Held und Kaiser Zeitroman von Gregor Samarow Dieser Zeitroman ist eine Folge von: Um Zepter und Kronen Europäische Minen und Gegenminen Zwei Kaiserkronen Kreuz und Schwert Erstes Kapitel Die große Katastrophe von Sedan war vorüber, das kaiserliche Frankreich war niedergeworfen, aber die Hoffnung, welche die deutschen Truppen erfüllt hatte, als sie den gefangenen Kaiser über das Schlachtfeld dahinziehen sahen, diese Hoffnung, welche die Zurückgebliebenen in Deutschland teilten, daß ihnen nun endlich nach so furchtbarem Ringen zweier großen Nationen der Friede wiedergegeben werden würde, – sie hatte sich nicht erfüllt. Die Regierung der nationalen Verteidigung organisierte überall den Krieg bis aufs Messer. Der Fanatismus des Volks wurde auf das Höchste entzündet, indem man überall wiederholen ließ, daß der König von Preußen nur gegen den Kaiser Napoleon Krieg geführt habe, und daß er nun, nachdem der kaiserliche Thron zusammengestürzt, nicht gegen das französische Volk weiter kämpfen werde, – daß aber, wenn er dies doch tun sollte, wenn er Ländergebiet oder Festungen von Frankreich verlangen möchte, das deutsche Volk sich erheben werde, um über den König und die Generale hin dem zur demokratischen Republik wiedererstandenen Frankreich die Hand zu reichen. So war das Losungswort, welches man überall ausgab und an welches wohl kaum einer der so plötzlich entstandenen neuen Souveräne Frankreichs glaubte, welches aber in den Massen mit jener dem französischen Volk eigenen, oft so unbegreiflichen Naivität Glauben fand. Man hatte mit kleinlichem Eifer alle Embleme und Chiffern des Kaiserreichs von den öffentlichen Gebäuden entfernt, und jedermann tat in Paris, als ob dies Kaiserreich, das zwanzig Jahre lang so stolz und glänzend dagestanden, dem noch vor so kurzer Zeit so viele Millionen ihr zustimmendes Votum im Plebiszit gegeben hatten, – als ob dies Kaiserreich nie bestanden hätte und nur ein flüchtig vorüberrauschender Traum gewesen sei. Der König von Preußen war siegreich in Rheims, der alten Krönungsstadt der französischen Könige, eingezogen und seine Armeen näherten sich der Hauptstadt, dem »heiligen« Paris, wie man nach Viktor Hugos Vorgang diese merkwürdige Stadt zu nennen begann, die man früher so oft als das moderne Babel bezeichnet hatte, solange sie die glänzende, fröhliche, lachende und übermütige Residenz Napoleons III. war. Das Spartanertum wurde Mode, wie ja in Paris alles, auch der leidenschaftlichste Aufschwung, bis zu einem gewissen Punkt Modesache ist und sein muß, wenn es überhaupt für einige Zeit Bestand und Bedeutung gewinnen will. Der Kaiser Napoleon war nach Wilhelmshöhe gekommen, nachdem er von Donchery aus unter preußischer Kavalleriebedeckung in wildem Unwetter, unter zuckenden Blitzen und rollendem Donner die französische Grenze überschritten hatte, dieselbe Grenze, welche er schon dreimal flüchtig hinter sich zurückgelassen. Zum erstenmal als Kind, nach dem Sturz seines großen Oheims, dann nach seiner Begnadigung durch Louis Philipp, als er ins Exil nach Amerika ging, und endlich in der Verkleidung des Maurergesellen Badinguet, als er das Schloß von Ham verließ, in welchem er während langer, einsamer Jahre über seinen Zukunftsplänen gebrütet hatte. Damals, das letztemal, war er davongezogen unbeachtet und unerkannt, aber mit stolzer Zuversicht im Herzen, erfüllt von dem Glauben an seinen Stern. Dann war er zurückgekommen, um den Thron aufzurichten, von welchem herab er der lauschenden Welt seine Orakel verkündete. Jetzt zog er in das Ausland, mit allem kaiserlichen Pomp umgeben; seine Piqueurs ritten ihm voran, seine Adjutanten folgten ihm in den glänzenden Equipagen des kaiserlichen Marstalls, die feindlichen Truppen rührten das Spiel und präsentierten die Waffen, wenn er an ihnen vorbeikam, und mit allen kaiserlichen Ehren wurde er an den Bahnhöfen empfangen. Aber hinter ihm her schallten die Verwünschungen seiner Feinde aus allen Teilen Frankreichs. Seine Freunde schwiegen in dumpfer Bestürzung und viele, die sich am lautesten seine Freunde genannt hatten, stimmten jetzt am eifrigsten in das Verdammungsurteil über ihn ein. Und in ihm selbst, – in ihm, der früher so fest an seinen Stern und sein Glück glaubte, lebte keine Hoffnung mehr, die Flamme war erloschen, die Kraft gebrochen und nur eine Sehnsucht erfüllte ihn, die Sehnsucht nach Ruhe und Stille, welche ihm die Gefangenschaft in Wihelmshöhe fast wie eine Erlösung erscheinen ließ. Die Kaiserin Eugenie, welche so kühn und siegesgewiß die Regentschaft übernommen hatte, als Napoleon zu diesem Feldzug voll so unerhörter Niederlagen auszog, war auf dem gastlichen Boden Englands angekommen und hatte ihren Aufenthalt im Marinehotel in Hastings genommen, am Fuß des hochragenden Felsens, zu welchem die Wellen des Meeres heranrollen. Und während der müde Imperator in durstigen Zügen die duftige Waldluft von Wilhelmshöhe einatmete, blickte die Kaiserin hinaus auf die rollenden Wellen, und tausendfältig, wie diese, wogten die Gedanken in ihr auf und nieder, Entwürfe durch Entwürfe verdrängend und zuweilen aufschäumend in der Sturmflut wilder Verzweiflung. In Hastings hatte sich auch der kaiserliche Prinz zu seiner Mutter gefunden, dies arme Kind, das so ganz betäubt war von den Schlägen, die urplötzlich die Welt zertrümmert hatten, in welcher er geboren und aufgewachsen war und welche ihm so unerschütterlich fest begründet geschienen hatte. So schienen in dieser kurzen Zeit fast die Spuren und Erinnerungen des Kaiserreichs verweht und vergessen. Und doch gab es einen Punkt in Frankreich, der noch nicht berührt war von der gewaltigen Wendung des Völkerschicksals. Dieser Punkt war Metz, hinter dessen Wällen sich der Marschall Bazaine mit einer Armee von hunderttausend Mann auserlesener Truppen, mit dieser ganzen prächtigen kaiserlichen Garde befand, welche so oft die Bevölkerung von Paris mit Stolz und Bewunderung erfüllt hatte und welche den fremden Souveränen vorgeführt worden war als ein schimmerndes Bild der französischen Waffenmacht. Metz, diese alte, noch nie genommene Festung, stand da wie ein hochragender Felsen in dem ringsum flutenden Meer der feindlichen Armee, und jedermann fühlte, daß hier ein großer Teil der Entscheidung über die Zukunft Frankreichs läge. Auf Metz richteten sich daher die Blicke von allen Seiten her, teils mit Angst und Besorgnis, teils mit Mut und Hoffnung. Der siegreiche König von Preußen und sein großer, schweigsamer Generalstabschef blickten nach Metz zurück auf ihrem schnellen Vormarsch nach Paris, denn für den endlichen Erfolg des Krieges war es von der höchsten Wichtigkeit, diese jungfräuliche Festung durch den festen Eisengürtel, mit dem der Prinz Friedrich Karl sie einschloß, zur Übergabe zu zwingen. Nach Metz blickten die regierenden Advokaten in Paris hin, denn sie trauten dem festen und entschlossenen Marschall nicht und Gerüchte drangen von dort her, daß in der eingeschlossenen Festung noch immer die Fahnen des Kaisers wehten, – des Kaisers, den auch der Feind noch immer ausschließlich als die einzige legale Regierung Frankreichs betrachtete. Nach Metz richteten sich hoffnungsvoll die Blicke der Kaiserin von Hastings aus. Sie kannte den starren, entschlossenen Sinn des Marschalls Bazaine, und wenn irgendeine Transaktion zum Frieden führen konnte, so würde diese einzige organisierte und intakte Armee, die Frankreich noch besaß, der kaiserlichen Regierung gehören. Und der gefangene Kaiser? – Schwer wäre es zu sagen, was er dachte. Er ging in den Alleen des Parks von Wilhelmshöhe spazieren. Auf dem Tisch in seinem Kabinett lag eine Kriegskarte ausgebreitet. Sein vertrauter Sekretär Pietri studierte alle Zeitungen, welche Nachrichten vom Kriegsschauplatz brachten, und wenn der Kaiser von seinem Spaziergang zurückkehrte, so markierte er mit Nadeln die Bewegungen der Truppen und besprach mit den Generalen seiner Umgebung die strategische Lage des Marschalls Bazaine. Aber er tat dies alles mit einer so kalten, fast gleichgültigen Ruhe, als ginge ihn das Schicksal des Krieges, der dort geführt wurde und noch immer Tausende und Tausende von Menschenleben verschlang, gar nichts an, als wäre er ein einfacher Privatmann, der lediglich mit der Neugier eines interessanten Studiums die Ereignisse seiner Zeit verfolgte. So war die Lage am 14. September, etwa zwei Wochen nach der Schlacht von Sedan. Aus dem Vormittags von London in Hastings ankommenden Eisenbahnzug stieg ein Mann im Alter von etwa fünfzig bis sechzig Jahren in einem einfachen, saubern Reiseanzug. Das regelmäßige, scharf und kräftig geschnittene Gesicht dieses Mannes war gesund und voll, sein Mund und sein Kinn, von einem starken Schnurr- und Knebelbart bedeckt, zeigten willenskräftige Entschlossenheit, seine Augen blickten unter krustigen Brauen hervor, mehr mit dem Ausdruck eines schlichten, klaren Verstandes, als mit dem Licht hoher, außergewöhnlicher Intelligenz. Doch lag in dem Blick dieser Augen eine gewisse unstäte fast ängstliche Bewegung, welche nicht ganz mit der ruhigen Physiognomie und Haltung des Mannes zusammenpaßte. Einen ganz besondern Charakter gab dieser Erscheinung die weißgraue Farbe des Haares und des Bartes, welche so eigentümlich gemischt war, daß es schien, als läge weißer Puder über dunklem Haar, – der ganze Mann sah aus wie der Haushofmeister eines alten, vornehmen Hauses. Während die übrigen Angekommenen sich nach verschiedenen Seiten verteilten, übergab dieser Mann sein einfaches Handgepäck einem Kofferträger und ließ sich von demselben nach dem großen Marinehotel führen, in welchem die Kaiserin Eugenie ihr vorläufiges Quartier genommen hatte. Der Fremde fragte einen der auf dem Vestibül wartenden kaiserlichen Lakaien nach Madame Lebreton, der Vertrauten der Kaiserin. Der Lakai betrachtete ihn prüfend und entfernte sich mit der Karte, welche der Unbekannte ihm reichte. Nach einigen Augenblicken kehrte er zurück und führte den Fremden durch den Korridor in einen im hintern Teil des Gebäudes liegenden Salon, in welchem unmittelbar darauf Madame Lebreton erschien, eine Dame von mittlerem Alter, aber noch jugendlich frischen, regelmäßigen Gesichtszügen mit scharfen, klugen Augen. Sie hielt noch die Karte, welche der Lakai gebracht hatte, in der Hand und sprach mit einer artigen Verneigung gegen den Fremden: »Sie sind selbst gekommen, Herr Regnier, – das freut mich. Es wird mir besonders angenehm sein, mich mit Ihnen zu unterhalten, da Sie an dem Schicksal Frankreichs und des Kaisers ein so großes Interesse nehmen.« »Ich wünsche«, erwiderte Herr Regnier, »das Unglück, das mit so erschütterndem Schlage unser Vaterland getroffen, auf das möglichst geringste Maß einzuschränken und zugleich Frankreich die Regierung zu erhalten, unter welcher es zwanzig Jahre lang glücklich gewesen ist, unter welcher es nach meiner Überzeugung für die Zukunft allein glücklich sein und an seine innere und äußere Wiederaufrichtung denken kann.« »Die Regierung zu erhalten?« erwiderte Madame Lebreton ein wenig erstaunt. »Es muß Ihnen doch bekannt sein, daß diese undankbaren Pariser die kaiserliche Regierung für abgesetzt erklärt haben –« »Das ist gleichgültig!« rief Herr Regnier, »was in Paris in diesem Augenblick wilder Trunkenheit geschehen ist, hat keine verbindende Kraft für das Volk, für die Armee und für die Flotte,« fügte er mit Betonung hinzu. »Auch für die auswärtigen Mächte besteht in diesem Augenblick nur die kaiserliche Regierung. Aber es muß schnell, schnell gehandelt werden,« fuhr er mit einer Art nervöser Unruhe fort, »wenn nicht die vollendete Tatsache sich befestigen und unüberwindlich werden soll. Haben Sie meinen Brief Ihrer Majestät der Kaiserin mitgeteilt?« »Gewiß, mein Herr,« erwiderte Madame Lebreton, »wie hätte ich wagen können, ein so wichtiges Schreiben der Kenntnis meiner Gebieterin vorzuenthalten!« »Und was hat die Kaiserin gesagt? Wie hat sie meine Vorschläge aufgenommen?« fragte Herr Regnier, zitternd vor Ungeduld. »Die Kaiserin,« erwiderte Madame Lebreton, indem sie sich auf einen kleinen Lehnstuhl niederließ und Herrn Regnier ersuchte, neben ihr Platz zu nehmen, »die Kaiserin hat Ihren Brief zweimal durchgelesen und lange Zeit über den Inhalt desselben ernstlich nachgedacht, aber ich muß Ihnen sagen, daß sie nicht imstande gewesen ist, sich vollständig Ihre Ideen anzueignen. Sie hat in denselben die Interessen der Dynastie zu sehr betont gefunden, und es widerstrebt dem Gefühl Ihrer Majestät, diesen Interessen der Dynastie den Vorzug vor denjenigen Frankreichs zu geben. Die Kaiserin ist mit ihrem ganzen Herzen Französin, und gerade, weil sie es durch die Geburt nicht ist, möchte sie sich auch nicht dem Verdacht aussetzen, aus persönlicher Rücksicht für die Dynastie einen Schritt zu tun, der leicht zu einem Bürgerkrieg führen könnte, ja einen solchen Bürgerkrieg, das höchste Unglück, das Frankreich in seiner jetzigen Lage noch treffen könnte, fast wahrscheinlich macht.« Herr Regnier sprang auf. »Mein Gott!« rief er, »welch' ein Unglück, welch' ein Unglück! – Wenn die Kaiserin nicht handeln will, wer soll dann in diesem Augenblick etwas tun, um Frankreich zu retten, das sich in sichern Ruin stürzt, während die siegreichen Heere des Feindes auf Paris marschieren! – Und der Kaiser ist in Gefangenschaft auf Wilhelmshöhe, – er hat den Frieden nicht schließen wollen, durch den er sich und Frankreich hätte retten können, – was ich nicht habe begreifen können, – aber es ist geschehen, er ist für den Augenblick nicht in Berechnung zu ziehen, – also muß die Kaiserin für ihren Gemahl, für ihren Sohn handeln, sie hat ja die Vollmacht der Regentschaft, – hat denn Ihre Majestät nicht erwogen, wie ich in meinem Brief vorgestellt habe, daß die französische Flotte französischer Boden ist, und daß sie von einem Kriegsschiff aus ebensogut Frankreich regieren, ebensogut Frieden schließen kann, als wenn sie sich in den Tuilerieen befände? Ein ebenso sicherer Zufluchtsort als die Flotte würde Korsika sein, wo sich jede Hand zum Schutze der Kaiserin und der kaiserlichen Rechte erheben würde.« »Aber, mein Herr,« sagte Madame Lebreton, »glauben Sie denn, daß die Kaiserin mit voller Sicherheit auf die Flotte würde zählen können? – auf Korsika vielleicht, aber was würden Dekrete, was würden Verhandlungen von Korsika aus nützen?« »Sie würden das nützen,« rief Herr Regnier, »daß die Kaiserin sich auf französischem Territorium befände und also alle ihre Dekrete, alle ihre Verhandlungen völkerrechtliche Gültigkeit hätten. Man müßte den General Fleury benachrichtigen. Sobald die Kaiserin auf französischem Boden sich befindet, würde der Kaiser Alexander mit ihr verhandeln, seine Vermittlung eintreten lassen, und ich bin fest überzeugt, daß der König von Preußen – selbst ohne die Vermittlung des ihm befreundeten russischen Kaisers – lieber mit der kaiserlichen Regierung Frieden schließen würde, als den Krieg gegen jene Wahnsinnigen in Paris fortsetzen.« »Aber wenn Frankreich«, erwiderte Madame Lebreton, welche von den bewegten Worten des Herrn Regnier lebhaft berührt zu sein schien, – »wenn Frankreich einen solchen Frieden nicht anerkennen und gutheißen würde, wenn Paris –« »Paris!« rief Herr Regnier. »Was ist Paris? Haben wir nicht Metz? Haben wir nicht Bazaine mit seiner Armee und mit der kaiserlichen Garde, diesem einzigen großen Truppenkörper, der noch fest dasteht? Wenn die Kaiserin Frieden schließt, wird Bazaine frei, sie und der Prinz können' sich in die Mitte dieser Armee begeben und alles wird wieder zur ruhigen und festen Ordnung zurückkehren, – zweifeln Sie an der Treue und Ergebenheit des Marschalls Bazaine?« »Nein,« sagte Madame Lebreton; »die Kaiserin ist überzeugt,« fügte sie hinzu, »daß der Marschall dem Kaiser ergeben ist und als ein einfacher Soldat streng an der Fahne hält, zu der er geschworen.« »Nun denn,« rief Herr Regnier, »wo ist eine Schwierigkeit? Wo ist ein Grund der Zögerung? Wenn die Kaiserin über einen Marschall von Frankreich, über eine große Armee gebieten kann, – wer wollte ihr Widerstand leisten? Wer wollte ihr vorwerfen, die Interessen des Landes hinter diejenigen der Dynastie zurückgestellt zu haben? O, ich bitte Sie, Madame, ich bitte Sie, gehen Sie noch einmal zu Ihrer Majestät, machen Sie, daß sie mich anhört. Meine Überzeugung steht felsenfest, daß noch alles gerettet werden kann. Mein feuriger Eifer, dem Kaiser und dem Lande zu dienen, verzehrt mich. Oft schon hat ja die Vorsehung in der Weltgeschichte geringe Personen ausgewählt, um Großes zu vollbringen –« »In der Tat, mein Herr,« sagte Madame Lebreton, ein wenig zögernd, »Ihre Zuversicht muß auf einer sehr festen Überzeugung beruhen, und ich glaube es nicht verantworten zu können, die Sache damit beendet sein zu lassen. Wollen Sie mich einen Augenblick hier erwarten, ich will noch einmal mit Ihrer Majestät über die Sache sprechen.« »Tun Sie das, Madame,« rief Herr Regnier, »tun Sie das und geben Sie mir, wenn ich Sie bitten darf, einen Bogen Papier und eine Feder, damit ich meine Gedanken noch einmal niederschreiben kann; hoffentlich wird es mir gelingen, eine noch klarere und überzeugendere Form für dieselben zu finden.« Madame Lebreton öffnete einen neben dem Fenster stehenden Schreibtisch, legte einen Bogen Papier auf denselben und verließ das Zimmer. »Der gute Genius Frankreichs gebe Ihren Worten Kraft!« rief Herr Regnier, indem er wie beschwörend die Hand gegen sie ausstreckte. Dann ging er in heftiger Bewegung auf und nieder, leise Worte vor sich hinsprechend. Nach einigen Augenblicken setzte er sich an den Schreibtisch, ergriff die Feder, und in hastiger Eile flog seine Hand über das Papier hin. Es mochte eine halbe Stunde vergangen sein, als Madame Lebreton wieder eintrat, begleitet von Herrn Fillion, dem Erzieher des kaiserlichen Prinzen, einem noch jungen Mann mit bleichem, regelmäßigem Gesicht von ernstem, fast strengem Ausdruck, und zwei anderen Herren in eleganter Zivilkleidung, aber von militärischer Haltung. Der eine derselben mochte etwa dreißig Jahre alt sein, war hoch und schlank gewachsen, sein schönes, regelmäßiges Gesicht mit militärischem Bart und sorgfältig frisiertem Haar war leicht gebräunt und der Blick seiner dunklen Augen streifte hochmütig über Herrn Regnier hin. Der andere war älter, sein Haar und Bart begann leicht zu ergrauen und seine Züge zeigten den Ausdruck gleichgültig verschlossener Höflichkeit, den man häufig bei höheren Hofbeamten findet. Madame Lebreton stellte Herrn Regnier vor und sagte dann: »Herr Fillion, der Erzieher des kaiserlichen Prinzen, ist von Ihrer Majestät mit diesen Herren beauftragt, mit Ihnen über Ihre Ansichten und Pläne zu sprechen. –« Und diese Herren?« sagte Herr Regnier, etwas betroffen, in fragendem Ton. »Namen tun nichts zur Sache,« erwiderte der jüngere der beiden Eingetretenen, »kommen wir auf den Gegenstand, der Sie hierher geführt.« Der ältere der beiden Herren nickte bestätigend. Herr Regnier zuckte zusammen. Eine heftige Entgegnung schien auf seinen Lippen zu schweben. Herr Fillion trat zu ihm heran und sprach mit einer wohltönenden, ruhigen und sanften Stimme: »Sie sind hieher gekommen, mein Herr, um, von treuem Eifer für das kaiserliche Haus und für Frankreich geleitet, Ihrer Majestät der Kaiserin Ratschläge zu geben und Ihre Dienste zu Ausführung derselben anzubieten –« »Guter Rat und gute Dienste,« fiel Herr Regnier mit einem scharfen Seitenblick auf die beiden Herren ein, finden nicht immer Anerkennung und vielleicht ist es besser, mit denselben zurückzuhalten.« »Jede gute Absicht findet die Anerkennung, die sie verdient,« sagte Herr Fillion freundlich, »Sie werden aber auch begreifen, daß ein jeder Rat in einer so ernsten Lage, wie die gegenwärtige, auf das Sorgfältigste und Vorsichtigste geprüft werden muß, denn jede Übereilung kann die verderblichsten Folgen haben –« »Und die Zögerung führt sicher in das Unheil!« rief Herr Regnier. »Kommen wir also zur Sache!« rief der ältere der beiden Herren, die Herrn Fillion begleiteten, im Ton ruhiger, kalter Höflichkeit. »Sie haben, mein Herr«, fuhr er fort, »Ihrer Majestät den Vorschlag unterbreitet, sich auf die Flotte oder nach Korsika zu begeben und von dort aus, kraft ihrer Vollmacht als Regentin, mit den Feinden über den Frieden zu unterhandeln. Wir haben über die Sache eingehend mit Ihrer Majestät gesprochen und können der Kaiserin nicht dazu raten, Ihre Vorschläge zu genehmigen. In der augenblicklichen Lage weiß ich nicht, ob man mit Sicherheit auf die Flotte rechnen könnte. Die neue Regierung, welche sich allerdings eigenmächtig eingesetzt hat, der aber die Armee von Paris gehorcht, hat auch an die Flotte bereits ihre Befehle gesendet, und Herr Duperré ist nicht mehr Kommandant des Taureau –« »Aber, mein Gott«, rief Herr Regnier, »wenn auch Herr Duperré nicht mehr Kommandant des Taureau ist, so wird er doch irgendein Schiff zu seiner Verfügung haben! Und wenn die Kaiserin auf dem Verdeck eines französischen Schiffes ist, so ist sie in Frankreich. Die Befehle und Ernennungen der neuen Regierung werden nicht ermangeln, unter den Admiralen Eifersucht zu erregen, und das wird gerade dem Unternehmen, das ich der Kaiserin anrate, förderlich sein.« »Das wäre der Bürgerkrieg,« erwiderte der ältere der beiden Herren ruhig und kalt, »und gerade die Wahrheit Ihrer Bemerkung muss nach meiner Ansicht die Kaiserin vor allem abhalten, den durch Ihre Vorschläge angedeuteten Weg zu betreten.« Herr Regnier blickte wie Hülfe suchend zu Herrn Fillion, der sinnend und ernst dastand, während Madame Lebreton flüchtig das Papier überlas, das Herr Regnier beschrieben hatte. »Mein Gott«, rief dieser, »so soll denn alles verloren sein, so soll denn durchaus nichts geschehen, um das Kaisertum zu retten gegen den Angriff dieser verwegenen Abenteurer, welche in der allgemeinen Bestürzung sich der Regierung bemächtigt haben! Ich bitte Sie, meine Herren,« sagte er, indem er schnell das Papier aus der Hand der Madame Lebreton nahm, »ich bitte Sie um Frankreichs willen, um des Kaisers willen, dem Sie ja ergeben sein müssen, da ich Ihnen in diesem Augenblicke hier begegne: bestimmen Sie Ihre Majestät, noch einmal über die Sache nachzudenken, bestimmen Sie die Kaiserin, wenigstens dies Resumé noch zu lesen, das ich soeben niedergeschrieben habe.« Er reichte das Papier dem ältern der beiden Herren. Dieser nahm es nach kurzem Zögern und sagte: »Ich werde nicht ermangeln, Ihr Resumé der Kaiserin zu übergeben. Ich glaube Ihnen jedoch sagen zu müssen, dass ich nicht voraussetzen kann, Ihre Majestät werde ihren Entschluß ändern, – ich wenigstens«, fügte er, sich kalt verneigend, hinzu, »werde derselben nicht dazu zu raten imstande sein. Sollte aber Ihre Majestät in den Ausführungen, die Sie mir geben, etwas finden, was sie bestimmen möchte, aus ihrer wohlerwogenen und festbeschlossenen Zurückhaltung herauszutreten, so werden Sie darüber Nachricht erhalten.« Mit artigem Gruß verließ er das Zimmer. Sein junger Begleiter folgte ihm mit leichtem Neigen des Kopfes gegen Herrn Regnier, der den beiden traurig nachsah und wie gebrochen in einen Lehnstuhl zusammensank. »Ist es denn der Fluch aller sinkenden Dynastien«, rief er in tiefer Traurigkeit, »dass sie in ihrer Umgebung keine klaren Gedanken und keinen kräftigen Willen finden und dass sie den Rat und die Dienste ergebener Freunde zurückwerfen?« Madame Lebreton blickte den zusammengebrochenen Mann teilnehmend an. Herr Fillion, der bisher fortwährend in tiefem Nachdenken dagestanden hatte, trat zu ihm und sprach freundlich: »Es tut mir aufrichtig leid, mein Herr, dass Ihr Eifer und Ihre Ergebenheit für eine von so vielen verlassene und aufgegebene Sache keinen Raum zur Tätigkeit findet. Es liegt in Ihren Gedanken vieles«, fuhr er fort, »was mich anzieht. Oft schon sind große Dinge geschehen durch eine kühne Benützung des Augenblicks. Aber ein solch' kühnes, rücksichtsloses Erfassen des Moments ist zum Erfolg nötig, und Sie werden begreifen, wie ich es anerkenne, dass die Kaiserin so zu handeln kaum imstande ist. Bedenken Sie die Verantwortlichkeit Ihrer Majestät, – würde das Unternehmen, das Sie anraten, üble Folgen haben, so würde alle Welt, auch die Freunde des Kaiserreichs, die Kaiserin verurteilen, welche die Vollmacht der Regentschaft doch nur für die ruhige Fortführung der Regierung erhalten hat und es nicht wagen darf, Schritte zu tun, welche in einem kühnen und vielleicht gefährlichen Spiel die Zukunft ihres Gemahls und ihres Sohnes einsetzen. – – Ja, – wenn der Kaiser frei wäre,« fügte er sinnend hinzu, »wenn er hier wäre, er könnte –« »Welch' ein Gedanke!« rief Herr Regnier, plötzlich aufspringend, »der Kaiser, – ja, das ist es, – wenn er meinen Gedanken billigte, – wenn er seine Ausführung guthieße –« »Dann würde Ihre Majestät«, fiel Madame Lebreton ein, »gewiss keinen Augenblick zögern, auf Ihre Ideen einzugehen, in denen sie vieles findet,« fügte sie rasch hinzu, »was ihr sympathisch ist und ihrem zum entschiedenen Handeln geneigten Charakter entspricht.« »Dann zum Kaiser!« rief Herr Regnier. »Es ist keine Zeit zu verlieren. Eine innere Stimme sagt mir, dass noch alles gerettet werden kann, wenn nur eine Autorität da ist, um die sich die Treuen scharen können und welche der angemaßten Regierungsgewalt in Paris entgegentreten kann. Doch«, sagte er plötzlich innehaltend und wieder ganz niedergeschlagen vor sich hinstarrend, »wie kann ich zum Kaiser gelangen? Werden mir dort nicht dieselben Schwierigkeiten entgegentreten, die sich hier unüberwindlich vor mir aufrichten?« fügte er mit bitterem Hohn hinzu. »O, mein Herr«, sagte er, die Hand auf den Arm des Herrn Fillion legend, »wenn Ihre Majestät die Kaiserin mir wenigstens Eingang zum Kaiser verschaffte, wenn sie mir einen Auftrag erteilte –« »Das wird schwer sein,« sagte Herr Fillion kopfschüttelnd, »der Kaiser ist Gefangener und seine Lage erfordert dass die Kaiserin so zu handeln kaum imstande ist. Bedenken Sie die Verantwortlichkeit Ihrer Majestät, – würde das Unternehmen, das Sie anraten, üble Folgen haben, so würde alle Welt, auch die Freunde des Kaiserreichs, die Kaiserin verurteilen, welche die Vollmacht der Regentschaft doch nur für die ruhige Fortführung der Regierung erhalten hat und es nicht wagen darf, Schritte zu tun, welche in einem kühnen und vielleicht gefährlichen Spiel die Zukunft ihres Gemahls und ihres Sohnes einsetzen. – – – Ja, – wenn der Kaiser frei wäre,« fügte er sinnend hinzu, »wenn er hier wäre, er könnte –« »Welch' ein Gedanke!« rief Herr Regnier, plötzlich aufspringend, »der Kaiser, – ja, das ist es, – wenn er meinen Gedanken billigte, – wenn er seine Ausführung guthieße –« »Dann würde Ihre Majestät«, fiel Madame Lebreton ein, »gewiss keinen Augenblick zögern, auf Ihre Ideen einzugehen, in denen sie vieles findet,« fügte sie rasch hinzu, »was ihr sympathisch ist und ihrem zum entschiedenen Handeln geneigten Charakter entspricht.« »Dann zum Kaiser!« rief Herr Regnier. »Es ist keine Zeit zu verlieren. Eine innere Stimme sagt mir, dass noch alles gerettet werden kann, wenn nur eine Autorität da ist, um die sich die Treuen scharen können und welche der angemaßten Regierungsgewalt in Paris entgegentreten kann. Doch«, sagte er plötzlich innehaltend und wieder ganz niedergeschlagen vor sich hinstarrend, »wie kann ich zum Kaiser gelangen? Werden mir dort nicht dieselben Schwierigkeiten entgegentreten, die sich hier unüberwindlich vor mir aufrichten?« fügte er mit bitterem Hohn hinzu. »O, mein Herr«, sagte er, die Hand auf den Arm des Herrn Fillion legend, »wenn Ihre Majestät die Kaiserin mir wenigstens Eingang zum Kaiser verschaffte, wenn sie mir einen Auftrag erteilte –« »Das wird schwer sein,« sagte Herr Fillion kopfschüttelnd, »der Kaiser ist Gefangener und seine Lage erfordert ist eine photographische Ansicht von Hastings, unter welche der Prinz einige Worte geschrieben hat, welche völlig harmlos sind, aber doch – und vielleicht gerade dieser Harmlosigkeit wegen – imstande sein werden, Ihnen Gehör beim Kaiser zu verschaffen. Ich darf bemerken, fügte er hinzu, »dass ich Ihnen dies Blatt mit der Zustimmung der Kaiserin gebe, muss Ihnen aber auch ebenso sagen, dass Ihre Majestät mich dabei nochmals beauftragt hat, Ihnen zu bemerken, dass die Ausführung Ihres Vorhabens höchst gefährlich sei, und dass die Kaiserin Sie deshalb bitte, doch lieber von der ganzen Sache abzustehen.« Herr Regnier ergriff hastig die Photographie und las atemlos die darunter stehenden Worte: »Mon cher papa, je vous envoie ces vues de Hastings, j'espère, quelles vous plairont. Louis Napoleon.« j'espère, quelles vous plairont, wiederholte Herr Regnier mit freudigem Ton, – »das genügt, das wird mir den Weg öffnen. Diese Worte seines Sohnes werden zum Herzen des Kaisers dringen. Er wird verstehen, dass der Gedanke, der mich erfüllt, unter seinem guten Stern entstanden ist. Ich danke Ihnen, mein Herr,« rief er, Herrn Fillions Hand drückend, »augenblicklich werde ich mich auf den Weg machen, sagen Sie Ihrer Majestät, dass sie bald von mir hören soll.« Er ergriff seinen Hut und eilte hinaus, während Herr Fillion ihm halb teilnehmend, halb verwundert nachblickte. Herr Regnier ließ sich sein kleines Reisegepäck wieder nach dem Bahnhof tragen. Dort angekommen, löste er sein Billet zur Rückkehr nach London und ging, die Abfahrt des Zuges erwartend, auf dem Perron auf und nieder. Soeben wurden die neuesten Zeitungen ausgeboten. Herr Regnier trat zu einem Verkäufer heran und kaufte eine Nummer des »Special Observer«. Flüchtig und gleichgültig überflog er die Spalten des Blattes, mehr mit seinen Gedanken als mit dem beschäftigt, was er las. Plötzlich fuhr er zusammen. »Mein Gott!« rief er so heftig, dass einige der mit ihm auf dem Perron Wartenden erstaunt aufblickten, – »das kann alle meine Pläne zerstören,« sprach er leiser weiter, »das böse Verhängnis Frankreichs überholt mich. Jules Favre soll eine Zusammenkunft mit dem Grafen Bismarck zu Meaux haben, – findet dort eine Verständigung statt, – die Anbahnung des Friedens, – dann ist das Kaiserreich verloren, – dann ist Frankreich auf lange hinaus der Anarchie preisgegeben, – die Zeit der Reise nach Wilhelmshöhe und hierher zurück kann alles wieder in Frage stellen. Was tun?« sagte er düster, das Zeitungsblatt in der Hand zerknitternd. Nach einigen Augenblicken schien ein Gedanke in ihm aufzublitzen, er richtete sich empor. Mutiger Entschluß lag auf seinen Zügen. »Ich muss diesem Sendboten der Pariser Regierung zuvorkommen. Ich will allein handeln, ich will mitten hinein in die Armeen der Feinde, zu diesem unbeugsamen Mann, der heute das Schicksal Frankreichs in seinen Händen hält. Das Blatt, das mir den Weg zu dem gefangenen Kaiser öffnen sollte, wird mich auch beim Grafen Bismarck einführen; und er wird mich verstehen, er wird begreifen, dass die kaiserliche Regierung die einzige ist, welche Garantien für einen sichern Frieden bieten kann. Jetzt ist mir leicht,« sagte er, tief aufatmend, »jetzt liegt klar vorgezeichnet in meinem Geist da, was ich zu tun habe. Ich habe nur mit mir allein, mit meinem Willen, mit meiner Kraft zu rechnen, und meine Kraft wird aushalten, mein Wille wird nicht matt werden!« Der Zug fuhr zur Abfahrt an den Perron. Herr Regnier stieg ein, und einige Augenblicke darauf tönte das Pfeifen der Lokomotive. Während die deutschen Armeen immer fester ihren eisernen Gürtel um die alte Festungsstadt Metz zusammenzogen und siegreich immer näher nach der Hauptstadt Frankreichs vordrangen, während in Paris der General Trochu die Verteidigung organisierte und hinter der Regierung der Herren Jules Favre und Gambetta die finsteren Gestalten der Faubourgs St. Antoine und Belleville langsam heraufstiegen, während ganz Europa in angstvoller Spannung auf den gewaltigen Völkerkampf blickte, dessen Flammen in immer neuer Lohe aufschlugen, fuhr einsam und schweigend dieser einfache Mann, dessen Namen niemand vorher genannt, der fernab von dem Treiben der großen Welt gestanden hatte, auf dem brausenden Eisenbahnzug dahin, um mit seiner Hand in das gewaltige Rad der Völkerschicksale zu greifen, das in seinem vernichtenden Umschwung Heere von Tausenden niederwirft, das aber oft auch durch ein Atom in rätselhaft unerforschlicher Fügung aufgehalten und gewendet werden kann. Zweites Kapitel In der Nähe der Bergschluchten, welche die Kampagne bei Rom begrenzen, fuhr im Strahl der sinkenden Abendsonne ein offener Reisewagen mit vier Postpferden bespannt langsam die große Straße entlang, welche, von der Ebene aufsteigend, sich durch immer dichtere Waldpartien hinzieht und nur selten, außer den größeren Stationen, einen Flecken oder ein bewohntes Gehöfte berührt. Der Postillon saß auf dem Sattelpferd, ein alter Diener in dunkler Reiselivree, eine Mütze von Wachstuch auf dem Kopf, nahm allein den breiten und bequemen Bock ein und schien nur mit Mühe der einschläfernden Wirkung der warmen Luft widerstehen zu können, denn von Zeit zu Zeit nickte er, das Haupt auf die Brust gesenkt, vornüber, und erst, wenn die Neigung seines Körpers so bedenklich wurde, dass sie den Verlust des Gleichgewichts auf dem hohen Sitze drohte, fuhr er schnell empor und saß einige Augenblicke kerzengerade da, mit großen Augen verwundert in die Gegend hineinschauend, um in kurzer Zeit wieder ebenso wie vorher in müder Selbstvergessenheit zusammenzusinken. Auf dem hintern Trittbrett des Wagens war ein Koffer aufgeschnallt, dessen feste Solidität, auch ohne daß man sein Fabrikzeichen sah, das reisekundige England als seinen Entstehungsort verriet, und in dem Wagen selbst saß, leicht in die weichen und elastischen Kissen zurückgelehnt, ein alter Herr in einem hellgrauen Reiseanzug, das Haupt mit einem Hut von weißem Leinen bedeckt. Seine Züge hatten in ihrem scharfen Schnitt eine Jugendfrische, welche mit dem fast weißen Haar und Bart nicht übereinstimmte, und seine Augen von wunderbarem Glanz und unbestimmbarer Farbe blickten scharf und forschend in die Schatten der Baumgruppen, welche immer dichter an den Weg herantraten, ohne daß man hätte bestimmen können, ob seine aufmerksamen Blicke der wunderbar pittoresken Naturschönheit galten oder ob er in diesem dunklen Waldesgrün irgend etwas anderes suchte und erwartete. Ein solcher Reisewagen auf der einsamen Landstraße im sinkenden Abenddunkel hätte an sich nichts Auffallendes gehabt; zu dieser Zeit und an dieser Stelle aber hätte er jeden, der ihm begegnet sein würde, mit Erstaunen erfüllt, denn schon seit längerer Zeit waren die Landwege in der nähern und weitern Umgebung von Rom vom Fremdenverkehr gemieden, da die Waldschluchten von kühnen und verwegenen Räubern wimmelten, und namentlich in der letzten Zeit, seit die französische Besatzung Rom verlassen hatte, wagten es selbst die kaltblütigsten englischen Touristen nicht mehr anders, als mit starker Bedeckung hier ihre Exkursionen zu machen. Aber selbst eine solche Bedeckung bot keine Sicherheit, denn es war vorgekommen, daß sie, von Briganten in überlegener Anzahl angegriffen, die Waffen gestreckt und ihre Schutzbefohlenen ihrem Schicksal überlassen hatte, wobei dann die Reisenden nicht nur alles dessen beraubt wurden, was sie mit sich führten, sondern noch obendrein nur gegen ein sehr hohes Lösegeld, das in kurzer Frist herbeigeschafft werden mußte, ihr Leben und ihre Freiheit retten konnten. Alles dies schien dem alten Herrn im bequemen Reisewagen völlig unbekannt zu sein, denn er fuhr ohne jede Bedeckung allein mit seinem Diener und dem Postillon so ruhig auf dem steil ansteigenden Wege dahin, als befände er sich in der allersichersten Gegend des geordnetsten Staates der Welt. Die ruhig und sicher vorschiebenden, schwer atmenden Pferde, der halbschlafende Diener auf dem Bock – das alles bot in der friedlichen Stille, unter dem Schatten der Bäume, deren Wipfel immer höher hinauf von dem Strahl der zum Horizont herabsinkenden Sonne vergoldet wurden, ein Bild der ruhigsten und sorglosesten Sicherheit. Der Postillon allein blickte zuweilen halb ängstlich, halb neugierig umher, als sei er verwundert, daß die Fahrt bis hierher so ruhig und ohne Unterbrechung fortgesetzt worden sei. Der Weg hatte eine ziemlich steile Anhöhe erreicht, von welcher aus sich ein Blick von wunderbarer Schönheit über einen steil abfallenden Abhang hin nach der in dem eigentümlichen violetten Abendschimmer daliegenden Ebene öffnete. Die Straße senkt sich nun, leise und unmerklich absteigend, in ein dichtes Gehölz hinab, das im Gegensatz zu der von dem letzten Sonnenstrahl beschienenen Lichtung in fast nächtlich dunklem Schatten dalag. Der Reisende im Wagen richtete sich ein wenig empor und atmete mit tiefem Zuge die erfrischende Kühle ein, welche ihm aus dem schattigen Waldesdunkel entgegenstieg. Auch die Pferde schienen den Einfluß der frischen Temperatur zu empfinden und zogen, ohne einen Antrieb vonseiten des Postillons, im kurzen Trab den Wagen auf der Straße fort. Man hatte ungefähr zehn Minuten auf dieser Straße zurückgelegt, als man an eine hölzerne Brücke kam, welche über einen die Straße durchschneidenden Waldbach führte, der von der seitswärts aufsteigenden Höhe rauschend und schäumend herabstürzte. Der Postillon hielt mit einem scharfen Ruck die Pferde an, um sie in langsamem Schritt über die etwas morsche und schadhafte Brücke gehen zu lassen. In demselben Augenblick erschien auf der andern Seite dieser Brücke eine hohe Gestalt in einem dunklen, über die Schulter geworfenen Mantel, einen Hut mit breiter Krempe tief in die Stirn gedrückt, und rief mit einer lauten Stimme, welche in mehrfachem Echo von den Bergwänden widerhallte, den Reisenden ein gebieterisches »Halt!« zu. Im Nu war der Postillon vom Pferde gesprungen, sank neben demselben auf die Kniee und rief, den Kopf auf die Brust gesenkt, die Hände flehend emporstreckend, in lautem Jammerton um Gnade. Der alte Diener auf dem Bock erwachte und schickte sich an, ebenfalls herabzusteigen. Nur der Herr im Wagen blieb ruhig und unbeweglich sitzen und blickte erwartungsvoll, aber ohne jede Spur von Furcht und Schrecken, um sich her. In einem Augenblick war der Wagen von ungefähr zwanzig Banditen in Blusen mit wettergebräunten Gesichtern und funkelnden Augen umringt. Blitzschnell wurden einige Fackeln entzündet. Man sah Dolchklingen blitzen, Karabinerläufe richteten sich von allen Seiten gegen den Wagen, von welchem in unglaublicher Schnelligkeit die Pferde abgeschirrt waren, die, sofort zur Seite gefühlt, unter den Bäumen neben der Straße verschwanden. Der Mann, welcher auf der Brücke den Wagen zuerst angerufen, trat an den Schlag und sprach in einem deutlichen und verständlichen, aber sehr fremd akzentuierten Englisch: »Ich bedaure, mein Herr, daß ich Sie veranlassen muß, Ihre Reise zu unterbrechen und mir auf eine kurze Zeit zu folgen. Ich zweifle nicht,« fügte er mit einer gewissen ironischen Höflichkeit hinzu, »daß wir uns bald und leicht verständigen werden, und daß Sie uns in die Lage setzen werden, Ihrer Reise weiter kein Hindernis in den Weg zu legen.« Der Reisende hörte die an ihn gerichteten Worte so ruhig an, als wäre diese Begegnung das natürlichste und gleichgültigste Ereignis von der Welt. Er bog sich ein wenig über den Wagenschlag hinaus und blickte prüfend in das vom schimmernden Fackelschein beleuchtete Gesicht des Banditen, als forsche er nach bekannten Zügen. Dann fragte er mit einem Ton von fast befehlender Überlegenheit im reinsten akzentlosen Italienisch: »Führt nicht Barbarino Falcone den Befehl in diesen Wäldern?« Betroffen fuhr der Räuber zurück. Diese unerwarteten Worte aus dem Munde des Reisenden, den er nach seiner ganzen Erscheinung für einen Engländer hatte halten müssen, dieser kurze, scharfe Ton, welcher fast derjenige eines Vorgesetzten gegen seinen Untergebenen war, ließen ihn einen Augenblick seine Fassung verlieren. Auch er blickte jetzt seinerseits forschend in das Gesicht des Reisenden, aber dasselbe schien keine Erinnerungen in ihm zu erwecken. »Ich habe keine weiteren Erklärungen zu geben, Signor,« sprach er dann mürrisch und ungeduldig, »und bitte Sie, mir ungesäumt zu folgen. Sie werden sich bald über die Persönlichkeit unseres Chefs vergewissern können,« fügte er mit einem finstern, drohenden Seitenblick hinzu. Der Reisende stieg aus. Einer der Banditen schritt mit einer Fackel voran, derjenige, welcher die Abteilung befehligte und an den Wagen herangetreten war, ging neben ihm, die Hand am Dolch, den gespannten Karabiner im Arm. Zwei andere hatten den Diener in die Mitte genommen. Der Postillon verkehrte freundschaftlich mit den Räubern und bot ihnen seine Feldflasche zum Trinken. Mit sicherem Schritt drang der Führer in den Wald hinein, überall hinter Bäumen und vorspringenden Felsen schmale Wege und Durchgänge betretend, welche sich in dem scheinbar unwegsamen Dickicht öffneten. Nach einer halben Stunde kam man an einen breiten Wasserfall, der von einer ziemlich bedeutenden Felshöhe herabstürzte und dessen Rauschen man bereits von weither vernommen hatte. Dieser breite, schäumende Fall fiel in einen kleinen Bergsee, der nach der andern Seite hin in mehreren Bächen seine Wasser weiterhin in die Ebene herabfließen ließ. Der Fackelträger schritt bis unmittelbar an die Seite des Wasserfalls vor. Unter der mächtigen, schäumend herabstürzenden Wassermasse war ein bogenförmiger, freier Raum, über den der Fall wie eine Wölbung dahinströmte. Der Führer trat auf die Spitze des Felsvorsprungs, welcher sich bereits unter dem Wasserbogen befand, führte einen Finger an die Lippen und ließ ein scharfes, eigentümliches Pfeifen ertönen. Sogleich antwortete, wie aus der Tiefe heraufklingend, ein ganz ähnlicher Ton, und über die bewegte, mit weißem Schaum bedeckte Flut unter dem Wassersturz schob sich ein schmales Brett von der gegenüberliegenden Seite her. Der Führer legte den Rand desselben fest auf den Felsen und schritt auf dem leicht schwankenden Stege voran, seine Fackel, zuweilen von den herabfallenden Tropfen rasch aufzischend, beleuchtete von unten herauf den gewölbten Wasserstrahl mit wunderbaren, in diamantenem Farbenspiel schimmernden Lichtern. Der Reisende folgte, ohne einen Augenblick zu zögern, auf diesem schmalen und unsichern Weg und schien ohne ein Spur von Furcht oder Besorgnis sein Auge an den unnachahmlich schönen Reflexen zu weiden, welche das rote Fackellicht an dem herabstürzenden Wasser bildete. Nach wenigen Schritten hatte man die andere Seite erreicht. Unter überhängenden, mit dichtem Gestrüpp bewachsenen Felsstücken hervor trat man in eine große, runde, von hohen Bäumen umgebene Lichtung, welche ein romantisches, pittoreskes Bild darbot. An der einen Seite derselben brannte ein helles Feuer, an welchem mehrere Banditen beschäftigt waren, in Kesseln, die auf eisernen Gestellen über der Flamme hingen, eine Mahlzeit zu bereiten, deren Duft kräftig und einladend den Ankommenden entgegendrang. Ringsumher sah man beim Licht in die Erde gesteckter Fackeln andere Gruppen, auf ihren Mänteln am Boden gelagert, teils mit Karten- und Würfelspiel beschäftigt, teils unter Lachen, Scherzen und Singen den Inhalt strohumflochtener Flaschen schlürfend, welche jedenfalls einer andern Bestimmung zugedacht gewesen waren. Im Hintergrund des freien Platzes öffnete sich der Felsen, der hier zwischen Bäumen hervortrat, zu einer Art von Portal, das mit schweren, kostbaren Teppichen verhängt war. Zwei Fackeln auf hohen, in die Erde gerammten Pfählen erleuchteten diesen Eingang, vor welchem einer der Briganten, den Karabiner im Arm, langsam auf und ab schritt. Der Fackelträger, welcher den Zug hierher geleitet hatte, trat zur Seite. Der Begleiter des Reisenden wechselte mit dem Wachthaltenden einige leise Worte und trat dann, mit einer gewissen scheuen Ehrerbietung den Teppich aufhebend, in das Innere des durch denselben verdeckten Raumes, während der Reisende ruhig und unbefangen die verschiedenen malerischen Gruppen betrachtete, welche ihrerseits die Ankommenden mit einem freudigen Ruf begrüßt hatten, sich aber nun weiter in ihren Beschäftigungen nicht stören ließen. Nach wenigen Minuten kam der Führer der Expedition, welche den eben eingebrachten Fang gemacht, wieder zurück und führte den Reisenden an dem Wachtposten vorbei hinter den Vorhang, den er sofort wieder schloß. Der Fremde stieß einen leichten Ruf des Erstaunens aus und blickte dann lächelnd in dem sich vor ihm öffnenden Raum umher, der in der Tat geeignet war, hier in der einsamen, abgelegenen Waldschlucht einige Verwunderung zu erregen. Es war eine tiefe und hohe, vollkommen geschlossene und mit zackig ausgebrochenen Felsen gewölbte Höhle. Der Boden derselben war geebnet und mit dichten, mehrfach übereinander gelegten weichen Matten bedeckt. Die Seitenwände waren hoch hinauf mit schweren dunkelroten Teppichen behangen, deren tiefe, volle Farben noch prächtiger und glühender erschienen im Licht einer schön gearbeiteten Ampel, welche an silbernen Ketten von einer der Felszacken der Deckenwölbung herabhing. Ein schwerer Tisch von schwarzem Ebenholz, reich mit Gold, Elfenbein und Perlmutter ausgelegt, stand in der Mitte des Raumes. Kleinere Tische von Marmor und kostbarem Holz standen an den Seitenwänden umher und trugen mannigfache goldene und silberne Gefäße von herrlicher Arbeit, mit blitzenden Edelsteinen besetzt. Prächtige Dolche und Stoßdegen lagen daneben. Ein Teil der Höhle im Hintergrunde war mit einem seidenen Vorhang verdeckt, und vor dem großen Tisch in der Mitte stand ein breites Ruhebett mit schwellenden seidenen Kissen. Von diesem Ruhebett erhob sich beim Eintritt des Fremden ein kräftig und schlank gewachsener junger Mann in einem weiten und bequemen Anzug von schwarzem Samt, dessen etwas phantastischer Schnitt mit der ganzen Umgebung in Übereinstimmung stand. Ein weites, faltiges Wams, von einem ledernen Gürtel zusammengehalten, umschloß seinen schlanken und geschmeidigen Oberkörper. Faltenreiche Beinkleider fielen über glänzende, bis zum Knie hinaufreichende Stiefel herab. Das tiefschwarze, leichtgelockte Haar umgab ein gebräuntes Gesicht, dessen weiche und zarte Züge weder mit dem Ausdruck kalten, feindlichen Hohnes, der auf den Lippen des Mannes lag, noch mit den düsteren, wilden Blicken seiner dunkel brennenden Augen harmonierten. Der junge Mann trat dem Fremden einige Schritte entgegen und blickte ihn prüfend an, als wolle er aus seiner Erscheinung einen Anhaltspunkt dafür gewinnen, wie hoch er ihn bei der unter diesen Verhältnissen üblichen Lösegeldbesteuerung zu taxieren habe. Der Fremde nahm langsam seinen Hut, dessen Schatten sein Gesicht bedeckte, vom Kopf und stand im vollen Licht der von der Decke herabhängenden Ampel da. Seine großen, glänzenden Augen richteten sich mit einem eigentümlich strahlenden und durchdringenden Blick auf den jungen Mann, und mit einer tiefen, klaren Stimme sprach er: »So hat man mich nicht getäuscht, als man mir sagte, daß ich hier in diesen Gründen Barbarino Falcone finden würde?« Der junge Mann war, als das Gesicht des Fremden im hellen Lampenlicht vor ihm erschien, zuerst wie erschrocken zusammengefahren, als sei er in Zweifel, ob der Blick seiner Augen ihn nicht täusche. Dann war ein Schimmer der Freude über sein finsteres Gesicht geflogen. Er hatte die Arme ausgebreitet, als wolle er den Fremden an seine Brust drücken, aber schnell seine Bewegung bemeisternd, neigte er sich tief und ehrfurchtsvoll und sprach: »Welche Freude und welches Glück für mich, daß Ihr, mein großer Meister, mich hier aufsucht und mich würdig findet, mir einen Auftrag zu erteilen, – denn ich setze voraus, daß unsere heilige Sache meiner Dienste bedarf und daß Ihr kommt, um mir zu sagen, was ich zu tun habe. – Und zugleich wird mir Gelegenheit,« fügte er mit warm leuchtendem Blick hinzu, »Euch meinen Dank auszusprechen für die Befreiung aus dem Kerker der Tyrannei, einen Dank, dessen ganze Empfindung nur der kennen kann, der die Luft und das Licht der Freiheit entbehrt und den schimpflichen Tod unmittelbar vor sich gesehen hat.« »Ich kenne das,« erwiderte der Fremde, »aber wer zu dem Bunde der Rächer gehört, wird, solange mein Arm Macht hat, nicht in den Kerkern festgehalten werden. Ich habe dich gerettet, weil du treu zu unserem Bunde gehalten, und ich komme jetzt, um deine Kraft zu einem Dienst in Anspruch zu nehmen, der Geschicklichkeit und Gewandtheit erfordert, wie ich sie stets an dir bemerkt und anerkannt habe.« »Ich bin Eures Befehls gewärtig,« sagte Barbarino. Und ehrfurchtsvoll sich verneigend, führte er den Fremden nach dem Divan. »Aber Ihr werdet ermüdet sein, Meister. Darf ich Euch eine Erfrischung anbieten?« »Ein Glas Wein und ein Stück Brot,« erwiderte der Fremde, »das genügt mir, – es bedarf nur wenig, um meine Kräfte zu erhalten.« Barbarino ließ einen scharfen Pfiff auf einer kleinen silbernen Pfeife ertönen, die er an einer Kette um seinen Hals trug. Fast unmittelbar darauf erschien einer der Briganten am Eingang, und nach einigen Minuten stand auf dem Tisch, auf einer silbernen Platte, eine schön geschliffene Kristallkaraffe mit jenem goldgelben Wein von Monte Fiascone, den der weinkundige Kellermeister eines reisenden Kardinals einst mit den Worten Est, Est, Est « bezeichnete. Daneben einige vortreffliche Früchte, etwas Weißbrot, eine kalte Pastete und ein Stück des vortrefflichen Stracchinokäses. Barbarino nahm zwei hohe Kristallkelche von einem der Seitentische, füllte diese bis zum Rande und sprach: »Untergang der Tyrannei!« Er leerte sein Glas bis auf den Grund, während der Fremde nur leicht die Lippen benetzte, eine Schnitte Weißbrot in seinen Wein tauchte und einige Bissen davon aß. »So höre denn nun, um was es sich handelt. Die Sache erfordert schnelle Tätigkeit, Vorsicht und Gewandtheit. Barbarino hing mit gespannter Aufmerksamkeit an den Lippen des Sprechenden. »Wie du weißt, ist geschehen, was wir erstrebt und vorausgesehen haben. Dieser französische Imperator auf seinem innerlich unterhöhlten Flitterthron ist dahin getrieben worden, den Krieg gegen Deutschland zu führen, und seine Macht ist unter schnellen Schlägen, schneller noch, als ich selbst es erwartete, zusammengebrochen. Er hat seine Hand von Rom, diesem Sitz der päpstlichen Tyrannei, zurückziehen müssen. Nun ist er gestürzt, seine Armeen sind zertrümmert, und nimmer wird er wieder diesen dreifach gekrönten Priester gegen den Willen Italiens, gegen den Willen der denkenden Menschheit auf seinem Stuhle halten können.« »Ich weiß es, Meister,« erwiderte Barbarino. »Und ich weiß auch, daß in wenigen Tagen die Truppen Italiens in dieses Asyl finsterer Priesterherrschaft einbrechen werden, welches man das Erbteil Petri nennt, um das alte Rom für immer der Freiheit wiederzugeben, damit es in Zukunft für die Welt ebenso der Mittelpunkt des Lichtes werde, wie es bis jetzt der Mittelpunkt der Finsternis war. Kommt Ihr,« rief er mit flammensprühenden Blicken, »um mir einen Platz in diesen Kämpfen anzuweisen – o, so laßt mich in dieser Stunde aufbrechen, damit ich, und wäre es an der untergeordnetsten Stelle, mit diesem Arm dazu beitragen könne, Rom zu befreien von der tausendjährigen Herrschaft blutiger und schimpflicher Tirannei.« Ruhig schüttelte der Fremde den Kopf. »Nicht deshalb bin ich gekommen,« sagte er; – »um Rom zu befreien, um die päpstliche Herrschaft zu stürzen, bedarf es jetzt unseres Bundes nicht. Wir können unsere Kräfte für weitere, für größere Aufgaben sparen. Der König Viktor Emanuel, welcher es zu allen Zeiten so vortrefflich verstanden hat, die Früchte zu pflücken, die andere für ihn gezogen haben, wird das, was für den Augenblick zu tun ist, allein vollführen. Seine Truppen stehen bereit, und in wenigen Tagen wird der Papst ein Gefangener in der ewigen Stadt sein, in welcher er sich bis jetzt in übermütigem Stolz für den Herrn der Welt hielt.« Barbarino blickte finster zu Boden. »Und doch muß ich dabei sein,« sagte er dumpf, »ich muß meinen Teil haben an diesem Werk gerechter Rache.« »Deiner wartet eine höhere Aufgabe,« sagte der Fremde. »Was einfache Söldner tun können, daran dürfen wir unsere Zeit und Kraft nicht verschwenden.« »Aber wenn Rom befreit ist,« rief Barbarino, – »wenn die päpstliche Herrschaft gestürzt ist –« Ein fast mitleidiges Lächeln spielte um die Lippen des Fremden. Mit einer Handbewegung unterbrach er Barbarino und sprach: »Höre mich weiter. Rom wird befreit werden, die päpstliche Herrschaft wird gestürzt werden, aber es wird befreit werden nicht für uns, nicht für das Volk, nicht für die Menschheit. An der Stelle des päpstlichen Thrones wird der Thron Viktor Emanuels aufgerichtet werden, dieses Königs, der zwar durch das Volk emporgehoben ist und die demokratische Phrase im Munde führt, der aber darum nicht minder ein König ist, der darum nicht minder zu jener Rasse gehört, deren Blut sie zwingt, die Völker zu unterdrücken wie die Raubtiere, die sie in ihren Wappenschildern führen. Das Volk und die Freiheit werden nichts dabei gewinnen, als daß wir später im Augenblick der letzten Vollendung unseres Werkes hier in Italien nur einen Streich zu führen, nur einen Thron niederzuwerfen haben,« fügte er mit einem wild aufleuchtenden Blick seines sonst so klaren und ruhigen Auges hinzu. »Um aber diesen Augenblick der letzten Vollendung vorzubereiten, dazu bedürfen wir nicht Italiens allein, wir bedürfen auch Frankreichs. Wir müssen die Stütze zertrümmern, welche hier in Italien die königliche Tyrannei, welche der päpstlichen folgen wird, bei Frankreich gefunden hat und später wieder finden kann. Das Kaiserreich ist niedergeworfen, unser Ziel bei diesem Krieg ist erreicht. Frankreich darf nicht weiter besiegt, nicht weiter geschwächt werden. Es muß stark genug bleiben, um gegen die militärische Monarchie in Deutschland das Gegengewicht zu bilden, stark genug, um bei der großen Revolution der Zukunft – einer hoffentlich nahen Zukunft – Italien die Hand zu reichen und mit uns gemeinschaftlich den Völkern der Welt auf dem Wege der Freiheit voranzugehen.« Barbarino wollte sprechen. Der Fremde legte die Hand auf seinen Arm und fuhr fort: »Was wir bedürfen, ist ein starkes Frankreich und zugleich ein rein demokratisches Frankreich. Und um den Ereignissen diese Wendung zu geben, dazu müssen wir in diesem Augenblick eingreifen, wenn wir nicht die Früchte des großen Kampfes, der den brütenden Despoten von seinem Thron gestürzt, verlieren wollen. Sie haben eine Republik in Paris proklamiert,« fuhr er in höhnischem Ton mit leichtem Achselzucken fort, – »eine Republik, – aber wer führt diese Republik? Herr Jules Favre und seine Genossen, die Vertreter der feigen, hinterlistigen Bourgeoisie, welche die frühere Regierung nur gestürzt haben, um sich an ihre Stelle zu setzen und in ihre Fußstapfen zu treten. Rochefort ist ein Tor, und Gambetta, – seine Eitelkeit wird ihn verblenden, und er wird gegen die anderen ohnmächtig sein. Sie haben eine nationale Verteidigung organisiert, aber es ist kein Nachdruck, keine Kraft, kein Wille in dieser Organisation, und selbst wenn sie es erreichen könnten, das Glück der Waffen wieder zu wenden, so wird aus dieser Republik doch nichts anderes hervorgehen als eine neue Monarchie, eine neue Stütze des Despotismus, die unter anderem Namen die alten Zustände wieder wird erstehen lassen, während bei uns in Italien das Königtum und das Papsttum trotz ihres jetzigen Streites sich wieder zusammenfinden werden, um das Volk und seine Freiheit zu unterdrücken. Dies zu verhindern ist unsere Aufgabe, wir müssen Frankreich zu Hilfe kommen, um mächtiges Leben und kühnen Aufschwung in seine Verteidigung zu bringen. Aber diese Hilfe muß von der reinen und wahren Demokratie ausgehen, so daß, wenn Frankreich sich wieder erhebt, wenn es die Deutschen aus seinen Grenzen vertreibt, die wahre und reine Demokratie dort für immer ihre feste Herrschaft aufrichtet.« »Ich verstehe, Meister, ich verstehe,« sagte Barbarino in zitternder Erregung. »Voll Bewunderung folge ich Euren so großen, so weit blickenden Gedanken. Aber wie kann ich in so hohen Dingen helfen, der ich nur gelernt habe und nur verstehe, den bewehrten Arm mit Verachtung der Gefahr und des Todes für unsere Sache zu erheben?« Ohne seine Worte zu beachten, fuhr der Fremde fort: »Frankreich kann nur gerettet werden, wenn das ganze Volk sich in einmütiger Begeisterung erhebt und wie eine flammende Flut über den deutschen Heeren zusammenschlägt. Solche Flammen aber werden die Proklamationen des Generals Trochu und des Herrn Jules Favre nicht entzünden, und weder die Generale aus der Schule des Kaiserreichs noch die neugeschaffenen Strategen der gegenwärtigen Regierung werden eine solche Erhebung mit Nachdruck und wahrem Feldherrnblick leiten können. Einen Mann nur gibt es, der dazu imstande ist, einen Mann, dessen Name und dessen Ruf das ganze französische Volk in seinen Tiefen erwecken kann, der imstande ist, den Krieg so zu führen, wie es jetzt not tut, und der uns zugleich die Bürgschaft bietet, daß sein Sieg ein Sieg der wahren und reinen Demokratie sein wird, – und dieser Mann, der zugleich die Brüderschaft der Völker von Frankreich und Italien bedeutet, – dieser Mann ist Garibaldi, der traurig und still in Caprera sitzt, seufzend unter dem Schmerz der Wunde, die des Königs von Italien Dankbarkeit ihm geschlagen hat. Er muß seine Fahne erheben, er muß nach Frankreich gehen und seinen Ruf an das Volk erschallen lassen. Er allein kann Frankreichs Feinde über ihre Grenzen zurückdrängen, er allein kann wahres Leben und wahre Dauer der französischen Republik geben, welche einst dem Volk von Italien die Hand reichen wird, um den König und den Papst, die sich heute um die Herrschaft Roms streiten, für immer zu vertreiben.« Barbarino sprang auf. »O Meister,« rief er, »wie klein sind wir alle gegen Euch! In Eurem Geist lebt die Welt, unter Eurer Führung müssen wir siegen! – Aber noch immer,« fuhr er dann fort, »sehe ich nicht, wie ich –« »Dich habe ich ausersehen,« fiel der Fremde ein, »um die Feder in Bewegung zu setzen, welche das Räderwerk unserer Maschine vorwärts treiben soll. – Du bist imstande«, fragte er dann, »einen Stamm von kühnen und unerschrockenen Leuten zu bilden, welche nach Frankreich zu gehen bereit sein würden, um Garibaldi in der Bewaffnung und Organisation des französischen Volksaufstandes zu unterstützen?« »Fast alle meine Leute,« erwiderte Barbanno, »haben früher unter Garibaldi gefochten, – ebenso einzelne Banden, welche hier in der Umgegend zerstreut sind, sie verstehen alle den Guerillakrieg und scheuen vor keiner Unternehmung zurück. Ein Wort von mir wird genügen, um sie alle dem General zur Verfügung zu stellen.« Er sagte dies mit einem sichern, festen Ton. Doch plötzlich fuhr ein trüber Schatten über sein Gesicht, als erweckten die Ideen, die sich vor ihm öffneten, eine gewisse Verstimmung in seinem Innern. »Du hast meine Gedanken und meine Pläne klar erfaßt?« fragte der Fremde weiter. »Vollkommen,« erwiderte Barbarino. »So wirst du sogleich mit mir abreisen und dich nach Caprera begeben, um alles, was ich dir gesagt habe, dem General Garibaldi zu wiederholen. Du wirst hinzufügen, daß du über eine Schar tüchtiger, kriegsgeübter und unerschrockener Menschen verfügen kannst, um ihm die Herstellung von freiwilligen Legionen aus der französischen Bevölkerung, welcher eine solche Kampfesart noch neu ist, zu erleichtern, – es wird nur dieses Anstoßes bedürfen, um den alten Löwen, in dem, wie ich überzeugt bin, ähnliche Gedanken bereits aufzusteigen beginnen, zu erwecken und in den Kampf zu rufen für die Sache, welche ja auch stets die seinige gewesen ist. Eile ist nötig. Von der schnellen und sichern Ausführung deines Auftrages hängt die Entscheidung der Ereignisse in Frankreich ab. In deinen Händen liegt vielleicht in diesem Augenblick die Zukunft der Welt.« Er erhob sich, tauchte noch eine Brotschnitte in seinen Wein und schien zu erwarten, daß der junge Mann sich sofort anschicken werde, den ihm erteilten Befehl auszuführen. Aber Barbarino stand mit verschränkten Armen unbeweglich da und blickte finster zu Boden. Der Fremde sah ihn erstaunt an, indem er langsam die letzten Tropfen aus seinem Glase schlürfte. »Du bist traurig, ernst und unbeweglich,« sagte er in vorwurfsvollem Ton, »du zauderst und zögerst, während ich erwartet hatte, daß das ehrenvolle Vertrauen, das mein Auftrag dir bezeugt, dich freudig bewegen und zur Aufbietung deiner ganzen Kraft und deiner ganzen Tätigkeit anspornen würde?« »Ich empfinde tief und dankbar,« erwiderte Barbarino, ohne aufzublicken, »das Vertrauen, welches Euer Auftrag mir beweist, und mit freudiger Begeisterung möchte ich hineilen, um mich dieses Auftrags wert zu zeigen, – aber, mein Meister,« fügte er hinzu, indem seine Stimme dumpf aus den zusammengepreßten Lippen hervordrang, »ich bitte Euch, ein anderes Werkzeug für Euren Auftrag zu suchen, – Ihr werdet Würdige genug finden, – ich – ich kann ihn nicht ausführen.« Ein Ausdruck grenzenloser Verwunderung erschien auf dem Gesicht des Fremden. Seine Augen schienen sich fast zu ihrer doppelten Größe zu erweitern, seine Blicke schleuderten drohende Blitze auf den jungen Mann, und mit scharfer, schneidender Summe sprach er: »Du kannst meinen Befehl nicht ausführen? – Das ist ein Wort, das ich nicht zu hören gewohnt bin und von dir am allerwenigsten zu hören erwartet hätte. Weißt du, was nach den Gesetzen unseres Bundes auf dem Ungehorsam gegen die Befehle der Oberen steht?« »Der Tod!« erwiderte Barbarino immer in derselben Stellung und in demselben dumpfen Ton. »Und wenn du das weißt,« sagte der Fremde, jetzt mehr erstaunt als zornig, »was kann dich bewegen, diese Strafe, die unabänderlich ist, auf dein Haupt herabzurufen? Ich frage dich,« fuhr er sanfter, mit wohlwollendem Ausdruck fort, »obwohl ich ohne weitere Erörterung die Strafe verhängen könnte, – ich frage dich, weil du große Dienste geleistet hast und stets ein eifriges und tadelloses Mitglied unseres Bundes warst, – warum verweigerst du die Ausführung eines Befehls, dessen Nützlichkeit du einsiehst und in welchem du ein ehrendes Vertrauen erkannt hast? Sprich,« sagte er, zu dem jungen Mann herantretend und die Hand auf seine Schulter legend, »ich frage dich jetzt nicht als der Meister des Bundes, sondern als dein Freund, dein väterlicher und liebevoller Freund.« »O, mein Meister,« rief Barbarino, indem sein Gesicht in wilder Bewegung zuckte, »ich habe mein ganzes Leben, alles, was ich bin und habe, unserem Bund und der heiligen Sache der Freiheit geweiht, ich werde niemals zögern, meinen letzten Blutstropfen für dieselbe hinzugeben. Eins aber, mein Meister, eins kann ich nicht opfern, eins muß ich für mich allein behalten, das einzige, was ich noch mein nenne auf Erden, – das ist meine Rache.« »Deine Rache?« fragte der Fremde. »Sind wir denn nicht die Gesellschaft der Rächer? Ist es denn nicht ein Werk der Rache, der heiligsten Rache an der Tyrannei, zu der ich dich entsenden will?« Barbarino schlug die Augen mit einem so flammenden Ausdruck furchtbarer, grimmiger Drohung auf, daß die Gestalt des andern in leichtem Schauder erbebte. »O, mein Meister,« rief er, »Ihr wißt, wie tief dies Gefühl der heiligen Rache mich erfüllt, aber noch habe ich mich darum nicht ganz loslösen können von den eigenen und besonderen Gefühlen meines Herzens. Ebenso glühend wie die Freiheit, ja, wie ich gestehen will, glühender noch, heißer und überwältigender habe ich ein Wesen geliebt, dem meine ganze Seele entgegenflog, wie der Adler dem Sonnenlicht, ein Wesen, von dem ich das Glück meines ganzen Lebens erwartete. Dies Wesen, diese meine Geliebte ist mir gestohlen worden durch einen Fremden, durch einen jener Söldlinge der päpstlichen Tyrannei, der mit seinen gleißnerischen Worten ihr Herz vergiftete und zu sich lockte. Diese meine Hand,« rief er, in wilder Bewegung den Arm erhebend, »hat den Stahl in ihr Herz gestoßen, ihr Blut, von dem ich jeden Tropfen mit meinem Leben erkauft hatte, klebt an der Klinge meines Dolches, – er aber lebt, er atmet die Luft der Freiheit und des Glückes, er hat mich von der Leiche meiner Lorenza fort in den Kerker geführt, aus dem Eure Hand mich befreite. Und da, mein Meister, in jener furchtbaren Stunde, in der mein gequältes Herz die Tiefen des Abgrundes durchmessen hat, welchen die Priester für die gemarterten Seelen ersonnen haben, – in jener Stunde habe ich mir geschworen, auf den Stahl, der das Herz meiner Geliebten durchbohrte, nicht eher zu rasten, als bis das Blut jenes Verführers zu meinen Füßen die Erde tränkt. Und diesen Schwur werde ich halten und sollte mein Leben dafür der Strafe des Ungehorsams verfallen. – Habe ich mir je ein Verdienst erworben,« rief er, in flehendem Ton die Hände ausstreckend, »so bitte ich nur um die eine Gnade, die Strafe aufzuschieben, bis meine Rache erfüllt ist.« »Und wie denkst du,« fragte der Fremde, der seine ganze Ruhe wiedergefunden hatte, indem er mit einem leichten Lächeln freundlich und teilnehmend auf den jungen Mann blickte, – »wie denkst du diese Rache auszuführen?« »Ich habe ihn gesucht,« rief Barbarino, »den Räuber meines Glücks, – in tausend Verkleidungen bin ich nach Rom gegangen, – ich hätte ihn auf offener Straße niedergestoßen, unbekümmert um alles, was mit mir hätte geschehen mögen. Tagelang habe ich gewartet auf allen Plätzen, – in den Kirchen, – aber alles war bisher vergebens, noch hat sein Verhängnis ihn mir nicht entgegengeführt, – jetzt aber, mein Meister, jetzt, in wenigen Tagen, wird der Angriff auf Rom stattfinden, er gehört zu jener fremden Söldnerschar, welche aus allen Ländern zusammengeströmt ist zum Schutz des Papstes, – in diesem letzten Entscheidungskampf wird er auf dem Platz erscheinen, ich werde dort sein – als was man will, als Soldat, als Freischärler, – ich werde dort sein, – dort wird er mir nicht entgehen, dort wird mein Dolch sein Herz finden, dort werde ich endlich meinen Fuß auf seinen zuckenden Leichnam setzen!« »Du wirst ihn nicht finden,« erwiderte der Fremde ruhig. »Nicht finden!« rief Barbarino, – »und wenn ich diese ganze Tyrannengarde Mann für Mann niederstoßen sollte, – und wenn er der letzte von allen wäre, – er soll mir nicht entgehen!« »Du wirst ihn nicht finden,« sagte der Fremde, »weil er nicht da ist, – ich kenne die Geschichte deiner Liebe, ich kenne auch ihn, dem du Rache geschworen hast. Er ist nicht mehr in Rom, er hat den Dienst des Papstes verlassen und ist nach seiner Heimat zurückgekehrt.« »O,« rief Barbarino, indem er die Hand des Fremden ergriff, – »wenn Ihr das wißt, wie Ihr ja alles wißt, sagt mir, wo ich ihn finde, – und wäre es am Ende der Welt ich will ihn entdecken und zu meinen Füßen niederwerfen!« »Er ist,« sagte der Fremde, indem er scharf und forschend in das Gesicht Barbarinos blickte, »er ist bei den Armeen, welche in diesem Augenblick Frankreich besetzt halten und gegen welche der General Garibaldi den Volkskrieg organisieren soll.« Barbarino blieb einen Augenblick schweigend stehen, mit großen, weitgeöffneten Augen blickte er vor sich hin, dann flog ein Schimmer wilder Freude über sein Gesicht. »O, mein Meister,« rief er, »dann hält mich nichts mehr hier, – dann führt mich die Erfüllung meiner heiligen Pflicht gegen die Freiheit auch auf den Weg meiner Rache nach welcher meine ganze Seele dürstet! – Gebietet über mich, – ich bin bereit, Euch zu begleiten!« »Ich habe dir gesagt,« erwiderte der Fremde, »daß ich nur als Freund mit dir gesprochen, und nur der Freund, nicht der Meister des Bundes, will es gehört haben, daß du einen Augenblick im Gehorsam schwanktest. Führe meine Befehle pünktlich aus, – dein Lohn soll sein, daß ich dich seinerzeit auf die Spur deiner Rache führen werde.« Er reichte Barbarino die Hand, die dieser ehrerbietig drückte. »Nun,« sagte er, »begleite mich. Von der nächsten Station aus sollst du nach Caprera abgehen, – aber nicht so,« fügte er hinzu, indem er den Anzug des jungen Mannes mit einem prüfenden Blick überflog, »du darfst kein Aufsehen erregen, deine Reise darf durch nichts gehindert werden.« »Erlaubt mir, mich auf einige Augenblicke zurückzuziehen,« sagte Barbarino, der seine frühere kalte Ruhe vollkommen wiedergewonnen hatte, »ich werde sogleich bereit sein.« Er zog sich hinter den seidenen Vorhang in den Hintergrund der Höhle zurück und erschien nach einer Viertelstunde wieder, in einen grauen Touristenanzug gekleidet, einen weichen Filzhut auf dem Kopf, einen Mantel über dem Arm, Stock und Regenschirm und einen kleinen, eleganten Reisekoffer in der Hand. »Es ist gut,« sagte der Fremde, mit dem Kopf nickend, »hast du Geld?« Barbarino zog eine seidene Börse aus seiner Tasche, durch deren Maschen starke Goldrollen funkelten. »Das wird genügen,« sagte er. Der Fremde neigte abermals zustimmend das Haupt. »So laß uns aufbrechen!« Barbarino hob den schweren Teppichvorhang empor und trat mit seinem Begleiter in den freien, von Fackeln beleuchteten Raum. Mit der kleinen Pfeife, welche er jetzt an der Kette seiner Uhr befestigt hatte, gab er ein kurzes, laut schallendes Signal. Eilig, mit der Pünktlichkeit militärischen Gehorsams, lösten sich die verschiedenen Gruppen, die umherliegenden Briganten sprangen auf und schlossen, schnell heraneilend, einen Kreis um ihren Führer, indem sie verwundert den Fremden ansahen, welcher so kaltblütig und gleichgültig dastand, als ginge ihn diese ganze Szene nicht das mindeste an. »Ich werde einen Ausflug machen,« sprach Barbarino mit lauter Stimme, »der mich mehrere Tage von hier entfernen wird. – Giuseppe Zappa,« fuhr er fort, sich an denjenigen wendend, welcher vorher den Reisewagen im Wald angehalten hatte, »ich übertrage dir den Befehl, und ihr alle werdet ihm gehorchen wie mir selber; bis zu meiner Rückkehr werdet ihr euch ruhig hier an dieser Stelle halten, kein gefahrvolles Unternehmen soll begonnen werden, ich werde euer aller für ernste Dinge bedürfen.« In ehrerbietigem Schweigen hörten die Räuber die Worte ihres Führers an. »Wo ist der Wagen?« fragte Barbarino. »Er steht noch an derselben Stelle im Wald,« erwiderte Giuseppe Zappa. »Es sollen sogleich einige Leute vorauseilen und die Pferde wieder anspannen; wenn ich dort hinkomme, muß alles zur Abfahrt bereit sein.« Mehrere Briganten eilten davon. »Wenn es Euch nun gefällig ist,« sagte Barbarino, sich zu dem Fremden wendend, – »ich werde Euch führen.« Giuseppe Zappa begleitete die beiden bis zum Ausgang des freien Platzes. Hier verabschiedete er sich von Barbarino. Einer der Briganten mit der Fackel trat voran, der Diener des Fremden folgte, und auf demselben Wege, den man gekommen war, unter dem Wasserfall hindurch, durch das dichte Waldgestrüpp hin, kehrte man zu der Stelle zurück, wo an der hölzernen Brücke über den Bergstrom der Reisewagen stand. Die Pferde waren bereits wieder zur Stelle und einige Briganten mit dem Postillon beschäftigt, sie wieder an den Wagen zu spannen. Der Postillon schwang sich auf das Sattelpferd, der Diener bestieg den Bock. Barbarino setzte sich neben den Fremden, winkte noch einmal mit der Hand den Briganten, die ihm einen ehrerbietigen Abschiedsgruß zuriefen, und schnell fuhr das bequeme Fuhrwerk mit den beiden Reisenden auf der Landstraße dahin, welche bald von den Waldhöhen herab sich der Ebene zuwendete. Drittes Kapitel In der alten Isle de France des königlichen und feudalen Frankreichs, dem heutigen Departement der Seine und Marne, liegt der Flecken Ferrières en Brie, einst der Hauptort einer besondern Grafschaft und der Sitz eines mächtigen Dynastengeschlechts. Die alten Grafen sind verschwunden von dieser Stätte im Strom der Zeit, wie die Grafschaft untergegangen ist in der modernen Landeseinteilung. Aber an der Stelle, wo einst der feudale Sitz sich erhob, ragt, stolzer als jener, ein weithin schimmernder Schloßbau empor, und in demselben gebietet, mächtiger als alle jene ritterlichen Herren der Vergangenheit, der erste Fürst des neuerstandenen Universalweltreichs unserer Tage, des Reichs des Goldes und des Papiers: der Baron von Rothschild. Aus den hohen Baumwipfeln des Parks blicken die vier hohen Türme des Schlosses von Ferrières in das Land hinein. Der große Ehrenhof in der Mitte, die Säulen und Marmortreppen der Fassade, welche sich in dem von samtweichen englischen Rasen umfaßten See spiegelt, die Blumenparterres, die Marmorstatuen, der weite prächtige Park umher, das alles zeugt in seinen großartigen Dimensionen und in seiner fast erdrückenden Pracht dafür, daß der Erbauer dieses Schlosses unumschränkt über die Macht des Geldes gebietet, welche in unserer Zeit über alle anderen Mächte sich erhebt und selbst Zeit und Raum dienstbar machen kann. Der Kaiser Napoleon war hier als Gast seines großen Barons erschienen und mit einer Gastfreundschaft empfangen worden, welche an die Zeit Fouquets und Ludwigs XIV. erinnerte, und seitdem waren in der großen Welt des Kaiserreichs die Einladungen nach Ferriéres mehr als je gesucht, wenn der Baron Rothschild dort seinen Aufenthalt nahm und seine großen Jagden in den weiten Wildgehegen und den berühmten Fasanerien abhielt. Der kaiserliche Besuch sollte aber noch nicht den Höhepunkt in der Geschichte des Schlosses von Ferrières bilden. Es war diesem hochragenden Prachtbau vorbehalten, noch einen andern hochfürstlichen Gast in seinen Mauern aufzunehmen, einen Gast, der nicht bloß den Glanz und die Ehre seiner persönlichen Anwesenheit in diese schimmernden Räume brachte, sondern mit dessen Fuß auch die Weltgeschichte diesen Boden betrat und demselben für alle Zeit ihre Spur aufdrückte. Der König Wilhelm von Preußen hatte am 19. September 1870 die Verlegung seines Hauptquartiers nach Ferrières befohlen. Die Fouriere waren erschienen und hatten, geführt von dem Schloßkastellan des Barons von Rothschild, Quartier für die erste Staffel des königlichen Hauptquartiers gemacht, während die zweite Staffel in Lagny, etwas seitwärts von Ferrières, blieb. Graf Bismarck und der General von Moltke, sowie die unmittelbare persönliche Umgebung des Monarchen wohnten mit dem König im Schloß, allen übrigen waren ihre Quartiere in den Gärtnerwohnungen und den Bureaus der Schloßverwaltung angewiesen worden, da die großen, prachtvollen Gesellschaftsräume auf Befehl des Königs geschont und zu Wohnungen nicht verwendet werden sollten. In düsterem Schweigen, aber höflich, artig und bereitwillig fügten sich die Beamten des Barons Rothschild, – der seine Stellung als preußischer Generalkonsul niedergelegt und sogar seine deutsche Köchin entlassen hatte, um den Franzosen seinen Patriotismus zu beweisen, – den Anordnungen der Fouriere, und bald war das große, prachtvolle Schloß von all dem regen, waffenklirrenden Leben erfüllt, welches das Hauptquartier des königlichen Oberfeldherrn der deutschen Armeen umgab. Spät am Abend kam der König an, die Stabswache voran, fuhr er in das Schloß ein und wurde in die für ihn hergerichteten Privatzimmer des Barons Rothschild geführt. Lächelnd blickte der König auf alle diese von Gold, Seide und kostbarem Holz schimmernde Pracht. In dem großen Schlafzimmer des Besitzers angekommen, aus welchem bereits das ungeheure, von schweren Vorhängen umgebene Bett entfernt und durch das mit diesen Räumen sonderbar kontrastierende Feldbett des königlichen Soldaten ersetzt war, befahl Seine Majestät, ein kleines Seitenkabinett für ihn als Schlafzimmer herzurichten, und ließ ebenso sein Arbeitszimmer in dem Badekabinett einrichten, da ihm die großen Prunkräume des Geldfürsten nicht einfach und wohnlich genug waren. Doch bevor noch Seine Majestät eingetroffen, war im leichten Jagdwagen der Graf von Bismarck vorgefahren und hatte den Befehl gegeben, ein Quartier für Herrn Jules Favre einzurichten, der sich Minister der auswärtigen Angelegenheiten der Regierung der nationalen Verteidigung nannte und sofort erwartet wurde, um mit dem Bundeskanzler zu verhandeln. Während der Graf Bismarck sich ein schnell hergerichtetes Diner servieren ließ, fuhr dann auch bald in einem offenen Wagen, begleitet von dem preußischen Hauptmann von Winterfeld vom großen Generalstab, der viel genannte Pariser Advokat und langjährige Führer der Opposition gegen das Kaiserreich, Herr Jules Favre, am Schloß von Ferrières vor. Bei ihm befand sich Herr de Ring, Bureauchef des auswärtigen Ministeriums. Man führte die beiden Herren nach dem Dorfe in die Wohnung des Regisseurs du Château, wo man ihnen ein bequemes, mit allem in Kriegszeiten möglichen Komfort ausgestattetes Quartier hergerichtet hatte. Diese Abgesandten der Regierung von Paris waren der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit, und bei allen, die sie ankommen sahen, regte sich von neuem die Hoffnung, daß nun doch vielleicht endlich das eigensinnige Selbstgefühl Frankreichs zu der Überzeugung gekommen sein möchte, ein fortgesetzter Kampf könne keinen Sieg mehr bringen, und daß endlich der lang ersehnte Friede das blutige Kriegswerk abschließen werde. Die Erscheinung dieser Vertreter der neuen, selbsteingesetzten Regierung kontrastierte merkwürdig mit dem frühern glanzvollen Auftreten der Botschafter und Gesandten des kaiserlichen Frankreichs, welche von dem stolzen Selbstgefühl erfüllt waren, daß hinter ihnen eine für unbesiegbar gehaltene Armee einherschreite. Jules Favre, dessen große, volle Gestalt in ihrer Haltung und ihren Bewegungen stets etwas an das Pathos der Plaidoyers vor dem Barreau erinnerte, hatte in der letzten Zeit merklich gealtert und schien unter dem Druck der Situation tief niedergebeugt. Sein vorn über der Stirn hoch aufgekämmtes dichtes Haar war stark ergraut, seine großen, von dunklen Brauen überschatteten Augen, in welchen klare Intelligenz sich mit einem zuweilen aufleuchtenden Schimmer von phantastischer Schwärmerei vermischte, blickten trübe zu Boden, und schmerzliche Linien umzogen seinen großen, starken Mund, den ein kurzer, grauer Vollbart umgab. Herr de Ring, ein junger, schmächtiger Mann mit bleichem Gesicht und kleinem schwarzem Bart, beobachtete neugierig forschend alle Erscheinungen in dem Hauptquartier dieser Armee, welche in so unerwartet herandrängender Schnelligkeit den mächtigen Bau des Kaiserreichs niedergeworfen und Frankreich tiefer gebeugt hatte, als je zuvor in der Geschichte geschehen war. Die Herren speisten flüchtig, und bald darauf erschien abermals der Hauptmann von Winterfeld, welcher Herrn Jules Favre ersuchte, ihm nach dem Schlosse zu folgen, wo der Graf Bismarck bereit sei, ihn zu empfangen. Es war bereits spät am Abend, als der Abgesandte der Pariser Regierung in das Bureau des Schloßkastellans geführt wurde, wo der deutsche Bundeskanzler ihn erwartete. Es war ein einfaches Zimmer, in welchem bisher die Angelegenheiten der Schloßverwaltung des Barons von Rothschild verhandelt worden waren, und in welchem wohl niemandem zuvor der Gedanke gekommen sein mochte, daß hier die Vertreter zweier großen Nationen sich einst gegenüberstehen sollten, um in weltgeschichtlicher Unterredung über die Schicksale von Millionen zu sprechen. Merkwürdig war der Kontrast der beiden Persönlichkeiten, die sich hier gegenüberstanden und die nicht nur zwei verschiedene gegeneinander kämpfende Nationen, sondern auch zwei so ganz verschiedene, stets und unter allen Verhältnissen sich streitend gegenüberstehende Richtungen menschlicher Geistesentwicklung repräsentierten. Des Grafen Bismarck hohe Gestalt stand da in der militärischen Uniform, dem Ehrenkleide seines Landes, fest, in strenger Gedrungenheit. Seine Haltung und seine Bewegungen waren militärisch wie sein Rock, der Blick seines Auges hell, scharf und gerade wie die Klinge seines Degens. Jules Favre dagegen war in Haltung und Bewegung breit und pathetisch, – sein Blick verschleiert durch die Nebelwolken eigener subjektiver Doktrin und Phantasie, – so standen sie sich gegenüber: der Mann der Tat und der Wahrheit dem Mann der Rede und der Illusion. »Ich hoffe,« sagte Graf Bismarck, indem er Herrn Favre mit leichter und freier Artigkeit begrüßte und einen Stuhl für ihn neben sich heranzog, »daß man meinen Anordnungen gemäß für Ihren Empfang gesorgt hat und daß Sie mit Ihrem Quartier zufrieden sind.« »Ich danke Eurer Exzellenz,« erwiderte Jules Favre, »für Ihre freundliche persönliche Aufmerksamkeit, und ich wünschte,« fügte er seufzend hinzu, »daß meine Vorschläge und Anerbietungen eine ebenso gute Aufnahme gefunden hätten, als dies meiner Person zuteil geworden ist.« »Ich habe Ihnen,« erwiderte Graf Bismarck, »bereits heute Mittag bei unserer Unterredung im Schloß Haute Maison freimütig erklärt, daß ich auf annehmbare Vorschläge hin lieber heut als morgen den Frieden zu unterzeichnen bereit sein würde, wenn ich die Überzeugung gewinnen könnte, daß dieser Frieden dann die Garantie der Dauer in sich trüge. Eine solche Garantie kann aber nur darin gefunden werden, daß Deutschland vor der Wiederkehr ähnlicher Angriffe nachdrücklichen Schutz findet, und dazu habe ich in Ihren Vorschlägen keine Grundlage entdecken können.« »Ich habe,« erwiderte Jules Favre, indem er mit der Hand durch sein dichtes Haar strich, »meinerseits die Überzeugung aussprechen müssen, daß ein dauernder und gesicherter Frieden, den ich mit Eurer Exzellenz für das notwendige und einzig zu erstrebende Ziel unserer Verhandlungen halte, nur dann erreicht werden könne, wenn die nationale Ehre Frankreichs bei demselben nicht berührt wird. Würde dies geschehen, so würde jeder Frieden nur die Natur eines kurzen und drohenden Waffenstillstandes annehmen. Die Abtretung von Festungen und Landgebiet würde Frankreich als eine Schmach empfinden, die ganze Nation würde fortan keinen andern Gedanken haben, als sich dazu vorzubereiten, diesen Flecken von ihrer nationalen Fahne wieder zu entfernen.« Ein eigentümlicher, scharfer, schneidender Blitz zuckte aus dem Blick des Grafen Bismarck. Aber sein Gesicht bewegte sich nicht und behielt seine kalte, eherne Ruhe. »Ich habe Ihnen gesagt,« fuhr Jules Favre fort, »daß wir bereit sind, Ihnen alles Geld zu zahlen, was Sie irgend verlangen wollen, aber Landabtretungen sind erniedrigend, entehrend für Frankreich, und ich kann, ich darf solche Bedingungen nicht annehmen, selbst auf die Gefahr hin, diesen unseligen Krieg noch weiter fortsetzen zu müssen.« »Geld!« erwiderte Graf Bismarck, – »es ist wahr, der Krieg hat Geld, viel Geld gekostet, und für dieses Geld muß Deutschland vollen Ersatz haben. Aber,« fuhr er fort, indem es durch den kalten, ruhigen Ton seiner Stimme wie eine fern heranrollende Drohung klang, »dieser Krieg hat mehr gekostet als Geld, er hat Blut gekostet, deutsches Blut, das in Strömen hat fließen müssen, um den ungerechten Angriff zurückzuwerfen, – und dieses Blut kann mit allem Gold der Erde nicht bezahlt werden. Es ist eine heilige Pflicht gegen die Toten dieses Krieges, dafür zu sorgen, daß durch ihr vergossenes Blut ein Preis errungen werde, höher als Gold und Geldeswert, – die künftige Sicherheit des Vaterlandes.« »Der unglückselige Krieg,« sagte Jules Favre, indem er leicht die Hand erhob, »in welchem sich Frankreich und Deutschland jetzt gegenüberstehen, ist durch die Macht eines einzigen hervorgerufen, welcher Frankreich beherrschte. Ihn hat seine Strafe ereilt, er hat seine Krone und seine Macht verloren. Der Krieg hat damit seinen Grund und seine Berechtigung verloren. Frankreich ist wieder Herr seiner selbst geworden. – Ich, Herr Graf, kenne die Gesinnungen des Landes, ich kann Ihnen für die Friedensliebe des französischen Volkes einstehen. Diese Friedensliebe wird Ihnen bessere Garantien bieten als die Landabtretungen, welche den Geist der Rache in jedem französischen Herzen wachrufen würden.« Ein flüchtiger Zug seiner Ironie zuckte einen Augenblick um die Lippen des Grafen Bismarck. Im Ton ruhiger, kalter Höflichkeit sprach er: »Sie sagen mir, mein Herr, daß Frankreich den Frieden wolle und daß nur ein einziger Wille den Krieg hervorgerufen habe, – der Kaiser Napoleon hat mir gesagt, daß er den Krieg nicht gewollt und daß er durch die Nation zu demselben gezwungen worden sei –« »Er hat,« fiel Jules Favre lebhaft ein, »im Augenblick seines Falles die Unwahrheit gesprochen, wie er dies sein ganzes Leben über getan. Die Majorität des gesetzgebenden Körpers,« fuhr er fort, »hat noch kurz zuvor dem Frieden akklamiert und die ganze Nation hat zweimal, bei den Wahlen von 1869 und bei dem Plebiszit im Frühjahr dieses Jahres, der Politik des Friedens und der Freiheit auf das Entschiedenste zugestimmt, denn mit einem Programm solcher Politik trat das Kaiserreich in bewußter Heuchelei vor das Plebiszit.« »Und doch,« erwiderte Graf Bismarck, »hat der gesetzgebende Körper die kriegerischen Reden des Herzogs von Gramont und des Herrn Ollivier mit lautem Beifall überschüttet.« »Diese Majorität,« rief Jules Favre, »war unter dem Einfluß des kaiserlichen Regiments gewählt und wagte nicht, demselben zu widerstehen!« »Aber das ganze Volk,« erwiderte Graf Bismarck, »stand in seiner Presse, in allen seinen Kundgebungen hinter der Majorität und hinter den Ministern, welche heut auf der Höhe der Popularität stehen würden, wenn die Schlachten von Wörth und Sedan einen andern Ausgang gehabt hätten. Sie werden mir verzeihen,« fuhr er fort, während Jules Favre mit dem Ausdruck einer gewissen Ungeduld den Kopf schüttelte, »wenn ich zu einer Friedensliebe, welche nach den Niederlagen kommt, kein unbedingtes Vertrauen haben kann, und wenn ich so wechselnden Stimmungen und so entgegengesetzten Erklärungen gegenüber meine Überzeugung auf einem festeren, von den Strömungen der Gegenwart nicht berührten Fundament aufrichte, – auf dem Fundament der Geschichte. Die Geschichte aber lehrt mich, daß es stets der Wille der französischen Nation war, Deutschland anzugreifen und meinem Vaterland Teile seines Gebietes zu entreißen, und daß die größten Repräsentanten Frankreichs stets diesen nationalen Willen zur Ausführung gebracht haben, – von Ludwig XIV. bis auf Napoleon III.« »Es würde schwer zu unterscheiden sein,« erwiderte Jules Favre, »ob bei den Tatsachen, die Sie anführen, Herr Graf, der persönliche Ehrgeiz der Regenten den Geist der Nation irreleitete oder ob der Wille des Volkes die Machthaber Frankreichs bestimmte. Jetzt – da Frankreich keine Machthaber hat, sondern Herr seiner selbst ist, will es den Frieden. Aber es würde,« fuhr er fort, indem er die Hand auf die Brust legte, »den Krieg wollen und immer wieder den Krieg, wenn ihm Straßburg genommen würde, Straßburg, das noch nicht erobert ist, Straßburg, auf dessen Wällen noch die französische Fahne weht, die zugleich die Ehre Frankreichs bedeutet.« »Straßburg ist noch nicht genommen,« sagte Graf Bismarck – »das ist wahr. Aber seine Einnahme ist eine Frage der Zeit, – einer kurzen Zeit, – es kann sich nicht mehr halten und kein Entsatz kann ihm zugeführt werden. Doch,« fuhr er dann fort, indem seine Stimme einen festeren, strengeren und fast schneidend harten Ton annahm. »Sie sprechen von der Ehre Frankreichs. – Hat Frankreich eine andere Ehre als die übrigen Nationen, – eine andere Ehre als Deutschland? Es ist, so lange die Welt steht, das Los des Krieges, daß ein besiegtes Volk Teile seines Machtgebietes abtreten muß. Dies Los hat noch in den letzten Zeiten Österreich betroffen, und niemand hat behauptet, daß Österreichs Ehre dadurch geschädigt sei. Dasselbe Los hat Frankreich stets unerbittlich dem Besiegten auferlegt, – hat es Deutschland vor allem auferlegt, und ich glaube nicht, daß, wenn der Kaiser Napoleon in diesem Kriege Sieger geblieben wäre, die französische Nation ihm erlaubt hätte, das deutsche Gebiet unberührt zu lassen. Sollen wir nicht tun dürfen, was Frankreich getan hat und zweifellos wieder getan haben würde, wenn es das Schlachtenglück an seine Fahnen hätte fesseln können? Wenn wir Straßburg und Metz nehmen, greifen wir damit in französisches Nationalgebiet? Waren Straßburg und Metz nicht deutsch? Sind sie nicht von Frankreich genommen nach dem Kriegsrecht des Siegers? Kann es Frankreichs Ehre schädigen, wenn wir im Verteidigungskrieg zurücknehmen, was uns Frankreich einst im Eroberungskrieg entriß? Das französische Gefühl wird auch immer ohne Gebietsabtrennung den Rachekrieg wollen. Es hat Waterloo nicht vergessen, wie es Sadowa nicht vergessen hat – Sadowa, welches doch Frankreich gar nichts anging – es wird auch die Kapitulation von Sedan nicht vergessen, welche es empfindlicher hat berühren müssen, als dies die Abtretung von Straßburg würde tun können.« Jules Favre wollte sprechen. Mit einer schnellen Bewegung ihn unterbrechend, fuhr Graf Bismarck fort: »Und Straßburg vor allem. – Wenn es sich um den künftigen Frieden, um nachbarliche Sicherheit handelt – Straßburg ist der Schlüssel des Hauses, – den muß ich haben!« »Und Sie glauben, Herr Graf,« sagte Jules Favre bitter, »daß der Friede gesichert werden könne, daß Frankreich in nachbarlicher Eintracht neben Deutschland leben könne, wenn Sie uns den Schlüssel unseres Hauses nehmen?« »Ihres Hauses?« rief Graf Bismarck, stolz das Haupt emporwerfend, »Straßburg ist der Schlüssel unseres Hauses, durch den ich die Tore Deutschlands gegen die Wiederkehr jahrhundertelanger Angriffe verschließen muß. Käme die nationale Ehre in Betracht, so könnte nur diejenige Deutschlands berührt werden, wenn es nach solchen Siegen, wie wir sie erfochten, eine alte deutsche Stadt in fremden Händen ließe. Hat nicht Frankreich Landau und Saarlouis zurückgegeben? – Sollten die Eroberungen Ludwigs XIV. mit der Ehre Frankreichs etwa fester verwachsen sein als diejenigen der ersten Republik oder des ersten Kaiserreichs?« Jules Favre neigte seufzend das Haupt. Der wortreiche Redner schien vergebens nach Worten zu suchen, die er diesem ehernen Willen, dieser unbeugsamen Logik gegenüberstellen könnte. »Doch,« sagte Graf Bismarck nach einigen Augenblicken in seinem früheren ruhigen und kalten Ton, »wir stehen in einer Zeit der Tat und der Realität, und ich glaube nicht, daß eine Beleuchtung der Gegenwart und Vergangenheit, – die ich,« fügte er mit einem leichten Lächeln hinzu, »fast eine akademische nennen möchte, dem Zweck unserer Zusammenkunft entsprechen kann.« »Eure Exzellenz haben recht,« erwiderte Jules Favre traurig, »ich glaube, daß die Friedensunterhandlungen in diesem Augenblick und bei diesen sich gegenüberstehenden Anschauungen aussichtslos sind und kann meinerseits ohne Beratung mit meinen Kollegen nicht weiter gehen. Die letzte Instanz über die Friedensbedingungen wird eine von dem französischen Volk frei gewählte Nationalversammlung sein müssen. Es käme daher darauf an, einen Waffenstillstand zu vereinbaren, während dessen eine solche Versammlung sich konstituieren könnte, und die Bedingungen dieses Waffenstillstandes festzustellen.« »Damit betreten wir das praktische Gebiet,« erwiderte Graf Bismarck, »und ich hoffe, daß wir uns auf diesem schneller und einfacher verständigen werden, als bei der Erörterung von Friedensbedingungen, zu deren Abschluß die gegenwärtige Regierung in Paris doch kaum imstande ist. Denn,« fügte er hinzu, »Sie werden mir zugeben, daß der Pöbel in Paris schon in einigen Tagen Ihre Regierung vielleicht stürzen kann, wie er in bewegten Zeiten schon so manche Regierung nach kurzem Dasein gestürzt hat.« Jules Favre erwiderte, indem er die Hand ausstreckte, mit lauter, feierlicher Stimme: »Es gibt keinen Pöbel in Paris, Herr Graf, und was man mit diesem Namen bezeichnen könnte, kann in diesem Augenblick der großen nationalen Gefahr keinen Einfluß ausüben. Es gibt in Paris nur eine intelligente, von patriotischer Begeisterung erfüllte Bevölkerung, welche mit Abscheu den Gedanken zurückweisen wird, sich zum Bundesgenossen des Feindes zu machen, indem sie der nationalen Verteidigung Hindernisse in den Weg legte. Wir aber,« fuhr er fort, »die Mitglieder der gegenwärtigen Regierung sind in jedem Augenblick bereit, ja wir sehnen uns darnach, unsere Gewalt in die Hände einer souveränen Nationalversammlung niederzulegen.« »Ich erkenne vollkommen,« erwiderte Graf Bismarck, »die Notwendigkeit an, der französischen Nation Gelegenheit zu geben, eine Vertretung zu wählen, mit welcher wir zum definitiven Abschluß in völkerrechtlich gültige Verhandlungen treten können; – eine solche Versammlung allein würde imstande sein, die Legitimation der gegenwärtigen Regierung genügend zu ergänzen, denn für uns, wie für ganz Europa, existiert ja bis jetzt nur die von allen Mächten anerkannte kaiserliche Regierung, und wenn Frankreich sich eine neue Regierungsform geben will, so muß der Wille der Nation in einer gültigen und unbestreitbaren Weise dokumentiert werden.« »Das wird geschehen,« erwiderte Jules Favre, »sowie ein Waffenstillstand dem französischen Volk die Möglichkeit gibt, seine Vertreter zu wählen.« Graf Bismarck sah einen Augenblick nachdenkend vor sich nieder, er schien seine Gedanken ordnen und formen zu wollen, dann richtete er den Blick scharf und fest auf Jules Favre und sprach: »Sie werden anerkennen, daß ein Waffenstillstand für eine Armee, die in siegreichem Fortschreiten begriffen ist, schwere militärische Nachteile mit sich bringt, weil er sie hindert, weiter vorzugehen und ihre Positionen zu verstärken. Auf der andern Seite aber würde gerade deshalb ein längerer Waffenstillstand Frankreich sehr bedeutende Vorteile bringen. Sie nennen sich die Regierung der nationalen Verteidigung; um aber eine Verteidigung unternehmen zu können, müssen Sie erst wieder neue Armeen organisieren, denn Ihre alten Armeen sind zertrümmert und die letzte derselben ist in Metz eingeschlossen. Jeder Zeitgewinn ist daher für Sie von so hoher Bedeutung und für uns von so großem Nachteil, daß Deutschland einen solchen Waffenstillstand nicht ohne wesentliche militärische Garantien gewähren kann.« »Liegen diese Garantien nicht darin,« fragte Jules Favre, »daß die gegenseitigen Positionen während des Waffenstillstandes unverändert bleiben?« »Durchaus nicht, mein Herr,« erwiderte Graf Bismarck, »die Positionen allein sind nicht entscheidend, wir stehen heut einem entwaffneten, fast kampfunfähigen Lande gegenüber, in vier Wochen würden wir vielleicht neugebildete, organisierte und bewaffnete Armeen uns gegenübertreten sehen. Denn,« sagte er mit leichter Verbeugung, »ich traue Ihnen und der nationalen Energie Frankreichs in diesem Punkte sehr viel zu. Das bloße Aufrechthalten der gegenseitigen Positionen allein kann also nach meiner Überzeugung, wie ich wiederholen muß, die Grundlage des Waffenstillstandes nicht bilden.« »Und worin, Herr Graf,« fragte Jules Favre, »würden denn die Garantien, welche Sie für notwendig halten, zu finden sein?« »Insoweit ich mir selbst darüber ein klares Bild machen kann, vorbehaltlich militärischer Prüfung und der Genehmigung Seiner Majestät des Königs, scheint es mir notwendig, daß uns diejenigen Festungen übergeben werden, welche die Verbindung mit Deutschland erschweren, denn wenn durch den Waffenstillstand die Zeit verlängert wird, während welcher wir unsere Truppen durch Zufuhr aus Deutschland zu verpflegen haben, so müssen wir Gewicht darauf legen, daß uns diese Verpflegung erleichtert wird. Ich müßte daher vor allem als Bedingung des Waffenstillstandes die Übergabe der Festungen Straßburg, Toul und Bitsch verlangen.« »Das hieße uns wehrlos machen!« rief Jules Favre zitternd. »Das glaube ich nicht,« erwiderte Graf Bismarck, »diese Bedingung würde uns vielmehr in die Lage setzen, die Zeit des Waffenstillstandes in ähnlicher Weise für uns nutzbar zu machen, wie Sie das für die Organisation Ihrer Verteidigung zu tun imstande wären. Was nun die Festungen betrifft,« fuhr er fort, »so würde ich bei Seiner Majestät dem Könige befürworten, den Besatzungen von Toul und Bitsch freien Abzug zu gewähren. Was Straßburg betrifft, so ist die Krönung des Glacis vollendet, die Einnahme des Platzes steht in kurzer Zeit bevor, und diese militärische Situation legt mir die Pflicht auf, zu verlangen, daß die Besatzung von Straßburg die Waffen streckt.« Jules Favre zuckte zusammen, er preßte einen Augenblick die Hände vor die Stirn, dann sprang er auf und rief: »Herr Graf, Sie sprechen zu einem Franzosen! Die heldenmütige Besatzung von Straßburg erregt die Bewunderung Frankreichs, die Bewunderung der ganzen Welt. Diese Besatzung zu opfern, das wäre eine Feigheit, welche der jetzigen Regierung für alle Zeiten einen unauslöschlichen Flecken anheften würde. Ich kann Ihnen nicht versprechen, diese Bedingung meinen Kollegen auch nur mitzuteilen.« Graf Bismarck schwieg einen Augenblick. Die schmerzliche Erregung des Herrn Jules Favre schien eine Empfindung des Mitgefühls in ihm zu erwecken. Mit einem sanfteren Ton sprach er: »Ich habe wahrlich nicht die Absicht, Ihre Gefühle zu kränken oder Frankreich zu erniedrigen, – ich habe mir schon vorhin erlaubt zu bemerken, daß die Gegenstände unseres Gesprächs in hohem Grade dem Gebiet der Realität angehören. Für die gegenwärtige Situation sind vor allem die Gesetze des Krieges maßgebend, die Frage der Ergebung der Besatzung von Straßburg ist eine militärische. Wenn – was ich indes nicht versprechen kann – der König einwilligt, so kann diese Bedingung modifiziert werden.« Jules Favre setzte sich wieder nieder und verharrte einige Augenblicke, in sich zusammengesunken, in düsterem Schweigen. »Kommen wir zu Ende,« sagte er dann, »damit unsere gegenseitigen Auffassungen heute wenigstens ganz klar festgestellt werden. Es handelt sich bei dem Waffenstillstand wesentlich noch darum, Paris zu verproviantieren, damit die Versammlung und Beratung der Nationalversammlung in der Hauptstadt des Landes nicht unter dem Druck der Entbehrung und des Hungers sich vollziehe. Ich setze voraus, daß Sie gegen diese Bedingung nichts zu erinnern haben werden.« »Paris,« erwiderte Graf Bismarck, »hat sich selbst für eine Festung und einen Waffenplatz erklärt und hat damit, wie Sie einräumen werden und ganz Europa anerkennen muß, jeden Anspruch auf die Berücksichtigung aufgegeben, welche eine offene Stadt, welche namentlich die Hauptstadt des Landes in jedem Kriege zwischen zivilisierten Nationen für sich zu verlangen berechtigt ist. Paris ist heute für uns nur noch eine Festung, und die einzige Möglichkeit, diese so riesenhaft ausgedehnte Festung einnehmen zu können, beruht für uns in dem Aushungern derselben. Die Einschließung von Paris,« fuhr er fort, »ist vollendet, und die Kapitulation der Stadt ist daher nur eine Frage der Zeit. Wenn wir die Verproviantierung des Platzes gestatten, so schieben wir die Frist für diese Übergabe auf lange hinaus, während ringsumher im Lande sich Armeen organisieren und zum Entsatz heranrücken können; dadurch wird unsere militärische Position so wesentlich verschlechtert, daß ich auch hier wieder besondere Garantien fordern muß. Ich bin daher bereit, die Zufuhr nach Paris vollständig frei zu lassen, wenn uns ein dominierender Teil der Festungswerke eingeräumt wird, durch den wir in die Lage kommen, jeden später versuchten Widerstand zu brechen.« Abermals fuhr Jules Favre empor, gewaltsam aber unterdrückte er seine Bewegung und sprach: »Also sollte die Nationalversammlung Frankreichs unter der Mündung preußischer Kanonen beraten? Nein, Herr Graf, auch diese Bedingung kann ich nicht annehmen, auch diese Bedingung kann ich kaum meinen Kollegen mitteilen.« »Dann,« fuhr Graf Bismarck fort, »können wir unsererseits nicht in die Aufhebung der Absperrung von Paris willigen, dem Waffenstillstand muß dann die Beibehaltung des militärischen status quo vor Paris zugrunde gelegt werden.« »Erlauben Sie mir also,« sagte Jules Favre, erschöpft aufatmend, »kurz die Grundzüge unserer Erörterung zu resümieren. Ich muß die Einräumung eines Teils der Befestigungen von Paris bestimmt ablehnen, ebenso die Kriegsgefangenschaft der Besatzung von Straßburg. Dagegen aber bin ich bereit, über den Waffenstillstand auf Grundlage der Aufrechterhaltung des militärischen status quo vor Paris die Meinung meiner Kollegen einzuholen.« Graf Bismarck neigte zustimmend den Kopf. »Ich habe,« sagte er, »Ihnen in unserer heutigen Unterredung nur diejenigen Gesichtspunkte ausgesprochen und die Bedingungen formuliert, welche sich für mich aus meiner Anschauung der Verhältnisse ergeben. Ich werde über die Sache Seiner Majestät dem König Vortrag halten, dessen Befehle einholen und Ihnen dessen definitiven Entschluß dann mitteilen.« Jules Favre stand auf. »Ich hoffe,« sagte er, »daß bis dahin nicht zuviel Zeit vergehen wird.« Man hörte eine starke Bewegung und lautes Pferdegetrappel vor dem Schloß. »Ich glaube,« sagte Graf Bismarck, »daß Seine Majestät soeben ankommt. Es ist sehr spät geworden, ich werde heut abend den König nicht mehr sehen können. Sie werden ohnehin auch der Ruhe bedürfen, und ich werde morgen in der Frühe – denn Seine Majestät ist sehr matineux – über unsere Unterredung Bericht erstatten und Ihnen die Allerhöchste Entscheidung mitteilen. Der Schlaf wird Ihnen wohltun nach den Anstrengungen dieses Tages,« fügte er mit wohlwollender Freundlichkeit hinzu, »und ich hoffe und wünsche von Herzen, daß Sie hier eine gute Nacht haben werden.« »Sie haben auf das beste für mich gesorgt,« erwiderte Jules Favre, »könnte der Schlaf mich das Unglück meines Landes vergessen lassen!« Er verließ, von dem Grafen Bismarck bis zur Tür begleitet, das Zimmer. »Er ist ein ehrlicher Mann,« sagte Graf Bismarck, ihm gedankenvoll nachblickend, »aber ich werde mit ihm zu keinem Abschluß kommen, denn er ist durchdrungen von der naiven Illusion, welche durch ganz Frankreich geht, daß wir nur gegen den Kaiser Napoleon Krieg geführt hätten und zufrieden sein müßten, denselben besiegt zu haben. Er kann es nicht fassen, daß Frankreich niedergeworfen sei und auch das Schicksal des Krieges ertragen müsse, das es uns stets so rücksichtslos auferlegt hat. Wir sind noch nicht am Ende,« sprach er ernst und traurig weiter, »das blutige Werk muß noch fortgeführt werden, denn diesmal sollen sie es empfinden, daß man Deutschland nicht ungestraft angreift, und ich bin den künftigen Generationen dafür verantwortlich, daß all dies Blut nicht umsonst vergossen sei. Nun,« rief er mit voller, durch das Gemach klingender Stimme, »ich stehe auf dem Platz und werde stets bereit sein, einst vor dem Richterstuhl der Geschichte zu erscheinen!« Er ging hinaus und begab sich nach der für ihn eingerichteten Wohnung, wo ihn Herr von Keudell und der Graf von Hatzfeld erwarteten, mit denen er noch lange arbeitete in unermüdlicher, eiserner Anstrengung, bis er spät in der Nacht, fast der letzte von allen Bewohnern des Schlosses, sich zur Ruhe begab. Viertes Kapitel Während der König Wilhelm mit dem großen Generalstab und dem Grafen von Bismarck sein Hauptquartier in Ferrières bezog, war in Meaux, von wo das große Hauptquartier soeben abgegangen und welches dicht von preußischen Truppen besetzt war, ein einfaches Fuhrwerk mit einem schwer ermüdeten Pferde vor dem Hause des Maire der Stadt, des Herrn Geoffrey, vorgefahren. Aus diesem Fuhrwerk stieg ein Mann in grauem Reisekostüm, drang durch das von preußischen Ordonnanzen und Einwohnern von Meaux dicht gefüllte Vestibül und trat in das Vorzimmer, in welchem mehrere Schreiber beschäftigt waren, die durch die feindliche Okkupation unendlich vermehrten und vervielfachten laufenden Geschäfte zu erledigen. Der Angekommene verlangte mit allen Zeichen heftiger und unruhiger Aufregung sogleich in einer Sache, die keinen Aufschub ertrage und von der höchsten Wichtigkeit sei, den Maire zu sprechen. Nach einigen Verhandlungen entschloß sich der erste Schreiber, dem das Äußere des Fremden, seine Haltung und seine Sprache die Bürgschaft zu geben schienen, daß er es mit einem Mann von respektabler Lebensstellung zu tun habe, in das Kabinett des Maire zu gehen, um den Angekommenen zu melden, und nach einigem weiteren Zögern wurde derselbe durch das Bureau in das hintere Zimmer geführt, in welchem Herr Geoffrey, ein ernst und würdig blickender Mann, hinter einem mit zahllosen Papieren bedeckten Schreibtisch saß. Er begrüßte den Eintretenden mit einer kurzen, etwas mürrischen Neigung des Kopfes, blickte ihn prüfend an und schien ebenfalls durch seine Erscheinung für ihn eingenommen zu sein, denn mit etwas milderem und höflicherem Ausdruck, aber immer noch in kaltem, abwehrendem Ton sagte er: »Ich setze voraus, mein Herr, daß Sie mich wirklich in einer Sache von äußerster und dringendster Wichtigkeit zu sprechen wünschen, – diese traurige Zeit häuft eine solche Überlast von Geschäften auf mich, daß ich in der Tat keinen Augenblick übrig habe.« »Ich komme,« sagte der Fremde, »in der dringendsten und wichtigsten Angelegenheit, welche es in diesem Augenblick geben kann. Ich muß sofort und auf das schnellste nach dem Hauptquartier des Königs von Preußen, das ich noch hier vermutete, – das aber –« »Eben nach Ferrières verlegt worden ist,« fiel der Maire mit etwas ungeduldigem Ton ein. »So muß ich sogleich nach Ferrières!« rief der Fremde. Jede Minute Zögerung kann verhängnisvoll werden für die Zukunft Frankreichs. Sie müssen mir eiligst einen Wagen schaffen. Der Maire blickte den Fremden voll Verwunderung forschend an, es schien einen Augenblick der Gedanke in ihm aufzusteigen, daß er es mit einem Mann zu tun habe, dessen Verstandestätigkeit nicht in vollkommen regelmäßiger Funktion sich befände. »Einen Wagen, mein Herr?« fragte er. »Das ist keine leichte Sache. Ich weiß nicht, ob in ganz Meaux ein einziges Pferd verfügbar ist. Alle Fuhrwerke sind von der deutschen Truppenverwaltung requiriert, und jedenfalls gehört es nicht zu meinen Funktionen –« Der Fremde trat ganz nahe an den Schreibtisch heran und sprach, sich zu Herrn Geoffrey hinüberbeugend: »Ich bin überzeugt, mein Herr, daß Ihnen, wie jedem guten Franzosen, daran liegen muß, unserem armen Vaterland so schnell wie möglich den Frieden die Ruhe und geordnete Zustände wiederzugeben, – wohlan, ich bin imstande, dies alles zu schaffen, und von der schnellen, ungesäumten Fortsetzung meiner Reise hängt der Erfolg meiner Schritte ab. Mein Name ist Regnier,« fuhr er fort, während der Maire ihn noch immer verwundert und zweifelnd ansah, – »ich komme unmittelbar von Hastings, – hier meine Beglaubigung.« Er zog ein großes Briefkuvert aus der Tasche und zeigte Herrn Geoffrey die Photographie mit der Unterschrift des kaiserlichen Prinzen, welche er von Herrn Fillion erhalten hatte. Der Maire warf einen Blick auf dies Bild und die darunter stehenden Zeilen. Eine lebhafte Bewegung zeigte sich in seinem Gesicht. »Und Sie wollen –?« fragte er. »Ich will, – ich muß, –« rief Herr Regnier, »ohne jeden Verzug in das preußische Hauptquartier! Ich will den Frieden herstellen zwischen dem Kaiser und dem König von Preußen. Ich bin überzeugt, daß es mir gelingen wird, die Greuel und Leiden des Krieges aufhören zu machen und Frankreich den Händen jener Wahnsinnigen zu entreißen, welche in diesem Augenblick ohne jedes Recht sich die Regierung der nationalen Verteidigung nennen und unser armes Vaterland, das schon so schwer gebeugt ist, dem vollkommenen Ruin zuführen werden.« »Oh, mein Herr,« rief Geoffrey, indem er schnell aufsprang und die Hand auf die Schulter des Herrn Regnier legte, »wenn Sie das könnten –« »Ich kann es!« rief Herr Regnier, »meine Überzeugung, meine Zuversicht steht felsenfest, wenn ich nur diesem unseligen Jules Favre zuvorkommen kann, der von der Pariser Regierung in das feindliche Hauptquartier abgesandt ist.« »Jules Favre ist vor kurzem hier durchgekommen,« sagte der Maire, »er hat, wie mir erzählt worden, den Grafen Bismarck unterwegs getroffen und muß jetzt auf den Weg nach Ferrières sein.« »O, mein Gott,« rief Herr Regnier, indem er auf einen Stuhl sank und das Gesicht mit den Händen bedeckte, »sollte ich zu spät gekommen sein? Aber,« fuhr er fort, »um Gottes willen, ich muß fort, vielleicht kann ich ihm doch noch zuvorkommen!« »Ich werde alles tun,« sagte Herr Geoffrey, »um Ihnen einen Wagen zu schaffen, der Sie nach Ferrières bringen soll; – wenn Sie nicht aufgehalten werden –« »Man wird mich nicht aufhalten,« rief Herr Regnier, »der gute Genius Frankreichs schwebt über mir. Ein einzelner Mann, der offen auf der Landstraße dahinfährt, wird niemandem verdächtig sein.« »Warten Sie einen Augenblick,« fagte Herr Geoffrey, »ich werde tun, was möglich ist, um Sie zu befördern.« Er ging hinaus und kehrte nach einiger Zeit wieder zurück, um Herrn Regnier die Nachricht zu bringen, daß es ihm noch gelungen sei, ein kleines Fuhrwerk aufzutreiben, welches ihn nach Ferrières bringen werde. »Dann brachte er selbst eine Flasche Wein, Brot und ein Stück kalten Geflügels. »Das ist alles, was ich Ihnen in einer Zeit bieten kann, in welcher die einfachsten Nahrungsmittel zu seltenen Kostbarkeiten geworden sind.« Als Herr Regnier hastig einige Bissen gegessen hatte, meldete einer der Schreiber, daß der bestellte Wagen bereitstände. Herr Regnier verabschiedete sich unter herzlichen Danksagungen von dem Maire und bestieg den kleinen, offenen Wagen, auf welchem ein Mann in der Bauerntracht der Umgegend saß, und vor welchen ein großes, starkes Pferd gespannt war, das jedoch mit allen Zeichen der Ermüdung den Kopf hängen ließ. Der Wagen fuhr durch die mit Truppen gefüllten Straßen von Meaux. Niemand hielt ihn auf. Man mochte diesen so anständig und unverdächtig aussehenden Mann, der von dem Hause der Mairie abfuhr, für einen Gutsbesitzer der Umgegend halten. Als sie vor der Stadt auf der offenen Landstraße angekommen waren, ging das Pferd, das bisher in kurzem Trabe gelaufen war, im Schritt. »Vorwärts, mein lieber Freund, vorwärts!« rief Herr Regnier. »Ich will Euch das Doppelte, das Dreifache geben, aber treibt Euer Pferd an, daß es mich schnell nach Ferrières bringt.« »Unmöglich,« sagte der Wagenführer achselzuckend, »das Pferd ist seit mehreren Tagen fast immer im Gang, und hat kaum Viertelsrationen gefressen. Es wird zusammenbrechen, wenn es anders als im Schritt zu gehen gezwungen wird. »Ich zahle Euch seinen vierfachen Wert!« rief Herr Regnier mit vor Ungeduld funkelnden Blicken. »Dafür würde ich mir jetzt kein anderes Pferd anschaffen können,« erwiderte der Mann, »und Ihnen würde auch wenig damit gedient sein, mein Herr, denn wenn das Tier zusammen bricht, werden Sie nicht nach Ferrières kommen.« »Das ist wahr,« sagte Herr Regnier, »also laßt es im Schritt gehen, vorausgesetzt, daß wir dann ankommen.« Er schlug die Arme übereinander und lehnte sich an die harte, unbequeme Rückwand des Wagens. Der Abend dunkelte herein, – die Nacht stieg herauf. In langsamem Schritt zog das müde Pferd den kleinen Wagen auf der Straße dahin, während der Geist dieses Mannes, der über den Kanal gekommen war, um das Schicksal Frankreichs zu wenden, sich in fieberhafter Unruhe zerarbeitete, während seine brennenden Blicke, dem weißen Strich der Landstraße folgend, nach dem Horizont hinstarrten, um das Ziel seiner Fahrt zu entdecken, das immer und immer nicht erscheinen wollte. Hin und wieder wurde er von preußischen Posten angerufen, auf seine Erklärung aber, daß er nach dem Hauptquartier wolle, um den Grafen Bismarck zu sprechen, immer wieder vorbeigelassen. Endlich stieg die Morgensonne wieder am Himmel empor, und in ihren Strahlen zeigten sich bald die hohen Bäume des Parks und die weithin sichtbaren Türme des Schlosses des Barons von Rothschild. »Das ist Ferrières,« sagte der Fuhrmann, mit der Spitze seiner Peitsche dorthin deutend, »dort werde ich hoffentlich Futter für mein armes Pferd finden.« »Endlich!« rief Herr Regnier, tief aufatmend. Und er ließ das lang ersehnte Ziel seiner Fahrt nicht mehr aus den Augen, indem er sich in zitternder Unruhe hin und her bewegte, als könne er dadurch das langsam dahinrollende Gefährt schneller vorwärts bringen. Wie aber alles ein Ende nimmt, auch die von ungeduldiger Erwartung zu Stunden verlängerten Minuten, so kam auch das hochragende Schloß von Ferrières immer näher heran. Deutlich zeichnete sich bald im glänzenden Morgenlicht die Architektur der Türme, – noch eine Viertelstunde und in schnaufenden Atemzügen die Flanken bewegend, hielt das ermüdete Pferd vor der Säulenhalle des Schlosses an. Herr Regnier sprang vom Wagen, zog eine Handvoll Goldstücke aus seiner Börse und reichte dieselben dem mit vergnügtem Lächeln dankenden Fuhrmann, der sich alsbald entfernte, um ein Unterkommen und das langersehnte Futter für sein Pferd zu suchen. Herr Regnier trat in die Halle des Schlosses, setzte dort seinen Reisekoffer nieder und fragte eine der zum Dienst bereitstehenden Ordonnanzen nach dem Sekretär oder Adjutanten des Grafen Bismarck, den er in dringender Angelegenheit zu sprechen wünsche. Der Soldat wies ihn in ein Zimmer des Erdgeschosses, in welchem an mehreren Tischen Schreiber saßen, die mit derselben Ruhe, derselben Pünktlichkeit und Ordnung wie in der Wilhelmsstraße zu Berlin die Expeditionen erledigten. Ein großer, schlanker Mann von vornehmer Haltung trat ihm entgegen und fragte ihn mit kalter, ruhiger Höflichkeit nach seinen Wünschen. »Ich habe den dringenden Wunsch,« erwiderte Herr Regnier, »womöglich sogleich, ohne jede Verzögerung, seine Exzellenz den Grafen Bismarck zu sprechen. Mein Name ist Regnier, ich komme unmittelbar von Hastings.« Der Herr, welcher ihn empfangen hatte, blickte Herrn Regnier prüfend an und erwiderte dann in reinem, akzentlosem Französisch, indem er sich artig verneigte: »Ich bin der Legationsrat Graf Hatzfeld, – ich glaube nicht, daß Seine Exzellenz der Graf Bismarck imstande sein wird, Sie zu empfangen. Er hat Herrn Jules Favre gesprochen, befindet sich jetzt bei Seiner Majestät dem König und hat Herrn Favre abermals um elf Uhr hierher beschieden, – indessen, wenn Sie von Hastings kommen –« »Direkt von Hastings,« fiel Herr Regnier ein, »und ich glaube, daß es für den Grafen Bismarck von Interesse sein möchte, mich zu sprechen, bevor er Herrn Favre eine definitive Antwort gibt.« Graf Hatzfeld verneigte sich und sprach: »Ich werde den Herrn Ministerpräsidenten jedenfalls benachrichtigen. Wollen Sie die Güte haben,« fuhr er fort, »mir nach meinem Zimmer zu folgen, wo Sie die Entscheidung besser abwarten können als hier.« Er führte Herrn Regnier nach einem in der Nähe liegenden Zimmer, ersuchte ihn, sich in einem großen und bequemen Lehnstuhl von der Reise auszuruhen, und schrieb einige Zeilen. »Wollen Sie mich nach einigen Augenblicken erwarten,« sagte er dann, ging hinaus und kehrte nach kurzer Zeit, welche Herr Regnier in unruhiger Erwartung verbrachte, wieder zurück, um demselben mitzuteilen, daß der Graf Bismarck von seiner Ankunft in Kenntnis gesetzt sei. Nach einer Unterhaltung von etwa fünf Minuten, welche von den Herren in allgemeinen Bemerkungen geführt wurde, um die Zeit auszufüllen, wurde die Tür rasch geöffnet, und Graf Bismarck in dem blauen Kampagne-Überrock mit dem gelben Kragen seines Kürassierregiments trat schnellen Schrittes ein. Herr Regnier und Graf Hatzfeld erhoben sich. Graf Bismarck begrüßte Herrn Regnier durch eine leichte Verbeugung und blickte ihn aus seinen klaren, grauen Augen scharf und forschend an, als suche er in seinen Erinnerungen, ob ihm dies Gesicht jemals begegnet sei. »Sie kommen von Hastings, mein Herr,« fragte er, »und haben mir Mitteilungen zu machen?« »Ich komme unmittelbar und ohne Aufenthalt von dort,« erwiderte Herr Regnier, »und bin glücklich, daß ich so schnell die Ehre habe, vor Eurer Exzellenz zu stehen.« »Ihre Reise muß schwierig und beschwerlich gewesen sein,« sagte Graf Bismarck in artigem Konversationston, indem er fortwährend Herrn Regnier musterte, der seine prüfenden Blicke ruhig erwiderte. »Es fehlte überall an Kommunikationsmitteln,« sagte er, – »das war die Hauptschwierigkeit, die sich meinem Kommen entgegenstellte und meine Ankunft zu meinem tiefen Bedauern verzögert hat. Die preußischen Truppen haben mir nirgends ein Hindernis in den Weg gelegt, sobald ich ihnen erklärte, daß ich Eure Exzellenz zu sprechen wünschte.« »Zu unserem Hauptquartier hineinzugelangen,« sagte Graf Bismarck lächelnd, »ist nicht so schwer. Die Vorpostenkette rückwärts zu überschreiten, würde Ihnen vielleicht nicht ganz so leicht werden, – indessen,« fuhr er fort, »Sie haben mir Mitteilungen zu machen, – ich bin bereit, Sie anzuhören. Ich habe noch einige Zeit bis zur Ankunft des Herrn Jules Favre,« fügte er mit einem scharfen Blick auf Herrn Regnier hinzu, welcher bei diesen Worten leicht zusammenzuckte, »Graf Hatzfeld wird die Güte haben, Sie zu mir zu führen und sodann auch für Ihr Unterkommen und Ihre Pflege so gut als möglich Sorge zu tragen.« Leicht das Haupt neigend, verließ er das Zimmer. Graf Hatzfeld ordnete an, daß die Effekten des Herrn Regnier vorläufig zu ihm gebracht würden, und ersuchte denselben dann, ihm zu dem Minister zu folgen. Graf Bismarck war inzwischen die Treppe zum ersten Stockwerk hinaufgestiegen und hatte sich in sein mit aller Pracht des Rothschildschen Schlosses ausgestattetes Arbeitszimmer begeben, in dessen Mitte ein großer, mit Papieren bedeckter Tisch stand, an dessen Seiten zahlreiche, verschließbare Mappen angelehnt waren; – erbrochene Briefkuverts und zerrissene Papierstücke lagen auf dem Boden. Eine Chaiselongue stand vor dem Schreibtisch, ein Lehnstuhl derselben gegenüber. »Ich habe diesen Mann nie gesehen,« sagte der Graf, indem er sinnend vor seinem Schreibtisch stehen blieb, »und doch kenne ich so ziemlich die meisten Personen der kaiserlichen Umgebung, diejenigen besonders, denen man in diesem Augenblick eine so wichtige Mission anvertrauen möchte, – sollte das eine Mystifikation – eine Falle sein? – Es ist freilich so natürlich, daß von dorther eine Botschaft kommt. Ich bin erstaunt gewesen, daß die Kaiserin kein Lebenszeichen von sich gegeben, nachdem Napoleon mich an die Regentschaft verwiesen hat, – auch macht der Mann keinen schlechten Eindruck. Sein Äußeres ist vertrauenerweckend, – indes,« fügte er hinzu, »Vorsicht kann nicht schaden. Der Fanatismus ist angeregt, und ich habe keine Neigung, mein Leben in dieser Weise auszusetzen. Er nahm vom Tisch einen schön gearbeiteten, achtläufigen Revolver, spannte den Hahn und prüfte die Zündhütchen auf den Läufen. Dann legte er die Waffe auf seine Chaiselongue und deckte ein Taschentuch darüber. Kaum war dies geschehen, so öffnete nach einem kurzen Klopfen der Graf Hatzfeld die Tür, führte Herrn Regnier ein und ließ denselben mit dem Bundeskanzler allein. Graf Bismarck lud Herrn Regnier ein, auf dem Lehnstuhl neben seinem Schreibtisch Platz zu nehmen, setzte sich selbst auf die Chaiselongue und erwartete ruhig die Anrede desjenigen, der sich als einen Boten von Hastings bei ihm eingeführt hatte. Herr Regnier zog aus seiner Tasche die photographische Ansicht von Hastings mit der Unterschrift des kaiserlichen Prinzen und überreichte das Blatt dem Grafen Bismarck. Dieser nahm dasselbe, las langsam, genau die Schriftzüge prüfend, die darunter geschriebenen Worte, legte dann das Bild auf den Tisch und blickte Herrn Regnier schweigend und erwartungsvoll an. Dieser schien ein wenig aus der Fassung zu kommen und sprach: »Ich habe mich hierher begeben, um Eurer Exzellenz die Bitte auszusprechen, mir einen Geleitschein zu geben, welcher mir die Möglichkeit gewährt, unverzüglich nach Wilhelmshöhe zu gehen, um die Ansicht des Kaisers Napoleon über einen möglichen Friedensabschluß einzuholen und zugleich dessen Autorisation zu den Verhandlungen über denselben zu erbitten.« Graf Bismarck saß einige Augenblicke schweigend da. Dann nahm er noch einmal das Bild, wie es schien, mehr um seine Gedanken zu fixieren, als um die Schrift unter demselben zu prüfen, und sprach: die Augen fest auf Herrn Regnier richtend: »Diese Beglaubigung, mein Herr, ist ein wenig allgemein, – indessen, davon will ich in diesem Augenblick ganz absehen. Wenn Sie von Hastings kommen, so setze ich voraus, daß Sie die Lage der Dinge, – daß Sie unsere Situation vollständig kennen und richtig würdigen. Uns sind die schweren Opfer eines großen Krieges aufgedrungen worden, der Sieg ist auf unserer Seite; – unsere erste Aufgabe, unsere dringendste Pflicht ist es, aus diesem Siege dauernde Vorteile zu ziehen und uns zu sichern, daß wir für eine lange Zukunft keinen neuen Krieg mit Frankreich zu führen haben. Die dazu notwendigen Garantien können aber nur durch eine Veränderung der französischen Grenzen gewonnen werden, und auf einer solchen zu bestehen, ist daher für uns unumgänglich notwendig.« Herr Regnier neigte schweigend den Kopf, als erkenne er die Notwendigkeit dieser harten Bedingung an. »Nun wohl, mein Herr,« fuhr Graf Bismarck fort, »unter dem notwendigen Gebot dieser Pflicht gegen Deutschland befinden wir uns in bezug auf einen möglichen Frieden in einer äußerst schwierigen Lage. Wir stehen zwei französischen Regierungen gegenüber, eine derselben ist diejenige des Kaisers, welche völkerrechtlich zu bestehen nicht aufgehört hat, welche uns den Krieg erklärt und denselben bis jetzt geführt hat, und welche noch in diesem Augenblick von allen europäischen Mächten anerkannt ist.« »Ich bin glücklich, dies aus Ihrem Mund zu hören,« rief Herr Regnier lebhaft, indem er in schneller Bewegung die Hand gegen den Ministerpräsidenten ausstreckte, – »dies ist der Boden, auf welchem ich stehe und auf welchem die Zukunft nach meiner Überzeugung aufgebaut werden muß.« Graf Bismarck hatte bei der raschen Gestikulation des Herrn Regnier seine Hand dem neben ihm liegenden Taschentuch genähert und fuhr, ihn scharf fixierend, fort: »Diese völkerrechtlich anerkannte Regierung, mein Herr, hat aber in diesem Augenblick keine Gewalt in Frankreich. Wir befinden uns vielmehr einer anderen Regierung gegenüber, welche tatsächlich befiehlt und deren Befehlen fast alle Autoritäten des Landes gehorchen, obwohl dieselbe kein anderes Recht des Bestehens hat, als ihre eigene Selbsteinsetzung, und obwohl sie ebenso, wie sie aus einer Straßenbewegung in Paris entstand, durch eine solche wieder in das Nichts zurücksinken kann. Sie werden mir zugeben, mein Herr,« sprach er weiter, »daß es jedenfalls für mich schwer, ja beinahe unmöglich ist, mit einer oder der anderen von diesen Regierungen zu verhandeln, und auch die neutralen Mächte, deren Vermittlung man ja von Paris aus so eifrig nachsucht, befinden sich diesem Zustand gegenüber in gleicher Verlegenheit und würden sehr erfreut sein, wenn hierin eine Klärung einträte.« »Darum,« rief Herr Regnier, »bin ich gekommen! Wenn meine Gedanken ausgeführt werden, so wird die Situation bald wieder vollkommen klar werden. Die Kaiserin Regentin –« »Die Kaiserin«, fiel Graf Bismarck ein, »hat Frankreich verlassen, und wir haben hier nicht das Geringste von ihr gehört. Ich bin ein wenig befremdet gewesen,« fuhr er fort, »daß die kaiserliche Regierung so vollständig und so schnell ihre Position aufgegeben hat, ich meinerseits hätte gern mit derselben Frieden geschlossen. Ich habe nach der Einnahme von Sedan den Kaiser darüber gefragt, er lehnte aber jede Erklärung ab und verwies mich an die von ihm eingesetzte Regentschaft. Ich habe dem Grafen Castelnau und auch Pietri gegenüber andeutende Worte fallen lassen, hätte man dieselben verstanden, so hätte es zu Verhandlungen und vielleicht damals schon zu definitivem Abschluß kommen können. Man hat mich, wie es scheint, nicht verstehen wollen, und dadurch ist die gegenwärtige Situation herbeigeführt worden, bei welcher die kaiserliche Regierung wahrlich nichts gewonnen hat, welche uns aber die Verpflichtung auferlegt, vor allen Dingen, je weniger die Zustände Frankreichs eine völkerrechtliche Festigkeit bieten, um so mehr auf materiellen Garantien zu bestehen, welche uns jeder möglichen französischen Regierung gegenüber für unsere Interessen Sicherheit bieten.« »Und glauben Eure Exzellenz,« fragte Herr Regnier, indem er mit angstvoller Spannung in das Gesicht des Grafen Bismarck blickte, »diese Garantien von der gegenwärtigen Regierung in Paris erlangen zu können?« »Wir werden sie vor allem«, erwiderte Graf Bismarck ruhig, »durch uns selbst erhalten müssen, indem wir nehmen, was wir bedürfen, und festhalten, was wir haben. Die Pariser Regierung hat Herrn Jules Favre zu mir gesendet –« »Und Eure Exzellenz haben mit ihm über den Frieden verhandelt?« fragte Regnier. »Die Pariser Regierung«, erwiderte Graf Bismarck, ohne auf die gestellte Frage direkt zu antworten, »scheint nicht geneigt zu sein, Gebietsabtretungen zu bewilligen. Sie kann das auch wohl eigentlich nicht, da sie selbst den Mangel einer genügenden Legitimation empfindet, sie schlägt uns daher einen Waffenstillstand vor, um während der Dauer desselben das französische Volk eine konstituierende Versammlung wählen zu lassen und derselben die Frage des Friedensschlusses vorzulegen. Ich muß Ihnen sagen, mein Herr,« fuhr er in leichtem Ton fort, »daß ich wohl Lust habe, darauf einzugehen; wenn Metz und die übrigen belagerten Festungen sich ergeben haben, was in kurzer Zeit der Fall sein muß, so haben wir fast sechsmalhunderttausend Mann in Frankreich, die den Winter über hier bleiben und sehr gut verpflegt werden können. Wir haben also vollständig die Zeit, um abzuwarten, bis Frankreich uns gegenüber durch eine Regierung vertreten wird, die sowohl das Recht, das heißt, die Wahl durch den Volkswillen, als auch die faktische Gewalt besitzt und mit der wir uns in völkerrechtliche Unterhandlungen einlassen können. Dann wird es auch Zeit sein, unsererseits unsere Bedingungen über den Friedensschluß bestimmt zu formulieren, für jetzt würde das nur zu unnützen und resultatlosen Debatten führen, und ich muß mich daher jeder Negoziation von der einen wie von der anderen Seite gegenüber darauf beschränken, das Prinzip von Gebietsabtretungen, welche zum Schutz Deutschlands notwendig sind, als die unumgängliche Grundlage jedes möglichen Friedensschlusses zu bezeichnen.« Herr Regnier hatte mit scharfer Aufmerksamkeit den Worten des preußischen Ministerpräsidenten zugehört. Ein Strahl der Hoffnung leuchtete in seinem Gesicht auf. Er sah, daß ein Abschluß mit der Pariser Regierung nicht erfolgt war und daß an einen solchen auch zunächst nicht zu denken sei. Er hatte also das Wichtigste gewonnen, was in solchen Augenblicken zu gewinnen ist: die Zeit. »Ich möchte mir erlauben, Eurer Exzellenz zu bemerken,« sprach er in ruhigerem und kälterem Ton als vorher, »daß nach meiner Ansicht die Kaiserin allerdings den Fehler gemacht hat, daß sie nicht, nachdem sie gezwungen war, Paris zu verlassen, in Frankreich geblieben, oder daß sie nicht wenigstens, nachdem sie sich mit ihrem Sohn vereinigt, dahin zurückgekehrt ist. Ich glaube indes, daß dabei für Ihre Majestät die Furcht maßgebend gewesen sei, man möchte ihr vorwerfen, sie hätte im Interesse ihrer Dynastie die nationale Verteidigung gehindert oder zersplittert. »Ich mache Ihrer Majestät keinen Vorwurf,« sagte Graf Bismarck, »was versäumt ist, ist versäumt. Die Vergangenheit gehört der Geschichte, wir haben es nur mit der Gegenwart zu tun, lassen Sie uns daher von der Gegenwart sprechen.« »Ich möchte«, erwiderte Herr Regnier, »in einem Punkt zu widersprechen mir erlauben. Ich glaube, daß vielleicht vieles, wenn nicht alles, von dem, was versäumt ist, wieder nachgeholt werden könnte. Die Kaiserin kann heute noch nach Frankreich zurückkehren, es gibt noch Teile des französischen Gebiets, auf welchen man sie mit Enthusiasmus empfangen würde, und jedenfalls würde sie auch auf einem Schiff der Flotte auf französischem Boden sein. Von dort aus könnte sie sich an das französische Volk wenden und auch Verhandlungen einleiten, welche jedenfalls als völkerrechtlich gültig anerkannt werden müßten.« »Aber welche praktischen Folgen könnten solche Verhandlungen haben?« fiel Graf Bismarck ein. »Eure Exzellenz«, erwiderte Herr Regnier, »haben vorhin ausgesprochen, daß die gegenwärtige Regierung von Paris die faktische Gewalt in Händen habe, weil die französischen Autoritäten ihren Befehlen gehorchen; – welche Autoritäten aber sind dies? Die Präfekten und die Maires, – ich glaube nicht, daß diese Autoritäten für Eure Exzellenz und für die möglichen Friedensverhandlungen in Betracht kommen können. Bei der Frage, über welche ich die Ehre habe, mich mit Ihnen zu unterhalten, fallen überhaupt nur noch zwei Autoritäten ins Gewicht, dies ist der Marschall Bazaine und der General Uhrich, welche die beiden bedeutendsten Waffenplätze des Landes in Händen halten und zugleich über die einzigen noch streitbaren Armeen verfügen. Diese beiden Autoritäten, Exzellenz, gehören, wie ich glaube, der kaiserlichen Regierung, welche sie auf ihre Posten gestellt hat und in deren Namen sie dieselben verteidigen. Wenn der Marschall Bazaine und der General Uhrich im Namen des Kaisers kapitulierten, so würde die kaiserliche Regierung neben ihrem, von Eurer Exzellenz anerkannten Recht zugleich die einzige wirkliche und nachdrückliche Macht in Frankreich in ihren Händen halten und gewiß in der Lage sein, durch einen Friedensschluß Ihnen die nötigen Garantien zu gewähren, zugleich aber auch Frankreich bessere Bedingungen zu schaffen, als diejenigen sein werden, welche jene törichten und eigensinnigen Advokaten in Paris zuletzt werden annehmen müssen, nachdem sie dem Lande durch die verblendete Fortsetzung des Krieges noch schwere Opfer an Blut und Geld werden auferlegt haben.« Graf Bismarck dachte einen Augenblick nach. Die Bemerkungen des Herrn Regnier schienen ihn zu frappieren. »Ich erkenne an, mein Herr,« sagte er, »daß etwas Wahres in Ihren Worten liegt. Doch muß ich Ihnen sagen, daß nach meiner Unterredung mit Herrn Jules Favre die Regierung in Paris auf den Gehorsam und die Ergebenheit der Garnisonen von Metz und Straßburg mit Bestimmtheit zu rechnen scheint.« »Sie täuscht sich,« rief Herr Regnier, indem er heftig auffuhr und sich zum Grafen Bismarck hinüberneigte, der abermals seine Hand dem neben ihm auf dem Sofa liegenden Taschentuch näherte, – »sie täuscht sich, und zwar ganz gewiß in betreff Bazaines. Bazaine ist zu sehr Soldat, er ist dem Kaiser zu sehr ergeben, um sich den Befehlen von Gambetta und Jules Favre zu unterwerfen, welche gar keine Berechtigung, gar kein Mandat in seinen Augen haben.« »Das sind Möglichkeiten, mein Herr,« erwiderte Graf Bismarck, – »Hypothesen, die für mich keinen Anhaltspunkt, keine feste Grundlage bilden können. Ich wiederhole Ihnen, es ist viel versäumt, – wenn Sie eine Woche früher, wenn Sie nur einige Tage früher gekommen wären, – so wäre es vielleicht noch Zeit gewesen, – jetzt, fürchte ich, ist alles zu spät.« »Warum zu spät?« rief Herr Regnier,, »es ist nie zu spät für eine gute Sache, für die Ersparung von Blut und Menschenleben, und ich sehe nicht ein, daß sich die Situation wesentlich verändert hätte. Wenn Eure Exzellenz Zweifel über die Gesinnungen des Marschalls Bazaine und der noch existierenden Armee haben, so bitte ich Sie um die Erlaubnis, mich sogleich nach Metz begeben zu dürfen. Ich bin fest überzeugt, daß ich in kurzer Frist mit völlig genügenden und befriedigenden Erklärungen von dort zurückkehren werde.« Graf Bismarck blickte ihn einige Augenblicke scharf und durchdringend an. Er wollte eine Antwort geben, aber er hielt dieselbe zurück, zog seine Uhr hervor und sprach: »Die Zeit ist da, mein Herr, zu welcher ich Herrn Jules Favre zu empfangen habe. Ich bedaure, daß es mir jetzt unmöglich ist, unsere Unterredung fortzusetzen.« Er erhob sich. Herr Regnier stand ebenfalls auf und sagte, auf die Photographie des Prinzen mit der Unterschrift deutend: »Ich erlaube mir, dieses Blatt hier zu lassen und Eurer Exzellenz zugleich die erste Nummer der Situation des in London erscheinenden Blattes der kaiserlichen Partei, zu überreichen. Vielleicht wird es Sie interessieren, einen Blick auf dasselbe zu werfen.« Er legte die Zeitung neben die Photographie auf den Schreibtisch. Graf Bismarck schwieg einen Augenblick, dann sagte er: »Ich bitte Sie, mein Herr, wenn Sie nach Wilhelmshöhe kommen, Seiner Majestät dem Kaiser meine ehrfurchtsvollsten Huldigungen zu überbringen.« »Ich darf also hoffen,« sagte Herr Regnier strahlenden Blickes, »daß Eure Exzellenz meine Bitte um einen Geleitschein gewähren wollen, wenn Sie nicht vielleicht«, fügte er mit Betonung hinzu, »zuvor sich für meine Entsendung nach Metz entscheiden sollten. Ich bitte um Erlaubnis, am Abend meine Papiere und meinen Paß abholen und Eurer Exzellenz Lebewohl sagen zu dürfen.« Graf Bismarck verneigte sich schweigend, und Herr Regnier zog sich zurück. Im Vorzimmer fand er den Grafen Hatzfeld, welcher ihn erwartete, um ihn nach seinem Zimmer zurückzuführen. Als sie die Treppe hinabstiegen, begegneten sie Jules Favre, welcher kam, um sich die Entscheidung Über sein Gespräch vom Tage zuvor von dem Grafen Bismarck zu holen. Sie gingen unmittelbar aneinander vorüber, der Abgesandte der Todfeinde des Kaisers Napoleon, welche sich über seinem zusammengestürzten Thron als die Vertreter Frankreichs konstituiert hatten, und dieser eifrige Verteidiger des sinkenden Kaiserreichs, welcher mit aller Kraft eines begeisterten Fanatismus alle Hebel in Bewegung setzte, um den Lauf des Schicksals aufzuhalten und zugunsten dieser Dynastie zu wenden, die schon zweimal Frankreich auf den Gipfel der europäischen Größe geführt und zweimal in den flammenden Abgrund eines gewaltigen Völkerkrieges hinabgestürzt hatte. Jules Favre, der ernst und gebeugt die Treppe hinaufstieg, grüßte den Grafen Hatzfeld artig und streifte Herrn Regnier mit einem gleichgültigen Blick, während dieser dem Pariser Advokaten besorgt und angstvoll nachsah. Dann folgte er dem Grafen Hatzfeld in dessen Zimmer, wo dieser ihm ein Frühstück servieren ließ, das der Küche des Barons Rothschild alle Ehre machte und nicht an die einfachen Mahlzeiten erinnerte, welche an anderen Orten im königlichen Hauptquartier stattfanden. Jules Favre war inzwischen in das Kabinett des Grafen Bismarck geführt, der ihm artig entgegentrat und ihn, unter höflichen Erkundigungen nach seiner Unterkunft während der Nacht, auf demselben Lehnstuhl Platz nehmen ließ, welchen der Agent der kaiserlichen Sache soeben verlassen hatte. »Sie haben mich hierher beschieden, Herr Graf,« sagte Jules Favre mit dem Ausdruck unruhiger Spannung auf seinem bleichen, nervös bewegten Gesicht, »Sie haben mich hierher beschieden, um mir das Resultat Ihrer Erwägungen über unsere gestrige Unterredung mitzuteilen. Ich hoffe,« fügte er hinzu, »daß Sie bei näherem Nachdenken über die Sache die Gründe gebilligt haben, welche ich Ihnen für meine Anschauung anführte und welchen Sie gestern keine Berechtigung zugestehen wollten.« »Ich bin heute nicht mehr in der Lage,« erwiderte Graf Bismarck, »die Erörterungen fortzusetzen, welche wir gestern über die verschiedenen Auffassungen der Situation gehabt haben. Ich habe über unsere Unterredung ausführlich dem König Bericht erstattet, und Seine Majestät hat seine Entscheidung getroffen, über welche ich in eine weitere Diskussion zu treten nicht imstande bin.« »Ich höre,« sagte Jules Favre, indem er das Haupt auf die Brust niedersenkte. »Seine Majestät ist bereit,« sagte Graf Bismarck, jedes Wort scharf betonend, »einen Waffenstillstand von vierzehn Tagen bis drei Wochen zum Zweck der Wahl einer konstituierenden Versammlung zu bewilligen, und zwar unter folgenden Bedingungen: Da Sie von vornherein die Übergabe eines dominierenden Teiles der Festungswerke von Paris verweigert haben, so soll in und vor Paris der militärische status quo aufrechterhalten werden.« »Gut,« sagte Jules Favre leise. »In und vor Metz«, fuhr Graf Bismarck fort, »sollen auch während des Waffenstillstandes die Feindseligkeiten fortdauern, wobei ein bestimmter Umkreis um die Festung näher bestimmt werden wird.« Jules Favre nickte zustimmend. »Endlich«, fuhr Graf Bismarck fort, indem er Jules Favre fest ansah, »müssen Straßburg, Toul und Bitsch übergeben werden. Die Besatzungen von Toul und Bitsch sollen freien Abzug haben. Dagegen hat sich Seine Majestät nicht dazu bestimmen können, der Besatzung von Straßburg, da der Platz in allernächster Zeit kapitulieren muß, das gleiche Zugeständnis zu machen. Die Besatzung von Straßburg muß die Waffen strecken und sich kriegsgefangen geben.« Die breite Brust Jules Favres arbeitete in schweren Atemzügen. Dann stand er auf und sagte mit fast erstickter Stimme, indem seine tief eingesunkenen, müden Augen fieberhaft glänzten: »Ich habe mich getäuscht, als ich zu Ihnen kam, Herr Graf. Diese Täuschung ist schmerzlich und bitter gewesen, dennoch bereue ich es nicht, gekommen zu sein. Ich habe geglaubt, eine heilige Pflicht erfüllen zu müssen, indem ich versuchte, dem ferneren Krieg Einhalt zu tun. Ich werde alles, was Sie mir gesagt haben, meinen Kollegen mitteilen, und wenn dieselben ein Eingehen in Verhandlungen auf dieser Grundlage für angemessen halten sollten, so werde ich wieder bei Ihnen erscheinen, so schmerzlich mir das auch sein würde.« Seine letzten Worte waren fast unverständlich in ihrem durch Schluchzen erstickten Ton. Tränen traten in seine Augen und rollten über seine Wangen hinab. Er wandte sich ab und stützte die Hand auf die Lehne des Sessels. »Glauben Sie mir, mein Herr,« sagte Graf Bismarck mit mildem Ton, »daß ich volles Verständnis für Ihre Gefühle habe. Ich habe aber in diesem Augenblick die deutsche Nation zu vertreten, welche Tausende ihrer Söhne in diesem Krieg geopfert hat, und die Interessen meines Volkes allein dürfen für mich maßgebend sein.« Jules Favre fuhr schnell mit der Hand über die Augen, wandte sich wieder dem Grafen Bismarck zu und sprach: »Ich danke Ihnen, Herr Graf, für das persönliche Wohlwollen, das Sie mir gezeigt haben. Ich bitte Sie, meine Schwäche zu entschuldigen, meine Kräfte sind erschöpft, ich habe die Nacht schlaflos zugebracht, und mein trauriger, tief erschütterter Geist findet keine feste Stütze mehr in dem fast zusammenbrechenden Körper. Ich fürchte,« fuhr er mit festem und ruhigen Ton fort, indem er sich mit Anstrengung hoch aufrichtete, »daß wir den Ereignissen ihren Lauf lassen müssen. Die Bevölkerung von Paris ist bereit, der Verteidigung des Vaterlandes alle Opfer zu bringen. Sie können vielleicht die Ehre haben, diese Bevölkerung zu besiegen, Sie werden sie aber niemals unterwerfen, und die ganze Nation ist von derselben Gesinnung erfüllt. Wir werden den Krieg fortsetzen, solange wir noch die Kraft des Widerstandes in uns finden, und es beginnt ein endloser Kampf zwischen zwei Nationen, welche dazu geschaffen sind, sich die Hände zu reichen. Ich entferne mich von hier sehr unglücklich, sehr traurig, denn ich hatte eine andere Lösung gehofft, dennoch aber bin ich voll Mut und Hoffnung, voll Zuversicht auf die Kraft des sich selbst wiedergegebenen Frankreichs.« Graf Bismarck hatte kalt und ruhig diese mit hohem Pathos gesprochenen Worte angehört. »Und dennoch«, erwiderte er, »hoffe ich, Sie wiederzusehen; – wenn Sie eine Beendigung des Blutvergießens wünschen, so werden Sie auch einsehen müssen, daß eine solche ohne vollständige Wahrung der Interessen Deutschlands nicht möglich ist. Sie werden den Hauptmann von Winterfeld draußen finden,« sagte er dann, »er ist beauftragt, Sie durch die Vorposten zurückzuführen.« Jules Favre verneigte sich schweigend und verließ, vom Grafen Bismarck zur Tür geleitet, das Zimmer, um sich nach Paris zurückzubegeben, wo die Regierung und die ganze Bevölkerung sich immer mehr in kriegerischen Fanatismus hineineiferte und aus den hochklingenden Proklamationen des Generals Trochu immer von neuem die Überzeugung von der Unbesiegbarkeit Frankreichs schöpfte. »Mit diesen ist eine Verständigung unmöglich,« sagte Graf Bismarck, indem er sinnend vor seinen Schreibtisch trat und die Photographie von Hastings in die Hand nahm, »sie werden in ihrer Verblendung nicht eher unsere notwendigen Forderungen zugestehen, als bis noch viel Blut vergossen worden; sie haben die Verantwortung für das Blut Frankreichs zu tragen, aber meine heilige Pflicht ist es, deutsches Blut zu schonen, und wenn es möglich ist, den Preis des Kampfes ohne weitere Opfer zu sichern – – Wer ist dieser Herr Regnier?« sprach er nachdenklich, »diese wenigen Worte des Prinzen sind keine Vollmacht, keine Beglaubigung, – aber Verhandlungen wie diese beginnen ja stets durch Personen, die man desavouieren kann. Wenn die Ideen, die er mir ausgesprochen, feste Basis gewinnen, dann wäre es möglich, zu einem Frieden zu gelangen, der uns gerecht wird und zugleich die Möglichkeit der Aufrechthaltung geordneter Zustände in Frankreich bietet; – wenn Bazaine wirklich im Namen des Kaisers kapitulierte, – – ich darf diesen Faden nicht abschneiden, ich muß ihn verfolgen und sehen, wohin er führt. Dieser Regnier hat sich bereit erklärt, nach Metz zu gehen, – wohlan, es sei, ich will nichts unversucht lassen, um den Frieden zu erreichen, und wenn diese Pariser Regierung die Hand der Verständigung zurückweist, so will ich sehen, ob das Kaiserreich mir bietet, was ich fordern muß, und ob es noch die Kraft findet, sich in Frankreich zu halten. »Doch jetzt frische Luft und Bewegung,« rief er, »sie sind die einzigen Arkana, um die Körperkraft zu erhalten unter der Last der Riesenarbeit, welche diese Zeit mir auflegt!« Er trat in das Vorzimmer und befahl einer dort wartenden Ordonnanz, sein Pferd vorzuführen. Fünftes Kapitel Am Saum eines Waldes, der einen sanft abfallenden Hügel in der Umgebung von Metz begrenzte, auf der der Festung entgegengesetzten Seite der Zernierungsarmee, war eine preußische Feldwache von einem Offizier und fünfundzwanzig Mann aufgestellt. Die sinkende Nachmittagssonne beleuchtete mit ihren schrägen Strahlen die herbstlichen, gelb gefärbten Blätter der Bäume, und friedliche Stille herrschte an diesem ruhigen Platz, zu welchem nur von fern herüber das summende Geräusch der um die bisher unbezwungene Festung herum lagernden Armee herüberdrang. Die Soldaten der Feldwache saßen am Abhang des Hügels, ihre Gewehre neben sich, aus dem Innern ihrer Brotbeutel hervorholend, was jeder an Nahrungsmitteln besaß und eifrig ihren Feldflaschen zusprechend, welche sie in den Kellern der verlassenen Landsitze der Umgegend mit Cognac fine Champagne und Bordeauxwein gefüllt hatten, von denen die früheren Besitzer sich wohl kaum hatten träumen lassen, daß diese vortrefflichen Getränke einst zur Stärkung der preußischen Soldaten dienen sollten, die man noch vor kurzem im schnellen Siegeslauf vor sich her nach Berlin zu treiben die Absicht hatte. In den leise geführten Unterhaltungen der Soldaten machte sich vorherrschend der spezifisch märkische Dialekt bemerkbar, und der unverwüstliche Humor sprach aus den gewechselten Bemerkungen, die in ihrer Derbheit und Schlagfertigkeit wert gewesen wären, dem berühmten Sänger des Kutschkeliedes zu entstammen, dessen persönliche Existenz sich, wie einst diejenige des großen Homer, in den Nebeln der Mythe verliert. Der Offizier, welcher die Feldwache kommandierte, ein junger, schlanker Mann, in der Uniform der Linieninfanterie, saß einige Schritte von den Soldaten entfernt unter einer mächtigen alten Eiche, an deren Stamm er sich lehnte und die ihre breiten Äste weithin über ihn ausbreitete, von Zeit zu Zeit ein gelb gewordenes, absterbendes Blatt dem Spiel des Windes überliefernd. Der junge Offizier, dessen scharfgeschnittenes, bleiches Gesicht Willenskraft und mutige Entschlossenheit, aber auch eine stolz abwehrende Zurückhaltung ausdrückte, saß in tiefen Gedanken da und blickte in die einfache, aber anmutige Landschaft hinaus. Ein kleiner, blonder Schnurrbart kräuselte sich über seinen fest aufeinander gepreßten Lippen, und in seinen hellen, grauen Augen lag eine solch sinnende Tiefe, daß ihre Farbe beinahe dunkel erschien. »Da liegen wir«, sagte er in leisem Selbstgespräch, »hier vor der alten, mächtigen Festung, bis der Hunger und das Elend sie zwingen wird, sich uns zu übergeben – eine große, eine wichtige, eine entscheidende Aufgabe, aber doch traurig für das Herz des Soldaten, das nach frischem, fröhlichem Kampf auf offener Wahlstatt sich sehnt, und dem es widerstrebt, den Hunger zum Bundesgenossen zu haben, – für mein Herz besonders,« fuhr er seufzend fort, »das die Hoffnung hegte, im Getümmel des Krieges vergessen zu können, – vergessen, was es gelitten und was es verschuldet hat.« Ein trockenes Blatt fiel aus der Krone des Eichbaumes zu seinen Füßen nieder. In leichtem, wirbelndem Spiel trieb es der Hauch des Herbstwindes vor sich her. »Das ist das Spiel meines Lebens,« flüsterte der junge Mann leise, – »weiter und weiter geweht, verliert sich dies Blatt, das hoffnungsgrün in der blauen Himmelsluft hing, in unbekannter Ferne – vernichtet und vergessen! – Wenn mich das Verhängnis des Krieges dahinrafft, – wer wird meiner gedenken, wer wird mich beweinen? – Mein alter Vater, – er wird sich trösten, daß sein Sohn einen ehrenvollen Soldatentod fand. Er wird mir bald nachfolgen aus diesem Leben, das auch ihm wenig mehr geboten hat, als das Bewußtsein treu erfüllter Pflicht. Und wenn das Los des Todes mich verschont, was werde ich heimbringen für mich aus diesem Kampf, der so reiche Kränze des Ruhmes und der Ehre über alle ausschüttet, die das Glück haben, Gelegenheit zu kühnen Taten zu finden, – ich, der ich zu stiller und unbeachteter Pflichterfüllung verurteilt bin, – ich, dem die Blüte des Lebens geknickt wurde, noch ehe sie sich hat erschließen können.« Trübe verschleierte sich sein Auge, matt ließ er das Haupt auf die Brust niedersinken, plötzlich aber erleuchtete sich sein Blick; – er sah zum Himmel empor, an welchem die Sonne tiefer und tiefer niedersank. »Aber ich werde meine Pflicht erfüllt haben,« sagte er, »und ist das nicht das Höchste, das Edelste, das Unvergänglichste? – die Blume blüht und duftet, aber sie versinkt zu Staub, – die Sonne aber, die Sterne des Firmaments sie ziehen in kalter, stiller Einsamkeit auf den Bahnen dahin, die das Gebot Gottes ihnen vorgezeichnet hat, sie blühen nicht, sie duften nicht, aber sie leuchten in ewigem Glanz, und ihr unvergänglicher Strahl weckt die Keime des blühenden Lebens in dem irdischen Staub. Auch ich will meine Bahn gehen, mag sie mich im schnellen Abfall zum dunklen Horizont hinabführen oder hinauf zur Mittagshöhe der Ehre, – wenn ich mir nur selbst sagen kann, daß ich die Pflicht erfüllt habe, welche der Wille der Vorsehung mir vorschrieb, denn in diesem Zeugnis der eigenen Brust allein liegt der wahre Friede, das wahre Glück.« Er schloß die Augen, lehnte den Kopf an den Stamm der Eiche und versank in tiefes, schweigendes Nachdenken. »Was ist das für ein Vogel,« rief einer der Soldaten, »der von der Festung gerade hierher geflogen kommt?« Er deutete mit der Spitze seiner kurzen Pfeife in die Höhe. Die übrigen folgten mit ihren Blicken der angegebenen Richtung. Man sah in einiger Entfernung, scharf sich abgrenzend, an dem vom Abendlicht beleuchteten Himmel einen dunklen, kleinen Punkt, der sich rasch näherte und immer tiefer hinabsank. »Wer fliegt da in der Luft herum,« rief einer der Soldaten lachend, »das ist doch nicht Napoleum?« »Der kann es ja nicht sein, – den haben wir ja bei Sedan erwischt, und der sitzt in Nummer Sicher.« »Aber in Ordnung ist das nicht,« rief ein anderer, »das ist irgendein neuer Witz von den Franzosen, irgendso eine neue Erfindung wie die Kugelspritzen, von denen sie so viel gesprochen haben. Zu Land und zu Wasser haben sie uns nichts tun können, vielleicht versuchen sie es, uns durch die Luft beizukommen.« Der dunkle Gegenstand näherte sich, stets größere Dimensionen annehmend, immer mehr, und schien gerade auf die Stelle zuzukommen, auf welcher die Feldwache lagerte. Der junge Offizier war durch die Stimmen der Soldaten aus seinem Nachdenken erweckt worden, richtete sich ein wenig in die Höhe und erhob die Hand, um den Leuten Ruhe zu gebieten. Der Unteroffizier der Wache stand auf, näherte sich dem Leutnant in dienstlicher Haltung und sprach: »Da kommt ein unbekannter Gegenstand durch die Luft hierher, Herr Leutnant, und hier vor dem Feind müssen wir als Feldwache auch auf die Luft achten, denn diese Franzosen sind zu allem fähig,« fügte er halb scherzend, halb im Ton ernster Besorgnis hinzu. Der junge Offizier nahm seinen Krimstecher aus dem über seiner Schulter hängenden Futteral und blickte in die Luft empor. »Ihr habt recht,« sagte er nach einigen Augenblicken, indem er rasch aufsprang, »das müssen wir beachten, das ist ein Luftballon, den man jedenfalls aus der Festung hat aufsteigen lasten, um irgendeine Verbindung mit dem Lande herzustellen. Wir müssen die Richtung verfolgen, die er nimmt, – wenn es möglich wäre, ihn zu erlangen –« »Er kommt hierher, er kommt hierher!« riefen die Soldaten, welche alle aufgestanden waren und mit höchster Spannung den Lauf des Luftballons verfolgten. »Er kommt hierher! Wir müssen ihn haben!« Der Ballon näherte sich in der Tat, vom Winde getrieben, immer mehr und senkte sich mit großer Schnelligkeit tiefer und tiefer herab. Man konnte deutlich seine Umrisse und ein unter ihm herabhängendes viereckiges Paket erkennen. »Sollen wir darauf schießen, Herr Leutnant? Wir können ihn erreichen!« riefen die Soldaten, ihre Gewehre anschlagend. »Nein, nein,« sagte der Offizier, »das dürfen wir nur im äußersten Fall tun. Die Schüsse würden alles alarmieren.« Der Ballon schwebte, tiefer und tiefer sich senkend, fast unmittelbar über den Köpfen der Soldaten. Noch einige Augenblicke, und er streifte die obersten Zweige eines schlanken, hochragenden Baumes am Waldrand. Die Stricke verwickelten sich in das Geäste und hielten den Ballon, der sich in zitternden Schwingungen bewegte, fest. »Den wollen wir bald haben!« rief einer der Soldaten, indem er sein Gewehr niederlegte, »ich bin nicht umsonst als Junge in meines Vaters Garten auf die höchsten Kirschbäume geklettert.« Geschickt und behend stieg er von Zweig zu Zweig in den Wipfel des Baumes. Nach einiger Mühe gelang es ihm, die schwanke Höhe zu erreichen, auf welcher der Ballon in den Zweigen festsaß. Mit dem einen Arm den Stamm des Baumes umschlingend, zog er mit der andern Hand ein Taschenmesser hervor, durchschnitt die Stricke und warf den an dem Ballon befestigten Gegenstand herab. Die Soldaten fingen denselben, noch ehe er den Boden erreicht hatte, auf und brachten ihn triumphierend dem Offizier. Es war eine Art von kleinem Lederkoffer, ähnlich wie die Gondeln bei den großen Ballons mit Stricken befestigt. Der Offizier öffnete den mit einem Knoten verschlossenen Deckel und nahm aus dem Innern des Behälters ein in starkes Papier geschlagenes Paket heraus. Auf diesem Umschlag klebte ein amtlich untersiegeltes Dekret der Platzkommandantur von Metz, welches jedem, der den Ballon finden würde, aufgab, den Inhalt desselben bei der nächsten Poststation abzugeben und für diese Dienste bei dem Maire des betreffenden Orts die Summe von hundert Franken sich auszahlen zu lassen. In dem Umschlag selbst befanden sich eine sehr große Anzahl von kleinen Zetteln von Seidenpapier, welche auf der einen Seite die Adresse, auf der andern kurze, persönliche Bemerkungen der Offiziere und Mannschaften von der in Metz eingeschlossenen Armee enthielten. Neugierig umstanden die Soldaten ihren Offizier, welcher einige der Zettel durchlas und dann das Paket wieder zusammenband. »Es ist eine neue Art von Korrespondenz der belagerten Armee mit ihren Verwandten, weiter scheint nichts darin zu sein. Wir werden die Sache aber dem Kommando zur näheren Untersuchung abgeben müssen, – es könnten doch auch wichtigere Nachrichten darin enthalten sein, als ob Monsieur Charles oder Monsieur Louis sich wohl und munter befinden.« Er gab den kleinen Koffer mit dem darin wieder eingeschlossenen Paket dem Unteroffizier der Wache zur Aufbewahrung, und die Mannschaften wollten sich eben wieder an ihren Lagerplatz begeben, als fernher aus der Tiefe des Waldes, an dessen Lisière sich die Feldwache befand, ein Ton wie ein Hilferuf erscholl, verworrenes Stimmengeräusch folgte darauf. Der Offizier sprang empor. Die Soldaten blieben unbeweglich stehen. Alle lauschten in atemloser Spannung. Da hörte man in derselben Richtung, von welcher die Stimmen gekommen waren, durch die Entfernung und das dichte Gesträuch sehr gedämpft, den Schall eines Schusses. »Was geht da vor?« rief der Offizier, indem er den Degen zog, »wir müssen dorthin, – es hat jemand um Hilfe gerufen. Drei Mann bleiben hier,« kommandierte er, »um den Posten besetzt zu halten. Die übrigen folgen mir.« Im Laufschritt drang er auf der in den Wald hineinführenden Straße vor. Die Soldaten folgten ihm, trotz der raschen Bewegung sorgfältig rechts und links zwischen die Bäume und das Gestrüpp hineinspähend. Das verworrene Geräusch laut durcheinander sprechender menschlicher Stimmen wurde immer deutlicher und deutlicher. Immer schneller eilte der Offizier mit seinen Leuten auf der Straße in den Wald hinein. Endlich an einer Biegung des Weges zeigte sich, etwa zwanzig Schritt voraus, ein Zug von drei bis vier bepackten Wagen, neben welchen sich eine Gruppe von etwa zwanzig bis dreißig Männern in den blauen Blusen der französischen Landbewohner befand, die, mit Karabinern und Hirschfängern bewaffnet, mehrere Personen umringten, welche eng zusammengedrängt waren und, wie es schien, jeden Versuch eines Widerstandes aufgegeben hatten. Der Offizier schwang seinen Degen, und mit lautem Hurra stürmten die Soldaten der Feldwache gegen die bewaffneten französischen Bauern vor. Diese stoben auseinander und waren in wenigen Augenblicken nach allen Seiten hin im Dunkel des Waldes verschwunden. Der Offizier verbot ihre Verfolgung, zu welcher die Soldaten sich anschickten. Noch einige Schüsse knallten aus den Büschen hervor, – aber sie waren schlecht gezielt. Die Kugeln pfiffen durch die Luft, ohne jemanden zu treffen. Der Offizier wendete sich nun zu den Befreiten. Es waren Trainknechte, welche die Gespanne vor den mit Lebensmitteln, Wein und Zigarren bepackten Wagen geführt hatten. Sie waren, nur mit einem kleinen Seitengewehr ausgerüstet, nicht imstand gewesen, den mit Karabinern bewaffneten Bauern Widerstand zu leisten. In ihrer Mitte stand, im Zustand höchster Aufregung, ein kleiner Herr von etwa fünfzig Jahren, von voller und untersetzter Gestalt. Sein eleganter Reiseanzug war etwas in Unordnung gekommen, sein Hut war ihm vom Kopf gefallen, und der Wind wehte durch sein leicht ergrautes, kurzes und kraus gelocktes Haar, sein Gesicht, mit der vorspringenden, leicht gebogenen Nase, den etwas aufgeworfenen Lippen und den schärfen, dunklen Augen, war bleich, und er zitterte vor tiefer Erregung. Neben ihm stand ein langer, hagerer Mann von etwa vierzig Jahren, einen breitkrämpigen Hut tief in die schmale Stirn gedrückt, das glatte Haar fast bis zum Kragen seines Rockes hinabfallend und aus den tiefliegenden Augen seines blassen, bartlosen Gesichts um sich her blickend mit dem Ausdruck so tiefen Entsetzens, als könne er sich kaum klare Rechenschaft von der Lage geben, in der er sich befand. Der Offizier trat zu den beiden Herren heran und sagte: »Ich freue mich, noch zur rechten Zeit gekommen zu sein, meine Herren, um Sie gegen einen so feigen und hinterlistigen Überfall zu schützen. Ich bitte Sie, schleunigst weiterzufahren, in kurzer Zeit werden Sie in Sicherheit sein. Hier im Wald bleiben wir immer noch einigen Kugeln ausgesetzt, die, so schlecht sie auch immer gezielt sein mögen, dennoch gefährlich werden können.« »Herr Leutnant,« sagte der kleine, starke Herr mit bebender Stimme, indem er die Hand des Offiziers ergriff und gegen seine Brust drückte, »Herr Leutnant, Sie haben mir das Leben gerettet, Sie können über mich gebieten; wenn Sie einen Wunsch haben, den zu erfüllen in meiner Macht steht, so soll er erfüllt werden. Ich habe«, fuhr er, schnell sprechend und in lebhafter Gestikulation seine Hand bewegend, fort, »ich habe es übernommen, im Auftrag unseres Vereins in Berlin, einen Transport von Liebesgaben hierherzuführen. Wir fanden die Eisenbahn so besetzt, daß wir einige Tage hätten warten müssen, und haben diesen Weg genommen, um schneller das Hauptquartier Seiner königlichen Hoheit des Prinzen Friedrich Karl zu erreichen. Man hatte uns gesagt, daß hier gar keine feindlichen Truppen wären, daß der Weg ganz sicher sei, und nun find wir hier doch von diesen bewaffneten Bauern überfallen, die uns ganz gewiß füsiliert hätten, wenn Sie uns nicht noch gerade im letzten Augenblick zu Hilfe gekommen wären.« Der junge Offizier, dessen Gesicht halb vom Schild seines Helms bedeckt war, hatte den lebhaft sprechenden alten Herrn, dessen Wangen sich allmählich wieder röteten, mit einem eigentümlichen Ausdruck, der halb aus feindlicher Bitterkeit, halb aus einer gewissen Verlegenheit gemischt war, betrachtet. »Ich bin der Kommerzienrat Cohnheim,« fuhr der Überbringer des Liebesgabentransports fort, »wenn Sie nach Berlin kommen, Herr Leutnant, wird es mir die höchste Freude und Ehre sein, Sie in meinem Hause zu sehen und Ihnen zu zeigen, wie dankbar ich und die Meinigen es erkennen werden, daß Sie mir hier in dieser drohenden Kriegsgefahr das Leben gerettet haben. Der Herr hier«, fuhr er fort, indem er mit einer gewissen vornehmen Herablassung auf seinen Begleiter zeigte, »ist der Doktor Meierfeld, Redakteur und Korrespondent vieler Zeitungen, der unsere Gefahr und unsere Rettung durch Sie, Herr Leutnant, mit seiner geschickten Feder für die Öffentlichkeit darstellen wird.« Herr Meierfeld nickte bestätigend mit dem Kopf, doch schien er noch nicht ganz seine volle Fassung wiedergewonnen zu haben und blickte noch fortwährend mit starren, gläsernen Augen auf die rings umher stehenden Soldaten und das Gebüsch des Waldes, aus welchem die französischen Freischärler hervorgekommen waren. Nach einem kurzen, unschlüssigen Zögern schien der junge Offizier einen Entschluß gefaßt zu haben und sprach mit fester, ruhiger Stimme: »Ich habe die Ehre, Sie zu kennen, Herr Kommerzienrat, und auch Sie werden sich vielleicht meiner erinnern, wenn auch wohl«, fügte er, die Augen niederschlagend, in dumpfem Ton hinzu, »nicht in freundlicher Weise. Ich bin der Leutnant von Büchenfeld.« Herr Cohnheim fuhr bei Nennung dieses Namens zurück. Eine dunkle Wolke flog über sein Gesicht, das nach der überwundenen Angst bereits wieder den Ausdruck selbstzufriedener Heiterkeit angenommen hatte, und forschend blickte er unter den Helm des jungen Offiziers in dessen Gesicht. »In der Tat, Herr von Büchenfeld,« sagte er mit einiger Verlegenheit, – »ich hatte Sie nicht sogleich erkannt, die Strapazen verändern das Gesicht. – Nicht freundlich an Sie gedacht, sagten Sie? – nun, Herr von Büchenfeld, – Sie werden mir zugeben, daß ich dazu ein wenig Ursache hatte. Es war nicht hübsch von Ihnen, so von meiner Tochter zu sprechen, wie Sie es getan haben, – doch, Sie waren aufgeregt, ich weiß es, junge Herren lassen sich leicht fortreißen. Ich war recht böse auf Sie, das ist wahr, – aber hätte ich vorher wissen können, was geschehen würde, – hätte ich wissen können, daß – Herr von Büchenfeld!« rief er, nahe zu dem jungen Mann herantretend und ihm die Hand hinstreckend, während gutmütige und herzliche Freundlichkeit den Blick seiner kleinen, scharfen Augen erleuchtete, – »Herr von Büchenfeld, Sie haben mir heute das Leben gerettet, Sie haben mich aus den Händen dieser barbarischen Freischärler errettet, welche mich am nächsten Baum erschießen wollten, – damit ist alles, was je zwischen uns hat treten können, gut gemacht, mehr als gut gemacht, – ich bin in Ihrer Schuld, Herr von Büchenfeld, und wenn Sie je eines aufrichtigen und dankbaren Freundes bedürfen, so denken Sie zuerst an den Kommerzienrat Cohnheim.« Er hielt noch immer die ausgestreckte Hand hin. Der Leutnant reichte ihm die seinige und sprach mit leichter Verwirrung: »Sie rechnen einen Dienst zu hoch an, den ich zufällig geleistet; ich erfüllte nur meine Pflicht, indem ich hierher kam, die Gefahr dabei war wahrlich nicht groß. – Doch jetzt lassen Sie uns aufbrechen. Ich werde Sie sicher nach dem Hauptquartier führen, die Zeit meiner Ablösung ist da.« Die Trainknechte bestiegen wieder ihre Pferde, der Kommerzienrat und der Doktor Meierfeld schritten neben dem Leutnant voran, die Soldaten umgaben den Zug, und nach kurzer Zeit kam man an die Stelle am Eingang des Waldes, an welcher die von Herrn von Büchenfeld kommandierte Feldwache vorhin den Ballon mit den Briefschaften aufgefangen hatte. Das Ablösungskommando war bereits dort, und der Offizier desselben schickte sich eben an, seinem Kameraden in den Wald zu folgen. Die Ablösung erfolgte, und Herr von Büchenfeld führte mit seiner Abteilung den Zug mit Liebesgaben nach dem Hauptquartier, welches sich im Schloß von Corny befand. Der Kommerzienrat Cohnheim und der Doktor Meierfeld wurden mit ihren willkommenen Gaben auf das beste empfangen und so gut als möglich einquartiert. Der Leutnant von Büchenfeld erstattete seinen Rapport und erhielt den Befehl, die erbeutete Luftpost dem Höchstkommandierenden, Prinzen Friedrich Karl, selbst abzugeben. Voll Stolz und Freude begab sich der junge Mann mit dem kleinen erbeuteten Briefkoffer über den Hof des Schlosses von Corny nach dem Bureau des Generalkommandos. Dieses Schloß, ein Bau aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts und im Stil jener Zeit gehalten, erhebt sich auf einer Hügelkette über dem wunderbar schönen Moseltal und gehört den Herren de Rougy et de Corny. An den einstöckigen Mittelbau, dessen Hauptfront sich nach einer kleinen, in den Park hinabführenden Freitreppe öffnet, schließen sich zwei lange Seitenflügel und bilden, in zwei halbkreisförmigen Vorbauten auslaufend, einen Hof, durch dessen Eingangstor man in einer schönen Allee zum Schlosse gelangt. Ein reges und buntes Leben herrschte auf diesem Hof, Ordonnanzen kamen und gingen, französische Gefangene und Überläufer wurden eingebracht, Offiziere vom Generalstab gingen in einzelnen Gruppen auf und nieder, die Chancen der militärischen Ereignisse diskutierend. Dazwischen sah man Ärzte und Johanniter mit dem roten Kreuz auf der weißen Binde, barmherzige Schwestern und Diakonissinnen, die still und bescheiden aus den Seitenflügeln und Küchen kamen und von den Offizieren und Soldaten mit ehrerbietiger Höflichkeit gegrüßt wurden. Durch all dies bunte, bewegte und doch so ernst bedeutungsvolle Leben hindurch schritt der Leutnant von Büchenfeld dem Eingang des Schlosses zu und trat in das Bureau des Generalkommandos. Hier herrschte, ganz im Gegensatz zu der regen, lebendigen Bewegung draußen, die tiefste Stille und Ruhe, während doch die sichere, geordnete, rastlose Tätigkeit hier in diesen Räumen all das vielgestaltige Leben da draußen regelte und bestimmte. Hier sah man an einem großen, runden Tisch die Korpsschreiber ihre Ausarbeitungen unter der Leitung des Majors Schmidt vom großen Generalstab, eines frühern hessischen Offiziers, anfertigen. Daneben, an einem kleinen Arbeitstisch, saß der Major Graf Häseler, ein Mann mit einem scharf geschnittenen, außergewöhnlich ernsten und gedankenvollen Gesicht; seine schlanke, geschmeidige Gestalt mit den etwas hoch heraufgezogenen Schultern machte einen so jugendlichen Eindruck, daß man bei seinem Anblick durch den tiefen, ernsten Blick seiner großen, klaren Augen und durch die strenge Miene seines Gesichts fast überrascht wurde. Der Leutnant von Büchenfeld wandte sich zunächst an den Major Schmidt, an welchen, als den Chef des Bureaus, alle Meldungen gerichtet werden mußten, und erstattete demselben seinen Bericht. Major Schmidt hörte mit der größten Aufmerksamkeit zu, führte den jungen Offizier sodann in ein anstoßendes kleines Zimmer, in welchem der Oberquartiermeister der zweiten Armee, Oberst von Herzberg, mit Schärpe und Säbel, den Helm neben sich auf einem Stuhl, eifrig beschäftigt war, nach den mit kurzen Marginalien versehenen zahlreichen Papieren vor ihm, in schneller und sicherer Schrift die nötigen Befehle zu entwerfen. Während derselbe den Bericht anhörte, öffnete sich rasch eine Seitentür, und dieselbe hinter sich offen lassend, erschien ein auffallend hochgewachsener, schlanker Mann in der preußischen Generalsuniform. Sein elastischer Schritt, seine sichere und feste Haltung ließen ihn für den hohen Rang, welchen seine Uniform anzeigte, fast zu jung erscheinen. Es war der Chef des Generalstabs des Prinzen Friedrich Karl, General von Stiehle, welcher sich aus einem Linien-Infanterieregiment heraus zum Flügeladjutanten des Königs und zu einem der hervorragendsten Generalstabsoffiziere der preußischen Armee heraufgearbeitet hatte. Der General sah heiter aus, er mußte zufrieden sein über die genaue Übereinstimmung seiner scharfen Berechnungen mit den Ereignissen und den Bewegungen des Feindes. Ein feines Lächeln spielte um seinen ernsten und streng geschlossenen Mund. Herzlich drückte er dem Oberst von Herzberg die Hand und erwiderte mit kameradschaftlicher Höflichkeit den militärischen Gruß des Leutnants von Büchenfeld. »Das muß Seine königliche Hoheit sogleich erfahren!« rief der General dann, als der Oberst von Herzberg ihm die Bedeutung des kleinen Briefkoffers erklärt hatte. »Folgen Sie mir, Herr Kamerad,« sagte er zu dem Leutnant von Büchenfeld, und das Briefpaket in der Hand, kehrte er mit dem jungen Offizier in das Vorzimmer der Wohnung des Prinzen zurück. Dies Vorzimmer schien von der zerstörenden Hand des Krieges noch unberührt. Man hätte sich hier in der Ruhe und dem Komfort des tiefsten Friedens wähnen können. Holzschnitzereien bedeckten die Wände, an denen hohe, prachtvolle Spiegel hingen, welche die chinesischen Vasen, mit frischen Blumen gefüllt, die alten Kristallkronleuchter und die mit eleganten Stoffen überzogenen Divans widerstrahlten. In dem zweiten Saal befand sich, in der Uniform der Adjutanten, die Schärpe über der Schulter, der Major von Krosigk, der persönliche Adjutant des Prinzen, ein kräftiger, schlanker Mann, in der Armee berühmt als kühner und geschickter Reiter. Auf ein Wort des Generals eilte derselbe schnell in das Kabinett des Prinzen und kehrte nach wenigen Augenblicken aus demselben zurück, die Tür für den General offen haltend, welcher dem Leutnant von Büchenfeld winkte, ihm zu folgen. Der junge Offizier trat mit einer gewissen ehrfurchtsvollen Scheu in das Zimmer des siegreichen fürstlichen Heerführers, zu dessen Armee er gehörte, für den sein Herz mit Bewunderung erfüllt war, den er aber bisher noch niemals näher gesehen hatte. Das Zimmer war das einfachste des Schlosses. Ein kleiner Tisch stand in der Mitte desselben, die Fensterflügel waren offen und gewährten einen weiten Blick über das Moseltal, das sich vom Schlosse abwärts im gelblichen Schimmer der Herbstsonne ausdehnte, und weit hinüber erhob sich das Fort St. Quentin, eines der Bollwerke von Metz, von welchem von Zeit zu Zeit ein dumpfer Kanonenschuß seinen Donner über das Tal hinrollte, als wolle der Marschall Bazaine ein Zeichen seiner Anwesenheit und seiner ungebeugten Kampfbereitschaft geben. Der Prinz Friedrich Karl, in der Uniform des Ziethenhusarenregiments, vollkommen dienstmäßig adjustiert, den Säbel an der Seite, Mütze und Handschuhe auf einem Stuhl neben seinem Tisch, trat dem General, dem bewährten Chef seines Generalstabs, freundlich entgegen und warf, leicht den Kopf neigend, einen fragenden Blick auf den Leutnant von Büchenfeld, welcher in dienstlicher Haltung in der Nähe der Tür stehen blieb. Nach einigen erklärenden Worten des Generals von Stiehle erstattete Herr von Büchenfeld auf Befehl des Prinzen seinen Rapport, den Seine königliche Hoheit mit großem Interesse bis zum Schluß anhörte. »Sie haben einen wichtigen Fang gemacht, Herr Leutnant,« sagte der Prinz, indem er den kleinen Koffer öffnete und die Briefe flüchtig durchblätterte. »Der Inhalt dieser Korrespondenz wird kaum von Bedeutung sein. Es scheinen lauter Mitteilungen an die Angehörigen der Offiziere und Soldaten zu sein. Indessen ist dies die erste Anwendung eines neuen Kommunikationsmittels, welches die eingeschlossenen Festungen mit der Außenwelt herzustellen suchen, und diesem ersten Versuch werden, wie ich voraussetze, bald mehrere folgen. Es wird notwendig sein, eine Überwachung dieser neuen Luftpost zu organisieren. Unseren Ulanen«, fügte er lächelnd hinzu, »wird da eine neue Aufgabe erwachsen. Er hatte flüchtig einen der kleinen Zettel nach dem andern durch die Hände gleiten lassen und auf den Tisch geworfen. Plötzlich wurde er sehr ernst und durchlas mit großer Aufmerksamkeit einen längern Streifen Seidenpapier, welcher sich unter den anderen befand. »Wollen Sie einen Augenblick im Vorzimmer warten, Herr Leutnant,« sagte er zu Herrn von Büchenfeld, der sich augenblicklich zurückzog. »Hier ist«, fuhr der Prinz fort, als er mit dem General von Stiehle allein war, »ein Brief des Generals Coffinières, des Kommandanten der Festung Metz, welcher wichtiger ist als alle diese Versicherungen der französischen Offiziere, daß sie sich wohl und munter befinden und daß sie«, fügte er achselzuckend hinzu, – »in soundsoviel Schlachten siegreich gewesen seien. Der General schildert in seinem Schreiben die Zustände in Metz als vollständig verzweiflungsvoll, erklärt, daß die Stadt und Besatzung physisch und moralisch zugrunde gerichtet sei, und beklagt sich bitter über den Marschall, daß derselbe mit seiner Armee die Vorräte aufzehre und die Rettung der Festung unmöglich mache, statt einen Ausfall zu wagen und sich durchzuschlagen. Der Marschall weiß besser«, fuhr der Prinz fort, »wie dieser General Coffinières, daß ein solcher Ausfall unnütz sein würde und den Untergang seiner Armee, der letzten, welche Frankreich noch besitzt zur sichern Folge haben müßte.« Er reichte den feinen, durchsichtigen Brief dem General von Stiehle hin, welcher denselben rasch und aufmerksam durchlas, während der Prinz weiter die übrigen Briefschaften durchforschte und die Adressen derselben betrachtete. »Das ist ein sehr wichtiges Zeugnis, Königliche Hoheit,« sagte der General, nachdem er zu Ende gelesen. »Auch von einzelnen Überläufern und Gefangenen wird uns ja Ähnliches bestätigt, – ich hoffe,« fügte er leuchtenden Blickes hinzu, »daß diese unbesiegbare Festung bald Eurer königlichen Hoheit ihre Schlüssel übergeben wird, die sie dem Kaiser Karl V. verweigerte.« »Hier ist noch ein Brief,« sagte der Prinz, indem er dem General einen zweiten Streifen reichte, »der die Mitteilung des Generals Coffinières bestätigt. Er ist von einem englischen Korrespondenten, der in Metz eingeschlossen ist und diese Luftpost benützt, um die Nachricht nach London bringen zu lassen, daß die Festung sich nicht mehr halten könne und daß ihre Übergabe unmittelbar bevorstehe. Ein solcher Mensch«, fuhr er mit strengem Ton fort, »verdiente doch wahrlich, füsiliert zu werden, da er, um eine pikante Zeitungsnachricht in die Welt zu befördern, so mit der Ehre einer tapfern Armee spielt, – aber freilich, wenn der Kommandant der Festung ebenso schreibt, – so etwas ist empörend,« rief er, »für mein soldatisches Gefühl! Der Marschall Bazaine hat wahrlich keine leichte Aufgabe übernommen, ich habe hohe Achtung und Sympathie für ihn, er macht uns ernstlich zu schaffen, und wenn wir ihn überwinden, so können wir in der Tat stolz darauf sein, – wie traurig aber, daß gerade ein solcher General auf diese Weise von seiner Umgebung behandelt wird! Welch ein Beweis für die Zustände in Frankreich! Fast scheint es, als ob dort jeder nicht mehr an die Erfüllung seiner Pflicht, sondern nur daran denkt, wie er demnächst seine Verantwortung und die Schuld für das Unglück und die Niederlagen irgendeinem andern aufbürden könnte. Ich betrachte es als eine militärische Ehrenpflicht gegen den Marschall Bazaine, der mir im ehrlichen, ritterlichen Kampf gegenübersteht, ihm von diesen Dingen Kenntnis zu geben und dem Marschall diese Briefe zuzusenden.« Der General von Stiehle verneigte sich mit einer Miene, welche ausdrückte, daß er den ausgesprochenen Entschluß des Prinzen vollkommen billigte. Prinz Friedrich Karl nahm die beiden Briefe, durchflog dieselben noch einmal und unterstrich mehrere Stellen derselben mit einem auf dem Tische liegenden Rotstift. Dann schrieb er ein kurzes Billet von einigen Zeilen und legte dasselbe mit den Briefen in ein Kuvert, das er mit seinem Siegel verschloß. »Der junge Offizier gefällt mir,« fügte er dann zu dem General von Stiehle, »er hat einen offenen, freien Blick und eine jener Physiognomien voll bewußter und doch bescheidener Kraft und Energie, wie ich sie an Soldaten liebe. Senden Sie ihn mit diesen Briefen an den Marschall zu den Vorposten, und erkundigen Sie sich nach seiner Führung. Ich möchte ihn dem Hauptquartier attachieren, wir können tüchtige Leute gebrauchen.« Der General verneigte sich, nahm den Brief des Prinzen an den Marschall und ging hinaus. »Ich habe eine Ehrenpflicht erfüllt,« sagte der Prinz, indem er an das Fenster trat und seine Blicke über das schöne, im sinkenden Sonnenstrahl daliegende Moseltal hingleiten ließ, »ich will meine ganze Kraft, meine ganze Tätigkeit daransetzen, um dies herrliche Lorbeerblatt zu pflücken, auf welchem die Einnahme der alten deutschen Feste steht, die bisher noch niemandem ihre Tore öffnete. Aber ich will mit der Feigheit und dem Verrat keine Gemeinschaft haben, Auge in Auge, freien Blickes, die unbefleckte Waffe in der Hand, will ich dem Gegner gegenüberstehen und ihn bezwingen. Kein schmutziger Flecken soll an jenem Lorbeerblatt haften, nach dem ich meine Hand erhebe. Wie sie alle abfallen von den Fahnen,« sagte er finster, »zu denen sie geschworen haben, wie diese Generale alle hineilen zu dieser neuen Advokatenregierung, die den von uns überwundenen Kaiser abgesetzt hat und ihr Land in eine Revolution stürzt in dem Augenblick, da wir vor den Toren der Hauptstadt stehen! Welcher tiefen Zerrüttung geht ein Land entgegen, in welchem das Höchste und Heiligste, die militärische Fahnentreue, aus den Herzen der Soldaten verschwunden ist! Dieser Marschall Bazaine ist wahrlich ein anderer Mann. Er hält fest an der Fahne und steht auf seinem Posten, und ich danke Gott, daß ich ihm gegenüberstehe.« Langsam rollte der Schall eines Kanonenschusses vom Fort St. Quentin her, als wolle der französische Marschall mit militärischem Gruß für die Anerkennung aus dem Munde seines fürstlichen Gegners danken. Einige Augenblicke noch stand der Prinz in sinnendem Nachdenken am Fenster. Dann trat, nach einem kurzen Schlag an die Tür, der Major von Krosigk ein und meldete: »Es ist ein Mann von Ferrières gekommen, Königliche Hoheit, ein Franzose namens Regnier, mit einem vom Grafen Bismarck und dem Generalquartiermeister unterzeichneten Geleitschein. Er trägt eine Binde mit dem roten Kreuz und wünscht Eure königliche Hoheit selbst zu sprechen. Der General von Stiehle hat ihn kurz angehört und mir aufgetragen, ihn zu melden.« Der Prinz neigte den Kopf, als käme ihm die Meldung nicht unerwartet. »Führen Sie den Mann herein,« sagte er. »Ein diplomatischer Faden,« sprach er dann, als Herr von Krosigk sich entfernt hatte, indem er flüchtig ein auf seinem Schreibtisch liegendes Papier überflog, »ein diplomatischer Faden, wie sie so oft den Gang des Krieges durchziehen und wie sie so oft schon die Früchte der Kämpfe und Siege verkümmert haben. Lebten wir zu anderer Zeit und läge die Leitung unserer Diplomatie in anderen Händen, so würde ich diesen Faden kurz abschneiden. Aber der Mann, der unsere Politik führt, kennt den Wert und Preis deutschen Bluts, – er wird nichts verpfuschen lassen, was die Arbeit des Schwertes errungen, und die Fäden, deren Enden er in Händen hält, werden sich zu keinen Schlingen für uns zusammenziehen.« Der Major von Krosigk öffnete die Tür und führte Herrn Regnier in das Kabinett des Prinzen. Prinz Friedrich Karl stand in fester, ruhiger Haltung, hoch aufgerichtet, die Hand leicht auf seinen Schreibtisch gestutzt, in der Mitte des Zimmers und erwiderte mit artigem Kopfneigen die tiefe Verbeugung des Herrn Regnier. »Sie kommen von Ferrières, mein Herr, und wünschen mich zu sprechen,« sagte er, indem sein scharfer Blick das Gesicht und die Gestalt des Eintretenden musterte. »Ich bin von England gekommen, Monseigneur,« erwiderte Herr Regnier, indem er mit der Hand auf die an seinem Arm befindliche weiße Binde mit dem roten Kreuz deutete. »Man hat uns da so viel von den entsetzlichen Leiden erzählt, welche durch die große Zahl der Verwundeten in Metz entstanden sind und welche das Mitleid aller Welt erregen müssen, daß wir an einen großmütigen Feind die Bitte gerichtet haben, uns zu erlauben, den Leidenden zu Hilfe zu eilen.« Ein flüchtiges Lächeln zuckte um die Lippen des Prinzen. »Das ist sehr edelmütig, mein Herr,« sagte er, »und den Kranken und Verwundeten Hilfe zu bringen, ist unter allen Umständen sehr wünschenswert. Herr von Bismarck«, fuhr er ernst, mit festem, auf Herrn Regnier gerichteten Blick fort, »hat mich von Ihrem Wunsch in Kenntnis gesetzt, sich nach Metz zu begeben, und es mir zur Entscheidung überlassen, ob es möglich wäre, Ihren Wunsch zu erfüllen.« »O, Monseigneur,« sagte Herr Regnier, »dann darf ich Eurer königlichen Hoheit offen mitteilen, welcher Wunsch mich beseelt und welche Ziele ich erreichen will? Ich wünsche«, fuhr er fort, »meinem Land den Frieden wiederzugeben; einen möglichst vorteilhaften und ehrenvollen Frieden aber halte ich allein für möglich, wenn die Regentschaft, welcher der gefangene Kaiser alle seine Gewalt übertragen hat, über die Friedensbedingungen in Unterhandlung tritt. Dazu muß die Regentschaft sich irgendwo auf französischem Boden konstituieren, wo sie die Kammer und den Senat einberufen kann. Dies ist aber nur erreichbar, wenn die Kaiserin sich auf eine französische Armee unter dem Kommando eines französischen Marschalls stützen kann. Es geschieht daher im Interesse meines Landes, im Interesse der französischen Dynastie und ebenso im Interesse Deutschlands, dem so sehr wie uns an einem schnellen, gesicherten Frieden liegen muß, wenn ich um die Erlaubnis bitte, mich nach Metz zu begeben und dem Marschall Bazaine meine Gedanken mitzuteilen.« Prinz Friedrich Karl, welcher fortwährend durchdringenden Blickes Herrn Regnier gemustert hatte, erwiderte ruhig und ernst: »Ich bin General, mein Herr, und habe den Krieg zu führen. Das Ziel des Krieges ist jedoch ein ehrenvoller und sicherer Friede. Wenn Sie glauben, einen Weg zu diesem Ziel zu kennen, und wenn der Graf von Bismarck kein Bedenken dabei findet, daß Sie diesen Weg verfolgen, so werde ich Ihnen meinerseits kein Hindernis in den Weg legen. Ich wünsche Ihnen Glück und guten Erfolg, und hoffe, Sie bei Ihrer Rückkehr zu sehen.« Er trat rasch zur Tür und rief den diensttuenden Adjutanten. »Ich glaube,« sagte er, »der Rittmeister von Willisen beabsichtigt, einen Besuch bei den Vorposten zu machen, lassen Sie Herrn Regnier einen Paß ausfertigen und bitten Sie Willisen, ihn bis zu den Vorposten zu führen. Auf Wiedersehen, mein Herr.« Mit freudigem Dank verneigte sich Herr Regnier und verließ mit dem Major von Krosigk das Zimmer. Im Lauf einer Viertelstunde war ihm sein Passierschein eingehändigt, und er bestieg den leichten, offenen Jagdwagen des Rittmeisters von Willisen, des Kommandanten des Hauptquartiers der zweiten Armee, welcher seinerseits die Zügel ergriff, um die kräftigen, mutigen Pferde aus dem Dorf Corny heraus auf die nach Metz hin führende Straße zu lenken. Sechstes Kapitel In dem Präfekturgebäude von Metz hatte der Marschall Bazaine, welcher sich mit seiner Armee nach der Schlacht bei Gravelotte unter die Mauern der alten, unbezwungenen Festung zurückgezogen, sein Hauptquartier aufgeschlagen, und ringsumher in der Stadt und bis zu den äußeren Forts hin wimmelte es von Soldaten aller Waffen. Noch reger und mannigfaltiger war das militärische Leben, das sich hier entwickelte, als in den Tagen des August, in welchen der Kaiser Napoleon hier an der Spitze der glänzenden und siegesgewissen Armee von Frankreich seinen militärischen Hof gehalten hatte. Damals aber hatte die Stadt ein festliches Aussehen; ringsumher hallte alles von dem Jubel der kriegsfreudigen Truppen wider, und eine schimmernde Pracht entfaltete der kaiserliche Hof mit den herrlichen Pferden und Equipagen, den Hundertgarden und dem Generalstab der Marschälle von Frankreich, welche ihn umgaben. Damen in eleganten Toiletten hatte man damals in den Straßen gesehen, mit den Offizieren plaudernd, mit wehenden Taschentüchern den Kaiser grüßend, wenn er zu den Zeltlagern der Truppen hinausritt, zu denen die Eisenbahnzüge reiche Ladungen von Wein und Lebensmitteln hinführten und denen der begonnene Krieg als ein großer Festtag erschien. Wie anders war es jetzt! Die Marschälle und Generale gingen still und traurig, gesenkten Blickes über die Straßen hin – in so kurzer Zeit waren die Siegeshoffnungen, welche sie damals hier im Mittelpunkt der französischen Aufstellung beseelt hatten, zertrümmert, und die Lorbeeren, welche sie sich erkämpft hatten auf den Schlachtfeldern der Krim, Italiens und Mexikos, lagen zerrissen und verwelkt im blutigen Schlamm der Schlachtfelder von Weißenburg und Gravelotte. Schweigend, matt und traurig standen die Soldaten auf den Straßen umher oder lagen vor ihren Zelten bei den Außenwerken der Festung. Sie waren besiegt und geschlagen, statt den geträumten Siegeslauf nach Berlin zu nehmen, waren sie wieder hierher zurückgekehrt nach dem Ausgangspunkt des Feldzuges, der nur Niederlagen und immer wieder Niederlagen für sie zu verzeichnen hatte. Ihre Rationen waren bereits bis unter die Hälfte herabgesetzt, Hunger und Entbehrung begannen sich fühlbar zu machen, man schlachtete und verzehrte die Pferde, welche ihrerseits ebenfalls hungerten und die Köpfe senkten. Die Lazarette, welche schon mit Verwundeten überfüllt waren, reichten nicht mehr hin, um die Kranken aufzunehmen, deren Zahl sich täglich und stündlich vermehrte. Die Einwohner von Metz sah man fast gar nicht mehr. Auch bei ihnen war Hunger und Entbehrung eingezogen, und sie wagten nicht, ihre Häuser zu verlassen, aus Furcht vor dem Beginn des preußischen Bombardements. Sie waren bereit, sich jeden Augenblick in die Keller ihrer Häuser zurückzuziehen, in welchen sie bereits ihre liebsten und kostbarsten Habseligkeiten geborgen hatten. Der Marschall Bazaine allein trug das Haupt hoch und stolz, und wenn man ihn, von seinem Adjutanten begleitet, auf seinem starken Pferd durch die Straßen reiten sah, um die Korps außerhalb zu inspizieren und die Vorposten zu besuchen, dann wollte sich zuweilen wieder die Hoffnung in den niedergeschlagenen Herzen regen, und die Soldaten hatten Vertrauen zu diesem festen und strengen Führer, der von unten auf gedient und sich seinen Marschallstab wirklich aus dem Tornister des gemeinen Soldaten geholt hatte. Man hörte hier und da freudige Zurufe, wenn der Marschall vorbeiritt mit dem ernsten, ruhigen Gesicht, dem weißen Haar unter dem goldgestickten Käppi und dem dichten, schwarzen, militärischen Bart – und rasch mit den dunklen Augen seitwärts blickend, erwiderte der Marschall mit leichtem Kopfnicken die grüßenden Rufe. Bald aber verschwanden wieder die Hoffnungen, welche sein Anblick und seine kaltblütige Sicherheit erweckt hatten, denn man wußte ja, daß der Platz so vollständig und so eng eingeschlossen sei, daß alle Boten, die versucht hatten, sich durch die feindlichen Linien zu schleichen, aufgehalten und meist wieder zurückgeschickt worden waren. Man wußte, daß die Vorräte auch bei der allergenauesten Einteilung nur noch auf eine bestimmte, ziemlich kurz berechnete Zeit ausreichen konnten, und daß der bedrängten Festung also nur von außen Hilfe kommen konnte. Auf eine solche wagte man aber nicht mehr zu hoffen, denn trotz der Abgeschlossenheit der Festung waren dunkle Gerüchte von der Katastrophe bei Sedan unter die Truppen und die Bevölkerung gedrungen, und zu den schweren Schlägen, welche in so kurzer Zeit das französische Selbstgefühl und den französischen Ruhm getroffen hatten, gesellte sich die trübe und dumpfe Furcht vor noch weiterem und schwererem Unheil, das noch finsterer und drohender erschien, weil es ohne bestimmte Formen, wie ein täglich sich verdichtender Nebel, auf alle diese in der Festung eingeschlossenen Menschen sich herabsenkte. Es war etwa elf Uhr abends. Der Marschall hatte bei dem einfachen Diner, in dessen Menü das Pferdefleisch eine hervorragende Rolle spielte, sich mit seinen Adjutanten und Ordonnanzoffizieren so ruhig, frisch und ungezwungen unterhalten, als befände er sich in seinem Hotel zu Paris in der Zeit des tiefsten Friedens. Dann hatte er sich in das Nebenzimmer zurückgezogen und war im Begriff, mit dem Major Samuel, einem hochintelligenten und von ihm besonders bevorzugten Offizier seines Generalstabs, eine Partie Billard zu spielen. Sein Diener meldete einen Offizier von den Vorposten, welcher den Marschall in dringenden Angelegenheiten sogleich zu sprechen wünsche. Der Marschall Bazaine legte das Queue aus der Hand und trat erwartungsvoll dem Hauptmann der Franktireurs des Vosges entgegen, der ihm meldete, daß, von einem Offizier des Prinzen Friedrich Karl begleitet, ein Herr an den Vorposten erschienen wäre, welcher verlangte, augenblicklich zum Marschall geführt zu werden. »Und wer ist dieser Herr?« fragte der Marschall verwundert. »Ein Franzose, wie er mir gesagt und wie ich an seiner Sprache gehört, alles Nähere will er nur Eurer Exzellenz sagen.« Kopfschüttelnd begab sich der Marschall in sein Kabinett und befahl dem Offizier, den Fremden dorthin zu führen. Unmittelbar darauf trat Herr Regnier in das Kabinett, in welchem der Marschall ihn erwartete, die Hand auf einen in der Mitte stehenden Tisch gestützt, auf welchem, von einer herabhängenden Ampel beleuchtet, ein großer Plan der Festung Metz ausgebreitet war. Herr Regnier näherte sich mit einigen schnellen Schritten und sprach, auf den in dem fragenden und verwunderten Blick liegenden Gedanken des Marschalls antwortend: »Sie kennen mich nicht, Herr Marschall, ich habe noch nicht die Ehre gehabt, mit Ihnen zu sprechen, aber in einer Zeit, wie die jetzige, müssen alle Freunde des bedrängten Vaterlandes sich verstehen und gemeinsam handeln. Ich komme zu Ihnen, um Frankreich zu retten vor noch tieferem Fall, und habe das feste Vertrauen; daß Sie mir dazu die Hand bieten werden. Hier meine Beglaubigung, die Ihnen beweisen wird, daß ich auf dem Boden der Tatsachen stehe und Sie nicht von Phantasien unterhalten will.« Er zog aus seiner Tasche die Photographie von Hastings und einen vom Grafen Bismarck unterzeichneten Geleitsschein hervor und reichte beides dem Marschall. Dieser prüfte beide Papiere genau und aufmerksam, reichte sie dann Herrn Regnier zurück und sprach in artigem, aber kalt zurückhaltendem Ton: »Das ist in der Tat die Handschrift des kaiserlichen Prinzen und, wie ich glaube, auch die Unterschrift des Grafen von Bismarck. Was haben Sie mir zu sagen?« fuhr er fort, – »denn in diesen beiden Unterschriften liegt in der Tat nichts, was Aufschluß über den Zweck Ihres Erscheinens geben könnte.« »Ich habe Ihnen zu sagen, Herr Marschall,« erwiderte Regnier mit vor Aufregung zitternder Stimme, »ich habe Ihnen zu sagen, daß Frankreich verloren ist, und daß Sie allein imstande sind, es zu retten, wenigstens sein Unglück so sehr als möglich zu mildern. Der Graf von Bismarck,« fuhr er fort, »von dem ich soeben komme, nachdem ich zuvor in Hastings gewesen, erkennt die Regierung, welche sich eigenmächtig in Paris konstituiert, nicht als zu Recht bestehend an. Sie wissen, Herr Marschall,« fuhr er sich unterbrechend fort, »daß in Paris eine Regierung existiert, die sich diejenige der nationalen Verteidigung nennt und unter der Führung Jules Favres, Gambettas und Rocheforts steht.« »Ich habe davon gelesen«, sagte der Marschall etwas zögernd, »in einzelnen Zeitungen, welche durch die Vorposten hierher gelangt sind.« »Was Sie aber wohl nicht gehört haben, Herr Marschall,« fuhr Regnier fort, »ist die Tatsache, daß Herr Jules Favre von der Pariser Regierung in das Hauptquartier nach Ferrières gesendet worden ist, um über einen Frieden zu unterhandeln, den man nicht bewilligt hat, und über einen Waffenstillstand, den man zu bewilligen geneigt ist, um Frankreich Zeit zu geben, eine konstituierende Nationalversammlung zu wählen, welche dann über die Friedensbedingungen zu entscheiden haben würde.« »Eine konstituierende Versammlung,« rief der Marschall, »gewählt, während ein großer Teil des Landes vom Feind okkupiert, – während meine Armee hier in Metz eingeschlossen ist, – welche Bedeutung, welche Berechtigung könnte eine solche Versammlung haben?« »Eine große Bedeutung, Herr Marschall,« erwiderte Regnier, – »sie würde der Absetzung der kaiserlichen Dynastie die derselben bis jetzt mangelnde Legitimation geben und würde zugleich die Verantwortung des Friedens, dessen Bedingungen mit jedem Augenblick drückender und empfindlicher werden, von den Herren, welche jetzt in Paris regieren, abnehmen.« »Das alles sind Phrasen,« erwiderte der Marschall, »wesenlose Dinge! – Hier ist Frankreich, mein Herr, hier bei den Fahnen der letzten Armee, welche widersteht und noch lange widerstehen kann, bei der einzigen Armee, auf welche die Regierung unseres Landes sich ihren äußeren und inneren Feinden gegenüber noch stützen kann.« »Ganz recht, Herr Marschall,« erwiderte Regnier, »das ist auch meine Überzeugung, und von dieser Überzeugung ausgehend bin ich hier. Aber«, fuhr er fort, »ich muß Ihnen sagen, daß Herr Favre dem Grafen Bismarck erklärt hat, er und seine Kollegen seien des Gehorsams und der Ergebenheit Eurer Exzellenz und der Armee von Metz vollkommen sicher.« Der Marschall Bazaine fuhr zusammen. Er biß in seinen Schnurrbart. Ein schneller Blitz zuckte aus seinen dunklen Augen. »Meiner Ergebenheit gewiß?« sagte er achselzuckend, »die Herren Rochefort und Gambetta? Ich möchte wohl wissen, woher ihnen die Kenntnis dieser Ergebenheit gekommen ist. Was ich Ihnen sagen kann, mein Herr,« fuhr er, sich stolz aufrichtend, fort, »ist dieses: ich habe von dem Kaiser, den Frankreich gewählt und ganz Europa anerkannt hat, das Oberkommando über seine Armee erhalten. Ich habe dem Kaiser meinen Eid geleistet, aus seiner Hand empfing ich den Marschallstab von Frankreich, dies Symbol der höchsten Ehre. Die Fahnen meiner Truppen tragen die kaiserlichen Adler, und hier im Lager meiner Armee gibt es nur eine Autorität, das ist der Kaiser und die von ihm eingesetzte Regentschaft. Diese Autorität wird kein Gambetta und kein Rochefort brechen, bevor nicht mein Degen und mein Marschallstab zerbrochen ist, und über dieser Autorität steht nur die freiwillige Kundgebung des gesamten französischen Volkes, das den Kaiser auf seinen Thron gerufen und das noch vor wenigen Monaten ihm von neuem ein so glänzendes Zeugnis seines Vertrauens gegeben hat. Eine freie und rechtsgültige Kundgebung des Volkes kann aber nur erfolgen, wenn kein feindlicher Soldat mehr auf dem Boden unseres Vaterlandes steht, und so lange«, fuhr er, mit der Hand fest auf den Tisch schlagend, fort, »bin ich Marschall des kaiserlichen Frankreichs und,« fügte er mit dem Ausdruck unendlicher Verachtung hinzu, »Herr Rochefort ist für mich weiter nichts als ein von den ordentlichen Gerichten meines Landes verurteilter Pamphletist!« Helle Freude erleuchtete das Gesicht des Herrn Regnier. »O, Herr Marschall,« rief er, »ich danke Ihnen für dieses Wort, in ihm liegt die Zukunft Frankreichs. Wenn Sie so denken, dann kann noch alles gut werden, dann können wir das äußerste Unheil noch beschwören!« Der Marschall blickte schweigend vor sich nieder. »Und was, mein Herr,« sagte er dann, »was glauben Sie, das geschehen könne? – Ich weiß es,« fuhr er fort, »daß draußen keine Armee mehr vorhanden ist, denn in meinen Augen werden diese Bataillone, welche Herr Trochu in Paris manövrieren läßt, niemals eine Armee sein. Ich weiß es, daß hier noch allein die Möglichkeit eines Widerstandes liegt, ich weiß aber auch, daß ein unendlich fester Ring mich einschließt, den der Prinz Friedrich Karl, dieser Soldat von Stahl und Eisen, in seiner unbeugsamen Hand hält, und daß es nur mit unendlichen Opfern von Menschenleben möglich sein würde, diesen Ring zu durchbrechen, – wenn es überhaupt möglich ist.« Er hielt einen Augenblick seufzend inne. »Was also,« sagte er, den Blick scharf auf Herrn Regnier richtend, »was glauben Sie, das geschehen könne?« »Erlauben Sie,« sagte Herr Regnier, »Ihnen meinen ganzen Gedanken zu entwickeln, Herr Marschall. Die Regierung in Paris unterhandelt wegen eines Waffenstillstandes, aus welchem eine konstituierende Nationalversammlung hervorgehen soll, um den Frieden zu sanktionieren, der für Frankreich schwere Beschädigungen und Demütigungen enthalten wird, um so schwerer, je länger er sich verzögert. Denn glauben Sie mir, Herr Marschall, jede Stunde kostet, nach meiner Überzeugung, Frankreich eine Million Franken –« »Was will das bedeuten!« fiel der Marschall ein, – »Geld – wir werden es haben, wir werden es zu schaffen wissen. Aber welche anderen Bedingungen –« »Darauf wollte ich soeben kommen!« rief Herr Regnier, ihn schnell unterbrechend. »Der Graf von Bismarck«, fuhr er fort, »besteht auf Gebietsabtretungen, welche Deutschlands militärische Position stärken und ihm Garantien für einen künftigen Krieg bieten.« »Ich verstehe das,« sagte der Marschall düster. »Er ist ein deutscher Staatsmann, er tut, was wir getan haben würden, wenn wir gesiegt hätten.« »Auch die Gebietsforderungen«, sprach Herr Regnier weiter, »werden mit jeder Stunde höher steigen, und wenn diese Wahnsinnigen, welche gegenwärtig in Paris regieren, durch ein hoffnungsloses Fortsetzen des Kampfes Frankreich und Deutschland neue Opfer an Blut und Menschenleben auflegen, so werden wir für diese Opfer einen in arithmetischer Progression steigenden Preis zahlen müssen. Nun aber, Herr Marschall, muß es die Aufgabe der kaiserlichen Regierung sein, jenen zuvorzukommen, so schnell als möglich einen wirklich gültigen Frieden abzuschließen und dem Land bessere Bedingungen zu bieten, als jene zu tun imstande sind. Namentlich«, fuhr er dringender fort, »muß der Friede geschlossen werden, solange die Fahne Frankreichs noch auf den Wällen von Metz weht, – wenn Metz einmal genommen ist, glauben Sie mir, Herr Marschall, dieser Graf Bismarck hat eine eiserne Hand, – wenn Metz einmal genommen ist, – dann wird er es auch behalten.« »Und haben Sie,« fragte der Marschall Bazaine, Herrn Regnier scharf fixierend, »haben Sie Erklärungen darüber erhalten, welche Gebietsabtretungen man jetzt bei einem Frieden mit der kaiserlichen Regierung fordern würde?« Herr Regnier senkte einen Augenblick die Augen nieder. Ein leichter Ausdruck von Verlegenheit flog über sein Gesicht, und mit etwas unsicherer Stimme antwortete er: »Ich glaube, Herr Marschall, daß es sich um eine Linie von Neubreisach bis Zweibrücken handeln würde, daneben könnte man an die früher bereits beabsichtigte Erwerbung Luxemburgs von Holland denken, um dies Herzogtum an Preußen abzutreten, und wenn es nicht zu vermeiden ist, so könnte man durch das Zugeständnis der Schleifung der Festungswerke von Straßburg und Metz weitere und schwerere Bedingungen abkaufen – und die Kriegsentschädigung –« »Lassen wir die Geldfrage,« fiel der Marschall ein. – »Was Sie mir sagen, ist hart, sehr hart, aber gewiß wäre es immer noch besser, als wenn die Herren Gambetta und Rochefort Frankreich bis auf das äußerste erschöpfen, innerlich zerrütten und endlich einen Frieden würden schließen müssen, der uns der vollständigen Ohnmacht preisgäbe. In Lagen, wie die gegenwärtige, kommt es weniger darauf an, das Unhaltbare halten zu wollen, als vielmehr das möglichst Geringe zu opfern. Und in welcher Weise glauben Sie,« sagte er nach einem kurzen Nachdenken, »daß die Unterhandlungen zu einem solchen Frieden mit Erfolg aufgenommen werden könnten?« »Nichts ist leichter«, sagte Herr Regnier, »sobald Eure Exzellenz die Hand dazu bieten, sich und Ihre Armee der Kaiserin-Regentin zur Verfügung stellen und im Namen des Kaisers kapitulieren würden.« »Kapitulieren!« rief der Marschall, »wie und in welcher Weise kapitulieren? – Ich bin vor allem Soldat, – wenn ich auch in einer Lage, wie die gegenwärtige, die Pflicht gegen den Kaiser und Frankreich habe, die politischen Verhältnisse in Erwägung zu ziehen, so darf ich doch die militärischen Rücksichten auf meine Armee nicht aus den Augen lassen. Eine Kapitulation jetzt, solange ich mich noch zu halten und dem Feind noch zu schaden imstande bin, müßte mit allen Kriegsehren geschehen und meiner Armee den freien Abzug gestatten, wenn dieselbe noch für die Kaiserin eine Grundlage zu Verhandlungen und zum Friedensschluß bilden und der kaiserlichen Regierung eine Waffe gegen die Revolution bieten soll, die sich in Paris breit macht und die vor Worten nicht das Feld räumen wird.« »Ich zweifle nicht,« erwiderte Herr Regnier, »daß man im preußischen Hauptquartier Ihnen eine Kapitulation mit allen Kriegsehren bewilligen wird, und zwar um so sicherer, je schneller diese Kapitulation erfolgt, denn wenn die gegenwärtigen Verhandlungen überhaupt zur Grundlage für einen Friedensabschluß dienen sollen, ist es ja notwendig, daß Ihre Armee intakt bleibt, um dieselbe der kaiserlichen Regierung zur Verfügung zu stellen. Freilich würden Sie dann die Verpflichtung übernehmen müssen, diese Armee an den Feindseligkeiten nicht teilnehmen zu lassen.« »Das würde sich von selbst verstehen,« fiel der Marschall ein, »wenn wirklich ernstliche Friedensverhandlungen begonnen würden.« »Doch«, sprach Herr Regnier weiter, »wäre es vor allen Dingen notwendig, eine bestimmte Erklärung zu haben, daß Sie und Ihre Armee unter allen Umständen nur den Kaiser und die von ihm eingesetzte Regentschaft als die gesetzliche Autorität in Frankreich anerkennen.« »Ich glaube, mein Herr,« erwiderte der Marschall, »daß ich mich darüber sehr bestimmt ausgesprochen habe.« »Gewiß, Herr Marschall,« erwiderte Regnier, – »doch das, was Sie die Güte gehabt haben, mir zu sagen, haben außer mir nur die Wände dieses Zimmers vernommen. Es würde notwendig sein, im preußischen Hauptquartier vollgültige Beweise liefern zu können –« »Und in welcher Weise?« fragte der Marschall. »Ich habe«, erwiderte Herr Regnier, »ungefähr die Form einer solchen Erklärung nach meinen Ideen niedergeschrieben. Ich habe es während der Fahrt getan, es ist daher etwas unleserlich, und ich bitte Sie um Erlaubnis, diese Aufzeichnungen Ihnen vorlesen zu dürfen.« Der Marschall nickte zustimmend mit dem Kopf. Herr Regnier näherte sich der auf dem Tisch stehenden Lampe und las: »Ich, der Unterzeichnete, Marschall von Frankreich, von Seiner Majestät dem Kaiser Napoleon III. zum General en Chef der jetzt unter den Wällen der Stadt Metz lagernden Armee ernannt, bin bereit, nach Beratung und in Übereinstimmung mit den Marschällen und Generalen dieser Armee, in dem Wunsch, die einzige Armee, welche Frankreich noch besitzt, für die Aufrechthaltung der Ordnung zu erhalten, die nachfolgende Kapitulation im Namen Seiner Majestät des Kaisers zu unterzeichnen.« Der Marschall beugte sich ein wenig vor, um kein Wort zu verlieren. Herr Regnier fuhr fort: »Die Armee wird ihre jetzige Stellung mit allen Kriegsehren, das heißt, mit wehenden Fahnen, klingendem Spiel, mit aller ihrer Artillerie, Munition und Bagage verlassen. Sie wird sich in einen genau zu bestimmenden Teil von Frankreich zurückziehen, dessen festgesetzte Grenzen sie bis zur Beendigung dieses gegenwärtigen Krieges nicht überschreiten darf. Die unterzeichneten Marschälle und Generale übernehmen die Verpflichtung, daß die Armee während des gegenwärtigen Krieges nicht auseinandergehen, die Waffen nicht gegen die preußischen Streitkräfte gebrauchen und diesen weder direkt noch indirekt irgendwelchen Schaden zufügen wird.« »Eine solche Kapitulation«, sagte der Marschall nach einigen Augenblicken des Nachdenkens, »würde allerdings den militärischen Ehrenpunkt mit den politischen Rücksichten vereinigen, indessen Sie werden begreifen, mein Herr, daß ich vor einem bestimmten Entschluß über einen so hochwichtigen, für die Zukunft Frankreichs entscheidenden Schritt eine doppelte Verpflichtung habe, – und zwar zunächst mich der unbedingten Zustimmung der unter mir kommandierenden Generale zu versichern und sodann die bestimmte Überzeugung zu gewinnen, daß die Kaiserin, welche die legale Regierung Frankreichs repräsentiert, auf der Basis einer solchen Kapitulation wirklich in definitive Friedensverhandlungen einzutreten bereit sei. Denn ohne diese Gewißheit«, fuhr er, Herrn Regnier scharf fixierend, fort, »würde ich eine schwere Verantwortung übernehmen und mich den schlimmsten Vorwürfen und Verdächtigungen für die Zukunft aussetzen.« »Die Karte, welche ich Eurer Exzellenz überreicht habe –« rief Herr Regnier. »Ist weder eine Legitimation, noch eine Vollmacht,« fiel der Marschall ein, »und gibt mir keine Gewißheit über den Willen und die Absicht Ihrer Majestät.« »Und welche Form würde Ihnen genügen, Herr Marschall?« fragte Regnier. »Glauben Sie, daß man preußischerseits gestatten würde«, fragte der Marschall Bazaine, »einen General von hier nach Hastings zu Ihrer Majestät zu entsenden?« »Ich zweifle nicht daran,« erwiderte Herr Regnier. »Und wen würden Sie zu einer solchen Mission wählen?« »Darüber«, erwiderte Bazaine, »müßte ich nachdenken und mit meinen Generalen beraten. Sie müssen ja ohnehin die Nacht hier bleiben, und morgen vormittag werde ich Ihnen darüber Bestimmteres sagen.« »Ich darf also«, sagte Herr Regnier, »darauf rechnen, daß Eure Exzellenz den Ideen, die ich vor Ihnen auszusprechen die Ehre gehabt, Ihre Unterstützung gewähren werden, und daß Sie auf Ihre Armee in dieser Beziehung mit Sicherheit rechnen können?« »Ich nehme keinen Anstand,« erwiderte der Marschall, »diese Frage zu bejahen, ich muß Ihnen indes dabei bemerken, daß ich nur von der unter meinem Befehl stehenden Armee vor Metz sprechen kann. Die eigentliche Garnison von Metz steht unter dem Kommando des Kommandanten der Festung, General Coffinières. Er wird nach eigenem Entschluß und nach seiner eigenen Verantwortlichkeit handeln müssen. Was meine Armee betrifft, so betrachte ich dieselbe als das Palladium des Kaiserreichs, sie wird sich unvergänglichen Ruhm erwerben, wenn sie dazu beitragen kann, Frankreich einen möglichst ehrenvollen und möglichst vorteilhaften Frieden zu schaffen. Wenn eine große Nation wie Frankreich,« fuhr er fort, »eine Nation, die an Ehren und Lorbeeren so reich ist, von einem ebenbürtigen Feind geschlagen wurde, so ist es ihrer allein würdig, dies offen einzugestehen. Wir haben schwere Niederlagen erlitten, aber deshalb sind wir wahrlich noch nicht gezwungen, das künftige Schicksal unseres Landes der Gnade einer Handvoll Abenteurer auszuliefern, – von Menschen ohne Treu und Glauben, welche das Unglück ihres Vaterlandes zu einer Sprosse auf der Leiter ihres persönlichen Ehrgeizes machen wollen. Die Armee ist das Symbol der Treue, und sie wird treu zu demjenigen stehen, der ihr ihre Fahnen gegeben und ihren Eidschwur empfangen hat. Dies, mein Herr, können Sie jedermann wiederholen, auf dieses Wort können Sie bauen. Übrigens«, fuhr er fort, indem er Herrn Regnier durchdringend ansah, »ist es meine Pflicht, dabei zugleich bestimmt auszusprechen, daß man sich im feindlichen Hauptquartier täuschen würde, wenn man auf die Notwendigkeit einer schnellen Ergebung meiner Armee rechnete. Der Gesundheitszustand meiner Truppen ist vortrefflich, ich habe viele kleinere Ausfälle gemacht und dabei die Überzeugung gewonnen, daß es mir gelingen würde, die feindlichen Linien zu durchbrechen, wenn ich ein Drittel meiner Truppen opfern wollte –« »Unnütz und ohne Erfolg opfern«–fiel Herr Regnier ein. »Kein Sieg ist unnütz,« erwiderte der Marschall, »und mag er die schwersten Opfer kosten. Aber«, fuhr er fort, »wenn ich durch die Erhaltung meiner Armee zugleich die Ordnung und Sicherheit und die gesetzliche, durch den Willen des Volkes konstituierte Regierung in Frankreich erhalten kann, – dann allerdings ist es meine Pflicht, vor einem solchen Opfer zurückzuscheuen.« »Und würden Eure Exzellenz«, fragte Herr Regnier, »geneigt sein, mir durch ein Wort, durch Ihre Unterschrift zu bestätigen, was ich soeben die Ehre gehabt zu vernehmen?« »Ich habe kein Bedenken, zu bestätigen, was ich gesagt,« erwiderte der Marschall, – »Sie haben mir aber keine Vollmacht vorgelegt, mein Herr, – in welcher Weise könnte ich –« Herr Regnier reichte ihm die Photographie mit der Unterschrift des kaiserlichen Prinzen. »Wenn Eure Exzellenz«, sagte er, »Ihren Namen neben den des Prinzen setzen wollten, damit ich dem Grafen Bismarck zeigen könnte, daß Sie mich zu Verhandlungen autorisiert haben.« Der Marschall Bazaine nahm das Blatt, trat an seinen Schreibtisch und setzte mit einem raschen Federzug seinen Namen auf das Papier. Dann öffnete er die Tür seines Vorzimmers und rief den dort wartenden Adjutanten Samuel. »Ist es möglich, diesem Herrn,« fragte er, »der ermüdet und an die Unbequemlichkeiten des Kriegslebens nicht gewöhnt ist, ein gutes und bequemes Unterkommen für die Nacht zu schaffen?« Der Adjutant Samuel sann einen Augenblick nach. »Wir haben«, sagte er, »das Haus des Grafen Villebois mit Rücksicht auf den leidenden Zustand seiner Tochter fast ganz von Einquartierung frei gelassen, nur in dem Parterreraum liegen einige Verwundete. Der Graf wird aber gewiß bereit sein, diesen Herrn bei sich aufzunehmen und ihm in seinem Hause allen Komfort zu gewähren, der in einer belagerten Stadt möglich ist.« »So führen Sie ihn dorthin,« sagte der Marschall, »und ersuchen Sie den Grafen in meinem Namen um seine Gastfreundschaft. Und Sie, mein Herr«, sagte er, sich zu Herrn Regnier wendend, »ruhen Sie sich aus, Sie werden morgen Weiteres von mir hören.« Er drückte Herrn Regnier die Hand, und dieser verließ mit dem Major Samuel das Zimmer, um sich durch die schweigenden und dunklen Straßen der Stadt, welche nur von gleichmäßig einherschreitenden Patrouillen durchzogen wurden, nach einem großen, in der Nähe der Esplanade liegenden Hause zu begeben, dessen Tür auf den Schall der Glocke von einem alten Diener mit weißem Haar geöffnet wurde. Siebentes Kapitel Es schien nicht, daß der späte Besuch des Offiziers vom Generalstab des Marschalls in Begleitung eines unbekannten Fremden einen besonders erfreulichen Eindruck auf den alten Diener machte, denn er betrachtete die Ankommenden mit einer Miene nicht eben freudigen Erstaunens. Er führte dieselben jedoch mit der in den guten, altfranzösischen Häusern heimischen ruhigen Höflichkeit die Treppe hinauf und nach kurzer Anmeldung in das Zimmer seines Herrn. Der Graf von Villebois, ein Mann von etwa fünfzig Jahren, von hoher, schlanker Gestalt, war eine jener Erscheinungen, welche den Eindruck machen, als gehörten sie einer vergangenen Zeitepoche an und paßten nicht ganz in die Umgebung der Gegenwart. Dieses scharfe Gesicht mit den lebhaften Farben, dem kleinen, aufgedrehten Schnurrbart, den dunklen, blitzenden Augen und dem kurzen, fast ganz ergrauten Haar schien in seiner charakteristischen Eigentümlichkeit zu einem Kostüm aus der Zeit Heinrich IV. oder Ludwig XIII. zu gehören und aus einem jener Bilder herabgestiegen zu sein, welche man in den Ahnensälen der alten Schlösser findet. Das große Zimmer, in welches der Kommandant Samuel und Herr Regnier geführt wurden, schien darauf hinzudeuten, daß der Geschmack seines Bewohners mit seiner äußern Erscheinung im Einklang stände. Es war ein lang ausgedehnter Raum, mit dunklem Holz getäfelt, alte Bilder und Schnitzereien bedeckten die Wände. An silbernen Ketten hing eine schön gearbeitete Lampe von der Mitte der Decke herab über einen ungeheuren eichenen Schreibtisch, dessen Platte auf marmornen Löwenfüßen ruhte und der mit Büchern und Papieren aller Art bedeckt war. Der Graf von Villebois, in einen weiten Hausrock von schwarzem Samt gekleidet, der ebenfalls zu seiner Erscheinung und Umgebung paßte, hatte sich bei der Meldung seines Dieners aus einem tiefen Lehnstuhl erhoben und begrüßte den Eintretenden mit der feinsten Artigkeit eines vornehmen Weltmannes. Er erklärte sich auf die von dem Kommandanten Samuel im Auftrag des Marschalls Bazaine ausgesprochene Bitte sogleich bereit, Herrn Regnier bei sich aufzunehmen, erteilte seine Befehle zur Herrichtung eines Zimmers für ihn und ersuchte dann Herrn Regnier, nachdem der Offizier sich entfernt hatte, mit ihm vor dem Feuer, welches im großen Kamin seines Zimmers brannte, Platz zu nehmen, um das kleine Souper zu erwarten, welches er unter entschuldigender Hinweisung auf die Beschränktheit der Vorräte während des Belagerungszustandes bestellt hatte. »Man hat mich,« sagte er, als Herr Regnier ihm sein Bedauern aussprach, daß er als ein störender Gast in seine Häuslichkeit dringe, »man hat mich auf meine dringende Bitte mit militärischer Einquartierung so viel als möglich verschont – ich habe im Parterre meines Hauses mehrere Zimmer für Verwundete hergerichtet, welche die Ruhe nicht stören, deren ich dringend bedarf. Mein Sohn steht bei der Armee Mac Mahons, – ich habe seit langer Zeit keine Nachricht von ihm, was mich in schmerzliche Unruhe versetzt, aber er erfüllt die Pflicht des Soldaten, diese erste Pflicht eines jeden Edelmanns gegen sein Land, die Pflicht, die so viele meiner Vorfahren erfüllt haben, und das tröstet mich und läßt mich in Ergebung erwarten, was die Vorsehung über ihn beschlossen. Der Grund aber für die besondere Ruhe, deren ich hier bedarf, ist die Gesundheit meines zweiten Kindes, meiner Tochter, welche, immer von zarter Konstitution, durch die so furchtbar erschütternden Ereignisse der letzten Zeit in ihrem Nervenleben schwer angegriffen ist und tiefer Ruhe und sorgfältiger Pflege bedarf.« »Aber, mein Herr Graf,« fiel Herr Regnier ein, »wenn Sie ein krankes Kind haben, so begreife ich nicht, daß Sie hier in Metz bleiben, wo Entbehrungen aller Art, das Getümmel und der Lärm des Krieges Sie umgeben und wo alle diese Leiden sich vielleicht immer mehr bis zur Unerträglichkeit steigern können. Man würde Ihnen doch gewiß erlauben, die Festung zu verlassen.« Der Graf Villebois kräuselte leicht seinen aufwärts gerichteten Schnurrbart zwischen den Fingern. »Die Besitzungen meiner Familie«, sagte er dann, »liegen in der Nähe von Metz, ich habe deshalb nach dem Beispiel meiner Vorfahren meinen Wohnsitz hier, wenn ich nicht auf meinen Gütern bin. Ich bin hierher gekommen, als der Krieg begann, und man soll nicht sagen, daß ich einen Platz verlasse aus Furcht vor dem Feind meines Landes und vor den Gefahren, welche doch die übrigen Bewohner der Stadt ebenfalls mit den Truppen teilen müssen. Ich habe gewünscht, meine Tochter von hier zu entfernen, aber sie lehnt es ab, die Stadt zu verlassen, obgleich sie die Unruhe um das Schicksal ihres Bruders, an dem sie mit einer fast unnatürlichen krankhaften Liebe hängt, geistig und körperlich aufreibt, und bei ihrem etwas überreizten Zustand fürchte ich, daß ein Drängen auf ihre Entfernung wider ihren Willen ihr gefährlicher werden könnte, als der Aufenthalt hier. So suche ich denn«, fuhr der Graf fort, »das traurige Schicksal so gut als möglich zu ertragen, indem ich die Verwundeten und Kranken, soviel ich kann, unterstütze und indem ich mich in meine Studien vertiefe, die mich zu den großen Geistern der Vergangenheit und zu den Forschungen nach der ewigen Wahrheit führen, welche hoch über den Kämpfen und Leiden des irdischen Menschengeschlechts dasteht.« »Ich kann mich leider nicht«, erwiderte Herr Regnier, »zu dieser philosophischen Ruhe erheben unter den furchtbaren Schlägen, welche Frankreich betroffen haben. Ich bin hierher gekommen, um eine Mission zu erfüllen, zu welcher eine mächtige Stimme in meinem Innern mich drängt und an welche ich alle meine Kraft zu setzen entschlossen bin, die Mission, Frankreich den Frieden wieder zu geben und ihm zugleich die kaiserliche Regierung zu erhalten, welche, wie ich überzeugt bin, allein imstande ist, unserem Vaterland sichere Ordnung und dauernden, festen Wohlstand zu gewähren. Ich weiß nicht, ob Sie in dieser Beziehung mit mir übereinstimmen, Herr Graf?« fügte er in fragendem Ton hinzu. »Mein Sohn«, erwiderte der Graf von Villebois, »gehört, wie ich die Ehre hatte, Ihnen zu bemerken, zur kaiserlichen Armee.« »Sie sprechen«, sagte Herr Regnier, »hier in Metz von einer kaiserlichen Armee, – im übrigen Frankreich kennt man eine solche nicht mehr. In Paris hat sich eine neue Regierung konstituiert, an deren Spitze Herr Gambetta, Jules Favre und sogar Rochefort stehen.« Traurig seufzte der Graf auf. »Ich habe etwas davon gehört,« sagte er, »so abgeschlossen, wie wir sind, so dringen doch zuweilen Nachrichten zu uns durch aufgefangene Zeitungen und auch durch jenes eigentümliche Miasma, welches besonders geschaffen zu sein scheint, die Kunde großer Ereignisse durch die Luft fortzutragen. Ich sehe das für eine Krisis an, welche Frankreich in diesem Augenblick durchzumachen hat. –« »So glauben Sie also«, rief Herr Regnier freudig, »an den Bestand und die Notwendigkeit der kaiserlichen Regierung?« Der Graf von Villebois blickte einige Sekunden in die züngelnden Flammen und sprach dann, indem er langsam den Blick zu Herrn Regnier erhob: »Ich bin zu wenig unterrichtet, mein Herr, über das, was draußen vorgeht, um mir ein Urteil darüber bilden zu können, ob die kaiserliche Regierung diese Krisis überdauern werde. Jedenfalls glaube ich nicht an den Bestand einer Autorität der Herren Gambetta und Rochefort – solche Leute verstehen nicht zu regieren, sie stehen nicht auf dem Boden der Geschichte, sie haben keine Fühlung mit dem Volk und seinen Bedürfnissen. Derartige Regierungen gehen stets vorüber wie Aprilschauer in der Zeit des Übergangs von einer Jahreszeit zur andern. Es gibt nur eine Macht, welche dauert und in ihren Grundelementen immer wiederkehrt, das ist der alte landsässige Adel einer Nation.« »So glauben Sie also,« fragte Herr Regnier ganz erstaunt, »daß die legitime Monarchie der Bourbons aus der gegenwärtigen Krisis heraus wieder zur Herrschaft gelangen werde?« »Das glaube ich nicht,« erwiderte der Graf Villebois kopfschüttelnd, – »ich habe mich nicht klar ausgedrückt und Veranlassung zu einem Mißverständnis gegeben, indem ich sagte, daß ich den landsässigen Adel für ein unzerstörbares und immer wiederkehrendes Element sicherer Herrschaft und fester Ordnung halte. Ich habe nicht damit diese oder jene Monarchie gemeint: der Adel, der im Volk wurzelt, der den Grund und Boden des Landes, die Quelle seines Reichtums und seiner Stellung seit Jahrhunderten in seinen Händen hält, hat allein das tiefgehende und instinktmäßige Verständnis für die wahren Interessen der Nation und die wahren Bedürfnisse des Volks; – zu ihm wird, unter welcher Regierungsform es auch immer sei, die Herrschaft früher oder später zurückkehren, zu ihm wird das Vertrauen des Volks sich wenden, denn das Volk fühlt ebenfalls instinktmäßig, daß sein Wohl und Wehe, seine Größe, sein Ruhm und sein Wohlstand mit dem seines alten Adels identisch ist.« »Aber«, sagte Herr Regnier, »der alte Adel Frankreichs ist ja seit langer Zeit fast ganz aus unserer Geschichte verschwunden. Er sitzt zurückgezogen im Faubourg St. Germain – und kümmert sich wenig um alles, was in unserem Land und mit unserem Land geschieht,« fügte er mit einer gewissen Bitterkeit hinzu. »Ich bitte um Verzeihung,« erwiderte der Graf von Villebois ruhig, »wenn ich Ihnen darin nicht ganz recht geben kann. Es sind viele Familien des alten Adels in den Dienst des Kaiserreichs getreten, wie zum Beispiel der Herzog von Gramont –« »Der Frankreich in diesen unglückseligen, verderblichen Krieg stürzte –« rief Herr Regnier. »Und der dabei doch nur«, fiel der Graf von Villebois ein, »dem Willen und dem Gefühl der ganzen Nation Ausdruck gab, wie das der alte Adel stets im Bösen wie im Guten getan hat. Doch«, fuhr er fort, »abgesehen von den einzelnen Namen, welche im unmittelbaren Dienst des Kaiserreichs standen, – glauben Sie, mein Herr, daß der Kaiser Napoleon sich jemals hätte auf den Thron heben oder sich auf demselben erhalten können, wenn überall in Frankreich der landsässige, historische Adel ihm ernstlich widerstanden hatte? Der alte, im Volk wurzelnde Adel hat durch seinen Einfluß die Plebiszite möglich gemacht, trotz aller Deklamationen der Advokaten und Kammerredner, und hätte er es nicht getan, so hätten weder die Bauern für den Kaiser gestimmt, noch hätte sich die Armee für ihn geschlagen.« Herr Regnier blickte ganz erstaunt auf diesen Mann, welcher so ruhig und bestimmt, mit voller, fester und klarer Sicherheit Sätze aufstellte, die in den politischen Anschauungen unserer Tage nirgends mehr Platz finden. »Aber«, sagte er, »ich kann nur wiederholen, Herr Graf, daß das ganze Faubourg St. Germain, das doch den alten Adel, den Sie im Sinn haben, repräsentiert, sich in kalter und feindlicher Abgeschlossenheit von der kaiserlichen Regierung zurückgehalten hat.« »In abgeschlossener Zurückhaltung – ja –,« erwiderte der Graf, »nicht in feindlicher. Denn wäre dies der Fall gewesen, so hätte, wie ich schon zu bemerken mir erlaubte, nach meiner Überzeugung die kaiserliche Regierung nicht bestehen können. Aber auch diese Zurückhaltung, mein Herr, war nach meiner Überzeugung ein Fehler. Der alte Adel darf sich nicht von den öffentlichen Angelegenheiten zurückhalten, denn seine Dienste und seine Tätigkeit gehören dem Land, das ewig bleibt, nicht der einen oder der anderen der Regierungsformen, welche kommen und nach längerem oder kürzerem Bestehen wieder vergehen, – wie sie ja in der Geschichte Frankreichs schon so oft gekommen und vergangen sind. Ich habe es nie begriffen, warum so viele unserer alten Familien sich mit Eigensinn an die Erinnerungen der bourbonischen Monarchie klammern und diese Erinnerungen zu einem geheiligten und unantastbaren Prinzip erheben. Waren nicht vor den Bourbons die Valois, vor den Valois die Capetinger und Karolinger, welche wieder die merowingischen Herrscher vom Thron gestoßen haben? Alle diese einzelnen Familien, denen Glück und Verdienst die Krone gegeben, haben kein älteres, kein heiligeres Anrecht an die Herrschaft, als alle anderen Familien des angesessenen Adels, welche mit dem Schicksal ihres Landes eins sind. Die bourbonische Monarchie, mein Herr, ist nach meiner Überzeugung unwiderruflich vergangen, sie ist eine Erinnerung, eine auch für mich ehrwürdige Erinnerung, aber sie ist kein Prinzip. Mein Prinzip ist allein Frankreich, und dem, der Frankreich würdig und kraftvoll repräsentiert, gehören meine Ergebenheit und meine Dienste. – »Ich glaube nicht«, fuhr er fort, »an die Möglichkeit einer Dauer großer Republiken. Könnte eine solche Möglichkeit aber eintreten, warum sollte Frankreich nicht als Republik groß, mächtig und blühend sein? Nur müßte dann freilich diese Republik nicht von Herrn Gambetta und Rochefort, sondern von dem alten Adel des Landes regiert sein. Jene Herren sind Individuen, die entstehen und vergehen und keine innere Beziehung zur Nation, zum Land haben. Der alte Adel aber ist die Vertretung einer Rasse, und diese Rasse ist wieder die Inkarnation des wahren Volksgeistes. Sie sehen also,« fuhr er lächelnd fort, »daß ich kein Gegner des Kaiserreichs bin, daß ich aber die napoleonische Tradition in der historischen Entwicklung Frankreichs ebensowenig für ein unantastbares Prinzip halten kann, wie diejenige des bourbonischen Königtums. Vielleicht«, sagte er sinnend, »das Kaiserreich für uns heute eine Notwendigkeit und wird es so lange bleiben, als es versteht, Frankreich in sich zu verkörpern, wie dies Ludwig XIV., Franz I. und alle großen Vertreter der vergangenen Dynastien verstanden.« Herr Regnier schüttelte schweigend den Kopf. Er schien diese Auffassung nicht recht zu begreifen, aber auch einen Grund gegen dieselbe nicht zu finden oder sie nicht diskutieren zu wollen. Die Tür des Zimmers wurde geöffnet, und unter Vortritt des alten Dieners trugen zwei Lakaien einen bereits servierten Tisch mit drei Kuverts herein, den sie in die Nähe des Kamins stellten. »Ich biete Ihnen, mein Herr,« sagte der Graf von Villebois, »was wir hier in der belagerten Festung haben können. Ich kann Ihnen keine Probe von dem jetzt hier so viel konsumierten Pferdefleisch geben. Ich habe mich noch nicht dazu entschließen können, zu diesem Nahrungsmittel zu greifen –« »Ich muß gestehen,« fiel Herr Regnier ein, »daß ich auch einen starken Widerwillen dagegen haben würde.« »Es ist nicht das,« erwiderte der Graf von Villebois, »das Pferd wird nicht anders ernährt als die übrigen Gras und Kräuter fressenden Tiere und könnte mir deshalb keinen Widerwillen erregen. Aber es ist ein zu edles Geschöpf, es ist der Gefährte des Menschen in der Arbeit, im Vergnügen und im Kampf; dieses Tier zu essen würde mir, ich muß es gestehen, ein wenig kannibalisch vorkommen; – solange meine Vorräte reichen, werde ich mich davon fernhalten. Jetzt bin ich noch auf einige Zeit versehen, da ich vor dem Beginn der Einschließung darauf Bedacht genommen habe, mich zu verproviantieren.« In der Tat konnte das kleine Souper, welches man in das Zimmer getragen, Herrn Regnier den Zustand der Belagerten noch nicht in gar zu trostlosem Licht erscheinen lassen. Es bestand aus Terrinen von Straßburg und Nérac, aus komprimiertem Gemüse und aus Bouillon von jenen kondensierten Fleischkugeln, zu denen der große deutsche Gelehrte die Idee und die australischen Rinderherden ihr Fleisch hergegeben haben. Nach einigen Augenblicken trat eine junge Dame in schwarzer Toilette, von schlanker, fast gebrechlich zarter Gestalt, in das Zimmer. Die Farbe ihres reichen Haares glänzte in jenem eigentümlichen, tiefdunklen Kastanienbraun, welches wie ein leichter, goldener Hauch über einem schwarzen Untergrund erscheint. Die großen, mandelförmig geschnittenen Augen hatten die so seltene, eigentümlich anziehende rehbraune Farbe, die Züge des Gesichts waren vom edelsten Schnitt, und die junge Dame wäre von vollendeter Schönheit gewesen, wenn nicht ein Ausdruck von tiefer Kränklichkeit auf ihrem Gesicht gelegen hätte, vermischt mit einem Zug abstoßenden, höhnischen Hochmuts, der ihren feinen Mund entstellte. »Ich habe die Ehre, dir Herrn Regnier vorzustellen, meine Tochter,« sagte der Graf von Villebois mit ausgezeichneter Höflichkeit, »der uns die Freude macht, bis morgen unsere Gastfreundschaft anzunehmen.« Fräulein Hortense von Villebois streifte Herrn Regnier mit einem schnellen Blick, der nicht gleichgültiger hätte sein können, wenn, er auf einen Stuhl oder irgendein anderes Möbel des Zimmers gefallen wäre. Die Neigung ihres Kopfes, mit welcher sie die tiefe Verbeugung des Herrn Regnier erwiderte, war kaum zu bemerken, und hätte ebensogut eine unwillkürlich zufällige Bewegung als ein Gruß sein können, und als Herr Regnier einige Worte des Bedauerns darüber an sie richtete, daß eine junge Dame von zarter Gesundheit gezwungen sei, die Entbehrungen und Leiden einer Belagerung durchzumachen, erwiderte sie mit kurzem Ton: »Es ist in der Tat recht unangenehm und langweilig, aber es muß durchgemacht werden.« Und ohne Herrn Regnier auch nur anzusehen oder den Kopf nach ihm zu wenden, nahm sie vor dem Kuvert in der Mitte des Tisches Platz, während der Graf und Herr Regnier, der ganz erstaunt war über diese mit der seinen Höflichkeit des Hausherrn so wenig übereinstimmende Behandlung, an ihrer Seite Platz nahmen. »Es ist der eigene Wille meiner Tochter,« sagte der Graf, indem er forschend und unruhig in das Gesicht des Fräulein Hortense blickte, auf welchem tiefe Blässe und schnell vorüberfliegende Röte miteinander wechselten, – »es ist der eigene Wille meiner Tochter, hier zu bleiben, ich bin überzeugt, daß man ihrer Entfernung durch die Vorposten kein Hindernis in den Weg legen und ihr gewiß gern erlauben würde, sich auf das Schloß einer Kusine von mir hinter der Loire zu begeben, wo sie mehr Ruhe und Pflege finden würde als hier und vielleicht auch Nachforschungen nach meinem Sohn anstellen könnte, dessen Schicksal sie und mich so sehr bekümmert. Herr Regnier ist gewiß derselben Ansicht –« Das Gesicht der jungen Dame färbte sich bei den letzten Worten ihres Vaters mit einer dunklen Purpurröte, und mit blitzenden Augen erwiderte sie: »Die Ansicht dieses Herrn über meine Handlung und über das, was möglich und richtig wäre, kann mich nicht bestimmen. Mein Entschluß ist gefaßt, mein Platz ist hier an deiner Seite, mein Vater, und meinen armen Bruder«, fügte sie, schnell wieder erbleichend, hinzu, »würde ich dort hinter der Loire doch nicht finden, er ist gewiß nicht dort, wo man vor dem Feind sicher ist.« Herr Regnier blickte bei diesen, in fast beleidigendem, hartem und feindlichem Ton gesprochenen Worten ganz verwundert den Grafen an, der ihn mit einem Wink seiner Augen und einem leichten Achselzucken zu bitten schien, das Betragen seiner Tochter zu verzeihen. Fräulein Hortense ergriff die Kristallkaraffe, in welcher der dunkelrote Wein von Bordeaux funkelte, und füllte das Glas ihres Vaters. Dann färbte sie durch einige Tropfen das klare Wasser in einem großen, vor ihr stehenden Kristallkelch mit einem leichten, rötlichen Schimmer und winkte darauf den im Hintergrund des Zimmers stehenden alten Diener herbei, um Herrn Regnier einzuschenken. In gedrückter Stimmung, fast schweigend, verlief das Souper. Die junge Dame aß nur wenige Bissen und benetzte kaum ihre Lippen. Nach einer Viertelstunde erhob sie sich, bot ihrem Vater mit kindlicher Ehrerbietung ihre Wange zum Kuß, neigte, ohne die Augen aufzuschlagen, den Kopf ein wenig nach der Seite des Herrn Regnier hin und verließ das Zimmer. »Ich bitte Sie, mein Herr,« sagte der Graf von Villebois, »das eigentümliche, abstoßende und verschlossene Betragen meiner Tochter nicht übelzunehmen. Sie ist leidend, ihr Nervensystem ist in hohem Grade abgespannt, und seit wir hier eingeschlossen und ohne Nachricht von meinem Sohn geblieben sind, hat sich ihrer eine menschenfeindliche Stimmung bemächtigt, welche ich durch keine Bitten und Vorstellungen überwinden kann. Sie spricht fast nichts, bleibt in sich zurückgezogen und hat«, fügte er seufzend hinzu, »zuweilen Anfälle eines starrkrampfähnlichen, magnetischen Schlafes, während dessen sie in einzelnen mühsam hervorgestoßenen und unzusammenhängenden Worten von ihrem Bruder spricht, dessen Bild ihr in ihren Träumen vorzuschweben scheint, dabei verweigert sie auf das bestimmteste, Metz zu verlassen, und so oft ich in sie dringe, gerät sie in einen Zustand heftiger Gereiztheit.« Herr Regnier verneigte sich schweigend und führte das Gespräch auf andere Gegenstände. Der Graf von Villebois vermied es mit zarter Rücksicht, auf den Zweck der Anwesenheit seines Gastes in Metz zurückzukommen, und entwickelte in zwangloser, leichter und freier Unterhaltung einen so reich gebildeten Geist und so viele mannigfaltige Kenntnisse, daß fast eine Stunde unmerklich verflogen war, als Herr Regnier sich erhob und um die Erlaubnis bat sich zurückzuziehen, um seinen Wirt nicht länger zu stören und seine eigenen Kräfte für den folgenden Tag wieder zu sammeln. Der Graf bewegte die Glocke und befahl dem alten Kammerdiener, Herrn Reanier nach dem für ihn bereiteten Zimmer zu führen. Er begleitete seinen Gast bis zur Tür und verabschiedete sich mit einem herzlichen Wunsch für dessen ruhige Nacht, als schnell die Tür des Zimmers von außen sich öffnete und unmittelbar vor dem Grafen und Herrn Regnier auf der Schwelle Fräulein Hortense von Villebois erschien. Die junge Dame trug ein schneeweißes Nachtgewand von feinem Battist, in welchem ihre Gestalt noch zarter und ätherischer erschien, als vorher in der dunklen Toilette. Die Flechten ihres schönen, braunen Haares hatten sich gelöst und hingen über die von dichten Spitzen umhüllten Schultern herab. Ihre Augen standen groß offen und leuchteten in einem wundersamen Glanz, der fast fühlbare Strahlen auszuströmen schien, ihre Züge waren belebt durch eine Art geistigen Lichtes, – aber in ihrem ganzen Gesicht war nichts mehr von jenem kalten, verletzenden Hochmut, von jener abwehrenden Gleichgültigkeit, deren Ausdruck vorher so unangenehm berührt hatte, – – stille Ruhe, fast demütige Sanftmut lag in ihrem Blick und in dem Lächeln ihres sonst so strengen und schmerzhaft verzogenen Mundes. Sie blieb einen Augenblick auf der Schwelle stehen und streckte die Hand gegen den Grafen und Herrn Regnier aus, als wolle sie dieselben zurückhalten. Die beiden Herren blickten ganz bestürzt auf die so unerwartete und so außergewöhnliche Erscheinung dieses jungen Mädchens im Nachtgewand, mit den so vollständig veränderten Zügen, – der alte Diener hob den silbernen Armleuchter, den er in der Hand hielt, um Herrn Regnier nach seinem Zimmer zu geleiten, hoch empor und sah die Tochter seines Herrn so erschrocken an, als wäre ein Gespenst vor ihm erschienen, und im Vorzimmer stand, mit allen Zeichen höchster Angst und Unruhe, eine Kammerfrau, welche ihrer Herrin gefolgt war. »Bleibe hier, mein Vater,« sagte das junge Mädchen mit einer sanften, weichen, demütig bittenden Stimme, – »und Sie, mein Herr,« fuhr sie fort, sich zu Herrn Regnier wendend, »bleiben Sie – Hortense muß sprechen, – sie dankt Gott, daß sie es kann, daß der finstere Bann, der auf ihrem Heizen und ihrer Zunge lag, gelöst ist, – ihr Blick ist klar und frei geworden, – sie kann schauen weithin in den Raum und die Zeit, und sie kann die Worte finden, um ihren Gedanken Ausdruck zu geben.« Der Graf von Villebois schien durch den sanften und freundlichen Ton seiner Tochter ein wenig beruhigt, – er winkte mit der Hand, – der alte Diener verließ das Zimmer – auch Herr Regnier wollte sich zurückziehen – da rief Fräulein von Villebois schnell mit beinahe ängstlicher Stimme: »Bleiben Sie, mein Herr, – Hortense hat mit Ihnen zu sprechen, – Sie sind hierher gesendet zu ihrer Rettung und ihrem Heil, Sie werden sie aus Metz führen, – sie wird ihren Bruder sehen, – sie wird ihn retten, – und dann – dann – wird sie der Zukunft entgegengehen, die Gott ihr bestimmt hat.« Eine dunkle Röte überzog das Gesicht des jungen Mädchens, in lieblicher Verwirrung schlug sie die Augen nieder, und ein glückliches, verklärtes Lächeln spielte um ihren Mund. Der Graf von Villebois zog einen Sessel heran, Fräulein Hortense wies denselben mit einer schnellen Bewegung der Hand zurück, trat mitten in das Zimmer, und in dem vollen Licht der Ampel, das von oben auf sie herabfiel, stand sie in feenhafter, fast überirdischer Schönheit da. Sie legte ihre schlanken Hände, die fast ebenso weiß waren wie das Spitzengewand, das sie umgab, über der Brust zusammen, richtete ihre großen, glänzenden Augen auf ihren Vater und sprach mit einer Stimme, die weich und melodisch aus den fast unbeweglichen Lippen hervordrang: »Hortense ist glücklich, – der Schleier, der ihren inneren Blick verdunkelte, ist von ihr genommen, ihre Angst und Beklemmung ist gewichen, – sie hat ihren Bruder Charles gesehen, – er lebt, – er ist verwundet, aber nicht schwer, – er ist krank, sehr krank, – er liegt mit anderen gefangenen Verwundeten, die man nicht weiter hat transportieren können, in einem kleinen Hause eines Dorfes, zwei Meilen nördlich von Metz, – dies Dorf heißt Barlon und liegt ganz in der Nähe des Schlosses von Villebois –« »Meines Schlosses, – des alten Stammsitzes meiner Familie!« rief der Graf erstaunt, – »in der Tat,« sagte er zu Herrn Regnier, – »ich erinnere mich, daß es dort ein kleines Dorf Barlon gibt, – es gehört nicht zu meinen Besitzungen, liegt aber hart an der Grenze.« »Hortense wird ihren Bruder nach dem Schloß von Villebois führen,« sprach das junge Mädchen in demselben Ton und mit demselben verklärten Lächeln weiter, – »dort wird sie für viele Verwundete ein Asyl schaffen, sie wird ihren Bruder retten und mit ihm viele andere Brüder und Söhne trauernder Frauen, – dort,« sagte sie, abermals errötend und die Augen niederschlagend, – »dort wird sie auch ihr Glück und ihre Zukunft finden.« »Wenn du dich entschlossen hast, Metz zu verlassen, meine Tochter,« sprach der Graf, »so möchte es jetzt vielleicht besser sein, daß ich den Versuch mache, dich zu begleiten –« »Nein,« rief Fräulein von Villebois lebhaft, – »nein, – du würdest Schwierigkeiten finden, – auch gegen deine Überzeugung handeln, – nein, Hortense wird allein gehen, – sie muß allein gehen, denn so will es die Bestimmung der Vorsehung, – Herr Regnier wird sie geleiten,« fuhr sie immer schneller sprechend fort, – »er wird morgen die Festung mit mehreren Ärzten verlassen, – Hortense wird ihn begleiten in dem Gewand einer Krankenpflegerin der barmherzigen Schwestern, – sie wird dies Gewand nicht mit Unrecht tragen, nicht als eine bloße Verkleidung, denn sie wird sich dem Beruf der Pflege der Verwundeten mit aller Kraft und aller Liebe widmen, – das rote Kreuz wird ihr Heil und Glück bringen!« »Aber, meine Tochter,« sagte der Graf kopfschüttelnd, – »auf diese Weise – allein – unter feindlichen Armeen, – Herr Regnier wird sich nicht weiter um dich kümmern können, – er muß seine Geschäfte verfolgen –« »Wenn man sie hier zurückhält,« rief Fräulein Hortense, indem ein Ausdruck unsäglicher Angst auf ihrem Gesicht erschien, – »so wird sie sterben! – Verzeihen Sie,« sprach sie dann, indem sie einen Schritt näher zu Herrn Regnier trat, – »verzeihen Sie der Kranken ihre Unart, – sie hat viel zu leiden gehabt, sie wird auch morgen wieder in ihre Unart verfallen, wenn sie zu ihrem gewöhnlichen Leben wieder erwacht, – aber nehmen Sie sie mit sich – führen Sie sie ihrer Heilung, ihrem Glück entgegen, – sie wird Ihnen gehorchen, wenn Sie mit festem Willen zu ihr sprechen, – Sie werden nicht lange für sie zu sorgen haben, bald wird sie die ihr bestimmte Führung finden, und Sie, mein Herr,« fuhr sie mit tiefem Ernst fort, indem ihre Augen sich noch größer öffneten und in weite Fernen zu schauen schienen, – »Sie werden Ihren Weg verfolgen.« »Und wohin wird dieser Weg mich führen?« fragte Herr Regnier zusammenschauernd unter dem so starren und doch von so fremdartigem, tief innerlichem Leben erfüllten Blick des jungen Mädchens. »Sie gehen über das Meer,« sagte Fräulein Hortense, – »ein großes Gebäude wankt und kracht in seinen Fugen, – seine Säulen neigen sich, – seine goldenen Kuppeln erbeben, – woher nehmen Sie den Mut, diesem Zusammensturz sich entgegenstellen zu wollen? – Sie werden den Bau, den der Blitz des Himmels getroffen, nicht halten, – die Säulen brechen, – die Kuppeln stürzen – und aus den versinkenden Mauern schlagen die Flammen auf, – der Himmel verhüllt sich, – die Hölle ist heraufgestiegen, – ihre wildesten Dämonen regen die Flügel über Schutt und Asche, über verkohlten Leichen auf blutgetränkter Erde. – Armes Frankreich,« sagte sie leise, die Hand abwehrend gegen das Bild ausstreckend, das ihre Augen zu sehen schienen, »armes Frankreich, – denn Frankreich ist der herrliche, stolze Bau, der in Blut und Flammen dort zusammenstürzt, – Frankreich, das Hortense ihr Vaterland nannte, – und das sie bald verlassen wird,« fügte sie in kaum verständlichem Flüstern hinzu. »Mein Gott,« rief Herr Regnier, »sollte es möglich sein, – sollte sich wirklich die Zukunft dem menschlichen Blick entschleiern können? – Sollte dies das Bild der Zukunft sein?« Der Graf von Villebois sah düster und traurig auf seine Tochter hin, deren Blicke immer heller glänzten und sich immer schärfer auf ein vor ihr stehendes Bild zu konzentrieren schienen. »Trauern Sie nicht, mein Herr,« sprach sie, – »die Buße muß vollzogen werden, diejenigen, an welche Sie denken, können Frankreich nicht retten, denn Schuld, blutige Schuld liegt auf ihnen, – und sie müssen diese Schuld sühnen, – harte Kämpfe, – schwere, reinigende Arbeit wird folgen, – aber Frankreich sinkt nicht für immer, eine reine Hand nur kann es retten, und diese Hand wird es retten, – die Hand eines Kindes, heute noch eines Kindes, das keinen Teil hat an der Schuld der Vergangenheit, – keinen Teil an dem Blut, dessen unauslöschliche Flecken an dem Lilienschild haften und das von den Fängen des Adlers trieft, – eines Kindes, das lernen wird und vergessen, – und das einst mit der Fahne des Friedens und der Versöhnung zu dem schwergeprüften Volk zurückkehren wird.« Sie sah noch einige Augenblicke schweigend in das Leere, – dann senkten sich ihre Augen, – ein leichtes Zittern lief durch ihre Gestalt. »Und dies Kind?« fragte Herr Regnier in athemloser Spannung. »Das Bild verschwindet,« sagte Fräulein Hortense leise, – »ihr Geist zieht sich zurück in seine irdische Beschränkung, – sie sieht nicht mehr, – der Schlaf zieht seinen Schleier um ihr Haupt, – vergeßt nicht, sie hinauszusenden, – befolgt ihre Worte, – ihr Leben hängt daran –« Ihre Worte erstarben, – sie schwankte, – der Graf eilte zu ihr hin und fing sie in seinen Armen auf. Sanft ließ er sie auf einen Sessel nieder, – schwer sank ihr Haupt auf seinen Arm, – sie atmete tief in festem, ruhigem Schlaf. »Welch ein wunderbarer Anfall!« rief der Graf in angstvollem Ton, – »in solcher Überreizung habe ich sie noch nie gesehen, – doch ihr Herz schlägt ruhig, – ihr Atem ist regelmäßig –« »Es ist ein Somnambulezustand,« sagte Herr Regnier, noch ganz bewegt von dem Eindruck der sonderbaren Szene, – »man hat manche Beispiele, daß in solchem Zustand der geistige Blick weit hinausschaut über die Grenzen, die uns sonst einschließen.« Er trat an den Kamin und blickte in tiefem Sinnen in die erlöschenden Flammen, während der Graf den alten Diener rief und mit demselben seine Tochter auf dem Sessel in ihr Schlafzimmer trug, wo die erschrockene Kammerfrau sie zu Bett brachte, ohne daß sie aus dem tiefen und ruhigen Schlaf erwachte, in den sie versunken war. Der Graf blieb ernst und tiefbewegt am Bett seiner Tochter sitzen, – Herr Regnier wurde in sein Zimmer geführt, und in seine unruhigen Träume hinein tönten die Worte des jungen Mädchens: »Nur eine reine Hand kann Frankreich retten!« Achtes Kapitel Vor dem Eingang des Schlosses von Corny stand eine Gruppe von jungen Offizieren verschiedener Waffen in lebhaftem Gespräch zusammen. Es waren Nachrichten von den Ausfällen der Pariser Besatzung, von Gefechten, welche unter den Wällen der befestigten Riesenstadt stattgefunden hatten, hierher gedrungen, und allgemein war die Spannung, mit der man den nächsten Ereignissen entgegensah. Die ganze augenblickliche Lage beruhte auf drei festen Plätzen, Paris, Metz und Straßburg. Während bisher die ganze Aktion in offenen Schlachten im freien Feld bestanden hatte, kam es jetzt darauf an, mit zäher Beharrlichkeit diese drei Belagerungen durchzuführen und zum guten Ende zu bringen, wenn nicht die bisher erzielten Erfolge wieder in Frage gestellt werden sollten. Gelang es den Feinden, namentlich bei Paris und bei Metz, auf irgendeinem Punkt den eisernen Ring zu durchbrechen, der sie einschloß, so wurde die Lage der deutschen Armee bei dem Hereinbrechen des Winters und bei der schon jetzt zuweilen hervortretenden Schwierigkeit, die Verpflegungsmittel von Deutschland heranzuziehen, eine sehr bedenkliche, und deshalb fühlten Offiziere und Mannschaften die Notwendigkeit, auch in dieser neuen Art der Kriegführung mit der höchsten Aufopferung ihre Pflicht zu tun, um den vollen Preis der bisherigen Siege zu erringen. »Man sollte wahrlich denken,« rief ein junger Ulanenoffizier, »daß der Krieg zu Ende wäre, wenn man eine Reihe großer Schlachten gewonnen und den feindlichen Kaiser gefangen genommen hat, und nun fängt die Geschichte erst recht an, wir liegen hier vor den langweiligen Wällen, wo für eine ordentliche Kavallerie gar nichts zu tun ist, und man muß in steter Besorgnis sein, hinter einem Busch hervor von einem hinterlistigen Franktireur erschossen zu werden, was doch wahrhaftig die nichtswürdigste Todesart ist, die sich ein ordentlicher Soldat nur denken kann. Wahrhaftig,« rief er, den Säbel aus der Scheide ziehend und klirrend wieder niederstoßend, »wenn wir dies Paris erst wieder haben, müßte man ein Beispiel statuieren und diese übermütige Stadt, die sich herausnimmt, auf eigene Hand den Krieg weiterführen zu wollen, der Erde gleichmachen.« »Dagegen würde ich nichts erinnern,« erwiderte ein Artillerieoffizier mit einem langen Vollbart, »und ich würde mit besonderem Vergnügen aus meinem Geschütz einige glühende Kugeln in dies Babylon werfen, das sie jetzt ihr heiliges Paris nennen, als ob diese Stadt, von der jederzeit der meiste Unfug in der Welt ausgegangen ist, etwas anderes wäre als alle anderen Städte. Was übrigens die jetzige Kriegführung betrifft,« fuhr er lächelnd fort, »so wird die leichte Kavallerie bei derselben nicht überflüssig sein. Sie haben angefangen, ein neues Luftkorps zu arrangieren, gestern ist schon ein solcher Ballon abgefaßt worden. Es wird ein Feld sein, auf welchem sich die Schnelligkeit und Allgegenwart der Ulanen im schönsten Licht zeigen kann.« »Das wird besorgt werden,« sagte der Ulanenoffizier kaltblütig, – »ein richtiger leichter Kavallerist ist auf alle Elemente zugeritten, – ich habe auf der Schule schon in der Mythologie gelernt, daß Kastor und Pollux die Harpyen einfingen, die auch durch die Luft herangeflogen kamen, – und Kastor und Pollux waren altgrichische leichte Kavalleristen, wie man deutlich aus ihren Bildern sehen kann, –wenn sie also die Harpyen singen und hatten nicht einmal Lanzen dazu, – warum sollten wir nicht die Luftballons fangen?« Er drehte den kleinen, zierlichen Schnurrbart und blickte forschend zum Himmel auf, als bedürfe es nur der Erscheinung eines feindlichen Ballons, um die Überlegenheit eines preußischen Ulanen über die leichtberittenen Dioskuren tatsächlich zu beweisen. »Es ist wieder ein großer Zug mit Liebesgaben angekommen,« bemerkte ein Infanterieoffizier, – »es ist in der Tat sehr hübsch, daß unsere Landsleute dort hinten an uns denken, zuweilen beginnt es hier doch knapp zu werden, und da tun die Sendungen von Hause recht wohl, namentlich die wollenen Decken, – wenn man nur die Zigarren nicht rauchen sollte –« »Ich habe neulich eine Liebeszigarre geraucht,« rief der Minenoffizier, – »und sie hat mir vortrefflich geschmeckt, es war freilich ein toller Sturm, und der einzige trockene Fleck war der Sattel, auf dem man saß, – da haben es die Herren Johanniter besser,« sagte er, indem er sich zu einem schlanken jungen Mann wendete, der die Johanniteruniform mit einer gewissen leichten Eleganz trug und grüßend zu der Gruppe der Offiziere trat, – »bei Ihnen ist Küche und Keller immer gefüllt, und in Ihren Etuis stecken keine Liebeszigarren, – nicht wahr, Baron Rantow?« Der Baron von Rantow war etwa dreiundzwanzig Jahre alt, sein hübsches, ungemein vornehmes Gesicht war von frischer Farbe, seine hellen, klaren Augen blickten etwas hochmütig und selbstbewußt von oben herab, und dieser stolze, gleichgültige Blick hätte abstoßend berühren können, wenn nicht ein wohlwollend gutmütiges und freundliches Lächeln, das auf seinen Lippen lag, dem Ausdruck seines Gesichts etwas Sympathisches gegeben hätte. Ein leicht gekräuselter, kurzer, blonder Vollbart verlieh diesem etwas weichen, fast weiblichen Gesicht den Charakter der Männlichkeit und machte den jungen Johanniter zu einem wirklich schönen Mann. »Nun, Herr von Waldenberg,« sagte der Baron von Rantow, auf die Bemerkung des Ulanenoffiziers erwidernd, – so vortrefflich, wie Sie glauben, ist es mit unserer materiellen Existenz nicht bestellt, wenn wir auch allerdings wohl weniger Entbehrungen zu tragen haben als die Herren Offiziere, – dafür aber,« fuhr er mit ernstem Ton fort, – »dafür haben wir auch täglich die Kehrseite des Krieges vor Augen, – die schweren Leiden der armen Kranken und Verwundeten, die den frischen, fröhlichen Krieg mit langen Qualen, oft mit gebrochener Existenz bezahlen, – o – ich versichere Sie, meine Herren, – mir wäre oft wohl, wenn ich mit Ihnen hinausziehen könnte in den Kampf und die Entbehrung, statt Zeuge all des Jammers und Leidens zu sein, das sich hier vor unseren Augen abrollt –« »Und das zu lindern wahrlich ein schöner Beruf ist!« rief der Artillerieoffizier, indem er Herrn von Rantows Hand ergriff und sie kräftig drückte. Der junge Johanniter zog eine große Zigarrentasche von englischem Lederfabrikat hervor und sprach scherzend zu dem Ulanenoffizier, der ganz ernst geworden war: »In diesem Punkt, Herr von Waldenberg, bin ich allerdings gut versehen, und ich bitte Sie, meinen Vorrat etwas zu erleichtern.« Er präsentierte seine Tasche ihm und den anderen Herren, welche dankend die vortrefflichen Havannazigarren annahmen und bald freudig deren duftige Rauchwolken in die klare Morgenluft aufsteigen ließen. »Da kommt ein ausgezeichneter Berliner,« rief der Ulanenoffizier, indem er nach der Tür des Schloßhofes hinblickte, – »ein vortrefflicher Herr, der einen großen Zug Liebesgaben hierher gebracht hat, – er ladet jeden Offizier, dem er begegnet, zum Diner ein, – in Berlin natürlich, – was ein wenig weitaussehend ist –« »Und ein merkwürdiges Exemplar von Schlachtenbummler hat er mitgebracht,« fiel der Artillerieoffizier ein, – »einen Berichterstatter, der aber nicht, wie seine übrigen Kollegen, hinausgeht zu den Vorposten oder wo geschossen und gefochten wird, sondern der hier überall herumläuft und nach allen möglichen und unmöglichen Dingen fragt, – da sind sie –« Der Baron von Rantow hatte sich langsam nach der Richtung des Schlosses hingewendet, – er sah den Kommerzienrat Cohnheim und den Redakteur Meierfeld herankommen, – eine dunkle Röte überzog sein Gesicht, er machte, wie unwillkürlich, eine schnelle Bewegung, als wolle er sich abwenden, – aber schon war der kleine Kommerzienrat mit schnellen, eiligen Schritten dicht neben der Gruppe; langsam folgte ihm der Redakteur Meierfeld, der sich ein wenig erholt und ein wenig Toilette gemacht hatte, obwohl auf seiner ganzen Erscheinung jener eigentümliche, puderähnliche Mehltau der Studierstube lag, der so manchen Priestern der auf Dampfesflügeln über die Welt hinfliegenden und verfliegenden öffentlichen Meinung anzuhaften scheint, wie der Flügelstaub dem Nachtfalter, der blöden und geblendeten Auges in das Licht fliegt und verbrennt. Der kleine Kommerzienrat strahlte vor Stolz und Glück, seine Halsbinde war von untadelhafter Frische, – ein kleiner fremdländischer Orden hing am bunten Bande aus dem Knopfloch seines Frackes hervor, und seine kleinen, scharfen Augen funkelten noch heller als die Brillantnadel, welche den Battist seines Busenstreifens zusammenhielt. Er hob sich etwas auf den Zehen empor, legte seinen Arm in den des Johanniters, grüßte die übrigen Herren mit einer selbstgewissen Vertraulichkeit und sagte mit einer Stimme, der man trotz seiner Mühe, ruhig und gleichgültig zu sprechen, die innere Erregung anhörte: »Ich komme vom Prinzen, lieber Baron, – Seine königliche Hoheit war unendlich gnädig, unendlich liebenswürdig, – Seine königliche Hoheit hatte die Gnade zu bemerken, daß alle Liebesgaben zur Erquickung unserer ausgezeichneten Soldaten sehr nützlich und dankenswert seien und – lieber Doktor,« unterbrach er sich, indem er sich zu dem inzwischen herangetretenen Redakteur Meierfeld wendete, der die Offiziere mit einer gewissen scheuen und steifen Höflichkeit begrüßt hatte und seine Blicke nach allen Seiten verwundert und neugierig umherschweifen ließ, – »lieber Doktor, – Sie haben doch alles notiert, was Seine königliche Hoheit sagte, – es wird unseren Verein in Berlin, der so eifrig in seiner patriotischen Tätigkeit ist, interessieren, daß der Prinz so anerkennend sich über unsere Gaben aussprach.« »Ich werde morgen den Bericht absenden,« sprach Herr Meierfeld, indem er die Offiziere mit wichtiger Miene von der Seite ansah, – »alle Zeitungen von Bedeutung werden ihn bringen –« »Und denken Sie sich, lieber Baron,« fiel der Kommerzienrat ein, – »Seine königliche Hoheit kannte meinen Namen, – ein Herr, der so viel zu denken hat, – er erinnerte sich, schon in Berlin von mir gehört zu haben, – Sie wissen, Meierfeld –« »Ich habe alles notiert, Herr Kommerzienrat,« bestätigte der Redakteur. »Aber ich bitte Sie, lieber Baron,« sprach der Kommerzienrat eifrig weiter, – »ich bitte Sie, mich den Herren vorzustellen.« Der Baron von Rantow erfüllte diese Bitte, und der kleine Kommerzienrat lud die Herren auf das dringendste ein, ihn in Berlin zu besuchen. Dann ging er, nach allen Seiten grüßend, mit dem Baron Rantow, der mit einer kaum verhehlten peinlichen Ungeduld der Unterhaltung ein Ende zu machen suchte, auf dem Wege nach dem Dorfe hin. »Ein lebhafter alter Herr,« sagte der Artillerieoffizier, – »er scheint mit dem Johanniter sehr vertraut zu sein –« »Es ist sein künftiger Schwiegervater,« erwiderte der Ulanenoffizier. »Der Schwiegervater dieses hochvornehmen Barons von Rantow?« fragte der andere verwundert, – »dann ist er wohl sehr reich?« »Das ist er, – aber das kann allein der Grund nicht sein, – die Rantows haben selbst große Besitzungen –« »Was bedeutet das?« fragte Herr Meierfeld, nach einem fern herüber dröhnenden Kanonenschuß hinhorchend. »Ein Signal vom Fort St. Quentin,« sagte der Ulanenoffizier, – »vielleicht will der Marschall Bazaine einen Luftballon steigen lassen, ich muß ein wenig nachsehen, – wir könnten zu tun bekommen, um ihn zu fangen.« »Den Luftballon zu fangen?« fragte Herr Meierfeld ganz erstaunt, – »womit?« Der Ulanenoffizier sah ihn einen Augenblick groß an. »Nun,« sagte er, den Schnurrbart streichend, – natürlich mit der Lanze! Kommen Sie, Doktor,« fuhr er fort, indem er den Arm des Redakteurs ergriff und denselben langsam längs des Schloßparks zu dem Abhang über dem Moseltal hinführte, – »kommen Sie, ich werde Ihnen das erklären.« Lebhaft sprechend ging er mit Herrn Meierfeld weiter, der von Zeit zu Zeit sein Notizbuch hervorzog und eifrig einzelne der Bemerkungen und Erklärungen des jungen Kavalleristen aufzeichnete, um sie für seine »Berichte eines Augenzeugen vom Kriegsschauplatz« verwenden zu können. Der Baron von Rantow war mit dem Kommerzienrat auf der Straße nach dem Dorfe weitergegangen und hatte nur einsilbig und finster auf die vielen, von lebhaften Gestikulationen begleiteten Worte des redseligen und von seinem Empfang bei dem Prinzen ganz berauschten alten Herrn geantwortet. Er fühlte einen peinlichen Mißklang in seinem Innern, er empfand drückend seine Beziehungen zu diesem Mann der Börse, dessen Tochter er zur Gefährtin seines Lebens erwählt hatte und bei dessen Worten und Benehmen sich die Lippen seiner Standesgenossen zu einem, wenn auch gutmütigen, spöttischen Lächeln kräuselten, und aus dem tiefsten Grund seiner Gedanken tauchte die Frage auf, ob er die schöne Tochter des Herrn Cohnheim wohl eigentlich so liebe, daß dies Gefühl ihm Ersatz bieten könnte für die Verletzungen seines aristokratisch exklusiven Stolzes, wie er sie jetzt empfand und wie sie ihm vielleicht während einer langen Zukunft bevorstanden. Er war vor einigen Tagen von Sedan hierher nach Corny zum Johanniterkommando gekommen, und mit leisem Bedauern dachte er daran, wieviel besser es gewesen wäre, wenn er noch dort und ihm dieses Zusammentreffen hier erspart geblieben wäre. Der glückliche Kommerzienrat hatte keine Ahnung von den stillen Gedanken des Barons, – es ist ja eine segensreiche Einrichtung der Vorsehung, daß nicht jeder des Meisters Floh mikroskopische Linse im Auge trägt, um des anderen Gedanken aus den Nervenfäden des Gehirns herauszulesen, – denn hätte der Kommerzienrat jene wundertätige Linse im Auge gehabt, so hätte er nicht, freundlich den Arm seines künftigen Schwiegersohnes klopfend, gesagt: »Wie freue ich mich, mein lieber Baron, Sie hier getroffen zu haben, – wie glücklich wird meine Tochter sein, wenn ich ihr berichten kann, daß ich Sie gesehen und so wohl und kräftig gefunden habe! – der Krieg und das Lagerleben scheint Ihnen in der Tat vortrefflich zu bekommen.« Der Baron von Rantow seufzte bei diesen Worten, die so wenig mit seinen Gedanken im Einklang standen, tief auf. Der Kommerzienrat blickte schmunzelnd zu ihm empor und sagte, mit den Augen blinzelnd: »Nun, nun, Barönchen, – der Krieg nähert sich ja seinem Ende, – es kann ja nicht mehr lange dauern, dann kommen Sie zurück, – und dann soll gleich die Hochzeit sein, – dann werden die seufzenden jungen Herzen ja zufrieden sein!« Der Baron von Rantow neigte den Kopf, doch schien die von dem Kommerzienrat erweckte Aussicht nicht ganz die Freude in ihm zu erregen, welche jener erwartet haben mochte, denn noch einmal stieg ein halb unterdrückter Seufzer aus seiner Brust herauf. Das Gespräch des Kommerzienrats und die Gedanken des Barons wurden plötzlich durch Peitschenknall, Pferdegetrappel und das Geräusch von Wagen unterbrochen, die auf der Straße von Metz nach Corny heranrollten. Das erste Gefährt war der Jagdwagen des Rittmeisters von Willisen, – neben demselben saß in seinem grauen Reisekostüm Herr Regnier und auf dem Hintersitz ein Herr in einem weiten Zivilüberrock, – eine Mütze mit dem Genfer Kreuz tief auf den Kopf gedrückt. Der Baron von Rantow und der Kommerzienrat blieben am Rand des Weges stehen, und der erstere grüßte freundlich den Rittmeister von Willisen. Der Mann auf dem Hintersitz hob einen Augenblick den Kopf empor und sah mit einem raschen Blick seiner dunklen, finsteren Augen herüber. Dann senkte er den Kopf wieder tief auf die Brust, – schnell rollte der Wagen vorüber. »Wer war denn das?« fragte der Kommerzienrat neugierig. »Der Kommandant des Hauptquartiers,« erwiderte der Baron von Rantow, indem er dem Wagen nachblickte und in seinen Erinnerungen zu suchen schien, als wolle er ein rasch vorüberfliegendes, unklares Bild fixieren. »Und die Herren in Zivil?« fragte der Kommerzienrat weiter, der alles wissen und erfahren wollte, um zu Hause recht viel erzählen zu können. »Der eine«, sagte Herr von Rantow, »ist eine geheimnisvolle Person, welche schon viel Kopfzerbrechen verursacht hat, – man sagt, es sei ein Bruder des Herrn Jules Favre, und seine Anwesenheit hänge mit Friedensverhandlungen zusammen, die in Paris begonnen seien, – und der andere,« fuhr er, tiefer in sinnendes Nachdenken versinkend, fort, – »der andere, das ist ein Arzt, nach seiner Mütze zu schließen, – und doch – ich muß dieses Gesicht schon gesehen, – unter ganz anderen Verhältnissen gesehen haben, – dieses dunkelglühende Auge, diese scharfen, kühnen Züge –« Er blickte kopfschüttelnd dem in einer Staubwolke verschwindenden Wagen nach. Da nahte ein zweites Gefährt, – ein einfacher Bauernwagen, – auf den Strohsitzen saßen vier Herren in Überröcken, ebenfalls Mützen mit dem Genfer Kreuz tragend, – aber sie blickten frei erhobenen Hauptes umher, – grüßten den Johanniter und fuhren langsam vorüber dem Schloß zu, in dessen Tor der Wagen des Herrn von Willisen bereits verschwunden war. Noch einige Augenblicke und ein drittes, dem zweiten ganz ähnliches Fuhrwerk rollte heran. Auf demselben saßen ebenfalls vier Herren mit dem Zeichen der Genfer Konvention und unter ihnen auf dem vordersten Sitz eine weibliche Gestalt in der Tracht der Affiliierten der grauen Schwestern, die Binde mit dem roten Kreuz um den Arm, – von dem weit vorstehenden Hut hing ein grauer, dichter Schleier herab. Herr von Rantow wollte mit dem Kommerzienrat grüßend an diesem Wagen vorübergehen, – als plötzlich die graue Schwester, welche den Kopf den Vorübergehenden zugewendet hatte, den Arm ausstreckte, mit der Spitze ihres feinen Fingers die Schulter des Fuhrmanns berührte und mit klarer Stimme in festem, befehlendem Ton rief: »Halt!« Zugleich schlug sie den Schleier zurück, und Herr von Rantow erblickte ein bleiches Gesicht von edler, reiner Schönheit, aber von fast unheimlicher Starrheit, dessen wunderbar große, leuchtende Augen zu ihm so durchdringend, gebietend und angstvoll zugleich hinüberblickten, daß er mehr durch diesen Blick als durch den Ruf der jungen Dame gebannt stehen blieb und erstaunt und erwartungsvoll, wie von der Macht der unverwandt auf ihn gerichteten Augen angezogen, einige Schritte nach dem Wagen hin trat. Mit der leichten und eleganten Sicherheit einer Dame der ersten Gesellschaft erhob sich die Fremde in dem grauen Schwesterkleid von dem Strohsitz des Fuhrwerks und streckte ihre Hand dem Herrn von Rantow entgegen. Dieser eilte diensteifrig heran und, sich leicht auf seinen Arm stützend, sprang die Dame vom Wagen herab, während der Kommerzienrat Cohnheim ganz verwundert auf diese Szene hinblickte und dann, mit freundlichem Lächeln herantretend, den auf dem Wagen sitzengebliebenen Herren seine Zigarrentasche bot. »Sie tragen das Genfer Kreuz, mein Herr,« sagte die Dame in höflichem, aber kaltem und stolzem Ton, während ihre großen, wundersam schimmernden Augen immerfort starr und unbeweglich auf dem jungen Mann ruhten, der unter diesem Blick einen eigentümlichen Schauer durch seine Glieder zittern fühlte, – »das Genfer Kreuz, dieses Zeichen, das alle Nationen in tätiger christlicher Liebe verbindet, – und das edle Kreuz von Malta, welches mir die Bürgschaft ritterlicher Gesinnung gibt, – erlauben Sie, daß ich mich an Sie wende und Sie um Ihren Schutz bitte.« »Ich stehe zu Ihrer Verfügung,« erwiderte Herr von Rantow, indem er sich tief verneigte, – »womit kann ich Ihnen nützlich sein, Madame, – mein Fräulein –« verbesserte er sich mit unsicherem Ton und fragendem Blick, – seine sonst so sichere und selbstbewußte Haltung war durch die so außergewöhnlich vornehme Erscheinung der jungen Dame und ihre fest in seine Augen hineinstrahlenden Blicke erschüttert. »Ich bin Fräulein von Villebois, mein Herr,« fuhr diese fort, – »die Tochter des Grafen von Villebois, – ich habe auf den Wunsch meines Vaters Metz verlassen, um auf dem Schloß von Villebois, das einige Meilen von hier liegt, ein Lazarett zur Pflege der Verwundeten beider Nationen einzurichten. Ich will also den Zwecken dienen, mein Herr, denen Sie sich ebenfalls gewidmet, und habe deshalb ein Recht, mich unter Ihren Schutz zu stellen.« Diese Worte waren zwar durchaus mit aller Höflichkeit der besten Gesellschaftsform, aber zugleich in so bestimmtem, fast befehlendem Ton gesprochen, als sei eine ablehnende Antwort auf dieselben unmöglich. Der Baron von Rantow hatte mit sichtbarer Mühe seine ruhige und sichere Haltung wiedergewonnen. Mit artiger Verbeugung erwiderte er: »Mein Schutz und Beistand würde einer Dame sicher sein, mein Fräulein, auch wenn sie nicht so sehr, als Sie dies tun, an die Pflichten meines Berufes appellierte.« »Ich bitte Sie also,« sagte Fräulein von Villebois, als ob sie die natürlichste Sache von der Welt verlangte, – »ich bitte Sie, mich nach unserem Schloß zu geleiten und zuvor aus einem kleinen, am Wege liegenden Dorf meinen verwundeten Bruder abzuholen, der dort mit mehreren anderen kranken Gefangenen liegt.« Sie legte die Hand auf die Seitenwand des Bauernwagens, Herr von Rantow stützte ihren Arm, – gewandt und graziös schwang sie sich hinauf. Der junge Mann, dessen Blicke an ihren Bewegungen hingen, wollte ihr folgen, – plötzlich fuhr er, wie aus einem Traum erwachend, zusammen und wendete sich zu dem Kommerzienrat Cohnheim, der mit lächelnder Miene verschiedene Versuche machte, sich mit den französisch sprechenden Herren auf dem Wagen zu verständigen, die jedoch nur so weit von Erfolg begleitet waren, als er den Inhalt seines Zigarrenetuis zu ihrer großen Befriedigung an sie verteilt hatte. »Sie finden wohl den Weg zu Ihrem Quartier,« sagte der Baron, – »im zweiten Hause dort am Eingang des Dorfes, – ich bitte um Entschuldigung, – mein Beruf zwingt mich, die Dame und die Herren hier nach dem Hauptquartier zu begleiten.« »Gewiß, gewiß, lieber Baron,« sagte der kleine Kommerzienrat, freundlich mit dem Kopf nickend, – »der Dienst vor allem,« fuhr er mit wichtiger Miene fort, – »ich weiß das zu würdigen, – ich werde versuchen, ein kleines Frühstück herzustellen, – wenn Sie Ihre Geschäfte beendet haben, plaudern wir weiter.« Er drückte dem Baron die Hand und wandte sich dem Dorf zu. Herr von Rantow schwang sich auf den Wagen, setzte sich neben Fräulein Hortense von Villebois, – der Fuhrmann schwang seine Peitsche, und langsam zogen die müden Pferde das schwere Fuhrwerk dem Schloß zu. Dort waren die vorderen Wagen bereits angekommen, und die Herren, welche Herrn Regnier begleitet hatten, waren von dem Rittmeister von Willisen in den Speisesaal des Schlosses geführt worden, wo dieser ein Frühstück für sie herzurichten befahl. Neugierige Gruppen bildeten sich auf dem Hof, und Herr von Willisen antwortete, als er über den Hof ging, um sich bei dem Prinzen zu melden, die Fremden seien luxemburgische Ärzte, welche in Metz eingeschlossen gewesen und nun auf Grund von Verhandlungen zwischen den Oberkommandos der beiden Armeen aus der Festung geholt worden seien. Bald kam auch der letzte Wagen an, Herr von Rantow brachte das Fräulein von Villebois in das Zimmer der in dem Seitenflügel des Schlosses wachehaltenden Diakonissinnen und bat sie, sich hier einige Augenblicke auszuruhen und zu erfrischen, bis er ihre Angelegenheit geordnet haben würde. Die zuletzt angekommenen Ärzte begaben sich zu ihren Kollegen in den Speisesaal, wo bald für sie ein Frühstück hergerichtet wurde, zu welchem sie sich alle unter heiteren Gesprächen, glücklich, der eingeschlossenen Stadt entronnen zu sein, niedersetzten. Nur der eine von ihnen, welcher zuerst auf dem Wagen des Rittmeisters von Willisen mit Herrn Regnier angekommen war, blieb allein am Fenster sitzen, seine neue weiße Mütze mit dem roten Kreuz tief in die Augen gedrückt und den Kopf in den Kragen seines Rockes gesenkt, die übrigen redeten ihn nicht an, – einen Augenblick war er aufgestanden, hatte ein Glas Wein eingeschenkt und dasselbe in raschem Zuge geleert, dann hatte er sich schweigend wieder in die Ecke des Fensters gesetzt und war in finsteres, brütendes Sinnen versunken. Herr Regnier, der, nachdem er einige Bissen gegessen, in lebhafter Unruhe im Zimmer auf und nieder ging, blieb hin und wieder stehen und schien den einsam dasitzenden Mann anreden zu wollen, – dann aber wandte er sich wieder ab und setzte seinen Gang durch das Zimmer fort, mit immer lebhafteren Zeichen von Ungeduld nach der Tür blickend. Endlich trat der Rittmeister von Willisen wieder ein, sprach einige Worte mit Herrn Regnier, näherte sich dann dem Mann am Fenster in ehrerbietiger Haltung und lud ihn ein, ihm in ein benachbartes Zimmer zu folgen. Der Fremde stand auf und ging durch die von Herrn Regnier geöffnete Tür in das Nebenzimmer. »Herr General,« sagte der Rittmeister von Willisen, als er mit dem Fremden und Herrn Regnier allein war, – »der Chef des Generalstabs hat mich beauftragt, Ihnen seine Hochachtung auszudrücken und seine Empfehlungen zu machen. Der Herr General von Stiehle stellt sich zu Ihrer Verfügung, und wenn Sie wünschen sollten, Seiner Königlichen Hoheit vorgestellt zu werden –« »Ich danke Ihnen,« sagte der Fremde, rasch einfallend, indem er seine Mütze abnahm, so daß sein schönes, männliches Gesicht mit dem kurzen, leicht gelockten dunklen Haar und der hochgewölbten, aber etwas schmalen Stirn im vollen Licht sichtbar wurde, – »ich danke Ihnen, mein Herr, und bitte Sie, dem General zu sagen, daß ich seine Aufmerksamkeit in ihrem vollen Wert anerkenne, – er möge mir aber verzeihen, wenn ich ihn nicht besuche und wenn ich auch auf die Ehre verzichten muß, Seiner Königlichen Hoheit mich vorzustellen, – ich habe es übernommen, im Auftrag des Marschalls zu Ihrer Majestät der Kaiserin zu gehen, um deren Instruktionen einzuholen, – diesen Auftrag, mein Herr,« fuhr er mit schmerzlich zuckenden Lippen fort, »habe ich nur nach hartem Kampf mit mir selbst übernommen, – Sie sind Soldat und werden verstehen,« fuhr er mit finsterem Blick fort – »was es heißt, vor dem Feind meinen Posten und mein Korps, diese tapferen Truppen, die mir vertrauen und mit denen meine Ehre mich unauflöslich verbindet, zu verlassen!« Er bedeckte einen Augenblick das Gesicht mit den Händen und seufzte schwer. »Ich habe es getan,« sagte er dann, – »und ich glaube recht gehandelt zu haben, denn ich kann meinem Land und meinem Kaiser nützen und diese so tapfere und so unglückliche Armee von Metz – die letzte, welche Frankreich noch besitzt, vielleicht retten, – aber, mein Herr, ich habe es doch nur unter der Bedingung getan, daß mir gestattet werde, das vollständigste Inkognito zu bewahren, damit niemand einen französischen General, dessen Platz dort hinter den Wällen von Metz ist, – von seiner Truppe entfernt sehen möge!« »Ich verstehe das vollkommen, Herr General,« sagte der Rittmeister von Willisen, der mit achtungsvoller Teilnahme in das lebhaft erregte Gesicht des Sprechenden blickte, »und zweifle nicht, daß auch Seine Königliche Hoheit Ihr Gefühl ganz würdigen wird, – ich bitte Sie also, hier nur kurze Zeit zu verweilen, bald wird alles zu Ihrer Weiterreise bereit sein, – wenn Sie etwas bedürfen –« »Nichts, mein Herr, – gar nichts!« rief der Fremde. »Mein einziger Wunsch ist, so schnell als möglich zur Kaiserin zu kommen, – um so schnell als möglich wieder zurückkehren zu können.« Der Rittmeister von Willisen blickte bei den letzten Worten wie verwundert auf, – doch verneigte er sich, ohne etwas zu bemerken, und wandte sich dann zu Herrn Regnier, ersuchte denselben, ihm zu folgen, und führte ihn durch mehrere Zimmer nach dem Vorsaal des Prinzen Friedlich Karl, wo heute der persönliche Adjutant, Rittmeister von Normann, den Dienst hatte, jener kühne Offizier, der in der Nacht vor der Schlacht von Königgrätz den Gewaltritt aus dem Königlichen Hauptquartier zum Kronprinzen machte und die Botschaft überbrachte, welche die Armee des Kronprinzen noch zur rechten Zeit auf das Schlachtfeld führte, um den großen und entscheidenden Erfolg jenes denkwürdigen und ruhmreichen Tages zu sichern. Nach geschehener kurzer Meldung wurde Herr Regnier in das Kabinett des Prinzen geführt, der, wie immer im Dienstanzug, ihm rasch entgegentrat und ihn in der diesem fürstlichen Feldherrn eigentümlichen, kurzen und bestimmten Weise fragte, ob seine Mission Erfolg gehabt. »Monseigneur,« erwiderte Herr Regnier eifrig, – »wie ich glaube, ist mein Erfolg vollständig gewesen. Es liegt die günstige, selten vorkommende Chance hier vor, daß die politischen und militärischen Rücksichten vollkommen identisch sind, und daß beiden durch die Ausführung meines Gedankens in gleicher Weise Genüge geschieht.« Der Prinz sah ihn einen Augenblick scharf an. Ein leichtes, fast mitleidiges Lächeln spielte einen Augenblick um seinen Mund, – der preußische Soldat und Feldherr schien eigentümlich berührt durch dies so bestimmte Urteil über die militärischen Rücksichten aus dem Munde des aufgeregten, unruhigen und zitternden Mannes, der so ganz und gar keine Faser militärischen Wesens an sich hatte. »Der Marschall Bazaine«, rief Herr Regnier, »stellt sich und seine Armee zu meiner Verfügung –« Abermals zog dasselbe eigentümliche Lächeln über die Lippen des Prinzen. »Und wenn«, fuhr Herr Regnier fort, – »der General Bourbaki befriedigende Instruktionen von der Kaiserin bringt, so wird durch die Kapitulation eine preußische Armee von mehr als hunderttausend Mann frei, die Eure Königliche Hoheit bei weitem nicht zur Fortsetzung der Belagerung von Metz bedürfen, das sich ja dann früher oder später doch ergeben muß.« »Also der General Coffinières, der Kommandant von Metz,« fragte der Prinz, indem seine Augenbrauen sich finster zusammenzogen, »würde mit der eigentlichen Besatzung nicht in die Kapitulation eingeschlossen sein?« »Der General Coffinières, Monseigneur«, erwiderte Herr Regnier, »erklärt, sein Kommando unabhängig vom Marschall Bazaine erhalten zu haben und nicht kapitulieren zu können, wenn nicht die dafür in den Kriegsgesetzen Frankreichs festgesetzten Bedingungen erfüllt seien.« »Darin hat er recht,« sagte der Prinz leise. »Mit der kleinen Besatzung wird sich aber der General nicht lange halten können,« fuhr Herr Regnier fort. »Die einfache Besatzung der Festung«, fiel der Prinz ein, »hält sich leichter und länger, wenn die große Armee sie nicht mehr hindert und ihre Vorräte aufzehrt, – ich glaube nicht,« fügte er hinzu, »daß etwas geschehen könne, bevor die Stadt sich ergeben hat, – doch,« sagte er dann abbrechend, – »was gedenken Sie nun zu tun, mein Herr?« »Ich will sogleich nach Ferrières fahren,« erwiderte Herr Regnier, »um dem Grafen Bismarck Bericht über meine Sendung zu erstatten, und mich dann zur Kaiserin begeben, um alles daran zu setzen, daß der General Bourbaki Instruktionen erhalte, welche den Friedensschluß möglich machen.« Er schwieg und schien das Zeichen seiner Entlassung vom Prinzen zu erwarten. Der Prinz wandte sich zu seinem Schreibtisch, nahm ein Blatt Papier und sagte: »Ich habe diese Depesche für Sie erhalten.« Herr Regnier ergriff hastig das Blatt, welches der Prinz ihm reichte, und las mit zitternder Stimme: »Sie sind zu früh abgereist.« Langsam und nachdenklich wiederholte er diese lakonischen Worte. Plötzlich zuckte ein Strahl lebhafter Freude aus seinen Augen. »Ah – ich verstehe,« rief er, – »man hat nichts mit Jules Favre abgeschlossen, – der Graf Bismarck will mich benachrichtigen, daß das Terrain für meine Negoziation noch frei ist, – o mein Gott, – es kann noch alles gut werden!« Prinz Friedrich Karl hatte ihn von der Seite mit seinen Blicken beobachtet. »In der Tat, mein Herr,« sagte er lächelnd, – »es ist kein Waffenstillstand geschlossen worden, – die Herren in Paris haben die Bedingungen abgelehnt, die ihnen gestellt wurden.« Herr Regnier atmete tief auf, – seine Hände zitterten in nervöser Unruhe. »Dann, Monseigneur,« rief er, – »bitte ich Eure Königliche Hoheit, mich zu entlassen, – wir können Frankreich viel Blut und große Opfer ersparen, wenn die Kaiserin die Situation richtig erfaßt und schnell handelt, – alles kommt darauf an, ihr die Lage in richtigem Licht darzustellen, – o daß ich Flügel an meinen Füßen hätte, um überall zugleich zu sein können! – Ich danke Eurer Königlichen Hoheit für Ihre Güte, – ich danke Ihnen von ganzem Herzen, – und bitte um die Erlaubnis zu gehen, – um Frankreich den Frieden zu bringen!« »Gehen Sie,« sagte der Prinz freundlich, indem er leicht den Kopf gegen Herrn Regnier neigte, der sich mit tiefer Verbeugung zurückzog, – »gehen Sie, – und nehmen Sie meine besten Wünsche mit, – denn auch für den Soldaten ist des Krieges Ziel der Friede – aber der Friede, der Deutschland gibt, was sein Recht und seine Ehre fordert,« sprach er, zum Fenster hintretend, als Herr Regnier das Zimmer verlassen hatte, – »Deutschlands Ehre, meine Ehre erfordert es, daß diese jungfräuliche Feste mir ihren Kranz gebe, – mein soll sie sein, – diese drohende Ausfallspforte Frankreichs soll zur Schutzwehr Deutschlands werden, – sie soll in Zukunft die Wacht halten am deutschen Rhein!« Er blickte blitzenden Auges über das Tal hin nach dem mächtigen Fort St. Quentin hinüber, von dem sich eine weiße Wolke löste, und dumpf rollend hallte ein Kanonenschuß herüber über das freundliche Tal, auf welches der Himmel so hell und licht herabsah, als ob zu seinen blauen Höhen keine Kunde heraufdränge, daß hier um die Entscheidung gerungen werde in dem großen Völkerstreit, der seit Jahrhunderten schon um Deutschlands Grenzmarken geführt ward. – – – Herr Regnier war eiligen Schrittes zu dem Mann zurückgekehrt, den er mit den Luxemburger Ärzten aus Metz herausgeführt hatte und der ihn in finsterem Schweigen erwartete. »Freuen Sie sich mit mir, mein General,« rief er, – »die Verhandlungen mit der Pariser Regierung sind gescheitelt, – dem Kaiserreich gehört die Zukunft!« »Die Zukunft!« – sagte der Fremde, ohne aufzublicken, – »welche Zukunft? – ist sie es wert, daß ich meinen Posten, meine Truppen verlasse, – daß ich meine Ehre einsetze? Kann das Kaiserreich, – kann Frankreich gerettet werden durch die Fäden einer dunklen, geheimen Intrigue, nachdem es auf so vielen Schlachtfeldern zertrümmert ist?« »Mut, mein General, Mut!« rief Herr Regnier, »wenn Sie Ihre Mission glücklich vollenden, so haben Sie mehr als eine gewonnene Schlacht in die Wagschale geworfen!« »O, könnte ich eine gewonnene Schlacht verzeichnen, – und dann sterben, – um von all dem Jammer nichts mehr zu hören!« sagte der Fremde leise. Der Rittmeister von Willisen trat ein, um anzuzeigen, daß alles zur Abreise bereit sei. »Vergessen Sie nicht,« sagte Herr Regnier, »daß Sie vor aller Welt meinen Namen führen, – hier, meine Papiere!« Der Fremde steckte die Papiere mechanisch ein und folgte dem Rittmeister, welcher ihn und Herrn Regnier in den Schloßhof führte. Hier standen zwei Wagen bereit. Herr Regnier bestieg den einen, und der Kutscher erhielt den Befehl, nach Ferrières ins Hauptquartier zu fahren. Der Rittmeister setzte sich mit dem Fremden auf den anderen Wagen und fuhr einige Minuten später aus dem Schloßhof. Der Ulanenoffizier, welcher mit dem Redakteur Meierfeld von seinem Spaziergang zurückkehrte, trat in diesem Augenblick in das Tor und blickte, den Rittmeister begrüßend, ganz erstaunt und betroffen dem neben demselben sitzenden Fremden nach, während Herr Meierfeld aufmerksam den Schloßhof beobachtete und die Fenster der Hauptfront und der Seitenflügel zu zählen begann. »Donnerwetter,« sagte der Ulanenoffizier, indem er nachdenklich vor sich hinstarrte, – »was war das für ein Gesicht, – das muß ich schon einmal gesehen haben, – aber nicht so, – ganz anders, – ja, ja, – ganz anders –«. »Die Seitenflügel scheinen in einer späteren Zeit gebaut zu sein als der Mittelbau«, bemerkte Herr Meierfeld, der, sein Notizbuch in der Hand, wieder herantrat. »Jawohl – das ist's,« rief der Ulanenoffizier, sich vor die Stirn schlagend, – »ganz richtig, – das Herbstmanöver in Berlin 1865, – ich war noch Fähnrich, – die beiden prächtigen Offiziere, die uns so imponierten, – Gablenz und Bourbaki, – es war der General Bourbaki!« »Wo ist der General Bourbaki?« fragte Herr Meierfeld, indem er sich ganz verwundert nach allen Seiten umsah. Der Ulanenoffizier blickte ihn groß an und sagte mit leichtem Lächeln: »Der General Bourbaki ist in Metz und kommandiert die kaiserliche Garde, – der kann uns noch viel zu schaffen machen, wenn sie einen Ausfall wagen,« und langsam den Kopf schüttelnd, sprach er leise: »Das hat etwas zu bedeuten.« »Sehen Sie doch, sehen Sie doch dort! rief Herr Meierfeld, indem er mit dem Finger zum Himmel empordeutete. »Bei Gott,« rief der Ulanenoffizier, in der angedeuteten Richtung aufblickend, – bei Gott, das ist wieder ein Luftballon, den sie losgelassen haben, – den müssen wir fangen, – wollen Sie die Jagd mitmachen?« »Ich möchte es wohl sehen,« sagte Herr Meierfeld zögernd, – »aber ich weiß nicht – ob das Reiten –« »Kommen Sie, – kommen Sie,« rief der Offizier, – »ich werde Ihnen ein Pferd geben, – Sie werden einen vortrefflichen Spaß zu notieren haben!« Und immer den in ziemlich bedeutender Höhe dahinschwebenden Ballon mit den Blicken verfolgend, zog er den Redakteur nach den Ställen hin, wo ein Detachement Ulanen lag. – – – Der Baron von Rantow kehrte zu Fräulein von Villebois in das Zimmer der Diakonissen zurück und teilte ihr mit, daß er den Auftrag erhalten, sie mit einigen Ärzten und Krankenpflegerinnen nach dem Schloß ihres Vaters zu begleiten, und daß man, da überall die vorhandenen Räume für die Kranken und Verwundeten kaum ausreichten, mit Dank das Anerbieten angenommen habe, dort ein Lazarett zu errichten, dessen Organisation und Leitung er zu übernehmen angewiesen sei. Fräulein Hortense neigte kalt und ruhig das Haupt, als teile er ihr etwas ganz Selbstverständliches und Bekanntes mit. »Und wann werden wir aufbrechen?« fragte sie. »In einer halben Stunde,« erwiderte Herr von Rantow, – »ich eile, die letzten Anordnungen zu treffen.« »Gut,« sagte die junge Dame, – »ich bin bereit.« In der Tat war nach kurzer Zeit ein Zug von mehreren Wagen zusammengestellt, auf welchen einige Diakonissinnen und zwei Ärzte Platz nahmen, – andere Wagen mit Verbandzeug, Arzneien und Wein folgten. Der Baron von Rantow führte Fräulein von Villebois zu dem ersten Fuhrwerk, – einer leichten, offenen Halbchaise, sein Diener setzte sich auf den Bock, – der Baron gab einer Ordonnanz ein Billett an den Kommerzienrat Cohnheim und atmete erleichtert auf, als sei eine Last von seiner Brust genommen, indem er den Befehl zur Abfahrt gab. Eine Abteilung Dragoner, unter dem Kommando eines Unteroffiziers, deckte den Zug, der sich langsam auf der Straße nach Norden hin bewegte. Herr von Rantow blickte von Zeit zu Zeit auf die junge Dame, welche, in die Ecke des Wagens zurückgelehnt, fast unbeweglich dasaß und ihre so glänzenden und doch so tief ernsten, beinahe starren Blicke weit über die Landschaft hin nach dem Horizont richtete. Der junge Mann fühlte sich eigentümlich ergriffen von dieser so schönen und trotz der einfachen grauen Tracht so hochvornehmen Erscheinung, über welcher ein gewisser rätselhafter Schleier lag, – er dachte daran, wie diese Augen bezaubern müßten, wenn ihr Blick sich mit warmen Strahlen erfüllte, – wie dieses streng geschlossene Lächeln hinreißen müßte, – und unwillkürlich schloß er die Augen, – dem Bilde weiter nachzudenken, das vor ihm aufstieg. Er begann mehrmals eine Unterhaltung, – schüchtern und scheu, – er konnte seine sonstige weltgewohnte Sicherheit nicht wiederfinden, – aber ebenso höflich als kalt und bestimmt lehnte die junge Dame durch ihre kurzen, einsilbigen Antworten jede Konversation ab, – und mit leisem Seufzer zog sich der Baron in seine Wagenecke zurück, – es schien, daß die gemeinsame Reise, welche so oft fremde Menschen schnell einander näher führt, kein, Verständnis und keine Beziehungen zwischen den beiden jungen Leuten herstellen sollte, welche hier nebeneinander dahinfuhren, um zusammen die Pflichten helfender Nächstenliebe zu erfüllen. Sie waren auf ein weites freies Feld gekommen, als plötzlich lautes Rufen und der Hufschlag mehrerer Pferde von der Seite des Weges her erschallte. Zugleich fielen in einiger Entfernung einige Schüsse. Herr von Rantow blickte erschrocken nach der Richtung dieses beunruhigenden Lärms hin, während Fräulein von Villebois kaum die Augen nach der Seite wandte. Ein sonderbarer und außerordentlicher Anblick zeigte sich dem jungen Mann. Am fernen Rand der Ebene, am Saum eines Waldes, wo eine größere Truppenabteilung zu lagern schien, sah man einige Infanteristen, welche die Schüsse getan hatten, deren Schall herübergedrungen war. Über das Feld her jagte in rasender Karrière ein Ulanenoffizier, den Säbel in der Scheide, aber die Lanze eines seiner Leute in der hochgeschwungenen Hand. Ihm folgte in einiger Entfernung ein Reiter, – oder vielmehr ein Mann in Zivil, der sich in der merkwürdigsten und außergewöhnlichsten Weise auf einem in schnellstem Lauf daherstürmenden Pferde hielt. Sein Hut war weit in den Nacken gedrückt, seine Knie hoch heraufgezogen, die beiden Hände hielten den Sattelknopf fest, während der ganz zusammengebogene Körper bei jedem Satz des Pferdes die entschiedenste Neigung zeigte, seinen Schwerpunkt außerhalb der schmalen Basis hin zu verlegen, auf welcher er sich befand. Fünf bis sechs Ulanen folgten in einiger Entfernung in ebenso schnellem Tempo. Der Zug, an dessen Spitze Herr von Rantow fuhr, hielt an, und unmittelbar an ihm vorüber jagte der Ulanenoffizier über die Chaussee hin, mit mächtigem Satz seines Pferdes den Graben überspringend, – ihm nach das Pferd mit dem Herrn in Zivil, der bei dem Sprung über den Graben seinen so losen Zusammenhang mit dem Sattel gänzlich aufgeben zu wollen schien, – doch fiel er nach einer bedenklichen Kurve, die er in der Luft beschrieben, wieder auf den Sattel zurück und jagte mit einem angstvollen Wehelaut an dem Wagen vorüber. Herr von Rantow, welcher diese wunderbare wilde Jagd in höchstem Erstaunen an sich vorüberbrausen gesehen hatte, folgte der Richtung der Blicke der vorbeisprengenden Ulanen, welche alle die Köpfe in den Nacken gelegt hatten und trotz ihres eiligen und wilden Rittes sich mehr mit den Wolken und der Luft, als mit dem Terrain zu beschäftigen schienen, das ihre Pferde zu durchlaufen hatten. Der junge Mann entdeckte denn auch bald den Gegenstand dieser eifrigen Jagd in einem Luftballon, der nur noch in geringer Entfernung über den Köpfen der Reiter schnell vom Winde dahergetrieben wurde. Der Ballon mußte durch einige Schüsse getroffen sein, denn er schien auf der einen Seite bereits zusammengesunken, faltig, schräg gesenkt flog er dahin, und der an seinem unteren Ende befestigte Gegenstand schwankte in unregelmäßigen Bewegungen hin und her. Immer tiefer sank der Ballon herab, – da plötzlich schien ihn eine veränderte Luftströmung zu erfassen, er drehte sich einige Male wirbelnd um sich selbst, dann wurde er über die Chaussee zurückgetrieben, – dicht vor den Wagen vorbei, – unmittelbar hinter ihm her kam der Ulanenoffizier, der bei der Wendung des Ballons mit bewunderungswürdiger Gewandtheit sein Pferd herumgeworfen hatte. Während er mit lautem Hurra über den Graben setzte, schwang er seine Lanze und schleuderte sie, wie die alten Kämpfer der Ilias ihre Wurfspeere, dem Ballon nach. Die Lanze drang tief in den dünnen Stoff ein und blieb an ihrem Fähnchen darin hängen, zischend fuhr das Gas heraus, immer enger sanken die Falten des Ballons zusammen und nach wenigen Augenblicken lag er etwa fünfzig Schritte von den Wagen auf den Stoppeln des Feldes. Das zweite Pferd hatte ebenfalls die Wendung richtig nachgemacht und setzte zum zweitenmal über den Graben heran. Diesmal aber ergriff das mächtige und unerbittliche Gesetz der Zentrifugalkraft mit voller Gewalt den an den Sattelknopf geklammerten Herrn, er flog in einem mathematisch schwer zu berechnenden Bogen empor und sank fast in demselben Augenblick am Rand des Grabens nieder, als der Ulanenoffizier unter dem lauten Jubelruf der herangesprengten Ulanen und der den Wagenzug des Herrn von Rantow begleitenden Dragoner vom Pferd sprang und seine Beute, einen an den Ballon befestigten Briefkoffer, in Besitz nahm. »Ich gratuliere, Herr von Waldenberg,« rief der junge Johanniter, – »das war ein vortrefflicher Wurf!« »Ah – Baron Rantow,« sagte der Ulanenoffizier, indem er an den Wagen herantrat und mit ehrerbietiger Höflichkeit die junge Dame grüßte, welche gleichgültig und kalt kaum den Kopf neigte, – »das ist in der Tat ein herrlicher Sport, – so etwas von der alten Falkenjagd, nur noch besser, – das bringt etwas Abwechslung in den Krieg, der hier bei dem unerträglichen Stillliegen vor Metz schon langweilig zu werden anfing.« »Aber, mein Gott,« rief er, sich unterbrechend, – »wo ist denn mein Redakteur? – da kommt ja Cäsar ganz allein zurück, – wahrhaftig, dort sitzt er am Graben, – er wird doch keinen Schaden genommen haben?« Er eilte zu dem Grabenrand hin, wo der Redakteur Meierfeld bleich und starren Blickes ganz gerade aufgerichtet dasaß und vorsichtig einen Teil seines Körpers nach dem anderen betastete, als wolle er sich überzeugen, ob alle einzelnen Teile seiner irdischen Hülle noch unversehrt beieinander seien. »Hurra, Doktor!« rief ihm der Ulanenoffizier zu, indem er ihm die Hand reichte und ihn kräftig emporzog,–»freuen Sie sich, – wir haben ihn!« »Wir haben ihn,« wiederholte Herr Meierfeld mechanisch mit einer Grabesstimme, wobei er die anatomischen Untersuchungen an seinem eigenen Körper eifrig und sorgfältig fortsetzte. Da ihm das Resultat derselben jedoch die beruhigende Überzeugung zu gewähren schien, daß die Maschine seiner materiellen Existenz sich in voller und normaler Ordnung befinde, so tat er mit weitausgebreiteter Brust einen langen Atemzug, schüttelte sich, dehnte die Armee aus und sagte dann mit einem matten Lächeln: »In der Tat, Herr Leutnant, das ist ganz außerordentlich, – man würde es kaum glauben, – einen Luftballon zu fangen –« »Mit der Lanze, wie ich Ihnen gesagt!« rief der Offizier, – »ja, ja, – vor den Ulanen ist nichts sicher!« Er löste den Briefkoffer von dem Ballon und veranlaßte Herrn Meierfeld nach einigen Verhandlungen durch die bestimmte Versicherung, daß man im Schritt zurückreiten werde, den ganz ruhig und freundlich herangekommenen Cäsar wieder zu besteigen. »Wir verlieren Zeit, mein Herr,« sagte Fräulein Hortense in fast befehlendem Ton zu Herrn von Rantow, – »und wir haben noch einen weiten Weg vor uns.« Eiligst verabschiedete sich der Baron von dem Ulanenoffizier, der mit den Trophäen seiner Luftjagd an der Seite des durch einen kräftigen Schluck aus der Feldflasche wieder völlig zum inneren und äußeren Gleichgewicht gebrachten Redakteurs Meierfeld nach dem Hauptquartier zurückritt, während der Wagenzug auf der Straße nach Norden sich entfernte. Neuntes Kapitel In dem Badezimmer des Barons von Rothschild im Schloß zu Ferrières hatte der König Wilhelm sein Arbeitskabinett einrichten lassen. Die Badewanne war mit einem Teppich bedeckt und durch eine Chaiselongue maskiert, ein großer viereckiger Tisch war in die Mitte des Raumes gestellt, und auf demselben lagen in regelmäßigster Ordnung die verschiedenen, für die persönliche Einsicht Seiner Majestät bestimmten Briefe und Berichte, und teils verschlossene, teils schon geöffnete Mappen standen daneben an die Seiten des Schreibtisches gelehnt. Alle die kleinen Gegenstände, welche den König auf seinen Reisen und Feldzügen zu begleiten pflegen, waren an ihren gewohnten Plätzen, und dieser stille Raum in seiner ernsten Einfachheit, seiner ruhigen Ordnung und seiner freundlichen Behaglichkeit hätte kaum vermuten lassen, daß sich hier der Mittelpunkt so ungeheurer Streitkräfte befinde, welche von diesem einfachen Zimmer aus mit mathematischer Sicherheit wie auf einem Schachbrett geleitet wurden. Der König saß völlig angekleidet, aber mit aufgeknöpftem Militärüberrock vor seinem Schreibtisch und war beschäftigt, die auf demselben liegenden Sachen durchzusehen. Seine Majestät sah frisch und blühend aus in den reinen Farben des ernstruhigen, milden Gesichts, diesen so jugendlichen Farben, die ebenso wie die klaren, hellen Augen nicht mit dem schneeweißen Bart und Haar zusammenzupassen schienen. Er legte die Spenersche Zeitung, welche er, langjähriger Gewohnheit gemäß, durchblättert hatte, lächelnd auf den Tisch. »Sie haben die Statue des großen Friedrich arg mitgenommen in ihrer Siegesfreude,« sagte er heiter, – »die Berliner Jungen, – welche so arge Rangen sind und dann tüchtige, herrliche Soldaten werden, wenn sie den blauen Rock angezogen haben. Nun, der alte Herr wird's ihnen nicht übelgenommen haben, – er stand ja mit ihnen auf gutem Fuß, – sie haben ihm bei Lebzeiten sich auch an die Steigbügel gehangen, und geduldig ließ er sich von ihnen belehren, daß Mittwoch nachmittag keine Schule sei! – Er wußte wohl, daß aus diesen Straßenjungen die Männer erwachsen, mit denen er bei Leuthen und bei Roßbach siegte. – Gott erhalte sie, die richtigen Berliner Jungen,« sagte er mit glänzendem Blick, – »und gebe ihnen noch oft solche Gelegenheit, das Denkmal ihres ›alten Fritzen‹ zu erklimmen.« Er wendete sich zu den Briefen, welche der Geschäftsordnung gemäß, als zur Privatkorrespondenz gehörig, zu seiner eigenhändigen Eröffnung auf den Tisch gelegt waren. Mehrere derselben hatte er erbrochen und schnell durchlesen, als er betroffen auf ein Schreiben blickte, das ein großes schwarzes Siegel trug. Einen Augenblick zögerte er, – es schien, als fürchte er, die heitere Morgenstimmung durch eine Trauernachricht sich trüben zu lassen. »Was wird das sein?« flüsterte er leise, – »je weiter wir vorschreiten auf der Lebensbahn, um so schmerzlicher berührt uns das Ausscheiden eines jeden aus dem Kreise der Bekannten und Freunde, – wird der Kreis doch immer mehr gelichtet, der uns in der Jugend in so reicher Fülle umgab! – Doch nein, mein Gott, nein,« sagte er dann, das Auge aufwärts richtend, – »in Demut und Dank erkenne ich es an, daß du mir immer reicher und voller deine Gnade geschenkt hast, – wohl sind viele – viele dahin, mit denen ich in fröhlicher Jugendlust mich freute, – manches Herz,« sprach er mit bebender Stimme, »das mir warm entgegenschlug, steht still in ewiger Ruhe, – aber sind sie mir nicht in so großem, reichem Kreise nahegetreten in diesen gewaltigen Tagen, diese Waffengefährten alle, die Lorbeeren auf Lorbeeren um meine Krone winden, – umgibt mich mein ganzes Volk nicht noch inniger, noch wärmer und treuer, – wendet sich nicht auch des lange zaudernden und zögernden Deutschlands Vertrauen mir zu – Ja,« rief er, »das Alter, das sonst alles unerbittlich raubt, hat mir viel Großes und Herrliches mit reichen Händen gegeben, – Dank dem Herrn!« Er erbrach den Brief. »Die Prinzessin Amalie von Sachsen!« sagte er mit wehmütigem Ton, nachdem er den Inhalt durchflogen, – »es war ein stilles, sanftes Leben, das sich da geschlossen hat, einfach und bescheiden, aber wohltuend und heiter, – Amalie Heiter nannte sie sich ja als Dichterin, – Gott gebe ihr sanfte Ruhe! – Der arme König Johann tut mir leid, – er hing an dieser Schwester und hat schon so Schweres ertragen. Die neue Zeit hat ihn hart und schmerzlich getroffen, – ich weiß es wohl und erkenne es um so höher an, daß er so treufest am gegebenen Wort hält. – Nun, unsere Tage werden das alles versöhnen und verklären, die braven Sachsen haben so herrlich mitgerungen im großen Kampf, und der Kronprinz hat so vollen Anteil an dem Ruhmeskranz der deutschen Waffen! – Könnten doch alle Erinnerungen so versöhnt werden,« sagte er leise und schmerzlich, – »der arme Georg –« Er ließ den Kopf auf die Brust sinken und saß einige Augenblicke mit gefalteten Händen still da. Dann ergriff er eines der übrigen geordnet daliegenden Papiere. »Ah,« sagte er, »der Bericht des Komitees der deutschen Nordpolfahrt, – ich habe ihn zurücklegen lassen und will ihn eingehend lesen, sobald ich einen Augenblick Muße habe.« Er blätterte nachdenklich in dem Bericht. »Der Schoner Hansa ist untergegangen, – aber die Germania ist nach langer, mühevoller Fahrt glücklich im Hafen eingelaufen,« sagte er, den Bericht langsam auf den Tisch legend, – »die Hansa – das ist das Bild der alten Gestaltung Deutschlands, in welcher die Sonderbündnisse der einzelnen getrennten Teile die Macht und Kraft ersetzen sollten, die dem Ganzen fehlten, – und die Germania, – nun, so Gott will, wird auch das große Deutschland in einen mächtigen, sicheren Hafen einlaufen, der die Früchte seiner Arbeit und seines Fleißes schützt gegen die ganze Welt. – Wie wunderbar,« sprach er weiter, – »die großen Ereignisse einer weltgestaltenden Zeit oft mit den kleineren in bedeutungsvoller Beziehung stehen! Während hier die deutschen Heere auf den Schlachtfeldern die Anerkennung deutscher Macht vor Europa erkämpften, hat dort ebenso unerschrocken und tapfer eine kleine Schar den starren Eisfeldern des Pols frische Lorbeerblätter für den Ruhm der deutschen Wissenschaft abgerungen. Und so soll es bleiben,« rief er mit vollem Ton, – »immer fester geeinigt soll deutsche Kraft und deutscher Geist überall dastehen, allezeit als Mehrer des Ruhms und der Herrlichkeit der Nation!« Er wendete sich zu dem nächsten Bericht, und ein schmerzlich trüber Schatten zog über sein Gesicht. »Petitionen wegen der Verhaftung Johann Jacobys in Königsberg,« sagte er, die Blätter durchfliegend, – »wie schmerzt es mich, daß ein solcher Mißklang in der Heimat die Siegesfreude stört! – wie gern möchte ich Gnade walten lassen! – aber noch stehen wir vor dem Feind, – Vogel von Falckenstein weiß, was er tut, – die militärische Autorität darf nicht erschüttert werden, – hätte ich diese Autorität nicht so unantastbar festgehalten, so wäre das hohe Ziel, an dem wir heute stehen, niemals erreicht worden! Daß sie das doch so schwer, – so schwer begreifen wollen, – sie sprechen von nationaler Einheit und Macht und wollen doch selbst in dieser ernsten Entscheidungszeit ihre persönlichen Meinungen nicht dem großen Ganzen unterordnen!« Seufzend legte er den Bericht auf den Tisch zurück. Der diensttuende Flügeladjutant trat ein und meldete Seine königliche Hoheit den Großherzog von Mecklenburg-Schwerin. Schnell stand der König auf, knöpfte den Überrock zu und trat dem Großherzog entgegen, der in der Generals-Kampagneuniform mit dem Stern des schwarzen Adlerordens,, dem Orden pour le mérite und dem mecklenburgischen Militärverdienstkreuz in militärischer Haltung sich seinem königlichen Oheim näherte. Der König hörte freundlich lächelnd die dienstliche Meldung des Großherzogs an, dann umarmte er denselben und küßte ihn. »Ich freue mich herzlich, daß du kommst,« sagte er, – »ich erwarte auch Karl und Albrecht, – hoffentlich werden wir einmal einen ruhigen Tag verleben können, – die letzte Zeit hat mir kaum eine Minute Freiheit gelassen, – und bald wird es wohl wieder zu tun geben, denn die Pariser scheinen sich ernstlich wehren zu wollen.« »Die Unterhandlungen also,« fragte der Großherzog, – »von denen wir hörten –« »Sind gescheitert,« sagte der König, – »sie wollen die Bedingungen, die ich für den Waffenstillstand stellen mußte, nicht annehmen, es wird noch viel Blut – kosten,« fuhr er traurig fort, – »bevor sie sich der Notwendigkeit beugen –« »Nun,« rief der Großherzog, – »zu lange wird das hoffentlich nicht dauern, denn einen ernsten Widerstand können sie doch nicht mehr leisten.« Der König schüttelte den Kopf. »Es kann noch recht, recht lange dauern,« sagte er, – »dieser Gambetta, der niemals Militär oder Beamter war, zeigt ein Organisationstalent, das mich erstaunen läßt, – und die Hilfsquellen Frankreichs sind größer, als man glaubt, – wenn sie eine legitime Regierung hätten, – wenn der Kaiser oder seine Regentschaft in geordneter Weise alle diese Anstrengungen machte, dann könnten sie uns noch schwere Arbeit auflegen, – aber auch so wird es lange genug dauern, – dazu kommt der Fanatismus, der das französische Volk ergreift, – ein solcher Krieg ist schwer und vor allem recht peinlich und traurig, – ich habe,« sagte er lächelnd, »mir meine Wintergarderobe von Berlin hierher bestellt, – doch«, fuhr er fort, auf ein Etui blickend, welches der Großherzog in der Hand hielt, – »was hast du denn da?« »Ich habe eine Bitte an dich,« erwiderte der Großherzog, indem er das Etui öffnete, in welchem man ein Ordenskreuz erblickte, – »du trägst seit dem Jahre 1849 die zweite Klasse unseres Militärverdienstkreuzes, – ich möchte dich bitten, nun auch die erste Klasse desselben anzunehmen, – als ein Zeichen meiner Verehrung und meiner Bewunderung der gewaltigen Erfolge, die unter deinem Befehl errungen sind.« Der König drückte dem Großherzog herzlich die Hand. »Du weißt,« sagte er, »wie hohen Wert ich auf die militärischen Auszeichnungen lege, welche durch Verdienst vor dem Feind erworben werden, – ich danke dir recht sehr für deine Aufmerksamkeit, die mich mit den braven mecklenburgischen Truppen noch enger verbindet.« Er nahm das Etui und blickte sinnend auf das Kreuz, das in demselben funkelte. »1849 – und heute,« sagte er, – »welch einen Weg hat die Geschichte seit jener Zeit gemacht, – und wie danke ich Gott, daß dieser Weg glücklich und ruhmvoll vollendet ist! Damals galt es den Kampf gegen die Revolution, – gegen die verirrten und verblendeten Söhne Deutschlands, die heute geeinigt gegen den Nationalfeind im Feld stehen, – in jenen Sieg mischte sich Trauer und Bitterkeit einer unklaren, verworrenen Zeit, – heute ist alles licht und rein, – groß und klar, – die beiden Klassen deines Ordens stellen mir Anfang und Ende einer Bahn dar, auf der Gottes Gnade mich herrlich geführt hat. Nochmals meinen herzlichsten Dank!« Der Flügeladjutant trat abermals ein und meldete: »General von Obernitz, Kommandeur der königlich württembergischen Division.« »Sogleich,« sagte der König, indem er das Etui mit dem Orden auf den Tisch stellte, – »General von Moltke soll kommen. – Du wirst hoffentlich gute Aufnahme finden, – Raum genug ist da in diesem Prachtschloß des Herrn von Rothschild, der mir nicht mehr die Ehre erzeigt, mein Generalkonsul zu sein,« sprach er dann lächelnd zum Großherzog, – »aber über dessen Gastfreundschaft ich mich nicht beklagen kann, – auf Wiedersehen –« Er begleitete den Großherzog einige Schritte nach der Tür hin. Einige Augenblicke darauf trat der General von Moltke und der württembergische General von Obernitz in das Kabinett. Der letztere, ein verhältnismäßig noch junger Mann von raschem, militärisch feurigem Wesen, meldete sich dienstlich bei Seiner Majestät, um Bericht zu erstatten über das Gefecht, welches bei Sceaux, auf der Südseite von Paris, stattgefunden hatte. »Ich bedaure sehr, nicht dort gewesen zu sein,« sagte der König, der neben seinem Schreibtisch stehen blieb, – »ich war am Morgen nach Saint-Denis geritten, wo ein kleines Gefecht stattfand, – das aber nur ganz unbedeutend war im Vergleich zu dem Zusammenstoß im Süden von Paris.« »Es war dort ziemlich ernst, Majestät,« sagte der General von Obernitz, – »die sämtlichen gegen Paris heranrückenden Korps hatten sich im Südwesten vereinigt und erstürmten die Höhen bei Chatillon, Petit-Bicêtre und Sceanx. Das fünfte Korps namentlich und die Bayern kamen sehr scharf ins Feuer, – die Franzosen schlugen sich zuerst gut, – dann aber, bei Bicêtre namentlich, stob ein Zuavenregiment vor den ersten Granaten auseinander und riß bald die übrigen Truppen mit sich fort, so daß alles in wilder Flucht in die Vorstädte von Paris floh. Es war ein erhebender, großer Augenblick, als unsere Truppen zuerst von den Höhen, die sie erstürmt, die riesige Hauptstadt vor sich liegen sahen, – Seine königliche Hoheit der Kronprinz kam heraufgeritten und war fast der erste, der die feindliche Hauptstadt, in welcher man noch vor kurzer Zeit von einem militärischen Spaziergang durch Deutschland träumte, zu den Füßen der siegreichen deutschen Truppen liegen sah.« »Wie gern wäre ich dort gewesen!« sagte der König. »Wie lebhaft steht die Zeit vor mir,« fuhr er fort, – »als ich vor langen Jahren auch diese Stadt zuerst vor mir liegen sah, – an der Seite meines Vaters, – damals war ich freilich noch so jung, – ich konnte kaum handelnden Anteil an den Ereignissen nehmen, – mein Sohn ist glücklicher,« fügte er freundlich hinzu, »er ist schon General und Feldherr, – das wird eine schöne Erinnerung für ihn sein.« »Wenn unsere Truppen noch weiter vorgedrungen wären, Majestät,« sagte der General von Obernitz mit blitzenden Augen, »so hätten sie an jenem Tag mit den völlig aufgelösten französischen Truppen nach Paris eindringen und die Stadt nehmen können.« Der General von Moltke schüttelte den Kopf. »Seine königliche Hoheit der Kronprinz hat sehr recht gehabt, Majestät,« sagte er ruhig, – »der Versuchung zu einem solchen Handstreich zu widerstehen, – es wäre viel Blut unnütz vergossen; ein sicherer und zweifelloser Erfolg ist nur zu erreichen durch eine systematische Einschließung, welche Paris mit mathematischer Genauigkeit zur Übergabe zwingt.« »Diese Einschließung ist fast vollendet,« bemerkte der General von Obernitz, – »Versailles ist besetzt, Seine königliche Hoheit der Kronprinz hat dort sein Hauptquartier genommen, und überall reichen sich die deutschen Korps die Hand.« »Die Einschließung ist noch nicht an allen Punkten gleich stark und auch nicht völlig gesichert,« sprach der General von Moltke, – »die dritte Armee auf der Südseite hat noch die Glieder der Kette an allen Punkten festzuschließen, – es sind manche Schwierigkeiten zu überwinden, das Terrain mit dem Lauf des Flusses an den Höhenzügen ist der Verteidigung ungemein günstig –« »Nun, das wird Fritz besorgen,« sagte der König mit zuversichtlichem Ton, – »freilich mit den Geschützen werden wir die Stadt immer nicht erreichen können –« »Ich glaube,« sprach der General von Moltke mit einem feinen Lächeln, unsere Geschütze würden uns noch geringere Dienste leisten als die einfache Einschließung, – die Pariser werden wohl bald unter sich aneinander geraten, wenn sie gezwungen sind, still und ruhig zu bleiben, und wenn ihre Deklamationen keine anderen Zuhörer finden als sie selbst –« Der König neigte zustimmend den Kopf. »Diesmal muß ein Ende gemacht werden, – nur wenn sie von dem Glauben an ihre Unbesiegbarkeit gründlich zurückkommen, wird man künftig mit ihnen in Frieden leben können. – Ich danke Ihnen, Herr General,« sagte er dann zum General von Obernitz, – »ich werde Sie bei Tisch noch sehen.« Die Ankunft der Prinzen Karl und Albrecht wurde gemeldet, der König entließ die Generale, bald kamen die übrigen in Lagny einquartierten deutschen Fürsten, und Seine Majestät machte mit denselben einen Rundgang durch alle Räume des Schlosses und durch den Park bis zur Zeit des Diners, das in dem großen Speisesaal serviert wurde, dessen Wände mit prachtvollen, in das Getäfel eingelassenen Bronzereliefs geschmückt sind. Die größten und schönsten dieser Reliefs stellen in herrlicher Arbeit den Sturz des Phaëton und den Himmelssturm der Giganten dar, und mancher Blick richtete sich auf diese Bilder, die in so wunderbarer Beziehung herabblickten auf den siegreichen königlichen Feldherrn Deutschlands, der hier, von den Fürsten seines Volkes umgeben, Tafel hielt, während der französische Imperator, dem Phaëton gleich, zerschmettert herabgestürzt war von seiner vermessenen Fahrt zu den geträumten Sonnenhöhen europäischer Schiedsherrlichkeit, und während überall in Frankreich die Elemente der Revolution sich emporrichteten zum Titanenkampf gegen das deutsche Königtum von Gottes Gnaden, das von dem Felsen der treuen Liebe seines Volkes herab dem wilden Ansturm seinen leuchtenden Schild entgegenhielt mit dem einfachen Kreuzeszeichen. * Während der König mit den Fürsten und seinen Generalen noch bei der Tafel saß, an welcher auch der württembergische Kriegsminister von Suckow und der Minister von Linden teilnahmen, fuhr Herr Regnier auf einem leichten, offenen Wagen wieder an der Säulenhalle des Schlosses vor, und nachdem er etwa eine Stunde in einem Zimmer des Erdgeschosses, in dem man ihm einige Erfrischungen servierte, gewartet hatte, wurde er abermals in das Arbeitskabinett des Ministerpräsidenten Grafen Bismarck geführt, der soeben vom Diner Seiner Majestät kam und den weißen Waffenrock des magdeburgischen Kürassierregiments Nr. 7 mit den Schulterstücken des Generalmajors trug, den Stern des schwarzen Adlerordens auf der Brust. Er trat Herrn Regnier lebhaft entgegen und lud ihn ein, sich neben seinen Schreibtisch zu setzen, während er selbst auf dem Kanapee davor Platz nahm, auf welchem diesmal kein Taschentuch lag. Der Revolver des Grafen befand sich an seinem gewöhnlichen Platz auf dem Schreibtisch. »Nun, mein Herr,« begann der Ministerpräsident, – »wie weit sind Sie gekommen? – ich habe gehört, daß der Marschall Bazaine den General Bourbaki zur Kaiserin geschickt hat, – Sie haben mein Telegramm erhalten und werden wissen, daß ein Waffenstillstand mit der Regierung in Paris nicht zustande gekommen ist, – was bringen Sie? – wird es möglich sein, über den Frieden zu unterhandeln, der für beide Nationen eine Wohltat, – für Frankreich eine Notwendigkeit ist?« Herr Regnier hatte fast mit Ungeduld das Ende der Anrede des Grafen Bismarck erwartet, – er richtete sich gerade auf, zog ein Papier mit Notizen aus der Tasche und sprach, während der Ministerpräsident ihn mit seinen scharfen, stahlgrauen Augen erwartungsvoll ansah: » Veni vidi , – ich bin gekommen mit manchen Schwierigkeiten und Mühsalen, – ich habe gesehen vieles Traurige und Schmerzliche, – den dritten Teil dieser Phrase Cäsars,« fuhr er fort, – »darf ich nicht wiederholen, – am wenigsten Ihnen gegenüber wiederholen, der Sie ein besonderes Anrecht darauf haben. Ich habe vor allem mir, meinem Vaterlande, ja, wie ich glaube, dem ganzen Europa Glück zu wünschen, daß ich in Eurer Exzellenz einen jener seltenen Männer gefunden habe, welche große Ideen zu erfassen und zu benützen verstehen, und daß es mir dadurch gelang, den Weg zum Frieden zu öffnen.« Der Graf von Bismarck blickte ein wenig erstaunt auf Herrn Regnier, welcher diese Worte mit einer großen selbstgefälligen Zuversicht gesprochen hatte. »Und der Marschall Bazaine?« fragte er rasch und kurz. »Der Marschall,« erwiderte Herr Regnier, »ist bereit, mit seiner Armee die Basis zum Friedensschluß zu bilden, wie ich denselben mit Eurer Exzellenz besprochen habe.« »Und haben Sie eine Erklärung, – eine Vollmacht des Marschalls mitgebracht?« fragte Graf Bismarck. Er hat mir durch seine Unterschrift dasjenige bestätigt,« erwiderte Herr Regnier, »was er mit mir besprochen.« Er zog aus seinem Portefeuille die Photographie von Hastings hervor und reichte dieselbe dem Ministerpräsidenten, indem er mit dem Finger auf den unter den Zeilen des kaiserlichen Prinzen befindlichen Namenszug des Marschalls deutete. Graf Bismarck betrachtete einen Augenblick dies Blatt, dann sah er tief und forschend diesen Mann an, der ihm so zuversichtlich gegenübersaß und mit zwei Unterschriften auf einem unbedeutenden und gleichgültigen Bild in der Hand eine Verhandlung zu führen unternahm, welche über das Schicksal einer großen Nation und über die künftigen Verhältnisse Europas entscheiden sollte. Herr Regnier sprach lebhaft weiter: »Eure Exzellenz haben Frankreich besiegt – und ich kann nicht von Ihnen verlangen, daß Sie das Prinzip des Vae victis , welches zu allen Zeiten der Geschichte für die Sieger maßgebend war, verleugnen sollten, – aber ich darf Sie daran erinnern, – und ein so großer Mann wie Sie wird mich verstehen, – daß Sie bei den Forderungen, die Sie den Besiegten stellen, zwei Rücksichten vor allem zu beobachten haben.« Graf Bismarck schien sprechen zu wollen. Dann aber blitzte es in seinem Auge auf wie das Interesse an einem wunderbaren und außergewöhnlichen Phänomen, dessen Wesen und innern Zusammenhang zu ergründen den Geist reizt. Er stützte die Hand auf das Knie und neigte den Kopf wie zum Zeichen, daß er zu hören bereit sei. Herr Regnier fuhr fort: »Ihre Erfolge, Herr Graf, sind groß, – Ihre Position erscheint drohend und unangreifbar, – und doch hat sie ihre schwachen Stellen, – wie ich Ihnen zu sagen nicht nötig habe. Sie befinden sich mit Ihrer ganzen Macht weit vorgeschoben in einem feindlichen Lande, das täglich mehr von dem nationalen Fanatismus wird ergriffen werden, – die Flammen, welche hier rund um Sie her emporlodern, können gefährlich, – überwältigend werden, – die europäischen Mächte halten zurück, – erschrocken über die so gewaltigen, aller Berechnung spottenden Ereignisse, – wenn Österreich sich aufraffte –« Graf Bismarck zuckte kaum merklich die Achseln, ohne daß sich in dem kalten, ruhig-aufmerksamen Ausdruck seines Gesichtes die geringste Veränderung zeigte. »Rußland steht dahinter, – ich weiß es,« sagte Herr Regnier, – »aber auch dort könnten Wendungen – Veränderungen der Stimmung eintreten, – Sie werden jedenfalls einräumen, daß eine Verlängerung der gegenwärtigen Situation auch für Sie Gefahren in sich schließt, welche Sie besser vermeiden, und daß die Klugheit Ihnen raten muß, die Früchte Ihrer Siege so schnell als möglich und ohne neue Opfer in Sicherheit zu bringen.« Er hielt einen Augenblick inne, – Graf Bismarck saß unbeweglich und schweigend da, es wäre unmöglich gewesen, in den Zügen seines Gesichtes irgendein zustimmendes oder abweichendes Urteil über die vernommenen Worte zu lesen. »Dies der Gesichtspunkt der Gegenwart,« fuhr Herr Regnier fort, – »ein Staatsmann wie Sie, Herr Graf, muß aber auch auf die Zukunft Rücksicht nehmen, – und deshalb bitte ich um die Erlaubnis, einen Blick in die Zukunft werfen zu dürfen. Es wird eine Zeit kommen,« sprach er in hoch erhobenem Ton, »in welcher Eure Exzellenz nicht mehr die Politik Preußens, das von nun an Deutschland sein wird, leiten, – dann werden die Verhältnisse, nicht mehr beherrscht und gelenkt von einem übermächtigen und außerordentlichen Geist, in ihre natürlichen Rechte treten. Welches aber werden diese Verhältnisse sein? Ich sehe vor mir,« fuhr er immer lebhafter fort, »ein deutsches Kaiserreich mit siebzig Millionen Menschen, – daneben ein moskowitisch-slawisches Kaiserreich mit hundertfünfzig Millionen, auf der anderen Seite Frankreich; – neu gestärkt und gekräftigt durch seinen Handel, seinen Gewerbefleiß, seine ökonomische Arbeit, wird es an die Spitze eines großen Bundes der lateinischen Rassen treten, – eines Bundes, der ebenfalls hundertfünfzig Millionen Menschen umfassen wird, die noch inniger geeinigt sein werden durch das feste, gemeinsame Band der katholischen Kirche. Auf der anderen Seite des Ozeans wird sich Nordamerika, wahrscheinlich auch ein Kaiserreich mit hundert Millionen, erheben, – und England, nach Verlust seiner Kolonien an Rußland und Nordamerika, wird keine Macht mehr sein, sondern nur eine Erinnerung an versunkene Größe, – wie Tyrus und Sidon es im Altertum waren. – Das, Herr Graf, – ist die Zukunft, wie sie hervorgehen muß aus den nationalen Agglomerationen, die sich jetzt vollziehen, – und wenn Sie sich die Lage Deutschlands unter den Mächten der Zukunft denken, so wird es erdrückt werden, sobald Frankreich und die lateinische Welt dem slavischen Reich die Hand zum Bunde reichen. Das aber, Herr Graf, wird Frankreich nicht tun, – denn Frankreich wird mit Deutschland an der Spitze der Bildung und Zivilisation stehen, – wenn es nicht durch einen tiefen, notwendigen und unauslöschlichen Haß zur Feindschaft gegen Deutschland gezwungen wird, – durch einen Haß, wie er entstehen müßte, wenn Sie heute über die Grenzen des Notwendigen hinaus die Macht ausnützen, welche der Sieg Ihnen gegeben.« Graf Bismarck hatte den Kopf in die Hand sinken lassen und die Augen auf den Tisch vor sich geheftet. Er richtete sich empor und fragte, den Blick voll und fest auf Herrn Regnier richtend: »Und Ihre Schlußfolgerung?« »Meine Schlußfolgerung, Herr Graf,« erwiderte Herr Regnier, indem er sein Notizblatt emporhob und die engen Zeilen auf demselben verfolgte, – »meine Schlußfolgerung geht dahin, daß Ihre Interessen völlig gesichert sind, wenn Sie eine Linie zur Grenze nehmen, welche von Breisach über Kolmar und Zabern geht, dann den Vogesen und dem Laufe der Saar folgt, Saarburg, Philippsburg und Bitsch einschließt und bei Zweibrücken endet. Damit werden Sie nicht in die eigentlichen nationalen Grenzen Frankreichs eingreifen, – Sie werden Deutschland strategisch sichern und die Möglichkeit schaffen, daß Deutschland und Frankreich in dauerndem Frieden nebeneinander leben und in späterer Zukunft sich zur Führung Europas verbinden können. Greifen Sie weiter, so werden Sie aus dem Körper Frankreichs ein Stück von seinem Fleisch und Blut reißen, das sich niemals mit dem deutschen Element vermischen wird, – und ein sicherer und dauernder Friede wird zur Unmöglichkeit werden.« Graf Bismarck hatte eine auf seinem Tisch liegende Handkarte ergriffen und auf derselben die von Herrn Regnier angedeutete Linie mit der Spitze eines Federmessers verfolgt. Dann sprach er, mit der Messerklinge leicht an der Spitze seines Nagels schnitzend, in ruhigem und kaltem Ton: »Ich kann auf die Ansichten, die Sie mir soeben entwickelt haben, nichts erwidern, da der erste und notwendige Ausgangspunkt jeder Verhandlung, die Legitimation des Verhandelnden, fehlt, – doch kann ich keinenfalls anerkennen, daß die Zurücknahme von Metz und Straßburg ein Eingriff in das eigentlich nationale Gebiet Frankreichs wäre. Kommen wir aber auf das praktische Gebiet zurück, mein Herr, denn Sie scheinen mir ja auch ein Mann der Tat und Realität zu sein. Der Waffenstillstand mit der Pariser Regierung ist nicht zustande gekommen, – Herr Jules Favre faßt die Sachlage nur als Advokat auf und lebt noch in Illusionen, – es fehlt also noch immer an einer Regierung in Frankreich, welche Recht und Macht zum Friedensschluß zugleich hat. Ich würde mit Ihnen über die Friedensbedingungen unterhandelt haben, wenn Sie imstande wären, in diese Unterhandlungen im Namen eines Marschalls an der Spitze von achtzigtausend Mann einzutreten, welcher in der Lage wäre, der kaiserlichen Regentschaft, der einzigen heute völkerrechtlich anerkennbaren Autorität in Frankreich, die Garantie der faktischen Macht zu geben. Ich leugne auch nicht, daß, je schneller der Friede geschlossen würde und je legaler und fester die Regierung dastände, welche ihn schließt, um so mäßiger unsere Friedensbedingungen sein könnten. Deshalb, mein Herr,« fuhr er fort, »habe ich Ihnen die Genehmigung erwirkt, nach Metz hineinzugehen und wieder herauszukommen, – eine ganz außerordentliche, niemals vorgekommene Bewilligung, – und ich muß Ihnen mein Erstaunen und Bedauern darüber ausdrücken, daß Sie zurückkommen, ohne eine weitere Vollmacht mitzubringen als den Namenszug des Marschalls auf einer Photographie.« »Aber, Exzellenz,« sagte Herr Regnier, – »dieser Namenszug ist mir eine Bestätigung der mündlichen Besprechungen, – die Beglaubigung –« »Ich bin seit länger als zwölf Jahren Diplomat, mein Herr,« fiel Graf Bismarck ein, – »diese Beglaubigung genügt mir nicht, – ich bedaure, jede Erörterung abbrechen zu müssen, bis Sie eine bessere Vollmacht beibringen können.« Herr Regnier seufzte tief auf. Er schien ratlos zu sein, – schmerzlich zuckte sein Gesicht, – er stand auf. »So habe ich Eurer Exzellenz denn nur noch zu danken,« sagte er mit tonloser Stimme, »daß Sie mir so freundlich entgegengekommen sind, – und zu beklagen, daß die Vorsehung mein armes Vaterland noch nicht zu Ruhe und Frieden führen will.« Graf Bismarck hatte sich erhoben, – in tiefem Nachdenken stand er einige Augenblicke da, ohne Herrn Regnier zu entlassen. »Ich kann noch etwas für Sie tun,« sagte er dann, – »um Ihnen zu zeigen, wie sehr ich bereit bin, den Weg zum Frieden mit einer anerkannten und festen Regierung zu erleichtern, – ich will an den Marschall eine telegraphische Anfrage richten, ob er Sie zu Verhandlungen autorisiert, – und wenn er diese Erklärung abgibt, so ist eine Basis gewonnen, auf der sich weiter operieren laßt. »Dank, Herr Graf, – Dank Ihnen,« rief Herr Regnier freudestrahlenden Blickes, – »dieser Entschluß kann Ströme kostbaren Blutes ersparen, – und mein Vaterland vor schweren Opfern retten!« Graf Bismarck hatte sich wieder an den Schreibtisch gesetzt und auf einen Bogen Papier einige Zeilen in seiner großen, kräftigen Handschrift hingeworfen. Er las: »Bevollmächtigt der Marschall Bazaine Herrn Regnier, wegen der Übergabe von Metz zu unterhandeln?« »Genügt das?« fragte er. »Ich möchte Eure Exzellenz bitten, hinzuzufügen,« sagte Herr Regnier nach kurzem Nachdenken, – »auf Grund der mit dem genannten Herrn getroffenen Verabredung –« Graf Bismarck sah ihn einen Augenblick scharf an, als wolle er sich den Sinn dieser Worte klar machen. »Es ist wegen des Zugeständnisses der militärischen Ehren,« sagte Herr Regnier. »Gut,« erwiderte Graf Bismarck, – »als Grundlage eines definitiven Friedens läßt sich darüber sprechen.« Er setzte den von Herrn Regnier formulierten Satz dem vorher aufgezeichneten Telegramm hinzu. »Nun, mein Herr,« sagte er dann, »warten Sie einen Augenblick im Vorzimmer, ich will dafür sorgen, daß Sie gut untergebracht werden, – und ich hoffe, daß die Sache einen für alle Teile erwünschten Fortgang nimmt. Er folgte Herr Regnier zur Tür des Vorzimmers und befahl, den Grafen Hatzfeld zu rufen. »Es ist Wahres und Richtiges in den Ideen dieses Mannes, – es wäre eine Wohltat auch für Deutschland, wenn ein sicherer Friede erreicht werden könnte, ohne noch mehr Menschenleben zu opfern, noch mehr Familien in Trauer zu versetzen, – es ist ein kostbares, ein sehr edles und kostbares Material, das unsere Armeen bildet, – und wenn man zugleich geordnete Zustände in Frankreich schaffen könnte, – mit der Armee Bazaines könnte sich das Kaiserreich halten – – »– Doch warum,« fuhr er nach einer Pause fort, – »warum kommen diese Gedanken, diese Vorschläge durch einen Unbekannten ohne Legitimation und Vollmacht an mich? Wer ist dieser Regnier, den ich nie gesehen und den niemand kennt? – Der Kaiser, – die Kaiserin, – sie haben ja Personen genug, die schon durch ihren Namen beglaubigt wären –« Er schüttelte den Kopf und ging langsam auf und nieder. Graf Hatzfeld trat ein. »Wollen Sie dies Telegramm nach dem Hauptquartier von Metz zur Beförderung an den Marschall Bazaine abgehen lassen,« sagte Graf Bismarck, dem Legationsrat den Bogen reichend, den er vorhin beschrieben, – »und dann«, fügte er hinzu, – »bringen Sie Herrn Regnier, der im Vorzimmer wartet, zum Feldpolizeidirektor, um ein Quartier für ihn zu ermitteln, – er mag ihn beobachten, – es wäre mir lieb, etwas Klarheit über diesen rätselhaften Mann zu erhalten.« Graf Hatzfeld nahm das Telegramm und ging hinaus. Im Vorzimmer ersuchte er Herrn Regnier, ihm zu folgen, und führte ihn durch die Korridore des Schlosses nach einem Zimmer, welches in dem sogenannten Korridor des Chasseurs lag, weil hier abgesondert die Wohnungen für die Teilnehmer an den großen Jagden des Barons Rothschild lagen, damit dieselben bei ihrem frühen Aufbruch zur Jagd die übrigen Bewohner des Schlosses nicht im Schlaf störten. In diesem Zimmer befanden sich drei Personen. An einem Tisch in der Mitte, einen Bogen Papier vor sich, auf den er seine Notizen machte, saß der Feldpolizeidirektor Geheimer Regierungsrat Stieber, ein Mann, dessen Erscheinung im ersten Augenblick keinen außergewöhnlichen Eindruck machte. Er mochte fast sechzig Jahre alt sein, seine Gestalt war schmächtig, sein etwas weiches Gesicht mit dem sorgfältig frisierten Haar hatte einen kränklichen Ausdruck. Aber in den Augen von unbestimmbarer Farbe lag, wenn er sie auf einen Gegenstand richtete, eine so feine, scharfe und durchdringende Beobachtung, daß man den Eindruck empfing, diesem Blick, der sich wie eine Sonde in die tiefsten Fugen der Dinge senkte, könne auch das Verborgenste sich nicht entziehen, und um seinen festgeschlossenen Mund lag eine gewisse leichte Ironie, als spotte er der Bemühungen der Welt, durch die äußere Erscheinung das Wesen der Dinge zu verhüllen. Vor ihm stand ein Mann in der Tracht der Bauern der Gegend, – auch sein Gesicht schien den Stempel französischer Abstammung zu tragen, – doch sprach er im reinsten Deutsch und in dem bestimmten, ruhig klaren Ton dienstlicher Berichterstattung zu dem Chef der so weit verzweigten und so vortrefflich organisierten Feldpolizei. Auf der anderen Seite des Tisches saß der Geheime Hofrat Schneider, des Königs Vorleser und langjähriger Vertrauter, in einem weiten schwarzen Überrock, das jugendlich frische Gesicht mit dem freundlich jovialen Ausdruck und den klugen, heiter, oft fast schalkhaft blickenden Augen, umgeben von dem ganz weiß gewordenen Haar und dem ebenso weißen Vollbart, den er wohl zum erstenmal in seinem Leben sich nach der militärischen Sitte des Hauptquartiers hatte wachsen lassen. Er war eifrig beschäftigt, ein großes Paket französischer Zeitungen zu durchmustern, welche der Feldpolizeidirektor soeben von dem vor ihm stehenden Agenten erhalten hatte. »Sie haben Ihre Sache gut gemacht, Krasnewski,« sagte der Geheimrat Stieber mit seiner etwas leisen, aber scharfen Stimme, – »Sie sind glücklich nach Paris hinein- und wieder herausgekommen, das zeugt von Geschicklichkeit und Umsicht, – ich werde für eine Gratifikation für Sie sorgen. Sie glauben also nicht,« fuhr er fort, »daß die Pariser so bald entmutigt sein werden?« »Nein, Herr Direktor,« erwiderte der Mann im Ton bestimmter Überzeugung, – »sie haben Vorräte in großer Menge, – wenn damit einigermaßen vernünftig hausgehalten wird, so werden sie noch lange keinen Hunger fühlen, – sie sind voller Wut, namentlich seitdem Jules Favre zurückgekommen ist, und außerdem hoffen sie auf Armeen, die in den Provinzen gebildet werden und von außen zu ihrem Entsatz heranziehen sollen. In den Kreisen der Regierung traut man dem Marschall Bazaine nicht, – dem Volk aber wird er als der Retter dargestellt, der bald von Metz auf Paris durchbrechen werde.« »Und spricht man vom Kaiser?« fragte der Polizeidirektor. »Wenig, – und wenn es geschieht, so hört man nur die heftigsten Verwünschungen, – und von seinen Soldaten die lautesten und grimmigsten, – fast scheint es, als wollten sie sich dadurch bei dem Pöbel einschmeicheln und ihre Niederlagen vergessen machen. Neulich aber, nach dem Gefecht bei Sceaux, richtete sich doch die Volkswut sehr bedenklich gegen sie, – die Zuaven kamen in wilder Flucht zurück und erklärten, sie hätten keine Patronen mehr, um den Kampf fortzusetzen, – da fand man aber ihre Patronentaschen vollgefüllt, – und wenig fehlte, so hätte man sie an die Laternen gehängt, der General Trochu mußte strengste Untersuchung und Bestrafung zusagen. » Inexplicable panique nennt er das in seinem Tagesbefehl,« fiel der Geheime Hofrat Schneider von seiner Zeitung aufblickend ein, – »in der Tat, sie wissen dort für alles einen wohlklingenden Euphemismus zu finden, selbst für das so einfache und klare ›Ausreißen‹ haben sie die vollklingende Phrase: inexplicable panique « Er blätterte in seinen Zeitungen weiter. Der Graf von Hatzfeld trat mit Herrn Regnier ein, führte den Polizeidirektor Stieber nach der Fensternische und sprach einige Augenblicke leise mit ihm. Dieser rief eine Ordonnanz und trug derselben auf, für ein Quartier zu sorgen. Graf Hatzfeld ersuchte Herrn Regnier, einige Augenblicke zu warten, und zog sich wieder zurück. Herr Stieber, welcher den Agenten entlassen hatte, trat zum Geheimen Hofrat Schneider und sagte leise zu ihm: »Ich soll den Fremden hier beobachten, – ich kann keine französische Konversation führen, – wollen Sie die Güte haben, sich mit ihm über irgend etwas, über die gleichgültigsten Dinge zu unterhalten?« Der Geheime Hofrat legte seine Zeitungen zusammen und begann in einem so reinen Französisch, wie es je zwischen der Seine und Marne gesprochen worden, mit Herrn Regnier eine jener höflichen und verbindlichen Unterhaltungen, welche sich über ein Nichts, über die alltäglichsten Dinge in einer Reihe von artigen, ja oft geistreichen und pikanten Phrasen fortbewegen, zu welchen gerade die französische Sprache sich mit ihrem unnachahmlichen und unübersetzbaren Wortwitz so ganz besonders eignet. Der Feldpolizeidirektor saß vor dem Tisch, anscheinend in die Durchsicht seiner Notizen vertieft, und nur von Zeit zu Zeit flog ein Blick seines rasch aufgeschlagenen Auges zu den beiden anderen Herren hinüber. Nach etwa einer Viertelstunde kehrte die Ordonnanz mit der Meldung zurück, daß das Quartier für Herrn Regnier bereit sei, und dieser verließ, von der Ordonnanz geführt, nachdem er sich von den Herren verabschiedet, das Zimmer. »Nun,« fragte der Geheime Hofrat Schneider, »was denken Sie über den Mann, – er hat gute Manieren und spricht ein gutes und gebildetes Französisch, – er macht mir fast den Eindruck eines alten Haushofmeisters aus einem vornehmen Hause –« »Ich weiß nicht, was er ist,« erwiderte der Feldpolizeidirektor, – »aber das weiß ich, daß nichts, was man auch mit ihm vorhaben möge, ein Resultat haben wird, – er ist ein Schwindler –« »So sieht er mir nicht aus,« sagte der Geheime Hofrat verwundert – »er macht mir einen ganz soliden und rechtlichen Eindruck –« »Ich meine auch nicht«, fiel Herr Stieber ein, »ein Schwindler in – um sozusagen – in kriminal polizeilichem Sinn, – aber er ist ein Phantast, – ein Mensch, der von einer fixen Idee beherrscht ist und weder seine Gedanken ordnen, noch die praktischen Verhältnisse beherrschen kann, – es ist einer jener Menschen, die viel umherlaufen, viel reden, zuweilen viel Lärm machen, – aber, glauben Sie mir, – es ist nichts dahinter, – die Art Menschen erreicht und schafft nie etwas.« »Ich habe so viel Proben von der Schärfe Ihres Blickes gehabt, der den Menschen bis in die Falten des Herzens dringt,« sagte der Geheime Hofrat, – »daß ich auch diesmal nicht an Ihrer Diagnose zweifle, – es ist mir auch ganz recht,« fuhr er fort, »alle solche Verhandlungen zwischen Reihe und Glied durch sind nicht nach meinem Geschmack, die beste Magnetnadel für den Weg zum Ende all dieses Wirrwarrs ist die Spitze des Bajonnetts! Wollen Sie mir die Zeitungen lassen, – ich möchte meine Phraseologie noch um einige so schöne Wendungen bereichern, wie diese inexplicable panique .« Heiter lachend packte er die Zeitungen zusammen, setzte seine große Mütze von schwarzem Ledertuch mit der Landwehrkokarde auf und ging hinaus, während der Feldpolizeidirektor aus den Notizen, die er von dem aus Paris zurückgekommenen Agenten erhalten, seinen Bericht zusammenstellte. – – – Herr Regnier war, nach einer unruhigen und schlaflosen Nacht, bei dem ersten Morgengrauen erst eingeschlummert, als er durch ein starkes Klopfen an seine Tür geweckt wurde und der Legationsrat Graf Hatzfeld vor sein Bett trat. Herr Regnier erhob sich noch halb träumend und stützte sich auf sein Kissen. Graf Hatzfeld zog ein Telegramm aus der Tasche und reichte dasselbe Herrn Regnier mit den Worten: »Hier die Antwort des Marschalls, welche Ihnen mitzuteilen der Herr Graf von Bismarck mich beauftragt hat.« Herr Regnier fuhr zusammen. Seine etwas unsicheren und unklaren Blicke hefteten sich auf das Papier, – er las: »Ich kann, die gestellte Frage nicht bejahen. Ich habe Herrn Regnier gesagt, daß ich hinsichtlich der Kapitulation der Stadt Metz nichts abschließen kann.« Herr Regnier ließ das Telegramm auf die Decke seines Bettes fallen. »Wie ist es möglich,« rief er, »in solcher Zeit eine solche Antwort zu geben, – so mißzuverstehen, worauf es ankommt! – Ja, in der Tat, – wenn derjenige, der sich selbst das letzte Palladium des Kaiserreichs nennt, sich vor kühnen Taten scheut und an nebensächlichen Kleinigkeiten hängt, dann ist die Dynastie verloren, und Frankreich muß durch die tiefsten Demütigungen hindurchgehen. Ich bitte Sie, Herr Graf,« sagte er mit angstvoll bittendem Ton, »sagen Sie dem Ministerpräsidenten –« »Der Herr Graf von Bismarck«, erwiderte der Legationsrat, – »hat mich beauftragt, Ihnen auf das bestimmteste zu erklären, daß er sich auf keine Verhandlungen mehr einlassen könne, bevor Sie, ohne alle Ausflüchte, vollkommen genügende Vollmachten vorlegen. Die Angelegenheit sei zu ernst, als daß sie im geheimen und ohne feste Basis weitergeführt werden könne, und Seine Exzellenz hofft,« fügte der Graf in höflichem, aber bestimmtem Ton hinzu, »daß Sie, mein Herr, diese ganze Sache bald aufklären werden, – wie das, – Sie werden mir darin beistimmen, – Ihre eigene Ehre erfordert.« Traurig saß Herr Regnier auf seinem Bett. »So muß ich nach England zurück, – um dort Bericht zu erstatten und die Kaiserin zum Handeln zu bestimmen,« sagte er. »Wenn Ihre Majestät die Kaiserin-Regentin,« erwiderte Graf Hatzfeld, »auf der von Ihnen angegebenen Basis unterhandeln will, so wird sie gewiß nicht zögern, Sie mit ausreichender Vollmacht zu versehen, – auch wird es Ihrer Majestät ein Leichtes sein, ihre Mitteilung an den König, meinen allergnädigsten Herrn, und an den Grafen Bismarck, sowie ihre Befehle an den Marschall Bazaine gelangen zu lassen.« »Kann ich einen Wagen bis zur nächsten Station, von der aus ich direkt reisen kann – ich glaube Libramont in Belgien – bekommen?« fragte Herr Regnier, der seinen Entschluß gefaßt zu haben schien. »Ich werde dafür sorgen, daß ein Fuhrwerk zu Ihrer Disposition gestellt wird,« erwiderte Graf Hatzfeld, – »leben Sie wohl, mein Herr,« sagte er dann in freundlichem Ton, – »ich habe Ihnen offiziell nichts mehr zu sagen, aber ich kann Sie versichern, daß ich ebenso erstaunt bin, als ich es bedaure, daß von seiten der kaiserlichen Regierung sowohl als von der kaiserlichen Partei bis jetzt nichts geschehen ist, um einen Frieden möglich zu machen.« Er wünschte Herrn Regnier glückliche Reise und empfahl sich mit höflichster Artigkeit. Eine halbe Stunde später hielt ein offener Wagen vor der Tür des Hauses, welches Herr Regnier im Dorf in einiger Entfernung des Schlosses bewohnte, und der unermüdliche Vertreter der Sache des zusammenbrechenden Kaisertums, dessen Botschafter und Gesandte vor so kurzer Zeit noch an allen Höfen Europas eine so hohe Sprache geführt hatten, – dieser letzte Mann, der es wagte, seine Hand stützend an den in Trümmer sinkenden Thron zu legen, – er fuhr allein mit seinem kleinen Reisekoffer durch die preußischen Truppenstellungen der Grenze zu, um abermals die von so stolzer Höhe herabgeschleuderte Kaiserin auf dem Boden Englands aufzusuchen, auf diesem Boden, der schon so viele gefallene Beherrscher Frankreichs aufgenommen, und von welchem sich soeben die Prinzen von Orleans zur Rückkehr nach dem Land anschickten, dessen Erde das Blut ihrer Vorfahren getrunken und auf der sie doch bereits von neuem den so gefahrbringenden und doch so lockenden Thron aufzubauen trachteten. Zehntes Kapitel Der Herbstwind rauschte durch den immer mehr herabsinkenden gelblichen Blätterschmuck der alten hohen Bäume, welche den eigentümlichen Bau der Löwenburg bei Wilhelmshöhe umgeben. Die tiefe Stille, welche die aus dem Waldesdunkel hervorragenden Steinmassen des altertümlichen Schloßbaues gewöhnlich zu umgeben pflegt, war durch eine nicht sehr zahlreiche Gruppe von Neugierigen unterbrochen, die am äußeren Eingang der Verzäunung vor der Burg standen und hierher gelockt waren durch den Wunsch, den gefangenen Kaiser zu sehen, der, nachdem er alle Tiefen und Höhen des menschlichen Lebens durchmessen, jetzt vom höchsten Gipfel irdischer Herrlichkeit in jähem Sturz herabgeschleudert, besiegt und entthront, in das prachtvolle Schloß eingezogen war, das in seinen Mauern schon so vielen Schicksalswechsel gesehen hat, das einst zur höchsten Glanzzeit des Welteroberers »Napoleonshöhe« hieß und das jetzt unter seinem alten, aber in diesen Tagen neu bedeutungsvoll gewordenen Namen »Wilhelmshöhe« die letzten Trümmer des zweiten französischen Kaiserreichs in sich barg, während der König von Preußen an der Spitze des deutschen Volkes in Waffen bereits dem Augenblick entgegenging, in welchem im alten Königsschloß Frankreichs das neue Kaisertum Deutschlands auf dem Schild der Nation sich erheben sollte. Der alte Kastellan hatte einige seiner Bekannten am Tag vorher wissen lassen, daß für den nächsten Tag der Besuch des Kaisers auf der Löwenburg angesagt sei. Diese Nachricht hatte sich weiter verbreitet, und da die unmittelbare Umgebung von Wilhelmshöhe streng abgeschlossen war, so hatten sich etwa fünfundzwanzig bis dreißig Personen nach der Löwenburg begeben, um den Imperator zu sehen, der so viel Trauer über Deutschland gebracht und doch wieder, ohne es zu wollen, als Werkzeug in der Hand der Vorsehung den Grundstein gelegt hatte zu der neuen, noch vor kurzem kaum geahnten Größe der deutschen Nation. Die Gruppen waren ernst und schweigsam, der Ernst der Zeit, die Bedeutung des Augenblickes lag noch klarer und deutlicher in der Empfindung eines jeden Anwesenden hier an dieser Stätte, an welcher einst der König Jérome zur Zeit der tiefsten Erniedrigung Deutschlands seine lustigen Feste gefeiert hatte und an welcher jetzt sein entthronter Neffe erscheinen sollte, dessen Herrschaft vor kurzem noch so fest gegründet schien und doch so schnell zerbrochen war – und der nur noch in dem vergoldeten Gefängnis, das sein ritterlicher Gegner ihm gegeben, von dem Schein kaiserlicher Ehre und kaiserlichen Glanzes umgeben war. Es mochte etwa zwei Uhr nachmittags sein, als eine vierspännige Equipage mit der Livree des preußischen Hofes und bespannt mit jenen prächtigen, dunkelbraunen Trakehnerpferden, welche das berühmte ostpreußische Gestüt dem königlichen Marstall liefert, den Waldweg herauffuhr und vor dem Eingang zur Burg hielt. Gespannt richteten sich die Blicke aller Anwesenden auf die vier Personen, welche in diesem Wagen saßen, um nach den zahlreichen Bildern, die man seit langer Zeit überall zu sehen gewohnt war, den Kaiser zu erkennen. Aber vergebens suchte man unter den Angekommenen eine Ähnlichkeit mit diesen Bildern, und schon wollten die neugierig Herangetretenen sich enttäuscht wieder abwenden, als die herangesprungenen Lakaien den Schlag öffneten, der alte Kastellan im schwarzen Anzug, den Hut in der Hand, an den Wagen trat und ein großer, schlanker junger Mann in dem von den französischen Offizieren vielfach getragenen anschließenden Spencer ehrerbietig einem alten Herrn die Hand reichte, welcher fast zusammengekauert in der Ecke des Wagens gesessen hatte und nun mühsam und schwerfällig vom Wagentritt herabstieg. »Ist es möglich?« hörte man unter den Gruppen flüstern, »kann das der Kaiser sein?« »Ja, ja, er ist es«, sagte ein anderer. Der Kastellan grüßte mit tiefer Verbeugung, – die anderen traten zurück. »Wer hätte das denken sollen,« hörte man flüstern, – »es ist ja ein Greis, ein ohnmächtig gebrochenes Wesen, – wie ist es möglich, daß der da so viel Unruhe in der Welt gemacht hat –« Und in der Tat schien die Verwunderung der Anwesenden gerechtfertigt, denn niemand hatte in der gebrochenen Gestalt, die da mühsam vom Wagen herabstieg, den Mann vermuten können, dessen Wort die ganze Welt in Bewegung gesetzt und so viele Hunderttausende auf blutigen Schlachtfeldern gegeneinander geführt hatte. Der Kaiser trug den einfachen Interimsüberrock der französischen Generale mit dem kleinen, roten, goldgestickten Käppi, auf der Brust das kleine Kreuz der Ehrenlegion und die Medaille von Solferino. In der Hand hielt er einen starken Stock, auf den er sich so fest stützte, daß man erkennen konnte, diese Stütze sei ihm ein notwendiges Bedürfnis. Er schien noch stärker geworden zu sein, oder die bequeme Tracht und die nachlässige und gebrochene Haltung ließen sein Enbonpoint stärker und sichtbarer hervortreten, wodurch seine ganze Gestalt etwas Unbehilfliches erhielt. Sein Haar und sein Bart waren sorgfältig frisiert, aber in der letzten Zeit tief ergraut, und die gerade abstehenden Spitzen seines Schnurrbartes gaben seinem erdfahlen Gesicht, dessen magere, faltige Züge mit seiner Körperfülle nicht im Einklang standen, etwas Starres und Totes. Seine tief eingesunkenen Augen blickten trübe, matt und gleichgültig unter den herabgesenkten Lidern hervor. Seine Nase schien stärker geworden zu sein und zeigte an ihren Flügeln etwas von jenem ominösen hippokratischen Zug, den die Ärzte als einen Ausdruck tiefer Zerstörung des Lebensorganismus kennen. Seine Unterlippe hing tief herab und bewegte sich zuweilen in unwillkürlichem, schmerzlich nervösem Zucken. Der Prinz Murat, welcher dem Kaiser aus dem Wagen geholfen, bot ihm seinen Arm. Der Prinz von der Moskwa und der General Reille, ebenfalls im Interimsüberrock der französischen Generalsuniform, folgten. Napoleon warf aus dem Winkel seines Auges einen schnellen Seitenblick nach den neben der Eingangstür stehenden Zuschauern – einige Damen neigten sich grüßend, einige Herren nahmen schweigend die Hüte ab – wie mechanisch neigte der Kaiser den Kopf und folgte dann dem Kastellan, der mit dem Hut in der Hand voranschritt über die Zugbrücke durch das große Steinportal in den inneren Hof der Burg. »Sie sind schon lange hier?« fragte der Kaiser den alten Kastellan in geläufigem, aber an den schwäbischen Dialekt anklingenden Deutsch. »Schon sehr lange, Majestät,« erwiderte der Alte, – »ich war schon als Knabe hier zur westphälischen Zeit im Dienst –« Der Kaiser blickte schnell und scharf zu ihm empor, einen Augenblick schienen sich seine matten, gleichgültigen Gesichtszüge zu beleben, – der alte Kastellan zuckte erschrocken zusammen, als fürchte er, etwas Ungehöriges gesagt zu haben, – er war gewöhnt, allen Besuchern des Schlosses fast bis auf die einzelnen Worte dasselbe zu sagen, – er hatte bei der Erwähnung der »westphälischen Zeit« kaum an einen Zusammenhang dieser Zeit mit dem kaiserlichen Gefangenen gedacht, dem er auf hohen Befehl jetzt das alte Schloß zu zeigen hatte. »Treten wir ein,« sagte Napoleon, und schwankenden Schrittes, auf seinen Stock und den Arm des Prinzen Murat gestützt, schritt er über die Zugbrücke in den inneren geschlossenen Hof. Ruhig und fast immer gleichgültig hörte er die Erklärungen des Kastellans an, – etwas größeres Interesse zeigte er an der Sammlung alter Rüstungen, und mit einer gewissen Spannung hörte er die Geschichte von dem todbringenden Zauber der Trauerrüstung an, welche stets denjenigen, der sie bei den Begräbnissen der Regenten trug, kurze Zeit darauf dem Tode weihte. Leicht fröstelnd schritt er aus dem kühlen Raum heraus und folgte dem Kastellan in die oberen Gemächer. Auf einem Flur lagen alte Möbel und Geräte, welche, wie es schien, in einen anderen Raum gebracht werden sollten, – langsam vorüberschreitend blieb der Kaiser plötzlich stehen und deutete mit der Spitze seines Stockes nach einem Winkel zwischen zwei alten vergoldeten Stühlen hin. Dort stand am Boden eine wunderschön aus kanarischem Marmor gearbeite Büste des Königs Jérome, halb umgesunken und an die Wand gelehnt. Das jugendlich lockige Marmorhaupt mit den lächelnden, heiteren Zügen stach merkwürdig ab gegen die verfallenen Möbel, die es in der dunklen Ecke umgaben. Sinnend, mit weichem, träumerischem Blick sah der Kaiser auf dies Bild aus der längst versunkenen Glanzzeit seiner Familie, während der Kastellan verlegen nach den Generalen hin die Achseln zuckte, als wolle er seine Unschuld beteuern, daß gerade diese Marmorbüste sich hier auf diese Weise den Augen des Kaisers entgegenstellte. »Armer Oheim,« sagte Napoleon zum Prinzen Murat in französischer Sprache, – »als man seine Züge, die damals von Glück und Freude strahlten, in diesen Marmor meißelte, – da ahnte er nicht, daß sein Bild hier einst so unter altem Geröll daliegen würde. Er ist auch schwer erschüttert worden von den wechselnden Schicksalen des Lebens, – und doch war er immer lustig, – immer lustig –« wiederholte er leise, sich fest auf seinen Stock stützend, – »freilich«, sagte er dann, finster in sich zusammensinkend, »hat er diesen Fall nicht erlebt, – er schläft im Dom der Invaliden neben seinem Bruder, und Trophäen des Ruhmes neigen sich über sein Grab. – Er ist glücklich!« Noch einen langen Blick warf er auf die am Boden liegende Büste, – dann schritt er weiter, und der alte Kastellan beeilte sich, seine Erklärungen wieder aufzunehmen, froh, daß diese für ihn so peinliche Szene, welche ihn einen Verweis befürchten ließ, vorübergegangen war. Sie durchschritten eins der Gemächer nach dem anderen, Napoleon hörte schweigend die Erläuterungen zu den einzelnen Räumen, – endlich waren sie in ein kleines Zimmer gekommen, dessen Fenster sich über die Waldabhänge hin nach der weiten Ebene öffneten. Der Kaiser ließ den Arm des Prinzen Murat los, – trat an das Fenster und blickte mit groß geöffneten Augen lange in die wunderbar schöne Fernsicht hinaus. Die reine, frische Waldluft schien ihm wohlzutun, er atmete in tiefen Zügen, eine leichte Röte erschien auf seinen blassen Wangen. Plötzlich kehrte er sich um und sagte, den Kastellan fest anschauend: »Es ist schön hier oben, – sehr schön, – war der König Jérome oft hier?« fragte er dann ohne jeden Übergang mit ruhiger, klarer Stimme. Der alte Mann fuhr wieder in ängstlicher Verlegenheit zusammen, – aber das freundlich wohlwollende Wesen des Kaisers schien ihm Mut einzuflößen, und er antwortete: »Der König kam oft her, – er gab kleine Diners in dem oberen Salon –« »Immer lustig,« flüsterte Napoleon mit leichtem Lächeln. »Zuweilen«, fuhr der Kastellan fort, – »blieb der König auch die Nacht hier, – es gefiel ihm hier oben ganz besonders gut, – bis – –« Er stockte und schwieg, indem er leicht hustete, – als ob seine Rede beendet sei. »Bis? –« fragte Napoleon, einen Schritt vom Fenster zurücktretend, – »bis wann?« »Später kam der König nicht mehr herauf,« sagte der Kastellan. »Und warum?« fragte Napoleon in bestimmtem, befehlendem Ton, »Erzählen Sie das.« »Nun,« sprach der Alte, noch immer ein wenig zögernd, »da Eure Majestät es befehlen, – ich weiß zwar nichts Gewisses, – doch sprach man damals allgemein davon, – und soviel ich weiß, hat es ja auch der König selbst erzählt –« »Nun also –« fragte der Kaiser mit ungeduldiger Spannung, während die Generale seiner Begleitung, welche das deutsch geführte Gespräch nicht verstanden, ganz verwundert auf ihren Herrn blickten, der so plötzlich aus seiner tiefen, gleichgültigen Lethargie erwacht schien. »Der König also«, erzählte der Kastellan, »hatte ein Diner hier auf der Löwenburg befohlen und war selbst früher heraufgekommen, wie er gewöhnlich zu tun pflegte. Er begab sich hier in dies Zimmer, in welchem Eure Majestät sich jetzt befinden und welches er gewöhnlich bewohnte. Als er durch diese Tür hier eintrat, sah er an dem Schreibtisch dort –« Der Kaiser blickte nach dem altertümlichen Tisch an der Seite des Zimmers hin, auf den der Kastellan deutete. »Dort an jenem Tisch«, fuhr der Alte fort, – »sah der König jemand sitzen, – in blauem Rock und kurzer Perücke, – erstaunt blieb er stehen, – da erhob sich die Gestalt, wandte langsam den Kopf herum, – der König erkannte nach den Bildern, die er in den Schlössern gesehen, den alten Kurfürsten, der ihm entgegentrat und in kurzem Tone fragte: ›Was wollen Sie?‹ – Da warf der König die Tür ins Schloß und eilte die Treppe hinab, – die ganze Dienerschaft war erstaunt über sein verstörtes Aussehen, – er befahl seinen Wagen und fuhr nach Wilhelmshöhe zurück. Das Diner wurde abbestellt und – seitdem ist der König nie mehr nach der Löwenburg gekommen.« Der Kaiser hatte mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört, – ein leichter Schauer fuhr durch seine Glieder, – dann erklärte er mit wenigen Worten das Gehörte seinen Begleitern, welche lächelnd die Achseln zuckten. Napoleon trat an den Schreibtisch heran, stützte die Hand auf denselben und blieb einige Augenblicke in tiefen Gedanken stehen. Dann wendete er sich rasch um und sagte mit fröstelndem Zittern: »Ich bin angegriffen, – es ist kühl hier oben, – kehren wir zurück.« Ohne weiter ein Wort zu sprechen und ohne sich in den Zimmern, die er durchschritt, umzusehen, stieg er die Treppe hinab und ging über den Schloßhof bis zu dem äußeren Gitter, wo noch immer die Gruppen der Neugierigen standen. Der Wagen fuhr vor, – der Prinz von der Moskwa ließ einige Goldstücke in die Hand des Kastellans gleiten, und der Kaiser fuhr den Waldweg herab, schweigsam in seine Ecke gelehnt, während der Kastellan von den verschiedenen Gruppen umdrängt wurde und mit wichtiger Miene alle Einzelheiten des kaiserlichen Besuches in dem Schloß erzählte. Napoleon stieg auf der Rampe von Wilhelmshöhe aus, von welcher vor fünf Jahren der letzte Kurfürst herabgefahren war, um seinem Schloß und seinem Land für immer den Rücken zu wenden, – schweigend begab er sich in sein kleines Arbeitszimmer, durch dessen Fenster man die Aussicht nach dem Herkules hatte, entließ die Generale seiner Umgebung und befahl, seinen Sekretär Pietri zu rufen. Er ließ sich matt auf das Kanapee vor seinem Schreibtisch niedersinken, auf welchem eine große Anzahl französischer und deutscher Zeitungen lagen und starrte in finsterem Nachdenken vor sich hin, bis Pietri eintrat. Dieser hielt ein Telegramm in der Hand und schien ein wenig unruhig und aufgeregt. Der Kaiser bemerkte es nicht. Langsam schlug er die Augen auf und fragte mit dumpfem Ton, indem er matt die Hand gegen seinen vertrauten Sekretär erhob: »Sagen Sie mir, Pietri, halten Sie es für möglich, daß Erscheinungen der Geisterwelt körperlich unseren Sinnen wahrnehmbar werden können?« Pietri blickte mit tiefer, mitleidsvoller Teilnahme auf die gebrochene Gestalt und das schmerzlich zuckende Gesicht seines Herrn. »Sire,« sagte er dann mit ruhigem, sanftem Ton, als wolle er auch durch den Klang seiner Stimme die krankhafte Erregung der Nerven des Kaisers beruhigen, – »Eure Majestät haben stets an die Einwirkung außer- und überirdischer Einflüsse auf das menschliche Leben geglaubt, – Eure Majestät wissen auch, daß mein etwas kritischer, – ja skeptischer Verstand,« fügte er mit leichtem Lächeln hinzu, »sich einem solchen Glauben nicht erschließen kann, – jedenfalls möchte ich glauben, daß unlösbare und unberechenbare Probleme nicht für die Beurteilung konkreter und realer Verhältnisse der Welt in Betracht kommen können, – solcher Verhältnisse, Sire, als sie sich jetzt mit übermächtiger und unerbittlicher Gewalt fühlbar machen.« »Und doch,« sagte der Kaiser, welcher in starrem Hinbrüten kaum die Worte Pietris vernommen zu haben schien, – »und doch sind gewaltige und erschütternde Ereignisse oft von wunderbaren und übernatürlichen Kundgebungen aus einer Welt begleitet, die uns umgibt, die vielleicht bestimmend auf uns einwirkt und die doch nur in außergewöhnlichen und seltenen Augenblicken unseren Sinnen wahrnehmbar wird. Ich habe auf der Löwenburg«, fuhr er fort, »eine Geschichte gehört, – eine Geschichte, an die man glaubt und von der ich auch früher schon vernommen zu haben mich erinnere, – die Gestalt des alten Kurfürsten, sagt man, sei dort oben einst meinem Oheim erschienen, – der König Jërome war nicht abergläubisch,« fügte er mit einem matten Lächeln hinzu, – »aber voll Entsetzen ist er vor dieser Erscheinung geflohen vom alten Schloß herab, um einige Jahre darauf auch seinen Thron und sein Königreich für immer zu verlassen.« Pietri erwiderte nichts. Er hob die Depesche, welche er in der Hand hielt, empor. »Soeben, Sire –« sagte er. »Denken Sie sich,« fiel Napoleon ein, ohne die Bewegung seines Sekretärs zu beachten, »daß mir Ähnliches widerfahren ist. Ohne äußere Veranlassung«, fuhr er lebhafter sprechend fort, »habe ich mich in den letzten Tagen mehrfach der unglücklichen Kaiserin Charlotte erinnert, dieser armen Prinzessin, welcher das traurige Schicksal ihres Gemahls das Herz gebrochen und den Geist verdunkelt hat. Sie war bei mir in Paris,« sprach er, starr vor sich hinblickend, weiter, »sie flehte mich um Hilfe an, – ich konnte sie ihr nicht gewähren, – der Eigensinn, die falsche, ehrgeizige Verblendung ihres Gemahls waren zu groß, – und als ich von ihr ging, umnachtete sich ihr Geist, – sie verfolgte mich und rief mir im ersten Ausbruch des Wahnsinns einen Fluch nach, der noch in meiner Seele nachklingt! – – ich hatte lange nicht daran gedacht,« sprach er leiser, – »ich hatte Mitleid für sie, aber ich konnte ihr ja doch nicht helfen, – jetzt aber, hier in dieser Einsamkeit, stieg die Erinnerung an jenen Augenblick wieder in mir herauf – und wunderbar – ist nicht das damals so stolze und mächtige Frankreich heute zusammengebrochen in Blut und Flammen, wie einst das Kaiserreich des unglücklichen Maximilian, – ist es nicht zerklüftet vom Kampf der Parteien durch die verhängnisvolle Fügung des Schicksals? Steht nicht derselbe Mann, steht nicht der Marschall Bazaine, nach welchem damals der unglückliche Maximilian in seiner letzten Not hilfebittend die Hand ausstreckte, – steht er jetzt nicht auch da als der letzte Retter Frankreichs, – wenn eine Rettung noch möglich ist? – Daran habe ich gedacht, Pietri,« fuhr er fort, die Blicke angstvoll auf seinen Sekretär gerichtet, »diesen Gedanken habe ich nicht loswerden können, und –« sprach er dann mit flüsternder Stimme, sich vorbeugend und scheu im Zimmer umherblickend, »in der letzten Nacht, als ich von Schmerzen gequält schlaflos auf meinem Bett lag, da war es, als ob ein Nebel das Zimmer erfüllte, – dieser Nebel verdichtete sich, und ich sah – Pietri, ich sah mit diesen meinen Augen die Gestalt des Kaisers Maximilian, bleich und fahl, in einen weiten Purpurmantel gehüllt, aber so dunkel der Purpur auch glühte, so sah ich doch große Blutstropfen an demselben herabrollen. Die Gestalt schwebte näher und näher zu mir heran, ich wollte mich erheben, ich wollte rufen, – aber Bewegung und Sprache waren von mir gewichen! – Lange sah mich das entsetzliche Bild mit seinen großen, todesstarren Augen an, dann hob es die Hand empor, tauchte den Finger in das von dem Mantel herabrinnende Blut und schrieb in die Luft vor meinen Augen mit roten, leuchtenden Flammenzügen den Namen ›Bazaine‹ – den Namen des Mannes, der damals neben dem versinkenden Kaisertum Maximilians stand, wie heute neben dem aus tausend Wunden blutenden und zuckenden Frankreich. Dann löste sich die Gestalt wieder in Nebel auf, und –« fuhr der Kaiser, von Schauern geschüttelt, fort, »und ich versank in eine Ohnmacht, aus der ich erst nach mehreren Stunden wieder erwachte, als das Morgengrauen des Tages durch das Fenster hereinfiel. Sagen Sie mir, Pietri,« rief er, die gefalteten Hände emporhebend, »glauben Sie, daß die Geister in eine andere Welt unversöhnliche Rache mit sich hinübertragen können?« »Nein, Sire,« sagte Pietri mit festem Ton, »das glaube ich nicht, – aber ich glaube, daß Eure Majestät mit Conneau sprechen sollten. Er wird Mittel finden, um diese unnatürliche Überreizung zu beruhigen und Eurer Majestät Ruhe und Schlaf wiederzugeben.« »Das sagen sie alle,« sprach Napoleon mit dumpfem Ton, »die Nerven! – Ja – sie sind mürbe und zerrissen, diese bewegenden Fäden der auseinanderfaltenden Maschine, – aber sollte es nicht möglich sein, daß, je mehr sie unbrauchbar werden für diese Welt, um so fühlbarer sich ihnen die Eindrücke einer anderen Welt machen können, einer Welt, welche leitend, bestimmend – und rächend in die verworrenen Menschenschicksale eingreift?« »Sire,« sagte Pietri, indem er näher zum Kaiser herantrat, »ich beschwöre Eure Majestät, sich solchen Gedanken nicht hinzugeben und nicht Probleme zu verfolgen, welche auf Erden niemals gelöst werden. Die furchtbare Krisis, welche über Eure Majestät und Frankreich hereingebrochen ist, verlangt volle Klarheit des Nachdenkens und volle Kraft des Entschlusses, und Eure Majestät müssen diese Kraft in diesem Augenblick mit aller Gewalt des Willens zusammenfassen, denn eine ernste Entscheidung steht Ihnen bevor.« Der Kaiser blickte wie aus einem Traum erwachend empor. Er schien in seinen Gedanken zu suchen, welche Entscheidung von ihm, dem machtlosen Gefangenen, zu treffen sein möchte. »Ein Telegramm der Kaiserin,« sagte Pietri, das Blatt, welches er in der Hand hielt, seinem Herrn überreichend, »von einer belgischen Station, kündigt die Ankunft Ihrer Majestät für heute abend an.« »Die Kaiserin kommt hierher?« rief Napoleon, sich schnell emporrichtend, »und was führt sie her? Hat sie die Erlaubnis zu diesem Besuch erhalten?« »Darüber, Sire,« erwiderte Pietri, »sagt natürlich das Telegramm nichts, aber gewiß wird Ihre Majestät nicht ohne Genehmigung eine solche Reise unternehmen. Und was den Zweck ihres Besuches betrifft, so dürfte, wie ich vermute, derselbe mit den Verhandlungen zusammenhängen, über welche die Kaiserin vor einiger Zeit berichtete.« »Aber jene geheimnisvolle Person,« sagte Napoleon, »deren Erscheinen die Kaiserin mir ankündigte, ist nicht gekommen.« »Darum wird Ihre Majestät kommen,« sagte Pietri, »jedenfalls muß die Sache von Wichtigkeit sein, da die Kaiserin selbst den Entschluß Eurer Majestät einholen will.« »Welche Unruhe, – welche neue Aufregung,« rief der Kaiser schmerzlich, – »ich habe die Macht verloren und soll dennoch auch jetzt noch von den Arbeiten der Herrschaft gequält werden! Pietri, – ich kann nicht mehr,« sagte er, in die Kissen des Kanapees zurücksinkend, – ich wünsche nichts mehr, als in Ruhe das Ende dieser Lebenstragödie zu erwarten, – das Glück ist von mir gewichen, was meine Hand berührt, ist dem Untergang verfallen!« Pietri wollte antworten, – des Kaisers Kammerdiener trat ein, überreichte dem Geheimsekretär eine Karte, auf welcher einige Zeilen mit Bleistift geschrieben waren, und zog sich dann wieder leise und ehrfurchtsvoll zurück. »Was gibt es?« fragte Napoleon, – »irgendein englischer oder amerikanischer Reporter, der mich für sein Journal auszubeuten wünscht? – Diese Leute haben ihren Nutzen,« fuhr er mit einem leichten Anflug heiterer Laune fort, – »ich empfange sie gern, wenn irgend möglich, – man kann durch sie Äußerungen und Anschauungen in die Öffentlichkeit bringen, die ihren Weg machen, die jedermann glaubt, – und die man doch nicht zu vertreten und zu verantworten nötig hat.« »Es ist kein Reporter, Sire,« sagte Pietii ernst, indem er die Karte, welche er erhalten, in der Hand hin und her drehte, – »es ist,« fuhr er zögernd, mit einer gewissen Verlegenheit fort, – »es ist – Madame Bellanger –« Der Kaiser richtete sich empor. Einen Augenblick zuckte sein Gesicht wie von einem plötzlichen Schreck zusammen, – dann aber leuchtete eine weiche, sanfte Freundlichkeit aus seinen vorher so trüben und starren Augen und mit dem wohlwollenden, angenehmen Lächeln seiner jüngeren Tage sprach er: »Welche Torheit, – jetzt hierherzukommen, – und doch, – es sind so wenige, die dem Unglück folgen, – wohin verbirgt sich die Treue und Anhänglichkeit? – Aber hier,« rief er dann aufstehend und mit matten, schweren Schritten im Zimmer auf und nieder gehend, – »hier, wo tausend Augen auf mich gerichtet sind, – und heute, – die Kaiserin, – es ist unmöglich – sagen Sie ihr, Petri –« Er stand einige Augenblicke sinnend da. »Doch nein,« sagte er dann mit leicht zitternder Summe, – »lassen Sie sie kommen, – ich will ihr selbst sagen, daß sie gehen muß, – lassen Sie sie kommen.« Petri ging hinaus, – der Kaiser blieb unbeweglich, die groß geöffneten Augen auf die Tür gerichtet, in der Mitte des Zimmers stehen. Nach einigen Minuten öffnete Pietri diese Tür wieder und trat zur Seite. Langsam, als hielte ein scheues Zögern ihre Schritte zurück, trat eine Frau von etwa fünf- bis sechsundzwanzig Jahren in das Zimmer. Ihre nicht sehr hohe, aber schlanke und biegsame Gestalt war in ein dunkelgraues, fast schwarzes Reisekleid gehüllt, – ihr Kopf mit dem reichen, einfach gescheitelten und in welligen Locken zurückgestrichenen, goldblonden Haar war von einem feinen, schwarzen Spitzentuch umgeben, – das Gesicht mit der reinen Stirn, der etwas aufwärts gebogenen Nase, dem großen, aber schön geformten Mund, schien von der Natur für heiteren, fröhlichen Lebensgenuß bestimmt, die großen, etwas schräg geschlitzten braunen Augen unter den fein gezeichneten Brauen, schienen nur gemacht, um keck und lustig in die Welt zu blicken, und die vollen, dunkelroten Lippen mußten noch reizender sein, wenn sie, benetzt vom perlenden Schaum eines vollen Champagnerkelches, von leichten Scherzen überströmten. Diese Frau führte einen zarten Knaben von etwa sechs Jahren mit langen, hellen Locken, einem feinen, frischen Gesicht und großen, klaren, sinnig blickenden Augen an der Hand, – auf ihren Zügen lag ein tiefer Schmerz, und ihre Augen schimmerten in Tränen, – es war, als sei ein Trauerschleier über ihre ganze so reizende, sinnlich heitere Erscheinung geworfen, und als sie, das Kind an der Tür zurücklassend, schnell auf den Kaiser zuschritt, sich vor ihm in die Knie sinken ließ, die weißen Hände bittend erhob und die Blicke voll rührender Hingebung auf ihn richtete, da war sie das vollendete Bild einer Magdalena, so schön, so lebensüppig und so schmerzvoll zugleich, daß kein Künstler ein besseres Modell für das gebeugte und gebrochene Kind der fröhlichen Welt des Sinnengenusses hätte finden können. Der Kaiser blickte freundlich zu ihr herab, – es flog über seine Züge wie der letzte Strahlenschimmer, mit dem die herabsinkende Sonne der schon von der heraufsteigenden Nacht beschatteten Erde den Abschiedskuß gibt, – er reichte ihr die Hand, die sie in leidenschaftlicher Glut an ihre Lippen drückte und mit Tränen überströmte. »Sie kommen zu mir, Marguerite,« sagte Napoleon mit unendlich weicher Stimme, – »jetzt, in dieser Stunde, in welcher das Ende von allem herannaht, das Ende für den gefallenen Kaiser und für den leidenden, gequälten Menschen?« »O Sire,« rief Marguerite Bellanger, – »mein geliebter, teurer Sire, – wo wäre ein Platz, der mir höheres Glück gewähren könnte, als hier zu Ihren Füßen? Ich durfte diesen Platz nicht einnehmen, als Sie auf den goldenen Stufen des Thrones standen; – man hat mich von Ihnen getrieben, da ich doch nichts verlangte, als mit meinem törichten Geplauder und mit meinem fröhlichen Lachen Ihnen die Sorgen der Macht und Herrschaft zu verscheuchen, – die Welt, Sire, gehörte Ihnen, – Sie konnten die arme Marguerite entbehren, – aber jetzt, Sire, jetzt, da nicht die flüchtige Sorge nur des mächtigen Herrn und Gebieters Stirne faltet, – jetzt, da Dunkel und Einsamkeit Sie umgibt, da der tiefe Schmerz, das unerbittliche Leid seine Linien in Ihr Antlitz gräbt und Ihr Herz in bitterer Qual zerreißt, – jetzt, Sire, darf man mich nicht von Ihnen reißen, – hier zu Ihren Füßen ist mein Platz, den ich mit meinem Leben verteidigen will.« Wie erschrocken vor diesen so glühend leidenschaftlichen und zugleich so rührend bittenden Worten trat Napoleon einen Schritt zurück. Marguerite aber ließ seine Hand nicht los, – sie zog sich auf ihren Knien ihm nach, und die feucht verschleierten Blicke zu ihm aufrichtend, die Brust wogend von heißen Atemzügen, rief sie mit wehmütig flehendem Ton: »Nein, Sire, – nein, Sie werden, Sie können mich jetzt nicht verstoßen, – Sie bedürfen meiner, – jetzt, jetzt endlich kann ich Ihnen sein, was ich in meinen Träumen ersehnte: – der flüchtige Lichtstrahl, der einen Augenblick Ihr Auge erfreut, die kleine, unbedeutende Blume, deren Duft Sie erquickt und tröstet in Ihrem einsamen Kummer! O fürchten Sie nicht, mein teurer Sire,« sagte sie in schmeichelndem Ton, »daß ich weinen und klagen werde, – nein, Sire, – ich werde lachen, Torheiten machen und scherzen, – und wenn Schmerz und Trauer Sie überall umgibt, so sollen Sie in den Augen Ihrer armen kleinen Marguerite Freude und Heiterkeit finden und eine lichte Erinnerung an vergangene Tage, in denen Sie doch zuweilen glücklich waren und einen freundlichen, liebevollen Blick für mich hatten.« Sie unterdrückte mit heftiger Anstrengung ihre Erregung, fuhr schnell mit der Hand über die Augen und schaute zum Kaiser mit klaren, aber fieberhaft glänzenden Augen auf, während sie ihre zuckenden Lippen zu einem heiteren Lächeln zwang. Sie war von rührender Schönheit in diesem Bemühen, lachende Fröhlichkeit auf ihrem Gesicht zu zeigen, während Angst und Schmerz ihre Brust durchwühlten, – sie hatte erreicht, was sie wollte, – der Kaiser sah sie mit einem innigen Blick voll Dankbarkeit und glücklicher Freude an. Dann aber zog er sie sanft empor und sprach ernst, aber in einem Ton voll inniger Herzlichkeit: »Stehen Sie auf, Marguerite, und hören Sie mich an; – was soll das Kind denken?« fügte er, auf den Knaben deutend, hinzu, der in der Nähe der Tür stehen geblieben war und mit verwunderten Blicken herübersah. »Das Kind?« rief sie, den Knaben heranziehend und seinen Kopf zum Kaiser emporrichtend, – »das Kind soll sich ewig daran erinnern, daß es seine Mutter zu Ihren Füßen gesehen hat, Sire, – es soll nie in seinem Leben vergessen, daß es seine höchste Pflicht ist, für Sie zu leben, Sire, – und für Sie zu sterben. Sieh, Charles, mein Kind,« sagte sie, die Locken des Knaben streichelnd, »sieh, – dies ist dein Herr, – schwöre, ihn zu lieben und ihm zu dienen dein ganzes Leben lang.« Das Kind sah seine Mutter fragend an, – dann blickte es zum Kaiser auf und sprach mit seiner reinen, klaren Stimme: »Da meine Mutter Sie so sehr liebt, mein Herr, so liebe ich Sie auch und,« sagte er, die Worte seiner Mutter wiederholend und deren Ton nachahmend, – »und werde Ihnen dienen mein ganzes Leben lang.« Der Kaiser stand tief bewegt vor dieser Frau und diesem Knaben, mächtige Rührung zuckte auf seinem Gesicht, – seine Augen füllten sich mit Tränen, – er bedeckte das Gesicht mit den Händen und sank auf einen Stuhl nieder. Marguerite kniete zu seinen Füßen und küßte seine Hand, – das Kind stand neben ihm und legte seinen kleinen Arm auf die Schulter des Kaisers, – es wollte zeigen, daß es den Befehl seiner Mutter zu erfüllen trachte, – diesen traurigen, niedergebeugten Mann zu lieben, den es heute zum erstenmal sah. »Sire,« sagte Marguerite mit ernstem, feierlichem Ton, – »hier in dieser Stunde, bei dem Gott, der auch der Sünder sich erbarmt, der große Schuld vergibt um großer Liebe willen, – schwöre ich Ihnen, ich – habe Sie nicht betrogen, – ich habe jene Briefe geschrieben, welche ich Devienne gab, – weil man mir sagte, ich müßte es tun um Ihretwillen, – Ihres Friedens und Ihrer Ruhe wegen, – und was täte ich nicht für Sie? Für Sie, Sire, habe ich mein Kind verleugnet und beschimpft, – aber, Sire, – bei allem, was wahr und rein ist im Himmel und auf Erden, schwöre ich Ihnen, – dies Kind hat ein Recht, Sie zu lieben, – ein Recht, für Sie zu leben! und zu sterben!« »Ich weiß es,« sagte Napoleon, – sanft machte er seine Hand von Marguerite los, zog den Knaben an sich und drückte einen Kuß auf seine Stirn. Die junge Frau beugte sich zurück und blickte mit strahlenden Augen, die Hände vor der Brust gefaltet, auf den Kaiser und das Kind, als wolle sie dies Bild unauslöschlich in ihr Herz graben. Napoleon stand auf, reichte ihr seine beiden Hände und zog sie zu sich empor. »Ich danke Ihnen, Marguerite,« sagte er, – »Sie haben mir einen Augenblick des Glückes und der Freude gegeben, – dafür möge Glück und Freude Sie in Ihrem Leben begleiten, – jetzt aber, Marguerite, – jetzt müssen Sie mich verlassen –« »Sie verlassen, Sire?« rief die junge Frau mit starrem Blick, – »jetzt, da Sie meiner bedürfen, – da Sie selbst mir sagen, daß ich imstande gewesen, Ihnen Glück und Freude zu geben, – o Sire, das ist unmöglich!« »Marguerite,« sprach Napoleon mit der ihm eigentümlichen, fast kindlichen Herzlichkeit, welche in früheren Tagen seiner Unterhaltung oft einen so bezaubernden Reiz verlieh, – »Marguerite, – es muß sein. Der Kaiser ist herabgestürzt von seiner Höhe, – aber dennoch gehört er der Geschichte, – der Geschichte der Vergangenheit und der Zukunft, – und der Mensch , – er muß zufrieden sein, wenn ihm ein Augenblick des Glückes zuteil wird, um neue Kraft zu sammeln für die Leidenskämpfe, die unsere Bestimmung auf Erden sind, – und auf den Höhen des Lebens am meisten. – Gehen Sie, Marguerite, – ich will es, – ich bitte Sie darum!« Sie stand bleich und regungslos da. »Und dies Kind?« flüsterte sie. »Dies Kind?« sagte der Kaiser, indem er zu dem Knaben trat und die Hand auf sein Haupt legte, – »ich kann ihm nichts geben von dem Glanz, der den Thron des Kaisers umstrahlte, – aber auch die Sorge und die Pein mag ihm fernbleiben, welche die Macht und Größe verhängnisvoll begleiten. Der Kaiser, Marguerite, soll diesem Knaben fernbleiben, – fern für immer, auch in seinen Gedanken, – aber hier aus dem Herzen des Menschen heraus rufe ich den Segen des Himmels auf ihn herab, – er möge ihn begleiten sein Leben lang, – er möge seiner Mutter Lust und Glück bringen! Gedenket meiner in Liebe und betet für mich zu den unerforschlichen Mächten des Himmels, wenn ihr hören werdet, daß meine irdische Laufbahn vollendet ist. – Geht, – laßt mich allein, – es ist genug.« Er schloß den Knaben in seine Arme und führte ihn zu seiner Mutter. Marguerite sprach kein Wort mehr. Sie drückte ihre Lippen in langem Kusse auf die Hand des Kaisers, schlang dann den Arm um die Schulter des Kindes und verließ schwankenden Schrittes das Zimmer. Der Kaiser setzte sich erschöpft nieder. »Auch die letzten Lichtblicke der Vergangenheit erlöschen, – müssen erlöschen, – und tiefer und tiefer senkt sich die Nacht herab, – wird es nach derselben wieder einen Morgen, – eine neue Sonne und neues Licht geben? – Ewiges Rätsel, das den Menschengeist so tief niederdrückt am Abend des Lebens, diesen Geist, der so stolz und allmächtig sich dünkte im Licht der Mittagssonne!« Pietri trat herein. »Ist sie fort?« fragte der Kaiser. »Sie ist in dem Wagen wieder zurückgefahren, der sie hergebracht,« erwiderte Pietri ernst und traurig, – »sie ist ein treues, ergebenes Herz, Sire, ganz Liebe und Hingebung –« »Sie ist glücklich«, sagte der Kaiser leise, »denn sie wird ihr Kind glücklich sehen! – Armer Louis,« fuhr er fort, den Kopf in die Hände stützend, – »auf deinen schwachen Schultern ruht der Name des Kaisers mit seiner verhängnisvollen Last, – wirst du sie tragen können?« Der Kammerdiener trat ein und meldete, daß das Diner des Kaisers serviert sei. Napoleon stand auf, – sein Gesicht nahm den Ausdruck kalter, gleichgültiger Ruhe wieder an, – er stützte sich auf Pietris Arm und begab sich in den kleinen Speisesaal des Schlosses, wo die Herren seiner Umgebung ihn erwarteten. Elftes Kapitel Der große Bahnhof in Kassel war ziemlich leer um die zehnte Abendstunde desselben Tages. Auf dem Platz vor dem äußeren Eingang des großen rundförmigen Baues standen die Wagen der verschiedenen Hotels. Einzelne Reisende warteten in den Wartesälen, und die diensttuenden Beamten gingen auf dem Perron auf und nieder, denn der von Köln und Hannover kommende Zug war signalisiert. Unter den Eisenbahnbeamten konnte man auf dem Perron verschiedene Personen bemerken, welche trotz ihres Zivilanzuges eine gewisse militärische Haltung hatten. Ein zweispänniger, verschlossener Wagen, ohne Bedienten, mit einem Kutscher in dunkler Livree, fuhr einige Zeit vor Ankunft des Zuges schnell von der Stadt her an den Bahnhof heran. Ein Herr, in einen weiten Überrock gehüllt, einen runden, tief in das Gesicht gedrückten Hut auf dem Kopf, stieg aus und wurde, nachdem er einige Worte mit dem vor dem Eingang der Wartesäle stehenden Beamten gewechselt, von diesem diensteifrig auf den dem Publikum noch verschlossenen Perron geführt, wo er auf dem von den hellen Gaslaternen am wenigsten erleuchteten Raum auf und nieder ging und, jede Begegnung mit den übrigen Personen vermeidend, mit sichtlicher Ungeduld die Ankunft des Zuges erwartete. Es dauerte nicht lange, so erblickte man in der Ferne auf dem Schienengleise die hell leuchtenden Vorderlaternen der heranbrausenden Lokomotive. Der Zug fuhr vor, die Türen zu den Wartesälen wurden geöffnet, und bald füllte sich der Perron mit den aussteigenden Reisenden. Der Herr im Überrock ging an der Wagenreihe entlang und blickte aufmerksam in die geöffneten Waggons. In einem Halbkupee erster Klasse saßen zwei schwarzgekleidete Damen, die Gesichter mit dunklen seidenen Schleiern verhüllt. Ein Diener in schwarzer Reiselivree trat heran und nahm einige Handkoffer in Empfang, welche die eine der Damen ihm hinausreichte. Der Herr im Überrock schien gefunden zu haben, was er suchte. Er näherte sich den beiden Damen, lüftete leicht den Hut und sagte in französischer Sprache: »Wir haben Sie erwartet, Madame, und alles ist zu Ihrem Empfang bereit.« Dann gab er der einen der beiden Damen seinen Arm und führte dieselbe, während ihre Begleiterin mit einem Diener, der einen Teil des Handgepäcks einem Kofferträger gegeben hatte, nachfolgte, zu dem neben den Hotelfuhrwerken haltenden Wagen. Das Gepäck wurde untergebracht, die Damen und der Herr stiegen ein, der Diener sprang auf den Bock, und im raschen Trabe eilten die für die einfache Equipage auffallend schönen und edlen Pferde auf dem Weg nach der Stadt dahin. Der Wagen wendete sich der großen Allee zu, welche nach Wilhelmshöhe hin führt, und hielt nach kaum einer halben Stunde auf der Rampe vor dem inneren Eingang des Schlosses, ohne daß er durch die Schildwache, welche ihre Instruktionen haben mußte, aufgehalten worden wäre. Der General Reille, der Graf Castelnau und der Prinz Murat waren auf dem Vestibül. Der Herr, welcher, aus dem Wagen springend, in dem hellen Licht der Gasflammen seinen Hut abnahm und der ersten der beiden Damen die Hand reichte, um ihr aus dem Wagen zu helfen, zeigte sich als der Fürst von der Moskwa. Die sämtlichen Herren verneigten sich tief, – mit leichter Bewegung des Hauptes grüßend, ging die Dame, welcher der Fürst von der Moskwa voranschritt, in das Innere des Schlosses, während ihre Begleiterin von den übrigen Herren mit herzlicher Begrüßung empfangen wurde. Vor dem Zimmer des Kaisers blieb der Fürst von der Moskwa stehen, öffnete die Tür und ließ, ehrerbietig zur Seite tretend, die Dame an sich vorübergehen, worauf er sofort die Tür wieder schloß. Die verschleierte Dame durchschritt das Vorzimmer. An der Tür des dahinter liegenden Arbeitskabinetts des Kaisers trat ihr Napoleon in seiner schwachen, unsicheren Haltung, die linke Hand auf den Stock gestützt, entgegen. Die Dame schlug den Schleier zurück, und im Lichte der von der Decke herabhängenden Ampel, deren Strahlen sich mit dem Schein einer großen Lampe mit blauem Schirm vermischten, welche auf dem Schreibtisch des Kaisers stand, zeigten sich die edlen, klassisch schönen Züge der Kaiserin Eugenie, bleich, schmerzvoll und abgespannt und in der schwarzen Umhüllung noch marmorähnlicher erscheinend. Der Kaiser zitterte so heftig, daß der Stock, auf welchem er sich stützte, hin und her schwankte. Dann faßte er sich mit Aufbietung aller Willenskraft, – und mit einer Bewegung, welche an die ritterliche Galanterie seiner früheren Tage erinnerte, trat er seiner Gemahlin entgegen, hob deren Hand an seine Lippen und führte sie dann zu dem im Hintergrund des Zimmers stehenden Kanapee, während er sich selbst in einen Sessel neben demselben mit allen Zeichen körperlicher Erschöpfung niedersinken ließ. Die starre, kalte Ruhe, welche bisher auf dem Gesicht der Kaiserin gelegen hatte, machte einem Ausbruch heftiger und leidenschaftlicher Erregung Platz. Sie warf den Kopf gegen die Rücklehne des Kanapees zurück, Zorn und Verzweiflung flammten aus dem Blick ihrer großen Augen, die sie in dem Gemach umherschweifen ließ. Dann hob sich ihre Brust unter lautem Schluchzen, ein Tränenstrom rann über ihre Wangen herab, sie drückte ihr Taschentuch fest auf ihr Gesicht und versuchte vergeblich, die konvulsivische Erregung zu bekämpfen, welche ihren ganzen Körper in zitternder Bewegung hin und her warf. Der Kaiser blickte ernst und traurig auf seine Gemahlin hin, – still und schweigend, – er wollte ihr Zeit lassen, den ersten wilden Ausbruch ihrer Gefühle bei diesem so schmerzlichen Wiedersehen zu überwinden. Endlich wurde das Schluchzen der Kaiserin leiser, sie sank wie ermattet in sich zusammen und nahm das fast ganz durchnäßte Taschentuch von ihren Augen, der Kaiser beugte sich ein wenig vor und legte seine Hand auf diejenige seiner Gemahlin. »Das Verhängnis hat uns schwer getroffen, Eugenie,« sagte er mit sanfter, ruhiger Stimme, – »in dieser so kurzen Spanne Zeit. Wer hätte es geahnt, als wir in St. Cloud voneinander Abschied nahmen, daß wir uns hier , daß wir uns so wiedersehen sollten!« Die Kaiserin zog ihre Hand zurück. Ein Blick, in welchem mehr Zorn als Schmerz lag, traf ihren Gemahl. »Und warum hat es so kommen müssen?« rief sie, »warum hat das Gebäude des Kaiserreichs, das so stolz aufgerichtet in Europa dastand, unter wenigen Schlägen so jämmerlich zusammenbrechen müssen?« »Der Krieg,« sagte der Kaiser achselzuckend, »ist ein Würfelspiel um Sieg und Niederlage. Ich habe dies Spiel stets gescheut und gefürchtet, weil in demselben kein Platz bleibt für die ruhige Berechnung, durch welche man die Ereignisse zu lenken vermag, – Sie haben den Krieg gewollt, Eugenie, lange gewollt, Sie haben auf den glänzenden Gewinn jenes blutigen Spieles gehofft, – der Würfel ist anders gefallen, – tragen Sie nun in Ergebung mit mir den Verlust.« »Läßt sich der Verlust einer Krone ertragen?« rief die Kaiserin flammenden Blickes. »Ist es möglich, ruhig hinabzusteigen von jenen Höhen, deren lichte Klarheit niemand ermessen kann, der nicht auf ihnen gestanden, in die Kreise der niedrigen, gewöhnlichen Welt?« »Jeder Verlust läßt sich ertragen,« sagte der Kaiser, »wenn man ihn ertragen muß. Die Erkenntnis der Notwendigkeit gibt Ruhe und Resignation.« »Die Notwendigkeit!« rief die Kaiserin, – »ja, – aber wo ist die Notwendigkeit? Warum haben wir geschlagen, so geschlagen werden müssen? Sie werden mich doch nicht glauben machen,« fuhr sie mit bitterem Ton fort, »daß diese Preußen unbesiegbare Halbgötter seien, denen gegenüber dieselben Feldherren, dieselben Truppen ohnmächtig sein mußten, welche auf so vielen Schlachtfeldern alle Nationen der Welt besiegt haben! Ich habe den Krieg gewollt, sagen Sie, – ja, ich leugne es nicht, ich habe ihn gewollt, – und ich glaube heute noch, daß ich recht hatte, ihn zu wollen, denn die ermattete Kraft des Kaiserreichs bedurfte der Siege. Der Thron, den wir unserem Sohn zu erhalten verpflichtet waren, wäre ohne den Krieg langsam zerbröckelt, wie er jetzt mit einem Schlag in Trümmer gesunken ist, – ich habe den Krieg gewollt,« fuhr sie sich hoch aufrichtend fort, »weil ich ihn für notwendig erkannte! Aber wenn ich auch den freien Blick habe, um den Zusammenhang der politischen Ereignisse zu erkennen, – ich bin nur eine Frau, konnte ich die Organisation, die Schlagfertigkeit der Armeen prüfen? Konnte ich wissen, konnte ich erkennen, daß das Werk des Marschall Niel, den unser böses Schicksal uns zu früh entrissen hat, schon in so kurzer Zeit wieder zerstört sein würde? Konnte ich es wissen oder voraussetzen, daß die Truppen Frankreichs in solcher Verfassung, ohne Ausrüstung und Verpflegung, einem Feind entgegengeführt werden würden, den man kennen mußte, zu dessen Bekämpfung man sich jahrelang vorbereitet hatte? Sie kommandierten Ihre Armeen, Sie mußten ihren Zustand kennen, und wenn Sie mir gesagt hätten, in welcher Verfassung sich dieselben befänden, so hätte ich wahrlich den Krieg jetzt nicht gewollt. Aber,« rief sie heftig, die Hände gegeneinander schlagend, »ich hätte auch Mittel gefunden, um unsere Armee schlagfertig und kriegstüchtig zu machen. Ich hätte Männer gefunden, um sie zum Siege zu führen.« »Ihre Stimme«, sagte der Kaiser, »ist nicht ungehört geblieben bei der Wahl der Feldherren, und Sie teilten mein Vertrauen in dieselben, – ein Vertrauen, das ich auch heute noch nicht bereue,« fügte er hinzu, – »sie alle haben getan, was menschliche Kraft vermochte, und dem Ruhm der französischen Tapferkeit haben alle diese verlorenen Schlachten keinen Eintrag getan. Das Verhängnis ist über uns hereingebrochen, – ein Verhängnis,« sagte er, nachdenklich vor sich hinblickend, »das ich vielleicht verschuldet habe, weil ich mich zu sicher wähnte, weil ich jenen alten, ewig wahren Grundsatz vergessen hatte, daß jede Herrschaft, jede Macht nur durch dieselben Mittel erhalten werden kann, durch welche sie aufgerichtet worden. Doch,« sprach er dann, die Hand seiner Gemahlin ergreifend, »wo das Verhängnis in die menschlichen Schicksale eingegriffen hat, da müssen die davon Betroffenen gegeneinander keine Vorwürfe und Beschuldigungen erheben. Ich habe meine Krone mit Ihnen geteilt, Eugenie, wir haben auf den Höhen des Glückes nebeneinander gestanden, lassen Sie uns gemeinsam das Unglück tragen, mit der Vergangenheit abschließen und an die Zukunft denken, die wir unserem Sohn zu öffnen verpflichtet sind.« Die Kaiserin seufzte tief auf. »Die Zukunft unseres Sohnes«, sagte sie, »liegt noch fern, – kann eines Kindes Hand dies in seinen Tiefen aufgewühlte Frankreich beherrschen? Kann ein Kind durch gewonnene Schlachten diese entsetzlichen Niederlagen vergessen machen? Wir müssen die Ereignisse erfassen und zu einer großen Wendung zu führen suchen. Eine solche Wendung«, fuhr sie fort, »scheint sich uns zu bieten, und deshalb bin ich gekommen, um mit Ihnen zu beraten, was zu tun sei, – um Ihren Entschluß einzuholen.« Der Kaiser schüttelte mit dem Ausdruck ungläubiger Resignation den Kopf. »Für uns bleibt nichts zu tun,« sagte er, – »doch sprechen Sie, was glauben Sie, das geschehen könne? Welchen Entschluß soll ich fassen? Sie haben mir von dem geheimnisvollen Besuch dieses Herrn Regnier geschrieben und von seinen Plänen, die mir ziemlich unklar und verworren erschienen sind. Ich habe seinen Namen nie vorher gehört, – er ist nicht gekommen, – das wird eine von jenen abenteuerlichen Blasen sein, welche in den Zeiten großer Krisen jedesmal an die Oberfläche aufsteigen und ohne Folgen zerplatzen.« »Ich habe das auch geglaubt,« erwiderte die Kaiserin, »und habe deswegen diesen Mann, welcher mit so zuversichtlicher Hand in die Weltgeschichte einzugreifen unternahm, nicht empfangen. Aber fast muß ich glauben, daß seine Ideen und Pläne doch einen festen Boden haben, denn mit der Erlaubnis des Königs von Preußen hat der General Bourbaki Metz verlassen und ist zu mir gekommen, um im Auftrag des Marschalls Bazaine meine Instruktionen in betreff der Verhandlungen mit Herrn Regnier zu erbitten.« Der Kaiser hob mit gespannter Aufmerksamkeit den Kopf empor. Einen Augenblick verschwand die Erschlaffung aus seinen Zügen, sein Blick belebte sich – rasch fragte er: »Und was hat der Marschall Bazaine Ihnen mitteilen lassen?« »Der Zustand seiner Armee sei gut,« erwiderte die Kaiserin, »er könne sich noch lange in Metz halten, sei aber bereit zu kapitulieren, wenn seine Armee uns dadurch erhalten werde und wenn ich ihm den Auftrag erteilte, in unserem Namen über den Frieden zu unterhandeln. Er stehe treu zu uns und würde uns einen festen Halt bieten, um die angemaßte Autorität der Advokatenregierung in Paris zu brechen.« »Und unter welchen Bedingungen würde man den Frieden schließen können?« fragte Napoleon. »Es würde sich,« erwiderte die Kaiserin, »nach dem, was Herr Regnier dem Marschall Bazaine gesagt hat, um Gebietsabtretungen und bedeutende Kriegskosten handeln.« »Die Kriegskosten sind gleichgültig,« erwiderte der Kaiser schnell, – »Gebietsabtretungen sind ein elastischer Begriff. Kommt Straßburg und Metz in Frage?« »Straßburg,« erwiderte die Kaiserin, »hat ja der Graf von Bismarck von der Pariser Regierung gefordert. Er würde es, wie Herr Regnier meint, auch von uns fordern. Metz würde sich, wie ich hoffe, erhalten lassen, wenn der Frieden geschlossen werden kann, bevor der Platz genommen ist. Leider ist Bourbaki in einem höchst aufgeregten, nervösen Zustand, eine alte Wunde schmerzt ihn, und er hat keinen anderen Gedanken, als so schnell wie möglich nach Metz wieder zurückzukehren, um seine militärische Ehre von dem Vorwurf zu befreien, daß er in der Zeit des Kampfes seinen Posten verlassen habe. Doch würde, wenn Sie sich entschließen könnten, auf die Sache einzugehen, eine unmittelbare Anfrage im preußischen Hauptquartier vollständige Klarheit in die Sache bringen.« »Ich weiß genug,« erwiderte der Kaiser mit festem Ton, – »genug, um ein Eingehen in diese Sache bestimmt zurückzuweisen.« Die Kaiserin sah ihren Gemahl betroffen über diese schnelle und entschiedene Erklärung an. »Und warum?« fragte sie. »Sie haben selbst vorhin mich ermahnt, die Notwendigkeit entschlossen zu tragen. Verluste an Macht und Gebiet sind aber die notwendige Folge verlorener Schlachten. Und wenn wir diese Notwendigkeit annehmen, wenn wir sie durch einen schnellen Friedensschluß auf das geringste Maß beschränken, wenn die Armee des Marschalls Vazaine zu unserer Verfügung steht, so können wir den schon verlorenen Thron wiedergewinnen, jene verwegenen Machthaber in Paris in ihr Nichts zurückschleudern und es der Zeit überlassen, Frankreichs Macht wieder zu stärken, damit wir oder unser Sohn einst das heute Verlorene wiedergewinnen.« »So mag es scheinen,« erwiderte der Kaiser, »und doch würden wir, um für den Augenblick einen erschütterten und schwankenden Thron zu halten, die Zukunft unseres Sohnes und unseres Hauses für immer vernichten.« »Ist diese Zukunft in der Verbannung besser gesichert?« fragte die Kaiserin mit einem Anklang von Unwillen. »Gewiß!« sagte der Kaiser. – »Aus der Verbannung heraus bin ich auf den Thron gestiegen, gestützt auf die Erinnerung an Waterloo. Und auch unser Sohn kann aus der Verbannung den Thron glänzender und fester wieder aufrichten. Wenn er aber auf dem Wege, der sich heute öffnet, nach Paris zurückkehrt, so wird er früher oder später mit Sicherheit für immer in das Dunkel hinabstürzen, und niemals wird sich der Name Napoleon in Frankreich mehr erheben. »Hören Sie mich an,« sagte er nach einer Pause, während welcher die Kaiserin unruhig mit ihrem Taschentuch spielte, »hören Sie mich an, und Sie werden mir recht geben. Mein Oheim ist gefallen in der Katastrophe des großen nationalen Unglücks; er hatte Schuld an diesem Unglück, mehr Schuld als ich, denn er wollte die Welt aus ihren Angeln heben, und er war der Feldherr, der persönlich geschlagen wurde, während ich nur der Kaiser war, dessen Armeen dem Feinde unterlagen. Dennoch hat ihm Frankreich seine Schuld vergeben, man hat nur an die Wohltaten gedacht, die er seiner Nation erwiesen, an die Ehre und den Ruhm, mit denen er sie in reichen Kränzen geschmückt hat. Das ist geschehen, weil er nach jener großen, unglücklichen Katastrophe in der Ferne verschwand, weil alle Erniedrigungen und Demütigungen, die Frankreich nach jener Katastrophe erlitt, sich nicht an seinen Namen knüpften, darum blieb sein Name das Zauberwort der nationalen Größe, die Losung der nationalen Wiederbelebung. Dieser Zauber des Namens des großen Kaisers hat mir den Weg zum Thron geöffnet, und dieselbe Macht muß ich dem Namen Napoleon erhalten, denn sie allein wird künftig auch unserem Sohn die Rückkehr in das Vaterland und auf den Thron unseres Hauses verschaffen. Hätte ich bei Sedan über den Frieden unterhandelt oder würde ich jetzt einen Frieden schließen, der ja doch nur Frankreich schwere Verluste auflegen könnte, so würde sich mit dem Namen meines Geschlechtes nicht nur der nationale Fall, sondern auch die nationale Erniedrigung und Demütigung verbinden, und nie und zu keiner Zeit würde ein Träger des Napoleonischen Namens wieder in Frankreich regieren können. Wir haben den Herren Gambetta und Jules Favre viel zu danken,« fuhr er mit einem feinen Lächeln fort, – »dadurch, daß sie in jenem kritischen Moment sich zur Regierung drängten, und daß sie die ganz unvernünftige und notwendig erfolglose Fortsetzung des Krieges unternahmen, haben sie die ganze Gehässigkeit des späteren demütigenden Friedens und der unausbleiblichen Gebietsverluste auf sich genommen. Es wäre wahrlich töricht von uns, wollten wir ihnen diese Last abnehmen. Sie haben sich die Autorität der Regierung Frankreichs angemaßt, mögen sie denn auch ihre Namen unter das verhängnisvolle Dokument setzen, welches französischen Boden und französische Festungen den Feinden überliefern wird. Ich kenne Frankreich, ich kenne die Franzosen, – die Namen, welche unter dem Friedenstraktat stehen, der Straßburg und Metz den Deutschen überliefert, werden nie wieder in Frankreich zu Macht und Bedeutung gelangen. Mag man ihnen heute zujubeln, da man doch von Erfolgen träumt, man wird sie zu den Toten werfen, sobald sie den Frieden geschlossen haben. Man hat niemals den Bourbonen den Pariser Traktat verziehen, und er war doch lange nicht so verhängnisvoll für Frankreich, als es der Friede sein wird, den Herr Jules Favre demnächst unterzeichnen muß. Ich will verschwinden in dem Pulverdampf von Sedan, – wie Napoleon I. verschwand im Donner der Schlacht von Waterloo, die für ihn zur Apotheose wurde, – damit mein Sohn einst zurückkehren könne, um Sedan zu rächen, wie ich zurückgekehrt bin, um Waterloo zu rächen. Ein tragischer Fall in nationalem Unglück schadet keiner Dynastie, aber jede Regierung geht sicher zugrunde, welche sich auf Kosten der Ehre der Nation ein ohnmächtiges Dasein zu fristen sucht.« Die Kaiserin hatte aufmerksam den Worten ihres Gemahls zugehört. »Aber«, sagte sie nach einigem Nachdenken, »würde nicht dasselbe erreicht werden, wenn Sie sich zurückzögen, – es ist schmerzlich, und für mich am meisten, da ich eine schwere Verantwortlichkeit zu übernehmen hätte, aber wenn unser Sohn heute den Thron besteigen könnte, ihm würde niemand die Schuld an dem beimessen, was geschehen ist. Er ist ein Kind, in ihm würde man die Hoffnung verkörpert sehen, einst wieder gutzumachen, was jetzt verloren wurde, – wenn es gelänge, für ihn den Thron zu erhalten, auf die Armee von Bazaine gestützt, so würde er nicht nötig haben, später sein Erbe sich zu erkämpfen, und wir würden doch vielleicht sicherer für seine Zukunft sorgen.« Ein Zug feiner Ironie spielte um die Lippen des Kaisers. Er ließ die Spitzen seines Schnurrbartes durch seine Finger gleiten und sprach ohne jede Bewegung im Ton seiner Stimme: »Ich würde die Schuld an dem Haß der Vergangenheit auf mich laden und in die Einsamkeit hinaustragen, wie einst jener Widder, den die Juden am Versöhnungsfest schlachteten und in die Wüste schickten, während mein Sohn, entsühnt, nur die Hoffnung auf die Zukunft in sich verkörpern würde.« Die Kaiserin nickte wie unwillkürlich zustimmend mit dem Kopf bei diesen Worten, die ihren innern Gedanken ausgedrückt hatten. »Glauben Sie mir, Eugenie,« fuhr Napoleon fort, »ich würde keinen Augenblick zögern, dieses Opfer zu bringen, das ja eigentlich kaum ein Opfer für mich wäre, denn das einzige Ziel meiner Sehnsucht ist die Ruhe und der Frieden stiller Zurückgezogenheit. Aber damit würde nichts erreicht werden, nichts für die Zukunft und kaum etwas für den Augenblick. Sie, Eugenie, müßten als Regentin den Frieden unterzeichnen, der für immer ein schwarzes Blatt in der Geschichte Frankreichs bilden wird. Blicken Sie in die Geschichte, sie zeigt Ihnen deutlich das Schicksal fremder Regentinnen in Frankreich. Sie, Eugenie, würden tiefer stürzen, als Maria von Medici gestürzt ist, die doch Frankreich keine Demütigungen gebracht hat, und unser Sohn ist nicht wie Ludwig XIII. anerkannter König von legitimem Blut, gegen dessen Berechtigung sich kein Widerspruch in Frankreich erhob. Und mehr noch,« fuhr er fort, »die Kombination, welche Sie im Auge haben, kann nur vollzogen werden, wenn Bazaine mit seiner Armee die militärische Stütze der Regentschaft bildet. Sein würde die Macht sein, er würde das Schwert in Händen halten neben einem unmündigen Kaiser und einer fremden Regentin, er würde der Majordomus sein dieses schwachen, mit dem Fluch des verhängnisvollen Friedens belasteten Kaiserreichs.« »Bazaine steht treu zu uns,« rief die Kaiserin, »ich habe volles Vertrauen zu ihm! Bourbaki hat es mir bestätigt.« »Ich zweifle nicht an der Ergebenheit Bazaines,« sagte der Kaiser. »Er ist ein tapferer und fester Soldat und steht zu seiner Fahne. Aber«, fuhr er fort, »eine Monarchie kann nicht bestehen, die einem ihrer Diener ihre Existenz verdankt, und das Schwert eines großen Reiches darf nur in den Händen des Souveräns ruhen, nur von diesem seinem Feldherrn anvertraut werden, – dann vor allem, wenn der Souverän nicht auf dem Boden der unanfechtbaren, allgemein anerkannten und heilig gehaltenen Legitimität steht. Bazaine würde der wahre Regent von Frankreich sein, – und Bazaine«, fügte er finster, den starren Blick ins Leere gerichtet, hinzu, »Bazaine bringt den Thronen kein Glück, neben denen er steht! Wir müssen die Katastrophe sich vollziehen lassen,« fuhr er nach einer Pause fort. »Frankreich wird aus den schweren Zerrüttungen, die ihm bevorstehen, von selbst zu uns zurückkehren, und je ferner wir uns jetzt halten, je mehr wir unsern Namen von allem dem trennen, was noch mit unerbittlicher Notwendigkeit kommen muß, um so sicherer, um so schneller wird das Gefühl des eigentlichen Volkes, das jetzt schweigt, sich zu uns wenden.« »So bleibt uns jetzt also nichts zu tun übrig?« sagte die Kaiserin trüb und finster. »Nichts, Eugenie,« erwiderte Napoleon, »als uns zurückzuziehen in die Einsamkeit, zu schweigen allen Vorwürfen und Anschuldigungen gegenüber, unsern Sohn auszubilden, um ihm Wissen und Kraft zu geben zu der schweren Aufgabe, welche die Zukunft ihm stellen wird, und im stillen die Fäden zu erhalten und zu knüpfen, an denen wir später zur geeigneten Stunde die Ereignisse zu lenken imstande sein können.« »Das ist hart, das ist sehr hart,« rief die Kaiserin aufspringend, »so schnell herabgeschleudert zu werden von den lichten Höhen in die Dunkelheit, und untätig schweigen zu müssen, wenn unsere bittersten Feinde uns mit Schmähungen überhäufen, wenn sie dies schöne Frankreich, das ich liebe, als ob ich auf seinem Boden geboren wäre, dem Untergang entgegenführen, – sich nicht rächen zu können –« »Dunkelheit«, fiel der Kaiser ein, »wird noch lange, lange nicht den Namen Napoleon verhüllen. Mein Stern, an den ich einst so fest glaubte, ist herabgesunken und erloschen, aber der Stern meines Namens und meines Geschlechtes wird wieder heraufsteigen am Himmel der Welt, – dieser Glaube erfüllt mich, in dieser Überzeugung werde ich das Vermächtnis meinem Sohn hinterlassen, das ich von meinem Oheim überkommen! – und rächen? – rächen wird uns die Zeit und das Schicksal, – sicherer, als wir es könnten, an denen, die heute in ihrem wilden Haß uns zu treffen meinen, indem sie Frankreich schlagen. Hinter ihnen stehen schon die wilden Geister der Tiefe, die ich mit starker Hand gebannt und niedergehalten habe, und deren sie nie Meister werden können. Unsere Verbündete ist die Zeit, diese mächtigste und unbesiegbarste Kraft auf Erden. Hüten wir uns, ihrem Werk vorzugreifen!« Die Kaiserin schwieg eine Zeitlang. Sie schien die Richtigkeit der Gründe anzuerkennen, welche ihr Gemahl ihr entwickelte, dennoch aber sträubte sich ihr Gefühl gegen die untätige Resignation, zu welcher sie sich verurteilt sehen sollte und welche so wenig zu der ihrem Charakter eigentümlichen Reizbarkeit paßte. »Herr Thiers durchreist Europa,« sagte sie endlich, indem sie vor den Kaiser hintrat, »wenn es ihm gelänge, eine Anerkennung der gegenwärtigen Pariser Regierung zu erlangen?« »Das wird ihm nicht gelingen,« erwiderte Napoleon im Ton fester Überzeugung. »Der Kaiser Alexander, auf den es hier allein ankommt, wird die Herren Favre und Gambetta nicht anerkennen, solange sie nicht wenigstens durch den Willen der Nation in irgendeiner Form legitimiert sind.« »Aber man will ja eine Nationalversammlung berufen!« fiel die Kaiserin ein. »Das wird man kaum können,« erwiderte der Kaiser, »und wenn man damit zustande kommen sollte, so wird keine nationale Versammlung Frankreichs Gambetta, Favre und Rochefort zu Regenten wählen.« »Rochefort«, rief die Kaiserin, indem sie heftig mit dem Fuß auf den Boden trat, »Rochefort regiert in Frankreich – und wir sind verbannt! – –« »Wir sind es«, sagte der Kaiser achselzuckend, »die diesen Menschen groß gezogen haben. Hätten wir seiner einfältigen ›Lanterne‹ nicht den Krieg erklärt, sein Name wäre nie aus der Dunkelheit aufgetaucht.« »Und hätten wir alle diese Leute nicht in törichter Milde geschont,« rief die Kaiserin, »hätten wir sie mit starker Hand niedergeworfen und unschädlich gemacht, so würde heute Europa nicht das lächerliche Schauspiel haben, einen Gambetta und einen Rochefort an der Spitze Frankreichs zu sehen.« Abermals schritt sie nachdenkend auf und nieder. »Aber könnten wir nicht unsererseits tun,« sagte sie dann, »was Herr Favre im Namen unserer Feinde tut, die Vermittlung der Mächte anrufen? Ein Wort des Kaisers Alexander würde genügen.« »Er wird dies Wort nicht sprechen,« sagte Napoleon, »wenn es sich darum handelt, die Gebietsforderung Deutschlands herabzustimmen, – er hat Sebastopol nicht vergessen, – heut ist der Tag seiner Revanche, – er hat recht, sie zu nehmen, – und ich«, fügte er hinzu, »hatte damals großes Unrecht, gegen Rußland zu schlagen für dieses England, das heute gleichgültig auf unsern tiefen Fall herabsieht. Vergessen Sie aber vor allem nicht, daß, auch wenn es gelingen könnte, eine Intervention herbeizuführen, keine Regierung in Frankreich jemals Bestand haben kann, welche durch fremden Einfluß gestützt wird.« »So sollen wir denn«, rief die Kaiserin, indem sie das Gesicht mit den Händen bedeckte und abermals in Tränen ausbrach, »so ganz untätig vom Schauplatz abtreten, – so sollen wir schweigend diese angemaßte Regierung in Paris anerkennen? Glauben Sie mir, Louis, trotz unseres Unglücks, trotz des lauten Geschreis unserer Gegner haben wir noch viele Freunde, viele treue und ergebene Anhänger in Frankreich. Sie sehen das hier weniger, aber zu mir dringen die Kundgebungen aus allen Teilen des Landes, die Aufforderungen, unsere Sache nicht verloren zu geben. Wenn wir in unserer schweigenden Zurückhaltung verharren, so werden wir unsere Freunde verlieren.« »Im Gegenteil,« erwiderte der Kaiser unerschütterlich, »wir würden sie verlieren durch vorzeitiges Handeln. Ich wiederhole es Ihnen, und meine Überzeugung ist unerschütterlich, mein Entschluß unwiderruflich: wir müssen dieser Krisis fernbleiben, wir müssen dieselbe sich vollziehen lassen bis zu ihrem vollständigen Abschluß, dann erst wird man erkennen, welches Unheil jene Männer über Frankreich gebracht haben, die im Augenblick einer schweren nationalen Kalamität die vom Volkswillen eingesetzte Regierung stürzen und das von auswärtigen Feinden bedrängte Land der Anarchie preisgeben. Aber«, fuhr er fort, – »schweigen werden wir darum nicht. Es ist meine Pflicht, meine Stimme zu erheben gegen alles, was jetzt in Frankreich geschieht, und diejenigen zu verurteilen, welche das nationale Unglück für ihren Ehrgeiz und ihren politischen Haß ausbeuten. Ich habe die Ideen zu einer Proklamation aufgesetzt, welche in den nächsten Tagen veröffentlicht werden soll. Ich werde den Franzosen sagen, daß mein Glück und mein Unglück mit dem Glück und dem Unglück Frankreichs innig verwachsen ist. Ich werde sie daran erinnern, daß nicht ich, sondern die Nation den Krieg gewollt hat, der ein so unglückliches Ende genommen. Ich werde sie warnen vor der Fortsetzung des Krieges, die nur zu größeren Verlusten führen kann. Ich werde die Überzeugung aussprechen, daß Frankreich, wenn es einig zusammensteht, sich auch von diesen Schlägen erholen werde, wie es sich von so vielen harten Schicksalsschlägen seiner vergangenen Geschichte erholt hat. Ich werde zu den Franzosen sprechen als ihr berechtigter Kaiser und Souverän, aber ich werde kein Wort von der Zukunft sprechen, keinen Anspruch erheben, denn ich darf meine Autorität nicht diskutieren lassen.« »Eine solche Proklamation«, rief die Kaiserin freudig, »wird eine Armee wert sein! Sie wird unseren Freunden Mut machen, sie wird uns das Volk zuführen, und diese traurigen Abenteurer, welche sich die Regierung der nationalen Verteidigung nennen, in ihr Nichts zurückwerfen!« »Das alles wird nicht geschehen,« sagte der Kaiser, ruhig den Kopf schüttelnd, »diese Proklamation wird ungehört verhallen unter der gegenwärtigen Unruhe und Aufregung, kaum unsere Freunde werden darauf achten, und unsere Feinde werden alles tun, um sie zu unterdrücken. Aber diese Proklamation wird ein Testament sein, durch welches ich das Erbe meines Sohnes für die Zukunft sichere. Das französische Volk wird später meine Worte lesen, es wird darüber nachdenken und zu der Überzeugung kommen, daß es besser gewesen wäre, wenn Frankreich der Führung und dem Rat seines Kaisers gefolgt wäre. Diese Überzeugung aber wird unserem Sohn den Weg zum Thron öffnen, den wir jetzt aufgeben müssen.« »Und so lange sollte es dauern,« sagte die Kaiserin, »bis diese Überzeugung in Frankreich Platz gewinnt?« »Ein Paroxysmus wie derjenige,« erwiderte der Kaiser, »in welchem die französische Nation sich gegenwärtig befindet, ist unberechenbar. Das arme Frankreich wird unter dem Druck der fremden Okkupation noch verschiedene Stadien von Experimenten durchmachen müssen, welche die politischen Parteien mit ihm vornehmen werden. Die Internationale wird hervorbrechen, – sie wird diese Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, einen Versuch zur Verwirklichung ihrer Ideen zu machen, – ich kenne ihre Macht, ihre Verzweigung und Ausdehnung, – es wird ein furchtbarer Ausbruch werden. Die Herren von Orleans werden in gewohnter Weise,« sprach er mit einem Ausdruck von Zorn und Verachtung zugleich, »unter verschiedenen Masken auf der politischen Bühne erscheinen, um sich womöglich einen Thron zusammenzuflicken und eine Krone zu eskamotieren. Die Legitimsten werden den armen Chambord wieder aus seiner Einsamkeit hervorziehen. Das alles muß sich vollziehen mit mathematischer Notwendigkeit, und erst wenn das alles sich verbraucht hat, wenn jede dieser Parteien ihre vollkommene Unfähigkeit wird bewiesen haben, dann wird von neuem die Nation sich überzeugen und das ganze Europa mit ihr, daß das Kaiserreich die einzig mögliche Regierung in Frankreich ist, und dann wird der Augenblick gekommen sein, das Kaiserreich wiederherzustellen. Und«, fügte er mit sanftem, weichem Ton hinzu, »was mich betrifft, so wünsche ich, daß dieser Augenblick erst dann kommen möge, wenn ich nicht mehr bin, und daß unser Sohn mit erstarktem Arm die historische Aufgabe seines Hauses weiterzuführen berufen sein möge.« Die Blicke der Kaiserin ruhten mit tiefer, mitleidsvoller Teilnahme auf der gebrochenen Gestalt ihres Gemahls. Sie trat zu ihm heran und reichte ihm die Hand. »Sie werden sich wieder stärken, Louis, die Ruhe wird Ihnen die Kraft und die Elastizität des Geistes wiedergeben. Sie selbst werden mit fester Hand unsern Thron wieder aufrichten und die Aufrührer bestrafen.« »Ich wünsche es nicht,« erwiderte der Kaiser, – »und ich glaube es nicht, – sollte das Schicksal es so fügen, so werde ich bereit sein, bis zum letzten Augenblick zu tun, was ich für die Pflicht gegen mein Haus und mein Land erkenne. Aber ich bitte Gott, mir diese Prüfung zu ersparen. Besser wäre es wahrlich mir und uns allen gewesen«, fügte er leise hinzu, »wenn die Kugeln von Sedan meinem Leben ein Ende gemacht hätten! – Für Sie schmerzt es mich, Eugenie,« sagte er, die Hand der Kaiserin zärtlich an seine Lippen drückend, »Sie sind jung, Sie sind geschaffen für den Glanz des Thrones, wie die Rose für das Sonnenlicht. Für Sie möchte ich wünschen, daß diese Krisis schnell vorüberginge, – für mich nicht. Ich sehne mich nach Schatten und Dunkelheit, nach Stille und Ruhe, für mich hat das Leben nur noch Erinnerungen, – aber keine Hoffnungen mehr.« »Auch ich kann allem entsagen,« rief die Kaiserin, – »allem, nur nicht der Hoffnung auf die Zukunft unseres Sohnes, – und der Rache an unseren Feinden! Ich kehre also zurück,« sagte sie dann, »mit der Losung der vollständigsten Enthaltung und Untätigkeit –« Der Kaiser nickte bestätigend mit dem Kopf. »Es wird schmerzlich sein für alle unsere Freunde,« fuhr die Kaiserin fort, »Straßburg wird fallen, Metz wird fallen, Provinzen werden verloren gehen –« Der Kaiser stand auf. »Besser,« sagte er, »daß Jules Favre und Gambetta Provinzen abtreten, als daß wir eine einzige Stadt, eine einzige Meile französischen Gebiets den Feinden überliefern würden. Frankreich hat Provinzen verloren und Provinzen wiedergewonnen, aber der Name Napoleon würde seine Zauberkraft für immer verlieren, wenn er unter einem demütigenden Frieden stände. Mag man uns nehmen, was man erobert hat, – wir werden nichts geben und uns das Recht vorbehalten, dereinst wiederzugewinnen, was jene abgetreten haben.« »O, es ist hart, zu warten!« rief die Kaiserin. »Aber Sie haben recht, – wie Sie recht hatten, als Sie den Krieg vermeiden wollten.« »Ich will einige Stunden ruhen,« sagte sie dann, »um in der Frühe des Morgens wieder abreisen zu können, denn man soll meine Abwesenheit nicht bemerken, der Marschall Bazaine wird mit Ungeduld auf eine Entscheidung warten.« »Schlafen Sie,« sagte der Kaiser, »und stärken Sie Ihre Kraft, denn Ihnen bleibt noch viel zu tun, – mehr vielleicht als mir. Sie waren bis jetzt«, sagte er mit innigem Ton, »die bewunderte, die angebetete Kaiserin, welche die Gegenwart beherrschte, – Sie werden die Mutter sein, welche ihren Sohn dazu erzieht, die Zukunft zu beherrschen, – das ist schwer und mühsam, aber groß und erhaben, und Frankreich wird Ihnen einst dafür danken.« »Und ich danke Ihnen,« sagte die Kaiserin traurig, aber im Ton aufrichtiger Überzeugung, »daß Sie mir meine Aufgabe so klar gezeigt haben, – ich werde Gott bitten, daß er mir die Kraft gebe, sie zu erfüllen.« Sie lehnte den Kopf an die Schulter des Kaisers, und einige Augenblicke standen sie in schweigender Umarmung nebeneinander, diese beiden Gatten, welche auf so vielfach verschlungenen Lebenswegen sich gefunden, welche auf der höchsten irdischen Höhe nebeneinander gestanden und welche hier in dem Schloß ihres Besiegers in der Einsamkeit der Verbannung sich gelobten, unablässig daran zu arbeiten, für ihren Sohn die kaiserliche Herrschaft über das Land wieder aufzurichten, in welchem jetzt ihre Namen geächtet und ihre Bildnisse zertrümmert wurden. Zwölftes Kapitel Der Fürst Alexander Michailowitsch Gortschakoff trat mit allen Zeichen körperlichen und geistigen Wohlbefindens in sein Arbeitskabinett. Der Fürst mußte ausgezeichnet gut geschlafen haben oder er mußte auf irgendeine Weise, durch irgendein Ereignis höchst angenehm berührt sein, denn seine klaren, scharfen Augen blickten durch die Gläser der goldenen Brille, die er trug, so freundlich und zufrieden in das bereits etwas winterbleiche Morgenlicht der Sonne, welche sich nicht lange vor dem Reichskanzler erhoben hatte und ihre Strahlen auf den mit wohlgeordneten Aktenstücken bedeckten Schreibtisch des russischen Staatsmannes hinspielen ließ. Die feinen Linien des ausdrucksvollen und jugendlich frischen Gesichts des Fürsten strahlten fast noch heiterer als der Herbstsonnenschein; behaglich die Hände reibend, setzte sich der Fürst in den einfachen, vor seinem Schreibtisch stehenden Lehnstuhl und bewegte die an der rechten Seite desselben stehende kleine Glocke. Fast unmittelbar, nachdem der helle Ton durch das Kabinett gezittert hatte, öffnete sich geräuschlos die Tür nach dem Vorzimmer, und der Kammerdiener des Fürsten trat ein. »Ist Hamburger schon da?« fragte der Reichskanzler. »Der Geheimrat wartet bereits im Vorzimmer.« »Ich lasse ihn bitten.« Der Kammerdiener verschwand ebenso unhörbar, wie er erschienen, und einige Sekunden darauf trat der Geheimrat von Hamburger, der langjährige vertraute Sekretär des Fürsten, in das Kabinett. Beim Anblick der Gestalt seines Vertrauten, dessen geistvoller Kopf ein wenig tief zwischen den hohen Schultern saß und der, sich tief verneigend, mit leisen, elastischen Schritten herantrat, wurde das Gesicht des Fürsten noch heiterer, zufriedener und lichter als bisher. Er nickte Herrn von Hamburger freundlich zu und streckte ihm die Hand entgegen, welche dieser mit dem Ausdruck tiefer Ehrerbietung und herzlicher Zuneigung ergriff. »Ich bin heute so früh aufgestanden,« sagte der Fürst, »daß ich schon hoffte, Ihnen einmal zuvorzukommen. Der freundliche Sonnenschein trieb mich an, meinen Tag zu beginnen, – aber es ist unmöglich, Ihnen einen Vorsprung abzugewinnen, Sie müssen immer der Erste auf dem Platz sein.« Herr von Hamburger verneigte sich bescheiden und sprach ganz ernst, fast in trockenem Geschäftston, indem nur aus einem Winkel seines Auges ein feiner Strahl von Humor hervorblitzte: »Ich freue mich unendlich, daß Eure Exzellenz den heutigen Tag in so vortrefflicher Stimmung beginnen; hätte ich das vorher gewußt, so hätte ich mir vielleicht erlaubt, einige Personalien zur Entscheidung Eurer Exzellenz mitzubringen, von denen ich gewünscht hätte, daß sie mit freundlichem und wohltätigem Blick geprüft werden mögen. Da ich indes nicht sicher war, ob Eure Exzellenz Zeit zu solchen Prüfungen finden würden, da Sie ja heute morgen Herrn Thiers empfangen wollen, so habe ich jene Sachen zu Hause gelassen und hoffe, daß sich bald ein anderer günstiger Augenblick zur Erledigung derselben finden wird.« »Herr Thiers – ja«, sagte der Fürst, – »er wird bald kommen. Ich werde viel anhören müssen,« fuhr er mit leichtem Seufzer fort, »da wird denn wohl eine gewisse Dosis des schönen Humors verfliegen. Herr Thiers spricht sehr gut, das ist wahr, – aber er spricht auch sehr viel, er ist der Mann der Tribüne. Seine Zuhörer in den Kammern haben es besser, sie haben nicht nötig zu antworten, – ich aber muß antworten, – und das macht ihn wieder von neuem sprechen, – aber«, sprach er, sich unterbrechend, »Sie haben ja doch ein Aktenstück mitgebracht. Etwas Eiliges? – erledigen wir dasselbe schnell, ehe Herr Thiers mir den Humor dazu verdirbt.« »Es ist nichts zu erledigen,« sagte Herr von Hamburger kaltblütig, indem er das Aktenstück, das er in der Hand trug, auf den Schreibtisch niederlegte. »Nichts zu erledigen?« fragte Fürst Gortschakoff. »Etwas zu erledigen, allerdings,« erwiderte, Herr von Hamburger, »und wie ich hoffe, gut und gründlich zu erledigen, aber nicht heute, nicht in dieser Stunde. Und zur Erledigung dieser Sache, das bin ich gewiß, werden Eure Exzellenz den Humor immer finden.« »Nun?« fragte der Fürst, indem er den Kopf etwas neigte und über den goldenen Reifen seiner Brille hin die scharfen Blicke auf Herrn von Hamburger richtete. Dieser trat einen Schritt näher heran, legte die Hand leicht auf das Aktenstück und sprach, ohne den ruhigen Ton dienstlichen Vortrags zu verändern: »Es sind jetzt vier Jahre her, – etwa einen Monat mehr, als ich eines Morgens die Ehre hatte, in dem Kabinett Eurer Exzellenz hier zu erscheinen. Es war ein denkwürdiger Morgen, den ich nicht vergessen werde, und den ich mir besonders in meinem Journal notiert habe. Damals war der Würfel der großen Entscheidung in Deutschland gefallen. Die Schlacht bei Königgrätz war geschlagen, und Preußen schickte sich an, die Früchte seiner Siege zu pflücken. Der König von Hannover hatte einen Abgesandten hierhergeschickt, um eine schützende Intervention zu erbitten. Seine Majestät der Kaiser, unser allergnädigster Herr, war betrübt und schmerzlich bewegt über das traurige Schicksal der deutschen Fürsten, insbesondere des Königs von Hannover, und viele Stimmen am Hof erhoben sich laut mahnend und warnend, die preußische Macht nicht zu groß werden zu lassen. Von der andern Seite war der General von Manteuffel aus dem Hauptquartier Seiner Majestät des Königs von Preußen hier angekommen –« »Ich erinnere mich, ich erinnere mich jenes Morgens,« sagte der Fürst Gortschakoff, indem sein blitzendes Auge auf dem einfachen Aktenstück ruhte, auf welches die Hand des Herrn von Hamburger gestützt war. »Damals erlaubte ich mir,« fuhr dieser fort, »Eurer Exzellenz ein Dokument vorzulegen, ein Dokument, an welches, wie ich weiß, Eure Exzellenz sich in jedem Augenblick einer großen Katastrophe erinnern –« »Ich weiß, ich weiß,« rief der Fürst, »und ich habe Ihnen damals gesagt, wie ich es Ihnen eigentlich immer sagen muß, daß Sie die Kunst besitzen, in meinen Gedanken zu lesen, und daß ich eigentlich gar nicht erst nötig habe zu sprechen, – um von Ihrem gefährlichen Scharfblick durchschaut zu werden,« fügte er, schalkhaft mit dem Finger drohend, hinzu. »Der heutige Morgen«, fuhr Herr von Hamburger mit derselben gleichmäßigen Ruhe fort, »hat mir nun jenen Tag, von welchem ich die Ehre hatte zu sprechen, so lebhaft ins Gedächtnis zurückgerufen, daß ich fast die dazwischen liegenden Jahre vergaß und unwillkürlich mir erlaubte –« »Den Pariser Traktat wieder auf meinen Tisch zu legen,« rief Fürst Gortschakoff mit fröhlichem Lachen, »den Ausgangs- und Endpunkt dieser vier Jahre, deren Ring sich heute schließt! – – Sie haben recht gehabt, Hamburger,« fuhr er ernst fort, »der Zeitpunkt ist gekommen, um diesen unglückseligen Traktat, durch welchen man einst Rußlands Zukunft in Ketten zu legen unternahm, wieder an die Oberfläche hervorzuziehen, – um ihn demnächst für immer in die Tiefen der Vergessenheit zu senken.« »Nach meiner Überzeugung, Exzellenz«, sagte Herr von Hamburger, »kann ein nationales Unglück niemals vergessen werden. Man muß sich stets daran erinnern, um es wieder gutzumachen, und wenn dies geschehen ist, um für die Zukunft Ähnliches zu vermeiden.« »Sie haben wieder recht,« sagte der Fürst Gortschakoff, freundlich mit dem Kopf nickend, »und ich verspreche Ihnen, diesen unglücklichen Pariser Friedensvertrag sorgfältig aufzubewahren und alle Jahre einmal durchzulesen, als ein warnendes, zugleich aber«, fuhr er sich aufrichtend fort, »als ein aufmunterndes und erhebendes Beispiel, als ein Beispiel dafür, daß man sich mit mutiger Geduld auch von den schwersten Schlägen wieder erheben kann.« Der Kammerdiener meldete, daß Herr Thiers angekommen sei und sich im Vorzimmer befinde. Herr von Hamburger entfernte sich durch eine Seitentür, und nach wenigen Augenblicken wurde der ehemalige Minister der Julimonarchie, der Held der Tribüne und der konstitutionellen Wortgefechte, in das Kabinett des Reichskanzlers eingeführt. Die auffallend kleine, etwas gedrungene Gestalt des Herrn Thiers hatte trotz seines Alters, trotz der Aufregungen und Anstrengungen der letzten Zeit, noch eine fast jugendliche Elastizität und Beweglichkeit. Sein kleiner Kopf mit dem aufwärts toupierten weißen Haar erhob sich, gerade und fest emporgerichtet, über dem vollen weißen Batisttuch, das seinen Hals umgab. Aber die sonst so frischen, oft sarkastisch lächelnden Züge seines Gesichtes waren ernst und traurig zusammengezogen, und seine klugen, sonst so listig umherspähenden Augen blickten dem Fürsten Gortschakoff heute trübe und feierlich entgegen. Doch lag in dieser ganzen Haltung, in diesem Ausdruck der Mienen und des Blickes etwas beinahe künstlich und gemacht Erscheinendes. Herr Thiers erinnerte ein wenig an einen Advokaten, der sich zu der Verteidigungsrede für seinen Klienten dasjenige Aussehen zu geben versucht, durch welches er am meisten Eindruck auf die Richter und Geschworenen zu machen hofft. Fürst Gortschakoff hatte sich erhoben und Herrn Thiers mit der höflichsten Artigkeit begrüßt. Dann führte er ihn zu einem Lehnstuhl neben seinem Schreibtisch und setzte sich seinem Besuch gegenüber. »Sie haben Seine Majestät den Kaiser gesehen?« fragte er in ruhigem Gesprächston. »Ja, mein Fürst,« erwiderte Herr Thiers, »und ich bin glücklich gewesen, aus dem Munde dieses edlen und erhabenen Souveräns den Ausdruck seiner hohen Teilnahme für mein Vaterland zu vernehmen, für dieses schöne Frankreich, das einst so gastfrei die Fürsten und Völker Europas bei sich aufnahm und das heute so schwer geschlagen am Boden liegt.« Er schwieg und blickte forschend auf den Fürsten, der die Augen niederschlug und auf dessen Gesicht der Ausdruck einer achtungsvollen Teilnahme bemerkbar war. »Ich habe aus dem schmerzlichen Interesse,« fuhr Herr Thiers fort, »welches der Kaiser Alexander für das Unglück Frankreichs kundzugeben die Gnade hatte, zugleich die Hoffnung gewonnen, daß Seine Majestät vielleicht nicht abgeneigt sein würden, zur Milderung des Unglücks meines Vaterlandes beizutragen. Der Kaiser ist so eng befreundet und so nahe verwandt mit dem König Wilhelm, welcher gegenwärtig als Sieger das Schicksal Frankreichs in den Händen hält, außerdem kann die Haltung Rußlands so entscheidend in die Lage der europäischen Verhältnisse eingreifen, daß ein einziges Wort Seiner Majestät genügen würde, um die große Last des Kummers und der Sorge, welche auf meinem Vaterlande ruht, sehr wesentlich zu erleichtern. Und ich bin überzeugt, daß Seine Majestät der Kaiser Alexander in seiner großherzigen Gesinnung dies Wort sprechen wird, wenn es uns gelingt – Ihnen, mein Fürst, und mir – die richtige Form dafür zu finden.« »Und welche Form,« sagte Fürst Gortschakoff, den Blick scharf und klar durch die goldenen Reifen seiner Brille auf Herrn Thiers richtend, »welche Form würden Sie dazu vorschlagen? – Sie sprechen im Namen Frankreichs, mein Herr, das eine Intervention wünscht, und ich darf daher wohl mit Recht, um meinen Entschluß überlegen und feststellen zu können, Sie darum bitten, Ihren Wunsch, den Wunsch Ihres Vaterlandes in die möglichst präzise und bestimmte Form zu kleiden.« Herr Thiers sann einen Augenblick nach, wie um seine Gedanken zu fixieren und zu ordnen. Dann sprach er, während der Fürst Gortschakoff mit höflichster Aufmerksamkeit zuhörte: »Ich muß mit der Anerkennung der traurigen Tatsache beginnen, daß Frankreich geschlagen und in seiner regulären Waffenmacht fast vollständig zu Boden geworfen ist. Es muß daher mein Vaterland sich harte und schwere Friedensbedingungen gefallen lassen. Ich bin weit davon entfernt, eine Intervention zu erbitten, welche Preußen die Früchte seiner Siege verweigern sollte. Kommen wir auf die eigentliche Ursache dieses Krieges zurück, welcher so unvorbereitet und unter so ungünstigen Konjunkturen begonnen wurde, so lag dieselbe darin, daß Preußen eine neue, einheitliche Entwicklung Deutschlands unter seiner Hegemonie herbeiführen wollte, und daß Frankreich einer solchen Entwicklung, in welcher es eine Bedrohung seiner Macht erblickte, nicht zustimmen mochte und konnte. Das Würfelspiel des Krieges ist entschieden, Frankreich ist unterlegen, die erste Bedingung des Friedens muß daher sein, daß Frankreich Preußen und Deutschland die volle Berechtigung zuerkennt, sich neu zu konstituieren, – auch über die Bedingungen der früheren Verträge und namentlich des Prager Friedens hinaus. Wenn«, fügte er hinzu, »Rußland und Österreich ihrerseits in einer solchen Konzentration der deutschen Militärkraft keine Gefahr erblicken, so hat Frankreich um so weniger Grund, einer solchen Veränderung der Machtverhältnisse in Europa entgegenzutreten.« Ein kaum bemerkbares Lächeln seiner Ironie zuckte um den Mund des Fürsten. Er neigte den Kopf, wie um anzudeuten, daß er die ihm vorgetragene Ausführung vollkommen verstanden habe, und blickte dann Herrn Thiers fragend und erwartungsvoll an, als sei er gespannt, seine weiteren Mitteilungen zu hören. »Daß Frankreich«, fuhr Herr Thiers fort, »die Entschädigung für die Kosten und Lasten dieses Krieges zu tragen hat, ist selbstverständlich. Doch – Preußen geht weiter; – nicht nur die öffentliche Meinung, sondern auch der Graf von Bismarck, in seiner Unterredung mit Herrn Jules Favre, hat Gebietsabtretungen verlangt. Er hat von Straßburg und Metz gesprochen, Forderungen, bei denen das Gefühl eines jeden Franzosen sich auf das tiefste empört, Forderungen, deren Erfüllung Frankreich auf das Niveau einer Macht zweiten Ranges herabdrücken würde, Forderungen, welche die übrigen europäischen Mächte nicht dulden können, wenn sie nicht anerkennen wollen, daß Preußen über alle Verträge hinaus der willkürliche Schiedsrichter und Gebieter in Europa sei.« Er fuhr mit der Hand einen Augenblick über die Augen, als wolle er seiner schmerzlichen Aufregung Herr werden, während Fürst Gortschakoff unbeweglich mit artiger, verbindlicher Aufmerksamkeit zuhörte. »Ich glaube nicht,« fuhr Herr Thiers fort, »daß Preußen es wagen würde, seine Forderungen, welche es dem geschlagenen und gedemütigten Frankreich gegenüber stellt, aufrecht zu erhalten, wenn die übrigen europäischen Mächte, wenn insbesondere Rußland ihre ernsten Stimmen zur Mäßigung mahnend erheben würden, und ich glaube, daß die europäischen Mächte ein dringendes Interesse haben, dies zu tun.« »Und welches?« fragte Fürst Gortschakoff. »Zunächst«, rief Herr Thiers, »dasjenige des Gleichgewichts der Kräfte. Alle bisherigen Verhältnisse Europas werden schon dadurch umgestürzt, daß sich in der Mitte unseres Weltteils eine fest konzentrierte nationale Militärmacht aufrichtet. Wenn es dieser Macht nun noch gelingt, ihre Grenzen so weit auszudehnen und Frankreichs Macht so tief herabzudrücken wie es Graf Bismarck fordert, so würden die übrigen Mächte sehr bald empfinden, was es heißt, der Gewalt allein den Spielraum zu lassen. Ein Prinzip, das sie heute schweigend anerkennen, könnte sich morgen verhängnisvoll gegen sie selbst wenden. Schon auf dem Wiener Kongreß erkannte das versammelte Europa, dessen Koalition damals Napoleon I. besiegt hatte, – das versammelte Europa erkannte damals an, daß ein starkes und mächtiges Frankreich für das geordnete Gleichgewicht der Staaten eine Notwendigkeit sei. Sollte dieselbe Erkenntnis nicht auch heute bei den Kabinetten Platz greifen, heute, wo Frankreich nicht der Feind aller Staaten ist, sondern wo es nur niedergeworfen, nur ausgebeutet werden soll zugunsten einer einzigen Macht, dieses neuen preußischen Deutschlands? – Europa«, fuhr er nach einer augenblicklichen Pause fort, »hat aber noch einen zweiten Grund, mit Entschiedenheit gegen die übertriebenen preußischen Forderungen aufzutreten. Wenn Preußen darauf beharrt, die erniedrigenden Gebietsabtretungen von Frankreich zu verlangen, so wird mein Vaterland keinen Frieden schließen. Die provisorische Regierung, wie das ganze Volk von Frankreich, ist fest entschlossen, den Krieg bis auf das äußerste weiterzuführen, und der Frieden und die Wohlfahrt von Europa wird noch auf lange hinaus schwer erschüttert und gefährdet sein. Auch daran sollten die übrigen europäischen Mächte denken. Sie sollten bedenken, daß, solange die Fackel des Krieges brennt, die Fackel eines so erbitterten Völkerkrieges, nichts mehr im Besitz und Verkehr irgendeines Staates sicher ist, daß früher oder später der jetzt lokalisierte Krieg dennoch zu einem europäischen Brande sich ausdehnen kann. Darum«, fuhr er mit erhöhtem Ton fort, indem er die Hand erhob, »beschwöre ich Sie, mein Fürst, raten Sie dem Kaiser, welcher Frankreich liebt und beklagt, raten Sie Ihrem erhabenen, großmütigen Herrn, das Wort zu sprechen, welches ich von ihm erbitte. Er wird im Interesse Rußlands handeln, das er so schnell und kräftig zu immer höherer Bildung und Zivilisation heraufführt. Er wird dem Gleichgewicht, das heißt, der Ruhe Europas einen Dienst leisten, und er wird sich den Dank einer großen Nation erwerben, welche heute von dem Unglück zu Boden geworfen ist, die sich aber einst wieder erheben wird, und welche niemals die Wohltaten vergißt, die man ihr erweist.« Langsam ließ er die erhobene Hand wieder sinken und sah forschenden Blickes in das völlig unbewegte, ruhige und kalte Gesicht des Fürsten Gortschakoff. Dieser beugte sich, als Herr Thiers geendet, ein wenig vor, stützte den Ellenbogen auf die Lehne seines Sessels und sprach mit klarer Stimme, langsam und scharf jedes Wort betonend: »Ich habe eine achtungsvolle Sympathie für die französische Nation, welche in diesem Augenblick so hart vom Schicksal getroffen ist. Ich habe ebenso einen tiefen Respekt vor dem erleuchteten und ruhmgekrönten Staatsmann und Schriftsteller, den ich die Ehre habe, vor mir zu sehen. Ich würde aber, wie ich glaube, diese Gefühle gegen Sie, wie gegen Ihr Vaterland verleugnen, wenn ich auch nur einen Augenblick versuchen wollte, Ihnen meine wahren und aufrichtigen Gedanken über die gegenwärtige Situation zu verhehlen oder Hoffnungen in Ihnen zu erwecken, deren Erfüllung ich meinem allergnädigsten Souverän nicht anraten zu können in der Lage wäre.« Herr Thiers neigte halb zustimmend, halb traurig das Haupt. Er schien aus diesen Eingangsworten des Fürsten wenig Hoffnung auf einen günstigen Erfolg der so weiten und beschwerlichen Reise zu schöpfen, welche er in der sanguinischen Illusion angetreten hatte, die europäischen Mächte würden auf die erste Anrufung hin sich zum Schutz der Integrität Frankreichs vereinigen, das doch sie alle schon zu verschiedenen Malen und oft auf rücksichtslose Weise seine Macht hatte fühlen lassen. »Wenn die Regierung eines großen Staates«, fuhr der Fürst fort, »in einem ernsten Augenblick das Wort der Vermittlung ausspricht, so darf sie dies nicht tun, ohne gewiß zu sein, daß dies Wort gehört wird, oder ohne entschlossen zu sein, demselben, wenn es nicht gehört wird, vollen Nachdruck zu geben. Beide Erwägungen müssen, wie Sie nicht verkennen werden, Rußland von jeder Intervention in diesem Augenblick zurückhalten. Frankreich hat den Krieg erklärt, Deutschland hat denselben mit großer Anstrengung und mit großen Opfern geführt, – es ist Sieger geblieben, und ich glaube nicht, mein Herr, sowie ich den Charakter des Königs Wilhelm und des Grafen von Bismarck kenne, daß man deutscherseits sich durch irgendeine Rücksicht wird abhalten lassen, den vollen Preis für die gemachten Anstrengungen zu fordern, und das vermittelnde Wort Rußlands würde nicht die Beachtung finden, welche ich als russischer Minister für dasselbe in Anspruch nehmen müßte; unsererseits aber der vermittelnden Intervention ernsten Nachdruck zu geben, dazu würde im Interesse Rußlands wahrlich keine Veranlassung liegen. Wir sind auch«, fuhr er fort, indem seine Stimme eine fast unmerklich schärfere Nuancierung annahm, »von harten Schlägen betroffen worden, – keine Intervention europäischer Mächte hat uns vor den Konsequenzen des Falles von Sebastopol geschützt –« »Das war ein Fehler der kaiserlichen Regierung,« fiel Herr Thiers ein, »welche jetzt gestürzt ist –« Fürst Gortschakoff schüttelte den Kopf. »Ein Fehler,« sagte er, »welchem damals die ganze französische Nation zustimmte, – doch gleichviel, für uns ist seit jener Zeit der Grundsatz maßgebend gewesen und hat es sein müssen, uns von allen Verwicklungen der europäischen Politik vollkommen fernzuhalten und, nur mit uns selbst beschäftigt, unsere ganze Sorge der Wiederherstellung und dem Ausbau unserer innern Kraft zu widmen. In diesem Fall aus unserer Zurückhaltung herauszutreten, würde ein Fehler sein, ein Fehler, für den sich nicht einmal eine Entschuldigung finden ließe. Dann aber«, fuhr er schnell fort, bevor Herr Thiers eine Gegenbemerkung machen konnte, »tritt noch hinzu, daß gerade der Umstand, dessen Sie soeben erwähnten, der Sturz der kaiserlichen Regierung, es uns doppelt unmöglich macht, irgendeine intervenierende Tätigkeit zugunsten Frankreichs auszuüben, da sich in der Tat nicht absehen läßt, was aus den heute durcheinandergärenden Elementen der in ihren Tiefen aufgewühlten Nation sich entwickeln werde.« »Sie werden doch nicht, mein Fürst«, rief Herr Thiers in lebhafter Bewegung, »die kaiserliche Regierung schützen und stützen wollen, die wahrlich keine Verwandtschaft hat mit der legitimen Herrschaft Ihres Landes?« »Es muß mir gewiß sehr fernliegen«, erwiderte Fürst Gortschakoff, »mich in irgendeiner Weise, und sei es auch nur durch Rat oder Kritik, in die Entwicklung der innern Verhältnisse Frankreichs einmischen zu wollen. Doch muß für die Entschließung Rußlands die Tatsache bedeutend ins Gewicht fallen, daß die kaiserliche Regierung von ganz Europa anerkannt war, – und es noch ist, daß sie während zwanzig Jahren Garantien der Dauer und Stabilität gegeben hat, daß die gegenwärtigen Führer der Regierung in Paris keine Legitimation besitzen, und daß der Wille des französischen Volkes, den ganz Europa gewiß respektieren wird, noch nicht Gelegenheit gehabt hat, sich in einer freien und legal gültigen Weise auszusprechen. Diese Situation macht schon formell jede diplomatische Einmischung in die Verhältnisse fast geradezu unmöglich; – was für den Kaiser Napoleon zu tun möglich gewesen wäre, kann Vonseiten einer Macht, die das Völkerrecht und die richtige Form des diplomatischen Verkehrs respektiert, niemals für eine Regierung geschehen, die kein Mandat aufzuweisen imstande ist und die mit demselben Recht, das sie für sich in Anspruch nimmt, morgen von einer andern wieder gestürzt werden kann.« Herr Thiers fuhr auf. »Aber mein Fürst«, rief er, »ich habe nicht von der Regierung gesprochen, welche gegenwärtig in Paris die Geschäfte führt, sondern von Frankreich, – und Frankreich existiert doch, – es ist da, – es ist älter und legitimer als irgendeine seiner Regierungen, es wird alle seine Regierungen überdauern, und jede Macht in Europa muß mit Frankreich rechnen!« »Dazu«, erwiderte der Fürst ruhig, »muß aber Frankreich eine Vertretung haben, welche die Bürgschaft bietet, daß morgen noch gültig ist, was heute abgemacht wurde. Und eine solche Vertretung ist nicht vorhanden. Doch«, fuhr er fort, »diese Bemerkung war nur eine beiläufige und sollte nur beweisen, wie schwierig schon in der bloßen Form eine Intervention in diesem Augenblick ist. Die Frage weiter zu diskutieren, ist überflüssig, denn ich muß Ihnen mit aller Offenheit, welche ich im diplomatischen Verkehr stets als meine ernste Pflicht zu betrachten gewohnt bin, erklären, daß bei der nun einmal eingenommenen, nach meiner Überzeugung unbeirrt festzuhaltenden Stellung Rußlands eine Intervention niemals eintreten könnte, – wenn auch heute eine völkerrechtlich anerkannte Regierung die Geschicke Frankreichs in ihren Händen hielte.« Schmerzlich zuckten die Gesichtszüge des Herrn Thiers, seine Lippen bebten, seine Augen wurden feucht, und es klang fast wie ein leises Schluchzen in seiner Stimme, als er sprach: »So habe ich denn auch hier vergeblich ein Wort des Trostes und des Beistandes für mein armes Vaterland gesucht, – o, warum verschließen sich denn alle Augen in Europa der Gefahr, welche in diesem waffenstarrenden Deutschland für die Ruhe und den Frieden der Zukunft erwächst?!« »Ich vermag eine solche Gefahr,« erwiderte der Fürst Gortschakoff, »in der Tat nicht zu erkennen, – wir dürfen, um gerecht zu sein, nicht vergessen, daß der Beginn des Krieges nicht von Deutschland ausging –« »Nicht die Kriegserklärung,« rief Herr Thiers, – »nein, die war wahrlich sehr unüberlegt und zur Unzeit, – aber die ganze Lage, welche den Krieg bedingte –« Er hielt inne, als sei er im Begriff, etwas auszusprechen, das besser nicht gesagt würde. »Doch«, fuhr er dann fort, indem er mit ängstlichem, bittendem Blick den Fürsten ansah, – »wenn der Kaiser Alexander, – von seinem edlen Herzen bewegt, – wenn er dennoch geneigt wäre, ein wohlwollendes Wort zu sprechen, – würden Sie –« »Ich würde«, fiel Fürst Gortschakoff ernst und fest ein, »mit allem Nachdruck, mit aller Offenheit, zu der meine Stellung mich verpflichtet, dem Kaiser alle Gründe entwickeln, welche mich, wie ich Ihnen eben ausgeführt, dazu bestimmen müssen, unerschütterlich zur vollsten Zurückhaltung zu raten.« Herr Thiers seufzte tief auf, dann erhob er sich, drückt einen Augenblick sein weißes Battisttuch an die Augen und sagte: »Ich kam voll Hoffnung und gehe voll Schmerz. Doch habe ich Ihnen, mein Fürst, zu danken für die Aufrichtigkeit und Wahrheit, mit welcher Sie, ohne mich durch trügerische Worte hinzuhalten, mir Ihre Überzeugung dargelegt und Ihre Entschlüsse ausgesprochen haben. Ich mache keinen Versuch weiter, Sie zu einer andern Ansicht zu bringen. Leben Sie wohl!« Er reichte dem Fürsten, der sich ebenfalls erhoben hatte, die Hand. »Seien Sie überzeugt«, sagte Fürst Gortschakoff mit wärmerem und herzlicherem Ton als bisher, »daß ich die patriotische Aufopferung, mit welcher Sie Ihre kostbare Kraft Ihrem Vaterlande widmen, hoch bewundere. Ich werde Befehl geben, daß für Ihre Abreise alles zu Ihrer größten Bequemlichkeit angeordnet werde.« Nach einigen gegenseitigen Höflichkeitsäußerungen verließ Herr Thiers, von dem Fürsten bis zur Tür geleitet, traurig und niedergeschlagen das Kabinett. »Er tut mir leid,« sagte der Fürst Gortschakoff, ihm nachblickend, – »auch diese liebenswürdige französische Nation tut mir leid, ihr Unglück wird sie wieder zu schweren Verirrungen hinreißen, unter denen sie selbst am meisten zu leiden haben wird. Aber niemand vermag in das Verhängnis einzugreifen, und am wenigsten wäre es die Aufgabe Rußlands, dies zu tun, – Rußlands, das seinerseits alle seine Wachsamkeit nötig hat, um den Augenblick zu benutzen. – Hamburger hat recht mit seiner Mahnung! – wir dürfen nicht zögern, wir dürfen nicht warten, bis alles endgültig entschieden ist. Jetzt ist der Augenblick, um mit fester und kühner Hand den Preis zu erfassen, den Rußland aus diesen Kämpfen davontragen muß. Wir haben der Feinde genug,« sagte er ernst, – »vielleicht ist es besser«, fügte er dann mit einem feinen Lächeln hinzu, »unsere Freunde nicht in Verlegenheit zu bringen, wenn unsere Feinde erst wieder zu Atem gekommen sind. In diesem Augenblick können wir selbst handeln, unbekümmert um Wohlwollen oder Übelwollen, und solche Augenblicke sind selten im Leben der Menschen, noch seltener im Leben der Völker.« Er klingelte, befahl seinen Wagen und zog sich einen Augenblick in sein Schlafzimmer zurück. Nach kurzer Zeit kam er wieder in der kleinen Uniform mit dem Stern des Andreasordens und sagte lächelnd zu Herrn von Hamburger, der inzwischen in sein Kabinett getreten war: »Geben Sie mir den Traktat. Ich hoffe, Sie sollen ihn mir heut zum letztenmal vorgelegt haben.« Er nahm das Aktenstück, begab sich zu seinem Wagen und befahl, nach dem Winterpalais zu fahren. Dreizehntes Kapitel Der Kaiser Alexander ging nachdenklich in seinem einfachen Arbeitszimmer im Winterpalais in St. Petersburg auf und nieder. Er hielt eine Nummer der russischen Börsenzeitung in der Hand, in welche er von Zeit zu Zeit einen Blick warf. Er las dann aufmerksam mit halblauter Stimme einen Satz und ging wieder, in immer tieferes Sinnen versinkend, im Zimmer hin und her, wahrend seine ohnehin schon so ernsten, fast melancholischen Gesichtszüge eine peinliche innere Unruhe verrieten. »Der General Fadiejeff«, sagte der Kaiser endlich, indem er das Zeitungsblatt auf den Schreibtisch legte und die Hand darauf stützte, »spricht mit einer scharfen und klaren Logik über die Stellung Rußlands den Verhältnissen nach dem deutsch-französischen Krieg gegenüber, und diese Logik zieht ihre Schlüsse aus Ausgangspunkten, welche durchaus russisch, durchaus patriotisch sind! – Wem könnte die Größe, das Wohl und die Macht Rußlands inniger und heiliger am Herzen liegen«, rief er dann, den Blick aufwärts richtend, »als mir, der ich in meiner Jugend emporgeblickt habe zu dem gewaltigen Heldenbild meines Vaters, und der ich für die Entwicklung des Reichs meiner Ahnen gearbeitet habe mit aller Mühe und Sorge, seit die Manneskraft meinen Arm spannt. Und doch kann ich dem, was hier der General Fadiejeff in so beredten, so feurigen und so patriotischen Worten sagt, nicht zustimmen, da es meinem Gefühl und meiner Überzeugung widerspricht. Ich kann aber auch die schlagenden Gründe nicht finden, die ich doch finden möchte, um die Ausführungen des Generals zu widerlegen, um klar und fest die Überzeugung in mir aufrechtzuerhalten, daß das Bündnis mit Preußen und Deutschland, zu welchem mein Herz mich hinzieht, auch für das Wohl und die Zukunft Rußlands notwendig und heilsam sei.« Er warf wieder einen Blick auf die Zeitung. »Österreich«, las er, »konnte nicht mit Preußen, das siebenzehn Millionen Einwohner zählte, fertig werden; Frankreich kann mit dem deutschen Bunde, der vierzig Millionen Einwohner zählt, nicht fertig werden; wenn aber nach Frankreichs Niederwerfung Rußland an die Reihe kommt, so wird es mit einem Deutschland von sechzig Millionen Einwohnern zu tun haben. Und dieser Tag wird erscheinen,« las er, immer die Augen auf das Blatt gerichtet, weiter, »sobald zum Jubel und zur Freude aller seiner Söhne Rußland die Lösung der slavischen Frage in seine Hand nimmt. – –« »Aber will ich denn die slavische Frage lösen,« sprach der Kaiser, wieder auf und nieder schreitend, »kann denn eine Aufsaugung dieser dem Wesen des russischen Reichs in seiner Ordnung und scharfen Konzentration teilweise so fremdartigen slavischen Stämme eine richtige Aufgabe einer wohldurchdachten russischen Politik sein? Gewiß nicht, nach meiner Überzeugung. Die Beziehungen der slavischen Nationalitäten können einen bedeutungsvollen Hebel für unsere Politik unter gewissen Umständen bilden, aber die panslavistischen Ziele können doch wahrlich nicht in unserem Interesse liegen. Indessen«, sprach er dann, unruhig und wieder unsicher den Kopf schüttelnd, weiter, »wird die Zeit, in welcher unsere Geschichte sich bewegt, von den Ideen der nationalen Agglomeration beherrscht, und kein Regent, kein Fürst, keine Regierung kann auf die Dauer den die Zeit bewegenden Ideen entgegenarbeiten. Die Geschichte Deutschlands in der letzten Zeit lehrt das am klarsten, – und wenn es so käme, wenn Deutschland jemals Rußland feindlich gegenüberträte, – dann allerdings würde eine spätere Zeit mit großen Vorwürfen auf die heutige Politik zurückblicken, weil Rußland heute Frankreich hat niederwerfen lassen, das bei der Lösung der slavischen Nationalfrage und bei einer künftigen Koalition gegen Deutschland, wie Fadiejeff mit Recht sagt, unser einziger Alliierter sein könnte! – – Können Gedanken«, fuhr er fort, »welche so viele meiner treuen Untertanen begeistern, welche bis unmittelbar zum Thron hinauf ihre glühenden Anhänger und Vertreter finden – können solche Gedanken ganz falsch sein? Sollte nicht in ihnen wirklich etwas liegen, das der Beherrscher eines großen nationalen Reichs zu berücksichtigen verpflichtet wäre? – Haben nicht die Nationen ihren Instinkt wie die einzelnen Menschen?« Während er noch mit finsteren Blicken, das Zeitungsblatt leicht in den nervös zuckenden Fingern zusammendrückend, dastand, trat der diensttuende Kammerdiener durch das Vorzimmer herein und meldete den Reichskanzler Fürsten Gortschakoff. Wie erleichtert atmete der Kaiser auf, warf einen raschen Blick auf seine Uhr und sagte halb für sich im Ton freudiger Befriedigung: »Es ist in der Tat schon seine Stunde. Er ist so viel kälter und klarer, er wird mir ruhige Überzeugung und festen Entschluß geben, – wie er es schon so oft getan hat.« Er winkte mit der Hand. Der Kammerdiener verschwand, und einige Augenblicke später trat der Fürst, eine kleine Mappe unter dem Arm, in das Kabinett seines kaiserlichen Gebieters. »Sie kommen zur guten Stunde, Alexander Michailowitsch!« rief der Kaiser, indem sein Blick wohlgefällig mit einer Art von achtungsvoller Sympathie und Zuneigung auf seinem langjährigen vertrauten Diener ruhte. »Sie werden mir einige Fragen beantworten können, die mich mit Unruhe und Zweifel erfüllen.« »Es wird ein besonderes Glück für mich sein,« erwiderte Fürst Gortschakoff, »wenn es mir gelingen möchte, meinem allergnädigsten Herrn einen Zweifel zu lösen. Doch hoffe ich kaum, daß mir dieses Glück zuteil werden könnte, denn in allen Zweifeln und unklaren Fällen hat bis jetzt Eurer Majestät klares und sicheres Gefühl stets so schnell den rechten Weg gefunden, daß es kaum möglich war, meinerseits noch etwas dazuzutun.« »Es ist leicht, das Rechte zu treffen,« sagte der Kaiser, immer in seiner liebenswürdigen, milden Freundlichkeit, »wenn alle Fragen so scharf und klar auseinandergelegt werden, wie Sie das zu tun verstehen. Doch setzen wir uns, und hören Sie.« Der Kaiser nahm in einem mit Leder überzogenen Lehnstuhl vor seinem Schreibtisch Platz, während sich Fürst Gortschakoff an der Seite desselben auf den für die Ministervorträge bereitstehenden Sessel niederließ. Des Fürsten scharfes Auge war dem Blick des Kaisers gefolgt, welcher nach dem auf dem Tisch liegenden Zeitungsblatt hinüberstreifte. Er sah die Aufschrift am Kopf der Zeitung, und ein ganz leises, kaum bemerkbares Lächeln zuckte einen Augenblick um seine Lippen. Schon streckte der Kaiser Alexander die Hand nach der Börsenzeitung aus, als Fürst Gortschakoff im ehrfurchtsvollsten Ton, aber ebenso entschieden und bestimmt sprach: »Dürfte ich mir erlauben, Eurer Kaiserlichen Majestät alleruntertänigst eine Bitte vorzutragen?« Verwundert schlug der Kaiser Alexander sein großes, tiefes Auge auf, ließ die ausgestreckte Hand auf seinen Schoß sinken und sagte: »Sprechen Sie, Alexander Michailowitsch, Sie wissen, daß Ihre Bitten im voraus gewährt sind, wenn es möglich ist, – und Unmögliches verlangen Sie nicht.« »Eure Kaiserliche Majestät sind zu gnädig,« rief Fürst Gortschakoff, »doch habe ich mich nicht richtig ausgedrückt. Die Bitte, die ich Eurer Majestät aussprechen wollte, bezieht sich nur auf die heutige Geschäftsordnung. Ich habe nur wenige Gegenstände Eurer Majestät vorzutragen, dieselben sind aber so äußerst dringend und wichtig, daß ich es als eine besondere Gnade betrachten würde, wenn Eure Majestät es mir gestatten wollten, jene Gegenstände zunächst ihrer Erledigung zuzuführen und dann meine schwachen Kräfte der Lösung derjenigen Zweifel zuzuwenden, welche Eure Majestät beunruhigt haben.« »Sie haben recht,« rief der Kaiser, »vollkommen recht! Der Dienst vor allem, – obwohl meine Zweifel auch mit dem Dienst zusammenhängen, – also sprechen Sie, erledigen wir die unmittelbaren Geschäfte.« Fürst Gortschakoff zog aus seiner Mappe ein einziges Aktenstück hervor, legte dasselbe auf seinen Schoß und sagte mit seiner ruhigen, gleichmäßigen Summe: »Herr Thiers hat mich soeben verlassen, Majestät, und mir gesagt, daß Allerhöchstdieselben ihn gnädig und huldvoll empfangen haben.« »Das ist richtig, Alexander Michailowitsch,« sagte der Kaiser, »der arme alte Mann, der fast weinend zu mir sprach, hat mein Gefühl lebhaft erregt und mir tiefes Mitleid eingeflößt. Er sprach so warm und beredt für sein Vaterland, für Frankreich, dies schöne Frankreich, das so tief von seiner Höhe herabgestürzt ist, – das alles hat mich lebhaft ergriffen, und ich habe meine Bewegung Herrn Thiers nicht verhehlen können. Auch muß ich Ihnen aufrichtig gestehen, daß mir der Gedanke gekommen ist, ob es doch nicht vielleicht möglich wäre, durch ein gutes, freundliches Wort, für das ja der König Wilhelm empfänglich sein möchte, ein wenig zur Linderung der Bedrängnis Frankreichs beizutragen, – man würde sich für jetzt nichts vergeben, – und für die Zukunft vielleicht einen Freund gewinnen an diesem jetzt so ohnmächtigen Frankreich, das aber doch noch immer genug nationale Kraft besitzt, um sich auch nach einem so tiefen Fall wieder glänzend und mächtig zu erheben. Es tut so wohl,« fuhr er strahlenden Auges fort, »und es ist eines großen Reiches so würdig, dem Bedrängten beizustehen.« »Eure Majestät haben«, sagte Fürst Gortschakoff vollkommen ruhig und unbeweglich, »die deutschen Siege mit so lebhafter, so laut und offen ausgesprochener Freude begrüßt, daß ich kaum den Übergang finden würde zu einer Intervention zugunsten Frankreichs.« »O, nicht das,« rief der Kaiser, ihn schnell unterbrechend, »ich habe von einer Intervention nicht sprechen wollen! – Es ist wahr«, fuhr er fort, indem sein Blick stolz aufleuchtete, »ich habe mich mächtig erhoben gefühlt durch die deutschen Siege, welche doch eigentlich Siege der preußischen Taktik und der preußischen Armeeorganisation sind, dieser Taktik und Organisation, welche der Kaiser Nikolaus so sehr bewunderte und welche wir in unsere russische Armeebildung aufgenommen haben. Je mehr jene Organisationsgrundsätze auf den Schlachtfeldern sich bewähren, um so mehr haben wir ja Grund zu der Hoffnung, daß auch unsere Armee, wenn sie je wieder zur Verteidigung des Reichs ihre Fahnen erhebt, siegreich sein und die schweren Unglücksschläge wieder gutmachen werde, welche – meinem Vater das Herz brachen,« fügte er mit düsterem Blick und in einem Ton hinzu, in welchem Zorn und Schmerz dumpf ineinander klangen. Fürst Gortschakoff drückte durch ein leises Neigen des Kopfes seine volle Übereinstimmung mit den Worten seines Herrn aus. »Darum, Alexander Michailowitsch«, fuhr der Kaiser fort, »freue ich mich, ganz abgesehen von meiner Freundschaft und verwandtschaftlichen Zuneigung für meinen Oheim, den König Wilhelm, über diese Siege, welche Deutschland unter Preußens Führung errungen hat. Und wenn ich auf den Tag von Sedan hier in St. Petersburg mein Glas leerte, so tat ich es nicht nur als Freund und Verwandter des Königs von Preußen, sondern auch als Kaiser von Rußland und als Kriegsherr der Armee, die nach dem Muster der bei Sedan siegreichen Truppen gebildet ist. Darum«, fuhr er fort, »kann auch von einer Intervention nicht die Rede sein in dem Sinne, wie man dies Wort wohl gewöhnlich auffaßt. Aber es könnte doch immer ein freundliches Wort gesprochen werden, daß man die Frankreich aufzulegenden Bedingungen nicht zu hoch steigern möge. Wir würden uns damit die Sympathien Frankreichs erwerben, vielleicht auch noch die anderer Mächte, und es könnten«, fuhr er zögernd und mit einem leichten Seitenblick nach der Börsenzeitung fort, »doch in der Zukunft Augenblicke eintreten, in denen eine solche Sympathie von hohem Wert und Nutzen sein möchte.« Fürst Gortschakoff wartete, da der Kaiser geendet, noch einige Augenblicke, als wolle er sich überzeugen, daß Seine Majestät vollständig ihre Gedanken ausgesprochen habe. Dann sprach er fest und ruhig, etwas nachdrücklicher als vorher seine Worte betonend: »Eure Majestät haben mir ganz aus der Seele gesprochen, indem Sie die innigen Beziehungen zwischen den Erfolgen der preußisch-deutschen Armeen und den Hoffnungen betonten, welche wir auf die künftigen Leistungen der Streitmacht Rußlands setzen müssen. Bewähren sich die Prinzipien der preußischen Armeeorganisation, so können wir auch unserer künftigen militärischen Erfolge sicher sein, denn das große russische Heer hat sich alle dort gemachten Erfahrungen zunutze gemacht, und unser Material ist gewiß nicht schlechter als das irgendeines andern Landes. Auch verehre ich die persönlichen, freundschaftlichen und verwandtschaftlichen Beziehungen meines allergnädigsten Herrn mit dem königlich preußischen Hause auf das tiefste. Aber weder die eine, noch die andere Rücksicht kann mich abhalten, Eurer Majestät zu raten, in diesem Augenblick von jeder Intervention vollkommen Abstand zu nehmen, – denn verwandtschaftliche Beziehungen und persönliche Freundschaften vergehen und können auf die Politik großer Staaten keinen Einfluß ausüben, und der Umstand, daß die preußische Armee das Vorbild der russischen ist, darf uns ebenfalls nicht bestimmen, denn man kann ja unter Umständen auch vom Feinde lernen und des Feindes Einrichtungen annehmen und verbessern, um ihn demnächst zu schlagen. Was mich aber bestimmt, Majestät, das ist die Erwägung, daß in diesem Augenblick Preußen und das durch Preußen gebildete Deutschland die einzige Macht in Europa ist, deren Interessen sich mit denjenigen Rußlands an keinem Punkt feindlich durchkreuzen, mithin diejenige Macht, welche uns von den politischen Verhältnissen selbst als Alliierter gegeben ist.« »Wie sehr teile ich diese Ansicht«, rief der Kaiser Alexander lebhaft, »wie sehr freue ich mich der preußischen Allianz, und wie fest bin ich an ihr zu halten entschlossen!« »Und doch würden Eure Majestät daran denken können,« fragte der Fürst Gortschakoff, »diese Allianz in Frage zu stellen, und zwar in Frage zu stellen zugunsten eines Landes, das einst, mit England vereint, seine Flotten und Armeen aussandte, um Rußlands Zukunft zu vernichten, um die Lebensader unserer national-ökonomischen Entwicklung zu durchschneiden, – um uns das Schwarze Meer zu verschließen?« Der Kaiser blickte finster vor sich nieder. »Es ist wahr,« sagte er, »das hat Frankreich getan. Aber«, fuhr er nach einigen Augenblicken fort, »der Kaiser Napoleon hat mir selbst gesagt, daß er damals, der augenblicklichen Aufwallung persönlicher Empfindlichkeit folgend, einen Fehler begangen habe, und mehrfach hat er auch durch den General Fleury darauf hindeuten lassen, daß er bereit sei, jenen Fehler wieder gutzumachen.« Fürst Gortschakoff schüttelte den Kopf. »Einen Fehler wieder gutmachen ist oft nicht ganz leicht, und namentlich seit den letzten Ereignissen wird Frankreich noch lange nicht die Macht dazu haben. – Preußen wird niemals einen solchen Fehler wieder gutzumachen haben, da es niemals in die Lage kommen wird, ihn zu begehen, es müßten denn seine Regenten und Staatsmänner vollständig die Lebensinteressen ihrer Nation verkennen. Darum, Majestät, halte ich dafür, daß es besser ist, von der Allianz mit Preußen nicht abzuweichen.« »Aber, mein Gott,« rief der Kaiser mit einem leichten Klang von Ungeduld in der Stimme, »wie könnte ich daran denken, von dieser Allianz abzuweichen, die ich so warm im Herzen trage! Ja gerade,« fuhr er fort, »weil ich so fest an dieser Allianz halte, weil der König Wilhelm dies weiß, deswegen kann ich um so mehr und vielleicht mit Erfolg ein Wort in die Wagschale werfen, um das Äußerste von Frankreich abzuwenden und um die Sympathien der französischen Nation für Rußland zu erwecken und zu verstärken, – da ja doch«, fügte er mit einem abermaligen leichten Seitenblick auf die Börsenzeitung hinzu, »Zeiten kommen könnten, in denen wir neue Alliierte nach anderer Seite suchen müßten.« »Ich muß Eurer Majestät«, erwiderte Fürst Gortschakoff, »meine sehr bestimmte und unerschütterliche Überzeugung aussprechen, daß ich jede Intervention in diesem Augenblick für hoch gefährlich und nachteilig halte, da sie unsere Beziehungen zu Preußen auf das bedenklichste trüben müßte. Zunächst möchte ich mir die alleruntertänigste Frage an Eure Majestät erlauben, ob Allerhöchstdieselben überzeugt sind, daß ein vermittelndes Wort Ihrerseits den König Wilhelm veranlassen könnte, von den Forderungen abzustehen, welche er nach seinem eigenen Gefühl und nach dem Rat seines Ministers Frankreich gegenüberzustellen sich veranlaßt gefunden hat?« Kaiser Alexander blickte einen Augenblick sinnend vor sich nieder und sprach dann mit einer leichten Unsicherheit im Ton seiner Stimme: »Ich glaube nicht, daß der König Wilhelm viel nachlassen wird, – daß er viel wird nachlassen können , – Deutschland hat schwere Opfer gebracht in diesem Kriege, und die öffentliche Stimme der Nation verlangt dafür einen großen Preis.« »Und diese Stimme der Nation«, sagte Fürst Gortschakoff, »spricht unfehlbar, abgesehen von allen politischen Erwägungen, aus dem Herzen des Königs Wilhelm, wie die Stimme Rußlands sich im Herzen Eurer Majestät vernehmbar macht. Der König Wilhelm wird also, wie ich überzeugt bin, von seinen Forderungen nichts nachgeben können, und er würde daher durch eine auch noch so leise und freundschaftliche Intervention Eurer Majestät nur in die peinliche Verlegenheit gebracht werden, das Wort eines teuren Verwandten und hoch bedeutungsvollen Alliierten nicht beachten zu können. Dadurch muß aber notwendig eine Verstimmung eintreten und damit eine Lockerung des festen Vertrauens, welches mehr noch als alle geschriebenen Stipulationen die Grundlage wirklich nützlicher und fruchtbringender Allianzen sein muß. Außerdem aber,« fuhr er fort, indem er den Kopf aufrichtete und die feinen Züge seines Gesichts einen Ausdruck von energischem und stolzem Selbstgefühl annahmen, »außerdem aber, Majestät, soll es mit meinem Willen und auf meinen Rat niemals geschehen, daß das Wort meines allergnädigsten Herrn und Kaisers auch in der leisesten und vorsichtigsten Andeutung erfolglos verhallt. Mein Kaiser, der Kaiser meines russischen Vaterlandes, darf nur dann sprechen, wenn sein Wort zur Tat wird. Und wo dies unmöglich ist, – da, Majestät«, sagte er, sich tief vor dem Kaiser neigend, »wird mein Wunsch stets der sein, daß mein Kaiser schweigt.« Der Kaiser reichte seinem Minister in rascher Bewegung die Hand. »Wie sehr stimmt alles, was Sie mir sagen, mit meinem Gefühl überein, und gewiß würde ich, auch ohne Ihren so festen und treuen Rat gehört zu haben, aus mir selbst heraus nach diesen Gedanken und Grundsätzen gehandelt haben. Sie wissen aber, Alexander Michailowitsch, daß es viele treue und patriotische Untertanen in Rußland gibt, welche anders denken, welche in dem heranwachsenden Deutschland einen Feind erblicken, der einst der nationalen Entwicklung Rußlands gefährlich und verderblich werden müßte, – ich habe noch soeben –« fuhr er, die Hand nach der Börsenzeitung ausstreckend, fort – Fürst Gortschakoff schien die letzten Worte des Kaisers nicht zu hören, seine Bewegung nicht zu bemerken, rasch sprach er: »Wenn Eure Majestät im großen und ganzen meine soeben untertänigst vorgetragenen Anschauungen nicht mißbilligen, so habe ich nicht nötig, denselben noch weitere Argumente hinzuzufügen. Eure Majestät werden demnächst Allerhöchst Ihren endgültigen Entschluß fassen. Ich möchte mir nur zunächst erlauben, den zweiten Gegenstand meines heutigen Vortrages zur allerhöchsten Entscheidung zu bringen. Nachdem dies geschehen, werden Eure Majestät, wenn Allerhöchstdieselben es noch nötig finden sollten, die Erörterungen über die Interventionsfrage wieder aufzunehmen befehlen.« »Und welchen Gegenstand haben Sie?« fragte der Kaiser ein wenig befremdet, – »wenn er dieser Erörterung vorgehen soll, so muß er in der Tat wichtig sein,« fügte er mit einer gewissen Betonung hinzu. »Er ist wichtig, Majestät,« sagte Fürst Gortschakoff, indem er das Aktenstück, welches noch immer auf seinem Schoß lag, öffnete und einen flüchtigen Blick in dasselbe warf, – »er ist wichtig, – es ist der Pariser Traktat vom Jahre 1856.« Erstaunt und befremdet blickte der Kaiser auf. Dann flog ein finsterer Zug über sein Gesicht, und mit düsterem, fast strengem Ton, der mit seiner gewöhnlich sanften und weichen Weise nicht im Einklang stand, sagte er: »Wichtig allerdings ist diese schwarze Seite in der Geschichte Rußlands und meines Hauses, diese mir hinterlassene Mahnung, die Unbill zu rächen, welche man uns angetan, und Rußland von der Kette zu befreien, die man an seinen Fuß geschmiedet und deren schwere Last seinen freien Aufschwung hemmt, – aber ich verstehe nicht«, fuhr er fort, »welche Bedeutung dieser Traktat gerade in diesem Augenblick haben soll –« »Eure Majestät erinnern sich«, fiel Fürst Gortschakoff ein, »des Jahres 1866 und der Sendung des Generals von Manteuffel –« »Gewiß erinnere ich mich dessen,« erwiderte der Kaiser, »sind ja doch die damals so klar besprochenen und festgestellten Grundsätze die Grundlage unserer Politik geblieben und haben noch kurz vor dem Beginn dieses Krieges in Berlin und Ems ihren erneuten Ausdruck gefunden. Aber ich verstehe in der Tat nicht«, fuhr er fort, »warum diese so wichtige und bedeutungsvolle Sache gerade in diesem Augenblick den Vorzug vor allen anderen Erwägungen haben sollte. Wir werden ja demnächst, wenn die gegenwärtige europäische Krisis überwunden ist, auch an das große Werk herantreten müssen, jenen Vertrag zu revidieren. Preußen wird dann auf unserer Seite stehen, aber es ist gewiß, daß England alles aufbieten wird, um eine Revision zu unseren Gunsten zu verhindern, – und Frankreichs Sympathien könnten uns dabei immerhin nützlich sein –« »Ich lege wenig Wert auf die französischen Sympathien, Majestät,« erwiderte der Fürst, »die Gefühle dieser so leicht erregbaren Nation wechseln so schnell, und ich möchte diese Angelegenheit auch nicht den unbestimmten Chancen der Zukunft überlassen, die man ja niemals ganz berechnen kann, – da wir ja den Augenblick in der Hand haben, um selbständig zu handeln.« »Sie würden diesen Augenblick«, fragte der Kaiser, »für geeignet halten, um eine Konferenz über eine Frage anzuregen, welche dem unmittelbaren Interesse aller europäischen Mächte gerade jetzt sehr fernliegt –« »Einer Konferenz?« sagte Fürst Gortschakoff, – »ich habe mir nicht erlaubt, den Vorschlag zu einer Konferenz Eurer Majestät unterbreiten zu wollen. Der Rat, den ich aussprechen möchte, geht dahin,« fuhr er, den Ton erhebend, mit fester Stimme fort, »daß Eure Majestät mich autorisieren mögen, im Namen Rußlands den europäischen Mächten einfach zu erklären, wir seien nicht mehr in der Lage, die Bestimmungen des Traktats, welche die russische Schiffahrt auf dem Schwarzen Meere betreffen, für uns als verbindlich anzuerkennen, da dieselben den natürlichen Rechten und den wichtigsten Interessen des Reichs widerstreben.« Das Auge des Kaisers blitzte auf in lebhafter, freudiger Erregung. »Sie halten es für möglich, das zu wagen!« rief er, – »doch«, sagte er dann, indem er das Haupt leicht niedersinken ließ, »das kann nicht gehen, das wäre der Krieg im Orient und wir sind darauf nicht völlig vorbereitet, das könnte England und Österreich zusammenführen, und Preußen ist jetzt zu tief engagiert, um uns auch nur mit einiger Sicherheit den Rücken decken zu können.« »Eure Majestät wissen,« sagte Fürst Gortschakoff immer in demselben ruhigen Ton, »daß ich kein Politiker des Krieges bin und wahrlich nicht raten würde, einen Weg einzuschlagen, bei dessen Verfolgung ich kriegerische Verwicklungen als möglich voraussehe, denn solche Verwicklungen müßten die innere, gesunde Lebensentwicklung der Kräfte Rußlands, diese heilige Aufgabe unserer Politik, stören und gefährden. Aber, Majestät,« fuhr er fort, »gerade in diesem Augenblick wird der Schritt, den ich im vollsten Ernst und aus tiefster Überzeugung Eurer Majestät anrate, zu keinem Krieg führen. Wenn Europa wieder ruhig geworden ist und wir dann mit einem Konferenzvorschlag zur Revision des Pariser Traktats hervortreten würden, dann allerdings könnte eine solche Konferenz, wie das ja schon häufig der Fall gewesen ist, zur Vorläuferin eines schweren Krieges werden. Die Mächte würden Zeit finden, sich untereinander zu orientieren, ihre Vorbereitungen zu treffen, und wir könnten in die Lage kommen, wenn auch allerdings unter günstigeren Verhältnissen als damals, den Krimkrieg wieder aufzunehmen. Jetzt, Majestät, ist das nicht zu besorgen. Ich bitte Eure Majestät, allergnädigst wohl zu beachten, daß ich nicht beantrage, eine Konferenz vorzuschlagen, sondern eine bestimmte definitive Erklärung abzugeben, welche England, unserem Hauptgegner in dieser Frage, keine Zeit lassen wird, die Elemente einer tätigen Allianz gegen uns zu vereinigen. Es wird ein großes Geschrei entstehen,« sagte er mit feinem Lächeln, »wir werden das schweigend anhören. – Dann wird man vielleicht eine Konferenz verlangen, – wir werden sie annehmen unter der Bedingung, daß unsere Erklärung über die Aufhebung der russischen Schiffahrt im Schwarzen Meer in dieser Konferenz nicht diskutiert werden dürfe, – man wird darüber ein Protokoll aufnehmen, und es wird auf eine ebenso nachdrückliche, als einfache und würdige Weise dieser schmerzliche Traktat vernichtet werden, den ich heute Eurer Majestät zum letztenmal vor die Augen geführt habe. Rußland wird die heilige Schuld bezahlt haben, welche es dem Geiste des höchstseligen Kaisers Nikolaus noch trägt,« fügte er mit leicht zitternder Stimme hinzu, indem auf seinem Gesicht sich ein Zug tiefer Wehmut mit dem Ausdruck stolzer Entschlossenheit vereinigte. Der Kaiser sprang auf und schritt einigemale in heftiger Bewegung im Zimmer auf und nieder, während der Fürst Gortschakoff, der sich sogleich ebenfalls erhob, neben seinem Sessel stehen blieb und, den aufgeschlagenen Pariser Traktat in der Hand, mit seinem scharfen Blick die Bewegungen seines Souveräns verfolgte. »Mein Gott, Alexander Michailowitsch,« rief der Kaiser, »wenn das möglich wäre, wenn wir so mit einem Male das Ziel erreichen könnten, das so fern, so unnahbar vor mir stand, wenn wir mit einem Federzug wieder herstellen könnten, was die Armeen und Flotten von vier Mächten in Jahren nur mit Anstrengung zertrümmern konnten, – das wäre ein Triumph der Diplomatie, ein Triumph der Staatskunst – und die Feldherren müßten ihre Degen vor Ihrer Feder niederlegen.« Er blieb vor dem Fürsten stehen und sah ihn mit einem großen Blick voll liebevoller Herzlichkeit an. »Nicht vor meiner Feder, Majestät«, erwiderte der Fürst, »sondern vor dem Herrscher, der hoch über allen Parteien, hoch über allen streitenden Meinungen den wahren Weg zum Heil und zur Größe seines Landes einzuhalten verstand, der sich nicht beirren ließ von einseitigen Auffassungen, und wenn dieselben auch in den Köpfen und den Herzen treuer, patriotischer Männer Platz fanden, – und wenn sie auch hinaufstiegen bis an die Stufen seines Thrones. Diesem Herrscher, Majestät,« sagte er mit einer sonst seinen Worten fremden Wärme, »diesem Herrscher wird Rußland ewigen Dank schulden, denn er wird mit einem Wort, frei und ruhig vor ganz Europa gesprochen, ebenso Großes errungen haben, als sonst durch eine Reihe gewonnener Schlachten errungen wurde. Und dieser Dank wird um so reiner, um so schöner sein, als er durch kein Blut, durch keine Tränen getrübt wird.« Die hohe, mächtige Gestalt des Kaisers zitterte, seine Brust bewegte sich in schweren Atemzügen. »Aber ist es denn möglich, Alexander Michailowitsch? – – Wenn dennoch der Krieg entbrennen sollte, – ganz Europa würde dann in Flammen stehen, – bedenken Sie, wenn Österreich, das unsern Druck so schwer empfunden hat, diese Gelegenheit benützte, um England die Hand zu reichen? –« »Österreich, Majestät?« erwiderte Fürst Gortschakoff mit leichtem Achselzucken, – »ich befürchte nichts von dort. – Österreich ist kaum fähig, sich zu regen, es hätte vielleicht die Chancen des französischen Krieges bei gegebener Gelegenheit gegen Preußen ausbeuten mögen, – wenn unser Druck nicht auf seinen Grenzen gelastet hätte, – aber es wird wahrlich keine Neigung haben, sich in das unabsehbare Labyrinth eines orientalischen Krieges zu stürzen. Und dann, Majestät«, sagte er lächelnd, »bitte ich Allerhöchstdieselben, nicht zu vergessen, daß Herr von Beust österreichischer Minister ist, – und Herr von Beust macht uns keinen Krieg, – er hat in der Tat zu viel zu tun, das schwankende Gebäude seiner Stellung so gut als möglich und so lange als möglich zu stützen.« »In der Tat,« rief der Kaiser, »je mehr ich darüber nachdenke, je einfacher und natürlicher erscheint mir die Sache, und vielleicht kommt es nur darauf an, sie zu wagen.« »Es ist kaum ein Wagnis dabei, Majestät,« sagte der Fürst. »Ich möchte Eurer Majestät fast mit meinem Kopf dafür einstehen, daß keine Gefahr ernster Verwicklungen zu besorgen ist. Und«, fügte er hinzu, »Preußen machen wir seine Stellung zu der Frage ebenfalls leichter, wenn wir jetzt selbständig und entschieden vorgehen und die durch seine Siege geschaffene Situation benützen, um uns von einer nationalen Fessel zu befreien, als wenn wir zu einer andern Zeit die Sache anregen und Preußen zwingen würden, in einer rein orientalischen Frage, die sein Interesse nicht unmittelbar berührt, Partei zu nehmen. Wir dürfen dabei nicht vergessen,« fuhr er mit einer gewissen stolzen Befriedigung fort, »daß wir bei jenen preußischen Siegen, welche wir für uns benützen, auch unsern Anteil haben, denn so bewunderungswert die Meisterschaft der preußischen Feldherrn ist, wie der Heldenmut der deutschen Truppen, so hätten ja doch jene Siege nicht so leicht, so sicher und so schnell erfochten werden können, wenn Eurer Majestät Freundschaft es nicht möglich gemacht hätte, alle Kräfte Deutschlands dem westlichen Gegner entgegenzuführen.« »Sie haben recht, Sie haben wahrlich recht,« rief der Kaiser, »ich danke Ihnen, Alexander Michailowitsch, ich danke Ihnen in meinem Namen und im Namen Rußlands!« »Und ich weiß, Majestät,« sagte der Fürst mit tiefem Ernst, indem eine wunderbare Bewegung über sein Gesicht zuckte, »daß der verklärte Geist des Kaisers Nikolaus, wenn er heute hierher herabblickt, zufrieden sein und den Entschluß segnen wird, den Eure Majestät in dieser Stunde gefaßt haben.« Der Kaiser Alexander faltete die Hände, – ein Augenblick tiefer Stille herrschte in dem Gemach. »So befehlen also Eure Majestät,« sagte der Fürst dann, »daß ich die Erklärung aufsetzen lasse, um sie den Kabinetten zu übergeben?« »Sogleich«, sagte der Kaiser, »ich bitte Sie, dieselbe mir so bald als möglich vorzulegen, damit auch wir unsern großen Sieg feiern können, den Ihre Taktik vorbereitet hat. – Auch meine Diplomatie hat ihren Moltke!« fügte er halb scherzend, halb voll innigen Gefühls hinzu. Der Fürst schloß das Aktenstück, das er noch immer offen in der Hand gehalten, und steckte es wieder in seine Mappe. »Eure Majestät«, sagte er dann, »haben nun Allerhöchst ihren Entschluß zu fassen über den definitiven Bescheid, welcher Herrn Thiers zu geben wäre.« Der Kaiser lächelte. »Der arme Herr Thiers,« sagte er, – »sagen Sie ihm in freundlichster Form, daß die absolute Zurückhaltung, welche die Rücksicht auf unsere innere Entwicklung Rußland auflege, uns jede Einmischung in die auswärtigen Beziehungen zwischen fremden Mächten verböte. Sagen Sie ihm,« fuhr er mit einer gewissen freundlichen Ironie fort, »was Sie längst beabsichtigt haben, ihm sagen zu wollen.« Der Fürst verneigte sich und sprach dann: »Eure Majestät hatten die Gnade, mir vor dem Beginn meines untertänigsten Vortrags von Zweifeln zu sprechen, welche Allerhöchstdemselben aufgestiegen wären.« »Ich habe sie nicht mehr,« rief der Kaiser rasch und lebhaft. »Die Unterhaltung mit Ihnen hat, wie immer, die Wirkung gehabt, Klarheit und Sicherheit zu schaffen und die Zweifel zu verscheuchen.« Nach einem augenblicklichen Zögern wendete er sich zu seinem Schreibtisch, ergriff die Börsenzeitung und reichte sie dem Fürsten. »Lesen Sie dies,« sagte er, – »Sie werden meine Zweifel verstehen und auch begreifen, daß sie nach unserer Unterredung verschwunden sind, ohne daß ich nötig gehabt habe, sie Ihnen besonders auszusprechen.« Der Fürst nahm ehrerbietig das Blatt aus der Hand des Kaisers und sagte: »Ich kenne die Ansichten des General Fadiejeff, Majestät, und aller derjenigen, welche sich zu denselben Grundsätzen bekennen, die ja unter einem Teil des russischen Volks fast zum Dogma geworden sind. Man muß sie denken und sprechen lassen, sie stehen im Tal, in den Schluchten und Abhängen des nationalen Lebens, – Eure Majestät blicken von der Höhe der Berge herab, wohin die wallenden Schatten nicht heraufdringen.« »Sie haben diesen Artikel gelesen?« fragte der Kaiser betroffen. »Es ist meine Pflicht,« erwiderte der Fürst, »alles zu kennen, was die Geister in Eurer Majestät Reich bewegt, und nur wenn ich alles erkannt habe, was im unruhigen Kampf der Gedanken hierhin und dorthin durcheinander und gegeneinander strömt, bin ich imstande, in objektiver Klarheit meinem kaiserlichen Herrn meinen Rat zu Füßen zu legen.« »Gehen Sie, Alexander Michailowitsch,« sagte Alexander II., indem er beide Hände auf die Schultern seines Ministers legte, »um auszuführen, was wir beschlossen. Gott erhalte Sie mir und Rußland.« Einige Sekunden stand er so, dann ließ er die Arme sinken, winkte grüßend mit der Hand und trat, als der Fürst sich entfernt hatte, wieder vor seinen Schreibtisch. »Ich bin glücklich, – sehr glücklich,« sagte er, »daß meine Überzeugung neue Klarheit und Festigkeit gewonnen hat, und daß ich mit voller, innerer Ruhe und Sicherheit dem Gefühl folgen kann, das mich zum engen und innigen Bündnis mit Preußen hinzieht. Das Blut Friedrich Wilhelms III. fließt ja auch in meinen Adern, und auch an mich ist seine Mahnung auf dem Sterbebett ergangen, daß Preußen und Rußland fest zusammenstehen sollen in Europa. Hat der Blick meines sterbenden Großvaters die Zukunft erschaut? – Hat er sehen können, daß das Bündnis seines Sohnes und seines Enkels Preußen siegreich vor die Tore von Paris führen und Rußlands Flotten das Schwarze Meer und die Handelsstraße des Orients wieder öffnen werde?« Er blickte eine Zeitlang in tiefen Gedanken auf die Zeitung, die noch auf seinem Tisch lag. »Auch sie,« rief er dann, – »auch sie müssen dies einsehen, sie, die es doch auch gut und treu mit Rußland meinen, und die, in Irrtum befangen, gegen das Bündnis eifern, das doch so Großes hervorgebracht und aus dem in der Zukunft noch Größeres hervorwachsen muß!« Wieder sann er nach. Dann erhob er sich rasch und ließ laut die Handglocke ertönen, welche neben ihm stand. »Der Flügeladjutant vom Dienst!« befahl er dem Kammerdiener, der unmittelbar auf der Schwelle des Zimmers erschien. Der Flügeladjutant trat ein und blieb in militärisch-dienstlicher Haltung, die Befehle des Kaisers erwartend, in der Nähe der Tür stehen. »Ich lasse den Großfürsten Cäsarewitsch ersuchen, sich sogleich zu mir zu begeben,« sagte der Kaiser, und während der Flügeladjutant davoneilte, um den ihm erteilten Auftrag auszuführen, begann er nochmals den Artikel der Börsenzeitung durchzulesen. Vierzehntes Kapitel Am sanft absteigenden Ufer der Maas, einige Meilen von Metz, erhebt sich das alte Schloß von Villebois, ein prachtvoller Bau, im großen Viereck errichtet, – ein mächtiger Donjon in der Mitte, kleinere Türme und vorspringende Bastionen an den Ecken. Das Schloß trägt den Charakter eines jener großen, gewaltigen Herrensitze des Mittelalters, aber es zeigt zugleich, daß der Glanz der Familie, deren Namen es führt, in unseren Zeiten nicht erloschen ist, denn an keiner Stelle bemerkt man Spuren des Verfalls, und wenn auch vollständig im Geist des ganzen Bauwerks ausgeführt, so sind doch überall Reparaturen und Ergänzungen vorgenommen, um die großen, mächtigen Räume auch für unsere Tage bewohnbar zu machen. Drohend und stark erheben sich die Bastionen, und auch Geschütze stehen noch auf denselben, aber aus den kleinen, hellpolierten Rohren derselben haben nur Freudenschüsse die Kunde fröhlicher Familienereignisse über das Land hingetragen, und von den Wällen herab ranken sich Zierpflanzen, deren Blätterwerk von kundiger Gärtnerhand geschmackvoll geordnet ist. Eine Wasserleitung von den Bergen her füllt die Gräben, welche das Schloß einschließen, aber dieses Wasser trägt die kleinen, zierlichen, schwimmenden Häuschen, welche die Schwäne beherbergen, die in weichen, anmutigen Bewegungen auf dem Schloßgraben auf und nieder ziehen am Fuß der hochragenden Mauern und der mit mächtigen Zinnen umgürteten Türme. Durch zwei weit vorspringende Bastionen gelangt man zu dem Hauptportal des Schlosses, über welchem, in Stein gehauen, das alte Wappen der Grafen und Herren von Villebois sich erhebt. In der Wölbung des Eingangs sieht man die starren Spitzen eines Fallgatters, und eine Zugbrücke an schweren Ketten liegt unmittelbar vor dem Tor über dem Graben. Aber dies Fallgatter senkt sich nicht mehr wie in früheren Tagen, die Zugbrücke schneidet nicht mehr den Eingang ab, um den Schloßherrn vor seinen Feinden oder den trotzenden Lehensmann vor den Sendboten des Landesherrn zu schützen. Gastlich steht Tür und Tor offen, und willkommen sind alle Gäste, welche die steinerne Schwelle überschreiten. Wie auf den Wällen, den Mauern, den Bastionen jedes Stück Erde benützt ist, um entweder grünen, sammtweichen Rasenteppich oder farbenreiche Blumen, oder anmutig rankende Pflanzen darauf zu ziehen, so ist auch die Gartenkunst tätig gewesen, um im weiten Umkreis um das Schloß her eine ihrer anmutigsten Schöpfungen ins Leben zu rufen. Überall sind hochragende Bäume zu schönen Gruppen geordnet und mit kleinem Buschwerk umgeben, um dem Auge einen wohltätigen Ruhepunkt zu gewähren. Überall dehnen sich weite Rasenflächen aus, kleine Teiche mit geschmackvoll dekorierten Inseln tragen zierliche Gondeln, große Blumenparterres senden zu allen Jahreszeiten ihre reichen Düfte dem Nahenden entgegen, und überall sieht man jene so anmutige und elegante französische Gartenkunst, welche, ohne, wie in früheren Zeiten, der Natur Gewalt anzutun, doch sich von jener übertriebenen Freiheit der englischen Parks fernhält und durch kunstvolle Behandlung ruhige und harmonische Bilder vorführt, ohne die schaffende und ordnende Menschenhand verbergen zu wollen. Die ganze Schönheit des Schlosses und seiner Umgebung hatte durch den Krieg, der so viele andere Gegenden Frankreichs grausamer Verwüstung preisgegeben, nicht gelitten. Die Schlachten und Gefechte hatten diese Ecke des Moseltales nicht berührt, von den durchmarschierenden Truppen waren nur wenige hierhergekommen, da die großen Straßen in einer ziemlichen Entfernung vom Schloß Villebois vorbeiführten, und nur einigemal war in das Schloß selbst Einquartierung gelegt worden, meist die Stäbe vorüberziehender Regimenter. Sie wurden bereitwillig und artig aufgenommen und hatten ihrerseits sorgfältig darüber gewacht, daß weder in dem Innern des schönen Baues, noch in dem umgebenden Park irgend etwas beschädigt oder zerstört werde. So lag denn dieser prachtvolle Herrensitz wie eine Oase stillen Friedens inmitten des vom Krieg durchtobten Landes da, und wenn man in dem herbstlichen, aber immer noch mit sorgfältigster Sauberkeit gehaltenen Park den Donner der Kanonen vor Metz hörte, so hätte man sich fast der Täuschung hingeben müssen, es fände dort nur eines jener jährlichen Übungsmanöver statt, – so ruhig, so friedensvoll war die ganze Gegend. Die Dienerschaft und die Beamten des Schlosses taten ihre Pflicht mit derselben Pünktlichkeit wie zu gewöhnlichen, ruhigen Zeiten, und in jedem Augenblick hätte die Herrschaft eintreffen können, um hier, wie sonst um diese Jahreszeit, zahlreiche Besuche von dem Adel der Umgegend, von Offizieren der Garnison von Metz und von Freunden aus Paris zu empfangen. Aber die Herrschaft kam nicht. Der Graf und seine Tochter waren, wie man wußte, in Metz, das von den Preußen eingeschlossen war, und wo nach den Nachrichten, die man hin und wieder vernahm, bereits Hunger und Not zu herrschen begannen. Der Vicomte hatte bei der Armee des Marschalls Mac Mahon gestanden, und niemand hatte nach der entsetzlichen Katastrophe von Sedan etwas von ihm gehört. Das machte sie traurig, diese alten, treuen Diener, deren Vorfahren meist schon seit Generationen in dem Dienst des Hauses von Villebois gestanden hatten. Traurig ordneten sie an jedem Tag von neuem die Parkanlagen, denen jeder Tag mehr ihren Blumen- und Blätterschmuck nahm; traurig lüfteten sie die Zimmer und zündeten an regnerischen Tagen leichte Feuer in den Kaminen an, – die Herrschaften kamen nicht, und mit finsteren Blicken, bittere Gefühle im Heizen, öffneten sie den fremden Offizieren die Zimmer des Schlosses, indem sie daran dachten, daß ihre Herren vielleicht jetzt Not und Mangel leiden müßten. Aber trotz dieser bitteren Gefühle, trotz ihrer finsteren Blicke wurden die Offiziere vortrefflich bedient, denn die Gastfreundschaft des Schlosses von Villebois war eine heilige Tradition auch unter der Dienerschaft, und ebenso hatten sie wie die Schloßherren jenes Gefühl ritterlicher Courtóisie gegen die Gegner im ehrlichen Krieg behalten; nur wenn die Offiziere der fremden, siegreichen Armee das Schloß verließen und durch reiche Gaben sich für die gewählte Aufnahme dankbar erweisen wollten, dann lehnten die Beamten mit finsterem Kopfschütteln jede Gabe ab und erklärten mit kurzen Worten, daß die Gastfreundschaft des Schlosses nicht käuflich sei, und daß die Diener des Grafen von Villebois von niemandem Geschenke anzunehmen gewohnt seien als von ihrem Herrn. Der Herr von Rantow fuhr auf einem mit Stroh gefüllten Leiterwagen dem äußeren Eingang des das Schloß umgebenden Parks zu. Neben ihm saß Fräulein Hortense von Villebois in der Tracht der barmherzigen Laienschwestern. Und in dem Stroh des Wagens gebettet lag ein junger, bleicher Mann in einem Uniformmantel der Artillerieoffiziere, der Vicomte Etienne von Villebois, welcher, schwer, aber nicht lebensgefährlich verwundet, dem väterlichen Schloß zugeführt wurde. Zwei der Luxemburger Ärzte, welche Herr Regnier aus Metz herausgeführt, hatten sich dem Baron angeschlossen und saßen am hintern Ende des Wagens. Eine Abteilung Dragoner ritt vor und hinter dem Gefährt. Der Baron war vom Schloß Corny aus auf dem Weg, den Fräulein Hortense kalt und ruhig mit fester und sicherer Bestimmtheit angegeben hatte, vorwärts gefahren. Nach einer Fahrt von etwa zwei Stunden war man in ein Dorf gekommen, das von einer kleinen Abteilung Preußen besetzt und mit Verwundeten belegt war. Mit schnellem, sicherem Blick hatte Fräulein Hortense den nur aus wenig Gehöften bestehenden Ort gemustert und dann vor einem Bauernhause zu halten befohlen. Sie war rasch und gewandt, noch bevor der Baron von Rantow ihr seine Hilfe bieten konnte, vom Wagen gesprungen und in das Haus eingetreten, während der vor demselben stehende Posten ihr ehrerbietig Platz machte, wie dies von den Soldaten der Ordenstracht der barmherzigen Schwestern und Diakonissen gegenüber stets geschah. Die junge Dame, welcher der Baron von Rantow folgte, ging, als wäre sie mit den Örtlichkeiten genau bekannt, über den Hausflur und öffnete die Tür zu einem großen Raum, der früher als Wohnzimmer der Bauernfamilie gedient hatte und jetzt mit Strohmatten belegt war, die einer Anzahl von Verwundeten als Lager dienten. Die Luft war trotz der geöffneten Fenster dumpf und schwül in diesem Raum, und ein Militärarzt, unterstützt von einem Chirurg, war beschäftigt, nacheinander den Verband der Wunden zu erneuern. Die junge Dame blieb einen Augenblick in der geöffneten Tür stehen und ließ den Blick ihrer großen Augen auf diesem traurigen Bild ruhen. Da hörte man aus einer Ecke des Zimmers von einem etwas erhöhten Lager her einen Aufschrei des Erstaunens und der Freude. Ein junger Offizier richtete sich ein wenig empor, und auf den einen Arm gestützt, streckte er den andern der so plötzlich erscheinenden barmherzigen Schwester entgegen, indem er rief: »Hortense, meine Hortense, meine geliebte Schwester!« Fräulein von Villebois war in einem Augenblick zwischen den Reihen der auf dem Boden liegenden Strohmatratzen hindurch zu dem Lager ihres Bruders hingeeilt. Sie sank neben demselben auf die Knie nieder, nahm seinen Kopf in ihre Hände, drückte ihre Lippen auf seine bleiche Stirn und rief: »So habe ich dich gesehen, mein Bruder, – so mußte ich dich finden, – jetzt ist alles gut, – jetzt wirst du gerettet werden!« Dann hatte man den Vicomte, der nicht lebensgefährlich verwundet war und vorzüglich unter dem Mangel der Pflege und dem Einfluß der schlechten Luft litt, auf den Wagen gelegt, um ihn nach dem Sitz seiner Familie zu bringen, und der Baron von Rantow hatte dem Arzt und dem Offizier, welcher die Bedeckung kommandierte, mitgeteilt, daß der Graf von Villebois sein in der Nähe liegendes Schloß zur Pflege der Verwundeten zur Verfügung gestellt habe. Alle Anordnungen waren getroffen worden, um die armen Kranken, Franzosen und Deutsche, sobald als möglich nach dem Schloß zu bringen, und der Baron von Rantow hatte sich mit Fräulein von Villebois, ihrem Bruder und einem ihn begleitenden Arzt sogleich dorthin auf den Weg gemacht. Die junge Dame war womöglich noch schweigsamer und abwehrender geworden. Sie saß stumm und unbeweglich neben dem Baron da, von Zeit zu Zeit nur sich umwendend und ihrem in das Stroh gebetteten Bruder einen freundlichen Blick oder ein tröstendes Wort sendend. So war man an die Grenze des Schloßparks gekommen. Man fuhr durch ein von zwei steinernen Pfeilern gebildetes Tor in demselben ein, und die ermüdeten Pferde setzten sich auf dem breiten, glatten Kiesweg in eine schnellere Gangart. Der Baron von Rantow war frappiert von der Schönheit und Großartigkeit der Anlagen und sprach dies der jungen Dame aus, erhielt jedoch auch jetzt wieder eine kühle, ablehnende Antwort, obgleich das Gesicht des Fräuleins beim Anblick des heimatlichen Sitzes mit einem freudigen Schimmer überglänzt wurde und ihre Blicke diese alten Bäume zu grüßen schienen, deren jeder der Vertraute einer Erinnerung aus der Kindheit war. Auch der Vicomte hatte sich mühsam erhoben, und den Arm auf sein Strohlager gestützt, verschlang er fast mit seinen Augen diese ganze so liebe und bekannte Gegend, welche er kaum wiederzusehen noch gehofft hatte. Vor der Zugbrücke des Haupteingangs trat der Torwärter des Schlosses mit finsterem Gesicht an den Wagen. Er hatte die Dragoner der Bedeckung heranreiten sehen, er sah den preußischen Schnitt der Uniform des Johanniters und fragte, seine Mütze abnehmend, mit höflichen, aber kurzen und kalten Worten nach dem Begehr der Ankommenden. Da fiel sein Blick auf das Gesicht der jungen Dame, welche den Schleier ihrer Haube zurückgeschlagen hatte. Zugleich entdeckte er den jungen Offizier auf dem Strohlager des Wagens, und mit tiefem Erstaunen, aber im Ton jubelnder Freude rief er: »Mein Gott, der Herr Vicomte – unser Fräulein! Welches Glück! Welches Glück!« Andere Diener des Hauses, welche vor der Wohnung des Torhüters in der Bastion gesessen hatten, sprangen bei diesem Ruf heran, sie überzeugten sich bald von der wirklichen Anwesenheit ihrer jungen Herrschaften und eilten dem Wagen voran in den innern Schloßhof, so daß, als dieser langsam die Zugbrücke überschreitend in das Portal einfuhr, bereits alle Beamten und Diener des Schlosses versammelt waren und dienstfertig herantraten, um mit allen Zeichen glücklicher Freude Fräulein von Villebois vom Wagen zu helfen, während für den jungen Vicomte eine Tragbare hergerichtet ward. »Mein Vater hat befohlen,« sagte die junge Dame dem Haushofmeister, welcher ehrfurchtsvoll mit dem Hut in der Hand neben ihr stand, »daß das Schloß zur Pflege der Verwundeten hergerichtet werden soll. Mein Bruder soll in sein Zimmer gebracht werden, und dieser Herr hier«, sagte sie, auf den Baron von Rantow deutend, »ist unser Freund, er wird mit der höchsten Aufmerksamkeit behandelt werden.« Ein eigentümliches Gefühl erfüllte den Baron. Er gehörte der siegreichen Macht an und war der Herr der Situation, seinen Befehlen hatten eigentlich alle hier zu gehorchen, und dennoch trat dies junge, zarte Mädchen mit einer solchen Entschiedenheit und Sicherheit in die Rechte der Herrschaft des Schlosses ein, daß seine Gegenwart eigentlich nur durch ihre Befehle gerechtfertigt und geduldet erschien, – dies stolze Selbstbewußtsein der Tochter des alten Herrengeschlechtes imponierte ihm, und zu gleicher Zeit fühlte er sich verletzt durch den eiskalten, schneidend abweisenden Ton, in welchem Fräulein Hortense die Worte gesprochen hatte: »Dieser Herr hier ist unser Freund.« Diese Worte waren gut und freundlich, aber der Ton derselben richtete eine unübersteigliche Scheidewand auf zwischen der jungen Dame und dem Feind ihres Landes, mit dem sie nichts verband als die gemeinsame, allgemein menschliche und christliche Fürsorge für die Verwundeten und Leidenden. Er hatte dies junge Mädchen erst vor ganz kurzer Zeit zum ersten Male gesehen, er hatte wenige Worte mit ihr wechseln können, und doch berührte es ihn peinlich, aus dem Klang ihrer Worte zu empfinden, wie unendlich fern und fremd er ihr gegenüberstand. Nach kurzer Zeit war der Vicomte in seinem Zimmer installiert, der Arzt hatte ihm einen neuen Verband angelegt, und der Verwundete empfand die unendliche Wohltat einer sorgsamen Pflege, verbunden mit dem beseligenden Gefühl, in der Heimat und unter lauter Menschen, die ihm mit Liebe und Ergebenheit anhingen, sich zu befinden. Fräulein Hortense hatte ihre Zimmer bezogen, und dem Herrn von Rantow war eine höchst elegante und behagliche Wohnung, aus zwei Salons und einem Schlafzimmer bestehend, eingerichtet worden. Bald wehte auf dem Donjon des Schlosses an der hohen Fahnenstange ein weithin sichtbares Banner, – wo sonst das Wappen und die Farben des Hauses von Villebois sich zeigten, sah man die weiße Fahne mit dem roten Kreuz. Allmählich langten auf ringsumher requirierten Bauernwagen die Verwundeten aus dem nahe gelegenen Dorf an. Das große Erdgeschoß und ein großer Teil der Fremdenzimmer wurde von den Schloßbeamten zu ihrer Aufnahme hergerichtet. Die Ärzte begannen ihre Funktionen, die weiblichen Domestiken des Schlosses übernahmen die vorläufige Pflege, und nach zwei Tagen konnte der Baron von Rantow nach dem Hauptquartier melden, daß ein regelrechtes und vortreffliches Lazarett im Schloß von Villebois eingerichtet sei, dessen Räumlichkeiten zur Aufnahme von noch mehr Kranken ausreichten. Es wurden daher einige barmherzige Schwestern und Diakonissinnen dorthin nachgesendet. Bald entwickelte sich in dem großen, prachtvollen Herrensitz ein reges und bewegtes Leben. Fräulein Hortense von Villebois hatte nach ihrer Ankunft in das väterliche Schloß die Tracht der barmherzigen Schwestern, in welcher sie Metz verlassen, abgelegt und erschien in einer einfachen schwarzen Toilette, welche ihre eigentümliche, so vornehme und außergewöhnliche Schönheit noch mehr hervortreten ließ. Sie machte, ganz ihres Vaters würdig, die Honneurs des Schlosses, versammelte täglich in dem großen Speisesaal den Baron, die Ärzte, die barmherzigen Schwestern und Diakonissinnen, sowie die Offiziere der Bedeckung zum Diner und öffnete abends einige große Salons zur geselligen Vereinigung der hier zu gemeinsamen Liebeswerken verbundenen Personen. Bald hatten sich unter denselben auch freundliche persönliche Beziehungen gebildet, und trotz der ernsten Zeit, trotz der ernsten Aufgabe, welche alle hier Versammelten zu erfüllen sich vorgesteckt hatten, gewann doch eine gewisse gesellige Heiterkeit bei den Diners und den abendlichen Zusammenkünften Platz, an denen auch nach kurzer Zeit schon der schnell zur Besserung vorschreitende Vicomte von Villebois teilnahm und in welchen die allmählich genesenden Offiziere beider Armeen einen internationalen, von Haß und Bitterkeit freien Boden fanden. Nur Fräulein Hortense blieb immer gleich ernst und unnahbar, die zarte Blässe tiefer Kränklichkeit verschwand nicht von ihrem Gesicht, der Ausdruck trauriger Erschöpfung und fieberhafter Erregung zugleich lag stets in dem Blick ihrer dunklen Augen, und obgleich der Arzt, welcher das in Villebois eingerichtete Lazarett leitete, verschiedene Mittel angewendet hatte, verfiel die junge Dame doch noch von Zeit zu Zeit in eine Art von tiefer nervöser Abspannung, welche von dem Arzt für eine Art somnambulen Schlafs erklärt wurde, der nur nach einer langen und vollständigen geistigen und körperlichen Ruhe wieder verschwinden könne. Fräulein Hortense war aber dabei körperlich vollständig kräftig und imstande, fast unausgesetzt die oberste Leitung des ganzen Lebens im Schlosse zu führen. Doch tat sie dies mit einer gewissen kalten und gleichgültigen Passivität, und bei aller Höflichkeit und Artigkeit, mit welcher sie die Pflichten der Herrin des Hauses erfüllte und den Wünschen eines jeden auf das liebenswürdigste und gütigste entgegenkam, sah man doch fast nie ein Lächeln auf ihren Lippen schweben, fast nie hörte man ein Wort mehr aus ihrem Munde, als unumgänglich notwendig war, um die an sie gerichteten Anreden ohne Unfreundlichkeit zu beantworten. Nur beim Anblick ihres Bruders, den sie auch bei seiner Rekonvaleszenz unermüdlich und persönlich pflegte, zog ein Schimmer von Freude über ihr Gesicht hin, und wenn sie mit ihm, sorgsam und leise seinen verwundeten Arm stützend, durch den Park dahinschritt, den trotz der vorgerückten Jahreszeit in der nähern Umgebung des Schlosses der Gärtner noch immer mit frischen Blumen zu schmücken verstand, dann begann sie ein leichtes, fröhliches Geplauder von der Erinnerung an die Spiele ihrer Jugend, dann nickte sie rings den herbstlichen Blumen, die aus dem immer gelblicher sich färbenden Rasen hervorleuchteten, freundlich lächelnd zu, dann hörte man ihr reines, klares Lachen durch die Gebüsche schallen, – das alles war aber vorbei, sobald sie wieder im Schloß, wieder unter den Augen der Verwundeten und deren Pfleger war. Dann nahm ihr Gesicht wieder die kalte, unbewegliche Ruhe an, ihr Blick wurde wieder trüb und traurig, und wenn man den zwar sanften und weichen, aber doch dabei wieder strengen und kalt abwehrenden Ton ihrer wenigen, auf das Notwendigste beschrankten Worte hörte, so hätte man niemals glauben mögen, daß jenes helle, fröhliche Lachen da draußen in den Gebüschen des Parks aus demselben Munde gekommen sei, der diese Worte sprach. Der Baron von Rantow befand sich in einer eigentümlichen Gemütsverfassung. Er saß täglich bei dem. Diner neben dem Fräulein von Villebois, die Oberaufsicht und Leitung über die ganze Krankenpflege im Schloß führte ihn vielfach mit der jungen Dame zusammen, von welcher jeder Befehl an die Dienerschaft des Hauses ausgehen mußte, denn so war es gehalten vom Tage der Ankunft an, die Dienerschaft hatte für jede Anordnung, die der Baron getroffen, erst die Bestätigung ihrer Herrin erwartet, und Herr von Rantow hatte niemals daran gedacht, seine Autorität dagegen geltend zu machen, sowohl aus natürlicher Galanterie gegen die junge Dame, als weil dieselbe auch dem kleinsten Wunsch, den er für die Pflege der Kranken aussprach, stets auf das bereitwilligste entgegenkam. Der junge Mann fühlte sich mächtig ergriffen von der Erscheinung dieses Mädchens, das so viel eigentümlicher Reiz umgab. Ihre wunderbare Schönheit, welche in ihren zarten Linien und in dem seinen Hauch ihrer Farben an den geheimnisvollen Duft der Feenmärchen erinnerte, konnte bei dem täglichen Zusammenleben ihren Eindruck nicht verfehlen, – dazu kam, daß dieses junge Mädchen, das unter allen Verhältnissen wohl geschaffen war, um das Herz eines Mannes zu bewegen, hier in allem Glanz einer hohen, fast fürstlichen Stellung erschien. Das alte, so großartige und so geschmackvolle Schloß, die zahlreiche, so wohlorganisierte Dienerschaft, welche eifrig jeden Wink ihrer jungen Herrin zu erfüllen bestrebt war, die unerschöpflichen Reichtümer, über welche dieses kaum dem Kindesalter entwachsene Mädchen mit so einfacher Natürlichkeit verfügte, – das alles imponierte dem jungen Mann ganz außerordentlich. Er war von Jugend auf in dem tiefsten Respekt vor altem Adel und reichem Besitz zugleich erzogen, und so vornehm seine Familie auch sein mochte, in so reichen Verhältnissen er auch seine Kindheit und Jugend verlebt hatte, so reichte doch das Maß eines wohlhabenden schlesischen Gutsbesitzers bei weitem nicht an die Höhe der alten Grund- und Lehensherren von Villebois heran, deren aus der Tiefe der Jahrhunderte hervorgewachsener Besitz selbst mit den Reichtümern der Finanzgrößen unserer Tage auf die Wagschale gelegt werden konnte, ohne daß er in die Höhe geschnellt worden wäre. Der Baron von Rantow fühlte sich also in den beiden Richtungen, welche, vor allem maßgebend, alle seine Auffassungen bestimmten, – Vornehmheit und Reichtum, – weit unter dem Geschlecht der Herren von Villebois stehend, – und dies Gefühl ließ ihm das junge, zarte Mädchen auf der Höhe dieser großen Familienstellung um so reizender, anziehender und bewundernswerter erscheinen. Der Baron war nachgerade von der Erscheinung des Fräuleins Hortense von Villebois so erfüllt und bezaubert, daß alle früheren Erinnerungen seines Lebens wie in einen unklaren Nebel zurücksanken und es ihm schien, als sei hier in dem alten Schlosse des französischen Grandseigneurs ihm zuerst ein Ziel erschienen, das des Strebens und Ringens würdig sei. Aber wie unerreichbar hoch stand dies Ziel vor ihm da! Die junge Dame, zu welcher sein so mächtig erwachtes Gefühl ihn hinzog, war Französin, und schärfer entwickelte sich mit jedem Tag die nationale Feindschaft zwischen Frankreich und Deutschland; dazu kam die Überlegenheit der Stellung der jungen Dame, die er sich, so schwer ihm das auch werden mochte, doch eingestehen mußte, – und endlich der Gedanke an seine Verlobung mit der Tochter des Kommerzienrats Cohnheim, zu welcher ihn niemals ein wahres Gefühl des Herzens, sondern nur die Rücksicht auf die »gute Partie« und der Reiz geführt hatte, diese vielumworbene reiche Erbin zu gewinnen. Das alles machte ihn traurig und niedergeschlagen und raubte ihm die überlegene, fast hochmütige Sicherheit, die ihn sonst erfüllt hatte. Mehr als das aber noch drückte ihn die Haltung nieder, welche Fräulein von Billebois ihm gegenüber beobachtete, ohne auch nur ein einziges Mal um ein Haar breit von derselben abzuweichen. Die junge Dame erwiderte alle Bemerkungen, die er an sie richtete, mit der feinsten und ausgezeichnetsten Höflichkeit, – er hätte auch nicht den Schatten eines Vorwurfs gegen sie erheben können, – und doch sprach sie nie ein Wort mehr als zur erschöpfenden, artigen Beantwortung seiner Worte notwendig war, – sie ergriff, wenn es nicht Gegenstände der Krankenpflege betraf, niemals die Initiative, und jede Konversation, die er versuchte, sank nach kurzer Zeit tot zu Boden, ohne daß sie seitens des Fräuleins von Villebois auf eine bemerkbare oder verletzende Weise unterbrochen worden wäre. Dennoch schien die schöne Hortense nicht ohne ein gewisses Interesse für den jungen Johanniter zu sein, mit welchem das Schicksal sie hier in so ereignisreicher, ernster Zeit zu gemeinsamem Liebeswerk verbunden hatte. Häufig, wenn er sich mit ihrem Bruder unterhielt, der dem deutschen Edelmann mit freundlicher Herzlichkeit entgegenkam, oder wenn er schweigend neben ihr saß, ruhte ihr Blick lange wie forschend und grübelnd auf ihm, mit jenem sinnenden und suchenden Ausdruck, mit dem man ein Bild betrachtet, dessen Zügen man einen Platz in seiner Erinnerung geben möchte, ohne sich klar darüber werden zu können, wo dieser Platz zu finden sei. Wenn dann der junge Mann einem solchen wunderbar tiefen und durchdringenden Blick begegnete, so fühlte er sich wohl von einem wonnigen Gefühl freudigen, hoffnungsvollen Glückes durchdrungen, – versuchte er aber eine Unterhaltung einzuleiten, so begegnete er immer wieder jener höflich unfaßbaren Abweisung, – und nach wenigen Augenblicken saßen beide wieder schweigend nebeneinander. Der Baron fühlte sich tief unbehaglich, ja oft ernstlich unglücklich in diesen Verhältnissen, und doch hatte er nicht den Mut, denselben ein Ende zu machen, indem er seine Versetzung von dem Lazarett in Villebois zu einer andern Johanniterstation beantragt hätte. Er fühlte sich hoffnungslos, gedrückt, unklar der Zukunft gegenüber und doch wieder schon glücklich, daß er nur täglich diejenige sehen durfte, deren Bild wachend und träumend seine ganze Seele erfüllte, wenn auch jeder Tag ihm von neuem die schmerzliche Überzeugung brachte, daß dies Rätsel seines Lebens, dem er hier begegnet, sich nie zu seinem Glücke lösen werde. Es war ein schöner, milder Abend im Monat Oktober, – der glänzende Vollmond übergoß mit seinem um diese Jahreszeit schon so weißen Licht die mächtigen, zum nächtlichen Himmel ansteigenden Umrisse des Schlosses von Villebois und die hohen Bäume des Parks, deren teilweise schon kahle Zweige und deren gelbes Laub, von dem weißschimmernden Licht überstrahlt, wie mit silbern glänzendem Schnee überdeckt schienen. Der Baron Rantow hatte mit dem Arzt die einzelnen Krankenzimmer besucht, sich überall überzeugt, daß es nirgends an der sorgfältigsten Pflege fehle, und alle Anordnungen, die für die Nacht nötig waren, getroffen, und da die Stunde, zu welcher die geselligen Salons des Schlosses sich öffneten, noch nicht gekommen war, so schritt der junge Mann, tief die frische, weiche Abendluft einatmend, in den Park hinaus, um hier mit seinen Gedanken und Gefühlen, welche seine Brust zum Zerspringen füllten, allein zu sein und zu versuchen, wie er es schon so oft und immer vergeblich getan, ob es ihm gelingen möchte, zur Klarheit zu kommen über seine Entschlüsse und seine Wünsche, – die er zu seinem Schmerz nicht zu Hoffnungen emporschwingen konnte. Es war ihm ein eigentümlich süßer Reiz, in den Gängen dieses Parks einherzugehen, in welchem jeder Stein im Kies des Weges, jeder Baum, jedes Gebüsch ihm von der schönen Hortense sprach, – hier war sie ja so oft auch einhergegangen, diese leblosen und unbeweglichen Gegenstände alle, die ihn hier umgaben, hatten sie gesehen als fröhliches, lachendes Kind, das von einem Frühling zum andern immer mehr emporblühte zur sinnenden, träumenden Jungfrau, wie er sie jetzt gefunden und wie sie sein ganzes Wesen beherrschte. Sinnend und träumend! – worüber sinnend – wovon träumend, – das hatte er sich schon oft in banger Unruhe gefragt, – und von neuem stiegen unruhige Zweifel in ihm auf; – lebte ein Gefühl in ihrem Herzen, das sie so ernst, so schmerzlich bewegte, das sie gleichgültig und unempfänglich machte für alles, was sie umgab? Hatten diese Bäume, diese Bosketts sie etwa nicht allein hier wandeln gesehen, – hatten sie ihre Stimme vernommen in leisem Geflüster, vermischt mit einer andern Stimme, hatten sie ihr so kaltes, ruhiges Auge, erglühend in zitterndem Blick, sich schüchtern erheben sehen zu einem andern Auge? – Eine Wolke legte sich vor seine Blicke, ein heißer Blutstrom schoß zu seinen Schläfen hin, hörbar in der tiefen Stille des Abends schlug das Herz in seiner Brust. Er nahm hochaufatmend die Mütze ab und preßte die kalte Hand an seine brennende Stirn. »Und wenn es wäre?« sagte er leise, – »wäre es nicht natürlich, – wäre es nicht wunderbar, wenn es anders wäre? – und was,« sprach er dann traurig, mit einem bittern Lächeln, – »was verlöre ich dabei, – ich, der ich ihr nichts, gar nichts bin, – ein Fremder, mit dem man gleichgültig zusammenlebt, – den man gleichgültig verläßt, wenn die zufällig gekreuzten Schicksalswege sich wieder voneinander wenden? – ich, – der ich gebunden bin für das Leben! – Doch diese Fessel wäre zu lösen, – wenn ich hoffen könnte, – aber –« Er schwieg und blieb einige Augenblicke in tiefen Gedanken stehen. Dann, als wolle er seinen schmerzlichen Gefühlen entrinnen, eilte er mit raschen, kräftigen Schritten auf dem breiten Weg weiter. Bald öffnete sich dieser Weg nach einem halbrunden Platz hin, der von hohen und dichten Taxushecken umgeben war. In der Mitte des Platzes erhob sich auf einer schlanken Säule eine schön gearbeitete Vase von Marmor, aus welcher dunkelgrüne Ranken von Efeu lang herabfielen. Am Fuß der Säule befand sich ein großes, etwas erhöhtes Blumenbeet, welches in sorgfältiger Auswahl noch mit späten Herbstblumen geschmückt war, – gegenüber an der Taxuswand, hinter welcher die Kronen mächtiger Eichen zum Himmel aufstiegen, stand eine breite und bequeme Bank von Gußeisen, und mit einem leichten Ausruf des Erstaunens erblickte der Baron von Rantow auf dieser Bank, in einen weiten schwarzen Schal eingehüllt, Fräulein von Villebois. Die junge Dame war halb liegend gegen die hohe, geschwungene Rücklehne zurückgesunken, ein schwarzes Spitzentuch war halb von ihrem Kopf herabgefallen und umgab, wie ein dunkler Grund, das Bild dieses schönen, zarten Gesichts, welches im vollen, glänzenden Mondlicht weiß wie die vom Efeu umrankte Marmorvase erschien. Die Augen waren geschlossen, wie geblendet vom hellen Mondstrahl, und auf dem Gesicht der jungen Dame lag nicht die gewöhnliche gleichgültige Kälte, – ein Schimmer von Glück und Freude strahlte von den lieblichen Zügen, und ein weiches, süßes Lächeln öffnete die sonst so streng geschlossenen Lippen des feinen Mundes. Der Baron blieb am Eingang des Platzes betroffen stehen und blickte auf dieses Bild hin, das so unerwartet ihm sich zeigte und in der eigentümlichen Mondscheinbeleuchtung von feenhaftem Zauber umgeben erschien. Einige Augenblicke stand er so, in den Anblick des jungen Mädchens verloren, – dann trat er schnell mit festen Schritten, um ein Zeichen seiner Anwesenheit zu geben, in den von den Taxushecken umschlossenen Raum. Obgleich der Kies unter seinen Füßen laut knirschte, machte Fräulein von Villebois keine Bewegung, – schlug auch die Augen nicht auf, – nur schien ihr Kopf in fast unmerkbarer Wendung sich dem Baron entgegenzuneigen, und das Lächeln auf ihren Lippen wurde noch süßer, noch weicher und schien dem Nahenden einen Gruß zu senden. In zögernder Verlegenheit war Herr von Rantow vor ihr stehen geblieben. »Mein Gott, – mein Fräulein, – Sie hier!« sagte er, voll Verwunderung diese schöne, unbewegliche Gestalt vor sich betrachtend, – »ich bedaure, Ihre Einsamkeit zu stören, – aber«, fuhr er, mit Besorgnis zu ihr herabblickend, fort, – »sollte die kühle Abendluft Ihrer Gesundheit nicht schaden?« »Ich bin gesund und glücklich,« sagte Fräulein von Villebois mit einer so weichen, hingebungsvolle Liebe atmenden Stimme, wie er sie noch nie von ihr gehört, – »ich bin gesund und glücklich, wenn du bei mir bist, mein teurer Freund, – ich sah dich kommen, – und meine ganze Seele flog dir entgegen! – Gib mir deine Hand,« fuhr sie fort, »damit ich die heilsamen Strahlen aufsauge, die von dir ausströmen, und die mir wonnevolles Glück und gesunde Kraft bringen.« Der Baron stand starr in tiefster Bestürzung vor ihr. Es zog wie eine goldene Wolke vor seinen Blicken hin, – er fand keine Erklärung für diese so unerwartete Anrede, und doch machte ihn dieselbe unendlich glücklich, denn er hörte ja aus diesem geliebten Munde so süße, berauschende Worte, wie er sie zu hoffen und zu träumen nicht gewagt. Er blickte zu der glänzenden Mondscheibe, zu den dunklen Wipfeln der Bäume empor, – er atmete tief die reine, kühle Luft ein, um sich zu überzeugen, daß nicht alles ein Traum sei. »So gib mir deine Hand,« sagte Fräulein Hortense mit ungeduldigem Ton, – »ich dürste darnach, den Strom des Lichtes und der Kraft zu trinken, der von dir ausströmt!« Herr von Rantow beugte sich zu ihr herab und ergriff ihre Hand, welche unbeweglich auf ihrem Schoß lag. Ihre Finger schlossen sich eng um die seinigen, – ein leises Zucken flog durch ihren Körper, eine glückselige Verklärung erschien auf ihrem Gesicht. »O, welches Glück, – welche Wonne!« hauchte sie mit tiefen, vollen Atemzügen, – »wie strömt das Licht, die Wärme, die Kraft durch mein ganzes Wesen, – ich sehe das Herz in deiner Brust wie eine leuchtende Sonne, – ihre Strahlen durchdringen mich, – sie flammen in mein Herz hinein, – sie werden dies schwache, kranke, leidende Herz genesen machen, – o, verlaß mich nicht, mein Freund, – lege die andere Hand auf meine Stirn und denke daran, daß du mir helfen, – daß du mich heilen willst, – du wirst es tun,« sagte sie mit einem Ton kindlich treuherziger Zuversicht, – »denn du liebst mich, – o, ich weiß es, – du liebst mich!« Der Baron war keines klaren Gedankens fähig, – seine Begriffe verwirrten sich, – er fand sich einer Märchenwelt gegenüber, und ein Gefühl unendlichen, unerklärbaren Glückes war das einzige, was er empfand. Mechanisch gehorchte er den Worten des jungen Mädchens und legte seine Hand auf ihre Stirn. Abermals fühlte er das leise Zucken ihres Körpers. Sie blieb einige Augenblicke stumm, wie unter dem Eindruck eines überwältigenden Wohlgefühls. »Verzeih' mir, mein teurer Freund,« sagte sie dann, indem sich ihre Hand noch fester um die seine schloß, – »verzeih' mir, wenn ich kalt und fremd gegen dich bin, – ich bin krank, – alles Leben, alle Wärme, alle Liebe ist tief in mein Herz zurückgezogen, dort schläft der edelste, der beste Teil meines Wesens, – und ich lebe ein Traumleben, ein kaltes, starres Leben, das ich selbst nicht verstehe und das niemand versteht, – die Ärzte geben mir ihre Mittel, aber diese Mittel gleiten ab an der Erstarrung meines innern Lebens, – nur der weiche, klare Strahl des reinen, sanften Lichtes, das jetzt auf mich herabscheint, hat die Macht, diese innere Erstarrung zu lösen und das gefesselte Leben in meinem Herzen zu erwecken, – dann aber versinken die äußeren Sinne in Schlaf, – und so bleibe ich immer getrennt von der Welt, die mich umgibt, und die ich doch so gern erfassen möchte mit meinem innern Leben.« »Du allein,« fuhr sie fort, während der Baron, berauscht von Glück, an ihren Lippen hing und jedes ihrer Worte verschlang, – »du allein, mein teurer Freund, hast die gleiche Kraft in dir, wie jenes reine Gestirn dort oben, – du hast die Kraft, durch deine Berührung die geschlossene Blume meines tiefinnersten Lebens zu öffnen, – und deine Kraft ist größer und höher noch, – denn sie kann – sie wird es bewirken, daß das äußere und innere Leben sich ausgleicht, – daß alles, was jetzt verborgen in mir lebt und webt, heraustreten wird, um sich der Welt sichtbar zu machen, um mich wieder warm und glücklich zu verbinden mit allem Schönen, Lieben und Guten, das mich umgibt, – du wirst dem Sonnenlicht wieder den Weg öffnen zu meinem kranken, schlummernden und träumenden Herzen! Nicht wahr, mein Freund, du willst, – Du wirst mir helfen?« fragte sie mit ängstlich demütigem Ausdruck. Bei Gott!« rief er, kaum seiner selbst mächtig, – »bei Gott, mit dem letzten Tropfen meines Blutes, – aber wie, – was kann ich tun?« »Du wirst täglich wie heute, mein teurer Freund,« erwiderte sie, »deine Hand in die meine legen und meine Stirn berühren, damit der Lebensstrom mich durchdringe und heile, – wenn du zu mir kommst und ich mich auflehne gegen deine Herrschaft über mein inneres Leben, dann strecke die Spitzen deiner Finger in dem festen Willen, mir zu helfen, gegen mein Herz aus, und der Widerstand meiner kranken Nerven wird sich deinem Willen beugen, – täglich eine halbe Stunde, – nicht länger, laß mich das Licht und die Kraft trinken, die dir entströmt, – und in kurzer Zeit wird die Harmonie in meinem Wesen wiederhergestellt sein, – die Blume, die tief verborgen in meinem Herzen schläft, wird sich erschließen. – Wirst du mir beistehen, mein Freund?« fragte sie innig, – wirst du die Blüte erwecken, damit sie dir ihren Duft sende? – Versprichst du mir zu tun, was ich von dir erbitte?« Herr von Rantow sank auf die Knie nieder, drückte die Hand des jungen Mädchens in glühendem Kuß an seine Lippen und rief: »Alles, alles will ich tun, – befiehl über mich, – mein Leben gehört dir, meine einzig Geliebte, – meine süße, angebetete Hortense –« »Hortense«, flüsterte sie, leise zusammenzuckend, und ihr Gesicht nahm einen Ausdruck an, als horche sie auf einen fernen, weit, weit herüberdringenden Ton. Dann verschwand das weiche, glückselige Lächeln von ihren Lippen, ihre Züge wurden allmählich ernst und kalt, wie sie es gewöhnlich waren, – sie entzog ihre Hand dem Baron, der ganz erschrocken und bestürzt die Veränderung auf ihrem Gesicht bemerkte, – hob ihre Hand empor, strich über ihre Stirn und bedeckte einen Augenblick ihre Augen. Dann hob sie langsam den Kopf von der Lehne der Bank empor und schlug die Augen auf. Voll tiefen, grenzenlosen Erstaunens fiel ihr erster Blick auf den vor ihr knienden jungen Mann, dessen Gesicht noch in glühender Erregung flammte. Rasch stand sie auf. Ein Blitz des Unwillens zuckte aus ihrem Auge auf Herrn von Rantow herab, – ein kaltes, höhnisches Lächeln kräuselte ihre Lippen, – kaum wäre es möglich gewesen, in diesen Zügen das weiche, liebeatmende Bild wiederzuerkennen, das der junge Mann noch wenige Augenblicke früher vor sich gesehen hatte. »Wie kommen Sie hierher, Herr Baron?« fragte sie mit eisiger, schneidender Kälte, – – »ich hatte einen kleinen Gang bei dem schönen Mondscheinabend gemacht, – hier an meinem Lieblingsplatz, wo ich oft in früheren Tagen gesessen, hatte mich ein leichter Schlummer überrascht, – und Sie, – mein Herr, – wie kommt es, daß ich Sie bei meinem Erwachen hier – vor mir finde?« Der Baron blieb einen Augenblick sprachlos dieser so plötzlichen und schroffen Veränderung gegenüber. Er erhob sich und sagte mit unsicherer Stimme: »Ich kam zufällig hierher, mein Fräulein, – ich fand Sie schlafend auf diesem Platz, – ich befürchtete eine Ohnmacht, – die kalte Nachtluft, – ich wollte versuchen, Ihnen beizustehen –« »Ich werde nicht so leicht ohnmächtig, mein Herr,« sagte sie kurz und trocken, – »die Nachtluft tut mir wohl, – lassen Sie uns zurückkehren.« Sie schritt, ohne ihn weiter anzublicken, auf dem Wege nach dem Schloß hin. Der Baron ging neben ihr, von den widersprechendsten Gefühlen bewegt. Er war tief niedergeschlagen bei dem Gedanken, daß all das süße Glück, das ihn soeben noch erfüllt, nur die Täuschung eines krankhaften Traumes gewesen sein sollte; – doch hatte sie ihm ja auch gesagt, daß das, was heute noch Traum war, bald Wirklichkeit werden würde, – und mit hoffnungsvoller Ungeduld schlug sein Herz der Zukunft entgegen, die ihm dies wunderbare Rätsel lösen sollte. Schweigend kehrten sie zum Schloß zurück, und bald versammelte sich der gewöhnliche Abendzirkel in den Salons. Fräulein von Villebois war heute noch kälter und ernster als gewöhnlich, und in den Antworten, die sie, wenn es notwendig war, dem Baron gab, lag eine stolze, fast hochmütige Strenge, ohne daß die äußere Form der Höflichkeit verletzt wurde. Zuweilen blickte sie in tiefem Sinnen vor sich nieder, als suche sie eine Erinnerung, ein fernhin verschwindendes Bild zu fassen und zu halten, – und mit einer gewissen Anstrengung riß sie sich aus diesem träumenden Grübeln heraus, wenn eine an sie gerichtete Bemerkung sie zwang, an der Konversation teilzunehmen. Früher als sonst ging man auseinander, und lange noch lag der Baron von Rantow in seinem Fenster, in den hellen Mondschein hinausblickend und zuweilen die Augen schließend, damit vor seinem innern Blick jenes holdselig lächelnde Angesicht voll Liebe und Hingebung wiedererscheinen möge, das seine Seele mit so berauschendem Glück und so seliger Hoffnung erfüllt hatte. Fünfzehntes Kapitel Etwa zwölf Meilen von London liegt das freundliche, wohlhabende Dorf Chislehurst in der Nähe von Bromley in der Grafschaft Kent. Bei diesem Dorf erhebt sich, umgeben von einem schattigen Park voll uralter hoher Bäume, ein kleines Landhaus, bestehend aus einem zweistöckigen Mittelbau mit hohem Parterre und zwei daran stoßenden Seitenflügeln. Dies Haus, welches man in vielen Gegenden Deutschlands ein Schloß nennen würde, welches aber unter den Landsitzen der englischen Aristokratie nur einen unscheinbaren und bescheidenen Rang einnimmt, macht den Eindruck tiefer, abgeschlossener Ruhe und einfachen, eleganten Komforts. Nach der Gartenseite zu, wo sich nach englischer Sitte ein schön gehaltener Rasenplatz ausdehnt, sieht man einen Balkon über dem großen Mittelfenster des ersten Stocks, und darüber in der Höhe der Fenster des zweiten Stockwerks ist in einem steinernen Viereck, von allegorischen Figuren umgeben, eine große Uhr angebracht, welche in gleichmäßiger Ruhe die Stunden anzeigt, die hier in der einsamen Zurückgezogenheit so still und friedlich dahinrollen, während sie draußen im seinen Geräusch der Welt so viele tief erschütternde Ereignisse in ihrem Schoße bergen. Wie in England jeder vornehme Landsitz seinen Namen hat, so hieß dies Haus Camden Place, nach dem englischen Geschichtsschreiber William Camden, welcher hier in stiller, abgeschlossener Ruhe sein Leben beschloß und seine »Annalen der Regierung der Königin Elisabeth« schrieb. In diesen friedlichen Sitz des gelehrten Forschers war die Kaiserin Eugenie eingezogen, müde, den nach Hastings strömenden Neugierigen das Schauspiel einer gefallenen Größe zu bieten, und begierig, sich in tiefer Abgeschlossenheit von den erschütternden Bewegungen der letzten Zeit zu erholen. An einem Nachmittag, als die herbstliche Sonne bereits von der Höhe ihrer Bahn herabsank, ging ein schlanker, kräftiger Mann von etwa fünfundvierzig Jahren, in einen dunklen Zivilanzug gekleidet, am Rande des Rasenplatzes vor der Villa in unruhiger Bewegung, zuweilen schnell abgerissene Worte vor sich hin murmelnd und die Hände in raschen, nervösen Gestikulationen bewegend, auf und nieder. Das kräftige, gebräunte Gesicht dieses Mannes mit schönen, regelmäßigen Zügen, einem kurzen, schwarzen, militärischen Bart und dunklen, kühn blickenden Augen zuckte in fieberhafter Aufregung, und er blickte zuweilen mit dem Ausdruck der Ungeduld nach der Tür des Hauses. Nachdem er etwa zehn Minuten auf und nieder gegangen war, trat Madame Lebreton, die Vertraute der Kaiserin Eugenie, aus der Tür des Landhauses, und kaum hatte jener Mann sie erblickt, als er mit raschen Schritten ihr entgegeneilte, ihre Hand ergriff und mit unruhiger Hast zu ihr sprach: »Es ist für mich ganz unmöglich, meine Schwester, länger hier zu warten. Meine militärische Ehre steht auf dem Spiel, ich habe meinen Posten verlassen, und wenn meine Sendung kein Resultat hat, wenn nicht unmittelbar der Friede geschlossen wird, so wird ein unauslöschlicher Flecken auf meinem Namen haften. Diese Unpäßlichkeit der Kaiserin ist verhängnisvoll. Ich bitte dich, zu Ihrer Majestät zu eilen und ihr zu sagen, daß sie einen Entschluß fassen müsse, daß sie mir Instruktionen erteilen müsse, denn so gern ich mich zu ihrer Verfügung gestellt habe, so eifrig ich ihr meine Kräfte zu widmen bereit bin, so geht mir doch die dienstliche Pflicht des Soldaten über alles. Und wenn Ihre Majestät mich nicht entläßt, wenn sie nicht ihren Entschluß faßt, so muß ich morgen nach Metz zurückkehren, wohin die Pflicht und die Ehre mich ruft, – und das ich niemals hätte verlassen sollen,« fügte er düster hinzu. »Gedulde dich ein wenig, mein Bruder,« sagte Madame Lebreton, »Ihre Majestät befindet sich besser und wird dich in kurzer Zeit empfangen können, um dir ihre Entschließungen mitzuteilen. Ich fürchte,« fuhr sie mit traurigem Ton fort, »daß diese Entschließungen nicht im Sinne der Idee des Herrn Regnier ausfallen werden, welche ja der Marschall Bazaine ebenfalls billigt. Die Kaiserin scheint zu dem Entschluß gekommen zu sein, sich von jeder Teilnahme an den Ereignissen auf das sorgfältigste fernzuhalten, und sie wird kaum zu bestimmen sein, dir eine Instruktion oder einen direkten Befehl an den Marschall Bazaine mitzugeben. – Etwas anderes wäre es, wenn der Marschall die Verantwortung des selbständigen Handelns übernehmen würde; – wenn er es erreichen könnte, im Namen des Kaisers zu kapitulieren und die Armee zu retten, so wäre damit eine Grundlage für den Frieden gebildet, und es würde dann Ihre Majestät, wie ich glaube, durch die Ereignisse selbst gezwungen werden, auf Grund der Vollmacht der Regentschaft, welche noch nicht erloschen ist und welche ja die Preußen als die einzige legale Regierung in Frankreich anerkennen, zu handeln. Wenn du den Marschall bestimmen kannst, mein Bruder, den Gang der Dinge zu diesem Ziele zu führen, so wirst du Frankreich einen großen Dienst leisten. Und ich glaube,« fügte sie hinzu, »daß auch die Kaiserin dir Dank wissen wird.« »O, wieviel hätte sich tun lassen,« rief ihr Bruder, »wenn ich sogleich mit einer solchen Erklärung hätte zurückkehren können! Welche Zeit ist verloren!« Ein Lakai öffnete die beiden Flügel der Haustür, und die Kaiserin Eugenie, auf den Arm des kaiserlichen Prinzen gestützt, trat in den Garten. Die Kaiserin war schwarz gekleidet und hatte ein schwarzes Spitzentuch nach spanischer Weise um den Kopf geschlungen. Ihre etwas bleichen und abgespannten Gesichtszüge trugen den Ausdruck ruhiger, ergebener Resignation. Der kaiserliche Prinz trug einen ganz gleichfarbigen grauen Zivilanzug. Seine Haltung war etwas gebückt und unsicher, sein bleiches, eingefallenes Gesicht und seine tiefliegenden großen Augen zeigten die Spuren erschöpfender geistiger und körperlicher Leiden. Die Kaiserin trat zu Madame Lebreton heran, reichte dem Bruder derselben die Hand und sagte voll Freundlichkeit, aber ohne das ihr sonst eigentümliche liebenswürdige und verbindliche Lächeln: »Ich bedaure, mein lieber General Bourbaki, daß ich einige Tage verhindert war, Sie zu sehen und Ihnen meinen Entschluß über die Botschaft, die Sie mir gebracht haben, mitzuteilen. Sie sind ein treuer Freund unseres Hauses,« fuhr sie fort, während der Prinz den General ebenfalls mit herzlichem Händedruck begrüßte, »Ihnen kann ich daher sagen, daß ich während des Unwohlseins, an das man hier glaubte, eine etwas kühne und abenteuerliche Reise gemacht habe, – eine Reise nach Wilhelmshöhe,« sagte sie seufzend, – »ich habe nicht früher davon sprechen wollen, als ich bis hierher wieder zurückgekehrt bin, auch zu Ihnen nicht, – um uns hören die Wände, die Bäume, die Luft –« »In Wilhelmshöhe? Mein Gott!« rief der General, »Eure Majestät waren in Wilhelmshöhe? Und wie trägt der Kaiser das ungeheure, das betäubende Unglück, an dessen Wahrheit kaum zu glauben möglich ist?« Die Kaiserin zuckte die Achseln. »Er trägt es mit dem Gleichmut, – der Gleichgültigkeit jener Philosophen des Altertums, von denen man mir gesprochen hat –« »Der Stoiker,« fiel der Prinz ein. Die Kaiserin nickte. »Für ihn ist der Vorhang gefallen,« fuhr sie dann fort, »das Stück beendet, – sein Leben gehört der Vergangenheit an.« »Traurig,« rief der General, »traurig, wenn er den Mut verliert –« »Nicht den Mut,« fiel die Kaiserin ein, – »aber den Glauben. Er will nicht handeln, er will warten und nichts anderes tun, als die Zukunft des Prinzen vorbereiten.« »So ist denn auch die letzte Hoffnung verloren!« rief der General, »und alles wird zusammenbrechen! Auf die Armee von Metz gestützt, hätte der Kaiser noch einmal das Heft der Ereignisse in die Hand nehmen können –« »Und vielleicht,« sagte die Kaiserin mit Betonung, »könnte es noch möglich sein, ihm dies Heft in die Hand zu legen ; – wenn der Marschall Bazaine zu handeln entschlossen ist, wenn er imstande wäre, eine kaiserliche Armee aus Metz herauszuführen – – –« »So würden Eure Majestät mir in diesem Sinne Instruktionen erteilen?« fragte Bourbaki rasch. »Das kann ich nicht, mein lieber General,« sagte die Kaiserin, »das darf ich nicht, – das würde des Kaisers bestimmtem Willen widersprechen. In solcher Lage,« fuhr sie fort, »als diejenige ist, in welcher der Marschall sich befindet, muß man auch ohne Instruktionen zu handeln wissen. Die vollendete Tatsache hat eine große Macht in der Welt, und auch der Kaiser hat ja diese Macht stets anerkannt. Wir werden noch weiter darüber sprechen,« sagte sie, »ich erwarte Sie demnächst in meinem Kabinett und will nur einen Gang durch den Park machen, um mich ein wenig zu erfrischen.« Sie neigte leicht das Haupt und wendete sich mit dem Prinzen den Alleen des Parks zu. »Dann wäre es ja besser gewesen,« sagte der General Bourbaki, »wenn ich gleich selbst nach Wilhelmshöhe gegangen wäre. Jetzt ist nur Zeit verloren, – das Kostbarste, was wir besitzen. Wenigstens wird diese Untätigkeit ein Ende haben, und wenn meine diplomatische Mission keinen Erfolg hat, so werde ich wenigstens meine militärische Pflicht erfüllen können.« Ein kaiserlicher Lakai trat zu Madame Lebreton und brachte ihr in einer schwarzen Mappe die soeben von der Station abgeholten Briefe und Zeitungen. Madame Lebreton musterte flüchtig die Briefe und griff dann nach der Indépendance belge, um die in jener Zeit so bedeutungsvollen und für diesen kleinen Hof der geflüchteten Kaiserin so ganz besonders interessanten neuesten Nachrichten zu lesen. »O, mein Gott, rief sie, nachdem sie einige Zeilen durchflogen, ein neuer schmerzlicher Schlag: Straßburg ist gefallen!« »Es war unmöglich, den Platz länger zu halten,« sagte General Bourbaki, »der tapfere Uhrich hat getan, was möglich war. Er hat die Ehre gerettet, – Straßburg ist früher auch schon genommen worden, – aber Metz! Metz! Es wäre entsetzlich, wenn man keinen Weg fände, um uns diese Schmach zu ersparen.« »O«, rief Madame Lebreton freudig, »da ist eine gute Nachricht von Metz, Bazaine hat einen Ausfall gemacht!« Bourbaki trat heran, mit glühenden Blicken hing er an den Lippen seiner Schwester. »Er ist zwar zurückgeschlagen worden, aber die Berichte der Preußen gestehen selbst, daß er ihnen vielen Schaden zugefügt hat, die Garden haben sich mit unglaublicher Bravour geschlagen!« »Die Garden?!« rief Bourbaki mit einem wilden Aufschrei, – » mein Korps ist im Feuer gewesen ohne mich, – und Bazaine hat mir doch fest versprochen, daß er die Garden nicht gegen den Feind senden wolle, solange ich abwesend sei!« Er drückte beide Hände vor die Stirn, als wolle er seine wild durcheinanderwogenden Gedanken gewaltsam ordnen. »Aber das kommt,« rief er dann flammenden Blickes mit bebenden Lippen, – »das kommt von dieser unverantwortlichen Verzögerung meines Aufenthalts hier, der nun doch zu keinem Ziel geführt hat. Das kommt davon, wenn ein Soldat seinen Posten verläßt und sich in Dinge mischt, die seiner Pflicht und seinem Beruf fernliegen, – mein Korps ohne mich im Feuer gewesen!« rief er laut in schneidendem Ton. »Ich bin entehrt, ich bin gebrandmarkt für immer, – wie soll ich vor meinen Soldaten erscheinen, die dem Feind gegenüber vergebens nach ihrem General gefragt haben? Genug dieses unwürdigen Intrigenspiels,« rief er mit wild rollenden Blicken. »Sie mögen es weiterführen lassen, von wem sie wollen, ich habe nur einen Leitstern, von dem nun nichts mehr mich entfernen soll! – Nicht bis morgen, nicht bis zur nächsten Stunde, nicht einen Augenblick länger werde ich hier bleiben. Jede verlorene Minute kann es unmöglich machen, mit meinem Leben meine verlorene Ehre zurückzukaufen. Lebe wohl, meine Schwester, ich gehe.« Er schloß Madame Lebreton in seine Arme, küßte sie auf die Wangen und wandte sich hastigen Schrittes dem Hause zu. »Mein Bruder,« rief Madame Lebreton, »mein Bruder, ich bitte dich, – höre mich an, – die Kaiserin –« Bourbaki wandte sich um. Sein Gesicht zuckte vor Schmerz und Verzweiflung. »Die Kaiserin?« rief er mit rauher Stimme, – »ich habe nur noch eine Herrin auf Erden: das ist die Fahne meines Korps, die Fahne, an der meine militärische Ehre hängt, – ich habe nur noch eine Pflicht zu erfüllen, das ist: unter dieser Fahne zu fallen, – und nichts in der Welt wird mich von der Erfüllung dieser Pflicht zurückhalten.« Er wendete sich rasch, und ohne auf den nochmaligen Ruf seiner Schwester zu hören, eilte er in das Haus. Madame Lebreton ging ganz erschrocken in den Park, um die Kaiserin aufzusuchen. Noch bevor sie mit derselben zurückkehrte, fuhr der General Bourbaki, der in höchster Eile die notwendigsten Sachen in einen kleinen Reisekoffer gepackt hatte, in einem offenen Wagen, den er, selbst antreibend und mit Hand anlegend, anspannen ließ, der Eisenbahnstation zu. Als die Kaiserin mit dem Prinzen und Madame Lebreton in das Haus zurückkehrte, wurde ihr gemeldet, daß der General bereits abgereist sei. »Welch eine Übereilung, welch ein Starrsinn!« rief Madame Lebreton. Die Kaiserin blickte nachdenkend vor sich nieder. »Vielleicht ist es besser so,« sagte sie, »ich bin jetzt jeder Äußerung, jeder Einwirkung überhoben, – ich hätte meine Worte so sorgfältig und vorsichtig wählen können wie möglich, immer würde man mich doch für das verantwortlich gemacht haben, was geschehen wäre, – es ist besser so! – Will der Himmel uns beistehen, so wird es geschehen, auch ohne daß wir unmittelbar Hand anlegen. – Vielleicht war dies des Kaisers Sinn und Meinung,« flüsterte sie leise, indem sie, immer auf den Arm ihres Sohnes gestützt, nach ihrem Zimmer sich begab. Kaum war sie dort angelangt, als der Kammerdiener der Kaiserin Madame Lebreton leise eine Meldung machte. »Was gibt es?« fragte die Kaiserin, welche sich erschöpft in einen Lehnstuhl niedergelassen hatte. »Herr Regnier ist angekommen und wünscht mich zu sprechen. Befehlen Eure Majestät, daß ich ihn empfange?« »Mein Gott,« rief die Kaiserin, »hört denn diese Sache niemals auf? Kaum ist Bourbaki fort, so erscheint dieser merkwürdige Mann wieder, den wir nie gesehen und der mit fanatischem Eifer uns seine Hilfe bringen will. Es scheint, als ob das Ende dieses Fadens, so oft wir es aus der Hand lassen, sich uns immer wieder darbieten wolle! – Wollte man abergläubisch sein, so könnte man wirklich hier einen Wink des Schicksals vermuten. Jedenfalls hören Sie ihn an,« sagte sie, zu Madame Lebreton gewendet, – »und du, mein lieber Louis, habe die Güte, mir Herrn Chevreau zu senden. Er ist ein kalter und klarer Mann, ich wünsche, daß auch er diesen Herrn Regnier sprechen und prüfen möge.« Madame Lebreton begab sich in den Empfangssalon des Hauses, und wenige Augenblicke darauf wurde Herr Regnier zu ihr eingeführt. Er war unverändert in seinem grauen Anzug, mit dem grauen toupierten Haar, und nur seine früher so frische und blühende Gesichtsfarbe zeigte die Blässe, welche Aufregung und Anstrengung hervorrufen, so daß seine ganze Erscheinung durch ihre gleichmäßige Farbenschattierung fast den Ausdruck eines jener alten Kupferstichporträts machte, in welchen nur der Blick der scharf gezeichneten Augen lebendig aus den grauen Umrissen hervortritt. »Wo ist der General Bourbaki?« rief Herr Regnier eifrig, nachdem er Madame Lebreton stumm begrüßt hatte, – »er hat einen großen Fehler begangen, er hat sein Inkognito nicht bewahrt, alle Welt weiß, daß er hier ist, damit kann alles verdorben werden, – die Wachsamkeit der feindlichen Parteien in Frankreich wird erregt, überall wird die Agitation gegen unsern Plan ins Leben gerufen!« »Der General ist abgereist, um nach Metz zurückzukehren.« »So hat er Aufträge von Ihrer Majestät erhalten?« fragte Herr Regnier, – »so wird Bazaine die Friedensunterhandlungen beginnen?« »Ihre Majestät hat dem General keinen Auftrag gegeben,« erwiderte Madame Lebreton. »Keinen Auftrag?« rief Herr Regnier. »So soll also der Marschall Bazaine, welcher so bereit, so entschlossen war zu handeln, untätig bleiben und die Dynastie dem Untergang, Frankreich dem Ruin verfallen?« »Ich glaube nicht,« sagte Madame Lebreton etwas zögernd, »daß Ihre Majestät die Kaiserin sich wird entschließen können, aus ihrer Reserve herauszutreten. Der Rat aller treuen Freunde Ihrer Majestät geht dahin, sich vollständig zurückzuhalten, und die Kaiserin, welche Ihren Eifer gewiß dankbar anerkennt, glaubt demnach nicht, daß jetzt der Augenblick zum erfolgreichen Handeln gekommen sei.« »Und wann, ich bitte Sie um Gottes willen, Madame,« rief Herr Regnier, »wann sollte dieser Augenblick denn eintreten? Die Geschichte schreitet heute schnell vorwärts, und wenn Metz gefallen sein wird, wie Straßburg schon gefallen ist, so wird das Kaiserreich für immer vergessen sein, und Frankreich wird auf lange Jahre dem Elend und der Anarchie verfallen. Ich bitte Sie, Madame, gehen Sie noch einmal zur Kaiserin und beschwören Sie dieselbe im Namen des Kaisers, im Namen ihres Sohnes, im Namen Frankreichs, mich wenigstens anzuhören, bevor sie ihren letzten Entschluß faßt.« »In der Tat, mein Herr,« sagte Madame Lebreton, »ich weiß kaum, was ich zu dieser ganzen Sache sagen soll, – mein Gefühl steht auf Ihrer Seite, ich wünsche so sehr, daß etwas geschehen könnte, um all dieses Unglück wieder gutzumachen, und doch kann ich kaum wagen, Ihre Majestät von neuem zu bestürmen. Indes«, sagte sie nach einem augenblicklichen Besinnen, »ich werde der Kaiserin Ihre Bitte aussprechen, – sie mag dann entscheiden.« Sie ging hinaus, und kurze Zeit darauf trat ein schwarz gekleideter Herr von fester, etwas gedrungener Gestalt, in strammer, sicherer Haltung in das Zimmer. Sein kurzes Haar und sein ebenfalls fast ganz kurz geschnittener Vollbart waren grau gemischt. Die starken Augenbrauen wuchsen an der Wurzel der kräftigen, nach hinten etwas gekrümmten Nase zusammen, und die dunklen Pupillen blickten scharf und etwas stechend aus dem weißen Rund seiner Augen hervor. »Ich bin der Staatsminister Chevreau,« sagte der Eingetretene mit leichter Verbeugung, indem er Herrn Regnier forschend musterte, »Ihre Majestät die Kaiserin hat mich beauftragt, Ihnen mitzuteilen, daß sie nicht imstande sei, in dem von Ihnen gewünschten Sinne Aufträge an den Marschall Bazaine ergehen zu lassen. Ihre Majestät glaubt darin vollständig mit den Intentionen des Kaisers übereinzustimmen, welcher nach der Schlacht von Sedan, als der Augenblick ja vielleicht noch günstiger war und noch bessere Bedingungen hätten zu erreichen sein können, von allen Friedensverhandlungen Abstand genommen hat.« Herr Regnier blickte finster zur Erde. Er schien erschöpft und unfähig, den Kampf gegen die sich stets von neuem vor ihm auftürmenden Schwierigkeiten weiter fortzusetzen. Herr Chevreau betrachtete ihn einige Augenblicke nicht ohne Teilnahme und sprach dann, als Herr Regnier in seinem finstern Schweigen verharrte: »Ich möchte indes nicht, mein Herr, daß irgendein Mittel unversucht bliebe, um das Kaiserreich aus dieser schweren Katastrophe zu erretten. Ich würde Ihnen den Rat geben, ein Exposé über Ihre Idee und die Wege zu ihrer Ausführung, verstärkt mit allen Belegstücken, die Sie besitzen, Herrn Rouher zu geben, der sich in London befindet. – Herr Rouher hat einen großen Einfluß auf die Kaiserin, und sie legt mit Recht auf seine Ansichten einen hohen Wert, da sie weiß, daß auch der Kaiser eine ganz besondere Achtung vor den Erfahrungen und den Meinungen dieses erprobten Staatsmannes und langjährigen treuen Dieners hegt. Wenn Herr Rouher nach einer genauen Prüfung der Sache sich veranlaßt fühlen würde, Ihrer Majestät ein Eingehen auf Ihren Vorschlag anzuraten, so bin ich überzeugt, daß die Kaiserin diesen Rat befolgen würde.« Herr Regnier zuckte die Achseln und brach in ein bitteres Hohnlachen aus, so daß der Minister Chevreau ihn ganz befremdet ansah. »Ich bitte Eure Exzellenz um Verzeihung,« sagte Herr Regnier, »daß ich meinem Gefühl einen vielleicht nicht ganz angemessenen Ausdruck gegeben habe, – aber muß es mir nicht wie eine Ironie erscheinen, daß Sie mich jetzt, nachdem eine lange Zeit verloren ist, während die Möglichkeit des Handelns vielleicht nur noch nach Tagen gemessen werden kann, auf eine lange Negoziation mit Herrn Rouher verweisen, welche abermals viele Tage in Anspruch nehmen kann und vielleicht beendet sein möchte, nachdem die Kapitulation von Metz vollzogen oder der Waffenstillstand mit Herrn Jules Favre abgeschlossen sein wird?« Herr Chevreau antwortete nicht, er schien von den Bemerkungen des Herrn Regnier betroffen zu sein. »Und dann,« fuhr Herr Regnier fort, – »Sie sprechen von Belegstücken, ich habe alle meine Papiere dem General Bourbaki übergeben, welcher im strengsten Geheimnis als Herr Regnier hier erscheinen sollte, und welcher sich doch schon in Brüssel vor aller Welt unter seinem wahren Namen zu erkennen gegeben hat. Ich würde also nicht imstande sein, Herrn Rouher die Belegstücke, die ich besitze, vorzulegen, und müßte Sie zuvor bitten, mir jene Papiere, die ich dem General Bourbaki übergeben habe, wieder zu verschaffen.« »Diese Papiere«, erwiderte Herr Chevreau, »sind von dem General Ihrer Majestät der Kaiserin übergeben, und ich werde nicht ermangeln, sie Ihnen auf der Stelle nach London zu senden, – Ihre Adresse ist Madame Lebreton bekannt?« »Jawohl, mein Herr,« sagte Herr Regnier, indem er seinen Hut ergriff und denselben in zorniger Erregung zusammendrückte. »Ich werde also die Zurücksendung meiner Papiere erwarten, – doch kann ich Ihnen nicht mit Bestimmtheit sagen, daß ich die von Ihnen gewünschte Unterhandlung mit Herrn Rouher beginnen werde. Alle diejenigen,« fügte er hinzu, indem er sich zur Tür wendete, »welche heute die Kaiserin vom Handeln zurückhalten, mögen der Geschichte gegenüber die Verantwortung dafür übernehmen. Ich habe getan, was ein einzelner Mann aus uneigennütziger Hingebung gegen die Dynastie und aus Liebe für das Vaterland zu tun imstande ist, – aber mit tiefem Schmerz muß ich es sagen, ich habe Verständnis für meinen Gedanken nur bei unseren Feinden gefunden. Mit einer kurzen Verbeugung wendete er sich um und verließ das Zimmer. Herr Chevreau machte eine Bewegung, als wolle er ihm nacheilen, dann aber hielt er an und begab sich schnell in das Zimmer der Kaiserin zurück. Herr Regnier gab einem auf dem Vestibüle stehenden Lakaien auf, Madame Lebreton zu benachrichtigen, daß er sich von ihr zu verabschieden wünsche, und trat dann vor die Tür in den bereits durch die Dunkelheit des Abends beschatteten Garten, wo er mit großen Schritten auf und nieder ging. Nach etwa fünf Minuten trat Herr Fillion, der Erzieher des kaiserlichen Prinzen; aus dem Hause und ersuchte ihn, noch einmal zurückzukehren. Herr Regnier folgte ihm und wurde in einen kleinen Salon geführt, der durch eine Lampe mit dunkelblauer Kuppel nur matt erleuchtet war. Neben einem runden Tisch in der Mitte des Zimmers stand Herr Chevreau; Herr Fillion, der mit ihm eingetreten war, blieb neben Herrn Regnier stehen. »Ich begreife nicht,« sagte Herr Regnier mit unwilligem Ton zu dem Minister Chevreau, der ihn nicht anredete, »warum Sie mich zurückrufen lassen, ich wünschte nur mich von Madame Lebreton zu verabschieden und glaube nicht, daß eine Fortsetzung des Gesprächs, welches ich soeben mit Ihnen zu führen die Ehre hatte, irgendein Resultat ergeben könnte.« Herr Chevreau antwortete auch jetzt nicht, sondern blickte in den dunklen Hintergrund des Zimmers, und als Herr Regnier dieser Richtung seiner Blicke folgte, sah er, auf eine Chaiselongue zurückgelehnt, eine dunkle weibliche Gestalt, welche sich nun erhob und in den von der Lampe erleuchteten Lichtkreis herantrat. Es war die Kaiserin, welche einen Augenblick wie neugierig forschend Herrn Regnier betrachtete und dann unwillkürlich den Kopf schüttelte, als könne sie für diese Erscheinung in ihrer Erinnerung keinen Platz finden. Erschrocken und lebhaft bewegt verneigte sich Herr Regnier tief. »Mein Herr,« sagte die Kaiserin, »Sie bestehen darauf, mit mir zu sprechen, – was haben Sie mir mitzuteilen? – ich bin bereit, Sie zu hören. Setzen Sie sich.« Die Kaiserin ließ sich wieder auf die Chaiselongue nieder. Herr Fillion brachte einen Stuhl für Herrn Regnier und dieser setzte sich der Kaiserin gegenüber, während die beiden anderen Herren in der Mitte des Zimmers neben dem Tisch stehen blieben. »Ich bitte Eure Majestät, mich entschuldigen zu wollen,« sagte Herr Regnier mit leicht zitternder Stimme, »wenn ich durch meine dringende Bitte um persönliches Gehör vielleicht gegen die Etikette verstoßen habe, aber ich bin gekommen, um über hochwichtige Angelegenheiten – hochwichtig für das kaiserliche Haus und für Frankreich – zu sprechen, darum habe ich geglaubt, über die Form der regelrechten Vorstellung hinwegsehen zu dürfen. Ich bedaure,« fuhr er fort, »daß mir erst jetzt das Glück wird, vor Eurer Majestät zu erscheinen. Die Anstrengungen der letzten Tage haben mich tief erschöpft, und ich werde vielleicht nicht mehr die Kraft haben, meiner Überzeugung den richtigen Ausdruck zu geben, – denn schon die alten Römer sagten: mens sana in corpore sano , – eine gesunde Seele kann nur in einem gesunden Körper wohnen.« Die Kaiserin machte eine leise Bewegung der Ungeduld und sagte: »Sprechen Sie, mein Herr, ich höre.« »Eure Majestät«, sagte Herr Regnier, »wissen, was bis jetzt geschehen ist und was der Zweck meiner Tätigkeit sein soll?« Die Kaiserin neigte den Kopf. »Madame Lebreton hat mir alles mitgeteilt,« sagte sie, – »und der General Bourbaki – –« »Der General Bourbaki«, fiel Herr Regnier ein, »hat Eurer Majestät Sache sehr geschadet, indem er von seiner Entfernung aus Metz die ganze Welt hat sprechen und viel Zeit hat verloren gehen lassen. Metz, Madame«, fuhr er fort, »kann sich nur noch bis zum 18. Oktober halten – »Das hat der General Bourbaki nicht so bestimmt gesagt,« fiel die Kaiserin ein. »Und doch, Madame,« rief Herr Regnier, »ist es die volle, die bestimmte, die unzweifelhafte Wahrheit. Der Marschall Bazaine selbst hat mir dies genaue Datum genannt, bis zu welchem die Armee sich halten könne, aber selbst dann muß er die Offizierspferde mit zu den Lebensmitteln rechnen. Ich bitte nun Eure Majestät, zu bedenken, welches große Resultat für Frankreich und für den Kaiser gewonnen werden kann, wenn die Armee von Metz mit allen Kriegsehren kapituliert, wenn diese Armee von hunderttausend Mann mit drei Marschällen von Frankreich freien Abzug auf ein vom Kriege nicht berührtes Terrain erhält, wenn sie sich dort Eurer Majestät zur Verfügung stellt und Sie nur nötig haben, sich in das Hauptquartier Ihrer Armee zu begeben, um, gestützt auf die einzige noch übriggebliebene Waffenmacht Frankreichs, als von ganz Europa anerkannte Regentin einen Frieden zu schließen, der Frankreich jedenfalls bessere Bedingungen bieten würde, als sie die Herren Favre und Gambetta erlangen können.« »Und Sie sind Ihrer Sache gewiß, daß dies geschehen werde?« fragte die Kaiserin. »Ganz gewiß!« rief Herr Regnier. »Der Graf von Bismarck wird mit mir oder mit jedem andern Abgesandten unterhandeln, sobald ihm eine Vollmacht von Eurer Majestät und zugleich die Erklärung des Marschalls Bazaine vorgelegt wird, daß derselbe im Namen des Kaisers zu kapitulieren bereit sei. Aber«, fuhr er fort, »Eure Majestät dürfen mit Ihrem Entschluß nicht zögern, es muß unmittelbar und schnell gehandelt werden, – jede Stunde kostet Frankreich eine Million, und ich wiederhole es Eurer Majestät auf das bestimmteste, der Marschall kann sich nur bis zum 18. Oktober halten. Jede andere Angabe, die zu Eurer Majestät gelangt sein möchte, ist falsch. Bis zu dieser Zeit hin wird aber auch das letzte Korn und das letzte Pferd aufgezehrt sein. Wenn die Armee von Metz aber durch ein völlig ausgesogenes und von allem entblößtes Land sich nach einem kriegsfreien Terrain begeben soll, so muß sie doch wenigstens noch Pferde für die Artillerie und Futter für wenigstens fünf Tage haben. Es ist also unmöglich, jenen letzten Termin abzuwarten, und wenn etwas geschehen soll, so muß es in der allernächsten Zeit, lieber heute als morgen, geschehen.« »Aber, mein Herr,« sagte die Kaiserin, indem sie durch den freundlichen Ton der Worte den Sinn ihrer Bemerkung zu mildern bestrebt war, – »Sie werden begreifen, daß bei einer derartigen Unterhandlung, bei welcher die höchsten Interessen des kaiserlichen Hauses und Frankreichs im Spiel sind, auch die Personenfrage nicht ohne Wichtigkeit ist, – ich habe niemals früher das Vergnügen gehabt, Sie zu sehen, und wie mir der General Bourbaki sagt, hat auch der Marschall Bazaine –« »O Madame,« rief Herr Regnier, indem er die Hände erhob, als wolle er weitere Äußerungen der Kaiserin zurückhalten, »ich habe keinen persönlichen Ehrgeiz in dieser Angelegenheit, ich verlange nicht, daß Sie mich beauftragen, ich habe das ganze Werk vorbereitet, – lassen Sie die letzte Hand daran legen, von wem Sie wollen – ich hatte ja gerade deshalb auf die Reise Bourbakis gedrungen. Schicken Sie einen Ihrer Ratgeber, einen Ihrer Vertrauten ab, aber geben Sie ihm unbeschränkte Vollmacht und Gewalt zu handeln und abzuschließen, denn der Graf Bismarck wird sich nicht mit kleinen Detailfragen beschäftigen wollen. Der Marschall Bazaine kann nicht lange zögern – senden Sie jemanden, zu dem Sie volles Vertrauen haben. Nur keine diplomatischen Zögerungen, diese mögen in dem Verkehr der Kabinette in ruhigen Zeiten zweckmäßig sein, die armen, hungrigen Soldaten aber, welche in Metz liegen und einen ihrer Kameraden nach dem andern vor Erschöpfung fallen sehen, haben keine Zeit zu warten. Ich beschwöre Sie, Madame, senden Sie jemanden ab, sogleich, diese Nacht noch.« Die Kaiserin stand auf, ging einige Male im Zimmer auf und nieder, wie fragend hefteten sich ihre Blicke auf Herrn Chevreau. »Madame,« sagte dieser, »ich habe Herrn Regnier den Rat gegeben, seine ganze Sache dem Herrn Rouher vorzulegen, er ist der älteste und erfahrenste Ratgeber des Kaisers, und ohne seine Zustimmung möchten wir, – weder ich, noch irgendein anderer der hier Anwesenden, Eurer Majestät ein so folgenschweres Handeln anzuraten wagen.« »Sie haben recht,« sagte die Kaiserin, indem sie vor Herrn Regnier stehen blieb, »Sie haben recht, wenn Herr Rouher die Sache billigt, so kann man darauf zurückkommen. Ich kann und darf auf eine solche Negoziation nicht eingehen. Würde ich Ihrer Bitte nachgeben, mein Herr,« sagte sie zu Herrn Regnier, »so würde die Nachwelt darin nur den Beweis finden, daß ich die Interessen der Dynastie denen des Landes vorgezogen habe, und die Schmach eines Vertrages, welcher französisches Gebiet den Feinden überläßt, würde auf meinem Haupte haften.« »Majestät,« rief Herr Regnier, »Gebietsabtretungen sind überhaupt nicht mehr zu vermeiden, nachdem es bis dahin gekommen ist, und die Notwendigkeit anzuerkennen, kann nicht schmerzvoll sein. Große Regenten, welche heute noch ruhmvoll in der Geschichte Frankreichs dastehen, haben ebenfalls nach unglücklichen Kriegen drückende Friedensbedingungen unterzeichnet, – warum sollte Eure Majestät dies nicht tun, da Sie doch gewiß sein können, daß Sie unter allen Umständen bessere Bedingungen erlangen werden, als jene Verblendeten in Paris, welche den Krieg bis zur völligen Erschöpfung des Landes fortsetzen werden? Aber bedenken Sie, Madame«, fuhr er fort, »welche Wohltat Sie dem Lande erweisen. Ich bin durch einen Teil Frankreichs gereist, das Land geht dem Untergang entgegen – die Dörfer stehen verlassen, die Bewohner sind in die Wälder geflüchtet und lagern dort ohne Obdach – sie wissen schon heute nicht mehr, woher sie Nahrung nehmen sollen, und der Winter naht, sie bedrohend mit Frost und Hunger – mit der Vernichtung. Alle diese Unglücklichen können Eure Majestät mit einem Wort, mit einem Federzug retten, und wenn die Logik der Politik auf Eure Majestät keinen Eindruck macht, so wende ich mich an das Gefühl, an das Herz der Kaiserin, und bitte im Namen aller Unglücklichen, aller von Hunger, Elend und Vernichtung bedrohten Franzosen Eure Majestät um das Wort des Friedens, der von einem Hauch Ihrer Lippen abhängt.« Die Kaiserin drückte in heftiger Bewegung ihre Hände auf die Brust und blickte abermals fragend Herrn Chevreau an, welcher die Augen niederschlug. »Ich kann nicht, ich darf nicht,« rief sie. »Sprechen Sie mit Herrn Rouher, ohne seinen Rat will ich keinen Schritt weiter in der Sache tun,« sagte sie im Ton bestimmten und unwiderruflichen Entschlusses, – »leben Sie wohl, mein Herr, ich danke Ihnen für Ihren Eifer und werde nie vergessen, daß Sie in der Stunde der Not und Gefahr unserem Hause und Frankreich Ihre Kraft so unermüdlich zur Verfügung gestellt haben.« »Ich gehe, Madame,« sagte Herr Regnier mit einer von tiefer, schmerzlicher Bewegung zitternden Stimme, »ich gehe, ich werde mich auch jetzt noch nicht zurückziehen, ich weiß noch nicht, was ich zu tun vermag, aber ich werde bis zum letzten Augenblick – und dieser ist nicht mehr fern – alles aufbieten, um das Kaiserreich und Frankreich zu retten. Mögen Sie niemals bereuen,« fuhr er fort, »heute zurückgewiesen zu haben, was ich Ihnen fast vollendet zu Füßen legte – die Wiederherstellung der Ordnung, des Friedens, des Wohlstandes.« Er verbeugte sich tief vor der Kaiserin und verließ mit langsamen, fast schwankenden Schritten das Zimmer. Die Kaiserin sah ihm traurig nach. »Vielleicht«, sagte sie leise, »geht das Glück mit diesem Manne von uns – ein Verräter ist er nicht, wie man mich auch hat glauben machen wollen, der die ganze Intrige nur geführt habe, um Bourbaki von seinem Posten zu entfernen – aber gleichviel, ich kann nicht, ich darf nicht anders handeln. Nicht wahr?« – fragte sie mit fast ängstlichem Ton gegen Herrn Chevreau gewendet. »Ich bin nicht imstande,« sagte dieser kalt und ruhig, »die Verantwortung für einen andern Rat Eurer Majestät gegenüber zu übernehmen.« Während der letzten Worte der Kaiserin hatte man einen Wagen durch die Stille des Abends dahinrollen hören. Jetzt trat Madame Lebreton eilig in das Zimmer und sagte: »Der Prinz Napoleon ist soeben angekommen und bittet Eure Majestät um Gehör.« »Mein Gott,« rief die Kaiserin tief aufseufzend, »welch ein Tag der Unruhe und der Aufregung! Was will dieser Prinz, der mich haßt, der stets mein Gegner war und der schon bei seinem letzten Besuch mir so viel Unangenehmes zu sagen nicht müde wurde! – – Doch ich kann ihn nicht zurückweisen, wir dürfen der Welt, solange es möglich ist, nicht das Schauspiel der Uneinigkeit im eigenen Lager geben. Lassen Sie den Prinzen kommen.« Herr Chevreau wollte sich zurückziehen. »Bleiben Sie, mein Herr,« sagte die Kaiserin, »es ist mir angenehm, wenn meine Unterredung mit dem Prinzen Zeugen hat. Wir haben keine Geheimnisse untereinander,« fügte sie mit bitterem Lächeln hinzu. Die Tür wurde schnell geöffnet. Der Prinz Napoleon trat ein. Sein Gesicht mit dem wachsartigen Teint war noch bleicher als gewöhnlich, seine Augen funkelten in fieberhafter Unruhe – er verbeugte sich vor der Kaiserin, ergriff flüchtig die Hand, die sie ihm reichte, und grüßte seitwärts blickend Herrn Chevreau leicht und hochmütig. Die Kaiserin ließ sich auf ihre Chaiselongue nieder, der Prinz blieb vor ihr, die Hand auf die Lehne eines Sessels gestützt, stehen und sprach in seiner kurzen, scharfen Betonung mit vor Aufregung zitternder Stimme: »Ich komme zu Eurer Majestät, um mir Aufklärung zu erbitten über all die Gerüchte von Unterhandlungen, – von Friedensschlüssen – welche durch die öffentlichen Blätter ihren Weg machen. Ich halte es für notwendig, Eure Majestät darauf aufmerksam zu machen, wie gefährlich es gegenwärtig wäre, wenn Sie mit dem Feinde in Unterhandlung träten, – gefährlich für den Kaiser – und uns alle – die wir zu seinem Hause gehören.« »Ich kann Ihnen die Versicherung geben, Monseigneur,« erwiderte die Kaiserin stolz und kalt, »daß die Gerüchte von solchen Verhandlungen, soweit sie mich betreffen, vollkommen unbegründet sind. Die Interessen des Kaisers und seines Hauses werden in meinen Händen, denen der Kaiser sie anvertraut hat, auf das beste gewahrt. Eure Kaiserliche Hoheit können darüber vollkommen ruhig sein.« »Ich bin es nicht, Madame,« erwiderte der Prinz kurz und schroff, »und ich habe das Recht, scharf auf die Wahrung der Interessen des napoleonischen Hauses zu sehen. Der Kaiser ist gefangen, der kaiserliche Prinz ist minorenn, und ich bin daher der erste Vertreter des kaiserlichen Hauses, mithin verpflichtet und berechtigt, dahin zu wirken, daß während der Gefangenschaft des Kaisers kein Fehler begangen wird.« »Eure kaiserliche Hoheit täuschen sich,« sagte die Kaiserin, »wie ich glaube, denn der Kaiser, mein Gemahl, hat bei seiner Abreise von Paris mir seine Rechte übertragen und mir Vollmacht gegeben, in seinem Namen zu handeln, und auch heute noch gilt diese Vollmacht, heute noch halte ich jenes Recht in meinen Händen, – auch bin ich umgeben von treuen und zuverlässigen Ratgebern, und wenn Sie, Monseigneur, sich diesen zugesellen wollen, so wird gewiß in allen Fragen Ihre Ansicht und Ihre Meinung als diejenige des ersten Prinzen von Geblüt die ihr gebührende Beachtung finden.« »Ich zweifle nicht an der Vortrefflichkeit der Ratgeber, welche Eure Majestät umgeben,« sagte der Prinz, »obgleich es dem Kaiser nicht besonders Glück gebracht hat, den Rat derjenigen zu verschmähen, welche durch die Bande des Bluts ihm am nächsten stehen, und sich mit Fremden zu umgeben, die es dahin gebracht haben, daß ich hier im Exil vor Ihnen stehe, Madame.« »Wenn auf irgend jemandem eine Schuld liegt, Monseigneur,« erwiderte die Kaiserin, »so ist es ausschließlich Sache des Kaisers, diese Schuld zu prüfen, diesen Vorwurf auszusprechen. Ich halte mich dazu nicht für berechtigt und bin auch nicht imstande, Eurer kaiserlichen Hoheit ein solches Recht zuzugestehen.« »Ich aber, Madame,« rief der Prinz, »nehme dieses Recht für mich in Anspruch. Ich trage den Namen meines großen Oheims, in mir fließt sein Blut, und nach dem Kaiser bin ich das Haupt der Familie, solange der Prinz Louis noch ein Kind ist. Deshalb nehme ich das Recht in Anspruch, es auszusprechen, daß der Kaiser schlecht beraten war. Ich will von dem letzten Ministerium nicht sprechen, welches wie die Eintagsfliegen zwischen zwei verlorenen Schlachten umherflatterte: – das aber sage ich Eurer Majestät, – das sage ich überall – und die Geschichte wird es wiederholen mit lautem Ton durch alle Jahrhunderte hin, daß jenes Ministerium, welches den Kaiser zum Kriege gebracht hat und mit so leichtem Sinn die Verantwortung für dies Unheil übernahm, das jetzt auf uns lastet, daß jenes Ministerium eine Gesellschaft von Blödsinnigen, von Kretins war, und daß der Kaiser wahrlich besser getan hätte, den Rat seiner Verwandten und wahren Freunde zu hören.« Die Kaiserin stand auf, ihre Augen öffneten sich groß und weit und funkelten und blitzten durch das Halbdunkel des von der Lampe nur matt erleuchteten Zimmers zu dem Prinzen hinüber, und kaum die schönen Zähne öffnend, sprach sie mit scharfem, schneidendem Ton: »Ich vermag nicht zu beurteilen, Monseigneur, was Sie unter Blödsinnigen verstehen, und wie Sie dazu kommen, für Ihre Unterhaltung in meinem Salon diesen Ton und diese Ausdrücke zu wählen, – das aber weiß ich, daß der Kaiser stets von treuen und ergebenen Freunden umringt war, – welche irren konnten wie alle Menschen, – aber nach sorgfältiger Prüfung in aufrichtigster Überzeugung ihm ihren Rat gegeben haben. »Und ferner weiß ich,« rief sie, dicht vor den Prinzen hintretend und mit ihren flammenden Blicken ihn durchbohrend, – »ferner weiß ich, daß Sie, Monseigneur, dem Kaiserreich, dem Sie alles verdanken, was Sie sind, stets Schwierigkeiten bereitet haben, – Sie und Ihre Freunde haben nie aufgehört, dem Kaiserreich Opposition zu machen, und selbst heute, da der Kaiser unter den Schlägen des Unglücks zu Boden gestürzt ist, verfolgen Sie uns noch. Ich bedaure,« sagte sie mit schneidendem Hohn, – »daß Sie nicht am vierten September in Paris waren, um uns Ihren Rat in jenem schweren und entscheidenden Augenblick zu geben, – aber Sie waren abwesend an jenem Tage, Monseigneur, – wie Sie es bisher stets im Augenblick der Gefahr waren – zu Ihrem Bedauern, wie ich überzeugt bin –, und wäre hier eine Gefahr zu befürchten, – ich würde gewiß nicht den Vorzug haben, Sie bei mir zu sehen!« Sie schleuderte noch einen Blick auf den Prinzen, wie er stolzer nicht auf der Höhe der kaiserlichen Macht aus ihren Augen hätte sprühen können, und wendete sich dann zu dem Kanapee, auf das sie sich niederließ. Herr Chevreau und Herr Fillion standen unbeweglich mit zur Erde gesenkten Augen auf ihrem Platz. Der Prinz Napoleon war bleicher und bleicher geworden bei den letzten Worten der Kaiserin. Seine Lippen zuckten, Haß und Zorn blitzte aus seinen Augen. Als die Kaiserin geendet, atmete er tief auf, trat einen Schritt vor und schien sprechen zu wollen, – dann aber biß er heftig die Zähne auf die Lippen, als wolle er den Sturm, der in ihm tobte, zurückdrängen, nahm seinen Hut, und mit einer kurzen Verbeugung gegen die Kaiserin, ohne die beiden Herren anzusehen, verließ er das Zimmer. Die Kaiserin stand auf und seufzte aus tiefer Brust auf, als sei sie von einer Last befreit. »Er wird nicht wiederkommen,« sagte sie, – »o, das tut wohl, gesagt zu haben, was mir so lang das Herz drückte! – War ich zu heftig? – habe ich unrecht gehabt?« fragte sie dann, sich zu Herrn Chevreau wendend. »Ich bin stets der Meinung gewesen, Madame,« erwiderte dieser, »daß der Kaiser zu nachsichtig gegen diesen Prinzen war, der niemals weder die Pflichten noch die Würde seiner Stellung begreifen konnte, – das starke Kaiserreich konnte ihn ertragen, – jetzt, Madame, würde er das Verderben der Dynastie sein, – und Eure Majestät haben recht gehabt, ihm ein für allemal bestimmt den Standpunkt anzuweisen, der ihm gehört.« »Das freut mich,« sagte die Kaiserin, »daß Sie mir recht geben, – Sie werden mir das bezeugen, – Sie wissen, welche Schwäche der Kaiser für seinen Vetter hat. – Doch nun,« sagte sie dann, »lassen Sie uns unser Diner nicht vergessen, – ich glaube, es erwartet uns seit einer Stunde.« Herr Chevreau öffnete die Tür, die Kaiserin begab sich, von den Herren gefolgt, in den Empfangssalon neben dem Speisezimmer, wo der Prinz, Madame Lebreton und noch einige Herren des Gefolges sie erwarteten. Die Kaiserin reichte ihrem Sohn den Arm, der Haushofmeister öffnete die Türen des Speisezimmers, und bald setzte sich diese kleine, im Schiffbruch des großen Weltensturms hier in dies stille Asyl verschlagene Gesellschaft zu Tisch, – während der General Bourbaki voll finsterer Verzweiflung die Fahnen wieder zu erreichen strebte, die er verlassen, – während Herr Regnier nach neuen Kombinationen suchte, um das Kaiserreich selbst wider dessen Willen zu retten – und während der Prinz Napoleon voll Zorn und Grimm tausend abenteuerliche Pläne und Gedanken in seinem Kopf umherwälzte. Sechzehntes Kapitel Der Marschall Bazaine sah inzwischen in Metz jeden neuen Tag mit immer heftigerer Ungeduld, mit immer trüberer Beängstigung emporsteigen. Er hatte einen Ausfall gemacht und den Feinden zwar nicht unbeträchtlichen Schaden getan, dennoch aber die eisernen Linien, welche die jungfräuliche Festung einschlossen, nicht einen Augenblick erschüttern können. Mit immer steigender Ungeduld hatte er die Rückkehr des Generals Bourbaki oder wenigstens eine Nachricht über die von demselben eingeleitete Unterhandlung erwartet, und er empfand, als keine solche Nachricht eintraf, immer schmerzlicher das Gefühl einer langsam dahinsterbenden Hoffnung, welches empfindlicher berührt als ein plötzlicher, schnell treffender Schlag. Die Vorräte verminderten sich mehr und mehr, die Pferde wurden aufgezehrt oder fielen aus Futtermangel, die zahlreichen Verwundeten fanden bei dem Mangel an Ärzten keine genügende Pflege, und der Gesundheitszustand der Truppen wurde mit jedem Tag schlechter. Endlich war es nicht länger möglich, diesen Zustand zu ertragen, aber immer wollte sich der Marschall noch nicht dem Gedanken ergeben, diese Armee, welche, trotz der Not und der vielen Krankheiten, immer noch intakt, geordnet und diszipliniert dastand, dem Schicksal der Truppen von Sedan zu übergeben. Immer noch hoffte er, auf dieser Armee, als dem Grundstein der Ordnung, die Zukunft Frankreichs aufzubauen. Er hatte deshalb den General Boyer in das preußische Hauptquartier geschickt, um auf der Basis der früher durch Regnier angeregten Pläne eine neue Unterhandlung zu versuchen, deren Zweck der Friedensschluß mit der kaiserlichen Regierung sein sollte. Am siebzehnten, um zwei Uhr nachmittags, traf der General Boyer, von einem preußischen Parlamentär geleitet, bei den Vorposten wieder ein und fuhr unmittelbar zum Marschall Bazaine, welcher sogleich die Korpskommandanten zu einem Kriegsrat zusammenrief. Eine halbe Stunde darauf erschienen die Marschälle und Generale der in Metz eingeschlossenen Armee in dem großen Salon des Marschall Bazaine. Allen diesen Männern hatte die schwere Zeit ihren Stempel aufgedrückt, und die sonst so mutige, siegeszuversichtliche Haltung der Würdenträger des Kaiserreichs hatte teils passiver Resignation teils finsterer, fast verzweiflungsvoller Entschlossenheit Platz gemacht. Der Marschall Canrobert mit seinem dünnen, langen, sorgfältig frisierten Haar schien in dieser kurzen Zeit um Jahre gealtert. Schweigend und gebückt setzte er sich auf seinen Stuhl zur Seite des Marschall Bazaine, während zu dessen Linken der Marschall Leboeuf Platz nahm, dessen große, volle Gestalt in sich zusammengesunken war und dessen halbgeschlossene Augen nur selten ihren Blick vom Boden emporrichteten. In ungebrochener, stolzer und fester Haltung erschien der General Frossard, aber auf seinem strengen und ernsten Gesicht lag nur die Entschlossenheit, das Äußerste zu dulden und zu ertragen, aber kein Schimmer mehr von Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang. Daneben erschien der General L'Admirault mit seiner vollen Gestalt und der etwas unmilitärischen Haltung, Desvaux, Lebrun, Soleille und der General Coffinières de Nordeck, der Kommandant von Metz, ein fest und energisch einhertretender Mann mit dunklen, blitzenden Augen, streng geschlossenen Lippen und kurzen, ergrauenden Haaren. Zu diesen Befehlshabern der Armee in und um Metz gesellte sich, auf die Einladung des Marschalls, noch der General Changarnier, welcher mit in die belagerte Festung eingeschlossen war und von allen Generalen und Offizieren mit hoher, ehrfurchtsvoller Achtung, als ein ruhmreicher Veteran der Armee, umgeben wurde. Der General Changarnier, solange dem aktiven Dienste fern, hatte die militärische Uniform wieder angelegt, und obwohl kränklich und vom Alter gebrochen, erschien er doch fast als der festeste, sicherste und ruhigste in der Gesellschaft dieser von dem plötzlichen Unglück so tief niedergebeugten Generale. »Sie sind mit mir, meine Herren,« begann der Marschall Bazaine, »darüber einverstanden gewesen, daß wir bei der jetzigen Lage der Armee und der Besatzung der Festung uns der Notwendigkeit, mit dem Feinde zu unterhandeln, nicht mehr entziehen konnten. Ich habe deshalb den General Boyer nach dem feindlichen Hauptquartier entsendet, um zu versuchen, eine militärische Konvention zu erreichen, welche der Armee gestatten möchte, Metz zu verlassen, und der General soll uns nun über den Erfolg dieser Sendung Bericht erstatten.« »Der General Boyer ist im Hauptquartier zu Versailles gewesen?« fiel der General Coffinières ein, indem er seine scharfen Blicke fragend auf den Marschall richtete. »Allerdings,« erwiderte Bazaine ruhig und kalt, »denn dort allein, wo der König ist, können definitive Entschlüsse gefaßt werden.« »Ich glaubte,« erwiderte der General Coffinières, »daß über rein militärische Abmachungen wir nur mit dem Kommandierenden der Einschließungsarmee zu tun hätten, da ja das Hauptquartier in Versailles gar keine direkte militärische Beziehung zu der belagerten Festung und zu der in dieselbe eingeschlossenen Armee hat.« Mit einer gewissen Ungeduld richtete sich der Marschall auf und sprach in einem kurz abweisenden, fast hochmütigen Tone: »Die belagerte Festung allerdings, mein General, hat nur mit dem Kommandeur der Belagerungstruppen zu tun, Sie wollen aber nicht vergessen, daß ich zum Chef sämtlicher französischen Armeen ernannt und als solcher berechtigt und verpflichtet bin, über das Schicksal meiner Armee mit dem Oberfeldherrn der feindlichen Armeen zu verhandeln.« Der General Coffinieres schwieg. Der Marschall Bazaine ersuchte darauf durch einen Wink den General Boyer, der sich ihm gegenüber neben Changarnier gesetzt hatte, über seine Mission Bericht zu erstatten. Boyer begann: »Ich wurde, von einem Offizier des Prinzen Friedrich Karl begleitet, nach Versailles geführt und dort wenige Stunden nach meiner Ankunft vom Grafen von Bismarck empfangen –« »Der Graf Bismarck ist Minister des Königs von Preußen und hat mit den militärischen Fragen nichts zu tun,« fiel der General Coffinières ein. »Der Graf von Bismarck ist General,« erwiderte Boyer, »und außerdem konnte es nicht meine Befugnis sein, zu bestimmen, wer mich im preußischen Hauptquartier im Auftrag des Königs zu empfangen habe. »Ich setzte dem Grafen Bismarck,« fuhr er fort, »darauf den Zweck meiner Mission auseinander und befragte ihn über die Mission des Herrn Regnier. Graf Bismarck erwiderte, daß dieser in keiner Weise beglaubigt gewesen sei und daß er nicht geglaubt habe, sein Plan sei der Kaiserin bekannt. Er habe ihn indessen empfangen und sei auf seine Ideen eingegangen, weil er Verhandlungen mit der Kaiserin und der Regentschaft vorgeschlagen, und weil die deutsche Regierung als einzig anerkannte Autorität in Frankreich ja nur die Regentschaft vor sich habe.« »Und die militärische Frage?« warf der General Coffinières ein. »Ich erwiderte dem Grafen Bismarck,« antwortete der General Boyer, »daß der Zweck meiner Mission nur der Abschluß einer militärischen Konvention sei, welche der Armee gestatte, Metz zu verlassen; worauf Graf Bismarck mir schnell und bestimmt erwiderte, daß der Armee keine anderen Bedingungen würden gewährt werden als die, welche die Armee von Sedan erhalten habe.« Ein Murmeln des Unwillens ließ sich unter den Generalen vernehmen. »Dann aber«, fuhr General Boyer fort, »betonte der Graf Bismarck, welcher mich in den Garten führte, damit niemand unser Gespräch belauschen könne, das Bedürfnis beider Nationen nach einem baldigen Frieden. Er erklärte, daß die Deutschen sich sehnten, in ihre Heimat zurückzukehren, und daß ein großer Teil Frankreichs die Fortsetzung des Kampfes durch die Regierung des vierten September mißbillige. Die Regierung des Königs Wilhelm könne nicht mit der Regierung des vierten September verhandeln, weil dieselbe keine Wahlen zustande bringe, um sich ein legales Mandat zu verschaffen – und zwischen Paris und Tours herrsche, wie im deutschen Hauptquartier bekannt sei, Zwiespalt. Deutschland sei zwar weit entfernt, den Fehler zu begehen, welchen man 1815 gemacht habe, als man Frankreich eine Regierung aufdrängte. Frankreich möge seine Regierung vollkommen frei wählen, aber bis dies geschehen, sei für den König die Regentschaft die einzig legale Regierung. Und wenn sie irgendeine Garantie der Macht bieten könne, so werde der König von Preußen nur mit ihr unterhandeln. Graf Bismarck fragte mich, welche Gesinnungen die Armee von Metz hege, und ich antwortete,« sprach er mit fester Stimme, im Kreise der Generale umherblickend, »daß die Armee von Metz ebenso wie ihre Führer ihrem Fahneneide treu bleiben würde.« Marschall Bazaine nickte lebhaft zustimmend mit dem Kopf. »Ich habe noch kein Wort über die militärische Kapitulation gehört,« rief der General Coffinières, »dies alles scheint mir lediglich mit politischen Gesichtspunkten in Beziehung zu stehen, und die politischen Gesinnungen der Armee von Metz«, fügte er mit scharfer Betonung hinzu, »können bei einer militärischen Kapitulation doch in der Tat nicht in Frage kommen!« »Graf Bismarck«, fuhr General Boyer fort, ohne diesen Einwurf zu beachten, »machte mir sodann eine sehr traurige Schilderung der Lage Frankreichs, – Paris sei in Anarchie versunken, die nördlichen Provinzen verlangten den Frieden und bäten um deutsche Garnisonen, um sich vor den Franktireurs zu schützen. Die südlichen Provinzen gehorchten der Regierung von Tours gar nicht, in Marseille und Lyon sei die rote Republik proklamiert, und die neugebildete Loirearmee sei bei Orleans geschlagen, – die Armee von Metz sei die einzige, welche Frankreich besitze –« »Und haben Sie Gelegenheit gehabt,« fragte der General Frossard, »sich durch Mitteilungen von anderer Seite zu versichern, ob diese traurigen Darstellungen des Grafen Bismarck von der Lage unseres Vaterlandes wirklich vollkommen richtig seien?« »Man hat mich als Parlamentär behandelt,« erwiderte General Boyer, »und von jedem Verkehr außerhalb der Personen des preußischen Hauptquartiers ferngehalten, nur in Bar le Duc habe ich einige Worte mit dem Maire, Herrn Bongard, sprechen können, ohne Zeit zu eingehenden Erkundigungen zu finden; indessen das wenige, was mir Herr Bongard sagte, war nicht tröstlich und muß Frankreich sich allerdings in einer traurigen Lage befinden. Ich habe nur noch hinzuzufügen,« sprach er dann, seine Berichterstattung wieder aufnehmend, »daß der Graf Bismarck nach unserer Unterredung sich zum König begab und mir dann die niederschlagende Mitteilung machte, daß der König und der General von Moltke sich gegen jede Konzession erklärt hatten, daß dagegen Seine Majestät geneigt sei, mit der Kaiserin in Friedensverhandlungen zu treten.« »Also,« rief der General Coffinières, als Boyer geendigt, »ist ein militärisches Resultat durch diese Sendung in das feindliche Hauptquartier gar nicht erreicht, vielmehr von neuem ein Faden für politische Negoziationen hingeworfen, welche die militärischen Verhältnisse nur unklar machen und verwirren können!« »– Ein Faden«, rief der Marschall Bazaine heftig, »welchen aufzunehmen, nach meiner Überzeugung, die Pflicht gegen das Vaterland gebietet, um dasselbe vor den entsetzlichen Folgen der Anarchie und vor einem töricht fortgesetzten Krieg zu retten. Und diejenigen, meine Herren,« fuhr er fort, »welche, in einem Augenblick wie dem gegenwärtigen, an der Spitze der letzten Armee ihres Landes stehen, welche die einzige Bürgschaft einer ehrenvollen Zukunft und der gesetzmäßigen Ordnung des Landes in Händen halten, – diejenigen, meine Herren, welche sich in unserer Lage befinden, dürfen nicht ausschließlich militärische Rücksichten walten lassen, – sie sind verpflichtet, die Politik ihres Landes in die Hände zu nehmen. Bestände die kaiserliche Regierung,« fuhr er in entschlossenem Ton fort, während seine schwarzen Augen blitzend von einem zum andern seiner Waffengenossen sich wendeten, – »wäre die Regentin in Paris von den dortigen Massen ebenso anerkannt als von den Feinden und dem größten Teil der Provinzen, dann würde ich wahrlich keine andere Rücksicht kennen, als mich unter den Mauern von Metz bis zum letzten Augenblick zu halten und die Politik denen zu überlassen, welche sie zu führen berufen sind. – Das aber ist jetzt nicht der Fall, – in Paris und in Tours sind Regierungen in Funktion, welche sich selbst eingesetzt haben, welche den Frieden zurückweisen und Frankreich immer tiefer in blutiges Unheil stürzen. Ich, meine Herren, ich kenne jene Regierungen nicht. Ich bin Kommandeur einer kaiserlichen Armee, und wenn es möglich ist, so will ich diese Armee, mit welcher ich das Glück der Schlachten nicht mehr wiedererobern kann, wenigstens dazu benützen, um der verfassungsmäßig bestehenden Regierung meines Landes die Macht zu gewähren, daß sie Frankreich den Frieden wiedergeben könne. Dies, meine Herren, ist meine Ansicht, – eine Ansicht, die ich frei und laut bekenne und durch deren Durchführung ich glaube, der Ehre, der Klugheit und dem Patriotismus gleich gerecht zu werden.« Eine Bewegung machte sich unter den Generalen bemerkbar, – der General Coffinières wollte sprechen, – Marschall Bazaine erhob die Hand und sagte mit kurzem, bestimmten, militärisch befehlendem Ton: »Ich bitte zunächst unsern hochgeehrten Gast, den Herrn General Changarnier, sich über die Lage der Armee und über die soeben von mir ausgesprochene Ansicht äußern zu wollen. Der Herr General führt kein Kommando, – er ist also völlig unparteiisch in den uns andere unmittelbar berührenden militärischen Fragen, – er ist Franzose von hohem Patriotismus, – er war nicht der Freund der kaiserlichen Regierung, – er ist also auch in politischer Rücksicht vollkommen unabhängig und vorurteilsfrei. Sein Wort wird deshalb für uns alle, wie ich glaube, von hoher Bedeutung sein.« Der General Changarnier sah einige Augenblicke in feierlichem Ernst schweigend vor sich nieder, dann umfaßte er mit einem großen, freien Blick seines hellen, reinen Auges den Kreis dieser vom Unglück gebeugten Soldaten, welche alle mit gespannter Erwartung an seinen Lippen hingen; ein leichtes Lächeln der Befriedigung umspielte einen Augenblick die Lippen dieses so lange verbannten und vom Kaiserreich verfolgten Generals. Bald aber legte sich wieder der Ausdruck schmerzlicher und trauriger Ergebung über seine blassen, kränklichen Züge, und sich leicht gegen den Marschall Bazaine verneigend, sprach er: »Sie haben recht, Herr Marschall, – seit langer Zeit habe ich mich gewöhnt, alles, was in Frankreich vorgeht, nur mit dem Auge des völlig unparteiischen, von den Ereignissen völlig unberührten Beobachters zu betrachten. So stehe ich denn auch dieser großen Katastrophe gegenüber, – unparteiisch zwar, – aber nicht gleichgültig, denn die Liebe zum Vaterland und der Schmerz über sein Unglück sind unzerstörbar in einem französischen Herzen. Ich verlange nichts mehr vom Leben, das für mich bald beendet sein wird, und meine persönliche Stellung bleibt unberührt, wie auch immer die Zukunft sich gestalten möge. Sie haben ferner recht, Herr Marschall,« fuhr er noch ernster fort, »indem Sie bemerkten, daß ich nicht zu den Freunden des Kaiserreichs gehöre. – Es sind hier viele ergebene Diener des Kaisers gegenwärtig, aber sie alle werden mir recht geben, daß ich keine Veranlassung habe, die kaiserliche Regierung zu lieben –« »Um so höher müssen wir alle anerkennen,« sagte der Marschall Canrobert, »daß Sie, Herr General, in edlem, selbstverleugnendem Patriotismus im Augenblick der nationalen Gefahr dem Ruf des Kaisers gefolgt sind, und daß Sie fortfahren, hier inmitten einer kaiserlichen Armee uns mit Ihrem Rat zu unterstützen.« »Ich muß nun,« fuhr der General Changarnier fort, »obwohl ich in meinem ganzen militärischen Leben die einfache, rücksichtslose Pflichterfüllung des Soldaten mir zur obersten Regel gemacht habe, dennoch dem Herrn Marschall Bazaine darin recht geben, daß im Augenblick einer so entscheidenden nationalen Krisis, wie diejenige, in der wir uns befinden, der Kommandeur einer großen Armee, der letzten Armee des Landes, sich von den Rücksichten auf die Politik nicht freimachen darf. Die militärischen Fragen sind leider entschieden,« sagte er traurig, »da gibt es für jetzt nichts zu gewinnen und gutzumachen, alles kommt darauf an, unserem armen Vaterland den Frieden zu geben, und zwar den möglichst schnellen und den möglichst wenig opfervollen Frieden.« Der Marschall Bazaine blickte voll Genugtuung zu dem General Coffinières hinüber, welcher finster und ohne bemerkbaren Eindruck die Worte des Generals Changarnier angehört hatte. Der letztere fuhr fort: »Da nun die Regierung vom vierten September die Notwendigkeit des Friedensschlusses nicht anerkennen will und dem Lande die schweren Leiden einer Fortsetzung des Kriegs aufzuerlegen entschlossen scheint, – da der König von Preußen, und zwar mit dem Völkerrecht vollkommen übereinstimmend, die Regierung der Kaiserin als die einzige Autorität anerkennt, so bin ich der Meinung, daß alle patriotischen Elemente Frankreichs, daß vor allen Dingen diese letzte Armee unseres Landes, verpflichtet seien, sich der Kaiserin anzuschließen, um das Vaterland zu retten. Dies ist meine Meinung,« sagte er laut, mit festem Ton, »ich spreche sie hier aus, in diesem Kreise, bei dessen Mehrzahl sie Billigung finden mag, ich werde aber nicht Anstand nehmen, sie auszusprechen und zu wiederholen auch da, wo sie Widerspruch und Verurteilung finden sollte.« »Sie würden also dafür stimmen, Herr General,« fragte der Marschall Bazaine, »daß ich mich mit der Kaiserin über die Einleitung von Friedensverhandlungen in Verbindung setzen solle, nachdem die Sendung des Generals Bourbaki zu keinem Resultat geführt hat?« »Ja,« erwiderte der General Changarnier, ohne zu zögern, mit fester, klarer und entschiedener Stimme. »Und ich trete der Ansicht des Herrn Generals in allen Punkten bei!« rief der General Frossard in lebhafter Bewegung, – »ich bitte die Herren Marschälle um Vergebung,« sagte er mit leichter Verbeugung, – »meine Überzeugung und mein Eifer für die Sache rissen mich hin.« »Ich stimme dem Herrn General ebenfalls vollkommen bei,« sagte der Marschall Canrobert, »und schlage vor, den General Boyer zu Ihrer Majestät der Kaiserin zu senden, um deren Willenserklärung über die Kapitulation und den Friedensschluß einzuholen.« In gleichem Sinne sprachen sich der Marschall Leboeuf und die übrigen Generale aus. – »Ich habe keine Veranlassung,« rief der General Coffinières de Nordeck, als der Marschall Bazaine ihn durch einen Wink mit der Hand zur Äußerung seiner Meinung aufforderte, »ich habe keine Veranlassung, – mich an dieser rein politischen Diskussion zu beteiligen, bei welcher es sich nur um die Armee vor Metz handelt, nicht um die unter meinem Befehl stehende Besatzung der Festung! Für den mir anvertrauten Platz können mir nur ausschließlich die militärgesetzlichen Bestimmungen über die Pflichten der Festungskommandanten maßgebend sein, und nach diesen allein werde ich mein Verhalten einrichten!« »Der Platz, welchen Sie kommandieren, Herr General,« sagte der Marschall Bazaine, »ist Ihnen vom Kaiser anvertraut worden, und dem Kaiser sind Sie für Ihr Verhalten verantwortlich, dem Kaiser, dessen Autorität hier inmitten der Armee, welche seine Adler führt, nicht so schnell und so leicht niedergeworfen werden kann, als dies inmitten der Pariser Bevölkerung möglich war. Ich bin überzeugt,« rief er, im Kreise umherblickend, »daß alle hier Anwesenden sich mit mir an den Eid gebunden halten werden, den wir dem Kaiser und seiner Regierung geleistet haben, und der es uns unmöglich macht, die Regierung vom vierten September als die gesetzliche Vertretung Frankreichs oder als eine für uns gültige Autorität anzuerkennen!« »So ist es!« rief der Marschall Canrobert. »Unser Eid bindet uns an den Kaiser,« sagte Frossard; in schweigender Zustimmung neigten die übrigen ihre Häupter. »Ich muß mich weigern,« rief der General Coffinières. »über die soeben angeregte Frage irgendeine Äußerung zu tun. Sie hat mit unserer militärischen Lage nichts zu schaffen, wir sind nicht berufen, Erklärungen über die politischen Verhältnisse unseres Vaterlandes abzugeben, – wir sind auch dazu nicht imstande, da wir, abgeschlossen von der Außenwelt, nicht wissen, was in Frankreich vorgeht. Wir haben dem Kaiser unsern Eid geleistet, als dem verfassungsmäßigen Vertreter der Nation, die Armee gehört nicht einer Person, sie gehört dem Lande, – und das Land hat das Recht, seine Regierung zu wechseln. Für mich, ich wiederhole es, ist nur die Rücksicht auf den mir anvertrauten Platz und auf die militärischen Gesetze maßgebend, und ich muß den Herrn Marschall auf das bestimmteste bitten, bei allen Verhandlungen, welche er nach dem soeben gefaßten Beschluß einleiten möchte, nur ganz ausschließlich die Armee vor Metz, nicht aber die Festung und deren Besatzung in Betracht zu ziehen, – diese Festung,« fügte er mit bebender Stimme hinzu, »die ich gegen die ganze Welt verteidigt haben würde, wenn die Armee des Herrn Marschalls nicht hierher gekommen wäre, um meine Vorräte aufzuzehren und Krankheiten unter meine Truppen zu bringen!« Der Marschall Bazaine zuckte die Achseln. »Ich werde es niemals vergessen, Herr General,« sagte er mit kalter Höflichkeit, »daß Sie und Ihr Besatzungskorps nicht zu der von mir kommandierten Armee gehören, und daß ich kein Recht habe, über Ihre Mitwirkung zur Rettung Frankreichs zu disponieren.« Der General Coffinières fuhr empor; auf seinen zuckenden Lippen schien ein heftiges Wort zu schweben, – durchbohrend hafteten die flammenden Blicke des Marschalls Bazaine auf ihm, – da erhob sich der General Changarnier, und in ruhigem, kaltblütigem Ton, als bemerke er die drohende Erregung gar nicht, in welcher Bazaine und Coffinières sich einander gegenüberstanden, sagte er: »Ich glaube, der Kriegsrat hat seinen Beschluß gefaßt und damit seine Pflicht erfüllt, überlassen wir nunmehr dem Marschall Bazaine die Ausführung dessen, was wir für richtig und notwendig erkannt haben, – denn in der Tat, wir haben keinen Augenblick zu verlieren, und es muß unmittelbar ohne Verzögerung gehandelt werden, wenn noch etwas erreicht werden soll.« Er verabschiedete sich nach diesen Worten von dem Marschall und verließ mit einer Verneigung gegen die übrigen das Zimmer. Der General Coffinières biß die Zähne aufeinander, nahm sein Käppi und folgte dem General Changarnier mit kurzem, militärischem Gruß. Der Marschall Bazaine verabschiedete sich von den Versammelten und ersuchte den General Boyer, ihm in sein Kabinett zu folgen, nachdem Canrobert, Frossard und Leboeuf den General noch besonders gebeten hatten, der Kaiserin die Versicherung ihrer Treue und Ergebenheit zu überbringen und Ihre Majestät zu beschwören, daß sie aus ihrer Passivität heraustreten und durch einen schnellen Friedensschluß das Kaiserreich und Frankreich retten möge. »Mein lieber General,« sagte der Marschall Bazaine, als er mit dem General Boyer sich allein in seinem kleinen Privatkabinett befand, »in Ihre Hände ist eine große Entscheidung gelegt. Sie müssen alles aufbieten, um von der Kaiserin die Zustimmung zum Friedensschluß zu erreichen und um zu gleicher Zeit von den Feinden die möglichst günstigen Friedensbedingungen zu erlangen, damit wir durch dieselben die usurpierte Regierung in Paris und in Tours vor den Augen von Frankreich zu Boden werfen können, da diese törichten und eitlen Advokaten dem Lande nichts bieten, als entweder hoffnungslosen und aufreibenden Kampf oder schwere und erdrückende Gebietsabtretungen ..« »Ich werde alles aufbieten, Herr Marschall«, erwiderte der General, »um meine Aufgabe zu erfüllen und Eurer Exzellenz Zufriedenheit zu erwerben –« »Den Dank des Landes ,« fiel der Marschall ein, »des Landes, dem wir Ruhe, Ordnung und Wohlstand wiedergeben werden, – denn wir, mein lieber General, wir, die wir diese Armee von Metz in Händen halten, – wir werden die Herren von Frankreich sein, und wir werden dann ein wenig aufräumen mit jenen Advokaten, welche jetzt die Welt mit ihren Proklamationen erfüllen.« Er richtete sich stolz empor und blickte wie fragend aufwärts, als verlange er eine Antwort von der Vorsehung, ob es ihm gelingen werde, die stolze Höhe zu erklimmen, welche seine Gedanken ihm zeigten. »Sie werden Hindernisse finden,« sagte er dann, näher zu dem General herantretend, – »ich kenne das, – ich weiß, wie schwer der Kaiser zu energischen Entschlüssen zu bringen ist, und jetzt zumal, da er geistig und körperlich gebrochen ist und der tiefsten Ruhe bedarf. Werfen Sie«, fuhr er fort, die Hand auf den Arm des Generals legend und die Stimme dämpfend, – »werfen Sie, wenn Sie Unsicherheit und Unentschlossenheit finden sollten, den Gedanken der Abdankung des Kaisers hin, der kleine Prinz würde einen bessern Stand haben, denn ihm kann man ja die Schuld an dem jetzigen Unglück nicht vorwerfen, und vielleicht würde der Kaiser nicht ungern auf diese Idee eingehen, welche ihm erlaubt, sich in stiller Ruhe zurückzuziehen und seiner Gesundheit zu leben.« General Boyer fuhr fast erschrocken zurück. »Eure Exzellenz denken an die Abdankung des Kaisers?« rief er, – »es ist wahr, der Kaiser ist schwach, unentschlossen und krank, – aber seine Hand ist gewohnt, die Zügel der Regierung zu führen, er kennt die Fäden, durch welche er Frankreich so lange beherrscht, – aber die Kaiserin,« sagte er kopfschüttelnd, »eine Fremde in Frankreich, – der Prinz ein minorennes Kind, – halten Eure Exzellenz es für möglich, daß eine solche Regierung sich halten könne?« »Sich halten?« rief der Marschall Bazaine mit funkelndem Blick. – »Nein, sie wird sich nicht halten, – aber wir werden sie halten, – ich werde sie halten, an der Spitze dieser Armee von Metz, wenn ich dieselbe hinausführen kann aus dieser feindlichen Umschlingung. Sagen Sie das der Kaiserin, – wenn sie will, und wenn der Graf von Bismarck meinen Plan billigt, so wird Frankreich in kurzer Frist den Frieden haben, – und eine feste und starke Regierung, – dafür bürge ich! – Sagen Sie,« fuhr er fort, »daß es nur darauf ankäme, mit dieser Armee, ja nur mit fünfzigtausend Mann derselben, Orleans zu erreichen, dorthin unter den Schutz meiner Bajonette den Senat und das Korps legislatif zu berufen, und durch dieselben den Frieden, den die Kaiserin schließen wird, sanktionieren zu lassen.« »In der Tat,« sagte der General Boyer betroffen, »ich beginne Eure Exzellenz zu verstehen, – aber dennoch – welche Schwierigkeiten, die Regierung zu Paris, die Regierung in Tours, sie werden auf das äußerste widerstehen, – die Armee von Paris –« »Diese Regierungen von Tours und von Paris,« rief der Marschall in wegwerfendem Ton, »sie werden verschwinden wie der Staub vor dem Winde, sobald nur einmal in Orleans die kaiserliche Regierung und die einzigen gesetzlichen Vertreter des Landes unter dem Schutze meiner Armee etabliert sind, und sobald unsere siegreichen Gegner mit dieser Regierung, welcher die Anerkennung Europas zur Seite steht, über den Friedensschluß verhandeln. Diese einzelnen Generale, welche noch im Lande umherziehen und den Versuch machen, aus zersprengten Korps Armeen zu bilden, – sie alle werden sich zu dem Magnet des kaiserlichen Mittelpunktes heranziehen, und das Land wird mit Jubel diejenige Regierung begrüßen, welche ihm endlich den Frieden bringt. Diese große, weite Zukunft, mein General, liegt in Ihren Händen,« sagte er, die Hand auf die Schulter des Generals Boyer legend, »gehen Sie hin, um dieselbe zu verwirklichen!« Der General verneigte sich stumm und tief bewegt, indem er die Hand auf die Brust legte, wie zum Zeichen, daß er seine ganze Kraft an die Erfüllung der Aufgabe setzen werde. »Wir müssen einen Parlamentär zu den Vorposten senden, um einen Geleitschein für Sie zu erbitten, wollen Sie die Güte haben, das zu veranlassen, und wenn derselbe eingetroffen ist, mich zu benachrichtigen. Ich werde einen Wagen für Sie bereit halten, – ich möchte bei dieser Gelegenheit eine Pflicht gegen unsern Freund, den Hannoverschen Kapitän von Feldhausen erfüllen, der unter den gegenwärtigen Verhältnissen an seine Sicherheit denken muß; denn wenn diese Verhandlungen fehlschlagen, so können wir einer Kapitulation nicht lange mehr entgehen. Ihre Reise ist vielleicht die beste Gelegenheit, ihn in Sicherheit zu bringen.« »In der Tat,« sagte General Boyer, »der Ärmste wäre verloren, wenn es zur Kapitulation käme, und nichts könnte ihn vor dem schwersten Schicksal retten.« »Ich will sehen, was ich tun kann,« sagte der Marschall, »jedenfalls wissen Sie, mein lieber General, von nichts.« General Boyer verabschiedete sich, und der Marschall bewegte die auf seinem Tisch stehende Glocke, nachdem er einigemal gedankenvoll auf und nieder geschritten war. »Rufen Sie meinen Ordonnanzoffizier, den Kapitän von Feldhausen,« befahl er dem eintretenden Diener. Nach etwa einer Viertelstunde trat ein junger, schlanker Mann von etwa achtundzwanzig bis dreißig Jahren in das Zimmer. Derselbe trug die Uniform der Linieninfanterie, den blauen Waffenrock mit dem gelben Kragen, und die Kontreepaulettes des Kapitäns. In seinem bleichen Gesicht funkelten Augen von solch intensivem Schwarz, daß dieselben, in Verbindung mit dem ebenso ebenholzschwarzen Haar und Bart, seinen Zügen fast einen orientalischen Charakter gaben. Der Ausdruck seines Gesichts war eine wunderbare Mischung von fast weiblicher Weichheit und zugleich unbeugsamer und zäher Entschlossenheit. Seine schlanke Gestalt hatte die eigentümliche, feste und straffe Haltung, welche man bei den norddeutschen Militärs findet, und mit dienstlichem Gruß, die linke Hand am Degen, näherte er sich dem Marschall. Der Marschall reichte ihm die Hand und blickte mit Wohlgefallen auf die soldatisch kräftige Gestalt des jungen Offiziers. Mit einer fast väterlichen Freundlichkeit führte er den jungen Mann zu einem Sessel und ließ sich neben ihm nieder. »Ich habe mit Ihnen zu sprechen, mein lieber Kapitän,« sagte er dann ernst, »und will dies in vollster Aufrichtigkeit tun, um Ihnen das unbeschränkte Vertrauen zu beweisen, dessen Sie sich während Ihrer kurzen Dienstzeit in unserer Armee so würdig bewiesen haben.« Der Kapitän von Feldhausen verneigte sich und erwartete schweigend, mit einem leicht unterdrückten Seufzer, die weiteren Mitteilungen des Marschalls. Dieser fuhr fort: »Dem Blick eines so tüchtigen Offiziers wie Sie, mein Kapitän, kann es nicht entgehen, was Ihnen auszusprechen ich mich meinerseits für verpflichtet halte, daß wir uns dem Augenblick nähern, in welchem der Mangel an allem uns zwingen wird, das traurigste Schicksal eines Soldaten ins Auge zu fassen und an die Kapitulation zu denken.« »Ich weiß es,« sagte der Kapitän von Feldhausen finster, »und ich sehe mit tiefem Schmerz auf so viele Hoffnungen zurück, welche in so kurzer Zeit zertrümmert wurden. – Das Schicksal Frankreichs ist traurig, Herr Marschall,« fuhr er fort, indem er den brennenden Blick seiner großen schwarzen Augen voll tiefer Trauer aufschlug, – »Frankreich ist schwer getroffen, es ist herabgestürzt von glänzender Ruhmeshöhe und wird sich selbst in schweren inneren Kämpfen zerfleischen. Aber ein Land wie Frankreich stirbt nicht, auch von den schwersten Schlägen, auch von der schwersten Krankheit wird es sich wieder erholen, – mir aber, Herr Marschall, mir ist alles gestorben und für immer, denn mein Vaterland, das kleine Hannover, das aber doch seine große Geschichte und seine großen Fürsten besaß, – es ist jetzt für ewig dem Untergang verfallen, denn nun wird es auf lange hinaus niemand mehr geben, der dem weltherrschenden Preußen seine Eroberungen streitig machen kann.« »Wer weiß,« sagte der Marschall, indem er seinen dünnen, schwarzen Schnurrbart mit den Zähnen faßte, – »wer weiß; die Geschicke wenden sich oft schnell. In wie überraschender Geschwindigkeit ist der erste Napoleon von seiner Höhe gestürzt, – doch«, sagte er dann abbrechend, »gerade weil für Sie die Ereignisse vielleicht noch schmerzlicher sind als für uns, habe ich Sie jetzt bitten lassen, zu mir zu kommen, – denn wenn das Äußerste eintreten sollte, so ist Ihre Lage eine bei weitem schlimmere als die der französischen Offiziere, – es kann nicht fehlen, daß die Identität Ihrer Person festgestellt werden wird, die Preußen werden Sie natürlich infolge der Annexion Hannovers für einen der ihrigen erklären, – und Sie wissen, welches Schicksal Sie dann erwartet.« »Der Tod,« erwiderte Herr von Feldhausen kalt und ernst, – »und ist das nicht vielleicht ein Glück für mich,« fuhr er mit schwermütigem Ausdruck fort, »für mich, für den kein Platz in der Welt mehr übrig ist?« »Kein Platz übrig?« fragte der Marschall Bazaine, – »die französische Armee wird stets stolz sein, einen so tapfern Edelmann zu den ihrigen zu zählen, wie Sie, mein Kapitän, und es haben ja schon früher Fremde, – Fremde aus Ihrem Vaterland diesen edlen Marschallstab von Frankreich sich erworben, – der Marschall Schomberg, der Marschall Moritz von Sachsen –« Mit einer ehrerbietigen, aber bestimmten Bewegung unterbrach Herr von Feldhausen den Marschall. »Ich werde stets mit Stolz mich der Zeit erinnern,« sagte er, »während welcher ich in Waffenbrüderschaft mit der französischen Armee stand und deren Uniform trug, aber«, sagte er mit festem, entschiedenem Ton, »diese Verbindung, so ehrenvoll sie für mich war, kann nach dem Schluß dieses Feldzuges nicht weiter bestehen.« Erstaunt blickte Bazaine ihn an. »Herr Marschall,« sagte der Kapitän, »ich habe nun die Ehre nachgesucht, in die französische Armee eintreten zu dürfen, auf den Rat und mit der Empfehlung meinen Königs, weil ich glaubte, daß es den Kampf gelten würde gegen jenes Preußen, das meinem Souverän seinen Thron genommen und mein freies Vaterland zu einer Provinz gemacht hat, – weil ich glaubte, daß mein König eintreten würde in den Kampf, um sein Recht geltend zu machen, – es ist anders gekommen, nicht Preußen haben wir gegenübergestanden, sondern Deutschland, diesem großen Deutschland, das – was immer auch zwischen Preußen und Hannover geschehen sei – doch mein Vaterland ist, – mein Vaterland, in dessen Sprache ich mit meiner Mutter rede und zu Gott bete, dessen Blut meine Adern füllt und mich unauflöslich mit all den anderen verbindet, deren Herzen von deutschem Blut bewegt werden. Mein König aber hat still und fern dagesessen und hat sich um niemand von allen denen gekümmert, die ihm einst ins Exil folgten. Wenn mein König aber seine Sache aufgibt, so habe ich, der einzelne, kein Recht, sie zu verfechten, und wenn Deutschland in den Schranken steht, so darf ich seinen Fahnen nicht feindlich gegenübertreten. Ich habe, wie Eure Exzellenz mir bezeugen werden, meine Pflicht getan, – ich habe sie mit Schmerz getan, wie ich nicht leugne, seit Deutschland in seiner einigen Gesamtheit mir gegenübersteht, und ich werde nicht länger der französischen Armee angehören können, nachdem der Friede geschlossen ist. – Das wird freilich,« sagte er nach einem langen Atemzug mit schmerzlichem Lächeln, – »auch ohne meinen Entschluß sich ganz von selbst verstehen, – denn meine Gefangennahme wird wohl von einem Prozeß und meiner Verurteilung unmittelbar gefolgt sein.« »Darum eben, mein lieber Freund,« sagte der Marschall mit einer ihm sonst nicht eigenen Herzlichkeit, »habe ich Sie rufen lassen: Sie müssen Metz verlassen und sich in Sicherheit bringen für den leider nur zu möglichen Fall, daß eine Kapitulation dennoch nötig werden sollte, welche unsere Offiziere zu Kriegsgefangenen macht.« »Herr von Feldhausen sprang empor. »Fliehen,« rief er, – »die Fahne verlassen, im Augenblick der Gefahr, – die Fahne, der ich folgte in der Hoffnung des Sieges, – niemals, Herr Marschall, niemals, – ich hoffe, daß Eure Exzellenz nicht im Ernst eine solche Tat von mir voraussetzen!« »Ruhig, ruhig, mein junger Freund,« sagte der Marschall Bazaine, indem er mit einem gewissen freudigen Stolz auf den in glühender Aufwallung seines Gefühles dastehenden jungen Offizier blickte, – »man darf in ernsten Augenblicken sich nicht von der Leidenschaft bestimmen lassen, mag auch deren aufbrausendes Gefühl noch so edel sein. – Nicht vor der Gefahr sollen Sie fliehen, welcher jeder Soldat stündlich ins Auge sehen muß, und welcher Sie so tapfer und heldenmütig entgegengetreten sind, wie ich mit meinem ganzen Generalstab es bezeugen kann. – Aber vor jener anderen Gefahr sollen Sie fliehen, welche des braven Soldaten höchster Schrecken sein muß, vor dem Tode des Verbrechers, dem das Gesetz den Stempel der Ehrlosigkeit aufdrückt, – und dieser Tod erwartet Sie, wenn Sie den Preußen in die Hände fallen, mit rettungsloser Sicherheit. Denn ich selbst, wenn ich preußischer General wäre, könnte kein anderes Urteil über Sie fällen.« Herr von Feldhausen preßte die gefaltenen Hände gegeneinander, seine Brust arbeitete heftig in innerem Kampf. »Und ich will nicht,« fuhr der Marschall Bazaine fort, »daß ein Offizier, der die französische Uniform trägt, – ich will nicht,« fügte er mit fast weichem Ton hinzu, »daß ein junger Mann, den ich liebe und achte, einem solchen Schicksal verfalle. Deshalb bitte ich Sie, – deshalb befehle ich Ihnen, wenn es sein muß, daß Sie Metz verlassen, um sich zu retten!« »Ein solcher Befehl, Herr Marschall –« rief Herr von Feldhausen. »Denken Sie an Ihren Vater, mein Freund,« sagte der Marschall ernst, »ich habe nicht die Ehre, ihn zu kennen, aber ich bin überzeugt, daß er ein Mann ist, der, wie sein Sohn, die Ehre über alles stellt. Was würde Ihr Vater sagen, wenn er hier stände, der sicheren Aussicht gegenüber, daß Sie in Preußen zu schimpflichem Tode verurteilt werden –« »Mein Vater!« rief der junge Mann, – »mein Vater! – aber meine militärische Ehre, – meine Pflicht –« »Ich,« sagte der Marschall Bazaine ernst und feierlich, »ich, ein Marschall von Frankreich, bürge Ihnen für Ihre militärische Ehre, – ich, Ihr Vorgesetzter, befehle Ihnen, sich zu retten, weil ich nicht will, daß wegen Ihres Falles Verwicklungen mit dem preußischen Kommando entstehen; mit dieser Erklärung müssen Sie zufrieden sein.« »Ich muß es sein,« sagte Herr von Feldhausen mit trübem Ton, »und muß zum Schluß meiner Dienstzeit in der französischen Armee; nach so vielen schmerzlichen Erfahrungen, noch das Schwerste kennen lernen, – die heimliche Flucht vor dem Feinde.« Er nahm seinen Degen ab und trat zum Marschall hin. »Ich bitte Sie, Herr Marschall, diesen Degen zurückzunehmen, den Frankreich mir gab. Ich bitte Sie, mir dereinst zu bezeugen, daß ich ihn bis zum letzten Augenblick würdig meines Namens und würdig der Uniform, die ich getragen, geführt habe.« Der Marschall empfing den Degen und schloß den jungen Mann mit herzlicher Innigkeit in seine Arme. »Doch nun, mein Freund,« sagte er dann, »gilt es zu handeln, – die Augenblicke sind gezählt.« »Ich bin bereit,« sagte Herr von Feldhausen, »aber in der Tat vermag ich kaum einzusehen, wie es möglich sein wird, Metz zu verlassen und durch die preußischen Linien zu dringen.« »Ich hoffe, daß das keine Schwierigkeiten machen wird,« erwiderte der Marschall, – Sie werden den Wagen führen, welcher einen General, den ich nach dem feindlichen Hauptquartier sende, dorthin bringt. Sie kennen den Grafen von Villebois?« »Der Graf hat mich auf das liebenswürdigste aufgenommen,« erwiderte Herr von Feldhausen, »und ich habe ebenso angenehme als lehrreiche Stunden in seinem Hause verbracht.« »So gehen Sie sogleich zu ihm,« sagte der Marschall. »Ich werde ihn um einen Wagen bitten lassen; teilen Sie ihm offen und frei Ihre Lage mit, Sie können ihm völlig vertrauen, und bitten Sie ihn um eine Benachrichtigung an seine Tochter, welche Metz vor einiger Zeit verlassen hat und sich wahrscheinlich auf dem Schloß zu Villebois, hinter den preußischen Linien, befindet. Dorthin zu gelangen wird Ihnen nicht schwer fallen, da man Ihnen nach jener Richtung hin kaum Schwierigkeiten in den Weg legen möchte, – und einmal in Villebois, steht Ihnen der Weg vollkommen offen, um nach Belgien zu gelangen. Eilen Sie, mein Abgesandter soll sobald als möglich Metz verlassen.« Noch einmal drückte er die Hand des jungen Mannes, und dann drängte er denselben eifrig zur Tür hinaus. – – – Am Abend desselben Tages war der Geleitschein für den General Boyer zum Passieren der Vorposten eingetroffen. Der General hatte seine letzten Instruktionen vom Marschall empfangen und mit demselben eines jener einfachen Soupers eingenommen, wie sie in der belagerten Stadt seit einiger Zeit auch nur selten noch zu finden waren, und bei welchen man den trockenen Zwieback und das Filet der schlecht genährten Pferde mit einem guten Glase Bordeaux hinunterspülte. Der Marschall begleitete den General bis unter das nach der Straße führende Portal. Hier stand ein einfacher offener Wagen mit zwei kräftigen Militärpferden bespannt, ein Kutscher in dunkler Halblivree saß auf dem Bock. Zwei Ordonnanzen mit einer weißen Fahne und ein Trompeter hielten daneben. »Und nun, mein General,« sagte der Marschall, indem er dem General Boyer zum Abschied die Hand in den Wagen reichte, »erreichen Sie, was zu erreichen ist, und kommen Sie bald mit guter Nachricht wieder, – und Ihr mein Freund,« sagte er dann, indem er dem Kutscher auf die Schulter klopfte, – »fahrt vorsichtig und geschickt, damit Euch zwischen den Postenketten kein Unglück widerfährt.« Der Kutscher wendete sich mit einer linkischen Verbeugung um, sein bleiches Gesicht war bartlos, und unter der tief herabgedrückten Krämpe seines Hutes leuchteten tiefe, dunkle Augen dem Marschall entgegen. » Allez! « rief der General Boyer. Die Ordonnanzen und der Trompeter ritten voran, und schnell rollte der Wagen durch die Straßen nach den Toren von Metz hin. Der Marschall blickte dem kleinen Zuge einen Augenblick sinnend nach. »Es ist eine edle, kraftvolle Nation,« sagte er leise, »und ein wunderbarer Patriotismus durchglüht sie für dieses Deutschland, das bis jetzt nur ein geographischer Begriff war,– und das jetzt eine Idee geworden, welche uns mit so niederschmetternder Macht entgegentritt. – Wir hätten sie nicht angreifen sollen!« – sprach er seufzend, indem er langsam in sein Zimmer zurückkehrte. Siebzehntes Kapitel Das heitere, fröhliche Leben, welches sonst die Straßen von Tours, dieser alten Hauptstadt der alten lustigen Touraine, erfüllte, hatte einem finsteren Ernst Platz gemacht. Die Delegierten der Regierung der Nationalverteidigung waren hier angekommen, um von Tours aus den Verkehr mit den nicht okkupierten Teilen von Frankreich und mit dem Ausland zu unterhalten; während die eigentlichen Führer der Regierung in dem eingeschlossenen und belagerten Paris zurückblieben, um dort den Widerstand zu kräftigen und zugleich die Kontinuität des Mittelpunktes der hauptstädtischen Regierung festzuhalten. Die Straßen von Tours waren nicht einsam geworden, denn die Bevölkerung drängte sich auf denselben vom frühen Morgen bis zum späten Abend, um womöglich neuere zuverlässigere Nachrichten von den ungeheuren Ereignissen zu erhalten, welche so unaufhaltsam schnell sich weiter entwickelten und allen französischen Ohren so märchenhaft unglaublich klangen, daß man sich nur schwer entschließen konnte, sie unbedingt für wahr zu halten, und daß man, wenigstens eine Zeitlang, immer an die rosig gefärbten Depeschen glaubte, welche die Regierung zu veröffentlichen nicht müde wurde, in der Hoffnung, daß doch endlich die so sehr ersehnte Wendung des Glückes eintreten müsse. Lebhafter noch als sonst bewegte sich an einem hellen Oktobertage die Menge auf den Straßen. Man hörte laute Jubelrufe, lärmendes Jauchzen aus einer dichten und sich stets lawinenartig vergrößernden Volksmasse hervortönen, welche sich vom Bahnhofe her nach dem Regierungsgebäude hinwälzte. Und in der Tat war das Ereignis, welches diese aufregende Volksbewegung verursacht hatte, außergewöhnlich genug und wohl geeignet, die so leicht entzündlichen Bewohner der Touraine lebhaft zu erregen und mit neuen Hoffnungsträumen zu erfüllen. Denn die zahlreiche Menschenmenge, welche sich fast zur Ankunft jedes Zuges nach dem Bahnhofe begab, um dort neue Nachrichten zu sammeln, hatte plötzlich aus einem Kupee des heranführenden Trains einen Mann heraussteigen sehen, in einer roten Bluse, einen leichtgeknüpften Schal um den Hals und auf dem ziemlich langen und glatt herabhängenden Haar ein kleines Käppchen, das tief in die schmale Stirn herabgedrückt war. Das Gesicht dieses Mannes war schmal und bleich, von einem kurzen, ins Graue fallenden Vollbart umrahmt, und nur die hellen, klaren Augen blickten unter ziemlich buschigen Augenbrauen mit einem eigentümlichen, beinahe fieberhaft glänzenden Schimmer über die auf dem Perron sich drängende Menge hin. Ihm folgten fünf bis sechs andere Männer, wie er in rote Blusen gekleidet, meist kräftige Gesichter, von der Sonne des Südens gebräunt, mit schwarzen Bärten und schwarzen, blitzenden Augen. Neugierig drängte man sich zu den Angekommenen heran, wie denn in jener Zeit der überreizten Spannung und Aufregung jede außergewöhnliche Erscheinung noch mehr als sonst die lebhafteste Aufmerksamkeit erregte. Während man noch in einzelnen Gruppen seine Bemerkungen über die fremdartig aussehenden Ankömmlinge austauschte, welche sich langsam nach dem Halteplatze der Fiaker begaben, ertönten aus der Menge heraus einzelne Rufe: »Er ist es – es ist Garibaldi!« – Und kaum war dieser Name genannt, so drängte die Menge heran, und bald erschollen rings laute Rufe: »Es lebe Garibaldi, der General der Freiheit, der Soldat des Sieges!« Der bleiche Mann in der roten Bluse, welcher seinen Gefährten voranschritt, hatte die Reihe der wartenden Fiaker erreicht, und so über die Menge erhaben, streckte er seine Hand aus, zum Zeichen, daß er reden wolle, während zugleich eine feine Röte sein bleiches Gesicht färbte und seine bisher so ruhigen und gleichgültigen Züge in zitternder Bewegung zuckten. »Ja,« rief er in einem sonderbar akzentuierten Französisch, »ich bin der Bürger Garibaldi, der gekämpft und geblutet hat für die Freiheit seines Vaterlandes, das jetzt die letzten Bollwerke der Tyrannei niedergeworfen und seine Hauptstadt, das Herz seines nationalen Lebens, wieder sein eigen nennt. Ich war der Feind jener despotischen Regierung, welche Frankreich geknechtet hatte und die priesterliche Tyrannei in Italien unterstützte. Jene Regierung ist gefallen – sie mußte fallen beim ersten Anstoß, weil sie morsch war und faul, und sie hat Frankreich – das edle, das große Frankreich, in ihren Fall mit hineingerissen. Frankreich ist schwer getroffen, aber Frankreich ist frei geworden, und dem freien Frankreich reicht Italien durch mich die Hand. Ich komme, um meine Kraft und meine Begeisterung, welche unter den grauen Haaren noch so feurig glüht, wie während der Tage meiner Jugend, zur Verfügung meiner Brüder, der freien Bürger von Frankreich, zu stellen. Nehmt mich hin, meine Brüder, Kinder, wie ich, dieser großen gemeinsamen Mutter – der Freiheit. Laßt mich an der Spitze eurer bewaffneten Volkskämpfer hinausziehen, und ich werde mit den tapferen Söhnen Frankreichs den französischen Boden reinfegen von jenen Söldnerheeren der Tyrannei, welche euch bedrohen.« Unermeßlich war der Jubel, welcher ringsum ausbrach, als Garibaldi geendet. Dieser Mann, von welchem man nichts anderes kannte, als die Legende seiner Siege bei der Befreiung Italiens, dieser Mann kam jetzt in einem Augenblick, in welchem Frankreich am Boden lag, zuckend unter der Degenspitze des Siegers – um seinen Arm, seinen Namen, den Zauber seiner Person darzubringen, um an der Spitze dieser Jugend, welche aus allen Departements herbeiströmte, auszuziehen und im Namen der Freiheit die eingedrungenen Fremden zu vertreiben, – es konnte kein Zweifel sein, jetzt mußte das Schicksal sich wenden, das Glück mußte Frankreich wieder lächeln, der Sieg mußte sich wieder auf seine Fahnen herabsenken, von welchen der kaiserliche Adler verschwunden war. »Es lebe Garibaldi, der Rächer, der Befreier! – Er wird Frankreich zum Siege führen und die Deutschen vertreiben, wie die Jungfrau von Orleans einst die Engländer vertrieb; auf! – auf! – zur Regierung!« Garibaldis Sohn, Menotti, eine kräftige Gestalt mit einem dem Vater ähnlichen, aber finsteren und streng verschlossenen Gesicht, war zu dem General in den Wagen gestiegen. Die übrigen Fiaker folgten, und unter fortwährenden Rufen: »Es lebe Garibaldi, der Sieger, der Rächer, der Befreier!« setzten sich die Wagen, vom Volk umdrängt, nach dem Regierungsgebäude in Bewegung, während sich die Fenster öffneten und mit Neugierigen füllten. Vor dem Regierungsgebäude, dessen Eingang ein Doppelposten deckte, hielt man an. Der General stieg, auf den Arm seines Sohnes gestützt und den verwundeten Fuß leicht nachziehend, unter das Portal. »Meine Freunde,« sagte er, sich zu der ihn begleitenden Menge wendend, »während ich hier die Geschäfte erledige, wollt ihr die Güte haben, mir und meinen Begleitern ein bescheidenes Unterkommen zu geben – bescheiden und einfach, wie es ein Soldat im Kriege bedarf und wie ich es gewöhnt bin.« Er grüßte mit der Hand und wendete sich, auf den Arm seines Sohnes gestützt, nach dem Innern des Gebäudes. Ein Teil der Menge führte seine Begleiter fort, um Quartiere für sie herzustellen, während andere zahlreiche Gruppen vor dem Regierungsgebäude versammelt blieben, um den General bei seiner Rückkehr zu empfangen. Garibaldi hatte inzwischen den ihm entgegentretenden Huissier nach den Mitgliedern der Regierung gefragt und von demselben die Auskunft erhalten, daß nur der Graf von Chaudordy, der Delegierte für das Departement der auswärtigen Angelegenheiten, dort anwesend sei. Bei dem Namen »Graf von Chaudordy« zog ein eigentümliches Befremden über das Gesicht des Kämpfers der Revolution. »Melden Sie«, sagte er, »dem Bürger Minister den Bürger Garibaldi.« Ganz erstaunt ging der Huissier durch das Vorzimmer in das Kabinett des delegierten Ministers. Bald darauf kehrte er zurück und sprach sehr artig und ehrerbietig: »Es wird dem Herrn Grafen ein Vergnügen sein, den Herrn General zu empfangen.« Abermals erschien jener Zug des Befremdens, diesmal mit einem leisen Hohn vermischt, auf dem Gesicht des Generals. Er bedeutete seinem Sohn Menotti mit einem Wink seiner Hand, im Vorzimmer zurückzubleiben, und schritt an dem Huissier vorüber, der ihm die Tür öffnete, in das Kabinett des delegierten Ministers. Der Graf von Chaudordy, früherer Kabinettssekretär unter Drouyn de Lhuys und in der letzten Zeit des Kaiserreichs als Minister plénipotentiaire zur Disposition gestellt, erhob sich bei dem Eintritt Garibaldis von seinem Lehnstuhl vor einem großen, mit Papieren und Briefen bedeckten Schreibtisch und trat dem Angekommenen einen Schritt entgegen. Der Graf von Chaudordy mochte damals etwa fünfzig Jahre alt sein. Er war eine kräftige, gedrungene Gestalt mit breiten Schultern, – der starke Kopf mit dem dunklen Teint der Bewohner des Südens zeigte kräftige und energische Gesichtszüge, aus den dunklen Augen leuchtete klare Intelligenz und feste Entschlossenheit hervor, vermischt mit jener ruhigen, kalten und überlegenen Beobachtung, welche langjährige diplomatische Beschäftigung zu geben pflegt. Sein schwarzes, dichtes Haar und sein Vollbart waren kurz geschnitten; der ohnehin schon kalte und abwehrende Ausdruck seines Gesichtes wurde noch zurückhaltender und verschlossener, als er dem Helden der italienischen Revolution entgegentrat. Und in der Tat konnte kaum eine Sympathie bestehen zwischen dem vornehmen Zögling der kaiserlichen Diplomatie, dem Liebling der römischen Kurie, welcher vom Papste den Grafentitel erhalten hatte, und dem Freischarenführer, dessen ganzes Lebensziel darin bestanden hatte, die Herrschaft des Papstes und der katholischen Kirche zu stürzen und über deren Trümmern das einige Königreich Italien aufzurichten, das ebenfalls nur wieder den Übergang bilden sollte für die große apenninische Republik der Zukunft. »Ich bin erfreut, Herr General,« sagte der Graf im Ton kalter Höflichkeit, »daß Sie mir die Ehre Ihres Besuches erzeigen, und werde mit Vergnügen jede Gelegenheit ergreifen, um den Wünschen, die Sie etwa bei Ihrem Aufenthalt in Frankreich haben, möglichst entgegenzukommen.« Garibaldi, der soeben von den Wogen des Volksenthusiasmus hierher begleitet worden war, stand dieser so einfachen, kalten und fast geschäftsmäßigen Anrede gegenüber einige Augenblicke stumm da. Ein Zug trauriger Enttäuschung erschien auf seinem Gesicht, dann antwortete er: »Herr Minister, ich habe keinen anderen Wunsch als denjenigen, Frankreich beizustehen in seiner jetzigen Not. Alle freien Völker sind durch Bruderbünde miteinander verbunden, und ich komme nur im Namen Italiens, dem befreiten Frankreich die helfende Hand zu reichen. Das Kaiserreich ist geschlagen und zum Heile Frankreichs in den Abgrund gesunken. Die Republik wird siegen, denn sie ist die Verkörperung des Sieges des Lichtes über die Finsternis, des Sieges der Zukunft über die Vergangenheit. Gebieten Sie über meinen Arm und meinen Degen! Und möge es mir gelingen, meine Waffen für Frankreich ebenso erfolgreich zu führen, wie ich es für mein Vaterland Italien getan habe.« Der General stützte sich mit der Hand auf den Schreibtisch – sein verwundeter Fuß erschwerte ihm das Stehen. Der Graf von Chaudordy rollte einen Sessel herbei und sagte dann immer in demselben kalten und geschäftsmäßigen Ton: »Sie sprechen von der französischen Republik, Herr General; ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß die Frage über die Regierungsform, welche in Frankreich für die Zukunft herrschen wird, eine vollständig offene ist. Eine konstituierende Versammlung wird über diese Frage entscheiden – eine Versammlung, welche in diesem Augenblick nicht zusammenberufen werden kann, und die gegenwärtige Regierung, deren Delegierter für die auswärtigen Angelegenheiten ich zu sein die Ehre habe, kennt nur die Nation, ohne der Form vorgreifen zu wollen und zu dürfen, in welcher sich dieselbe nach dem Beschluß ihrer gesetzlichen Vertreter demnächst konstituieren wird. Die Regierung nennt sich die Regierung der nationalen Verteidigung – und die Verteidigung des Vaterlandes, seine Rettung aus dem schweren Unglück dieser Tage ist die einzige Aufgabe, mit welcher sie sich beschäftigt – mit welcher sie sich beschäftigen darf.« »Worte und Namen sind gleichgültig, Herr Minister,« erwiderte Garibaldi, »ich habe es stets mit der Sache gehalten. Und in der Sache ist Frankreich eine Republik, denn es hat das Kaiserreich abgeschüttelt, es wird seine Zukunft selbst ordnen, und ein Land, welches das tut, ist Republik, wie auch Italien Republik ist, obgleich es seiner repräsentativen Autorität den Titel des Königtums gelassen.« Graf Chaudordy verneigte sich schweigend, als wolle er eine Diskussion über diesen Gegenstand ebenso höflich als bestimmt ablehnen. »Die Sache aber ist die,« fuhr Garibaldi fort, »daß das von den Fesseln des Kaisertums befreite Frankreich durch den Krieg, welchen sein gestürzter Tyrann frevelhaft und töricht heraufbeschworen hat, von feindlichen Unterdrückern bedrängt ist, welche, ebenfalls Vertreter eines cäsaristischen Despotismus, ihrerseits die französische Nation für die Fehler des Kaisertums büßen lassen wollen – und ich, der Vorkämpfer der Freiheit, dem der Genius dieser wahren Göttin der Zukunft schon manchen Sieg für ihre heilige Sache verliehen hat, biete meinen Arm der Sache Frankreichs.« Der Graf Chaudordy wiegte sich nachdenkend in seinem Stuhl hin und her. »Und in welcher Weise, Herr General,« sagte er dann, »glauben Sie Ihre so freundlich angebotene Mitwirkung für unsere Sache eintreten lassen zu können?« »Ich höre mit Freuden,« erwiderte Garibaldi, »daß Sie hinter den zersprengten kaiserlichen Armeen das französische Volk aufgeboten haben, sich als Franktireurs zu konstituieren und in eigener selbstkräftiger Anstrengung den französischen Boden von seinen eingedrungenen Feinden zu befreien – das ist groß, das ist herrlich und erhaben – das ist der Weg zur Rettung und zum Siege. Aber das französische Volk ist nicht erzogen und nicht geübt für diesen Krieg. Es bedarf dazu der Leitung, der Führung von erfahrener Hand, und dazu, Herr Minister, bin ich bereit. Ich habe meinen Sohn und einige erprobte Führer im Freischarenkrieg mitgebracht. Wir werden die Volkserhebung organisieren, leiten und militärisch schlagfertig machen. Unsere Erfahrung steht uns darin zur Seite, und vielleicht wird gerade diese Erfahrung, die man mir gewiß überall zuerkennen wird, mich besonders geeignet machen, dem französischen Volk, in dem ich nach dem Fall des Kaiserreichs meine Brüder erkenne, wichtige Dienste zu leisten; – vielleicht wird gerade mein Name dazu beitragen, in den Reihen der Kämpfer für die Verteidigung des Vaterlandes Mut und Vertrauen zu verbreiten.« »Es ist mir erfreulich,« sagte der Graf von Chaudordy, immer mit demselben unbeweglichen, kalten und höflich abwehrenden Ausdruck, »es ist mir erfreulich, zu sehen, daß das traurige Schicksal Frankreichs so viel sympathisches Mitgefühl bei Ihnen gefunden hat, und das Anerbieten, mit dessen Mitteilung Sie mich beehren, kann für Frankreich nur höchst schmeichelhaft sein; – indessen haben wir, die französische Regierung, nach allen Seiten Rücksichten zu nehmen, welche in dieser Zeit besonders scharf beobachtet werden müssen; – zunächst dem Lande selbst gegenüber. Wir nennen uns, wie ich zu bemerken die Ehre hatte, die Regierung der nationalen Verteidigung, und es scheint mir nicht zweifellos, ob es der nationalen Würde Frankreichs entsprechend sei, einen wichtigen Teil dieser nationalen Pflicht einem berühmten Mann anzuvertrauen – den aber die französische Nation«, fügte er mit leichter Verbeugung hinzu, »doch – gewiß sehr zu ihrem Bedauern – nicht zu den ihrigen zählen darf.« »Alle freien Völker sind Brüder,« rief Garibaldi emphatisch, »die Freiheit stürzt die Schranken nieder zwischen den Menschenklassen wie zwischen den Nationen –« »Doch ist,« fiel der Graf von Chaudordy ein, »dieser Grundsatz noch nicht in den Kodex der französischen Gesetzgebung aufgenommen, und es wäre jedenfalls etwas vollkommen Neues, eine wesentliche und wichtige Tätigkeit der nationalen Verteidigung einem Fremden anzuvertrauen. Dann aber,« fuhr er fort, schnell eine weitere Bemerkung Garibaldis abschneidend, »haben wir in unserer gegenwärtigen bedrängten Lage noch eine andere, sehr zarte Rücksicht auf unsere Beziehungen zu den auswärtigen Mächten zu nehmen, da es uns vor allem darauf ankommen muß, jene uns günstig zu stimmen und zu verhindern, daß sie, von uns verletzt, unseren Gegnern sich zuwenden. Unsere Beziehungen zu der Regierung Ihres Königs, Herr General,« sagte er mit Betonung, »sind aber in diesem Augenblick ganz besonders zarte und bedürfen der höchsten Schonung, und ich weiß in der Tat nicht, wie ich Ihnen aufrichtig gestehen muß, ob der Regierung des Königs von Italien Ihr Eintritt in unsere Kämpfe erwünscht sei und ob nicht dadurch vielleicht gerade eine uns schädliche Folge hervorgerufen werden würde – eine noch größere Entfremdung Italiens von unseren Interessen – Sie sind italienischer General –« »Ich bin Führer des Volkes, das für seine Freiheit kämpft,« rief Garibaldi, wie abwehrend die Hand ausstreckend. – »Dies ist mein Waffenkleid,« fuhr er fort, auf seine rote Bluse deutend, »und ich werfe jenen glitzernden Generalsrock weit von mir, wenn er für mich zu einer Livree der Knechtschaft werden soll.« Der Graf von Chaudordy erwiderte nichts auf diese heftige Bemerkung und sprach nach einigen Augenblicken kalt und bestimmt in einem Ton, welcher anzudeuten schien, daß ihm eine Erörterung über den Gegenstand für den Augenblick nicht weiter erwünscht sei: »Sie werden begreifen, Herr General, daß ich, der ich nur ein delegiertes Mitglied unserer Regierung bin und zwar gerade von dem Departement der auswärtigen Angelegenheiten, welches alle die Rücksichten, die ich vorhin andeutete, im höchsten Maße zu nehmen hat, – daß ich nicht imstande bin, Ihnen irgendeine definitive Antwort zu geben oder auch nur eine endgültig abgeschlossene Meinung auszusprechen. Ich muß die Sache nach allen Seiten überlegen und vor allen Dingen mit meinen Kollegen darüber in Beratung treten, und es wird mir, sobald wir darüber zu klaren Ansichten und Entschlüssen gekommen sind, eine Ehre sein, Sie wieder zu empfangen und die heutige Konversation fortzusetzen.« »Und die Zeit, die verloren wird,« rief Garibaldi, »und das Blut, welches in dieser Zeit unnütz fließt! – wer wird das verantworten? – In Tagen, wie die jetzigen, mein Herr Minister, muß man sich zu entschließen wissen.« »Sie können versichert sein, Herr General,« erwiderte der Graf Chaudordy, »daß uns der Entschluß nicht fehlen wird; indes bin ich nicht die Regierung, ich bin nur ein Teil derselben, und ohne Verständigung mit meinen Kollegen darf ich, werde ich nicht handeln.« »So muß ich warten,« sagte Garibaldi finster, indem er aufstand, »und ich bitte Sie nur, mein Herr Minister, – nicht um meinetwillen, sondern um Frankreichs, um Ihres Vaterlandes willen – Ihre Erwägungen und Entschlüsse zu beschleunigen.« Er wendete sich kurz um und verließ das Zimmer. Erschrocken sprang Menotti auf, als er die düsteren, vor zorniger Erregung zitternden Gesichtszüge seines Vaters sah. »Laß uns gehen, mein Sohn,« sagte Garibaldi, »sie wollen beraten, sie wollen erwägen – in einer Zeit, wo man schlagen muß – diese werden Frankreich nicht retten!« Und langsam, von seinem Sohn unterstützt, stieg er die Treppe hinab. Mit jubelndem Zuruf wurde er von der Menge vor dem Portal empfangen. Einige den unteren Klassen der Bürgerschaft angehörige Personen traten ihm entgegen und begleiteten ihn zu einem bereitgehaltenen Fiaker, indem sie ihm mitteilten, daß sie seinem Wunsche gemäß eine einfache und anspruchslose Wohnung für ihn hergerichtet hätten und zwar bei einem Manne des Volkes, wo er an Liebe und Verehrung Ersatz finden würde für alles, was an Reichtum und Komfort zu vermissen sein möchte. »Ich danke, meine Freunde,« sagte Garibaldi, »das ist die Wohnung, die ich mit Freuden beziehe, im Schoße des Volkes ist mein Platz, für das Volk habe ich gelebt und gestrebt, für das Volk zu kämpfen bin ich gekommen, und aus dem Volk allein, aus des Volkes innerster und eigenster Kraft heraus kann Frankreich gerettet werden.« Er stieg in den Wagen, und umdrängt von einer teils neugierigen, teils ihm begeistert zujubelnden Menge fuhr man in die Nähe der Vorstadt vor ein kleines und unscheinbares Haus. Ein Mann in dem einfachen Sonntagsanzug der kleinen Bürger stand vor der Tür und trat mit abgezogenem Hut an den Schlag des Fiakers. »Es gereicht mir zur hohen Ehre,« sagte er im prononcierten Patois der Touraine, »den Bürgergeneral Garibaldi in meinem einfachen Hause aufnehmen zu dürfen. Komm hervor, Denise,« fuhr er fort, sich nach dem ziemlich dunklen Hausflur wendend und mit der Hand eine kleine, korpulente Frau mit großer, steifer Haube und einem runden, roten Gesicht hervorziehend, welche sich verlegen und knixend dem Wagen näherte; –»komm hervor und begrüße den großen Bürger und General, der unser Haus mit seiner Gegenwart beehrt und ihm Ruhm für alle Zukunft bringt.« Garibaldi war ausgestiegen und reichte der immer verlegener umherblickenden Frau die Hand, während Menotti mit einer gewissen Verwunderung dieses Quartier betrachtete, welches die große und reiche Stadt Tours seinem Vater darbot, der herbeigeeilt war, um mit seinem siegreichen Schwert, wie einst Jeanne d'Arc, Frankreich zu befreien. Der Bürger und Madame Denise führten den General in ein kleines Hinterzimmer, welches durch zwei Betten, einen Tisch und drei bis vier Stühle vollkommen ausgefüllt war, und in welches die kurz vorher geöffneten Fenster noch nicht genug frische Luft hatten eindringen lassen, um den dumpfen Geruch einer langen Verschlossenheit aus demselben zu entfernen. Dann brachten die guten Leute eine jener Fleisch-Pasteten, welche ein so wesentliches Nahrungsmittel der ärmeren Klassen Frankreichs ausmachen, einige Früchte und eine Flasche jenes vortrefflichen Landweines der Touraine und zogen sich bescheiden zurück, um Garibaldi und seinen Sohn der Ruhe und Erholung zu überlassen. Die Menschenmenge, welche den Wagen des Generals begleitet hatte, war verschwunden, nachdem er in das kleine Haus eingetreten, und bald schien in der großen, fieberhaft bewegten Stadt Tours, welcher die Depeschen von allen Teilen des Landes zuflogen und in welcher die Reisenden von allen Seiten zusammenströmten, niemand sich mehr darum zu kümmern, daß in dem dumpfen Hinterzimmer eines kleinen bürgerlichen Häuschens der Mann gegenwärtig war, welcher die Stufen zu dem Throne des Königs Viktor Emanuel erbauen half, und welcher jetzt gekommen war in dem festen Glauben und dem Vertrauen, die Masse eines begeistert aufstehenden Volkes zum Siege gegen die geschlossenen Armeekorps führen zu können, welche der still sinnende Feldherrngeist des großen preußischen Strategen in sicheren Zügen ruhig und unaufhaltsam immer weiter nach dem Herzen Frankreichs vordringen ließ. Garibaldi saß starr und finster da. Er hatte einige Bissen gegessen und ein Glas Wein getrunken und schien unschlüssig mit den Gedanken zu kämpfen, die in seinem Innern hin und her wogten. Menotti stand an dem nach dem Hinterhof des Hauses sich öffnenden Fenster, kräuselte seinen Schnurrbart und trat von Zeit zu Zeit ungeduldig mit dem Fuß auf die Erde. »Ich glaube, daß dies Frankreich immer dasselbe bleibt, mein Vater,« sagte er, »unter dem Kaiser, wie unter dieser sogenannten Republik – sie müssen geführt, sie müssen kommandiert werden, sie sind unfähig, allein zum Wollen und zu tatkräftigem Handeln sich zu erheben, und wir haben unrecht getan, hierher zu kommen, wir werden ihnen nicht helfen können, da sie keine Hilfe wollen. Sie bedürfen immer eines Tyrannen, sei er ein König, ein Kaiser oder ein Diktator, und auch in ihrer großen Revolution hatten sie stets einen Götzen, von dem sie sich so lange mit Füßen treten ließen, bis sie seiner müde wurden und ihm den Kopf abschlugen, um einen anderen an seine Stelle zu erheben.« »Sie müssen sich nach so langem Druck«, sagte Garibaldi, »erst an die Freiheit gewöhnen, sie müssen zu Atem kommen, wir müssen Geduld mit ihnen haben. Wir haben eine gute Tat vor, wir haben versprochen, sie auszuführen im Interesse der Freiheit der ganzen Menschheit, und wir dürfen nicht vor einer ersten Schwierigkeit zurückschrecken.« Er sagte dies ruhig und sanft, aber dem Ton seiner Stimme fehlte die Zuversicht der eigenen Überzeugung. »Schwierigkeiten, mein Vater,« rief Menotti, »ich schrecke wahrlich vor keinen Schwierigkeiten zurück – aber dieser Empfang hier, diese hochmütige Kälte vonseiten dieses päpstlichen Grafen! – Ja, das Volk auf der Straße hat uns wohl entgegengejubelt – aber ich kenne das, es war eben nur das Volk der Straße. Von den übrigen Klassen habe ich nur einzelne Neugierige hier und da gesehen, die aber weit entfernt waren, uns Zeichen der Sympathie zu geben. Und hier,« sagte er, mit verächtlicher Handbewegung auf das einfache Ameublement des kleinen Zimmers deutend, in dem sie sich befanden – »so empfängt die erste große Stadt in Frankreich den Helden der Freiheit Italiens!« Die Tür öffnete sich, und in der roten Bluse der Garibaldischen Freischaren trat Barbarino Falcone in das Zimmer. Der junge Mann blickte noch düsterer als früher. Ein Strom von wilden Gluten inneren Grimmes und Hasses schien aus seinen dunklen Augen hervorzubrechen. Die sammtglänzende Haut seines kräftigen und edlen Gesichtes war noch tiefer gebräunt, sein Bart war stärker und voller geworden, die rote Bluse hob seine schlanke Gestalt hervor, und als er in dies kleine dunkle Zimmer eintrat, im Lichte der geöffneten Tür, erschien er von einer blendenden, aber zugleich abschreckend dämonischen Schönheit, wie ein Engel der Rache und der Vernichtung, und wohlgefällig ruhte das Auge des alten Führers der Freischaren auf dieser Gestalt, welche für seine Unternehmungen wie geschaffen schien. »Nun, Barbarino,« sagte er, »die Stunde des Kampfes naht, bald werden alle deine Wünsche erfüllt sein und du wirst deine Klinge das Blut der Feinde der Freiheit trinken lassen!« »Ich fürchte, mein General,« sagte Barbarino finster, »daß von allem dem nichts geschehen wird, und was ich hier in der kurzen Zeit unserer Ankunft gesehen, läßt mich alle Hoffnungen verlieren, daß jemals dieses Volk von Frankreich sich zu einer ernsten Tatkraft emporschwingen werde.« »Du siehst, mein Vater,« sagte Menotti, »Barbarino Falcone, der Glühendste und Begeistertste von uns allen, hat in wenigen Stunden den Mut verloren.« »Ja,« sagte Barbarino, »ich habe den Mut verloren, – denn ich suche den Kampf, und ich sehe, daß wir hier nur Worte, aber keine Taten finden werden. Ich habe einen Weg durch die Stadt gemacht, die Leute, die mir folgten und mich mit Freudenrufen begrüßten, sind wahrlich nicht die Männer, mit denen man großen, geordneten Armeen entgegentritt. Ich habe auch diese Franktireurs gesehen, die sich jetzt bilden – sie kokettieren in ihren Uniformen, aber so, wie sie da jetzt sind, würde ich nicht gern mit ihnen ins Feld ziehen; – und sobald sie mich sahen, diese zierlichen Herren in ihren eleganten Röcken, mit ihren blanken Hirschfängern und Gewehren, so machten sie sich davon, – und wenn ich einen von ihnen anredete, so konnte er in verlegener Eile nicht schnell genug das Gespräch beenden, um sich von mir zu entfernen. Sie haben ihren Kaiser abgesetzt, weil er ihnen nicht mehr Ruhm und Glanz genug geben konnte – aber sie sind keine Republikaner, sie haben keinen Begriff von der Freiheit, und mit uns haben sie nichts gemein. Nein, nein, mein General, wir wollen fort von hier so schnell als möglich, wir wollen zurückkehren nach unserer Heimat, dort bleibt noch genug für die heilige Sache zu tun, und um uns hier ohne Zweck und Gewinn zu opfern, dazu bedarf Italien seiner Kinder noch zu nötig.« Garibaldi stand unschlüssig auf. Die Worte Barbarinos waren nicht ohne Eindruck auf ihn geblieben. Da hörte man eine näselnde Stimme im Patois der Touraine, auf der engen Flur des Hauses. »Ich muß ihn sehen, den großen General Garibaldi, den Retter, den Befreier, der gekommen ist, uns zu helfen gegen die deutschen Königsdiener.« »Hier, mein Freund,« antwortete die Stimme des Hauswirtes, »tretet ein. Der General ist gut und freundlich, er wird gern einen Mann empfangen, der ihn so tief verehrt.« Die Tür wurde geöffnet und der Besitzer des Hauses schob einen Mann in vorgerückten Jahren in der Tracht der wohlhabenden Landbewohner der Umgegend in das Zimmer. Der Eintretende stützte sich in jener gebückten Haltung, welche den durch schwere Arbeit früh alternden Bauern oft eigentümlich ist, auf einen starken Stock; ein grauer Bart verhüllte den unteren Teil seines Gesichts, die breiten Krämpen eines schwarzen Hutes fielen auf seine Stirn herab und eine Brille mit grauen Gläsern bedeckte die Augen, welche sehr schwach zu sein schienen, da er sie außerdem noch mit vorgehaltenen der Hand gegen das in der Tat nicht zu helle Licht schützte, das von den Fenstern in das Zimmer drang. »Ich muß ihn sehen,« sagte der Eintretende mit der Lebhaftigkeit, welche den Bewohnern jener Gegenden eigentümlich ist, »ich muß ihn sehen, den großen General, dessen Bild jeder Freund der Freiheit in seinem Herzen tragen sollte als ein heiliges Kleinod! – Ah!« rief er, vor dem General stehenbleibend, »das ist er! – ja – ja, das ist er! Das ist das Auge, vor dessen Blick die Scharen der Tyrannendiener wie Spreu verwehen! –« Er blieb, die Hände über seinem Stock gefaltet, vor dem General stehen, indem er ihn von unten herauf durch seine Brille betrachtete. Der Hauswirt hatte sich, da das kleine Zimmer fast überfüllt war, zurückgezogen und die Tür hinter sich geschlossen. Der Fremde blickte langsam zu Menotti und Barbarino hin, dann richtete er sich etwas aus seiner gebückten Stellung auf, trat in stolzer, fester und gebietender Haltung unmittelbar vor den General hin und nahm seine graue Brille ab, während zugleich von seinem Gesicht der Ausdruck von Neugier und unruhiger Wichtigkeit verschwand, welche bisher auf demselben gelegen hatte. Unter der Brille erschienen jene wunderbar strahlenden, farbenspielenden Augen, mit welchen Mr. Brooklane im Albergo di Europa in Rom den Grafen Rivero angesehen hatte und auf deren Wink Barbarino Falcone aus seiner Höhle in den Schluchten der Berge aufgebrochen war. »Wir sind unter Vertrauten,« sagte der so plötzlich Veränderte mit einer vollen sonoren Stimme im reinsten Italienisch von Toskana – »und ich kann die Maske abnehmen!« »Ihr hier, Meister!« rief Barbarino Falcone, im höchsten Erstaunen heraneilend und die Hand des Fremden ehrerbietig ergreifend. »Wie kommt Ihr nach Frankreich?« fragte Garibaldi, »ich glaubte, Ihr wäret –« »In Gaëta,« sagte der Fremde mit verächtlichem Lächeln, – »ja, ja, dort hinter den Mauern der alten bourbonischen Zwingburg hält man mich in diesem Augenblick fest – wie die ganze Welt überzeugt ist – aber ihr wißt, daß Mauern und Ketten mir gegenüber ein wenig von ihrer einengenden und fesselnden Kraft zu verlieren pflegen – ich bin also in diesem Augenblick hier, wie ihr seht, da sich hier vielleicht in diesem Augenblick unsere Zukunft, die Zukunft der Freiheit, entscheidet, da es hier darauf ankommt, den Bund zwischen zwei großen Nationen zu schließen zur Bekämpfung der Tyrannei.« »Dieser Bund ist ferner als je, mein Meister,« rief Barbarino mit zitternder Stimme, »hier werden wir keine Verbündeten finden!« »Selbst diese jungen, feurigen Herzen, welche noch in der Zeit der Illusionen leben,« sagte Garibaldi traurig, »haben mir geraten, zurückzukehren und dieses Frankreich zu verlassen, das so wenig Verständnis für unsere Ideen, so wenig Sympathie für unsere Gefühle zeigt.« Der Fremde richtete sich hoch auf und warf einen strengen Blick auf Barbarino. »Hat Barbarino Falcone,« sagte er, »so wenig Vertrauen in mein Wort? – Habe ich dir nicht versprochen, daß du hier in dem Kampfe, der nun beginnen wird, finden sollst, wonach deine Seele dürstet? – die Rache,« fügte er leise, sich ein wenig zu dem jungen Manne hinneigend, hinzu. »Und Ihr, mein Freund,« sagte er dann, sich zu Garibaldi wendend, »Ihr, der feste, unerschütterliche Streiter für unsere heilige Sache, Ihr wollt so schnell den Mut verlieren?« »Ihr wißt nicht,« rief Menotti, »wie man uns empfangen hat –« »Ich weiß es,« fiel der Fremde ein, »und deshalb bin ich hier, weil ich zugleich auch weiß, wie heftig das Blut in euren Herzen wallt – auch hier noch,« fügte er lächelnd, die Hand auf die Schulter Garibaldis legend, – »in diesem Herzen, das doch schon älter und kälter geworden sein sollte. Darum bin ich hier, weil ich nicht will, daß eine Aufwallung der Ungeduld, mag sie so natürlich sein als sie wolle, unsere heilige Sache gefährde – wenn man Großes erreichen will, muß man vor Allem Geduld haben.« Garibaldi wollte sprechen. Der Fremde streckte die Hand gegen ihn aus. »Ich bin gekommen,« fuhr er fort, »um euch zu dieser Geduld zu ermahnen, denn das alles, was euch hier lähmend entgegengetreten ist, wird anders werden, es wird eine schnelle Wendung eintreten, das wollte ich euch sagen, – aber ich kann euch mehr sagen, denn alles fügt sich noch schneller als ich gehofft, – denn –« Ein lautes Rufen verworrener Stimmen tönte, näher und näher heranbrausend, über den Hof von der Stadt herüber. Es waren lauter Jubelrufe der Begeisterung, der Freude, welche zum Himmel emporstiegen, – mächtiger und weithin schallender als jene Rufe, welche Garibaldi und seine Begleiter begrüßt hatten. Alle horchten auf. »Was ist das?« fragte Garibaldi. »Das ist die Wendung,« sagte der Fremde, »von der ich euch sprach, das ist das Bündnis der freien Völker von Frankreich und Italien, das seine ersten Freudenrufe zum Himmel emporsendet.« Garibaldi schüttelte den Kopf, als begreife er nicht. Menotti hatte sich zum Fenster hinausgebeugt und suchte den Sinn der verworrenen, immer lauter herüberschallenden Rufe zu erfassen, während Barbarino mit gläubiger Zuversicht auf den Fremden blickte, dessen Augen in leuchtender Freude schimmerten. Man hörte Schritte auf dem Flur und die Stimme des Hauswirtes, welcher mit Madame Denise sprach und dann eilig sich dem Zimmer näherte. In einem Augenblick hatte der Fremde seine Brille wieder aufgesetzt, seinen Hut in die Stirn gedrückt und stand in derselben gebückten Haltung wie vorhin, auf seinen Stock gestützt da, ehrerbietig und bewundernd zum General Garibaldi aufblickend. »Welches Glück, welche Freude!« rief der Bürger, eifrig eintretend, während hinter ihm seine Frau einen neugierigen Blick in das Zimmer warf, »welche Freude! – nun wird, nun muß alles gut werden – nachdem der große General Garibaldi zu uns gekommen, ist nun auch der große Held der französischen Freiheit, der Mann der Herzen des Volkes, von Paris gekommen, um die Regierung selbst in die Hand zu nehmen. Gambetta ist hier – hört ihr, wie sie ihn begrüßen? – er wird gleich hier vorüberfahren.« »Was sagte ich euch,« flüsterte der Fremde leise, ohne seine Stellung zu verändern oder eine Miene zu verziehen, »hatte ich Recht, ist die Wendung nahe?« »Gambetta hier!« rief Menotti erstaunt, »wie ist das möglich aus dem umzingelten Paris –« »Oh, ihm ist nichts unmöglich,« sagte der Bürger stolz, »er ist durch die Luft gekommen im Ballon, aber kommt, kommt, ihr müßt ihn sehen!« Er eilte durch den Flur voran zu der vorderen Türe des Hauses. Während Garibaldi und die übrigen langsam folgten, sagte der Fremde: »Wartet, alles wird sich ändern – ich bürge euch dafür, daß nun euer Warten nur noch nach Stunden zählen wird.« Er verschwand in der Menge, die sich auf der Straße gesammelt hatte und die fast bis in den Flur des kleinen Hauses hineindrängte, ohne Augen für die roten Blusen des Generals Garibaldi und seiner Begleiter zu haben, welche nur mit Mühe über alle diese Köpfe hin, durch alle diese erhobenen Arme hindurch, das bleiche Gesicht des Mannes sehen konnten, der, noch vor kurzem ein unbedeutender Advokat, der Führer einer fast hoffnungslosen Opposition war und der heut an der Spitze der Regierung Frankreichs stand und unbeschränkt über die letzten Hilfsquellen dieses reichen Landes gebot. Achtzehntes Kapitel Der Graf von Chaudordy hatte sich, nachdem Garibaldi ihn verlassen, wieder an die Durchsicht der eingegangenen und auf seinem Tisch vor ihm liegenden Berichte begeben, aber er schien von trüben Gedanken in Anspruch genommen; – bald warf er die Papiere zurück und die Stirn in die Hand stützend, sagte er in traurigem Ton: »Wie tief ist Frankreich in so kurzer Zeit gefallen, daß dieser Guerillaführer der italienischen Revolution sich für berechtigt und befähigt hält, uns wie ein Almosen seine Hilfe zu bringen – welch ein Unglück, daß nicht nur unsere Armeen geschlagen und auseinandergesprengt sind, daß auch unsere Diplomatie vollständig den Zusammenhang, die Kraft und die Klarheit verloren hat! Herr Thiers verwirrt das alles noch mehr, indem er an den Höfen umherreist und ihre Intervention für Frankreich erbittet, ohne daran zu denken, daß die monarchischen Regierungen Europas, wenn sie auch für den Kaiser hätten etwas tun wollen, jetzt gewiß keine Neigung haben werden, für Frankreich intervenieren zu wollen, wenn es auf immer schneller strömender Flut der Anarchie zutreibt. Welch ein Unheil hat dieser törichte Krieg über uns gebracht, zu dem der Kaiser sich wider seinen Willen hat treiben lassen, statt ihn zwei Jahre früher wohl überlegt und mit fest vorbereiteten Allianzen zu beginnen. Das schwerste Unglück ist aber doch die Schwäche und Unentschlossenheit des Kaisers, der es nicht wagte, die Verantwortung und die Konsequenzen des Krieges auf sich zu nehmen und bei Sedan den Frieden zu schließen, der damals noch weit wohlfeiler gewesen wäre, als er es heut ist, und der jede Woche später immer mehr und mehr kosten wird. – Wie schmerzlich, daß ein großes, ruhmreiches Land so schwer für die Fehler desjenigen büßen muß, der die Existenz und das Schicksal der Nation in seiner einzigen Person vereinigt hatte! »Und nun dieser Garibaldi,« fuhr er nach einer Pause traurigen Schweigens fort, »der hier ankommt, um unsere Verlegenheiten noch zu vermehren! Die mächtigste und nachhaltigste Hilfe, nicht um uns aus der gegenwärtigen Verlegenheit zu ziehen, sondern um Frankreich später wieder emporzuheben, im Innern zu kräftigen und mit neuen Allianzen zu umgeben – diese wichtigste Hilfe für uns liegt in der katholischen Kirche und ihrer weltumfassenden Macht. Die päpstliche Kurie aber und die Kirche würden wir auf das tiefste, auf das unversöhnlichste beleidigen, wenn wir ihren geschworenen Todfeind jetzt zu Hilfe rufen wollten. Der König Viktor Emanuel, dessen Gesinnungen für Frankreich nur durch die persönlichen Beziehungen zum Kaiser bestimmt werden und der, trotzdem er eben Rom besetzt hat, doch nur an den endlichen Frieden mit dem Papst denkt, würde uns das ebenfalls nicht verzeihen.« »Der Herr Botschafter von Österreich«, meldete der Huissier. Der Graf von Chaudordy erhob sich, um dem Fürsten Metternich entgegenzugehen, welcher schnell in das Zimmer trat. Der Fürst war elegant wie immer. Sein blondes Haar und sein lang herabhängender Backenbart waren sorgfältig geordnet, seine Toilette von tadelloser Frische und einfachster Eleganz, aber auf seinem regelmäßigen, schönen Gesicht, welches sonst heiteren Lebensgenuß und einen fröhlichen, oft etwas spöttischen Humor ausdrückte, lag ein trüber Schleier. Er war bleich und die großen hellen Augen blickten ernst und traurig. Er drückte rasch die Hand des Grafen Chaudordy und ließ sich wie ermüdet in den Lehnstuhl sinken, der neben dem Schreibtisch stand. »Euer Durchlaucht erraten kaum,« sagte der Graf lächelnd, »wer soeben noch auf diesem Stuhl gesessen hat, den jetzt der Botschafter Seiner Majestät des Kaisers von Österreich einzunehmen mir die Ehre erzeigt und mir dadurch einen neuen Beweis für die Wahrheit des alten Satzes gibt: ›les extrèmes se touchent‹. « »Ich habe nicht nötig, es zu erraten, mein lieber Graf,« sagte der Fürst, indem er die Handschuhe in seinen Hut warf, den er neben sich auf ein Aktenpaket gestellt hatte, – ich habe nicht nötig, es zu erraten, denn ich weiß es – Garibaldi – –« »Euer Durchlaucht haben erfahren –?« fragte der Graf Chaudordy. »Die ganze Stadt spricht davon,« rief der Fürst, – »und außerdem bin ich von anderer Seite informiert worden. Ein Kurier, der soeben von Wien eintraf, brachte mir die Nachricht, daß man dort von den Absichten Garibaldis unterrichtet sei.« »Er ist gewohnt,« sagte der Graf achselzuckend, »aus seinen Absichten keine Geheimnisse zu machen.« »Sie haben ihn also gesprochen«, fuhr der Fürst fort. »Sie haben seine Pläne, seine Anerbietungen vernommen?« »Ich habe ihn angehört,« erwiderte der Graf Chaudordy, – »seine Selbstschätzung flößt mir eine gewisse Bewunderung ein! – Nachdem die bewährten Marschälle Frankreichs geschlagen worden, nachdem unsere festen Plätze teils genommen, teils umzingelt sind, nachdem unsere Armeen zersprengt, nachdem die feindlichen Streitkräfte bis vor Paris gedrungen sind und die Hauptstadt vom Lande getrennt haben, kommt dieser Mann hierher, um uns glauben zu machen, daß er nur seinen Degen in die Luft zu heben nötig hat, um das alles wieder gut zu machen und diese übermächtigen Feinde aus unseren Grenzen zu vertreiben! Entweder ist das die Selbstüberschätzung eines Wahnsinnigen oder die Naivität eines Kindes.« »Es freut mich, Herr Graf,« rief der Fürst Metternich, »daß ich diese Auffassung bei Ihnen finde – wie ich es allerdings wohl kaum anders hätte voraussetzen können, denn ich bin gekommen, um Ihnen im Interesse Frankreichs die dringende Bitte auszusprechen, sich von jeder Berührung mit den Elementen fernzuhalten, über welche Garibaldi gebietet. Ich spreche Ihnen diese Bitte aus nicht nur in meinem eigenen Namen – denn Sie wissen, daß ich ein aufrichtiger Freund Frankreichs bin, Frankreichs wie des armen unglücklichen Kaisers, den ich noch in der letzten Stunde beschworen habe, sich nicht in diesen verhängnisvollen Krieg hineinreißen zu lassen, – sondern ich bin auch beauftragt,« fuhr er fort, »Ihnen diese Bitte im Namen meiner Regierung auszusprechen. Es wird Ihnen bekannt sein, wie hohen Wert ich immer auf eine Allianz zwischen Österreich und Frankreich gelegt habe, wie sehr ich wünschte, daß Österreich hätte die Zeit finden mögen, sich vollständig wieder innerlich zu erholen und zu kräftigen, um mit Frankreich gemeinschaftlich in Aktion treten zu können, nachdem eine solche Aktion diplomatisch wohl vorbereitet und organisiert gewesen wäre, – und ich habe im vollen Einverständnis mit dem Grafen Beust alles getan, um diesen Wunsch zu erfüllen – leider aber vergebens. Jetzt, Herr Graf, bleibt wenig übrig, was Österreich noch für Frankreich tun könnte – dieses Wenige besteht darin, auf die vorsichtigste Weise seine Stimme zugunsten Frankreichs geltend zu machen und, wenn es irgend möglich, ein Einverständnis der neutralen Mächte herbeizuführen, damit dieselben ihren Einfluß ausüben, um eine zu große Schwächung Frankreichs zu verhindern. Aber auch dies wenige, was die österreichische Regierung hätte tun können und was immerhin vielleicht nicht ohne Bedeutung gewesen wäre, ist schon sehr erschwert durch den Sturz des Kaiserreichs, da Rußland und England weit weniger geneigt sind, für die gegenwärtige, unsichere und völkerrechtlich zweifelhafte Regierung vermittelnd in die Schranken zu treten. Ganz unmöglich aber,« fuhr er fort, »würden unsere bons offices werden, wenn Garibaldi eine hervorragende Rolle in der weiteren Kriegführung spielen sollte, denn dadurch würden die Besorgnisse aller Mächte wachgerufen werden und man würde vielleicht dahin kommen, in der Schwächung Frankreichs zugleich eine Sicherung gegen die europäische Revolution zu erblicken. Ich bitte Sie deshalb, wenn denn der Krieg bis aufs äußerste fortgesetzt werden soll, denselben wenigstens nur durch französische Elemente führen zu lassen, und zwar durch so regelmäßige militärische Elemente als möglich, damit es gelinge, die Sympathien für Frankreich in Europa so lange als möglich zu erhalten.« Der Graf Chaudordy hatte ernst und aufmerksam zugehört. »Es bedarf Ihrer Worte nicht, mein Fürst,« sagte er, »um meine Ansicht festzustellen und meine Überzeugung zu bestärken. Alles, was Sie mir zu sagen die Güte hatten, erkenne ich als vollkommen wahr und richtig an; und läge die Entscheidung über die Angelegenheiten Frankreichs in meinen Händen allein, so würde das Streben nach einem schnellen und möglichst vorteilhaften oder vielmehr möglichst wenig nachteiligen Frieden,« sagte er seufzend, »der einzige Zielpunkt unserer politischen Tätigkeit sein. Ich habe indes«, fuhr er fort, »über alle diese Dinge mit meinen hier anwesenden Kollegen zu beraten und bin mit diesen wieder abhängig von den Entscheidungen, welche die eigentlichen Träger der Regierung in Paris uns zukommen zu lassen vielleicht Mittel finden möchten. Wie meine hiesigen Kollegen denken, wie sie über diesen Fall denken, dessen bin ich nicht ganz gewiß, und in dieser Beziehung ist mir Eurer Durchlaucht Mitteilung ganz besonders wichtig und erwünscht, denn die guten Beziehungen zu Österreich und durch Österreichs Vermittlung zu den anderen Mächten liegen meinen Kollegen, das weiß ich, gewiß ebenso sehr am Herzen, als mir. Die Erklärung, welche Eure Durchlaucht mir eben abgegeben, wird mir dabei eine große Unterstützung sein, um meine Ansicht bei den übrigen Mitgliedern der Regierung zur Geltung zu bringen, und ich hoffe, daß Sie mir erlauben werden, zu diesem Zweck Gebrauch davon zu machen.« »Ohne Zweifel, mein lieber Graf, ohne Zweifel,« sagte der Fürst, »und ich werde glücklich sein, wenn es mir gelingt, Ihre so kluge, vorsichtige und patriotische Auffassung der Verhältnisse zu unterstützen. Haben Sie Nachrichten von Paris?« fragte er, »und von Metz, wird man sich dort halten können?« »Die allerdings nicht sehr ausführlichen und zuverlässigen Nachrichten, die uns aus Paris zugekommen sind,« erwiderte der Graf Chaudordy, »sprechen von einer hohen Begeisterung der Bevölkerung, von einer großen Tätigkeit des Generals Trochu zur Bildung einer neuen Armee – mir wären,« sagte er achselzuckend, »Nachrichten über einen glücklichen Ausfall und über einen Durchbruch durch die feindlichen Linien lieber, – und von Metz wird berichtet, daß dort alles vortrefflich stehe. Aber auch darüber bin ich nicht sehr beruhigt, denn so groß die Vorräte waren, welche die Festung enthielt, so waren sie doch nicht auf eine so unverhältnismäßige Menge von Soldaten berechnet, als jetzt dort zusammengedrängt sind, und ich fürchte, daß die Hoffnungen auf Metz etwas zu optimistisch sind.« »Es zirkulieren hier,« sagte der Fürst Metternich, indem er einen scharfen, forschenden Blick auf den Grafen warf, »in den Kreisen der Diplomatie verschiedene Gerüchte – ziemlich vager Natur, allerdings von Negoziationen, welche zwischen dem preußischen Hauptquartier, dem Marschall Bazaine und der Kaiserin stattfänden. Man sprach von einem Frieden, der die Armee Bazaines der Regentschaft zur Verfügung stellen und damit dem Kaiserreich die Handhabe einer starken Machtentwicklung bieten sollte.« »Ich habe nichts davon gehört,« sagte der Graf Chaudordy ruhig. »Und«, fuhr er fort, indem er den Fürsten fest anblickte, »ich würde es beklagen, wenn solche Verhandlungen stattfänden, denn, wenn sie zu einem Resultat führen sollten, so würde sich die Lage Frankreichs noch unglücklicher gestalten, als sie es jetzt schon ist.« »Wie wäre das möglich?« rief der Fürst betroffen – »das äußere Unglück Frankreichs kann kaum schlimmer werden, ja ich glaube, daß die Regentschaft bessere Friedensbedingungen erhalten könnte als irgendeine andere Regierung. Für die inneren Zustände aber – verzeihen Sie, ich spreche in diesem Augenblick als Privatmann, – wäre es doch wahrlich ein Glück, wenn eine starke, von ganz Europa anerkannte Regierung sich der Aufgabe unterziehen könnte, die Wunden zu heilen, welche dieser Krieg dem Land geschlagen. Auch Sie, Herr Graf, dienten ja dem Kaiserreich, – Sie waren demselben ergeben und gehörten zu seinen Vertrauten.« Der Graf Chaudordy schüttelte den Kopf. »Eine starke Regierung, mein Fürst,« sagte er, »würde das jetzt unter solchen Umständen wieder hergestellte Kaiserreich nicht sein, und die Armee des Marschalls Bazaine würde wahrlich nicht genügen, um der Regentschaft die unbestrittene und anerkannte Macht in Frankreich zu geben. Käme der Kaiser selbst wieder, wäre er jung und kräftig – so wäre es vielleicht etwas anderes, – die Kaiserin aber als Regentin mit Bazaine zur Seite – das ist eine Unmöglichkeit – das wäre das Schlimmste von allem, das wäre der Bürgerkrieg.« »So glauben Sie nicht,« sagte der Fürst, »daß Frankreich die Regierung wieder annehmen würde, welcher es doch so lange Zeit willig gehorcht und welcher es noch vor kurzem mit so überwältigender Mehrheit sein Vertrauen ausgesprochen hat, um so mehr, wenn diese Regierung ihm den Frieden, die Ordnung und den Wohlstand wiederbrächte?« »Nein, mein Fürst,« erwiderte der Graf, »das glaube ich nicht. Die Leidenschaften sind zu tief erregt, und wenn das Blut der französischen Nation ins Kochen geraten ist, so bedarf es der Zeit und oft einer langen Zeit, um sich wieder abzukühlen. Selbst Paris würde kaum die Regentschaft annehmen, und Bazaine würde vielleicht in die Lage kommen, die Wälle der Hauptstadt mit Sturm nehmen zu müssen, um die Regentin wieder nach den Tuilerien zu führen. – Alle diese großen Städte der Provinz aber, alle diese größeren und kleineren Armeekorps, die hier und dort noch stehen oder in der Bildung begriffen sind, sie alle würden die Waffen gegen die Regentschaft erheben, und es würde derselben nichts anderes übrig bleiben, als sich mit den Deutschen zur Niederwerfung dieses Widerstandes zu verbinden. Dann aber wehe dem Kaiserreich und dem napoleonischen Namen, dann, mein Fürst, würde es auch für die Zukunft jedes Mittel einer Wiedererhebung verlieren – einer Wiedererhebung,« fügte er hinzu, »die nicht ausgeschlossen sein möchte, wenn der Kaiser jetzt in kluger Zurückgezogenheit die Leidenschaften sich austoben und den Rausch des Hasses und der Verzweiflung verfliegen läßt.« Der Fürst schwieg einen Augenblick nachdenklich, dann stand er auf und sprach: »Sie mögen recht haben, Herr Graf, – diese ganze Konversation war nur ein flüchtiger Ideenaustausch über unbestimmte Gerüchte, die mich lebhaft berührten, weil ich persönlich, – ganz persönlich – das Unglück der kaiserlichen Dynastie tief beklage und mich über eine Wendung ihres Schicksals aufrichtig freuen würde, wenn eine solche mit dem Wohle Frankreichs vereinbar wäre.« Laute Jubelrufe tönten von der Straße herauf, immer mehr sich verstärkend und immer näher herandringend. »Was ist das?« sagte der Graf Chaudordy, »sollte man noch Volksdemonstrationen für Garibaldi in Szene setzen? Das wäre zu bedauern. Wir dürfen uns hier in unseren Beschlüssen nicht von dem Geschrei der Masse beeinflussen lassen.« Der Fürst wollte sich entfernen, als eilig und aufgeregt der Huissier aus dem Vorzimmer hereintrat und sagte: »Eine große Menge versammelt sich vor dem Hause, der Minister Gambetta ist soeben von Paris angekommen und fährt, von dichten Massen umringt, hierher.« »Gambetta hier?« rief der Fürst Metternich erstaunt. »Ist denn die Einschließung von Paris durchbrochen? Wie kann es ihm möglich geworden sein, durch die Linien zu gelangen?« Er trat mit dem Grafen Chaudordy ans Fenster. Eine Menschenmenge wälzte sich heran, in deren Mitte erblickte man Herrn Gambetta, welcher die Portefeuilles des Innern und des Krieges der Regierung der nationalen Verteidigung in seiner Hand vereinigte. Sein Anzug war bestaubt und in Unordnung, er hielt seinen Hut in der Hand, sein langes, dunkles und dichtes Haar war unordentlich zurückgestrichen, und rechts und links grüßend, näherte er sich langsam dem Eingang des Regierungsgebäudes. Als der Wagen vor dem Portal anhielt und Herr Gambetta ausstieg, brach die ganze, dicht zusammengedrängte Menge, welche die Straße nach beiden Seiten hin erfüllte, in einen fast einstimmigen, weithin hallenden Jubelruf aus. Der Gefeierte, welchen das in Fieberwallungen zitternde Frankreich in diesem Augenblick zum Götzen seines Vertrauens und seiner Hoffnung erhoben hatte, dieser Mann, welcher eigentlich den Namen seines Todfeindes »Napoleon« trug, der aus Haß gegen diesen Namen dessen erste Hälfte unterdrückt und sich Leon genannt hatte, und der jetzt der Erbe der Macht seines verhaßten Gegners geworden war, wandte sich unter dem Portal noch einmal um, winkte mit der Hand und stieg dann die Treppe zu den Bureaux der Regierung hinauf, wahrend die Menge vor dem Hause stehen blieb, um zu erwarten, was die Ankunft des eifrigsten und tätigsten Mitgliedes der Regierung von Paris bringen würde. Wenige Augenblicke darauf öffnete der Huissier die Tür des Zimmers, in welchem der Graf Chaudordy und Fürst Metternich sich befanden. Raschen Schrittes trat Gambetta ein, sein bleiches, abgespanntes Gesicht zitterte vor nervöser Unruhe, seine Lippen zuckten, und während das eine geblendete Auge unter dem herabgesunkenen Augenlid wie schlafend erschien, flammte das andere in fieberhafter Glut. Er trat rasch auf den Grafen Chaudordy zu, dem er die Hand drückte, dann den Fürsten Metternich erblickend, begrüßte er denselben mit einer gewissen zurückhaltenden Kälte, aber doch mit aller ausgesuchten Höflichkeit, welche der Botschafter einer befreundeten Großmacht in Anspruch zu nehmen berechtigt war. »Sie hier, Herr Minister?« rief der Graf Chaudordy, »wie ist das möglich? Ist Paris befreit?« »Nein,« rief Gambetta, »es ist fester eingeschlossen als je, es ist aber auch mutiger und hoffnungsvoller als je. Es erwartet, daß Frankreich herankomme, um es zu befreien. Und um diese Befreiung zu organisieren und die ganze nationale Kraft aufzubieten, damit das Land und die Hauptstadt sich die Hand reichen können – dazu bin ich hier.« »Aber wie,« fragte der Graf Chaudordy, »wie ist es möglich, wie haben Sie die Linien durchbrechen können?« »Ich habe die Linien nicht durchbrochen,« erwiderte Gambetta, mit einem gewissen theatralischen Pathos die Hand erhebend, »ich bin über sie dahingegangen hoch in den Lüften, in Nadars Ballon. Ich bin hier in der Nähe von Tours zur Erde gekommen, habe die nächste Station erreicht – und da bin ich, um keine Sekunde zu verlieren in dem großen Werk der Befreiung.« »Eure Exzellenz erlauben, daß ich mich beurlaube,« sagte Fürst Metternich, indem er sich gegen Gambetta verneigte. »Die Herren werden zu konferieren haben, und ich darf in einem so ernsten und wichtigen Augenblick nicht stören.« Er warf dem Grafen Chaudordy einen bedeutungsvollen Blick zu und entfernte sich, von den beiden Herren bis zur Tür begleitet. »Sie wissen, daß Garibaldi hier ist!« rief Gambetta, sobald der Fürst das Zimmer verlassen. – »Er war bei mir«, erwiderte der Graf Chaudordy, »und hat mir sein Anerbieten mitgeteilt, den Guerillakrieg zu organisieren.« »Und wo ist er,« rief Gambetta, »wo ist er, damit er sein Werk beginne, dies Werk, das einen großen Platz einnehmen wird unter den Mitteln zur Rettung unseres Vaterlandes?« Verwundert und betroffen blickte der Graf in das aufgeregte Gesicht Gambettas. »Garibaldi ist in Tours,« sagte er, »ich habe ihm keine bestimmte Antwort geben können, da ich mit meinen Kollegen sprechen zu müssen glaubte.« »Und Sie haben für seinen Empfang nicht gesorgt, keine Wohnung für ihn bereiten lassen –« rief Gambetta. »Mein Gott, er wird tief verletzt sein, man muß ihn sofort aufsuchen, es ist keine Zeit zu verlieren.« »Er wollte sich zur Türe wenden. »Ich muß mir erlauben,« sagte der Graf Chaudordy, »Sie darauf aufmerksam zu machen, Herr Minister, daß es mir bedenklich erscheint, in die Verteidigung des Landes ein fremdes, nicht französisches und vielen Kreisen in Frankreich nicht sympathisches Element zu mischen, es könnte das den guten Willen, den wir bei allen Teilen des Volkes brauchen, verstimmen und außerdem«, fügte er hinzu, »die Beziehungen zu den auswärtigen Mächten trüben. Ich habe soeben Bemerkungen in dieser Beziehung entgegengenommen, die der Beachtung wert sind.« »Ich kenne nur eins, das der Beachtung wert ist,« rief Gambetta, indem er wieder in das Zimmer zurücktrat und den Blick seines sehenden Auges starr auf den Grafen Chaudordy richtete, »nur eins, auf das wir in diesem Augenblick Rücksicht zu nehmen haben, und das ist: Frankreich zu befreien und die ganze aufsprühende Kraft der Nation dem Feinde entgegenzuschleudern, um ihn über die Grenze zu treiben. Und um dies zu erreichen,« fuhr er fort, »ist der Eintritt Garibaldis in unsere Reihen von unermeßlicher Bedeutung.« »Der General Garibaldi«, erwiderte der Graf Chaudordy, »hat zwar manche Erfolge gehabt, allein die Truppen, denen er gegenüberstand, waren schon erschüttert, desorganisiert und teilweise von Korruption zerfressen. Ich habe wenig Vertrauen auf seine Siege gegenüber der preußischen Armee und den preußischen Generalen.« »Das ist gleichgültig,« rief Gambetta, »mögen sie dort bessere Strategen haben, mögen sie in allem diesem General des Volkskriegs überlegen sein, seine Macht, die Bedeutung seiner Person besteht eben darin, daß er uns den Volkskrieg schaffen wird, daß er der Erhebung Frankreichs den Stempel der Demokratie, der Revolution aufdrückt –« »Und uns dadurch um die Sympathie der Mächte bringen wird,« fiel der Graf Chaudordy ein. »Was haben uns diese Sympathien geholfen,« rief Gambetta aufflammend in immer heftigerer Erregung, »haben die Monarchen Europas die Hand ausgestreckt, haben sie das Wort gesprochen, um uns zu helfen? – Aus uns selbst, aus der Tiefe des Volkes heraus müssen wir die Kraft schöpfen, die fremden Heere über unsere Grenzen zu jagen. Haben die Freiwilligen von 1793 Taktiker und Strategen gehabt? Waren sie darum minder siegreich? Haben sie minder das Vaterland befreit von den zudringlichen Fremden, welche gekommen waren, das niedergeworfene Königtum wieder aufzurichten? Ich weiß,« rief er zitternd vor Zorn, »sie denken an Ähnliches da drüben in dem Lager der Preußen, sie möchten mit dem Kaiser unterhandeln, sie möchten ein hübsches Stück aus dem schönen Frankreich herausschneiden und dann das Kaiserreich wieder an seine Stelle setzen, damit alles hübsch beim alten bleibe in Europa, damit die Herren auf den Thronen nicht nötig haben, sich zu fürchten vor dem Geiste der Revolution, der im französischen Volke wieder zu erstehen beginnt. Aber sie werden sich verrechnen! – ich will ihnen die Brandfackel der Revolution entgegenschleudern, daß sie Mühe und Not haben sollen, die Dächer ihrer eigenen Häuser zu retten, und daß sie sehr zufrieden sein sollen, wenn es ihnen gelingt, mit heiler Haut aus dem Brande sich zu retten, der rings um sie her zum Himmel aufschlagen soll. Dazu ist es aber notwendig, daß Frankreich groß und frei, ohne Zögern und ohne Umkehr zu der heiligen Revolution sich bekenne, in der es allein Rettung und künftiges Heil finden kann! Und noch glaubt man nirgends so recht an unseren Ernst, der Kaiser ist verschwunden, seine Familie mit ihm,« sagte er in verächtlichem Ton – »das alles hat die vorüberrauschende Welle des Augenblickes fortgespült. Aber sie glauben, daß sie ebenso von der Brandung wieder zurückgerufen werden würden, und sie haben vielleicht nicht ganz unrecht, denn dieser ganze monarchische Despotismus liegt noch in der Gewohnheit der Menge. Wir bedürfen eines großen mächtigen Atemzuges der Revolution, der die Brust des Volkes weit ausdehnt und ihm die Spannung gibt, sich zur äußersten Anstrengung zu erheben, wie jener Riese des Altertums, der seine Kraft aus dem Boden der Erde in sich sog, die seine Mutter war. Diesen Atemzug der Revolution wird uns Garibaldi geben: sobald sein Name den bewaffneten Scharen unseres Volkes voranfliegt, wird das Volk selbst, wird aber auch ganz Europa verstehen, daß es sich nicht allein um den Kampf der einen nationalen Macht gegen die andere handelt, sondern daß hier der Geist der Freiheit, der Geist der unermüdlichen und unerbittlichen Revolution gegen die monarchische Ordnung, diese wahre Feindin der Menschenwürde, in die Schranken tritt. Darum sage ich, es kommt nicht darauf an, ob Garibaldi ein mehr oder weniger guter General ist – er ist die Revolution, er wird das Volk entflammen, er wird den Geist von 1793 wieder erwecken, und in diesem Geist werden wir heute siegen, wie die Republik damals gesiegt hat.« Er ließ sich, erschöpft von dem heftigen Sprechen, auf den Stuhl niedersinken. »Mir scheint, daß die größten Siege«, sagte der Graf Chaudordy ruhig, »unter der sehr autokratischen Führung des Generals Bonaparte und später des Kaisers Napoleon gewonnen wurden – doch ich will die rein militärische Frage beiseite lassen und muß nur abermals darauf aufmerksam machen, daß der Name Garibaldi schwerlich zur einmütigen Erhebung aller Parteien in Frankreich beitragen – daß er gewiß aber unsere auswärtigen Beziehungen sehr erheblich verwirren und erschweren wird.« »Ich kenne nur ein Mittel,« rief Gambetta, »nur ein Mittel, von unserem tiefen Fall uns ganz und vollständig zu erheben, und das Mittel liegt in der rücksichtslosen Entfaltung der Fahne der Revolution. Gelingt es uns, die Revolution zu organisieren und gegen den Feind zu führen, so wird uns nichts widerstehen. Man muß sogleich das Dekret ausfertigen, um Garibaldi das Kommando über die Volksheere zu übergeben – das wird das Vertrauen erwecken, und immer neue Tausende werden zu der von ihm erhobenen Fahne strömen.« »Das Dekret ausfertigen – Herr Minister?« sagte der Graf betroffen. – »Ich habe dem General Garibaldi gesagt, daß ich mit den übrigen Mitgliedern der Regierung darüber beraten würde. Ich bin allerdings nur der Delegierte, aber ich glaube, daß eine Beratung und genaue Erwägung der Frage immerhin geboten sein möchte.« »Beraten, erwägen!« rief Gambetta, »– das ist genug geschehen. Die Zeit dafür ist vorbei, es handelt sich jetzt darum, zu handeln, schnell und rücksichtslos zu handeln. Frankreich wird Rechenschaft für die Zeit fordern, welche mit Erwägungen verloren wurde.« Er ergriff einen Bogen Papier und eine Feder und schickte sich an, seinen Sessel an den Schreibtisch heranrückend, zu schreiben. »Sie werden die Bemerkung gegründet finden,« sagte der Graf Chaudordy, »daß die Regierung sich als eine kollegialische Gesamtheit konstituiert hat – nicht aber als eine Diktatur, welche ja«, fügte er mit Betonung hinzu, »so wenig dem Wesen der Republik entspricht.« Gambetta hielt einen Augenblick inne, richtete den Kopf empor und blickte den Grafen durchdringend an: »Die Diktatur –!« rief er. »Sie haben das Wort ausgesprochen – und ich nehme es an, ich bin bereit, diese Verantwortung zu tragen. Es ist wahr, die Diktatur gehört nicht für die Republik, wohl aber für die Revolution, welche jene vorzubereiten und zu sichern hat. Sei es also die Diktatur, wenn sie nötig ist. In diesem Augenblick«, fuhr er fort, »aber bedürfen wir dieselben noch nicht, denn ich handle vollständig innerhalb der Grenzen meiner Kompetenz, da ich das Portefeuille des Krieges neben dem des Innern übernommen habe.« Der Graf von Chaudordy schwieg und trat an das Fenster, aus welchem er ernst und nachdenkend auf die dicht gedrängte Menge herabblickte, die dort unten stand und nach dem Fenster spähte, um den vergötterten Helden des Tages zu erblicken. Gambetta schrieb: »Dem General Garibaldi wird das Kommando über alle bereits bestehenden und noch zu bildenden irregulären Streitkräfte Frankreichs übertragen. Alle militärischen und zivilen Autoritäten werden angewiesen, allen Requisitionen im Auftrage des Generals unbedingt Folge zu leisten.« Er siegelte und unterzeichnete das Dekret und erhob sich schnell. »Wo ist der General?« fragte er. »Es handelt sich nur noch darum, ihm seine Vollmacht zu übergeben und ihn zur eifrigsten Tätigkeit anzutreiben.« Er wandte sich zu dem neben der Tür hängenden Glockenzug, aber bereits trat der Huissier ein und meldete: »Der General Bourbaki.« Erstaunt wandte sich der Graf Chaudordy vom Fenster ab, während Gambetta seinen Blick finster und drohend auf die Tür heftete. Der General Bourbaki trat ein. Er trug einen dunklen Zivilanzug, einen runden Hut in der Hand. Sein Gesicht war bleich, in seinen Augen funkelte ein krankhafter Glanz, sein Bart hing ungeordnet über die Lippen herab, seine ganze sonst so stolze und kräftige Haltung war schwankend und unsicher. »Woher kommen Sie, Herr General?« fragte Gambetta scharf und kurz. »Ich erinnere mich, in den Zeitungen gelesen zu haben, daß Sie in Brüssel, in London waren, während die Pflicht Ihres Dienstes Ihnen Ihren Posten in Metz anwies, wo Ihr Korps ohne seinen General gegen den Feind ausrückte.« Der General zitterte, er stützte sich mit der einen Hand auf die Lehne eines Stuhles, während er mit der anderen über die Stirn fuhr, welche ein kalter Schweiß bedeckte. »Es ist wahr, ich war in Brüssel, ich war in London – aber ich habe Metz nur verlassen, meinen Posten und die Garde nur verlassen, weil mein Chef mich mit einer Mission absandte, weil man mir den Auftrag – den Befehl erteilte –« Gambetta streckte die Hand gegen ihn aus, um seine weiteren Worte abzuschneiden. Der Blick des Ministers der Revolution ruhte mit einer gewissen Teilnahme auf dem so gebrochen vor ihm stehenden kaiserlichen General. »Ich habe Sie unterbrochen,« sagte er mit milderer Stimme, »weil ich nicht wissen will, weshalb Sie Metz verlassen haben. Frankreich bedarf aller seiner Söhne, es bedarf auch Ihres Degens, und wenn Sie denselben Ihrem Vaterland zur Verfügung stellen, so werden Sie sich dessen Dank verdienen.« »Ich bin verzweifelt, tief niedergedrückt,« rief der General, starren Auges vor sich hinblickend, »daß eine unglückliche Verkettung von Umstanden mich in eine so traurige Lage gebracht hat, und ich würde kein größeres Glück kennen, als die Gelegenheit zu finden, mein Blut für Frankreich zu vergießen – wenn damit,« fügte er finster hinzu, »auch kaum noch etwas gewonnen werden kann, denn die militärischen Hilfsquellen des Landes sind erschöpft, und Metz kann sich nicht mehr halten.« »Der Marschall Bazaine muß Metz halten!« rief Gambetta in wilder Erregung, »und wenn er sich unter den Trümmern seiner Mauern begraben lassen soll. Wir müssen den Kampf fortsetzen! Wir werden ihn fortsetzen! Die militärischen Hilfsquellen des Landes sind nicht erschöpft, und Sie werden erstaunen über die reichen Mittel, die ich aus denselben noch schöpfen werde – wollen Sie das Kommando über die Loirearmee übernehmen?« Erstaunt blickte der General auf, einen Augenblick leuchtete das Feuer der Freude in seinen Augen. Nach kurzem Nachdenken aber schüttelte er den Kopf und sagte: »Ich habe das Korps verlassen, das meiner Führung anvertraut war – die Loirearmee scheint mir in diesem Augenblick günstige Chancen zu haben, ich möchte nicht den Anschein auf mich nehmen, als wolle ich mich in einen glücklichen Erfolg hineindrängen – lieber wäre es mir, in einer anderen Richtung verwendet zu werden.« »Sie haben vielleicht recht,« sagte Gambetta, »es wird sich Gelegenheit dazu finden. Wir werden noch manche Armee zu bilden und gegen den Feind zu senden haben,« fügte er mit einem Lächeln stolzer Zuversicht hinzu. »Wir werden weiter darüber sprechen, mein General, auf Wiedersehen; für jetzt muß ich Garibaldi aufsuchen.« Er nahm das Dekret, das er vorhin geschrieben, und mit einer leichten Kopfneigung grüßend, ging er hinaus. »Garibaldi aufsuchen?« fragte der General Bourbaki, sich ganz bestürzt zum Grafen Chaudordy wendend, »ist Garibaldi hier?« »Er ist hier«, erwiderte der Graf, »und wird soeben zum Chef aller Franktireurs ernannt, um den Guerillakrieg zu kommandieren.« »Aber –« rief Bourbaki, mit großen Augen den Grafen anblickend, als höre er etwas Unfaßbares, – »aber –« »Still, mein General,« fiel der Graf Chaudordy ein, »wir sind in Zeiten angekommen, in denen das Wort ›aber‹ nicht mehr an der Tagesordnung ist. Kommen Sie, ich werde für eine Wohnung für Sie sorgen – und wir werden dann ein wenig plaudern. Es wird mich im hohen Grade interessieren, zu hören, was Sie dort oben gemacht haben und wie die Sachen nach jener Seite hin stehen.« Er nahm den Arm des Generals und führte denselben hinaus, wahrend von unten herauf die lärmenden Rufe der Menge ertönten, die den Diktator begrüßten, wie man ihn auch schon unter dem Volk zu nennen begann, als er in seinen Wagen stieg und den Befehl gab, nach der Wohnung Garibaldis zu fahren, wohin ihm die Volksmassen voraneilten. Neunzehntes Kapitel Von der Höhe der Vogesen herab, an den Wäldern und Schmelzhütten von Ravale und Goutterade vorbei, stürzt sich der Fluß Oignon in das Departement der Haute Saone herab; er verschwindet bei Froideterre unter der Erde, um etwa eine Meile weiter wieder zum Vorschein zu kommen und, sich durch mehrere Zuflüsse verstärkend, zwischen den Departements Haute Saone und Jura hinzufließen und sich endlich in die Saone zu ergießen. Etwa vier Meilen von diesem Fluß entfernt liegt in der Nähe des Rhein-Rhone-Kanals die kleine Stadt Dole, eine einfache Landstadt von etwa elftausend Einwohnern, welche größtenteils Speditionshandel auf dem Kanal treiben und sich um alles, was nicht unmittelbar ihren Wirkungskreis berührt, namentlich aber um die große Politik und um die Händel in Frankreich und Europa sehr wenig gekümmert hatten, bis endlich dieser gewaltige Krieg, welcher alle bestehenden Verhältnisse zertrümmerte, sie aus ihrem friedlichen Stilleben aufschreckte. Lange hatten sie zwar unmittelbar nichts von dem Kriege gesehen, dafür sollten sie aber jetzt mitten in denselben hineinkommen; denn eines Tages, in der ersten Hälfte des Monats Oktober, erhielt der Maire von Dole ein Schreiben des Präfekten seines Departements, worin ihm angekündigt wurde, daß der General Garibaldi, der Chef aller irregulären Streitkräfte Frankreichs, die Stadt Dole zu seinem Hauptquartier erwählt habe, und daß man von dem Patriotismus der Bürger eine gute Aufnahme des Generals, seines Hauptquartiers und der ihn begleitenden Truppen erwarte. Am Tage darauf war denn auch der General Garibaldi durch die von den neugierigen Einwohnern dicht besetzten Straßen eingezogen. Er kam in einem leichten offenen Wagen, da er seiner Fußwunde wegen nur noch selten zu Pferde stieg, in seinem roten Hemd, ein Tuch um den Hals, eine weiche Mütze auf dem Kopf, herangefahren. Neben ihm ritten der polnische General Bosak mit seinem wilden Gesicht, dem vollen, etwas struppigen Bart und der roten, viereckigen polnischen Mütze auf dem Kopf; der italienische Oberst Tanara, welcher das Genueser Bataillon kommandierte; der Oberst Ravelli, der Führer der Jäger der Seealpen, und Barbarino Falcone, welcher ohne besonderes Kommando Adjutantendienste bei dem Hauptquartier tat; eine Reihe von Ordonnanzen folgte. Die Einwohner von Dole waren ziemlich enttäuscht bei dem Anblick des Hauptquartiers dieses Generals, von welchem die Welt so viel gesprochen und welchem jetzt eine so wichtige Stelle in der Verteidigung Frankreichs gegeben worden war. Dieser ganze Einzug des gebückten, unscheinbaren Mannes auf dem kleinen Wagen, umgeben von diesen abenteuerlichen Reitern in roten Hemden, mit wuchtigen Schleppsäbeln und weichen, zusammengedrückten Hüten, entsprach sehr wenig den Vorstellungen, welche sie von einem hohen militärischen Kommando hatten und stimmte nicht mit den Erinnerungen überein, welche sie von dem gelegentlichen Erscheinen eines kaiserlichen Generals und seinem glänzenden Stabe bewahrten. Der General Garibaldi war in der Mairie abgestiegen, wo der Maire die besten Zimmer für ihn eingerichtet hatte, die übrigen Führer bezogen Quartiere bei den Honoratioren des Ortes und umgaben sich mit jener geräuschvollen Vielgeschäftigkeit, welche allen militärischen Dilettanten eigentümlich ist, wenn sie einmal Gelegenheit finden, die Sphäre des wirklichen Krieges zu berühren. Bald nach dem Einzuge des Hauptquartiers sahen die Bewohner von Dole auch die Truppen einrücken, welche zunächst in der Stadt und unmittelbaren Umgegend Quartier nehmen sollten. Und abermals wurden ihre Erwartungen getäuscht, und zwar in noch höherem Grade als bei dem Erscheinen des Generals und seines Hauptquartiers, denn diese Truppen boten in der Tat einen wenig soldatischen Anblick, sie waren zum Teil mit den roten Hemden bekleidet, zum Teil aber trugen sie ganz beliebig zusammengesetzte und oft sehr phantastische Anzüge. Auch war ihre Bewaffnung nicht gleichartig, und ihre Gesichter würden, wenn man ihnen in einem einsamen Walde begegnet wäre, wenig Vertrauen eingeflößt haben. Am besten sahen die Jäger von den Seealpen aus, aber auch unter ihnen herrschte nicht durchgängig gleiche Uniformierung, und alle diese Abteilungen, welche unter der Musik einiger Hörner einzogen, die sowohl an Takt als an Harmonie viel zu wünschen übrig ließen, schienen sich nicht übermäßig viel an die Befehle ihrer Offiziere zu kehren, die sich übrigens auch in ihrer ganzen Erscheinung wenig von den Soldaten unterschieden. Eine Stunde nach seiner Ankunft versammelte General Garibaldi in der Mairie die mit ihm eingetroffenen Führer und seinen kurze Zeit nach ihm in Dole angelangten Sohn Menotti zu einem Kriegsrat. Garibaldi hatte sich auf ein Ruhebett zurückgelehnt und seinen schmerzenden Fuß auf demselben ausgestreckt. Auf dem Tisch vor ihm lag eine Karte des Departements des Jura und der nächsten Umgegend. Neben ihm saß sein Sohn Menotti; der polnische General Bosak hatte sich einen Stuhl herangerückt, auf welchem er rittlings saß und in anscheinend tiefem Nachdenken die Karte betrachtete; die Obersten Tamara und Ravelli hatten sich in bequemen Fauteuils niedergelassen – Barbarino Falcone stand hoch aufgerichtet, die Hände auf seinen Säbel gestützt, da. »Wir haben«, sagte der General Garibaldi, indem er sich auf den Ellbogen stützte, »nunmehr – ich danke euch für euren Eifer, meine Freunde, der dies ermöglicht hat – die ersten Schritte zur militärischen Organisation unserer Kräfte getan, die Brigade Bosak ist operationsfähig –« Er richtete den Blick auf den polnischen General. »Vollkommen, mein General,« rief Bosak schnell, indem er sich den Schnurrbart strich, »vollkommen, und ich erwarte nur den Augenblick, sie an den Feind zu bringen; – es sind lauter unerschrockene Leute, zu den verzweifeltsten Anstrengungen fähig, im kleinen Krieg geübt und imstande, eine doppelt so große feindliche Macht zu beschäftigen und allmählich aufzureiben. Garibaldi neigte den Kopf. »Ebenso ist es mit Menottis Brigade,« sagte er, sich an seinen Sohn wendend. »Ich bin so weit,« erwiderte dieser, »um, wenn es sein muß, ein Gefecht annehmen zu können.« »Die Brigade Marie ist ebenfalls operationsfähig,« sagte Barbarino Falcone, »soeben ist die Meldung darüber eingegangen.« »Wir haben also über drei Brigaden zu verfügen,« sagte Garibaldi, – »und täglich wachsen uns neue Kräfte zu, die wir nur zu formieren haben, um binnen kurzem über eine beträchtliche und weithin ausgedehnte Truppenmacht verfügen zu können. Es ist also der Augenblick gekommen, um in Aktion zu treten und dem französischen Volk zu zeigen, daß wir wirklich imstande sind, ihm eine reelle und ernste Hilfe zu bringen –« »Wovon man sich bis jetzt hier noch sehr wenig überzeugt zu haben scheint,« fiel der Oberst Tanara mit bitterem Lachen ein. »Ich habe auf meinem Marsch mit dem Genueser Bataillon von Chambery hierher außer einigem Jubel der Straßenbevölkerung in den Städten sehr wenig Zeichen von Sympathie bemerkt, – das Landvolk sogar schien sich mit einiger Furcht vor uns zurückzuziehen.« »Wir müssen sehr strenge Disziplin halten,« sagte Garibaldi in ernstem Ton, »damit diese Furcht verschwindet, übrigens wird das alles anders werden, sobald wir nur erst einen durchschlagenden Erfolg für die Sache der französischen Republik aufzuweisen haben werden, und dahin werden wir hoffentlich nun bald gelangen. – Hört mich an, meine Freunde,« fuhr er fort, indem er die Karte zu sich heranzog und den Blick auf dieselbe heftete, »ich habe über unsere Stellung und über unsere gegenwärtige Aufgabe nachgedacht, ich habe alle einlaufenden Meldungen geprüft und miteinander verglichen und mir einen Plan gebildet, um unsere gegenwärtig verfügbaren Kräfte sehr wirksam zu verwenden.« Alle hörten mit gespannter Aufmerksamkeit zu. »Es geht, wenn auch unser Vorpostendienst noch nicht vollständig organisiert ist, dennoch aus allen hierher gelangten Meldungen klar hervor, daß eine preußische Abteilung die kleine Stadt Gray besetzt und ihre Vorposten bis in geringe Entfernung von Dole, unserem gegenwärtigen Hauptquartier, vorgeschickt hatte; gestern nun ist Gray verlassen und alle preußischen Vorposten zurückgezogen worden; dagegen hat man Kavallerieabteilungen auf der Straße gegen Vefoul hin gesehen, diese Truppenteile müssen zu dem Korps des Generals von Werder gehören und demselben muß besonders daran liegen, die Wege nach Besançon zu besetzen, um seine Operationen zu decken. Diese feindlichen Bewegungen machen es aber fast mit mathematischer Gewißheit notwendig, daß das Korps des Generals Werder mit den Truppen des französischen Generals Cambriel zusammenstoßen muß, welcher die Aufgabe hat, die Linie des Oignon, diesen letzten und leicht zu verteidigenden Abschnitt auf dem Wege nach Besançon zu halten. Unsere Aufgabe muß es nun sein, mit dem General Cambriel zusammen zu operieren und ihn in der Verteidigung der wichtigen Oignonlinie zu unterstützen –« »Und dazu werden wir von hier aus ganz besonders in der Lage sein,« rief Menotti, indem er sich über die Karte beugte und mit dem Finger den Lauf des Oignon verfolgte, »hier steht der General Cambriel – hier muß das Werdersche Korps heranrücken, wir sind gerade auf der richtigen Stelle, um eingreifen zu können.« »Ich habe deswegen das Hauptquartier hier in Dole gewählt,« sagte Garibaldi. »Unsere Brigaden sind allerdings organisiert,« bemerkte der General Bosak, »aber wir müssen doch bedenken, daß wir mehr auf den kleinen Guerillakrieg eingerichtet sind und daß es vielleicht nicht ganz angemessen sein möchte, das noch etwas lose Gefüge unserer Brigaden regulären und festgeschlossenen Korps gegenüberzustellen.« »Es ist das auch nicht meine Absicht,« sagte Garibaldi, »und ich war im Begriff, meinen Plan weiter zu entwickeln.« Bosak verneigte sich leicht, und Garibaldi fuhr fort: »Es ist meine Absicht, alle Franktireurs, über welche wir hier verfügen und welche täglich und stündlich sich an Zahl vermehren, in die Berge zu detachieren, von dort aus die Eisenbahnverbindungen der Preußen zu bedrohen und so viel als möglich Schienen aufzureißen, Waggons und Lokomotiven zu zerstören.« »Das ist es, das ist es,« rief General Bosak, »das wird vortreffliche Dienste leisten.« »Die drei geschlossenen Brigaden,« fuhr Garibaldi fort, »welche wir bis jetzt haben, und diejenigen, welche sich in kurzem formieren werden, will ich zunächst hier behalten, um, wo es angeht, je nach den Umständen den General Cambriel zu unterstützen.« Bosak blickte finster vor sich nieder. »Es würde meiner Ansicht nach besser sein,« sagte er, »unsere ganze Macht in die Berge zu verteilen und in kleinen Abteilungen den Feind zu reizen und zu irritieren.« »Ich glaube das nicht,« sagte Garibaldi, indem er sich ganz aufrichtete und den polnischen Parteigänger mit einem strengen Blick ansah, »ich glaube das nicht und habe deshalb meine Dispositionen so getroffen, wie ich sie eben vortrug; – ich habe mein Leben der Freiheit gewidmet, aber im Krieg ist der Gehorsam die erste Pflicht – der Gehorsam des freien Mannes, der sich mit Bewußtsein der notwendigen Regel unterwirft – denn nur ein Wille kann die Truppenmassen zu zusammenhängender und geordneter Wirkung bewegen. Mein Plan steht fest, und ich kann nicht von demselben abgehen, wenn mir nicht ganz entscheidende und überwiegende Gründe gegeben werden –« »Und der Plan ist gut,« rief der Oberst Ravelli, – »meine Jäger der Seealpen werden sich freudig in die Waldschluchten begeben, und ich stehe dafür, daß, wo sie streifen, keine Eisenbahn mehr gehen wird.« Die übrigen stimmten ebenfalls dem von Garibaldi entwickelten Plan bei. Bosak neigte finster den Kopf auf die Brust und biß auf seinen Schnurrbart. »Es kommt nun darauf an,« fuhr Garibaldi fort, »um mit dem General Cambriel in Verbindung zu treten und mit ihm gemeinsam zu operieren, uns zu vergewissern, daß unsere Dispositionen ihm genehm sind. Es muß deshalb einer von euch, meine Freunde, in das Hauptquartier des Generals abgehen, und ich möchte Barbarino Falcone, der hier kein Kommando und keine unmittelbare Diensttätigkeit hat, ersuchen, diesen Auftrag zu übernehmen, dem General Cambriel unsere Stellung und meine Dispositionen mitzuteilen und so schnell als möglich dessen Antwort hierher zurückzubringen. Der Weg dorthin ist sicher, und dennoch wird es gut sein, wenn Barbarino eine Abteilung von hundert Mann mit sich nimmt, um gegen etwaige vorgeschobene Streifpatrouillen geschützt zu sein. Die Zeit bis zu Barbarinos Rückkehr wollen wir dazu benützen,« sagte er, sich an die übrigen wendend, »die Ordnung und vor allen Dingen die Disziplin in unseren Korps immer mehr zu befestigen; – ich mache jeden Kommandeur dafür verantwortlich, es in dieser Beziehung an nichts fehlen zu lassen.« Der General Bosak und die Obersten zogen sich zu ihren Korps zurück. Barbarino Falcone ließ sich von Garibaldi eine Ordre geben, hundert Jäger zu seiner Begleitung auswählen zu dürfen und mit den besten verfügbaren Pferden beritten machen zu lassen, und ging hinaus, um so schnell als möglich alles für die Ausführung seiner Mission an den General Cambriel vorzubereiten. Menotti blieb bei seinem Vater zurück, welcher trüb und traurig auf die Karte blickte, ohne daß seine Gedanken auf derselben zu haften schienen. Menotti sah ihn einen Augenblick forschend an. »Hast du noch immer Glauben an die Erreichung unseres Zieles, mein Vater,« fragte er, »und hast du noch immer die Hoffnung, Frankreich und durch Frankreich die republikanische Idee zu retten? Ich sehe es, ich fühle es bei jeder Berührung mit dem französischen Volk und mit den französischen Behörden, daß man uns hier fremd, fast feindlich entgegentritt und daß wir ihnen eher lästig sind, als daß sie uns als befreiende und rettende Freunde willkommen heißen. Gambetta hat seine Befehle erlassen, aber sie werden nur widerstrebend, bis zur Grenze der absoluten Notwendigkeit ausgeführt, und namentlich die militärischen Autoritäten ziehen sich mit einer fast beleidigenden Kälte von uns zurück. Ich glaube, daß unser Unternehmen ein verfehltes ist, und daß wir besser täten, es aufzugeben, bevor wir dazu gezwungen werden.« Garibaldi richtete den Kopf empor. In seinen Augen leuchtete jenes eigentümliche Feuer des Fanatismus, und mit ruhiger Stimme und Haltung, aber doch mit einem gewissen theatralischen Pathos sprach er: »Wenn man einer großen Sache dient, wie wir, wenn man für die Befreiung der Menschheit kämpfen will, darf man vor keinen Schwierigkeiten zurückschrecken. Ich sehe und empfinde wie du alle Hindernisse, welche sich uns entgegenstellen, ich empfinde das Übelwollen der französischen Behörden, und vor allem der französischen Generale, welche noch alle von dem Geist einer zwanzigjährigen despotischen Regierung erfüllt sind; ich fühle auch das geringe Entgegenkommen des Volkes, das noch nicht zum Verständnis unserer Idee erwacht ist, aber – habe Geduld, mein Sohn, das alles wird vorübergehen. Frankreich ist lange krank gewesen und muß erst die Nebel seines Fiebers abschütteln und dann – um an uns und unsere Mission zu glauben, dazu gehören Zeichen, sichtbare Taten. Laß uns nur den ersten und kräftigen Schlag führen, laß uns nach einer Reihe von so schwer drückenden Niederlagen diesem armen Volk nur einmal wieder einen Sieg zeigen, so wird das alles anders werden, und begeistertes brüderliches Entgegenkommen wird uns von allen Seiten umgeben. Bald wird sich ja dazu Gelegenheit finden, wenn wir an die Ausführung meines Planes herantreten werden.« Menotti schüttelte langsam den Kopf. »Ich fürchte, wir werden bei dem General Cambriel dieselbe kalte Zurückhaltung finden, der wir überall begegnet sind, und er wird nicht mit uns zusammenwirken wollen, damit man nicht nachher sagt, der möglicherweise errungene Erfolg sei unser Verdienst.« »Nun,« rief Garibaldi, »wenn das der Fall sein sollte, so werden wir allein schlagen und allein siegen, wie wir in Italien allein gesiegt haben. Ich werde den Mut und das Vertrauen in die Sache, der ich mein Leben gewidmet habe, nur mit dem letzten Atemzug verlieren! – Jetzt geh hinaus, sorge dafür, daß alles geschieht, um unsere Truppen so schlagfertig zu machen, daß sie es nicht zu scheuen haben, sich an der Seite der regulären französischen Korps zu zeigen. Ich kann mich leider«, sagte er, auf seinen kranken Fuß deutend, »mit allen diesen kleinen und doch so wichtigen Dingen nicht beschäftigen und muß meine Kraft für die großen Augenblicke aufsparen.« Menotti ging hinaus, und Garibaldi vertiefte sich, über die Karte geneigt, in seine Pläne. Nach etwa einer Stunde trat Barbarino Falcone in sein Zimmer und meldete, daß er eine Abteilung von hundert berittenen Jägern formiert habe, in deren Begleitung er bereit sei, zur Überbringung der Botschaft an den General Cambriel aufzubrechen. Garibaldi entwickelte ihm noch einmal in kurzen Worten seinen Plan zur Kooperation mit dem französischen General, schärfte ihm ein, so schnell als möglich zurückzukehren und entließ ihn dann mit einem herzlichen Händedruck und den Worten: »Der Geist der Freiheit geleite dich und schütze dich, mein Freund.« Barbarino Falcone verließ finster und ernst wie immer die Mairie und fand auf dem Platz vor derselben sein Korps aufgestellt, das allerdings dafür zeugte, daß er es verstand, sich seine Leute auszuwählen. Es waren die kräftigsten, am besten gekleideten und bewaffneten Jäger auf kräftigen, gut genährten Pferden – von allen diesen wettergebräunten Gesichtern, aus allen diesen blitzenden Augen strahlte frischer Kriegsmut und Lust an kühnen Abenteuern. Einen Augenblick erhellten sich die düsteren Züge Barbarinos, als er diese kleine Schar musterte, er mochte sich bei ihrem Anblick an seine Leute aus den Waldschluchten Italiens erinnern, mit denen sie allerdings mehr Ähnlichkeit hatten als mit einer regelrechten Kriegstruppe. Dann schwang er sich in den Sattel und ritt, während die Einwohner von Dole ihn und seine kleine Truppe erstaunt und ängstlich betrachteten, zum Tor hinaus auf der Straße hin, welche in der Richtung über Rochefort nach Besançon führt, und auf welcher er nach den eingegangenen Meldungen den Vorposten des Generals Cambriel bald begegnen mußte. Nicht weit von Dole wurde das Terrain hügelig und waldig. Barbarino sandte zwei Eclaireurs voraus und folgte in kurzem Trabe dem breiten Wege, zu dessen beiden Seiten der Wald sich immer mehr verdichtete. Plötzlich trat etwa zehn Schritt vor dem Zuge zwischen diesem und den vorreitenden Eclaireurs ein Mann in einer blauen Bluse, einen grauen Hut tief in das Gesicht gedrückt, aus dem Gebüsch und blieb an der Seite des Weges stehen. Barbarino Falcone parierte sein Pferd bei dieser unerwarteten Erscheinung und fuhr mit der Hand nach seinem Säbel. Der ganze Zug hielt an. Im nächsten Augenblick schien der junge Freischarenführer über die Erscheinung dieses einzelnen Mannes beruhigt, der ein Landbewohner der Umgegend sein mochte, welcher ruhig durch den Wald seinen Geschäften nachging. Mit einigen Sätzen seines Pferdes war er neben ihm und fragte in ziemlich fremdartigem, aber verständlichem Französisch: »Wer seid Ihr, und wohin wollt Ihr gehen?« »Ihr seid Barbarino Falcone?« fragte der Mann zurück. Barbarino stutzte, er betrachtete das Gesicht des vor ihm Stehenden mit forschendem Blick – dasselbe war ihm durchaus unbekannt. »Mein Name ist Barbarino Falcone,« sagte er dann, – »doch woher kennt Ihr mich – und was –« »Mir ist gesagt worden,« fiel der Mann ein, »daß ich Euch hier auf diesem Wege begegnen würde, und ich bin beauftragt, Euch diesen Brief zu geben.« Er zog ein zusammengefaltetes Papier aus seiner Bluse und überreichte es Barbarino. Immer erstaunter sah dieser den rätselhaften Unbekannten an, der ihn hier mitten auf einsamer Waldstraße mit solcher Sicherheit aufgefunden hatte. »Und wer seid Ihr?« fragte er. »Ich bin ein Mitglied der Internationale,« erwiderte der Mann, »und der Chef unserer Abteilung hat mir den Auftrag erteilt, Euch hier zu erwarten und diesen Brief zu übergeben. Mein Auftrag ist erfüllt, lebt wohl.« Und ebenso plötzlich, wie er erschienen war, verschwand der Mann im dichten Waldgebüsch. Einen Augenblick machte Barbarino eine Bewegung, um ihm zu folgen – doch es wäre unmöglich gewesen, zu Pferde durch das dichte Gestrüpp vorzudringen. Kopfschüttelnd blickte ihm Barbarino nach. »Was kann das sein? Was soll das bedeuten?« sagte er, – »doch der Brief muß Aufklärung bringen.« Er faltete das ungesiegelte Papier auseinander und las: »Im Auftrage des Meisters der Verbündeten Italiens und zur Erfüllung des von diesem gegebenen Versprechens erhält Barbarino Falcone die Nachricht, daß derjenige, den seine Rache sucht, in Begleitung einer Munitionskolonne mit geringer Bedeckung auf der Straße, welche sich von Gray nach dem Oignon hinzieht, in der Nähe des Fleckens Rioz zu finden ist.« Eine dunkle Röte färbte das Gesicht Barbarinos, sein Blick verdunkelte sich durch den nach seinem Kopf emporschießenden Blutstrom, seine Hände zitterten, und er bedurfte einiger Augenblicke der Sammlung, um das Papier, das keine Unterschrift trug, noch einmal durchzulesen. Einen Augenblick ließ er sinnend den Kopf auf die Brust sinken, dann wandte er sein Pferd und ritt zu seinen Gefährten zurück, welche in einiger Entfernung hielten und den Ausgang dieser Unterredung erwarteten. »Meine Freunde,« sagte er, »ich erhalte soeben die Nachricht, daß eine Kolonne mit Munition und Proviant unter schwacher Bedeckung in diesem Augenblick etwa zwei Meilen von hier auf der Straße von Gray sich bewegt. Das führt uns ein wenig von unserem Wege ab, aber ich glaube, wir werden die Zeit wieder einholen, wenn wir schnell dorthin reiten und sie nehmen. Wir werden dem Feind einen erheblichen Schaden tun und immer noch zur rechten Zeit bei dem General Cambriel ankommen. Seid ihr bereit, diesen Streich mit mir zu wagen.« Die helle Freude erglänzte auf allen diesen wilden Gesichtern. Ein solcher Handstreich lag vielmehr in den Gewohnheiten dieser Männer und war für sie ein viel erfreulicheres Unternehmen als der Dienst im regelrechten Krieg. »Es lebe Barbarino Falcone!« ertönte es aus den Reihen. »Eilen wir, den Feind zu suchen und diese günstige Gelegenheit zu benützen.« »Alle zogen ihre Säbel und schwenkten sie mit lautem Jubel in der Luft. »Wohlan denn, meine Freunde,« rief Barbarino, »folgt mir – wir werden uns anstrengen müssen, denn wir haben nicht viel Zeit.« Er zog eine kleine Karte der Gegend aus seinem Portefeuille, breitete dieselbe aus dem Sattelknopf seines Pferdes aus und orientierte sich einen Augenblick. »Ich werde den Weg finden,« rief er dann, steckte die Karte wieder fort und drückte seinem Pferde die Sporen ein, daß es in mächtigen Sätzen vorwärtsflog. Rasselnd folgte ihm die Reiterschar. Bald hatten sie die langsam voranreitenden Eclaireurs eingeholt. Barbarino ließ sie in die Reihen zurücktreten und allen übrigen weit voran, mit seinem scharfen, flammenden Auge vorausspähend, ein düsteres Lächeln auf den Lippen, jagte er auf dem Wege dahin, dem Ziel seines Lebens, seiner Rache entgegen. Bald wurde die große Straße durch einen schmäleren Landweg gekreuzt, welcher von den Höhen hinab in ein Thal hinunterführte, das am Eingang des Waldes sich nach einer größeren Ebene hin öffnete. Barbarino wandte sich zu diesem Weg und folgte dem Lauf desselben durch das immer mehr sich lichtende Gehölz an Feldern und Äckern vorbei durch einzelne kleine Dörfer hin, deren Einwohner scheu und staunend diese wilde Reiterschar in den phantastischen roten Blusen vorbeisausen sahen. Endlich hielt Barbarino an einer Wendung des Weges an, von welcher aus das Terrain noch schärfer abfallend herabstieg. Man sah unten in der Ebene das silberne Band eines fließenden Wassers zwischen noch fast grünen Wiesen blinken. »Das ist der Oignon«! rief Barbarino – und während sein Pferd schnaufend vom scharfen Ritt dastand, nahm er noch einmal seine Karte hervor und verglich mit derselben den Lauf des Flusses. »Bald sind wir am Ziel,« sagte er, »wir müssen im Schritt reiten, damit die Pferde sich erholen und für den entscheidenden Augenblick Kräfte behalten.« Langsam ritt er die Anhöhe hinab und verfolgte den Weg, der sich bis zum Fluß herunterzog und dann nahe dem schnell dahinströmenden Wasser weiterführte. Nach einer halben Stunde kam man an die große Straße von Vesoul nach Besançon. Eine breite Brücke führte über den Fluß. In einiger Entfernung davon lag unmittelbar am Wege das Dorf Rioz. »Hier muß es sein,« rief Barbarino, indem er auf der Brücke hielt, »von dorther müssen sie kommen.« Er deutete mit der Spitze seines Säbels auf die Häuser des Dorfes Rioz. »Dort zur Seite muß die Straße gehen, – sie kommen wahrscheinlich von Gray und werden auf diesem Wege zu dem Korps stoßen, welches von Gray nach Vesoul zurückgegangen ist, um sich gegen Besançon zu wenden.« Er ritt vor und erreichte nach kurzer Zeit das Dorf Rioz. Die Einwohner, welche durch die von allen Seiten gebrachten Nachrichten sich bereits in der Befürchtung der Annäherung des Feindes befanden, flohen beim Anblick dieser Reiter, welche sie in ihrer fremdartigen Erscheinung nicht für Franzosen hielten. Mit Mühe konnten einige der Flüchtigen zum Stehen gebracht werden, und man erfuhr von ihnen, daß noch keine Munitions- und Proviantkolonne hier gesehen worden sei. »Dann entgehen sie uns nicht!« rief Barbarino, »auf, ihnen entgegen!« Und ungeduldig sprengte er auf dem Wege vor, der nach Angabe der Einwohner nach Gray führte. Bei einer scharfen Wendung des Weges erschienen plötzlich in einer Entfernung von etwa vierzig Schritten zwei Reiter, welche hinter dem vorstehenden niedrigen Gebüsch hervorkamen und beim Anblick Barbarinos und seiner kleinen Truppe schnell wieder verschwanden. »Da sind sie,« rief Barbarino mit wildem Jubelton, indem er seinen Säbel hoch in der Luft schwang. »Auf, meine Freunde, die Bedeckung wird nicht stärker sein als wir – wir werden sie vernichten.« Er drückte die Sporen in die Flanken seines Pferdes, und in mächtigen Sätzen schoß das Tier auf der Straße hin. Mit lauten Rufen folgte die Schar der berittenen Jäger. Nach wenigen Minuten dieses rasenden Rittes hatte man das kleine Gebüsch an der Ecke des Weges erreicht. In rascher Wendung bog Barbarino um diese Ecke, aber in scharfem Ruck parierte er sein Pferd bei dem Anblick, der sich ihm hier darbot. Er sah keine Munitions- und Proviantwagen, sondern eine Abteilung badischer Dragoner, welcher die beiden zuerst hinter dem Gebüsch erschienenen Reiter als Eclaireurs vorangeritten waren, hielt auf der Mitte des Weges; – in einiger Entfernung hinter ihnen blitzten die Gewehre starker Infanteriekolonnen. »Was ist das,« rief Barbarino, »sollten wir verraten sein? Hat man uns in eine Falle gelockt?« Seine Begleiter drängten sich um ihn her. Von dem raschen Schritt und dem schnellen Parieren der Pferde war die Ordnung des Zuges aufgelöst. »Zur Attacke! Marsch! Marsch!« ertönte das Kommando von den Feinden herüber. Und die Erde erbebte unter den Pferdehufen der heranstürmenden Dragoner. »Flucht ist nicht möglich,« rief Barbarino den Seinen zu, »wenigstens müssen wir diese erst zurückwerfen.« Und er warf sich den Dragonern entgegen. In wenigen Augenblicken entspann sich ein wildes Gefecht. Die Freischaren kämpften mit dem Mut der Verzweiflung und mit der Erbitterung der an ein wildes Räuberleben gewöhnten Abenteurer – hin und her wogte das gewaltige Ringen. Die zurückstehende Infanterie konnte nicht eingreifen, weil Freunde und Feinde einen einzigen verworrenen Knäuel bildeten. Viele der Jäger Barbarinos, viele der Dragoner lagen am Boden. Barbarino selbst focht mit rasender Wut. Er ließ seinen Säbel wie eine züngelnde Flamme um seinen Kopf kreisen. Er wollte nicht fallen, er wollte nicht gefangen werden – er mußte seine Rache haben, diese Rache, welcher er sein Leben gewidmet, welche ihn hierhergeführt hatte. Nach einiger Zeit trat eine augenblickliche Pause der Erschöpfung ein. Kein Teil war einen Fuß breit gewichen, – die Dragoner sammelten sich und zogen sich eine kurze Strecke zurück, um sich wieder zu formieren. Die Infanterie rückte im Geschwindschritt auf der Straße heran. »Jetzt gilt es einen Ritt auf Leben und Tod, meine Freunde,« rief Barbarino. »Wir müssen zurück auf den Weg, den wir gekommen; wenn wir den Oignon erreichen und die Waldhöhen hinter demselben, so sind wir gerettet. Dorthin werden sie uns nicht zu folgen wagen!« Er wandte sein Pferd und sprengte auf der Straße nach Rioz zurück. Diejenigen seiner Reiter, welche noch lebend und unverwundet waren, folgten ihm, aber es waren nur wenig über die Hälfte der ursprünglichen Zahl. Schüsse krachten hinter ihnen her, Kugeln pfiffen an ihnen vorüber, – dann ertönte der Hufschlag der verfolgenden Dragoner. Aber unaufhaltsam, ohne rückwärts zu blicken, jagten sie weiter. Ihre Sporen röteten sich vom Blut ihrer Pferde. Es war eine wilde Jagd auf Leben und Tod – bald erblickten sie die Häuser des Dorfes Rioz. »Noch kurze Zeit«, rief Barbarino, »haltet aus. Wenn wir das Dorf passiert haben, wenn wir die Brücke erreichen, sind wir gerettet!« Weiter und weiter blieben die verfolgenden Dragoner zurück. Ferner und ferner krachten die ihnen nachgesandten Schüsse. Da hatten sie die ersten Häuser des Dorfes erreicht. Sie sahen keinen der Einwohner auf der Straße. Die Häuser waren verschlossen, sie beachteten es nicht und jagten weiter, bis sie die große Straße erreichten, von welcher sie vorhin hier abgebogen waren. Aber als sie auf dieser Straße ankamen, sahen sie auf derselben in der Richtung nach Vesoul hin in unmittelbarer Nähe neben sich dichte Infanteriemassen heranrücken. Es waren die Truppen der Kolonne Degenfeld vom Korps des Generals Werder, welche von Vesoul hierher rückten, um nach Besançon vorzudringen. Kaum erschien diese Reiterschar in den roten Blusen aus dem Wege, als die Infanterie ein scharfes Feuer auf sie eröffnete. Abermals stürzten rings um Barbarino mehrere von seinen Leuten. »Vorwärts!« rief er. »Vorwärts!« Nur noch wenige Augenblicke haltet aus!« Auf den keuchenden, schaumbedeckten Pferden jagten sie von Rioz nach der breiten Brücke über den Oignon hin, immer verfolgt von den Salven der nachrückenden Infanterie. Endlich erreichten sie diese Brücke, von welcher sie Rettung hofften, – aber kaum auf derselben angelangt, sahen sie unmittelbar davor auf der anderen Seite die französischen Infanterielinien des Generals Cambriel, welche von den Höhen von Cussey herabstiegen, um sich dem Korps des Generals Werder entgegenzustellen. Diese hielten die wild heransprengenden Reiter für preußische Kavallerie und empfingen sie mit einem mörderischen Feuer. Zugleich warf eine auf den Höhen aufgefahrene französische Batterie Granaten auf die von allen Seiten mit Vernichtung bedrohte kleine Schar. Barbarino sank im Sattel zusammen, nur noch wenige der Seinen waren um ihn aufrecht. »Wir sind verloren,« rief er, »Freunde und Feinde verbinden sich zu unserem Untergang – verloren ohne meine Rache,« sagte er, mit den Zähnen knirschend. Da traf eine Kugel seine Brust. Einen Augenblick fuhr er empor und umfaßte mit einem Blick voll grimmigen, entsetzlichen Hasses den Himmel, den Fluß und die waldbegrenzten Berge. Dann sank er vorwärts vom Pferd herab und auf seine am Boden liegenden Gefährten hin, und bald war die Brücke von einem starren Leichenhaufen bedeckt. Nur wenigen der Freischärler gelang es, lebend die heranrückenden Kolonnen des Generals Cambriel zu erreichen und dort verständlich zu machen, daß sie zur irregulären Armee Frankreichs gehörten. Dies war jedoch nur das Vorspiel eines größeren Kampfes. Die französischen Truppen rückten heran, von der anderen Seite drang die badische Kolonne Degenfeld, die Kolonne Keller und die Kolonne Prinz Wilhelm vor, und am Oignon kam es zu einem heftigen und mörderischen Gefecht. Die Franzosen leisteten tapfern Widerstand, aber unaufhaltsam drang die badische Truppe mit dem Bajonnett vor. Die Brücke, auf welcher die Freischaren Barbarinos vernichtet waren, wurde die Stätte eines verzweifelten Kampfes. Aber sie wurde von dem dritten badischen Infanterieregiment mit Sturm genommen und die Franzosen auf die Höhen von Cussey zurückgeworfen. Hier aber begann die wie auf einem Amphitheater postierte französische Artillerie ein vernichtendes Feuer auf die verfolgenden Dragoner und die nachrückenden Truppen, so daß von dem kommandierenden General das Gefecht aufgehoben wurde. Die Truppen blieben an der Oignonlinie stehen, und die Ruhe trat nach dem entsetzlichen Toben der Schlacht wieder ein, während nur von Zeit zu Zeit einzelne Kanonenschüsse von den Höhen herabdröhnten. Während die einzelnen Truppenteile sich sammelten, um auf dem gewonnenen und behaupteten Terrain ihre Biwaks zu beziehen, war in Rioz eine von Gray herkommende Munitions- und Proviantkolonne angekommen, welche, bestimmt, den Truppen zu folgen, durch das schnelle Vordringen und die geänderte Marschrichtung derselben nun hier mitten in das Gefecht geriet und in Rioz anhielt, den erschöpften Soldaten sehr erwünschte Lebensmittel zuführend. Bei diesem Provianttransport befand sich eine hierher detachierte Johanniterkolonne, welcher der Graf von Spangendorf beigegeben worden war, nachdem die Lazarette in und um Sedan zum größten Teil aufgehoben waren und nur noch eine geringe Anzahl von Personen zu ihrer Leitung und Bedienung erforderten. Der Graf war mit den übrigen Johannitern und einer Anzahl von Ambulanzen und Krankenträgern sogleich nach dem Ort des Gefechtes hinausgeeilt, um die Pflicht seines Berufes zu erfüllen. Er war unerschrocken und mutig den vordringenden Truppen gefolgt und hatte mitten im Kugelregen vielen Verwundeten Hilfe gebracht. Als das Gefecht beendet war und man das Feld zu durchsuchen begann, um von all diesem blühenden Leben, welches der eherne Schritt des Todes niedergeworfen hatte, zu retten und wieder aufzurichten, was noch möglich war, wandte sich der Graf Spangendorf nach der breiten Brücke über den Oignon, die mit ganzen Hügeln von Leichen, von Sterbenden und von jammernden Verwundeten bedeckt war. Er ließ durch seine Krankenträger die Leichen, welche bereits kalt und starr waren, zur Seite tragen, während die Ärzte den Verwundeten die erste und notwendigste Hilfe brachten, um sie dann auf Wagen und Bahren nach den in den zurückliegenden Dörfern gebildeten Notlazaretten führen zu lassen. Der Graf hatte einen schwer verwundeten Offizier von den französischen Mobilgarden seinen Leuten übergeben, um ihn auf den Verbandplatz nach der Brücke zu tragen, als er die Leichen der Garibaldischen Freischärler in ihren roten Blusen erblickte, welche von den Toten und Verwundeten aus dem späteren Gefecht vollständig bedeckt worden waren. Erstaunt sah er auf die eigentümlichen Uniformen, denen man bisher in der französischen Armee noch nicht begegnet war, und wollte eben einen in der Nähe stehenden badischen Offizier herbeirufen, um ihn über diese Truppe zu befragen, als sein Blick auf den starr und leblos daliegenden Barbarino fiel. Der Graf stutzte beim Anblick dieses Gesichtes, – einen Augenblick schien er in seinen Erinnerungen zu suchen, dann wurde er bleich wie die Toten neben ihm. Ein Schauer zitterte durch seinen Körper, und mit einer Bewegung voll Abscheu und Entsetzen schien er sich wegwenden zu wollen. Aber im nächsten Augenblick hielt er an, und mit einer gewaltsamen Anstrengung beugte er sich wieder zu dem leblos vor ihm Liegenden hin. »Liebet eure Feinde,« flüsterte er leise, »tut wohl denen, die euch verfolgen, so spricht der Herr, dessen heiliges Kreuzeszeichen ich auf mich genommen habe. Seinem Gebot will ich folgen. Die Rache und das Gericht gehört Gott allein.« Er schlug die Augen nieder, als könne er den Anblick dieses Gesichtes, das er zuletzt in einem so entsetzlichen Moment gesehen und das jetzt kalt und starr vor ihm lag, nicht ertragen. Dann öffnete er das rote Hemd Barbarinos und legte seine Hand auf dessen Brust. »Das Herz zuckt noch,« sagte er, »es ist noch Leben in ihm – man muß versuchen, ihn zu retten – zur Reue, zur Buße,« fügte er hinzu, – »wenn Gott es will.« Er nahm seine Feldflasche, öffnete die Lippen des Verwundeten und ließ einige Tropfen Wein in dessen Mund rinnen. Ein leises Beben fuhr durch die Glieder Barbarinos. – Seine Nasenflügel begannen sich zu bewegen, ein leichter Hauch drang aus denselben hervor, – dann färbten sich seine gebräunten Wangen, welche eine wachsgelbe Farbe angenommen hatten, ein wenig dunkler, und langsam schlug er die Augen auf, während sich seine Brust von einem tiefen Atemzug hob. Verwundert und fragend blickte er zum Himmel empor, – dann auf die Toten neben sich – er schien seine Gedanken zu sammeln unter der wunderbaren Einwirkung des neu zurückkehrenden Lebens. Dann fiel sein Blick auf den über ihn gebeugten Maltheserritter, und plötzlich schien seine ganze Lebens- und Willenskraft in ihn zurückzukehren. Seine Augen öffneten sich groß, so daß das ganze Rund seiner Pupille sichtbar wurde, seine Lippen zogen sich zurück, so daß die weißen spitzen Zähne hervortraten. Wie eine Feuergarbe flammenden Grimmes schoß es aus seinen Blicken auf, und mit zitternder Stimme rief er: »Der Meister hat doch recht gehabt, er hat mir meine Rache versprochen – hier finde ich sie, die Hölle selbst soll sie mir nicht entreißen.« Mit einer Bewegung wie die Schlange, die sich auf ihre Beute stürzt, schnellte er empor, seine beiden Hände umfaßten den Hals des Grafen Spangendorf und preßten denselben wie in einen eisernen Schraubstock zusammen. Der Graf hatte keine Zeit, einen Schrei auszustoßen, und von Entsetzen gelähmt sahen die in der Nähe befindlichen Ärzte und Krankenträger diesen eben noch unter den Toten starr daliegenden, gespenstisch bleichen Mann über den helfenden Maltheser herstürzen und sich mit ihm in fürchterlichem Ringen auf der Brücke herumwälzen. Einige Augenblicke vergingen, bis sie hinzusprangen. Der Graf hatte mit seiner ganzen Kraft versucht, sich des unvermuteten Angriffes zu erwehren, aber Barbarino hielt ihn mit übermenschlicher Anstrengung fest. Sie waren auf dem Boden, über die Leichen hin miteinander ringend, bis zum Rande der Brücke gekommen, von der die einschlagenden Kanonenkugeln das Geländer fortgerissen. Einige Krankenträger und badische Soldaten sprangen hinzu. Mit gellendem Hohnlachen machte Barbarino eine sprungartige Bewegung, und immer seine Beute festhaltend, stürzte er sich über den Rand der Brücke in die scharfe Strömung des Oignonflusses. Seine Wunde war von dem mächtigen Ringen wieder aufgegangen, er und der Graf waren mit Blut überströmt, das die Wellen des Flusses rotfärbte, in denen der entsetzliche Kampf auf Leben und Tod sich fortsetzte. »Welch ein Ungeheuer! Welch eine wilde Bestie!« riefen die Soldaten, die an das Ufer eilten. »Man muß ein Boot suchen! Rettet den Johanniter!« Kein Boot war in der Nähe zu entdecken. Aber einige Leute hatten sich bereits in die Wellen gestürzt und schwammen den abwärts treibenden, in entsetzlicher Umschlingung aneinander hängenden Männern nach, deren wilden Kampf sie kaum begreifen konnten. Der Sturz und die Kälte des Wassers hatten einen Augenblick die erschöpfte und überreizte Kraft Barbarinos gelähmt und die eiserne Umschlingung seiner Hände ein wenig gelöst. Der Graf hatte einen freien Atemzug tun können, er hatte seine Hand auf den Gürtel herabgesenkt und seinen Revolver hervorgezogen. Die Waffe war mit Wasser gefüllt und durchnäßt, – der Graf ergriff sie bei den Läufen, hob sie, während er mit der anderen Hand seinen Feind zurückdrängte, hoch empor und führte in der Kraft der Verzweiflung mehrere wuchtige Schläge mit dem stahlbeschlagenen Griff des Revolvers gegen die Stirn Barbarinos. Dieser sank zurück, – eine Blutwelle überströmte seine Stirn, und beide versanken in den Fluten. Einige von den Soldaten hatten die Stelle erreicht, – sie tauchten unmittelbar darauf nieder, und bald kam einer derselben wieder hervor, indem er den anderen freudig zurief: »Ich habe ihn! Ich werde ihn retten!« Schnell schwamm er unter den freudigen Zurufen der Zuschauer dem nahen Ufer zu, den Grafen Spangendorf an seinen dichten Haaren hinter sich herziehend. Zahlreiche Hände streckten sich ihm entgegen, andere ergriffen den Grafen, welcher mit geschlossenen Augen leblos aus dem Wasser auftauchte – sie zogen ihn ans Ufer – ein entsetzlicher und wunderbarer Anblick zeigte sich ihnen, denn mit dem Grafen Spangendorf zog man auch den Körper Barbarinos mit zerschmetterter Stirn aus dem Wasser. Er hatte in dem Augenblick, in welchem seine schwindende Kraft ihn zwang, die Hände von seinem Opfer zurücksinken zu lassen, im letzten Aufblitzen seines Lebens mit den Zähnen den Arm seines Opfers ergriffen, und sein im Todeskampf fest geschlossener Mund hielt ihn mit dem Gegenstand seines Hasses und seiner Rache verbunden. Ein Ruf des Schauders und des Abscheues wurde laut – man versuchte den Mund des Toten zu öffnen – es war unmöglich, und mit Säbelklingen mußte man seine Zähne auseinanderbrechen. Man warf den toten Körper voll Abscheu auf die Seite. Ein Arzt war herbeigeeilt, – er flößte dem Kranken belebende Tropfen ein und wusch seine Stirn mit einer starken Essenz. Bald schlug der junge Mann die Augen auf und blickte traurig umher. »Ist er tot, der Unglückliche?« fragte er. Der Arzt deutete auf die blutige Leiche Barbarinos. Graf Spangendorf erhob sich mühsam und trat schwankenden Schrittes zu dem Toten hin; er faltete die Hände und sprach: »Gott möge ihn gnädig richten und ihm vergeben, was er mir getan, – wie ich ihm vergebe –« Dann schien ihn ein Schwindel zu erfassen. Er schloß die Augen und sank in die Arme des Arztes, der ihm gefolgt war. Vorsichtig legte man ihn auf einen der Krankenwagen und fuhr ihn nach dem Dorfe Rioz zurück. Zwanzigstes Kapitel Der General Boyer war im Hauptquartier des Prinzen Friedrich Karl zu Corny angekommen, und obwohl sein Wagen vor den Vorposten wieder hatte zurückgesandt werden müssen, da eine von dem preußischen Hauptquartier für ihn bestimmte Equipage ihn erwartete, so war ihm dennoch gestattet worden, den Diener des Grafen von Villebois, welchen der Marschall ihm empfohlen, mit sich zu nehmen. Der General wurde mit Auszeichnung empfangen, er reiste jedoch, ohne sich aufzuhalten, weiter, um so schnell als möglich zur Kaiserin in Chislehurst zu gelangen, nachdem noch zuvor auf seine Bitte seinem Begleiter ein Passierschein nach dem als Lazarettstation bekannten und vollständig unverdächtigen Schloß von Villebois erteilt worden war. Der junge Mann machte sich nach der Abreise des Generals sogleich auf den Weg, passierte unangefochten die Linien und gelangte nach einem Marsch von einigen Stunden an die erste Gärtnerwohnung des Parkes von Villebois, wo er nach dem Weg zum Schloß fragte. Der Gärtner, ganz erstaunt, einen jungen Menschen in der Livree des gräflichen Hauses zu erblicken, welchem der Park und die Wege zum Schloß unbekannt waren und den er seinerseits noch nie gesehen, fragte etwas mißtrauisch nach dessen Namen und Begehr. »Ich heiße Jean,« erwiderte der junge Mann, »der Herr Graf hat mich vor kurzem in seine Dienste genommen und hat mich von Metz mit einer Botschaft an das Fräulein hierher geschickt.« Der Gärtner, welcher noch immer ein leises Mißtrauen hegte, wie man ja in jener Zeit auf beiden Seiten fortwährend in Besorgnis vor Spionen war, begleitete den Angekommenen durch den Park bis zum Schloß, wo derselbe von dem Portier und der ganzen Dienerschaft mit dem größten Interesse betrachtet wurde, da er ja von ihrem Herrn zu kommen angab, aber auch wiederum mit ebensoviel Mißtrauen, da ihn niemand vorher gesehen und die ganze Dienerschaft dieses alten Hauses sich doch untereinander genau kannte. Er wurde sogleich Fräulein Hortense gemeldet, welche auf die Nachricht einer Botschaft von ihrem Vater den Überbringer derselben heraufzuführen befahl. In unruhiger Spannung ging die junge Dame dem Eintretenden entgegen und blieb betroffen stehen, als sie in ein ihr völlig unbekanntes Gesicht blickte, das sie unter der Dienerschaft ihres Vaters niemals gesehen hatte. Noch mehr erstaunte sie über die elegante und vornehme Manier, mit welcher der junge Mensch sie begrüßte, der nach seiner Livree zu den unteren Stallbedienten ihres Vaters gehörte. Fast unwillkürlich erwiderte sie diese Begrüßung, wie sie es einem ihr vorgestellten Herrn ihres Standes getan haben würde, – dann, wie unzufrieden über den Eindruck, welchen die Erscheinung und Haltung des Fremden auf sie gemacht hatte, richtete sie sich hoch auf und fragte mit stolzem und kaltem Ton: »Sie sind seit kurzem erst im Dienst meines Vaters? – Ich habe Sie niemals in Metz gesehen.« »Seit ganz kurzer Zeit«, erwiderte der junge Mann, »hat mir der Herr Graf erlaubt, diesen Rock zu tragen.« »Wie geht es meinem Vater? Wie steht es in Metz?« fragte Fräulein Hortense, abermals erstaunt über den Ton dieser Antwort und über den leichten fremdländischen Akzent in der französischen Aussprache dieses eigentümlichen Dieners. »Der Herr Graf befindet sich wohl, – so wohl, als es die traurigen Verhältnisse in der Stadt erlauben. Übrigens, glaube ich,« fuhr er fort, »wird er bald aus seiner Lage befreit werden und selbst hierher kommen können, um sich von seinen Anstrengungen und Entbehrungen zu erholen, denn der Platz kann sich nach meiner Überzeugung nur noch ganz kurze Zeit halten, – wenn nicht ein Wunder geschieht, so steht die Kapitulation nahe bevor.« Fräulein Hortense blickte traurig vor sich nieder. »Die Kapitulation!« – sagte sie, – »auch das letzte Bollwerk unserer Macht wird fallen vor diesem unerbittlichen Feinde!« »Wie schmerzlich für Frankreich, und wieviel schmerzlicher noch für diejenigen,« sagte der junge Mann, »welche auf Frankreich ihre Hoffnung gebaut haben, – für diejenigen, deren Vertrauen auf Frankreich so bitter getäuscht wurde!« Eine helle Röte flammte in dem Gesicht des jungen Mädchens auf. Mit stolz zurückgeworfenem Kopf sagte sie: »Ich weiß nicht, daß es Sitte in dem Hause meines Vaters war, daß die Diener unaufgefordert ihre Meinung – ihr Urteil über Frankreich aussprechen, es ziemt sich das weder für einen Franzosen, noch für einen Diener des Grafen Villebois.« »Sie haben recht, mein Fräulein,« sagte der junge Mann, »aber ich bin weder ein Franzose, noch ein Diener des Grafen.« Erschrocken zuckte Fräulein Hortense zusammen, fast unwillkürlich trat sie einen Schritt zurück und streckte schon die Hand nach der auf dem Tisch stehenden Glocke aus, dann aber schüttelte sie, wie unwillig über diese Bewegung der Furcht, den Kopf, trat wieder dicht vor den Fremden hin und fragte in strengem, befehlendem Ton: »Und wer sind Sie denn, – mit welchem Recht tragen Sie die Livree unseres Hauses?« »Ich bin ein Unglücklicher,« sagte der junge Mann, »ein Geächteter, dessen Leben verfallen ist wie das des Vogels in der Luft, und den Ihr Vater hierher sendet, um bei Ihnen Schutz und Hilfe zu suchen.« Der ernste Ausdruck, in dem der junge Mann diese Worte sprach, schien dieselben glaubwürdig zu machen, dennoch blickte ihn Fräulein Hortense noch immer voll Zweifel und Mißtrauen an. »Mein Vater sendet Sie hierher?« fragte sie. »Und was kann ich –« »Hier meine Beglaubigung«, fiel der Fremde ein, indem er aus der Brusttasche seiner Livree ein Papier zog, auf welchem in rotem Siegellack ein kleines Petschaft abgedrückt war. Er reichte dasselbe Fräulein Hortense. Die junge Dame warf einen Blick auf das Siegel und rief: »Das ist in der Tat der Abdruck von meines Vaters Ring, den er stets an seinem Finger trägt. Niemand würde dieses Zeichen besitzen können, der nicht wirklich von meinem Vater gesandt ist! Wer sind Sie? Was kann ich tun, um den Wunsch meines Vaters zu erfüllen?« fragte sie dann in verbindlichem Ton. »Ich bin der Kapitän von Feldhausen,« sagte der junge Mann, »ich war Ordonnanzoffizier des Marschalls Bazaine –« »Und Sie sind jetzt hier,« fiel Fräulein Hortense ein, »während der Feind vor den Toren von Metz steht?« Eine dunkle Röte überzog das Gesicht des Herrn von Feldhausen. »Ich bin hier, mein Fräulein,« sagte er, »auf den bestimmten Befehl des Marschalls, und auch Ihr Vater hat mein Benehmen gebilligt. Ich war hannoverischer Offizier,« fuhr er fort, »und bin nach Frankreich gekommen, um dem Ruf meines Königs zur Bildung einer Legion zu folgen und für dessen Rechte zu kämpfen. Der König hat die Legion aufgelöst, er hat das Schwert nicht gezogen, – da bin ich in die französische Armee eingetreten, welche gegen Preußen zu Felde ziehen wollte, – während jetzt das ganze Deutschland ihr gegenübersteht. Würde ich bei der Kapitulation gefangen werden, so würde ein schimpflicher Tod mein unzweifelhaftes Los sein, deshalb bin ich geflohen, – und obgleich der Marschall es mir befahl, obgleich Ihr Vater es mir riet, – so sehe ich jetzt doch, daß ich unrecht getan habe. Ich sehe das aus Ihrer Frage, mein Fräulein, – die Frauen sind scharfe Richter in Sachen der Ehre.« Er blickte traurig zu Boden, in rascher Bewegung trat Fräulein Hortense auf ihn zu und reichte ihm die Hand. »Verzeihen Sie mein rasches Wort, mein Herr,« sagte sie, – »was mein Vater billigt, was der Marschall Ihnen befiehlt, das ist gewiß recht und ehrenvoll, und ich werde alles tun, was in meinen Kräften steht, um Ihnen zu helfen.« »Vor allen Dingen kommt es darauf an,« erwiderte Herr von Feldhausen, »mir hier so lange ein Asyl zu gewähren, bis sich die Gelegenheit für mich findet, um sicher nach Belgien zu kommen, wo ich dann weiter sehen werde, wie ich mein Schicksal gestalten kann, – wenn Sie mir also erlauben wollen – –« »Ich werde sogleich Befehl geben,« rief Fräulein Hortense, »daß man ein Zimmer für Sie einrichtet. Ich glaube, daß Sie hier völlig sicher sind, man respektiert das Lazarett im Schloß und es sucht Sie hier auch niemand.« »Ich danke Ihnen, mein Fräulein,« sagte der junge Mann, »aber wäre es nicht besser und sicherer, wenn ich in dieser unscheinbaren Verkleidung unter der Dienerschaft Ihres Schlosses bliebe?« »Nein, nein,« sagte Fräulein Hortense nachdenkend, »das geht nicht, die Leute würden sehr bald merken, daß Sie nicht einer der ihrigen sind und das würde von Ihnen sprechen machen und viel mehr die Aufmerksamkeit auf Sie ziehen. Sie können hier als ein Sekretär meines Vaters erscheinen, den derselbe mir gesandt, um mich in den Geschäften, welche mir in dieser Zeit näher treten als sonst, behilflich zu sein, – das ist ganz natürlich, Sie werden dann keiner neugierigen Beobachtung ausgesetzt sein.« »Sie haben recht,« sagte Herr von Feldhausen, »ich unterwerfe mich Ihrer Anordnung.« Die junge Dame ließ den Kastellan des Schlosses rufen und erteilte demselben ihre Befehle. Bald war Herr von Feldhausen als Sekretär des Grafen im Schlosse installiert. Der Vicomte, welcher ungefähr die gleiche Figur mit ihm hatte, versah ihn mit Kleidung und Wäsche, und der junge Mann schloß sich dem kleinen geselligen Zirkel an, der hier vereint war, in dem er sich jedoch stets bescheiden und schweigsam zurückhielt, um nicht aus der Rolle des Untergebenen zu fallen. Dieser Kreis vergrößerte sich immer mehr durch einzelne allmählich genesende preußische und französische Offiziere, welche in dem Schloß gepflegt waren, und schloß sich bei den immer länger werdenden Abenden immer näher und enger zusammen. Auch Fräulein Hortense wurde kräftiger und frischer, ihre nervöse Abspannung und Reizbarkeit verlor sich, und eine zarte und gesunde Röte färbte allmählich ihr früher so krankhaft und durchsichtig bleiches Gesicht. In merkwürdiger Weise veränderte sich auch ihr Benehmen gegen den Baron von Rantow. Während sie früher demselben mit scharf abgemessener Höflichkeit und abwehrender Kälte entgegengetreten war und auf alle seine an sie gerichteten Worte nur ganz genau die unbedingt notwendige Antwort gegeben hatte, schien sie jetzt wärmer und herzlicher gegen ihn zu werden. Sie unterhielt sich eingehender mit ihm, und öfter schienen sich ihre Ansichten und Empfindungen sympathisch zu begegnen. Auch fand sich oft abends im Salon ihr Platz wie zufällig neben demjenigen des jungen Johanniters, – zuweilen lichtete sich ihr Blick mit einem eigentümlich sinnenden und fragenden Ausdruck auf denselben, und schnell schlug sie leicht errötend die Augen nieder, wenn er einem solchen Blick begegnete. Auch wenn sie Herrn von Rantow in leichtem, vertraulichem Geplauder von ihrer Kindheit erzählte und von all den Träumen ihres kindlichen Geisteslebens, deren Erinnerungen sich wie märchenhafte Elfengestalten durch die Hallen des Schlosses und durch die Schatten des Parkes hinzogen, – dann lag im Ton ihrer Stimme zuweilen ein wunderbar tiefer und inniger Klang, der in dem jungen Mann mit süßem Schauer die Erinnerung an jene Stunde in dem Boskett des Gartens zurückrief, als er von ihren Lippen so entzückende, berauschende Worte hörte, welche zu seinem Schmerz so schnell sich als der Ausdruck eines krankhaften Zustandes somnambuler Überreizung gezeigt hatten. Auch der junge Mann hatte sich in seinem ganzen Wesen sehr tief und merklich verändert. Sein früher oberflächlicher und unsteter Blick war tief und fest geworden, ernstere Männlichkeit lag in seinem ganzen Wesen, und während er sonst mit einer oft zu selbstzufriedenen Sicherheit den Menschen und den Verhältnissen entgegengetreten war, schien er jetzt Fräulein Hortense gegenüber oft fast ängstlich unsicher. Obgleich die junge Dame ihm täglich wachsende Zeichen freundschaftlicher Sympathie gab, obgleich er jenen Ton in ihren Worten wiederklingen hörte, der noch immer in wonnevoller Erinnerung durch seine Seele zitterte, wagte er dennoch, nicht an das Glück zu glauben, das ihm aus allen diesen Zeichen entgegenschimmerte, welche er gewiß in früheren Zeiten mit sicherer Selbstgewißheit zu seinen Gunsten gedeutet haben würde. Aber er fühlte sich glücklich, in der Nähe dieses Wesens leben zu können, das ihn mit so zauberischer Gewalt unterjocht hatte und mit so anmutiger Überlegenheit diesen ganzen Kreis beherrschte, der durch den welterschütternden Völkerkrieg hier zusammengefügt war. Doch war es ein peinliches, fast schmerzhaftes Gefühl, das ihn erfüllte, ähnlich wie in reizenden Träumen, welche die liebsten und höchsten Wünsche als Wirklichkeit erscheinen lassen, während die Seele immer das Bewußtsein in sich trägt, daß alles nur das Wolkenbild des Traumes ist, das wieder verfliegen und dem das kalte, traurige Erwachen folgen muß. Er suchte nur in der Gegenwart zu leben, er suchte zu vergessen, was hinter ihm lag und was eine nahe Zukunft wieder mit Notwendigkeit an ihn heranführen müßte. Seit der Ankunft des Herrn von Feldhausen aber, welcher der Gesellschaft als Monsieur Bertin und als Sekretär des Grafen vorgestellt war, – nur ihrem Bruder hatte Hortense das Geheimnis des jungen Offiziers mitgeteilt, – seit dieser Zeit war Herr von Rantow traurig und still geworden. Fräulein Hortense hatte zwar in ihrem freundlichen und herzlichen Benehmen gegen ihn sich nicht geändert, aber sie behandelte den so plötzlich angekommenen Fremden mit einer Aufmerksamkeit und Zuvorkommenheit, welche dem Sekretär ihres Vaters gegenüber bei ihrem sonst so stolzen Wesen auffallend und außergewöhnlich war. Auch ihr Bruder legte eine gleiche Aufmerksamkeit für den jungen Mann an den Tag, und Herr von Rantow selbst, welcher stets in der besten Gesellschaft gelebt und für die Manieren derselben einen sehr feinen und scharfen Blick hatte, bemerkte, daß dieser Herr Bertin für seine Lebensstellung ein ungewöhnlich sicheres, leichtes und elegantes Benehmen habe. Der Baron hatte zum erstenmal in seinem Leben eine wahre und tiefe Liebe in seinem Herzen empfunden, er sollte nun auch die erschütternde Pein der Eifersucht kennen lernen, welche ihn um so heftiger erfaßte, als er nicht das geringste Recht zu derselben hatte. Wie die Eifersucht immer erfinderisch ist, so setzte er sich über den Fremden, der plötzlich so störend in seine Glücksträume hineingetreten war und der durch einzelne Andeutungen der Dienerschaft, die ihm zu Ohren kamen, noch rätselhafter wurde, alle möglichen Vermutungen zusammen, wozu allerdings Fräulein Hortense mehrfach Veranlassung gab, da sie diesen Herrn Bertin nicht nur öfter in ihr Zimmer rufen ließ, um Geschäfte zu erledigen; wie sie sagte, sondern zuweilen auch mit ihm lange Spaziergänge durch den Park machte, worin der Vicomte, ihr Bruder, durchaus nichts Außergewöhnliches und Unpassendes zu finden schien. Auch entging es dem scharf beobachtenden Blick des Barons nicht, daß die Augen des jungen Sekretärs mit dem Ausdruck tiefer und glühender Bewunderung an Fräulein Hortense hingen, und daß oft eine helle Röte über sein Gesicht flammte, wenn die junge Dame ihn durch eine Frage oder eine freundliche Bemerkung aus seiner bescheidenen Zurückhaltung zur Konversation mit ihr heranzog. Der Himmel seines Glückes verdüsterte sich immer mehr, fast mechanisch nur besorgte er die Geschäfte und Anordnungen, welche die Leitung der Krankenpflege ihm auferlegte, und sich selbst zürnend, aber ohne die Kraft des Widerstandes, verzehrte er sich in peinvollen Gedanken, während er einen großen Teil seiner Zeit damit hinbrachte, in ängstlicher und schülerhafter Weise alle Begegnungen des Fräuleins von Villebois mit dem Sekretär ihres Vaters auszuspähen. So war eine Zeit hingegangen, während welcher Herr von Rantow immer unruhiger und unsteter geworden. – Sein inneres Leiden zeigte sich in seiner äußeren Erscheinung, er war bleich und verstört, und oft fragte ihn Fräulein Hortense mehr noch mit Blicken als mit Worten nach der Ursache seines so sichtlich erkennbaren Leidens. Diese Blicke würden ihn, hätte er sein früheres Selbstvertrauen noch gehabt, mit Glück und Freude erfüllt haben, jetzt aber verstand er sie nicht zu deuten. Er antwortete auf die an ihn gerichteten Fragen mit ausweichenden Worten, und alles blieb beim alten. Während sich dies in dem abgeschlossenen und verhältnismäßig stillen Leben im Schloß von Villebois begab, gingen draußen die großen Weltereignisse mit ihrem ehernen Schritt ruhig und unaufhaltsam vorwärts. Der General Boyer hatte die Kaiserin Eugenie in einer verzweiflungsvollen Unsicherheit und Unschlüssigkeit gefunden. Sie hatte lange gezögert, ihm irgendeine Antwort zu geben, – dann, als der General ihr die dringende Notwendigkeit unmittelbaren Entschlusses immer schärfer entgegenhielt, hatte sie an den Grafen Bismarck und an König Wilhelm telegraphiert, um bestimmte Friedensbedingungen zu erhalten, immer aber dabei erklärt, daß sie niemals in die Abtretung französischen Gebietes willigen werde und willigen könne, und über all diesem Hinundherverhandeln, über all diesem Zögern und Zagen, diesem Schwanken zwischen Aufflackern stolzen Mutes und matter Verzweiflung vergingen Tage auf Tage, bis dann endlich die Nachricht von der Kapitulation von Metz in Camden-House eintraf und alle Pläne und Hoffnungen begrub. Nachdem Metz genommen und Bazaines Armee kriegsgefangen war, konnte an einen Friedensschluß mit der kaiserlichen Autorität nicht mehr gedacht werden, da diese Autorität nunmehr auch die letzte Stütze verloren hatte, welche ihr im Lande hätte Halt geben können. Nun mußte das Verhängnis seinen Lauf nehmen, und Ströme von Blut mußten noch fließen, um die republikanische Regierung endlich zu dem so schwer drückenden Frieden zu zwingen, welcher im Frühling des nächsten Jahres in Frankfurt abgeschlossen wurde. Eine schwere Zeit war über Metz hingegangen, während dieses unentschlossenen Schwankens der Kaiserin. Der Marschall Bazaine hatte mit banger Unruhe von Tag zu Tag eine Nachricht von dem General Boyer erwartet, er hatte vergeblich und immer wieder vergeblich im Hauptquartier des Prinzen Friedrich Karl anfragen lassen, um dort immer wieder die Antwort zu erhalten, daß man von Friedensverhandlungen nichts wisse, und daß die militärischen Rücksichten allein maßgebend sein müßten. Mit düsterer Verzweiflung hatte der tapfere Marschall trotz der immer kleiner geteilten Rationen in immer unmittelbarerer Nähe das Ende des letzten Proviants und der letzten Portionen Pferdefleisch herannahen sehen, – da endlich hatte er seinen Kriegsrat versammelt, und alle seine Generale, auch der alte, feste und zähe Changarnier, hatten erklärt, daß es unmöglich sei, den Platz länger zu halten, wenn man nicht in kurzer Zeit die ganze Armee der Krankheit und dem Hunger opfern wolle. Da endlich hatte sich der Marschall entschließen müssen, über die Kapitulation zu verhandeln, da endlich war die letzte Armee des kaiserlichen Frankreichs und in ihrer Mitte die Garden des in Wilhelmshöhe gefangenen Kaisers hinausgezogen aus den Toren der von ihnen so lange verteidigten Festung, um ihre Waffen vor dem fürstlichen Führer der deutschen Truppen zu strecken, welcher in ritterlichem Sinn als tapferer Soldat den so lange ausgehaltenen mannhaften Widerstand seines Gegners rühmend anerkannte. Das republikanische Frankreich aber, vom Taumel des politischen Wahnsinnes ergriffen, statt achtungsvoll das Unglück seiner braven Armee zu ehren, schleuderte gegen sie und ihren Führer die Anklage des Verrates, welche später auf so widerwärtige Weise in dem Prozeß zur öffentlichen Verhandlung kam, bei welchem der Herzog von Aumale, ein General von unbekannter militärischer Vergangenheit, den Vorsitz über die Richter des Marschalls führte, der seinen Stab, von Grad zu Grad emporsteigend, sich durch lange Dienste erworben hatte und der einzige war, der den Feinden Frankreichs nachhaltigen und langen Widerstand leistete. Mit tiefem Schmerz hatten der Vicomte von Villebois und seine Schwester in denen ihnen mit ziemlicher Regelmäßigkeit zugehenden Zeitungen die Nachricht von dem Beginn der Verhandlungen über die Kapitulation gelesen. Der Vicomte hatte sich in sein Zimmer zurückgezogen, um in der Einsamkeit seinen traurigen Gedanken nachzuhängen, denn er sagte sich, daß nun für Frankreich alles verloren sei. Fräulein Hortense hatte aber sogleich den Herrn von Feldhausen zu sich bitten lassen. »Ich habe Ihnen eine wichtige Nachricht mitzuteilen, mein Herr,« rief sie, als der junge Mann bei ihr eintrat, – »der Marschall Bazaine unterhandelt über die Kapitulation von Metz, und wenn der Marschall erst Unterhandlungen beginnt, so ist die Übergabe der Festung unzweifelhaft und in wenigen Tagen bevorstehend. Mein Herz ist geteilt zwischen verschiedenen Empfindungen, – ich beklage dies neue Unglück meines Vaterlandes, – aber ich sehe nun auch der Befreiung meines Vaters aus der traurigen Lage, in welcher sein edler Sinn ihn verharren ließ, entgegen. Mein Vater wird nun, wie ich hoffe, in kurzer Zeit hier sein, er wird Mittel finden, Sie in Sicherheit zu bringen, mit dem Ende der Belagerung werden auch die Hemmungen des Verkehrs in dieser Gegend aufhören. Mein Vater wird Gelegenheit finden, Sie sicher nach Belgien zu schaffen, wo Sie endlich, von aller Gefahr frei, ruhig atmen können und wo die fortwährende Angst und Sorge vor Entdeckung nicht mehr über Ihrem Haupte schweben wird. Ich wollte keinen Augenblick verlieren, um Ihnen dies mitzuteilen, damit Sie an die Pläne für Ihre Rettung denken können.« »Meine Rettung!« sagte der junge Mann traurig, – »nennen Sie es eine Rettung, mein Fräulein, für immer, zu dem unsteten, einsamen Leben eines heimatlosen Verbannten verurteilt zu werden? Denn das wird mein Los sein; – niemals, niemals werde ich wieder den Fuß auf den Boden meiner Heimat setzen, und meine Familie, meinen Vater«, fügte er mit zitternder Stimme hinzu, »werde ich nur auf fremder Erde wiedersehen, um von ihm Abschied zu nehmen.« Fräulein Hortense blickte mit inniger, mitleidsvoller Teilnahme auf den jungen Offizier hin, welcher schmerzgebeugt vor ihr stand. »Verlieren Sie die Hoffnung nicht,« sagte sie mit sanfter Stimme, »die Zeit heilt viele Wunden und versöhnt viele Gegensätze.« »Diesen Gegensatz versöhnt keine Zeit,« sagte Herr von Feldhausen finster, »ich habe die Waffen gegen mein Vaterland getragen, ich glaubte gegen die Gegner meines Königs zu kämpfen, – aber das ganze Deutschland hat an deren Seite gestanden, und gegen Deutschland hat sich die Spitze meines Degens gerichtet. Das kann man mir dort nicht verzeihen, – dafür kann ich keine Verzeihung erbitten, und heimatlos gehe ich in die Welt hinaus. Und«, sagte er, den tiefen Blick seines dunklen Auges zu Fräulein Hortense aufschlagend, »hier in diesem Kreise, in dem Sie mich mit so viel Freundlichkeit umgeben haben, hatte ich das alles eine Zeitlang vergessen, und wenn die finsteren Gedanken an meine Zukunft an mich herantraten, suchte ich sie zu verscheuchen und fern zu halten von der freundlichen und glücklichen Gegenwart. Nun aber ist das aus; – dieser letzte Sonnenblick meines Lebens verschwindet, und die kalte, graue Dämmerung liegt vor mir, die sich immer mehr verdichten wird bis zur schwarzen, finsteren Nacht.« Fräulein Hortense trat zu ihm heran. »Verzagen Sie nicht, mein Herr,« sagte sie, indem eine Träne in ihrem Auge glänzte, »in Ihrem Alter darf man die Hoffnung nicht verlieren, und seien Sie überzeugt – wie Ihr Schicksal sich auch immer gestalten möge – hier werden Sie immer aufrichtige Freunde haben, die den herzlichsten Anteil an allem nehmen werden, was Sie betrifft.« Sie reichte ihm ihre Hand. »O, mein Fräulein,« rief der junge Mann in stürmischer Bewegung, »wenn Sie meiner freundlich gedenken, so wird es immer noch einen Lichtstrahl in meinem Leben geben, und ich werde in meiner Erinnerung den Stern finden, der mir die Kraft gibt, auf meinem dunklen Wege nicht zusammenzubrechen.« In überwallendem Gefühl beugte er sich nieder, als wolle er in die Knie sinken, und drückte seine Lippen auf die zarte, schlanke Hand der jungen Dame. Rasch öffnete sich in diesem Augenblick die Tür, und der Baron von Rantow trat ein. Er blieb mit bleichem, verstörtem Gesicht auf der Schwelle stehen. Seine Lippen bewegten sich, als wolle er sprechen, ohne daß er einen Ton hervorbrachte, und seine Augen blickten starr, mit fast entsetztem Ausdruck auf Fräulein von Villebois und den jungen Sekretär, der sich bei seinem Eintreten schnell aufrichtete und bescheiden zurücktrat. »Sie sehen so erschrocken aus, Baron,« sagte Fräulein Hortense verwundert, »die Nachricht von der Kapitulation von Metz, welche soeben hierher gelangte, kann für Sie doch keine traurige sein,« fügte sie wehmütig hinzu, – »was haben Sie?« Der Baron hatte mühsam einige Fassung gewonnen. »Ich habe die Nachricht vernommen,« sagte er, »und da ich befürchte, daß nach der Kapitulation auch hierher vielleicht eine Anzahl von den vielen Kranken und Verwundeten geschickt werden möchte, welche zweifellos in Metz eingeschlossen sind, so wollte ich mit Ihnen darüber sprechen, welche Vorbereitungen wir dafür treffen können. Ich fand niemanden im Vorzimmer und bitte um Verzeihung, daß ich es gewagt habe, ohne Weiteres einzutreten, – ich wußte nicht,« sagte er mit einem Seitenblick auf Herrn von Feldhausen, »daß –« »Beunruhigen Sie sich nicht,« fiel Fräulein Hortense ein, – »ich habe keine Geheimnisse, – meinen Freunden steht meine Tür immer offen.« »Mademoiselle haben keine weiteren Befehle für mich?« fragte Herr von Feldhausen. »Ich danke Ihnen, Herr Bertin,« sagte die junge Dame, »überlegen Sie die Sache, über welche wir soeben sprachen,« fügte sie mit herzlichem Ton hinzu, – »wir kommen noch darauf zurück und werden alles so gut als möglich wenden.« Herr von Feldhausen verneigte sich schweigend und ging hinaus. »Ich bedaure unendlich, gestört zu haben,« sagte der Baron Rantow mit einem gewissen harten und scharfen Ton, »und – Geschäfte unterbrochen zu haben,« fuhr er mit bitterem Lächeln fort, »welche gewiß interessanter und wichtiger waren als diejenigen, von denen ich Sie unterhalten kann.« »Wie sind Sie sonderbar!« sagte Fräulein Hortense, indem sie ihn mit einem fragenden Blick ansah, in dem ein gewisser Vorwurf lag. »Sie haben mich in nichts unterbrochen, ich sprach mit meinem Sekretär und kann jenes Gespräch ja in diesem Augenblick wieder aufnehmen.« »Ich will nicht die Ursache sein,« sagte Herr von Rantow mit bebenden Lippen, »daß dieser Augenblick sich verzögere und daß Herr Bertin,« fügte er zitternd vor leidenschaftlicher Erregung hinzu, »dieser rätselhafte Herr Bertin noch lange warten muß, bis er seine Lippen wieder auf diese Hand drücken kann, wie er es eben mit so glühender Verehrung tat.« Er legte die Hand vor seine Augen, als wolle er ein Bild verscheuchen, das vor seinem Blick stand, – dann machte er eine kurze Verbeugung und wandte sich zur Tür. Fräulein Hortense hatte bei seinen Worten ihn zuerst ganz erstaunt angesehen, als begriffe sie den Sinn derselben nicht, dann zog eine flammende Röte über ihr Gesicht, sie streckte die Hand nach ihm aus und rief mit strengem, befehlendem Ton: »Herr von Rantow, bleiben Sie, – Sie sollen hier bleiben und mich anhören!« Der Baron wandte sich langsam um. »Was soll ich hören?« sagte er tieftraurig, – »nachdem ich gesehen habe? – überlassen Sie mich meinem Schmerz, – dem ich ja doch früher oder später anheimfallen mußte, – ich habe kein Recht –« »Sie haben kein Recht,« rief Fräulein Hortense, indem einen Augenblick ein Blitz hochmütigen Stolzes in ihrem Blick aufleuchtete, – »Sie haben kein Recht, über mich zu urteilen, und doch,« sagte sie, indem ihre Stimme einen unendlich weichen Ton annahm und ihre Augen sich mit wunderbar tiefem, fast bittendem Blick auf ihn richteten, – »und doch will ich nicht, daß Sie mich falsch beurteilen. Bleiben Sie,« sagte sie kurz und bestimmt, indem sie in schnellem Zug die Glocke bewegte. »Herr Bertin,« befahl sie dem eintretenden Diener. »Ich bitte Sie, mein Fräulein,« sagte der Baron mit einer abwehrenden Bewegung, »ersparen Sie mir –« »Warten Sie,« sagte Fräulein Hortense, ihn unterbrechend, indem sie den Blick in ungeduldiger Erwartung auf die Tür richtete. Nach wenigen Augenblicken trat der Gerufene ein. »Mademoiselle haben befohlen?« »Lassen Sie den Ton des Dieners, mein Herr,« sagte Fräulein Hortense, »der Baron ist ein Freund, vor dem wir keine Geheimnisse nötig haben. Er ist zwar ein Preuße, aber er ist ein Kavalier, in dessen Ehre ich unbedingtes Vertrauen setze, er wird uns wesentlich behilflich sein, um Sie zu retten und vielleicht, um später Ihrem Schicksal eine günstigere Wendung zu geben.« Die beiden jungen Männer sahen sich erschrocken an, keiner von ihnen wußte sich diese Worte zu erklären, keiner von ihnen wagte eine Erwiderung. »Herr Baron von Rantow,« fuhr Fräulein Hortense fort, »dieser Herr, den Sie unter dem Namen Bertin als meines Vaters Sekretär hier gesehen haben, ist der Kapitän von Feldhausen, ein hannoverischer Edelmann, welcher in die französische Armee getreten und Ordonnanzoffizier des Marschalls Bazaine war. Er darf von den preußischen Truppen nicht erkannt und nicht gefangen werden, die Gefahr, daß dies geschehe, wird größer werden, wenn vielleicht neue Kranke und Verwundete in unser Lazarett kommen. Ich erwarte von Ihnen, daß Sie mit uns über Mittel und Wege nachsinnen werden, um ihn sobald als möglich über die belgische Grenze zu retten, und ich bin gewiß, daß Sie meine Bitte erfüllen werden. Ich bedaure,« fügte sie hinzu, indem es abermals wie eine Bitte aus ihrem Blick zu dem Baron hinüberschimmerte, – »ich bedaure, Ihnen das nicht früher gesagt zu haben, – es war nicht Mißtrauen, was mich schweigen ließ, sondern die Furcht, Sie in peinlichen Konflikt mit den Pflichten Ihrer Stellung zu bringen. Jetzt, da die Gefahr näher tritt und die Zeit des Handelns da ist, wende ich mich an die Ehre des Edelmanns und«, fügte sie mit leiser, zitternder Stimme hinzu, –»an das Herz des Freundes, der mir beistehen wird, ein gutes und edles Werk zu tun.« Herr von Feldhausen stand stumm, mit niedergeschlagenen Augen da. Über das Gesicht des Herrn von Rantow zog ein Schimmer helleuchtenden Glücks. Er machte eine Bewegung, als wollte er zu den Füßen der jungen Dame niederstürzen, welche, nachdem sie geendet, wie erschrocken über das, was sie getan, errötend und zitternd dastand, – dann aber wandte er sich zu Herrn von Feldhausen, streckte ihm seine Hand entgegen und rief: »Ihr Geheimnis, mein Herr, ruht in meiner Brust so sicher wie in einem verschlossenen Grabe. Ich beklage, was Sie getan, aber ich bin nicht Richter darüber und Ihnen nach allen Kräften beizustehen ist für mich eine Ehrenpflicht, – und eine Pflicht der Dankbarkeit gegen dies edle und gastliche Haus, unter dessen schützendem Dach ich Ihnen begegnet bin.« »So,« rief Fräulein Hortense ganz glücklich, »nun haben wir keine Geheimnisse mehr, nun werden wir miteinander und mit meinem Bruder beraten, was zu tun ist! – – Sind Sie nun zufrieden?« fragte sie leiser, das Auge halb zu Herrn von Rantow aufschlagend. »O, mein Fräulein,« rief der Baron, – »Sie haben mich unendlich glücklich, unendlich stolz gemacht durch – Ihr Vertrauen, das Sie mir bewiesen.« »Nun werde ich die Herren bitten,« sagte Fräulein Hortense, indem sie den sichern Ton der vornehmen Dame wiederfand, »miteinander zu überlegen, wie wir alles am besten einrichten, – ich will ein wenig nach meinen Kranken sehen.« Mit leichter Neigung des Kopfes deutete sie den jungen Leuten ihre Entlassung an. Herr von Feldhausen verbeugte sich schweigend und ernst. Der Baron von Rantow folgte ihm, indem er nur zögernd seinen glühenden Blick von dem jungen Mädchen löste, welche das Lächeln reizender Verwirrung, mit dem sie ihn grüßte, noch anmutiger erscheinen ließ. Einundzwanzigstes Kapitel Der Baron von Rantow war mit Herrn von Feldhausen in dessen Zimmer gegangen, und die beiden jungen Leute hatten verschiedene Pläne zur Rettung des hannoverischen Offiziers entworfen, welche im wesentlichen alle darauf hinausliefen, daß derselbe mit einem Geleitschein als Beauftragter der Lazarettverwaltung am leichtesten und besten die Grenze erreichen könne. Doch war man übereingekommen, jedenfalls erst die in kurzer Zeit wahrscheinliche Rückkehr des Grafen Villebois zu erwarten und bis dahin nur alle neu ankommenden Kranken und Verwundeten zuerst von Herrn von Feldhausen, von ihnen ungesehen beobachten zu lassen, ob sich etwa Bekannte unter denselben befänden. Der Baron von Rantow war gegen den jungen Hannoveraner voll der ausgesuchtesten und herzlichsten Freundlichkeit, als wolle er ihm alles Unrecht, das er ihm in Gedanken getan, abbitten, allen Haß, den er in seinem Innern gegen ihn gehegt hatte, wieder gutmachen, – Herr von Feldhausen dagegen erwiderte dieses Entgegenkommen nur mit kalter, stiller Höflichkeit, – was ja in seiner peinlichen und gefahrvollen Lage natürlich war und den Baron nur veranlaßte, seine freundliche Herzlichkeit zu verdoppeln. Herr von Rantow hatte dann die Kranken besucht und war dort mit Fräulein Hortense zusammengetroffen, mit welcher er zwar nur einzelne gleichgültige Worte hatte wechseln können, die aber dennoch durch den halb scheuen, halb verständnisvoll vertraulichen Blick, der sie begleitete, ihn unendlich glücklich machten. Er hatte sich dann auf sein Zimmer zurückgezogen, um bis zum Diner ungestört seinen Träumereien nachhängen zu können, denn das Glück hat ebenso wie das Unglück das Bedürfnis, die Einsamkeit zu suchen und im eigenen Innern die Klarheit und Ruhe wiederherzustellen, welche Schmerz und Freude in gleichem Maß trüben und stören. Er lag auf seinem Ruhebett ausgestreckt, und vor ihm öffneten sich die Bilder einer lichtvollen und glücklichen Zukunft. Der Mittelpunkt aller dieser Bilder war immer und immer wieder das schöne Fräulein von Villebois mit dem reizenden Lächeln auf den Lippen, mit welchem sie ihn angeschaut hatte. Aber diese Zukunftsbilder waren unklar, er wußte nicht, wie sie sich verdichten sollten zu faßbarer Wirklichkeit, für den Augenblick jedoch machten sie ihn in ihrer traumhaft verschwebenden Gestalt so glücklich, daß er sich scheute, sie mit dem Maß der gegebenen Verhältnisse zu messen, und er drängte alle Erinnerungen an die Vergangenheit, welche wie schwarze Nebel mahnend zwischen seinen lichten Visionen sich erheben wollten, gewaltsam zurück. Da trat sein Diener herein und meldete, daß ein Transport mit Lazarettbedürfnissen von dem Hauptquartier zu Corny angekommen wäre, und daß ein Herr, welcher diesen Zug begleitet habe, durchaus den Herrn Baron von Rantow zu sprechen wünsche. Der Baron erhob sich und folgte dem Diener, um die angekommene Sendung in Empfang zu nehmen. Er trat, das Gesicht noch ganz von Glück strahlend im Widerschein der Gedanken, welche ihn erfüllten, unter die große Halle, die nach dem Ehrenhof des Schlosses hinausführte. Aber hier blieb er starr stehen, als erblicke er ein Schreckgespenst, dessen Erscheinung alle in seinem Herzen erschlossenen Blüten unter der Berührung seiner kalten Hand erstarren lassen möchte. Dennoch war das, was er sah, eine ganz natürliche und durchaus nicht tragische Szene. In dem Hof standen drei bis vier mit Kisten und Säcken bepackte, von Trainknechten gefahrene Wagen. Die Dienerschaft des Schlosses war beschäftigt, die Ladung von den Wagen herabzunehmen, vor denselben aber stand der kleine Kommerzienrat Cohnheim, in einen Zobelpelz gehüllt, eine große Pelzmütze auf dem Kopf und erteilte mit lauter Stimme seine Befehle. »Seid vorsichtig mit dieser Kiste,« rief er nach der einen Seite hin, »es sind Flaschen darin, – Burgunder und vortrefflicher Dry-Madeira, – aus meinem eigenen Keller, – ich habe ihn kommen lassen zur Stärkung der Kranken, – ich tue es gern, von Herzen gern, – ich will dem Vaterland Opfer bringen, – – um Gottes willen, daß jene Kiste nicht naß wird,« – rief er, nach einer andern Seite sich wendend, »es sind Zigarren darin, – die ich eigens habe kommen lassen für meinen künftigen Schwiegersohn, den Herr von Rantow, – die feinsten Regalias, die ich in meinem Hause habe, – sie müssen an einen ganz trockenen Ort gestellt werden –« In ähnlicher Weise gab er nach allen Seiten hin seine Anordnungen, eine Tätigkeit, die er, was ihren Erfolg betrifft, ebenso gut hätte lassen können, denn von der ganzen Dienerschaft des Schlosses von Villebois verstand niemand die im reinsten Berliner Deutsch erteilten Ermahnungen des kleinen Kommerzienrats. Das einzige Resultat seiner vielseitigen Geschäftigkeit waren verschiedene unsanfte Berührungen, in welche er mit den rasch vom Wagen gehobenen Kisten geriet, sowie die dringende Gefahr, daß die Spitzen einiger unvorsichtig eingeschlagenen Nägel sich Durchgang durch seinen Zobelpelz verschaffen möchten. Der Baron von Rantow blieb einen Augenblick starr und unbeweglich unter dem Portal des Schlosses stehen, kaum erblickte ihn der Kommerzienrat, so überließ er die Kisten ihrem Schicksal und eilte mit einem lauten Freudenruf auf den jungen Mann zu, – er ergriff dessen Hand und schüttelte dieselben einige Minuten lang. »Endlich habe ich die Freude, Sie wiederzusehen, mein lieber Baron,« rief er, – »der Krieg bekommt Ihnen gut, Sie sehen voller und kräftiger aus. Auch ich habe mich sehr gestärkt in dem Lagerleben, – es ist doch etwas Erhebendes und Schönes, so im Mittelpunkt der Ereignisse zu sein, umgeben von unserer tapferen, ruhmvollen Armee. Davon hat man keinen Begriff, wenn man so ein Manöver am Kreuzberg mit ansieht, – was ja auch sehr schön ist, – sehr schön, – aber es ist doch immer nicht das Gefühl, wie einen wirklichen ernsthaften Krieg zu sehen. Ich habe mich auch gar nicht von unserer braven Armee trennen können und bin im Hauptquartier geblieben, um die Liebesgaben unseres Vereins zu empfangen und verteilen zu helfen, – und Seine Königliche Hoheit der Prinz Friedrich Karl,« fuhr er mit großer Wichtigkeit fort, »ist immer ganz besonders gnädig gegen mich gewesen und hat mir mehrere Male die Ehre erzeigt, mir Höchstseine Anerkennung auszusprechen, – nun aber muß ich wieder nach Hause, – meine Geschäfte erfordern meine Anwesenheit dort, ich kann nicht alles meinen Kommis überlassen, der Krieg bringt so schon große Verluste. Nun, Gott sei Dank, ich kann sie ertragen, wenn es nicht gar zu viel wird, – aber ehe ich nach Berlin reise, habe ich Sie noch einmal sehen wollen, lieber Baron, damit ich unseren Familien erzählen kann, wie es Ihnen geht und wie Sie aussehen, deswegen habe ich diesen Zug mit Nahrungsmitteln und Arzneien hierhergeführt; – nun, ich finde ja gottlob alles vortrefflich und werde den besten Bericht erstatten können.« Der Baron hatte schweigend den ganzen Strom der Beredsamkeit des Kommerzienrats über sich ergehen lassen, – die Kisten waren allmählich abgeladen, und der Kommerzienrat fragte endlich, betroffen über die fast unhöflich kalte Zurückhaltung des Herrn von Rantow, ob er ein Unterkommen im Schloß finden könne. »Ohne Zweifel – gewiß,« erwiderte der Baron, »es werden sicher noch Zimmer frei sein.« Er rief den Kastellan und trug demselben auf, den Kommerzienrat in eins der verfügbaren Zimmer zu quartieren, indem er es übernahm, dem Fräulein von Villebois gegenüber die Gastfreundschaft für den Überbringer der Verpflegungsgegenstände zu erbitten. Glücklich, sich freigemacht zu haben, ließ er den Kommerzienrat fortführen, um ihn in ein behagliches Zimmer zu installieren, und zog sich selbst in seine Wohnung zurück, um abermals mit seinen Gedanken allein zu sein, welche jedoch diesmal weit weniger erfreulicher Natur waren, als noch kurze Zeit zuvor. Er sah mit einem Male alle diese süßen, reizenden Bilder, die ihn umgaukelt hatten, im Nebel verfliegen, und die kalte, klare Wirklichkeit trat mit erschütternder Rücksichtslosigkeit vor ihn hin. Jeder Augenblick konnte ihm die peinlichste Verlegenheit bringen, jeder Augenblick konnte sein kaum erblühtes, kaum ausgesprochenes, kaum klar gedachtes Glück wieder für immer zerstören, und er konnte in seinen verworren durcheinander wogenden Gefühlen zu keinem Entschluß kommen. – Seine Heimat und seine Vergangenheit stiegen vor ihm auf, hier in dem fernen Lande, das zu einem zauberischen Paradies für ihn geworden war. Er hatte seine Verlobung mit Fräulein Anna Cohnheim geschlossen, weil sie eine gute, eine vortreffliche Partie war, und um so lieber, weil sie zugleich ein schönes, vielbewundertes und feingebildetes Mädchen war. Hier nun aber hatte sein Herz zum ersten Male die Flammen der wahren Liebe empfunden. Er hatte sich dieser Liebe hingegeben, sie hatte ihn zu so berauschenden Hoffnungen erhoben, und nun trat so plötzlich die Mahnung an seine frühere Verpflichtung vor ihn hin, und zugleich wurde ihm auf schmerzliche Weise klar, daß alles, was ihn bewegt hatte, doch eigentlich nur ganz schwankende Hoffnungen seien, – vielleicht nur seine eigenen Wünsche, welche die Phantasie seines erregten Herzens zu Hoffnungen gestaltet hatte. Was sollte Fräulein Hortense denken, wenn es hier auf irgendeine Weise zu Erklärungen käme? Wie sollte diese Verwirrung sich lösen? Er ging mit brennender Stirn im Zimmer auf und nieder, vergeblich nach einem Ausweg aus dieser Lage suchend, welche auf so natürliche Weise sich entwickelt hatte, und für welche er doch niemand anderem die Schuld geben konnte als sich selbst. Er sollte nicht lange diesen Gedanken überlassen bleiben. Die Stunde des Diners nahte heran, und bald kam der Kommerzienrat in sorgfältigster Toilette, ein kleines Miniaturkreuz im Knopfloch, in das Zimmer des Barons, um denselben zu bitten, ihn der Dame des Hauses vorzustellen. Herr von Rantow seufzte tief auf, während der Kommerzienrat, ganz glücklich darüber, daß er hier in diesem vornehmen Schlosse durch einen wirklichen, untadelhaften Baron, seinen künftigen Schwiegersohn, eingeführt werden sollte, den jungen Mann dringend antrieb, sich bei seiner Toilette zu beeilen. Endlich konnte der Baron keine Zögerung mehr rechtfertigen, und er begab sich mit dem Kommerzienrat, auf dessen zahlreiche Bemerkungen er kaum eine Silbe erwidert hatte, in den Salon, wo, wie ihm die Diener mitteilten, das Fräulein sich bereits befand. Der Kommerzienrat näherte sich der jungen Dame, deren vornehme Haltung ihm ganz ungemein imponierte, mit lächelnder Miene und vielen Verbeugungen, und der Baron stellte ihn Fräulein Hortense mit einigen französischen Worten vor. Der Kommerzienrat lauschte gespannt, als ob ihm durch Anstrengung des Gehörs das Verständnis der französischen Sprache sich erschließen könnte. Fräulein Hortense sagte ihm einige Artigkeiten, um ihm für die Überbringung der so willkommenen Verpflegungsgegenstände zu danken, und der Kommerzienrat verneigte sich mit immer freundlicherem Gesicht fortwährend, indem er in gewissen Intervallen die Worte: »Mademoiselle – Komtesse« – mit einer Betonung ausstieß, welche keinen Zweifel darüber lassen konnte, daß er die bestimmte Absicht habe, durch diese Worte viel Höfliches und Verbindliches auszudrücken. Bald kam der Vicomte, und dieselbe Szene der Vorstellung, dieselbe Art der Konversation wiederholte sich. Allmählich kamen dann die französischen und deutschen Offiziere, welche sich in der Rekonvaleszenz befanden und an dem Diner teilnahmen, und Herr von Rantow, welcher nichts mehr befürchtete als eine Unterhaltung des Kommerzienrats mit den deutschen Offizieren, beeilte sich nunmehr, ohne dessen Aufforderung, denselben jedem einzelnen vorzustellen und ihn möglichst lange bei den Franzosen aufzuhalten, bis endlich der Kammerdiener anzeigte, daß serviert sei, und die Gesellschaft sich in den Speisesaal begab. Herr von Rantow atmete erleichtert auf, als er sah, daß Herr Cohnheim seinen Platz zwischen Fräulein von Villebois und ihrem Bruder erhalten hatte. Er selbst setzte sich an die Seite des Fräuleins Hortense und wußte es mit einem großen Aufwand von Kunst und Geschicklichkeit dahin zu bringen, daß Herr Cohnheim fortwährend in ein Gespräch mit der jungen Dame verwickelt wurde, bei welchem der Baron als Dolmetscher dienen mußte und es auf diese Weise in der Gewalt hatte, unangenehme und peinliche Erörterungen zu vermeiden. Nach dem Diner versammelte man sich in dem großen Salon, wie an jedem Abend. Fräulein Hortense nahm ihren gewohnten Platz an der Seite des Kamins, und die Gesellschaft verteilte sich in verschiedene Gruppen. Der Baron von Rantow wich nicht von der Seite des Kommerzienrats und wußte ihn mit Aufbietung aller möglichen Geschicklichkeit fortwährend zu dem Kreis der französischen Offiziere hinzuziehen, was Herrn Cohnheim durchaus nicht angenehm zu sein schien, welcher der fortwährenden Unterhaltung durch Vermittlung des Barons, – einer Unterhaltung, welche sich außerdem fast stets in denselben Phrasen bewegte, – herzlich müde zu werden begann. Auch fiel ihm das höchst verlegene und unstete Wesen des sonst so ruhigen und sichern jungen Mannes auf, und er hatte denselben schon mehrere Male mit verwundertem Kopfschütteln angeblickt. Auch Fräulein Hortense war betroffen über das eigentümliche Benehmen des Barons, der sonst stets ihre Nähe und ihre Unterhaltung suchte und heute kein Wort und kaum einen Blick für sie hatte. Endlich, nachdem sie abermals mit Zeichen der Ungeduld seinen Augen zu begegnen versucht und die Unterhaltung mit verschiedenen anderen Herren, die sich ihr näherten, ziemlich kurz hatte fallen lassen, rief sie den Baron, der mit dem Kommerzienrat in ihre Nähe kam, zu sich heran. Der junge Mann, der sonst einem solchen Ruf mit glücklichem Eifer gefolgt wäre, näherte sich mit leichtem Zögern. »Es scheint, mein Herr,« sagte Fräulein Hortense mit einer gewissen Empfindlichkeit, »daß Sie heute fast die Absicht haben, mich zu vermeiden, – und«, fügte sie in ernsterem Tone wirklich gekränkten Gefühls hinzu, »gerade heute würde ich einen solchen Wunsch nicht verstehen –« »Ich den Wunsch haben, Sie zu vermeiden, mein Fräulein?« rief der Baron mit aufwallendem Gefühl, »wie wäre das möglich, wie könnte ich –« Er blickte hastig nach dem Kommerzienrat hinüber, welchen er zu einer kleinen Gruppe deutscher Offiziere treten sah. »Ich würde es allerdings auch nicht verstehen,« sagte Fräulein Hortense, »ich finde es sehr hübsch, daß Sie sich eines alten Bekannten annehmen und diesen Herrn aus Berlin hier so freundlich einführen, aber er findet ja doch deutsche Herren, mit denen er sprechen kann. Und«, sagte sie mit einem reizenden Lächeln, »man darf doch über seine alten Freunde die neuen nicht vernachlässigen, – also setzen Sie sich hier zu mir und lassen Sie uns ein wenig plaudern. Sie müssen mir noch erzählen, was Sie mit diesem Herrn Bertin verabredet haben, den ich – doch so schnell als möglich von hier entfernt wissen möchte, – um ihn zu retten«, fügte sie nach einer kurzen Pause hinzu, während ihr Blick mit einem eigentümlich durchdringenden Ausdruck sich auf den jungen Mann heftete und sich dann schnell zu Boden senkte. Dieser Blick ließ den Baron alles um ihn her vergessen, – seine ganze Situation und den Kommerzienrat, den er so sorgfältig bewacht hatte. Er sah nur das junge Mädchen vor sich, deren Bild wachend und träumend sein Herz erfüllte und aus deren Augen ihm immer sichtbarer und verheißungsvoller lichtes Hoffnungsglück entgegenschimmerte. Er zog ein Tabourett neben ihren Fauteuil, und ihr Gespräch sank zum leisen, flüsternden Ton herab, während sie ihr auf die Hand gestütztes Haupt sanft zu ihm herabsenkte und er mit strahlendem Blick zu ihr aufsah. Der Kommerzienrat hatte sich, wie gesagt, inzwischen zu einigen deutschen Offizieren gewandt. Mit verbindlichem Lächeln präsentierte er zur Einleitung der Konversation den Herren seine goldene Dose. »Sie kommen aus dem Hauptquartier von Corny,« fragte ein junger Infanterieoffizier, der einen Fuß im Schnürstiefel trug und sich auf seinen Stock stützte, indem er die Finger in den duftenden Tabak tauchte, – »die Verhandlungen werden ja nicht lange dauern, und Metz wird bald übergeben werden.« »Ganz gewiß, ganz gewiß,« sagte der Kommerzienrat, »der Marschall Bazaine hat sich so lange gehalten, als es ihm möglich war, und nun, nachdem all sein Proviant erschöpft ist und er sich zum Unterhandeln entschlossen hat, wird ihm auch daran liegen, so bald als möglich seine armen, verhungerten Truppen aus ihrer traurigen Lage zu befreien. Man erwartete«, fügte er mit etwas wichtiger Miene hinzu, »schon für heute die Unterzeichnung der Kapitulation und den Ausmarsch der Truppen.« »Es ist hart für den armen Marschall,« sagte ein Dragoneroffizier, der den Arm in der Binde trug und den Oberkopf in eine leichte Bandage gehüllt hatte, – »so dem langsam ertötenden Kampf mit dem Hunger erliegen zu müssen. Ich kann es verstehen, daß die französischen Soldaten darüber tief verzweifelt sind, nachdem sie vergeblich so viel gelitten haben, um doch die Waffen strecken zu müssen.« »Nun,« sagte der Kommerzienrat, »unsere braven Soldaten haben wahrlich auch genug ausgehalten. Zu hungern haben sie zwar nicht nötig gehabt, wenn auch manchmal die Verpflegung knapp war, aber bei dem Wetter im Biwak zu liegen, – und immer auf Posten, immer des feindlichen Ausfalls gewärtig, das ist wahrlich auch keine Kleinigkeit, und ich habe während meines Aufenthalts im Hauptquartier die höchste Bewunderung vor der Armee empfunden. So gut wie hier,« sagte er lächelnd, indem er in dem komfortablen Salon umherblickte, – »so gut wie hier haben es die Armen da draußen vor Metz nicht.« »Nun,« rief der Infanterieoffizier, indem er auf sein zerschossenes Bein herabblickte, »ich wäre doch, weiß Gott, lieber da draußen im feuchten Biwak mit gesunden Gliedern, als hier in diesem prachtvollen, behaglichen Schloß als Krüppel zu liegen, – mit der traurigen Aussicht,« fügte er seufzend hinzu, »es mein ganzes Leben zu bleiben!« »Ja, ja,« rief der Dragoner, »ich tummelte wahrhaftig auch lieber meinen Gaul den Feinden entgegen, als hier untätig zu sein, während die Kameraden sich Ruhm und Auszeichnung erwerben, – ich zähle die Stunden, bis ich wieder zu meinem Regiment gehen kann, – hoffentlich werden sie mir noch etwas zu tun übrig gelassen haben. Es ist ja ganz schön hier,« fuhr er fort, »aber, weiß Gott, auch recht langweilig! Ja – wem es so gut wird wie unserem Johanniter, der kann es schon eher aushalten. Dieser Herr von Randow kann wahrlich von Glück sagen, daß er hier die Eroberung dieser bildschönen und so reichen jungen Dame gemacht hat. Ich habe mich nach den Verhältnissen erkundigt, die Güter sind zwar Majorat und fallen dem Vicomte zu, aber das Fräulein Hortense bekommt eine diesem ungeheuren Vermögen entsprechende Abfindung, es ist wahrhaftig eine brillante Partie.« Der Kommerzienrat stand da, ein Bild starren Erstaunens, seine lebhaften kleinen Augen öffneten sich übermäßig weit, mechanisch klappte seine Hand den Deckel der Dose auf und zu, und mit fast erstickter Stimme fragte er: »Herr von Rantow, mein –« Er sprach das Wort nicht aus, das ihm schon den ganzen Abend auf der Zunge schwebte, das anzubringen er so eifrig nach einer Gelegenheit gesucht hatte. »Jawohl, Herr von Rantow,« sagte der Infanterieoffizier, »übrigens ein vortrefflicher, liebenswürdiger Mensch, dem ich die Partie herzlich gern gönne. Eine kurze Zeit lang schienen sie gespannt zu sein, aber jetzt ist alles wieder im besten Gange. Sehen Sie nur dorthin, – die haben schon Frieden geschlossen, ohne daß sich Graf Bismarck und Herr Jules Favre hineingemischt!« Der Kommerzienrat wandte sich um und folgte der Richtung der Blicke des Offiziers. Er sah Fräulein Hortense mit niedergeschlagenen Augen, sanft auf die Lehne des Fauteuils herabgebeugt, den Worten des jungen Johanniters lauschend, welcher mit glühenden Blicken zu ihr sprach. Er sah, wie sie endlich die Augen aufschlug, er sah den feuchten Glanz dieser Augen, er sah das Lächeln ihrer Lippen, als Herr von Rantow wie beschwörend seine Hand auf die Brust legte, er sah endlich, wie sie, die auf ihr Gespräch gerichtete Aufmerksamkeit bemerkend, mit leichtem Erröten dem jungen Mann einige Worte zuflüsterte, sich dann schnell erhob und zu ihrem Bruder hintrat, der, im Gespräch mit einigen französischen Offizieren, finster und traurig in einer Ecke des Salons saß. Das heitere Lächeln verschwand von dem Gesicht des kleinen Kommerzienrats, langsam steckte er seine Dose in die Tasche und begrub sein Kinn tief in seinen weißen Hemdkragen. Das Gespräch der Offiziere setzte sich in heiterer und leichter Weise über gleichgültige Gegenstände fort. Der Kommerzienrat aber nahm an demselben nur durch einige einsilbige Bemerkungen teil und schien, in tiefe Gedanken versunken, nach einem Entschluß zu suchen. Das Gespräch zwischen Herrn von Rantow und Fräulein Hortense war aber nicht allein von ihm bemerkt worden, in einer Ecke des Saals stand still und bescheiden der Sekretär Bertin und seine Augen hatten glühend in dunklem Feuer zu den jungen Leuten hinübergeblickt, über deren Häuptern die goldene Lichtwolke der Jugend und der Liebe zu schweben schien. Als Fräulein Hortense aufstand, ging er leise und unbemerkt zur Tür und verschwand aus dem Salon. Herr von Rantow aber trat an das Fenster und blickte durch die großen Scheiben in den nächtlich finstern Park hinaus, auf dessen Baumwipfel einzelne Sterne durch die dahinfliegenden, zerrissenen Wolken ihre zitternden Lichtstrahlen herabschießen ließen. Die Unterhaltung stockte überall. Die Nachricht von der Kapitulation von Metz hatte den durch das gemeinsame Lazarettleben zwischen den deutschen und französischen Offizieren entstandenen geselligen Verkehr unterbrochen. Die Franzosen waren traurig und gedrückt, und die Deutschen wagten aus Rücksicht auf die Empfindungen ihrer Gegner nicht, ihre Freude laut werden zu lassen. Fräulein Hortense schien dies zu fühlen, und früher als gewöhnlich zog sie sich, die Gesellschaft durch eine freundliche Verneigung grüßend, in ihr Zimmer zurück. Alle wußten ihr im stillen Dank dafür und verließen ebenfalls den Salon, und Herr von Rantow, welcher nach der Entfernung der jungen Dame aus seinen glücklichen Träumen wieder zum Bewußtsein der peinlichen Wirklichkeit erwacht war, trat befangen zu dem Kommerzienrat heran und erbot sich, ihn nach seinem Zimmer zu führen. Der Kommerzienrat erwiderte nichts und folgte ihm schweigend aus dem Salon. Herr von Rantow befahl einem der Diener zu leuchten, und bald war man durch den langen, hallenden Korridor zu der für den Kommerzienrat bestimmten Wohnung gekommen. Der Diener stellte einen silbernen Armleuchter auf den Tisch und entfernte sich. Herr von Rantow reichte Herrn Cohnheim die Hand, um ihm gute Nacht zu wünschen. Der Kommerzienrat aber ergriff seine Hand nicht, sondern schlug die Arme übereinander und sprach ernst und feierlich: »Ich muß noch ein Wort mit Ihnen sprechen, Herr Baron, denn wenn Sie sich auch alle mögliche Mühe gegeben haben, mich von der Unterhaltung mit unsern Landsleuten zurückzuhalten, so bin ich doch dazu gekommen zu hören, was man spricht, – und ich habe auch gesehen,« fügte er mit Betonung hinzu, »was außer mir viele gesehen haben.« Herr von Rantow zitterte und suchte vergeblich dem fragenden Blick, welchen er auf den Kommerzienrat richtete, einen unbefangenen Ausdruck zu geben. »Herr Baron,« fuhr der Kommerzienrat fort, »als Sie bei mir um die Hand meiner Tochter anhielten und ich Ihnen mein einziges Kind anvertraute, war ich überzeugt, dessen Schicksal in die Hand eines Mannes von Ehre zu legen –« »Und nun?« fiel Herr von Rantow ein, indem eine glühende Röte sein Gesicht färbte. »Und nun?« wiederholte der Kommerzienrat, – »das will ich Sie fragen. Ist es wahr, was man hier im Schloß sagt und was ich nach dem, was ich gesehen, für wahr halten muß? – Und wenn es wahr ist, – ist es von Ihnen ehrenhaft gehandelt gegen meine Tochter und ehrenhaft gegen die junge Dame, welche hier, wie es scheint, die Erinnerung an meine Tochter in Ihrem Herzen ausgelöscht hat?« Herr von Rantow ging in tiefer Erschütterung einige Male mit großen Schritten auf und nieder. Dann blieb er vor dem Kommerzienrat stehen, und indem er ihn frei ansah, sprach er mit fester Stimme: »Ich freue mich, daß diese Erklärung stattfindet, ich hätte sie sogleich meinerseits beginnen sollen, – und daß ich das nicht getan habe, ist das einzige Unrecht, das ich mir vorwerfe. Sie wissen selbst, Herr Kommerzienrat, daß meine Verbindung mit Ihrer Familie ebensosehr von Ihnen und meinem Vater, als von Fräulein Anna und mir herbeigeführt worden ist. Bei aller Verehrung, die ich für Ihre Fräulein Tochter hege, ist dabei doch, wie ich glaube, weder auf der einen noch auf der andern Seite von einer eigentlichen Liebe die Rede gewesen, von einer solchen Liebe, wie sie mich jetzt ergriffen hat. Mit dieser Liebe im Herzen, so hoffnungslos sie sein mag, denn leider ist sie ja unter diesen Verhältnissen der nationalen Feindschaft fast hoffnungslos, kann ich meinerseits Ihrer Fräulein Tochter die Hand nicht reichen, ohne ihr wenigstens vollkommene Klarheit über den Zustand meines Herzens zu geben. Es ist der Wille des Schicksals,« fuhr er fort, »daß es so gekommen ist – vielleicht – ich glaube es gern – ist es ein Glück für Ihre Tochter. Die Verpflichtung, welche ich habe, habe ich nur ihr allein gegenüber, und sie hat darüber allein zu entscheiden, ob sie mich dieser Verpflichtung entbinden will oder nicht. Ich werde heute noch an Fräulein Anna schreiben, ich werde ihr aufrichtig, frei und ohne Rückhalt den Zustand meines Herzens darlegen, und wenn sie trotz des Gefühls, welches ohne Zutun meines Willens übermächtig mein Herz beherrscht, mir ihre Hand reichen und mir ihr Leben anvertrauen will, so werde ich, das schwöre ich Ihnen, mein Wort halten, und ich schwöre Ihnen weiter, daß ich alles aufbieten werde, um Ihre Tochter so glücklich zu machen, als es unter solchen Verhältnissen möglich sein kann.« Der Kommerzienrat hatte finster, immer mit niedergeschlagenen Augen dastehend, die Worte des Barons angehört. Seine Lippen bebten vor Zorn, seine kleinen Augen sprühten Feuer, und sich auf den Zehenspitzen hoch emporrichtend, sprach er: »Ich weiß genug, Herr Baron. Sie haben nicht nötig, an meine Tochter zu schreiben, Sie haben nicht nötig, mir zu sagen, daß Sie Ihr Wort halten werden. Meine Tochter ist nicht dazu da, um einen Mann an seinem gegebenen Wort festzuhalten. Die Tochter des Kommerzienrats Cohnheim«, fuhr er, sich noch stolzer aufrichtend, fort, »kann überall Partien finden, Partien, Herr Baron, die hinter Ihnen nicht zurückstehen.« »Ganz gewiß, Herr Kommerzienrat,« sagte Herr von Rantow, »ganz gewiß, bessere und würdigere wie ich, – Sie werden nur aber gewiß erlauben –« »Ich werde mir erlauben,« rief der Kommerzienrat, »zu bemerken, daß nach meiner Meinung – wir nichts mehr miteinander zu erörtern haben!« »Doch, Herr Kommerzienrat,« sagte der Baron von Rantow, »ich glaube, daß wir noch vieles miteinander zu erörtern haben, vor allen Dingen die Art und Weise, wie die Verbindung, welche zwischen uns bestand, wenn Fräulein Anna dieselbe lösen will, auf die freundlichste Weise gelöst werden könne. Indessen will ich«, fuhr er fort, »in diesem Augenblick nicht auf diese Erörterung dringen, die Ruhe der Nacht wird Sie geneigter machen, in dieselbe einzutreten.« Er verneigte sich artig vor dem Kommerzienrat, der steif und kalt seinen Gruß erwiderte, und ging hinaus, um sich nach seinem Zimmer zu begeben. Lange sann er über das nach, was ihm so plötzlich und unerwartet begegnet war; fast wollte es ihm als ein Glück erscheinen, daß in die Verhältnisse, welche ihn so lange peinlich gedrückt hatten, wenigstens nach der einen Seite hin Licht gekommen war, und mit beinahe freudigem Gefühl schrieb er einen Brief an Fräulein Cohnheim, in welchem er sich offen und rückhaltslos aussprach und die Entscheidung in ihre Hand legte. Überzeugt zwar, daß diese Entscheidung nichts anderes sein könne, als die Auflösung ihrer Verbindung, war er dennoch auch gewiß, Fräulein Anna keinen Schmerz zu bereiten, ihr vielmehr für ihr ganzes künftiges Leben einen Dienst zu leisten, wenn er sie vor der Fessel einer kalten, gleichgültigen Ehe bewahrte. Sein Brief war herzlich und freundlich, und mit einer hoffnungsvollen Freudigkeit, wie er sie seit lange nicht empfunden, legte er sich zur Ruhe. – – – Am andern Morgen ließ er durch seinen Diener anfragen, ob der Kommerzienrat bereits zu sprechen sei. Er erhielt zu seinem Befremden die Antwort, daß Herr Cohnheim schon abgereist sei, zugleich wurde ihm ein Brief überreicht, den derselbe für ihn zurückgelassen habe. Schnell erbrach er denselben und las: »Herr Baron, ich kehre nach Berlin zurück, um den Meinigen, sowie Ihren Eltern die Nachricht zu überbringen, daß die Verbindung, welche zwischen unseren Familien beabsichtigt war, aufgehoben worden ist. Ich bitte Sie, jeden Briefwechsel mit meiner Tochter zu unterlassen, jeder Versuch zur Wiederanknüpfung früherer Verbindungen würde vergeblich sein, denn mein Entschluß ist unwiderruflich.« – Langsam und nachdenklich faltete er den Brief zusammen. »Ich glaubte, er legte einen so großen Wert darauf, seiner Tochter einen Titel und einen alten Namen zu geben,« flüsterte er leise, – »es gefällt mir von ihm, daß er mich so kurz abfertigt, ich habe es ja auch verdient, – aber so darf sich das alles doch nicht lösen. Warum soll ein begangener Irrtum, – ein Irrtum, der von beiden Seiten begangen wurde, – nicht freundlich wieder gutgemacht werden? Mein Brief soll dennoch abgehen, und ich bin überzeugt, daß Fräulein Anna mich milder beurteilen wird als ihr Vater.« Während er den Brief, welchen er in der Nacht geschrieben hatte, siegelte und seinem Diener zur Beförderung durch die Feldpost übergab, wurde es plötzlich laut im Schloßhof. Man hörte Jubelrufe, dann eiliges Hin- und Herlaufen in den Korridors. Ein wunderbares Leben schien das ganze, sonst so ruhige Schloß erfaßt zu haben. Der Baron trat an das Fenster seines Schlafzimmers und sah die sämtliche Dienerschaft im Hof versammelt um einen leichten, offenen Wagen, aus welchem soeben, in einen weiten Reisemantel gehüllt, ein Herr von ausfallend vornehmer Erscheinung und Haltung stieg. Der Baron zweifelte keinen Augenblick, daß es der Graf von Villebois sei, welcher von der so freudig bewegten und doch so ehrfurchtsvoll ihn umringenden Dienerschaft begrüßt, nach seinem Schloß zurückkehrte. »Wie wunderbar,« sagte er, »sollte jetzt, nachdem meine Vergangenheit ihren Abschluß gefunden, auch meine Zukunft sich entscheiden?« Während er noch voll Interesse zu dem Grafen herabsah, welcher jedem einzelnen der herbeigeeilten Diener einige freundliche Worte sagte, flog Fräulein Hortense, die zum Portal des Schlosses hinabgeeilt war, in die Arme ihres Vaters, der sie lange an seine Brust drückte und dann, ihr seinen Arm bietend, mit ihr die Stufen zum Eingang hinaufstieg. Herr von Rantow trat vom Fenster zurück, gedankenvoll machte er seine Toilette und ergriff dann ein Buch, um die Zeit zu erwarten, in der es ziemlich sein würde, sich dem Herrn dieses Schlosses vorzustellen, das sich so gastlich und freigebig der Pflege der Verwundeten geöffnet. Sein Blick aber haftete nicht auf den Zeilen des Buches, und sein Geist nahm nichts von dessen Inhalt in sich auf. Wirre, widersprechende Gedanken durchkreuzten sich in seinem Innern, er fühlte, daß der Augenblick nun kommen müsse, in dem der Vorhang sich lüften werde, dessen Schleier sein künftiges Schicksal verhüllte, und fast bebte er vor diesem Augenblick zurück in dem Gedanken, das Glück für immer zu verlieren, das seine Hoffnung ihm zuweilen schon als wirklich gezeigt hatte. Er mochte vielleicht eine Stunde so gesessen haben, als sein Diener schnell eintrat und ihm den Grafen von Villebois meldete. Erschrocken sprang der junge Mann auf und eilte dem Grafen entgegen, der mit ernster, bekümmerter Miene zu ihm eintrat. »Mein Gott,« rief er, »Herr Graf, Sie bemühen sich zu mir. Ich erwartete nur, daß Sie sich ein wenig von Ihrer Reise ausgeruht hätten, um Ihnen meinen Besuch zu machen.« »Ich habe Ihnen zu danken, Herr Baron,« erwiderte der Graf, »für die Unterstützung, die Sie meiner Tochter in der Erfüllung ihrer Aufgabe, die Leiden des Krieges zu mildern, gewährt haben. Doch komme ich nicht deshalb schon jetzt zu Ihnen, – es ist vielmehr eine andere, – leider eine traurige Sache, die mich hierherführt.« Der Baron hatte einen Sessel herbeigezogen, der Graf wehrte dankend mit der Hand ab und fuhr fort: »Meine Tochter ist schon seit längerer Zeit sehr leidend gewesen und wurde in gewissen Zwischenräumen von einem eigentümlichen Zustand nervöser Überreizung befallen –« Herr von Rantow zitterte. Vor seiner Erinnerung stieg jener Abend im Park herauf, an welchem er Fräulein Hortense in jenem Zustand gesehen, – jener Abend, der unvergeßlich in seinem Herzen eingegraben war. »Meine Tochter ist, wie mir mein Sohn gesagt hat, fast von diesen Anfällen frei gewesen,« fuhr der Graf fort, »die Freude über meine Ankunft hat ihre Nerven aber in so hohem Grade erregt, daß sie unmittelbar darauf wieder in ihren ekstatischen Zustand zurückgesunken ist.« »Mein Gott, Fräulein Hortense ist krank?« rief der Baron erschrocken, »welch ein Unglück!« »Ja, sie ist krank,« sagte der Graf, »sie liegt in jener Art von somnambulen Krampf, welcher sie früher häufig erfaßte, und in diesem Zustand, Herr Baron, verlangt sie mit der größten Bestimmtheit nach Ihnen.« »Nach mir! Mein Gott!« rief Herr von Rantow in der höchsten Verwirrung, indem ihn ein Gefühl wunderbaren Glücks durchschauerte. »Sie verlangt nach Ihnen,« erwiderte der Graf, »und der Arzt sagt, daß ihr Wunsch erfüllt werden müsse, da bei solchen Leiden die Aufregung sich durch Widerspruch steigert. Ich hoffe, Sie werden deshalb die Güte haben, mich zu meiner Tochter zu begleiten, vielleicht, daß der Instinkt der Kranken fühlt, daß Sie einen ihr günstigen magnetischen Einfluß ausüben.« »Ich bin bereit, Herr Graf,« erwiderte Herr von Rantow, dessen tiefe Erregung ihn keinen klaren Gedanken fassen ließ, – und er folgte dem Grafen, welcher ihn rasch nach der Wohnung seiner Tochter führte. Fräulein Hortense lag in ihrem Boudoir in einem tiefen Lehnstuhl, die Füße auf ein Tabourett gestützt, – ihre Augen waren geschlossen, ihr Gesicht durchsichtig bleich, aber der Ausdruck stiller, glückseliger Verklärung lag auf ihren Zügen, – ihre feinen Hände ruhten verschlungen auf den schweren Falten ihres weiten Morgenüberrocks von dunkelblauer Seide. Neben ihr stand ihr Bruder, besorgt auf die Kranke herabblickend, deren Brust sich in tiefen, regelmäßigen Atemzügen hob und senkte. »Bist du da, mein teurer Freund?« sagte sie mit halb leiser, aber vollkommen klarer und verständlicher Stimme, als der Graf mit Herrn von Rantow eintrat, – »mein Herz ist erfüllt von Sehnsucht nach dir. Ich kann nicht erwachen, wenn die wohltätige Kraft, welche von dir ausströmt, mir nicht zu Hilfe kommt.« Es entstand ein Augenblick unendlicher Verlegenheit. Der Graf sah fragend seinen Sohn an und der Vicomte blickte mit zornfunkelnden Augen auf Herrn von Rantow, welcher, in diesem Augenblick alles andere um sich her vergessend, eine Bewegung machte, als wolle er zu den Füßen der Dame niedersinken. »Du bist erstaunt, mein Vater,« fuhr Fräulein Hortense fort, – »und du, mein Bruder, blicke nicht zornig auf ihn, dein Blick tut mir weh, er brennt mich schmerzlich, wie ein glühender Stahl. Du darfst ihm nicht zürnen, er ist mein Freund, – die Seele meiner Seele, das Herz meines Herzens. Ihn habe ich gesehen mit meinem geistigen Auge in Metz, damals wußte ich, daß er mich heilen würde, daß er bestimmt sei, dich zu retten, mein Bruder, aus dem kleinen Hause, in welchem du verschmachtend lagst, daß er das Glück meines Lebens sein würde. Aber mein äußeres und mein inneres Leben waren getrennt; – während mein ganzes inneres Wesen ihm entgegenflog, war ich gezwungen, wenn mein innerer Blick und meine innere Empfindung sich verschlossen hatten, ihn kalt und fremd von mir zu stoßen. Aber seine Nähe, das Licht und die Wärme, die von ihm ausstrahlten, haben die gestörte Harmonie meiner kranken Natur wiederhergestellt, und auch im wachen Zustande ist mir immer klarer geworden, daß ich ihn allein liebe, daß er allein mein Glück ist!« »Es ist heute zum letztenmal,« fuhr sie fort, »daß dieser Zustand mich ergreift, in welchem die Seele vom Körper sich trennt und frei über Zeit und Raum schwebt. Er wird mich erwecken, erwecken zu neuem und kraftvollem Leben, zu einem Leben seligen Glücks, – wenn er sich nie wieder von mir wendet und nie mehr sein Schicksal von dem meinen trennt.« Sie schwieg einen Augenblick wie erschöpft. »Ich gebe Ihnen mein Wort,« sagte der Baron von Rantow, zum Grafen gewendet, – »daß ich –« »Sprich nicht weiter, mein geliebter Freund,« sagte Hortense, »du vermagst es ebensowenig zu fassen und zu verstehen, was du siehst und hörst, als mein Vater und mein Bruder. Würde ich es doch selbst nicht verstehen, wenn der innere Sinn sich geschlossen hat, aber das eine weiß ich, daß die Liebe, welche bis jetzt in dem innern Leben meiner Seele glühte, von nun an auch im wachen Zustand mit übermächtiger Gewalt mich erfüllen wird, – glaube mir, mein Vater, er war mir bis jetzt ein Freund, ein treuer Freund, nichts weiter, wenn auch mein Gefühl immer mehr aus der dunklen Unklarheit sich emporrang. Von nun an aber wird er mein Leben, mein Glück, meine Welt und mein Himmel sein, und wenn du mich von ihm trennst, mein Vater, so wirst du das Todesurteil deiner Tochter sprechen.« Der Graf und der Vicomte blickten stumm zur Erde. Das Auge des Barons hing mit verklärtem Entzücken an dem jungen Mädchen, das in wunderbarer Schönheit vor ihm saß und deren Worte seine Seele mit wonnevollem Schauer erfüllten. »Jetzt, mein Freund,« sagte sie, »strecke deine Hand gegen meine Stirn aus und erwecke mich für die Liebe, – für das Glück, – für dich!« Der Baron blickte fragend und zögernd auf den Grafen »Ich bitte Sie, zu tun, was sie wünscht,« sagte dieser. Herr von Rantow streckte seine Hand aus und näherte die Spitzen seiner Finger ihrer reinen, weißen Stirn. »Wie der Strom von Glück und Licht zum Herzen flutet,« sagte Fräulein Hortense, – »Kraft und Leben durchdringt mich, – meine Seele fügt sich ein in das Gewebe meines Körpers, – eine Wolke senkt sich herab, – ich sehe dich nicht mehr«, flüsterte sie kaum hörbar. Ihr Haupt sank etwas seitwärts nach ihrer Schulter herab, ihre Züge nahmen den Ausdruck eines ruhigen, tiefen Schlafs an, – dann machte sie einige leichte, unruhige Bewegungen, sie erhob die Hand und fuhr mit derselben über ihre Stirn. Hierauf schlug sie langsam die Augen auf und blickte wie aus tiefem Schlummer erwachend umher. »Wie schwach ich bin,« sagte sie lächelnd, »ich glaube, ich bin ein wenig ohnmächtig gewesen. Wie doch die Freude so mächtig ergreifen kann! Nun, eine so freudige Erschütterung kann mir nicht schaden, ich werde mich bald wieder erholen, du darfst nicht besorgt sein, mein Vater. Ah, Sie sind hier, mein Herr,« sagte sie mit leichtem Erröten, den Blick auf Herrn von Rantow richtend, welcher bei ihrem Erwachen zur Seite getreten war. »Der Herr Baron von Rantow, mein Vater,« fuhr sie fort, »hat mich treu unterstützt in dieser Zeit. Wir sind gute Freunde geworden,« sagte sie lächelnd, indem sie dem Baron die Hand reichte. »Herr von Rantow wird auch dein Freund werden, mein Vater, ohne seinen Beistand wäre mein Bruder vielleicht nicht mehr am Leben.« Eine tiefe Bewegung zitterte bei den letzten, mit innigem Ton gesprochenen Worten seiner Tochter über das Gesicht des Grafen. Schweigend reichte er dem Baron die Hand, welcher dieser, ehrerbietig sich verneigend, ergriff. »Doch jetzt bedarfst du der Ruhe, mein Kind,« sagte der Graf, »wir werden dich für einige Stunden allein lassen.« Er küßte die Stirn seiner Tochter und verließ schweigend mit dem Baron und seinem Sohn das Zimmer. Im Vorzimmer wandte er sich zu Herrn von Rantow und sprach ruhig und ernst: »Sie werden begreifen, mein Herr, daß die ernste und entscheidende Unterredung, welche wir infolge der eben stattgefundenen Szene miteinander werden zu führen haben, in diesem Augenblick nicht angemessen wäre. Sie sind ein Deutscher, und ich bin Franzose, noch trennt der blutige Krieg unsere Nationen, und ich bitte Sie, den Gegenstand, der uns beiden so naheliegt, nicht eher zu berühren, als bis der Friede diesem mörderischen Kampf wird ein Ende gemacht haben. Ich wünsche, daß dies bald geschehe, und daß der Friede, wie er der Welt Heil und Segen geben wird, auch uns Glück bringen möge.« Herr von Rantow verneigte sich schweigend und zog sich in sein Zimmer zurück, während der Vicomte dem Grafen nach dessen Wohnung folgte. Zweiundzwanzigstes Kapitel Während der Herr Kommerzienrat Cohnheim als Deputierter seines patriotischen Vereins die Liebesgaben desselben nach dem Hauptquartier des Prinzen Friedrich Karl gebracht hatte, war die Frau Kommerzienrätin, wie das ja ihre Stellung erforderte, unausgesetzt tätig in patriotischen Werken. Der alte Baron von Rantow, der Vater des Johanniters, welcher in dem Schloß von Villebois die Pflege der Verwundeten leitete, war, nachdem er den Sommer über so gut, als es bei den fehlenden Arbeitskräften möglich war, für die Bewirtschaftung seiner Güter gesorgt hatte, zum Winter wieder nach Berlin gekommen und hatte seine Wohnung im Parterre des Hauses des Kommerzienrats an der Tiergartenstraße bezogen. Frau von Rantow hatte sich ebenfalls, wie alle Damen Berlins, den Liebeswerken für die im Auslande kämpfenden Krieger gewidmet, und da sie ihren Familienbeziehungen gemäß einem der vornehmsten Damenvereine Berlins beigetreten war, so suchte die Frau Kommerzienrätin sich aufs eifrigste ihr anzuschließen, um sich bei einer so patriotischen Gelegenheit durch die Mutter ihres künftigen Schwiegersohns mit denjenigen Gesellschaftskreisen in Verbindung setzen zu lassen, welche bisher für sie unnahbar gewesen waren. Fräulein Anna, die Tochter des Kommerzienrats, nahm an dieser Tätigkeit der beiden älteren Damen regelmäßigen Anteil, – aber sie war still und schweigsam, sie erwiderte pünktlich und höflich die Briefe, welche der junge Baron ihr schrieb, ohne daß sie es zu bemerken, oder daß es sie zu beunruhigen schien, wenn diese Briefe, wie es in der letzten Zeit geschehen war, länger als gewöhnlich ausblieben. Ihrer Mutter stand sie fremd und kalt gegenüber, und wenn dieselbe zuweilen eine Anspielung machte, welche das schweigsame und niedergeschlagene Wesen des jungen Mädchens mit der langen Abwesenheit ihres Verlobten in Verbindung bringen sollte, so antwortete sie nur durch einen stillen Seufzer, dessen Deutung sehr schwer gewesen wäre, wie die Deutung aller Seufzer, welche aus jungen Mädchenherzen emporsteigen. An Frau von Rantow hatte sich Fräulein Anna inniger angeschlossen. Das einfache, stille und sanfte Wesen der Baronin schien sie sympathisch zu berühren, aber trotz aller kindlichen Ehrerbietung und Aufmerksamkeit verfiel sie doch auch der Mutter ihres Verlobten gegenüber immer wieder in ihre stille, schweigsame, fast resignierte Zurückhaltung. So saßen eines Nachmittags die drei Damen im Salon der Frau von Rantow beisammen. Frau von Rantow mit ihrem feinen, etwas bleichen Gesicht, auf dem der Ausdruck freundlicher Heiterkeit und vornehmer Ruhe lag, war beschäftigt, einen großen wollenen Soldatenstrumpf zu stricken, welche Arbeit mit ihrer ganzen Erscheinung wenig in Harmonie stand. Die Kommerzienrätin, welche steif und hochaufgerichtet neben ihr saß und auf ihrem scharfen, eckigen Gesicht ein liebenswürdiges Lächeln festzuhalten strebte, während in allen ihren Bewegungen eine gewisse Nachahmung der Manieren der Frau von Rantow sichtbar war, beschäftigte sich, eine Binde für die Verwundeten zu nähen. Fräulein Anna saß in einen Fauteuil zurückgelehnt und zupfte mit ihren feinen weißen Händen Charpie, welche sich in flockigen Wolken auf ihrem Schoß anhäufte. Sie war bleich, und ihre großen mandelförmigen Augen blickten träumerisch sinnend vor sich hin, als folge sie weit in der Ferne liegenden Bildern, – ihre Hände sanken oft wie ermattet nieder und schienen sich nur mechanisch mit dem Zupfen und Ordnen der feinen Fäden zu beschäftigen. Die Unterhaltung war sehr wenig lebhaft, obwohl die Kommerzienrätin sich bemühte, von Zeit zu Zeit eine Bemerkung über die ausgezeichnete patriotische Tätigkeit einer oder der andern vornehmen Dame zu machen, deren Bekanntschaft ihr durch Frau von Rantow vermittelt war. – »Mein Gott, wie traurig ist es,« sagte die Baronin, indem sie den langen und starken Strumpf, an welchem sie strickte, einen Augenblick niedersinken ließ, »wie traurig ist es, daß dieser Krieg immer nicht enden will, nachdem doch nun der Kaiser gefangen und alle große Armeen in Frankreich geschlagen, – es ist wirklich ein Jammer, daß alle diese braven Landeskinder nach so viel vergossenem Blut nun noch mit all den Leiden der rauhen Jahreszeit, mit Regen, Schnee und Frost zu kämpfen haben. Mein Sohn«, fuhr sie fort, »ist ja keiner unmittelbaren Gefahr ausgesetzt und dennoch kann ich mich oft einer bangen Unruhe kaum erwehren, – wie lebhaft kann ich mich in die Besorgnis all der armen Mutterherzen versetzen, deren Söhne den feindlichen Kugeln und Bajonnetten und zugleich allen Krankheiten der Jahreszeit gegenüberstehen.« Die Kommerzienrätin schlug mit einem tiefen Seufzer die Augen auf und beugte ihre hagere, steife Gestalt, wie erschüttert durch die trüben Betrachtungen der Frau von Rantow, über ihre Arbeit herab. »Ja,« sagte sie mit einem Tone, dem sie eine weiche und wehmütige Färbung zu geben versuchte, »ja, es ist sehr, sehr traurig! – Es hat mir in das Herz geschnitten,« fuhr sie fort, »als neulich die Gräfin Hohenstein in unserem Verein, – erinnern Sie sich noch, liebe Baronin? – so bitterlich weinen mußte, – sie hat einen Sohn schon verloren, die Arme, – und nun ist sie Tag und Nacht in Sorgen um den zweiten, der bei dem Korps des Generals Werder gegen die wilden Freischärler steht, welche so furchtbar grausam und blutgierig sein sollen, – ja, ja, es ist sehr traurig!« fügte sie mit einem nochmaligen schweren Seufzer hinzu, indem sie von der Seite auf die Baronin hinblickte, abwartend, ob dieselbe das Gespräch noch fortsetzen würde. Frau von Rantow aber nahm ihre Strickerei wieder auf, und die Kommerzienrätin ergriff ebenfalls ihre Nadel, um mit einem wohlarrangierten, traurig wehmütigen Gesicht an ihrem Verbandzeug weiterzunähen. Fräulein Anna war bei Erwähnung der Gefahren, welche die Krieger draußen im Felde umringten, leicht zusammengezuckt und mit der Hand nach ihrem Herzen gefahren. Dann sank sie noch bleicher, noch träumerischer als vorher in sich zusammen. »Wir haben zwar«, sagte die Kommerzienrätin nach einer Pause, »keinen Sohn den feindlichen Kugeln und Bajonetten gegenüberstehen, aber dennoch empfinden wir doch auch in unseren Familien recht schwer diesen fürchterlichen Krieg, denn die Verbindung unserer Kinder wird ja durch denselben so weit hinausgeschoben, – und das empfinden die jungen Herzen«, fuhr sie fort, indem sie den Ausdruck mütterlich liebevoller Teilnahme in ihren Blick legte, »ja so schwer, – sehen Sie, wie meine arme Anna immer bleicher und schwermütiger wird, – nun, wenn alles glücklich vorüber ist, wird die Freude um so größer sein!« Fräulein Anna richtete bei den letzten Worten ihrer Mutter mit großen verwunderten Augen ihren Kopf empor, während ein eigentümliches Lächeln ihre Lippen umspielte. Frau von Rantow sah diesen Blick und dieses Lächeln, und ihre Brust hob sich unter einem leisen, halb unterdrückten Seufzer. Der Baron von Rantow trat ein. Sein volles, kräftiges Gesicht mit der kahlen Stirn und den großen blauen, geistvollen, aber etwas oberflächlich blickenden Augen war von einem dichten, ergrauenden und sorgfältig gepflegten Backenbart umgeben. Seine Haltung zeigte die leichte, elegante Sicherheit des vornehmen Weltmanns, und seine Bewegungen waren noch jugendlich geschmeidig. Er begrüßte die Damen mit jener eigentümlich wohltuenden, verbindlichen Höflichkeit, welche das Resultat guter Erziehung und harmonischer Bildung ist und welche die Franzosen mit dem so treffenden Ausdruck politesse du coeur bezeichnen. Dann sprach er mit einer lebhafteren Bewegung, als dies sonst seiner ruhigen phlegmatischen Natur eigentümlich war: »Die Damen beschäftigen sich mit der Sorge für unsere Verwundeten und Kranken im Felde, – das ist gewiß sehr schön, aber ich habe ebenso recht lebhaft empfunden, daß es auch hier bei uns in der Nähe für freundliche Sorgfalt und Pflege viel zu tun gibt. Du erinnerst dich,« sagte er, zu seiner Frau gewendet, »daß mein alter Freund Büchenfeld beim Ausbruch des Krieges ein Etappenkommando erhalten und zu seiner großen Freude wieder den Rock des Königs angezogen hatte.« »Jawohl,« sagte Frau von Rantow, »ich erinnere mich, – er war so glücklich und stolz darüber, – was ist mit ihm? – ich hatte jeden Tag erwartet, ihn zu sehen.« »In diesen Tagen nach unserer Ankunft«, erwiderte der Baron, »hatte ich noch keine Zeit gefunden, ihn zu besuchen, und als ich heute zu ihm ging, – da finde ich, denke dir, – meinen armen alten Freund krank und einsam, – ernstlich krank, und zu seiner Pflege nur einen recht ungeschickten Burschen bei ihm, der ihm auf einer Spirituslampe Tee kocht und ihm aus dem nächsten Restaurant in einem Menagekorb sein Essen holt. Er hat starkes Fieber, und die Medikamente, welche ihm sein Arzt verschreibt, können ihm bei einer solchen Pflege wenig nützen, da er ohnehin schon etwas gebrechlich war.« »Mein Gott,« rief Frau von Rantow, »das ist ja unendlich traurig, der arme Büchenfeld! Sein Sohn ist fort, da muß doch etwas geschehen. Was können wir tun?« »Ich dachte daran,« erwiderte der Baron, »ihn zu mir zu nehmen, aber der Transport in seinem Zustand bei dieser Jahreszeit ist nicht möglich. Auch würde ihn die Unruhe zu sehr erregen –« »Ich will sogleich zu ihm!« rief Frau von Rantow lebhaft, indem sie ihre Arbeit auf den Tisch warf. »Es ist ein alter Freund und ein braver, vortrefflicher Mann, wir müssen dafür sorgen, daß er wenigstens in seiner trostlosen Einsamkeit nicht ohne Pflege bleibt.« Schnell zog sie den Glockenzug neben der Tür und befahl dem eintretenden Diener, den Wagen vorfahren zu lassen. Die Kommerzienrätin hatte während dieses Gesprächs etwas steif und verlegen dagesessen, als wisse sie nicht recht, welche Miene sie dazu machen solle. Fräulein Anna war bei der Nennung des Namens des alten Herrn von Büchenfeld in dunkler Röte erglüht, dann hatte sie bleich und zitternd die Augen niedergeschlagen und mit gefalteten Händen der Erzählung des Barons zugehört. Als Frau von Rantow ihren Entschluß aussprach, den alten Freund ihres Gemahls zu besuchen, und sich ihren Hut und Mantel bringen ließ, erhob sich das junge Mädchen, wie einem plötzlichen Entschluß folgend, und sagte, indem sie zur Baronin hintrat: »Wollen Sie mir erlauben, Sie zu begleiten, ich kann Ihnen vielleicht behilflich sein und finde so wenigstens Gelegenheit, hier an einem kranken Soldaten und Ihrem Freunde die Pflicht weiblicher Pflege und Sorge zu üben, welche so viele andere in viel ernsterer Weise draußen übernommen haben.« »Sie sind ein gutes Kind,« sagte Frau von Rantow, indem sie das junge Mädchen auf die Stirn küßte. »Wird es aber auch passend sein,« fragte die Kommerzienrätin, – »wenn –« »Ich weiß nicht,« fiel Fräulein Anna mit einem stolzen Blick in kaltem Ton ein, »wie etwas unpassend sein könnte, was ich in Begleitung der Frau Baronin tue.« »Ganz gewiß,« sagte die Frau Kommerzienrätin, »ganz gewiß – aber –« »Seien Sie ganz unbesorgt,« sagte der Baron Rantow lächelnd, »der arme alte Büchenfeld ist zwar Witwer, aber für eine junge Dame sans conséquence ; – Fräulein Anna kann ihm ohne alle Mißdeutung ihre liebenswürdige Pflege widmen, und ich werde ihr ganz besonders dankbar dafür sein, wenn sie meinem alten Freund vielleicht das Leben retten hilft.« Fräulein Anna war hinausgeeilt, um nach ihrer Wohnung hinaufzusteigen, und kehrte bald darauf in einer Wintertoilette von schwarzem Samt wieder, welche die Schönheit ihres bleichen, zarten Gesichts wunderbar hervorhob. Frau von Rantow verabschiedete sich von der Kommerzienrätin, indem sie dieselbe bat, sich durch ihre Abwesenheit nicht stören zu lassen; der Baron erbot sich artig, ihr Gesellschaft zu leisten, atmete aber erleichtert auf, als Madame Cohnheim sich dennoch zurückzog. In raschem Trabe fuhr das leichte Kupee des Barons die beiden Damen nach der Dorotheenstraße und hielt vor einem ziemlich alten und unscheinbaren Hause, auf dessen Flur die dort umherspielenden Kinder erstaunt aufblickten, als die beiden Damen, von einem Diener in eleganter Livree gefolgt, die dunkle und enge Treppe bis zum zweiten Stockwerk hinaufstiegen. Der Diener zog den etwas rostigen Glockenzug, neben welchem sich eine kleine Porzellanplatte mit dem Namen des Oberstleutnants von Büchenfeld befand, und nach einigen Augenblicken wurde diese Tür von einem derben, gutmütig aber einfältig blickenden Burschen in einer Hausjacke von grobem Leinen geöffnet. Auf die Frage der Baronin erwiderte der Bursche mit großen, erstaunten Augen: »Der Herr Oberstleutnant sind zu Hause, – aber der Herr Oberstleutnant sind krank und dürfen keine Besuche annehmen.« »Lassen Sie uns nur immer eintreten,« sagte Frau von Rantow lächelnd, indem sie die Hand auf das Schloß der Tür legte, welche der Bursche nach dem erteilten Bescheid wieder schließen wollte, – »lassen Sie uns nur immer eintreten, wir werden Ihren Herrn nicht stören, wir werden ganz leise sein – wir kommen, ihn zu pflegen.« Ein glückliches Lächeln erschien auf dem breiten, ehrlichen Gesicht des Burschen. »Ach, das ist schön,« rief er, »wenn die Damen meinen armen Herrn Oberstleutnant pflegen wollen! Der Herr Oberstleutnant sind so krank, und der Herr Doktor hat gesagt, daß auf die Pflege alles ankäme, – und ich weiß mir so gar nicht recht zu helfen, – ich verstehe das gar nicht –« Und er öffnete die Tür weit, um die Damen auf den Flur treten zu lassen, in welchen wenig vom Tageslicht hineinfiel und der am Abend durch eine kleine Öllampe erleuchtet wurde. »Hier, ich bitte,« sagte der Bursche, als Frau von Rantow sich zu der Tür rechts vom Eingang wenden wollte, – »hier wohnt der Herr Oberstleutnant, – dort drüben ist die Wohnung des Herrn Leutnants, – der in Frankreich ist, – da darf nichts geändert werden, – der Herr Oberstleutnant haben den Schlüssel, damit der junge Herr alles wiederfindet, wie er es verlassen hat, – wenn er wiederkommt,« sagte er seufzend mit einer fast weinerlichen Stimme, »und ihn dort nicht schon eine verdammte französische Kugel getroffen hat, – das wäre ein großer Jammer, denn der Herr Oberstleutnant haben nur einen Sohn – und lieben ihn so sehr!« Er öffnete die innere Tür, und Frau von Rantow trat in das Wohnzimmer, während Fräulein Anna, wie unwillkürlich zögernd, einen Augenblick stehen blieb und einen langen Blick auf die gegenüberliegende Tür heftete, bevor sie der Baronin folgte. Das Wohnzimmer des Oberstleutnants war ein ziemlich großer Raum mit zwei Fenstern und etwas ungleichen, mit Ölfarbe gestrichenen Dielen; – sehr einfache weiße Vorhänge hingen vor den Fenstern, ein Spiegel in schwarz gewordenem Mahagonirahmen befand sich vor dem Mittelpfeiler über einer alten, breiten und tiefen Kommode, welche eine Stutzuhr von weißem Marmor und vergoldeter Bronze und zwei Leuchter trug. An der langen Wand des Zimmers stand ein hochlehniges Sofa mit einem großen runden Tisch davor und zwei tiefen Lehnstühlen daneben. Über dem Sofa hingen die Kupferstichporträts Friedrich Wilhelms III. und der Königin Luise, sowie die Bilder Friedrich Wilhelms IV. und des regierenden Königs in Uniform mit Helm und Schärpe, darunter eine kleine Lithographie des Garnisonorts, in welchem der Oberstleutnant lange gestanden. Gegenüber stand ein kleiner Schreibtisch, auf welchem alles Schreibgerät mit militärischer Ordnung rangiert war, – dem man aber doch ansah, daß das Schreiben nicht zu den regelmäßigen und vorzugsweise betriebenen Beschäftigungen des Oberstleutnants gehörte. Darüber hing das in Kreidezeichnung hübsch ausgeführte Porträt der verstorbenen Gemahlin des Oberstleutnants, einer freundlich blickenden Dame mit einer runden, weißen Haube, in einen schwarzen Holzrahmen gefaßt und mit einem Kranz von Immergrün und Immortellen umgeben. In der andern Ecke sah man einen kleinen Bücherschrank mit wenigen, aber sehr sauber gebundenen Büchern, – daneben einen Pfeifentisch mit einer großen Anzahl schöner und vortrefflich gehaltener Pfeifen, darunter einige Prachtstücke von Meerschaumköpfen mit schweren Silberbeschlägen, in der Mitte einen großen und tiefen Tabakskasten von fast schwarz gewordenem Mahogoniholz mit einer Silberplatte, auf welcher das Wappen des Oberstleutnants eingegraben war. Frau von Rantow umfaßte mit einem flüchtigen Blick dies einfache Zimmer des alten Soldaten, welches das Bild eines ganzen, in stiller, anspruchsloser Pflichterfüllung dahingeflossenen Lebens darbot. Dann wandte sie sich nach der dem Sofa gegenüberliegenden Tür, welche der Bursche vorantretend öffnete und welche nach dem Schlafzimmer des alten Herrn führte, während Fräulein Anna vor dem Bilde mit dem Immortellenkranz über dem Schreibtisch stehen blieb und dasselbe mit einem Blick voll sinnender Rührung betrachtete. Das Schlafzimmer des alten Offiziers war noch einfacher. Man sah hier nur einen großen, tiefen, eichenen Schrank, einen kleinen Toilettentisch, einen großen Lehnstuhl von braunem Leder und neben den mit grünen wollenen Vorhängen halb verhängten Fenstern einen großen weißen Tisch, auf welchem der Bursche des Oberstleutnants einige Teller und Gläser, eine große Tasse und eine weiße, glänzend blank geputzte Kaffeemaschine auf einer kleinen Spirituslampe zusammengetragen hatte, mit welchen Gerätschaften er, so gut es angehen wollte, die Bedürfnisse der Pflege seines kranken Herrn zu befriedigen versuchte. An der Wand der Tür gegenüber stand ein schmales Bett, und auf demselben lag, gerade und unbeweglich, der alte Herr von Büchenfeld in einer blendend weißen, fast bis zum Halse zugeknöpften Pikeejacke. Sein Kopf mit dem etwas emporstehenden, kurz geschnittenen grauen Haar war tief in die Kissen zurückgesunken, sein Gesicht mit den immer schon etwas kränklichen Zügen war totenbleich, und nur unter den tief eingesunkenen, geschlossenen Augen zeigte sich eine scharfe, fieberhafte Röte. Frau von Rantow trat schnell an das Bett und blickte mit inniger Teilnahme und unruhiger Sorge auf den Kranken, der in kurzen, regelmäßigen Zügen atmete und in jenem leichten Schlummer der Ermattung dazuliegen schien, der die Sinne nur halb betäubt und dem Körper keine Erquickung bringt. War es durch das Rauschen des Kleides der Dame oder durch den auf ihn gehefteten Blick derselben, – der Oberstleutnant erwachte, schlug langsam die Augen auf und blickte Frau von Rantow erstaunt und fragend an, als vermöge er sich die Anwesenheit dieser Dame, deren Gesicht durch den Fenstervorhang beschattet wurde, nicht zu erklären. »Sehen Sie mich nur recht an, lieber Büchenfeld,« sagte Frau von Rantow, indem sie unter dem heitern Ton den schmerzlichen und peinlichen Eindruck zu verbergen suchte, welchen der Anblick des kranken, leidenden alten Herrn ihr machte, »sehen Sie mich nur recht an und erkennen Sie mich, – mein Mann hat mir soeben erzählt, daß Sie krank sind und keine weibliche Pflege haben, – da bin ich denn gleich gekommen, um zu sehen, wo es etwas zu helfen gibt, – eine solche Junggesellenwirtschaft taugt nichts für einen Kranken; – mögen sie sich so sehr sträuben, als sie wollen, wenn Sie der Pflege bedürfen, müssen die Männer doch unsere Überlegenheit anerkennen.« Der Oberstleutnant hatte mühsam den Kopf etwas erhoben, und in seinen matten Augen leuchtete ein Blitz der Freude auf, als er Frau von Rantow erkannte. Er streckte ihr seine Hand entgegen und hob sich mit Anstrengung empor, um in seiner gewohnten galanten Artigkeit seine Lippen auf die ihrige zu drücken. »Wie gut sind Sie, meine gnädigste Freundin,« sagte er mit matter Stimme, »nach einem alten kranken Mann zu sehen, der hier einsam und allein daliegt, – aber auch allein fertig werden kann,« fügte er hinzu, indem ein Ausdruck festen, fast eigensinnigen Stolzes um seine Lippe zuckte, »ich hoffe bald meine Krankheit überwunden zu haben und bin ja seit dem Tode meiner guten Frau die Junggesellenwirtschaft gewohnt, da kann ich mir schon alles schaffen, was ich bedarf.« Ein nervöses Zittern seiner Hände strafte die zuversichtlichen Worte Lügen, und Frau von Rantow sagte mit wehmütigem Lächeln: »Nein, nein, mein lieber Freund, Sie können sich nicht alles schaffen, was Sie bedürfen. Ich werde hier ein wenig Ordnung machen, denn was ich hier auf dem Tische sehe, flößt mir sehr geringes Vertrauen zu Ihrer Pflege ein.« Fräulein Anna war auf der Schwelle der Tür des Schlafzimmers erschienen. Ihr Auge ruhte mit tränenfeuchtem Schimmer auf dem kranken Oberstleutnant. »Hier, mein lieber Büchenfeld,« sagte Frau von Rantow, »ist eine Freundin von mir, Fräulein Cohnheim, welche mich in meinem guten Werk unterstützen wird, sie wird Ihnen eine Zeitlang Gesellschaft leisten, während ich hingehen werde, um Verschiedenes herbeizuschaffen, was Sie in Ihren gesunden Tagen für überflüssig erachtet haben, was ich aber jetzt nicht entbehren kann, um für Sie zu sorgen.« Der Oberstleutnant streckte die Hand aus und rief fast erschrocken: »Ich bitte Sie, meine gnädige Frau, bemühen Sie sich nicht, ich habe alles, – mein Bursche sorgt vortrefflich für mich.« Frau von Rantow drohte freundlich mit dem Finger. »Sie sind ein so galanter Mann, lieber Büchenfeld, und dürfen sich daher den Anordnungen einer Dame nicht widersetzen. Außerdem sind Sie immer ein Mann der guten alten Zeit gewesen, – mein Herr und Gemahl hat mir befohlen, für Sie zu sorgen und Ihre Pflege zu übernehmen, – Sie dürfen mich also nicht zum Ungehorsam verleiten. Bitte, liebe Anna, unterhalten Sie Herrn von Büchenfeld, ich bin gleich wieder da.« Und schnell sich abwendend ging sie hinaus. Unmittelbar darauf hörte man das Rollen ihres fortfahrenden Wagens. Fräulein Anna trat zögernd mit niedergeschlagenen Augen an das Bett heran. »Was kann ich Ihnen geben? Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Oberstleutnant?« sagte sie mit fast tonloser Stimme. »Mein Gott, mein gnädiges Fräulein,« erwiderte der alte Herr, »Sie sind zu gütig, – wie auch Frau von Rantow zu gut und zu freundlich ist, – gar zu gut, ich bedarf nichts, ich habe vorhin meinen Tee getrunken, – ich habe wirklich – wirklich nichts nötig.« »Sie dürfen nicht sprechen, Herr Oberstleutnant,« sagte das junge Mädchen, »und meine Unterhaltung würde Ihnen vielleicht auch wenig Zerstreuung gewähren. – Kann ich Ihnen nicht etwas vorlesen?« »O, mein Gott,« rief der alte Herr, indem seine Blicke sich belebten, »Sie sind zu liebenswürdig, ich darf es kaum annehmen, – aber ich habe hier so lange allein gelegen, meine Augen sind matt, und das Lesen greift mich an, wenn Sie wirklich so freundlich sein wollten, – ich würde Ihnen in der Tat recht dankbar sein!« »Darf ich ein Buch aus Ihrer Bibliothek holen,« fragte Anna, indem sie schnell ihren Hut und ihren Mantel ablegte, »wollen Sie mir vielleicht sagen, was Sie zu hören wünschen?« »Meine Bibliothek ist sehr klein,« sagte der alte Herr, »aber was ich immer und immer wieder gern lese und höre, das ist die Geschichte des Siebenjährigen Krieges von Archenholz. Sie steht oben in der ersten Reihe, – aber das wird Sie langweilen, das ist nichts für eine Dame –« »O, von mir ist nicht die Rede,« sagte Fräulein Anna – Und schon war sie in dem Nebenzimmer, um bald darauf mit einem Bande des bezeichneten Werkes zurückzukehren. »Schlagen Sie nur auf, wo Sie wollen,« sagte der Oberstleutnant, als sie mit dem Buch in der Hand ihn fragend anblickte. »Ich weiß mich gleich zurechtzufinden, – ich kenne das alles, aber ich lese es immer wieder so gern, – es tut dem Herzen eines alten Soldaten, der seine Dienstzeit im Frieden verlebt hat, so wohl, die Geschichte der ruhmvollen Taten unserer Armee unter dem großen Friedrich zu verfolgen, – aber es wird zu dunkel sein, es wird schon Abend, und die Fenster sind verhangen –« Fräulein Anna eilte hinaus. Nach einigen Augenblicken kehrte sie mit der kleinen gelben Schiebelampe des Oberstleutnants wieder zurück, während der Bursche mit schweren Tritten ganz verwundert nachkam, da er sich noch immer nicht recht klarmachen konnte, was diese Damen wohl mit seinem Herrn vorhätten. Fräulein Anna hatte schnell ein Schwefelholz gefunden, die Lampe angezündet und aus einem geographischen Atlas, den sie aus der Bibliothek herbeiholte, einen Lichtschirm improvisiert, der den blendenden Strahl von dem matten Auge des Oberstleutnants abhielt. Der Bursche zog sich kopfschüttelnd wieder zurück. »Wie Sie das alles so gut und so schnell zu machen verstehen,« sagte der alte Herr, indem sein Blick ganz glücklich und freundlich auf den schönen, vom Lampenlicht beleuchteten Gesichtszügen des jungen Mädchens ruhte, das sich schon niedergesetzt hatte und, das Buch aufschlagend, bei einem der ersten Kapitel zu lesen begann. »Ah, das ist die Schlacht von Hohenfriedberg,« sagte der Oberstleutnant, nachdem sie einige Zeilen gelesen, – »das ist schön, das ist schön, da haben Sie gerade ein Kapitel getroffen, das ich ganz besonders liebe, – das klingt so gut an unsere Zeit an, in der unsere braven Truppen da draußen so kühne und heldenmütige Schlachten schlagen, – ich habe auch einen Sohn da draußen,« fügte er halb leise hinzu. Seine Worte verloren sich in einem stillen Seufzer. Fräulein Anna bedeckte ihre Stirn mit der Hand, ihre Stimme zitterte ein wenig, – aber bald fuhr sie in hellem, klarem Ton fort zu lesen, und der alte Herr lauschte mit geschlossenen Augen der Erzählung von den kühnen Reitertaten aus der vergangenen Ruhmeszeit, welche ihm noch viel schöner und herrlicher erschienen, da sie ihm von diesem so zarten und anmutigen Mädchen vorgelesen wurden, welche so plötzlich wie ein feenhaftes Lichtbild hier in seiner knappen, gleichmäßigen und einsam abgeschlossenen Häuslichkeit erschienen war. Es mochte ungefähr eine Stunde vergangen sein, als Frau von Rantow wieder erschien und die Lektüre unterbrach. Ihr Diener folgte ihr, und er sowohl als der Bursche des Herrn von Büchenfeld trugen zahlreiche Körbe und Pakete in das Vorzimmer, aus denen die Baronin eine Menge von Dingen entwickelte, deren Anblick das größte Erstaunen des Burschen erregte. Mit einem geschäftigen Eifer, welcher der sonst so vornehmen Ruhe der Baronin nicht eigentümlich war, ließ sie zunächst den weißen Tisch im Schlafzimmer des Oberstleutnants abräumen, deckte über denselben eine große Serviette, und holte dann aus dem Wohnzimmer eine vollständig montierte Berzeliuslampe und eine Anzahl von Tassen, Gläsern und Wasserflaschen herbei, um alle Tisanen und Getränke, welche einem Kranken nötig und nützlich sein können, herzustellen. Dann brachte sie Orangen und Zitronen, Flaschen mit Fruchtsäften und alten Weinen, Selterswasser, – kurz, sie entwickelte, unterstützt von Fräulein Anna, ein ganzes Arsenal für die sorgfältigste Krankenpflege. Der Oberstleutnant wollte sprechen und gegen alle diese Aufmerksamkeiten protestieren, aber in tiefer Rührung fand er keine Worte und blickte feuchten Auges auf den geschäftigen Eifer der beiden Damen. »Nun, Friedrich,« sagte er endlich lächelnd, aber mit bebender Stimme, – »mit dem allen werden wir niemals umzugehen lernen!« Das ungeheuer verwunderte Gesicht des Burschen mit den weit aufgerissenen Augen schien diese Vermutung des Oberstleutnants zu bestätigen. »Doch, doch,« sagte Frau von Rantow, »kommen Sie her, Friedrich, ich werde Ihnen zeigen, wie Sie das machen müssen.« Friedrich trat heran, schnellte die beiden Absätze aneinander, und indem er die kleinen Finger fest auf die Naht seines Beinkleides preßte, sagte er im Ton dienstlicher Ehrfurcht: »Zu Befehl, gnädige Frau!« Darauf zeigte ihm Frau von Rantow die Handhabung der Berzeliuslampe und die der übrigen auf dem Tische stehenden Gegenstände. Er schien alles wohl zu begreifen, und in kurzer Zeit summte über der hellen Flamme das Wasser im Kessel. Dann goß die Baronin das kochende Wasser über einen Schiffszwieback, fügte etwas Zucker und ein wenig Wein hinzu und brachte dem Oberstleutnant eine Tasse dieses Getränks. »Trinken Sie, mein lieber Büchenfeld,« sagte sie, »dies wird Sie leicht ernähren, Ihre Kraft erhalten, ohne Sie aufzuregen. Dann werden Sie versuchen zu schlafen, und morgen früh werden wir wiederkommen, um nach Ihnen zu sehen. Ich werde mich dann mit Ihrem Arzt in Verbindung setzen, – und Sie werden sich überzeugen, daß gegen die Krankheit, diesen bösen und heimtückischen Feind, die Frauen bessere Mittel haben als ihr hochmütigen Männer.« Der Oberstleutnant erwiderte nichts, – er versuchte sich emporzurichten, aber seine Kräfte schienen dazu nicht auszureichen. Friedrich wollte herbeispringen, aber Fräulein Anna war bereits zu ihm getreten und unterstützte ihn, indem sie sein Kissen erhob und aufrecht hielt. Der alte Herr leerte die ihm gereichte Tasse und ein tiefer Atemzug wohltätiger Befriedigung hob seine Brust, als er wieder in das Kissen zurücksank, das Fräulein Anna langsam niederlegte. »Wie kann ich Ihnen jemals danken,« sagte er, – »Sie –« »Still,« rief Frau von Rantow, »das werden wir alles später abmachen, – wenn Sie wieder gesund sind, – dann verspreche ich Ihnen, Ihren Dank anzuhören. Jetzt werden Sie ganz still sein, kein Wort mehr sprechen und zu schlafen versuchen. Hier, Friedrich,« fuhr sie fort, sich an den Burschen wendend, »von diesem Selterswasser und diesem Fruchtsaft werden Sie dem Herrn Oberstleutnant zu trinken geben, wenn er in der Nacht dürstet. Jetzt leben Sie wohl, mein alter Freund, der Himmel schütze Sie, – morgen bin ich wieder bei Ihnen.« Fräulein Anna trat heran. »Und darf ich auch wiederkommen,« fragte sie, »und Ihnen vom Siebenjährigen Krieg vorlesen?« »Wenn Sie so viel Güte für einen alten Mann haben wollen,« fagte der Oberstleutnant tiefbewegt, »so werden Sie mir eine große, große Freude machen.« Er streckte seine zitternde Rechte dem jungen Mädchen hin, und indem er mit der andern Hand leicht ihr Haupt berührte, das sie grüßend herabneigte, sprach er: »Gott segne Sie, mein Kind, für Ihr gutes Herz und Ihre Wohltat an mir.« Fräulein Anna zitterte, – tiefer noch neigte sie ihr Haupt herab, und der alte Herr fühlte einen warmen Tränentropfen auf seine Hand niederfallen. Dann eilte sie schnell, als wollte sie ihrem eigenen Gefühl entfliehen, Frau von Rantow nach, welche bereits das Wohnzimmer durchschritten hatte, und die beiden Damen stiegen die Treppe hinab. »Ja, Gott segne sie,« rief Friedrich, welcher beim Oberstleutnant zurückgeblieben war, »jene vortrefflichen Damen! – Jetzt wollen wir den Herrn Oberstleutnant schon bald wieder gesund haben, denn so wie die es verstehen, hätte ich es doch immer machen können, – und dem Herrn Oberstleutnant vorzulesen, wäre ich schon gar nicht imstande gewesen.« Der alte Herr hatte die Hände gefaltet und sprach leise: »Ich fühle mich einsam und verlassen und habe solche Freunde, – ich habe unrecht gehabt, mein Gott, zu zagen, und mit neuem Mut und Vertrauen sende ich nun die eine tägliche und stündliche Bitte zu dir empor: ›Beschütze gnädig meinen Sohn und erhalte ihn mir‹!« Er schloß die Augen, und allmählich zeigten seine regelmäßigen und ruhigen Atemzüge, daß ein wohltätiger Schlaf sich auf ihn niedersenkte. Friedrich holte einen Rohrstuhl aus dem Wohnzimmer herbei und setzte sich, gegen die Wand gelehnt, auf denselben, um den Schlummer seines Herrn zu bewachen, indem er den Blick auf den Tisch mit den Flaschen richtete und sich im Geist die Vorschrift der Frau von Rantow über die Mischung des Getränks wiederholte, das er dem Oberstleutnant reichen sollte. Dreiundzwanzigstes Kapitel Längst hatte König Wilhelm mit seinem Stabe das Hauptquartier in Ferrières verlassen und war in die alte Residenz Ludwigs XIV. eingezogen, wo jener König, der sich so gern mit der Sonne vergleichen ließ, einst die Befehle zur Verwüstung der deutschen Länder erteilte, in denen noch heute Ruinen und Trümmer als Zeugen der unmenschlichen und schmachvollen Grausamkeit des damaligen Frankreichs zum Himmel emporstarren. Nachdem Metz gefallen, nachdem alle Versuche der französischen Regierung, neue Armeen ins Feld zu stellen, gescheitert, war die letzte große Aufgabe der preußisch-deutschen Kriegführung, den Widerstand von Paris zu brechen. Denn solange Paris, welches man nach Viktor Hugos Vorgang »die heilige Stadt« zu nennen begann, solange dies Paris sich hielt und den so leicht zu täuschenden Franzosen den Glauben an seine Unüberwindlichkeit ließ, so lange war an eine Beendigung des Krieges, an einen Frieden, der die Tatsachen anerkannte, nicht zu denken. Fest war der Gürtel um die riesige Stadt und ihre Forts gezogen, und ruhig warteten die deutschen Armeen auf den Tag, an welchem diese in der großen gewaltigen Stadt eingeschlossene Welt von Menschen aller Art und aller Stände ihre letzten Vorräte aufgezehrt haben würde. Alles war auf dem Posten. Der militärische Dienst wurde mit der größten Pünktlichkeit und Schärfe gehandhabt, denn alle aus Paris zurückkehrenden Kundschafter brachten die Nachricht, daß der General Trochu viel von einem großen Plan spreche, den er gefaßt, um durch einen Ausfall die Einschließung zu sprengen und einen Weg zu neuer Verproviantierung der Stadt zu öffnen, zugleich aber auch, um die Verbindung mit denjenigen Armeen herzustellen, welche die Pariser mit eigensinniger Zuversicht von der Loire her erwarteten. Lange hatte man von diesem Plane der » grande trouée « von allen Gefangenen sprechen hören und auch in allen aus Paris herauskommenden Zeitungen gelesen, denn es war eine Eigentümlichkeit des Generals Trochu, daß alle seine militärischen Pläne und Absichten öffentlich diskutiert wurden, und man hatte sich daran gewöhnt, alles das für Redensarten zu halten, weil niemals etwas Ernstes darauf erfolgt war, und weil man in der Tat auch nach allen Mitteilungen, welche darüber anlangten, die französische Armee in Paris kaum noch einer ernsten Erhebung fähig hielt. Man war daher zwar überrascht, aber in keiner Weise unvorbereitet, als in der Nacht vor dem 30. November die sämtlichen Forts um Paris, der Mont Valerien an der Spitze, unterstützt von den Kanonenbooten der Seine, ein Geschützfeuer eröffneten, bei dessen Donner der Himmel auf die Erde herabzustürzen schien und das in Versailles fast jede Unterhaltung auf der Straße unmöglich machte. Zu gleicher Zeit wurde von allen Höhen vor Paris elektrisches Licht über die Gegend hingeworfen, um die Bewegungen der Deutschen erkennen zu können und zugleich den eigenen Truppen Licht für ihr Vordringen zu gewähren. Man hatte zunächst in Versailles diesen ganzen Lärm für eine jener nutzlosen und unberechenbaren Pulververschwendungen gehalten, welche die Franzosen in den Forts von Paris von Zeit zu Zeit vornahmen und bei welchen sie ihren Gegnern niemals Schaden zugefügt, bloß aber einmal ganz ungerechtfertigter und unbegründeter Weise das schöne, an historischen Erinnerungen so reiche Schloß von St. Cloud in Brand geschossen hatten. Die entsetzlich lärmende Kanonade dauerte bis zum nächsten Tag am Nachmittag fort. Dann aber schwieg sie urplötzlich mit einem Schlag, und es zeigte sich, daß sie diesmal doch eine ernste Bedeutung gehabt habe, denn es traf die Meldung ein, daß sächsische Korps und die württembergische Division durch einen kräftigen und nachdrücklich geführten Ausfall von fünfzigtausend Mann wirklicher Linientruppen angegriffen worden wären. Auch von anderen Seiten liefen Meldungen über das Vordringen französischer Abteilungen ein, und es schien diesmal, als ob der General Trochu wirklich mit Ernst daran dächte, seinen lang gehegten und vielfach diskutierten Plan der grande trouée mit Energie zur Ausführung zu bringen. Der Ausfall war auch insofern von Erfolg gekrönt gewesen, als die Franzosen die Stellung bei Champigny genommen hatten und es nicht gelungen war, sie wieder zurückzuwerfen; die französischen Truppen übernachteten auf einem von ihnen eroberten und gegen die Deutschen behaupteten Schlachtfelde. Die Lage war bedenklich, denn wenn es den Franzosen gelang, die Stellung bei Champigny festzuhalten und einen Vorstoß in das Marnetal nach Lagny hin zu machen, so war die Trouée fertig und die Einschließungsarmee war in ihrer Verbindungslinie mit Deutschland bedroht. Noch spät am Abend wurde der General von Moltke zum König gerufen, und lange dauerte die Unterredung über die am nächsten Morgen zu treffenden Maßregeln. Am folgenden Tage gelang es, allerdings mit großen Anstrengungen, die Bewegungen des Ausfalls aufzuhalten, aber viel Blut war geflossen, schwere Verluste waren auf beiden Seiten, die Franzosen hatten sich mit einer außerordentlichen Tapferkeit geschlagen und das Dorf Champigny befand sich noch in ihren Händen. Als der Morgen des 3. Dezember heraufstieg – es war während der Nacht sehr kalt geworden, dichtes Schneegestöber erfüllte die Luft und hüllte die Erde in eine weiße Decke ein – schwieg der Kampf, dennoch aber war die zweite Pariser Armee im Osten noch nicht wieder hinter die Forts zurückgezogen, und man mußte jeden Augenblick eine Erneuerung der Feindseligkeiten erwarten; drei französische Armeekorps marschierten zwischen den Dörfern Brie und Champigny in Schlachtordnung auf, so daß sie sich noch unter dem Schutz der Kanonen der Forts befanden, aber in jedem Augenblick gegen den deutschen rechten Flügel vorstoßen konnten. Der König war schon früh aufgestanden, hatte die Meldungen von den verschiedenen Truppenkorps empfangen und die Disposition getroffen, daß die deutsche Artillerie eine solche Aufstellung einnehme, um die französischen Truppen bei einem Vormarsch aus dem Bereich der Forts sogleich in ihr Feuer zu nehmen. Dann war Seine Majestät zum Großherzog von Baden gefahren, um seine Gratulation zu dem Geburtstag der Großherzogin, der einzigen Tochter des Königs, abzustatten. Nach kurzem, herzlichem Glückwunsch kehrte der König wieder in die Präfektur zurück. Während Seine Majestät sich hier noch mit der schnellen Durchsicht einiger neu eingegangenen Meldungen beschäftigte, fuhr ein kräftiger Mann militärischer Haltung in der Feldzeugmeisteruniform der königlich bayerischen Armee, mit dem Band und dem Stern des preußischen Schwarzen Adlerordens geschmückt, in einem leichten offenen Jagdwagen in den großen Ehrenhof der Präfektur ein. Er stieg aus und schritt an den präsentierenden Wachen vorbei die große Treppe hinauf zu der rechtsliegenden Wohnung des Königs, welche aus einem Vorzimmer, einem Arbeitszimmer und einem Schlafzimmer bestand. Bei seinem Eintritt in das Vorzimmer erhob sich der Flügeladjutant vom Dienst schnell mit ehrerbietigem Gruß, eilte nach einem kurzen Schlag an die Tür in das Kabinett des Königs und meldete: »Seine Königliche Hoheit, der Prinz Luitpold von Bayern.« Der König blickte ernst auf, neigte den Kopf und trat dann langsam, wie in tiefen Gedanken sich erhebend, dem Prinzen entgegen, hinter welchem der Adjutant vom Dienst die Tür schloß. »Ich heiße Eure Königliche Hoheit herzlich willkommen im Hauptquartier der deutschen Armee. Sie werden sich von neuem überzeugen können, einen wie herrlichen Anteil Ihre bayerischen Truppen an unseren Siegen in Anspruch nehmen können. Wir haben in diesen Tagen neue Kämpfe zu bestehen gehabt, die ernster als je zuvor waren und noch nicht abgeschlossen sind. Vielleicht wird es Ihren bayerischen Korps auch noch vorbehalten sein, sich neuen Ruhm zu erkämpfen.« »Ich freue mich von Herzen, Majestät,« erwiderte der Prinz in seinem etwas süddeutsch anklingenden Dialekt, »daß unsre Bayern sich ein so ausgezeichnetes Lob erworben haben. Es sind brave, vortreffliche Soldaten, und wenn sie so ausgezeichnet geführt werden, wie von Seiner königlichen Hoheit dem Kronprinzen, so kann ihnen der Sieg nicht fehlen.« Der König hatte den Prinzen zu einem Sessel neben seinem Schreibtisch geführt und nahm selbst vor demselben Platz. Eine kleine Pause trat ein. Dann zog der Prinz aus seiner Uniform einen viereckigen, groß gesiegelten Brief und sagte: »Der König hat mich beauftragt, Eurer Majestät dies Schreiben, das er an Allerhöchstdieselben gerichtet, zu übergeben.« Der König Wilhelm empfing den Brief und sprach, gegen den Prinzen sich verneigend: »Eure Königliche Hoheit erlauben.« Dann erbrach er das Siegel, zog ein Schreiben hervor und durchlas den Inhalt. Immer ernster wurde sein Gesicht, wählend er die Zeilen auf dem Papier verfolgte, und fast traurig blickte er, als er zu Ende gelesen, noch einige Sekunden zur Erde nieder. Dann faltete er den Brief zusammen, legte ihn auf den Schreibtisch neben sich und fragte: »Eure Königliche Hoheit kennen den Inhalt dieses Briefes?« »Ich kenne ihn, Majestät,« erwiderte der Prinz, »und ich bin glücklich, daß der König, mein Neffe, mich gewählt hat, um dies hochbedeutungsvolle Schreiben in Eurer Majestät Hände zu legen. Möge der heutige Tag, an welchem der erste Grundstein zum Wiederaufbau des deutschen Reichs gelegt wird, reichen Segen über Deutschlands Fürsten und Völker und über Eurer Majestät kaiserliches Haupt bringen.« Der König reichte dem Prinzen die Hand und sprach mit feierlichem Ernst: »Es ist eine schwere, verhängnisvolle Aufgabe, welche an mich herantritt. Das deutsche Volk hat ja so lange von seiner Einheit geträumt und darnach gerungen, – in einer Zeit unklarer und mißgeleiteter Bewegungen hatte schon das Parlament in Frankfurt meinem in Gott ruhenden Bruder diese Kaiserkrone angeboten. Er hat sie zurückgewiesen und zurückweisen müssen, weil die kaiserliche Hoheit nur übertragen werden kann durch den freien Entschluß und die freie Wahl der deutschen Fürsten, deren Gesamtheit die Souveränität der Nation in sich schließt. Und noch ein wahres und bedeutungsvolles Wort sprach mein Bruder bei jener Gelegenheit, als er sagte: ›Eine Kaiserkrone kann nur auf einem Schlachtfeld erworben werden.‹ Heute«, fuhr er fort, »trifft beides zu; – auf ewig ruhmvollen Schlachtfeldern ist die deutsche Einheit gekittet mit dem Blut der Krieger aus allen Stammen des Vaterlandes, – mir ist es vergönnt gewesen, nach dem gnädigen Ratschluß Gottes, die vereinigten Heere des großen Vaterlandes zum Siege zu führen, und nun wird mir von Ihrem königlichen Neffen, meinem ersten Bundesgenossen, die deutsche Kaiserkrone entgegengetragen, der Zustimmung der übrigen Fürsten und freien Städte gewiß. Heute darf ich diese Krone annehmen und muß sie annehmen, aber ich bin mir bewußt, daß es mir ferngelegen hat, nach ihr zu streben, daß es mir fernliegt,« fügte er mit Betonung hinzu, »mich über meine Verbündeten erheben zu wollen. Ich bin mir bewußt, daß ich für mich und mein Haus eine ernste, schwere und heilige Pflicht übernehme, und ebenso wie ich in dem Rest meines Lebens alle Kraft daransetzen werde, diese Pflicht zu erfüllen, so weiß ich auch, daß meine Nachfolger alle ihr Leben der neuen, großen Aufgabe ebenso treu und eifrig widmen werden, wie meine Vorfahren sich der Sorge für ihr Königreich Preußen gewidmet haben. Ich werde Seiner Majestät unverzüglich antworten, – wir werden heute wohl noch ein wenig zu tun haben,« sagte er dann, »die Franzosen haben einen sehr ernsten Ausfall gemacht, und wenn sie auch zum Stehen gebracht sind, so haben wir sie doch noch nicht zurückgeworfen. Es scheint, daß die Armee in Paris seit einiger Zeit besser organisiert ist, denn die französischen Truppen haben sich bei diesem Ausfall wirklich vortrefflich geschlagen und uns viele Mühe gemacht.« »Es ist tief zu beklagen,« sagte der Prinz Luitpold, »daß die gegenwärtigen Machthaber in Frankreich den Sieg der deutschen Waffen noch immer nicht anerkennen wollen und durch diesen törichten und zwecklosen Widerstand noch so viel Blut vergießen lassen.« Der König schüttelte den Kopf. »Es sind nicht die gegenwärtigen Machthaber,« sagte er, »es ist die französische Nation selbst, welche sich sträubt, an ihre Niederlagen zu glauben, und keine Regierung würde in diesem Augenblick imstande sein, Frieden zu schließen, bei jedem Versuch dazu müßte sie verschwinden. Sie müssen erst noch empfindlicher unsere Macht fühlen, ihre letzte Hoffnung muß zerstört, Paris muß genommen sein, bevor sie an Frieden denken werden, und das kann allerdings noch viele, viele Menschenleben kosten. Aber vielleicht ist es gut so,« fuhr er fort, »vielleicht müssen sie erst die volle Wucht der deutschen geeinigten Nationalkraft in ihrer ganzen Schwere empfinden, um künftig den Frieden zu halten und den Glauben zu verlieren, daß sie Deutschland ungestraft angreifen dürfen.« »Ich habe mit großer Freude vernommen,« sagte Prinz Luitpold, »daß der Großherzog von Mecklenburg einen wichtigen Sieg über die Loirearmee erfochten hat –« »Ja,« sagte der König, »das ist ein wichtiger Erfolg, den wir dem Großherzog danken. Er hat den General Chanzy zurückgeworfen, der sich in seinen Operationen bisher als den geschicktesten und für uns gefährlichsten unter den französischen Generalen gezeigt hat. Für die Unterwerfung von Paris ist es von der größten Bedeutung, daß die Loirearmee vollständig zurückgedrängt und von jeder Verbindung mit Paris oder mit der Nordarmee des Generals Bourbaki abgeschnitten werde. Ich fürchte aber, mit dem jetzigen Erfolg des Großherzogs von Mecklenburg wird die Sache noch nicht abgemacht sein, und auch dort werden wir noch viele Kämpfe zu bestehen haben. Wir haben einen schwierigen und gefährlichen Teil des Krieges noch vor uns,« sagte er seufzend. »Doch an dem glücklichen und ruhmvollen Ende desselben ist nicht mehr zu zweifeln,« erwiderte Prinz Luitpold. »Gott hat die deutschen Waffen bisher so sichtbar gesegnet und wird unsere heilige und gerechte Sache auch bis zum letzten, vollen und ganzen Siege hinausführen.« »Dessen bin ich gewiß,« rief der König, »und nachdem das Schwert Deutschlands einmal gezogen ist, soll es wahrlich nicht eher in die Scheide zurückkehren, als bis der volle Preis des Kampfes in unseren Händen ist!« Der Prinz stand auf. »Ich bitte Eure Königliche Hoheit,« sagte König Wilhelm, »dem König Ludwig zunächst meinen freundlichsten und herzlichsten Dank zu melden, meine Antwort wird in kürzester Frist erfolgen.« Er begleitete den Prinzen bis zur Tür und verabschiedete sich von ihm mit herzlichem Händedruck. Unmittelbar darauf trat der Flügeladjutant vom Dienst ein und meldete den Prinzen von Grusien, Generaladjutanten des Kaisers von Rußland. Auf den zustimmenden Wink des Königs trat dieser Prinz vom alten grusischen Fürstenstamm, ein hoher, schlanker Mann mit schönen, edlen Gesichtszügen, in der großen Uniform der russischen Generaladjutanten in das Zimmer und meldete sich militärisch dem König als Überbringer eines Schreibens Seiner Majestät des Kaisers, das er in der Hand trug und dem König ehrerbietig überreichte. König Wilhelm tat einige herzliche, freundliche Fragen nach dem Befinden des Kaisers Alexander, sowie nach dem Quartier und der Aufnahme des Prinzen, und entließ denselben dann mit einer Einladung zur Tafel und dem Wunsch, ihn einige Zeit im Hauptquartier bei sich zu sehen, damit er von allem Sehenswürdigen und Beachtenswerten Kenntnis nehme und dem Kaiser darüber Bericht erstatten könnte. Nachdem der Prinz sich wieder entfernt, setzte sich der König vor seinen Schreibtisch und erbrach den Brief des Kaisers von Rußland, den er langsam und sinnend durchlas. »Welch eine wunderbare, entscheidungsreiche Zeit!« sagte er dann. »Wie gewaltig haben diese wenigen Monate in die Weltgeschichte eingegriffen, welche sonst Jahre und Jahre lang kaum vorwärts schreitet! Wie hätte ich ahnen können, als ich diese Organisation meiner Armee in mir trug und durchdachte, als ich sie unter so großen Schwierigkeiten und gegen so vielen Widerstand zur Ausführung brachte, – daß sie noch unter meiner Regierung so ungeheuer welterschütternde Erfolge erringen sollte! Ganz Europa ist umgestaltet in dieser kurzen Spanne Zeit und umgestaltet durch die unvergleichlichen Taten meiner Truppen. Dieses stolze französische Kaiserreich liegt in Trümmern, Deutschland, das noch vor vier Jahren sich gegen mich erhob und Preußen niederbeugen wollte, ersteht jetzt zu einem einigen Reich und trägt in freiem Entschluß meinem Hause seine Kaiserkrone entgegen. Und an den fernen Küsten des Schwarzen Meeres erhebt sich Rußland wieder von den Niederlagen, deren schmerzliche Folgen es so lange getragen hat, – er verdient es, der Kaiser Alexander, um seiner treuen und festen Freundschaft willen, die er mir bewiesen hat und die ihren schwerwiegenden Anteil in Anspruch nehmen darf an den glänzenden Erfolgen dieser Tage. Aber wahrlich, ein herrliches, stolzes Gefühl ist es, daß Gott mich so hoch begnadigt hat, es zu erleben, wie mein Preußen allen Gegnern zum Trotz so hoch dasteht, daß die Spitze seines Degens die Welt umgestaltet vom atlantischen Ozean bis zu den Grenzen Asiens. Mit Freuden kann ich heimgehen, wenn es Gott gefällt, zu meinen Vorfahren, denn ich habe ihr Werk weitergeführt und habe nicht umsonst gelebt! – Meine Vorfahren,« sagte er dann leise, indem ein Zug tiefer Wehmut auf seinem Gesicht erschien, – »meine Vorfahren, die Könige von Preußen, – die einst Kurfürsten des alten versunkenen Reichs waren, das auf den Schlachtfeldern dieser Tage seine Wiedergeburt feiert.« Der Kammerdiener trat ein und meldete, daß der Geheime Hofrat Schneider zu Seiner Majestät Befehl stehe. »Er soll kommen,« sagte der König, auf dessen Gesicht noch immer der Ausdruck ernster Wehmut lag. Unmittelbar darauf trat der Geheime Hofrat im schwarzen Frack mit weißer Kravatte, die blaue Schnalle der Landwehrdienstauszeichnung im Knopfloch und eine große Mappe unter dem Arm in das Zimmer; sein Gesicht mit dem weißen Haar, dem weißen vollen Bart und den lebhaften geistvollen Augen war frisch und heiter wie immer. Er trug eine große Mappe mit Zeitungen und Papieren gefüllt, unter dem Arm und näherte sich mit tiefer Verbeugung dem König. »Guten Morgen, Schneider,« sagte der König, – »wissen Sie, daß heut ein bedeutungsvoller Tag für mich und mein Haus ist?« Der Hofrat blickte ihn fragend an. »Soeben ist der Prinz Luitpold von Bayern hier gewesen,« fuhr der König fort, »und hat mir vom König Ludwig die Aufforderung gebracht, die deutsche Kaiserkrone anzunehmen.« »Dann muß ich Eurer Majestät meinen alleruntertänigsten Glückwunsch sagen,« erwiderte der Hofrat, »diese Kaiserkrone ist das leuchtende äußere Zeichen der nationalen Anerkennung und des Dankes der Fürsten und des Volks, – die Sache haben Eure Majestät schon in der Hand, – das ist das Schwert, welches Deutschland zum Siege führt.« Der König blickte ihn sinnend an. Dann aber ließ er den Kopf auf die Brust sinken und saß einige Augenblicke in trübem Schweigen da, während der Hofrat ihn verwundert und erstaunt ansah. »Eure Majestät sind traurig,« sagte er, verstimmt und niedergeschlagen, – darf ich mir erlauben, meine Verwunderung darüber auszudrücken? An einem solchen Tage, an welchem in ganz Deutschland, wenn es dort bekannt wäre, was hier geschehen, die Freudenschüsse erschallen und die Glocken Jubel und Dank läuten würden, an einem solchen Tage verstehe ich nicht, daß Eure Majestät so düster und niedergeschlagen sein können.« Der König blickte durch das Fenster in die kräuselnden weißen Schneeflocken hinaus. Ein feuchter Glanz schimmerte in seinem Auge, das er langsam, mit tief durchdringendem Blick auf den Hofrat richtete. »Sie verstehen das nicht, Schneider?« sagte er mit leiser Stimme, »und doch sollten Sie es vor allen verstehen. Der Kurmärker sollte es verstehen, welch tiefe Wehmut heute das Herz des Königs von Preußen bewegt. Schneider,« sagte er laut mit einer Summe, die vor innerer Bewegung bebte, »wir stehen an der Grenzmarke einer großen, schönen und lieben Vergangenheit, – heute ist es entschieden, heute bin ich deutscher Kaiser geworden. Sie haben mir die Krone des neu geeinten Reichs entgegengetragen, – das ist groß, das ist herrlich und erhaben, das ist ein Ereignis, welches die Welt umgestaltet. Das alles erkenne ich mit Dank gegen Gott. Aber Schneider,« fuhr er fort, indem sein Blick sich tränend verdunkelte und seine Lippen zitterten, »so groß und schön das ist, so sehr die Jugend sich darüber freuen mag, es tut doch auch weh, der letzte König von Preußen zu sein.« Der Geheime Hofrat öffnete weit seine Augen, er blickte in das tiefbewegte Gesicht des Königs, als verstände er dessen Worte nicht. »Der letzte König von Preußen,« sagte er, – »verzeihen Eure Majestät, das kann ich nicht fassen und begreifen, heute, wo Eure Majestät an der Spitze Ihrer Armee siegreich die kaiserlichen Adler Frankreichs zu Ihren Füßen niedergeworfen haben, heute, wo Preußen die höchste Höhe seines Ruhms und seiner Ehre erreicht hat, heute, wo der Geist des großen Friedrich stolz auf Eure Majestät herabblickt, heute, wo alle Schmach gesühnt ist, die der Königin Luise das Herz brach, – heute wollen Eure Majestät davon sprechen, der letzte König von Preußen zu sein! Mir scheint, daß Eure Majestät die königliche Krone von Preußen Ihrem Sohne glänzender und schimmernder hinterlassen werden, als je einer Ihrer Vorfahren sie seinem Nachfolger übergeben hat.« Der König neigte zustimmend den Kopf. Immer aber blieb der wehmütig-schmerzliche Ausdruck auf seinem Gesicht und langsam sprach er: »Muß ich denn aber nicht Deutscher Kaiser werden? Der langgehegte nationale Wunsch nach der Einigung im Deutschen Reiche hat jetzt auch die Fürsten mit fortgerissen und man bringt mir die Krone des neuen Reiches entgegen, nachdem ich mit dem Schwert, das man in meine Hand gelegt, Deutschland zum Siege geführt habe!« »Und wenn Eure Majestät Deutscher Kaiser werden,« sagte der Hofrat, »werden Sie deshalb aufhören, König von Preußen zu sein? Blieb Eurer Majestät erhabener Vorfahr, als er sich zu Königsberg die Krone auf sein Haupt setzte, darum nicht Kurfürst von Brandenburg? War es nicht die alte brandenburgische Kraft, welche sich dem neuen Königreich Preußen mitteilte, es durchströmte und es zu der Höhe hinaufführte, auf welcher es heute steht? Stehen nicht heute noch die alten brandenburgischen Regimenter an der Spitze der preußischen Armee, die ihrerseits wieder dem deutschen Heere voranschreitet? Und, Majestät, sind denn nicht die Habsburger, die so lange deutsche Kaiser waren, darum nicht minder Erzherzöge von Osterreich, Könige von Böhmen und von Ungarn geblieben?« »Das war etwas anderes,« sagte der König rasch, »das war kein rechtes Kaisertum, – sie hatten die Krone, aber sie hatten das Schwert nicht in ihrer Hand, – so kann, so wird das Kaisertum der Hohenzollern nicht sein. Während unter dem früheren Kaisertum das Deutsche Reich zerbröckelte und in Ohnmacht versank, soll unter meinem Haus die Nation einig und mächtig zur obersten Stufe unter den Völkern Europas heraufsteigen. Daraufhin muß fortan unsere Kraft gerichtet sein, das ist die Aufgabe, die ich meinen Nachfolgern einst hinterlassen werde, – wie Friedrich I. uns allen die Pflicht auferlegte, Preußen zu kräftigem Leben zu entwickeln, so wird es nun später die Pflicht meines Sohnes und seiner Nachfolger sein, das Werk zu vollenden, an welches einst die Hohenstaufen und viele andere deutsche Kaiser vergeblich ihre Kraft setzten. Das neue Deutsche Reich wird keine Freunde haben in Europa«, fuhr er fort, den Blick aufwärts richtend. »Man wird uns überall achten, man wird uns fürchten, aber man wird noch lange, lange nicht dies Deutschland lieben, das bisher so still und bescheiden dastand unter den europäischen Nationen und das jetzt mit einem Male waffenklirrend in die Schranken tritt, – und auch im Innern werden der Feinde noch so manche entstehen. Das alte Reich war das römische Reich deutscher Nation. Wir aber werden«, sagte er, die Hand fest auf den Tisch legend, »des deutschen Volkes deutsche Kaiser sein. Wenn jene schon mit der Priesterherrschaft Roms unausgesetzten Kampf zu bestehen hatten, um wie viel erbitterter, um wie viel unversöhnlicher wird jene herrschsüchtige Hierarchie, werden die Nachfolger Gregors VII. dem Deutschen Reiche gegenübertreten, an dessen Spitze kein Nachfolger der römischen Imperatoren, sondern ein vom deutschen Volk auf den Schild erhobener Kaiser steht. Und«, sagte er seufzend, »viele, viele schwere Kämpfe liegen noch in der Zukunft. Wir werden siegreich aus ihnen hervorgehen,« sprach er mit dem Ausdruck fester Zuversicht und stolzer Willenskraft, »aber,« sagte er dann wehmütigen Tons, indem er den immer noch aufwärts gerichteten Blick langsam dem Geheimen Hofrat zuwendete, – »aber, Schneider, unser altes Preußen wird dabei nicht so fortbestehen können, wie wir es kennen und wie wir es geliebt haben von Jugend auf, es wird Deutschland werden, wie Brandenburg Preußen wurde, es wird herauswachsen zu etwas Größerem, Mächtigerem, Herrlicherem, – aber es wird doch nicht mehr das alte Preußen sein, und so sehr ich mit Dank gegen Gott, der mein Haus so hoch begnadigt hat, der Zukunft entgegenschaue, so sehr ich voll mutigen Vertrauens ihre Aufgabe zu erfassen bereit bin – so tut es mir doch weh um das alte Preußen, das heute unter dem lauten Siegesjubel zurücktritt von der Weltbühne, um dem kaiserlichen Deutschland den Platz zu räumen.« Der feuchte Schimmer seines Blicks hatte sich verdichtet zu einem klaren Tropfen, der im Licht der durch die Schneewolken hervorbrechenden Morgensonne an der Wimper des königlichen Auges glänzte; auch des Geheimen Hofrats Blick verdunkelte sich und mit bebender Stimme sprach er »Was Eure Majestät mir da sagen, schneidet mir ins Herz. Fast müßte ich ja wünschen, daß ich gestorben wäre, bevor diese gewaltigen Ereignisse die Welt verändern. Die neue deutsche Herrlichkeit mag ja groß und glänzend sein, aber ich werde mich schwer in dieselbe hineinfinden, wenn mein altes liebes Preußen, dem jeder Lichtblick meiner Erinnerungen, jeder Tropfen meines Bluts, jede Faser meines Wesens gehört, dabei untergehen soll.« »Untergehen?« sagte der König, indem er schnell mit der Hand die Träne in seinem Auge zerdrückte, »untergehen kann Preußen niemals, – die Blüte, welche zur Frucht wird, verändert sich und verschwindet, aber sie geht nicht unter. So wird auch Preußen nicht untergehen, wenn es auch nicht bleiben kann, was es war.« Er ließ den Kopf auf die Brust sinken und saß in schweigendem Sinnen einige Augenblicke da. Schweigend stand der alte treue Diener dreier Könige von Preußen vor seinem Herrn in dieser ernsten Stunde, in welcher eine vergangene Welt hinabsank, um einer neuen Zeit den Platz zu räumen. »So ist denn«, sagte der Hofrat endlich, indem er seine wehmütige Bewegung unterdrückte, »die Prophezeiung des Abtes von Lehnin erfüllt: ›Et pastor habebit gregem Et Germania regem!‹« zitierte er aus jener merkwürdigen Prophezeiung, in welcher der Abt des alten Klosters Lehnin einst die Geschichte aller Fürsten des Hauses Hohenzollern verkündigt hatte. Der König richtete den Kopf auf und sah den Geheimen Hofrat mit einem tiefen Blick an. »Ganz recht, – ganz recht, Schneider,« sagte er, – »das hat sich wohl erfüllt, – aber unbekannt und dunkel liegt die Zukunft vor mir, die am späten Abend meines Lebens meinem Hause sich öffnet. Doch Gott kennt die Zukunft,« sagte er nach einigen Augenblicken, indem ein ruhiges, mildes Licht in seinen Augen glänzte, »und Gott wird auch auf den neuen Wegen meines Volkes und meines Hauses starker Hort sein.« Ein Kanonenschuß ertönte von fern herüber. Der König horchte auf. Dann erhob er sich und warf einen Blick auf seine Uhr. »Da haben wir nun«, sagte er, »unsere altpreußischen Herzen ausgeschüttet, unsere alten Herzen, deren Gefühle so ganz und vollständig die heutige Generation kaum mehr versteht, und darüber ist die Zeit hingegangen.« »Aber nicht unfruchtbar, Majestät,« erwiderte der Geheime Hofrat, »ich habe die schönste und edelste Lektüre gehabt, denn es ist mir vergönnt gewesen, zu lesen in dem königlichen Herzen meines Herrn, der auf der Höhe des Sieges, während Gott die erste Krone der Welt auf sein Haupt setzt, in warmer, treuer Liebe der alten Heimat gedenkt, in welcher sein Volk und seine Vorfahren in fester und unermüdlicher Arbeit diesen Sieg vorbereitet und möglich gemacht. Und ich habe die feste Zuversicht gewonnen,« fügte er mit freudigem Ton hinzu, »daß, solange ich noch unter Eurer Majestät lebe, das alte Preußen bleiben wird, was es war.« »Und wenn es sich einst verändert,« sagte der König, »eins soll bestehen, so Gott will, für alle Zeit – das ist dies hier –« und er deutete lächelnd, aber zugleich mit dem Ausdruck feierlicher Rührung in seinen Zügen auf das kleine Kreuz in der Kokarde vor der ledernen Landwehrmütze, welche der Hofrat in der Hand hielt. »Mit Gott für König und Vaterland!« rief der Geheime Hofrat, »denn eins muß ich Eurer Majestät sagen, wenn Allerhöchstdieselben Deutscher Kaiser werden – solange ich lebe, werden Sie für mich doch immer mein König und der König von Preußen bleiben.« König Wilhelm nickte heiter mit dem Kopfe. »Wie der Herr Geheime Hofrat,« sagte er mit schalkhaftem Augenblinzeln, »für mich immer der Landwehrunteroffizier L. Schneider bleibt.« Und er beschrieb mit dem Finger in der Luft den Zug des Buchstabens L, indem er den untern Bogen dieses Buchstabens mit weitausgestrecktem Arm lang durch die Luft zog. »Darf ich mir untertänigst eine Frage erlauben?« sagte der Hofrat wieder ganz in seinem früheren heitern und ruhigen Ton, »warum geben Eure Majestät dem bescheidenen Anfangsbuchstaben meines Vornamens auf allen an mich allergnädigst gerichteten Briefkuverts und auch in diesem Augenblick, indem Sie meine unbedeutende Initiale hier in die historische Luft von Versailles zu ziehen geruhen, eine so außerordentliche Ausdehnung? Dieses L ist schon oft der Gegenstand meines ernsten Nachdenkens und das Wunder der Postboten gewesen, und wenn Eure Majestät vielleicht die Gnade haben wollten –« »Das geht Sie nichts an,« fiel der König herzlich lachend ein, »denken Sie nur weiter nach, und wenn Sie das Richtige herausgefunden haben, will ich es Ihnen sagen.« Rasch bewegte er die Glocke und befahl den Kammerdiener, den Flügeladjutanten zu rufen. Der Flügeladjutant vom Dienst trat in militärischer Haltung ein. »Ich will hinausfahren,« befahl der König, »um zu sehen, ob heut etwas zu erwarten ist. – Adieu, Schneider«, sagte er, dem Geheimen Hofrat freundlich zunickend, setzte den Helm auf und verließ das Zimmer. Auf den Wink des vorauseilenden Flügeladjutanten fuhr der königliche Wagen heran. Die Stabswache rangierte sich und schnell fuhr der König in der Richtung nach Paris hin. Vierundzwanzigstes Kapitel Frau von Rantow und Fräulein Anna Cohnheim hatten ihre Besuche bei dem Oberstleutnant von Buchenfeld täglich wiederholt und die Krankheit des alten Herrn hatte unter der sorgfältigen liebevollen Pflege der Damen einen zwar sehr langsamen, aber günstigen Verlauf genommen. Immer aber hatte er sein Bett noch nicht verlassen können und Fräulein Anna mit unermüdlichem Eifer ihm aus seinem Lieblingsbuche von den Taten des großen Friedrich und seiner ruhmvollen Armee vorgelesen, an denen der Geist des kranken und gebrechlichen alten Soldaten sich erfrischte und aufrichtete. Das junge Mädchen blieb täglich stundenlang bei dem alten Mann, wenn Frau von Rantow für die Bedürfnisse seiner leiblichen Pflege gesorgt hatte, sie erfreute den Oberstleutnant ebensosehr durch die Lektüre des Archenholz als durch ihr Geplauder und die Fragen, welche sie bald über diesen, bald über jenen militärischen Ausdruck stellte, und welche ihm Gelegenheit zu Erklärungen und Erläuterungen gab, denen sie mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhörte. »Bald werden Sie das alles ebensogut verstehen, als ob Sie ein Soldatenkind wären«, sagte der alte Herr dann, wohlgefällig lächelnd, und niemals entließ er sie am Abend, ohne die Hand auf ihr Haupt zu legen und des Himmels Segen auf sie herabzurufen dafür, daß sie so viel von ihrer Zeit der Pflege und Erheiterung eines alten einsamen Mannes widme. Und jedesmal von neuem durchschauerte es sie bei diesen Segensworten, – ebenso wie bei dem Klang und Tonfall der Stimme des Oberstleutnants, welche so oft gewisse Erinnerungen in ihr wachrief, – Erinnerungen, die sie für immer ertöten wollte und die sie doch immer noch mit zauberischer Gewalt bewegten und hier in dem kleinen stillen Zimmer neben dem alten gebrochenen und kranken Manne, der mit glücklichen Blicken ihren Worten lauschte, ein anderes Bild voll Jugend, Kraft und Leben erscheinen ließ, – ein Bild, das einst all ihr Glück in sich faßte und das aller Schmerz und Kummer nicht aus ihrem Herzen hatte reißen können. Der Oberstleutnant hatte von seinem Sohne wenig gesprochen, – er hatte nur kurze Billetts und Postkarten von demselben erhalten, welche ihm mitteilten, daß der Leutnant noch unverwundet geblieben und dem Hauptquartier des Prinzen Friedlich Karl aggregiert sei. Jede solche Nachricht hatte den alten Herrn glücklich gemacht, mehr und mehr stärkte sich sein gläubiges Vertrauen, daß Gott sein Gebet erhören und den einzigen Sohn, das Einzige überhaupt, das ihn noch an die Welt und das Leben fesselte, ihm erhalten werde. Auch freudiger Stolz erfüllte ihn über die Auszeichnung, welche seinem Sohn widerfahren, – er erblickte in derselben in seinem frommen, einfachen Sinn einen Ersatz, den ihm die Vorsehung für sein in stiller, ruhmloser Pflichterfüllung hingebrachtes Leben geben wolle, und in diesem Gefühl verschwand die Erinnerung an seine enge, beschränkte Vergangenheit vor dem lichten Bilde der Zukunft seines Sohnes, welcher so jung schon das Glück hatte, die ersten Stufen militärischer Auszeichnung zu ersteigen. Der Oberstleutnant teilte diese kurzen Nachrichten stets der Frau von Rantow mit, welche mit einigen herzlichen Worten ihre Teilnahme aussprach, während Fräulein Anna in eigentümlich gemischten Gefühlen mit tief herabgesenktem Haupt in ihrem Buche blätterte, um die Stelle zu finden, an der sie am Tage vorher ihre Lektüre beendet. So waren Wochen auf Wochen hingegangen, und immer lieber war dem jungen Mädchen die Aufgabe des tätigen Liebeswerks an dem Krankenbette des alten Herrn geworden, welche ihr in dieser so ernsten und schweren Zeit einen Beruf und eine Pflicht gab, die sie mit Freude erfüllten, – immer mehr schloß sie sich mit wahrhaft kindlicher Liebe an diesen schlichten alten Soldaten, der in seinen einfachen Gesprächen, in den gelegentlich erzählten Erinnerungen aus seinem so ruhig und gleichmäßig verlaufenen Leben doch so viel tiefe, ergebene Frömmigkeit, so viel reine, mit Kleinem und Wenigem sich bescheidende Heiterkeit und dabei ein so fast erhaben ritterliches Gefühl für Ehre, für alles Große und Edle zeigte, daß oft eine tiefe Rührung ihr Herz erfüllte, wenn sie der Welt gedachte, in welcher ihr Vater lebte und in welcher sie aufgewachsen war, jener Welt, in der das Ringen nach Gold alles bewegte, in der der Besitz der einzige Maßstab war für Menschenwert und Menschenglück. Dann dachte sie mit dumpfem Schmerz auch an ihre Zukunft, welche ebenfalls nach diesem Maßstab des Glücks gemessen war, und unter diesen Eindrücken, die immer tiefer und tiefer sich in ihre Seele gruben, wurde ihr die Verbindung mit dem jungen Baron von Rantow zu einer drückenden Fessel, denn sie war gewiß, daß kaum etwas anderes als äußere Rücksichten den jungen Mann bestimmt hätten, – wie sie ja selbst auch nur in einer gewissen stumpfen Gleichgültigkeit sich entschlossen hatte, dem Baron ihre Hand zu reichen. Da war eines Tages zugleich mit der Nachricht von der Kapitulation von Metz ein Brief des Kommerzienrats gekommen, der seine nahe Rückkehr ankündigte, und schon am Tage darauf, als Anna abends von ihrem Besuche bei dem Oberstleutnant zurückkam, fand sie ihren Vater, der eben angekommen war und seiner Frau in hastigen, abgebrochenen Sätzen von seinem Leben im Hauptquartier erzählte, wobei die Kommerzienrätin mit ganz besonderem Interesse vernahm, daß die patriotische Tätigkeit ihres Mannes die besondere Anerkennung des Prinzen gefunden habe, und daß sogar, wie der Kommerzienrat mit einer gewissen würdevollen Feierlichkeit versicherte, im großen Hauptquartier vor Seiner Majestät selbst von den Leistungen des Vereins, den Herr Cohnheim vertrat, gesprochen worden sei. Die Kommerzienrätin richtete sich höher auf und fühlte schon die Wonne des Augenblicks im voraus, in welchem sie von dieser höchsten und allerhöchsten Anerkennung würde in dem Damenverein sprechen können, in den sie durch Frau von Rantow eingeführt worden war. Da trat Fräulein Anna in das Zimmer, und der Kommerzienrat, welcher sein Reisekostüm mit einem bequemen Schlafrock vertauscht hatte und im Lehnstuhl hinter der duftenden Teetasse saß, legte seine eben angezündete Regaliazigarre zur Seite, erhob sich, ging seiner Tochter entgegen, die mit freudiger Herzlichkeit zu ihm hineilte, und umarmte sie mit einer Miene voll feierlichen Ernstes. Dann führte er sie zu einem Stuhl neben ihrer Mutter, und indem er sich wieder niederließ, begann er, ein Bein über das andere schlagend, nach kurzem Räuspern: »Ich habe deine Rückkehr erwartet, mein Kind, um nach den erhebenden Mitteilungen über unsere herrliche Armee, nach den hocherfreulichen Nachrichten über die so reiche Anerkennung, welche meiner aufopfernden Mühe zuteil wurde, – nun auch von einem traurigen – einem peinlichen Ereignis zu sprechen, – das dich vor allem angeht.« Betroffen blickte Fräulein Anna auf. »Der Baron von Rantow –« fuhr Herr Cohnheim fort. »Mein Gott,« rief die Kommerzienrätin, – »dem Baron ist doch kein Unglück widerfahren? – er ist doch nicht krank – verwundet?« Um die Lippen des Kommerzienrats spielte ein höhnisches Lächeln, das nicht recht zu seinem so freundlichen, selbstzufrieden-heitern Gesicht paßte. »Er befindet sich ganz wohl – ganz wohl,« sagte er achselzuckend, – »aber,« fuhr er fort, indem er die Falten seines Schlafrocks enger zusammenzog und einen langen Zug aus seiner Zigarre tat, – »für uns ist er tot – und ich hoffe, daß meine Tochter die Sache ebenso aufnehmen wird als ich, – und sich über den Abbruch einer Verbindung trösten wird, die wir leicht durch eine andere ersetzen werden –« fügte er hinzu, indem er langsam schlürfend einen Schluck aus seiner Teetasse nahm. »Welch ein Unglück! – welch ein Unglück!« rief die Kommerzienrätin, – »um Gottes willen, was ist geschehen? – erzähle, – was hast du getan?« Sie sank an die Lehne des Sofas zurück und drückte ihr Taschentuch an die Lippen. »Mein armes Kind, – fasse dich, meine Tochter,« sagte sie dann, indem sie ihrem Gesicht den Ausdruck zärtlicher mütterlicher Teilnahme und Besorgnis zu geben versuchte, – »wie kannst du so unvorbereitet –« »Vorbereitet oder unvorbereitet, – einmal muß sie es doch erfahren,« fiel der Kommerzienrat ein, – »fassen muß sie sich, – und ein armes Kind ist sie gar nicht, sondern die Tochter des Kommerzienrats Cohnheim, die jeden Tag statt des Barons einen Grafen haben kann.« Fräulein Anna sah übrigens durchaus nicht so aus, als ob sie des mütterlichen Trostes bedürfe. Sie war wohl erstaunt und verwundert, aber kein Zug von Schmerz oder Jammer lag auf ihren Zügen, ja es schien, als ob ein Schimmer von Freude in ihrem Blick aufleuchtete, und wie erleichtert hob sich ihre Brust, als sie den Mantel, welchen abzulegen ihr der Kommerzienrat keine Zeit gelassen hatte, auf ihren Sessel zurückfallen ließ. Auf die drängenden Fragen seiner Frau begann nun der Kommerzienrat seine Erlebnisse im Schloß von Villebois zu erzählen, oft von den zornigen Ausrufungen der so plötzlich aus allen Himmeln ihrer vornehmen Verbindungen gestürzten Kommerzienrätin unterbrochen, während Fräulein Anna in stiller, fast lächelnder Ruhe zuhörte. »Aber, mein Gott,« rief die Kommerzienrätin, als die Erzählung beendet, – »wie hast du so vorschnell handeln, – alles so rücksichtslos abbrechen können, – in unserem Stande, – in der vornehmen Welt muß man alles sanft, ruhig und behutsam anfassen, – keinen Eklat machen! – Was ist es denn am Ende auch gewesen, – eine kleine Gefühlsverirrung, – eine vorübergehende Courmacherei, – die vielleicht gar keine Konsequenzen gehabt hätte! – Was wird Frau von Rantow sagen, – wie wird unsere Stellung erschüttert werden!« »Unsere Stellung?« rief der Kommerzienrat, sich hoch aufrichtend und die Arme untereinanderschlagend, – »unsere Stellung? Die Stellung des Hauses Cohnheim ist eine sehr feste und respektable, – so fest und respektabel,« fuhr er fort, – »daß ich nicht nötig habe, mich an den Baron von Rantow zu halten, um meinen Platz in der Welt zu behaupten; Seine Königliche Hoheit der Prinz Friedrich Karl haben mich nicht darum ausgezeichnet, weil der Baron Rantow mein Schwiegersohn ist, sondern weil ich der Kommerzienrat Cohnheim bin, der sein gutes Geld, – sein ehrlich erworbenes Geld hergegeben – und mit Freuden hergegeben hat zur Erquickung und Stärkung der braven Soldaten, und Seine Majestät, als er seine Zufriedenheit über meinen Eifer aussprach, – hat gewiß nicht gewußt, daß der Baron von Rantow meine Tochter heiraten sollte –« »Was wird die Baronin sagen,« sprach die Kommerzienrätin, welche die Worte ihres Mannes kaum gehört hatte, – »man muß versuchen, das wieder in Ordnung zu bringen.« »Nichts wird man in Ordnung bringen,« rief der Kommerzienrat, purpurrot vor Zorn, – »ich habe alles in Ordnung gebracht, wie es sein muß, und so bleibt es, – und du, meine Tochter, sollst nichts verlieren, – tröste dich über den Baron, – ich werde dir einen Grafen kaufen!« Und mit großen Schritten, mächtige blaue Wolken emporblasend, ging er auf und nieder, während die von seinen heftigen Bewegungen aufgegangenen Quasten seines Schlafrockes lang hinter ihm her zogen. »Ich glaube,« sagte Fräulein Anna, indem sie aufstand und den Arm sanft auf die Schulter des Vaters legte, – »ich glaube, daß ich wohl ein wenig mitzusprechen habe, da mich doch die Sache am nächsten angeht, – und ich, mein Vater, bin ganz mit dir einverstanden, – ich danke dir, daß du so schnell und entschlossen gehandelt hast.« »Aber, mein Kind, bedenke –« sagte die Kommerzienrätin. »Ich finde nichts dabei zu bedenken, Mama,« erwiderte Anna kurz und fest, – »daß der Baron nicht aus Liebe sich mit mir verbunden hat, weiß ich, – auch würde ich ihm kleine Gefühlsverirrungen –« sagte sie mit einem flüchtigen Lächeln, – »gerne nachgesehen haben, – wenn er aber selbst ausspricht, daß er mich nicht liebt, – wie er es getan, – wenn er die Entscheidung über die Erfüllung seines Versprechens in meine Hände legt, – dann bleibt mir nichts zu tun, als ihm sein Wort zurückzugeben, – ich danke dir nochmals, mein Vater, daß du dies sogleich in meinem Namen getan – und«, fügte sie in heiterem Ton hinzu, – »ich verspreche dir, daß ich mich trösten werde, auch wenn du mir keinen – Grafen kaufst.« »Du bist ein braves, gutes Kind,« sagte der Kommerzienrat, indem er einen kräftigen Kuß auf die Stirn seiner Tochter drückte, – »du weißt, was du dir und deinem Vater schuldig bist; – morgen werde ich mit dem alten Baron sprechen, – seinetwegen tut es mir leid,« sprach er seufzend, – »wir hätten vortreffliche Geschäfte miteinander machen können; – und nun – kein Wort weiter über die Geschichte, – sie ist abgetan und aus, – sie soll aus sein!« fügte er zu seiner Frau gewendet mit einem befehlenden Blick hinzu, der jedoch auf die sinnend in die Sofaecke gelehnte Kommerzienrätin nicht ganz den Eindruck zu machen schien, den er von demselben erwarten mochte. Doch sagte sie nichts, und bald zog sich die Familie zur Ruhe zurück, – die Kommerzienrätin und Fräulein Anna mit ihren sehr wenig ähnlichen Gedanken beschäftigt; – der Kommerzienrat allein, mit sich selbst vollständig im klaren und müde von seiner Reise, schlief fest und ruhig, und in seinem Traum sah er ein weiß und orange Band aus einer glänzenden Wolke herabwehen, und ein silberblinkendes Kreuz mit einem roten Adler senkte sich auf seine Brust nieder. Immer weiter führten ihn die wunderbar verschlungenen Traumbilder, und endlich sah er sich vor seinem Schreibtisch stehen, – er verschloß einen Brief mit hellrotem Siegellack, der wunderbar aromatisch, Myrrhen und Weihrauch ähnlich, das Zimmer durchduftete, dann stieß er ein großes, goldenes Petschaft mit Diamanten und Rubinen besetzt, auf die weiche, rote Masse nieder, und als er es wieder emporhob, sah er ein schön und scharf aufgedrücktes Siegel mit einem gekrönten Helm. Er blickte auf die Feder des von diesem Helm überragten Wappens, – aber ein heller Glanz strömte von demselben aus, der sein Auge blendete und ihn erweckte. Unmutig drückte er sich in die Kissen zurück und versuchte das schöne Traumbild festzuhalten, aber der wiederkehrende Schlaf brachte dasselbe nicht zurück. Am nächsten Morgen erhielt Fräulein Anna den Brief des Barons von Rantow, den dieser unmittelbar nach der Abreise des Kommerzienrats von Villebois an sie abgesendet. Der Brief war herzlich, offen und würdig geschrieben, er gab ihr vollkommen den ruhigen Gleichmut dieser ihre Mutter so tief bewegenden Katastrophe gegenüber wieder und söhnte sie mit ihrem bisherigen Verlobten vollständig aus, – sie schrieb an denselben sogleich ebenso offen, klar und freundschaftlich, und während der Kommerzienrat in seinen länger als sonst fortgesetzten Morgenträumen noch immer den glänzenden Wappenschild auf dem roten Siegel wiederzufinden suchte, – während die Kommerzienrätin bei ihrer komplizierten Morgentoilette darüber nachsann, wie sie nach dem Vorgefallenen ihre Stellung zu nehmen habe, und wie sie das von ihrem Mann so leichtfertig abgebrochene Verhältnis in angemessener Weise wieder anknüpfen könne, – war Fräulein Anna bereits mit dem Brief des Barons und mit ihrer Antwort zu Frau von Rantow hinabgeeilt und hatte ihr dieselben vorgelesen. Die Baronin hatte sie in ihre Arme geschlossen, ihr völliges Einverständnis mit der Antwort an ihren Sohn ausgesprochen und zugleich gesagt, daß sie stets mit Sorge und Unruhe das kühle und fremde Verhältnis zwischen den jungen Leuten beobachtet habe, und daß ihr diese Lösung für die Zukunft beider glücklich und heilsam erscheine. Zugleich aber hatte sie das junge Mädchen gebeten, in ihr stets wie bisher eine treue, mütterliche Freundin zu sehen. Auch der Baron, dem seine Gemahlin sogleich die Sache mitteilte, nahm dieselbe sehr ruhig auf, und als er von den Vorgängen auf dem Schloß des Grafen von Villebois hörte, schien ihm die dort sich entwickelnde Zukunft seines Sohnes sehr einleuchtend, – er schlug in einem französischen Adelslexikon nach, das er mit einer reichen Anzahl heraldischer und genealogischer Werke in seiner Bibliothek besaß, – er fand die Familie des Grafen von Villebois als eines der ältesten und vornehmsten Geschlechter Lothringens verzeichnet, welches vielfache Verbindungen mit fürstlichen Häusern aufzuweisen hatte, und bald begann er die Auflösung der Verbindung mit dem Hause Cohnheim als ein durchaus glückliches und befriedigendes Ereignis zu betrachten. Als die Kommerzienrätin steif und verlegen und der Kommerzienrat mit zurückhaltender Würde bei Herrn und Frau von Rantow erschienen, fanden sie die schwierigen und peinlichen Erörterungen vollständig geebnet und geordnet, – der Baron versicherte Herrn Cohnheim, daß das Vorgefallene auf ihre beabsichtigten gemeinschaftlichen Geschäftsunternehmungen keinen Einfluß haben dürfe, und Frau von Rantow bat die Kommerzienrätin, ihre freundschaftlichen Beziehungen fortzusetzen und gemeinschaftlich im Kreise ihrer Bekannten die Auflösung der Verlobung ihrer Kinder mitzuteilen, um allem Geschwätz und aller Kritik im voraus die Spitze abzubrechen. So war denn alles heiter und zufrieden, – nur Fräulein Anna blieb ernst und still und brachte nach wie vor einen großen Teil des Tages bei dem Oberstleutnant von Büchenfeld zu, dem die Nähe des jungen Mädchens ein unentbehrliches Bedürfnis geworden war. Die Kommerzienrätin versuchte zwar zuweilen von neuem gegen diese Besuche Einsprache zu erheben, – aber die Berufung auf Frau von Rantow, von welcher sie nun, da die künftige Verwandtschaft nicht mehr bestand, in Betracht ihrer Stellung ganz abhängig war, brachte sie zum Schweigen. So war die Weihnachtszeit herangekommen. Der Oberstleutnant war langsam zur Genesung fortgeschritten, – er hatte allmählich wieder aufstehen können, – Frau von Rantow hatte trotz seiner Protestationen einen großen, weichen und bequemen Lehnstuhl gesendet, in welchem der alte Herr, obwohl er es nicht einräumen wollte, sich äußerst behaglich befand. Nur zu der Bequemlichkeit eines Schlafrocks, welchen er eine unmännliche Verweichlichung nannte, hatte er sich nicht verstehen wollen, und seit er wieder aufstehen konnte, hatte er stets den schwarzen Militärüberrock getragen, denn wenn er auch, wie er sagte, als unnützer Invalide hier im Lehnstuhl sitze, so sei es ihm doch eine heilige Freude, in dieser großen Zeit neuer Ruhmestaten der Armee des Königs Rock zu tragen. Frau von Rantow war seit einiger Zeit unpäßlich und konnte das Zimmer nicht verlassen. Als am Nachmittag des Weihnachtsabends die frühe Dunkelheit hereinbrach, erschien Fräulein Anna in dem Zimmer des alten Herrn, während der sie begleitende Diener mit Friedrich, des Oberstleutnants Burschen, mit einiger Unruhe, welche durch ihre mühsam zu leisem Geflüster gedämpften Stimmen noch bemerkbarer wurde, verschiedene Gegenstände vom Wagen die Treppe hinaufschaffte. Der Oberstleutnant wollte sich erheben, aber Fräulein Anna drückte ihn sanft in seinen Lehnstuhl zurück und bot ihm ihre Stirn dar, welche er leise mit den Lippen berührte, indem sein Blick glücklich und verklärt auf dem jungen Mädchen ruhte. »Es ist gar so freundlich von Ihnen.« sagte er, »daß Sie auch heute gekommen sind, – heute am Weihnachtsabend, – wo Sie doch gewiß viel Freude zu Hause haben, – um mir –« »Still, still, Herr Oberstleutnant,« rief Anna, indem sie die Spitzen ihrer Finger auf den Mund des alten Herrn legte, – »sollte ich denn heute nicht kommen, – heute, wo man ja allem, was man lieb hat, Freude machen möchte? – Und meine Gesellschaft macht Ihnen ja ein wenig Freude, – nicht wahr? – Sie haben es mir wenigstens gesagt –« »Sie bringen lichten Sonnenschein in meine stille, dunkle Einsamkeit,« sagte der Oberstleutnant bewegt, – »aber Sie dürfen nicht zu viel –« »Nun,« fiel Fräulein Anna ein, – »wenn ich Ihnen nur ein wenig Freude mache, so bin ich zufrieden! – Nun aber«, fuhr sie fort, »muß ich Sie noch ein wenig plagen, – Sie müssen für eine kurze Zeit da hinein in Ihr Schlafzimmer und mir das Terrain hier überlassen, damit ich ein wenig mit dem Weihnachtsmann hier verkehren kann –« »Nein, nein,« rief der alte Herr abwehrend, – »das ist zu viel –« »Herr Oberstleutnant,« sagte Anna, indem Sie sich gerade aufgerichtet vor ihn hinstellte, – »Sie haben mir von dem stummen Gehorsam erzählt, den ein Soldat dem militärischen Befehl gegenüber beobachten müsse, – darf ich«, fuhr sie mit schmeichelndem Ton fort, – »heute für meine Bitte auch einmal den stummen Gehorsam in Anspruch nehmen?« »Ihnen kann ich nicht widerstehen,« sagte der alte Herr lächelnd, – und mühsam suchte er sich zu erheben. Fräulein Anna eilte hinaus und rief Friedrich, um den Lehnstuhl in das Schlafzimmer zu tragen, – dann führte sie den Oberstleutnant dorthin, – ermahnte ihn zu kurzer Geduld und schloß die Tür. Mit Hilfe ihres Dieners und unter sprachlosem Erstaunen Friedrichs bedeckte sie den Tisch im Wohnzimmer mit weißem Leinen, stellte einen grünen, waldduftenden Tannenbaum auf denselben und legte daneben eine große Pfeife mit prachtvoller Bernsteinspitze und mächtigem silberbeschlagenem Meerschaumkopf mit dem kunstvoll geschnitzten Wappen des Oberstleutnants, – einen in feiner Seide, Gold und Silber gestickten Tabaksbeutel, – ein spanisches Rohr mit schwerem goldenen Knopf und einen silbernen Trinkbecher; – neben den Tisch auf die Erde ließ sie einen großen geflochtenen Korb stellen, den der Diener vorsichtig hereinbrachte, – dann entzündete sie selbst die Lichter, befahl Friedrich, den Lehnstuhl seines Herrn wieder hereinzubringen, führte dann den Oberstleutnant, ihn sorgsam unterstützend, in das vom hellen Lichterglanz erfüllte Zimmer zu dem unmittelbar neben den Tisch gestellten Lehnstuhl. Der alte Herr ließ sich langsam nieder und blickte, die Hände faltend, in die lichtdurchfunkelten grünen Zweige des Weihnachtsbaums. »Hier,« rief Fräulein Anna in hastiger Geschäftigkeit, – »diese Pfeife sendet Ihnen Frau von Rantow, damit Sie sich nie wieder scheuen, in ihrer Gegenwart zu rauchen, – als galanter Mann müssen Sie ihrem Geschenk ja Ehre antun, – diesen Stock der Baron, um sich darauf zu stützen, wenn Sie nun bald wieder ausgehen, – dazu diesen Becher und diesen Korb mit altem Bordeaux und Madeira – und hier,« fuhr sie ein wenig zögernd fort, – »Sie haben oft gescholten über die moderne Zeit und die Zigarren, statt deren die Soldaten früher den Tabaksbeutel bei sich trugen, – da hab' ich Ihnen denn diesen Tabaksbeutel gestickt, – ich habe gedacht, Sie würden sich darüber freuen, – und Tabak ist auch darin, – so gut ich ihn finden konnte, ich – verstehe mich nicht darauf, – Sie müssen ihn aber gleich probieren.« Sie nahm, während der alte Herr immer noch schweigend in das Licht des Baumes blickte, die Meerschaumpfeife, stopfte sie aus dem Tabaksbeutel langsam und sorgfältig und brachte sie dann mit einem brennenden Fidibus dem Oberstleutnant, der sie wie mechanisch nahm und einige Züge daraus tat. »Wie schön ist das,« sagte er dann, immer in die Lichter blickend, – »wie schön, – und wie gut sind Sie! Kommen Sie her,« sagte er dann, die Hände ausstreckend und Fräulein Anna zu sich heranziehend, – »kommen Sie her, – recht nahe zu mir, – um mich so recht über diese Lichter freuen zu können, muß ich den Glanz derselben in Ihren Augen wiederleuchten sehen.« Das junge Mädchen, deren Hand er immer in der seinen hielt, ließ sich zu seinen Füßen in die Knie sinken und blickte glücklich und liebevoll zu ihm auf, – der Glanz der hellen Weihnachtslichter schien wirklich aus ihren Augen zurückzustrahlen, und eine helle Träne rann über die bleiche, welke Wange des Oberstleutnants in seinen grauen Bart hinab. Rasch dann, als schäme er sich dieser Schwäche, fuhr er mit der Hand über die Augen und rief mit lauter Stimme: »Friedrich!« Der Bursche trat herein und sah mit glücklichem, frohem Gesicht auf den brennenden Weihnachtsbaum und auf seinen Herrn, der in großen Zügen aus der neuen Pfeife rauchte. »Friedrich,« sagte der Oberstleutnant, indem er seine Börse aus der Tasche zog, – »hier ist ein Taler für den Diener des Fräuleins und ein Taler für dich, – und für diesen dritten Taler holst du eine Flasche Wein, die ihr trinken werdet auf das Wohl –« Er hielt inne. »Nein,« sagte er leise, – »das ist nicht das Rechte, ihr werdet sie trinken auf das Wohl unseres allergnädigsten Königs und Herrn –« Friedrich richtete sich stramm empor. »Und dann,« fuhr der Oberstleutnant fort, – »du hast in der Schule dein Abendgebet gelernt?« »Zu Befehl, Herr Oberstleutnant,« erwiderte der Bursche, – »aber ich vergesse es zuweilen,« fügte er in zögernder Verlegenheit hinzu. »Du wirst es nicht vergessen,« sagte der Oberstleutnant, »und wirst jeden Abend den lieben Gott um seinen Segen für diese Dame bitten, – wie ich es tue.« Er legte seine Hand auf das in tiefer Rührung niedergebeugte Haupt des jungen Mädchens. »Zu Befehl, Herr Oberstleutnant!« rief Friedrich, indem er die Absätze schallend aneinander schlug und die kleinen Finger vorschriftsmäßig hinter die Seitennaht seiner Beinkleider brachte, – »und tausend Donnerwetter sollen mich verschlagen, wenn ich das vergesse!« Und auch über sein breites Gesicht rollte ein Tränentropfen herab, den er, da seine Hände dienstmäßig festgelegt waren, nur mit der Zunge aufzufangen wußte. Dann machte er militärisch Kehrt und verließ, scharf auftretend, das Zimmer. »Nun, mein liebes Kind,« sagte der Oberstleutnant, »habe ich noch eine Bitte, – ihre Erfüllung soll diesem schönen Feste der Liebe und der Freude die wahre Weihe geben.« Anna blickte fragend zu ihm empor, bereit aufzuspringen, um seinen Wunsch zu erfüllen. »Doch zuerst«, sprach er mit weichem Ton weiter, »nehmen Sie dort jenes bekränzte Bild herab und stellen Sie es hier auf den Weihnachtstisch, – diese lieben treuen Augen, die ich hier auf Erden nur noch in jenem Abbild sehen kann, das ihr warmes Licht nicht wiederzugeben vermag, – diese lieben Augen werden sich im Strahl dieser Weihnachtskerzen beleben, und ich werde glauben, daß sie bei mir sei, meine treue Gefährtin in Freud und Leid, – und sie wird bei mir sein, – ihr Geist wird aus der Ewigkeit, wo sie mich erwartet, herabblicken, hat sie doch auch ihren Teil an dem, was mir jetzt die höchste Weihnachtsfreude bereiten soll.« Fräulein Anna war schon hingeeilt und hatte vorsichtig das Bild über dem Schreibtisch von seinem Nagel genommen; dann breitete sie die Zweige des Weihnachtsbaumes auseinander und lehnte das Bild zwischen dieselben an den Stamm, so daß es von einem frischgrünen Kranz umschlossen war und der zitternde Lichterschein dem Gesicht und den Augen Bewegung zu verleihen schien. Der Oberstleutnant blickte wehmütig auf diese geliebten Züge, – er nickte leise mit dem Kopf, als wolle er die Dahingeschiedene begrüßen, – dann sprach er zu Fräulein Anna, welche erwartungsvoll vor ihm stand: »Nun müssen Sie mir – und meiner lieben Frau da etwas vorlesen, das ich von Ihrer Stimme am liebsten höre; – ich habe«, fuhr er fort, – »heute in der Früh einen Brief von meinem Sohn erhalten, – den ersten langen und ausführlichen Brief seit langer Zeit, – ich habe aus der Aufschrift gesehen, daß er lebt und schreiben kann, – aber meine schwachen Augen erlauben mir noch nicht selbst zu lesen, – und von meinem Friedrich wollte ich mir das nicht vorbuchstabieren lassen, – da habe ich denn den Brief aufbewahrt, bis Sie kämen, – freilich erwartete ich Sie heute nicht, – nun Sie aber doch gekommen sind und mir so große Freude gemacht haben, – nun müssen Sie mir auch den Brief meines Sohnes vorlesen, – hier unter dem brennenden Weihnachtsbaum, – vor dem Bilde seiner Mutter.« Er zog einen noch versiegelten Brief aus der Brusttasche seiner Uniform und reichte ihn dem jungen Mädchen. Eine dunkle Glut zog über Annas Gesicht, – mit zitternder Hand, fast widerstrebend, nahm sie den Brief, den er ihr reichte, eine schmerzliche Bitterkeit zuckte einen Augenblick durch ihre Züge. »Es könnten Geheimnisse darin stehen,« sagte sie unschlüssig, – »die für mich« – »Lesen Sie, – lesen Sie, – ich bitte Sie darum,« sagte der alte Herr dringend, »was mein Sohn mir schreibt, können Sie alles lesen.« Fräulein Anna zögerte noch einen Augenblick, dann erbrach sie das Siegel, und sich dem Oberstleutnant gegenüber in das Licht des Weihnachtsbaumes setzend, begann sie zu lesen. Zwar zitterte ihre Summe merklich, aber der alte Herr war selbst zu bewegt, um darauf zu achten. Der Leutnant von Büchenfeld erzählte zuerst frisch und lebendig von den Operationen der Armee des Prinzen Friedrich Karl, klar und scharf die militärisch-technischen Gesichtspunkte präzisierend, – wobei dann der Oberstleutnant immer stolz mit dem Kopf nickte, obwohl ihm manchmal doch nicht alles völlig klar zu sein schien und er solche Stellen noch einmal zu lesen bat, – dazwischen waren Episoden hübsch und fesselnd erzählt, – kleine Züge aus dem Humor und dem Heldentum des Soldatenlebens, die den Alten höchlich erbauten und ergötzten, – und endlich erzählte der junge Offizier bescheiden, fast beiläufig, daß er das Eiserne Kreuz erhalten, dann, daß er zum Premierleutnemt ernannt und dem Generalstab zum Hilfsdienst beigegeben sei. Der Oberstleutnant breitete die Arme nach dem Bilde unter dem Weihnachtsbaum aus. »Du hörst es, Alte,« rief er mit bebender Stimme, – »er hat das Kreuz, dieses herrliche Ehrenzeichen, um das ich die Kämpfer aus den großen Freiheitskriegen stets beneidet habe, – er ist beim Generalstab, – er macht uns Ehre, –du darfst stolz auf ihn herabblicken,– danke du Gott dort oben, wie ich es tue mit Herz und Mund!« Er blieb einige Augenblicke schweigend in sich versunken dasitzen, – zuweilen nur den leuchtenden Blick voll inniger Empfindung über die Lichter des Baumes hinauf zu dem ewigen Herrn alles Lichtes und aller Herrlichkeit erhebend. So rauschte der gewaltige Hauch der großen Zeit mächtig hinein in den stillen, engen Kreis eines in sich abgeschlossenen Lebens, und von den Wogen der sturmbewegten Völkergeschichte her trug dieser Hauch das Hochgefühl und die Begeisterung der Jugend in das alte Herz, das fast schon für das Leben abgestorben war. Nach einiger Zeit las Fräulein Anna weiter: »Du siehst also, mein lieber Vater, daß meine Aussichten und Hoffnungen gut sind, bis hierher hat mich die Vorsehung behütet, – und wenn nicht noch eine feindliche Kugel mich trifft, worauf man ja immer gefaßt sein muß, so darf ich die Zuversicht haben, daß die Pflichterfüllung meines Dienstes, den ich mir zur einzigen Lebensaufgabe gesteckt habe, auch der äußeren Anerkennung nicht entbehren wird. Die Hauptsache bleibt freilich, sich selbst sagen zu können, daß man mit der ganzen Kraft und dem ganzen Ernst nach dem Großen und Guten strebt, – und dies Streben mit seiner edlen Arbeit soll die Blüte sein, welche mein Leben schmückt, – sie ist weniger duftig und farbenreich als so manche andere, – dafür aber um so reiner und unvergänglicher. Diese Blüte werde ich hegen und pflegen, und durch sie wirst du, mein Vater, stets glücklich sehen Deinen treuen und gehorsamen Sohn.« »Wie traurig!« rief Fräulein Anna wie unwillkürlich aus ihrem inneren Gefühl heraus, indem sie den Brief zusammenfaltete und vor das Bild unter dem Weihnachtsbaum legte. »Ja, ja, – das ist traurig, – eine traurige Geschichte!« sagte der Oberstleutnant, dessen Augen fieberhaft glänzten und auf dessen Wangen eine brennende, scharf abgegrenzte Röte erschien, – die heftige Erregung dieses Abends begann seine noch so schwachen Kräfte zu erschöpfen. »Eine traurige Geschichte?« fragte Fräulein Anna zitternd, indem sie schnell wieder abbrach, als wolle sie keine Neugier zeigen, während doch ihr auf den Oberstleutnant gehefteter Blick das ganze Interesse verriet, das sie an dieser Geschichte nahm. »Ja, ja,« sagte der Oberstleutnant, indem er den Kopf, der ihm schwer zu werden schien, auf den Arm stützte, – »mein armer Sohn, – ich hätte ihm wohl auch andere Blumen in seinem Leben gegönnt, – als die Pflichterfüllung und den Ehrgeiz, – aber ich kenne ihn, er fühlt so tief, – er hat geliebt, – sehr geliebt, – eine Dame, – die ihn verhöhnt, – verachtet, betrogen –« »Betrogen!?« rief Fräulein Anna in lautem Aufschrei, indem sie die Hände auf ihr Herz drückte, – »betrogen, verachtet –« fuhr sie dann mit gewaltsamer Mäßigung fort, – »wie ist das möglich? – wie kann man ein Herz verachten, das uns liebt? – wie kann –« »Sie verstehen das nicht, mein Kind,« sagte der Oberstleutnant, indem er müde den Kopf gegen die Lehne seines Sessels sinken ließ, – »weil Sie gut und brav sind, – Sie würden niemand weh tun, – niemand kränken, aber es gibt so viele leichtfertige Koketten, – die mit den Herzen spielen, die sie angelockt –« »Und einer solchen Kokette«, sagte Fräulein Anna bitter, – »hat Ihr Sohn sein Herz geschenkt?« »Ich wußte das nicht so,« sagte der Oberstleutnant, – »ich war unzufrieden mit ihm, – es war eine unangenehme Sache, er hatte in einem öffentlichen Lokal im Rausch eine Dame schwer beleidigt, – ihr Liebhaber, – ihr Verlobter sendete ihm seinen Sekundanten, – ich wurde von den Herren, da ich sie zufällig empfing und die Sache entdeckte, zum Urteilsspruch aufgefordert, – und ich mußte meinen Sohn unrecht geben, – ich mußte von ihm verlangen, daß er die geforderte Ehrenerklärung gebe, – denn eine Dame zu beleidigen ist unverzeihlich.« »Ja, unverzeihlich,« sagte Fräulein Anna, finster vor sich hinblickend. »Ich tat ihm wohl unrecht,« sagte der Oberstleutnant mit immer matterer Summe, – »und das schmerzt mich heute noch, – denn wenn er sich auch nicht so weit hätte fortreißen lassen sollen, – so hatte er doch gerechten Grund zu seiner Entrüstung. – Er hatte geschwiegen, – lange geschwiegen über die ganze Sache,« fuhr er fort, während Fräulein Anna mit hochatmender Brust zuhörte, – »er hatte es still für sich getragen, – aber als er zum Feldzuge ausrücken sollte, – da kam er zu mir und sprach mir aus, was er in seinem Heizen trug, – weil er nicht wollte, daß ich eine falsche Meinung über ihn behielte, während er dem Tode vielleicht entgegenginge, – er erzählte mir, daß er eine Dame sehr, sehr geliebt habe, – daß sie ihm wieder ihre Liebe versprochen, – daß er sich entfernt gehalten, weil sie reich und verwöhnt sei, – und er ihr nichts zu bieten hatte; – da habe ihm diese Dame geschrieben, um ihm ein Rendezvous zu geben, – das Herz voll Glück und Liebe sei er dorthin geeilt, – und habe sie begegnet mit einem andern, – ihrem nachherigen Verlobten, – so habe sie sich von einem ihr wahrscheinlich überlästigen Verhältnis befreien wollen, – und da sei er denn in Gesellschaft einiger Kameraden – vom Wein erhitzt – von Zorn und Verzweiflung zernagt, dazu gekommen, in halber Bewußtlosigkeit eine schwere Beleidigung gegen jene Dame auszustoßen, – die er durch jene Ehrenerklärung gesühnt. – Da habe ich ihm alles verziehen,« sprach der alte Herr, »und kein dunkler Punkt war zwischen uns, als er zum Kriege auszog.« »Und die Dame?« fragte Fräulein Anna mit erstickter Stimme. »Ich kenne sie nicht,« sagte der Oberstleutnant, – »mein Sohn hat sie mir nicht genannt, – in solchen Dingen darf ein Kavalier niemand – selbst seinem Vater nicht – Namen nennen, – und ich will sie nicht kennen, – denn ich könnte ihr nicht verzeihen, was sie meinem Sohn Böses getan, – und«, fügte er, die Hände faltend, hinzu, – »der Herr, der uns heute seinen Sohn zur Sühne unserer Sünden gesendet, – will doch, daß wir vergeben und diejenigen segnen, die uns Böses getan.« »Und haben Sie – hat Ihr Sohn«, fragte Fräulein Anna mit niedergeschlagenen Augen in leisem Ton des Vorwurfs, – »nie daran gedacht, daß jene Dame unschuldig sein könne, – daß ein Mißverständnis habe stattfinden können? – Wie man vergeben soll, – so soll man auch nicht vorschnell – nicht ungehört verurteilen!« »Ein Mißverständnis?« fragte der Oberstleutnant, – »woher hätte das kommen sollen? – ich habe nie wieder über die Sache gesprochen, – und zum erstenmal heute kommt sie über meine Lippen, Ihnen gegenüber, – die mir armem alten Mann so viel Teilnahme gezeigt, – zu Ihnen habe ich davon gesprochen, – es hat mein Herz erleichtert, – vielleicht war es gut für meinen Sohn, daß es so gekommen ist, – jetzt lebt er ohne Sorge und Unruhe nur seinem Beruf, – er wird allein bleiben, – denn – er hat mir gesagt, – er habe jene Dame zu sehr geliebt, – und – wenn das so ist, – ich kenne ihn, so wird er sie immer lieben, so viel Böses sie ihm getan, – und keine andere wird in seinem Herzen Platz finden.« Er lehnte sich erschöpft zurück und schloß die Augen. Die Lichter des Weihnachtsbaumes waren herabgebrannt, und nur die Lampe auf dem Seitentisch erleuchtete das Zimmer, – aber heller, lichter Glanz erfüllte die Seele des jungen Mädchens, und jubelnde Stimmen riefen die frohe Botschaft seliger Hoffnung in ihrem Herzen: »Er liebt mich, – er liebt mich, – es war ein finsterer, verhängnisvoller Irrtum, – alles wird klar und hell werden!« – Sie wußte nicht wie, – aber sie wußte, daß es gut werden müsse, – denn er hatte sie ja nur beleidigt aus zu großer Liebe, – weil er sich verachtet und verschmäht wähnte, – wenn er einen Blick tat in ihr Herz, – so mußte er sich wieder zu ihr wenden – Sie schauerte in sich zusammen vor dem Glück, das hier unter dem Weihnachtsbaum in so hellem Hoffnungsschimmer ihr entgegenleuchtete. »Ich bin recht müde geworden,« sagte der Oberstleutnant nach einiger Zeit, indem er die Augen wieder aufschlug, – »auch die Freude greift an, – kehren Sie zurück nach Hause, mein Kind, – ich will zu Bett gehen, – Gott beschere Ihnen ebenso glückliche Weihnachten, als Sie mir bereitet.« In rascher Bewegung ergriff Anna seine Hand und küßte sie ehrfurchtsvoll, ehe er es abwehren konnte. Dann rief sie den Burschen, der seinen Herrn in das Schlafzimmer führte, nachdem dieser noch, wie immer, seine Hand mit einem innigen Segensspruch auf das Haupt des jungen Mädchens gelegt hatte. Fräulein Anna fuhr nach Hause, und in ihrem Herzen brannten hellere Lichter als auf dem von reichen Geschenken umgebenen Weihnachtsbaum in dem glänzenden Salon ihres Vaters. Fünfundzwanzigstes Kapitel Von rauhen, feuchten Winternebeln verhüllt, erhob sich die Sonne des 18. Januar, dieses merkwürdigen Tages, an welchem vor einhundertsiebzig Jahren der Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg, der Sohn des großen Kämpfers gegen den übermütigen und übermächtigen Ludwig XIV., in der alten Ordensstadt Königsberg sich die königliche Krone auf das Haupt gesetzt, und an welchem heute, nach fast zwei Jahrhunderten, sein Nachfolger im Schlosse jenes stolzen französischen Königs von der deutschen Nation als ihr Kaiser auf den Schild erhoben werden sollte. Damals aber hatte der brandenburgische Kurfürst hinausziehen müssen über die Grenzen Deutschlands hin, um ein König in Preußen zu werden, als Lehensträger von Polen, weil die kaiserlichen Habsburger keine königliche Krone dulden wollten auf dem Haupte eines Fürsten, der ihnen zu den Diensten des Erzkämmerers verpflichtet war. Die europäischen Mächte hatten von oben herab auf diese preußische Krone geblickt, welche Friedrich I. seinen Nachfolgern hinterließ, als eine Mahnung, dem glänzenden Schein die Macht und das Wesen zu geben. Und erst dem Schwert des großen Friedrich war es vorbehalten, das königliche Preußen ebenbürtig einzuführen in den Kreis der europäischen Souveräne, über deren Haupt die geschlossene Krone das Kreuz trägt, – zum Zeichen, daß nur Gott über ihnen ist, und sie auf Erden keinen Richter haben. Die kaiserliche Krone aber, welche heute auf das Haupt des Enkels und Nachfolgers jenes ersten preußischen Königs erhoben werden sollte – sie war nicht das Symbol einer künftig zu erringenden Größe und Macht, sie war die Vollendung und Erfüllung der sehnsüchtigen Träume der Nation, welche durch Heldentaten und Siege ohnegleichen zur Wirklichkeit geworden. Dieser Krone hatten die Nachfolger nicht erst Macht und Glanz zu geben, – sie brachte ihnen nur die Mahnung, ihre gegenwärtige Macht zu erhalten, ihren hellen Glanz zu schützen. Wie Friedrich Wilhelm IV. einst in prophetischer Vorahnung es ausgesprochen, daß die deutsche Kaiserkrone nur auf dem Schlachtfelde erworben werden könne, – so war es erfüllt, und die ganze Nation in Waffen umgab den Grundstein des neuen deutschen Kaiserthrones. Schon in den Tagen vorher, am siebzehnten bis zum Morgen des achtzehnten, trafen die Fahnen und Standarten der Truppen der dritten Armee, welche Paris im Süden einschloß, ein, darunter die Fahnen des ersten und zweiten bayerischen Korps; auch die Fahnen des Gardekorps waren beordert, doch trafen nur die Fahnen des ersten Garderegiments zu Fuß ein, weil die übrigen unterwegs den Gegenbefehl erhielten, da nach den Meldungen der Vorposten die Bewegungen der französischen Truppen auf einen Ausfall schließen ließen, den man beabsichtigte. Vom frühen Morgen an war ein reges militärisches Leben in Versailles, denn die Mannschaften aller dort kantonnierenden Regimenter hatten die Erlaubnis erhalten, sich in der zum Schlosse führenden Straße aufzustellen. Auf Befehl des Königs war die ganze Infanterie der Stabswache und die Kavallerie – aber zu Fuß – zum Dienste vor und in dem Schloß befohlen und durch Mannschaften der Gardelandwehr abgelöst worden. Die Bevölkerung von Versailles hatte nicht erfahren, um was es sich handelte. Es wurde öffentlich nur von dem Ordensfest gesprochen, um zu verhindern, daß die Franzosen durch irgendeine Unternehmung die Feier des Tages stören möchten. Der Minister des kaiserlichen Hauses, Freiherr von Schleinitz, war in den letzten Tagen in Versailles angekommen und mit den Hofmarschällen unausgesetzt tätig gewesen, alle Vorkehrungen zu dem großen Akte zu treffen. Man hatte dem König, welcher befohlen, daß die Feierlichkeit in der Salle des glaces , diesem großen Prunkgemach des vierzehnten Ludwig, stattfinden sollte, über alle Details der Arrangements Vortrag gehalten, und er hatte fast alle vorgeschlagenen Anordnungen genehmigt. Nur als man davon gesprochen, auf der Langseite des Saales, dem Altar gegenüber, einen Haut-pas zu errichten, hatte der König dies kurz und bestimmt abgelehnt und dadurch die Hofmarschälle in eine gewisse Verlegenheit versetzt, weil es ihrer Meinung nach nicht angemessen war, daß der König, welcher nun der Kaiser werden sollte, auf ebener Erde in gleicher Linie mit allen übrigen der Feier beiwohnen sollte. Vom frühen Morgen des achtzehnten Januar an war auch im Schlosse alles in Tätigkeit; im Saal wurden die letzten Vorbereitungen beendet, die Truppen begannen heranzurücken, um ihre Aufstellung zu nehmen, und es entwickelte sich jene tausendfach komplizierte Tätigkeit, welche stets so großen und ausgedehnten Repräsentationsfeierlichkeiten vorherzugehen pflegt und sich in den letzten Augenblicken noch verdoppelt, als ob jeder noch etwas vergessen hätte, während doch alles bis auf das Kleinste vorher überlegt und geordnet worden ist. Nur in dem Arbeitszimmer des Königs in der Präfektur war alles wie sonst. Er hatte sich früh, seiner Gewohnheit gemäß, erhoben, seinen Kaffee genommen und die Privatbriefe durchflogen. Dann blickte er tiefernst, fast traurig aus dem Fenster hin über das dichte Gewühl von Soldaten aller Waffen, welche im Ordonnanzanzug sich dort hin und her bewegten. »So ist es denn vollendet,« sagte er leise, »was so viele so lange ersehnt und was wie eine Unmöglichkeit, wie ein unausführbarer Traum erschien! Deutschland ist einig unter Preußens Feldherrnschaft, und das alte Reich steigt neu verjüngt aus seinem Grabe empor. Segne dies neue Deutschland, mein Gott,« sprach er, die Hände faltend, – »aber auch mein altes Preußen segne für und für und laß es kräftig und fest fortbestehen als den Grundstein dieses neuen Baues, den aufzurichten du mich bestimmt hast.« Lange stand er schweigend da und fuhr erst aus seinen tiefen Gedanken empor, als der Kammerdiener den Oberhofmarschall Grafen Pückler meldete. Der König wandte sich der Tür zu und begrüßte mit herzlicher Freundlichkeit den Grafen, welcher in dem Kampagneüberrock mit den Schulterstücken des Generalleutnants hereintrat. »Guten Morgen, mein lieber Graf Pückler,« sagte der König lächelnd, – »kommen Sie, um von dem König Abschied zu nehmen, bevor Sie in den Dienst des Kaisers treten? – Sie werden sich irren, der Kaiser wird keine Hofmarschälle haben, im Dienst des Kaisers werden Sie nur als General stehen, Hofmarschall müssen Sie schon beim König von Preußen bleiben.« »Das hoffe ich, Majestät,« erwiderte der würdige alte Herr, indem seine kleine schmächtige Gestalt vor Bewegung zitterte und tiefe Rührung auf seinem Gesicht erschien, »solange ich lebe, werde ich meinen Dienst nicht mehr verändern; – doch ich komme,« sagte er nach einer kleinen Pause, »um Eurer Majestät Befehle nochmals zu erbitten –« »Nun, ist noch etwas nicht klar, noch etwas nicht in Ordnung?« fragte der König. »Es war ja doch alles festgesetzt.« »Alles ist fertig,« erwiderte Graf Pückler, »die Dekoration des Saales ist beendet. Aber,« – fuhr er mit einem gewissen Zögern fort, – »ich möchte Eure Majestät nochmals darauf aufmerksam machen, daß der Platz für Allerhöchstdieselben, dem Altar gegenüber, durch gar nichts ausgezeichnet ist – was vielleicht dem Eindruck der Feier schaden möchte – und ich möchte fragen, ob Allerhöchstdieselben nicht befehlen wollten, dort einen Haut-pas zu errichten – ich habe darüber mit dem Kronprinzen gesprochen, und auch Seine Königliche Hoheit –« »Nein,« fiel der König ein, auf dessen Gesicht zuerst ein ernster, fast ungeduldiger Ausdruck erschienen war und der jetzt den Grafen Pückler mit forschendem Blick und schalkhaftem Lächeln ansah, – »nein – lassen Sie den Haut-pas !« »Aber wenn Eure Majestät die Gnade haben wollten, zu erwägen –« sagte der Hofmarschall. »Nein, nein,« sprach der König jetzt sehr ernst und bestimmt, »es soll alles bleiben, wie es ist, ich habe schon mehrfach meine Meinung gesagt.« Graf Pückler verneigte sich schweigend. »Alles übrige ist also in Ordnung?« fragte der König. »Zu Befehl, Majestät.« »Gut,« sagte der König, »Punkt zwölf Uhr werde ich dort sein.« Und mit freundlicher Handbewegung entließ er den Grafen Pückler. »Ich sehe wohl, was sie wollen,« sagte er, ihm nachblickend, »mit ihrem Haut-pas . Aber ich will das nicht,« fügte er ernst hinzu. Der Flügeladjutant vom Dienst trat ein und überreichte dem König ein soeben angekommenes Telegramm. Der König öffnete dasselbe. »Vom alten Wrangel,« sagte er lächelnd, – »der brave Mann vergißt mich nicht, leider hat er nicht mehr hinausziehen können in diesen großen und heiligen Krieg, aber er hat doch auch mitgefochten an den Siegen, die wir heute errungen, denn sie bilden doch nur das letzte Glied in der jahrhundertelangen Kette der Siege meiner Armee, und deren Veteranen haben wohl das Recht, durch den ehrenreichen Feldmarschall dem Kaiser den ersten Gruß und Glückwunsch zu bringen.« Er trat schnell an seinen Schreibtisch und schrieb mit kräftigen Zügen einige Zeilen. Dann reichte er das Blatt dem Flügeladjutanten und sprach: »Hier die Antwort, lassen Sie dieselbe schnell abgehen.« Er blickte auf seine Uhr. »Ich habe noch Zeit übrig,« sprach er, »diese Zeit muß ich benützen, denn an diesem Tage, welcher den reichen Ehrenpreis des langen Ringens und Strebens meiner Vorfahren und meines Volkes bringt, darf ich nicht versäumen und vergessen, was in jahrhundertelanger, ununterbrochener, gleichmäßiger Fortführung uns bis hierher gebracht hat – die Arbeit – die Arbeit, welche der Lebensberuf meines Volkes gewesen ist von seinem Thron herab bis zu seinen Hütten.« Er trat zu dem Schreibtisch, auf welchem, wie sonst, die von Tag zu Tag zu erledigenden Sachen niedergelegt waren, und begann eine Nummer nach der anderen genau durchzulesen, bald durch einen kurzen Namenszug die ihm unterbreiteten Vorschläge genehmigend, bald Bemerkungen und Fragen an den Rand notierend. Plötzlich hielt er bei der Durchlesung eines der an ihn eingesandten Schriftstücke betroffen inne: »Mein Gott,« fagte er, »welch eine wunderbare Fügung! Da wird mir der Befehl zur Neubedachung des Klosters Lehnin gerade heute vorgelegt! Dieser alte Abt von Lehnin, welcher in seinen lateinischen Versen den Schicksalslauf der Hohenzollern oft so treffend vorhergesagt, er hat ja auch Deutschlands Einigung prophezeit und dabei zugleich geschrieben, daß dann auch das Kloster Lehnin ein neues Dach erhalten werde. Wie seltsam, wie wunderbar, daß am heutigen Tage, während sich alles schon zum Kaiserfest versammelt, diese Verfügung mir vorgelegt wird!« Und leise flüsternd zitierte er die Worte der Lehniner Weissagung: » Et pastor habelit gregem Et Germania regem.« »Nun,« rief er dann, »wie ich heute die Bedachung des alten Klosters befehle, so möge das Dach, welches an diesem Tage über Deutschland errichtet wird, fest gefügt sein und dem großen Vaterland Schutz und Schirm gewähren gegen alle Stürme und Wetter der Zukunft.« Und mit kräftigen Zügen setzte er seinen Namen unter das vor ihm liegende Schriftstück. Der Kammerdiener trat aus der Tür, welche zum Schlafzimmer des Königs führte, und sprach: »Wenn Eure Majestät die Gnade haben wollen – es wird Zeit sein, Allerhöchstihre Toilette zu machen.« »Die Uniform des ersten Garderegiments,« befahl der König aufstehend, – »das Band vom Schwarzen Adlerorden und alle Kriegsorden und Denkmünzen – aber nur die Kriegsorden.« Der Kammerdiener ging hinaus. »Die Tapferkeit meines kriegstüchtigen Volkes hat mich hierher geführt,« sprach der König, »die deutsche Armee umgibt mich; als des deutschen Volkes oberster Kriegsherr soll der Kaiser an die Spitze der deutschen Fürsten treten. Darum passen für diesen Tag nur die Ehrenzeichen, welche ich als Feldherr meiner siegreichen Heere trage.« Er stand noch einen Augenblick schweigend da, faltete die Hände und schien in leisem, stillem Gebet mit Gott zu sprechen. Dann folgte er dem Kammerdiener in sein Schlafzimmer. * Wagen auf Wagen rollten in den Ehrenhof des Schlosses von Versailles, von dessen Mittelbau an der Stelle der sonst dort aufgezogenen weißen Fahne mit dem roten Kreuz heute die purpurne Standarte der Könige von Preußen mit dem eisernen Kreuz in der Mitte und den schwarzen Adlern in den vier Feldern herabwehte. Die Fürsten und die Offiziere aller Grade und Waffengattungen versammelten sich zu der großartigen und einzigen Feier der Proklamation des deutschen Kaisers in dem alten Königssitz des besiegten Frankreich. Auf der großen Treppe am linken Schloßflügel stieg man zu den Gemächern des großen Königs empor, dessen Sinnbild die Sonne war, die Sonne, vor welcher der Adler der Hohenzollern, seiner Devise getreu, seinen Flug nicht gesenkt hatte. Die preußischen und deutschen Offiziere, die dekorierten Mannschaften und die Fahnenträger begaben sich nach der prachtvollen galerie des glaces , diesem riesigen Raum, welcher die höchste Pracht des altfranzösischen Hofes gesehen, aber in welchem gewiß niemals ein gewaltigeres historisches Ereignis sich abgespielt hatte als heute. Wunderbar kontrastierte diese Versammlung, welche die Blüte der Waffenkraft Deutschlands repräsentierte, mit der Dekoration des Saales. Der mächtige Raum, in welchem einst Ludwig XIV. den Dogen von Genua vor sich knien sah, ist hoch gewölbt und empfängt sein Licht durch siebzehn große Fenster, welche vom Boden bis zur Decke aufsteigen und nach der Gartenterrasse hinausgehen. Jedem Fenster entspricht an der gegenüberstehenden Wand eine mit riesigen Spiegeln ausgelegte Nische. Die Wände zwischen den Fenstern und Nischen sind mit braungelblichem, weißgeadertem Marmor bekleidet; in den Fensternischen selbst sieht man Mosaike von schwarzem, weißem und rotem Marmor. Die Ornamente der Türen und der Schmuck der oberen Teile der Wände sind reich vergoldet, und Plastik und Malerei haben in reichster Fülle zum Schmuck des Saales und seines Gewölbes beigetragen. Das Auge kann alle diese Reliefs, teils aus blauem Gestein auf goldenem Grund geschnitten, alle diese Trophäen und Waffenschilder kaum fassen. Es ist ein Übermaß von Pracht und Reichtum, aber nicht erdrückend und überladen, weil alles dennoch im edelsten Stil gehalten ist. Deutlicher treten unter allem diesem Schmuck die sieben großen und acht kleineren Deckengemälde hervor, sowie die beiden Gemälde innerhalb der runden Wölbungen über der Ein- und Ausgangstür. Alle diese Bilder stellen die Siegesherrlichkeit Ludwigs XIV. vor mit den jener Kunstperiode eigentümlichen Allegorien. Am bedeutungsvollsten tritt unter denselben hervor des Königs siegreicher Übergang über den Rhein, ein Gemälde, auf welchem Ludwig XIV., umgeben von allen Gottheiten des Olymps, erscheint, während finstere Titanengestalten zu seinen Füßen sich vergebens bemühen, sich seinem Siegeslauf entgegenzustellen. Und unter diesem Bilde versammelten sich im schimmernden Waffenschmuck die Vertreter der deutschen Heere, um den König von Preußen zum deutschen Kaiser auszurufen, den König von Preußen, den jener stolze Ludwig, der mit dem ruhig siegesgewissen Lächeln aus dem Bilde herabsah, einst kaum als seinesgleichen anerkennen wollte. An dem Mittelpfeiler der nach dem Garten gehenden Langseite des Saales war ein Altar errichtet, den eine rote Decke mit dem Zeichen des eisernen Kreuzes bekleidete. Vor diesem Altar stand die Geistlichkeit im Ornat. In der Mitte der Hof- und Garnisonsprediger Rogge, um ihn her die Divisionsprediger Abel und Richter, der Oberpfarrer für die Lazarette der dritten Armee, Rettich, der Konsistorialrat Lehmann, der Konsistorialrat Reitzenstein und der Divisionspfarrer Hosemann. Unmittelbar neben dem Altar stand die Regimentsmusik der Königsgrenadiere, des siebenundvierzigsten und achtundfünfzigsten Infanterieregiments, sowie ein aus den Mannschaften derselben Regimenter gebildeter Sängerchor. Rechts und links von dem Mai waren die Truppen aufgestellt, welche die Fahnen nach Versailles begleitet hatten. Auf der anderen Langseite des Saales standen die Offiziere, so jedoch, daß ein weiter Raum unmittelbar dem Altar gegenüber frei blieb. An der schmalen Seite des Saales, dem Eingang gegenüber, war eine Estrade errichtet, auf welcher die Fahnenträger mit den Fahnen standen, und sechsundfünfzig Fahnen der verschiedenen Korps entrollten sich hier, um den Kaiser zu grüßen, der sie siegreich dem Feind entgegengeführt hatte. Die Tür und die Wand hinter dieser Estrade waren mit einem großen Samtvorhang von tiefroter Farbe überzogen, und dieser bildete einen prachtvollen, malerischen Hintergrund für die aufgerollten Feld- und Ehrenzeichen der Armee. Am Fuß der Estrade sowie an den Eingängen zur Galerie hielten Gardedukorps mit gezogenem Pallasch Wache. Vor der linken Seite der Aufstellung der Offiziere hatte der Bundeskanzler Graf Bismarck, welcher an diesem Tage zum Generalleutnant ernannt war, seinen Platz genommen. Er trug nicht wie sonst den weißen Waffenrock des siebenten Magdeburgischen Kürassierregiments mit dem gelben Kragen, sondern die große Generalleutnantsuniform mit dem Orangeband des Schwarzen Adlerordens und dazu die sonst bei dieser Uniform nicht gebräuchlichen hohen Reiterstiefel. Der Graf blickte ernst, aber stolzen und leuchtenden Blickes über diese Versammlung hin, welche das herrliche Endziel seiner jahrelangen mühe- und sorgenvollen Arbeiten bildete. Neben ihm stand der Minister des königlichen Hauses Freiherr von Schleinitz. Rechts standen der Staatsminister Delbrück, der wirkliche Geheime Legationsrat Abelen, dann der General Moltke und die übrigen anwesenden Generale mit dem englischen Militärbevollmächtigten General Walker, dem russischen Militärbevollmächtigten von Gurn und dem englischen Abgesandten im Hauptquartier Odo Russel. Während diese ganze Versammlung sich in leise flüsterndem Ton unterhielt und die Blicke der sämtlichen von den Truppen hierher kommandierten Offiziere sich mit dem höchsten Interesse auf die charakteristischen Persönlichkeiten des Bundeskanzlers und des Generals von Moltke sowie auf die übrigen hervorragenderen Generale des Hauptquartiers richteten, war der Kronprinz in Begleitung seiner Adjutanten und seines Generalstabschefs, des Generalleutnants von Blumenthal, herangefahren. Vor dem Wagen des Kronprinzen ritten die zum Hauptquartier kommandierten Feldgendarmen – Preußen, Bayern, Württemberger und Badenser – und ein Zug vom zweiten schlesischen Dragonerregiment Nummer acht. Der Kronprinz fuhr an dem östlichen Eingang an dem escalier des Princes an, vor welchem auf dem Schloßhof eine Kompagnie des Königs-Grenadierregiments mit der Fahne als Ehrenwache aufgestellt war. Hier befanden sich bereits die Prinzen Karl und Adalbert von Preußen, der letztere in der großen Admiralsuniform, der Kronprinz von Sachsen, die Großherzoge von Weimar und Oldenburg, die Herzoge von Koburg, Meiningen und Altenburg, der Fürst von Schwarzburg-Rudolstadt, die Prinzen Luitpold, Otto und Leopold von Bayern, der Prinz Georg von Sachsen, die Prinzen Wilhelm und August von Württemberg, der Herzog Eugen von Württemberg und sein Sohn gleichen Namens, der Erbprinz von Hohenzollern, der Landgraf von Hessen, der Herzog von Augustenburg, die Fürsten von Wied, von Putbus, von Lynar und von Pleß, die Prinzen von Reuß, Croy und Biron von Kurland; auch der Bundeskanzler, der Minister von Schleinitz und die Generale hatten bei der Ankunft des Kronprinzen sich hierher begeben, während im Saal der Major Dresow bei der Fahnenaufstellung und die Hofmarschälle und der Kommandant von Versailles, General von Voigts-Rheetz, unter den übrigen Versammelten für die Aufrechterhaltung der vorgeschriebenen Ordnung der Zeremonie Sorge trugen. Punkt zwölf Uhr fuhr der König an der Treppe der Prinzen vor, schritt die Front der Ehrenwache ab und begab sich dann mit den Prinzen, Fürsten, Generalen und Ministern in die Chambres de la Reine , welche an die große Spiegelgalerie anstoßen. Der König begrüßte die Fürsten einzeln mit freundlicher Herzlichkeit, ohne jedoch eine Unterhaltung zu beginnen, nur dem Erbgroßherzog von Mecklenburg-Schwerin drückte er sein inniges Bedauern aus, dessen Vater hier zu vermissen, der in rühmlichster Tätigkeit auf seinem militärischen Kommando abwesend war. Vor dem Prinzen Leopold von Bayern, einem jungen blühenden Mann in der Hauptmannsuniform der Artillerie, blieb der König stehen, und indem er leicht mit der Hand auf das Ritterkreuz des Militär-Max-Joseph-Ordens deutete, das der Prinz auf seiner Brust trug, sagte er mit dem Ausdruck innigen Wohlwollens: »Ich wünsche Eurer königlichen Hoheit von Herzen Glück zu dieser Dekoration, wozu ich noch keine Gelegenheit fand. Sie sind seit langer Zeit der erste königliche Prinz, der sich diesen Orden erwarb, bei dem kein Rang und Stand, sondern nur das Verdienst gilt. Ich weiß, was es heißt,« sagte er, »die erste militärische Auszeichnung zu erhalten, es ist zwar schon lange her, aber ich werde jene Zeit niemals vergessen.« Sein Blick streifte herab über die auf seiner Brust hängenden Zeichen des eisernen Kreuzes und des russischen Georgenordens, und einige Sekunden schien sein Geist sich in ernst-wehmütige Erinnerungen zu tauchen. Dann schüttelte er noch einmal dem jungen Prinzen kräftig die Hand, der ganz strahlend und glücklich dastand, und wandte sich zu dem nächsten der Fürsten. Bald erschien der Hofmarschall Graf Pückler in der großen Generalleutnantsuniform und meldete Seiner Majestät, daß alles zum Beginn der Feier bereit sei. Unter Vortritt der Hofmarschälle Grafen Pückler und Perponcher begab sich der König in den Spiegelsaal, während der Kronprinz, die Fürsten, Minister und Generale ihm folgten. Mit einem raschen Blick umfaßte der König die ganze Versammlung und schritt dann zu dem leeren Raum dem Altar gegenüber. Die Fürsten stellten sich um ihn her, die Minister und Generale begaben sich an ihre Plätze. Beim Eintritt des Königs begann der Sängerchor das Lied »Jauchzet dem Herrn alle Welt« zu singen, und es war wohl kein Herz in dieser großen Versammlung, in welchem die Töne dieses Lob- und Jubelliedes nicht mächtigen Widerhall gefunden hätten. Als die Töne des Liedes verklungen waren, trat der Kronprinz einen Schritt vor und kommandierte mit lauter, weithin durch den großen Saal schallender Stimme: »Helm ab zum Gebet!« Unmittelbar darauf begann der Gottesdienst mit dem Liede der Gemeinde – einer Gemeinde, wie sie wohl selten auf Erden wieder sich zu gemeinsamer Andacht versammeln möchte – »Sei Lob und Ehr' dem höchsten Gott.« Nach Beendigung des Liedes hielt der Divisionsprediger Rogge seine Rede über den einundzwanzigsten Psalm und wies in kräftigen Worten darauf hin, daß hier in diesem Saal für jeden; der Gottes Fügungen in der Geschichte verfolge, von allen Wänden das flammende Mene Tekel in deutlichen Zeichen rede. Hier hätten die Könige Frankreichs in hochmütiger Selbstvergötterung residiert und manche Pläne zur Erniedrigung Deutschlands gefaßt, und hier in diesem Saale vollziehe sich jetzt in dieser großen Stunde, die alle Schmach sühne, welche hier ersonnen und von hier ausgegangen sei, die Wiedergeburt des deutschen Reiches, und der neue Kaiser des deutschen Vaterlandes habe in dem einfachen schwarzen Kreuzeszeichen, das diesen Altar ziere, seine Überzeugung von der ewigen Wahrheit ausgedrückt, welche in dem Worte liege, das hier fast unwillkürlich aus allen Herzen aufsteige: »Gott in der Höhe allein die Ehre.« Ein kurzes, kräftiges Gebet folgte dieser schlichten und ergreifenden Rede und dann erklang, von dem Musik- und Sängerchor intoniert und von allen Anwesenden begeistert mitgesungen, das alte herrliche Lied Martin Ringhardts: »Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen.« Nachdem der Gottesdienst beendet war, stand der König noch einige Augenblicke mit gefalteten Händen stumm da. Dann blickte er nach den aufgestellten Fahnen hinüber und begab sich, von den Fürsten gefolgt, zu der Estrade an der schmalen Seite des Saales. Vor der Estrade blieb er stehen und befahl den Fahnenträgern – was auf dem schmalen Raum nicht ganz leicht war – ganz zurück an die Wand zu treten, um die Estrade so viel als möglich freizumachen. Dann wandte er sich zu dem Großherzog von Baden und ersuchte denselben, auf die Estrade zu treten. Als der Großherzog einen Augenblick zögerte, wiederholte der König seine Bitte in bestimmter Weise und ersuchte darauf auch die sämtlichen übrigen deutschen Fürsten, auf die Estrade zu steigen. Als dies geschehen war, stieg er ebenfalls mit dem Kronprinzen und den Prinzen Karl und Adalbert auf die Erhöhung. Hier wandte er sich noch einmal zu den Fahnen zurück und rief die Fahnenträger der drei Fahnen des ersten Garderegiments zu Fuß, der Fahne des Garde-Landwehrbataillons und der drei Fahnen seines Grenadierregiments heran. »Mit diesen drei Truppenteilen«, sagte er zu den umstehenden Fürsten, »habe ich schon seit den Jahren 1807, 1816 und 1817 in unmittelbarer Beziehung gestanden, diese Fahnen sollen deshalb auch heute unmittelbar neben mir stehen.« Dann sprach er mit lauter, kräftiger Stimme: »Durchlauchtigste Fürsten und Bundesgenossen! In Gemeinschaft mit der Gesamtheit der deutschen Fürsten und freien Städte haben Sie sich der von des Königs von Bayern Majestät an mich gerichteten Aufforderung angeschlossen, mit Wiederherstellung des deutschen Reiches die deutsche Kaiserwürde für mich und meine Nachfolger an die Krone Preußen zu übernehmen. Ich habe Ihnen, durchlauchtigste Fürsten, und meinen anderen hohen Bundesgenossen bereits schriftlich meinen Dank für das mir kundgegebene Vertrauen und meinen Entschluß ausgesprochen, Ihrer Aufforderung Folge zu leisten. Diesen Entschluß habe ich gefaßt in der Hoffnung, daß es mir unter Gottes Beistand gelingen werde, die mit der kaiserlichen Würde verbundenen Pflichten zum Segen Deutschlands zu erfüllen. Dem deutschen Volke gebe ich meinen Entschluß durch eine heute von mir erlassene Proklamation kund, zu deren Verlesung ich meinen Kanzler auffordere.« Unmittelbar darauf trat der Bundeskanzler Graf Bismarck an die Estrade heran, erhob mit der linken Hand das hoch bedeutungsvolle historische Dokument, durch welches das große Ereignis dieses Tages dem deutschen Volk kundgegeben wurde, und verlas, indem er zugleich seinen Helm am Riemen mit dem Papier in der Hand hielt, mit lauter, den ganzen Saal metallisch durchklingender Stimme die Kaiserproklamation, diese frohe Botschaft des neugeeinten, großen und mächtigen Deutschlands. Er schwieg und trat, gegen den Kaiser sich tief verneigend, zurück. Einen Augenblick herrschte lautlose Stille in dem weiten, dichtgefüllten Raum. Dann trat der Großherzog von Baden an den Rand der Estrade vor, schwang den Helm hoch empor und rief mit einer vor Rührung und Begeisterung zitternden Stimme: »Seine Majestät der König Wilhelm, der Kaiser von Deutschland, lebe hoch!« Da brach die jubelnde Begeisterung von allen Seiten aus, alle Hände reckten sich empor, alle Helme hoben sich in die Luft, die Waffen rasselten, und donnernd und brausend schallte es von den Wänden und Wölbungen des Saales wieder: »Es lebe der König Wilhelm, der deutsche Kaiser!« Kein Stolz, keine selbstbewußte Erhebung zeigte sich auf dem Gesicht des Königs. Mit ernstem, fast demütigem Ausdruck richtete er die Augen aufwärts und neigte sich dann dankend für den jubelnden Gruß, darauf umarmte er den Kronprinzen und hielt ihn lange und innig gegen seine Brust gedrückt. Ebenso umarmte er seinen Bruder und die verwandten Fürsten und trat dann von der Estrade herab, um, abermals gefolgt von den Fürsten, Ministern und Generalen, langsam die freie Mitte des Saales durchschreitend, durch eine dichte Reihe von Trägern des eisernen Kreuzes sich zum Ausgang zu begeben. In der Salle de la paix begrüßten ihn die frischen, kräftigen Klänge des Hohenfriedberger Marsches, unter denen der große Friedrich einst die preußischen Fahnen zum Siege geführt, und während der König vorüberschritt, gingen diese Töne in das »Heil dir im Siegerkranz« über, mit welchem die Armee und das Volk von Preußen seinen Herrscher bei allen großen Gelegenheiten begrüßt und welches auch heute an diesem herrlichen kaiserlichen Ehrentage seinen Platz in der Feier haben mußte. Ernst und bewegt verabschiedete sich der König kurz von den ihn begleitenden Fürsten und Prinzen, stieg schnell in seinen Wagen und fuhr nach der Präfektur zurück. Eine Stunde später trat der Geheime Hofrat Schneider in das Kabinett des Königs. »Eure Majestät haben befohlen,« sagte der Geheime Hofrat. Der König, welcher wieder den bequemen Uniformüberrock angelegt hatte, fragte halb ernst, halb lächelnd: »Nun, Schneider, was sagen Sie?« »Ich sage, Majestät,« erwiderte der Hofrat, auf dessen Gesicht eine außergewöhnliche Bewegung sichtbar war, – »ich sage, daß ich sehr glücklich und Gott dankbar bin, daß es mir vergönnt war, den heutigen Tag zu erleben und mitzuleben. Eine solche Versammlung, wie die heutige, und eine solche Proklamation tut meinem alten Herzen wohl; – den Kaiser zu sehen in der Mitte einer Vertretung aller Korps der Armee, den Kanzler in der Generalleutnantsuniform, das ist eine Art von Parlamentarismus, den ich verstehe, dabei gibt es keine Abstimmung, keine Majoritäten, alles ist Ordnung und Pünktlichkeit.« »Glauben Sie,« fragte der König immer lächelnd, »daß Preußen aufhören wird, weil sein König deutscher Kaiser geworden ist?« »Nein, Majestät,« rief der Hofrat, »das glaube ich nicht – das glaube ich nun gewiß nicht mehr. Ich hoffe, daß die gute alte preußische Art lebendig und kräftig das Deutsche Reich durchdringen wird, wie der brandenburgische Geist das Königreich Preußen groß gemacht hat.« »Das glaube ich auch,« sagte der König ernst, »das weiß ich – dazu wird Gott seinen Segen geben – wenn das neue Kaisertum im rechten Geist gehandhabt wird, wenn die Rechte der Fürsten und der Stämme geachtet werden, wenn die Kaiser immer die Führer Deutschlands bleiben und niemals seine Herren werden wollen. Haben Sie wohl bemerkt?« sagte er dann – »sie hatten eine Estrade errichtet, um mich unter den übrigen zu erhöhen – sie hatten ein Haut-pas errichten wollen dem Altar gegenüber – aber das hatte ich verboten. Da haben sie nun die Fahnen auf die Estrade gestellt, weil sie wohl wußten, wo meine Fahnen sind, da gehe ich auch hin – ich habe das wohl gemerkt – aber ich habe alle Fürsten vor mir auf die Estrade steigen lassen – ich will wohl der Erste unter ihnen sein, aber mich nicht über sie stellen – so werden sie hoffentlich alle Vertrauen und Liebe zu mir gewinnen und behalten!« »Ich habe nur den einen Wunsch, Majestät,« sagte der Hofrat, – »daß das ganze Deutschland diese Worte seines Kaisers hören könnte.« »Worte sind nichts, Schneider,« sagte der König, »ich hoffe, sie werden aus meinen Taten meinen Sinn erkennen.« »Die Welt ist schon lange gewöhnt, Majestät,« erwiderte der Geheime Hofrat, »daß Preußen in Taten spricht, – und wenn sie auch oft schwerhörig sich anstellte, – schließlich hat sie doch immer verstehen müssen.« »Der alte Abt von Lehnin hat doch recht gehabt,« sagte der König sinnend, – »Sie sprachen neulich von seiner Prophezeiung, – denken Sie, daß ich heute morgen den Befehl unterzeichnet habe, dem Kloster Lehnin ein neues Dach zu geben!« »Priscaque Lehnini Surgent et tecta Chorini.« »Wunderbar merkwürdig!« rief der Geheime Hofrat betroffen, – dann zuckte ein feines Lächeln um seine Lippen, und er sprach, indem er mit den Augen blinzelnd zum König emporblickte: Der alte geistliche Herr hat recht gehabt, – ich weiß aber jemand, der auch recht hat und sich heute die Hände reibt!« »Und das ist?« fragte der König. »Wilhelm Schultze, Majestät,« erwiderte der Hofrat, – »der alte ehrliche Wilhelm Schultze, den sie mir jetzt zum Kutschke modernisieren, – er hat glänzend Recht behalten, – denn, Majestät, – ihren Soufflet haben sie bekommen, ›Na – und feste‹!« Der König lachte herzlich. Der Flügeladjutant meldete Seine Königliche Hoheit den Kronprinzen. Rasch trat der Sieger von Wörth, der fürstliche Feldmarschall, ein und eilte in die weitgeöffneten Arme seines Vaters, während der Geheime Hofrat still und leise das Zimmer verließ. Sechsundzwanzigstes Kapitel Raoul Rigault war am Abend, an welchem die Kaiserin Eugenie das Schloß der Tuilerien, diese Stätte so vielen Glückes und Glanzes und so vieler Tränen und herzzerschneidenden Jammers, verlassen hatte, mit der Marchesa Pallanzoni nach ihrer Wohnung an dem Platz der Kirche St. Augustin gefahren. Die junge Frau hatte ihm bei dem Aussteigen aus dem Kupee ihren Arm gereicht, und er hatte sie schweigend die Treppe hinauf nach ihrer Wohnung geführt. Die Lakaien und der Kammerdiener waren aus dem Vorzimmer verschwunden, – eine Kammerfrau in mittleren Jahren, von einfacher Erscheinung, aber mit einem Gesichtsausdruck, der auf ein in allen Regionen der Gesellschaft vielbewegtes Leben schließen ließ, öffnete die Tür des Vorzimmers und musterte mit einem forschenden und verwunderten Blick diesen ihr unbekannten jungen Mann, dessen zweifelhafte Eleganz so wenig zu der Haltung und Erscheinung der gewöhnlichen Besuche ihrer Herrin paßte. Raoul Rigault nickte ihr, ohne durch diesen Blick beirrt zu werden, sein Monokle ins Auge werfend, mit einer herablassenden Gönnermiene zu und folgte der Marchesa in den Salon, in welchem zwar nicht mehr jener Reichtum höchster und vornehmster Eleganz herrschte wie zur Zeit, als der Leutnant von Wendenstein hier im Rausch betäubenden Entzückens alles um sich her vergaß, – der aber doch wieder mit so vielen Gegenständen des Luxus und Komforts ausgestattet war, daß der an die Höhen des Lebens nicht gewöhnte Agitator der Vorstadtdemokratie nur mit Mühe seine Verwunderung über so viel Reiz und Behaglichkeit unterdrückte und den Ausdruck gleichgültiger Blasiertheit auf seinem Gesicht festhielt. Die Marchesa zog sich einen Augenblick in ihr Boudoir zurück, um Hut und Mantel abzulegen, – dann kehrte sie, nur um so viel schöner in einem einfachen Kostüm von violetter Seide, das die zarten Farben ihres Gesichtes noch reizender hervorhob, zurück und sagte, indem sie sich auf einen kleinen Lehnstuhl im Licht einer mit rosenrotem Schleier überhängten Lampe niederließ: »Ich danke Ihnen, mein Herr, daß Sie die Güte gehabt haben, mich aus einer so peinlichen Situation zu befreien und hierher in Sicherheit zu bringen, – Sie haben mir dadurch einen wahren Freundschaftsdienst erwiesen,« fügte sie mit einem reizenden Lächeln und einem bezaubernden Augenaufschlag hinzu, – »den ich stets als solchen anerkennen und bei jeder Gelegenheit erwidern werde.« Raoul Rigault sah einen Augenblick voll Bewunderung diese so wunderbar schöne Frau an, die so weit von den weiblichen Erscheinungen abstach, an die er gewöhnt war, und erwiderte dann, indem er sich ihr gegenübersetzte, in einem Ton, der ernster war als seine gewöhnliche Ausdrucksweise und aus dem selbst eine gewisse Befangenheit hervorklang: »Der Dienst, Madame, Sie von jenen albernen Toren befreit zu haben, welche den schlechten Geschmack hatten, eine so reizende Blüte frischer Schönheit mit jener welkenden Kokette zu verwechseln, die man bis jetzt die Kaiserin von Frankreich nannte, – dieser Dienst ist klein und unbedeutend; – aber, Madame,« fuhr er fort, indem er sein Monokle fallen ließ und sie mit seinen großen hervorstehenden Augen starr ansah, – »ich habe Ihnen ein größeres Opfer gebracht, – ein Opfer, das Sie kennen, – und das Sie anerkennen müssen.« »Ein Opfer?« fragte die Marchesa, indem sie ihn immer lächelnd und fragend ansah, – »und welches?« »Ich habe Ihnen das Opfer gebracht, Madame,« fuhr Raoul Rigault mit sich steigernder Sicherheit fort, – »Diejenige, mit welcher man Sie verwechselte und welche Sie erkannt haben, wie ich sie erkannte, entfliehen zu lassen. – Ich habe damit keine persönliche Rache geopfert,« sagte er in gleichgültigem Ton, – »ich verachte diese ganze Bagage zu sehr, welche die Prätensionen der Monarchie hat und in ihrer Tyrannei nicht einmal großartig ist wie die alten Könige, – aber ich habe einen schnelleren Fortschritt der Demokratie geopfert, – denn wenn man die Kaiserin ergriffen hätte, so wäre ein Ausbruch des demokratischen Volksgefühles erfolgt, – es hätte einen Prozeß gegeben, – eine Hinrichtung, – dafür hätte ich gesorgt –« schaltete er mit einem kalten, entsetzlichen Lächeln ein, welches in seiner zynischen Ruhe so furchtbar war, daß es das Blut der Marchesa erstarren machte, – »und dann wären jene traurigen Männer des Geschwätzes und der Halbheiten, jene elenden Regenten der verkommenen Bourgeoisie in einem Augenblick hinweggefegt, – statt daß wir sie jetzt langsam sich aufreiben lassen müssen, – eine Entwicklung, die zwar ebenso zum Ziel führt, – aber doch noch möglicherweise durch irgendein unerwartetes Ereignis unterbrochen und gehemmt werden kann. Sie sehen also, Madame,« sagte er, mit einem glühenden Blick über ihre in den Lehnstuhl zurückgebeugte Gestalt, – »Sie sehen, daß ich Ihnen und Ihrer Bitte für die Kaiserin, – einer Laune, die ich nicht verstehe, – einen glänzenden und schnellen Sieg geopfert habe, einen Sieg des Prinzips der roten Republik, welche, nachdem sie den goldblonden Kopf dieser Kaiserin genommen hätte, alles andere vergiftete Blut der Gesellschaft in vollen Strömen weggegossen haben würde, – und für diesen Sieg, den ich Ihnen widerstandslos geopfert, verlange ich einen anderen schnellen und widerstandslosen Sieg!« Die Marchesa erbebte bei diesen Worten, welche mit dem rauhen Ton einer wilden, unversöhnlichen Entschlossenheit gesprochen waren, – aber sie unterdrückte diese Empfindung und fragte mit einem verwunderten Blick voll naiver Koketterie: »Und zu welchem Siege könnte ich Ihnen helfen, mein Herr, – Ihnen, – der auf so große Siege mit so stolzer Sicherheit rechnet,« fügte sie mit einem Anklang leichter Ironie dazu. »Zu dem Siege, Madame,« rief Raoul Rigault, indem er schnell aufstehend mit geröteten Wangen und blitzenden Augen vor sie hintrat, – »zu dem Siege über diese Schönheit, – über diese Reize, die sich vor mir entfalten, – über den Stolz, welcher über diesem Reiz thront und bis jetzt glaubte, mich zurückweisen zu dürfen!« »Und wenn ich,« fragte die Marchesa, indem sie unwillkürlich das Auge niederschlug und mit Mühe den leichten Ton heiterer Konversation festhielt, – »wenn ich nun nicht geneigt wäre, so schnellem, widerstandslosem Siege die Palme zu reichen? – wenn ich –« »Dann, Madame,« fiel Raoul Rigault kalt und schneidend ein, »bitte ich Sie, sich zu erinnern, daß diejenige, welche ich auf Ihre Bitte entfliehen ließ, noch nicht weit von Paris ist, daß es ein Leichtes ist, die Geister der Rache auf ihre Fährte zu senden und ihr das Schicksal zu bereiten, das Marie Antoinette in Varennes ereilte, – mehr noch,« fuhr er, die Arme kreuzend, fort, indem er sie so scharf und durchbohrend ansah, daß sie, wie gebannt von diesem Blick, die Augen zu ihm emporhob, – »ein Wort von mir würde genügen, um dem Volk von Paris zu sagen, daß eine gewisse schöne und elegante Dame, indem sie einen Augenblick den Verdacht auf sich ablenkte, die Flucht der Kaiserin unterstützt und gedeckt habe, – der brüllende Schrei des Volkes, – des Volkes von Belleville, Madame, und von St. Antoine, würde die Mitverschworene der Kaiserin als Opfer fordern, – und glauben Sie, Madame, daß die Herren Trochu und Jules Favre dem brüllenden Volke sein Opfer verweigern würden, – wäre dies Opfer auch die so schöne und so anmutige Marchesa Pallanzoni?« Die junge Frau sank in sich zusammen, und angstvoll bittend sah sie zu dem jungen Menschen empor, der ihr bis jetzt so fade und unbedeutend erschienen war und der plötzlich vor ihr stand wie ein Dämon der Tiefe, der, von den Flammen des Abgrundes umlodert, ihr die Gesetze des Siegers vorschrieb. Raoul Rigault weidete sich einen Augenblick an der niederschmetternden Wirkung seiner Worte, – dann verschwand der Ausdruck kalten, grausamen Hohnes von seinem Gesicht, und in seinem gewöhnlichen Ton sprach er: »Doch das wird nicht geschehen, Madame, – diese Schönheit und dieser Reiz werden nicht vernichtet werden, – Sie haben zu viel Geist, um das zu wollen, – ich gehöre,« fuhr er, selbstzufrieden lächelnd, fort, – »ein wenig zu jener Macht, welche die Gläubigen die Hölle nennen, und Sie wissen, daß man, um die Dienste dieser Macht zu gewinnen, sich selbst und seine Seele als Preis geben muß, daß dann aber auch die höllischen Geister sehr gute und sehr treue Dienste leisten. – Und dann, Madame,« sagte er, einen Stuhl neben sie heranziehend und ihre Hand ergreifend, die sie ihm widerstandslos überließ, – »dann aber auch ist es unmöglich, daß wir uns nicht verstehen sollten, – ich kenne Sie, – ich habe Sie beobachtet, mich täuscht der äußere Schein nicht; – obgleich Sie wie ein schimmernder Schmetterling über der Gesellschaft schwebten, deren schnelle Auflösung jetzt beginnt, während ich in der dunklen Tiefe ihre absterbenden Wurzeln zerstörte, – dennoch gehören wir beide nicht zu jener Gesellschaft, welche Sie auszubeuten verstanden, während ich an ihrer Vernichtung arbeitete, – diese Gesellschaft war Ihre Feindin wie die meinige, und wir gehören zusammen; gemeinsam wollen wir uns freuen an dem Einsturz dieses so stolzen und so schimmernden Gebäudes, dessen Pforten uns von jämmerlichen Zwergen, die nicht an uns heranreichen, verschlossen wurden. Sie waren das Spielzeug elender Schwächlinge, – an meiner Hand werden Sie hoch über der in Blut und Flammen versinkenden Gesellschaft dastehen, – eine Königin der Vernichtung, – eine Göttin der Rache und des Schreckens!« Er drückte seine Lippen in glühendem Kuß auf ihre Hand, und die Marchesa fühlte sich wundersam durchschauert von einem fast zur Bewunderung gesteigerten Gefühl der Furcht und des Entsetzens. Auch empfand sie die Verwandtschaft des Hasses gegen die Gesellschaft, welche sie mit diesem Mann verband, der sich plötzlich in so drohender Höhe vor ihr aufrichtete, und unterjocht unter diesen unbeugsamen Willen, verwirrt und bewegt, wie sie es seit langem nicht gewesen war, lehnte sie ihren Kopf an die Schulter Raoul Rigaults, der sie schnell in seine Arme schloß und ihren Mund mit heißen Küssen bedeckte. »So ist unser Bund geschlossen,« sagte er dann, – »und um so eifriger werde ich daran arbeiten, in diesen schönen Augen die Flammen der Tyrannenpaläste wiederleuchten zu lassen und auf einen Wink dieser zarten Hand die Köpfe der früheren Herren aller Lebensgenüsse zu den Füßen meiner Freundin hinzurollen. »Doch,« sagte er dann, »man lebt nicht von der Liebe, und die Zeit meiner Herrschaft über die Schätze des Genusses ist noch nicht da, – du hattest den alten Marquis von Liancourt, der für die Ausgaben sorgte, – er ist aus Paris geflohen, sein Instinkt sagte ihm, daß seine Welt hier zu Ende sei –« »Er ist nicht fortgegangen,« sagte die Marchesa in einem Ton, welcher der zynischen Weise Raoul Rigaults abgelauscht zu sein schien, »ohne zu hinterlassen, was ich für eine längere Zeit bedarf, – doch fand er es für besser, mich nicht mitzunehmen; – wenn –« Raoul Rigault ließ sie nicht ausreden, mit einer stolz abwehrenden Handbewegung sagte er: »Ich bedarf nichts – und wünsche nur, dein Herr zu sein, – dein Herr, den du liebst, weil du zu ihm aufblickst.« Die Marchesa erhob sich und trug ihrer Kammerfrau die Sorge für das Souper auf. Bald war ein kleiner Tisch mit einigen kalten Delikatessen bedeckt, dunkler Bordeauxwein und goldgelber Madeira schimmerten aus geschliffenen Kristallkaraffen, und die Marchesa setzte sich mit dem jungen Agitator der roten Republik, mit diesem Stutzer der Kneipen und Vorstädte, zu dem Mahl nieder, das für ihn einen um so berauschenderen Reiz hatte durch die Neuheit aller ihm bisher unbekannten Genüsse, – in demselben Boudoir, in welchem einst der Leutnant von Wendenstein über das zerbrochene Bild Helenens hin zu den Füßen des alle seine Sinne bestrickenden und beherrschenden Weibes niedergestürzt war. * Am anderen Morgen war Herr Charles Lenoir bei der Marchesa erschienen. »Nun,« sagte er, indem er sich in seiner gewohnten plumpen Weise auf einen Sessel im Salon der jungen Frau warf, welche in einem weiten weißen Negligéüberrock träumerischen Blickes auf ihrem Ruhebett ausgestreckt lag, – »nun, meine liebe Toni, – ich sehe mit Vergnügen, daß du dir Mühe gibst, den guten Rat zu befolgen, den ich dir erteile. Du bist damals, wie ich es dir empfahl, zu der Soiree von Mademoiselle Cora gegangen, – und hast es nicht zu bereuen gehabt, – der alte Marquis, den du dort gefunden und an die Kette deiner ewig frischen Reize geschmiedet, hat deinen Salon wieder ganz hübsch ausgestattet, und wenn er auch nicht solche Goldquellen öffnen konnte, wie vormals der Herr Graf von Rivero, so haben wir doch keinen Mangel gelitten, und er nahm wenigstens nicht jenen salomonischen Ton an, den der Herr Graf so liebte und der für ein empfindliches Gefühl unerträglich war. – Und nun hast du auch den zweiten Rat, den ich dir damals gab,« fuhr er mit einem stechenden Seitenblick fort, – »vortrefflich befolgt, – freilich ohne mit mir noch einmal darüber zu sprechen, – was nicht hübsch und nicht klug von dir war, – ich hätte dir das besser arrangiert – indes, es ist immer anerkennenswert, daß du meine Vorschläge annimmst, – ich habe mit Vergnügen erfahren,« sagte er, sie starr ansehend, »daß Raoul Rigault gestern in deinem Kupee mit dir nach Hause gekommen ist. Die junge Frau hatte fortwährend, anscheinend nur mit ihren Gedanken beschäftigt, dagelegen und schien Herrn Lenoir wenig Aufmerksamkeit zu schenken. Bei seinen letzten Worten richtete sie langsam den Kopf auf und sah ihn aus ihren großen, etwas matt glänzenden Augen mit einer fast höhnischen Überlegenheit an. »Herr Raoul Rigault ist gestern mit mir nach Hause gekommen,« sagte sie ruhig und gleichgültig, – »Sie sind recht berichtet, – oder haben gut beobachtet.« »Und er ist vor einer Stunde wieder fortgegangen?« fragte Herr Lenoir. Die Marchesa antwortete nicht. »Gut, gut,« sagte er weiter, – »das ist gleichgültig, – oder vielmehr, das ist vortrefflich, – denn wir werden jetzt schnell weiterkommen auf der Bahn, welche zur Herrschaft der Herren von der Internationale führt, und dieser kleine Rigault wird eine große Rolle spielen, – durch ihn – –« Er sann einen Augenblick nach, während die Marchesa, ohne den Kopf nach ihm zu wenden, ihn scharf beobachtete. »Doch,« sagte er dann, – »meine Mittel sind erschöpft, – ich weiß, daß der Herr Marquis deine Kassen gefüllt hat, – ich bin bescheiden, – wir müssen haushalten, denn man kann nicht wissen, was kommt –« Die Marchesa war schnell aufgestanden und trat vor ihn hin. »Ich muß Ihnen allerdings raten, mein Herr, sehr bescheiden zu sein,« sagte sie in hochmütigem Ton, – »in jeder Weise bescheiden zu sein, – ich muß, wie Sie ganz richtig bemerkten, mit meinen Mitteln haushalten und habe in der Tat keinen Grund, dieselben zu Ihren Gunsten einzuschränken.« Er sah sie groß an. »Welche Sprache?« rief er, – »du vergißt –« »Ich vergesse durchaus nicht,« erwiderte sie, – »daß Sie mir einige Dienste geleistet haben, die ich zwar sehr großmütig bezahlt habe, – um derentwillen ich aber dennoch Sie auch jetzt nicht der Not preisgeben will –« »Oho,« rief er aufspringend, – »ist es so gemeint, – ist das der Lohn für meine stete Bereitwilligkeit, Ihnen zu dienen, – Ihnen, die ich vernichten kann –« »Vor allem verbiete ich Ihnen diesen Ton, mein Herr,« rief sie mit der Miene einer Königin, die einen ihrer Diener zurechtweist, – »Sie sind weder in der Lage, mir fernere Dienste zu leisten, – noch mich zu vernichten, – wie Sie sich auszudrücken belieben, – die Welt, in welcher Sie mir hätten schaden können, existiert nicht mehr, und ich zweifle sehr, daß die Regierung, welche seit gestern Frankreich beherrscht, mit einem Mouchard des Kaiserreichs etwas zu tun haben möchte! Wohl aber,« fuhr sie mit schneidendem Hohn fort, »möchte ein Wort des Herrn Rigault, dessen Bekanntschaft zu kultivieren Sie mir angeraten haben und der mich gewiß gern von lästigen und zudringlichen Personen befreit, genügen, um den Agenten der kaiserlichen geheimen Polizei, Herrn Charles Lenoir, dem Volk von Paris zu bezeichnen und – ich, mein Herr, würde von diesem Augenblick an sehr wenig Vertrauen zu der Sicherheit Ihres kostbaren Lebens haben.« Herr Lenoir hatte die Marchesa zuerst mit wildem Trotz und grimmigem Haß angesehen, – dann hatte er tief nachdenkend den Kopf gesenkt und die Worte derjenigen, welche einst seine Frau war, mußten ihm von einleuchtender und unwiderleglicher Wahrheit erschienen sein, denn als er den Blick wieder erhob, lag in dem Ausdruck desselben nichts als demütige Ergebenheit, – langsam nahm er den Hut, den er bis jetzt auf dem Kopf behalten, ab und sprach mit vollkommen verändertem Ton: »Sie werden mich nicht der Not überlassen, – da ich Ihnen doch stets bereitwilligst zur Verfügung gestanden habe und Ihnen niemals Böses zufügte, – obgleich ich es gekonnt hätte, – und da ich doch auch jetzt noch Ihnen – und vielleicht auch Ihren Freunden – nützlich sein könnte,« fügte er mit Betonung hinzu, – »meine Verbindungen reichen weit, – und ich bin auch heute noch in der Lage, viel zu sehen und zu erfahren.« »Sie haben es mir bewiesen,« erwiderte die Marchesa, »indem Sie so schnell und genau von dem Besuche des Herrn Rigault bei mir unterrichtet waren, – und ich will Ihnen Gelegenheit geben, es mir noch öfter zu beweisen, – wobei Sie sich nicht schlecht stehen sollen, – jetzt wünsche ich allein zu sein, – Sie werden von Zeit zu Zeit nachfragen, ob ich Ihrer Dienste bedarf.« Sie öffnete die Kassette auf ihrem Schreibtisch und reichte ihm einige Goldstücke, welche er mit demütiger Verbeugung empfing. Dann verließ er ruhig und langsam das Zimmer. »Sie ist oben, – ich bin unten,« sprach er, die Treppe hinabsteigend, indem er die empfangenen Goldstücke zählte und in seine Tasche sinken ließ, – »ich muß mich beugen, – es wird sich ja wohl neben dieser jetzt so dünn fließenden Geldquelle noch eine andere, ergiebigere öffnen lassen, – diese Tugendhelden der neuen Regierung werden sehr schnell einsehen, daß es sich in Paris nicht regieren läßt, – wenn man nicht die Fäden auswirft, um die Tiefe zu messen, – das Rad des Glückes kann sich drehen und auch mich wieder hinaufführen, – und dann, meine teure Toni, wollen wir ein wenig Abrechnung halten über diese elenden fünf Napoleons, die du mir heute so hochfahrend zugeworfen hast.« Er trat aus dem Hause und schloß sich einem Menschenschwarm an, der unter den Klängen der Marseillaise ein Bataillon der Nationalgarde begleitete, das zur Musterung vor dem General Trochu nach den Boulevards marschierte. Siebenundzwanzigstes Kapitel Die schweren Tage des Winters und der Belagerung waren über Paris hingegangen. Die Zeit der trügerischen Hoffnungen und der prahlerischen Proklamationen war verschwunden, um den Wochen der schmerzlichen Entbehrungen und bitteren Enttäuschungen Platz zu machen, während welchen den Parisern auf so harte und empfindliche Weise klar gemacht wurde, daß sie nicht unbesiegbar seien, und daß weder die in allen Teilen Frankreichs mit allerdings bewundernswerter Tatkraft ins Feld gestellten Armeen, noch die durch die Diplomatie der Verteidigungsregierung immer wieder angerufene Intervention der europäischen Mächte der ruhigen und unbeugsamen Beharrlichkeit der deutschen Heere Halt gebieten konnte. Vergebens hatte Viktor Hugo seinen Appell an das »brüderliche« deutsche Volk erschallen lassen, – vergebens hatte der General Trochu wiederholt verkündet, daß seine Ausfälle die feindlichen Linien durchbrechen würden, und daß der Gouverneur von Paris niemals kapitulieren werde. Das deutsche Volk hatte nur mit einem mitleidigen Achselzucken auf die klingenden Phrasen des in den Fieberwahnsinn politischen Deliriums versunkenen Dichters geantwortet, – die Ausfälle waren zurückgeschlagen, und unbeweglich umschloß der eiserne Gürtel der deutschen Armeen die zuckende und zitternde Riesenstadt, – endlich war der Augenblick erschienen, in welchem Jules Favre demütig und gebrochen nach Versailles hinausfuhr, um die Bedingungen des Siegers anzunehmen, welche er vor vier Monaten so stolz zurückgewiesen hatte, und welche seit jener Zeit in verhängnisvoller Weise gewachsen waren, um Frankreich an Geld und Gebiet so viel höhere Opfer aufzuerlegen. Der Gouverneur von Paris aber hatte seinen hochtönenden Proklamationen zum Trotz kapituliert und sich dann in die stille Verborgenheit zurückgezogen, nachdem er vorher seinen Plan, durch den er die Feinde sicher überwunden haben würde, hätte man seiner Ausführung keine Schwierigkeiten in den Weg gelegt, bei einem Notar in aeternam rei memoriam deponiert hatte. Doch dieser so klägliche Ausgang, in welchem die Taten den Worten so wenig entsprachen, fällt wahrlich nicht dem französischen Volk zur Last. Dies Volk hat, nachdem seine regelmäßigen Armeen, aller heldenmütigen Tapferkeit unerachtet, durch die grenzenlose Unfähigkeit und verhängnisvolle Selbstgenügsamkeit der Generale und durch des Kaisers schwankende Schwäche zertrümmert waren, Wunder an patriotischer Opferbereitschaft getan, es hat Armeen aus dem Nichts entstehen lassen, welche den sieggewohnten deutschen Heeren schweren und ernsten Widerstand entgegenstellten, – es hat mit heldenmütiger Ergebung alle Härten des Krieges bis zum äußersten ertragen und Gut und Blut nicht gescheut, um dem Feinde bis zum letzten Augenblick den Sieg streitig zu machen. Dies zu verkennen, den edlen, hochherzigen Patriotismus des französischen Volkes herabzusetzen, – wie es leider zuweilen geschieht, – das heißt die Siege Deutschlands verkleinern, – denn wo läge der Ruhm, eine verkommene und verächtliche Nation in so langem und hartem Kampf besiegt zu haben? Nein, des bereits gebrochenen und tieferschütterten Volkes letzte Anstrengung war hoch ehrenvoll und fordert Bewunderung und Achtung. Wohl hatte Kaiser Wilhelm dies richtig erkannt und anerkannt, als er am Abend der Schlacht von Sedan dem Grafen Bismarck sagte, daß nun erst der schwerste und härteste Krieg beginne, – wohl erkennen das alle deutschen Offiziere an, welche den Franzosen in der Schlacht gegenüberstanden – und auch das ganze Deutschland sollte es anerkennen in Wort und Schrift, denn nicht durch des geschlagenen Gegners Erniedrigung ehrt man die eigene Kraft. Wohl aber muß die Geschichte ihr vernichtendes Urteil aussprechen über diejenigen, welche, um in doktrinärem Eigensinn ihre Parteimeinungen zur Geltung zu bringen oder um sich persönlich zur Herrschaft zu erheben und sich in derselben zu erhalten, des Volkes edle Aufwallung benützten zur Fortsetzung eines Kampfes, dessen endliche Hoffnungslosigkeit ihnen am besten bekannt war, über diejenigen, welche Frankreich in ein Meer unnütz vergossenen Blutes stürzten, um einige Zeit länger die Diktatur in ihren Händen zu halten und um von diesen Blutwellen die letzten Bollwerke des von ihnen so gehaßten und gefürchteten Kaiserreichs hinwegspülen zu lassen, – welche endlich in der Zerrüttung aller Ordnung jenen zerstörenden, furchtbaren Elementen den Weg öffneten, die nach so vielen und langen Leiden endlich noch in ihrer Schreckensherrschaft das unglückliche Paris mit Leichen und Trümmern bedeckten. Auf sie fällt die Schmach des letzten tiefen Falles einer so hochstehenden Nation zurück, – und wenn auch heute noch Parteihaß und Parteiverblendung die Blicke trübt, – die künftige unparteiische Weltgeschichte wird über sie ihr unwiderrufliches und erbarmungsloses Urteil fällen. Die Marchesa Pallanzoni hatte die Zeit der Belagerung standhaft und mit festem, fast freudigem Mut durchgemacht. Ihre Mittel, mit denen sie klug und vorsichtig Haus hielt, setzten sie in den Stand, die Entbehrungen jener Zeit weniger zu empfinden und sogar durch manche Wohltaten, welche sie in wohlberechneter Verteilung den Armen ihrer Nachbarschaft spendete, sich eine gewisse Popularität und eine Art von persönlicher Klientel unter den unteren Klassen der Bewohner ihres Quartiers zu verschaffen, die sie in geschickter Weise zu benützen verstand. Diese so sichere und in der Beherrschung ihrer selbst und anderer geübte Frau war in jüngster Zeit völlig verwandelt. Raoul Rigault, dieser junge Mensch, welcher ja tief unter den Kreisen stand, in welchen sie sich seit langen bewegte, dessen Erscheinung und Manieren so vieles hatten, das sie abstoßend berührte, über den sie vornehm hinweggesehen und dessen Annäherung ihr als eine fast lächerliche Anmaßung erschienen war, – er hatte mehr und mehr eine imponierende Gewalt über sie gewonnen. Sie hatte die Tiefen des Lasters ermessen in ihrem dunklen und vielbewegten Leben, – und um ihr Ziel, Geld und Herrschaft, zu erringen, wäre sie vor keinem Verbrechen zurückgebebt, – sie hatte mit Menschenschicksalen und Menschenherzen gespielt, und über ihre Opfer hinweg war sie kaltblütig dahingeschritten, um immer höher zu steigen auf der Leiter zu Herrschaft und Genuß, – aber es war dies Ziel , das sie lockte, das sie erzwingen wollte dem Schicksal zum Trotz, da das Schicksal ihr versagt hatte, was sie den Begünstigten des Glückes beneidete, – es gab Augenblicke, in denen noch ein Nachhall des reinen Klanges längst vergangener Zeit durch ihre Seele hallte, – in denen sie fast ein Gefühl der Reue, der Sehnsucht nach der Unschuld ihrer Kindheit überkam, – wenn sie auch ein solches Gefühl schnell als eine Schwäche zu verscheuchen suchte. In ihr lebte etwas von der Natur des gefallenen Engels, der dem Herrn der Schöpfung in wilder Auflehnung den Krieg erklärt, der gewaltsam die versagte Frucht brechen will, – der sich aber seiner Auflehnung bewußt ist und knirschend zusammenschauert bei dem Namen des Herrn und Meisters, dem er trotzig sich entgegenstemmt, den er aber zu verleugnen in seinem Innern nicht die Kraft hat. In Raoul Rigault war keine Spur von dem gefallenen Engel, der den Himmel kennt und fürchtet, so tief er sich auch von ihm entfernen mag. Keine menschliche Religion gibt in ihrer Mythe der Hölle schöpferische Kraft, die Finsternis ist nur die Verneinung des Lichtes, – der Abgrund kann sich nur bevölkern mit den Geschöpfen des Himmels, welche in Verblendung und Trotz von ihrem Ursprung sich abwenden. Aber bei diesem jugendlichen Agitator der Revolution konnte man den Gedanken fassen, daß dem Geiste der Verneinung die Kraft gegeben sei, Gott zum Trotz Leben zu erzeugen und ein Wesen zu schaffen, das in keiner Faser mit dem Himmel zusammenhängt, dessen Element das Laster und die Zerstörung ist. Mit der Naivität eines Kindes und mit lachendem Munde sprach er seine furchtbaren Grundsätze über die Zerstörung der bestehenden Gesellschaft aus, und mit felsenharter Festigkeit zuckte er die Achseln über jede gute Regung der menschlichen Natur, und halb mit Verwunderung, halb mit beißendem Spott wies er die Marchesa zurecht, wenn zuweilen Furcht und Scheu vor dem entsetzlichen Vernichtungswerk, über welchem er sann, in ihr sich regte. Diese Frau, welche gewohnt war, durch ihre Schönheit die Männer zu beherrschen und deren Gefühle auszubeuten, – sie fand keinen Hebel ihrer Herrschaft über Raoul Rigault, denn sie fand kein Gefühl in ihm, als die rein natürliche Freude am Bösen, – wie ein Kind sich instinktiv freut an Blumen, Sonnenlicht und bunten Schmetterlingen, so freute er sich an Leiden und Schmerzen, die er sah oder verursachte. Er hatte eine wilde Leidenschaft für die Marchesa, – um so heftiger, als ein Weib wie sie ihm niemals nahegetreten war, – wenn sie aber glaubte, diese Leidenschaft als Zügel benützen zu können, um ihn zu lenken und zu leiten, so trat plötzlich eiskalter Hohn an die Stelle der glühenden Erregung, und mit verletzender Verachtung ließ er sie empfinden, daß ihre Schönheit und der Genuß, den sie ihm bieten konnte, das einzige Band sei, das ihn an sie fesselte, und daß er sie in derselben Stunde beiseite werfen würde, in welcher er anderswo höheren Genuß fände. So war diese Frau, in welcher bisher jede Fessel nur den wilden Trieb erregt hatte, sie abzustreifen, mehr und mehr unter seine despotische Herrschaft geraten, Furcht und Entsetzen durchzitterte sie oft, wenn er seinen Arm um sie geschlungen hielt und ihr von seinen Zukunftsplänen erzählte, – dann plötzlich mit eigentümlichem Leuchten seiner starren Augen ihren schönen Hals betrachtete und ihr sagte, welchen Reiz es haben müßte, diesen schlanken Hals mit einem scharfen Beil zu durchschneiden, – aber unter dieser Furcht und diesem Entsetzen klammerte sie sich immer fester an ihn an, – sie fühlte die Übermacht seiner dämonischen Kraft, und seine zynische, gleichgültige Sicherheit gab ihr oft fast das Gefühl einer tröstenden Beruhigung, indem vor derselben auch die leisen Schatten von Reue und Gewissensunruhe, welche zuweilen noch durch ihre Seele flogen, schnell verscheucht wurden. Die Belagerung war vorübergegangen, Paris war wieder geöffnet, – die Zeit der Entbehrungen hatte ihr Ende erreicht, aber an die Marchesa war damit eine neue Sorge herangetreten, denn ihre Mittel begannen zur Neige zu gehen, und jene Welt, in der sie früher gelebt, kehrte noch nicht in die ihres Glanzes und Reizes entkleidete Hauptstadt zurück, – auch würde sie nicht gewagt haben, ihre alten Verbindungen anzuknüpfen und aus ihren alten Quellen zu schöpfen, dennoch scheute sie mit instinktiver Furcht vor der Not zurück, der sie verfallen mußte, und doch hielt eine ängstliche Scheu sie zurück, mit Raoul Rigault über ihre Lage und ihre Besorgnisse zu sprechen, denn mit sicherer und triumphierender Zuversicht hatte er ihr verkündet, daß nun bald die große Ära der neuen Gesellschaft anbrechen werde, in welcher Reichtum und Genuß den bisher Darbenden und Elenden zufallen würden. So war die Mitte des März herangekommen, – die Friedenspräliminarien waren unterzeichnet, und ganz Paris atmete unter dem milden Hauch des Frühlings neu auf in der Hoffnung, daß nun die langen Leiden des verhängnisvollen Krieges endlich beendet sein würden. Raoul Rigault war seit einigen Tagen nicht in der Wohnung der Marchesa erschienen, und die junge Frau, seit so langer Zeit an den Luxus des eleganten Lebens gewöhnt, war nicht ausgegangen, – ihre Pferde waren während der Belagerung verkauft und gegessen, und eine Art von aristokratischer Empfindlichkeit gegen die Berührung der Massen hielt sie ab, sich zu Fuß und allein unter die auf den Straßen hin und her flutende Menge zu begeben. Sorge und Unruhe erfüllte sie, – das Ausbleiben ihres Geliebten ließ sie befürchten, daß er irgendeinem anderen Reiz gefolgt sei, und mit Zittern dachte sie daran, sich von dem verlassen zu sehen, auf den sie einst so hochmütig herabgeblickt hatte. Da krachten, nachdem seit der Kapitulation das Ohr sich wieder an die friedliche, sichere Ruhe gewöhnt hatte, von neuem Kanonenschüsse über die Stadt hin, Gewehrsalven ließen sich von der Gegend des Montmartre her vernehmen, – und wildes, furchtbares Geschrei gellte dazwischen, während einzelne Bataillone der Nationalgarde eiligen Schrittes durch die Straßen marschierten. Voll Angst blickte die Marchesa von ihren Fenstern hinab, doch sah sie nichts als ängstlich auf und nieder eilende Menschen, welche in der unklaren Furcht vor einer neuen unbestimmten Gefahr ihre Häuser suchten, und auch ihre Kammerfrau, welche sie aussandte, konnte ihr nichts als die widersinnigsten und widersprechendsten Gerüchte bringen. Endlich verstummte das Feuer, der Abend war herabgesunken, – allmählich begannen sich einzelne Neugierige auf die Straße zu wagen, bald aber erschienen größere und kleinere Trupps von wilden Gestalten, rote Mützen oder Lappen auf den Köpfen, – Weiber mit entblößten Schultern und fliegenden Haaren begleiteten sie, halberwachsene Kinder trugen rote Fahnen, und alle diese Haufen, welche mit trunkenen, heiseren Stimmen die Marseillaise brüllten, hatten ein so schreckliches, drohendes Aussehen, obgleich sie ruhig und ohne Exzesse durch die Straßen zogen, daß die Neugierigen bei ihrem Anblick schnell verschwanden. Die Marchesa sah diese wilden Scharen vor ihrem Fenster vorbeiziehen, beleuchtet von einzelnen vorangetragenen Fackeln und den hier und da brennenden Laternen, und ein Strahl von entsetzlicher Freude erleuchtete ihr Gesicht. Das waren ja die Kohorten, welche ihrem Geliebten gehorchten, – wenn sie jetzt im Triumphzug durch die Straßen zogen, so mußte der Augenblick gekommen sein, den er ihr lange vorher verkündet, – der Augenblick, der ihr Macht und Herrschaft bringen sollte über das Gold und das Blut der alten Gesellschaft, eine Macht und eine Herrschaft, wie sie sonst die Herrscher auf den Thronen nicht gehabt hatten, und diese furchtbaren, aus der Tiefe heraufgestiegenen Reihen drohender Gestalten mit den hohlen, erbarmungslosen Blicken, vor denen der Schrecken einherschritt, bei deren Erscheinen die Straßen und Plätze sich leerten, – das waren die Prätorianer der neuen Herrschaft, – die roten Fetzen, welche sie emporschwangen, das waren die Banner des neuen Reiches der Vernichtung, in welchem sie Königin sein sollte, wie ihr Geliebter ihr versprochen. Sie eilte vom Fenster hinweg und erleuchtete ihre Zimmer, indem sie die Kerzen auf allen Leuchtern und Kandelabern entzündete, dann ließ sie die Kristallflaschen mit feurigen Weinen des Südens füllen, eilte in ihr Schlafzimmer und kam bald zurück in einer weiten, faltigen Robe von schwarzem Samt, deren weit aufgeschlitzte Ärmel ihren weißen schlanken Arm bis zur Achsel herauf bloß ließen. Um den Kopf hatte sie ein blutrotes Tuch gewunden, und eine rote Schärpe fiel von ihrer Schulter bis unter die Hüfte herab. Als sie vor den Spiegel trat und im Schimmer des zitternden Kerzenlichtes ihre Gestalt erblickte, die schlanken, zarten Formen von den weiten Falten des Gewandes umwallt, – die in wildem, triumphierendem Stolz funkelnden Augen hervorleuchtend aus dem bleichen, von leiser Röte überhauchten Gesicht, das purpurrote Tuch wie eine königliche Binde um das glänzende Haar gewunden, – da erschien ein freudiges Lächeln auf ihren Lippen, – sie war zufrieden, – sie fühlte, daß sie keine Nebenbuhlerin zu scheuen habe, – denn kaum mochte Kleopatra in allem Glanz und Prunk der asiatischen Fürstin dem römischen Sieger hinreißender und verlockender entgegengetreten sein als diese Frau, welche sich anschickte, ihren Freund zu empfangen, der sich vermaß, die Ordnungen der Welt zu zerschlagen und ihre Trümmer in Blut hinwegzuspülen. Sie hatte nicht lange zu warten. Bald hörte sie rasche Schritte die Treppe heraufeilen, – die Tür flog auf, und Raoul Rigault blieb auf der Schwelle stehen, – geblendet von dem hellen Licht und von dem Zauber der Schönheit, welche die Gestalt dieser Frau umfloß, die inmitten dieses Lichtschimmers dastand und ihm ihre weißen Arme entgegenstreckte. Dann eilte er mit einem Schrei des Entzückens zu ihr hin und drückte sie in wilder Zärtlichkeit an seine Brust. Einen Augenblick stand sie so da, ihre Arme um seinen Nacken geschlungen und, den Kopf halb zurückgebeugt, die feuchten Blicke in seine Augen tauchend, – dann löste sie sich aus seiner Umarmung, füllte einen großen Kristallkelch mit funkelndem Wein von Syrakus, – benetzte ihre Lippen und reichte das Glas dem jungen Mann mit den Worten: »Du bist Sieger, – ich weiß es, – ich fühle es, ohne daß du es mir sagst, – ich bringe dir den ersten Gruß, – ich bringe dir diesen Trunk flüssigen Feuers, – dem Rausch der Rache, – dem Rausch der Macht, – dem Rausch der Liebe und des Genusses!« Er ergriff den Kelch und leerte ihn in langem Zug bis auf den Grund. Dann schien der Rausch, auf den sie ihm zugetrunken, ihn in zitternden Wonneschauern wirklich zu erfassen, – Flammen schienen aus seinen Augen zu dieser schönen Frau hinzusprühen, welche mit über der Brust gekreuzten Armen vor ihm stand und lächelnd zu ihm hinüberblickte, klirrend entfiel das Glas seiner Hand, – schwankend fast stürzte er zu ihr hin und im Taumel rasend er Leidenschaft drückte er, schwer aufatmend, seinen Mund auf ihre brennenden Lippen. – – – Die Kommune war eingesetzt auf dem Stadthause, die wilde Revolution war der zahmen, – die rote Republik der blauen, – die Männer der rücksichtslosen Tat und des Schreckens waren den Männern der Halbheit und der leeren Phrase gefolgt, wie das noch immer der Fall gewesen ist, ohne daß diese Lehre der Geschichte, wie so viele andere, jemals beherzigt wird. Raoul Rigault war Prokurator der Kommune geworden, er herrschte fast unumschränkt über das Leben der Einwohner von Paris und über das Gold, das in den öffentlichen Kassen vorgefunden war, – das vergossene Blut schien ihn zu berauschen, und nur die Zurückhaltung von Delescluze, Paschal Grousset und anderen Mitgliedern der Kommune, welche noch immer eine Verständigung mit den Provinzen und selbst eine Ausgleichung mit Versailles versuchen wollten, hielt ihn ab, ganz in die Fußstapfen seines Vorgängers und Vorbildes von 1793, Fouquier Tinville, zu treten. Mit einer kindischen Freude schwamm er in diesem Meer von Schmutz und Blut wie in seinem eigentlichen Element, und während er mit naiver Freude der Marchesa seine neugekauften Battisttaschentücher zeigte – er hatte noch nie welche besessen – erzählte er ihr zugleich mit entsetzlicher Genugtuung, daß er endlich die »Girondins«, wie er die gemäßigteren seiner Kollegen nannte, dazu bestimmt habe, alle zweifelhaften und gefährlichen Personen, namentlich die Priester und Magistratspersonen der alten Gesellschaft, als Geiseln in Haft zu nehmen, um der Versailler Regierung mit Repressalien zu drohen, wenn sie die Gefangenen der Kommune erschießen lasse. »Die Toren,« hatte er dabei gesagt, – »sie glauben zu drohen, sie haben immer noch eine törichte Scheu vor dem Blut, – und vor dem Blut der Priester insbesondere, – nun, – wenn wir die Geißeln nur erst in Verwahrung haben, – die Herren in Versailles werden es nicht daran fehlen lassen, einige der unserigen niederzuschießen, – dann werden wir die Vorstädte ein wenig echauffieren und unter den sogenannten Dienern Gottes und der Gerechtigkeit aufräumen. Das wird immer schon ein vortrefflicher, heilsamer Aderlaß sein, – die Hauptsache wird freilich zuletzt das Feuer und die Wissenschaft der chemischen und elektrischen Zerstörung tun.« Und dann setzte er mit kaltblütiger Genauigkeit seine Ideen über die Vernichtung der Gebäude und Monumente der Vergangenheit durch Petroleum und ätzende Säuren und über die Massenhinrichtungen durch riesenhafte elektrische Batterien auseinander, während er dazwischen wieder wohlgefällig das feine Gewebe seiner Battisttücher betastete und in einem großen Spiegel seinen neuen eleganten Anzug musterte, über welchen er eine dunkelrote seidene Schärpe geworfen hatte. In der Tat waren der Erzbischof von Paris und viele Geistliche, – der Präsident des kaiserlichen Kassationshofes Bonjean, der Bankier Jecker und andere der Kommune oder einzelnen Mitgliedern derselben verdächtige oder mißliebige Personen gefangen genommen und als Geiseln in das Gefängnis von Mazas eingeschlossen. Zwar hatte Raoul Rigault erklärt, daß die Gefangenen in voller Sicherheit wären, als der Vorstand der Pariser Advokatur, Herr Rouffe, ihn darüber befragte, – allein schon nach kurzer Zeit begann die »Stimme des Volkes«, geleitet durch den Père Duchène und andere unter der Kommune entstandene Organe, welche ihre Vorbilder von 1793 noch überboten, die Hinrichtung der Geiseln zu verlangen. Die Marchesa, welche nun die Bürgerin Pallanzoni hieß, lebte in einem immer wilderen Rausch. Die Herrschaft über Leben und Tod, welche sie durch ihren Geliebten in ihrer Hand fühlte, das Gold, welches dieser in unerschöpflicher Fülle in ihren Schoß warf, erfüllten ihre nach Macht und Genuß dürstende Natur mit einer wahrhaften Raserei des Glückes und Entzückens. In einem phantastischen Kostüm, das ihre Schönheit noch glänzender hervorhob, – einen Amazonenhut mit roter Feder auf dem Kopf, in einem schwarzen, kaum über das Knie reichenden Samtkleide, das auf zierliche faltige Stiefel herabfiel, ein Stilet an goldener Kette vom Gürtel herabhängend – besuchte sie die Klubs, welche sich zum Teil in den geplünderten Kirchen etabliert hatten, in denen von der Kanzel herab der Wahnsinn und die Lästerung ihre furchtbaren Phrasen vor einer trunkenen Menge ertönen ließen, – und überall, wo sie erschien, schallten ihr laute Jubelrufe entgegen, welche ebensosehr der Geliebten des allbekannten Prokurators der Kommune galten, in welchem diese sinnbetörte Menge die Verkörperung ihrer wildesten und blutgierigsten Instinkte verehrte, – als der wunderbaren Schönheit der Frau, die in Frankreich auch in den Zeiten der zügellosesten Revolutionen immer ihre Macht ausübt. Mochte diese Menge, die sie jubelnd umdrängte und jedem Wink ihrer Augen zu gehorchen bereit war, auch die tiefste Hefe der Menschheit sein, – sie fühlte sich doch als Herrscherin, sie fühlte alles in ihrer Hand vereinigt, was das Schicksal in der alten Gesellschaft ihr versagt hatte, und dazu noch die Macht, sich an jener alten Gesellschaft zu rächen, – auf ihren Trümmern in schrankenloser Freiheit genießen zu können, was sie sonst durch List, Verstellung und Erniedrigung sich hatte erringen müssen. Sie vergaß die Vergangenheit, – sie wies jeden Gedanken an die Zukunft zurück, sie trank in tiefen, durstigen Zügen die Gegenwart wie einen glühenden Feuertrank, der mit jedem Zug immer neuen, immer brennenderen Durst erzeugte. Herr Charles Lenoir, – der Bürger Lenoir war nach der Proklamation der Kommune bei ihr erschienen, – demütig, – gebeugt, – wie ein Sklave vor der Herrin über sein Leben, hatte er sie gebeten, ein Wort für ihn zu sprechen und ihm eine Verwendung bei der neuen Regierung zu ermitteln, – mit stolzer Genugtuung hatte sie für den, der einst ihr Gatte war, – den sie dann als lästigen Verbündeten ertragen hatte, und der nun ganz von ihr abhängig und ganz in ihrer Gewalt war, ein Wort der Empfehlung gesprochen. Raoul Rigault hatte ihn einen Augenblick durch sein Monokle angesehen und ihm dann die Überwachung der Verdächtigen in einem Distrikt der Chaussee d'Antin übertragen, indem er ihm eine Anweisung auf den Schatz der Kommune gab und mit kaltem Hohn sagte: »Nimm dich in acht, mein Freund, daß du gute Dienste leistest, – denn auf einen Wink dieser schönen Hand werde ich dich ebenso leicht füsilieren lassen, als ich jetzt dies Gold in deine Hand rollen lasse.« Demütig, wie er gekommen, hatte Herr Lenoir sich wieder entfernt, und seit jener Zeit war er der eifrige und unermüdliche Diener der Kommune und besonders der allmächtigen Freundin des gefürchteten Prokurators, welcher er ausführlich und regelmäßig über alles berichtete, was sich in Paris begab, insbesondere auch über die kleinen Seitenwege, auf welche sich die Neigungen ihres Geliebten zuweilen verirrten. Sie fürchtete diese Verirrungen nicht in der stolzen Sicherheit, die sie erfüllte durch das Bewußtsein, daß unter den Frauen, welche die jetzigen Herrscher von Paris umschwärmten und umgaukelten, wie sie es bei den früheren Machthabern getan hatte, keine ihr an die Seite treten und dauernd den an ihren Umgang Gewöhnten fesseln könne; dennoch war es ihr lieb, auch in dieser Beziehung stets genau unterrichtet zu sein, und sie fügte zu der Bezahlung, welche der Bürger Lenoir von der Kommune erhielt, manche Goldrolle hinzu, die er mit stets gleichem, demütigem Dank entgegennahm und durch immer eifrigeren Dienst vergalt. Die Taten der Kommune gehören der Geschichte an; wie ein wahnsinniger Fieberparoxysmus eines durch die schwersten und niederschmetterndsten Unglücksfälle bis zur äußersten Überreizung getriebenen Volkes erscheint diese Zeit, welche alle Begriffe von Recht und Sitte durcheinanderwarf und die Freiheit und Brüderlichkeit durch den Despotismus der rücksichtslosesten Tyrannei zur Herrschaft bringen wollte, – dennoch aber war diese entsetzliche Episode nur der Ausbruch einer chronischen Krankheit, welche durch die Adern der menschlichen Gesellschaft schleicht und ihr Blut vergiftet, – dennoch bot dieser Ausbruch so schlagende Ähnlichkeiten mit der Schreckensperiode der großen Revolution, in welcher die Ideen, welche heute den Staat und das öffentliche Recht beherrschen, zum blutigen Sieg geführt wurden, – dennoch gab es und gibt es auch in Deutschland Parteien und ernste, unermüdliche Agitatoren, welche jene kurze Herrschaft der Kommune als das flammende Vorzeichen einer neuen Ära in der Entwicklung des Menschengeschlechtes betrachten und feiern. Immer wilder tobte die Raserei in Paris, – wo jeder der Machthaber seine Doktrinen oder seine Interessen in seiner Weise mit allen Mitteln der unumschränktesten Gewalt zur Geltung zu bringen strebte und wo über allen diesen einzelnen kleinen Despoten der eine große allgemeine Tyrann, die Masse des in seinen Tiefen aufgewühlten Volkes stand, dieser Tyrann, vor dessen Launen alle jene anderen angstvoll sich beugten, denn er war stets bereit, bei dem geringsten Widerstand seine eigenen Götzen zu zertrümmern und in den Staub zu treten. Immer näher rückten aber auch die Truppen der Versailler Regierung heran, voll grimmiger Erbitterung und voll heißer Begier, die Scharen der Kommune zu besiegen, welche, nachdem der äußere Feind die Macht und den Ruhm Frankreichs niedergeworfen hatte, nun auch noch das Glück, den Wohlstand und den Frieden des Vaterlandes zerstören wollte. Neue und immer neue Bataillone wurden aus den Arbeitern der Vorstädte und aus den gewaltsam ausgehobenen Bürgern von Paris gebildet, aber langsam und sicher drangen die Regierungstruppen vor, und immer näher hörte man das große und kleine Geschützfeuer erschallen, – den Machthabern eine furchtbare Mahnung an das Ende ihres Herrschaftstraumes, – den zitternden Bürgern von Paris das hoffnungsvolle Zeichen einer nahen Erlösung. Die Bürgerin Pallanzoni war nach dem Montmartre hinausgefahren, um die dort stationierten Artilleristen der Kommune zu besuchen und zu mutiger Ausdauer anzufeuern, – man hatte sie, wie immer, mit jubelnden Rufen begrüßt, – aber trotz des Fiebers, das ihr Blut durchwallte und das selbst die Luft zu erfüllen schien, welche schwül und drückend über der Riesenstadt lag, – hatte sie doch ein Schauer erfaßt, als sie von den Höhen des Montmartre herab auf dies Paris niedersah, das wie eine einsame Insel dalag, umschlossen von einem Meer von Feinden, die Schritt vor Schritt als unerbittliche Rächer heranzogen, um diejenigen zu vernichten, welche, auf jener Insel eingeengt, es unternommen hatten, der ganzen menschlichen Gesellschaft den Krieg zu erklären. Schweigend und nachdenkend hatte sie ihren Geliebten nach dem Stadthause begleitet, wo in einer Sitzung der Kommune über die zu ergreifenden Maßregeln beraten werden sollte, und war dann nach Hause zurückgekehrt, wo sie in finsterem Brüten sich auf ihr Ruhebett niederwarf. Sie hatte eine Zeitlang so dagelegen, während die schwarzen Fittiche düsterer Gedanken ihr Haupt umrauschten, – als plötzlich die Tür ihres Salons sich öffnete. Schnell aufblickend sah sie einen Mann in blauer Bluse mit kurzem, graugemischtem Vollbart, einen weichen Hut tief in das Gesicht gedrückt, dastehen. Dieser Mann schloß die Tür und kam langsam dem Divan näher, auf welchem die junge Frau ausgestreckt lag. Schnell sprang sie auf und trat dem Unbekannten entgegen, – trotz seiner sonderbaren Art sich einzuführen, hatte sie keine Furcht, – sie glaubte einen Boten ihres Geliebten oder einen der zahlreichen Klienten vor sich zu sehen, welche so oft ihre Vermittlung und ihr Fürwort in Anspruch zu nehmen kamen. Der Mann nahm seinen Hut ab, und die junge Frau taumelte zurück wie vor einer Geistererscheinung. Sie sah vor sich das bleiche, edle Gesicht des Grafen Rivero, der sie aus seinen tiefen, dunklen Augen mit flammenden Blicken durchbohrte. Er streckte die Hand gegen sie aus, während sie wie gebrochen auf den Divan niedersank, und sprach mit tiefer Stimme: »Also hat der Geist der Finsternis, dem Gott gestattet, in seine Welt heraufzusteigen, endlich seine wahre Gestalt angenommen, – Antonie von Steinfeld, deren Verbrechen ihre Mutter töteten, – Frau Balzer, die ein reines Leben durch gräßliches Gift zerstören wollte, – die Marchesa Pallanzoni, die in verwegenem Trotz die Verzeihung des Himmels zurückwies, – sie steht jetzt vor mir als die Priesterin des blutigen Dämons der Vernichtung, der in Leichenhaufen seine Altäre errichtet!« Die Marchesa antwortete nicht, – sie schmiegte sich in sich selbst zusammen, ihre Augen erweiterten sich wie diejenigen des Tigers, der seine Beute vor sich sieht, mit einer leisen Bewegung näherte sie ihre Hand dem Stilet, das an ihrem Gürtel hing, – in einem Nu blitzte die glänzende Klinge in ihrer Hand, dann, wie von einer Feder emporgeschnellt, war sie mit einem einzigen Satz neben dem Grafen und stieß mit gewaltiger Kraft die dreifach geschliffene Klinge nach seinem Herzen. Aber diese Klinge drang nicht ein, sie fand einen festen, zähen Widerstand, der Graf schwankte einen Augenblick, dann faßte er mit eisernem Griff den Arm der Marchesa und entwand ihr den Dolch, dessen Spitze sich gekrümmt hatte an den Maschen des Panzerhemdes, welches er unter der Bluse trug. »Ich bin nicht zu der giftigen Schlange gekommen,« sagte er, die Waffe auf den Boden werfend, »ohne mich gegen ihren Stachel zu schützen.« Die junge Frau trat einen Schritt zurück und sagte, die Arme untereinander schlagend, mit Blicken voll grimmigen Hasses: »Ich weiß nicht, mein Herr, was Sie bewogen hat, von neuem in die Sphäre meines Lebens zu treten, – aber ich weiß, daß dies das letzte Mal ist, daß Sie mir begegnen. Ich hatte unrecht, mit eigener Hand mich von Ihnen befreien zu wollen, – aber ein Wort von mir wird Sie dem sichern Tod weihen, – von dem es keine Rettung für Sie gibt.« »Ich weiß,« sagte der Graf kalt, »daß der Elende, der dich beherrscht, nachdem du deine Herrschaft über edle und treue Herzen zu Unheil und Verderben gemißbraucht, – in diesem Augenblick Gewalt über Leben und Tod hat, und deshalb bin ich hierher gekommen, um dich zu zwingen, zu einer Tat des Heils deine Hand zu leihen, – möge die ewige Barmherzigkeit dir diese Tat einst anrechnen bei dem Gericht über dein Leben.« Sie sah ihn erstaunt an, die Zuversicht seines Tones schien sie zu verwirren. »Sie vergessen, mein Herr,« sagte sie dann mit höhnischem Lächeln, »daß ich nicht mehr von Ihnen abhängig bin, – daß Sie jetzt in meiner Hand sind, – wie Sie früher glaubten, mich in der Ihrigen zu halten.« »Ich verlange von Ihnen,« sprach der Graf ebenso kalt und ruhig, »daß Sie mir durch Ihren Geliebten die Erlaubnis des Zutritts zu allen Gefängnissen verschaffen, – geben Sie als Grund Verschwörungen der Versailler Regierung an, die durch einen zuverlässigen Mann überwacht werden müßten, – wenn Sie eines Grundes bedürfen.« Es zog wie eine leise Befriedigung über ihr Gesicht, als sie diese Forderung hörte, – tief in ihrem Innern regte sich eine abergläubische Furcht vor diesem Mann, dessen weit reichende Macht sie oft empfunden hatte, und sie empfand eine gewisse Erleichterung, daß er nichts anderes von ihr verlangte. »Und wenn ich mich weigere, dies zu tun?« sprach sie, indem sie den Ausdruck überlegenen Hohns auf ihren Zügen festzuhalten suchte. »Wenn du dich weigerst, mir sogleich ein Billet an deinen Geliebten zu geben,« erwiderte der Graf, indem er einen Revolver aus seiner Tasche zog und auf ihre Stirn richtete, »so wirst du im nächsten Augenblick tot zu meinen Füßen liegen.« Sie zuckte nicht mit den Wimpern. »Und Sie werden vom Volk zerrissen werden,« sagte sie. Der Graf zuckte die Achseln. »Doch höre weiter!« sprach er, – »wenn du die Empfehlung, die ich jetzt von dir erzwinge, später widerrufst, – wenn ein Wort darüber, wer ich bin, über deine Lippen kommt, – wenn irgendein Schritt geschieht, der meine Freiheit oder mein Leben gefährdet, – so wird die Sonne des Tages, an welchem dies geschieht, nicht niedersinken, ohne daß du mit dem Tode gebüßt hast. Mitten in dem wilden Bacchanal, – in den Armen deines Geliebten, in der Mitte dieser Scharen, über die du gebietest, wird der Dolch, die Kugel oder das Gift dich finden und vernichten. Du hast meine Macht gefühlt, – obgleich du noch ihren ganzen Umfang nicht kennst, – fordere sie nicht heraus!« Er zog aus den Falten seiner Bluse ein Kruzifix von geschnitztem Elfenbein hervor, das er an einer goldenen Kette um den Hals trug, und sprach mit feierlichem Ton, indem er die Spitze seiner Finger auf das Bild des Gekreuzigten legte: »Sieh dieses Zeichen, das du verleugnet und gelästert hast und vor dem dennoch deine Seele in banger Scheu erbebt, – ich schwöre dir bei den Wunden des Heilandes, daß meine Worte Wahrheit sind, – daß, wenn ich falle, hundert Augen auf dich gerichtet sind und hundert rächende Arme bereit sind, dich zu vernichten.« Sie schauerte zusammen und schien einen Augenblick unschlüssig. »Glaubst du an meinen Schwur, – glaubst du an meine Macht, ihn zu halten?« fragte er. Sie neigte schweigend den Kopf. Dann sah sie ihn durchdringend an und fragte: »Wenn ich tue, was Sie von mir verlangen, – werden Sie mich der Versailler Regierung gegenüber schützen, wenn dieselbe siegreich in Paris eindringen sollte?« Der Graf sah sie fast entsetzt an. Dann legte sich ein Zug unendlicher Verachtung um seinen Mund. »So gut ich es kann,« sagte er, – »wenn ich dann überhaupt noch etwas vermag,« fügte er finster hinzu. Sie sah ihn so scharf an, als wolle sie in seinem innersten Herzen lesen. »Doch nun eilen Sie, – meine Zeit ist gemessen, – einen Brief an Ihren Geliebten, – ich will ihn noch auf dem Stadthause treffen.« »Ich habe Besseres als das,« sagte sie, – »ich habe Blanketts mit seiner Unterschrift –« Die Blicke des Grafen leuchteten vor Freude. »Das ist in der Tat besser,« sagte er. »Doch«, sprach sie, einen Bogen Papier auf dem Schreibtisch ausbreitend und dem Grafen eine Feder reichend, – »Zug um Zug! Schreiben Sie!« Der Graf trat an den Schreibtisch, ergriff die Feder und blickte sie fragend an. Sie diktierte: »Die Marchesa Pallanzoni hat sich um die Wiederherstellung der gesetzlichen Ordnung große Verdienste erworben und mir wichtige Dienste geleistet. Ich empfehle sie dem Schutz und der besondern Anerkennung der Regierung zu Versailles, – und des päpstlichen Nuntius,« – fügte sie nach einigem Nachdenken hinzu. »Das genügt,« sagte sie, – »unterzeichnen Sie.« Der Graf setzte seinen Namen unter das Papier. »Und das Blankett?« fragte er. Sie nahm aus einem Schubfach ein weißes Blatt, unter welchem mit großen Zügen stand: »Raoul Rigault, Prokurator der Kommune von Paris.« Der Graf nahm das Blankett und reichte ihr das von ihm beschriebene Papier. Dann trat er zur Tür und sprach: »Denke wohl daran, – die erste verdächtige Bewegung gegen mich ist das Zeichen deines Todes, – Gott wende dein Herz zur Reue und zur Buße!« Schnell war er durch die leise geöffnete Tür verschwunden, und die Marchesa blieb in wunderbar gemischten Empfindungen allein. Die so urplötzliche und unerwartete Erscheinung dieses Mannes, der eine so mächtige Gewalt über ihr Leben ausgeübt hatte, ließ die Erinnerung an ihre Vergangenheit lebendiger als seit langer Zeit in ihr emporsteigen, und mit der Erinnerung kamen auch die Gedanken an die Zukunft, welche sie in dem wüsten Taumel dieser Tage verscheucht hatte und welche doch so unheilverkündende Mahnungen in den Salven der immer fester vordringenden Versailler Truppen ertönen ließ. Sie verschloß das Blatt, welches der Graf Rivero ihr gegeben, in ein verborgenes Fach ihres Schreibtisches und blieb sinnend, den Kopf in die Hand gestützt, davor sitzen. Tritte erschallten auf der Treppe, – laute Rufe und helles Lachen drangen herauf, – die Marchesa sprang empor und eilte den Kommenden entgegen, an deren Spitze Raoul Rigault, die rote Schärpe um die Schulter, einen Schleppsäbel an zierlichem Gehänge an der Seite, schnell in das Zimmer trat. » La fleur du panier !« rief er, seine Geliebte umarmend, – »wir kommen, die Reinsten der Reinen, die Rötesten der Roten, um den Sieg zu feiern, den wir über die Halben, die Lauen, die Verräter gewonnen haben. Wir haben den Beschluß durchgesetzt,« rief er triumphierend, »daß die gefangenen Geiseln, die Priester insbesondere, diese Diener des sogenannten Gottes, in das Gefängnis von La Roquette gebracht werden. – Sie werden dort sicherer sein,« fügte er mit entsetzlichem Hohn hinzu, – »und bald wird zwischen Paris und Versailles ein Strom von Blut fließen, den alle diese Feiglinge und Heuchler nicht werden überbrücken können.« Hinter Raoul Rigault waren die wildesten Mitglieder der Kommune und einige jener Frauen eingetreten, welche in dieser Schreckenszeit eine so furchtbare Rolle spielten und an Fanatismus und Blutdurst den schauerlichen Gestalten der großen Revolution nicht nachstanden. Hier sah man Urbain, den ehemaligen Schullehrer, einen schlanken, magern Menschen in schwarzer, gesucht einfacher Kleidung, mit dem scharf geschnittenen, aber starren Gesicht, den halb tückischen und halb blöden Augen, dem selbstgefälligen Lächeln auf dem breiten Mund mit den schmalen, blutlosen Lippen und mit dem glattgescheitelten, dünnen Haar auf dem flachen, platten Kopf. Seine ganze Erscheinung zeigte Überspannung und geckenhafte Eitelkeit, – Robespierre war sein Vorbild, in kalter Grausamkeit war er bereit, Tausende hinzuschlachten, um die unverstandenen sentimentalen Theorien Rousseaus zu verwirklichen. An seinem Arm hing eine junge Frau von einundzwanzig Jahren, die Witwe Marie Leroy, ebenso einfach gekleidet als er, – ihr stilles, bleiches Gesicht, ihre ruhige, anmutig bescheidene Haltung schien nicht zu der Gesellschaft zu passen, in der sie sich befand, aber in dem Blick ihrer Augen lag eine solch tiefe, krankhafte Schwärmerei, ein solcher fieberglühender Fanatismus, daß diese Blicke in Momenten der Erregung wie vom Wahnsinn belebt schienen und Furcht einflößten. Cluseret, der General der Kommune, folgte mit der sechsundzwanzigjährigen Beatrice Guvrée, einer vollen, imposanten Gestalt von üppigen Formen, das Gesicht stark, aber von klassisch reinen Zügen, die Augen groß und kühn blickend, das reiche dunkelblonde Haar in griechischer Weise rückwärts gekämmt und von einer goldenen, mit Edelsteinen besetzten Spange in einem Knoten festgehalten, – dann der Oberst Brunel, ein kräftiger, großer Mann mit vollem, dunklem Bart und blitzenden Augen, – an seinem Arm Marie Bonnard, eine junge Person, auffallend gekleidet, mit geschminkten Wangen und untermalten Augen, der Typus der gewöhnlichen Demimonde, – endlich Varlin, dieser finstere und unversöhnliche Kämpfer gegen die Bourgeoisie, welcher die Internationale den Händen des idealen Tolain entwunden hatte und jetzt die Kommune für seinen Haß und seine Zerstörungsarbeit benützte, während Tolain in Versailles war und gegen die royalistische Strömung der Nationalversammlung ebenso vergeblich ankämpfte, wie er es einst gegen die roten kommunistischen Elemente in der Internationale getan. Varlin hatte sich nicht verändert, weder in seiner Kleidung und Haltung, noch in dem düstern, verschlossenen Ausdruck seines Gesichtes mit den kalt beobachtenden Augen. »Jetzt,« rief Raoul Rigault, – »meine Freundin, öffne deinen Keller und gib uns das Feurigste und Beste, was er enthält, – bald werden wir auf der Höhe unseres Zieles sein und nachholen können, was Marat versäumt hat, – ich bin gewiß, meine treuen Kohorten von Belleville und St. Antoine werden den armen Erzbischof nicht lange in La Roquette schmachten lassen!« Bald waren die Tische mit Flaschen aller Art, mit kalten Speisen und Früchten bedeckt, – auf einem in die Mitte des Salons gerückten Divan saß Raoul Rigault, den Arm um seine Geliebte geschlungen, – die übrigen gruppierten sich um den Tisch, der Champagner schäumte in großen Pokalen, – die glühenden Weine Spaniens und Italiens flossen in Strömen und ergossen immer neues Feuer in das Blut dieser von kochenden Leidenschaften erhitzten Menschen. »Ich bin nicht damit einverstanden, Bürger Rigault,« sagte die blasse Marie Leroy mit sanfter, klarer Stimme, »daß dieses Oberhaupt der heuchlerischen Priesterzunft einfach und in der Stille getötet wird. Wir haben öffentlich und feierlich die Vendômesäule niedergerissen, dieses Denkmal der kaiserlichen Tyrannei, – öffentlich und feierlich wollen wir den Erzbischof, diesen letzten Vertreter der noch viel schlimmern Tyrannei des sogenannten Gottes vernichten, – in derselben Weise, wie einst die Könige ihre Feinde vernichteten, – wir sollten ihn vierteilen.« »Gut, gut,« lachte Raoul Rigault mit schon etwas schwerer Zunge, – »ich werde ihn dir überweisen, Bürgerin Leroy – – aber diese Priester sind zäh, – und unsere Pferde haben sich noch nicht wieder von der Hungerzeit der Belagerung erholt –« »Und dazu«, fiel Marie Leroy ein, »sollte man einen großen Scheiterhaufen errichten und auf demselben alle Nonnen von Paris verbrennen –« »Nicht doch,« rief Beatrice Euvrée, – »wozu diese Armen strafen, die ja selbst Opfer sind der priesterlichen Willkür und meist gegen ihren Willen in die Zellen der Klöster gesperrt wurden, – man soll sie befreien, man soll sie verheiraten –« »Verheiraten,« rief Cluseret, – »die Bürgerin Beatrice will dem Verbrechen der Ehe das Wort reden, – die Ehe, welche die erste Fessel ist, in welche die Priester die Menschheit geschlagen –« »Nein,« rief Beatrice, – »ich bedarf dieser Fessel nicht, um dich zu halten, mein Kleiner, – denn siehst du, wenn du mir untreu werden wolltest –« Sie faßte mit den Spitzen ihrer Finger sein Ohr und kniff dasselbe mit solcher Gewalt, daß der General erschrocken aufschrie und auf die weitere Entwicklung seiner Ideen verzichtete. »Ich finde überhaupt,« sagte Marie Bonnard mit heiserer Stimme, »daß es sehr töricht ist, die Kirche und die Religion abzuschaffen, – wir wollen das alles behalten, – aber wir, die Frauen, wollen Priester und Bischöfe sein, – ich würde ein vortrefflicher Erzbischof werden, – die Gläubigen müßten mich täglich neu mit Kostümen von Goldstoff, mit Perlen und Edelsteinen bekleiden, – und ich würde es so gut verstehen, den Wein für alle zu trinken, während ich ihnen das trockene Brot lasse.« Sie füllte einen großen Kelch mit Wein von Alicante, und die Haltung des Priesters bei der Kommunion parodierend, stürzte sie den feurigen Trank auf einen Zug hinunter. Lautes Lachen antwortete auf die Lästerung, – immer höher stieg der Rausch in den Köpfen, die Glut in den Adern, – immer stierer wurden die Blicke, immer entsetzlicher die Reden, welche in abgerissenen Worten aus den zuckenden Lippen hervordrangen. Nur Varlin saß still und in sich versunken da, – sinnend und brütend, und Raoul Rigault hatte den Kopf auf die Schulter der Marchesa sinken lassen, mit halbgeschlossenen Augen umherblickend und nur zuweilen auf irgendeinen lustigen Scherz oder auf eine besonders entsetzliche Gotteslästerung mit einem schweren, rauhen Lachen antwortend. Da öffnete sich die Tür, und in dieser von der Glut des Weins und von blutigen Phantasien erhitzten Gesellschaft erschien eine Frau in dunkler, einfacher Kleidung, ein schwarzes Tuch um den Kopf, Kummer und Angst auf den bleichen Zügen, die Augen gerötet von Tränen. Sie führte einen kleinen Knaben von sechs bis sieben Jahren an der Hand und blieb einen Augenblick an der Tür stehen. Dann ging sie schnell, das scheu und furchtsam umherblickende Kind mit sich führend, auf Raoul Rigault zu. »Bürger Rigault,« sagte sie im Ton rührender, angstvoller Bitte, – »ich habe Sie lange – überall gesucht, – man sagte mir, daß ich Sie hier finden würde, – warum haben Sie meinen Mann verhaftet, – warum wollen Sie ihn töten lassen, wie man mir sagt, – ich kann es nicht glauben, – er ist doch wahrlich ein treuer Freund der Republik, – Sie wissen es am besten, da Sie ihn so lange kennen, – er war Ihr Freund, – er hat Ihnen oft Dienste geleistet, – ich beschwöre Sie, lassen Sie ihn frei, – geben Sie mir den Gatten, – geben Sie meinem Kinde den Vater wieder.« Raoul Rigault richtete sich empor, – sein stumpfer Blick belebte sich beim Anblick dieser Frau, – der drückende Rausch, welcher seine Sinne gefangen hielt, schien zu verfliegen bei dem Anblick ihrer Angst und ihres Leidens. »Ah, Madame Chaudey,« sagte er mit einem Lachen, das nichts Menschliches mehr hatte, – »Sie sind hier, Sie wollen, daß ich Ihnen Ihren Mann zurückgebe? – Sie haben unrecht, er ist ein langweiliger Bursche, Sie sollten mir danken, daß ich Sie von ihm befreie, – es gibt so viele, die jünger und schöner und weniger Pedanten sind als er, – und die Ihnen ebenso hübsche Kinder verschaffen werden, als dieser kleine Bursche da ist. – Toinette, ein Glas für die Bürgerin Chaudey, ich will mit ihr anstoßen auf ihre Befreiung!« Dumpfes Schweigen herrschte einen Augenblick in dem Zimmer; in dieser ganzen Gesellschaft, welche Gott und alles Heilige verhöhnte, regte sich kein menschliches Gefühl bei dem Anblick dieser Mutter, welche für das Leben des Vaters ihres Kindes bat. Entrüstung und edler Zorn blitzte aus den Augen der Frau Chaudey, – sie kämpfte ihre Gefühle nieder und führte den Knaben ganz nahe an Raoul Rigault heran. »Sieh, mein Sohn,« sprach sie mit bebender Stimme, – »dieser Bürger hier hält das Leben deines Vaters in seiner Hand, – bitte ihn um Gnade für deinen Vater, – bitte ihn bei dem Andenken seiner Mutter.« Das Kind blickte mit großen Augen angstvoll empor, während es seine Hände bittend faltete. Raoul Rigault nahm diese Hände in die seine und streichelte freundlich den Kopf des Knaben. Freudige Hoffnung erschien auf dem Gesichte der hinter ihrem Sohne stehenden Frau. »Du liebst also deinen Vater sehr, mein Kleiner?« fragte Raoul Rigault. »Ach ja, mein Herr,« erwiderte das Kind, – »er ist so gut und liebt mich auch, – und ich möchte so gern wieder bei ihm sein –« »Nun,« sagte Raoul Rigault mit fürchterlichem Lächeln, – »dann denke morgen früh an ihn, – da wird man ihn füsilieren.« Madame Chaudey fuhr zusammen wie von einem Blitzschlag getroffen. In hastiger Bewegung riß sie das Kind zurück, – und mit flammensprühenden Blicken, die Hand gegen Raoul Rigault ausstreckend, welcher lachend sich in den Divan zurücklehnte, rief sie: »Ich habe den Priestern nicht geglaubt, wenn sie vom Teufel sprachen, – jetzt sehe ich ihn vor mir, – aber wenn der Teufel lebt und auf Erden umhergeht, – so muß auch Gott leben und die beleidigte und verhöhnte Natur rächen! Gott übergebe ich meine Rache und meinen Fluch!« Und das zitternde Kind mit ihrem Arm umschlingend, ging sie hinaus. Raoul Rigault sendete ihr ein lautes Hohngelächter nach, – die übrigen schwiegen, selbst Marie Leroy, welche alle Nonnen von Paris auf einem großen Scheiterhaufen verbrennen wollte, blickte leise zitternd in ihren Schoß nieder. »Das hätten Sie nicht tun sollen, Rigault,« sagte Cluseret. »Chaudey hat viele Freunde, – und im Grunde ist er doch ein guter Republikaner –« »Er ist ein Affe der Tugend,« rief Raoul Rigault, – »den ich hasse, – er ist ein Pedant, – er scheut das Blut, – er predigt abgeschmackte Theorien von Gerechtigkeit, – und wenn er Freunde hat,« rief er mit wilder Drohung, – »so können seine Freunde ihm folgen!« »Nun, – wir können ja morgen darüber weiter sprechen, sagte Cluseret beschwichtigend, während Varlin still vor sich hin lächelte. Raoul Rigault füllte einen Kelch mit Champagner und reichte ihn seiner Geliebten, damit diese, wie sie zu tun pflegte, den Wein mit ihren Lippen berühre. Sie zögerte, in unwillkürlichem Entsetzen zusammenschauernd. »Trink!« rief er, – »oder ich glaube, daß du mir Gift reichst!« Sie tauchte zitternd ihre Lippen in den perlenden Wein. Raoul Rigault leerte den Kelch bis auf den Grund und versank dann in stilles Sinnen, während die anderen in lärmender Orgie den Eindruck der eben stattgefundenen Szene zu verwischen suchten. Nach einiger Zeit stand er auf und verschwand hinter der Portiere des Boudoirs, – die Marchesa blickte ihm unruhig nach, doch wagte sie nicht ihm zu folgen. Er aber verließ durch den ihm bekannten Seitenausgang die Wohnung, stieg unsichern und schwankenden Schrittes die Treppe hinab, rief auf der Straße einen vorüberfahrenden Fiaker an und befahl demselben, ihn nach dem Gefängnis von Sainte-Pelagie zu fahren. Hier angekommen, ließ er den Wagen warten, läutete am Eingangstor und trat durch den Hof des Gefängnisses in das Wachtzimmer. In demselben befanden sich etwa fünfundzwanzig Mann von den Föderierten der Vorstädte, teils uniformiert, teils in blauen Blusen, mit kurzen Seitengewehren oder Schleppsäbeln bewaffnet, die Gewehre lehnten an der Wand, – geleerte Flaschen und halbvolle Gläser standen auf einem großen Tisch, der durch eine trübe brennende Lampe erleuchtet war. Als Raoul Rigault eintrat, von einem lauten Rufe der wachhabenden Mannschaft begrüßt, kam aus den inneren Räumen des Gefängnisses Vermesch, der Redakteur des Père Duchesne, dieses Blattes, das den »Ami du Peuple« Marats nachahmte und auf seiner Titelvignette einen Arbeiter in einer phrygischen Mütze auf einer Barrikade zeigt, vor der am Boden zerbrochene Kronen, Bischofsmützen und Szepter liegen, während daneben ein brüllender Löwe, den Zorn des Volkes darstellend, sich erhebt. Vermesch, ein Mann von etwa dreißig Jahren, kalt, starr und gemessen in dem Ausdruck seines Gesichts und in seinen Bewegungen, bleich, mit strengen Blicken, ohne Gefühl und Erbarmen, kam von einer Inspektion des Gefängnisses zurück; in seiner Begleitung war der Schließer und der Brigadier Gentil, eine wilde Erscheinung mit struppigem Bart und rotem Gesicht, zwei Revolver im Gürtel, einen klirrenden Säbel an der Seite. »Guten Abend, Vermesch,« rief Raoul Rigault, als er seinen Kollegen und sinnverwandten Genossen erblickte, – »es fügt sich gut, daß ich dich hier treffe, – ich habe ein Geschäft, das dir gefallen wird! – Auf, Bürger Schließer, führen Sie mich in die Zelle des Gefangenen Chaudey!« »Der Narr,« sagte Vermesch, »hat mich soeben mit seinen Redensarten von Gerechtigkeit, Freiheit und Gesetz gelangweilt, – was soll's mit ihm?« »Du wirst sehen,« erwiderte Raoul Rigault, – und mit noch immer unsicheren Schritten folgte er dem mit einer Laterne voranschreitenden Schließer in den Zellengang, indem er seinen Arm in den von Vermesch legte. Der Brigadier Gentil folgte. Der Schließer öffnete eine Zelle, – das Licht der Laterne fiel in den dunklen Raum, in welchem Chaudey auf einem Strohbette lag. »Was gibt es, – warum stört man mich schon wieder?« fragte der Gefangene von seinem Lager. »Auf, Chaudey, auf!« rief Raoul Rigault, – »ich bin es, der Bürger Rigault, – es ist Zeit, – die Gerechtigkeit, die Sie anrufen, ist da!« Chaudey erhob sich von seinem Lager und trat halb angekleidet in den Lichtkreis, welchen die Laterne am Eingang der Zelle umherwarf. Sein Gesicht war bleich und eingefallen, seine sonst so scharfen und geistvollen Augen blickten trübe und krank, sein Haar und sein Backenbart waren ungeordnet, sein Kinn unrasiert. »Sie sind es, Rigault,« sagte er, streng und vorwurfsvoll den jungen Menschen anblickend, der hohnlachend in der Tür der Zelle stand, – »Sie sprechen von Gerechtigkeit? – Sie wissen am besten, daß ich meine Pflicht getan habe, – daß ich kein Gesetz verletzt habe, – und daß ich der Kommune große Dienste geleistet habe, – indem ich ihren Frieden mit dem gebildeten Bürgerstande vermitteln wollte, – freilich, Sie wollen keinen Frieden, keine Vermittlung.« »Sie find ein Narr,« rief Rigault, indem er sich, um seine Haltung zu bewahren, mit der Hand an den Türpfosten stützte, – »ein Feigling, – ein Verräter!« schrie er, sich selbst zu immer größerer Wut aufregend. »Ich bin nicht gekommen, um Ihre Vorlesungen anzuhören, sondern um ein Ende mit Ihnen zu machen.« »Wo ist Ihr Auftrag, – wo ist mein Urteil?« fragte Chaudey. »Mein Auftrag?« rief Raoul Rigault, – »ich bedarf keines Auftrags, – ich bin Prokurator, – Ihr Urteil, das geht mich nichts an, – es bedarf keines Urteils, mein Befehl genügt.« Chaudey wurde noch bleicher. Er schien zu fühlen, daß er in den Händen unerbittlicher Feinde sei, – rettungslos ihrer Willkür preisgegeben. Eine augenblickliche Schwäche überfiel ihn, – er zitterte, die Luft war kühl und feucht in dem Zellengange, – er zog einen Überrock an, trat dann wieder nach der Tür hin und sprach mit weicher, wehmütiger Stimme: »Rigault, – ich habe ein Weib und ein Kind, – Sie wissen es!« »Gewiß weiß ich es,« rief Raoul Rigault, – »denn ich habe beide soeben gesehen, – sie haben mich daran erinnert, daß ich eine Abrechnung mit Ihnen habe, und ich habe Ihrem Sohne gesagt, daß ich Sie füsilieren lassen würde. Freilich erwartet er das erst morgen früh, – aber warum soll ich Sie diese Nacht noch auf dem schlechten Bett da schlafen lassen? – Also vorwärts, – Vermesch, holen Sie ein Peloton, – dort neben der Kapelle ist ein runder Platz, – vorwärts, vorwärts, – ich habe keine Zeit zu verlieren.« Chaudey warf einen Blick voll kalter Verachtung auf ihn und ging festen Schrittes durch den Gang nach der Rundmauer der Kapelle zu. Raoul Rigault folgte ihm, auf den Arm des Brigadiers Gentil gestützt, – Vermesch war nach der Wache am Eingang geeilt und kam bald mit neun Mann von der wilden, blutgierigen Truppe der Föderierten zurück. Chaudey, ohne ein Zeichen von Schwäche mehr zu geben, stellte sich einige Schritte von der Mauer auf, ihm gegenüber rangierte der Brigadier Gentil die Schützen. Raoul Rigault stand zur Seite, mit funkelnden Blicken sein Opfer betrachtend. »Ihr tötet mich ohne Mandat, ohne richterliches Urteil, – das ist keine Hinrichtung, – das ist ein Mord!« sagte Chaudey mit fast volltönender Stimme. »Feuer!« rief der Brigadier Gentil. Die wilden Soldaten der Kommune, ergriffen von den Worten und der Haltung Chaudeys, standen unschlüssig und ließen, zögernd, die Gewehre wieder sinken. »Feuer!« rief Raoul Rigault mit heiserer Stimme, seine Augen traten fast aus ihren Höhlen hervor, Schaum stand auf seinen Lippen, – er zog den Degen, stürzte zu den Soldaten hin und schwang seine Klinge über ihren Köpfen, indem er in rasender Wut wiederholte: »Feuer! – Feuer! – feige Memmen, – Verräter, wenn ihr nicht schießt, werde ich meine Leibgarde von Belleville holen und euch in Stücke reißen lassen!« Diese Männer des Schreckens, deren Empfindung abgestumpft war gegen alles, was sonst menschliche Herzen mit Entsetzen erfüllt, – sie zitterten bei dem Anblick dieses, einem Raubtier gleich auf sie eindringenden jungen Menschen, der die Macht hatte, seine Drohung wahr zu machen, – sie hoben ihre Gewehre empor. – »Feuer!« rief Raoul Rigault nochmals, – da krachten die Schüsse, – aber sie waren zu hoch gezielt, – mit dem Ruf: »Es lebe die Republik!« sank Chaudey gegen die Mauer zurück, aber er war nur in den Arm und in die Schulter getroffen, er richtete sich wieder auf und ging taumelnd einen Schritt zur Seite. »Ich will dir deine Republik aus dem Kopf treiben!« rief der Brigadier Gentil, – schnell sprang er zu dem Verwundeten hin, setzte seinen Revolver an dessen Kopf und entlud drei Schüsse gegen die Hirnschale, welche in Stücke sprang, während der Körper schwer mit dumpfem Ton auf die Steinplatten des Hofes niederschlug. Raoul Rigault hatte unbeweglich dagestanden und mit freudiger Befriedigung den grauenvollen Vorgang mit angesehen. Als alles vorüber war und die Soldaten des Pelotons in finsterem Schweigen fortgingen, trat er zu der am Boden liegenden Leiche hin, zog ein weißes Battisttuch aus seiner Tasche und tauchte einen Zipfel desselben in die Blutlache, welche sich um den toten Körper gebildet hatte. »Gehst du mit?« fragte er Vermesch, – »ich habe Gesellschaft bei meiner Geliebten.« »Nein,« erwiderte Vermesch, – »ich will die übrigen Gefängnisse revidieren, man muß vorsichtig sein, – die Versailler sind tätig und haben viele Agenten ausgesendet.« »Adieu dann,« sagte Raoul Rigault, indem er ihm flüchtig die Hand drückte. Leichten Schrittes, eine Operettenmelodie zwischen den Zähnen pfeifend, schritt er durch den Gang, an der Wache vorbei und ließ sich das Tor des Hofes aufschließen, und den Fiaker zur Eile antreibend, fuhr er nach dem Hause der Marchesa Pallanzoni zurück. Als er in das Zimmer trat, fand er die junge Frau allein inmitten der Reste des wüsten Gelages. Sie saß da, die Hände auf dem Schoß gefaltet und den Blick zu Boden gesenkt. Als er eintrat, kam sie ihm langsam entgegen und streckte ihm mit einer gewissen Scheu die Hand entgegen. Sein Rausch war verflogen, klar und ruhig wie gewöhnlich blickten seine Augen, aber große dunkle Ringe lagen unter denselben und ließen sie unheimlich aus dem blassen Gesicht hervortreten. »Sind sie fort, die elenden Schwächlinge,« rief er, – »die sich durch Weiber und Kinder aus der Fassung bringen lassen? – Nun, um so besser, – so wollen wir allein dem flammenden Altar des Weines und der Liebe unser Opfer bringen! – Weißt du, was das ist?« fragte er, sein Battisttuch hervorziehend und auf einen dunkelroten Fleck in demselben deutend. Sie blickte ihn fragend an, – ein unbestimmtes Gefühl der Furcht ließ ihr Herz schneller klopfen. »Das ist das Blut Chaudeys,« sagte er, »den ich soeben in Sainte-Pelagie füsilieren ließ.« Er schlang seine Arme um ihren Nacken, und eisige Schauer durchrieselten sie, als sein Kuß auf ihren Lippen brannte. Achtundzwanzigstes Kapitel Am späten Abend war ein großer Wagen mit vergitterten Fenstern vor dem Gefängnis von La Roquette angekommen, diesem letzten Aufenthalt der zum Tode verurteilten Verbrecher, vor dessen Tor man die vier Steine mit den Vertiefungen für die Pfähle des Gerüstes der Guillotine sieht. Eine wenig zahlreiche Bedeckung von Föderierten begleitete diesen Wagen, welcher den Erzbischof von Paris, Monseigneur Darbois und eine Anzahl anderer Priester, sowie den Präsidenten Bonjean und den Bankier Jecker von dem Gefängnis Mazas hierher führte. Man hatte mit Absicht diese Überführung zu später Stunde und ohne alles Aufsehen vorgenommen, denn es waren Fälle vorgekommen, daß die Weiber der Vorstädte, welche wie rasende Megären Gendarmen und Polizeibeamte des Kaiserreichs zum Tode schleppten, dennoch gefangene Priester, wie den Pfarrer von St. Eustache, aus den Händen der Kommunards befreit hatten, und selbst die wildesten Föderierten von Belleville, welche vor nichts zurückschreckten, fürchteten die Weiber der Straßen von Paris, denn diese verlachten ihrerseits die Säbel oder Bajonette und griffen, wenn man sich ihrem Willen widersetzte, so tapfer mit den Fäusten, Nägeln und Zähnen an, daß ihre Opfer im eigentlichsten Sinne des Worts in Stücke gerissen wurden. Sobald die Gefangenen den Wagen verließen, wurden sie einzeln von zwei Föderierten in die Mitte genommen und, nach Anweisung des Gefängnisdirektors François, eines wüsten Menschen mit rotem, blatternarbigem Gesicht, der lange Jahre auf den Galeeren zugebracht hatte, in getrennte Zellen geführt. Der Erzbischof Darbois, ein Greis von einundsiebzig Jahren, von schlanker, magerer Gestalt, ruhige und freudige Erregung in den blassen, geistvollen Zügen, das violette Käppchen auf dem weißen, glatt herabfallenden Haar, ging festen Schrittes durch den Gang nach der für ihn bestimmten Zelle. Am Eingang derselben wendete er sich noch einmal um und erhob die Hand zum Segenszeichen gegen seine ihm folgenden Schicksalsgenossen. »Laß die Possen, Priester!« sagte unwillig einer der ihn begleitenden Soldaten, indem er die Hand auf die Schulter des greisen Kirchenfürsten legte und ihn heftig in die Zelle hineindrängte. Der Erzbischof erwiderte nichts und schritt, immer mit demselben ruhigen und freundlichen Ausdruck, in den dunklen Raum. »Kann ich ein Licht erhalten?« fragte er. Sein Begleiter rief den Gefängnisdirektor François, der in der Nähe stand und die Zellen für die übrigen Gefangenen bezeichnete. »Licht?« fragte dieser, – »die Finsternis ist ja das Element dieser betrügerischen Priester, – doch, mag's drum sein, – sein Licht wird ja wohl ohnehin am längsten gebrannt haben!« Nach einiger Zeit wurde dem Erzbischof eine Stearinkerze in einem schlechten Leuchter von Messing gebracht und die Tür verschlossen. Er blickte in dem Raum umher, der ein vergittertes Fenster in der Höhe der Mauer hatte. Ein Bett mit einer harten Matratze, einem Kissen und einer kleinen Decke stand an der Mauer, – ein Tisch und ein Stuhl daneben. Nachdem abermals längere Zeit vergangen war, brachte ein Schließer ein kaltes, gebratenes Huhn, ein Brot und einen Krug Wasser mit einer Flasche jenes eigentümlichen und zweifelhaften Rotweins, den man mit dem Namen Pikette zu bezeichnen pflegt. Der Schließer stellte dies alles in brüsker Weise vor den Erzbischof hin und sagte mit rauhem Ton: »Man soll nicht sagen, daß wir Euch verhungern lassen, – obgleich Ihr es verdientet, – darum hat die Kommune befohlen, Euch dies zu bringen, – wovon,« fügte er bitter hinzu, »Bessere als Ihr leben könnten, die im Kampf gegen Eure mörderischen Verbündeten in Versailles ihre Kräfte aufzehren.« Mild und ruhig blickte der Erzbischof ihn an. »Nehmen Sie diese Speisen, mein Freund,« sagte er, – »ein Bissen Brot und ein Trunk Wasser genügen mir.« »Schweigt und eßt!« erwiderte der Schließer mürrisch mit einiger Verlegenheit, indem er sich gegen den Türpfosten lehnte und mit untergeschlagenen Armen, seine Schlüssel in der Hand, stehen blieb. Der Erzbischof löste einen Flügel von dem gebratenen Huhn, verzehrte denselben mit einer Schnitte Brot und trank ein Glas Wasser, in das er einige Tropfen des roten Weins goß. Dann sprach er, die Hände faltend und leise die Lippen bewegend, ein kurzes Dankgebet. »Ich bin fertig,« sagte er, zu dem Schließer gewendet, – »und danke Ihnen.« Während der Schließer sich anschickte, den Tisch abzuräumen, trat der Gefängnisdirektor an die Tür der Zelle. Ihm folgte ein Mann mit tief in die Stirn gedrücktem Hut, in einer weiten, dunklen Bluse, ein rotes Tuch lose und faltig um den Hals geschlungen, so daß es den untern Teil seines Gesichtes beschattete, – einen Säbel an der Seite. »Der Priester ist starrsinnig, wie sie es alle sind,« sagte François in rohem Ton, »Sie werden wenig mit ihm anfangen können, Bürger – – ich habe Ihren Namen nicht genau gelesen –« »Martin,« sagte der andere mit tiefer Stimme. »Ich weiß überhaupt nicht,« fuhr François fort, – »was der Bürger Prokurator noch mit einem Verhör dieses Priesters will, man sollte ein Ende mit der ganzen Gesellschaft machen, – doch tut, was Ihr für gut haltet, – wenn Ihr zurückgeht, zeigt Eure Vollmacht der Wache vor, – ich will noch einen Gang durch die Straßen machen, – ich habe nicht Lust, um die Gefangenen zu bewachen, selbst Gefangener zu sein.« Er berührte grüßend seinen mit einer roten Feder geschmückten Hut und ging hinaus, – der Schließer folgte mit dem fast noch vollständigen Nachtmahl des Erzbischofs. »Benachrichtigen Sie mich, wenn Sie fortgehen,« sagte er zu dem Fremden, – »ich lasse den Schlüssel in der Tür, – Sie finden mich in meinem Zimmer am Ende des Ganges.« Der Erzbischof blieb mit dem Fremden allein. »Welchen Auftrag haben Sie,« fragte er mit ruhiger Würde, – »und was haben Sie mir zu sagen?« Der Fremde nahm den Hut ab, ließ sich auf ein Knie nieder und sprach mit tiefbewegter Stimme: »Zunächst danke ich Gott, der mich bis hierher geführt, – und bitte um Ihren Segen, Monseigneur.« Erstaunt trat der Erzbischof zurück, bei dieser unerwarteten Anrede desjenigen, den er für einen Boten des Prokurators der Kommune hielt, – forschend blickte er in das von dem flackernden Schein der Kerze beleuchtete Gesicht des Knienden und schien in seinen Erinnerungen zu suchen. »Der Graf von Rivero?« sagte er endlich, – »in dieser Verkleidung, – hier, – was führt Sie hierher?« fragte er, indem eine fast vorwurfsvolle, strenge Kälte in seinem Ton lag. »Ich bin hier,« erwiderte der Graf, ohne sich zu erheben, »um das Leben des ehrwürdigen Oberhirten dieser schwer heimgesuchten Stadt zu retten und der Kirche, – die mich für ihren unwürdigen Sohn erklärt hat,« fügte er mit schmerzlicher Bitterkeit hinzu, »einen ihrer edelsten Priester zu retten, – der heilige Vater,« fuhr er fort, »hat mich verurteilt um der Überzeugungen willen, die ich aus meinem Herzen nicht bannen kann und die doch die ewigen Grundwahrheiten unserer heiligen Kirche nicht verleugnen. Sie, Monseigneur, sollen mir dereinst vor dem erhabenen Haupte der katholischen Kirche das Zeugnis geben, daß ich eines wenigstens in mir trage, das die Kirche von ihren treuen Söhnen verlangt, – den freudigen Opfermut und die Hingebung des irdischen Lebens zum Ruhm und zur Ehre Gottes.« »Und deshalb finde ich Sie im Dienst dieser Gott leugnenden Kommune?« fragte der Erzbischof, – »ich verstehe das nicht, – Sie wollen mein Leben retten, – ist denn mein Leben in Gefahr? – man hat mich verhaftet wie viele andere, um die Regierung in Versailles zu schrecken und von den grausamen Maßregeln zurückzuhalten, die auch ich tief beklage und von denen ich Herrn Thiers – wie ich fürchte, leider vergeblich – abgeraten habe, – man hat mich manche Demütigungen ertragen lassen, die ich in christlicher Demut über mich ergehen ließ, – aber sollte man es wagen, – sollte man ein Interesse haben, mich oder die anderen Geiseln hinrichten zu lassen? – Es gibt doch unter den jetzigen Machthabern noch Männer von klarem Verstand, welche nicht die letzten Brücken der eigenen spätern Rettung werden zerstören wollen –« »Darum,« fiel der Graf Rivero ein, indem er sich schnell erhob, – »darum, Monseigneur, wird man Sie nicht hinrichten , – man wird Sie ermorden , – sicher und gewiß ermorden, morgen schon, – vielleicht heute nacht noch, – ich weiß es, – der Befehl zur Ausführung ist gegeben, die Zeit ist vielleicht kurz, welche zur Rettung noch vorhanden ist, – ich beschwöre Sie –« Und wie wäre eine Rettung möglich? fragte der Erzbischof. »Leicht, Monseigneur,« erwiderte der Graf, – »wenn Gott seinen Beistand leiht, – hier,« fuhr er fort, einen falschen Bart, dem seinigen ähnlich, aus seiner Bluse ziehend, »Sie legen diesen Bart an, tauschen die Kleidung mit mir, – und hier,« er zeigte ihm das von ihm ausgefüllte Blankett Raoul Rigaults, – »hier ist ein passe partout des Prokurators, der die Türen aller Gefängnisse öffnet, – die Wachen sind wein- und schlaftrunken, – man kennt mich nicht und hat mich nicht genau beobachtet, – Sie werden ohne jede Schwierigkeit das Gefängnis verlassen, – aber Eile, Eile ist notwendig,« sagte er immer dringender, – »jeden Augenblick kann dieser blutdürstige junge Mensch hier erscheinen, um sich an dem Anblick seiner Opfer zu weiden oder ihr Ende zu beschleunigen, – dann würde alles entdeckt und vereitelt werden!« Der Erzbischof hatte aufmerksam zugehört. Liebevoll ruhte sein forschender Blick auf dem Grafen. »Und Sie, mein Herr?« fragte er. »Ich bleibe hier in Ihrer Kleidung,« erwiderte der Graf, – »bis man die Verwechslung entdeckt, können Sie in Sicherheit sein –« »Und wenn man diese Verwechslung entdeckt, wird man Sie töten,« sagte der Erzbischof. »Man will Ihr Blut, Monseigneur, das Blut des Priesters Gottes, den man verleugnet, – nicht das des untergeordneten unbekannten Mannes –« »Den man um so sicherer ermorden wird, wenn er die Absichten der Gewalthaber vereitelt hat,« sprach der Erzbischof ernst, – »nein, Herr Graf, meine Tage sind gezählt, – ich bin an der äußersten Grenze eines langen Lebens angekommen, dessen Pflichten ich nach der schwachen menschlichen Kraft erfüllt habe, – Sie haben noch viele Jahre des Wirkens vor sich, – Jahre, die Sie Gott und seinem Ruhm schuldig sind, – ich kann das Opfer nicht annehmen.« »Was ist mein Leben, Monseigneur,« rief der Graf Rivero, »dessen Kraft gebrochen, dessen Streben verfehlt und verurteilt ist, – gegen das Leben des hohen Hirten, der durch sein Wort und sein Beispiel mehr Segen in einem Tage verbreitet, als ich es in Jahren könnte, – was ist mein Leben, wenn ich durch dessen Hingebung so viele gläubige Herzen, – die ganze Kirche vor schwerer Trauer bewahren, – wenn ich beweisen kann, daß Gott trotz der Bosheit der Menschen, trotz des Eifers der Hölle seine Auserwählten rettet, wie er Petrus aus den Gewölben des Kerkers hinausführte!« »Und die anderen Gefangenen,« fragte der Erzbischof, – »meine priesterlichen Brüder, die hier um mich her in den Zellen eingeschlossen sind, was soll mit ihnen werden?« »Ich hoffe, man wird sie verschonen,« erwiderte der Graf, »sobald man Sie, Monseigneur, ihren obersten Führer, nicht mehr opfern kann.« »Man wird das nicht tun,« sagte der Erzbischof, – »und Sie selbst glauben nicht daran, – von mir aber,« fuhr er mit erhobenem Ton fort, »von mir wird man sagen, daß ich mich von jenen getrennt, daß ich sie verlassen habe in der Todesgefahr, – daß ich, ihr Bischof, der ich, ihnen vorangehen sollte mit meinem Beispiel in mutigem Blutzeugnis, wie es die Apostel und die heiligen Märtyrer abzulegen begnadigt wurden, – daß ich feige das irdische, fast schon vollendete Leben der ewigen Krone des Himmels vorgezogen, – daß ich den Herrn verleugnet habe. Nein, Herr Graf, – ich werde mich von den Genossen meines Schicksals nicht trennen, ich werde Gott das feierliche Bekenntnis meiner Glaubenstreue nicht verweigern – und«, fuhr er, die Hände faltend und den Blick aufwärts richtend, fort, – »mein Blut, wenn es hier vergossen wird zum Zeugnis, daß die Hölle wohl Macht hat über den irdischen Leib, aber nicht über die im Glauben mit Gott verbundene Seele, es wird mehr Segen verbreiten zum Heil der Kirche, als ich es tun könnte in den wenigen Tagen, die meinem Leben noch gegeben sein möchten. Diese Tage des Schreckens«, sprach er, indem sein Gesicht wie in prophetischer Erleuchtung strahlte, »werden vorübergehen, und die wieder aufatmende französische Nation wird sich an dem Beispiel mutiger, bis zum Tode standhafter Glaubenstreue emporrichten zu neuer Kraft auf dem Felsengrunde der christlichen Kirche! Ich aber, Herr Graf, ich bitte Gott, mir zu gewähren, daß ich dies Beispiel geben und mein, seinem Dienste geweihtes Leben so herrlich beschließen könne.« Der Graf stand in düsterem Schweigen da. Er fand keine Gründe, um die Worte des Erzbischofs zu widerlegen, er fühlte, daß der Bischof der Kirche, deren heiliger Stifter sein unschuldiges Blut für die Sünden der Welt dahingegeben hatte, nicht anders sprechen, nicht anders handeln konnte, – aber tiefer Schmerz durchzuckte ihn bei dem Gedanken, daß seine Mühe umsonst gewesen, daß das Opfer seines Lebens verworfen sei. »So erlauben Sie mir, hier zu bleiben, Monseigneur,« sagte er endlich, »um mein sündiges Leben mit dem Opfer Ihres heiligen Blutes zugleich hinzugeben im Zeugnis für Gottes ewige Herrlichkeit.« »Nein, mein Sohn,« erwiderte der Erzbischof, – »dein Leben gehört noch den Pflichten der Welt, – Gott hat es noch nicht von dir gefordert, und nicht vermessen und unberufen darfst du es hingeben, – ein solches Opfer würde strafbar sein und keinen Segen bringen. Ich, der Bischof und Priester Gottes, befehle dir, zurückzukehren in die Welt und die Pflicht des Lebens zu erfüllen, bis dein Schöpfer selbst deinen Tagen ihr Ziel steckt. Aber mit dir sollst du«, fuhr er fort, »meinen reichsten Segen nehmen, – den Segen des Greises, den Segen des Priesters und Bischofs, und der Herr wird diesem Segen die alles durchdringende apostolische Kraft verleihen. Deines Geistes Irrtum hat dich zu falschen Überzeugungen geführt, – du bist dafür gestraft, – aber können die Irrtümer des Geistes hier auf Erden ihren Richter finden?« sprach er mit unendlicher Milde, – »des Glaubens heiligstes Kleinod aber trägst du in dir, – ich habe es leuchten sehen in deinem Herzen, – und sollte ich gerettet werden aus diesem Kerker, so werde ich dafür zeugen, – denn du hast deinen Nächsten geliebt wie dich selbst und Gott mehr als dein Leben.« Zitternd beugte der Graf abermals das Knie, Tränen rannen aus seinen Augen, – der Erzbischof erhob die Hand und machte dreimal das Zeichen des Kreuzes über dem Haupt des Knienden, indem er leise die Worte des Segens sprach. Dann ergriff der Graf die Hand, welche ihn gesegnet hatte, und drückte inbrünstig seine Lippen auf den bischöflichen Ring. »Leben Sie wohl, Monseigneur,« sagte er aufstehend mit bebender Stimme, »und gedenken Sie meiner am Thron der ewigen Herrlichkeit! – Ich habe vor dem glänzenden Stuhl St. Petri gestanden, – festen und ruhigen Herzens, – hier in dieser Kerkerzelle habe ich Gott geschaut und des Heilandes Antlitz, der die Welt am Kreuz erlöste, – anbetend im Staube liegt meine Seele.« Schnell wendete er sich um und verließ die Zelle, während der Erzbischof noch einmal segnend die Hand gegen ihn erhob. Bald darauf wurde die Tür von außen verschlossen. Ruhig und heiter verrichtete der Erzbischof sein Gebet, – dann legte er sich auf das harte Lager nieder, löschte das Licht aus, und nach kurzer Zeit schlief er in dieser dumpfen Zelle, an deren Pforte ihm der Tod drohte, ebenso ruhig als sonst in seinem erzbischöflichen Palast. Nach kaum einer Stunde wurde es unruhig in dem Gefängnis. Laute Stimmen schallten durch die Höfe, während von fern her schwerer Geschützdonner krachte. Man hörte laute, wilde Rufe auf den Gängen, – Säbelklirren und das Aufstoßen von Gewehrkolben. Der Erzbischof war erwacht; er erhob sich von seinem Bett und lauschte den lärmenden Stimmen, welche durch die schwere Tür seiner Zelle drangen. »Sollte der Graf recht haben,« sprach er leise, – »sollte die Stunde der Verklärung nahen? Herr,« sagte er, die Hände faltend über das Kreuz, das an seinem Halse hing und dies Zeichen seiner bischöflichen Würde an die Lippen drückend, – »Herr, ich danke dir, daß du mich würdigst, den Spuren deiner heiligen Märtyrer zu folgen, – durchdringe mich mit dem Geist, der sie erfüllte!« Freudige Begeisterung leuchtete von seinem Gesicht, – so stand er da, die Augen zu dem aufgeschlagen, der über der niedern Decke seines Gefängnisses in den Himmelshöhen thront, – in den Händen das Kreuz emporgehoben, das Zeichen der versöhnenden Liebe des Allmächtigen, der unter Qualen den Tod erlitt, um der sündigen entsühnten Welt verzeihen zu können. Langsam öffnete sich die Tür. Der Schließer blickte in die Zelle und sagte kurz und kalt: »Kommen Sie heraus, Gefangener!« Der Erzbischof schritt ruhig und würdevoll aus dem dumpfen dunklen Raum. Der Korridor war von einzelnen Fackeln und Laternen erleuchtet. Wilde Gestalten, teils in bunt zusammengesetzten Uniformen, teils in Blusen, erfüllten den Gang, in welchen soeben auch die anderen Gefangenen aus den benachbarten Zellen geführt wurden. Alle trugen Gewehre in den Händen, Säbel an der Seite, – alle hatten weingerötete und von Blutgier verzerrte Gesichter, – an ihrer Spitze stand ein großer magerer Mann mit bleichem, finsterem Gesicht, in einer Offiziersuniform mit roter Schärpe, – der Leutnant Véricq, der Führer dieser zu den Exekutionen kommandierten Abteilung der Föderierten. Wüstes Geschrei und Hohnlachen empfing den Erzbischof. Beleidigungen und Lästerungen tönten aus den Reihen hervor. »Ruhig!« rief der Leutnant Véricq, – »sind die Gefangenen alle da?« »Die Zellen der Geiseln sind alle geleert,« erwiderte der Schließer. »Vorwärts!« kommandierte Véricq und, der Erzbischof voran, wurden die Gefangenen unter Schimpfreden und Schmähungen mit Kolbenstößen in den Hof gedrängt. »Seht,« rief ein entsetzlich aussehender kleiner, halb verwachsener Mensch mit einem großen Schleppsäbel an der Seite, – »seht, – er hält seinen Gott in der Hand! – Prügle deinen Götzen, verdammter Priester, – wie es die Afrikaner tun, – vielleicht hilft er dir dann!« Rohes Gelächter begleitete diesen traurigen Scherz des halb wahnsinnigen Elenden, – der Erzbischof blickte sich um, zornige Entrüstung flammte aus seinen Augen, ein dunkles Rot färbte sein bleiches Gesicht. Sogleich aber erschien wieder das sanfte Lächeln ruhiger, heiterer Ergebung auf seinen Zügen, – er erhob das Kreuz an seine Lippen und sprach: »Arme, Unglückliche! Herr, vergib ihnen, – sie wissen nicht, was sie tun!« Man war im Hofe angekommen. Schweigend und ernst, gestärkt und erhoben durch das Beispiel ihres Oberhirten, umstanden die übrigen gefangenen Geistlichen den Erzbischof, – unmittelbar neben ihm stand der dreiundsiebzigjährige Abbé Deguerry, der Pfarrer der Madeleine, ein gebeugter, zitternder Greis mit schneeweißem Haar; er war körperlich gebrochen, von Schauern geschüttelt, stützte er sich auf den Arm eines jungem Geistlichen, – der Präsident Bonjean blickte finster zur Erde, – der Bankier Jecker allein hatte die Fassung verloren, bald drohte er den Föderierten, bald bot er ihnen hohe Summen für sein Leben und seine Freiheit, – bald flehte er ihr Mitleid an, ohne eine andere Antwort zu erhalten als Hohnlachen und Schimpfreden. Der Leutnant Véricq stellte das Exekutionspeloton auf, – ein zweites zur Reserve daneben. Der Erzbischof trat vor und sprach mit lauter, voller Stimme: »Wie der Heiland seinen Mördern verzieh, so vergebe ich euch meinen Tod, – mein Blut komme nicht über euch.« Er hob die Hand gegen sie auf und machte das Zeichen des Kreuzes. Da traten zwei von den im Peloton stehenden Föderierten vor, stürzten zu den Füßen des Erzbischofs nieder und küßten sein Gewand, indem sie mit schluchzender Stimme riefen: »Verzeihung, Monseigneur, – Verzeihung!« Aber ebenso schnell waren sie von den übrigen ergriffen und unter Kolbenstößen und Fußtritten zurückgerissen. Das Peloton löste sich auf, und alle drängten gegen den Erzbischof heran. »Elender Priester,« rief jener kleine, verwachsene Mensch, – »willst du durch deine Gaukeleien gute Bürger zu Verrätern machen? – Du bist die Kugel nicht wert, – wir wollen dein falsches Herz aus deinem verfluchten Leibe reißen!« Er erhob die Hand und schlug in das Gesicht des ruhig dastehenden Erzbischofs. Alle Hände erhoben sich ringsumher und bedrohten unter wildem Geschrei den Prälaten. Eine andere Abteilung der Föderierten hatte inzwischen den Pater Allard und zwei andere Geistliche in eine Ecke des Hofes gedrängt, – man hörte einige Schüsse krachen, – zuckend lagen die Priester am Boden. Der Leutnant Véricq sprang mit gezogenem Degen unter den brüllenden Haufen, der den Erzbischof umringte. »Zurück!« rief er, seine Klinge gegen die Andrängenden schwingend, – »ich befehle hier – ihr seid dazu da, die Leute zu füsilieren, aber nicht, sie zu beleidigen! In die Reihe!« Einige murrten, – doch niemand wagte, dem Befehl sich zu widersetzen, – das Peloton stellte sich wieder in Reih und Glied, – die Gewehre wurden angeschlagen, – der Erzbischof stand allein in der Nähe der Mauer des Hofes, das Kreuz vor die Brust gedrückt, – freudige Verklärung in seinen Blicken. »Feuer!« rief der Leutnant Véricq. Die Schüsse krachten, und tödlich getroffen sank Monseigneur Darbois am Fuße der Mauer des Hofes zu Boden. Da schien ein Wahnsinn des Blutdurstes diese ganze Schar zu erfassen. Die Glieder lösten sich auf, die Föderierten drängten die Gefangenen zusammen und schossen mit Gewehren, Pistolen und Revolvern so lange auf sie, bis diese unglücklichen Opfer wütender Raserei von Kugeln durchlöchert in einer großen Blutlache am Boden lagen. Als alles beendet war, eilte Raoul Rigault, den Degen in der Hand, mit der roten Schärpe um die Schulter, herbei, – begleitet von dem Brigadier Gentil, Préau de Vedel, einem jungen Menschen, der sich den Prokurator der Kommune zum Muster und Vorbild genommen hatte und eine Art von Adjutantendienst bei ihm tat, – und Pilotell, einem der tätigsten und eifrigsten Agenten für die polizeiliche Spionage der Kommune. »Ah!« sagte Raoul Rigault, indem er sein Glas vor die Augen hielt und auf den blutigen Leichenhaufen hinabsah, – »es ist vorbei, – wir sind zu spät gekommen, – das ist schade, – ich hätte gern gesehen, welche Grimasse dieser alte Priester gemacht hat, der sich herausnahm, mich ›mein Kind‹ zu nennen, als ich ihn verhaftete.« Er blickte suchend umher, – dann trat er zu der seitwärts liegenden Leiche des Erzbischofs und betrachtete dieselbe einige Zeit mit kaltblütiger Neugier. »Man soll diese Kadaver nach dem Père Lachaise fahren und in die Fosse commune werfen!« befahl er, dem toten Körper des Erzbischofs noch einen leichten Stich mit der Spitze seines Degens versetzend, – dann rief er den Direktor François heran, der inzwischen wieder nach seinem Gefängnis zurückgekehrt war: »Sind noch politische Gefangene außer diesen hier?« fragte er, auf die Leichen deutend. »Ich habe noch etwa sechzig Gendarmen des Kaiserreichs,« erwiderte François, »welche in den hinteren Zellen sitzen.« »Und andere Gefangene?« fragte Raoul Rigault weiter. »Fast zweihundert,« erwiderte François, – »welche verurteilt sind und nach Toulon in das Bagno gebracht werden sollten –« »Es ist unrecht, diese Opfer der Tyrannei noch nicht befreit zu haben,« sagte Raoul Rigault, – »lassen Sie dieselben sogleich frei, – geben Sie ihnen Gewehre, – und damit sie sogleich sich nützlich machen, sollen sie damit beginnen, die gefangenen Gendarmen hier zu diesen zu werfen,« er stieß die Leiche eines der ermordeten Priester mit dem Fuße an, – »später soll man sie auf die Barrikaden senden! Kommt, meine Freunde,« sagte er zu Préau de Vedel und Pilotell, – »laßt uns weiter gehen, – wir haben noch viele Arbeit zu tun.« Er neigte herablassend den Kopf gegen François und verließ den Hof, um nach den anderen Gefängnissen zu eilen, – und die halbe Nacht zog er mit seinen Begleitern umher, blutige Leichen aufhäufend, wohin er kam. Das Gefängnis La Roquette aber hallte bald nach seiner Entfernung von dem wilden Geschrei der befreiten Galeerensträflinge wieder und von den Schüssen, mit welchen sie die gefangenen Gendarmen niederstreckten. – Alle Schrecken der Hölle schienen über dem unglücklichen Paris, dieser früher so reizvoll schimmernden Königin der Städte, entfesselt zu sein. Wilde Banden durchzogen die noch von der Kommune beherrschten Stadtteile, mordend und zerstörend ohne Wahl und Ursache, – auf den Barrikaden tobte der Kampf mit unversöhnlicher, erbarmungsloser Wut, – und wo die Versailler Truppen vordrangen, da übten sie mit unerbittlicher Grausamkeit die Vergeltung und Rache, – wobei nur zu oft nicht die Schuldigen oder wenigstens nicht die Schuldigsten getroffen wurden. Dazu hatte das Feuer sein Vernichtungswerk begonnen, – bereits war das Stadthaus eine glühende, dampfende Ruine, – die Tuilerien flammten in gelbroter Lohe zum Himmel auf, während die Mauern dieses alten Königsschlosses krachend zusammenstürzten, und Horden von fürchterlichen, rauchgeschwärzten und blutbespritzten Weibern durchzogen die Straßen, Petroleum in die Häuser gießend und dem Brand immer neue Nahrung zuführend. Die Mitglieder der Kommune, nachdem sie in ihrer letzten Sitzung die Zerstörung von Paris beschlossen, waren nach allen Richtungen auseinandergestoben, – die einen, um sich zu retten, die anderen, um die Lust an der Zerstörung und Vernichtung der Hauptstadt, der alten Gesellschaft, welche sie für die neue Ordnung der Dinge nicht retten konnten, bis zum Ende zu genießen. Die Marchesa Pallanzoni saß in finsterem Brüten in ihrem nur von einer einzigen gedämpften Lampe erleuchteten Salon, – denn es war gefährlich, in jenen Nächten des Schreckens durch hell erleuchtete Fenster die Aufmerksamkeit zu erregen. Diese Frau, welche mit ihrer Hand alle Laster und Verbrechen berührt hatte, ohne daß ihre festen Nerven zitterten, begann Furcht und Entsetzen zu empfinden; der betäubende Lärm, – der in allen seinen schrecklichsten Gestalten über die Welt dahinrasende Tod, die wilden Orgien dieser letzten Zeit, die sie stets zwischen Überreizung und Betäubung hatten hin und her schwanken lassen, untergruben allmählich auch die von Stahl gefügten Fasern ihrer Natur; sie fing an, sich körperlich noch mehr als geistig gebrochen zu fühlen und strengte vergeblich ihren sonst so erfindungsreichen Geist an, um sich aus den von allen Seiten mit so brutaler Gewalt herandrohenden Gefahren zu retten, kein Ausweg wollte sich ihr zeigen, denn überall starrte ihr Tod und Verderben entgegen, – in ihrer Wohnung drohte ihr die Rückkehr ihres Geliebten, den sie genug kannte, um zu wissen, daß er sie töten würde, ehe er sie in Paris zurückließ, wenn der äußerste Augenblick gekommen, – draußen war ihr Leben dem Zufall preisgegeben, und das Zeugnis des Grafen Rivero konnte ihr nur bei der wiederhergestellten ordnungsmäßigen Autorität nützen, nicht aber bei den in der wilden Kampfeswut hereinbrechenden Truppen. Während so ihre finsteren Gedanken unschlüssig hin und her wogten, trat Herr Charles Lenoir ein. Er trug eine weite Bluse, – sein Gesicht war rauchgeschwärzt, – ein zerknitterter Hut bedeckte seinen Kopf. Die Marchesa blickte auf und sah den Eintretenden betroffen an, denn nicht ergeben und demütig wie sonst stand er vor ihr, – schnell trat er zu ihr heran, faßte heftig ihren Arm, und sie gewaltsam emporreißend, rief er: »Rasch Toni, – die Komödie ist zu Ende, – es gilt zu retten, was möglich ist, – ich weiß deine Schatulle ist gefüllt, – ich bedarf des Geldes, vielen Geldes, – man kann nicht wissen, was die Zukunft bringt, – und du,« sagte er, höhnisch lächelnd, »wirst schon Mittel finden, deine Kassen wieder zu füllen.« Die junge Frau stand auf, – sie ergriff ihr Stilet, das auf einem Stuhl neben ihr lag, und stellte sich mit funkelnden Blicken vor den Schreibtisch, in welchem sich ihre Kassette befand. »Nichtswürdiger,« rief sie, »so belohnst du das Mitleid, das ich mit dir gehabt, – zum Raube willst du diese Stunden des Tumults benützen, – aber sieh dich vor, – meine Hand ist stark und fest, und wenn sie Herrn Lenoir zu den Toten sendet, so wird er nicht wieder unter den Lebenden erscheinen, wie Herr Balzer, der Fälscher und Betrüger.« »Ich bin vollkommen überzeugt,« erwiderte er lachend, »daß meine teure Toni nichts mehr wünscht, als zum zweiten Mal Witwe zu werden, – und auch, daß diese kleine, zarte Hand fest und sicher stoßen würde, – auch habe ich gar keine Lust, mich auf einen solchen Kampf einzulassen, – ich habe bessere Waffen; was meinst du, daß dein teurer Raoul Rigault sagen würde,« sprach er, die Arme kreuzend und sie starr anblickend, – »wenn ich ihm erzählte, daß ein von ihm unterzeichnetes Blankett von seiner Herzensfreundin benützt worden ist, um dem Herrn Grafen Rivero – einem frühern Freunde derselben – Zutritt zu dem gefangenen Erzbischof zu verschaffen?« Sie zuckte zusammen, – aber sie ließ das erhobene Stilet nicht sinken und erwiderte voll kalter Verachtung: »Geh' hin und suche Herrn Rigault, um deine Denunziation anzubringen, – bis das geschehen ist, werden die Truppen von Versailles hier sein und mit dir wie mit allen diesen übrigen Elenden das Ende machen, das ihr verdient.« »Die Versailler Truppen?« rief er, einen Schritt näher zu ihr herantretend, – »ah, du glaubst, mir mit jenen drohen zu können, – nein, mein Schatz,« sagte er höhnisch, – »du täuschest dich, – sieh' dir dies an,« er zeigte ihr eine Karte mit Unterschrift und Siegel, die er aus der Bluse hervorzog und, mit beiden Händen sie festhaltend, in die Nähe ihres Auges brachte, – »du wirst dich überzeugen, daß ich dich den Bajonnetten der Versailler noch sicherer ausliefern kann als deinem teuren Raoul und seinen Mordgesellen; – also zögere nicht lange, – ich bin dieses unruhigen Treibens müde und sehne mich nach einem friedlichen Leben in stiller Zurückgezogenheit, – was du in deiner Schatulle hast, genügt dazu, – also schnell, – her damit!« Sie schien nachzusinnen, während sie mit scharfen Blicken alle seine Bewegungen beobachtete und fortwährend den Stahl gezückt vor sich hielt. Laute Stimmen ertönten auf der Straße, – dazwischen der heisere Gesang der Marseillaise, flackerndes Fackellicht warf seinen Schein in das Zimmer herauf. Die Marchesa lauschte einen Augenblick, – dann mit einer blitzschnellen Bewegung sprang sie zum Fenster, – riß dasselbe auf und rief mit aller Anstrengung ihrer Stimme: »Hierher Bürger! – Hier herauf, – im Namen der Kommune, – im Namen des Bürgers Rigault, – des Prokurators!« Einen Augenblick schwieg der Lärm unten, – dann hörte man einzelne Stimmen, welche riefen: »Hinauf, – hinauf, – es ist die Freundin des Prokurators, – es ist eine gute Bürgerin!« Herr Lenoir hatte zuerst in starrer Verwunderung dagestanden, – er schien ihre Bewegung, ihren Ruf nicht zu begreifen, – dann aber stürzte er auf sie zu, erfaßte mit der einen Hand ihren Arm, um sie vom Fenster loszureißen und, indem er mit der andern ihre Kehle umspannte, sagte er mit wuterstickter Stimme: »Schweig, verdammtes Weib, – oder du bist des Todes!« Sie aber traf mit der Spitze ihres Dolches seine Hand, die ihren Hals zusammendrückte, und rief laut hinab: »Zu Hilfe, Bürger, zu Hilfe!« Da ließ er sie los, und mit einem Ruf der Verwünschung eilte er zur Tür hinaus. Aber schon war die Bande von der Straße aus in das Haus gedrungen und stürmte die Treppe herauf, – er wurde ergriffen, man drängte ihn in das Zimmer zurück, das sich schnell mit diesen furchtbaren Gestalten anfüllte – Männer und Weiber mit stieren Blicken, zerzausten Haaren und blutbefleckten Kleidern. »Ich habe euch um Hilfe angerufen, Bürger,« sagte die junge Frau, welche in ihrer Erregung wunderbar schön erschien unter dem zitternden Licht der mit heraufgebrachten Fackeln, – »ich habe euch zu Hilfe gerufen, weil dieser Elende hier, ein Spion, ein Agent der Versailler, mich bedrohte.« »Sie lügt,« rief Herr Lenoir, indem er versuchte, sich aus den Händen der beiden Föderierten zu befreien, die ihn in ihrer Mitte festhielten, – »sie lügt, – sie selbst ist eine Verräterin, – sie hat versucht, den Erzbischof zu befreien –« »Ich bin die Freundin des Prokurators, – ihr kennt mich,« fiel die Marchesa ein, während die Männer und Weiber unschlüssig auf beide blickten, – »ich glaube, das sollte genügen, – doch ihr könnt euch leicht Gewißheit verschaffen, durchsucht ihn, – er trägt die Legitimation der Versailler in seiner Bluse.« Mit einer verzweifelten Kraftanstrengung versuchte Lenoir sich frei zu machen, – aber in einem Augenblick war er zu Boden geworfen und seine Bluse wurde in Stücken von seinem Leibe gerissen. »Hier ist eine Karte,« rief einer der Föderierten, indem er das in einem Fetzen der Bluse gefundene Papier emporhob und damit zu der brennenden Fackel hineilte. Die übrigen drängten sich um ihn. »Es ist eine Legitimation der Versailler!« riefen die Nächststehenden, – »er ist ein Spion, – es lebe die Freundin des Bürgers Rigault, – Tod dem Verräter!« Herr Lenoir, den man einen Augenblick außer acht gelassen, da alle sich nach der Fackel hindrängten, um das Papier zu sehen, hatte sich schnell und geschmeidig wie eine Schlange am Boden nach der Tür hingewunden, – vor der Schwelle derselben sprang er auf und sprang in großen Sätzen die Treppe hinab. »Haltet ihn, – haltet ihn, – er flieht!« rief die Marchesa. »Er flieht! – ihm nach, – ihm nach! – er darf uns nicht entgehen!« schrien alle, und voll Wut und Rachedurst stürmten sie dem Flüchtigen nach, der bereits unten angekommen war und in rasendem Lauf nach den Champs Elisées hinflog, von wo die Versailler Truppen heranrückten. Nun begann eine wilde, furchtbare Menschenjagd. Kaum die Erde berührend, jagte der Verfolgte in langen Sätzen dahin, – ihm nach diese heulende, nach seinem Blut lechzende Schar, mit ihren geschwungenen Fackeln die Häuser der Straße in rasch vorüberfliegendem Schein erleuchtend, während die Granaten durch die Luft zischten und der gewaltige Flammenherd der brennenden Tuilerien den Himmel wie mit Nordlichtsschein rötete. Der Verfolgte aber gewann Vorsprung, – er raffte seine ganze Kraft zusammen, um die Brücke zu erreichen, – da zog ihm in der Nähe der Seine, dem Kai d'Orsay gegenüber, plötzlich eine andere Schar entgegen, – im Nu war er umringt und festgehalten, und während er noch keuchend und schwer atmend zu sprechen versuchte, waren schon die ersten seiner Verfolger herangekommen. »Haltet ihn,« riefen sie, – »ein Spion!« Stöße und Schläge fielen auf seinen Kopf, Blut stürzte aus seiner Nase und seinem Mund und überströmte sein Gesicht und sein halbzerrissenes Hemd. »In die Seine mit ihm,« riefen mehrere Stimmen, – »zu den anderen, – wir haben eben zwei Gendarmen ersäuft wie die Katzen, – fort, – fort – in die Seine!« Man hob das Opfer, ohne auf seine Protestationen, Drohungen und Bitten zu hören, hoch empor, – fast schien es ein Triumphzug, als er so einhergetragen wurde auf den Schultern der laut schreienden und jubelnden Menge, und nur sein blutendes, angstverzerrtes Gesicht zeigte, daß es sich um eine jener Exekutionen handle, welche in der letzten Zeit an den Ufern der Seine so häufig geworden waren. Man schleppte ihn an die Seine, da wo nicht weit vom Anfang der Champs Elysées eine steile Mauer gerade zum Fluß herabsteigt, – an dieselbe Stelle, an welcher einst der unglückliche George Lefranc, in der Verzweiflung über den Betrug seiner Geliebten, zu seinem nassen Grabe hinabstürzte. Hier warf man ihn auf die Erde, und ihn schnell um sich selbst drehend, schleuderte man ihn in den steilen Abgrund hinab. Hoch auf spritzte das Wasser, – ein jubelndes Geschrei begrüßte seinen Sturz, ähnliche wilde Rufe antworteten von der andern Seite des Flusses, wo die Versailler vordrangen, dann krachte eine Salve herüber, Kugeln zischten durch die Luft, aber ohne zu treffen, – und die Föderierten blieben die Antwort nicht schuldig, indem sie zugleich laute Verwünschungen hinüberriefen. Charles Lenoir, der einst Herr Balzer war, stieg nach seinem Fall wieder zur Oberfläche des Wassers empor, – er war betäubt, seine Kräfte schwanden, aber dennoch regte sich der Trieb der Selbsterhaltung mächtig in ihm, mit fast gebrochenen Augen blickte er suchend umher, – ein halb verkohlter langer Balken schwamm langsam den Strom hinab, der hier an beiden Seiten von steilen Mauern eingefaßt ist, – mit Mühe erreichte er diesen Balken, er klammerte sich an ihn fest, – dann arbeitete er sich mit der letzten Anstrengung empor und schwang sich rittlings auf das Holzstück. Dasselbe sank ein wenig, – aber es trug die Last, – und tief aufatmend trieb er in dieser sonderbaren Stellung auf dem Strom dahin, während über ihn hin die erbitterten Feinde, Söhne eines Landes, sich ihre Kugeln zusendeten. Da erblickte ihn eine der am Ufer stehenden und zu den Versaillern hinüberdrohenden Weiber. »Er entflieht, – der Mouchard, – der Verräter!« rief sie mit kreischender Stimme, – »seht dort, – seht, – er rettet sich, – schießt ihn nieder.« Alle drängten an den Rand des Bollwerks heran und sahen im Licht der zum Flusse herableuchtenden Fackeln den Unseligen halbnackt in seinem zerfetzten Hemd auf dem fließenden Wasser dahintreiben. Und nun begann ein fürchterliches Scheibenschießen nach diesem mit den Menschen und den Elementen um sein Leben kämpfenden Mann, – auch die Versailler Truppen auf der andern Seite erblickten ihn, auch sie stellten ihr Feuer auf die gegenüberstehenden Insurgenten ein und richteten ihre Gewehre auf dies menschliche Wild, dem jeder Weg der Rettung abgeschnitten war und der, langsam forttreibend, keine Möglichkeit hatte, sich den auf ihn gerichteten Schüssen zu entziehen. Bald hatten ihn mehrere Kugeln getroffen, – Blutwellen rieselten an seinem Körper herab, – ein rötlicher Streif zog im Wasser hinter ihm her, – aber mit beiden Händen den Balken erfassend, der seine letzte Stütze in der atmenden Welt war, hielt er sich noch aufrecht. Immer schneller krachten die Schüsse, – und so oft eine Kugel ihn traf, so oft ein neuer Blutstrahl aus seinem Körper quoll, erschallte lautes Bravo auf beiden Seiten des Flusses. »Erbarmen! – Gnade, – um Gottes willen!« rief er aus der Tiefe herauf mit gellender Stimme, in welcher der gräßliche Ausdruck der Todesangst und Verzweiflung zitterte. Aber eher hätte er bei den schlangenhaarigen Erinnyen selbst Erbarmen und Mitleid gefunden, als bei seinen Verfolgern, – schallendes Hohngelächter antwortete seinem Ruf, – Schuß auf Schuß folgte, – Kugel auf Kugel traf ihn, – er sank vornüber auf den Balken hin, das Holz mit den Armen umklammernd, – rot vom strömenden Blut war sein ganzer Körper, – noch einmal dann raffte er sich empor, aufrecht saß er auf dem Holz, – mit einem furchtbaren Fluch streckte er beide Arme gegen die hohen Ufer aus, – dann fiel er schwer zur Seite und verschwand im Wasser, das, ruhig fortfließend, seine blutgefärbten Kreise über dem Versunkenen weiter und weiter auseinander zog. Einen Augenblick schwieg das Feuer auf beiden Seiten, als er verschwunden war, – dann begann es wieder heftiger als vorher, und von neuem sendeten sich die Reihen auf den entgegengesetzten Ufern des Flusses ihre tötenden Geschosse zu, nachdem sie an dem gemeinsamen Opfer ihre grausame Lust gebüßt hatten. * Die Marchesa Pallanzoni war nach der Entfernung des Herrn Balzer und der ihn verfolgenden Bande erschöpft zusammengebrochen – ihre Kräfte drohten sie zu verlassen, im Fieber pochten ihre Schläfen und ihre Blicke verdunkelten sich. Sie hatte ihren höchsten Schatz, ihr Geld, das ihr die Brücke in die Zukunft bauen sollte, gerettet, – sie hatte ihren frühern Gatten der Rache der wilden, blutgierigen Meute preisgegeben, – aber welche Gefahren drohten ihr noch! Um ihrem Geliebten, den sie mehr fürchtete als alle Schrecknisse, zu entfliehen, mußte sie hinab in jene Straßen, durch die das Verderben dahinschritt und in denen sie der fast sichere Tod erwartete. Ihre Gedanken verwirrten sich, – sie tauchte ihre Hände in kaltes Wasser und preßte sie an ihre brennende Stirn, um ihr Gehirn zu ruhiger Arbeit zu zwingen und ihrem sonst an Hilfsmitteln so reichen Geist einen rettenden Gedanken abzuringen, – aber vergeblich, – alles tobte und wogte wild und unklar durcheinander. Und wunderbar, während ihre Erfindungskraft die Arbeit versagte, traten vor ihren inneren Blick in lebendiger Klarheit die Bilder ihrer Vergangenheit, – sie sah die Gräfin Klara Frankenstein, in deren Adern sie das Gift der Verwesung flößte, – sie sah den Leutnant von Wendenstein, wie er taumelnd über das zertretene Bild seiner Geliebten hin zu ihren Füßen niedersank, – sie sah den toten, starren Körper des armen vertrauensvollen George Lefranc auf dem Gestell in der Morgue – und kalte Schauer rieselten durch ihre Glieder. Von wahnsinniger Angst getrieben, eilte sie auf und nieder, – immer fürchterlicher tobte es draußen, drohendes Geschrei und schneidende Jammerrufe klangen von allen Seiten her, Schüsse knatterten, Granaten zischten durch die Luft, der Himmel glühte im Flammenschein, ein scharfer Brandgeruch drang durch die Fenster herein. Da sank sie nieder auf die Knie, streckte die Arme empor und bewegte die Lippen, mit starren, gläsernen Blicken Gott suchend, dessen furchtbare Gerichte über diese in Blut und Flammen zusammenstürzende Welt hereinbrachen. Aber ihr Blick vermochte nicht durch diese Schrecknisse bis zum Himmel zu dringen, welcher sich nur den stillen, gläubigen Herzen öffnet, – ihre Lippen fanden die Worte des Gebetes nicht, welche nur aus der kindlich demütigen Seele hervorquellen. Ihre erhobenen Arme sanken schlaff herab, – ihre Augen senkten sich zu Boden, und in sich zusammenbrechend kauerte sie in der Mitte dieses halbdunklen Zimmers, – starrer Schrecken und dumpfe Verzweiflung waren die einzigen Empfindungen, die in ihrer Brust Platz fanden. Da stürmten eilige Tritte die Treppe herauf. Langsam wendete sie den Kopf, – noch bleicher wurde ihr Gesicht, noch starrer ihre Blicke, – Raoul Rigault erschien in der schnell geöffneten Tür, – wilde, trunkene Lust sprühte aus seinen Blicken, – er war ohne Hut, sein Haar hing verworren über seine Stirn, seine Kleidung war beschmutzt und zerrissen. »Auf, meine Freundin!« rief er, – »du bist allein, du fürchtest dich? – schwaches Weib, das ich für stärker hielt als die anderen; – auf! komm mit mir, – ich habe dir versprochen, daß du die Königin der Vernichtung sein sollst an meiner Seite, heute will ich mein Wort lösen, – heute will ich dir ein Fest geben, wie es seit den Zeiten Neros nicht dagewesen ist, der die Flammen des brennenden Rom zu seinen Füßen sah, – komm hinaus, – du sollst diese stolzen Paläste der Tyrannei zum Himmel lodern und das Blut ihrer Schergen durch die Straßen strömen sehen!« Er faßte ihren Arm und suchte sie emporzuziehen. Sie blieb schwer und träge am Boden sitzen. »Ich will nicht,« sagte sie leise, indem sie halb entsetzt, halb trotzig zu ihm aufsah, – »laß mich hier.« »Ha,« rief er, und ein Ausdruck entsetzlicher Drohung verzerrte sein Gesicht, – »so steht es, – du bist zu feig, um meine Festesfreude zu teilen, – oder wäre es noch anders, – wäre es Verrat? – feig und verräterisch ist ja das ganze Geschlecht,– – aber«, sagte er, sie mit mächtigem Ruck emporreißend, – »du bist mein, – mein Weg ist der deinige und mir sollst du folgen!« Ihre Kraft, ihr Wille war gebrochen. Erbebend trat sie einen Schritt von ihm zurück. »Zitterst du,« rief er höhnisch, »zitterst du – wie Semele, als Jupiter in flammenden Wetter vor ihr erschien? – Es ist zu spät, – du gehörst mir, und mit mir sollst du hinein in den lodernden Abgrund!« Er legte ihren Arm in den seinigen und zog sie hinaus, die Treppe hinab. Ohne Widerstand folgte sie ihm, nur zitternd an allen Gliedern. Sie eilten durch die Straßen, – über Blutlachen hinweg, – an Leichenhaufen vorbei, – sie mechanisch fortschreitend, still und starr, – er freudig die rote Glut betrachtend, – mit lautem Zuruf vorüberziehende Banden begrüßend, bis sie zur Präfektur kamen, wo ein dichter Haufen versammelt war, Männer und Weiber, – meist alte furienhafte Gestalten, aber auch zarte junge Mädchen darunter, schmächtig und schlank, mit feinen, aber von bacchantischem Taumel glühenden Gesichtern. Große Petroleumfässer standen hier aneinander gereiht, und alle diese Weiber waren beschäftigt, mit Eimern und Geschirren aller Art diesen Nahrungsstoff der vernichtenden Flammen in die Fenster der Souterrains zu gießen und die Mauern, so hoch sie hinaufreichen konnten, damit zu tränken. » Dies habe ich mir reserviert,« rief Raoul Rigault, – »diesen alten Sitz der Tyrannei, diesen Knotenpunkt ihrer Netze der hellen, lustigen Flamme zu opfern, soll mein Werk sein, – dies und die Notre-Dame, den Mittelpunkt des Götzendienstes! – Ich danke euch, meine Freunde, daß ihr mich erwartet habt, – nun heran mit den Fackeln, – das Fest kann beginnen!« Einige Männer mit großen Feuerbränden traten heran und zündeten das von Petroleum getränkte Holzwerk der Souterrainfenster an, unmittelbar faßte die Flamme, – dicker Qualm stieg auf, und in gelblichem Schein sich emporringelnd wie gespenstische Schlangen, stieg dazwischen das vernichtende Element an den Mauern auf. Raoul Rigault hatte eine Fackel ergriffen und stieß dieselbe gegen die Mauer, wo das Feuer nicht schnell genug faßte, während die Weiber mit eifriger Hast immer neue Ströme von Petroleum, aus den Fässern geschöpft, in den Brand gossen. »Sieh'«, rief er, seine Geliebte, welche unbeweglich, das Gesicht einer Wachsmaske gleich, dastand, ganz nahe an die Glut heranziehend, – »sieh', ist das nicht groß, ist das nicht herrlich, – dem Jupiter gleich den vernichtenden Wetterstrahl zu halten, – hier stehe ich – den Blitz in der Hand, – die Wonne und den Schauer übermenschlicher Lust sollst du in meinen Armen fühlen!« Er preßte sie an sich und drückte seine Lippen auf ihr leichenfahles Gesicht. Da erschallte ein Trommelwirbel ganz in der Nähe. Unmittelbar darauf krachte eine Salve, Kugeln pfiffen durch die Luft, mit lautem Wehgeschrei stürzten einige Männer und Weiber nieder. »Die Versailler« rief es aus dem Haufen, – »flieht, – rettet euch!« »Nein!« riefen andere Stimmen, – »ihnen entgegen! – Rache! – Es lebe die Kommune!« Während einige der Brandstifter flohen, stellten sich andere den Truppen entgegen und erwiderten aus ihren Gewehren das Feuer derselben. Die Weiber flohen nicht; mit verdoppeltem Eifer gossen sie Eimer auf Eimer voll Petroleum in die immer höher aufsteigenden Flammen. Raoul Rigault starrte schweigend in die Glut, als könne sein Auge sich von diesem Anblick, der ihm so lange als das Ziel aller seiner Wünsche vorgeschwebt hatte, nicht trennen. Da drängte sich ein junges Mädchen, ein großes Gefäß voll Petroleum hoch emporhaltend, ganz in seiner Nähe gegen das brennende Gebäude heran, – ihre schwachen Arme vermochten das schwere Gefäß nicht zu halten, – es schlug um, fiel auf die Schulter der Marchesa und übergoß dieselbe ganz und gar mit seinem Inhalt. Die junge Frau stieß einen Schrei aus und schauerte unter der kalten Flüssigkeit, die ihre Kleider durchdrang und sie mit betäubendem Dunst umhüllte. Raoul Rigault sah sie mit großen Augen an, – ein furchtbarer Gedanke schien ihn zu erfassen, sein Gesicht zitterte und zuckte im Widerschein der sprühenden Flammen. »Ha, meine Semele,« rief er, – »der Augenblick der Verklärung ist gekommen, – niemand soll deine Lippen mehr berühren, welche mein Kuß der Vernichtung geweiht!« Er erhob die Fackel und berührte das Gewand der Marchesa. In einem Augenblick umhüllte sie die gelbliche Flamme, eine dicke schwarze Rauchwolke stieg über ihrem Haupt empor, mit einem von dem Knattern der Gewehre und dem Prasseln der Flammen übertönten Weheruf sank sie zusammen, und eine unkenntliche brennende und qualmende Masse wälzte sich am Boden. Die Versailler waren fast ganz nahe herangekommen. Mit lautem, gellendem Lachen eilte Raoul Rigault davon. Aber er sollte die Greuel der Verwüstung nicht mehr weiter tragen. In der Nähe der Sorbonne stieß er auf eine neue Abteilung der Truppen. Er wendete sich in raschem Lauf seitwärts, – aber die Soldaten sahen diesen Menschen mit der roten Schärpe, den Säbel in der Hand, – mehrere Schüsse krachten, – er stürzte zu Boden. Der Offizier, welcher die Abteilung kommandierte, trat heran, – Raoul Rigault führte einen Hieb mit seinem Säbel nach ihm, indem er sich auf die Knie erhob, – aber er war zu schwer getroffen, – kraftlos brach er zusammen. Der Offizier setzte ihm kaltblütig den Revolver an die Schläfe, und aus dem zerschmetterten Schädel spritzte sein Gehirn, das die Dämonen der Hölle zu ihrer Werkstätte erkoren, auf das Straßenpflaster. Neunundzwanzigstes Kapitel Die Welt atmete auf von einem Ende Europas zum andern, – der Friede, der fast ein Jahr lang schmerzvoll sein Haupt verhüllt hatte, lächelte wieder auf die Welt herab. In der alten Kaiser- und Krönungsstadt zu Frankfurt am Main war der Traktat unterzeichnet, welcher der einigen Erhebung der deutschen Nation den herrlichen Siegespreis sicherte, welcher dem von allen Fürsten und Stämmen Deutschlands erkorenen und auf den Schild erhobenen Kaiser das schönste Recht gab auf den Ehrentitel seiner Vorgänger: Semper Augustus , allezeit – Mehrer des Reichs. Frankreich richtete sich langsam auf, seine Wunden zu heilen und das schwer erschütterte Gefüge seines Staatslebens wieder zu kräftigen und zu neuen Ordnungen hinüberzuführen, – durch ganz Deutschland hallte der Siegesjubel wieder, und die Größe der nationalen Herrlichkeit tröstete und stärkte die vielen, vielen Herzen, welche brechen wollten im Jammer um die verlorenen Lieben. Der König Wilhelm als Kaiser des wiedererstandenen deutschen Reichs in seiner Residenz Berlin, welche das Herz für alle Adern des nationalen Lebens werden sollte, – und die ganze Bevölkerung dieser merkwürdigen Stadt, die immer gegen ihre Fürsten frondiert und doch in Not und Gefahr immer zu ihnen gestanden hat voll opferfreudiger Treue, – rüstete sich, die Truppen zu empfangen, welche so beispiellose Siege erkämpft und das Recht erworben hatten, stolz erhobenen Hauptes unter der Viktoria des Brandenburger Tors einherzuziehen und an dem ehernen Bilde des Siegers von Roßbach vorbeizudefilieren. Im Hause des Kommerzienrats Cohnheim herrschte unermüdliche Tätigkeit. Der Kommerzienrat war das eifrigste Mitglied seines patriotischen Vereins für die Vorbereitungen des Einzugs, und die Kommerzienrätin stand ihm ebenso eifrig zur Seite. Ihr Verhältnis zu der Familie des Herrn von Rantow war durch die Auflösung der Verlobung des jungen Barons nicht getrübt worden,– Frau von Rantow hatte dieselbe Herzlichkeit und Innigkeit gegen Fräulein Anna bewiesen, auch nachdem diese nicht mehr die Braut ihres Sohnes war, und mit gleicher Bereitwilligkeit die Stellung der Kommerzienrätin in den vornehmen Kreisen, in welche sie dieselbe eingeführt, aufrecht erhalten und geschützt, – die geschäftlichen Projekte zur industriellen Verwertung der Güter des Barons waren von diesem und dem Kommerzienrat wieder aufgenommen worden und versprachen unter den so günstigen Konjunkturen beiden reichen Gewinn; – so war alles Harmonie und Zufriedenheit. Der junge Baron von Rantow war schon früher zurückgekehrt, – nachdem die Tätigkeit in den Lazaretten mehr und mehr zu ihrer regelmäßigen, immer mehr sich vermindernden Ausdehnung zurückgekommen war. Er hatte zunächst im Hause des Kommerzienrats einen Besuch gemacht und um eine Unterredung mit Fräulein Anna gebeten, – welche diese ihm sogleich ruhig und freundlich bewilligt hatte. Nach kurzer Zeit waren die beiden jungen Leute heiter und freudig zu ihren Eltern zurückgekehrt, und so oft sie sich begegneten, waren sie voll von freundschaftlicher Herzlichkeit gegeneinander, und ihr Verkehr schien freier und vertraulicher als zu der Zeit, da sie durch ein Band aneinandergefesselt waren, das den Herzen beider fremd war. Dann hatte der junge Mann eine lange und ernste Unterredung mit seinem Vater und seiner Mutter gehabt, – infolge deren der alte Baron einen langen Brief an den Grafen von Villebois schrieb, in welchem er voll Selbstgefühl das Alter seiner Familie berührte und dem französischen Grand Seigneur erklärte, daß die Herren von Rantow seit unvordenklichen Zeiten der Ritterschaft des deutschen Reiches zugehörten. Dann legte er klar und offen seine Vermögensverhältnisse dar und bat für seinen Sohn um die Hand des Fräulein Hortense. Ohne Verzögerung traf die Antwort des Grafen ein, der in den artigsten Ausdrücken erklärte, daß er die Wahl, welche das Herz seiner Tochter getroffen, durchaus billige, und daß es ihm eine Ehre sei, mit der Familie des Herrn von Rantow in so nahe Beziehungen zu treten. Die menschlichen Herzen, fügte der Graf in seinem Schreiben hinzu, fänden sich über die Feindschaften und Kämpfe der Völker hinweg zueinander, – er freue sich, wenn das zu knüpfende Familienband dazu beitragen könne, wenigstens in kleinem Kreise Haß und Erbitterung zu versöhnen, – dennoch wünsche er, daß die Verlobung bis nach dem wirklichen und definitiven Abschluß des Friedens verschoben bleiben möge, damit kein Gefühl verletzt werde, – auch das seines Sohnes nicht, der die französische Uniform getragen. Dann wolle er selbst nach Berlin kommen, um die persönliche Bekanntschaft der Familie seines künftigen Schwiegersohnes zu machen. Der alte Herr von Rantow war hocherfreut und glücklich. Sein aristokratisches Gefühl ließ ihn mit hoher Genugtuung diese Wendung begrüßen, und er wußte seinem Sohne Dank, daß er dem alten Stammbaum diese neue glänzende Allianz hinzugefügt habe. Je mehr aber dies Gefühl in ihm lebendig war, um so entgegenkommender und artiger war sein Benehmen gegen den Kommerzienrat Cohnheim, so daß auch nach dieser Seite die freundliche Harmonie durch nichts gestört wurde. Auch ein Brief von Fräulein Hortense an den jungen Herrn von Rantow war mit dem Schreiben ihres Vaters eingetroffen, – und er mußte viel Liebes und Freudiges enthalten, denn die blauen Augen des jungen Mannes, welche früher oft so unstet und hochmütig kalt umhergeblickt hatten, ruhten mit warmen, strahlenden Blicken auf den feinen französischen Schriftzügen, und als er in aufwallendem Gefühl den geliebten Namen unter denselben an die Lippen drückte, da sah ihn seine Mutter voll freudiger Rührung an, – sie dankte im Herzen derjenigen, welche ihrem Sohne die Tiefen der Empfindung und des innern Lebens erschlossen hatte. Fräulein Anna hatte regelmäßig ihre Besuche bei dem Oberstleutnant von Büchenfeld, fortgesetzt und noch inniger und vertrauensvoller war die Beziehung des jungen Mädchens zu dem alten Mann geworden seit jenem Weihnachtsabend, der ihn so tief bewegt und ihr so viel neue Hoffnung in das Herz gegossen hatte, – niemals aber hatte sie den alten Herrn durch ein Wort oder durch einen Blick ahnen lassen, wie nahe sie seine Erzählung berührte und wie hoch sie durch seine Mitteilung beglückt sei, daß sein Sohn diejenige noch immer liebe, von der er sich betrogen glaubte. Der alte Herr hatte sich immer mehr erholt, – er hatte mit dem Beginn der wärmeren Jahreszeit wieder begonnen, kleine Ausgange zu machen, – aber noch an keinem Tage hatte Fräulein Anna ihre Besuche ausgesetzt, – der alte Herr hatte sie mit fast kindlicher Schüchternheit gebeten, diese ihm so liebe Gewohnheit nicht zu unterbrechen, und täglich war sie, wenn auch nur auf kurze Augenblicke, gekommen, um mit ihm zu plaudern, ihm vorzulesen oder ihn zu einem Gange abzuholen, bei welchem er durch die im grünen Frühlingshauch schimmernden Alleen des Tiergartens, auf ihren Arm gestützt, hinschritt und ihr wieder und wieder sagte, daß sie ihn so glücklich mache in der Einsamkeit seines Alters, wie es eine eigene Tochter nur vermöchte. Die Nachricht von der endlichen Beendigung der Kämpfe, welche dem alten Herrn die Sicherheit brachte, daß sein bis jetzt so glücklich bewahrter Sohn ihm erhalten bleibe, hatte dazu beigetragen, seine Genesung zu beschleunigen und seine Kräfte schneller wiederkehren zu lassen. Auf die inständige Bitte des jungen Mädchens hatte er seinem Sohne nichts von ihren Besuchen und ihrer so sorgsamen Pflege geschrieben, sie hatte sich das von ihm versprechen lassen, und er hatte sein Wort gehalten, um so leichter und um so lieber, als er seine Krankheit nur beiläufig und oberflächlich erwähnt hatte, um den jungen Offizier unter den Gefahren und Entbehrungen des Krieges nicht durch die Sorge um den Vater zu bekümmern. Schon war das Regiment des Leutnants in seine Garnison zurückgekehrt, – er selbst aber wurde noch immer zurückgehalten, er war zum Generalkommando der Okkupationstruppen kommandiert worden, da sein Diensteifer, seine Kenntnisse und seine Gewandtheit immer mehr und immer höher hinauf die Blicke seiner Vorgesetzten auf ihn gezogen hatten, und immer teilte der Oberstleutnant voll Freude und Stolz seiner jungen Freundin diese Nachrichten mit, welche ihm so glänzende Hoffnungen für die künftige Karriere seines Sohnes gaben. Da endlich traf ein Brief ein, in welchem der Leutnant seine Ankunft anzeigte. Er hatte Depeschen zu überbringen und im Auftrage seines Chefs mündliche Berichte zu erstatten, – zugleich hatte er die fast gewisse Aussicht, auf die dringende Empfehlung des Generals von Manteuffel, zum Generalstabe kommandiert zu werden, und damit das Ziel seiner lange gehegten, sehnlichsten Wünsche zu erreichen. Der Brief zitterte in des Alten Hand, als er dessen Inhalt dem jungen Mädchen bei ihrem Besuch mitteilte, – nur um einen Tag war die Nachricht der Ankunft des Sohnes vorausgeeilt, und am nächsten Vormittag schon sollte er wieder eintreffen nach so langer Abwesenheit, nach so vielen Leiden, Sorgen und Kümmernissen. Fräulein Anna wurde bleich bei dieser Nachricht, tiefer Ernst, aber auch freudiger Mut lag auf ihrem Gesicht, – der Alte merkte es nicht, die Freude nahm ihn ganz in Anspruch, und heute schienen sie die Rollen getauscht zu haben, lebhaft plaudernd saß er in seinem Lehnstuhl, während Fräulein Anna schweigend und sinnend ihm zuhörte. Früher als sonst brach sie auf, und der Oberstleutnant hielt sie nicht zurück, – hatte er doch so viel zu ordnen für die Ankunft des Sohnes. Friedrich, der dem Oberstleutnant wegen dessen schwacher Gesundheit noch als Bursche gelassen war, hatte das Zimmer des Leutnants reinigen und lüften müssen, der alte Herr selbst füllte den Tabakskasten, stellte eine frische Kiste der vortrefflichen Zigarren, welche Herr von Rantow ihm aufgedrungen, auf den Tisch, und immer wieder kam er in diesen kleinen, bescheidenen Raum zurück, der morgen seinen Sohn wieder aufnehmen sollte, und den er so gern mit dem Besten und Schönsten geschmückt hätte. Er wußte nur nicht, wie er das anfangen sollte, und Fräulein Annas Beistand zu erbitten, hatte er nicht gewagt, – es schien ihm nicht passend, die junge Dame in das Zimmer seines Sohnes zu führen. Endlich brach vor all der unfruchtbaren Unruhe seine Kraft zusammen, – er sank, unfähig, sich länger aufrechtzuhalten, auf einen Stuhl nieder, und Friedrich geleitete ihn sorgsam zu seinem Bett, – aber der Schlaf wollte doch so recht nicht kommen trotz der Erschöpfung, und fast jede Stunde hörte der alte Herr durch seinen Halbschlummer auf der Stutzuhr in seinem Wohnzimmer schlagen. – – – Auch Fräulein Anna Cohnheim hatte eine schlaflose Nacht zugebracht. Die bittere Erinnerung der Vergangenheit zog durch ihre Seele, und fast zitterte sie nun vor dem Augenblick, der endlich Klarheit in alle die Dunkelheit bringen sollte, die auf ihr Leben herabgesunken war, – aber immer siegte die mutige, frohe Hoffnung über alle Zweifel, – er liebte sie noch und würde sie immer lieben, – dies Wort des Oberstleutnants klang hell in ihrer Seele wieder, – und wenn er sie noch liebte, dann mußte auch alles gut werden. Schon früh war sie aufgestanden und hatte eine einfache Toilette gemacht, – sie hatte ihr Frühstück in ihr Zimmer bringen lassen, und als die Stunde kam, welche den lange Entfernten zurückbringen sollte, da blickte sie noch einmal in diesem Zimmer umher, aus welchem sie schon einmal voll froher Hoffnung hinausgegangen war, um schmerzlich getäuscht zurückzukehren, und in welchem sie dann in finsterer, starrer Verzweiflung alle jene Blumen und Schleifen, die Erinnerungszeichen an ihre erwachende Liebe, in Asche hatte versinken sehen; – dann nahm sie einen Karton, den ihre Kammerfrau ihr gebracht, stieg festen Schrittes die Treppe hinab und ging durch die Straßen, welche bereits mit den Vorbereitungen zur Einzugsfeier sich zu schmücken begannen, nach der Wohnung des Oberstleutnants von Büchenfeld. Als sie in das Zimmer trat, blieb sie einen Augenblick betroffen an der Schwelle stehen. Der alte Herr faß in seinem Lehnstuhl in voller Uniform mit Schärpe und Degen, den Helm auf dem Kopf, das Dienstauszeichnungskreuz und den roten Adlerorden vierter Klasse, die einzigen Dekorationen, welche seine Friedensdienstzeit ihm gebracht hatte, auf der Brust. Friedrich, der Bursche, ebenfalls in voller Uniform, war beschäftigt, nach den Anordnungen des Oberstleutnants die letzte Hand an die Arrangements des mit einem weißen Tuch bedeckten Tisches zu legen, auf welchem kalter Aufschnitt, Brot, Butter, eine Pastete und in der Mitte eine noch verkorkte Champagnerflasche stand, – und zum erstenmal vielleicht wurde der alte Herr ungeduldig und heftig gegen den armen Burschen, der immer nicht die rechte Symmetrie in der Aufstellung aller dieser Dinge finden konnte, die er für die größten Herrlichkeiten unter den gastronomischen Genüssen hielt. Als Fräulein Anna in der Tür erschien, erhob sich der Oberstleutnant, – freudige Überraschung erleuchtete sein Gesicht, schnell trat er dem jungen Mädchen entgegen und reichte ihr die Hand. »Das ist schön,« rief er, – »das ist gut von Ihnen, daß Sie heute kommen, – ich wagte Sie nicht darum zu bitten, – das werde ich Ihnen nie vergessen!« »Ich habe so viele Stunden der Leiden und Schmerzen mit Ihnen geteilt,« erwiderte Fräulein Anna mit leiser Stimme und niedergeschlagenen Augen, – »ich möchte auch in der Stunde des Glücks bei Ihnen sein, – ich hoffe,« fügte sie mit leisem Seufzer hinzu, »daß meine Gegenwart Ihrem Sohne die Freude des Wiedersehens nicht stören wird, – ich möchte auch ein wenig,« sagte sie dann rasch, die Erwiderung des alten Herrn abschneidend, »zum Schmuck dieser glücklichen Stunde beitragen!« Sie öffnete den Karton, den sie in der Hand trug, er enthielt einen langen, schlanken Kranz von grünen Blättern, mit kleinen, zarten Blumen durchflochten. Dann trat sie zu dem Bilde über dem Schreibtisch und streckte die Hand aus nach dem trockenen Kranz von Immergrün, der es umgab. »Darf ich?« fragte sie mit einem bittenden Blick. Die Lippen des alten Herrn bebten in tiefer Rührung. »Da habe ich an all das Zeug da gedacht,« sagte er, auf den Tisch mit den Eßwaren deutend, – »um den Jungen zu empfangen, – aber daran habe ich nicht gedacht, daß an diesem Freuden- und Ehrentag auch das Bild der Mutter ihn aus frischem Blütenkranz anblicken soll, – doch dies liebe Kind denkt an alles!« Er nahm ihr Haupt in seine Hände und drückte seine Lippen auf ihr glänzendes Haar. Dann, als sie abermals die Hand nach dem Bild ausstreckte, sprach er abwehrend: »Doch lassen Sie den alten Kranz da, – er hängt um das Bild seit dem Tage, an dem sie von mir schied, – legen Sie die frischen Blumen darüber, – man muß den vergangenen Schmerz treu bewahren, auch unter den Blüten des gegenwärtigen Glücks, damit das Herz demütig bleibe und in vertrauensvoller Ergebung aufblicke zu dem, der die Blumen welken und immer wieder neu sich erschließen läßt im wechselnden Leben auf Erden!« Mit gefalteten Händen sah er zu, wie Fräulein Anna leise und vorsichtig den Kranz um das Bild befestigte, und Friedrich, der stramm neben dem Tisch stand, dessen Symmetrie herzustellen er aufgegeben hatte, wischte sich mit der Hand über die Augen, indem er so tat, als sei ihm ein Staubkorn in dieselben geraten. Darauf wendete sie sich zu dem Tisch, und in wenigen Augenblicken war alles so zierlich und geschmackvoll geordnet, daß der gute Bursche sich nicht genug verwundern konnte, wie das so leicht und einfach sei, was ihm doch trotz aller Mühe nicht hatte gelingen wollen. Man hörte einen Wagen heranfahren und am Hause halten. »Der Herr Leutnant!« rief Friedrich, an das Fenster eilend, und schnell stürmte er die Treppe hinab, um den Sohn seines Oberstleutnants zu empfangen und sein Gepäck herauszutragen in das für ihn hergerichtete Zimmer, das unverändert geblieben war in seiner stillen Beschränktheit, während draußen die Welt krachend aus ihren Fugen gerüttelt wurde. Hoch erglühend stand Fräulein Anna da, – der Oberstleutnant rückte die Schärpe zurecht und richtete sich militärisch empor, – aber seine Gestalt schwankte, – schwer atmend hob sich seine Brust. »Wie doch die Freude so mächtig erschüttern kann!« sagte er mit gepreßter Stimme, – er streckte den Arm aus, wie eine Stütze suchend, – Fräulein Anna trat schnell zu ihm heran, er legte den Arm um ihre Schultern, und so auf sie gelehnt stand er da, die Augen starr und fest auf die Tür gerichtet. Da eilten schnelle, leichte Schritte die Treppe herauf, – noch einige Sekunden – und herein stürmte der Leutnant von Büchenfeld in Mütze und schwarzem Militärüberrock, das eiserne Kreuz im Knopfloch, – das gebräunte Gesicht von kurzem, krausem Vollbart umrahmt. »Mein Vater, – mein lieber Vater!« rief er, und in einem Satz flog er in die geöffneten Arme des alten Herrn. Lange hielt dieser schweigend den Sohn umschlungen, – dann schob er ihn sanft zurück und schaute mit feuchten, glückstrahlenden Blicken in das so viel schöner und männlicher gewordene Gesicht des jungen Mannes. Dieser aber sah mit dem Ausdruck starrer, fast entsetzter Verwunderung zu dem jungen Mädchen hinüber, das zurückgetreten war und sich zitternd auf das Gesims des Fensters stützte. »Nun habe ich den Sohn begrüßt,« rief der Alte, – »jetzt muß ich die Honneurs machen vor dem eisernen Kreuz, vor diesem herrlichen Ehrenzeichen, das meiner Jugend vorschwebte wie ein lichtes Symbol strahlenden Ruhms und das«, fügte er wehmütig hinzu, – »erst wieder erstehen sollte, nachdem mein Arm zu schwach geworden, um dem König und dem Vaterland zu dienen, – doch das tut nichts,« rief er wieder freudig, – »kann ich doch den Sohn als Ritter dieses edlen Ordens begrüßen!« Er legte die Hand an den Helm und richtete sich militärisch auf, den Blick stolz auf das Kreuz gerichtet, das die Brust des jungen Mannes schmückte. Dieser konnte kaum seine Verwirrung und seinen Schreck über die ihm unerklärliche Anwesenheit derjenigen unterdrücken, die er niemals wiederzusehen geglaubt hatte und bei deren Anblick die widersprechendsten Gefühle seine Brust durchwogten. »Wohl ist es ein edles, herrliches Zeichen, mein Vater,« sagte er, sich gewaltsam fassend, – »aber«, fuhr er fort, auf das Dienstauszeichnungskreuz an der Brust seines Vaters deutend, »dieses da darf sich wahrlich vor ihm nicht verbergen, es belohnt die treue, stille Pflichterfüllung langer Jahre, – während das eiserne Kreuz in der Begeisterung des Augenblicks errungen wird, jene stille, verborgene Treue aber ist doch der Boden, aus welchem die Lorbeeren der Armee immer frisch hervortreiben! – Doch«, sagte er, mit einer Verbeugung sich zu Fräulein Anna hinwendend, – »ich –« »Mein Gott,« fiel der alte Herr ein, – »kann denn die Freude so vergeßlich und undankbar machen? – da spreche ich von allen andern – und vergesse, – du mußt wissen, mein Sohn,« sagte er ein wenig zögernd, »daß ich krank war, – sehr krank, – ich habe dir das nicht geschrieben, um dir keine Sorge zu machen, – es ging mir recht schlecht, – mein Friedrich wäre wohl nicht recht mit meiner Pflege fertig geworden, – da ist Frau von Rantow zu mir gekommen, – und mit ihr diese junge Dame da, – dieses liebe, gute Kind,« sagte er, Fräulein Anna die Hand reichend und sie zu sich heranziehend, – »sie hat bei mir gesessen, – bei mir, dem alten kranken Mann, – sie hat mich gepflegt, – sie hat mir vorgelesen, – den Archenholz, – du weißt, mein liebstes Buch, – ihr Blick«, sagte er weich, »ist der Sonnenschein gewesen, der mir wieder Gesundheit und Leben brachte, – und heut ist sie gekommen und hat diesen frischen Kranz um das Bild deiner Mutter da gewunden, – ich sage dir, mein Junge, ich habe dich von Herzen lieb und bin stolz auf dich, – aber ihr, meinem guten, freundlichen Engel, mußt du einen Platz in meinem Herzen abtreten, – und es ist ein großer, großer Platz!« fügte er mit zitternder Stimme hinzu, indem er das junge Mädchen fest an sich drückte, das mit glänzenden Blicken bittend und fragend zu dem jungen Offizier aufsah, der in heftiger Bewegung den Worten seines Vaters gefolgt war. Es zog wie ein Schimmer lichten Glücks über sein Gesicht, – dann zuckten wieder finstere Schatten darüber hin, und mühsam die Worte suchend, sprach er: »Du warst krank, mein Vater, – dein Leben war in Gefahr, – und Sie , mein Fräulein, – Sie haben meinen Vater gepflegt, Sie finde ich hier, – Ihnen danke ich seine Rettung –« Erstaunt und forschend ruhte der Blick des alten Herrn auf dem Gesicht seines Sohnes, aus dessen Worten freudige Hoffnung sich mit tiefer Bitterkeit mischte. »Du kennst Fräulein Anna?« fragte er ernst. Der junge Mann schlug die Augen nieder und stand schweigend da. »Ja,« sagte das junge Mädchen, indem sie die Hand auf ihr Herz legte, als wolle sie dessen gewaltsame Schläge bewältigen, – »ja, Herr Oberstleutnant, – Ihr Sohn kennt mich! Sie haben mir,« fuhr sie fort, während der alte Herr in düstere Gedanken zu versinken schien, – »von einer Dame erzählt, von der er sich betrogen und verhöhnt glaubte –« »Das hast du getan, mein Vater?« rief der Leutnant im Ton des Vorwurfs. »Von einer Dame,« fuhr Fräulein Anna fort, »die Ihr Sohn dann beleidigt hat, – beleidigt, wie man nie eine Dame beleidigen sollte, – die man doch geliebt hat –« sagte sie leise. »Mein Fräulein, ich bitte Sie!« rief der Leutnant. »Nun, Herr Oberstleutnant,« sprach das junge Mädchen weiter, – »diese Dame, – der auch Sie in Ihrem Herzen zürnten, – diese Dame bin ich!« »Sie?« rief der alte Herr, – »Sie sollen eine falsche Kokette sein? – Sie sollen ein Herz betrügen und verhöhnen können, das Ihnen liebend vertraut? – Mein Sohn,« sagte er in strengem Ton, – »dieser Engel hier, der tröstend in meinen Leiden mir zur Seite stand, ist wahr und rein wie das Sonnenlicht, kein Falsch haftet an dieser Seele, – bitte, daß sie dir verzeihe, was du an ihr gefrevelt!« Der Leutnant stand starr und finster da, – er schlug das Auge nicht auf. »Herr Leutnant von Büchenfeld,« rief der alte Herr mit funkelnden Blicken, – »Sie sind Offizier und Edelmann, – beugen Sie Ihr Knie vor dieser Dame, die Sie beleidigt haben!« »Halt!« sagte Fräulein Anna mit sanfter Stimme, – »nicht dem Befehl des Vaters soll dies stolze Herz sich beugen! – Herr von Büchenfeld,« fuhr sie fort, indem sie zu dem jungen Mann sich wendete, der noch immer unbeweglich, gesenkten Blickes vor ihr stand, – »ein unglückliches, verhängnisvolles Mißverständnis hat über uns gewaltet, – ich habe Sie damals nicht gerufen, um das Wort der Trennung zu sprechen, sondern um das, was damals, – damals zwischen uns bestand, für immer, – für das Leben festzuknüpfen, – es war ein Zufall, daß Sie mich in der Begleitung des Herrn von Rantow fanden, ein Zufall, welchen zu erklären Sie mir keine Zeit ließen.« Der Leutnant schlug die Augen zu ihr auf, – er sah ihre Blicke in feuchtem Glanze schimmern, – ein tiefer Schmerz malte sich in seinen Zügen. »War' es möglich, – wäre es wahr?« fragte er mit unsicherer Stimme. »Es ist wahr,« rief Fräulein Anna, – »ich schwöre es Ihnen – bei dem Geist Ihrer Mutter!« Sie erhob die Hand gegen das bekränzte Bild. Der Leutnant sah immer mit demselben tiefschmerzlichen Ausdruck in ihr erregtes Gesicht. Dann trat er zu ihr hin, beugte das Knie und sprach ernst und traurig: »Verzeihen Sie mir, mein Fräulein, was ich gegen Sie in der Aufwallung meines Gefühls begangen, – und behalten Sie eine gute, freundliche Erinnerung an mich – und an die Vergangenheit!« Er ergriff ihre Hand und führte sie ehrerbietig an seine Lippen. »So soll«, sagte sie errötend, mit glücklichem Lächeln, »die Erinnerung das einzige Band bleiben, das zwischen uns besteht?« Er blickte zu ihr empor und sagte: »Kann es ein anderes geben? Ist nicht unwiederbringlich alles zerstört und vernichtet durch jenes unglückselige Verhängnis?« »Herr von Rantow,« sprach sie fast flüsternd, »ist der Verlobte einer französischen Dame, – ich bin frei –« »O mein Gott!« rief er aufspringend, – »könnte der Himmel so viel Glück über mich ergießen! – Doch nein – nein,« sagte er dann, finster zurücktretend, – »was damals mich zurückhielt, steht auch heute als unübersteigliche Schranke noch zwischen uns, – Sie die Tochter des Millionärs, – und ich, der arme Offizier, – der so leicht wiegt in der Wagschale jener Welt, der Sie angehören, – es ist unmöglich!« »Wo wäre meines Vaters Reichtum,« rief Fräulein Anna, – »wenn unsere Heere nicht des Landes Grenzen geschützt hätten! – dies,« fuhr sie in begeistertem Ton fort, indem sie auf das eiserne Kreuz deutete, – »dies wiegt Millionen auf, – soll ich,« sagte sie, wie unwillig den Kopf schüttelnd, »meinen Vater bitten, mich zu enterben, um die Kluft auszufüllen, welche stolzer Eigensinn für unüberwindlich hält?« Der Oberstleutnant hatte bis jetzt schweigend zugehört, – seine Blicke wendeten sich von einem zum andern, immer freundlicher und heiterer war sein Gesicht geworden. »Sie haben mich beleidigt, – öffentlich beleidigt,« fuhr Fräulein Anna fort, immer eifriger sprechend, »so sehr man überhaupt eine Dame beleidigen kann, – ich habe Ihre Beleidigung vergeben, – vergessen und vergeben, – und Sie wollen mir nicht vergeben, daß mein Vater Millionen besitzt, nach denen so viele jagen und ringen?« Der Leutnant bebte, – fragend blickte er auf seinen Vater. »Junge,« rief der alte Herr, – »wärest du so zaghaft vor den feindlichen Batterien gewesen, so hättest du das Kreuz nicht erhalten.« »Aber du selbst, mein Vater,« sagte der junge Mann, – »du urteiltest so streng über ungleiche Verbindungen –« »Ungleiche Verbindungen!« rief der Alte beinahe zornig. Er schlang seinen Arm um das junge Mädchen und zog sie an seine Brust. »Hier«, sagte er, »ist der Platz meiner tröstenden Pflegerin, – und ich sage dir, – die gleiche Liebe ist für euch beide hier in meinem Herzen, – wenn nicht«, fügte er hinzu, – »diese kleine Zauberin mich meinem eigenen Fleisch und Blut abwendig macht.« »Anna,« rief der Leutnant, indem er abermals zu ihren Füßen niedersank, – »Anna, – verzeihen Sie mir, – nehmen Sie mein Herz, mein Leben hin, mein Stolz ist gebrochen, machen Sie mit mir, was Sie wollen, – o, Sie wissen nicht –« »Ich weiß,« sagte Fräulein Anna lächelnd, – »daß Sie diejenige, der Sie so sehr zürnten, immer noch liebten, – auch das hat mir Ihr Vater verraten, – und daß ich dies wußte, das hat mir den Mut gegeben, nun ein Herz zu erobern, das sich – so fest verschanzt hat.« Sie streckte ihm beide Hände entgegen und zog ihn zu sich empor, – er breitete die Arme aus, und voll inniger Liebe zu ihm aufblickend, sank sie an seine Brust. Friedrich trat ein. »Das Gepäck vom Herrn Leutnant,« begann er in dienstlicher Haltung zu melden, – da fiel sein Blick auf die Gruppe der beiden jungen Leute, über deren Häupter der Oberstleutnant segnend seine Hände breitete, – seine Augen erweiterten sich unnatürlich, – sein Mund öffnete sich zu einem glückseligen Lachen, – ein lautes Hurra drang schallend aus seiner Brust hervor, – dann schlug er die Absätze gegeneinander und bemühte sich, ein so gleichgültiges Gesicht zu machen, als ob er sich nicht erklären könne, woher der plötzliche laute Jubelruf gekommen sei. »Rufe du nur noch einmal Hurra,« sagte der Oberstleutnant freundlich, »denn der liebe Gott hat deinem alten Herrn große Freude gegeben, – doch – öffne die Flasche, damit wir alle mitrufen können!« Friedrich ergriff die Champagnerflasche und löste nach der vorher schon ihm erteilten Anweisung den Draht. Mit lautem Knall flog der Kork heraus. »Hole noch ein Glas!« befahl der alte Herr, – »auch eines für dich, – du treue Seele hast auch deinen Anteil an dem heutigen Fest verdient.« Im Nu hatte Friedrich die Gläser gebracht und füllte sie mit dem schäumenden Wein, den er mit ehrfurchtsvoller Scheu betrachtete. Der Oberstleutnant ergriff sein Glas und streckte es gegen die jungen Leute aus, welche mit glückstrahlenden Blicken vor ihm standen. Plötzlich aber ließ er die Hand wieder sinken. »Das wäre doch das erstemal in meinem Leben,« flüsterte er vor sich hin, dann richtete er sich militärisch auf, legte die Hand an den Helm und sagte mit voller Stimme: »Es lebe Seine Majestät unser allergnädigster König und Kriegsherr, der Kaiser Wilhelm, hoch!« »Hoch!« riefen der Leutnant und Fräulein Anna, während die Gläser gegeneinander klirrten, und »Hoch!« schrie Friedrich, indem er sich noch gerader streckte, – dann aber ergriff ihn infolge des prickelnden Weins, den er auf einen Zug hinuntergestürzt hatte, ein so hartnäckiger Hustenanfall, daß er völlig seine parademäßige Haltung verlor. Die Gläser wurden wieder vollgeschenkt und auf das Wohl des jungen Paares geleert, – der Oberstleutnant blickte mit wehmütigem Kopfnicken nach dem Bilde hinüber, in welchem aus dem frischen Blumenkranz die Züge der heimgegangenen Gefährtin seines Lebens ihn grüßten. »Seien Sie meinem Sohn, was sie mir war,« sagte er mit tränendem Blick. Fräulein Anna aber beugte sich nieder und drückte einen innigen Kuß auf seine Hand, bevor er dieselbe, erschrocken abwehrend, zurückziehen konnte. »Jetzt sind der Herr Oberstleutnant gut besorgt,« rief Friedrich im Ton inniger Überzeugung, – »wenn ich jetzt abkommandiert werde, so ist das gnädige Fräulein ja immer da, – da brauchen der Herr Oberstleutnant keinen Burschen mehr –« Ein erneuter Hustenanfall schnitt die weitere Ausführung dieser vergleichenden Parallele ab, und so gut als möglich seine erschütterte Haltung bewahrend, ging der Bursche hinaus. Draußen schmückte man die Straßen mit Kränzen und Fahnen zum Empfang der siegreichen Truppen, – niemandem aber war ein glücklicheres Heimkehrfest beschieden als dem Leutnant von Büchenfeld in dem einfachen, ärmlichen Wohnzimmer seines Vaters. Dreißigstes Kapitel In tiefer Ruhe und Stille war die Zeit, welche die ganze Welt so mächtig erschüttert hatte, über das Dorf Blechow im hannoverschen Wendlande und sein kleines Pfarrhaus dahingezogen, und doch hatte sich hier ein Kreis zusammengefunden, der an reichem geistigem Leben und an mannigfachen tief ergreifenden Schicksalserinnerungen hinter keinem andern in der großen Welt zurückstand. Der alte Pastor Berger wartete immer noch unter Beihilfe des Kandidaten seines Amtes, soweit ihm seine schwächer werdende Gesundheit dies gestattete, und fand in dieser Tätigkeit, die ihm heilige Pflicht und innige Freude zugleich war, den liebsten und schönsten Trost über den Verlust seiner Tochter und die Kraft, ruhig und ergeben den kurzen Weg zurückzulegen, der ihn noch von der Wiedervereinigung mit seinen zur ewigen Heimat vorangegangenen Lieben trennte. Weißer wurde sein Haar, tiefer und tiefer neigte sich sein Haupt herab zum Staube, der den irdischen Leib wieder in sich aufnehmen sollte, seine zitternde Hand stützte sich fester auf den Stab, – aber sein Blick richtete sich frei und klar aufwärts, sein Geist stand fest und zuversichtlich auf dem Felsengrund des Glaubens, der seines Denkens und Strebens Fundament gewesen war in guten und bösen Tagen, – seines Lebens Werk war getan, in stillem Kreise hatte er des Segens viel verbreitet, und mit der vertrauensvollen Hoffnung des Kindes war er bereit, vor den Richterstuhl des gerechten und liebevollen Vaters zu treten. Der Kandidat ging ruhig und gleichmäßig seinen Weg, – er erfüllte alle seine Pflichten in der Gemeinde auf das pünktlichste und sorgfältigste, – die Bauern lobten seinen Eifer, sie hörten andächtig seinen Predigten zu; – aber er blieb dennoch fremd unter ihnen; wo Not und Bekümmernis die Herzen erfaßte, da suchten sie Trost und Rat bei dem alten Herrn, und wenn der Pastor Berger, was in rauher Jahreszeit öfter und öfter vorkam, längere Zeit an das Zimmer gefesselt blieb, so war es jedesmal ein besonderer Festtag für die ganze Gemeinde, wenn er zum erstenmal wieder die Kanzel bestieg, um mit seinen milden und doch so kräftig ernsten Worten das Evangelium zu verkünden und auszulegen. Der Kandidat war voll Aufmerksamkeit gegen den alten Herrn, – er las ihm vor und unterhielt sich, bescheiden und ehrerbietig die Ansichten seines Oheims anhörend, über alle Gegenstände, welche das Interesse desselben erregten, – nur über die kirchlichen Fragen, welche die neuen Verhältnisse zuweilen in den Vordergrund stellten, wurde zwischen ihnen nicht gesprochen. Der Pastor stand fest und unerschütterlich auf dem Boden der reinen lutherischen Kirche, während der Kandidat sich mit Eifer den Bestrebungen zur Anbahnung der Union angeschlossen hatte. Der alte Herr hatte kein Wort des Tadels darüber geäußert, – in seinem milden Sinn überließ er es gern jedem, in Sachen seiner Überzeugung seinen eigenen Weg zu gehen. Der Prozeß gegen den Leutnant von Wendenstein war wieder aufgenommen und nach kurzer Verhandlung schon vor der Amnestie, welche König Wilhelm bei dem Ausbruch des Krieges erließ, zu seinen Gunsten entschieden, da er offen sein ganzes Verhalten dargelegt hatte und ihm keine Handlungen gegen die Autorität der Regierung nachgewiesen waren. Er hatte das Gut übernommen, welches sein Vater in der Nähe von Blechow gekauft, um ihm mit Helenen eine Heimat zu schaffen, – seine Schwestern waren verheiratet, und er lebte mit dem Oberamtmann, der immer noch kräftig seinen Kampf mit dem Podagra kämpfte, und mit seiner Mutter, die in stillem Walten noch rüstig des Hauses Leitung führte, auf dem Sitz, der die Stätte eines reichen, blühenden Glücks hatte sein sollen und der ihm jetzt nur noch den Frieden für seine reuig gebeugte Seele bringen konnte. Er hielt sich von allem Verkehr mit seinen Nachbarn, von allen Kreisen, in welchen die politischen Verstimmungen nachklangen, fern und kam nur regelmäßig mindestens einmal in jeder Woche nach Blechow, um Helenens Grab zu besuchen, auf welchem, von schlankem, efeuumranktem Eisengitter umgeben, ein einfacher Marmorstein mit Namen, Geburts-, und Todestag lag. Bei dem Beginn des Krieges war der Graf Rivero in Blechow erschienen und hatte den Pastor Berger gebeten, ihm seine Tochter Julia anvertrauen zu dürfen, da er selbst seine medizinischen Kenntnisse für die Pflege der Kranken und Verwundeten nutzbar machen wolle. Freudig hatte der alte Pastor die Bitte des Grafen gewährt, und Julia hatte sich in dem Zimmer Helenens eingerichtet, während ihr Vater nach Paris gegangen war und in den französischen Lazaretten und Ambulanzen mit unermüdlicher Aufopferung aller Kräfte Hilfe geleistet hatte. So war der Herbst und der Winter hingegangen in stiller, ruhiger Einförmigkeit. Julia hatte mit kindlicher Sorgfalt den alten Pastor gepflegt, – selbst von tiefem, schmerzlichem Ernst erfüllt, hatte sie dennoch alles aufgeboten, um ihn zu erheitern und in allen jenen kleinen, fast unmerklichen Aufmerksamkeiten, welche dem Herzen so wohltun, ihm die verlorene Tochter zu ersetzen; – es war eine freundliche, liebe Beschäftigung für den alten Herrn, dem jungen Mädchen, das so ganz anders war wie Helene und ihn doch wieder so oft an sie erinnerte, immer mehr die Kenntnis der deutschen Sprache und Literatur zu öffnen, und wie nichts zwei Menschen mehr zueinander führt und fester verbindet, als geistiges Geben und Empfangen, so knüpfte sich bald zwischen dem Pastor und seiner Schülerin das innige Band treuer und liebevoller Freundschaft, welche den alten Diener des Evangeliums erfrischte und verjüngte und in dem jungen Mädchen die Saiten ihres tiefen Gemüts- und Seelenlebens immer reicher und voller anklingen ließ. Der Leutnant von Wendenstein trat Fräulein Julia gegenüber ebenfalls aus seiner düstern Verschlossenheit mehr und mehr heraus, – die Pflege von Helenens Grab führte sie zunächst zusammen, – solange die Jahreszeit es erlaubte, fand der junge Mann dasselbe bei seinen Besuchen immer von frischen Blumen umgeben, jedes welke Blatt war sorgsam entfernt, und die zarte, weibliche Sorge schmückte die letzte Ruhestätte der Entschlafenen mit immer neuem, frühlingsfrischem Reiz; – selbst unter dem Frost und Schnee des Winters blieb das Grab stets sauber und rein, und ein dichter Kranz von frischem Immergrün deckte sich über den Stein, als wolle er die Träume der unter demselben Ruhenden gegen Sturm und Wetter schützen. Mit herzlicher Dankbarkeit drückte der Leutnant Juliens Hand, so oft er die Spur ihres Waltens fand, – er bat sie, ihn nach der heiligen Stätte seiner Erinnerungen zu begleiten, und hier zum erstenmal erschloß sich sein zusammengepreßtes Herz; – unter strömenden Tränen fand sein starrer Schmerz Erleichterung, – seine Schuld, seine Reue, – seinen hoffnungslosen Jammer klagte er derjenigen, die mit ihm am Sterbebett der Geliebten gestanden und die mit ihm die Sorge für den Schmuck ihres Grabes teilte, die einzige Liebessorge, die ihm von so viel Hoffnung und Glück übrig geblieben war. Sie nahm die Verzweiflung über seine Schuld von ihm, tröstend und erhebend sprach sie zu ihm, wie das Gefühl ihres Herzens, das des Leidens so viel getragen hatte, es ihr eingab, – ihr glaubte er, war doch ihre Seele der Dahingeschiedenen befreundet und verwandt gewesen, und er wurde nicht müde, von ihrem Mund das Wort der Verzeihung und Versöhnung zu hören. Der Leutnant hatte bei seinen Besuchen in Blechow immer im Hause von Fritz Deyke gewohnt, der ein hübsches Zimmer hatte anbauen und städtisch einrichten lassen, – dieser ehrliche, treue Freund war außer Julien der einzige gewesen, mit dem er zuweilen von Helene gesprochen, – der kräftige, gerade Bauernsohn hatte ihm Mut zugesprochen und ihn angefeuert, sich dem Leben und seinen Pflichten nicht in schmerzlicher Versunkenheit zu entziehen, – aber wenn er von seiner Schuld und seiner Reue gesprochen, dann hatte Fritz sich schweigend abgewendet, – dieses derbe Herz kannte die Kraft, welche in Arbeit und Kampf sich gegen den Schmerz aufrichtet, – aber die zarte Blume der verzeihenden Versöhnung trieb nicht so leicht aus demselben empor. So schloß der Leutnant sich denn mit seinem ganzen innern Leben an Julia an, – öfter und öfter kam er herüber, um mit ihr von Helenen zu sprechen und aus ihren einfachen, herzlichen Worten Trost und Lebensmut zu schöpfen. Im Hause von Fritz Deyke ging sonst das alte regelmäßige Leben in Arbeit und Tätigkeit seinen ruhigen Gang weiter. Der alte Deyke war in seiner Kraft gebrochen, – zwar schritt er noch aufrecht einher, aber das volle Haar fiel weiß über seine harte, strenge Stirn herab, und sein Arm konnte nicht mehr der Feldarbeit rüstig Herr werden, – er hatte die Leitung seines Besitztums an seinen Sohn abgetreten und ging nur zuweilen noch, auf den großen Krückstock gestützt, hinaus, die Arbeit der Knechte zu überwachen, streng tadelnd, wo er etwas nicht in Ordnung fand, so daß es schon eine Anerkennung für das Gesinde des Hofes, war, wenn der Alte schweigend vorüberging. Sonst blieb er in dem großen Lehnstuhl seines trotz der immer steigenden Wohlhabenheit unverändert einfachen Wohnzimmers und ließ sich gern die unermüdlich sorgsame Pflege seiner Schwiegertochter gefallen, welche er das Muster einer wendländischen Bäuerin nannte und gegen deren Vorschläge oder Bitten er niemals etwas einzuwenden fand. Sie, die Herrin des Hauses, war voll und behäbig geworden und sah gar stattlich und würdig aus, wenn sie mit ihren zwei kleinen Söhnen abends nach vollbrachter Tagesarbeit vor der Tür des Hauses saß, – aber wenn sie liebevoll zu ihrem Mann aufblickte oder ehrfurchtsvoll dem Großvater, der den Kleinen die biblische Geschichte erzählte, die frisch gefüllte Pfeife und den geschlossenen Deckelkrug Einbecker Bieres brachte, dann glänzte in ihren Augen die alte kindliche Unschuld und Güte, und der Alte sowohl wie Fritz fanden, daß die liebliche Blume ihres Hauses nichts von ihrem zarten Schmelz verloren habe. Auch die Politik klang kaum noch wieder in diesem alten Bauernhause, – der Alte sprach niemals von der Vergangenheit, – er ließ sich regelmäßig die Zeitung mit den Nachrichten über den Fortgang des Krieges vorlesen, und wenn die deutschen Waffen einen glänzenden Sieg erfochten hatten, dann schlug er freudig auf das Armpolster seines Lehnstuhls, und die Augen seiner Schwiegertochter blitzten und funkelten vor Stolz, daß so Großes die deutschen Heere unter ihres Königs Führung getan, – aber Fritz Deyke, – wenn auch einen Augenblick sein Blut höher aufwallte bei der Beschreibung der Kämpfe und bei den Nachrichten von all den Siegen, – er blickte doch starr und finster zu Boden, – ging doch mit diesen Siegen die letzte Hoffnung verloren, das alte Hannover wieder erstehen zu sehen, – diese Hoffnung, welche so viele Söhne des Landes in die Verbannung hinausgetrieben, und die er, wenn sein eigener Herd ihn auch an die Heimat fesselte, dennoch wie jene im Herzen getragen hatte und nicht so leicht aufzugeben vermochte. Julia hatte regelmäßig die kleine Kirche zu Blechow besucht, wenn der alte Pastor den Gottesdienst hielt, – anfangs mit leichten religiösen Skrupeln, – doch hatte sie bald lieber und lieber das lautere, klare, in die Tiefen der Seele dringende Wort des alten Herrn in sich aufgenommen, und in wunderbarer Bewegung fühlte sie sich Gott näher in dieser kleinen, schmucklosen Kirche, in welcher der schlichte silberhaarige Greis die Heilsbotschaft des Christentums den einfachen Landleuten verkündete, als in den hohen Gewölben der römischen Tempel, in denen alle Sinne in geheimnisvollem Rausch gefangen genommen werden. Der Winter war vergangen, und zu dem dunklen Grün der Föhrenwälder, die immer frisch aus dem Schnee hervorragen, gesellten sich die neuen Blätter der Birken, denen allmählich die Linden und Buchen und langsam zögernd dann die mächtigen Eichen im grünen Blätterschmuck nachfolgten. Paris hatte kapituliert, der Friede war unterzeichnet, – langsam begannen die Truppen zurückzukehren, – der Graf Rivero, der schon lange seine Rückkehr angekündigt, war noch immer nicht gekommen, und Julia begann ängstlich zu werden, während zugleich die vereinzelt ankommenden Nachrichten über die Schreckensherrschaft der Kommune und über die Zerstörung dieses schönen Paris, das so lang ihre Heimat gewesen, in dem sie so viel Leid und so flüchtig kurzes Glück erfahren, sie mit Schauder und Entsetzen erfüllten. Es war ein schöner Tag am Ende des Monats Mai. Der Leutnant von Wendenstein war gekommen, hatte seinen leichten Wagen auf dem Deykeschen Hof eingestellt und war dann schnell nach dem Pfarrhause geeilt, um, wie so oft, mit Fräulein Julia nach dem stillen Friedhof zu gehen. Sie schritten durch die frühlingsblühende Natur und traten in den der ewigen Ruhe geweihten Raum, den die unerschöpfliche Triebkraft der Wiedergeburt, welche die Natur erfüllt, ebenso mit Blüten voll Farbe und Duft geschmückt hatte, wie die Gärten, in denen des Lebens Lust und Freude sich tummelt. Dicht war der Efeu emporgerankt um das Gitter, – die Immergrünzweige waren zurückgebogen von dem weißen Stein, und Veilchen und frühe Rosen umringten duftig, aus zierlichem Moosbau hervorragend, den Marmor. Alles war still ringsum, – kaum der Laut eines zwitschernden Vogels unterbrach die feierliche Ruhe der Natur, – der Leutnant von Wendenstein beugte sich, wie er es immer tat, nieder und berührte mit den Lippen den kalten Stein, unter welchem das Herz ruhte, das einst so warm für ihn geschlagen. Voll innigen Mitgefühls blicke Julia zu ihm nieder, dann sah sie seufzend zum Himmel empor, ihr feuchtes Auge schien zu fragen, ob es nicht besser sei, in der kühlen Erde zu ruhen, geliebt und beweint, gesucht von der Sehnsucht eines warmen Herzens, – als im Sonnenlicht zu leben, vergessen von der Liebe, deren Erinnerungen doch aus der eigenen Brust nicht schwinden wollen. Langsam richtete sich Herr von Wendenstein wieder auf. Er leichte Julia, welche zu Häupten des Grabes stand, die Hand und sagte mit tief bewegtem Ton: »Fräulein Julia, – ich trage die Überzeugung in mir, daß die Verklärte, deren irdische Hülle hier unter diesen Blumen ruht, Sie mir gesendet hat, um meine gebrochene Seele wieder aufzurichten und dem Himmel wieder zuzuführen, der ihre Wohnung und Heimat ist und in welchem wir sie einst wiedersehen werden. Mein Herz ist an Sie gekettet,« fügte er mit bebender Stimme hinzu, »durch die Dankbarkeit und durch alle Gefühle, die überhaupt in demselben noch Platz finden, – ich würde verzweifeln, wenn ich mich von Ihnen trennen müßte, – Fräulein Julia, hier an der Ruhestätte der geliebten Toten, hier, wo ihr Geist uns nahe sein muß, – bitte ich Sie, mich nicht zu verlassen, – bitte ich Sie, mir Ihre Hand zum Bunde für das Leben zu reichen!« Julia war bei seinen Worten erschrocken zusammengefahren, – bleich wie der Tod trat sie zurück und stützte die Hand auf das Gitter, welches die Grabstätte umgab. In angstvoller Spannung blickte er zu ihr hin. »Sie zürnen mir?« fragte er leise, – »Sie finden es vermessen, daß ich es wage, Sie zu bitten, einem Unglücklichen Hilfe zu bringen, der«, sagte er, mit bitter schmerzlichem Lächeln auf das Grab deutend, – »der gezeigt hat, wie wenig er der Liebe eines edlen Herzens wert ist?« Er beugte sich nieder, brach einen Immergrünzweig und trat mit demselben zu ihr heran. »Sehen Sie,« sagte er, – »Blüten habe ich nicht mehr in meinem Herzen, um sie Ihnen zu bieten, – der eisige Hauch des Todes hat sie zerstört, – aber immer frisch und grün wie dieser Zweig soll die innige, treue Liebe meines Herzens Ihnen gehören, – nehmen Sie diesen Zweig, – das Bild meiner an diesem Grabe erwachsenen und geweihten Liebe, – wenn nicht das Leben«, fügte er traurig und finster hinzu, – »Ihnen andere Blüten bietet –« Rasch die dunklen Augen aufschlagend, erwiderte sie: »Die Blüten meines Herzens sind gebrochen wie die des Ihrigen, – von den Rosen sind nur die Dornen geblieben,« flüsterte sie in schmerzlicher Erinnerung, – »in meinem Herzen ist kein Hindernis, diesen Zweig aus Ihrer Hand anzunehmen, – und doch – doch«, sagte sie, den Blick zu Boden senkend, – »doch kann ich es nicht, – es ist unmöglich –« »Unmöglich?« rief er schmerzlich, – »unmöglich, eine Seele, die den Himmel sucht, zu führen und zu leiten?« »Unmöglich!« wiederholte sie leise in tiefer Bewegung, »unmöglich!« Er stand finster in sich zusammengesunken da, – langsam erhob sie den Blick zu ihm und sah ihn voll warmen Mitleids an. Dann trat sie vor ihn hin und sprach: »Geben Sie mir den Zweig, – ich will ihn in jedem Fall bewahren als ein Symbol treuer Freundschaft, die ich Ihnen immer – immer gewähren werde, – warten Sie die Ankunft meines Vaters ab, – er allein kann meine Zweifel lösen, – er allein kann Ihnen sagen, was zwischen uns steht und«, fügte sie tief errötend hinzu, – »wenn Sie dann diesen Zweig aus meiner Hand zurücknehmen, – dann – soll es mir eine schöne und – teure Pflicht sein – Ihnen tröstend und beruhigend zur Seite zu stehen.« »O – Fräulein Julia,« rief er, – »warum –« »Ich bitte Sie,« fiel sie mit festem Ton ein, »ich bitte Sie, vor der Ankunft meines Vaters kein Wort weiter!« Er beugte das Haupt nieder zum Zeichen des Gehorsams gegen ihren Willen und reichte ihr den Zweig, den er noch in der Hand hielt. Beide neigten sich zu dem Grabstein nieder, und ihr leises Gebet stieg wie ein gemeinsamer Gruß an die Verklärte durch die stille Luft zum Himmel auf. Dann gingen sie schweigend nebeneinander zum Pfarrhause zurück. Hier war inzwischen ein Halbwagen mit Extrapostpferden von Lüchow aus vorgefahren. Vom Bock herabspringend, öffnete der Diener den Schlag, und dem aus dem Hause herbeieilenden Kandidaten trat der Graf Rivero entgegen. Noch tiefer hatten sich die ernsten, schmerzvollen Züge in sein Gesicht gegraben, sein Haar war grau, – seine Haltung immer noch elegant und sicher, aber gebückt, wie die eines alten Mannes. Stumm begrüßte er den Kandidaten und trat in das Wohnzimmer, wo der alte Pastor Berger in seinem Lehnstuhl saß und, mit einem Ausruf der Freude sich erhebend, dem Eintretenden beide Hände entgegenstreckte. »Wir haben Sie lang erwartet,« sagte er, – »der Frieden ist wieder auf die Erde niedergestiegen, – Sie müssen jetzt ausruhen hier in der Stille, – wenn Ihnen die Gesellschaft eines alten Mannes genügt, dessen Haupt sich wie die reife Ähre der ewigen Ernte zuneigt.« »Ich habe mit der Welt abgeschlossen, mein ehrwürdiger Freund,« erwiderte der Graf ernst und feierlich, – »ich habe die Kraft meines Lebens gemißbraucht, um in gutem Glauben, in reiner Überzeugung viel Böses zu tun weil ich vermessen eingreifen wollte in die Schicksale der Welt und der Menschen, – Gott hat mir versagt, mich als Opfer für ein gutes, heiliges Werk anzunehmen.« Er erzählte in kurzen Worten, wie er versucht, den Erzbischof von Paris aus den Händen seiner Mörder zu retten, und wie sein Versuch an dem edlen Widerstand des hingeopferten Prälaten gescheitert sei. »Die Hölle«, schloß er mit tiefer Bitterkeit, – »ist Siegerin geblieben, – ich habe einst geglaubt, ihre Mächte in den Dienst des Himmels zwingen zu können, sie hat den vermessenen Sterblichen seine Ohnmacht fühlen lassen, der in stolzer Überhebung zu sagen wagte: ›Eritis sicut Deus!‹ « »Die Hölle?« sagte der Pastor, das weiße Haupt schüttelnd, – »die Hölle, Herr Graf, siegt niemals, wo Gottes Odem weht, – ihre Gewalt hat nur die Stufen aufrichten müssen, auf denen jener treue, glaubensmutige Priester des Herrn zur himmlischen Herrlichkeit emporgestiegen ist. Und jenes Wort, Herr Graf,« fuhr er mit tief überzeugungsvollem Ton fort, »bringt nur dann Fluch und Unheil, wenn es gesprochen wird im Sinne der Schlange, die das Geschöpf verlocken will, in der Erkenntnis und in der Kraft dem Schöpfer sich gleichzustellen, – aber es wird zum Worte des Segens und Heils, wenn das demütige Kind dem Vater zu gleichen strebt in der Liebe , – der Himmel mit seinem unerschöpflichen Gnadenreichtum öffnet sich dem, in dessen Herzen am Fuße des Kreuzes zur Nachfolge des Heilands das Wort ertönt: ›Eritis sicut Deus!‹ « Mit groß geöffneten Augen blickte der Graf den Pastor an, während eine gewaltige Bewegung auf seinem Gesicht arbeitete. Er hatte auf den Höhen und in den Tiefen der Welt die Wahrheit vergeblich gesucht, er hatte vor dem Stuhl Sankt Petri nur Kampf und neue ringende Zweifel gefunden, – und hier aus dem Munde des Greises, der sein Leben in still beschränktem Wirken an dem einfachen Altar der kleinen Kirche verbracht hatte, – hier schallte ihm das Wort der Wahrheit erleuchtend, tröstend und erlösend entgegen, das Wort: »Die Kinder werden zu Gott kommen! – nicht der Geist , nicht die Gewalt , – die Liebe allein überwindet die Welt und hebt über die Kluft der unermessenen Fernen der Zeit und des Raumes das schwache Geschöpf hinauf zu seinem allmächtigen Schöpfer.« Er ergriff die Hand des Pastors, drückte sie an seine Brust und beugte sich ehrfurchtsvoll vor dem Diener des Evangeliums, indem er leise wiederholte: » Eritis sicut Deus !« Julia trat in das Zimmer, der Leutnant von Wendenstein folgte ihr. Mit lautem Freudenruf eilte sie zu ihrem Vater hin und schmiegte sich, von seinen Armen umfangen, an ihn. Als sie aber den Blick zu ihm erhob, zuckte sie erschrocken zusammen. Sein ergrautes Haar, – sein bleiches Gesicht mit den leidenden Zügen ließen ihn um Jahre gealtert erscheinen. »Die Anstrengungen des Feldzuges haben meine Gesundheit erschüttert,« sagte er sanft, – »jetzt, meine Tochter, gehöre ich nur noch dir, – die friedliche Sorge für dein Glück wird auch mich wieder stark und glücklich machen!« Er begrüßte herzlich den Leutnant von Wendenstein. Dieser aber wendete sich zu Julia. »Fräulein Julia,« sagte er bittend, – »Sie haben die Antwort auf meine Frage von der Ankunft Ihres Vaters abhängig gemacht, – soll dieser Tag nicht die Zweifel lösen und mir den Stern der Hoffnung für mein künftiges Leben aufgehen lassen?« Verwundert blickte der Graf auf seine Tochter. Diese stand einen Augenblick sinnend da. »Vielleicht ist es ein Wink des Himmels,« sagte sie leise, »daß mein Vater jetzt gerade gekommen, – er hat recht, – Licht soll es werden!« »Herr von Wendenstein,« sprach sie, zu ihrem Vater herantretend, »hat mich gebeten, ihm meine Hand zu reichen, – er glaubt an meiner Seite Trost zu finden für sein verlorenes Glück.« »Und ich werde ihn finden,« rief Herr von Wendenstein, – »mehr als das, ich werde neue Kraft und Hoffnung finden.« Der Graf Rivero blickte in freudiger Bewegung auf den jungen Mann. »Helenens Segen wird auf solchem Bunde ruhen,« sagte der Pastor, indem er voll inniger Rührung die Hand gegen Julia ausstreckte. »Du weißt, mein Vater,« fuhr Julia fort, »warum ich zögern muß, einem Mann meine Hand zu reichen, auch wenn ich glauben möchte, ihn glücklich machen zu können, – ich habe deine Ankunft erwarten wollen, – du wirst, wie stets, das Rechte zu raten wissen.« Ernst, beinahe finster, blickte der Graf einige Augenblicke vor sich hin. Dann legte er seinen Arm in den des Herrn von Wendenstein und führte den jungen Mann in den Pfarrgarten, der, wie früher, sorgsam gereinigt und bestellt war und in dem die Frühlingsblumen so bunt und frisch blühten, als zu der Zeit, da sie noch Helene in den Tagen ihres Liebesfrühlings mit ihren Farben und ihrem Duft erfreuten. »Kommen Sie, mein junger Freund,« sagte der Graf, »und hören Sie mich an – die Entscheidung liegt in Ihrer Hand und in Ihrem Herzen.« Leise und still zog sich Julia in ihr Zimmer zurück, während der Pastor ihr verwundert nachsah, ohne ein Wort zu sprechen, – er wußte, daß man die Herzen auf ihren eigenen Wegen ihr Glück und ihren Frieden müsse suchen lassen. Lange ging der Graf in ernstem Gespräch mit dem Leutnant im Garten auf und nieder, – er erzählte dem jungen Mann sein eigenes Schicksal und das Schicksal seiner wiedergefundenen Tochter, – er klagte sich selbst streng und bitter an, aus Stolz in ihr Schicksal und ihre Liebe eingegriffen zu haben, – und fragte endlich, ob Herr von Wendenstein, nachdem er alles wisse, was seiner Tochter Vergangenheit beträfe, jetzt noch seine Bitte wiederholen wolle. »Wiederholen?« rief der junge Mann feurig, – »nein, doppelt dringend, doppelt innig spreche ich sie aus, – bin ich doch nun nicht der allein Empfangende, kann ich doch auch meinerseits Julia Trost und Ersatz für verlorenes Glück bieten, kann ich es zur Aufgabe meines Lebens machen, ihre Tränen über die Vergangenheit zu trocknen! O, ich wußte es, Helene mußte noch über das Grab hinaus mir Liebe und Trost senden!« Sie kehrten in das Haus zurück, und der Graf ging, um seine Tochter zu rufen. Errötend, mit niedergeschlagenen Augen trat sie an ihres Vaters Seite in das Zimmer. Sie trug den Immergrünzweig von Helenens Grab in ihrer Hand. Herr von Wendenstein eilte ihr entgegen, nahm den Zweig und drückte ihn an seine Lippen. »Diese Blätter«, sagte er, »sind mir ein Symbol der Erinnerung und der Hoffnung, – unsere Hoffnungen sollen nun gemeinsam sein, – meine Erinnerungen werden Sie versöhnen und verklären. – die Ihrigen werde ich mit treuer Sorge auszulöschen bestrebt sein.« Sie reichte ihm lächelnd die Hand, – er führte sie vor den Lehnstuhl des alten Pastors, beide ließen sich vor ihm auf die Knie nieder, – er legte segnend die Hände auf ihre Häupter und sprach mit milder Stimme zu dem Grafen Rivero: »Ist Ihre Wirksamkeit zu Ende, Herr Graf? Ihre starke Hand wird diesen Halt und Stütze sein, – und Sie werden reichere Frucht in diesem Werke finden, als je vorher!« »Mein Vater,« sagte Julia, indem sie sich erhob und zu dem Grafen herantrat, »in diesem Augenblick soll alles klar werden, – rein von Zweifeln soll der Weg meiner Zukunft sich vor mir öffnen. Ich habe«, fuhr sie mit tiefem Ernst fort, »in dieser ganzen Zeit hier in der kleinen Kirche, inmitten der schlichten, andächtigen Gemeinde, das Wort und die Lehre unseres teuren Freundes gehört, und hier hat sich meine Seele erquickt und aufgerichtet in frischer, reiner Kraft, während sie von süßem Rausch betäubt wurde in den schimmernden Tempeln in Rom, – in jenem Rom, mein Vater, das dich verstieß und verbannte, – dich, den doch so heiliger, reiner Glaube erfüllt, – der so treu gekämpft hat für das Reich Gottes auf Erden. Laß mich, mein Vater, hier die Lehre des Evangeliums, die mir so tröstend und erhebend erklungen ist, in mich aufnehmen, laß mich meinem Freunde zum Lebensbunde die Hand reichen vor diesem Altar, zu dem mein Herz mich mit seinen tiefsten Regungen hinzieht.« Sie erhob bittend die Hände gegen ihren Vater. Dieser zog sie sanft an sich und sprach: »Ich habe den Erzbischof der katholischen Kirche sein Haupt glaubensfreudig dem Märtyrertode beugen sehen, – ich habe gesehen, wie unser ehrwürdiger Freund hier in seinem kleinen Kreise Segen gesäet und Segen geerntet hat, wie er, als ihm das Liebste genommen wurde, nicht gewankt hat in seinem Glauben und seiner Ergebung; – kann das Bekenntnis des einen – kann das des andern die alleinseligmachende Formel sein? Folge deinem Herzen, meine Tochter, – bete an demselben Altar mit dem, der dein Gemahl und Herr sein wird, – der Weg, den die Hand dieses Priesters hier dir weisen wird, führt dich sicher zu Gott.« »Und du, mein Vater?« fragte Julia schüchtern. »In mir, meine Tochter,« erwiderte der Graf, »ringen noch die auf- und niederwallenden Nebel gegen das Licht, – noch ist mein Geist nicht frei, mein Blick nicht klar, – doch auch mir wird der Weg sich öffnen, der meine Seele zum Frieden führt.« * Und als der Sommer herankam und die Ernte auf den Feldern reifte, da trat der alte Pastor Berger zum letztenmal vor den Altar der kleinen Kirche in Blechow, um den Ehebund zwischen dem Leutnant von Wendenstein und der Gräfin Julia Rivero zu schließen. Der Graf hatte eine Besitzung ganz in der Nähe des Wendensteinschen Gutes gekauft und als einen besondern Freundschaftsbeweis des Pastors sich erbeten, daß dieser bei ihm, allen seinen Freunden so nahe, den Rest seines Lebens verbringe. Der Kandidat hatte eine Berufung in das Konsistorium erhalten, da man auf den strebsamen und geschmeidigen jungen Geistlichen aufmerksam geworden war, und mit einem fremden Adjunkt mochte der alte Herr seine Amtspflicht nicht teilen. Noch einmal, wie in alter Zeit, war der Oberamtmann von Wendenstein und seine ganze Familie, der Bauermeister Deyke mit Fritz und seiner Frau in dem schlichten Gotteshause versammelt, und als die Trauung vollzogen war und der alte Herr die Hände erhob und mit tränenerstickter Stimme über seine Gemeinde hin rief: »Der Herr segne euch und behüte euch, der Herr erhebe sein Angesicht auf euch und sei euch gnädig, der Herr erleuchte sein Angesicht über euch und gebe euch seinen Frieden!« – als er sich dann umwendete und in stillem Gebet das Haupt auf die über den Altar gefalteten Hände sinken ließ – da blieb kein Auge trocken in dem ganzen Raum, und leise verhallte der Schlußgesang, da keine Stimme sich zu vollem Klang erheben konnte. Dann ging man zu Helenens Grab, – ein letztes Lebewohl der Entschlafenen zu bringen, der Leutnant empfahl Fritz Deyke noch einmal die Sorge für die teure Stätte, – aber Fritz erwiderte beinahe rauh und heftig: »Seien Sie ruhig, Herr Leutnant, – eher soll mir Haus und Hof zugrunde gehen, als daß ein Blatt auf Fräulein Helenens Grab geknickt wird.« Dahin fuhren die Wagen, – ganz Blechow, auch der Kreishauptmann von Klenzin, war bei der Ehrenpforte am Ausgang des Dorfes versammelt. Ein Ehrentrunk, in den so manche Träne fiel, wurde dem scheidenden Pastor kredenzt, – er drückte die harten Hände all der Bauern, die sich an ihn herandrängten, – noch einmal erhob er sich im Wagen und winkte grüßend mit der Hand zurück. Dann zogen die Pferde an, – die Wagen verschwanden zwischen den Föhren, – und fortgezogen war für immer die alte Zeit aus dem stillen Dorfe des Wendlandes. Fritz Deyke aber war nach Hause vorausgegangen. Er war tief nachdenkend gewesen in der letzten Zeit, – es waren zwei Knechte des Hofes heimgekehrt, welche einst mit zur Legion ausgewandert waren, – sie hatten erzählt, in welche Not sie geraten, als die Legion aufgelöst, – wie sie mit einigen anderen nach Algier gegangen, dort in die Fremdenlegion gesteckt und beim Ausbruch des Krieges gefangen gehalten worden wären, – wie man sie endlich ohne Mittel über die schweizer Grenze geschickt hätte, und wie sie in Bern von dem preußischen Gesandten freundlich aufgenommen worden seien, der ihnen die Versicherung der Amnestie erteilt und sie mit Mitteln zur Rückkehr in die Heimat versehen hätte. Fritz hatte ernst und schweigend diese Erzählungen angehört, – dann hatte der Leutnant von Wendenstein ihm gesagt, daß der König von Preußen die Offiziere der Legion begnadigt und großmütig pensioniert habe, und immer ernster und nachdenkender war er geworden. Nun war er schnell vorausgeeilt und machte sich in der Wohnstube zu schaffen. Als die Seinen zurückkehrten, trat er ihnen unter der Tür entgegen und führte seine Frau vor die Wand zwischen den Fenstern. In goldenem Rahmen hing hier ein Bild des Kaisers Wilhelm. »Ich weiß,« sagte Fritz, indem er seine Frau in den Arm nahm, – »dir hat doch hier in unserer Stube noch immer etwas gefehlt, – ich habe da jetzt unseres Kaisers Bild aufgehängt, – bist du nun zufrieden?« Sie umarmte ihn herzlich und drückte einen kräftigen Kuß auf seinen Mund. Der alte Deyke war herangetreten, – er sagte nichts, aber er legte freundlich seine Hände auf die Häupter seiner Kinder und blickte einst und gedankenvoll zu dem Bilde des Kaisers auf, das über die Schlachtfelder von Gravelotte und Sedan hin seinen Einzug gehalten hatte in das Bauernhaus des hannoverschen Wendlandes. Einunddreißigstes Kapitel Ruhig floß der breite Rhein durch die reichen Wiesen und Fruchtfelder bei Düsseldorf seinen Mündungen zu, im hellen Strahl der Maisonne blitzten und schimmerten seine Wellen, indem sie sanft murmelnd durch die überhängenden Weidenzweige des Ufers dahinzogen. Ringsum in den Dörfern und auf den Fluren herrschte reges Leben, überall waren die Bewohner mit der Feldarbeit beschäftigt, und fröhliche Lieder schallten aus den verschiedenen Gruppen zum Himmel empor. Der mächtige Strom, die Wiesen, die grünen Saaten, die Bäume mit ihren jungen Blättern – alles schien Glück und Freude zu atmen unter dem Segen des nunmehr besiegelten Friedens, – dieses Friedens, der so hart erkämpft war, der so schwere Opfer gekostet an des Volkes edelstem Blut, – der aber nun auch den höchsten und herrlichsten Preis gesichert und den drohenden und lauernden Feind für immer von den Ufern des deutschen Stromes zurückgedrängt hatte, vor welchen nun die beiden alten Reichsfesten, durch des geeinigten Volkes Kraft wiedergewonnen, starke Wacht hielten. Ein junger Husarenoffizier ritt auf der Landstraße hin, welche nach dem Schloß von Rensenheim führte, dessen glänzendes Dach durch die erst leicht belaubten Blätter herüberschimmerte. Wenige nur von den Bewohnern der Ortschaften, durch welche die Straße führte, oder von den auf den Feldern beschäftigten Arbeitern erkannten in dem auf seinem schlanken und kräftigen Pferde schnell vorbeitrabenden Offizier den Grafen Xaver von Spangendorf, welcher, seinem Regiment voraus, der Heimat zueilte, um nach so langer Trennung, nach so viel überstandener Gefahr das väterliche Haus und die Seinen wiederzusehen. Der junge Mann war kräftiger und männlicher geworden in der großen, ernsten Zeit, – sein früher weiches, freundlich-heiteres Gesicht hatte festere Züge angenommen, ein dichter, blonder Vollbart umgab dasselbe, und auch seine Gestalt, in deren Haltung früher eine gewisse gemütliche Bequemlichkeit lag, saß fest und gerade im Sattel. Aber wenn auch nur wenige der Begegnenden den Sohn und Erben des allgemein verehrten Schloßherrn von Rensenheim erkannten, so grüßten ihn doch alle, – trug er doch den Rock der überall so lieb und volkstümlich gewordenen Armee, – dieser Armee, um welche die Waffenmacht von ganz Deutschland sich geeinigt und welche das deutsche Vaterland vor der drohenden Heeresmacht Frankreichs geschützt hatte, dessen verheerende Raubzüge von Generation zu Generation in der Überlieferung des Volksmundes fortlebten. Freundlich erwiderte der Offizier die Grüße, – noch freundlicher aber sein Bursche, der etwa dreißig Schritte entfernt hinter ihm ritt, und der öfter einen oder den andern der Arbeiter auf dem Felde anrief, worauf dieser herankam und den im Dienste des Spangendorfschen Hauses aufgewachsenen Sohn der Gegend erkennend, in laute Freudenrufe ausbrach, ihm die Hände schüttelte und lange mit Fragen den Heimkehrenden bestürmte, bis dieser dann, sich rasch losmachend, eilig seinem bereits weit voraus gerittenen Offizier nachsprengte, um, noch ehe er denselben eingeholt, von neuem begrüßt und angehalten zu werden. Die Sonne sank zum Horizont herab, – ihre schrägen Strahlen schimmerten in wunderbar lichtem Goldglanz durch das frische Grün der hohen Bäume des Parkes von Rensenheim, und in plötzlicher Erinnerung durchzuckte den jungen Grafen die Erinnerung an jenen Abend, an welchem er vor einem Jahre hier an der Seite seines Freundes nach dem väterlichen Schloß hinausgeritten war. Alles war wie damals, – wie damals rauschte der Rhein, wie damals glänzte das Schieferdach seines heimatlichen Hauses aus den Baumkronen hervor, – auch die Zeit war so gar lang nicht, welche seitdem vorübergegangen, – und doch – welche tiefe Kluft, tief einschneidend in das Völker- und Familienleben, lag zwischen jenem Abend und jetzt! Wer furchtbarste Krieg seit Menschengedenken hatte die Welt durchtobt, und zwei große Nationen bluteten noch aus allen Wunden, die ihnen dieser Krieg geschlagen, – die siegende nicht minder als die besiegte. Und wie tief und wunderbar hatten diese großen Ereignisse hineingegriffen in sein eigenes Haus und seine Familie! Nach schweren Leiden erstanden, war vor kurzem erst sein Freund, der Leutnant von Rothenstein, für das ganze Leben verstümmelt, geleitet von der an den Grenzen des Todes ihm vermählten Gattin, nach Rensenheim zurückgekehrt – sein Leid und seine Todesgefahr aber hatten die in fromme Schwärmerei versinkende Geliebte dem Leben und dem Glück wiedergewonnen, – und dann gedachte er seines Bruders Franz, der alles verloren hatte in diesem einem Jahre, was damals sein Herz mit freudiger Hoffnung erfüllte, und der nun, nachdem er sich langsam von den Folgen seines entsetzlichen Kampfes mit Barbarino erholt, ebenfalls im Vaterhaus ausruhte von allem Seelen- und Körperleid, das ihm diese schwere Zeit gebracht. Alles dies zog durch die Seele des Grafen Xaver, – von fern herüber drang der helle Glockenton des Abendläutens einer kleinen Kapelle, – unwillkürlich ließ der junge Mann die Zügel auf den Hals seines Pferdes sinken, langsam im Schritt weiter reitend, sprach er die Worte des Ave Maria, – und all sein wehmütiges Gefühl stieg mit diesen Worten, die schon von so viel tausend Lippen, bald inbrünstig, bald gedankenlos, gesprochen waren, zum goldgesäumten Abendhimmel empor. Dann aber gedachte er der ewigen Barmherzigkeit, welche trotz aller Prüfungen ihm die Seinen erhalten, – welche ihn unverletzt aus so vielfach drohender Gefahr zurückführte, – er sah vor sich das Bild seines so bald nach ihrer Vereinigung zurückgelassenen Weibes, – und neben ihr erschien noch ein anderes Bild, – das Bild eines zarten Wesens mit lächelndem Blick, aus welchem des Himmels reiner Gruß ihm entgegenstrahlte, – eines Wesens, das er noch nicht gesehen, – und das doch sein war, von Gott ihm geschenkt, als der Heimat schönste Liebesblüte, während er draußen stand gegen des Vaterlands drohende Feinde, – mit raschem Ruck zog er die Zügel an und drückte die Sporen gegen des Pferdes Weichen, so daß das edle Tier, scharf anspringend, ihn im Galopp davontrug – zum großen Erstaunen des nachfolgenden Burschen, der seine Unterredung mit einigen Arbeiterinnen, die kichernd und errötend seine Scherze erwiderten, schnell abbrach und seinem Offizier in derselben scharfen Gangart nachfolgte. Während Graf Xaver so voll stürmischer Sehnsucht und jubelnder Hoffnung der lange entbehrten Heimat zueilte, saß dort im Garten von Rensenheim unter dem hohen, alten Lindenbaum, durch dessen noch durchsichtige Krone der leichte Abendwind rauschte, der Graf von Spangendorf auf dem gewohnten Platz, – neben ihm auf dem Tisch stand in großer Kristallbowle der edle Wein von den Ufern des heimischen Stroms, mit den duftigen Spitzen des frischen Waldmeisters vermischt, und eben hatte Gabriele, die Baronin von Rothenstein, das mit feinem, grünem Blätterkranz verzierte Kelchglas ihres Vaters gefüllt, der mit seinem Sohn, dem Grafen Franz, in ernstem Gespräch begriffen war, während die junge Gräfin Josephine aufgestanden war und in die Allee des Parks hinausschritt, um die Wärterin mit ihrem zwei Monate alten Erstgeborenen zurückzurufen. Der Graf war wenig älter geworden, sein volles Gesicht hatte noch dieselbe lebendig frische Farbe und seine Haltung war elastisch und kräftig, – aber seine Züge waren schärfer und tiefer geworben, nicht mehr die leichte, heitere Lebenslust der vergangenen Tage glänzte in seinen Augen, sondern ernste innerliche Kraft, gereift in den Zeiten des Kampfes und der Sorge, lag in seinem Blick. Graf Franz, der, zuweilen trotz der milden Luft leise fröstelnd, in einen weiten schwarzen Überrock gehüllt, neben seinem Vater saß, war bleich und abgemagert, – schwere Körper- und Seelenleiden hatten ihre Spuren in sein eingefallenes Gesicht gegraben, feine Falten zogen sich über seine Stirn, – tiefer Schmerz lag in seinen Blicken, – aber verklärt von dem Ausdruck sanfter, ruhiger Ergebung. Gabriele aber, die Frau von Rothenstein, war schöner und schien fast größer geworden als früher. Zwar war ihre Gestalt noch ebenso zart und schlank, aber ihre Haltung war stolzer und fester, die weichen, kindlichen Züge unklarer Sehnsucht und Schwärmerei waren von ihrem Gesicht verschwunden, fester Wille und entschlossener Mut lagen um ihre frischen Lippen, und aus den großen Augen sprach freudige, hoffnungsvolle Zuversicht und die klare Erkenntnis eines schönen, ihr ganzes Wesen erfüllenden Lebensberufs. »Sie ist glücklich!« sagte der Graf, indem er nach einem langen Zug aus seinem Kelche mit wehmütigem Lächeln der jungen Gräfin Josephine nachblickte, welche elastischen Schrittes in der frisch ergrünten Allee des Parks verschwand, – »sie ist glücklich, – sie hat der Himmel gnädig vor allem Unheil bewahrt, er hat ihr sein schönstes und reichstes Geschenk gegeben, während er so vielen Armen alles nahm, – und frisch und kräftig wird ihr Mann zu ihr zurückkehren!« Er wendete den Blick mit dem Ausdruck der Trauer und des Mitleids zu seinen Kindern. »Und bin ich nicht glücklich, mein Vater?« fragte Gabriele in fast vorwurfsvollem Ton, – »habe ich nicht aus diesen Tagen voll Leiden und Not den herrlichsten Schatz, – das reichste Kleinod für mein Leben davongetragen?« »Ich danke Gott,« erwiderte der Graf, »daß er es so gefügt, daß er dich zurückgeführt hat von dem Weg, auf dem du ihm zu dienen glaubtest, – aber«, sagte er dann seufzend, – »es geht mir doch immer ein tiefes Weh durch das Herz, wenn ich den armen Rothenstein sehe, wie er mit seinem hölzernen Fuß, auf deinen Arm gestützt, mühsam einhergeht, – er, der deine Stütze sein sollte!« Hoch erglühend richtete Gabriele den Kopf auf. »Ist des Körpers Gliederkraft die Stütze der Seele auf dem Wege des Lebens?« rief sie, – »o mein Vater, verzeih mir das Wort, – es ist eine Sünde, zu sprechen wie du es getan, – er, den ich liebe, um den ich mit den Schrecken des Todes gerungen habe, – er ist meines Herzens fester Halt, wenn auch seine Hand auf meinen leitenden Arm sich stützt, sein treuer, mutiger und reiner Sinn ist mir Leuchte und Stab, und nichts, mein Vater, nichts fehlt zu meinem Glück, – die irdische Liebe hat mich den Himmel finden lassen mit seinem Frieden und jetzt erkenne ich den Irrweg, dem ich folgte, – denn ohne diese Liebe und den Strahl ihres verklärenden Glückes wäre meine Seele in Nacht und Dunkel versunken!« Graf Franz seufzte tief auf und ließ das Haupt auf die Brust sinken. Erschrocken blickte Gabriele zu ihm hin, – sie hatte nicht bedacht, wie schmerzlich ihre Worte ihn berühren mußten, – rasch stand sie auf, legte ihren Arm um seine Schulter und drückte einen Kuß auf sein Haar. »In Nacht und Dunkel versinkt keine Seele,« sagte er, den Kopf aufrichtend, »in deren Tiefe das reine Licht des Glaubens leuchtet, – dieser Leuchte will ich folgen, – sie wird mir den Weg zum Hafen der Ruhe und des Friedens zeigen.« »Ich habe reiflich und lange nachgedacht, mein Vater,« fuhr er fort, sich zum Grafen Spangendorf wendend, – »mein Glück in der Welt ist zerbrochen, – ich ergebe mich in den Willen des Allmächtigen, – aber ein anderes Glück kann ich auf weltlicher Lebensbahn nicht finden, – mein Entschluß steht fest, dem geistlichen Beruf mich zu weihen, und ich bin gewiß, mein Vater, daß du mir dazu deine Genehmigung und deinen Segen geben wirst.« »Du bist Mann geworden, mein Sohn, in schwerer Zeit, und wenn mich einst der Entschluß Gabrielens, welche der Welt entsagen wollte, ohne sie zu kennen, mit Schmerz erfüllte, so werde ich dir auch nicht mit einem Worte der Abmahnung entgegentreten. Dem Grafen Spangendorf«, fuhr er mit stolzem Selbstbewußtsein fort, »wird auch im Dienst der Kirche der Wirkungskreis nicht fehlen, welcher der Arbeit und dem hohen Streben ruhmreichen und ehrenvollen Lohn sichert, – unser Haus zählt der Bischöfe und Erzbischöfe nicht wenige unter seinen Gliedern, – und mehr als je vielleicht«, sagte er, den sinnenden Blick in die Ferne richtend, »wird unsere Zeit es erfordern, daß edle Kräfte sich dem Dienst der Kirche widmen. Es stehen Kämpfe, heftige Kämpfe bevor im Schoß der Kirche selbst und auf dem Boden, auf welchem sie mit der weltlichen Macht sich berührt. Ich beklage es, daß man von Rom aus rücksichtslos die Fäden der alten Weltherrschaft wieder über alle Geister hinziehen will, – das muß die weltliche Macht herausfordern und selbst unsere Bischöfe müssen dadurch in schwere Gewissenszweifel gebracht werden, ob sie die Kirche, deren Hirten sie sind, gegen schrankenlose Herrschaft der Kurie verteidigen, oder mit Rom gegen die Regierung ihres Landes in den Kampf treten sollen. Wie Elemente des Unglaubens, der politischen und kirchlichen Negation werden in diesem Kampfe aufgewühlt werden, – sie werden sich an die Fersen der Regierung heften, und ich sehe viel Dunkel und Verwirrung heraufsteigen, wie in den traurigen Zeiten, die wir für längst vergangen hielten, – und dann, mein Sohn, kann einem Diener der Kirche, der mit kluger Hand in diesen Kampf hineingreift, hoher Ruhm und hohes Verdienst auch um das Vaterland zuteil werden.« Sanft lächelnd schüttelte Graf Franz den Kopf. »Du sprichst von Kampf und kühnem Streben, mein Vater,« sagte er, – »ich habe des Kampfes genug gehabt in meinem kurzen Leben, und der Ehrgeiz, der einst in mir lebte, ist erstorben mit den irdischen Hoffnungen meines Herzens – ich suche den Frieden – dem Dienst der heiligen Liebe will ich mich weihen unter dem ritterlichen Kreuz der Maltheser, – der Haß hat mein irdisches Glück zerstört,« sagte er, leise zusammenschauernd, – »ich will Liebe geben allen Leidenden, soviel ich in meiner Seele finde, – der Fluch hat mein Haupt berührt, – ich will Segen spenden allen Bekümmerten, soviel die Kraft meines Glaubens mir gewähren wird, – so allein, mein Vater, kann ich den Frieden finden, den Frieden, der mir das ewige Glück gewähren soll für das vergängliche!« »Tue, wozu dein Gefühl dich treibt,« sagte Graf Spangendorf ernst, indem er seinem Sohn die Hand reichte, – »und folge dem Weg, auf dem du den Frieden findest, – aus dem Frieden wird die Kraft erwachsen, und so Gott meine Bitte erhört, wird diese Kraft doch dem Heil der Kirche und des Vaterlandes gehören! »Der Pater Haug«, sagte er nach einem längeren Stillschweigen, – »wird nicht zu uns zurückkehren, – er hat mir geschrieben, daß er es für seine Pflicht halte, in dieser Zeit sich ganz dem unmittelbaren Dienst der Kirche zu weihen, und daß er in das Kollegium zu Paderborn eintreten werde.« »Alle wollen sie eintreten in den Kampf um die Macht,« sagte Graf Franz seufzend, »und der, nach dessen heiligen Namen die Kirche sich nennt, hat sich doch aller Macht entäußert und nur der Demut die Krone des Lebens zugesagt!« Gabriele hatte bei den Worten ihres Vaters zitternd den Blick zu Boden gesenkt, – ein langsamer Tritt wurde vom Hause her hörbar, – sie schlug die Augen auf und sprang mit einem leichten Aufschrei der Freude empor. Der Leutnant von Rothenstein kam langsam zu der Gruppe unter dem Lindenbaum herangeschritten. Er trug den Militärüberrock und die weiße Mütze mit dem schwarzen Sametstreifen, den Farben seines Regiments. Sein Gesicht mit dem kleinen schwarzen Schnurrbart und den dunklen Augen sah noch blaß und angegriffen aus, aber Glück und Freude strahlten von demselben wider; – man sah keinen Stelzfuß, er stützte sich auf einen Stock und kam, vorsichtig auftretend, näher. In einem Augenblick war Gabriele an seiner Seite. »Wie ist es möglich,« rief sie, – »was hast du getan?« Auch der Graf Spangendorf und Franz blickten verwundert und fragend auf den jungen Offizier. »Eine Überraschung,« sagte dieser mit glücklichem Lächeln, – »ich habe einen künstlichen Fuß kommen lassen, von dem ich so viel gehört, – ich hoffte kaum, daß es gehen würde, und wollte nicht ohne Probe davon sprechen, – es hat meine Hoffnungen übertroffen!« Ganz stolz machte er einige Schritte, fast ohne sich auf seinen Stock zu stützen. »Nun kann ich doch meine Frau«, sagte er scherzend, aber mit tiefer Rührung im Ton seiner Stimme, »wenigstens fest und aufrecht in mein altes Schloß führen, dessen Einrichtung fast vollendet ist und das seiner Herrin harrt, – die Bilder meiner Eltern dort, welche mich immer so fremd anblickten, werden freundlich herablächeln, wenn ihr Haus nach so langer einsamer Öde sich wieder belebt!« Gabriele legte ihren Arm in den seinen. »Nun«, rief sie, lächelnd zu ihrem Vater hinüberblickend, »kann ich mich auf dich stützen, – auf deinen Arm wie auf dein treues Herz,« flüsterte sie ihm leise zu, – »nun mußt du mich auf einem Gange begleiten, der auch dich zu einer Überraschung führen soll.« Freundlich nickte sie ihrem Vater zu, und langsam schreitend, vorsichtig auf jedes Hindernis am Wege achtend, ging sie mit ihrem Gatten in den Park. Bald waren sie auf jenem runden Platz angekommen, auf welchem sie ihm einst die weiße Rose der Entsagung gereicht hatte und wo dann später sein Herz in wilder Verzweiflung von aller Hoffnung des Lebens sich losgerissen hatte. Sie hatte es, seit er wieder zu kleinen Ausgängen fähig gewesen, absichtlich vermieden, ihn hierher zu führen, und er hatte ihr Dank dafür gewußt, – betroffen blickte er sie an, als sie jetzt den Platz betrat und ihn gerade zu der Stelle führte, welche für sie beide so erinnerungsreich war. Überwältigt von diesen Erinnerungen blickte er zur Erde nieder, bis sie stehen blieb und, einen Schritt zur Seite tretend, sagte: »Sieh, mein Freund, – das ist meine Überraschung!« Er sah auf und blieb verwundert stehen, während sie, glückselig lächelnd, feuchten Auges zu ihm hinblickte. Die kleine Statue des heidnischen Liebesgottes war verschwunden, auf hohem felsenartigem Sockel von Granit erhob sich ein schlankes Kreuz von weißem Marmor, aus dessen Winkeln goldene Strahlen ausgingen. Rings umher waren die dichten Rosengebüsche künstlich geordnet, so daß sie an dem Felsenpostament bis zum Fuß des Kreuzes sich emporrankten, und einzelne ganz frische Stöcke öffneten eben ihre ersten Blüten. Alle diese Blüten aber schimmerten in dunklem Purpurrot, keine weiße Blume war zwischen ihnen. »Du wolltest diesen Platz nicht betreten,« sagte sie, während er bewegt mit feuchtem Blick zu dem vom goldenen Licht der Abendsonne übergossenen Kreuz emporblickte, – »um den Mißton peinvoller Erinnerung nicht in unser Glück hinübertönen zu lassen, – sieh, mein Freund, ob nun nicht alles in schöne Harmonie sich auflöst!« Er streckte ihr die Hand hin und zog sie sanft an sich, sie lehnte ihr Haupt an seine Brust und sprach, zu ihm aufblickend: »Das Kreuz ist das Zeichen des Leidens, aber auch das Zeichen der Erlösung und der Auferstehung zu neuem Leben, – wir sind durch die Nacht des Leidens gegangen, und zu neuem Lebensglück erstanden, darum soll das Kreuz felsenfest auf dem Grund unserer Seelen stehen, – an feinem Fuß werden alle Dornen des Lebens immer reichere Blüten der Liebe tragen.« Er beugte sich nieder, küßte innig ihre Lippen und sprach leise, indem er auf die Rosenzweige deutete: »Und gibst du mir jetzt die rote Rose zur Erinnerung an diese Stunde, welche diesen Platz vergangener Schmerzen zu einer schönen, heiligen Erinnerungsstätte gemacht hat?« »Bedarf es des Zeichens,« fragte sie, »um diese Erinnerung lebendig zu erhalten? Laß die Blüte ihr kurzes Leben im Sonnenlicht vollenden, – was sollen wir mit den welken, trockenen Blättern, tragen wir nicht des ewigen Frühlings schönste Rosen in uns?« Lange standen sie noch schweigend aneinander geschmiegt vor dem einfachen und doch so tief bedeutungsvollen Sinnbild, das Gabrielens zartes und feines Gefühl errichtet, – immer reicher vergoldete der Sonnenstrahl den Marmor und die Rosenblüten, – leise rauschte der Abendhauch vom Rhein her durch die Wipfel der Baume, – Frieden atmete die Natur, und süßer, reiner Frieden zog durch ihre Herzen. Als sie durch die Allee des Parkes dem Hause zuschritten, tönten ihnen helle Jubelrufe lauter, fröhlicher Stimmen entgegen. Auf dem Platz vor der Freitreppe des Schlosses war die Dienerschaft versammelt, – Graf Xaver war angekommen, – die Gräfin, seine Mutter, stieg eilend die Treppe hinab, – der Graf hatte seinen Sohn schweigend an die Brust gedrückt, und der junge Mann stand jetzt in der Mitte der Seinen und der Diener des Hauses da, sein vor Glück strahlendes junges Weib im Arm, und Gräfin Josephine hob den kleinen Säugling zu dem Vater empor. Herr von Rothenstein und Gabriele näherten sich, – Graf Xaver umarmte die Schwester und schüttelte kräftig des alten Freundes Hand. Dann aber rief er laut: »Gott grüß' euch alle – alle, ihr Lieben, – aber noch habe ich keine Zeit für euch, – wir kennen uns ja, – erst muß ich diesen da begrüßen, den ich noch nicht kenne, – und der doch mein herrlichstes Kleinod ist.« Er nahm das Kind in seine Arme und schaute überglücklich in die reinen Augen, aus denen des Himmels Abglanz in holder Unschuld ihm entgegenlächelte. Graf Franz stand seitwärts, – über sein bleiches Gesicht zog ein Schimmer der Freude, – Gott hatte den herrlichsten und edelsten Trost in sein Herz gesenkt: das eigene Leid zu vergessen über fremdem Glück. Zweiunddreißigstes Kapitel Der Kaiser war an der Spitze seiner siegreichen Truppen in Berlin eingezogen, umgeben von den Prinzen seines Hauses, die beiden ersten fürstlichen Feldmarschälle des Hohenzollernhauses voran, gefolgt von den Generalen, unter ihnen der Kanzler des neuen Reiches, der dessen Bausteine lange in mühsamer Arbeit zusammengetragen hatte, der Kriegsminister, der Bildner des Heeres, der in dessen Gefüge den Gedanken des Königs verwirklicht hatte, und der ernste, schweigende Chef des Generalstabs, der die deutschen Armeen sicher und ruhig zum Siege und immer wieder zum Siege gefühlt hatte. Ganz Berlin erfüllte festlicher Jubel, überall feierte man öffentlich und im Familienkreise die Rückkehr der Sieger, und still zog sich die Trauer um die Verlorenen in die Verborgenheit zurück, um durch die Erinnerung an die Opfer des Kampfes nicht die Freude des herrlichen Siegesgewinnes zu trüben, der ja zugleich auch der schönste Trost in dem edlen, mit patriotischer Ergebung getragenen Schmerz war. Unter all den Stätten festlichen Glückes in der neuen Reichshauptstadt stand das Haus des Kommerzienrates Cohnheim voran. Hier wurde an diesem Tage die feierliche Verlobung des zum Generalstab kommandierten Premierleutnants von Büchenfeld mit der einzigen Tochter des Hauses gefeiert. Der Kommerzienrat hatte sogleich freudig die Zustimmung zu dieser Verbindung gegeben und auch die Frau Kommerzienrätin, obgleich ihr das alles so unerwartet über den Kopf gekommen war, hatte mit feierlicher Würde den jungen Offizier begrüßt, als sie erfahren, wie sehr dessen Verdienste höchsten und allerhöchsten Ortes anerkannt wurden, und als Frau von Rantow die Partie für höchst passend und geeignet zur Ausgleichung aller Differenzen und zur Beseitigung alles unangenehmen Geschwätzes erklärte. Der Kommerzienrat hatte eine große Zahl seiner Bekannten zu einem festlichen Diner geladen, – auch der Graf von Villebois mit Fräulein Hortense war unter den geladenen Gästen. Der stolze lothringische Edelmann war gekommen, nachdem der Frieden geschlossen und nachdem das Land, in welchem der alte Stamm seiner Familie wurzelte, wieder rechtlich und feierlich mit dem deutschen Reich verbunden worden. Er war vom Fürsten von Bismarck und vom Kaiser empfangen worden, – ernst und tiefbewegt war er von der Audienz bei seinem neuen Landesherrn zurückgekehrt, er hatte dem Baron von Rantow die Hand gereicht und ihm gesagt: »Mein Haus ist durch lange historische Erinnerungen mit Frankreich verbunden gewesen, – mit Schmerz nur kann ich mich von diesen Erinnerungen trennen, – aber noch näher steht mir mein besonderes Vaterland und sein Glück wird unter edlen, loyalen Fürsten besser gesichert sein, als unter dem traurigen Regiment schwankender Parteien, dem Frankreich auf lange, lange Zeit preisgegeben ist.« Auch der Vicomte war gekommen, und wenn auch der frühere französische Offizier bitter das Gefühl der militärischen Niederlagen in sich trug, so war er doch wohltuend und sympathisch berührt von der ritterlichen Achtung, welche überall dem besiegten Gegner entgegengetragen wurde und die ihn unendlich ansprechender berührte, als der wüste Haß und das Rachegeschrei, von welchem ganz Frankreich widerhallte, und die Verleumdungen und Anschuldigungen, mit welchen dort eine Partei die andere überhäufte, um Verräter zu suchen und zu schaffen, denen man die Schuld des nationalen Unglücks aufbürden könne. So war in diesem kleinen Familienkreise der große Gegensatz, welcher in dem öffentlichen Leben erst langsam und allmählich sich ausgleichen wird, versöhnt. Frau von Rantow war entzückt von der anmutigen Liebenswürdigkeit ihrer künftigen Schwiegertochter, welche in allem Reiz frischer Gesundheit blühte, ohne darum den zarten Schmelz verloren zu haben, der auf ihrer ganzen Erscheinung ruhte, und der Baron von Rantow war stolz und glücklich über die Verbindung mit dem hoch vornehmen Hause des Grafen, dessen Art und Sinn, wenn auch tiefer und klarer, doch mit seinen Anschauungen so verwandt war. Der Kommerzienrat war in der letzten Zeit von einer geheimnisvollen Geschäftigkeit gewesen, für welche er niemandem eine Erklärung gegeben. Er war oft ausgegangen, ohne daß man wußte wohin, – er hatte Konferenzen mit seinem Rechtsbeistand gehabt, – es schien eine große Tätigkeit alle seine Gedanken auszufüllen, aber kein Wort kam über seine Lippen, und nur ein häufiges glückliches Lächeln, das in den letzten Tagen fast stereotyp auf seinem Gesicht geworden, zeigte, daß die fieberhafte Unruhe, welche ihn hin und her trieb und ihm auf keiner Stelle länger als einige Minuten Ruhe ließ, keine unerfreuliche Ursache haben könne. Alle seine Diener hatten für den feierlichen Tag des Verlobungsfestes neue Livreen erhalten, – aber – ein neues Rätsel für das ganze Haus, – diese Livreen waren dem Kommerzienrat selbst gebracht und von ihm in seinem Zimmer verschlossen worden, – erst eine Stunde vor dem Diner, als die Kommerzienrätin und Fräulein Anna schon bei ihrer Toilette waren, lieferte er sie selbst den Lakaien aus mit dem Befehl, sie unmittelbar vor dem Eintreffen der Gäste anzulegen. Dann hatte er aus dem Arnheimschen Schrank, der in einem Alkoven seines Kabinetts stand, eine mit Silber inkrustierte Schatulle von Ebenholz hervorgenommen, dieselbe in den Empfangssalon getragen und dort auf den mit Blumen bedeckten Tisch gestellt. Er warf noch einen Blick in den Spiegel, um die untadelhafte weiße Krawatte, die blendende Wäsche mit dem Solitär in der Busennadel und das kleine Kreuz in seinem Knopfloch zu mustern, – dann ging er noch einmal durch den Speisesaal, das Arrangement der Tafel prüfend, und begab sich endlich in das Entreezimmer seiner Wohnung, wo er, still vor sich hin lächelnd und mit kleinen Schritten unruhig hin und her trippelnd, die Ankunft seiner Gäste erwartete, während die Damen in den Empfangssalon traten, die Kommerzienrätin in reicher Toilette und Fräulein Anna in einem einfachen weißen Spitzenkleid und nur geschmückt mit einem prachtvollen Diamantenhalsband, das ihr Vater in ihr Toilettenzimmer gelegt, und mit einem Zweig von Rosenknospen und Orangenblüten im Haar. Bald erschienen die Geladenen, ganz zuerst der Oberstleutnant von Büchenfeld, in voller Uniform, noch etwas schwankend von der Schwäche der langen Krankheit, aber freudestrahlend, und sein Sohn, ernst und still wie immer, aber mit dem Blick voll tiefer Liebe schon von ferne seine schöne Braut begrüßend, – Fräulein Hortense in einer von allen Damen bewunderten und beneideten Toilette aus leichter violetter Seidengaze, von frischen Veilchensträußen und kleinen Brillantagraffen aufgenommen, welche überall wie Tautropfen hervorfunkelten; die beiden jungen Damen waren der Gegenstand aller leise geführten Gespräche der eingeladenen Damen, welche ihnen mit dem liebenswürdigsten Lächeln ihre Grüße und Glückwünsche dargebracht hatten; namentlich unter den Damen der Bureaukratie waren diese Gespräche nicht immer des wohlwollendsten Inhaltes, und man kam fast allgemein in dem Urteil überein, daß es sehr leicht sei, gut auszusehen und sich gut zu verheiraten, wenn man Väter habe, die für die kostbare Toilette und die reiche Mitgift sorgten. Der Kommerzienrat hatte bei dem Erscheinen seiner Gäste die sein ganzes Wesen beherrschende unruhige Fröhlichkeit unterdrückt und eine ruhige Würde angenommen, welche seinen Bekannten aus den Finanzkreisen gegenüber zur zurückhaltenden, streng abgemessenen Höflichkeit wurde, und für die Geheimen Räte je nach ihren »wirklichen« und »oberen« Rangklassen sich bis zur freundlichen Herablassung oder kordialen Vertraulichkeit milderte. Als alle versammelt waren, kehrte auch der Kommerzienrat in den Empfangssalon zurück; – er stellte seine Tochter und den Leutnant von Büchenfeld der Gesellschaft als Verlobte vor und enthüllte damit ein aller Welt bekanntes Geheimnis, wie das bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich geschieht, – dann aber trat er an den blumenbedeckten Tisch und ergriff die Schatulle, die er vorher dorthin gestellt, indem sein Kinn sich tief in die weiße Krawatte zurückzog und seine Augen vor Stolz und Aufregung funkelten. Ein leises Räuspern deutete an, daß er noch etwas sagen wollte, – und nun erfaßte allerdings die ganze Gesellschaft eine wortlose Spannung, die Damen traten so nahe als möglich heran, und selbst die Kommerzienrätin blickte erstaunt ihren Mann mit strenger Miene an, – sie wußte nicht, was er vorhatte, und zweifelte, ob etwas, was ohne ihr Wissen und ihre Genehmigung geschehen, auch mit dem guten Ton und den Sitten der vornehmen Gesellschaft übereinstimmen werde. Der Kommerzienrat aber öffnete mit selbstbewußter Ruhe die Schatulle, nahm ein großes Papier aus derselben, auf welchem man kalligraphische Schriftzüge bemerkte, und sprach, indem die innere Bewegung ihm fast den Atem raubte: »Ich habe mir heute die Freude machen wollen, den jungen Leuten, die zusammen ihren Weg durch das Leben antreten wollen, ein Haus, eine Heimat zu geben, – nehmen Sie dies Dokument, mein Herr Sohn,« fuhr er, zum Leutnant von Büchenfeld gewendet, fort, – »es überträgt Ihnen den Besitz eines Komplexes von drei Gütern, die ich unter dem Namen Büchenfeld vereinigt habe und die lange der Sitz der Familie bleiben mögen, die Sie gründen wollen.« Der Leutnant von Büchenfeld zuckte zusammen, – eine finstere Wolke zog über seine Stirn; – Anna drückte ihm die Hand und flüsterte leise: »Ist dir mein Herz und meine Liebe nicht mehr wert als jene Gabe? – Laß meinem Vater die Freude, sie dir zu reichen, – hast du doch mich angenommen, – freilich«, fügte sie mit scherzhaftem Schmollen hinzu, »hat es Mühe genug gekostet.« Der Leutnant blickte in ihr liebevoll zu ihm aufgeschlagenes Auge, seine strengen Züge verklärten sich, und mit einem leise gesprochenen Dankeswort näherte er sich dem Kommerzienrat. Dieser aber sprach, indem er die funkelnden Blicke seiner kleinen scharfen Augen über die Versammlung gleiten ließ und die ersten beschriebenen Seiten des Dokuments umschlug: »Ich bin glücklich, gerade auf diese Urkunde, welche den künftigen Heimatssitz der Familie meiner lieben Tochter begründet, zum erstenmal das Wappen meines Hauses abdrücken zu können, das Seine Majestät der Kaiser mir verliehen hat, der, wie ich die Ehre habe, meinen verehrten Gästen mitzuteilen, die Gnade gehabt hat, mich in den Adelstand zu erheben.« Er deutete auf einen unter dem Dokument befindlichen großen Siegelabdruck, der ein schön ausgeprägtes großes Wappenschild mit einer fünfzackigen Krone zeigte. Alles drängte sich heran mit freudigen Glückwünschen, und wenn man von dem Ausdruck aller dieser frohen Gesichter auf die Gesinnung der Anwesenden schließen konnte, so waren sie alle voll innigster und herzlichster Teilnahme für das Haus des Herrn von Cohnheim. Fräulein Anna blickte errötend zu Boden, – der Oberstleutnant trat zu ihr heran und sprach, die Hand auf ihre Schulter legend: »Für mich bedarf es keiner Wappen und Rittergüter, um mein gutes Kind zu lieben, das den reichsten Besitz und das älteste Adelsdiplom in sich trägt, – ein treues, edles und mutiges Herz!« Die Kommerzienrätin war tief erbleicht, als sie die große Kunde vernahm, die sie fast überwältigend ergriff. Bald aber faßte sie sich, – noch gerader, noch stolzer richtete sie sich empor, und als ihr Mann zu ihr herantrat, verzieh sie ihm das so fest bewahrte Geheimnis um dieses Augenblicks glückseliger Überraschung willen, – mit liebevollem Lächeln, wie lange nicht, beugte sie sich zu ihm herab und reichte ihm die Wange zum Kuß. »Sieh dir die neuen Livreen an,« flüsterte er ihr leise zu, – »alle Knöpfe tragen das von Cohnheimsche Wappen!« So war auch für sie dieser Tag zu einem Tag des Glückes geworden, das ihre hochfliegendsten und kühnsten Träume übertraf. Man ging zu Tisch. Der Graf von Villebois führte die Kommerzienrätin, und sie suchte aus den Tiefen ihrer Erinnerung alle seit lange vergessenen französischen Phrasen hervor, um die Unterhaltung zu führen, wobei alle ihre aufgewendete Mühe aber nicht verhindern konnte, daß der Graf sie zuweilen ganz verwundert ansah und ihre Bemerkungen, deren Sinn ihm zu entgehen schien, nur mit einem höflichen Kopfneigen beantwortete. Als der Champagner in den Gläsern schäumte, erhob sich der Graf von Villebois und entschuldigte sich, daß er in der Sprache seiner Heimat die Gesellschaft anredete, – aber der Sinn und die Absicht seiner Worte werde das fremde Idiom vergessen lassen. Dann fuhr er mit dem Ausdruck tiefer Bewegung fort: »Ich bin heute unter eine neue Fahne getreten, wie meine Vorfahren Untertanen des weißen Lilienbanners und der kaiserlichen Trikolore von Frankreich waren. Um so leichter und freudiger folge ich dieser Fahne, als sie auch in Deutschland so viele früher verschiedene Farben in ihrem Schwarz-Rot-Weiß vereinigt. Schwarz ist das Kreuz der ritterlichen Tapferkeit und Treue, – rot das Kreuz der tätigen Liebe, – weiß der reine Schild unbefleckter Ehre, und wo Treue, Liebe und Tapferkeit sich unter der Krone eines edlen und erhabenen Fürstengeschlechtes vereinen, da wird jeder Edelmann, jeder brave Mann seinen Platz finden, – da werde ich meinen Platz und mein Vaterland finden. – Ich trinke auf das Deutsche Reich, das Treue, Liebe und Ehre in seiner Fahne trägt, – auf den Kaiser, dessen Haupt dieses Reiches glänzende Krone schmückt!« Alle waren aufgestanden und stimmten mit lautem Zuruf in den Trinkspruch des lothringischen Edelmanns ein. * Die Feste des Einzugs waren vorüber, – der Reichskanzler und Fürst von Bismarck saß gedankenvoll in dem Arbeitszimmer seines Hauses in der Wilhelmsstraße, wo er fast zehn Jahre lang in sorgsamer Arbeit und in schweren inneren Kämpfen alles das vorbereitet und in seinen Gedanken durchgearbeitet hatte, was jetzt unter dem Jubel des deutschen Volkes und unter den staunenden und bewundernden Blicken des ganzen Europa vollendet dastand. Er gedachte der Zeit, da er, von niemandem verstanden, die ersten Grundsteine seines Werkes gelegt hatte, – da das ganze preußische und das ganze deutsche Volk ihn verwünschte und mit seinem durch die öffentlichen Blätter täglich neu geschürten Haß verfolgte. Er gedachte der ersten schweren Entscheidungskämpfe des Jahres 1866, als er gegen Österreich und fast das ganze übrige bewaffnete Deutschland den Krieg aufnahm, ohne im eigenen Lande Zustimmung und Unterstützung zu finden. Und wenn er nach allen diesen Bildern, die vor seinem inneren Blick vorüberzogen, dann hinsah auf die Höhe, welche er heute erstiegen, nachdem er zur Wahrheit gemacht, was das ganze deutsche Volk seit so langen Jahren in seinen Dichtungen und Gesängen ersehnt und erfleht hatte, dann mußte stolze Freude seine Brust schwellen, denn ihm war gegeben worden, zu vollbringen, was kein Staatsmann der Geschichte vor ihm vollbracht hatte. Aber auch ein Lächeln des Mitleids und einer leichten humoristischen Verachtung spielte um seine Lippen, als er den Blick auf einige Zeitungsblätter warf, die auf seinem Tisch vor ihm lagen, und die von seinem Lobe überfließende Artikel enthielten, – dieselben Blätter, welche ihn früher auf das gehässigste und unversöhnlichste angegriffen hatten, und welche damals wie jetzt mit gleicher hochmütiger Unfehlbarkeit ihre Urteile verkündeten, als ob sie es gewesen, die das Deutsche Reich vorbereitet und gegründet, als ob der große Mann, dem sie jetzt ihre Gönnerschaft zuwendeten, nur die ausführende Hand für ihre Pläne und Beschlüsse gewesen sei. » Aura popularis ,« sagte er leise, »ich habe es wahr gemacht, was ich einst, durchdrungen von der Überzeugung, der Wahrheit und Gerechtigkeit meines Strebens, den verblendeten Gegnern zurief und was man als ein übermütiges Paradoxon verspottete: – ich bin der populärste Mann in Deutschland geworden. »Werde ich es bleiben?« sagte er nach einem Augenblick stillen Nachdenkens, – »die Lehren der Vergangenheit dürfen mich mißtrauisch gegen die Zukunft machen – ich würde es bleiben, wenn ich jetzt abträte von der Bühne und zurückträte in den still beschränkten Kreis der rein menschlichen Existenz, – mein ganzes Wesen sehnt sich nach Ruhe, – und habe ich diese Ruhe nicht verdient, – habe ich nicht das Recht, nach so langer und so harter Arbeit für das Vaterland und seine Größe auch mir und den Meinigen zu leben, – meine allmählich sich mindernde Kraft der ewigen Qual und Sorge zu entziehen? »Denn Sorge, Kampf und mühselige Arbeit birgt sich ganz nahe unter der glänzenden Oberfläche dieser Jubel- und Siegestage! Die früheren Feinde sind meine Anhänger geworden, – und vielleicht werden die alten Freunde meine Gegner werden! – Und doch darf ich mein Werk nicht verlassen, solange mir die Kraft bleibt, es zu schützen und auszubauen, – die reiche Frucht, die Gott meiner Arbeit gegeben, legt mir die Pflicht auf, weiter zu streben und zu ringen –« Der Kammerdiener des Fürsten trat ein und meldete den Ministerpräsidenten von Manteuffel. Verwundert blickte der Reichskanzler auf, – ein Zug stolzer Freude erschien auf seinem Gesicht, – schnell aber nahm dasselbe wieder den Ausdruck ruhiger, freundlicher Höflichkeit an, als er sich erhob und Herrn von Manteuffel entgegentrat. Über diese beiden Männer, welche in schweren Tagen an der Spitze der preußischen Politik gestanden, war die Zeit seit dem Jahre 1866 nicht spurlos hingegangen. Zwar stand die hohe Gestalt des Reichskanzlers noch fest und kräftig da, klar und scharf blickten seine grauen Augen aus dem Antlitz mit den ehernen Zügen, aber sein starker Schnurrbart war weiß geworden, – das Alter hatte auch diese hünenhafte Natur berührt. Auch Herr von Manteuffel blickte noch frisch mit der ihm eigentümlichen Schärfe durch die Gläser seiner goldenen Brille, – aber auch sein Haar war weiß, und seine Haltung hatte nicht mehr die frühere geschmeidige Elastizität. »Ich komme,« sagte er, die dargebotene Hand des Fürsten mit herzlicher Wärme drückend, »um Eurer Durchlaucht meinen aufrichtigen Glückwunsch zu den so wohlverdienten Gnadenbeweisen Seiner Majestät auszusprechen, – mehr aber noch zu dem so großen und so herrlichen Erfolg, den Sie errungen, – ich weiß, daß Ihnen die vollbrachte Tat noch höhere Freude und Befriedigung gewählt, als der Lohn derselben.« »Eurer Exzellenz Glückwunsch und Ihre Anerkennung«, erwiderte der Fürst, indem er Herrn von Manteuffel den seinem Sessel an dem Schreibtisch gegenüberstehenden Lehnstuhl hinschob, – »erfreut mich hoch, – um so höher, als Sie, wie ich glauben mußte, bei dem Beginn meines Unternehmens wenig Vertrauen in die erfolgreiche Durchführung desselben hatten.« »Ich leugne das nicht,« sagte Herr von Manteuffel, – »und gerade deshalb halte ich mich für um so mehr verpflichtet, meine Anerkennung für das Errungene auszusprechen. Sie haben gewagt, was Tausende nicht gewagt hätten, – was ich nicht gewagt hätte, – aber das Wagnis wird zum höchsten Verdienst, wenn man sich in der Kraft zur Durchführung desselben nicht getäuscht hat. Mir«, fuhr er seufzend fort, – »ist es nur beschieden gewesen, meine Kraft der Revolution im Innern entgegenzustellen, – nach außen war ich gelähmt – durch die Verhältnisse und durch –« Er schwieg abbrechend einen Augenblick. »Nun,« sagte er dann, – »ich danke Gott, daß Olmütz gesühnt ist. – dies Olmütz, das sich verhängnisvoll an meinen Namen heftet, – und das mir doch als eine unabweisbare Notwendigkeit auferlegt wurde.« »Die Geschichte ist gerecht«, sprach der Fürst Bismarck in herzlichem Ton, »und erkennt schließlich jedes Verdienst an, wenn die Schleier gefallen sind, welche die Blicke der Mitwelt verhüllen. Sie können ruhig erwarten, daß die abklärende Geschichte das Urteil der Nachwelt bilde, – ich muß noch weiter ringen und arbeiten, und eben, ehe Sie kamen, dachte ich traurig darüber nach, wie bald der harmonische Siegesjubel verklungen sein wird, wie bald Hader und erbitterter Streit der Parteien mich wieder umringen werden! »Ich sehe das vorher,« sprach er, seinen Gedanken folgend, weiter, – »um den Ausbau des neuen Reiches weiterzuführen, das jetzt nur in seinen äußeren Mauern dasteht, wird manches Alte und Ehrwürdige, manches, das gut und vortrefflich war in der vergangenen Zeit, aufgegeben werden müssen, – wo neu gebaut wird, läßt sich nicht alles konservieren, – und ich fürchte, – ja, schon treten mir Zeichen entgegen, daß alte Freunde sich von mir trennen möchten, daß sie mir nicht helfend, stützend und ratend auf den neuen Wegen folgen möchten, die ich doch gehen muß, wenn ich das neue Reich innerlich gekräftigt und lebensfähig der Zukunft übergeben soll!« »Eure Durchlaucht zweifeln,« fragte Herr von Manteuffel, »daß alle Parteien voll Vertrauen der Führung folgen werden, welche so Großes erreicht hat –?« »Leider muß ich zweifeln,« erwiderte Herr von Bismarck, – ich kenne den Starrsinn einzelner Führer der konservativen Partei, – ich kann ihn persönlich achten, aber ich kann als Staatsmann, als des Königs Minister nicht mit ihm paktieren, – glauben Sie mir, – sie werden nicht nur einzelnen notwendigen Maßregeln sich entgegenstellen, – nein, es wird etwas ganz anderes hervortreten dem Reichsausbau gegenüber, – etwas Schlimmeres als alle autonomischen Regungen in den Mittel- und Kleinstaaten, – der preußische Partikularismus.« Herr von Manteuffel blickte ihn befremdet an. Mit scharfem Ton fragte er: »Und könnten Sie daran denken, Preußen, diese großartige, herrliche Schöpfung der Jahrhunderte, aufzulösen in das unklare und schwankende Leben des neugeschaffenen, aber noch nicht geformten Deutschen Reiches?« »Wie könnte das je in meinen Sinn kommen?« rief der Fürst lebhaft, – »preußisch ist der Geist, der mich erfüllt, – preußisch der Rock, den ich trage, – wollte ich Preußen auflösen und zersetzen, so würde ich ja das Werk meiner eigenen Arbeit, das Reich der deutschen Nation wieder zerstören. – Aber,« fuhr er fort, –»ich muß das deutsche Blut mit dem preußischen Organismus verbinden, daß es hin und zurück strömend in immer freierer Bewegung die ganze Nation durchdringe mit der altpreußischen Kraft und dem altpreußischen Geist, und daß zugleich vieles, was starr und schroff geworden ist, in dem stets zur Abwehr gerüsteten Staat Friedrichs des Großen sich mildere und versöhne mit dem vielgestaltigen und bewegungsvollen Leben des deutschen Volkes, – ich kann, seit ich des Deutschen Reiches Kanzler geworden bin, nicht mehr ausschließlich preußischer Minister sein, – eine neue, große und schwere Aufgabe tritt an mich heran, – ich würde sie vielleicht leichter erfüllen können,« sprach er sinnend, »wenn ich ein Bayer oder ein Schwabe wäre, denn dem preußischen Ministerpräsidenten wird sich nur langsam und zögernd das Vertrauen der deutschen Stämme zuwenden, – um so schwerer, wenn meine Freunde sich feindselig sträuben, den schwarzweißen Schlagbaum an den Grenzen zu öffnen.« »Sie mögen recht haben,« sagte Herr von Manteuffel, während der Fürst gespannt in sein tief ernst gewordenes Gesicht blickte, – »Sie mögen recht haben, habe ich doch unter ganz anderen Verhältnissen den Starrsinn und die Unversöhnlichkeit der Partei kennen gelernt, welche endlich doch immer wieder die einzige Stütze der monarchischen Ordnung und des Thrones ist, – haben sie mich doch«, fügte er mit seinem Lächeln hinzu, »seinerzeit zu den destruktiven Freigeistern geworfen! – Aber«, fuhr er dann fort, – »wer erreicht hat, was Sie erreicht haben, darf auch diesen Kampf nicht scheuen!« »Ich scheue keinen Kampf!« rief der Fürst, seine mächtige Brust weit ausdehnend, – »aber,« fuhr er fort, indem eine leise Wehmut durch seine Stimme klang, – »es schmerzt doch, alte und erprobte Freunde sich als Gegner zu denken, – um so mehr in einem Augenblick, in welchem ich alles darum gäbe, die besten Kräfte jeder Richtung und Partei im ganzen Deutschland zu vereinen, um dem neuen Reich auch die Freiheit und Unabhängigkeit von dem ältesten und schlimmsten Feind germanischer Macht und Herrlichkeit zu erringen, – die Unabhängigkeit von Rom.« Herr von Manteuffel fuhr erschrocken zusammen. »Eure Durchlaucht denken daran,« rief er, »den Krieg gegen die katholische Kirche zu beginnen, – jetzt – ehe das Reich festgefügt in seinem inneren Bau dasteht –?« »Nicht gegen die katholische Kirche,« fiel der Fürst ein, – »sie steht vollberechtigt in Deutschland da und hat Anspruch auf des Kaisers Schutz, – aber gegen die römische Hierarchie, welche stets das deutsche Kaisertum in ihre Dienstbarkeit zu beugen versucht hat und welche, während die nationale Waffenkraft Frankreich überwand, die Fäden zog, um im Innern, im Geist des Volkes selbst des Reiches Macht zu brechen. Das Reich kann die Hand des unfehlbaren Papstes nicht dulden, der sein Gebot über das des Kaisers und des Gesetzes stellt, und der in kühner Anmaßung auf seine Satzungen das Wort anwendet: Du sollst Gott mehr gehorchen als den Menschen.« »Aber jetzt,« sagte Herr von Manteuffel kopfschüttelnd, – »jetzt, wo noch so viele Widersprüche ungelöst sind, wo so viele Wunden noch bluten, – ist jetzt der Augenblick, um einen Streit aufzunehmen, der, wo er noch geführt wurde, die Welt in furchtbaren Erschütterungen erzittern ließ? »Ich will nicht verkennen,« fuhr er fort, »daß dieser Streit einmal wird ausgetragen werden müssen, – aber jetzt, – jetzt, wo das Gefüge des Reiches noch schwankt –« »Es wird niemals fest werden,« rief der Fürst mit dem klangvollen Ton inniger Überzeugung, »solange die von Rom aus in unfehlbarer Willkür beherrschte Hierarchie das Staatsleben mit ihrem zersetzenden Einfluß durchdringt – und,« fuhr er fort, Herrn von Manteuffel fest und durchdringend anblickend, – »wenn dieser Kampf heute nicht aufgenommen wird, so wird er niemals siegreich zu Ende geführt werden. Jetzt ist das Nationalgefühl im Volke mächtig wie nie, – jetzt wird keine fremde Macht wagen, sich zwischen Deutschland und Rom zu stellen, – jetzt muß ich das Befreiungswerk beginnen, – das neue Dogma hat uns zur Abwehr herausgefordert, die weltliche Macht muß ihre Grenzen schützen, – mehr will ich nicht, – ich wage es,« rief er stolz, mit blitzenden Augen, – »ob man es später wagen würde, weiß ich nicht, – ob ich die geistige Befreiung durchführen werde, weiß ich nicht, – das aber weiß ich, daß, wenn sie begonnen ist, niemand ihr Einhalt tun wird, und daß sie vollendet werden wird, so wahr die neue Kaiserkrone sich über dem Haupt unseres Königs erhoben hat!« »Ich kann nur wiederholen,« sagte Herr von Manteuffel, indem er voll Teilnahme in das von Mut und stolzer Willenskraft leuchtende Antlitz des Fürsten blickte, – »daß Sie das Recht haben, sich hohe und die höchsten Ziele zu stecken, – aber, – woran die Kraft der Hohenstaufen erlahmte und brach –« »Hatten die Hohenstaufen«, fiel der Reichskanzler schnell ein, »die einige nationale Kraft zu ihrer Verfügung, die jetzt den Kaiser umgibt? Wo die nationale Kraft geeinigt und geschlossen sich aufrichtete, da hat sie die Anmaßungen Roms zurückgewiesen, – nur Uneinigkeit und Zersetzung waren die Mittel der unumschränkten päpstlichen Herrschaft. Hat Frankreich nicht unter Ludwig XIV. die unfehlbare Einmischung Roms in seine Kirchenverfassung scharf und bestimmt zurückgewiesen? Hat nicht selbst der ohnmächtige Ludwig XV. die Jesuiten vertrieben, ohne daß Rom es wagen konnte, sich gegen Frankreich zu erheben? Nun – was Frankreich gekonnt hat, weil es eine einige Nation war, – das wird auch Deutschland können, – denn jetzt ist Deutschland einig, – und stärker als Frankreich es war!« »In Frankreich«, erwiderte Herr von Manteuffel, »standen die Bischöfe des Landes auf der Seite der nationalen Unabhängigkeit, – in Frankreich drohte im äußersten Fall das Schisma, – die einzige Drohung, welche Rom fürchtet, – sind Eure Durchlaucht der deutschen Bischöfe sicher, – werden sie zu Ihnen stehen?« »Die deutschen Bischöfe,« sagte der Fürst, »haben zu allen Zeiten, noch entschiedener als in anderen Ländern, ihre Selbständigkeit und Unabhängigkeit gegen Rom vertreten, – und unsere heutigen Kirchenfürsten haben ja auf dem Konzil scharf und bestimmt gegen die römische Unfehlbarkeit eingestanden –« »Werden sie ihre Stellung bewahren, – bewahren können, – wenn Rom seine äußersten Mittel anwendet, – die ihnen gegenüber immer noch die alte Kraft haben?« »Doch,« sprach er dann, indem er aufstand, – »ich bin nicht gekommen, um zu kritisieren, – sondern um Ihnen von Herzen Glück zu wünschen zu dem, was Sie vollbracht. Ich gehöre der Vergangenheit und überlasse die Zukunft Gott, – das freilich sehe ich, daß schwere Kämpfe Sie erwarten, denn neben dem Wege, den Sie einschlagen wollen, liegen tiefe Abgründe, – die alten Freunde werden denselben nicht mit Ihnen betreten, – und die Freundschaft derer, die Ihnen folgen werden, möchte wenig lenksam sein –« »Ich bin weder gewohnt, vor den Gegnern zurückzuweichen, noch von den Freunden mich meistern zu lassen!« rief der Fürst. »Mir liegt es fern, Sie entmutigen zu wollen,« sagte Herr von Manteuffel, – »aber einen Rat darf ich Ihnen vielleicht geben, dessen Sie sich erinnern mögen, wenn die alten und die neuen Freunde einst gleichmäßig den Dienst versagen sollten, – ein solcher Augenblick wird kommen, und ohne Armee kann auf dem politischen Felde kein General sich halten! Sie werden«, fuhr er fort, »niemals die liberalen Parteien zu Trägern eines monarchischen Regiments machen, ebenso wenig wie Sie, wenn ein Bruch erfolgen sollte, die alten konservativen Elemente jemals wieder versöhnen werden. »Wenn der Augenblick eintreten sollte, – ich wünsche, es möge nie geschehen, – daß die einen drängend, die anderen widerstrebend den Gehorsam versagen, dann wenden Sie sich an die junge Generation, welche auf dem alten konservativen Boden heranwächst, umweht von dem Geiste der Gegenwart und wurzelnd in dem Boden des alten Rechtes, – aus dieser Generation werden Sie die siegessichere und treue Schar bilden können, die Sie umgeben und trotz aller Gegner links und rechts zu Ihrem Ziel begleiten wird. Glauben Sie mir, wenn auch zurückgezogen von allem öffentlichen Leben, beobachte ich doch, was vorgeht, und ich sage Ihnen, die alten Parteien und die alten Größen sind tot, – Sie haben eine neue Zeit begründet, – schaffen Sie neue Menschen, – sonst werden Sie vereinsamen in der neuen Zeit und die Führung ihrer Bewegung verlieren.« Der Fürst blickte gedankenvoll vor sich nieder, – die Worte des erfahrenen, kalt und scharf beobachtenden Staatsmannes schienen tiefen Eindruck auf ihn zu machen. »Es scheiden sich die alte und die neue Zeit,« fuhr Herr von Manteuffel fort, aber eines soll ihnen gemeinsam bleiben, – der rocher de bronze des alten preußischen Königtums, – wir, die Alten, haben auf diesem Felsen festgestanden gegen die brandenden Wogen, – erhalten und bewahren Sie ihn, damit auf ihm auch die deutschen Kaiser ihre feste Stütze finden.« »Das will ich!« rief der Fürst, indem er die Hand des Herrn von Manteuffel ergriff, – »von diesem Felsen aus soll auch durch die Wetterwolken der Zukunft der kaiserliche Adler aufsteigen mit der alten Devise: › Nec soli cedit !‹« Einen Augenblick standen die beiden Männer in kräftigem Händedruck vereinigt da. Dann verneigte sich Herr von Manteuffel schweigend und verließ, vom Fürsten zur Tür begleitet, das Zimmer. Der Fürst blickte ihm lange nach. »Er hat recht,« sagte er, – »drohende Abgründe öffnen sich neben dem Wege der Zukunft, – und doch muß ich ihn gehen, – freudige Zuversicht erfüllt mich, der Himmel, der Deutschland einig und stark machte, wird auch die Geister erheben zu einer neuen Entscheidungsschlacht gegen die Legionen Roms, – hell und mächtig klingt auch durch meine Seele das Wort: ›Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir – Amen‹!« Dreiunddreißigstes Kapitel Der Abend eines dunklen Januartages des Jahres 1873 hatte seine Nebel über den kleinen Park von Camden-House in Chislehurst herabsinken lassen. In dem Salon des verbannten Kaisers Napoleon III. verbreitete eine von der Decke herunterhängende große Lampe ein freundliches, helles Licht. Dieser Salon war ein großer, äußerst wohnlicher, mit englischem Komfort eingerichteter Raum. Unmittelbar neben dem Eingang standen zwei etwas vorspringende Säulen; denselben gegenüber befand sich ein breiter Kamin, in welchem ein knisterndes Feuer brannte. Ausgewählte Kupferstiche und einzelne Ölgemälde hingen an den Wänden, bequeme Schaukelstühle und Polstersessel standen umher, daneben Tische mit Albums, ein großer Schreibtisch in der Mitte nahe dem Kamin: – es herrschte keine fürstliche Pracht in diesem Raum, wohl aber das elegante bien-être eines wohlhabenden Privatmannes, der sich vielfach beschäftigt, viel in seinem Zimmer lebt und mit großem Geschmack und Verständnis seine Wohnstätte zu schmücken und heimisch zu machen versteht. An der Seite des Zimmers an der langen Wand neben den mit dichten Vorhängen zugezogenen Fenstern saß der Kaiser Napoleon, fast liegend zurückgelehnt auf eine Chaiselongue neben einem ziemlich großen Tisch, auf welchem eine kleine silberne Lampe mit seitwärts befindlichem grünem Lichtschirm stand, so daß der Kaiser imstande war, seine Augen vor dem unmittelbaren Glanz der Flamme zu schützen. Auf dem Tisch lagen Zeitungen, Journale und eine kleine Karte der nördlichen Küste von Frankreich ausgebreitet. Der Kaiser blätterte flüchtig in einem der neuesten von Paris gekommenen Journale und lächelte zuweilen mehr gutmütig-spöttisch als bitter, wenn sein Blick auf die heftigen Ausfälle stieß, von welchen die französischen Blätter jener Zeit so häufig angefüllt waren, und welchen das wetterwendische Volk von Frankreich zujubelte, ohne sich erinnern zu wollen oder zu können, daß es selbst den Kaiser zu jenem verhängnisvollen Krieg gedrängt hatte, dessen Ausgang mit dem Kaiserreich auch den Traum von der militärischen Überlegenheit Frankreichs in Europa zerstörte. Der Kaiser rauchte seine Zigarette, deren Dampf in blauen Wölkchen durch das Zimmer zog. Sein Gesicht hatte jene krankhafte, wachsbleiche Farbe, welche in den letzten Jahren immer mehr bei ihm hervortrat, aber eine gewisse ruhige Heiterkeit lag auf seinen Zügen, freundlich blickten seine Augen, er schien diese stille, behagliche Einsamkeit, in welcher er sich nun schon seit zwei Jahren befand, wie eine Wohltat zu empfinden. »Wie glücklich«, sagte er, indem er sich vollständig auf der Chaiselongue ausstreckte, »ist ein Privatmann, der sich nach des Lebens Arbeit und Mühe in solche friedliche Stille zurückziehen kann, um nachzudenken über das, was er getan und erlebt, und um sich vorzubereiten, diese Welt zu verlassen, – diese Welt des Kampfes und des Leidens, – und in jene geheimnisvollen Gebiete hinüberzugehen, welche die Hand der Gottheit mit dem undurchdringlichen Schleier verhüllt hat, in denen aber unmöglich so viel Unruhe und Leiden sein kann als hier auf Erden, wenn anders Gott wirklich der Gott der Liebe und Barmherzigkeit ist, wie die Kirche es lehrt. – »Ich habe Großes getan und Gewaltiges erbaut in meinem Leben,« fuhr er nach einer Pause fort, »mein Werk ist zerstört und zertrümmert vor mir niedergesunken, aber doch,« sagte er stolz und freudig, »habe ich nicht umsonst gelebt, – was ich für mich gewonnen, ist wieder verloren, der Ruhm und die Macht, die ich an meinen Namen geknüpft, sind zusammengesunken, aber das Viele, was ich für mein Volk geschaffen, wird bestehen, und vielleicht werden spätere Generationen mein Andenken segnen, denn ich habe die Quellen reichen Wohlstandes geöffnet für die armen Landbauer, des Volkes besten Teil, – Quellen, die niemals versiegen werden.« Wieder lag er eine Zeitlang schweigend da und folgte mit dem Blick den bläulichen Wölkchen seiner Zigarette, welche er in zierlichen Ringeln emporblies. »Wohl hoffte ich,« sprach er dann weiter, indem ein tiefer Seufzer aus seiner Brust aufstieg, »mein Leben nun in Ruhe und Frieden zu beschließen, – aber es soll nicht sein! Meine Getreuen in Frankreich rufen mich, – alles ist vorbereitet, – Herr Thiers und alle diese traurigen Staatskünstler haben zu dem äußeren Unglück eine solche Verwirrung im Innern geschaffen, daß das ganze Volk, das Landvolk vor allem und die Armee, welche trotz der augenblicklichen Erbitterung über ihre Niederlage den Namen Napoleon immer im Herzen trägt, meine Rückkehr mit Freuden begrüßen werden, – ich glaube den Berichten, die man mir gemacht, – denn ich weiß, daß es so ist, daß es so sein muß, – zwanzig Jahre des Wohlstandes, des Glückes und der Größe vergessen sie nicht so leicht. Ich werde nach Paris zurückkehren, wie mein Oheim zurückkehrte, – und vielleicht wird Europa sich freuen, wenn meine Hand wieder die Zügel des gährenden und brausenden Frankreichs ergreift, das ich schon einmal dem Arm der Revolution entriß. Ich werde sie wieder auf mich nehmen müssen, die Last und die Qual der Herrschaft,« sagte er, noch tiefer seufzend, »wahrlich nicht für mich, nicht zu meiner Freude, – aber ich bin es schuldig meinem Lande, – schuldig allen denen, die mich rufen und auf mich hoffen, – schuldig meinem Sohn, – diesem armen Kinde, das«, fuhr er mit einem stolzen Aufleuchten seiner Blicke fort, »eine große, heilige Mission auf seinem Haupte trägt, wie alle, welche seinen Namen führen, – eine Mission, die er erfüllen soll und die vielleicht auch ihm zum Fluche werden wird, wie sie es meinem Oheim und mir geworden.« Er lag wieder eine Zeitlang in stillem Nachdenken da. Dann öffnete sich schnell die Tür, und ganz schwarz gekleidet, ein einfaches goldenes Kreuz um den Hals, trat die Kaiserin Eugenie herein. Sie war merklich gealtert in den zwei Jahren der Verbannung, ihre schönen und edlen Züge waren strenger und härter geworden, und ihre Bewegungen zeigten nicht mehr jene elastische Anmut, welche ihr früher einen so eigentümlichen Reiz verlieh. Aber ein Ausdruck triumphierender Freude lag auf ihrem Gesicht, dem das Alter seine Linien einzugraben anfing. Aus ihren Augen blitzte Spannung, Mut und Hoffnung zugleich, als sie rasch zu ihrem Gemahl hintrat und demselben einen Brief reichte, den sie in der Hand trug. »Unser Abgesandter ist von Berlin zurückgekehrt,« sprach sie hastig, »er ist nicht selbst hierher gekommen, sondern in Frankreich zurückgeblieben, um an der Küste die letzten Vorbereitungen zu überwachen. Er sendet Ihnen diesen Brief durch einen sicheren Boten, das ist ein gutes Zeichen, denn hätte er eine ungünstige Meldung zu machen, so wäre er selbst gekommen.« Der Kaiser richtete sich langsam aus seiner liegenden Stellung empor, nahm mit einem gewissen zögernden Widerstreben den Brief, welchen die Kaiserin ihm reichte, und erbrach dann seufzend das Siegel. Er las: »Die deutschen Truppen werden einer Bewegung für die Wiederherstellung des Kaiserreichs gegenüber Gewehr bei Fuß stehen, Deutschland nimmt kein Recht in Anspruch und hat kein Interesse, die französische Nation in der vollkommen freien Wahl ihrer Regierungsform irgendwie zu beschränken, sobald die Grenzen nicht bedroht sind und die Erfüllung der Bedingungen, welche Frankreich im Friedensschluß übernommen hat, gesichert bleiben. – Dies die Antwort, die ich erhalten, doch glaube ich annehmen zu müssen, daß das ›Gewehr bei Fuß stehen‹ eher günstig als ungünstig für uns interpretiert werden wird.« – »Das ist alles, – aber es ist klar und deutlich,« sagte der Kaiser, als er zu Ende gelesen. Die Augen der Kaiserin leuchteten auf, ihr Gesicht strahlte vor Freude. Schnell nahm sie das Blatt aus der Hand ihres Gemahls zurück und durchflog noch einmal die Zeilen, welche es enthielt. »Vortrefflich!« rief sie. »Alles muß gelingen! Wir sind einer großen Anzahl von Generalen und Offizieren sicher, – alle Truppen der Garde werden zunächst zu uns stehen, die übrigen werden mit fortgerissen werden, wie es einst bei der Rückkehr des Kaisers von Elba geschah, und von der anderen Seite decken uns die deutschen Okkupationsarmeen vor jedem Angriff. Oh, wie dieser Augenblick, in dem ich diese treulosen Verräter, diese elenden Schwätzer zu unseren Füßen werde niedergeworfen sehen, mich entschädigen soll für all den Kummer und Gram, den ich schweigend in der Tiefe meines Herzens habe verbergen müssen!« Und mit einer stolzen, gebieterischen Bewegung streckte sie die Hand aus, als sähe sie bereits wieder Frankreich ihres Winkes gewärtig vor ihr sich neigen, – der Kaiser aber starrte trübe und finster vor sich hin und warf dann einen traurig-wehmütigen Blick auf dieses so behagliche Zimmer, dessen trauliche, heimische Stille er eben noch so wohltätig empfunden hatte. »Es ist jetzt keine Zeit zu verlieren,« sagte die Kaiserin hastig, »ich habe Corvisart und Conneau sogleich rufen lassen, als der Bote ankam. Wir können ihnen vertrauen, sie sind unsere treuesten Freunde, – Conneau ist ohnehin eingeweiht, – sie sollen Ihren Zustand prüfen, ob Sie fähig sind, die großen körperlichen Anstrengungen zu ertragen, welche nicht zu vermeiden sein werden.« Verwundert blickte der Kaiser zu seiner Gemahlin auf. »Ich habe den Feldzug von 1870 ertragen,« sagte er ruhig, »nach einer langen Zeit heftiger Aufregung, – jetzt habe ich mich in einer zweijährigen Ruhe erholt und gestärkt, ich werde ertragen, was ertragen werden muß.« Der Kammerdiener öffnete die Tür und meldete den Doktor Corvisart und den Doktor Conneau. Schnell trat die Kaiserin den Ärzten entgegen, und mit flüchtig eiligem Gruß ihre tiefe Verbeugung erwidernd, führte sie dieselben vor die Chaiselongue des Kaisers, der dem Doktor Conneau freundlich die Hand entgegenstreckte und Corvisart verbindlich und herzlich zunickte. »Meine Herren,« rief die Kaiserin lebhaft, »Sie sind beide treue Freunde und mit dem Schicksal unseres Hauses in guten und in bösen Tagen unwandelbar verbunden gewesen. Unser Stern erhebt sich wieder am Himmel, alles ist bereit, um den kaiserlichen Thron, den jene Elenden in Paris im Augenblick eines nationalen Unglücks umgestürzt haben, wieder aufzurichten. Ein Schiff liegt in einem englischen Hafen bereit, um den Kaiser über den Kanal zu führen. Unsere Freunde erwarten uns an der französischen Küste, unsere Anhänger in ganz Frankreich bedürfen nur des Winkes, um von allen Seiten zusammenzuströmen und in allen Städten und Flecken die republikanischen Beamten, soweit sie nicht auch im stillen unsere Anhänger sind, zu vertreiben. Mit einem Zauberschlag wird das Kaiserreich wieder dastehen, und im Triumph wird der Kaiser wieder in Paris einziehen.« Ihre strahlenden Blicke ruhten auf den beiden Ärzten, sie schien zu erwarten, daß diese ihre Freude teilen würden, aber Doktor Corvisart blickte trübe zu Boden, und Doktor Conneau sah traurig auf die zusammengesunkene Gestalt des Kaisers, der sich auf die Seitenlehne der Chaiselongue stützte und die langen Spitzen seines Schnurrbarts durch die Finger gleiten ließ. »Nun,« rief die Kaiserin, »Sie teilen nicht mein Vertrauen und meinen Glauben, meine Herren, – fürchten Sie wirklich, daß Frankreich sich von seinem Kaiser abwenden könnte, der es so reich, so glücklich gemacht hat?« »Ich bin gewiß, Madame,« erwiderte Doktor Conneau, »daß mindestens drei Vierteile des französischen Volkes den Kaiser jubelnd begrüßen würden, wenn Seine Majestät den französischen Boden wieder beträte, – aber«, sagte er zögernd, »der Kaiser ist angegriffen, die Fahrt zu Schiff, – der Kaiser wird zu Pferd steigen müssen, – das alles wird große Anstrengung verursachen –« »Und ich glaube,« fiel Doktor Corvisart ein, »daß Seine Majestät das alles in seinem gegenwärtigen Zustand nicht wird ertragen können.« »Was, meine Herren,« rief die Kaiserin, »was muß geschehen, um dem Kaiser die Kraft zu geben, das alles zu überwinden und seinen Thron wieder besteigen zu können?« Napoleon warf einen langen Blick mit einem eigentümlich schmerzlichen Ausdruck auf die beiden Ärzte, – dann stützte er den Kopf in die Hand und erwartete schweigend ihre Antwort. »Wir haben«, sprach Doktor Conneau nach einer kleinen Pause, »bereits mehrfach und zwar in völliger Übereinstimmung mit dem Doktor Thompson und dem Doktor Claver Seine Majestät darauf aufmerksam gemacht, daß sein Zustand mit dringender Notwendigkeit eine Operation erfordert, von welcher wir fest überzeugt sind, daß sie gefahrlos verlaufen und Seine Majestät vollständig von allen Schmerzen befreien wird. Nach einer solchen Operation, welche in dem bestimmt vorauszusetzenden günstigen Fall nicht lange Zeit in Anspruch nehmen kann, wird Seine Majestät imstande sein, alle körperlichen Anstrengungen auszuhalten, und auch die durch die langen Schmerzen tief angegriffenen Nerven werden ihre alte Elastizität wieder erhalten.« Der Kaiser erhob den Kopf und richtete einen fragenden Blick auf Doktor Corvisart. »Ich bin ganz derselben Ansicht, Sire,« erwiderte dieser, »und würde es nicht verantworten können, Eurer Majestät zu gestatten, daß Sie ohne vorhergehende Operation, deren glücklichen Ausgang ich ebenfalls für zweifellos halte, sich großen körperlichen und geistigen Anstrengungen aussetzen.« »Nun, meine Herren,« sagte der Kaiser, nachdem die beiden Ärzte gesprochen, »Sie haben mir Ihre wissenschaftliche Ansicht gesagt, und ich bin weit entfernt, dieselbe vom wissenschaftlichen Standpunkt aus bestreiten zu wollen, – aber«, fuhr er fort, »Sie haben mit einer Sache nicht gerechnet, welche ich besser kennen und verstehen muß als Sie, – mit dem geheimnisvollen Lebensfluidum, welches die Nervensubstanz durchdringt und den Willen und die Kraft des Handelns erzeugt. Ich zweifle nicht, daß die Operation, die Sie mit mir vornehmen wollen, mechanisch von glücklichem Erfolg sein wird, aber ich weiß gewiß, daß ich sie nicht überleben werde, weil jenes Lebensfluidum in mir nicht mehr die Kraft hat, eine solche Anspannung konzentrierter Schmerzen zu ertragen. Wenn ich in meinem jetzigen Zustand die Reise und alle damit verbundenen Anstrengungen unternehme, so weiß ich, daß ich sie ertragen und überwinden werde, – die Operation, – das weiß ich ebenso gewiß, – werde ich nicht aushalten, und mag sie noch so glücklich verlaufen, so wird doch meine Nervenkraft zusammenbrechen. Lassen Sie mich deshalb immer so, wie ich bin, die Sache wagen.« »Wir glauben nicht, daß es möglich ist, Sire,« erwiderte Doktor Corvisart, – »die Schmerzen der Operation werden nicht so groß sein, und die nach derselben eintretende Ruhe wird sie bald vergessen lassen.« Napoleon schüttelte den Kopf. »Ich werde sie nicht überleben,« sagte er mit dem Ausdruck tiefer Überzeugung. Die Kaiserin trat mit dem Fuß auf den Boden, ihre Augen funkelten, eine dunkle Röte überzog ihr bleiches Gesicht. »Wie,« rief sie heftig, »Sie wollen die Operation, welche diese Herren für notwendig halten, verweigern? Sie wollen die Wiederaufrichtung Ihres Thrones, die Zukunft Ihres Sohnes aufopfern der Scheu vor einem kurzen, vorübergehenden Schmerz –« »Der mich töten wird,« fiel der Kaiser ruhig und sanft ein. »Diese Herren,« rief die Kaiserin, »verbürgen sich für den Erfolg und bestätigen, daß Sie ohne jene Operation die Anstrengungen nicht ertragen können, – wollen Sie denn durchaus ein klägliches Ende der so kühnen und großen Unternehmung herbeiführen? Soll der Kaiser, für den das ganze Volk sich erheben wird, für den seine Getreuen jeder Gefahr trotzen, im entscheidenden Augenblick zusammenbrechen und unter dem Hohngelächter seiner Feinde und ganz Europas vor den Stufen seines wiedererstandenen Thrones kraftlos niederstürzen? Soll man einst sagen, daß mein armes Kind als Verbannter Europa durchirrt, weil sein Vater zu feig war –« Die matten Augen des Kaisers öffneten sich groß und weit, ein dunkles Feuer glühte in denselben auf, Kraft und Entschlossenheit spannte einen Augenblick seine schlaffen Züge. Er sprang schnell auf und sprach, die Hand gegen die Kaiserin ausstreckend: »Halten Sie ein, Madame, das Wort, welches Sie aussprachen, sollte niemals aus den Lippen einer Kaiserin von Frankreich hervorgehen, – und den Vorwurf, den Sie andeuteten, soll die Nachwelt und mein Sohn mir niemals machen! »Sie halten die Operation für nötig, meine Herren« fuhr er fort, mit würdevoller Hoheit sich zu den Ärzten wendend, während die Kaiserin verlegen zu Boden blickte, »Sie sollen sie vornehmen, benachrichtigen Sie den Doktor Thompson und den Doktor Claver, – morgen vormittag werden Sie mich bereit finden, – jetzt lassen Sie mich allein, ich bedarf der Ruhe.« Tieferschüttert verneigten sich die beiden Ärzte und verließen das Zimmer. »Ich war zu heftig,« sagte die Kaiserin, »mein Gefühl riß mich hin, verzeihen Sie mir, Louis.« Sie trat zu dem Kaiser heran und reichte ihm die Hand. »Ich verzeihe alles,« erwiderte Napoleon, indem er sanft ihre Hand drückte, »und werde in meiner letzten Stunde nur an die heiteren und lichten Augenblicke denken, welche Sie meinem Leben gebracht haben.« »Welche Gedanken!« rief die Kaiserin, erschreckt über den tiefernsten Ton der Worte ihres Gemahls, – »verbannen Sie solche trüben Vorstellungen, die Ärzte bürgen für einen guten Ausgang.« »Mögen sie recht haben!« sagte Napoleon leise. »Doch,« fügte er hinzu, »lassen Sie mich, ich bedarf dringend der Ruhe, um meine Kräfte zu sammeln.« Die Kaiserin beugte sich in unwillkürlicher Bewegung auf seine Hand nieder und berührte dieselbe mit den Lippen. Dann wandte sie sich schnell zur Tür und ging hinaus. »So soll es denn zu Ende sein,« sagte der Kaiser, indem er ihr sinnend nachblickte, – »vielleicht ist es besser so, – besser, daß mir das letzte Auftreten auf der wechselvollen und undankbaren Bühne des Lebens erspart bleibt.« Er zündete sich ruhig eine neue Zigarette an, legte sich bequem und behaglich in seine Chaiselongue nieder und blieb dort, tief in Gedanken versunken, länger als eine Stunde liegen, bis er endlich, später als gewöhnlich, die Glocke bewegte, um sich in sein neben dem Salon liegendes, äußerst einfach eingerichtetes Schlafzimmer zu begeben. * Die Operation wurde vorgenommen. Doktor Conneau und Doktor Corvisart, sowie die beiden englischen Ärzte des Kaisers, Sir Thompson und Doktor Claver, boten ihre ganze Geschicklichkeit auf und alles verlief, wie die Ärzte vorhergesagt hatten, vollkommen normal und glücklich. Nach einer Stunde schon konnte Doktor Conneau der ungeduldig harrenden Kaiserin den glücklichen Verlauf anzeigen, – der Kaiser verlangte Tee und verfiel in einen ruhigen Schlaf, aus welchem er nur von Zeit zu Zeit erwachte, um einige freundliche Worte an die Kaiserin und seine Umgebung zu richten und dann sofort wieder einzuschlafen. Man ließ ihm einen Tag Ruhe, und am 9. Januar morgens sollte noch eine zweite, kleinere Operation vorgenommen werden, um die ganze Sache zu beenden, welcher dann ein schneller Heilungsprozeß und die Genesung folgen würde. Während der Nacht, welche dem 9. Januar vorherging, traten die Ärzte abwechselnd jede Stunde an das Bett des Kaisers, sie fanden ihn in einem tiefen, ruhigen und regelmäßigen Schlaf, aus welchem er gegen zehn Uhr morgens erwachte. Er gab ohne ein Zeichen von Leiden oder Schmerz seine Einwilligung zu der letzten Operation, welche auf zwölf Uhr festgesetzt wurde. Dann sank er wieder in einen leichten und ruhigen Schlummer. Doktor Conneau blieb an seinem Bett, während die übrigen Ärzte ihre Vorbereitungen trafen. Plötzlich trat Doktor Conneau mit verstörter Miene in den Salon. »Der Puls des Kaisers steht still! Der Herzschlag hört auf! Kommen Sie, meine Herren, es ist das Schlimmste zu befürchten!« rief er. Die Arzte eilten an das Krankenbett. Mit stillem, freundlichem und ruhigem Gesichtsausdruck, die Augen geschlossen, lag Napoleon da. Doktor Thompson trat heran, ergriff den Puls und zog seine Uhr. Nach einer Minute legte er die Hand auf das Herz des Kranken, dann trat er ernst vom Bett zurück und sprach tief bewegt: »Es ist vorbei, die letzte Lebenskraft ist erloschen, die Maschine steht still.« Man eilte zur Kaiserin, man sandte Boten nach dem kaiserlichen Prinzen und nach dem Abbé Chodard, dem katholischen Pfarrer von Chislehurst. Der Kaiser lag unbeweglich da, – ein stilles, freundliches Lächeln auf den Lippen. Immer starrer wurde sein Gesicht, immer schwerer seine Atemzüge. Man flößte ihm einige Tropfen ein, – der Zustand blieb derselbe. Mit dem Ausdruck der Verzweiflung trat die Kaiserin in das Zimmer, in starrem, dumpfem Schmerz rang sie beim Anblick ihres Gemahls die Hände, dann sank sie neben dem Bett nieder, ergriff seine Hand und flüsterte leise: »Verzeihung, – oh mein Gott, – ich bin schuld daran! –« Bald erschien der Abbé Chodard mit den Sterbesakramenten; ein Chorknabe mit einem kleinen Kessel voll Weihwasser und zwei barmherzige Schwestern folgten ihm. Die Kaiserin stand auf, legte ihren Arm um die Schulter Napoleons und richtete seinen Kopf etwas empor. Der Herzog von Bassano und der Graf Davilliers, die beiden diensttuenden Kammerherren, traten ein und stellten sich neben das Fußende des Bettes. Unter tiefer, lautloser Stille, welche den Herzschlag der im Zimmer Anwesenden vernehmbar machte, vollzog der Abbé Chodard die Sterbesakramente. Als die Hostie die leblosen Lippen des Kaisers berührte, öffneten sich seine Augen weit, noch einmal trat das Licht des Lebens in seinen Blick, ein eigentümlich inniger, weicher Glanz strahlte aus den weit ausgedehnten Pupillen hervor, – dann erstarrten dieselben, – und diese Augen, welche so oft die Lösung der irdischen Rätsel in der Sternenschrift des Himmels gesucht hatten, brachen für immer. Die Kaiserin ließ das Haupt ihres Gemahls in die Kissen zurücksinken. Doktor Conneau trat heran, hob leise die Augenlider empor, hauchte dann sanft über dieselben hin und drückte sie nieder. »Der Kaiser ist tot,« sagte er mit dumpfer, feierlicher Stimme. Schluchzend sank die Kaiserin neben dem Bett in die Knie nieder, alle Anwesenden falteten die Hände zu stillem Gebet, der Abbé Chodard besprengte die Leiche mit Weihwasser, stellte dann einen frischen Buchsbaumzweig in den Kessel und kniete darauf, das Haupt auf die gefalteten Hände gebeugt, am Kopfende des Bettes nieder. Mehrere Minuten vergingen in tiefer Stille. Da hörte man außerhalb einen Wagen heranrollen, und unmittelbar darauf trat, bleich und atemlos, in der Uniform der Militärzöglinge von Woolwich, der kaiserliche Prinz in das Zimmer. Ein Blick auf die Gruppe der Anwesenden, auf das starre Antlitz des Kaisers zeigte ihm, daß alles vorüber sei. Mit lautem Aufschrei sank er neben dem Abbé Chodard auf die Knie nieder, ergriff die kalte Hand seines Vaters und drückte sie unter krampfhaftem Schluchzen an seine Lippen. Nach einigen Augenblicken erhob sich die Kaiserin, sie ergriff den Arm ihres Sohnes, zog ihn sanft zu sich empor und drückte einen Kuß auf seine Stirn. »An dir, mein Sohn,« sagte sie, »ist es jetzt, anzuordnen, was geschehen soll, denn du bist nun das Haupt der Familie.« Der Prinz schlang den Arm um ihren Hals, verbarg sein Gesicht an ihrer Brust und rief mit erstickter Stimme: »Meine Mutter!« Dann richtete er sich wieder empor, zwang sich gewaltsam zu ruhiger Fassung und reichte der Kaiserin den Arm, um sie in den Nebensalon zu führen. Der Herzog von Bassano folgte, und sich tief vor dem Prinzen verneigend, sagte er mit leiser Stimme: »Es lebe der Kaiser!« Der Prinz sah ihn groß an, schüttelte traurig den Kopf und antwortete: »Der Kaiser ist tot, und ich weiß, daß sein letzter Gedanke war: Es lebe Frankreich!« Er fühlte die Kaiserin hinaus. * Der Vorhang ist niedergesunken vor dem Leben dieses so viel bewunderten und so viel verwünschten Mannes mit der rätselhaften Seele und dem geheimnisvoll arbeitenden Geist, – er steht vor Gott, der die guten und die bösen Taten gegeneinander abwägt, der aber in die Schale der guten das schwere Gewicht seiner Gnade und seiner Barmherzigkeit sinken läßt – Sein ist das Gericht!