die Gefahr, die er mit sich brachte, sowie die Ehre, die er einbringen konnte, füllte ihre ganze Seele aus. Zehn Quarten, bevor man ins Bett stieg; zehn Durchzieher beim Aufstehen der Luft ins Gesicht geschlagen, daß sie pfeifend auswich, das war Ende und Beginn des Tagewerks. Hans wurde mitgerissen. Er hörte trunken zu, wie man von ausgeteilten Nadeln und Knochensplittern redete und die unterbundenen Arterien der Gegner zählte und wurde nicht abgeschreckt vom Blutgeruch der Unterhaltung. Er fühlte die Muskeln seines Armes schwellen, und so oft er nach dem Henkel seines Bierkruges langte, war es ihm, als ob er in den Korb eines Schlägers greife. Ach, wenn sich doch nicht gar zu störend in all dies Neue der Gedanke an die Not und Armut drängen wollte. Fast hätte er seinen Eltern bös werden mögen, weil sie schlecht gewirtschaftet hatten. Ein älteres Semester mit abgeklärtem Philosophengesicht, den alle Welt mit »Eure Heiligkeit« anredete, weil er mit seinem Familiennamen Pabst hieß, setzte sich zur Seite des neuesten Füchsleins und gab seinen Gedanken eine ernstere Richtung. Er sprach langsam, und seine Sätze flossen wie Zarathustraweisheit eindrucksvoll aus dem Munde, in den während achtzehn Semestern ungezählte Liter akademischen Bieres hineingeflossen waren. Er erwähnte 144 die Flüchtigkeit der Jahre; sprach von der Möglichkeit, die Schätze der Weisheit einzuheimsen; hatte die Güte, sich selbst als abschreckendes Beispiel hinzustellen und ermahnte unseren Hans, nicht ganz so faul zu sein, wie er selber gewesen, denn, meinte er, aus dem Bronn tiefer Selbsterkenntnis schöpfend: »Wenn ich nur alle Sonntag von elf bis zwölf studiert hätte, so könnte ich jetzt längst ein würdiger Pfarrherr und der Vorsitzende einer Reihe von Päbsten sein.« Hans war entzückt von dem väterlichen Freimut eines so hochstehenden Herrn, trug sein Los, für Augenblicke wenigstens, leichter, suchte gegen Mittag nach einer alkoholfreien Abfütterungsanstalt und aß da nach der Frühschoppendämmerung im Margarinenebel für wenig Geld Preißelbeeren mit Rindfleisch von der Freibank, in Gesellschaft von Pfarramtskandidaten, die so fleischlos waren, wie ein Heringsskelett. 145   16. Kapitel Bis zur zwölften Stunde des Sonntags hatten Hansens solide Grundsätze erfolgreich das Eindringen einer leichteren Lebensauffassung abgewehrt. Nun kam die Wendung. Man machte einen Ausflug nach einer im Waldesschatten versteckten Burgruine. Rechts und links vom Wege standen hundertjährige Kiefern, schwenkten die dunkelgrünen Äste im säuselnden Winde, beugten die hohen Wipfel und raunten mit flüsternden Tönen die wundersame Märe von der Liebe Freud und Leid in längst verklungenen Tagen. Das junge Volk der Studenten schien dafür kein Ohr zu haben, aber Gefühl genug, um der harten Straße auszuweichen und den Moosteppich des Waldes zu benutzen, der den Füßen sein Fließ bot, weich und mollig wie der Rücken eines Angoraschafes. In Gruppen aufgelöst, so wie man sich voneinander angezogen und abgestoßen fühlte, irrte die liebe Jugend auf pfadloser Bahn der Schloßruine zu, deren hohe Mauerreste traumverloren hinausschauten über dunkel bewaldete Bergesrücken, hellgrüne Saaten, blühende Wiesen und über das Silberband des Stromes, den man hier und da in weiter Ferne zwischen breit hingebetteten 146 Dörfern hervorblitzen sah. Im grasbewachsenen Schloßhof und auf den abbröckelnden Mauern, sonst so still und verträumt, war das Sonntagsleben erwacht, und aus den Öffnungen des niedrigen Kellergewölbes klang verheißungsvoll der Klang des Schlegels, der an alten Fässern klopfte. Kunz Josehans, der Kastellan, führte die Woche über das Leben eines Einsiedlers, und mehr Wein, als er selber trank und seine durstige Gattin, gurgelte nicht aus den Krahnen seiner Fässer. Aber am Samstag schon, da begann in der alten Ordenskomturei ein gewaltiges Leben. Der Hausherr klebte mit Eiweiß unrechte Etiketten auf unrechte Flaschen, und wenn es wahr wäre, daß zwei Verneinungen eine starke Bejahung gäben, so hätte er seinen Gästen einen rechten Wein vorsetzen können. Die Hausfrau hantierte vor dem Backofen und half diesem, Streuseltorten und Natronkuchen zur Welt bringen; ersteren für gewöhnliche Menschen, den letzteren für die feinere Gesellschaft, die der Sonntag heraufführen konnte. Zu der bevorzugten Klasse gehörten die Förster und Apotheker der Nachbarschaft, mehrere Ärzte und Richter, ein Kommerzienrat, vor allem aber eine erkleckliche Anzahl von Witwen, denen ihre Männer außer einigen hochtrabenden Titeln und einigen heiratsfähigen Töchtern zumeist nur wenig hinterlassen hatten. Diese Herrschaften kannten sich gegenseitig und ihre Lebensgewohnheiten aufs genauste. Sie wußten, bei welchen Gelegenheiten man ohne große Ausgaben nach was aussehen, billig essen und trinken und doch hernach mit Ruhmredigkeit erzählen konnte, was alles man am letzten Sonntag sich wieder geleistet habe. 147 So kam's, daß diese Herrschaften ohne eine Spur von Verabredung sich auch immer wieder trafen, und dann gab's nichts Ergötzlicheres, als die ehrliche Verwunderung mit anzusehen über das Schicksal, das es gerade so und nicht anders gefügt hatte, daß man sich gerade hier und nicht wo anders treffen mußte. Eine solche Gesellschaft saß an dem Sonntag, den meine freundlichen Leser in Begleitung der Gelbkappen etwa bis zur vierten Nachmittagsstunde durchlebt haben, im Burghof um einen sauber gedeckten Tisch. Über ihren Häuptern wiegte eine Gruppe von Birken ihre hellgrünen Zweige im sonnigen Südwind, und neugieriger Goldregen, der aus den Ritzen der Mauer herausstrebte, neigte sich über den Tisch, als ob er einmal sehen wollte, wieviel Zucker die Herrschaften noch in der vernickelten Dose übrig gelassen hätten. Denn der Kaffee war bereits getrunken. Die Damen hatten mit zierlichen Servietten die Kuchenkrümel vom Tische in die Hohlhand gekehrt und dem Hauptimbisse nachgeschickt. Auf dem Pflaster des Burghofes stritten sich einige dreiste Meisen um das, was daneben gefallen war. Während die Herren die Weinkarte musterten, aber nichts bestellten, die Zigarrenspitzen abschnitten, ohne anzuzünden und die Damen nach Handarbeiten in ihren Arbeitsbeuteln suchten, sahen die Mädchen mit gespannter Aufmerksamkeit nach dem alten Ausfalltor der Burg und seinem Fallgatter, als ob sie von dorther irgend etwas erwarteten, was dem langweiligen Gespräche über 148 Pfarrgehälter und Beförderungsaussichten der Forstassessoren den Hals brechen könnte. Richtig, da mit einem Male kam's wie eine Erscheinung aus einer besseren Welt. – Holofernes, der riesige Neufundländer, gestreift fast wie ein Zebra, setzte mit einem kühnen Sprunge durch das Tor, kam an den Tisch, machte seine Reverenz erst vor der Gesellschaft im Ganzen, dann vor jedem einzelnen Mitglied und sah zuweilen nach dem Tore hin, als ob er sagen wollte: »Lange werden sie nicht mehr bleiben, eigentlich könnten sie schon da sein,« und dann reckte er sich, wie so die warmen, zarten Mädchenhände dankbar schmeichelnd über seinen Rücken fuhren, und als gar die ersten seiner vielen Herren durchs Tor traten, bellte er zornig Wau – Wau – und seine herausfordernde Haltung erklärte bestimmt: »Ich weiß schon, daß ihr hier Eigentumsrechte erwerben könnt, aber vorläufig habe ich den Nießbrauch.« Die Gelbkappen kamen einzeln und truppweise, wie es sich gerade gab, dem Tische näher, nahmen die Mützen ab, verbeugten sich grüßend vor den Herrschaften und begaben sich dann nach einem anderen Tische, der gleichfalls sauber gedeckt und auf Gäste wartend im Hofe stand. Holofernes pflanzte sich stolz zwischen den Mädchen auf und nahm alle diese Verbeugungen seiner Gebieter als eine ihm dargebrachte Huldigung mit Würde und Selbstverständlichkeit entgegen. Als aber nach den Burschen gar die Füchse kamen, drehte er sich um und warf abwechselnd mit dem rechten und linken Hinterbein etwas Sand nach ihnen, 149 um anzudeuten, daß sie sich setzen könnten und daß er hiermit die Zeremonie der Vorstellung für beendet ansehe. Jetzt wo das junge Volk der Studenten da war, wurde es lebhafter im Burghof. Die Mädchen am Honoratiorentisch sprachen lauter als vordem, und manche, die wußte, daß sie in klangvollen Trillern lachen könne, tat dies, auch wenn die Gelegenheit nicht gerade die geeignetste war. Die Herren hatten jetzt wirklich Wein vor sich stehen, und wenn von den Studenten einer sich und seinen Bierkrug erhob und herüberrief: »Herr Forstrat, ich gestatte mir, Ihr sehr verehrtes Wohlsein,« so rief dieser zurück: »Erlaube mir nachzukommen, prosit!« und trank dann in der Tat ein wenig. »Ihr sehr verehrtes Wohlsein,« repetierte Hans Höhrle im stillen und: »Erlaube mir nachzukommen. Prosit.« Er hatte die Empfindung, daß er sich diese beiden Sätze merken müsse, daß es ohne sie nicht gehe, und er begann ja schon an der Vervollkommnung seines inneren und äußeren Menschen rüstig zu arbeiten. Er paßte auf wie ein Haftenmacher, und als sich späterhin einer der Burschen mit seinem Glase gegen eine Pfarrerswitwe verneigte und verbindlich flüsterte: »Meine Gnädige, darf ich mir erlauben, auf ihr Spezielles zu trinken,« so prägte er auch diese Formel gewissenhaft seinem Geiste ein. Nach einer weiteren Stunde, als schon das Überreichen einiger Blumensträußchen einen Notsteg zwischen den beiden Tischen geschlagen hatte, avancierten die älteren Semester kühn gegen die Jungfernfeste, und bald schwang sich 150 die liebe Jugend paarweise im Tanze auf dem Rasen. Hans hätte für sein Leben gern mitgemacht, aber er hatte in die Kunstfertigkeit seiner Beine kein so rechtes Vertrauen, und eine schickliche Anrede der Tänzerin stand ihm, so sehr er auch sein Hirn zermarterte, nicht zur Verfügung. Daß er mit der Formel: »Is scho' g'frägt? Nau? Häng en!« in jenem schon von Seume verhöhnten Dialekt des Mainzerlandes hier nichts anfangen könne, war ihm klar. Lernbegierig wie er war, drückte er sich deshalb ein wenig hinten herum, und erlauschte bald: »Gnädiges Fräulein, darf ich mir die Ehre geben?« Mit diesem Brocken, den er eben aufgelesen hatte, zog er sich ein wenig zurück und wiederholte ihn ein paarmal laut vor sich hin, um auch im Tonfall die richtige Sicherheit und Leichtigkeit der Aussprache zu gewinnen. Holofernes; dessen Rolle ausgespielt war, und der jetzt nirgends mehr Beachtung fand, gesellte sich dem Einsamen zu, ging einige Schritte mit ihm vorwärts, wendete rechtzeitig und marschierte dann wieder mit ihm zurück. Dabei sah er dem unerfahrenen Füchslein manchmal so treuherzig ins Gesicht, als ob er ihm sagen wollte: »Greif doch frisch zu, ein Kerl wie du! Die Damen sehen alle etwas prüder aus, als sie sind.« Und Hans faßte sich ein Herz, griff zu, und bald wirbelte er zwischen den anderen Paaren auf dem Rasen herum. Anfangs hielt er seine Dame, aus Schüchternheit und Furcht, das zarte Wesen könne zerbrechen, nur lose im Arm. Doch die rosig glühende Kleine schmiegte sich 151 enger an ihn. Sein Arm, anfangs zu weit für ihre Taille, folgte, so wuchsen zwei Körper schier zu einem Wesen zusammen, ihre Bewegungen gewannen mehr Takt und Sicherheit. Immer kühner wurden ihre Schwenkungen, immer mehr zog das Paar die bewundernden Blicke derer auf sich, die aus Bequemlichkeit oder ihres Alters wegen die Weinflaschen hüteten, die sich, unerschöpflich wie das Krüglein der Witwe zu Sarepta, immer noch nicht verblutet hatten. Auch Holofernes, der sich nun völlig vernachlässigt fühlte, sah eine Zeitlang dem tollen Treiben der Menschen zu, dann aber legte er sich als vernünftiger Hund auf den Rasen, kreuzte die Vorderläufe wie zum Abendgebete, legte seine Schnauze darauf, schnappte ein paarmal nach Fliegen, die seine Nase umschwärmten, und schlief ein. Als er wieder erwachte, hörte er, wie die Menschen zueinander »Mahlzeit« sagten und folgerte daraus, daß das Essen vorbei, und daß von der kalten Platte für ihn einige Wursthäute übrig geblieben sein könnten. Deshalb bemühte er sich an die Tafel, hob seinen Kopf über die Tischkante und orientierte sich mit einem Blicke, wo noch kleine Restchen auf den Tellern geblieben waren und wo nicht. Da die Herrschaften sich bereits erhoben hatten, und einer dem anderen in die Kleider half, so konnte er ungestört seine Nachlese halten und er tat dies auch mit Gründlichkeit und ohne Gewissensbisse darüber, ob er den Wirt um ein Montagsfrühstück brachte oder nicht. Auch Hans hatte das Wort »Mahlzeit« gehört, und dem Ohre des Odenwälder Bauernsohnes klang es wie 152 eine geradezu phänomenale Albernheit, aber da alle die würdigen Herren und Damen es mit einer Art Ehrfurcht, fast wie ein Gebet aussprachen, so kalkulierte er, daß es in den notwendigen Wortschatz eines Kulturmenschen gehöre und nahm sich vor, es demnächst bei passender Gelegenheit zu verwenden, mochte es auch noch so schwer den Weg über seine Lippen finden. Man war aufgebrochen. Abenddämmerung und Waldesdunkel lösten die Gesellschaft in Paare auf, und obwohl jede Henne mit Späheraugen über ihr Küchlein wachte und schließlich der Himmel mit tausend Augen über allen, so ist es doch unsicher, ob nicht hie und da aus Amors reichen Schätzen eine Kleinigkeit entwendet wurde. Ganz sicher ist, daß mancher Backfisch sich in dieser Stunde um dreißig Minuten betrogen glaubte, als des Lichts gesellige Flamme aus der städtischen Gasbeleuchtung den Mond ablöste und die Herde wieder zusammentrieb. Noch ein kleines Ständchen an den Vorgärten der Häuser, bis der dienende Geist herbeigeklingelt war, ein gegenseitiges Verneigen und: »Es war mir ein großes Vergnügen, meine Gnädige,« und all die lustigen Backfische waren eingetan, und die Studenten wieder unter sich. Hans war noch zu fremd, er hatte keinen Anschluß an eine Dame gefunden und trottete neben Holofernes her, der sich von ihm beim Halsband nehmen ließ. Jetzt, wo jede weibliche Attraktion ausgeschaltet war, erinnerte man sich des Füchsleins wieder und lud ihn ein, den Abend auf dem Burschenhause zu verbringen. Gerne nahm er es an. 153 Man ging durch eine Allee, wo die breiten Blätter im Schnitt gehaltener Platanen das Laternenlicht auffingen, so daß am Boden die Finsternis dick und schwer sich ablagerte und alles Gegenständliche mit dem Straßenkot in einen schwarzen Brei zusammenrührte. Da mit einem Male, als man um die Ecke bog, schlug unserem Neuling die feurige Glut mächtiger Wappenfenster ins Auge, über denen ein steiles Dach seine Erker und Giebel in den Nachthimmel hineinhob. Das war das Burschenhaus. Hans war von seinem Anblick mächtig ergriffen. Ihm erschien diese Graalsburg eine Herberge aller männlichen Tugenden, und er kannte keinen sehnlicheren Wunsch, als eintreten zu dürfen in einen Bund, der seinen Mitgliedern so Glänzendes zu bieten vermochte. Die Treppen, der Vorraum, alles machte einen so warmen wohnlichen Eindruck, und das Kneipzimmer gar, gefüllt mit Studenten in buntverschnürten Jacken, das Cerevis auf dem Kopfe, erschien ihm wie ein prangender Blumengarten. Hans nahm Platz, aber er kam nicht zur Ruhe. Seine Augen suchten die Wände ab, von denen Leute auf ihn herniedersahen, die vor Dezennien hier gehaust und die nun auf akademischen Lehrstühlen saßen und auf Ministersesseln. Er fühlte, wie ihm die eigene Kraft wachsen würde in einer größeren Gemeinschaft, merkte, daß der Umgang mit anderen ihn stützen und erziehen müsse. So dauerte sein Schwanken zwischen den von Hause mitgebrachten Anschauungen und dem Neuen nicht lange, Hans verschwand ins Konventszimmer, legte in 154 die Hand des ersten Chargierten das Versprechen ab, jetzt ein braver Bursche und einst dem Vaterland ein tüchtiger Bürger zu sein, und kehrte wieder, die Brust geschmückt mit dem Burschenbande. So weit haben wir den Helden unserer Geschichte glücklich geführt. Nachdem wir nun sicher sind, daß sämtliche Pensionsdamen mit uns die gleiche Ansicht haben: Dieses Odenwälder Milchkälbchen werde sich zu einem Salonlöwen erster Güte entwickeln, verlassen wir ihn einstweilen und sehen uns nach seiner Heimat und den Seinen um. 155   17. Kapitel Mutter Höhrle war tot. Darüber kann leider kein Zweifel sein. Der Leichenschauer hatte es bestätigt, der Arzt hatte über die betrübende Tatsache einen Schein ausgestellt, und außerdem hatte man sie in Wirklichkeit auch soeben begraben. Wann sie etwa gestorben ist? Ein Jahr ungefähr, nachdem Hans die Universität bezogen hatte. Was ihr wohl gefehlt haben mochte? Darüber war die Trauerversammlung, die soeben den Kirchhof verließ, nicht ganz einig. Röse Ricke sagte: »Sie starb am ›Chronisch‹«, und sie konnte sich auf die Autorität des Arztes stützen, der in der Tat gesagt hatte, ihr Leiden wäre chronisch. Onkel Schütteldich behauptete: »Sie ist an Groß und Moos gestorben. Der Ärger packt den Menschen mit zwei Krallen an der Kehle und würgt ihn, bis er tot ist.« Auch er berief sich auf den Arzt und die geheimnisvollen Zeichen, die dieser auf dem Leichenscheine hinter dem Vordruck: Todesursache, gemacht hatte. Da es nämlich Niemandem gelungen war, das Wort oder gar dessen Sinn zu enträtseln, so interpretierte 156 jedermann hinein, was ihm persönlich paßte und fügte bei: »der Doktor ist derselben Ansicht. Er hat es nur nicht sagen wollen, und für solche Fälle, wo die Leute nicht hinter ihre Schliche kommen sollen, haben Juden, Pfarrer, Apotheker und Ärzte ihre geheime Sprache.« Superkluge machten für den Tod der Frau Höhrle sogar den Hans verantwortlich und seine Flucht vor der Kutte. Vier Wochen war sie bettlägerig, das wußte man, und daß der Tod sie von vielen Schmerzen erlöste, das wußte man auch. Daß er ihr aber manche trübe Erfahrung, die ihr die Zukunft noch bringen mußte, ersparte, darüber redeten die Leute, die eben den Gottesacker verlassen hatten, und krochen mit geheimnisvollem Tuscheln paarweise unter die Regenschirme, denn es ging ein feiner kalter Staubregen nieder. »Dir wüßt' ich ein Paar billige Gäule,« raunte Mordche Rimbach dem Bauer Kaspar Rauschkolb zu, in dessen Ellenbogen er seine mageren Finger eingekrallt hatte. »Ich dir einen sehr preiswerten Landauer,« entgegnete dieser, »so schlagen wir das Makelgeld quitt.« Die beiden sahen sich grinsend an und sagten gleichzeitig: »Daß die Pferde heute noch einmal die Müllerin gefahren haben, war so ziemlich ihre letzte Arbeit im Hause Höhrle.« Beide stutzten, hielten ein wenig an, nickten einander verständnisinnig zu und sagten: »Ein und derselbe Gedanke, also haben wir eine Pfaffenköchin erlöst.« Sie 157 zogen den Regenschirm wie eine Haube dicht über die Köpfe und lachten so, daß wohl einer vom anderen, keiner aber von einem seiner Nachbarn gehört werden konnte. »Ich denke, die Pferde sind dein,« setzte nach einer kleinen Pause Mordche Rimbach die Unterhaltung fort. »Bezahlt sind sie schon,« sagte Kaspar Rauschkolb, »und der Wagen auch, ich habe gutgesprochen. Wenn ich ein wenig ziehe, so wackelt die Mühle. Bin ich nicht ein starker Mann, Mordche?« »Gewiß, du bist so stark wie Simson, aus dem Stamme Dan, aber Groß und Moos sind vom Stamme Nimm und haben Geld und lassen nichts liegen, was sie kriegen können.« »Dann sei Gott dem Vater Höhrle gnädig,« schäumte Rauschkolb zwischen den Zähnen hervor, »wenn die Bande die Pferde bekommt, so breche ich ihm das Genick.« Während dieses erbaulichen Gespräches waren sie der Kirche nahe gekommen. Mordche Rimbach bog vor dem Weihwasserkessel rechts ab. Rauschkolb aber bekreuzte sich fromm, trat ein und folgte der Seelenmesse des Priesters in seinem Gebetbuche Zug um Zug, selbst dann noch, als Letzterer vor dem Katafalk für die Seelenruhe der Heimgegangenen ein Vaterunser betete und ein »Gegrüßet seist du, Maria,« drein gab, damit der Himmel den Hinterbliebenen Trost und Stütze sei, ohne freilich seinen Vorsatz zu ändern, dem Vater Höhrle das Genick zu brechen, wenn er die Pferde an einen anderen verkaufen sollte, als an ihn. Der Pfarrer teilte das Weihwasser aus, und die 158 Meßbuben verlöschten die Kerzen am Altare und um den Katafalk. Nun nahm alles einen kalten leblosen Charakter an, die hölzernen Heiligen zur Seite des Tabernakels und erst recht das schwarze Baartuch mit seinem weißen Kreuz, das über ein sargförmiges Holzgerüste gebreitet war. Die Leute erhoben sich eilig, wischten mit den Händen den Staub von den Knieen und suchten so schnell wie möglich ins Freie zu kommen. Niemand beschäftigt sich mit den Toten länger, als er muß. Jeder, der aus Grüften emporsteigt, freut sich der wiedergeschenkten Sonne und feiert das Fest seiner eigenen Auferstehung. So wird der Leichenschmaus ein Ostermahl, und jeder, der ihn mitmacht, denkt: »So eine Dummheit, wie das Sterben, kann doch nur den anderen passieren,« und er hat recht, seither war's ja auch so. Daher die Ausgelassenheit bei derartig traurigen Veranlassungen. Auch beim Leichenschmause der Mutter Höhrle ging's hoch her. Man stieß mit den Gläsern an, trank einander zu und erzählte sich die drolligsten Sachen. Kaspar Rauschkolb war besonders guter Laune. Er zog den Meister Backtrog auf, daß er heute die Spitzweck größer gemacht habe, als man dies sonst von ihm gewöhnt sei. Der aber war nicht verlegen und antwortete, daß er seine Ware dem Bedarf anpasse und daß er vorausgesehen habe, es würden heute viel' Großmäuler zusammenkommen. Dieser Witz machte von Tisch zu Tisch die Runde und erhielt die naive Gesellschaft im Lachen bis tief in die Nacht hinein. Auch Agnes war gekommen in schlichtem Trauerkleid. 159 Sie nahte sich dem Tische der Familie Höhrle mit ihrem Weinglase in der Hand und stieß schweigend mit jedem an, auch mit dem Geliebten. Ihr Auge war matt und verriet durch nichts die Glut, die in ihr loderte. Ein Gefühl der Schicklichkeit regelte jeden Zug ihres schönen Gesichts, so daß sie fast kalt erschien, wie eine antike Statue. Indessen hatte man die Lichter angezündet, denn die Nacht senkte ihren schwarzen Baumwollschleier nieder und füllte alle Wege mit einem dunklen Einerlei. Von den Scheiben nieder bahnten sich Wassertropfen eine gewundene Straße, stürzten über die Verbleiung nieder und breiteten einen feinen Sprühregen über ihre nächste Umgebung aus. Ein Teil des kalten Nasses war Liese in den Nacken gesprungen. Sie fuhr erschrocken auf und sah hinter sich. Aus jeder Scheibe glotzte ihr das Spiegelbild der Lampe entgegen. Daneben war alles schwarz. Was jenseits der Mauer lag, war stoffgewordene Finsternis, in der das Grauen wohnte und fröstelnde Kälte. Liese dachte an den Heimweg und wurde unruhig. Vater Höhrle und die übrigen fühlten, was sie wollte, und erhoben sich mit einem Schlage. Niemand suchte sie aufzuhalten. Gedrückt schritten sie zwischen den Tischen hin, dankten dem und jenem für die Ehre, die er der Verstorbenen erwiesen, und waren bald aus dem Lichtbereich im Dunkel der Straße. Sie sahen einander nicht, nur im Gehen suchte eines das andere zu berühren, um sich von seiner Gegenwart zu vergewissern. Der Regen hatte aufgehört, aber der Wind spielte auf einer Orgel voll schauervoller 160 Register. Bald brüllte er wie wilde Bestien hinter Eisengittern, bald wimmerte er wie ein ganzes Findelhaus voller Säuglinge. Auch stieß der Freche unsere vier Wanderer von hinten, daß sie schneller ausschreiten mußten, um nicht aufs Gesicht zu fallen, griff mit seinen kalten Fingern unter ihre Kleider, daß sie schauernd zusammenschreckten und sich aneinander drängten wie frierende Gemsen. So schritten sie fürbaß, mit den Blicken die Erde suchend, ohne daß jedoch eines von ihnen in der Lage gewesen wäre, die Stelle zu sehen, wo sein Fuß hintrat. Und das war noch so sonderbar. Während am Boden die Finsternis dick und undurchdringlich lag wie ein faulender Sumpf, lichtete sie sich in den höheren Schichten. Man sah den Zug der vom Winde gehetzten Wolken, sah, wie der Ungestüme die säumigen mit rohen Fingern würgte, so daß sie aus langen dürren Hälsen geängstigte Gesichter streckten und vorwärts eilten einem hellen Punkte zu, der wie ein feuriger Schmetterling über dem unteren Tale sich unruhig wiegte. Auch Vater Höhrle sah den Schmetterling und kannte ihn wohl. Er wußte, daß es der Widerschein war aus der glühenden Esse der Dampfmühle, und für ihn hatte er alle Schrecken eines Fabeltieres, wie es nur je die Phantasie eines wahnsinnkranken Dichterhirns geboren hat. Und nun eilte er mit seinen Kindern ihm auch noch entgegen, und der Wind hinter ihnen stieß und drängte sie, als ob er sie in die flimmernde Lohe hineinstürzen wollte, wie in einen glühenden Feuerofen. Alle vier spannen sie an dem Rocken eines einzigen 161 Gedankens, den die Straße geboren hatte. War es doch die gleiche, aus der die Mutter heute ihre letzte Wallfahrt zum Grabe vollbracht, die gleiche, aus der die Kinder vor so und so viel Jahren den übermütigen Eselritt gemacht hatten. Vater Höhrle dachte daran und auch die anderen. Jawohl die Mutter, ein wenig anders, als sie war, hätte sie schon sein dürfen. Gewiß, sie hat es nicht schlecht gemeint. Keiner von den vieren zweifelte daran, aber ihr mangelte die Einsicht und die Demut, sich dem besseren Urteil zu unterwerfen. Sie war mit daran schuld, daß die Dinge jetzt so schlecht standen. Das war ein Vorwurf über dem frischen Grabe der Gattin und Mutter. Die nächtlichen Wanderer fühlten, daß der Gedanke pietätlos war, aber sie konnten ihn nicht los werden, und schuldbewußt wie sie waren, fuhren sie heftig zusammen, als plötzlich vom Boden her zwei glühende Punkte ihnen drohend entgegenleuchteten. Es waren die feurigen Lichter eines Fuchses, der mit leichtem Geknurr seinen Weg über die Straße nahm aus dem Gebüsch ins Gebüsch. Da drunten im Wiesentale hin, da standen Häuser den Bach entlang, arme kleine Tagelöhnerhäuser, die man nicht sah, weil ihre Bewohner das Licht sparten, Häuser, in denen man sich nur einmal im Jahre so recht satt aß, wenn man das Schwein schlachtete, das von der Milch der Kuh fett geworden war, für die hinwieder alle Hausgenossen in Stunden, dem Tagewerk abgespart, das Futter suchten. In diese Gesellschaft Rechtschaffener strebte wohl der 162 verschlagene Halunke, lenkte die Gedanken des Vater Höhrle von der Toten ab und zog sie an seiner buschigen Rute hinter sich nach. ›Was wird der Dieb heute speisen? Sicher, er ist das Fleisch der Mäuse müde und möchte junge Hühner essen. Wird er den Weg über den Bach finden?‹ – Das Wasser rauschte wild in seinem Bette, und man hörte, wie es Steine mit sich fortrollte. – ›Wird dem Dieb der Sprung von einem Ufer zum anderen gelingen? O, ja das Schlechte gelingt ja fast immer, das Gute so selten! Dann wird er suchen, ob irgend eine Nachlässigkeit ihm den Zutritt zum Stall erleichtert, und er wird plötzlich unter dem Volk der Hühner stehen. Wird der Hahn nun krähen? O, nein, er, der sonst unnötigerweise das ganze Tal mit seinem Geschrei erfüllt, er wird nicht einmal flatschern. Feig wird das Großmaul auf die höchste Stange flüchten und froh sein, wenn der Tod an ihm vorübergeht und andere mitnimmt. Niemand im Hause wird hören, was draußen vorgeht. Erst am nächsten Morgen wird es Geschrei geben, wenn nichts mehr zu ändern ist. Die Mutter wird ins Zimmer springen und die Hände ringen, ach, all die lieben Küchlein mitsamt der Henne!‹ Der Vater wird zornig lospoltern: »O, ihr Lumpenpack, euch hab' ich zum Fressen wie die Mäuse, nicht einmal den Hühnerstall können sie mit Sorgfalt schließen. So nun heißt es: Kein Fleisch und keine Eier. Iß deine Kartoffel trocken, oder schwenke sie mit Wasser hinunter.« Und er wird zur Schublade gehen, sein Brot 163 ins Sacktuch binden und zornig und mißvergnügt nach seiner Arbeitsstelle schreiten. Die Mutter wird sich Vorwürfe machen, daß sie das Unglück nicht lieber verheimlicht hat, und Mutter und Kinder werden froh sein, daß der zornige Vater endlich aus dem Hause ist. Und doch hat der Fuchs nur getan, was das Naturgebot ihm vorschreibt und wozu ihn der Hunger trieb. Als Gott die Welt und alle Wesen fertig hatte, da sagte er zu ihnen: »So, nun geht hin und freßt einander auf. Satt wird, wer die besten Zähne hat.« Ein anderer Sinn ist aus dem Weltgetriebe nicht herauszulesen. Der fromme Vater Höhrle erschrak über diese gotteslästerliche Erwägung, die vielleicht nicht einmal ganz auf seinem Geistesacker gewachsen war. Seine Gedankenkost hatte er vordem immer aus dem katholischen Sonntagsblatt bezogen, wo Schulze und Müller jedes Thema beinah witzig behandelten unter einem Kreuze mit der Ausschrift: »In diesem Zeichen wirst du siegen.« Ja, hat er nun mit seinem frommen Denken und seiner Rechtschaffenheit gesiegt? Ach, nein, auf der ganzen Linie war er geschlagen. So hatte er in der letzten Zeit zuweilen auch in andere Blätter geguckt und eingesehen, daß die Weisheit von Müller und Schulze mit einem Dreier die Nummer zu teuer erkauft war. Er fing selber an zu denken. Wenn der Fuchs Hühner stiehlt, so übt er nur sein Jagdrecht aus, er kann vom Gras nicht leben. Vorm Menschen ist ja gar nichts sicher, nicht der Vogel in der Luft, nicht der Fisch im Wasser, nicht die Schnecke, die am Boden 164 kriecht, und der Nebenmensch erst recht nicht. Und dabei kann er nicht einmal sagen, daß die Not ihn vorwärts stößt. Da sind Groß und Moos, die da unten, die den Stempel ihrer Habsucht frech an den Himmel drücken, sie haben zum Leben mehr als zu viel, und doch drängen sie ihn aus seiner Mühle. Er weiß es wohl, es wird der Tag kommen, wo er, seine Kinder an der Hand, aus der Türe schreiten wird, über die seine Vorfahren den Spruch gemeißelt haben: »Wer andrer Gut schätzt wie das seine, Erfüllt von zehn Geboten neune.« Er, ja er hatte nach dem Spruch gehandelt. Er hatte gelebt und hatte leben lassen, aber was half es ihm, wenn Groß und Moos anders dachten. Wenn sie das Mehl zehnpfundweise in kleine Säckchen packten, die man nur aufzuschneiden brauchte, um ein leinernes Hosenbein zu besitzen. Was sollte aber einer mit einem Hosenbein beginnen? Also er kaufte zwei Säckchen Mehl und hatte eine Hose. Konnte Vater Höhrle dies nachmachen? Ach, nein, er war zu ungeschickt, er kannte keine Bezugsquellen, er war zu ehrlich, um den Wert der Verpackung an der Ware herauszuschinden. Wären die Verhältnisse geblieben, wie sie vordem waren, Vater Höhrle wäre wohlhabend, wie er ins Leben hineintrat, auch aus dem Leben hinausgegangen, aber unter der Herrschaft eines grenzenlosen Kapitalegoismus mußte er ersticken, wie die Buche im Föhrenwald. 165 Wie pfiff doch der kalte Nachtwind dem Müller so eisig um Nacken und Ohren. Er fühlte, daß ihm die Luft ausgehe. Der Sturm, der von hinten an ihm schob, als ob er ihn einem Abgrund zutreiben wolle, blies ihm den Atem vorm Munde hinweg. Er eilte ihm nach, schnappte nach ihm und kam in einen kleinen Hundetrab. »Vater,« sagte Hans, »nur nicht so eilig, die Mädchen können nicht mit.« Ach, ja, die Kinder, dachte Höhrle, aus seinem schweren Traum aufgerüttelt, wenn nur die wenigstens nicht nachmüßten in die Armut hinein! Wenn es nur für die eine starke Wurzel gäbe, an der sie sich halten könnten über dem Abgrund des finsteren Schicksalbrunnens. Vater Höhrle sann ein wenig, und wie er sann, so öffnete ein freundlicher Gedanke die Türe zur Folterkammer seiner finsteren Selbstquälereien, setzte sich neben die Schreckgestalten, und bald wurde es etwas Licht um den Alten, und alles Häßliche überzog ein rosiger, freundlicher Schimmer. Vater Höhrle hatte heute aus der Westentasche seines Sohnes ein breites mit Silber beschlagenes Band heraushängen sehen. Das war etwas Besonderes, das hatte nicht jedermann. Er erinnerte sich, ein Gleiches einmal gesehen zu haben an Christoph Arnold, und dann dauerte es nicht lange mehr, und er war Staatsanwalt in Darmstadt. Ach, ja, das war nun was. Ein paar Jahre noch, dann konnte Hans ein Arzt sein, viel gesucht und viel beschäftigt, und Liese und Suse waren bei ihm und er selber auch. Und er konnte so ein wenig nach des 166 Doktors Pferden sehen und sich so das Altenteil verdienen. Dieser letztere Gedanke machte ihn sehr glücklich. Großes hatte er im Leben nicht zu vollbringen vermocht, im Kleinen aber wollte er treu und redlich sein. Ja, wenn man ihm nur Zeit ließe, vielleicht könnte man die Pferde, die jetzt noch in der Mühle standen, für den Hans erhalten. Zur Arbeit waren sie nicht recht geeignet, dazu waren sie zu leicht. Aber so vor einem Wagen springen und schnell irgendwohin und wieder zurück, ja, das konnten sie. Damit lohnte sich der Hafer, den sie fraßen, und sie konnten dem richtigen Herrn noch Geld verdienen helfen. Bei diesem entzückenden Gedanken wurde es dem armen Grübler wieder warm in seiner Haut, und er fror nicht mehr, obwohl der Wind feuchte, naßkalte Schauer durch das fadenscheinige Gewebe seines Hochzeits- und Leichenrockes blies. Aber dem Hans wollte er etwas näher rücken, er tat deshalb langsam, berührte wie zufällig im Gehen die Hand seines Sohnes und schritt dann vor der kraftvollen Gestalt einher, stolz fast, wie ein Hund vor einem Pferde schreitet. Vater Höhrle merkte bald, daß ihn jetzt der Wind etwas überstrich. Das war ihm recht. So sollte es bleiben. Hans mochte die starken Schultern den Stürmen des Lebens entgegenstemmen, er wollte für sich nur ein stilles Plätzchen, wo ihn Schnee und Regen nicht erreichten und von wo aus er die Schornsteine von Groß und Moos nicht mehr zu sehen brauchte. Jetzt schimmerte unten am Bache ein Licht durch die Finsternis, und eine Unsumme glühender Stricknadeln 167 wurde hinausgesendet in die dicke Finsternis. Baschel, der Mühlbursche, war zeitig nach Hause gekommen und hatte die Lampe ans Fensterkreuz gehängt, damit die Herrschaft den Pfad finden möchte, der von der Landstraße quer durchs Wiesental nach der Mühle führte. »Das ist nett von ihm,« dachte Vater Höhrle, »es gibt doch noch Leute, die nicht ausschließlich an sich, sondern auch an andere denken.« Im Zimmer war es freilich sehr unwirtlich. Der Firnisgeruch des Sarges füllte noch den Raum, und ein paar Kränze, die zu spät gekommen waren, um auf dem Sarge zu prangen, gaben dem Gemach die düstere Stimmung einer Leichenkammer. Vor der Öde fliehend verschwand von den vieren eines nach dem anderen, nahm aber einen Stuhl mit, und bald saßen alle in der Küche um das offene Herdfeuer, das ihre Suppe wärmte. Sie sprachen nichts, kein Ton war zu hören, als das Klappern der Mühle und zuweilen vom Stalle her das Brüllen eines Kalbes, das man von der Mutter weggebunden hatte, um es abzugewöhnen. »Gute Nacht,« sagte zuerst Hans und ging. »Gute Nacht,« sagten Suse und Liese und gingen gleichfalls. Auch Vater Höhrle ging in sein Schlafzimmer. Er war Witwer und ging doch zu zweien ins Bett. Mit ihm zog sich eine aus, die er nicht bestellt hatte und die ganz und gar nichts Verlockendes für ihn hatte. Ihr hageres Gesicht war so runzelig wie ein getrockneter 168 Schellfisch, und ihr erschrecklich dünner Hals starrte aus dem gelben Schultergürtel wie ein Pfahl aus einer Lehmgrube. Frech war sie, das muß man ihr lassen, denn sie legte sich neben Vater Höhrle und drängte ihn nach der Wand zu, daß sein Kopf vom Kissen niederglitt und auf den Rand der Bettlade zu liegen kam, wo er allerdings eine erwünschte Kuhle fand. Frau Sorge war's. Er schloß die Augen, um sie nicht sehen zu müssen, aber er konnte die Ohren nicht schließen, und Hängeohren wie ein Lapin hatte er nicht. Und wenn auch, es hätte nicht viel genützt, denn sie redete zu ihm in einer hohen Fistelstimme, die mit Nadeln in sein Gehirn einstach. »Vater Höhrle,« sagte sie, »nun hast du Platz in deinem Bette, ei, so mach es dir doch bequem, wer weiß, wie lange es noch dauert und der Gerichtsvollzieher zieht dir das Leintuch unter dem Gesäße weg. Du hoffst auf deinen Hans, schön, ja, aber hast du nicht hundertmal die Bäume blühen sehen und doch im Herbst kein Obst geerntet. Der Wind hat es dir niedergeweht. In manchem Apfel saß ein Wurm, und er fiel, bevor noch der Herbst ihn gereift hatte.« Dieser Gedanke war Vater Höhrle ganz unerträglich, er rieb mit dem Daumennagel an seiner Stirn, als ob er ihn ausradieren wolle aus seinem Gehirn. »Vater Höhrle, wirst du das Geld aufbringen können, das seine Ausbildung noch erfordern wird. Ich glaube kaum. Hör' doch, wie deine Mühle klappert? Verstehst du, was sie sagt: ›Bankerott, Bankerott.‹« 169 Der geängstigte Müller setzte sich auf. Wahrhaftig, es war so. »Bankerott, Bankerott!« so rief die Mühle, da mußte irgend etwas nicht in Ordnung sein. Ach, und es war ja vieles nicht in Ordnung. Sein Geld war knapp geworden, manches war vernachlässigt, und an Hansens Erziehung konnte jetzt nicht gespart werden. Sollte es nicht ganz reichen, nun dann, dann war ja wohl noch ein Engel da, der helfen konnte. Vater Höhrle dachte in diesem Augenblick zum ersten Male in diesem Zusammenhang an Agnes, die heute Abend mit Hans angestoßen hatte. Er dachte an sie mit inbrünstigem Glauben. Der Gedanke gab ihm Ruhe, er schlief ein, trotzdem Frau Sorge ihr eckiges Skelett neben ihm ausstreckte, und trotzdem die Mühle höhnte: »Bankerott, Bankerott.« 170   18. Kapitel. Als Vater Höhrle am nächsten Morgen erwachte, füllte ein kräftiger Kanastergeruch das Zimmer, und ein heiserer Husten ließ sich aus der Gesindestube vernehmen. Der Bauer stand auf und schlich auf warmen Pirmasensern über die Schwelle seines Schlafzimmers. Am Tisch vor der Schublade saß einer in sich gesunken, rauchte und schlief. »Ach, der Stubenpeter,« sagte Höhrle, »warum schon so frühe?« »Für mich ist's einerlei, wo ich schlafe,« entgegnete der Angeredete, »und schaffen kann ich heute doch nicht. Die Farbe fließt mit dem Regen nieder, und Häusergiebel sind ohnedies nicht meine Spezialität. Da läßt sich keine Kunst entwickeln.« »Ihr müßtet Kirchendecken malen, Peter, oder Tabernakel vergolden.« »Mit Vergnügen, Bauer, wenn nur mehr derartige Aufträge kämen. Aber für dreißig Ortschaften eine Kirche und für eine Ortschaft dreißig Wirtschaften. Das ist schon kein christliches Verhältnis mehr. Der liebe Gott ist selber 171 schuld, wenn sein Geschäft zurückgeht, wer kann denn heutzutage von ihm leben? Der Teufel versteht seine Sache besser, er gründet überall Filialen, hängt Schilder heraus, die ich anstreiche, verzapft Branntwein, und während der die Nasen blau färbt, streiche ich die Stuben blau an, so wird die Stimmung einheitlich. Nun noch oben und unten einen Strich hin, damit man weiß, wo Decke anfängt und Fußboden, dann die Hand auf, und Geld hinein! Sechs Batzen für eine Stube, drei Meter im Geviert. Es ist nicht leicht, sechs hungerige Mäuler zu stillen und seinen eigenen Durst.« »Das letztere besorgt Ihr allein, Peter, das andere aber überlaßt Ihr doch wohl Eurer Frau. Ihr habt Euch den Spruch des Meister Zwirnsfaden zu eigen gemacht: ›Der Mann muß sehen, wo das Brot herkommt‹, da sah er zum Fenster hinaus, ob seine Frau mit dem Bettelsack nicht käme.« »Paperlapp, Vater Höhrle, ich schaffe Euch für drei, wenn's was einbringt, sogar im Schlaf, was keinem leicht wird. Seht, das ist schon der zweite Pfeifenkopf, den ich so schlummernd leer rauche, und wie sich einerseits meine Arbeit in Rauch auflöst, so muß sie sich anderseits zu Geld wieder verdichten. Ich bin hier, um ein Geschäft zu machen.« »Dann heraus mit dem, was Ihr zu verkaufen habt.« »Euere Frau ist tot, Vater Höhrle, nun laßt Ihr doch Eure Stube tünchen. Seht, wenn so ein Mensch stirbt, so fährt sein Geist nicht gleich mit einmal aus. 172 Er schleicht sich so allmählich weg, wie der Dampf von meiner Pfeife, kriecht an den Wänden hin, fängt sich in Spinneweben und Ecken und will nicht los von dem Orte, wo er seither gewohnt. Die Pfeife brennt schon lange nicht mehr, der Rauch hat sich aufgelöst, und doch hängt von dem, was einst Tabak war, noch allerlei an Vorhängen und Wänden. Ihr könnt es riechen, Vater Höhrle, wenn Ihr eine gute Nase habt. Um dieses Etwas zu vertreiben, stänkert der neue Kreispfiffikus jetzt die Häuser mit brennendem Schwefel ein. Ich mache Euch die Sache angenehmer, laßt Eure Stube machen, Vater Höhrle. Ein neues Wandmuster, noch nirgends sonst verwendet. Drei Schläge, das gibt Farbe, bringt Leben, sieht gut aus und fördert Eure Heiratschancen als Witwer! Laßt Eure Stube machen, Vater Höhrle.« An dieser Stelle seiner wohlvorbereiteten Rede wurde der Stubenpeter durch polternde Tritte unterbrochen, die vom Hausflur hereinschallten. Auch hörte man eine von den Mägden draußen laut auflachen, als ob ihr jemand etwas Witziges gesagt oder in die Schenkel gekniffen hätte. Im selben Augenblick erschien Rauschkolb im Türrahmen. Er hatte die Pelzmütze ins Genick gerückt und glich so einigermaßen einem lorbeerbekränzten Triumphator. »Deine Mägde sind kitzlicher als deine Pferde, Vater Höhrle,« schrie er ins Zimmer. »Zu sehr abgetrieben, sie wiehern nicht einmal, mag man sie begreifen, wo man will.« »Sieh da,« fuhr er fort, »der Stubenpeter. Er hat 173 gestern auf dem Kirchhof getränt wie ein Essigkrahnen. Daß du nur von keinem anderen dein Zimmer weißen läßt, Nachbar, als von ihm.« »Recht so,« lachte der Stubenpeter, »eine Hand wäscht die andere, und daß du keinem anderen die abgetriebenen Pferde verkaufst als dem Rauschkolb, er hat sich gestern der Toten zu Ehren einen Saurausch zugelegt, auch gibt er dir, was sie wert sind und darunter.« »Darunter,« fuhr dieser scheinbar beleidigt heraus, »weniger als gar nichts kann keiner bieten, und das sind sie auch wert, denn wer im Gebirge kann diese Seiltänzer brauchen. Zum Ziehen sind sie nicht, in der Furche gehen sie nicht und zum Polkatanzen spielt ihnen Klaus Priester nicht auf.« »Vater Höhrle,« fuhr er mit besorgter Miene fort, »dir ziehe ich einen Dorn aus dem Fuße, wenn ich dir vierhundert Mark gebe. Aber auch nur dir, keinem anderen, würde ich ein solches Gebot machen, nicht und wenn ich noch Frankfurt dazu bekäme. Du mußt wissen, daß meine Frau so eine böse Ahnung hat, ich könnte aus Rücksicht für dich Gäule anschaffen, und so hat sie mir noch zugerufen, als ich schon auf der Straße stand: ›Kaspar Rauschkolb, daß du es dir merkst, die Pferde oder ich, eines von uns beiden bleibt aus dem Haus!‹« »Die Pferde oder sie, hat sie das gesagt. und Kaspar Rauschkolb hat sie gesagt? Na, dann die Pferde her,« schrie der Stubenpeter, »so wirst du eine böse Sieben los, kriegst eine neue und kannst als Wanderredner in 174 landwirtschaftlichen Vereinen Vorträge halten über den Unterschied der Weibersorten.« »Groß ist der, so weit meine Erfahrung reicht, gerade nicht,« sagte Rauschkolb, »beiß nacheinander in einige Holzäpfel und sag', welches der beste war. Übrigens hast du ja auch schon die zweite.« »Kann annähernd stimmen, wenn du die erste für voll rechnest, obwohl sie mit ihrem Kinde zusammen nicht schwerer wog, als ein halbes Dutzend Schweineschinken.« »Hast du das Kind als Hochzeitsgeschenk hintenach bekommen, oder hast du es gleich mitgefreit?« »Mitgefreit,« sagte ehrlich der Stubenpeter, »es war der einzige gute Handel, den ich bis jetzt im Leben gemacht habe. Ich bekam mehr, als einer der freit, verlangen kann, schrieb meinen Namen als Schutzmarke ins Taufprotokoll und erhielt eine anständige Summe Geldes obendrein. Bald schrumpften die beiden zusammen wie Lederäpfel, ich zahlte einige kleine Reparaturkosten an den Arzt und hatte nach Abzug der Beerdigungskosten und der Stolgebühren eine hübsche Summe übrig. Einstehen für einen, der kein Pulver riechen kann, oder den Deckel machen auf einen krummen Topf, das sind die einzigen Möglichkeiten, wie unsereiner zu Verdienst kommen kann.« »Für Euch, Vater Höhrle, liegt die Sache noch einfacher,« warf Rauschkolb dazwischen, »den Einsteher könnt Ihr nicht mehr machen, aber Ihr könntet ganz gut einer Witwe zu einem Manne verhelfen, wenn sie Euch zu einem 175 vollen Geldbeutel verhilft. Ich wüßte eine melkende Kuh für Euern Stall.« »Das laßt meine Sorge sein,« schnitt der Müller den Gedankengang des Kaspar Rauschkolb entzwei, »ein jeder nach seiner Art, und Euer Versuch, aus einem Sakrament ein Geschäft zu machen, gefällt mir nicht. Laßt erst die Tote faulen und den Boden düngen, dann wird schon noch das Unkraut aus ihrem Grabe wachsen, auch wenn Ihr nicht den Pfuhl herbeischleppt.« »Pfeift Ihr auf dieser Schalmeie, Vater Höhrle, na, dann adieu, diese Musik liefert uns der Pfarrer gratis und franko in jeder Fastenpredigt. Aber noch einmal, um vom Geschäft zu reden. Ich habe ein honettes Gebot getan, die Pferde bekommt kein anderer. Ihr wißt, daß ich Euch aus der Not geholfen und bei dem Kahlkopf am Vorschußverein meinen Namen quer geschrieben habe. ›Eine Ehre ist der andern wert‹,« sagte er halb drohend, stand auf und holte ein Streichholz aus der Westentasche hervor. O ja, er war ein gebildeter Mann, dieser Kaspar Rauschkolb, er wußte, daß man den Leuten nicht das Wandmuster verkratzen soll, deshalb fuhr seine Hand mit dem Streichholz über jene Stelle, wo die Beine sich ins Namenlose verlieren, kam mit einer kleinen Flamme wieder zum Vorschein und eröffnete feierlich den Betrieb in seiner bunten Tonpfeife. Der Stubenpeter orientierte sich derweilen eilig, ob nicht vielleicht gestern einer von der Trauerversammlung seinen Tabaksbeutel hinter den Blumenscherben des Fensters habe 176 liegen lassen, nestelte an der Innentasche seines Wamses und ging hinter Kaspar Rauschkolb zur Türe hinaus. Gerade nach diesem Aktschluß öffnete sich leise die Küchentür, und Mordche Rimbach, krumm und gebückt, trat auf leisen Katzenpfoten ins Zimmer. Er hatte sich den Umschlag seines Rockes heruntergerissen, zum Zeichen der Trauer, und zwei schwarze Korkzieherlocken hingen elegisch, wie die Ohren eines Wachtelhundes, an den Seiten seines Amalekiterschädels herunter. »Der Gott, der den Erzvater Jakob beim Tode der Rahel getröstet hat, sei auch dein Trost, Vater Höhrle, er nimmt sich der Seinen an und läßt sie nicht zum Spotte ihrer Feinde werden.« »Kauft der auch Gäul?« sprach Vater Höhrle, »und hat er dich geschickt, den Handel einzuleiten? Du hast gelauscht, Mordche, als Kaspar Rauschkolb im Zimmer war.« »Braucht mer zu lausche, wenn Rauschkolb spricht. Ich hab' gehört, wie er dir getan hat e' Schandgebot auf die Gäul. Was soll ich Klappe über den Ohren tragen, solang 's das Bezirksamt nicht vorschreibt? Freilich hab' ich gehört jedes Wort, aber gelauscht hab' ich nicht. Im Gegenteil, ich hab' simuliert, wie ich dir helfen kann, und ich kann's. Ich hab' einen Liebhaber für deine Pferde. Du sollst mein Wort nicht stumpiere, ich biete zwölfhundert Mark. Hier, den Handschlag drauf, und das Geld ist dein.« Vater Höhrle war von der Höhe der Summe und der größeren Ehrlichkeit des Juden einigermaßen überrascht, aber er sagte nicht sofort zu. 177 »Wohin kommen die Pferde?« forschte er, den Handel hinziehend. »In einen guten Stall,« war die Antwort. »Und was verdienst du an dem Geschäft?« »Von dir nichts; vom anderen alte Ösen, zwei kupferne Kessel und die abgelegten Wagenreife, soviel altes Metall, als zwei Hunde von der Stelle ziehen können, wenn Mordche Rimbach hinten schiebt. Gott der Gerechte, e' alter Jüd' will auch leben, und er verdient sein Brot manchmal ehrlicher wie e' Christ.« »Jedenfalls mit mehr Anstand als Kaspar Rauschkolb, und deshalb sollst du die Pferde haben,« sagte Vater Höhrle und schlug seine Rechte zwischen die von der Gicht verkrümmten Finger des alten Juden. Der Handelsmann beugte den krummen Rücken noch mehr zur Erde, drehte sich um, und zeigte ein Bündel hänfener Stränge, die aus den Hintertaschen seines Rockes heraushingen. Leise, wie er gekommen war, entschwand er wieder, und es dauerte keine fünf Minuten, so sah der Müller seine zwei Rosse mit aufgebundenen Schwänzen hinter dem alten Juden das Tal hinunterschreiten. Die Glanzzeit des Hauses Höhrle war vorüber. Mit der Mutter war jener Geist begraben, der durch prunkende Äußerlichkeiten die innere Fäulnis zu übertünchen suchte. Vater Höhrle war mit seinen Kindern da, wo so mancher andere weilte, der immer noch mit einigem Stolz von sich sagen konnte: »Ich bin ein kleiner Mann.« Fast erleichtert atmete der Alte auf, ihm war's, als ob er nun erst wieder 178 Boden unter den Füßen hätte, und wenn er auch von dem Sturz aus der Höhe etwas zerschunden war, so hoffte er doch, daß alles wieder heil und ganz werden könne. Wenn er den Pferden gleichwohl mit einem kleinen Herzeleid nachsah, so war es nur, weil er sie gar zu gerne vor dem Doktorwagen seines Sohnes Hans gesehen hätte. Sie waren so gute Läufer, und sie hätten gewiß auch das Warten gelernt vor den Häusern der Kranken. Vater Höhrle holte die Ochsen hervor und ging mit ihnen zum Pflügen. Langsam und recht schwerfällig marschierten sie die Furche entlang. Das war bei den Pferden anders; aber der Pflüger machte eine andere recht erfreuliche Bemerkung. Er sah, daß der Bussard hinter ihm fleißig auf die Erde schoß und mit vollem Schnabel nach dem Walde flog. Gut so, dachte der Bauer, der Pflug geht tiefer, als vordem, er sticht in die Nester der Mäuse ein, und was der Falke heute frißt, brauche ich im Sommer nicht zu füttern. Auch lag die Scholle schwärzer und fettiger zur Seite der Pflugschar, fast wollüstig schien der Mutterschoß der Erde sich zu öffnen und nach dem Samenkorn zu verlangen. Vater Höhrle sah das Entgegenkommen und traute seiner Grumme wieder. Sie war zuverlässiger in ihren Versprechungen als die Mühle, wenn sie auch nicht immer mit dem Füllhorn ihre Gaben ausschüttete, ganz mit leeren Händen war sie noch in keinem Jahr gekommen. Der Pflüger hob den Pflugsterz mit Lust, die Morgenstunden vergingen rasch, und als die Glocke vom Schulhausturme zum Mittag rief, sah der Bauer überrascht vom dampfenden Boden auf. 179 Bei Tische war die ganze, nunmehr auf vier Köpfe zusammengeschmolzene Familie Höhrle versammelt. Suse hatte gekocht, Liese den Tisch gedeckt und nicht vergessen, dem Bruder Studio eine Serviette hinzulegen. Es gab Fleisch. Der Vater schnitt jedem sein Teil zu, legte es auf die Teller und ließ sein Messer zirkulieren. Der Bruder war's im flotten Burschenhaus anders gewöhnt. Suse schalt Liese, daß sie nachlässig gedeckt und dem Bruder kein Messer gegeben habe. Liese wollte auf, aber Hans legte die Hand auf ihren Arm und hielt sie nieder. Er wollte in diesem Hause nichts Apartes sein, er konnte warten, bis das Messer an ihn kam. Vater Höhrle hatte den Vorgang gesehen und freute sich dessen, wie er sich über das Aussehen der Scholle gefreut hatte. In seinem Gewese steckte noch ein guter Kern, es mußte auch noch einmal wieder besser kommen. Der Nachmittag fand ihn wieder im Brachfeld, wo Raben, die nach Würmern suchten, auf sein Erscheinen gewartet zu haben schienen, denn sie erhoben sich und begrüßten den Bauer mitsamt seinen Ochsen durch lautes Geschrei und rauschenden Flügelschlag. Das Auge des Pflügers folgte ihrem fleißigen Zickzackflug, und es kam so Abwechselung in die monotone Wanderung, immer die Furche ab bis zum Nordend und wieder zurück bis zum Südend. Auch der Himmel tat das Seine, den Landmann zu zerstreuen. Ging er, die Hände am Pflugsterz, dem Norden zu, so sah er in das reine Azurblau des Firmaments hinein 180 wie in eine Unendlichkeit von Ruhe und Frieden. Ging er aber gegen Süden, so sah er hinten über dem breiten kahlen Bergrücken klumpige weiße Wolken herausquellen, zwischen denen ein unsicheres Licht verwegen hinhuschte und drohende Fäuste beleuchtete. »Es wird ein Gewitter geben«, dachte Vater Höhrle; »recht schade, daß wir heute nicht fertig werden.« Als die Wand immer höher stieg und das vorher unsichere Licht sich zu Blitzen verdichtete, wurden die Ochsen unruhig, und einer suchte den anderen aus der Furche zu drängen. »Es hilft nichts, wir müssen ausspannen, die Raben haben sich schon im Föhrenschlag in Sicherheit gebracht«, sagte der Pflüger im Selbstgespräch, und er löste die Stränge vom Sellscheid und warf sie den Tieren kreuzweise über den breiten Rücken. »Feierabend für heute,« kalkulierten diese und trotteten den Berg hinunter der Mühle zu, ihr Herr hinterdrein. In kurzen grollenden Stößen ließ sich der Donner hören, und zuweilen krachte es auch wieder und klang hölzern, als wenn Kegel übereinanderfallen. »Das kann gut werden, wenn es den Weg aus dem Neckartale herauffindet,« rief der Gemeindeschreiber, der auf seiner Treppe stand und in das Wolkenchaos hineinsah. Vielleicht hätte er die Unterhaltung weitergesponnen, aber ein Windstoß trieb ihm zertretene Strohhalme und Straßenstaub ins Gesicht. Er hielt die Hände vor die Augen und stürzte ins Hans, gerade als der Topf eines 181 seiner blühenden Geranienstöcke auf dem Pflaster der Straße klirrend zerschellte. »Bedenkt, daß es nach der Raufe geht,« rief Vater Höhrle dem Gespann zu, und in der Tat, die mächtigen Kugeln ihrer Hüftgelenke bewegten sich ausgiebiger in den Pfannen, die Schritte wurden größer, und als die ersten Regentropfen verspritzend auf die Ziegeldächer niederschlugen, waren die drei unter Dach und Fach. Die Ketten, blank gescheuert all die Jahre schon am Fell der Tiere, legten sich um deren Hals, und es begann das Mahlen der mächtigen Kiefer auf den Heuresten, die sie in der Raufe fanden. Vater Höhrle war mit seinen Gedanken nicht bei seinem Vieh, er war bei der, die nun zum ersten Male die Schrecken des Gewitters nicht mit den Ihrigen teilte. Ja, sie war eine seltsame Natur. Mochte sie oft tagelang kein Wort mit dem Manne, mit den Kindern reden, mochte sie in ihrem Trotz hart erscheinen, wie ein Bild aus Granit, wenn des Herrn Stimme aus den Wolken zu ihr redete, beugte sie das stolze Haupt, und wenn der Blitz wie ein glühender Speer unheimlich vor dem First des Hauses niederfuhr, dann suchte sie wie eine Henne alle ihre Lieben mit dem eigenen Leibe zu decken, dann konnte sie nicht nahe genug an sie heranrücken, und auf der Truhe in der Schlafkammer vollzog sich oft nach wochenlangem Groll das Sühneopfer der Versöhnung. So verdankte Vater Höhrle den erzürnten Elementen manche Gunst der Zärtlichkeit, und unter der Sprache des Donners festigte sich 182 wieder das etwas gelockerte Gefühl der Zusammengehörigkeit zwischen Mann und Frau, Eltern und Kindern. So kam's, daß in diesem Augenblick im Herzen des Witwers die Sehnsucht nach der Verlorenen stärker wurde, daß er mit Innigkeit an sie dachte und daß er seine Schritte beschleunigte, um seinen Platz auf der Truhe einzunehmen. Richtig, da saßen auch die drei anderen schon, gerade so, als ob sie auf die tote Mutter warteten, und suchten eines am anderen Schutz und waren bereit, eines mit dem anderen ins Verderben zu gehen, wenn es das Schicksal wollte, alle zusammen, nur keines allein, nur keines allein. Der Vater setzte sich unter sie. Nicht, daß er seine Arme um sie gelegt hätte, ach nein, so weit trieb man die Zärtlichkeiten nicht im Hause Höhrle, er wollte nur bei ihnen sein und ihr Geschick teilen, mochte kommen, was wollte. Während sie so bereit waren, von Gottes Hand Gutes und Böses hinzunehmen, wurde ihre stille Andacht rauh gestört. Klirrend flog die Tür an die Wand, und über die Schwelle trat mit rohem, polterndem Tritt Kaspar Rauschkolb. Im Hausgang hatte irgend jemand die Ganglampe angezündet, und so füllte ihr roter Feuerschein die Türspalte, ein unheimlicher Hintergrund für so entstellte Züge, wie sie der ungebetene Gast mitbrachte. Das graumelierte Haar starrte in struppigen Bündeln vom Kopfe. Der Bart war aus dem Angesichte hinausgeweht und schien sich furchtsam ins rechte Ohrloch verkriechen zu wollen. Die Augen rollten unheimlich unter den störrigen Brauen. 183 Ein wütender Zorn fegte über dies Antlitz hin, verbog und knickte alles wie eine Windhose und schuf um sich eine schreckenstarrende Wüste. Wäre der Blitz als feurige Kugel durchs Zimmer gerollt, sein Anblick konnte nicht unerträglicher sein als der des Wütenden. Und gar als nun die rohen Worte polternd wie Felsblöcke über den Estrich rollten: »So hast du's doch gewagt, die Pferde einem anderen zu verkaufen? Lump, bankerotter, wer hat für dich gut gesprochen, ich oder der stinkende Jude? Rüttle ich an einem Pfosten, so drückt das Haus euch platt wie der Ziegelstein die Ratte, und ich werde rütteln! Werde rütteln!« Sein Arm streckte sich, die krallenden Finger suchten in der Luft nach einem Gegenstand, den sie greifen könnten. Da stieß ihn die sinnlose Wut vorwärts, die plumpen Füße machten drei Schritte der Truhe zu. Kreischend fuhren die Mädchen auf und flohen nach dem Hausgang. Der Müller aber saß bleich und still, als ob er aus Kreide geformt wäre, und erwartete den Angriff. In diesem Augenblick ereignete sich etwas, was Kaspar Rauschkolb um den Ruhm brachte, das stärkste Rind der ganzen Gegend zu sein. Hans Höhrle schoß wie ein Tiger vor. Seine Hände packten über der Brust des Gegners, was sie an Kleidern fassen konnten, die stemmenden Schenkel hoben sich mit athletischem Schwellen, und im nächsten Augenblick fuhr Kaspar Rauschkolb durch die Füllung der wieder geschlossenen Tür, wie ein Zirkuspferd durch den 184 Papierreifen. Ein kurzes Ringen noch im Hausgang, dann ein schwerer Fall über die Treppe, und der nächste Blitz beleuchtete einen Flegel, der, auf der Straße stehend, mit seinem Taschenmesser den gröbsten Dreck von seinen Hosen schabte. Indessen purzelte das Wasser wieder leiser durch die Dachtraufe, der Donner grollte aus weiterer Entfernung und vermochte niemanden mehr zu schrecken. Ein sanfter Luftzug hatte die Wolken vom Firmamente gekehrt, und was noch so herumhing, war dünn und wellig wie eine Staubschicht, über die ein Reisigbesen gefegt ist. Mond und Sterne warfen ihr Licht durch diesen dünnen Schleier zur Erde, man sah, wie die Täler dampften und wie längs des Baches hin dunstige Gestalten sich die Hände reichten und um die Erlenbüsche ihren Geisterreigen tanzten. Hans blickte durch die Scheiben. Das Mondlicht lockte ihn, und sein unruhiges Gewissen trieb ihn ins Freie. War's da ein Wunder, wenn er nachgab und vor die Tür trat? Der Gedanke, daß er sich an dem Kaspar Rauschkolb vergriffen habe, hatte für ihn etwas Befleckendes. Er war eine vornehme Natur, und alles Gemeine widerte ihn an. Der rohe Akt, zu dem er gezwungen worden war, hatte gleichwohl seine Seele beschmutzt wie seine Hände, und er mußte seinen Namen in schmutzige Mäuler bringen, deren Zunge zwischen faulenden Zähnen schnackte. Es schüttelte ihn, wenn er daran dachte. Auch kam ihm Agnes in den Sinn, und was sie wohl von der Sache halten werde. Zum mindesten sollte sie die Tatsache nicht entstellt von dritten hören, er selbst wollte ihr die Lage schildern und 185 ihren Tadel entgegennehmen. So eilte er denn mit großen Schritten ihrer Wohnung zu. Im Gastzimmer brannte Licht. Als seine Tritte im Hausflur widerhallten, öffnete sich die Küchentür, und Agnes trat heraus. Sie kannte die Sprache seiner Füße. Schon als sie noch das Pflaster der Straße traten, wußte sie, wer kam. Das Mädchen warf sich an den Hals des Geliebten und zog ihn in die Küche nach der Scheibe hin, von der aus man das Herrenstübchen überschaute. Es saßen einige wetterfeste Gäste da, die den Nachguß des Gewitterregens nicht gescheut hatten, um zum Stammtisch zu kommen. »Weißt du, was die Herren vorhin gesagt haben?« flüsterte Agnes. »Du wärst ein braver Kerl, und ich sollte dir für das, was du getan hast, einen Kuß geben. Das will ich gern, aber nur unter der Bedingung, daß du niemand anders prügelst als den Rauschkolb,« und sie machte einen spitzen Mund, wartete aber bis er kam, um zu nehmen, was sie geben wollte. Hans holte sich sein Teil und fragte erstaunt: »Aber wie kannst du wissen, was vorgefallen ist?« »Drüben in der Backstube steht eine und trocknet sich, 's ist Röse Ricke. Wenn die mit einer Neuigkeit geladen ist, wird sie durchschlagend wie eine Granate, was achtet die einen Gewitterregen!« »Nun, und was sagst nun gerade du zu der Tat?« forschte Hans. »Genau, was die da drinnen gesagt haben,« und sie spitzte wieder die Lippen. »Und,« fuhr sie nach einer 186 Pause fort, »was die Drohung angeht, die Rauschkolb gegen deinen Vater geschleudert hat, so laß dir darüber keine grauen Haare wachsen. Du weißt, daß ich nicht ohne Mittel bin, ich werde rechnen und schreiben, und du sollst sehen, daß mein Name Klang hat. Aber willst du nicht ein wenig eintreten ins Herrenstübchen?« »Nein,« sagte Hans, »wir haben die Mutter erst begraben, und dann möchte ich über den lästigen Streit keinem Red' und Antwort stehen. Es ist am besten, wenn ich für mich bleibe und morgen wieder abreise.« »Ich muß deinen Entschluß loben, auch wenn ich ihn bedauere. So geh mit Gott und sei recht fleißig, denn weißt du, das ist vielleicht recht dumm von mir, aber ich möchte es doch gar zu gerne hören, wenn die Leute zu mir Frau Doktor sagen.« Sie hing sich in seinen mächtigen Arm, drückte ihr schönes Gesicht wie ein Schmeichelkätzchen wider dessen straffe Muskulatur und begleitete ihn bis zur Haustür. Dort legte sie ihm ein weiches Seidenpapier zwischen die Finger: »Es ist eine Locke von mir, wenn ich nicht ganz bei dir sein kann, so soll wenigstens ein Teil dich begleiten.« Im Fortgehen sah sich Hans noch einmal um. Der Mondschein floß an Agnes nieder und hob ihr liebes Bild ins Überirdische. Wie ein guter Engel erschien sie ihm. Noch einmal winkte ihre Hand den Abschiedsgruß, dann war sie weg und er auf dem einsamen Wege nach der Mühle. Am anderen Morgen war Hans schon zeitig auf, um nach der Eisenbahnstation zu gehen. Als er in Husterloh 187 an der Kirche vorüberkam, standen schon geputzte Leute da herum, die zur Frühmesse mollten, denn es war ein Sonntag. »Da kommt Hans Höhrle,« sagte einer, und alle blickten auf. »Hans Höhrle, der den Rauschkolb geschlagen hat, den Rauschkolb, den noch keiner schlug?« So ging es die Reihe der Kirchgänger bewundernd hinauf und hinab. »Er sieht nicht aus wie ein Goliath,« sagte einer, »wo hat er seine Kraft sitzen und wo hat er sie her?« »Von seinem Großvater,« gab einer zurück, »der nahm euch in jede Hand einen Sack mit Korn und marschierte damit wie mit zwei Spazierstöcken nach der Mühle.« So sprach man von Hans Höhrle mit Respekt. Der Erfolg der einen, rasch vollführten Tat hatte mehr Ansehen auf ihn gehäuft, als die sieben Priesterweihen, die man ihm ursprünglich zugedacht hatte, je vermocht hätten. 188   19. Kapitel. Ach, es waren dazumal arme, ausgehungerte Zeiten, die den Bauer erbärmlich drückten. Die Lasten hoch, das Einkommen gering, die Gesichter vergrämt, der Gang schlaff und energielos. Die Berge mußten das grüne Kleid ihrer Wälder hergeben, es wurde zu Geld gemacht, das Geld rollte davon, und nun standen die nutzlos geschorenen Höhen kahl und öde da. Der Regen riß Furchen in sie hinein, und so sahen sie gealtert und heruntergekommen aus wie die Menschen, die zwischen ihnen wandelten. Scharen von Männern, ein kleines Bündel in der Hand, zogen am Montag weg zur Arbeit in die benachbarten Städte, am Samstag kamen sie wieder, um etwas Geld zu bringen und einige Stunden lang Familienglück zu genießen. Einige, mutiger als die anderen, sagten: »Schlechter kann es nicht werden,« und wagten sich in die Welt hinaus, nach Amerika, nach Australien. Auch Heinz Wohlgemuth wollte auswandern. Er hatte sein armes Bauerngütchen nebst den zwei Kühen losgeschlagen und war zu seinem Bruder gezogen. Seiner Frau war schier das Herz gebrochen, als sie von ihren 189 Kühen Abschied nahm. Nun saßen sie da, hatten nichts zu tun, als auf den Termin zu warten, an dem der neue Besitzer den Kaufpreis zahlen sollte. Das Herz von Käthe Wohlgemuth war zerrissen. Der Schmerz um die Kühe, die sie verloren hatte, quälte sie, und die Angst vor dem großen Wasser, über das sie reisen sollte, tat das Gleiche. Es gab Szenen zwischen ihr und dem Manne. Heute wollte sie gehen, morgen wieder nicht. »Was ist da zu machen,« sagte ihr Mann, »ich kann das Meer nicht aussaufen und dich trockenen Fußes hinüberführen.« In seiner Not fragte er einmal Röse Ricke, was er tun solle. »Weißt du was,« sagte diese, »du mußt sie an den Anblick des Wassers gewöhnen, ich will ein paarmal mit ihr nach Worms fahren, da ist der Rhein, ein respektables Gewässer, da kann sie sich ein Bild machen, und ihre Scheu verliert sich.« So fuhren sie ein paarmal mit Erfolg nach Worms und zurück. Käthe Wohlgemuth wagte sich auf die Schiffbrücke, auf eine Baggermaschine, die am Ufer lag, zuletzt sogar in einen Nachen. Das war ein Tag erzieherischen Triumphes für Röse Ricke. »Hab' ich dir nicht gesagt: Die Sache lernt sich. Schließlich kann man alles, was man will. Nun sieh dir die Leute an, die eben mit dem Schiff vorüberfahren. Da raucht einer Pfeif', da trinkt einer eine Flasche Wein. Sehen die aus, als ob sie wassersüchtig wären und vor 190 hätten zu ertrinken? So machst du's auch, wenn du auf dem Wasser bist. Die Seefahrt nimmt ein Ende, denn wie ich so schätze, wird das Meer kaum zehn bis zwölfmal breiter sein als der Rhein, den du vor dir siehst.« Damit wandten sie dem Wasser den Rücken und das Gesicht dem Eisenbahnzug zu, der im Rosengarten stand, um nach der Bergstraße abzudampfen. Röse Ricke war eine mitteilsame Natur. Vielleicht hätte sie Millionen verschenkt, wenn sie solche gehabt hätte, da dem nicht so war, mußte sie sich begnügen, alle Welt an ihrem Wissen teilnehmen zu lassen. Es war ein Mann zu ihnen ins Coupé gestiegen in einer Uniform von der Farbe einer Postanweisung, mit einer Dienstmütze auf dem Haupte. Röse Ricke machte eine ganze Bank frei, zum Zeichen, daß sie die Ehre zu schätzen wisse, mit einem Beamten fahren zu dürfen. Zuerst traute sie sich nicht recht an ihn heran, beguckte ihn von oben bis unten, sah aber schnell zu Boden oder auch nach der Lampe an der Decke, wenn sie merkte, daß er ihrem Blicke zu begegnen suchte. Als sie aber wahrnahm, daß er seine Nase zum Fenster hinaus schneuzte, kam ihr der Uniformierte menschlich näher. Sie fragte, ob er der Kreisrat sei? Er sagte: »Nein, nur Bahnbeamter.« »Aber mit großem Einkommen,« forschte sie indiskret, »so schöne Kleider kosten Geld.« »Die stellt der Staat,« war die knappe Antwort. »Ja, wer so den Staat hat, der ihm alles besorgt, ist gut daran. Schließlich braucht einer sich nicht einmal 191 eine Frau zu suchen, die liefert wohl auch die Verwaltung?« Mit dieser Bemerkung machte Röse Ricke den Versuch, witzig zu werden. Der Beamte tat ihr auch den Gefallen zu lachen und sah sie mit intimem Schmunzeln an. Damit hatten sie sich einander enthüllt, und die Serie der Vertraulichkeiten war eröffnet. Nun bogen sich die Köpfe geheimnisvoll tiefer, und Käthe Wohlgemuth hörte außer gelegentlichem Zischen und Schnalzen nur wenige Brocken, die sich ihr nicht zu einem Gedanken runden wollten. »Ja, in der Tat vortrefflich, ganz vortrefflich.« »Mittel?« »Ja, aber nicht gerade viel, dagegen gute Hausmannskost, keine zweite unter der Sonne.« »Stark?« »Nicht eben . . . rund und hart wie eine Eichel.« »Würde passen, wenn nicht zu hochnäsig.« »Keineswegs, ein wenig kurzatmig am nervus rerum , kann nicht zu hoch steigen wollen.« »Gut, der Sache nähertreten.« Das Gespräch der beiden wurde zuletzt so eifrig, daß sich die Worte sprudelnd über die Lippen drängten und Speichel mitrissen, der stäubend die Umgegend netzte und Käthe Wohlgemut in die fernste Ecke drängte. Da, plötzlich gab es einen Ruck. Röse Ricke und der Bahnbeamte stießen richtig die Köpfe widereinander wie spielende Lämmer auf der Weide. Sie sahen sich grinsend an und lachten. Da stand der Zug und eine Stimme rief: »Lorsch«. 192 »Da muß ich heraus,« sagte der Uniformierte und drängte sich aus der Tür. Röse Ricke erhob sich, gluckste und kollerte wie ein Zwerghühnchen und rief dem Manne zu: »Auf Wiedersehen!« Da ging der Zug weiter. Käthe Wohlgemuth sah zum Fenster hinaus und hatte im Vorblick das Städtchen Heppenheim. »Was ist das für ein langes Gebäude da drüben,« fragte sie. »Eine Irrenanstalt für einige wenige Verrückte,« war die Antwort, »die meisten laufen noch frei herum.« »Der Ansicht bin ich auch,« sagte Käthe Wohlgemuth, »wenn alle drin wären, die hineingehören, so würde ich allein im Coupé fahren. Sag' einmal ehrlich, Ricke, hast du dem Menschen da deine alte Kuhhaut aufschwätzen wollen, oder treibst du sonst einen Fellhandel?« »Zu dienen,« sagte die weise Frau, »um einen Kuppelpelz zu verdienen. Wer arm ist, muß alles mitgehen heißen.« Damit war die Unterhaltung abgebrochen, und Käthe Wohlgemuth grübelte still für sich hin und suchte sich ein Bild zu machen, wie manche Leute es anstellten, sich in der Heimat durchzubringen, und dann nicht über das schreckliche Wasser brauchten. Am nächsten Morgen saß Röse Ricke in der Mühle am Tisch, eifrig bemüht, irgend eine Kleinigkeit, die ihr zwischen die Zähne geraten war, mit dem Fingernagel herauszustochern. Ihr gegenüber saß Liese und hörte mit Aufmerksamkeit zu, wenn die geschwätzige Alte loslegte: 193 »Du solltest dich nicht bedenken, er ist ein Beamter, einer von den allerhöchsten, wie mir scheinen will.« »So, zu welcher Würde könnte er mich erheben,« sagte Liese gut gelaunt, »was hat er für einen Titel?« »Was er für einen Kittel hat? gerechter Himmel, gar keinen. Er hat einen Rock mit umgelegtem Kragen und Messingknöpfen darauf. Auch hat er Hosen mit Passepoil in der Naht, und was er in diesen Hosen befehlen tut, das müssen die anderen tun.« »Soweit läßt die Sache sich hören, wie steht's, Röse, die du ja alles weißt, hat er ein großes Einkommen, oder ist er reich?« »Unverschämt reich muß er sein. Sein Vater ist von Bibelried, die Mutter ist von Winterkasten. Halt, da fällt mir zum Glück auch ein, was er ist. Man nennt's Meuchelmörder.« »Meuchelmörder,« lachte Liese laut auf, »also Frau Meuchelmörder, nicht übel Röse. Solltest du nicht vielleicht falsch gehört haben, und er wäre Weichenwärter?« »Na, meinetwegen Weichenwärter? Übrigens Meuchelmörder oder Weichenwärter, prinzipiell kann das kein großer Unterschied sein. Die Hauptsach' ist, daß all die andern tun müssen, was er sagt. Er ist der Gebieter.« Mit dieser Unterredung war ein Verfahren eingeleitet, das Liese nach einigem Hin und Her unter die Haube brachte. »Ein wenig unter ihrem Stand,« sagten die Leute, »das hätte ihre Mutter nicht überlebt.« 194 »Der Mann steigt noch,« sagte Röse Ricke. »Er ist in der Glückshaube geboren, er erbt auch noch, wenn der Großmogul der Mongolei stirbt.« So war denn in der Mühle, wo das Futter knapp wurde, eines von der Raufe weggekommen, aber die Gehende hatte einiges mitgenommen. Vater Höhrle mußte die Axt in seinem Walde wüten hören, und wenn einer von den Fichtenriesen niederstürzte, daß die Erde bebte, so bebte auch er. Weit weg von seinem Hause, in einem entlegenen Wiesentale, schnitt er Weiden. Die Klagen, die sein sterbender Wald ausstieß, zerschnitten ihm das Herz. 195   20. Kapitel. Nickel Lulay, genannt der Backnickel, hatte das Bäckerhandwerk gelernt. Er verstand es aus dem ff, den Teig zu kneten und zu walken, zu salzen und mit Hefe zu versetzen, nur ließ ihn sein Meister nicht schießen, weil er mit dem rechten Auge in die linke Westentasche sehen konnte und gleichzeitig umgekehrt mit dem linken in die rechte. Das war's, woraus der ungerechte Mann den verfänglichen Schluß zog, sein Lehrling habe kein Augenmaß, und das Brot würde an den Rändern grindig, wenn er ihm den Backofen anvertraue. Auch konnte er nicht lange stehen, denn sein Untergestell war etwas kreuzstöckig geraten, so zwar, daß Klaus Priester seine Konfirmandenhosen über einen Sägebock arbeitete und stolz auf sein Kunstwerk zu seiner Gattin sagte: »Mariann, die werd'n recht, bis die Knöpf' noch dran sind.« Es war also wenig Aussicht, daß der Backnickel unter sotanen Umständen sein Meisterstück machen und selbständig werden könne. Deshalb trat er eines Tages vor seine Mutter und erklärte: »Er wolle einmal die Erdkugel unter 196 die Füße nehmen. Entweder käme er mit einem Zylinder auf dem Kopfe wieder oder nie mehr.« Seine Mutter weinte und suchte ihm das Wagestück auszureden. Er blieb bei seinem Entschluß und wanderte eines Tages, den Berliner, aus dem rechts ein Pantoffel, links eine Schuhbürste neugierig ins Land hineinsahen, auf dem Rücken, zum Tore hinaus. Er schrieb nicht. Er schrieb um alle Welt nicht und ließ seine Mutter und sonst jedermann im Unklaren, ob er diesseits oder jenseits des Äquators weile. Endlich nach acht langen Wochen kam ein unfrankierter Brief, der seine Mutter einen Augenblick in Verlegenheit brachte, denn sie hatte neben dem Mangel an großem zur Stunde auch kein kleines Geld im Hause. Und doch hätte sie für ihr Leben gern gewußt, was in dem Briefe stehe. Sie nahm einige Eier in die Schürze und eilte zum Krämer Schütteldich. Unternehmend wie der war, kaufte er den ganzen Vorrat, und die arme Frau konnte vom Postamt den Brief ihres geliebten Backnickels abholen. Es sei zum voraus bemerkt, daß er kein Geld enthielt, und nur die kurze Bemerkung, er weile für einen Tag in Bonames, weil er sich seine Stiefel sohlen lasse. Sei dies geschehen, so werde er nordwärts wandern, so lange, bis er nichts mehr fände, worauf er treten könne. Das war nicht viel, was der Brief sagte, aber es war doch ein Lebenszeichen, und wenn man nur erst wußte, wo Bonames lag, so hatte man doch ungefähr eine Ahnung, unter welchem Sternbild der Verwegene weilte. 197 Frau Lulay wandte sich an einen, den man den Hausleerer nannte, weil er vordem ein Gerichtsvollzieher war. Der Mann lebte von einer kleinen Pension und besaß einen Globus, auf den bei einer Zwangsversteigerung kein Mensch geboten hatte. Daß man diese »Welt überhaupt« um ihre Achse rollen konnte, das war's, was dem Gerichtsvollzieher a. D. manche vergnügte Stunde bereitete und ihn in den Ruf brachte, er beschäftige sich mit geographischen Problemen. Frau Lulay legte ihm die Frage vor, wo Bonames liege? Der Hausleerer drehte seinen Globus, beguckte ihn, fand aber den Namen nicht. »Eine Hauptstadt,« meinte er, »wie London oder Moskau kann es nicht sein, das sei sicher, das andere aber sei ebenso sicher, daß es nicht zwischen Frankreich und dem Böhmerwald liegen könne, dafür klinge der Name doch zu barbarisch. Vielleicht sei es ein kleines Pfarrdorf in Samarkand da herum.« Was war nun da zu machen, man konnte keinen Steckbrief hinter dem Backnickel herjagen und mußte sich gedulden, bis es ihm belieben würde, die Welt wieder einmal mit einem Hofbericht über sein Befinden zu beglücken. Es dauerte einige Wochen, und es erschien ein neuer Brief, abermals unfrankiert. Frau Lulay schloß daraus, daß im Geldbeutel ihres Sohnes Ebbe herrsche, und daß sich seine Rückkehr mit Zylinder noch etwas hinausziehen werde. Sie bezahlte das Strafporto und erhielt als Gegenleistung ein seitenlanges Schreiben. 198 » Liebe Mutter! Daß man mit krummen Beinen weit kommen kann, wenn man nur unverdrossen eins ums andere Walzer tanzen läßt, kannst Du aus dem Poststempel sehen. Beinah schon bin ich am Ende des Hessenlandes. Seine letzte Stadt habe ich erreicht und denke, hier liegen zu bleiben, und habe Arbeit genommen. Die Straßen sind krumm, und es gehen auch viele Studenten müßig dadrin herum. Auch dem Hans Höhrle bin ich begegnet. Er ist ein feiner Herr und hat ein gesticktes Käppchen auf seinem Kopf, wie jener Kirchweihaff, von dem ich haben wollte, daß Du mir ihn kaufen solltest. Hinter ihm her lief ein abscheulich großer Hund, so groß, wie bei uns ein rechtschaffenes Kalb, so daß ich nicht ganz sicher bin, ob es ein Hund ist oder sonst ein Rindvieh, wie's bei uns keines gibt. Der Hund kommt in der biblischen Geschichte vor in der Nähe von den drei Jünglingen im Feuerofen, nur war's damals kein Hund, sondern ein König. – Jetzt fährt mir sein Name als im Maul herum, aber ich kann nicht drauf kommen. – Der Hans ist aber – trotzdem er ein so feiner Herr ist – gegen mich sehr gemein gewesen. Er hat mich mitgenommen auf die Kneip zu seine Kumpane. Da sitze an die dreißig, vierzig und habe rote Wämser an mit bunte Schnüre dran. Herr Gott, könne die in denen Jacken saufe. – Beinah wär mir ebe der Name von dem Hund eingefalle, nun ist es wieder nichts – 's Bier hat nichts gekost! Sie habe 199 gesagt: Es wär dem Hans sein Examenssatz, weil er gerad eine Prüfung bestanden hätte, was sie Physikum heißen. Wie mer nachts heim sind, habe mich zwei geschleift. Auf einmal habe die Gläser in einer Laterne gerappelt, da sind die zwei durchgegange und habe mich liegen lasse. – Herrgott, wenn ich nur wüßt, wie der Hund heißt – Zwei Polizeidiener sind komme, und einer von dene hat gesagt: »Das ist das Schwein.« »Nein, sag' ich, Schwein ist das keines, ich heiße Nickel Lulay. Schwein ist's, wenn einer voll ist und doch ganz heim kommt. Wenn's einem geht wie mir, so ist das Pech.« »Wie die Dinge jetzt weiter laufe, so logierst Du heut Nacht auf der Wache, und was eine Laterne kostet, das wirst Du morgen erfahren.« – Der Hund heißt: – – da, nu ist mir der Name doch wieder ausgeschlitzt. – Den Hans Höhrle hab ich von weitem als noch manchmal gesehen, aber ich bin ihm ausgewichen. Ich hab mich geniert, von wegen dem Rausch. Nur neulich, als ich im Philosophewald spaziert bin, da steht er plötzlich da unter einem Haufen Leuten, was sie hier Corona heißen, und ist mit Binden ganz verwickelt, so daß er aussieht, als ob er Hasen vom Krautfeld scheuchen wollte. Gleich drauf ist's losgegange. Sie habe einen Duellzweikampf gemacht. Der Hans mit seim Säbel hat um sich geschlage, wie a Windmühl, aber 's hat nichts genutzt, zu dritt habe se auf ihn geschlagen. Er hat geblut wie 'ne Sau. Ich aber war stolz auf mein Landsmann, daß er sich vor dreien nicht gefürcht hat, und die andern, ich sag Euch, die haben auch ihr Teil 200 kriegt. Neuigkeiten gibt's hier keine, außer, daß die Welt doch viel weitläufiger ist, als wie mer sich das daheim so vorstellt, womit ich bleibe Dein geliebter Sohn Nickel .         Apropos: Der Hund heißt Holofernes, das ist aber noch gar nichts demgegenüber, was hierzulande eine Gaslaterne kostet.« Mit diesem Brief ging Frau Lulay zunächst zum Herrn Gerichtsvollzieher a. D. und machte ihm Vorwürfe, weil er ihr vorgeschnackt hatte, ihr Sohn könne da um Samarkand herum sein, während er tatsächlich noch im Hessenlande weilte. Der Mann sagte: »Kam nicht sein vorletzter Brief von Bonames?« »Doch, aber das liegt doch bei Frankfurt und nicht bei Samarkand. Was sollte er sich dorthin bemühen? Kamele kaufen? Die gibts hier auch.« »Ich hoffe, Sie vermeiden Anzüglichkeiten, Frau Nachbarin.« »Das hoffe ich auch,« rief Röse Ricke, die eben zwischen die beiden trat und vor Frau Lulay einen Hofknix machte. »Ihr Diener, meine Gnädige, wie weit haben die kreuzstöckigen Bäckerbeine den Backtrog ihres Herrn Sohnes bereits getragen?« »Jesses, kann sich das Känguruh en Anstrich geben,« sagte Nickels Mutter, »nun auf von den langen Haxen 201 und ins Dorf hineingehupft, du Beuteltier, damit die Neuigkeit rasch in der Umgegend herumkommt,« und sie überreichte der Neugierigen das Schreiben. Röse Ricke las und wurde zusehends zappliger. Plötzlich ließ sie den Brief fallen, faßte mit beiden Händen ihre Röcke seitlich der Schenkel, und geschmeidig wie ein Wiesel, schlüpfte sie zur Türe hinaus. In der Mühle war gegen Abend Gerichtstag. Der Angeklagte war nicht erschienen, aber er konnte in absentia verurteilt werden. Vater Höhrle mit dem stillen, schwermütigen Richtergesicht saß im Lehnstuhl. Röse Ricke, aggressiv wie immer, ging auf und ab. Sie schien den öffentlichen Ankläger vorstellen zu wollen. Agnes saß gedankenvoll da und suchte nach mildernden Umständen, und Suse sah fast objektiv aus, wie einer, der den Tatbestand zu Protokoll nimmt. Man sprach nichts, denn die Verhandlungen sollten erst beginnen, wenn Onkel Schütteldich anwesend wäre. Dieser kam endlich, offenbar in der friedfertigsten Stimmung, denn er hatte seine lange Pfeife mitgebracht und rauchte wie der Backofen eines kleinen Mannes um Pfingsten. Kaum war er da, so legte Röse Ricke los: »Hinter dem hab ich gleich nichts Gutes gesucht. Er brachte so brutale Fäuste mit auf die Welt.« »Wer weiß, was geschehen ist,« sagte Agnes, »es gibt Dinge, die ein Rechtschaffener sich nicht bieten läßt. Als er den Rauschkolb schlug, hat ihn niemand verurteilt.« »Das Duell ist vom Gesetz und von der Kirche verboten, und warum fängt er gleich mit Dreien an?« eiferte Ricke. 202 »Unsinn,« fiel Onkel Schütteldich ein, »was versteht so ein Teigaffe vom Zweikampf. Da laßt mich reden. Einer gegen drei, das gibt's nicht, daher der Name Zweikampf. Als ich noch bei Landfried in Heidelberg lernte, kam ich öfter mit Schnupftabak zu Tante Minchen auf die Hirschgasse und hab' vom Hof durchs Fenster gesehen, wenn die Studenten Duell fochten. Zwei kämpfen miteinander mit blanken Klingen, und zwei andere sekundieren.« »Ja, aber wenn's keiner merkt, hauen die auch drauf. Weshalb hätte sonst Hans geblutet wie eine Sau – mit Verlaub zu sagen – mit einem allein hätt' der es aufgenommen.« »Rede vom Kartoffelsieden, Röse, es kann sein, daß du auch das nicht verstehst, aber man traut dir darin doch eher ein Urteil zu. Es hilft nichts, ich muß die Sache vor euer Auge führen, damit's der Verstand begreift,« sagte Onkel Schütteldich, schraubte bedachtsam das lange Pfeifenrohr aus seinem Wassersack, dann suchte er nach der Elle, und damit alles perfekt werde, bewaffnete er Suse mit dem Kehrbesen und Agnes mit der Ofengabel. »So,« sagte er; »Vater Höhrle stellt die Corona dar, Agnes und Suse sind die Sekundanten. Röse ist der eine Paukant, ich der andere und zugleich der Unparteiische. So Röse, nun die Klinge hoch, so wie ich. Der Unparteiische bietet zunächst: Silentium, für einen Gang Schläger ohne Mützen und mit Binden und Bandagen. Sobald es dann aber ›los‹ heißt, beginnt der Kampf.« 203 Röse Ricke in ihrem Kampfeseifer hatte den Erklärungen wenig Gehör geschenkt. Sie war aufgerückt und hatte mit der Elle dem Onkel Schütteldich eine Quart aufs Pfeifenrohr geschlagen. »Halt,« schrie dieser. »Warum halt? Herr Unparteiischer, drüben vor ›los‹ angeschlagen?« »Jawohl. Bitte den Gegenpaukanten zum ersten Male zu monieren.« Man sieht, Onkel Schütteldich hatte in diesem sonderbaren Zweikampf bereits drei Rollen. Nun übernahm er noch die des Stiefelfuchses und schob Röse mit der Elle wieder hinter den Mensurstrich zurück. »Herr Unparteiischer, von unserer Seite kann's weiter gehen«, rief er sich zu und kommandierte ›los‹ für sich und Röse. Diesmal war er vorsichtiger, und als der Gegner die Klinge hob, fuhr er blitzschnell mit einem Durchzieher unter dieser her und Röse mit der Pfeifenspitze ins Gesicht. Vielleicht ist, seitdem die Welt steht, niemals ein schönerer Durchzieher geschlagen worden, und es ist gut, daß er die Spur seines Dagewesenseins zurückließ. Von Röse Rickens Ohr nämlich bis in den Mundwinkel lief eine Zeichnung, die mit der Bügelfalte eines Hosenbeines einige Ähnlichkeit hatte. »Das Vieh macht ernst,« schrie Röse Ricke und spuckte etwas Blut und einen klingenden Gegenstand auf den Boden. Wie schade, der eine Stoßzahn, der nun schon seit Jahrzehnten auf der Unterlippe getanzt hatte, 204 war dem Verhängnis zum Opfer gefallen. Als Röse Ricke sich dieses Verlustes völlig bewußt wurde, verließ sie der Komment und jede Selbstbeherrschung und sie rückte stoßweise mit der Elle vor. Onkel Schütteldich ging rückwärts wie ein Seiler und suchte sein Schiff in einen Nothafen zu steuern. Leider legte eine Barre in Gestalt eines Fußschemels sich in seinen Kurs, er fiel und schlug donnernd mit dem Hinterkopfe wider die Zimmertäfelung. Jetzt mit einem Male begriffen die Sekundanten Suse und Agnes ihre hohe Aufgabe. Sie warfen sich zwischen die Kämpfenden und bewahrten Onkel Schütteldich vor der gefährlichen Wut seines rabiaten Gegners. »Wenn er nur das Genick gebrochen hätte,« schrie Röse erbost. »Besinn' dich auf dein Christentum,« klang es von Höhrles Sorgensitz. »Was, wer das Schwert zieht, soll durchs Schwert umkommen,« entgegnete sie mit unerbittlicher Konsequenz, drehte sich um und betrachtete bekümmert die blutige Färbung dessen, was sie ihrem Taschentuch anvertraute. Als Schütteldich den Rücken des furchtbaren Weibes sah, kroch er eilig vor und raffte einen Gegenstand vom Boden auf. Dann erhob er sich und verlangte Wasser. »Ein verflucht blutiger Tag, der heutige,« murmelte er, während er sich die Hände wusch. Die Folgen des greulichen Waffenganges waren im ganzen genommen keine unerfreulichen. Vater Höhrle und Suse waren einigermaßen beruhigt, und Onkel Schütteldich 205 trug tagelang eine stolze Siegermiene zur Schau. Der Goldarbeiter hatte ihm, in Silber gefaßt, einen kleinen Gegenstand an der Uhrkette befestigt. »Sauhatze mitgemacht, Herr Nachbar,« sagte der Oberförster, der Onkels Weste musterte. »Die gefährlichste meines Lebens!« »Etwas lang für eine Eberkrone.« »Ist's auch nicht, stammt von einer alten Bache!« Hans war durch Schütteldichs Eintreten gerettet. Für Agnes aber hatte die Burleske ein übles Nachspiel. Ihr Vater hatte, wie alle Welt, von Hansens blutigen Taten gehört, und nun wütete unterm Dache des Weltschirm's ein gewaltiger Sturm, der dem armen Mädchen scharf geschliffene Schimpfworte wie Hagelkörner ins Gesicht trieb. Nach des Alten gefährlicher Rede schien das Ende aller Dinge gekommen zu sein. Agnes sah nach den Sternen empor, die indes ruhig ihre Bahnen wandelten, gewann Vertrauen zu ihrem Stern und schlief beruhigt ein. 206   21. Kapitel Sebastian Stallmann ist für den Volksmund ein zu umständlicher Name. Deshalb verstümmelte man den Sebastian zu Baschel und, um ihn von anderen zu unterscheiden, die St. Sebastianus über die Taufe gehoben, nannte man den unseren den Mühlbaschel. So lang sich ein Mensch zurückerinnern konnte, war er bei Müller Höhrle in der Mühle. Als ganz kleines Kind hatte er eines Morgens, vom Hauch der Kühe gewärmt, in der Krippe gelegen. Daher der Zuname Stallmann. Hatte er vordem viel und fleißig zu arbeiten, so saß er in der letzten Zeit, wo das Geschäft schlecht ging, oft ganze halbe Tage müßig und rieb seine im Wasserbau erfrorenen Fußballen aneinander. Auch heute saß er so in seinem mehligen Anzug. Sein Ohr war taub geworden im Geräusch des Werkes, auch sperrte, wie bei seinem Herrn, ein beträchtlicher Mehlhaufen den Eingang zu seiner Paukenhöhle. Wer seine Aufmerksamkeit erregen wollte, mußte ihm mit der Faust auf die Schultern schlagen, oder ihn schütteln. Vater Höhrle tat letzteres. Der Mühlbaschel 207 schaute auf und vergrößerte mit beiden Händen seine Ohrmuscheln. »Der Hans hat um Geld geschrieben. Ausstände, die ich erwarte, sind nicht eingegangen. Nimm vom Haufen droben einige Sack Korn und trage sie zu Mordche Rimbach hinüber, aber erst in der Dämmerung, verstehst du, erst in der Dämmerung.« »Verstehe,« sagte Baschel, »es braucht nicht jeder zu wissen, daß wir nicht mehr mit Papiergeld heizen,« und er tastete sich in den weichen Mehlstaub seiner Holzschuhe hinein. Als er die Säcke am Haufen füllte, konnte er zum Eulenloch hinaussehen, und was er da von der Gegend sah, kam ihm so eigenartig, so fremd vor, denn noch niemals hatte er von diesem Punkte aus die Welt betrachtet. Der Fruchtstock hatte sonst immer bis zum Gebälk gereicht und das Eulenloch lag dahinter. »Ja, ja, es ist im Hause manches niedriger geworden und vermutlich nur die Hypothek gewachsen,« so dachte er, füllte seinen Sack, warf ihn über den gekrümmten Rücken und wanderte, als es dunkel war, zu Mordche Rimbach hinüber. Der stand an der Brückenwage und zählte Säcke mit der Firmenaufschrift: »Groß und Moos.« »Bringst du Mehl, Baschel?« »Ne, Korn.« »Dann stell den Sack hier ab, hier wo das Licht steht, und bind ihn auf.« Baschel tat, wie ihm befohlen war, und Mordche 208 Rimbach griff in den Sack und ließ das Korn von dem einen Handteller in den anderen gleiten. »In eurem Kornhaufen sind die Mäuse.« »Kann sein, aber eine Ratte frißt mehr als hundert Mäuse.« »Einverstanden, Baschel, auch wenn sie nicht direkt am Haufen sitzt und nicht durch den Katzenlauf in den Speicher kommt. Euer Student braucht wohl viel Geld?« »Wie's jetzt steht, ja, doch es verschlägt nichts. Wenn das Faß doch ein Loch hat, mag auch der Krahnen tropfen.« »Ihr solltet das Mahlen einstellen, Baschel, es kommt nichts mehr dabei heraus. Ihr kauft vom Bauer teueres Korn und verkauft ihm billiges Mehl, weil ihr nicht mehr fordern dürft als die Konkurrenz. Groß und Moos aber kaufen in Argentinien billig ein, die Wasserfracht bis Mannheim kostet nur eine Mark per Sack. Sie verstehen das Mahlgut passend zu mischen. So schlagen sie euch im Preis und in der Qualität. Baschel, wer weiß, von wann ab er auf der faulen Haut liegen bleiben muß, gewinnt zwar nichts dazu, aber er erhält das Vorhandene. Ihr mahlt euch noch um Haus und Hof.« »Es kann auch wieder anders kommen, Mordche.« »O ja, aber nicht so, wie Vater Höhrle und du denkst. Ich will dir eine Geschichte erzählen, die vielleicht nicht ganz wahr, aber lehrreich ist für den, der sie erfaßt. Im Steinachtal drüben lebten die Gebrüder Spilger. Sie hatten einen schönen Hof und sie waren nüchtern und fleißig. Es fehlte ihnen nur die Umsicht. Sie pflanzten 209 Heidekorn, weil es der Großvater gepflanzt hatte, einerlei, ob es verkäuflich war oder nicht. Sie pflügten keinen Acker um, auch wenn zur Winterzeit die Raben die halbe Saatfrucht herausgezogen hatten. Als es längst schon Maschinen gab, da sah man die zwei immer noch auf der Tenne stehen und dreschen. Sie droschen mit Leidenschaft. Morgens bei Licht, Abends bei Licht. »Sehet euch vor,« rief der Straßenmeister in die Scheune hinein, »der Bach hat eure Mauer unterwühlt und läuft euch demnächst durch den Hof.« »Ein andermal vielleicht, daß wir dazukommen, sie auszubessern; jetzt haben wir zu dreschen.« Sie schlugen mit den Flegeln auf die Garben und achteten den Mahnruf nicht. Da regnete es eines Tages sehr heftig; man hörte den Regen aus dem Strohdach rinnen. ›Gut,‹ dachten die beiden, ›daß es uns nicht in die Werkstatt regnet, so lange das Korn trocken ist, kann man dreschen.‹ Sie hörten das Wasser rauschen und fühlten ab und zu einen kleinen Stoß. Sie achteten dessen nicht und droschen weiter. »Nun wird es aber Zeit, daß wir zum Essen gehen,« sagte einer der beiden Brüder. Der andere sagte: »Einverstanden.« Sie öffneten das Scheunentürchen und traten hinaus. Da war die ganze Welt um sie verändert. Es dauerte eine Zeit lang, bis sie sich auskannten und bis sie herausgebracht hatten, daß ein Wolkenbruch sie mitsamt der Scheune nach Neckarsteinach hinabgeschwemmt hatte. 210 »Tut nichts,« sagten sie, »wir haben auf dem Spind noch Frucht zum dreschen, es kommt wieder einmal ein Wolkenbruch. Das Wasser fließt nach der anderen Seite und schwemmt unsere Scheune das Tal hinauf. So kommen wir wieder zu unserem ganzen Hof.« Erlebt haben sie diese entfernte Möglichkeit nicht; sie starben beide in Armut, und da niemand da war, der ihren Sarg bezahlen wollte, so kamen sie nach Heidelberg in die Anatomie. So haben an ihnen, die selber nichts lernen wollten, die Studenten gelernt. Und auch du und Vater Höhrle solltet an ihnen lernen.« »Denkst du, daß wir mit unserer Mühle den Bach hinunterfließen, wie deine Gebrüder Spilger?« »Ihr seid schon im Rollen,« sagte Mordche, »und ich will dir sagen, wo ihr hängen bleibt: Unten bei Groß und Moos. Dich sehe ich dort den Hof kehren, und Vater Höhrle hantiert mit einem Spaten ein wenig in den Gartenpfaden.« »Ich weiß, Jude, du spielst Skat und den nicht schlecht,« entgegnete der Mühlbaschel nach einer Pause des Nachdenkens, »hast du je erlebt, daß einem die Buben einen ganzen Abend treu geblieben sind? Siehe, jetzt haben Groß und Moos die Hand voller Trümpfe und spielen aus, aber paß auf, sie überfordern sich, und zuletzt machen die Nebenkarten noch ihre Stiche.« »Ich will dir deinen frommen Glauben nicht nehmen, Baschel, und für Vater Höhrle sollte es mich freuen, wenn du Recht behieltest. Übrigens nimm hier dein Geld und 211 eile nach Haus. Es könnten Leute kommen, von denen du nicht gesehen sein magst. Auch geht der Postschalter bald zu, und ein Student, der sich die Augen nach dem Briefträger blind guckt und Hunger leidet, ist eine beklagenswerte Sache.« Sebastian Stallmann zog aus seiner Hosentasche eine getrocknete Schweinsblase, die einen muffigen Talggeruch verbreitete, faltete sie umständlich auseinander und strich die wenigen Taler hinein. Mordche Rimbach, gefällig wie er war, schob die Brille auf die Stirn, griff nach der Petroleumlampe und leuchtete seinem Gast über die in der Mitte gebrochene Tür hinaus ins Freie, bis dieser die etwas ausgetretene Treppe überwunden hatte und sich auf der Straßenebene mit Sicherheit fortbewegte. »Schade,« sagte er dann zu sich selber, »daß man den Ochsen ans Wasser führen, aber nicht machen kann, daß er säuft. Was nützt alles Zureden.« »Bauer und Stier Ein Tier.« Auch der Mühlbaschel ging in leisem Selbstgespräch weiter. »Verfluchter Hebräer, daß er doch am Schenkel seines Ur-Urgroßvaters im Roten Meer ertrunken wäre. Riechen denn die Schulden wie neue Geldbeutel, daß er so genau wissen kann, wie es um meinen armen Herrn steht. Ist denn die Zeit vorüber, wo eine Mühle einer Goldgrube gleichgeschätzt war. Laßt einmal nachsehen, wie es heute um uns steht. Man braucht ja nicht auf einen Berg zu 212 steigen, wenn man Vater Höhrles Elend übersehen will. Ein sinnlos Betrunkener kann den Weg gehen ohne Gefahr, daß er abstürzt, nur immer ebener Erde herein in die Mühlstube. Etwas Licht freilich ist erwünscht,« und damit tastete er in seine Westentasche, holte ein Streichholz hervor, und weil gerade etwas Wind ging, so streckte er mit der Linken die eine Seite seines Wamses vor und schützte dahinter den Embryo einer blauen Flamme. So betrat er das Haus und holte von der Decke die alte Laterne herunter. Sie war zugestaubt, und ihr Riegel hatte sich ins Holz gefressen. Es dauerte eine Weile, bis das Türchen aufging. Da brauchte Sebastian Stallmann seine beiden Hände. Er mußte das erste Streichholz opfern. Ungern warf er es fort, und ein kräftiger Fluch begleitete die Worte: »Man kauft sich noch arm an lauter Streichhölzern.« Endlich aber war alles richtig zustande gebracht. Das Licht brannte wieder einmal in der Mühlstube, wenn auch nicht für den übelduftenden Bauernchor, der vordem hier versammelt war. Ängstliche Leere gähnte an ihrer Stelle. Jede Bank, jeder Stuhl redete nur zu deutlich hier die Sprache der Verödung. Als ob es geschneit hätte, lag eine weiße Decke über allen Gegenständen, seitdem es keine Bauernhosen mehr gab, die hier die Möbel scheuerten. Nur der Tisch mit den eingeschnittenen Namen war einigermaßen sauber. An ihm arbeitete Vater Höhrle in seinen trüben Stunden. Der Mühlbaschel überschaute mit einem einzigen Blick das ganze Hauptbuch. Es waren kaum mehr als fünf bis 213 sechs Namen zu lesen. Vater Höhrles Vernichtungswerk hatte unheimliche Fortschritte gemacht. Da war noch Peter Hintenlang von Siedelsbrunn, ein sauberer Patron. Seine Finger waren geknickt und an den Gelenken aufgetrieben. Die Leute sagten, er hätte sie sich krumm geschworen. An dem war nicht viel zu verdienen. Er brachte wenig und Schlechtes und wollte viel und Gutes mitnehmen. Der konnte das Unternehmen nicht stützen. Da war Michel Eckhard von Zotzenbach, der Mann mit dem empfindsamen Sitzfleisch, der Säcke und Pferdedecken mitnahm, weil er nicht hart sitzen konnte, und sie nicht wiederbrachte. Da war noch ein Name – nur noch halb vorhanden, denn Vater Höhrle arbeitete offenbar an seiner Vernichtung – aber noch leserlich: Kunz Streckfuß von Steinach. Der Tod hatte seinen Träger vor einigen Tagen aus dem Buche des Lebens gestrichen, und Vater Höhrle beging keine Grausamkeit, wenn er ihm an seinem Tische keinen Platz mehr gönnte. Und doch war's schade um den Mann. Sein Grundsatz war: »Es geht in einem hin.« So steckte er an alten Hofreiten die Scheunen an, wenn das Wohnhaus brannte. Was sollte man zweimal das Dorf alarmieren und Schrecken über die Leute bringen. Lag alles in Trümmern, so zahlte die Versicherungsgesellschaft, und Streckfuß, der Baumeister war, stellte Scheune und Haus nach einem gemeinsamen, gut durchdachten Plane wieder her. Er war ein Segen für die Gegend. Er verhalf 214 den Armen zu einem neuen Hause und schaffte den Werkleuten Verdienst. Deshalb schenkte ihm der Himmel die Gnade eines schönen Todes. Als er eben ein altes Schulhaus, in dem die Kinder sich die Füße erfroren, angesteckt hatte und sich bescheiden drückte, fiel er in eine Hanfdarre und versprengte sich das Netz. Viele Menschen folgten seinem Sarge. Die ganze Gegend wußte, daß er ein schwer zu ersetzendes Kleinod barg. Man trug einen heiligen Crispinus zu Grabe, der ein wenig die Versicherungsgesellschaften schröpfte und armen Leuten Häuser baute. »Die Kränk aber auch,« sagte Sebastian Stallmann, als er seinen Namen las, »der Mann ist zur Unzeit gestorben. Mochte der Herr im Himmel die Mühle in einem warmen Regen zu sich nehmen, sie war um den Feuerversicherungsanschlag gut verkauft, und es wäre für den Vater Höhrle ein Stück Geld übrig geblieben.« In diesem Augenblick fing es in dem leeren Werk, das schon seit Tagen stille stand, unheimlich zu seufzen und zu krachen an. Der Mühlbaschel fuhr erschrocken mit dem Kopfe in die Höhe und warf die Laterne herunter, die, über ihm stehend, eine magere Helle geschaffen hatte. Nun war er ganz im Dunkeln, und das Krachen und Ächzen nahm zu. »Gerechter Himmel,« dachte er, »sollte der Geist des seligen Streckfuß keine Ruhe gefunden haben, und sollte er gekommen sein, eine Unterlassungssünde gut zu machen?« Immer wilder wurde das Ächzen, Pfeifen, Schnurren; kein Zweifel, es drehte sich das Rad, und der Läufer fing 215 an, auf dem Bodenstein zu tanzen, und doch war Baschel seiner Sache sicher, daß das Wasser vom Rade abgewendet war. Hier ging etwas nicht mit rechten Dingen zu. Dem Mühlknecht war es, als ob ihn einer an den Haaren emporzöge, um ihn in den Trichter zu stürzen. Schon huste er zurück und suchte mit den Fersen die Türschwelle, als vom Wasserbau da hinten ein Lichtschimmer, der eine weiße Gestalt gespenstig umfloß, ihn an die Stelle bannte. »Der Geist des Meisters Streckfuß,« dachte Baschel. »Aber wie der Selige in der Ewigkeit sich verändert hat. Er ist kleiner geworden.« Zwischen den schnurrenden Treibriemen hindurch nahm der Geist mit Sicherheit seinen Kurs auf den Mühlknecht zu. »Wie er sich noch auskennt,« dachte dieser, »nun ist ihm wohl im Himmel und auf Erden kein Rattenwinkel mehr unbekannt.« In diesem Augenblick war Sebastian Stallmann auf ein Wiedersehen mit seinem seligen Freunde nicht sehr erpicht, und er tastete hinter sich nach der Türklinke, denn, der Erscheinung auch nur für einen Augenblick den Rücken zuzukehren, schien ihm zu gewagt. So kam denn der weiße Schrecken immer näher, und wenn der Mühlknecht noch eine Hoffnung hatte, dem Verderben zu entrinnen, so war es die, daß der Geist ihn nicht bemerken wolle und seine eigenen, nur ihm selber klaren Wege wandere. Doch dem war nicht so. Baschels Fußbekleidung, die über einen Radschuh gearbeitet schien, bildete ein zu 216 bedeutendes Verkehrshindernis. Die überirdische Erscheinung stieß sich daran und hob die Laterne: »Gott Strammbach, Baschel, bist du's?« rief das Gespenst. »Was läßt du die Mühle an und weißt doch, daß wir nichts zu mahlen haben?« »Ach, Herr Höhrle, alle guten Geister loben Gott den Herrn, mit mir treibt der Teufel seinen Schabernack. Denkt ihr, ich könnte die Stellfalle gezogen haben? Das hat einer getan, der mehr Geist ist als ich oder weniger. Kommt, laßt uns nachsehen!« So gingen denn Vater Höhrle im langen Nachthemd und Sebastian Stallmann nach dem Wasserbau. Die Laterne warf ihren zwinkernden Schein über das weiße Band hin, das in der Holzrinne schäumte, so daß es aussah wie der Atlas, der von Totenkränzen niederflattert. Baschel war an der Stellfalle und rüttelte an dem Holzgestell. Es war morsch geworden und fiel in sich zusammen. »Zum Henker,« sagte der Mühlknecht, »fürs Wasser taugt die nichts mehr; sie ist reif für die Flamme.« »So wirf sie morgen unter den Herdkessel,« sagte Höhrle, der die sinnige Anspielung seines Knechtes nicht verstand. »Indessen nimm das Grabenbeil und haue oben den Kanal auf. Es mag das Wasser diese Nacht über die Wiese laufen. So stört die Mühle wenigstens nicht unseren Schlaf.« So weit war es im Hause Höhrle bereits gekommen. Vordem wachte jeder auf, wenn die Mühle stehen blieb. Heute konnte niemand schlafen, wenn sie ging. 217     22. Kapitel Dort, wo der Eiterbach seine Wasser aus rotem Sandstein in einer Mulde hoch oben am Hardtberg sammelt, um sie der Steinach zuzuführen, liegt weltverloren Siedelsbrunn. Einst herrschte hier der Krummstab der Äbte von Lorsch, und aus » Sub sigillo Brunonis « leiten gelehrte Köpfe den Namen des Dorfes her. Wo einst die Mönche, die Hüter der kleinen Wallfahrtskirche Klingenhof, die Waldespfade in gottversunkener Betrachtung hinschritten, schreitet heute der Steinhauergeselle. Der Bruch gibt ihm Brot und leider Gottes auch mit jedem Atemzug seinen gefährlichen Steinstaub, der unter dem Meißel aufsteigt und die Lunge des Arbeiters füllt. So sterben die Männer früh. Gar manche Mutter sieht drei, vier Söhne ins Grab sinken und schickt doch den fünften in den Bruch. Was geschehen soll, geschieht. Niemand entrinnt dem harten Griff des Todes. Neben dieser fatalistischen Weltanschauung oder vielleicht durch sie bedingt, läuft nun unwiderstehlich ein Hang nach Genuß um jeden Preis. »Das Leben ist kurz, also holt von der Ernte der Freude, die draußen steht, die Garben 218 heim, sobald sie nur eben zu reifen beginnen.« So geht das Mädchen lange vor dem Evangelium zum Opfer und lebt dann einige Monate als Schenkamme in einem reichen Hause zu Frankfurt oder Mannheim in Hülle und Fülle. Der Bursche spielt Kegel, trinkt und singt so lange, bis kleine tuberkulöse Geschwüre anfangen, seine Stimmbänder zu zernagen und ihn heiser machen. Gesegnet sei die Atmosphäre von Leichtsinn, die über der Talmulde lagert und diesen Armen das Leben erträglich macht. Heute ist's ein schöner Sonntagmorgen, der erste seit langen Regentagen. »Du könntest unser Korn wenden, das der Platzregen halb in den Boden geschlagen hat,« sagt die Frau zum Mann. »Du sollst den Sabbat heiligen,« gibt der zurück und ist froh, daß ihm die Kirchengebote eine so gute Ausrede zur Verfügung stellen. Die Frau schweigt. Das ist ihm erwünscht, und er putzt ruhig an seiner Flinte weiter. Heute mittag ist Scheibenschießen. Der Wirt hat hinterm Anger eine Scheibe aufgestellt und einen Hanswurst eingegraben, der aufspringt, wenn eine Kugel ins Schwarze schlägt. Der Abend bringt Tanz und dann jene traumverlorenen Gänge zu zweien hinter den Scheunen her nach dem Walde und wieder zurück nach dem Tanzboden, bis das Übermaß des Weingenusses dies Wandern zu zweien reizlos, wenn nicht unmöglich macht. Das war's, wozu man sich rüstete, worauf man sich freute. 219 Auch von anderer Seite hatte man Vorbereitungen zum Feste getroffen. Klaus Priester in Husterloh, der Musikant, begann sich eigenhändig zu rasieren und streckte eben den eingeseiften Kopf zum Fenster hinaus, zu sehen, ob seine Genossen von Olfen her noch nicht die Kirchhohl herunterkämen. Richtig, da waren sie ja an der Treppe. Veit Streichgut, die Baßgeige auf dem Rücken, Franz Blasauf mit dem Schnitzbuckel und der hinkende Bote, Bastel Fiedele, an dessen Seite sein Sohn die große Trommel schleppte. Klaus Priester fuhr mit dem eingeseiften Kopfe zurück und arbeitete fleißig in den wüsten Stoppelfeldern seiner Backen. Ein Klumpen Seifenschaum mit Haaren untermischt fuhr zum Fenster hinaus und dem Fiedele ins Gesicht. »Nun bleibt er nicht mehr lange,« sagte der und wischte sich die Schnauze mit dem Ärmel rein. »Ich stecke nur meine Gelberübe ein,« rief es von oben, »nehmt einstweilen Platz auf den Treppenstufen.« Die Musikanten lehnten sich, ohne abzulegen, nur ein wenig an, setzten sich aber nicht fest. Sie wußten, daß ihr Chef im Nu erscheinen werde. Keine Minute, und er war schon da. Aus der Tasche sah ihm die Klarinette, und in der Rechten trug er einen Ziegenhainer mit so weitem Hirschzinken, daß man zweifelnd fragen konnte, ob er seinen Stock auch am richtigen Ende angefaßt habe. Der Meister wurde in allen Ehren empfangen und in die Mitte genommen. So ging die kleine Künstlertruppe an der Kirche vorbei, als eben der Pfarrer die Epistel sang. 220 Ach ja, da fiel ihnen ein, sie hätten als gute Christen ja auch im Hochamt sein sollen, aber sie waren ja Musikanten. Mit denen konnte es der liebe Gott nicht so genau nehmen, da mußte er ein Auge zudrücken, und sie drückten selber jeder ein Auge zu und gingen weiter. Als sie am Gasthaus ›Zum Hirschen‹ vorübergingen, sahen sie in dem niederen Fensterrahmen eine befremdliche Erscheinung. Eine weiße Pikeeweste, über die eine schwere, goldene Uhrkette gespannt war, lagerte wie ein ferner Gletscherspiegel hinter den Scheiben. Nicht, daß sie stehen geblieben wären, um die Erscheinung anzuglotzen. Nein, dazu waren die Künstler weltmännisch genug erzogen. Sie gingen nur ein wenig langsamer und ließen ihre Blicke verstohlen nach der feudalen Weste hinüberschweifen. Als sich aber das Fenster öffnete, und ein Kopf zum Vorschein kam, der auf den Schultern eines ungarischen Magnaten eine noch imponierende Erscheinung gewesen wäre, standen sie stramm wie Soldaten. Der Herr sah so vornehm aus, daß unsere Musikanten fast erschraken, als er sie anredete und sie fragte: »Wohin des Weges, ihr Herren, die ihr euer Futter von Notenblättern pickt, wie Hühner den Hafer von der Tenne?« Klaus Priester trat vor und sagte: »Mit Verlaub zu melden, Euer Gnaden, nach Siedelsbrunn zum Scheibenschießen.« »Und was hat jeder von euch morgen früh in der Tasche, vorausgesetzt, daß euch nicht die Steinbrecher den Schädel eingeschlagen haben?« 221 »Euer Gnaden kennen sicher, was Künstler wert sind, und werden sich nicht sehr verschätzt haben, wenn Sie morgen für jeden von uns zwei Gulden mehr bieten als heute.« »Das ist geringer Verdienst für Leute, die eine Nachtschicht arbeiten. Bleibt bei mir, und ich garantiere jedem drei Gulden und freie Zeche.« So lockte der Fremde. Das war ein gar zu duftiger Speck für Leute, die wie die Kirchenmäuse von magerer Kost leben müssen. »Auf eine Stunde kommt's nicht an,« so dachten sie und traten mit ihren Instrumenten ein in die Gaststube zum Hirschen. Nur Veit Streichgut, der die Baßgeige schleppte, und der Knabe mit der Trommel gedachten der sechsten Bitte des Vaterunsers. Sie hatten dem Ochsenwirt versprochen, beim Scheibenschießen Musik zu machen, und sie ließen sich nicht in Versuchung führen. So gingen die zwei Getreuen allein weiter, einer dunklen Stunde entgegen, während die anderen von dem Fremden bewirtet, im Sonnenschein weiter lebten, als ob es Groschen geschneit und Dreibatzenstücke gehagelt hätte. Im Dunste, der vom perlenden Rotwein in die Köpfe stieg, war bald das ganze Siedelsbrunner Schießen verblaßt. Klaus Priester trillerte wie eine Lerche auf seiner Klarinette, ja, er tat ein übriges und schuhplattelte nach dem Takte des Reimes: »Und der Kreuzjuckeljuckeltant Und der Musikant 222 Und die sieben Seppel Und die scheel' Grethel Und der Hanswurst Mit sei'm Durst« . . . daß die Diele krachte und die Zinnteller auf den Paneelbrettern zu klappern begannen. Bald war es im ganzen Dorfe bekannt: »Im Hirschen ist was los, da macht Klaus Priester das Kalb.« Den Männern wurde die Zeit lang, bis die Abendstunde kam, wo man mit Schicklichkeit ausgehen konnte. Mancher wartete sein Vesperbrot nicht ab und wich durch die Hintertür den vorwurfsvollen Blicken seiner Gattin aus. »Im Hirschen ist einer, der den ganzen Ort freihält. Es muß ein Fürst sein, er ist in einer Chaise angefahren.« So lief eine zweite Depesche der ersten nach und machte selbst die sonst so stillen Frauen, die am Herde standen und für Mensch und Vieh die Abendmahlzeit kochten, unruhig. Auch zu Mutter Lulay war die aufregende Neuigkeit gedrungen, im Wortlaut nur ein wenig erweitert. »Und einen Zylinder hat er auf dem Kopf.« »Einen Zylinder sagst du, ist es sicher, einen Zylinder?« rief sie, ihre Erregung nicht mehr beherrschend, und warf den Holzlöffel zu dem Pfannkuchenteig, der in dem Steingutteller über dem Herdfeuer dunstete. Mag beides miteinander verbrennen, der Mutter Lulay war es einerlei. Kein andrer als ihr Backnickel war heimgekehrt. Wer außer ihm konnte auf den drolligen Einfall kommen, in einem Zylinderhut das 223 entlegene Bergdorf aufzusuchen, um morgen mit Glacéhandschuhen bekleidet die Geiß am Strick zur Weide zu führen? An diesen Schrullen gerade erkannte sie ihn; so war er, und das hatte er von seinem Vater selig. Mutter Lulay riß ihren Luftsack vom Nagel und schlüpfte in die Ärmel. Wohl hatte sie die Vorstellung, daß er am Halse nicht recht schließe, aber sie kam doch nicht so weit zur Besinnung, daß sie merkte, sie habe das Taillenband um den Hals und den Kragen um die Taille. So erschien sie übel gemustert im Hirschen. »Wo ist er?« schrie sie und drängte sich in fliegender Eile an Klaus Priester vorbei nach dem Herrenstübchen. Der Luftsack blähte sich im Winde, die hagere Gestalt glich dem Ofenwischer eines Bäckers. Ihr war alles einerlei, sie stürmte vorwärts, bis sie endlich vor der vornehm kühlen Erscheinung des Fremden stand. Da, plötzlich war sie wie niedergedonnert. Diese kalte, gefrorene Exzellenz war doch nicht ihr Nickel. Nein, so sehr konnte er sich nicht verändert haben. Es mußte noch andere Narren geben, die den schnurrigen Einfall hatten, Zylinder zu tragen. Und doch, dies Gesicht war ihr auch nicht ganz fremd. Aus diesen Blicken redete sie etwas so bekannt an, als ob es mit ihr plaudern wolle von verstrichenen Jahrzehnten und von Menschen, die längst verweht, verschwunden sind. Nur noch einen Augenblick kramte sie in ihren Erinnerungen, dann fuhr es wenig zeremoniell wie aus einer Kanone geschossen aus ihr heraus: »Du bist der Gänseschrot von Gadern!« 224 Der Fremde reichte ihr etwas betreten die Hand und sah ihr schmunzelnd ins Gesicht. »Der Gänseschrot!« Dies packte im Nu jeden der zahlreichen Erschienenen und schüttelte wie in einem Kaleidoskop Erinnerungsbilder heraus, die vor dreißig und mehr Jahren einmal vor ihrer aller Seele gestanden hatten. Ja, ja, das war der arme Junge, der niemals Vater noch Mutter kannte und mit den Gänsen aufwuchs, die vor dem Dorfe im schlammigen Lehmboden unzählige Male die Form ihrer Füße verewigten. Einst war er fortgegangen mit einer Akrobatentruppe, nun war er wieder da. Das war's, was man wußte. Was zwischen beiden Daten lag, das hoffte man bei passender Gelegenheit von ihm selber zu hören. Die Hauptsache war, daß er nicht als ausgehungerter Schnurrer kam und daß er Geld mitgebracht hatte, viel Geld, so viel, daß er alle seine Landsleute mit Rotwein traktieren konnte. Diese ließen sich vor den vollen Gläsern nicht übermäßig nötigen, und bald herrschte in jedem Winkel des Hauses ein Treiben, wie man es noch nicht gesehen hatte. Leute, die draußen vorübergingen, horchten, blieben stehen und versuchten hereinzudringen. Es war nicht möglich. So ergriff man das erste beste von irgend einer Seite dargereichte Glas, schüttete seinen Inhalt herunter und geduldete sich, bis Fortuna auf ihrem Rundgange abermals mit dem roten Füllhorn erschien. So voll auch Gänge und Zimmer gepfropft waren, zwei, die jetzt kamen, fanden doch noch Platz, obwohl sie weit mehr den Insassen eines Pfründnerhauses glichen 225 als Festgästen. Der eine hatte sein Taschentuch über das rechte Auge gebunden und wischte nun notgedrungen mit dem linken Rockärmel von Zeit zu Zeit etwas Blut aus dem Gesicht, das von der Nase niederrann. Der andere schien am Stern seines Schiffes Havarie erlitten zu haben, denn er steuerte sein Fahrzeug so, daß man immer nur den Bugspriet sah und etwas von der Backbordseite, während die Rückseite, an der Wand hinrutschend, ein Trockendock zu suchen schien. So kamen denn die beiden nicht in bester Laune bei Klaus Priester an. »Lump, miserabler,« schrie Veit Streichgut den feisten Falstaff an, »warum hast du uns sitzen lassen?« »Ihr brauchtet euch ja nur zu stellen, so war dem Übel abgeholfen.« »Haben wir getan, da warf mich einer von den groben Steinschlegeln in meine Baßgeige hinein, daß ich drin hängen blieb, wie der Stiel im Hammer. Dann griffen vier Kerle nach dem Geigenhals, und so schleuderten sie mich wie auf einem Karussell im Saale herum, bis die Baßgeig' durchgerutscht war und meine Hose dazu. Ich bin durchgerissen wie ein Schurzfell aus Schafleder.« »Steck' einige Steine in die Hintertaschen deines Rockes, und jedermann hält dich für ganz. Sieh, blutiger Streichgut, so flickt der Musikant seine Beinkleider,« tröstete Klaus Priester. »Du brauchst noch zu witzeln, fettiger Sauschnüffel. Da guck den Jungen an. Erst ging's noch, als er bloß zu trommeln brauchte, wenn der Hanswurst aufsprang. 226 Wie aber der Abend kam, und wir zwei zum Tanz aufspielen sollten, da wurden die Lümmel grob. Sie trieben dem armen Bengel die Trommel in den Kopf, daß er im Saale wie ein blindes Hinkel herumhüpfte und die Tür suchte.« An dieser Stelle seines Vortrags hielt Veit Streichgut inne, um den Trommlerjungen vorzustellen, der immer noch mit dem Ärmel das Blut aus dem Gesicht wischte und aussah wie ein Bauernhandtuch am Tage des großen Schweineschlachtens. »Fang an zu sammeln!« schrie Klaus Priester. »Die Beschreibung haben wir ja, das Bild wollen wir dir schenken.« Er drückte den Veit Streichgut auf einen Stuhl nieder und hielt ihm ein volles Glas Rotwein unter die Nase. Welches Musikantenherz vermöchte solcher Lockung zu widerstehen? Bald retouchierte der Geist des Weines das tragische Ereignis des Unglückstages so sehr, daß es fast wie eine lustige Episode erschien, und Veit Streichgut fing an zu singen, und die Menge half ihm: »Holt der Teufel auch die Welt, Lustigsein ist Trumpf; Und so lang der Stiefel hält, Braucht man keinen Strumpf.« So endete die Heimkehr des verlorenen Sohnes Michel Schrot mit einem ausgelassenen Freudenfeste in den Morgenstunden eines blauen Montags, und niemand ahnte noch, wie viele Tränen das Erscheinen dieses Glückspilzes die Gegend kosten würde. 227   23. Kapitel. Gegen die Mittagsstunde des folgenden Tages saß Klaus Priester auf seiner Pritsche und nähte ohne sonderliche Begeisterung an einem Paar blauer Leinenhosen. Ach Gott, die Kunst allein ernährte ihn eben nicht, und von dem Geld, das die Klarinette verdiente, konnte ein Mann mit so gediegenem Durst, wie der des Klaus Priester war, keine Katze ernähren. Was das nur heute bei ihm war? Die Fersen wollten nicht unter den Schenkeln liegen bleiben, und die Nadel machte allerlei kleine Ausflüge rechts und links vom geraden Weg ab, willkürlich ins Zeug hinein. Da konnte nichts Gutes dabei herauskommen. Plötzlich warf der Schneider die Hosen in die Ecke, die Scheere hinterdrein und sprang vom Tisch herunter. »Marianne,« rief er seiner Frau zu, die vorm Ofen stand und den Kaffee röstete, »wer von jetzt ab keine Hosen mit auf die Welt bringt, der kann mit nackten Beinen herumlaufen. Ich mache keine mehr.« Die Frau sah seufzend von den sich bräunenden Bohnen auf, wagte aber nichts zu sagen, denn Klaus Priester 228 führte in seinem Hause ein despotisches Regiment. Auf den Boulevards des Seine-Babels hatte er in seinen Wanderjahren den Monsieur Chevalier Tailleur gespielt, und etwas von dem gehobenen Herrschergefühl eines Pariser Nadelfürsten war in ihm stecken geblieben, als er wieder heimkehrte in sein enges Bauerndorf. Sein » Laissez-moi tranquille! « schmetterte Frau und Kinder in die dunkelsten Ecken des kleinen Häuschens und sein » Fermez la porte! « setzte fünf Paar Füße in zappelnde Bewegung. » Cherchez mon chapeau! « kommandierte er, während er sich das Vorhemd um den Hals band, und Marianne eilte nach dem Kleiderkasten. Den Hut verwegen aufs rechte Ohr geworfen, den Überzieher tadellos gestrichen, den Stock zwischen den spielenden Fingern, so verließ Klaus Priester sein Haus in wiegender Gangart, als ob er sich zu den Königen im Exil begeben wollte, ins Café Maxim. Die letzte Nacht hatte den Glacéhandschuh seiner Existenz umgekrempelt. Die glatte Seite war wieder nach außen gekommen. Zum Lord hatte ihm nie mehr gefehlt als eben das lumpige Geld. Das hatte er nun, seitdem er den Schrot gefunden. Wer will es ihm verdenken, wenn sein Auge heute über jedem, der ihm begegnete, wie über einem verkommenen Banausen verächtlich blitzte? Da stand Herr Schütteldich unter seiner Ladentür. Sah der Mensch nicht aus, als ob er in einer Heringshaut steckte? So ölig, so gelblich schimmernd. Nein, er war für Klaus Priester kein Umgang mehr. Zwar schuldete der Gevatter Tailleur ihm etwas Geld für gelieferte Kolonialwaren, 229 auch war es möglich, daß Mariannens Kleid noch nicht bezahlt war. Aber das sind doch keine Gründe, den Menschen zu grüßen. »Man wird ihm einen Wechsel schicken, zu diskontieren bei der Bank von Frankreich. Bei meiner Seele, das wird man, und der Mensch wird kaum wissen, wie man das Ding zu behandeln hat.« Klaus Priester ging erhobenen Hauptes vorüber und grüßte nicht. »Pst, Pst,« zischte Schütteldich zwischen den Zähnen durch. Das überhörte man. Man konnte sich in seinen Ideenassoziationen nicht stören lassen, denn man entwarf soeben den Plan zu einer Villa in Boulogne sur Seine. Alles sehr nett, alles sehr vornehm, nur war die Marianne schlecht darin unterzubringen. In keiner Ecke wollte sie eine gute Figur machen. Sie nahm sich ungeschickt aus, wie ein Futtertrog in einem Salon. Verdammt, da hatte Klaus Priester einen Fehler gemacht. Er mußte Husterloh das Verdienst lassen, ihn geboren zu haben. Das mußte dem Neste genügen, ihn weiterhin festzuhalten, das war ein Verbrechen. Nun, er war ja schon einmal von hier fort und in Paris gewesen. Man wird Frau und Kinder reichlich alimentieren. Es pfiff im Bois de Boulogne mehr wie ein Vogel, der sein Nest in der Provinz hatte. Unter derart hochsinnigen Gedanken kam unser Mann in den Hirschen und auf das Zimmer des Gänseschrot. Der lag in einem gestickten Nachthemd im Bett und rauchte an einer Zigarre, so lang fast, wie eine Siegellackstange. 230 »Servus!« grüßte Klaus Priester und hob mit Grandezza den Pariser Zylinder von seinem Schädel. »Ah, mein zukünftiger Kassenrendant,« war die Antwort auf seinen Gruß, »nehmen Euer Gnaden Platz!« Und eine unvergleichliche Bewegung, ausgeführt von einer reichlich vergoldeten Hand, nötigte den Eintretenden in die Ecke eines verschossenen Plüschsofas. »Bei guter Laune heute und geneigt, deinen Verdauungsapparat in den Dienst meines Geldbeutels zu stellen?« forschte Schrot. »Deines und jedes anderen, so wahr mein Magen an einer Musikantenkehle hängt,« war die bescheidene Antwort. Da erhob sich Schrot und schlüpfte in die Ärmel eines seidenen Schlafrockes, aus dessen Seitentasche er ein Portefeuille, gefüllt mit Banknoten hervorzog. Er warf es mit einer Miene, als ob einer eine Zigarre verschenkt, auf die Schenkel des Klaus Priester. »Da nimm,« sagte er, »bestreite heute und in den folgenden Tagen unsere Ausgaben und laß mich nicht sehen, daß die Deinen hungern. Was lustige Wochen an meinem Vermögen herunterbeißen, läßt eine glückliche Nacht wieder daranwachsen.« »Einverstanden,« lachte Klaus Priester, »wer wie du das Ölkrüglein der Witwe von Sarepta besitzt, kann seinen eigenen Salat und den der anderen gut anmachen und kann auch noch einen Wagen schmieren, den ich zu einer Promenadenfahrt bestellen werde.« Nach diesem Zwiegespräch unter vier Augen begann 231 in dem Kirchdorf Husterloh eine Reihe von Tagen, die, nach der Häufung der Lebensgenüsse gerechnet, ein Menschenleben vorstellen könnten, die aber am Kalender säuberlich heruntergezählt kaum mehr als anderthalb Jahre ausmachten. Im Weltschirm war ein ewiges Hochzeitstreiben. Gäste kamen und gingen, keiner griff mehr nach seinem Geldbeutel. Die Schiefertafel hinter der Einschenk nahm einige kabbalistische Zeichen auf, die wieder verschwanden, wenn Klaus Priester in Zahlerlaune war. Der Metzger ging nach Fettvieh über Land, der Jäger nach Wild in den Forst, und Dirnen und Spielleute hatten's gut. Die Hand des musizierenden Schneidermeisters war die segnende Hand eines Priesters auch ohne das Sakrament der Priesterweihe. Der Arme, der sein Holz nicht zahlen konnte, wandte sich bittend an den Kirmeßmusikanten. Jedes Rechnen schien überflüssig, es gab nur noch ein großes Nehmen, von dem alle Welt profitierte, ausgenommen Frau Priester. Der Mann, der das Schrotsche Geld zum Fenster hinauswarf, verwendete nichts zu seinem eigenen Vorteil, und hätte Marianne es nicht verstanden, nächtlicherweile die Hosentaschen ihres Eheherrn zu brandschatzen, sie wäre die einzige gewesen, die, mitten im goldenen Regen stehend, Durst litt. Zuweilen verschwanden die beiden Freunde für einige Tage. »Sie sind auf Reisen,« sagte der Gasthalter zum Weltschirm. Sie waren an der Spielbank. Schrots melusinische Quellen flossen zuweilen spärlicher. Man mußte nachgraben, um neues Wasser zu finden. 232 Kaum war es in der Gegend bekannt geworden, woher die Reichtümer des ehemaligen Gänsehirten stammten, so bemächtigte sich aller der unselige Taumel einer krankhaften Spielwut. »Hab' ich nicht in der Schule zwei über ihm gesessen, warum sollte mir nicht gelingen, was ihm gelang?« sagten sich Hinz und Kunz. Wer ein vierblättrig Kleeblatt fand oder von Läusen träumte, war sicher, daß ihm das Glück eine Überraschung aufgespart habe. Peter Krummholz bekannte sich in der Beichte zu einem halbausgewachsenen Meineid. Der Priester legte ihm als Buße auf: Sieben Vaterunser und neun Gegrüßet seist Du, Maria. Als die gebetet waren, zog Ruhe ein in sein Gemüt von wegen des Meineides, aber sehr große Zweifel erwachten, wie die Zahlen sieben und neun an der Spielbank nutzbringend zu verwenden seien. Je nachdem man sie stellte, machten sie ein anderes Gesicht, und nur Gott und die Kartenschlägerin konnten wissen, welches das richtige war. Die weissagende Sibylle am Ende des Dorfes war eine von den wenigen, die neben dem Roulette einen bleibenden Vorteil zogen. In ihrem Hause verkehrten, sobald die Nacht ihren Schatten über die Wiesenpfade warf, die hervorragendsten Menschen von Husterloh. Jedem wußte sie einen Rat, der seine Hoffnung weckte und seinen Wagemut stärkte. »Stecke das Strumpfband von Käthchen Dingeldein in die Westentasche, die hat Drillinge geboren, ohne einen Mann zu haben, so was bringt Glück,« sagte sie dem einen. Dem anderen gab sie den Rat, sich vom Förster Brausewetter 233 die Stiefel zu leihen, weil der den Dusel hatte, einen Hasen totzutreten, als er glaubte, über einen Kartoffelsack gestolpert zu sein. Auch Vater Höhrle in seiner Not war eines Abends, als kein Sternlein leuchtete und die Dunkelheit wie ein schwarzes Bahrtuch vom Himmel niederhing, zum einsamen Hause der Kartenschlägerin geschlichen. Unstät und unsicher wanderte er auf den Zehenspitzen ums verlassene Haus, streckte sich am Fenster so hoch, daß seine Augen über den Rahmenschenkel reichten, und musterte nun durch die von der Tranlampe erhellte Scheibe das Innere des Zimmers. Da saß das Gerippe der grämlichen Alten über einen Zinnteller gebeugt, der verkehrt auf dem Tische lag, und zählte Erbsen. Das war widersinnig, aber es war etwas anderes, als was andere Leute taten, und das schon machte Eindruck auf Vater Höhrle und erhöhte seinen Glauben an ihre Wissenschaft. Kein Zweifel, sie war allein. Die Lampe durchleuchtete das Zimmer bis in jeden Winkel hinein, ja noch bis unter die Bettlade, denn man sah da einen kleinen Korb stehen, aus dem der dicke Kopf eines weißen Katers schlaftrunken hervorlugte. Daß er die vielbegehrte Frau glücklicherweise allein fand, das war nach dem Geschmack des Vater Höhrle. Mein Gott, er galt seither als aufgeklärt. Zwar hatte er in den Drangsalen der letzten Jahre schon manches an Ansehen verloren; er hätte ja auch den Ruhm, ein gebildeter Mann zu sein, entbehren können, aber ungern hätte er es doch gesehen, wenn man ihn mit der 234 urteilslosen Menge auf einen Haufen warf. Er war der Vater eines angehenden Arztes, dessen Beruf nur mit den Realitäten des Lebens rechnen durfte, und es wäre ihm unangenehm gewesen, wenn die Leute von ihm öffentlich gesagt hätten, er glaube an die Albernheit der Wahrsagerei. Und doch brauchte er einen Blick in die Zukunft jetzt mehr denn je. Deshalb nahm er nach zweifelndem Schwanken einen Anlauf und schritt über die Schwelle der Kartenschlägerin. Die Alte, als sie merkte, daß Kundschaft kam, erhob sich und zog mit einem lauten Ratsch den Vorhang des Fensters zu. Der Kater kroch aus seinem Korbe, machte ein paarmal einen Buckel, als ob er die Absicht hätte, die Bettstelle zu verrücken, und kam dann schnurrend näher, um sein juckendes Fell an Vater Höhrles Schenkeln zu reiben. Derweilen hatte das graue Mütterlein ihre Hornbrille geputzt und auf die Nase gesetzt. »Ihr seid's, Vater Höhrle,« rief sie aus, »die alte Hexe weiß die Ehre eures Besuches zu schätzen, obwohl ihr bekannt ist, daß die Nacht euch den Gefallen tun muß, eure Schamröte zu verdecken. Es gibt Narren, die mich verehren, und Toren, die mich fürchten. Ihr aber sollt mich achten lernen. Mich rührt euer Los, weil es das Los der breiten Masse ist in unserer unseligen Zeit. Gebt mir ohne Scheu eure Hand; wenn ich euch nützen kann, so soll's geschehn.« Der Mann gehorchte willenlos wie ein Kind, und er duldete sogar den greulichen Kater, der ihm aufs Knie 235 gesprungen war und ihm ab und zu die buschige Rute unter der Nase herzog. Die Kartenlegerin schaute bei der roten Glut der Ölfunzel lange und nachdenklich in die Hand ihres Klienten, bis ein Anflug von Trauer diese alten vom Schicksal gemeißelten Züge etwas milderte, ihnen das gespenstisch Unheimliche nahm und Menschlichkeit in sie hineinzauberte. »Bedauernswerter Mann,« sprach sie nach langem Nachdenken, »was hier geschrieben steht, kann euch zu wissen nicht frommen. Will das Unglück zu uns kommen, so mag es unhöflich eintreten und vorher nicht klopfen. So schreckt uns doch nur seine Gegenwart und nicht auch die Furcht vor seinem Kommen. Ihr seid mir fürs Schweigen nichts schuldig, und wenn ich euch jetzt einen Rat gebe, den ich nicht aus den Linien eurer Hand geholt habe, so ist der damit bezahlt, daß ihr beim Weggehen die Türe rasch hinter euch schließt, damit der Strolch von Kater nicht entweicht und spät nach Hause kommend meinen Schlummer stört.« Die Alte räusperte sich und fuhr fort: »Ihr kennt den Zug der Pilger, der so um Peter und Paul herum von Steinach kommt und nach Walldürn geht. Hans Rubenschuh, der Besenbinder, trägt den Herrgott voraus. Wenn die Prozession mit Gesang durch Husterloh zieht, und ihr hört im Chor die Rumpelbäuerin von Löhrbach krähen, dann kann euch geholfen werden, dann schließt euch an. Manch einer schon, der sich nach einem Pfennig bückte, fand einen Groschen. So, nun geht und gebt mir auf den Kater acht, denn wenn der Unhold das 236 Freie erreicht, dann gnade Gott aller Katzenjungfernschaft weit und breit.« Vater Höhrle ging, hob an der Türe mit dem Fuße den Kater hoch und warf ihn in die Stube hinein. Er maunzte, fiel aber, wie Katzen immer tun, auf die weichen Sammetpfoten. Als der diebische Schleicher einsah, daß sein Versuch, zu entkommen, mißlungen war, brach er in ein klägliches Heulen aus, das die Stube füllte und weithin noch in die Nacht hinausdrang. 237   24. Kapitel Es war eines Morgens in der Frühe. Die liebe Sonne drückte auf den Nebel, so daß er sich duckte wie ein Hund und sich am Bache hinschlich wie ein Dieb, als das Tal herauf ein vielstimmiger Chor erklang: »In Gottes Namen fahren wir.« Vater Höhrle öffnete das Fenster und lauschte nach der Straße hinüber. Ei, da hörte man eine hohe selbstgefällige Stimme, die der Melodie allerlei Schnörkel andichtete und über der Komposition schwebte, wie der Geist Gottes über den Gewässern. Das muß sie sein, dachte der Müller, hing den Riemen seines Ranzens über die Schulter, steckte den Rosenkranz in die Tasche und trat vor die Tür. Eben kam Hans Rubenschuh mit dem Herrgott um die Ecke und hinter ihm ein Haufen Männlein und Weiblein mit verstaubten Schuhen und überhitzten Gesichtern, die von Schweiß und frommem Eifer glänzten. Höhrle schloß sich dem Zuge an, als eben der Gesang aufhörte, und ein Vorbeter einen Rosenkranz herunterzuleiern begann. »Und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus,« floß es in monotonem Rhythmus von hundert Lippen herunter und wiederholte sich 238 mit kräftiger Betonung, sobald man an einem der Muttergottesbilder vorüber kam, die in Nischen vor den Häusern standen. Es war, als ob man dem Holz die Fähigkeit zutraute, all die Bitten der Mühseligen und Beladenen weitergeben zu können, zu einem, der sie erfüllen kann. Als man das Dorf im Rücken hatte, war man der Verpflichtung enthoben, ein gutes Beispiel geben zu müssen. Gesang und Beten hörten auf. Einige setzten sich an den Straßenrand und zogen ihre Schuhe aus. Ein Paar Sohlen konnte der Bittgang ohnedies kosten, aber wenn der Schuster seinen Kredit beim Gerber erschöpft hatte und schlechtes Leder bekam, dann war es fraglich, ob die Sohle überhaupt ausreichte. Also fürsorglich sparen. Hans Rubenschuh machte sich die Sache gleichfalls etwas bequemer. Er hielt das Kreuzbild nicht mehr aufrecht, sondern warf es, wie man eine Flinte trägt, leichthin über die Schulter. Bei diesem Geschäft trieb er dem Hansebauer von Siedelsbrnun, der hinter ihm ging, den Hut ein. Der wurde verdrießlich und sagte: »Paß auf, du Scheeler, Holz ist Holz, auch wenn ein Herrgott daraus geschnitzt ist. Wie leicht ist es geschehen, und du schlägst einem deiner Mitmenschen den Schädel ein.« Rubenschuh sah über die Achsel, zog den Mund etwas krumm und marschierte weiter. Man war an einer Zündholzfabrik vorübergekommen, dann an einer Mühle. Jetzt wurde das Tal weiter, und im Vorblick lag lang hingestreckt das Dorf Affolterbach. Seine Herrscher waren vordem die Kurfürsten von der Pfalz gewesen, und seine Bewohner waren mit Friedrich 239 dem Bösen zum Protestantismus übergegangen. Seitdem hatten sich die Gesichter dieser Leute geändert. Das bequeme Gottvertrauen war daraus verschwunden, und mutige Energie hatte sich breit hineingelagert, aber auch der heitere Wille, von des Lebens Freuden an sich zu reißen, was möglich wäre. Auch die Tracht hatte den äußeren Menschen der inneren Stimmung angepaßt. Der Wetterverteiler auf den viereckigen Bauernschädeln hatte dem runden Filzhut den Platz geräumt. Die Frauen fingen mit Umhängen an, sich modisch zu kleiden. Diese kleinen Leute von Affolterbach fühlten sich als Kulturträger inmitten all der Orte, die unter dem Mainzer Krummstab die Reformation katholisch überdauert hatten. Sie waren etwas hochnäsig und geneigt zu witzeln. Nun kam ein großer Haufe derer, für die ihr gehobenes Selbstgefühl manch scharfes Wort schon geprägt hatte. Sollten sie sich diese Gelegenheit zum Spotten entgehen lassen, dachten die Waller, und sammelten sich am Eingang des Dorfes um den Rubenschuh und seinen Herrgott zu entschlossenem Widerstand. Die Vordersten hatten halt gemacht, und die Nachhut engbrüstiger Weiber und gichtbrüchiger Männer floß in den Haufen herein. So, nun waren sie alle zusammen und hatten Mut; nun sollte einer wagen, ihnen etwas in den Weg zu legen. Einige Hunde, dickköpfige Inkarnationen fanatischen Religionshasses, waren in der Tat mit Gekläffe angerückt. Man hatte ihnen die Absätze mit den krantigen Schuhnägeln 240 gezeigt. Nun waren sie durch die Gartenzäune gekrochen und bellten hinter deren sicherem Schutze. Dagegen war nichts zu machen. Ihr Toben konnte man nur überschreien und zwar mit einem Muttergotteslied, das diesen protestantischen Biestern und ihren Herren ein rechter Greuel sein mußte. Also sang man mutig in die Lüfte hinein: »Maria zu lieben, ist allzeit mein Sinn,« und über dem Stimmengewoge erklangen die Triller der Rumpelbäuerin, der herzhaftesten von allen, die par coeur sang, wie eine Wachtel im Spinat. Die Leute von Affolterbach, diese aufgeblasenen Leute, liefen an die Fenster. Kinder drängten sich auf den hohen Treppen. Man sah neugierige, spöttische, lächelnde Gesichter, aber sonst geschah nichts. Man hatte sich zur Ehre Gottes und zum Ärger des Nächsten durch diese Ketzergemeinde sehr geordnet, sehr imponierend hindurchgesungen. Nun konnte man sich wieder gehen lassen. Die paar Köter, die, den Grimm des geärgerten Dorfes vorstellend, noch immer schimpfend, aber in klug herausgerechneter Distanz dem Zuge folgten, ignorierte man. Man kam durch einen Wald. Der Schatten der Bäume legte sich über die erhitzten Stirnen und beruhigte allmählich auch jene sensiblen Naturen, die Herzklopfen bekommen hatten, weil sie einen Protestanten anzugucken gezwungen waren. So zog denn wieder Gottesfrieden mit dieser Herde, und in diesem Augenblick hätte vielleicht auch der mit dem Schwarme ziehen können, der einst mit der Samariterin am Jakobsbrunnen über 241 die Arten der Gottesverehrung so verständig gesprochen hatte. Man war nun an eine Stelle des Waldes gekommen, wo vergilbtes Papier umherlag, zerbröckelte Eierschalen und hie und da die Scherben einer zerbrochenen Flasche. Schon achtundzwanzig Jahre führte Rubenschuh die Prozession nach Walldürn, achtundzwanzigmal schon hatte er an dieser Stelle gerastet, und er stellte auch heute den Herrgott an den borkigen Stamm einer alten Tanne, die der Wind krumm gedrückt hatte. Dann warf er den breiten Lederriemen seines Ranzens über den Kopf und sich selber zwischen die einladenden Früchte der Heidelbeersträucher. Alle Welt folgte willig seinem Beispiel. Bald hörte man die Stopfer schnalzen, die den Mokkasaft der Flaschen hüteten. Messerstiele hämmerten auf Eierschalen. Würste wurden ausgepackt und mit den Därmen, denen sie Form und Gestalt verdankten, sparsam verzehrt. Gaumen und Zunge feierten ein Freudenfest. Wer seinen Hunger gestillt hatte, suchte rund um sich herum in den Heidelbeersträuchern einen billigen Nachtisch. Man mußte doch die Beine noch ein bißchen ruhen lassen. Sie waren am ganzen Körper das am wenigsten sündhafte Glied, und doch mußten sie alle anderen hinaus zum Gnadenorte schleppen. Es war so mollig, sie im weichen Moos liegen zu sehen und den lieben Nächsten ein wenig zu hänseln. Bruder Joachim kitzelte die Greth vom Stallenkandel, daß diese lachen mußte, und alle anderen lachten mit. Der Röse Ricke wollte ein launiger Geselle einen Maikäfer ins 242 Genick setzen. Sie floh vor dem zappelnden Ungetüme und lehnte sich so an den Stamm einer Birke, daß sie das ganze bunte Zigeunerlager vor Augen hatte. Nun würde irgend eine bedeutende Bemerkung als Honigseim über ihre Lippen fließen, das fühlte jeder, und sie kam auch. »Seht da,« rief sie verwundert, »da sitzt Vater Höhrle neben der Rumpelbäuerin. Haben die zwei nun die Tauben zusammengetragen oder haben sie selber den Tierchen ein wenig nachgeholfen? Einerlei, die zwei gäben wohl ein schönes Paar.« Die Rumpelbäuerin ging auf Röse Rickens Anspielung ein, sie schlug den Arm um Vater Höhrle und sagte: »So könnten wir wohl zum Photographen gehen.« »Auch aufs Standesamt,« rief man lachend von allen Seiten. »Ihr habt beide schon in den sauern Apfel der Ehe gebissen, euch werden die Zähne nicht mehr stumpf, also Glück auf!« Oft schon hat einer für ein ganzes Volk gedacht; sobald aber viele für einen denken, so geschieht dies weder sehr tief noch nachhaltig. So war auch Vater Höhrles Angelegenheit bereits vergessen, bevor sich die Waller zur Fortsetzung der Fahrt wieder in Marsch gesetzt hatten. Er selber freilich wälzte den Gedanken unruhig bei sich hin und her. Dies Weib mit seinem sinnlich groben Unterkiefer und den hochgezogenen Hüften, flößte ihm wenig Verehrung ein. Auch der schwere Tritt, zu dem man sich unwillkürlich das Klirren von Reitersporen hinzudenken mußte, sprach von impulsiver Energie, unter 243 welcher der gebeugte Rücken Höhrles sich noch tiefer neigen mußte. Von der Sorte hatte er schon mehr als zuviel gehabt, aber sie brachte Geld ins Haus. Geld, das ausreichend war, die Familie auf der Mühle zu erhalten und vor allen Dingen dem Sohne die Möglichkeit zu bieten, seine Studien zu vollenden. Was war daran gelegen, ob Vater Höhrle den Rest seines Lebens mehr oder minder geknickt über die Scholle wanderte, wenn nur die Scholle, das teuere Vermächtnis seiner Ahnen, seinen Kindern erhalten blieb. So suchte sich der verspätete Freier an den Gedanken zu gewöhnen, daß er mit der robusten Frau zum Traualtar schreiten könne, wenn er sich auch eingestehen mochte, daß er neben ihr eine fast klägliche Figur machen müsse. Die Rumpelbäuerin ihrerseits schritt derweilen, wieder losgelöst von ihrem Verehrer, zwischen einer Anzahl junger Männer ins Wiesental des Dorfes Olfen hinab, und wer die Klangfarbe des Lachens zu deuten verstand, das zuweilen aus dieser Gruppe herüberschallte, der wußte, daß sich ihr Gespräch um andere freudenreiche Geheimnisse drehte, als die des heiligen Rosenkranzes waren. Es wurde Abend. Die Sonne sah mit halbverdecktem Gesicht über den Berg herüber und warf glühende Pfeile auf einen Taubenflug, der liebesmatt auf dem Strohdach eines Hauses lag. Feine, flimmernde Kragen, die aus Perlmutter gearbeitet schienen, lagen den Tieren um die Hälse und warfen in gebrochen zwinkernden Lichtern alle Farben des Regenbogens in die Abendstimmung des Tales 244 hinaus. Die Schar der Waller ging achtlos an dieser Goldschmiedearbeit des Schöpfers vorüber, aber Adam Gutenrath, der Glaser, der oft beim Lampenlicht in den Diamant geguckt hatte, mit dem er sein Glas schnitt, hob den Kopf und riß die Augen auf. »Starenhälse,« rief er, »Starenhälse,« und sprang voll Eifer ins Haus. »Da haben wir's,« sagte der Kreuzträger Rubenschuh, »bis der Narr seinen Handel abgeschlossen hat, wird's eine halbe Stunde dauern. Zwei Zughunde könnte man mitführen und einen Geflügelkäfig statt Fahnen und Kruzifix, wenn jeder dem Federvieh nachlaufen wollte, wie der da,« und er stieß ärgerlich das Kreuz auf den Boden. In der Tat, schon drohte die Nacht, und man hatte noch eine Stunde zu gehen. Es gab fromme Leute, denen das recht war. Das Dunkel stellte die Marschordnung auf den Kopf. Was alt und gebrechlich war, kam voraus, die Jugend geriet seltsamerweise in die Nachhut und suchte paarweisen Anschluß. In zwei Tagen war man in Walldürn; was verschlug es da dem Beichtvater, ob er mit dem Striegel der Generalbeichte eine Sünde mehr oder weniger herunterkratzte, nachdem die Nacht, die große Kupplerin, eine so unvergleichliche Gelegenheit geschaffen hatte. Der Mond ging auf und war vielen, nicht allen willkommen. Obwohl er noch tief am Firmamente stand, fielen doch seine Strahlen so, daß der Waldweg, den man jetzt emporstieg, gut beleuchtet und nur an wenig Stellen von Schatten überlagert war. Müde, schleppende Schritte 245 brachten die Waller endlich aus dem Walde auf einen bebauten Bergrücken, dessen Scheitel von einem seltsamen Dreifuß gekrönt war. Das Mondlicht rann an drei gespenstischen Säulen nieder, deren Kapitäle durch Querbalken verbunden waren. Im ersten Moment erweckte das seltsame Bauwerk die wehmütigen Gefühle, die uns beim Anblick alter Tempelreste zitternd durch die Seele ziehen, bis Hans Rubenschuh erklärend ausrief: »Das ist der Galgen!« und nun die Geschichte erzählte, die er schon siebenundzwanzigmal bei der gleichen Gelegenheit erzählt hatte: »Als noch die Grafen von Erbach ihre eigenen Zentgerichte hatten, damals war mein Großvater Scharfrichter. Gar manchem hat er bei gutem und schlechtem Wetter hier an dem Querbalken in die Höhe geholfen, damit er sich die Gegend noch einmal gründlich betrachten und dann Abschied nehmen könne. So schritt er auch eines Tages neben dem Kaspar Sachs von Kirchbrombach nach dem Hochgericht, denn Kaspar Sachs hatte im gräflichen Revier einen Hirsch geschossen, sah sein Unrecht ein und ging, die Pfeife im Munde, der Ewigkeit gelassenen Schrittes entgegen. »Lieber Henker,« sagte er unterwegs, »die Pfeife ist unter Brüdern einen Gulden wert und zur Stunde frisch gestopft. Sie soll nach meinem Tode dein Eigen sein, wenn du mir einen kleinen Gefallen tun willst. Sieh' her, ich habe einen Kropf, wie alle Kirchbrombacher. Nun bin ich da unter der garstigen Kohlrübe ein wenig kitzlich, sei drum so gut und lege deine hänferne Halsbinde getrost über des Kropfes größte Wölbung. Die Pfeife wird noch 246 brennen, wenn ich ausgeschnauft habe, 's ist guter Tabak drin, und du kannst sie ruhig weiterrauchen, ohne Feuer zu schlagen.« Meinem Großvater gefiel der Handel, und er tat, wie verabredet. Einen Augenblick baumelte Kaspar Sachs, dann rutschte die Schlinge ihm übers Gesicht, drückte ihm die Nase ein wenig platt, und nach dieser Unbequemlichkeit stand der Gehängte mit beiden Stiefeln wieder auf dem Rasen unter dem Galgen. »Wer einen Hirsch schießt,« sagte der Zentrichter, »der soll gehängt werden, so verlangt es das Gesetz.« »Gehängt ist Kaspar Sachs, also haben wir mit der Sache nichts mehr zu tun.« Der Wilddieb bückte sich nach seiner Pfeife. Richtig, sie brannte noch, und nun lief er mit großen Schritten quer übers Feld nach Kirchbrombach zu. Mein Großvater stand grün vor Ärger auf der Leiter und rief dem Davoneilenden nach: »Halunke, ein andermal mach ich den Strick dir unter die Rübe.« Einige hatte die Furcht um den Erzähler geschart, andere der prickelnde Schauer, den der unheimliche Ort ausdunstete, und so war die Prozession wieder vollzählig beisammen, bevor man Beerfelden erreichte. In der Herberge zum Lamm hatte man die Diele des Tanzsaales mit Stroh belegt, und nach einem kurzen Abendbrot lag die fromme Herde, jedes Lamm seinen Reisesack unterm Ohre, in geräuschvollem Schlummer. Während 247 der Nacht ereignete sich nichts. Nur war die Rumpelbäuerin, der man als einer Respektsperson ein Lager auf der schmalen Wirtstafel bereitet hatte, heruntergefallen und hatte dem Franz Hartnagel von Vökelsbach das Nasenbein eingedrückt. Die Sonne des nächsten Morgens fand eine geschwollene, blauschillernde Nase, sonst aber alles bei guter Laune, und mit schallendem Lied und wehenden Fahnen zogen die Waller über den Krähberg nach Schöllenbach hinunter. Von dort gleich hinter der kleinen Kirche, vor der ein breiter Bach mit einem Male aus der Erde bricht, beginnt ein mühsamer Aufstieg. Zwischen Hainbuchen und Haselnußstauden, die sich mit langen dünnen Fingern an dem steinigen Boden festhalten, steigt ein Pfad hinauf, fast senkrecht, als ob er nach dem Monde wolle. Die Waller beantworteten diese Zumutung mit hörbarem Schnaufen, Ächzen, Stöhnen und zuweilen mit dem Stoßseufzer »o, Jesu!« Hans Rubenschuh, der den Herrgott trug, war an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit angekommen und bat seinen Nachbar, ihm den Allmächtigen abnehmen zu wollen. Der weigerte sich entschieden, und auch ein anderer lehnte die Ehre ab. Da fing Rubenschuh an gotteslästerlich zu schimpfen und zu fluchen, worauf sich dann doch ein gutmütiger Simon von Cyrene fand, der ihm das Kreuz abnahm. Auf dem Moosboden der Bergeshöhe, wo der Wald leichter fort kann, kühlte der Schatten des Blätterdaches wieder die heißen Stirnen, und ein Blick nach der 248 Talsohle hinunter, wo das Schloß Waldleiningen mit seinem roten Sandstein aus saftgrünem Wiesenteppich aufsteigt, dünkte denen, die zum ersten Male die einsame Straße zogen, ein Blick ins Paradies. Man vergaß fast, daß die Wanderung ein Ziel hatte. Niemand wollte mehr weiter. Bald saßen einige am Boden und lehnten den Rücken an die silberschimmernden Buchenstämme. Die Futterkörbe gaben ihren Inhalt her, und es begann nach kurzer Zeit ein kurzweiliges Necken und Hänseln der Satten. Röse Ricke wollte das Taschentuch des Adam Gutenrath verstecken und sagen, die Starenhälse seien davongeflogen. Doch sie vergriff sich und entwickelte aus einem Tuche einen sonderbaren Gegenstand. Es war ein Herz aus fleischfarbigem Wachs. Frau Rauschkolb hatte es dem Stefan Garkoch mitgegeben, daß er es aufhänge am Gnadenaltar, denn sie wünschte, daß ein Wunder das harte Herz ihres Mannes erweichen möchte. »Den alten Sünder umstimmen,« sagte Röse Ricke, »eher kochst du einen zehnjährigen Gänsert gar. Dem Gaul, auf den er sich gesetzt hat, sei der Himmel gnädig.« Vater Höhrle zuckte zusammen bei diesen Worten und verfärbte sich, denn er wußte, daß Rauschkolb zwei Hypotheken erworben hatte, die auf seiner Mühle ruhten. Wie konnte das enden? Die Rumpelbäuerin, so dumm sie war, hatte die Gedanken ihres Nachbars auf dessen Gesicht gelesen und rückte näher, so nah, daß Vater Höhrle die Wärme ihrer Schenkel spürte. »Seid ruhig,« flüsterte sie, »was das Gnadenbild nicht zu vollbringen vermag, bringt vielleicht die Rumpelbäuerin 249 fertig,« und sie drückte dem geängstigten Manne kräftig die Hand. So wenig Aufsehen erregend dieser Vorgang war, so hatte man ihn doch bemerkt, und als der Zug der Pilger weiterschritt und die Rumpelbäuerin sich gar in den Arm des Vater Höhrle hängte, da sprach Stefan Garkoch zu Adam Gutenrath: »Ich denke, das Wachsherz dem Schuster Zwecke mit nach Hause zu bringen, damit er seinen Draht dran steift. Das Wunder, um das die gute Frau Rauschkolb den Himmel bittet, ist, wie mir scheinen will, unnötig geworden.« Der fromme Zug der Pilger, Rubenschuh immer voran, hatte den Wald in seinen Rücken gebracht. Vor ihnen erhob sich aus einer Wolke von Obstbäumen der Kirchturm von Mudau, und die eherne Stimme einer Glocke grüßte die Wallenden mit »Aveläuten«. Man betete, schritt aber wacker aus. Als man sich hinter Mudau dem Gnadenorte immer mehr näherte, lief man mit anderen Prozessionen zusammen, die, wie die Speichen nach der Nabe, alle nach Walldürn zustrebten. Kleinere Ströme flossen in größere hinein, verloren ihre Farbe und ihr spezifisches Gepräge. War auch der Text der Wallfahrtslieder der gleiche, so hatten sich mit den Diöcesangesangbüchern die Melodien geändert, und jeder Versuch, einen gemeinsamen Kantus zusammenzubringen, endete in einem wahren Babel von disharmonischen Mißverständnissen. Man begnügte sich, Litaneien herzubeten, bis ein vielstimmiges Glockengeläute den Wallern 250 entgegenkam und Antiphon und Responsorien mit dumpfem Brüllen verschlang. So zog man zum Tore hinein, als die Abendsonne den langen Schatten der Gnadenkirche auf die benachbarten Dächer warf und an die fensterlose Wand eines Güterschuppens, wo er höher und höher stieg, bis er über den Dachfirst gekrabbelt war. Im Städtchen zerstreuten sich alle. Der hatte einen Bekannten, bei dem er Unterkunft zu finden hoffte; jenem war eine billige Herberge empfohlen, die seinen Leib pflegen sollte in der Zeit, wo die Wiedergeburt der Seele sich vollziehen mußte. Kaum einer noch hielt beim andern aus, und als der Wächter die elfte Stunde durch sein Kuhhorn blies, lag der eine da, der andere dort auf Strohhaufen, auf alten Decken, neben Menschen, von denen er bestimmt wußte, daß sie ihm keine Reichtümer stehlen würden, auch dann nicht, wenn sie nicht gleich ehrlich sein sollten wie er selber. Vater Höhrles Geist verließ, im Gefühle, zu fünfsechstel verlobt zu sein, die Welt der Realitäten und trieb träumend auf hypothekenfreien Wolken hinaus in blaue, lüsterne Weiten. 251   25. Kapitel Am nächsten Tage sah man sich gelegentlich wieder in dem Jahrmarkttreiben der Straße; zwischen Buden mit Wachsstöcken, menschlichen Gliedern und ganzen Kindern von Wachs, zwischen Kruzifixen aus Holz, Gips, Zucker und Lebkuchenteig, zwischen allen Heiligen, die im Kalender stehen, und einigen anderen, zwischen Rauchfässern, Monstranzen und Kirchenfahnen, zwischen zuckernen Herzen für Liebende und Geliebte. Aber finden sich da nicht auch Stände mit künstlichen Gliedern, Bruchbändern, Krücken und Brillen? O, über den Wagemut dieser Kaufherrn von Walldürn, die vor der Wunderkonkurrenz nicht zurückschrecken und ihre Existenz auf den Handel mit jenen armseligen Hilfsmitteln stellen, die wir brauchen, den zerfallenden Bau der Gesundheit zu stützen! O, über die Blicke, die sie unter die Menge und die sie einander zuwerfen! Nur wer diese gesehen hat, kann abschätzen, was der Prophet in seinem Vaterlande gilt. O, über die Gedankenarmut der Menge, die keine Schlüsse zu ziehen vermag aus diesen Blicken, aus dem Vorhandensein all dieser optischen und orthopädischen Notbehelfe!! 252 Die Glocke ruft zum Hochamt. Es leert sich der Markt, und die Schiffe der Kirche füllen sich. Kopf an Kopf steht die Menge, die Leiber dunsten, und unter den breitgespannten romanischen Bogen breitet sich ein Duft aus von Menschenleibern, den die schweren Weihrauchwolken, die im Chore aufsteigen, nur mühsam übertäuben. Orgelklänge wälzen sich von Gewölbegurt zu Gewölbegurt, die Schellen klingen vom Altare her. Immer neue Weihrauchwolken steigen auf, die Kerzen blinzeln nur noch so durch den rauchverdunkelten Raum. Engbrüstige Greise fangen an zu husten, und hier und da sucht einer sich durch die Menge zu drängen, um draußen reine Luft zu atmen. Die Kirchentüren knarren in ihren Angeln und fallen mit störendem Geräusch ins Schloß. Jetzt der letzte Segen mit der Monstranz über tausend Menschenrücken, deren Auge das Heiligste nicht zu schauen wagt. Dann: »Großer Gott wir loben dich,« und der Vormittag ist vorüber. Die Andächtigen streben ihren Kosthäusern zu. Am Nachmittag stagniert in allen Gassen Walldürns die Angst eines Schwurgerichtssaales, ein wahres Armesündergefühl. Dicke Patres, die Hände in den Ärmeln ihrer Kutten vergraben, sieht man über die Straßen laufen, hinter den Kirchentüren verschwinden und die Beichtstühle mit der Fülle wohlgenährter Leiber belegen. Ein großes Bußgericht hat seinen Anfang genommen. Keck und nicht ohne Grazie treten die Frauen vor den Beichtstuhl. Sie sind sicher, daß ihre Fehler Verständnis und Nachsicht finden vor den Richtern aus dem anderen 253 Geschlecht. Zagend und fast tölpelhaft kommen die Männer näher. Verlegen drehen sie an dem Rosenkranz in den harten ausgeschafften Händen. Nicht einer, der nicht an der kleinen Fußbank gestolpert wäre, auf die er knieen soll. Manche nehmen einen Anlauf nach einem Beichtstuhl hin, werden unschlüssig und weichen seitlich aus. Aufgepaßt! Läuft da nicht Peter Hintenlang von Siedelsbrunn, der Mann mit den krummgeschworenen Fingern? Er sucht etwas. Ah, nun hat er, was er braucht; da kommt eben Hans Rubenschuh, der Kreuzträger, er, der sich auskennt am Gnadenorte wie ein Geheimpolizist. Ein leises Flüstern erst, dann lauter von Seiten des Rubenschuh: »Dort hinaus, hinter der sechsten Säule rechts an der Wand, Pater Cyprian, der schwerhörig ist.« Das war's, was Hintenlang brauchte, und er gewann Zuversicht. Eine halbe Stunde später ging er mit fünf Litaneien Buße von der Drillage des Beichtstuhls weg. »Absolviert ist absolviert,« beruhigte er sein Gewissen, »bin ich etwa schuld, daß er schlecht hört?« Und er ging zum Altare, der das Gnadenbild barg, um seine Litaneien zu beten. Da rutschten viele auf den Knieen umher, denen das » Ego te absolvo « des Priesters die Ruhe des Gewissens wiedergegeben hatte. Einige wollten ihre Kniee strafen, weil sie ihnen auf bösen Wegen gedient hatten, andere ihre Hände, die sie betend nach dem Himmel streckten. Da, hinter mehreren Männern mit Armesündergesichtern her, kam eben auch die Rumpelbäuerin gerutscht, während Vater Höhrle an einer Säule lehnte. Seine 254 Zwei-Vaterunser-Buße hatte er abgebetet. Mehr hatte ihm der Richter im Gnadengericht nicht auferlegt, und das war zu viel für einen, dessen einziger Fehler darin bestand, daß er zu wenig in seinen Sack gemoltert hatte, als seine Steine noch fremdes Korn zerdrückten. Er war müßiger Zuschauer, wenn ihn nicht etwa die Neugier hertrieb, aus dem gekrümmten Rücken der Rumpelbäuerin zu erfahren, wie groß die Last gewesen sein könne, die sie abgeworfen hatte. Nachdem er sich einmal an den Gedanken gewöhnt hatte, der eigenen und der Kinder Not durch eine reiche Heirat zu steuern, hatte er ein begreifliches Interesse daran, einiges aus dem Seelenleben seiner Zukünftigen zu erfahren oder zu erraten. So stand er denn und sah unter der Hülle eines seidenen Umhängetuches zwei Zentner Menschenfleisch im Marschtempo einer Schildkröte dem Gnadenaltare nahe rücken. Das Gesicht war der Erde zugekehrt und stak zu vierfünfteln zwischen den Blättern eines Gebetbuches. Herzerhebend war der Anblick gerade nicht; aber Vater Höhrle war ja auch kein Adonis mehr und hatte außer einer von der Sorge solide gegerbten Gesichtshaut wenig Reize in die zukünftige Gemeinschaft hineinzutragen. Deshalb freute er sich, als die dicke Büßerin endlich am Altare angelangt unendliche Zärtlichkeitsbeweise an einen marmornen Engelskopf verschwendete, dem die Küsse und Liebkosungen all der Millionen Waller die Nase gekostet hatten, so daß er aussah wie ein Karpfen. Mit dem konnte Vater Höhrle die Schönheitskonkurrenz noch aufnehmen. Das beruhigte ihn einigermaßen, als er sah, wie andere Gaffer 255 die mächtig hervortretenden Schenkel seiner Zukünftigen mit lüsternen Augen musterten. So stand er zwischen Furcht und Hoffen da und addierte und subtrahierte gewissenhaft an den Schätzen herum, die er auf dem Altare der Venus noch zu opfern hatte, als ihm jemand auf die Schultern klopfte. Es war Franz Hartnagel von Vökelsbach, der Mann mit dem eingedrückten Nasenbein. Offenbar hatte er, ein zweiter Cumberland, in der Gedankenwelt des stillen Beobachters sich orientiert, denn er fuhr dort zu reden fort, wo Vater Höhrle eben zu denken aufgehört hatte. »Bette sie nie in die Höhe über dich, dich schlägt sie tot, wenn sie herunterfällt.« So lautete der wohlgemeinte Rat, den er vorbrachte, während Zeige- und Mittelfinger seiner beiden Hände seine Nase so zu formen suchten, daß sie sich, ohne einen Volksauflauf zu veranlassen, in einem Menschenantlitz sehen lassen konnte. Mittlerweile war die Rumpelbäuerin in dem Paternosterwerk, in dem sie weitergeschoben wurde, hinter dem Gnadenaltar verschwunden. Sobald sie auf der anderen Seite wieder zum Vorschein kam, mußte sie ihr Gesicht den beiden zuwenden und sie erkennen. Das wollten diese vermeiden. Sie verließen deshalb die Kirche, schlenderten zwischen den Krämerbuden herum, kauften kleine Andenken ein für die Lieben in der Heimat und stießen schließlich mit dem Kreuzträger Rubenschuh zusammen, der einen Arm voll künstlicher Blumen eingekauft hatte, um das Kruzifix damit zu schmücken. 256 »Im Auftrage der Rumpelbäuerin und mit deren Gelde,« sagte er. »Sie will, daß es ein Ansehen habe, wenn es wieder zu Hause steht an der Kommunionbank.« So rüstete man schon wieder zur Heimkehr. Bald war die Nacht herum. Noch eine stille Messe in der Morgenfrühe, und die Gnadenzeit war vorüber. Wer niemals hinter dem grünen Vorhänglein eines Beichtstuhles sich aus den Knieen erhoben hat, der gebe sich keine Mühe, er wird doch keine Vorstellung erringen von der beseligenden Leichtigkeit, mit der unsere Waller am nächsten Tage aus dem Tore Walldürns hinausschritten in das Frührot des jungen Tages. So mag's dem Schmetterling sein, wenn er aus der Raupenhülse steigt. Rechts und links vom Wege wogten die reifenden Kornfelder. Sie achteten ihrer nicht. Sie schwebten mehr als sie gingen in der kühlen Morgenbrise. Ihre Blicke hafteten da hinten an der roten Sammetportiere des Firmaments, in der sich ein Loch finden mußte, durch das sie mit ihren wallenden Standarten in den Himmel einziehen konnten. Seid gesegnet all ihr frommen Täuschungen, die der Glaube uns vermittelt, gesegnet auch von uns, die wir den Zwang seiner Dogmen von uns schüttelten und uns doch nur ungern trennen von dem Trost, den seine Symbolik uns vermittelt. Selig, ja selig sind die Armen im Geiste, die ohne Gedankenblässe das Manna aufnehmen, wie es vom Himmel fällt, und sich daraus ein Hochzeitsmahl zu bereiten verstehn. Wie hob sich so frei der Blick unserer Waller zum Äther empor, der für ihr Auge von Engeln 257 wimmelt und seligen Geistern. Wie mischte sich ihr Sang mit dem Lied der Lerche und stieg gen Himmel empor wie weiland Abels Opferrauch. In der Tat, an diesem Morgen kam sich die Prozession vor wie eine wandelnde Apostelschar, freilich nicht länger als bis der Druck eines Schuhes oder das Stechen eines Leichdornes den und jenen erinnerte, daß er mit der Erde und nicht eben sehr bequem, verbunden sei. Auch die Sonne die das Morgenrot verdrängte und einen funkelnden Strahlenregen niedersandte, trug viel dazu bei, unsere Waller zu ernüchtern. Die Blicke wichen der brutalen Helle der Junisonne aus und suchten an der Erde. Kam man an einem Wasserlauf vorbei, so tauchte der und jener sein Taschentuch in die feuchte Kühle und barg es unter seinem Hute. Auch der Hunger klopfte hier und da verstohlen auf eine Eierschale, und ein unstillbares Konversationsbedürfnis unterbrach die Minuten stiller Einkehr oder lauten Betens. Was hatte doch der Kaplan gepredigt gestern, und vorgestern der hohe Kirchenfürst in der veilchenblauen Sutane? Ach! Wie ihm die weißen Locken um das noch jugendfrische Gesicht hingen, und wie sich das abhob von der Krause des Chorhemdes und von der goldgestickten Stola. Zu Hause hatte man ja auch einen Pfarrer, aber man war an seinen grobgeschnittenen Bauernschädel gewöhnt und an seinen polternden Faustschlag auf die Kanzel. Welch' überzeugender Liebreiz lag doch in den abgezirkelten Bewegungen der wohlgepflegten Hand, über die eine Spitzenarbeit ihre vornehmen Muster warf. O, diese Leute, sie 258 verstanden zu beobachten, und sie hatten auch herausgebracht, daß die Hölle, die sein beredter Mund erwähnte, eine viel erträglichere Temperatur aufwies, als die des Fastenpredigers auf der heimischen Kanzel. Vom Pfarrer kam man auf den Meßner, vom Meßner auf die Chorknaben, von diesen auf den Klingelbeutel. Alles, rein alles war bemerkt worden und wurde einer kritischen Besprechung unterworfen, denn von manchem auch war man enttäuscht. Man hatte den Holzenbein von Hülsenhain mitgebracht, dem die Revolution des Jahres Achtundvierzig einen Schenkel mitgenommen hatte. Auf einer Stelze war er nach Walldürn gehinkt, und alle Welt hegte die stille Hoffnung, daß vor dem Gnadenaltare das Glied wieder anwachsen könne. Was war da Großes dabei? Hatten Krebsscheeren und Eidechsenschwänze wirklich etwas voraus vor menschlichen Gliedmaßen? Warum konnte nicht auch einmal ein Wunder sich vollziehen, das jeden Zweifel ausschloß? Gehende Lahme, sehende Blinde, redende Stumme, man trifft sie in den Vorhöfen aller Moscheen, an heiligen Wassern, auf der Schwelle jedes quacksalbernden Schäfers. Warum geschah nicht einmal ein Wunder, das jeden Fetzen von Gautamas heiligem Rocke legitimieren mußte und jede Franse von Muhameds grüner Fahne? Warum war dem Holzenbein kein heiler Schenkel zugewachsen? Gerne hätte man ihm eine neue Hose angeschafft und einen Schuh, den er ja dann benötigte, schon um des Ruhmes willen, der auf jeden Zeugen einer solchen Gnadenoffenbarung gefallen wäre. Und der Triumph, wenn man mit dem Geheilten durch 259 die Dörfer gezogen wäre. Doch was half's? Das Holzenbein hinkte hinterher, und mit dem Geschnacke konnte man sich nur die Seele beflecken, denn der Herr wird Rechenschaft verlangen, von jedem unnötigen Worte, das über die Lippen geht. Adam Gutenrath hatte sich an der Debatte über das Wunder nicht beteiligt, obwohl er der einzige war, der verdiente, gehört zu werden, denn er hatte ein Wunder erlebt. Er hatte einen guten Menschen gefunden und einen Priester nach Gottes Herzen obendrein. Eine schwere Schuld schleppte er herauf zum Gnadenorte, die hatte ihm ein Heiliger abgenommen. Adam Gutenrath hatte eine Protestantin geheiratet, und ob dieser Sünde hatte sein Pfarrer ihn ausgeschlossen vom Liebesmahle am Tische des Herrn. So war er zum Gnadenorte gewallt in der stillen Hoffnung, daß ihm ein Zeichen werde, daß Gott barmherzig sei. Und es war ihm geworden. Was seine Seele drückte, hatte er ausgeschüttet vor dem Priester, vor dem mit dem feinen Aristokratengesicht und mit den sprechenden Händen, und er, der Diener am Worte des Herrn, hatte ihm gesagt, daß Gott die Pfade seiner Kinder oft wundersam verwirre, aber alle so führe, daß sie vor seinem Throne zusammenlaufen könnten. Nun war der gequälte Sünder ruhig. Er und sein Käthchen konnten die Erdenpilgerfahrt zusammen machen und einst im Vaterhaus gemeinsam leben. Sie mit dem Strickstrumpf neben ihm, die Starenhälse im Käfig über sich, wenn er an seiner Werkbank schaffte und Fenster flickte, die der Sturm 260 beschädigt hatte, am himmlischen Vaterhaus. Daß er dies umsonst besorgen werde, war selbstverständlich. Doch halt, nicht ganz umsonst. Die Kost mußte der liebe Herrgott stellen, nämlich für sein Weib, die Starenhälse und ihn. O, das war eine herrliche Perspektive, die sich da vor seinen Blicken auftat und zwar für eine ganze Ewigkeit. Berauscht vom Glück war Adam Gutenrath durch die Hitze des Mittags gegangen und jetzt, wo der Abend niedersank und eine schläfrige Müdigkeit bleischwer auf den anderen lastete, war er noch munter und guter Dinge. Ja, er machte sogar einen vertrackten Sprung in die Luft, wie ein junges Kalb, als der Ton einer Trompete an sein Ohr klang. Alles hatte den Klang gehört, und von Mund zu Mund ging es: »In Gittersbach ist Kirchweih, das trifft sich gut, nun kann Vater Höhrle mit der Rumpelbäuerin den Brauttanz wagen.« Jetzt jagte ein Witz den anderen, und eine Polkaweise, die übers Tal herüberklang, lockte die ganze ehrwürdige Prozession in Sprungschritten dem Dorfe zu. Anfangs erregte die Frage, wie man die Waller für die Nacht unterbringen könne, in der Festgemeinde einige Besorgnis. Bald aber hatte jedermann die Sicherheit erlangt, daß es ihm über Nacht nicht in die Nasenlöcher regnen würde. Man freundete sich ein wenig an bei seinem Gastgeber, bekam ein Paar bequeme Schuhe geliehen und schlich damit dem Tanzboden zu. Anfangs stand man in den Ecken umher, dann setzte man sich, bestellte ein Glas Wein, das von Mund zu Munde die genußreiche Runde machte. Der 261 Geist, der aus dem Glase stieg, erweckte die Lust, diese den Mut, und ein geringes Zureden von Seiten der Gittersbacher reifte den Entschluß zum Tanzen. Hans Rubenschuh hatte den Herrgott unter der Toreinfahrt ins Trockene gestellt und trat an mit der Rumpelbäuerin. Der Boden wiegte sich in elastischen Wellen unter dem Gewicht der Tanzenden. Die Gläser klirrten auf den Tischen widereinander und rutschten dem Rande zu, und selbst die Menschen, die saßen, fühlten sich im Takte gehoben und wieder gesenkt. Auch wer nicht wollte, nahm in dieser Art am Tanze Anteil. Niemand und nichts konnte sich ausschließen. Es tanzte die Lampe am Durchzug und der Weihwasserkessel neben der Türe. Höher und höher stieg der Taumel. Der Rhythmus der Instrumente wurde unterbrochen durch Extrazugaben besonders geschickter Paare. Der hob sein Mädel hoch und ließ sie elastisch wieder auf die Füße fallen. Jener stampfte mit den Absätzen einen Trommelwirbel mitten hinein zwischen das Getriller der Klarinette und das Gebrumm der Baßgeige. Gab es eine Pause, so ließen sich die schnaufenden Tänzerinnen ermattet auf den Schoß der Burschen fallen, trockneten die Gesichter mit dem Schürzenzipfel und warteten auf einen kühlen Trunk. Heimliche, versengende Blicke wurden über den Rand des Glases getauscht. Inniger, schwerer lasteten die Leiber aufeinander, und deutlicher wurden die Abdrücke der Hände rückwärts auf den hellen Blusen der Tänzerinnen. Und draußen lauerte die kuppelnde Nacht und zimmerte mit Finsternis ein Chambre separée neben das andere. 262 »Tu draußen den Herrgott weg,« flüsterte Adam Gutenrath dem Hans Rubenschuh ins Ohr, »er braucht nicht alles zu sehen, was vorgeht.« Der Glaser hatte richtig beobachtet, obwohl man kein Hellseher zu sein nötig hatte, um zu erraten, was vorging. Hans trug das Kreuz in den Nebenbau. Der Tanzsaal wurde leerer, als der Alkohol die Köpfe füllte. Öfter noch traten die glühenden Paare hinaus ins kühle Dunkel und fanden Beruhigung. Gruppen von Mädchen, die keinen Anschluß gefunden hatten, verschwanden gleichfalls aus den Saalecken. Draußen lösten sie sich auf wie eine Kompagnie Soldaten, die den Aufklärungsdienst besorgt. Nach einer Weile kamen sie wieder, legten sich über den Nacken der Freundinnen und flüsterten diesen den interessantesten Rapport mit lachendem Munde zum Ohre. Vater Höhrle hatte als stummer Teilnehmer seither dem Kirchweihtreiben zugeschaut. Er sah, wie der volle Busen der Rumpelbäuerin in den Armen junger Burschen schwappte, sah die Sinnlichkeit aus ihren Augen glühen, hörte ihr einladendes Lachen, das wie die Ouvertüre einem größeren Werke vorauszugehen schien. Der gute Eindruck, den sie vor dem Gnadenaltare zu Walldürn auf ihn gemacht hatte, war im Schwinden. »Ich glaub', die Rumpelbäuerin zählt die Sterne am Himmel,« sagte Franz Hartnagel, »du solltest dies Geschäft mit ihr teilen, Vater Höhrle.« Der Müller ging in der Tat quer über den Saal und verließ durch die Hintertür das Haus. Er tastete sich 263 eine alte ausgetretene Klötzelstiege hinunter, dann über den Hof mit seinen Reisigbündeln und seinen umherliegenden Strohseilen, die seine Füße zu fesseln suchten. Ja, da war er nun an dem Nebenbau. Hier fühlte er einen kleinen Stallladen, und daneben mußte hinter einer Tür die Treppe sein, die zum zweiten Stock hinaufführte, wo man ihm ein Lager bereitet hatte. Vater Höhrle fand die Tür und öffnete sie, aber dahinter war keine Treppe, die aufwärts leitete. Im Gegenteil, der vorsichtig tastende Fuß geriet tiefer und tiefer, ohne im Dunkeln einen Halt zu finden. »Wo der Teufel bin ich denn,« dachte der Suchende, zog das Knie hoch und entzündete auf seinem Schenkel ein Streichholz. Erst der übliche Gestank, dann ein fades, spukendes Licht, und zuletzt ein erträglicher Schimmer, der eben genügte, einen Holzstall zu beleuchten und darinnen ein Menschenpaar in innigster Liebesumarmung. Im nächsten Augenblick war der Müller und die ungebetene Helle, die er verbreitete, über den Haufen gerannt, und vier Füße stürmten über ihn weg ins Freie. Das war für des Mannes Vorderseite kein angenehmes Gefühl, aber auch der Rückseite war wenig Gutes beschieden. Vater Höhrle war ins Nasse gefallen, und eine kühle Feuchtigkeit kroch ihm langsam vom Gesäße den Rücken hinauf. Weich lag er, aber wenig reinlich, wenigstens dann nicht, wenn die Unterlage das war, was ein übler Geruch ihr nachsagte. Vater Höhrle hatte es deshalb eilig, aus dem Wagrechten ins Senkrechte zu kommen. Jetzt war er orientiert. Das Streichholz hatte ihm 264 verraten, wer im Holzstall war, und hatte ihm den Weg gezeigt zu seinem Ranzen, dessen Riemen er über die Schulter warf, entschlossen, einsam in die Nacht hinauszuwandeln und einsam durchs Leben. Wie er so im Dunkeln den Hausflur durchtappte, zischelte es zu seiner Seite geheimnisvoll, wie wenn der Zaunkönig durchs Rauschgold der Totenkränze schlüpft. Vater Höhrle tastete ein wenig und entdeckte das Kreuzbild des Heilandes, das man aus dem Sündentreiben da unten hier heraufgetragen hatte. Ein inniges Mitleid erfaßte ihn mit dem Vereinsamten aus Nazareth. »Ach, daß du dich nicht losmachen kannst von der Gesellschaft der Narren und Heuchler,« sprach er zu ihm, »aber warte, ich will dich wenigstens befreien von dem lausigen Tand, der in ›ihrem‹ Auftrag und von ›ihrem‹ Gelde bezahlt, um dich geschlungen wurde. Morgen wird die blöde Herde sagen: »Der Teufel war da und hat des Herrn Bild geschändet.« Damit riß der Marschbereite, der die Worte ›ihr‹ stark betont hatte, den Kranz herunter und streute die Papierfetzen über die Diele. Bald war Vater Höhrle zum Dorfe hinaus und trat hurtig wie ein Daktylus in die Nacht hinein, und sein Stock im gleichen Versmaß neben ihm her. »Was werden wir morgen arbeiten?« dachte er, »Gras holen aus der Wiese, die Kühe füttern, dann zu Mittag essen, dann Holz spalten und am Abend zeitig zu Bette gehen. Ich werde müde sein morgen Abend,« so dachte er, 265 »recht müde.« So hielt der nächtliche Wanderer seine Gedanken gewaltsam an die Alltäglichkeit gefesselt, er wollte nicht rückwärts denken und noch weniger weit voraus. Steigungen wechselten mit Gefällen, der Wald mit Wiesengründen und Kartoffelfeldern. Aus dem Schoße der Nacht wurde die Dämmerung geboren. Vater Höhrle achtete nicht auf all diese Dinge. Als aber von fernher durch das Schweigen des Frühmorgens das Aveläuten ertönte, da schlug er ein Kreuz, um zu beten, aber was er betete, war kein »Gegrüßet seist du Maria,« er betete schlicht und einfach: »Herr Gott, ich danke dir für das Streichholz, das du in meine Westentasche gelegt hast. Ohne sein Licht wäre ich mit Hörnern gleich einem Edelhirsch unter der Sonne herumgelaufen.« Dann schlug er abermals ein Kreuz und stieg den Berg herab seiner Mühle zu, deren Rauch mit dem aufsteigenden Morgennebel sich zu einem langgezogenen grauen Trauerwimpel vereinigte. 266   26. Kapitel Auf dem Tische der Wohnstube warteten einige Briefe auf den Hausherrn. Manche von ihnen trugen keine Freimarke, wohl aber einen großen ovalen Stempel, der sie zu Aristokraten ihrer Gattung machte. Sie brauchten nicht den Nachweis zu erbringen, daß die Mühe des Briefträgers und der Vorteil der Reichspostverwaltung mit einem Groschen gewahrt seien. Raubrittern gleich, nahmen sie als ungebetene Gäste ihren Weg in die entlegensten Hütten. Vater Höhrle kannte diese Sorte nur allzu gut, und ein ängstliches Beben durchrieselte seinen Körper bei ihrem Anblick. Auf einem derselben stand flüchtig hingeworfen der Vermerk »Eilt«, und ein blutiger Strich mit einem Rotstift darunter schien andeuten zu wollen, daß man keinen Spaß verstehe. Der Müller nahm den Brief in die Hand und beguckte ihn von allen Seiten. Er ahnte, daß der Inhalt des Kuverts ihm nichts Gutes bedeuten könne, und am liebsten hätte er ein Streichholz unter das Schreiben gehalten. Doch damit war ja nichts erreicht, also erbrach er schweren Herzens den Oblatenverschluß und las aus Gedrucktem und Geschriebenem heraus, daß Rauschkolb 267 die Zwangsvollstreckung gegen ihn beantragt habe. Das war ein bitterer Trank, in dem Augenblick kredenzt, wo er, müde und erschöpft von der Wallfahrt, die Diele seines Hauses betrat. Er sank wie berauscht auf einen Stuhl nieder. Seine Rechte spielte mit dem Papiere auf dem Tische, die Linke wühlte in der Ledertasche, als ob sie nach Geld suchte. Die Schultern, mit Bleigewichten beschwert, schienen den Ärmsten hinabziehen zu wollen, hinab in den Morast der Armut, in dem so viele wandeln, die kein schützendes Obdach mehr ihr eigen nennen, hinab in den Straßengraben, wo man sich zu Bette legt, ohne daß man die Stiefel auszieht, und wo man wenigstens den Vorteil hat, sterben zu können, ohne daß ein Arzneiglas neben einem die Luft mit seinem Gestank verpestet. Vater Höhrle dachte an den leeren Platz neben dem Grabe seiner Frau, dachte ein wenig voraus an die Tage, wo die vermoderten Särge den Erdhügel angesaugt haben werden, unter dem er und sie lagen, wo alles wieder sein würde, wie es war, lange, bevor er und sie zur Welt gekommen, und fing an, sich über den Uhrzeiger zu ärgern, der an der alten Schwarzwälderin ihm gegenüber so pedantisch von Minute zu Minute weiterrückte. Warum nahm er nicht Stunden in der Sekunde, warum nicht ganze Tage oder Wochen in der Minute? Der müde Erdenpilger da auf dem Stuhl wäre im stande gewesen einen Staatsanwalt zu umarmen, der ihm die Stunde seiner Hinrichtung mitgeteilt hätte. Ach, so von Haus und Hof ziehen zu müssen, losgeschält zu werden von allem, womit man durch Geburt 268 und Erziehung verwachsen war, ausgezogen zu werden, ohne die Gewißheit zu erlangen, daß man schlafen gehe, das ist ein Sterben ohne die Sicherheit, daß man tot sei, nachdem man gestorben. Vater Höhrle kämpfte jetzt diesen furchtbaren Todeskampf, ohne daß auch nur der Schimmer eines Lichtes von irgend einer Seite her in die Nacht seiner Sterbekammer gedrungen wäre. Ehe er die Wallfahrt antrat, da leuchtete wenigstens noch ein Irrlicht seinem Pfade voraus, nun aber war alles dunkel um ihn. Der schwer gebeugte Mann hatte gedankenlos seinen Stock ergriffen und tastete damit vor sich hin wie ein Blinder, der seine Straße suchen möchte. Was, Donnerwetter, spukt es hier, oder warf jemand einen Futtertrog wider die Tür? Vater Höhrle horchte auf und hörte, wie draußen ein Gegenstand rauschend an der Wandverschalung niederglitt. Gleich darauf knackte die Klinke, und Sebastian Stallmann fiel in die Stube herein. »Daß mich der Teufel lausen muß, oder habe ich ein Nest voll junger Katzen im Schädel?« stammelte er und erhob sich auf die Hände. »Was plagt sich der Mensch mißvergnügt auf zwei Beinen herum, wenn ihn der Wein zu einem vergnügten Vierfüßler macht. Herunter, Vater Höhrle, werden wir Vierfüßler! Mir ist so wohl wie einem Wildschwein zur Zeit, wenn die Eicheln aus ihren Tellern fallen –« und dabei sank er noch einmal vorn über und küßte den Boden. »Nichts ist ganz unnütz auf der Welt,« philosophierte er nach diesem Zärtlichkeitsparoxismus weiter, »Silbersand 269 naschen die Hühner, wenn sie Eier legen, gut schmeckt er nicht, aber gewöhnen wir uns daran, was sollen wir essen, wenn's keinen weißen Käse mehr gibt?« Dabei leckte er mit der Zunge seine Lippen ab und machte voll Gottvertrauen einen erneuten Versuch aufzustehen. Er kam auch in die Knie und beglotzte mit seinen glasigen Augen den Müller. »Vater Höhrle,« rief er vergnügt, »Vater Höhrle, ihr seid auf dem Holzweg. Während ihr die Seligkeit in Walldürn sucht, wird sie im Weltschirm schoppenweise verzapft, gratis und franko, sage ich euch, gratis und franko.« Nun stellte er das rechte Bein vor. Da hatte er einen Schnürstiefel am Fuß. Mit einem energischen Ruck riß er das linke Bein unter seinem Gesäß heraus. Da hatte er einen Rohrstiefel am Fuß. Vater Höhrle, in dem es vorher gekocht hatte, ein wenig nur, so wie es in einem Teekessel kocht, wurde ganz ruhig, als er dies seltsame Stiefelpaar sah. Ein kleiner Vorwurf reckte sich in seinem Gewissen und wurde ein Riese. Seit Monaten schon hatte er dem armen Mühlknecht seinen Lohn nicht auszahlen können. Nun stand er mit zweierlei Stiefeln an den Füßen vor ihm und lachte noch zu seinem Elend. »Bastian,« rief Höhrle schmerzlich bewegt, »Bastian, sind wir so weit?« Bastian zog seinen breiten Mund fast bis zu den Ohren und sah grinsend an seinen Hosenbeinen hinunter. Als er bei den Füßen angekommen war, platzte er lachend heraus: 270 »Hat schon mal einer ein Vieh gesehen mit zweierlei Beinen? Vater Höhrle, mit mir ist Geld zu verdienen, stopft mich aus und verkauft mich an einen Raritätensammler. Haha, haha, was gibt der Mordche Rimbach für ein Monstrum von meiner Sorte? Wenn's langt, den Rauschkolb zu bezahlen, dann immer zu, Vater Höhrle, schlagt mich tot, schlagt mich tot. Ein Schwein weniger, das in eurem Troge den Rüssel badet! Für einen, dem die Kleie knapp wird, will das schon was heißen. Also nur zu, oder ihr bringt mich an den Galgen, denn, unter uns gesagt, ich habe mir vorgenommen, dem Rauschkolb sein Gesicht so ins Genick zu drehen, daß er seine Rückenwirbel zählen kann. So zu drehen, jawohl, so zu drehen, daß er über sein Sitzfleisch visieren kann, wie über den Lauf einer Doppelflinte, und was ich mir vorgenommen habe, das halte ich, halte ich, und fürchte mich nicht vor einer Krawatte aus Hanf,« und er schlug mit der Faust auf den Tisch, daß der Wasserkrug auf demselben zu tänzeln anfing und sich richtig in sein Verderben hinein und unter den Tisch tanzte. Mit dieser kleinen Katastrophe war Bastians Wutanfall beendet, wie eben alle seine Zornesausbrüche mit einer Katastrophe enden mußten. Er bückte sich, um die Scherben zu retten, schoß aber dabei gefährlich nach vorn und puderte mit dem Mehlstaub seines Haares das faltenreiche Gesicht seines Brotherrn, so daß dieser aussah, wie seine eigene Totenmaske. Darüber erschrak denn nun wieder Sebastian Stallmann und verlegte sich aufs Lamentieren: 271 »Nichts für ungut, lieber Herr, nichts für ungut, seht! Ich werde euch einen Gefallen tun, der mir fünfundzwanzig Jahre Fegefeuer einbringt, euch aber so lange Geld, bis der Duellfechter Hans in einem Doktorhause sitzt und Buchenscheitholz als Wartegeld bezieht. Soll ich der Firma Groß und Moos den roten Hahn aufs Dach setzen? Soll ich das? Bei meinem Schuhwerk von zweierlei Art, das werd' ich tun, werd' ich tun, und wenn der Teufel mit einem Hundefuhrwerk hinter mir herläuft, um mich abzuholen. Drei Jahre haben sie gebraucht, das Schachtelwerk da unten zu errichten. Drei Jahre werden sie brauchen, um es nach dem Brande wieder aufzurichten. Drei Jahre lang werden die Bauern wieder in unserer Mahlstube hocken, und in drei Jahren wird unser Hans den Doktorhut auf dem Kopfe haben. Dann wird aus dem engbrüstigen Mühlknecht ein Kutscher mit Lackstiefeln an den Beinen.« So sprach er in kurzen, von Schlucksen unterbrochenen Sätzen und torkelte singend zur Türe hinaus: Im Kellerloch da sitzt die Maus, Das Haus brennt lichterloh. Ei, denkt sie, zum Teufel, wo soll das hinaus, Schon kichert der Funken im Stroh. Es brennt das Bett, es brennt der Schrein, Scheu flattert die Eule ums Dach; Nun rasch in den Rettungsgürtel hinein Und schwimmend über den Bach! 272 Als er fort war, schlug Vater Höhrle ein Kreuz hinter ihm her in die Luft und langte nach einem zweiten Briefe, der auf dem Tische lag und eine Adresse trug mit wohlbekannter Handschrift. Wer Söhne hat, die an den Brüsten der Wissenschaft saugen, weiß, daß die Alma mater eine teure Amme ist. So wußte denn der Müller, bevor er noch das Siegel erbrach, was des Briefes Inhalt sein werde, und er zauderte ihn aufzumachen. In diesem Augenblick trat Suse mit einer Schüssel dampfender Morgensuppe ins Zimmer und blieb erschrocken stehen, als sie des Vaters Geist am Tische sitzen sah. »Beim Himmel,« dachte sie, »er kann's nicht sein, noch ist ja die Prozession nicht zurück, und wie kreidig er aussieht!« Wie sie aber Hansens Brief zwischen seinen Fingern bemerkte, glaubte sie zu wissen, was den Vater erbleichen machte, und trat näher. Sie stellte die Schüssel auf den Tisch und legte ihren Arm um die Schulter des tief in Nachdenken versunkenen Mannes. »Vater,« sagte sie, »was getragen werden muß, laß uns auf vier Schultern verteilen. Warum willst du mir verschweigen, was doch die Spatzen von den Dächern pfeifen, daß wir der Wut des Rauschkolb schutzlos verfallen sind? Gib ihm kein gutes Wort, von anderer Seite naht uns des Himmels Hilfe. Im vierten Jahre schon lohnt die Rebe des Winzers Müh', und wir haben nicht einmal mehr so lange zu warten. Hans schreibt, daß seine Studien einen guten Fortgang nehmen. Verzeih, diesen Brief da in deinen Händen habe ich gelesen, und eine, die mit uns auf 273 die Ernte des gleichen Jahrgangs wartet. So ist Geld herbeigekommen, du hast eine Sorge los, und Hans hat sein Auskommen auf Monate hinaus.« Vater Höhrle war aufgestanden und lief betreten im Zimmer auf und nieder. Daß er ein Almosen nehmen mußte, das war's, was er nicht sofort verwinden konnte. Doch nach einigem Schweigen hörte man ihn halblaut sagen: »Der Rauschkolb, freilich, der Rauschkolb, der wird nicht warten wollen, und so werden eines Tages, wenn kein Wunder geschieht, du und ich und der Bastian unsere Habe im Zwergsack aus der Mühle tragen.« »Wenn kein Wunder geschieht,« sagte Suse und schlug sich mit der Hand auf die Lippen. »Es geschehen Wunder,« stieß sie hervor und bereute schon im nächsten Augenblick die Worte wieder, die ihr entflohen waren. Doch von einem Dämon zum Reden getrieben, hub sie von neuem an: »Woher denkst du, daß der Bastian seinen Rausch hatte?« »Aus dem Weltschirm, ohne Zweifel, aber wer hat ihm die Zeche bezahlt?« »Sieh, darin liegt es, Vater. Das ganze Dorf ist in Aufregung. Der Hofbauer von Dürellenbach war mit dem Schrot an der Spielbank. Im Wams ist der Bauer abgezogen, im Pelzmantel ist er wiedergekommen, der Protz, am heißesten Tag des Juni. Denke dir den Aufstand, als er großartig wie ein Fürst aus der Postchaise stieg, zu einer Zeit, wo die Sonne das Korn röstet, im Pelzmantel! Röse Ricke sagt, die Hunde hätten 274 gelacht. Aber viel Geld haben die beiden mitgebracht. Seit drei Tagen holt der Wirt im Weltschirm den Wein mit Feuereimern aus dem Keller. Ach, Vater, wenn wir doch nur auch ein klein wenig Glück hätten, ein klein wenig nur.« War's der Glanz erträumten Goldes, der dem Mädchen in die lieben Augen schlug? Wie geblendet hielt sie die Schürze vors Gesicht und stürzte aus dem Zimmer. Vater Höhrle war wieder allein mit seinen Gedanken. Was hatte er in den letzten Stunden nicht alles erlebt. Das lecke Boot seines Glückes trieb in Nacht und Finsternis auf dem Wasser. Da hatte er eine stolze Fregatte auftauchen sehen, die ihn retten konnte. Doch er besaß nicht die Kraft, sie durch irgend etwas an sich heranzuziehen, und sie verschwand hinter dem Horizont. Es kam eine wackelnde Schaluppe, nicht sehr fest gefügt, nicht sehr vertrauenerweckend, und warf das Schlepptau aus. Aber wer konnte sich ihr anvertrauen, da der Mann, der das Steuer lenken sollte, betrunken war. Sie ging, und eine trostlose Einsamkeit lagerte wieder um den Schiffbrüchigen. Da zwinkerte ganz hinten ein unsicheres Blinkfeuer und warnte vor Korallenriffen. Vater Höhrle ahnte die Gefahren wohl, die den Leuchtturm umlagerten, aber da sein Kurs kein anderes Ziel mehr kannte, so überlegte er, ob er nicht gleichwohl der blinkenden Helle zusteuern solle. 275   27. Kapitel Alter, ehrlicher Sebastian Stallmann, was brauchst du den Mantel der Nacht, um dich zu verhüllen? Wehe dir, daß dein Vorhaben den Blick der Sonne nicht vertragen kann. Hörst du, wie der Wind warnend durch die Tannen heult? Fühlst du nicht, wie er dich am Busen packt, um dich zurückzuhalten? Siehst du nicht, wie die Eule mit den Augen der Nacht dich warnend zu durchbohren sucht? Es scheint, daß alle seine Sinne schliefen, denn der alte Mühlknecht, der noch etwas Kopfweh hatte, als Nachwirkung seines Rausches, und nasse Füße, von wegen seines schlechten Schuhwerks, schlich am Erlengebüsch neben dem Bache hin mit einer Schachtel schwedischer Eingeborener in der Tasche. Es war kein leichter Gang, der einen ehrlichen Kerl zum Mordbrenner machen sollte, und das Gewissen hinter der Weste murrte gemeinsam mit den Wellen des Baches einer solchen Freveltat entgegen. Aber die Beine gingen doch vorwärts, obwohl auch der Wind den grauen Kopf des Frevlers mit zwei Halstuchzipfeln ohrfeigte. 276 »Was ich mir vorgenommen habe, tue ich,« sagte Sebastian Stallmann, »es sei denn, daß sich mir Hindernisse in den Weg legen, die ich nicht übersteigen kann,« fügte er vorsichtig und nicht ohne stille Hoffnung, daß sie kommen möchten, hinzu. Der Weg zur Dampfmühle war ja noch lang, und er war gefahrvoll, weil er nicht die Straße war, die der Mann der Ordnung geht. Man konnte ein Bein brechen. Man konnte an einer Stelle, wo der Bach ein wenig wartet und sich ausschnauft, in einen tiefen Tümpel fallen, und die Schweden konnten naß werden. Oder es konnte ein Hase über den Weg laufen. Dann, ja dann war eben nichts zu machen, und die Dampfmühle blieb vorläufig stehen. Im stillen hoffte der Mühlknecht, daß so irgend etwas sich ereignen möchte, aber aufgeschoben war dann noch lange nicht aufgehoben. Er fühlte in sich den Beruf, die Dynastie Höhrle zu retten und wenn er wie ein zweiter Marcus Curtius in den Abgrund springen mußte. So ging er weiter, bis zu einer Stelle, wo ein Wiesenpfad den Lauf des Baches kreuzte und dem Wanderer mittels eines Brettes trockenen Fußes ans andere Ufer des Olfenbaches half. Hier konnte ihm jemand begegnen; das war gefährlich, weil es ihn nachträglich verdächtig machen mußte. Hier hätte er eigentlich eilig vorübergehen müssen, und doch blieb er stehen, weil ihm schon beinah jeder Grund willkommen war, der sein Vorhaben hinausschob. Es kam aber niemand, und Sebastian Stallmann setzte seinen Weg fort. 277 Der Himmel schickte ihm allerlei phantastische Wolken entgegen, die unförmlich wie dicke alte Weiber aussahen. Der Mann mit dem bösen Gewissen sah furchtsam zu ihnen empor, als traue er ihnen nichts Gutes zu, und als sie einen Tropfen fallen ließen und ihm gerade ins Gesicht, da wischte er mit dem Ärmel die Nässe von der Wange und die quälende Unentschlossenheit aus seinem Herzen. »Was bin ich doch für ein Tor,« sagte er zu sich selber, »in jedem Augenblick kann es anfangen aus Brunnenröhren zu gießen. Wer wird bei solchen Aussichten, die einen Kohlenbrenner um das Leben seines Meilers bangen lassen, einen Brand legen wollen. Was ich mir vorgenommen habe, das tue ich, tue ich, und niemand soll mich daran verhindern. Aber heute gerade braucht es nicht zu sein.« Mit solchen Gedanken im Kopfe und Wasser in dem zweierlei Schuhzeug, drehte er sich um und kam eine Viertelstunde später wieder bei der Mühle an. Während der Mühlknecht zur Hintertüre hinausgeschlichen war, hatte der Müller durch die Vordertüre das Haus verlassen. Auch sein Weg ging nach einem schlimmen Ziele, und er brachte Schlimmeres heim als nasse Füße. Auch ihn hielt der Aufruhr der Elemente nicht zurück, ja, er war ihm sogar erwünscht, weil er mit feuchtem Besen die Menschen von der Straße fegte. Bei Mordche Rimbach die Treppe hinauf, das war ein Aufstieg, bei dem schon mancher den Hals gebrochen hatte. 278 Vater Höhrle nahm die Stufen, kam vor die Bodenkammer und sah ein Licht durch ein Schlüsselloch gucken, gerade so, als ob es sagen wollte: »Nun greif ein wenig über mich und du hast die Klinke.« Der Wanderer in Nacht und Dunkel ließ sich von dem matten Schimmer zurechtweisen und stand plötzlich im Zimmer des Mordche Rimbach einem Manne gegenüber, den er da nicht gesucht hätte. Vater Höhrle wußte, und alle Welt weiß es, daß Heinz Wohlgemuth, nachdem seine Frau sich an das Wasser gewöhnt hatte, nach Amerika ausgewandert war. Leider waren sie drüben nicht angekommen. Der Segler, der so viele hochgespannte Erwartungen trug, brannte mitten auf dem Atlantischen Ozean bis auf den Wasserspiegel nieder und versank. Nur wenige der Passagiere wurden gerettet, darunter Heinz Wohlgemuth, der als Witwer den Strand der Elbe wieder betrat, um vorerst in einem Spital zu Hamburg zu verschwinden. Die Zeitungen hatten das trübe Geschick, dem die »Austria« zum Opfer gefallen war, aller Welt verkündet, und Vater Höhrle und sein ganzes Haus hatten den Untergang des Heinz Wohlgemuth und seiner Gattin gebührend betrauert. Nun stand der Ertrunkene da, wie aus der Erde gewachsen. Das war etwas, was der Müller nicht begreifen konnte, und er hob an der rechten Seitennaht ein paarmal verlegen das Hosenbein und ließ es wieder fallen. Mordche Rimbach, der in einem geflickten Ledersessel inmitten einer Hochflut von Papieren, die ihn zu ersäufen 279 drohte, vor seinem Schreibtisch saß, schob die Hornbrille auf die Stirn, um den Gast zu mustern, der diese Aufmerksamkeit verdiente, schon um deswillen, weil er mit seinem Anliegen zu so später Stunde gekommen war. »Gott der Gerechte,« rief Mordche Rimbach, »bin ich das jüngste Gericht, ist mein Kontörchen das Tal Josaphat, erleben wir zusammen die Auferstehung des Fleisches? Vater Höhrle, dich sucht der Gerichtsvollzieher, Heinz Wohlgemuth, dich vermutete man im Bauche der Haifische. Nun steht ihr da um Mordche Rimbach herum wie Geister, zurückgekehrt aus dem Schoße Abrahams, und verlangt, daß ich mich nicht soll fürchte vor euch und in der Finsternis, die gelagert ist aufs neue über dem Lande Gosen. Geist von Heinz Wohlgemuth, du warst zuerst da. Sag, was verlangst du von einem alten ehrlichen Jüd?« »Das Geld für den Schiffsakkord will ich zurückholen,« sagte der Totgeglaubte. »Weder mich noch meine Frau habt ihr ans Ziel gebracht, 's ist billig, daß ihr mir das Fahrgeld zurückerstattet für sie und mich.« Mordche Rimbach sah den Sprecher verdutzt an. Ein solcher Fall war ihm in seiner Agentenlaufbahn noch nicht vorgekommen. »Wie heißt,« sagte er nach einigem Nachsinnen, »du bist wieder diesseit des Ozeans, aber kannst du wissen, wo deine Frau ist? Sieh, Jonas, der Prophet, war im Bauche des Wallfisches und wurde ans Land gespieen, wer weiß, vielleicht ist deine Käthe jetzt wohlbehalten in Amerika.« 280 »Was,« sagte Heinz Wohlgemuth, »kein Geflunker, mausetot ist sie wie ein Sargnagel,« und drehte sich um. Da fiel sein Blick auf ein Bild, das mit vier Schuhnägeln an die Wand geheftet war und ein Schiff in Flammen darstellte. Aus dem Mast- und Segelwalde leckten feuerrote Zungen an dem Berliner Blau eines unbarmherzigen Himmels, der über dem Schweinfurter Grün der unendlichen See seinen Bogen spannte. »Da schau her,« schrie Heinz Wohlgemuth, »da geht eben meine Frau unter; ich kenne sie an dem roten Mieder,« und er legte den Zeigefinger unter das Konterfei eines mit den Wellen kämpfenden Weibes. »Bei Gott,« sagte der Jude, »der Beweis der Wahrheit ist dir, ohne daß du eines Rechtsverdrehers bedurft hättest, gelungen. Das Bild der niedergebrannten Austria sagt zu deinen Gunsten aus. Du erhältst dein Geld zurück in bar, oder wünschest du, daß ich es dir anlege?« »Bin Manns genug für mich selber zu sorgen. Das Geld heraus, schon weiß ich, was ich damit anfangen werde. Ich hab' es satt, mit barfüßigen Händen durchs Leben zu gehen. Kann ich nicht auch Glacéhandschuhe tragen wie der Schrot und einen Pelzmantel wie der Hofbauer von Dürellenbach? Beim Pfeifenkopf meines Großvaters, wer nichts wagt, gewinnt nichts. Sobald der Schrot zur Spielbank geht, bin ich dabei. Der Bauer ist an mir verloren; wenn ich kein Herr werden kann, zum Knecht bei Groß und Moos reicht's immer noch.« 281 Damit nahm er sein Geld und seine Mütze, machte die Pantomime, als ob er seine Finger in neue Handschuhe zwängen müßte und schlug nicht ohne einen Anflug von Großartigkeit die Türe hinter sich ins Schloß. Nun, da Mordche Rimbach mit Vater Höhrle allein war, nahm der Hebräer ihn bei der Hand, drückte ihn in den alten Lederstuhl und stellte sich ihm gegenüber, so, daß der grüne Lampenschirm sein Gesicht überschattete, während das Antlitz des Müllers im vollen Glanze des rotglühenden Dochtes leuchtete. Derart lag der herabgekommene Müller für den geriebenen Menschenkenner gleichsam auf dem Objektträger eines Mikroskopes, und ob er mit dem rechten oder linken Auge durch den Tubus glotzte, der Jude sah alles vergrößert und deutlicher. Beim ersten Blick schon hatte er entdeckt, daß die Runzeln im Gesichte seines Gastes energischer geworden waren und Schatten warfen über benachbarte Täler, in denen sich der Kummer versteckte, wie schwarzgeränderter Junischnee in den Schrunden eines Gebirges. Das aber war auch das einzige, was in diesem Antlitz an Sonnenwirkung erinnerte, sonst sah alles nach einer wüsten Novemberlandschaft aus, die grauen Stoppeln des Bartes, die strähnigen Haare, die da herumhingen wie Hopfenzweige im Winde. Ein Lavafeld, ein ausgebrannter Weltkörper konnte nicht trostloser aussehen wie dieses Menschenantlitz. Mordche Rimbach war nicht ohne Mitleid, und in kurzen Momenten, wo seine trockene Seele sich mit anderem beschäftigte als mit Soll und Haben, konnte er jeden bedauern, dem das Schicksal übel mitspielte. So lag auch jetzt in dem scharf 282 geschnittenen Adlergesicht ein Schatten des Bedauerns mit dem bankerotten Müller, der so vernichtet vor ihm saß, inmitten all der kleinen Mehlsäcke, auf denen die Firma Groß und Moos so protzig aufgetragen war. Das Auge des Vaters Höhrle hing am Boden, er sah nicht die lauernden Züge des Juden und nicht den Wust von Waren, der um ihn aufgestapelt war, von abgelegten Ofengabeln beginnend und hinaufreichend bis zu defekt gewordenen Kronleuchtern. Zuweilen ging über das Antlitz des Mannes in dem schäbigen Lehnstuhl eine konvulsive Bewegung, als ob er etwas herunterschlucke, dann war wieder alles still und leblos. Mordche Rimbach sah auch dies. Er wußte, daß die Menschen zu schlucken anfangen, wenn etwas heraus soll, was doch den Weg ans Licht nicht finden kann. O, er hatte dieses Phänomen studiert viel hundertmal hier hinter der Lampe mit dem grünen Schirm, auf dem Objektträger aus fettglänzendem Safianleder. Wie ein Vivisektor stand er da und schaute kalt und gescheidt in die auf einem Jammerbrette aufgeschnallte Seele wie in die geöffnete Bauchhöhle eines Versuchskaninchens. Er wußte, nun würde es bald kommen. Noch ein Schlucken, noch ein Zucken der mageren vorspringenden Halsmuskeln, dann ein Räuspern, und dann das erste Wort, der erste Tropfen des Stauwassers, das über das Wehr bricht, um Mordche Rimbachs Wiese zu befruchten. »Das Stückchen Wald!« »Das am Ammerteich?« 283 »Es stehen noch einige sehr schöne Eichen darauf!« »Meinetwegen, weil Ihrs seid, obwohl ich bei meiner Seele nicht weiß, was damit anfangen.« Jetzt trat der Jude hinter dem grünen Lampenschirm hervor, bückte sich und zog die Schublade eines wurmstichigen Schreibtisches. Ein gedrucktes Formular ersparte die Mühe langer Schreiberei. Vater Höhrle unterschrieb, war den Rest seines Waldes los und hatte eine Rolle Geld in der Hand. »Noch ein Wort, Vater Höhrle. Folgt jetzt wenigstens dem Rate eures alten Hofjuden. Tragt euer Geld nicht hinter dem des Heinz Wohlgemuth her.« Die Nacht hatte mit Sturm und unruhigen Wolkenzügen begonnen. Vielleicht war das noch so, vielleicht war es auch anders geworden. Der Mann, der mit der Faust in der Tasche und mit dem Geld in der Faust auf die Mühle zuschritt, sah nichts von der Stimmung der Nacht. Er fühlte, daß er wie einer, der mit der Lawine über den Felsen stürzt, für den Augenblick des Absturzes wenigstens Luft habe, und er atmete tief auf, wenn er auch wußte, daß die nachstürzenden Massen ihn ersticken mußten. Der nächste Morgen brachte zunächst die Sonne, die vier Uhr dreißig Minuten programmäßig aufging, dann den Gerichtsvollzieher, der eine Stunde später kam und beim Weggehen den Vater Höhrle mit Ehrfurcht grüßte, wie er es lange nicht mehr getan hatte. Dann einen Geflügelhändler mit seinen Körben, der berichtete, daß gegen 284 Mitternacht in Langenthal zwei Scheunen niedergebrannt seien. »Verfluchte Kerle, sollten sie doch??« murmelte Sebastian Stallmann voller Mißtrauen und drückte die modernen Normänner in seiner Tasche, die heute die Welt mit Feuer überziehen, daß sie knackten. 285   28. Kapitel Es war ein glühender August voll gleißenden Sonnenscheins. Das Gras auf den Wiesen stellte sich dünn. Nur magere strohige Stengel reckten sich und schauten sich um, ob es den Lanzenblättern des Rasens möglich sein werde, ihnen zu folgen. Aber sie blieben allein, umgeben von häßlich grauen Brandplacken, auf denen es selbst der Grille zu heiß wurde. Umsponnen und rostig hing das Laub von den Obstbäumen nieder, die Stengel der Früchte wurden dürr, diese selber fielen ab, und die Mäuse an den Straßenböschungen hatten billige Mahlzeiten. Im Tannenwald brütete die Hitze, brachte die Nadeln am Boden zum Aufstehen, stieg an den Stämmen in die Höhe und schmolz das Harz, daß es in Tropfen niederrann und feinen Terpentingeruch ausströmte. Es duftete wie in einer Schreinerwerkstätte und war heiß wie in einer Backstube. Die Sonne, die unbarmherzige Sonne tat, was sie nur konnte, um sich gründlich verhaßt zu machen. Sie zerrieb den Straßenkot zu scharfem Pulver und schickte kleine Tagediebe von Wirbelwinden, die ihn Menschen und Tieren ungezogen in die Augen werfen mußten. Wer konnte, 286 wich diesen Gemeinheiten aus, lag auf einer Bank, gähnte, schwitzte und hütete sich, Wasser zu trinken, um nicht noch mehr schwitzen zu müssen. Die Wege waren verödet, die Dörfer leer, selbst Enten und Gänse wollten sich nicht die Füße verbrennen an den glühenden Pflastersteinen; sie blieben lieber in den Tümpeln um den Dunghaufen stehn. Kein Ton weit und breit. Nicht einmal die Kegel rappelten auf den Kegelbahnen. Ob die Grillen zirpten? Ich weiß es nicht, und auch die zwei Wanderer wissen es nicht, die matt und schwerfällig sich die Straße hinanschleppten und sich umdrehten, wenn in der Ferne eine Windhose ihre ärgerliche Spirale in die Luft schraubte. Dem einen der Wegemüden hing die Zunge heraus, und ab und zu fiel ein Tropfen von ihr nieder und bildete im Straßenstaub eine feuchte, erbsengroße Kugel. Auch der andere stieß zuweilen die Zunge etwas hervor und befeuchtete damit die trockenen Lippen unter leisem Ächzen. In der Ferne sah man ein weißgestrichenes Chausseehaus, das einen langen Arm vorstreckte, an dem es einen Elefanten schlankweg in die Luft hinaushielt. Diesem Zeichen steuerten die zwei Wanderer mühsam entgegen, traten durch die Haustür und wurden von einer sanften Kühle und einladendem Weingeruch, die beide aus dem Keller kamen, freundlich empfangen. Aber im nächsten Augenblick schon erhob sich ein schreckliches Gekläff und Gewinsel, das von einem Wollklingel ausging, der nach einem Mausloch suchte, um sich darin zu verkriechen. »Barmherziger Himmel,« klang eine metallene Stimme 287 aus der Küche, »was für ein Eselshuf mag dem Zamperle aufs Fell getreten haben, daß er gar so erbärmlich jammert?« Und ein Weiberrock stürzte hervor und wickelte den Wollklingel in die Schürze, wo er aber immer noch fortfuhr zu protestieren und zu wettern, als ob ihm ein bis dato unerhörtes Unrecht widerfahren wäre. »Potz Schweineschwänzchen und kein Ende,« hob die Blechtrompete wieder an, »füttern sie herumlungernde Handwerksburschen mit dem Ungetüm, Herr Höhrle? Nun, dann gut, dann mag der Sauhund billig halten sein, aber Kartoffel, Kartoffel! Ein Rittergut bringt in dem trockenen Jahrgang nicht soviel hervor, als der brauchen könnte, und nun gar die ausgemergelten Lappen ihres Alten,« und sie warf den kläffenden Wollklingel unter die Zudecke eines Kinderwagens, der da im Wege stand. Das war der Empfang, den Holofernes und sein Herr im Weißen Elefanten zu Weiher fanden, als sie eben in die Herbstferien gingen. Mehrere Stunden Eisenbahnfahrt, mehrere Stunden Fußmarsch liegen hinter ihnen, und hinter ihnen am Eisenbahnschalter liegt ihr letzter Groschen. Wer in solcher Verfassung hungrig und müde in ein Wirtshaus tritt, sollte eine bessere Stimmung finden wie die war, die Holofernes, wenn auch ohne es zu wollen, vorbereitet hatte. Die Wirtin war verdrossen. Verdrossen stellte sie einen Schoppen Apfelwein auf den Tisch, verdrossen schlug sie mit dem Kochlöffel die Eier in ihrer Lederschürze zu einem Pfannkuchen, verdrossen stellte sie denselben auf den Tisch und gerade vor die Nase des am Tische stehenden 288 Holofernes, dessen Tugend dadurch einer schweren Versuchung ausgesetzt war. Dann lehnte sie sich mit dem Rücken an den Uhrkasten, steckte beide Hände unter die Schürze und sah mit verhaltenem Ingrimm zu, wie ein halber Laib schweren Bauernbrotes mitsamt den Eiern in zwei Mäulern verschwand. So lange das Essen währte, befand sich Hans Höhrle leidlich wohl, dann aber wurde er unruhig. Er sah zuweilen auf die Straße hinaus und dachte: »Wenn ich nur erst so weit von diesem Hause weg wäre, als man von hier aus sehen kann.« Zuweilen zog er seine Uhr in auffälliger Weise hervor, weil er hoffte, daß deren Anblick seine Kreditwürdigkeit in den Augen der Wirtin steigern könne. Holofernes, der zum Ärger der lauernden Frau unglaublich große Brotbrocken verschlungen hatte, schlief und schnarchte sogar ein wenig. Er war satt und kannte über das hinaus keine Sorge. Ein Schwarm von Mücken hatte sich über die mikroskopischen Reste von beider Wanderer Mahlzeit hergemacht. Sie fragten nicht, was es etwa kosten könne. Beide, Hund und Mücken, überließen es vertrauensselig unserem Hans, darüber nachzudenken, wie er, ohne einen Pfennig in der Tasche, die Zeche begleichen möchte. Verdammt, wenn nur die Wirtin nicht gar zu bärbeißig dreinschauen möchte; sie kannte ihn doch, warum richtete sie nicht eine einzige Frage an ihn? Hans suchte ihre Stimmung mit einer Schnurre zu verbessern. »Im Halben Mond zu Trippsdrill wettete der Postmeister Hallwachs, daß sein Stangenreiter in einem Sitz 289 einen Hammel essen könne. Die Leute lachten ihn aus. Da schickte er nach seinem Vielfraß. Der kam und hörte, wie der Postmeister sich hineingeredet hatte. »Ich laß meinen Herrn nicht stecken,« sagte er und setzte sich mit dem Todesmut eines Gladiators im Gesicht hinter den Tisch. Mau brachte ihm das Opferlamm zu Ragout geschnitten. Ist's da ein Wunder, wenn der Brave den Hammel nicht erkannte und ihn für eine Vorspeise hielt, die seinen Appetit reizen sollte? Er aß mit Lust so eine Stunde und wohl auch zwei; da aber, als eben die Wirtin die letzten Brocken von dem geschlachteten Tiere brachte, erwachte in ihm das Bewußtsein, daß er für das Interesse seines Herrn zu speisen habe. »Wenn jetzt der Hammel nicht bald kommt,« sagte er entrüstet, »so hör' ich auf zu essen. Ich sehe schon, ihr wollt mir meinen Appetit verderben.« Leider verfehlte die Erzählung ihren Zweck. Die Wirtin zum Elefanten zog den Mund in ihrem Kürbisgesicht ein wenig in die Breite und zeigte zwei mächtige Zahnlücken; das war rein alles, was aus ihr herauszuholen war. Indessen verglühte die Sonne im Westen, die Linde vorm Weißen Elefanten warf einen Schatten ans Fenster, und die Uhr über dem Kopfe der Wirtin behauptete, ohne Widerspruch zu finden, daß die neunte Abendstunde gekommen sei. Nun mußte irgend etwas geschehen, um eine Auseinandersetzung mit dem Elefantenweibe herbeizuführen. Haus holte sein Portemonnaie heraus und fragte nach der 290 Rechnung. Sie war an sich nicht groß, nur eben in diesem Augenblick unerschwinglich. »Können Sie einen Hundertmarkschein wechseln?« fragte Hans mit einem erwartungsvollen Blick in das Kürbisgesicht. Bei Gott, die Wirtin konnte das, denn sie nickte mit dem Kopfe. »Dann, dann,« fing Hans zu stottern an, »nun, dann brauchen Sie ja das Geld nicht so nötig und können meine Rechnung mit der Kreide einstweilen hinter die Kammertür schreiben.« »Na, so was,« brach die Dicke los, »so was läuft in der Welt herum mit zwei Mäulern und hat nicht für eines Futter. Glaubt er, meine Henne müht sich ab, um Eier zu legen für Leute von seiner Sorte? Und die Zumutung an ein rechtschaffenes Weib, bei solcher Hitze am Herd zu stehen und zu backen für Leute, die nicht zahlen wollen. Kredit geben, wem denn? Dem Sohne des Bankerottmüllers? Heißt das nicht, sein Geld in die Furche werfen und hoffen, daß es wie grüne Erbsen wieder herauswachsen werde? Daraus wird nichts!« schrie das ergrimmte Weib und stemmte die fetten Hände auf die prominenten Hüften. Hans war in qualvoller Verlegenheit und hätte mit Vergnügen seinen Hunger und seinen Durst wieder eingetauscht gegen dieses mit solcher Beschämung gepfefferte Gefühl des Sattseins. Er hätte von seinen Händen einen Finger hergegeben für einen Taler, den er diesem Weibe ins Gesicht werfen konnte. Er sah an sich nieder, zog 291 die Uhrkette durch das Knopfloch und legte sie mitsamt der Uhr auf den leeren Teller, der vor ihm stand. »Euer Essen war gut. Dafür nehmt, was hier vor euch liegt. Für den Nachtisch aber, den ihr mir hoffentlich unentgeltlich geliefert habt, dafür segne euch Gott!« Und er nahm sein Ränzlein über die Schulter und schritt, von Holofernes gefolgt, über die Schwelle des ungastlichen Hauses. Das Gehen förderte unsere Reisenden mächtig voran, denn Hans war in Erregung. Wie war es nur möglich, daß dies Weib ihm derartig begegnen konnte, ihm, dem auf dem Trottoir der Universitätsstadt mancher auswich, der über einen klangvollen Namen und starken Arm verfügte? Ihm, hinter dessen Klinge die Luft sang, wenn er sie über den Köpfen seiner Gegner schwirren ließ. Hatten denn die Riegel, die auf Stirn und Wange lagen und vernehmlich predigten, daß ihr Träger das Schwert als seinen Rächer führte, auf dies inferiore Menschenkind keinen Eindruck gemacht? War es denn mit den Münzen, die auf der Universität galten, so windig bestellt, daß man sie beim ersten Schritt ins Leben hinein in den Straßenkot werfen konnte? Während Hans über diesen Gegenstand nachdachte, rieselte viel überspannter Idealismus durch seine Haut hernieder und ging verloren, wenn nicht allenfalls Holofernes ihn auflas. Andere Gedanken, Kanonen von schwerem Kaliber, fuhren vor dem Studenten auf und versuchten, ihm eine ernste Wahrheit ins Ohr zu donnern. Was sollte die malitiöse 292 Bemerkung heißen: »Dem Sohne des Bankerottmüllers?« Stand es denn wirklich so schlecht um seinen Alten? War er denn nicht mehr der Sohn vermöglicher Leute? Saß zu Hause die Not am Tisch und schnitt das Brot vor, während er im Burschenhaus gemächlich tafelte? Nie doch hatte der Vater mit einem Worte verraten, daß ihn der Mangel drückte. Aber Hans hätte sehen können, wie er gebeugt einherlief, wie sein Rock, sein Hut schon fast um ein Almosen bettelten. Auch das Bild seiner Schwester kam vor seine Seele. Sie sah seit dem Tode der Mutter so hausgemacht aus, so zusammengemustert. Die Stoffe ihrer Kleider waren geringwertig, und manche Jacke saß, als ob sie mit der Heugabel an ihren Leib geworfen wäre. Hans schämte sich, wenn er sein wohlgepflegtes Äußere sich neben dem seiner Schwester vorstellte, und er war froh, daß die Dunkelheit, die sich niedersenkte, ihn vor sich selber in einem verschwommenen Grau verbarg. So kam er nach dem kleinen Marktplatz von Husterloh und kehrte in dem Eckhause ein, wo sein Onkel Schütteldich zwischen gewässerten Stockfischen und stinkenden Schwefelhölzern noch immer ein sehr erträgliches Leben führte. Bei ihm, wo die dem Verderben geweihten Reste einer Viktualienhandlung immerhin noch Leckerbissen für eine Hundetafel abgaben, sollte Holofernes bleiben. Er selber wünschte von dem Onkel nichts als einige Aufklärung über die Verhältnisse des Vaters, die ihm seit seiner Einkehr im Weißen Elefanten wenig vertrauenerweckend vorkamen. 293 Die Tür des Kramladens war etwas geöffnet, und Hans sah, wie sein Onkel mit einem brennenden Streichholz von einem Leiterstuhl herunterstieg, während eine verstaubte Petroleumlampe über seinem Haupte einen zunächst schwachen Versuch machte, Klarheit auszubreiten über tausend verworrene Kleinigkeiten, die ohne innere Wahlverwandtschaft sich nebeneinander gelagert hatten, wie es der Zufall gerade wollte. Da der junge Student einen Schritt vorwärts, Herr Schütteldich einen rückwärts machte, so waren Onkel und Neffe im nächsten Augenblick näher beieinander, als es durch die bestehenden Familienbande und durch die Rücksicht auf die beiderseitigen Hühneraugen geboten erschien. »Ei, Hundebuckel und keine Quaste dran,« platzte der alte Jäger heraus. »Was für ein Seiler möchte hier wohl aus vier Menschenbeinen einen Strang flechten?« Und er drehte sich mitsamt dem Streichholz auf dem Absatz herum und leuchtete seinem Neffen ins Gesicht. »Tausend Dackelhunde, du hier, und mit einer Visage voller Schnörkel wie ein Judengrabstein? Wer in aller Welt hat dir das Aleph, Beth, Gimel, Daleth ins Gesicht gezeichnet?« »Ich bin gefallen, Onkel,« sagte Hans ausweichend. »Dann sicher in den Warenhaufen eines Trödeljuden. Wie könntest du sonst aussehen wie ein Gartenbeet, in dem die Hühner scharrten! Bei Gott, Hans, mein Junge; dein Onkel knöpft seine Hosen nicht mit der Kneifzange zu. Welcher Held aus des Caroli magni Tafelrunde hat dich 294 bekriegt? Repetent in der Quinta, dann Schnupftabakslieferant für den Wirt in der Hirschgasse zu Heidelberg, wie sollte mir da der Unterschied zwischen einer Quart und einem Durchzieher ein Geheimnis bleiben? Keine Flausen, mein Wickelkind; hier, sieh nach meiner Uhrkette! Menschenzähne, so wahr ich Schütteldich heiße, und nicht von einem Barbier herausgezogen, nein, herausgeschlagen mit einer Tiefquart, die ich vom linken Ohrläppchen bis in den Mundwinkel zog. Ich, ich, dein leibhaftiger Onkel,« und dabei nahm er Hans an einem Westenknopf und zog ihn neben sich auf das Ledersofa, in dessen fettigem Glanze sich die Petroleumlampe gar anmutig bespiegelte. Während sich diese Erkennungsszene abspielte, hatte sich richtig Holofernes mit den Vorderfüßen in eine Kanne Bodenöl verirrt und war nun eifrig dabei, das, was er mit den Pfoten aufgetragen hatte, mit der Rute glattzustreichen über die Diele hin. Nach getaner Arbeit kam er näher und legte Herrn Schütteldich zutraulich die Schnauze aufs Knie, weil er irgend ein Kartellverhältnis zwischen diesem und seinem Herrn voraussetzte. »Du treibst wohl neben deinen Studien ein kleines Milchgeschäft?« fragte Schütteldich und suchte mit der Hand auf dem Hundefell nach Kahlhieben, wie sie das Ledergeschirr an Arbeitshunden zu schlagen pflegt. »Doch nicht,« sagte Hans mit Lachen, »der Hund gehört der Burschenschaft; ich habe ihn nur mitgebracht, weil ich dir, dem Onkel Nimrod, eine Freude machen wollte und weil ich dachte, er wird in unserem Hofe niemanden genieren.« 295 »Das schon,« sagte Schütteldich, »der Hof ist hoch und tausend Hunde hätten darin Platz, wenn man sie übereinander stellt; nur fressen dürfen sie nicht, denn Milch und Kartoffeln sind bei dir zu Hause ein wenig knapp. Aber dies alles,« betonte er großartig, »sind nur transitorische Zustände. Fortuna tanzt auf einem Rad. Im Nu sind Nord- und Südpol vertauscht. Im Weltschirm trinken die Leute Champagner, und wenn dein Vater morgen abend wiederkommt und rouge et noire sind günstig gefallen, so ist Futter da für dich und Holofernes. Indessen bleibt ihr gelehrten Herren bei dem Repetenten aus der Quinta; er will den erhabenen Moment genießen, wenn zwei Millionäre, Vater und Sohn, sich die Hände schütteln.« Onkel Schütteldich, der gute Onkel, hatte übrigens für ein reichliches Nachtessen gesorgt, und Hans ging nach demselben zeitig zu Bett. An der blau und weiß gestreiften Tapete seines Zimmerchens hing in einem runden Holzrahmen das Bild seiner Mutter. Hans lag schon unter der schwellenden Bettdecke, in deren Entstehungsgeschichte die Leiden geschundener Gänseherden eine Rolle spielten, aber er konnte sich nicht entschließen, das Licht auszublasen. Sein Blick wanderte auf den Streifen der Tapete unruhig hin und her, bis er immer und immer wieder zurückkehrte zum Bilde der Mutter. Ihr Gebein ruhte nicht weit von dem seinen, und die Eule, die zuweilen durch die Nacht rief, saß vielleicht auf der Traueresche, die ihre Zweige über ihren Grabstein niederrieseln ließ. Außer der Eule ließ sich in regelmäßigen Zeitabständen 296 das Kuhhorn des Nachtwächters hören und streifte von Hans alles ab, was so von studentischer Hyperkultur an ihm hing. Der Stehumlegkragen verlor seine herausfordernde Bedeutung, die Sparröllchen errangen sich das Bürgerrecht. Der Atem der Vergangenheit stieg mit dem Geruch der Heimaterde vor ihm auf und führte Gestalten mit sich, die im Getriebe der Stadt sich nicht sehen lassen durften, aber doch echt waren und ganze Menschen. Da war die Zuckerbäckersfrau, die mit dem Staubbesen die Übertretung des siebenten Gebots an Hansens Sitzfleisch rächte. Da waren die Esel wieder, die einst das Haus Höhrle in grenzenlose Verlegenheit gestürzt hatten. Da war Agnes, und der sonnendurchleuchtete Septembernebel, der vorm Walde ihr beider süßes Geheimnis überschleierte. Da war die hohe Tromm und jener Septembervollmond, der herniederblickte, als zwei Menschenkinder sich das Versprechen gaben, eins zu werden und eins zu bleiben, was auch das Leben bringen mochte. Hans fragte sich, ob er zu seinem Teil getan habe, was er konnte, um diesem Ziele näher zu rücken, und er antwortete vor sich selber: Ja. Aber er verhehlte sich nicht, daß auf dem Wege zum Gipfel noch eine schwierige Kletterpartie vor ihm liege. Sein Vater, sein guter, ehrlicher Vater war auf einen Weg gedrängt worden, auf dem nur der Leichtsinn des Onkel Schütteldich das Glück suchen konnte. Wie, wenn die Heimtücke der rollenden Kugel, die Bosheit der fallenden Kartenblätter gegen ihn entschieden! Hans sah den Postwagen ankommen, sah ein kleines zusammengeschrumpftes Männlein, dem der 297 Rockkragen über den Schädel hinwegguckte, aussteigen, sah, wie der Wind dies schwankende Skelett vor sich hin blies immer das Tal hinab, immer die Straße entlang, die er, der Vater und die Schwestern am Begräbnistag der Mutter so trübselig gewandert waren. Wohin, du armer, du gequälter Pilger? Weißt du nicht, daß da oben auf dem Kirchhof für dich ein Bett bereitet ist? Was ziehst du noch einmal an deiner Herberge vorüber, noch einmal in jenes Haus, in dem vier vorwurfsvolle Augen auf dich warten, Susens Augen und die des alten, treuen Mühlbaschel? Ein namenloses Mitleid mit dem Bilde seines Vaters packte unseren Hans und warf ihn aus dem Bett, in dem er Schlaf gesucht hatte. Er trat ans Fenster und sah zum Weltschirm hinüber, wo herabgelassene Vorhänge die rote Glut der Lampen filtrierten und ein gemildertes Licht auf die Nacht der Straße fallen ließen. In diesem Lichte sah er einen Mann stehen mit einer Hellebarde in der Faust, eine Hubertusmütze mit hoher Reiherfeder auf dem Kopfe. Das Ganze glich einem Stück Mittelalter aus der Erbachschen Sammlung zu Erbach. Der Mann hatte einen Stein unter seine Füße gewälzt und streckte sich an der Mauer empor, offenbar um durch irgend einen Vorhangsspalt ins Innere des Zimmers sehen zu können, und blieb solange an der Fensterbrüstung hängen, bis drüben das Licht erlosch. Dann hörte man grobe Stiefel ungeniert lärmend über das Pflaster schreiten, aber nicht lange. Es verhallten die Tritte, und Hans zog daraus den Schluß, 298 daß der Mann da irgendwo in der Nähe sich untergebracht habe, um den Verlauf irgend einer unheimlichen Sache zu beobachten. Jetzt war die Bühne leer. Zu sehen war nichts, zu hören auch nichts. Hans schloß das Fenster, kroch unter die Bettdecke und schlief nach einem grausamen Tage, der ihm so manches geraubt, einem noch grausameren entgegen. 299   29. Kapitel Am anderen Morgen erweckte ihn ein Gespräch, das aus dem Lagerschuppen seines Onkels unter ihm zu kommen schien. »O, du Leuchte in den Finsternissen, du Spieß der Gerechtigkeit, du Haubenlerche, die im Rathausspeicher nistet, sag' mir doch, Schnapskrüglein der Witwe von Sarepta, das nie leer wird, sag' mir von welchem Strauchdieb hast du mit Augenzudrücken das Geld verdient für deinen Morgentrunk? Hüte dich, Judas Ischariot! Wenn die Gerechtigkeit einmal hinter dir auf dunklen Pfaden hertappt, dann kannst du wieder mit dem Bettelsack statt des Spießes spazieren gehen.« Dieser Stimme, der Stimme des Onkels, antwortete eine andere. »O du Haberguck unter den Propheten, du Bannerträger der Faulheit, hättest du dein Geld so sauer und ehrlich verdienen müssen wie ich, du könntest an einem Reisigbesen Maß nehmen lassen zu deiner Hosentaille. Geh doch, Stückfaß, und bring ein Schnapsglas her, so groß wie dein Magen, aber platze nicht unter der Last. Ich 300 möchte nicht in der Nähe sein, wenn ein Pfuhlfaß berstet. Der Tod des Ertrinkens wäre mir gesichert und dem Ratsschreiber ein schwerer Tag, weil er deine Grabschrift umdichten müßte, des Umstandes wegen, daß dich der Tod bei einer Arbeit gefunden.« Hans hörte, wie zwei Pantoffeln schlürften, und wie eine Kiste gerückt wurde, und schloß daraus, daß der Nachtwächter seinen Schnaps im Sitzen zu sich nehmen wolle. Dann war eine Zeitlang alles still. Mit einem Male schlürften die Pantoffeln wieder, und der Dialog nahm seinen Fortgang. »Ei, da bist du ja wieder heil und ganz, du Fauler, du Lumpiger, und das Schnapsgläschen hat dich nicht in den Boden gedrückt? Ja, bei meiner Seele Seligkeit, ich bin ein ehrlicher Mann. Jeden Pfennig unrechten Gutes, den du bei mir findest, magst du auf die Ofenplatte legen, wenn meine Frau die Wäsche bügelt für die Gerichtsherrn von Husterloh, und ich schluck ihn dir glühend herunter. Aber wenn man bezahlt wird dafür, daß man bloß die Zunge im Maule hält? Sollte das ein Unrecht sein, so ist es doch leider die einzige Konjunktur, die im Berufe eines Nachtwächters möglich ist. Bezahlt werden für sein Maulhalten. Kann man mit noch weniger Arbeit sein Geld verdienen? Und wie leicht mir diese Mühe fällt! Ich kann schweigen, wie, na, wie denn? Nun wie ein Sargdeckel, der redet mit keinem Menschen ein Wort, nicht einmal mit dem, der unter ihm liegt.« An dieser Stelle wurde ein Schnapsgläschen gefüllt mit grünem Wachtmeister hochgehoben, und sein Inhalt 301 verschwand unter einem vernehmlich glucksenden Geräusch. Dann ging die Belehrung weiter: »Sieh, da ist im Alten Testament ein schwatzhafter Mann mit Namen Jesus Sirach oder so etwas, der sagt: »Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.« Hat der sich nun an das, was er predigt, gehalten. Nein, er hätte dann seine unnötige Weisheit bei sich behalten. Leute, wie ich, die schweigen können, haben sie nicht nötig, anderen nützt sie nichts. 's ist nicht zu sagen, was gerade die Propheten oft für Dummheiten machen. Siehst du, ich halte es mit meiner Arbeitgeberin der Nacht. Wes Brot ich eß, des Lied ich sing. Diese schweigt und erzählt mir doch allerlei, was außer ihr und dem Himmel keiner gesehen hat. Läuft da nach Mitternacht ein Mann wider mich, dem vorher im Weltschirm da drüben ein schönes Kind auf den Knieen gesessen hat. Ich werde mich hüten zu sagen, wer's war.« »Kerl,« sagt er, »kannst du schweigen?« »Unverschämt,« sage ich, »und er drückt mir fünf harte Taler in die Hand. Dabei bleibt's, mehr sag ich nicht, und nun gehe, du Vorstand aller Faultiere, und bring die Flasche her, damit du dir die Beine nicht zur sehr abläufst. Ich habe für eine Woche im voraus Geld verdient, also kann ich auch für eine Woche im voraus trinken.« Onkel Schütteldich ging und mischte eine stärkere Sorte unter den grünen Wachtmeister. »Voll wird er doch,« dachte er, »er quatscht sich schneller aus, und ich gewinne Zeit. ›Wer nicht arbeiten will, muß sparen,‹ sagt ein altes Wort. Ich tue das letztere, obwohl ich nicht weiß, was 302 ich mit der gesparten Zeit anfangen soll. Aber immerhin, man soll die Weisheit der Sprüche ehren, schon um deswillen, weil man sich verspätete Vorwürfe spart.« Als der Nachtwächter nun erst das Klappern der Pantoffelabsätze wieder hörte, fuhr er fort: »Dienstgeheimnis, für wen ist ein Dienstgeheimnis? Nur für Leute, die nicht schweigen können. Ich, meinerseits, ich brauche keines. Wirst du mir glauben, daß ich schon seit vierzehn Tagen weiß, was im Weltschirm vorgeht, und daß ich kein Sterbenswörtlein davon gesprochen habe? Geht dir da drüben zwei Wochen zurück, Nachts zwischen elf und zwölf ein Familiengewitter nieder, in welchem der alte Pfahlbauer Strohstühle durch die Luft wirft wie Donnerkeile. Du weißt, ich lausche nicht, aber wer kann sagen, er habe gelauscht um den Donner nicht zu überhören? Auch kann ich stehen, wo ich will, wenn ich nur kein Verkehrshindernis bin. Na also ich stehe und habe meine Ohren bei mir und höre zwischen dem Klirren zerschlagener Weinflaschen das Gebrüll des Alten: ›An dem Buben hängt sie, dem verdorbenen, der seinen Vater an den Bettelstab bringt. Im Leben wird aus dem nichts. Wer mit der blanken Waffe das Leben seiner Mitmenschen bedroht, der ist schon gar kein Christ mehr, hat der Pfarrer gesagt.‹ Klirr, da flog eine Flasche in die Ecke, ›und das sag ich auch und sag's zweimal,‹ klirr, klirr da flogen zwei andere nach. »Na, denk ich, der Narr wird doch keine vollen Flaschen wegwerfen, werde neugierig, roll einen Stein ans Fenster und streck' mich, und was seh' ich durch den Vorhangsspalt? 303 Drinnen steht der Pfahlbauer hemdärmelig, wie ein Apostel, hinterm Büfett und schlägt leere Sodawasserflaschen zusammen, daß die Scherben gefährlich durchs Zimmer fliegen. Am Tisch aber sitzt Agnes und ihre Mutter, sie haben die Schürzen vorm Gesicht und weinen wie eine Dachtraufe im Novemberregen. Das rührt aber den Alten nicht. Jetzt schlägt er zur Abwechslung Sauerwasserkrüge kaput, dann stellt er sich auf den Scherbenhaufen, damit er imponierender aussehe, und nun donnert er los: ›So nu, wenn jetzt die Liebelei mit dem Studentenbuben kein Ende nimmt, und die Agnes nimmt den Schrot nicht mit sei'm vielen Geld, dann nimm ich mir's Leben, – den Strick hab ich, und ihr alle am Hals, daß ihr's wißt, seitdem ich nämlich an der vermaledeieten Spielbank war, – oder ich fangs Saufen an.‹ »Na, denk ich, das letztere brauchst nit mal erst anzufangen und geh von meinem Stein runter. Jetzt siehst, daß unsereiner was weiß und daß man's bei sich behalten kann! Von mir erfährt kein Mensch was.« Und er hob zur Bekräftigung seiner Worte das Schnapsgläschen und, glucks, war sein Inhalt über den Kehldeckel hinweggerutscht. Über eine Weile und er fing an zu singen: »Zu Bette ging die schöne Maid und wollt' sich eben lausen, Ihr blonder Schatz stand draußen.« Damit war des Biedermanns Bedarf an gereimter Literatur gedeckt, oder er hörte auf zu singen, weil er noch einen Stein auf dem Herzen hatte, den er abladen wollte. 304 »Du, Schütteldich,« sagte er lüstern und lehnte seinen Kopf vertraulich an dessen Busen, »Schütteldich, als der Pfahlbauer heute Nacht an der Treppe verschwand, war es zwölf Uhr. Im zweiten Stock wurde ein Fenster hell, dann erlosch das Licht oben, unten aber auch. Nun sag' mir doch, was können zwei Menschen im Dunkeln treiben, zwei Stunden lang, denn als der Schrot wider mich lief, hatte mein Kuhhorn die zweite Morgenstunde verkündet.« »Man kann im Dunkeln Garn wickeln, oder einen Rosenkranz beten,« sagte Schütteldich. »Recht so, Rosenkranz beten,« lachte der Nachtwächter, »die Gegrüßet seist du Maria läßt man unter Küssen durch die Finger laufen. Beim Vaterunser überspringt man die sechste Bitte. Siehst du, Schütteldich, so war's früher, so wird's noch heute sein. Schade, daß wir alt geworden sind. Aber, was kümmert mich das Treiben der Jungen? Ich bin bezahlt dafür, daß ich meine Zunge hüte, und das tue ich. Von mir erfährt keine Menschenseele das Geringste.« Und in der Tat, jetzt schwieg er, und alles um ihn her, bis ein eiserner Spieß dröhnend zur Erde fiel und ein phänomenales Schnarchen verriet, daß der Mann, der die gefährliche Wehr zum Zeichen seiner Würde trug, eingeschlafen war. Hans Höhrle hatte auch die Pantoffeln des Onkels Schütteldich von dannen schleifen hören und wußte, daß von da unten nichts weiter zu erwarten sei. Es dauerte eine Weile, bis er die Bruchstücke des Gehörten wie Mosaiksteine 305 zu einem traurigen Gesamtbilde zusammensetzen konnte. Da, als er das Ganze in seinen Ursachen und Wirkungen überblickte, faßte ihn eine finstere Wut, und während er sein Gesicht in die Kissen vergrub, tastete seine Faust an der Wand hin, dorthin, wo im Alkoven der Universitätsstadt seine Waffen hingen. Es wäre ihm leichter geworden, viel leichter, wenn seine Finger in dem Korb des Säbels wühlen, seine Klinge umfassen konnten, sie, die einzige Freundin, die er bitten durfte, seine Schmach zu rächen. Ach, die Quarten, die Terzen alle, die sein starker Arm hinausschickte, um Leute zu verwunden, die ihm gleichgültig waren, hier wären sie wie ein Hagelwetter vernichtend auf einen Boden niedergefallen, der ein Gottesgericht verdiente. Wie schade, daß dieser Schrot zu platt war, als daß man ihn zerdrücken konnte! Hans quälte sein armes Gehirn, was er tun, was er lassen könne, um diesen hergelaufenen Glücksritter zu bestrafen. Was immer er denken, was immer er ausbrüten mochte, allem hing der Fluch der Lächerlichkeit an, und er sah ein, daß der Mann, vernichtet und zertreten, nur eben stinken würde wie eine zerquetschte Feldwanze. Aber hing die ganze Schuld an ihm? Konnte, durfte Agnes so nachgiebig sein? Bei diesem Gedanken zog ein trüber Pessimismus in seine Seele ein. Pfui über die Weiber und ihre käuflichen Werte! Warum war er so töricht und übersah den schmachtenden Duft all' der Gänseblümchen, die in der Universitätsstadt vor seinem Fenster an der Pumpe blühten, einer Rose zu liebe, von der er sich 306 eingebildet hatte, daß sie der Himmel extra für ihn geschaffen habe. Wie schade um die versäumten Gelegenheiten! Hans wollte nicht mehr der Adler sein, der sein Nest in der Eiche baut. Er nahm sich vor, sich mit den Sperlingen ins gefällige Rohr zu setzen, das sich biegt, wenn einer kommt, und in den Sumpf sinkt, wenn's eben mehrere sind. Als er erst einmal so weit war in seinem Gedankenspiel, war er auch aus dem Bette und in den Stiefeln drinnen. Die belebende Kühle des Waschwassers vollends half ihm den Wirrwarr des Für und Gegen in seinem Kopfe zu ordnen. Schlag fünf Uhr stand er, ein aufrechter Mann, zu jedem Opfer bereit, vor dem Onkel, der ihn mit einem seltsam weichen Gesichtsausdruck lauernd musterte. Holofernes hatte mit der Pfote die Klinke niedergedrückt und war eben daran, mit dem breiten Keil seines Kopfes im Türspalt Platz zu schaffen für seine mächtigen Schultern, als Onkel Schütteldich nach seinem Halsband griff und ihn schonend zurückzog. »Laß ihn da,« bat er, »es sind genug Mäuler an der Krippe.« Hans fing einen traurigen Scheideblick des Hundes auf und trat hinaus in das erste Entwicklungsstadium des jungen Tages. Die Luft regte sich nicht. Sie wollte die Sonne nicht wecken, die Grausame, die gestern so unbarmherzig gebrannt hatte. Die Vögel schwiegen, aber es war ein hastiges Kommen und Gehen vom und zum Nest. Die Alten hatten es eilig, die Bedürfnisse des Haushaltes herbeizuschaffen, bevor die flimmernde Luft das Auge 307 blendete und den Flug erschwerte. Der Bach war mager geworden und müde. In Tümpeln unter dem Erlengebüsche ruhte er sich aus, bevor er durch Kiesel und Felsblöcke seine dünnen Seidenbänder weiterschob. Hans war ruhiger geworden. Die absolute Bewegungslosigkeit, die ihn umgab, senkte ihren Frieden mit suggestiver Kraft in seine Seele. Drüben, da, wo das Grün des Wiesenteppichs, vom Walde überschattet und beschützt, satter wurde und fast schwarz, lag sein Elternhaus. Ein dünner Rauch, wie er der Glut des Reisigfeuers entsteigt, kam aus dem Schornstein, blieb in der Luft stehen und bildete bedeutungsvolle Frage- und Ausrufezeichen. Daß die Mühle nicht ging, war ein Umstand, der die Morgenstille ins Ängstliche steigerte. Hans kam näher und sah den Bastian unter dem Wetterdach auf der Schnitzbank sitzen. Ein großer, blauer Lappen, der, ohne nach der Farbenwirkung zu fragen, sich auf der Schulter seines Wamses breit machte, redete eine Sprache, die zwar höflicher, aber nicht minder eindringlich war als das, was die Besitzerin des »Weißen Elefanten« gestern geredet hatte. Bastian legte den Rechenstiel beiseite, den er mit der Schärfe des Schnitzmessers geglättet hatte, erhob sich und streckte dem jungen Herrn die breite, knochige Hand entgegen, die im Dienste des Hauses Höhrle hart geworden war und sich anfühlte, als ob sie aus Nußbaumborke geschnitten wäre. Hans kannte diese Hand von Kindesbeinen auf, diese Hand, die ihm auf den Esel geholfen, diese Hand, die kratzte, wenn sie schmeicheln wollte, und vor der 308 er schon als Knabe seine Wange zu hüten wußte. Was hatte diese Hand an Werten errungen in einem langen Leben? Nichts, rein gar nichts. Nichts für sich und nichts für andere. Und heute ging es ganz ohne sie. – Sie zählte zu jenen tausenden von Händen, die überflüssig geworden sind durch die Kraft der Maschine. Wem fiel es im Betriebe von Groß und Moos ein, das Korn auf den Speicher zu tragen? Das besorgte ein Paternosterwerk durch ein halbes Dutzend von Stockwerken, und aus dem Silo lief es wie ein Ameisenvolk, Körnchen hinter Körnchen über die Walzen der Mahlgänge. Baschel war wie ein Torso aus einer untergegangenen Kulturepoche. Er zählte nur noch als Konsument und dazu noch an einer Stelle, wo wenig mehr zu konsumieren war. Das fühlte er schon lange und das fühlte er jetzt wieder, wo er in das jugendfrische Gesicht des Studenten sah, und eine verlegene Röte kroch unter dem Mehlstaub seines alten Gesichtes vom Kinn bis zur Stirne. Ihm war's, als ob er sich entschuldigen müsse, daß er noch im Hause, noch am Leben sei, aber er brachte kein Wort hervor. Ein »Grüß Gott!« war alles, was die zwei sich zu sagen hatten. Hans stieg die Treppe empor, Baschel langte nach seinem Schnitzmesser und neigte das Haupt mit einem schweren Gedanken: »Einen Dienst willst du wohl dem Hause Höhrle noch leisten,« und tastend griff er in die Tasche seines Wamses, um sich zu überzeugen, ob ihm die Schweden nicht davongelaufen seien. 309 Die Diele des Hausflurs, die unter Hansens Füßen knarrte, rief Suse an die Küchentür. »Bist du allein gekommen?« war ihr erstes Wort! »Hast du den Vater nicht gesehen, nicht auf der Eisenbahn, nicht in dem Kirchdorf? Drei Tage schon ist er fort. Heinz Wohlgemuth hat gleichfalls Geld gewonnen. Vater hat dessen Stiefel angezogen, weil er denkt, das bringt Glück, und ist fort. Nun sitz ich hier und harre, harre die langen Nächte in dem stillen, stillen Hause. Ach, Hans, wie unheimlich schreit das Käuzchen aus der Bodenluke. Das bedeutet nichts Gutes, und heute Nacht hat unsere Kuh sich losgerissen und stand am Morgen bei Mordche Rimbach im Grasgarten.« Noch hielt sie die Hand ihres Bruders in ihren Fingern und sie zog ihn hinter sich her ins Zimmer ohne ihn anzusehen. Ihr Blick irrte durch die trüben Fensterscheiben auf die Chaussee hinüber. Dort, wo diese aus dem Walde heraustrat, dort suchte sie etwas. Ihr scharfes Auge entdeckte unter den Zweigen eine Bewegung und belebte sich. Das konnte der Vater sein. Doch er war es nicht. Es war ein Weib, das ein Reisigbündel auf dem Kopfe trug. »Hans,« sagte sie enttäuscht, »mir ist so bang, wenn er nur wieder kommt. Velten Kainz ist gegangen, und sie haben ihn in Lindenbronn aus dem Teich gezogen. Martin Brand setzte sich auf die Spitze des Kanterfelsens und jagte sich eine Kugel in den Kopf. In Fetzen gerissen las man seinen Leib von den Steinen herunter. Nicht jeder gewinnt, nicht jeder. Ach, Hans, was wirst du erfahren 310 müssen! Auch der Wirt zum Weltschirm hat verloren, und nun will er mit dem Golde eines Schwiegersohnes den Gerichtsvollzieher von der Schwelle weisen; ach, Hans, ach Hans!« »Ach, Hans,« sagte Suse seufzend, »manch einer verliert sein Geld in diesem Wirbelsturm des Wahnsinns, der unser Tal durchtobt, mancher noch Besseres, alle aber den Glauben, daß es noch einen Gott gibt, dem unser Wohl und Wehe am Herzen liegt. Hans, was auch kommen mag, sei du stark und trage deinen Verlust im Konkurs des Dorfes Husterloh mit Würde. Viel müßte ich dir sagen, wenn ich es wagen dürfte, ganz offen gegen dich zu sein.« »Mehr als ich weiß, kann ich von dir nicht mehr hören, Schwester, und deutlicher, als ich sie gehört habe, kann dein Mund die Wahrheit nicht predigen: Daß das Weib eine Ware ist, dem ausgefolgert, der sie am besten bezahlen kann. Laß uns schweigen, Schwester.« Eine Weile saßen sich die Geschwister lautlos gegenüber. Es war so still. Nur der Perpendikelschlag der Uhr verkündete, daß die teilnahmslose Zeit mit unermüdlichen Sekundenschritten durch Jahrtausende schreitet. Was bedeutet im Kommen und Gehen der Jahrmillionen ein vernichtet Menschenglück? Suse erinnerte sich ihrer häuslichen Pflichten und eilte der Küche zu. Bald stand die Suppe auf dem Tisch. Auch Baschel erschien und nahm mit einer linkischen Verbeugung Platz. Zu Mutters Lebzeiten war das anders 311 gewesen. Die stolze Frau zog einen scharfen Strich zwischen Herrschaft und Dienerschaft. Aber nun war beides zusammengeweht wie Stroh und Reisig, wenn der Sturm haust. Die traurigen Reste des alten Glanzes konnte man auf einen Spaten kehren und zum Müllhaufen tragen. In dem großen Schiffbruch saß Kapitän und Matrose auf einer Planke. Die nächste Welle, die kam, konnte beide verschlingen. So aßen die drei ihr Brot gemeinsam, tranken aus dem gleichen Wasserkrug und hatten den gleichen ängstlichen Gedanken: »Wie wird Vater Höhrle aussehen, wenn er wiederkommt?« Der Tag verstrich, ohne daß irgendwer das einsame Haus betreten hatte. Zu holen war nichts mehr, und bringen mochte keiner etwas. Auf den Vater hatte man vergebens gewartet. Sein karges Essen war mit dem niederbrennenden Herdfeuer kalt geworden und unansehnlich wie eine Katzenmahlzeit. Der Abend kam und führte den Sebastian Stallmann heraus in die Stube zu den Geschwistern. »Bald werden wir ins Dorf gehen und den Postwagen erwarten, zwei Stunden noch,« sagte er kurz und ließ sich auf einen Stuhl neben dem Uhrkasten nieder, während sein Auge das Zifferblatt um Rat fragte. Sonst pflegte der Mühlbaschel um diese Stunde zu rauchen, heute tat er es nicht. Vielleicht, daß es ihm an Tabak fehlte, vielleicht auch, daß er mit irgend einem Entschlusse rang, der ihm die Freude an diesem seinem letzten Lebensgenuß vergällte. 312 Längst war es dunkel. Zweimal schon hatte das Kuhhorn des Nachtwächters die Hunde geweckt, da reckte sich Baschel und blinzelte nach der Schwarzwälderin. »Es wird Zeit,« sagte er, und alle drei machten sich auf den Weg. Sie gingen, wie man zu einem Examen geht, zu einer richterlichen Entscheidung über Mein und Dein, die Herzen in der Klemme, das Fünkchen Hoffnung kläglich schwelend unter der Asche der Verzagtheit. Man kam vor der Posthalterei an. Nur wenig Vorkehrungen waren getroffen, den Wagen zu empfangen. Eine Laterne, die an einem Nagel hing, beleuchtete die Aufschrift: Kaiserliches Postamt, und der Apotheker lief in Schlafrock und Pantoffeln herum und wartete auf die Abendzeitung aus der Residenz. Das war nun nicht der Zuschauer, nach dem man geschickt hätte, wenn er nicht schon dagewesen wäre. Der Apotheker war eine grätige Natur. Man mußte ihn mit Vorsicht genießen, wie einen Weißfisch. Aber selbst wer dies tat und schon dachte, daß er ihn halb verdaut hätte, merkte nachträglich, daß ihn etwas im Schlunde kitzelte. Er war wie seine Pillen mit etwas Zucker überzogen, aber die Kandierung war nicht dicht genug, und das bittere Aloe machte sich den Geschmacksnerven störend bemerkbar. Selbst sein Altruismus und sein Mitleid waren vergiftet mit dem Strychnin einer boshaften Schadenfreude. Ohne eine hämische Bemerkung hätte er unsere Freunde nicht begrüßen können. Das wußten die drei, und deshalb versteckten sie sich an der Peripherie des 313 Laternenlichtkreises zwischen den Häusern, obwohl man schon die Achsen des Postwagens auf dem Pflaster schlagen hörte. Die Pferde begrüßten die Aufschrift: Kaiserliches Postamt mit untertänigst ergebenem Wiehern und hielten still. Diensteifrig, als ob er sich ein Trinkgeld verdienen wolle, öffnete der neugierige Handlanger Äskulaps den Kutschenschlag. Sein Lohn bestand in einem Fußtritt auf eines seiner vielen Hühneraugen. »Verfluchter Pferdehuf,« stieß er zwischen den Zähnen hervor und wankte zurück. Der Mann, der ihn getreten hatte, schien kein Bewußtsein zu haben von dem, was er tat. Wie einer, der von einer Reitschule heruntergesprungen ist, kreiste er ein paarmal um sich selber und lief dann in einer falschen Richtung geradeaus. »Gerechter Himmel, der Vater,« schrie Suse auf, und Hans und Bastian stürmten vor, um den Mann einzufangen, der einem Schlafwandler ähnlich vorwärts torkelte. »Betrunken ist er oder verrückt,« bemerkte zartfühlend der Apotheker, der drüben, an die Mauer gelehnt, sich bückte, um durch den Plüschpantoffel hindurch seine mißhandelten Hühneraugen zu massieren. »Hierher, hierhinaus geht der Weg nach unserer Mühle,« flüsterte Bastian und faßte seinen Herrn bei der Schulter. »Ganz gewiß,« pflichtete der Apotheker bei, »da hinaus geht der Weg nach der Mühle, an der du und 314 Vater Höhrle soviel Anteil habt, wie der Teufel am Himmelreich. Da hinaus, da hinaus, besinnt euch doch, Männer! Euere Esel fanden den Weg im Dunkeln, eine Zeitlang euere Pferde auch, und nun scheint's gar, als ob ihr selber ihn nicht finden könntet. Haltet ein Streichholz an den Alkohol in eurem Magen, Vater Höhrle, er wird ausreichen, euch den Weg zu beleuchten!« Jetzt riß dem Mühlbaschel die Geduld. »Mach daß du fortkommst, du Brechmittel,« brüllte er den Apotheker an, »oder ich quetsche dich, bis alle Katzen des Kirchspiels sich zu deinen Füßen wälzen, weil deine Hühneraugen Baldriantropfen weinen,« und er reckte seine gewaltige Rechte nach der Gurgel des Apothekers. Mit einem Satz war dieser der Gefahr entronnen und in der Postkutsche geborgen, deren Verschlag hinter ihm zuklappte. »Nun bin ich auf fiskalischem Gebiet,« rief er durchs Fenster, »wer Zeit hat, ein Vierteljahr zu sitzen, der mag mich hier angreifen.« Der Postknecht hatte indessen die Briefe und Wertsachen abgeliefert, und die Pferde zogen den fiskalischen Kasten mitsamt seinem Insassen unter das weitausladende Dach der Scheune, auf deren Tenne der Apotheker es wieder wagte, auf das Niveau anderer Leute herunterzusteigen und seiner hochgespannten Neugier ein Ventil zu öffnen. »Wo hast du den Höhrle aufgelesen, Postphilipp?« 315 »Hm! er saß auf dem Brückengeländer der Weschnitz wie einer, der so viel Wasser trinken will, daß er seinen Durst für immer stillt.« »Hast du ihn angerufen, oder er dich?« »Ich ihn, weil er gar so elend aussah. Bezahlt hat er nicht.« Philipp halfterte die Pferde ab. »Dann hat er sein Geld an der Bank gelassen, das Geld für den Wald, das ihm Mordche Rimbach ausbezahlte. Gut, daß man hinter die Schliche solcher Leute kommt. Was sollte aus dem Vorschußverein von Husterloh werden, wenn er nicht wenigstens einen Mann von meiner Umsicht im Aufsichtsrat hätte, der beobachten, ja beobachten und bis Mitternacht wachen kann.« So sprach der Apotheker mit selbstgefälliger Betonung, hüllte sich in seinen Schlafrock und in seine Würde als mehrfacher Aufsichtsrat und strebte seinem Hause zu. Die Nacht über schlief der betriebsame Herr auf seiner Neuigkeit wie auf einem Prokrustesbett, und als der Hahn krähte, stand er auf und streute sein Wissen nebst einer Handvoll Kornabfällen zunächst in den Hühnerstall. Der Hahn kollerte und tat sehr überrascht, vergaß aber gleichwohl nicht, sich aus der gemeinsamen Mahlzeit das Beste auszulesen. Der Apotheker, ärgerlich darüber, daß seine Mitbürger verschlafene Hühner seien, sah die leere Straße auf und ab. Er entdeckte endlich den Barbier auf seinen Gängen von Stube zu Stube, den Bäcker vor seinem Ofen, die Mägde am Brunnen, und alle wußten nach wenig 316 Augenblicken, was er wußte. Sein mit gut geheucheltem Mitleid vorgetragener Sermon von den Verlusten des Vater Höhrle an der Bank, seinem Versuche, die Weschnitz in seinen Magen zu leiten, seiner Drehkrankheit vor der Postkutsche, war reichlich durchsetzt mit Pfandeinträgen, Real-, Brief- und Sicherheitshypotheken und erzielte ausreichend seinen Zweck, den Kredit des Hauses Höhrle, soweit es noch möglich war, zu untergraben. Zu Rauschkolb lief der Apotheker, die zwei zu einem dritten usw., bis das Siebengestirn des Vorschußvereins-Aufsichtsrats in den geschmierten Stiefeln und bei Onkel Schütteldich zu geheimer Sitzung versammelt war. Vor dieser heiligen Zahl ehrenwerter Männer und vor einem, der wohl Sitz aber keine Stimme hatte, entrollte der Apotheker ein Bild von Soll und Haben des Hauses Höhrle mit Übertreibungen und Faustschlägen auf den Tisch, bis der eine gerade, der statutengemäß nicht mit zu reden hatte, die Sache dick bekam. Holofernes nämlich, angeekelt von der Patzigkeit des Wortführers, stürzte vor und riß dem schreckerstarrten Pillenfabrikanten das Vorhemd mitsamt dem Papierkragen von der Männerbrust. »Willst du, infamigter Hundsknochen,« schrie Onkel Schütteldich und warf seinen Stiefelzieher nach dem Tier. Holofernes wollte allerdings, aber mehr noch, als er schon hatte. Empört über die gemeinen Schimpfworte, an die er nicht gewöhnt war, griff er noch zweimal mit den Zähnen zu und schälte den Pillendreher so annähernd aus der Weste und dem Jägerhemd heraus. 317 O, Holofernes, bester aller Hunde, was Menschenhabsucht und Bosheit noch weiter am Hause Höhrle sündigen mögen, nimm du Dank für den Versuch, den du gewagt hast, einen von der Sorte zu richten, die aus den trüben Stunden anderer sich einen heiteren Tag herzurichten verstehen. 318   30. Kapitel Vater Höhrle hatte keine gute Nacht. Aus den weichen Armen seiner Kinder war er in die eisernen Kneipzangen der Dame Reue gefallen. In allen Verlusten des Niederganges hatte er sich seither ein gutes Gewissen bewahrt, nun war auch das dahin. Stunden, die von der Ewigkeit bereits verschlungen waren, wurden wieder hervorgewürgt und führten aus dem Acheron Gestalten mit sich, die drohend vor Vater Höhrle hintraten. Des Wachsens und Vergehens der Hydraköpfe war kein Ende. So erlebte er die jüngst entschwundenen Tage immer und immer wieder mit dem gleichen qualvollen Frage- und Antwortspiel. Welcher Dämon konnte ihn verleiten, mit dem plumpen Fabrikat eines Odenwälder Dorfschusters das schlüpfrige Parquett eines Spielsaales zu betreten? Wo hatte er nur den Mut hergenommen, unter dem verlogenen Reichtum eines überladenen Plafonds dieser Lasterhöhle zu weilen? Warum war er nicht geflohen, als ihm das Spiegelglas der Wände mitten unter dem Pomp der aufgeputzten Halbwelt die mitleiderregende Karikatur eines Menschen, das Bild eines armen verschrumpften Bäuerleins, sein Bild, zeigte? 319 Sich selber, sein gutes Gewissen, sein Geld und mit ihm die Möglichkeit, seinem Sohne eine Existenz zu gründen, hätte er da noch retten können. Nun war's zu spät. Der Erlös für seinen schönen Wald war aus kleinen goldenen Rädern über das grüne Tuch des Spieltisches gerollt und verschwunden in einem Abgrund, aus dem er wenigstens ihn nicht mehr herausholen konnte. Als kleiner Mann war er vor die rollenden Kugeln des Zufalls getreten, als Bettler mußte er ihrem falschen Spiel den Rücken kehren. O, welch' ein himmelweiter Unterschied zwischen dem Bettler und dem, der sich mit Selbstbewußtsein noch einen kleinen Mann nennen kann. Vater Höhrle war vor sich selber zu einem Nichts herabgesunken. Die Glut der Reue, die ihm den Busen entflammte, ließ sich nicht mit dem Bächlein feuchter Trostgründe löschen, sie verlangte einen Strom, der sie erstickte, und den Herd, auf dem sie brannte. Diesen Strom hatte er vorgestern gesucht, er war dem Rhein zugelaufen, wie ein Trunkener, und die Leute, die ihm begegneten, blieben stehen und schüttelten die Köpfe. Er achtete dessen nicht. Er lief nur immer zu. Einmal mußte doch der Fluß kommen, der es übernahm, seine Leiche fortzutragen, weit fort an ein Gestade, wo niemand den toten Höhrle kannte und seine Schuld. Er lief und lief, aber der Strom kam nicht. Er lief in ein Gewühl von Menschen hinein, über deren unsinniges Rennen die Gaslaternen mit breiten Gesichtern lachten. Dann kam eine ruhige, finstere Straße, wo niemand sein Begleiter war, als die nagenden, bohrenden Gewissensbisse, denen er durch rasches Laufen zu entfliehen 320 suchte. Da, mit einem Male lief er mit der Stirne wider einen dunklen Gegenstand. Es war ein Totenwagen, der die Leiche eines Juden nach einem fernen Kirchhof brachte, wo der Sohn Abrahams seinesgleichen fand und mit ihnen dem großen Auferstehungstage entgegenschlummern konnte. In Vater Höhrle erwachte die Vision, daß er der sei, der im Kasten liege, und daß ein anderer dahinter hergehe, wo er jetzt schritt. »Gut, daß er tot ist,« sagte der letztere, und der wirklich Tote lachte heimlich und sagte: »Mit dir tausche ich noch lange nicht. Lauf dir nur die Füße wund, mir tut sicher kein Knochen mehr weh.« So genoß der geängstete Mann die süße Wonne des Totseins, die bei uns Glücklichen kaum einer versteht, bis der Tag kam, und eine Schar schwarz gekleideter Menschen brachte, die mit zerrissenen Rockkragen den Totenwagen erwarteten. Jetzt merkte Vater Höhrle, daß es nichts sei mit seiner Vorstellung von einem Schweben hoch über dem Guten und Bösen. Die Leute sahen ihn verwundert, fast vorwurfsvoll an, und er drückte sich seitwärts in einen Feldweg hinein, lief und lief, bis er ermüdet bei einer Brücke niedersank und in des Schlafes Armen seinen süßen Traum vom Totsein weiter spann, bis ihn der Postphilipp fand und aufrüttelte in die schier unerträgliche Wirklichkeit der Dinge. Während derart die schlaflosen Stunden der Nacht ein Schreckbild nach dem anderen vor Vater Höhrles Seele führten, stand der Mühlbaschel mit verhaltenem Atem vor 321 der Kammertür und lauschte auf jedes Geräusch, das von des Alten Lager kam. »Da drinnen in der Kammer könnte ein Gedanke zur Tat reifen, die ich verhindern muß.« Das sagte sich Sebastian Stallmann, und deshalb stand er auf seinem Posten, bis er Susens Pantoffel in der Küche schlürfen hörte. Dann schlich er davon und setzte sich vorm Hause auf die Schnitzelbank. Er hatte vor, ein paar Stück Hölzer zu schärfen, weil er die zerbrochene Riegelwand der Mühle flicken wollte. Da kam Mordche Rimbach vorüber und fragte: »Bist du im Dienst des Kaspar Rauschkolb, daß du diese Wände auszubessern versuchst?« »Ist's so weit?« fragte Sebastian Stallmann. Jener nickte bedeutungsvoll und ging. Bastian legte das Schnitzmesser über die Flicklappen seiner Kniee und überdachte sein geringes armes Erdenwallen. In einem Stalle hatte man ein Kind gefunden am Tage des heiligen Sebastians. Mit diesen zwei Tatsachen war Vor- und Zuname des armen Erdenpilgers gegeben. Der Knieriemen eines Schusters und der Haselstock des Dorfschulmeisters besorgten die ethische und ästhetische Erziehung bis zur Konfirmation. Dann ward Sebastian Eseltreiber in der Mühle und avancierte späterhin zum Müllerburschen. Damit hatte er die höchste Stufe seiner Lebenskarriere erreicht. Nun war er alt und sollte sich in neue Verhältnisse schicken, das ging nicht. Seinem Herrn konnte er noch einen guten Dienst leisten, dem Rauschkolb einen Possen spielen, beides wollte er tun und damit das Werk seines Lebens abschließen. 322 Er stieg hinauf in seine Kammer und zog seinen Mutzen an, den mit den großen Stahlknöpfen und den geschweiften Taschenklappen, von dunkelblauem Tuch, dort aber, wo der Stoff sich umlegte, hellblau gescheuert. Einst war dies Kleid die Modetracht des Tales, nun gingen außer dem seinen nur noch zwei solcher Überröcke zur Kirche, und unserer hier tat es heute zum letztenmal. Sebastian Stallmann hörte mit großer Andacht die Messe und nach derselben meldete er sich vor der Sakristei zur Beichte. Ohne Beichtspiegel ging's, und er war bald fertig. So reine Gewissen brauchten kein langes Putzen. Man hätte die Sünden seines ganzen Lebens auf einen Fingernagel schreiben können, und doch kam er nicht vom Beichtstuhl los. Er hatte ein kleines Anliegen, womit er nicht so recht herausrücken wollte. Nach einer geraumen Weile verlegenen Hustens und Räusperns platzte er endlich los: »Das war zum letzten Male heut, Herr Pfarrer, die Rockärmel halten nicht mehr, und auch gar so zerrissen mag ich nicht zum Tisch des Herrn kommen.« »Gott sieht das Herz, Baschel, und nicht das Kleid,« sagte der Pfarrer. »Ja, aber mich geniert's, wenn ich so lumpig vor ihm steh'. Könnt' ich nicht so einen kleinen Vorschuß von Absolution mitnehmen, so viel etwa, daß es noch für eine oder die andere Sünde ausreichen würde?« »Baschel, dir ist der Himmel noch manches schuldig. Geh' und vertraue, daß Gott gütig ist. Dir wird er gerne 323 durch die Finger sehn, weil er seinerseits dich seither nicht allzu gerecht behandelt hat.« Sebastian ging getrost nach Hause und zog vor der Schnitzelbank seinen Mutzen aus. Er trug ihn nicht hinauf in seinen Kleiderkasten, sondern hängte ihn an den Türpfosten der Mühlstube. »So,« sagte er, »wenn sie allenfalls noch ein paar Brocken finden sollten, können sie dieselben da hineinwickeln.« Dann arbeitete er, als ob er in seinen alten Tagen noch Millionär werden wolle. * * * Nur der Chausseewart erinnerte sich einer gleichen Hitze, wie sie heute herrschte. Die Sonne kannte keine Schonung. Der Schnitter in den Erntefeldern warf die Sense über die Schulter und ging heim, ihm folgte der Binder mit den Strohseilen. Die Ähren brachen vom gerösteten Halme ab und fielen zur Erde nieder. Sollte man sich schinden, um den Mäusen einen bequemen Tisch zu decken? Vielleicht, daß die Taufrische der Nacht den Halmen wieder etwas Zähigkeit verlieh. Man konnte ja in der Frühe des nächsten Tages wiederkommen. So dachte Husterlohs männliche Bevölkerung, war am Abend nicht übermüdet, und die Wirte hatten Vorteil davon. Im »Weltschirm« saß die Stube voller Gäste, und auf der Kegelbahn arbeitete man in Hemdsärmeln bei Lampenlicht und »machte Holz« an einem König und acht Bauern. Es konnte nichts Friedlicheres geben. 324 »Feuer!« erschallte es durch die mondbeschienenen Gassen hin, »Feuer!« rief es zu den Haustüren herein, »Feuer!« erklang es schauerlich von einem Stockwerk zum anderen hinauf bis unter die Sparren des Speichers. Alle Hunde bellten das Wort in ihrer Sprache nach, Menschen rannten kopflos widereinander und schrieen sich an: »Es brennt!« Das Vieh in den Ställen wurde unruhig und zerrte an den Ketten. Der Türmer verlor in der Eile seine Schlappen, aber nun hing er doch ohne sie am Seile, und die Glocke mit ihrem unheimlichen Bim-Bim vermehrte noch die allgemeine Bestürzung. Endlich, wie von einem Windstoß aus seinem Hause geworfen, erschien der Feuerwehrkommandant in glänzendem Messinghelm mit dem wallenden Pferdeschweif auf der Straße, zunächst ausschließlich damit beschäftigt, die Schnalle seines schwarz und rot gestreiften Bauchgurts zu schließen. Dann rannte er nach einem, zwei, drei Häusern hin, klopfte ein-, zwei-, dreimal an die Läden, überzeugte sich jedesmal, daß er sich geirrt, und daß hier der Mann nicht wohne, der mit der Trompete das Feuersignal zu geben habe. Und ohne Feuersignal kein ordonanzmäßiger Brand. Indessen erschienen andere Blechhauben mit Beilen und Stricken an der Seite vor dem Spritzenhause und suchten nach dem Schlüsselloch. Fäuste griffen nach der Klinke, Schultern stemmten sich gegen die Eichenbohlen der Tür, Äxte versuchten die Scharnierbänder zu lösen. Ein Schlüssel hätte all diese zwecklosen Versuche, Eingang zu finden, aus der Welt geräumt, aber das war's gerade, was man nicht 325 hatte. Schrecklich klangen die drohenden Kommandoworte des Feuerwehrhauptmanns in den Menschenknäuel hinein. Sie besserten nichts an der verfahrenen Situation und den Schlüssel schafften sie auch nicht herbei. Es kam eine brennende Fackel gewackelt, noch eine, noch eine. Jetzt drängte einer, der Haken und Dietriche an einem Stahlreif trug, in den Haufen hinein. Das war der richtige, der konnte helfen, aber die stürmende Menge der Blechhauben ließ ihn nicht ans Schlüsselloch heran. »So nehmt doch Vernunft an, Leute, drückt euch nicht tot wie eine Hammelherde, hier ist der Schlosser. Laßt ihn vor,« schrie eine Stimme, aber niemand achtete ihrer. Da, unvermutet wie ein Hagelwetter auf ein Glasdach, prasselten wuchtige Schläge mit dem Schlüsselbund auf die Blechhauben nieder. Das half, der Mann kam vor, die Tür ging auf, und hundert Hände griffen in die Radspeichen der Feuerspritze. Im Nu war sie auf die Straße gezogen, vorn und hinten mit uniformierten Männern bestellt, die sich nicht wenig darauf einbildeten, da stehen zu dürfen, wo sie standen. Nun hätte es losgehen können und auch sollen, denn wieder und wieder schrie es: »Es brennt, es brennt in der Mühle,« und die Glocke bimmelte dazu, aber der Knecht, der das Gespann zu stellen hatte, war noch nicht da. Er stand am Brunnen, tränkte seine Pferde und sagte vor sich hin: »Wer langsam reit', kommt grad so weit.« Endlich hatte er unter dem Treiben und Drängen von vielem Volk, das die Straßen mit Geschrei und Nachtgewändern füllte, die Pferde vor die Deichsel gehuft. Wer 326 sich nicht vor den Fußtritten der Tiere fürchtete, griff zu, und in einem Augenblick waren die Stränge und Leitriemen geknüpft und geschnallt. Aber der Knecht ließ sich nicht zum Fortfahren drängen. Er überhörte jede noch so drohende Aufforderung zur Eile, prüfte jeden Riemen und jede Schnalle noch einmal, dann erst schwang er sich auf seinen Kutschersitz, und rollend wie ein Donnerwetter fuhr der Spritzenwagen zum Dorf hinaus. Weiber mit fliegenden Haaren, barfüßige Jungen, Hunde und Kinderwagen gaben ihm eine Zeitlang das Geleite, bis sie überholt und abgetan waren. Aber andere Gruppen, welche die Erde ausgespieen haben mußte, waren da, und zappelnde Beine und wild in die Luft geworfene Arme rechts und links der Spritze nahmen kein Ende. Es war eine schreckliche, rote Glut, die dahinten das Tal abschloß, und über ihr wimmelten in klumpigem Grau Myriaden feuriger Käfer, glühende Wanzen, Heuschrecken, Kakerlaken und leuchtende Fledermäuse. Pferde und Menschen schienen in einen offenen Höllenrachen hineinzurennen. Näher kam das Ziel. Die Flamme, die über dem Dache raste, war unten noch durch das Mauerwerk des Hauses gebunden. Man sah nur durch die Leere der Fensteröffnungen, daß das Feuer auch da am Werk der Zerstörung war. Aus den Türen stürzten Menschen mit allerlei Hausrat beladen, warfen ab in der Tageshelle, die das Haus umgab, eilten zurück und suchten dem glühenden Rachen zu entreißen, was möglich war. Andere sah man müßig dastehen, unfähig, etwas anderes zu vollbringen, als die Hände zu ringen. 327 Mit lautem Krachen fuhr die Spritze vor. Kommandoworte ertönten und Männer sprangen zur Erde. Die Pferde waren von den Strängen gelöst, man konnte in der Enge ihre nervöse Unruhe nicht brauchen. Menschenkraft führte den Spritzenwagen dem Wasser zu. Die Eimer schöpften im Bach, der Pumpenkolben hob und senkte sich, und bald schoß mit explodierendem Puffen das Wasser aus dem Schlauch. Die Flamme schrie ein wenig, als sie das feindliche Element auf ihrem Rücken spürte, aber triumphierend leckte sie dessen ungeachtet zum Himmel auf. Sie war bereits zu mächtig geworden. Die Männer an der Spritze verdoppelten ihre Anstrengungen. Eine zischende Wasserschlange legte sich über das Ziegeldach, fauchte und spie. Die Traufe weinte ärger als im schlimmsten Gewitterregen. Mordche Rimbach, der in der Menge stand, wurde unruhig. »Wenn sie Erfolg hätten, wem käm's zu gut? Nur der Versicherungsgesellschaft.« So fragte er sich selber und so antwortete er sich selber. Dann ging er zum Bachufer nieder. »Wo viel Menschen sind, gibt's viel Dummheiten,« murmelte er durch die Zähne und nahm einem Feuerwehrmann den Eimer ab. »Stell dich aber an wie ein Christ,« sagte dieser. »Nicht möglich, mit dem Kopf eines Jüd,« entgegnete Mordche Rimbach, und trat in den Bach. Er nahm den Ledereimer und fuhr damit bis auf den Grund des Bachbettes, gerade so, als ob er baggern 328 wollte. So machte er es nun mit jedem folgenden Eimer, der ihm leer in die Hände kam. Es dauerte nicht lange, und an der Spritze gab es ein greuliches Wettern und Fluchen. Die Seier im Becken waren versandet und verschlammt, die Spritze gab kein Wasser mehr. Mordche Rimbach konnte aus dem Bache heraustreten und sich unter die Zuschauer mischen, die Daumen im Ärmelausschnitt seiner Weste. Sein Gewissen war so ruhig, wie die Feuerspritze, die dastand und von all ihren Gelenken nicht eins mehr bewegte. Mit dem Verlauf, den die Dinge bis dato genommen hatten, war so ziemlich jedermann zufrieden, mit Ausnahme des Rauschkolb. Was brannte, war eigentlich sein Haus. Kleinigkeiten, die gerettet wurden, schädigten den Vater Höhrle und konnten ihm nützen. So stellte er eine Leiter ans Dach, stieg hinauf und brüllte »Mannschaft!« Einer von den Blechköpfen kam nach, nahm mit vieler Vorsicht einen Ziegel nach dem anderen aus der Hand seines Vordermannes entgegen und ließ ihn zur Erde fallen. Die Leute unten lachten, und mit diesem Lachen hatte die ganze Feuersbrunst ihr tragisches Aussehen verloren und endete als Komödie. Die verwegensten Witze wurden gemacht und reichlich belacht. Aus dem Keller hatte man ein Fäßchen Apfelwein gerettet, und auf dem Baumstück hinterm Hause begann ein wüstes Trinken aus Mützen, alten Stiefeln, aus Feuereimern und überhaupt aus jedem Gegenstand, der sich dazu hergab, das begehrte Naß für einige Augenblicke zu beherbergen. 329 Als die brennende Mühle endlich in sich zusammenfiel, und mächtige Funkengarben in den Nachthimmel hinaufstiegen, erscholl aus hundert Kehlen ein wundervolles »Ah«, wie beim Abbrennen eines Feuerwerkes. Bald gab es einige, die allerlei, was vorher gerettet worden war, wieder in den brennenden Haufen hinein warfen, andere fingen an, zu singen, oder faßten sich gegenseitig und tanzten wie losgelassene Teufel auf dem Teppich des Rasens. Die Helle des anbrechenden Morgens benahm dem Brande den Charakter des schauerlich Großartigen und gab den Leuten die Besinnung wieder. Manche schämten sich, andere hatten sich müde gesehen, fingen an sich zu langweilen, und der und jener drückte sich stillschweigend nach Hause. Während die Lohe prasselnd nach den Sternen schlug, während die Menge erst bebte, dann jauchzte, war einer, wie weiland Elias, aus brennendem Wagen zum Himmel gefahren und vor einen Richter getreten, dem kein Gesetzesparagraph wie eine Zwangsjacke um die Schultern hängt. Sebastian Stallmann war nicht mehr. Sein Leben war verronnen im Dienste des Hauses Höhrle, sein Tod war das letzte, womit er glaubte, seinem Herrn dienen zu können. Ein Glück für ihn, daß der sein Richter ward, der Herz und Nieren kennt. 330   31. Kapitel Das Frührot, das die Gaffer nach Hause scheuchte, beleuchtete auf der Wiese vorm Hause des Mordche Rimbach, da, wo einst die Kuh graste, eine Gruppe von Menschen, die aussahen, als ob sie der Bauch eines Auswandererschiffes an einen fernen, fremden Strand geworfen hätte. Da saß Vater Höhrle in einem Rocke, der die Wasserfarben aller seiner niedergebrannten Zimmer an Schultern und Ellenbogen widerspiegelte, gebrochen und in sich gekehrt auf einer alten Kiste. Da saß Suse zwischen Ballen von Bettfedern, Haufen von Blechgeschirr und Möbeltrümmern und weinte unaufhörlich in ein mehr als allzuviel durchnäßtes Taschentuch. Da stand Hans, groß, vornehm und schlank, eine fremdartige Erscheinung, die nur der Zufall für einen Augenblick in diese Gesellschaft und in diese Umgebung gebracht haben konnte. Seine Füße machten in dem Durcheinander auf dem Rasen etwas Ordnung, und zuweilen bückte er sich auch, um irgend einen Gegenstand aufzuheben oder in den Kleiderballen zu verbergen. 331 Obwohl das, was er schaffte, nur wenig war, so gab es ihm doch den Anschein, als ob er es sei, der für die anderen das Denken besorge. Man konnte ihn für einen Auswanderungskommissär nehmen. Seine Blicke zogen einen Kreis um das, was die hilflose Dreieinigkeit ihr Eigen nannte, und irrten zuweilen die Straße entlang, als erwarteten sie von dort einen Planwagen, der all die Trümmerhaufen nach einem Boardinghaus bringen sollte. Es war ein trübseliges Bild, diese drei. Verstoßene Menschen, die für ihren Hausrat kein anderes Dach mehr über sich haben als den Himmel, verlieren auch das Recht, auf der Erde herumzulaufen. Sie stehen jedem im Wege, und jeder Grashalm, den sie niedertreten, beschuldigt sie einer Rechtsverletzung. Wer wird nun kommen, um den Heimatlosen einen Unterschlupf anzubieten? Onkel Schütteldich war dagewesen, die Hände in den Taschen. Dreimal war er um das Gerümpel herumgegangen, und mehrere dutzend Male hatte er gesagt: »Eija, jeija, jei, eija, jeija, jei,« dann war er gegangen. Franz Kunkel kam, schüttelte den Kopf und sagte: »Ja, wenn ich nicht mein Korn im zweiten Stockwerk liegen hätte, aber so, aber so,« und auch er ging. »So lang's keinen Regen gibt,« sagte Röse Ricke, »könnt ihr's prinzipiell hier aushalten, aber dann, aber dann, ja dann wird die Sache nicht brenzlich, aber feucht,« und auch sie entfernte sich. 332 Nach all den guten Christen erschien Mordche Rimbach, der Jüd, auf dem Plan. »Durch meine Hände geht das Brandkassengeld,« sagte er zu sich selber, »also kann ich sein barmherzig, wie Boas barmherzig war, der Noemi in sein Haus nahm und Ruth, die Ährenleserin.« Der Vorschlag, den der Jude machte, klang den Obdachlosen wie eine Botschaft vom Himmel. Susens Taschentuch verschwand, und von dem Augenblick an, wo sie wieder Verwendung hatte für ihre kräftigen Arme, lichtete sich der Ausblick in die Zukunft, und der Zahn des Kummers nagte weniger giftig. Am Abend schon saßen Vater, Bruder und Schwester bei leidlich geordnetem Hausrat um einen reinlichen Tisch, und wären die Saiten ihres Seelenlebens durch den Schrecken der vergangenen Nacht nicht zu sehr verstimmt gewesen, so hätte vielleicht ein mäßiges Behagen nebst gutem Appetit in ihrer Gesellschaft Platz genommen. Hans ebenso wie die anderen verließ in den nächsten Tagen nur wenig die Bodenkammer des Judenhauses. Das geheimnisvolle Verschwinden des Sebastian Stallmann und das Verhältnis des Glücksritters zu Agnes beschäftigten natürlich alle Welt und brachten auch ihn in die Mäuler seiner Mitbürger; für einen vornehm denkenden Menschen, wie er war, ein wenig appetitliches Logis. Er zog es vor, seinen Brüdern im Herrn aus dem Wege zu gehn. Wenn aber der Abend kam, stahl er sich von seinen Büchern weg, um Holofernes abzuholen aus dem Hause des Onkels Schütteldich. 333 Dem Vater und der Schwester war der Vierfüßler ein lieber Freund. Er konnte so treuherzig den großen Kopf auf die Kniee seiner Gastgeber legen, und seine klugen Augen konnten so gutmütig sagen: »Nur Geduld, es muß auch wieder anders kommen.« 334   32. Kapitel Die Ferien waren zu Ende. Hans war mit kleinen Mitteln und einer großen Menge von guten Vorsätzen am Bahnhof der Universitätsstadt angekommen und zwar mit Hilfe eines Billettes vierter Klasse. Um die letztere Tatsache zu verschleiern, drückte er sich zunächst in eine Ecke des Coupés und machte dann, als der Perron von Menschen wimmelte, einige rasche Schritte nach vorne, vor einen Wagen zweiter Klasse. Holofernes, in derart weniger an Rücksichten gebunden als sein Herr, sprang mit einem Satze von der Plattform herunter mitten in einen Schwarm von Studenten hinein. Die Freude des Wiedersehens war von Seiten der Bundesbrüder eine laute und ehrliche, von Seiten des Restaurationspersonals eine ehrfurchtsvolle, fast demütige, und mit den ersten Atemzügen, die Hans in der Luft der akademischen Freiheit tat, regte sich in ihm schon wieder ein stolzeres Selbstbewußtsein; als eine kleine Begebenheit ihn schonungslos wieder von dem erträumten Postamente herunterriß. Während nämlich Holofernes beim Hauptportale die Schenkel der Droschkengäule beschnupperte und zur 335 Überzeugung kam, daß der Haferpreis ein noch ziemlich unerschwinglicher sein müsse, kam auf seinen Herrn ein Wagenwärter zugegangen, der so schmutzbefleckt aussah, als ob man ihn in Hammerfest über den Fischmarkt geschleift hätte. Auch die Zudringlichkeit und sein kordiales Wesen hatten mit seiner Livree einige Verwandtschaft. Er hielt dem jungen Höhrle die Rechte entgegen und sagte, daß er Grüße bestellen solle von des Herrn Studenten Schwager, der sei ein guter Spezel von ihm und Kollege. Es war nicht zu überhören gewesen; einige von Hansens Bundesbrüdern hatten über diese Erkennungsszene gelacht. Er selber wurde nachdenklich und suchte den Arm des ernsteren Ignaz Kaufmann. Viel Erdenschimmer, der ihm einst und jetzt wieder so glänzend ins Auge gestochen, war verblaßt, manche Blüte, die eine goldene Frucht versprach, war niedergeweht. Das Unglück hatte ihn mit rauher Faust aus Träumen aufgerüttelt, die er nur ungern umtauschte gegen Wirklichkeit. Von seinem Lebensbaume hatte der Sturm die goldenen Blätter herniedergeschüttelt, nun stand er kahl und öde da, wie die entlaubten Linden, die mit ihren Gerten peitschend aus den Straßenlaternen magere und unmelodische Töne lockten. Hans war gealtert, nicht in seinem Äußeren, wohl aber in seinem Inneren, er fühlte, daß für ihn die Tage der Sorglosigkeit vorüber seien, und kein Gotteswunder half ihm über den Gedanken hinweg, daß der Inhalt seines Geldbeutels ohne sein Zutun nicht wachsen werde. Es war nichts Leichtes, an der abgegriffenen 336 Messingklinke der Exkneipe vorüberzukommen, auf die der Schwarm zustürmte, aber Hans brachte es fertig. Er schob den Ignaz Kaufmann die ausgetretene Treppe mit der Bierkaskade hinauf und bog um die Ecke, der Pumpe entgegen, aus der die Mägde mit den drallen Speckarmen ihr Wasser holten zum Abendtee, den alle Welt zu trinken pflegte. Ausgehungerter, wie sonst wohl, angelten heute nach wochenlangem Entbehren die Blicke unter den Spitzhäubchen hervor nach dem strammen Studenten. Aber Hans dachte: »Später vielleicht,« und grüßte nur obenhin die faltenreichen Stumpfröcke, die dastanden, wie aufgespannte Regenschirme. Der Gedanke übrigens, daß sie ihn gründlich musterten, straffte die Muskeln seines Rückgrates doch ein wenig, und so fuhr die Haustür heftiger ins Schloß, als er beabsichtigte, und er trat auf die erste Treppenstufe so gewichtig, daß das ganze windschiefe Gebäude zu zittern begann. Die Folge war, daß zu seiner Begrüßung zunächst eine Anzahl Äpfel die Stiege heruntergerollt kamen, und daß dann vier Kattunärmel sich um ihn ringelten wie um Laokoon die Schlangen. Freilich, die klassische Ruhe des Vorbildes erreichte unsere Gruppe nicht. Ein nervenzerreißendes Zischen vielmehr ließ die Worte unterscheiden: »Ei du Strohsack, unser Herr ist da, und sein Zimmer nicht in Ordnung. Seit Philipp der Großmütige die Universität gegründet hat, ist so was noch nicht vorgekommen. Warum muß uns aber auch der Himmel einen Äpfelsegen schicken, daß kein Mensch weiß, wo hinaus damit. Verzeihen Sie, Herr Doktor, verzeihen Sie und nehmen Sie einstweilen vorlieb mit dem, was 337 unser eigenes Zimmer an Bequemlichkeit Ihnen bieten kann.« Ob Hans geneigt war, zu verzeihen oder nicht, können wir der Menschheit nicht verraten. Vielleicht ist er mit sich selber darüber nicht ins Klare gekommen, denn schneller, als er dachte, hatten ihn die vier Arme von Mutter und Tochter ein paar Treppen herunter ins Souterrain geschoben, wo Hans beim Versuche sich gerade zu stellen, seinen Hut in eine Verfassung brachte, daß er ihn ohne spezielle polizeiliche Erlaubnis überhaupt nicht mehr auf der Straße zeigen konnte. Nach dieser üblen Erfahrung in der Senkrechten, brachte Hans sich nach Möglichkeit in die Horizontale und hinter den Tisch aufs Ledersofa. Die Decke betrachtete er mit berechtigtem Mißtrauen, umsomehr, da von ihr allerlei Töne auf ihn herunterfielen. Bald war es, als ob eine Lederhose mit einem Reibeisen gebürstet würde; bald, als ob einer mit einer nassen Katze Fangball spielte. Dazwischenherein hörte man das Kratzen von Reisigbesen und das Klopfen der Fäuste auf Federbetten. Hans gewöhnte sich rasch an diese Symphonie, so zwar, daß sie ihm die kinematographischen Bilder kaum störte, die rasch an seinem Geiste vorüberzogen. Da war die Wirtin »zum Weißen Elefanten«, die es verstand, den Gästen den Star zu stechen. Da war der verschwiegene Nachtwächter von Husterloh mit seinen grausamen Enthüllungen. Da war der Brand in jener Schreckensnacht; die Ungewißheit, wie Sebastian Stallmann geendet haben könne. Da war die einsame Kammer unter dem Dache 338 des Mordche Rimbach mit dem Vater darinnen und der guten, so unermüdlichen Schwester. Da war zu guter letzt noch der verdienstvolle Wagenschmierer, seines Schwagers Kollege. Alle diese Personen und Dinge zusammengedrängt in die niedere Stube der alten Witwe lagen auf unserem Freunde wie ein Alpdrücken. Ein langer Seufzer löste sich aus der Brust und schien zu fragen, ob es je einen Menschen gegeben habe, der gleich unglücklich gewesen wie er? Um diese Frage der Lösung näher zu bringen, musterte Hans die schwarzen Silhouetten all der Studenten, die von der Lampe notdürftig erhellt in Goldleisten an den verräucherten vier Wänden hingen. Die meisten dieser Herren sahen so aus, als ob sie sich mit Freitischen und Stundengeben ernährt hätten, und brachten unseren Hans den Gedanken bei: »Ich muß auf die eigenen Füße kommen.« Im nächsten Moment schon tat er den ersten Schritt sich selbständig zu machen. Er nahm sein Notizbuch heraus und vertraute ihm mit Bleistift geschrieben folgenden literarischen Entwurf an: »Ein Student in älteren Semestern wäre geneigt, Klavierstunden zu geben. Näheres durch die Expedition des Täglichen Anzeigers.« Nach dieser Tat fühlte sich Hans wesentlich erleichtert. Er sehnte den Augenblick herbei, wo die da oben fertig wären. Noch heute wollte er die Reinschrift seines 339 Entwurfes in ein Kuvert stecken und dem Briefkasten anvertrauen. Doch das Scheuern nahm kein Ende. Also mutvoll hinein in das Zwiebel- und Äpfelchaos. Bis zu seinem Stehpult leisteten Hansens Zehenspitzen die Kunststücke einer Primaballerina. Doch nun war er da, goß etwas abgestandenes Wasser aus dem vorigen Semester auf die eingetrocknete Tinte, schrieb, schloß ein Kuvert, setzte eine Adresse darauf und eilte, einen Briefkasten aufzusuchen. Als er wiederkam, war ihm die Zeremonie des Gutenachtsagens erspart. Die ehrenwerten Damen aus dem Erdgeschoß waren verschwunden, und an ihrer Statt leuchtete eine Unschlittkerze mit roten Strahlenkränzen durchs Zimmer und auch in den Alkoven hinein, wo Hans sein Bett herausgeputzt fand, als ob es ein Hochzeitspaar aufnehmen sollte. Er schlief denn nun auch recht gut, erwachte aber gleichwohl am nächsten Morgen mit einigen Beklemmungen. Das Schriftstück, das er der Post anvertraut hatte, war gewiß nach Form und Inhalt eines der bestgemeinten Dinge der Welt, aber welche Macht bürgt dafür, daß dem Guten der Erfolg gesichert sei? Wie groß ungefähr war die Wahrscheinlichkeit, daß das Elaborat vor die richtigen Augen komme? Diese Zweifel und eine infame Angst vor dem Druckfehlerteufel quälten den jungen Autor. Er aß mit wenig Appetit, saß zerstreut im Kolleg, und harrte dem aufgehenden Vollmond entgegen, der das Abendblatt bringen mußte. Richtig, da stand seine Annonce ohne jeden Druckfehler, ohne ein vergessenes Interpunktionszeichen. 340 Eine Sorge war von Hansens Seele genommen. Aber wie wird es nun mit dem Erfolg sein? Kommt herbei ihr Anwälte, die ihr aus euerm Nebenzimmer kommend euer »Von der Reise zurückgekehrt« in die Zeitung setzt. Ihr noch guterhaltenen Junggesellen, die ihr in einer reichen Familie eine Stelle sucht als Schwiegersohn. Ihr angejahrten Jungfrauen, die ihr im Tageblatt nach einem aufziehbaren Mops angelt, der kein Futter braucht, kommt ihr alle, die ihr an der Zeitung Allmacht glaubt, kommt und sagt, ob Hans Höhrle deshalb ein Narr ist, weil ihn seine erregten Nerven wie ein Zirkuspferd in der Manege drei-, viermal in den Anlagen um die Stadt treiben! Sah er nicht am Abendhimmel sich selber wie ein Sternbild an der Seite irgend einer blondgelockten Range in karierter Bluse auf der Klavierbank vor der »Schönen, blauen Donau«, vor den »Klosterglocken«, dem »Meeresleuchten« oder »Alpenglühen« sitzen? Und wenn dann der Samstag Abend kam und ihm in rosa Seidenpapier gewickelt sein Honorar auf die Klaviatur schneite, dann sollte in ihm der Stolz des Self-made man aufflammen, und er wollte unter den Plafond der Kneipe treten mit dem gehobenen Selbstgefühl eines Lohgerbers, der von der Frankfurter Messe kommt. Der nächste Morgen änderte an den äußeren Verhältnissen unseres Freundes zunächst noch nichts. Der Pumpenschwengel seufzte und schrie in seinem Scharnier wie alle Tage, die Hühner gackerten vor dem Hause, und die 341 Mägde, die zum Wasserholen kamen, lachten und schäkerten mit den Bäckerjungen, die hausgemachte Melodien pfiffen, anzügliche Witze rissen und ihre Ware in Säckchen an die Haustüren hingen. Der Mittag verging und selbst der Abend, ohne daß auch nur der Schimmer eines Briefträgers in Hansens Wohnung gekommen wäre. Der folgende Tag glich seinem Vorgänger genau an Bedeutungslosigkeit und hoffnungsloser Erwartung. Der dritte Tag brachte über Hans eine trübselige Melancholie ohne einen Ton von Davids oder sonst eines Sängers beruhigender Harfe. Der vierte Tag endlich brachte auf dem Kaffeebrett, begraben unter zwei Semmeln, das langersehnte Rosakuvert aus feinstem Büttenpapier, das die zarten Linien einer weiblichen Handschrift trug. Hans ignorierte den Duft der Kaffeekanne und öffnete mit dem Messer vorsichtig den lang erwarteten Brief. Es war nur eine Karte mit Goldrand, und einem kleinen Wappen in der Ecke, aber ein süßer, fast betäubender Geruch ging von ihr aus und zauberte vor das Auge des jungen Studenten das Bild einer herrlichen Menschenblume. Der Inhalt der Karte war kurz, fast trivial: »Auf Ihr Gesuch in Nr. 32 des Täglichen Anzeigers hin, werden Sie gebeten, sich in den nächsten Tagen in der Ostanlage Nr. 30 zwischen 11 und 12 des Vormittags vorstellen zu wollen. Hochachtungsvollst: Helene de Lerée .«         342 Möglicherweise war es Schüchternheit, was Hans Höhrle veranlaßte, nicht am gleichen Tage noch seinen Schnurrbart in die Höhe zu quälen, in seinen Bratenrock zu schlüpfen und den erbetenen Besuch bei der duftenden Helene de Lerée abzustatten. Dies alles aber und noch einiges mehr besorgte er am folgenden Tage, und zehn Minuten nach elf Uhr besah er und die Herbstsonne sich am Hause Nr. 30 in den Ostanlagen in einem glänzenden Messingschild mit der Aufschrift: Hermann de Lerée, Kommerzienrat. Ein behandschuhter Finger griff in einen blinkenden Ring. Ein Hebel von innen hob das Schloß. Hans trat ein und ließ die Sonne draußen, die ihm warm auf den Schultern gelegen hatte. Ein Schatten umfing ihn, und eine fröstelnde Kühle, die, von weißen Marmorplatten geboren, an marmorverkleideten Wänden hinlief und ohne sich zu mildern mit ihm eine Marmortreppe emporstieg nach dem zweiten Stockwerk. Hans sah kein lebendes Wesen, auch hörte er keinen Laut, und nur der Widerhall seiner Tritte fiel aus der Höhe des Stiegenhauses auf ihn nieder. Vor ihm war ein Glasverschlag, dessen Scheiben von innen durch ein feines, cremefarbenes Spitzengewebe geblendet wurden. Dahinter verborgen weilte Helene de Lerée, für ihn das Geheimnis des stillen Hauses. Ein weißer Elfenbeinknopf deutete an, daß niemand überraschend eintreten dürfe, um die Freude nicht zu stören oder auch das Leid, die hier lachten oder auch weinten. Hans Höhrle fühlte sich bedrückt in dem mürrischen 343 Schweigen dieser hohen Räume. Wie eine Erlösung hätte er das Bellen eines Hundes, oder das Rauschen eines Wasserhahnes empfunden, und doch erschrak er wieder, als er das Anschlagen des kleinen Läutewerkes hörte, das den Druck seines Fingers dem Dornröslein da drinnen meldete. Eine Tür an einer Stelle, wo Hans sie nicht vermutete, öffnete sich geräuschlos, und es erschien der Kopf einer Zofe mit einer Spitzenkrause über das leicht ergrauende Haar des Schädels hin. Das Gesicht unter der Spitze sah aus wie das Rätsel, das einst die Sphinx dem nach Theben reisenden Ödipus aufgegeben hatte und schien eine Tragödie weissagen zu wollen. »Wen darf ich melden?« fragte das Rätsel. Hans gab seine Karte ab und konnte eintreten. Jetzt dämpfte ein Teppich das Geräusch der Tritte, und die Stille wurde noch unheimlicher. Wenn nur wenigstens eine Tür geknarrt hätte! Aber auch das geschah nicht, und Hans befand sich allein auf den Pfoten eines Eisbären in einem kleinen Salon. Die Fenster waren dicht verhängt, und doch verstand es die Herbstsonne durch einen kleinen Spalt hereinzugucken und ein gelbes Prisma aufzustellen, in dem Myriaden kleiner Körper tanzten, ein Mikrokosmos, um dessen Einzelexistenzen sich niemand kümmerte, sowenig wie um den jungen Mann, den der Zufall in ihre Nähe gebracht hatte. Solches und ähnliches dachte Hans, als eine tadellos elegante Frauengestalt vor ihn trat und den rechten Fuß mit dem feinen Saffianpantoffel auf den Kopf des 344 Eisbären stellte. Hans fühlte die Glut zweier Augen auf sich gerichtet, die bis in seine Seele niederbrannten, zu fordern schienen und doch auch wieder so rührend zu sagen wußten: »Ich habe gelernt, zu entbehren.« Vielleicht hat Hans ähnlich ausgesehen wie sein vis-à-vis , denn eine weiche Frauenhand streckte sich ihm mitleidsvoll entgegen, und eine einschmeichelnde sympathische Stimme sagte fast flehend: »Sie sind Herr Höhrle und geneigt, ein wenig Leben in unser stilles Haus zu bringen.« »Sofern ich Ihren Ansprüchen zu genügen vermag.« »Kommen Sie und nehmen Sie neben mir Platz, so werde ich prüfen, was Sie meiner Stieftochter zu bieten vermögen,« und sie führte Hans an seinem kleinen Finger zu einem Flügel, der in der Ecke stand, rückte die Klavierbank über den Hinterpfoten des Eisbären zurecht und setzte sich. Der Probekandidat Höhrle war selbstverständlich über eine Eisbärklaue gestolpert, als er sich von dem Worte: »Stieftochter« ausgehend, den schönen Gedanken klar machte, daß dies blühende Weib unmöglich Mutter sein könne. Während er sich neben ihr einzurichten suchte, tänzelten ihre schlanken Finger bereits präludierend über die Tasten hin. Ein dutzendmal hatte es den Anschein, als ob sie einem angefangenen Motiv treu bleiben wolle, aber sie sprang ab und irrte unstät in einem wahren Labyrinth von Melodien herum. Es war offenbar, sie suchte irgend etwas, was der Stimmung gerecht werden konnte, von der sie augenblicklich beherrscht wurde. Ihre Stirne senkte 345 sich nachdenklich. Ein Kranz feiner Härchen fiel nach und umrahmte ihren Kopf mit einem berückenden Flammenschein, während immer noch ihre Finger trunken über die Klaviatur taumelten. Plötzlich gab es ihr einen Ruck, ihr Nacken streckte sich, und ihre Rechte suchte zwischen den Heften, die unter der Decke des Flügels lagen. Ein erregtes Rauschen umgewandter Blätter, und auf dem Notenpulte stand die Partitur aus Carmen. Ihr Körper bog ein wenig nach rechts aus, ihr Blick sprang befehlend vom Antlitz des Jünglings auf den leeren Platz neben ihr. Hans avancierte kühn, und zwei Körper durchschauerte eine belebende Wärme. Nun kam Takt und Führung in das Ganze. Ihre Seele war mit all ihren Leidenschaften in die Fingerspitzen geglitten und tobte sich aus, wie sich ein Gewitter austobt in der schwülen Atmosphäre einer Julinacht. Es war die drohende Sprache hinabgewürgten Unrechts, die das Schicksal herausfordernd auf den Saiten donnerte. Was ihr niemals aus der Feder geflossen wäre, was nie das Gehege ihrer Zähne verlassen hätte, das schrie das betrogene Weib in Tönen hinaus, und wie der geschwollene Wildbach an das Wehr schlägt, so schlugen unheilverkündend die Klagetöne ihres Herzens an Hansens Ohr: »Die Liebe vom Zigeunerstamme frägt nicht nach Recht, Gesetz und Macht.« Die Wucht des Vortrages riß Hans mit sich fort, auch ihm saß ein verhaltenes Weh im Busen. Seine Gedanken weilten einen Augenblick bei Agnes, und sein Zorn 346 stürmte hinter dem Grimme seiner Nachbarin her. Der Flügel bebte unter der Wolke von Ingrimm, die über ihm grollte und krachte. So ging es eine Weile fort, bis die gepaarte Leidenschaft zweier Seelen im eigenen Feuer sich verzehrt hatte. Müde sanken der bleichen Dame die Hände in den Schoß. Ihr Haupt fiel mit einem Seufzer leise auf die Seite, und der Strahlenkranz ihres Haares streifte begehrlich die Wange ihres Nachbars. Auch Hans erschlaffte. Er war so müde, als ob er von der Mensur käme, und es herrschte wieder das morose Schweigen, das diesem Hause sein Stigma gab. Im gelben Prisma der Herbstsonne tanzten die kleinen gespenstischen Wesen, aber leidenschaftslos oder vielleicht doch nicht? Wissen wir, ob sie nicht der Hunger und die Liebe peitscht, wie uns. Gleich dumm sind wir im Großen wie im Kleinen. Hans ahnte sogar nicht einmal, wie schwer es seiner Nachbarin wurde, ihre Leidenschaft am Stangenzaun der Sitte zu halten. »Nun sollen Sie ihre Schülerin kennen lernen,« mit diesem Worte hatte sie für heute über sich gesiegt und lief aus dem Zimmer. Bald kam sie wieder und führte ein aufgeschossenes Mädchen mit sich, schon nicht mehr Kind und doch noch nicht Jungfrau. Ihre Schultern waren knochig, die Füße groß, die Bewegungen eckig. Sie machte vor Hans ein einstudiertes Kompliment und schien froh zu sein, daß sie es fertig gebracht hatte, ohne sich die Beine zu verrenken. Hans sah das Kind mit Erstaunen neben der Mutter. Niemals noch hatte er das Ideal der Schönheit so 347 unvermittelt neben geradezu bedauernswerter Häßlichkeit gesehen. – Dem jungen Mediziner wäre die ganze Vererbungstheorie aus dem Leime gegangen, wenn ihm nicht das Wort Stieftochter einen erläuternden Aufschluß gegeben hätte. Eben ging zudem die Tür nach dem Korridor auf, und sofort wußte Hans, nach welchem Modell hier gearbeitet worden war. Ein großer Mann, dessen Stirne erobernd über den Schädel bis in den Nacken vorgedrungen war, stand vor ihm, hustete sich ins Blaurote hinein, zog den Kopf in Kragenweite Nr. 52 und legte eine breite Speckfalte, die von genossenen Provisionen zeugte, über denselben. Eine helle Weste hüllte das edle Herz ein, und weite Hosen einen hochwohlgeborenen Bauch und Beine von brutaler Stärke. Trotz der Weitläufigkeit der äußeren Form machte der aufgeschwemmte Mann den Eindruck innerer Hohlheit, und er sah so minderwertig aus wie eine Treberaktie. Übrigens ganz so leer, wie er anderen erschien, muß er sich selber nicht vorgekommen sein, denn als er den Mund öffnete, kam eine bemerkenswerte Dividende von anmaßlicher Grobheit zur Ausschüttung. »Ich habe wohl die Ehre, den Hauslehrer meiner Tochter begrüßen zu dürfen. Geben sie sich Mühe, junger Mann, Ihre Stunden so zu legen, daß ich in meiner Gedankenarbeit möglichst wenig gestört werde. Also, die Zeit, in der ich esse, trinke, wache und schlafe, muß unbedingt musikfrei sein. Wagnermusik und Strauß'sche Walzer verträgt »Waldmann,« mein Jagdhund nicht, weshalb ich bitten muß, das Konto dieser Herren nicht 348 übermäßig belasten zu wollen. Im übrigen darf ich Ihnen die Schonung meines Kindes ebenso wie die meines Steinwayflügels ans Herz legen.« Damit verneigte er sich ein klein wenig gegen den hungrigen Schnurrer, tat mit gespreizten Fingern großtuerisch so, als ob er hinter dem Ohre noch einige Haare zu kämmen hätte und verschwand nach einem Zimmer, aus dessen Innerm man das Klappern von Tellern vernehmen konnte. Hans dachte: »Welch' sträflicher Unverstand mag diesen Sellerieknollen mit der Rose zum Strauß gebunden haben?« und betrachtete mitleidig die schöne Frau, über deren blasses Antlitz die Stichflamme verschämter Verlegenheit schoß und der Ausdruck grenzenloser Geringschätzung, der dem erlauchten Gemahl galt auf seinem Gange nach dem Speisezimmer. Die Tochter knixte ein wenig und folgte dem Vater. Hans und die Dame waren allein. »Ich werde sorgen, daß Sie ihm nicht all zu oft begegnen müssen,« flüsterte sie, ihre Empörung kaum bemeisternd. »Kommen Sie übermorgen wieder. Was zu verhandeln ist, geschieht nur zwischen Ihnen und mir.« Sie reichte Hans die Fingerspitzen ihrer Rechten und begleitete ihn auf den Korridor. Hinter dem Rücken des Probekandidaten schlug das Hoftor knallend ins Schloß. »Meinetwegen brauchst du dies nicht ein zweitesmal zu tun, ich öffne dich nicht wieder,« dachte er und schritt in das leicht verschleierte Sonnenlicht des Herbstnachmittags hinein. 349     33. Kapitel Hans Höhrle, eine Pflanze, die in fettem Boden aufgewachsen, war noch kein sturmtrotzender Baum geworden. Sein Charakter hatte etwas weichlich wetterwendisches. Wohl konnte irgend eine Regung seines Herzens sich im Moment zu rascher Tat umsetzen, aber alles, was in der Ferne drohend vor ihm stand, fand ihn mutlos, verzagt und geneigt, aus der Arena auszubrechen. Hans hatte eine ängstliche Vorahnung, daß das Haus des Hopfenchristen, wie man Herrn de Lerée im Börsenkafé nannte, sein Verhängnis werden könne. Jenes Schweigen auf der Klavierbank an der Seite der Hausfrau, welchen Sinn konnte es nur haben? Erwartete die Dame seinerseits ein kleines offensives Vorrücken, oder beabsichtigte sie selber aus der Defensive herauszutreten? Solche Gedanken waren es, die unsern Freund die Mittagsglocke überhören ließen, und das Zirkuspferd wieder in die Manege trieben, immer um die Stadt herum, bis sein Vorsatz, dem Hause der Grobheit und des Schweigens fern zu bleiben, genügend befestigt schien. Ein Briefträger außerdem, der mit einer Hand voll Briefen eilig auf sein Haus zuging, drückte das Barometer seiner Aussicht wieder etwas in die Höhe und versprach 350 auf Jahre hinaus erträgliches Wetter. Aus der schwarzen Tasche an der Seite dieses Engelsbildes war schon manches herausgekommen, was eine kritische Situation gelöst hatte. Warum sollte er verzweifeln? Auf seinem Stehpult konnte ein Dutzend Offerten liegen, eine glänzender als die andere. So dachte er, aber er ging doch an seiner eignen Haustür vorbei. Mußte unbarmherzig eine Illusion zerstört werden, so hatte dies noch Zeit bis zum Abend. Die Tagesstunden verbrachte er mit ziellosem Wandern durch die Nachbardörfer. Der Abend überraschte die Mutter Erde mit einem kalten Sprühregen, ohne daß sie sich dagegen mit einem Regenschirm wehren konnte. Die Menschen konnten das, bis auf unseren Hans, der ohne Schutz durch die Nässe ging. An der Pumpe vor seinem Hause standen die Stumpfröcke, die man nur en gros lieben konnte oder gar nicht, weil es unmöglich war, die eine von der anderen zu unterscheiden. Sie sahen sich ähnlich, wie eine Carodame der anderen. Sie rochen auch gleich, alle ein wenig nach Zwiebelschalen. Sie standen da mit nackten Armen. Was kümmerte sie der kalte Regen! Von der Haut nach innen gezählt, war alles wasserdicht an ihnen. Sie lachten, wie sie schon hundertmal gelacht hatten und wie sie immer lachten, wenn Hans vorüberging. Der Student sah heute genauer hin wie sonst wohl. Seit Agnes sich von ihm gewandt, war in seinem verwitweten Herzen Platz für ein anderes Weib. Er grüßte mit einem vertraulichen Kopfnicken, wie man einen grüßt, den man genauer kennt, und erregte unter den Mädchen ein verwunderliches Knuffen und Stoßen, weil keine der 351 anderen traute und jede ihre Nachbarin im Verdacht hatte, daß sie mit dem Studenten bereits da sein könne, wohin sie doch selber wollte. Hans fühlte, daß man hier seinen Groschen für voll nahm und freute sich dessen. »Wer von einem guten Frühstück kommt, widersteht leichter den lockenden Gerüchen eines Diners,« dachte er, und er nahm sich vor, in den nächsten Tagen mit einer von den Drallen ein wenig anzubandeln. So ein kleines Verhältnis konnte ein Panzerhemd werden in künftigen Gefahren, die unsicher, aber doch ängstigend vor seiner Seele standen, wenn am Ende doch nichts anderes übrig bliebe, als bei Frau de Lerée anzunehmen? Er ging die Treppe hinaus und öffnete die Tür. Einige geknickte Lichtpfeile der Straßenlaterne schossen ihm von der lackierten Platte seines Stehpultes entgegen. Das war angenehm, denn es gab eine vorläufig orientierende Helle, bis ein Streichholz gefunden war. Als dieses brannte, war leider nichts zu erkennen, als ein einziges kleines Kuvert mit magerem Inhalt. Hans hielt es unter die Nase. Es roch nach Pech und Sohlleder. Das fehlte noch in diesem Augenblick, wo er gehofft, daß sich sein Schicksal zum Guten wenden müsse, eine Schusterrechnung! Verdrießlich stützte er den Ellbogen auf das Stehpult, legte den Kopf in die Hand und starrte auf das Spiegelbild der Straßenlaterne, das ihm aus dem schwarzen Glanzlack entgegenzwinkerte. Wohl hörte er, wie das Lachen der Stumpfröcke lauter und zudringlicher wurde, wie die Henkel klapperten und die Kübel herausfordernd aneinander stießen, als hätten die 352 Mädel seine Gedanken von vorhin erraten und erwarteten heute noch eine Entscheidung. Für Hans war diese durch die Schusterrechnung in weite Fernen gerückt, aber Frau de Lerée kam wieder näher und der Geldsack des Hopfenchristen. »Was wird anderes übrig bleiben, ich muß leben,« sagte er und kroch in seinen Alkoven hinein. Im Traume stand das schöne Weib vor ihm mit glühenden Augen, die nach einer Seele suchten, der ihren verwandt, nach einem Manne, der begriff, daß sie eine in goldene Ketten geschlagene Sklavin sei, und der hochherzig genug war, sie zu befreien. Alles, was jemals durch die Lektüre Rousseaus, Walter Scotts und Jean Pauls an Romantik in die Seele des Jünglings eingezogen war, nahm in jener Nacht Gestalt an, kämpfte, siegte oder ging triumphierend unter. Hans war der Mittelpunkt einer schier unglaublichen Donquichotterie. Am nächsten Morgen regnete es immer noch, und das war gut. Hans brauchte nur den Kopf zum Fenster hinauszustrecken, und er hatte eine kalte Dusche, die sein fieberhaft erregtes Gehirn etwas abkühlte und seinen Gedanken die Richtung ins Reale gab. Am Gewicht der Hose beim Ankleiden bemerkte er, daß sein Reichtum seit gestern früh sich abermals vermindert hatte. Das war in hohem Maße bedauerlich, zumal zu befürchten stand, daß am Fuße der Schusterrechnung sich ein Autogramm des Meisters Draht finden könne, das den gestrengen Universitätsrichter wie Bankos Geist aus einem Brunnenschacht von Aktenbündeln steigen ließ. 353 Hans wich dem uneröffneten Kuvert mit banger Scheu aus, vollendete seine Toilette, und trug seine Zweifel zur Abwechslung einmal in die Krankensäle des Spitals. Da lag einer, der im Begriff war, der Menschheit im allgemeinen und Schuster- und Schneiderrechnungen im besonderen Lebewohl zu sagen. Neben ihm auf dem Nachttische stand in einem Glase noch ein Restchen Rotwein, das hätte er noch trinken können, aber er wollte es nicht. Es sollte nicht heißen, daß er gar nichts zurückgelassen hätte. Einige Fliegen umschwirrten den Nachlaß. Der Mann hatte nichts dagegen. Er lag mit gleichgültigem Gesichtsausdrucke und geschlossenen Augen da. Zuweilen holte er rasch nacheinander tiefe Atemzüge ein, als ob er sich für eine Weile mit Sauerstoff verproviantieren wolle, dann stockte das Respirationsgeschäft, um bald darauf mit großer Energie aufs neue einzusetzen. Von den anderen Betten her waren ängstliche Blicke nach dem Sterbenden gerichtet. Mancher Kranke hatte sich aufgesetzt und blickte empört um sich, weil jemand wagte, in seiner Gegenwart zu sterben. Hans trug eine spanische Wand herbei und rahmte damit dem Abschiednehmenden sein Teil am Erdenrund noch enger ein. Auch dagegen hatte der Sterbende nichts. Wären alle Herrscher, vor denen seit Adams Tagen die Menschheit gezittert, an ihm vorbeigezogen, er hätte nicht einmal mit dem Finger das grüne Zeug in dem Holzrahmen verschoben, um sie anzusehen. Hans konnte sich von dem Anblick des Sterbenden nicht trennen. Ihn hielten die Rätsel des Lebens, das »wie« und das »warum«. Welten, die einst vor diesen Augen gefunkelt, waren in nächtliche Abgründe gesunken, waren nicht mehr vorhanden. Mochten Planeten mit gräßlichem Donner sich zu Staub zerreiben, diesen Ohren flößten sie keinen Schrecken mehr ein. Noch zwei, drei rasche Atemzüge, dann war der letzte Bedarf an Luft gedeckt. Niemand mehr hatte die Konkurrenz des Toten von jetzt ab zu fürchten. Aber wer und wozu hatte man den Armen in die Welt geschickt? Etwa damit er das »wie« begreife? Dann waren die Schmerzen seiner Mutter und die seinen umsonst ausgegebenes Lehrgeld. Daran arbeitete ja auch Hans, aber er war nicht weit gekommen in der Erforschung der Weltenrätsel. Wenn er nur wenigstens das Sterben lernen möchte, um seine Sache so still zu machen wie der, der hier vor ihm lag. Hans war so niedergeschlagen heute und fühlte in sich ein geheimes Grauen, aber nicht vor dem Tode, sondern vor dem Leben und dem, was es ihm noch bringen mochte. Als der junge Mediziner aus der Klinik ging, dachte er nicht mehr an die Stumpfröcke und an die Gefahren, die im Hause des Hopfenchristen seiner warteten, erst recht nicht. Er hatte der Majestät des Todes ins Auge geschaut. Das Mißtrauen gegen sich selber war verschwunden, und ein starkes Pflichtgefühl war wieder einmal erwacht. Der Vater und Suse, so klang es aus der Tiefe des Herzens herauf, und doch, und doch!! Zwei Tage später stand Studiosus Höhrle der Frau de Lerée zum zweiten Male gegenüber. 355     34. Kapitel Es ging gegen Abend, und ein ungestümer Wind trieb erbsendicke Hagelkörner wider die Fensterscheiben, als Hans wieder einmal neben seinem Zögling auf der Klavierbank saß. Und es war gut, daß alles so war, wie es war. Während der Sturm seine »Lieder ohne Worte« spielte, spielte das Fräulein einen Trauermarsch im Galopptempo. Während ihre Blicke dem Schauspiel der Natur vor den Scheiben aufmerksam folgten, verwechselten ihre Finger Dur und Moll in reizvoller Ungebundenheit. Es war ein Glück für den Kandidaten Höhrle, daß ein Teil der Dissonanzen, die schmerzvoll aus dem Klavier geboren wurden, in dem großen Klagen unterging, womit der Wind die leeren Gänge des stillen Hauses füllte. Gleichwohl traf von musikalischen Unmöglichkeiten noch so viel an das Trommelfell unseres Freundes, daß dieses, ohne die Dämpfung von außen, geplatzt wäre, und daß Hans mit Grausen an ein weiteres Zusammenleben mit diesem Flügel und mit diesem musikalischen Ungetüm dachte. Zu dem Überfluß an Mangel von Talent gesellte sich bei seiner Schülerin auch noch eine geradezu ideale Trägheit und 356 eine beneidenswerte Gabe, mit den Füßen zu verderben, was sie allenfalls mit den Händen gutgemacht hatte. Alles, was Hans an musikalischen Unterweisungen seither aufgebracht hatte, war in das Faß der Danaiden geschöpftes Seifenwasser. Wäre der Samstag mit seinen Goldstückchen in rosa Seidenpapier nicht gewesen, der Vielgequälte hätte dem Andenken seiner Mutter gegrollt, die einst den Knaben aus der Gesellschaft der Mühlesel ans Klavier gezwungen hatte. Allein, das Gebot der harten Notwendigkeit, der Umstand, daß er sich seinen Unterhalt selber verdienen mußte, zwangen immer wieder seine unbezahlten Stiefel bald durch den Schmutz, bald durch den Schnee, die in stimmungsvoller Abwechslung die Straßen füllten, nach dem stillen Hause hin und an dem Rätsel vorüber, das, ans Geländer des Treppenhauses gelehnt, von dem Hauslehrer den Wegezoll eines freundlichen Blickes erhob. Doch zuweilen gab es auch ein interessanteres Intermezzo. Wenn die Range absolut nicht gewillt war, sich im Reich der Töne quälen zu lassen und Kopfweh oder eine andere imaginäre Krankheit vorschützte, dann ereignete es sich wohl einmal, daß die gnädige Frau neben dem Kandidaten Platz nahm und ihre Seele mit der seinen in harmonische Gefilde entschweben ließ. In solchen Augenblicken war das junge Weib nicht mehr die Dame mit der vornehmen Zurückhaltung, sie war Hansens Gespielin, sah ihm mit Vertraulichkeit fordernder Naivität tief in die Augen und duldete leutselig, daß er seine ermüdete Hand auf ihrem Knie ausruhen ließ. Näher, als durch den Zwang des 357 Notenlesens bedingt war, saß sie an seiner Seite. Hans fühlte die Wärme ihres Körpers, fühlte, wie ihr Arm tastend an ihm niederglitt, wie sich ihre Hüfte verlangend an ihn schmiegte. Hans bebte, zitterte, wollte kühn sein und wagen, wurde wieder mutlos und fürchtete sich vor dem Augenblick, wo das Weib sich selbst vergessen könne, und sehnte ihn doch mit allen Kräften seiner Seele herbei. Der Zweifel schon, geliebt zu werden von einer Dame, an der Hunderte begehrlich emporsahen, schmeichelte seiner Eitelkeit, und die Gewißheit gar, hätte ihn vor sich selber zu einem lorbeerbekränzten Triumphator gemacht. Aber nichts von alledem, was geschehen konnte, geschah. Nach einer Weile lagen beide spitzenumrahmte Hände der Dame müde in ihrem Schoß, ihr Kinn sank auf die Brust. Hans mochte sich einbilden, daß ihre Lider eine Träne zerdrückten, gesehen hat er es nie. In Augenblicken des qualvollsten Grübelns bewog ihn öfters ein mahlendes Geräusch hinter seinem Rücken, sich umzuschauen. Die musikalische Range stand hinter ihnen und kaute Äpfel. So endete mehrmals recht prosaisch, was anfangs so poetisch sich anließ. In den langen Wintermonaten wechselte draußen das Wetter, und im Salon der Frau de Lerée die Zimmerdekoration. Über den November und die erste Hälfte des Dezember halfen die Dahlien hinweg, dann kamen blühende Alpenveilchen und Kamelien. Im März streckte der Krokus in dem milderen Klima zwischen Vorfenster und Fenster seine blauen, weißen und gelben Köpfe hervor. Bald aber überwuchsen diese Kelche die krausen Blütenkolben der 358 Hyazinthen und verurteilten sie zur Bedeutungslosigkeit. Der April brachte laue Tage und lockte im Freien aus den Aprikosen- und Pfirsichreisern den Blütenschnee. Der Wind stieß zuweilen in die Straßen herein und warf auf das Pflaster Haufen weißer und rosa Blütenblätter, die aussahen wie Konfettiwürfe verflogener Maskentollheit. Hans ging in dem warmen Sonnenschein dem stillen Hause zu, etwas fröstelnd bei dem Gedanken an den feuchten Schatten des Stiegenhauses, der sich all die Wintertage hier so oft über seine Schultern gelegt hatte. Langsam stieg er die Treppe empor, langsam schritt er an dem Rätsel vorüber, er hatte Zeit. Die musikalische Range konnte vor sechs Uhr nicht aus der Schule zurückerwartet werden. Er trat in den Salon. In einer hellen Frühjahrstoilette traf er die gnädige Frau auf dem Sofa, einen Finger vergraben zwischen den Blättern eines Buches. Hans setzte sich ihr gegenüber auf einen Stuhl. Vor ihm in der Luft spielte ein kleiner, gelber Schuh in einem zarten Spitzengehege von Unterröcken, die einen zweiten gelben Schuh bald zeigten, bald versteckten. Es war, als ob man in den Kelch einer Lilie hineinsehe, so weich, so duftig, so keusch. »Und auf dem Grunde dieses Blumenkelches liegt ein Geheimnis, das lockende Geheimnis von dem Weiterleben der Arten.« Das war der Gedanke, der dem kundigen Anatomen in diesem Augenblicke prickelnd durch das Gehirn stach und seine Sinne verwirrte. Es war kein Zeichen von guter Lebensart, daß Hansens 359 Blicke an den Schuhen hingen, aber er konnte die Augen nicht abwenden, und sein Gegenüber tat nichts, um ihm das neckende Schauspiel zu entziehen. Nur eine flammende Röte, die ihr ins Gesicht stieg, verriet, daß sie wußte, wo die Gedanken des jungen Mannes weilten. Im übrigen schien um ihre Augenbrauen eine schmerzvolle Melancholie zu lagern, so tief, so abgrundtief und schwarz, daß keiner Nächte Dunkel mit ihr vergleichbar war. Fast anbetend saß der junge Mann vor diesem Heilgenbilde und wäre wohl versteinert, und säße zum Leidwesen einer Heiligen noch dort, wenn nicht der Himmel ein Einsehen gehabt hätte und mit einem Donnerwetter dreingefahren wäre. Was aus der drohenden Gewitterwolke über dem Städtchen zwischen die Häuser niederfiel, war einer jener kurzen, bellenden Töne, wie sie den Dieb überraschen, der mit der Hundehütte nicht gerechnet hat. Jedermann, der inmitten geheimnisvollen Schweigens diese kläffenden Laute hört, glaubt in den Boden sinken zu müssen. Frau de Lerée war ein Weib. Sie tat das Gegenteil von dem, was Männer tun. Sie sprang auf und hing hilfesuchend an dem starken Arm ihres Hauslehrers. So schmiegt sich die Efeuranke schmeichelnd an den Eichenstamm, und weiß doch, daß sie ihn erwürgen wird. Wie lange das Gewitter dauerte, das damals in der kleinen Universitätsstadt Haus von Haus durch einen Gießbach trennte, alle Nachbarschaft aufhob, und nur Frau de Lerée und Hans Höhrle einander schuldvoll näher brachte? Gerade so lange, als Fräulein Wendtland, die Dame mit den 360 Schulregeln im Gesicht, in der Pestalozzistraße, ihre höheren Töchter unter ihrem Dache zurückhielt, zum Ärger aller Putzmacherinnen, die aus dem Platzregen einigen Vorteil ziehen konnten. So verließen Hans Höhrle und Fräulein de Lerée zu gleicher Zeit das schützende Obdach und traten hinaus in den Abendsonnenschein, der in glänzenden Garben aus den zerrissenen Gewitterwolken brach und die windschiefen Giebel der alten Fachwerkbauten vergoldete. Lehrer und Schülerin hätten sich begegnen können, begegnen müssen, wenn der Kandidat der Medizin noch das gute Gewissen mit sich getragen hätte, wie vor einer Stunde. So aber stieß die Schuld wie ein gebieterischer Schutzmann ihn weg vom Bürgersteig und trieb ihn durch enge Gassen mit Fenstern, die zur Erde herunterreichten und dem Passanten den Einblick in Spelunken durch Grünzeug und verstaubte Schnapsflaschen wehrten. Hans Höhrle wich dem Blick der ehrlichen Menschen aus, weil er immer in ein Gesicht sehen mußte, das ihn wie die tragische Maske seines Schicksals angrinste. Als er nämlich die Korridortür des stillen Hauses hinter sich schloß, da stand am Treppengeländer, da wo es immer stand, das Rätsel mit suffisantem Lächeln und Augen, aus denen der Neid und alle sechs anderen Todsünden vergiftete Pfeile schossen. Hans fing alle diese schneidigen Spitzen auf, und mit Schrecken begriff er, daß die Türen Schlüssellöcher haben, und daß die Parze da mit ihren gelben Zähnen seinen Schicksalsfaden durchbeißen konnte. 361 Hans trat mit den Absätzen fest auf das Pflaster auf, er verlangte nach Geräuschen. Die Stille ängstigte ihn. Daß es außer der Stimme seines Gewissens noch andere Laute auf der Welt gab, schon diese Entdeckung verlieh ihm etwas Sicherheit wieder. Er begrüßte deshalb auch die Dissonanzen einer Drehorgel, die ein Stelzfuß vor den Fenstern weiterschleppte, wie eine Ablenkung auf andere Bahnen und warf ein für seine Verhältnisse reich bemessenes Almosen in den Zinnteller des Krüppels. Zu Hause angekommen, öffnete er die Fenster seiner Bude und ließ den Geruch der dampfenden Erde herein und das Lachen der Stumpfröcke, die sich an der Pumpe des Frühlingsabends freuten. Der Gedanke, daß sie ähnliches zu bereuen haben möchten, wie er, und doch lachen konnten, beruhigte ihn etwas. Wo viele auf der Anklagebank sitzen, ist der einzelne weniger schuldig. Nach einer Weile spornte ihn ein gewisser Trotz gegen das, was er vor sich selber eine kindische Furcht nannte. Er warf den Hut in die Ecke, setzte die Mütze auf und eilte in den Kreis der Genossen. Der Wächter, der die erste Stunde des neuen Tages auf dem Kuhhorn blies, sah ihn mit Kopfschütteln schwankenden Schrittes nach Hause zurückkehren. Der nächste Morgen brachte unserem Freunde den Januskopf eines zweifachen Katers und folgenden Brief seiner Schwester Suse. 362 » Mein lieber Bruder Hans! Welch großes Glück ist es doch, daß Du bei edel denkenden Menschen Gelegenheit gefunden hast, Deinen Unterhalt zu verdienen. So wird der Rest Deiner Studienzeit herumgehen, und Du wirst durch die Arbeit Deines schönen Berufes die letzten Tage unseres Vaters mit Sonnenschein füllen. Um uns brauchst Du zunächst nicht besorgt zu sein. Es gibt eine liebende Vorsehung, von deren gütiger Hand auch wir geführt werden. Denke Dir, der Mordche Rimbach war bei uns und hat unser altes Zinn, Kannen, Schüsseln und Teller um eine Summe gekauft, mit der wir unser Leben auf lange hinaus fristen können. Vater zögerte, das Geld anzunehmen, so viel war's, doch Mordche Rimbach sagte: »Stuß, ich kaufe für einen Liebhaber. Wie die Motte den alten Filzhüten nachkriecht, so gibt es Narren, die nach altem Zinn suchen. Wer kann dafür, daß die Hühner Maikäfer fressen,« und er zählte das Geld auf den Tisch und ging. Und noch etwas. Klaus Priester kam in der Dämmerung und brachte uns den quittierten Holzabfuhrschein. »Der Brunnen des Glücksritters ist bald ausgeschöpft,« bemerkte er. »Nun handle ich nach dem Wort der Bibel: ›Erwirb dir Freunde mit dem ungerechten Mammon‹, denn bald wird es heißen: ›Klaus, die Beine auf die Pritsche und wieder ans Hosenmachen‹. ›Gut, daß dies Luderleben ein Ende nimmt‹. Die einzige, die mich in 363 dem Schiffbruch dauert, ließ er so nebenbei fallen, ist die arme Agnes.« Das ist's, Hans, was ich Dir schreiben wollte. Du siehst, wie der Finger Gottes Deinen und unseren Lebensweg vorzeichnet. Übersieh die zarte Linie nicht, laß sie die Leuchte Deines Fußes sein, und wir alle werden zu einem freundlichen Ziele gelangen. Ich bin voll froher Zuversicht, und nur der Umstand, daß Vater öfters kränkelt, erfüllt mich zuweilen mit Sorge. Nun lebe wohl, lieber Bruder, und vergiß nicht, daß Du der Deinen letzte Hoffnung bist. Deine Schwester Suse. «         Dieser Brief steigerte Hansens Qualen ins Ungemessene. Der Gedanke, daß er in der Vorstellung seiner Schwester als Engel lebte, während er vor sich selber ein Verworfener war, erfüllte ihn mit niederdrückender Zerknirschung. Wo das harmlose Mädchen die Führung Gottes sah, erkannte sein klarer blickendes Auge die Fallstricke der Verführung. Er ahnte nur zu gut, wer der Auftraggeber des Mordche Rimbach war, und aus welchem Born der Edelmut des Klaus Priester floß. Manche Frage, die neugierig von den Lippen der Frau de Lerée kam, hatte er ahnungslos beantwortet. Nun hatte sich ein Netz von Wohltaten um ihn und die Seinen geschlungen, das er nicht zerreißen konnte, wie sehr er auch an seinen Maschen zerrte. An der Distel der Sünde wuchsen Feigen, aber, zur Stunde wenigstens, hatten sie für Hans Höhrle einen herben 364 Beigeschmack. Es litt ihn nicht mehr in der einsamen Bude. Ihn zog es mit Macht nach den Krankensälen der Klinik, dort, in der See des fremden Leides, hoffte er das seinige ertränken zu können. Am Abend eines reuevoll durchlebten Tages schrieb er einen Brief an Frau de Lerée, bat, in dieser Woche die Stunden ausfallen lassen zu dürfen, und entschuldigte sein Fortbleiben mit Unpäßlichkeit. Die Woche ging und ihr Samstag brachte einen Kommers in den festlich geschmückten Hallen des Tivoli. Um alle Tische schlang sich der bunte Kranz farbiger Mützen und heller Kneipjacken, nur zuweilen unterbrochen durch den schlichten Anzug eines alten Herrn. Hinter dem gelättelten Stabwerk der Galerie sah man weiche Damenkleider und glückstrahlende Mädchengesichter, die sich neugierig über die Brüstung neigten, um unten in der großen, bunten Musterkarte einen zu suchen, den sie sich als Tänzer wünschten und vielleicht noch als etwas mehr. Aber auch die Augen da unten, die so oft ins Bierglas guckten, hatten den Flug nach dem Höheren nicht verlernt, und trotz der ziemlich beträchtlichen Niveaudifferenz waren bald zwischen droben und drunten alte Beziehungen aufgefrischt, und zu neuen die Präliminarien geschaffen. Hans Höhrle, der am Kopfe einer langen Tafel präsidierte, sah oben einen Schuh, der in einer Wolke von Spitzen tänzelte, und ahnte, was sein Gaukeln zu bedeuten habe. Als er sich stellte und mit der Schlägerklinge auf der Tischplatte das Zeichen zum Beginn des Kommerses 365 gab, neigte sich oben ein schöner Frauenkopf über die Brustwehr, und Hansens Ahnung ward zur Gewißheit. Alles, was nun an Gründen für und wider diese Frau im Laufe der Woche vereinzelt auf ihn eingedrungen war, stürmte nun vereint in hellen Haufen auf ihn zu und brachte ihn in namenlose Unsicherheit. Dazu in dem Engelsangesicht dieser Niobeblick, der immer zu sagen schien: Siehe, wie die Tage meiner Jugend einem Moloch geopfert werden, habe Mitleid mit mir und übertreibe nicht meine Schuld. Tantalus an seinen Felsen geschmiedet war weicher gebettet als ich im goldenen Käfig einer liebeleeren Ehe. Bin ich denn gar so verwerflich, weil ich abseits von dem rauhen Pflaster, aus dem ich wallen muß, nach der Blume der Liebe suche? Hab' Erbarmen und kehr' zurück! So redete eine Stimme in dem Jüngling lauter und lauter, und die Künstlerin Mitleid kam herbei und formte geschäftig die Gestalt der Gefallenen um, zu einer Märtyrerin mit frommem Dulderantlitz. Hans, verloren in seine Grübeleien, vergaß seines Amtes zu walten und mußte sich von Ignaz Kaufmann den Zuruf gefallen lassen: »Schläfst du? Wenn nicht, so kommandiere doch den Kantus drei, hörst du nicht, daß die Musik die Weise vorspielt?« Hans fuhr auf; er hatte in der Tat nichts gehört. Kantus drei, war das nicht das Schwurlied? Und gerade in diesem Augenblick dies ernste, feierliche Lied. Hans floh aus dem Saal. Draußen in der Nacht der Bäume verbarg er sich und seine wiedererwachten Selbstanklagen 366 an einer Stelle, zu der nicht mehr der blendende Glanz des lichtstrahlenden Festsaales zu dringen vermochte. Sein sonst so stolz getragener Rumpf lehnte müde an dem glatten Stamm einer Weißtanne, als ob er sich nicht selber zu halten vermöchte. Der ganze Mann schien kleiner als er war. Das bittere Empfinden, daß sein Fehl ihn ausschloß von diesem Liede, drückte ihn zusammen. O, daß er nicht nötig hätte zu erröten bei den Worten dieses Liedes. Daß er noch harmlos aller Welt kühn ins Auge hätte sehen können, wie einer dieser Füchse, die da drinnen im Festsaal zu singen begannen: »Schwört's bei dieser blanken Wehre, Schwört's ihr Burschen allzumal: Fleckenrein sei unsre Ehre Wie ein Schild aus lichtem Stahl. Was wir schwören sei gehalten, Treu bis zu der letzten Ruh! Hört's ihr Jungen, hört's ihr Alten, Gott im Himmel, hör's auch du.« Leise hatte Hans jedes Wort nachgesprochen, leise, ganz leise, nicht für die Jungen, nicht für die Alten und für Gott im Himmel erst recht nicht. Als Anklage gegen sich selbst sollte jede Silbe wie Scheidewasser auf einen goldenen Schild fallen und den Vorsatz eingraben: Einmal und nicht wieder. Wie er so stand und mit der Stahlscheide des Schlägers an seiner Seite in den abgefallenen Tannennadeln wühlte, 367 schmiegte sich ein weicher Arm um seinen Nacken, und zarte, warme Wangen legten sich in sein Gesicht. Hans wußte, ohne aufzusehen, daß dies nur eine sein konnte, nur die, bei der seine Gedanken in Furcht halb und halb in Liebe weilten. Die er fliehen und doch wieder suchen wollte. Ihre körperliche Gegenwart genügte, um den schwachen Mann alle Gewalt über sich selber verlieren zu lassen, und so umarmte er wieder, was er eben noch weit von sich zu werfen beschlossen hatte. »Du kommst am Montag wieder,« sagte die schöne Versucherin, als ihre Lippen sonst nichts zu schaffen hatten, und das Stückchen Fleischesschwäche, das seit Adams Zeiten in jedem seiner Nachkommen steckt, sagte: »Ja.« Was sollte Hans anders sagen? Wenn ihn der Reiz des Weibes nicht zog, so stieß ihn die eiserne Faust der Notwendigkeit. Er mußte und wollte leben. Es sank die Schale, in der das Böse lag, tiefer und schnellte ihr Gegenüber hoch in die Luft, und nun ist es gleichgültig für den Leser, wie der Kommers endete, es muß ihm genügen, wenn er erfährt, daß Hans am Montag der folgenden Woche im Hause de Lerée seine Musikstunden wieder aufgenommen hat. Zuweilen traf er die Gnädige, zuweilen nicht, ja es schien fast, als ob die gefallene Frau ihm aus dem Wege gehe. Flüchtig huschten ihre Tritte durch das Zimmer, tränenfeucht und scheu glitten ihre Blicke über Hansens Erscheinung hin. Ach, dies Glück im verstohlenen Winkel, wie viel Schmach und wie viel herbe Selbstanklagen hatte 368 es nicht über zwei Menschenherzen gebracht, und im Hintergrund aller Geschehnisse die aussichtslose Frage: Wie soll das enden? Die Lösung kam schneller als die Schuldigen dachten, aber durch ein Wesen, dem Hans seit langem schon nicht traute. Die Blicke der Kammerkatze waren in der letzten Zeit immer zudringlicher geworden. Ihr Benehmen wurde herablassend kordial, und als sie eines Tages dem Hauslehrer den Schirm am Glasabschluß überreichte, versuchte sie Hansens Finger über dem Griffe festzuklemmen. Seit diesem Augenblicke wußte der junge Mann, daß dies Wesen mit seinem Geheimnis Macht über ihn gewonnen habe, und er kannte auch den Preis, mit dem sich ihr Schweigen erkaufen ließ. Aber er war keiner von denen, die vor jeder Schürze knieen, die ohne zu lieben genießen können. Näher und bequemer hatte das blühende Fleisch jugendlicher Leiber schon nach ihm gelockt, und er war fest geblieben, wie sollte er dazu kommen, nach einem alten schon ergrauenden Katzenfell zu greifen. So endete eines Tages ein erneutes zudringliches Liebeswerben des Rätsels mit einer schroffen Zurückweisung. Nun erwachte in der Verschmähten das Weib mit dem Rachedurst einer Potiphar, mit der Grausamkeit einer Herodias. Mochte ein Krokodilesrachen sich öffnen und zwei Menschenleiber zerkauen, dem in seinem Verlangen zurückgewiesenen Weibe war es einerlei. Der Anblick derer, die ihr im Wege stand, und dessen, der sie durch 369 sein Versagen geschändet hatte, war ihr unerträglich. Sie zählte die Stunden, bis der nach Hause kam, der das bequeme Werkzeug ihres Rachedurstes werden konnte, und ihre Zunge stach mit Wollust das Gift in sein Ohr. Es war übrigens keine allzuschwere Sache, zwei Menschen auseinanderzubringen, die innerlich noch in keinem Augenblick ihres Lebens zusammengehört hatten. Während der Hopfenchrist seinen Kopf ins Blaurote hinein tobte und mit den Füßen wie ein Nilpferd dammerte, brachte Frau de Lerée auf flüchtigen Sohlen die Marmortreppe hinter sich und verlor sich unter den Müßiggängern, die zwischen Tag und Dunkel luftschnappend die Straßen füllten. Noch brannte keine Laterne. Die Flüchtige war für keinen der Begegnenden mehr als ein Weib, und sie kam unbeachtet vor die Pumpe und über die Schwelle zu Hansens Wohnung. Erst ihr weicher, schüchterner Tritt erregte die Aufmerksamkeit der zwei Alten im Erdgeschoß. »Mutter,« sagte die Tochter im gesetzten Alter zu der ruhigen Witwe, »er wird doch nicht?« »Seien wir auf der Hut. Ganz zu trauen ist keinem Studenten, und unser Haus soll ehrlich bleiben.« »Unterscheidest du nicht, Mutter, neben seinen Reiterstiefeln die Sammetpfote einer blutsaugenden Katze über uns; und so was unter unserm Dache, nein, aber nein, was man nicht alles noch erleben muß.« »Was werden die Leute sagen, wenn's herauskommt, und erst das Scheusal, die Lokomotivführerin, da neben uns?« sagte fromm die ruhige Witwe und holte einen 370 schweren Seufzer herauf aus den Tiefen ihres verletzten Bürgerstolzes. »Jedenfalls werde ich kein Auge zudrücken, bevor sie, sie da, aus dem Hause ist, und wenn ich wachen muß, bis der Milchmann kommt,« jammerte händeringend die erbarmungswürdige Tochter im gesetzten Alter und schickte sich an, ihren »Tugendspiegel« zu ergreifen, um mit dem leidigen Satan, der unter ihrem Sparren weilte, im Gebete zu ringen. Gar zu lange dauerte der erbärmliche Ringkampf nicht, denn alsbald hörte man oben die Türe schließen, und zwei Menschen kamen unsicheren Ganges die Treppe herunter. »Reiß den Vorhang herunter, was liegt daran; wissen müssen wir, wer sie ist,« sagte die Alte, »schon brennen ja die Laternen vor dem Hause.« Und in der Tat, so war's. Aber ein feiner Nebelregen hatte eingesetzt und schützte gnädig die arme Frau vor den unverschämten Blicken der Stumpfröcke an der Pumpe, nicht aber auch vor deren giftigen Zungen. »Sieh da, Annemarei,« hörte die Fliehende sagen, »läuft da nicht Hans Höhrle und mit einer Halbseidenen aus dem Frankfurter Hirschgraben?« »Jesu meine Zuversicht, so zu sinken. Kann denn so eine noch geneußlich sein, für so einen Burschen?« »Er hätt' was Besseres haben können,« jammerte Stine. »Geh' Klär und reiß der Neusilbernen die Huddel vom Gesicht, kratz' ihr die Augen aus!« So genoß Frau de Lerée auf dem Wege zum 371 Bahnhof den Kotwurf frommer Heuchler, und jener war nicht da, der allein sagen konnte: Nur wer von euch ohne Sünde ist, mag sich bücken und nach einem Steine suchen. Wie glühende Lava brannte das Pflaster der winkligen Straßen unter den Sohlen der Fliehenden. Erst als der Dampf sie weit hinweg geschleppt hatte vom Tatort ihrer Schuld, wagten sie sich anzusehen und gelobten sich, an einem fernen, fremden Gestade ihren Fehl zu sühnen in ernster Zucht und strenger Arbeit. 372   35. Kapitel Röse Ricke hatte im Konkurrenzkampf einer jüngeren Hebamme die Haube vom Kopfe gerissen, einer anderen die Backen zerkratzt, hatte zur Sühne solcher Freveltaten einige Wochen »gebrummt«, bevor sie das Felde räumte. Nun aber war sie definitiv geschlagen, und die Leute von Husterloh kamen ohne ihre Hilfe zur Welt; aber es starben deren nur wenige, denen sie nicht ein wenig nachgeholfen hätte. Sie machte in Sympathie und Chlorkalk auf eigene Rechnung und beglückte die Kranken mit Medikamenten, die auf das Konto des Arztes kamen, von ihr aber in der Apotheke gegen ein geringes Entgelt abgeholt wurden. Was der Apotheker an übler Nachrede und Unglücksbotschaften sonst noch zu verschicken hatte, konnte mit dieser Gelegenheit bequem verfrachtet werden. So lief das Geschäft durch alle Tage des Jahres bis zu dem, mit dem unsere Geschichte ihr Ende erreicht. Die Sonne war noch nicht lange und der Apotheker noch gar nicht aufgestanden, als Röse Ricke schon vor seinem Hause stand. Der Langschläfer hatte wie immer 373 um Mitternacht die Post abgewartet und dem Abendblatt eine sensationelle Nachricht entnommen, auf der er wie auf einem Sack voll Disteln übernachtete, so daß er sich jucken mußte, als ob er die Nesselsucht hätte. Gegen Morgen erst fand er etwas Ruhe und schnarchte sich ins Land der Träume hinüber. Als nun das Läutewerk tönte und gleichzeitig sein Affenpinscher anfing zu kläffen, sprang er erschreckt mit gleichen Füßen aus dem Bett und in einen rot besetzten Schlafrock hinein. Er hörte draußen husten. »Die Magd hat die Haustür geöffnet und Röse Ricke hereingelassen,« dies alles folgerte der kundige Thebaner aus dem Husten heraus. Er war in Eile. Die Tür, die aus dem Schlafgemache nach der Offizin führte, hatte keine Klinke. Der Apotheker war ein vorsichtiger Mann, der keinem erlaubte, ihn zu überraschen. Er öffnete und schloß mit einem Dornschlüssel. So tat er auch heute. Aber als er in seinen Laden trat, fuhr die Tür voller Heimtücke ins Schloß und klemmte seinen Schlafrock fest. Da hing er nun und mühte sich vergebens, hinterrücks das Schlüsselloch zu suchen. Röse Ricke sah ihm schadenfroh zu und suchte christlichen Sinnes seine Notlage voll auszubeuten. »Einen Schnaps mit Angosturatropfen und ich befreie Euch.« »Du tust's für eine phänomenale Neuigkeit, die ich dir mitzuteilen habe.« »Nicht für Hanau und die Neuigkeit,« sagte sie, »aber für einen Schnaps, sonst für keinen Lohn in der Welt.« »Es sei denn,« fügte sich der Apotheker. 374 Röse Ricke trat näher und musterte mit spöttischen Blicken die dürren Schienbeine des Festgeklemmten. »Ihr gleicht im Untergestell dem heiligen Sebastianus, nur mit seiner Heiligkeit habt ihr wenig Verwandtschaftliches, Meister Pillendreher.« »Aber an allen Bosheiten du sehr viel mit dem Teufel seiner Großmutter, bei der du wohl bald zu Gaste sein wirst.« »Nichts ist so billig, ihr trockenes Süßholz, als falsche Propheten und ihre Ware. Ich könnte zu guter Letzt noch der Hölle entgehen und mir den Himmel verdienen, wenn ich euch hier festgeklemmt hängen ließe,« sagte die Hebamme, ging aber doch und befreite den Apotheker. Dieser griff in die Seitentasche seines Schlafrockes und zog mit großartigen Gesten ein Zeitungsblatt hervor. »Hast du deine Stallfenster bei dir, um sie vor deine Ochsenaugen zu setzen.« »Nein, Gevatter Hammeltalg,« sagte Röse Ricke. »Gut, so werde ich dir vorlesen,« und er las: »Die ehrbare Bevölkerung unserer Landesuniversitätsstadt befindet sich seit gestern in einer berechtigten Aufregung. Die Gemahlin des hochangesehenen Kommerzienrats de Lerée, Ritter hoher Orden, hat mit dem Kandidaten der Medizin Hans Höhrle das Weite gesucht. Die näheren Details der empörenden Skandalgeschichte hoffen wir in einer der folgenden Nummern unseren hochachtbaren Lesern vorsetzen zu können.« 375 »Ist das unser Höhrle?« fragte Röse Ricke, dachte nicht mehr an den Schnaps und langte mit der einen Hand nach dem Zeitungsblatt, mit der anderen nach ihrer Strohtasche. »Darüber kann leider kein Zweifel sein,« bemerkte mit gut geheucheltem Mitgefühl der Apotheker, während die Rückseite des Weibes hinter der Tür verschwand. Jetzt kam Leben in die Beine des Mannes, der eben einen tötlichen Gifttrank gemischt und in Verkehr gebracht hatte. Er lief zum Fenster und rief: »Röse Ricke, Röse Ricke.« Diese, schon auf der Straße, wandte im Laufen ein wenig den Kopf dem Hause zu. »Daß du mir's dem Alten aber in schonender Weise mitteilst.« »Brauch' ich dich, um mir sagen zu lassen, was sich schickt? So was ist bei mir prinzipiell,« warf diese zurück und lief davon. Jener sah grünlächelnd nach. Vater Höhrle saß zur Stunde in seinem Lehnstuhl und dachte an den Tod, der ihm sein Näherkommen durch mancherlei Symptome begreiflich machte. Ihm war die Brust so eingesunken, und der Atem rang sich so mühsam empor aus dem dumpfen Druck der Lungenflügel. Ob Vater Höhrle sich fürchtete? O, nein, er sehnte sich nach der Vollendung seines nutzlosen Daseins. Nur eines hätte er noch gern gesehen, seinen Hans als begehrten Arzt inmitten einer Bevölkerung, die ihn schätzte, und Suse im Hause des Bruders beschäftigt und geborgen. Dann brauchte 376 sie, die am Ofen stand und ihr spärliches Frühstücksgeschirr spülte, nicht mehr in fremde Häuser zur Arbeit zu gehen. Es konnte noch ein Jahr oder etwas darüber währen, bis dieser Traum sich erfüllte, und so lange hielt ja wohl noch der gebrechliche Bau des alternden Körpers. Das war's, was der einsame Mann tausendmal im Tage und was er eben auch jetzt dachte, als polternde Schritte draußen hörbar wurden. Verflucht sei die Luft, die Röse Ricke durchließ, als sie ihr windschiefes Gestell die Treppe heraufschraubte. »Vater Höhrle,« rief sie, »Vater Höhrle, wißt Ihr schon, Euer Hans ist durchgebrannt.« »Durchgebrannt?« stammelten die Lippen des Greises. »Ja, davongelaufen mit so einer« – – »Mit so einer? Mit was für einer?« »Mit einem Lumpenmensch,« schrie das unselige Weib, »hier lest selber,« und sie hielt dem zitternden Alten die Zeitung vors Gesicht. Mit furchtbarem Blick sah Vater Höhrle erst den Bringer der Nachricht, dann die Nachricht selber an. Jetzt flossen ihm die Buchstaben durcheinander, dann schob sich ein grauer Vorhang aus Mehlsäcken vor seine Augen, die Stirne senkte sich und schlug dröhnend auf die Tischplatte. »Herr Jesus, meine Zuversicht, es wird ihm schwach,« rief Röse Ricke. Suse ließ einen Teller fallen und eilte herbei, das feuchte Haupt des geliebten Vaters in ihren Armen zu bergen. Vater Höhrle rührte sich nicht mehr, und auch die Tränen, die aus den Augen der Tochter rannen 377 und sich mit seinem Todesschweiße mischten, weckten ihn nicht mehr zum Leben. »Gerechter Himmel,« jammerte Ricke unten vor der Tür von Mordche Rimbach, »aber auch so eine Zeitung, so eine Zeitung, der Mann hätte den Verstand verlieren können, wenn ich ihm die Nachricht nicht so schonend beigebracht hätte. 's ist noch gut so, 's ist noch gut so! Der Himmel hat ein Einsehen gehabt.« Nach achtundvierzig Stunden trug man den Vater Höhrle auf den Friedhof. Die Stelle, wo man ihn einscharrte, verdankte er einem seltsamen Zufall. Eine brave Gattin aus Husterloh hatte ihren Mann verloren. Sie war untröstlich darüber und verlangte allen Ernstes bei lebendigem Leibe neben ihm begraben zu werden. Da ihr niemand den Gefallen tat, kaufte sie sich einen Platz neben dem Heimgegangenen. Da sollte man sie unterscharren, wenn sie der Ewige rufen würde. Als sie aber nach drei Monaten ein Zeitlicher rief, so trollte sie diesem nach zum Traualtar, entdeckte jetzt erst ihr eigentliches Herz und wollte nun von diesem zweiten nimmer lassen, weder im Leben noch im Tode. So war der Platz, der an das Grab der Mutter Höhrle stieß, feil geworden. Suse kaufte ihn mit dem letzten Gelde aus der Mobiliarversicherungskasse. So kamen Mann und Frau sich wieder näher. Auf dem Grabe der Müllerin stand der Stein und die Grabumfassung. Der Müller aber war im Tode, was er auch im Leben war, ein bescheidenes Anhängsel neben einer hochfahrenden Frau. 378 Suse hatte nun im Tale nichts mehr zu suchen und nichts zu finden. Sie packte ihre geringe Habe zu einem Bündel zusammen, nahm Abschied von Mordche Rimbach und ging im Frührot eines der folgenden Tage den Pfad an der Berglehne hinauf, den einst die Esel getreten hatten. Alles, was sie erlebt, gelitten und verloren hatte, drängte sich noch in jammervollen Bildern vor ihre bange Seele, und als sie oben auf der Wasserscheide war, da wollte sie noch einmal den Trümmerhaufen sehen, zu dem ihr liebes Vaterhaus herabgesunken war, und sie drehte sich um. In diesem Augenblick ertönte unten aus der Mühle von Groß und Moos die Dampfsirene, die zur Tagesschicht rief. Es war ein stoßweises, furchtbares Heulen, das den Frieden des Tales grausam durchsägte. Der blutige, unersättliche Geldhunger der modernen Zeit schrie triumphierend aus dem Trichter der Blechtrompete. Suse schauderte, zog das Bündel auf ihrem Rücken höher und wanderte dem Wärterhäuschen an der Riedbahn zu, wo sie bei Liese einstweilen ein Unterkommen fand, bis sie ein später Brief ihres Bruders ans andere Ufer des Atlantischen Ozeans rief. * * * Mit trüben und mit sonnigen Stunden war derweilen die Zeit über die krummen Dächer von Husterloh hingeschritten und hatte an vielem gerüttelt. Wie Spreu vorm Winde war der Schwarm der Spieler verweht. Ihr Führer Schrot endete zu Ulm in einer Kerkerzelle. Der Weltschirm 379 war in Konkurs gekommen, und Frau Schrot – ihr, die ihr dies lest, fühlt ihr das Grauen, das mich überrieselt, weil ich sie einmal so nennen muß, einmal und nicht wieder – Agnes, unsere arme, gute Agnes hatte die Wirtschaft gepachtet, um ihre Eltern ernähren zu können. Still waltete sie in Küche und Stube, und Zucht und Sitte, die eine Zeitlang aus dem Hause gewichen waren, herrschten wieder von den Hohlziegeln bis zum Keller. Da schlich eines Abends Mordche Rimbach, den die Zeit so krumm gedrückt hatte, daß er fast aussah wie eine Fastenbretzel, durch den Hausgang des Weltschirms, lugte vorsichtig in die Küche und schob, als er Agnes am Herdfeuer sah, einen Menschen in die Wirtsstube hinein. »Setz dich hintern Tisch,« sagte er diesem, »und laß die Beine am Boden, zieh die Nasenflügel an dich heran und red' mit de Händ', sie braucht dich nicht auf den ersten Blick zu erkennen.« Der Fremde war untergebracht, und Mordche Rimbach saß an seiner Stammtischecke, da rief ein Schellenzeichen die Bedienung zu den Gästen. Agnes erschien und musterte verlegen das Gesicht des unbekannten Gastes. »Agnes,« so unterbrach Mordche das verlegene Schweigen, »hast du nie einen Menschen gekannt, dem dieses Narrengesicht da ähnlich sieht? Zehn Jahre läuft der Affe hinter einem Zylinder her, nun kommt er baarhäuptig und mit einem grauen Kopf.« »Ach, der Backnickel,« sagte Agnes weich, »nun kommst du, und sie ist fort, die so viele bange Stunden auf dich gewartet hat.« 380 »War schon bei ihr,« sagte Nikolaus Lulay, »ihr kann ich nichts mehr sein, Mordche, sorgt für einen Grabstein, und morgen geh ich wieder in die Welt hinaus, wenn ich erst meinen Auftrag erledigt habe, an deine Adresse.« Agnes fing an zu zittern. »Sei ruhig,« fuhr Nickel fort, »ihm geht es gut, er lebt da drüben am Orinoko mit seiner braven Frau als gesuchter Chirurge, und Suse hütet ihm eine allerliebste Kinderschar. Er sendet Grüße durch mich.« Agnes schlug die Schürze vors Gesicht und stürmte aus dem Zimmer, um nicht wieder zurückzukehren zu ihren Gästen. In ihrer Kammer grub sie den lieben Kopf ins naßgeweinte Kissen und schloß ihr Nachtgebet mit dem bangen Seufzer: »Jetzt, wo jedes Hoffen mich verließ, bleib treu bei mir, mein altes Weh, und füll' die große Leere aus. Du aber, Zweig aus zähem Chattenstamme, blüh' fröhlich und gedeih' in fremder Erde.«