Philipp Galen Der Strandvogt von Jasmund – Zweiter Band Geschichtliches Lebensbild aus der Okkupationszeit der Insel Rügen durch die Franzosen von 1807-1813. Erstes Kapitel. Schloß Spyker und seine Insassen. Das Schloß Spyker, wie schon im vorigen Kapitel erwähnt, vom schwedischen Grafen Wrangel, dem berühmten Feldherrn Gustav Adolfs im Jahre 1650 kurz nach dem dreißigjährigen Kriege erbaut, trug ganz den trüben, festen und gewaltthätigen Charakter jener Zeit. Es war ein viereckiges, drei Stockwerke hohes, durchaus massives Gebäude, dessen Umfangsmauern eine bedeutende Stärke und Dauerhaftigkeit verriethen. Auf den vier Ecken sprangen runde feuerfeste Thürme mit kuppelartig gewölbtem Dache vor, die dazwischen liegenden Fronten aber stützten eckige thurmartige Vorsprünge, deren ausgeschweifte Giebel nach allen vier Himmelsgegenden sahen. Jede Front zeigte drei regelmäßig construirte Fensterreihen mit je vier Fensterreihen, von denen die der zwei oberen Stockwerke, worin die herrschaftlichen Prunkgemächer und Besuchzimmer lagen, sich durch ihre Größe auszeichneten; das hohe Erdgeschoß hatte eben so viel kleinere Fenster und hierin lag die Wohnung des Verwalters Ahlström und seiner Familie, der unter anderen Titeln vorzugsweise den des gräflichen Kastellans führte. Den Hof des Schlosses, mit großen Quadersteinen gepflastert, die ihren Ursprung vom Felsgeröll der umliegenden Ufer Jasmund's nicht verläugnen konnten, umschloß eine Mauer von unbedeutender Höhe, deren Hauptthor nach Norden führte. Gegenwärtig freilich sind manche Veränderungen an diesem Gebäude und seiner Umgebung vorgenommen worden, in dem Jahre aber, in welchem unsere Geschichte spielt, zeigten beide noch genau die beschriebene Gestalt. Die Hauptgemächer der beiden oberen Stockwerke, namentlich des ersten, waren im Geschmacke der Zeit ihrer Entstehung eingerichtet, hoch, mäßig hell und geräumig. Waffen, alte Gemälde, Erinnerungen an den eben beendeten traurigen Bruderkrieg, waren in Fülle vorhanden, weniger aber machte sich eine übertriebene Pracht und ein gesuchter Luxus geltend, wie man ihn heutzutage in vielen neugebauten Schlössern findet. Die Treppen waren alle von Stein, die Wände der Zimmer meist mit Holzgetäfel, seidenen oder Ledertapeten geschmückt, die Fußböden von polirtem Eichenholz und nur hie und da mit weichen Teppichen bedeckt. Einer besonderen Erwähnung verdient noch der nach Nordosten gelegene sogenannte Spukthurm. Dieser Name allein schon erklärt hinreichend die Bedeutung und Geltung, die derselbe bei den Bewohnern des Schlosses und seiner Umgebung genoß. Wunderbare Familienereignisse, bei denen Liebe, Eifersucht, Haß und endlich Blut die Hauptrolle spielen, sollen sich in demselben zugetragen haben, obwohl Niemand recht weiß, welche Personen er damit in Verbindung zu bringen hat. Er war sehr selten, in den letzten fünfzig Jahren gar nicht bewohnt gewesen, obwohl seine Räumlichkeiten vollkommen dazu eingerichtet waren. Seine Fenster, wie schon der alte Tarbot berichtet, blieben stets verhangen, Niemand bestieg seine schmale gewundene Treppe und zumal in der Nacht wagte fast kein Mensch, den alten Kastellan ausgenommen, sein Inneres zu betreten. Die Umwohner des Schlosses hatten eine heilige Scheu vor ihm und es ging die Sage, daß bisweilen um Mitternacht an einem seiner Fenster eine weiße Gestalt sichtbar werde, die die Umgegend nach Norden und Osten hin betrachte und, mit einem Tuche wie zum Gruße darüber hin winkend, nach einiger Zeit wieder in dem geheimnißvollen Innern spurlos verschwinde. Wenn jene weiße Gestalt aus Liebhaberei für schöne Fernsichten diese nächtliche Umschau hielt – wozu sie natürlich mit überirdischen Augen begabt sein mußte – so dürfen wir ihr allerdings Geschmack in Dergleichen zuerkennen, denn das alte Schloß zeichnet sich in der That durch eine wunderbar schöne Lage aus, da Land und Meer nach allen Richtungen hin in anmuthigster Gestaltung prangen. Nach Westen hin überschaut man zuerst den Spyker'schen See, an dem das Schloß liegt, und dann den ganzen Jasmunder Bodden, dessen jenseitige bewaldete Ufer häufig im linden Nebeldufte verschwimmen. Im Norden streckt sich die schmale Schabe, die wir kürzlich betraten, wie eine ungeheure Riesenbrücke in schön geschwungenem Bogen nach dem dreigezackten Wittow hinüber, auf diese Weise das blau schimmernde Binnengewässer von der offenen See trennend, die, hier Tromper Wiek genannt, stolz ihre Wogen nach Arkona wälzt, dessen gebieterische Stirn kühn jedem Angriff des mächtigen Elementes trotzt. Nach Osten hin wogt dann die blaue See, bald grollend, bald lockend, und noch mehr nach Osten ragen jenseit des berühmten Todtenfeldes bei Quoltitz die Berge und dunklen Wälder der Stubnitz auf, deren gewaltige Laubkronen wie ein Meer von Smaragden funkeln, wenn die Frühlingssonne ihren leuchtenden Strahl darüber ausgießt. Im Süden endlich, etwas nach Osten hin, liegt in der Perspective das Dorf Bobbin, dessen Kirchthurm in nicht allzu weiter Ferne idyllisch aus den grünen Baumwipfeln hervorlugt. Von lieblich duftenden Gebüschen, Rasenflecken mit Blumen und verschiedenartigen Baumgruppen umgeben, sollte man nun denken, müßte das Schloß Spyker, namentlich im Sommer, einen angenehmen Aufenthalt gewähren. Das mag wohl für einzelne die Einsamkeit liebende Menschen der Fall sein, aber im Allgemeinen war es nichts weniger als ein reizvoller Wohnort. Denn es lag, damals noch mehr als jetzt, eine gewisse düstere Färbung über das Ganze gebreitet, die wahrscheinlich theilweise dem finsteren, dicken Gemäuer ihren Ursprung verdankt. Hatte man diesen ersten Eindruck überwunden, so fand man sich allerdings bald heimatlich darin zurecht und es war dem mit solcher Stille und Abgeschiedenheit sympathisirenden Magnus Brahe wohl nicht zu verdenken, daß er sich dahin zurücksehnte, um seine völlige Genesung abzuwarten, wenn man auch die Nebenursachen, die ihn dahin zogen, nicht mit in Anschlag bringt. Was die Spyker'schen Besitzungen im Ganzen betrifft, die etwa aus vierzig Gütern bestanden und einen großen Theil Jasmund's einnahmen, so gehörten sie ursprünglich einer lange erloschenen Familie von Kulpen, dann dem Geschlechte der von Jasmund, welches sie eine geraume Zeit besaß und nach deren Aussterben sie 1649 dem Grafen Wrangel zu Lehn gegeben wurden. Von diesem, welcher 1676 zu Spyker kinderlos starb, fielen sie durch Erbschaft an dessen nahe Verwandte, die schwedischen Grafen Brahe, welche sie theilweise verpachteten und die Administration einem Verwalter übergaben. Der alte Graf Brahe, der Vater von unserm Magnus Brahe, lebte nur zeitweise auf Spyker, größtentheils hielt er sich in Stockholm auf; wenn er aber kam, war es ein Fest für seine Untergebenen, von denen er fast abgöttisch verehrt und geliebt wurde. Diese Verehrung und Liebe hatte sich auch auf seinen einzigen Sohn Magnus vererbt, und das Bewußtsein davon mochte wohl viel dazu beigetragen haben, daß auch er von Jugend an immer gern und möglichst lange Zeit auf dem alten Stammsitze verweilte. Vorzüglich jedoch war es die Familie des Kastellans Ahlström, in der sich Magnus von jeher außerordentlich heimisch gefühlt hatte, eine Familie, wie wir sie wohl zu alten Zeiten häufig unter den angesehenen Dienstleuten feudaler Herren finden, gegenwärtig aber allmälig aussterben sehen und nur noch selten in ihrer ganzen ursprünglichen Ergebenheit und Diensttreue antreffen. Ihr Herr war ihr Gott auf Erden und für sie von viel größerer Bedeutung, als der ferne König, der in seinem meerumflossenen Stockholm residirte und niemals unter ihnen sichtbar geworden war. Der alte Ahlström war mit Magnus' Vater groß geworden, der Glanz der Familie war sein eigener Glanz, das Glück derselben sein .eigenes Glück gewesen. Jedes Wort seines Herrn war ihm ein unumgängliches Gebot, jeder seiner Wünsche eine Aufgabe, die gelöst werden mußte, ohne Bedingung, ohne Bedenken. Wie er daher das Amt eines Verwalters des Gutes und eines Hüters des Schlosses versah, ergiebt sich hieraus von selbst. Er war ein ziemlich betagter Mann von kleinem Wuchse, mit schneeweißem Kopfe, aber noch rüstig und gutlaunig genug, um selbst die Drangsale des jetzigen Krieges ohne Beschädigung seiner Gesundheit und seines frischen Lebensmuthes zu ertragen, obgleich es oft sehr ungemütlich im Schlosse herging und alle Welt von dem Zwange, den die Franzosen rücksichtslos ausübten, bedrückt war. Sein Weib, Heylike, war das Muster einer Hausfrau, die nur für ihre Wirthschaft, die Erziehung ihrer Kinder und die leibliche Behaglichkeit ihres Mannes lebte. Diese Kinder waren zwei Mädchen von achtzehn und neunzehn Jahren, Gysela und Alheid, klein aber kräftig, weniger zart als gesund, mehr hübsch als schön, von durchsichtig heller Haut, sanften blauen Augen und einer Haarfarbe, wie man sie im Norden häufig findet und bei uns fälschlicher Weise roth nennt, da sie doch eigentlich ein unbestimmtes Gemisch von der Farbe des Goldes, des Feuers und der Sonne sind. Bevor wir uns nun zu den Fremden wenden, die in der gegenwärtigen Kriegszeit leider eine so hervorragende Rolle auf Spyker spielten, müssen wir uns noch mit einer dahin gehörigen Person beschäftigen, die seit Beginn der Feindseligkeiten zwischen Schweden und Frankreich eine freiwillige Bewohnerin des alten Schlosses war. Es ist dies die schon mehrfach erwähnte Gylfe Torstenson. Sie war das einzige Kind eines armen Edelmanns, eines Freundes und früheren Kriegskameraden des Grafen Brahe, der mit in die Verschwörung Ankarström's gegen Gustav III. verwickelt gewesen war, deshalb verbannt ward und fern von seinem Vaterlande starb. Er hinterließ seiner Tochter nichts als einen anrüchigen Namen und verschiedene Gläubiger, unter denen Graf Brahe in Betreff der Höhe seiner Forderungen wie an persönlicher Uneigennützigkeit der bei Weitem hervorragendste war. Dieser erbarmte sich des verlassenen Mädchens, zerriß die Schuldbriefe ihres Vaters und nahm sie großmüthig in sein Haus und seine Familie auf, die damals auf Spyker ihren Wohnsitz hatte. Hier wuchs sie, nur wenige Jahre jünger als der einzige Sohn des Grafen, mit diesem auf, und von früher Jugend verband die beiden Kinder eine seltsam zärtliche Neigung, die von Magnus bis in sein männliches Alter fortgesetzt, von Gylfe aber stets vergessen wurde, sobald ihr der Sohn ihres ehrenwerthen Beschützers aus den Augen kam. Um dem armen Mädchen, das auf keine Weise aus eigenen Mitteln sein Leben fristen konnte, für den Fall, daß er frühzeitig sterben oder daß es aus irgend einem Grunde seine Familie verlassen sollte, eine anständige Unterkunft zu bereiten, kaufte Graf Brahe es frühe in das Fräuleinstift zu Bergen ein, wohin sich Gylfe auch begab, als sie aus ihrer deutschen Pensionsanstalt zurückkehrte, da sie wenig geneigt schien, den Grafen nach Stockholm zu begleiten, gegen das sie einen ungewöhnlichen Widerwillen hegte – einmal weil sie insgeheim ihr Vaterland beschuldigte, ungerecht gegen ihren Vater gewesen zu sein, und sodann, weil sie in ihrer launenhaften Einbildung sich in den Kopf gesetzt hatte: Schweden sei ein eisiges Land und entspreche den warmen Gefühlen ihres Herzens nicht, eine Ansicht, die eben so unverständig wie falsch war, denn es giebt in Schweden eben so warme, ja heiße Gefühle, wie nur in irgend einem bei Weitem südlicher gelegenen Lande der Welt. Im Stift zu Bergen wohnte sie nun während der Abwesenheit des Grafen Brahe und seines Sohnes bis zum Ausbruche des Krieges; Magnus aber besuchte sie stets daselbst, so oft er die Insel Rügen betrat, wobei er jedesmal seine Neigung für sie wachsen fühlte, was er auch durch Wort und That sichtbar werden ließ, während Gylfe dieselbe stets so lange erwiderte, als sie ihn in ihrer Nähe wußte, dagegen vergaß, sobald er Bergen verlassen hatte. Als nun beim Beginn des Krieges das Stift in Bergen zu einem Hospital für kranke Schweden, später aber, nachdem die Franzosen die Insel besetzt, zu demselben Zweck für diese umgewandelt wurde, verließ sie es und zog sich nach Spyker zurück, nachdem sie allen wiederholten Einladungen des Grafen, ihm nach Stockholm zu folgen, mit seltener Beharrlichkeit ausgewichen war. Hier, in Spyker, frei von jeder Fessel, lebte sie allein ihren Neigungen, die etwas weniger weiblich als tollköpfig und allen auf sie blickenden Augen ein Gegenstand gerechter Verwunderung, wenn nicht Mißbilligung waren. Denn sie ritt, jagte, schoß, segelte wie der keckste Mann und suchte stets in kühnen Unternehmungen, die manchen Schatten auf die Gediegenheit ihrer Weiblichkeit warfen, die Kraft ihres Willens und die Ausdauer ihres Mutes zu erproben. Als nun aber Schloß Spyker und ein großer Teil der umliegenden Gegend durch die Einquartierung der Franzosen beglückt wurde, und ein galanter Mann, der Kapitän der Chasseurs à cheval, Monsieur François de Caillard , lange Zeit seine Wohnung daselbst aufschlug, da war, wie sie selbst glaubte und behauptete, ihre sonnigste Zeit, der Gipfelpunkt ihrer siegesstrahlenden Jugend gekommen, denn nun fehlte es ihr keine Stunde mehr an längst gewünschten Vergnügungen und Zerstreuungen, und die Gelegenheit, ihre Künste zu produzieren und sich in den genialen Eigenschaften ihres Körpers und Geistes bewundern zu lassen, konnte ihr nie wieder so günstig geboten werden. Wohin das alles führte und führen mußte, werden wir im Laufe der Erzählung mit eigenen Augen sehen, hier haben wir das kecke Mädchen, ein launiges und leider nicht allzu seltenes Spiel der Natur, vorläufig nur zu schildern. Was zunächst ihre körperlichen Eigenschaften betrifft, so gehörte sie zu der nicht geringen Anzahl von Frauen, die von der Natur leider zu ihrem eigenen und anderer Unheil die so oft gepriesene und doch so trügerische Gabe der Schönheit empfangen haben und sie zu gewiß nicht beabsichtigten Zwecken zu gebrauchen oder vielmehr zu mißbrauchen verstehen. Sie war im ganzen und einzelnen bei oberflächlicher Betrachtung eine gefällige, ja eine liebliche Erscheinung. Hoch und herrlich schlank gewachsen, von wunderbarem Ebenmaß der Glieder, überragte sie alle ihre früheren Freundinnen und niemand lebte in der Umgegend, der sich in dieser Beziehung nur im geringsten mit ihr vergleichen konnte; und wie Hille mit Recht das schöne Mädchen von Sassnitz hieß, so wurde auch sie mit Recht in Spyker und der ganzen Nachbarschaft das schöne Fräulein von Spyker genannt: Ihr lichtblondes, fast goldgelbes reiches Haar floß gewöhnlich in langen fliegenden Locken um ihre wolkenlose und kecke Stirn; ihr Gesicht, von fast blendender Weiße, war namentlich in Augenblicken der Gefühlsanregung von einer mattrosigen Glut überhaucht, wie sie nur Blondinen so rein und zart zu eigen ist; und dabei war sie, auffallend genug, mit dunkelbraunen feurigen Augen begabt, die nach Gefallen sanft oder schelmisch zu lächeln verstanden, aber auch einen fast bohrenden Blick annehmen konnten, wenn ihre Laune beschattet oder ihr kokettes Gebahren nicht von dem gewünschten Erfolge begleitet war. Schön vor allem waren ihre Arme und Hände, und da sie dies wußte und ihnen eine große Siegesmacht zutraute, so kämpfte sie damit zu gelegener Zeit auf eine ihr besonders eigentümliche Weise, indem sie damit sprach und handelte und oft schon durch eine bloße Bewegung derselben jedermann zu ihrem Willen zwang, ohne daß sie ihre Stimme zu bemühen brauchte, die, sagen wir es offen, einen etwas spitzen und kalten Ton hatte, der ein weich und warm fühlendes Herz nicht befriedigen konnte, eine Eigenschaft, die sie in geraden Gegensatz zu Hille stellte, der die Natur ein sanftes, anschmiegendes Organ verliehen, womit sie allein schon, ohne es zu beabsichtigen oder zu wissen, jedermann zu bezaubern imstande war. Wie wir sehen, war Gylfe mit einer nicht unbedeutenden äußeren Mitgift für ihre Erdenlaufbahn ausgerüstet und dabei hatte sie auch geistige Fähigkeiten in reichlicher Fülle erhalten. Leider aber waren denselben Eigenschaften des Herzens und Charakters beigemischt, die wohl imstande sind, unter entsprechenden Verhältnissen ein ganzes Menschenleben mit Hindernissen und Widerwärtigkeiten zu erfüllen und es dadurch zu etwas ganz anderem zu gestalten, als wozu es die Vorsehung in ihrer Güte ursprünglich bestimmt haben mag. Gylfe gehörte zu den Menschen, welche die Berechtigung zu haben glauben, sich ins Leben hinein zu singen, zu spielen, zu lachen und zu tändeln, ohne vom Nachdenken gepeinigt zu werden, was die Klippe so mancher heiteren Lebensfreude ist. Wenn sie einmal ein ernster Gedanke erreicht, so besitzen sie das Talent, ihn von sich abzuschütteln, wie der Pudel das Wasser, sie haben die Kraft und Selbstverleugnung, zu sich zu sagen: »Ach, ich will nicht nachdenken, das Nachdenken macht traurig, macht häßlich, macht alt!« – Diese Menschen sind in der Regel, wenigstens dem äußern Anschein nach, sehr glücklich, die ernste Bürde des Lebens belastet sie nicht, kein Kummer drückt sie nieder, kein Schmerz wurzelt dauernd in ihnen. Werden sie einmal gebeugt, so erheben sie sich sogleich wieder, wie die Ähre des Feldes, wenn der Windstoß vorübergesaust ist. So wären sie wahrhaftig zu beneiden, da sie etwas besitzen, was niemand erreichen oder sich aneignen kann, dem es nicht von Hause aus gegeben ist: den so oft belobten leichten Sinn , wenn in dem Worte leichter Sinn eben nicht jene beklagenswerte Beimischung enthalten wäre, die wir schon oben angedeutet haben. So war Gylfe gerade der vollkommenste Gegensatz von Magnus Brahe, den jeder Windhauch beugte, jeder Schmerz niederdrückte, ja jeder Gedanke peinigte, der seine Gefühle in lebhaften Umschwung setzte, und gerade vielleicht aus diesem Grunde fühlte sich der trübsinnige junge Mann zu ihr hingezogen, wie man ja schon oft die Bemerkung gemacht hat, daß ganz verschiedenartig gestaltete Charaktere sich gegenseitig zu ergänzen die Neigung spüren. Die oben erwähnten Eigenschaften des Herzens und Charakters nun, die wenige Eltern als eine wünschenswerte Beigabe der Geistesentwickelung ihrer Töchter betrachten mögen, waren, obgleich ihr Keim schon von der Natur in Gylfe gepflanzt sein mochte, zu ihrer vollen Höhe und ihrem ganzen Umfange erst in einer Pensionsanstalt ausgebildet worden, in die sie gebracht zu werden – sagen wir es geradezu – das Unglück betroffen hatte. Und hierbei können wir nicht unterlassen, unsere offene Meinung über dergleichen Institute auszusprechen, da wir leider Gelegenheit gehabt haben, einen tieferen Blick in das Triebwerk dieser dampfmaschinenartigen Vorrichtungen zu werfen und zu erkennen, zu wessen Gunsten sie eigentlich ins Leben gerufen sind, unterhalten und in öffentlichen Blättern über alle Gebühr angepriesen werden, was, gerade herausgesagt, zu gunsten derer gewiß nicht der Fall ist, die darin erzogen und dem Ziele ihrer menschlichen Vollendung nahe geführt werden sollen. Hiermit soll aber nicht behauptet sein, daß alle solche Anstalten ohne Ausnahme Tadel und Vorwurf verdienen, ach nein! es mag auch recht gute und empfehlenswerte unter ihnen geben, nur sind sie selten, und gerade die besten sind, wie es auch bei anderen Dingen in der Welt geht, die am wenigsten besuchten, wahrscheinlich deshalb, weil sie sich am anspruchlosesten gebärden. Es ist heutzutage eine unglückliche Modesache geworden, alle jungen Mädchen, deren Eltern ein irgend auskömmliches Vermögen besitzen, in gewissen Jahren – und oft ohne jeden stichhaltigen Grund, bloß in affenartiger Nachbetung dieser oder jener hochtrabenden Familie – in eine Pensionsanstalt zu senden, um ihnen da, wie man sich ausdrückt, die letzte Feile einer guten Erziehung, den letzten Flitter einer großstädtischen Lebensart anlegen zu lassen. Ja, es gibt Städte, in denen es sich die Bewohner einer gewissen bemittelten Klasse beinahe zur Schmach anrechnen, wenn sie ihren edlen Pflanzen diese herrliche Ausbildung nicht zu teil werden lassen, eine Ausbildung, behaupten wir, die unter den Augen einer vernünftigen, naturgemäß denkenden und ihre Schuldigkeit begreifenden Mutter und unter der Aufsicht eines hilfsbereiten, rechtlich handelnden Vaters am allerleichtesten und ohne jede anderweitige Sorge zu erreichen wäre. In eine solche Pensionsanstalt tritt nun das junge unerfahrene Mädchen mit ihrem bisher natürlich gewachsenen Verstande und ihrer unverfälschten jungfräulichen Schüchternheit ein, eine Blume, die, noch unerschlossen, für künftige Tage den herrlichsten Duft und den reinsten Farbenschmelz hoffen läßt – wie aber tritt sie wieder daraus hervor? Wahrlich, ein tiefer blickendes als das oberflächlich urteilende Auge der Welt kennt sie oft nicht wieder. Vollgestopft mit überflüssigem Wissen, ausgestattet mit, einer Jungfrau oft ganz ungeziemenden Kenntnissen, in allen Sprachen radebrechend, nur ihre eigene Muttersprache nicht kennend, nicht liebend, nicht achtend, die unruhige Phantasie erfüllt mit unerreichbaren Idealen einer glänzenden Zukunft, sinnlich entflammt und das echte weibliche Naturell und Gemüt unterdrückt, schreitet sie wie eine vollendete Weisheitsprophetin aus den geheimnisvollen Hallen; auf persönliche Vorzüge, die man ihr angezwängt hat, pochend, faßt sie die äußere Welt nach ihren beschränkten Ansichten auf, urteilt wie ein alter ausgelebter Mann, fordert gebieterisch die Erfüllung unmöglich zu realisierender Ansprüche, drängt sich der erstaunten Welt als eine bedeutende Persönlichkeit auf und vergißt dabei die zarten Schranken innezuhalten, die keine wohlerzogene Jungfrau jemals zu überspringen wagen sollte. Arme Männer! die eine solche verzogene Treibhauspflanze als das wünschenswerteste Ziel ihres männlichen Strebens erkennen und sie in ihr ehrbares bürgerliches Haus verpflanzen wollen, wo sie nicht allein nicht gedeiht, sondern jedes natürliche Wachstum mit dem stillwuchernden Unkraut erstickt, das sich heimlich in die Wurzel ihres Bestehens eingenistet hat. Denn wie ist es möglich, daß eine solche verbildete Puppe eine ehrsame Gattin, eine tugendhafte Freundin, eine verständige Mutter sein und werden kann? Statt der reinen Milch der Duldsamkeit, der Ergebenheit, der Unterordnung fließt parfümiertes Gift in ihren künstlich erregten Adern, statt vernünftiger, naturgemäßer Gedanken tauchen nur wahnschaffene Ideen in ihrem überspannten Kopfe auf, und was sie für Empfindungen, Gefühle, Sympathien hält, ist nichts als ein Gewirr unverarbeiteter Triebe und Regungen, die nach tausend verschiedenen Zielen irren, anstatt nach einem, dem einzigen zu streben und es in geregeltem Laufe zu gewinnen. Wer uns nicht glauben oder vielleicht gar wegen dieser reiflich erwogenen Zergliederung hofmeistern, will, der gehe nur in eine solche Pensionsanstalt und sehe sich, wenn er die Fähigkeit und den guten Willen dazu besitzt, die jungen Zierpflanzen darin an. Er höre sie sprechen, wenn sie sich allein glauben oder wenn sie unter Menschen sind, von denen sie die Meinung hegen, sie seien nicht wie sie mit Hilfe einer Anstandsbonne, eines französischen und englischen Sprachmeisters groß geworden, und ihr Vater habe nicht wie der ihre jährlich 600 Taler übrig gehabt, um ihnen Weisheit, Moral und »Tournüre« beibringen zu lassen. Da wird man denn schöne Dinge erleben und unsere Schilderung nicht übertrieben, sondern noch weit hinter der Wahrheit zurückgeblieben finden, denn wir haben bei weitem noch nicht die dunkelsten Seiten dieser sogenannten Erziehungsanstalten aufgedeckt. In einer ähnlichen Anstalt nun, die sich gleich einer heutigen Tages von uns gekannten rühmen könnte, aus ihrer Schule unter zehn Mädchen neune als Schriftstellerinnen, Künstlerinnen und sonstige aetherische Wesen hervorgehen zu lassen, war auch Gylfe zu einer selbstbewußten Jungfrau herangereift, ihre natürliche Anlage hatte daselbst einen fruchtbaren Boden für exzentrische Wucherungen, eine schmeichlerisch pflegende Hand für ihre Frühreife gefunden, und so war sie als vollendete Erscheinung ihrer Art aus den Reihen der pensionsanstaltbeglückten Mädchen Deutschlands ins Leben hinausgetreten. Als sie so, innerlich gestählt gegen die feindseligen Anstürmungen der Welt, gepanzert mit eiserner Schnürbrust gegen das Wohlwollen und die natürliche Einfachheit ihrer Mitmenschen, in das Stift zu Bergen trat, glaubte sie eine von Gottes Gnaden beglückte Königin zu sein, der alles huldigend zu Füßen liegen müsse, und sie hielt sich für auserlesen, eine Rolle in der Welt zu spielen, zu der im gewöhnlichen Laufe der Dinge nur Prinzessinnen und derartig hochgestellte Personen berechtigt sind. Kein Wunder daher, daß sie nicht das geringste Verlangen trug, in das einfache Haus ihres edelherzigen Pflegers nach Stockholm überzusiedeln, dessen ruhige Alltäglichkeit und patriarchalische Würde sie kannte; daß sie es vielmehr vorzog, als eine Befehle diktierende Herrscherin auf Spyker zu residieren und da in süßem Nichtstun abzuwarten, welche Fülle von Anbetern ihr der Zufall oder das Schicksal zu Füßen legen würde. Und siehe, das Schicksal hatte es gut mit ihr gemeint, und sie hatte nicht vergeblich auf seine Güte gehofft. Die Allerweltsbesieger, die dünkelhaften, anmaßenden Franzosen, waren bei der allgemeinen Sturmflut der Zeiten auch auf das abgelegene Gut gekommen, hatten auch da ihren vergänglichen Tempel aufgeschlagen und verkündeten von seinen Altären aus das Tagen einer neuen großen Zeit und den überschwenglichen Segen einer glückverheißenden ewigen Ruhmes- und Liebesherrschaft. Da kamen nun die goldgeschmückten, schlanken, behelmten Reiter auf ihren ganz Europa gestohlenen Rossen, überschwemmten Stadt und Land, traten zu Boden, was seit uralten Zeiten gerecht und ehrsam war, verpraßten mit gierigem Leichtsinn die Güter der widerstandslos Geknechteten und jagten und jubelten in den Wäldern und Häusern derer einher, die sich mit schweigsamer Unterwerfung unter den Willen der modernen Herren der Welt hatten beugen müssen. Unter den Franzosen, die sich aus Spyker behaglich einnisteten und das wohlerworbene Hab und Gut des abwesenden Herrn verpraßten, befand sich nun jener Monsieur de Caillard , der ein vollkommener Typus der kleinen Machtvollstrecker jener Zeiten war, der Kommandeur einer Schwadron berittener Jäger, ein leichtfertiges Pariser Kind, das die Glorie der großen Nation in jeder Gebärde, in jedem Blick und Worte zur Schau trug. Monsieur François de Caillard hatte viel Ähnlichkeit im Charakter und den Lebensansichten mit Gylfe, wenigstens jener leichte Sinn, den wir bei ihr angedeutet, mußte ihm vor allen zuerkannt werden, obgleich noch in Gylfe viel Kindliches, was auf Unerfahrenheit basierte, mit unterlief, also Schwäche war, was bei ihm, dem Manne, der sich und das Leben kannte, offenbar als Fehler auftrat. Trotz seiner anscheinenden Milde, seiner äußeren Schmiegsamkeit und seines gefälligen höflichen Wesens, was man richtiger mit dem bezeichnenden Namen eines geleckten und aalglatt geschniegelten Weltkindes benennen könnte, war er einer der eingefleischtesten herzlosen Egoisten, den man sich denken kann, und der sich zu seiner vollen Größe nur in einem so tumultarischen Leben, wie eine große verderbte und sittenlose Stadt es bietet, emporzuschwingen vermag. Was galt ihm das Wohl oder Wehe, die Zufriedenheit oder Trübsal der ganzen Welt, wenn er selbst nur in sich befriedigt und beglückt war. Mochte alles um ihn her weinen, wenn er nur lachen konnte, mochte alles in Trümmer zerfallen, wenn er nur als ein von sich selbst beweihrauchter Götze auf dem mit eigenen Händen erbauten Altare seines Lebens stand. Es war ihm eine Notwendigkeit, herrlich und in Freuden zu leben, wo er auch war, und aus dem zerstörten Wohlbehagen anderer sich sein eigenes zu schaffen. Und warum sollte er nicht? Wer weiß, wie lange das lustige Leben noch dauert! Man muß für sich sorgen, so lange man oben auf der schaukelnden Woge des Lebens schwimmt. Die sich nicht neben uns halten können, tritt man nieder – warum sind sie so schwach im Sturme der Zeiten? Ich bin ich und sie sind sie! Überhaupt, alles ist eitel auf der Welt, also auch der dumme Gedanke, daß der eigene Vorteil eines anderen Schaden sein muß. Wer sich mit mir einläßt, pflegte er oft zu seinen Kameraden zu sagen, der sehe sich vor, was er tut – ich bin ein harter Felsen, an dem sich schon mancher ohne meine Schuld den Schädel zerstoßen hat. Was ich einmal in meinen Armen halte, muß mit in das Grab, wenn ich begraben werde, was sich an mich bindet, muß mit seinem selbst gewebten Schicksale zufrieden sein. Mit diesem mehr angedeuteten als ausgeführten Charakter, der heutzutage in großen Städten so häufig geworden ist, daß eben die Andeutung schon genügt, stimmte seine ganze Erscheinung überein. Dieser Franzose war ein echtes vollkommenes Kind seiner Zeit, ein Sohn seines Volkes, ein duftender Pomadenherr, ein Stutzer in Uniform, der sogar Brillanten in den Ohrringen trug, ein Eroberer nicht allein im Reiche der Fürsten, die sein Kaiser bekriegte, sondern auch im Reiche der Gedanken und Empfindungen, wenn wir ihm letztere überhaupt zugestehen dürfen. Daß er daher bei dem kleinen Volke, unter dem er jetzt lebte und wirtschaftete, als ein ausländischer Riese, ein erhabenes Wesen nie dagewesener Größe auftrat, war ganz in der Ordnung, denn angestaunt, bewundert, vergöttert zu werden, das lag ganz in seinen Naturbedürfnissen, das war ein notwendiger Weihrauch, mit dem die Atmosphäre, in der er atmete, geschwängert sein. mußte. Und diese Vergötterung mußte ihm ja unter diesem kleinen Volke von selbst zufallen, das ihm im ganzen und einzelnen nicht von der geringsten Bedeutung war, und auf dessen angeborene Niedrigkeit er von seiner ursprünglichen Höhe stolz und herrisch herabsah. Denn was war dieses Volk gegen ihn? Er war ja Franzose, das heißt Feind von allem, was sonst auf Erden lebte, Sieger über alles, was ihm entgegentrat, und er sollte Rücksicht auf Menschen nehmen, die auf dieser kleinen, abgelegenen, unbekannten Insel zufällig lebten und Fische fingen? Konnten sie etwa diese Rücksicht beanspruchen? Ha, das wäre ja eine seltsame, nicht zu duldende Anmaßung und Überhebung ihrer selbst gewesen! Was waren sie denn anders, als seine Knechte, seine Untergebenen, als ohnmächtig in seine Hand gelieferte Sklaven! Es kostete ihm nur einen Wink, und sie waren dahin, denn er war ja das zweite Ich, das Spiegelbild seines großen Kaisers, der mit der ganzen Welt tat, was er nur mit ein paar armseligen Menschen versuchte, die kaum einen Namen hatten, der menschlich klang und von seinen Lippen kaum ausgesprochen werden konnte. Und nun gar eine Frau, ein Mädchen! Was war, was galt ihm ein solches! Was sind überhaupt Frauen in seinem Sinne? Ein Spielwerk, mit dem man tändelt und sich die Zeit vertreibt, so lange es neu und hübsch ist, und das man wegwirft, sobald es alt und häßlich wird. Warum sind die Männer so stark und mächtig und die Frauen so schwach und zerbrechlich? Nehmen sich diese also in acht, daß sie nicht zerquetscht werden, denn das Schwache ist dazu da, im Starken auszugehen und sein nebelhaftes Wesen in dem sonnigen Glorienschein der Größe dieses verschwinden zu lassen. In seinem Äußeren, um es endlich mit wenigen Worten zu schildern, erschien er wie ein neu vergoldeter Modeherr in Uniform, frisch aus dem Ei geschält, immer höflich, immer lächelnd und triumphierenden Blicks, wenn er nicht seine dienstliche Herrschermiene aufzusetzen für nötig fand. Sein schwarzes funkelndes Auge sprühte sichtbar das Feuer aus, welches in seinen Adern rollte, und seine geschmeidige Gestalt trug schon die selbstbewußte Keckheit zur Schau, mit der sein übermütiger, aller Welt hohnlachender Geist überschwängert war. Schon auf zwanzig Schritte weit bemerkte man ihn, wenn man ihn auch nicht sah, denn er duftete wie der Laden eines Parfümeurs im Palais-royal. Sein schwarzer, wie ein Halbmond spitz nach oben gedrehter Schnurrbart schloß seine feine Spürnase wie mit zwei Ausrufungszeichen ein, als wollten sie dem ihm Gegenübertretenden zurufen, auf der Hut zu sein vor diesem kleinen Eroberer, der sich auch darin vom Glück bevorzugt sah, daß er auf Spyker einquartiert war, denn sogar seiner Meinung nach war dieses alte Schloß einer der wenigen Orte auf Rügen, wo ein anständiger und vornehmer Mann sich einigermaßen behaglich fühlen konnte. So geruhte der gnädige Herr denn, es sich daselbst wohlgefallen zu lassen. Er bewohnte die schönsten Gemächer des Schlosses, speiste täglich mit eingeladenen Kameraden auf das herrlichste, tat dem alten Keller seines abwesenden Wirts alle Ehre an, sorgte dafür, daß die Pferde nicht durch langes Stillstehen steif wurden, jagte in den wildreichen Wäldern nach Herzenslust und liebelte endlich mit der Pflegetochter des Grafen auf eine Weise, die einen Kundigen sehr bald erraten ließ, daß es ihm um wenig mehr als seine augenblickliche Unterhaltung und die Befriedigung einer angeborenen Laune zu tun sei. So haben wir denn die Verhältnisse auf Spyker im allgemeinen bezeichnet; wenden wir uns jetzt zu den einzelnen Vorgängen, die sich unmittelbar an Waldemars unvermutetes Auftreten in diesem Kreise knüpften. Zweites Kapitel. Georg Forsts Empfang aus Spyker. Als Waldemar die steinerne Treppe im Innern des Schlosses erstiegen, die zu des Kastellans Wohnung führte, näherte er sich mit lebhafter Erregung der alten Tür, durch die er als Knabe und Jüngling in früheren Tagen so oft harmlos, glücklich und hoffnungsreich getreten war, indem er sich gestand, daß vieles um ihn und in ihm verändert sei, seitdem die gewölbten Hallen den Schall seiner Schritte nicht widergedröhnt hatten. Als er an die Tür pochte, war in dem Zimmer die ganze Familie des Kastellans damit beschäftigt, ihr einfaches Vesperbrot zu verzehren, das nur aus geronnener Milch, Brot und Butter bestand, und dabei die gegenwärtigen Verhältnisse auf Spyker in Betrachtung zu ziehen, denn Gyselas, der ältesten Tochter, Bericht über Fräulein Gylfes zunehmende Leidenschaft für den französischen Offizier hatte eine allgemeine Betrübnis hervorgerufen, da man sich nicht verhehlen konnte, daß aus dieser Leidenschaft, mochte sie nun erwidert werden oder nicht, noch viele andere heillose Dinge in Zukunft entstehen. würden, Gysela, die hübscheste Tochter des Kastellans, war vor allen übrigen Mitgliedern der Familie in Stand gesetzt, über jenes Verhältnis des Kapitäns und Gylfes ein Urteil zu fällen, denn sie war es, die sich letztere selbst zur Gesellschafterin gewählt, die mit ihr einen großen Teil des Tages verlebte und sogar nachts ihr Zimmer teilte, welches im zweiten Stockwerk über den Gemächern lag, die zur Zeit der Kapitän in Anspruch genommen. Der alte Kastellan hatte eben einige mit Seufzern gemischte Worte gesprochen und dabei der früheren glücklichen Zeiten gedacht, als er das Pochen eines Fremden auf dem Korridor vernahm. »Pst!« sagte er, »seid still, da kommt jemand, es hat geklopft.« Die jüngste Tochter erhob sich von ihrem Stuhle und öffnete die Tür, durch welche Waldemar Granzow nun mit lächelnder Miene eintrat. Wie betrübt man aber auch kurz vorher gewesen sein mochte, aller Kummer war augenblicklich vergessen, als man das wohlbekannte offene Gesicht und die stattliche Gestalt des jungen Mannes wahrnahm, der sich ungezwungen wie immer den Versammelten näherte. Ja, der alte Ahlström wurde sogar über seine unverhoffte Erscheinung in ein so freudiges Staunen versetzt, daß er das Messer aus der Hand fallen ließ und, bewegungslos auf dem Stuhle sitzen bleibend, zuerst kein Wort der Begrüßung hervorzubringen vermochte. Endlich aber hatte er seine Fassung wiedergewonnen und, mit einem Rufe des Entzückens von seinem Sitze emporspringend, lief er dem Hausfreunde mit herzlicher Bewillkommnung entgegen, die nun von allen Seiten hervorbrach und von Waldemar eben so herzlich erwidert wurde. Der alte Ahlström war einer der Begleiter des Grafen Brahe gewesen, die sich vor zehn Jahren mit auf dem Schiffe befanden, welches am Jasmunder Ufer strandete, und denen der damalige Lotsenkommandeur Granzow das Leben gerettet hatte. Von diesem Tage an waren die Familien beider durch ein unzerreißbares Freundschaftsband vereinigt, und alle Dankbarkeit und Liebe, die der gerettete Familienvater gegen den Strandvogt hegte, hatte sich auch auf dessen Sohn übertragen, der allen Braheschen Beamten und Dienern noch dadurch bei weitem näher getreten war, daß ihn der Graf mit nach Spyker genommen und seinem Sohn zum Gefährten gegeben hatte. Die ganze Familie des Kastellans wußte, was sie von Waldemar zu halten hatte, und da man auch das innige Verhältnis kannte, in welchem derselbe zum Sohne ihres Herrn stand, und die beiden jungen Leute stets beieinander zu sehen gewohnt war, so lag es in der Natur der Sache, daß bei der plötzlichen Erscheinung Waldemars ihre Gedanken sogleich auch auf Magnus Brahe fielen. Als sie nun aber nach einer hastigen Mitteilung Waldemars die Ursache seines Besuches und die damit verbundenen gefährlichen Verhältnisse erfuhren, in denen sowohl er selbst, wie ihr junger Herr sich befand, da wurde ihre erste Freude um ein Bedeutendes gedämpft und ihre Hoffnungen in ebenso viele Besorgnisse umgewandelt, die Waldemar beim besten Willen nicht alle zu beseitigen vermochte, als auch ihm endlich über die Vorgänge in Spyker der volle Aufschluß zu Teil wurde. Auf das Geheiß des Kastellans hatten nach einer Stunde gegenseitiger Mitteilung und nachdem die ernste Ermahnung ergangen war, daß jedermann im Schlosse in dem neuen Besucher nicht den alten befreundeten Waldemar Granzow, sondern einen um Alheid freienden Seemann aus Hiddens-öe, Namens Georg Forst, zu sehen habe, seine Frau und Töchter das Zimmer verlassen müssen, und er war endlich mit letzterem allein geblieben. »Mein wackerer Junge,« sagte der alte Kastellan mit wehmütiger Stimme, als die beiden Männer nun ungestört an einem Fenster standen, von dem aus sie einen Teil des Parkes bestreichen konnten, »mein wackerer Junge, ich drücke dir noch einmal von ganzem Herzen die Hand. Aber ach, ich kann dir nicht verhehlen, daß sowohl das, was du bringst, als das, was du hier findest, mir das Herz recht schwer macht. Natürlich werde ich alles aufbieten, um den geliebten Sohn meines Gebieters hier insgeheim aufzunehmen, zu verpflegen und vor den Augen der Fremden zu verbergen, was glücklicherweise die Einrichtungen dieses Schlosses und manche eigentümliche Zufälligkeiten ausführbar machen, aber ich fürchte sehr, daß der Aufenthalt in dem Spukturm da drüben, von wo aus er manches beobachten kann, was im Schlosse selbst vorgeht, gerade nicht zu seiner baldigen Genesung beitragen und daß er vielleicht noch viel kränker dadurch im Herzen werden wird, als er jetzt schon ist. Was dann im Schoße der Zukunft schlummert, das will ich mir jetzt in meinem einfältigen Verstande nicht auszumalen versuchen, aber – dir kann ich es ja sagen – mir scheint es, als wäre der alte Stern über den Häuptern der Brahes düster verschleiert und als wären wir mit ihnen an eine Epoche gelangt, die vieles zu wünschen und zu hoffen, bei weitem mehr aber noch zu fürchten übrig läßt.« »Ihr habt im allgemeinen recht, Ahlström,« erwiderte Waldemar mit ernster Miene und drückte dem Alten wiederholt die Hand, allein Ihr müßt nicht denken, daß sich alles zum Schlimmen wendet, was eine Zeit lang in den trüben Schleier der Besorgnis gehüllt ist. Nein, nein, ich gestatte mir gar nicht, so Ernstes zu denken, das würde mich lähmen und meine Lust zu kräftigem Handeln gewaltig herabspannen. Wer weiß, ob Gylfe, – denn die liegt Euch doch am schwersten aus dem Herzen – wenn sie erfährt, daß Magnus in ihrer Nähe ist, nicht in sich geht und ganz von ihrer jetzigen Sinnesart läßt. Wenn wir das als möglich voraussetzen, ist alle übrige Besorgnis in Bezug auf Magnus unnütz, denn er wird genesen, er wird wieder ein tätiger Mann werden, und der Herr der Heerscharen wird uns einmal von diesem Übel des Krieges und allem, was sich daran knüpft, erlösen. Meint Ihr nicht auch?« »Mein lieber Junge, wenn man dich so vertrauensvoll sprechen hört, so möchte man dir wohl in den Hoffnungen, die du anregst, beistimmen, allein bedenke, daß dein Freund Magnus nicht deinen kernigen Charakter, deine naturgesunde Lebensanschauung und dein vertrauendes Gemüt besitzt. Denn du sagst mir ja selbst, daß er noch immer der alte Schwärmer und Wolkenseher ist.« »Ja, das ist er leider noch immer, und jetzt in seiner Krankheit sogar mehr als sonst. Allein, laßt, ihn nur erst hier sein, dann wollen wir beide schon dahin wirken, daß er anderen Sinnes wird, und auch Mutter Heylike und Gysela und Alheid müssen das Ihrige dabei tun.« »Das wollen wir, und das sollen sie, ja, ja, das sollen sie, dafür will ich schon aufkommen, und Gott gebe, daß deine Hoffnung kein Truggebilde ist. Aber nun laß uns einmal von dir selbst reden. Und da muß ich dir sagen, mein Junge, daß du dich durch deine Kühnheit und deinen Mut in eine recht üble Lage gebracht hast. Wenn das deine Alten wüßten, sie würden, wie ich, in großer Sorge sein.« »O, sie wissen es ja nicht, und Ihr müßt Euch diese Lage nicht übler vorstellen, als sie wirklich ist.« »Sie ist übel genug, sage ich, übel genug. Du hast hier einen seinen Spürhund vor dir; Kapitän Caillard versteht in solchen Dingen keinen Spaß. Wenn er also hinter deine Schliche kommt, könnte es dir schlimm ergehen.« »Wie sollte er das? Hier in Spyker, sobald sie nur alle wissen, um was es sich handelt, wird mich niemand verraten, und der Brief hier, den ich dem Kapitän noch heute übergeben werde, muß ihm jeden Verdacht benehmen, wenn er ihn hegte. Von Magnus' Hierherkunft aber darf kein Mensch etwas erfahren, nicht ein einziger Diener – und wäre es der zuverlässigste, – und wir müssen ihm in dieser so traurigen Zeit selbst Diener sein, wie wir auch seine einzigen Freunde sind.« »Auch Gylfe darf nicht wissen, daß er kommt?« »Auch sie nicht, sie am allerwenigsten. Ist er erst hier, dann wollen wir sehen, was sich tun läßt, und zur Beratung darüber werden wir Zeit genug haben.« »Gut, ja, ich stimme dir bei. Aber von dir muß sie notwendig Kunde haben, denn sähe sie dich zufällig, so bedürfte es nur eines Worts, eines Ausrufs von ihr, und dein Name, dein Verhältnis zu den Brahes wäre auf einen Schlag aller Welt verraten.« »Darin habt Ihr recht, und ich werde sie noch heute besuchen und eine Unterredung mit ihr führen, die hoffentlich auch diese Befürchtung zu schanden macht.« »Natürlich mußt du sie sprechen, und noch bevor du deinen Auftrag bei dem Kapitän ausrichtest. Aber du darfst sie nicht auf ihrem Zimmer besuchen, das könnte bei dem eitlen Franzosen einen schlimmen Verdacht erwecken, und er könnte dich auch sehen, wenn du zu ihr gehst. Nein, nein, sie muß in diese Stube kommen, sobald sie daheim ist, und das kann nicht lange dauern, denn sie sind lange genug auf ihrem Spazierritt gewesen und dehnen ihn nie bis zur Nacht aus.« »Gut, besorgt das, ich verlasse mich in allem auf Euch, da Ihr die Verhältnisse besser kennt als ich.« Während dieses Gespräches war der Abend ganz hereingebrochen. Die von Bäumen beschattete Umgebung des Schlosses, seine dicken Mauern und die im Verhältnis der großen Zimmerräume sehr kleinen Fenster ließen es im Innern derselben noch dunkler erscheinen, als es draußen war. Daher gebot der Kastellan einer seiner Töchter, Licht herein zu bringen, und schloß die Vorhänge der Fenster, nachdem er noch einmal hinausgelauscht und sein Ohr in die Richtung der Eingangspforte des Schloßhofes vorgebeugt hatte. »Ich glaube, sie kommen,« sagte er, das Fenster schließend und sich zu Waldemar zurückwendend, »wenigstens habe ich das Schnauben von Pferden und heiteres Gelächter von Menschenstimmen vernommen. Gysela, begib dich in dein Zimmer hinauf und wenn Fräulein Torstenson eingetreten ist, bitte sie in meinem Namen, sich zu mir herunter zu bemühen, ich hätte ihr etwas mitzuteilen, was ich ihr nur in meinem Zimmer sagen kann.« Gysela wollte soeben gehorchen, als sie, auf den Korridor tretend, die kleine Kavalkade auf den Schloßhof eintreten hörte und gleich darauf auch vom Fenster aus sah. Voran ritt Gylfe, mit dem Kapitän Caillard auf der einen und dem Leutnant Challier auf der andern Seite, hinter ihnen zwei Chasseurs und endlich ein Diener des Schlosses, ohne den sich die Dame des Hauses nie von demselben entfernte. Der Kapitän sprang galant vom Pferde, um die Dame aus dem Sattel zu heben; dann aber einige Worte zu ihr sprechend, empfahl er sich, um noch einen Dienstritt in die Umgegend zu unternehmen. Als Gylfe in Das Schloß eingetreten war. setzte er sich wieder auf und sprengte mit seinem Gefolge davon, während sie, ein lustiges Liedchen trillernd, die Stufen hinanstieg, um in ihre Zimmer zu gelangen. Gysela, nachdem sie die Begleitung der Dame wieder abreiten gesehen, trat ihr rasch entgegen und bat sie im Namen des Vaters, einen Augenblick dessen Wohnung zu betreten. »Ei, guten Abend, Gysela!« erwiderte die Angeredete mit ihrer hellen und etwas scharfen Stimme. »Wie, ich soll zu deinem Vater kommen? Ja, ja, herzlich gern, ich werde überdies heute abend Langeweile haben. Aber, Kind, warum gehen wir denn erst die steile Treppe hinauf? Laß uns doch gleich unten bleiben, er kann mich ja auch im Reitkleide sprechen.« Kaum hatte sie es gesagt, so ruhte ihre behandschuhte Rechte schon auf dem Türdrücker und einen Augenblick später war sie in das Zimmer getreten, wo sie zu ihrer nicht geringen Überraschung nicht den alten Kastellan, sondern einen ihr beim ersten Anschauen gänzlich unbekannten schönen und kräftigen Mann bemerkte, der sie, anstatt sich respektvoll vor ihr zu verbeugen, in gerader Haltung erwartete, ohne auch nur, die Miene zu verraten, ihr einen halben Schritt entgegenzukommen. Aber dieser junge Mann war nicht minder überrascht, als Gylfe, da er mit klopfendem Herzen die Pflegetochter seines Wohltäters in ihrer jetzigen vollendeten körperlichen Entwickelung, noch dazu in der nie an ihr gesehenen kleidsamen Tracht vor sich sah. Gylfe trug ein schwerfaltiges Reitkleid von grünem Tuche, dessen Schleppe sie über den linken Arm geschlagen hatte, während sie in der mit einem gelben Handschuh überzogenen Linken ihr Taschentuch und in der Rechten eine elegante Reitpeitsche hielt. Ihre hellen Locken, von dem scharfen Ritt in der Abendluft etwas in Unordnung geraten, wallten lang auf ihren Nacken herab und fielen, die hochgefärbten Wangen streifend, in zwei dicken Ringeln über ihren Busen nieder. Auf diesen Locken trug sie einen keck aufgestülpten kleinen schwarzen Filzhut, dessen weiße Schwungfeder eine stählerne Agraffe etwas zur Seite befestigte. Um ihren elfenbeinfarbigen Hals schloß sich endlich ein feiner Spitzenkragen, der vorn über der Brust durch eine edelsteinfunkelnde Brosche zusammengehalten wurde. Die mit dieser kurzen Schilderung eingeführte, Dame hätte nun, wie man danach denken sollte, einen angenehmen Eindruck auf den Sohn des Strandvogts hervorbringen sollen, allein das war eigentlich nicht der Fall. Waldemar war im ersten Augenblick allerdings über die ganze Erscheinung betroffen, die er sich nicht ganz so vollendet vorgestellt hatte, jedoch war er ein viel zu einfacher Naturmensch, um an der gekünstelten vornehmen Haltung, die sie annahm, und an dem eigentümlich prüfenden Ausdruck der Augen, was beides sie früher nicht in dem Grade gezeigt, ein ungeheucheltes Wohlgefallen zu empfinden, wobei wir nicht unerwähnt lassen dürfen, daß ihm das sichtbar aufgeblähte Wesen der jungen Reiterin nicht im geringsten imponierte. Gylfe, einen »guten Abend« auf den Lippen tragend, da, sie den alten Ahlström im Zimmer zu finden glaubte, verschluckte diesen Gruß, trat einen Schritt, den sie bereits dem Anwesenden entgegen getan, zurück und hob verwundert die Rechte in die Höhe, worin sie die Peitsche trug, was, so anmutig die Bewegung war, die es ausführte, ihr doch den Anschein gab, als wollte sie sich gegen irgendwen zur Wehr setzen. Diese seltsame Bewegung reichte hin, Waldemar seine ganze Fassung wiederzugeben. Er trat einen Schritt näher, verbeugte sich lächelnd und sagte: »Hoffentlich, mein Fräulein, wollen Sie mich nicht züchtigen, daß ich Ihnen diese Überraschung bereitet habe.« Gylfe schrak wie vor einer körperlosen Erscheinung zurück, als sie diese Stimme vernahm und durch sie deren Besitzer erkannte; augenblicklich aber fühlte sie sich durch die vernommene Anrede ans einer Verlegenheit gerissen, in die sie sonst leicht hätte geraten können. Denn sobald sie ihren Jugendgespielen Waldemar Granzow, den Busenfreund Magnus Brahes erkannt, wußte sie nicht, wie sie ihn anreden solle, da ihr das trauliche du der früheren Jahre bei diesem stattlichen Manne, der ihr auf den ersten Blick ein gewisses Behagen erweckte, nicht recht passend erscheinen wollte. »Waldemar!« hauchte sie erschrocken hervor. »Sind Sie aus den Wolken gefallen? Wo kommen Sie her? Was wollen Sie hier?« »Sie stellen mir in einem Atem eine dreifache Frage,« lautete die mit klangreicher Stimme gesprochene Antwort, »und ich mich mir daher erlauben, eine nach der andern zu beantworten. Aus den Wolken bin ich zuerst nicht gefallen, denn wie Sie wissen, war es nie meine Art, in höheren Regionen zu schweben, als die mir die Natur zugewiesen – so bin ich denn auch heute auf meinen guten Füßen nach Spyker gekommnen. Woher ich aber komme, Gylfe? Geradeswegs aus einen Lande, welches die Herren, die auch hier die Meister spielen, mit Krieg überziehen. Und was ich hier will? Soll ich Ihnen auch darauf Antwort geben? Oder wäre Gylfe Torstenson das Gefühl unbekannt, welches einen dankbaren Menschen mit unwiderstehlicher Gewalt nach der Stätte seiner Heimat zieht?« Gylfe, von dem festen Tone, der männlichen Haltung und dem energischen Gesichtsausdruck, die mit dieser Stimme vergesellschaftet waren, betroffen, fühlte instinktartig, daß ihr hier in ihrem Jugendgespielen ein Mann gegenübergetreten sei, auf den die weiblichen Kunststücke, in denen sie von jeher Meisterin gewesen, keinen tiefen Eindruck machen würden. Es war kein leichtblütiger, scherzender Franzose, den sie vor sich sah, sondern ein gerader, ruhiger und verstandesklarer Rügianer, der noch überdies den Vorteil auf seiner Seite hatte, ihre ganze Vergangenheit zu kennen und aus dieser Kenntnis einen Schluß auf ihr gegenwärtiges Verhältnis zu ziehen. Dennoch war sie Evas Tochter genug, um ein kleines Kunststück zu versuchen, um dadurch den starren Seemann vielleicht etwas zugänglicher und biegsamer zu machen. Sie ließ sich daher aus einen Stuhl fallen, warf die Reitpeitsche auf den Tisch, löste den kleinen Hut von den Locken und legte auch ihn daneben, worauf sie endlich die Handschuhe auszog, ihre blühende Wange auf die schöne Hand stützte und mit einem langgezogenen Seufzer die Miene einer nachdenklich Trauernden annahm. Waldemar sah das alles mit unerschütterlicher Ruhe an, nur sein Auge folgte ihren graziösen Bewegungen, seine Haltung und sein Gesicht aber blieben starr und kalt, wie sie vorher gewesen waren. »Waldemar!« sagte die Schöne mit beinahe wehmütig klingender stimme, »treten Sie näher und reichen Sie Ihrer alten Freundin die Hand – da – es wundert mich, daß ich Sie erst dazu auffordern muß. Wir haben uns lange nicht gesehen, nicht wahr?« »Sehr lange nicht, das ist wahr, und ich glaubte schon, Sie hätten Magnus und mich gänzlich vergessen.« »Waldemar! Wofür halten Sie mich?« »Für Gylfe Torstenson, die Pflegetochter des Grafen Brahe, des Besitzers dieses Hauses, und für Magnus Brahes Schwester!« Bei diesen mit ruhiger Ueberlegung gesprochenen Worten errötete Gylfe stark, hielt aber immer noch seine ihr hingereichte Rechte in ihrer warmen weichen Hand fest. »Das bin ich,« erwiderte sie leise und ließ dann plötzlich Waldemars Hand fahren, der jetzt dicht vor ihr stehen blieb, mit adlerartigen Blicken ihre Gestalt überflog und endlich ihr irrendes Auge zu fesseln suchte. »Das bin ich, ach! Wie lange ist es her, daß wir uns nicht so nahe gestanden?« »Fünf Jahre, Gylfe, und Magnus Brahe ist unterdes, wie Sie aus der Jungfrau ein Weib, so aus dem Jüngling ein Mann geworden.« »So einer wie Sie?« »Ich verstehe diese Frage nicht ganz, sprechen Sie sich deutlicher aus.« Gylfe überlief ein eisiger Schauer, der ihre zarten Glieder sichtbar erbeben machte. Sie ahnte wirklich, daß wenigstens Waldemar ein Mann geworden war, und der Gedanke an ein fern im Schoße der Zeiten liegendes Wehe, das sich nur in unbestimmten dunklen Umrissen vor dem Auge ihrer ahnenden Seele zeigte, kam über sie, ein Wehe, das sich über sie ergießen würde oder könnte, wenn Magnus seinem Freunde glich und erfuhr, was für Gedanken sie in diesen fünf Jahren gehegt und welche leichtfertigen Handlungen daraus hervorgegangen waren. Nie wie in diesem für sie wirklich qualvollen Augenblicke war ihr klar geworden, daß sie nicht ganz die Wege gewandelt, die ihr die Sitte, ihr Geschlecht, ihre Abstammung und die dankbare Gesinnung gegen die Brahesche Familie vorgezeichnet hatten, und doch – doch besaß sie nicht Kraft und Willensenergie genug, mit ihrer Gegenwart zu brechen und für die Zukunft eine andere werden zu wollen. Wie nun bei leichtblütigen Wesen ihrer Gattung Stimmungen und Launen wechseln, gleich wie die trügerische Welle bald hoch, bald tief sich neigt, so sprang sie auch jetzt von dem trüben Gedanken ab, der sie ergriffen hatte, und indem sie ihren ganzen Geist zusammenraffte, ihr beizustehen und sie aus der Schlinge zu ziehen, die ihr vorgehalten ward, gedachte sie mit Blitzesschnelle der schönen paradiesischen Zeit, die sie, so unangetastet in unbeschränkter Willkür, in den letzten Monaten verlebt hatte, erhob sich rasch von ihrem Platze, trat vom Tische und den hell brennenden Lichtern fort und sagte höflich, aber bei weitem kälter als vorher: »Ich werde Ihren Wunsch ein andermal erfüllen. Jetzt will ich Ihnen nur sagen, daß ich mich freue, Sie wieder zu sehen, doch erlauben Sie wohl, daß ich gehe, um mich umzukleiden?« »O!« erwiderte Waldemar ernst und trat ihr in den Schatten des Zimmers nach – »ich bin noch nicht fertig, Gylfe, ich habe noch ein ernstes Wort mit Ihnen und zwar auf der Stelle zu reden.« »Wie? Ein ernstes Wort, sagen Sie? Sprachen wir denn noch nicht ernst genug bisher? Was wollen Sie mehr von mir?« . »Ich will Sie nicht lange aushalten, nur will ich Sie ganz ehrlich fragen, ob ich in Ihnen eine Freundin oder das Gegenteil vor mir habe – wohlgemerkt, wenn ich das Wort Freundin gebrauche, so meine ich damit eine unbegrenzte Ergebenheit an mein und meines Freundes Interesse. Denn Sie müssen wissen und wissen es sicher, daß ich mit Magnus auf der Seite derer stehe, die gegen die Franzosen kämpfen, dieselben Franzosen, mit denen Sie hier in einem Hause und, wie es scheint, in vertraulich geselligem Verkehr leben. Ich bin nun in einer ernsten Angelegenheit und mit einem bestimmten Auftrage an Kapitän Caillard abgesandt und diesen Auftrag werde ich erfüllen, sobald er von seinem Ritte zurückgekehrt sein wird.« Gylfes Busen hob sich höher und höher, und ein unbestimmtes Angstgefühl kam abermals über sie. Wie durch innere Hingebung fühlte sie, daß sie an einen Wendepunkt ihres Lebens gelangt und der Fall nicht unwahrscheinlich sei, daß sie sich offen und ein für allemal Für oder Wider entscheiden müsse. »Ein Auftrag an Kapitän Caillard?« sagte sie zitternd und etwas erbleichend mit matter Stimme. »Was geht das mich an?« »Es geht Sie sehr nahe an, denn es hängt von Ihnen ab, mich als den zu verraten, der ich wirklich bin, als Waldemar Granzow ans Sassnitz, oder mich als den zu bestätigen, für welchen ich hier eine Zeit lang gelten will.« »Und für wen oder was wollen Sie hier eine Zeit lang gelten?« ^ »Für Georg Forst, einen Seemann, der keine Dienste im gegenwärtigen Kriege nimmt, aus Greifswald gebürtig und ein Verwandter des Herrn von Bagewitz auf Kloster ist. Wie gesagt aber, es steht in Ihrem Belieben, jedermann mitzuteilen, daß ich Waldemar Granzow bin, ein Mann, den man seit langer Zeit verfolgt, weil er seinem Vaterlands treu ergeben, ein Feind des Feindes desselben ist, und daß ich, ich, der innigste Freund der Brahes, in diesem Schlosse bin, um hier zu spionieren –« Gylfe ließ ihn nicht aussprechen. Schon lange war sie in Zorn aufgeflammt, obgleich ihr diese letzte Zumutung eben so viel Gram wie Zorn verursachte. Mit glühendem Gesicht war sie Waldemar immer näher getreten, ließ, ihr Auge beinahe düster auf seinem unbeweglich ruhigen Gesicht funkeln und sagte, indem sie seinen Arm faßte und heftig schüttelte: »Wofür halten Sie mich, frage ich noch einmal?« »Und noch ein mal antworte ich,« klang es ihr fest aus unerschütterlicher Brust entgegen, »für Gylfe Torstenson, die Pflegetochter des Grafen Brahe und Magnus Brahes Schwester und Freundin.« Jetzt endlich hatte Gylfe ihn ganz verstanden. Sie schlug die Hände vors Gesicht und sank auf einen Stuhl nieder, fuhr aber rasch wieder empor, weil ihr eine neue Besorgnis durch die Seele schoß. »Wollen Sie hier etwas gegen die Feinde Ihres Vaterlandes unternehmen?« fragte sie beklommen. »Ängstigt Sie das? Nein? Nun, dann sage ich Ihnen ehrlich, daß ich nichts unternehmen will, wenn diese Feinde gegen mich nichts unternehmen. – Wollen Sie mich für Georg Forst anerkennen?« »Fragen Sie mich nicht – lesen Sie das Ja aus meinen Augen, meinem Herzen – ja, ja, ja, ich erkenne Sie dafür an – nur eine Bedingung habe ich dagegen.« »Welche ist das?« »Sie dürfen auch gegen mich nichts Feindliches unternehmen – bei niemanden – nirgends!« »Wie sollte ich – was denken Sie von mir?« »Sie sind der Freund Magnus Brahes, sagen Sie –« »Nun ja, in diesem Punkte begegnen wir uns – was denn weiter?« »Verleumden Sie mich nicht!« preßte sie beinahe mit Tränen heraus. Waldemar fühlte, daß mit diesen Worten ihr Gewissen gesprochen hatte, und er schöpfte wieder einige Hoffnung, für sie und sogar für seinen Freund. »Nein,« sagte er dreist und ehrlich, »ich werde Sie nicht verleumden und hoffe auch keine Gelegenheit dazu zu haben. Aber um noch einmal auf meinen zweiten Namen zurückzukommen, so muß Ihr Wort nicht allein für heute und morgen, sondern so lange gelten, wie ich hier bin.« »Für immer, wenn Sie wollen.« »Auch nicht für immer, nur für die Zeit, wo ich auf Spyker weilen werde, denn ich gehe morgen von hier fort, um in einigen Tagen wieder zurückzukehren.« Gylfe erschrak von neuem, aber sie bezwang sich, um diese letzte innerliche Regung nicht sichtbar werden zu lassen, obgleich ihr die letzten Worte die peinlichsten waren, die Waldemar noch gesprochen hatte. Denn was wollte er hier, in dieser Zeit – unter Männern, die ihr angenehm und seine bittersten Feinde waren? »Sie dürfen mich aber nicht verantwortlich machen, wenn man Sie endlich ohne mein Zutun erkennt,« sagte sie, »denn man wird nicht minder aufmerksam und scharfsinnig sein als Sie.« »Wie wollte ich! Ihr Wort, schweigen zu wollen, genügt mir – wenn ich es erst habe.« »Waldemar!« bat sie mit so weichem Tone, wie sie ihn hervorbringen konnte, und streckte ihre schöne Hand noch einmal mit einem eigentümlichen Blicke gegen ihn aus. Aber wenn sie durch frühere Erfolge verwöhnt war, bei so anmutiger Bewegung, so verführerisch tönendem Laute und solchem schmelzenden Blick alle Stirnen sich vor ihr beugen zu sehen, so hatte sie diesmal eine Ausnahme von der Regel vor sich. Waldemar stand aufrecht und still wie eine Eiche vor ihr und streckte nur flüchtig und gleichgültig seine Hand gegen die ihre aus. »Auch wir sind Freunde!« flüsterte sie, seine Hand wiederholt drückend. »Ich hoffe es, daß wir es sein und bleiben können.« »In Wahrheit, Sie hoffen, nichts Unmögliches. Was an mir liegt, soll geschehen, um Sie mit mir auszusöhnen, denn das sehe ich mit den Augen und dem Herzen zugleich, daß Sie nicht mehr sind, was Sie mir vor fünf Jahren waren.« »Was war ich Ihnen da?« »Oft der Vertraute mancher meiner kleinen Leiden.« »Haben Sie jetzt vielleicht große?« »Ja, wenn ich Ihr unbewegliches Gesicht sehe, Ihre Hand fühle, die kalt in der meinen ruht, und dabei denken muß, daß Sie mich hassen.« »Ich hasse Sie nicht, nein, Gylfe, darin verkennen Sie mich – doch halt! Da kommt der Kapitän, ich höre sein Pferd – Gylfe erhob horchend den ausdrucksvollen Kopf und schüttelte die wogenden Locken von den Ohren. Nie war ihr der französische Liebhaber – denn das war er ihr in der Tat – zu ungelegenerer Zeit gekommen. »Ja,« sagte sie, »er ist es. Ich will Sie jetzt verlassen, er soll mich nicht in meiner Erregung sehen – bleiben Sie hier, Waldemar, ich gehe – es bleibt bei unserm Versprechungen.« Und wie eine Sylphe zur Tür fliegend und doch sich unterwegs holdselig gegen den verwunderten Jugendfreund neigend und ihm mit zärtlichen Augen zunickend und grüßend, verschwand sie vor Waldemar, wie uns oft in der Nacht ein Stern verschwindet, der uns so glänzend schien, so göttliches Licht versprach und doch sich hinter einer kleinen unbedeutenden Wolke verlor, die von unserer Erde selbst emporgestiegen war. Waldemar blieb allein, tief in Gedanken versenkt. Er hörte nicht, daß der Kapitän mit seinen Begleitern vor die Tür sprengte, abstieg, durch den Korridor dicht an des Kastellans Zimmer vorbei und dann die Treppen zu seiner Wohnung hinaufschritt, denn in seinem Herzen wogte eine trübe bittere Welle auf, die die Erinnerung an allen Glanz und alle Schönheit, die er soeben noch vor Augen gehabt, mit wegschwemmte. »Magnus,« sprach er leise vor sich hin, »armer Magnus, wie sehr bedaure ich dich! O, sie hat nicht ein einziges Mal gefragt, wie es dir geht, wo du weilst, nicht ein einziges Mal gesagt, daß sie dich gern bald wiedersehen möchte! O, und das wenigstens hättest du doch wohl um sie verdient! Aber was gilt hier Verdienst, wo das Willkürlichste von allen erschaffenen Dingen, die Laune eines herzlosen Weibes, gebietet! O Weiber, Weiber! Und Ihr wollt vorzugsweise vor allen übrigen Menschen ein fühlendes Herz haben? Bei Gott, das hätte Hille nicht – Hille? Ha! Wie kommt mir denn die hier ins Gedächtnis? Pfui, so gering an Stand und Bildung sie gegen diese glänzende Puppe ist – ich mag sie doch nicht, nicht einmal in Gedanken neben ihr stehen haben, denn diese Gylfe wirft in meinen Augen einen Schatten, der selbst die Unschuld und Lieblichkeit einer Hille verdunkeln könnte!« – Der Kastellan, der schon mit Ungeduld auf Gylfes Entfernung gewartet hatte, kam in diesem Augenblick von dem Korridor herein, wo er mit dem Kapitän gesprochen, und berichtete, daß er inbetreff Waldemars alles vorbereitet und ihn bereits als Georg Forst bei jenem angemeldet habe. »Nun, mein Junge,« sagte darauf der gute Alte, »bist du befriedigt von deiner Unterhaltung mit der kleinen Königin von Spyker? Mir scheint es nicht ganz so, denn dein ehrliches Gesicht, das jeden Zug deines Herzens verrät, ist etwas in Wolken gehüllt – hab' ich recht?« »O, mein guter Ahlström, ich dachte in diesem Augenblick nicht an meine eigene Befriedigung, vielmehr an die Befriedigung dessen, den wir beide mehr lieben als uns selbst. Magnus aber wird, so fürchte auch ich, wenn er hierherkommt, mehr Wunden empfangen, als er zu heilen sucht.« »Aha, also das ist's! Nun, das habe ich längst gewußt, und auf den Kummer bin ich vorbereitet. Gebe nur Gott, daß wir nicht noch größeren vor uns haben, denn das Unheil, dessen Farbe man kennt, ist nie das schlimmste von allen. Jetzt aber geh hinauf zu dem Herrn und sieh Dir seine gnädige Miene an. Ich brauche dir nicht zu sagen, daß du vor einen Mann trittst, der als kleiner Herr sich das Abbild eines viel größeren zu sein dünkt – wundere dich also nicht zu sehr über seine Würde, und wäge Worte und Miene ab, denn du hast etwas in deinem Äußeren, was nicht wie knechtische Unterwerfung aussieht, die diese Herren fordern. Der Kapitän aber hat scharfsichtige Augen und weiß sie zu gebrauchen, also hüte dich.« »Da ich mich vor niemanden fürchte und immer gerade herausspreche, was ich denke, so trete ich meinen Gang zu ihm mit leichtem Herzen an. Gehabt Euch wohl und laßt mir mein Zimmer bald zurecht machen, ich bin etwas müde von meinem Tagewerke; die Arbeit, wozu mich diese Gylfe veranlaßt hat, gehört zu meinen seltensten, ich bin also nicht geübt darin. – Welches Zimmer bewohnt der Herr?« »Das Jagdzimmer, mein Junge!« erwiderte seufzend der Alte. Waldemar schritt mit dem ruhigsten Gleichmut, wie er ihn stets, selbst in größeren Gefahren bewahrte, als er jetzt entgegenging, die breite Treppe hinauf, wandte sich im ersten Stockwerk zur Rechten, kreuzte eine steinerne Halle, die mit alten Fahnen, Waffenstücken und Ahnenbildern geschmückt war, und langte endlich vor einer Tür an, die ein Diener bewachte, der halb Reitknecht, halb Kammerdiener zu sein schien, denn er roch stark nach Pferden und duftete zugleich fast so lieblich wie sein Herr von seinen Wohlgerüchen. »Ist der Herr Kapitän zu sprechen?« fragte Waldemar den doppelt gestaltigen Diener, der eben erst aus dem Zimmer seines Herrn gekommen war, wo er ihm beim Umkleiden geholfen hatte. »Wen habe ich die Ehre zu melden?« »Mein Name ist Georg Forst.« »Ah, da sind sie ja schon von dem Kastellan gemeldet – treten Sie ein.« Waldemar überschritt die Schwelle und sah ein Zimmer wieder, das ihm schon viele Jahre bekannt und wegen der mannigfachen wohltuenden Erinnerungen, die sich daran knüpften, überaus teuer war. Es war ein großes, tiefes und hohes Gemach mit außerordentlich dicken Wänden, die mit braungebeiztem und poliertem Holzgetäfel überzogen waren, in welches kunstverständige Hände alle möglichen Jagderfordernisse mit feinen bunten Holzstücken bilderartig eingelegt hatten. Jede von den vier Wänden war wiederum in große Quadratfelder geteilt, aus deren Mittelpunkte je ein Hirschkopf von Holz hervorsprang, der ein prächtiges Geweih trug. Auch zwischen diesen großen Köpfen sprangen in regelmäßigen Zwischenräumen kleinere Tiergestalten hervor, unter denen Reh- und Fuchsgesichter am häufigsten waren. Auf altertümlichen Konsolen standen daneben in mannigfachen Abwechselungen ausgestopfte Vögel, vom gewaltigen Steinadler, dem Könige der Spykerschen Forsten, bis zum kleinsten Geflügel herab. Über dem gewaltigen Kamin von dunkelgeadertem Sandstein prangte ein schönes Jagdbild von der Hand eines niederländischen Meisters, den schlafenden Endymion und die ihn belauschende Diana vorstellend, und auf demselben waren eine Menge Dinge ausgestellt, die alle in ihrer Gestalt und ihrem Stoffe die Liebhaberei des Erbauers dieses Saales zur Anschauung brachten, denn sie bezogen sich sämtlich auf die Jagd oder stammten von einer derselben her, die vor Zeiten in der Nähe des alten Schlosses in den gewaltigen Wäldern der Stubnitz abgehalten waren. Von dem Mittelpunkt des Plafonds, den ebenfalls Jagdattribute, in holzfarbiger Stukkatur gearbeitet, schmückten, hing an einer eisernen Stange eine Art Kronleuchter herab, der aus größeren und kleineren Stücken zusammengesetzt war, die gleichfalls der Jägerei angehörten, denn man sah hier alle möglichen Arten Geweihe, Zähne und Klauen von Waldtieren vertreten und zu einem künstlerischen Ganzen von ganz eigentümlicher Wirkung vereinigt. Dieser Einrichtung im ganzen entsprach die Ausstattung des Zimmers im einzelnen, namentlich in bezug auf die allerdings sehr einfachen Möbel. Auch die vorhandenen Tische und Sessel waren künstlich geschnitzt und meist mit Dingen bedeckt, die in Bezug auf Form und Geschmack zu den Zierraten der Decken und Wände paßten. In der Mitte der einen Wand aber, zwischen manneshohen Kandelabern von versilbertem Zinn, auf denen ungeheure Wachskerzen brannten, wie deren kleinere an verschiedenen Stellen das weite Gemach zu erleuchten versuchten, stand ein mit grünem Atlas überzogenes daunenweiches Ruhebett, an dessen Kopfende ein Tisch aufgestellt war, den verschiedene Luxusgegenstände füllten, die alle einer modernen Zeit angehörten und weichlicheren Gewohnheiten entsprachen, als sie früher in diesem altehrwürdigen Saale zu Hause gewesen waren. Und so kommen wir denn zu den Besitztümern, die nicht dem Geschmack des Erbauers dieses Schlosses ihr Dasein verdankten und sehr wenig mit den gediegenen und altertümlichen Gerätschaften darin übereinstimmten, dagegen, um so mehr die Richtung des Geschmacks und der Sitten des jetzigen Bewohners enthüllten. Denn fast sämtliche, hier und da herumstehende kleine Tische waren mit Gegenständen modernsten Prunkes überladen, meist waren es sogenannte Toilettenspielereien, die einen weichlichen weibischen Sinn verrieten, und am zahlreichsten waren darunter Pomadentöpfchen, Fläschchen und Tinkturen, Seifen und Parfüms vertreten, die einen Duft aushauchten, der diesem ehrwürdigen Zimmer ein ganz eigentümliches kokettes Gepräge verlieh, wo sonst nur der natürliche Geruch alten Zedernholzes wahrgenommen ward, der aus ähnlichen Gemächern einer längst vergangenen Zeit selten ganz verschwindet. Der Tisch vor dem Ruhebette aber war mit buntem, teilweise bemaltem Schreibpapier, gleichfalls stark parfümiert, mit Federn, deren Bart papageiartig blau und rot gefärbt war, und einem Tintenfaß von getriebenem Silber belegt, dessen Hauptgruppe eine Venus bildete, die kokett mit dem geflügelten Amor spielte. Auf dem Ruhebette selbst nun, gemächlich ausgestreckt und aus einer türkischen Pfeife narkotische Rauchwolken entsendend, lag Monsieur le Capitaine François de Caillard selber, gegenwärtig, nachdem der Dienst und das Vergnügen im Freren beendet war, in ein Negligée gekleidet, das zwischen der Tracht eines Chinesen, eines Griechen und eines Türken die Mitte zu halten schien, denn es war phantastisch, seltsam und abenteuerlich genug. Monsieur de Caillard hatte beabsichtigt, den ihm bereits gemeldeten Besuch liegend zu empfangen, um auf ihn den Eindruck eines vornehmen, bedeutenden und in nobler Ruhe hingegossenen Mannes zu machen; als er aber diese kräftige, hohe Gestalt mit dem energischen Kopfe, der den seinigen um eine Gesichtslänge überragte, dem Adlerantlitz und einer Haltung eintreten sah, die der eines siegesgewohnten Seehelden auf ein Haar glich, erhob er sich unwillkürlich und trat ihm mit etwas verwunderter Miene entgegen, die nicht ohne eine geringe Beimischung eines unbestimmten Verdachtes war. »Bon soir, monsieur!« wollte er sagen, aber das Wort blieb ihm im Munde stecken, als er den jungen Mann sich ruhig verbeugen, dann stillstehn und ihm mit festem Blick in das funkelnde Auge schauen sah. »Sprechen Sie Französisch?« sagte er endlich in gebrochenem aber verständlichen Deutsch – einer Sprache, die schon damals, als Rügen noch schwedisch war, von jedermann aus der Insel gesprochen wurde, also verriet, wohin die stillen Sympathien des Volkes neigten. »Nein, Herr Kapitän,« erwiderte Waldemar mit seiner mächtigen Stimme, obgleich er hiermit eine Unwahrheit aussprach. »Dazu bin ich nicht gelehrt genug. Ich bin nur ein einfacher Seemann, der ein gutes Schiff regieren kann, und weiter nichts.« »Sie heißen Georg Forst?« »Und bin aus Greifswald gebürtig, ja!« »Was wünschen Sie von mir?« »Der Zufall hat mich mit dem Kaiserlichen Offizier der Kriegspolizei, Herrn Dubois, in Hiddens-öe zusammengeführt. Ich habe mit ihm die Fahrt nach Wittow gemacht und da er erst morgen oder übermorgen seinen Weg über Spyker nimmt, seine Meldung aber schon gern früher in Ihren Händen sehen wollte, so hat er mich beauftragt, Ihnen, Herr Kapitän, diesen Brief einzuhändigen, in den jene Meldung eingeschlossen ist.« Der Kapitän, einen stechenden Blick auf das unbewegliche Antlitz des Seemanns werfend, nahm den Brief, trat an eine der großen Kerzen und las ihn nebst dem Befehl des kommandierenden Generals in Stralsund langsam bis zu Ende, dann und wann jenen Blick wiederholend, der aber, wie Waldemar bemerkte, immer freundlicher und vertrauensvoller wurde. »Eh bien!« sagte er lächelnd, als er fertig war, »Mr. Dubois schildert Sie als einen zuverlässigen Mann, der ihm gute Dienste geleistet, und dabei kräftig und gewandt – c'est bon! Courage, mon ami! Die Burschen aber, die hier signalisiert sind, Waldemar Granzow aus Sassnitz und seinen Herrn, die beide Verräter und Deserteure sind, wollen wir schon fassen. Uns entgeht man so leicht nicht. Ich werde morgen selbst nach Sassnitz reiten und die notwendigen Befehle erteilen. Aber ich bin der Meinung, unsre Bemühungen um sie an diesen Orten werden vergeblich sein, denn hierher kommen sie gewiß nicht, da sie jedermann kennt und sie auch wissen müssen, daß wir hier sind. Mais cela ne fait rien – ich danke Ihnen. Was hat Sie sonst herbeigeführt?« Waldemar stockte etwas mit der Sprache, senkte den Kopf und drehte, scheinbar in einer Art unwillkürlicher Verlegenheit, die natürlich genug ausfiel, den Hut in der Hand. »Ich kenne die Tochter des Kastellans –« sagte er leise. »Ah!« unterbrach ihn der Kapitän, » c'est cela, que Vous touche! Die also hat Euch hierher gelockt?« »Ja, Herr Kapitän.« » C'est joli. Courage, mon ami , sage ich. Geht und tut Eure Pflicht, ich will Euch nicht im Wege sein. Wie lange werdet Ihr hierbleiben?« »Ich wollte morgen schon wieder fort, da ich in Wittow eine alte Verwandte besuchen möchte; denke aber, es werde mir gestattet sein, in einigen Tagen wieder vorzusprechen und meine Bewerbung fortzusetzen.« »Darin will ich Euch nicht hinderlich sein – aber halt! Ihr wollt morgen nach Wittow?« »Ja, Herr Kapitän, wenn Sie es erlauben.« Der Kapitän dachte eine Weile schweigend über etwas nach. »Ihr könnt mir vielleicht einen Dienst leisten,« sagte er plötzlich. »Ich brauche sehr notwendig Hafer für meine Pferde, und aus Wittow soll ich ihn holen lassen. Ihr versteht ein Schiff zu führen – wollt Ihr das Geschäft übernehmen?« Waldemar richtete sich in seiner ganzen Höhe empor und ein freudiger Ausdruck verklärte sichtbar seine Züge. »Gern,« sagte er rasch, »aber ich habe kein Boot.« »Hoho! Dafür werde ich sorgen, und Ihr könnt zwei Schlingel aus diesem Hause mit Euch nehmen, die Euer Handwerk verstehen. Ehe Ihr morgen abgeht, werde ich Euch den Ort näher bezeichnen. Bon soir, mon ami! « Und er nickte mit dem Kopf und machte eine Handbewegung dabei, die Waldemar, da sie mit kaiserlicher Grandezza ausgeführt wurde, nicht mißverstehn konnte. Gleich darauf hatte er sich verbeugt und das Zimmer verlassen, um die wohlverdiente Ruhe zu suchen, während der Kapitän seinen Leutnant rufen ließ, um noch ein Spielchen mit ihm zu machen. Drittes Kapitel. Die Haferfracht. Als Waldemar aus dem herrschaftlichen Stockwerk in das Erdgeschoß hinabgestiegen war, fand er den alten Ahlström, der kaum seine Neugierde bezwingen konnte, über den Ausgang der eben stattgefundenen Unterredung etwas zu vernehmen, schon seiner wartend. Er führte ihn rasch in das gastlich hergerichtete Zimmer, das dicht neben dem seinigen lag, und bei einem kräftigen Nachtessen und einer guten Flasche Wein hörte er mit Befriedigung Waldemars Erzählung an, den Einfall des Kapitäns, ihn nach Wittow zu schicken, preisend, weil ihm dadurch selbst die Möglichkeit an die Hand gegeben, den kranken Freund in die Heimat einzuschmuggeln. So verabredeten sie denn alles möglichst genau und setzten die Nacht des drittfolgenden Tages für die Rückkehr mit Magnus fest, während welcher Zeit der Kastellan alles zur Aufnahme des Kranken im Spukturm heimlich in Bereitschaft setzen wollte. Da die Eingangstür zum Schlosse Tag und Nacht von einer Schildwache beobachtet wurde, so mußte man die lange verschlossen gehaltenen eisernen Türen des Ganges öffnen, der aus dem besagten Turme nach der Waldruine in der Richtung von Quolitz führte. Waldemar empfing den Schlüssel des ihm bekannten Eingangs vom Walde her, und Ahlström versprach, in der verabredeten Nacht auf dem Posten zu sein, um den jungen Grafen mit Licht zu empfangen und in sein geheimes Kabinett zu führen. Erst nachdem dies genau verabredet war, überließ sich Waldemar dem erwünschten Schlafe. Als Kapitän Caillard am nächsten Morgen vom Fenster ans, an dem er mit seinem Leutnant stand, um die frische Luft und den ersten Lichtstrahl der jungen Sonne einzusaugen, den Fremden in Gesellschaft einer Tochter den Kastellans lustwandeln sah, erinnerte er sich zuerst wieder desselben und ließ einen schriftlichen Befehl ausstellen, der Waldemar ermächtigte, eine Last Hafer aus Vansenitz, auf der Westküste von Wittow am Rassower Strom gelegen, nach Spyker zu holen, und bald darauf erging an den Kastellan die Weisung, zwei kräftige Burschen dem Georg Forst zur Dienstleistung zuzustellen und demselben das Boot loszuschließen, welches zum Gebrauche des Kapitäns stets segelfertig im Spykerschen See lag, eine Weisung, die so gern angenommen und so pünktlich vollführt wurde, wie selten eine ähnliche, da sie diesmal mehr zum Vorteil der Bewohner von Spyker, als zum Nutzen der Feinde gereichte. Schon um zehn morgens war Waldemar bereit, abermals eine Reise anzutreten, allein er beeilte sich nicht damit, da er lieber den späten Abend benutzen wollte, – um die Hitze des Tages zu vermeiden, wie er den Kapitän wissen ließ – in Wahrheit aber, um in der Nacht von Wittow nach Hiddens-öe segeln zu können und seinen Freund abzuholen, dessen Transportierung, zumal er verwundet war, bei Tage mit großen Schwierigkeiten verknüpft sein mußte. So überließ er sich denn während des Tages dem Verkehr mit der Familie des Kastellans, der er durch seine Erzählungen Unterhaltung genug gewähren konnte, und der goldhaarigen Alheid machte es nicht wenig Vergnügen, von den Franzosen für diejenige angesehen zu werden, um derenwillen der schöne Seemann das alte Schloß besucht habe. Gylfe Torstenson verhielt sich an diesem Tage ungewöhnlich ruhig; sie vermied jede Gelegenheit, mit Waldemar noch einmal zusammenzutreffen, vielleicht weil sie nicht ganz gewiß war, ihre Bewegung zu beherrschen, wenn sie, in der Gesellschaft des Kapitäns lustwandelnd, ihm etwa unerwartet begegnen sollte. Vielleicht aber, wollte sie auch Zeit gewinnen, bei sich selbst den Plan festzusetzen, nach welchem sie für die Frist, wo Waldemar in Spyker weilte, gegen ihn Verfahren wolle, denn daß sie bedachtsam zu Werke gehen müsse, so lange sie seiner Beobachtung ausgesetzt blieb, leuchtete ihr instinktartig ein, da sie sich nicht leugnen konnte, daß der Eindruck, den der ehemalige Spielgefährte auf sie hervorgebracht, ein bedeutender sei, und sie außerdem noch nicht ganz im klaren war, ob sie von seiner Ergebenheit für Magnus mehr zu fürchten oder von seiner Hinneigung zu ihr eine Unterstützung ihrer Wünsche zu erhoffen habe. Erst als sie von Gysela am Nachmittage dieses Tages erfuhr, daß Waldemar beim Vater sitze, um bald darauf im Interesse des Herrn von Caillard eine Fahrt nach Wittow anzutreten, atmete sie auf und begab sich in den Garten hinab, um frische Luft zu schöpfen. Hierher folgte ihr sehr bald der Kapitän, den es drängte, zu erfahren, welches Mißgeschick sie an diesem Tage für ihn unsichtbar gemacht, und der nun zu seinem Leidwesen erfuhr, daß die schöne Dame von einem heftigen Kopfschmerze geplagt sei, der auch hinreichend ihre düstere Stimmung erklärte, eine Stimmung, die sich im Laufe der Nacht bei ihr eingefunden, die sie schlaflos hingebracht, weil sie die Besorgnis ergriffen, daß Waldemars geheimnisvollem Erscheinen ernstere Ursachen zugrunde lägen, als er ihr mitzuteilen für gut befunden habe. Es war abends gegen sieben Uhr, als Waldemar seine Reise antrat. Mit der Legitimation des französischen Offiziers versehen, von dem Kastellan bis an das Ufer des Sees begleitet, begab er sich diesmal ohne Waffen in das Boot, das vollständig gerüstet auf seiner Ankerstelle lag. Vor ihm waren schon zwei Diener aus Spyker angelangt, die ihn kannten und auf deren Treue und Verschwiegenheit er bauen konnte. Sie waren, wie alle Küstenbewohner der Insel, geübte Schiffer, und da man ihnen nur mitgeteilt hatte, daß sie, um Getreide zu holen, nach Wittow fahren sollten, so lag kein Grund zur Besorgnis vor, daß sie mit anderen über den geheimen Zweck, der mit dem Unternehmen verbunden war, gesprochen haben könnten. Mit herzlichem Händeschütteln nahm der Kastellan Abschied von Georg Forst, wünschte ihm glückliche Reise und kehrte, nachdem das Boot abgestoßen, mit der frohen Erwartung heim, daß es wohlbehalten sein Ziel erreichen werde. Es war ein süßer milder Juniabend, an dem Waldemar seine Fahrt antrat. Zwar wehte eine frische Brise, welche die Reisenden außerordentlich begünstigte, aber sie war nicht heftig genug, um die angenehme Wärme zu beeinträchtigen, die den Abend und die Nacht verschönerte. So rauschte denn das leichte Boot mit gemäßigter Eile durch die kleinen Wellen, die ein milder Südwind im großen Jasmunder Bodden aufzuregen pflegt, und erst als man über die kleinen Inseln, die die große Wedde heißen, hinausgekommen war, faßte der Wind die Segel beinahe voll und trieb das Boot mit größerer Schnelligkeit in den nördlichen Teil des Boddens. Etwa um zehn Uhr, als die goldenen Sterne am tiefblauen Himmel sichtbar wurden, gelangte man in die Enge zwischen dem Lebbiner Haken und dem auf der Schabe gelegenen Käthnerdorfe Gelm, wandte sich um ersteren herum und fuhr nun in das Binnenwasser zwischen Wittow und der Vieregger Halbinsel ein. Auf diesem Wege war den Reisenden nichts begegnet, was ihnen einen Aufenthalt oder ein Hindernis verursacht hätte, selbst an der alten Camminer Fähre war weder ein Posten noch ein Wachtboot zu sehen, auf die man erst an der Wittower Fähre rechnete. Da es nicht in der Absicht Waldemars liegen konnte, sich zu verbergen, so fuhr er dicht an den Wittower Fährhaken heran, wo ihn alsbald eine Wache anrief und an die Brücke anzulegen befahl. Waldemar, der das Steuer führte, gehorchte ohne Zögern, trat auf die Brücke und folgte dem Posten in das Wachthaus, wo eine Laterne brannte und drei bis vier Franzosen auf den Bänken an der Wand schnarchten. Waldemar zeigte seine Legitimation vor, die ein Sergeant mit Befriedigung las und mit wichtiger Miene unterschrieb, worauf dem Fremden bedeutet wurde, er könne nach Belieben seine Fahrt fortsetzen, müsse sich aber melden, wenn er mit der Fracht heimwärts führe. Als Waldemar seinen Platz im Boote wieder eingenommen hatte und ein kräftiger Nachtwind den Lauf desselben beflügelte, wunderten sich die beiden Spykerschen Diener, daß sein Bug nicht nordwärts ihrem Bestimmungsorte Vansenitz entgegen, sondern westwärts der Insel Neu-Bassin zu gerichtet werde. Auf die Frage des einen der Männer sah sich Waldemar genötigt, ihnen endlich das Geheimnis ihrer nächtlichen Fahrt zu eröffnen, was einen erstaunlichen Eindruck auf sie hervorbrachte, denn den Sohn ihres guten Herrn wiederzusehen und ihm einen Dienst erweisen zu können, machte sie überglücklich. Sie gelobten daher aufs feierlichste, sich allen Anordnungen Waldemars zu fügen und alles zu tun, was in ihren Kräften stände, um das gewagte Unternehmen glücklich zu Ende zu führen. Bald nach Mitternacht landete man denn auch am Ufer des Hofes Kloster, und hier gebot Waldemar den beiden Männern, ruhig einige Stunden zu warten, da er so viel Zeit gebrauche, um den jungen Grafen reisefertig zu machen und mit ihm die Fahrt nach Vansenitz anzutreten. In trübes Sinnen verloren schritt Waldemar auf das einsame Gehöft zu, in dem bereits alle Lichter erloschen waren. Das Gebell der Hunde aber, das weit durch die Nacht scholl, weckte einen Diener, und bald öffnete sich die Tür, um den späten Besuch einzulassen. Es dauerte nicht lange, so erschien Herr von Bagewitz selber und erfreute Waldemar mit der Nachricht, daß das Befinden des Kranken die Reise möglich machen werde. Die Wunde sei in gutem Zustande, nur das Fieber habe eher zu- als abgenommen, woran indessen mehr die ungeduldige Erwartung des Verwundeten, als eine Steigerung seines körperlichen Leidens schuld sei. Herr von Bagewitz war, wie fast alle auf abgelegenen Gütern lebende Gutsherren, ein Naturarzt, er wußte sich trefflich zu helfen, wo ihm anderweitige Hilfe versagt war, und so hatte er alle ihm bekannten Mittel erfolgreich bei Magnus in Anwendung gebracht. Als er Waldemar darauf zu seinem Freunde führte, stieß dieser einen Freudenschrei aus, denn des ersteren Erscheinen um diese Stunde sagte ihm klar, daß alles bisher Unternommene nach Wunsch von statten gegangen sei. So hörte er denn auch mit Befriedigung Waldemars Ausspruch an, daß er sich sogleich zur Abreise anschicken müsse, wozu er mit einer Hast Anstalt traf, die Herrn von Bagewitz und Waldemar erkennen ließ, daß die Sehnsucht seine bitterste Krankheit war. Als aber ersterer sich einen Augenblick entfernt hatte, um verschiedenes zur nächtlichen Reise Notwendige herbeizuschaffen, ergriff der Kranke des Freundes Hand, sah ihm liebevoll in die Augen und sagte: »Waldemar, ich danke dir von ganzem Herzen. Du tust für mich, was man nur für einen Bruder tut. Aber dein Auge blickt nicht heiter zu mir auf, es lastet viel auf deinem Herzen, was du mir zu verbergen trachtest. Sprich, was drückt deinen, also auch meinen Geist nieder?« »Ich habe dir nichts zu verbergen, Magnus, denn ich weiß selbst nicht viel. Der alte Ahlström und die Seinigen sind wohlauf und erwarten dich sehnlichst. Von dem Übrigen mußt du dich mit eigenen Augen überzeugen, da du vielleicht schärfer siehst als ich.« »Aha! Es gibt also etwas anderes zu sehen!« rief Magnus bewegt, und eine warme Röte bedeckte flüchtig seine bleichen Wangen. »Ich wußte ja deine Miene zu deuten, die ich so genau kenne, wie die irgend eines Menschen. – Hast du Gylfe gesehen?« »Ja, ich habe sie gesehen und gesprochen.« »Gesprochen? O! Und was hat sie gesagt?« »Nichts, was sich auf dich bezog. Wir hatten keine Gelegenheit, lange ungestört zu reden, denn das Haus ist voller Franzosen, und ich vermied es, mich in ihre Nähe zu drängen, um alle unnötige Aufmerksamkeit von mir abzulenken.« »Kann ich dir auch darin glauben, wie in allem Übrigen, Waldemar?« »Wann hat Waldemar Granzow dir eine Unwahrheit gesagt?« »Du hast recht, ja, du hast recht. Vorwärts denn, ich fühle mich mit einem Male stark wie sonst, sieh, wie ich meinen Arm schon frei bewegen kann.« Waldemar nickte bejahend, obgleich ihm der unnatürlich glänzende Blick seines Freundes nicht recht gefallen wollte. »Aber das eine kannst du mir noch sagen,« fuhr Magnus wieder fort, »wie sieht Gylfe aus? Ist sie schön geworden, wie sie es zu werden versprach?« »Ich bin nicht der Mann, der sich gründlich auf die Schönheit eines Weibes versteht. Gylfe aber, wenn sie überhaupt je schön war, ist in ihrer Art, noch schöner geworden, wenigstens mag es Männer geben, die sie dafür halten – wie gesagt, ich weiß das nicht.« »Vorwärts, Freund, und nun kein Zögern mehr.« Herr von Bagewitz trat wieder ein und trug eine wollene Decke und einen Mantel nebst einem Korbe mit Eßwaren auf dem Arme. »Hier ist alles,« sagte er, »was ich Ihnen bieten kann. Ah, Sie sind schon fertig zum Marsch?« »Ja, mein Freund, und mir bleibt nur noch übrig, Ihnen meinen Dank zu sagen.« Herr von Bagewitz ergriff die dargebotene Rechte Magnus Brahes. »Davon schweigen wir,« sagte er. »Wann hat ein Rügianischer Edelmann nicht Gastfreundschaft geübt, sobald sich die Gelegenheit dazu bot? Sie waren diesmal einige Tage auf Kloster, und ich werde künftig einige Tage auf Spyker sein – so ist es Sitte bei uns, und Sie sollen mir nichts schuldig bleiben.« »Wohl! So erwarte ich Sie, wenn der Himmel günstiger waltet; und nun lassen Sie uns aufbrechen, wir haben einen weiten Weg.« Waldemar nahm Magnus' Felleisen wieder wie früher auf die Schulter. Herr von Bagewitz band des Verwundeten Arm in ein großes Tuch fest, damit er beim Gehen eine Stütze habe, dann belud er sich selber mit den übrigen Gegenständen. So schritten sie schweigend nach dem Landungsplatze, wo sie die beiden Braheschen Diener schlafend im Boote fanden. Waldemar weckte sie. Sie sprangen empor, und da sie in der sternenhellen Juninacht, die keine dichte Finsternis aufkommen ließ, ihren jungen Herrn erkannten, stießen sie Worte der innigsten Freude aus und küßten wiederholt seine Hand. »Gemach, Kinder, gemach!« sagte Magnus. »Seid nicht zu stürmisch, ich bin keine Eiche mehr, wie mein Freund hier. Steigt ein und laßt uns zur Heimat eilen, da wollen wir uns, wenn es Zeit dazu ist, länger begrüßen.« Darauf umarmte er Herrn von Bagewitz, trug ihm die freundlichsten Grüße an seine Familie auf und ward dann von allen Männern sorgsam in das Boot geleitet, wo man ihm eine bequeme Lagerstätte herrichtete, die er ohne Zeitverlust einnahm. Jetzt ward das Segel entrollt, das Spriet eingesetzt, das Stagsegel an Ort und Stelle gebracht und jeder nahm seinen ihm zugewiesenen Platz ein. Man hatte nicht mehr Zeit, ein Wort des Abschieds an den Zurückbleibenden zu richten. Der Südwind, der etwas nach Westen herumgegangen war, blähte die Segel auf, und das Boot tanzte lustig über die Wellen, denselben Weg rückwärts verfolgend, den es vorher bei der Herfahrt eingeschlagen hatte. Es war halb drei Uhr morgens, als man Neu-Bassin hinter sich und in den Breeger Bodden hineinsteuerte. Allmählich versanken die Sterne in den lichter gewordenen Himmelsraum, über die grünen Küsten von Wittow dämmerte das Licht des Tages herauf, und nach einer halben Stunde sah man in der Ferne die Häuser von Bausenitz aus dem Meere steigen, als eben der Himmel sich rosenrot färbte und das Binnenmeer mit einem violetten Glanze übergoß. Am Lande war kein Mensch zu sehen, als man ihm näher kam; hier schien noch alles der Ruhe zu pflegen. Man lief an eine hohe Uferstelle an, die der Beobachtung von der See und dem Lande aus ziemlich entzogen war und wo Waldemar allein das Boot verließ, um einen Bauer zu wecken und durch seine Vermittlung einen Wagen zu dingen, denn man hatte beschlossen, daß Magnus, von einem der Spykerschen Diener begleitet, von Bansenitz quer durch die Südspitze Wittows bis an die Ostküste dem Dorfe Schmantewitz gegenüber fahren sollte, wo man ihn wieder an Bord nehmen wollte, nachdem das requirierte Getreide in Bansenitz aufgeladen sein würde. So ungern Waldemar sich von Magnus trennte, so hatte er doch zu diesem Verfahren seine Zustimmung geben müssen, denn bei der Wittower Fähre vorbei, wo er sich wieder melden mußte und sein Boot ohne Zweifel durchsucht wurde, durfte er Magnus, dessen Zustand niemanden ein Geheimnis bleiben konnte, zumal bei hellem Tage, nicht vorbeiführen, und so kam es nur darauf an, einen passenden Wagen und einen Fuhrmann zu finden, der zuverlässig genug war, den Verwundeten an die bezeichnete Küstenstelle zu bringen, ohne ihn der Begegnung mit den Feinden des Landes auszusetzen, die meist um Wiek herum und in dem reichen Dorfe selbst lagen, von denen aber nicht anzunehmen war, daß sie so früh einen Streifzug durch das südlichere Land antreten würden. Das Glück wollte dem umsichtigen Waldemar auch hier wohl. Er fand einen verständigen Landmann, der sich mit Hand und Mund verpflichtete, den Kranken sicher an Ort und Stelle zu führen, wenn er sich dazu verstehen wolle, auf einem Strohwagen Platz zu nehmen. Da das Haus dieses Landmanns sicher und abgelegen genug war, so hielt man es für geraten, Magnus so lange darin ruhen zu lassen, bis die Belastung des Bootes erfolgt wäre, und so befand er sich in weniger als einer halben Stunde unter Dach und Fach. Jetzt aber ging Waldemar rüstig an sein ihm obliegendes Geschäft. Er suchte den Ortsvorsteher auf, und wies ihm seinen schriftlichen Befehl vor. Der Vorsteher, etwas widerhaarig wie alle seine Landsleute, wo es sich um die Erfüllung französischer Befehle handelte, brummte und fluchte; als Waldemar ihm aber vorstellte, daß er selbst kein Franzose sei, wie er sehe, und daß er nur notgedrungen die Befehle eines Mannes, der einmal zu befehlen habe, ausführe, beschwichtigte sich der Zorn desselben und versprach, zu liefern, was in seinen Kräften stehe, aber so rasch werde es nicht gehen, wie der junge Herr erwarte. Damit war Waldemar auch vollkommen zufrieden, zumal er durchaus keine Eile hatte und erst in der nächsten Nacht in Spyker eintreffen wollte. Er kehrte daher in das Haus des Bauers zurück, in dem Magnus verweilte, und bat diesen, geduldig auszuharren, was er auch verhieß, da er bereits wußte, daß er vor Mitternacht nicht in seine Heimat eintreten könne. Nachdem man ein wohlverdientes Frühstück eingenommen, ging Waldemar wieder zu dem Getreidelieferanten, fand aber das Geschäft noch sehr wenig gefördert. Erst nach Mittag traf man Anstalten, den Hafer aus der Umgegend herbeizuschaffen, und so wurde es sieben Uhr abends, bis er auf das Boot verladen war. Jetzt betrieb Waldemar zuerst die Abfahrt seines Freundes, und als er ihn, wohl in Stroh verpackt, auf dem schmalen Landwege langsam nach Osten fahren sah, stieg er in sein Boot und steuerte es der Wittower Fähre zu. Etwa um acht Uhr langten sie daselbst an, wurden gehörig untersucht und bald darauf wieder entlassen. Jetzt, bei stärker gewordenem Winde, der den Tag über ziemlich geruht hatte, segelte man in den herrlichen Abend hinein, der sich über Land und Wasser senkte, fuhr ungehindert an der Camminer Fähre vorbei und segelte etwas nordwärts, um an der bezeichneten Stelle im Breeger Bodden den Bauer mit seiner Strohfuhre zu treffen. Er hatte Wort gehalten und seine kostbare Fracht glücklich an Ort und Stelle gebracht. Bereits wartete er auf das Boot, denn sein Weg war der kürzere gewesen. Waldemars Uhr zeigte einige Minuten nach neun, als er Magnus zwischen den Hafersäcken wohl gebettet sah, und nachdem er den Bauer freigebig belohnt hatte, nahm er zum letzten Mal seine Stelle am Steuerruder ein, um dem Spykerschen See entgegenzufahren. Langsam glitt das schwerbeladene Boot auf den immer stiller und glätter werdenden Fluten dahin; ein leichter Dust, der von der See aufstieg, schwebte allmählich empor und lagerte sich über die vorspringenden, bald spitz ausgezackten, bald wellenförmig gestalteten Ufer, ohne sie ganz zu verhüllen, wodurch sie nur noch schöner erschienen. In malerischen Umrissen ragten so die grünen Gestade wie durch einen Schleier hervor, wenn man das Auge zur Rechten auf die Küste von Rügen wandte, während zur Linken das eintönige Ufer der Schabe, hie und da mit säuselndem Schilfe oder mit braungrünem Riedgras bedeckt, in denen Dommeln und Kraniche ihr Wesen trieben, oft so tief in das Wasser sank, daß man über den schmalen Landstrich hinweg weit auf die schwellende See hinausblicken konnte. Da der Wind wieder sehr schwach geworden war, so hatten die beiden Diener, die als Schiffer tätig waren, ihre Riemen zur Hand genommen und tauchten sie in regelmäßig abgemessenem Schlage in das ruhig fließende Wasser, wodurch ein sanftes Plätschern entstand, das in der Abendstille so lieblich lautet. Außer diesem sanften Geräusch aber und einem dann und wann ausgestoßenen Ächzen eines auffliegenden Vogels war nichts zu hören; vollkommenes Schweigen hüllte die dämmernde Erde und das ruhig wallende Gewässer ein, dessen helle Oberfläche allmählich mit den Schatten der Nacht bedeckt wurde. Waldemar saß unbeweglich am Steuer; von Zeit zu Zeit richtete er einen Blick auf die matt geschwellten Segel, sonst sah er träumerisch vor sich nieder, nur plötzlich stets aus seinem Sinnen auffahrend, wenn eine hör- oder sichtbare Bewegung des schlummernden Freundes ihn befürchten ließ, daß der Schmerz in der Wunde wiederkehre, über den er im Laufe des Tages mehrfach geklagt, da der Arm seiner gewohnten Ruhe und die Wunde selbst der Mittel entbehrte, welche ihr bis jetzt Linderung verschafft hatten. Anderthalb Stunden etwa mochte der Kranke so ziemlich ruhig gelegen haben; als man sich aber der bewaldeten Hügelecke am Ausgange der Schabe näherte, wo die Halbinsel Jasmund ihr bewipfeltes Haupt erhebt, da scheuchte ihn der Gedanke, daß er nun bald in der Heimat sei, aus seiner Ruhe; er richtete sich auf seinen gesunden Arm empor, blickte rings um und rief dann seinen Freund bei Namen. »Waldemar,« sagte er, »wo sind wir?« Ist das schon Jasmund?« »Ja, du siehst es vor dir.« »Gott sei Dank, es wird auch Zeit! O, wie schön die Wälder da in dem milden Abendlichte vor uns aufsteigen, wie die spielende Welle so sanft an die Ufer schlägt – o Waldemar, laß mich Gylfe ihrer würdig finden, wie ihr Bild so lieblich in meiner Seele steht, und du sollst einen glücklichen Menschen in mir sehen, der nicht klagen, nicht unzufrieden sein und die Zukunft nur mit klarem Auge betrachten will.« Waldemar hatte keine Antwort, nur seufzte er, aber so leise wie möglich, um den armen Freund nicht noch mehr aufzuregen. »Was meinst du,« fuhr Magnus fort, »wird sie mir, wenn ich mich ihr entdecke, nach Schweden folgen?« »Willst du denn nach Schweden?« fragte Waldemar erstaunt, da es das erste Mal war, daß er diese Andeutung aus des Freundes Munde vernahm. »Ja, ich habe es mir in diesen Tagen überlegt, wo ich Zeit genug hatte, über mich und meine Verhältnisse nachzudenken. Wenn Gylfe mir folgt, gehe ich bald dahin, ich bin des ewigen und unnützen Kämpfens überdrüssig, wo man keinen Erfolg vor sich sieht, und vielleicht entgehe ich so meinem Schicksal.« »Dem entgeht kein Mensch, hast du mir oft gesagt.« »Das sage ich auch noch, – nur meine ich, die düsteren Bilder, die mich seit einiger Zeit verfolgen und die sich – ich weiß nicht, wie es kommt – alle hier um diese Orte zusammendrängen, als erwarte mich hier die Erfüllung meines Schicksals, werden in die See sinken, wenn ich nach Schweden zu meinem Vater gehe.« »O, ich denke, du hattest eine so große Sehnsucht nach dieser deiner Heimat?« »Die hatte ich wirklich und habe sie auch noch. Aber ach, Waldemar, laß mich dir es bekennen, ich fühle jetzt den Drang dazu: meine Heimat heißt Gylfe, nur wo sie ist und mit mir ist, bin ich zu Hause.« »Eine traurige Heimat!« dachte Waldemar, ohne jedoch seinen Gedanken laut zu äußern. »Kannst du dir meine Gefühle in dieser Richtung vorstellen, Waldemar?« fragte Magnus weiter. »Warum nicht, ach ja! Es muß ein schönes, herrliches Gefühl sein –« »Schöner und herrlicher, als du es dir denkst, aber –« »Was aber?« »Aber um so bitterer, wenn ich darin getäuscht werden sollte.« »Das warte nur ab, du siehst sie ja bald.« »Ich werde sie nicht so bald sehen, wenigstens nicht in der Nahe, denn ich will erst beobachten, ob ihre Liebe und Sehnsucht nach mir in ihrem Benehmen sich ausspricht – warum schaust du so scharf dort hinüber?« »Wir kommen jetzt an die große Wedde – da liegen die kleinen Inseln schon. O, sieh den Sternenhimmel darüber! Ist es nicht, als ob die kleinen und doch so hellfunkelnden Lichtpunkte auch wie kleine Inseln auf dem großen blauen Äthermeere schwimmen?« »Ha, ja, du hast recht! Da ist er, der Stern, der alle Nächte über meines Vaters Hause stand, als wir noch Kinder waren – weißt du es noch? Ach, die Sterne des Himmels verändern sich nicht, aber die Kinder der Erde – sie ändern sich sehr.« »Ich bin mit meiner Veränderung zufrieden,« sagte Waldemar dankbar und mit fester Stimme, »denn ich fühle, daß ich ein Mann geworden bin, und das ist auch ein schönes Gefühl, Magnus.« »Du hast wohl recht, ich glaube es dir. Ach! wenn ich deinen guten Glauben an die Welt und die Menschen hätte!« »Gib ihn dir selber, das ist ein eines Mannes würdiges Werk.« »Das ist leicht gesagt; der Glaube aber wird mit den Gefühlen – denn er ist das schönste, untrüglichste Gefühl – in der Brust des Menschen geboren. Was nicht mit ihm geboren wird, das kann er sich nie geben, selbst wenn er den besten Willen dazu hätte.« »Wenn das richtig ist, so hat der Mensch nur einen schwachen Willen, und das will ich nicht glauben. – Mann, du da vorn, ziehe das Stagsegel ein, es nützt nichts mehr, der Wind geht darüber fort, wir fahren zu tief unterhalb der Waldhöhe – so, nun vorwärts – da taucht schon der Park von Spyker in der Ferne auf.« »Wo, wo ist er?« rief Magnus und richtete sich mit einiger Mühe in die Höhe. »Da, dort – siehst du ihn?« »Ja, ja, ich sehe sogar ein Licht durch die Bäume schimmern.« »Das, brennt in, des wackeren Ahlströms Zimmer und gibt das Zeichen, daß er auf seinem Posten steht. Du wirst aber eine Strecke Weges mit mir zu gehen haben – fühlst du dich kräftig genug dazu?« »Ja, mir wachsen die Kräfte in der Nähe meines väterlichen Herdes wie einst dem Giganten Antacos, obgleich ich weit davon entfernt bin, seine Urkraft zu besitzen.« »Wollen wir nicht an der gewöhnlichen Landungsstelle anlegen?« fragte der Mann, der Waldemar zunächst saß da er sah, daß dieser den Schiffsschnabel in einem weiten Bogen daran herumlenkte. »Nein, wir legen unter der alten Weide am jenseitigen Ufer an. Da steigen wir beide aus und verlassen Euch. Ihr aber erwartet meine Rückkehr, selbst wenn sie sich bis zum Anbruch des Tages verzögern sollte.« Wenige Minuten später war man zu der bezeichneten Weide gelangt, in deren Nähe der gewöhnliche Badeplatz des Gutes lag. Man konnte hier dicht an ein kleines Bohlenwerk anlegen, welches weit in den. See hinaus aufgeschlagen war. Waldemar half Magnus von seinem Lager sich erheben und verschwand mit ihm bald in den Schatten der Bäume, die hier das Ufer dicht umkränzten. Auf engen Pfaden, die ihm alle genau bekannt waren, schritt er nun mit seinem Freunde, den er mit starkem Arme mächtig unterstützte, durch den Park, bis sie in eine düstere Waldung Diese Waldung ist seit langen Jahren in der bezeichneten Gegend verschwunden, da alles Land ringsum urbar gemacht ist und Kornfelder weit und breit bis nach den umliegenden Dörfern sich erstrecken. Nur der Park von Spyker zeigt noch jetzt seine alten Bäume. gelangten, die dicht am Parke begann und zu der verfallenen Ruine führte, innerhalb deren die Mündung des Ganges lag, den man vor langer Zeit tunnelartig durch einen hügeligen und bis an, das Schloß reichenden Waldvorsprung gegraben hatte. »Der alte Wrangel, mein guter Großohm, hat sicher nicht gedacht,« sagte Magnus auf diesem Wege leise, »daß er einem seiner Enkel mit diesem Gange einen so großen Dienst leisten würde.« »Und doch wohl,« erwiderte Waldemar, vorsichtig seine mächtige Stimme dämpfend. »Er hat dies Schloß nach einem langen Kriege erbaut und gewiß aus der Erfahrung gelernt, wie ein tüchtiger Feldherr auch an einen sicheren Rückzug denken muß, wenn er in der Front von einem überlegenen Feinde belagert wird. Und wie bedachtsam hat er gerade diese Richtung gewählt und den bewaldeten Hügel benutzt. Sieh, wie dicht hier das Gestrüpp wird!« In der Tat schritt man letzt durch ein so dichtes Gewirr von Zweigen und verschlungenem Gebüsch, daß man nur selten den sternenbesäeten Nachthimmel darüber wahrnehmen konnte. Nur ein mit der Gegend genau vertrauter Wandrer konnte sich aus diesem Pfade, der eigentlich kein Pfad mehr war, zurecht finden. Weiches, fast einen Fuß dickes Moos wucherte üppig auf dem feuchten Boden, den das fallende Laub jedes Herbstes mit einem noch dichteren Teppich überzog. »Halt,« sagte Waldemar, »dort kommt die Lichtung, wir sind an die Grenze des Totenfeldes von Quoltitz gelangt. Hier an dieser Blutbuche wendet sich der Weg – richtig, da ist er. Jetzt kommen wir in den Ruinenkessel, der in seinem Hintergrunde die alte Tür verbirgt.« Waldemar ließ den Arm seines Freundes los und arbeitete sich kräftig durch das widerstrebende dichte Gebüsch. Magnus folgte ihm, so rasch er vermochte, auf dem Fuße nach. Endlich hatte sich ersterer Bahn gebrochen und tastete an einer Berglehne herum, die mit leichtem Geröll loser Steine und einem Haufen halb vermoderter Blätter bedeckt war. »Ich habe sie,« sagte er flüsternd. »Nun muß ich meinen Schlüssel hervorsuchen.« Einen Augenblick darauf knirschte der alte Schlüssel in dem verrosteten Schlosse und bewegte den schweren Riegel. Mit ganzer Macht stemmte sich Waldemar dagegen, und siehe, sie gab seiner Kraft nach und tat sich laut ächzend nach innen auf. In der Tiefe des hohlen Raumes, der zuerst sichtbar ward, herrschte eine undurchdringliche Finsternis, aber so war es mit dem Kastellan verabredet, um das verräterische Auge eines immer möglichen Spähers nicht durch einen Lichtschein anzulocken. Waldemar drehte sich um und ergriff die Rechte seines Freundes. »Komm,« sagte er, »ich stehe schon auf den gepflasterten Steinen, die Laterne finden wir in der ersten Nische, wenn wir um die Ecke dort gebogen sind.« Magnus trat ihm nach und atmete bald die feuchte, dunstige Luft des lange verschlossenen Ganges ein. Hinter ihm schob Waldemar sogleich einen eisernen Riegel vor und nun wußte er sich vor allen Nachforschungen geborgen. Wenige Schritte brauchten sie nur durch die Finsternis vorzudringen, dann gelangten sie an eine stumpfwinklige Biegung des Gemäuers und gleich darauf sahen sie den falben Schein eines Lichtes das unheimliche Düster des Orts erleuchten. Der Kastellan hatte Wort gehalten und alles ausgeführt, was er mit Waldemar verabredet. Als dieser die Laterne ergriffen und damit in den langen schmalen Gang hineingeleuchtet hatte, stand er plötzlich still, sein Atem stockte, denn er glaubte ein auf sie zukommendes Geräusch vernommen zu haben. Aber er sollte nicht lange in der unangenehmen Spannung verharren. Ein flackerndes Windlicht in der Hand haltend, trat ihnen der alte treue Diener der Brahes entgegen, und als er ihnen ganz nahe gekommen, warf er sich, laut aufschreiend vor Freude, dem Sohne seines Gebieters zu Füßen, umklammerte seine Knie und hieß ihn tausendmal willkommen. Magnus aber, das bleiche Gesicht von einem Freudenstrahl übergossen, hob ihn zu sich empor und drückte ihn fest und innig an seine Brust. »So,« sagte Waldemar, nachdem er einige Augenblicke mit Rührung dieser Begrüßung beigewohnt, »ich habe meine Pflicht getan. Guten Abend, Ahlström, da sind wir. Nun überlasse ich Euch das übrige, Ihr werdet ja wohl an alles gedacht haben.« »An alles, an alles, mein braver Junge. Da, nehmen Sie meinen Arm, Herr Graf, wir werden bald an einem behaglicheren Orte sein.« »Es wird auch Zeit, Ahlström, ich leide starke Schmerzen.« »Gute Nacht,« sagte Waldemar und reichte dem Freunde die Hand. »Bis morgen! Ich gehe zu dem Boote zurück und bringe meine Fracht den französischen Herren, wie es mir aufgetragen ist.« »Gute Nacht, gute Nacht!« riefen die beiden und hatten sich schon von Waldemar entfernt, der ihnen noch eine Weile freudig nachblickte, bevor er den Rückweg antrat, der von keinem Lichte mehr erleuchtet war, da der Kastellan, nachdem er seine Leuchte verlöscht, auch die Laterne mit sich genommen hatte. An den feuchten Wänden vorsichtig entlang tappend, gelangte er bald zur Biegung des Ganges, riegelte die Tür wieder auf, trat ins Freie hinaus, verschloß sie, wühlte die Blätterfülle davor wieder auf und trat dann langsam den Rückweg durch den Wald, den Park, bis zur Weide an, wo er die Diener im Boote seiner harrend fand. Der Spiegel des weiten Sees lag in ruhiger Nachtklarheit da, die Sterne funkelten nur noch matt am Himmel, denn bereits brach der neue Morgen an, so viel Zeit hatte der Weg nach dem verschlossenen Gange, der Aufenthalt darin und der Rückweg in Anspruch genommen. »Übereilen wir uns nicht,« sagte Waldemar zu den treuen Leuten, die jedem seiner Befehle die größte Aufmerksamkeit schenkten, »wir haben Zeit genug, von unserm langen Wachen auszuschlafen. So, nun rudert langsam nach dem Landungsplatz am Schlosse, wir haben unsre Pflicht erfüllt und den Herren Franzosen Futter für ihre Pferde geholt. Ob die Menschen auch Nahrung an unsrer Fracht finden, wird die Folge lehren.« Nach einiger Zeit langte man an dem bezeichneten Punkte an. Waldemar verursachte absichtlich einiges Geräusch, indem er laut zu seinen Leuten sprach und mit den Ketten rasselte, die das Boot an sein Pfahlwerk schlossen. Die Absicht, die er damit verband, wurde auch erreicht, denn es dauerte nicht lange, so kam die Schildwache vom Schlosse her, trat an das Ufer herab und rief den drei Männern ihr »Qui vive?« entgegen. »Georg Forst!« lautete die kräftig gesprochene Antwort. »Wir bringen den Hafer aus Wittow und überlassen ihn Eurer Aufsicht bis zum Morgen. Dann können ihn Eure Leute in die Scheunen tragen, wir sind ermüdet, denn wir haben zwei Nächte nicht geschlafen.« Als die Schildwache die beiden ihr bekannten Diener sah, war sie befriedigt, geleitete Waldemar an das Schloß und öffnete ihm auf sein Geheiß die Tür. Ohne sich weiter aufzuhalten, ging er dann in sein Zimmer, und seine Kleider rasch abwerfend, legte er sich zu Bett, um die Ruhe, die er so wohl verdient, zu genießen, da er den Kastellan erst in späterer Morgenstunde zur Berichterstattung erwartete. Viertes Kapitel. Im Spukturm. Von den Anstrengungen der beiden letzten Tage mehr ermüdet, als er zugestehen mochte, schlief Waldemar am nächsten Morgen ungewöhnlich lange und fest, und selbst das überlaute Geschrei und Gelärm, welches die Franzosen an jedem Morgen hören ließen, wenn sie ihre Pferde auf dem Hofe putzten, dann zum Appell bliesen und endlich zum Exerzieren ritten, war nicht imstande gewesen, ihn aus seinem todesähnlichen Morgenschlafe zu erwecken. Es mochte etwa sieben Uhr sein, als ihn eine Hand am Arme schüttelte und so endlich seiner Ruhe entriß. Er schlug die Augen auf, blickte schnell um sich und fuhr dann verwundert in die Höhe, als er die neue Tagessonne schon hell in das Zimmer scheinen sah. »Na,« sagte der alte Kastellan, der seine Freude an dem beneidenswerten Schlafe gehabt hatte, »das nenne ich schlafen! Deine Gemütsruhe, mein Junge, bewundere ich, denn so dicht vor den Ohren die französische Reveille schmettern zu hören und doch sein Träumen fortzusetzen, das ist eine Seltenheit heutzutage.« »Wenn sie geschmettert haben, Ahlström, so habe ich sie in der Tat nicht gehört – da habt Ihr die Erklärung von meiner Gemütsruhe. Ach, aber nun bin ich wieder auf zwei Tage ausgeruht, und der Tanz kann von neuem beginnen.« »Male den Teufel nicht an die Wand, er kommt von selbst ins Haus geritten, doch fürs erste werden wir ja wohl Ruhe vor ihm haben. »Junge, wie freue ich mich! Er ist darin – drüben im Spukturm, wie ihn die Dummköpfe nennen, und er schläft so fest wie du! Aber, höre mal, seine Wunde gefällt mir nicht. Ich werde heute selbst einen Spaziergang nach Sagard machen und unsern Doktor zu Rate ziehen, der muß einmal, wenn die Franzosen ausgeritten sind, herüberkommen und nach dem Rechten sehen.« »Seid Ihr des Mannes gewiß, daß er Magnus niemanden verrät?« »Wie meiner selbst! Er ist so wenig ein Freund von den Fremden wie du, und wohnt noch dazu in dem Teil des Orts, der dem Grafen gehört, ist also sein Untertan.« »So tut es bald. Wie gefiel Euch Euer junger Herr sonst?« Der Alte machte ein krauses Gesicht »Nicht sonderlich!« sagte er. »Er ist sehr bleich und schien ungemein kraftlos; ich mußte ihn einwickeln wie ein Kind.« »Das macht die lange Fahrt und der schmerzende Arm. Ihr müßt ihn um so besser Pflegen. Das meine ich aber nicht – ich meinte vielmehr den geistigen Ausdruck seines Auges und Gesichts.« »O darin finde ich ihn nicht sehr verändert; er sah ja immer etwas schwärmerischer aus als andere Menschen. Nur die Ähnlichkeit mit seinem Vater hat zugenommen.« »Das ist wahr, ich finde es auch. Doch nun laßt mich aufstehn, und dann schickt mir das Frühstück, ich verspüre einen vortrefflichen Appetit. Später will ich zu Magnus gehen und ihm einen guten Morgen bieten.« »Nicht eher, als bis der Kapitän fortgeritten ist. Doch halt, da fällt mir erst ein, warum ich dich weckte. Mr. de Caillard hat schon zweimal nach dir fragen lassen und dich zu sprechen verlangt.« »Was wird er mir zu sagen haben?« »Er wird sich bedanken wollen, denn artig sind diese Herren, und dir erzählen, daß Mr. Dubois gestern seinen Besuch abgestattet hat.« »Ah, er ist dagewesen? Hat er den Verräter Granzow noch nicht erwischt?« »Nein, dazu hat es noch Zeit. Um neun Uhr aber hat der Kapitän sein Pferd bestellt und will selbst auf die Jagd reiten, die nach Euch auf ganz Jasmund angestellt werden soll. O, wenn die Herren wüßten, daß das Wild, welches sie suchen, in ihrer eigenen Küche speist, was würden sie sagen! Nun halte dich nur in den ersten Tagen hübsch still im Hause, mache nicht das geringste Aufsehen, das scheint Mir das beste, und vor allen Dingen zeige dich den Herren gefällig, wo sie dir Gelegenheit dazu bieten.« »Ja, so weit es sich mit meiner Freundschaft für sie verträgt,« sagte Waldemar bitter lächelnd, »das versteht sich von selbst. Man muß sich in die Verhältnisse schicken, und wir sind gerade nicht die Meister der Lage. Nun gut, geht und laßt Monsieur wissen, daß ich bald bei ihm sein werde.« – Eine halbe Stunde später, nachdem Waldemar sein Frühstück verzehrt, erschien er vor der Tür des Kapitäns, ward gemeldet und gleich darauf eingelassen. »Ah, bon jour, mon ami!« empfing ihn der Franzose, der eben dabei war, seinem geschniegelten Haar und Bart die letzte Ölung zu geben, »da seid Ihr ja. Nun, ich bin Euch zu Dank verpflichtet und spreche ihn hiermit aus. Ihr habt keine Mühe mit dem Hafer gehabt, wie?« »Mühe nicht, nur etwas Geduld war nötig; der Wind war flau und der Bauer langsam, der das Getreide zu liefern hatte, darum bin ich auch so lange ausgeblieben.« »Nun, es geht noch. Mr. Dubois zwar hat bedauert, Euch nicht vorzufinden, er war gestern auf seiner Dienstreise hier und ist von hier nach dem Süden gegangen. Er lobte Euch sehr und trug mir einen Gruß an Euch auf. Hier habt Ihr ihn. Nun aber werdet Ihr wohl mit Ernst an Eure Bewerbung gehen, wie? Welche Dirne ist es denn, der Ihr Euer Herz geschenkt habt?« Waldemar errötete leicht, was der Rolle, die er nun wieder spielen mußte, nicht widersprach, obgleich es aus einem anderen Grunde geschah, als der Kapitän dachte. Er wußte nämlich nicht, für welche von des Kastellans Töchtern er sich in diesem Augenblick entscheiden sollte, da er nicht wissen konnte, was dem Kapitän darüber zufällig zu Ohren gekommen war. »Nun,« fuhr dieser lachend fort, da er in des jungen Mannes Schweigen eine gewisse Verlegenheit zu bemerken glaubte, »Ihr werdet sie doch nicht beide zugleich verehren?« »Nein, Herr Kapitän, ich ziehe die Alheid vor, obgleich, aufrichtig gesagt, Gysela mir gewogener scheint.« »Parbleu, mon ami, das ist ein kritischer Fall. Nun, seht Euch vor, eine von beiden ist Euch also gewiß. Ihr seid glücklich darin. Meinen Leuten gelang es bis jetzt nicht, diese Rotkäppchen zu kirren, denn sie sind verteufelt spröde.« Waldemar machte ein eigentümliches Gesicht. Der Kapitän verstand ihn abermals falsch und versuchte ihn deshalb zu trösten. »Eh bien,« sagte er, »seid nicht eifersüchtig auf uns. Meine Leute haben Weiber genug in der. Umgegend und im Schlosse, ich habe mein eigen Teil, Challier liebt mehr den Wein, als die Frauen, und so bleiben Euch Eure kleinen Schwedinnen allein. Doch nun laßt uns einmal von einer ernsten Sache sprechen. Ihr seid, glaube ich, ein schlauer Bursche, dem man vertrauen kann, schnell bei der Hand, obwohl kurz mit dem Wort. Kennt Ihr die Verhältnisse im Schlosse hier?« »Welche meinen Sie?« »Die, welche den jungen Brahe und die blonde Dame betreffen, die mich so sehr amüsiert.« »Was wollen Sie darüber wissen?« »Macht der Graf Ansprüche auf die junge Dame?« »Das wäre wohl möglich, denke ich.« »Aha! Dann kann ich den Verräter hier am besten strafen. Ich liebe die Dame, das heißt, wie ein Soldat eine Dame unter solchen Verhältnissen zu lieben pflegt. Ich werde sie aber mit mir nehmen, wenn ich Spyker verlasse, dann findet sie der Herr nicht, wenn er wiederkehren sollte.« Waldemar stürzte eine wahre Flammenglut ins Gesicht. »Wird sie denn mit Ihnen gehen?« brachte er beinahe stammelnd hervor. »Warum nicht? Sie glaubt ja, es werde für immer sein.« »Ach so! Und Sie lieben sie nur auf einige Wochen?« Der schwatzhafte Kapitän, dem die ernsthaftesten Dinge auf der Zunge saßen, weil er sie nicht im Herzen trug, zuckte die Achseln. »Wer kann über seine Gefühle so lange vorausbestimmen!« sagte er. »Doch weiter. Unterhält der Graf Verbindungen mit diesem Schlosse? Ist der alte Kastellan vielleicht mit im Bunde?« »Daß ich nicht wüßte, wenigstens spricht nichts dafür.« »So. Nun hört einmal, ich werde Euch freien Spielraum bei Eurer kleinen Amanda lassen, wirkt aber auch einmal ein wenig für mich bei ihr. Horcht sie mal aus, was man hier von dem Verhältnis denkt. Was Ihr erfahrt, erfahre ich wieder. Ihr versteht mich?« »Ich verstehe.« »So, nun könnt Ihr gehen. Doch noch eins. – Was hat es mit jenem Turm dort, der immer verschlossen ist, für eine Bewandtnis? Spukt es wirklich darin?« Waldemar schauerte unwillkürlich zusammen. Der Kapitän sah in dieser Bewegung etwas ganz Natürliches und sagte etwas leise: »Also wirklich?« »Ja, Herr, es spukt wirklich darin,« fuhr Waldemar mit flüsterndem Tone fort. »In dem Turme haben früher Gefangene gesessen, so viel ich weiß, und Blut hat die Wände der Zimmer bespritzt. Was darin vorgefallen ist, weiß eigentlich kein Mensch, aber es muß schrecklich sein, denn als der General Wrangel tot war, hat sein Nachfolger in diesem Besitz die Türen vermauern lassen, und niemand hat je wieder seinen Fuß hineingesetzt.« »Also es ist wahr, was man davon erzählt?« »Ich weiß es nicht anders, und ich selbst würde es nicht wagen, ihm in nächtlicher Stunde zu nahe zu kommen.« Der Kapitän schlug ein Kreuz und blickte aus dem Fenster. »Es ist gut,« sagte er, »daß ich so weit davon und fast auf der entgegengesetzten Seite wohne. Nun, mir wird dieser Spuk nichts anhaben. Jetzt könnt Ihr gehen. Vergeßt nicht meinen Auftrag, wenn ich etwas von Euch verlange, werde ich Euch rufen lassen.« Der Kapitän machte eine vornehme Bewegung mit der Hand, Waldemar verbeugte und entfernte sich dann. Bald darauf sah er den Offizier zu Pferde steigen und mit seinen Ordonnanzen dem Osten zureiten, um die Jagd auf den Grafen Brahe abzuhalten, jedoch unterließ er vorm Abreiten vom Hofe nicht, nach den Fenstern des Schlosses hinauszuspähen, wo Gylfe vielleicht sichtbar war, und dann einen schüchternen Blick nach dem Spukturm emporzuwerfen, der heute wie alle Tage verlassen und öde dalag und die Augen seiner dicken Mauern geschlossen hielt, als lebte wirklich kein menschliches Wesen« in ihm und als wären die Türen, die zu ihm führten, bis auf die letzte Spalte vermauert. Diese Türen aber waren in der Tat nicht vermauert, obwohl auf eine sehr künstliche Weise verborgen. Denn außer dem geheimen Gänge, den wir in der vergangenen Nacht betraten und der am Fuße der eisernen Wendeltreppe, die durch, alle Stockwerke bis zur Dachkuppel des Turmes führte, in einer Nische mündeten, die nur durch den Druck einer verborgenen Feder zu öffnen war, gab es noch einen anderen Eingang, und dieser führte von dem jetzigen Schlafzimmer des Kastellans hinauf und zwar ebenfalls durch eine nur künstlich zu öffnende und hinter seinem Bettgang verborgene Tür. Durch diese begaben sich der Kastellan und Waldemar nachdem letzterer dem ersteren über das Vernommene getreulich Bericht abgestattet, in den geheimnisvollen Turm, um Magnus Brahe zu begrüßen und ihm einige Stunden Gesellschaft zu leisten. Der Kastellan hatte dem Kranken das Zimmer im obersten Stockwerk eingeräumt, weil er es für den beabsichtigten Zweck am geeignetsten hielt. Es war ein rundes, der Form des Turmes entsprechendes Gemach, aber etwas eng, indem die dicken Umfangsmauern seinen Raum bedeutend beschränkten. Die Decke war im Spitzenbogenstil gewölbt, sehr hoch und das Ganze durch ein ziemlich breites Fenster mäßig erleuchtet. Gegenwärtig aber war durch den herabgelassenen weißen Vorhang das einfallende Licht noch mehr gedämpft. Abends wurden vor diesem Vorhang noch zwei dunkle Gardinen gezogen, damit der Schimmer der brennenden Lampe von außen nicht wahrgenommen werden könne. Die Wände waren bis zur Decke mit braungebeiztem Eichenholz getäfelt und als einzige Zierde hing an der Wand, wenn man eintrat, zur Linken, ein lebensgroßes Ölbild, den General Wrangel zu Pferde vorstellend, wie er den Feldherrnstab schwingt und die Schweden zur Schlacht gegen die Österreicher kommandiert. Diesem Bilde gegenüber stand in einer Vertiefung der Mauer ein Bett, welches dunkelgrüne Seidenvorhänge schlossen. Am Fenster zur Rechten stand ein eichener Schreibtisch von mittelalterlicher Form, davor ein schön geschnitzter Lehnstuhl und unter dem Bilde eine bequeme Ottomane. Einen Kamin besaß dieses Turmzimmer nicht, da es früher wahrscheinlich nur als sommerliches Arbeitszimmer vom Schloßgebieter benutzt worden war. In Bezug auf die Aussicht, die man aus dem Fenster genoß, mochte sich Wohl kein zweites Zimmer im ganzen Schlosse finden lassen, das einem gern ins Weite schweifenden Geiste einen größeren und schöneren Spielraum gewährt hätte. Unter sich hatte man den halben Schloßhof, nach Norden und Osten den sich daran schließenden Park mit herrlichen Bäumen und weiter hinaus die Waldung, die je ferner, um so dichter und höher am Horizont emporstieg, bis sie zur Linken der Felsen von Stubbenkammer und zur Rechten von Sassnitz ihr Ende erreichte. Darüber hinaus wogte in unabsehbarer Weite das tiefblaue Meer, im fernsten Osten mit den Wolken des Himmels zu einem unzertrennlichen Ganzen verschmelzend. Nach Norden hin lag dagegen die Schabe und die Tromper Wiek vor den Augen des Schauenden; Arcona mit seinem gelben abschüssigen Ufer spiegelte sich düster im Wasser ab und darüber hinaus funkelte das Meer im Morgensonnenschein, bis das Auge auf der Wasserwüste jeden Anhaltspunkt verlor, noch lange bevor es die Küsten von Schweden erreicht hatte. Als die beiden Männer bei dem Grafen Brahe eintraten, fanden sie ihn am Fenster stehen und mit sehnsuchtsvollem Auge die eben geschilderte Ferne durchstreifen. Alles vor ihm glitzerte und schimmerte im vollen Sonnenlichte und das junge grüne Laub des unermeßlichen Waldes hatte in der ätherblauen Juniluft eine Farbe und einen Glanz angenommen, der auch ein so bedrücktes Herz, wie das seine, mit Wonne erfüllen mußte. Das einzige, was ihn bisweilen störte, war das Gekrächz der Dohlenscharen, die mit ihrem schwarzen Fittig um die Kuppel des alten Turmes kreisten, als wäre er allein der Mittelpunkt ihres ganzen Strebens und Behagens. Wider Erwarten fand Waldemar den Freund in erträglicher Stimmung; die Sehnsucht nach der Heimat, nach dem Sitze seiner Väter, war gestillt, und als er den Frieden und die Stille empfunden hatte, die wohltätig auf der ganzen Landschaft ruhten, konnte er es kaum für möglich halten, daß sich unter dieser milden Oberfläche Dinge und Ereignisse verbargen, die ihn nun schon so lange beunruhigten und quälten. Mit herzlichem Händedruck hieß er die Freunde willkommen, legte ihnen tausend Fragen vor und bat sie vor allen Dingen, ihn nicht zu lange allein zu lassen, sondern ihm abwechselnd so viel wie möglich Gesellschaft zu leisten. »So oft wir können, werden wir kommen,« erwiderte der Kastellan, »aber wir, wenigstens ich, werden öfter an unsere Pflicht da unten gebunden sein, als uns lieb ist. Wenn jedoch Mutter Heylike, oder Gysela und Alheid Ihr Zimmer betreten dürfen, so kann ich Gesellschaft genug versprechen, denn eines von uns allen wird doch in der Regel zu haben sein.« »Sie werden mir alle drei sehr angenehm sein, Ahlström, und die versprochenen Bücher bitte ich mir auch bald aus.« »Gysela soll sie Ihnen nachher bringen, ich werde sogleich selbst dafür sorgen.« »Habt Ihr schon daran gedacht, wie Ihr mir den Arzt aus Sagard verschaffen könnt?« »Ja, Herr, ja, daran haben wir sehr eifrig gedacht. Noch diesen Morgen wird Mutter Heylike krank werden und sich zu Bett legen. Heute nachmittag werde ich einen Boten nach Sagard senden und den Doktor auf die Morgenstunde des nächsten Tages bestellen lassen. So lange freilich müssen wir allein die Sorge für den kranken Arm übernehmen.« Nach einiger Zeit stieg der alte Ahlström wieder die Wendeltreppe hinab und beauftragte Gysela, in den ersten Stunden des Nachmittags sich bereit zu halten, dem Grafen Gesellschaft zu leisten, bis zu welcher Zeit Waldemar bei ihm bleiben würde. Als er diese Bestellung ausgerichtet, ging er seinen Geschäften nach, die zu dieser Zeit mannigfach genug waren, denn nicht allein die Einquartierung, sondern auch die Verwaltung des großen Gutes nahm seine ganze Tätigkeit in Anspruch. Lassen wir nun Waldemar oben dem Kranken Gesellschaft leisten und wenden wir uns unterdeß zu einer anderen Bewohnerin des Schlosses, die nicht minder unsere Aufmerksamkeit an diesem Tage in Anspruch nimmt. Gylfe hatte, nachdem sie sich am Abend vorher von Waldemar getrennt, eine unruhige Nacht zugebracht, was in ihrem bis jetzt wolkenlosen Leben eine große Seltenheit war. Wie sie die plötzliche und unerwartete Erscheinung Waldemars, den man sich in Spyker eigentlich nie ohne den Sohn des Hauses denken konnte, schon erschreckt hatte, so war sie durch sein seltsam ernstes, frostiges und zurückhaltendes Benehmen fast noch mehr eingeschüchtert worden. Daß sein geheimnisvolles Verweilen in Spyker und die Annahme eines fremden Namens etwas Ernstes bedeute, war ihr gleich beim ersten Zusammensein mit ihm klar geworden. Allerdings hatte ihr am nächsten Morgen der Besuch Dubois' den Schleier von diesem Rätsel um einiges gelüftet, allein der Grund, warum er gerade Spyker in der jetzigen Zeit zum Aufenthalt gewählt, war ihr dadurch nicht aufgeschlossen worden. Und nun diese unbewegliche Miene, dieses durchdringende vorwurfsvolle Auge, mit dem er sie angeschaut, was sollte das alles sagen? Hatten diese Augen schon auf den Grund ihrer Seele geblickt, noch ehe seine Hand mit der ihrigen in Berührung gekommen war? Wollte er sich nur von der Wahrheit dessen überzeugen, was das Gerücht vielleicht von ihr in die Ferne getragen, sollte seine Strenge sie züchtigen für die Leichtigkeit, mit der sie dem fremden Manne Eingang in ihrer Herz gewährt? Beim Nachdenken über alle diese Geheimnisse war es sehr natürlich, daß Gylfe sich klar zu machen versuchte, in wieweit das letztere wirklich der Fall war. Ja, sie konnte es sich nicht leugnen, der galante, geschmeidige Offizier war der Mann, der alle Eigenschaften und Fähigkeiten besaß, ihre ganze Seele auszufüllen, wenn er mit seiner anscheinenden, aber nur langsam fortschreitenden Bewerbung Ernst machte. Gerade einen solchen Mann ersehnte ihr Herz, denn nach einem gediegeneren trug ihr leichter Sinn kein Verlangen. Konnte denn auch ein Mann liebenswürdiger, zarter, aufmerksamer sein, als dieser im Äußern so ehrenhaft erscheinende Kavalier es wenigstens bisweilen war? Tat er nicht alles, was er ihr an den Augen absehen konnte, um ihr eine Freude zu bereiten? Hatte er ihr nicht reizende französische Bücher gegeben, die ihr leicht bewegliches Blut in Flammen setzten, nicht duftendes Papier von einer Glätte und Feinheit nebst bemalten Federn geschenkt, wie sie ähnliche noch nie im Leben in Händen gehabt? Hatte er ihr nicht endlich einen ganzen Vorrat köstlicher Essenzen verehrt, die bereits das ganze Haus in Duftwolken hüllten, ganz allein um ihren Schönheitssinn, der sich auf alle solche süßlichen Kleinigkeiten erstreckte, zu spornen, zu befriedigen? O und wie angenehm war seine Unterhaltung, wenn er bei ihr am Fenster des Tafelzimmers saß und mit träumerischer Sehnsucht von seinem schönen Frankreich sprach, oder wenn er mit ihr durch den Forst jagte und von seinen Kriegstaten unter dem großen Napoleon erzählte, oder gar, wenn er sie, was er schon seit Wochen tat, in seiner herrlichen Sprache unterrichtete und dann mit den französischen Schriftstellern bekannt machte, die jeden matt glimmenden Funken ihrer Seele zur hellen Flamme anschürten? Konnte sie anders als einen solchen Mann lieben, der ganz das Gegenteil von dem düsteren, still schwermütigen Magnus Brahe war, der sie schon als Knabe mit seiner Neigung verfolgt und in die Mysterien eines unheilvollen Aberglaubens hatte einweihen wollen? Nein, dieser Mann, dieser ritterliche Franzose, dieser Held, wenn er nur redete, wieviel mehr nicht, wenn er das Schwert in die Hand nahm, entsprach ganz dem Ideal, daß sich in ihrem Geiste erzeugt hatte, und wie sollte sie zweifeln, daß er fühle wie sie, da er ihr oft genug, verhüllt und unverhüllt, die Neigung aufgedeckt hatte, die in seinem Innern für sie glühte? Und selbst wenn er mit Worten noch zurückhaltend gewesen war, hatten seine sprühenden Augen nicht verständlich genug gesprochen? Hatte seine Hand, wenn er die ihrige oder irgend einen Teil ihrer Kleidung zufällig berührt, nicht unter dieser Berührung gezittert und sie dadurch fühlen lassen, daß sein Herz, seine Seele dabei von den heiligsten Bewegungen erschüttert war? Ach, Gylfe, sagen wir, das alles mochte wohl sein, aber du warst ein leichtsinniges, unklares, flatterhaftes Wesen, du kanntest nicht die Männer, am wenigsten jene Männer, die damals Europa mit ihrem Hasse und ihrer Liebe zugleich überschwemmten, du nahmst Galanterie für Liebe, Hang zum Vergnügen für edle Leidenschaft, Äußeres für Inneres, Oberflächliches für Tiefes, du wußtest noch nicht, daß Männer dieser Art, wenn sie werben, das heißt, wenn sie sich bemühen, sich selbst zu verschönen und zu veredeln, wenn sie Engel zu sein vorgeben, alles Menschliche, Schwächliche an sich mit einem künstlichen Schleier verhüllen, bis sie plötzlich, wenn sie so glücklich sind, ihre Absicht zu erreichen, ihrem Ziele nahezukommen, das Dämonische hervorkehren, das die Natur leider auch mit vielem Guten in ihre Seele gepflanzt hat. Wenn wir unserer Neigung, das schöne Geschlecht stets in seiner besten Gestalt zu zeigen, hier folgen wollten, würden wir Gylfe noch mehr in Schutz nehmen, als wir mit dieser Erklärung tun, aber leider können wir es nicht. Sie gehörte zu den Frauen, die, indem sie, ohne es zu wissen, betrügen, auch selbst betrogen sein wollen, weil sie es nicht der Mühe wert halten, zu denken, zu überlegen, d.\ h. den Verstand zu Rate zu ziehen; ja, wenn sie noch ein wirkliches weibliches Gefühl gehabt hätte, wo sie nur an einer dunklen krankhaften Empfindung litt, könnten wir sie entschuldigen, aber leider hatte sie keine wahrhaften Gefühle, und alles, was sie erstrebte, begehrte, war die Befriedigung einer augenblicklichen Laune, die Sättigung eines leidenschaftlich sich ergießenden Triebes, sich zu ergänzen, zu unterhalten und die öden Tage einer peinvollen Langenweile sich verkürzen und versüßen zu lassen. Als Gylfe nun in der erwähnten Nacht unruhig und schlaflos auf ihren Kissen lag, fiel ihr immer wieder und wieder Waldemar ein, und sie zerbrach sich den Kopf, den Grund und die Absicht zu entdecken, die ihn in ihre Nähe geführt. »O, er hat gewiß noch mehr zu sagen, als er bisher gesagt, das verriet ja sein ganzes geheimnisvolles, verschlossenes Wesen.« Aber da kam ihr leichter Sinn der aufgeregten Begierde zu Hülfe: »Was sinne und sorge und grüble ich,« sagte sie sich. »Will er etwas von mir, so wird er schon kommen, und endlich werde ich ihn doch bezwingen, mir sein Geheimnis zu verraten, wenn er eins hat.« Mit diesem Gedanken beruhigte sie sich zuletzt, und schlief auch bald darauf ein. Und als nun gar am nächsten Morgen die goldene Sonne am Himmel stand, die Vögel so lustig wie immer in den Gebüschen sangen, der See ihr reizendes Bild noch ebenso schön wiederspiegelte und der Gefürchtete, der wie eine Wolke vor ihre sonnige Gegenwart getreten, verschwunden war, da waren auch alle Sorgen gewichen, die Dämmerung ihrer Seele war vom Morgenwinde der Hoffnung weggeblasen, und abermals tagte glänzend die Zukunft vor ihr auf. Mit einer wahren Leidenschaft hatte sie sich an diesem Tage dem Kapitän genähert, gleichsam als bedürfe sie seiner, um sich wie schwacher Efeu an eine starke Eiche zu schmiegen – und doch, wie seltsam! Gerade an diesem Tage hatte sie zum ersten Mal die dunkle Ahnung,, daß dieser François Caillard die starke Eiche nicht sei, die sie suchte. Er war zerstreuter denn je, wortkarger als früher, zwar nicht weniger höflich, aber doch kürzer an Worten und Redensarten, als sonst. Befragt, was ihn drücke, entschuldigte er sich mit dienstlichen Unannehmlichkeiten, sprach von einer Umquartierung, von notwendig werdenden Märschen und Übungen. Und warum das? Fühlte er selbst nicht mehr Trieb und Lust in sich, die Komödie, die er auf Spyker spielte, länger fortzusetzen? Hatte ihn eine andere Leidenschaft ergriffen, fröstelte ihn das alte Spyker unheimlich mit seinen Schatten und dicken Mauern an? Vielleicht war von diesem Allen etwas vorhanden, vielleicht hatte der Besuch dieses Georg Forst einen unbestimmten Verdacht in ihm erregt, vielleicht fürchtete er die Rache eines Edelmanns, des Grafen Brahe, wenn er seine Aufführung und Bewerbung um die schöne Schwedentochter in Spyker erführe. Wie dem nun sein mochte, auch Kapitän Caillard fühlte sich an diesem Tage nicht wohl, allein auch ihn leitete sein Leichtsinn über die Kluft hinweg, am Morgen nach dem Tage war es vergessen, was ihn drückte. Gylfe lächelte so holdselig wie immer, die Weine des Grafen mundeten ihm so köstlich wie sonst, und die Küche des Kastellans ließ nichts zu wünschen übrig. Also wozu nachdenken, erwägen, Besorgnis hegen? Lustig en avant , den Augenblick genossen und vor allen Dingen den Krieger im kleinen gespielt, da es nicht im großen ging, und diesen Brahe verfolgt, um ihn – das war sein bestimmter Vorsatz – lebendig oder tot den Gerichten zu überliefern, die ihn, das wußte er ziemlich gewiß, nach dem, was er verbrochen, wenn es ihm bewiesen werden konnte, mit dem Tode bestrafen würden. So ritt er fort, und so kehrte er nachmittags um drei Uhr mit einem ganzen Schwarme Kameraden, die er zur Tafel nach Spyker eingeladen, nach dem Schlosse zurück, freilich, ohne die Verfolgten entdeckt zu haben, aber doch in der Hoffnung, daß morgen gelingen könne, was heute nicht gelungen war. Da saßen denn die betreßten Herren in dem alten Speisesaale der Grafen Wrangel und Brahe, da saßen und zechten sie, da sangen sie so laut und so übermütige Lieder, daß alle Frauen des Hauses sich verbargen, während der Erbe des Schlosses, das sie verwüsteten, ein ungesehener Zeuge dieser Orgie war und in seinem Herzen Rache gelobte an den Feinden seines Vaterlandes, die nun auch Feinde seines Hauses, seiner Person geworden waren. – Gylfe hatte Waldemar, seitdem sie seine Rückkehr in der Nacht erfahren, den ganzen folgenden Morgen bei sich erwartete, indem sie hoffte, er werde ihr endlich den herkömmlichen Besuch abstatten, mit ihr über alle Dinge reden, die ihr so sehr am Herzen lagen, und es werde ihr dabei gelingen, den starren Sinn des ehemaligen Gefährten durch die ihr zu Gebote stehenden Mittel zu sänftigen, um so schließlich, nachdem sie ihn für sich gewonnen, von ihm das zu erfahren, was sie zu wissen so sehr begehrte. Ja, sie war sogar der Meinung, auch Waldemar müsse den Augenblick herbeisehnen, mit ihr, aufs Reine zu kommen, mit ihr sich von Herzen auszusprechen, und deshalb werde er sie in ihrem eigenen Zimmer aufsuchen, wo sie am ungestörtesten miteinander plaudern konnten. So wartete sie denn mit großer Geduld bis um zehn Uhr auf ihn; als er aber bis zu dieser Zeit nicht kam, wurde sie etwas unruhig, fügte ihrem reizenden Morgenkleide noch einige Bänder hinzu, von deren Farbe und Pracht sie sich eine große Wirkung auf den alten Freund versprach, und stieg dann in die Wohnung des Kastellans hinab, um ihm dort gleichsam zufällig zu begegnen. Als sie ihn aber auch da nicht traf und niemanden nach ihm fragen mochte, lief sie in den Park und suchte ihn dort an allen den Plätzen auf, die er früher mit ihr und Magnus so gern betreten hatte. Aber auch da war ihr Suchen und Harren vergebens. Unwillig wandte sie sich zum Schlosse zurück, ging vor Waldemars Fenster mit stolzen Schritten auf und nieder und dachte ihn auf diese Weise endlich herauszulocken. Als er auch da nicht erschien, erreichte ihr Zorn seine höchste Höhe. Wie sie sich dem unhöflichen Menschen, wie sie ihn jetzt nannte, bisher genähert, so beschloß sie nun, sich von ihm zu entfernen, um ihn dafür, daß er sie so gänzlich vernachlässigt, zu bestrafen. Eine Stunde später endlich war sie am Wendepunkte ihrer Laune angelangt, denn als sie zu der Überzeugung gekommen, Waldemar habe ihr überhaupt nichts Wichtiges mitzuteilen, da er sie sonst wohl aufgesucht haben würde, fing sie an, ihn zu vergessen, und als nun der Gedanke an ihn sie nicht mehr beschäftigte, fiel ihr plötzlich ein, daß sich überhaupt niemand um sie bekümmere, und ein Gefühl des Alleinseins und der Langeweile ergriff sie, wie sie es lange nicht empfunden hatte. Mit dieser Empfindung verband sich der Trieb, Zerstreuung zu suchen, und so rief sie Gysela herbei und bat sie schmollend, ihr beim Umkleiden zu helfen, was diese alle Tage tat. Sie wählte ihr Reitkleid, ließ, als die kokette Toilette beendet, ihr Pferd satteln und ritt in den Wald, um dort vielleicht jemanden zu treffen, der weniger Bauer und mehr galanter Mann war, als dieser junge Mensch, der, man sage was man wolle, trotz des ihm aufgedrungenen Firnisses der Bildung, immer nur ein Mann sei, dem man sein Herkommen an der Nase ansehe und der die Sitten und Gewohnheiten nicht verleugnen könne, die er mit der Muttermilch eingesogen habe. Wenn Gylfe den Weg nach Sagard zufällig einschlug, so war ihr das Glück in einer Beziehung wenigstens wohlgesinnt, denn in der Nähe von Bobbin begegnete ihr Kapitän Caillard mit sämtlichen Offizieren seiner Eskadron, die er zum Schmause in dem Schlosse, worin er als unumschränkter Herrscher über Küche und Keller gebot, aus dem Stegreif eingeladen hatte. Was die fremden Herren anbelangt, so überschütteten sie die schöne Diana von Spyker, wie sie sie nannten, mit den süßesten Schmeicheleien; die also Gefeierte selbst aber, sich hoch beglückt fühlend, von einem so großen Schwarme glänzender Kavaliere umgeben zu sein, kehrte, reizender denn je in ihrer Liebenswürdigkeit und unübertrefflich an Laune, mit ihnen nach dem Schlosse zurück. So hatte sie sehr bald nicht nur alle Sorgen der Welt, sondern auch die Grafen Brahe, Vater und Sohn, also gewiß auch den gestrengen Waldemar Granzow vergessen, der so wenig verdiente, wie einer, der Gegenstand ihres kostbaren Nachdenkens zu sein. Lachend und Worte um Worte tauschend, ritt sie mit der überlauten Gesellschaft in den Spykerschen Hof ein, und als sie scherzend vom Pferde stieg, wo ein Dutzend hilfreicher Hände ihr zu Gebote stand, ahnte sie nicht, daß das gespensterhaft bleiche Gesicht des heimlichen Bewohners des Spukturmes auf sie und ihr Treiben niedersah, und daß dieser traurige Bewohner selbst dabei fühlte, daß zu der Wunde, die ihm der Feind geschlagen, noch die viel größere gekommen sei, die seine Freundin ihm im Herzen aufgerissen. Diese Wunde aber war noch lange nicht so tief und schmerzhaft, als sie im Laufe dieses Tages zu werden bestimmt war, denn zu dem Gifte, welches bereits in sie geflossen, sollte bald noch ein tödlicheres geträufelt werden. Gysela nämlich war, wie wir wissen, von ihrem Vater angewiesen worden, am Nachmittage dem Grafen einige Stunden Gesellschaft zu leisten, während Gylfe allein in ihrem Zimmer saß und vor ihrem Klavier sehnsüchtige Klagelieder erschallen ließ, Alheid aber am Bette der Mutter Platz genommen hatte, um ihr etwas vorzulesen, da die notwendige Komödie ihrer Krankheit bereits eingeleitet war. Gysela, also nahm verschiedene Bücher unter den Arm, die der Graf aus der Bibliothek seines Vaters erbeten hatte, und stieg aus des Kastellans Schlafzimmer die geheime Treppe hinauf, die in den Spukturm führte – Gysela, die Mitwisserin aller Gedanken und Wünsche Gylfes, ihre Gefährtin bei Tag und Nacht, ihre Zofe und Gesellschafterin in einer Person. O, wie bald hatte der bleiche Bewohner des Turmes alle diese Verhältnisse ergründet, nachdem er das Gespräch auf das Mädchen seiner Liebe zu lenken gewußt! Wie bald hatte Gysela, ohne Ahnung, was und wem sie es sage, alles enthüllt, was Magnus ihr klüglich zu entlocken verstand, denn sie war kein plauderhaftes, böswilliges Mädchen, das damit der Dame des Hauses Schaden zufügen, wollte, nein, sie war nur ein offenes, ungekünsteltes Naturkind, das jeder ernsten Frage zugänglich, jedem Wunsche des verehrten Herrn zu genügen sich für verpflichtet hielt. So war es denn kein Wunder, daß Gylfes Leben und Treiben, ihre Neigungen und Bestrebungen in kurzer Zeit offen vor den erstaunten Augen Magnus Brahes ausgebreitet lagen und daß der gute Doktor Piper aus Sagard, als er am nächsten Morgen kam, ins Vertrauen gezogen und in den Turm geführt ward, einen viel kränkeren Patienten vorfand, als man ihm denselben geschildert hatte. Die Wunde zwar flöste ihm keine große Kümmernis ein, – das werde, sich bald machen lassen, sagte er, – aber das Fieber des Kranken, das ihm heiß aus den Augen sah, als wäre seine ganze Seele davon entzündet, das krampfhafte Spiel seiner zerrütteten Mienen, die gebrochene Kraft, die aus den eingefallenen Wangen sprach, alles das waren Symptome, die den wackeren Mann in Wahrheit besorgt machten. Diese Besorgnis sprach sich auch verständlich genug in seinem Schweigen aus, als er mit Waldemar wieder zu dem Kastellan hinabgestiegen war und in dem kleinen Kreise der mit allen Vorgängen vertrauten Familie saß. »Nun, was sagen Sie, Herr Doktor?« fragte ihn der bestürzte Freund, der das Ungewitter der Bedenklichkeit über des Arztes Stirn ziehen sah und unter allen Umständen über den Zustand des Grafen aufgeklärt sein wollte. »Was soll ich sagen,« lautete die Antwort, die mit Achselzucken und einer gewissen Bewegung der Hände gegeben wurde, »ich sehe ihn heute zum ersten Mal und da kann man sich leicht täuschen. – Hat er schon früher an der Brust gelitten?« »Wie? Leidet er denn an der Brust?« fragte Waldemar mit der Miene heftigen Erschreckens. »Davon weiß ich ja gar nichts.« »Lieber Granzow,« unterwies ihn der ehrliche Landarzt, »Sie wissen manches nicht. Aber daß es mit dem Sohne und Erben des Besitzers dieses Hauses nicht zum Besten steht, daß er wahrscheinlich ein tiefes organisches Brustleiden hat, das glaube ich bestimmt annehmen zu können, ohne eine Meile weit von der Wahrheit entfernt zu sein.« »Nein!« rief Waldemar, entflammt von einem neu in ihm auftauchenden Schmerz, »nein, Sie irren sich doch! Dies Übel liegt gar nicht in der Braheschen Familie!« »So,« sagte der in seiner Wissenschaft gekränkte Doktor Piper, drückte seine silberne Brille mit den großen runden Gläsern fest auf die Nase und klopfte mit der andern Hand dem jungen Manne vertraulich auf die Schulter, »nicht wahr, Sie sind ein Seemann, wie es Ihr guter Vater ist, den ich so herzlich lieb habe. Nicht?« »Ja, Herr Doktor, das bin ich.« »Nun wohl, so wissen Sie es besser als ich, was ein Bram- und ein Klüversegel, eine Deining und eine Sturzwelle, ein stehendes oder ein laufendes Tau ist – ich aber, das sage ich Ihnen, bin ein Arzt und so weiß ich besser als Sie – muß es besser wissen, was eine Lungen- und eine Leberkrankheit, was eine Gehirn- und was eine Bauchaffektion ist. He! Haben Sie mich verstanden?« »Ja, ja, und doch sind Sie im Irrtum!« Der Arzt in seinem wissenschaftlichen Selbstgefühle tief verwundet, was bei den Dienern Äskulaps einer allgemeinen, Niederlage gleichkommt, richtete sich zu seiner ganzen Höhe auf, die nicht eben besonders hoch war, und schaute Waldemar so vorwurfsvoll und verwundert an, als ob ihm der Verstand still stände, wobei sich allmählich sein Mund weit öffnete und seine drohenden Augen vom Kastellan auf dessen Frau und wieder zurückliefen. »Sie sind im Irrtum,« fuhr Waldemar immer erregter fort, »denn Sie wissen, wenn Sie auch viel wissen, doch bei weitem nicht alles, wie ja kein Mensch alles weiß. Graf Brahe ist nicht lungenkrank, vielmehr ist er herzkrank, denn in diesem seinen Herzen, Mann, da steckt die gefährlichste Kugel, die der böse Feind auf ihn abgeschossen hat.« »Bah!« machte der Arzt und fing an, im stillen an einen doch Wohl möglichen Irrtum zu denken. »Ja, wenn das ist,« sagte er, mit dem Kopfe bedeutsam nickend, »so wäre es allerdings ein schon dagewesener Fall und das ist eine verteufelte Krankheit, die aller Welt Weisheit und Wissenschaft spottet. Aber wer, zum Satan, ist die vermaledeite Hexe, die diesen Nimrod mit ihren Pfeilen verwundet hat?« In diesem Augenblick ging die Tür auf und Gylfe, in rauschende Seide gehüllt, hüpfte knixend und lächelnd mit fliegenden Locken ins Zimmer herein, um sich nach dem Befinden der Mutter Heylike zu erkundigen. Alles schwieg, aber aller Augen waren wie durch einen geheimnisvollen Antrieb auf ihr verwundertes Gesicht und die seltsame Geberde gerichtet, die sie blicken ließ, als sie den versammelten Hausrat vor sich sah. Der Arzt wollte sich hochachtungsvoll verbeugen, allein er vergaß es. Denn Waldemars Gesicht wurde plötzlich finster wie die Nacht und seine Augen schössen Blitze, die unheimlich auf der Person wurzelten, die zu so ungelegener Zeit das wichtige Gespräch unterbrach. Jetzt erst gingen dem Doktor über manches die Augen auf, was er bisher noch nicht gesehen und gewußt, obwohl er sich erinnerte, hie und da schon ein gewisses Flüstern über dies und das im Spykerschen Schlosse gehört zu haben, und er beeilte sich, nachdem er schnell die notwendigsten Ratschläge erteilt, ganz kleinlaut sein altes Pferd zu besteigen, um, in tiefes Nachsinnen über die bodenlose Wissenschaft des Menschen versunken, nach Hause, zu reiten. Fünftes Kapitel. Die Erbin von Bakewitz und die Einquartierung. Verlassen wir jetzt auf einige Zeit Schloß Spyker und seine heimlichen und offenkundigen Bewohner, und wenden wir uns wieder nach dem Kiekhause auf der Anhöhe bei Sassnitz zurück, wo während unsrer Abwesenheit mancherlei vorgefallen war, was der Leser notwendig wissen muß. Das friedliche Stilleben, während die ganze Umgegend von feindlicher Einquartierung und kriegerischer Tätigkeit erfüllt war, hatte nach Waldemars Abreise auch bald in diesem abgelegenen Hause aufgehört, denn wenige Tage nach dem unverhofften und um so erfreulicheren Besuche brachte das Gerücht von Bergen herüber die alle Welt erschütternde Nachricht, daß Graf Magnus Brahe verwundet aus Stralsund entflohen sei und zwar mit Hilfe Waldemar Granzows, und daß sich beide wahrscheinlich nach Rügen begeben hätten, um dort an irgend einem Orte ein heimliches Unterkommen zu finden. Dies völlig unerwartete Ereignis, dem man mit ziemlicher Sicherheit Glauben schenken konnte, obwohl von amtlicher Seite noch keine Bestätigung erfolgt war, beunruhigte den Strandvogt und Mutter Ilske außerordentlich, denn seitdem sie ihren Sohn den Gefahren der See und der dänischen Gefangenschaft entronnen gesehen, hatten sie ihn allen weiteren Fährlichkeiten entrückt geglaubt, zumal vorauszusetzen war, daß er sich mit dem Grafen Brahe in seiner Heimat ruhig verhalten und nicht mehr in das Getriebe des unseligsten aller Kriege mischen würde, der für ganz Deutschland und alle Nachbarstaaten so unglücklich begonnen hatte und sobald kein erfreuliches Ende hoffen ließ. Traurigen Herzens und niedergedrückten Geistes, aller äußerlichen Tröstung bar, saßen die beiden Alten eines Mittags in ihrem Stübchen, fühlten keinen Appetit, von den aufgetragenen Speisen etwas zu genießen, und keine Neigung, sich das schwere Herz durch Worte zu erleichtern, als – wer beschreibt ihr Erstaunen und ihre Freude – die Tür aufging und unverhoffterweise Hille hereintrat, mit ihrer schönen Gestalt und ihrem mild freundlichen Gesicht sogleich Leben und Freudigkeit in dem stillen Zimmer verbreitend. Da war denn mit einem Male die traurige Miene der guten Alten aufgeheitert, und mit strahlenden Augen flogen sie dem lieben Mädchen entgegen, das ihnen wie ein göttlicher Trost zur Milderung ihres irdischen Schmerzes gesandt schien. Waren sie aber schon über ihr bloßes Erscheinen erfreut, so klärte sich ihr ganzer Gedankenhorizont auf, als sie vernahmen, daß Hille von nun an wieder ein Mitglied ihres Hauses sein und daß sie fürs erste nicht wieder nach Mönchgut zurückkehren werde, da ihre Pflicht dort erfüllt sei, indem der gute alte Lachmann das Zeitliche gesegnet habe, womit denn auch, wie man jetzt erst sah, die Trauerkleidung übereinstimmte, die Hille trug, die jedoch weniger in Anlegung neuer Gewänder, als in Ablegung jener bunten und glänzenden Zierraten bestand, die an den Genuß des Lebens und seiner Freuden zu erinnern pflegen. »Aber, mein gutes Kind,« rief die erfreute Mutter Ilske, nachdem sie das geliebte Mädchen zum zehnten Mal geküßt und geherzt hatte, »wer wird denn die Wirtschaft in Bakewitz führen, wenn du nicht mehr da bist und nach dem Rechten siehst?« »Mein Pächter, Mutter, und seine Leute.« »Dein Pächter? Hille, wie soll ich das verstehen? Zum ersten Mal sprichst du, was ich nicht fassen kann.« »Es ist, wie ich sage, Ihr könnt es mir beide glauben,« erwiderte Hille, als sie die großen Augen der beiden Alten voller Spannung auf sie gerichtet sah. »Denn Ihr müßt wissen, daß mein Pate, bevor er aus diesem Leben schied, mir sein ganzes Hab und Gut vermacht hat, daß ich aber, als ledige Person, es für geraten hielt – zumal in diesen unruhigen Zeiten – lieber einen mäßigen Pachtzins zu nehmen, als mich den Gefahren auf einem abgelegenen Gute auszusetzen, so war ich denn so glücklich, in einem Nachbar meines Paten einen redlichen Pächter zu finden, wir machten alles schriftlich ab, und ich behielt mir nur zwei Stübchen im Hause vor, damit ich doch ein eigenes Dach hätte, wenn ich einmal Neigung verspürte, nach Mönchgut zu wandern, oder falls Ihr – was Gott verhüte! – meiner überdrüssig würdet und mir den Abschied gäbet.« »Hille!« riefen der Strandvogt und seine Frau zugleich mit vorwurfsvollem Tone, aber weiter konnten sie nichts sagen, denn das Mädchen sprang auf beide zu, umschloß sie eins nach dem andern und vergütete damit reichlich, was sie mit ihren scherzenden Worten verbrochen hatte. So zog denn Hille wieder wie früher, fast mit den Rechten einer Tochter begabt, in das einsame Haus, und noch einmal waren daselbst, wenigstens auf kurze Zeit, innerlicher Friede und allgemeines Behagen eingekehrt. Indessen war es doch bald zu bemerken, – wenigstens von seiten Mutter Ilskes müssen wir das behaupten, während der Strandvogt in dieser Beziehung sich gleichgültiger und vorsichtiger verhielt, – daß Hille gegenwärtig im Kiekhause ein ganz anderes Verhältnis zu den beiden Alten als früher annahm. Denn sie war jetzt keine verlassene Waise mehr, sondern besaß sogar, wie sich bald erwies, mit einem schuldenfreien Gute in einer hübschen Gegend, ein ganz ansehnliches Vermögen und konnte also Ansprüche erheben, die sie früher nicht hatte machen können. Zwar erhob sie auch jetzt in der Tat keine, aber in Mutter Ilskes Augen war sie doch eine ganz andere Person geworden, und demnach richtete sich das Verfahren derselben ein und sprach sich auch in ihrer Gesinnung gegen die Nichte aus. Und namentlich gingen der guten Frau erst dann recht die Augen über Hilles Vermögen auf, als am Tage nach ihrer Ankunft ein Wagen, mit Kisten und Koffern beladen, angefahren kam und das bewegliche Gut der jungen Erbin nun sichtbar vor ihren Augen lag. Da entwickelte denn die tätige Hausfrau einen Eifer im Verpacken, Aufstellen und Ordnen der verschiedenen Gegenstände, wie sie ihn noch nie gezeigt, und einmal über das andere erhob sie ein Freudengeschrei über das Glück ihres Kindes, wie sie Hille nannte, das diese, nach ihrer Meinung, wie kein anderer Mensch auf Erden verdiente. Wir wollen indessen hiermit nicht gesagt haben, daß ihre Liebe sich plötzlich gegen sie vermehrt habe oder vielleicht gar aus Gründen persönlichen Eigennutzes über Nacht gewachsen sei, nein, das war in Wahrheit nicht der Fall, denn mehr lieben, als es bisher geschehen, konnte sie das schöne Mädchen nicht, allein jedenfalls war Hille in ihren Augen doch nun eine bedeutende Person geworden, der man notwendig eine größere Aufmerksamkeit schenken müsse, da man ja nicht wissen könne – und wer vergibt dem zärtlichen Mutterherzen nicht solchen kühnen Gedanken! – was in dem Hintergrund der Zeiten schlummere und welche näheren Verhältnisse sich noch mit ihr knüpfen ließen. Wundersam genug erschien es Mutter Ilske allerdings, daß Hille im ersten Augenblick sich durchaus nicht nach Waldemar erkundigte, wie sie nicht einmal aus eigenem Antriebe erwähnte, daß er in Bakewitz gewesen sei und sie ihn bei seiner Abreise bis Reddevitz begleitet habe. Erst am späten Abend, als sie alle drei auf der Bank unter den Bäumen am Strande saßen, über das friedliche Meer hinausschauten und dabei die Verhältnisse der Gegenwart besprachen, brachte Mutter Ilske das Gespräch selbst auf ihren Sohn, und nun erst erfuhren die Eltern, obgleich mit zögernder Langsamkeit der sonst so flüssig redenden Pflegetochter, was sie von dem Abwesenden wußte, wogegen sie denn nun auch des Gerüchtes Erwähnung taten, das von Bergen her über Waldemar und seinen Freund zu ihren Ohren gedrungen war. Da aber geschah etwas von seiten der liebenden Eltern ganz Unerwartetes. Sie hatten sich nämlich gedacht, Hille müsse erschrocken sein und ihre Empfindung in lauten Worten äußern. Aber nein, Hille äußerte gar nichts, und den beiden Alten entging sogar, dank der Fassungsgabe Hilles, der wahre Grund dieses Schweigens. Denn diese war nicht nur erschrocken über das, was sie hörte, sondern ihr verging in der Tat der Atem, und es war ihr zu Mute, als ob das Herz in ihrer Brust stillstände und alles Blut in den so lebenswarmen Adern stockte. Erst nach geraumer Zeit schöpfte sie wieder Luft und stieß einen leisen Seufzer aus, obgleich es ihr noch immer an Worten fehlte, ihren Gefühlen den rechten Ausdruck zu geben. »Nun,« sagte Mutter Ilske und wandte verwundert ihr Gesicht nach dem niedergebeugten Antlitz des Mädchens um, »nun, Hille, was sagst du dazu? Kannst du dir denken, wie uns diese Nachricht gequält hat und in welcher Sorge wir um unsern guten Waldemar sind?« »Ja,« stieß Hille mit Mühe hervor, »ich kann es mir denken, und ich sinne eben nach, wie man etwas Gewisses darüber erfahren könnte.« »O,« nahm der Strandvogt das Gespräch auf, »darauf werden wir nicht lange zu warten brauchen. Die Herren Franzosen legen ihrer Willensmeinung keinen Zügel an, und ich sehe schon den Tag voraus, wo sich alles aufklären wird, was uns jetzt noch dunkel ist. Wartet die Zeit ab, Graf Brahe ist ein großes Wild, und der Jäger wird es genug geben, die danach trachten, es zu erlegen.« »Mann!« rief Mutter Ilske schmerzhaft ergriffen, »wie sprichst du das Schreckliche mit so großer Ruhe aus! Sie werden ihn doch nicht jagen, wie das Tier des Waldes, das kein Gesetz und keine Menschenpflicht beschützt, und unsern Sohn obendrein?« »Nun, wie soll ich mich denn geberden, indem ich dies sage, Ilske? Soll ich mir etwa die Haare ausraufen und ins Gesicht schlagen, wie die Türken es tun, wenn ihnen ein Unglück begegnet ist! Nein, Frau, ich liebe es, dem, Unvermeidlichen mit ruhigem Auge ins Antlitz zu blicken und geduldig zu erwarten, was der Herr über mich verhängt. So hab ich's gehalten mein Leben lang, und so werd' ich's auch ferner halten.« »Ach! Ja, du hast gut reden, du bist ein Mann, aber ich, ich bin seine Mutter und kann nicht finden, daß er so viel Böses verbrochen hat.« »Nein,« nahm Hille zum erstenmal wieder das Wort auf, »in unserm Sinne, nach unserm Gefühle hat er nichts verbrochen, im Gegenteil, er ist aufgestanden zum besten des Vaterlandes, er hat den Weheruf seines Volkes gehört und dann seine Rechte erhoben, um als Mann gegen den Unterdrücker unserer Freiheit zu handeln, wie und wo es auch sei, und das kann ich auch nur billigen.« »Du hast recht, Mädchen, wie du so mutig und nach meinem Herzen sprichst,« sagte schließlich der Strandvogt. »Ich mag das Winseln und Wimmern nicht leiden, wo nur männliche Entschlüsse und die Kraft der Faust zum Ziele führen. Da hast du meine Hand, und ich drücke die deine, zum Zeichen, daß ich mit dir einverstanden bin. Jetzt aber kommt und laßt uns zur Ruhe gehen, die Sonne ist schon lange ins Meer gesunken, und morgen werden wir Zeit genug zur weiteren Überlegung haben.« * So mutig Hille an diesem Abend vor der verzagten Mutter gesprochen, um ihre ermattende Seele von der Sorge, die sie umsponnen, aufzurichten, – in ihrem Herzen, das sie jedermann verschleierte, sah es ganz anders aus, und sie konnte in der nächsten Nacht die süße Ruhe nicht erringen, die sie in dem traulichen Kiekhause sonst zu finden gewohnt war. Vor ihren geschlossenen Augen, als sie in dem stillen Giebelzimmerchen im Bette lag, dämmerte ein schreckliches Bild herauf, dasselbe Bild, auf welches der Strandvogt so zufällig ihre überreizte Phantasie geführt hatte. Immer sah sie vor sich das gehetzte Wild, von blutdürstigen Jägern umstellt, hörte die totbringenden Büchsen knallen und das wilde Geheul der schnaubenden Meute näher und näher dringen. Mit zerrissenen Kleidern, bleich vor Ermattung und Entsetzen, mit vor Übermüdung schlotternden Gliedern und angstschweißtriefenden Stirnen sah sie Magnus Brahe und Waldemar Granzow von Wald zu Wald, von Baum zu Baum flüchten, ein Versteck nach dem andern suchen und immer aus einem in das andere getrieben werden. Von einer unerhörten Angst gequält, lief sie im Geiste mit, ihr Atem keuchte, immer wollte sie ihre Hilfe anbieten, ihre Hand zur Stütze reichen, aber die Gejagten sahen sie nicht, sie wandten nicht einmal das verstörte Antlitz herum, so sehr sie auch nur einen einzigen Blick von ihnen zu erhaschen bemüht war. Immer dunkler, düsterer sank die unholde Nacht herein, immer wilder heulte der ächzende Wind durch die Bäume, und das Grollen der beweglichen See drang feindselig aus der Ferne zu ihr herüber. Da, endlich – was war das? Da wurde es wunderbar ruhig um sie her, der helle Mond brach mit sanftem Schimmer aus den zerrissenen Wolken hervor – er beleuchtete freundlich die moosige Haide – und da saß, den Kopf in die Hand gestützt, aber das blaue Auge fest und doch milde nach ihr gewandt, ein lächelnder Mann – lächelnd, wie sie nur je einen lächeln gesehen – und gerade sie lächelte er an. Ach, aber es war nur der Schlummer mit seinem lieblichen Begleiter, dem Traume, der sie doch endlich überrascht hatte, es war keine Wirklichkeit, er lächelte sie noch nicht in Wahrheit an. Doch, o Täuschung, Täuschung, wie lieben wir dich, wenn, du uns nur den Schein der Wahrheit malst, wie oft segnen wir nicht den Traum, wenn er eine süße Wirklichkeit ersetzt, wie sind wir nicht dankbar, daß wir wenigstens etwas haben, woran wir uns klammern können, das wie Hoffnung aussieht, wenn es auch nur ein blasser Schatten einer möglichen fernen Hoffnung ist! Das oder wenigstens Ähnliches sagte sich Hille, als sie am nächsten Morgen das Bewußtsein dieses Traumes hatte, und fest stand in ihr der, Entschluß, in den Wald zu gehen, den sie im Traume betreten, und das milde Auge des lächelnden Mannes zu suchen, um ihn zu warnen, zu schützen, so sehr sie, das schwache Weib, nur warnen und schützen konnte. Aber dieser Entschluß sollte noch nicht so rasch zur Tat werden, wie sie es wünschte, denn es sollten Verhältnisse eintreten, die sie fest an das Haus, schmiedeten, um zunächst den bedrängten Eltern des verfolgten Tugendbündlers, des Verräters am französischen Übermut, in ihrer kummervollen Lage beizustehen. * Einige Tage vergingen, ohne daß das von Bergen nach Sassnitz herübergekommene Gerücht auf irgend eine Weise bestätigt oder widerlegt worden wäre; in banger Sorge verbrachte Mutter Ilske die trägen Stunden, in strenger Schweigsamkeit und innerlichem Brüten und Grübeln der Strandvogt. Jetzt erst sahen beide recht ein, wie wohltätig das Schicksal für sie gesorgt hatte, indem es ihnen die Pflegetochter ins Haus zurückgeführt, die zwar nicht munter und fröhlich wie sonst mit den Vögeln des Waldes sang, denn auch sie hatte ja Trübseligkeit genug im Herzen, aber doch mit ihrer mutigen Haltung, ihrem festen Gottesvertrauen, das sich in jedem ihrer Blicke aussprach, ihnen zum wahren Tröste gereichte. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend tätig, förderte sie aus freien Stücken alles, was sonst der Mutter im Hause zu tun obgelegen hatte, und immer war sie freudig bei der Hand, nie ermüdet oder zur Ruhe geneigt, wenn es draußen oder drinnen zu schaffen gab. Da aber sollte die durch ihre Anwesenheit einigermaßen beruhigte Familie plötzlich wieder in neue Bedrängnis versetzt werden. Denn eines Mittags erschien, zu Wagen von Sagard her kommend, der Kriegspolizeibeamte Dübois, noch von denselben Brigadiers begleitet, die wir in Hiddens-öe und Wittow an seiner Seite sahen. Er hatte bis hierher seine Rundreise vollendet und überall den kaiserlichen Verhaftsbefehl ausgestreut. Im Hause des Strandvogts freilich kehrte er nicht ein, da er ebensowenig selbst Häscher war, wie er es liebte, den Kummer der vom Unglück Verfolgten mit eigenen Augen zu sehen, aber in Sassnitz hielt er sich mehrere Stunden aus und bot große Belohnungen an, wenn man die Entwichenen singe und ausliefere, auf deren Kopf, wie er sagte, der Kaiser einen Preis gesetzt habe, wie es in ganz Deutschland mit allen bekannten Mitgliedern des Tugendbundes schon längst geschehen war, um so mit allem Nachdruck der wachsenden Hyder der Rebellion auf den Kopf zu treten. Natürlich dauerte es nicht lange, so wußte man auch im Kiekhause, was unten im Dorfe vorgefallen war, und fast alle Lootsen und Fischer kamen herauf, dem biederen Strandvogt die Hand zu schütteln und ihm zu sagen, daß keiner von ihnen das Blutgeld verdienen wolle, so groß die gebotene Summe auch sei, daß sie im Gegenteil alles aufbieten wollten, um ihm zu helfen, seinen Sohn wie den Grafen Brahe aus dem Lande zu schaffen, sobald sie nur wüßten, wie sie es anfangen sollten. Dieselbe Gesinnung, wir brauchen es kaum anzuführen, teilten alle männlichen Bewohner Rügens, ob sie nun den Strandvogt und seine Familie genauer kannten oder nicht. Denn es ging nur ein einziges Gefühl durch die Seele aller dieser harten aber biederen Männer: das Gefühl der Entrüstung gegen die Fremdlinge, die das stille Eiland in Unruhe versetzt und den lange bewahrten Frieden mit schändender Hand gebrochen hatten. Was der französische Gouverneur in Stralsund also hauptsächlich bezweckt, die Beutelust der Insulaner aufzuregen, gelang ihm nicht, im Gegenteil, alle wurden nur aufmerksam gemacht, die Verfolgten zu schützen und aus den Klauen ihrer Häscher zu befreien, sobald sie nur aus ihren Verstecken hervortreten und sagen würden: »Da sind wir, Männer von Rügen, nun greift uns und hold Euch das Geld, welches man auf unsere Köpfe gesetzt hat!« Ja, die genaueren Mitteilungen des Dübois hatten erst recht dazu beigetragen, die von Magnus Brahe und Waldemar Granzow vollbrachten Taten ans Licht und zur Kenntnis der Bewohner Rügens zu bringen, sie also populär zu machen, was bis dahin noch nicht in so hohem Grade geschehen war. Erst jetzt erfuhr man, daß die beiden Männer nicht allein gegen Napoleon mit den Waffen in der Hand gekämpft, nein, daß sie es auch gewagt hatten, durch alle Länder zu reisen und den Geist des Widerstandes aufzustacheln, die Flamme des erstorbenen Nationalgefühls anzufachen, um endlich alle Geister in Lohe zu versetzen und dadurch den. Schlag vorzubereiten, den Jeder voraussah, jeder herbeisehnte und der dennoch immer nicht gewagt wurde, weil man sich noch zu schwach, zu verlassen dünkte und den Knechter der Völker mit zu ungeheurem Maße zu messen gewohnt war. Waren die letzten Tage im Kiekhause nun schon sorgenvoll genug dahin geschlichen, sie sollten noch friedlich und sonnenhell gegen den sein, der nach dem Besuch des Polizeibeamten heraufdämmerte. Es war morgens gegen elf Uhr, als der Vogt vom Strande kam und den Frauen ein Gericht eben gefangener Fische mitbrachte, unter andern eine herrliche Steinbutte, die Mutter Ilske vortrefflich zuzubereiten verstand. Er fand die Frauen in einer Gartenlaube beschäftigt, auf einem Tische Wäsche zu ordnen, und nachdem er der alten Trude den Korb mit Fischen übergeben hatte, holte er seine Pfeife aus dem Zimmer und ließ sich neben ihnen auf einer Bank nieder. »Nun,« sagte er, als die Pfeife genügend in Brand gesetzt war, »Ihr schweigt ja mit einem Mal, da ich zu Euch komme, was habt Ihr denn Heimliches zu flüstern gehabt« »Wir haben nicht geflüstert, Alter,« sagte Mutter Ilske trocken, »sondern laut genug gesprochen, so daß es jedes Menschenkind hören kann, das mit Ohren begabt ist.« »Hoho! Ja, aber meine waren nicht so lang, vom Strande herauf bis hierher zu reichen. Es scheint mir doch, als wäre von etwas die Rede gewesen, was ich nicht hören soll.« »Nein,« erwiderte Hille mit ihrer sanften Stimme, in der dennoch eine gewisse überzeugende Bestimmtheit lag, »das war es nicht. Wir sprachen von Waldemar.« »Aha, also das alte Lied!« »Immer das alte, Oheim. Und es klingt nicht übel, meine ich.« »Hm! Nein! Ihr möchtet wohl wissen, wo er steckt?« »Weißt du es?« fuhr Mutter Ilske heraus und warf halb vor schreck, halb vor Freude ein schönes Stück schneeweißer Wäsche weit von sich auf den Sand. »Sachte, Mutter, sachte! Woher sollt' ich das wissen? Und wenn ich es wüßte, ich sagte es vielleicht doch nicht.« Hille horchte hoch auf. Es kam ihr vor, als wisse der Strandvogt, was ihr Herz schon lange in Unruhe versetzt hatte. »Warum nicht?« fragte sie, ihn mit ihren schönen blauen Augen voll ansehend. »Weil Ihr es ausplaudern würdet.« »Alter, du bist nicht gescheit. Wir sollten es ausplaudern?« »Nun ja, seid Ihr nicht Weiber?« Hille warf nur einen Blick auf den Vogt und es tat ihm schon leid, die beiden Frauen geneckt zu haben, die seinen Spott so wenig verdienten. »Kinder,« sagte er, »ich weiß wirklich nicht, wo sich die Flüchtlinge aushalten, oder ob sie überhaupt noch auf der Insel sind.« »Auf der Insel sind sie!« sagte Hille bestimmt. »Wo gibt es bessere Verstecke für sie, als hier, wo treuere Herzen, wo hilfreichere Hände?« »Du hast recht, Kind, das sage ich auch, obwohl die Lotsen unten am Strande wissen wollten, sie seien nach Schweden gesegelt.« Hille legte ihre Arbeit hin und sann nach. Sie sah unendlich lieblich dabei aus, obwohl ihr Gesicht bleicher als gewöhnlich war. »Nein, nein,« sagte sie, sanft mit dem Kopf schüttelnd, »in Schweden sind sie noch nicht.« »Woher willst du das so genau wissen, Mädchen?« »Ich weiß es!« wiederholte! sie mit einer so sicheren inneren Überzeugung, daß beide Zuhörer große Neigung verspürten, ihr zu glauben. »Ich weiß es, und das sei Euch genug.« »Dann stehst du wohl im geheimen Bunde mit ihnen? Wie?« Hille wurde blutrot und wußte nicht, ob sie Ja oder Nein sagen sollte, faßte aber in diesem Augenblick den festen Entschluß, auch ihrerseits sich zu bemühen, um über den Aufenthaltsort der Verfolgten ins Klare zu kommen, den sie längst im stillen vermutete. »Nun?« drängte sie der Alte. »Ihr mögt recht haben,« sagte sie endlich, »in einem gewissen Bunde stehen alle Menschen miteinander, die auf irgend eine Weise geistig oder leiblich zueinander gehören. Waldemar ist Euer Sohn und so ist er mein Bruder.« »Wacker, Mädchen, wacker – o ich gäbe was darum, wenn ich wüßte, wo die Jungen sind.« »Sie sind in Spyker!« sagte Hille mit tiefem Brustton, der aus ihrem Herzen hervorzudringen schien. »In Spyker? Hille, woher willst du das wissen? Da sind ja die Franzosen, und sie werden ihnen doch nicht gerade ins Garn laufen?« »Vielleicht erst recht. Spyker ist des Grafen Brahe Eigentum, er hat dort feste Verbindungen, die Leute sind ihm treu ergeben, daß Schloß ist groß und man wird Mittel gefunden haben, ihn zu verbergen, wenn er an das Tor seiner Väter geklopft hat.« »Aber Teufelsmaid, wie werden sie so tollkühn sein, dahin zu gehen?« »In Spyker wohnt ein Weib, welches Magnus Brahe vergöttert. Es ist Gylfe Torstenson, die ihn dahingezogen hat – ich glaube es einmal und kann es mir nicht aus dem Sinne schlagen.« Der Strandvogt wurde wirklich ernstlich bedenklich. Er wollte eben etwas erwidern, als ein Geräusch außerhalb, des Gartens seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes lenkte. Rasch wandte er den Kopf nach dem Landwege, der von Norden her an seinem Grundstück vorüberführte, und horchte scharf nach dieser Richtung hin. »Still,« sagte er, »ich höre Pferdegetrappel – man reitet scharf, um an Ort und Stelle zu kommen.« Alle drei erhoben sich von ihren Plätzen und lauschten mit einiger Spannung dem Geräusch entgegen, das, je näher es kam, immer deutlicher das regelmäßige Gestampfe erkennen ließ, welches allein der Galopp geschulter Pferde hervorbringt. Der Strandvogt, so gefaßt er gewöhnlich war und ganz der Mann, jeder Gefahr kühn ins Auge zu sehen, wechselte doch bei dieser Gelegenheit etwas die Farbe und sagte leise: »Das ist die Kavallerie, Kinder! Bei Gott, ich glaube es sind Franzosen!« Kaum hatte er ausgesprochen, so wurde ein Trupp Reiter vor dem Garten sichtbar, der kein Ende nehmen zu wollen schien, aber sogleich die schnaubenden Pferde anhielt, als der Führer durch sein Beispiel dazu den Anlaß gab. Dieser Führer aber war kein anderer als unser galanter Kapitän Caillard aus Spyker, der von einigen Offizieren, einem Trompeter, einem Sergeanten und etwa dreißig Gemeinen begleitet war, alle feldmäßig ausgerüstet, scharf bewaffnet und trefflich beritten. »Bon jour!« rief der im Anfang immer höfliche Franzose vom Sattel aus über den Gartenzaun herüber. »Wem gehört dies Haus?« »Mir, Herr!« antwortete der Besitzer und lüftete seinen Seehut ein wenig von dem grauen Haar, das jener kaum zur Hälfte bedeckte. »Wer seid Ihr?« »Ich bin Strandvogt in diesem Bezirk und im gräflich Spykerschen Dienst.« »Oho? Und Euer Name?« »Daniel Granzow, Herr!« »Daniel Granzow?« rief der Franzose aufgeregt und beinah fertig aus. » Voilà, Messieurs , da haben wir sie alle beisammen. Steigen wir ab und machen wir diesem Manne unsere Aufwartung!« Diesen höflichen, aber doch in befehlendem Tone gesprochenen Worten wurde sofort von allen Seiten Folge geleistet, und der Kapitän, zwei Leutnants und schließlich der Sergeant traten der Reihe nach, wie wir sie nannten, durch die Gartenpforte ein und stellten sich ohne Zeitverlust um die drei Bewohner des Kiekhauses im Kreise auf, als wollten sie eine Mauer um sie schließen, aus der sie nicht entschlüpfen könnten. »Monsieur,« begann der Kapitän mit gerunzelter Stirn und schnarrender Nasenstimme das Verhör, »Ihr sagt, Ihr seid der Strandvogt Granzow.« »Jawohl, Herr, der bin ich mit Eurer Erlaubnis.« »Seid Ihr der Vater des Waldemar Granzow, den man, wie Ihr wissen werdet, seit einigen Tagen auf der ganzen Insel sucht?« »Was weiß ich, ob man meinen Sohn sucht, wenn man einen Menschen seines Namens sucht. Meines Wissens hat mein Sohn sich keines Verbrechens schuldig gemacht.« »Aha! Also Ihr gesteht doch ein, einen Sohn zu haben?« »Das würd' ich selbst vor keinem Chinesen leugnen, mein Herr, und Ihr seid nur ein Franzose!« »Aha, nur ! Attention, messieurs. c'est drôle! So wahr ich lebe! Wie heißt Euer Sohn, der keine Verbrechen begangen hat?« »Waldemar ist sein Name!« sprach der alte Strandvogt mit einer festen orkanartigen Stimme und schnitt ein Gesicht, als trotze er dem ganzen französischen Kaiserreich. » Mort de ma vie, c'est ici! – Wo ist er? Ist er auf dieser Insel?« »Das weiß ich nicht. Vor Jahren war er in Schweden, Deutschland und England – wo er jetzt sein mag, weiß der Himmel!« » Eh bien! Mit allen drei Ländern führen wir Krieg, also ist Euer Sohn jedenfalls unser Feind. Und diesen Euern Sohn, unsern Feind, verfolgen wir gerade. Wißt Ihr was? Ich werde Euch so lange vier Mann Einquartierung geben, bis wir ihn haben oder Ihr uns sagt, wo er zu finden ist. – Armand!« Hier wandte er sich an den Sergeanten, der etwas hinter ihm stand und ein kleiner, aber stämmiger Mann mit krausem schwarzem Haar und echten Säbelbeinen war, »Ihr bleibt mit drei Mann hier und haftet für diese Familie. Euern Dienst zu Hause wird Larrüe versehen. Niemand von den Bewohnern dieses Hauses verläßt diesen Garten. Jeden Morgen und jeden Abend durchsuchen zwei Mann die Umgegend. Punkt zwölf Uhr mittags schickt Ihr mir täglich einen Mann zum Rapport. – Ihr aber, mein Herr Strandvogt, werdet diese Leute wie Freunde verpflegen, oder der Teufel soll Euch mit Euerm Schuft von Sohn zugleich holen.« »So,« erwiderte der unerschütterliche Strandvogt, trotzdem ihn der Sergeant mit einer abmahnenden Geberde vom Sprechen zurückhalten wollte. »So, Ihr habt gesprochen, Herr, nun laßt auch mich einmal zu Worte kommen. Bin ich verpflichtet, Eure Befehle zu erfüllen, wie? Ich bin gewohnt, dergleichen Aufträge von meiner Behörde zu empfangen, und nur meine Behörde hat das Recht, mich mit Einquartierung zu belegen.« »Schweigt, alter Narr,« donnerte der Kapitän, »oder Ihr reitet Euch noch tiefer ins Verderben. Wenn wir fort sind, tobt, schreit und brüllt, so laut Ihr wollt, jetzt aber haltet das Maul. – Vor allen Dingen, Sergeant, durchsucht das Haus, ob der verfolgte Bursche vielleicht darin versteckt ist. Außerdem, Granzow, zahlt Ihr, weil Ihr so viel Gold im Munde habt, jedem meiner Leute täglich einen schwedischen Thaler, und wenn Euer Sohn in acht Tagen nicht entdeckt ist, hundert Thaler Kontribution dafür, daß Ihr Eurer Schuldigkeit nicht nachkommt, was ein Beweis für Euren bösen Willen ist. Abgemacht!« »Herr!« schrie der Strandvogt empört auf, »wie soll ich das zahlen? Und wo soll ich die Einquartierung lassen? Ich bin darauf nicht eingerichtet.« » Silence Monsieur! Mort de ma vie! Wollt Ihr noch eine bessere Rechnung haben? – Adieu, mes amis, faites votre devoir! – Challier, was gibt's?« Bei diesen Worten, während er schon einige Schritte nach seinem Pferde getan, drehte er sich nach dem jungen Leutnant um, der im Garten stehen geblieben war und einen Ausruf des Wohlbehagens ausgestoßen hatte. »Ein prächtiges Mädchen, Kapitän, voilà !« Der Kapitän wandte sich nun auch nach Hille um, die während der militärischen Szene, die der kleine Tyrann von Spyker mit großer Würde aufführte, sich ruhig abgewendet und ungestört ihre Arbeit fortgesetzt hatte, als ginge sie der traurige Vorfall nicht im geringsten an. »Eh bien!« rief er, sein großes schwarzes Auge bohrend auf das Mädchen richtend, »c'est vrai. Mais en avant, Messieurs, une autre fois. Il est déjà trop tard aujord'hui!« Und ohne den drei mehr niedergedonnerten als überraschten Bewohnern des Kiekhauses einen Gruß zu spenden, traten die Herren aus dem Garten, bestiegen ihre Pferde und galoppierten in südlicher Richtung davon, um ihren Morgenritt noch etwas weiter auszudehnen. Der alte Strandvogt stand schweigsam, in einer Art Erstarrung seinen Platz behauptend und mit verglasten Augen den Abreitenden nachschauend, da. Mutter Ilske saß auf einer Bank, hatte den Kopf in die Hände auf den Tisch gelegt und weinte; nur Hille allein bewahrte ihre Fassung, obgleich sie ganz bleich geworden war, raffte schnell die ausgelegte Wäsche zusammen und trug sie ins Haus, ohne nur einen Blick auf den zurückbleibenden Sergeanten und die drei reitenden Jäger zu werfen, die schon Anstalt trafen, ihre Pferde durch die Gartenpforte zu führen. »Hört mal, guter Freund,« sagte nun der Sergeant, der seine Herrscherstunde gekommen sah, in gutem Deutsch, denn er war ein Elsasser von Geburt und seinen Stammverwandten nicht persönlich abgeneigt. »Ihr seid ein recht großer Narr! Mit Kapitän Caillard von den Kaiserlichen Chasseurs â cheval spricht man nicht, wie Ihr gesprochen habt. Der ist der Mann dazu, Euch und Eure ganze Sippschaft ins Loch zu stecken und vier Wochen lang kalt Wasser saufen zu lassen. Wohlan, zeigt mir Eure Zimmer, und wenn Ihr mir was Gutes zu essen gebt, will ich Euch den Rat erteilen, mit den hundert Thalern Euch nicht zu übereilen, vorausgesetzt; daß wir viere den unsrigen alle Tage richtig erhalten. Was den Speisezettel anbelangt, so esse ich sehr gern Gebratenes, darum aber braucht die Suppe und das Gemüse nicht zu fehlen. Nur verbitte ich mir alle Tage Fische als Zwischengericht; zweimal wöchentlich, das mag genügen. Wenn Ihr Wein habt, so werdet Ihr mich sehr erfreuen, sonst aber habe ich auch in diesem Lande gelernt einen süßen Punsch zu trinken. Die Kühe, die ich in dem Stalle da brüllen höre, treibt auf die Weide, das ist ihnen gesunder; dafür werde ich unsre Pferde dort einstellen, und wenn Ihr ihnen gut Futter gebt, so will ich mir es gern ein paar Wochen bei Euch gefallen lassen. Wohlan denn, nun geht mir ins Haus voran und spielt einen liebenswürdigen Wirt.« »Ihr habt gut reden,« erwiderte der Vogt, der schon merkte, daß sich mit diesem kleinen Befehlshaber werde auskommen lassen und dem jetzt erst die Sprache wiederkehrte, »aber woher soll ich das nehmen, was von mir so ungerechterweise verlangt wird?« »Nun, aus Eurem Säckel, Freund, oder wollt Ihr vielleicht gar meinen auf Borg haben?« »Ich bin aber kein reicher Mann!« »Das hat der Kapitän auch gemeint, sonst würde er Euch mit zehn Mann beglückt und tausend Thaler abgefordert haben.« »Es ist gut,« rief der Strandvogt mit grimmigem Gesicht, indem er sich der gemeinen Inselsprache bediente, die kein Franzose verstand, »wozu das Gewäsch! Ich sehe schon, in wessen Krallen ich bin. Hier gilt nur das Wort, daß unsere Eltern bei solchen Gelegenheiten gebrauchten: das walte Gott und ein kalt Eisen! Und dahin wird's kommen mit Euch, Ihr Halunken, ich prophezeie es Euch!« So schickte er sich als Mann in das Unvermeidliche und trat mit dem Sergeanten ins Haus, wo sich dieser, der ein vernünftiger Mann war, mit des Strandvogts bester Stube begnügte und keinen Marmorsaal mit Sammetteppichen verlangte. Die frühere Schlafstube wurde von jetzt an der beständige Aufenthalt der ganzen Familie, wenn sie nicht im Freien war, und Hille trennte sich fast keine Minute von ihnen, nachdem sie jede Schmeichelei der galanten Franzosen mit so kernigem Blicke ein für allemal beseitigt hatte, daß man bald einsah, mit der Dirne sei nicht zu spaßen. Noch bevor aber die vier Krieger Besitz von ihrer Stube oder eigentlich vom ganzen Hause nahmen, denn sie benutzten alles, Großes und Kleines, nach ihrem Gefallen, trug der Strandvogt die kleine eiserne Kiste, in der sich Hilles ererbtes bares Vermögen befand, in seine Schlafkammer herab, verbarg sie tief unter dem Kopfkissen und legte ein harrscharf geschliffenes Entermesser daneben, mit ganzer Seele bereit, es dem ersten Besten, der es wagen würde, sich an diesem Heiligtum zu vergreifen, bis an den Griff ins Herz zu stoßen. Sechstes Kapitel. Der belohnte Kirchgang. Daß das Leben im Kiekhause in den folgenden Tagen unter den obwaltenden Umständen nicht mehr so harmlos und angenehm war, wie früher, bedarf wohl kaum der Erwähnung, und doch war es noch erträglich genug, da die einquartierten Soldaten umgängliche Menschen waren und namentlich der Sergeant mit sich sprechen ließ, wenn er gut gefüttert wurde, was Hille unter anderm vortrefflich verstand. Überhaupt bemächtigte sich dies kühne und hochherzige Mädchen in diesen trüben Tagen, ohne daß man wußte, wie es geschah, der Zügel der Herrschaft im Hause, und da Mutter Ilske halb gebrochen und der Strandvogt vor verhaltenem Zorn kaum einer ruhigen Überlegung fähig war, so tat ihre Hilfe in der Tat Not und bald hatte man sich dergestalt an. ihr Schalten und Walten gewöhnt, daß man sie nicht mehr entbehren zu können glaubte. Daher war es denn auch kein Wunder, daß die Neigung der Alten zu ihr immer tiefere Wurzeln schlug und ihr Vertrauen immer größer und begründeter wurde. Hille brachte ihnen nun aber nicht bloß ihre ganze geistige Kraft dar, nein, sie opferte auch ihre materiellen Mittel, um dem Oheim in der Not beizustehen. Aus ihrer Tasche erfolgten die Zahlungen an die Soldaten, da der geringe Besitz des unbegüterten Vogts für die Ernährung der Männer und das Futter der Pferde gänzlich in Anspruch genommen wurde. »Ihr könnt es mir künftig wiedergeben,« sagte Hille lächelnd, als der Vogt sich anfangs streubte, das Geld von ihr anzunehmen und es lieber von einem Bekannten in Sagard oder Sassnitz borgen wollte, »wenn Ihr durchaus darauf besteht, jetzt aber hab' ich's einmal bei der Hand und so braucht Ihr nicht den schweren Gang auf Borg zu tun.« Nur selten sprach sie mit den fremden Männern im Hause; wenn sie aber mit ihnen sprach, so geschah es in einem Tone und mit einer Miene, die allen Vieren gewaltig imponierte, wie es fast immer der Fall ist, wenn ein Weib, das seiner Bildung, seiner Würde sich bewußt ist, Männern gegenüber steht, die nicht allzu roh sind und neben ihrer größeren physischen Kraft Ehrgefühl und Rechtlichkeitssinn besitzen. So geschah es denn, daß namentlich der Sergeant einen gewaltigen Respekt vor dem Mädchen bekam und ihr sogar eine stille Verehrung widmete, die auch einst ihre Früchte tragen konnte, wie Hille ganz richtig bemerkte. So milderte sie auch sein Verfahren, als er nach drei Tagen vom Kapitän Caillard den Befehl erhielt, dem Vogt die Waffen abzunehmen, die er vermutlich besäße, und nach Spyker abzuliefern, wo sich schon ein ganzes Arsenal von auf ähnliche Weise erbeuteten Verteidigungsgegenständen angehäuft hatte. Als der Kommandierende im Kiekhause durch eine Ordonnanz obigen Auftrag empfing, erfuhr ihn Hille zuerst, und als nun nach einer halben Stunde der Sergeant nach den Waffen forschte, ergab es sich, daß nur zwei unbrauchbare Pistolen und ein stumpfes Dolchmesser vorhanden waren, die denn auch eiligst nach Spyker wanderten, worüber der Strandvogt beinahe ein heiteres Kichern hören ließ. Trotzdem nun die Verhältnisse unter den erwähnten Umständen noch immer erträglich genug waren, Hille zum Guten riet und selbst Gutes tat, wo sie nur konnte, und dabei ruhig und heiter wie immer erschien, so fraß doch insgeheim ein nagender Wurm an ihrem Herzen und sie schaute oft betrübt über die stille See hinaus, wenn sie einen Augenblick allein oder unbeobachtet war. Am härtesten aber litt sie nachts, wenn sie allein auf ihrem wohlverschlossenen Giebelzimmer im Bette lag und, nachdem sie ihr Gebet zu Gott gesprochen, in Gedanken sich alles klar zu machen suchte, was jetzt in ihr und um sie her vorging. Daß sich die Gedanken viel mit dem jungen Mann beschäftigten, der augenblicklich der Hauptgegenstand der allgemeinen Zärtlichkeit oder von anderer Seite des lebhaftesten Ingrimms war, wer wollte das zu leugnen versuchen? Nein, sie gestand sich auch selbst ein, daß sie um ihn besorgt war, fast noch mehr und in einem ganz anderen Sinne als die zärtliche Mutter, und gerade dieses Eingeständnis, dieses allmähliche Bewußtwerden ihres seit jenem Besuche Waldemars auf Bakewitz neu erwachten Gefühls flößte ihr den meisten Kummer und die größte Sorge ein, da sie sie leider keinem von allen ihren Angehörigen offenbaren konnte. Denn wie sollte sie dieses Gefühl vor den Ohren der Menschen benennen? Ach, einen Namen hatte sie ja selbst noch nicht dafür, und den gewöhnlichen Namen, mit dem man dergleichen Gefühle zu benennen pflegt, wagte sie sich selbst nicht auszusprechen, da sie nicht die geringste Hoffnung hegte, daß es von Waldemar erwidert würde. Und doch mußte sie endlich zu einem Entschlusse schreiten, der ihr schon lange vor der Seele schwebte, wenn sie Gewißheit erhalten wollte, ob Waldemar wirklich in Spyker war; dazu trieben sie zwei Beweggründe unwiderstehlich an. Erstens jammerte sie das leise Schmerzgestöhn der betagten Mutter und das beklommene Atmen des alternden Vaters, wenn sie von dem Schicksal ihres einzigen Sohnes sprachen; beide mit der Nachricht zu trösten, daß dieser Sohn in Sicherheit sei, schien ihr von Tag zu Tag immer notwendiger zu werden. Sodann aber besorgte sie auch von Waldemars Seite ein unvorsichtiges Handeln, wenn er in seinem Verstecke etwa zufällig erführe, was die Eltern in Sassnitz seinetwegen zu leiden hätten. Ach, sie kannte den kühnen Unternehmungsgeist des jungen Mannes sehr wohl und wußte, daß er seine eigene Sicherheit vergessen würde, wenn es galt, seinen Eltern von Nutzen zu sein, und ihm begreiflich zu machen, daß er jetzt für sich allein sorgen müsse, um alle die Seinen für künftig nicht noch mehr zu betrüben, das war die Aufgabe, die sie sich bei dem Unternehmen gestellt hatte, das ihr allmählich näher und näher vor Augen rückte. Immer stiller, nachdenklicher, schweigsamer wurde sie um diese Zeit, immer häufiger zog sie sich nach vollbrachter Arbeit in ihr Giebelstübchen zurück, immer sehnsüchtiger schaute sie in die Richtung, wo Spyker lag, und immer höher hob sich ihr Busen von bangen Seufzern, wenn sie dachte, daß es vielleicht in ihrer Macht liege, das herbe Geschick der drei Menschen zu erleichtern, die ihr jetzt die teuersten auf der Welt waren. Dachte sie auch wohl ein wenig an sich selbst dabei? Wer mag das nicht zugestehen? Aber sie dachte an sich nicht in vorderster Reihe, ihre Wünsche waren die letzten, die sie zu befriedigen hoffte, wiewohl dieselben, eben weil es die ihrigen waren, sie ohne Zweifel befeuerten, die Tat zu unternehmen, die sie sich nicht vorgesetzt, nein, die unter den obwaltenden Verhältnissen sich ihr förmlich aufgedrungen hatte. Endlich aber war sie zum Handeln entschlossen, nur das Wie der Ausführung war ihr noch nicht ganz klar geworden. Waldemar mußte seiner Eltern wegen gewarnt werden, und um die Eltern zu beruhigen, mußten sie wissen, daß dies geschehen wäre. Wer aber sollte diese Warnung übernehmen? Eine hilfreiche Hand hatte sie nicht, unter den jetzigen Umständen war auf keinen männlichen Beistand von außen her zu rechnen, jeder ihrer Schritte wurde beobachtet, und der Vogt selber oder einer der Seinigen durfte nur unter Begleitung eines der Jäger an den Strand hinabgehen, um irgend einen Menschen zu sprechen. So mußte sie denn also, allein die Warnende sein, und daß sie es sein wollte, stand bereits bei ihr fest. Aber die Ausführung, wie sollte die möglich werden? Zwei Nächte lang dachte sie darüber ununterbrochen nach. Alles erwog sie im Geiste, und endlich glaubte sie einen Schimmer von Möglichkeit tagen zu sehen, das Werk gelingen zu machen, welches sie nun einmal mit eiserner Beharrlichkeit ins Auge gefaßt hatte. Als sie am Morgen nach dieser Nacht ins Frühstückszimmer zu den Alten trat, war es das erste Mal, daß sie heiter lächelnd der Mutter die Lippen und dem Vater die Stirn zum Kusse bot, was auch sogleich beiden zu Herzen ging. »Na, Kätzchen,« sagte der Alte, einen seiner Lieblingsausdrücke gebrauchend, wenn er bei guter Laune war, »was gibt's denn? Warum denn so munter bei diesen Zeiten?« »Ich habe gut geschlafen, Oheim,« erwiderte sie leicht errötend, »und Gott hat mir einen guten Gedanken eingegeben.« »Gott gibt nur gute Gedanken, mein Kind,« sagte die fromme Mutter, »und es wundert mich also nicht, daß er sich diesmal gerade an dich gewandt hat.« »Sprich ihn aus, sprich ihn aus, Hille!« rief der Alte. »Ich höre gern etwas Gutes, wenn alles um mich her schlimm ist.« »Ich werde morgen die Kirche in Sagard besuchen,« sagte Hille ernst und fest, und vermied dabei, ihr sanftes Auge zu den verwunderten Mienen der alten Leute zu erheben. »Die Kirche in Sagard?« fragte erstaunt der Strandvogt. »Wie willst du denn dahin kommen, da du das Haus nicht verlassen darfst?« »Das soll einmal meine Sorge sein,« scherzte beinahe Hille. »Ihr werdet sehen, daß ich dahin gelange, wie es auch sei.« »Nun, das walte Gott, mein Kind, dann bete für mich mit!« rief die Mutter mit schon durch diese frohe Aussicht erquicktem Herzen. »Für mich kannst du auch ein paar Worte hinzufügen, Mädchen,« sagte freundlich der Alte, »das heißt, wenn du erst da bist, woran ich noch zweifle.« »Heute abend, noch ehe Ihr zu Bett geht, werdet Ihr nicht mehr daran zweifeln, Jetzt aber schweigt davon, da klopft der Sergeant ans Fenster und ruft dich hinaus, Oheim.« * Der Abend dieses Samstages war ein so lieblich warmer und windstiller, wie er auf Rügen im Juni nur selten gefunden wird. Alles, was im Kiekhause lebte, hatte das Freie aufgesucht, teils um sich an der sommerlichen Luft zu erquicken, teils aber auch, um den Anblick der spiegelglatten Meeresfläche zu genießen. Lebhaft plaudernd, wie dies Volk es kaum anders kann, saßen die drei französischen Reiter auf der Grasbank zwischen den Bäumen und machten die herrliche See und das, was darin und darauf sein Wesen trieb, zum Gegenstand ihrer Unterhaltung. Nicht weit von ihnen entfernt, bald nach der Landseite des Gartens, bald nach der See hin sich wendend, wandelten der Strandvogt und Mutter Ilske, in leisem Gespräch begriffen, während Hille auf einer kleinen Bank in der Fliederlaube des Vorgärtchens saß und ihren träumerischen Gedanken Raum ließ, zu flattern, wohin sie wollten, obwohl sie sonst nicht zu den Leuten gehörte, die in dieser mühelosen Beschäftigung einen Zeitvertreib finden. Mit auf den Rücken übereinandergeschlagenen Händen ging dagegen der Sergeant Armand zwischen den kleinen Beeten des Gartens vor dem Hause hin und her, grübelnd und schwankend, welcher von den drei verschiedenen Parteien er sich anschließen solle. Er wäre recht gern zu den beiden Alten gegangen, aber da Hille allein in der Laube saß und ihre Gesellschaft nicht teilte, so zog er es vor, noch eine Weile allein zu bleiben, bis diese Vereinigung später erfolgt sei, denn dem jungen Mädchen aus freier Hand nahe zu kommen, war ihm noch nie geglückt, da dasselbe einen wunderbaren Takt und die Fähigkeit besaß, sich von solchen bei Männern seiner Gattung beliebten Unterhaltungen frei zu halten. Wie verwundert war er daher, als er plötzlich seinen Namen von der einsamen Hille rufen hörte und, seinen Kopf erhebend, ob er auch recht gehört, sich überzeugte, daß sie wirklich diesmal gesagt, was aus ihrem Munde dem eitlen Franzosen außerordentlich lieblich klang. Mit einem kühnen Satze, wie ihn nur ein Reitersmann unternehmen kann, sprang er über die Beete fort, die ihn von Hille trennten, und seinen Schnurrbart lebhaft streichend, befand er sich augenblicklich an des schönen Mädchens Seite. »Ein schöner Abend, Monsieur Armand, wie?« »Herrlich, göttlich, unbezahlbar!« rief der entzückte Elsasser, dem das Glück, so vertraulich angeredet zu werden, noch nicht zuteil geworden war. »Setzen Sie sich zu mir, ich habe ein Wort mit Ihnen zu reden.« Der Sergeant hatte so schnell Platz genommen, wie wenn er einen Befehl seines Generals zu befolgen gehabt hätte. »Womit kann ich Ihnen zu Diensten stehen?« fragte er galant. »O, ich wollte nur ein wenig plaudern, weil ich den ganzen Tag beschäftigt gewesen bin.« »Das ist wahr, ich habe es wohl gesehen. Sie geben sich viele Mühe mit dem Hauswesen.« »O, das scheint Ihnen nur so; ich ordne ja nur an, was die Trude nachher ausführt. – Sagen Sie einmal, Herr Sergeant, sind Sie verheiratet?« Der verliebte Reiter spitzte nicht allein die Ohren, sondern auch etwas voreilig den Mund. »Verheiratet?« fragte er. beinahe verschämt. »Ach Gott, nein, bei diesen Zeiten darf man daran nicht denken. Wenn aber einmal erst Friede unter den Völkern ist, dann bin ich gewiß der erste, der sich ein Weib sucht.« »So teilen Sie Ihrem Kaiser Ihren Wunsch mit, vielleicht erfüllt er ihn, denn er macht ja Krieg und Frieden, wie er will.« » Parbleu, ma chère! Das sagt man einem Kaiser nicht und am allerwenigsten dem großen Napoleon.« »Er ist wohl ein gestrenger Herr, Mr. Armand?« »Das wollt' ich meinen, aber das steht ihm auch an, denn er ist der größte Mann auf der Welt.« »So. Ist er auch fromm?« Der Sergeant kniff seine kleinen schwarzen Augen etwas zu, als wäre er nicht recht in der Lage, darüber zu urteilen. »Warum wird er nicht fromm sein?« fragte er dann etwas leise. »Ich dachte mir nur, daß er es nicht ist, weil er die Leute vom Kirchgange zurückhält.« »Wie, das tut er? Mon dieu! Davon habe ich aber noch nie etwas gehört.« »Sie können es aber sehen – sehen Sie nur mich an.« »Ah! Hält Sie denn der Kaiser vom Besuche der Kirche zurück?« »Versteht sich! Er hat Sie hierher geschickt, und Sie gestatten mir nicht einmal, die Kirche zu besuchen.« Der überlistete Elsasser spielte eine komische Figur. Er wand sich wie ein Aal und wußte nicht, wie er die Grausamkeit von sich abstreifen sollte, die ihm so ganz Wider Vermuten aufgebürdet war. Endlich hatte er sich besonnen und einen großen Entschluß gefaßt. Zuerst schmunzelte, dann lächelte er stolz: endlich warf er sich in die Brust und sagte mit wichtiger Miene, wie immer, wenn er von seinem Kaiser sprach: »Seine Majestät ist gnädig und großmütig, man wende sich an ihn, wenn man eine Bitte hat.« Hille hob mit rührender Geberde beide Hände empor, legte die Handflächen zusammen, neigte etwas den Kopf und sagte schalkhaft lächelnd: »Majestät, lassen Sie mich morgen die Kirche in Sagard besuchen, ich muß einmal eine Predigt hören und vor einem Altare beten.« Seine Majestät war vollkommen erweicht, aber zugleich auch in die fröhlichste Laune versetzt. »Das ist charmant, das ist charmant!« rief er, sich schüttelnd vor Lachen. – »So bin ich doch auch einmal ein Kaiser gewesen! Ja, mein Kind, gehen Sie in Gottes und des Kaisers Namen morgen zur Kirche – in Sagard, sagen Sie?« »Ja, in Sagard.« »Wieviel Zeit nimmt das hinweg?« »Mindestens drei Stunden.« »Bah! da brauchen Sie viel Zeit, um zu beten. Wir gehen bei uns in die Kirche, beugen ein Knie, besprengen uns mit Weihwasser, sagen ein Gebet her, besprengen uns wieder und – fertig sind wir.« »Es läßt sich hier nicht anders machen, da die nächste Kirche so weit entfernt ist.« »Ich sehe es ein, ich sehe es ein. Meinetwegen bleiben Sie vier Stunden aus, wenn Sie überhaupt nur wiederkommen.« »Ich danke Ihnen, Mr. Armand, und jetzt will ich meinem Oheim und der Tante von Ihrer Güte Mitteilung machen.« Sie stand aus, knixte und begab sich zu den alten Leuten, die eben im Begriff standen, in das Haus zurückzukehren, und mit Staunen die Nachricht in Empfang nahmen, die Hille ihnen triumphierend mitteilte. – Am nächsten Morgen Punkt neun Uhr war Hille zum Kirchgange gerüstet. Der Sergeant bot sich zur Begleitung, wenigstens auf eine Strecke durch den Wald an, aber Hille dankte mit ihrer bestimmten, ablehnenden Miene und sagte, sie sei gewohnt, allein in diesem Lande zu gehen, die Hirsche und Kühe täten ihr nichts. »Aber die Menschen?« »Die sehe ich nicht und an die denke ich nicht, wenn ich zu Gott gehe.« Mit den Worten schlug sie den Weg nach Westen ein, der nach Sagard führt, und in dem köstlichen Gefühl, einmal nach längerem Zwange frei wie der Vogel in den Lüften zu sein, eilte sie mit ihrem elastischen Schritte flüchtigen Laufes davon, so daß der Sergeant nicht unterlassen konnte, ihr mit Vergnügen nachzublicken, so lange er sie unter den Bäumen mit den Augen erreichen konnte. Hille dagegen, voller Eifer, den frischen Atem der freien Gottesnatur einzusaugen, blickte sich nicht einmal nach dem Sergeanten um, wie er doch ganz gewiß erwartet, sondern hatte nur Augen für den Glanz und die Herrlichkeit, die über die Waldung und den Moosteppich ausgegossen waren, auf dem sie hinschritt. Prachtvoll funkelte der Morgensonnenschein aus den azurblauen Höhen hernieder, und die Sänger in den duftenden Büschen verkündeten wetteifernd ihre Lust und Fröhlichkeit darüber. Wohl eine Viertelstunde brachte Hille damit zu, dem lieblichen Sange der Vögel zu lauschen und die grünen Blätter zu begrüßen, die sich über ihr wölbten, und die einmal Ruhe hatten vor dem Winde, der fast täglich durch sie strich, und ihnen ein wehklagendes Rauschen abzwang; dann aber, als sie sich vollgesogen von der balsamischen Luft, fing sie langsamer an zu gehen und kam in ihren sie durchbebenden Empfindungen plötzlich auf die Ursache zurück, die sie zu dem heutigen Kirchgange veranlaßt hatte. Bereits in der vergangenen Nacht hatte sie ihren Plan zustande gebracht, und um die Ausführung desselben tummelten sich jetzt alle ihre Gedanken. So war sie denn mit sich dahin übereingekommen, zuerst die Predigt anzuhören, dann aber zu dem guten Pastor von Willich oder dem Diakonus Wohlfahrt zu gehen, wer nun die Predigt halten würde, und einen von ihnen um Rat zu fragen, wie sie am besten erfahren könne, ob Waldemar Granzow im Schlosse Spyker wäre. Was dann geschehen würde, wußte sie noch nicht, aber darum bangte sie auch nicht. War nur erst wieder ein Schritt vorwärts getan, so würde der nächste schon von selbst folgen. Hilles Plan, wie ihr Zweck, mußte ein guter sein, sonst hätte ihn die Vorsehung gewiß nicht so sehr und so rasch begünstigt, wie es wirklich geschah, und dabei bediente sie sich ganz anderer Mittel, als auf welche Hille in ihrer einfachen, Sinnesweise verfallen war. Denn als sie auf dem einsamen Wege, den heute kein Mensch außer ihr betrat, fortgeschritten war und sich dem Flecken Sagard bis auf wenige Minuten genähert hatte, so daß sie schon die Glocken läuten hören konnte, die zur Kirche riefen, sah sie auf demselben Wege einen Reiter daherkommen, der eben erst das Städtchen verlassen haben mußte. Er hatte seinem ruhigen Pferde die Zügel auf den Hals gelegt, hielt den leichten Strohhut in der Linken und trocknete sich mit der Rechten den Schweiß von der Stirn, denn es war schon am frühen Morgen gewaltig heiß. Als er mit diesem Geschäfte zu Ende gekommen, steckte er das Tuch in die Tasche und holte eine große Brille hervor, die er mit möglichster Genauigkeit fest auf die Nasenwurzel setzte. Erst als dies geschehen war, ergriff er die Zügel wieder und wollte eben sein steifes Pferd in Trab bringen, als er Hille auf sich zu schreiten sah. »Ha!« rief er ihr schon von weitem entgegen. »Sehe ich recht? Ist das nicht Hille, des Strandvogts aus Sassnitz Nichte? Ja, fürwahr, ich irre mich nicht. O, guten Morgen, mein schönes Kind, wo soll die Reise so eilig hingehen?« »Nach Sagard, zur Kirche, Herr Doktor! Ich wünsche Ihnen auch einen guten Morgen.« »Prächtig, prächtig, mein Mäuschen, aber wart' einmal ein bischen, ich hätte wohl ein Wort mit dir zu sprechen.« Er hielt sein fortstrebendes Pferd fest und beugte sich etwas zu Hille herunter, die erwartungsvoll am Sattel stand,, denn des guten Doktor Pipers Miene glänzte von einer gewissen heimlichen Freude, die ihrem scharfen Auge nicht entging. »Was machen die Alten im Kiekhause, he, mein Kind?« »Sie sind gottlob gesund, Herr Doktor, was viel sagen will in diesen traurigen Zeiten.« »Sehr viel, sehr viel, ja wohl. Es geht nicht allen Leuten so gut. Ich habe außerordentlich viele Patienten, trotz des schönen Wetters. Höre mal, Hille, da fällt mir ein,, was hat denn der Alte zu der Verwickelung gesagt, in die sein Sohn, der Waldemar, geraten ist, he?« »Ach, Herr Doktor, er ist sehr betrübt darüber, und wir alle sind es nicht minder.« »Das dachte ich mir wohl. Weiß er denn, wo der Junge steckt?« »Wenn er das wüßte, würde er nicht halb so traurig sein.« »Nun, höre mal, komm' mal ganz dicht heran, Kind, so – da kann ich Euch etwas trösten.« »Wie? Sie wüßten, wo er ist?« »Gewiß weiß ich das, und ich habe ihn erst gestern gesprochen und spreche ihn alle Tage. Er ist ganz wohlauf und sitzt im Trockenen.« »Wo, wo? o bitte, sagen Sie es mir.« »Still, nicht so laut – es ist ein Geheimnis – von Wichtigkeit, Hille!«. Hille sog jedes Wort von seinen Lippen, wie die Biene eifrig den Honig der Blumen schlürft. »Sagt schnell, wo er ist!« flüsterte sie mit bebender Stimme und klopfendem Herzen. »Er ist in Spyker, auf dem Schloß, mit dem jungen Grafen Brahe, der sicher geborgen im Spukturm sitzt, wo niemand ihn sucht.« »Ah, ich dachte es mir!« »Wie, du dachtest es dir?« »Ja, ja, so sage ich, aber sprecht – er ist gesund, ungefährdet?« »Gesund ist er wie ein Fisch im Wasser.« »Aber ist er vor jeder Entdeckung geschützt?« »Hm! Hm! das hat so seine Bedenklichkeiten. Ich wenigstens würde mich an seiner Stelle eben nicht bombenfest halten, aber der Junge ist ein Wetterkerl und sieht der feindlichen Breitseite wie ein Walfisch ins Gesicht.« »Wieso denn, was tut er?« »Nun, er geht frank und frei unter den Franzosen herum, die nicht wissen, wer er ist, und ihn Georg Forst nennen und für den Neffen des Herrn von Bagewitz auf Kloster halten.« Hilles Gesicht überströmte ein Freudenstrahl, so rosig, so golden, wie ihn selbst die Junisonne nicht schöner hervorzaubern kann. »Ist das alles wahr, was Ihr mir da sagt?« »Auf mein Gewissen, ich werde doch dem alten Granzow und dir keine Lüge aufbinden? Aber halt, mein Kind, jetzt muß ich weiter, ich habe einen Patienten in Sassnitz und hatte schon gedacht, einen Augenblick bei dem Alten vorzusprechen und ihn von seinem Kummer zu kurieren. Nun brauche ich es nicht, du kannst es jetzt selbst tun.« »Wann seid Ihr wieder zurück, Herr Doktor?« »Spätestens in einer Stunde, mein Kind.« Hille bedachte sich im Fluge; sie wußte selbst nicht, wie es kam, daß ihr die Gedanken in voller Flut zuströmten. »Hört,« sagte sie eilig, »seid Ihr nach der Kirche zu Hause?« »Bis Mittag zwei Uhr, Kind – warum?« »Dann komme ich zu Euch, sobald die Predigt vorbei ist, denn ich habe eine Bitte an Euch.« »Aha, ich kann es mir schon denken. Na, komm in Gottes Namen, ich erwarte dich. Mit Gott!« – Bei den letzten Worten hatte er seinem Gaule die Sporen eingesetzt und trabte nun eilig dem Walde zu. Hille aber, die Hand fest auf das Herz gedrückt, das so stürmisch pochte, als ob es seine Bande sprengen wollte, stand geraume Zeit ans derselben Stelle, wo er sie verlassen, und sprach mit sich selbst, auf eine so ernste, bedachtsame Weise, und so voll ermutigender Zuversicht, wie sie noch nie in ihrem Leben mit sich gesprochen. Dann aber, als die Glocken der nahegelegenen Kirche noch einmal ertönten, wachte sie wie aus einem unwillkürlichen Traume auf, und sich zu raschem Gange anschickend, schritt sie dem kleinen Flecken zu, der trotz seiner damaligen Dürftigkeit ihr doch diesmal wie ein in der Sonne blitzender Tempel von Gold erschien, in dem ihr die Erfüllung aller ihrer augenblicklichen Wünsche zuteil werden sollte. Die Kirche, oder vielmehr das Schulhaus, worin der Gottesdienst abgehalten wurde, da die Kirche selbst auch hier zum französischen Hospitale diente, war, wie immer zur Franzosenzeit, sehr gefüllt, und alle Anwesende, Alt und Jung, schauten mit Teilnahme auf Hille hin, als sie sie in ihrer rosig blühenden Schönheit, die ihre innere Aufregung noch blendender machte, eintreten sahen. Als nun aber der Pastor von Willich selber mit seiner unnachahmlichen Würde die Kanzel bestieg und im Verlauf der Predigt der wohlverstandenen Anspielungen auf das Schicksal der vorzüglich Heimgesuchten sich nicht enthalten konnte, dabei sein redliches Auge auf Hille wandte und den göttlichen Beistand auf das Haupt der Gerechten und unschuldig Leidenden herabflehte, da lief ein leises Gemurmel des Beifalles durch den kleinen Raum, und von allen Seiten nickte man dem allgemeinen Lieblinge Grüße und Wünsche zu, so daß die vater- und mutterlose Waise, von, diesen seltenen Beweisen der Teilnahme tief ergriffen, ihre Tränen nicht zurückhalten konnte, obgleich ihre starke Seele nur selten die Tropfen vergoß, die ein Zeugnis unserer menschlichen Schwäche sind. Ob Hille, wenn diese Hindeutung auf ihre persönlichen Verhältnisse seitens des menschenfreundlichen Pfarrers ihre Aufmerksamkeit nicht angeregt hätte, jedem Worte der Predigt an diesem Tage gefolgt wäre, bezweifeln wir fast; denn weit davon ab waren ihre Gedanken zu schweifen geneigt, und nur mit Mühe hafteten sie anfangs auf den Dingen, die sie vor sich sah, und bei den Worten, die sie vernahm. Nachdem nun die Predigt beendet, der Gottesdienst geschlossen war, und die Anwesenden ihre Plätze verlassen hatten, wurde sie von neuem durch die Begrüßung ihrer Freunde und Bekannten in Anspruch genommen. Alles scharte sich um sie her, und als endlich der edle Pastor selbst herbeikam, ihr die Hand reichte und persönlich Worte der Teilnahme und Tröstung sprach, auch viele Grüße an Oheim und Tante bestellte, die er in den nächsten Tagen zu besuchen gedenke, da war es, als ob das schöne Mädchen von Sassnitz heute die Hauptperson von Sagard geworden wäre, und kaum konnte sie sich den hunderterlei Fragen entziehen, die über sie hereinstürmten, um endlich zu dem Doktor Piper zu eilen, nach dem jetzt ihr Herz allein Verlangen trug. Der gute Mann stieg soeben aus dem Sattel, als Hille sein kleines Haus erreichte, und nachdem er sich einige Minuten geruht und abgekühlt, kam er zu ihr ins Zimmer, wo seine Frau dem wohlbekannten Mädchen einen erfrischenden Imbiß vorgesetzt hatte. »Nun müßt Ihr mir alles noch einmal erzählen,« rief ihm Hille entgegen, sprang auf ihn zu und zog ihn an den Händen auf einen Stuhl nieder, »aber auch alles haarklein, wie es gekommen, was geschehen ist, und was zu befürchten steht.« »Ja, Kind, ja; laß mich nur erst recht zu Atem kommen, dann will ich dir sagen, was ich weiß.« Er hielt Wort. In wenigen Minuten war Hille von allem unterrichtet, was wir selbst bereits wissen, und wenn sie auch nicht die verschiedenen Einzelheiten erfuhr, die wir berichtet haben, so blieb ihr doch auch nichts Wichtiges verborgen. Als sie so in die ganze Lage des Grafen Brahe und seines Freundes hinreichende Einsicht gewonnen, überströmte sie eine neue Flut höchst bedeutsamer Gedanken, wenigstens glaubte der Doktor das aus ihrem Benehmen schließen zu müssen. Den Zeigefinger der rechten Hand auf die frischen Lippen gedrückt, mit der Linken noch immer ihr laut schlagendes Herz haltend, ging sie geneigten Kopfes im Zimmer hin und her. Schweigend saß der Arzt in ihrer Nähe, beobachtete sie scharf, wie es seine Gewohnheit war, und las aus ihren blitzenden Augen und ihrer gespannten Miene, daß sie sich innerlich bedenke und einen heraufdämmernden Entschluß nach allen Seiten überlege. Plötzlich trat sie vor den Doktor hin, legte ihre Rechte auf seine Schulter und sagte: »Lieber Herr Doktor, noch eine Bitte habe ich an Euch, vielleicht sogar zwei. Zuerst nun sagt mir, aber genau, es hängt viel davon ab – wo stehen die Franzosen aus dem Lande zwischen hier und Spyker?« »Oho!« rief der gutmütige Arzt, »willst du sie attackieren, Mädchen? Das laß nur bleiben, denn das ist kein Handwerk für so schmucke Weibsbilder, wie du eins bist.« »Sagt es geschwind, ich muß es wissen.« »Nun, wenn du es durchaus wissen mußt, dann werde ich wohl auch mit der Sprache heraus müssen. Aber das ist sehr einfach, Kind. Zunächst von hier stehen einige Mann, vielleicht ihrer zwanzig, in Capelle, dann erst in Promeusel wieder; dann in Neddesitz, Falkenburg und Hagen – du siehst, kreuz und quer haben sie Grund gefaßt, wo sie gerade ein saftiges Stück Erde und ein frisches Laib Brot vorfanden.« Hille lächelte. »Ja,« sagte sie, »sie stehen sehr kreuz und quer – und wäre ja wohl der gerade Weg von hier bis Spyker, außer Capelle und Neddesitz, unbesetzt?« »Halt, Mädchen, in Bobbin stehen sie auch, ich darf dir das nicht verheimlichen.« »Vielleicht auch in Quoltitz?« »Ei warum nicht gar – in Quoltitz! Sie werden sich hüten, in die Nähe der Gräberstadt zu gehen, wie, sie sie nennen, nein, davor haben sie einen heiligen Respekt. Die Kerle sind abergläubisch und fürchten sich vor Gespenstern, wie die Kinder, es ist beinah zum Lachen – und wenn sie von Jasmunds Ostküste nach Spyker wollen, machen sie immer einen Umweg von anderthalb Stunden bis Ruschwitz, um nur das Totenfeld zu vermeiden.« »Ist das richtig, ganz richtig, lieber Herr Doktor?« »Ich werde dir doch nichts Falsches sagen, da ich alle Tage die Stubnitz kreuz und quer durchreite! Aber wozu willst du das alles wissen, du willst doch nicht etwa die Jungfrau von Orleans auf Rügen spielen?« »Keinen Scherz jetzt, Herr Doktor!« rief Hille und streckte ihre Hand mit einer so sprechenden Geberde nach ihm aus, daß er sogleich verstand, daß er wieder schweigen solle, was er auch sofort tat. Hille ging jetzt noch einmal innerlich mit sich zu Rate, und. überaus wichtig war für sie, was sie in diesem Augenblick dachte. Das mochte dem guten Doktor auch Wohl einleuchten, denn er wurde plötzlich, ordentlich ernsthaft, was selten bei ihm der Fall war, und betrachtete das schöne Mädchen mit einer so respektvollen und teilnehmenden Miene, wie noch nie zuvor. Endlich war Hille mit sich aufs Reine gekommen. Sie schöpfte tief Luft, warf einen Blick durch das Fenster nach dem gütig lächelnden Himmel und, gleichsam von ihm Stärke und Beistimmung empfangend, kehrte sie sich zu dem Arzte um und sagte mit viel leiserer Stimme als vorher und mit bittendem Tone: »Herr Doktor, könnt Ihr mir ein Blatt Papier, Feder, Tinte und Siegellack geben?« »Ein ganzes Buch, Mädchen, wenn es nötig ist. Da, da liegt gleich etwas in dem Kasten. Aber ich werde selber in meine Stube gehen, so lange du schreibst, damit ich dich nicht störe.« »Nein, Ihr könnt hier bleiben, ich schreibe nur wenige Worte, und was ich schreibe, sollt Ihr heute mit nach Spyker nehmen, da Ihr doch hinüberreitet, wie Ihr gesagt habt.« »Nach Spyker? Ich? Den Brief mitnehmen? Aber an wen wird er denn gerichtet sein?« »Das werdet Ihr sehen, wenn Ihr ihn empfangt.« Gleich darauf begann Hille rasch einige Zeilen auf das. Papier zu werfen, und in wenigen Minuten war sie damit fertig. Dann schrieb sie etwas langsamer ihren Namen darunter, streute Sand darauf, faltete den Bogen und fing an, ihn von allen Seiten zuzusiegeln, wie es Frauen tun, wenn sie beabsichtigen, recht sicher zu Werke zu gehen. »Nun, nun,« sagte schmunzelnd der alte Doktor, indem er näher an den Tisch trat, auf dem Hille schrieb, »es ist genug damit. Du kannst versichert sein, daß kein sterbliches Auge da hinein schauen kann, und darfst immerhin meinen Siegellack etwas verschonen. – Nun aber die Adresse, Kind!« Hille besann sich wieder. »Nein,« sagte sie, »es ist besser, ich schreibe sie nicht darauf. Der Brief könnte verloren gehen.« »Verloren? Ja, wenn ich mit verloren ginge, da ich ihn bestellen soll.« »Ihr sollt ihn bestellen, aber man muß heutzutage vorsichtig sein.« »Aber dann muß ich doch wissen, an wen ich ihn abliefern soll.« »Ja, ja – da – da habt Ihr ihn, ich binde ihn Euch auf die Seele.« »Nun, wenn du ihn in meine Tasche legst, ist er auch schon sicher genug. Und wer soll ihn erhalten?« »Der Sohn des Strandvogts auf Sassnitz.« »Das heißt Waldemar Granzow auf Spyker.« »Derselbe, der sich jetzt Georg Forst nennt,« fügte Hille mit hoch geröteten Wangen hinzu, da sie die Luchsaugen wohl bemerkte, mit denen sie der Doktor durchforschte. »Hm, hm!« sagte er. »Ja, ja, er soll ihn haben. Vor fünf Uhr schon ist er in seinen Händen, ich reite um drei. – Willst du schon fort?« Hille hatte ihr Tuch bereits in der Hand, das sie zusammengefaltet über den Arm legte. »Ja,« erwiderte sie, »ich muß fort, es ist die höchste Zeit, man erwartet mich gewiß schon lange zu Hause. – Herr Doktor, da, nehmt meine Hand ich danke Euch von Herzen für Eure Freundschaft. Wenn ich kann, will ich sie vergelten. Lebt Wohl – lebt wohl!« Sie flog zur Tür. Der Arzt begleitete sie bis vor das Haus, kaum imstande, ein Wort zu sprechen, weil er sich die eigentümliche Stimmung des sonderbaren Mädchens, ihre Hast und die Flammen, die ihr Auge aussprühte, nicht recht erklären konnte. »Hm!« sagte er zu sich, als er in seine Stube zurückgekehrt war und den kleinen Brief wohl zehnmal von hinten und vorne besah – »bin ich doch meine Lebtage nicht so neugierig gewesen, wie heute. Wenn ich doch wüßte, was in diesem Briefe steht! Es waren nur zwei Zeilen, die sie mit sicherer Hand, obgleich innerlich tief bewegt, schriebe Ja, ja kuriose Zeiten bringen kuriose Verhältnisse zuwege. Am Ende – wer kann es wissen, und wer sollte nicht daran denken – hat sie mich zu ihrem Liebesboten gedungen – haha? in meinen alten Tagen! Das ist mir noch nie passierte – Aber ein Mädel ist sie, wie ich noch keins in meinem Leben gesehen habe, weiß es Gott! Ein paar Augen hat sie – und eine Taille und ah, bah! Was geht das mich an! Sie ist gesund, und ich bin nur für die Kranken!« – Siebentes Kapitel. Das Totenfeld in Quoltitz. Als Hille das Haus des Doktors und endlich ganz Sagard hinter sich hatte, eilte sie mit beflügelten Schritten dem Walde und seinen Schatten zu. Sie fühlte die Hitze nicht, die Blumen und Gräser beugte, sie war stärker als diese, denn in ihrem Geiste thronte ein kühner Gedanke, und in ihrem Herzen brannte ein tiefes Gefühl, und beides hat schon manchen sengenden Sonnenstrahl bewältigt und manchen eisigen Windhauch bezwungen. Sie wußte nicht, auf welchem Wege sie schritt, denn sie hatte bereits einen Weg im Auge, der weit ab von diesem lag! so schwand der Moosteppich auf dem Fußsteige, den sie gewählt, unter ihren Füßen, und die Bäume tanzten an ihr vorbei, ohne daß es ihr auffiel, daß die Vögel in den Zweigen jetzt schwiegen, und die Sonne beinahe senkrecht über ihrem Scheitel stand. Erst eine kurze Strecke vorm Kiekhause ward sie aus ihren Träumen gerissen und an die Wirklichkeit des Lebens erinnert, als sie auf dem Wege von Sassnitz her die Gestalt Mr. Armands unter den Bäumen auftauchen sah, der die Zeit nicht abwarten konnte, bis sie wieder unter seinen Befehlen stand, da er während ihrer Abwesenheit an die Folgen gedacht hatte, die sein willkürliches Schalten und Walten herbeiführen könne, wenn Kapitän Caillard oder ein anderer Offizier nach dem Kiekhause käme und eine Person weniger darin vorfände. »Na,« rief er ihr schon aus der Ferne entgegen, »es ist gut, daß Ihr wieder da seid. Ich habe Angst genug ausgestanden.« »Warum denn? Gab es denn etwas zu fürchten?« » Sacrebleu! Genug! Ihr konntet mir ja entwischen, und ich wäre dann der geprellte Kerkermeister gewesen.« »Da Ihr seht, daß Ihr es nicht seid, könnt Ihr Euch rasch zufrieden geben.« »Ja, ja, aber Ihr sollt mir so bald nicht wieder zur Kirche gehen.« »Ich habe auch keine Lust dazu – es ist sehr heiß.« »Hat der Mann gut gepredigt?« »Vortrefflich!« »Wovon hat er denn gesprochen?« »Von – von der Pflichterfüllung der Menschen untereinander. Einer müsse dem andern helfen, wo er es nur vermöge, da wir alle einmal in Nöten geraten könnten.« »Ha! Das paßt auch auf mich. – Hat er noch etwas anderes gesagt?« »Ja. Die Menschen sollten sich wie Brüder lieben und den bösen Feinden vergeben, was sie Übles tun; denn schon der Heiland hätte gesagt: vergebet ihnen, sie wissen nicht, was sie tun, und erst recht nicht, wenn sie im Argen befangen sind.« »Im Argen? Hat er das gesagt? Sacre dieu! das ist ein kühner Mann, in dieser Zeit und unter unsern Augen das zu sprechen! – Und was hat er noch gesagt?« »Daß wir uns nur in der Heimat Wohl befänden, und das würden die Franzosen auch noch einmal einsehen, wenn sie erst wieder nach Hause wären, was ihnen Gott in seiner Gnade zuteil werden lassen möge.« Mr. Armand seufzte. Er mochte denken, daß der heilige Mann in vielen Dingen recht habe, also auch in diesen. »Und da – da ist meine Heimat, Mr. Armand. Jetzt bin ich wieder zu Hause und recht froh darüber. Ich danke Ihnen für Ihre Begleitung und will nun zu meinen Verwandten gehen. Guten Morgen!« Und rasch vor ihm in die Tür schlüpfend, schlug sie ihm dieselbe vor der Nase zu und war auf diese Weise flugs seinen verlangenden Augen verschwunden. »Mille tonnerres!« fluchte der französische Reiter, »das ist ein Blitzmädel, aber sie hat ein Auge auf mich, oder ich will kein Franzose sein!« * Hilles sofortige Mitteilung, daß Waldemar unter dem Namen Georg Forst in Spyker geborgen und Graf Brahe im geheimnisvollen Spukturm heimlich versteckt sei, brachte, wie es nicht anders sein konnte, bei den Eltern des ersteren anfangs eine außerordentliche Freude hervor. Kaum aber war der erste Rausch derselben vorüber, so stellte sich ihre Kehrseite im menschlichen Leben, die Sorge, ein, daß dieses gefahrvolle Verborgensein denn doch nicht lange dauern werde und könne, da es zu viele Möglichkeiten gebe, den wahren Namen des jungen Mannes zu entdecken und ihn dann um so schonungsloser den feindlichen Gerichten zu überliefern. Obgleich Hille einsah, daß die Besorgnis der Eltern um Waldemar nicht unbegründet sei, tröstete sie sie doch, so viel in ihren Kräften stand, indem sie den Glauben zu erwecken suchte, daß Waldemar selbst sich nicht für allzu sicher halten und für alle Fälle auf einen guten Ausweg bedacht sein werde. »Es wird aber doch gut sein,« fügte sie mit eigentümlicher Wärme hinzu, »wenn man ihn warnt vor jeder Übereilung und ihm den Rat gibt, ebenso an Eure wie seine Zukunft zu denken, denn Vorsicht ist in allen Dingen die Mutter der Weisheit.« »Ja, ja,« bestätigte der alte Strandvogt ihre Ansicht, »man muß ihn warnen, der Junge ist trotzig auf sein Glück. Von Jugend an dachte er immer mehr an den Angriff als an den Rückzug und ging mit kecker Stirn auf jedes Hindernis los. Kein Wetter war ihm dick genug, keine Welle zu hoch, kein Wind zu unbändig, wenn er ein Ziel auf der See vor Augen hatte, und darum war ich froh, als er aus dem Hause kam und den Gefahren meines Berufes und Amtes entrückt wurde. Nun aber walten die Sterne des Himmels wunderbar! Wer auf dem Meere umkommen soll, verbrennt nicht, und umgekehrt, und meinen Jungen verfolgte die Gefahr auf jedem Schritte seines kurzen Lebens, auch auf dem Lande. Jetzt sehen wir ihn wieder darin, Hille, du bestätigst es, und lerne dabei, wieviel Kummer dem Menschen zuteil wird, wenn ihm auch Freude und Hoffnung von Gott geschenkt ward. Es ist ein wahrer Segen, daß du dem alten Doktor begegnet bist, aber du hättest ihm nur empfehlen sollen, den Jungen tüchtig ins Gebiß zu nehmen, damit er nicht durchgeht in seinem Übermut.« »Übermütig ist er nicht, Oheim, ach nein! Nur zu kühn, und das ist eher eine Tugend, als ein Fehler. Auch wird ihm,« fügte sie mit gesenktem Kopfe hinzu, der Doktor ein paar Worte in meinem Namen sagen, und ich werde weiter darüber nachdenken, wie man ihm die Warnung zuteil werden läßt.« »Tu das, Kind, du beglückst uns damit. – Und nun, Ilske, laß uns etwas Warmes genießen. Zum ersten Mal seit den zwölf Tagen, daß die Franzosen uns den Daumen aufs Auge halten, fühle ich Appetit und den danke ich dem guten Mädel da«. So war denn dieser Tag ein kleiner Freudentag im Kiekhause geworden, und weder der Strandvogt noch seine Frau ahnten in ihrer Herzenseinfalt, daß eine unter ihnen lebte, deren Sorge noch größer und lebendiger war, als die ihrige je gewesen, wenngleich im Kopfe jener sich schon Gedanken regten, auch diese Sorge abzuschütteln und mit Aufopferung ihrer eigenen Ruhe über die Ruhe der Übrigen zu wachen. Da Hille diese Gedanken nur im stillen hegen und im eignen Herzen verarbeiten konnte, so war es natürlich, daß sie an diesem wie an dem folgenden Tage sich so viel als möglich von den andern abgesondert hielt, um keine Minute entschlüpfen zu lassen, die vorliegenden Verhältnisse mit aller Sorgfalt zu erwägen. Stundenlang blieb sie in diesen beiden Tagen auf ihrem Giebelzimmer eingeschlossen, und wenn Mutter Ilske kam, um nachzusehen, was sie treibe, so fand sie sie in der Bibel lesend, obgleich die gute Alte, wenn sie genauer hineingeblickt, wohl hätte wahrnehmen können, daß die zuerst aufgeschlagene Seite noch immer nicht umgeblättert war. Endlich am Abend des folgenden Tages, es war ein Montag, war Hille mit ihrem stillen Grübeln aufs Reine gekommen, jetzt wollte sie sogar nicht mehr länger nachdenken, da sie sich selbst gestehen mußte, daß das nichts mehr helfe, da ja die Stunde gekommen war, den Vorsatz, den sie in glühender Aufregung gefaßt, mit kaltem Blut auszuführen. So stand sie denn, eben als die Sonne, die am Nachmittage einige Wolken bedeckt, sich dem westlichen Horizonte zuneigte, an ihrem Fenster, blickte auf das still wogende Meer hinaus, hielt die Hände vor sich gefaltet und sagte: »Nun, mein Gott, nimmst du die Sonne vom Himmel, deren Scheiden ich heute mit Sehnsucht erwartet habe. Laß es recht dunkel werden auf den Pfaden, die ich zu wandeln gesonnen bin, aber sende mir weder Regen noch Sturm von außen, da genug Sturm in meinem Innern ist. – Ob ich nicht vielleicht töricht handle? Ob ich auch in allen Dingen recht tue? Wer weiß es und kann es ergründen? Ich nicht, denn niemand kann sich und seine Handlungen selbst richtig beurteilen. Und doch sagt mir ein wogendes Gefühl in meiner Brust, daß ich in einem Punkte recht tue und nicht unklug handle, und das ist der Punkt, daß ich meine eigene Sicherheit so wenig bedenke, um einem anderen von Nutzen zu sein und seinen Anverwandten den Kummer zu verscheuchen suche, der sie für spätere Tage bedroht. Was er selbst davon denkt, das darf mich nicht kümmern, und sollte er meine Einmischung in sein Schicksal sogar verdammen, ich würde dennoch auf meinen Vorsatz bestehen, den ich ja jetzt nicht mehr ändern kann. Freilich, wenn ich es recht bedenke, so hätte ich ihm die Warnung auch schreiben können, wie ich ihm die Einladung schrieb, aber das konnte ich nicht, ich weiß so schon nicht, woher ich die Fassung genommen, die paar Zeilen an ihn zustande zu bringen. Nun ist es zu spät, etwas anderes zu ersinnen, ich bin fertig mit mir, und Gott wird sorgen, daß ich auch mit ihm fertig werde.« Als sie dies zu sich gesprochen, stieg sie in das Unterhaus hinab, setzte sich mit dem Strandvogt und seiner Frau auf die Bank unter den Bäumen und betrachtete das wallende Meer, über welches die Abenddämmerung langsam herabsank, wobei sie mit Vergnügen die Äußerung des Oheims vernahm, daß die Nacht finster zu werden und der Nebel wiederzukommen drohe, der ihr Heimatland so oft in seine Schleier hüllt. »Wird es stürmen und regnen, Oheim?« fragte sie rasch, als sie den Sergeanten herankommen sah. »Ich nehme kein Anzeichen davon wahr, Kind,« lautete die Antwort, »aber wer kann es wissen, der nicht weiß, wo die Stürme gebraut und die Regengüsse gesammelt werden!« * Die Nacht war gekommen, finster und doch dabei windstill, wie es der Strandvogt vorhergesagt. Als ob der Himmel über die vergängliche Schönheit eines nordischen Sommertages traure, war er mit einem düstren Flore überzogen, kein Stern ließ sich blicken, so weit und scharf das Auge des zu einer ernsten Tat entschlossenen Mädchens auch rings herum am Horizonte spähen mochte. Gegen zehn Uhr erklärte sich Hille ermüdet und ging in ihr Stübchen hinauf, nachdem sie den Verwandten eine gute Nacht gesagt und Mr. Armand heimlich eine Flasche Rum, ein großes Stück Zucker und ein paar Zitronen aus den Vorräten des Hauses verabreicht hatte, mit dem Hinzufügen: es sei eine trübe, schläfrige Nacht im Anzuge, und es werde ihm Wohltun, vor'm Schlafengehen eine angenehme Stärkung zu genießen. »Sie hat wahrhaftig ein Auge auf mich!« dachte der Sergeant frohlockend im stillen, »ich sage es ja! Mag der Teufel wissen, wie es zugeht, aber sie gehört mir, wenn ich will. Armand! Armand! Sei gescheit! Fange es vernünftig an, wenn du die Forelle fangen willst, die wunderbar schmiegsam, aber auch wunderbar lecker ist!« Und er strich den schwarzen Schnurrbart noch einmal so hoch hinauf und schlürfte mit doppeltem Behagen das starke Getränk ein, das er mit lüsterner Zunge für sich und seine Kameraden bereitet hatte. Aber gegen halb elf Uhr spürte er schon die Wirkung dieses Getränks. Er fühlte sich entsetzlich müde und suchte tappend seine Streu, auf welcher die drei anderen Jäger schon ausgestreckt lagen, um bald mit ihm um die Wette zu schnarchen und nicht eher als bis kurz vor Anbruch des Tages aufzuwachen. Auch der Strandvogt schlief schon fest, nachdem er noch einmal nach dem Wetter geschaut und mit halbem Ohr den Abendsegen angehört hatte, den ihm seine Frau regelmäßig vor dem Zubettgehen vorzulesen pflegte. Nicht so Hille. Nachdem sie ein paar feste Schuhe angezogen, ihre Kleider, um recht bequem zu gehen, hoch geschürzt und ihr Windtuch über den Arm genommen hatte, löschte sie ihr Licht, öffnete die Tür und horchte hinaus. Da sie nichts hörte, was ihrem Tun hinderlich sein konnte, schlich sie auf den Zehen hinaus und schloß ihre Tür von außen zu, worauf sie schon am Tage das Schloß durch säuberliche Ölung vorbereitet hatte. Leise nun die Treppe hinunterschleichend, an deren Fuße auf dem Flur sie die Schnarchtöne der vier Franzosen vernahm, glitt sie zur Hintertür, öffnete den Riegel und schlüpfte hinaus, worauf sie sie wieder fest einklinkte, ohne sie jedoch von außen zuzuschließen, um jedes unnütze Geräusch zu vermeiden. So stand sie im Freien, und nun erst atmete sie froh und leicht auf, denn der erste Schritt ihres kühnen Unternehmens war geglückt. Leise dann um das Haus herumhuschend, trat sie in den Garten, öffnete behutsam die Gartentür und schloß sie wieder. Lächelnd nach dem stillen Hause zurückblickend, wandte sie sich dann schnell um, als dürfe sie keine Zeit verlieren, und eilte mit behenden Schritten weiter, bis sie tief im Walde war und den Pfad erreichte, der mitten durch den wildesten Teil der Stubnitz an der Försterei Werder vorbei nach Promeusel führt. Im Walde war es noch viel finsterer als auf freiem Felde, denn kein Licht erleuchtete seine an und für sich schon dunkeln Pfade, da auch der Himmel diesmal seine nächtliche Spende versagte. Nur ein sehr genau mit den verwickelten Wegen vertrauter Wanderer mochte sich in diesen labyrinthartigen Waldungen zurechtfinden, welche die ragenden Bäume, die mit Moos bewachsenen Steingerölle, die hier und da auftauchenden düsteren Gräber der Vorzeit und das dicht wuchernde Farnkraut nebst den übrigen dornigen Gebüschen noch unzugänglicher machten. Aber Hille brauchte keinen Wegweiser, ihr Licht brannte in ihrem mutigen Geiste, und mit einer zur zweiten Natur gewordenen Sicherheit bewegte sie sich leicht aus dem beschatteten Pfade dahin, bald an dieser, bald an jener Stelle irgend ein Zeichen wahrnehmend, was ihr verriet, wo sie war und welche Richtung sie ferner einzuschlagen habe. Sie mochte wohl nicht ahnen, daß der Weg, den sie in dieser stillen Nacht wandelte, in späterer Zeit gelichtet und häufig betreten würde, denn sie durchschnitt einen Teil der Stubnitz, der ebenso reich an Denkmälern der Vorzeit, wie schön und herrlich an weitreichenden Fernsichten ist und bis zum heutigen Tage alljährlich unzählige Wanderer anlockt, die nun nicht mehr mit den Windungen des schmalen Weges, mit dem dornigen Gestrüpp und dem fast zu üppig wuchernden. Moose zu kämpfen haben, wie sie noch zu Hilles Jugendzeit jenen Teil der Jasmunder Halbinsel bedeckten. Wir erwähnen also auch von diesen schönen Punkten nichts und überlassen es dem Leser, der Richtung zu folgen, die Hille in dieser Nacht einschlug, wenn er einmal das schöne Land besucht, in das wir seine Phantasie eingeführt haben. Anfangs war der Weg bergig, den Hille verfolgte, und da sie von Hause aus den Gang mit hastigen Schritten begann, keuchte ihre Brust bald, und ihr Herz schlug fühlbar gegen die Hand, womit sie es zu beschwichtigen versuchte. Als sie aber ihre Eile mäßigte, beruhigte sich das bewegliche Organ wieder, und so setzte sie ungehindert ihren Weg fort. Das Gut Lanken mit seinen Wiesen zur Linken lassend und das quellenreiche Bruch bei Clementelwitz vermeidend, hielt sie sich so viel wie möglich im Walde, da sie hier am wenigsten einem Menschen zu begegnen vermeinte und sich leicht verbergen konnte, wenn etwa zufällig jemand des Weges zöge. Aber sie sah und hörte niemanden, und nichts hinderte sie, ruhig fortzuschreiten. Nur bisweilen vernahm sie das Gackern einer munteren Holztaube oder das tiefe Balzen des Auerhahns, der sein Weibchen ruft, oder das Hämmern eines ruhelosen Spechts, der auch nachts auf Beute ausgeht. Selbst die beim dämmernden Nachtlichte in noch tieferem Schatten ruhenden riesigen Grabhügel hatten für sie nichts Störendes, sie war von Kindesbeinen daran gewöhnt, sie zu besuchen, zu erklimmen und von ihrer beträchtlichen Höhe auf das tiefer liegende Land hinabzuschauen. Einmal sogar, als sie an eine Stelle im dichtesten Waldberge kam, wo, wie sie wußte, ein bequemer Sitz zur Ruhe einlud, setzte sie sich einen Augenblick, um über den eigentlichen Zweck ihres Vorhabens noch einmal nachzudenken. Aber wunderbar, so sehr sie sich auch bemühen mochte, im stillen alles zu wiederholen, was sie sprechen wollte, wenn die Gelegenheit dazu gekommen wäre, es war ihr jetzt nicht möglich, das so oft Bedachte noch einmal in geordneter Folge vor ihre Seele zu rufen, da ihr die Gedanken seltsam verworren im Kopfe schwirrten. Seufzend erhob sie sich wieder und setzte um so eifriger ihren Weg fort, um das noch ferne Ziel zur rechten Zeit zu erreichen. Hille war, wie wir wissen, ein kräftiges und geschmeidiges Mädchen, sie ging daher keinen schläfrigen Schritt, wie wir es jetzt an vielen ihrer Landsmänninnen wahrnehmen, auch merkte sie bald, daß sie warm wurde, denn die Nacht war überaus mild, und kein Wind kühlte die stechende Luft in der Waldung ab, auf welche die Sonne den ganzen Tag ihre heißen Strahlen herniedergesandt hatte. Aber je wärmer sie sich werden fühlte, um so leichter wurde ihr das Gehen, um so flüchtiger trat sie einher, und sie hatte kaum eine gute halbe Stunde gebraucht, um bis zu dem Dorfe Promeusel zu gelangen, von dem sie wußte, daß es Franzosen beherbergte. Sie umging es daher, überschritt einen der höchsten Berge der Insel, auf dem, in zwei Reihen geordnet, zehn weithin sichtbare Kegelgräber ragen, von denen die Franzosen, nach Schätzen wühlend, in ihrer vandalischen Vertilgungswut schon mehrere zerstört hatten, und kam hinter Promeusel auf den befahrenen Weg, der über Beustrin und Falkenburg nach Vietzke führt, wo die Berge flacher werden und teilweise sogar die Waldungen aufhören. Als sie aber eine Strecke über den letztgenannten Ort hinausgekommen war, schauerte sie zusammen; nicht aus Furcht, obwohl sie in der Nähe eines kleinen Erlengebüsches den großen Granitblock liegen sah, den man den Opferstein mit der berühmten Blutrinne nennt, und der alljährlich Hunderte von wißbegierigen Reisenden anzieht. Nein, darum schauerte sie nicht, sondern darum, weil sie jetzt in die Nähe des Ortes gelangt war, wohin sie denjenigen beschieden, um dessentwillen sie die nächtliche Reise unternommen hatte. Wird er kommen? Wird er auch nicht zürnen, daß sie ihn der Gefahr ausgesetzt, verfolgt zu werden? Wird er ihre Bitten ruhig anhören, ihre Wünsche erfüllen und sein Leben – seiner Eltern wegen – schonen? Ach! Alle diese Gedanken flogen jetzt blitzschnell durch ihr Gehirn und regten abermals das arme Herz zu heftigerem Schlage auf. Sie drückte beide Hände gegen die klopfenden Schläfe und fühlte zum ersten Mal dabei, daß ihr der Schweiß in hellen Strömen von der Stirn niedertropfte. Dachte sie auch an sich in diesem Augenblick? Vielleicht! Wahrscheinlich sogar! Denn welches Mädchen von Hilles heißen, obwohl tief verborgenen Gefühlen weiß nicht, ahnt wenigstens nicht, daß ein noch süßerer Beweggrund ihre Tatkraft in Bewegung setzt, als der ist, einen Mann – seiner Eltern wegen – vor einer drohenden Gefahr zu warnen? Ja, o ja, sie dachte an sich, und gerade weil sie an sich dachte, fürchtete sie, Waldemar Granzow, der immer in seiner ganzen ernsten männlichen Würde vor ihren Augen stand, könne zürnen, daß sie ihn aus seinem sicheren Versteck an diesen abgelegenen Ort gelockt habe, aus keinem anderen Grunde, als um eine halbe Stunde mit ihm zu – sprechen. Sie stand also an dem alten, einsamen, in so tiefes Dunkel gehüllten Opferstein und lehnte sich fest an ihn an, denn da, dort drüben, ihr zur rechten Hand, dehnte sich in seiner öden Weite, in seiner trüben Verlassenheit das Totenfeld von Quoltitz aus. Schon ein düsterer Ort bei hellem Tagessonnenlichte, der, sobald man ihn nur sieht, an eine heidnische Begräbnisstätte oder, wie andere wollen, an eine finster drohende Gerichtsstätte erinnert, ist er mit seinen unzähligen, regelmäßig aufgerichteten Gräbern, die der dunkle Wachholderstrauch bekränzt oder der stachliche Dornstrauch unnahbar macht, in einer dämmerigen Nacht ein grausiger Aufenthaltsort, über dem die Schauer des Todes einer längst vergangenen Zeit zu schweben scheinen. Totenstille breitet sich über das ganze Tal aus, in welchem das Totenfeld selbst verborgen vor den Blicken der umwohnenden Menschen liegt, kühl saust allein der furchtlose Wind über das dürre Heidekraut, womit die Gräber und der Boden, in dem sie wurzeln, bewachsen sind. Wenn die Menschen, die unter diesen Steinen schlafen, mit einem Male erwachten aus ihrem tausendjährigen Schlummer, und geharnischt, wie sie zur Ruhe gingen, hervorträten aus ihren Gräbern, wenn sie uns Kunde brächten von ihren Tagen, die uns im trübsten Dunkel liegen, wenn sie wieder ihre Mordlust und heidnisches Gelüsten ausgössen über die durch das Christentum so licht und heiter gewordene Welt – was würden wir sagen, was denken, was tun, falls sie mit ihrer herkulischen Kraft und ihrer vernichtenden Tatenlust überhaupt uns Zeit ließen, etwas zu denken, zu sagen, zu tun? Ähnliches mochte vielleicht Hille denken, als sie an dem Steine lehnte, der noch warm war, nicht von dem Menschenblut, das einst an ihm herabgeflossen, sondern von den heißen Strahlen der gütigen Sonne, die den ganzen Tag über ihm gelächelt hatte, aber plötzlich fuhr sie zusammen, denn es däuchte ihr, sie hätte das Grollen und Rauschen des Meeres vernommen, das nicht weit von ihr an die Küsten von Jasmund brandet, und dieses Grollen einer großen unermeßlichen Gewalt, die nur der Atem Gottes aufzuregen braucht, um aller Menschen Werke in Trümmern zu schlagen, erinnerte sie an das Grollen der Menschen selber, die nicht der Atem Gottes aufzurühren braucht, um ihre Mitmenschen zu hetzen, zu fangen, zu richten – zu richten – o! dieser Gedanke jagte sie in Angst, wie sie noch keine heute empfunden hatte, und fort von dem Steine, wo sie so Schreckliches gedacht, floh sie taleinwärts über das kahle Feld des Todes von Ouoltitz hin. Atemlos gelangte sie so endlich an eine Stelle, die sie Waldemar genau bezeichnet hatte; rasch setzte sie sich, innerhalb eines Kranzes von Wachholdersträuchern, die in dieser tauigen Nacht einen balsamischen Geruch aushauchten, auf einen der kleinen bemoosten Steine, die unregelmäßig durcheinander geworfen darin umherlagen. Hier, verbargen vor jedem Späherblick, selbst wenn es Tag gewesen wäre, suchte sie zum letzten Mal ihr Herz zu beruhigen, und doch sollte es ihr nicht mehr gelingen, denn aus einer Angst verfiel sie jetzt in die andere. Hatte sie bisher nur an die Menschen gedacht, die ihr fern waren durch Zeit und Raum, durch Gesinnung und Gefühl, jetzt dachte sie an einen Menschen, der ihr nahe war, vielleicht an Zeit, an Raum, durch Gesinnung gewiß – aber auch durch das Gefühl? Ach nein, davon hatte sie keine Kunde, denn Waldemar war nicht der Mann, seine Gefühle einem Mädchen gegenüber zu zeigen, das wußte sie, und eben weil sie es wußte, war er ihr vielleicht um so teurer. »Wird er kommen? Wird er ausbleiben?« Das war der Hauptgedanke, der sie jetzt durchbebte. Erst in zweiter Linie kam der Gedanke: »Wird dein Handeln ihm recht und eines Mädchens würdig scheinen? Was werde ich ihm zuerst sagen – o mein Gott, ich weiß nichts mehr, gar nichts, was ich ihm sagen wollte – und wo sind meine Gedanken geblieben! Wenn er nur jetzt noch nicht kommt, nein, nein, noch nicht!« Da rauschte, nur wenige Schritte von ihr entfernt etwas in den Gebüschen. Sie sprang auf, sie horchte mit dem Ohr und dem Herzen zugleich – es war ein Mensch, ja, denn erkennbar war sein wuchtiger Tritt und ein einziger Mensch konnte es nur sein, der in dieser Stunde den Totenkranz auf dem Totenfelde bei Quoltitz aufsuchte. Der durch die Schatten der Nacht und die Gebüsche verdunkelte Eingang zum sogenannten Totenkranze wurde plötzlich noch dunkler gemacht durch einen tieferen aber beweglichen Schatten, der einer Gestalt angehörte, die auf dem schmalen, gewundenen Wege durch die Dornbüsche rasch dahertrat, einen vom schnellen Laufe keuchenden Atem hören ließ und, als sie den Totenkranz selbst erreicht hatte, bedachtsam den Kopf vorstreckte, um innerhalb des duftenden Wachholdergebüsches genaue Umschau zu halten. Hille sprang auf, ihr vor Aufregung überlaut schlagendes Herz hatte ihr den Liebling – Mutter Ilskes verraten. Sie trat ihm schwankend einige Schritte entgegen und, unvermögend, ein einziges Wort hervorzubringen, streckte sie nur die Hand der anderen Hand entgegen, welche die ihrige schon zu suchen schien. Dann aber, einen Augenblick gleichsam innerlich von Aufregung gebrochen, geknickt, beugte sie sich vorn über, als wolle sie ihren Kopf auf seiner Schulter ruhen lassen, plötzlich aber, alle geistige Kraft zusammenraffend, erhob sie ihn wieder und trat zurück, hielt jedoch immer noch seine Hand mit der ihrigen fest. »Hille,« sagte Waldemar mit seiner festen, klangreichen Stimme, »du bist es, ja, ich fühle es mehr, als ich es sehe! Und auch ich bin hier, wie du mir geheißen – sprich, was willst du von mir?« »Waldemar, ich grüße dich zuerst – doch, was ich von dir wollte? Ich weiß es wahrhaftig nicht, jetzt nicht – doch ja, ich wollte dich zunächst fragen, ob du mir zürnest, daß ich dich hierher rief und der Gefahr aussetzte, von deinen Feinden verfolgt und ergriffen zu werden?« Waldemar lächelte. »Nein,« sagte er leiser, »ich zürne dir gewiß nicht, obgleich ich dich fragen sollte, wie du dazu kommst, mir einen so kurzen und dir einen so weiten Weg aufzuerlegen, da doch das Umgekehrte viel angemessener und ausführbarer gewesen wäre.« »Nein, Waldemar, das bestreite ich dir. Ich laufe keine Gefahr, wenn ich auch am hellen Tage durch ganz Rügen wandle, du aber darfst dich vor niemanden sehen lassen; diesen Ort aber wählte ich, weil er der sicherste von allen und außerdem so nahe bei dem unbekannten Ausgange des Spykerschen Schlosses gelegen ist.« Waldemar lächelte abermals, was hinreichend bewies, daß er nicht im geringsten zornig sei. »Bei Tage durch ganz Rügen!« wiederholte er nachdenklich. »Aber du bist nicht bei Tage gegangen, Hille, sondern bei Nacht, und das ist für Frauen, wie du eine bist, keine Zeit, einen mehr als meilenweiten Weg zu wandeln.« »Warum nicht, Waldemar, wenn die Not drängt? In der Nacht sieht mich niemand, ich kenne meine Wege und über mir wacht das Auge eines, der mich immer sieht, wenn auch ich ihn nicht sehe – meinst du nicht auch?« Waldemar faßte ihre Hand fester und zog sie dann an seine Seite auf einen zerbröckelten Grabstein nieder, der mit dem weichsten Moose bewachsen war und einen herrlichen Ruhesitz bot. »Komm, laß uns niedersitzen,« sagte er, »du wirst müde sein.« »Nein, ganz und gar nicht.« »Aber du sprachst davon, daß ein so weiter Weg zu entschuldigen wäre, wenn die Not drängte. Welche Not drängte dich denn, mich so eilig zu sprechen?« »Ah, ja, jetzt weiß ich es wieder, was ich dir sagen wollte, nun ist mir alles klar vor den Augen, vor der Seele. Deine Mutter, Waldemar – denke einmal an deine Mutter – ist in großer Sorge um dich, da sie, wie dir der Doktor gesagt haben wird, durch mich gehört hat, in welchen Verhältnissen du auf Spyker lebst.« »Meine Mutter bloß! Sorgt sich mein Vater nicht auch?« »Auch dein Vater, Waldemar, ja, sehr!« »Aber warum hat er dich denn allein gehen lassen? Wäre es nicht passend gewesen, wenn er dich begleitet hätte?« »Wie konnte er denn? Sind doch die Franzosen im Kiekhause und bewachen jeden seiner Schritte –« »Was – im Kiekhause sind sie? Warum denn?« »Weil sie dich suchen und nicht finden können. Und so lange sollen sie im Hause bleiben, hat der Kapitän von Spyker befohlen, bis du gefunden bist.« Waldemar biß die Zähne zusammen und schüttelte die Faust gegen das in der Ferne liegende Schloß hin. »Der Schurke!« sagte er, »ich dachte es mir!« »Und nun,« fuhr Hille rasch fort, indem die Worte sich jetzt ungehindert vom freigewordenen Herzen lösten, »nun läßt dich der Vater und die Mutter bitten, dich um Gottes Willen nicht preiszugeben, dich sicher zu stellen, so sehr du kannst, er wolle gern – die Franzosen ertragen, und das schreckliche Leid, was sie dem Lande antun, werde doch auch einmal ein Ende nehmen. Vor allen Dingen aber, wenn du Spyker verlassen willst oder mußt, läßt er dir sagen, wende dich nicht nach Sassnitz, dort passen sie dir scharf auf, sondern wende dich – und diesen Rat gebe ich dir – lieber nach der Insel Pulitz.« »Nach Pulitz? Wie kommst du denn darauf?« »Das will ich dir sagen. Du weißt doch, der Pächter von Pulitz, der gute alte Schwede Adam Sturleson, hat meine und deiner Mutter Base zur Frau. Zwar ist die Domäne Pulitz von dem Kaiser Napoleon ungerechterweise an einen französischen General verschenkt, und dieser Herr hat sie auch in Besitz genommen und Sturleson beauftragt, nach seinen Befehlen zu handeln und das, Gut in seinem Namen einstweilen zu verwalten. Auf Pulitz selbst aber ist er noch nicht gewesen und was soll er auch auf der einsamen Insel machen, die ihm viel zu langweilig ist? Nun ist Pulitz ganz frei von Franzosen, denn sie werden doch nicht das Gebiet eines der Ihrigen aussaugen, nicht wahr?« »Das ist ein trefflicher Einfall, Hille, und ich danke dir aufrichtig. Vielleicht bleibt die Not nicht aus und dann werde ich mich deines Rates erinnern.« »Siehst du, das wollte ich dir sagen. Erinnerst du dich des alten Schweden noch?« »O ja, obwohl ich ihn lange nicht gesehen habe. Auch glaube ich, wird er dem Grafen Brahe als seinem Landsmann sehr zugetan sein.« »Ganz gewiß, und deinen Eltern und mir auch. Wenn du nun nach Pulitz gehst, so grüße meinen Vetter von mir – denn so nenne ich ihn, obwohl er mein Großvater sein könnte – und. er wird dich aufnehmen, als wärest du sein eigener Sohn, denn sein Herz schlägt groß und voll für die Sache des Vaterlandes und er hat seine Mitmenschen lieb, wie ein wackerer Mann es muß. Auch hat er mir einmal gesagt, er habe einen Versteck, den niemand kennt; dahin wird er dich bringen, wenn du verfolgt werden solltest.« Waldemar rückte näher an Hille und faßte leise ihre Hand wieder, die sie ihm willig ließ. Eine Weile sann er nach, dann sagte er: »Da hast du mir ein schönes Geschenk gemacht mit deinem Besuche auf dem Totenfelde – in Wahrheit! und ich weiß nicht, wie ich dir danken soll. Magnus wird sich freuen, wenn ich ihm deinen Rat mitteile, denn mit der Zeit hält er es nicht aus auf Spyker.« »Warum denn nicht?« »Der Gylfe wegen, die ein leichtsinniges Mädchen ist und es mit den Franzosen hält. Brahe weiß jetzt alles von ihr: Gysela hat ihm mitgeteilt, was ich ihm niemals gesagt hätte, denn es fällt mir schwer, über einen Menschen, zumal über ein Weib, etwas Schlimmes zu sagen und den Stab zu brechen, selbst wenn ich das größte Recht dazu hätte.« »So beeilt Euch, daß Ihr fortkommt. Ihr seid dort nicht sicher, glaube mir. Der erste beste Fremde, der zufällig dahin kommt und dich kennt, kann dich verraten, selbst wenn er es nicht wollte, und dann, nicht wahr, würde es schlimm um dich stehen?« Waldemar senkte den Kopf. »Es ist, wie du sagst, wir haben es auf Spyker schon alle bedacht. Aber erst muß Magnus gesund werden.« »Ist er es nicht bald?« »Seine Armwunde ist der Heilung nahe, ja, aber sein Herz ist todkrank.« »Das wird da auch nicht besser werden, darum muß er erst recht fort. Ein Weib, das seine Jugendliebe vergißt und verrät, verdient nicht, von einem edlen Manne noch ferner geachtet und geliebt zu werden.« »Du hast wohl recht, ich fühle auch so, aber bei Magnus ist es anders, wie es scheint. Ich werde ihn also zu unserer Ansicht zu bewegen suchen.« »Beeile Dich damit, es wird Zeit, glaube mir. Aber vorher sagtest du: du wüßtest nicht, wie du mir danken sollst – ich weiß es.« »Nun, wie denn?« »Nimm dich in Acht – denke an deine Mutter!« »Und an meinen Vater, nicht wahr?« »An uns alle, Waldemar.« »Ich denke schon daran – ach ja! Aber nun erzähle mir genau, was zu Hause vorgeht.« Hille erzählte es, aber nicht, daß den Eltern eine Kontribution auferlegt sei, die sie aus ihrer eigenen Tasche bezahlte, und ebensowenig, daß sie den alten Lachmann beerbt habe, obwohl Waldemar erfuhr, daß derselbe gestorben war. Als nun Waldemar alles einzelne ziemlich genau wußte, erhob er sich von seinem Sitze, und Hille stand sogleich auch auf. »Hille,« sagte er warm, »ich bin dir zu großem Danke verpflichtet, daß du dich meiner alten Eltern angenommen hast, nachdem der alte Lachmann gestorben ist. Gott wird es dir einst lohnen.« »Ich habe den Lohn schon in mir – glaube mir das.« »Gut, aber wir müssen aufbrechen, du hast einen weiten Weg.« »O, der ist mir nicht schwer geworden, und jetzt wird er es noch viel weniger werden, da ich mit leichterem Herzen zurückgehe, als ich gekommen bin.« »So komm, laß uns aufbrechen.« »Wo willst du hin? Dort hinaus liegt das Schloß Spyker.« »Nun, ich werde dich doch nicht allein gehen lassen? Ich begleite dich.« »Du – mich? Nein, das gebe ich nicht zu, du müßtest dann den weiten Weg allein zurück.« Waldemar lächelte. »Bist du nicht allein hierher gegangen, und bin ich nicht stärker als du?« »Du bist aber gefährdeter als ich.« »Nun und nimmermehr dulde ich es diesmal. Komm, laß uns gehen.« Beide schritten jetzt eine Zeit lang schweigend nebeneinander, her, denn jedes von ihnen mochte wohl mancherlei zu bedenken haben. Hille durchwogte dabei eine süße innerliche Glut, denn sie konnte sich gestehen, daß ihr Unternehmen geglückt sei, und daß sie erreicht habe, was sie erreichen gewollt, und wenn Waldemar bei der sparsamen Beleuchtung, die sie umwob, seiner Nachbarin genau ins Gesicht hätte blicken können, so würde er ein strahlendes Lächeln und eine süße Befriedigung auf demselben wahrgenommen haben. Aber auch Hille wäre vielleicht durch den Ausdruck auf ihres Begleiters Antlitz befriedigt worden, wenn sie es hätte beobachten können. Der strenge Ernst, der in den letzten Tagen darauf gethront, war einem milden Lächeln gewichen, und sein Auge blickte viel sanfter vor sich nieder als gewöhnlich, denn der Horizont seines Lebens, der ihm bisher so düster vorgeschwebt, schien plötzlich aufgehellt zu sein. Den stolzen Kopf gleichsam in Demut etwas niedergebeugt, schritt er automatenartig neben dem edlen Mädchen her, und nur bisweilen erhob er das sinnende Auge, um einen raschen Blick über ihre Gestalt gleiten zu lassen, die sich so leicht und voll unbewußter Grazie, wie lebensfrischer Energie an seiner Seite dahin bewegte. »Eigentlich,« sagte Waldemar nach längerem Schweigen, »sollte man nicht immer an die Zukunft denken, es ist eine ganz vergebliche Mühe. Es kommt doch alles anders, als man denkt, und man wird frühzeitig genug belehrt, wo man sich befindet, wenn man durch das Tor des Glücks oder des Unheils schreitet.« »Ich denke auch nicht an die Zukunft, Waldemar, meine, Gegenwart genügt mir.« »Mir nicht ganz, Hille. Du glaubst nicht, wie schwer es mir fällt, Magnus zu besänftigen und von törichten Schritten abzuraten. Er will dem Räuber seiner Liebe mit Gewalt zu Leibe, und ich halte ihn nur noch mit Mühe, zurück.« »Er mag allerdings in einer schlimmen Lage sein, und ich bedaure ihn. Die Gylfe aber könnte ich ordentlich hassen.« »Ich nicht; sie ist ein Weib wie viele ihresgleichen. Man muß sich vielmehr freuen, wenn man einmal das Gegenteil von ihr findet.« Hille wollte bei den ersten Worten fragend ihren blühenden Kopf erheben, bei den letzten aber ließ sie ihn wieder sinken und schwieg. – »Ist sie denn wirklich so schön, wie man sagt?« fragte sie nach einer Weile. »Ich finde das gar nicht, wiewohl andere darin einen besseren Geschmack haben mögen. Sie ist immer sehr prachtvoll gekleidet, und das mag die Leute berücken. Aber ihr Gesicht, obwohl jugendlich, frisch und lebhaft, ist mir zu keck, zu scharf, zu spitz, und ihr Auge hat einen unangenehmen Lauerblick, selbst wenn sie lacht.« »Aber ihre Figur, wie ist die?« »O, die ist mir viel zu dünn, zu zerbrechlich und darin läßt sie sich nun gar nicht mit Dir vergleichen.« Hille stieß einen leisen Ausruf des Erstaunens aus, und Waldemar, augenblicklich bemerkend, was er so ganz ohne Absicht gesagt, schwieg ebenfalls in einiger Verlegenheit. So setzten sie ihren Weg bis gegen Promeusel fort. Der Zeit nach hätte es schon längst heller werden müssen, aber es blieb dunkel, weil der Nebel, der den Himmel umzogen, sich allmählich verdichtete und in trübe Wolken zusammenballte, die sich endlich in Regen auflösten, dessen Tropfen hörbar auf die Blätter fielen, unter denen die beiden Nachtwanderer hinschritten. Als sie dieses leicht zu erklärende Geräusch vernahm, blieb Hille stehen und wandte sich zu Waldemar um. »Bis hierher nur dulde ich deine Begleitung,« sagte sie fest. »Hier trennen wir uns.« »Noch nicht,« erwiderte Waldemar mit seiner bestimmten Art, wenn er keinen Widerspruch duldete. »Ich muß einmal den alten Turm von Sagard sehen, das habe ich mir vorgenommen. Darum komm nur weiter.« Hille wußte, daß hier keine Gegenrede half, und so entschloß sie sich zur Fortsetzung ihrer gemeinsamen Wanderung, was ihr sogar ein geheimes Vergnügen gewährt hätte, wenn Waldemars Rückweg dadurch nicht immer länger geworden wäre. Endlich war man doch an den Punkt gekommen, von wo aus der Turm von Sagard zwischen den Bäumen sichtbar ward, und hier blieb sie stehen, ohne weiter ein Wort zu sagen. Waldemar sah ein, daß er nun keinen Grund mehr habe, seinen Weg neben ihr noch weiter zu verfolgen. Nachdem er daher einige Worte über die vor ihm liegende Kirche gesprochen, wandte er sich zu seiner Gefährtin, ergriff ihre Hand und sagte: »Es wird trotz der Regenwolken heller, Hille, und ich sehe dein Gesicht schon ganz genau. Es ist ein freundliches Gesicht, das mir wohltut, wenn ich es anschaue, und dein Auge ist nicht wie Gylfes Auge. Gott erhalte es Dir so und beglücke dich sonst noch auf allen deinen Wegen. Nun aber wollen wir scheiden. Ich danke dir noch einmal, Hille, für deinen guten Rat und werde bei Gelegenheit seiner eingedenk sein. Grüße meine Eltern herzlich und sage ihnen, sie mögen nicht in so großer Sorge sein, ich gedächte ihrer und – und – aller Meinigen. Nun lebe Wohl, und Gott geleite dich, wackeres Mädchen!« »Lebe Wohl, Waldemar, und halte dein Versprechen. Laß uns morgen durch den Doktor Botschaft sagen, ob du glücklich heimgekommen bist.« »Und du mir auch, und ob dir der nächtliche Spaziergang nicht geschadet hat.« »Mir schadet dergleichen nicht, im Gegenteil, er hat mir genützt.« »Wieso?« Hille schwieg. »Er hat mir bewiesen,« sagte sie endlich, »daß auch ein einfaches Landmädchen, wie ich es bin, Eingebungen haben kann, die anderen von Vorteil sind.« »Ah, ich verstehe dich; ja, du bist nur ein einfaches Landmädchen, aber wollte Gott, es gäbe ihrer recht viele dergleichen – eine solche wiegt zehn Gylfes auf.« Hille glühte vor heimlicher Freude in Purpur auf. Sie fühlte es und wandte den Kopf ab. »Geh, geh,« sagte sie, »da schlägt es halb drei Uhr – um drei muß ich zu Hause sein, dein Vater steht früh auf.« »Wie gern ginge ich mit dir, Hille –« »Dein Weg liegt dort, der meine hier –« »Werden unsere Wege noch einmal zusammentreffen?« »Gott gebe es! – Ich wünsche es.« »Auch ich, Hilles und nun – lebe wohl!« Ein kräftiger Händedruck, von beiden Seiten wiederholt erneuert, verzögerte die Trennung noch einige Augenblicke. Dann aber war es geschehen, und bald lagen weite Strecken und finstere Waldungen, über die ein warmer Regen herniederströmte, zwischen den beiden jungen Leuten, die gleich rüstig an Kraft und mit neuer Lebenshoffnung erfüllt, ihren verschiedenen Zielen zustrebten. Achtes Kapitel. Überall Sturm. Auf dem ziemlich weiten Wege vom Sagard bis Spyker hatte Waldemar, zumal ihn kein äußerlicher Vorfall störte, Zeit genug, über die eigentümlichen Verhältnisse, in denen er sich nach zweierlei Richtungen befand, reiflich nachzudenken. Wenn er dabei zunächst Hilles gedachte, deren liebliches Bild soeben erst seinen Augen entschwunden war, und deren glühenden Händedruck er noch immer in seiner davon brennenden Hand zu fühlen glaubte, so wollen wir ihm das nicht verargen. Ein solcher Gedanke war ihm so neu, die Empfindung, die sich damit verband, so eigentümlich angenehm, daß er schon aus einer gewissen Neugierde lebhaft darüber zu brüten begann. Der Rat aber, den sie ihm erteilt, war von so großer Wichtigkeit für ihn und Magnus – er hielt ihn wenigstens dafür – daß er schon, allein deshalb ihr eine dankbare Gesinnung bewahren mußte. »Sie ist doch sehr gut,« sagte er zu sich, »und muß meinen Eltern außerordentlich zugetan sein, daß sie ihretwegen den weiten Weg nach Quoltitz in so unheimlicher Nacht allein zurücklegt. Und was sie für ein liebliches Gesicht und eine anziehende Art hat, wenn sie jemanden den Grund ihrer Handlungsweise auseinandersetzt – wahrhaftig, ein braves und schönes Mädchen, und o, wie weit von Gylfe in jeder Beziehung entfernt! Ich brauche bloß ihr treues, blaues Auge anzusehen, um zu wissen, daß sie mich nicht verraten würde, wenn ich ihr nachliefe, wie Magnus der blonden Schwedin nachläuft. O nein, das würde sie nicht, und an ihrem Herzen ruhte man sicher und warm in allen Lebensverhältnissen. – Ach, aber was für Gedanken in dieser Zeit! Wir haben Krieg und Streit, und da soll man an das selige Glück der Häuslichkeit nicht denken. Erst hinaus muß der Feind aus unserem Lande, zu unseren Füßen muß er liegen und wir die freie Rechte hoch über ihn schwingen! Allein gedulde dich, Waldemar, dazu ist noch keine Aussicht vorhanden. Ich darf mir nicht leugnen, daß Magnus' Verwundung mich in böse Verwicklungen gebracht hat, und daß noch nicht abzusehen ist, wie sie sich lösen werden. Wird er sich freiwillig entschließen, jetzt Spyker zu verlassen, wo diese verführerische Gylfe ihn mit ihren Blicken, ihren glänzenden Locken und ihrer schwebenden Gestalt umgarnt, trotzdem sie nicht einmal in seine Nähe kommt? Beinahe möchte ich es jetzt für ein Glück halten, daß er noch krank, noch schwach, noch nicht angetan ist, einen verzweifelten Kampf zu kämpfen, denn wäre er frisch wie sonst, dann würde seine leidenschaftliche Heftigkeit bald alle Riegel der Zurückhaltung und weisen Vorsicht sprengen, er würde sich Gylfe zu erkennen geben, gegen die glatten Verführungen dieser galanten Tyrannen in die Schranken treten und sein Recht als Mann und Edelmann geltend machen. Aber was würde dann aus uns? Wohin führt es uns? – Ist das das ruhige Leben auf der heimatlichen Insel, wie wir es uns in Deutschland ausgemalt haben, als wir überall von ränkesüchtigen Verfolgern und Spionen umgeben waren? Führt das zum stolzen Vernichtungskampfe gegen den großen Tyrannen, den wir uns in unsrer vor Grimm kochenden Brust als das einzige Ziel unseres gegenwärtigen Strebens vorgesetzt haben? Ach nein, ach nein, zum Ziele kommen wir jetzt noch nicht; gefangen, eingesperrt und meuchlings gerichtet können wir hier werden, aber kämpfen, siegen, befreien werden wir weder uns, noch einen anderen! O, es ist fürwahr eine trostlose Lage, in die wir geraten sind, und doch, doch kann ich mich ihr nicht entziehn, denn ich bin mit tausend Gefühlen an Magnus gebunden, seine Sache ist meine Sache, er ist mein Freund, mein innigst geliebter Freund, ich muß also an seiner Seite stehen und bei ihm aushalten. Wen hätte er auch, wenn er mich nicht hätte? Auch darin, wenn, ich es recht bedenke, erfülle ich meine Pflicht, ja, mehr als das, mein Versprechen. Habe ich nicht seinem alten ehrwürdigen Vater, dem ich so viele Wohltaten verdanke, feierlich gelobt, von seinem einzigen Sohn und Erben nicht zu weichen, ihm beizustehen in allen Gefahren des Leibes und Lebens? Ja, das habe ich getan und werde es also halten. Er ist zu schwach, zu heftig, zu sehr von seinen traurigen Schicksalsgedanken beherrscht, um seine eigene Lage beurteilen und weise handeln zu können. Also Geduld, also Ruhe und Ausdauer, Waldemar! Wem wollte ich auch augenblicklich meine Hilfe anbieten? In Deutschland ist jetzt nichts zu wagen, da ist man ruhig, man wartet ab, quält sich in Hoffnungen und Wünschen hin; der Kriegsvulkan schweigt, höchstens dampft er hier und da eitel Rauch, und die großen Männer, die ihre Völker leiten, sind noch zu keinen durchgreifenden kühnen Entschlüssen gekommen, sie beugen sich noch immer, anstatt sich zu erheben, sie schlafen noch immer, anstatt zu wachen – was also nun? Wohlan denn, ergreifen wie die Gelegenheit, wo sie sich bietet. Wagnisse gibt es überall und hier also auch. Bestehen wir dieses, wie es Männern geziemt, so werden wir unsre Zeit nicht verloren, so werden wir auch hier unsre Kraft geübt, unsern Mut gestählt haben. Also vorwärts! Sehen wir zunächst, ob wir diesen Brahe nicht von seinem Schicksal retten, von dieser Gylfe abtrünnig machen können, die sein Herzblut vergiftet, denn es wird Zeit, daß er zur Einsicht kommt und seine Gefühle nicht wegwirft, wo sie niemand sammelt und schätzt, wie sie zu schätzen sind.« Als er diesen Entschluß, nach allen Seiten hin verarbeitet hatte, sah er, daß er dem Totenfelde bei Quoltitz schon wieder nahegekommen war, auf dem jetzt bereits das falbe Morgenlicht ruhte, daß der Nebel dämpfte und der Regen nicht zur belebenden Wirkung gelangen ließ. In unendlicher Öde, noch viel öder als in der vergangenen Nacht, die mit ihren sanften Schatten noch das Grausige des Orts verschleiert hatte, lagen die Strecken da, unter deren Oberfläche die lange begrabenen Toten ruhten, und fröstelnd von unheimlichen Empfindungen eilte Waldemar an der einsamen Stelle vorbei, wo er vorher gesessen hatte und durch Hilles süße Gegenwart von den Erinnerungen an die Begrabenen abgezogen war. Es mochte vier Uhr morgens sein, als er den geheimen Gang des Spykerschen Schlosses erreicht hatte, und nun, ohne sich weiter mit Gedanken zu plagen, schlüpfte er so schnell wie möglich in sein Zimmer, um noch einige Stunden zu ruhen, wonach er infolge der geistigen Aufregung, die er im Laufe dieser Nacht bestanden, eine große Sehnsucht fühlte. * Kehren wir jetzt zu Magnus Brahe zurück, der immer noch in dem geheimnisvollen Turmzimmer wohnte, mit dem aber in den vierzehn Tagen, die er darin verlebt hatte, eine große Umwandlung vorgegangen war. Diese Umwandlung betraf nicht allein sein physisches Befinden, wie man es erwarten durfte, nein, sie war auch geistiger Natur, denn gerade seine allmählich vorschreitende Genesung erweckte die Tätigkeit seines Geistes und stachelte ihn zu neuer leidenschaftlicher Unternehmungslust an. Wie Waldemar schon Hille angedeutet, war seine Wunde der Heilung nahe, aber das Herzweh, das alle Tage neue Nahrung erhielt, hatte von Stunde zu Stunde zugenommen. Von dem Augenblick an, wo Gyselas Enthüllungen der Wünsche und Hoffnungen Gylfes ihm das Gift der Eifersucht und des daraus hervorgehenden Rachegefühls eingeflößt hatten, war die angeborene Milde und Sanftmut aus seinem Geiste gewichen. Mit glühender Hast sprang er morgens vom Lager auf und spähte im Parke unter seinem Fenster umher, ob er nicht irgend eine Spur von der vertraulichen Annäherung seiner Jugendgeliebten an den ihm jetzt doppelt verhaßten Feind entdecken könne, und oft genug war ihm hierin der Zufall günstig. Er sah sie mit dem Kapitän spazieren gehen und reiten und stets erschien sie ihm in solchen Momenten lachend und scherzend, zufrieden und glücklich. Sie spielte und tändelte ins Leben hinein, als hätte dieses Leben keinen Ernst und ihre Jungfräulichkeit keine Würde, sie gab sich ganz dem lockenden Vergnügen hin, mit dem der leichtfertige Franzose sie im Schlosse ihres Wohltäters umgab und half ihm selbst die Güter verschwenden, zerstückeln, die Magnus' Vater mit sparsamem Geiste gesammelt und seinem einzigen Erben zum Eigentum bestimmt hatte. Und wenn sie auch nicht an den rauschenden Festen teilnahm, die der mit fremden Mitteln so gastfreie Kapitän seinen Gefährten in den Sälen des einsamen Herrensitzes gab, so halfen doch ihre dem alten Ahlström zugefertigten Befehle, diese Feste so glänzend wie möglich zu machen. Bis tief in die Nacht schallte das Gelächter und Gebrüll der zechenden Feinde laut durch das ganze Schloß; Jagd wurde auf Jagd veranstaltet, und Gylfe schoß mit das edle Wild nieder, welches Besitzer und Pächter des Gutes so sorgsam aufgezogen und zur Zierde ihrer Waldungen gehütet hatten. Auch diese Waldungen selbst endlich tasteten die schonungslosen Hände der Frevler an, sie hieben die alten ehrwürdigen Bäume um, die schon von Generationen der Schloßahnen erzählen konnten, und verkauften das Holz oder vergeudeten es, wo sich nur irgend eine Gelegenheit dazu bot. So war es denn natürlich, daß der Ingrimm des gräflichen Erben, als er dies wüste Treiben sah und hörte, alle Tage mehr wuchs, und nur mit großer Mühe hatte es Waldemar bisher vermocht, diesen Ingrimm zu bewältigen und den Unternehmungsgeist des gereizten jungen Mannes zu zügeln. Aber nicht allein gegen den Kapitän wollte Magnus losbrechen, auch gegen Gylfe hatte sich ein namenloser Groll in seinem Herzen angehäuft. Hundertmal hatte er sich vorgenommen, in einer Stunde, wo der Kapitän abwesend war, zu ihr zu dringen, ihr die Schmach vorzuhalten, die sie sich und ihren Landsleuten mit ihrem Betragen antat, und nebenbei – o Schwäche des menschlichen Herzens! – noch einmal sein Glück bei ihr zu versuchen und zu sehen, ob es nicht möglich sei, ihre Neigung zu wandeln und wieder auf ihn selbst zurückzuführen. Waldemar aber, der die Unfruchtbarkeit aller dieser Bestrebungen einsah, weil er mit natürlich richtigem Takt Gylfes Charakter erforscht und auch von Gysela erfahren hatte, daß jene nie mehr an Magnus Brahe denken werde, lehnte sich mit seiner ganzen Überredungskunst gegen solches Beginnen auf, und bis jetzt war es ihm immer noch gelungen, das heiße Verlangen seines Freundes zu beschwichtigen und ihn auf eine mildere Ausgleichung zu vertrösten. Er hatte dabei einen schweren Stand, und alle diese Bemühungen machten seinen erzwungenen Aufenthalt im Schlosse nicht angenehmer und erträglicher. Er ließ sich so selten als möglich vor dem Kapitän wie vor Gylfe sehen, ging ihnen aus dem Wege, wo er nur konnte, denn er ahnte, daß das Pulverfaß, welches zwischen diesen beiden Menschen und ihm lag, leicht einmal plötzlich durch einen hineingeworfenen Funken Feuer fangen und dann alle dabei Beteiligten rettungslos in die Luft schleudern könne. Gylfe selbst fühlte einen Schauer durch ihre Adern rieseln, wenn sie dem jungen Manne zufällig begegnete; auch sie mochte ahnen, in welche unangenehme Verwicklung sie geraten könnte, wenn der Kapitän erführe, wer Waldemar sei, denn daß dann die kühle Neigung dieses zweifelhaften Verehrers dem Zorne des leidenschaftlichen Soldaten über ihre Verheimlichung des wahren Sachverhalts nicht werde die Wage halten, war leicht vorauszusehen. So standen die Sachen am Morgen nach der Nacht, in welcher wir Waldemar von dem Totenfelde bei Quoltitz nach Hause begleitet haben, und wir nehmen jetzt den Faden unserer Erzählung im Schlosse selbst wieder auf. Der sanfte warme Regen, der in der Nacht gefallen war, hatte sich gegen Morgen in einen stürmischen kalten Regenguß verwandelt und die stillt Ruhe, die in den Lüften geherrscht, war einem heftigen Winde gewichen, der in gewaltigen Stößen von Nordosten daher fuhr und dumpf brausend durch die Wälder fegte. Die schöne Fernsicht vom obersten Fenster des Spukturmes war dadurch verschwunden und rings, so weit das Auge reichte, war nichts als der dichte Nebelschleier zu sehen, der zwischen Himmel und Erde ausgebreitet lag und beiden den heiteren Glanz und ihre Farbenpracht entzogen hatte. An dem Fenster, das den heftigsten Angriffen des Unwetters preisgegeben war, stand der Bewohner des geheimnisvollen Turmes und schaute von Zeit zu Zeit durch die kleinen Öffnungen, die an verschiedenen Stellen des dicht schließenden Vorhanges angebracht waren. Er war völlig angekleidet und trug das vom Kastellan Ahlström herbeigeschaffte Jägergewand, welches er gewöhnlich auf Spyker ließ, wenn er den Aufenthalt wechselte; nur sein verwundeter Arm ward noch von einer leichten Schlinge gestützt, obgleich er ihn schon frei bewegen und sogar zu leichten Verrichtungen gebrauchen konnte. Mag diese kecke, seinem hohen Wuchse nicht übel stehende Tracht dazu beitragen, oder mag ein von Innen herauswirkender Anreiz die Ursache davon sein, genug, der junge Graf macht heute einen ganz anderen Eindruck auf uns, als damals in Stralsund, wo wir ihn zum ersten Male verwundet auf dem Krankenlager erblickten. Schon in seiner Haltung sprach sich ein gewisses Mißfallen an der ihm aufgezwungenen Lage aus, das neben anderen Einflüssen vielleicht auch der Langeweile seinen Ursprung verdankte, aber noch mehr war der Ausdruck seines Gesichts verändert, seitdem wir es nicht wiedersahen. Statt des schwärmerischen, duldenden Zuges um Augen und Mund, der ihm früher den Anstrich physischer Schwäche und geistiger Abspannung verlieh, loderte die Flamme einer mit Mühe unterdrückten Ungeduld und ungestümen Verlangens darauf. Sein mattblaues Auge rollte unstät in seiner Höhle und blickte weniger feurig denn unwillig um sich her. Dennoch können wir nicht leugnen, daß in diesem jetzigen Körper- und Gemütszustande Graf Magnus Brahe uns besser gefällt, als in dem früheren apathischen und nur auf unerreichbare Dinge gerichteten Brüten seiner Seele. Selbst sein Gesicht, wegen seiner Blässe und der etwas gedehnten Züge, die noch dazu ein mattblondes langes Haar umrahmte, von wenig belebender Wirkung, erschien dabei im ganzen voller und schöner als früher, denn der Ausdruck männlicher Kraft und energischen Willens, wenn er auch nur flüchtig und leicht vergänglich auftritt, verleiht jedem nur einigermaßen wohlgebildeten Antlitz einen angenehmen Firnis, der sogar hinreißend werden kann, wenn er mit Geist und Gemüt gepaart ist. Allein dieser festere Trotz, der heute auf diesem Gesichte lag, war leider kein anhaltender, er wurde immer nur vorübergehend wachgerufen, je nachdem das Gemüt des Patienten in Anspruch genommen oder sein Geist durch irgend einen vorherrschenden Gedanken in Aufregung gesetzt war. Nachdem er eine Zeitlang am Fenster gestanden und das ungestüme Wetter beobachtet hatte, trat er, schon dadurch empfindlich berührt, von seinem Beobachtungsposten fort und, langsam auf- und niederschreitend, fiel er allmählich wieder in jenen brütenden, mehr passiven Zustand zurück, der das natürliche Element war, in dem sein Geist sich tummelte. Um diese Zeit machte ihm Waldemar den ersten Morgenbesuch, um ihm das Ergebnis seiner nächtlichen Wanderung mitzuteilen, von der sich Magnus, als er sie am Abend vorher vernommen, keinen sonderlichen Erfolg versprochen hatte. Dennoch blickte er neugierig dem Eintretenden entgegen, da ihm sein Besuch doch einige Zerstreuung verhieß. »Guten Morgen, Magnus,« sagte Waldemar erfreut, ihn schon in den Kleidern zu finden, und in der Zuversicht, ihm eine angenehme Nachricht zu bringen. »Du hast gut geschlafen, hoffe ich, und befindest dich kräftiger noch als gestern, obgleich das böse Wetter deiner frischeren Gemütsstimmung nicht sonderlich günstig ist. Wie?« »Ich habe geschlafen, ja, und fühle mich kräftig genug, um bald an meine Arbeit zu gehen. Doch was hast du erfahren auf dem Totenfelde? Es muß etwas gutes sein, wenn ich nach deinem frohlockenden Gesicht urteilen soll?« »Ach nein, zum Frohlocken ist es leider nichts, und doch beruhigt es mich einigermaßen. Wir haben noch einen Zufluchtsort, wenn wir es hier nicht mehr aushalten können.« Magnus zog die Augenbrauen empor und nahm eine Miene an, als glaubte er nicht, daß dieser Zeitpunkt jemals eintreten könne, doch äußerte er nichts und hörte ruhig die Mitteilung Waldemars an, die dieser ihm aus dem Gespräch mit Hille zu machen hatte. Als er aber fertig war, runzelte Magnus die Stirn und sagte fast hastig: »Was sollen wir auf Pulitz? Ich bin hier noch lange nicht fertig und habe noch nichts getan, was mich einst mit Befriedigung auf diesen Aufenthalt zurückblicken ließe. Ehe ich diesen bald kriechenden, bald übermütigen Franzosen, der halb ein Geck und halb ein Räuber ist, nicht gedemütigt und diese – o Gott! – diese Gylfe nicht seinen Klauen entrissen habe, verlasse ich nicht mein väterliches Dach. Und dazu ist leider die Zeit noch nicht gekommen.« Waldemar raffte sich zusammen, denn er sah, daß es auch in seinem Freunde wie draußen in der Natur stürmte und daß er also heftigen Widerspruch zu erwarten habe. »Wie willst du denn diesen französischen Offizier demütigen?« fragte er mild. »Du, der einzelne Mann, gegen eine ganze Schwadron wohlgerüsteter und tapferer Soldaten? Wenn es möglich wäre, würde ich diesen Gedanken so bald wie möglich zur Tat machen, da es aber nicht möglich ist, kann ich ihn nicht anders als ein bloßes Hirngespinnst betrachten.« »Ein Hirngespinnst? So! Dann wären also alle erhabenen Gedanken Hirngespinnste, wenn wir sie nicht augenblicklich zur Tat machen können?« »Ja, wenn wir uns sagen müssen, daß sie unter gewissen, gegebenen Verhältnissen, wie sie zum Beispiel hier stattfinden, unausführbar sind.« »Gut, ja, du magst recht haben, in bezug auf diesen Mann. Aber Gylfe – die will ich ihm dann wenigstens entreißen.« »Und was willst du mit ihr beginnen?« »Sie mit mir nach Schweden nehmen und ihr beweisen, daß ich hundertmal so viel wert bin, als dieser eitle Soldatengeck.« »Und wenn dir das nun nicht gelänge?« »Daran ist kein Zweifel, es muß mir gelingen.« »Gut. Was aber dann, selbst wenn es gelingt?« »Dann werde ich sie heiraten, und sie wird mit mir leben.« »Wie!« rief Waldemar, lebhaft erschrocken, »du wolltest mit einem Weibe leben, das du dir auf diese Weise erworben hast, das dir nicht aus eigenem Triebe seine Hand gereicht?« »Dieser Trieb wird sich ändern; sie wird mich lieben, so, gerade so, wie ich sie jetzt liebe!« »O, welche Verblendung!« rief Waldemar, ohne den düsteren Blick zu beachten, den Magnus über ihn gleiten ließ. »Wie kann sich ein Mann von deinen Verhältnissen, deinen Kenntnissen, deinen Aussichten so sehr von der Larve eines verzogenen Mädchens berücken lassen! Nein, höre mich an, ich muß dir endlich meine ganze Meinung sagen, es ist Zeit dazu. Gylfe wird, so weit ich sie kenne, in ihren Gesinnungen und Gefühlen gegen dich sich niemals ändern. Sie ist ein leichtsinniges Mädchen, durchweg, und leider hat sie Charakter in ihrem Leichtsinn. Am wenigsten aber wird sie dir nach Schweden folgen, das sie als ein großes Grabmal betrachtet, in dem die Gebeine ihres verurteilten Vaters modern. Ja, wenn du sie nach Paris führen wolltest, wie ihr dieser Franzose vorgelogen hat, dann möchte sie vielleicht, um der Lust willen an der neuen reizenden Welt um sich her, an deiner Seite einhergehen und dir eine Neigung vorlügen, die nicht in ihrem Herzen lebt. Aber so – nein, das tut sie nicht. O Magnus, ich beschwöre dich bei dem grauen Haupte deines Vaters, gib dieses Weib auf, das nicht verdient, von einem Manne, wie du bist, geliebt zu werden, da es alle Rücksicht, die es sich selbst und andern schuldig ist, so keck und frech außer Augen setzt. O, sie weiß, daß ich hier bin, daß ich dein bester Freund, dein treuester Gefährte bin, und sie liebäugelt vor meinen Augen mit diesem Gecken fort, trotzdem sie besorgen muß, daß jeder ihrer Tritte dir mitgeteilt wird. Ist das nicht hinreichend, deine Augen zu öffnen? Willst du noch sprechendere Beweise, daß sie dich nicht liebt, dich nie lieben wird?« »O Waldemar, höre auf, du, zerreißest mir das Herz! Wenn sie wüßte, daß ich hier bin, wenn sie mich sähe, mich sprechen hörte, sie würde anders handeln, anders sein – es ist nur, eine Maske, die sie vor diesem Kapitän trägt, um ihr wahres Gefühl dahinter zu verbergen. O glaube mir, wie würde denn sonst mein Herz so fest an ihr hängen? Laß mich mit ihr reden, wie ich schon lange gewollt, und du wirst sehen, daß ich im Rechte bin gegen dich.« Waldemar stellte sich mit zusammengeschlagenen Armen an das Fenster und nagte an der Lippe. »Armer Freund!« sagte er endlich, »du dauerst mich, denn du lebst beständig in phantastischen Täuschungen. Aber ich darf nicht zugeben, daß du sie sprichst, da niemand für den Erfolg dieser Unterredung bürgen kann. So weit ich davon den Erfolg sehe, so wendet er sich gegen dich, denn Gylfe wird den Kapitän zu ihrem Schutze herbeirufen, und du wirst augenblicklich in seinen Händen sein.« »Was?, Sie würde mich verraten, meinst du?« »Ja, das meine ich, denn so viel ich weiß, hat sie ihr Schicksal an das dieses Mannes geknüpft und wird ihm nach seinem Vaterlande folgen, sobald er dahin zurückkehrt.« »Waldemar! Ist das wahr?« schrie Magnus entsetzt. »Ja, es ist wahr, ich muß es dir endlich sagen. Sei also ein Mann, Magnus, gib deine Jugendliebe auf, sie ist eine Blüte, die in schönster Frische ein Wurm genagt hat, die nie Frucht ansetzt und also keinen inneren Wert mehr für dich hat. Blicke dich um, Magnus, in der ganzen großen weiten Welt – es gibt so viele schöne und edle Jungfrauen – und es wird viele unter ihnen geben, die es sich nicht allein zur Ehre schätzen, sondern auch ihr Glück darin finden, an deiner Seite, mit deinem Namen geschmückt, durch das Leben zu gehen und auch dich darin glücklich zu machen.« »O, Waldemar!« stöhnte Magnus, seinen starken, willenskräftigen Freund, der wie eine unbeugsame Eiche neben ihm stand, liebevoll umfassend, »wie sprichst du so süß von einem Leben, das mir nie blühen wird! O, du kennst das Gefühl der Liebe nicht, welches mir die Seele zerfleischt, du hast keine Ahnung davon, wie ein zweites menschliches Wesen sich hier in unsre Brust hineinwühlen und darin thronen kann, wie ein Gott in unserm Heiligsten. O, du bist ruhig, kalt, unverwundbar vor solchen Gefühlen, ich aber, ich bin tief verwundet, und so sehr ich an dem Schaft des Pfeiles zerre, ihn herauszuziehen, er dringt immer tiefer hinein, bis er mir das Herz zerreißen wird.« Waldemar stand mit gesenktem Kopfe und hochatmender Brust vor dem in Schmerz aufgelösten Freunde. Es ging etwas Eigentümliches in ihm vor. Eine warme Blutwelle nach der ändern schoß ihm durchs Herz und färbte seine Wange höher und höher. »O ja,« sagte er langsam und so milde, wie er an diesem Tage noch nicht gesprochen, »ich glaube doch eine Ahnung von dem menschlichen Gefühle zu haben, was dich so schwach, so unglücklich macht aber ich sehe keinen Trost für unsere gegenwärtige Lage darin. Nein, nein, nein, Magnus, es ist dies ein trügerisches Gefühl, es paßt für die Stunde, den Tag, die Zeit nicht, in der wir leben, – reißen wir uns also los von allein, was uns schwach und unmännlich macht, wir haben eine Aufgabe vor uns, die nur mit Aufwendung aller menschlichen Kräfte gelöst werden kann, und dieses Gefühl raubt uns die Lust und den Mut dazu. Jetzt ist die Zeit der Taten gekommen und nicht die Zeit, schwelgerische Gefühle zu hegen und zu pflegen. Auf, Magnus, auf, ermanne dich, sei wieder ein Brahe, wie deine Väter es waren, und zeige dich als ein ihrer würdiger Sohn!« »Waldemar! Du edler, braver, heldenmütiger Freund! Und glaubst du, daß ich nicht einsehe, daß ich das muß? O, Wohl weiß ich, was ich mir und Euch allen schuldig bin – aber was kann ich tun mit einem gebrochenen Herzen, wie das meine ist? Es ist schwer, damit große Taten zu vollbringen. O, laß mich im Herzen glücklich sein, laß mich jenes Weib, das du verurteilst, errungen haben, und du wirst sehen, wie ich ein Mann bin, der da weiß, wofür er zu kämpfen und zu siegen, oder – wenn das Schicksal es will – auch zu fallen hat.« »Wir denken doch nicht an das Fallen, Magnus. Wir liegen tief genug, um erst aus das Auferstehen zu hoffen. Mit solchen Klagen und Bestrebungen, wie du sie entwickelst, ist der großen Sache des blutenden Vaterlandes nicht geholfen. Wir müssen uns für die Zukunft bewahren und stärken, die Männer genug auf ihren Kampfplatz fordern wird. Und du hast hier Zeit genug, dich zu bewahren, zu stärken. Warte deine Zeit ab, sie wird kommen. Dein erstes kühnes Unternehmen ist leider mißlungen, und du mußt Sorge tragen, dich vor der Hand den bewaffneten Armen der Tyrannei zu entziehen und alle Aufmerksamkeit von dir abzuleiten. Wenn ich etwas Großes wüßte, was an einem von hier erreichbaren Orte unternommen wird, so würde ich der erste sein, der dich spornt, dahin aufzubrechen, und ich würde in jedem kühnen Wagnis an deiner Seite stehen. Aber es gibt in der unruhig gärenden Welt ein solches Wagnis jetzt nicht. Darum spare dich auf. Du hast jetzt ein Asyl, eine Heimat, und so beschränkt es ist, begnüge dich damit, es ist wenigstens sicher. Die Franzosen werden nicht immer hier stehen bleiben, und du wirst bald einen größeren Spielraum finden. So denke ich es mir, und in diesem Gedanken raste und ruhe ich nicht, nein, ich arbeite für den heimatlichen Herd, für mein Volk, für meine Eltern, für mich selber.« Magnus seufzte, aber schon nachgiebiger, überzeugter von der nicht sprühenden, aber ergreifenden Beredtsamkeit Waldemars. »O,« sagte, er mit matter Stimme, denn seine Aufregung war geschwunden, und seine kaum errungene Männlichkeit schien in Erschöpfung überzugehen, »ich kämpfe auch für mein Volk, meinen heimatlichen Herd, wenn ich diesen großsprecherischen Franzosen, der mir das Kostbarste meines Lebens stahl, und die Hallen meiner Väter entweiht, züchtige, und wäre er es auch nur allein, den ich bezwänge und in den Staub würfe, so hätte ich schon genug getan. Doch du willst es nicht, nein, du willst es nicht – es ist mein Schicksal, das mich ohnmächtig macht und dem ich nicht widerstehen kann.« Er ließ sich kraftlos auf das weiche Daunenlager fallen, welches unter dem Porträt des Generals Wrangel stand, bedeckte die Augen mit der Hand und gab sich schrankenlos den auf ihn einstürmenden Phantasiegebilden hin. Waldemar stand mitleidig an seiner Seite; er kannte diesen Umschwung in den Gefühlen seines Freundes schon, denn er hatte oft etwas Ähnliches an ihm erlebt und bekämpft. »Magnus,« sagte er sanft und schüttelte seine Hand, die er ergriff. »Hörst du mich und verstehst du, was ich sage? Ermanne dich – sprich!« »Ich höre, rede weiter!« murmelte der junge Edelmann dumpf. »Der Mensch ist recht töricht, Magnus, trotzdem er sich so oft das klügste und weiseste erschaffene Wesen zu sein dünkt. Immer bangt und härmt er sich um das, was kommt, was vor ihm liegt, und sei es auch noch so wenig der Rede, des Kummers und Bangens wert. So siehst auch du, mein armer Freund, immer drohende Gebilde vor deinen Augen auftauchen und hältst sie für riesige wirkliche Gestalten, da sie doch nur winzige, vorübergleitende Phantome sind. Erhebe einmal deinen Geist und öffne deine Augen, um die dich bedrängenden Schreckbilder in ihrer wahren Gestalt und Größe zu betrachten. Hast du irgend einen bestimmten Anhalt, daß sie dir Wahrheit für Lüge geben? Sind die Wolken am Himmel, die uns so oft bedrohen, nicht leere Dünste, die rasch an unserm Horizont vorüberfliegen und uns nur kurze Zeit den Anblick der klaren Sonne verhüllen? Und vor denen wolltest du dich fürchten, da sie so weit von dir entfernt sind und so rasch in die Ferne rauschen? O nein, Magnus, das kannst du nicht, du müßtest denn eine kleinmütige und vertagte Seele sein und nicht an den göttlichen Lenker aller unserer Schicksale glauben. Nein, nein, alle deine Schicksalsträume sind ähnliche Wolken und leere Dünste, die dein Gehirn umflattern und den klaren Blick deines Geistes trüben, so schüttele sie von dir ab und stehe frei und kühn da, wie ein Mann es im Sturme des Lebens muß, wenn die Wellen um ihn rauschen, der Wind um ihn brüllt und er weiter nichts hat, den Sturm zu beschwören, als sein mutiges Herz, sein Vertrauen auf Gottes Führung, und Geduld und Ausdauer. Denn ach, mein Freund, bis auf diesen Tag hat kein Sturm ewig gewütet, noch haben sie sich alle ausgetobt – und auf dunkle, bittere Tage sind immer heitere, süße gefolgt. Das muß uns eine Lehre sein, Magnus, und wenn du daraus nicht schöpfen willst , dann gib dich deiner Schwäche hin, aber daß du dann ein Mann bist, das sage nicht, denn das glaubt dir keiner, und ich am wenigsten. Sei mir nicht böse, Magnus, wenn ich so herbe spreche; ich muß dir das sagen, wenn ich wirklich Anspruch darauf machen will, dein Freund zu sein. Es hat mir lange genug auf der Seele gelegen, und nun danke ich Gott, daß es herunter ist.« Magnus nahm die Hand von den Augen, und Waldemar sah, daß darin eine Träne schimmerte. Sein mildes Herz – denn das Herz dieses rauh erscheinenden Mannes war mild – ward tief bewegt. Er streckte seinem Freunde die Hand hin, und dieser ergriff sie sogleich. »Waldemar,« sagte Magnus leise, »du hast recht, ich sehe, ich fühle es, aber dennoch kann ich nicht anders handeln, als ich handle. Du bist stark, und ich bin schwach, das ist der große Unterschied zwischen uns, und so ist es immer gewesen, mein Vater hat es mir oft genug gesagt. Hoffe du – ja, hoffe du, und deine Hoffnung wird dich nicht trügen. Ich aber, ich hoffe nichts mehr, und dies Bewußtsein wird mich auch nicht, trügen. Ich sage es dir, und so wird es sich erfüllen. Das Ende unseres Unterliegens wird eines Tages kommen, und wir werden uns wieder erheben. Du wirst mit unter den Auferstandenen stehen, du wirst dich mit ihnen freuen, mit ihnen jubeln, mit ihnen das neue Leben genießen, aber ich – Magnus Brahe – ich werde nicht unter Euch stehen, denn ich werde mit zu denen gehören, über deren Leiber Ihr zum Siege schreitet!« Er sprach dies mit einer so wehmütigen und doch, so sicheren Stimme, daß sie tief in Waldemars Seele drang. Dieser wandte sich ab und schaute fast unwillig und beinahe die Prophezeiung fürchtend in sein Inneres hinein. Sein Vorrat an Worten, war erschöpft, er konnte keines mehr den gesprochenen hinzufügen, aber sein männlicher Wille war nicht gebrochen, seine Kraft stand unangetastet da und es war gut, daß es so war, denn die Lüfte, die draußen rauschten, der Sturm, der auf dem Meere wütete, wehten schon das Verhängnis heran, in dem er diese Kraft gebrauchen und die Probe bestehen sollte, ob er ein Mann sei, wie er glaubte, oder ein willenloses Werkzeug, das dem Winke eines herrschenden Fatums knechtisch gehorcht. Neuntes Kapitel. Die Tromper Wiek. Die Schwadron reitender Jäger, die Kapitän Caillard befehligte, hatte an diesem Morgen einen größeren Übungsritt unternommen, der sich fast über die ganze Halbinsel Jasmund ausdehnte und teilweise mit den Zweck hatte, eine allgemeine Haussuchung an den Orten abzuhalten, wo man bisher dem Grafen Brahe und seinem Mitschuldigen, die man ohne Unterlaß verfolgte, noch nicht nachgespürt hatte. Der Befehl dazu war wiederholt von Stralsund gekommen und zugleich der Preis für den Entdecker der beiden Männer erhöht worden, da man um so ernstlicher gegen die Mitglieder einer gefürchteten Verbindung vorzugehen die Absicht hatte, als, wie man sich zuflüsterte, an verschiedenen Orten Verschwörungen gegen das Leben des Kaisers enthüllt wären, die man unterdrücken müsse, koste es, was es wolle. So waren denn die Befehlshaber kleinerer Truppendetachements auf Rügen angewiesen, alle Mittel anzuwenden, jener beiden Männer habhaft zu werden, ja, es war ihnen zur Ehrensache gemacht, den von oben her gehegten Erwartungen zu entsprechen, da man die Überzeugung aufrecht erhielt, daß Graf Brahe, als einer der Anhänger des Banditen Schill, notwendig auch ein Kaisermörder sein müsse. Kapitän Caillard hatte diesen erneuerten Befehl mit Zähneknirschen empfangen, denn gerade er hätte den größten Ruhm darin gefunden, von sich sagen zu hören, er habe die Ehre verdient, das gräfliche Schloß zu bewohnen, an welches sich so viele historische Erinnerungen knüpften, indem er am meisten dazu beigetragen, den jungen Drachen zu fassen, der darin ausgebrütet war. Vierzehn Tage lang hatte er sich schon unsäglich bemüht, die irgendwo Versteckten – das wurde allgemein für gewiß angenommen – aufzusuchen, auch hatte man hier und da Spuren zu finden geglaubt, die unseres Wissens zwar falsch waren, aber in den Augen der Verfolger Hoch immer für sehr wichtig gehalten wurden. Weil der Kapitän nun bisher immer unglücklich in seinen Unternehmungen gewesen war, trotzdem er, als Bewohner Spykers, doch so viel Anspruch auf das begehrte Glück zu haben vermeinte, so hatte sich seiner schon seit einigen Tagen eine sehr üble Laune bemächtigt, und sogar der schönen Gylfe Torstenson war es nicht gelungen, seine zürnende Stirn vollkommen zu glätten. In dieser Laune war der großsprecherische Franzose um so eher geneigt, Gewalttätigkeiten zu üben, gegen wen es nun eben sei, und so hatten die armen Eltern Waldemars zunächst darunter leiden müssen, indem man sie mit Gewalt dahin gebracht, die hundert Taler Kontribution zu zahlen, die wir schon früher ihnen auferlegen sahen. Auch Diese hatte. Hille aus ihren Mitteln gezahlt, aber in ihrem Zartgefühl Waldemar nichts davon gesagt. Größere Strafen nun konnte der kleine Tyrann über den armen Strandvogt nicht verhängen, und obgleich er sich so heftig und zornig wie möglich gegen ihn an diesem Tage geberdet, er hatte endlich doch wieder das kleine Haus verlassen müssen, ohne es vom Erdboden verschwinden zu machen, wie er in seinem Zorne wiederholt gedroht hatte. Grollend über sein abermaliges vergebliches Suchen und noch mehr erbittert durch das abscheuliche Regenwetter, welches ihn an diesem Tage verfolgt, ritt er mit seinen Leuten nach Spyker zurück, wo er etwa um zwei Uhr nachmittags eintraf und mit heftiger Geberde ein kräftiges Mahl verlangte, um seinen Appetit zu stillen und für den beschwerlichen Morgenritt hinreichend entschädigt zu werden. Zufällig hatte er beim Eintreten in den Schloßhof Waldemar am Fenster des Kastellans stehen sehen und auf seinen Zügen, indem er die vom Regen triefenden Reiter und ihre Pferde betrachtete, ein heimliches Lächeln wahrzunehmen geglaubt. Dieses Lächeln nun war dem Herrn Kapitän als eine Verletzung seiner Würde erschienen, und er hätte den Vorsatz gefaßt, sein Mütchen wenigstens an einem scheinbar Unschuldigen zu kühlen, da ihm der schuldige für diesmal wieder entgangen war. Sobald er sich daher in trockne Kleider geworfen und noch bevor er den Speisesaal betrat, ließ er den Kastellan Ahlström vor seinen Richterstuhl fordern. Der alte Mann erschien alsbald und geriet in nicht geringe Verlegenheit, als er die zornige Miene seines gegenwärtigen Gebieters sah. »Monsieur,« fuhr er ihn heftig an, »was macht der Maulaffe noch hier, der schon seit vierzehn Tagen vor meinen Augen in diesem Schlosse faullenzt und Fratzen schneidet, sobald er einen französischen Soldaten seine Pflicht tun sieht? Ist die Werbung um Eure Tochter noch nicht zu Ende oder beliebt es dem Herrn, hier den Tagedieb oder gar den Spion noch länger zu spielen?« »Gnädigster Herr,« erwiderte zitternd der alte Kastellan mit seiner so milden und demütigen Stimme, »ich glaube nicht, daß Georg Forst den Namen eines Spions verdient. Worauf sollte er auch spionieren? Ich weiß es wahrlich nicht. Was aber die Bewerbung um meine Tochter betrifft, so – so habe ich ihm zugesagt, für den Fall, daß er ein gutes Stück Brot ausfindig macht, was allerdings noch eine Weile Zeit haben mag, fürchte ich.« »So jagt ihn zum Teufel und laßt ihn das Brot suchen. Ich habe es satt, ihn hier herumlungern zu sehen. Wenn ich ihn morgen noch im Schlosse finde, lasse ich ihn nach Stralsund transportieren, um ihn außer Sehweite zu bringen. Nun habt Ihr Euern Bescheid und richtet Euch danach.« Der alte Ahlström erschrak und konnte vor Aufregung kaum die rechten Worte zur notwendigen Erwiderung finden. »Gnädigster Herr,« sagte er stammelnd, »soll ich ihn noch in dieser Stunde von meiner Tür weisen, wo es stürmt und ein gewaltiger Orkan im Anzuge ist, oder gestatten Sie mir, ihn bis morgen oder übermorgen zu behalten?« »Bis morgen – spätestens bis Mittagszeit und, treffe ich ihn eine Stunde später hier, so wandert er mit vier Mann nach Stralsund hinüber. – Heute mittag will ich Champagner trinken, versteht Ihr?« »Gnädigster Herr, ich bedaure, diesem Ihren letzten Befehle nicht entsprechen zu können. Es ist schon seit vier Tagen kein Champagner mehr vorhanden. Wir hatten keinen so großen Vorrat davon auf Spyker.« »So schafft welchen an, mir ist es gleich, woher. In drei Tagen will ich ihn haben, oder ich werde ihn auf Eure Kosten aus Stralsund beziehen.« Er winkte gebieterisch mit der Hand, und der Kastellan schlich zur Tür hinaus. Betrübt und fast außer Fassung gebracht über die alle Tage wachsenden Ansprüche, die oft in der Tat Unausführbares verlangten, kam der Alte bei seiner Familie an, bei der er noch Waldemar, traf, der im Kreise der guten Leute seine Mittagsmahlzeit eingenommen hatte. Hier entledigte er sich denn gleich seines doppelten Auftrages, geriet aber in neue Verwunderung, als er seinen jungen Gast über die ihn betreffende Ausweisung sehr wenig besorgt fand. Waldemar zuckte sogar spöttisch die Achseln und sagte ruhig, wobei ein stilles Lächeln seine kräftigen Züge überflog: »Um diesen Befehl härmt Euch nicht, Ahlström, ich werde heute abend oder morgen früh vor aller Augen das Schloß verlassen und in der Nacht darauf zu Magnus ziehen. Der Spukturm hat Raum genug für zwei Gäste. Und was den Wein anbelangt, ohne den die Herren Franzosen nun einmal nicht leben können, so dächte ich, wäre das ganze Unheil mit einer mäßigen Summe abgewandt. Laßt einen Wagen anspannen und nach der alten Fähre fahren; in wenigen Stunden habt Ihr aus Stralsund so viel Champagner bezogen, als fürs erste erforderlich ist. Graf Brahe wird die Rechnung nicht viel größer finden, die er zu zahlen hat, ob nun dieser Wein darauf steht oder nicht.« »Ja, ja doch, das macht mir auch den geringsten Kummer. Also du willst auch in den Spukturm?« »Wo soll ich denn hin? Bin ich darin nicht am sichersten?« »Ich weiß es nicht,« sagte der Alte achselzuckend. »Bisweilen kommt es mir vor, als wäre auch der Spukturm nicht mehr sicher genug.« »Uns genügt er, Alter. Niemand kennt seine Ein- und Ausgänge, selbst Gylfe nicht, wie sollte man also in sein. Inneres geraten?« »Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht, aber mir ist es so, als hätte er die längste Zeit seine Dienste geleistet.« »Noch leistet er sie, und nun guten Mut, Ahlström. Wenn auch Ihr noch furchtsam, und trübselig werdet, dann stehe ich zwischen zwei Feuern, und wahrlich, ich habe schon mit dem einen da oben genug.« »Ich glaube es, ich glaube es. »Ach, wie wird das alles enden? fragt mich alle Tage mein Herz, und ich kann ihm nie eine vernünftige Antwort darauf geben!« – * Es war nachmittags gegen vier Uhr. Auch die französischen Herren hatten gespeist und hielten sich nun beieinander im Zimmer des Kapitäns auf, da das Wetter ihnen keinen Schritt aus dem Hause zu gehen gestattete. Der gießende Regen zwar ließ mehr und mehr nach, aber der Wind war zum Sturm angewachsen, der alle Augenblicke heftiger wurde und in einen Orkan überzugehen drohte, wie er jahrelang, nicht auf dem »Eiland der Stürme« gewütet hatte. Zu solcher Zeit bot Spyker einen unheimlichen Aufenthalt. Von dem düsteren Gemäuer hernieder ergossen sich ganze Ströme von Wasser, die alten Dachziegel polterten krachend von der Höhe und das Gekrächz der Dohlen, die sich vor Angst nicht zu lassen wußten, schallte trübselig auf den wüsten Hofraum herab. Knarrend in ihren rostigen Angeln trieb der Wind die Wetterfahnen um, das Vieh brüllte in den nahegelegenen Ställen, und die Bäume beugten ihre ehrwürdigen Wipfel seufzend gegen die Erde hin, die ihrer überhängenden Wucht oft nachgab und die alten Wurzeln zu Tage treten ließ, wenn der heftige Luftdruck einen Riesen des Parkes umfegte. Am schauerlichsten aber hörte sich der Sturm an, der über die See her und durch die Wälder heulte, alle Frucht der Felder knickte und Splitter und Trümmer jederlei Art in tollem Wirbel durch die Lüfte jagte. Nehmen wir dazu einen nächtigen Himmel, düster drohende Wolken, die, wie von Gespensterfurcht ergriffen, kopfüber durch die Höhe stürzten und dann und wann einen eiskalten Hagelschauer herniedersandten, so kann man sich eine Vorstellung von den Empfindungen machen, die die Bewohner des einsamen Schlosses zu solcher Zeit ergriffen. Ein Einziger war im Schlosse, dem dieses Wüten der Elemente weder Sorge machte, noch Angst einflößte, ja, der vom Wiegenlied des Sturmes befeuert, in seiner männlichen Seele ein wahres Behagen daran fand, auch einmal die Natur in ihrem entfesselten Stolze, ihrer angeborenen Würde wüten zu sehen, wo so viele winzige Menschen in ihrer Einbildung, und Eitelkeit wüteten. Waldemar Granzow, der kühne Seemann, der von Jugend auf an Gefahren Gewöhnte, dessen physische Kraft seiner geistigen Furchtlosigkeit gleichkam, freute sich auch diesmal, als er den reinen Atem der Natur durch die Wälder fegen sah; mochten die Bäume brechen und die Wellen der See weit über ihre Ufer schlagen, gerade in seiner heutigen Stimmung war er geneigt, in dem schauerlichen Heulen des Windes nur eine Musik zu hören, die sein Herz mit Wonneschauern erfüllte und den Wünschen entsprach, die schlummernd in seiner Seele nisteten. In seinen Sturmrock gehüllt, den wasserdichten Hut fest unter dem Kinn zugeschnürt, schritt er in den Spykerschen Park und am Ufer des Sees entlang, um hier die Schneekronen des Wassers tanzen und die kleine Brandung an den Wurzelstöcken der Gartenriesen nagen zu sehen. »Hei!« rief er fröhlich aus, »das ist ein prächtiges Wetter. So ein Sturm muß einmal unter die Franzosen fahren und sie wie Spreu in alle Winde zagen. Geduld, mein Herz, Geduld, es wird auch noch kommen. Dann aber wollen wir hinterher sein und die Gelegenheit beim Schöpfe fassen, und wen ich dann mit dieser meiner Faust packe, der soll nicht zum zweiten Mal nach solchem Händedruck verlangen. – Aber halt, da fällt mir ein, daß der arme Gefangene da oben allein ist. Da von der Höhe herab muß sich das Spiel der Natur noch besser ausnehmen, und man kann aus nächster Nähe das Pfeifen und Brüllen des Windes genießen. Also hinauf zu ihm, um ihm ein wenig Gesellschaft zu leisten.« Mit diesen Worten schlug er den Weg zum Schlosse ein. Noch langsamer und sinnender, als er gewöhnlich ging, schritt er auch diesmal einher; unbekümmert um den heulenden Sturm, der die Zweige von den Bäumen brach und rings um ihn her streute, zeigte er dabei eine Miene, als wäre er aus Stein gemeißelt, und trotzte der Gewalt der Elemente, wie er so oft der der Menschen getrotzt, hatte. Wie er so langsam und ruhig auf dem Platze vorm Schlosse anlangte, standen gerade am Fenster des Jagdzimmers Kapitän Caillard und sein Leutnant Challier, um die Verwüstungen des Unwetters von ihrer behaglichen Stellung aus zu beobachten. »Voilà,« sagte der Vorgesetzte zu seinem Untergebenen, »da sehen Sie, Challier, den Menschen dort. Schreitet er nicht so gemächlich einher, als ob eine süße Mailuft ihn umfächelte?« »Er ist ein Seemann, Kapitän, und an Sturm und Wogendrang gewöhnt.« »Ja. Aber trotz seines Mutes und seiner augenscheinlichen Kraft, trotz seiner bescheidenen und unterwürfigen Miene, kann ich ihn nicht leiden und möchte ihn lieber weit von hier fort als in meiner Nähe haben. Darum hab' ich ihm auch befehlen lassen, das Feld zu räumen, und morgen schon wird er uns nicht mehr belästigen.« »Aber er ist doch ein hübscher Kerl, und ich möchte Wohl ein Regiment kommandieren, das aus lauter solchen Eichbäumen besteht.« »Ja, wenn er unter meiner Fuchtel stände, wie meine Jäger, und ich ihm jederzeit den Daumen aufs Auge drücken könnte! Denn das scheint mir bei ihm nötig zu sein. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber hinter dieser stillen Miene däucht mir etwas Tigerartiges zu lauern, was mir alle Behaglichkeit nimmt. Wenn ich seinen stolzen Gang und sein blitzendes Auge sehe, habe ich immer das Gefühl, als packte mich eine unsichtbare Faust im Genick. In dem Burschen steckt etwas, was mich zurückschreckt. Gut, daß er mir bald aus den Augen kommt, sonst vergriffe ich mich noch an ihm. Mir prickelt es in den Fingern, als müßte ich ihn zeitig an der Gurgel fassen. Seht – da. steht er und sieht sich den Wolkenzug an, als ob er ihm Stillstand gebieten könnte.« »Er ist wirklich ein hübscher Kerl, Kapitän, bei alledem. Aber halt – er sieht uns und nickt uns beinahe vertraulich zu – er ist wahrhaftig frech, der Bursche!« »Tonnerre!« schnarrte der Kapitän mit angeschwollener Stirnader und flammenden Augen, »das geht mir zu weit!« Und das Fenster aufreißend, schrie er hinunter, fast blau vor Anstrengung, um den brausenden Sturm zu übertönen: »Heda! Warum zieht Ihr den Hut nicht, wenn wir Euch ansehen?« »Das ist nicht Seemannsbrauch!« schallte eine Donnerstimme herauf. »Man zieht den Hut nicht, wenn er unter dem Kinn festgeschnallt ist.« Der Kapitän wollte wieder herbe und heftig antworten, als er durch etwas Unerwartetes unterbrochen wurde. Von Norden krachte ein dumpfer Kanonenschuß herüber, dem alsbald ein zweiter und dann ein dritter folgte. »Was ist das!« sagte er zu dem Offizier an seiner Seite. »Man schießt!« »Ja, aber zu welchem Zweck und wo?« Der junge Seemann auf dem Hofe, der die Schüsse ebenfalls vernommen, wandte sein Haupt in die Richtung, woher sie kamen. Dann streckte er die Arme dahin aus und rief: »Dort oben!« »Kommt einmal herauf!« rief der Kapitän hinab. Waldemar schien nur ungern dem Gebote zu gehorchen, und erst nachdem er sein Ohr noch einmal den sich wiederholenden Schüssen zugeneigt, stieg er langsam die Treppe des Schlosses hinan. »Was haltet Ihr von den Schüssen, die Ihr eben vernommen?« fragte der Kapitän mit etwas aufgeklärter und wißbegieriger Miene den Eintretenden. Waldemar machte mit dem abgenommenen Hute eine seemännische Bewegung, die man als Gruß hinnehmen konnte, und sagte dann fest und sicher: »Die Schüsse rühren Von einem Schiff her, das wahrscheinlich in Not ist und bei dem Sturme einen Lotsen verlangt, damit er es sicher in einen Hafen bringe.« » Sacre dieu! Das ist interessant, Challier. Wollen wir hin?« »Ich bin dabei, Kapitän.« Der Kapitän wollte eben die Glockenschnur ergreifen, um seinen Diener herbeizurufen, als eine neue Erscheinung sein Vorhaben unterbrach. Ein Chasseur ritt gestreckten Galopps in den Hof ein, sprang vom Pferde, und ohne sich um dasselbe zu bekümmern, rasselte er wie ein kleines Ungewitter die Schloßtreppe herauf. Auch den meldenden Diener erwartete er nicht, stieß vielmehr ohne Zögern die Tür auf und stand nun, die üblichen Honneurs machend, vor seinem Befehlshaber. »Was gibt's?« fragte dieser mit leidenschaftlicher Hast. »Kapitän, ich komme von der Strandwache bei Ruschwitz, eine Viertelmeile von hier. Leutnant Chaumont schickt mich her. Es ist ein Schiff in Sicht, das Schiffbruch erleiden wird, und die Leute meinen, es habe den Grafen Brahe und seinen Begleiter am Bord, die darauf flüchten wollten.« »Cent mille tonnerres!« brüllte der Kapitän. »Sacre bleu, Messieurs, c'est un jour bonheur aujoud'hui. En avant, Messieurs!« Und er riß so heftig an der Glockenschnur, daß ihm der abgesprungene Griff in der Hand verblieb. Als darauf der Diener angstvoll hereinstürzte, schrie der Kapitän nach einem Pferde, wandte sich aber sogleich nach Waldemar um, der, wie man sich vorstellen kann, in höchstem Erstaunen und doch innerlich über den Irrtum triumphierend, noch in seiner vorigen unbeugsamen Stellung verblieben war. »Könnt Ihr reiten, Forst?« »Ich habe es in meiner Jugend öfters versucht –« »Zwei Pferde!« schrie der Kapitän dem Diener nach, der schon auf der Treppe war, »und Ihr, Challier, laßt satteln, laßt satteln! Alles, was an Mannschaft im Schlosse ist, soll mit hinaus ans Meer.« Der Befehl war erteilt und wurde unverzüglich vollstreckt. In wenigen Minuten war alles bereit. Leutnant Challier erhielt den Auftrag, die Mannschaft, sobald sie fertig, sei, im Galopp nach Ruschwitz zu führen, und der Kapitän schritt, unmittelbar von Waldemar gefolgt, in den so plötzlich belebten Hof hinab, auf den alle Bewohner des Schlosses mit unruhiger Miene herniederschauten. Wenn man bei dieser Gelegenheit den quecksilbernen Kapitän der berittenen Jäger, der in seiner glänzenden Uniform hin und her trippelte, tausend verschiedene Rufe und Flüche hören ließ und doch nichts damit zustande brachte, mit dem unscheinbaren Seemann verglich, der mit unbeweglicher Miene, aber blitzendem Auge auf die von allen Seiten übereilten Vorbereitungen schaute und dabei den inneren Jubel mit Gewalt unterdrückte, der sein Herz erbeben machte, so konnte man nicht in Zweifel bleiben, auf wessen Seite hier eigentlich das geistige Übergewicht war. Diese Ruhe, die feste Selbstbeherrschung des letzteren imponierte selbst dem Kapitän, der kurz vorher so ergrimmt gegen ihn gewesen war. Er hatte bereits das Pferd bestiegen, das man zuerst herbeigeführt, und wartete nur noch auf das zweite, das für Waldemar bestimmt war. Endlich kam es und ward dicht vor ihm hingestellt. Der Kapitän hielt sein Auge wie gebannt auf ihn; er freute sich schon, welche armselige Figur ein Seemann als Reiter spielen würde. Aber er hatte sich umsonst gefreut. Waldemar ergriff die Zügel des wiehernden und steigenden Rosses kunstgerecht, und ohne sich wie der kleine Franzose an die Kammhaare zu klammern, schwang er sich blitzschnell in den Sattel, sobald er den Bügel gefaßt hatte. Der Kapitän nickte beifällig, obgleich etwas verwundert; dieser Sattelschwung kam ihm wie der eines wohlgeschulten Ritters des Mittelalters vor. Aber schon lenkte er den Rappen nach dem Ausgang des Hofes, und ihm dicht auf den Fersen folgte Waldemar, sein Pferd ebenfalls in Galopp setzend. Um den Spykerschen See herumjagend schlugen sie den nächsten Weg nach dem Strande ein, und da die Pferde tüchtig ausgriffen, so erreichten sie ihn in zehn Minuten, trotz des sausenden Windes, der ihnen unhold entgegenstürmte. »Wo habt Ihr reiten gelernt?« fragte der Kapitän unterwegs seinen Gefährten, der ihm dicht zur Seite ritt, und betrachtete mit wohlgefälligem, aber immer mehr verwundertem Auge die Art und Weise, wie derselbe mehr mit mächtigem Schenkeldruck als mit den leicht gehaltenen Zügeln das mutige Tier lenkte. »Auf Hiddens-öe, Herr Kapitän, wo ich in meiner Jugend lebte.« »Ihr reitet aber nicht wie ein Bauer, sondern wie ein Kavalier.« »Ich bin auch kein Bauer, wie Sie denken mögen,« entgegnete der Seemann stolz und schleuderte einen flammenden Blick auf seinen Nachbar. Der Kapitän schwieg, er konnte im Sturme nicht mehr sprechen, aber er wunderte sich im stillen fort, da ihm das Gebahren dieses Georg Forst immer mehr wie das eines verkappten Ritters vorkam. * Die Freude des französischen Offiziers, endlich den lange vergeblich gesuchten Feind, noch dazu in einer so gefährlichen Lage zu ertappen, wie sie ihm geschildert worden war, oder wie er sie sich wenigstens vorstellte, glich dem Triumphe, der schon die Anstrengung des Kampfes hinter sich hat. Lange hatte sein Herz nicht so frohlockt, lange nicht so schöne Hoffnungen gehegt, wie heute, wo ihm, wenn er die Geächteten ergriff, der Majorsrang und bald auch ein Regiment sicher war. Mit ganz entgegengesetzten Gefühlen und doch auch nicht weit von einem freudigen Triumphe entfernt, galoppierte Waldemar an seiner Seite. Er fragte sich nicht, was für eine Szene in der nächsten Viertelstunde vor seinen Augen entrollt werden, welcher Anteil ihm bei der Entwicklung derselben zufallen, und welches Ende sie nehmen würde, nein, daran dachte er gar nicht. Begegnete ihm eine Gefahr, ein schwieriges Unternehmen, so würde er es mit beiden Armen anfassen, das wußte er bestimmt, aber die Freude, die er darüber empfand, daß der Kapitän so vergeblich frohlockte und so siegesgewiß einem unvorhergesehenen Abenteuer entgegenging, ließ sein Herz zittern und blitzte aus seinen Augen, die er schon von weitem mit aller Sehkraft auf das Meer gerichtet hielt, sobald es in seinen Gesichtskreis gelangt war. Und bald lag der Strand und das Meer dicht vor ihm. Beide Männer waren zur Stelle, und kurze Zeit nach ihnen langte die sämtliche berittene Mannschaft aus Spyker an. Auf dem bezeichneten Küstenpunkte ging es heute etwas lebhaft her. Einige zwanzig Männer aus den nahegelegenen Dörfern samt der Strandwache der Franzosen standen am Gestade und betrachteten mit überlauter Teilnahme das große Schauspiel, das sich vor ihren Augen in der Richtung von Arcona auf der so berüchtigten Tromper Wiek entwickelte. Folgen wir Waldemars Falkenauge und beschreiben wir der Reihe nach die Vorgänge, auf die er sein Augenmerk zunächst richtete. Zuerst, als er vom Pferde gesprungen war, wandte er den Blick nach dem Himmel und überflog ihn prüfend fest und rasch. Der Wind, oder vielmehr der Orkan, kam stoßweise aus Nordosten und mischte sein donnerartiges Brüllen mit dem Wogengebrause, das hohl, klagend und doch schreckenerregend klang. Der Himmel war grau umwölkt, nur wurden an einzelnen Stellen rabenschwarze Wolken nach Süden gerissen, die sich unaufhaltsam spalteten und wieder vereinten, je nachdem der Sturm sie trennte oder zu einander trieb. Die Beleuchtung war daher matt, aber doch hell genug, um alles genau erkennen zu lassen, da es erst etwa fünf Uhr Nachmittags an einem der letzten Tage des Juni war. Von diesem düsteren, gefahrdrohenden Himmel stieg Waldemars Auge auf das Meer hinunter und hier bemerkte er eine noch drohendere Aufregung. Das ganze Meer, bis zum fernsten Horizonte hin, war mit einem schneeweißen Gischt bedeckt, über dem ein Dampfwirbel feinzerriebener Wassertropfen von beträchtlicher Höhe toste. Dieser Gischt aber brodelte nicht in ruhiger oder ebener Fläche heran, nein er ward bald haushoch emporgeschleudert, bald sank er wieder in ein gähnendes Grab, dessen Tiefe kein menschliches Auge erreichen konnte. An den Strand selbst aber herangespült, überdeckte er mannshoch die gewöhnlichen Ufer und schleuderte die Gewässer so heftig über die Äcker und Waldungen, daß er nicht nur den losen Sand in gewaltigen Stücken fortschwemmte, sondern auch uralte Bäume entwurzelte, zentnerschwere Felsblöcke in tanzende Bewegung setzte und die kleineren Steine, die am Strande lagen, wie Erbsen klirrend durcheinander warf. Wenn man zur Rechten an dem nördlichen Außenstrande von Jasmund entlang sah, wo die Felsen nach Osten allmählig immer höher steigen und sich auftürmen, so gewahrte man, wie das entfesselte Element mit noch wütenderer Anstrengung dagegen tobte, als fühlte es und zürne darüber, daß es sie nicht zertrümmern und zerstückeln, könne. Daher aber donnerte es dort auch um so gewaltiger und strömte unwillig und mit wachsender Wut hochauf schäumend wieder in seine Bette zurück, um, von neuen herangewälzten Wogen getrieben, sich noch einmal zum nutzlosen Angriff zu rüsten. Als Waldemar alles dies mit fliegendem Blick überschaut und bedacht, richtete er sein Auge nach Nordwesten, wo die hohe Küste Wittows endlich in Arcona auslief, gegen das der rasende Sturm noch heftiger als gegen das flache Ufer der Schabe wütete, die er ganz mit Schaum bedeckte und von Zeit zu Zeit dem Anblick völlig entzog. Eine halbe Meile ostwärts von Arcona, von Norden nach Süden, also den am Strande von Ruschwitz Versammelten entgegensegelnd, schwebte ein Schiff augenscheinlich in großer Gefahr, denn der volle Nordoststurm traf auf sein Backbord und warf es, ungeachtet aller Anstrengung der Mannschaft, es mehr ostwärts zu bringen, gewaltsam nach Westen hin, also den gefährlichen Dünen der Schabe entgegen, wo an beiden Seiten der Tromper Wiek Sandbänke über Sandbänke in der Tiefe lauern und ihr Opfer, wenn sie es einmal haben, unwiderstehlich halten und rettungslos verderben. Es war ein schön gebauter schlanker Schoner, ein Kriegsschiff, mit zehn Kanonen bewaffnet, jetzt aber nur noch ein Wrack, obgleich sein Rumpf noch unverletzt schien. Aber sein Vordermast war mit einer Menge Menschen schon lange über Bord gegangen und hatte auch ein Boot in die Wellen geschleudert, das man, Arcona gegenüber, bereits zur Rettung eines Teils der Mannschaft in Ordnung gebracht und ausgerüstet hatte. Vor seinem großen Mast, der sich noch mit Mühe aufrecht erhielt, trug es eine Art Sturmsegel, zwar nicht regelrecht aufgehißt, aber in der Not doch immer noch seine Pflicht erfüllend, nachdem es die Gewalt des Windes schon mehrmals zerrissen hatte. Von Zeit zu Zeit feuerte das Schiff Notschüsse ab, aber wie sollte man ihm helfen, da bei diesem Orkan kein Boot mit einem Lotsen herankommen, und wenn er auch glücklich an Bord gelangt wäre, doch das unlenkbare Wrack nicht gegen den Sturm von den Küsten Rügens wegbringen konnte. Der Schnabel des Schoners, der schon sein Klüver verloren, dessen Baum es an dem zerrissenen Takelwerk noch eine Strecke hinter sich herschleppte, war gegen die felsige Küste von Jasmund gerichtet; an dem übriggebliebenen Maste wehte, angstvoll wirbelnd im Sturme und nur selten ganz sichtbar, ein langer Wimpel. Auf der zerbrochenen Gaffel flatterte ein Stück Flagge, dessen Hauptzeichen nicht mehr zu entziffern war und höchstens nur noch einen Lappen roten Tuches erkennen ließ. An den Wanten und dem stehenden Takelwerk des übrig gebliebenen Mastes sah man Menschen angeklammert hängen, während auf der gefährdeten Mars desselben zwei kühne Männer sich bemühten, einige Fetzen Segel zu beschlagen, deren Reefe gesprungen waren und die der Wind zu Schaden des ganzen Schiffes von Zeit zu Zeit aufblähte. Das Schiff selbst schlingerte heftig, sank mit seiner Backbordseite bald so tief in die Wogentäler, daß man seine ganze Steuerbordflanke der Länge nach hoch auf einem Wellenkamm blitzen sah, und stürzte dann wieder mit dem Steuerbord so tief in den Grund, daß man im stande war, sein ganzes Verdeck, das dadurch immer mehr aufgeräumt und in Verwirrung gebracht wurde, zu übersehen. Aber auch stampfend bewegte sich das unglückliche Schiff von Zeit zu Zeit vorwärts, denn man sah bald den Bug mit seinem Rest von Bugspriet hoch emporschießen, als wollte es seine Rettung in den Lüften suchen, bald wieder tauchte er so tief in die Wogen hinein, daß man glauben mußte, er müsse jetzt auf den Grund der See gestoßen sein, da man zeitweise nichts als den Mast mit seinen Trümmern von Takelwerk über dem Schaumkessel schweben sah. Alle Zuschauer, die zitternd und zagend am Strande standen, blickten mit wachsender Spannung auf das unglückliche Schiff, dessen Schicksal vorherzusehen war, wenn der Sturm nicht bald nachließ oder der Wind eine andere Richtung nahm; die meisten von ihnen bemühten sich, mit ihren gesunden Augen den Gang des Schiffes und seine Manöver an Bord zu verfolgen, so weit dies möglich war; einige aber, unter denen sich Waldemar befand, der stets sein Glas bei sich trug, schauten mit bewaffneten Augen hinüber, waren also besser als jene unterrichtet. Neben Waldemar, der unbeweglich wie eine Säule auf einer erhöhten vorspringenden Uferspitze stand, hielt sich Kapitän Caillard auf, wiederholt fragend, wie es stehe, aber immer noch keine befriedigende Antwort erhaltend. Endlich ermüdet Waldemars Arm, womit er das Glas hielt, er setzte es daher ab und sagte: »Es steht schlimm, Kapitän, sehr schlimm. Es ist ein schönes Schiff, aber es ist so gut wie verloren, wenn keine höhere Macht hilft. Aus ihren Manövern schließe ich, daß sie ihr einziges Rettungsmittel, ihre Anker, bereits eingebüßt haben, auch sehe ich sie nicht, sonst könnte ich nicht begreifen, warum sie das Schiff nicht festlegen, da der Ankergrund auf ihrem Strich gut ist und selbst im Sturme festhält, vorausgesetzt, daß ihre Ketten stark genug sind, was ich bei einem so stattlichen Kriegsfahrzeuge nicht bezweifle. Ha! Vielleicht wollen sie dem Lande näher kommen, um mit ihren Booten sicherer zu gehen – wenn sich die Herren nur nicht verrechnen und festsitzen, ehe sie es denken.« »Was für ein Landsmann ist es?« fragte der Kapitän eifrig. »Es scheint ein Däne zu sein, wenn ich meinem Urteil über die Bauart des Schiffes trauen kann, obgleich ich den Fetzen Flagge bis jetzt nicht genau erkennen konnte – etwas Rotes sehe ich allerdings daran, aber es kann auch ein Engländer sein.« »Gott gebe das letzte, denn dann wäre es unser Feind! – Wenn er aber ein Däne wäre, wie käme dann Graf Brahe an seinen Bord?« »Das weiß ich so wenig, wie Sie selber.« »Kann man ihm auf keine Weise zu Hilfe kommen?« »Ich kenne keine. Mit einem Boote ohne Segel bei diesem Sturm so weit in die See zu stechen, ist ein Ding der Unmöglichkeit, und sonst gibt es außer seinen Ankern keine Hilfe.« »Ha! Sie schießen immer noch – was wollen sie damit sagen?« »Es sind Notschreie, die ihnen die Verzweiflung auspreßt, aber sie sollten sich keine unnütze Mühe machen, wir sehen sie ja. Auch verschwenden sie ihr Pulver – doch das tut jetzt nichts mehr, es wird doch naß werden, wenn es den Grund der See schaut.« »Meinen Sie?« fragte der Kapitän, in dessen Geltung der junge Seemann von Augenblick zu Augenblick stieg. »Es wird alles auf den Grund der See gehen, wenn der Sturm noch eine halbe Stunde so fortwütet, und wenn sie, was ich glaube, ihre Anker verloren haben.« »Wirklich? O, das ist schrecklich. – Schauen Sie zu, ist es nicht doch am Ende ein Engländer?« »Ich weiß es nicht, das zersplitterte Takelwerk läßt kein Zeichen mehr erkennen. – Ha, sie rücken verdammt schnell vorwärts, als ritten sie mit dem Winde durch die Luft – zu ihrem Verderben – aber sie kommen näher – an den Felsen Jasmunds werden sie nicht zerschellen.« »Wo dann, wo dann?« »Sie werden hier vor unsern Augen auf irgend eine Sandbank laufen, die Sturz- und Stampfseen werden über Bord schlagen, das Schiff auseinanderreißen und Mann und Maus ersäufen.« »Das darf nicht geschehen, das darf nicht geschehen, wenn meine Flüchtlinge an Bord sind.« »So hindern Sie es, wenn Sie können. – Aber hier hilft weder der Befehl eines Generals noch eines Admirals.« »Wie lange kann es noch dauern, ehe es auf die Sandbank gerät?« »Höchstens noch eine Viertelstunde, dann werden wir mehr oder weniger vom Schiffe sehen.« »Weniger? Wieso weniger?« »Weil es bis dahin vielleicht schon unter Wasser liegen wird.« »Ha! Das macht mich schauern. Dergleichen habe ich nie gesehen.« »Ich oft genug und bin schon an Bord eines Schiffes in ähnlicher Lage gewesen.« »Aber Ihr wurdet doch gerettet? denn Ihr lebt.« »Ja, als das Schiff auf der Sandbank fest saß, gelang es uns, ein Boot flott zu machen, und Gott stand uns bei und trug uns glücklich durch die Brandung.« »Kann das hier auch geschehn?« »O ja, wenn es nicht zu weit vom Strande fest gerät, obgleich der Sturm heute beinahe übermächtig ist.« Der schmächtige Kapitän bewies die Wahrheit dieses Ausspruchs, denn er hielt sich schon lange an einer gewaltigen Buche fest, die ihren Wipfel wild über ihn hin und her schüttelte, aber dem Andringen des Sturmes kraftvoll widerstand, eine Hilfe, deren Waldemar nicht bedurfte, da er mit weit auseinandergebreiteten Schenkeln wie festgewurzelt am Boden stand. »Es kommt näher!« rief dieser plötzlich. »Es hält sich noch wacker genug – da – geht das Sturmsegel hin.« – »Was war das?« fragte der Kapitän erschrocken, als eine Art Donnerschlag, aber mit ganz anderem, viel hellerem Gebrüll, als die von Zeit zu Zeit abgeschossenen Kanonen es hören ließen, durch den Aufruhr der Elemente scholl. »Das war ihr letzter Trost, ihre letzte Hoffnung, um weiterzukommen,« sagte Waldemar; »ihr Not- und Sturmsegel. Der Orkan hat es zerfetzt wie Spreu – da gehen die Lappen über Bord – sehen Sie sie?« »Ja, ja – was geschieht nun?« »Nun entwickelt sich die vorletzte Szene. Der Rumpf, der ohne Segel und Maste nur noch ein Wrack ist, treibt willen- und kraftlos gegen die beiden Ungetüme: See und Sturm, gerade Weges auf den Strand – das nennt man vor Top und Takel treiben, Herr Kapitän. Gott stehe ihren Seelen bei!« – »Wahrhaftig, ist es schon so weit?« »Noch nicht ganz, aber bald. – Wo haben sie den Pflichtanker – jetzt ist es die höchste Zeit – tausend Schwerenot!« Das arme Schiff, vom wütenden Sturm und Wogenschlag dem Lande zugetrieben, kam rasch näher in Sicht. Aber es ging nicht in gerader Richtung mehr seinem Schicksal entgegen. Bald schlingernd, bald stampfend, war es ein Spielwerk der Wellen; bald drehte sich sein Spiegel, bald sein Bug landwärts, und immer wiederholt tauchte es unter, von einer Sturzsee nach der andern überspült, was es aber nicht hinderte, immer von neuem aufzutauchen und emporzuklimmen, wie ein ertrinkender Mensch oder ein gewaltiges Tier, das so oft Luft schnappen will, als es geht, ehe es leb- und widerstandslos in die Wassergruft sinkt. »Es kommt näher und näher,« rief der Kapitän atemlos, »ich sehe die Menschen einzeln schon mit bloßen Augen – was machen Sie da?« »Ich ziehe meinen Regenrock aus, um besser arbeiten zu können, wenn es not tut.« »Was wollen Sie arbeiten?« »Menschenleben retten, Herr Kapitän, wenn die Zeit dazu kommt, und sie kommt bald.« Der Kapitän warf einen Blick der Bewunderung auf den jungen Mann, der jetzt in seiner kurzen Seemannsjacke, schlank und doch überaus kräftig gewachsen, dicht an seiner Seite stand. »Können Sie denn heran?« »Ich muß – wenigstens will ich es versuchen. Da liegt ein vortreffliches Boot mit hohem Bord auf dem Sande, gerade gebaut für solchen Sturm – und, wie Sie sehen, hat man schon alles darin in Stand gesetzt. Männer sind genug hier und in wenigen Minuten rollen wir es hinab ins Meer.« »Sind Sie sicher, Ihr Leben zu bewahren, wenn Sie das anderer zu retten versuchen?« »Das kann kein Mensch mit Bestimmtheit vorher sagen. Wie die Sachen hier stehen, ist hundert gegen eins zu wetten, daß Retter und Schiffbrüchige zugleich zugrunde gehen.« »Aber dann begehen Sie eine Tollkühnheit –« »Nur eine Pflicht, Herr Kapitän; das ist so Seemannsbrauch.« Der Kapitän war ganz bleich geworden und hatte schon lange vergessen, seinen schönen Schnurrbart zu drehen, was eine seiner Lieblingsbeschäftigungen war. Aber das Schauspiel auf dem Schiffe zog ihn wieder von Waldemar ab. »Was machen sie da am Bord?« fragte er, auf das Wrack hinweisend. »Ha! Sie wollen ihren Pflichtanker auswerfen – endlich! Na, es ist die höchste Zeit. Ja, sie haben ihn noch. Alles ist auf dem Buge dabei, Hand anzulegen – auf Steuerbord, sehen Sie? – Da geht er hinab – er faßt – das Schiff schwaiht – nein, o weh! Der Anker ist triftig – das Schiff treibt vor ihm her – nun ist alles vorbei – – ha, sie erkennen es, sie machen die Boote zurecht – das ist verständig – flugs, flugs Leute, Ihr habt nur noch wenige Minuten übrig – dort kommt die wilde Bank – da, ich sag's ja – sie sitzen fest!« Kaum hatte der Seemann, mit glühenden Augen den Manövern der gefährdeten Schiffer Schritt für Schritt folgend, es ausgesprochen, so sah man den Rumpf des Schiffes vom Kiel bis in die Spitze seines wankenden Mastes erzittern, – eine Bewegung, die alle Sachverständigen am Lande in ihrer eigenen Brust mitzufühlen glaubten – dann aber wie angenagelt auf einer Stelle stehen bleiben. Gleich darauf schwankte der Mast, hing noch einen Augenblick an seiner Backbordwant, dann schlug er über Bord in See, wieder ein Dutzend Menschen mit sich fortreißend. Der Bug drang schon tief in den weichen Sand, die Stampfseen stürzten wild darüber hin, und sein Achterdeck hob sich in die Höhe, als wolle es noch einmal um Hilfe gen Himmel schreien. Aber da gab es keine Hilfe mehr. Von allen Booten, die der Schoner gehabt, war nur das große noch allein übrig und auch das war schon halb mit Wasser gefüllt. Mit Verzweiflungskräften arbeitend, ließ die Mannschaft es hinten am Steuerbord des Achterdeckes hinab, es schwankte neben dem Wrack hin und her, nichtsdestoweniger kletterten und sprangen einige zwanzig Menschen hinein. »So,« rief Waldemar mit bleichem Gesicht, »das ist vernünftig – aber zu spät – ha, was ist das? Sie kommen nicht wieder empor – weg sind sie, Kapitän, zwanzig Menschen sind wieder weniger auf der Welt – nun ist es Zeit für uns – wollen Sie mit, Herr?« »Nein, ich danke. Ich bin Soldat zu Lande und nicht zur See.« »Ich bin zu Zeiten beides!« Mit diesen Worten sprang Waldemar, voll kühnen Entschlusses, den steilen Uferrand hinab und trat an das Boot, bei dem schon zwanzig Hände hülfreich beschäftigt waren. »Vorwärts!« schrie er mit einer Donnerstimme, die verständlich durch das Geheul des Windes drang. – »die höchste Zeit ist da! Es sind noch Menschen an Bord – wer geht mit mir – wer, frage ich?« Acht wackere Männer aus Ruschwitz antworteten, nicht mit ihren Stimmen, wohl aber mit ihren Händen. Von einigen französischen Reitern unterstützt, rollten sie das Boot an die Brandung, die ihnen schon entgegen zu kommen schien, und in wenigen Minuten schwamm es, die kühnen Männer tragend, die lange Riemen ergriffen hatten und mit furchtlosem Sinn, aber gewaltiger Arbeit damit ausstrichen. Waldemar, hinten an der Ruderpinne stehend und sie mit mächtigen Händen umklammernd, lenkte das Fahrzeug den Wogenbergen entgegen, und die erste Welle glücklich durchschneidend, auf dem Rücken der zweiten schon hoch emporgetragen, kam er mit dem Boote immer weiter vom Ufer ab. Bald schwebte es hoch, allen Blicken der am Strande Stehenden erkennbar, bald war es verschwunden, und schon glaubte man, auch dies werde das Schicksal des großen Bootes des Schoners teilen und sein Grab in den Wellen finden. Allein es kam immer wieder zum Vorschein, langsam aber sicher vorrückend: mochte es nun sein, daß es mit größerer Geschicklichkeit gelenkt oder mit ruhigerem Nachdrucke vorwärts getrieben wurde. Zehn Minuten vergingen den am Lande Stehenden in banger Erwartung, dann aber, in einer Pause, die der abnehmende Sturm, der seine größte Wut ausgetobt hatte, eintreten ließ, sah man, wie es von einem vom Wrack ausgeworfenen Tau an dasselbe herangerissen ward und nun Seite an Seite des versinkenden lag. Es befanden sich nur noch zwölf Mann an Bord, alle Übrigen waren mit den fallenden Masten über Bord gerissen oder mit den weggeschwemmten Booten umgekommen, die man teils vor Arcona, teils hier auf der Sandbank ausgesetzt und verloren hatte. Diese zwölf Männer nun, atemlos, keuchend vor Todesfurcht und übermäßiger Anstrengung, kletterten mit fieberhafter Eile in das rettende Fahrzeug hernieder, und als es sie alle aufgenommen, halfen sie es wieder vom Wrack abstoßen, worauf es mit derselben Ruhe, mit der es gekommen, und mit derselben Umsicht wie vorher gesteuert, dem schon von Schiffstrümmern bespülten Strande zueilte. Unterwegs erfuhr Waldemar Granzow von den dankbaren Geretteten, daß das gestrandete Schiff der königliche Schoner »Island«, vor wenigen Tagen erst von Kopenhagen ausgelaufen und zum Kreuzen auf der Ostsee bestimmt gewesen sei. Seinen Kapitän hatte er schon bei Arcona verloren, wo derselbe von dem vorderen Mast erschlagen und über Bord gerissen worden, war. Von der Besatzung waren 188 Mann umgekommen und nur zwölf gerettet, die ebenfalls dem Tode verfallen wären, wenn Waldemar nicht den Mut besessen hätte, sie mit eigener Lebensgefahr dem sinkenden Wracke zu entreißen, da sie kein Boot mehr an Bord hatten, nachdem das letzte in der Tromper Wiek zu Grunde gegangen. Das war die Erzählung, die Waldemar, wie gesagt, schon unterwegs mit halbem Ohre vernahm, denn wenn seine ganze geistige und leibliche Kraft auch nicht von der Führung des Bootes in Anspruch genommen worden wäre, er würde doch nur oberflächlich jenen Worten gelauscht haben, da seine Aufmerksamkeit von dem Augenblick an, wo er an die sinkende Schiffswand gelangt war, auf eine besondere Weise abgelenkt ward. Denn der Mann, der ihm das Tau zugeschleudert, der, als der letzte der lebenden Offiziere an Bord des königlichen Schiffes, auch zuletzt in das rettende Boot gestiegen und durch einen Zufall von Waldemar, der am Helmstock saß, getrennt blieb, dieser Mann war ihm bekannt, und gerade diese Bekanntschaft erschien ihm im gegenwärtigen Augenblick nicht bedeutungslos. Der dänische Steuermann – diesen Rang bekleidete der Gerettete – der, von mancherlei Kummer über den Verlust des schönen Schiffes, der vielen Kameraden und vielleicht auch manches eigenen Besitzes bedrückt, noch kein Wort zu seinem Retter gesprochen hatte, schien Waldemar ebenfalls wieder erkannt zu haben, denn sein bleiches Gesicht haftete mit einem schwer zu schildernden Staunen auf dem Führer des Rettungsbootes, als könne er sich nicht gut die Anwesenheit eines Mannes an einem Orte erklären, den er wegen der anwesenden Franzosen gerade hätte meiden müssen. Eine Erklärung zwischen beiden fand leider nicht statt und konnte nicht stattfinden, denn als man glücklich gelandet war und das Boot wieder auf den höheren Strand gezogen hatte, mischten sich die Geretteten unter ihre Freunde, die Franzosen, und Kapitän Caillard selbst war es, der sich den einzig übriggebliebenen Offizier des gestrandeten Schiffes vorstellen ließ und eine ziemlich lange Unterredung mit ihm führte, die sich jedoch nicht auf den Grafen Brahe und Waldemar Granzow bezog, da der Kapitän sofort erfahren, daß das dänische Schiff erst am vorigen Tage aus Kopenhagen abgesegelt sei und keinen Fremden an Bord gehabt. Während dieses Gesprächs schüttelten die Geretteten den Bewohnern von Ruschwitz dankend die Hände, die, obgleich sie jetzt ihre politischen Feinde waren, doch ihr Leben für sie in die Schanze geschlagen hatten; nur Waldemar entzog sich den Äußerungen des Beifalls dadurch, daß er den Fischern einige Andeutungen über die an den Strand geworfene Beute gab, auf welche die ehemaligen Besitzer nach den damaligen Strandgesetzen keinen Anspruch mehr hatten, trotzdem sie noch an Ort und Stelle waren und die Trümmer ihrer Habe nach und nach in kleinen Brocken und Stücken ans Ufer spülen sahen. Mittlerweile hatte sich der Kapitän satt gefragt; der kalte Sturm, der jetzt, nachdem er sein Opfer empfangen, bedeutend nachgelassen, hatte ihn bis ins Mark durchwühlt, und er sehnte sich nach seiner behaglichen Wohnung, um Fräulein Gylfe seine Heldentat zu berichten, die im ganzen darin bestand, daß er einige Stunden am Strande zugebracht und dem brausenden Winde sich ausgesetzt hatte, um zwei Männer zu fangen, die ihm wider alles Vermuten jetzt abermals entschlüpft waren. Erst als er sein Pferd heranführen ließ, fiel ihm sein früherer Begleiter ein, und er wandte den Kopf nach allen Seiten, um ihn unter den mit allerlei Verrichtungen Beschäftigten aufzusuchen. Da sah er ihn oben auf dem Strande stehen, wie er mit unterschlagenen Armen an der Buche lehnte, die ihm selbst vorher Schutz geboten hatte. Träumerisch, was sonst nicht seine Art war, blickte er über die wogende See hinaus und haftete mit seinem Falkenauge auf den Trümmern des Schoners, die immer tiefer in ihr nasses Grab sanken. »Das Schiff dort,« sagte er zu sich, »ist gestrandet, der Mann aber, den ich gerettet, ist geborgen. Hat er mich erkannt? Wird er mich verraten? Soll ich das Pferd, das hier neben mir ruhig an den Sträuchern nagt, besteigen und davonjagen, um so rasch wie möglich zu Magnus zu kommen und ihm das neue Unheil zu verkünden? Oder soll ich ruhig warten, bis ich sehe, daß diese Flucht notwendig wird, bis der französische Offizier, der mich heute aus meinem warmen Schutze vertrieben, seinen Schergen einen Wink gibt, sich meiner zu bemächtigen? – Ich werde das letzte tun, denn noch steht er ruhig unter den Leuten da und läßt sich den Hergang ihres Schiffbruchs berichten, und wenn jener Steuermann auch mein Feind, ein Däne ist, so ist er doch ein wackerer Seemann, ich habe ihm das Leben gerettet, und er wird mich nicht verraten, selbst wenn er meinen Namen und mein Gesicht in seinem Gedächtnis bewahrt haben sollte.« In diesem Augenblick sah er den Kapitän gelassen sein Pferd besteigen und sich dann nach ihm selber umschauen, den er endlich unter der Buche entdeckte. Langsam ritt der Franzose auf ihn zu und sagte lächelnd: » Eh bien, mon ami , beschauen Sie Ihr Werk und haben Sie Lust, noch einmal die Fahrt nach dem Wrack zu unternehmen, um noch Dinge von Wert zu bergen?« »Nein, Herr Kapitän, ich habe meine Schuldigkeit getan, und um Beute war es mir nicht zu tun. Leider habe ich wenig erreicht, denn beinahe 200 Menschen haben ihr Leben verloren.« » Parbleu ! Ja, aber zwölf haben Sie gerettet, und damit würde ich schon zufrieden sein. Allons, reiten wir nach Hause, Sie triefen von Seewasser, und eine warme Suppe wird Ihnen wohltun. Vraiment, mon ami , Sie haben sie wohl verdient!«. Waldemar, der seinen Regenrock schon wieder übergeworfen hatte, grüßte auf Seemannsweise und ging dann zu dem grasenden Pferde, machte es zügelrecht und stieg langsam auf, um im Schritt neben dem Kapitän den Rückweg nach Spyker anzutreten. Diesem fiel seine Schweigsamkeit und seine, ein grübelndes Sinnen ausdrückende Miene auf. Eine Weile dachte auch er über etwas nach, dann wandte er sich nach ihm um und sagte: » Monsieur Forst , ich habe Ihnen heute sagen lassen, daß Sie Ihren Aufenthalt bei Ihrem künftigen Schwiegervater verkürzen sollen. Ihr heutiges Benehmen hat meinen Entschluß geändert, und ich gestatte Ihnen hiermit, so lange auf Spyker zu verweilen, wie es Ihnen beliebt.« Hatte der Kapitän erwartet, dieses großmütige Zugeständnis werde den jungen Mann in eine freudige Stimmung versetzen, so hatte er sich geirrt. Waldemar schwieg noch einige Augenblicke, dann aber sagte er in seiner gewöhnlichen ruhigen Weise, die jedoch mit einiger Bitterkeit gemischt war: »Ich danke, Herr Kapitän; aber Ihr heutiger Befehl, den Sie mir durch den Kastellan zugefertigt haben, stimmt zu sehr mit meiner eigenen Neigung überein, als daß ich ihn nicht ungeachtet Ihres Widerrufs befolgen sollte. Es lag in meiner Absicht, schon morgen oder übermorgen von Spyker zu scheiden und nach Greifswald zurückzukehren, wo ich meine Studien fortsetzen will, die ich aus Liebhaberei begann, da ich in diesen Kriegszeiten meinen Beruf nicht erfüllen kann. weil Deutschland keine Marine hat.« » Eh bien! Tun Sie, was Ihnen beliebt. Das Vernünftigste, was ein junger Mann, wie sie einer sind, in diesen Zeiten tun kann, ist, zu studieren und sich nicht um die Streitigkeiten der Nationen zu kümmern. Wenn alle Deutschen so klug gewesen wären, würden sie von den Franzosen nicht für ihren Übermut gezüchtigt worden sein.« »Hm!« dachte Waldemar. »Der Deutschen Übermut also war es, der die Franzosen über den Rhein rief? Das ist eine neue Auslegung der neuesten Kriegsgeschichte – und sie ist würdig, von deutschen Bajonetten und Kanonen beantwortet zu werden. Geduld! Wer sieht dem Himmel an, ob er morgen Regen oder Wind bringt, und leicht könnte es geschehen, daß über kurz oder lang auch ein Ungewitter über Frankreich hereinbricht, wie diese Herren es jetzt über uns gebracht haben.« So ritten die beiden Männer schweigend dem Schlosse von Spyker zu, in dem sich während ihrer Abwesenheit eine Szene ereignet hatte, die weder Waldemar noch der Kapitän ahnen konnte, und zu deren Beschreibung wir uns jetzt wenden wollen. Zehntes Kapitel. Der Spuk. Nachdem Waldemar seinen kranken Freund nach der von uns mitgeteilten Unterredung am Vormittag verlassen hatte, blieb Magnus anfangs in einem Zustande stumpfer Gefühllosigkeit sitzen und ließ die von jenem heraufbeschworenen Gedanken einen nach dem andern an seinem Geiste vorüberziehen. Nur allmählich gelangte er so zur klaren Einsicht des Vorliegenden, erkannte aber leider dabei zur Genüge, daß er kaum die Fähigkeit und Kraft besaß, mit einem Schlage den Knoten zu lösen, der seine Seele gefesselt hielt. Während sein Verstand auf Waldemars Seite trat, dessen Ratschläge gut hieß und sie zu befolgen riet, bäumte sein Herz sich mit seiner ganzen natürlichen Leidenschaftlichkeit dagegen auf, und er konnte es nicht über sich gewinnen, die Einwürfe des ehrlichen Jugendfreundes auch in dieser Beziehung für gerechtfertigt zu erkennen. Lange schwankte er so zwischen den Eingebungen des Verstandes und den Neigungen des Herzens hin und her, sich vergeblich bemühend, einen Ausgang aus diesen Verwicklungen zu finden und den ganzen martervollen Zwiespalt durchlebend, den jedermann kennt, der zwischen diesen beiden Potenzen einmal zu wählen verurteilt gewesen ist. Wie aber selten jemand, und sei er auch noch so sehr von seinen Gefühlen bestrickt oder von der notwendigen Befolgung der Eingebungen des Verstandes überzeugt, sich entschieden gleich auf die eine oder andere Seite dieser beiden Großmächte wirft, so suchte und fand auch Magnus endlich einen ihm genügenden Ausweg, der ihn mitten zwischen beiden Klippen hindurch zu einem erwünschten Ziele zu führen verhieß, und diesen zu betreten, war er zuletzt völlig entschlossen. Er wollte wirklich Waldemars Rat befolgen und Spyker verlassen, um sich aus den Schlingen dieses verführerischen Ortes zu ziehen, aber nicht eher, als bis er die vollste Überzeugung gewonnen, daß ihm keine Hoffnung mehr auf Wiedergewinnung Gylfe Torstensons übrig bliebe, – ein Ausgang, den er noch keineswegs als unausbleiblich annahm, da er sich viel von einer mündlichen Besprechung mit dem wankelmütigen Mädchen versprach. Die Besprechung mußte also notwendig erfolgen, und zwar sobald wie möglich, denn die Zeit drängte, und Waldemar drängte in seiner Ungeduld nicht minder. Aber wie zu ihr gelangen, ohne daß die Bewohner des Hauses davon Kunde erhielten? Sollte er sie um eine Unterredung angehen, nachdem ihr seine Anwesenheit gemeldet war? Nein, das wagte er nicht, das konnte schlimme Folgen haben, sie konnte sich durch Überlegung gegen seine Angriffe waffnen oder gar die Hilfe seines bittersten Feindes, ihres, jetzigen Liebhabers, in Anspruch nehmen. Um dies zu vermeiden, mußte die Unterredung also ohne jede Vorbereitung von Gylfes Seite erfolgen, sie muhte mit einem Worte überrascht werden und, – auf diese Überraschung, als das letzte aller erwogenen Hilfsmittel, bereitete sich Magnus regelrecht wie auf eine Belagerung und Überrumpelung einer Festung vor. Er wog alles ab, was er ihr vorhalten, womit er ihr Herz bestürmen, ihr Rechtlichkeitsgefühl erwecken und somit den Sieg erringen wollte, und als er erst so weit gekommen, beschloß er die Gelegenheit zu ergreifen, sobald sie sich darbieten würde. Diese Gelegenheit aber sollte sich ihm sehr bald darbieten, viel früher wenigstens, als er es in seinen kühnsten Erwartungen für möglich gehalten hatte. Um vier Uhr nachmittags, als sich im Schlosse die Vorfälle zutrugen, die wir berichtet haben und die Magnus in seinem abgelegenen Zimmer sich nicht recht erklären konnte, obwohl er die Schüsse vom Meer her vernahm und den Kapitän mit Waldemar abreiten sah, denen bald alle Reiter folgten, erschien der alte Ahlström bei ihm und setzte ihn von dem Vorgehenden in Kenntnis. Als Magnus diese unerwartete Nachricht empfing, schoß ihm das Blut ins Gesicht, und die plötzliche Aufregung lähmte beinahe seine Überlegung. Der alte Freund seiner Familie wußte erst gar nicht, was dieses Erschrecken, wofür er es hielt, bedeute, bis Magnus mit zitternder Stimme die Frage laut werden ließ, ob Gylfe im Schlosse sei. »Wo soll sie sonst bei diesem Unwetter sein, Herr Graf? Sie hat sich in ihr Zimmer eingeschlossen, was sie immer tut, wenn sie ungestört sein will, und da liest oder stickt sie, oder tut sonst etwas, was ihr gerade beliebt.« »Befindet sie sich in dem Zimmer, welches an die Treppe dieses Turmes stößt und durch den geheimen Knopf an der bewußten Stelle geöffnet werden kann?« »Ja, Herr. Wollen Sie etwa zu ihr?« »Das ist meine Sache, Ahlström. Würdest du etwas dagegen haben, wenn ich es täte?« »Ich habe nichts gegen Euer Gestrengen Tun, gar nichts – aber – aber ist der Herr Granzow von diesem Schritt unterrichtet?« Magnus fühlte sich getroffen, da er hier auf einen Mann stieß, der im geheimen Bunde mit seinem redlichen Freund zu stehen schien. »Wie meinst du das, Alter?« sagte er verwirrt. »Darf ich in diesem Schlosse nur das unternehmen, womit Granzow einverstanden ist?« Der Kastellan senkte den grauen Kopf. »Herr Granzow meint es gut mit Ihnen, Herr Graf, besser kann es kein Mensch auf der Welt meinen.« »Ich weiß es und schätze und liebe ihn deshalb sehr; aber mit Gylfe zu reden ist Sache meines Herzens – und das hat seinen eigenen Pulsschlag.« Der Alte wußte nichts mehr zu erwidern oder wollte seinem jungen Herrn nicht länger entgegentreten, da er ihm von ganzem Herzen die Erfüllung seiner Wünsche gönnte. »Wissen Sie noch den Knopf zu finden, Herr Graf,« fragte er, »der die getäfelte Tür in der jungen Dame Zimmer öffnet? Sie haben ihn lange nicht benutzt und möchten die richtige Handhabung vergessen haben.« »Ich habe nichts vergessen, was sich aus meiner Jugendzeit herschreibt und auf die Geheimnisse meiner Familie Bezug hat. Ist die Stelle der Wand frei, wo sich die schmale Tür nach innen öffnet?« »Sie ist ganz frei, denn die Tür öffnet sich in der Ecke, wo kein Möbel Platz findet, und über der einzigen vom Zimmer aus sichtbaren Spalte hängt ein altes Bild, das fest an die geheime Tür selbst genietet ist, so daß es nicht leicht abgenommen werden kann. Wie Sie wissen, rührt diese Einrichtung noch aus alten Zeiten her.« »Ich weiß es. So laß mich allein und sorge, daß mich' niemand bei Gylfe stört. Sollte unterdeß der Kapitän von seinem Ausfluge zurückkehren, so gib mir mit der Glocke, die von deinem Zimmer in alle Gemächer des Turmes führt, ein Zeichen, und ich werde die Warnung verstehen.« Ahlström versprach, genau nach diesen Befehlen zu handeln, verbeugte sich ehrfurchtsvoll und verließ das Zimmer, nicht ganz ohne neue Sorge seine eigene Wohnung aufsuchend. * Der Sturm tobte um das alte Schloß und drang pfeifend durch die Spalten der Türen und Fenster, die schon so lange ihre Schuldigkeit getan, daß es ihnen nicht zu verdenken war, wenn sie endlich dem Andringen der Zeit und Witterung nachgegeben hatten und hier und da etwas lockerer geworden waren. Von dem wolkenbedeckten Himmel strahlte wenig Licht, aber dafür eine um so düstere melancholische Färbung aus und ließ trotz der frühen Stunde Schatten in die hochgewölbten Zimmer fallen, die schon durch die dicken Mauern einen Teil des Himmelslichtes einbüßten. Gylfe Torstensons befand sich allerdings in ihrem Zimmer, das auf der östlichen Seite des Schlosses, dem sogenannten Spukturm zunächst und zwar mit dem mittleren Stockwerk desselben, in gleicher Linie lag; sie befand sich darin, sagen wir, aber sie arbeitete weder, noch las sie, sondern von einem innern dunklen Triebe aufgescheucht, ging sie unruhig und ängstlich auf und nieder und schaute von Zeit zu Zeit durch die Fenster nach Jasmund hinüber, um die Wirkungen des Sturmes zu beobachten, der um diese Stunde gerade seine größte Heftigkeit erreicht hatte. Wer so die hohe gebieterische Gestalt in den kostbaren Kleidern von schwerem Seidenstoff, die lang hinter ihr herschleppten und bei jeder Bewegung ein wogendes Rauschen hören ließen, wer sie so sah, das bleicher gewordene Gesicht ängstlich nach den Fenstern gewendet, mit der feinen weißen Hand oft über die umwölkte Stirn fahrend oder nach dem widerspenstigen Herzen greifend, der hätte sie leicht für ein von Liebe und Leidenschaft verzehrtes Ritterfräulein aus dem Mittelalter halten können, zumal wenn er das geräumige Zimmer, in dem sie verweilte, und alle Geräte und Möbel von alter Arbeit und veralteten Formen an dem mit Holzgetäfel bekleideten Wänden mit in Betrachtung zog. Und in der Tat, Gylfe glich in mehr als einer Beziehung einem Ritterfräulein des Mittelalters, das, sich verzehrend in leidenschaftlicher Glut, zwischen Neigung und Pflicht schwankend, in der Mitte einer alten und neuen Zeit stand, ratlos, an welche sie sich anlehnen, zu welcher sie sich wenden solle, da ihre Gefühle ihren Pflichten schnurstracks zuwider liefen. Woran dachte sie wohl in diesem Augenblick, als sie, selbst nicht wissend, womit sie sich beschäftigte, unruhig aus einem Winkel in den, anderen schritt, hierhin und dorthin blickte, dies und jenes anfaßte und doch durch nichts befriedigt wurde, was sich ihren Blicken, ihren Aussichten, ihren Hoffnungen bot? O, sie dachte nur an eins, und gerade dieses Eine war nicht dazu angetan, ihr wünschevolles Herz zur begehrten Ruhe und Zufriedenheit kommen zu lassen. Dieses Eine war ihre seltsame, abenteuerliche, fast unerklärliche Liebe zu jenem Manne, den wir schon so oft in diesen Blättern genannt haben und leider noch öfter nennen werden, dem bösen Dämon, den das Verhängnis Magnus Brahes in das Schloß seiner Väter geführt und dazu ausersehen hatte, ihm die größten Schmerzen seines Lebens zu bereiten. Denn mochte Gylfe sich sagen und vorspiegeln, was sie wollte, mit goldenen Träumen in ein künftiges Paradies sich einnisten, so tief es ging, sie war der Neigung dieses doppelgestaltigen Mannes keineswegs so sicher, wie sie vor Waldemar Granzow sich das Ansehen gegeben hatte. Heute freilich glaubte sie überzeugt zu sein, er liebe sie und sei vollständig geneigt, sein Schicksal auf ewig mit dem ihrigen zu verbinden, sie nach dem schönen Frankreich zu führen und ihr dort ein Eden auf Erden zu bereiten – morgen aber schon kam sie von diesem holden Gedanken sehr weit zurück. Kapitän Caillards Benehmen gegen sie war bisweilen etwas unbegreiflich, das heißt in ihren Augen, da wir ja Wohl wissen, daß der kalte und egoistische Franzose scheinbar sich um Gylfe bewarb, nicht um sein ganzes Leben, sondern nur ein paar vergnügte Stunden in ihrer Gesellschaft zu verbringen. Bisweilen zwar behandelte er sie so zart, so echt ritterlich, so milde, war so liebenswürdig, ja, wohl zärtlich gegen sie in Worten und Werken, daß kein Zweifel an seiner Neigung in Gylfes Herzen aufkommen konnte, aber immer wieder gab es Momente, wo er sie absichtlich zu vermeiden oder sogar ganz aus den Gedanken zu verlieren schien. Und das waren die Momente bei ihm, in denen er einzusehen glaubte, daß die Festung, die er belagerte, nur bis zu dem Punkte zu gewinnen sei, bis wohin er sie wirklich bereits in Besitz hatte, daß aber alle weitere Mühe vergeblich, also eine unnütze Anstrengung für einen Mann sein würde, dem die Pflicht obliege, Zerstreuung, Abwechslung und Vergnügen jederlei Art zu suchen, wo er sie eben finden könne. Daß Gylfe ihre Neigung so weit treiben wolle, ihm mit Aufopferung aller ihrer. bisherigen Verbindungen bis an das Ende der Welt zu folgen, war ein Akt weiblicher Hingebung, der weit über seine Absichten hinaus ging. Ja, wenn sie die Tochter des Grafen Brahe gewesen wäre und ihm eine Mitgift von zwanzig Gütern und eine Million Francs zugebracht hätte, dann freilich wäre die Sache einer Überlegung wert gewesen, und es hätte sich vielleicht verlohnt, sein hochgebildetes Vaterland mit der barbarischen Insel zu vertauschen, auf welcher diese Erbin als kleine Königin waltete. So aber war sie nur des Grafen Pflegetochter, das Kind eines anrüchigen Vaters, güter- und besitzlos, und was sie etwa zubrachte, wäre nur als ein Almosen zu betrachten gewesen, welches anzunehmen er in seiner Stellung als kaiserlicher Offizier mit seiner Ehre für unverträglich halten mußte. Nun aber war Gylfes Neigung zu ihm etwas zu offenbar ans Licht getreten, seine ritterlichen Huldigungen, bei denen er sich nichts dachte und die ihm, wie manche andere alltägliche Redensarten gegen alle Damen zu entschlüpfen pflegten, waren diesmal mit zu großem Enthusiasmus aufgenommen worden, und das verträgt ein stolzer, herrschsüchtiger Mann, wie er einer war, selten, ohne dadurch einigermaßen belästigt oder abgekühlt zu werden. So waren denn die Momente einer rauheren Galanterie seinerseits sehr leicht zu erklären, und nur Gylfe verstand sie nicht, da sie längst darüber hinaus war, an seiner wahrhaftigen Liebe zu zweifeln und nur die Art der Darlegung derselben ihr noch zuweilen trübe Stunden verursachte. Eine solche trübe Stunde nun durchlebte sie heute, und der Himmel wollte auch gar nichts tun, um sie zu erheitern, zu beglücken; er war so kalt, so finster, so grollend, kein einziger freundlicher Blick von oben, von außen fiel in ihr Inneres, und das vermehrte die herbe Stimmung, in der sie sich gerade befand, als wir zu ihr getreten sind. »Was hat das zu bedeuten,« sagte sie in ihrem kummervollen Selbstgespräch, »daß François – so nannte sie den Kapitän, wenn sie mit sich selbst von ihm sprach – mit diesem, diesem Waldemar Granzow so eilig fortgeritten ist? Doch, das werde ich schon erfahren, wenn sie wieder zurückkommen, er hat ja versprochen, heute abend mit mir zu musizieren, zu lesen, und da wird er mir das Neueste seiner Erlebnisse mitteilen. Aber dieser finstere Waldemar – wie quält mich doch dieser Mensch, so lange er in diesen Mauern ist! Welcher Dämon hat ihn auf den Schwingen der Nacht herbeigeführt und was brütet er im Geheimen gegen alle aus? Denn daß er etwas Unheimliches im Schilde führt, sagt mir sein Auge, wenn es mir zufällig begegnet. Es blitzt rachsüchtig gegen mich auf, als wollte er mich einem verhängnisvollem Gerichte überliefern – warum? Weil ich diesen Franzosen liebe, diesen wirklichen Mann, gegen den alle, die ich bisher kennen gelernt, nur Kinder oder Puppen sind. Und mit diesem Schwächlinge, diesem Magnus will er mir drohen? O, Magnus ist mir schon als Knabe widerwärtig gewesen! In seinem Auge lag für mich eine dunkle, düstere Warnung, welche mich stets erbeben machte, als locke er ein schweres Verhängnis herbei, an das er selber glaubte; das er mit Gewalt heraufbeschwor, wenn es ihm nicht aus freien Stücken zu erscheinen geneigt war. Welche traurige Vereinigung so weit von einander stehender Gefühle und Personen! Die Erinnerung an diesen Grafen Brahe besucht mich wie ein Schatten aus schmerzenreicher Nacht, und dieser Caillard tritt als herrliches Lichtbild vor meine wonneschauernde Seele! Wie konnten sich diese beiden Extreme in meinem Herzen zusammenfinden, das eine mit Abneigung und Widerwillen, das andere mit Freude, mit. Wünschen, mit Hoffnungen mich erfüllend! Hu, wenn ich an diesen Magnus denke, wie er als bleicher trauriger Knabe immer an meiner Seite stand, dann wird es mir zu eng in diesem weiten Räume, und der alte Spuk, der in jenen finstern Turm gebannt ist, tritt aus meiner Kinderzeit mit entsetzlicher Lebendigkeit vor meine Seele. – Horch, Gylfe, horch, wie der Wind um die Giebel dieses Schlosses heult, wie es in den Kaminen klagt und stöhnt mit Geisterstimmen, wie die Windfahne auf der alten Kuppel des Spukturmes ächzend sich in ihren Angeln dreht – o mein Gott, wie schrecklich, wie öde, wie traurig ist das! Ich wohne recht einsam hier in dieser Höhe – recht verlassen von aller Hilfe! Gott sei Dank, daß der Kapitän den Flügel da drüben lebendig macht mit seinem Sang und Klang, sonst würde ich mich ängstigen Tag und Nacht. – Ob es wohl wahr sein mag, daß in diesem Turm einst Verbrechen begangen sind, daß Blut seine Wände bespritzt hat? Etwas ist gewiß darin geschehen, was das Licht des Tages zu scheuen hat, denn sonst würde man seine Türen nicht vermauert und seine Fenster nicht verriegelt haben. Doch was geht das mich an – es ist nicht meine Familie, an der diese Gräuel haften – und doch, doch bin ich durch den Zufall sehr eng damit verknüpft. Bin ich nicht diejenige im Schlosse, die diesem gottverlassenen Turme in nächster Nähe wohnt? Sind meine Wände hier nicht auch seine Wände? Wenn nun einmal mitten in der Nacht sich die verborgenen Türen öffneten, die von ihm aus in alle Gemächer des Schlosses münden sollen, und das Gespenst von Spyker, wie man es nennt, an mich heranträte – hu! – mich mit seinen kalten Armen erfaßte – mir den Kuß seiner Vermählung auf die Lippe drückte – mein Gott, wie wird mir? Meine Stirn ist kalt wie Eis – meine Hände zittern – meine Füße beben –.« So weit konnte sie nur zusammenhängend denken und sprechen. Sie sank auf einen seidenen Sessel, der mitten in dem großen Gemache stand, und starrte kalt und bleich nach der Turmseite des Zimmers hin, als könnten seine Wände sich spalten und der kalte Bewohner desselben, das viel beredete Gespenst von Spyker, mitten in ihr warmes Leben treten. Wie sie so dasaß, zitternd und bebend, und einen Frostschauer nach dem andern über den zarten Körper rieseln fühlte, der sich mit kaltem Angstschweiß bedeckte – wer hätte nicht an den Besuch der Erinnyen denken sollen, jener Rachegöttinnen des Altertums, die das verletzte Gastrecht, die Undankbarkeit, jeden Frevel am häuslichen Herd bestrafen und in das Gewissen des Menschen einziehen, der sich irgend einer Schuld bewußt ist, wer, sagen wir, hätte nicht an den unaufgeklärten Zusammenhang von Herzen und Herzen, Seelen und Seelen denken sollen, wenn er wußte, was wir wissen, daß das nur in der Einbildung der Bewohner von Spyker existierende Gespenst des Spukturms sich in ein lebendiges verwandelt hatte, daß es umging an diesem Tage, in dieser Stunde, daß es schon nahte – langsam, aber sicher, selbst mit zagendem Tritt, aber noch größeres Zagen vor sich hertreibend? Die langen, blaß goldenen Locken vom bleichen Gesicht zurückgeworfen, das furchtblickende Auge starr auf die dicken Mauern gerichtet, mit den Weißen bebenden Händen bald hier, bald dahin fahrend, als könnten sie nirgends eine Stütze gewinnen, oder als bemühten sie sich, eine unbestimmte heranschreitende Gefahr abzuwehren – so saß Gylfe Torstenson, das schöne Fräulein von Spyker, wie auf einem Folterstuhle, den ihr das vergeltende Schicksal angewiesen, allein in der Mitte des abgelegenen, öden, mit seinem weiten, leeren Räume sie bedrückenden Gemaches. Angstvoll, keiner Worte, keines Rufes mächtig, lauschte sie so auf das Brüllen des Sturmes, der sich in dem hohen Kamin zu einem leiseren Ächzen und Stöhnen abstumpfte, als wollte sie den Geistertritt der Vergangenheit vernehmen, Her doch mehr der Warnungsruf der Zukunft war da, da schrak sie zusammen, denn draußen, dicht an ihrem Zimmer, in der Ecke, die dem Turm zunächst lag, krachte es leise, wie wenn jemand vorsichtig die Treppe herunterstiege und doch dabei das schlafende Echo der Wände weckte. Dann aber rauschte es um sie her wie mit unsichtbaren Fittigen, und nie gehörte Geräusche schienen in allen Winkeln und Ecken, laut zu werden. Gylfe stiegen die Haare zu Berge, ihr Busen hob sich ungestüm, sie keuchte beklommenen Atems einer unbekannten Gefahr entgegen. Da kam, es ihr vor, als taste eine suchende Hand an den Wänden draußen herum, ein rasselnder Ton ließ sich hören – und wie – tun sich wirklich die geschlossenen Wände auf? – Naht das Gespenst? – Denn in der Ecke am Fenster – Gylfe kam es erst wie eine Täuschung ihrer Sinne vor – entstand plötzlich eine Spalte – immer weiter und größer gähnte sie auf – und mit vorgestrecktem Kopfe, bleich wie er immer gewesen, aber höher, viel höher gewachsen und stärker geworden – trat Magnus Brahe selber herein. Gylfe stieß einen Angstschrei aus, wollte aufstehen, fliehen, wenigstens die hinterste Ecke des Zimmers erreichen, aber sie vermochte es nicht, ebensowenig, wie sie ein verständliches Wort hervorbringen konnte, denn ihre Lippen waren sprachlos vor Erstaunen, wie ihre Füße von Furcht gefesselt. Als Magnus, von der verborgenen Tür aus einen Blick durch das ganze Zimmer werfend, dann langsam gegen die Mitte desselben vorschritt und die selbst in ihrer Todesangst ihm so schön erscheinende Gestalt Gylfes vor sich sah, stockte auch ihm die Sprache, aber schnell sich fassend, brachte er mit heiserem Tone die Worte hervor: »Gylfe Torstenson – warum erschrickst du? Kennst du deinen alten Freund Magnus Brahe nicht mehr?« Als Gylfe diese ihr so wohlbekannte Stimme vernahm und vor ihren weit aufgerissenen Augen das gefürchtete leblose Gespenst des Turmes in einen lebenden und noch dazu ihr bekannten Menschen sich verwandelte, belebten sich auch ihre erstorbenen Geister allmählich wieder. Sie schöpfte tief Luft, drückte die Hand auf ihr Herz und, nicht wissend, was sie sagen sollte, hatte sie nur Augen, um sie wieder zu öffnen und damit wie in ihre unschuldsvolle Kindheit zurück in das mattblaue, schüchterne Auge Magnus Brahes zu blicken. »Gylfe!« wiederholte dieser seine Anrede, noch näher an sie herantretend und sein Herz an ihrem sich belebenden und erwärmenden Antlitz weidend, »ich frage dich, sprich, wenn du reden kannst, kennst du mich nicht mehr?« »Magnus Brahe,« lautete ihre Antwort, die wie aus der tiefsten Tiefe ihrer Brust tonlos hervordrang – »bist du es wirklich? O, was willst du von mir und warum erschreckst du mich so, daß du wie ein Gespenst aus dem geisterhaften Turme deiner Vorfahren zu mir trittst – sprich, warst du der Bewohner desselben und flößest du den Menschen den Abergläubischen Schrecken ein?« »Nein, Gylfe, ich flößte niemanden Schrecken ein, wenigstens hatte ich nicht die Absicht dazu, obgleich ich seit einigen Wochen den Turm bewohne, da mir ein anderer Raum im Hause meines Vaters versagt ist. Du selbst aber beruhige dich; ich komme nur, um mit dir ein Zwiegespräch zu halten, das mir so lange nicht vergönnt war und nach dem ich doch so lebhaft getrachtet habe.« Bei diesen Worten, die Magnus mit seiner gewöhnlichen ruhigen Milde vorbrachte, schwanden die Schrecken aus des geängstigten Mädchens Herzen völlig, alle übernatürlichen Vorstellungen, die sie soeben heimgesucht, sanken in ihr Nichts zurück, und so streifte ihr Geist alle Furcht ab, und Bewegung und Leben traten wieder in ihre ruhig pulsierenden Adern ein. Mit diesem neuen Leben aber kehrten leider auch die alten Neigungen und Abneigungen wieder, und da Gylfe zugleich fühlte, daß sie an die Schwelle einer wichtigen Stunde getreten sei, waffnete sie sich mit dem ganzen leichtblütigen Mute, den Frauen ihres Charakters besitzen, und faßte auf der Stelle den Entschluß, diese Unterredung sollte die letzte sein, die sie mit dem Grafensohne hätte, daher müsse sie siegreich aus derselben hervorgehen, und Magnus müßten alle Wege abgeschnitten werden, sie noch einmal zu erschrecken und mit seiner leidenschaftlichen Verehrung zu verfolgen. So nahm sie denn ihre Rolle wie eine geschickte Schauspielerin auf, und indem sie sich in ihrem Sessel zurechtsetzte und ihre Haare schnell in Ordnung brachte, nahm sie die Miene an, als sei sie zu dieser Unterredung aufgelegt oder habe sie vielleicht gar erwartet. Magnus dagegen schaute sie wieder mit neuer Verwirrung an; die langen Vorbereitungen zu dem Gespräche, während derer sie sich auf ihre Rolle besann, flößten ihm eine unbestimmte Besorgnis ein, und so richtete er seine erstaunten Blicke fragend auf das immer noch schweigende Mädchen, das ihm noch viel schöner und reizender erschien, als es in seiner Einbildung bisher ihm vor Augen gestanden hatte. »Gylfe,« bat er endlich mit flehender Stimme, »sprich, du hast mich erkannt?« »Warum sollte ich dich nicht erkennen? Du bist Magnus Brahe, mein ehemaliger Gespiele, der seine knabenhaften Scherze noch immer nicht vergessen kann und erwachsene Mädchen erschreckt, wie er einst Kinder mit seinen Spukgeschichten erschreckt hat.« »Dein Gespiele!« sagte Magnus vorwurfsvoll. »Und weiter bin ich dir nichts?« »Ah, du willst es also hören! nun, so will ich es dir denn sagen: ja, du bist auch der Sohn Graf Brahes, Erbe dieses Hauses, einst vielleicht ein reicher und gewaltiger Mann, aber was will das sagen? Die Dankbarkeit, die ich deinem Vater schulde, verpflichtet mich nicht, dir die Wohltaten zu vergelten, die er mir erwiesen – ich danke sie ihm , und das muß dir genügen.« »Was sprichst du von Dankbarkeit, von erwiesenen Wohltaten – wer denkt daran? Ich nicht. Ich denke vielmehr an etwas anderes. Erinnerst du dich nicht, mir einst noch etwas anderes gewesen zu sein, wenigstens mir die Hoffnung gelassen zu haben, es werden zu können?« »Was wäre ich dir anderes gewesen und wozu hätte ich dir Hoffnung gemacht?« »Du warst schon in meiner Jugend meine Geliebte und ließest mir Hoffnung, es auch in meinem Mannesalter zu sein.« »Ach, Magnus, laß uns ein ernstes Wort reden – die Zeit dazu ist gekommen. Laß die kindischen Possen fahren, denn wir sind keine Kinder mehr, die Zeiten sind ernst geworden, und du wirst als Mann nicht von mir fordern wollen, was du als Knabe zu besitzen – dir eingebildet hast.« »Was habe ich von dir zu besitzen mir eingebildet?« »Muß ich dir auch das sagen: Ja, ich will es; vielleicht verstehst du mich besser, als du dich selbst verstehst. Du wähntest, mein Herz zu besitzen, aber dies Herz, Magnus, hast du nie besessen, und ich – höre es an und begnüge dich damit – ich besitze es selbst nicht mehr.« »Dein Herz? Wie, du besitzest es nicht mehr?« »Nein. Jetzt weißt du es. Aber ich gestehe dir kein Recht zu, danach zu forschen, wo es geblieben ist.« Magnus schauerte unwillkürlich zusammen. Der kalte Ernst, mit dem Gylfe sprach, die ruhige Überlegung, die sich in ihrer frostigen Miene, in ihrem gleichgültig blickenden Auge zu erkennen gab, brachte ihn zur Besinnung, und zum ersten Male in seinem Leben, so bitter es ihm war, fühlte, begriff er, daß die vor ihm sitzende Tochter des gerichteten Schweden vielleicht nicht das Wesen war, dem er sich liebend und anbetend hätte nahen sollen. Wider Willen mußte er an den ehrlichen, geraden Waldemar Granzow denken und sich dessen Warnung und Vorhersagung ins Gedächtnis zurückrufen. Er hatte Gylfe besser erkannt, als er, sie nach ihrem wirklichen Wesen richtiger gewürdigt, und was dem anwesenden Freunde nie gelungen, es gelang dem abwesenden – die Erinnerung an seine Warnung erweckten den angeborenen Stolz des Grafensohnes und ließ ihn erkennen, daß er außer dem Liebhaber auch ein Mann sei und als solcher handeln müsse. Aber nicht mit einem Male gab er sich gefangen, er wollte noch schärfere Einsicht in Gylfes Stimmung und Gefühle gewinnen, denn er glaubte ihr immer noch nicht ganz. »Ist dies das Ergebnis deiner vollen Überlegung?« fragte er etwas herber und richtete sich stolz empor, wobei seine blasse Wange eine ungewöhnliche Röte überstrahlte. »Wirst du auf dieser Meinung beharren und mir keine Hoffnung auf eine Wandlung derselben lassen?« »Nie und nimmermehr, Magnus, es ist eine Meinung, die du schon früher hättest erfahren können, wenn du mich ernstlich danach hättest fragen wollen.« Magnus zitterte vor Aufregung; er las den kalten Hohn aus den Blicken ab, die ihn ohne alle wohltätige Milderung des Gesagten anstarrten, einen Hohn und eine Kälte, wie er sie nie einem sterblichen Herzen zugetraut hatte, und diese Erkenntnis gab ihm vollends seine verlorene männliche Haltung und Würde wieder. »Da du so ernst und gebieterisch mit mir sprichst,« sagte er fest, »so zwingst du mir die Notwendigkeit, ja die Pflicht auf, ein Gleiches mit dir zu, tun. So laß mich denn vor allen Dingen fragen: Was tust du hier an diesem Orte und zu dieser Zeit?« »Ich lebe hier, wie auch du hier lebst, mit dem Unterschiede jedoch, daß ich mich öffentlich zeige, wo du dich heimlich verbirgst.« »Das ist freilich ein Unterschied, der aber gegen dich spricht. Wer hat dir die Erlaubnis dazu gegeben, öffentlich – wie du es nennst – in dieser Zeit hier zu leben?« »Dein Vater. Denn als er mich nach Schweden rief und ich mich dahin zu gehen weigerte, hat er mir keinen Ort bezeichnet, wohin ich mich begeben sollte, er gab also schweigend zu, daß ich hier bliebe.« »Ach so! Er gab also nach deiner Meinung wahrscheinlich auch zu, daß du hier als Gebieterin und liebenswürdige Wirtin unter seinen – Gästen schaltest, ich aber, der Sohn des Hauses, als Gefangener unter denselben lebte? Das ist auch ein Unterschied, Gylfe Torstenson, den ich dich mir zu erklären bitte.« » Der Unterschied erklärt sich von selbst. Du bist der Feind der Franzosen, die dieses Land in Besitz genommen, und wirst von ihnen verfolgt. Ich bin ein Weib, das mit niemanden kämpft, also auch nur diejenigen zu Feinden hat, die sich ihm als solche offenbaren.« »Ach so! Und die Franzosen haben sich nicht als deine Feinde offenbart?« »Niemals, im Gegenteil!« »Und die Neigung ist gegenseitig, wie?« »Ich gestehe dir kein Recht zu, danach zu fragen. Meine Neigungen gehören mir , und ich bekümmere mich um die deinigen nicht.« »Das mag von deiner Seite richtig sein, von der meinigen aber ist es nicht ganz richtig. Denn ich erkenne mir selbst die Pflicht zu, mich um deine Neigungen zu kümmern.« »Du gibst dir eine vergebliche Mühe, sage ich dir. Ich bin ich, und du bist du.« »Kein Mensch könnte verständlicher sprechen, Gylfe, aber kein Mensch auch könnte über sich selbst den Stab schneller brechen, als du ihn brichst. So höre denn an, was ich davon denke. Es ist deiner nicht würdig, deiner Mädchenehre nicht zuträglich, deiner Vergangenheit nicht angemessen und deiner Zukunft nicht förderlich, in deinen verirrten Neigungen gegen diese Franzosen zu verharren. Denke vor allen Dingen an die Zukunft, Mädchen, wenn du mit deiner Gegenwart so zufrieden bist, und erinnere dich, daß, wie es ein Verhängnis gibt, so auch eine Vergeltung existiert, die uns für unsere Handlungen früher oder später, einmal aber ganz gewiss, zur Rechenschaft zieht.« Gylfe lächelte spöttisch. »Ich höre eine heisere Stimme aus alter Zeit zu mir herübertönen, aber diese Stimme hat keine Gewalt über mich. Dein Glaube an ein Schicksal oder ein Verhängnis, wie du es so oft genannt hast und noch nennst, ist ein Schreckgespenst deiner kranken Phantasie, welches mich weder blendet noch furchtsam macht; deine Meinung von der größten Nation der Gegenwart aber ist ebenso irrtümlich, wie deine Phantasie, und darin könntest du viel von mir lernen, trotzdem ich weniger Erfahrung habe und an Jahren jünger bin als Du.« »Wolltest du mich vielleicht in meinem Irrtum belehren und mir deine richtigere Erkenntnis enthüllen?« »Gern. Wie du so töricht sein kannst, die Waffen gegen ein Volk zu ergreifen, welches das größte, mächtigste und ruhmreichste der Welt ist, begreife ich nicht. Wo du gegen sie auftrittst, wirst du immer der Besiegte, und sie werden immer deine Besieger sein. Das liegt in deiner Schwäche, und das liegt in ihrer Stärke. So beherrschen die Franzosen jetzt schon einen großen Teil Europas, und in wenigen Jahren werden sie es ganz unter ihre Füße getreten haben, wenn es sich nicht gutwillig fügt. Warum aber besiegt Frankreich das übrige Europa? Weil es das einzige Volk der Erde ist, welches einen wahrhaft großen Geist besitzt und darum verdient, an der Spitze der Nationen zu stehen. Dies, Herr Graf, ist eine Lehre, welche mir die Geschichte der Gegenwart aufgeschlossen hat.« »Du versprichst dich,« unterbrach sie Magnus, spöttisch lächelnd. »Du wolltest sagen: der herrliche Kapitän Caillard.« »Du hast recht, auch dieser hochherzige Mann hat sein Teil dazu beigetragen, mich über mich selbst und die Welt außer mir aufzuklären. Und darum achte und liebe ich ihn und sein Volk, das von der Vorsehung – auch von der deinigen, Magnus – die Mission empfangen hat, das Licht der Weisheit über die ärmliche Welt auszustreuen und die erhabenen Gedanken seines Herrschers zur Anerkennung zu bringen, soweit die schülerhaften Menschen die Gedanken eines solchen Meisters begreifen können.« Magnus stand wie versteinert vor der mit hochgeröteten Wangen und blitzenden Augen sprechenden Prophetin, denn einen solchen Verfall ihres früher so gesunden Menschenverstandes hatte er ihr doch nicht zugemutet. Zuerst erschrak er, dann aber wurde er unwillig, und zugleich fühlte er, wie der Altar seines Herzens, auf dem bisher eine so warme und helle Flamme gebrannt, plötzlich kalt und dunkel wurde. Aber dieses Gefühl des Unwillens löste sich in Spott auf, als er an den meisterhaften Franzosen dachte, der sich Kapitän Caillard nannte, und von dem die Begeisterung ausgegangen war, die er hier in dieser stillen Inselgegend ungehört und ungesehen verpuffen sah. »Gott ist groß und Napoleon ist sein Prophet!« sprach er lächelnd, »und dieser Prophet hat einen gottbeseligten Priester in diesen Tempel gesandt, und dieser Priester nennt sich François de Caillard .« »Lästere einen Mann nicht, dessen Würdigkeit du nicht kennst. Herr von Caillard ist nicht allein ein bedeutender, sondern auch ein liebenswürdiger Mann, eine Eigenschaft, die weder du noch alle deinesgleichen besitzen, denn auch darin sind eure siegenden Feinde eure Meister.« Magnus zuckte verächtlich die Achseln und wollte sich umwenden, um das verblendete Mädchen, dessen Verirrung ihm unheilbar schien, augenblicklich zu verlassen. Als er sich aber der nur angelehnten Tür zukehrte, erwachte noch einmal ein, wie er dachte, schon fast erstorbenes Gefühl in seiner Brust: die Erinnerung an seine glückliche Jugend in Spyker tauchte mit unendlicher Lieblichkeit vor seinen geistigen Augen auf, und er drehte sich noch einmal herum und trat einen Schritt auf Gylfe zu, die stolz und trotzig wie eine Königin sich auf ihren Sessel zurückgelehnt hatte. »Gylfe,« sagte er mit mitleidigem Tone, »du dauerst mich, denn dein kindliches Herz ist durch die verführerischen Künste eines gewissenlosen Menschen aus seinen natürlichen Grenzen gerissen, und ein trauriger Wahn, der sich einst schwer bestrafen dürfte, hat dein sonst so gesundes Urteil in Fesseln gelegt. Gylfe, armes, verlassenes Mädchen, wenn ich mich deiner nicht erbarmte, wer auf der Welt sollte es sonst tun? Besinne dich also, ehe es zu spät ist, erkenne deinen Irrtum und wende dich von dem falschen Götzen ab, den du in seiner krankhaften Gloire anbetest. Komm, laß den albernen Gecken, den Franzosen, der dein Herzblut vergiftet hat, fahren und werde wieder ein natürliches, gesundes Mädchen, wie du es früher warst; komm und folge mir nach Schweden, zu meinem braven Vater, und dort werden dir bald die Augen über deine Verblendung aufgehen, die ich von diesem Augenblick an vergessen will.« »Magnus! Scherzest du oder sprichst du in Wahnsinn? Denn eins von beiden kann ich nur annehmen.« »Du irrst doppelt, wenn du das tust, denn ich bin so geistesgesund, wie ich ernsthaft bin, und rate dir nur, was zu deinem Besten ist.« »So befolge deinen Rat für dich allein und segle nach Schweden, denn hier möchte die Luft bald zu erstickend für dich sein.« »Wie,« fuhr Magnus empört auf – »willst du mir damit drohen?« »Nein,« entgegnete Gylfe kalt und schneidend, »du bist mir in keiner Weise fürchterlich oder gefährlich, also will ich dir auch nicht drohen – nimm aber meinen Rat an, er ist gut und möchte nicht lange mehr auszuführen sein.« »Welche Verblendung!« rief Magnus schmerzlich ergriffen aus. »Kaum traue ich meinen Ohren; dergleichen hören zu müssen, waren sie am wenigsten vorbereitet. Gylfe, ich beschwöre dich, gehe in dich! O, denkst du daran, was mein alter Vater zu diesen deinen Entschlüssen sagen wird, wenn ich sie ihm überbringe?« »Ich werde nicht hören, was er sagt, denn ich werde ihn in diesem Leben wohl nicht wiedersehen. Ja, Magnus, staune nicht, es ist wahr, was ich sage, und nun höre an, was dir den Schlüssel zu meinen Worten und Taten geben wird. Meines Bleibens an diesem Orte, unter diesem Dache wird nicht lange mehr sein, denn ich verlasse es, wenn Herr von Caillard es verläßt.« »Ah, willst du ihm etwa folgen, um den Duft seiner Herrlichkeit am Throne seines Herrschers einzusaugen, der von Menschenblut dampft?« »Ich werde ihm folgen, ja, du hast es gesagt.« »Unglückliche! Und du vergissest dein Vaterland, die Pfleger deiner unberatenen Jugend, die Gastfreundschaft, das Wohlwollen, die Liebe, die dir die Rechte einer Tochter einräumten, die du so wenig verdienst?« »Ich vergesse sie, ja, wie ich alles vergessen will, was mir Schmerzen und Unheil bereitet hat, also auch dich!« »Gut, ich ergebe mich darein, denn ich sehe, du bist nicht zu retten. Aber gedenke dieser Stunde, arme Gylfe, wenn du verlassen und einsam auf der Welt bist, wenn dein jetziger herrlicher Freund und Beschützer dich im Stiche gelassen und deine Liebe mit Füßen getreten hat, wie du eben die meinige niedertratest. Dann wird niemand da sein, auf dem ganzen Erdenrund, Gylfe, der dir, wie ich jetzt zum letzten Male tue, die Hand entgegenstreckt, dann wirst du einsam und hilflos Deine Not den Winden klagen und am öden Strande deines Daseins stehen und vergebens nach dem Schiffe blicken, das dich einst in den Hafen der Ruhe und des Glücks führen wollte. Der Tag des Lebens wird dann vor deinen Augen verschwunden und alles, was du siehst, nur Nacht und Nebel sein. Gedenke dessen, ich präge es in deine Seele ein. Mich hast du vergessen, aber die Worte, die ich in dieser meiner qualvollsten Stunde zu dir gesprochen, wirst du nie vergessen.« »Auch darin irrst du, denn ich habe sie gar nicht gehört. Wenn du mir aber nun noch eine Gunst erweisen willst, so entferne dich rasch, ehe der Mann zurückkehrt, den du so schmachvoll verläumdet hast. Er könnte sich rächen, also dich bestrafen wollen!« »Unselige! Auch das noch? Fürwahr, der Becher deiner Schuld und Verirrung häuft sich übervoll! Willst du deinem schnöden Handeln vielleicht damit die Krone aufsetzen, daß du deinem ritterlichen Freunde die Anwesenheit Magnus Brahes verrätst?« »Wenn ich es nicht tue, so wird es allein aus dem Grunde unterbleiben, weil ich deinem Vater dankbar sein will und mich erinnere, daß wir zusammen Kinder gewesen sind. Was du als Mann verbrochen hast, mag ein anderer strafen, ich fühle keine Lust, über dich die Peitsche zu schwingen.« Sie machte eine stolze abweisende Geberde mit der Hand und deutete auf die angelehnte Tür. Magnus stand wie erstarrt, unbeweglich immer noch auf demselben Flecke und suchte ihrem Auge zu begegnen, mit dem sie ihm stets ausgewichen war. »Ich werde gehen, sogleich,« sagte er mit keuchendem Atem, »und die Luft um dich her wird bald rein sein von denen, die es allein gut mit dir meinten. Ich gehe, ja, ich gehe und kehre nimmer wieder. Es ist das letzte Mal, daß ich dein Auge sehe, dein blondes Haar und deine glatte Wange, über die Gott der Herr Blumen und Duft ausgestreut, die mich irre geführt haben, da ich noch blind und taub war. Jetzt aber bin ich sehend und hörend geworden, und mich verlockt nichts mehr an dir. Lebe wohl und vergiß diese Stunde nicht. Ach! schon sehe ich den Schatten sich zwischen uns breiten, der unsere Wege fortan trennen wird. Du hast ein treues Herz von dir gestoßen, und du wirst es allein zu büßen haben. Lebe wohl, lebe wohl, aber wehe dir, wehe!« Er wollte sich von ihr abwenden, aber es gelang ihm nur schwer. Immer wieder kehrten seine Augen nach der geliebten Gestalt zurück, die er nur noch mit Wehmut betrachten konnte. In diesem Augenblick vernahm man die Hufschläge der beiden zurückkehrenden Reiter. Fast zu gleicher Zeit ertönte ein starkes Glockengeläute, das in dem verschlossenen Turm an mehreren Stellen wiederhallte. Magnus hörte und verstand den warnenden Ruf, den ihm der wachsame Ahlström sandte. Wie er gekommen, gespensterartig, leise und langsam glitt er mehr zur verborgenen Tür als er schritt – und einen Moment darauf hatte sich die Wand hinter ihm geschlossen, und er schlüpfte eilig die verborgene Treppe in sein Turmzimmer hinauf. Hinter ihm aber sank Gylfe auf ihrem Stuhle zusammen. Von seinen letzten prophetisch klingenden Worten wie von einer Unheilsahnung getroffen, die kalt über ihre Glieder rieselte, schlug sie die Hände vors Gesicht, als wollte sie so rasch wie möglich den Eindruck des schrecklichen Bildes loswerden, das ihr ein verzweifelter Mensch wie eine Vision der Zukunft gezeigt. »Wehe dir, wehe!« klang es in ihrer Brust wieder, und im ganzen Bereiche ihres Leichtsinns gab es keine Kraft, kein Vermögen, die diesen Ton aus ihren Ohren, aus ihrer Seele hätten verwischen und verbannen können. Elftes Kapitel. Der dänische Steuermann. Es waren die späteren Abendstunden gekommen. Der Sturm, der am Nachmittag draußen getobt, war zur Ruhe gegangen, bald nachdem er sein Opfer verschlungen hatte; nur die Menschen, die an den geschilderten Vorgängen teilgenommen, konnten sich noch nicht ganz beruhigen, und wie das Meer seine Deining hat, große schwerwogende Wellen, die noch lange nach dem Sturm auf und nieder fluten, ehe sie zur Spiegelfläche zurückkehren, so hatten auch die Herzen jener – ein nicht weniger den Stürmen des Lebens preisgegebenes Meer – ihre lange nachhallenden Regungen, die oft schmerzlicher und gefährlicher als der Sturm selber sind. Waldemar hatte, sobald er nach Hause gekommen war, Magnus aufgesucht, um ihm sein Erlebnis und den bedeutungsvollen Umstand mitzuteilen, daß er einem Feinde das Leben gerettet habe, der das seinige zu gefährden jeden Augenblick die Macht besaß. Er gab daher den Entschluß zu erkennen, daß er, um sich vor allen möglichen Folgen jenes Verrates zu schützen, diese Nacht seines Freundes Zimmer teilen und am nächsten Tage oder in der Nacht schon Spyker verlassen werde, das ihm nun keinen sicheren Aufenthalt mehr bot. Zugleich wollte er noch einmal versuchen, Magnus zu überreden, der Teilnehmer seiner Flucht zu sein, was ihm, wie er glaubte, nicht eben sehr leicht werden würde. Aber wie erstaunte er, als er den Grafen durchaus dazu geneigt fand und auf Befragen nach der Ursache dieses so unvorausgesehenen Gesinnungswechsels die offenherzige Mitteilung der stattgefundenen Unterredung mit Gylfe vernahm. Magnus verhehlte ihm gar nichts, sogar nicht die Empfindungen seines aufs tiefste verwundeten Herzens und zwar schilderte er die ganze unnütze Bemühung seinerseits und die daraus hervorgegangenen Folgen mit solcher ergebungsvollen Ruhe, daß Waldemar aufrichtig an das Aufgeben seiner unglücklichen Neigung zu glauben anfing und kaum seine Freude zurückhalten konnte, daß die Leidensgeschichte seines Herzens ein so rasches Ende genommen habe. Als Magnus daher ausgesprochen, verhielt sich Waldemar schweigend, nur reichte er dem Trauernden die Hand, was nichts anderes bedeuten konnte, als daß er ihm für seine Aufrichtigkeit danke und daß er, geneigt, sich fernerhin ganz seinen Entschließungen hinzugeben, jeden Augenblick bereit sei, mit ihm einen Ort zu verlassen, der nun beiden weder die Sicherheit, noch die Annehmlichkeit verhieß, die sie früher von ihm erwartet hatten. Endlich aber kamen sie dahin überein, erst in der folgenden Nacht von Spyker aufzubrechen, da Magnus mit Ahlström noch einige Verabredungen für die Zukunft zu treffen hatte, die wohl der Überlegung Wert waren und je nach der Lage der Dinge einer wiederholten Prüfung bedurften. Während die beiden jungen Männer auf diese Weise den Abend verstreichen sahen und die Nacht allmählich über Spyker herabsank, wurde in einem andern Zimmer desselben eine zweite Unterredung abgehalten, die nicht so befriedigend für die Beteiligten endete und durch einen Vorfall unterbrochen wurde, den kein Mensch im ganzen Schlosse hatte voraussehn können. Bald nachdem Kapitän Caillard von seinem Ausfluge an den Strand zurückgekehrt war, schickte er zu der Dame des Hauses und ließ anfragen, ob sie geneigt sei, ihn bei sich zu empfangen. Gylfe, von dem kürzlich Vorgefallenen noch bis ins Mark erschüttert und nirgends ein Milderungsmittel sehend, als in der Betäubung ihres Herzens durch aufregendere Gefühle, nahm des Kapitäns Besuch an und Gysela erhielt wie gewöhnlich die Weisung, die dritte Person in der Gesellschaft abzugeben, was indessen nur der Form wegen geschah, denn Gysela, die bei dergleichen stets in französischer Sprache abgehaltenen Abendunterhaltungen sich höchlichst langweilte, saß in der Regel an einem Nebentische, mit einem Buche oder einer Arbeit beschäftigt, die ihre Aufmerksamkeit mehr in Anspruch nahm, als die beiden Hauptpersonen, deren überspanntes Geschwätz sie doch nicht verstand. Sie kam also auch diesen Abend mit einer Stickerei zu Gylfe, um ihren gewöhnlichen Platz in derselben Ecke einzunehmen, durch die kurz vorher die Vision, die der Bewohnerin des Zimmers vorgeschwebt, entwichen war. Sie staunte über Gylfes Aussehen, als sie bei ihr eintrat und ihr einen guten Abend bot, denn sie fand sie über die Maßen erhitzt und aufgeregt und von einem nervösen Zucken um Lippen und Augen befallen, was ihrer Schönheit eben keinen höheren Glanz verlieh. »Sie sind krank, Fräulein?« fragte Gysela teilnehmend und näherte sich forschend der jungen Dame, die sich absichtlich so weit wie möglich vom Lichte hielt, welches bereits das Zimmer erleuchtete. »Nein!« erwiderte Gylfe mit einem auffallend rauhen Tone, der ihr sonst nicht eigen war. »Frage mich nicht und laß mich in Ruhe, ich habe zu denken und werde bald damit zustande gekommen sein.« Gysela nahm ihren Platz in der Zimmerecke vor einem Tischchen ein, das sie selbst dahin trug, holte ihre Arbeit hervor und vertiefte sich bald darin. Gylfe dagegen bemühte sich, mit ihren Gedanken zustande zu kommen, wie sie sagte, und lief mit eigentümlich heftigen Schritten auf und nieder, bald mit bittrer Hast in den Erlebnissen ihrer Jugend wühlend, bald die Zukunft mit schillernden Farben ausmalend, die ihr, sie wußte nicht wie es kam, plötzlich etwas verblichener erschienen. Diesem unbehaglichen Zustande machte der Eintritt des Kapitäns ein Ende, der, geschmückt und duftend wie immer, wenn er zur Dame seines Herzens kam, ihr mit gewöhnlicher Galanterie die Hand küßte und sie auf ihren Platz am Kamin führte, wo zwei Sessel nicht weit voneinander aufgestellt waren. Wunderbar, höchst wunderbar! Der Mann, dem Gylfe kurz vorher noch das höchste Lob gespendet, den sie vor allen Männern bis in den Himmel erhoben, den sie als den Leitstern in allen Nöten ihres Lebens geschildert hatte – er machte an diesem Abend nicht den vorteilhaften Eindruck auf sie wie sonst, und die Erquickung, die sie sich von seiner Anwesenheit versprochen hatte, wollte sich diesmal nicht so bald einstellen. Mochte das nun daher kommen, daß der Kapitän heute nicht von sich, sondern von dem edelmütigen Benehmen des jungen Seemanns Georg Forst sprach, dessen Handlungsweise er in allen Einzelheiten berichtete, oder kam es daher, daß Gylfe etwas ganz besonders Süßes und Schmachtendes von ihm erwartet hatte und also in ihren Hoffnungen getäuscht war. Möglich, daß beides der Fall, aber die Wirkung war sichtbar, und als der Kapitän sie bemerkte, fühlte er sich selbst etwas verletzt, als ob die geringe Aufmerksamkeit, die Gylfe seiner Erzählung schenkte, seine eigene Person beträfe. So kam es denn, daß das in früheren Tagen zwischen beiden so laut und scherzhaft geführte Gespräch mehrmals stockte und am Ende beinahe ganz aufhörte, so daß sogar Gysela ihren glänzenden Kopf nach dem seltsamen Paare umwandte, etwa wie man auf eine stillstehende Uhr blickt, an deren alltägliches Tiktak man gewöhnt ist und die nun durch ihr plötzliches Schweigen uns in Unruhe versetzt. Der gewandte Franzose, der mehrmals einen frischen Anlauf genommen hatte, um die junge Dame angenehm zu unterhalten und ihr ein warmes Interesse für das Erlebte einzuflößen, erstaunte endlich selbst über dieses seltsame Schweigen und erst jetzt wandte er sein Auge mit schärferer Aufmerksamkeit auf ihr Antlitz hin. Da sah er denn allerdings, daß dasselbe nicht in der gewöhnlichen heiteren Verklärung glänzte, sondern daß vielmehr eine ungewöhnliche Erregung ihre Miene trübte und ihr ganzes Wesen gleichsam verschleierte. Von einer falschen Idee geleitet, sann er nach, was wohl die üble Laune des schönen Fräuleins veranlaßt haben könne, und plötzlich fiel ihm ein, daß sein Gespräch selbst diese Wirkung gehabt haben möge. »Sie verzeihen,« sagte er höflich, »ich sehe, daß ich Sie langweile, aber warum spreche ich auch stundenlang von diesem Menschen, der keine Bedeutung für Sie haben kann. Oder sollte irgend ein Grund vorhanden sein, weshalb sie an seinem Schicksal einen höheren oder geringeren Anteil nähmen, als ich vermute?« »Der Herr, von dem Sie reden, ist mir ziemlich gleichgültig,« erwiderte Gylfe verlegen und errötete auffallend, da sie das Gespräch aus natürlichen Gründen ungern auf Waldemar gebracht und solange auf einen Punkt gefesselt sah. »Aber wie denn – was meinen Sie denn?« fuhr der Kapitän fort, »ich rede ja von keinem Herrn, sondern von dem Seemann, der um der Schwester des jungen Mädchens willen dort in diesem Hause seine Wohnung aufgeschlagen hat.« Gylfe erschrak. Ihre Zerstreutheit hatte sie verleitet, nicht auf ihre Worte acht zu geben, was, einem scharfen Beobachter und Diplomaten gegenüber, schon oft zu unliebsamen Enthüllungen geführt hat. Um daher den schlimmen Eindruck, den sie hervorgebracht, zu verwischen, wollte sie eine rasche erklärende Antwort geben, fiel aber durch ihre Hast nur noch tiefer in den Fehler, den sie hatte verbessern wollen. »Ah, ich verstehe wohl,« sagte sie. »Aber der junge Mann ist ein sehr liebenswürdiger Mensch, und ich wundere mich, daß Alheid Ahlström so viel Zeit gebraucht, um seinen Wünschen Erhörung zu schenken.« Der heißblütige Franzose fing Feuer bei diesen unklugen Worten. »Unter Umständen,« sagte er mit spitzem Tone, »würde er bei Ihnen wohl nicht so viel Zeit gebraucht haben, um zum Ziele zu gelangen?« »Was denken Sie von mir, mein Herr!« fuhr nun auch die von einem Extrem ins andere geratende Gylfe fort. »Haben Sie Grund zu glauben, daß es möglich wäre, daß dieser – dieser Georg Forst den geringsten Eindruck auf mein Herz hervorbringen könnte?« Diese, mit noch größerer, fast überstürzender Hast gesprochene Frage, eine Hast, welche die alleinige Folge der Gemütserregung Gylfes war, reizte den Kapitän noch weit mehr, als es das Wort »Herr« und die darauf folgende Bemerkung getan. Er wollte eben etwas Beißendes erwidern, als sein Ohr einen lauten Ruf unter dem Fenster auffing, der von der Schildwache ausging, die vor der Tür des Schlosses aufgestellt war. » Qui vive ?« rief diese einen Ankommenden an, der nicht zu den Bewohnern von Spyker zu gehören schien. Auf diesen Anruf antwortete eine fremde Stimme einige Worte, die der Kapitän nicht verstehen konnte, worauf er indessen sogleich einen verwunderungsvollen Fluch aus dem Munde derselben Schildwache vernahm. Darauf trat eine Pause in der Unterhaltung im Freien ein, aber die Haustür ward rasch geöffnet, eilige Schritte ließen sich auf dem unteren Korridor vernehmen, und dann folgten wieder schnarrende Flüche, die auch der unterdes herbeigekommene Kastellan mit einigen lauten Worten begleitete. »Was gibt's da?« fragte der Kapitän und trat horchend an die Tür, die nach der großen Treppe führte. »Gysela, geh hinab und sieh, was es ist!« gebot Gylfe, und Gysela tat auf der Stelle, wie ihr befohlen war und ging auf den Korridor hinaus. Es verstrichen einige Augenblicke, nicht ohne Spannung für die im Zimmer Gebliebenen, dann aber wurden heftige Stimmen auf der Treppe laut und der Kapitän unterschied deutlich das mit Flüchen untermischte Toben und Wettern der Schildwache, die mit ihrer französischen Lebhaftigkeit eine natürliche Kraft der Lungen verband. Der Kapitän, beunruhigt und neugierig zugleich, was es denn so Eiliges und Wichtiges in der späten Abendstunde gebe, trat zur Tür und wollte sie eben öffnen, als draußen heftig angepocht wurde. Der Kapitän öffnete sie und sah seine zürnende Schildwache mit gezogenem Säbel davor stehen, einen Mann am Rockkragen haltend, den man seiner Kleidung nach für einen Seemann halten mußte und der eine ganz verblüffte Miene zeigte, daß ihm hier ein so unerwarteter Empfang zuteil wurde. » Monsieur le Capitaine ,« entschuldigte sich die Schildwache, »ich bitte um Verzeihung, daß ich meinen Posten verlasse und Sie in diesem Zimmer aufsuche, aber die Sache ist von Wichtigkeit und ich möchte mir nicht gern den Ruhm nehmen lassen, der erste zu sein, der sie meldet.« »Was gibt's denn, vite, vite !« rief der Kapitän mit herbem Befehlshaberton. »Hier ist ein Mann von dem gestrandeten Schiff. Er sagt, er sei Steuermann, und fragt bei mir an, ob er Herrn Waldemar Granzow sprechen könnte, dem er für die geleistete Hilfe danken wolle.« »Höll' und Teufel!« donnerte der Kapitän, der in seinem Eifer ganz vergaß, daß er im Zimmer der Dame des Hauses zu Gaste war. »Herein, Kerl, geschwind! Und bringt Euer Gesuch noch einmal bei mir selber an.« »Sehr gern, Kapitän,« erwiderte der Seemann bescheiden, der gar nicht ahnte, warum man ihn hier mit solchem Gelärm empfing, »aber es ist nur ein einfaches Gesuch, was ich vorzubringen habe, und wenn ich gewußt hätte, daß man hier abends so ungnädig empfangen wird, so wäre ich erst morgen am Tage gekommen.« »Heraus mit Eurem Gesuch, ich schnappe danach, wie ein Fisch nach Luft.« »Ich bin der zweite Steuermann des gestrandeten Schoners, Herr Kapitän. Der Mann, der mich und meine elf Kameraden gerettet hat und dem ich am Strande meinen Dank nicht sagen konnte, weil er sich zu rasch mit Ihnen entfernte, wohnt, wie ich von Ihren Reitern hörte, hier im Schlosse, und so kam ich hierher, um gut zu machen, was ich in der Not und dem Drang der Umstände versäumt habe.« »Welchen Mann meint Ihr?« »Denselben, der das Rettungsboot steuerte und dann in Ihrer Gesellschaft davonritt – Herrn Waldemar Granzow aus Sassnitz, Herr Kapitän.« »Höll' und Teufel!« donnerte dieser noch lauter. »Foppt Ihr mich oder hat der Sturmwind Eure Zunge entfesselt? Sagt Ihr Waldemar Granzow aus Sassnitz mit Bedacht, oder versprecht Ihr Euch?« »Warum sollt' ich das nicht mit Bedacht sagen oder mich versprechen, Herr Kapitän?« fragte der Seemann naiv und drehte maschinenmäßig den Hut in den Händen, denn er wurde immer mehr über die eigentümliche Wirkung verlegen, die sein so leicht erklärliches Erscheinen hervorrief. »Woher wißt Ihr, daß jener Mann der Waldemar Granzow aus Sassnitz ist?« »Ei, das weiß ich so gewiß, wie daß Kopenhagen auf Seeland liegt! Wir kreuzten vor einem Monat an der deutschen Küste, Herr, und lagen dicht vor der Swine-Mündung, als uns der Befehl zuteil ward, auf ein Boot zu passen, das einen gefährlichen Mann – damals wenigstens schien er noch gefährlich – nach Rügen bringen sollte. Dieser Mann wurde als Waldemar Granzow aus Sassnitz bezeichnet und sollte ein Franzosenhasser, Spion und Aufwiegler sein, weshalb er von allen französischen Gerichten verfolgt und aufgesucht wurde. Wir paßten mehrere Tage und Nächte auf, aber erst am 28. Mai segelte das Boot von Swinemünde ab. Wir stachen dahinter her in See. aber der Wind war uns ungünstig und der Steurer des Bootes schien mit dem Teufel im Bunde zu stehen. Da wir ihn aber hart bedrängten und den Weg nach Rügen abschnitten, lief er auf der Greifswalder-Oie an und versteckte sich daselbst. So viel wir ihn suchten, er war nicht zu finden, wahrscheinlich weil er dort wie hier überall Freunde und Gesinnungsgenossen hat. Am folgenden Tage nun, kurz vor Ausbruch eines Gewittersturmes erwischte ich selbst den Burschen, als er eben ein für ihn zugerichtetes Lotsenboot nehmen und damit entschlüpfen wollte. Ich dachte ihn zu greifen, aber es gelang nicht; er war stärker und schneller als ich, warf mich zu Boden und sprang in das Boot, das mit ihm davonging, als wäre er der Meister der Winde und Wellen. Unser gutes Schiff aber, es war die Korvette Skiold, auf der ich damals dritter Steuermann war, segelte hinter ihm her, um ihn von der Landung bei Peerd auf Rügen, wohin er steuerte, abzuschneiden, aber wieder kam der Sturm dazwischen und wir durften uns nicht zu nahe an die Küsten wagen, da der Wind stramm aus Osten wehte. So entschlüpfte er uns in der Gegend von Stubbenkammer und erst heute habe ich ihn wiedergesehen und auf der Stelle erkannt, denn Männer von solcher Gestalt und mit solchem Gesicht, auf dem der ganze Trotz ihrer Stärke liegt, vergißt man so leicht nicht, noch dazu, wenn man einmal von ihnen zu Boden geschlagen ist.« » Mort de ma vie ! Aber warum griffet Ihr ihn heute nachmittag nicht?« Der Steuermann stand vollständig verblüfft vor dem stirnrunzelnden Offizier und sah ihn dumm fragend in die drohenden Augen. »Heute,« sagte er, »wo er mich rettete und in Ihrer Gesellschaft war? Mußte ich nicht denken, daß er wieder Freund mit Ihnen ist, da er wie ein Bruder mit Ihnen davonritt?« »Bei Gott, Ihr habt recht, aber nun soll er uns nicht mehr entwischen. Allons mon brave , an die Türen, und jeder wird niedergehauen, der entfliehen will. – Halt! Was war das?« In diesem Augenblick ließ sich ein seltsames Klingeln durch das ganze Schloß vernehmen, wie wenn irgendwo eine stark tönende Glocke angezogen würde, die in allen verlorenen Winkeln und Ecken ihr Echo fand. Des Kapitäns Auge wurzelte auf Gylfe, die angstvoll auf ihren Stuhl gesunken war und das Gesicht mit den Händen bedeckt hatte, gleichsam als wolle sie nicht hören und sehen, was sich um sie her ereigne. »Madame,« sagte er fast rauh, »haben Sie dies seltsame Glockengeläute gehört? Was war das?« Gylfe zog ihre Hände vom Gesicht und starrte ihn an, wie man einen Menschen anstarrt, wenn man ihm etwas Schreckliches sagen will oder von ihm zu hören erwartet. »Das ist mir nichts neues, Herr,« erwiderte sie schaudernd, »es ist das Singen und Klingeln, was sich oft nachts im Spukturm hören läßt.« Der Kapitän schüttelte den Kopf, als zweifle er an der Wahrheit des Gesagten, und doch hatte er Mühe, das abergläubische Grauen zu bemeistern, für das auch er empfänglich war. Plötzlich aber sprang er auf Gylfe zu und sie mit einem durchbohrenden Blick betrachtend, rief er: »Nur eine Frage beantworten Sie mir noch – hat der Mann hier Recht gehabt? Beherbergt das Schloß des Grafen Brahe diesen Verräter Waldemar Granzow?« Gylfe antwortete noch weniger, als die Gewölbe des Zimmers antworteten, zu denen der laute Schall der dröhnenden Stimme des aufgeregten Kapitäns empordrang. »Ich befehle eine Antwort!« kreischte er weiter. »Werde ich sie erhalten?« Gylfe erhob mit einer unnachahmlich stolzen Würde den Kopf, sah ihn groß an und sagte langsam und bitter: »Sie haben mir nichts zu befehlen, Herr Kapitän!« »So wünsche ich sie!« Gylfe sprang entsetzt auf und indem sie zu einer Tür schritt, die in ihr Schlafgemach führte, drehte sie noch einmal den Kopf nach dem Franzosen um und sprach mit höhnischem Lächeln über die Schulter: »Ich verlasse mein Zimmer, mein Herr, da Sie darin Ihr Feldherrnlager aufgeschlagen haben. Wenn Sie aber wissen wollen, ob Waldemar Granzow in diesem Schlosse ist, so suchen Sie ihn, und wenn Sie ihn finden, so werden Sie wissen, was Sie zu wissen wünschen !« » Peste !« knirschte der Kapitän. »So stehen also die Sachen! Ah, dann wollen wir einmal Französisch mit diesen schwedischen und deutschen Hunden sprechen. En avant, mes braves, en avant! Les diables sont déchainés dans cette maison et c'est à nous, de les enchainer. Courage !« Die letzten Worte galten dem Leutnant Challier, der infolge des weithin schallenden Gelärms mit einigen Leuten in das ihm bisher unzugängliche Damenzimmer getreten war. In wenigen Minuten hatte sich das stille Schloß mit Aufruhr und Bewegung gefüllt. Geschrei von allerlei Stimmen durcheinander tönte von Zimmer zu Zimmer. Trepp auf, Trepp ab rasselten die bespornten Reiter, und kein Korridor, keine Nische, kein Winkel blieb unbeachtet. Unterdes aber waren vor die Eingangstüren Wachen gestellt und selbst vor jedem Fenster standen mit in die Höhe gerichteten Augen zwei Reiter, als erwarteten sie, der verfolgte Flüchtling werde jeden Augenblick aus einem derselben herniederspringen. So war das ganze Schloß mit einem Kreise bewaffneter Soldaten umgeben, die es jedermann unmöglich machten, daraus zu entschlüpfen, wenn er es etwa beabsichtigte. Aber so eifrig der Kapitän und seine Getreuen suchten, so aufmerksam sie jede Kammer durchstöberten, jeden Winkel, jedes Möbel beleuchteten – den Gesuchten fanden sie nicht, und es schien, als wäre er durch die Luft entflohen, in die ihm selbst die überall siegreichen Franzosen nicht nachfolgen konnten. Während dieses Suchen aber in Gang kam und überall Flüche, Zurufe und Befehle laut wurden, war Gylfe wieder in ihr Wohnzimmer getreten, wo sie den außer Acht gelassenen Steuermann noch vorfand, der, in Verzweiflung, wider Willen den Angeber gemacht zu haben, nicht wußte, was er beginnen, wohin er sich wenden sollte. Gylfe war leichenblaß geworden; widerstreitende Empfindungen zuckten durch ihr Herz, und vergebens arbeitete ihr Gehirn, einen Ausgang aus dem Labyrinthe zu finden, in das sie so ahnungslos an diesem unheilvollen Tage von allen Seiten gestürzt worden war. In diesem Augenblick bemerkte sie den Steuermann, der hin und her trippelnd auf dem Teppich stand und nicht wußte, wie er ungehindert das Zimmer und mit ihm das Schloß verlassen sollte. »Mann!« rief sie dem Verdutzten zu, »was wollt Ihr hier noch? Dort ist die Tür! Aber halt! Sagt mir erst, – habt Ihr mit Absicht diese Komödie aufgeführt oder hat Euch der Zufall dazu gebracht?« »Weiß es Gott!« stöhnte der ehrliche Seemann und kratzte sich verlegen hinter den Ohren, »ich bin nicht schuld daran, das will ich beschwören. Ich kam ganz einfach hierher, um dem wackern Kerl, den sie hier suchen, für die Rettung unserer Mannschaft meinen Dank zu sagen. Wenn ich gewußt hätte, wie die Sachen hier stehen und was ich erleben sollte, ich hätte lieber noch einmal Schiffbruch gelitten, als hier einen am Lande angerichtet, wie ich nun leider zu spät sehe.« »Macht Euch kein Gewissen daraus, mein Freund; Euer Lebensretter wird sich so leicht nicht greifen lassen, dafür stehe ich Euch. Denn vielleicht jetzt schon ist er jenseit jenes Waldes und flieht der Küste zu, wo ihn irgend ein Schiff aufnehmen und in Sicherheit bringen wird.« Der Steuermann fiel aus einer Verwunderung in die andere. »Wie kommt er denn aus diesem Hause,« fragte er neugierig, »wenn es alle Reiter hier mit ihren Säbeln und Pistolen belagern?« »Das laßt nicht Eure Sorge sein: aber wahrscheinlich reitet er wie der Sturm durch die Luft, denn das ist auf Spyker nichts neues. Habt Ihr noch niemals von dem Spukturm gehört, in dem die Geister der Verstorbenen umgehen und die, die sie retten wollen, auf den Flügeln des Windes forttragen?« Dem abergläubischen Seemann klapperten die Zähne vor Grausen, denn das schöne Weib, welches diese Worte mit hohler Stimme zu ihm sprach, sah mit ihrem bleichen Gesicht und den fliegenden Haaren selber wie ein Gespenst aus, das vor seinen Augen den Spuk fortführte, den er selber wider Willen hier in Gang gebracht. »Jetzt verlaßt dieses Zimmer,« fuhr Gylfe mit ihrer kalten metallenen Stimme fort und streckte gebieterisch die Hand nach der Tür aus. Der Steuermann, von neuem erschrocken, wankte dahin, wohin der von Ringen blitzende Finger deutete, aber nicht eher verließ er das Gemach, als bis er noch einmal mit gesträubtem Haar sich nach der seltsamen Bewohnerin des Spykerschen Schlosses umgesehen hatte, die so lange die glühenden Augen auf ihn gerichtet hielt, bis er das Zimmer verlassen, worauf er nun zitternd und zagend die Treppe hinunterschlich, um auch da an der Verwirrung und dem Lärm teilzunehmen, den seine unberufene Einmischung heraufbeschworen hatte. * Alle Bemühungen aber, den mit hundert Flüchen verwünschten Verräter ausfindig zu machen, waren fruchtlos und selbst Kapitän Caillard sah endlich ein, daß hier andere Mittel in Wirksamkeit sein müßten, die ihn begünstigten, und daß er daher mit Energie zu Werke gehen müsse, um Meister derselben zu werden. Der edle Herr hatte sich mit der Zeit in eine wahre leidenschaftliche Wut hineingearbeitet, und sein Zorn kannte keine Grenzen, als er schließlich zu der Überzeugung gelangte, daß er trotz seiner militärischen Gewalt weniger unumschränkter Herr der Ein- und -Ausgänge des Schlosses gewesen sei, als er von sich die stolze Meinung gehabt hatte. » Monsieur le Capitaine ,« sagte zuletzt Leutnant Challier in streng dienstlicher Haltung, als er vom Durchsuchen des obersten Stockwerks mit einem Teil der Mannschaft zurückkam, »dort oben ist und kann er nicht versteckt sein; unsern Augen ist kein Winkel entgangen. Wenn Sie mir aber gestatten, eine Meinung zu äußern, so glaube ich einen guten Rat erteilen zu können.« »Welchen guten Rat könnten Sie geben?« »Wir haben das ganze Schloß durchsucht, das Mittelgebäude sowohl wie die drei Türme dort, denn zu allen von außen sichtbaren Zimmern derselben führten Treppen und Korridore. Einen einzigen Teil des Schlosses aber haben wir nicht untersucht und untersuchen können, und das ist der nordöstliche, der sogenannte Spukturm. Wäre es nicht möglich, daß derselbe verborgene Zimmer enthielte, da keine Treppe wahrzunehmen ist, die hineinführt, und kein Korridor vom Hauptgebäude sich bis dahin erstreckt?« Der Kapitän horchte lebhaft auf und nickte dann dem erfinderischen Leutnant Beifall zu. »Sie haben recht,« sagte er, »der Turm muß verborgene Zimmer haben, und darin allein kann sich der Bursche versteckt halten. Eh bien ! Gehen wir zu dem Herrn Kastellan, oder vielmehr rufen wir ihn hierher – vorwärts! Man vollstrecke meine Befehle!« Es dauerte nicht lange, so führten zwei Mann den alten Ahlström herbei, der wohl voraussehen mochte, welche ernsthafte Stunde ihm bevorstand, denn er schritt sehr langsam und bedächtig heran, seine gefaßte Miene jedoch verriet, daß er über seine Handlungsweise vollkommen klar und zu allem entschlossen sei. » Eh bien, Monsieur !« begann der Kapitän das Verhör, »da sind wir an eine Klippe gelangt, und Sie, alter Mann, den ich bisher in seiner Freiheit zu schalten und zu walten unangetastet gelassen habe, werden wohltun, dieselbe zu vermeiden, ehe sie Ihnen den Untergang bereitet. Sie wissen ohne Zweifel, wen wir in dieser Gegend so lange vergeblich gesucht haben?« »Ich habe es gehört!« lautete die bescheiden aber fest gesprochene Antwort. »Wußten Sie von der Anwesenheit des Waldemar Granzow in diesem Schlosse?« »Es würde mir nicht schwer werden, diese Frage zu verneinen, Herr Kapitän, aber in meinem Alter und in meinen Verhältnissen spricht ein ehrlicher Mann keine Lüge mehr. So also sage ich Ihnen, daß ich von der Anwesenheit Granzows wußte und daß ich ihn selbst auf die Gefahr aufmerksam gemacht habe, der er sich bei seinem kühnen Unternehmen aussetzte.« Der Kapitän schäumte vor Wut bei diesen verständlichen Worten, und doch war er genötigt, sich zu beherrschen, um nicht das Ziel zu verlieren, das ihm vor Augen lag. »Wissen Sie,« rief er, »wessen Sie sich durch diese Verheimlichung schuldig gemacht? Wissen Sie das, mein Herr? Pfui! Sie sind ein Nichtswürdiger in meinen Augen, und ich werde die Strafe über Sie verhängen, die den Teilnehmern an den Verbrechen eines Verräters zuerkannt ist.« »Wenn Sie Macht über mein Leben haben, Herr Kapitän, so wenden Sie dieselbe an – bedenken Sie aber, daß meine Tage gezählt sind und daß es meine, des alten Dieners dieses Hauses, Pflicht war, lieber Ihnen etwas zu verheimlichen, als das Vertrauen meines eigentlichen Herrn, des Herrn Grafen Brahe, zu täuschen. Waldemar Granzow ist sein Pflegesohn, und ich durfte ihn also seinen Feinden nicht verraten.« » Peste ! Wir werden noch weiter über Ihre Strafe reden, denn ich sehe, ich habe es mit einem unverbesserlichen und verstockten Sünder zu tun. – Wo ist dieser kostbare Pflegesohn des Herrn Grafen, Ihres eigentlichen Herrn, wie Sie sagen, geblieben?« »Das weiß ich ebensowenig, wie Sie es wissen. Er hat in meinem Zimmer neben mir gewohnt – Sie haben es genau durchsucht – und da er nicht mehr darin ist, wird er es wahrscheinlich verlassen haben.« »Das kann ein Kind einsehen, diable ! Stand er vielleicht auch mit jenem Turm in Beziehung und wußte er sich auf irgend eine Weise Eingang in denselben zu verschaffen?« Der Kastellan hob seinen Kopf etwas in die Höhe und schaute in die Richtung, wohin der Kapitän mit der Hand gewiesen hatte. »Das kann ich Ihnen nicht sagen, denn ich weiß von dem Turme nichts,« erwiderte er mit unnachahmlicher Ruhe. »Sein Inneres umschloß ein Familiengeheimnis, und mich hat man nie in dasselbe blicken lassen.« Der Kapitän besann sich einen Augenblick, ob er die Aussage des Kastellans für wahr halten solle, dann aber sagte er rauh: »Geben Sie mir die Schlüssel zu dem Turm und führen Sie mich an die Eingangstür.« »Ich habe weder Schlüssel dazu, noch kenne ich eine Eingangstür. Die letztere ist seit vielen Jahren und schon vor meiner Zeit vermauert, und ich weiß nicht einmal den Ort, wo sie gewesen ist.« »Ist eine Treppe im Turm?« »Wahrscheinlich, doch ich weiß es nicht.« »Halloh!« rief der Kapitän mit neuer Hoffnung. »In diesem Turm steckt der Verräter, ich lasse mein Leben dafür! Wenn wir ihn aber da ertappen, so werden Sie als sein Hehler mit nach Frankreich gebracht. En avant ! Man sperre diesen Schurken ein und bewache ihn! Und nun mir nach, mes braves !« Der Kastellan, von den polternden Drohungen des Franzosen, dessen Art und Weise er schon kannte, weder eingeschüchtert, noch die Entdeckung seines jungen Herrn und Waldemars fürchtend, ward von zwei Reitern nach seinem Zimmer geführt und dort mit Ausnahme Gyselas, die bei Gylfe blieb, in Gesellschaft seiner Familie streng bewacht; der Kapitän aber begab sich mit Leutnant Challier und dem größeren Teil seiner Leute ins Freie, um zunächst den Spukturm von außen zu betrachten und dabei die beste Art seiner Erstürmung zu überlegen. Es war bereits Nacht geworden, und die Sterne funkelten am Himmel, nachdem der Sturm am Nachmittage die trüben Wolken verjagt hatte. Man fand die Fenster des Turmes wie gewöhnlich dunkel und mit dichten Vorhängen verschlossen, und nichts verriet, daß sein Inneres seit Jahren von einem Menschen betreten sei. Nachdem man eine Weile damit zugebracht, ihn wiederholt zu umgehen und über die leichteste Art, in sein Inneres zu dringen, beraten, kam man zu dem Entschlusse, mittels Leitern in das unterste Stockwerk zu klettern, vom Fenster aus auf die Treppe zu gelangen und so weiter vorzuschreiten, bis man den beabsichtigten Zweck erreicht habe. Da das unterste Fenster nicht höher war als alle übrigen des ersten Stockwerks des Hauptgebäudes, so schien die Sache leicht und schnell abgetan werden zu können. Einige Jäger begaben sich in die Ställe, wo man hinreichend lange Leitern aufbewahrte und, nachdem sie herbeigeschafft, stellte man sie an eins der Fenster, während andere Laternen und Windlichter holten, um bei der Erkletterung nicht des nötigen Lichtes zu entbehren. Als die Leitern fest standen, und die Laternen das Operationsfeld beleuchteten, befahl der Kapitän einem seiner Leute, den Sturm gegen das Fenster zu beginnen, aber hier stieß er auf einen unerwarteten und beinahe unerhörten Widerstand. Niemand schien sehr geneigt, der erste zu sein, den Spukturm zu erklettern, und so mutig die anwesenden Chasseurs bei einem Gefecht mit sichtbaren Feinden sein mochten, hier im Kampfe mit einem unsichtbaren Feinde von gespenstischer Natur, waren sie feige, wie viele Leute damaliger und selbst jetziger Zeit. Fluchend und eine strenge Strafe verheißend, wandte sich Kapitän Caillard von den widerspenstigen Soldaten ab und sah Leutnant Challier bedeutungsvoll an. Dieser verstand den Wink seines Vorgesetzten, schlug als guter Katholik sein Kreuz und zog dann den Degen, um darauf ohne Zögern den Fuß auf die Leiter zu setzen, die zwei Mann unterstützten. Es war ein sehr natürliches Ereignis, obwohl es von den Reitern kein einziger erwartet hatte, daß der junge Offizier unversehrt auf der obersten Leitersprosse vor dem Fenster anlangte. Er versuchte darauf, es zu öffnen, allein es war fest verriegelt. »Es muß zerbrochen werden!« rief er schwer atmend herunter. »Es widersteht jedem mäßigen Druck!« »So zerbrechen Sie es!« lautete der Befehl von unten her. Gleich darauf klirrten die Scheiben und fielen in das Innere des Turmes, denn Leutnant Challier hatte sie mit seinem Degenknopf eingestoßen. Da aber zeigten sich unerwartet eiserne Stangen innerhalb des Fensters, die jedes Vordringen für den Augenblick unmöglich machten. Mr. de Challier rapportierte es und erklärte seine Kraft für unzureichend, die Erstürmung erfolgreich fortzusetzen. »Herr!« rief ein gewichtiger Chasseur von unten her, der unterdes Mut gefaßt hatte. »Lassen Sie mich das machen. Ich sehe, wie die Sachen stehen, die Gespenster tun einem Menschen nichts, der seine Pflicht erfüllt, und ich bin ein Schlosser, habe ein Brecheisen zur Hand und weiß mit Riegeln und Stangen von Metall umzugehen.« Leutnant Challier stieg, ohne Befehl dazu abzuwarten, etwas hastig von der Leiter herab, da er sich Ruhm genug erworben zu haben glaubte, und statt seiner kletterte der Schlosser hinauf, um seine Kraft zu versuchen. Allein obwohl er stark und geschickt genug war, er fand etwas mehr Arbeit vor, als er vermutet hatte, endlich aber gelang ihm sein Vorhaben, und ein Fensterflügel wurde zur Not gangbar gemacht. Als er so weit vorgerückt war, ließ er sich eine Laterne heraufreichen und leuchtete in das Innere des Turmes hinein, worauf alsbald sein freudiger Ausruf verkündete, daß er eine schmale Wendeltreppe wahrnehme, die bis auf die Zinne zu führen scheine. »Du bist einmal oben,« kommandierte der Kapitän, »steig' hinein, ich werde dir folgen. Leutnant Challier, auch Sie folgen mir, und uns steigen dann vier Mann nach.« Der Befehl war gegeben und wurde diesmal pünktlich vollstreckt. In wenigen Minuten waren die sechs Mann mit drei Laternen im Innern des Turmes und stiegen nun vorsichtig die Treppe hinauf, vergeblich rechts und links nach sichtbaren Türen forschend. »Das ist ein eigentümliches Gebäude,« sagte Kapitän Caillard mit seltsam bewegter Stimme, »es hat Treppen, aber keine Türen.« »Hier ist eine!« rief der Schlosser, der als der Mutigste, mit gezogenem Säbel in der Rechten und einer Laterne in der Linken, einige Stufen vorangeschritten war. Sofort sammelte man sich um ihn und fand seine Entdeckung bestätigt. Man stand wirklich vor einer hölzernen Tür, aber das Schloß daran fehlte, um ihre Eröffnung zu bewerkstelligen. »Brich sie auf!« befahl Kapitän Caillard, dessen Mut sich verdoppelte, sobald er einen angreifbaren Gegenstand vor sich sah. Das Werk ward rüstig begonnen und nachdrücklich fortgesetzt; in wenigen Minuten sprang die Tür auf, und man blickte in ein Zimmer hinein, dessen Inneres noch dunkler als die Nacht draußen im Freien war. » En avant, mes braves !« lautete der stereotype Befehl des Kapitäns, und er ergriff selbst eine Laterne, worauf er zuerst in das Zimmer drang. Es war dasselbe runde Gemach, in welchem Magnus Brahe bis vor kurzer Zeit gewohnt und in welchem ihm Waldemar Granzow bis zur Flucht Gesellschaft geleistet hatte. Man fand es gleichsam noch warm, wie ein Nest, dessen Bewohner soeben erst ausgeflogen sind, und verschiedene hier und da herumliegende Gegenstände verrieten, daß es in großer Eile verlassen war. » Voilà !« rief der Kapitän. »Hier hat das Gespenst gehaust. O, was sind wir geprellt! Ein schönes und sicheres Gemach, weiß es Gott, um ein ganzes Jahr lang vor aller Verfolgung gesichert zu sein. Ha! der Teufel hat uns eine charmante Nase gedreht. Was ist das?« Er ergriff ein Stück Leinwand, an dem die unzweifelhaften Spuren sichtbar waren, daß es zum Verbande einer Wunde gedient hatte, und betrachtete es genau. » Au nom du diable ! Das Gespenst ist verwundet gewesen! Ha! Am Ende hat Graf Brahe selber unter seinem väterlichen Dache residiert und den Spuk getrieben, vor dem wir uns gefürchtet haben!« Dieser Ausruf, der über die ganze Angelegenheit ein neues Licht aufleuchten ließ, erregte eine allgemeine Aufheiterung und Ermutigung. Man durchstöberte jeden Winkel des Gemachs, aber nirgends fand man eine weitere Spur der Entwichenen, so wenig wie den Ausgang, den dieselben benutzt haben mußten. »Das wird eine Arbeit für morgen sein,« sagte der löwenmutig gewordene Leutnant, »heute ist es zu spät dazu, und die Nacht ist nicht zu solchem Unternehmen geschaffen.« »Aber unterdes entkommen sie. Ha! Ich haue alles in Stücke, was mir unter die Klinge kommt! Aber Ihr habt recht, Challier, gehen wir hinunter und verhören wir die Verräter noch einmal, von denen wir hier, ohne es zu ahnen, umgeben gewesen sind.« Hiermit wurde der wenig ruhmreiche Rückzug angetreten, leider aber zeigte sich bei dem neuen Verhör derselbe geringe Erfolg, den das erste gehabt hatte. Der Kastellan wußte nicht, daß jemand im Turm gewohnt und blieb unerschütterlich bei seinen anfänglichen Aussagen, man mochte es mit Drohungen oder Bitten bei ihm versuchen. Gylfe Torstenson aber, als sie der Kapitän noch einmal um eine Unterredung angehen ließ, antwortete: sie könnte heute niemand mehr sprechen, da sie sich krank fühle und zu Bett gelegt habe. » Eh bien !« sagte Kapitän Caillard zähneknirschend, als ihm diese Meldung gebracht wurde, »wir werden sehen, was sich ereignet. Challier, von diesem Augenblicke an lasse ich Ihnen das Kommando in Spyker. Ich selbst werde morgen nach Stralsund gehen und dem Herrn General die Anzeige von den hiesigen Ereignissen machen. Ich werde eine großartige Untersuchung beantragen und ganz Rügen in Blockadezustand erklären lassen. Diesen Halunken Granzow muß ich haben, und sollte ich Tag und Nacht im Sattel sitzen. Denn wo er ist, ist der saubere Graf auch, das ist eine Überzeugung, die mir kein Mensch mehr erschüttern soll. En avant, mes braves , wir wollen sehen, was wir leisten können!« * Werfen wir, bevor wir dieses Kapitel schließen, noch einen kurzen Blick auf die Flüchtlinge selbst. Wir wissen, daß sich Waldemar gegen Abend zu Magnus begeben hatte, um ihm Gesellschaft zu leisten und den Umstand mitzuteilen, daß jener dänische Steuermann, den er gerettet, derselbe sei, der ihn auf der Greifswalder Oie verfolgt hatte. Ebenso wissen wir, daß Waldemar seinen Freund wider Erwarten bereit fand, sich seinem Abgange von Spyker anzuschließen, da er sein Verhältnis mit Gylfe für vollständig zerrissen erachtete. Als der dänische Steuermann zu dem Kapitän in Gylfes Zimmer geführt wurde, war Waldemar gerade dabei, Magnus fast geschlossene Wunde nach der zuletzt erhaltenen Anweisung des Doktor Piper zu verbinden, und als man damit zustande gekommen, ertönte der Warnungsglockenzug des alten Kastellans, der der Verabredung gemäß nur dann sich hören lassen sollte, wenn wirkliche Gefahr für Magnus oder Waldemar vorhanden wäre. Letzterer, der sogleich erriet, daß diesmal nur in bezug auf seine Person der Warnungsruf erging und zufolge eines instinktartigen Vorgefühls das Geheimnis des dänischen Steuermanns damit in Verbindung brachte, beruhigte Magnus mit wenigen Worten, schlich zur Tür, betrat die Wendeltreppe und erschien kurz darauf in der Wohnung des Kastellans, wo er denn bald von dem Vorgehenden in Kenntnis gesetzt wurde. Jetzt freilich konnte jedes Säumnis von üblen Folgen sein. Er eilte daher zu Magnus zurück, benachrichtigte ihn von dem eigentümlichen Verrat des Dänen und begann seine Habseligkeiten zusammenzuraffen und in das kleine Felleisen zu packen, das aus Stralsund mit ihnen hierher gewandert war. Als sie damit beschäftigt waren, erschallte der zweite Glockenruf, der, wie sie wußten, nur in höchster Not erfolgte und ihnen den Rat gab, die nach mögliche Flucht durch den nach dem Quoltitzer Felde führenden Ausgang auf das schleunigste anzutreten. Hierzu entschlossen sie sich ohne Zögerung. In wenigen Minuten waren sie fertig. Magnus trug die bereit gehaltene Laterne und Waldemar belud sich wieder mit dem Felleisen. Ohne irgend ein Hindernis gelangten sie so an die im Erdgeschoß des Turmes befindliche verschlossene Eisentür, öffneten sie mittels der ihnen bekannten Vorrichtung und traten nun in den kalten und ewig finsteren Gang ein. Hier ließ Waldemar das Felleisen in einer Wandvertiefung zurück, um es zu gelegener Zeit wiederzuholen, da es ihm auf der Flucht nur hinderlich gewesen sein würde. Schweigend, bedrückt von den verschiedenartigsten Empfindungen, schritten sie nun bis zur Mündung des Ganges fort, und gelangten durch die schon früher beschriebene Tür in den freien Wald, der nach Quoltitz führt. Es war seit beinahe drei Wochen das erste Mal, daß, Magnus an die frische Luft kam, den nächtlichen Himmel mit seinen strahlenden Sternen sah und die Blätter der alten Bäume im Nachtwinde über seinem Haupte rauschen hörte. Alle diese ungewohnten Reize bestürmten sein Herz, so gequält und niedergeschlagen es auch war, mit wonnigem Schauer, und an Waldemars Arme hängend, faßte er dessen Hand und sagte mit leiser, sein ganzes Wehgefühl aussprechender Stimme: »Waldemar! Da stehen wir wieder wie die Tiere des Waldes unter Gottes freiem Himmel, verfolgt und geächtet, als hätten, wir Verbrechen gegen die menschliche Gesellschaft begangen! Aber mir ist dennoch besser zumute, als heute nachmittag, wo ich die verführerische und doch mein ganzes Herzblut erkältende Stimme Gylfes vernahm und in ihre gleißnerischen Augen blickte. O, Freund meiner Seele, was habe ich in diesen Tagen erlebt und erlitten unter dem Dache dort, welches ich mein väterliches nenne, und unter dem ich nur die Wonnen des Paradieses zu erobern hoffte. Glaube mir, ich bin noch schwerer bedrückt, als ich es dir klagen, kann, aber ich preise nichtsdestoweniger die Güte des Himmels, daß er mir die Augen geöffnet und mein Herz in Stahl gepanzert, obgleich ich weiß, daß ich, auch also gerüstet, nur ein trauriges Dasein vor mir habe. O Waldemar, Waldemar, gib acht, meine Träume werden sich bewahrheiten und bald wird kein Mensch mehr am Leben sein, der sich der Erbe von Spyker nennt.« Waldemar zuckte innerlich zusammen vor Schmerz, aber er wußte nicht, was er auf diese Klage erwidern sollte, die er in ähnlicher Weise schon oft vernommen hatte. Endlich sammelte er seine Gedanken und sagte ruhig: »Danke Gott, daß du zur Erkenntnis der Unwürdigkeit dieser Gylfe gekommen bist, das scheint mir jetzt die Hauptsache zu sein. Was deine traurigen Ahnungen betrifft, so fürchte ich sie nicht mehr, da sie dich schon oft betrogen haben.« »Wie? Ist das dein Ernst?« fiel ihm Magnus in das Wort. »Sie hätten mich betrogen? Ist das Unglück nicht immer und überall auf meinen Fersen gewesen, und hat es mir nicht genommen, was mir das Liebste und Teuerste war: die Freiheit und das Glück der Liebe?« »Ja, aber nicht das Leben. Und solange der Mensch lebt, kann er wieder frei und glücklich werden durch Liebe, denn groß ist der Raum der Welt, und es gibt der Menschen unzählige darin, die der Liebe eines Edlen würdig sind.« Magnus seufzte, ob mehr über den immer so hoffnungsreichen Freund, dessen Voraussagungen er Täuschungen nannte, oder über sich selbst – wir wissen es nicht. – Vom Quoltitzer Totenfelde aus, das sie nun bald auf ihrer nächtlichen Wanderung erreichten, wandten sie sich südwestlich dein Wege zu, der von Bobbin nach Sagard führt. Den letzteren Ort ließen sie zur Linken liegen und betraten in kurzer Zeit die hohe Bergwaldung, welche die Südwestspitze von Jasmund krönt. Hier an den Wostnitzer Teich oder See gelangt, überschritten sie den kleinen Bach, der aus diesem See in den großen Bodden fällt, und liefen nun rasch an dem flachen Ufer entlang, auf dessen südwestlichstem Punkte die Lietzower Fähre liegt. In einem dichten Gestrüpp blieb Magnus hier zurück und Waldemar bewegte sich vorsichtig auf Kundschaft nach die Fähre hin. Wenn auch in diesem Landesteile Franzosen hie und da zerstreut lagen, sie schliefen alle in ihren Wohnungen, denn die Mitternacht war längst vorüber. Waldemar ging an den Strand hinab, wo eine kleine Hütte stand, in der ein Fährmann wohnte, der ein Untertan des Grafen Brahe war, denn die Lietzower Fähre gehörte zu den Besitzungen desselben. Er klopfte an ein Fenster der Hütte und weckte den Fährmann. Als dieser erfuhr, um was es sich handelte, war er gern bereit, die beiden Flüchtlinge nach Pulitz zu bringen, ehe der Morgen im Osten graute. Während er sein Boot in Stand setzte, holte Waldemar den Grafen aus seinem Versteck. Als sie über den kleinen Bodden ruderten, trat der Mond hinter einer düsteren Wolkenbank hervor und übergoß das weite Wasserbecken mit seinem strahlenden Lichte, bald aber, als hätte er nur einen Blick aus die Flüchtigen werfen und in ihnen Freunde erkennen wollen, verbarg er sich wieder, um ihren Pfad für jeden Verfolger zu verschleiern. Es mochte etwa zwei Uhr sein, als das Boot die Nordspitze von Pulitz erreichte, und nachdem der Fährmann versichert, daß gegenwärtig kein Franzose auf der Insel sei, fuhr er zurück und überließ die beiden Männer ihrem Schicksale. »Komm,« sagte Waldemar getrost zu seinem Gefährten, »jetzt sind wir auf Pulitz, wozu uns Hille geraten. Ich kenne hier jeden Pfad. Dort ragt schon der schöne Fichtenwald und gleich dahinter liegt der Hof des gastfreien alten Schweden, der eine Base unsrer guten Hille zur Frau hat. Er wird uns aufnehmen, wie ein Vater seine Söhne, denn ein treueres, redlicheres Herz als das seine, schlägt auf ganz Rügen nicht.« Magnus nickte schweigend seinen Beifall zu und so schritten sie langsam durch die tauige Nacht dahin, noch einmal befreit von ihren Verfolgern und voller Hoffnung, endlich einen sicheren Zufluchtsort gefunden zu haben. Ob sie sich darin täuschten und wie lange die Insel Pulitz ein wirklicher Zufluchtsort für sie sein sollte, wird die Zukunft lehren.   Ende des zweiten Bandes.